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2. Sachstand in:

Alexander Schmidt

Die ideologische Rezeption der Judenfeindschaft Richard Wagners, page 23 - 102

Ursprung, Verlauf und Konsequenzen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3950-2, ISBN online: 978-3-8288-6812-0, https://doi.org/10.5771/9783828868120-23

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 73

Tectum, Baden-Baden
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Sachstand „Kunst als Waffe? (…) Kunst als Einnehmen des richtigen Standpunkts zu allem und jedem? Kunst als Advokat des Guten? Von wem haben Sie das? Wer hat Ihnen gesagt, daß Kunst Propaganda ist? Wer hat Ihnen gesagt, daß Kunst im Dienst ‚des Volkes‘ steht? Kunst steht im Dienst der Kunst – alles andere ist keinerlei Beachtung wert.“76 Es sind hier zunächst die prägnantesten Thesen der Debatte um die Deutungsoptionen und die Konsequenzen der Judenfeindlichkeit Wagners anhand einiger Exponenten beider „Lager“ darzulegen (Kapitel 2.1 vorliegender Untersuchung). Die dazugehörige Literatur ist Legion, weshalb eine repräsentative Auswahl zu treffen war. Beiden Lagern sind mit guten Gründen einerseits inadäquate und andererseits unzulängliche Zugänge und daraus häufig entstehende pauschalisierende Urteile nachzuweisen. Sie sind, mit den vom „Klavier-Kaiser“ Joachim Kaiser gefundenen Begriffen, grundsätzlich als einerseits „nazistisch-hitlerisches“ und andererseits „demokratischantiwagnerianisches“ Mißverständnis zu unterscheiden. Dementsprechend ist im Hinblick auf ein exzeptionelles soziokulturelles Phänomen, wie es die Rezeption und die daraus resultierende Wirkung der Weltanschauung Richard Wagners und den damit – tatsächlich oder vermeintlich – verbundenen „deutschen“ Ungeist darstellt, zu allererst George Bernard Shaws „Wagner-Brevier“ zu nennen. Denn die, je nach (ideologischem) Standpunkt als zutreffende Interpretationen der Wagnerschen Auffassungen oder als quasi-apokryphe Verzerrungen derselben zu bezeichnenden Schriften rassistischer Fanatiker, wie vor allem Houston Stewart Chamberlain und Alfred Rosenberg, die ein „nazistisch-hitlerisches Mißverständnis“ markierten, wie auch das („nur wenig intelligentere“) „demokratisch-antiwagnerianische Mißverständnis“, deren Vertreter in Kap. 2.2 vorliegender Untersuchung betrachtet werden, seien bei Kenntnis der Interpretation Shaws unmöglich gewesen. Denn diese erkenne so Kaiser weiter im Ring des Nibelungen, der so der Tenor zweitgenannter Kritikergruppe die antisemitische ‚Ursuppe’ beider Weltkriege und des Holocausts darstelle, vielmehr eine „grandiose Parabel über Kapitalismus, über Jugend, Liebe und Alter“.77 Obschon diese Interpretation weit(er)hin anerkannt bleibt – „…wie im Gewande archaischer germanischer Mythologie ‚Das Rheingold’ [das erste Stück des Ring-Zyklus] eine Allegorie des Aufstiegs und Zusammenbruchs des 2. 76 Roth, Philip: Mein Mann, der Kommunist, München/Wien 1999, S. 251, Hervorhebungen im Original 77 Vgl. Kaiser, Joachim, Vorwort, in: Shaw, George Bernard: Ein Wagner-Brevier. Kommentar zum Ring des Nibelungen. Aus dem Englischen von Bruno Vondenhoff, Frankfurt am Main 1973 (Titel des Originals: The Perfect Wagnerite – A commentary on the Niblung’s Ring by George Bernhard Shaw), S. 7 und 16 23 Kapitalismus bietet“ – sieht exemplarisch auch Vittorio Hösle in der Götterdämmerung [dem Schlußteil des Ring-Zyklus] die Matrix für das Denken und Handeln des „gedemütigten Volkes“ im Deutschland des Jahres 1933, indem es „auf seinen Siegfried“ gewartet habe, der ja [dieser Lesart zufolge, in Gestalt Hitlers] gekommen sei und „ganz nach Plan, die Götterdämmerung ins Werk setzte und aus den antisemitischen Phantasien Wagners blutigen Ernst machte.“78 Inwiefern aber aus den dramatischen Inhalten der Götterdämmerung, der planmäßige „blutige Ernst“ der nationalsozialistischen Massen- und Völkermorde sinnvoll abzuleiten ist, beschäftigt Hösle nicht weiter. In der Ring-Dichtung Wagners werden doch die Götter gerichtet, Walhall, ihr Sitz, ist dem Untergang geweiht, die Mächtigen (die Götter um Wotan) werden – nach allen sinnvoll denkbaren moralischen Maßstäben – zurecht entmachtet. Es stirbt auch Siegfried, in dem manche, dem geflügelten Nietzsche-Wort zufolge, die blonde Bestie79, den alles Mediokre Zermalmenden, sehen möchten. Es hinterbleiben Menschen, „Männer und Frauen“ sehen „in sprachloser Erschütterung dem Vorgange und der Erscheinung zu“, die den Weltenbrand bzw. -untergang („sich immer weiter und stärker verbreitende ... rötliche Glut“, „der Rhein tritt über seine Ufer“) ankündigen mag.80 Denn gewiß ist nur, daß „die Herrschaft der Götter, des Goldes endet“, und „nicht die Welt“ – weitere „Schlussfolgerungen aus dem Geschehen im Ring zu ziehen, bleibt den Theaterbesuchern überlassen“81, wie Wolf zurecht konstatiert, und was eben insofern jedermann erlaubt, auch jede beliebige Auslegung anzustellen. Die Urenkelin Nike Wagner sieht das hoffnungsvolle Ergebnis der Ring-Dichtung in dem dramatisch formulierten Wunsch Wagners, das „Fortzeugen von Katastrophen“, durch den „Herrschaftswechsel für eine andere und gerechtere Welt“ zum Ende zu bringen. Dieses schwärmerische Ansinnen ist jedoch immer und unmißverständlich auf Wotan bezogen – die „marode Autorität, die nicht abdanken will“, der als „Alter die Jungen mit in den Tod reißt“ und „für seine Mißwirtschaft die Nachkommen bezahlen“ lasse und grundsätzlich seine Kinder und Enkel für den Machterhalt instrumentalisiere82 – und ist auf niemanden sonst bezogen. Übrigens, Wagner lässt beim Bau seiner Bayreuther Villa Wahnfried in den Giebel über dem Eingangsportal ein Mosaik einpassen, das Wotan abbildet, nicht etwa Siegfried. Die Einlassungen Shaws, die für die kapitalismuskritische Lesart prototypisch sind, gelangten indes ein Dreiviertel-Jahrhundert (seit Entstehung 1898) schlicht nicht zur (kontinentaleuropäischen) Kenntnis. Und aus eben solcher Tatsache resultiere namentlich ein entmutigender Eindruck über den Aufklärungsstandard des öffentlichen Bewusstseins. (Gleiches gelte übrigens für die Antisemitismus-Abhandlung Jean-Paul Sartres,83 so Kaiser weiter.) 78 Hösle, Vittorio: Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie – Rückblick auf den deutschen Geist, München 2013, S. 162 f. 79 Nietzsche, Friedrich: Zur Genealogie der Moral – Eine Streitschrift [1887], Stuttgart 1988, S. 30 80 Golther, Wolfgang (Hrsg.): Der Ring des Nibelungen – Ein Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend von Richard Wagner, Zweiter Band: Siegfried – Götterdämmerung, Leipzig 1914, S. 200 81 Wolf: Wagner-Bild, a.a.O., S. 14 82 Vgl.: Wagner, Nike: Wagner-Theater, Frankfurt am Main 1998, S. 117 2. Sachstand 24 Daraufhin ist die Wagner-Rezeption nach dem Holocaust zu beleuchten, die schwerpunktmäßig in der Bundesrepublik Deutschland stattfand und innerhalb ca. siebzig Jahren nur sehr geringfügige „Fortschritte“ im Sinne einer Veränderung der Wahrnehmungen und Bewertungen zeitigt, sofern die immer gleichen Zugänge bzw. Rezeptionsmethoden gewählt und zugrundegelegt werden (Kapitel 2.2 vorliegender Untersuchung). Daß dies in den Konsequenzen zu weiterhin unversöhnlichen Verdikten führt, kann daher nicht verwundern. Eine besondere Berücksichtigung erfährt die Wagner-Rezeption in der sog. Deutschen Demokratischen Republik (Kapitel 2.3), im Zuge derer sich die sowjetischen Besatzer sowie die herrschende Parteielite des sog. Politbüros bzw. Zentralkomitees untrügliche ideologische Ungereimtheiten, aber auch plausible und gewissermaßen neutralisierende Anschlußmöglichkeiten durchaus bewußt machten. Von Wagner zu Hitler? Zugriffe und Zugänge Die Beschränkung auf jeweilige Exponenten bestimmter Interpretationsströmungen scheint mir insofern geboten und also zulässig, da alle Autoren, die sich diesem Themenkreis widmen, zumindest einem der nachfolgend ausgewiesenen Zugänge zum Wagner-Hitler-Komplex zuzuordnen wären. Nichtsdestoweniger sind all diese „Zugänge“ im Sinne der hier gewählten Perspektive meines Erachtens aber auch kaum hinlänglich oder im Sinne eines Belegs (oder „Widerlegs“) der These weltanschaulicher Homousie wenig zielführend. Die hier stattdessen intendierte Fokussierung auf gleichsam philologisches Instrumentarium in der Anwendung auf die thematisch-programmatischen Schriften Wagners, Chamberlains, Rosenbergs und Hitlers entspricht nicht der konventionellen Bearbeitungsweise, und ist praktisch das Alleinstellungsmerkmal vorliegender Untersuchung,84 erst recht, wenn eine Betrachtung der Hauptschriften der beiden wichtigsten Vermittler in beide Richtungen, Chamberlain und Rosenberg also, eingebracht wird.85 2.1 83 Walter Laqueur fasst Sartres Antisemitismus-These zusammen, daß „jemand ein Jude sei, der von anderen als Jude angesehen und definiert werde.“ Laqueur: Gesichter des Antisemitismus, a.a.O., S. 46. Ich werde in Kap. 3.2 zeigen, daß diese Auffassung in der Beschreibung antisemitisch-motivierter Definition durchaus zutreffend und berechtigt ist. Sartre plädiert infolgedessen für die Formulierung einer „Antisemitenfrage“, die dem Problem eher Rechnung trage als die absurde sog. „Judenfrage“. Vgl.: Sartre: Überlegungen zur Judenfrage, a.a.O., passim 84 Siehe zu diesem im „wagnerspectrum“ von Udo Bermbach formulierten Mißverständnis: wagnerspectrum – Schwerpunkt Wagner und Fantasy/Hollywood, Würzburg 2008, S. 290. Frank Piontek hingegen sieht bei der hier gewählten Methodik, „Werkzeuge der Philologie“ angewandt, die die These mit „systematischer Gründlichkeit belegen“. Vgl.: Piontek, Frank: Rezension „Was hat Wagner mit Hitler gemeinsam? Nichts – kritisch gesehen“, in Festspielnachrichten, Bayreuth 2008, S. 15 85 Zur Position Rosenbergs in NS-Partei und -Staat sowie der kulturgeschichtlichen und „rassentheoretischen“ Deutungshoheit Chamberlains, vgl.: Bärsch: Die politische Religion des Nationalsozialismus, a.a.O., S. 192 ff. und 139 ff. 2.1 Von Wagner zu Hitler? Zugriffe und Zugänge 25 Konventionelle Zugänge zum Themenkreis „Wagner und Hitler“ Die üblicherweise verwendeten Zugänge, resp. Ansätze der Bearbeitung des Themenkreises ‚Hitler in Beziehung zu Wagner’ lassen sich sämtlich unter mindestens eine der folgenden Kategorien rubrizieren: I. Ideologische Erbfolge der Bayreuthianer Immer wieder wird eine Kontinuität von Wagner zu Hitler unter dem (freilich fragwürdigen) Verweis auf die theoretische Vermittlung durch „Bayreuther Kreise“ und pränationalsozialistische „Völkisch-Bewegte“ diverser Provenienz hergestellt. Die Verknüpfung zwischen Wagnerianischer Weltanschauung und „völkischer“ Religiosität, die zunächst „heidnisch“ genannt werden darf, ist allerdings nur mittelbar einleuchtend. Wenn man unterstellt, daß das musikdramatische Sujet Wagners den Ausfluß seiner politisch-religiösen Ideologie darstellt, könnte man eine solche Gleichursprünglichkeit bzw. ein gemeinsames Geltungsfundament der nordisch-germanischheidnischen Wotans- bzw. Nibelungenthematik durchaus für indiziert halten. Die Diffusität des Begriffs „völkisch“ ist wohl auch zurückzuführen auf einen, von Elke Thye und Insa Eschebach konstatierten „antirationalen Begründungszusammenhang“, der aufgrund ebendieser Qualität schwierig zu erfassen und nachzuvollziehen ist. Die ‚Schau’, das ‚Lebensgefühl’, das germanische bzw. deutsche ‚Wesen’, die ‚Rassenseele’ (die Wagner jedoch nicht kennt) usw. stehen hier im Zentrum; es handele sich damit um eine Größe, die sich erklärtermaßen dem Zugriff der Vernunft entzieht und vielleicht auch entziehen soll. Denn es sind „instinktive Kräfte“, deren „Empfindlichkeit“ dem völkischen Credo zufolge, nicht durch „allgemeine logische Erörterungen betäubt“ werden dürfe.86 Der Begriff ‚völkisch’ bezeichne ein Wahrnehmungsmuster, daß den Kollektivbegriff des ‚Volkes’, schließlich auch den der Rasse bzw. der Art mit einer metaphysischen Weihe ausstatte.87 Nichtsdestotrotz entstehen derartige Bewegungen zum Ende der Wilhelminischen Ära bzw. der frühen Weimarer Republik und haben allein deshalb schon keine unmittelbare oder gar einsträngige „Wagnertradition“. II. Cosimas Tagebücher als wesentliche Quelle der Interpretation Wagners zweiter Frau Cosima, respektive deren Tagebüchern, wird häufig größere Berücksichtigung zuteil. Von diesen privaten Zeugnissen die einen annehmen, sie stellten den wahrheitsgemäßen Gedankengang des Meisters dar. Andere sehen in Cosima jedoch die stets radikalere Judenhasserin, die den Meister mißdeutet und „Bay- 2.1.1 86 Pross, Harry (Hrsg. und Kommentare): Die Zerstörung der deutschen Politik – Dokumente 1871-1933, Frankfurt am Main 1959 87 Vgl.: Eschebach, Insa/ Thye, Elke: Die Religion der Rechten – Völkische Religionsgemeinschaften – Aktualität und Geschichte, Dortmund 1995, S. 11ff. 2. Sachstand 26 reuth“ – vor allem nach Wagners Tod – korrumpiert habe. Dieser Punkt korrespondiert dem zuerst genannten, insofern Cosima den oben erwähnten Kreisen, allen voran Houston St. Chamberlain als kommenden Völkischen Ahnherrn, das geistige Wagnererbe antrug. Und ungünstigerweise hinterließ Wagner kein Testament, das die ideologische Erbfolge der Witwe hätte verhindern können, die „Wagners Ideen und das nationaldeutsche Konzept der Bayreuther Festspiele von Grund auf verfälscht“88 habe, wie bereits Zeitgenossen Richard Wagners argwöhnten, die also von der späteren Vereinnahmung, deren Folgen und dem immanenten Konfliktpotential nichts wissen können. Allmählich sei Cosima von der Gattin bzw. der Witwe des „Meisters“ selbst zur „Meisterin“ mutiert, die Wagners „angeblichen letzten Willen“ vollstrecke, so der Cosima-Spezialist Oliver Hilmes.89 Hilmes weist nach, daß Wagner noch kurz vor seinem Ende niemanden gewusst haben wollte, der ihm in Angelegenheiten der Aufführungspraxis seiner Werke – „in seinem Sinne“ – für seine Nachfolge geeignet schiene. Dies inkludiert selbstverständlich auch die Witwe Cosima, obwohl sie im Nachhinein allseits als dramaturgisch talentierte „Fachfrau“ beschrieben und anerkannt wurde und deshalb in aufführungspraktischer Hinsicht also durchaus nicht „ungeeignet“ gewesen sein würde.90 So wenig Wagner seine Ehefrau jedoch in rein künstlerischen Angelegenheiten als Erbin betrachtet, so deutlich ist davon auszugehen, daß er dies – im Sinne einer Fortentwicklung seiner wirklichkeitsfernen, deutlich eskapistischen, ästhetisch-politischen Gesamtkunstwerks-Idee zu einem „rassentheoretisch“ amalgamierten Bayreuthianismus – durch Cosima erst recht nicht im Sinn hatte. Falls solche Erweiterung im Sinne einer Fortentwicklung überhaupt sinnhaft zu zeichnen oder gar zu vollziehen wäre. Denn der schwergewichtige Topos Gesamtkunstwerk betrifft ja im Grunde nicht mehr als die ausgedachte Vermählung sogenannter Einzelkünste, deren öffentliche Inszenierung unter Voraussetzung der (sozialen, emotionalen, ständischen, menschheitlichen u. drgl. m., in Kap. 4.1.2 vorliegender Untersuchung dazu ausführlicher) Gleichheit des Auditoriums zu vollziehen sei, und so durch Beiwohnung vermeintlich „regenerative“ bis „erlöserische“ Wirkung zeitige. Sichtbares äußeres Zeichen dieser umfassenden Gleichmachung des Auditoriums wurde die, nicht nur in übertragenem Wortsinn, ungepolsterte Bestuhlung des Festspielhauses, von dem konzeptionellen Verzicht auf Ränge oder Logen ganz zu schweigen. Es besteht weiterhin keinerlei Anlaß, eine plausible Erbfolge der zur Meisterin avancierten Witwe für das weltanschauliche Feld zu vermuten. Cosimas „Legitimationsbasis bestand sicherlich einzig in der Tatsache, dass sie mit Wagner verheiratet gewesen war“.91 88 So Martin Plüddemann 1896, den der Wagnerexperte Hans Mayer dem „engsten Kreis der Schüler Richard Wagners“ zurechnet. Zitiert nach: Mayer, Hans: Richard Wagner, Frankfurt am Main 1998, S. 285, Hervorhebung A.S. 89 Hilmes, Oliver: Herrin des Hügels – Das Leben der Cosima Wagner, München 2007, S. 228, Hervorhebung des Verfassers 90 Vgl.: Ebd., S. 234/235 91 Ebd., S. 234 2.1 Von Wagner zu Hitler? Zugriffe und Zugänge 27 Die Fokussierung vor allem auf die Auswertung privater Aufzeichnungen und Tagebücher oder nicht zur Veröffentlichung bestimmter überlieferter Korrespondenzen (mit Ludwig II. von Bayern, mit dem Ehepaar Wesendonck, mit Nietzsche, mit jüdischstämmigen (teilweise konvertierten) Kollegen oder Dirigenten von Hermann Levi bis Angelo Neumann usw.) ist also ein häufig gewählter Zugang zum Thema. Die Vieldeutigkeiten und Spekulationen, sowie die daraus entstehenden Widersprüche, werden im Zuge solchen Verfahrens immer zahlreicher, die Lage dadurch nur un- übersichtlicher. Ganz abgesehen davon ist fortwährend davon auszugehen, daß ein Gutteil der Korrespondenzen oder grauen Aufzeichnungen aus diversen Gründen nicht mehr zugänglich resp. existent ist, und eine ausgewogene Beurteilung daher also ausschließt. Frank Bajohr und Jürgen Matthäus warnen prinzipiell vor der methodischen Naivität, in Tagebüchern „etwas anderes als subjektive Perspektiven zu erwarten.“92 Jonathan Carr findet deutliche Worte für Cosimas Dokumentations- und Überlieferungspraxis, die überdies für „weitere Mitglieder der Familie“ vorbildlich gewesen zu sein scheint: Der „Vernichtung und Unterdrückung“ wurde jenes Material, diejenige Korrespondenz zugeführt, die sie selbst oder Wagner potentiell „kompromittieren“ konnte; „sämtliche Briefe, die sie von Nietzsche“ erhielt, „wanderten in den Ofen“. „Gleiches geschah“ z.B. auch mit denen des „aufrechten Kampfgefährten des Meisters“ Peter Cornelius, sowie den Briefschreiben Wesendoncks und von Bülows. Auch der neuerdings nach Bayreuth rekrutierte Chamberlain, den Carr als Cosimas „Spindoktor“ bezeichnet, bewährte sich schnell und nachhaltig als zuverlässiger und effizienter Agent der „Wahnfrieder Verdunklungsorgie“, die einzig zum Ziel habe, „[Wagners] Vergangenheit kreativ um[zu]gestalten, damit sie den wahrgenommenen Bedürfnissen der Gegenwart gerecht wurde“.93 Weit wichtiger ist jedoch: Für jede Inkrimination, für jede Exkulpation sowie für jede denkbare Relativierung der Person und der Weltanschauung Wagners lassen sich so je etliche Belege finden. Zumeist wird dann auch noch selektiv und das heißt häufig pro domo rezipiert. Da es wie gesagt kaum möglich ist, alle Korrespondenz und privaten Aufzeichnungen zu gewichten, kann wohl auch nichts Anderes erwartet werden. Dementsprechend orientieren sich die einen vorwiegend an „üblen Scherzen über Theaterbrände“, die Cosima memoriert, die anderen zitieren allgemein Versöhnliches und Distanzierendes (besonders hoch frequentiert rezipiert werden Äußerungen Wagners à la „stehe der antisemitischen Bewegung vollständig fern“, oder die Juden seien doch „die Vornehmsten“, die für die Misere nicht verantwortlich zu machen seien) dann sogar aus ein und derselben Woche in Wagners Leben. Dieter David Scholz differenziert einen fünfstufigen Prozeß, der in Cosimas Aufzeichnungen nachzuweisen wäre und in der Zusammenschau nur mehr deren 92 Das Problematische ergibt sich nicht bloß aus der subjektiven Färbung solcher Quellen, sondern besteht nicht selten in der völligen „Ausblendung zentraler Elemente der historischen Realität“, wie die Herausgeber der Tagebücher Rosenbergs, für diese Quellen-Gattung insgesamt konstatieren. Vgl.: Matthäus/ Bajohr: Rosenberg – Tagebücher, a.a.O., S. 18 93 Vgl.: Carr, Jonathan: Der Wagner-Clan, a.a.O., S. 142/43 2. Sachstand 28 Mehrdeutig- und Unergiebigkeit bezüglich eines validen Urteils zur hier einschlägigen Frage belegen. – (Erste Stufe) Das Emanzipations- und Assimilationsproblem; Wagner lasse hinsichtlich einer Lösung der ‚Judenfrage’ Ratlosigkeit erkennen, und sei skeptisch hinsichtlich des hohen Begabungs- und Intelligenzpotentials der Juden. („Amalgamierung“ sei „etwas Unmögliches, aber wir könnten doch nicht denken, dass die Deutschen von den Juden unterjocht würden.“ Nota bene: Zu diesem Zeitpunkt sind beide Veröffentlichung der „Judenthums“-Hetzschrift passiert.) – (Zweite Stufe) Die Erkenntnis, daß die Emanzipation eine verfassungsrechtliche Frage sei. („Ach! Nicht die Juden sind es, ein jedes Wesen sucht sein Interesse zu fördern, wir sind es; wir.“ „Wenn ich noch mal über die Juden schriebe, würde ich sagen, es sei nichts gegen sie einzuwenden, nur seien sie zu früh zu uns getreten, … um dieses Element bei uns aufzunehmen.“) – (Dritte Stufe) Das Lebensprinzip der Juden sei Kapitalismus/ Mammonismus. (Aggressive Äußerungen zu „Schmarotzertum“, Wagner wolle „alle Juden von sich abfallen lassen“, aber auch: sie seien „schließlich doch besser als die [katholischen und protestantischen] Bildungsphilister“ und eigentlich „die Allervornehmsten“, sowie wiederholt Äußerungen größter Wertschätzung Mendelssohns und Heines.) – (Vierte Stufe) Die Rezeption Gobineaus, die zunächst (ca. einen Monat lang) Wagners sympathisierendes Interesse weckte, um dann „entschieden“ zurückgewiesen zu werden. (Es komme „auf etwas anderes an als auf Racenstärke [sic], gedenkt man des Evangeliums“, er fordere die „moralische Gleichheit von Juden und Christen“, also die Zurückweisung der biologistischen Rassenlehre unter Berufung auf das Christentum usw.). – (Fünfte Stufe) Infolge der Erkenntnis, daß „die Rassen ausgespielt“ haben würden, sei Wagner, was sich vor allem in Parsifal dokumentiere, ganz von Versöhnlichkeit gegenüber den Juden getragen. (Gobineau habe „außer acht [sic] gelassen, was einmal der Menschheit gegeben wurde, ein Heiland…“ Und, „Parsifal“ sei die „letzte Karte gegen Gobineau“ [während Gobineau „die Germanen als letzte Karte, welche die Natur auszuspielen hatte“, bezeichnete]).94 94 Scholz, Dieter David: Wagners Antisemitismus. Jahrhundertgenie im Zwielicht – Eine Korrektur, Aktualisierte Neuauflage, Darmstadt 2013, S. 77-87. Nota bene: Auch in Bezug auf den Parsifal herrschte in der nationalsozialistischen Elite durchaus Uneinigkeit wegen der so begriffenen christlichen Implikationen des Kunstwerks – vor allen Joseph Goebbels, Alfred Rosenberg und Heinrich Himmler wollten die Aufführung des sog. „Weihefestspiels“ von den deutschen Bühnen verbannen, da diese nationalsozialistischem Geist zuwiderliefen, was selbstverständlich zutrifft. Parsifal (sowie Lohengrin) verschwanden denn auch mit dem Kriegsausbruch tatsächlich von den Spielplänen. Dafür ursächlich wird der Schopenhaursche Gehalt der Botschaft dieses Kunstwerkes angenommen, als der dominierende Gedanke des Mitleids, der dann auch Hitler „in Kriegszeiten fehl am Platze“ erschienen sei. Auf die „theoretische“ Deplaciertheit Wagnerscher Botschaften, Ideen und Wünsche in nationalsozialistischer Ideologie wird im Verlaufe der Untersuchung immer wieder einzugehen sein. Vgl. vorläufig: Hertel, Ludwig: Zum Wagnerkult im Nationalsozialismus – Ein Beitrag zur Rezeptionsgeschichte, Berlin 2015, S. 165/166. 2.1 Von Wagner zu Hitler? Zugriffe und Zugänge 29 Scholz’ Analyse bezieht sich auf die Tagebücher Cosimas aus einem Zeitraum von weniger als vierzehn Jahren. Bereits für diese vergleichsweise kurze Periode belegt Scholz die Unergiebigkeit dieser Methode, die obendrein allenfalls einen „Lernprozess“ Wagners in Bezug zu seinen judenfeindlichen Einstellungen erhellt. III. Wagners (jüdischer?) Selbsthass Infolge eines oft angewandten psychologisierenden Analyseverfahrens der Motive der Wagnerschen Judenfeindschaft soll deren besondere Virulenz und initiierende Wirksamkeit bis in das „Dritte Reich“ hinein belegt sein, insofern vor allem deren Aggressivität vorbildlich erscheine. In diesem Sinne ist der Bezug zu Wagners Lebens- und Liebesbeziehungen intensiv gesucht worden: Die überbordenden Spekulationen – zu denen sogar Friedrich Nietzsche beitrug – verhandeln die Bedeutung jüdischer Freunde und Kollegen, des deutschen Vaters, des jüdischen Stiefvaters, der sich schließlich doch als Erzeuger erweist (aus dem (jüdischen) „Geier“ – der Name dieses Mannes lautet „Geyer“ – würde kein (deutscher) „Adler“)95, mithin ein Fall „jüdischen Selbsthasses“ (zum Phänomen des „jüdischen Selbsthasses“ auch Kap. 3.2 vorliegender Untersuchung) konstatiert wird. Solche Überlegungen bleiben in der Regel im Bereich des Spekulativen.96 Auch um gegen Wagners „nationale Bühnenkunst zu polemisieren“, sei ihm eine „semitische Abstammung nachgesagt“ worden.97 Jenseits der Spekulation einer vermeintlichen jüdischen Abstammung ist seine Schrift über das „Musik-Judentum“ (vgl. ausführlich Kap. 4.2.1.2 vorliegender Untersuchung) durch Wagners Zeitgenossen in einer höhnischen Weise rezipiert worden, wenn sie ihm vorhalten, daß Wagner „im Sinne seiner Broschüre selbst als der größte Jude“ erscheine, insofern seine persönlich-künstlerischen „Eigentümlichkeiten und Schwä- In Bezug auf Parsifal ist die nachträgliche Fehlrezeption entstanden, Wagner habe hier der Vision eines „arischen Christus“ Ausdruck verliehen. Dementsprechend schreibt der Urenkel Gottfried über den „Schluß der Oper mit den Worten ‚Erlösung dem Erlöser’“, daß Richard Wagner hier – „nach seinen Regieanweisungen“ – „Parsifal als neue[n] arische[n] Christus das Abendmahl als eine Heilsbotschaft für die Welt zelebrier[en]“ haben lasse. Vgl.: Wagner, Gottfried: Wer nicht mit dem Wolf heult – Autobiographische Aufzeichnungen eines Wagner-Urenkels, Köln 1997, S. 281, Hervorhebung des Verfassers. In den Regieanweisungen Wagners ist indes keineswegs und nirgends die Rede von einem „arischen Christus“. Sie lauten für besagte Stelle zum Ende des Werkes: „Parsifal besteigt die Stufen des Weihtisches, entnimmt dem von den Knaben geöffneten Schrein den ‚Gral’ und versenkt sich, unter stummem Gebete, kniend in seinen Anblick. Allmählich sanfte Erleuchtung des ‚Grales’. Zunehmende Dämmerung in der Tiefe bei wachsendem Lichtschein aus der Höhe.“ Kapp, Julius (Hrsg.): Parsifal, Richard Wagners gesammelte Dichtungen, Drei Teile in einem Bande, Leipzig, o. J., S. 231 95 Vgl.: Nietzsche, Friedrich: Nachschrift zu Der Fall Wagner, in: Ders.: Werke in drei Bänden, Köln 1994, Band 3, Jenseits von Gut und Böse und andere Schriften, S. 268 (Anmerkung) 96 Ungeklärt wird bleiben, wer der biologische Vater Wagners ist. Sicher scheint, neuerdings Millington zufolge, daß Geyer „nicht jüdischer, sondern eindeutig protestantischer Herkunft“ sei. Millington, Barry: Der Magier von Bayreuth. Richard Wagner – sein Werk und seine Welt, Darmstadt 2012, S. 10 97 Bauer, Hans-Joachim: Richard Wagner – Sein Leben und Wirken oder Die Gefühlwerdung der Vernunft, Berlin 1995, S. 16 2. Sachstand 30 chen“ (Gustav Freytag, 1869) eben dem entsprächen, was er als kunst-jüdisch kritisiert.98 Indem Wagners eigenes äußeres Erscheinungsbild beleuchtet wird, das demjenigen der von Wagner gewollt und absichtlich abscheuerregenden – indes nie als jüdisch konnotierten – Konzeptionen der Mime und Alberiche frappant ähnele (Wagners kleiner Wuchs, sein anscheinend proportional übergroßes Haupt („Wasserkopf “), die relativ große Nase, die sein Gesicht prägte und dergleichen mehr)99, erscheint also alles Wagnersche Schaffen als selbstbezüglich, und sei als zwanghaft zu deuten. Peter Gay ist der Auffassung, daß „Wagner sich dessen bewußt“ gewesen sei, „einige gemeinhin mit Juden in Verbindung gebrachte Züge zu tragen und pflegte darüber Witze zu machen.“100 Damit liegt gleichsam ein besonderer Exkulpationsmodus vor. Denn die so diagnostizierte Störung beeinträchtigt erschwerend jede andere Form der Analyse seiner Judenfeindschaft, wenn sie sie nicht ganz erübrigt, angesichts des vermeintlich Offensichtlichen.101 Auch wie winzig Wagner weiland wirklich war, bot tatsächlich Anlaß zu heftigen Debatten. Marten ’t Hart erkennt in den Versuchen, „Wagners Körpergröße am liebsten möglichst gering dar[zu]stellen“ das Korrelat zu einer profunden Aversion des jeweiligen Leibvermessers gegenüber Wagner, und vice versa: „…weil einige in Wagner offenbar gern einen Zwerg sehen wollten und andere dies als Sakrileg empfanden … Den irreführenden, voneinander abweichenden Umrechnungen … [die Umrechnung „vom Schweizer Fuß zum badischen Konkordatsfuß, in den sächsischen oder preußischen Zoll“ usw. usf. begünstigt diese Meinungsverschiedenheiten dann noch zusätzlich]“ schwanken zwischen 1,53m und 1,70m.102 98 Dieter Borchmeyer fasst die zeitgenössische publizistische Kritik an Wagners Schmähschrift wie folgt zusammen: „Wagners ‚Judenthum in der Musik‘ ist … immer wieder vorgehalten worden, er greife mit dem Judentum seine eigenen intellektuellen Grundlagen an. ‚Denn gestehen wir’s nur, mit dem Aufsatze … hat der humoristische Mensch [Wagner] nur eine genaue Charakteristik seiner selbst gegeben‘, heißt es … in Übereinstimmung mit zahllosen anderen Polemiken gegen Wagner.“ Borchmeyer, Dieter: Richard Wagners Antisemitismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), Beilage zur Wochenzeitschrift Das Parlament, Titel: Richard Wagner, 63. Jahrgang, 21-23/2013, S. 26ff., Gustav Freytag zitiert nach Borchmeyer, ebd. 99 „Wagner war auffallend klein, schmächtig, mit mächtigem Kopf, Adlernase und weit vorspringendem Kinn.“ In seiner Erscheinung mischten sich „die Physiognomien von ‚Troubadour, Poet, Prophet und Possenreißer‘“ Hansen, Walter: Richard Wagner – Biographie [2006], München 2013, S. 10 100 Gay, Peter: Wagner aus psychoanalytischer Sicht, in: Borchmeyer, Dieter/ Maayani, Ami/ Vill, Susanne (Hrsg.): Richard Wagner und die Juden, Stuttgart/Weimar 2000, S. 252 101 Marc Weiner hat diese, bereits für Wagner zeitgenössische, Interpretationsweise dokumentiert. Vgl.: Weiner, Marc A.: Antisemitische Fantasien, Berlin 2000, S. 107 f. Auch die weithin bekannten zeitgenössischen Karikaturen, die Wagner mit klischeehaft-phänotypischen „jüdischen“ Merkmalen (z.B. Hakennase und Schläfenlocken) zeigen, belegen die Popularität dieser Perzeptionsvariante bereits zu Wagners Lebzeiten. 102 Vgl.: Hart, Marten ’t: Mozart und ich, München und Zürich 2007, S. 76/77. Dem berüchtigten Fahndungsplakat, das den Dresdner revolutionären Ereignissen folgt, ist die Auskunft zu entnehmen, Wagner sei „mittlerer Statur“, was indes ebenso unzutreffend ist, wie die ungenaue Altersangabe „37-38 Jahre alt“ – Wagner war zu diesem Zeitpunkt noch keine 36 Jahre alt. Vgl.: z.B. das Faksimile des Steckbriefes bei: Millington: Magier, a.a.O., S. 75 2.1 Von Wagner zu Hitler? Zugriffe und Zugänge 31 IV. Familiäre Verstrickungen – Der „Wagner-Clan“ Insbesondere die persönlichen Verstrickungen Nachgeborener und posthum Anverwandter Wagners wird – in jeder Hinsicht nicht nachvollziehbar; der Verdacht, daß hier in der Logik sog. Sippenhaft argumentiert wird, scheint durchaus nicht abwegig – immer wieder in den Fokus der Debatte genommen: So wird als einer der häufigsten Belege für eine direkte geistig-intellektuelle Beziehung Wagners zu Hitler beharrlich der Umstand der engen Freundschaft Winifreds, der Ehefrau des Sohnes Wagners, die Richard Wagner freilich nie begegnet ist, mit Hitler eingebracht, und in diesem Sinne gewertet. Gleiches gilt für Houston Stewart Chamberlain, dem ebenfalls via Heiratsverwandtschaft dann der Ehrentitel „Schwiegersohn Richard Wagners“ zufiel; daß es sich um einen Jahre verstorbenen „Schwiegervater“ handelt – der daher als solcher sinnvoll nicht mehr zu bezeichnen ist – schrumpft zur irrelevanten Zusatzinformation.103 Daß allein die Möglichkeit solcher Verbindungen und Verbundenheit die auf Vermächtnis und „Gralsübergabe“ abhebt prinzipiell schlichtweg unplausibel bleiben muß, steht meines Erachtens außer Frage, und kann also auch in diesem spezifischen Sinne nicht belegt werden. Solcher Beweis wurde und wird jedoch weiterhin geführt. Dann genügt meist ein einziger Satz der Verknüpfung, so exemplarisch bei Ralph Giordano: „Antisemitismus und Bayreuth – das kommt von ganz unten, aus der Höhle des ‚Grals’, kommt von Richard Wagner, dem Meister selbst.“104 Eine konkretere Einlassung zu sinnvoller Anschlußmöglichkeit Bayreuthianischer Ideologie an Wagners Weltanschauung selbst, ein Abgleich mit dessen Thesen und Spekulationen, bleibt aus. Stattdessen rekurriert Giordano ausschließlich, einzig und sofort auf „Fortsetzung“ durch „das judenfeindliche Ancien régime seiner Frau Cosima“, den „labyrinthischen Clan“ und den „britisch-deutsche[n] Rassenideologe[n] Houston Stewart Chamberlain“ und „an der Spitze Winifred Wagner“105 – ein paradigmatisch-häufiges Vorgehen in unserem Zusammenhang. Wie wenig das Erbe Wagners „fortgesetzt“ wurde, ergibt sich auch aus der Tatsache, daß die zweite Generation der Familie Richard Wagners bereits ignoriert, daß Wagner – noch in seinem letzten Lebensjahr – alle Werke in Bayreuth zur Aufführung wünschte, wenn sie eigenmächtig das Frühwerk ausschließt.106 103 Gottfried Wagner schreibt von Chamberlain stets als „Schwiegersohn Cosimas“, ein seltenes aber angemesseneres Vorgehen. Vgl.: Wagner, Gottfried: Wer nicht mit dem Wolf heult, a.a.O., S. 96, Hervorhebung des Verfassers. Bermbach weist daraufhin, daß Chamberlain selbst sich in dieser Weise bezeichnete, obwohl er Wagner „nie kennengelernt hat“ und so die „Sprachregelung“ vorgab für alle, „die dem Hause Wahnfried eng verbunden waren“ – ein nachhaltig erfolgreiches und gelungenes Unternehmen Chamberlains also. Vgl.: Bermbach, Udo: Mythos Wagner, Berlin 2013, S. 207 104 Giordano, Ralph: Verschlußsache „USA“ – Vorwort, in: Wagner, Gottfried: Wer nicht mit dem Wolf heult – a.a.O., S. 16, Hervorhebung im Original. Der Titel verweist auf die, durch die greise Winifred via das Syberberg-Interview überlieferte Praxis unter alten Nationalsozialisten auf Adolf Hitler unter Zuhilfenahme der pseudo-arkanen Chiffre USA („Unser Seliger Adolf “) anzuspielen. Siehe auch den folgenden Absatz vorliegender Arbeit. 105 Ebd. 2. Sachstand 32 Alles weitere, das Giordano und viele nach ihm wie vor ihm dann über die Angehörigen dieses Wagner-Clans feststellen, trifft vollkommen zu und wird von seriöser Seite – wie allgemein eigentlich von keiner Seite – keineswegs in Frage gestellt, was trotzdem immer wieder unterstellt resp. impliziert wird, wenn dergleichen Aufklärungsfuror Platz greift. Ganz so als habe die interessierte aber unterinformierte Öffentlichkeit noch nicht gewußt, daß Hitler am Grünen Hügel der Zwanziger Jahre ein willkommener Gast war und Winifred das seltene Privileg genoss, Hitler zu duzen. Die Verbindungen Cosimas, Chamberlains und Winifreds zu Hitler sind in der Bilanz vollkommen unstrittig bewertet worden. Unbestritten ist also: Cosima Wagner, Siegfried107 Wagner, Winifred Wagner, möglicher- und auch wahrscheinlicherweise Wolfgang Wagner, waren in die manifesten Anfänge (1923 mit Hitlers Auftritt in Bayreuth) respektive bis über das Ende des staatlichen Nationalsozialismus hinaus in ideologischer und auch persönlicher (teils bloß affektueller, teils deutlich amouröser) Weise aufs Engste verstrickt mit Hitler. Womöglich hat dieser seine Haßpredigt erstmals auf „Bayreuther Papier“108 schreiben lassen, das er in Versorgungspaketen Winifreds in die Haftanstalt erhielt109, was schließlich und nicht selten als besonders schwerwiegend referiert wird, und die ideologische Patenschaft Richard Wagners 106 Vgl.: Drüner: Richard Wagner, a.a.O., S. 71 107 Siegfried Wagner, der Sohn Richards und Ehemann Winifreds, ist – zumindest zu Beginn des Aufstiegs der Nationalsozialisten – relativ kritisch gegenüber Hitler, Partei und Bewegung. „Für Siegfried waren die Loyalitätspflichten [denen sich seine Gattin Winifred sogleich widerstandslos und enthusiastisch ergab] schwieriger zu bewältigen.“ Bei den ersten Nachkriegsfestspielen 1924 „troff der Festspielführer vor pränazistischer Propaganda“, was Siegfried nicht unterstützte, wenn auch aus bloß opportunistischen Gründen – „große Teile des deutschen Publikums, ganz zu schweigen von internationalen Unterstützern“ würden verschreckt, wie Siegfried zu bedenken gibt. Insofern versuchte er „jegliche Anspielung auf Verbindungen der Festspiele mit der NSDAP“ zu tilgen, was Winifred insbesondere durch „ihre Gastfreundschaft gegenüber Hitler“ immer wieder klar unterlief. Vgl.: Millington: Magier, a.a.O., S. 276. Überdies verfasst Siegfried in seiner Eigenschaft als Festspielleiter (1907-1930) ein Schreiben an einen „antisemitischen Redakteur der ‚Deutschen Zeitung’“, in dem er es ablehnt, „Menschen unsere Türen zu verschließen, … nur aus dem Grund, daß sie Juden sind …“ Und fragt daraufhin: „Ist das menschlich? Ist das christlich? Ist das deutsch? Nein! Ob ein Mensch Chinese, Neger, Amerikaner, Indianer oder Jude ist, das ist uns völlig gleichgültig.“ Wagner, Gottfried: Wer nicht mit dem Wolf heult, a.a.O., S. 99 Martin Geck attestiert ihm indes eine „völkische Gesinnung“ und betont gleichfalls Siegfrieds „Duz-Freundschaft“ mit Hitler. Vgl.: Geck, Martin: Lassen sich Werk und Künstler trennen? In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), Beilage zur Wochenzeitschrift Das Parlament, Titel: Richard Wagner, 63. Jahrgang, 21-23/2013, S. 7 108 Allerdings beschreibt Barbara Zehnpfennig die Umstände der Haft Hitlers, explizit als „komfortabel“, insofern „man [die Leitung der Haftanstalt] Hitler freien Zugang zur Bibliothek, den Empfang von Besuchern, alle erforderlichen Materialien für die Abfassung seines Buches etc. gewährte.“ Zehnpfennig, Barbara: Ein Buch mit Geschichte, ein Buch der Geschichte: Hitlers „Mein Kampf “, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Titel „Hitlers ‚Mein Kampf ’“, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, 65. Jahrgang, 43-45/2015, 19. Oktober 2015, S. 19, Hervorhebung des Verfassers. Kershaw beschreibt die Bedingungen von Hitlers „leichte[r] Strafe“, diese glichen eher „einem Hotel als einem Gefängnis.“ Kershaw: Hitler 1989-1936, a.a.O., S. 273 109 „Und da hab[e] ich [Winifred Wagner] massenhaft Schreibpapier geschickt. Ja, lieber Gott, jetzt machen mir die Leute den Vorwurf, ich hätte dem [Hitler] das Papier für ‚Mein Kampf ’’ geliefert …“ Zitiert nach: Müller: Hitler und die Deutschen, a.a.O., S. 153. 2.1 Von Wagner zu Hitler? Zugriffe und Zugänge 33 selbst, der jedoch seit vierzig Jahren verstorben ist, letztgültig als bewiesen erscheinen lassen will. Die durchaus geäußerte Vermutung Chamberlain habe die Druckfahnen von Mein Kampf bearbeitet, bleibt wohl Fiktion.110 Die nationalsozialistische Parteinahme der Bayreuther Nachkommenschaft ist, ich wiederhole, nicht zu bestreiten, und wird auch kaum bestritten. Zu bestreiten ist die Annahme eines direkten Nexus’ zu Wagner selbst, zu betonen ist, daß diese Unterscheidung bedeutsam ist. Wenn während meiner fortlaufenden Argumentation diese familiären Bezüge das eine oder andere Mal auftauchen, dann, um inhärente fragwürdige Schlußfolgerungen innerhalb solcher Spekulationen aufzugreifen. Das Wirken des „Wagner-Clans“ hier und da zu berücksichtigen, ist insofern schwer vermeidbar, als in der Sekundärliteratur kaum darauf verzichtet wird und mehr noch eine angeblich daraus resultierende ideologische Fortsetzung immer wieder betont. Im Übrigen ist Winifred Wagner die noch in den Siebziger Jahren in einer Interview-Dokumentation Hans Jürgen Syberbergs in der ihr eigenen Borniertheit bestätigt immer noch „Nationalsozialistin [!] zu sein“, auf die Frage Syberbergs hin, wie Richard Wagners Rolle im Hinblick auf die nationalsozialistische Vernichtung der Juden ihrer Ansicht nach einzuschätzen sei – zunächst irritiert, dann, während ihr deutlich die Gesichtszüge entgleiten, beinahe konsterniert ob dieser Verknüpfung – davon überzeugt, daß Wagner dergleichen nie im Sinn gehabt haben könnte.111 Auch Winifred weiß jedoch, daß Hitler Richard Wagner sehr verehrt hatte.112 Dieser Verehrung zufolge im Rahmen der 1933 stattfindenden Bayreuther Festspiele während einer Aufführungspause den Nationalsozialisten Gelegenheit zum Wahlkampf geboten zu haben, zog auch ein halbes Jahrhundert nach Wagners Lebensende noch die Empörung vieler Wagnerianer über dieses Vorgehen Winifred Wagners nach sich. Dies ist ein Hinweis darauf, daß nicht jeder Wagnerianer der offiziellen Parteinahme des „Grünen Hügels“ für Hitler zustimmen wollte.113 Schreibpapier produziert, verkauft oder liefert immer irgendjemand. Ob Winifred dann für das Geschriebene Verantwortung zu tragen habe – worauf sie zu sprechen kommt und was sie von sich weist –, ist hier uninteressant. Von Interesse ist, daß selbst diese Posse ohne Weiteres Richard Wagner selbst zur Last gelegt zu werden scheint. 110 Vgl.: Liedtke: Völkisches Denken, a.a.O., S. 164 111 Syberberg konfrontiert Winifred Wagner mit der konkreten Frage, ob nicht „die Endlösung der Judenfrage durchaus in Richard Wagners Sinne“ gewesen sein könnte, worauf sie antwortet: „Das ist ja Unsinn ... Wagner hat höchstens eben an eine Art Stillegung des geistigen Einflusses der Juden, also auf das politische Leben in Deutschland gedacht. Aber er hat doch nie an eine persönliche Ausrottung der Juden gedacht. Überhaupt nicht.“ Winifred zitiert nach: Hamann: Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth, a.a.O., S. 616/617. Natürlich handelt es sich bei dieser Auffassung gleichfalls um eine subjektive und vor allem nachträgliche und spekulative Interpretation durch Winifred Wagner. Falls Winifred aber hier im Irrtum sein sollte, wären Erklärungen von Interesse, weshalb diese unbelehrbare Nationalsozialistin solche Aussage trifft. 112 Syberberg, Hans-Jürgen: Winifred Wagner und die Geschichte des Hauses Wahnfried 1914-1975, Dokumentation eines Interviews 1975. Winifred Wagners Darlegungen sind in der Tat empörend. Sie kapriziert sich ausschließlich auf „die Person Hitlers“, dessen Manieren und Charakterzüge sie schätze – „das, was gut und menschlich an dem Manne“ sei, das sie sich „einfach nicht nehmen“ lasse – sowie die sozialpolitischen Erfolge der Nationalsozialisten. Die Judenvernichtung – „das, was in der zweiten Hälfte des Krieges geschah“ –, lehne sie freilich völlig ab; ganz so, als sei dies nicht integraler und basaler Bestandteil der NS-Ideologie. 2. Sachstand 34 Den „politischen“ Spekulationen Friedelinds, der Tochter Winifreds und Siegfrieds und Enkeltochter Richards, zufolge sei Wagners liberale Attitüde mit Hitlers Weltanschauung völlig unvereinbar gewesen.114 Als beredtes Beispiel sei angeführt, daß Wagner homosexuelle Menschen eindeutig akzeptiert.115 Das Buch der Enkeltochter, die ihr Verhältnis zur Familie und deren Beziehung zu Hitler sowie ihr eigenes amerikanisches Exil, in dem sie sich medial gegen das nationalsozialistische Deutschland engagiert, darlegt, erscheint 1944 in New York – die deutsche Übersetzung „Nacht über Bayreuth – die Geschichte der Enkelin Richard Wagners“ erscheint 1994 in Berlin mit fünfzigjähriger Verzögerung, und bleibt bis dahin hierzulande so gut wie unbekannt. V. Wagners musikdramatisches Werk Vor allem das musikalische Werk ist unter dem Verdacht Wagner sei der Urahn und Promotor des modernen in den Holocaust mündenden Antisemitismus weidlich bearbeitet worden. Besonders den Freunden und der Familie Wagners galt und gilt es weiterhin gerade das musikalische Werk zu „retten“. Die werkimmanenten Interpretationsansätze sollen dabei je nach Standpunkt beweisen oder widerlegen, daß diese oder jene dramatis persona eine diskriminierende Juden-Karikatur darstelle, was, wie bereits oben bemerkt, ein fragwürdiges Unterfangen bedeutet. Slavoj Žižek begründet ebendies in besonders origineller Art und Weise und wirft folgende damit zusammenhängende Probleme auf. Marc A. Weiner, auf den Žižek konkret reflektiert, erklärt, weshalb „Wagner so direkt überhaupt nicht sein musste“ und „das Wort ‚Jude’ in seinen Bühnenwerken niemals vorkommt“. Auf der Grundlage „verschiedener Körperikonographien rassischer und geschlechtlicher Andersartigkeit“, die sich in der europäischen Kultur des 19. Jahrhunderts entwickelten, sei ein „Standardrepertoire von Kriterien, nach denen die Fremdartigkeit ausländischer Gruppen – wie Schwarze, Orientalen, Zigeuner und Juden – beurteilt wurde, aber auch die Andersartigkeit all jener, die als sexuell abnorme und rechtlich disqualifizierte Außenseiter galten, wie Homosexuelle, Onanisten und Frauen“116, postuliert er: „Wagners musikdramatische Schöpfungen sollten im Kontext dieser standardisierten, stereotypen Körperbilder als kulturelle Konstrukte von – für seine Zeit – außerordentlicher Evokationskraft verstanden werden. Denn Libretti, Bühnenanweisungen und Personenbeschreibungen, sowie die Musik, die Wagner schrieb, hatten oft das Ziel, fundamental andersartige Menschenwesen zu porträtieren und dabei genau jene mit Werten beladene Körperbilder einzusetzen, mit denen er und seine Zeitgenossen vertraut waren.“117 113 Vgl.: Hamann: Winifred, a.a.O., S. 259 114 Vgl. dazu auch die Studie von Eva Rieger: Friedelind Wagner – Die rebellische Enkelin Richard Wagners, München 2012, passim 115 „Dass Paul [von Joukowsky, der sich nach der Trennung von Henry James den Bayreuthern anschließt] homosexuell war, störte Wagner in keiner Weise. Er mochte den 35-Jährigen, war von seiner Kunst angetan und engagierte ihn schließlich für die Gestaltung der Parsifal-Bühnenbilder.“ Hilmes: Herrin des Hügels, a.a.O., S. 208 116 Weiner: Antisemitische Fantasien, a.a.O., S. 33 2.1 Von Wagner zu Hitler? Zugriffe und Zugänge 35 Daraus folgt aber auch, daß man die antisemitischen Codizes nur dann zu entschlüsseln in der Lage ist, wenn man mit den entsprechenden Stereotypen vertraut ist, bzw. diese auch teilt. Zugespitzt formuliert könnte man meinen, daß wer frei von antisemitischen oder jüdischen Klischees, frei von homophoben Ressentiments bleibt oder nicht in misogynen Mustern denkt, von derartigen Anspielungen also prinzipiell unberührt bliebe. Selbst Weiner hält im Zuge seiner Argumentation diese indirekt-impliziten Zuschreibungen jedoch für Konstrukte, die dem „Standardrepertoire des Neunzehnten Jahrhunderts“ entstammten, und schon daher eigentlich kein singuläres Wagner-Spezifikum darstellen können. Žižeks Kritik dieser scheinbar automatisierten Evokationen betrifft einerseits die (vermeintliche) Verschlüsselung (durch Wagner) sowie andererseits die (mutmaßliche) Entschlüsselung (durch die Rezipienten) jüdischer Charaktere, „to bring out the contextual ‚true meaning’ of the Wagnerian figures and topics“. Žižek ironisiert, daß Weiner zufolge „everyone knew in his [Wagners] epoch“ und „it was clear to everyone … it is a caricature of a Jew”, wenn „a person stumbles, sings in cracking high tones, makes nervous gestures, etc.” Er bezeichnet dieses Vorgehen als „presubjective”, wenn insinuiert werde, daß „anti-Semitism is operative in Wagner’s operas, even if Jews are not explicitly mentioned”, was – so verstehe ich Žižek – der geglaubten Annahme geschuldet sei, die „Art und Weise” einer dramatischen Aktion, „the way Beckmesser sings, the way Mime complains”, also emotional-subjektiv rezipiert wird als seien dies Fakten, die sie jedoch nicht sind.118 In diesem Sinne auch Wolfram Pyta der auf den rezeptionsgeschichtlichen Umstand verweist, es könne nicht belegt werden, daß die „Gemeinde der durchschnittlichen Wagner-Verehrer“ den „inkriminierten Figuren genau jene antisemitische Signifikation beimaß als deren Träger sie angeblich konzipiert worden sein sollen.“119 Die durch den „Chefideologen” Hitlers geübte Heuristik ist ein geeignetes Beispiel, diesen Befund zu erörtern. Alfred Rosenbergs Dekodierung führt ihn zu der Erkenntnis, Homer habe mit seiner Odyssee „seelisch-rassische Kunst” geschaffen. Insgesamt sei der „Traum des nordischen Menschentums“ von „schöpferisch blondem Blut“ bereits in „H e l l a s am schönsten geträumt“ worden.120 117 Ebd. Wiewohl festzustellen ist, daß auch im Ring im Grunde nur die Vertreter der sog. „Gibichungen“ (Gunther und Gutrune) – die einen Bezug zu den historischen Burgundern aufweisen – sinnvoll als zu „porträtierende Menschenwesen“ zu bezeichnen wären. Das übrige dramatische Personal ist den „Wälsungen“ (Wotan, die Walküren u.a. „Götter“), oder teilweise von diesen abstammend (die halbgöttlichen Siegmund, Sieglinde, Siegfried), zuzurechnen. Schließlich Riesen bzw. Drachen und die „Nibelungen“ (dunkle Gegenmächte wie z.B. Mime und Alberich), oder teilweise von diesen abstammend (Hagen). Vgl.: Richard Wagners gesammelte Dichtungen, Drei Teile in einem Band, hrsg. von Kapp, Julius, Leipzig o.J., Zweiter Teil, passim 118 Vgl.: Žižek, Slavoj: Why is Wagner worth saving? In: Journal of Philosophy & Scripture, Vol. 2 / 2004, zitiert nach: Seljak, Anton: Richard Wagner und das Judentum, Feindschaft aus Nähe? Norderstedt 2013, S. 20/21. Beckmesser ist eine Rolle aus Wagners Meistersinger, Mime gehört in den Ring – beide sind den „Top Five“ der zu vermeintlichen Judenkarikaturen erklärten Wagner-Figuren zuzurechnen. 119 Pyta: Herrschaftsanalyse, a.a.O., S. 102 f. 120 Vgl.: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts, a.a.O., S. 34/35 2. Sachstand 36 In der Figur des Thersites entschlüsselt er den, „dem blonden Helden feindliche[n], dunkle[n], mißgestalteten Verräter [zudem ‚vorderasiatischer’, ‚nicht-griechischer’, ‚fremdrassiger’ Provenienz]”, der überdies als „Gauner, unzähligen Tand im dunklen Schiffe mitbringend [Zitat Homer]” bezeichnet wird.121 Die Figur ist selbstverständlich unvorteilhaft122 konzipiert. Sie ist linkisch, niederträchtig, korrupt und wirklich ungeeignet, beim Rezipienten sympathische Gefühle zu erwecken – ganz wie bei Wagners Mime und Alberich. Der „Rassen-Antisemit” Rosenberg erkennt aber gemäß seiner rassendualistischen Disposition in Homers Thersites reflexhaft einen Vertreter der „Gegenrasse”. Er dekliniert entlang der Demarkationslinie zwischen Protagonist-Antagonist, Hell-Dunkel, Schön-Häßlich, Aristokratisch-Minderwertig, Gut-Böse usw., etliche Beispiele der Kunst- und Kulturgeschichte von Cervantes bis Rembrandt, und erfasst jeweils die Intention und die Darstellung einer binären antagonistischen Rassenscheidung – allein, weil dies seiner fanatisch-pathologischen Ein- bzw. Absicht entspricht. Pyta sieht gemessen daran völlig zurecht in der Debatte um die Rezeptionsästhetik (Pyta) „das zentrale Problem” der hier übergeordneten Frage: „Der Rezipient vermag sich der intendierten Wirkung des Kunstwerks zu entziehen [oder hinzugeben]; selbst das auf synästhetische Überwältigung abgestimmte Werk Wagners lässt eine privatistische Sinnaneignung zu.”123 Sven Oliver Müller fragt nach den „Ergebnissen der Rezeptionsformen“ in der „Öffentlichkeit des Kaiserreichs“, der Zeit nach Wagners Ende also: 121 Ebd.,S. 283 ff. 122 Auch Stefan Zweig hat diese Figur in einer seiner frühen dramatischen Dichtungen aufgegriffen und wendet sich ihr insofern in besonderer Weise zu, als daß er Thersites als Protagonist des Trojanischen Epos’ erscheinen läßt. Sein Augenmerk gilt dabei dem Außenseiter, den er Tersites schreibt. Zweigs Odysseus schmäht ihn in ähnlicher Weise, die Rosenberg zur Bezeichnung dessen, was seinem „rassischen Schönheitsideal“ (siehe Kap. 6 vorliegender Untersuchung) zuwiderläuft, benutzt haben könnte: „Was kriechst Du Krummer her in unsern Rat? Hat dich Einer gerufen, sich gesehnt, das Krächzen Deines verquollnen Halses anzuhören, Gesehnt zu sehn, wie hastig dir der Geifer Vom Munde rinnt, wenn du dein Unheil krähst? (…) Schmutzige Flut Quillt nur empor aus solchem Rattennest Von Neid, Verzweiflung, geiler Hässlichkeit.“ Zweig, Stefan: Tersites – Ein Trauerspiel in drei Aufzügen, Leipzig 1907, S. 15/17. Es handelt sich also um eine, ganz an der antiken Konzeption orientierte, Rezeption der dramatischen Thersites- Figur; die Interpretation Stefan Zweigs ergibt indes das glatte Gegenteil derjenigen Rosenbergs. Zweigs Tersites ist ein Ausbund an Besonnenheit, Weisheit und Humanität – Charakteristika, die nicht zufällig den Idealen (sowie der Person) des Autors selbst entsprechen. 123 Pyta: Eine Herrschaftsanalyse, a.a.O., S. 65. Ich komme auf Pytas These, daß die „Performativität des Theaters als der Lehr- und Schaubühne [vor allem bereits während der Nullerjahre des Zwanzigsten Jahrhunderts] für den späteren Politiker Hitler“ besonders zum Ausdruck komme (Vgl.: Ebd., S. 74), zum Ende des Kap. 2. 2 vorliegender Untersuchung zurück. 2.1 Von Wagner zu Hitler? Zugriffe und Zugänge 37 „Sicher scheint, dass es einen engen Zusammenhang zwischen künstlerischer Produktion, musikalischer Aufführung, Zeitungsberichten und der Rezeption des Publikums gibt. Unzureichend wäre es, von einem traditionellen Sender-Empfänger-Modell auszugehen und anzunehmen, dass einem der genannten Akteure, also in diesem Fall Richard Wagner selbst, die aktive Rolle zukomme und Öffentlichkeit lediglich passive Rezipienten seien. (…) Denn Politiker, Künstler, Journalisten und Publikum regelten weitgehend die Nationalisierung des Musiklebens: Sie verwandelten die Musikdramen Wagners in deutsche Legenden und kulturelle Zeremonien in nationale Werte.“124 Nichtsdestoweniger birgt der werkimmanente Ansatz rezeptionsgeschichtlich besonders relevante Aspekte, denn der Zugang zu Wagner wird in der Regel doch in erster Linie über das Bühnenwerk gesucht. In der mutmaßlichen Karikatur vermeintlicher jüdischer Charakterzüge in Wagners dichterischen Gestalten wird das populärste Indiz für dessen Judenfeindschaft gefunden. Folgend werde ich die meines Erachtens wesentlichsten und einflussreichsten Argumente und Cleavages der Wagner-Rezeption im besonderen Bezug auf die insinuierten oder tatsächlichen nationalsozialistischen bzw. antisemitischen Verstrickungen kursorisch vorstellen. Udo Bermbach, der prominenteste Wagnerexperte mit politikwissenschaftlicher Ausbildung, resümiert, wenn Wagners dramatische Figuren als ‚Judenkarikaturen’ wahrgenommen würden, sei dies nichts mehr als eine „assoziative Zuschreibung“, da… „…sich weder im Text der Tetralogie noch in Wagners Schriften, auch nicht in Cosimas Tagebucheintragungen Hinweise dafür finden, wonach eine konkrete Gestalt des Ring antisemitisch gemeint sei – und dies gilt gleichermaßen auch für die anderen Werke.“125 Wohlgemerkt, Bermbach hält die Existenz von Belegen einer antisemitisch-karikierenden Intention Wagners bei der Schöpfung seiner musikdramatischen Charaktere rundweg für ausgeschlossen. Überdies beschränkt er diesen Befund nicht auf die werkimmanente Analyse der Libretti, sondern erweitert ihn auf die (ästhetisch-politischen) Schriften bzw. Prosaschriften und sogar auf die umfangreichen Tagebücher Cosimas, in denen in diesem Sinne auch Bermbach zufolge valide Belege ebenfalls ausblieben, was allerdings allzu gewagt erscheint (vgl. Kap. 2.1.1 vorliegender Untersuchung). Bermbach fokussiert das „Werk und das Denken“ Wagners, das wesentlich von „demokratischen Intentionen“ getragen sei, jedoch durch ein „rechtsradikale[s] Lager“ beseelt vom „Bayreuther Gedanken“ in die „nationalsozialistische Ideologie an- und eingepasst“ wurde.126 Insbesondere Chamberlain wird eine „gravierende Interpretationsverschiebung“ attestiert, die ihn zu „unhaltbaren“ Schlüssen führe.127 Es kann innerhalb der Debatte um die ideologische Vorläuferschaft Wagners für die eliminatorische Vernichtungsideologie der Nationalsozialisten prinzipiell davon ausgegangen werden, daß der Fundamentalkonflikt in der An- oder Aberkenntnis 124 Müller: Wagner und die Deutschen, a.a.O., S. 80, Hervorhebung des Verfassers 125 Bermbach, Udo: „Blühendes Leid“, Stuttgart/Weimar 2003, S. 331/332 126 Bermbach, Udo: Mythos Wagner, Berlin 2013, S. 263, 264, 270, 272 127 Bermbach, Udo: Houston Stewart Chamberlain. Wagners Schwiegersohn – Hitlers Vordenker, Stuttgart/Weimar 2015, S. 82 2. Sachstand 38 der Existenz (-möglichkeit) zweier substantiell verschiedener „Judenfeindschaften“ besteht. Denn daß Wagner keine Feindseligkeit gegen Juden gehegt haben würde, ist freilich keine plausible Option. Inwiefern dieser Antisemitismus anders (Unterschiede zwischen Wagners und Hitlers Konzeptionen) und wie tatsächlich Hitlers Antisemitismus fundiert ist (Gemeinsamkeiten mit Chamberlains und Rosenbergs Konzeptionen), sei Gegenstand dieser Untersuchung. Joachim Kaiser argumentiert in ähnlicher Weise wie Bermbach, indem er Wagners Antisemitismus zunächst einem „Antisemitismus des 19. Jahrhunderts“ zuordnet, „wo sich auch von Chopin, Liszt, Goethe128, Marx und manch anderen Größen antisemitische Äußerungen oder gar Theorien“129 auftreiben ließen. Dieser stelle indes etwas „historisch unvergleichbar anderes als der Antisemitismus nach Auschwitz“ dar.130 Hesemann sieht die hier postulierte Unvergleichbarkeit der Wagnerschen Judenfeindlichkeit mit dem nationalsozialistischen Vernichtungsantisemitismus in Wagners so bezeichnetem „Kultur-Antijudaismus“, der den Willen Wagners zur Überwindung – und in diesem Sinne Vernichtung – der jüdischen Kultur und Religion impliziere.131 „Vernichtungs“-Furor äußert Wagner indes auch gegenüber französi- 128 Ein recht irritierend anmutendes Konvolut solcher Entgleisungen liefert Bermbach, der allerdings den antijudaistischen – somit intentional religionskritischen – Charakter dieser „antijüdischen Vorbehalte“ Goethes betont, die angesichts der historisch-zeitgenössischen Einordnung „noch nicht rassistisch gemeint“ sein können, obwohl Goethe auch, wie Bermbach meint, „zwischen Juden und Europäern alle Blutsverwandtschaft bestritten“ habe. Der Autor präsentiert Textfragmente Goethes, die Chamberlain – offenbar korrekt zitierend – benutzt, um sich „für seinen eigenen Antisemitismus eine authentische Legitimität zu erborgen“, die folgendermaßen lauten: Der Jude „fühle keine Liebe“, sei „hartnäckig von starrem Eigensinn und nur auf unmittelbare Zwecke“, „auf Irdisches, Zeitliches, Augenblickliches gerichtet“, besitze „wenig Tugenden und die meisten Fehler der anderen Völker“. Zudem habe Goethe die „staatliche Erlaubnis der Mischehe“ sowie die „gesetzliche Emanzipation der Juden“ mißbilligt, ferner wolle er „sich aller Teilnahme an Juden und Judengenossen“ enthalten haben. Vgl.: Bermbach: Chamberlain, a.a.O., S. 367-370 129 Der Musiker und Künstler Marcel Prawy erweitert diese Liste um „Luther, Maria Theresia und Voltaire“ und argumentiert im Sinne dieser vergleichenden Relativierung, indem er moniert, niemand weise auf deren „mehr oder weniger extremen antisemitischen Äußerungen“ hin und rede ständig darüber. Prawy insistiert: „Was für Luther gilt, gilt auch für Wagner oder für keinen von beiden.“ Prawy zitiert nach: Hansen: Wagner – Biographie, a.a.O., S. 165. Michael Jäger stellt „Luthers Brutalität“ heraus, dessen „Empfehlungen an deutsche Fürsten“ seien von einem „Brand-und-Mord-gefährlichem Tonfall“ geprägt: „Synagogen sollen verbrannt“, und „alle Juden vertrieben werden.“ Jäger, Michael: Hass als Passion, in: Der Freitag, Ausgabe 27, 7. Juli 2016. Die im Sommer 2016 verhandelte Debatte um die Qualität und die Wertung der antisemitischen Gehalte der Libretti Bachs (sowie auch einiger Bände seiner Bibliothek und sein lutheranischer Glaube insgesamt) ist im Vergleich mit Wagner von Interesse. Unstrittig sei die Überzeugung Bachs, das jüdische Volk sei schuldig, z.B. durch die Kreuzigung Jesu. Er habe jedoch niemals – wie Luther dies im Gegensatz tat – „zu Aktionen gegen jüdische Zeitgenossen“ aufgerufen. Zudem sei der historische Kontext in Gestalt der antijudaistischen Üblichkeiten – Bach sei „im Antijudaismus sozialisiert“ worden, man dürfe „nicht ernsthaft erwarten, dass [sein Werk] den liberalen Überzeugungen des 21. Jahrhunderts entspricht“ – zu berücksichtigen. Schließlich: All dies mache „Bachs Musik nicht geringer.“ Selbst der Hinweis auf die „Vereinnahmung als ‚Deutschester der Deutschen’“ durch die Nazis, die den Umgang heutzutage „heikel“ gestalte, fehlt auch in diesem Zusammenhang nicht. Vgl.: Hagedorn, Volker: ‚Sein Blut komme über uns’ – War Johann Sebastian Bach Antisemit, nur weil er Luther vertonte? In: Die Zeit, Nr. 39, 14. Juli 2016, S. 47 130 Kaiser, Joachim: Leben mit Wagner, München 2013, S. 18 2.1 Von Wagner zu Hitler? Zugriffe und Zugänge 39 scher Kultur und Zivilisation sowie gegenüber christlicher Religion und vielem anderen mehr, wie unten zu zeigen ist. Mit Blick auf Wagners musikdramatisches Werk befindet Kaiser: „Obwohl sich Wagner nämlich immerfort erklärte, obwohl ihm nichts dringlicher war, als verstanden zu werden – findet sich kein einziges gezielt antisemitisches Wort in seinen Dramen und erst recht kein irgendwie antisemitischer Takt.“132 Bezüglich der dramatischen Figur des Sixtus Beckmesser aus den Meistersingern – auf die der Vorwurf der antisemitischen Karikatur in diskriminierender Absicht durch Wagner außerhalb der Ring-Dichtung am häufigsten angewandt wird – erkennt Nietzsche eine „superlativische Musik“, die „keinen mehr ausdrücken“ könne, der „mehr geprügelt und geschunden“ sei; man habe „ordentlich Mitleid, wie wenn ein Bucklichter [sic] verhöhnt“ werde.133 Eine angeblich antisemitisch inkriminierte Figur erzeuge vor allem Mitleid und darauf kommt es an. Der Hass der Nationalsozialisten erlaubt kein Mitleid. Insbesondere dieser Topos wird von den Völkischen und den Nationalsozialisten als notwendig abzusonderndes alttestamentarisches Erbe desavouiert (siehe Kap. 5, 6 und 7 vorliegender Untersuchung). In der recht aktuellen Debatte um Martin Heideggers Antisemitismus wird dieser des „geistigen Antisemitismus“ (versus den eliminatorischen oder Vernichtungsantisemitismus) bezichtigt, der sich bereits in dessen Äußerungen in den lange nur fragmentarisch bekannten Heideggerschen Schwarzen Heften zeige. Von Interesse für diese Untersuchung sind die in einem Dossier Thomas Assheuers zu Heidegger angedeuteten Eckpunkte solcher „geistigen“ Judengegnerschaft: eine „abstrakte Rationalität“, die das Kainsmal „geistlosen Geistes“ markiere, und letztlich Heideggers Klage über die „Verjudung des deutschen Geisteslebens“ begründe. Diese Äußerungen könnten so oder so ähnlich in Wagners „Das Judenthum in der Musik“ enthalten sein. Dergleichen Aversionen hätten – ich ergänze – seit Beginn des Neunzehnten Jahrhunderts zu den „intellektuellen Üblichkeiten, gleichsam zur mentalen Standard- Attitüde von links bis rechts“ gehört.134 Hans-Joachim Bauer beschreibt das mentale Klima unter europäischen Gebildeten im 19. Jahrhundert als „Judenschelte ein damals alltägliches Vergnügen der Intellektuellen“, die „damit ihren Geist zur Schau stellen wollten“, gewesen zu sein schiene. Insofern Wagners Antisemitismus „in der Zeit seines Schweizer Exils nur ein Abklatsch dessen war, was Politiker und Bürger damals in regelrechten Haßtiraden gegen Juden vorbrachten“135, erklärt auch, daß seine Schrift gegen („Musik-“) Juden bei Erscheinen kein größeres Aufhebens erregte. Eine umfangreiche Analyse der dramatischen Dichtungen Wagners136 und auch des Ring- Librettos137 hat Herbert Huber vorgelegt, dessen Untersuchungsergebnisse darauf 131 Vgl.: Hesemann: Hitlers Religion, a.a.O., S. 85 f. 132 Kaiser: Leben mit Wagner, a.a.O., S. 19. Wie bereits oben angedeutet, ist die Annahme der Ausführung „antisemitischer Takte“ schwer vorstellbar; auch Kaiser schreibt deshalb „irgendwie“. 133 Nietzsche, Friedrich: Die Unschuld des Werdens a.a.O., S. 103 134 Vgl.: Assheuer, Thomas: „Er spricht vom Rasseprinzip“ – Martin Heideggers Antisemitismus, in: Die Zeit vom 27. Dezember 2013, Feuilleton, S. 48/49 135 Bauer: Gefühlwerdung der Vernunft, a.a.O., S. 199, 201 136 Huber, Herbert: Götternot – Richard Wagners große Dichtungen, Leipzig 1993 2. Sachstand 40 hinauslaufen, daß „im ‚Ring’ die religiöse, philosophische oder, allgemeiner gesagt, weltanschauliche Frage nach den letzten Zusammenhängen überall gegenwärtig ist“138. (Auf eine weitere Interpretationsfacette macht Herfried Münkler aufmerksam, wenn er, neben der gängigen kapitalismuskritischen Lesart der Ring-Erzählung, auch die Möglichkeit einer in ihr enthaltenen „frühen Warnung vor hemmungsloser Umweltzerstörung“139 in Betracht zieht.) Huber erlaubt sich interessanter-, aber aus seiner Sicht auch konsequenterweise, den akademischen Luxus, kein Wort über die nachträglich insinuierten „braunen“ Verstrickungen zu verlieren, und wendet sich ganz ausschließlich den philosophischen und theologisch-eschatologischen Komponenten zu, indem er – Friedrich Nietzsche folgend, wie er betont – „die Sache angemessen eben nur religiös“ verstehen wolle.140 Desgleichen verfährt zunächst auch Houston Stewart Chamberlain, der führende Rassentheoretiker seiner Zeit, der eine Studie zum dramatischen Werk seines nachträglich und auch daher eigenmächtig erkorenen Meisters141 verfasste. „Das Drama Richard Wagner’s [sic]“ enthält keine einzige (!) antisemitische These, das Wort „Jude“ kommt gar nicht vor. Chamberlain findet im Wagnerschen Drama: „Der Konflikt zwischen dem Streben nach Macht und die Sehnsucht nach Liebe in der Seele des Wotan [sic]: das ist nunmehr die Handlung im Ring des Nibelungen.“142 Während im Ring die Liebe verflucht werde, widerstehe Parsifal ihren Verlockungen, „...’dem sündigen Verlangen’. Und statt nach Macht zu streben, gestaltete er sein Leben nach dem Gebote jener ‚Heilands-Klage’, die er infolge seines Mitleids mit eines anderen Leiden zu vernehmen vermochte – und erlangte Macht und Liebe.“143 Selbst der antisemitische Rassenfanatiker der Chamberlain zweifelsfrei ist (siehe Kap. 5 vorliegender Untersuchung), nimmt in seiner analytischen Interpretation des musikdramatischen Werkes keinerlei antisemitischen Bezug – „hier fragt sich’s nach der Kunst allein“ (Hans Sachs, Die Meistersinger von Nürnberg). Vernichtungsphantasien werden hier zurecht nur erkannt, wenn diese in „Wotan’s [sic] Seele hereinnebeln“.144 Nach dieser durchaus ernstzunehmenden Schrift hätte Chamberlain von Wagner ablassen sollen. Wolfgang Golthers Résumé der „Heldenoper“ [Siegfrieds Tod, die Urfassung und Grundlage der Götterdämmerung] aus dem Jahre 1914 entbehrt ebenfalls jeglicher antisemitischen Implikate. Deren Endszenarium entspreche Wagners „Zukunftsbegriff “, den seine „revolutionären Schriften“ propagierten: Dieses „Reich der Zu- 137 Huber, Herbert: Richard Wagner – Der Ring des Nibelungen. Nach seinem mythologischen, theologischen und philosophischen Gehalt Vers für Vers erklärt, Weinheim 1988 138 Ebd., Einleitung, S. IX 139 Münkler: Mythen, a.a.O., S. 401 140 Vgl.: Huber: Ring – Vers für Vers, a.a.O., S. XII, Hervorhebung im Original 141 Ich betone diesen Aspekt, wegen der hartnäckig präsenten Überzeugung, es könne wirklich von einer gleichsam ordentlichen „Grals-Übergabe“ Wagners an Chamberlain zu reden sein. 142 Chamberlain, Houston Stewart: Das Drama Richard Wagner’s [sic] – Eine Anregung, Leipzig [1892] 1921, S. 101 143 Ebd., S. 138 144 Ebd., S. 126 2.1 Von Wagner zu Hitler? Zugriffe und Zugänge 41 kunft“ ermögliche den zauberhaften Ausgleich „aller Unvollkommenheiten der Gegenwart“, biete den frohen Ausblick auf „eine Zukunft, wo alle Schuld gesühnt“ und die „Knechtschaft des Goldes gebrochen“ sei. Die Wotansche Götterdämmerung bedeute im Ergebnis den „heroischen, als notwendig erkannten und gewollten Untergang“ einer „durch Schuld und Frevel befleckten, überlebten Weltordnung“.145 Eine recht originelle Spielart der werkimmanenten Kritik stellt die These Wolf (nicht Alfred) Rosenbergs dar, die besagt, daß der „nazistischen Kunst-Ideologie“ zufolge der Ring zur entarteten Kunst gezählt, oder auch als „Kulturbolschewismus“ hätte erklärt werden müssen.146 Der Hinweis auf diesen Zusammenhang ist interessant, wäre wohl aber ein eigenes Projekt wert. Freilich stünde auch dann die Frage nach der angemessenen, zutreffenden oder eben völlig verfehlten Ring-Rezeption sowohl bolschewistischer als auch nationalsozialistischer Wagner-Adoranten zur Debatte. Zu dieser These dürfte Wolf Rosenberg wohl auch durch Thomas Mann angeregt worden sein, der Wagner selbst („dessengleichen [sic] man heute ganz sicher so nennen würde“) als einen „Kulturbolschewisten“ bezeichnet hatte, weil er in Wagner sieht, einen „Mann des Volkes, der Macht, Geld und Gewalt und Krieg sein Leben lang innig verneint“ habe, um sein „Festtheater einer klassenlosen Gemeinschaft zu errichten“.147 Die in der Gründerzeit bis zum Beginn und Verlauf des Ersten Weltkrieges, sowie vor allem mit Blick auf die retro-interpretatorische Wertung der Kriegs- und Nachkriegspolitik, florierende Rezeption des Nibelungen-Stoffes ist legendär. Die allseits bekannte und gebrauchte Martialdiktion spricht dazu Bände: Frontabschnitte hießen dann „Wotan-, Hunding und Brünnhild-Stellung“ oder „Siegfriedlinie“. Das geschichtsklitternde Urteil über den Kriegsverlauf, das den sog. „Dolchstoß“ konfabuliert, dürfte seinerzeit so ziemlich jedermann ohne weiteres als Anspielung auf den schändlichen Nibelungen-Hagen erkennbar gewesen sein, der den eigentlich unbesiegbaren Siegfried (als mythischen Repräsentanten des Reiches)148 nur durch doppelte Tücke – durch Kenntnis der Achilles-Ferse Siegfrieds (die hier das den drachenblutgestählten Körperpanzer unterbrechende Schulter-Lindenblatt darstellt) sowie den als besonders a-heroisch empfundenen Angriff auf leisen Sohlen und dazu von hinten – überwindet. Derartiger Nibelungen-Kult ist jedoch großenteils entkoppelt von der Wagnerschen Adaption des Nibelungenlieds, die sowohl Verkürzung als auch Anreicherung mit fremden Stoffen (vor allem die Edda und die Völsungasaga) ist.149 145 Golther: Der Ring des Nibelungen, a.a.O., Einleitung S. 17 und 21 146 Vgl.: Rosenberg, Wolf: Versuch über einen Janusgeist, in: Metzger, Heinz-Klaus/ Riehn, Rainer (Hrsg.): Wie antisemitisch darf ein Künstler sein? München, 2. Auflage, 1981, S. 46/47 147 Mann, Thomas: Leiden und Größe Richard Wagners, in: Thomas Mann – Wagner und unsere Zeit. Aufsätze, Betrachtungen, Briefe, hrsgg. von Erika Mann und mit einem Geleitwort von Willi Schuh, S. 120/121, Erste Hervorhebung im Original, Unterstrich durch den Verfasser 148 Diese Auffassung hat z.B. auch der „Kriegsheld“ und kommende Reichspräsident Paul von Hindenburg vertreten und verbreitet. Vgl.: Münkler: Mythen, a.a.O., S. 97 149 Vgl. zur Auswahl der mythischen Stoffe, die Wagner bei der Entstehung seines „synthetischen Welt- Mythos“ aufgreift: Mertens, Volker: „Der Ring des Nibelungen“: Weltmythos aus den Mythen, in: Müller, Ulrich/ Wapnewski, Peter (Hrsg.): Richard-Wagner-Handbuch, Stuttgart 1986, S. 31-40 2. Sachstand 42 Das zentrale ideologische Element der sog. „Nibelungen-Treue“, die diesbezüglichen Geschehnisse im Rache-Epos um Kriemhild, sind an den Hof des Hunnen-Königs Etzel verortet. Zu betonen ist überdies die Sinnrichtung der Treuebezeigung, die erstens nicht von „Nibelungen“ sondern von Burgundern geübt wird und zweitens bezeichnet dieser Topos nicht in erster Linie die besondere Intensität und Fanatik der Treueleistung, sondern das überlagernde wider besseres Wissen, die Beistandseinlösung, die contre cœur geschieht, wenn die Angehörigen Kriemhilds dem ganz offensichtlich schuldigen Meuchelmörder Hagen von Tronje trotzdem bei Einsatz ihres Lebens gegen die eigene Schwester und Fürstin beistehen. Allerdings erscheinen weder Etzel noch Kriemhild sowie der Rache-Komplex überhaupt in Wagners Ring des Nibelungen in keiner resp. anderer Hinsicht. Grundlagen und eigene Untersuchungskategorien Die vorliegende Untersuchung setzt erklärtermaßen an keinem der konventionellen Zugangswege zum Thema an, die wie der spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges virulente Wagner-Hitler-Diskurs veranschaulicht geradewegs in eine Sackgasse führen. Sinnfälliger ist das „Setzen von Text gegen Text“ (Eric Voegelin) um ideologische Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu klären. Denn gewiß ist: Falls in der einschlägigen Literatur die knapp eintausend Seiten umfassenden Schriften Wagners überhaupt thematisiert werden, dann äußerst selektiv, wenn nicht bloß punktuell. Hitlers Kampf, Chamberlains Grundlagen, deren Arische Weltanschauung und Rosenbergs Mythus in den Vergleich mit den Anschauungen Wagners zu nehmen, ist meines Wissens bis heute nirgends geschehen, was natürlich auch daran liegt, daß Hitlers Schrift, zu schweigen von denen Chamberlains und Rosenbergs, immer noch weitgehend unbekannt sind. Es kann gezeigt werden, daß die weltanschaulichen Theorien Hitlers und Alfred Rosenbergs keinen genuinen Wagner-Bezug aufweisen. Auch die Wagner-Rezeptionen Chamberlains beruhen nur entfernt auf den Vorgaben des Meisters, die unzulässig interpretiert werden. Chamberlains Weltanschauung wird aus anderen Quellen absorbiert und aus eigenen Überlegungen entwickelt, statt sie bei Richard Wagner zu entlehnen. Claus-E. Bärschs Einschätzung, die bereits im Jahre 1989 formuliert wurde, und dem „Plädoyer für eine kommentierte Ausgabe von Adolf Hitlers ‚Mein Kampf ’“ entnommen ist, trifft ebenso auf die Hauptschriften Wagners, Chamberlains und Rosenbergs zu: „Gemessen an der Bedeutung der nationalsozialistischen Ideologie ist der Mangel an Kenntnis dieser Ideologie ein Skandal.“150 Der etablierten NS-Forschung in Deutschland so Frank-Lothar Kroll sei es Langezeit schlicht nicht lohnenswert erschienen, „Zeit zu verschwenden auf die kruden, intellektuell dürftigen und zudem wenig originellen Denkgebilde der Nationalsozialisten“.151 Hermann Glaser hebt in dieser Hinsicht insbesondere für Hitlers Mein Kampf hervor, den „Schwulst der Bilder, die Betäubung des Logos durch mystifizie- 2.1.2 150 Bärsch, C.-E.: Hitler lesen? Plädoyer für eine kommentierte Ausgabe von Adolf Hitlers „Mein Kampf “, in: Zeitmitschrift ästhetik & politik, Düsseldorf 10/1989, S. 92 2.1 Von Wagner zu Hitler? Zugriffe und Zugänge 43 rendes Geraune, eine Zerstörung der Begriffskerne, sodass leere Worthülsen allein verbleiben, eine Fülle falscher, schiefer und unnötiger Genitive, um hochtrabende Feierlichkeit bemühte Inversionen, eine Häufung synonymer Worte – im Besonderen das Wort ‚deutsch’ umkreisend.“152 Der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte Andreas Wirsching, der die aufsehenerregende kritisch-kommentierte Edition mit Eintritt der Gemeinfreiheit von Mein Kampf im Jahre 2016 mitverantwortet, warnt vor der immer noch verbreiteten „notorischen Unterschätzung“ der Person und der Schrift Hitlers: „Jedenfalls entspräche eine blasierte Haltung, die die Auseinandersetzung mit Hitlers Sentenzen als intellektuelle Zumutung und gleichsam unter der Würde des eigenen Bildungsniveaus liegend empfände, dem gleichen fatalen Fehler, den schon die zeitgenössischen Eliten der Weimarer Republik begingen: Sie nahmen Hitler zunächst nicht ernst, suchten sich sodann seiner propagandistischen Erfolge zu bedienen, um am Ende von ihm selbst benutzt, desavouiert und abserviert zu werden.“153 Dem Kenntnismangel ist allerdings nur durch das systematische Studium dieser Sentenzen abzuhelfen. Eine Systematik die darüber hinaus an komparatistischen Kriterien ausgerichtet ist, entsteht durch die Entwicklung gesellschafts-, human- und staatswissenschaftlicher Kategorien, die selbstverständlich auch anders als die hier gewählten hätten ausfallen können. Adolf Hitler, dessen Enthusiasmus für Wagners musikalisches Werk in seiner Authentizität gar nicht bezweifelt werden muß, kann sich eigentlich nur deshalb als „Wagnerianer“ bezeichnen, weil er solcher sein wollte. Er wäre jedoch zutreffender als „Bayreuthianer“ zu bestimmen. Unter diesem Begriff wird grundsätzlich die ideologisierende Gemeinschaft um zunächst Cosima und später vor allem Chamberlain verstanden. Die engere und abschließende Definition dieser Begriffe bleibt problematisch. Erstens weil die abweichenden Definitionen mit den unterschiedlichen Positionen in der hier zu behandelnden Debatte korrelieren, und zweitens, weil sie nachträgliche Etikettierungen darstellen. Carl Dahlhaus konstatiert eben deshalb, daß bereits die Definition dessen wer oder was „Wagnerianer“ seien, erhebliche Schwierigkeiten bereite. Grundsätzlich ist von einer eher das musikalische Werk in seiner ästhetischen Orthopraxie betreffenden Zielrichtung der „Wagnerianer“ versus die von „Weltanschauungsgerede“154 geprägten „Bayreuthianer“ auszugehen – ich komme auf diese Termini und weitere Definitionsvariationen in Kap. 5 vorliegender Untersuchung zurück. Die penetrant propagierte Wagner-Anhängerschaft der Nationalsozialisten erscheint vielmehr als der nachträgliche (angesichts mancher gegenwärtiger Re- 151 Kroll, Frank-Lothar: Der Weg in den Holocaust. Rassismus und Antisemitismus in der nationalsozialistischen Ideologie, in: Ders. / Kroll, Frank-Lothar (Hrsg.): Ideologie und Verbrechen – Kommunismus und Nationalsozialismus im Vergleich, München 2014, S. 113 152 Glaser, Hermann: Zur Mentalitätsgeschichte des Nationalsozialismus – Ein Weg, um den Erfolg von „Mein Kampf “ zu verstehen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Titel „Hitlers ‚Mein Kampf ’“, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, 65. Jahrgang, 43-45/2015, S. 31 153 Wirsching: Hitler, Mein Kampf. Kritische Edition, a.a.O., S. 11 154 Vgl.: Dahlhaus, Carl: „Wagnerismus“ und Wagner-Nachfolge, in: Wagner, Nike (Hrsg.): Über Wagner – Eine Anthologie, a.a.O., S. 295 2. Sachstand 44 zeptionszeugnisse in gewisser Hinsicht immer wieder neu gelingende155) Versuch der Nobilitierung der „Bewegung“ und der Person Hitlers selbst. Aber selbst die Authentizität der Verehrung Wagners durch Hitler ist bezweifelt worden. Herbert Rosendorfer referiert folgende bemerkenswerte Umstände, die wegen ihrer besonderen Kuriosität ausführlicher darzulegen sind: Es sei zwar unzutreffend, daß „die Nazis Wagner nur mißbraucht“ haben würden, wie die „Neu-Bayreuther“ – [die Anhänger des von Wolfgang/ Wieland entrümpelten „Hier gilt’s der Kunst“-Bayreuth] –, seit sechzig Jahren beteuern; denn: „Mehr als nur der Antisemitismus, die Germano-Manie, der nationale Größenwahn, die Ideen, die Houston Stewart Chamberlain formulierte, führten von Wagner direkt zum Nationalsozialismus: der musikalische Ausschließlichkeitsanspruch, den Wagner erhob, korrespondierte mit dem politischen Ausschließlichkeitsanspruch (‚Ein Volk, ein Reich, ein Führärr [sic] –’) den Hitler vertrat wie jedes rechts- und linksfaschistische System vor und nach ihm. Hitlers sozusagen private musikalische Neigungen galten gar nicht Wagner. Er bevorzugte das ‚Weiße Rössl’ (vom Juden Bernatzky!) oder Lehárs [dessen Frau und Librettist übrigens beide jüdisch waren] Operetten. Vom optischen Gesamtkunstwerk hatte er auch andere Vorstellungen. Hitler sah seinen Lieblingsfilm ‚King Kong’ nach vorsichtigen Schätzungen dreihundertmal, das letzte Mal im April 1945 im Keller der Reichskanzlei. ‚Tristan’ sah er nur achtmal.“156 Rosendorfers Gleichsetzung, die dem Vergleich „links- und rechtsfaschistischer Systeme“ folgt, seien einige exkursive Anmerkungen gewidmet.157 155 Einen neuerlichen Beleg dafür stellt die jüngste Schrift des Musikwissenschaftlers Axel Brüggemann dar, der die „Behauptung einiger Kritiker [er meint hier konkret auch Joachim Köhler, von dem noch die Rede sein wird], dass Wagner sogar den Holocaust und die millionenfache Tötung der Juden im ‚Dritten Reich’ vorgedacht hätte“, auch deshalb für „griffig“ erachtet, weil „Hitler selbst Wagners Musik geliebt und für seine Propagandazwecke eingesetzt hat.“ Weil Hitler Wagners Musik liebte …, über das Andere („auch deshalb“), daß die Griffigkeit der These für Brüggemann ausmacht, schweigt er sich aus. Wenn Brüggemann auf die Tatsache der Proteste gegen die Aufführung von Wagner-Opern in Israel zu sprechen kommt, die „viele Israelis … an Unterdrückung, Verfolgung und Ermordung durch die Nationalsozialisten denken“ lasse, verweist er immerhin auf einen der „Fürsprecher Wagners“, den „jüdischen Dirigenten“ Daniel Barenboim, der in den Opern Wagners keinen antisemitischen Gehalt erkennt und auf den zeitgenössischen intellektuellen common sense, der einen allemal „hoffähigen Antisemitismus“ enthalte, abhebt, und Wagners Pamphlet „Das Judenthum in der Musik“, auf das ich in Kapitel 4.2.1.2 vorliegender Untersuchung ausführlich eingehe, in diesem Sinne relativiert. Vgl.: Brüggemann, Axel: Genie und Wahn – Die Lebensgeschichte des Richard Wagner, Weinheim/Basel 2013, S. 107/108. Menschen wie Daniel Barenboim wird ohne weiteres ihre intellektuelle Autonomie abgesprochen, er wird als Bayreuther „Alibijude“ denunziert, mit denen Bayreuth sich stets geschmückt habe. Vgl.: Wagner, Gottfried: Wer nicht mit dem Wolf heult – Autobiographische Aufzeichnungen eines Wagner-Urenkels, Köln 1997, S. 20/21. Ludwig Hertels Résumé zum Thema „Wagner in Israel“ ergibt unter anderem den Befund, daß „vielen Israelis“, vor allem der jüngeren Generationen, nicht bekannt sei, daß Wagner „starb, bevor Hitler geboren wurde“, weshalb sie Wagner gar „als Nazi bezeichnen“. Israelische Wagner-Freunde verwiesen hingegen auf die Irrationalität eines Wagner-Boykotts, da in Israel auch keine Ressentiments gegenüber „Orff, Strauss oder Lehar, die im Dritten Reich durchaus hoch verehrt und häufig aufgeführt wurden“ feststellbar seien. Vgl.: Hertel: Zum Wagnerkult im Nationalsozialismus, a.a.O., S. 386/387. Richard Strauss ist indes nicht nur „hoch verehrt“ worden, sondern war übrigens „Präsident der Reichsmusikkammer“. 156 Rosendorfer, Herbert: Bayreuth für Anfänger, München 1991, S. 69 2.1 Von Wagner zu Hitler? Zugriffe und Zugänge 45 Derlei musikalische Präferenzen Hitlers die das verächtlich-gemachte Genre der 157 Zum, in totalitarismustheoretischer Perspektive, strukturanalogen ideologischen Inventar des Kommunismus und Nationalsozialismus und zu deren Beziehung untereinander, zutreffend Sebastian Haffner: „Die Kommunisten lieben das Wort ‚totalitär’ nicht; sie sind geradezu beleidigt, wenn man sie mit den Nationalsozialisten, ihren Feinden, unter demselben Begriff zusammenfasst. Natürlich sind Kommunisten und Nationalsozialisten Feinde und sind es immer gewesen; aber Feindschaft schließt Gleichartigkeit nicht aus, und die Feindschaft zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten erwächst zum Teil gerade aus ihrer Gleichartigkeit, nämlich daraus, daß eben beide gleichermaßen ‚totalitär’ sind, das heißt, daß jede von ihnen das totale und permanente Monopol politischer Macht für sich beanspruchen; insofern ist die Feindschaft zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten einfach die Feindschaft, die aus der Rivalität erwächst…“ Haffner, Sebastian: Überlegungen eines Wechselwählers, Berlin 2002, S. 100. Umberto Eco hinterfragt diesbezüglich das Phänomen der (sprachgebräuchlichen) Dominanz des „immerwährenden Faschismus“. Fraglos erscheint auch ihm die totalitäre Verschwisterung von Kommunismus und Nationalsozialismus, verstehe man unter Totalitarismus „ein Regime, das alles individuelle Handeln dem Staat und seiner Ideologie“ unterordne. Insbesondere der (italienische) Faschismus weise indes keinen „durchgehenden“ totalitären Charakter auf, insofern Faschismus eine „philosophische Schwäche seiner Ideologie“ erkennen lasse, während die Nationalsozialisten und Kommunisten ein vollständiges Programm, unterlegt mit einer präzisen Theorie („Theorie des Rassismus“, „präziser Begriff degenerierter Kunst“, „Philosophie des Willens zur Macht und des ‚Übermenschen’“, „sowjetischer Marxismus“, „Dialektischer Materialismus“ usw.) auswiesen. Zu bedenken ist überdies, daß der Faschismus, den sich etwa Mussolini wünscht, als autoritärer Ständestaat zu erfassen ist und also mitnichten auf völkische Homogenisierung und Nivellierung der Klassenunterschiede abzielt. Angesichts der nachweislichen Persistenz des Faschismus-Begriffes verweist Eco auf eine „Familienähnlichkeit“, die Erkennbarkeit bewahre – „ein faschistisches Regime bleibe noch als faschistisch“ wahrnehmbar – auch wenn „man ein oder mehrere Merkmale abzieht“. Eine Wittgensteinsche formale Sequenz, derer sich Eco bedient, verdeutlicht diesen „familiären“ Bezug, deren Pointe darin besteht, daß Anfang und Ende keine Gemeinsamkeit mehr aufweisen, aber dennoch als Bestandteile ein und derselben Entwicklungslinie perzipiert werden. Ich denke hierbei auch an Wagner und Hitler. „(1) abc (2) bcd (3) cde (4) def“. Vgl.: Eco, Umberto: Der immerwährende Faschismus, in: Ders.: Vier moralische Schriften, München/Wien 1998, S. 37-70, Zitate passim. Gleichartigkeit besteht vor allem in der schier unfassbaren Opfermenge, die infolge der Vernichtung von Menschen durch Nationalsozialismus und Kommunismus zu beklagen ist. Es mag „schockieren“ diese Ideologien zusammenzurücken. Aber mit Blick auf die hier wie da zugrundeliegende „Logik des Genozids“, derzufolge eine „als feindlich bezeichnete Gruppe auszulöschen“ sei, die nicht ein Volk oder eine Gesamtgesellschaft sein muss, kann und sollte diese Komparation – darüber hinaus die „Gleichsetzung“ – durchaus akzeptabel erscheinen. Daß Gruppen, nicht Individuen als Teil in ihrer Gänze von der genozidalen Logik erfasst werden, bedeutet die Wirkung der „Mechanismen der Trennung und des Ausschlusses“. Bei Hitler (siehe Kapitel 7.1.3 vorliegender Untersuchung) wird ‚im Handumdrehen’ aus Klasse Rasse; die je Zugehörigen können ausschließlich durch Fremdzuschreibung identifiziert werden. Stéphane Courtois konstatiert aus den genannten Gründen „besondere Ähnlichkeit zwischen ‚Klassen-Totalitarismus’ und ‚Rassen-Totalitarismus’.“ Courtois, Stéphane u.a.: Das Schwarzbuch des Kommunismus – Unterdrückung, Verbrechen, Terror, München 1998, S. 28/29. Selbst bei Vertretern der sog. „radikalen (echten, richtigen) Linken“, wie Slavoj Žižek, ist inzwischen von „formaler Parallele zwischen Nazismus und Stalinismus als zwei Varianten ein und desselben ‚Totalitarismus’“ zu lesen. Die Parallelität betreffe das „Repertoire an extremen Unterdrückungsmaßnahmen“, das „ähnlich“ sei. Unterschiedlich sei „der soziale und ideologische Gehalt“ derselben, sowie deren „Funktionsweisen“, was er anhand der „stalinistischen Säuberungen“ exemplifiziert, dergleichen im „Nazismus“ nicht existiert habe. Žižek, Slavoj: Blasphemische Gedanken – Islam und Moderne, Berlin 2015, S. 19. 2. Sachstand 46 „leichten“ Musik und zudem nicht selten von „jüdischen Komponisten“ fabrizierten Operetten betrafen, verursachten denn auch „erhebliches Stirnrunzeln bei den Reichswächtern über die ‚rein deutsche Kunst’“.158 Albert Speer berichtet, daß Hitlers Interesse – „trotz der ausgezeichneten Schallplattensammlung“ – „weder Barock noch Klassik, weder Kammermusik noch Symphonien“ galt. Im Rahmen des allabendlichen Rituals am Obersalzberg wurde, nachdem einige „Bravour-Stücke aus Wagnerschen Opern“ gleichsam als knappes Feigenblatt gespielt, „geradewegs auf die Operette“ zugesteuert um dann den possierlichen Brauch zu pflegen, „den Namen der jeweiligen Sängerinnen“ zu erraten159 und nicht etwa in der Manier eines Wagnerianers der Interpretation mythologischer Stoffe oder der Performanz des Musikdirektors o. ä. nachzugehen. Er habe immer „dieselben Operettenmelodien von Lehár und Suppé“ gehört – was, nota bene, auf Hitlers beständig gebliebene kulturelle Verwurzelung in der ansonsten tief verhaßten Donaumonarchie verweisen mag – und erst gegen drei Uhr nachts stets mit der Ouvertüre zur Lustigen Witwe geendigt.160 Eric Voegelin diagnostiziert ebenfalls eine „sehr nahe Verwandtschaft“ zwischen den „neueren“ Gnostikern (siehe zur politischen Gnosis ausführlicher die Kapitel 3.1 sowie 8 vorliegender Untersuchung), als die er Kommunisten und Nationalsozialisten vor allem begreift. „Marxischer [sic] Blutrausch“ und „nationalsozialistische Mystik, der Chemismus von Blut und Boden“ zielten gleichermaßen ab auf „die Veränderung des Menschen in der Masse“ sowie „die Erzeugung des neuen Menschen“, der dann sein kann „Übermensch, sozialistischer Mensch, totaler Mensch“. Vgl.: Voegelin, Eric: Gnostische Politik [1952], in: Ders.: Der Gottesmord – Zur Genese und Gestalt der modernen politischen Gnosis, hrsgg. und eingeleitet von Peter J. Opitz mit einem Nachwort von Thomas Hollweck, München 1999, S. 48. Was die beiden totalitären Großideologien des 20. Jahrhunderts auch unterschieden habe, sei zum einen die permanente Tyrannis gegen die eigene Bevölkerung, innerhalb derer der bolschewistischstalinistische Vernichtungsfuror seine „ideologische Basis“ verlassen und sich in „Beliebigkeit“ – „jedermann, jederzeit“ – verloren habe. Zum anderen „die nationalsozialistische Gewaltpolitik, die, bei allen ihr innewohnenden ausufernden Tendenzen, im Kern doch stets einen durch rassistische und antisemitische Zielvorgaben eingehegten Genozid exekutierte.“ Vgl.: Kroll: Weg in den Holocaust, a.a.O., S. 136/137. Abschließend gilt, daß, wer „dem kommunistischen Staatsterror mildernde Umstände wegen einer angeblich humanistischen Ideologie [zubillige], nur der Propaganda des Systems“ aufsitze. Vgl.: Sofsky, Wolfgang: Zeiten des Schreckens – Amok, Terror, Krieg, Frankfurt am Main 2002, S. 78/79. Womöglich kann gar von dem „größten Propagandaerfolg“ zu reden sein, daß es „dem Kommunismus lange Jahre gelungen ist, jede Gleichsetzung mit dem Nationalsozialismus auf lange Dauer zu verhindern.“ Fest, Joachim: Ich nicht – Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend, Hamburg 2008, S. 360. Letztlich erscheint Analogisierung zwangsläufig problematisch, da „selbst die geringste Disharmonie zwischen den beiden Seiten der Analogie in der Regel die gesamte Aufmerksamkeit auf die nicht übereinstimmenden, unterschiedlichen Elemente statt auf das Wesentliche“ lenke. Vgl.: Burg, Avraham: Hitler besiegen – Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss, Frankfurt/ New York 2009, S. 17 158 Carr: Wagner-Clan, a.a.O., S. 250 159 Vgl.: Speer, Albert: Erinnerungen, Frankfurt am Main/ Berlin 1969, S. 105 160 Vgl.: Eberle Henrik/ Uhl, Matthias (Hrsg.): Das Buch Hitler – Geheimdossier des NKWD für Josef W. Stalin, Bergisch-Gladbach 2005, S. 204. Zu Hitlers „kulturellen Besitztümern“, die er 1945, das nahende Ende gewärtigend, in einem Salzbergwerk für Nachwelt und Ewigkeit sichern lassen will, gehört eine Aufnahme der musikalischen Pretiose „In meiner Badewanne bin ich Kapitän“. Vgl.: Overy: Richard: Die Diktatoren – Hitlers Deutschland, Stalins Rußland, 2. Aufl., München 2006, S. 52 2.1 Von Wagner zu Hitler? Zugriffe und Zugänge 47 Möglicherweise hat Hitler sich prinzipiell „irrtümlicherweise“ für einen Musikliebhaber gehalten – Musik bedeutete ihm in Wahrheit so wenig, daß er nach seinen Opernbesuchen „ausschließlich über Fragen der Bühnentechnik oder der Regie sprach“. „So gut wie nie“ seien „Probleme der musikalischen Interpretation“ von Interesse gewesen.161 Richard Wagner wird in Mein Kampf ganze vier Mal überhaupt erwähnt. Davon zweimal bei der Namensnennung einer Münchener Tagungsstätte („Wagnersaal“, S. 539 und 626). Ansonsten ist vom „Bayreuther Meister“ im Zusammenhang des Besuchs Hitlers einer Lohengrin-Darbietung die Rede (S. 15). Der einzige scheinbar „echte“ explizite Bezug ist auf Seite 232 zu finden. Selbst dieser erweist sich jedoch als „weltanschaulich“ eher dünn: Hier wird Wagner als „großer Reformator“ gepriesen – allerdings in gleichem Atemzug mit Martin Luther und Friedrich II. und dazu, beinahe dekontextualisiert, ohne jede weitere Vertiefung. Zudem sind Hitlers autobiographische Auskünfte (siehe auch Kap. 7 vorliegender Arbeit) in Bezug auf seine politische und ideologische Entwicklung dezidiert selbstreferentiell, was nur auch seiner nie verschleierten Überheblichkeit entspricht: Es sind stets seine Erkenntnisse, die ausschließlich auf eigenen Beobachtungen der Wiener Milieus, der parlamentarischen bzw. kommunalpolitischen Praxis antisemitischer Bürgermeister und verhaßter Liberaler, beruhen. Es sind stets selbstbewußte Konklusionen, die er doziert und die – was seiner oft rüde explizierten Intellektuellenverachtung entspricht – eben nicht der Inspiration oder gar Lektüre und Unterweisung durch Vorläufer und Lehrmeister zu verdanken seien. Tief gekränkt habe sich Hitler dann gezeigt, wenn er durch seine Leser auf Ähnlichkeiten seiner Ideen mit gleichgesinnten Denkern angesprochen wird.162 Houston Stewart Chamberlains viel geäußerte Ressentiments gegen formale Bildung und deren Repräsentanten sind in dieser Hinsicht durchaus vorbildlich für Hitler. Sie betreffen die Unterscheidung des intuitiven Dilettanten163, der dem heutigen Sprachgebrauch zufolge „Fachidioten“ sowie den Gelehrten und Professoren haushoch überlegen sei. (Alfred Rosenberg beschimpft, ganz wie sein Meister Chamberlain, vorzugsweise „die Kunsthistoriker“, die „einem leid tun [sic]“164 könnten und allgemein „verbildete Gebildete“165, wenn er in solches Akademiker-bashing einstimmt.) Vom positiv-konnotierten Dilettanten wie- 161 Vgl.: Fest: Hitler, a.a.O., S. 712 162 Vgl. Linus Hauser, der sich insbesondere für Hitlers Lektüre der „lebensreformerischen, okkultistischen, ariosophischen Traktätchenliteratur“ interessiert, deren Gemeinsamkeit darin bestehe, derlei „Einfälle zu verabsolutieren“ sowie „aus diesen Marotten eine Religion“ zu kreieren. Hauser, Linus: Kritik der neomythischen Vernunft. Band 1 – Menschen als Götter der Erde (1800-1945), Paderborn u.a. 2004, S. 428/429 163 Per Leo betont die Bedeutung dieses Aspektes für Chamberlains Arbeits- und Wissenschaftsverständnis insgesamt, der intendiert habe, mit seinen Grundlagen des 19. Jahrhunderts eine „‚dilettantische’ Alternative zur akademischen Wissenschaft“ vorzuweisen. In „Habitus, Methode und Denkstil“ wolle Chamberlain sich an Goethe orientiert haben sowie eine „Erfolgsgeschichte der Goetheschen Wissenschaft“ begründen. Vgl.: Leo, Per: Der Wille zum Wesen – Weltanschauungskultur, charakterologisches Denken und Judenfeindschaft in Deutschland 1890-1940, Berlin 2013, S. 381 f. 164 Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts, Zwei Bände [1899], München 1934, S. 1150 165 Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 131 2. Sachstand 48 derum ist der „Stümper“ sorgsam zu unterscheiden; Hitler übernimmt diese Sichtweise vollständig und unverändert. Er legt außerdem stets den größten Wert darauf, selbst entschieden und vollzogen zu haben, bspw., daß er vom „schwächlichen Weltbürger zum fanatischen Antisemiten“166 geworden war – höchstens (s)eine (selbst-) vermeintliche messianische Sendung könnte hier die Idee einer Fremdeinwirkung, dann allerdings nur durch den Höchsten, denkbar erscheinen lassen. Daß er sich einst „schwächlich“ gefühlt haben mag, ist gut möglich. Weshalb und in welchem Sinne er sich jemals für einen „Weltbürger“ gehalten haben könnte, ist indes schwer vorstell-, geschweige denn nachvollziehbar. Noch Rüdiger Safranski verweist bezüglich der Vorbildnahme Wagners durch Hitler auf eine Äußerung, welche Hitler gegenüber Albert Speer getan habe. Wagner hatte die Abfassung seiner Oper Rienzi in der Überzeugung seiner geistigen Nachfolge im Sinne eines Volkstribuns vorgenommen, der wie einst der historische Cola di Rienzi auf eine Volksbewegung gestützt hier das verkommene Rom von 1347 da das ebenso „degenerierte“ Paris von 1840, das Wagner vorzufinden glaubt, zu überwinden gesucht. Noch ein anderer habe sich in Rienzi wiedererkannt: „Nach dem Besuch einer Aufführung der romantischen Oper in Linz 1906 gewinnt ein siebzehnjähriger junger Mann bei dieser gottbegnadeten Musik die überaus folgenreiche Überzeugung, daß es auch mir gelingen müsse, das deutsche [sic] Reich zu einen und groß zu machen.“167 Der historische Cola di Rienzi ist hier Hitlers Vorbild einer „großmachenden Reichseinigung“ und wohl nicht das einzige, dann freilich häufig auch aus dem übrigen Mythen-Kosmos Wagners stammend.168 Identisch mit Wagner ist allenfalls die Faszination Hitlers für das Sujet. Wagner jedoch ist nicht Rienzi. Überdies birgt das Werk – dies würde wohl nicht einmal von den rigorosen Befürwortern der These einer direkten antisemitischen Vorläuferschaft Wagners für Hitler bezweifelt – keinerlei Anhalt für derlei Implikationen oder Charakterbilder. Was Hitler im Laufe seines Lebens wiedererkennen darf, wenn er sich als moderner Wiedergänger169 Rienzis wähnt, ist der Zusammenhang von Verrat, Untreue und Niederlage bzw. Untergang170, der sich auf dessen Politikerleben übertragen ließe. Was Hitler programmatisch attrahiert haben mag, ist die Hand- 166 Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 69 167 Safranski, Rüdiger: Romantik. Eine deutsche Affäre, Frankfurt am Main 2009, S. 259, Hervorhebungen im Original. 168 „In seinen wahnhaften Vorstellungen identifizierte er [Hitler] sich selbst mit Figuren aus den Opern [Wagners], wie Rienzi, Lohengrin, Hans Sachs oder Wotan.“ Hertel: Wagnerkult im Nationalsozialismus, a.a.O., S. 392, Hervorhebung im Original. 169 Hitlers Adlatus Rudolf Heß habe seinen Führer seit der gemeinsam verbrachten Haftzeit als „der Tribun“ bezeichnet. Vgl.: Overy: Diktatoren, a.a.O., S. 65 170 Wagners Rienzi wird zunächst durch das Volk ermächtigt, dieses ihn am Ende in Untreue verläßt und seinen, Rienzis, Untergang durch Brandschatzung befördert. Die durch Rienzi unterworfenen Eliten schwören zunächst Treue, werden indes bald eidbrüchig und begehen ebenfalls Attentate auf sein Leben – Verrat und Bedrohung all überall. Vgl.: Wagner, Richard: Rienzi – Der letzte der Tribunen. Große tragische Oper in fünf Akten, in: Kapp, Julius (Hrsg.): Richard Wagners Gesammelte Dichtungen – Drei Teile in einem Bande, Leipzig o.J., Erster Teil, passim. Es ist ohne weiteres verstehbar, wie leicht Hitler im Laufe seiner Lebensstationen an diese Oper gedacht haben mochte: Die 2.1 Von Wagner zu Hitler? Zugriffe und Zugänge 49 lungsskizze: Ein „politischer Idealist“ bricht mit Hilfe des „wachgerüttelten Pöbels“ die „Gewaltherrschaft der Nobili“.171 Was Hitler hätte stutzen lassen sollen, ist die Überforderung und das Scheitern, die eben auf Rienzis Realitätsferne einerseits, und der sowohl patrizischen als auch plebejischen Unzuverlässigkeit, Treulosigkeit sowie allgegenwärtiger Gelegenheit und Neigung zum Verrat andererseits beruht172, was dann eigentlich den Clou des Rienzi darstellt. Daß Wagner mit seinem Rienzi einen – politischen, revolutionären, „notwendig scheiternden charismokratischen“ – paradigmatischen Schlüsselcharakter des 19. und 20. Jahrhunderts vorwegnimmt, ist die interessante Deutung Peter Sloterdijks.173 Speziell für den „Hitlerismus“ bedeutet dies den „politischen Somnambulismus“ des „suizidalen Hazards“, der einem Experiment gliche die Frage zu klären, ob auch „Staaten mitsamt ihren Gesellschaften zum Selbstmord“174 befähigt seien. Der „wagnerianische Faktor“175 in der psychischen Konstitution der „Befreier-Despoten seit dem 19. Jahrhundert“ – „Lenin, Mussolini, Stalin, Hitler und Mao Tse-tung bis zu Peron, Nasser, Pol Pot, Kabila, Duvalier, Idi Amin, Sadam Hussein, Gaddafi, Ben Ali und … weiteren Katastrophen-Macher[n]“ – besteht in dieser Hinsicht nicht in antisemitischen, sondern vielmehr also rienzisch zu nennenden Bezügen. Das Faszinosum des Renaissance-Volkstribuns sei abzuleiten von dessen: „… geniehafte[r], zu allem berechtigende[r], ins große Allgemeine plädierende[r] Unverantwortlichkeit, mit welcher [Rienzi] die ‚Mächte des Bestehenden’ herauszufordern wagte.“ Was im Ergebnis dazu geführt habe, den „modus operandi des populistischen Politikansatzes“ offenzulegen: „Die Erfolge der skrupellosesten Volksbefreier gründen seit jeher in der nur teilweise erlernbaren Fähigkeit, mit Hilfe konfabulierter Versprechungen an das dunkelste Agens moderner Massenpolitik zu appellieren: die heimliche Liebe der Unglücklichen zum spektakulären Untergang.“176 In seiner subjektzentrierten Wahrnahme greift auch Hitler dieses Muster wohlmöglich exakt in der von Sloterdijk für Cola di Rienzi beschriebenen Weise auf, um sich als kommender „Amateur-Imperator“ zu erkennen und zu gerieren, der „seines Geburtsmakels“ ungeachtet und zum Trotz das „Umschlagen [desselben] in das Charisma der Illegalität als wundersame Zugabe des Fatums“ in seinen Anspruch nimmt, Interpretation einer katastrophalen Niederlage anhand der sog. „Dolchstoßlegende“, sein Wahlerfolg, der der Ernennung zum Reichskanzler vorausgeht, der 20. Juli sowie die „Unfähigkeit der Generäle“, der „Morphinist Göring“, der den Nachschub nach Stalingrad hintertriebe, der Englandflug von Rudolf Heß oder die zuletzt wahrgenommene „Unfähigkeit des deutschen Volkes“ usw. usf. 171 Kapp, Julius: Einleitung des Herausgebers, in: Wagner, Richard: Rienzi – Der letzte der Tribunen. Große tragische Oper in fünf Akten, in: Ders. (Hrsg.): Richard Wagners Gesammelte Dichtungen, a.a.O., S. 59/60 172 Vgl. ebd.: Das Libretto, S. 61-105, passim. 173 Vgl.: Sloterdijk, Peter: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit – Über das anti-genealogische Experiment der Neuzeit, Frankfurt a. M. 2014, S. 386/87 174 Eine Frage, die Albert Camus deutlich beantwortet: Die „Legitimierung des Mordes … gipfelte im kollektiven Selbstmord.“ Hitler sei „in der Geschichte der vielleicht einmalige Fall eines Tyrannen, der nichts zu seinen Gunsten zurückläßt. Für sich selbst, für sein Volk und die Welt war er nichts anderes [sic] als Selbstmord und Mord.“ Camus, Albert: Der Mensch in der Revolte [1951], Hamburg 2001, S. 13 und 211 175 Sloterdijk: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit, a.a.O., S. 182 176 Ebd., S. 386/87, Hervorhebung im Original 2. Sachstand 50 um „seine Funktion mit überhöhten imperialen und pontifikalen Aspirationen“ auszustatten.177 Hitler wußte dann auch „sein Elend“ und die „Härte seines Schicksals“ als „Weisheit der Vorsehung“ zu preisen, die ihm einen „Widerstandswillen“ zugewiesen habe, der „endlich Sieger“ bleiben sollte.178 Die Blaupause für so geartete charismatisch-imperatorische Ambitionen hat bereits Nietzsche mit seinem Aphorismus Der große Mann der Masse geliefert. Die auch für Hitler vorbildlich gewordenen Elemente dieser Erfolgsrezeptur sind unbezwingliche Willenskraft, grenzenloser Egoismus [des Führers und seines Volkes], Kampf, Wunscherfüllung und „im übrigen habe er [der künftige große Mann] alle Eigenschaften der Masse: um so weniger schämt sie sich vor ihm, um so mehr ist er populär. Also: er sei gewalttätig, neidisch, ausbeuterisch, intrigant, schmeichlerisch, kriechend, aufgeblasen, je nach Umständen alles.“179 Wiederum mit Blick auf die späten Jahre Wagners ist aber auch Safranski überzeugt, daß Wagner selbst für den Übergang seines „antikapitalistischen und kulturalistischen Antisemitismus [in] ein[en] biologisch-rassistische[n]“ gesorgt habe, mithin auch dafür verantwortlich zu machen sei. Als Beleg führt er Tagebucheintragungen Cosimas – siehe dazu oben – an, die vielfältige Untergangs- und Vernichtungsphantasien enthalten, die Wagner geäußert habe. Meiner Meinung zufolge handelt es sich dabei jedoch viel eher um eine unzulässige Konkretisierung metaphorischer Untergangssemantik, wie unten näher zu zeigen sein wird. Insofern sei so Safranski die Entwicklung der Bayreuther Blätter zur Plattform eines fanatischen Rassismus und eliminatorischen Antisemitismus durchaus im „Geiste des ‚Meisters’“ geschehen, da dieser mit „solcher Hetze“ begonnen habe.180 Bereits die Vorstudie konnte wegen des Ausbleibens direkter und konkreter Bezugnahme in den programmatischen Schriften Hitlers auf Wagner nur auf die Freilegung und die Analyse okkulter Strukturanalogien abzielen, die sich in beiden Weltanschauungen erkennen lassen – was allerdings in der Summe kaum der Fall ist. Chamberlain und Rosenberg bieten zahlreichere und partiell direkte Verweise auf das Werk und die Person Wagners. Saul Friedländer hält denn auch die Annahme eines nachweislichen „Stellenwert[es] von Wagners Antisemitismus im Denken Hitlers“ zunächst für „paradox“, weil „kein einziges Mal bezog Hitler selbst sich auf Wagners Theorien über die Juden.“ „Es gibt in Hitlers frühen Reden und in Mein Kampf keine einzige Erwähnung der diesbezüglichen Schriften Wagners; in den zwischen 1925 und dem Ende des Dritten Reichs gehaltenen Reden geht Hitler darauf nicht ein, nicht einmal bei der Rede anläßlich der Ein- 177 Ebd., S. 382 178 Vgl.: Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 19, Hervorhebung des Verfassers 179 Nietzsche, Friedrich: Ein Blick auf den Staat, in: Ders.: Menschliches, Allzumenschliches – Ein Buch für freie Geister [1886], Erster Band, Achtes Hauptstück, Werke in drei Bänden, Band 1, Köln 1994, S. 535 180 Vgl.: Safranski: Romantik, a.a.O.: S. 269/270. Siehe zu den Schriften, die in den Bayreuther Blättern veröffentlicht sind, Kap. 4.2.1.3. vorliegender Untersuchung. Daß die „Hetze des Meisters“ vor allem durch den „Bayreuthianer“ Chamberlain aufbereitet ist, zeige ich in Kap. 5. vorliegender Untersuchung. 2.1 Von Wagner zu Hitler? Zugriffe und Zugänge 51 weihung des Wagner-Denkmals 1937 in Leipzig. (…) seine [Wagners] Ansichten über den Erzfeind der Menschheit werden aber [in den Tischgesprächen181] nicht einmal erwähnt.“182 Friedländer erklärt sich dieses Paradoxon auf ganz erstaunliche Art und Weise. Er legt die Vermutung nahe, daß „schließlich auch nicht zwei Propheten die Erlösung der arischen Menschheit von den Juden verkünden“ konnten, weswegen Hitler Wagner – sozusagen außerkünstlerisch – nicht erwähne. Daher lautet seine Hypothese: „…daß es zwischen Hitlers und Wagners Ideologie in allen nur denkbaren Bereichen enge und zwingende Anknüpfungspunkte gab, unter anderem auch in ihrem wahnsinnigen Haß auf die Juden.“183 Diese undifferenzierte Pauschalisierung („in allen nur denkbaren Bereichen“) muß bei Kenntnis der Schriften Wagners vollständig zurückgewiesen werden. Ebenso wie die maßlose kategorische Spekulation Friedländers, derzufolge Hitler Wagner deshalb nicht erwähne, weil die Übereinstimmungen so offensichtlich und total seien, daß er „bewußt oder unbewußt … von jedem direkten Hinweis darauf absah.“184 Bleibt zu fragen: Wie könnte Hitler „unbewußt“ von einem direkten Hinweis auf Wagner abgesehen haben und inwiefern können obendrein Übereinstimmungen dann derart „offensichtlich“ sein? Vielmehr lassen sich als Hitlers indirekte, vor allem jedoch pseudowagnerianische Quellen in Form der Schriften Houston Stewart Chamberlains und Alfred Rosenbergs bestimmen, wie zu zeigen ist. Hitlers rassentheoretische welterklärende direkte Vorbilder sind mit Brigitte Hamann in erster Linie rassistische Antisemiten vom Schlage eines Lanz von Liebenfels („rassenkundliche Somatologie“, die u.a. die Gesäßformen der niederen und höheren Rassen erfasst) oder eines Otto Weininger (Geschlechterdualistische Typenlehre, die das angeblich „triebhafte, unschöpferische, zersetzende“ Weibliche als das Jüdische gegenüber dem „schöpferisch-männlichen Arischen“ setzt).185 Seine sog. „politischen Leitbilder“ sind vor allem Georg Schönerer – als dessen „Anhänger und Nachbeter“186 Hitler in ganz Wien bekannt gewesen sei – und Karl Lueger, der sich in seinem Wiener Oberbürgermeister-Amt pejorativ über Juden äu- ßert und dem ob seines demagogischen Erfolges bei der Masse Hitlers Verehrung zugekommen sei.187 Luegers besondere Vorbildlichkeit gründet in der gelingenden Ansprache des kleinbürgerlichen Milieus aus dem Hitler selbst stammt und auch daher 181 Hier sind die Originalstenogramme und Gesprächsmitschriften von Hitlers (großenteils) Monologen im sog. „Führerhauptquartier“ gemeint. Siehe: Picker, Henry: Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier – Entstehung, Struktur, Folgen des Nationalsozialismus, Berlin 1997 182 Friedländer, Saul: Bayreuth und der Erlösungsantisemitismus, in: Borchmeyer/ Maayani/ Vill (Hrsg.): Wagner und die Juden, a.a.O., S. 16 und 17 183 Ebd., S. 18 184 Ebd. 185 Weininger bezeichnet Richard Wagner in lächerlich maßloser Weise als „der größte Mensch seit Christus“, der mit Parsifal die „tiefste Dichtung der Weltliteratur“ geschaffen habe. Vgl.: Weininger, Otto: Die Frauenfrage, in: Wagner, Nike (Hrsg.): Über Wagner – Eine Anthologie, a.a.O., S. 140 186 Fest: Hitler, a.a.O., S. 65 187 Vgl.: Hamann, Brigitte: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators, München 1996, S. 285-336 2. Sachstand 52 seiner Identifikation mit dem Bewunderten besonders förderlich erscheinen dürfte.188 In Hitlers Wiener Zeit, seinen „Lehrjahren als Diktator“ (Hamann), habe er sich die Grundlagen seines Wissens geschaffen, von denen er fortan zehre.189 Diese Grundlagen entnimmt Hitler den „Wiener extremen nationalen Blättern“ und Publikationen, Broschüren oder mündlichen Vorträgen der eben betrachteten rassentheoretischen und politischen Vor- bzw. Leitbilder. Die in ideologischem Zusammenhang mit Schönerers „Alldeutschen“ zu nennenden, von Hitler besonders geschätzten, „Ostara-Hefte“ enthalten die Grundzüge, des von Hitler übernommenen geschlossenen Weltbildes, dessen Grundgerüst die konfabulierte existentielle „Bedrohung der aufbauenden arischen Rasse durch die zersetzende semitische Rasse“ bildet, und in die konkrete Forderung Schoenerers mündet, „das Judenthum auszumerzen“.190 Vor allem aber liegen bei erster Lektüre von Hitlers Mein Kampf außer dem Ausbleiben direkter Bezüge erste offensichtliche Inkongruenzen zwischen dem gewählten Verehrten (Wagner) und dem ostentativ Verehrenden (Hitler) vor. Während es bekanntermaßen das Bildnis Friedrichs II. von Preußen war, das Hitler als persönliche Ikone bis in den Untergang mit sich führte191, hat Wagner, den durch Hitler hoch verehrten Monarchen als Vertreter des „französischen Ungeistes“192 scharf verurteilt. Ich betone, mir geht es dezidiert nicht darum zu polemisieren, folglich müsse Friedrich II. als Ahnherr Hitlers betrachtet werden, sondern schlicht um die Feststellung einer bedeutsamen Diskrepanz. Wolfram Pyta hat indes genau diesen Zusammenhang für die fatale Episode in Hitlers Leben in der er als „Feldherr“ seinen Krieg führte betont, indem er, Pyta, diese in Gänze gar als „imitatio frederici“ bezeichnet.193 Friedrich erwies sich als scheinbar besonders gut geeignetes Vorbild als dieser die auch durch Hitler erstrebte „Verschmelzung von Künstlertum, Feldherrntum und Staatskunst“ repräsentiere. Pyta zeigt sehr detailliert die psychodynamische Entwicklung der Orientierung Hitlers an der Person194 Friedrichs und den historischen Abläufen des Siebenjährigen Krieges, die er unverdrossen auf seinen Krieg projiziert habe. Insbesondere die Verweise auf die chronische Unterzahl der preußischen Heeresstärke und die Zufälligkeit der Ereignisse, die dennoch oft zugunsten Friedrichs wirkten – „das Schicksal [werde] im Gewand des Zufalls geschichtsmächtig“ –, dienten als psychologische Grundbefestigung des Hitlerschen unerschütterlichen Zweckoptimismus‘ sowie seiner Beratungsresistenz gegenüber den Einschätzungen militärischer Fachleute. Be- 188 Tief beeindruckt sei Hitler von der „demagogischen Virtuosität“, der „taktischen Wendigkeit“ mit der Lueger die „herrschenden sozialen, christlichen und antijüdischen Affekte oder Überzeugungen“ zu „kleinbürgerlichem Antisemitismus“ amalgamiere. Vgl.: Fest: Hitler, a.a.O., S. 67 189 Vgl.: Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 20 190 Vgl.: Seligmann, Rafael: Hitler – Die Deutschen und ihr Führer, Berlin 2005, S. 32/33 191 Vgl.: Fest: Der Untergang – Hitler und das Ende des Dritten Reiches, a.a.O., S. 32 192 Vgl.: Wagner, Richard: Deutsche Kunst und deutsche Politik, in: Ders.: Ausgewählte Schriften über Staat und Kunst und Religion (1864-1881), 2. Aufl., Leipzig 1914, S. 30 193 Pyta: Herrschaftsanalyse, a.a.O., S. 623 194 Selbst angesichts seiner klinischen Gebrechen, die Hitler in den letzten Monaten im „Führerbunker“ immer stärker zusetzen, flüchtet er sich zu seiner Erbauung in das Vorbild Friedrichs: „Erst jetzt kann ich recht ermessen, wie Friedrich dem Großen zumute war, als ihm im Siebenjährigen Krieg unter der Last der Sorgen die Zähne ausfielen. Bei mir leiden unter der Last des Krieges die linke Hand und das rechte Auge.“ Eberle/ Uhl (Hrsg.): Das Buch Hitler, a.a.O., S. 349/350 2.1 Von Wagner zu Hitler? Zugriffe und Zugänge 53 sonders überzeugend ist die These Pytas, in der Konsequenz solchen Friederizianismus – vor allem die „Härte“, die „Entrationalisierung“ – sei mithin die „Totalität“ der Kriegsführung Friedrichs paradigmatisch sowohl für Hitler als auch für Goebbels oder Himmler geworden.195 Ebenso unstimmig und kontrovers fällt die Bewertung der Verdienste Otto Bismarcks aus: Auch für Hitler ist er der „Eiserne“, der mit der Reichsgründung die letzte ruhmeswürdige „deutsche“ Tat, letztmalige „Größe und Herrlichkeit“196, vollbracht habe. In Wagners Augen handelt es sich bei Bismarck um den Repräsentanten des ‚verhassten’ Reiches aus 1870/71, das vor allem preußischen Militarismus symbolisiere, er beklagt 1881 diese „elendeste Zeit, welche Deutschland je erlebt, mit diesem Sauhetzer an der Spitze!“197 Gerade derartige Widersprüche nähren zusätzlich die Zweifel, ob Hitler die Schriften Wagners tatsächlich gelesen hat, bzw. falls doch, dann sinnadäquat in sein ideologisches Konstrukt einbringt. Es irritiert, angesichts der Kenntnis der Hauptschrift Hitlers, daß Joachim Fest die Schriften Wagners als zu dessen „Lieblingslektüre gehörig“198 bezeichnet. Prima facie erscheint Wagner in Hitlers Kampfschrift infolge beinahe beliebig oder willkürlich anmutender Herbeizitierung, welche in substantieller, weltanschaulicher oder ideologischer Hinsicht nicht nur unnötig, sondern geradezu verfehlt erscheint. Es bleibt tatsächlich fragwürdig – jedenfalls angesichts einer angenommenen authentischen Verbindung –, weshalb Hitler „bei seiner Lösung der Judenfrage nicht dort anknüpfte, wo Wagner stehengeblieben [sic]“199 sei? Eine plausible Antwortmöglichkeit wäre, weil dann allzu offenbar würde, daß Wagners Weltanschauung inkompatibel mit Hitlers nationalsozialistischer Ideologie ist. Dagegen Dina Porat, die über diesen Zusammenhang vermutet, daß „Hitler den Einfluß Wagners als seine persönliche und private Sache ansah“, was „am wichtigsten“ sei, da „Hitler diesen [den Einfluß Wagners] selbst formuliert und belegt“ habe. Die Einschätzung Adolf Hitlers wird hier also tatsächlich als das wichtigste Verifizierungskriterium gewertet. Darüber hinaus legt auch Porat einmal mehr dar, wie „sehr 195 „Je totaler Hitler den Krieg zu führen gedachte, desto stärker suchte es das Vorbild Friedrichs nachzuahmen.“ Vorbildhaft sei die Härte auch gegen Adlige und sogar gegen Blutsverwandte, die rigorose Ausschöpfung der personellen Reserven unter Einbeziehung von Knaben und Greisen [Goebbels erwirkte am Ende gar die Zustimmung Hitlers, „Frauenbataillone“ auszuheben], die Ignoranz objektiv ungünstiger Rahmenbedingen, kurzum: die „Erhebung des Krieges zur Kunst, das heißt die Verortung des Krieges in einer Sphäre, in der herkömmliche Wissensregeln entwertet sind und Platz ist für die Entfaltung des mirakulös Unvorhersehbaren.“ Auch Friedrich sei von der preußischen Generalität seinerzeit oftmals als „ein Wahnsinniger“ hingestellt worden, worauf Hitler in ärgster Bedrängnis seiner beratenden Stäbe dieselben gerne hingewiesen habe. Vgl.: Pyta: Herrschaftsanalyse, a.a.O., S. 632-636. Zu Goebbels’ „Frauenbataillonen“, vgl.: Fest: Der Untergang, a.a.O., S. 40 196 Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 295 und 246 197 Thieme, Bernhard (Hrsg.): Jetzt habt ihr eine Kunst! Anekdoten über Richard Wagner, Berlin 2013, S. 109 198 Fest: Hitler, a.a.O., S. 87 199 Porat, Dina: „Zum Raum wird hier die Zeit“ – Richard Wagners Bedeutung für Adolf Hitler und die nationalsozialistische Führung, in: Borchmeyer, Dieter/ Maayani, Ami/ Vill, Susanne: Richard Wagner und die Juden, Stuttgart/Weimar 2000, S. 210 2. Sachstand 54 zu Hause“ sich Hitler in Wahnfried (wohlgemerkt: im Jahre 1923!) gefühlt habe, so „daß er ohne Leibwächter kam und über Weihnachten blieb“.200 200 Vgl.: Ebd., S. 207/208 und 211. Dina Porat kann deshalb auch ihren eigenen Befund – die Annahme, Wagners Antisemitismus sei von Hitler als seine Privatsache begriffen worden – ignorieren: „In seinen wenigen Ausführungen zu Wagner erwähnt Hitler darüber hinaus nie drei thematische Bereiche, bei denen auf den ersten Blick eine enge Verbindung zwischen Wagner und Hitler nahezuliegen scheint: Antisemitismus, Rassismus und antidemokratische Ideen. Hitler spricht nirgends von Antisemitismus, den Juden oder dem Judentum als Bestandteil von Wagners Schriften oder seinem künstlerischen Werk.“ Porat bemerkt außerdem, daß Hitler Wagner – „dies gilt natürlich nur im nachhinein“ (sic! Wie anders sollte dies auch sonst gelten, als „im Nachhinein“?) – nie vorwerfe, daß dieser „mit Juden Kontakt gepflegt“ habe und „diese Juden [ihn] unterstützen und bewundert“ haben. Ebd., S. 208. Exkurs: Ähnlich fragwürdig erscheint Porats Rigidität in Sachen Nahost-Konflikt, insbesondere in der Dokumentation „Defamation“ des israelischen Regisseurs Yoav Shamir aus dem Jahre 2009, in der sie als Gast-Referentin der Anti Defamation League, im mindesten Versuch einer Differenzierung von Kritik an der Außenpolitik israelischer „Falken“ durch Israelis und Juden einerseits und Antisemitismus andererseits, sogleich die Evidenz jüdischen Selbsthasses erkennt. Eva Illouz wendet sich entschieden dagegen, daß jüdische Kritiker Israels [sie nennt sich selbst, Noam Chomsky, Judith Butler u.a.] immer öfter des Antisemitismus geziehen würden. Derart unverantwortliches Handeln – gerade auch durch Juden, wie Illouz betont – schmälere die „Wirksamkeit des Kampfes gegen den echten Antisemitismus und lassen ihn geradezu idiotisch erscheinen“, insofern die Beleidigung ‚Antisemit’ dann nur noch als „billiger Trick, um die Kritiker Israels zum Schweigen zu bringen“ erscheinen müsse. Es bestehe indes ein „Unterschied zwischen moralischer Kritik und Rassenhass“. Vgl.: Illouz, Eva: Ich? Eine Jüdin? Antisemitisch? In: Dies.: Israel – Soziologische Essays, Frankfurt am Main 2015, S. 111-117. Insbesondere der höchst umstrittene Norman G. Finkelstein wird in unseren Tagen des „jüdischen Antisemitismus“ bezichtigt. Seine offensichtliche Absicht der Provokation ist freilich ebenso fragwürdig wie die Überlegung, er könne infolge seiner kruden Ansichten nur im Haß gegen sich selbst leben. Finkelsteins häufig moniertes „politisches“ Vergehen besteht vor allem in seinen einseitigen, in der Tat völlig überzogenen Vorwürfen gegenüber Organisationen wie z.B. World Jewish Congress, Jewish Claims Conference oder der Anti Defamation League, die globale Antisemitismus- Bekämpfung betreiben, sowie Entschädigungszahlungen für Zwangsarbeiter und Überlebende der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik mit guten Erfolgen erwirkten, aber – Finkelstein zufolge – damit vor allem ihre eigenen (monetären) Interessen verfolgten. Womit er tatsächlich den Vertretern, die an sog. „sekundären Antisemitismus“ leiden, das Wort redet, insofern hier geglaubt wird, daß Juden aus der Verfolgungs- und Vernichtungsgeschichte nachträglich immer noch Kapital schlügen und der sog. Schlußstrich daher endlich gezogen werden müsse. (So lautet in etwa die Schnittmenge der Formulierungen in einschlägigen empirischen Studien zur Erhebung diesbezüglicher antisemitischer Attitüden in der Bevölkerung. Vgl., unverändert aktuell z.B.: Bergmann, Werner/ Erb, Rainer: Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland – Ergebnisse der empirischen Forschung von 1946-1989, Opladen 1991, S. 231-274). Den sozusagen „geschichtswissenschaftlichen“ Tabubruch begeht Finkelstein, indem er die Qualität der Einzigartigkeit der Massenvernichtung der Juden während des Zweiten Weltkrieges bestreitet – was in der Konsequenz einer „Holocaust-Leugnung“ gleichkomme. Genauer betrachtet führt Finkelstein diesbezüglich eine akademische Diskussion, die insofern inadäquat bleibt, als der Gegenstand nicht eigentlich der qualitative und quantitative Vergleich weltgeschichtlicher Massaker und historischer Opfer-Hekatomben ist bzw. sein sollte. Vgl.: Finkelstein, Norman G.: Die Holocaust- Industrie – Wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird, München 2001, z.B. S. 51 f. Ohne in diese höchst emotional geprägte und äußerst diffizile Thematik tiefer einzusteigen, verweise ich knapp auf eine völlig konträre Lesart dieser Problematik: Der 1976 verstorbene Rabbiner Ignaz Maybaum bestritte die „Einzigartigkeit der Schoah [sic], um die Verfolgung durch die Nazis in die Verfolgungsgeschichte einzureihen, durch die Gott das jüdische Volk von anderen Völkern unterschieden und, so liest es sich jedenfalls, geadelt habe: In diesem Sinne sei sogar Hitler ein Diener Gottes [und 2.1 Von Wagner zu Hitler? Zugriffe und Zugänge 55 Derartiges scheint Dina Porat wirklich des Berichtens würdig zu sein, und zwar im Hinblick auf ihre explizite Frage nach dem nationalsozialistischen Gehalt in Richard Wagners Weltanschauung: Daß Adolf Hitler im Jahre 1923 vierzig Jahre nach Wagners Tod ohne Personenschutz in Wahnfried – obendrein an Weihnachten, wie eigens betont wird – übernachtet. Die Frage sollte oder besser kann aber nur lauten: Welchen Wagnerianischen Gehalt hat die Weltanschauung der Nationalsozialisten? Das leitende Untersuchungsinteresse in vorliegender Arbeit ist also auf den Nachweis kongruenter bzw. isomorpher, sowie der Herausstellung unvereinbarer und widersprüchlicher „weltanschaulicher“ Strukturen gerichtet. Zu diesem Analysezweck sind Untersuchungsfelder gewählt worden, die sowohl für die Konstituierung und also die Entwicklung einer vergleichenden „Topographie“ jeweiliger ‚Weltanschauungen’ als besonders bedeutsam gelten müssen. Die Verwendung des unzeitgemäß oder möglicherweise überholt anmutenden Terminus „Weltanschauung“ ist im Sinne der Definition von Bredows und Noetzels wohl gewählt. Bringe dieser Begriff doch zum Ausdruck, „jeweils eine Vernunft und Emotion, Reflexion und Intuition überzeugend zusammenbringende und zusammenhaltende Gesamtvorstellung von Mensch und Welt, Vergangenheit und Zukunft, Dasein und Sinn.“201 Insbesondere affektiv aufgeladene Zustandsbeschreibungen, die hier wie da geäußerten Unerträglichkeiten, Ekel, Fassungslosigkeiten bis hin zu sowohl impliziten Hinweisen als auch expliziten Beschreibungen narzisstischer Kränkungen erlauben die Reaktivierung diezwar des jüdischen].“ Kermani, Navid: Der Schrecken Gottes – Attar, Hiob und die metaphysische Revolte [2005], München 2011, S. 267. Wesentlich sachlicher, vor allem sinnvoller, begründet Laqueur die Singularität des Holocausts, insofern „der nationalsozialistische Mord an den Juden war total – nicht selektiv – und wurde systematisch ausgeführt (…) es gab keinen Ausweg für die Juden.“ Denn für „Zeugen Jehovas und Kommunisten“ habe die Möglichkeit bestanden, wenn sie sich gleichsam von ihren Glaubens- und/ oder Ideologiegehalten lossagten, Fügsamkeit und Kooperation versprachen, ihre Freiheit zu erlangen. „Die Religion und die politischen Überzeugungen der Juden waren den Nationalsozialisten dagegen völlig gleichgültig. Sie wurden nicht wegen ihrer Handlungen oder Gedanken ermordet, sondern weil sie Juden waren.“ Laqueur: Antisemitismus, a.a.O., S. 144. Alain Finkielkraut moniert die Ausrichtung der Debatte um die Einzigartigkeit des Völkermordes an den Juden durch die Nationalsozialisten, insofern Singularität nicht in erster Linie in Bezug auf die Mordpraxis im Verlaufe der Shoah festzustellen sei: „Seit dem Krieg haben wir viele Völkermorde erlebt. Vergebens wird man für die Juden ein moralisches Vorrecht in Anspruch nehmen, denn die Nazis waren doch auf dem Gebiet nur Wegbereiter, keine Ausnahmen.“ Einzigartig sei das „in den Jahren 1940 bis 1945“ geübte „Desinteresse“ der lokalen Bevölkerungen, der Kirche sowie der Weltöffentlichkeit: „keine Petitionen, keine Pressekampagnen“, „keine öffentliche Meinung“, „kein Zeichen kam von draußen“. Finkielkraut richtet sich mit überzeugender Begründung gegen das „unverfrorene Geschwätz von der jüdischen Passivität“, mit der sich die Juden, der strapazierten Phrase zufolge, lämmergleich zur Schlachtbank hätten führen lassen, womit ihnen tatsächlich Gleichgültigkeit und schließlich also Mitverantwortung an ihrer Vernichtung zugeschrieben würde. Finkielkraut entlarvt hier vor allem das dahinterliegende Interesse, die Tatenlosigkeit und Gleichgültigkeit gegen- über dem Völkermord an den Juden zu verbergen, denen damit wohlfeilerweise mangelnder Heroismus angesichts des vermeintlich sicher absehbaren Vernichtungsschicksals vorgeworfen wird. Finkielkraut widerlegt dies eindrücklich und verdeutlicht ebenso verstörend, wie besonders widerwärtig eben diese Perspektive auf die schrecklichen Ereignisse eigentlich geartet ist. Vgl.: Finkielkraut, Alain: Von der Romantik zum Gedächtnis, in: Ders.: Der eingebildete Jude [1980], Frankfurt am Main 1984, S. 35-56 201 Bredow, Wilfried von/ Noetzel, Thomas: Politische Urteilskraft, Wiesbaden 2009, S. 150 2. Sachstand 56 ses Begriffes. Eine geradezu spirituelle Autorität erlange eine Weltanschauung durch ihren Offenbarungscharakter. Vor allem für Hitlers Kampfschrift, die verfrühtes Résumé, vorweggenommenes Testament sowie letzte Wahrheiten bezeugendes Dokument in einem ist, oder besser gesagt, sein soll, trifft diese Definition klar zu. „Weltanschauung“ ist nicht nur die „gemütvollere Variante“ von Ideologie, sondern persönlich-intrinsisches Bekenntnis, das vor jeder ideologischen Reich- bzw. Tragweite und vor manifester politischer Macht entsteht und wirkt. [Untersuchungskategorien] Im Sinne einer positiven Bewältigungsaussicht der Materialfülle ist es unabdingbar, eine gewisse Kommensurabilität herbeizuführen. Dies setzt voraus, z.B. diejenigen ästhetisch-theoretischen Komponenten in Wagners Schriften unberücksichtigt zu belassen, die nicht mit seinen als „gesellschaftspolitisch“ zu qualifizierenden Einlassungen vermengt sind. Schlicht, weil in Hitlers Mein Kampf keine Entsprechungen zu finden sind. Weil auch bei Chamberlain und Rosenberg vor allem die rassentheoretischen und antisemitischen Konstruktionen von Belang sind, insofern Hitler vor allem aus diesen schöpft. Problematisch ist, daß sich Politikwissenschaftler, Historiker, Theologen und Musikwissenschaftler bewußt oder unbewußt allzu oft die Wagner- Interpretationen eines Chamberlains und die Wagner-„Bilder“ der Nationalsozialisten zu eigen machen und diese unreflektiert Wagner selbst zurechnen und infolgedessen eine intellektuelle Ahnenreihe vorstellen. Im umgekehrten Fall ist z. B. die ausführliche Darstellung Hitlers über den strukturellen Aufbau einer politischen Organisation (hier die Sturm-Abteilung, „SA“) zu nennen – bei Wagner oder Chamberlain existiert Vergleichbares natürlich nicht. Es sind die jeweiligen Vorstellungen über eine ideale (positive, affirmative) und die reale (negativ bewertete) Gesellschaftsordnung und damit zusammenhängende sozio-politische Ideen und Konzepte darzulegen. Aussagen und Vorstellungen zu verschiedenen Verfassungsformen werden die Darstellung gegebenenfalls ergänzen. Freilich bieten sich keine lehrbuchmäßigen oder bestehenden wissenschaftlichen Kategorien zuzuordnenden Definitionen. Daher sind stets grundlegende, häufig auch implizite Denkstrukturen zu identifizieren. Zielführend zur Kategorisierung von z.B. Herrschaftsstrukturen ist – dies lehrte bereits Aristoteles, und ebendies bildet das Grundgerüst vergleichender politischer Systemforschung –, danach zu fragen, einerseits wie viele regieren und andererseits zu wie vieler Nutzen wird regiert?202 Im Anschluß an die gesellschaftsparadigmatischen Erörterungen ist der die Gesellschaft bildende Mensch, der Mensch in Gesellschaft in den Blick zu nehmen. Diese bezeichnen Eigenschaften, die zum einen den Deutschen („Ariern“/ „Germanen“)203 und zum anderen den Juden („Semiten“/ „Undeutschen“) zugeschrieben werden. 202 Vgl. Aristoteles: Politik, III. Buch, Kapitel 9, 1280 a ff. 2.1 Von Wagner zu Hitler? Zugriffe und Zugänge 57 Unter der Voraussetzung historisch-religiöser Betrachtungen ergeben sich die unmittelbaren Postulate und Konsequenzen der jeweiligen Weltanschauungen: Die allgemeine Gesellschaftsdiagnose wird auf der Grundlage der je unterstellten Wesensqualitäten, vor allem der Juden, in einer jeweiligen Jüdischen Frage konkretisiert, die durch Antisemiten unheilvollerweise mit einer Sozialen Frage kurzgeschlossen und zu einer Eschatologischen Frage überspannt wird. Es soll die je spezifische Judenfeindschaft, die wiederum in entsprechende Revolutions-, Erlösungs- oder Regenerationsobsessionen mündet, erfasst werden. Im Übrigen ist die Analyse durchweg „von Wagner her“ zu verstehen. Von erklärtem Interesse sind die Wagnergehalte der völkischen und nationalsozialistischen Ideologien. Es ist prinzipiell danach zu fragen, ob Chamberlain, Rosenberg oder Hitler zu Wagner passten, nicht – denn dies wäre bereits tendenziös – ob und inwiefern Wagner ein oder gar der praeceptor tertii imperii sei. Für die Analyse selbst mag dies irrelevant sein, für den Analysierenden, der nicht in eine Rechtfertigungsfalle tappen möchte, ist es das nicht. Die anschließend dargelegte Debatte über die angenommene bzw. zurückzuweisende ideologische Nähe bzw. Distanz der Nationalsozialisten und ihrer Vorläufer zu Wagner dient der Einführung in die subtile Vielfalt des Diskurses, der durch verhärtete ideologische Frontlinien geprägt ist. Eben dies evoziert aber auch das kontinuierliche, bereits sprichwörtlich gewordene, „nicht enden wollende“ Interesse an dieser spezifischen Thematik. Die Hinlänglichkeit des bisherigen Diskurses in Frage stellend, der nur die ewig gleichen Reflexe erzeugt und immer neu, wenn auch geringfügig modifizierte Klischees bedient, wird hier schon insofern ein alternativer Versuch des Zugangs zum Thema unternommen, als die konkreten Aussagen in den Schriften Rosenbergs, Chamberlains und Hitlers überhaupt herangezogen und mit den Themen und Thesen in Richard Wagners Schriften gespiegelt werden. Mein persönliches letztes Argument wäre, unabhängig von allen diesbezüglichen Fragen, Unterstellungen oder Apologien, daß Wagner – bei allem durchaus häufig zu konstatierenden „Ungeist“ –, mit (Massen-) Mord und Vernichtungsverbrechen in keinerlei Beziehung zu bringen ist. Das bekannte und im hier verhandelten Zusammenhang sicherlich oft zitierfähige Diktum Heinrich Heines – der Gedanke gehe der Tat voraus, wie der Blitz dem Donner –, ist generell und oft nicht unzutreffend. Problematisch daran bleibt, daß die Gedanken nicht kongruent sind. Ganz abgesehen davon ist der Abstand eines halben Jahrhunderts zwischen Wagners Tod und Hitlers Wirken zu berücksichtigen, der angefüllt mit „Interpretationen“ und Vereinnahmungsversuchen antisemitischer Ligen und Vereine, gegen die Wagner sich vor allem in der letzten Dekade seines Lebens sogar expressis verbis auch in den einschlägigen Schriften verwahrt hatte. Überdies bleibt sowieso fragwürdig, wie Wagner sich zu der vermeintlichen Aktualisierung seiner „Ideen“ in Cosimas und Cham- 203 Zur faktisch immer weitreichenderen Synonymisierung in der Begriffsverwendung „die Deutschen“ und „die Germanen“, spätestens seit der 19./20. Jahrhundertwende, infolge einer im 19. Jahrhundert florierenden Tacitus-Rezeption (hier dessen spätantike ethnographische Schrift „Germania“), vgl.: Bermbach: Chamberlain, a.a.O., S. 267-291 2. Sachstand 58 berlains Bayreuth sowie im Dritten Reich verhalten haben würde. Denn, so Thomas Mann: „…es ist müßig große Männer aus der Verewigung ins Jetzt zu beschwören, um ihnen ihre – etwaige – Meinung über Probleme gegenwärtigen Lebens anzufragen, die ihnen so nie gestellt waren und denen sie geistesfremd sind. (…) Dies ‚würde’ ist hohl und phantomhaft, es ist keine Denkbarkeit.“204 Paul Lawrence Rose rubriziert solches Problem „Wagner – Hitler“ unter diejenigen der „Rousseau und Robespierre“ oder „Marx – Lenin/Stalin“, ob also eine vermutliche geistige Vorläuferschaft der vermeintlichen „politischen“ Aktualisierung in all diesen Fällen fürwahr genommen werden könne. Stefan Zweig bilanziert, „allezeit suchen Gewalttäter mit irgendeinem religiösen, einem weltanschaulichen Ideal ihre Gewalttaten zu verbrämen; aber Blut beschmutzt jede Idee, Gewalt erniedrigt jeden Gedanken.“205 Über den Zusammenhang von Idee und Tat insbesondere zum Verhältnis der Ideengeber zu den Tätern, die deren Ideen schließlich umzusetzen gedachten, noch genauer an anderer Stelle: „Selbst Marat, der in seiner Zeitung dreihunderttausend Köpfe öffentlich fordert, sucht jeden einzelnen zu retten, sobald er unter die Klinge soll. Sie alle, später als Blutbestien geschildert, als leidenschaftliche Mörder, die sich am Geruch der Kadaver berauschen, sie alle verabscheuen, genau wie Lenin und die Führer der russischen Revolution, im Innersten jede Hinrichtung; sie wollen alle ursprünglich nur ihren politischen Gegner mit der Drohung der Hinrichtung in Schach halten: aber die Drachensaat des Mordes entspringt zwanghaft der theoretischen Billigung des Mords. Die Schuld der Revolutionäre ist also nicht, sich am Blute berauscht zu haben, sondern an blutigen Worten: sie haben die Torheit begangen, einzig, um das Volk zu begeistern und ihren eigenen Radikalismus sich selbst zu bescheinigen, einen bluttriefenden Jargon geschaffen und ununterbrochen von Verrätern und Schafott phantasiert zu haben. Aber dann, als das Volk, berauscht, besoffen, besessen von diesen wüsten, aufreizenden Worten, die ihnen als notwendig angekündigten ‚energischen Maßregeln’ wirklich fordert, da fehlt den Führern der Mut zu widerstreben: sie müssen guillotinieren, um ihr Gerede von der Guillotine nicht Lügen zu strafen.“206 In eben solchem Zusammenhang ist wohl auch die Hinrichtungsbegründung z.B. Alfred Rosenbergs vor dem Nürnberger Tribunal zu sehen, dem kein eigenhändiger Mord nachzuweisen war, aber ein vielseitiges „verantwortlich für“ attestiert wird. Ernst Piper bilanziert Rosenbergs Verteidigungsstrategie, der der Weltöffentlichkeit weismachen will, stets eine „ritterliche Lösung der Judenfrage“ im Sinn gehabt zu haben: „Mit einem von Hilflosigkeit zeugenden Redeschwall versuchte er dem Gericht einzureden, daß er mit seiner Forderung nach Ausrottung der Juden nicht für deren Tötung plädiert habe.“207 204 Mann, Thomas: Leiden und Größe Richard Wagners, in: Vaget, Hans Rudolf (Auswahl und Kommentar): Im Schatten Wagners. Thomas Mann über Richard Wagner, Frankfurt am Main 1999, S. 141 205 Zweig, Stefan: Ein Gewissen gegen die Gewalt – Castellio gegen Calvin [1936], Frankfurt am Main 1979, S. 140 206 Zweig, Stefan: Joseph Fouché – Bildnis eines politischen Menschen [1929], Frankfurt am Main 1950, S. 63 2.1 Von Wagner zu Hitler? Zugriffe und Zugänge 59 Übrigens notiert auch der Internationale Militärgerichtshof zu Nürnberg für Rosenbergs Fall, das durch Zweig beschriebene gelegentliche „Maratsche“ Unbehagen angesichts der Taten der entfesselten Anhänger, wenn er, Rosenberg, sich tadelnd „gegen die von seinen Untergebenen begangenen Ausschreitungen und Grausamkeiten“ gewandt habe.208 Selbst für die einzige scheinbar aktive politische Episode in Wagners Leben – die 1848er Dresdner Barrikadenkämpfe – kann dessen Beitrag im Wesentlichen auch nur als ein gedanklicher da künstlerischer verstanden werden, wie ein Brief Wagners an den inhaftierten Michail Bakunin bezeugt, auf den kürzlich Willi Winkler rekurrierte. Wagner versichert darin, daß er: „…mit verjüngten, stark beschwingten kräften auch für mein theil und nach meinen fähigkeiten an dem werke arbeite, für das Ihr helden jetzt Euer leben laßt.“209 Was Wagners Fähigkeiten nun eigentlich immer nur entsprochen habe, sei auch der Interpretation Winklers zufolge „wirklich die ‚Götterdämmerung’, der Weltenbrand“, die die anarchistische Vision des Michail Bakunin der „radikalen und unerbittlichen Zerstörung der gegenwärtigen sozialen Welt, in ökonomischer wie in religiöser, metaphysischer, politischer, juridischer und bürgerlicher Hinsicht“ bediente, der, wie Winkler ergänzt, „nie eine Bombe warf “ und – dies gilt in revolutionärer Genossenschaft auch für Wagner – dessen Zerstörungslust sich weitgehend in der Vernichtung geborgten Kapitals erschöpfte.210 Rose lehnt die spekulative Frage nach Vorläuferschaft und/oder wahrhaftiger Nachfolge per se als eine a-historische ab, da keine valide Antwort zu erwarten sei. Dennoch plädiert Rose dafür, dieser Frage entsprechend, „historische Phantasie“ walten zu lassen, „das ist etwas anderes als schlichte Erfindung – [wir] können uns meines Erachtens durch die Erörterung solcher Fragen der historischen Wahrheit nähern.“211 Bereits Albert Camus stellt fest, daß zweifelsfrei Philosophen bekannt seien, die „in Geschichte umgesetzt“, aber „dabei verraten“ worden seien. Er warnt insbesondere vor der „Verwechselung Nietzsches“ (hier explizit mit Alfred Rosenberg), „die immer unmöglich sein wird“. Für die nationalsozialistische Rezeption der Nietzscheanischen „Predigt vom Übermenschen“ führe das im Ergebnis zu der – irrwitzigen – „methodischen Herstellung von Untermenschen“ durch diese „unreine Nachkommenschaft“, wie Camus die – in der Regel reinheitsfanatischen – Philosophen-„Umsetzer“ vortrefflich bezeichnet.212 Selbstverständlich entbehrt diese „Lehre“ vom Übermenschen, die Nietzsche seinem Zarathustra einschreibt, nationalsozialistischer 207 Piper, Ernst: Alfred Rosenberg – der Prophet des Seelenkrieges. Der gläubige Nazi in der Führungselite des nationalsozialistischen Staates, in: Ley, Michael/ Schoeps, Julius H. (Hrsg.): Der Nationalsozialismus als politische Religion, Bodenheim bei Mainz 1997, S. 108 f. 208 Vgl.: Das Urteil von Nürnberg 1946, dtv-dokumente, mit einem Vorwort von Jörg Friedrich, München 1996, S. 193-197 209 Winkler, Willi: Die süße Hoffnung des Zerstörers, in: Süddeutsche Zeitung vom 30. Mai 2014, Feuilleton, S. 12, Hervorhebung des Verfassers 210 Vgl.: Ebd. 211 Rose: Wagner und Hitler, a.a.O., S. 225 212 Camus: Der Mensch in der Revolte, a.a.O., S. 91/92. 2. Sachstand 60 Implikationen vollständig: „Der Mensch“ (d.h.: die Menschheit, alle Menschen) verkörpert etwas Transitorisches.213 In aller Untergangswürdigkeit „soll er überwunden werden“. Dies ist insgesamt besehen nicht beklagenswert, weil: Der Mensch erfülle ohnehin nur eine Brückenfunktion, er ist bloße Verknüpfung – „ein Seil über dem Abgrunde“. Das Zu-Verknüpfende ist der Anfang und das Ende einer Entwicklungslinie, die von „Thier [sic]“ zu „Übermensch“ führe. Der infolge des Untergangs – der denn auch eigentlich jener Übergang ist – in die Geschichte eintretende „Übermensch“ verkörpert die Begriffspaare Mitleidlosigkeit/ Egoismus, Schöpfertum/ Vernichtungswille, Freigeistigkeit/ Stärke.214 Menschliche Ungleichheit besteht durchaus, der neue Religionsgründer wendet sich an den „höheren Menschen“, der durch einerseits Pöbelverachtung und -verekelung sowie, andererseits durch Heroismus – in der (geistigen, erkennenden sowie Herzens-) „Höhe“ gleichsam „in Nachbarschaft der Sonne“ (Ecce homo) – „den Menschen“ überwindet.215 Rolf Schieder merkt an, historische Phantasie übergehe hingegen leicht in „Gedächtnisgeschichte“, die „gemacht“ werde, „nicht der reinen Information“ wegen, sondern um „bestimmte Interessen damit [zu] verbinden“216, ein Vorgehen, das Herfried Münkler neuerdings wieder mit dem reaktivierten Begriff „Geschichtspolitik“217 bezeichnet. Michel Foucault, den Schieder hier anführt, erwartet von einem „guten Historiker“, daß er Genealoge sei, und nachträgliche, gleichsam retrograd aufgesetzte „Maskerade“ auch als solche erkenne, die er dann folgendermaßen exemplifiziert: Barbara Zehnpfennig ist eine prominente Vertreterin dieser Deutungsweise, nämlich in bestimmten Versatzstücken der Philosophie Nietzsches eine wesentliche ideologische Grundlage der Weltanschauung Hitlers zu sehen, die in nuce Stärke vs. Schwäche thematisieren. Es ist klar, daß Hitler – seiner Auffassung von ewigem „Rassenkampf “ und erbarmungslosem „Völkerringen“ zufolge – auch daran anschließt, wenn er den Juden vorwirft, diesen Kampf zu verweigern, indem sie gleichsam als Parasiten die jeweiligen Wirtsvölker einerseits angeblich von „innen“ dominierten und andererseits qua „Erfindung“ der „marxistisch-kommunistischen Lehre“ diese ewige Auseinandersetzung von „außen“ hintertrieben. Auch Zehnpfennig weist darauf hin, daß die Urkonstruktion zwar auf Platon zurückgeht – sicherlich meint sie Thrasymachos in der „Politeia“ oder Kallikles im „Gorgias“ –, der bereits den „Immoralismus der Stärke“ vs. den „Moralismus der Schwäche“ setzt. Nietzsches Übernahme der antiken Vorlage sei insofern „brisant“, als er diese Denkfigur „auf die Geschichte“ und „auf ein Volk, das jüdische“ appliziert habe. Vgl.: Zehnpfennig, Barbara: Hitlers Weltanschauung, in: Kroll, Frank-Lothar/ Dies. (Hrsg.): Ideologie und Verbrechen – Kommunismus und Nationalsozialismus im Vergleich, München 2014, S. 82. 213 Bei Wagner bezeichnet der Übergang von degenerierter Gesellschaft zu regenerierter Gesellschaft die geglaubte Notwendigkeit solcher analog zu Nietzsche zu verstehenden Transition, die grundsätzlich holistisch zu deuten ist und keine menschliche Gruppe, religiöse Kollektivierung, Rasse oder Nation privilegiert sowie exkludiert. Siehe dazu insbesondere auch die Kap. 4.2.1 und 4.2.2 vorliegender Untersuchung. 214 Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra – Ein Buch für Alle und Keinen [1883], in: Nietzsche’s [sic] Werke, Band VI, Stuttgart 1921, S. 13-18 215 Ebd.: S. 417 ff. 216 Schieder, Rolf (Hrsg.): Die Monotheismus-Debatte zwischen Jan Assmann, Micha Brumlik, Rolf Schieder, Peter Sloterdijk und anderen, Berlin 2014, S. 153 217 Münkler, Herfried: Neuentdeckung des Ersten Weltkriegs – Griff nach der Weltmacht? Für eine Abkehr von den Thesen Fritz Fischers, in: Süddeutsche Zeitung vom 20. Juni 2014, Feuilleton S. 12 2.1 Von Wagner zu Hitler? Zugriffe und Zugänge 61 „Der Französischen Revolution hat man die römische Toga umgehängt, der Romantik die Waffenrüstung des Ritters, der Wagnerepoche das Schwert des germanischen Helden. All das ist nur Flitterwerk…“218 Hier soll gezeigt werden, daß nicht in erster Linie eine Bewertung der vermeintlichen Aktualisierung theoretischer und ideologischer Konzepte das Hauptproblem ist, sondern die vermeintliche Vorläuferschaft in wesentlichen Aspekten unzutreffend ist, eine Aktualisierung somit prinzipiell unmöglich erscheint. Weiterhin Stellung in einem Grabenkampf zu beziehen, der mit Blick auf die hier verhandelte Grundfrage eigentlich und bereits im Ansatz verfehlt ist, scheint insofern überflüssig. Dem Bayreuther Musikwissenschaftler Hans-Joachim Bauer ist zuzustimmen, wenn er in den Auseinandersetzungen um Wagner eine bloße „Vermehrung der Extrembilder“ erkennt, die so alt, wie Wagner selbst sei: „Die Art und Weise, in der bislang über Wagner berichtet wurde, nämlich zumeist in parteilicher Einseitigkeit (pro oder contra), hat nur konserviert, was bereits zu seinen Lebzeiten die Gemüter erhitzte: Apologie oder Feindschaft.“219 Es gilt also zu zeigen, daß essentiell unterschiedliche, gleichermaßen verabscheuungswürdige, aber in entscheidenden Hinsichten – i.e. primär: das Postulat physischer Vernichtung aufgrund rassischen Antisemitismus’ – Feindseligkeiten gegen Juden mit gegenläufigen Expositionen wie Ambitionen unterscheidbar sind, ohne diese freilich in irgendeiner Weise zu rechtfertigen. Daß sich diese extremen Pole auf einer diversen antisemitischen Skala in den Werken Wagners, Chamberlains und Rosenbergs bis zu demjenigen Hitlers manifestieren, ist der tiefergehende Ansatz vorliegender Untersuchung. Ansonsten bin ich der Auffassung, daß das Kunstwerk gegenüber seinem Schöpfer Eigenständigkeit erlangt.220 Oscar Wilde ist wohl zuzustimmen, daß Wagner seine Seele in der Musik verwirklichte221 – daß sein politisch-philosophisches Raisonnement mutatis mutandis in seinem musikdramatischen Werk erscheint, ist nicht so sicher, die Lektüre der Schriften bleibt daher unvermeidbar. Ebenso passend wie der Spruch Heines, meines Erachtens aber weit zutreffender, wäre eine Wallenstein-Sentenz Schillers: „Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.“ 218 Foucault, Michel: Von der Subversion des Wissens, zitiert nach Schieder, ebd. 219 Bauer: Gefühlwerdung der Vernunft, a.a.O., S. 7 220 Pierre Boulez fragte seit einiger Zeit: „Was uns bleibt, ist die schwierige Persönlichkeit und dieses hochbedeutende Werk: noch ist die Persönlichkeit nicht hinter das Werk zurückgetreten. Wird sie es je?“ Ders.: Divergenzen [1975], in: Wagner, Nike (Hrsg.): Über Wagner – Eine Anthologie, a.a.O., S. 283 221 Vgl.: Wilde, Oscar: Der Sozialismus und die Seele des Menschen, Zürich 1982, S. 28 2. Sachstand 62 Die Wagner-Rezeption nach dem Holocaust „Die Musik der Nazis ist nicht das Vorspiel zu den Meistersingern, sondern das Horst-Wessel-Lied; andere Ehre haben sie nicht, andere kann und soll ihnen nicht gegeben werden.“ (Ernst Bloch)222 Das Werk Wagners losgelöst von völkischer und nationalsozialistischer Ideologie zu erfassen, scheint auch in unseren Tagen nicht wenigen immer noch weitgehend unmöglich zu sein. Die rückwärtsgewandte Strahlkraft der Wagner-Rezeption durch die Nationalsozialisten, besonders enthusiastisch – jedenfalls ostentativ – durch Hitler selbst, wirkt bis heute ungemindert fort. Scheinbar besondere Überzeugungskraft entfalten immer noch die Einlassungen nachgeborener Blutsverwandter, wie (vorerst zuletzt) vor allem Gottfried Wagner, dessen Antwort auf die Frage „Wagner und Hitler?“ in der These gipfelt, daß „ein unauflösbarer Zusammenhang von Bayreuth, Theresienstadt und Auschwitz“ bestehe, zu dem „bereits Richard Wagner selbst seinen Teil beigetragen“ habe.223 (Natürlich unterläuft Gottfried Wagner hier ein absichtsvoller Kategorienfehler, wenn er scheinbar Städtenamen aufzählt.) Und obwohl er – übrigens nicht unzutreffend – in Wagners gekränkter Eitelkeit und seinem Neid auf die Komponistenkollegen Meyerbeer und Mendelssohn das „zentrale [!] Motiv seines krankhaften Antisemitismus“ erkennt, will er die, in diesem Zusammenhang von Wagner abgesonderten, blöden224 Verbalinjurien als Vorankündigung dessen verstanden wissen, was „keine neunzig Jahre später beginnen sollte“225, Wagner also gleichsam gesehen und gewusst habe – deshalb also auch gewollt haben würde oder mochte –, daß Juden industriellem Massenmord in nationalsozialistischen Vernichtungslagern zugeführt werden konnten und sollten. Der Satiriker Wiglaf Droste fordert in einer Kolumne anläßlich des Libanonfeldzuges des Jahres 2006 vor dem Hintergrund der alljährlichen Bayreuther Festspiele die israelische Luftwaffe auf, sie möge statt Beirut Bayreuth bombardieren, womit er anscheinend den Standpunkt zu vertreten beabsichtigte, daß es sich bei Wagner, mitsamt Schrift, Werk, „Geist“ und ganz „Bayreuth“, um den immer noch aktiven Erzfeind Israels bzw. alles Jüdischen handele. Die Vitalität der Debatte zeigt sich auch 2.2 222 Zitiert nach: Zelinsky, Hartmut: Richard Wagner – ein deutsches Thema. Eine Dokumentation zur Wirkungsgeschichte Richard Wagners 1876-1976, Frankfurt am Main 1976, S. 237, Hervorhebung im Original 223 Wagner, Gottfried: Wer nicht mit dem Wolf heult, a.a.O., S. 279 224 Wagner selbst konzediert mit Blick auf seine Beschimpfung des „Musikjuden“ Meyerbeer „jede rücksicht der gewöhnlichen klugheit in bezug auf ihn [Meyerbeer]“ fahren gelassen zu haben. Brief an Franz Liszt, 18. April 1851, hier zitiert nach: Bauer: Gefühlwerdung der Vernunft, a.a.O., S. 201, Kleinschreibung im Original 225 Vgl.: Ebd., S. 92 Siehe dazu Kap. 4.2.1.2 sowie 4.2.2 dieser Arbeit. Ich werde zeigen, daß der mit guten Gründen als „krankhafter“ „Kunstjuden“-Antisemitismus (i.e. die Bezeichnung Wagners für alle Kritiker seiner Musik) Richard Wagners, als den auch Gottfried ihn bezeichnet (Ebd., S. 93) mit dem nicht nur krankhaften, sondern inhärent logischen und stringent konzipierten Vernichtungsantisemitismus, der in Auschwitz und Theresienstadt kulminiert, unvereinbar ist. 2.2 Die Wagner-Rezeption nach dem Holocaust 63 in den alljährlich wieder aufgelegten Dossiers diverser Printmedien, die der Frage nachspüren, ob Wagners Werk gerechtfertigt als Steinbruch nationalsozialistischer Ideen betrachtet werden sollte. Neuerdings, im Wagnerjahr 2013, wieder Oliver Das Gupta, der feststellen will, daß Wagner sich eines ähnlichen Vokabulars bediene, wie es der „glühende Wagner-Fan Adolf Hitler“ später verwendet habe226 (Man liest hier tatsächlich, Wagner habe sich des Vokabulars Hitlers bedient). Abgesehen davon, daß die dem Bereich der Metaphorik entstammenden Äußerungen Wagners mit den in die Tat umgesetzten Visionen Hitlers nicht identifiziert werden dürfen (siehe dazu den Analyseteil, Kap. 4 und 7), liegt hier ein neuerlicher Beleg vor, für die immer noch und immer wieder fleißig exerzierte Praxis der Verwirrung infolge der Vermengung des Bevor, Während und Danach, indem Das Gupta insinuiert, Wagner habe sich bei Hitler sozusagen semantisch bedient, gar bei ihm ‚abgeschrieben’. Wie ist es zu bewerten, daß in fast jeder televisionären Aufbereitung des Nationalsozialismus vor allem in der Bundesrepublik Deutschland mit hoher Wahrscheinlichkeit die Musik Wagners zu hören ist?227 Hier kann womöglich die Vorbildlichkeit Charles Charlie Chaplins angenommen werden, der der berühmten Szene, in der sein „Great Dictator“ mit der stilisierten Weltkugel spielt, die Lohengrin-Ouvertüre unterlegt.228 Liegt aber in solchen Fällen nicht eine fragwürdige Affirmation, mithin die „Auslieferung“ (Scholz) Wagners, insbesondere des musikalischen Werkes, vor? Ein Umstand, der angesichts der Tatsache, daß in Deutschland in den Jahren 1933-1945, Wagners Musik „in den Lagern“ selten gespielt, daß Beethoven und Bruckner bei offiziellen Anlässen und im Rundfunk viel häufiger ertönten als Wagner, umso grotesker anmuten dürfte.229 Denn auch Beethoven wurde in besonderer Weise in eine, das Deutsche, die Deutschen und ihr „Deutschtum“ erhöhende und veredelnde Funktion gedungen. Bereits 1927 verkündete Alfred Rosenberg in Völkischer Beobachter, in der Hochstimmung der Vorbereitung auf die erwartete baldige Machtübernahme: „Denn wir leben heute in der Eroica des deutschen Volkes“.230 Dieser stellte Beethoven „für die immer mutwilliger werdende Nazi-‚Bewegung’ in den Dienst“. Der Literaturwissenschaftler Dieter Hildebrandt vermutet, daß derlei Vergötzung, wie in folgenden Zitaten vorgenommen, niemanden mehr entsetzt haben würde, als Beethoven selbst: 226 Vgl.: Das Gupta, Oliver: Der Paranoia-Fall Richard Wagner, In: Süddeutsche Zeitung vom 22. Mai 2013 227 Die Wagner-Rezeption Hollywoods sei dagegen von jeher (bereits seit Hitchcock) wohlwollender und unkritischer und präsentiere (z.B. in der Figur des Dr. King Schultz, 2013 in Quentin Tarantinos „Django Unchained“ verkörpert durch Christoph Waltz) eben einen „ganz anderen Wagner als den Antisemiten, Pessimisten und Reaktionär, der heute die Rezeption [in der Bundesrepublik Deutschland] dominiert.“ Hier wie da werde – beseelt durch revolutionären Impetus – eine „Götterdämmerung herbeigesehnt, das Untergehen des Untergangswürdigen – sei dies nun Walhalla oder die Sklaverei.“ Daub, Adrian: Auch ein Meister von Hollywood – Richard Wagner ist immer ein Zitat wert, in: Geisteswissenschaften, Beilage der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18.12. 2013 228 Bemerkenswerterweise nutzt Chaplin dieselbe Ouvertüre als Einleitung für die grandiose Abschlußrede, in der er mit den Nationalsozialisten aber auch allen anderen totalitären Gewaltherrschern „abrechnet“. 229 Vgl.: Fischer, Jens Malte: Richard Wagner und seine Wirkung, Wien 2013, S. 11 230 Geck, Martin: Ludwig van Beethoven, Hamburg 1996, S. 135 2. Sachstand 64 „Wer begriffen hat, welches Wesen auch in unserer Bewegung wirkt, der weiß, daß ein ähnlicher Drang in uns allen lebt, wie der, den Beethoven in höchster Steigerung verkörpere.“ „Wir dürfen wieder aufblicken [zu dem „Deutsche[n] Beethoven, [der] über alle Völker des Abendlandes hinausragt“]. Wir können ihm heute zu seinem 165. Geburtstag [1935], die Verehrung eines gereinigten Deutschlands zu Füßen legen.“231 Es war das Fanfarenmotiv aus Franz Liszts Les Preludes, das im „Großdeutschen Rundfunk“ zur Ankündigung der diversen Siegesmeldungen benutzt worden ist232, eine Begebenheit, die sich dennoch problemlos in das familiäre Gefüge einpassen lie- ße, insofern Liszt Richard Wagners (lebendiger) Schwiegervater wurde und bereits seit 1840 ein enger Freund und Weggefährte ist. In ähnlichem Sinne ausgeliefert könnte sich auch Jean Sibelius empfunden haben, der einigen Autoren als „finnischer Wagner“ gilt, insofern auch um ihn ein „nationalsozialistischer Kult“ inszeniert wurde. Ruth-Maria Gleißner, die zu diesem Problem eine monothematische Studie vorgelegt hat, hält es offenbar sogar für erforderlich eigens zu betonen, daß Sibelius von den Nationalsozialisten offiziell gefördert worden sei, obwohl dieser „nicht aktiv dazu beitrug“233, als ob es darauf ankäme, für derartige ungebetene Kooptation vorab eigens einen Beitrag geleistet zu haben. Man denke auch an das alljährliche Defilee der politischen Elite (besondere „Staatsnähe“) jeder Couleur und Zelebritäten aller gesellschaftlichen Bereiche („Promireuth“), das auf dem Grünen Hügel stattfindet – ein Umstand, der angesichts der Richtigkeit mancher erhobenen Vorwürfe einen Skandal beträchtlichen Ausmaßes verursachen sollte. Die Prominenz des Bayreuther Auditoriums hat sich jedenfalls auch nach dem Ende des Dritten Reiches erkennbar nicht verringert.234 Ebenso falsch wäre aber, aus eben jenem Umstand, ergänzt um die Tatsache, daß die besten Dirigenten und Musiker (unter ihnen selbstverständlich auch Juden) sich auch nach der Shoah nie von Wagner distanzierten, zu folgern, alle Einwände wären haltlose Unterstellungen. Vielmehr ist Jacob Katz zuzustimmen, dessen instruktives Fazit lautet: „Die bei Lebzeiten Wagners bekannten Tatsachen erweisen sich als genug belastend, auch ohne daß man ihm die Schreckenstaten Hitlers aufbürden muß.“235 231 Hildebrandt, Dieter: Die Neunte – Schiller, Beethoven und die Geschichte eines musikalischen Welterfolgs, München 2009, S. 282. Alfred Rosenberg zitiert nach Hildebrandt, S. 282/283. Zudem werden – im Umweg über „Beethovens Worte“, die man sich zu merken habe – auch Händel und Mozart durch Rosenberg in den nationalsozialistischen Rezeptionskosmos zwangsvereinnahmt: „Händel ist der größte Komponist, der je gelebt hat … Mozart … zeigt sich als deutscher Meister.“ Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts, a.a.O., S. 427 232 Vgl.: Mann, Frido: Das Versagen der Religion – Betrachtungen eines Gläubigen, München 2013, S. 100 233 Gleißner, Ruth-Maria: Der unpolitische Komponist als Politikum – Die Rezeption von Jean Sibelius im NS-Staat, Frankfurt am Main u.a. 2002, Klappentext 234 Gerhard Schröder und Angela Merkel erscheinen als erste/r Kanzler/in, Gustav Heinemann als erster Bundespräsident. Ansonsten umfängt die, z.T. regelmäßige, Besuchergruppe Personen von Franz Beckenbauer bis zu Michail Gorbatschow, Agatha Christie, Romy Schneider, Thomas Gottschalk, Joseph Ratzinger, Prinz Charles, Walter Jens, selbstverständlich Loriot und Ernst Bloch sowie auch etliche Regierungschefs und Monarch/innen. Vgl.: Müller: Richard Wagner und die Deutschen, a.a.O., S. 280-282 235 Katz, Jakob: Richard Wagner. Vorbote des Antisemitismus, Königstein/Ts. 1985, S. 14 2.2 Die Wagner-Rezeption nach dem Holocaust 65 Worin die, von Katz bezeichneten Belastungen konkret bestehen, ist hier zu zeigen. Allerdings ist der Wille zur ambivalenten Betrachtung nur bei denjenigen zu beobachten, die eine geistige Verbindung zwischen Wagner und Hitler nicht erkennen, was daran liegt, daß niemand, der ernst zu nehmen wäre, die Judenfeindschaft Wagners im Mindesten bezweifelte und nicht verurteilte. Denn darauf kommt es an: Der Zweifel an einer vermeintlichen geistigen Urheberschaft Wagners für Hitlers Wirken im allgemeinen und dem Mord an den Juden im besonderen impliziert keineswegs die unkritische Betrachtung Wagners, was gelegentlich aber auch der Fall ist, wenn gar auf diesbezüglichen „Freispruch“ plädiert wird.236 Diejenigen hingegen, die eine direkte Linie von Wagner zu Hitler für erwiesen halten, nehmen allzu leichtfertig eine kategorische Ablehnung der Schrift, des Werks und der Person Wagners vor. Es ist angesichts der Fülle des Sekundärmaterials zum Thema der Parforce-Ritt geboten. Ich gehe davon aus, bei Kenntnis der weiten Streuung der Argumentationen, dennoch einen angemessenen und vor allem aber repräsentativen Überblick derselben zu geben. Eines der frühesten und wirkungsmächtigsten Verdikte stammt von Theodor W. Adorno. Sein Versuch über Wagner, begonnen 1937 im britischen und beendet im amerikanischen Exil im Jahre 1938, wurde 1952 durch Suhrkamp publiziert und stellt bis heute eine wesentliche Referenz der kategorischen Kritik dar. Die Ursache dafür ist in der kritischen Versiertheit der Studie auf allen hier relevanten Feldern zu sehen: Denn Adornos Untersuchung betrifft psychische Dispositionen, musikwissenschaftliche und werkimmanente Analytik (der weitaus größte Teil, dessen tieferes Verständnis dem musikwissenschaftlichen Laien allerdings weitgehend verschlossen bleibt) bis hin zu soziologischen Konditionen. Entscheidend ist die schier universelle Tragweite, die dem Werk die besagte Bedeutung verleiht. Wenn also beispielsweise in der Absicht, den Judenhaß Wagners zu relativieren, darauf verwiesen werden sollte, daß dieser zu seinem privaten Kreis viele Juden zählte, entgegnet Adorno: „Sadistischer Demütigungsdrang, sentimentale Versöhnlichkeit und über allem der Wille, den Mißhandelten affektiv an sich zu binden, treten in der Kasuistik von Wagners Verhalten zusammen: (…) Jedem versöhnenden Wort ist der kränkende Stachel aufs neue [sic] beigesellt.“237 Dies trifft sicherlich zu, ist aber ebenso in eine „erweiterte“ habituelle Kasuistik einzuordnen: Daß Wagner eine „beliebig zu verlängernde Liste“ zahlreicher jüdischer Freunde hatte – die, wie z.B. Angelo Neumann, der die höchst relevante Aufgabe zu erfüllen hatte, den „Ring quer durch Europa auf Tournee zu bringen“ oder Hermann Levi, dem Wagner 1882 die „musikalische Gesamtleitung der Bayreuther Festspiele“238 übertrug –, die er dennoch oft auch schäbig behandelte, schließt jedoch nicht aus, daß er, Wagner, „ebenso auch zahllose Nichtjuden hinterging und verletzte“, denn: 236 Vgl.: Bendixen/ Weikl: Freispruch für Richard Wagner? A.a.O., die diese Titelfrage letztlich eindeutig positiv bescheiden. 237 Adorno, Theodor W.: Versuch über Wagner, München/ Zürich 1964, S. 15 238 Hansen: Wagner – Biographie, a.a.O., S. 165 2. Sachstand 66 „Freundschaft mit Wagner bedeutete totale, an Sklaverei grenzende Hingabe. Viele Menschen brachten gerne dieses Opfer, und zu denen, die Wagner am meisten schätzten, gehörten auch Juden.“239 Die leidige Frage nach persönlichem Umgang mit, und freundschaftlicher Verbindung zu jüdischen Menschen durch Antisemiten ist müßig. Man könnte eher nach Antisemiten fahnden, die keinen privat-persönlichfreundlichen Umgang mit einzelnen Vertretern des jüdischen Kollektivs gepflegt hätten, der prominenten Nomenklatura ist eben dies kaum nachzuweisen: Hitler ist dem Arzt seiner Mutter, Eduard Bloch, dankbar verbunden geblieben. Goebbels hatte eine „halbjüdische“ Geliebte. Rosenberg hatte ebenfalls ein erotisches Verhältnis zu einer Jüdin.240 Chamberlain pflegte den Umgang mit diversen Bayreuther jüdischen Musikern, der Vater seiner ersten Ehefrau Anna war „vermutlich ein zum Christentum konvertierter Jude“.241 Unter Wagners Sargträgern waren drei seiner jüdischen Freunde, die auch in seiner (letzten) Venediger Zeit um ihn waren.242 Karl Lueger bestimmt selbst „wer Jude ist“, und will sich damit der Kritik seiner antisemitischen Spießgesellen ob seines Kontaktes zu Juden erwehren. Wilhelm Marr war, wenn auch nur kurze Zeit, mit einer Jüdin verheiratet.243 Darüber hinaus ist auch Adorno der Auffassung, „all die Zurückgewiesenen in Wagners Werk“ seien „Judenkarikaturen“. Das spezifisch antisemitische Stigma dieser depravierten Figuren, der Mammonismus – so z.B. „der Gold raffende, unsichtbaranonyme, ausbeutende Alberich“ –, gehe zwar auf die „Vertreter des von Marx sogenannten deutschen Sozialismus um 1848“ zurück, aber Wagners Antisemitismus bekenne sich „als individuelle Idiosynkrasie, die verstockt jeder Verhandlung sich entzieht.“244 Die antisemitische Invektive Wagners sei also eigentlich „marxistisch“ veranlagt; allein Wagners Affektation, die Adorno erkennt, führt zu einer qualitativ andersartigen Einschätzung als der zunächst „marxistischen“ Interpretation. Zusätzlich befördere eine soziale Wirkung die Aversion des so disponierten Individuums: „Die Schicht des Idiosynkratischen als des Allerindividuellsten jedoch ist bei Wagner zugleich die des gesellschaftlich Allgemeinsten. Die Undurchsichtigkeit des blinden Nicht- 239 Carr: Wagner-Clan, a.a.O., S. 109 240 Vgl.: Piper: Rosenberg – Prophet des Seelenkrieges, a.a.O., S. 108 241 Vgl.: Bermbach: Chamberlain, a.a.O., S. 195. Bermbach betont die durch Chamberlain selbst vielfach behauptete Trennung seiner privaten Haltung von öffentlichen Äußerungen über Juden und hält ihm durchaus zugute, daß „die in seinen Schriften eingestreuten positiven Urteile über Juden und ihre Leistungen”, ihn von den üblichen „Raudau-Antisemiten“ deutlich abhöben. Chamberlains „Haltung zu den Juden“ sei „nämlich durchaus widersprüchlich“, was sich aus der „Unterscheidung von Juden als einem Rassenkollektiv und Juden als einzelnen Persönlichkeiten“ ergebe. Vgl.: Ebd., S. 291-297. Wie gezeigt, halte ich diesen Umstand für weniger bemerkenswert. Die individuelle „Ausnahme“, mit der sich der typische Antisemit dann gerne schmückt um seine kollektive Aversion zu betonen und diese möglicherweise weniger irrational erscheinen zu lassen, ist eher die antisemitische Regel denn die Ausnahme. Vgl. dazu auch: Sartre: Überlegungen zur Judenfrage, a.a.O., S. 32 f. 242 Vgl.: Kollo: Wagner, a.a.O., S. 22 und 55 243 Vgl.: Meck, Sabine: Vom guten Leben – Eine Geschichte des Glücks, Darmstadt 2003, S. 151 244 Adorno: Versuch über Wagner, a.a.O., S. 19 und 20 2.2 Die Wagner-Rezeption nach dem Holocaust 67 Leiden-Könnens gründet in der Undurchsichtigkeit des gesellschaftlichen Prozesses. Dieser hat dem Geächteten Male aufgeprägt, von denen der Ekel sich abwendet.“245 Schließlich resümiert Adorno, der Wagnersche Antisemitismus versammele „alle Ingredienzien des späteren“ in sich, er stelle eine „Rassentheorie“ dar, die sich zwischen „Idiosynkrasie und Verschwörungswahn“ knüpfe.246 Diese Ahnung, die insbesondere also Adorno paradigmatisch propagiert hatte – die Folgen des „späteren Antisemitismus“ unmittelbar auf die Judenfeindschaft Wagners zurückzuführen – erweist sich vielen nachfolgenden Interpreten, vor allem nach 1945, als bestätigter Beleg einer direkten Linie vom Festspielhaus in die Vernichtungslager. Der zum Thema viel zitierte Hartmut Zelinsky ist der Auffassung, „das Judenproblem“ sei „das zentrale Thema“247 in Wagners Leben gewesen: Eine völlig überzogene Einschätzung, wie ich unten zeigen werde. Seine Interpretation der Schrift und des Werks Wagners ist an Vehemenz kaum zu überbieten und bleibt meines Wissens bis dato das Maß der diesbezüglichen Dinge: „Der Parsifal steht in engstem Zusammenhang mit Wagners sogenannten Regenerationsschriften der Jahre 1879/81, in denen Wagner seine schaurige antisemitische Blutideologie entwickelt, deren Spuren sich aber präzise seit über dreißig Jahren verfolgen lassen, und in ihm präsentiert Wagner seine Vorstellung des arischen Jesus, der er ebenfalls seit Jahrzehnten anhing.“248 Aber so wie die Behauptung, Wagner habe eine „Blutideologie“ gepflegt, äußerst fragwürdig ist (im Gegenteil ist „Blut“ in Wagners Schriften ein durchaus unbedeutender, kaum nachweisbarer Topos), muß auch die These vom „arischen Jesus“249 für Wagner schlicht falsch genannt werden: Beide Thesen transportieren vor allem Chamberlain 245 Ebd., S. 21 246 Vgl.: Ebd., S. 23 247 Zelinsky, Hartmut: Die „feuerkur“ des Richard Wagner, in: Metzger, Heinz-Klaus/ Riehn, Rainer (Hrsg.): Richard Wagner. Wie antisemitisch darf ein Künstler sein? München 1981, S. 80, Hervorhebung im Original! 248 Ebd., S. 81 249 Ich hatte bereits gezeigt, daß Wagner nie von „arischem Jesus“ sprach, siehe Kap. 2.1.1 vorliegender Untersuchung. Allerdings fand die Vorstellung, Jesus zu „entjuden“, durchaus breiteren Anklang. Zum Zwecke der sog. „Arisierung“ Jesu verfällt, unter anderen, aber z.B. der „Jenaer Zoologieprofessor“ und antisemitische Rassenideologe Ernst Haeckel 1899 in seiner Schrift „Das Welträthsel“ [sic] auf die spätantike „Panthera-Legende“, derzufolge Jesus das Kind aus Marias Verbindung mit einem römischen Legionär namens Panthera sei. Ursprünglich entstanden sei die Legende, um seinerzeit gegen die Jungfrauengeburt als „christliche Erdichtung“ zu polemisieren. Haeckel nutze diesen Verweis, „Jesus die jüdische Herkunft abzuerkennen und ihn zum ‚Arier’ zu machen.“ Denn: „Jene Charaktereigenschaften, welche die erhabene Persönlichkeit Jesu besonders auszeichneten und seiner Religion den Stempel der Liebe aufdrückten, seien entschieden nicht semitisch, sondern erschienen als Grundzüge des edelsten Zweigs ‚einer höheren arischen Rasse’, wie Panthera sie verkörpere.“ Überdies wurde unter Federführung des 1939 auf der Wartburg zu Eisenach gegründeten „Instituts zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“, der Nachweis zu führen versucht, „die ethnische Zugehörigkeit Marias in Abrede zu stellen.“ Für den Fall aus Marias etwaiger geschlechtlicher Beziehung zu einem römischen Legionär deren Hang zu sexueller Ausschweifung abzuleiten, wurde vorsorglich auf die Möglichkeit einer dann wahrscheinlichen Vergewaltigung Marias verwiesen. Vgl.: Kollmann, Bernd: Kapitel 3. Jesus als Kind eines römischen Legionärs, in: Ders.: Die Jesus-Mythen – Sensationen und Legenden, Freiburg im Breisgau 2009, S. 26-32. Auch Adolf Hitler war von dieser These 2. Sachstand 68 und Rosenberg (siehe Kap. 5 bzw. 6 vorliegender Untersuchung), denen Zelinsky fälschlicherweise vertraut, wie im weiteren Verlauf gezeigt wird. Außerdem dürften Zeugnisse sog. Weggefährten, wie z.B. und vor allem August „Gustl“ Kubizek, wesentlich dazu beigetragen haben, geistige Verwandtschaft oder gar Erbfolge zwischen Wagner und Nationalsozialisten ungeprüft fürwahr zu nehmen. Meint doch der – seiner Selbstbezeichnung zufolge – „Jugendfreund“, daß Hitler nach der ersten [selbstverständlich: musikalischen] Begegnung das Genius Wagners nicht mehr losließe, Wagners Weg seinen [Hitlers] eigenen bestätige usf.250 Kubizek verbreitet, Hitler habe neben den Libretti auch die theoretischen Schriften rezipiert und gesprächsweise gelegentlich daraus zitiert. Die Jugenderinnerungen Kubizeks stellten „mangels anderer Augenzeugenberichte ... die Hauptquelle für die frühe H.-Biographie [Hitler-Biographie]“ dar251; der Hauptquelle sind indes keine bekannten Nebenquellen bei zugesellen. Kubizek veröffentlichte diese Quelle im Jahre 1953 und traf den späteren Reichskanzler zwischen 1933 und 1940 mehrfach persönlich wieder. Hitler seinerseits legte in dieser Zeit gro- ßen Wert auf die retrograde Verdunkelung seiner Vergangenheit, er suchte, „soweit es ihm möglich war, systematisch die Spuren seiner ersten drei Lebensjahrzehnte [zu] verwischen.“252 Daß Hitler nachträglich gleichsam ungefährdet über diese Zeit berichten konnte, was er wollte, begünstigte seine derzeit einzelgängerische Existenz zusätzlich. Alternative Auskünfte oder eine „Richtigstellung“ waren kaum zu befürchten.253 Die Ähnlichkeit beider „Wege“ wird durch Kubizek – wie bei Hitler selbst – apodiktisch festgestellt. Aber eine Ähnlichkeit beider Wege ist in keiner einzigen Lebensphase, insgesamt besehen gleich gar nicht, wirklich nachvollziehbar; möglicherweise will man einen beiderseits gepflegten Vegetarismus254 dafür gelten lassen. Es überzeugt in dieser Hinsicht ebensowenig, wenn die Unterstützung zu Beginn beider affiziert, glaubte an einen „menschlichen Vater Jesu“, der „römischer Legionär“ gewesen sei. Vgl.: Picker: Tischgespräche, a.a.O., S. 109. Ich werde diese ideologische Facette exemplarisch bei Chamberlain aufgreifen, siehe Kap. 5.4 vorliegender Untersuchung. 250 Vgl.: Kubizek, August: Adolf Hitler, mein Jugendfreund, Graz 2002, S. 98 251 Hamann, Brigitte: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators, München 1996, S. 77 252 Wirsching: Hitler, Mein Kampf. Kritische Edition, a.a.O., S. 14. Hitlers auch in Mein Kampf, gern und häufig geäußerten Erlebnis- und Erfahrungsberichte sind weitgehend selbstbeweihräuchernde Konfabulation eigenen Heroismus’, wie Thomas Weber gründlich dargelegt hat, weshalb sich angesichts der zahlreichen konkurrenten Quellen vor allem in Gestalt der ehemaligen Regimentskameraden, in Bezug auf Hitlers Machtkonsolidierung und Kampf um die Führung innerhalb des „rechten“ Spektrums „die erfundene Geschichte von Hitlers Kriegsdienst weiterhin [bis in die Vierziger Jahre] als Schwachstelle des Diktators“ erweisen sollte. In der Tat wird auch der sog. konservative Widerstand (unter anderen um Stauffenberg) zum Zwecke der Entlarvung Hitlers an eben dieser Stelle ansetzen, was Hitlers diesbezügliche Vulnerabilität ebenfalls belegt. Vgl.: Weber: Hitlers erster Krieg, a.a.O., S. 426 253 Vgl.: Pyta: Herrschaftsanalyse, a.a.O., S. 227 254 Ich komme zurück auf den weltanschaulichen Ort des Vegetarismus bei Wagner im Zusammenhang mit dessen Betrachtungen des Buddhaismus in Kap. 4.2.1.3 vorliegender Untersuchung. Abgesehen davon sei – mit Bezug auf Wagners lebenswirkliche Haltung zum Vegetarismus – ein Blick in den, von einer Urenkelin Wagners, Daphne Wagner, (mit-) verfassten Prachtband empfohlen, der Auf- 2.2 Die Wagner-Rezeption nach dem Holocaust 69 „Karrieren“ durch jüdische Mitmenschen zu solcher Ähnlichkeit gedeutet werden sollten oder Hitler sogar als jemanden zu bezeichnen, der sich als „Opernkomponist“ verstanden habe255, was schlicht grotesk zu nennen ist – hin und wieder ist zu lesen, daß Hitler das brachliegende und nie weiterverfolgte Konzept Wagners, Wieland der Schmied, allen Ernstes kompositorisch zu verwirklichen gedacht haben würde… Der konkrete Konnex, den Zelinsky konstruiert, beruht auf der irrigen Annahme, daß Hitlers „persönliche Entschlossenheit den ‚Wahn’ Wagners in die Tat umsetzte“. An dieser Stelle liegt eines der wichtigsten Probleme der Wagner-Hitler-Debatte offen zu Tage: Die Annahme Zelinskys ist nicht deshalb falsch, weil er behauptet, Hitler habe geglaubt umzusetzen. Sie ist falsch, weil Zelinsky nicht erkennt, daß Hitler nicht umsetzt – unerheblich und ganz gleich ist es, daß Hitler dies glaubt. Insgesamt ein virulenter Irrtum, dem Zelinsky allerdings nicht exklusiv unterliegt. Was Hitler tatsächlich umsetzte, wäre beispielsweise bei Sebastian Haffner nachzulesen, der in seinen Anmerkungen zu Hitler indirekt Bezug auf Wagner nimmt, wenn er den Hitlerschen Antisemitismus in den Vergleich zu einem „nachemanzipatorischen“ setzt, dem Wagner zuzurechnen wäre: „Hitler glaubte tatsächlich … mit seinem Antisemitismus weltweite Sympathien für die deutsche Sache gewinnen, die deutsche Sache gewissermaßen zu einer Menschheitssache machen zu können. (…) Aber den Hitlerschen Ausrottungsantisemitismus gab es nirgends außer in Osteuropa, von wo er ihn hatte; und selbst dort beruhte er ... nicht auf Hitlerschen Phantasien einer jüdischen Weltverschwörung zur Versklavung oder Ausrottung einer ‚arischen’ Menschheit, sondern auf der schlichten Tatsache, daß die Juden dort als kompaktes Fremdvolk siedelten. Das taten sie anderswo nirgends und entsprechend hatte der Antisemitismus nirgends die Ausrottung oder ‚Entfernung’ der Juden zum Ziel.“256 Für Haffners Einschätzung Hitler habe geglaubt, er stütze sich auf weltweite Sympathien, lassen sich weitere Belege anführen. Denn Hitler vermutete nicht nur bei Stalin, schluß über Wagners Speisegewohnheiten und -präferenzen in Wahnfried, dem Wohnhaus Wagners auf dem Festspielhausgelände in Bayreuth, gibt. Er enthält unter anderen die Rezepte folgender Speisen: „Hasenrücken im Speckmantel“, „Fränkischer Schweinebraten“ sowie „Rehschäufele mit Wacholderrahm“. Vgl.: Wagner, Daphne/ Spengler, Tilman/ Lutterbeck, Barbara: Zu Gast bei Wagner – Kunst, Kultur und Kulinarisches in der Villa Wahnfried, München 2002. Daß Wagner also seinem – sich höchstselbst verordnetem – Vegetariergebot „eher im Bruch als in der Einhaltung huldigte“, bemerkt süffisant Jonathan Carr, dazu er folgende Anekdote anführt: Wagner habe sich 1880 „verächtlich“ gegenüber „Jüngern, die sich seine Worte zu Herzen nahmen und auf das Fleischessen verzichteten“ geäußert, als sie „eine große Erkenntnis mißverständlich zu einer kleinlichen Praxis verwertet[en]“. Vgl.: Carr: Wagner-Clan, a.a.O., S. 112/13 255 Die „Protektion von Juden“, die sich Hitler in seiner Wiener Zeit zunutze machte, betraf die Unterstützung der „jüdischen Mitbewohner im Männerheim“, den „Glasermeister und Bilderhändler Morgenstern“ oder die „Kunsthändler Landsberger und Altenberg“, die seine malerischen Arbeiten hin und wieder käuflich erwarben. Vgl.: Seligmann: Hitler – Die Deutschen und ihr Führer, a.a.O., S. 34. Für Wagner stehen in dieser Hinsicht Giacomo Meyerbeer als kompositorisches Vorbild und die unten genauer zu bezeichnende Anhängerschar aus Musikern, Dirigenten und Komponisten, sofern sie als jüdisch zu bezeichnen sind. Rafael Seligmann möchte mit dieser Feststellung – „Hitler nutzte wie Wagner zu Beginn seiner Karriere die Protektion von Juden“ – wohl eher auf ein häufig anzutreffendes psychologisches Dispositiv bei Antisemiten verweisen, läßt aber auch einen Anklang an die These der „Lebenswegsähnlichkeit“ erkennen. Vgl.: Carr: Wagner-Clan, a.a.O., ebd. 256 Haffner: Anmerkungen, a.a.O., S. 117 2. Sachstand 70 völlig zurecht, einen antisemitischen Verbündeten – Stalin habe Ribbentrop gegen- über unverhohlen deutlich gemacht, zum Zeitpunkt des „Heranreifens genügend eigener Intelligenz der UdSSR“ mit dem „heute noch von ihm benötigten Judentum als Führungsschicht Schluß zu machen.“ Die historische Realität hat Hitlers frühere Vermutung dann bekanntlich auch bestätigt. In den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts habe eine „systematische Politik“ gegenüber der jüdischen Minderheit in der UdSSR im Allgemeinen und die Kader der Kommunistischen Partei Palästinas sowie Angehörige „zionistisch-sozialistischer“ Gruppen im Besonderen, die in der Kommunistischen Internationale (Komintern) organisiert waren, begonnen. In der KPdSU waren die Mitglieder eines „angeblich[en] jüdisch-faschistischen Zentrums“ von dieser antisemitischen Politik betroffen und wurden als „Volksfeinde“ oder „in sozialer Hinsicht fremde Elemente“ „beseitigt“, „hingerichtet“ oder „sie verschwanden in Lagern“. Im Jahre 1937 wurde durch „die Sowjetführer“ beschlossen, „deutsche Staatsbürger und Antifaschisten an Hitler auszuliefern“.257 Die Führung der 1949 entstandenen DDR erweist sich auch in diesem Punkt als besonders gelehrig und hatte diese Politik entsprechend adaptiert und fortgesetzt (siehe dazu den Exkurs zu „Kosmopolitischen Säuberungen“ des anschließenden Kap. 2.3 vorliegender Untersuchung). Darüber hinaus verortet Hitler bei den „Anglo-Amerikanern unter der Decke“ einen „wesentlich stärkeren Antisemitismus als beim Deutschen“, der sich „trotz aller negativen Erfahrungen in seiner Gefühlsduselei von der Phrase vom ‚anständigen Juden’ nicht frei machen [sic] könne.“ Ein besonders sinnfälliges Beispiel ist für Hitler die Tatsache, daß es „ausgerechnet ein deutscher Dichter [Gotthold Ephraim Lessing] sei, der den Juden als ‚Nathan den Weisen’ glorifiziere, während Englands Shakespeare ihn als ‚Shylock’ [‚Der Kaufmann von Venedig’] für alle Zeiten charakterisiere.“258 Nähme Hitler diese, seine Überzeugungen als Grundlage seiner Ideologiebildung ernst – daß also beinahe jede relevante Macht damaliger Zeit (also die UdSSR, die Vereinigten Staaten von Amerika, Großbritannien und das Deutsche Reich) offen oder „unter der Decke“ antisemitisch sei –, sollte es auch für ihn näher gelegen haben, eine weltweite antisemitische Verschwörung gegen die winzige Minderheit der Juden, keine jüdische Weltverschwörung gegen die Menschheit zu unterstellen. Ergänzend zu einer imaginierten weltweiten Sympathie für die nationalsozialistische „Sache“ sieht Hitler zudem welthistorische Blaupausen für seine rassendogmatischen Spekulationen und die seines Erachtens daraus resultierenden politischen Erfordernisse. Bezüglich der Konsolidierung des „Rassebewußtseins“ im Volk – i.e. die Einsicht in die Notwendigkeit der proaktiven Vorbeugung und der Abschirmung gegen die mutmaßlichen Gefahren einer sog. rassischen Infektion –, erklärt er die besondere Vorbildlichkeit sowohl der Römer wie der Griechen zu „deren Glanzzeiten“ bzw. „in deren geschichtlicher Blüte“. Ebendann sei bereits exemplarisch die „positive Abwehr gegen die Vermischung mit fremdem Blut geübt“ worden.259 257 Vgl.: Courtois: Schwarzbuch des Kommunismus, a.a.O., S. 332-334 258 Vgl.: Picker: Tischgespräche, a.a.O., S. 655/656 259 Vgl.: Ebd., S. 605 2.2 Die Wagner-Rezeption nach dem Holocaust 71 Im Anschluß an die Darstellung eines religiösen und mittelalterlichen „Geldverleiher-Antisemitismus“, den man dann auch „Antijudaismus“ nennen möge260, kommt auch Haffner auf einen spezifischen zu sprechen, der sich im 19. Jahrhundert, dem Wirkungszeitraum Wagners, etabliert habe und den ich auch deshalb im Sinne Haffners potentiell auf Wagners Fall anwendbar halte: „Schließlich gab es einen neuen, nachemanzipatorischen Antisemitismus, den man Konkurrenzantisemitismus nennen kann. Seit ihrer Emanzipation, also rund gesprochen seit dem mittleren neunzehnten Jahrhundert, hatten die Juden, teils durch Begabung, teils auch, wie durchaus zuzugeben ist, durch Zusammenhalten, sehr sichtbar in vielen Ländern führende Positionen in vielen Bereichen gewonnen: besonders auf allen Kulturgebieten, aber auch in Medizin, Advokatur, Presse, Industrie, Finanz, Wissenschaft und Politik. Sie erwiesen sich, wenn auch nicht gerade als das Salz der Erde, so doch als das Salz in der Suppe, sie bildeten eine Art Elite – in der Weimarer Republik, wenigstens im Berlin der Weimarer Republik, sogar so etwas wie eine zweite Aristokratie; und damit schufen sie sich natürlich nicht nur verdiente Bewunderung, sondern auch Neid und Abneigung. Wer aus diesen Gründen Antisemit war, gönnte den Juden einen Nasenstüber; er wünschte sie sich ein bißchen gedeckelt. Aber Ausrottung – um Gottes Willen!“261 In argumentativer Nachfolge Zelinskys erscheint Joachim Köhlers These, derzufolge Wagner vor allem als „Prophet des Vollstreckers“ zu betrachten sei. Denn Wagner, „der Ideengeber Hitlers“, habe: „…jene große Lösung, nach der es keine Juden mehr gibt, angemahnt; war er im ‚Ring’ zum eigentlichen Schöpfer der Judenzerrbilder geworden, die von Hitler der Welt als Wahrheit aufgezwungen wurden, und hatte im ‚Parsifal’ der fixen Idee vom reinen Blut musikdramatische Glaubwürdigkeit verliehen; hatte er zudem, als führende Kunstautorität seiner Zeit, durch seinen offenen Aufruf zum Judenhaß und -ekel dem primitiven Ressentiment die künstlerisch-religiöse Weihe verliehen und durch Gründung seines konspirativen Antisemitenkreises mit eigenem Kampfblatt ein organisatorisches Vorbild für Hitlers Partei geliefert – man wollte dennoch bis heute den Schritt von der Idee zur Tat und vom ‚zu Ende gebrachten Gedanken’ zur ‚furchtlos gezogenen Folgerung’ nicht wahrhaben.“262 Nun, das sollte man unter Berücksichtigung des schwierigen Vergleiches der organisatorischen vermeintlichen Vorbildhaftigkeit von „konspirativen“ Antisemitenkreisen mit Hitlers äußerst transparent organisierten SA und NSDAP auch nicht wahrhaben. Nota bene: In den Bayreuther Blättern263 sind vorzugsweise die späten Schriften Wagners publiziert worden. Bereits Nietzsche bemerkt, daß die „‚Idealisten’ der Bayreu- 260 Der in der Folge der Christusmörder-Legende entstandene religiös motivierte Antijudaismus ist von Antisemitismus zu unterscheiden, der nach bzw. trotz der Assimilation qua Konversion, „jüdische“ Merkmale biologisch, verwandtschaftlich sowie blutsmäßig nachzuweisen trachtet. Vgl. exemplarisch Geulen, Christian: Geschichte des Rassismus, München 2007, S. 32 ff. (Siehe dazu vertiefend Kapitel 3.2 dieser Arbeit.) 261 Haffner: Anmerkungen, a.a.O., S. 118 262 Köhler, Joachim: Wagners Hitler. Der Prophet und sein Vollstrecker, München 1997, S. 415. Schlicht und zutreffend Manfred Merziger: „Kann jemand nicht wissen und ahnen, dann vermag er auch nicht ‚Prophet‘ zu sein.“ Merziger: Wagner und das Problem der Wahrheitsfindung, a.a.O., S. 21 263 In den ersten fünf Jahren der Bayreuther Blätter, also Wagners letzten fünf Lebensjahren, seien „meist keine politischen Inhalte“ enthalten gewesen, was Jonathan Carr mit Wagners zunehmendem 2. Sachstand 72 ther Blätter ... Wagner mit sich selbst verwechseln.“264 Die unten folgende Analyse wird zeigen, daß angesichts der darin enthaltenen, oft und vor allem auch abstrusen Gedanken ein Vergleich mit Publikationsorganen wie Auf gut deutsch oder Der Stürmer265 dennoch deutlich schwerer fallen sollte. Erstaunt nimmt man zur Kenntnis, daß Wagner „die Kunstautorität seiner Zeit“266 gewesen sei; gerade sein relativer Mißerfolg bis in die Siebziger Jahre hinein wird üblicherweise als psychologische Quelle seines Hasses gewertet. Seine Invektiven gegen Meyerbeer und Mendelssohn stets monokausal auf Erfolglosigkeit Wagners am Markt zurückgeführt. Auch vor- übergehende Erfolgsepisoden Wagners – z.B. bereits in Riga und Paris – ändern nichts daran, daß er diese Wirkungsstätten narzisstisch gekränkt und fluchtartig verlässt und so durch Wagner selbst in die Serie seiner Niederlagen eingeordnet werden.267 Zur Zeit der Judenthums-Schrift ist Wagner schlicht ein „noch nicht anerkannter Komponist“.268 Allenfalls ab dem Jahre 1876, mit der Bayreuther Uraufführung der Ring-Tetralogie, kann von der arrivierten (Kunst-)Autorität Richard Wagners zu reden sein, einer Zeit, in der das Judentum, die „Jüdische Frage“ o.ä. in seinen Schriften längst keine tragende Rolle mehr spielt, falls dies je der Fall gewesen sein konnte. Schließlich der „offene Aufruf “, den das „Judenthum in der Musik“ Köhler zufolge dargestellt haben soll, welcher sich in Wahrheit als die pseudonyme Publikation eines opportunistischen Hasenfußes erweist, der obendrein die Unterschrift antisemitischer Petitionen verweigert (siehe Kap. 4.2.1.2 vorliegender Untersuchung). Köhlers These, daß die Vorstellung, Hitler habe „im NS-Staat jenen Meistersinger-Staat“269 gesehen, den „sich Wagner angeblich erträumte und den Hitler nach den Vorgaben seines Meisters verwirklichte“270, ist durchaus abwegig. Ian Kershaw betrachtet Köh- Verdruss in Zusammenhang bringt, der aus der „mangelnden Unterstützung durch Berlin“ und der Person Bismarcks selbst resultiere, die Wagner empfunden habe und insofern gesellschaftlichen Wandel nurmehr „von der Kunst und nicht der Politik“ erwarte. Für die Entwicklung des Publikationsorgans nach Wagners Tod vermutet Carr, daß dieser die „Inhalte [die nun, dem neuerdings beigefügten Subtitel zufolge, angeblich „im Geiste Richard Wagners“ stünden] bedauert“ haben würde: Bernhard Försters „Neu-Germania“-Projekt in Paraguay“ im Besonderen, „Rassismus und Antisemitismus [im Allgemeinen] gelangten immer mehr auf die Tagesordnung“ – all dies, Themen, Inhalte und Projekte, denen Wagner „ablehnend gegenüber“ gestanden habe, weshalb sie, zu Wagners Lebzeiten in den Blättern folgerichtig nicht stattfanden. Vgl.: Carr: Wagner-Clan, a.a.O., S. 138/139 264 Vgl.: Nietzsche, Friedrich: Nietzsche, Friedrich: Ecce homo [1889], in: Ders.: Jenseits von Gut und Böse und andere Schriften, Werke in drei Bänden, Band 3, Köln 1994, S. 447 265 Vgl. dazu ausführlich, die Studie von Bärsch: Die politische Religion des Nationalsozialismus, a.a.O., S. 77 ff. 266 Kunstautorität mit nationalheiliger Tragweite erlangt Wagner posthum, initiiert durch Bayreuth, getragen vom Wilhelminismus. 267 Brüggemann beschreibt diese umtriebige Phase in Wagners Leben unter der Überschrift „Mit Schulden durch Europa“, in der er von einem zum anderen Ort, entweder „vor seinen Schulden“ oder aber dem für ihn als unerträglich empfundenen Zustand, dem „Geschmack des Intendanten ausgeliefert“ zu sein, fliehe. Brüggemann: Genie und Wahn, a.a.O., S. 63 268 Aly, Götz: Warum die Deutschen? Warum die Juden? Frankfurt am Main 2011, S. 90 269 Vgl.: Piontek, Frank: Nation und Kunstdiskurs – Zur Wirkungsgeschichte der Meistersinger von Nürnberg, Onlinepräsenz der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (www.ekkw.de) Für die detaillierte Quellenangabe siehe das Literaturverzeichnis. 270 Ebd., S. 11 2.2 Die Wagner-Rezeption nach dem Holocaust 73 lers Thesen gewissermaßen aus der Perspektive Hitlers und hält sogar die Überlegung, daß „Hitler [selbst!] es als Lebenswerk verstanden [habe]“ Wagners „Ideen zu verwirklichen“, für eine „überzogene Behauptung“.271 In seiner älteren Schrift Friedrich Nietzsche und Cosima Wagner – Die Schule der Unterwerfung sieht Köhler diese Verhältnisse noch deutlich differenzierter und würdigt Cosimas interpretatorische Umprägung des antisemitischem Profils Wagners, die für das entsprechende Image Wagners maßgeblich und vielleicht hauptursächlich ist: „Sie [Cosima] … ‚reinigte’ seine Biographie durch Fälschung oder Vernichtung, intern ‚Autodafés’ genannt, reduzierte seine Lehre auf jene antisemitisch-blutgläubigen ‚Regenerationsschriften’, in denen für seine griechischen Heldenvisionen und das Zürcher rein Menschliche kein Platz mehr wahr.“272 Wie ich zu zeigen beabsichtige, sind gerade diese Schriften alles andere als „blutgläubig“. Von einer Reduzierung durch Cosima kann also keine Rede sein; es liegt hier schlicht eine eigenmächtige Interpretation in mißbräuchlicher Absicht vor. Abwägende Ambiguitätstoleranz trägt die Untersuchungen von Marc A. Weiner und Jens M. Fischer: Dieser konstatiert auch bei den sogenannten „Wagnerverteidigern“, zu denen er in erster Linie Thomas Mann zählt, eine „Verbissenheit, die aus der menschlich verständlichen Unfähigkeit“ resultiere, „beides gleichzeitig auszuhalten: die Gewalt der Musik und die Gewalttätigkeit der Ideologie. Das eine ist aber ohne das andere nicht zu haben, beides bedingt sich gegenseitig.“273 Thomas Mann hat die „Gewaltsamkeit der Ideologie“ allerdings keineswegs bestritten: In einer Replik auf einen in der Common Sense erschienenen Artikel, der sich auf eine Rede Thomas Manns bezog, stellt er 1939 klar, daß er nicht zwischen einem „Deutschland Hitlers und dem Deutschland Wagners“ unterscheide und letzteres wie der Kolumnist annimmt, „ein Deutschland der freien Kunst, der rassischen Duldsamkeit und der Demokratie“ bezeichne. Vielmehr: „Freie Kunst – das lasse ich mir noch gefallen. (…) Aber rassische Duldsamkeit? Demokratie? Da sieht es böse aus.“274 Allerdings stellt Thomas Mann einige Übereinstimmungen in Wagners und Hitlers psychischer Konstitution vor, die er in einer Korrespondenz aus dem Jahre 1949 äußert: „Es ist da, in Wagners Bramarbasieren, ewigem Perorieren, Allein-reden-wollen, über alles Mitreden-wollen, eine namenlose Unbescheidenheit, die Hitler vorbildet, – gewiß, es ist viel ‚Hitler’ in Wagner…“275 Ich wiederhole, daß ich es für einzig zielführend halte danach zu fragen wie viel ‚Wagner’ in Hitler nachweisbar ist, und zu zeigen, daß allein die (überzogenen resp. verfehlten) Interpretationen z.B. Chamberlains und Rosenbergs ideologiebildend bzw. -prägend für Hitler zu sehen sind. Marc A. Weiner bezieht sich zwar nur indirekt auf 271 Kershaw, Ian: Hitler – 1889-1936, a.a.O., S. 765 (Anmerkungen 128/129) 272 Köhler, Joachim: Friedrich Nietzsche und Cosima Wagner – Die Schule der Unterwerfung [1996], Hamburg 2002, S. 178 273 Fischer, Jens Malte: Richard Wagners ‚Das Judentum in der Musik’, Frankfurt am Main und Leipzig 2000, S. 132 274 Mann, Thomas: Zu Wagners Verteidigung, in: Vaget: Im Schatten Wagners, a.a.O., S. 179 275 Mann, Thomas: Richard Wagner und kein Ende, in: Ebd., S. 204 2. Sachstand 74 einen Wagner-Hitler-Vergleich, trifft die Thematik aber insofern unmittelbar, als er in seiner Studie werkimmanentes (i.e.: die Libretti der Opern resp. Musikdramen betreffendes) Potential für eine nationalsozialistische Wagnervereinnahmung zu zeigen versucht. Schließlich distanziert er sich von zwei „Kritikergruppen“, welche aus einer „Nach-Auschwitz-Perspektive“ hier eine zu feste und da eine zu lose Verknüpfung zwischen Werk- und Ideologierezeption vornähmen. „Gegen die erstgenannten Kritiker würde ich jedoch einwenden, dass sie eine viel zu direkte Verbindung zwischen der Ideologie von Wagners Welt und den Implikationen der heutigen Rezeption seiner Werke ziehen und dass sie den Bedeutungswandel kultureller Zeichen ignorieren. Mein Argument gegen die zweite Kritikergruppe lautet, dass sie zu wenig sehen und Schutz hinter dem historischen Wandel suchen, indem sie implizieren, kulturelle Kontexte würden sich im Laufe der Zeit so sehr verändern, dass aus der Perspektive des Nachgeborenen moralische Urteile in ästhetischen Fragen illegitim würden.“276 Der sich immer und immer weiter vollziehende historische (Bedeutungs-) Wandel wird hingegen zu berücksichtigen sein. Die gesellschaftlichen Umstände zu Wagners Lebzeiten sind im publizistischen mainstream deutlich geprägt von kulturellem Antijudaismus/ Antisemitismus und vor allem für die symbolhafte, abstrakte und vorwiegend als rhetorisch zu bezeichnende Destruktions-Semantik Wagners stilbildend. René Kollo moniert zurecht, daß mancher Wagner-Kritiker über den Faktor „Zeit“ hinwegginge, „als ob sie überhaupt keine Rolle spielt.“277 Auch Joachim C. Fest akzentuiert einen qualitativen Unterschied zweier Antisemitismen und ist der Auffassung, daß „ein Verhältnis unmittelbarer Nachfolge zwischen Richard Wagner und Hitler nicht ohne Gewaltsamkeit herzustellen“ sei. Diese Sichtweise beruhe, so kritisiert er, einerseits auf „zahlreichen Ausweitungen, Überblendungen und Zuspitzungen“ und andererseits dem „den Wagnerschen Antisemitismus verschärfenden und verengenden Clan der Wagnerianer“278: „Hitler knüpfte dabei [der Ausbildung seines Antisemitismus] am wenigsten bei Wagner an, der, ganz im Sinne seiner radikalen gesellschaftskritischen Anfänge und in der Nachfolge der französischen Frühsozialisten, zunächst einer antikapitalistisch motivierten Judengegnerschaft anhing. Von diesem Ausgangspunkt her hat er im Jüdischen überwiegend eine Sache der Mentalität gesehen, nicht so sehr ein biologisches Faktum, sondern ein Krankheitssymptom der materiellen Zivilisation; erst wenn es überwunden und die Menschheit ‚erlöst’ sei, verliere das Judentum seine dämonische, zum Untergang treibende Kraft. Ganz anders Hitler.“279 Für Hitler läßt sich dieser sehr weitreichende Befund, er knüpfe „am wenigsten“ bei Wagner an, deutlich bestätigen, insofern er dies – im Unterschied zu Chamberlain und Rosenberg – nicht einmal versucht oder vorgibt. 276 Weiner, Marc A.: Antisemitische Fantasien, a.a.O., S. 397 277 Vgl.: Kollo: Wagner – Biographie, a.a.O., S. 45 278 Fest, Joachim C.: Um einen Wagner von außen bittend. Zur ausstehenden Wirkungsgeschichte eines Großideologen, in: Ders.: Fremdheit und Nähe. Von der Gegenwart des Gewesenen, Stuttgart 1996, S. 293 279 Ebd., S. 292 2.2 Die Wagner-Rezeption nach dem Holocaust 75 In ähnlicher Stoßrichtung wendet sich auch Jakob Katz gegen die „Unterstellung einer rassischen Begründung seiner [Wagners] anti-jüdischen Haltung“: „Es handelt sich bei dieser Unterstellung zweifellos um eine Rückdatierung – ein Hineinlesen der Fortsetzung und Abwandlung Wagnerscher Ideen durch Chamberlain und Hitler in die Äußerungen von Wagner selbst.“280 Dieter David Scholz konstatiert ein „ausschließliches Rezeptionsproblem“: „Daß Hitler die Welt glauben machen wollte, er habe Wagner als seinen einzigen Vorläufer empfunden und begreife sich als dessen Vollender, bezeugt nicht mehr als seinen Grö- ßenwahn und sein Unverständnis Wagners. Wagnersches Denken, die Aussagen der Wagnerschen Musikdramen, wirklich begriffen, hätten denn auch kaum in Hitlers Weltanschauung gepaßt.“ „Man vergesse nicht, daß es immer die Nachfolger sind, die sich ihre Vorläufer erschaffen. Wagner dem ‚Führer’ als dessen Propheten, Vorläufer oder Ahnherrn auszuliefern, wäre Hitlers postmortaler Triumph. Wagner heute noch durch die Optik Hitlers wahrzunehmen ist wissenschaftlich unhaltbar, und, wofern gegen bessere Einsicht unternommen … moralisch infam.“281 Wolf Rosenberg verkörpert die Gruppe der Apologeten wohl am ehesten, sieht man einmal von Musikern, wie z.B. dem Tenor René Kollo ab, der sich sogleich zu seiner „Liebe und Verehrung“ zu Wagner bekennt und als „lebenslanger Bewunderer“ des „Jahrtausendgenies“ – Wagner wird ansonsten in der Regel als „Jahrhundertgenie“ bezeichnet – dazu beitragen möchte, die „unerquicklich klebrige und immer wiederkehrende Behauptung, Wagner sei ein Wegbereiter Hitlers – was für ein diffamierender Unsinn! – zu entkräften.“282 Wolf Rosenberg beabsichtigt, das „Janusgeistige“ in Wagners Denken herauszustellen und nimmt dabei vor allem eine „Zurechtstutzung der Gedanken“ und „Verzerrung des Werkes“ Wagners durch die „Deutsch-Völkischen“, die „Vorgänger der Nazis“ an. Dies habe dazu geführt, daß „Fronten vertauscht“ worden seien: „…die falschen Apostel riefen eine falsche Gegnerschaft hervor; der verständliche Ekel vor den selbsternannten Gralshütern in und um Bayreuth brachte einen nicht mehr ganz verständlichen Ekel vor Wagner mit sich. Nur wenige durchschauten das Spiel und ließen sich nicht dazu verführen, Wagner mit Chamberlain & Konsorten zu verwechseln, ihn durch deren Brille zu sehen und mit deren Scheuklappen zu hören.“283 Auch Wolf Rosenberg relativiert die Singularität und damit die vermeintliche prototypische Qualität von Wagners antisemitischen Ideologiegehalten. Wagner stünde mit seinem Antisemitismus im Westeuropa seiner Lebzeiten nicht allein, dieser sei „bei der Linken weit mehr verbreitet als in konservativen Kreisen“.284 Wagner als ideologischen Vorläufer Hitlers zu begreifen, sei eine unzulässige Vereinfachung höchst komplexer Sachverhalte: Eine derartige Denkweise könne ebenso gut dazu führen, „Hit- 280 Katz, Jakob: Richard Wagner, a.a.O., S. 200 281 Scholz, Dieter David: Richard Wagners Antisemitismus, Berlin 2000, S. 156 und 163 282 Kollo: Wagner, a.a.O., S. 11,12,19 283 Rosenberg, Wolf: Versuch über einen Janusgeist, in: Metzger/Riehn (Hrsg.): Wie antisemitisch darf ein Künstler sein? A.a.O., S. 40/41 284 Ebd., S. 44 2. Sachstand 76 lers Ahnenreihe bis zu Luther, vielleicht sogar bis zu Arminius dem Cherusker zurückzuverfolgen“285. Freilich in polemischer286, aber deshalb nicht minder zutreffender Absicht meint er gar: „Mit Zitatenklauberei läßt sich die gesamte deutsche Kultur der Vergangenheit als Vorbereitung auf Hitler darstellen.“287 Daß deutsche Kultur und Geschichte durchaus in zweifelhafter Weise monolithisch in den Rahmen einer teleologisch alternativlos ausgerichteten Vorphase des nationalsozialistischen Genozids gezwungen wurde, lehren die Beispiele angelsächsischer Historiographie der Vor- bzw. Zwischenkriegszeit in den Personen Rohan Butlers oder H. L. Stewarts, die Eric Voegelin in seiner Schrift Das Jüngste Gericht: Friedrich Nietzsche gibt, sind diesbezüglich sehr aufschlußreich. Zu den Roots of National Socialism (1941) zählten die Ideas of Modern Germany (1915), die maßgeblich durch Friedrich Nietzsche, der als „Urheber der deutschen Geisteshaltung, die am ersten Großen Krieg“ „mitschuldig“ sei, geprägt wären. Die pränationalsozialistische Epoche reiche Butler zufolge „von Herder288 bis Hitler“.289 Als „angelsächsischer Wagner“ firmiert hier entsprechend Nietzsche, der den „wahren Plan“ der Nationalsozialisten vorformuliert habe. Dieser Plan habe darin bestanden, sei „nichts anderes“ gewesen, als die: „…Nietzschesche Umwertung aller Werte, die Erziehung der Deutschen zum Deutschtum, die nihilistische Revolution, die sich nicht damit zufrieden gäbe, Länder zu verheeren, sondern auch die Herzen der Menschen und damit auch die Zivilisation des Westens verwüsten würde.“290 285 Ebd., S. 47 286 Wogegen allerdings nichts einzuwenden ist, insofern Carl Schmitt zufolge alle politischen Begriffe, die schließlich die Grundlage des politischen Diskurses bilden, polemisch seien und sein müssen. Vgl.: Schmitt, Carl: Der Begriff des Politischen, Text von 1932 mit einem Vorwort und drei Corollarien, Berlin 2009, S. 31 287 Rosenberg, Wolf: Janusgeist, a.a.O., ebd. 288 In der Tat äußerte bereits Herder Thesen, die z.B. Chamberlain dankbar aufgreifen sollte, um daraus die Evidenz abzuleiten, daß die Juden von jeher „allen Völkern feindlich“ gewesen seien: „Das Volk der Juden ist und bleibt auch in Europa ein unserem Weltteil f r e m d e s, a s i a t i s c h e s Volk, an jenes alte, … ihm gegebene und nach eigenem Geständnis von ihm unauflösbare G e s e t z gebunden. “ Herder, Johann Gottfried: Bekehrung der Juden [1801], zitiert nach Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 382, Hervorhebung im Original. Abgesehen davon, daß Chamberlain nicht sauber zitiert – „Das Volk ist und bleibt also auch in Europa…“ – blendet er den Kontext aus, um seine rassische Deutung einzubringen, die Herder als Gewährsmann seiner Rede über ein jüdisches „G e s e t z d e s B l u t e s zur Ausbreitung ihrer Herrschaft“ durch „Infizierung der Indoeuropäer mit jüdischem Blute“ erscheinen lassen will. Ebd. S. 383, Hervorhebung im Original. Besieht man den Herderschen Kontext, wird klar, daß er von „Mosaisch-sinaitischem Nationalgesetz“, von „fremdem Nationalgesetz“ schreibt, das die Frage („Staats-Frage“, nicht länger „Religionsdisputat“) nach Nützlichkeit und Schädlichkeit der Anwesenheit von Juden aufwürfe. Herders Thesen sind eindeutig nicht philosemitisch, von „Blut“ ist aber keine Rede. 289 Butler, Rohan: Roots of National Socialism 1783 -1933, zitiert nach Voegelin, Eric: Das Jüngste Gericht: Friedrich Nietzsche, hrsgg. und kommentiert von Peter J. Opitz, Berlin 2007, S. 21. Voegelin führt dagegen aus, daß die Umwertung, ein bereits „seit dem Mittelalter andauernder Prozeß“ ist. Vgl., ebd. 290 Butler, zitiert durch Voegelin, a.a.O., S. 22 2.2 Die Wagner-Rezeption nach dem Holocaust 77 Diese These ist freilich nicht völlig unplausibel, obwohl sich im 19. Jahrhundert wohl niemand abfälliger über das „Deutschtum“ auslässt, als Nietzsche es tut. Es genügt ein Blick in Nietzsches Zur Genealogie der Moral [1887], in der eine rassen-spekulative Drastik in Inhalt und Form vorliegt, die Wagner im Übrigen deutlich in den Schatten stellt. In aller Kürze: Die geistig-moralische Dekadenz, die er festzustellen glaubt, bestehe in der Vormachtstellung einer sklavischen Moral der Schwachen, die der für Nietzsche vorzugswürdigen Mentalität der „blonden“, „arischen“, „kriegerischen“ „Erobererund H e r r e n R a s s e [sic]“ zuwiderlaufe. Diese Entwicklung rückgängig zu machen, bedeutet dann eigentlich die Umwertung, die wiederum Nietzsches philosophischen Impetus ausmacht. Das als antisemitisch zu wertende Momentum besteht in der Interpretation dieser Entwicklung, die deren Beginn in den „Sklavenaufstand in der Moral“ verortet, mit dem „die Juden“ begonnen haben würden. Die Konsequenz dieser Erhebung bedeute konkret, daß einerseits „die Herren abgethan [sic]“ seien und andererseits „die Sklaven“, „der Pöbel“ sowie „die Heerde [sic]“ – kurz: „die Moral des gemeinen Mannes“ – gesiegt haben.291 Wie bereits oben erwähnt, sieht Zehnpfennig in dieser Theorie Nietzsches eine besondere Vorbildlichkeit für Hitler.292 Auch in der Auseinandersetzung Gunnar Heinsohns (siehe Kap. 3.2 vorliegender Untersuchung) sind Elemente dieser Interpretation enthalten. Nietzsche bedient sich, leider, diverser biologistischer Metaphern zur Schilderung solcher angeblich moralischen Inferiorität, die „Blutvergiftung, die die Ineinandermengung der Rassen“ sowie eine „Vergiftung durch den ganzen Leib der Menschheit hindurch“ zufolge habe, was offensichtlich auf einen rassistisch-biologistischen Gedanken-Kontext verweist. Friedrich Nietzsche dennoch nicht in einen rassisch-dichotomistischen Bezug von Arier vs. Juden bringen zu müssen, der für die Nationalsozialisten und ihre Vorläufer handlungsleitend wurde, erlaubt allenfalls die Anerkenntnis einer deutlich moralischen, ethischen, religiösen und wertebezogenen Qualität der Kritik Nietzsches, die zudem durch – synonym gedachte und so zu verstehende – Schimpfworte wie „verchristlicht“, „verpöbelt“ und – als genetisch-ätiologische Bezugsgröße des Judentums für das Christentum – eben auch „verjüdelt“ sei.293 Sven Friedrich warnt vor einer „Historisierung der Genese des Holocaust“, die diesen gleichsam als entwicklungsgeschichtliches „Telos der Deutschen überhaupt“ erscheinen lasse und mithin einer Relativierung gleichkomme, insofern dies die Fiktion einer historischen „Zwangsläufigkeit“, die Vorstellung der Ursache im „Mentalitätscharakter“ des oder der Deutschen selbst berge. Solcher „Antigermanismus“ aber wäre mit Blick auf seine stereotype, chauvinistische und irrationale Struktur und ihre Begründung ähnlich verirrt, wie das antisemitische Klischee selbst.294 291 Nietzsche: Genealogie, a.a.O., S. 19-23, Hervorhebung im Original. Es dürfen hier allerdings die Hinweise nicht fehlen, daß Nietzsche die Bayreuthianer insgesamt als „haarsträubende Gesellschaft“ bezeichnet, in der „keine Mißgeburt“ fehle, „nicht einmal der Antisemit“. Daß er Wagner für das „Gegengift gegen alles Deutsche par excellence“ erklärt und ihn – wie sich selbst – als andauerndes „Mißverständnis unter Deutschen“ betrachtet. Vgl.: Nietzsche: Ecce homo, a.a.O., S. 448 und 416 f. 292 Vgl.: Zehnpfennig: Hitlers Weltanschauung, a.a.O. 293 Nietzsche: Genealogie, a.a.O., S. 25 2. Sachstand 78 Die Interpretation deutscher Geistesgeschichte, die der Kunsthistoriker Hanns Floerke im Kriegsjahr 1916 bietet, ist verblüffend gegenläufig, weshalb hier erlaubt sei einen knappen Exkurs einzurücken. Seine kritischen Ausführungen, Deutsches Wesen im Spiegel der Zeiten betreffend, enthalten zunächst die in dieser Zeit üblichen Chauvinismen, die – der Gipfel des Chauvinismus – vor allem beinahe allen anderen europäischen Nationen in Bezug auf deren vermeintliche Rezeption des Deutschen Wesens unterstellt werden. So weit, so erwartbar. Wenn aber davon auszugehen wäre, daß Bayreuth resp. Richard Wagner tatsächlich eine einzigartige „nationalheilige“ Position in der Konstitution allen „Deutschtums“ zukomme, die häufig betont wird, ist festzustellen, daß all dies für Floerke im Jahre 1916 in dieser Hinsicht keinerlei Bedeutung zu haben scheint. Auch Chamberlains Beitrag an der Bestimmung des Deutschen Wesens gewichtet der Autor vornehmlich in der theoretischen Verortung der Topoi „Treue“ oder „Sprache“ sowie in der Herleitung klischeehaft deutscher „Organisationsfähigkeit“ oder „Friedfertigkeit“. „Rassentheoretisches“ und Antisemitisches bei Chamberlain blendet Floerke ganz aus, obwohl dessen Grundlagen im Quellenverzeichnis ausgewiesen sind. Soweit kann man Floerke eventuell eine relativierende und, angesichts eines wenig versprechenden Kriegsverlaufes, opportunistische Haltung unterstellen. Wirklich bemerkenswert ist jedoch eine durchgängige und stets positiv-affirmative Identifikation des deutschen und des jüdischen „Wesens“, die in einerseits beider Assimilierungsfähigkeiten und andererseits gleichwohl in Beider Fähigkeiten zur Bewahrung ihrer „Ursprünglichkeit“ bestehe und demzufolge je ihre Sonderstellungen in der Weltgeschichte und im Völkergefüge begründet. Vor allem ist in der „Geistesgeschichte“ Floerkes kein existentieller Antagonismus zwischen Juden und Ariern/ Germanen/ Deutschen enthalten, er zitiert dazu exemplarisch als seine Gewährsmänner Bogumil Goltz (1801-1870), Ferdinand Kürnberger (1821-1879) und Johann Wolfgang Goethe: „Nicht die Kleinstaaterei hat die Deutschen kleinstädtisch und philiströs gemacht, sondern die angeborene Philisterei, d.h. die Mikrologie, die Kleinmeisterei, die Kleinigkeitskrämerei, die Mikroskopie, die Winkelpoesie, die Behaglichkeit in der kleinsten Sphäre, die Absonderungssucht, das Sonderlingswesen, die Originalität im kleinsten Stil, der angeborene Partikularismus, der Individualismus, in Summa die Qualitäten und Talente, welche der Deutsche mit der jüdischen Rasse gemein hat…“ „Die Deutschen und die Juden [seien] die beiden seelenhaftesten Völker.“ „Deutsche gehen nicht zugrunde, so wenig wie Juden, weil sie Individuen sind.“295 * * * Wolf Rosenberg findet, das Zwiespältige in Wagners Denken sei vor allem in den beinahe gleichzeitig entstandenen Kunstschriften und der Schrift über das „Musikjudentum“ dokumentiert: „…inmitten der Schriften, die in den ersten Exilsjahren entstehen und mit ihren der Zeit weit vorauseilenden kunstsoziologischen Überlegungen zum besten gehören, was seiner 294 Vgl.: Friedrich: Wagner – Deutung und Wirkung, a.a.O., S. 162/ 63. Ich komme auf diese Deutungsvariante zurück zum Ende des Kap. 3. 2. vorliegender Untersuchung. 295 Floerke, Hanns: Deutsches Wesen im Spiegel der Zeiten, Berlin 1916, S. 160, 352 und 361 2.2 Die Wagner-Rezeption nach dem Holocaust 79 Feder entfloß – daß inmitten der Arbeit an diesen Schriften seine Gedanken auch um das blödsinnige Thema ‚Judentum in der Musik’ kreisen konnten, ein Zeichen für das harte Nebeneinander von Weltoffenheit und Borniertheit, von hochentwickeltem dialektischen Denken und sturem Nachbeten philiströser Klischees.“296 Peter Hofmann sieht durchaus eine Verantwortlichkeit Wagners selbst, indem dessen „ästhetische Theorie in ihrer Anwendung historisch mittelbar an der Katastrophe der Shoah beteiligt“297 sei. Dabei nimmt er quasi Wagner gegen Wagnern selbst in Schutz, welcher die „eigene Theorie mit seiner antijüdischen Polemik“ kontaminiert habe: „Wagners Ausfälle leben von einer unmittelbaren Anwendung seiner Theorie auf sein Feindbild. Was in der revolutionären Theorie als ‚abstrakter Geldwert’ und ‚Industrie’ bestimmt wird, etikettiert Wagners Polemik nun [in der ersten Publikation von Das Judenthum in der Musik, 1850] mit dem Verdikt ‚jüdisch’ – eine logisch unsinnige Verallgemeinerung, die der eigenen Theorie unterschoben und mit ihr gleichgesetzt wird.“ Wagner selbst habe als erster seine Theorie „antijüdisch bzw. antisemitisch mißbraucht.“298 Wagners Pamphlet “Das Judenthum in der Musik“ erfuhr und erfährt zweifelsohne eine Sonderstellung in der hier verhandelten Debatte über die Artung von Wagners Proto- bzw. Frühantisemitismus. Ob oder ob nicht dieser den Übergang von „klassischem“ Antijudaismus zum, im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts „theoretisch“ fundiert vor allem durch den Grafen Gobineau und politisch kampagneartig durch z.B. Wilhelm Marr initiierten, „modernen“ Antisemitismus bilde, ist ihr weiterer Gegenstand. Die andauernde Verkrustung der Debatte bildet sich besonders deutlich in zwei jüngeren Studien zum Thema ab. In den Untersuchungen Hubert Kiesewetters299 und Wolfram Pytas300 werden einmal mehr die extremen Unterschiede in der Beurteilung der Bedeutung Wagners für Hitler erkennbar. Kiesewetter ergründet „Varianten einer rassistischen Ideologie“ um den Zusammenhang, oder gar die bündige Entwicklungslinie „von Richard Wagner zu Adolf Hitler“ zu belegen – obwohl er diese selbst auf vielfältige Weise negiert und überdies völlig andere als „rassistisch-ideologische“ Bezüge herstellt. Die Lektüre hinterläßt den Leser allein deshalb ratlos. Die Studie ist beispiellos und beispielhaft zugleich, weshalb hier vergleichsweise ausführlicher auf sie einzugehen ist. Der Autor glaubt der Problematik Rechnung zu tragen, daß „aufrechterhaltene Widersprüche in wissenschaftlichen Erklärungen“, wie er die diesbezügliche Forschung vor allem der vergangenen siebzig Jahre zusammenfaßt, „logisch einen Supergau“ bedeuteten, da „jede beliebige Aussage“301 damit vereinbar sei. Für Kiesewetter können daher keine Widersprüche in Bezug auf verschiedene, gegenläufige sowie expositionell, graduell oder in- 296 Rosenberg, Wolf: Janusgeist, a.a.O., S. 42 297 Hofmann: Wagners politische Theologie, a.a.O., S. 169, Hervorhebung im Original. 298 Ebd., S. 169 und 170 299 Kiesewetter, Hubert: Von Richard Wagner zu Adolf Hitler – Varianten einer rassistischen Ideologie, Berlin 2015 300 Pyta: Herrschaftsanalyse, a.a.O. 301 Kiesewetter: Von Wagner zu Hitler, a.a.O., S. 7 2. Sachstand 80 tentionell divergierende Interpretationen von „Judenfeindschaft“ mehr berücksichtigt werden, denn: „…eine Feindschaft äußert sich in verschiedenen Abstufungen, die von einer Verunglimpfung bis zur existentiellen Ausrottung reichen können, d.h. sie ist weder traditionell noch modern, sondern einfach unmenschlich.“302 Kiesewetter erkennt daraufhin also keinerlei Unterschied mehr zwischen Verbalinjurien und industriellem Völkermord, alles sei „einfach unmenschlich“, was sicherlich auch zutrifft, jedoch nicht das Thema ist, und abgesehen davon kein ernstzunehmender Interpret, Wissenschaftler oder Autor in den vergangenen siebzig Jahren die Judenfeindschaft Wagners nicht als solche erkennt, um diese in ihrer Widerwärtigkeit unmißverständlich als solche zu bezeichnen und abzulehnen. Kiesewetters Schrift strotzt zunächst vor Zugeständnissen (A), die seine These dann deutlich widerlegen sollten, ihn aber dennoch zu einem grundsätzlichen Nichtsdestotrotz (B) führen. (A) Er befindet einerseits: – „keine Identität“ des Wagnerschen Antisemitismus mit Hitlerschem Rassismus und „mörderischen Rassenwahn“, – „nationalsozialistische Wagnerianer instrumentalisierten und ausbeuteten ihn [Wagners Antisemitismus]“, – der Autor bezweifelt zunächst, ob man „Wagner unterstellen“ könne, „auch nur eine Vorahnung davon gehabt zu haben – von Wissen nicht zu sprechen [geahnt wohlmöglich, gewusst sicher nicht, wie Kiesewetter immerhin zugesteht, als wenn dies angesichts der logischen Unmöglichkeit tatsächlich eines Gedankens wert sei] –, daß Hitler ein verbohrter Wagnerianer werden würde und außerdem die Ausrottung des europäischen Judentums und aller jüdischstämmigen Christen [sic] durchführen wollte.“, – was er dann doch sicher beantworten kann: „Natürlich nicht, denn es wäre absurd und schizophren, Wagner irgendeine persönliche Mitschuld … zu unterstellen…“, außerdem, – „..die eigentliche zerstörerische Saat wird erst mit der Etablierung des Bayreuther Wagnerkreises eingepflanzt [gepflanzt, nicht etwa kultiviert, veredelt, hochgezüchtet oder geerntet – um in diesem botanischen Bild zu bleiben], die sich mit den ausufernden Rassevorstellungen von Cosima Wagner, Arthur de Gobineau, Houston Stewart Chamberlain, Hans von Wolzogen und Winifred Wagner in den nationalsozialistischen Rassismus hineinwuchert“ – eine durchaus zutreffende Einschätzung, die in Kiesewetters Überlegungen dann aber, unverständlichermaßen, keine Rolle mehr spielt, 302 Ebd., S. 50 2.2 Die Wagner-Rezeption nach dem Holocaust 81 – „Richard Wagner als den ideologischen Vordenker Adolf Hitlers anzusehen“ hält er für eine abzulehnende „verstörende Provokation“ („die ich [Kiesewetter] ja nicht teile“), – selbst Äußerungen Wagners, die Kiesewetter als „rassistische Ideologie Gobineauscher Prägung“ einordnet, hält er für, und zumindest bezeichnet er als, „allerdings vom nationalsozialistischen Rassismus himmelweit [Hervorhebung A.S.] entfernt“, – „der geistige Kurzschluß Wagners Erlösung = Hitlers Vernichtung kann als wissenschaftliche Aussage nicht ernst genommen werden“303 (B) Aber auch: – die „millionenfache Praxis des Judenmordes könne nicht Wagner allein zur Last gelegt werden“ [teilweise zur Last gelegt werden, also schon], – die „These vom Mißbrauch Wagners durch die Nationalsozialisten“ möge ihn, Kiesewetter, nicht überzeugen, denn Ideenmißbrauch bedeute ihm „eine böswillig übertriebene und unerlaubte Anwendung solcher Ideen“ – was m.E. im hier verhandelten Zusammenhang, also im Falle der „Anwendung“ Wagners durch die Nationalsozialisten, keinesfalls ausgeschlossen werden sollte, schließlich seien, – bei „halbwegs unvoreingenommener“ Betrachtung „inhaltliche Gleichklänge“ vorhanden, – abzulehnen sei zudem eine „genialische Verharmlosung des Judenhasses Wagners, weil man an weltberühmte Künstler nicht die ethischen Maßstäbe gewöhnlicher Menschen anlegen könne“, was wiederum vollkommen konsensfähig ist, kaum jemand indes ausgerechnet den „Judenhass“ Wagners als Fundament, Bestandteil oder Folge seines etwaigen Genies perzipiert, – Interpretationen, die Kiesewetter für „marxistisch“ hält, und also auf die kapitalismuskritische Lesart der Wagnerschen judenfeindlichen Ausfälle abheben, seien eine „ideologische Ablenkung einer moralischen Verfehlung“, – es geht daher um „moralische Verantwortung“, von der er Wagner nicht freizusprechen vermöge, – „bestimmte Ideen“ seien nicht mißbrauch- sondern allenfalls verfälschbar, entscheidend sei, daß diese als „solche, der Nachwelt zur Verfügung“ gestellt seien – „Ob Hitler seinen Rassismus ausschließlich [Hervorhebung im Original] aus Wagners Musik [!] und dessen Schriften entnahm oder andere antisemitische Vorbilder hatte, ist relativ unbedeutend…“, – Wagners Judenhaß lasse „jegliches menschliche Maß“ vermissen, die Thesen in Wagners „Das Judenthum in der Musik“ könnten superlativisch „rassistischer in einer völkischen Ideologie“ nicht formuliert werden, 303 Ebd., S. 9, 10, 15, 20, 22, 183, 185, 229 2. Sachstand 82 – bereits 1849 könne „künstlerischer Terrorismus“ als „völkischer Terrorismus“ festgestellt werden 304 Daß der Autor, dem Subtitel seiner Untersuchung widersprechend, völlig andere als „rassistisch-ideologische“ Verbindungslinien zwischen „Hitler“, hier also dessen exterminatorischer Vernichtungsideologie, und der Vorgeschichte mit dem vermeintlichen initiatorischen Brennpunkt „Wagner“ und dessen Judenhass verfolgt, habe ich bereits oben angedeutet. So widmet Kiesewetter sich vor allem Thomas Mann, dem er zwar keine „Variante einer rassistischen Ideologie“ nachweisen kann, ihn aber dennoch in eine Verantwortungslinie einbringt, die mindestens überrascht. Denn es geht ihm, Kiesewetter, eben nicht um rassistischen Antisemitismus, sondern um eine „deutsch-nationale“ Demokratiedistanz, die in der Tat auch bei Wagner vorkommt (siehe Kap. 4 vorliegender Untersuchung). Daraufhin versteigt sich Kiesewetter zu der ungeheuerlichen Reihung „Richard Wagner, Thomas Mann, Adolf Hitler, Hegel305 [auch Max Weber306]“307, sofern diese wie „alle Nationalisten mit unbarmherziger Rigorosität“ die „ethischen Grundlagen der Demokratie“ gefährdeten. Entscheidend ist für den Autor, allein eine sog. „antikosmopolitische Einstellung“, unter die er – mit Kiesewetter selbst „himmelweit“-unterschiedlich zu nennende – Positionen subsumiert: „der blinde Antisemitismus Wagners, der vernichtende Rassismus Hitlers oder (‚nur’) die verabscheuende Verurteilung alles Demokratischen bei Mann“.308 Die geistesgeschichtliche Tradition der skeptischen Demokratiekritik ist bekanntlich sehr lang, man kann diese in ihren verschiedenen Ausprägungen durchaus verurteilen, vielleicht auch verabscheuen – der hier supponierte Nexus zu Hitlers „Ideologie“ ist jedoch vor allem unseriös und sollte sich von selbst verbieten. Die Demokratieskepsis Thomas Manns ist sicherlich viel eher im Sinne einer möglicherweise allzu bösgläubigen Furcht vor Ochlokratie und ‚Tyrannei der Mehrheit’ oder in der Idee des liberalistischen Credos Tocquevilles zu verstehen, der die politischen Auswirkungen der Herrschaft, die allein der Volksmehrheit folgt, für das einzelne Individuum potentiell für tyrannischer hält, als die Folgen ‚herkömmlicher’ despotischer Regime.309 304 Ebd., S. 16, 18, 21, 55, 183, 234, 49, 57 305 Kiesewetter hat bereits vor ca. vierzig Jahren, den Versuch unternommen, die „Verwirklichung der totalitären Machtstaatstheorie“ Hegels durch Hitler zu belegen, siehe ebd., S. 243 306 Ebd., S. 33. Auch Max Weber ist in der Tat von Demokratieskepsis umgetrieben, die allerdings auf direktdemokratische, plebiszitäre Elemente bezogen ist. „Sofern die Massen in ihrer Stellungnahme irgendwie ins Gewicht fallen“, gelte „Demokratisierung und Demagogie gehören zusammen.“ Dies leiste einer „Führerauslese“ Vorschub, die den „bloßen Redetechniker ohne Geist und politischen Charakter“ begünstigt, ohne, daß dieser der Anerkennung seiner Bewährung im „Kreise einer Honoratiorenschicht“ bedarf, sondern seine Macht mit „massendemagogischen Mitteln gewinnt.“ Weber, Max: Parlamentarisierung und Demokratisierung [1918], in: Ders.: Gesammelte politische Schriften, hrsgg. von Johannes Winckelmann, Tübingen 1988, S. 382-406, Hervorhebung im Original. 307 Kiesewetter: Von Wagner zu Hitler, a.a.O., S. 31 308 Ebd., S. 32 2.2 Die Wagner-Rezeption nach dem Holocaust 83 Thomas Manns Ausführungen in den Betrachtungen eines Unpolitischen sind wesentlich die Betrachtungen eines (des deutschen) Volkes im Hinblick auf dessen volksgeistige Demokratie-Kompatibilität und mentale Politik-Affinität, die er dann als geistesgeschichtlich verwurzelte Aversion gegen alles Politische zu erkennen glaubt. Möglicherweise haben die Betrachtungen „mehr für die Entfremdung des Bürgertums von der [Weimarer] Republik getan als Hitler“310, dem aber auch andere Zielgruppen hauptsächlich zuzuschreiben sind als das Bürgertum. Selbstverständlich sind diese politischen Überlegungen Thomas Manns kritikabel, aber aus den unpolitischen und undemokratischen Befunden antidemokratische, also außerdem totalitäre oder nationalsozialistische ‚Schlüsse’ zu ziehen, geht doch deutlich zu weit. Man fragt sich infolgedessen, wer oder wessen Ideen bei diesem Autor dann nicht in einen NS-ätiologischen Grundzusammenhang gebracht werden könnten? Kiesewetter selbst befindet dazu abschließend: „Wir brauchen uns ja nur einmal die Frage vorzulegen, warum die Nationalsozialisten solche pazifistischen deutschen Denker wie Immanuel Kant, Bertha von Suttner oder Albert Einstein keiner nachahmungswürdigen Verehrung für wert befanden, sondern ihre Werke lieber verbrannten, um zu erkennen, daß der ideologische Stellenwert Wagners für den nationalsozialistischen Rassismus von erheblicher Bedeutung war.“311 Größere Verehrung des „pazifistischen deutschen Denkers“, Immanuel Kant, als bei Chamberlain ist indes kaum vorstellbar, er verfasste eine Monographie zu Immanuel Kant in eindeutig reverentieller Absicht. Kant wird auch in Chamberlains Grundlagen an über einhundert Stellen behandelt. Auch Alfred Rosenberg nimmt in seinem Mythus dutzendfachen, deutlich affirmativen Bezug auf Kant, dessen Schriften, übrigens im Gegensatz zu denen Thomas Manns, nicht Gegenstand der sog. „Bücherverbrennung“ wurden. Von Manns Engagement gegen die Nationalsozialisten, seiner tätigen Mithilfe („Deutsche Hörer!“) bis zu deren Ende, und, nach deren Ende, als er „die Deutschen an die Obligation einer geistigen Wiedergutmachung“312 gemahnt. Von seinen Werken – der Josephs-Tetralogie, der Moses-Erzählung Das Gesetz oder seinem Faustus-Leverkühn – ganz zu schweigen. Wolfram Pytas Einlassungen zum Thema betreffen das Wagnersche Gesamtkunstwerk als „ästhetisch-politische Vorlage“ für Hitler. Er betont dezidiert, daß Wag- 309 Vgl.: Tocqueville, Alexis de: Über die Demokratie in Amerika [1835/1840], Stuttgart 2014, S. 340-359 310 Fest: Ich nicht – Erinnerungen, a.a.O., S. 129 311 Kiesewetter: Von Wagner zu Hitler, a.a.O., S. 233. Nota bene: Auch der „pazifistische“ Kant warnt explizit vor der Verwechselung von Republikanismus mit Demokratie, die ihm als „Volksmajestät durchaus ein ungereimter Ausdruck“ und zudem „im eigentlichen Verstande des Worts notwendig ein D e s p o t i s m [sic]“ sei. Das abzuwendende despotische Element ist – klasssich liberalistisch – die zu erwartende Gewalt, wenn „alle über und allenfalls auch wider einen (der also nicht mitein-stimmt [sic]) … beschließen.“ Eben solches befürchtet ein selbstentworfener Geistes-Aristokrat vom Schlage Thomas Manns. Vgl.: Kant, Immanuel: Zum ewigen Frieden – Ein philosophischer Entwurf [1795], Stuttgart 1999, S. 13-16, Hervorhebung im Original 312 Vgl.: Stern, Guy: Thomas Mann und die jüdische Welt, in: Koopmann, Helmut (Hrsg.): Thomas- Mann-Handbuch, Stuttgart 2001, S. 54-67 2. Sachstand 84 ner mit seiner „Musik-Judenthums-Schrift“ keineswegs das „Handbuch für Hitlers Rassenantisemitismus geschrieben“ habe. Denn: „Nur in einem Sinne wird man konstatieren können, dass Hitler bei Richard Wagner in die Schule ging, nämlich bei dem Kunstrevolutionär Wagner, der das Gesamtkunstwerk postulierte und damit ein Konzept formulierte, das auch als Drehbuch für die Aufführungspraxis politischer Massenveranstaltungen taugte. Eine immer wieder behauptete antisemitische Traditionslinie von Wagner zu Hitler ist hingegen einer der vielen Trugschlüsse, die entstehen können, wenn normative Vorurteile den Blick auf die Evidenz der Quellen verstellen.“313 Maßgeblich für Hitler sei die durch Wagner reklamierte „Expansion des Ästhetischen“, der mit seiner Theorie „einen umfassenden Anspruch auf Welterklärung verbunden“ hatte.314 Pyta analysiert deutlich die Orientierung der Nationalsozialisten am politisch verwertbaren Potential des Wagnerschen Kunstbegriffs, das darin bestehe, in „rezeptionsästhetischer“ Hinsicht zur „Gemeinschaftsstiftung“ beizutragen imstande zu sein. Für den „Jüngling Hitler“ sei dessen „künstlerische Neugier“ auf Wagner ausschlaggebend, dessen Werke seinerzeit eben auch in der Linzer Provinz intensiv dargeboten wurden. „Politische Gesinnung“ sei da nicht vorhanden gewesen, und dieses „Kunstinteresse Hitlers“ als „Vorgeschichte seiner späteren Entwicklung zum Politiker zu funktionalisieren“ schlicht „unzulässig“. Insgesamt zeichnet Pyta das Bild eines jugendlichen Schulabbrechers, der, von Minderwertigkeitskomplexen geplagt, in einer Phase der Orientierungssuche darauf verfällt, seine Defizite durch ein selbstverordnetes „kulturelles Erziehungsprogramm“ zu kompensieren.315 Daß er einige Monate Klavierunterricht nahm, ist dann ebensowenig verwunderlich, wie die Tatsache, daß er dabei „mit Richard Wagner in Berührung kam“316, da dessen Werke zu dieser Zeit fester Bestandteil des Angebotes auch provinzieller Spielstätten war. Das Lehrhafte ergebe sich aus den konkurrierenden Aufführungspraxen, denen Hitler zunächst in Theatern seiner näheren Umgebung, später in Wien, immer wieder ausgesetzt ist. Die unterschiedlichen synästhetischen Interpretationen erzeugten die Erfahrung der „leibliche[n] Ko-Präsenz von Akteuren [auf und hinter (Gustav Mahler oder Alfred Roller) der Bühne] und Zuschauern“317 und weckten die Erkenntnis des „überwältigungsästhetischen Mehrwertes“318 von Theatralität. Die von jeweils entweder heftiger Empörung oder enthusiastischer Zustimmung des Publikums-Volkes begleiteten musikdramatischen Aufführungen, denen Hitler bereits als Siebzehnjähriger beiwohnte, seien dessen „präsenzkulturelles Erweckungserlebnis“ und zudem eine „erste Einführung in den Parteienkampf “, dann jedoch im Rahmen eines „Theater-Parlament[s]“: 313 Pyta: Herrschaftsanalyse, a.a. O., S. 99 314 Vgl.: Ebd., S. 63-65 315 In diesem Sinne auch Ullrich, der die „Funktion der Wagner-Passion für die labile psychische Verfassung des jungen Hitler“ beschreibt. Wagner verhülfe Hitler „zur rauschhaften Steigerung des Selbstwertgefühls, ermöglichte ihm die Flucht in die Traumwelt, in der ihm die eigene Zukunft nicht mehr düster, sondern licht und klar erschien.“ Vgl.: Ullrich: Hitler, a.a.O., S. 38 316 Pyta: Herrschaftsanalyse, a.a.O., S. 68 317 Ebd., S. 74 318 Ebd., S. 66 2.2 Die Wagner-Rezeption nach dem Holocaust 85 „Zwar waren es zwei künstlerisch definierte Parteien, die sich um die Auslegung des Wagnerschen Erbes stritten, aber wie sie es taten, und welche Kultur des Streits und der Einsatz von Stimme und Gestik ein leidenschaftliches Theaterpublikum hervorbrachte, dürfte den Heranwachsenden stark beeindruckt haben.“319 Hierin bestehe also die Vorbildlichkeit der überwältigungsästhetischen Performativität Wagnerscher musikdramatischer Vorlagen durch künstlerische Parteien, im Falle von Hitlers Erleben insbesondere im Wien des beginnenden Zwanzigsten Jahrhunderts, einer Zeit in der Hitler – Pyta verweist einmal mehr auf den diesbezüglichen wissenschaftlichen Konsens320 – noch kein Antisemit war, auch wenn er dies in Mein Kampf später behaupten sollte. Hitler übrigens bevorzugte in diesem Erbenstreit die Auslegung des (zwar zum Katholizismus, ausnahmsweise nicht zum Protestantismus, konvertierten) „Juden“ Gustav Mahler und lehnte späterhin gar die Bayreuther Praxis ab, weshalb er zur diesbezüglichen Aufbesserung den von ihm seit seiner Wiener Zeit verehrten Alfred Roller an den Grünen Hügel empfahl.321 Zur Wagner-Rezeption in der DDR Aufführungspraxis und ideologische ‚Reinigung’ „Wagners Werk kann aber nur dort weiterleben und in seinem Sinne für das Fortschrittliche wirken, wo alle Versuche, seine künstlerischen Bestrebungen im Sinne reaktionärer Kräfte umzufälschen, keinen Boden mehr haben, bei uns in der Deutschen Demokratischen Republik.“322 Bereits im Sommer 1945 ist durch „Kulturoffiziere der sowjetischen Besatzungsmacht“ das Interesse an einer (Wieder-) Aufführung der Musik Wagners geäußert worden. Dem wurde recht bald entsprochen, so daß in der Sowjetischen Besatzungszone 1946/47, von Schwerin bis Chemnitz, Darbietungen des Tannhäuser sowie des Fliegender Holländer gegeben wurden. Natürlich war die Frage eines umfassenden Wagner-Verbotes bzw. -Verzichts mit Blick auf die Wagner-Rezeption der Nationalsozialisten allgegenwärtig. In der UdSSR selbst hatte Wagners Musik und die ihr angenommene unterlegte „Philosophie“ keine überragende, aber dennoch eine gewisse Bedeutung.323 Schon 2.3 2.3.1 319 Vgl.: Ebd., S. 75, Hervorhebung A.S. 320 „Den vor allem von Brigitte Hamann und Thomas Weber repräsentierten Forschungsstand wird man nur dann grundlegend in Frage stellen können, wenn bislang unbekannte Ego-Dokumente aus Hitlers Lebenszeit bis 1918 auftauchen sollten, die eine antisemitische Einstellung unzweifelhaft belegen würden.“ Ebd., S. 674 321 Vgl.: Ebd., S. 50 322 Opernbuch der DDR 1958, zitiert nach: Thieme (Hrsg.): Jetzt habt ihr eine Kunst! Anekdoten über Richard Wagner, a.a.O., S. 125/126 323 „Den Komponisten Richard Wagner (...) reklamierten die Deutschen ebenso für sich wie die Sowjets. In den zwanziger Jahren wurde Wagner in Leningrad und Moskau regelmäßig aufgeführt“. Der verengende Blick der Sowjets machte Wagner zu einem kulturpolitisch konformen „Kämpfer und Revolutionär“ (Prawda, 1938), weil – so Richard Overy weiter – Wagners passagere Begeiste- 2. Sachstand 86 aus den Jahren 1937/38 sind kulturpolitische Positionierungen der Sowjets überliefert, die auf die Wagnervereinnahmung der Nationalsozialisten reagieren und dann auf die Absichtserklärung einer für notwendig befundenen „Reinigung“ des Wagnerschen „Schaffens“ zum Zwecke der „Wiederherstellung der ganzen Wahrheit über Richard Wagner“ hinauslaufen.324 Denn Wagners Werk sei „im faschistischen Deutschland“ so bezeichneter „zu entlarvender Fälschungen ausgesetzt“, sein Kunstwerk gehöre jedoch „der fortschrittlichen Menschheit“, „nicht den Obskuranten“, als die die Nationalsozialisten bezeichnet werden, wenn sie nicht wie sonst üblich, Faschisten geheißen wurden. Die Prawda verbreitet dazu im Jahre 1938: „Der gegenwärtige deutsche Faschismus betrachtet Wagner als Vorläufer nationalsozialistischer Theorien (…) In unserem Kampf für das Wagnersche musikalische Erbe entlarven wir diese schändliche Lüge.“325 Mit der Partnerschaft Stalins und Hitlers im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes wird eigens Sergej Eisenstein in der erklärten Absicht den neuen Verbündeten zu würdigen eine Inszenierung der Walküre angetragen, die wesentlich den durch Nietzsche so bezeichneten „Treuebruch“ (siehe oben) in der ‚göttlichen’ Familie der ‚Wälsungen’ thematisiert. Eisenstein würde in diesem Werk „keinen deutschen Nationalismus, sondern eine Parabel über die Menschheit“ gelesen haben. Mit der Aufkündigung des Paktes, dem deutschen Überfall der UdSSR, wurde Wagner indes rigoros indiziert326: Die Sowjets betreiben somit also ebenfalls ihre Art der „Auslieferung“ Wagners an die Nationalsozialisten (siehe Scholz, Kap. 2.2 vorliegender Untersuchung). Nach dem Ende des nationalsozialistischen Staates wendeten sich auch die „sowjetischen Musiker“ dem Werk Wagners wieder zu. Wobei es faktisch erst Stalins Tod im April 1953 bedurfte, um Wagners Opern bzw. Musikdramen auch öffentlich wieder zur Aufführung zu bringen.327 Zum Zwecke des „Wiederaufbau[s] der (vom faschistischen Joch befreiten) deutschen Kultur“ wird vor allem der „Erfahrung der deutschen Klassik, die Erfahrung ihrer größten Meister, zu denen mit Recht auch Richard Wagner zählt“ durch den Komponisten, Musikwissenschaftler und Kulturfunktionär Igor Boelza besondere Bedeutung beigemessen. Boelzas Erwartungen scheinen in Bezug auf das Potential von Wagners Werken, speziell des Siegfried, insbesondere wegen dessen schöpferisch-kämpferischer Attitüde, beinahe grenzenlos progressiv und optimistisch. Er erwartet nichts weniger als die Erfüllung der so begriffenen Wagnerschen Vorsehung, die in der programmatischen Vorgabe einer „lichten Zukunft“, eines „Frieden[s] in der ganzen Welt“ sowie dem „Glück und Gedeihen der Menschheit“ ihren überschwänglichen Ausdruck findet. Die Vorstellung einer Realisierung dieser heilvollen Utopie basiert wesentlich auf der Apperzeption der musikdramatischen Darbietung und der Voraussetzung einer – ganz im Sinne Wagners (siehe Kap. 4.1.2 sowie 4.3 rung für 1848, seine „Überlegungen über eine Kunst für das Volk und die gesellschaftliche Aufgabe des Theaters“ dies ermöglichten. Overy: Diktatoren, a.a.O., S. 482 324 Vgl.: Seiferth, Werner P.: Richard Wagner in der DDR – Versuch einer Bilanz, Markkleeberg 2012, S. 24 325 Prawda Nr. 193 (1938), zitiert nach Seiferth, ebd. 326 Vgl.: Brüggemann: Genie und Wahn, a.a.O., S. 221 327 Vgl.: Overy: Diktatoren, a.a.O., S. 482 2.3 Zur Wagner-Rezeption in der DDR 87 vorliegender Untersuchung) – damit einhergehenden supponierten Bewußtseinsänderung ‚der Menschheit’. Einer, angesichts dieser Töne naheliegenden Diagnose idealistischer, etwas infantil und schwärmerisch anmutender Grundstimmung, gegen die schließlich nichts einzuwenden ist, muß jedoch immer auch die Kehrseite dieses sowjetrussischen Wagner- Enthusiasmus gegenübergesetzt werden. Denn Boelzas Faszination gilt eben auch der „reckenhaften Kraft [Siegfrieds]“, die hammerschwingend „das Schwert für den siegreichen Kampf gegen den Drachen schmiedet“328, der „Drache“ wiederum, diverse Ideologeme (Kapitalismus, Imperialismus, Faschismus) oder Menschengruppen (Kulaken, Reaktionäre, Konterrevolutionäre, Kosmopolitische Juden usw.) versinnbildlichen kann, gegen die das geschmiedete Schwert vor den Beginn der „lichten Zukunft“ zunächst zu richten ist. Eben darin sieht Nike Wagner den ideologischen Gegenstand des, auch im Westen aktiven, „stalinistischen Vortragsreisenden“ Boelza, der in seinen „Besinnungsaufrufen an die Nachkriegsdeutschen“ vor allem diese Idee des „Jung-Siegfried“ mit besagter Annotation propagiert habe.329 Boelza steht in der Tradition des sowjetischen Autoren Roman Iljitsch Gruber, der im Jahre 1934 eine Wagner-Monographie vorlegt, und sieht das dramatische Hauptwerk Der Ring des Nibelungen ideologisch unterteilt in einen ersten – progressiven und zuversichtlichen – Teil („Jung-Siegfried“) und einen zweiten – pessimistischen und hoffnungslosen – Teil (Untergang, „Götterdämmerung“). Bereits Grubers Ring-Exegese zielte auf den Nachweis eines Bruches von zunächst klar antikapitalistischen, revolutionären Inhalten und einer dafürgehaltenen „eigenartigen philosophisch-ethischen Auslegung [des eigenen Werkes durch Wagner selbst]“, die Gruber als „(ursprünglich in heroisch-epischer Hinsicht gut durchdachte[n]) Traum von der Bezwingung des ‚weltlichen Bösen’“330 bezeichnet. Anstößig daran scheint innerhalb der „sowjetischen“ Rezeptionslehre allein, daß die Überwindung des Bösen durch die „Kraft der Liebe“331 konzipiert ist, wie Gruber für Wagner zutreffend feststellt, und nicht länger allein durch revolutionären Antikapitalismus. Verantwortlich dafür sei die Hinwendung zu den „reaktionären“ und „chauvinistischen Philosophen Schopenhauer und Nietzsche“, die schließlich Wagners „religiösen Mystizismus“ bedingt haben würde. Äußerliche Indizien dieses konzeptionellen Bruches Wagners, der Loslösung vom Revolutionären und der Hinwendung zum Reaktionären, seien zudem die „niederträchtige Verleumdung der Pariser Kommune“ sowie die immer engere Anfreundung mit „aristokratischen und kapitalistischen Kreisen“. 328 Boelza, Igor: Wir sowjetischen Musiker, Bayreuther Festspielbuch 1952, zitiert nach: Wagner, Nike (Hrsg.): Über Wagner – Von Musikern, Dichtern und Liebhabern. Eine Anthologie, Stuttgart 1995, S. 303 ff. 329 Vgl.: Wagner, Nike: Über Wagner, a.a.O., S. 346 330 Roman Iljitsch Gruber zitiert nach: Duncker, Matthias: Richard-Wagner-Rezeption in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), Hamburg 2009, S. 21/22 331 Ein Aspekt, an dem auch der Nationalsozialist Alfred Rosenberg Anstoß nimmt. Vgl. Kap. 6. 2 vorliegender Untersuchung. 2. Sachstand 88 Dieser ideologische Umschwung wird denn auch als die Grundlage einer bürgerlich-aristokratischen (imperialistischen, „reaktionär-epigonalen“) sozusagen feindlichen Übernahme gelesen, die die Überführung des Bayreuthianischen und Wilhelminischen „Wagnerkultes“ in die Weltanschauung „faschistischer Herrschaft“ überhaupt erst ermöglicht.332 Der Historiker Matthias Duncker erkennt die Generalisierung dieses Musters für die paradigmatische Wagner-Rezeption der DDR insgesamt. Zur Überwindung der ideologischen Ambivalenz, die die historische – vor allem nationalsozialistische – Wagner-Rezeption sowie Wagners eigene nationale, nationalistische, chauvinistische, bourgeoise (bzw. je dazu erklärte) Tendenzen in SBZ und DDR auslösen, seien die kulturpolitischen Verantwortlichen auf die Idee verfallen, ihren „Ausweg“ aus diesem offenbaren Dilemma in der Zweiteilung des Lebens wie des Schaffens Richard Wagners zu suchen. Für die Erfassung dieses Vorgangs entwickelt Duncker sein „Zweiteilungstheorem“333, demzufolge von einer frühen-revolutionären und einer späten-reaktionären Phase auszugehen ist. Duncker weiß selbstverständlich, daß diese Scheidung weder neu noch originell ist und bereits kurz nach Wagners Lebzeiten einsetzt bzw. nachweisbar ist. Ihm kommt es vielmehr darauf an zu zeigen, daß dieses kulturpolitische Dogma, obwohl zunächst als „offizielle Linie“ gestützt und verbreitet, in der weiteren Entwicklung der kulturpolitischen Leitlinie der DDR nicht durchsetzungsfähig bleiben sollte. Im Zuge der Erschaffung eines schöpferischen Bewußtseins für den Aufbau des Sozialismus sei ein etwaiger „gedanklicher Zusammenhang zwischen Antikapitalismus und Protoantisemitismus völlig ignoriert“334 worden. Eine exakte Ätiologie der schleichenden Erosion der top down dekretierten schismatischen Wagner-Rezeption (Früh- und Spätphase) kann sich nicht ergeben, insofern diese „schrittweise partiell“ geschehen sei. Die Analyse Dunckers läuft zum einen darauf hinaus, daß kulturelle Protagonisten – Regisseure, Komponisten und Wissenschaftler, in gewichtiger Rolle auch der hier zitierte Werner Wolf335 – die kulturpolitische Leitlinie theaterpraktisch und in der Folge wie im Vorlauf hermeneutisch unterliefen bzw. innerhalb paralleler Denk- und Arbeitsstrukturen schlichtweg ignorierten. Die kulturelle Elite verselbständigte sich, wo eine offizielle Parteilinie fachlich und intellektuell unterrepräsentiert blieb. Zum anderen konnte die eigenmächtig geübte, ganzheitliche, sozusagen „ungeteilte“ Wagnerrezeption eingefügt werden in ein allgemein „breiteres Spektrum künstlerischer und auch wissenschaftlicher Positionen“. Der „sakrale Umgang“ mit dem „,progressiven’ Erbe“ bedingte die generelle „Abwertung der Vertreter der Romantik“. Die üblichen einschlägigen Begründungen dieser Ächtung – die „vermeintlich negativen, reaktionären Elemente“336 – sind zugunsten 332 Vgl.: Duncker: Wagner-Rezeption in SBZ und DDR, a.a.O., ebd. 333 Duncker: Wagner-Rezeption, a.a.O., S. 18 und S. 109ff. 334 Ebd., S. 101 335 Wolf ist seit den frühen Fünfziger Jahren der bis heute unveränderten Auffassung, daß die Unterteilung in eine „progressive und reaktionäre Periode“ undifferenziert sei. Mit den Vorbereitungen zum Wagner-Jubiläum 1963 sei unter Beteiligung Hanns Eislers die Devise „Verdienste und Leistungen Wagners seien zu würdigen, aber auch seine Widersprüche darzustellen“ allgemein anerkannt worden. Vgl.: Wolf: Wagner-Bild in der DDR, a.a.O., S. 11 und 34 2.3 Zur Wagner-Rezeption in der DDR 89 der Anerkenntnis einer „vielfältigen nationalen Kulturentwicklung“ mitsamt „allen kulturellen Leistungen der Menschheitsgeschichte“337 abgeschwächt und entwertet worden: Daher seien die „Widersprüche [im] Weltbild“ speziell Wagners aufzudecken und vor allem als Reflex auf die „Widersprüche seiner Zeit“ zu verstehen. Der lehrreiche Nachvollzug dieser Zusammenhänge durch die „Werktätigen“ konnte als nützlicher Beitrag zu ihrer von der Staats- und Parteiführung gebetsmühlenartig deklamierten „historischen Aufgabe“ den Sozialismus aufzubauen begrüßt und nutzbar gemacht werden. In Bezug auf das eigentliche Problem, die zu entlarvende Verfälschung des Wagnerschen Werkes also, entwickelt Seiferth seine zentrale These, daß stets bloß „theoretischer Natur“ geblieben sei, worin eine „faschistische Verfälschung“ nun eigentlich bestünde und daher auch, was eine sowjetische bzw. der SBZ bzw. der DDR gemäße kulturpolitische Berichtigung dann bezeichnen sollte – denn „theaterpraktisch blieb vieles beim Alten [hier also die alte Aufführungspraxis vor 1945]“.338 Eine „theoretische“ Auseinandersetzung konnte in einer Gesellschaft unter diktatorischer Herrschaft zugunsten einer dekretierten Ideen-Richtlinie naturgemäß ja auch kaum stattfinden. Zudem war, sowohl in der SBZ wie in der DDR, Wagner-Literatur (von oder über Wagner) sehr schwer zugänglich und falls doch, nur von einem überaus begrenzten Personenkreis rezipiert worden.339 Aber abgesehen davon galt sowieso, daß jegliche „Abstraktionen das Verständnis der Werke erschwerten und damit für ein werktätiges Publikum nicht hilfreich“340 seien. Es ist ein logischer Befund, auch im Sinne meiner These, daß das musikdramatische Werk Wagners – „faschistisch“ oder nationalsozialistisch oder kommunistisch besehen, falls dies überhaupt denkbar wäre –, diesbezüglich keine eigene Anschlußfähigkeit aufweist. Daher mußte diese Debatte auch im Diskurs der DDR und des „Ostblocks“ auf das Bekenntnis beschränkt bleiben, „unser Wagner“ – „nicht der Wagner der Nationalsozialisten“ bzw. der Bundesrepublik, des „Westens“ und des Kapitalismus, wie historisch schließlich auch geschehen ist. Die theoretisch nicht weiter verfolgte (und wohl nicht weiter verfolgbare) Auseinandersetzung ereignete sich daher also in Feldern, die Seiferth als „sekundäre Erscheinungen“341 dieser Debatte bezeichnet, und die vor allem Wagners musikalisches Werk nicht beträfen. Dementsprechend können als die wesentlichen Kampfplätze des bipolaren Blocksystems um Wagner und sein Werk, zum einen also das Ringen um die meisten „entnazifizierten“ Künstler342 bzw. das Engagement unbehelligter Nationalsozialisten und zum anderen die Frage nach der staatlichen Alimentierung des Theaterbetriebs, der finanziellen Subventionierung der Eintrittspreise und andererseits die dem Westen unterstellte 336 Vgl.: Duncker, a.a.O., S. 105 337 Berichterstattung auf dem IX. Parteitag der SED 1976, zitiert nach Duncker, ebd. 338 Seiferth: Wagner in der DDR, a.a.O., S. 24 339 Vgl.: Ebd., S. 20 340 Ebd., S. 70 341 Vgl.: Ebd., S. 20 f. 342 Ebd., S. 38 2. Sachstand 90 Ökonomisierung des Kulturbetriebes im Allgemeinen und der Wagner-Inszenierungen im Besonderen benannt werden. Werner Wolf begründet die Möglichkeit der raschen Wiederaufnahme von Wagner-Inszenierungen nach dem Kriege in der SBZ mit der zunächst geübten selektiven Aufführungspraxis, die vorerst auf Tannhäuser und Holländer beschränkt blieb.343 In diesen Frühwerken konnte – angesichts der Entstehungszeit der Werke, logischerweise – sehr einfach und deutlich der Geist des Vormärz und der 48er Revolution, den der Tannhäuser atmet, geltend gemacht werden. Zudem konnte von den Regierenden günstigerweise pro-wagnerisch aufgegriffen werden, daß Wagner nicht nur „deutsche Stoffe“ musikdramatisch gestaltete.344 Der Matrosenchor des Holländer sei zudem von jeher Bestandteil auch des Repertoires von Arbeiterchören. Der Ring konnte traditionell leicht als einseitig antikapitalistisch, als „Kampf um Besitz und Macht“ gedeutet werden. Vor allem eine derartig wohlwollende Interpretation selektierter Wagner-Stoffe bot die Möglichkeit der gleichsam kulturellen Tradierung Wagners in den Kulturbetrieb der entstehenden DDR. Wolf ist der Ansicht, das „von den Nationalsozialisten geprägte Bild vom Nationalisten Wagner“ – Wagners Nationalismus erscheint als potentiell und vorrangig problematisch für die Sozialisten, nicht sein Antisemitismus – sei bereits 1947, also schon in der SBZ, aus den genannten Gründen „weitgehend entkräftet worden“.345 Wiewohl zu bemerken ist, daß das „nationalistische Konzept“, dem sich auch Wagner in seinen frühen Jahren verpflichtet sah, zunächst vor allem eine „linke“ Komponente aufweist. Wagners „klassentranszendierender“ Nationalismus hatte insofern vor allem das Ziel „den Kosmopolitismus der Aufklärung, das Versprechen des allgemeinen Menschentums und der Gleichheit der Menschen“ zu verwirklichen und zu erfüllen. Erst aus der linken Vorbedingung der Volkssouveränität könne die rechte Idee der Volkssolidarität – beide seien gleichursprünglich entstanden – verstanden werden.346 Für Wagner kann deutlich die Dominanz dieser linken Perzeption nachgewiesen werden (siehe Kap. 4.1.1 vorliegender Untersuchung), die: 343 Wolf: Wagner-Bild, Vortragsmanuskript, a.a.O., S. 5 f. 344 Der Holländer, die „düstere Seefahrerballade“ sei die Adaption eines gleichnamigen „angeblichen Theaterstückes“ in Heinrich Heines Aus den Memoiren des Herrn Schnabelewopski und wegen des Heine-Verbotes der Nationalsozialisten gewissermaßen unverdächtig. Ebd. 345 Ebd., S. 6. Wiewohl auch kritische Stimmen, die aber kein größeres Gewicht entfalten konnten, in der SBZ und den „westlichen“ Sektoren zu vernehmen sind. „Für Erziehungsarbeit im Sinne demokratischer Erneuerung Deutschlands ist sicherlich das Schwert ‚Nothung’ [die durch Siegfried neu geschmiedete und wieder geführte mythisch bedeutsame Waffe im Ring des Nibelungen] das denkbar schlechteste Instrument.“ Seiferth: Wagner in der DDR, a.a.O, S. 35. Müller sieht in einer Debatte aus dem Jahre 1958, die in dem Fachblatt Theater der Zeit ausgetragen wird, das Ende eines bis dahin „nicht reibungslos“ verlaufenden „Perspektivwechsels“ vom „protofaschistischen zum sozialistischen“ Wagner-Bild. In jener Debatte sei schließlich der „letzte Versuch, Wagner vollständig zu desavouieren“ mißlungen, der Perspektivwechsel mithin „erfolgreich“ vollzogen. Vgl.: Müller: Wagner und die Deutschen, a.a.O., S. 205 346 Nassehi, Armin: Die letzte Stunde der Wahrheit – Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss, Hamburg 2015, S. 34/35 2.3 Zur Wagner-Rezeption in der DDR 91 „… links in dem Sinne [sei], dass es nun nicht mehr Dynastien oder Herrschaftsgebiete, nicht mehr aristokratische Traditionen und geschlossene Führungszirkel sind, die kollektive Identität repräsentieren … sondern ‚das Volk’ …“347 Überdies pflegten die ostdeutschen Kulturpolitiker sich an der Aufführungspraxis im europäischen und transatlantischen Nachkriegsausland zu orientieren. Die Tatsache, daß bereits im Jahre 1946 Leonard Bernstein in London die Götterdämmerung dirigierte, in Paris sowie in London der Holländer gegeben wird, in Basel der Lohengrin und in New York der Tristan bzw. in Chicago der Tannhäuser aufgeführt wird, wurde in der SBZ gedeutet als Indiz für die perennierende Gültigkeit der originären Intention des Wagnerschen Œuvres, die vor allem in der Fähigkeit der Transzendierung eigener Schranken, als der Partikularisierung eines einzelnen Volkes zugunsten der „Vermählung mit der ganzen Menschheit“348, begriffen werden konnte. Maßgebliches Kriterium der Sowjetischen Militäradministration (SMAD, 1945-1949, danach Sowjetische Kontrollkommission) ist das ihrem Ermessen entsprechende an der deutschen Kultur Bewahrenswerte, dessen also, was zu den „Schätzen der deutschen Kultur“ gezählt werden muß – „Dass Wagner zum nationalen Kulturerbe [d.h. hier: auch und vor allem dem der DDR] gehört, stellte ernsthaft keiner infrage.“349 Duncker identifiziert ein so benanntes „Erbekonzept“, demzufolge die SED ein gleichsam herrenlos gewordenes kulturelles Erbe angetreten zu haben glaubte und dies vor allem wünschte, welches, insofern sich das Bürgertum nach 1848 von der Weimarer Klassik und derer humanistischen Ideale sukzessive distanziert habe, bis dahin verwaist geblieben sei. Entsprechend konnte die SED großspurig ihre „führende Rolle auf dem Gebiet der Kultur“ ableiten.350 Unbeträchtlich und vernachlässigenswert hingegen ist eine etwaige „faschistische Ausnutzung und Besudelung“ vor allem Wagners, die in der kulturpolitischen Debatte schlicht festgestellt und daraufhin, jede weitere Auseinandersetzung im Ansatz unterbindend, ideologisch eskamotiert wird.351 Daß Wagners Werk nicht dadurch kleiner werde, daß sich ein Hitler an ihm vergangen habe, ist das in der Fachzeitschrift Aufbau – das kulturpolitische Organ zur „demokratischen Erneuerung Deutschlands“ – durch Erwin Kroll ausgewiesene Initial der Antwort auf die Frage, ob „eine Schonzeit für Wagners Werke“ geboten sei oder nicht. Auch er stellt fest, daß von „New York bis Moskau“ Wagners Musik sehr gern gehört werde, was daran liege, daß „Wagners Kunst über alles Nationale hinaus auf die ganze Welt“ wirke, insofern sie „deutsch und weltläufig zugleich ist wie keine andere.“352 Da Deutschland in diesen Tagen bekanntermaßen in Sektoren unter alliierter Administration aufgeteilt war, hatte die Nachkriegs-Rezeption des Wagnerschen Werkes in London, Paris, Moskau und New York (resp. Washington) einen unmittelbaren Einfluß auf die jeweiligen Besatzungszonen und die entsprechenden kulturpolitischen 347 Ebd.: S. 33 348 Wolf: Wagner-Bild, a.a.O., S. 22/23 349 Ebd. S. 52 350 Vgl.: Duncker: Wagner-Rezeption, a.a.O., S. 17 und S. 64 f. 351 Vgl.: Seiferth: Wagner in der DDR, a.a.O., S. 23 352 Ebd. 2. Sachstand 92 Richtlinien insbesondere in Bezug auf die praktische Pflege353 des Werkes Richard Wagners bzw. deren denkbare Unterlassung resp. Verhinderung. Die Positionen des Britischen Kontrollrates für Deutschland und Österreich, der Amerikanischen Militärregierung sowie der SMAD in dieser Hinsicht können als vollkommen einhellig bezeichnet werden: „Das Aufführungsverbot bestimmter Komponisten sei eine Nazimaßnahme gewesen, die sich die britische Regierung nicht zu eigen machen werde.“ Und zwar, weil: „…wenn Wagner durch Hitler mißbraucht worden“ sei, so habe er [Wagner] sich „wirklich nicht dagegen wehren“ können, „denn er war tot.“ Die Amerikaner wollen „…daß kein einziges musikalisches Werk kraft Autorschaft verboten sei, es folglich keinen Befehl der Militärregierung gebe, der die Aufführung von Wagners Werken“ verbiete. Für die Sowjets sei nicht alles „verloren [zu] geben, was die Faschisten für sich in Anspruch genommen (‚ausgenutzt und besudelt’)“ hätten.354 Ergänzend seien einige Bemerkungen gemacht, die an die als kulturpolitische Kernproblematik begriffene Frage anknüpfen, „Was nun eigentlich die Verfälschungen [in der Regiepraxis] der Faschisten waren und wie man sie beheben könnte, blieb theoretischer [kunsttheoretischer] Natur.“355 In der Lesart Seiferths scheint die Wagner-Rezeption in SBZ wie DDR vornehmlich theaterwissenschaftlicher Natur gewesen zu sein. Theoretische Auseinandersetzungen und offizielle Stellungnahmen betreffen vor allem die Reflexion der Ereignisse in („Neu-“) Bayreuth unter der Verantwortung Wieland Wagners – die von überwiegend regiepraktischem und inszenatorischem Interesse sind –, der nach dem Rückzug seiner Mutter Winifred Wagner die Leitung der Festspielgeschicke übernommen hatte. Von übergeordneter (einziger?) Bedeutung war die Kunst (eben auch diejenige Wagners) zwar, weil sie auch in der kommunistischen Hemisphäre als besonderer „Ideologieträger“356 identifiziert wurde. In der Folge werden jedoch lediglich zwei unterschiedliche Kunstauffassungen konstatiert – die des Ostens und die des Westens. Diese wiederum sind zu reduzieren auf einerseits Belange der Volkspädagogik für den Osten und andererseits Fragen der Marktgängigkeit, die dem Westen zugeschrieben wurden. Vor allem infolge der soziologischen Betrachtung des Publikums konnten ostdeutsche Kulturpolitiker befriedigt bekräftigen, „dem Volk Zugang zur Kunst“357 überhaupt erst verschafft zu haben. Die Regierenden der DDR konnten sich so in der Tat als gemäß der ursprünglichen Intention Wagners (siehe dazu Kap. 4.1.2 sowie 4.2.1.3 vorliegender Untersuchung), denkende und handelnde Erben verstehen: „Das hatte mit der Bedeutung zu tun, die Kunst [in der Sichtweise der Kulturpolitiker der SBZ bzw. DDR] im jeweiligen Gemeinwesen hatte. Der Osten verstand sie als Instrument 353 Seiferth weist auf den interessanten Umstand hin, daß es auch den Kulturschaffenden in der SBZ und später der DDR zupasskam, daß Druckexemplare von Wagner-Partituren reichlich zur Verfügung standen, und außerdem, was weit wichtiger war, Tantiemen (obendrein in Form der nur spärlich verfügbaren Valuta) aufgrund der Lizenzfreiheit von Wagners Werken nicht anfallen konnten. 354 Zitiert nach: Seiferth: Wagner in der DDR a.a.O, S. 23 355 Ebd. S. 24 356 Ebd. S. 40 357 Ebd. S. 54 2.3 Zur Wagner-Rezeption in der DDR 93 der Beeinflussung der Massen … – insofern war sie außerordentlich wichtig … Der Westen verstand sie als Wirtschaftsfaktor, der ‚sich rechnen muss’…“358 Daß die sozialistische, ostdeutsche „Reinigung“ Wagners einzig im Sinne einer „radikalen Entbayreuthisierung“359 begriffen werden sollte – indem Bayreuth als eigentlicher Ort der Auslieferung des Wagnerschen Erbes an aristokratisch-bürgerliche Kreise sowie der daran anschließenden nationalsozialistischen Modifikation betrachtet wurde – erscheint somit plausibel. Die von den Nationalsozialisten medial und propagandistisch besonders instrumentalisierten Meistersinger gerieten bereits in den frühen Fünfziger Jahren in „gewichtiger Stellung“ auf die Spielpläne der Opernhäuser der DDR. Insofern die Meistersinger – eigentlich exemplarisch für das gesamte Opus‘ Wagners – für gewisse „Bestrebungen der DDR“ anregend gewesen seien: die Einheit Deutschlands und die Trägerschaft eines geeinten Volkes, sowie die Idee künstlerischer Freiheit nach neuen Regeln, die den frühen Ausblick auf den neuen „Realismus“ böten u. drgl. m.360 Das publizistische Hauptorgan der SED Neues Deutschland interpretiert den „Jubel, mit dem die erste Wiedergabe [der Meistersinger] nach dem Zusammenbruch der Naziherrschaft begrüßt wird“ als Beleg für die tiefe Einsichtsfähigkeit des Volkes in diesen dem vom „KdF-Rummel [Kraft durch Freude361] befreiten Werk wieder zugeführten „sittlichen Gehalt.“362 Exkurs: Antisemitische Säuberungen in SBZ/ DDR Ein wesentlicher Bestandteil der ideologischen Ausrichtung der 1949 gegründeten DDR war der Umgang mit bzw. die Einordnung der deutschen NS-Vergangenheit. Die aberwitzigen „Säuberungen“, die eine Reaktion auf die „Jüdische Frage in Ostdeutschland“ sind, bezeugen eine offizielle Partei- und also Regierungslinie, die einen „ziemlich vollständigen Katalog der traditionellen antisemitischen Klischees“363 enthält und bei Kenntnis der Diktion Hitlers, Goebbels’ oder Chamberlains tatsächlich 2.3.2 358 Ebd. 359 Ebd., S. 51 360 Vgl.: Wolf: Wagner-Bild, Vortragsmanuskript, a.a.O, S. 8 361 Die nationalsozialistische Organisation Kraft durch Freude hatte in der Tat die gleichlautende Absicht wie sie die Kulturpolitiker der DDR formulierten, nämlich Unterprivilegierten den Zugang zu Theater- und Konzertaufführungen zu subventionieren. Daß weder im NS-Deutschland noch in der DDR eine „Klassenspaltung“ sozialistisch überwunden wurde – Privilegien und Pfründe weiterhin gängig waren – bleibt von frommen Wünschen unberührt: „Selbst wenn die vielgepriesenen ‚glanzvollen’ Reisen nach Madeira oder Norwegen auf den Kreuzfahrtschiffen der Organisation ‚Kraft durch Freude’ den Privilegierten vorbehalten waren und die Klassenspaltung nicht wirklich überwanden, so waren mehr Deutsche als zuvor in der Lage, sich Ausflüge aufs Land oder Karten für Theateraufführungen und Konzerte zu leisten.“ Kershaw, Ian: Hitler 1936-1945, München 2002, S. 21 362 Seiferth: Wagner in der DDR, a.a.O., S. 44 363 Herf, Jeffrey: Säuberung vom „Kosmopolitismus“ – Die jüdische Frage in Ostdeutschland 1949-1956. in: Ders.: Zweierlei Erinnerung – Die NS-Vergangenheit im geteilten Deutschland, Berlin 1998, S. 137 2. Sachstand 94 eine frappierende Ähnlichkeit aufweist, die zum Verwechseln ist. Auch deshalb sei an dieser Stelle folgender Exkurs unternommen. Jeffrey Herfs Analyse, die in eine vergleichende Studie zur NS-Rezeption in beiden Teilen Deutschlands eingebettet ist, zeichnet das Bild einer grotesken „antijüdischen Politik nach innen und nach außen“, die letztlich vier Jahrzehnte aufrechterhalten wurde364 und zunächst unter dem Topos (Anti-) Kosmopolitismus365 firmierte. Zur Definition dessen, was als „zionistisch“ zu bezeichnen war, bediente man sich des denkbar schärfsten zur Verfügung stehenden Vokabulars, das alle „geläufigen Parameter der Judenfeindschaft“366 aufweise und welches, nota bene, in weiten Teilen ebenso gut den in der DDR gängigen Bezeichnungen nationalsozialistischer Organisationen entspricht: „Zionistische Organisationen waren nach dem Wörterbuch der Staatsicherheit ‚reaktionäre, nationalistische, rassistische, konterrevolutionäre, antisozialistische und antisowjetische politische Vereinigungen, die auf der Grundlage der zionistischen Ideologie, wie Chauvinismus, Rassismus und Expansion, von reaktionären imperialistischen Kreisen zur Verschärfung der internationalen Lage, zur Schürung des Antisowjetismus und des Antikommunismus und zum Kampf gegen die nationale Befreiungsbewegung genutzt werden.’“367 Daß es sich bei den judenfeindlichen Auswüchsen nicht bloß um opportunistische Reflexe auf die weltpolitische Entwicklung gehandelt haben mag, belegt der Umstand, daß sich die „marxistisch-leninistischen Denkstrukturen nach stalinistischem Vorbild“ auch in der frühen DDR „sehr schnell und radikal“ mit „antisemitischen Inhalten“ haben füllen lassen und gleichsam als „antisemitisches Einfalltor“ besonders geeignet seien.368 Die ideologischen Elemente des intentional judenfeindlichen Kampfes wider den „Kosmopolitismus“ sind historisch rückbezogen (I.) und realpolitisch (II.) in den Zusammenhang des entstehenden bzw. entstandenen Kalten Krieges einzuordnen, sie können lauten: I. Geschichtsklitterung: a) Marginalisierung des Holocaust, b) Hitler-Stalin-Pakt, 364 Nachum Orland zeigt, daß sich die DDR diesbezüglich – „aggressiv, höhnisch, zynisch, antiisraelisch“ – bis zum Schluß unverändert positionierte, antisemitische Grundhaltungen über antizionistische Kritik transportiert, wenn in Publikationen des Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik noch im Jahre 1989 von „scharfkralligem israelischen Monopolkapitalismus“ und „hungrigen und gefräßigen Räubern“ zu lesen ist. Vgl.: Orland, Nachum: „Der Israeli“ – Antizionismus und Antisemitismus, in: Schoeps, Julius H./ Schlör, Joachim (Hrsg.): Antisemitismus – Vorurteile und Mythen, Frankfurt am Main 1995, S. 279/280 365 Bereits Karl Marx und Friedrich Engels führen den Begriff „kosmopolitisch“ zur Feindbildbezeichnung der sog. Bourgeoisie ein. Vgl.: Marx, Karl/ Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei [1848], Berlin 1977, S. 16 366 Benz: Was ist Antisemitismus? A.a.O., S. 203 367 Ebd., S. 204/205 368 Vgl.: Stein, Timo: Zwischen Antisemitismus und Israelkritik – Antizionismus in der deutschen Linken, Wiesbaden 2011, S. 66/67 2.3 Zur Wagner-Rezeption in der DDR 95 c) Anti-Hitler-Koalition mit den westlichen Demokratien, d) der Glaube an die Verflechtung von Kapitalismus – dem (demokratischen) „Westen“ – mit dem Judentum als Ursache für das Entstehen des „Faschismus“. II. Antijüdische bzw. Antizionistische Politik: a) Notwendiger „Kommunistischer Nationalismus“, b) Antizionismus, c) Ablehnung jeglicher „Wiedergutmachung“ jüdischen Opfers, d) der Glaube an die Verflechtung von Kapitalismus – dem (demokratischen) „Westen“ – mit dem Judentum als künftige Bedrohung für den kommunistischen „Osten“. Bereits mit der Unterscheidung eines „Kosmopolitismus“ von „Internationalismus“, erstmals öffentlich geschehen 1949 durch ein SED-Führungsmitglied, als einerseits „bürgerlich“ und andererseits „proletarisch“, entgleist die Führung der DDR in antisemitische Gefilde. Kosmopolitismus sei eine Gefährdung der „Erneuerung des Klassenbewußtseins und der Nation“ insofern er das „Ideal des ‚Geldmenschen’“, des „vaterlandslosen Gesellen“, „völliger Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal seiner Heimat und seines Volkes“ und „Verschacherung und Verrat seines Volkes“ bilde. All dies stelle die „nackte, brutale kapitalistische Ausbeutung im Weltmaßstab“369 dar. Um den „Wahnsinn dieses paranoiden Konstrukts“ (Herf) nachzuvollziehen, sind die Einzelelemente knapp darzulegen. Wieder zusammengeführt zeigt sich der besondere Stellenwert der Judenfeindschaft in der ostensiblen „antifaschistischen politischen Kultur“370 der DDR. Die erfolgversprechenden, das Überleben sichernden Tugenden sind, klassisch stalinistisch, vor allem „Amnesie, Ängstlichkeit und Opportunismus“371 als Reaktion auf sog. „Säuberungen“, die in totalitären Regimen darauf abzielten, „menschliche Solidarität zu zerstören, indem sie den einzelnen zwinge, sich selbst zu retten.“372 Welche seelisch-psychischen Verheerungen diese Säuberungen auch für diejenigen bedeutet haben mag, die letztlich nicht ‚entfernt’ werden oder in einem GULag373 endeten, ist immer noch besonders eindrucksvoll bei Wolfgang Leonhard geschildert.374 Seine autobiographische Erinnerungsschrift Die Revolution entläßt ihre Kin- 369 So Ernst Hoffmann, Abgeordneter in der Volkskammer, Mitglied des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (ZK der SED) und Mitarbeiter des Kulturministeriums der DDR. Herf: Säuberung, a.a.O.: S. 135/136 370 Auf die semantische Konjunktur des eigentlich leeren Topos ‚Faschismus’ bin ich, mit Bezug auf Umberto Eco, bereits oben eingegangen. 371 Herf: Säuberung, a.a.O., S. 192 372 Ebd.: S. 177 373 So wurden die „Konzentrationslager“ Buchenwald und Sachsenhausen, die die Nationalsozialisten errichteten, praktisch beinahe „nahtlos“ wieder ihrer Bestimmung der Internierung von – z.T. zum zweiten Mal – als Volksfeinde bezeichneter Oppositioneller bzw. dazu Erklärter, zugeführt und als GULag wiedereröffnet. Ein Teil dieser Menschen ist erst kurze Zeit zuvor aus Gefangenschaft und Folter der SS befreit worden. Zu den „direkt vom NS-Regime übernommenen Lagern“, vgl.: Gauck, Joachim: Vom schwierigen Umgang mit der Wahrnehmung, in: Courtois u.a.: Schwarzbuch, a.a.O., S. 886 f. 2. Sachstand 96 der gibt einen Einblick in die 1937 in der UdSSR stattfindende Säuberung, die buchstäblich jeden treffen konnte. Leonhard war sechzehn (!) Jahre alt, seine Mutter – eine verdiente und überzeugte deutsche Kommunistin, die in die UdSSR geflohen ist, war in dieser Zeit bereits verhaftet. Säuberungen beginnen demnach auf der höheren politischen Ebene, die Aushebung eines vermeintlichen „Trotzkistischen Parallelzentrums“ ist der Höhepunkt einer Eliminierungswelle, die vor allem enge Vertraute Lenins betrifft.375 Die Prawda gibt die Interpretationslinie vor und begründet den staatlichen Terror mit der Notwendigkeit, sogenannte „tolle faschistische Hunde“ zu vernichten, die als „Volksfeinde von der Erdoberfläche ausradiert“ werden müssen. Überdies handele es sich bei diesen Menschen um „seit Jahrzehnten Schädlinge, Agenten, Volksfeinde“, die es verstünden, ihre Umgebung zu blenden und kommunistische Funktionärsvorbildlichkeit vorzutäuschen.376 In der Konsequenz der anscheinend ubiquitären Bedrohung wurde im Verborgenen „sehr viel von Wachsamkeit gesprochen“, so daß Die große Säuberung – vom Kinderheim aus [,] gesehen, so der Titel eines Kapitels der Schrift Leonhards, in alle gesellschaftlichen Bereiche einwirkt. Der Begriff „Verhaftung“, noch vor Kurzem ein schrecklicher Ausnahmefall, wurde zur alltäglichen Erscheinung.377 Die daraus resultierende „Angstpsychose“ – von welcher alle befallen seien und welche jedermann „wie gehetztes Wild“ umherlaufen mache – nötigt die allgegenwärtige und alles entscheidende Frage des gebotenen Wohlverhaltens und des unbedingt zu meidenden Fehlverhaltens auf. Christopher Hitchens bezeichnet es als „ein Grundprinzip des Totalitarismus“, Gesetze zu erlassen und Maßregeln zu dekretieren, „die nicht zu befolgen sind“, und die daraus erwachsende Tyrannei sei noch eindrücklicher, wenn sie von einer privilegierten Kaste oder Partei ausgeübt werde, die mit Feuereifer die Aufdeckung von Verfehlungen betreibe.378 Die ideologische Wankelmütigkeit, die offen widersprüchlich, nie verlässlich, teilweise ins Absurde reichend und intellektuell unverschämt daherkommt, ist kaum nachvollzieh- und unmöglich vorhersehbar: „Aber was war das ‚Richtige’?“379, um einer Verhaftung zu entgehen, wie sich verhalten, wenn „politische Nichtübereinstimmung in ein Verbrechen“380 verkehrt werde? Solche Massenparanoia, die perfide Machthaber freilich immer intendieren, führte zu dem irrationalen Verhalten der ei- 374 Leonhard, Wolfgang: Die Revolution entläßt ihre Kinder [1955], Köln/Berlin 1973 375 „Nur ein einziges Mitglied der ersten Sowjetregierung vom November 1917 überlebte die Säuberung: Stalin.“ Vgl.: Ebd., S. 53. Natürlich beschränkten sich die Säuberungen „jedoch keineswegs nur auf die Spitzen“ und, daß Stalin die Führung der Roten Armee beinahe umfassend, bis zu deren Handlungs- und Verteidigungsfähigkeit im Angesicht der Invasion durch die Nationalsozialisten, ausrotten ließ, stellt denn tatsächlich und eigentlich einen Verrat an den Völkern der Sowjetunion dar. 376 Vgl.: Ebd., S. 26 377 Vgl.: Ebd., S. 37 378 Vgl.: Hitchens, Christopher: Der Herr ist kein Hirte – Wie Religion die Welt vergiftet, München 2009, S. 257, Hervorhebung des Verfassers 379 Vgl.: Leonhard: Revolution, a.a.O., S. 38 380 Herf: Kosmopolitismus, a.a.O., S. 157 2.3 Zur Wagner-Rezeption in der DDR 97 genen Auslieferung in Form des „Geständnisses“, das die scheinbar letzte wenn nicht einzige Möglichkeit des mildernden Einflusses auf das eigene Schicksal bietet. „Es war eine unvorstellbare, groteske Situation. Während sonst Menschen, die unter einer Diktatur leben und aktiv gegen sie tätig sind, sich vornehmen, bei einem Verhör nichts zuzugeben und soviel [sic] wie möglich abzustreiten, um mit einer geringen Strafe wegzukommen, wurde ich Zeuge von langen Gesprächen ernsthafter Menschen, die niemals etwas gegen das System getan hatten, sich aber sorgfältig und ernsthaft überlegten, was sie nach einer Verhaftung zugeben könnten!“381 Peter Sloterdijk unterlegt derlei pseudojuristischen Prozeß-Farcen die Regeln eines „immergültigen [sic] paranoischen Syllogismus“382, der in concreto die Abfolge des „ich unterstelle; der andere leugnet; also trifft der Vorwurf zu“383 bedeute. Die bestellten und daher im Vorhinein feststehenden Urteile erübrigten den Opfern die bloße Möglichkeit, „einen subjektiven Kompromiß zwischen der Evidenz ihrer Unschuld und ihrer persönlichen [in der Regel vollkommen authentischen] Loyalität gegenüber der Idee des Kommunismus zu formulieren.“384 Daß derartige Ereignisse – zudem die Internierung der Mutter, die plötzliche Entfernung bisher vollkommen linientreuer Lehrer, die Verhaftung halbwüchsiger „Kameraden“, die als „volksfeindliche Schüler“385 verunglimpft wurden, die Zumutungen einer schulischen Lehre, die gestern Doziertes heute als Häresie brandmarkt –, daß dies im Ergebnis zu keinerlei Opposition zu den Verantwortlichen führte, trifft wohl nicht nur auf den jungen Leonhard zu und ist eher die Regel als die Ausnahme, und daher umso erstaunlicher, falls man darin nicht einfach die erwartbaren Folgephänomene totaler Implementation eines totalitären Regimes wiedererkennt. Das Resultat systematischer Gehirnwäsche, aber auch das Zeugnis eines treuen Glaubens, enthält das folgende Zitat, das Leonard als Beispiel dieser allgegenwärtigen Debatte gibt, die unter den schutzbefohlenen Bewohnern eines sowjetischen Kinderheimes stattfand, die Angehörige schutzsuchender deutscher Kommunisten sind: „Gewiß gibt es in der Sowjetunion wirklich eine Anzahl von Spionen, Agenten und Diversanten. Vielleicht weiß die Sowjetmacht nur, daß sie vorhanden sind, aber nicht, wo und um wen es sich handelt. Um nun ganz sicherzugehen und den Sowjetstaat zu retten, muß man wohl oder übel also auch Unschuldige verhaften. Die ist zwar für den einzelnen schmerzhaft, aber ist es nicht ‚grundsätzlich’ gesehen gerechtfertigt, wenn es sich darum handelt, das einzige sozialistische Land der Welt zu retten?“386 Nicht einmal die Methoden der Verhaftung, der Säuberung und der Vernichtung in den Arbeitslagern selbst, erscheinen den indoktrinierten Jugendlichen fragwürdig – „daß es sich um etwas handelte, was zu unseren Idealen des Sozialismus in direktem 381 Leonhard: Revolution, a.a.O., S. 40 382 Sloterdijk: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit, a.a.O. Die Inszenierung solchen Legitimitätstheaters ist häufiger und zuverlässiger Bestandteil jeden Staatsterrorismus’, vgl.: S. 173 f. 383 Ebd.: S. 168 384 Ebd.: S. 169 385 Leonhard: Revolution, a.a.O., S. 52 386 Ebd.: S. 43/44 2. Sachstand 98 Gegensatz stand“, wie Leonhard nach seinem „Bruch mit dem Stalinismus“387 retrospektiv konzediert. Ich kehre zurück zur Analyse Jeffrey Herfs. Daß die Bedeutung des Massenmordes an den Juden in der Erinnerungskultur der DDR (I.a) diminuiert wurde, ist auf die unterstellte, damit einhergehende Relativierung der übrigen Opfergruppen des Zweiten Weltkrieges, hier naheliegenderweise vor allem Kommunisten und explizit Angehörige der Völker der UdSSR und der Roten Armee, zurückzuführen. Jedenfalls bis zur abschließend vollzogenen „Entstalinisierung“ durch Nikita Chruschtschow wurde deutschen Kommunisten, die jüdisch waren, Sympathien für Juden oder deren Schicksal hegten oder mit Juden Kontakt pflegten, folgende „politische Sünde“ vorgeworfen, falls sie 1939/40 (!) Kritik am „Hitler-Stalin-Pakt“ (I.b) ge- übt hätten: „mangelndes Vertrauen zur Sowjetunion sowie fehlendes Verständnis für den Charakter dieses Abkommens“, das auch seinerzeit vor allem eine Reaktion auf westlichen Imperialismus gewesen sei.388 387 So lautet der Titel des abschließenden Kapitels der hier zitierten Schrift Leonhards. 388 Vgl.: Herf: Kosmopolitismus, a.a.O., S. 140. Ich bin bereits oben auf die unübersehbare Homousie Hitlers und Stalins eingegangen, die ein solches Bündnis sowohl persönlich als auch ideologisch eben nicht wirklich unvorstellbar erscheinen läßt, sondern eher begünstigt. Der US-Amerikaner Peter Viereck hat schon 1939 die faktische Austauschbarkeit sowie die wechselseitigen ideologischen Okkupationen der vermeintlich gegenläufigen, tatsächlich aber einmütig totalitärismusaffinen Weltanschauungen zutreffend mit folgender lakonischer Sentenz bedacht: „Einmal an der Macht, nahm Hitler in der Tat den Sozialisten den Sozialismus weg, während sein Verbündeter Stalin den Faschisten den Faschismus abnahm.“ Viereck, Peter: Hitler und Richard Wagner – Zur Genese des Nationalsozialismus, in: Metzger, Heinz-Klaus/ Riehn, Rainer (Hrsg.): Musik-Konzepte. Richard Wagner – Wie antisemitisch darf ein Künstler sein? München 1981, S. 26. Allerdings ist dieses Bündnis nicht nur orthodoxen Kommunisten inakzeptabel erschienen. Auch der „Parteiphilosoph“ Alfred Rosenberg (siehe ausführlich Kap. 6 vorliegender Untersuchung) war nicht weniger als entsetzt über diesen Pakt, welcher gar „sein Vertrauen in den ‚Führer’ und dessen Kurs zumindest kurzzeitig erschüttert“ habe. In Rosenbergs Tagebucheinträgen aus dem August 1939 heißt es dazu: „Wie können wir noch von der Rettung und Gestaltung Europas sprechen, wenn wir den Zerstörer Europas [gemeint sind Stalin bzw. die Bolschewiki] um Hilfe bitten müssen?“ Da Rosenberg „den Bolschewismus“ mit „jüdischer Weltverschwörung“ identifiziert, sieht er hierin „einen Bruch mit NS-Kernidealen“, wenn mit einer Regierung paktiert werde, „die wir [die nationalsozialistische Bewegung] jetzt 20 Jahre als jüdisches Verbrechertum hingestellt hatten.“ Vgl.: Matthäus, Jürgen/ Bajohr, Frank: Einleitung, in: Rosenberg, Alfred: Die Tagebücher von 1934-1944, herausgegeben und kommentiert von Jürgen Matthäus und Frank Bajohr, Frankfurt am Main 2015, S. 44. Rosenberg nimmt seinen Führer ernst, als dieser schrieb: „D e r K a m p f g e g e n d i e j ü d i s c h e W e l t b o l s c h e w i s i e r u n g e r f o r d e r t e i n e k l a r e E i n s t e l l u n g z u S o w j e t - R u ß l a n d . M a n k a n n n i c h t d e n T e u f e l m i t d e m B e e l z e b u b a u st r e i b e n.“ Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 752, Hervorhebung im Original. Der „trotz aller Demütigungen“ Hitler gegenüber bewahrten „naiven Loyalität“ sei durch das Abkommen ein „schwerer Schlag“ versetzt worden, Hitler habe Rosenberg zufolge damit zugelassen, daß dem Nationalsozialismus das „Rückgrat herausgerissen“ und „eine epochale Sache an tagespolitische Bedürfnisse“ verraten worden sei. Vgl.: Fest, Joachim C.: Alfred Rosenberg – Der vergessene Gefolgsmann, in: Ders.: Das Gesicht des Dritten Reichs – Profile einer totalitären Herrschaft [1963], München/ Zürich 1988, S. 236. Timothy Snyder beschreibt die „schockierte“ Kenntnisnahme des „Molotow-Ribbentrop-Paktes“ durch den „Zionistischen Weltkongress“ und dessen Vorsitzenden Chaim Weizmann: „Ich habe nur ein Gebet – mögen wir einander wieder treffen, und zwar lebend.“ Den hier aus aller Welt versammelten Juden sei es bewußt gewesen, daß „die Regionen, in denen es in dem geheimen Zusatzproto- 2.3 Zur Wagner-Rezeption in der DDR 99 Weiterhin war den ideologischen Wächtern ein wichtiger Indikator kosmopolitischer Abweichung die vermeintlich fehlgeleitete Rezeption der Anti-Hitler-Koalition (I.c), was meinte „in dem Bündnis mit dem Westen mehr als ein Zweckbündnis mit dem Klassenfeind zu sehen.“ Ziel Churchills und Roosevelts sei von jeher – angeblich den „Kalten Krieg“ antizipierend und deshalb aktiv vorbereitend – ein „antisowjetisches Bollwerk in Europa“ zu schaffen, die Sowjetunion hingegen einzige „wahrhaft an der Befreiung vom Nationalsozialismus interessierte Großmacht“389, weshalb die vierjährige westöstliche Waffenbruderschaft aus der Öffentlichkeit verdrängt wurde. Deutsche waren weiterhin für die Entstehung (I.d) und die Folgen des Nationalsozialismus nur verantwortlich zu machen, sofern sie keine alten oder geläuterten Kommunisten waren. Ansonsten ist die nunmehr staatstragende Legende der, durch Demokraten, Kapitalisten und (auch der kommunistischen Lesart zufolge:) also Juden zu verantwortenden, Beförderung des Nationalsozialismus resp. „Faschismus“ zur vollen Geltung gelangt.390 Die kapitalistischen „Wurzeln des Nationalsozialismus“ seien – dieser Mythos ist hinlänglich bekannt – in der DDR vollständig ausgerissen, in der BRD hingegen zu erneuter Blüte gelangt.391 Eben dieses Verständnis stellt denn auch den Angelpunkt zwischen der retrospektiven Geschichtsklitterung (I.) und der prospektiven Regierungslinie (II.) in der jungen DDR dar: „Damit bezog sich Antifaschismus nicht mehr ausschließlich und nicht einmal vorrangig auf die NS-Vergangenheit; vielmehr richtete er sich gegen die westdeutsche Gegenwart. Antifaschismus und Nationalsozialismus waren sowohl örtlich als auch zeitlich getrennt worden.“392 Walter Ulbricht, bis 1950 Leiter der „Gruppe Ulbricht“ in der SBZ, dann Spitzenkader des Zentralkomitees der SED, ließ keinen Zweifel daran aufkommen, daß Gefolgstreue im Kalten Krieg gegen den westlichen Block sogar die individuelle nationalsozialistische Vergangenheit vergessen machen kann, daß sein einziges Interesse sei, wer friedliebend und die deutsche Einheit unterstütze, „nicht, welches Mitgliedsbuch er früher hatte, ob er der Hitler-Partei angehörte oder nicht.“ Diese „Fragerei“ bedeukoll [das also von Anfang an nur bedingt geheim zu nennen war] ging, waren Kernland des Weltjudentums … und sollten zum gefährlichsten Ort werden, den es für Juden je in der Geschichte gegeben hat“, so Snyder. In der Tat ist hier die Kernregion des Holocaust entstanden, „die meisten der Millionen Juden, die dort lebten“ waren zwei Jahre später Opfer des Massenmordes. Vgl.: Snyder, Timothy: Black Earth – Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann, München 2015, S. 120/121 389 Herf: Kosmopolitismus, a.a.O., S. 141 390 Dazu prägnant Heike Radvan: „Für den Nationalsozialismus verantwortlich gemacht wurde das Monopol- und Finanzkapital. Diese vereinfachende, ökonomistische Erklärung eröffnete Anschlußmöglichkeiten für Antisemitismen“ – eine „Erklärung über die Ursachen des Nationalsozialismus, die bereits in den 1930er Jahren“ in der „Arbeiterbewegung und der KPD“ sowie der „Kommunistischen Internationale“ entwickelt und anerkannt wurde und in der DDR gültig bleibt. Vgl.: Radvan, Heike: Antisemitismus in der DDR. Die Notwendigkeit eines öffentlichen Diskurses, in: Detzner, Milena/ Drücker, Ansgar (Hrsg.): Antisemitismus – ein gefährliches Erbe mit vielen Gesichtern, Düsseldorf 2013, S. 33-36 391 Vgl.: Herf: Kosmopolitismus, a.a.O., S. 135 392 Ebd.: S. 135/136 2. Sachstand 100 tet dem Ulbricht ausschließlich die Verhinderung der „Bildung der Nationalen Front“ (II.a): „Durch solche Äußerungen wurde nicht nur ehemaligen Mitgliedern von NSDAP und NS-Regierung das Tor geöffnet. Ulbricht ging wesentlich weiter. Nach seinem Maßstab reichten korrekte politische Ansichten in der Gegenwart aus, um die Vergangenheit auszulöschen, während jene, die – vielleicht vom Geist des Antifaschismus verleitet – die NS- Vergangenheit anderer ‚zur Diskussion stellten’, jetzt als Bedrohung der nationalen Einheit galten. Die neuen Außenseiter waren alte Kommunisten, die nicht fähig oder willens waren, ihre Überzeugungen dem Wechsel der Bündnisse anzupassen – und natürlich jene unverbesserlichen Kosmopoliten, die Juden.“393 Die prinzipielle Ablehnung jeglicher finanzieller „Wiedergutmachung“ an jüdischen Opfern und Verfolgten des Nationalsozialismus (II.c) gründet psychologisch wohl zum einen in der Tatsache, daß Stalinisten/ Kommunisten einen „eifersüchtigen Gott vertreten“394, zum anderen jedoch in der stereotypen, paranoid-pathologischen Mutmaßung einer Verschränkung der „wahren Ursache des Zionismus“ (II.b), mit der Vorstellung von „jüdischen Kapitalisten“, dem US-Finanzkapital und dem „Imperialismus“ (II.d) usf.395 Daß Kommunisten – und selbstverständlich auch jüdischstämmige Kommunisten – mit den Überlebenden des Holocaust aus anderen, naheliegenderweise vor allem schlicht humanitären Gründen solidarisieren, als der konspirativen Vorbereitung einer „zionistisch-imperialistisch-westlichen“ Verschwörung, kommt den Mitgliedern der Gruppe Ulbricht und ihren Moskauer Vorgesetzten nicht in den Sinn. All dies hin- 393 Ebd. In einem recht aktuellen Beitrag zeigt Jochen Staadt das Ausmaß der „Wiedereingliederung ehemaliger NS- und Wehrmachtsangehöriger“ in der SBZ/DDR – die der Autor dann süffisant als „volkseigene Nazis“ bezeichnet –, deren Anteil in Volkskammer, Ministerialbürokratie, Bezirksräten, FDJ und Nationaler Volksarmee (NVA) gegenüber demjenigen in vergleichbaren westdeutschen Institutionen nur geringfügig abweicht. Auch er verweist überdies auf die geläufige Praxis in der SED-Diktatur, denen, die als NSDAP-Mitglieder „politische Irrtümer“ begingen aber nun neue Wege beschritten, aus „der Vergangenheit keinen Vorwurf “ zu machen, „parteiinterne Kritiker“ hingegen, die sich als selbstbewußte Antifaschisten weigerten, mit den ehemaligen Nazis zusammenzuarbeiten, „stillzustellen“ und „auszuschließen.“ Vgl.: Staadt, Jochen: Antifaschismus als Herrschaftsinstrument, in: Kroll/ Zehnpfennig: Ideologie und Verbrechen, a.a.O., S. 263-283 394 Herf: Säuberung, a.a.O., S. 156. Also „eigenes“ Leid und „eigene(s)“ Opfer mit exklusiver Bedeutung belegt wird, die die übrigen Opfergruppen insofern immer nachrangig erscheinen läßt. Dazu auch Jan Fleischhauer, der – neben der logischen „mehr oder weniger offenen Allianz von Antikapitalismus und Antisemitismus“, die aufgrund der „alten Vorstellung vom jüdischen Ursprung des Kapitals“ (Marx) und durch die „Unterscheidung zwischen dem guten, weil ‚schaffenden’ Kapital und dem bösen, [also] ‚raffenden’“ zu erklären sei – vor allem auch auf den „Opferneid“ verweist, der insbesondere aktuelle Phänomene „linken“ Antisemitismus’ speise, wenn etwa „Parteinahme für die Palästinenser“ geübt werde. Diese werde demnach zum „Dienst der Opfervertretung“, der von einem misstrauischen Blick auf die Juden begleitet sei, „die aufgrund ihrer Geschichte in der Opferhierarchie eine herausgehobene Position einnehmen.“ Vgl.: Fleischhauer, Jan: Opferneid – Die Linke und der Antisemitismus, in: Ders.: Unter Linken – Von einem, der aus Versehen konservativ wurde, Hamburg 2010, S. 192-216 Es ist allenfalls zu konzedieren, daß Kommunisten infolge des Reichstagsbrandes als (temporär) erste Opfergruppe systematischer Verfolgung und Arretierung ausgesetzt waren. Vgl. z.B.: Haffner, Sebastian: Von Bismarck zu Hitler – Ein Rückblick, München 1987, S. 263 395 Vgl.: Herf: Säuberung, a.a.O., S. 145-149 2.3 Zur Wagner-Rezeption in der DDR 101 derte die Nomenklatura der Partei- und Staatsführung der DDR nicht daran, die dezidierte Forderung der „Entfernung“ der „Juden als ‚Staatsfeinde’“ „aus dem öffentlichen Leben“ zu erlassen.396 396 So der „Kandidat des Politbüros des ZK der SED“ Hans Jendretzky, zitiert nach Herf, a.a.O., S. 160 2. Sachstand 102

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References

Zusammenfassung

Mit diesem Buch liefert Alexander Schmidt eine profunde Analyse der oft vermuteten Vorbildwirkung Richard Wagners für die völkische und nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungsideologie des 19. und 20. Jahrhunderts. Hierzu leistet der Autor eine ideengeschichtliche Gegenüberstellung ausgewählter Facetten der „Weltanschauungen“ Chamberlains, Rosenbergs, Hitlers und Wagners und deren jeweilige Konkretisierung der sogenannten „Jüdischen Frage“.

Werkimmanent, jedoch mit vielfältigen Bezügen zu politischen, ideologischen, philosophischen und feuilletonistischen Sekundärschriften, vergleicht er die jeweils angestrebte Gesellschaftsordnung sowie das Menschenbild der geschichtlichen Personen und gewährt dabei umfassende Einsichten in das weltanschauliche Gedankengebäude Richard Wagners sowie über die oft fälschlicherweise angenommene Vorbildwirkung seiner Schriften für die antisemitischen Ergüsse Chamberlains, Rosenbergs und Hitlers.