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6. Alfred Rosenberg in:

Alexander Schmidt

Die ideologische Rezeption der Judenfeindschaft Richard Wagners, page 227 - 260

Ursprung, Verlauf und Konsequenzen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3950-2, ISBN online: 978-3-8288-6812-0, https://doi.org/10.5771/9783828868120-227

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 73

Tectum, Baden-Baden
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Alfred Rosenberg „Selten hat der nicht zuletzt von Hitler selbst souverän ausgebeutete Hang des modernen Menschen, für seine Ratlosigkeit, seine Lebensangst anonyme Kräftegruppen verantwortlich zu machen, einen gläubigeren Jünger gefunden als Rosenberg…“1006 (Joachim C. Fest) Dem nachfolgenden Zitat aus dem Mythus des 20. Jahrhundert ist bereits eine recht erschöpfende Einschätzung über Rosenbergs Arbeitsweise, die Qualität seines vermeintlichen Erkenntnisgewinns sowie seine persönliche Befindlichkeit und sein Bewußtsein abzuleiten. Sein geschlossenes Weltbild ist relativ zurückhaltend als „beziehungsreich“ beschrieben – die tatsächliche Komplexität der Bezugnahmen ist enorm und durch vielfältige wechselseitige Verwobenheit gekennzeichnet. Sein Gesichtskreis folgt einer zugrunde gelegten Dichotomie von wertvoller vs. wertloser Rasse bzw. Menschheit oder Kulturkreise – es sei also „im Kontrast gezeichnet“. Seine, kaum als solche zu bezeichnende, Beweisführung ist durch „Empfindung“ ersetzt, die sich bloß „vor geistigem Blicke“ entrolle. Im Wissen um den spekulativen Charakter seiner Ausführungen – in der Tat ist „sein Denken bestimmt von Affekt und Intuition“1007 – bekennt Rosenberg deshalb, daß „alles eigenartig“ und „fremd“ und vor allem „geahnt“ sei. Er behauptet die Ungeheuerlichkeit der Größe seiner „einsamen“ Erkenntnis, die in nichts weniger besteht, als der Enthüllung des „letzten Mysteriums des Daseins“ – eine Befähigung, die in theologischem Kontext immerhin auf die ultimative Schau Gottes o.ä. verweisen würde: „Ein beziehungsreiches Weltbild im Kontrast gezeichnet und dadurch mit hohem Bewußtsein empfunden, rollt sich vor unserem geistigen Blicke auf. Alles steht eigenartig gefärbt und gestaltet da, geahnt und fremd zugleich, und inmitten und daneben stehe ich, der nordische Mensch, das Bewußtsein gewordene Persönliche, als das letzte Mysterium des Daseins – einsam.“1008 Alfred Rosenberg tritt der NSDAP im Jahre 1923 bei, ist im gleichen Jahr am sog. Hitler-Putsch beteiligt, und anschließend hauptverantwortlich für das extralegale Fortbestehen der Partei nach deren Verbot und während der Haftzeit Adolf Hitlers. Seine überragende – „weltanschauliche“ – Bedeutung innerhalb des nationalsozialistischen Staats- und Parteigefüges ergibt sich aus der Anamnese-Schrift der Anklage und dem abschließenden Urteilstext im Zuge des Nürnberger Prozesses, in denen Rosenberg bezeichnet wird als: 6. 1006 Fest Joachim C.: Alfred Rosenberg – Der vergessene Gefolgsmann, in: Ders.: Das Gesicht des Dritten Reiches. Profile einer totalitären Herrschaft [1963], München/ Zürich 1988, S. 233 1007 Matthäus/Bajohr: Einleitung, in: Rosenberg: Tagebücher, a.a.O., S. 40 1008 Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts, a.a.O., S. 271 227 – „anerkannter Parteiphilosoph“, der darüber hinaus die offiziellen Positionen des – „Vertreter[s] der Partei für Auswärtige Angelegenheiten“, – Des „Reichsleiter[s] und Chef[s] des Außenpolitischen Amtes der NSDAP“, – des „Beauftragten für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulungen der NSDAP“, – des Gründers der „‚Hohen Schule’, dem zentralen Forschungsinstitut für nationalsozialistische Weltanschauung und Erziehung“ – sowie des „Reichsminister[s] für die besetzten Ostgebiete“, bekleidet.1009 Adolf Hitlers privat-persönliche Wertschätzung des Werkes Rosenbergs ist – wie seine ostentative Bewunderung Wagners (siehe die einleitenden Kapitel), wie seine Religiosität (siehe Kap. 8), wie die konkreten Quellen seiner Ideologiebildung (siehe wiederum die einleitenden Kapitel vorliegender Untersuchung) – durchaus uneindeutig. Albert Speer memoriert privatissime geäußerte Gesprächsbeiträge Hitlers, die deutliche Skepsis vermuten lassen müssen. Dies war der weiterhin allseits wahrgenommenen offiziellen ideologischen Bedeutung Rosenbergs jedoch nicht abträglich. Die Hauptschrift Rosenbergs, der Mythus des 20. Jahrhunderts, ist neben Hitlers Mein Kampf zur Pflichtlektüre für jedes Mitglied der NSDAP erklärt worden1010 – ist dieser „das Evangelium der braunen Bewegung“ kann jener als deren „Katechismus“ bezeichnet werden.1011 Allerdings haben aber sogar die Vertreter der nationalsozialistischen Führungselite, denen später in Nürnberg der Prozeß gemacht wurde, dort „ohne Ausnahme“ versichert, „das Buch nie gelesen“ zu haben.1012 1009 Das Urteil von Nürnberg 1946, dtv-dokumente, mit einem Vorwort von Jörg Friedrich, München 1996, S. 193/94 1010 Vgl.: Overy: Diktatoren, a.a.O., S. 377 1011 Vgl.: Hesemann: Hitlers Religion, a.a.O., S. 231 1012 Vgl.: Fest: Rosenberg – Der vergessene Gefolgsmann, a.a.O., S. 232. Man ergibt sich der Lektüre des Mythus, die mit guten Gründen wohl abschreckend wirkt, auch in unseren Tagen allzu ungern. Ein weiteres Beispiel ist die Rezeption des Systematischen Theologen Linus Hauser, der den, neben Chamberlain, „berühmtesten Repräsentanten völkischer Weltanschauung“, Alfred Rosenberg, in seiner monumentalen Kritik der neomythischen Vernunft durchaus berücksichtigen möchte. Vgl.: Hauser: Kritik der neomythischen Vernunft, a.a.O., S. 378. Dazu erläutert er, sich „zu Rosenberg wesentlich auf Bärsch“ zu beziehen, gibt aber auch zwei direkte Mythus-Zitate aus den Seiten 114 und 248 (Siehe Hauser, ebd., S. 379, Fußnote 3 sowie die Bibliographie, in der Rosenbergs Mythus auf S. 506 verzeichnet ist). Das erste Zitat Hausers aus dem Mythus, S. 114, entspricht aber fast exakt der – zwar nicht ganz sorgfältigen, aber auch nicht sinnbeeinträchtigenden – Übernahme von Bärsch (Vgl.: Bärsch: Politische Religion des Nationalsozialismus, a.a.O., S. 205): „Heute erwacht ein neuer Glaube: Der Mythus des Blutes, der Glaube, mit dem Blute auch das göttliche Wesen des Menschen überhaupt zu zeitigen.“ Hauser: Kritik, a.a.O., S. 379. Bärsch zitiert: „Heute erwacht aber [Hervorhebung des Verfassers] ein neuer Glaube: Der Mythus des Blutes, der Glaube, mit dem Blute auch das göttliche Wesen des Menschen überhaupt zu zeitigen.“ Bärsch: Politische Religion des Nationalsozialismus, a.a.O., S. 205. Bei Rosenberg im Original: „Heute erwacht aber ein neuer Glaube: der Mythus des Blutes, der Glaube, mit dem Blute auch das göttliche Wesen der Menschen überhaupt zu verteidigen.“ Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 114, Hervorhebungen zum Zwecke der Kennzeichnung der Abweichungen vom Original und der Übereinstimmungen bei Hauser und Bärsch durch den Verfasser. Sinnbeeinträchtigend ist indes die vorgeblich „wesentliche Bezugnahme“ Hausers auf Bärsch im Hinblick auf Rosenberg. Insofern Hauser darlegt, Bärsch verstehe in seiner Rosenberg-Analyse „die mittelalterliche Mystik … zu sehr von der Romantik her“, schreibt er weiter, daß Bärsch diese 6. Alfred Rosenberg 228 Hitler habe den „unlesbaren Mythos [sic] des Zwanzigsten Jahrhunderts“ allerdings auch als „Zeug, das niemand verstehen kann“ charakterisiert, dessen Verfasser ein „engstirniger Balte“ sei, der „furchtbar kompliziert denkt.“ Insgesamt sei der Mythus ein „Rückschritt in mittelalterliche Vorstellungen“.1013 Auch dem Urteil von Angehörigen des engsten Umfelds Hitlers – des „persönlichen Adjutanten“ Otto Günsche und des „Kammerdieners“ Heinz Linge – zufolge, sei der „Baltendeutsche als ‚Ideologe’ der nationalsozialistischen Partei zwar im Bereich des faschistischen Denkens allmächtig, genoss aber als Praktiker und Organisator in seiner Umgebung keinen großen Respekt.“1014 Daß Rosenberg im Baltikum geboren wurde, sein Stammbaum zudem über zwei oder drei Generationen mongolische oder jüdische Wurzeln enthalten haben mag, scheint dazu geführt zu haben, daß er nie den Versuch unternahm, der SS ordentlich beizutreten, die bekanntlich einen Herkunftsnachweis „reinarischer Abstammung seit 1750“ verlangte, den Rosenberg also gegebenenfalls nicht zu erbringen vermocht haben würde.1015 Rosenberg ist sich seiner relativen Außenseiterexistenz wohl bewußt gewesen und formuliert in seinem Vorwort der 1. Auflage 1930, das er „Einleitung“ nennt, die defensive – eine potentiell zu erwartende Ablehnung seiner Thesen und Ideen durch seine Genossen antizipierende – Sentenz: „Sie [‚die in dieser Schrift vorgetragenen Gedanken und Schlußfolgerungen’] sind durchaus p e r s ö n l i c h e Bekenntnisse, nicht Programmpunkte der politischen Bewegung, welcher ich angehöre.“1016 „besonders anhand von Dietrich Eckart auf den Nationalsozialismus bezieht.“ Dies trifft aber nur insoweit zu, als Bärsch die Bedeutung der „mittelalterlichen Mystik“ anhand des Meister Eck[e]hart, wie dies vor allem Rosenberg selbst ausschweifend vollzieht, betont. Die Bedeutung des völkischen Dichters Dietrich Eckart vor allem für Adolf Hitler ist allerdings auch Thema Claus- Ekkehard Bärschs, insofern er dessen mystisch-aufgeladenen Antijudaismus („Der Bolschewismus von Moses bis Lenin“) betrachtet. In Rosenbergs Mythus wird Dietrich Eckart jedoch nicht erwähnt. (Ich hoffe, hier niemandem zu nahe zu treten, es soll hiermit in keiner Weise die äußerst lehrreiche Studie Linus Hausers in Mißkredit gezogen werden. Daß in der zweiten Auflage der Arbeit Bärschs der Zitierfehler beibehalten ist, habe ich mit zu verantworten, insofern mir dieser Fehler erst nachträglich bei der Hauser-Lektüre, nicht schon bei der Korrektur für die zweite Auflage von Die politische Religion des NS in 2002 auffiel, mit der u.a. auch ich beschäftigt war. Ich habe den Zweck dieser kleinteilig-kleinlichen Betrachtung eingangs benannt.) 1013 Vgl.: Speer: Erinnerungen, a.a.O., S. 109-111. Speer zitiert Hitler hier direkt, was die Vermutung erlaubt, daß Hitler tatsächlich von „Mythos“ sprach und also erneut einen Zweifel an der Sorgfalt in Hitlers Lektüre einräumen würde. Denn Speer schreibt ansonsten korrekterweise, in Rosenbergs latinisierter Diktion, stets von „Mythus“. Der Gebrauch des latinisierten griechischen Begriffes ist bereits durch Chamberlain geübt worden. „Mythos“ wird gebraucht bei Zitaten und Zuschreibungen sowie in der Abstraktion „Mythologie“. Vgl.: Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 227, 283, 474, 655 1014 Vgl.: Eberle/ Uhl (Hrsg.): Das Buch Hitler, a.a.O., S. 168 f. Der von Stalin beauftragte NKWD- Mann Fjodor Karpowitsch Parparow verfasste „Das Buch Hitler“ und passte dieses in Stil und Diktion den Lesegewohnheiten des Auftraggebers an, insofern hier also von „faschistischem“, nicht „nationalsozialistischem“ Denken die Rede ist. Vgl.: Ebd., S. 27 1015 Vgl.: Piper: Alfred Rosenberg – der Prophet des Seelenkrieges, a.a.O., S. 110 1016 Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 2, Hervorhebung im Original 6. Alfred Rosenberg 229 Tatsächlich sind Äußerungen Hitlers überliefert, die eine vollständige ideologische Degradierung Rosenbergs ausweisen, die stärkste ist folgende: „11.4. 1942 abends (Wolfsschanze) Beim Abendessen betonte der Chef [Hitler], daß Rosenbergs ‚Mythus’ nicht als ein parteiamtliches Werk angesehen werden könne. Er, der Chef, habe es seinerzeit ausdrücklich abgelehnt, diesem Buch parteipäpstlichen Charakter zu geben, da schon sein Titel schief sei. Denn man könne nicht sagen, daß man den ‚Mythus des 20. Jahrhunderts’, also etwas Mystisches, gegen die Geistesauffassungen des 19. Jahrhunderts stellen wolle, sondern müsse als Nationalsozialist sagen, daß man den Glauben und das Wissen des 20. Jahrhunderts gegen den Mythus des 19. Jahrhunderts stelle. (…) Er, der Chef, freue sich immer, wenn er feststellen müsse, daß eigentlich nur unsere Gegner in dem Buch richtig Bescheid wüßten. Ebenso wie viele Gauleiter habe auch er es nämlich nur zum geringen Teil gelesen, da es seines Erachtens auch zu schwer verständlich geschrieben sei.“1017 Joachim Fest rückt den, unter anderem auch in vorhergehendem Zitat prätendierten, Rationalismus Hitlers zurecht, insofern dieser „stets auf das Methodische beschränkt“ geblieben sei. Die „düsteren Winkel seiner Ängste und Affekte“ hingegen seien davon vollständig unberührt geblieben – „vom Grunde weniger mythologischer Prämissen aus hat er mit planvoller Nüchternheit agiert, und dieses unvermittelte Nebeneinander von Kälte und Irrglauben, Machiavellismus und Magieverfallenheit beschreibt erst die ganze Erscheinung“, was zeige, daß Hitler „in Wirklichkeit dem Parteiphilosophen weit näher“ war, als seine ostentative Kritik vermuten läßt.1018 1017 Picker: Tischgespräche, a.a.O., S. 300/301. Zu bemerken ist hier die nonchalante Einebnung des semantischen Unterschiedes zwischen mythisch und mystisch – zwischen „sagenhaft-erzählend“ und „geheimnisvoll-innerlich“ also –, die doch auf eine tiefere Kenntnis schließen läßt, da Rosenberg im Laufe seiner Wertung tatsächlich immer wieder und ausführlich auf Mystik, mit Vorliebe auf die des „Meister Eckehart“ (Eckart), eingeht, der „das Wirken nordischen Wesens“ angeblich besonders deutlich verkörpere und dessen Seelenlehre – „Seelenadel“, „Seelenkern“, „das Bewußtsein nicht nur der Gott ä h n l i ch k e i t, sondern der Gott g l e i ch h e i t“ – für Rosenbergs Rassen-Seele-Doktrin konstitutiv ist. In und aus diesem Bewußtsein bestehe das „nordisch-seelische Erbgut“, wie Rosenberg verkündet, wovon der Meister Eckart selbst wohl nichts geahnt haben wird. Vgl.: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts, a.a.O, S. 217, 232, 234, 246, Hervorhebung im Original. Auf Rosenbergs Eckhart-Rezeption wird zurückzukommen sein. Auch der die Tischgespräche fixierende Henry Picker hat das Werk Rosenbergs wohl nicht oder nur zum Teil, augenscheinlich jedenfalls eher oberflächlich gelesen. In einer Fußnote zu vorstehendem Zitat ist im bibliographischen Nachweis zu lesen: „Gemeint ist Rosenbergs auch innerhalb der Partei umstrittenes Buch ‚Der Mythus des 20. Jahrhunderts – Eine Wertung der seelisch-geistigen Gesinnungskämpfe [sic, korrekt: Gestaltenkämpfe] unserer Zeit’ (München 1930).“ Picker: Tischgespräche, a.a.O.: S. 300/ Fußnote 2, Hervorhebung des Verfassers. Gelegentlich ist zu lesen, daß aus dem zu zitierenden „aufgeblähten syrischen Afterglauben“ (Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 82) durch das Autorenduo Guido und Michael Grandt ein „Affenglauben“ gemacht wurde, was obendrein einem Arthur Rosenberg zugeschrieben wird. Vgl.: Grandt, Guido/ Grandt, Michael: Erlöser: Phantasten, Verführer und Vollstrecker, Aschaffenburg 1998, S. 48/49 1018 Vgl.: Fest: Hitler, a.a.O., S. 732/733. Das charakteristische Element der ideologischen Vorstellungswelt Hitlers sei mythologisches Denken, durchsetzt von archaisch-geprägten, instinktiv erfassten Gegensätzen von Freund-Feind, Gut- Böse, Rein-Unrein, Arm-Reich, Ritter-Drachenwurm. Ebd. 6. Alfred Rosenberg 230 Rosenberg wurde durch Hitler indessen auch als ideologischer, insbesondere kulturpolitischer Widerpart zu Joseph Goebbels instrumentalisiert, was effektiv vor allem der für notwendig erachteten Ausbalancierung des inneren Machtzirkels des NS- Regimes diente.1019 Rosenberg war Goebbels in tiefster Abneigung zugetan – der Mythus sei ein „weltanschaulicher Rülpser“ (Goebbels)1020 –, was wohl nicht nur mit den üblichen Diadochenkämpfen im NS-Führungszirkel um Macht und Einfluß, sondern mehr noch mit der Konkurrenz um die Gunst und die persönliche Zuwendung Hitlers zusammenhängt. Die eigentliche Bedeutung Rosenbergs zu bestimmen, hängt ab von der Perspektive und der „Maßeinheit“ solcher Betrachtung, vielleicht waren „von Hitlers Entourage nur Goebbels, Himmler und Göring wirkmächtiger“. Daß er der „Chefideologe“ war und zu den „Vordenkern der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik“ gehöre, ist hingegen wohl unstrittig.1021 Das literarische Zeugnis seines Antisemitismus ist für die Überprüfung der Frage, inwiefern Wagners Judenfeindschaft prägend und voraussetzend für den nationalsozialistischen Antisemitismus betrachtet werden muß, von besonderer Bedeutung. Denn daß Rosenbergs Mythus, freilich nach Hitlers Kampf, das Dokument der NS-Ideologie (gleichsam die „Parteiphilosophie“) ist, steht auch insofern außer Frage, als in einer zeitgenössischen Bibliographie des Nationalsozialismus der Mythus als „neben ‚Mein Kampf ’ das wichtigste Buch des Nationalsozialismus“ bezeichnet ist.1022 Außerdem wurde der Mythus mit quasi kanonischer Bedeutung ausgestattet, als er zusammen mit Hitlers Buch und Nietzsches Zarathustra 1935 im „Tannenberg“-Denkmal weihevoll niedergelegt worden ist.1023 Bullock hält Rosenbergs „Ausführungen über Rasse und Kultur“ zurecht für „pedantisch und mühselig“, ihn selbst für einen „wirren und törichten ‚Philosophen’“.1024 Der Nachvollzug der Rosenbergschen Ausführungen ist denn auch nicht minder mühselig, und tatsächlich aufgrund eines allgegenwärtigen „esoterischen“ Synkretismus’ „über weite Strecken logisch kaum nachvollziehbar“.1025 Angesichts der in Rosenbergs Hauptschrift postulierten Prämissen und der daraus abgeleiteten „Gesetzmäßigkeiten“ ist es verständlich, daß Bärsch den Begriff „Nonsens“ in die Betrachtung einführt – die „kategoriale Erfassung“ der Weltanschauung Rosenbergs, die unter Einsatz einer „ungeheuren Masse Material[s]“1026 entstand, die formal in der Tat 1019 Vgl.: Friedländer/ Kenan: Das Dritte Reich und die Juden, a.a.O., S. 61 1020 Goebbels zitiert nach: Fest: Rosenberg – Der vergessene Gefolgsmann, a.a.O., S. 232 1021 Neuerdings, Römer, Felix: Unbeirrt, bis in den Tod – Goebbels, eine „Eiterbeule“: Die Tagebücher von Hitlers Chefideologen Alfred Rosenberg zeigen, wie eitel, intrigant und zerstritten die führenden Nationalsozialisten waren, in: Die Zeit vom 23. Juli 2015, Feuilleton, S. 44 1022 Vgl.: Fest: Rosenberg – Der vergessene Gefolgsmann, a.a.O., S. 230 1023 Tannenberg ist der Ort in Ostpreußen, den Hitler auswählt, um Hindenburg propagandistisch wirksam zu bestatten. Vgl.: Kershaw: Hitler 1889-1936, a.a.O., S. 661, sowie: Decker, Kerstin: Nietzsche und Wagner – Geschichte einer Hassliebe, Berlin 2012, S. 350 1024 Vgl.: Bullock: Hitler, a.a.O., S. 61 1025 Vgl.: Matthäus/ Bajohr: Einleitung, in: Rosenberg: Tagebücher, a.a.O., S. 12 1026 Diese „Materialmasse“ ist durchaus beeindruckend. Der 37-jährige Rosenberg erweckt den Eindruck, daß er tatsächlich jede namhafte Kunstgalerie seiner Zeit, beinahe alle relevanten europäischen Sakralbauten, wenn nicht persönlich besucht, zumindest anderweitig genau betrachtet so- 6. Alfred Rosenberg 231 als „Eklektizismus auf beinahe jeder Seite“ umgesetzt wird, ist durchaus sehr schwierig.1027 Rosenberg selbst macht den revelatorischen Impetus seines Mythus immer wieder deutlich. Sein Anspruch ist nichts Geringeres als die Offenbarung des „Sinn[s] der Weltgeschichte“. Er räumt angesichts der spekulativen Grundmelodie seines Werkes allerdings ein, daß „mag vieles auch sehr fraglich sein“, was künftige Forschung aber nachträglich sicherlich belegen und später rechtfertigen werde, wie Rosenberg seine Kritiker – aber wohl auch sich selbst – vertröstend bemerkt.1028 Selbst der für Rosenbergs Überlegungen elementare Zusammenhang von Blut und Seele, der kategorisch eingeführt wird, bleibt in entscheidender Hinsicht im Unklaren: „Das eine [‚Mythus von der ewigen freien Seele’] entspricht dem anderen [die Religion des Blutes], ohne daß wir wissen, ob hier Ursache und Wirkung vorliegen.“1029 Insgesamt betrachtet steht im Vordergrund die Verkündigung einer Erkenntnis und die Aufforderung an die Anhänger der Bewegung, diese aufzugreifen und zu internalisieren. Joachim Fest referiert die „stolze Tagebuchgewißheit“ Rosenbergs, „daß nach und nach Hundertausende inwendig durch mein Werk revolutioniert worden“ seien.1030 Im Zuge einer damit angestrebten Bewußtseinsbildung resp. Bewußtseinserweckung für bzw. von „Rassenseele“ entstehe ein Volk, das „eins mit sich selbst“ sei, und getragen werde durch „einen neuen und doch uralten deutschen Menschentypus“.1031 Wenig überzeugend und kaum nachvollziehbar – zuvörderst wegen der inhärenten Unmöglichkeit, Unbegründbares zu begründen – sind die argumentierenden Einlassungen zu okkulten Gesetzmäßigkeiten, die nur mittelbar das jeweils Spekulierte indizieren. Der in Rosenbergs Hauptschrift herauszustellende „Wagnerismus“ und die möglicherweise enthaltenen Strukturelemente der Judenfeindschaft Wagners sowie wagnerianische Abweichungen oder Leerstellen sind also von besonderer Bedeutung und zur hier unternommenen Rezeptionsanalyse allemal hinzugehörig. Andererseits sind die Hitler inspirierenden Elemente der Weltanschauung Rosenbergs von Interesse, dessen antisemitische „Greuelvorstellungen teilweise bis in die Metapher von Rosenberg“ stammten.1032 Außerdem ist zu berücksichtigen, daß der Mythus durch den wie einen weltliterarischen, religionsgeschichtlichen und philosophischen Kanon studiert zu haben, der kaum Lücken aufzuweisen scheint. 1027 Vgl.: Bärsch: Politische Religion des Nationalsozialismus, a.a.O., S. 196-198 1028 Vgl.: Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 27-29 1029 Ebd., S. 258 1030 Fest: Rosenberg – Der vergessene Gefolgsmann, a.a.O., S. 232. Folgen der Revolutionierung für diese Vielen seien „innere Ruhe und Befreiung“ sowie ein „neuer Sinn, da der alte verlorengegangen war“. Tagebuchnotiz vom 19. Januar 1940, in: Matthäus/Bajohr (Hrsg.): Rosenberg – Die Tagebücher, a.a.O., S. 312. Auch Hitler glaubt an eine vergleichbar große Wirkung bei den Lesern seiner Schrift allein durch die Rezeption derselben: „Denn wenn dieses Buch [Mein Kampf] erst einmal Gemeingut eines Volkes geworden sein wird, darf die jüdische Gefahr auch schon als gebrochen gelten.“ Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 337 1031 Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 234, 531, 623, 689 1032 Fest: Hitler, a.a.O., S. 202 6. Alfred Rosenberg 232 Verfasser selbst in enge Beziehung zu Chamberlains Grundlagen gesetzt worden ist1033, der sich ja besonders intensiv als Wagnerianer geriert. Mythus und Mystik – Zum Verhältnis von „Mythus des Blutes“ und „Mystik der Seele“ „Ein besonderes und attraktives Geheimnis umgibt den Begriff des ‚Blutes‘. Es liegt so viel Entschiedenheit, Intimität und symbolische Bedeutung in diesem Schlüsselwort. Familien- und Rassenstolz konzentrieren sich beide auf ‚Blut‘. Dieser Symbolismus findet keine Unterstützung durch die Wissenschaft. (…) Aber die Leute, die sich über ‚Blut‘ aufregen, wissen nicht, daß sie nur von einem Symbol sprechen; sie glauben, daß sie über wissenschaftliche Wirklichkeit handeln.“1034 (Gordon W. Allport) Das hier zu betrachtende Verhältnis der Topoi Mythus und Mystik ist für Rosenberg wirklich von besonderer Bedeutung. In ihm ist die Vereinigung von Blut und Seele vermeintlich ermöglicht, die dem – eigentlich einander wesensfremden, den Gegensatz des Leiblichen und Geistigen nivellierenden – Kompositum „Rassenseele“ zugrunde liegt, welches wiederum im Zentrum der Rosenbergschen Ideologie steht und als „mystische Synthese“1035 gedacht ist. Es bezeichnet die Glaubensgrundlage, es bedingt die Feindbildprojektion und es ergibt Hinweise auf die Zielsetzung des Kampfes, den Nationalsozialisten aufzugreifen haben würden. Der durch Rosenberg propagierte „neue Glaube“ sei „der Mythus des Blutes“. „Blut“ beinhalt, verkörpert, repräsentiert, „ist das göttliche Wesen des Menschen“. Die Konsistenz, den Bestand sowie die Reinheit „nordischen Blutes“ zu verteidigen, sei mithin Verteidigung des „Göttlichen“ im Menschen. Dieses wiederum bilde die Grundlage des Menschlichen an sich („Ideal des Menschentums“), insofern es allein „alle Gesittung“ und die Entfaltung der „höchsten Werte des nordischen Wesens“ ermögliche. Es gelte vor allem, dies zu „erkennen“. Aus der Erkenntnis ergebe sich die „neue Weltanschauung“, diese wiederum ermächtigt und, wichtiger, befähigt – „allein uns die Kraft geben[d]“ – die „Herrschaft des Untermenschen“ niederzuwerfen.1036 Die gegebenen Herrschaftsverhältnisse1037 – Vorrangstellung der „Mächte der Plutokratie 6.1 1033 Chamberlain habe „eine der größten lebensgesetzlichen und seelenkundlichen Entdeckungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die zur Grundlage unserer gesamten Geschichtsbetrachtung des fortschreitenden 20. Jahrhunderts geworden ist“ bereitgestellt. Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 82. Insbesondere Rosenbergs „Geschichtsbetrachtung“ ist in seinem Mythus enthalten, somit die Titel beider Hauptwerke rhetorisch elegant in einem kleinen Satz verbunden werden konnten. Eben so wird der Eindruck legitimer Nachfolge initiiert und inszeniert. 1034 Allport, Gordon W.: Die Natur des Vorurteils [1954], herausgegeben und kommentiert von Carl Friedrich Graumann, Köln 1971, S. 120/121 1035 Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 117 1036 Vgl.: Ebd., S. 114 - 116 1037 Permanenter historischer Kristallisations- und daher häufiger Bezugspunkt Rosenbergs wie Hitlers ist 1918, mithin der Verlauf und die Konsequenzen des Ersten Weltkrieges. Die darauf reagierende 6.1 Mythus und Mystik – Zum Verhältnis von „Mythus des Blutes“ und „Mystik der Seele“ 233 und die römische Kirche“1038 – seien zugunsten der nationalsozialistischen Vorstellung eines auf „der Idee der Ehre und der Freiheit der Seele ruhende[n] nordische[n] Abendland[s]“ zu brechen.1039 Dieses Mächte-Ringen eröffnet den Blick auf das Ansinnen Rosenbergs, sein Konfliktverständnis überwiegend auf die Konkurrenz von Ideen zu gründen – das „Erste Buch“ des Mythus trägt den dementsprechenden Titel „Das Ringen der Werte“. Die pazifizierende, als liberal-humanistisch verunglimpfte Vorstellung eines „gleichberechtigte[n] Nebeneinander[s] der Werte“ sei abzulehnen, erstens, weil diese Werte „sich notwendig ausschließen“, zweitens, weil es diese Koexistenz schlicht „nicht geben darf“. Die konkurrierenden Werte („Individualismus“ und „Liebe“) sind nicht deshalb „auszusondern“ und „niederzukämpfen“, weil sie „‚falsch’ oder ‚schlecht’ an sich“, sondern da sie „ a r t f r e m d “ seien.1040 „Der wirkliche Kampf von heute“ gehe um die „Wiedereinsetzung jener Ideen und Werte in ihre Herrscherrechte“, nicht um äußere Macht, wie der kreidefressende Autor vorgibt. Seele ist traditionell als ein Subjektiv-Individuelles1041 begriffen worden, dessen Kollektivierungs-Projektion, die Rosenberg axiomatisch vollzieht, also zunächst fraglich ist. Der Vergleich der Vorstellung von „Rassenseele“ mit der Konstruktion „Volksgeist“ ist naheliegend. Als „Volksgeist“ sollte im Zeitraum des 18.-20. Jahrhunderts im Allgemeinen der Charakter und die Seele eines Volkes bezeichnet werden. Volksgeist vereine die Einzelindividuen zu einem „große[n], allgemeine[n] Individuum“ als dessen „Organe“ (Hegel). Ausdruck verschaffe sich der Volksgeist in „seinen Sitten, seiner Mythologie und seiner Sprache“1042 (Herder). Die angebliche Existenz „nationale Revolution“ zielt ab auf die Revision der als Demütigung begriffenen Folgen des Ersten Weltkrieges, der „Tilgung deutscher Kriegsschuld“, der Herstellung eines wiedererstarkten staatlich-nationalen Selbstbewusstseins mitsamt einer „Rehabilitierung deutscher Werte und deutscher Kultur“ sowie die – alles überragende – als notwendig empfundene Abwehr einer kommunistischen Gefahr, die nicht nur nationalsozialistische Aktivisten, sondern „auch viele Deutsche, die der NSDAP gleichgültig oder ablehnend gegenüberstanden“, beseelte, ein kollektiver Rausch der Verheißung „politischer Wiedergeburt, moralischer Erneuerung und kultureller Erweckung Deutschlands“. Vgl.: Overy: Diktatoren, a.a.O., S. 860 f. 1038 Deren Indizien seien zum einen (für Plutokratie) „schrankenloser, materialistischer Individualismus mit dem Ziel wirtschaftspolitischer Weltherrschaft des Geldes“ und zum anderen (für Kirche) „demutsvolle, unterwürfige Liebe“, die zur Hegemonie eines gleichsam „artfremden“ sittlich-moralischen Höchstwertes führt. 1039 Vgl.: Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 118/119 1040 Vgl.: Ebd., Erste Hervorhebung durch den Verfasser, zweite im Original 1041 Allenfalls wurde über Fragen der Seelenlokalisation, die Suche nach einem „Seelenorgan“ seit der Antike heftig spekuliert. Seele sei „Substanz, die im Körper wohne“ (Homer), Seele sei „eine in jedem Menschen besondere Seele“ (Empedokles); Plato präge die Idee von der „Weltseele, als der Kraft, (...) die mit der Einzelseele des Menschen identisch ist“, Aristoteles sähe „in der S.[eele] die erste Entelechie eines organischen Einzelwesens“. Vgl.: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, a.a.O., S. 590-594. Dies dann auch im Hinblick auf die lozierende Alternative Herz oder Hirn, also im Widerstreit der kardiozentrischen vs. die cephallozentrische These sowie die später durch K. R. Popper vertretene versöhnliche Idee eines „Liaison-Gehirns“, das die Vermutung einer Interaktion zwischen Geist und Körper ermögliche, die wiederum einer, auf das 19. Jhdt. zurückgehende Spekulation über sog. „Assoziationsfasern“ korrespondiert. Unabhängig davon, ob diese Kuriositäten Sinn haben oder nicht, verweisen sie doch allesamt auf personale, individuelle oder subjektorientierte Bezüge des Seelenlokus’. Vgl.: Müller, I.: Seelensitz, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, a.a.O., Bd. 9, S. 105-110. 6. Alfred Rosenberg 234 eines Charakters, einer Seele, des Geistes eines Volkes, einer Nation und – erweiternd – einer Rasse ist im philosophisch-gesellschaftlichen Diskurs seit dem 18. Jahrhundert insofern also scheinbar unkritisch akzeptiert worden. Strittig schien nurmehr die Frage, ob selbiger „unauslöschlich“ sowie „angeboren“ – mit Rosenberg „ewig“ zu nennend – sei, oder ob Volkscharakter durch schöpferische, sittliche und also kulturelle Äußerung zunächst immer wieder neu „zu erzeugen“ sei. Sofern Rosenberg über Rassenseele schwadroniert, bedeutet das zunächst, der Auffassung Geltung zu verleihen, es bestehe selbstverständlich die Möglichkeit, „Blut“ zu beseelen.1043 Voraussetzung der Beseelung ist die „Bewahrung des Blutes“, die in vielfältige – hier vernachlässigenswerte – Formulierungen aufgelöst ist, im Kern jedoch stets auf „Reinerhaltung“ abheben, die einem vermeintlichen Phänomen der sog. „Blutschande“, also menschlich-geschlechtliche „Vermischung“, entgegengesetzt werden. Es handelt sich dabei um ein ideologisches Element, das durch Hitler exakt aufgegriffen wurde. In erwartbarer, da stets angestrebter antagonistischer Weltsicht erkennt Rosenberg zudem einen Mythus der „jüdischen Gegenrasse“, der angeblich ebenfalls „Blutauslese“ postuliere. Auch dem Judentum wird „innere Einheit“ als erfolgreiches Ergebnis der „Auslese“ zugebilligt, dessen Lebensgesetze hießen jedoch „Schmarotzertum“ und „Parasitismus“, was die Paralyse der „Gesellschaften, in die er [der Jude] eindringt“, zufolge habe. Eine gleichermaßen diagnostizierte „äußere Vielförmigkeit des Judentums“ hingegen sei insofern kein Widerspruch, als sie die Exekution eben benannter Lebensgesetze („schmarotzerhafte Umwertung“, das „Eindringen durch offene Volkswunden“ in die jeweilige Gesellschaft) geradezu „bedinge“. Das damit verbundene „vom Gott Jahwe den Gerechten [hier sind also die Juden gemeint] zugesagte [Streben nach] Weltherrschaft“ bilde dann konkret den „jüdischen Mythus“, der das, sowohl als „Bluts-“, als auch als „Gesinnungsgemeinschaft“ bezeichnete jüdische Kollektiv beseele.1044 Der zur fundamentalen Dichotomisierung führende zentrale Gedanke, den Rosenbergs „Mythus des Blutes“ enthält, entlehnt er einer Matthäus-Interpretation (die Bezugnahme zu Matth. 10|28 bleibt indes unplausibel) des Meister Eckart:1045 „ D a s E d e l s t e , w a s a m M e n s c h e n i s t , ist das Blut – wenn es recht will. Aber auch das Ärgste was am Menschen ist, ist das Blut – wenn es übel will.“1046 1042 Vgl.: Grossmann, Andreas: Volksgeist; Volksseele, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, a.a.O., Bd. 11, S. 1102 - 1107 1043 „Blut“ sei „zur chemischen Formel entseelt“ worden. Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 22 1044 Vgl: Ebd., S. 461-463. Wie gezeigt, eine Auffassung von jüdischem Geist, die auch Chamberlain gerne bemüht, und die er „jüdischen Nationalgedanken“ heißt. Vgl.: Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 386 sowie Kap. 5.3.1 vorliegender Untersuchung. 1045 Johann Eckhart (1260–1327) war Dominikaner, ab 1302 Magister, seit 1311 Professor [der Heiligen Schrift] in Paris, Straßburg und Köln, wurde durch Martin Luther hochverehrt, als Ketzer durch die Katholische Kirche inkriminiert und posthum wegen seiner „Irrlehren“ durch Johannes XXII. geächtet. Sein Denken kreise „um Gott, um Gotteserkenntnis und um die Verschmelzung [der spezifisch mystischen Prägung seiner Lehre also] mit Gott.“ Hans Christian Meiser hält das Gebot der „praktizierten Liebe zu den Mitmenschen“ für „das Entscheidende in Eckharts Lehre“ Gott zu erkennen und ihm nahe zu kommen. Vgl.: Meister Eckhart: Ausgewählte Texte, hrsgg. von Hans Christian Meiser, München 1987, S. 7-10 6.1 Mythus und Mystik – Zum Verhältnis von „Mythus des Blutes“ und „Mystik der Seele“ 235 Anhand dieses Zitats ist wiederum ersichtlich, wie Rosenberg freiherrlich ableitet, was dem Sinn des Zitates eigentlich widerspricht. Denn die sowohl „edle“ als auch „arge“ Disposition des Blutes sei „am Menschen“. Es besteht kein Grund anzunehmen, Eckart habe diese substantiellen Potentiale auf zweierlei Menschheit aufteilend übertragen wollen, wie Rosenberg hier als Voraussetzung einer – durch den Meister Eckart angeblich intendierten – Kennzeichnung „seelischer“ Fremdheit und „blutsmäßige[r] Feindlich[keit]“ unterstellt.1047 Eckharts programmatisches Credo bleibt zweifelsfrei am Menschen an sich ausgerichtet und zeichnet sich in der Tat durch „hinreißende Einfachheit“1048 aus: „Sooft ich predige, pflege ich zu sprechen von Abgeschiedenheit und daß der Mensch ledig werden soll seiner selbst und aller Dinge. Fürs zweite aber, daß man wieder eingebildet werden soll in das einfältige Gut, das Gott ist. Fürs dritte, daß man gedenken soll der gro- ßen Edelheit, die Gott in der Seele angelegt hat, daß der Mensch dadurch ins wunderbare Leben Gottes komme. Zum vierten von der Lauterkeit göttlicher Natur – was die Klarheit göttlicher Natur ist, das ist unaussprechlich.“1049 Voraussetzung einer Wiederbeseelung der so bis an den Rand der existentiellen Auslöschung bedrohten „Rasse“, die Rosenberg zu repräsentieren glaubt, sei also die „Achtung der Religion des Blutes“, die schlicht in der Anerkenntnis und damit der Internalisierung der alles überstrahlenden Bedeutung des „Rassengut[es] an sich“1050 besteht, und qua „rassisch-seelisch[er] Gesetz[mäßigkeit]“1051 die Erkenntnis einer (vor allem der marxistisch-leninistisch geprägten Doktrin einer Klassengeschichte) überzuordnenden „Rassengeschichte“, der „großen Welterzählung vom Aufstieg und Untergang der Völker, ihrer Helden und Denker, ihrer Erfinder und Künstler“, erlaubt.1052 Mit der schieren Er- bzw. Anerkenntnis der „nordisch-abendländischen Höchstwerte“ allein, folglich angeblich ein „Erleben“, das insbesondere „innerlich“ sein müsse, gebäre sich die „nordische Rassenseele“, heute, da „diese Wahnsinnsepoche jetzt endlich“1053 stürbe. (Dieser Apperzeptionsmodus – das sog. innere Erleben – ist deutlich aus Eckharts formaler Mystik entlehnt, die Inhalte und Ziele der jeweiligen Erkenntnis, Gott und Göttlich- und Gottähnlichkeit der Seele (Meister Eckhart) vs. „rasse-seelischer“ Antagonismus (Rosenberg), weisen indes keinerlei Schnittmenge auf.) 1046 Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 257/258, Hervorhebung im Original 1047 Vgl.: Ebd., S. 258 1048 Nigg, Walter: Vom Geist der Mystik – Meister Eckhart, in: Ders.: Das Buch der Ketzer, Zürich 1949, S. 263 1049 Meister Eckhart zitiert nach Nigg, ebd. 1050 Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 23 1051 Ebd., S. 38. Wiederbeseelung entspräche „echte[r] Wiedergeburt“, als deren Vorbedingung Rosenberg Werteerkenntnis postuliert, die innerhalb eines „zentrale[n] Erlebnis[ses] der Seele“ vollzogen würde. Eben deshalb sei sein mythus-getragener Kampf vor allem unabhängig von der ideologischen Erörterung von Fragen der Wirtschaftsordnung und klassischer Machtpolitik. Vgl.: Ebd., S. 15 1052 Ebd., S. 23 f. 1053 Ebd., S. 531 6. Alfred Rosenberg 236 Der Boden für die Wiedergeburt durch Wiederbeseelung scheint bereitet: Rosenberg konstatiert „heute“ das „Erwachen“ eines Bluts-Mythus’, der zugleich „Glaube“ und „Wissen“ darstelle, und der das „Mysterium“ berge, daß also besonderes Bewußtsein („der Glaube mit dem Blute“) dazu geeignet sei, „das göttliche Wesen der Menschen überhaupt zu verteidigen.“1054 Dieses wundersame Geschehen ist überdies als „der Mythus unserer ganzen Geschichte“ bezeichnet, der wiederum als historisch-futuristische Erkennens- und Handlungsanleitung für die Mitglieder der nationalsozialistischen Bewegung – als „Leitstern unseres gesamten Daseins“ – konzipiert ist.1055 Er, Alfred Rosenberg, hat dieses Konzept niedergeschrieben, diejenige Leistung für seine Bewegung also, aus der er vor allem sein Honigtröpfchen saugt. Daß er folglich dazu neigt, den Nationalsozialismus weniger für eine „Bewegung der Tat als eine der ‚Philosophie’“ zu halten, hat indessen auch – neben seinem als arrogant und schlichtweg unsympathisch wahrgenommenen Auftreten – zu seiner Marginalisierung in Partei resp. „Bewegung“ beigetragen.1056 Überdies habe aber auch seine „Philosophie“ selbst wenig überzeugt, weil sie wesentlich als Wahrnahme eines „Phantom[s] ‚des Juden’“ betrachtet worden sei, das durch Rosenberg „bis weit jenseits dessen am Werk“ gesehen wird, was „gesellschaftlich, aber auch parteiintern als konsensfähig“ gegolten habe.1057 Mit anderen Worten, selbst manchen Parteigenossen Rosenbergs ging die Universalisierung der jüdischen Urheberschaft aller Übel zu weit. Ziel dieser Universalisierung ist zugleich der mit der Abfassung des Mythus geübte Versuch Rosenbergs, die vielfach „widerspruchsgesättigten geistesgeschichtlichen und stimmungsmäßigen Elemente, denen die Bewegung ihren Erfolg verdankte, zum System einer nationalsozialistischen Philosophie zu verbinden.“1058 Mit der Vereinnahme des im 13. Jahrhundert wirkenden Meister Eckarts strebt Rosenberg nach weiterer Legitimation seines Seelen-Begriffes. Ihm geht es hier si- 1054 Ebd., S. 114 1055 Vgl.: Ebd., S. 528-531 1056 Vgl.: Large, David Clay: Hitlers München – Aufstieg und Fall der Hauptstadt der Bewegung, München 1998, S. 202 f. Bärsch hingegen attestiert Rosenberg durchaus auch die Fähigkeit, „zurückhaltende[s] Auftreten und gute[s] Benehmen“ an den Tag zu legen. Vgl.: Bärsch: Politische Religion des Nationalsozialismus, a.a.O., S. 193. Matthäus/ Bajohr heben Rosenbergs „kleinliche Streitsucht, geringe Kooperationsbereitschaft und Neigung zum Grundsätzlichen“ zur Erklärung seiner Randstellung hervor, die der unter allen NS- Größen obwohl deutlichste „Überzeugungstäter“, dennoch ohne Ministeramt und staatliche Kompetenzen bleibend, zu ertragen hatte. Vgl.: Matthäus/ Bajohr: Rosenberg – Tagebücher, a.a.O., S. 13 und 21 1057 Vgl.: Matthäus/ Bajohr: Einleitung, in: Rosenberg – Tagebücher, a.a.O., S. 41 1058 Fest: Rosenberg – Der vergessene Gefolgsmann, a.a.O., S. 230. Nota bene: Selbst einem der prominentesten NS-Spezialisten der alten Bundesrepublik unterläuft der bibliographische Lapsus, den Langtitel des Mythus inkorrekt wiederzugeben: „Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung des seelisch-geistigen Gestaltungskämpfe [sic, korrekt: ‚Gestaltenkämpfe’] …“, vgl.: Ebd., S. 463 und 508. Der Vollständigkeit halber: Der Wagner- und Chamberlain-Spezialist Bermbach bietet eine weitere Variante der Titelnennung: „Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltkämpfe [sic, korrekt: ‚Gestaltenkämpfe‘] …“, vgl.: Bermbach: Chamberlain, a.a.O., S. 624 6.1 Mythus und Mystik – Zum Verhältnis von „Mythus des Blutes“ und „Mystik der Seele“ 237 cherlich auch um eine Nobilitierung seiner „Philosophie“, wenn er sich an diesem berühmten Mönch, Professor, „Kölner Lesemeister“ und als Häretiker verurteilten Denker orientieren will, was indes auf beinahe noch absurderen Fundamenten beruht als die Wagner-Vereinnahmung der Nationalsozialisten insgesamt. Vielleicht ist die Hinwendung zur Mystik vor allem die Folge oder der Ausdruck „unklaren Denkens“, wie Ernst von Unruh im Jahre 1908 feststellt.1059 Auch August Strindberg will ein verbreitetes Vorgehen erkennen, eben immer dasjenige unter „das Mystische zu rubrizier[en], was man bisher nicht genügend hat erklären können“ – eben dies „ist mystisch.“1060 Der protestantische Theologe Walter Nigg findet äußerst instruktive Worte der Würdigung der wahrhaften Intention Eckharts und der Darstellung der gleichsam weltanschaulichen Programmatik Eckharts, von der ziemlich jedes Element in krassestem Widerspruch zu Rosenbergs fabulierter Mytho[u]logie steht. In der Summe ziele Eckharts Streben danach, von „gelehrten Reden über Gott [konkret in der Auseinandersetzung mit mittelalterlicher Scholastik] wieder zu Gott selbst zu gelangen“. Nigg bemerkt vorsorglich, daß „einfältige Gemüter“ von jeher durch Eckharts Lehre „verwirrt werden konnten“. Was Rosenberg selbst verwirrt haben sollte, ist das durch Nigg festgestellte eindeutige Gepräge Eckhartscher Mystik durch „arabische [wie] jüdische Religionsphilosophie“.1061 Überdies ist die politische Exoterik Rosenbergs, der sich mit seinem wahnhaften Kampf gegen „hebräisch-parasitäres Rassenchaos“, ebenso wie Hitler (siehe z.B. Kap. 7.2 vorliegender Untersuchung), letztlich des Teufels erwehren will, mit der kontemplativen Esoterik Eckarts kaum vereinbar, insofern „wie der Christ zu Gott kommt, ist Eckharts Thema, und auf diesem Weg ist nicht die Welt, nicht der Teufel, sondern der Mensch sich selbst das schwerste Hemmnis.“1062 Die beiden wesentlichen ideologischen Ableitungen, die Rosenberg in seine Rassen-Seele-Spekulationen einbringt, bestehen seines Erachtens zum einen inhaltlich in Eckarts „antirömische[r] Religion, Sittenlehre und Erkenntniskritik“1063, die sich „schroff “ gegen „jüdisch-römische Knechtseligkeit und Unterwürfigkeitslehre“ richte – und also die angeblich besondere Qualität wie Intensität „nordisch-abendländischer“ Wertebindung1064 dazugehöriger „Rasse-Seele“ impliziere. Zum anderen veror- 1059 Ernst von Unruh, der gegen Chamberlain anschrieb, indirekt zitiert nach: Bermbach: Chamberlain, a.a.O., S. 197 1060 Strindberg, August: M y s t i k – Vorläufig noch Mystik [1886], in: Ders.: Die Entwicklung einer Seele, verdeutscht von Emil Schering, München und Berlin 1917, S. 319 1061 Nigg, Walter: Vom Geist der Mystik – Meister Eckhart, a.a.O., S. 261 1062 Ebd., S. 264 1063 Nigg weist diese These indes scharf zurück, wenn er auf „Versuche, Eckhart in Gegensatz zum Christentum zu rücken“ erwidert, diese seien „schon im Ansatz verfehlt und ernstlich nicht zu diskutieren“. Es ist nicht völlig auszuschließen, daß Nigg im Jahre 1949 hier womöglich indirekt auf einen solchen Versuch Rosenbergs rekurriert, zumal er darauf verweist, daß dem Meister Eckhart nach der kirchlichen Verurteilung immer weniger Beachtung zuteilwurde, daß die „Beschäftigung mit Eckharts Mystik immer mehr unterblieb.“ Zudem: „Eckhart ist und bleibt eine innerchristliche Angelegenheit (...) [obwohl er] mit der traditionellen Lehre nicht immer in Einklang geblieben“ sei. Vgl.: Ebd., S. 279 1064 „Seelen- und Willensfreiheit“, „aristokratisches Ideal“, „Ehre und Adel“. 6. Alfred Rosenberg 238 tet Rosenberg, historisch-genetisch, gleichsam den „Auszug“ der kollektiven Seelen- Betätigung aus dem Kontext des Kirchlichen, in einem Sinne, der seinen Spekulationen zur – für existentiell notwendig befundenen – Sammlung, Äußerung, Darstellung, Pflege usw. der Rasse logisch vorauszusetzen ist. Zwar habe Eckart, wie später Luther, die richtigen Fragen gestellt, und die „römisch-syrischen“ wie die „jüdisch-römischen Zwangsglaubenssätze“ zurückgewiesen – dies aber leider, wie Rosenberg beklagt, weiterhin „ i n n e r h a l b der Kirche“. Das notwendige Scheitern dieser Versuche, mithin das bisherige Mißlingen der „seelischen Vereinigung“, sei wesentlich auf das Gegenwirken sog. „Dunkelmänner“1065 zurückzuführen. Fortan, mit der Erkenntnis der „an einer Stelle versandender, an anderer Stelle verknöcherter“, jedenfalls „vom ersten Tage an unfreien Kirche“, mußte „die deutsche Seele einen anderen Weg als den kirchlichen suchen“ – „Sie schlug ihn ein in der Kunst.“, als deren „germanische“ Höhepunkte „Bach, Goethe, Beethoven und Kant“ genannt werden.1066 Immer wieder wird auf Goethe verwiesen, den Rosenberg „als größten aller Deutschen“ erkennen will, was angesichts der Tatsache des Goetheschen „Opportunismus während der Herrschaft Napoleons I.“ befremdet, insofern, dem „großen Ansehen, das Goethe bei den Völkischen genoss“, tat dies „bemerkenswerterweise“ keinen Abbruch.1067 Immanuel Kant kann hier, wegen seiner Überlegungen zur Verbindung des Erhabenen und der Ästhetik, möglicherweise sinnvoll zur Kunst gerechnet werden. Im 1065 „Dunkelmänner“ ist der Rosenbergsche Terminus für Kirchenmänner, Vertreter kirchlicher Institutionen und monastischer Orden, zudem konkret vor allem das „von römischen Prälaten geleitete Zentrum [die Weimarer Partei katholischer Prägung]“, aber auch „wissenschaftliche Dunkelmänner“. Vgl.: Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 7, 119, 253 sowie den Titel der Schrift „An die Dunkelmänner unserer Zeit – Eine Antwort auf die Angriffe gegen den ‚Mythus des 20. Jahrhunderts’“ [1935], in der Rosenberg auf kirchliche Kritik an seinen Thesen reagiert. Siehe dazu auch: Kiesant, Knut: „Dunkelmänner“ – Über den Vorwurf der literarischen Verschwörung, in: Schoeps/ Schlör: Antisemitismus, a.a.O. Kiesant zeigt, daß es sich bei diesem Terminus um die lange existierende Bezeichnung eines höchst anschlußfähigen Stereotyps handelt, auf das Rosenberg also seine spezifische Version der angeblich gegen ihn gerichteten „literarischen Verschwörung“ anwendet. Vgl.: Ebd., S. 136-142. Rosenbergs mit einem an eine Privatfehde grenzenden Eifer betriebener Kampf gegen „Rom“, die Katholische Kirche und das Zentrum, zudem seine Umwertungsbemühungen der christlichen Wertorientierungen der Deutschen, werden durch das sog. Reichskonkordat zusehends obsolet. Der Heilige Stuhl habe den „politischen Katholizismus“ damit beendet, der „Priesterschaft in Deutschland jede politische Betätigung“ untersagt. Vgl.: Kershaw: Hitler 1989-1936, a.a.O., S. 605 Die katholische Kirche reagierte auf ihre Weise und indizierte Rosenbergs Mythus im Februar 1934 mit der offiziellen Begründung, dieses „fanatische und gewalttätige Buch säe Hass“. Es sei „bildungsfeindlich, christenfeindlich und menschenfeindlich.“ Vgl.: Wetzel, Juliane: Der Mythus des 20. Jahrhunderts, in: Benz, Wolfgang/ Graml, Hermann/ Weiß, Hermann (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München 2007, S. 649, sowie Hesemann: Hitlers Religion, a.a.O., S. 238. Insofern der Mythus also auf den Index librorum prohibitorum des Vatikans gelangte, konnte der Megalomaniker Rosenberg sich gar in „seiner kopernikanischen Rolle“ bestätigt sehen. Vgl.: Piper: Prophet des Seelenkrieges, a.a.O., S. 117 1066 Vgl: Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 252 -259, gesperrte Hervorhebung im Original, fette Hervorhebung A.S. 1067 Vgl.: Hartmann u.a. (Hrsg.): Hitler, Mein Kampf – Eine kritische Edition, a.a.O., S. 813 6.1 Mythus und Mystik – Zum Verhältnis von „Mythus des Blutes“ und „Mystik der Seele“ 239 Falle Richard Wagners ist vor allem ein projizierter ästhetischer Wille von Rosenbergs Interesse. Wagner in Rosenbergs Mythus Richard Wagner erfährt Rosenbergs schriftstellerische Beachtung in Zusammenhang mit seiner ideologischen Betrachtung dessen, was er für das „Wesen der germanischen Kunst“1068 hält. „Kunst“ fungiert als Indikator epochalen Wandels.1069 Die hier proklamierten Elemente des Wesens der germanischen Kunst seien: I. Das rassische Schönheitsideal, II. Wille und Trieb, III. Persönlichkeits- und Sachlichkeitsstil und IV. Der ästhetische Wille. Maßgebliche Protagonisten derselben sind ihm primär Ludwig van Beethoven, Arthur Schopenhauer (dem das gesamte Kapitel II. Wille und Trieb gewidmet ist) und Immanuel Kant. Ästhetik-, Erhabenheits- und Schönheitsbegriffe werden – weltanschaulich verknüpft mit dem Topos „Rasse“ – zusammengeprägt in ein „Ideal“, das zudem religiös untergrundiert ist. Denn Kunst bedeutet ihm, mit Honoré Balzac, „idealisierte Schöpfung“.1070 Mit Rosenbergs Analogisierung von kosmisch-göttlicher Schöpfung der Welt und der Menschheit einerseits und der künstlerisch-poetischen Schöpfung von Bauwerk, Skulptur, Epos und Musik andererseits – mithin also die (formalisierte, verdinglichte, im Kunstwerk geronnene) Idealisierung selbst –, geschieht effektiv die Ideologisierung der Ästhetischen. Fortwährend mißt Rosenberg den Wahrheitsgehalt seiner Weltanschauung an den vermeintlich zutreffenden und angeblich entsprechenden Erkenntnissen seiner anschauenden Analyse zahllos-zahlreicher Exempel global-historischer Ästhetik und deren, von Rosenberg entwickelte und vor allem geglaubte, ‚theoretischen’ Lehrsätzen und schöpferischen Gestaltungsprinzipien. Es ist ihm dann um die Ausdrucksmittel der „deutschen Seele“ zu tun, die sowohl im „Gesang des Walther von der Vogelweide, [der] Dichtkunst des Wolfram von Eschenbach“ aufgesucht werden und ihre Fortsetzung in „Griffel und Pinsel“ sowie „Orgel und Orchester“ finden.1071 Auf Richard Wagner wird in seinem siebenhundertseitigen Werk an fünf Stellen explizit verwiesen. Alle inhaltlichen Verweise fallen ausschließlich in „germanisch“künstlerischer Hinsicht („Zweites Buch: Das Wesen der germanischen Kunst“, des 6.2 1068 Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 276-450 1069 Rosenbergs Kommentar einer Rede seines Führers, deren wesentliche Elemente seiner, Rosenbergs, Inspiration entsprungen sein mochten, lautet: „Des Führers grosse [sic] Rede ist dann auch als Bestätigung meines vielbefeindeten Kampfes gedeutet worden, namentlich die entscheidende Stelle, dass ein christliches Zeitalter eine christliche Kunst hätte, ein nationalsozialistisches aber eine nationalsozialistische! Wodurch die Ablösung des einen Zeitalters durch ein anderes deutlich ausgesprochen wurde.“ Die Tagebuchnotizen Alfred Rosenbergs, Eintrag vom 17.09. 1936, in: Matthäus/ Bajohr: Rosenberg – Tagebücher, a.a.O., S. 205, Hervorhebung im Original 1070 Rosenberg: Mythus, a.a. O., S. 316 1071 Ebd., S. 360. Rosenbergs Mentor hat solche Anschauung der Künste vorgelegt. Chamberlain zentralisiert stets „Dichtung“, im strikten Sinne Poesie, als eigentlicher Ursprung jeder Kunstgattung. Was bei Rosenberg „Griffel und Pinsel“ heißt, ist bei Chamberlain mit den Begriffen „Feder, Meissel [sic] und Pinsel“ benannt. Vgl.: Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 1141 6. Alfred Rosenberg 240 insgesamt drei Bücher umfassenden Werkes). Das Unternehmen Rosenbergs ist im Wesentlichen der Versuch des Nachweises, daß „bei allen Völkern des Abendlandes“, „in ganz Europa“ und vom „Griechentum bis zum nordischen Abendland“ zu allen Zeiten in künstlerischer Darstellung – ästhetische Schöpfung, hier auch Literatur, Mythologie und Philosophie – „stumpfes seelisches Wesen“ (das Mindere, das Hässliche, das Dunkle, das Böse, die Gegenrasse) „ähnlich gestaltet“ bzw. beschrieben sei, was bei den schöpferischen, darstellenden und bildenden Dichtern und Künstlern wiederum auf eine homogene „Gesittung“ sowie ein „seelisch-rassisches Bekenntnis“ schließen lasse.1072 Es ergibt sich also bereits aus der Intention und der theoretischen Anlage dieses absurden Unterfangens, daß Wagner bestenfalls einer unter vielen, bzw. eigentlich unter allen ist. Es besteht überdies inhaltlich, „weltanschaulich“ oder „theoretisch“ kein Anlass, Wagner diesbezüglich als primus inter pares1073 zu betrachten, obwohl dem „Kunst“-Buch Rosenbergs ein Wagner-Zitat als Motto1074 seiner Ausführungen vorangestellt ist. Auf den ersten Blick erscheint „Wagner“ insofern als das A und Ω seines Gedankenganges zum „Wesen der germanischen Kunst“. In der Tat kommt Rosenberg auch zum Ende des Kunst-Buches auf Wagner zurück und nimmt indirekt Bezug auf dessen „Kunstwerk der Zukunft“. Von Interesse ist ihm die Verknüpfung von Kunst mit Religion, die ja auch durch Wagner überliefert wird, grundlegend aber bereits auf die Antike zurückgeht (siehe Kap. 4.1.2 vorliegender Untersuchung). Nicht ästhetische Erhabenheit1075 oder die Begründung besonderer Dignität „der Kunst“ ist der Sinn dieser Verbindung, sondern die für notwendig erachtete Revitalisierung der Religion, die gleichsam verödet sei, ist ihre vorzügliche Aufgabe. Kunst wird nicht bloß „geheiligt“, sondern wirke „heiligend“. 1072 Vgl.: Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 290-295 1073 In ebenfalls ausnehmend affirmativer, hymnischer und heroisierender Manier – zudem mit den „weltanschaulich“ identischen Implikationen, quantitativ aber jeweils wesentlich umfangreicher als Wagner – werden u.a. besprochen: Dante, Kant, Schopenhauer, Grünewald, Dickens (Rosenberg schreibt unverdrossen „David Cooperfield“), Keller, Hölderlin, Busch, Raabe, Storm, Spitzweg, Goethe, Schiller, Beethoven, Bach, Shakespeare, Leonardo, Cervantes, Rubens, Rembrandt, Ibsen usw. usf. Vgl.: Ebd., S. 294, 336, 338, 414, 424, 436, 437, 443. Selbst für den Zeitraum von 500 Jahren – man bedenke, daß Rosenberg einen gesamtgeschichtlichen und sogar überzeitlichen Bezug für seine Rede über das „ewige deutsche Lied vom ewigen W e r d e n und K ä m p f e n um sein Sein“ (S. 438, Hervorhebung im Original) in Anspruch nimmt – ist Wagner einer unter diesen Großen. Von den erdrückend ausführlichen Erörterungen über bildhauerische Plastik, Architektonik und Baukunst (insgesamt als „ästhetische Formprobleme“ bezeichnet), anhand derer Rosenberg seine Theorie von der „seelisch-rassisch“-bedingten und „ästhetisch-idealistisch“-verwirklichten „Willensentladung“ ebenfalls anwendet, ganz zu schweigen. Vgl.: S. 345-385. Die ausladende Bearbeitung dieses ästhetischen Spezialgebietes ist wohl vor allem auf Rosenbergs Ausbildung bis 1918 zum Architekten, mit Studienaufenthalt in Moskau, zurückzuführen. Vgl. zu Rosenbergs Ausbildung: Eberle/ Uhl (Hrsg.): Das Buch Hitler, a.a.O., S. 611 1074 „Das Kunstwerk ist die lebendig dargestellte Religion. Richard Wagner.“ Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 275. Das Zitat stammt aus Wagners Schrift „Die Kunst und die Revolution“, a.a.O., siehe Kap. 4 vorliegender Untersuchung. 1075 Das Erhabene wird im Vorfeld in Zusammenhang mit Kants Lehre über das Erhabene (Kolumnen- überschrift) behandelt, insofern Rosenberg paraphrasiert: „Religiöse Vorstellungen“ ergäben, resp. führten zu „Ehre und Ehrfurcht.“ Erhabenheit sei das Ergebnis der Übertragung, eines „durch die Vernunft erweckten Gefühls“ auf „das Objekt.“ Vgl.: Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 419/420 6.2 Wagner in Rosenbergs Mythus 241 Für echt und vital befundene Religion entstehe – mit Wagner – indes nur „aus dem Volke“, sie sei nur dann „lebendig dargestellte Religion“ – mithin „Volkskunst“. Diese zirkuläre Interpretation legt Rosenberg in seinem Mythus in extenso aus, insofern er in Beispielen aus zweieinhalbtausendjähriger Menschheitsgeschichte in ihrer ästhetisch-schöpferischen Entäußerung, die konsistente Offenbarung eines konstanten „rassischen Ideals“ ausmacht, und dieses pseudokonkludent mit sittlichen, d.h. für ihn primär weltanschaulichen, die stets mit rassisch-dichotomisierten Implikationen überfrachtet werden, kurzschließt, was wiederum einem so bezeichneten „polaren Prinzip [„Urphänomen“]“ entspräche. Das spezifisch religiöse Moment der Kunst wird in ihrem vermeintlichen Potential zur „Weltüberwindung“ erkannt. Die Notwendigkeit derselben, die „Aufgabe des 20. Jahrhunderts“1076, ergebe sich aus der Existenz einer – also zu überwindenden – „bürgerlich-kapitalisierten Welt der Alberiche“, gegen die „neben Lagarde als einziger [!]“ gerungen habe – Richard Wagner. Dieser künstlerische „Volksdienst“, der den einzig „echten Lebensquell“ in einer „bestialisierenden Zeit“ böte, entspricht dem, ist inspiriert vom und bildet ab, das „Volksempfinden“. Es erscheint in diesem Zusammenhang möglicherweise ein direkter Bezug zu Wagners „Kunstjuden“-Pasquill und zwar in der Bemerkung, daß Wagner „gegen die gekaufte Weltpresse“ gerungen habe, über die auch Wagner selbst in „Das Judenthum in der Musik“ ja tatsächlich geklagt hatte (vgl. Kap. 4.2.1.2 vorliegender Untersuchung). Ein weiterer Hinweis erscheint in Zusammenhang mit der Thematisierung angeblicher „Triebhaftigkeit jüdischer Kunst“ – ein Topos, der sich in das dauernde Gerede von durch Rosenberg seit der Antike in der künstlerischen Darstellung festgestellten, „satyrhaften Geilheit“1077 einfügt – die dann einseitig mit moralischer Minderwertigkeit assoziiert wird –, und mit der, außer Hedonismus, schwer verständlich auch die Elemente Reichtum sowie „Rachegier“ verknüpft werden. „Das Schlaraffenland ist religiöser Ernst geworden und feierte im jüdischen Marxismus und seinem herrlichen ‚Zukunftsstaat’ seine Wiederauferstehung.“1078 Diese vermeintlich jüdische „Utopie“, in der beiläufig das antisemitische Klischee des anstrengungslosen Wohlstands aufgerufen wird, ist hier von Bedeutung, insofern diese eine „Seelenstimmung“ abbilde, die zum einen „jüdische Gier“ und zugleich einen „vollständigen Mangel an echt seelischer und künstlerischer Schöpferkraft“ zufolge 1076 Ebd., S. 531 1077 Ein für Rosenberg besonders prägnanter Indikator besteht in dem bereits „beim Griechen“, „überhandnehmende[n] Phalluskult“, den er auf „das rassische Überhandnehmen der [seit der Antike] als stumpf und beschränkt gezeichneten („früher unterjochten“) ostisch- orientalischen Rassetypen“ zurückführt. Ebd., S. 284. Innerhalb seiner kulturgeschichtlichen Analyse glaubt Rosenberg kryptische Inschriften, z.B. „altetruskische“, neu zu übersetzen, und eine immer wieder beklagte „vorder-asiatische“ Minderwertigkeit sowie „allerlei vermeintliche Perversitäten“ entschlüsselt zu haben, was aber, so Hesemann, von der zeitgenössischen Fachwelt „mit amüsiertem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen“ worden sei und vor allem Aufschluß „über Rosenbergs eigene pornographische Phantasie“ gebe. Vgl.: Hesemann: Hitlers Religion, a.a.O., S. 233 1078 Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 364 6. Alfred Rosenberg 242 habe. Die zunächst unklare Verknüpfung von Kommunistischem Utopos mit Religiosität (deren metaphysische Ernsthaftigkeit für die mosaische Religion Rosenberg sogleich bestreitet), leitet die Einführung eines – auch für Chamberlain und Hitler1079 – zentralen antisemitischen Theorems ein, daß auf supponierte Scheinmetaphysik und mangelnde Transzendenzfähigkeit der „jüdischen Religion“ hinausläuft – die also als solche eigentlich nicht anerkannt wird –, die letztlich nur innerweltlicher Machtkonsolidierung Vorschub leiste, und mitnichten die Konditionen zu erwartenden und herzustellenden (jenseitigen) Heils betreffe. Wie es dem geschlossenen Weltbild des Ideologen Rosenberg entspricht, hängt jedes mit allem zusammen – insbesondere mit seiner Obsession eines universalhistorischen rasse-dualistischen Kampfes, der sich eben an jeweiligen kulturellen Leistungen ablesen lasse, und auch insofern ein „seelisch-geistiger Gestaltenkampf “1080 ist: „ J e d e G e s t a l t i s t T a t , j e d e T a t i s t w e s e n t l i c h e n t l a d e n e r W i l l e .“1081 Die fixe Idee des ewigen Rassenkampfes, eines urhistorischen beständigen Völkerringens, ist vielfach modifiziert immer wieder auch bei Hitler zu finden. Sie markiert eine wesentliche ideologische Grundlage des Nationalsozialismus. Das Besondere an Rosenbergs Variation sind ihre vorwiegend ästhetischen Indikationen und die darauf gründende kunsttheoretische Argumentation. Der „Schein“, das „Oberflächliche“, der „schöpferische Mangel“ sei rassisch-wesenhaft für die Juden und verweise auf das Fehlen sowohl des „religiösen Urelementes“ wie von „Innerlichkeit“ und – der Zirkel wird geschlossen – die Ermangelung echter „Kunst“, die selbstredend zuvörderst „Schöpfung“ ist. Vor diesem Kontext wird nun Wagner – zwar nicht direkt zitiert, aber für den kundigen Kenner offensichtlich – bemüht: „Deshalb wird jüdische ‚Kunst’ niemals persönlicher aber auch niemals wirklich sachlicher Stil, sondern bloß technische Geschicklichkeit und subjektive, auf äußerliche Wirkung ausgehende Mache verraten …“1082 1079 Vgl. beispielsweise: Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 282; Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 363 1080 Entsprechend lautet der Langtitel des Mythus, „Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit“, vgl.: Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. III 1081 Ebd., S. 316, Hervorhebung im Original 1082 Ebd., S. 364. Die Unterscheidung von „Persönlichkeits- und Sachlichkeitsstil“ ist grundlegend für Rosenberg, um, angesichts der postulierten Anerkenntnis der „Zwiefachheit des [künstlerischen, poetischen, kulturellen] Schaffens“, künstlerische Gesetzmäßigkeiten zu erforschen. Diese Scheidung betrifft zunächst „Dynamik“ vs. „Statik“. Angebliche Implikation der persönlichkeits-stilistischen Dynamik sei „Willensentladung“ (ein Topos anhand dessen Wagner sogleich einbezogen werden wird, mehr dazu in direktem Anschluß). Weitere Modifikationen des Zwiefachen seien: Subjektivität – Objektivität; Idealismus – Realismus; Typisierung – Individualisierung. Der „Sinn“ dieser Unterscheidung betrifft den Versuch der Appellation an die geglaubte Nachweisbarkeit von Anfang und Ewigkeit, Überlegenheit und Unsterblichkeit „rasse-seelischer“ Spezifika in den Darstellungen, durch Rosenberg bestimmter, ästhetisch-poetischer Produkte, die wiederum anhand der, durch ihn entwickelten aber frei erfundenen, ästhetischen Gesetzmäßigkeiten erkennbar würden. „Persönlichkeit (Wille plus Vernunft) ist die dem Stoff entgegengesetzte, das Metaphysische im Menschen darstellende Macht, im engeren Sinne die innere und rastlos wirkende Tatkraft (Aktivität) des inneren Wesens, das Urrätsel (Urphä- 6.2 Wagner in Rosenbergs Mythus 243 Der Vorwurf des „Technisch-Formalen“, des „Effektmachens“, „alles was man will: Talmi, Technik, Mache, Effekt, Quantität, Virtuosität“ des schöpferischen Wirkens, das als jüdisch rezipiert wird, ist in der Diagnose ganz Wagner – ebenso das Urteil, „nur keine Genialität, keine Schöpferkraft“ aber „Unsittlichkeit“, ist ganz Wagner. Ist aber eigentlich niemandem aufgefallen, wie deutlich diese Bezeichnungen auf einen einstmaligen Linzer Postkartenvervielfältigungskopisten in Wien verweisen? Die zur Beschimpfung durch Rosenberg ausgewählten wagnerzeitgenössischen „Kunstjuden“ sind vor allen „der niederträchtige Heinrich Heine“1083 sowie Felix Mendelssohn, den Rosenberg tatsächlich „Mendelsohn“ schreibt und dem er, allen Ernstes indigniert vorzuwerfen sich erlaubt, Johann Sebastian Bach zu schätzen („für den der Jude [hier: Mendelssohn] dann Propaganda machte“).1084 Die These der sog. gestaltenden Willensentladung ist ausdrücklich fokussiert auf Richard Wagner. Sie ist dem einzigen direkten Wagner-Zitat im Mythus entnommen – dem Fragment eines Briefes Wagners an die passagere Geliebte Mathilde Wesendonck –, in dem von der überzeit- und -weltlichen „Entladung unseres eigenen Inneren“ die Rede ist. Der Topos „Innerlichkeit“ ist von besonderer Bedeutung, als er einerseits gegen die sozusagen entkernte – oberflächliche – Äußerlichkeit zu setzen ist, und andererseits „rassisch-persönliches Künstlerwollen“ bezeichne.1085 „Innerlichkeit“ ist also wesentliches Wagner-Thema Rosenbergs, welches – variiert – im Topos „Einsamkeit“ wiederauftaucht.1086 Die Variation bezeichnet eine inhaltliche Erweiterung. In und aus der „Einsamkeit“ entstehe „Ewig- und Unendlichkeitsgefühl“. Dieses verweise auf „das ewige Streben der Faustnaturen“. „Faustische Seele“, die solche „Faustnaturen“ zu verbinden vermag, meine, „das Streben nach Unendlichkeit auf jedem Gebiete.“1087 Sie repräsentiere sowohl „germanischen“ als auch „europäischen Geist“1088, der den „in der Weltgeschichte“ erscheinenden „germanischen Menschen“ zu seiner „Charakterverwirklichung“ befähige.1089 Das für die nationalsozialistische Weltanschauung höchst relevante Dogma der kulturbegründenden Exklusiv-Befähigung der „Arier“ ist bei Adolf Hitler paradigmatisch aufgegriffen resp. vorgedacht (siehe dazu Kap. 7.2.1 vorliegender Untersuchung), wird durch Rosenberg jedoch konkreter ausbuchstabiert. Die vermeintliche menschheitskulturelle Universalbedeutung der „Germanomen [die schließende Klammer fehlt im Original] der germanischen Seele.“ Vgl.: Ebd., S. 345-352, Zitat, S. 349 1083 Wagner selbst war Heine indes wohlwollend verbunden, den er seit der gemeinsamen Pariser Zeit „als Freund und Ideengeber“ betrachtet habe. Zur Beziehung Richard Wagners zu Heinrich Heine siehe z.B.: Hansen: Wagner – Biographie, a.a.O., S. 94-98 sowie Borchmeyer, Dieter: Heinrich Heine – Richard Wagner. Analyse einer Affinität, in: Ders. /Maayani/ Vill (Hrsg.): Wagner und die Juden, a.a.O., S. 20-33, der die Ursachen für Wagners anfängliche Zuneigung und die Übergänge in die darauffolgende partielle Verunglimpfung Heines durch Wagner zeigt. 1084 Ebd., S. 364/365. Niemand anderer als Mendelssohn übrigens hat die Bachschen Passionen aus der sprichwörtlichen Versenkung geholt, in die sie bis dahin geraten sind. 1085 Vgl.: Ebd., S. 316 1086 Ebd., S. 388/389 1087 Ebd., S. 271 1088 Ebd., S. 270 1089 Vgl.: Ebd., S. 268 6. Alfred Rosenberg 244 nen“ resp. „Arier“ resp. der „abendländisch-europäischen“ Menschheit wird dann tatsächlich – der wortwörtlich zu verstehenden Ankündigung zufolge – auf buchstäblich „alle Gebiete“ von Wissenschaft und Kultur angewandt, und belegt zunächst einen eurozentristischen Chauvinismus, der kaum mehr zu steigern ist: „Er [der germanische Mensch] umschiffte die ganze Erde; er entdeckte Millionen Welten; er grub in tropischer Sonnenhitze uralte, längst vergessene Städte aus; er forschte nach Dichtungen, nach sagenhaften Burgen; er entzifferte mit unsagbarer Mühe Papyrusrollen, Hieroglyphen und Tonscherbeninschriften, er untersuchte tausendjährigen Mörtel und Steine auf ihre Bestandteile; er lernte alle Sprachen der Welt …“1090 Eingedenk der Überzeugung, daß die „kommende Form unseres [des nordischen Menschen/ der nordisch-germanischen Seele] Daseins auf allen Gebieten ihren Ausgang in großen Einzelmenschen“ nehme1091, ist die Frage zu beantworten, was nun wiederum das Wagnerspezifikum dieser Erkenntnis sei. Denn Wagner habe eben diese Haltung – sowohl in seinem Lebens- und Arbeitsgebaren1092 als auch in seinen Werken1093 – in besonders vorbildlicher Weise repräsentiert, wie Rosenberg glauben machen will. Bärsch betont dazu die durch Rosenberg am Beispiel Richard Wagners verdeutlichte Idee der „Übereinstimmung zwischen Kosmos und Einzelwille“, die derjenigen von „nordischer Seele und abendländischer Kunst“ entspräche. Diese Übereinstimmung sei „in Richard Wagner“ zum Ausdruck gekommen, also nicht primär in dessen gesellschaftspolitischen Schriften und seinem musikdramatischen Werk [womit Rosenberg sich folgerichtig dann auch wenig beschäftigt], sondern in dessen „Persönlichkeit“.1094 Der Erlösungsweg, den die „nordisch“-apostrophierte menschliche Spezies zu beschreiten habe, ist die scheinbar gelingende Apperzeption des „Kommenden“ (des „Dasein[s] des nordischen Menschen auf allen Gebieten“), die mithin die hyperbolischen Qualitäten „unendlich“ und „ewig“ aufruft. Das Schlüsselmedium ist seelische Innerlichkeit, die das „Unendlichkeitsgefühl“ zu „echtem Bewußtsein“ erhebe. Dieses Gefühl – hier erlangt die Argumentation ihre universal-rassische Pseudorelevanz – sei in „keiner [der] uns bekannten Rassen- oder Kulturseelen derart ausgeprägt“ anzutreffen (wie in der arischen/ nordischen/ germanischen/ deutschen Rasse). Die Zielvorsehung besteht in der Phantasie des „Eigenartig-Unsterblichen“, das in „Einzigartigkeit“ nur der „germanisch-nordischen Seele“ zukomme.1095 1090 Ebd., S. 269. Hervorhebung des Verfassers. Dazu beinahe identischen Inhaltes bereits Adolf Hitler: „Was wir heute an menschlicher Kultur, an Ergebnissen von Kunst, Wissenschaft und Technik vor uns sehen, ist nahezu ausschließlich schöpferisches Produkt des Ariers.“ Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 317 1091 Vgl.: Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 386, Hervorhebung des Verfassers 1092 „Wagner arbeitete … allein, bewußt abgeschlossen … Selbstmordgedanken im Herzen.“ „Ein Einsamkeits- und Unendlichkeitsgefühl“, das „Kennzeichen des abendländischen Wesens“ sei. Ebd. 387/88 1093 Das „Ewige der Kunst“ in den Meistersingern, das „Unendlichkeitsgefühl“ beim Tristan, vgl.: Ebd., S. 388/89 1094 Vgl: Bärsch: Politische Religion des Nationalsozialismus, a.a.O., S. 212 und 227. Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 433, Hervorhebung des Verfassers. Gleiches gelte aber auch für Kant, „in Kant“ sei „nordischer Geist“ zu „philosophische[m] Bewußtsein gelangt.“, Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 134, Hervorhebung des Verfassers 6.2 Wagner in Rosenbergs Mythus 245 Ansonsten geht Rosenberg kurz ein auf Wagners „Ringen“ gegen ein „sattes Spie- ßertum und ein ganz ideenloses Zeitalter“1096, welches dessen sozialistisch-eigentumskritische Facette betrifft. Daß Wagner also als der einzige Kämpfer gegen die „Kapitalisierung“ der Welt wahrgenommen wird, ist jedoch vollkommen abwegig (vor allem für das Neunzehnte Jahrhundert, man denke etwa an Proudhon, Marx, Engels, Bruno Bauer, Lassale usw. usf.). Die nationalsozialistische Überdehnung der Wagnerschen Kunstwerks-Theorie, die Rosenberg in seiner weltanschaulichen Kardinal-Schrift hauptsächlich rezipiert, wird auch bei der Betrachtung der Kunstwerks-Rezeption des „verehrungswürdigen H. St. Chamberlain“ deutlich, der mit Rosenberg „wohl als der bewußteste Verfechter der Idee des Wagnerschen Wort-Ton-Dramas angesehen werden [darf].“1097 Chamberlain verföchte musikdramatische Zwangslehrsätze des Meisters, die letztlich die Wagnersche Hierarchisierung der Einzelkünste, aber auch die auf Goethe zurückgehende „Angrenzung und Abgrenzung“ und die „Klüfte“ sowie die „Vermählung“ zwischen „verschiedenen Künsten“ beträfen.1098 Mit Wagners Kritik an und seiner Feindschaft gegen Juden hat all dies eher wenig zu tun, dessen Verdienst, weil und obwohl er als „Volkskünstler“ durch „Volksreligion“ im „Volksdienst“ dennoch gegen eine „ganz verpöbelte Welt“ kämpfe, hauptsächlich darin bestehe, „das Kulturwerk Bayreuths“ geschaffen zu haben, was einem (theoretisch) „für ewig außer Frage stehenden“ Sieg gleichkomme1099 und gleichsam den – wenig plausiblen – „Oberton“ in einem, Rosenbergs gesamtes Hauptwerk tragenden, kulturell-chauvinistischem basso continuo darstellt. Rosenberg will als Connaisseur der Wagnerschen Musikdramen erscheinen – mehr noch, als wirklich Interessierter1100 – und bietet in Bezug auf Richard Wagner überwiegend theaterwissenschaftlich anmutende Analysen, in denen er das Wagnersche „Dogma im Musikdrama“ über das Zusammenwirken der Einzelkünste so ernst nimmt, daß er Wagner einige diesbezügliche Unstimmigkeiten und Inkonsequenzen nachzuweisen glaubt. Dies endet in der kritischen Schlußfolgerung, „daß die drei Künste auf die Dauer gleichzeitig nicht 1095 Vgl.: Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 389/90, Hervorhebung des Verfassers 1096 Ebd., S. 443-445 1097 Ebd., S. 430 1098 Vgl.: Ebd. 1099 Vgl.: Ebd., S. 428 1100 Wozu vorab allerdings eine gewisse Überzeugungsarbeit vonnöten war, derer sich Hitler dann auch höchstpersönlich annahm, der Rosenberg – „als unmusikalisch bekannt“ –, zu den Festspielen 1937 mitbrachte und „Winifred ankündigte“, ihn „in der Götterdämmerung bekehren“ zu wollen. Vgl.: Hamann: Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth, a.a.O., S. 348, Hervorhebung im Original. Eventuell muß die vorgebliche Relevanz Wagners für Rosenbergs Weltanschauung also per se schlechthin als bloß taktisches Zugeständnis an seinen Führer verstanden werden. In seinen Letzten Aufzeichnungen, die er in seiner Nürnberger Haftzeit abfasst – die Hinrichtung steht bald bevor –, bekennt Rosenberg, daß Wagner, resp. seine Werke, sein „Innerstes“ nie erreicht hatten. Vgl. Bermbach: Chamberlain, a.a.O., S. 578. In den Eingangskapiteln vorliegender Untersuchung ist bereits darauf hingewiesen worden, daß etliche NS-Größen sich skeptisch und widerwillig gegenüber dem, wesentlich als persönlicher Spleen wahrgenommen, Wagner-Enthusiasmus Hitlers positionieren. 6. Alfred Rosenberg 246 zu vereinigen“ seien und Wagner bei dem Versuch dieser Harmonisierung „sich selbst im Wege stehe“1101, „daß die Form des Wagnerschen Musikdramas auch ihm [Wagner!] nicht immer restlos gelungen ist.“1102 Solche einem Wagnerianer durchaus häretisch anmutenden Erkenntnisse sind für Rosenberg selbst jedoch vernachlässigenswürdig, insofern es Rosenberg ja vor allem darauf ankommt, daß Wagners „ganzes Kunstwerk nichts anderes als eine einzige ungeheure Willensentladung“ sei. Inhalte erscheinen insofern nachrangig, als es ihm primär um die vermeintlich höchstintensive Form der Äußerung – die „Entladung“ – ankommt. Ob sich seine Kunstwerk-Interpretation mit der Konzeption Wagners selbst deckt oder nicht, daß er den zentralen Erlösungstopos Wagners, Liebe, zurückweist, bekümmert ihn daher nicht. Die konkrete Entladung solchen Willens passiere in der „Verwirklichung des Schönheitsideals“, das wiederum in der Manifestation „des Höchstwertes des nordisch-abendländischen Menschen“ bestehe, und vorbildlich z.B. in (den Konzeptionen der mythischen Wagner-Figuren) „Wotan, König Marke, Hans Sachs und Parzival [den Wagner im Gegensatz zu Rosenberg und Wolfram von Eschenbach übrigens stets Parsifal schreibt]“ verkörpert sei. Dieses spezifische „Seelenleben Wagners“ treffe indes mit demjenigen „aller europäischen Großen“ zusammen, Rosenberg zählt in diesem Zusammenhang abermals „größte Werke des Abendlandes“ auf – vor allem immer wieder Faust.1103 Die relevanten Vorbilder der durch Rosenberg erstrebten „Typenzüchtung“ der „Deutschen der Zukunft“ seien aber – ganz und gar ohnwagnerianisch: 1101 Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 432. Rosenberg bietet in diesem Zusammenhang detaillierte Schilderungen, die diese These belegen sollen. Etwa, wenn er die dramaturgische Verhinderung der, dogmatisch eigentlich erforderlichen, „Übereinstimmung von Wortgehalt, Gebärde und Musik“ in „Wagners Dramen“, eben durch Wagner selbst, moniert. Winifred Wagner ließ sich in ihrer 1946 zu ihrer Verteidigung in Nürnberg angefertigten Denkschrift für die Spruchkammer in Bezug auf Rosenbergs tendenziöse und intentionell entstellende Wagner-Rezeption, wie folgt vernehmen: „Rosenberg gar erklärt in seinem ‚Mythos’ [sic], daß Tristan [Tristan und Isolde] nicht ein Drama der Liebe, sondern der Ehre sei.“ (…) „Der Erlösungsgedanke durch die hingebende Liebe eines Weibes lag den Kündern des nordischen Heldenideals nicht, da der angestrebte ‚Übermensch’ auf sich selbst gestellt mit dem Leben fertig zu werden hat.“ Winifred Wagner zitiert nach: Hamann: Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth, a.a.O., S. 251. In der Tat hält Rosenberg die auf die Zentralität des Topos Liebe abhebende Interpretation für „lediglich vom Standpunkt der verzückten Isolde aus betrachtet“, insofern unzulänglich. Die Ehr-Interpretation, die deutlich nicht einmal der real-geübten Moralvorstellung Wagners standhält (siehe Wagners Beziehungen zu den „Freundesbräuten“ Mathilde Wesendonck oder Cosima von Bülow, um die Rosenberg natürlich gewußt haben sollte, basiert auf der Hypothese: „Weil Tristan seine unüberwindliche Liebe zur Braut seines Königs und Freundes als ehrlos empfindet, deshalb hält er sich fern von ihr, deshalb will er den Todestrank trinken …“ Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts, a.a.O., S. 401. „Liebe“ anstelle der „Ehre als Höchstwert“ zu setzen, hält er überdies für genuin christlich, was er als einen „empfindlichen Schlag gegen die Seele des nordischen Europa“ wertet. Ebd., S. 155 1102 Ebd., S. 428 1103 Vgl.: Rosenberg, a.a.O., S. 434 f. Faust handele seinem „innersten seelisch-rassischen Freiheitswillen“ gemäß, wenn er die „ganze Welt erforschen möchte“ – Freiheitsliebe und Forscherdrang, Rosenberg deutet auch hier nach Belieben „nordisch-rassische“ Exklusivität ein und aus. Vgl.: Ebd., S. 436 6.2 Wagner in Rosenbergs Mythus 247 „Der Fritzische Ehrbegriff, Moltkes Zuchtmethode und Bismarckscher heiliger Wille, das sind die drei Kräfte, die in verschiedenen Persönlichkeiten in verschiedener Mischung verkörpert alle nur einem dienen: der Ehre der deutschen Nation.“1104 Zur Bedeutung Chamberlains für Rosenberg Mit der Ausfertigung der Grundlagen „wurde Ch.[amberlain] deutscher, als die Millionen, die auf den Knien vor Rom oder den Juden herumrutschten… [der Mann], dem wir alle soviel [sic] zu danken haben.“ (Rosenberg)1105 Houston Stewart Chamberlain ist ein häufig und explizit genanntes Idol Rosenbergs, was vor allem für die dominierende Spekulation über die angeblich exklusiv abendländische (arische, germanische) Schöpfungsbefähigung gilt. Er, Chamberlain, sei überdies derjenige Einzige, der aus dieser Erkenntnis „die notwendigen Folgerungen“ gezogen habe.1106 Auch darin ist also eine weitere besondere Vorbildlichkeit, die „Bedeutung“ der Idee und der Methode Chamberlains für Rosenberg zu sehen. Eine einzige Sentenz Chamberlains genügt, um dessen Vorbildlichkeit einerseits, sowie die intellektuelle Gefolgschaft Rosenbergs nachzuvollziehen: „Um die Geschichte und damit auch die Bedeutung unserer Kunst in der Zeitenfolge und inmitten der übrigen Lebenserscheinungen zu verstehen, ist das erste und unbedingte Erfordernis, dass wir sie als Ganzes betrachten … [insofern] Kunst Freiheit und Schöpferkraft voraussetzt.“1107 Rosenbergs Huldigungen betreffen im Kern die „lichtvollen“ Deutungen Chamberlains.1108 Das durch Chamberlain Gedeutete besteht in einem Kardinalideologem Rosenbergs – in der Verknüpfung der „Idee der Freiheit“ und der „Idee der Ehre“. Auch hier wird der Tenor der Spekulation Rosenbergs einmal mehr bestätigt, der in der dogmatischen Zusammenschau einander eigentlich widerstrebender und sich logisch ausschließender Postulate besteht. Was ansonsten als „Anerkenntnis“, „Erkenntnis“ oder „Einsicht“ von bzw. in bestimmte(n) Gesetzmäßigkeiten von den glaubensverpflichteten Anhängern der Bewegung einzufordern bzw. vorauszusetzen ist, heißt nunmehr „Eingeständnis“. Das großartig Erkannte, indes durchweg hypothetisch Formulierte, ist erneut nicht direkt nachzuvollziehen, sondern soll schlicht „anerkannt werden“ – die Pathogenese und der Heilungsprozeß muß vom Patienten nicht notwendigerweise durchschaut werden, die verheißene Gesundung muß in der Überzeugung genügen, i.e. hier: die Abwendung und Überwindung der „großen Katastrophe unseres geistigen Lebens“, welche, wie gewohnt bei solchen Denkern, vor allem durch „Blutvergiftung“ indiziert sei, und die also unmittelbar sozusagen einer „Geistvergif- 6.3 1104 Ebd., S. 521 1105 Tagebuchnotizen Alfred Rosenbergs, Eintrag vom 26.12. 1936, in: Matthäus/ Bajohr: Rosenberg – Tagebücher, a.a.O., S. 230, Hervorhebung im Original 1106 Vgl.: Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 81 1107 Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 1158 1108 Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 532 6. Alfred Rosenberg 248 tung“ korrespondiert, und wiederum eine Übung kühner Pseudo-Dialektik (die Überwindung des Gegensatzes von Freiheit und Notwendigkeit) markiert: „…in dem Eingeständnis der Parallelität von Naturgesetzlichkeit und Freiheit, zusammengefaßt im menschlichen Einzelwesen, ohne daß sich dieses Rätsel weiter lösen ließe. Das der Kausalität unterworfene Äußere antwortet wie andere organische Wesen auf Reize und Motive, wovon das Innerste, die mit dem Willen verbundene Schau doch unberührt und unberührbar bleibt, so sehr sie auch rein mechanisch an ihrer Auswirkung verhindert werden mag.“1109 Etwas Unzusammenhängendes ohne Berührungspunkte („Parallelität von Naturgesetzlichkeit und Freiheit“) wird verbunden („zusammengefaßt im Einzelwesen“). Wie dies geschieht und weshalb dies als „wahr“ zu erachten sei, ist ausschließlich einem „Eingeständnis“ in die Aufhebung eines nicht „weiter zu lösende[n] Rätsel[s]“ vorbehalten, das aber auch nicht einmal im Ansatz [weshalb also: „weiter“?] gelöst ist. „Innerer Wille“ ermöglicht die „Schau“ [der Idee der Freiheit], ungeachtet der naturgesetzlichen, äußeren Bedingtheit [„Kausalität“, „Unterworfenheit“]. „Innerlichkeit“, „Schau“ und „Wille“ seien notwendig-naturgesetzlich [„so sehr“] beeinträchtigt [sogar „rein mechanisch verhindert“] obwohl sie solcher Beeinträchtigung, erstens, widerstehen könnten [„unberührt bleiben“] und, zweitens, eigentlich gar nicht zugänglich [„unberührbar“] seien. Daher kann also wohl nur ein Appell an das „Eingeständnis“ in die Verbindlichkeit eines „nicht zu lösenden Rätsels“ ergehen, ein Befund, der pars pro toto auf den gesamten Mythus anzuwenden ist. Diesbezüglich Zuwiderdenkenden, mit denen Rosenberg realistischerweise stets rechnet, wird die verschwörungstheoretische Standardreplik zuteil, derzufolge die Tatsache der Kritik und des Bestreitens, die Richtigkeit und die Existenz des Bestrittenen geradezu bewiese, oder anders gewendet, daß die durch Kritiker aufgezeigte Absurdität einer These vor allem deren tieferen Wahrheitsgehalt belege.1110 Zudem ergeht sich Rosenberg in einer sozusagen post-chamberlainschen Bayreuth-Kritik, was ihm wiederum dazu taugt, Chamberlain als Gewährsmann einer „reinen“ Wagnerrezeption zu idealisieren. Ich habe darauf hingewiesen, daß auch Hitler die seit den späten Zwanziger Jahren geübte Aufführungspraxis Bayreuths bemäkelte, als daß eben dort „heute eine Abkehr von der Grundlehre Wagners“ begonnen habe.1111 Es geht hier vor allem um die Hierarchisierung der Einzelkünste, die im Gesamtkunstwerk zu verweben seien – darauf ist bereits genügend eingegangen worden1112 –, aber dennoch den Primat des „Wortes“ zu berücksichtigen habe. Außerhalb des Mythus betont Rosenberg die besondere Bedeutung des Schriftwechsels Cosima Wagners mit Chamberlain, den er wohl als eine seiner wichtigsten, „ergreifenden“, Inspirationsquellen betrachtet und über Jahre immer wieder zur Hand nehme.1113 Darüber hinaus ist der besondere Anteil Rosenbergs an der Stilisierung Chamberlains zum „Seher des Dritten Reichs“ zu erwähnen, die er kurz nach dessen 1109 Ebd. 1110 Vgl.: Ebd., S. 532/533 1111 Vgl.: Ebd., S. 428 1112 Siehe dazu das vorige Unterkapitel vorliegender Untersuchung. 6.3 Zur Bedeutung Chamberlains für Rosenberg 249 Tod 1927 zu betreiben begann. Liedtke erklärt den bewußten Verzicht auf den Begriff „Prophet“ zugunsten des heidnisch-konnotierten „Sehers“ mit der „bewußten Distanzierung“ Rosenbergs zu „den damit verbundenen jüdisch-christlichen Vorstellungen.“1114 Rosenbergs spezifischer Judenhass Das „Judenproblem“ könne „nur gelöst werden in einer biologischen Ausmerzung des gesamten Judentums in Europa.“ Alfred Rosenberg (1941)1115 Im Zuge einer seiner wenigen real- und außenpolitischen Einlassungen gibt Rosenberg – im Einklang mit der offiziellen Linie – im Jahre 1939 vor, die „Judenfrage“ durch Umsiedlung und Vertreibung lösen zu wollen. Von „Ausmerzung“ ist dann nicht die Rede, wenn er die „judenfreundlichen westlichen Länder“ danach frage, welches „Territorium als jüdisches ‚Reservat’“ sie denn „in absehbarer Zeit“ bestimmen mögen.1116 In der diesbezüglichen Historikerdebatte wird eben deshalb das Problem erörtert, wann genau der Zeitpunkt des Übergangs in die physische Vernichtung und also der täterische Beginn des Holocausts – konkret in Form der Exekution eines ergangenen „Führerbefehls“ etwa – anzunehmen ist. Julius H. Schoeps bezeichnet diese Frage mit guten Gründen als „Nebensächlichkeit“, vergleichbar unerheblich mit den in der Historikerzunft „ernsthaft betriebenen Untersuchungen ob die Zahl von sechs Millionen ermordeter Juden tatsächlich stimme.“1117 Eine Vertiefung dieses Fragenkomplexes ist hier nicht beabsichtigt, ich möchte aber zu bedenken geben, daß diese Überlegungen aussparen, weshalb der Holocaust dann überhaupt vollzogen wurde.1118 Denn als die Nationalsozialisten über die Macht und die Möglichkeiten zur Massenvernichtung verfügten, hatten sie jeden- 6.4 1113 Vgl.: Tagebuchnotizen Alfred Rosenbergs, Einträge vom 26.12.1936 und 12.9.1940, in: Matthäus/ Bajohr: Rosenberg – Tagebücher, a.a.O., S. 227 und 346 1114 Liedtke: Völkisches Denken, a.a.O., S. 165 und 366 1115 Notiz Rosenbergs zitiert nach: Overy: Diktatoren, a.a.O., S. 779 1116 Vgl. Rosenbergs Rede vor dem diplomatischen Korps am 8. Februar 1939, paraphrasiert durch: Naimark, Norman M.: Die Judenverfolgung im Dritten Reich, in: Ders.: Flammender Haß – Ethnische Säuberungen im 20. Jahrhundert, München 2004, S. 92 1117 Schoeps, Julius H.: Erlösungswahn und Vernichtungswille. Die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ als Vision und Programm des Nationalsozialismus, in: Ley/Schoeps (Hrsg.): Nationalsozialismus, a.a.O., S. 262 1118 Timothy Snyder fasst diese Debatte in ihren wesentlichen Aspekten prägnant zusammen. Sie kreisen um die Feststellung eines „Wendepunktes“, eines punktuellen Beschlusses, den Holocaust zu begehen und das Konzept der Massen-Deportation aufzugeben, und der Frage einer weltanschaulich-inhärenten Urabsicht der Ausrottung der Juden. Die diesbezügliche Debatte scheidet die Forschenden in „Intentionalisten“ und „Funktionalisten“, ob also der eliminatorische Antisemitismus ideologisch-inhärent oder umständehalber und eher zufällig – im Sinne der Relativierung zum „Betriebsunfall der Geschichte“ (Schoeps) – zu werten sei. Vgl.: Schoeps: Erlösungswahn und Vernichtungswille, a.a.O., S. 263. 6. Alfred Rosenberg 250 falls auch die Macht und die Möglichkeit, nur die Vertreibung oder „Umsiedlung“ der Juden zu vollziehen. Timothy Snyder publizierte jüngst in der Absicht, den Holocaust neu und damit „adäquat zu deuten“. Die Tatsache, daß „97 Prozent der ermordeten Juden außerhalb Deutschlands“ umgebracht wurden, wird mit der ideologischen „Lebensraum (im Osten)“-Doktrin verknüpft, und ergibt bemerkenswerte Folgerungen, die vor allem die Aspekte der Möglichkeit sowie der Fähigkeit zur Massenvernichtung betreffen. Den von Anfang an intendierten Willen zur physischen Vernichtung relativiert dies nicht im Geringsten. Dieser Wille ist sozusagen nur vorübergehend suspendiert, zuvörderst, weil man das deutsche Volk für moralisch noch nicht gefestigt betrachtet1119 und zunächst alles daran setzte, „die Bedingungen dafür zu schaffen, dass die Juden vernichtet werden konnten.“1120 Weil sich viele Deutsche in den durch „Staatszerstörung“ und dadurch „anarchisch“ geprägten Räumen – eine Kardinalthese Snyders – viel befähigter zum direkten Massenmord zeigten, gelte, „wenn man den Krieg gewann, konnte man die Juden nach Belieben eliminieren.“1121 Der Autor zeigt die Bedeutung der Kollaboration in den besetzten und der Deportation (vor allem aus Österreich und Deutschland) in die besetzten Gebiete (vor allem Polen und die Ukraine), wenn er hierin die Herbeiführung der notwendigen Voraussetzungen des Vernichtungswerkes erkennt. Zudem wurde der sowjetische Staat als jüdisch-bolschewistischer Hauptgegner1122 identifiziert, und Polen als „das Land, in dem die größte jüdische Population Europas lebte“1123 war darum ohnehin potentiel- Snyder scheint beide Positionen in gewisser Weise zu versöhnen: „Ich bin ebenfalls der Ansicht, dass der Dezember 1941 einen Wendepunkt darstellt … einer Zeit, da sich die Ermordung der Juden als einfacher erwies als ihre Deportation.“ Aber auch: „In meinen Augen war Hitler von Anfang an entschlossen, die Juden vom Erdboden zu tilgen; es war ihm nur einfach gleichgültig, ob dies durch ihre Ermordung oder durch ihre Deportation an irgendeinen unwirtlichen Ort geschah.“ Um dann doch en passant wider die Intentionalismusthese zu plädieren, wenn also grundsätzlich geäußert wird: „Das Erschreckende ist nicht ein teuflischer Plan, den man bis ins Detail verfolgte; einen solchen Plan gab es nicht. Das wirklich Erschreckende ist eine Weltanschauung, in der Individuen als übernatürliches Kollektiv definiert werden, sodass ihre Beseitigung als moralisch gerechtfertigt erscheint und die Methode, wie das geschehen soll, moralisch gleichgültig ist.“ Snyder, Timothy: Black Earth – Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann, München 2015, S. 405. Daß Hitler Deportation „in den dreißiger Jahren“ als „ausreichende Endlösung der Judenfrage“ betrachtet habe, trifft aber nur insofern zu, als Hitler physische Totalvernichtung zunächst als praktisch undurchführbar begriffen hatte. Vgl.: Weber: Hitlers erster Krieg, a.a.O., S. 404 1119 Diese Einschätzung Hitlers [sowie des gläubigen Nationalsozialisten Rosenberg] habe sich 1941 mit dem Beginn, in eroberten Ostgebieten „in organisierten Massakern Zehntausende von Juden [„von Angesicht zu Angesicht“] zu erschießen“, geändert. Ebd., S. 25. Hitler habe sich nicht wegen der Vernichtungslager und Gaskammern von der Möglichkeit des Holocaust überzeugt, sondern weil sich so viele seiner Volksgenossen zu „direktem, brutalen Mord“ fähig zeigten. Vgl.: Snyder, Timothy: „Die deutsche Schuld ist noch viel größer“, in: Die Welt vom 24.10. 2015 1120 Snyder: Black Earth, a.a.O, S. 93 1121 Ebd., S. 44 1122 „Der Mythos vom jüdischen Bolschewismus schien das fehlende Glied in Hitlers ganzem System zu liefern. [Wie bereits erwähnt, ein ideologischer Beitrag, den Rosenberg wesentlich auf seinen eigenen Einfluß zurückführt.] Er verband das Lokale mit dem Globalen … Ein einziger Angriff auf einen einzigen Staat, die Sowjetunion, konnte alle Probleme der Deutschen auf einmal lösen.“ Ebd., S. 43/44. Diese deutschen Probleme sind „Lebensraum“, „Versorgung“ (der „Brotkorb Ukraine“) sowie „Judenvernichtung“. Vgl.: Ebd., passim 6.4 Rosenbergs spezifischer Judenhass 251 les Primärobjekt der Verheerung. Es handelt sich also um diejenige Mischung aus ideologischer Auffassung und sozio-geographischer Gegebenheiten, die die Entfesselung eines „Rassenkrieges“1124, und zwar im Osten Europas, bedingt habe. In der Schlußbetrachtung seiner Schrift widmet sich Rosenberg verdichtet dem programmatischen Verhältnis von „Rassenseele“ – „Volkstum“ – „Persönlichkeit“ – „Kulturkreis“, dem er großspurig „Lebensgesetzlichkeit“ beimißt.1125 Der apodiktisch gesetzte Glaube an den menschheitlichen Ursprung, mithin eine „rassegebundene Volksseele“, sei das „Maß aller unserer Gedanken, Willenssehnsucht und Handlungen, der letzte Maßstab unserer Werte.“1126 Wird diese Glaubensgrundlage ausgesetzt, ist die gesamte Argumentation gebrochen, sie ist die buchstäblich notwendige Voraussetzung eines rassischen Dualismus, der existentielle Widersache und Kampf bedingt: „Seele“ – zwar „nicht mit Händen greifbar“ – birgt dann „Geist“, der wiederum „Schöpfung“ hervorbringe. Die „Ausgliederungsfülle des Volkstums“ aber schlägt sich erkennbar nieder – somit sinnlich („mit Händen“) greifbar – in einem bestimmten „Kulturkreis“ bzw. – scheinbar absichtlich konkretisiert, aber eigentlich verallgemeinert – in nordisch-arisch-germanischer „Volkskultur“. Dem entgegengesetzt sei „der materialistische rasselose Individualismus“, der durch die „alles entscheidende Umwandlung unserer seelischen Haltung“ überwunden werden müsse.1127 Rosenberg will also den Nachweis eines in der Menschheits- und Kulturgeschichte immer und ewig stattgefundenen bzw. -findenden, antagonistisch-dichotomen Grundkampfes zwischen schöpferisch-ästhetisch konnotiertem „Blond – Dunkel“ und sittlich-axiologisch konnotiertem „Gut – Böse“ erbringen, dessen pseudotheoretische Grundlegung in einer Definition von „Menschheit“ besteht, die seines Erachtens nicht aus der „Zusammenfügung einzelner Völker“ bestehe,1128 somit also bestimmte Völker oder besondere Gruppen von Menschen als nicht zur Menschheit gehörig auszuschließen sind. Die geistig-moralische Vorbereitung der Exklusion besteht in Herleitung substantieller Ungleichheit, die dem Motto „Von der Gleichheit der ‚guten Menschen’ zu fabeln wird zum Verbrechen“1129 folgt. Derlei angeblich seit Urzeiten geübte Distinktion will Rosenberg in der gesamten Kulturgeschichte aufweisen. Seine stets angewandte Methode ist die jeweilige Deutung seiner jeweiligen Betrachtung, die häufig entweder auf eine Neu-Deutung oder auf eine Um-Deutung der genuinen Intention des Schöpfenden hinausläuft, die er gelegentlich immerhin zur Kenntnis nimmt. Ergebnis seiner deutenden Betrachtung ist die Feststellung jeweiliger Scheidung, die dann „physisch und geistig“ sowie „rassisch und seelisch“ sei, und die degeneriertdegenerierende Abspaltung von einstmals reinem Ursprung bezeichne. Auffällig hierbei ist eine häufig festzustellende Interpretationsweise, die wohl intellektuelle Über- 1123 Ebd., S. 73 1124 Ebd., S. 122 1125 Vgl.: Rosenberg: Mythus, a.a.O, S. 697 1126 Ebd. 1127 Vgl.: Ebd., S. 697/698 1128 Ebd., S. 695 1129 Ebd., S. 267 6. Alfred Rosenberg 252 griffigkeit genannt werden kann, was von Wendungen à la, „das hier entdeckte rassisch-seelische Gesetz“ komme dem jeweiligen Entdecker selbst „nachher nirgends mehr zum Bewußtsein“, flankiert ist. Es schert Rosenberg nicht im Geringsten, allem und jedem seine Deutung zu oktroyieren. Ich habe dieses Vorgehen bereits oben, zum Ende des Kap. 2.1.1 vorliegender Untersuchung, einmal an einer Rosenbergschen Homer-Interpretation exemplifiziert. Rosenberg scheut sich nicht, etlichen kulturellpoetischen Protagonisten unverblümt zu attestieren, daß diese sich sozusagen selbst nicht verstanden haben würden.1130 Die misanthropischen Denkmuster, die den Mythus durchziehen, betreffen nicht nur Juden, sondern generell angeblich Minderwertiges. Dieses wird als Gegensatz zu sog. „Allmenschentum“ oder „Echt-Menschlichem“ erklärt, und findet faktisch sowohl auf physische als auch psychische Erkrankung Anwendung. Rosenbergs Hass ist auf eine „degenerierte“ Gesellschaft ausgerichtet, deren moralisch-ästhetisches „Empfinden“ ihm zuwider ist. Insofern an seinem Ideal des „Helden“ Zweifel aufgebracht werden, hat er insbesondere Fjodor Dostojewski im Visier, dessen Erfolg – bei „erschlafften Europäern“1131, „Bastarden der Großstadt-Geistigkeit“ sowie der „jüdischen Literatenwelt“ – wiederum als ein Indikator der Degenera- 1130 So z.B. Jakob Burckhardt, der sich also seiner Entdeckung eines „seelisch-rassischen Gesetztes“ nicht bewußt ist (Vgl.: Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 37/38). Auch Platon habe sich unbewußt verschwendet – an Sokrates, der „genielos“, „häßlich“ sowie „rassezersetzend“ sei, aber durch Platon „maßlos verherrlicht“ würde. Denn die – hier nicht explizit genannte, aber wohl gemeinte – Politeia sei der schlußendliche Versuch „sein Volk auf rassischer Grundlage durch eine gewaltsame, ja bis ins einzelne diktatorische Staatsverfassung“ retten zu wollen. Das aber so Rosenberg „war nicht sokratisch“ (Ebd., S. 284-288). Solche Platon/Sokrates-Schelte lieferte bereits Chamberlain vorbildlich, wenn er „Unreligiosität“ und „Philistermoral eines Schwätzers“ am Werke sieht, die vor allem den „Gegenpart zum göttlichen Verkünder [Jesus Christus]“ bildeten. Vgl.: Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 225. Desgleichen gestaltet sich der Umgang Rosenbergs mit Arthur Schopenhauer, der „sich selbst aus dem Sattel“ hebe, indem er seine philosophischen Begriffe vertausche und gar unwissentlich verwechselt habe, insofern er: „… d i e V e r n e i n u n g d e s W i l l e n s l e h r t , [ a b e r ] m e i n t d i e V e r n e i n u n g d e s T r i eb e s u n d B e j a h u n g d e s W i l l e n s. – Aber dieses ist eine Inkonsequenz des ganzen Systems und hebt es vollständig aus den Angeln.“ Rosenbergs Schopenhauer-Kritik ist hier nicht das Thema. Sie betrifft im Kern die durch Rosenberg ergänzte Bedeutung des „Triebes“, der physisch, blind und unvernünftig sei, und im Gegensatz dazu „Wille“, der teleologisch, vernünftig und schöpferisch apostrophiert wird. Er moniert, den Schopenhaurschen „gar zu dürftigen Notbehelf “ den „Wille[n] als unvernünftig“ auszugeben und diesem dann „als ob“-vernünftige Qualität zuzuweisen. (Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 334-337, Hervorhebung im Original). Selbst dem ansonsten ostentativ verehrten Chamberlain wirft Rosenberg vor, diese „doppelte Anwendung des [Willens-] Begriffes“ nicht erfasst zu haben (Vgl. ebd., S. 334). Mit folgenden Beispielen sei Rosenbergs Neigung zur Schulmeisterei genügend belegt: Auch Nietzsche habe „nur Verwirrung gestiftet“, Schiller sei „in manche Sackgasse geraten“ (Ebd., S. 346-348), habe „aus seinem Instinkt heraus“ manches womöglich „richtig gesehen“, vermochte aber nicht, „die Folgerungen zu ziehen.“ (Ebd., S. 305). Das Problem ist also, daß Rosenberg es daher selbst übernimmt den diversen Werken mannigfacher abendländischer Geistesgrößen seine rassistischen „Folgerungen“ exzessiv aufzuhalsen. 1131 Einer dieser Dostojewski verehrenden „Erschlafften“ war übrigens Joseph Goebbels, der seiner Dissertation ein Geleitwort aus Die Dämonen voranstellt, der die überragende Bedeutung von Der Idiot beteuert und die „klare und einleuchtende Psychologie“ in Die Brüder Karamasow lobt. Vgl.: Bärsch: Der junge Goebbels, a.a.O., S. 13, 48, 128 6.4 Rosenbergs spezifischer Judenhass 253 tion selbst fungiert.1132 Es erscheine hierbei „nun alles als ‚menschlich’“ – worin der konkrete Vorwurf besteht –, „was krank, gebrochen1133, angefault“ sei. Fälschlich „menschlich“ begriffen seien auch „Gedemütigte und Verfolgte“, „Epileptiker“, „verfaulende Bettler“, „Verbrecher“, „Unglückliche [!]“ und „Morsche“, die die „ins Gegenteil verkehrte Auffassung des germanischen Menschentums“ verkörperten, da „menschlich für den Abendländer [also vor allem für Rosenberg selbst]“ sei: „ein Held wie Achilles oder der schöpferisch ringende Faust; menschlich ist eine Kraft wie der unermüdliche Leonardo, menschlich ist ein Kämpfertum, wie es Richard Wagner und Friedrich Nietzsche durchlebten.“1134 Rosenberg glaubt nicht nur, daß er in diesem Zusammenhang „volksfeindliches“, sondern auch „naturfeindliches“ Denken bekämpft, für das aber nicht nur Juden, sondern auch „‚christliche Sittenlehre’“ ursächlich sei. Die „volksfeindliche“ Konsequenz dieses Denkens ist abermals „Rassenchaos“ – „Infektion der Nation“ –, das also auch infolge einer „hemmungslosen Aufzucht der Idioten“ zu befürchten sei. Rosenberg denkt hier wohl an geistig behinderte Menschen, deren unterlassene Vernichtung ihm also gleichbedeutend mit gezielter „Aufzucht“ erscheint. Wie selbstverständlich richtet sich sein hysterischer Haß gegen „Minderwertige aller Art“, zu denen er ohne weiteres „unheilbar Kranke, Alkoholiker, Irrsinnige“ und, besonders widerwärtigerweise, explizit auch „deren Kinder“ rechnet.1135 Unmißverständlich äußert er, was daraufhin zu tun sei: „Eine Nation, deren Mittelpunkt Ehre und Pflicht darstellte, würde nicht Faule [gemeint sind Verfaulte, nicht etwa „Arbeitsscheue“] und Verbrecher erhalten, sondern ausschalten. (…) [Sowie] ebenso notgedrungen die rassisch und seelisch für nordische Lebensform Untauglichen aussondern …“1136 Es ist allzu klar ersichtlich, daß Rosenbergs intendierte Dehumanisierung bestimmter Gruppen von Menschen, selbst vor allem auf einem „entmenschlichten“, jedenfalls nicht menschlichen, Menschenbild beruht, das vollkommen abwegig ist. (Bereits Rosenbergs Mentor wendet sich gegen einen „vermaledeiten abstrakten Menschheitsbegriff “, der – Chamberlain zufolge – dazu führe „alle“ – „Ägypter, Chinesen, Congoneger [sic], Germanen“ – „in einen Topf [zu] werfen“1137, was also nur aufgrund, hier strikt abzulehnender, akademischer/ wissenschaftlicher, universeller oder philosophi- 1132 Die zur Deutung physischer Minderwertigkeit führende Epilepsie und die daraus abgeleitete moralische Minderwertigkeit Smerdjakows, der in Dostojewkis Werk zudem der Bastard des Patriarchen Fjodor Karamasow ist, avanciert durch Rosenberg gar zur Metapher des „bolschewistischen Experiments“, in dem „die Dämonie des Blutes“ mit der „Energie eines Wahnsinnigen … i n m i tt e n e i n e s r a s s i s c h u n d s e e l i s c h k r a n k e n V o l k sk ö r p e r s “ wüte: „Smerdjakow herrscht über Rußland.“ Vgl.: Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 214, Hervorhebung im Original 1133 Martin Geck sieht für Richard Wagners „Helden“-Schar in eben diesem psycho-mentalen Element deren gemeinsames Merkmal – „Kaum einer, der nicht gebrochen wäre…“ – und verweist auf die diesbezügliche Unvereinbarkeit mit „Heldenbegriff und -taten“ der Nationalsozialisten. Vgl.: Geck: Lassen sich Werk und Künstler trennen? A.a.O., S. 3-7 1134 Vgl.: Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 211-213 1135 Vgl.: Ebd., S. 578-579 1136 Ebd.: S. 169/170 1137 Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 1147 6. Alfred Rosenberg 254 scher Abstraktion möglich sei, womit nachträglich einige weitere besonders favorisierte Feindbilder Chamberlains benannt wären.) Sogar allzu menschliches Unglück, Einsamkeit, Zweifel sowie physische Leiden sind Rosenberg wesenhaft „nicht-menschlich“. Besonders bemerkenswert sind hierbei zwei Aspekte. Daß vor allem Nietzsche, der bereits als 45-Jähriger seine fortschreitende physio-psychische Paralyse gewärtigen muß, beispielhaft für seine Zwecke völlig ungeeignet ist, hat Rosenberg gewusst, aber nicht berücksichtigt: Dessen psychischer Verfall wird dann als übermäßiger Ausbruch eines zuvor „ungeheuer gestaute[n] Wille[ns]“ gedeutet, der „innerlich schon lange vorher g e b r o c h e n “ gewesen sei und sich deshalb am Ende nicht mehr „gestaltbar“ erweist, worin der Zusammenbruch Nietzsches für Rosenberg vor allem besteht.1138 Von der in diesem Sinne „wenig-heldischen“, unathletischen, insgesamt kaum vital-virilen Erscheinung der NS- Elite von Goebbels bis Göring sowie der chronisch kränkelnden Existenz auch Chamberlains ganz zu schweigen. Dies ist dann psychologisch leicht verständlich, nicht selten verherrlicht der Schwache Stärke und verachtet Schwäche, die „Schwachen und Unsichern [sic]“ taugten, mit Nietzsche, allein zum Fanatismus, die „einzige ‚Willensstärke’“, zu der sie gebracht werden könnten.1139 Zweitens wird deutlich, wie grundsätzlich und umfassend Rosenbergs mythomanische Denkweise geartet ist. Mythischliterarische Figuren wie Achilles und Faust werden leichtfertig in die Aufzählung realer Personen eingereiht. Auch in Zusammenhang mit Vorstellungen einer bereits oben diskutierten Innerlichkeit, die auf Unendlichkeit verweist, wird die Grenze zwischen Realität und Fiktion durch den Esoteriker Rosenberg eingeebnet: „Don Quichote, Hamlet, Parzival, Faust, Rembrandt, Beethoven, Goethe, Wagner, Nietzsche, sie alle haben dies gelebt, gesagt, geschöpft, oder sind Zeugnisse [eine Formulierung, mit der Rosenberg die Einebnung der Grenze zugegebenermaßen abschwächt] dieses Erlebens“.1140 Der supponierten Inferiorität bestimmter ethnisch-, religiös- oder kulturell-definierter Kollektive, die „aber auch jeder Heldenhaftigkeit ermangeln“ – allen voran, „das jüdische Volk“, aber auch „Phönizier“, „der reine Semit (z.B. der Araber)“ sowie „die Etrusker“ – wird eine urmythisch-tradierte sowie -entlehnte Vorstellung von „Heroismus“ entgegengesetzt, der dann angeblich in „nordischem Blut irgendwie [sic, ein weiteres Mal weiß der Allerklärer nicht wirklich wie] lebendig war.“ Erneut zeigt sich der Glaube Rosenbergs an die geistige Potentialität bzw. Virtualität von Mythen, die gestaltend in die Realität der Geschichte hineinwabern, wenn „diese Heldenhaftigkeit“ vor allem in „Adels“-Konzeptionen „verschiedene Formen angenommen“ habe, die abermals einerseits der historischen, andererseits der fiktiven Sphäre zuzurechnen sind, dessen „Wesen aber das gleiche geblieben“ sei: „…vom Schwertadel Siegfrieds [derjenige des Nibelungenlied wohlgemerkt, nicht der aus Wagners Ring]1141 und Harakles’ [sic, Rosenberg schreibt an anderer Stelle (Mythus, S. 41), 1138 Vgl.: Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 530 1139 Vgl.: Nietzsche, Friedrich: Die Gläubigen und ihr Bedürfniß [sic] nach Glauben, Aphorismus Nr. 347, Fünftes Buch, Die fröhliche Wissenschaft („la gaya scienza“) [1882], in: Nietzsches Werke, Erste Abteilung, Band V, Leipzig o.J., S. 282 1140 Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 271 6.4 Rosenbergs spezifischer Judenhass 255 korrekt, ‚Herakles’] zum Forscheradel Koppernings [sic] und Leonardos, zum Religionsadel Eckeharts [sic] und Lagardes, zum politischen Adel Friedrichs und Bismarcks…“1142 „Nordisch-Rassischer“ Adel ermächtigt im Bewußtsein Rosenbergs aufgrund allseitiger Überlegenheit zu vollkommener Kompromisslosigkeit bei der Verfolgung von Zielen. Auf der Grundlage rechtsphilosophischer Spekulationen, die vordergründig das Verhältnis von Politik und Moral verhandeln, wird die zunächst theoretisch-begründbare Aushebelung von Moral durch Macht angestrebt, um die geltenden Vorstellungen von Recht und Unrecht zu erschüttern.1143 Dies zu dem Zweck, die künftige Aufgabe des (nationalsozialistischen) Staates zu formulieren, die in der „ersten Pflicht“ des „deutschen Staates“ bestehe, besondere Gesetze zu erlassen, von denen Rosenberg wohl annehmen mag, daß sie dem allgemeinen Rechts- aber auch Gerechtigkeitsempfinden seines – noch deutlich christlich wertorientierten – Volkes zu stark widerstreben würden. Die aus dem Rechtsbegriff abzuleitenden Gesetze erfordern also die Revision des geltenden Rechtsbegriffes. Dieser sei – mit Höhepunkt im 19. Jahrhundert – vollends „unbeschränkt privatkapitalistisch“ und „subjektivistisch hemmungslos“ sowie „Dirne der Wirtschaft“ geworden.1144 Ein revidierter Rechtsbegriff werde – übrigens ebenso wie „Religion und Kunst“ – nicht länger als „blutloses Schema“ zu begreifen sein, sondern gleichermaßen „für ewig an ein gewisses Blut geknüpft“ bleiben.1145 Denn der wiederzuerweckende „deutsche“ Rechtsbegriff treffe „ganz genau mit dem [hier ‚nordisch’-attribuierten] seelischen Höchstwert zusammen.“ Entspricht der durch Rosenberg bekämpfte alte Rechtsbegriff der Verankerung der leidlich bekannten und für die Inkriminierung des Judentums häufig aufgegriffenen Aspekte Eigentum, Wirtschaft, Profitsucht u. drgl. m., die er auf den Nenner „ehrloser Warenbegriff “ bringt, verkörpere der nun erneuerte Rechtsbegriff den Schutz der „Idee der Ehre“1146, welche eigentlicher Inhalt und genau besehen einziger Bestandteil des immer wieder beschworenen „Höchstwertes“1147 ist. Wird dem erneuerten Rechtsbegriff in der Folge die Wiederermächtigung des Höchstwertes zugemessen, bedinge dies nichts weniger als die „Wiedergeburt des deutschen Volkes“, deren Voraussetzung primär mit der Forderung nach „Rassenschutz“ begründet wird. Mit der fiktionalen Verkettung von Rasse – Seele – Ehre – Wiedergeburt – Leben wird das Verhältnis von Innerlichkeit und Äußerlichkeit deutlich zu machen sein, 1141 Zu Rosenbergs Betrachtung der „mannhaft-herrlichen Poesie“ des Lied der Nibelungen siehe: Ebd., S. 308-313, die das Wirken und die Attitüden Rüdigers und Kriemhilds thematisiert, insofern deren Ehre und Treue zueinander und gegenüber Siegfried und Hagen am Hofe Etzels als Indikator des Wirkens „germanischen Wesens“ wahrgenommen wird. Wie bereits gesagt, sind dies Protagonisten und dramatische Facetten des Nibelungen-Stoffes, die Wagner nicht aufgreift. 1142 Ebd., S. 138 f. Mit Blick auf den in diesem Zitat abermals auftauchenden orthographischen Fehler – „Harakles“ –, sei darauf hingewiesen, daß in vorliegender Untersuchung ein Exemplar der 115.-118. Auflage des Mythus verwendet wird. 1143 Vgl.: Ebd., S. 571-573 1144 Ebd., S. 573/575 1145 Ebd., S. 572 1146 Ebd., S. 575 1147 Vgl. zu „Ehre“ (modifiziert auch „Stolz“, „Würde“ sowie „Volksehre“) als „germanisch-nordischer Höchstwert“ bei Rosenberg: Ebd., S. 144, 153, 168, 170, 238, 251, 320, 434, 513, 514, 520, 545, 566, 575, 580, 695, 699 6. Alfred Rosenberg 256 dessen Ziel wiederum in der Zusammenzwingung von Illusion und Wirklichkeit besteht. Denn auf eine inwendig-geistige, bewußtwerdungs-bezogene Wiederauferstehungs-Vision folgt eine exoterisch-materielle, handlungsbezogene Verwirklichung der Ehr-Idee, die trotz aber eben auch wegen ihrer diffusen Begrifflichkeit, den multioptional-anschlußfähigen Dreh- und Angelpunkt des Mythus bildet: „Eine weitere Erkenntnis liegt in der Feststellung, daß die mit Händen nicht faßbare Idee der Volksehre doch ihre Verwurzelung in allerfestester, stofflichster Wirklichkeit aufweist: im Ackerboden einer Nation, d. h. in ihrem Lebensraum.“1148 Zugleich als Voraussetzung, Begleiterscheinung, Inhalt und Zielsetzung von territorialer Expansion also erscheint, nunmehr ebenso „greif- wie faßbar“, „Rassenschutz“, den Rosenberg als „Maßnahmen“ der „Rassenzucht und Rassenhygiene“1149 versteht, über deren konkrete Implementation (noch) keine näheren Bestimmungen vorliegen, so daß „man über [diesbezügliche] technische Maßnahmen verschiedener Meinung sein“1150 könne. Joachim Fest macht darauf aufmerksam, daß Rosenbergs „Torheiten“ vor allem „Theorie war[en]“ und, wichtiger noch, „Theorie geblieben“ seien: „In die herrschaftstechnische Wirklichkeit der nationalsozialistischen Diktatur ist von seinen verschwommenen Konstruktionen, die sich der Umsetzung in direkte Programmatik widersetzten, jenseits der ihm selbst unterstellten schmalen Einflußzonen kaum etwas eingegangen.“1151 Worauf derartige ungenannte und da töricht-theoretisch begründet wohl auch schwer nennbare Maßnahmen hinauslaufen könnten, ergibt die historische Betrachtung des „Ehrbegriffs“, die Rosenberg in der Verknüpfung mit einem Freiheitsverständnis erkennen läßt, das einen Ausblick auf den künftigen Staatsterror und den Willen zu Eroberungs- und Vernichtungskrieg enthält, der ohne Mitleid – lästige „Begleiterscheinung physischer Bastardierung“1152 – für die potentiellen Opfer und ohne Rücksicht auf eigenes Leben begangen sein soll. Das Bewußtsein „nordischer Ehre“ ermächtigt somit zur absoluten Freiheit bei der Wahl der Mittel und verdeutlicht, worin eine weitere Zielrichtung Rosenbergs besteht die Umwertung von Rechts- und Moralbegriffen so vehement zu verfolgen: – „einzigartige Selbstherrlichkeit“, – „verschwenderischer Blutaufwand“, – „heldische Unbekümmertheit“, – das Wirken „urwüchsiger Rassentriebe ohne jede Bindung und Zucht“, – „ungehemmt durch erzieherische Zweckmäßigkeitsüberlegungen“ sowie – ohne Hemmung einer „genau bestimmten rechtlichen Ordnung“, – der Austrieb „in die Ferne, in Länder, wo Raum für Herren war“, – der Kampf „bis zum letzten Mann“, 1148 Ebd., S. 531 1149 Vgl.: Ebd., S. 577 1150 Ebd., S. 591 1151 Fest: Rosenberg – Der vergessene Gefolgsmann, a.a.O., S. 239 1152 Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 71 6.4 Rosenbergs spezifischer Judenhass 257 – „jede Handlung steht im Dienst der Ehre, der auch das Leben unbedenklich und ohne Wimperzucken zum Opfer gebracht wird“, – die Notwendigkeit, unbedingt „gewalttätig vorzugehen“ sowie – das kategorische Bekenntnis zu „brutaler“ Kriegsführung.1153 Gegenstand der Okkupation, der Aussonderung oder Ausmerzung, die die Folgen der durch eben genannte Elemente getragenen Expansionsbestrebungen sind, werden die sog. Ostgebiete. Hier lebe „vorderasiatisches Mischlingstum“1154, aber auch jene, die unter dem Motto „Der menschliche Schmarotzer“1155 beschrieben werden sollen. So finden sich diverse Einlassungen, die auf die Vermengung religiös-motivierter, biologistisch-geprägter und mammonistisch-kapitalistischer antisemitischer Stereotype schließen lassen. Die „Schmarotzerinstinkte“, über die die Juden angeblich verfügten, kämen der die „Wirtschaftskrankheiten“ der „nordischen“ Völker erzeugenden „‚Börsen- und Finanzwissenschaft’“ zugute, in der sich in antisemitischer Perspektive also vor allem Juden dominierend befleißigten.1156 Zudem die Annahme, daß die durch Juden vermeintlich angestrebte „Weltherrschaft“ bereits in der religions-immanenten Disposition durch „Gott Jahwe“ den Juden prädiziert ist, und nunmehr mit Hilfe der Strategien „jüdischen Schmarotzertums“ realisiert sei bzw. weiter fortgetrieben würde.1157 Den Kulminationspunkt bildet der Glaube an eine mythische Apokalypse, die in der Vorstellung eines kommenden gnostischen Endkampfes zwischen Gut und Böse, Licht und Finsternis und also Gott gegen Satan eskaliert.1158 Eine erste Bewußtwerdung dieser Zukunftsgestaltung will Rosenberg bereits mit dem Eintritt der Menschheit in die historische Überlieferung erkennen, und kann somit auch die Menschheitsgeschichte als eine andauernde Vorbereitung der Gegenkräfte auf eine endgültige Auseinandersetzung begreifen. Zu diesem Zwecke instrumentalisiert er Urmythen und „religiöse Dichtungen“, denen zufolge „ringende“ sowie „schöpferische“ Menschheit, die sich in diesen Mythen entäußert, sich mithin also bereits vor- bzw. urzeitlich um „arische Werte“ gesorgt habe, um „dem Bösen entgegentreten zu können.“1159 1153 Ebd., S. 152-155. So die Erörterung Rosenbergs eines ehr-zentrierten „Freiheits“-Gefühls, das u.a. auf „Nordmann“ und „Wiking“ zurückgehe, und welches er im nationalsozialistischen Staat zur „Wiedereinsetzung“ bringen will. 1154 Ebd., S. 45 1155 Kolumnenüberschrift, ebd., S. 460 1156 Vgl.: Ebd., S. 123 1157 Vgl.: Ebd., S. 462/463 1158 Diesen apokalyptischen Glauben, der mit dezidiert biologistischen schreckbildlichen Einsprengseln zusätzlich aufgereizt wird, bildet „… jenes furchtbare Bewußtsein, daß wir heute vor einer e n d g ü l t i g e n Entscheidung stehen. Entweder steigen wir durch Neuerleben und Hochzucht des uralten Blutes, gepaart mit erhöhtem Kampfwillen, zu einer reinigenden Leistung empor, oder aber auch die letzten germanisch-abendländischen Werte versinken in den schmutzigen Menschenfluten der Weltstädte, verkrüppeln auf dem glühenden unfruchtbaren Asphalt einer bestialisierten Unmenschheit oder versickern als krankheitserregender Keim in Gestalt von sich bastardierenden Auswanderern…“ Ebd.: S. 82. Fette Hervorhebung des Verfassers, gesperrte im Original 1159 Ebd., S. 32/33. Rosenberg bezieht sich auf den Mythos zu „Odin“, der „in Wallhall gegen den Fenriswolf und die Midgardschlange“ kämpfe, sowie auf persische Urerzählungen über „Ahura Mazda“, der „den Angromayniu“ besiegt habe, ein Mythos, der bereits „Zarathustra“ geprägt habe, in- 6. Alfred Rosenberg 258 Der Modus des innerweltlichen Wirkens des Bösen ist in der Perspektive des rassistischen Purifikations-Fanatikers stets die Herbeiführung des Anfangs des Endes der Reinheit und also Mischung, die als „Vergiftung“ mit abfolgender „Bastardierung“1160 begriffen wird. Obwohl eben diese auch von Rosenberg zur Kenntnis genommen werden muß – allenthalben „rasseloser Universalismus“ und „Rassenchaos“1161 – habe der „Geist und der Mythus der Rasseerhaltung doch weiter über die ganze Welt gewirkt“. In Wirkung und Wahrheit der mythisch überdauernden Erkenntnis verortet Rosenberg das geistige Potential der Re-Purifikation, die zunächst in der kollektiv-geistigen Anamnese (Erkenntnis – Bewusstwerdung – Internalisierung) besteht, um daraufhin realpolitische Wirkung zu zeitigen, die in der Sammlung angeblich zusammengehöriger „rassischer Elemente“ bzw. der Aussonderung des „Fremden“ besteht. Rosenberg gibt vor, eingehende Studien über „die Geschichte“ sowie das „Schrifttum der Juden“, also die mosaische Religion, angestellt zu haben.1162 Hier erkennt er sog. „deutschfeindliche Talmudmoral“, in deren Darstellung er dann aber hauptsächlich ein Konglomerat einschlägiger antisemitischer Klischees einbringt. Rosenberg attestiert dem Judentum eine „fast amoralische Geistesanlage“, die allein „irdischem Wohlergehen“ zuträglich sei. Das „Zusammenballen aller Kräfte“ diene ausschließlich dem „Vorteil des Juden“. Zum Zwecke der Realisierung dieser Ziele seien daher – „amoralische“ – Mittel nicht nur legitim, sondern gleichsam legalisiert („genehmigter“ und somit „‚gesetzlicher’ Lug“): „Totschlag“, „Diebstahl“ sowie „Überlisten“. Insgesamt imaginiert Rosenberg also eine kollektiv-geistige „Sittlichkeit“, die jedoch allein auf den Erhalt „aller natürlich-egoistischer Anlagen“ beschränkt bleibe. Rosenberg stellt sich den Juden offensichtlich als Getriebenen vor, der aufgrund seiner „Züsofern diesem daraus die Kraft entstanden sei, sich des „heroischen Versuchs das Aufgehen des arischen Blutes im asiatischen zu vermeiden“, anzunehmen. Vgl.: Ebd. 1160 „Bastard“, „Bastardisierung“ bzw. „Bastardierung“ sind, auch bei Adolf Hitler und wie gezeigt bei Chamberlain, frequente Vokabeln, die hier sinngemäß als allgemeine Bezeichnung für „rasse-seelisch“-minderwertige kollektive wie individuelle Produkte von Mischung dienen, und sind damit der ursprünglich wertfreien, rein-(erbfolge-)rechtlichen, Bedeutung des Begriffes, des „anerkannten [!] Sohn[s] (und unehelichen Kindes) eines Adeligen und einer nicht mit diesem, verheirateten Frau niedrigeren Standes“, enthoben. Vgl.: Kluge: Etymologisches Wörterbuch, a.a.O., S. 95 1161 Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 33. Weitere Varianten und Folgen „rassischer“ Impurifikation seien: „Hemmungslose Rassenvermischung“ bewirke „das Aufquirlen alles Kranken“, das zu „Völkerchaos“ führe (S. 82); „Rassenschande zeugt Richtungslosigkeit des Denkens und Handelns [sowie] innere Unsicherheit“ (S. 71); sie führe zur Tilgung „aller echten Werte“, um daraufhin als „unschöpferisches Gemengsel fortzuvegetieren“ (S. 482), sowie die Beseitigung der „allein schöpferischen Ideen der nordischen Rasse – Ehre, Freiheit und Pflicht“, ein Vorgang, der „Vergiftung“ induziere und zu „schwersten Zusammenbrüchen“ führe und oft geführt habe (S. 215). „Rassenchaos“ erweist sich schließlich als eine Wortschöpfung, die der Adept, dem Meister huldigend, entwickelt. Dazu der Verweis auf Chamberlains „Prägung V ö l k e r ch a o s“, die er, Chamberlain, nur als „echte[r], Geschichte gestaltende[r] Künstler“ habe finden können, ebd., S. 82, Hervorhebung im Original 1162 Allerdings benennt Rosenberg noch 1940 als inhaltlichen Schwerpunkt seiner zu errichtenden Hohen Schule die Notwendigkeit, die „Judenfrage“ noch zu erforschen, so daß die Nachgeborenen begreifen mögen, „wieso wir uns über d. [die] Juden so aufgeregt haben.“ Vgl.: Matthäus/ Bajohr: Rosenberg – Tagebücher, a.a.O., S. 45/46 sowie 349 6.4 Rosenbergs spezifischer Judenhass 259 gellosigkeit“, seiner „Gier“ und „Triebhaftigkeit“ keine andere Wahl habe, als seiner „Schmarotzerbetätigung“ nachzugehen.1163 Einen Ausblick auf die durch Rosenberg erstrebten „Zucht-“ und „Reinigungs“- Maßnahmen erlauben die folgenden Äußerungen, die der leitenden Idee unterzuordnen sind, „daß man Trichinen nicht erziehen kann, sondern so schnell als möglich unschädlich zu machen“ habe.1164 „Geschlechtlicher Verkehr, Notzucht usw. zwischen Deutschen und Juden ist je nach der Schwere des Falles mit Vermögensbeschlagnahme, Ausweisung, Zuchthaus und Tod zu bestrafen.“1165 Ziel der Ehe- und Zeugungsregulation sei „…Aussonderung fremder Typen und artfremden Wesens“. Geschlechtliche „Vermischung“ und „Vermengung“ ist Rosenberg gleichbedeutend mit „Volks- und Landesverrat (‚worauf ’) nur Zuchthaus- und Todesstrafe stehen darf, [das] versteht sich von selbst.“1166 Wie deutlich Rosenberg bereit war, an der Herstellung einer „massenmörderischen Wirklichkeit“ (Bajohr/ Matthäus) mitzuwirken, belegen auch die folgenden Äußerungen, die aus dem Jahre 1941 stammen, und einen pragmatischen Beitrag aus Rosenbergs „Planungsstab Ost“ zur „Endlösung“ darstellen: „Unter entsprechender Leitung sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaus anzusprechen ist. (Siehe die Erfahrung der Geschichte).“1167 1163 Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 265 1164 Ebd., S. 591 1165 Ebd., S. 579 1166 Ebd., S. 580 1167 Matthäus/ Bajohr: Rosenberg – Tagebücher, a.a.O., S. 115 6. Alfred Rosenberg 260

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Zusammenfassung

Mit diesem Buch liefert Alexander Schmidt eine profunde Analyse der oft vermuteten Vorbildwirkung Richard Wagners für die völkische und nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungsideologie des 19. und 20. Jahrhunderts. Hierzu leistet der Autor eine ideengeschichtliche Gegenüberstellung ausgewählter Facetten der „Weltanschauungen“ Chamberlains, Rosenbergs, Hitlers und Wagners und deren jeweilige Konkretisierung der sogenannten „Jüdischen Frage“.

Werkimmanent, jedoch mit vielfältigen Bezügen zu politischen, ideologischen, philosophischen und feuilletonistischen Sekundärschriften, vergleicht er die jeweils angestrebte Gesellschaftsordnung sowie das Menschenbild der geschichtlichen Personen und gewährt dabei umfassende Einsichten in das weltanschauliche Gedankengebäude Richard Wagners sowie über die oft fälschlicherweise angenommene Vorbildwirkung seiner Schriften für die antisemitischen Ergüsse Chamberlains, Rosenbergs und Hitlers.