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9. Résumé in:

Alexander Schmidt

Die ideologische Rezeption der Judenfeindschaft Richard Wagners, page 301 - 304

Ursprung, Verlauf und Konsequenzen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3950-2, ISBN online: 978-3-8288-6812-0, https://doi.org/10.5771/9783828868120-301

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 73

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Résumé „Wagner stand nicht am Anfang einer Bewegung [schon gar nicht derjenigen, die in den Nationalsozialismus münden sollte], er brachte sie zum Abschluß.“1379 In vorliegender Untersuchung ist eine Rezeptionsanalyse der Judenfeindschaft Richard Wagners im 19. und 20. Jahrhundert vorgenommen worden. Anlaß war eine unübersehbare Rezeptionsdissonanz, die zu Lebzeiten Wagners einsetzt und bis in die Gegenwart hineinreicht. Die diversen Rezeptionsansätze sind dargelegt, analysiert und geordnet worden. Zudem waren die theoretischen Grundlegungen zu erörtern, die in Befreiungs-, Erlösungs-, Geschichts- und Ungleichwertigkeitsideologien, Gnosis bzw. Manichäismus sowie Politischer Religion bestehen und die spezifischen Antisemitismen unterscheidbar machen. Im Hinblick auf die hier außerdem angestrebte Gegenüberstellung ausgewählter Facetten der „Weltanschauungen“ Chamberlains, Rosenbergs, Hitlers und Wagners ist die Konkretisierung der je formulierten „Jüdischen Frage“ unternommen worden, um daraufhin darzulegen, welche „Lösungsansätze“ geboten werden. Diese changieren zwischen alle Menschheit inkludierende Regeneration einerseits und partikularer Annihilation andererseits. Sowohl bei Wagner als auch bei seinen selbsternannten Jüngern ist als Ziel und Zweck politischer Organisation die Herbeiführung, mindestens die Begünstigung, einer menschlichen Gesellschaft in „höchster Freiheit“ vorgegeben. Allerdings sind die Voraussetzungen, dieses Ziel zu erfassen und die Wege es zu erreichen höchst verschieden. Bereits die Auffassung, wer einer künftigen Gesellschaft in Freiheit zuzurechnen sei, unterscheidet sich bei den Jüngern im Gegensatz zu Wagner grundsätzlich. Wagner postuliert als Ergebnis der „großen Menschheitsrevolution“ mehr oder weniger konsequent die Abschaffung des Staates, während Hitler und Rosenberg dessen vordringlichste Aufgabe nach einer „nationalsozialistischen Revolution“ in der Wiederherstellung rassischer Homogenität sieht – ein Ziel, das von Chamberlain klar geteilt wird. Das vordringlichste Übel ist hier in einem „knechtenden Materialismus“, da in der Annahme einer zur eigenen Vernichtung führenden „Rassenmischung“ verortet. Wo Wagner Einheit postuliert, streben seine Pseudojünger nach Reinheit. Beide Topoi markieren den Gegensatz von Inklusion und Exklusion, sowie von Menschheit und antagonistischer Rassenscheidung. Religiöse und ästhetische Aberrationen, in deren Folge gesellschaftspolitische Degeneration passiere, bilden die Ursache des von Wagner diagnostizierten Übels. Das Ende der Integrität der „arischen“ Rasse, verbunden mit der Bestimmung der diaboli- 9. 1379 Shaw: Wagner-Brevier, a.a.O., S. 177 301 schen Urheber, markiert für Chamberlain, Rosenberg und Hitler den Beginn und die Ursache des von ihnen angenommenen Hauptübels. Dieses alles dominierende Übel sei das angebliche Streben der Juden, die „Welt zu beherrschen“. Das herrschaftspolitische Mittel sei (I.) „rassentheoretischer Natur“, das durch eine (II.) „religiöse Idee“ getragen sei. (I.) Physische Sphäre: Die physisch-anthropologische Komponente wird in einer den Juden unterstellten stets geübten „Fortpflanzungstaktik“ gesehen, die der übergeordneten Strategie der „Bewahrung eigener Rassenkonsistenz“ diene. Die übrige Welt sei durch Rassen- wie Völkerchaos geprägt, wovon die Juden profitierten. Der die Naturgesetze, Geschichtsgesetze und göttliche Ordnung „zersetzende Effekt“ bestehe in der Verweigerung des notwendigen „Völkerringens“ und ewigen „Kampfes“. Zudem wird die Kampffähigkeit der übrigen Völker, Nationen oder Rassen aufgelöst, sofern die Juden in den Völkern, in denen sie jeweils leben, parasitär im Wirt wirken. (II.)Geistige Sphäre: Die religiös-ideologische Komponente betrifft die einseitige Vorstellung einer bereits durch Jahwe verheißenen Weltbeherrschung, die in eine als unecht vorgestellte Religiosität eingebunden ist, sofern diese bloß immanent (materialistisch) und zudem „unfähig zur Transzendenz“ sei. Als neuzeitliche politische Kampfmittel bedienten sich die Juden, des von ihnen außerdem erfundenen Liberalismus, Marxismus/ Bolschewismus, des Kapitalismus sowie der (vor allem parlamentarischen, repräsentativen) Demokratie. Während bei Wagner das Wesen und das Wirken der Juden sozusagen Indikatoren des allgemeinen Mißstandes bilden, sehen Nationalsozialisten in ihnen die aktive Ursache desselben. Entsprechend konträr fallen die Visionen der angestrebten künftigen Freiheit, Befreiung oder Erlösung aus. Das „Jüdische“ ist einerseits im Falle Wagners, ein potentiell zu Nivellierendes, andererseits im Falle der Nationalsozialisten, sowohl „blutsmäßiges“ als auch heilsgeschichtlich manifestiertes, unüberwindbares „Gegenwesen“. Wagners Judenfeindschaft unterscheidet sich zu denjenigen antisemitischen Ideologien seiner Schein-Epigonen dadurch, daß sie folgendes Konstituens negiert: „Doch er kann nicht wählen, kein Jude zu sein. Oder vielmehr, wenn er es wählt, wenn er erklärt, der Jude existiere nicht, wenn er heftig, verzweifelt den jüdischen Charakter in sich verleugnet, so ist er gerade darin Jude.“ Die Frage Sartres nach der Identität, die er unter dem Begriff Authentizität bzw. conditio des Jüdischen abhandelt, berührt den Kern der Unterscheidbarkeit der jeweiligen „Lösungsbedingungen“ der „Judenfrage“, hier Wagners da der Nationalsozialisten: (...) ... was würde geschehen, wenn … sie sich alle [die Juden] zum Christentum bekehrten, oder wenn alle Juden leugneten, daß sie Juden sind usw.…“1380 9. Résumé 302 Wagner wäre infolge solchen Vorgangs, den er mit seiner unbeholfenen Formulierung – das „Aufhören, Jude zu sein“ – beschrieben haben würde, am Ziel seiner Wünsche. Nationalsozialisten ist es undenkbar, den Identitäts-Komplex (Definition, Transition, aktive Inklusion wie Exklusion) überhaupt in den Verantwortungsbereich „der Juden“ zu überführen. Antisemitismus wirke identitätsstiftend.1381 Eine spezifische Gruppe der Menschheit ist hier Subjekt da Objekt von „Lösung“. Aus diesen Voraussetzungen ergeben sich zwei ebenso gegensätzliche strategische Möglichkeiten: Wagners „Ideologie“ bietet stets die Perspektive einer allgemeinen, allen gemeinen künftigen Erlösung, in Folge einer allgemeinen, allen gemeinen Menschwerdung, die freilich im oben näher bezeichneten „Untergang“ besteht. Daß die Wagnerschen „Visionen“ eines „Unterganges“ erstens inklusiv, also das ganze Menschengeschlecht umfassend, zu verstehen und zweitens mit den Annihilationspostulaten Hitlers, Rosenbergs und graduell Chamberlains unvereinbar sind, sollte deutlich geworden sein. Denn bei diesen Dreien liegen die Dinge auch konzeptionell grundsätzlich anders. Bereits im weltanschaulichen Vorfeld der realen Verbrechen war der Wille – im Sinne Hitlers und Rosenbergs: die Notwendigkeit – zu physischer Vernichtung, unübersehbar. Chamberlain hat die weltanschaulichen Voraussetzungen gebündelt, in entscheidender Hinsicht konkretisiert und vor allem Rosenberg, aber auch Hitler dann tatsächlich zur Verfügung gestellt. Die Judenfrage ist für Hitler substantiell, bei Rosenberg zusätzlich und in besonderem Maße obsessiv. Sie bereitet Chamberlain noch einige erkennbare moralische Bedenken, die vordringlich als wissenschaftlich-intellektuelle Skrupel zutage treten. Zu beurteilen, ob seine Ideologie einen vergleichbaren Vernichtungswillen oder eine Exterminationsnotwendigkeit enthält, bedingt und postuliert, liegt letztlich im Auge des Betrachters. Nachweislich ist, daß Chamberlain die Gesamtheit der diesbezüglichen NS-Ideologeme aufbietet. Wagners Judenfrage erscheint hingegen akzidentiell und ist im Rahmen seiner Erlösungsspekulationen als untergeordnet zu bezeichnen. Die prototypische Rolle, die Wagner innerhalb des hier bearbeiteten Rezeptionsprozesses zugeschrieben oder abgesprochen worden ist, käme zutreffenderenfalls Chamberlain zu. (Die Gegenrede zu dieser vermeintlichen Funktion Chamberlains führte zuletzt Bermbach.) Natürlich sind neben den offensichtlichen Unstimmigkeiten, die in den einleitenden Kapiteln diskutiert wurden, durchaus Gemeinsamkeiten feststellbar. Zunächst sind vor allem die beinahe austauschbaren abscheulichen Verunglimpfungen zu nennen, die das vermeintliche „Schmarotzertum“ betreffen, aber ebenso gut einem allgemeinen „Antisemitismusarsenal“ entstammen, aus dem sich leider allzu viele bedienten. Es ist größerer Wert daraufgelegt worden, das Bild einer judenfeindlichen Epoche zu zeichnen, innerhalb derer Richard Wagner eine banale und häufig vergleichsweise eher gemäßigte Erscheinung darstellt. 1380 Sartre: Überlegungen zur Judenfrage, a.a.O., S. 55 f. 1381 Vgl.: Claussen, Detlev: Grenzen der Aufklärung – Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus [1987], Frankfurt am Main 2005, S. 188 9. Résumé 303 Besonders auffällig ist die beiderseitige Tendenz, alles als bedrohlich und schlecht Empfundene (wie im Falle Wagners: auch, im Falle der Nationalsozialisten monokausal ausschließlich) als „jüdisch“ zu qualifizieren. Es ist ein virulentes Problem bis in unsere Tage, wenn sog. Antiamerikanismus, Globalisierungskritik, Antikapitalismus oder Imperialismusschelte verquickt und verquast in vielerlei Verschwörungstheorien, kurzum ein arkan-manipulatives Weltjudentum monokausal für die Kalamitäten der Moderne verantwortlich gemacht wird. Schließlich wurde vor allem versucht, die Unterschiede der durch die ideologischen Strukturen abzuleitenden Konsequenzen zu betonen. Im Zuge der Ausbildung und der Verfeinerung der nationalsozialistischen Ideologie von Chamberlain bis Rosenberg und Hitler ist der Sockel, auf den der Popanz des „Größten Deutschen“ gepflanzt wurde immer gewaltiger, aber fortwährend ausgehöhlter geworden. Während Wagners Weltanschauung zunehmend an Bedeutung verliert und zudem von Beginn an inadäquat rezipiert worden ist. Die judenfeindlichen Elemente in Richard Wagners Weltanschauung spielen für die antisemitische Ideologie der Nationalsozialisten keine Rolle. In der Tat ist „schwer zu bestimmen, was tatsächlich den ‚Mißbrauch‘ Wagners durch die Nazis“ ausmachte: „Schneller ließ sich eine Meinung manipulieren mit Wagner, dem Schuldenbaron, dem Ehebrecher, dem Verschwender, dem Antisemiten; mit seiner Schwiegertochter und ihrem angeblichen Verhältnis zu Hitler, oder in späteren Jahren mit Familienkrach und Ehekrisen der Enkelgeneration, mit Streit um die Erbfolge bei der Leitung der Bayreuther Festspiele. Diese Erscheinungen haben seit Richard Wagners Tagen die Diskussion mehr bestimmt, als echte Auseinandersetzungen um sein Werk.“1382 [Zu seinem Werk gehören auch die Zeugnisse seiner Weltanschauung, für die dies ebenso, wenn nicht in noch grö- ßerem Maße gilt.] Thomas Mann hat mit dem bekannten aber, wie sich erwies, allzu unbedarften Diktum – „Es ist viel Hitler in Wagner“ – eine Debatte befeuert, die wesentliche Aspekte der Sachlichkeit innerhalb dieses Diskurses abzudrängen scheinbar erlaubten. Es kann jedoch prinzipiell kein Hitler in Wagner sein. Es kann nur nach Wagner in Hitler gefragt werden. Vor allem dies ist in vorliegender Studie unternommen worden. Ferner sollte die ungeheure zeitliche wie ideologische Kluft in den Gestalten und Gestaltungen Chamberlains und Rosenbergs in den Rahmen der Betrachtung einbezogen werden. Das Ergebnis lautet: Es ist wenig Wagner in Chamberlain. Es ist kaum Wagner in Rosenberg. Es ist kein Wagner in Hitler. Die Kritik muß erlaubt bleiben. Es sollte zumindest gelungen sein, das Spektrum der Argumente zu bereichern. 1382 Seiferth: Wagner in der DDR, a.a.O., S. 21 9. Résumé 304

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References

Zusammenfassung

Mit diesem Buch liefert Alexander Schmidt eine profunde Analyse der oft vermuteten Vorbildwirkung Richard Wagners für die völkische und nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungsideologie des 19. und 20. Jahrhunderts. Hierzu leistet der Autor eine ideengeschichtliche Gegenüberstellung ausgewählter Facetten der „Weltanschauungen“ Chamberlains, Rosenbergs, Hitlers und Wagners und deren jeweilige Konkretisierung der sogenannten „Jüdischen Frage“.

Werkimmanent, jedoch mit vielfältigen Bezügen zu politischen, ideologischen, philosophischen und feuilletonistischen Sekundärschriften, vergleicht er die jeweils angestrebte Gesellschaftsordnung sowie das Menschenbild der geschichtlichen Personen und gewährt dabei umfassende Einsichten in das weltanschauliche Gedankengebäude Richard Wagners sowie über die oft fälschlicherweise angenommene Vorbildwirkung seiner Schriften für die antisemitischen Ergüsse Chamberlains, Rosenbergs und Hitlers.