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7 Daten und Operationalisierung in:

Yvonne Lüdecke

You never vote alone, page 139 - 148

Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4022-5, ISBN online: 978-3-8288-6816-8, https://doi.org/10.5771/9783828868168-139

Tectum, Baden-Baden
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139 7 Daten und Operationalisierung Aufgrund der Kombination der Themenkomplexe gestaltete sich die Auswahl eines geeigneten Datensatzes schwierig, da es nur wenige Datensätze gibt, die sowohl die Komponenten des Sozialkapitals als auch die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung erfasst haben. Auf nationaler Ebene stehen der ALLBUS aus dem Jahr 2008 und die Vor- und Nachwahlbefragung der GLES von 2009 zur Verfügung. Des Weiteren gibt es zwei länderübergreifende Befragungen, die die Kernvariablen erhoben haben. Zum einen das ISSP von 2004 und zum anderen den ESS von 2002 / 2003. Im Folgenden wird die Datengrundlage, der ESS, genauer beschrieben. Im Anschluss wird die Operationalisierung des Strukturund des Messmodells erläutert. 7.1 Der European Social Survey 2002 / 2003 Aus der Auswahl der eben erwähnten Umfragen entschied sich die Autorin aus mehreren Gründen für den ESS. Erstens ist die Datenqualität dieser Befragung sehr gut (Kohler 2008) und zweitens ist sie frei im Internet verfügbar.77 Drittens enthält der ESS Daten aus 22 europäischen Ländern. Somit ist es möglich nicht nur Effekte auf na- 77 ESS Round 1: European Social Survey Round 1 Data (2002). Data file edition 6.3. Norwegian Social Science Data Services, Norway – Data Archive and distributor of ESS data for ESS ERIC. 140 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung tionaler Ebene zu schätzen, sondern auch auf internationaler Ebene. Zusätzlich wäre eine Untersuchung des Einflusses von kontextuellen Merkmalen auf individuelle Merkmale prinzipiell möglich. Viertens ist bei der Wahlnorm genügend Varianz vorhanden, um Unterschiede in den verschiedenen Ländern zu untersuchen und fünftens wurden die einzelnen Komponenten des Sozialkapitals in diesem Datensatz ausführlich erhoben. Die ersten vier Gründe würden ebenso für die Verwendung des ISSP 2004 sprechen. Ausschlaggebend ist somit die Messung der Sozialkapitalindikatoren, die gegen diesen Datensatz spricht. Im ISSP wurde das generelle Vertrauen mit nur einem Indikator gemessen und die Items zu den Vereinsmitgliedschaften sowie das generelle Vertrauen sind lediglich ordinalskaliert. Sowohl die Anzahl als auch das Skalenniveau der Sozialkapitalindikatoren sprechen somit für den ESS. Der Qualitätsanspruch der Verantwortlichen macht sich bei den zwei Zielen des ESS bemerkbar. Ziel ist es »firstly — to monitor and interpret changing public attitudes and values within Europe and to investigate how they interact with Europe’s changing institutions, and — secondly — to advance and consolidate improved methods of cross-national survey measurement in Europe and beyond« (ESS1 Data Documentation Report 2002: 5)78. Um das erste Ziel zu erreichen gibt es bei dem ESS, wie auch bspw. bei dem ALLBUS, gleichbleibende Kernfragen und wechselnde Themenkomplexe. In der ersten Befragungswelle 2002 / 2003 wurde unter anderem die Einstellung der Befragten zu Themen wie Staatsbürgerlichkeit und Engagement, moralischen, politischen und sozialen Werten oder auch dem politischen Interesse und der Beteiligung erhoben. Die Grundgesamtheit bzw. die Zielpopulation beinhaltet alle Personen, die 15 Jahre und älter sind und in einem Privathaushalt leben (ESS1 Data Documentation Report 2002: 5). Neben der Bevölkerung der 15 EU-Mitgliedsstaaten79 wurde zusätzlich die Bevölkerung von 78 Edition 6.2, http://www.europeansocialsurvey.org/data/download.html?r=1 (abgerufen am 7.11.2011) 79 Österreich, Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Portugal, Spanien, Schweden und Großbritannien 141 7 Daten und Operationalisierung vier (damaligen) EU-Beitrittskandidaten (Tschechische Republik, Ungarn, Polen und Slowenien), sowie drei europanahen Ländern (Israel, Norwegen und die Schweiz) befragt. Insgesamt wurden Personen aus 22 Ländern befragt. Um das zweite Ziel zu erreichen setzten die Verantwortlichen strikte Regeln bei der Vorbereitung der Erhebung durch. Für alle teilnehmenden Länder sollte es »workable and equivalent sampling strategies« (ESS1 Sampling Plans o. J.: 1)80 geben, um eine bessere Vergleichbarkeit der Daten zu schaffen. Es gab eine Verpflichtung zur strikten Zufallsstichprobenziehung, d. h. die ausgewählten Personen durften nicht einfach durch anderweitig von dem Interviewer ausgewählte Personen ersetzt werden. In allen Ländern wurden Responserates von mindestens 70 Prozent angestrebt, die Grundgesamtheit sollte so gut wie möglich abgebildet werden. Es sollte eine minimale Effektivstichprobe von 1500 bzw. 800 Fällen81 geben (ESS1 Sampling Plans o. J.: 2) und die Fragebögen wurden genauestens übersetzt. Um die unterschiedlichen Auswahlmechanismen der einzelnen Stichproben zu berücksichtigen, ist es zu empfehlen bei statistischen Analysen das Design-Gewicht zu verwenden. Deshalb werden die Modelle für Deutschland immer mit dem im ESS vorhandenen Design-Gewicht gewichtet. Die Gesamtmodelle für Europa mit allen Befragten werden mit dem Produkt aus Design- und Populationsgewicht82 gewichtet. In Deutschland wurde die Stichprobe, für West- und Ostdeutschland getrennt, mit Hilfe einer zweistufigen Ziehung gewonnen. Die erste Stufe bestand aus der Auswahl von 100 Clustern für West- und 50 Clustern für Ostdeutschland. Aus diesen Clustern oder auch Sample Points (Neller 2004: 378) wurden anhand lokaler Melderegister die zu befragenden Individuen per Zufall ausgewählt. Die Bruttostichprobe umfasste 5796 Individuen, davon konnten 2919 Interviews realisiert werden. Somit betrug die Befragungsrate 55,7 Prozent. Die Be- 80 http://www.europeansocialsurvey.org/docs/round1/methods/ESS1_sampling _rep-ort.pdf (abgerufen am 21.3.2012) 81 In Ländern mit weniger als zwei Millionen Einwohnern sollte die minimale Effektivstichprobe 800 Fälle enthalten. Für Länder mit einer größeren Einwohnerzahl steigt das Minimum auf 1500 Fälle (ESS1 Sampling Plans o. J.: 2). 82 »So that the size of each national sample does not affect the results« (Armingeon 2007: 369). 142 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung fragungen wurden von geschulten Interviewern computerunterstützt durchgeführt (ESS1 Data Documentation Report 2002: 60 ff.). Der ESS wurde seit 2002 bereits zum sechsten Mal erhoben, allerdings wurde nur in der ersten Runde die Wahlnorm erfasst. Deshalb bildet auch nur die erste Welle des ESS von 2002 / 2003 die Datengrundlage dieses Promotionsvorhabens. 7.2 Die Operationalisierung des Sozialkapitals Für die Operationalisierung des Sozialkapitals werden im Folgenden die Messmodelle der latenten Variablen spezifiziert. Die Messmodelle beschreiben den Zusammenhang der manifesten bzw. messbaren Variablen mit dem latenten bzw. nicht direkt messbaren Konstrukt. Die Zusammenhänge der einzelnen Indikatoren zu den Komponenten des Sozialkapitals sind reflektiv, denn sie erfüllen alle Kriterien eines reflektiven Modells (siehe Abbildung 19). Eine wichtige Voraussetzung für die Berechnung einer Faktorenanalyse oder eines linearen Strukturgleichungsmodells ist die Identifizierbarkeit der Modellstruktur. Wenn die Zahl der zu lösenden Gleichungen und die Zahl der unbekannten Parameter des Modells gleich sind, ist das Gleichungssystem lösbar (Backhaus et al. 2011: 83). Dies entspräche einem identifizierten Modell. Ein überspezifiziertes Modell mit mindestens einem Freiheitsgrad wäre dem jedoch vorzuziehen. Für ein einzelnes latentes Konstrukt würden mindestens drei Indikatoren für ein identifiziertes Modell und mindestens vier für ein überspezifiziertes Modell benötigt. Die Anzahl der zur Verfügung stehenden Indikatoren bzw. Variablen hängt dabei stark von der Datengrundlage ab. Im ESS 2002 / 2003 ist es möglich das Vertrauen und die Netzwerke mit drei Indikatoren zu operationalisieren und die Wohltätigkeitsnorm mit einem Indikator. Somit gibt es bei der Faktorenanalyse, die miteinander kovariierende latente Konstrukte enthält, fünf Freiheitsgrade. Werden die Konstanten, wie in Mplus üblich, mitgezählt, erhöht sich die Anzahl auf zwölf Freiheitsgrade. Da die Modelle in Kapitel 8 mit Hilfe von Mplus 6.12 geschätzt werden, werden die Freiheitsgrade inklusive der Konstanten angegeben. Das Vertrauen in die Menschen wird mit drei intervallskalierten Indikatoren gemessen. Der erste Indikator misst das generelle Ver- 143 7 Daten und Operationalisierung trauen in andere Menschen. »Generally speaking, would you say that most people can be trusted, or that you can’t be too careful in dealing with people?« Die Befragten konnten ihr Vertrauen mit Hilfe einer Skala von 0 »You can’t be too careful« bis 10 »Most people can be trusted« einschätzen. Abbildung 8: Das Messmodell des Sozialkapitals Quelle: Eigene Darstellung. 144 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Wegen der häufig kritisierten Reliabilität und Validität83 dieser Art der Messung des Vertrauens wurden im ESS 2002 / 2003 zusätzlich zwei weitere Indikatoren erhoben (Kunz 2004: 223). Die Indikatoren orientieren sich an Rosenberg (1956) und sollen ein theoretisches Konstrukt abbilden: Das generalisierte Vertrauen in die Menschen. Das zweite Item erhebt die Einschätzung der Fairness anderer Menschen mit der Frage: »Do you think that most people would try to take advantage of you if they got the chance, or would they try to be fair?« Auch hier reichte die Skala von 0 »Most people would try to take advantage of me« bis 10 »Most people would try to be fair«. Als drittes wurde die Hilfsbereitschaft anderer Menschen eingeschätzt. »Would you say that most of the time people try to be helpful or that they are mostly looking out for themselves?« und ebenfalls von 0 »People mostly look out for themselves« bis 10 »People mostly try to be helpful« bewertet. Die Verwendung von drei Indikatoren für die Messung des Vertrauens hat den Vorteil, dass die Messung reliabler (Reeskens / Hooghe 2008: 530) ist, als mit der Standardfrage allein. Die Netzwerke werden im ESS sowohl auf formeller als auch auf informeller Ebene erhoben. Wie bereits im theoretischen Teil dieser Arbeit beschrieben, lag der Fokus von Putnams Arbeit besonders auf den Netzwerken des zivilgesellschaftlichen Engagements. Deshalb werden im folgenden Messmodell nur formelle Netzwerke berücksichtigt. Die Netzwerke des zivilgesellschaftlichen Engagements werden mit drei Indikatoren gemessen. Der erste wurde aus den Angaben der Befragten zur formalen Mitgliedschaft in verschiedenen Vereinstypen erstellt. »For each of the voluntary organisations I will now mention, please use this card to tell me whether any of these things apply to you now or in the last 12 months, and, if so, which.« Es wurden zwölf Vereinstypen zur Auswahl gestellt. Die Befragten wurden nach einer Mitgliedschaft gefragt und anschließend als Mitglied (1) oder Nichtmitglied (0) kategorisiert. Die Vereinstypen beinhalten 83 »Responses to the standard question on trust […] tell us less about personality of individuals, than about how they estimate the trustworthiness of the society around them« (Delhey / Newton 2003: 97 ff.). Nach Putnam (2004) ist das genau das, was man messen möchte: Vertrauenswürdigkeit anstatt Vertrauen. Dies unterstützen auch die Ergebnisse des Experiments von Glaeser et al. (2000: 833): »These findings suggest that the standard trust questions may be picking up trustworthiness rather than trust«. 145 7 Daten und Operationalisierung Sportvereine, kulturelle Organisationen, Gewerkschaften, Berufsverbände, Verbraucherorganisationen, Menschenrechtsorganisationen, Umweltorganisationen, religiöse Vereinigungen, politische Parteien, Wissenschaftsorganisationen, soziale Clubs und andere freiwillige Organisationen.84 Aus den Antworten der Befragten wurde eine Summenskala85 aus den Mitgliedschaften in den verschiedenen Vereinstypen gebildet. Als zweites Item wurde die Anzahl der Beteiligungen innerhalb der 11 möglichen Vereinstypen ausgewählt. Die Befragten, die angegeben haben sich in den jeweiligen Vereinen der verschiedenen Typen in irgendeiner Form beteiligt zu haben, erhielten den Wert 1. Dabei mussten sie nicht zwangsläufig Mitglied des Vereins sein. Bei Nichtbeteiligung erhielten sie den Wert 0. Das dritte Item wurde auf die gleiche Art und Weise gebildet und entspricht einer Summenskala der Anzahl der freiwilligen Arbeit. Befragte mit einem hohen Wert haben in mehreren Vereinstypen freiwillig mitgearbeitet. Wie genau sich die Beteiligung von der freiwilligen Arbeit abgrenzt ist unklar. In den Unterlagen zum ESS gibt es dazu keine genauen Anweisungen. Auf der Karte, die den Befragten vorgelegt wurde, wurde lediglich zwischen »Participated in an activity arranged by such an organisation« und »Done voluntary (unpaid) work for such an organisation« (ESS1 Source Showcards: Card 43)86 unterschieden. Je nach Verein kann die Trennschärfe dieser Unterscheidung problematisch sein. Ursprünglich war ein viertes Item zur Messung der Netzwerke des zivilgesellschaftlichen Engagements vorgesehen. Es wurde mit der Frage operationalisiert, ob die Befragten in dem jeweiligen Vereinstyp 84 In Anlehnung an Jungbauer-Gans und Gross (2007: 223 f.) wurden Verbraucherorganisationen herausgenommen (v. a. wegen Vereinen wie dem ADAC). 85 Die Bildung eines kumulativen Index entspricht der in der Forschungspraxis üblichen Vorgehensweise (bspw. bei Steinbrecher 2009: 70). Eine Differenzierung der Vereine in Vereinstypen, bspw. in politische und unpolitische Vereine, wäre wünschenswert, ist aufgrund geringer Fallzahlen von Mehrfachmitgliedschaften jedoch nicht umsetzbar (wie auch bei Dekker und van den Broek (1996: 147, Fn. 10)). Ein weiteres Problem ist die Mehrebenenstruktur des vorliegenden Datensatzes. Es gibt in den europäischen Ländern keine einheitliche Struktur der Vereinsmitgliedschaften, sodass eine thematische Differenzierung und damit eine Indexbildung nicht möglich ist (für den World Values Survey vgl. Gabriel et al. 2002: 45). 86 http://www.europeansocialsurvey.org/docs/round1/fieldwork/source/ESS1_ source_showcards.pdf (abgerufen am 14.9.2015) 146 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Freunde haben. »Do you have personal friends within this organisation?« Auch hier wurden die Befragten in zwei Gruppen »Freund in Organisation« (1) und »kein Freund innerhalb der Organisation« (0) kategorisiert. Daraus wurde ebenfalls eine Summenskala gebildet, die die Vernetzung innerhalb der Organisationen abbildet. Die Angabe der Freunde innerhalb der Vereine erfolgte nicht unabhängig von den übrigen drei Variablen, sodass insbesondere die Variable zur Anzahl der Vereinstypen, in denen man Mitglied ist, sehr stark mit der Anzahl der Freunde korreliert. Als Folge der Multikollinearität treten sehr hohe Standardfehler und standardisierte Werte größer als Eins auf. Aufgrund dieser starken Korrelation, die die Schätzung der Modelle stark erschweren würde, wurde die Variable in der Operationalisierung nicht weiter beachtet und das Konstrukt der Netzwerke des zivilgesellschaftlichen Engagements nur mit drei Indikatoren operationalisiert. Es ist sehr wichtig hierbei zu beachten, dass nicht die reine Mitgliedschafts- oder Beteiligungsanzahl dokumentiert wurde. Die Befragten sollten lediglich angeben, ob sie in einem Verein eines bestimmten Typs (bspw. im Bereich des Umweltschutzes oder der Menschenrechte) Mitglied sind. Somit wird nur die Mindestanzahl an Vereinsmitgliedschaften notiert.87 Sollte ein Befragter Mitglied von zwei Umweltorganisationen sein (bspw. Greenpeace und dem NABU), erhält der Befragte dennoch den Wert »1« zugeteilt. Gleiches gilt für die Beteiligungen und die freiwillig geleistete Arbeit. Wenn der eben beispielhaft angeführte Befragte sich in beiden Umweltorganisationen beteiligt hat, so erhält er dennoch den Wert »1«. Den Wert »2« wird er nur erhalten, wenn er sich bspw. zusätzlich in einer Menschenrechtsorganisation beteiligt hat. Es ist somit in keinerlei Weise möglich zwischen der Quantität und der Diversität des Engagements zu unterscheiden. Daher kann lediglich die Hypothese aufgestellt werden, je höher der Wert der Netzwerkvariablen, desto diverser sind die Mitgliedschaften (weil derjenige in mehreren verschiedenen Vereinstypen und Themenfeldern aktiv ist) und desto diverser ist sein Engagement (im Hinblick auf Beteiligungen und freiwillige Arbeit). Es 87 Diese Art der Befragung ist nicht unproblematisch und das wurde bereits im Pretest zum ESS aufgedeckt. Die einzige Veränderung war das Hinzufügen der Formulierung »in den letzten 12 Monaten« (Ongena 2003). 147 7 Daten und Operationalisierung handelt sich um eine indirekte Messung der brückenbildenden Effekte der Vereine, denn je mehr Vereinsmitgliedschaften vorliegen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zu treffen (Wollebaek / Selle 2003: 70). Grundsätzlich gilt für die drei Indikatoren: Je höher der Wert für die Netzwerkindikatoren ausfällt, desto häufiger haben sich die Befragten engagiert.88 Alle drei Netzwerkindikatoren sind intervallskaliert. Wie in Kapitel 2.3 beschrieben, versteht Putnam unter der Reziprozitätsnorm das, was eigentlich die Wohltätigkeitsnorm beschreibt. Deshalb wird im vorliegenden Modell nicht die Reziprozitätsnorm sondern die Wohltätigkeitsnorm operationalisiert. Im ESS gibt es bedauerlicherweise nur ein passendes Item, das die Wohltätigkeitsnorm misst. Es handelt sich hierbei um die Zustimmung zu der Frage »To be a good citizen, how important would you say it is for a person to support people who are worse off than themselves?«. Die Befragten konnten sich auf einer Skala von 0 »Extremely unimportant« bis 10 »Extremely important« einordnen. Bei der Wohltätigkeitsnorm handelt es sich ebenfalls um eine intervallskalierte Variable. 88 Es ist zwar unwahrscheinlich, dass jemand in fünf Umweltvereinen tätig ist und sich in allen fünf Vereinen engagiert, dennoch würde er jeweils den Wert »1« erhalten, da es sich um fünf Vereine desselben Vereinstyps handelt. Daher können die Netzwerkvariablen keinerlei Aussage über die Quantität der Involvierung treffen.

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Zusammenfassung

Bei Wahlen seine Stimme abzugeben gilt in Deutschland und vielen anderen Ländern als Pflicht eines jeden Bürgers, als eine ungeschriebene Norm. Der Ursprung dieser sogenannten „Wahlnorm“ und wie sich diese gegebenenfalls noch verstärken ließe, sind jedoch noch weitgehend unerforscht. Yvonne Lüdecke schließt diese Forschungslücke, indem sie das Konzept des Sozialkapitals von Robert D. Putnam auf die Wahlnorm anwendet. Unter dem Begriff des Sozialkapitals werden Mitgliedschaften in Vereinen, das Vertrauen in andere Menschen und die Selbstverpflichtung Hilfe zu leisten, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, zusammengefasst. Ist das Sozialkapital in der Lage, die Wahlnorm zusätzlich zu verstärken und die Bürger zur Stimmabgabe zu bewegen? Lässt sich die Wahlnorm tatsächlich nur durch zwischenmenschliche Kontakte und gemeinschaftliches Miteinander aufrechterhalten? Die Autorin beleuchtet diese Fragen und nähert sich so auch dem Charakter der Wahlnorm.