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1 Einleitung in:

Yvonne Lüdecke

You never vote alone, page 1 - 14

Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4022-5, ISBN online: 978-3-8288-6816-8, https://doi.org/10.5771/9783828868168-1

Tectum, Baden-Baden
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1 1 Einleitung Warum geben Bürger bei Wahlen ihre Stimme ab? Diese Frage ist so alt wie die Wahlforschung selbst und eine der Kernfragen dieses Forschungsfelds. Zur Beantwortung dieser Frage wurden im Laufe der Jahrzehnte verschiedene theoretische Ansätze verwendet. Die wichtigsten sind das sozioökonomische Standard- und das »civic voluntarism«-Modell, der soziologische und der sozialpsychologische Ansatz sowie die Rational-Choice-Theorie. Die einzelnen Theorien und Modelle decken unterschiedliche Einflussgrößen ab. Diese reichen von der Bildung und den kognitiven Fähigkeiten der Wähler über die Einstellung gegenüber der Politik und dem Interesse an der Politik bis hin zu den Merkmalen der Umgebung des Wählers und rationalen Entscheidungskriterien wie dem individuellen Nutzen und den Kosten der Wahlbeteiligung. Neben diesen Ansätzen wird oftmals auch das Konzept des Sozialkapitals zur Erklärung der Wahlbeteiligung herangezogen. Die Publikationen, die den Einfluss des Sozialkapitals auf die Wahlbeteiligung untersuchen, bieten jedoch mehrheitlich keinerlei theoriegeleitete Erklärung, weshalb das Sozialkapital geeignet sein sollte, die Wahlteilnahme zu erklären. Stattdessen wird es ohne weitere Begründungen in die jeweiligen statistischen Modelle eingefügt. Diese Vorgehensweise wirft jedoch die Frage auf: Ist das Sozialkapital überhaupt ein geeigneter Ansatz zur Erklärung der Wahlbeteiligung? Um diese Frage beantworten zu können, muss das Konzept des Sozialkapitals systematisch aufgearbeitet werden, sodass dessen Potential zur Erklärung der Wahlbeteiligung abgeschätzt werden kann. 2 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Das Sozialkapital kann auf unterschiedliche Art konzeptualisiert werden. Bourdieu (1983), Coleman (1988, 1990) und Lin (2001) betrachten es aus einer rationalen bzw. ökonomischen Sichtweise. Für sie ist das Sozialkapital ein Hilfsmittel, das man für seine persönlichen Zwecke einsetzen kann. Robert D. Putnam (1993a, 2000) vertritt hingegen das soziale bzw. demokratische Weltbild von de Tocqueville (1840), in dem die Menschen als gemeinwohlorientiert gelten. In der vorliegenden Arbeit wird das Sozialkapital nach Putnam (1993a, 2000) verwendet, da die Konzepte des Sozialkapitals mit der rationalen bzw. ökonomischen Sichtweise nicht mit dem Weltbild des Konzepts nach Putnam vereinbar sind und daher auch nicht miteinander vermischt werden sollten. Der Kern von Putnams Konzept ist die Integration1 der Bürger innerhalb der Gesellschaft. Es umfasst die drei Komponenten Netzwerke, Vertrauen und die Reziprozitätsnorm (Putnam 2000: 19). Über die Größe der Netzwerke, die Anzahl und die Häufigkeit sowie die Qualität der Kontakte in den Netzwerken und die Anzahl der Vereinsmitgliedschaften lässt sich klassischerweise die unmittelbare Verwurzelung des Individuums in der Gesellschaft messen. Das Vertrauen beinhaltet, zusätzlich zu dem Vertrauen in die Menschen im Allgemeinen, auch die damit einhergehende Bereitschaft mit anderen Individuen zu kooperieren. Die Reziprozitätsnorm, also die Norm der Gegenseitigkeit, regelt den Austausch zwischen den Menschen, indem sie die Rückzahlung bzw. -gabe für zuvor erhaltene Gefallen oder materielle Güter als verpflichtend festlegt. Sie sorgt dafür, dass das Vertrauen in die Menschen gerechtfertigt ist und die Menschen nach der Kooperation etwas zurückbekommen. Die Wohltätigkeitsnorm geht über die Reziprozitätsnorm hinaus und führt dazu, dass Menschen auch ohne einen vorhergegangenen Austausch mit fremden Menschen kooperieren. Sie ist eine Teildimension der Reziprozitätsnorm, die beispielsweise im karitativen Bereich sehr wichtig ist. Wer die Reziprozitäts- und die Wohltätigkeitsnorm internalisiert hat, ist 1 In den Klassikern der Soziologie und der Politikwissenschaft wurde die Bedeutung der sozialen Eingebundenheit für das Handeln von Individuen stets betont. »Seit Beginn der 1990er Jahre hat sich dann immer mehr der Begriff ›Sozialkapital‹ als Bezeichnung für diesen Sachverhalt durchgesetzt« (Franzen/Freitag 2007: 7). Soziale Integration ist dem Sozialkapital gleichzusetzen (Rattinger 2009: 243, Kunz/Gabriel 2000). 3 1 Einleitung vermutlich stark in die Gesellschaft integriert. Das Vertrauen, die Reziprozitäts- und die Wohltätigkeitsnorm geben über das gesellschaftliche Klima Auskunft und damit, im Vergleich zu den Netzwerken, mittelbar über die innergesellschaftliche Verankerung. Das Sozialkapital ist somit die Voraussetzung für Kooperation, erfasst die Bereitschaft zur Kooperation und damit auch die Integration innerhalb der Gesellschaft. Es misst den Zusammenhalt des sozialen Gefüges einer Gesellschaft, sodass Aussagen über die Erwartbarkeit gesellschaftlicher Handlungen, wie der Wahlbeteiligung, gemacht werden können. Das Konzept des Sozialkapitals wird in der einschlägigen Forschung inkonsistent verwendet, was zu einigen theoretischen und empirischen Fallstricken führt. Uneinigkeit auf der theoretischen Ebene besteht zum einen über die allgemeine Definition des Sozialkapitals (Bjørnskov 2006) und zum anderen über die Frage, aus welchen Komponenten das Sozialkapital besteht (Halpern 2005). Dementsprechend werden die Komponenten auf der empirischen Ebene selten gemeinsam, sondern stattdessen in wechselnden Kombinationen miteinander betrachtet. Dies führt dazu, dass die Wirkung des Sozialkapitals im Allgemeinen und der Komponenten im Besonderen auf die jeweilige abhängige Variable relativ unklar bleibt. Es wird zwar häufig der erwartete Effekt gefunden, allerdings sorgt die uneinheitliche Operationalisierung des Sozialkapitals dafür, dass völlig unklar bleibt, welcher kausale Mechanismus vorliegt und von welchem Bestandteil des Sozialkapitals der Effekt ausgelöst wird. Wenn alle drei Komponenten und ihre Interaktion miteinander untersucht werden, geschieht dies in der Regel sehr oberflächlich. Werden die Komponenten hingegen einzeln erforscht, erfolgt dies sehr gründlich. Informelle Netzwerke werden mit Hilfe von Netzwerkanalysen betrachtet und sind besonders in der Soziologie und der Sozialpsychologie von Interesse, während die formellen Netzwerke vor allem im Zuge der sozialen Partizipationsforschung untersucht werden. Das Vertrauen spielt in der sozialen Interaktion eine Schlüsselrolle und wurde daher umfangreich erforscht. Daraus entwickelte sich ein eigenes Forschungsfeld, welches sich über die Sozialwissenschaften bis zu den Wirtschaftswissenschaften erstreckt. Die Reziprozität und die Reziprozitätsnorm werden häufig im Rahmen der Wirtschaftswissen- 4 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung schaften mit Hilfe der Spieltheorie untersucht. Somit verbindet das Konzept des Sozialkapitals verschiedene Forschungsfelder, was die Sozialkapitalforschung schwer überschaubar macht. Hinzu kommt die Verwendung des Sozialkapitals als erklärende Variable in vielen verschiedenen anderen wissenschaftlichen Disziplinen, wodurch es zusätzlich erschwert wird sich einen Überblick zu verschaffen. Für eine allumfängliche Literaturbesprechung ist daher die Menge an Publikationen und die große Anzahl an beteiligten Wissenschaften problematisch. Die Identifizierung von Ursachen, Wirkungen und kausalen Zusammenhängen ist dadurch massiv beeinträchtigt, was eine kumulative Forschung nahezu unmöglich macht. Ein weiteres Hindernis bei der Sozialkapitalforschung ist die Tatsache, dass obwohl der Begriff des Sozialkapitals nach wie vor ein aktueller Modebegriff ist, kaum zufriedenstellende Daten vorliegen. Es gibt nur sehr wenige Datenerhebungen, die speziell auf die Messung des Sozialkapitals ausgerichtet sind. Ein Beispiel ist »The Social Capital Community Benchmark Survey«2, deren Themenschwerpunkt die Messung des zivilgesellschaftlichen Engagements und des Sozialkapitals in den USA ist. Mit Hilfe des eigens zu diesem Zweck entworfenen Fragebogens wurden alle Facetten des Sozialkapitals erfasst. In den meisten Fällen wird das Sozialkapital jedoch nur sehr knapp im Rahmen von allgemeinen Bevölkerungsumfragen oder Umfragen mit einem anderen Themenschwerpunkt, als dem Sozialkapital, erfasst. Die Qualität und der Umfang der gemessenen Komponenten variieren daher von Umfrage zu Umfrage. Das generalisierte Vertrauen und die formellen Organisationsmitgliedschaften3 wurden bereits sehr häufig erhoben. Fragen zur Reziprozität und besonders zur Reziprozitätsnorm sucht man hingegen zumeist vergeblich. Informelle Netzwerke werden nur in speziellen Studien erhoben oder in einigen wenigen Umfragen aufgrund des anderweitig gelagerten Themenschwerpunkts sehr kurz erfasst. Das Vertrauen in bestimmte Personengruppen wird ebenfalls nur selten erhoben. Auch für diese Arbeit stellt die unzulängliche Datenlage eine Herausforderung dar und grenzt den Rah- 2 http://www.hks.harvard.edu/saguaro/communitysurvey/index.html (abgrufen am 29.2.2016). 3 Die Begriffe »Organisation« und »Verein« werden im Folgenden synonym verwendet. 5 1 Einleitung men der Untersuchung insofern ein, als dass nur bestimmte Aspekte des Sozialkapitals untersucht werden können. All diese Schwächen des Konzepts und dessen Forschungsfeldes tragen ihren Teil dazu bei, dass das Sozialkapital nicht den allgemein anerkannten Wahlbeteiligungstheorien zugeordnet wird. Bislang wurde deshalb übersehen, dass das Sozialkapital eine theoretische Lücke schließen kann, die die übrigen Ansätze zur Erklärung der Wahlbeteiligung offenlassen. Die verschiedenen Ansätze und Theorien haben die Frage, wieso Menschen zur Wahl gehen, mehr oder weniger erfolgreich beantwortet und viele der relevanten Einflussfaktoren identifiziert. Dennoch vermag keines der statistischen Modelle der verschiedenen Ansätze die Wahlteilnahme restlos zufriedenstellend zu erklären. Infolgedessen wurden zwei Strategien entwickelt, die die Erklärungskraft der Theorien verbessern sollen. Zum einen werden zwei oder mehrere Theorien in einem gemeinsamen Modell getestet. Die Theorien zur Wahlbeteiligung überschneiden sich in gewissen Aspekten, sodass es möglich ist, diese in Hybridmodellen zu verbinden. Die zweite, weniger anerkannte, Strategie ist das Einbeziehen der Wahlnorm. Die Erklärungskraft des jeweiligen Modells wird dadurch stark gesteigert. Allerdings ist dies aus theoretischer Perspektive umstritten. Innerhalb der Theorien wird die Wahlnorm in aller Regel nicht integriert, da die Erklärung durch ihre Einbettung tautologisch werden würde (Kaase/Bauer-Kaase 1998: 95): Bürger gehen wählen, weil sie das Gefühl haben, es wäre ihre Pflicht zur Wahl zu gehen. Zusätzlich erscheint dies zu trivial, um es innerhalb einer Theorie zu berücksichtigen. In Bezug auf die Rational-Choice-Theorie, in deren Rahmen die Wahlnorm am häufigsten verortet wird, ergibt sich zusätzlich ein gravierendes Problem. Die Wahlnorm ist nicht mit dem Rational-Choice- Modell nach Downs (1957), sondern nur mit einer breiter gefassten Definition von Rationalität vereinbar (Blais 2000: 4).4 Auch wenn die Wahlnorm nicht in die Theorien aufgenommen wurde, so wird sie dennoch regelmäßig in die statistischen Modelle eingefügt. Die Bedeutung der Wahlnorm scheint somit zweigeteilt zu sein. Für die The- 4 Für eine tiefergehende Diskussion der Vor- und Nachteile des engen und des breiten Rationalitätsverständnis sei beispielsweise auf Blais (2000) sowie Green und Shapiro (1994) verwiesen. 6 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung orien ist sie aufgrund ihrer scheinbaren Trivialität relativ unbedeutend, obwohl sie alle die Existenz der Wahlnorm zumindest ansprechen. Für die statistischen Modelle scheint sie hingegen eine große Bedeutung zu haben, da die Wahlnorm häufig die stärkste Erklärungskraft aller Prädiktoren besitzt (bspw. Blais et al. 2000, Faas 2010, Rattinger 1994, Rattinger/Krämer 1995, Steinbrecher et al. 2007, Lippl 2007). Auch wenn die Wahlnorm häufig verwendet und ebenso häufig abgelehnt sowie kritisiert wird, so weiß man dennoch nur wenig über sie. Wie entsteht die Wahlnorm? Wie stark ist sie innerhalb der Gesellschaft verbreitet? Nimmt ihre Verbreitung zu oder ab? Wie manifestiert sich die Wahlnorm innerhalb des sozialen Gefüges und der Individuen? Warum hat jemand das Gefühl, es wäre seine Pflicht wählen zu gehen? Warum ist das Gefühl bei dem einen Bürger stärker als bei einem anderen? Durch die mangelhafte Betrachtung der Wahlnorm auf der theoretischen Ebene, fehlt es an geeigneten Daten, um die Fragen vollständig zu beantworten. Für den Hintergrund dieser Arbeit ist es jedoch unerlässlich sich mit diesen Fragen zu beschäftigen, denn für den Ursprung und die Verbreitung der Wahlnorm scheint der soziale Kontext von Bedeutung zu sein. Campbell (2006) untersucht als Einziger die Determinanten der Wahlnorm auf der Aggregatebene. In erster Linie scheint es ausschlaggebend zu sein, ob man in einer Umgebung aufgewachsen ist, in der die Wahlnorm weit verbreitet ist. Erst in zweiter Linie ist es wichtig, ob die Wahlnorm im aktuellen Umfeld von Bedeutung ist. Auf der individuellen Ebene ist der Ursprung der Wahlnorm größtenteils unklar. Als gesichert gilt nur der Zusammenhang zwischen den sozialstrukturellen Merkmalen und der Wahlnorm. Personen mit einem hohen sozioökonomischen Status nehmen die Wahlnorm stärker wahr als Personen mit einem niedrigen Status. Diese Erkenntnis greift jedoch zu kurz, da sie die Einbindung der Individuen in ihrer sozialen Umgebung außer Acht lässt. Es gibt somit zwei ungeklärte Fragen: Was ist die Wahlnorm und wie lässt sie sich in die Ansätze zur Erklärung der Wahlbeteiligung integrieren? Die Antwort könnte in der Verwendung des Sozialkapitals liegen, denn das Sozialkapital kann auf theoretischer Ebene mit der Wahlnorm in Verbindung gebracht werden. Die Wahlnorm dient, wie alle Normen, der Sicherstellung des Zustandekommens von Kooperation. Gleichzeitig unterscheidet sich die Wahlnorm von anderen Nor- 7 1 Einleitung men. Sie reguliert und normiert keine direkte Interaktion zwischen verschiedenen Menschen, sondern regelt als bürgerschaftliche Norm (Pattie et al. 2004) eine abstraktere Beziehung, namentlich die Beziehung zwischen dem Staat und der Gesellschaft bzw. der Bürger als Teil der Gesellschaft. Die Wahlbeteiligung ist in diesem Fall nicht nur als eine von vielen politischen Handlungen zu betrachten, sondern als eine Handlung zur Aufrechterhaltung des Kollektivguts »Demokratie« zu verstehen. Die Wahlnorm erinnert die Menschen daran, dass jeder Staatsbürger das Recht hat zu wählen und mit diesem Recht automatisch auch die moralische Pflicht zu wählen einhergeht. Durch die Stimmabgabe nehmen die Bürger an der kollektiven Handlung, die Regierung zu wählen, teil. Die Wahlnorm stellt sicher, dass die Bürger die Wahlteilnahme zusätzlich als Handlung betrachten, die von jedem guten Bürger ausgeführt wird und die dem Schutz der Demokratie dient. Sie stellt somit ein Bindeglied zwischen der politischen Sphäre und der Gesellschaft dar. Für die Wahlnorm ist es, im Unterschied zu anderen Normen5, von Bedeutung, wie sehr die Menschen in die Gesellschaft integriert sind. Je besser der Einzelne in die Gesellschaft integriert ist, desto stärker nimmt er die Wahlnorm wahr.6 Normen können nur durch zwischenmenschliche Interaktion entstehen und aufrechterhalten werden, deshalb sind die Netzwerke von besonderer Bedeutung. Aufgrund der sozialen Kontrolle, die Netzwerke auf ihre Mitglieder ausüben können, sollten sie sich positiv auf die Internalisierung, Aufrechterhaltung und die Wahrnehmung der Wahlnorm auswirken. Gleichzeitig treffen Menschen in formellen Netzwerken auf Personen unterschiedlicher sozioökonomischer Schichten, sodass die Wahlnorm auch in andere Schichten vordringt, als jene, in denen die Wahlnorm bereits verin- 5 Bei den anderen Normen und der Entscheidung, ob man kooperiert oder nicht, kann das Individuum differenzieren und je nach Kooperationspartner entscheiden. Bei der Wahlbeteiligung besteht die Frage, ob das Individuum, nicht nur als Individuum, sondern darüber hinausgehend als Mitglied der Gesellschaft, zu dem Kollektivgut »Demokratie« und der Regierungsbildung beitragen möchte. 6 Das Wahrnehmen einer Norm ist lediglich der erste Schritt. Als zweites erfolgt die Anerkennung oder die Ablehnung der Norm. Nur wenn sie anerkannt wird, ist eine Bedingung zur Internalisierung erfüllt (siehe Kapitel 3.3). Mit dem vorliegenden Messinstrument können jedoch nur Aussagen über die Wahrnehmung der Wahlnorm gemacht werden (siehe 3). 8 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung nerlicht wurde. Nimmt die soziale Vernetzung der Individuen ab, so sinkt die soziale Kontrolle über ihre Wahlteilnahme. Vertrauen sich die Menschen weniger, dann haben sie vermutlich auch weniger Vertrauen darauf, dass die anderen Bürger wählen gehen und das Individuum fühlt sich weniger dazu verpflichtet an einer Wahl teilzunehmen. Das Vertrauen in andere Menschen spielt bei der Entscheidung, ob man kooperiert oder nicht, eine entscheidende Rolle. Nur wenn das Gegenüber vertrauenswürdig ist und die Kooperation mutmaßlich beidseitig erfolgen wird, lohnt es sich für das Individuum zu kooperieren. Ein ähnlicher Mechanismus dürfte bei der Wahlnorm auftreten. Wenn sich die Bürger vertrauen und sicher sein können, dass sich andere Bürger ebenfalls zahlreich an der Kooperation beteiligen, in diesem Fall der Wahl, wirkt sich dies positiv auf die Wahlnorm aus. Wird die Reziprozitätsnorm in der Gesellschaft oder einigen Netzwerken nicht anerkannt, sodass Kooperationen bereits auf der gesellschaftlichen Ebene scheitern, nehmen die Anerkennung der Wahlnorm und die Zuversicht, eine erfolgreiche Kooperation auf der politischen Ebene zu realisieren, ab. Wenn die Akzeptanz der Reziprozitätsnorm abnimmt, so sinkt wahrscheinlich auch das Gefühl mit der Wahlteilnahme der Gesellschaft oder dem politischen System etwas zurückgeben zu müssen. Personen, die die Norm anderen und teilweise völlig fremden Menschen zu helfen, wahrnehmen, nehmen die Wahlnorm als Bürgerpflicht stärker wahr. Die Hilfsbereitschaft wird auf das politische System übertragen und die Wahlteilnahme vermittelt das Gefühl die Demokratie geschützt zu haben. Die einzelnen Komponenten des Sozialkapitals sollten sich daher positiv auf die Wahrnehmung der Wahlnorm auswirken, sodass sie eine vermittelnde Variable zwischen dem Sozialkapital und der Wahlbeteiligung darstellt. In der vorliegenden Arbeit werden somit zwei Forschungslücken geschlossen. Zum einen wird in der Wahlforschung vermutet, dass sich das Sozialkapital auf die Wahlbeteiligung auswirkt und zum anderen gilt es als allgemein anerkannt, dass sich die Wahlnorm auf die Wahlbeteiligung auswirkt. In beiden Fällen sind die theoretischen Zusammenhänge unklar. Diese Dissertation greift die beiden ungelösten Fragen auf und verbindet sie theoretisch miteinander. Haupt- 9 1 Einleitung untersuchungsgegenstand sind also die Berührungspunkte zwischen dem Sozialkapital, der Wahlnorm und der Wahlbeteiligung. Im Fokus stehen die theoretischen und empirischen Verbindungen dieser drei Themenkomplexe. Dabei sollen folgende Teilforschungsfragen beantwortet werden: Warum kann das Konzept des Sozialkapitals für die Erklärung der Wahlbeteiligung verwendet werden? Wie wirkt sich das Sozialkapital auf die Wahrnehmung der Wahlnorm aus? Nachdem die Antworten theoretisch hergeleitet wurden, ist es möglich die Hauptforschungsfrage zu beantworten: Welche Rolle spielt die Wahlnorm zwischen den Komponenten des Sozialkapitals und der Wahlbeteiligung? Auf der empirischen Ebene sollen die Forschungsfragen mit Hilfe einer Sekundäranalyse des European Social Survey (ESS) 2002 / 2003 beantwortet werden. Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich somit um eine Querschnittsanalyse. Mit Hilfe eines linearen Strukturgleichungsmodells (SEM) sollen die Zusammenhänge zwischen dem Sozialkapital, der Wahlnorm und der Wahlbeteiligung sichtbar gemacht werden. In einem SEM ist es möglich, Variablen zeitgleich als abhängig und als unabhängig zu betrachten, daher ist es das geeignete Verfahren die Wirkung des Sozialkapitals auf die Wahlnorm sowie den Effekt der Wahlnorm auf die Wahlbeteiligung zu überprüfen. Diese stringente Erforschung der Zusammenhänge mit Hilfe fortgeschrittener quantitativer Analysen ist ein Novum. Zudem ist es mit dem vorliegenden Datensatz möglich, nicht nur die Zusammenhänge für Deutschland, sondern auch auf europäischer Ebene zu überprüfen. Die Wahlbeteiligung, die Wahlnorm und die Komponenten des Sozialkapitals sind in den europäischen Ländern unterschiedlich stark ausgeprägt. Einige Staaten dürften der Bundesrepublik sowohl wirtschaftlich als auch kulturell relativ ähnlich sein, sodass die Zusammenhänge zwischen dem Sozialkapital, der Wahlnorm und der Wahlbeteiligung ähnlich gelagert sein sollten. Im Rahmen dieser Dissertation geht es zusätzlich darum, die Frage zu beantworten, ob die Komponenten des Sozialkapitals in verschiedenen europäischen Staaten die gleiche Wirkung auf die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung entfalten, wie in Deutschland. Oder unterscheiden sich die Länder sehr stark voneinander, sodass andere Zusammenhänge auftreten? 10 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Die vorliegende Arbeit gliedert sich, in Anlehnung an das später folgende Kausalmodell (Abbildung 20), in folgende Kapitel: Im zweiten Kapitel wird die theoretische Grundlage dieser Dissertation, das Sozialkapital nach Robert D. Putnam (1993, 2000), vorgestellt. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Definition und dem Verständnis des Konzepts. Bevor das Sozialkapital angewendet werden kann, ist es unerlässlich, genau zu beschreiben, was unter dem Begriff verstanden wird und welche Komponenten enthalten sind. Es erfolgt daher eine möglichst präzise Begriffsdefinition und die von Putnam verwendeten Begriffe werden voneinander abgegrenzt (Kapitel 2.1). Während die Geschichte des Begriffs des Sozialkapitals in der aktuellen Forschung als geklärt angesehen wird (Putnam/Goss 2002), ist die Frage, welche Komponenten das Sozialkapital im Einzelnen umfasst, umstritten. In der vorliegenden Arbeit sollen die verschiedenen Komponenten zunächst im Einzelnen systematisch betrachtet und ihre Bedeutung für das Konzept des Sozialkapitals dargestellt werden (Kapitel 2.2 bis 2.4). Im Anschluss wird die Beziehung der drei Komponenten untereinander betrachtet (Kapitel 2.5). Kapitel 2.6 setzt sich mit den zwei Hauptwerken Putnams auseinander. Der Fokus liegt dabei insbesondere auf Putnams Operationalisierung des Sozialkapitals. Abschließend wird das Konzept des Sozialkapitals in Kapitel 2.7 kritisch betrachtet. Das dritte Kapitel bietet einen Überblick über die wenigen bisher bekannten Fakten über die Wahlnorm. Es beginnt mit der geschichtlichen Entstehung des Begriffs und ergründet, wie die Wahlnorm verbreitet und aufrechterhalten wird (Kapitel 3.1). Auch wenn der Ursprung der Wahlnorm nach wie vor ungeklärt ist, so herrscht dennoch allgemeine Einigkeit, was die Existenz der Wahlnorm angeht. Diese wird mit Hilfe empirischer Daten begründet, daher wird im Anschluss die Verbreitung der Wahlnorm innerhalb der Gesellschaft mit Umfragedaten untersucht. Dies geschieht für Deutschland sowie für die einzelnen europäischen Länder mit den Daten des ESS 2002 / 2003. Abschließend wird zusätzlich die zeitliche Entwicklung der Wahlnorm dargestellt. Die Längsschnittdaten dokumentieren die Entwicklung der Wahlnorm in den USA, Großbritannien und, aufgrund der schwierigen Datenlage lediglich ansatzweise, für Deutschland. In Kapitel 3.3 wird die Frage beantwortet, wie sich das Sozialkapital und die Wahlnorm miteinander in Verbindung bringen lassen. Diese the- 11 1 Einleitung oretische Verknüpfung wurde bislang nicht erforscht und stellt ein Alleinstellungsmerkmal dieser Dissertation dar. Die Wahlnorm wurde bislang selten in einen theoretischen Kontext eingebunden. In Kapitel 4 stellt sich daher die Frage, wie sie innerhalb der Ansätze zur Erklärung der Wahlbeteiligung verortet werden kann. Dafür werden zunächst zwei der Ansätze, die bereits im ersten Absatz der Einleitung angesprochen wurden, vorgestellt und die verschiedenen Anknüpfungspunkte zur Wahlnorm herausgearbeitet. In Kapitel 4.1 erfolgt dies für den sozialpsychologischen und in Kapitel 4.2 für den Rational-Choice-Ansatz. Im Anschluss wird erörtert, wie Abbildung 1: Graphische Darstellung der Gliederung 12 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung das Sozialkapital in den Kontext der Wahlforschung eingeordnet werden kann (Kapitel 4.3). Die ersten vier Kapitel decken die theoretischen Verbindungen zwischen dem Sozialkapital, der Wahlnorm und der Wahlbeteiligung auf. Ihre empirischen Beziehungen werden im fünften Kapitel, das den aktuellen Forschungsstand dokumentiert und mögliche Defizite der bisherigen Forschung aufgezeigt, ausführlich betrachtet. Die Gliederung des Forschungsstands orientiert sich an der Reihenfolge der im späteren Verlauf der Arbeit präsentierten empirischen Analysen. Deshalb wird in Kapitel 5.1 zunächst das Problem des Misreportings und der Overrepresentation näher betrachtet. Da es sich bei dem ESS um eine Befragung handelt, treten die damit einhergehenden Probleme bei der korrekten Erfassung der Wahlbeteiligung auf. Zum einen können in der Stichprobe der Umfrage mehr Wähler, als in der Grundgesamtheit, enthalten sein. Es würde von einer Überrepräsentation von Wählern, im Folgenden als Overrepresentation bezeichnet, gesprochen werden. Zum anderen stimmen die selbstberichteten Handlungen in Bezug auf die Wahlteilnahme nicht immer mit den tatsächlichen Handlungen überein. In solchen Fällen würde es sich um Misreporting handeln. Das Misreporting und die Overrepresentation wirken sich direkt auf die in Kapitel 8 folgenden statistischen Modelle aus. Aus diesem Grund soll Kapitel 5.1 helfen, ein grundsätzliches Problembewusstsein zu schaffen und mögliche Verzerrungen abzuschätzen. Wie bereits erwähnt, wird das Sozialkapital in verschiedenen Forschungsfeldern und aus vielen Perspektiven untersucht.7 Kapitel 5.2 bietet einen Überblick über die Forschungsarbeiten der Sozialkapitalforschung. Der Forschungsstand zu den einzelnen Komponenten gliedert sich analog zu Kapitel 2. Zunächst wird die Forschungsliteratur betrachtet, die ihren Fokus auf die einzelnen Komponenten legt, bevor der Forschungsstand zu dem Gesamtkonzept des Sozialkapitals und den Wirkungszusammenhängen berichtet wird. Kapitel 5.3 gibt einen Überblick über die bisherigen Forschungsarbeiten zum Sozialkapital und zur Wahlbeteiligung. Es werden die Vielzahl der Indikatoren des Sozialkapitals dokumentiert und die Ergebnisse kritisch 7 Für eine Auflistung verschiedener Fachrichtungen und Forschungsfelder innerhalb der Politikwissenschaft siehe Heydenreich-Burck (2010: 68, Fn. 2 und 3). 13 1 Einleitung betrachtet. Vor allem die uneinheitliche Spezifizierung der Regressionsmodelle erschwert eine vergleichende Betrachtung der Ergebnisse. Anschließend werden die Forschungsarbeiten zur Wahlnorm genauer betrachtet (Kapitel 5.4). Diese werden in die kontextuellen und die individuellen Determinanten der Wahlnorm unterteilt. Besonders der Mangel an geeigneten Daten erschwert die Betrachtung der Wahlnorm. Kapitel 5.5 setzt sich intensiv mit der einzigen Studie auseinander, die das Sozialkapital und die Wahlnorm betrachtet. Die Forschungsarbeiten zur Wahlnorm und der Wahlbeteiligung folgen in Kapitel 5.6. Der Effekt der Wahlnorm auf die Wahlbeteiligung ist gut dokumentiert, sodass lediglich eine Auswahl an Studien dokumentiert wird. Den Abschluss bilden in Kapitel 5.7 die Arbeiten, die sowohl das Sozialkapital, die Wahlnorm als auch die Wahlbeteiligung enthalten. Hierbei handelt es sich um Publikationen, die sowohl das Sozialkapital als auch die Wahlnorm als Determinanten der Wahlbeteiligung betrachten und gemeinsam in einer Regression untersuchen. Das sechste Kapitel teilt sich in drei Unterkapitel, in denen die auf den theoretischen Erkenntnissen der vorangegangenen Kapitel basierenden Forschungshypothesen formuliert werden. Zunächst werden in Kapitel 6.1 die Hypothesen zum Overreporting und der -representation formuliert, bevor die Hypothesen zu den Wirkungszusammenhängen der Sozialkapitalkomponenten und der Wahlnorm sowie der Wahlnorm und der Wahlbeteiligung folgen (Kapitel 6.2). Zum Schluss werden in Kapitel 6.3 die Hypothesen für Europa präsentiert. Im Anschluss wird in Kapitel 7.1 die Datengrundlage, der European Social Survey 2002 / 2003, vorgestellt und in Kapitel 7.2 ist die Operationalisierung des Sozialkapitals dokumentiert. Im achten Kapitel erfolgen die empirischen Analysen. Zunächst wird die Häufigkeit des Mis- bzw. Overreportings und dessen Ursprung untersucht, um das Ausmaß der Verzerrungen abschätzen zu können (Kapitel 8.1). Erst im Anschluss werden die oben genannten Forschungsfragen mit Hilfe fortgeschrittener multivariater Verfahren untersucht. Bevor diese Analysetechniken angewendet werden dürfen, ist es unerlässlich die Voraussetzungen für die linearen Strukturgleichungsmodelle (SEM) zu überprüfen (Kapitel 8.2). Nach der Bestätigung der Annahmen wird das Strukturmodell für das SEM spezifiziert (Kapitel 8.3) und in den folgenden Unterkapiteln überprüft (Kapitel 14 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung 8.4). Kapitel 8.4 enthält die Antwort auf die Frage, ob und wie die Wahlbeteiligung, die Wahlnorm und das Sozialkapital miteinander zusammenhängen. Dazu wird im ersten Schritt eine Faktorenanalyse geschätzt. Als nächstes folgt ein lineares Strukturgleichungsmodell, welches die Effekte des Sozialkapitals auf die Wahlnorm und den Effekt der Wahlnorm auf die Wahlbeteiligung untersucht. Abschlie- ßend werden dem Modell Kontrollvariablen hinzugefügt. In Kapitel 8.5 erfolgt die Überprüfung auf europäischer Ebene mit der gleichen Vorgehensweise. Den Abschluss der Arbeit bildet das neunte Kapitel mit den Schlussfolgerungen und einer Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse sowie Vorschlägen für eine Verbesserung der Forschung.

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Zusammenfassung

Bei Wahlen seine Stimme abzugeben gilt in Deutschland und vielen anderen Ländern als Pflicht eines jeden Bürgers, als eine ungeschriebene Norm. Der Ursprung dieser sogenannten „Wahlnorm“ und wie sich diese gegebenenfalls noch verstärken ließe, sind jedoch noch weitgehend unerforscht. Yvonne Lüdecke schließt diese Forschungslücke, indem sie das Konzept des Sozialkapitals von Robert D. Putnam auf die Wahlnorm anwendet. Unter dem Begriff des Sozialkapitals werden Mitgliedschaften in Vereinen, das Vertrauen in andere Menschen und die Selbstverpflichtung Hilfe zu leisten, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, zusammengefasst. Ist das Sozialkapital in der Lage, die Wahlnorm zusätzlich zu verstärken und die Bürger zur Stimmabgabe zu bewegen? Lässt sich die Wahlnorm tatsächlich nur durch zwischenmenschliche Kontakte und gemeinschaftliches Miteinander aufrechterhalten? Die Autorin beleuchtet diese Fragen und nähert sich so auch dem Charakter der Wahlnorm.