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7. Adolf Hitler in:

Alexander Schmidt

Die ideologische Rezeption der Judenfeindschaft Richard Wagners, page 261 - 288

Ursprung, Verlauf und Konsequenzen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3950-2, ISBN online: 978-3-8288-6812-0, https://doi.org/10.5771/9783828868120-261

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 73

Tectum, Baden-Baden
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Adolf Hitler „Es gehört Geschick dazu, Fanatiker aus den Menschen zu machen und sie dementsprechend zu lenken.“ (Voltaire)1168 Auch im Falle Adolf Hitlers besteht hier keine Notwendigkeit, einen weiteren biographischen Abriß zu bieten. Entscheidend sind vielmehr die weltanschaulichen Elemente, Strukturen und deren Grundlagen und vor allem, wie diese mit Blick auf die judenfeindlichen Vorklänge seit Wagner als dissonant oder konsonant zu bezeichnen sind. Grundsätzlich gilt für die durch Hitler selbst als Autobiographie konzipierte Schrift Mein Kampf, daß sie in dieser Hinsicht „notorisch unzuverlässig“, und sogar „grundlegende Fakten und Daten schlichtweg falsch“ sind.1169 Rafael Seligmann folgert in seiner mentalitätsgeschichtlichen, im Stile an Sebastian Haffner erinnernden, überzeugenden Hitler-Studie eine geistige Anschlußfähigkeit der Deutschen an ihren Führer, die im Wesentlichen auf einem beiderseits empfundenen Antimodernismus beruhe. Die Studie ist von psychoanalytischen, an Sigmund Freud orientierten, Erkenntnissen1170 getragen, das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Führer wird im Kern mit den Maßstäben der politischen Anthropologie Niccolò Machiavellis erfasst. Die überragende Unterstützung Hitlers durch die Deutschen ist in der Tat eine entscheidende Frage. Seligmann erkennt darin nicht nur eine affektive und charismatische Attraktion zwischen Führer und Geführten, sondern auch eine harmonische Einheit der Sehnsüchte und Ängste, sie bildeten namentlich eine „Volksgemeinschaft der Verbitterten“, die vor allem der Haß auf das Bestehende einigte.1171 Ihre diffusen Stimmungen konnten überdies leicht konkretisiert werden: In der Volksgemeinschaft – die auch Seligmann, wie Götz Aly im Kern als Neid- und Interessengemeinschaft identifiziert – ist der Ort entstanden, der das eigene Versagen, die Minderwertigkeit und die Furcht vor weiterem Abstieg und steigender Demütigung scheinbar zu kompensieren vermochte. Ein moralisch verwahrlostes Volk erholt sich, wird „metaphysisch getröstet“ und in seiner Ablehnung der Moderne bestätigt, insofern das eigene Versagen nicht rational (Webersche Rationalität, auch mit Seligmann, das Merkmal 7. 1168 Voltaire: Über Toleranz [Philosophisches Wörterbuch – Fanatismus, 1877-1883], Berlin 2015, S. 29 1169 Vgl.: Gregor, Neil: „Mein Kampf “ lesen, 70 Jahre später, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Titel „Hitlers ‚Mein Kampf ’“, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, 65. Jahrgang, 43-45/2015, 19. Oktober 2015, S. 5 1170 Hitlers Charakter oszilliere zwischen „Megalomanie und Minderwertigkeitsgefühlen“, und treffe auf ein Volk von Deutschen, das von irrationalen Ängsten getrieben, die mentale Flucht in das Sehnsuchtsgebilde der „germanischen Scholle“ vollzogen hätte. Hitlers „martialisches Auftreten“ habe vor allem der Sublimierung „sexueller Nöte“ gedient. Vgl.: Seligmann: Hitler – Die Deutschen und ihr Führer, a.a.O., S. 46, 16 und 70 1171 Vgl.: Fest: Der Untergang, a.a.O., S. 51/52 261 der Moderne) bearbeitet werden braucht, und die „Divergenz zwischen Wunsch- und Mythenwelt und der Realität“1172 unbeträchtlich und sogar überwindbar erscheinen läßt. Der nun mögliche – plötzlich eröffnete – Aufstieg zu Herrlichkeit und Heil braucht in Weg und Ziel dann ebensowenig durch Vernunft erläutert oder an Recht und Moral geprüft zu werden, so daß Massenvernichtung von Millionen Menschen als politischer Weg (mit-)begangen werden konnte. Denn bereits der politisch legitimierende Beginn qua demokratischer Wahl sei der Beginn einer „dauerhaften Liebesbeziehung“, die sich in „Hingabe“ ausbilde, um schließlich in das wirksamste machiavellistische Stadium der Höhe politischer Macht – als der Verbindung von Liebe und Furcht – überzugehen.1173 Dies sei die Basis der Schicksalsverquickung von Volk und Führer bis in den Massenmord und den Untergang. Als vordergründige Assoziation mit der Moderne wirke die kleinbürgerliche „Angst vor Verarmung und Überfremdung“ sowie „Sozialneid“1174, die die Deutschen ergriffen habe. Als Repräsentanten der Moderne werden primär die Juden begriffen. Die daraus resultierende Sehnsucht verkörpere sich in der Rückwärtsgewandtheit zu einem mythisch gefassten Germanentum. Der Repräsentant dessen sei vor allem Richard Wagner bzw. dessen „Mythen“, die das „Weltbild und das Universum Adolf Hitlers“1175 dominiert hätten. Bereits als zwölfjähriger (erster „Lohengrin“-Besuch) bzw. als sechzehnjähriger Knabe (erster „Rienzi“-Besuch) habe Hitler seine ausgeprägte Mythomanie entwickelt, die fortan mit der Faszination für Richard Wagners Mythenwelt verbunden bliebe. Anhand Rafael Seligmanns völlig zutreffender Einschätzung sind folgende Thesen unter der Voraussetzung zu entwickeln, daß weder Lohengrin noch Rienzi antisemitische Inhalte, die Juden oder das Judentum zum Gegenstand haben: – Die Tatsache, daß Hitlers Enthusiasmus im Ursprung allein auf den mythischen Stoffen Wagners basiert, ist eine wesentliche Ursache für die anhaltende Suche nach antisemitischen Karikaturen in den Libretti der Opern bzw. Musikdramen, in denen er seinen Germanen-Kult feiert (siehe dazu bereits die einleitenden Kapitel vorliegender Untersuchung). – Hitler konnte als Knabe noch keine Ahnung, geschweige denn Kenntnis, von Wagners Judenfeindschaft haben. Seine antisemitische Prägung bezieht er aus anderen Quellen, insofern Joachim C. Fest davon spricht, daß „Hitler [in dieser Hinsicht] am wenigsten“ auf Wagner zurückgehe. – Hitlers Antisemitismus speist sich aus den oben genannten Quellen (Wiener Antisemitenkreise, Chamberlain, Rosenberg), und ist abgesehen davon substantiell und intentionell völlig anders als Wagners Judenfeindschaft geartet. 1172 Seligmann: Hitler – Die Deutschen und ihr Führer, a.a.O., S. 53 1173 Als machiavellistisches Junktim wirkten vor allem virtute et fortuna. Als besondere Tugend Hitlers erkennt Seligmann dessen „Unbedingtheit“, die „völlige Hingabe“ an Partei, Aufgabe, Sendung sowie sein Volk. Vgl.: Ebd. S. 14 und 79 f. 1174 Ebd., S. 31 1175 Ebd., S. 35 7. Adolf Hitler 262 – Die Verengung des Wagnerschen mythologischen Kosmos’ in die einseitige Perspektive der Verherrlichung des „Germanentums“ oder des „Deutschtums“ ist fragwürdig – vor allem mit Blick auf die als Schlüsselerlebnis Hitler gedeutete Wahrnahme besagter Opernwerke, die dann insgesamt eher „ungermanisch“ zu nennen wären. – Nota bene: Daß Wagners Lehrstücke und der Transport seiner mythologischen Inhalte und Anspielungen auch ohne, außerhalb oder in einem anderen als einem „germanischen“ Setting funktionieren, belegen diverse Regisseure weltweit, spätestens mit Beginn des Wirkens Wieland Wagners in Bayreuth im Jahre 1951. Richard Wagner selbst übrigens hatte stets auf Anweisungen zum Setting verzichtet, und den Bühnenbildnern weitgehend freie Hand gelassen.1176 Der „Wagnerianer“ Adolf Hitler ist in dieser Hinsicht also bereits im Knabenalter vollständig entwickelt, und bedurfte in dieser Hinsicht der Lektüre der judenfeindlichen Schriften Richard Wagners gar nicht mehr. Daß die übrigen Themen Wagners – die ästhetisch-politischen, quasi-religiösen und philosophisch-spekulativen Gegenstände, Erkenntnisse und Thesen – mit Hitlers Judenhass nur „gewaltsam“ (J. C. Fest) in Zusammenhang zu bringen sind, ist meines Erachtens weitgehend evident. Ich verweise im Folgenden explizit entweder auf Nähe oder deutliche Diskrepanz zu Wagner, wenn dergleichen nicht ohnehin allzu offensichtlich ist. Insgesamt wäre es – diese Prämissen gesetzt – interessant zu wissen, wie die Entwicklung der Wagner-Rezeption in völkischen und nationalsozialistischen Kreisen verlaufen wäre, wenn die Schrift Wagners zum „Musik-Judenthum“ nicht geschrieben oder bekannt geworden wäre, Wagner also – mit Blick auf die Rezeption der Nationalsozialisten – auf sein vermeintliches „Germanentum“ oder seinen „linken“ Nationalismus (siehe auch Kap. 2.3.1 vorliegender Untersuchung) beschränkt geblieben wäre. Staat und Politik Homogenisierung der Masse Zum Zwecke der Bestimmung der Vorstellungen des idealen politischen Gemeinwesens empfiehlt es sich auch bei Hitler, mit dessen Darstellung des realen, gegenwärtig vorherrschenden, seines Erachtens defizitären, Staatsbegriffes zu beginnen. Einführend gebe ich einen Überblick seiner Aussagen über diverse politische Organisationsmodelle. Zum einen behandelt Hitler intensiv den Parlamentarismus (inklusive Demokratie und Republik), bzw. was er dafür hält. Zum anderen ist Marxismus/ Kommunismus, bzw. was er dafür hält, ein vielbeachteter Gegenstand seiner Schrift. Zunächst ist allerdings ein „fundamentaler Grundsatz“ zu zitieren, dessen zuverlässige Beherzigung Hitlers Schrift durchzieht: Der Erfolg jeder Propaganda beruhe nämlich auf folgender Voraussetzung: 7.1 7.1.1 1176 Vgl.: Pyta: Herrschaftsanalyse, a.a.O., S. 66 7.1 Staat und Politik 263 „Sie [die Propaganda] hat sich auf wenig zu beschränken und dieses ewig zu wiederholen.“1177 Wie sich erweisen wird, trifft dieser Tatbestand – begrifflich-thematische Beschränkung und permanente Wiederholung – auch auf die Propaganda-Schrift Hitlers zu; entsprechend ist zu berücksichtigen, daß klar unterschiedliche Begriffe für dasselbe Phänomen verwendet oder dieselben Begriffe häufig abweichend, deutlich verschieden, manchmal gar konträr, attribuiert werden.1178 Hitler beschreibt drei „herrschende Auffassungen vom Staat“.1179 Die Anhängerschaft der erstgenannten sei die umfangreichste, die der zweitgenannten weitaus kleiner, die der letztgenannten die zahlenmäßig geringste. Die erste „Staatsauffassung“ führe zu einer Vernachlässigung des menschlichen Willens. Denn im Zuge des „Legitimitätsprinzips“, so Hitler, sei eine Verkehrung des Zweck-Mittel-Verhältnisses feststellbar. Damit meint er, daß nicht der Mensch Profiteur der Ruhe und Ordnung sei, die die Staatsautorität gleichsam erzeuge, sondern der Staat selbst. Somit sei der Staat Zweck und der Mensch Mittel geworden. In der „Tatsache des Bestehens eines Staates liege für sie [die ‚hündischen Verehrer der Staatsautorität’] allein schon eine geweihte Unverletzlichkeit begründet.“1180 Das höchste Gut sei die Bewahrung der Regierungsgewalt, unter welche Menschen mehr oder weniger freiwillig zusammengefaßt seien. Beispielhaft für obrigkeitshörige Subordination nennt Hitler das „Zentrum“ und die „Bayerische Volkspartei“, also erzkatholisches Milieu. Die Anhänger der zweiten „Staatsauffassung“ unterscheiden sich von denen der ersten, insofern ihre Verehrung der Autorität keine prinzipielle – das ist die „hündische“ – Verehrung sei. Denn deren autoritätslegitimierendes Zugeständnis setze gewisse Bedingungen voraus. Als formale Bedingung erkennt Hitler die sprachliche Homogenität innerhalb des Staatsgebildes. Weil außer dem Autoritätsbestand auch „die Förderung des Wohles der Untertanen“ als Zweck des Staates angenommen werde, erscheine die „Regierungsform nicht mehr unantastbar“, sondern werde „auf Zweckmäßigkeit geprüft“. Die Verknüpfung des Postulats der sprachlichen Homogenität, die vor allem – wie Hitler konzediert – die Administration rationalisiert, mit der Idee der Herstellung allgemeiner Wohlfahrt, befördere jedoch nur die ökonomische Rentabilität („nur“ deshalb, weil Hitler eine andere Vorstellung von Volkswohl hat, dazu später). Deutsches Bürgertum und Marktliberale, genauer: Liberaldemokraten, führt Hitler als Vertreter dieser Auffassung an.1181 Die Anhänger der dritten „Staatsauffassung“ beabsichtigten, so nimmt Hitler an, auf der Grundlage sprachlicher Homogenität nicht nur die nach innen gerichtete ökonomische Rentabilitätsmaximierung, sondern auch eine nach außen gerichtete machtpolitische Expansion. Ein derart sprachlich-homogen geeintes Staatsvolk sei 1177 Hitler, Adolf: Mein Kampf, 2 Bände, 49. Aufl., München 1938, S. 202 1178 So etwa: Parlamentarismus = Demokratie = Marxismus = Jüdisch; aber auch: „arische Demokratie“ und „jüdische Demokratie“ 1179 Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 426 1180 Ebd., S. 427 1181 Vgl.: Ebd. 7. Adolf Hitler 264 Garant des äußeren Machtzuwachses; für diese „dritte herrschende Auffassung vom Staat“ gibt Hitler kein Beispiel.1182 Hitler weist diese drei Staatskonzepte indes als „grundfalsch“1183 zurück und begründet im Verlauf des zweiten Kapitels des zweiten Bandes von „Mein Kampf “ – „Der Staat“ – seine Vorstellungen einer „nationalsozialistischen Auffassung vom Staat“. Diese „staatstheoretische“ Tendenz in Hitlers Schrift ist keineswegs so abwegig wie vieles andere in seiner „Weltanschauung“. Die Zielrichtung – der Zweck – staatlicher Organisation ist immer auch (äußerer) Machtzuwachs. Theoretiker von Machiavelli bis Disraeli sowie Realpolitiker verschiedener Strömung könnten dieser Auffassung wohl vorbehaltlos zustimmen. Das ausgemachte Ziel und der Zweck des Staates ist, wie bei Wagner so auch bei Hitler, „höchste Freiheit“.1184 Bei der Darlegung dessen, wofür diese gewachsene Macht eingesetzt werden („Begründung höheren Menschentums“1185) und wie deren organisatorische Vorbedingungen, nämlich die Homogenisierung einer Gemeinschaft („Volkstum“ auf der Basis „physisch und seelischer Gleichartigkeit“1186) aussehen soll, beginnt jedoch die Pathologie. Denn eines ist vor allem zu bedenken: Homogenisierung Hitlerscher Prägung bedingt Eliminierung des Heterogenen. Hier „überholt“ er den Staatsrechtler Carl Schmitt, der bereits die relative Homogenität eines Volkes als Vorbedingung für die funktionierende Volksherrschaft, die (parlamentarische) Demokratie setzt.1187 Für die eliminatorischen Konsequenzen, die die Nationalsozialisten unter anderem aus dieser Theorie ableiten konnten, ist Schmitt in der Bundesrepublik insbesondere aus diesem Grunde mitverantwortlich gemacht worden – die Debatte um Carl Schmitt birgt weiterhin Konfliktpotential, zumal Schmitt als prominenter „Kronjurist“ des NS-Regimes in Erscheinung trat, und überdies bis zu seinem Ende in ausschließlich eigener Rechtfertigungsabsicht auf seine Kollaborationstätigkeit zurückblickt.1188 Die „nationalsozialistische Bewertung eines Staates“ ist bei Hitler eine „relative“, das heißt eine Beurteilung aus der Sicht „eines Volkstums“: „Die Güte eines Staates kann nicht bewertet werden nach der kulturellen Höhe oder der Machtbedeutung dieses Staates im Rahmen der übrigen Welt, sondern ausschließlich nur 1182 Vgl.: Ebd. 1183 Ebd. 1184 Ebd., S. 434 1185 Ebd., S. 432 1186 Ebd., S. 433 1187 Vgl.: Schmitt, Carl: Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus [1926], Berlin 1996, Vorbemerkung, S. 14 ff. 1188 Vgl.: Lilla, Mark: Carl Schmitt, in: Ders.: Der hemmungslose Geist – Über die Tyrannophilie der Intellektuellen, München 2015, S. 58 f. Unübersehbar ist indes die Renaissance „eines gewissen ‚Schmittianismus’ von rechts wie von links“ in unseren Tagen, die auf die durch Schmitt gedachte notwendige Mutualität von konkreter Feindbild(be)zeichnung und „existentieller Vitalität“ eines Kollektivs und seiner Ordnung reagiert. Vgl.: Liebsch, Burkhard: Die offene Gesellschaft als ihr eigener Feind, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 61. Jahrgang, Heft 7/2016, S. 92 7.1 Staat und Politik 265 nach dem Grade der Güte dieser Einrichtung für das jeweils in Frage kommende Volkstum.“1189 Zunächst ist die Frage zu beantworten, wie Hitler „Volkstum“ qualifiziert. Daraufhin ist, im Sinne des soeben Zitierten, zu skizzieren, inwiefern die „Begründung höheren Menschentums“ in „höchster Freiheit“ verhindert werde. „Deutsches Volkstum“ basiere auf einem „einheitlichen rassischen Kern“, es liege in „der Einheit des Blutes begründet“.1190 „Volkstum“ funktioniert nicht als Synonym für „Nation“: Denn das „Volkstum, besser die Rasse“ liege „eben nicht in der Sprache, sondern im Blute“1191 begründet. (Wagner diskriminiert vor allem über die Betrachtung und Bewertung von „Sprache“, siehe oben.) Es erscheinen allenthalben Unklarheiten über dasjenige, was „Rasse“ meint, auch bei Rassisten. Harry Pross hat den abstrusen, inhärent widersprüchlichen und in jeder Hinsicht willkürlichen Charakter der Rassebegriffs-Debatte zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts bis in die frühen Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts analysiert, die primär die strategische Differenzierung der Topoi „Volkstum“ und „Rasse“ betraf, die auch Hitler in vorgehendem Zitat leichthin ineins setzt. Der „besonders erfolgreich agitierende“ „Volkstums-Antisemit“ Wilhelm Stapel1192 habe „die Lehre von der unaufhebbaren Verschiedenheit der ‚jüdischen’ und ‚arischen’ Rasse in die populäre Idee des ‚Volkstums’“ transferiert.1193 Diese Übersetzung hatte eben diese strategische Bewandtnis, einen „Volkstums-Antisemitismus“ zu konstruieren, der überdies die Möglichkeit eröffnen sollte, die „Ausscheidung des jüdischen Blutes aus dem deutschen Volkskörper“ auch ideologisch zu legitimieren. Denn der „Volkstumsbegriff “ der Kaiserzeit sei mit der Forderung nach einem „allgemeinen Ausschluß jüdischer Elemente als Mangel an staatstreuer Gesinnung, als Störung der nationalen Einigkeit“1194 wesentlich unvereinbar gewesen. Für Hitler sollte derartiger Ausschluß infolge der Überzeugung vollzogen werden, daß eine „Germanisation“, bzw. „Germanisierung“, wie sie von dem Habsburger Joseph II. beabsichtigt gewesen sei, nicht nur unmöglich sei, sondern de facto eine „Entgermanisierung“ darstelle, da sie letztlich „Slawisierung“ bewirke.1195 Diese Entwicklung basiere auf dem Denkfehler – egal ob freiwillig oder nicht, wie Hitler zu bedenken gibt – das Erlernen oder Oktroyieren deutscher Sprache sei „Germanisierung“. „Germanisierung“ sei aber nur durch „Blutsumwandlung“ zu erreichen. 1189 Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 435 1190 Ebd., S. 437 1191 Ebd., S. 428, Hervorhebung des Verfassers 1192 Vgl. zu Wilhelm Stapels (1882-1954) Funktion als nationalistischer Publizist, der „völkische Belange“ in „neokonservativen“ Kreisen um Arthur Moeller van den Bruck zu befördern gedachte und die für die Nationalsozialisten vorbildliche Vision des „wahren Staatsmannes“ als „Herrscher, Krieger und Priester zugleich“, mitentwickelte: Kershaw: Hitler 1889-1936, a.a.O., S. 182 und 231. Bärsch betont Stapels bedeutsame Konzeption einer „Theologie des Nationalismus“, vermittels derer der „christliche Staatsmann“ im Sinne der Verquickung von „Reich und Christentum“ seine eigentliche Funktion erfülle – daß also „Christus und Kaiser zusammengehören wie Heilsgeschichte und Weltgeschichte“. Bärsch: Politische Religion des Nationalsozialismus, a.a.O., S. 51/52 1193 Vgl.: Pross: Die Zerstörung der deutschen Politik, a.a.O., S. 240 1194 Ebd., S. 238 f. 1195 Vgl.: Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 429-432 7. Adolf Hitler 266 Alles Weitere ist erstens nur unter Voraussetzung einer abstrusen Vererbungslehre nachvollziehbar; und, zweitens, ist unbedingt anzunehmen – vor allem im Hinblick auf die inhumane Konzeption der „Rassenhygiene“ – die später bekanntermaßen in den sogenannten „Nürnberger Gesetzen“ realisiert werden sollte, daß Hitler vor „Blutsvermischung“ konkret Paarung und Fortpflanzung setzt. Infolge einer durch Hitler nicht weiter erörterten, an Mendel erinnernden ‚Genkreuzungslogik’ – „germanische Gene“ werden dann offenbar als rezessiv betrachtet1196 – führe eine Vermengung der „rassischen Elemente“ zur Vernichtung der germanischen Substanz: „Das Endergebnis eines solchen Vorganges [„Blutvermischung, die die Niedersenkung des Niveaus der höheren Rasse bedeutet“] wäre also die Vernichtung gerade der Eigenschaften, welche das Eroberervolk zum Siege befähigt hatten.“1197 Infolgedessen entsteht also die Überzeugung, es sei ausschließlich Boden zu „germanisieren“. Das „Blut“, das „innere Wesen“ des „Volkstums“, ist zur „Germanisierung“ ungeeignet, da mit jeder Kontamination oder bereits der Vermengung eine „Wertminderung“ geschehe.1198 Im Gegenteil, eine „Rassenmischung“ sei unbedingt zu vermeiden. Hitler jedoch konstatiert eine bereits vollzogene „rassische Zerrissenheit“: „Die Tatsache des Nichtvorhandenseins eines blutsmäßig einheitlichen Volkstums hat uns unsägliches Leid gebracht.“1199 Im Dreißigjährigen Krieg meint er den historischen Ursprung der „blutsmäßigen Vergiftung“, die eine „Seelenzersetzung“ zufolge hat, bestimmen zu können.1200 Dazu ihn die Lektüre einer Schrift Wagners veranlaßt haben könnte, was aber, wie oben erwähnt, keinesfalls als erwiesen gelten kann und aufgrund dieser sehr unspezifischen Bezugnahme kaum Aussagekraft hätte. 1196 Nicht zuletzt dieser Zusammenhang relativiert die weitverbreitete These, Hitler sei Vertreter eines biologistisch-rassistischen Sozialdarwinismus, demzufolge Arier bzw. Germanen dann als weniger „fitting“ bewertet werden müßten. Vgl. dazu auch: Bärsch: Die politische Religion des Nationalsozialismus, a.a.O., z. B., S. 296-300. Übrigens ist der vermeintliche Gegensatz zwischen religiöser und darwinistischer Auffassung von Welt gar nicht so sicher. Strindberg zum Beispiel verweist auf die Vereinbarkeit oder sogar die wechselseitige Verknüpfbarkeit beider Anschauungen: „Mit dem Darwinismus wurde Gott für mich nicht aufgehoben, denn dass die Schöpfung sich nach bestimmten Gesetzen und in einer klaren Ordnung entwickelt habe, bestärkte im Gegenteil meinen Argwohn, dass ein Ordner und Gesetzgeber existiere.“ Strindberg: M y s t i k, a.a.O., S. 325 1197 Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 429. Auch in den sog. Tischgesprächen sind Belege für diese Denkweise enthalten. So habe Hitler dem Wehrmachts-General Jodl gegenüber bedauert, „die vielen Ausnahmen, die die Wehrmacht bei der Einstellung fünfzig-prozentiger Juden-Mischlinge mache.“ Die Begründung dafür beruht ebenfalls auf der geglaubten Rezessivität „arischer“ bzw. „germanischer“ Gene: „Denn die Erfahrung beweise, daß aus diesen Judennachkommen doch vier, fünf, sechs Generationen lang immer wieder reine Juden ausmendelten.“ Auf erfahrungsbasiertes Vorwissen über vier, fünf, sechs Generationen – bei einer Schätzung von dreißig bis vierzig Jahren pro Generation, also ein Zeitraum von mindestens 120 Jahren – will Hitler also verweisen, um festzustellen, daß immer wieder „reine“ Juden gezeugt würden. Picker: Tischgespräche, a.a.O., S. 394 1198 Vgl., Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 430/431 1199 Ebd., S. 438 1200 Vgl., ebd., S. 437 7.1 Staat und Politik 267 Vermittels der sogenannten „Rassenhygiene“1201 hat der Staat die „höchste Aufgabe“, die „unverletzt gebliebenen, edelsten Bestandteile des Volkstums“1202, das „rassische Dasein der Menschen“1203 zu erhalten, „die Bewahrung der Art“1204 zu gewährleisten, der „dauernd fortwirkenden Erbsünde einer Rassenvergiftung endlich Einhalt zu tun“.1205 Rasse sei gleichsam Inhalt des Staats-Gefäßes.1206 Hitler erläutert einerseits die theoretische Möglichkeit und andererseits die praktische Durchführbarkeit der „Wiederherstellung der (Rasse-) Reinheit“ (also, der „Hygiene“-Maßnahmen). Die Chance zur „Reinigung“, der „natürliche Regenerationsprozeß der Rassen“, wird wie folgt begründet: „Jegliche Rassenkreuzung führt zwangsläufig früher oder später zum Untergang des Mischproduktes, solange der höherstehende Teil dieser Kreuzung selbst noch in einer irgendwie rassenmäßigen Einheit vorhanden ist.“1207 Die sozusagen „rassenhygienische“ Praktikabilität begründend, verweist Hitler außer auf die nationalsozialistisch zu konzipierenden „Erziehungsgrundsätze des völkischen Staates“, unter anderem auf die „Heranzüchtung kerngesunder Körper“1208 (also Reproduktionsselektion vor der Zeugung und nach der Geburt, oder konkreter ausgedrückt: Zwangssterilisation und sog. „Euthanasie“1209), auf den religiös motivierten Ehe-, und vor allem Zeugungsverzicht, den Zölibat.1210 Getreu der Überzeugung, Sieg liege ewig nur im Angriff1211, stilisiert Hitler den Staat – natürlich denjenigen „nationalsozialistischer Auffassung“ und „völkischer Prägung“ – als „gewaltige Waffe“ im „großen ewigen Lebenskampf um das Dasein“1212, indem er als „völkischer Organismus, das Ergebnis des Erhaltungswillens 1201 Vgl.: Ebd., S. 446-448 1202 Ebd., S. 439 1203 Ebd., S. 421 1204 Ebd., S. 104 1205 Ebd., S. 449 1206 Vgl.: Ebd., S. 434 1207 Ebd., S. 443 1208 Ebd., S. 452 1209 Auch auf die Gefahr hin, allzu ausgetretene Pfade zu begehen: Die medial-öffentliche unkritische Übernahme inakzeptabler Verbal-Zynismen der Nationalsozialisten, wie z.B. die präpotente „Machtergreifung“, die dümmlich-witzelnde „Reichskristallnacht“ oder eben die hanebüchene Bezeichnung „Euthanasie“ für den systematischen Mord an hilflosen körperlich wie geistig behinderten Menschen, immerhin der „schöne Tod“, ist und bleibt ein Ärgernis. Glaser verweist auf die tiefere Funktion derartig umdeutender „Fälschungen“, die in der Beeinflussung des „kollektiven Bewusstseins und Unterbewusstseins“ bestehe. So auch im Falle der Sinnzerstörung der antiken Formel „Mens sana in corpore sano“, die aus der ursprünglich optativen Intention, eine indikative, somit „normsetzende“ gemacht habe. Der „seit der Antike anzutreffende humane Wunsch nach der Verbindung von körperlicher Schönheit und geistigen Vorzügen“ sei ersetzt worden durch die „Missachtung kranker und behinderter, also ‚minderwertig’ eingestufter Menschen.“ Vgl.: Glaser: Mentalitätsgeschichte des Nationalsozialismus, a.a.O., S. 29. Ein Irrtum, dem, wie bereits in den einleitenden Kapiteln vorliegender Untersuchung gezeigt, auch und vor allem Rosenberg unterliegt, insofern er seine misanthropischen Irrlehren bereits „in der Antike“ bestätigt finden will. 1210 Vgl.: Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 449 1211 Vgl.: Ebd., S. 440 1212 Ebd. Der nahezu identische Wortlaut auch auf Seite 164/165. 7. Adolf Hitler 268 der Art und Rasse“1213 darstellt. Im Anschluß an die „Schaffung eines völkischen Organismus“ könne der nationalsozialistische Staat expandieren („Germanisation des Bodens“). Mit der Verheißung der Weltherrschaft beschwört ein prophetisierender Hitler (zum Ende seiner Kampfschrift) die am „Versailles-Komplex“ leidenden Anhänger der „Bewegung“: „Ein Staat, der im Zeitalter der Rassenvergiftung sich der Pflege seiner besten rassischen Elemente widmet, muß eines Tages zum Herrn der Erde werden.“1214 Der Zielsetzung dieses finalen Appells sucht Hitler zum einen den hehren Schein gleichsam naturgewollter Gesetzmäßigkeit („Lebenskampf “, siehe oben) und zum anderen die identitätsstiftende Bedeutung historischer Verwurzelung des Gegenwärtigen („Boden, den unsere Vorfahren mit dem Schwert erwarben und mit deutschen Bauern besiedelten“1215) zu verleihen. Nicht zuletzt mit der Qualifizierung Internationaler Politik als „allgemeines Völkerringen“1216 schließt Hitler also die Möglichkeit friedlicher Koexistenz a priori aus. Bevor auf Hitlers Verständnis der „besten Staatsverfassung“ einzugehen ist, sind zunächst – entsprechend der Hitlerschen und Wagnerschen Methodik, die Konzeption des Idealen auf der Grundlage der Kritik des Realen – die Aussagen zu Verfassungs-, bzw. Gesellschaftsparadigmata, die Hitler ablehnt, zu untersuchen. Sein gesellschaftspolitisches Verständnis basiert vor allem auf der Prämisse „blutsmäßiger Verschiedenheit“.1217 Erkenne man diese Prämisse nicht an, dann, so Hitler, folge daraus zweierlei: Erstens, ein Staatsverständnis, das die Existenz der Reiche des 19. Jahrhunderts begründet, die gleichsam ein „Völkerbabylon“ darstellten. Deren angebliche Verheerungen sucht Hitler am Beispiel der Habsburger „Donaumonarchie“ zu illustrieren.1218 Die oben genannten Qualitäten des Hitlerschen Idealstaates („Fähigkeit zur Machtausweitung“, „Waffe im Lebenskampf “ usf.) kommen einem „babylonischen“ Reich (also: „vermischter“ Vielvölkerstaat) insofern nicht zu, als ein Reich, das aus „nicht gleichen Völkern zusammengesetzt“ sei, nicht durch „das gemeinsame Blut“, sondern durch „die Faust gehalten“1219 werde, und nur gewaltsam zusammengezwungen werden könne. Daraus folge, früher oder später, bei „Schwäche der Leitung“, das „Erwachen der individuellen Instinkte“1220, was wiederum der kämpferischen Befähigung abträglich sei, und auch der Konstituierung des „völkischen Staates“ widerstrebe. Die Folge ist eine Benachteiligung im „Daseinskampf “. In diesem Zusammenhang ist zu betonen, daß Hitler nicht nur eine instinktmäßige „Selbsterhaltung seiner Rasse“ im Sinn hat. Er ist davon überzeugt, daß deren Ende auch den Untergang „jeden Menschentums“ 1213 Ebd., S. 165 1214 Ebd., S. 782, Hervorhebung des Verfassers 1215 Ebd., S. 430 1216 Ebd., S. 494 1217 Ebd., S. 78 (Kolumnenüberschrift) 1218 Vgl.: Ebd., S. 79/80 1219 Ebd., S. 78 1220 Ebd. 7.1 Staat und Politik 269 impliziere. Dies vor allem deshalb, wie zu erinnern ist, weil „der Arier“ alleiniger „Kulturbegründer“ sei.1221 Zweitens, daß der seines Erachtens aller Weltgeschichte zugrundeliegende „Rassenstreit“ im 19. Jahrhundert durch das Intermezzo des „Klassenkampfes“ (bis hin zur Machtnahme der Bolschewiki in Rußland des frühen 20. Jahrhunderts) unterbrochen werden konnte. Die Vernachlässigung des „Blutes“ bedeute ferner die Vernachlässigung des „aristokratischen Grundgedankens der Natur“.1222 Daran knüpft Hitler eine Parlamentarismus-Schelte, die in nuce die Legitimation des „Führerprinzips“ versus das „Mehrheitsprinzip“ enthält. Diesem Komplex gebührt im Sinne der Untersuchung ausführlichere Darstellung; der Vergleich des Hitlerschen „Führerprinzips“ mit dem des Wagnerschen „Monarchen“ belegt weiterhin inhärente Widersprüchlichkeit. Die begriffliche Erweiterung eines „demokratischen Parlamentarismus“ eröffnet Hitler die Möglichkeit, eine „jüdische Demokratie“, die letztlich Hitlers Verständnis von „Kommunismus“ und „Marxismus“ beinhaltet, von einer „germanischen Demokratie“ zu unterscheiden. Homogenisierung und Gemeinschaft des Volkes sind also nicht bloß von innenpolitischer, sondern von welthistorisch höchster Relevanz, und erlangen in nationalsozialistischer Auffassung von Welt existentielle Bedeutung. Parlamentarismus vs. Der Führer Die Abhandlung des Parlamentarismus beginnt mit (vermeintlicher) Bewunderung und endet mit vehementer Ablehnung. Nota bene: Ostentativer Wohlwille und bemüht sachliche Neutralität im Umgang mit ideologischen Problemen sind für Hitler – sowohl wie für Wagner – typisch. Denn der, prinzipiell eigentlich intendierte, affektive Aversions-Ausbruch wird beiderseits durch vorgebliche einstmalige Anhängerschaft des im Nachhinein Perhorreszierten eingeleitet. So versichert Hitler zunächst, außer dem Parlamentarismus keine „erhabenere Form der Selbstregierung eines Volkstums“1223 zu erblicken. Aufgrund der konkreten Bewertung der parlamentarischen Institution – Hitler spricht von häufigen Besuchen des Wiener Abgeordnetenhauses, die ihn zur Diagnose allgemeinen Chaos’ führten1224 – entwickelt er seine Erkenntnis der allgemeinen „strukturellen Unfähigkeit“1225 des parlamentarisch-demokratischen Betriebs. Was sind nun die Merkmale dieses ‚unfähigen’ Parlamentarismus, der die äußere Form der „Demokratie des heutigen Westens“ darstelle, die wiederum „der Vorläufer des Marxismus“ sei, „der Nährboden“ auf der sich endemisch „diese Weltpest“ ausbreite?1226 Hier liegt wiederum ein Beispiel für Hitlers Kausalitätswut vor, die immer wieder die Gleichursprünglichkeit alles Negativ-Konnotierten suggerieren soll (Parlamentarismus, Demokratie, 7.1.2 1221 Vgl. zu diesem Zusammenhang auch: Bärsch: Nationalsozialismus, a.a.O., das Unterkapitel „Der ‚Arier’ als ‚höchstes Ebenbild des Herrn’“, S. 300-312. 1222 Hitler, Mein Kampf, a.a.O., S. 87 1223 Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 82 1224 Vgl., ebd., S. 84 1225 Ebd., S. 87 1226 Ebd., S. 85 7. Adolf Hitler 270 Kommunismus, Marxismus, Judentum), und eine „saubere“ Differenzierung unmöglich macht. Die Parlamentarismus-Analyse Hitlers weist zwei Komponenten auf, die sich allerdings wechselseitig bedingen: Erstens, der Kardinalmakel: Das Fehlen persönlicher Verantwortlichkeit politischer Entscheidungsträger. Daraus folge die Unmöglichkeit einer Haftung, die übrigens Korruption befördere. Denn Hitler schildert die parlamentarischen Usancen vorwiegend in dieser Richtung: „Denn heißt dies etwa Verantwortung übernehmen, wenn nach einem Zusammenbruch sondergleichen die schuldige Regierung zurücktritt? Oder die Koalition sich ändert, ja das Parlament sich auflöst? Kann denn überhaupt eine schwankende Mehrheit von Menschen verantwortlich gemacht werden?“1227 Was es heißt, Verantwortung zu übernehmen – das meint immer auch, maximal verantwortlich zu sein –, ist im Rahmen des „Führerprinzips“ formuliert, dessen Bedeutung für Hitlers „völkische Weltanschauung“ nicht zu überschätzen ist – es wird zu Beginn, mittig und zum Ende der Schrift in verschiedenem Zusammenhang behandelt. Sonach ist es für die theoretische Argumentation der Organisation der Hierarchie des „völkischen Staates“ unabdingbar und dient auch für die praktische Machtkonsolidierung in der „Bewegung“ von Flügelkämpfen innerhalb der NSDAP bis zum „Röhm-Putsch“ (wobei Röhm bekanntlich, statt zu putschen, aus den einschlägig bekannten Gründen schlicht ermordet wurde), als unverzichtbare Legitimationsquelle. Zu führen bedeute, „dem aristokratischen Grundgedanken der Natur“1228 zu entsprechen. Außerdem sei einzig „die unbedingte Führerautorität“ mit „höchster Verantwortung“ gepaart.1229 Diese Konstruktion bleibt indes fragwürdig. Denn unbeschränkte Macht exkludiert ja per definitionem eigentlich jede Verantwortlichkeit. In Mein Kampf glaubt Hitler, dieses Problem wie folgt gelöst zu haben: Die Verantwortlichkeit ist ausschließlich immer bottom up ausgerichtet, Gauleiter und jede Art subordinierter oder nachrangiger Führer sind „mit unbeschränkter Vollmacht und Autorität bekleidet und werden von oben eingesetzt“.1230 Die von Hitler beschworene „höchste Verantwortlichkeit“ wird im Rahmen einer einzigen Ausnahme relativiert. Es ist die Möglichkeit der Abwahl des Führers der Gesamtpartei/ der Bewegung durch „Generalversammlung“. Eine Zeile darüber ist widersinnigerweise zu lesen, daß „der Führer der Gesamtpartei, der ausschließliche Führer der Bewegung ist.“1231 Wie im Falle einer, von Hitler selbst konzeptionell eingeräumten, Abwahl zu verfahren wäre, falls und ob diese statthabe, bleibt ungeklärt. Wie begründet Hitler die Legitimation der „unbeschränkten Autorität“, derer er sich trotz allem stets versichert weiß bzw. wissen will? Zunächst bedient er sich einer 1227 Ebd., S. 86 1228 Ebd., S. 87 1229 Ebd., S. 378 1230 Ebd. 1231 Ebd., Hervorhebung A.S. 7.1 Staat und Politik 271 substantiellen Argumentation, die in Mein Kampf in dem Kapitel zum „Volks- und Rassebegriff “ ausführlicher thematisiert wird, und die letztlich das „arisch-aristokratische“ Rassegespinst betrifft: Denn was hier auf die Qualitäten des „Ariers als Kulturbegründer“ bezogen ist, läßt sich trefflich auf die (Erst-)Wahl des Führers beziehen, die ansonsten (z.B. im Rahmen einer Wiederwahl) nicht tangiert wird: „…– der Funke des Genies ist seit der Stunde der Geburt in der Stirne des wahrhaft schöpferischen Menschen vorhanden. Wahre Genialität ist immer angeboren und niemals anerzogen oder gar angelernt.“1232 [Darüber hinaus würden ausschließlich diejenigen zur Führung gebracht, die wirklich dazu berufen und auserwählt seien.]1233 Nach der substantiellen Begründung unbeschränkter Macht des Führers, unternimmt Hitler eine funktionelle Erweiterung: „Ist nicht jede geniale Tat auf dieser Welt der sichtbare Protest des Genies gegen die Träger der Masse?“ Andernfalls – d.h.: bei der Organisation parlamentarischer Mehrheiten – handele es sich nicht etwa um Konsens oder Kompromiß, sondern um „Überredung“, um „Erschmeichelung“, die die Degradierung des Parlamentariers zum „politischen Schieber“ bedeute.1234 Zweitens, eine Komponente, die zugleich Ursache und Folge des Kardinalmakels ist: das sogenannte „Mehrheitsprinzip“. Die Zurückweisung dieses Prinzips beruht zum einen darauf, daß der Mehrheitsbeschluß dem „Führerprinzip“ diametral entgegensteht. Zum anderen basiert sie auf einem negativ-konnotierten Begriff der Mehrheit, die für Hitler stets „Masse“ ist. Eine alternative Bedeutung der zusammengefügten demokratischen Majorität, die aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen bestehende heterogene Mehrheit, die lediglich denselben Wahlentscheid tätigt, ist darin nicht enthalten. Der prinzipielle Dualismus „Führer“ versus „Mehrheit“ kann problemlos durch „Persönlichkeit“ versus „Masse“ ersetzt werden. Es ist angesichts der negativen Qualifizierung der Masse auf die Qualifizierung der („arischen“) Rasse, die schließlich auch Masse ist, hinzuweisen. Selbstverständlich sind diese grundgegensätzlich. Darum ist an dieser Stelle Hitlers „Masse“-Begriff darzulegen. Bildet die Masse eine ‚elektorale’ Majorität, dann sei demokratische Repräsentation nichts weiter als eine „Repräsentation der Dummheit“.1235 Die „große Masse“ sei „weitschauenden Zukunftsplänen“ gegenüber unverständig1236, die „breite Masse des Volkes“ besitze „geringes abstraktes Wissen“, was „ihre Empfindungen mehr in die Welt des Gefühls“ verweise. Nicht „Objektivität, also Schwäche“ erscheint insofern geeignet, die gefühligen „Herzen zu öffnen“, sondern bloß „Wille und Kraft“.1237 Auch aus dem Kontext des „Führerprinzips“ kann also geschlossen werden, daß Hitler „die Masse“ für apolitisch, respektive nicht politisierbar hält (nach heutigem Verständnis 1232 Ebd., S. 321 1233 Vgl.: Ebd., S. 661 1234 Ebd., S. 86 1235 Ebd., S. 88 1236 Vgl.: Ebd., S. 231. Darüber hinaus konzediert Hitler „der Masse“ – ebd. – allerdings die Fähigkeit, die Sinnhaftigkeit von „Bier- und Milcherlassen“ zu begreifen. 1237 Vgl.: Ebd., S. 371 7. Adolf Hitler 272 also bspw. partizipative oder auch deliberative Komponenten betreffend). Entsprechend, so ist zu folgern, wird blinde Gefolgschaft abverlangt, die recht eigentlich das hinlänglich bekannte und krude nationalsozialistische Verständnis von Treue abbildet. In der nsdap vollständig implementiert und abgesichert ist der Führungsanspruch Hitlers durch die Beilegung des Flügelkampfes mit der sozialistischen „Strasser-Gruppe“, zu der zunächst auch Goebbels gehörte. Das „Programm“ ist mit Beschluß der „Generalmitgliederversammlung in München 1926“ als „unabänderlich“ betrachtet worden, kein „anderer als Adolf Hitler [solle] in Zukunft die Bewegung führen“, ihm sei „freiester Spielraum“ – „unabhängig von Majoritätsbeschlüssen“ – einzuräumen.1238 Im Zuge dessen ist der Titel „Führer“ der Partei auch „formell sanktioniert“ worden.1239 Mit den Ausführungen zur „Propaganda“ wird folgende Maxime zugrunde gelegt: Propaganda habe „volkstümlich“ zu sein. Das bedeutet, so Hitler, daß sich das intellektuelle Niveau der Propaganda (ob er damit das Zu-Propagierende oder die Propagierungstechniken oder beides meint, ist dem Text nicht zu entnehmen) umgekehrt proportional zur Größe der Masse verhalten solle.1240 An anderer Stelle wird, in Anmutung von kleinbürgerlich-prolethaftem Selbsthass Hitlers, die „Aufnahmefähigkeit des breiten Volkes“ als „sehr begrenzt“1241 bezeichnet. Natürlich ist die Auffassung, daß die „breite Masse“ nicht urteilsfähig sei1242, zuverlässig bei allen selbsternannten Volks-, Arbeiter-und-Bauern- oder Proletariats-Befreiern und -Beglückern anzutreffen. Hitler bedeute die „Herrschaft des Parlamentarismus“, den er als Filter des politischen Einflusses der unfähigen Volksmasse dann eigentlich begrüßen könnte, „die Ausschaltung der Persönlichkeit“, denn es herrsche in diesem Fall die „Dummheit, Unfähigkeit und nicht zum letzten aber die Feigheit“.1243 Die Reihung der Äußerungen über die „denkfaule und anmaßende Masse“1244 wäre fortsetzbar, förderte aber, ein weiteres Mal, nichts substantiell Neues zu Tage. Es konnte gezeigt werden, wie Hitler, um das „Mehrheitsprinzip“ zu diskreditieren, die Masse, die eine Mehrheit bildet, beurteilt. Daß er, der – wie auch immer gearteten – Zusammenfassung von Individuen durchaus auch andere Attribute verleiht, kann durch die Betrachtung der „völkisch-homogenen Masse“, die hier „Rasse“ heißt, nachgewiesen werden. Dies betrifft die „Nationalisierung der Massen“1245, welche die – dem nationalsozialistischen Verständnis gemäße – positive Wirksamkeit des „Gefühlsund Willensmäßigen“ befördere. Die kardinale Eigenschaft der „völkischen“, „nationalsozialistischen“, „germanischen“1246 Herrschaftsorganisation ist also das auf „aristokratische Persönlichkeit“ begründete „Führerprinzip“. Denn: 1238 Vgl.: Ullrich: Hitler, a.a.O., S. 225 1239 Vgl.: Overy: Diktatoren, a.a.O., S. 66 1240 Vgl.: Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 197 f. 1241 Ebd., S. 108 1242 Vgl.: Ebd., S. 200 1243 Ebd., S. 347 1244 Ebd., S. 355 1245 Ebd., S. 369 7.1 Staat und Politik 273 „Nicht die Masse erfindet und nicht die Majorität organisiert oder denkt, sondern in allem immer nur der einzelne Mensch, die Person.“1247 Soziale Frage – Zwischen „Jüdischem Marxismus“ und „Jüdischem Kapitalismus“ Die Vorstellung Hitlers, der real existierende Marxismus, also der Bolschewismus in der UdSSR, sei vor allem „jüdisch“ geprägt und dominiert, stammt mit großer Sicherheit von Alfred Rosenberg, der den Beginn und das geistige Klima im Vorfeld der sog. Oktoberrevolution während seines Moskauer Studienaufenthalts miterlebte: „Mit diesem Schreckensgemälde [‚Grausamkeit des jüdisch-bolschewistischen Experiments’] hat Rosenberg Hitler stark beeindruckt. Die Reden des Agitators zeigen, wie er seit dem Sommer 1920 die Verhältnisse im revolutionären Rußland immer stärker durch die Brille Rosenbergs betrachtete und sie mit der fixen Idee von der ‚jüdischen Weltverschwörung’ verknüpfte.“1248 Aus der Feststellung, daß „der völkische Staat für die Wohlfahrt seiner Bürger“ zu sorgen habe, ergebe sich die Erkenntnis, daß „die beste Staatsverfassung und Staatsform“ diejenige sei, die „mit natürlichster Sicherheit die besten Köpfe der Volksgemeinschaft zu führender Bedeutung und zu leitendem Einfluß“ bringe.1249 Die Volksgemeinschaft ist Hitler Alles, er wolle „das deutsche Volk nicht durch die Perspektive der Welt, sondern Welt durch Volk [und zwar durch das deutsche] in den Blick bekommen“1250, so Bärsch. Hitlers völkische Gemeinschaft bezeichnet ein auf „gemeinsamem Blut“ beruhendes „Volkstum“.1251 Ist „blutsmäßige“ Einheit vorhanden, dann spricht er von „Reinheit“, falls nicht, wird eine progredierende Zersetzung mit endlicher Apokalypse beschworen.1252 Von der prognostizierten allgemeinen Katastrophe für Welt und Menschheit abgesehen, bedeute das „Fehlen eines blutsmäßig einheitlichen Volkstums“ den Entzug des „Herrenrechts“1253, das mithin die Mißachtung des oben skizzierten „aristokratischen“ Naturprinzips darstelle. Die postulierte vollkommene Wahrnehmung des „Herrenrechts“ führt – selbstverständlich – zu „Weltbeherrschung“. Hier besteht ein deutlicher Widerspruch zu Wagner, der diesbezüglich prin- 7.1.3 1246 Es ist kaum möglich, auf die häufige Reihung vielfältiger Synonyme zu verzichten. (Siehe zu diesem Problem Hermann Glaser, Fußnote 152 vorliegender Untersuchung.) Die exakten Definitionsgrenzen zu bestimmen wäre, falls überhaupt möglich, Gegenstand einer eigenen Untersuchung. Beispielsweise lehnt Hitler den Begriff „völkisch“ zum Ende des ersten Bandes von „Mein Kampf “ für seine „Bewegung“ als eine eigentliche Bezeichnung für „blechschwertschwingende und bärenfelltragende religiöse Reformatoren auf altgermanischer Grundlage“ (S. 397) ab. Siehe dazu das Zitat (MK, S. 500), das einhundert Seiten später wiederum den Begriff „völkisch“ enthält. Es geht hier allein um die weiteren Sinngehalte in Hitlers Anschauungen, respektive also um deren Implikationen, Konnotationen und Annotationen. 1247 Ebd., S. 496 1248 Ullrich: Hitler, a.a.O., S. 126 1249 Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 500 1250 Bärsch: Die politische Religion des Nationalsozialismus, a.a.O., S. 270 1251 Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 78 1252 Vgl. z.B.: S. 431, 317 f., 329. Aufgrund der alleinigen Fähigkeit des „Ariers“, Kultur zu begründen, wird dessen Untergang, der mit der Zersetzung des „rassereinen“ Kernes begann, zur totalen „Finsternis“ führen. 1253 Ebd., S. 438 7. Adolf Hitler 274 zipiell an Disqualifiziertheit und Unbefähigung der Deutschen glaubt. Statt die Welt zu beherrschen, hofft er vielmehr darauf, daß die Welt durch einen sozusagen pangermanisch-kulturmissionarischen Akt an deutscher Kulturhöhe segensreich partizipiere: Durch die „Eigentümlichkeit der Anlagen“ seien die Deutschen „zwar nicht zu Herrschern, wohl aber zu Veredlern der Welt bestimmt“ und, sie sollten „die ganze Welt mit eigentümlichen Kulturschöpfungen durchdringen, ohne jemals Weltherrscher zu werden.“1254 Abgesehen von der diesbezüglichen Nichtbefähigung der Deutschen, erkennt Wagner die Zeitabschnitte, in denen „die Deutschen Macht über außerdeutsche Völker“ hatten, als die „dem deutschen Wesen verderblichsten“.1255 So wie er die Güte eines Staates ausschließlich auf dessen Eignung, eine Rehomogenisierung der vermengten „rassischen Urelemente“ vermittels der unheilvollen „Hygienemaßnahmen“ zu ermöglichen, zurückführt, behauptet Hitler, daß die Existenz und Nichtexistenz eines Volkes ausschließlich von der „rassischen Reinheit“, die dessen „seelische Einheit“1256 bedingt, abhinge. Die „Volksseele“ wird an anderer Stelle als „staatsbildende und staatserhaltende Kraft“1257 qualifiziert. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, daß Hitler in beinahe allen Fragen politischer und religiöser Prägung eine universelle „rassische“ Ursache erkennt. Wenn also bei Hitler von ‚Volk’ die Rede ist, dann immer von einerseits deutschem (bzw. „arischem“) und andererseits jüdischem. Jede Ordnung, die dem nationalsozialistischen Paradigma nicht entspricht, wird als Herrschaft des Parlamentarismus (siehe oben), der wiederum aufgrund der „Verproletarisierung“ entstehe, welche durch den „jüdischen Marxismus“ verursacht sei, bezeichnet. Dieser demokratische, für Hitler auf dem „Mehrheitsprinzip“ basierende, Parlamentarismus ist gleichsam das Gegenteil der „germanischen Demokratie“.1258 Die sogenannte „jüdische Demokratie“1259 hingegen sei die Art von Demokratie, die die Verantwortung scheue. Sie sei gleichsam die institutionalisierte Verantwortungslosigkeit, i.e. das Mehrheitsprinzip, das darüber hinaus in Form eines Mehrparteiensystems aktualisiert wird. Der Nexus zwischen einerseits parlamentarischer Demokratie und andererseits Marxismus/ Kommunismus wird wie folgt konstruiert: Die gesamte Argumentation zielt darauf, eine jüdische Urheberschaft allen Übels nicht schlicht zu suggerieren, sondern auf die Ebene apodiktischer Beweisführung zu hieven. In dieser Hinsicht wird klar, weshalb Hitler seine Parlamentarismus- Kritik derart breit anlegt. Denn die parlamentarische Demokratie erscheint als Instrument, dessen sich die „jüdische Weltverschwörung“ bediene. Wenn Hitler derartige Zusammenhänge konstruiert, sind häufig Wendungen wie „unbewußt in den Dienst einer Macht gestellt“ und unter dem „Deck-Mantel von“1260 in Gebrauch – magische Manipulation, Lug und Trug sind Qualitäten, die für Hitler das „Wesen des Juden“ bezeichnen. Auch der US-amerikanische Präsident Roosevelt wird von Hitler 1254 Wagner: Wollen wir hoffen? [1879], in: Wagner: Staat und Kunst und Religion, a.a.O., S. 160 1255 Wagner: Was ist deutsch? A.a.O., S. 125 1256 Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 372 1257 Ebd., S. 167 1258 Ebd., S. 95/96 1259 Ebd., S. 99, wo der Begriff als Kolumnenüberschrift erstmals verwendet wird. 1260 Zum Beispiel, ebd., S. 350/351 7.1 Staat und Politik 275 primär als „Judenlakei“ wahrgenommen. Er sei der instrumentalisierte Auserwählte des „Weltjudentums“, der die USA dazu verleitet habe, in den Krieg gegen Hitler einzutreten, während Hitler sich darauf verlassen habe, die USA würden ihre scheinbar bewährte Politik des Isolationismus bewahren.1261 Jede Mühe der Verifikation erübrigt sich damit – die Richtigkeit des Behaupteten wird in die Sphäre des Glaubens verlagert. Darüber hinaus – dies ist die wichtigste und wesentlichste Komponente von Verschwörungstheorien jeglicher Provenienz – ist die Falsifikation wie die Verifikation der behaupteten Zusammenhänge und Kausalitäten naturgemäß geradezu unmöglich. Hier ist Dieter Grohs Diktum der „kosmischen Kindlichkeit“1262 einzufügen, die jedem Glauben an Verschwörungstheorien zugrunde liege. Kennzeichnend für Verschwörungstheorien sei die Verbindung von einzelne Individuen betreffenden, Ereignissen mit übergeordneten, mitunter globalen Geschehnissen. In Verschwörungstheorien zeige sich der Glaube1263 an die unbegrenzt wirkende Macht omnipotenter Geheimbünde oder -dienste oder religiöser Gemeinschaften. Verschwörungstheorien bänden innerhalb hermetischer Weltdeutungen Gegenwart und Zukunft an Vergangenes und ergäben so letztlich Sinngebung sinnlosen Unglücks.1264 Auch der Beleg erwiesener Fälschung ergibt so Bestätigung und Verifikation einer um jeden Preis aufrecht zu erhaltenden Zwangsvorstellung. So selbstverständlich auch Hitler, der zu den berühmten „Protokollen der Weisen von Zion“ konstatiert: „Wie sehr das ganze Dasein dieses Volkes auf einer fortlaufenden Lüge beruht, wird in unvergleichlicher Art in den von den Juden so unendlich gehaßten ‚Protokollen der Weisen von Zion’ gezeigt. Sie sollen auf einer Fälschung beruhen, stöhnt immer wieder die ‚Frankfurter Zeitung’ in die Welt hinaus: der beste Beweis dafür, daß sie echt sind. Was viele Juden unbewußt tun mögen, ist hier bewußt klargelegt. Darauf aber kommt es an. Es ist ganz gleich, aus wessen Judenkopf diese Enthüllungen stammen, maßgebend aber ist, daß sie mit geradezu grauenerregender Sicherheit das Wesen und die Tätigkeit des Judenvolkes aufdecken und in ihren inneren Zusammenhängen sowie den letzten Schlußzielen darlegen. Die beste Kritik an ihnen jedoch bildet die Wirklichkeit.“1265 Indem „der Marxismus“ die Lösung der sozialen Frage vortäusche, mißbrauche er „das in jedem arischen Menschen irgendwie schlummernde Bedürfnis nach sozialer Gerechtigkeit“.1266 Die Folge dieses „Mißbrauchs“ sei, daß der qua Irreleitung zum „Proletarier“ gemachte Arbeiter die Grundlage des von Hitler letztlich postulierten 1261 Vgl.: Pyta: Herrschaftsanalyse, a.a.O., S. 637 1262 Vgl.: Groh, Dieter: Anthropologische Dimensionen der Geschichte, Frankfurt am Main 1992, S. 268 1263 „So wie sie [‚die religiösen Lehren’ oder einfach Glaubensinhalte] unbeweisbar sind, sind sie auch unwiderlegbar. (...) So wie niemand zum Glauben gezwungen werden kann, so auch niemand zum Unglauben.“ Glaubensinhalte sind zudem geprägt vom Allerwünschenswertesten. Sie sind zu wichtig, zu bedeutend – zu „heilig“ – um falsifiziert und somit aufgegeben zu werden. Vgl: Freud, Sigmund: Die Zukunft einer Illusion [1927], in: Ders.: Massenpsychologie und Ich-Analyse – Die Zukunft einer Illusion, Frankfurt am Main 1980, S. 111-113 1264 Vgl.: Bredow von/ Noetzel: Politische Urteilkraft, a.a.O., S. 196-208 1265 Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 337 1266 Ebd., S. 350. Auch Rosenberg attestiert Vergleichbares, das er „germanische Großherzigkeit“ nennt, die ebenfalls mißbraucht und ausgenutzt worden sei. Hier allerdings durch das Christen- 7. Adolf Hitler 276 heilbringenden „völkischen Staates“ vernichte, i.e. die nationale Ökonomie. Entsprechend beschreibt Hitler eine „Taktik des Judentums“: „Man [der ‚marxistisch-bemäntelte’ Jude] läßt ihn [den ‚irrigen’ Arbeiter] scheinbar gegen das Kapital anrennen und kann ihn so am leichtesten gerade für dieses kämpfen lassen.“1267 Es ist in seiner Absurdität kaum nachvollziehbar. Hitler glaubt, daß Marxismus und Kommunismus gewissermaßen bloße Chimäre „des Kapitals“, die Marxistische Theorie des perennierenden Klassenkampfes – ganz gleich, ob für richtig oder falsch, gut oder schlecht befunden – Instrument einer Spiegelfechterei sei. „Man schreit dabei immer gegen das internationale Kapital und meint in Wahrheit die nationale Wirtschaft. Diese soll demoliert werden, damit auf ihrem Leichenfeld die internationale Börse triumphieren kann.“1268 Der Kern dieser Aussage, die letztlich die Identität der Intentionen der Vertreter des internationalen Börsenkapitals und der marxistischen Lehre behauptet, wird in Hitlers Schrift vielfältig variiert. Auch Alfred Rosenberg sekundiert dieser Ansicht auf das Identische: Aus Marxismus ergebe sich keinerlei Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung, sondern dieser stelle nur einen „Weltkapitalismus mit geänderten Vorzeichen“ dar, der „überall“ mit „demokratische[r] Plutokratie“ kooperiere.1269 Die Konsequenz eines „Erfolges“ der Börse, des Marxismus, „des Juden“ – Hitler ist explizit derart indifferent – ist jedoch nicht nur die Verhinderung der Erfüllung des Staatszweckes, „der höchsten Freiheit“1270, sondern die „Zerstörung der menschlichen Kultur“, denn – so Hitler – Versklavung („nichtjüdischer Völker“) bedeute Vernichtung. Das folgende Zitat bildet eine zuverlässige Zusammenfassung der Hitlerschen Auffassungen der idealen und realen Organisation eines Staatswesens. Es beinhaltet: – das Verhältnis von „Aristokratischem Prinzip“ versus „Minderwertigkeit“, – das Verhältnis von „Persönlichkeitsprinzip“ versus „Mehrheitsprinzip“, – den Zusammenhang zwischen „Gefäß“ (Staat) und „Inhalt“ (Rasse) – und schließlich den Zusammenhang von „Marxismus und Parlamentarismus und „Jude“ resp. „Judentum“. „Durch die kategorische Ablehnung der Persönlichkeit und damit der Nation und ihres rassischen Inhalts zerstört sie [die ‚marxistische Weltanschauung’] die elementaren Grundlagen der gesamten menschlichen Kultur, die gerade von diesen Faktoren abhängig tum, das sich die „religiöse Krise der Germanen“ zunutze mache, insofern es den „Germanen“ die falschen sittlichen Werte (vor allem „Liebe“) aufpfropfen konnte. Vgl.: Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 158 1267 Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 350 1268 Ebd. 1269 Vgl.: Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 534 1270 Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 434 7.1 Staat und Politik 277 ist. Dieses ist der wahre innere Kern der marxistischen Weltanschauung, soferne [sic] man diese Ausgeburt eines verbrecherischen Gehirns als ‚Weltanschauung’ bezeichnen darf. Mit der Zertrümmerung der Persönlichkeit und der Rasse fällt das wesentliche Hindernis für die Herrschaft des Minderwertigen – dieser aber ist der Jude.“1271 Hitlers Eliminatorischer Antisemitismus Wie Chamberlain durchläuft Hitler im Rahmen seiner Bearbeitung der „Judenfrage“ einen Definitionsprozeß des Arischen, bzw. der Arier und erörtert gemäß seiner Auffassung die daraus resultierenden Konsequenzen. Die Definitionen des Jüdischen, des Juden und der entsprechenden Folgerungen ergeben ein komplementäres Konstrukt; die moralischen, politischen und religiösen Qualitäten sind positiv und negativ (und vice versa), und weisen einen wechselseitigen Bezug auf. Der „Urtyp dessen, was wir unter dem Worte ‚Mensch’ verstehen“ Die Hitlersche Bestimmung des Deutschen ist immer auch die Bestimmung des „Arischen“. Hitler ist der Überzeugung, die Völker Europas und (Nord-) Amerikas seien „arische Völker“.1272 Das deutsche Wesen, also die angeblichen Qualitäten der Deutschen, sind stets unter das „arische Wesen“ subsumiert, während das deutsche Volk innerhalb der „arischen“ Menschheit als primus inter pares firmiert. Der „Dreiteilung der Menschheit“ in „Kulturbegründer, Kulturträger und Kulturzerstörer“ entsprechend, sei der „Arier“ der alleinige Vertreter der schöpferischen, i.e. kulturbegründenden Rasse. Die kulturtragende Funktion weist Hitler den Asiaten, die zerstörende den Juden zu. Die schöpferisch-arische Kraft bestehe in der „einzigartigen Vermählung“ von „roher Faust“ und „genialem Intellekt“.1273 Indem Hitler den Begriff Menschheit eng mit dem der Kultur verknüpft, erkennt er den „Arier“ als „Urtyp dessen, was wir unter dem Worte ‚Mensch’ verstehen“.1274 Denn die wesentlichste Eigenschaft des „Ariers“ sei die Fähigkeit der Konstituierung von Kultur. Der Untergang aller bisherigen Kulturen habe jeweils mit dem Ende der Homogenität der schöpferischen Rasse begonnen. Daraus folgt, daß wenn man Kultur erhalten wolle, zuvörderst die Rasse, bzw. deren „Reinheit“, zu bewahren sei. Da Menschheit, „höheres Menschentum“, von der kulturellen Höhe abhänge, avanciert der „Kulturbegründer“ zum „Menschheitsbegründer“. Derartige Konstruktionen führen zu den ungeheuerlichsten Schlüssen, denn der ausgemachte „Kulturzerstörer“ – wie erwähnt, sind damit ausschließlich die Juden gemeint – wäre somit auch „Menschheitszerstörer“. Die Mär von der arischen Kulturschöpfung und Kulturvermehrung wird auf über einhundert Seiten fleißig variiert, eine fortgesetzte Darstellung der Hitlerschen Varia- 7.2 7.2.1 1271 Ebd., S. 351 1272 Vgl.: Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 318 1273 Vgl.: Ebd., S. 327 1274 Ebd., S. 317 7. Adolf Hitler 278 tionen führte nicht zu weiteren Erkenntnissen und wird daher unterlassen. Hitlers Er- örterung dieses Themenkomplexes gipfelt in der Darstellung des Ariers „als höchstes Ebenbild des Herrn“, dessen Infragestellung gleichsam „Frevel am Schöpfer“ und „Mithilfe an der Vertreibung aus dem Paradies“ bedeute.1275 Das folgende Zitat enthält die Summe der Erörterung: „Menschliche Kultur und Zivilisation sind auf diesem Erdteil unzertrennlich gebunden an das Vorhandensein des Ariers. Sein Aussterben oder Untergehen wird auf diesen Erdball wieder die dunklen Schleier einer kulturlosen Zeit senken.“1276 Da Hitler, wie auch weiter unten noch einmal zu zeigen ist, den Juden einen Hang zur Lüge unterstellt, will er wissen, daß die Arier „grenzenlos ehrlich“ seien1277, was schließlich in Zusammenhang mit dem „in jedem arischen Menschen schlummernden Bedürfnis nach sozialer Gerechtigkeit“ zu bringen ist.1278 Eine weitere Komponente des „arischen Wesens“ sei die Fähigkeit des Opferns. Die Spannweite des Zu- Opfernden reicht vom Arbeitseinsatz bis zum Einsatz des eigenen Lebens. Indem der Arier das eigene Ich dem Leben der Gesamtheit willig unterordne und äußerstenfalls also zum Opfer bringe, habe der Selbsterhaltungstrieb beim Arier seine edelste Form erreicht. Aufopferungswille und Einsatz der persönlichen Arbeit und des eigenen Lebens seien am stärksten beim Arier ausgeprägt. Die „innere Gesinnung des Ariers“ bestehe vor allem in „Opfersinn“ und „Pflichterfüllung“.1279 Schließlich will Hitler in der Existenz des „Ariers“ ein „Wunderwerk“ des „gütigen Schöpfers“, gar das „höchste Ebenbild des Herrn“ erkennen. Die Gefährdung dieser Existenz komme der „Vertreibung aus dem Paradies“ gleich.1280 Diese Erkenntnis impliziert gleichwohl diejenige „des Juden“ als „Personifikation des Teufels“.1281 Der „gewaltigste Gegensatz zum Arier“ „Er [‚der Jude’] ist und bleibt der typische Parasit, ein Schmarotzer, der wie ein schädlicher Bazillus sich immer mehr ausbreitet, sowie nur ein günstiger Nährboden dazu einlädt. Die Wirkung seines Daseins aber gleicht ebenfalls der von Schmarotzern: wo er auftritt, stirbt das Wirtsvolk nach kürzerer oder längerer Zeit ab.“ (Hitler)1282 Die Analyse des ‚Wesens’ der Juden im Sinne Hitlers läuft auf die Beantwortung der Frage hinaus, was die ermordeten Juden dazu disponierte, „als untermenschliches Material verbaut zu werden im erstehenden Bau eines ‚Tausendjährigen Reiches’ des 7.2.2 1275 Ebd., S. 421 1276 Ebd. 1277 Vgl.: Ebd., S. 338 1278 Vgl.: Ebd., S. 350 1279 Vgl.: Ebd., S. 325-327 1280 Vgl.: Ebd., S. 421 1281 Ebd., S. 355. Siehe zur Funktion der „Personifikation des Teufels“ auch Kapitel 3.1. vorliegender Untersuchung. 1282 Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 334 7.2 Hitlers Eliminatorischer Antisemitismus 279 Friedens und der Gerechtigkeit natürlich guter arischer Menschen?“1283 Hitlers Dogmatik ist beinahe durchgehend von Antagonismen durchsetzt. Entsprechend behauptet er: „Den gewaltigsten Gegensatz zum Arier bildet der Jude.“1284 Eine zusammenfassende Auflistung einer Auswahl besonders prägnanter vermeintlicher Antagonismen zwischen Juden und „Ariern“ wird dieses Unterkapitel beschließen. Wie vorhergehend gezeigt, will Hitler die „arische“ Qualität in der exklusiven Befähigung der Kulturbegründung erkennen. Fatalerweise führt die komplementäre Diagnose Hitlers nicht nur zu der Erkenntnis, die Juden seien schlicht nicht im Stande, Kultur zu haben, zu gründen oder zu tragen; sondern sie seien unweigerlich bestrebt, Kultur zu zerstören: „Der Jude war niemals im Besitz einer eigenen Kultur … so fehlt doch vollständig die allerwesentlichste Voraussetzung für ein Kulturvolk, die idealistische Gesinnung.“ „Das jüdische Volk ist ohne jede wahre, eigene Kultur.“ […] „Nein, der Jude besitzt keine irgendwie kulturbildende Kraft, da der Idealismus, ohne den es eine wahrhafte Höherentwicklung des Menschen nicht gibt, bei ihm nicht vorhanden ist und nie vorhanden war.“1285 Idealistische Gesinnung betrifft bei Hitler hauptsächlich den Willen zum Opfer(n). Wie gezeigt, ist dies, laut Hitler, die wesentlichste Tugend der „Arier“, die gerade den Juden nicht zukomme. „Daher wird sein [‚der Jude’] Intellekt niemals aufbauend wirken, sondern zerstörend.“ Hitler glaubt, „die Tätigkeit des Judentums“ habe „immer nur destruktive Wirkung“, und er behauptet die Existenz eines „organisatorischen Prinzips der arischen Menschheit“, wohingegen „der Jude“ aufgrund eines „destruktiven Prinzips“ zum „Auflöser der menschlichen Kultur“ werde.1286 In der Logik der nationalsozialistischen Lehre wird auch auf diese Weise physische Vernichtung legitimiert, und die Überzeugung provoziert, die eigene Existenz bedinge den Untergang der Anderen, bzw. der (Fort-) Bestand der Anderen determiniere den eigenen Untergang. Die kardinale Qualität der Juden sei also „Kulturzerstörung“ („Zwischen allem aber als ewiger Spaltpilz der Menschheit – Juden und wieder Juden“1287). Auch Hitlers Qualifizierungen der Juden haben eine phänotypische Ausprägung: Im Anschluß an die Darlegung seiner „allgemeinen Betrachtungen aus der Wiener Zeit“1288 in Bezug auf „sittliche Reinlichkeit“ – gemeint ist damit auch die vermeintliche Konnexität zwischen Juden und Prostitution1289 –, äußert sich Hitler zu der „sonstigen Reinlichkeit dieses [des jüdischen] Volkes“: 1283 Miggelbrink: Das Böse, a.a.O., S. 83 1284 Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 329 1285 Ebd., S. 330, 331 und 332 1286 Ebd., S. 498 1287 Ebd., S. 135 1288 So lautet der Titel des dritten Kapitels des ersten Bandes von „Mein Kampf “. 1289 „Das Verhältnis des Judentums zur Prostitution und mehr noch zum Mädchenhandel selber konnte man in Wien studieren wie wohl in keiner sonstigen westeuropäischen Stadt, südfranzösische Hafenorte vielleicht ausgenommen.“ Ebd., S. 63. Übrigens: Der sowohl von Hitler als auch von Rosenberg hochverehrte Chamberlain hat in der Zeit, als er noch nicht in Wahnfried verkehrte, regelmäßig die Dienste von Prostituierten in Anspruch genommen. Daher wohl auch seine spätere Er- 7. Adolf Hitler 280 „Daß es sich hier um keine Wasserliebhaber handelte, konnte man ihnen ja schon am Äu- ßeren ansehen, leider sehr oft sogar bei geschlossenem Auge. Mir wurde bei dem Geruche dieser Kaftanträger später manchmal übel. Dazu kamen noch die unsaubere Kleidung und die wenig heldische Erscheinung.“1290 Es erübrigt sich jeder Kommentar – der Gleichklang mit Wagners Aussagen in „Das Judentum in der Musik“ ist offensichtlich. Seiner dualistischen Grundkonzeption folgend, zeiht Hitler „die Juden“ der Lüge, während „die Arier“ „grenzenloser“ Ehrlichkeit gerühmt werden. Der Inhalt der vermeintlichen Lüge betrifft eine jüdische Verschleierungstaktik, deren Ziel es sei, die „jüdische Rasse“ als Religionsgemeinschaft („maskierte Rasse“1291) erscheinen zu lassen: „Sein Leben innerhalb anderer Völker kann auf die Dauer nur währen, wenn es ihm gelingt, die Meinung zu erwecken, als handle es sich bei ihm um kein Volk, sondern um eine … ‚Religionsgemeinschaft’. Dies ist aber die erste große Lüge.“1292 Da ein jüdischer Staat nicht existiert – Wagner übrigens geriert sich punktuell prozionistisch1293 – dekuvriert Hitler einen „genialen Trick“, demzufolge ein „jüdischer Staat im Staate“ errichtet werde: „Der jüdische Staat war nie in sich räumlich begrenzt, sondern universell unbegrenzt auf den Raum. (…) Es gehört zu den genialsten Tricks, die jemals erfunden worden sind, diesen Staat als ‚Religion’ segeln zu lassen und ihn dadurch der Toleranz zu versichern, die der Arier dem religiösen Bekenntnis immer zuzubilligen bereit ist.“1294 Wiewohl darauf hinzuweisen ist, daß – gemäß der in Österreich und Deutschland herrschenden Regeln des Staatsrechts, so Bärsch – man ‚Jude’ lediglich als Mitglied einer Religionsgemeinschaft war und auch nur sein konnte, und eine „Zugehörigkeit zum jüdischen Volk kein rechtlich relevanter Tatbestand“ war.1295 Als Jude zu gelten und – infolge der entsprechenden Zuschreibung – Jude zu sein, war „eine komplexe Angelegenheit der Selbst- und Fremdbestimmung“1296 geworden, worauf der Fremdbestimmte keinen Einfluß mehr haben konnte, abgesehen von einer, wiederum unter das Phänomen des „jüdischen Selbsthasses“ zu subsumierenden, Selbstwahrnehmung der Erlösungsbedürftigkeit. Im Hinblick auf den unterstellten „genialen Trick“, dessen sich die Juden angeblich bedienten, bleibt festzustellen, daß die „durch jahrhundertelange Verfolgungspraxis überhaupt erst geschaffene Gruppe der teilweise seit Generationen Konvertierten, die dennoch – wirklich oder angeblich – an den jüdischen Traditionen festhielt, verwandelte sich die klassische Frage nach der ‚Reinheit des Glaubens’ in die neue, nun krankung – wahrscheinlich eine syphilitische Infektion – stammt. Vgl. Hilmes: Herrin des Hügels, a.a.O., S. 412 1290 Ebd., S. 61 1291 Ebd., S. 334 1292 Ebd., S. 335 1293 „Wir gönnten ihnen [den Juden] selbst die Errichtung eines jerusalemischen [sic] Reiches.“ Wagner: Judentum, a.a.O., S. 144. 1294 Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 165 1295 Bärsch, Claus-Ekkehard: Max Brod im Kampf um das Judentum – Zum Leben und Werk eines deutsch-jüdischen Dichters aus Prag, Wien 1992, S. 92 1296 Ebd., S. 93 7.2 Hitlers Eliminatorischer Antisemitismus 281 aber entscheidendere Frage nach der ‚Reinheit des Blutes’ (limpieza de sanguere)“.1297 Es muß also von externer, nicht-jüdischer Aufnötigung zu reden sein, nicht von aktiv beförderter „Trickserei“. Die Beziehung, in der der (jüdische) Staat im Staate1298 zum eigentlichen Staat (dieser ist nicht ausschließlich der deutsche, sondern potentiell jeder, in dem Juden leben) steht, ist bei Hitler natürlich nicht von wechselseitig-symbiotischer Nützlichkeit geprägt. Im Gegenteil, es sei das Verhältnis zwischen Parasit und Wirt. Hitler flankiert diese „Theorie“ mit diversen biologistischen Metaphern1299, die wohl den Schein von Wissenschaftlichkeit erzeugen sollen, deren Anwendung vor allem jedoch die Entmenschlichung der so Bezeichneten intendiert, um schließlich deren Satanisierung zu betreiben. Es brauche sich niemand zu wundern, so Hitler, „wenn in unserem Volke die Personifikation des Teufels als Sinnbild alles Bösen die leibhaftige Gestalt der Juden“1300 annehme. Die Vielzahl verschiedener gesellschaftspolitischer Strömungen und ökonomischer Phänomene ist oben gezeigt worden, die im Falle der Mißliebigkeit von Hitler unter „jüdische Weltanschauung“ subsumiert werden. Demzufolge seien Juden einerseits die „Führer der Sozialdemokratie“, andererseits wird „Marxismus“ explizit als „jüdische Lehre“1301 bezeichnet. Natürlich ist ‚Marxismus’ eindeutig nicht-demokratischer Natur – es genügt der Verweis auf eine essentielle Phase der historischen Entwicklung in der theoretischen Konzeption dieser Lehre, die sogenannte „Diktatur des Proletariats“. Nichtsdestotrotz beruhe Demokratie, so Hitler, z.B. auf dem „jüdisch-demokratischen Gedanken der Anbetung der Zahl an Stelle der Persönlichkeit“. Außerdem sei „die Freimaurerei ihm [dem Juden] verfallen“, und Juden bemächtigten sich der Presse, um mit ihr „langsam das ganze öffentliche Leben zu umklammern und zu umgarnen“.1302 Die Hitlersche Destruktionsparanoia berührt erwartbar auch die ökonomische Sphäre: Juden seien sowohl „Besitzer und Kontrolleure der nationalen Arbeitskraft“ – vermittels des internationalen Börsenhandels schiebe er [der Jude] sich „in den Kreislauf der nationalen Produktion“ ein, mache diese zum „käuflichen, besser wandelbaren Schacherobjekt“, und verursache damit eine „innere Entfremdung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer“, die zu „politischer Klassenspaltung“ hinüberleite –, als auch Zerstörer einer „wahrhaft volksnützlichen Wirtschaft“.1303 Die Bestimmungsmerkmale des Jüdischen bzw. der Juden umfassen somit deren äußeres Erscheinungsbild und ihre kulturell-zivilisatorische Wirkung vor dem Hintergrund einer globalen Verschwörung. Während den Juden ein „destruktives 1297 Geulen, Christian: Geschichte des Rassismus, München 2007, S. 35 1298 Zur Fiktion des jüdischen „Staat[es] im Staate“ siehe: Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 165, aber auch 331-339 1299 So z.B.: ebd., S. 334: „Er [der Jude] ist ein Parasit, ein Schmarotzer, der wie ein schädlicher Bazillus sich immer mehr ausbreitet, soweit ein günstiger Nährboden dazu einlädt. Die Wirkung seines Daseins aber gleicht ebenfalls der von Schmarotzern: wo er auftritt, stirbt das Wirtsvolk nach kürzerer oder längerer Zeit ab.“ 1300 Ebd., S. 355 1301 Ebd., S. 64 und 69 1302 Ebd., S. 345 1303 Vgl.: Ebd., S. 344-346 7. Adolf Hitler 282 Prinzip“ unterstellt wird, sei das „arische Prinzip“ organisierend-konstruktiv. Dem „bösen Feind der Menschheit“ wird der „Prometheus der Menschheit“ gegenübergestellt. Aus der Annahme, es gäbe „Auflöser“ der menschlichen Kultur, folgt das Alleinstellungsmerkmal der Anderen, „Begründer“ derselben zu sein. Ist dieser disponiert, sich zu opfern, wird jenem das Fehlen dieser Qualität zugewiesen, das sich als ausgeprägter Egoismus manifestiere. Wird „Jenseitsglaube“ als substantielles Merkmal der Anhänger „wahrer“ Religiosität gesetzt, muß den Gläubigen der unwahren Religionsgemeinschaft, die ja ohnedies eigentlich nur der „Verschleierung“ diene, die Fähigkeit der Transzendierung abgesprochen werden. Die Inkriminierung parasitären Schmarotzertums ist ohne die komplementäre Nennung eines Geschädigten (der „Wirt“) nicht denkbar. Letztlich: Die vermeintliche Gottgleichheit eines wie auch immer gestalteten Kollektivs impliziert die Satansidentifikation des Pendants. Wie zu erwarten war, ist Hitlers Bilanz dezidiert monokausal. Insofern werden alle dargelegten Indizien des Mißstandes und der allgemeinen apokalyptischen Bedrohung – auch diejenigen, die das Jüdische scheinbar zunächst nicht betreffen –, schließlich doch mit diesem identifiziert. Die Juden seien erwiesenermaßen also die Verursacher allen Übels, und überdies die natürlichen Nutznießer dieses Zustandes. Die Universalität dieser Kausalität ist maximal: „Der Jude“ sei „der wirkliche Urheber allen Leides“1304 und unter seinem „Parasitentum“ habe die „ganze ehrliche Menschheit zu leiden“.1305 Die „Rassenfrage“, die den „Schlüssel zur Weltgeschichte“, „zur menschlichen Kultur überhaupt“ berge, sei immer die „Judenfrage“.1306 Obwohl damit ein Ergebnis bereits benannt ist, werde ich anhand diverser Beispiele die „Jüdische Frage“ Hitlers umreißen, um so deren vielfältiges Spektrum zu illustrieren. Außer der „politischen“ Verantwortlichkeit, d.h.: der von Hitler angenommenen jüdischen Urheberschaft kommunistischer, bolschewistischer, sozialistischer, sozialdemokratischer, liberaler und demokratisch-parlamentarischer Ideen1307, sind zwei weitere Komplexe zu unterscheiden: Einerseits die ökonomische und andererseits eine „rassentheoretische“ Sphäre, die hier eine „Vergiftung rassischer Grundlagen“ infolge „rassischer Vermischung“ betrifft. 1304 Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 724, Hervorhebung im Original 1305 Ebd., S. 165 1306 Ebd., S. 372 1307 Barbara Zehnpfennigs Analyse zeigt die ideologieimmanenten Zusammenhänge dieser ideologischen Feindbilder Hitlers mit seiner weltanschaulichen Prämisse des perennierenden „Rassenkampfes“ bzw. „Völkerringens“ und dem „Judentum“. Hitler glaube an eine „Taktik des Judentums“, die darin bestehe, eine „Tilgung des Kampfes aus der Welt“ zu verfolgen. Statt den Kampf der Völker anzunehmen, regierten „die Juden“ von innen („parasitär“), „entnationalisierten“ die Welt durch vermeintlich supranationale kommunistische Interessensvorspiegelung, ihre liberal-individualisierte Persönlichkeitsbetonung negiere den Wert der Rasse bzw. des Volkes. Stattdessen aber würden Juden (ihren) Geist fördern, um einem physischen Kampf aus dem Weg zu gehen usw. usf. Entscheidend ist der „für den Verschwörungstheoretiker typische Drang“ der monokausalen Erklärung und der Obsession, „einen Täter zu finden, bei dem alle Fäden zusammenlaufen.“ Vgl.: Zehnpfennig: Hitlers Weltanschauung, a.a.O., S. 67-89 7.2 Hitlers Eliminatorischer Antisemitismus 283 Ausgehend von der Annahme der „Herrschaft des Geldes“ will Hitler in den Juden die „Herren des internationalen Kapitals“ erkennen. Sie bereiteten sich, diese Position ausnutzend, darauf vor, dem (deutschen) „Volke das Sklavenjoch“1308 aufzuerlegen. Zugleich Ursache und Folge dessen sei, daß die „nationale Wirtschaft zerstört“1309 werde, die wiederum als die einzig „wahrhaft volksnützliche Wirtschaft“1310 bezeichnet wird. Hitler erläutert den Anhängern der von ihm geführten „Bewegung“, welcher Mittel sich die Juden bedienten, um dieses Ziel zu erreichen. Es überrascht bei aller Paradoxie nicht, wie Hitler die Macht- und Funktionsmechanismen innerhalb der deutschen Nationalökonomie beurteilt, wünscht er doch zu beweisen, daß die Juden Urheber allen Übels sind. Demzufolge seien sowohl die Interessen der Arbeitgeber, als auch die der Arbeitnehmer fremdbestimmt, das bei Hitler immer heißt: von Juden diktiert. Denn die Juden seien nicht nur „die Besitzer und Kontrolleure der nationalen Arbeitskraft“,1311 sondern auch „Führer der Gewerkschaftsbewegungen“1312. Auf solche Weise wird aus der Sozialen Frage „im Handumdrehen“ eine Jüdische Frage. Die übergeordnete Idee der vermeintlichen börsen- und finanzmäßigen Internationalisierung, die naturgemäß der von Hitler erhofften „Nationalisierung“ der Massen, der Wirtschaft, der Kunst usf. zuwiderläuft, ist das Schreckbild einer totalen Internationalisierung in diesen gesellschaftlichen Bereichen. Diese bedeutet nicht weniger als die „Zersetzung arischer Werte“, die wiederum die „jüdische Weltherrschaft“ bedinge. Die „politische“ Internationalisierung kann auf die schlichte Formel „Rassenfrage wird Klassenfrage“1313 reduziert werden. Ich komme damit zu der zweiten Komponente, die oben mit dem Begriff „Vermischung“ bezeichnet wird. Hitler will in einer „Blutsvergiftung“ das Ergebnis der „Rassenkreuzung“ erkennen. Zuvor sei bemerkt, daß Hitler nichtsdestoweniger beharrlich den Reinerhalt1314 des „Blutes, der rassischen Grundlagen, der Urelemente“ usf. postuliert, während er ansonsten ubiquitäre Vergiftung diagnostiziert. Offen lesbar aus den Fugen geraten ist ihm hier die Spannung zwischen Schreckensszenarium und Kampfesmotivation. Denn wie sonst ist zu erklären, daß etwas erhalten werden soll, das nach Hitlers Meinung längst nicht mehr existiere – ein Wiederherzustellendes und ein ‚Zu Erhaltendes’ identisch gesetzt werden. Die Vernachlässigung des Gebotes der „rassischen“ Integrität – die sogenannte „Rassenkreuzung“ – hat gemäß der nationalsozialistischen Weltanschauung zweierlei Auswirkungen. Sie bedeute zunächst, die „Niedersenkung des Niveaus der höheren Rasse“ („körperlicher und geistiger Rückgang“), darüber hinaus „sicher fortschreitendes Siechtum“1315 (der „höheren“ 1308 Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 265 1309 Ebd., S. 350 1310 Ebd., S. 344 1311 Ebd., S. 345 1312 Ebd., S. 353 1313 Während die „Rassenfrage“ ansonsten beinahe dutzendfach zum dominierenden Element der Weltgeschichte erklärt wird. Vgl.: z.B., ebd., Seiten 234, 272, 310, 324, 360, 372, 468, 782 1314 Vgl. z.B.: ebd. S. 444, Hervorhebung des Verf. 1315 Ebd., S. 314 7. Adolf Hitler 284 Rasse). „Rassenkreuzung“ führe aber auch „zwangsläufig früher oder später zum Untergang des Mischproduktes, solange der höherstehende Teil dieser Kreuzung selbst noch in einer reinen irgendwie rassenmäßigen Einheit vorhanden ist“.1316 Diese These verheißt einen „rassentheoretischen“ Hoffnungsschimmer, der zwar den Untergang des „vergifteten Ariers“ (das „Mischprodukt“1317) prognostiziert, aber ebenso eine realistische Überlebenschance der „arischen“ Rasse suggeriert, solange die „Bastardierung des letzten höherstehenden Rassereinen“ verhindert werde. Hitler müsste demzufolge der logischen Auffassung sein, daß die „edlen“, „arischen“, gar „göttlichen“ Urelemente im „Vermischungsprozeß“ in entscheidender Hinsicht rezessiv sind, ein Umstand der freilich nicht eben von „göttlicher“ Potenz oder anderweitig abzuleitender Superiorität zeugt. Andernfalls wäre „Vermischung“ völlig unbedenklich da ungefährlich, das „Problem minderwertiger Rassen“ also obsolet. Hieraus folgt aber auch die Notwendigkeit der Strategie Hitlers, „die letzten Rassereinen“ zu konzentrieren und durch anderweitige Überlegenheit zu triumphieren (i.e.: „Wille und Entschlossenheit“ „Treue und Fanatismus“ usw.). Die konkreten Folgen der „Rassenkreuzung“ in nationalsozialistischer Perspektive bestehen in einer „jüdischen Bastardierung“, in der „rassischen Zersetzung der letzten arischen Werte“, der „Verpestung deutschen Blutes“.1318 „Ausrottung des Todfeindes der arischen Menschheit“ „Die Gewinnung der Seele des Volkes kann nur gelingen, wenn man neben der Führung des positiven Kampfes für die eigenen Ziele den Gegner dieser Ziele vernichtet.“ (Hitler)1319 Über die finale Intention Hitlers, die stets eine exterminatorische „Lösung“ seines „Problems“ bedeutete, besteht bereits in seiner programmatischen Kampfschrift kein Zweifel. Zum Ende seiner Bekenntnisschrift bedauert er, „hebräische Volksverderber“ nicht früher schon einmal „unter Giftgas gehalten zu“ haben.1320 Sein Antisemitismus ist vor allem mörderisch, und mußte es sein, insofern sich die obsessive Vision des 7.2.3 1316 Ebd., S. 443 1317 Allerdings sind die Menschen, die hier „Mischprodukte“ heißen, in der politischen Realität nach 1933 – genauer, spätestens nach der Implementation der sog. Nürnberger Gesetze – nicht „Halbarier“ sondern „Halbjuden“ genannt worden; ein für das Schicksal dieser Menschen bekanntlich verheerender Umstand. Auch die Tatsache, daß der 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Barack Obama, stets als der erste „schwarze“ Präsident bezeichnet wird, zeugt von der Virulenz dieser „Logik“. Die „weiße“ Mutter Obamas, die deutsch-irischer Abstammung ist, wird hier ohne weiteres eskamotiert, die afrikanische Herkunft des Vaters – und dessen DNS/DNA – identifikatorisch implizit als „dominant“ manifestiert. Selbstverständlich geschieht dies nicht oder zumindest überwiegend nicht in diskriminierender Absicht, was aber an der diesbezüglichen Ungleichgewichtung der Abkunft des Vaters und der Mutter, die sich in der einhelligen Bezeichnung Obamas ausdrückt, nichts ändert. 1318 Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 629 1319 Ebd., S. 371 1320 Vgl.: Ebd., S. 772 7.2 Hitlers Eliminatorischer Antisemitismus 285 „Absterbens“, des „Untergangs“, der bevorstehenden „Vernichtung“ des deutschen Volkes in einer aggressiven Paranoia manifestiert, die, zunächst regional erweitert und schließlich globalisiert, eine Bedrohung der „arischen Rasse“ in Gänze vorstellt. Aufgrund der konfabulierten Implikation der exklusiven Kulturträgerschaft der Arier bedeutet diese angebliche Bedrohung die „Widersache jeden Menschentums“.1321 Hitler denunziert eine Taktik der berechnenden „Infizierung“, die den Juden immer nütze, selbst dann, wenn es sich um eine, Hitler, die Deutschen und die „Arier“ nicht direkt betreffende, sondern eine „Infektion“ an der schwarzen Rasse handele, da auch sie Vermischung herbeiführe: „Dieses an sich immer mehr der Vernegerung [sic] anheimfallende Volk [das französische] bedeutet in seiner Bindung an die Ziele der jüdischen Weltbeherrschung eine lauernde Gefahr für den Bestand der weißen Rasse Europas. Denn die Verpestung durch Negerblut am Rhein im Herzen Europas entspricht … der eisig kalten Überlegung des Juden, auf diesem Wege die Bastardisierung des europäischen Kontinents im Mittelpunkte zu beginnen und der weißen Rasse durch die Infizierung mit niederem Menschentum die Grundlagen zu einer selbstherrlichen Existenz zu entziehen.“1322 Auch an dieser Stelle ist auf den Topos der sogenannten „Rassenkonsistenz“ einzugehen. Denn, so nimmt auch Hitler an, der Bestand der „jüdischen Rasse“ sei gegen die – ansonsten stets negativ bewerteten – Konsequenzen einer „Rassenmischung“ gleichsam immun und deren Erbanlagen wären, im Sinne der oben angestellten Überlegungen, hier als dominant zu bezeichnen: „Bei kaum einem Volke ist der Selbsterhaltungstrieb stärker entwickelt, als beim sogenannten auserwählten. Als bester Beweis hierfür darf die Tatsache des Bestehens dieser Rasse allein schon gelten. Wo ist das Volk, das in den letzten zweitausend Jahren so wenigen Veränderungen der inneren Veranlagung, des Charakters usw. ausgesetzt gewesen wäre als das jüdische? Welches Volk endlich hat größere Umwälzungen mitgemacht als dieses – und ist dennoch immer als dasselbe aus den gewaltigsten Katastrophen der Menschheit hervorgegangen? Welch unendlicher Wille zum Leben, zur Erhaltung der Art spricht aus diesen Tatsachen.“1323 Die von Hitler angenommene, besondere Perfidie liegt in der Feststellung begründet, daß „der Jude“ ewig das Blut der anderen vergifte, während er sein eigenes stets „reinerhaltend“ wahre.1324 Dem Teil seiner Anhängerschaft, dem diese Gedanken zu abstrakt erschienen sein mochten, scheint Hitler immer auch eine „konkrete Übersetzung“ geben zu wollen: Denn „in Wahrheit“ beabsichtigten die Juden immer – so die schlichte Botschaft – die „Versklavung und damit die Vernichtung aller nichtjüdischen Völker.“1325 Weil der fortschreitenden „Rassenvermischung“ nicht rechtzeitig Einhalt geboten worden sei, „fiel die scharfe Scheidewand zwischen Herr und Knecht“.1326 Hitlers ne- 1321 Ebd., S. 336 1322 Ebd., S. 704/705; Hitler benutzt ansonsten den Begriff „Bastardierung“, nicht „Bastardisierung“. 1323 Ebd., S. 329, Hervorhebung des Verfassers. Daß Hitler hier ausnahmsweise von „jüdischem Volk“ spricht, ist definitorisch ohne Bedeutung, und muß als willkürlich betrachtet werden, insofern er in ein und demselben Satz gleichfalls den Begriff „Rasse“ verwendet. Siehe meine Hervorhebung. 1324 Vgl.: Ebd., S. 346 1325 Ebd., S. 351 7. Adolf Hitler 286 gative Prophetie betrifft also nicht nur die Einbuße einer welthistorischen Vormachtstellung innerhalb eines göttlichen Heilsplans, sondern darüber hinaus die bevorstehende existentielle Vernichtung der Deutschen, bzw. der „Arier“. Hitler und die Nationalsozialisten prätendieren eigene Bedrohtheit durch den „blutgierigen Völkertyrannen“1327, der in den Juden inkarniert sei. Es kann angenommen werden, daß das deutsche Volk ihnen eben dies geglaubt und entsprechend deshalb die Massenvernichtung (eingedenk der These Daniel Goldhagens) aktiv mitgetragen habe. Wie der Umriß der „Jüdischen Frage“ gezeigt hat, ist Hitler vor allem daran gelegen die Virulenz einer jüdischen Bedrohung maximal zu steigern. Der Begriff der Vernichtung taucht in derartigem Zusammenhang gleichsam als Roter Faden auf. So ist wiederholt von einem Willen der Juden zu lesen, die „Existenz“ und das „Dasein aller nichtjüdischen Völker und Staaten“ zu vernichten.1328 Außerdem wird die Absicht einer Vernichtung des „einzigen Kulturträgers“ unterstellt.1329 Es könnte angenommen werden, daß es sich dabei um „bloß abstrakte Bedrohungsszenarien“ (wie bei Wagner) handele, denen man ebenso begegnen könne (parlamentarisch, argumentativ oder – wagnerisch gesprochen – dazu aufzufordern, „aufzuhören, Jude zu sein“, etc.). Das wäre jedoch, zuvörderst auch angesichts der Kenntnis der realen Judenvernichtung, verfehlt. Darüber hinaus sind insbesondere Zitate wie das folgende zu berücksichtigen: „Jeder Versuch, eine Weltanschauung mit Machtmitteln zu bekämpfen, scheitert am Ende, solange nicht der Kampf die Form des Angriffs für eine neue geistige Einstellung erhält. (…) Der Kampf gegen eine geistige Macht mit Mitteln der Gewalt ist aber so lange nur Verteidigung, als das Schwert nicht selber als Träger, Verkünder und Verbreiter einer neuen geistigen Lehre auftritt.“1330 Auf der Grundlage der allenthalben angenommenen existenzbedrohenden Offensive ist alle „Lösung“ auch als gerechtfertigte Defensive1331 konstruiert. Dem Zitat sind zweierlei Legitimationsversuche zu entnehmen: Erstens, die vorgebliche Absicht Hitlers, seinen Kampf, wenn nur möglich, mit gewaltlosen Mitteln führen zu wollen. Und zweitens, der Versuch nahe zu legen, eine offensive Defensive zu führen, die sich aber doch vor allem des Schwertes bedienen müsse. Die Tatsache, um den tatsächlich durchgeführten Völkermord zu wissen, erübrigte den Blick auf die „Lösungsansätze“ Hitlers eigentlich – vor allem hinsichtlich des Vergleichs mit Wagner. Neben den Textstellen, die unverhohlen explizit den geplanten Genozid an den Juden androhen, ergibt sich allein aus dem oben demonstrierten „fundamentalen Gegensatz zwischen Arier und Jude“; ein Entweder-Oder, innerhalb dessen die Bewahrung der eigenen Existenz, die (somit „oktroyierte“) Vernichtung des antagonistischen Anderen 1326 Ebd., S. 324 1327 Ebd., S. 703 1328 Vgl.: Ebd., die Seiten 171, 185, 351, 420, 601 1329 Vgl.: Z. B. ebd., S. 421 und 432 1330 Ebd., S. 189 1331 Nicht zufällig also lautet der Titel des letzten Kapitels von Mein Kampf, „Notwehr als Recht“. 7.2 Hitlers Eliminatorischer Antisemitismus 287 bedeutet. Denn von natürlicher Konkurrenz und Gegnerschaft ist auch bei Hitler nicht auszugehen: „Der Jude“ sei der „Todfeind der arischen Menschheit“, der „Vernichter dieses Menschen“, sein Mittel die „Zerstörung der rassischen Grundlagen unseres [der Deutschen/’Arier’] Daseins“.1332 Die unumwundenen Drohungen Hitlers sind vor dem Hintergrund dieses Szenariums zu lesen: „Nur die Beseitigung der Ursachen unseres Zusammenbruchs sowie die Vernichtung der Nutznießer desselben kann die Voraussetzung zum äußeren Freiheitskampf schaffen.“1333 „Die Gewinnung der Seele des Volkes kann nur gelingen, wenn man neben der Führung des positiven Kampfes für die eigenen Ziele den Gegner dieser Ziele vernichtet. (…) Die Nationalisierung unserer Massen wird nur gelingen, wenn bei allem positiven Kampf um die Seele unseres Volkes ihre internationalen Vergifter ausgerottet werden.“1334 1332 Ebd., S. 629, 630, 633 1333 Ebd., S. 686 1334 Ebd., S. 371/372 7. Adolf Hitler 288

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References

Zusammenfassung

Mit diesem Buch liefert Alexander Schmidt eine profunde Analyse der oft vermuteten Vorbildwirkung Richard Wagners für die völkische und nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungsideologie des 19. und 20. Jahrhunderts. Hierzu leistet der Autor eine ideengeschichtliche Gegenüberstellung ausgewählter Facetten der „Weltanschauungen“ Chamberlains, Rosenbergs, Hitlers und Wagners und deren jeweilige Konkretisierung der sogenannten „Jüdischen Frage“.

Werkimmanent, jedoch mit vielfältigen Bezügen zu politischen, ideologischen, philosophischen und feuilletonistischen Sekundärschriften, vergleicht er die jeweils angestrebte Gesellschaftsordnung sowie das Menschenbild der geschichtlichen Personen und gewährt dabei umfassende Einsichten in das weltanschauliche Gedankengebäude Richard Wagners sowie über die oft fälschlicherweise angenommene Vorbildwirkung seiner Schriften für die antisemitischen Ergüsse Chamberlains, Rosenbergs und Hitlers.