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8. Politische Religion und Politische Theologie in:

Alexander Schmidt

Die ideologische Rezeption der Judenfeindschaft Richard Wagners, page 289 - 300

Ursprung, Verlauf und Konsequenzen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3950-2, ISBN online: 978-3-8288-6812-0, https://doi.org/10.5771/9783828868120-289

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 73

Tectum, Baden-Baden
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Politische Religion und Politische Theologie „Von ‚Hitlers Theologie’ zu sprechen setzt also voraus, den Begriff Theologie nicht für ein Reden und Denken über Gott zu reservieren, dem man zustimmen kann, sondern für alles Reden über Gott und auch gerade seine Folgen.“1335 (Rainer Bucher) Weder Religion noch Politik können Eric Voegelin zufolge per se als negativ betrachtet werden. Gleiches gelte außerdem sowohl für die Verbindung sowie die Trennung beider Bezirke. Dem konnektiven Sonderfall, die Politische Religion, werden indes unbedingt negative Folgen zugeschrieben, wenn transzendente Belange mutwillig immanentisiert werden.1336 Das relevante Kriterium für die Möglichkeit der Zuschreibung einer Ideologie als Politische Religion ist, Bärsch folgt Voegelin1337, „Transzendenz“. Zur angemessenen Erfassung Politischer Religionen sei der Begriff des Religiösen so zu erweitern, daß nicht nur Erlösungsreligionen darunterfielen.1338 Denn Nationalsozialismus und Kommunismus sind freilich nicht als z.B. „christliche“1339 oder „russisch-orthodoxe“ politische Religionen zu bezeichnen.1340 Das Religionstypische bzw. das spezifisch Religiöse betrifft die Betrachtung und die Wahrnehmung der Wirklich- 8. 1335 Bucher, Rainer: Hitlers Theologie, Würzburg 2008, S. 33 1336 Vgl.: Bärsch, Claus-Ekkehard: Der Topos der Politischen Religion aus der Perspektive der Religionspolitologie, in: Ley, Michael/ Neisser, Heinrich/ Weiss, Gilbert (Hrsg.): Politische Religion? Politik, Religion und Anthropologie im Werk von Eric Voegelin, München 2003, S. 175. Der Schweizer Theologe Rainer Bucher fasst präzise zusammen, daß Politische Religionen: „Heilslehren [seien], die, wie die klassischen Religionen, das Ganze der Geschichte erklären, anders als sie aber ein in der Geschichte erreichbares Endziel der Geschichte vorstellen. Diese Erreichbarkeit rechtfertigt nun aber absolute Gewalt, nicht als Ausbruch roher Leidenschaften, sondern als kalte Exekution einer erkannten Logik, als ‚Säuberung’, und ‚Befreiung’. Politische Religionen seien also nicht einfach ein Rückfall in frühere Grausamkeiten, sondern Ausdruck eines neuen immanenten, aber absoluten Glaubens.“ Bucher: Hitlers Theologie, a.a.O., S. 130/31 1337 Insofern Voegelin durch sein Dekapitierungs-Theorem (siehe die folgende Seite dieser Arbeit) allerdings nahelegt, daß hier eine, eigentlich unzulässige, „Grundwandlung vom Natürlichen zum Göttlichen“ passiere, die Transzendenz also willkürlich gesetzt und gewaltsam geglaubt wird. Voegelin hat wohl auch deshalb von dieser Qualifizierung späterhin Abstand genommen. Voegelin: Religionen, a.a.O., S. 17 1338 Vgl.: Ebd., S. 12 1339 Hitler blieb sehr skeptisch gegenüber der Verbindung eines sog. „Deutschen Christentums“, und lehnt Christlichkeit als solche weitgehend ab: „Ob nun Altes Testament oder Neues, ob bloß Jesuworte wie der Houston Stewart Chamberlain will: alles ist doch nur derselbe jüdische Schwindel. Es ist alles eins und macht uns nicht frei. Eine deutsche Kirche, ein deutsches Christentum ist Krampf. Man ist entweder Christ oder Deutscher. Beides kann man nicht sein.“ Hitler zitiert nach Bermbach: Chamberlain, a.a.O., S. 587, Hervorhebung des Verfassers 1340 „Beide Bewegungen [‚Kommunismus und Nationalsozialismus‘], bisweilen auch als ‚politische Religionen‘ bezeichnet, boten eine Weltanschauung, die letztendlich mit anderen Konzeptionen, auch 289 keit, die in religiöser Erregung geschehe, und dabei einerseits die „Seinsherrlichkeit der Schöpfung“ oder andererseits die „Unzulänglichkeit der Welt“ als gedankliche Bezugspunkte aufweist. Vergleichbar und ähnlich sind die Art und Weise der Glaubens- Intensität, der Hoffnungsgehalt sowie der Ehrfurcht gebietende Schrecken des Erhabenen bei einerseits Geist- bzw. Erlösungsreligionen und andererseits Politischen Religionen. Rainer Bucher konstatiert, daß Hitler inbezug auf die Kirchen bzw. Konfessionen eine Politik der Äquidistanz verfolgt habe, die gar als „in religiösen Fragen neutral“ erscheinen sollte. Abgesehen davon sei aber die „Inszenierung des Nationalsozialismus als Säkularreligion“ deutlich herauszustellen. Der Führer habe sich: „…als der vom ‚Allmächtigen’ gesandte Messias, der das deutsche Volk von allen Übeln erlösen würde [stilisiert]. Der Sakralisierung seiner Person entsprach die Stilisierung seiner Gefolgschaft zu ‚Jüngern’, die ihm bedingungslos ergeben und notfalls bereit waren, ihr Leben für ihn in die Schanze zu schlagen. Unentwegt beschwor Hitler die Macht des Glaubens, der angeblich Berge versetzen könne, und in kaum einer Rede fehlten gebetsartige Wendungen und Anspielungen auf christliches Gedankengut.“1341 Die Ausgangslagen derart religiösen Denkens sind extrem und reichen von Vorstellungen der Ordnung bis Nicht-Ordnung. Diese jeweiligen Folgerungen sind also alles entscheidend, in ihnen wird die fundamentale Differenzierung von Kosmos und Chaos vollzogen. Daß das politisch-religiöse Element der absoluten Entgrenzung – in der Revolte und der fanatisch-gewalttätigen Vernichtung, die allen Totalitarismen eignet – in der absoluten Justifikation derselben besteht, hat zuletzt einmal mehr Martin Baumeister betont.1342 Baumeister zeigt die interpretatorische Schnittmenge der einschlägigen Forschung zu den „Politischen Religionen“ (Kommunismus, Nationalsozialismus und Faschismus), die in der „durch fortschreitende Säkularisierung ausgelösten schweren geistigen Krise“ zu diagnostizieren sei.1343 Hier ist das besondere Phänomen der, infolge dieser Krise entstehenden, innerweltlichen – politischen – Religionen zu betrachten. Eine „Verweltlichung“ tritt Voegelin zufolge ein, indem gleichsam „das göttliche Haupt abgeschlagen [Dekapitation]“ werde. An seine, Gottes, Stelle wird der Staat gesetzt, die Rasse, die Klasse, ein Volk, ein „großer“ Mensch usw. Die konkreten Folgen führen zudem zu einer „Sakralisierung des Opfers“, [sowie des Opferns], das – im Sinne eines „Real-Vollzugs des Ritus“ als „Menschenopfer in den Vernichtungsanstalten“1344 – unter der Prämisse einer abmit den existierenden religiösen Traditionen, unvereinbar war, und beanspruchen den Platz, den die überlieferte Religion in der Vergangenheit eingenommen hatte. Neben der Übernahme ‚religiöser Inhalte‘ (Dogma, Apokalypse und Eschatologie, Messianismus) erfüllten beide Bewegungen sowohl für die Gesellschaft als auch für das Individuum bestimmte Funktionen traditioneller Religionen.“ Haring, Sabine A.: Der Neue Mensch im Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), Beilage zur Wochenzeitschrift Das Parlament, Titel „Der Neue Mensch“, 66. Jahrgang, 37-38/2016, S. 10, Hervorhebung des Verfassers 1341 Ullrich: Hitler, a.a.O., S. 706 1342 Baumeister, Martin: Faschismus als „politische Religion“, in: Zeitgeschichte im Gespräch, Band 20: Schlemmer, Thomas/ Woller, Hans (Hrsg.): Der Faschismus in Europa – Wege der Forschung, München 2014 1343 Vgl. ebd., S. 65 8. Politische Religion und Politische Theologie 290 soluten Justifikation inszeniert wird. Die sozusagen re-kapitierenden Phänomene, auf die sich die Perspektive jeweils verabsolutierend verengt, werden somit zum je Allerwirklichsten (Realissimum). Das bedeutet, „es rückt an die Stelle Gottes und verdeckt dadurch alles andere – auch, und vor allem, Gott“. Fortan ist das Allerwirklichste nicht mehr Gegenstand des rationalen Diskurses, nicht länger dem „Urteil des Erkennenden“ unterzogen, sondern das „Dogma des Gläubigen.“1345 Es markiert, wie Bärsch konstatiert, die Unterscheidung eines „Realissimum ohne Gott“ im Gegensatz zu Gott als Realissimum („Realissimum mit Gott“).1346 Die Perzeption des Chaotisch-Ungeordneten in der Welt widerspiegelt sich in Ordnungssüchten, die vor allem bei Hitler, Rosenberg und Chamberlain konkret als Homogenisierungsobsession zu bezeichnen waren. Die psychoanalytisch fundierte Deutung Klaus-Jürgen Grüns verweist diesbezüglich auf eine narzisstische Angst- Störung, die er als entscheidendes movens des Glaubens und der Taten letztlich aller „Diktatoren“ ausmacht. Dem „peinlichen Trieb nach Reinheit“ werde durch gewaltsamen Terror als Weg der Wiederherstellung von „Rassenreinheit, Tugendreinheit, Reinheit der Kunststile und vielem mehr [also beispielsweise auch: Klassenreinheit1347 oder religiös-dogmatische Reinheit und Puritanismus]“ entsprochen. Purifikations-Obsedierte betrachteten es als: „…eine höhere moralische Pflicht, Ordnung in ihrem Volk herzustellen. Ihr Antrieb ist die Angst vor der Unordnung und vor dem unbeherrschbaren Chaos.“ Insbesondere die Forderungen Hitlers – „ein Volk brauche gemeinsame Auffassungen, seien sie religiöser oder sonst wie weltanschaulicher Grundlage“ – belegten dies in besonderer Weise.1348 Ob und falls ja, inwiefern Adolf Hitler Religion hatte, wie er’s mit derselben gehalten habe, welche religiösen Wahrnehmungsmuster seiner Weltanschauung zugrunde liegen, ist relativ komplex beleuchtet worden, der Primärquelle, für Hitlers Person selbst, nur mehr implizit bzw. indirekt zu entnehmen. Daß die ideologische Bezugsgröße des rassistischen Antisemitismus der Nationalsozialisten auch religiöser Natur ist, und 1344 Michael Ley zitiert nach Baumeister, a.a.O., S. 62 1345 Vgl.: Voegelin, Politische Religionen, a.a.O., S. 14 1346 Bärsch: Topos, a.a.O., S. 181 1347 Auch die ungeheuerlichen Ereignisse, die in der Regel mit dem absonderlichen Euphemismus Kulturrevolution erfasst werden, können im Sinne einer Purifikationsobsession, die metaphysische Bezüge aufweist, verstanden werden. Mao Tse-tungs ideologisches Purifikationsunternehmen [Hedda Herwig, die die Übersetzung Liftons besorgte] habe stattgefunden „im Namen einer höheren Sache, [mit dem] Drang zur Beseitigung des Bösen“ und der Absicht, „Gesinnungsintegrität“ herbeizuführen. Dazu der US-amerikanische Psychiater Robert Jay Lifton: „Beide [‚Reinheit und Macht‘] rufen letzten Endes eine Art göttlicher oder zumindest übermenschlicher Vorstellung hervor. (…) Macht ist ‚gottähnlich‘ im ominöseren Sinne von hybris, insofern der Mensch göttliche Rechte usurpiert bzw. sich selber für Gott hält. (…) Sie [transzendenzbezogene Macht- und Reinheitsmotive] führen, im Falle der chinesischen Revolution, leicht zu Formen des Totalismus [sic]. Die Polarisierung von Gut und Böse, die damit einhergeht, führt dazu, daß Unterschiede zwischen ‚Menschen‘ und ‚Nicht-Menschen‘ gemacht werden, daß entschieden wird, welche Gruppen existieren dürfen und welche nicht, oder sie führt zum ‚Entzug der Existenzberechtigungen‘, wie ich es genannt habe, alles im Namen einer höheren Tugend.“ Lifton, Robert Jay: Die Unsterblichkeit des Revolutionärs – Mao Tse-tung und die chinesische Kulturrevolution, München 1970, S. 64-68 1348 Grün: Angst, a.a.O., S. 182 8. Politische Religion und Politische Theologie 291 der Erwartung politisch herzustellenden irdischen Heils diene, belegt außerdem die Tatsache, daß: „… der Glaube an die Überlegenheit der arisch-nordischen Rasse als Substanz des deutschen Volkes aus der Divinisierung der arisch-nordischen Kollektivität folgt. Der Glaube, die Welt durch das deutsche Volk überhaupt erlösen zu können, korrespondiert mit der Annahme, die Welt beherrschen zu können und zu müssen. Die Annahme der prinzipiellen Überlegenheit der Substanz des deutschen Volkes, also der Rasse der Arier, wird nicht empirisch-darwinistisch-biologisch abgeleitet, sondern mit Hilfe einer religiösen Ursprungsspekulation begründet; …“1349 Diese Konstruktion bedurfte ideologisch der komplementären Überhöhung der kleinen Gruppe, die die Juden welthistorisch immer blieben, als Inkarnation des überirdischen Bösen. Andernfalls wäre es tatsächlich schlicht sinnlos, den Juden „die riesige Macht über alle Völker siegen zu können“ zu unterstellen.1350 Bucher bemerkt, daß es einen gravierenden Unterschied bedeute, einerseits nach Hitlers „persönlich zutiefst geteilte[m] Glaubensinhalt oder gar um seine persönliche Religiosität im Sinne seines Glaubensvollzugs“ zu fragen. Oder aber andererseits die politische Theologie des Nationalsozialismus zu betrachten, die in „ästhetische und rituelle Gegenwart“ überführt worden sei.1351 Die zutiefst persönlichen Elemente in Hitlers Religiosität sind – wie wohl bei jedem Menschen – analytisch schwer zu fassen und auch zu belegen. Denn selbst explizit geäußerte confessiones bleiben letztlich unter dem Vorbehalt prinzipiell nicht nachweisbarer Authentizität. Wenn Hitler sich auf den „Allmächtigen“ beruft, und für das deutsche Volk besondere missionarische Bestimmung postuliert, ist nicht klar, ob er den christlichen Gott oder einen anderen Gott meint oder nicht meint. Wenn er seinem Glauben, der obendrein fanatisch, fest und unumstößlich sei, Ausdruck verleiht, ist nicht sicher, welcher Art die damit verbundenen (religiösen wie politischen) Hoffnungen oder Gewissheiten sind. Relativ eindeutig sind die mit seinem Glauben verbundenen Gefahren und Phobien, die in ein globales, menschheitsgeschichtliches und -bedrohendes, apokalyptisches Szenarium eingebracht werden. Wie sicher, tief und fest verankert die Form (sein Glaube) ist, hat Hitler bewiesen, z.B. indem er, der immer prekärer werdenden militärischen Lage des Deutschen Reiches zum Trotz, an der „Endlösung“ durch Vernichtung und den damit gebundenen Ressourcen, die logischerweise der äußeren Verteidigungskraft abgingen, nicht rüttelte, oder letztlich lieber an der Befähigung und damit dem Wert und der Würdigkeit „seines“ deutschen Volkes (ver)zweifelte, als an seinem apokalyptischen Glauben an die Notwendigkeit der Vernichtung einer bestimmten Gruppe von Menschen. Es geht also um Inhalte (das Geglaubte), die nachlesbar geschrieben stehen. Daß die nationalsozialistische „Öffentlichkeitsarbeit“ ostensibel „alle Attribute einer Ersatzreligion“ aufweise, ist deutlich. David Clay Large interpretiert diesen Be- 1349 Bärsch, Claus-Ekkehard: Politische Heilserwartungen und ihre Folgen, in: Egner, Helga (Hrsg.): Heilung und Heil. Begegnung – Verantwortung – Interkultureller Dialog, mit einem Vorwort von Verena Kast, Düsseldorf und Zürich 2003, S. 89 1350 Vgl. ebd.: S. 87 1351 Bucher: Theologie, a.a.O., S. 27 8. Politische Religion und Politische Theologie 292 fund wortgetreu, ist er doch der Ansicht, es werde vor allem im oder beim Volk und den Menschen Vorhandenes (Religiosität) gebraucht und gleichsam ‚umgeleitet’ („braunes Hochamt“), wozu die Nationalsozialisten laut Large eigentlich alles nützten, das irgend sakrales Potential berge – so bedienten sie sich: „... freimütig aus einer Vielzahl von Quellen: der griechischen und der römischen Antike, dem christlichen Mittelalter, dem nordischen Mythenschatz und den Opern Richard Wagners (vor allem Siegfrieds Trauermarsch). Sie versuchten schamlos, alle Attribute einer Ersatzreligion in Stellung zu bringen, in der Hoffnung, bei den Menschen jene tiefwurzelnde Loyalität erzeugen zu können, wie sie einem religiösen Glauben innewohnt. Die Teilnahme an solchen Riten, und sei es nur als Augenzeuge, würde, so das Kalkül der braunen Hohepriester, ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl hervorbringen und ihrem ganzen Unternehmen einen Hauch sakraler Weihe verleihen.“1352 Fraglich ist die von Large angenommene „Schamlosigkeit“, ein Befund, der durchaus impliziert, daß die Nationalsozialisten das Religiöse nurmehr instrumentalisiert haben würden, statt in wahrhaftig religiöser Überzeugung zu denken und zu handeln. Für die apokalyptische Wahrnehmung von Welt und Geschichte (die auf den Nenner „Finaler Kampf des Guten gegen das Böse“ gebracht werden kann) sind Bezüge zur in der Spätantike entwickelten, aber je nach Sichtweise bis in die Gegenwart hineinreichenden, Gnosis bzw. die gnostische Wahrnehmung von Welt grundlegend. Die durch die Nationalsozialisten geglaubte Inferiorisierung und Superiorisierung letztlich zweierlei Menschheit basiert auf gnostischer Differenzierung, deren wesentlicher „Gedanke ist, daß es zwei wesenhaft verschiedene Klassen von Menschen gibt, liege aller Gnosis zugrunde.“1353 Hans-Christof Kraus betont den „weiten historischen Bogen“, den Voegelin in der Kennzeichnung einer apokalyptischen Schnittmenge von spätantiker Gnosis bis hin zu totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts schlägt, die stets „im Kern gleiche Grundideen“ vorhalten – ein strikter Dichotomismus, der das „Bestehende konsequent verneint und mit Hilfe totaler Vernichtung des ‚Falschen‘ und ‚Bösen‘ eine – wie im einzelnen auch immer geartete – ‚neue Welt‘ zu errichten beabsichtigt.“ Sie speisen dann sowohl einen „aktivistischen Glauben“ als auch einen „aktivistischen Nihilismus“ unter den Anhängern solcher Bewegungen.1354 Politische Religionen sind also in eine Reihe „gnostischer Massenbewegungen“1355 einzuordnen, zu denen vor allem auch der Nationalsozialismus zu rechnen ist – Voegelin erfasst konstante Wesens-Charakteristika, die in der politisch-religiösen Apprehension konsekutiv abfolgen: 1352 Large: Hitlers München, a.a.O., S. 334/33. Einigermaßen skurril mutet Larges Reihung an, die die Abzählung weltgeschichtlicher oder kultureller Epochen mit „Opern Richard Wagners“ beschließt und diese als Quellen bezeichnet, aus denen sich die nationalsozialistische „Ersatzreligion“ speise. 1353 Diese Diktum Richard Reitzensteins aus dem Jahre 1926 ist vorangestellt als Leitgedanke und hier zitiert nach: Strohm, Harald: Die Gnosis und der Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1996 1354 Vgl.: Kraus, Hans-Christof: Eric Voegelin redivivus? Politische Wissenschaft als Politische Theologie, in: Ley/ Schoeps (Hrsg.): Nationalsozialismus, a.a.O., S. 84 f. 1355 Voegelin, Eric: Religionsersatz. Die gnostischen Massenbewegungen unserer Zeit, in: Ders.: Der Gottesmord, a.a.O., S. 105 8. Politische Religion und Politische Theologie 293 – die Unzufriedenheit mit und in der Realität; – die Interpretation dieses Umstandes, die auf die Diagnose einer defizienten Ordnung hinausläuft; – der Glaube an die (diesseitige) Erlösung von irdischen Übeln; – eine Historisierung des Erlösungsprozesses, – im Verlaufe dessen aus der schlechten eine gute Welt tätig geschaffen werden kann – das vermeintliche Erlösungspotential liege also innerhalb des „menschlichen Handlungsbereiches“. Das eigentlich Erstrebenswerte des gnostisch Bewegten ist freilich „das Wissen, die Gnosis“. Diese besondere, meist als exklusiv ausgegebene Kenntnis der Rezeptur zur „Selbst- oder Welterlösung“, der „Methode zur Änderung des Seins“ veranlasst diese Wissenden, bereitwillig, eine – Beglückung und Erlösung verheißende – prophetische Funktion auszufüllen.1356 Nachdem Voegelin den spezifischen Begriff der Politischen Religion dennoch aufgab1357, hielt Bärsch in differenzierender Weise daran fest. Bärschs Forschung zufolge sei die Politische Religion des Nationalsozialismus keine Politische Religion im Sinne Voegelins, in der Transzendenz radikal immanentisiert werde. Denn der Glaube an das Jenseits ist, so Bärsch, für Hitler wesentliches Merkmal seiner (arischen) „Religion“. Die Transzendenz wird insofern also nur partiell immanentisiert. Die Immanentisierung besteht in der Substantialisierung bestimmter Kollektivsubjekte. Entsprechend ist bei allen ideologisch-relevanten Topoi wie „Volk“, „Rasse“, „Reich“, „Arier“ oder „Jude“ eine essentielle religiöse Dimension erkennbar. Die weitverbreitete These, derzufolge der NS-Ideologie vor allem die Qualität einer bloßen „neuheidnischen“ Religiosität zuzumessen sei, ist also auch insofern unhaltbar. Gleiches gilt für die noch weiter verbreitete These, die NS-Ideologie basiere auf einem sozialdarwinistischen Konstrukt, demgemäß Hitler explizit widersprüchlich argumentiert bzw. auch hier ohne den Hinweis auf Gott nicht auskommt.1358 Wenngleich eine okkultistische, neuheidnische Affinität zwar z.B. auf das ideologische Umfeld des Reichsführer SS, Heinrich Himmler, zutreffen mag, ist bei den führenden Ideologen des „Dritten Reiches“ – Rosenberg, Goebbels, auch bei Vordenkern wie Chamberlain, und bei Hitler selbst – eine am Christentum orientierte „Weltanschauung“ wirksam. Die „Erlösung“ der Menschheit in der Geschichte, also in dieser Welt, wird konkret durch die Errichtung eines „Dritten Reiches“ in Zukunft erwartet, und passiere infolge einer apokalyptischen Krise, die auf einen finalen Kampf zwischen Gut und Böse hinausweist. Die (divinisierte) Rasse der Arier, inkarniert als seelische Substanz 1356 Vgl.: Ebd., S. 107 ff. 1357 „Die Interpretation ist nicht völlig falsch, aber ich würde den Begriff Religion nicht länger verwenden…“ Die Abstandnahme Voegelins resultiert aus der Revision der Gewichtung bzw. Bewertung des Verhältnisses und der Position von Transzendenz und Immanenz, also letztlich auch der genaueren Definition von Religion. Voegelin, Eric: Autobiographische Reflexionen, herausgegeben und eingeleitet mit einer Bibliographie von Peter J. Opitz, München 1994, S. 70 1358 Vgl. Bärsch, Claus-Ekkehard: Hitlers politische Religion. Die Divinisierung der Deutschen, die Satanisierung der Juden und der Genozid. In: Leidhold (Hrsg.): Politik und Politeia, a.a.O., S. 9 ff. 8. Politische Religion und Politische Theologie 294 in den Angehörigen vor allem des Deutschen Volkes, sei das göttliche (-gesandte und -legitimierte) Werkzeug im fundamentalen Endkampf mit der – dualistisch grundiert – identifizierten (satanisierten) „Gegenrasse“, deren Fortbestand den eigenen Untergang zwingend herbeiführe. Insofern wird beständig der „Allmächtige“ herbeizitiert. Der Glaube an die Vollführung „göttlichen Willens“ innerhalb eines „Heilsplanes“ ist in sämtlichen programmatischen Schriften durchaus zentral. Die Realpräsenz Gottes finde statt im Blut „des Ariers“ und einer imaginierten Megapsyche der Rasse – habe die „arisch-nordische Seele das ‚Himmelreich’ in ihrem Selbst“, wird „das Böse“ antagonistisch in die „jüdische Rasse“ kollektiviert. Die Dualisierung gipfelt einerseits in der Qualifizierung „des Führers“ als Mittler zwischen Gott und göttlichem Volk (das, der NS-Lehre gemäße, eigentliche „Volk Gottes“), und andererseits der expliziten Gegen-Qualifizierung des Kollektivsingulars, mithin der sog. „Rasse“ „des Juden“ als der „Antichrist“.1359 Das nationalsozialistische Bewusstsein von Mensch, Gesellschaft und Geschichte wird wesentlich (mit-)bestimmt durch religiöse Interpretationsperspektiven, ohne die die ideologisch immanenten Zusammenhänge von Ursprung und Ziel, zwischen Identität und Substanz, Volk und Reich und Führer und Masse nicht hergestellt werden könnten. Im Modus der selbstbezüglichen Wahrnehmung derartiger Kausalitätsstrukturen, wonach die Welt sich um das „göttliche Selbst“ eines Kollektivs („das deutsche Volk“, „die Arier“, „die nordische Rasse“) drehe, konnten Gerechtigkeit, Menschenrechte oder Menschenliebe nicht einmal mehr erkannt werden. Die Annihilation aller Juden ist infolge dieser Wahrnehmung die Konsequenz eines religiös-politischen Rassismus, des Nationalsozialismus als Politische Religion.1360 Bucher sieht einen komplementären Zusammenhang zwischen Hitlers „Politikprojekt“ und seiner „Theologie“, insofern diese jenes überhaupt erst konstituiert und somit fundamental legitimiert habe. Tatsächliches primäres Handlungsziel sei die „Rettung der Welt“. Die dazu nötige Handlung sei die „Vernichtung der Juden“.1361 Dieser Ambition ist alles Weitere bzw. Vorläufige unterzuordnen. Die Ausrottung wird als Erfüllung eines göttlichen Willens begriffen. Dieser Sendung unter allen denkbaren Fährnissen und Widrigkeiten zu entsprechen, ist den Nationalsozialisten indiskutabel und beruht auf „unerschütterlichem Glauben“. Zusammengefasst sind folgende allgemeine Merkmale zur Kennzeichnung einer Pathologie des Religiösen geeignet: 1. Der unerschütterliche Glaube an die Übereinstimmung des jeweils eigenen, konkreten Willens mit dem Willen Gottes. Die Grundlagen solch fundamentalen Grö- ßenwahns sind das vermeintliche Wissen, zum allmächtigen Gott eine außerordentlich-unmittelbare Beziehung zu besitzen, Gott im eigenen Selbst zu haben, sowie an die Gottgleichheit der eigenen Seele oder des eigenen Kollektivs zu glauben. 2. Der Glaube an die von Satan oder dem Teufel bewirkte Personifikation des metaphysisch Bösen im einzelnen Menschen oder in menschlichen Kollektiven. 1359 Vgl.: Bärsch: Nationalsozialismus, a.a.O., S. 342 ff. 1360 Vgl. dazu vor allem Bärsch: Ebd., S. 360-370 1361 Vgl.: Bucher: Theologie, a.a.O., S. 113/114 8. Politische Religion und Politische Theologie 295 3. Der Glaube, zukünftiges Heil schon in dieser Welt durch die Vernichtung der Bösen durch menschliche Taten herbeiführen zu können oder zu müssen. Dies hat eine fatale Konsequenz, daß der total heilige Zweck der zukünftigen Erlösung vom Bösen ebenso auch alle Mittel heiligt. Darüber hinaus ist die Vernichtung der Bösen nicht nur eine Option, sondern wird zum Zwang.1362 In der deutschen Historikerzunft wird das Konzept der Politischen Religion überwiegend abgelehnt, insofern ein allenfalls pseudo-religiöser Charakter des Nationalsozialismus betont wird, was wiederum auf der Annahme basiert, daß dem Nationalsozialismus überhaupt jede „ideologische Substanz“ abgehe.1363 Allerdings sind nicht „religiöses Vokabular“ oder „kultische Feierformen“, die in der Tat als Blendwerk gewertet werden könnten, der analytische Schwerpunkt der Betrachtung, sondern die Diagnose eines „existentiellen Kerns religiösen Charakters.“1364 Substantiell vorhanden ist durchaus ein „dogmatischer Kernbestand“, der deutlich ideologische „Stringenz und Kohärenz“ aufweist.1365 Vorliegende Untersuchung zeigte, daß das Problem in der absurden ideologischen Dis- bzw. Exposition völkischer und nationalsozialistischer Ideologen besteht, die Begriffen wie „Blut“, „Rasse“ und „Volk“ sakrale, soteriologische und fatale Implikationen unterlegen. Daß Hitler und seine Anhänger Religion gehabt haben sollten, und eine Vernichtungsideologie auf einer „politischen Religion“ gründen könne, ist christlichen Menschen oder Kirchgängern bis heute ein inakzeptables Ärgernis. Markus von Hänsel-Hohenhausen1366 überführt seine Aversion in den Versuch der Begründung des Hitlerschen Nationalsozialismus durch die Aufklärung, na- 1362 Die Merkmale sind der Forschung Claus-E. Bärschs entlehnt, und sind zuletzt dargelegt in: Bärsch: Die Shoah und die Juden, unveröffentlichtes Aufsatzmanuskript 2011. Ich danke für die freundliche Überlassung des Manuskripts. 1363 Vgl.: Vondung: Deutsche Wege zur Erlösung, a.a.O., S. 30/31. „Weltanschauung“ sei, so einer der prägnantesten Vertreter dieser Historiker, Golo Mann, „der Nationalsozialismus“ nie gewesen, sondern „geschichtlich Einmaliges, an das Individuum und den Augenblick Gebundenes (…) Ein Rauschzustand, durch ein Rudel von Berauschungstechnikern hervorgerufen und wenige Jahre lang durchgehalten. Eine Maschine zur Erzeugung von Macht, Sicherung von Macht, Erweiterung von Macht (…) Die Intensität des Machtwillens war beträchtlich; die Doktrin war es nicht.“ Alles in allem [totalitäre, zynisch opportunistische] „Nachahmung der Kommunisten, der Jakobiner.“ Mann, Golo: Deutsche Geschichte, a.a.O., S. 862-865 1364 Ebd., S. 28 1365 Vgl.: Ebd., S. 32. Einen religiösen Charakter bergen rechtsextreme und (neo-) nationalsozialistische Ideologien kontinuierlich bis in die Gegenwart. Stefan von Hoyningen-Hüne markiert den fließenden Übergang der Ideologie in die Religion infolge der Analyse aktuellen subkulturellen Rechtsextremismus‘ wie folgt: Erste Hinweise ergebe die Existenz von „Mythen, Heilsversprechen, Mystifizierungen, Rituale[n] und Symbole[n]“. Außerdem aber wichtigerer Zugang sei „die Sichtweise der ‚Gläubigen‘ selbst. Welche Funktion messen sie [Rechtsextreme in der Bundesrepublik Deutschland] ihrer Ideologie selbst bei? Wenn ihr persönliches Wohlbefinden von Konstrukten wie ‚Reinheit der Rasse‘ oder der Situation von ‚Reich‘, ‚Deutschland‘ oder dem ‚Vaterland‘ abhängig gemacht wird bzw. sie sich davon eine Form von ‚Erlösung‘ versprechen, dann wäre das ein deutlicher Hinweis auf Religiosität.“ Hoyningen-Hüne, Stefan von: Religiosität in der Biografie rechtsextrem orientierter Jugendlicher, in: Speit, Andreas (Hrsg.): „Ohne Juda, ohne Rom“ – Esoterik und Heidentum im subkulturellen Rechtsextremismus, Braunschweig 2010, S. 52 f. 8. Politische Religion und Politische Theologie 296 mentlich Immanuel Kants – der Nationalsozialismus habe „die Aufklärung rezipiert“ und „vollstreckt.“1367 Die mutmaßliche aufklärerische Schnittmenge enthalte die „Selbstermächtigung des Menschen“ sowie den „Positivismus“ („der Glaube daran, dass gut und richtig ist, was der Gesetzgeber anordnet“). Aus derlei Subjektivismus sei dann die, „dem Naturrecht“ widerstrebende Anmaßung [da „keinem Menschen zustehend“] abgeleitet, „darüber zu entscheiden, wer das Recht zu leben hat und wer nicht“. Die zu beobachtenden Formen religiöser Praxis und christlicher Anleihe innerhalb des Nationalsozialismus‘ sowie die Bekenntnisse Adolf Hitlers und seiner Führungselite seien aber vor allem „Parasitismus am Christentum“.1368 Der Autor erkennt allenthalben Immanentismus und Materialismus, und lehnt es daher ab, transzendente Bezüge für eine politische Religion des Nationalsozialismus gelten zu lassen. Die gegenläufigen Analysen („politische Religion des NS“ (z.B. Bärsch) vs. „aufklärerischer, materialistischer, strikt immanenter NS“ (z.B. Hänsel-Hohenhausen)) halten jedoch recht lange gleichen Schritt. Unvereinbarkeit entsteht letztlich in der Engführung auf den Transzendenzbegriff. Schließlich glaubt Hänsel-Hohenhausen, den innerweltlichen und daher politischen Gebrauch „religiöser Bilder wie Endzeitlichkeit und Erlösung“ als Indiz „fadenscheiniger Metaphysik“ markieren zu können: „Die sehr einfache und, wie gesagt, fadenscheinige Metaphysik, deutet die Welt trotz der verwendeten Schlagworte nicht von einer göttlichen Kraft, sondern vom Menschen und von seinem biologischen Material her, dem allerdings ein übermaterieller, geistiger Rang zukommen sollte. Eine Metaphysik des Immanenten ist jedoch niemals mehr als Scheinmetaphysik, der Geist, der die Materie hebt, aber sich in die Materie zurückfaltet, ein logischer Zirkel.“1369 Diese Formulierung ist nicht minder gelungen als zutreffend. Zu berücksichtigen ist jedoch – was der Autor völlig ignoriert –, daß diese durch politisch-religiös Ver(w)irrte geglaubte und geübte, natürlich abstruse Einbeziehung „göttlicher Kraft“ sowie die metaphysische Überhöhung eines Volkes, der „arischen“ Rasse usw. im Sinne einer „politischen“ Religion, deren explizite Identifikations-Kriterien sind, und im Sinne dieses Konzeptes eindeutig als pathologische (religiöse) Aberration eingeordnet werden. Daß Adolf Hitler und die Nationalsozialisten subjektiv ihre Rasse und eine mit ihr verbundene göttliche Sendung metaphysisch überhöhen und daran glaubten, bleibt davon unberührt. Und nur darauf kommt es an. Hänsel-Hohenhausen unterstellt, daß die politikwissenschaftliche Diagnose der „politischen Religion“ auf denselben Prämissen beruhe, wie sie selbst: i.e. der „aufgeklärte Subjektivismus“1370 und die „ne- 1366 Hinter diesem abenteuerlichen Pseudonym verbirgt sich der Jesuit Donatus von Hohenzollern. Der Abstammung aus „hohem Hause“ soll wohl eine volkstümliche „Hanselhaftigkeit“ beigesellt werden. 1367 Hänsel-Hohenhausen, Markus von: Hitler und die Aufklärung – Der philosophische Ort des Dritten Reiches, Frankfurt am Main 2013, S. 43 1368 Vgl: Ebd., Vorbemerkung, S. 11-16 1369 Ebd., S. 63 1370 Ebd., S. 70 8. Politische Religion und Politische Theologie 297 gative Voreinstellung zu Religion“1371, was dazu führe, Religion auch „innerweltlich“ für beobachtbar, da wirksam zu halten. Jobst Paul fasst diesen Befund mit explizitem Bezug auf die These Bärschs zutreffend zusammen: „Hitlers Konstruktion einer ‚Heilsgeschichte’ kann dann nicht als ‚Camouflage’ abgetan werden, sondern spiegelt die politische Potenz christlicher – und darin auch abendländisch-geistiger – Ideologeme, deren Latenz es endlich zu überwinden gilt.“1372 Die Konstruktion des „gewaltigsten Gegensatzes“ konnte für den Vertreter eines Volkes, das die Höhe einer welthistorischen „arischen Rasse“ markiere, und der sich überdies seiner göttlichen Sendung, Vermittlung und Beauftragung gewiß ist, ganz so wie Hitler es phantasierte, politisch-religiöser Motive nicht entbehren. Deren Gegensatz, zumal der gewaltigste, besteht dann logischerweise in einer inkarniert-kollektivierten Dämonisierung und Satanisierung, die Menschen betraf, die tatsächlich, zufällig oder mutwillig als Juden oder als Kinder von Menschen mosaischen Glaubens geboren oder dafürgehalten wurden. Heilsideologisch immanentisierte Bezüge gehen über die Widerwärtigkeiten konventioneller Rassismen weit hinaus, sie sind effektiv ganz anders. Nicht eine hierbei sonst auch unterstellte genetische Disparität von Herrenmenschen und Untermenschen allein, derzufolge moralische oder zivilisatorische Inferiorität abgeleitet wird, ist entscheidend. Denn die innerhalb dieser Idee, die an sich freilich schrecklich und dumm genug ist, erfassten Menschen sind z.B. Slaven, Russen, oder sog. „Neger“, kurzum „Kuli- und Fellachenrassen“, die zu unterjochen, zu versklaven und auszubeuten waren, oder die gegebenenfalls im Rahmen einer passageren Kooperation zu instrumentalisieren sind – ausgerottet werden, mußten sie ideologie-inhärent jedoch nicht. Die notwendig zu vernichtenden Juden hatten in den Augen der Nationalsozialisten deshalb „Schlimmeres“ resp. „Geringeres“ als Untermenschen und Barbaren oder als Tiere zu sein: „Für die Nationalsozialisten waren die Juden keine Barbaren. Für die Nationalsozialisten waren die Juden auch nicht bloße Untermenschen. Untermenschen konnten z.B. die Russen sein, mit denen man sich aber verbünden konnte … Die Nationalsozialisten hatten auch nicht das Bewußtsein eines nur biologischen Unterschiedes zwischen ihnen und den Juden. Für Hitler war der Jude [nicht] deshalb kein Mensch, weil er nur eine Mischung zwischen Mensch und Tier oder nur ein Tier war. Nicht weil die Juden im rassischen Bewußtsein der Nationalsozialisten Tiere waren, wurden sie entwürdigt, entrechtet, bekämpft und getötet. Tiere wurden weit besser behandelt. Die Nationalsozialisten ermordeten die Juden auch nicht bestialisch, sondern menschlich.“1373 Der menschliche Aspekt innerhalb des rationalen Kalküls, der die bürokratische Organisation fabrikationeller Massenvernichtung prägt, bleibt bestehen, und bedeutet die (ewig-) bleibende Unfassbarkeit der Ereignisse. 1371 Ebd., S. 80 1372 Paul, Jobst: ‚Erinnerung’ als Kompetenz – Zum didaktischen Umgang mit Rassismus, Antisemitismus und Ausgrenzung, Duisburg 1999, S. 92 1373 Bärsch, Claus-Ekkehard: Der Jude als Antichrist in der NS-Ideologie – Die kollektive Identität der Deutschen und der Antisemitismus unter religionspolitologischer Perspektive, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, 47. Jahrgang, Heft 2, Leiden 1995, S. 185/86 8. Politische Religion und Politische Theologie 298 Der Dämonisierung der Juden durch Hitler folgte die Dämonisierung der Person Hitlers, durch sich selbst exkulpierende, angeblich „verführte“ und sich vor allem daher selbstbemitleidende „magisch manipulierte“ Deutsche, die sich dann außerdem auf Unwissen, Amnesie oder Befehlsnotstand berufen.1374 Insbesondere Hannah Arendt verwies, jenseits der „Sadisten und Perversen“, dezidiert auf die „normalen Zeitgenossen“, die bekanntlich hauptsächlich durch ihre beinahe bejammernswerte „Banalität“ gekennzeichnet sind.1375 Eric Voegelin las über „Hitler und die Deutschen“, um ihnen zu zeigen, daß sie selbst die Gesellschaft bildeten, in der „die Nationalsozialisten gesellschaftlich repräsentativ werden konnten.“1376 Hitler hatte im Jahre 1926 bewußt den Weg des revolutionären Kampfes zugunsten des parlamentarischen und elektoralen Weges zur Macht verworfen.1377 Und zwar nicht nur, weil er unter der Erfahrung eines gescheiterten Putsches steht, sondern weil er fortan die „Legalitätstaktik“1378 – wie sich erweisen sollte, zurecht – als erfolgversprechender betrachtete. 1374 Dieser Perspektive wird leider immer noch in den meisten Unterrichtsmaterialien für den Geschichtsunterricht Vorschub geleistet. Mit der überbetonenden Nennung von „Hitler, Goebbels, Göring entlastet [man] die übrigen Täter als unideologische Befehlsempfänger“, was bei den Schülern „zu einer Auffassung von den Tätern als relativ isolierte, pathologische Ausnahmefiguren“ im Gegensatz zu Deutschen als einer „diffusen, zwischen Zustimmung und Entrüstung oszillierenden, verwirrten und indoktrinierten Masse“ beitrage. Vgl.: Fuchs, Eckhardt (Hrsg.): Deutsch-Israelische Schulbuchempfehlungen – Studie durchgeführt vom Georg-Eckert-Institut, Göttingen 2015, S. 42/43 1375 Vgl.: Arendt, Hannah: Über das Böse – Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik [1965]. Aus dem Nachlaß herausgegeben von Jerome Kohn, aus dem Englischen von Ursula Ludz, München 2007, S. 23 1376 Voegelin: Hitler und die Deutschen, a.a.O., S. 75 1377 Vgl.: Overy: Diktatoren, a.a.O., S. 66 1378 Zehnpfennig: Buch mit Geschichte, a.a.O., S. 24 8. Politische Religion und Politische Theologie 299

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References

Zusammenfassung

Mit diesem Buch liefert Alexander Schmidt eine profunde Analyse der oft vermuteten Vorbildwirkung Richard Wagners für die völkische und nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungsideologie des 19. und 20. Jahrhunderts. Hierzu leistet der Autor eine ideengeschichtliche Gegenüberstellung ausgewählter Facetten der „Weltanschauungen“ Chamberlains, Rosenbergs, Hitlers und Wagners und deren jeweilige Konkretisierung der sogenannten „Jüdischen Frage“.

Werkimmanent, jedoch mit vielfältigen Bezügen zu politischen, ideologischen, philosophischen und feuilletonistischen Sekundärschriften, vergleicht er die jeweils angestrebte Gesellschaftsordnung sowie das Menschenbild der geschichtlichen Personen und gewährt dabei umfassende Einsichten in das weltanschauliche Gedankengebäude Richard Wagners sowie über die oft fälschlicherweise angenommene Vorbildwirkung seiner Schriften für die antisemitischen Ergüsse Chamberlains, Rosenbergs und Hitlers.