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5. Houston Stewart Chamberlain in:

Alexander Schmidt

Die ideologische Rezeption der Judenfeindschaft Richard Wagners, page 203 - 226

Ursprung, Verlauf und Konsequenzen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3950-2, ISBN online: 978-3-8288-6812-0, https://doi.org/10.5771/9783828868120-203

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 73

Tectum, Baden-Baden
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Houston Stewart Chamberlain „[der Fanatismus] …dieser Bastard aus Geist und Gewalt, der die Diktatur eines, und zwar seines Gedankens, als der einzig erlaubten Glaubensund Lebensform dem ganzen Universum aufzwingen will, zerspaltet die menschliche Gemeinschaft in Feinde oder Freunde, Anhänger oder Gegner, Helden oder Verbrecher, Gläubige oder Ketzer…“893 (Stefan Zweig) Houston Stewart Chamberlains Enthusiasmus für alles Deutsche besteht zunächst in einem Reflex auf eine bereits in Jugendtagen aufkeimende und stetig wachsende Verachtung gegenüber seinem Heimatland und alles Englische. Schon im Entstehungsstadium seiner politisch-ideologischen Selbstverortung wurde dabei eine vermeintlich „tiefe und echte“ deutsche Kultur als strikte Antithese zu einem vordergründig wahrgenommenem spezifisch-englischen „Merkantilismus“ sowie kultureller „Oberflächlichkeit“ gesetzt, die zusammen mit militaristisch-expansiven Bestrebungen Chamberlains Begriff englischer Mentalität darstellt.894 Das in seinen später verfassten theoretischen, scheinbar kultur-philosophischen, Schriften ausgebreitete Faible für universelle rassenbiologische Begründungszusammenhänge folgt einem naturwissenschaftlichen Grundstudium, mit einmal begonnener, jedoch bald endgültig abgebrochener Dissertation über Fragen der „Pflanzenchemie“. Anschließend engagiert er sich kurz in einer durchaus „merkantilen“ Branche, wenn er in den Dienst einer Pariser Börsenmaklerfirma eintritt. Chamberlain lernte Cosima Wagner 1888 kennen und heiratete – nachdem er der Tochter Isolde, die ihn verspottet, vergeblich den Hof machte – 1908 deren Schwester bzw. andere Tochter Eva, die juristisch beide Kinder Hans von Bülows sind.895 Infolge der Eheschließung übersiedelte er in diesem Jahr fest nach Bayreuth. Bereits im Vorfeld konnte Chamberlain die Gunst Cosimas vorzugsweise mit publizistischen Mitteln erwerben, indem er das Verhältnis Cosimas bzw. Richards zu ihrem siechen Vater bzw. Schwiegervater Franz Liszt in Beiträgen für die Bayreuther Blätter dann gewissermaßen aufpolierte, als Gerüchte über die emotionale Vernachlässigung des Vaters durch die Tochter, sowie die angeblich ausbleibende künstlerische und persönliche Wertschätzung durch den Schwiegersohn aufgekommen waren, als Liszt seine letzten Lebensjahre am Grünen Hügel verbrachte. Was hier begann, setzt sich zunächst fort, als Chamberlain in die Dienste Cosimas im Besonderen und Bayreuths im Allgemeinen tritt. Vor allem weil Chamberlain 5. 893 Zweig, Stefan: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam, Frankfurt am Main 2006, S. 90 894 Carr: Wagner-Clan, a.a.O., S. 131/32 895 Vgl.: Hilmes: Herrin des Hügels, a.a.O., S. 230. Isolde wird unter wesentlicher Mithilfe Chamberlains schließlich erbrechtlich „entwagnert“. 203 sich bereits als „Spindoktor“ bewährt hatte, bestand in solcher Art strategischer PR- Arbeit für Bayreuth und Wahnfried auch weiterhin das erste und wesentliche Betätigungsfeld Chamberlains in Bayreuth. Dezidiert Ideologisches – die ästhetische Theorie sowie die „Regenerationslehre“ Richard Wagners – spielte dabei keine Rolle. Im Fokus seines Engagements stand weiterhin die retrospektive Glättung des vergangenen Lebens des Meisters und seiner Witwe.896 Chamberlains Auftrag habe in der „Entpolitisierung“ und der Tilgung aller „Spuren revolutionärer Aktivität“ Wagners und dessen Werk bestanden.897 Die erste wagnerspezifische Publikation Chamberlains, Das Drama Richard Wagners, erscheint 1892. Im Jahre 1882 sei Chamberlain, also noch zu Lebzeiten Wagners, im Rahmen des Besuches einer Parsifal-Aufführung, dem Meister „sogar kurz selbst begegnet“898 – was immer das bedeuten oder beweisen soll. Derartige „Begegnung“ ist dann leicht auf die ferne Sichtung einer vorübereilenden Silhouette zu beschränken, die kontakt- wie wortlos bleibt. Mit Blick auf die genannten Daten sei abermals darauf hingewiesen, daß Wagners Leben 1883 in Venedig endete. Dennoch will zum Beispiel Wolfgang Benz wissen, daß Chamberlain auf den „Bayreuther Kreis um Richard Wagner“899 eingewirkt habe. Als „Bayreuthianer“ sind, im Gegensatz zu den „Wagnerianern“, nun aber eben diejenigen zu bezeichnen, die Dieter David Scholz zutreffend als „die Nachlassverwalter [bezeichnet], die unter Reduzierung und Ergänzung im Sinne eigener Anschauung“ das Erbe Wagners „im vermeintlichen Geiste“ desselben zum „deutschnationalen ‚Evangelium’“ erhoben zu haben glaubten.900 Arnold Schönbergs Einlassungen zu Richard Wagners judenkritischen Ambitionen und den angeblich daran anschließenden Ideen, insbesondere diejenigen Chamberlains, sind von erfrischender Deutlichkeit: „Was immer mit Ideen geschieht, wenn Nachläufer sie weiterentwickeln, geschah auch im Falle Wagners: war Wagner relativ mild, so waren seine Anhänger hart; räumte Wagner den Juden die Möglichkeit ein, wie Bürger zu leben, so bestanden seine Anhänger auf dem Nationalismus; untersuchte Wagner die geistigen und moralischen Leistungen der Juden, so stellten die Anhänger den Rassenunterschied fest. Anhänger übertreiben immer, und so mußten wir bald von Männern wie Chamberlain nicht nur lernen, daß die arische Rasse überlegen sei, dazu bestimmt, die Welt zu beherrschen; nicht nur, daß die jüdische Rasse eine niedere sei und verachtet werden müsse; sondern wir mußten auch zur Kenntnis nehmen, daß wir keine schöpferischen Fähigkeiten besaßen. Es ist sinnlos, gegen die höchst oberflächliche Weltanschauung dieses armen Mannes zu argumentieren, noch gegen seine Theorien, die auf unbewiesenen Behauptungen beruhen, noch gegen die offensichtliche Unwahrheit, die er zustande bringt.“901 896 Vgl.: Carr: Wagner-Clan, a.a.O., S. 132-142 897 Vgl.: Millington: Magier, a.a.O., S. 111 898 Large, David Clay: Ein Spiegelbild des Meisters? Die Rassenlehre von Houston Stewart Chamberlain, in: Borchmeyer/ Maayani/ Vill (Hrsg.): Wagner und die Juden, a.a.O., S. 146. Large zitiert an dieser Stelle eine Selbstauskunft Chamberlains. 899 Benz: Antisemitismus, a.a.O., S. 85, Hervorhebung des Verfassers 900 Vgl.: Scholz: Wagners Antisemitismus, Darmstadt 2013, S. 154 901 Schönberg, Arnold: Wir jungen jüdischen Künstler, in Wagner, Nike (Hrsg.): Über Wagner – Eine Anthologie, a.a.O., S. 275 f., Hervorhebungen im Original 5. Houston Stewart Chamberlain 204 So beginnt die „nationalsozialistische Wagner-Vereinnahmung“902 derer, die tatsächlich nach, jedenfalls ohne und in vielerlei Hinsicht gegen Wagner und sicher nicht, wie Wolfgang Benz annimmt, um ihn wirkten. Chamberlain selbst hatte zunächst Kaiser Wilhelm II. als wichtigsten politischen Akteur seiner zahlreichen – häufig arrivierten und einflußreichen – Anhängerschaft im Fokus, dem er bis zum Ende des Ersten Weltkrieges vermittels seiner aggressiven Agitation eifrig sekundierte.903 Es ist vor allem problematisch, daß insbesondere aufgrund der Wagnerrezeption zunächst Houston Stewart Chamberlains und später Alfred Rosenbergs vorschnell ein direkter intellektueller Zusammenhang zwischen Wagner und Hitler bewiesen werden soll. Das primäre und zugleich schwerwiegendste Mißverständnis der Verkettung Wagner bis Hitler besteht gleichsam im ersten Glied, als der insinuierten Verbindung Chamberlains mit Wagner selbst, die dann obendrein rassenantisemitischer Natur sei. Die Bezugnahme Chamberlains gilt jedoch wesentlich, wenn nicht ausschließlich, der Gesamtkunstwerkstheorie Richard Wagners. Es ist insofern also zu prüfen, was und wie Chamberlain Wagner darüber hinaus rezipiert. Unzweifelhaft ist, daß Adolf Hitler der Überzeugung war, das „geistige Schwert, mit dem sie (die Nationalsozialisten) heute fechteten [sic]“, sei von Chamberlain geschmiedet worden – nicht von Wagner, wie zu ergänzen wäre.904 Erhard Oeser reiht Chamberlain zutreffend in die Linie der „Propheten des Nationalsozialismus“905 ein. Es müssen – so würde anhand der Darstellung Oesers anzunehmen sein – dies aber auch Gobineau und Wagner sein, „waren es [doch] drei Männer, die mit ihren Visionen von der Ungleichheit der Rassen und ihrem Antisemitismus zu den Propheten des Nationalsozialismus wurden.“ Soweit ist anzunehmen, daß Oeser bloß ein weiterer Vertreter der These von der geistigen Überlieferung sowie mutwillig erbender Ideologen ist, die solche „Visionen“ in ihre Weltsicht integrieren. Dies genügt ihm aber keineswegs. Es überrascht ungemein, wie der österreichische Philosoph fortfährt. Seine hier geäußerten kontrafaktischen Thesen dienen als ein Musterbeispiel für die unreflektiert-tradierte fixe Idee von der Verbindung Wagners und Hitler. So nahe wie bei Oeser ist Wagner Hitler allerdings selten, meines Wissens noch nie, beigesellt worden: „Während der Älteste von ihnen, Graf Arthur Gobineau (1816-1882) schon einige Jahre vor Hitlers Geburt 1889 gestorben war, hatten die beiden anderen, die sich ihrerseits auf Gobineau beriefen, nämlich der berühmte Komponist Richard Wagner (1813-1883) und sein Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain (1855-1927), direkten persönlichen Kontakt mit Adolf Hitler, den sie als Retter der deutschen Nation ansahen.“906 902 Scholz: Wagners Antisemitismus, a.a.O., S. 155 903 Vgl.: Köhler: Wagners Hitler, a.a.O., S. 264. Vgl. zu den sog. „Kriegsschriften“, die Chamberlains „publizistische Offensive“ von der Heimatfront aus darstellen, Bermbach: Chamberlain, a.a.O., S. 396-417 904 Vgl.: Wagner, Wolfgang: Lebens-Akte, München 1994, S. 46 905 Oeser, Erhard: Nationalismus und Rassismus – Die Propheten des Nationalsozialismus: Gobineau, Wagner und Chamberlain, in: Ders.: Die Angst vor dem Fremden – Die Wurzeln der Xenophobie, Darmstadt 2015 906 Ebd., S. 388 5. Houston Stewart Chamberlain 205 Das Ausmaß der Verirrungen, denen Oeser hier verfällt, die Häufung der Fehldatierungen, die er in einem einzigen Satz gibt, ist immens: Erstens sei Gobineau der Älteste dieser sog. „Propheten“, er wird im Jahre 1816, Richard Wagner im Jahre 1813 geboren, ist also fast drei Jahre jünger als Wagner. Zweitens hätten Wagner und sein Schwiegersohn (ich bin bereits oben auf die Fragwürdigkeit dieser Bezeichnung für diese, via posthume Heiratsverwandtschaft entstandene, Beziehung eingegangen) „direkten persönlichen Kontakt mit Adolf Hitler“. Wagner stirbt 1883, Hitler wird sechs Jahre später geboren sowie vierzig Jahre später erstmals in Bayreuth vorstellig, habe aber, Oeser zufolge, direkten und persönlichen Kontakt mit Richard Wagner gepflegt. Drittens: „Die beiden anderen [Wagner und Chamberlain], die sich ihrerseits auf Gobineau beriefen“, Wagner hat sich – im Gegenteil – abschließend unmißverständlich von Gobineau distanziert, siehe Kap. 2.1.1 und 4.2.1.3 vorliegender Untersuchung. Die Konsistenz der „Berufung“ Chamberlains auf Gobineau ist ebenso unsicher, dem er u.a. „klaffenden Riss im Urteilsvermögen“, „Wahnvorstellungen“ sowie „gänzliche Unkenntnis der physiologischen Bedeutung dessen, was man unter ‚Rasse‘ zu verstehen hat“, attestiert.907 Schließlich, Viertens, Wagner habe Hitler „als Retter der deutschen Nation“ angesehen. Wie gesagt, schlicht eine Unmöglichkeit: Richard Wagner stirbt sechs Jahre vor Hitlers Geburt, wußte nichts über, kannte und traf Adolf Hitler nicht. Außerdem äußert Oeser einige Seiten weiter einige Klassiker der Fehlrezeption: So die Annahme, daß also die „meisten Wagnerverehrer ignorieren seinen Judenhass“.908 Es ist einmal mehr danach zu fragen, wer denn diese – zumal „die meisten“ –, den Judenhass Wagners ignorierenden Wagnerverehrer eigentlich sein sollen. (In Kap. 2.1 vorliegender Untersuchung ist auf Herbert Huber eingegangen worden, der bei seiner Betrachtung der mythischen Dichtungen Wagners diese Perspektive dezidiert ignorieren will.) Aber völkische sowie nationalsozialistische „Wagnerverehrer“ verehrten ja angeblich vor allem aufgrund des Judenhasses Wagners. Bolschewistische, sozialistische und andere „linke“ Wagnerfreunde relativieren den Judenhass Wagners offensiv, sie benennen ihn dabei klar und deutlich, ignorieren ihn daher also ebenfalls keineswegs (Vgl. Kap. 2.3 vorliegender Untersuchung). Zu den hier nicht einzuordnenden übrigen Wagnerverehrern, bei denen eine Ignoranz des Judenhasses Wagners ebenfalls nicht feststellbar ist, siehe Kap. 2.2 vorliegender Untersuchung. Zudem sei Wagners Judenhass von „seiner Musik, vor allem der Ring der [sic] Nibelungen“909, nicht zu trennen. Diese Bezeichnung, in der der Nibelung pluralisiert wird, der „Ring der Nibelungen“ also, ist eine bei Wagner-Unkundigen nicht selten auftauchende Ungenauigkeit, ebenso wie die vorschnelle Annahme, Wagners musikalische Dramen, vor allem der Ring, enthielten antisemitische Implikate (siehe dazu die einleitenden Kap. vorliegender Untersuchung). 907 Vgl.: Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 313/314 908 Oeser: Nationalismus und Rassismus, a.a.O., S. 393 909 Ebd. 5. Houston Stewart Chamberlain 206 Die evangelische Theologin Barbara Liedtke hat eine detaillierte Studie zur Chamberlain-Rezeption „in evangelischer Theologie und Kirche während der Zeit des ‚Dritten Reichs’“ vorgelegt, und untersucht dementsprechend schwerpunktmäßig die nationalsozialistische Erbenperspektive, nicht die vermeintliche Vorläuferschaft, die in der Person und der Weltanschauung Richard Wagners bestehe. Ihre analytische Exposition fußt daher in Selbstbekenntnissen und -auskünften Chamberlains, aus denen zu folgern sei, daß „der Einfluss von Musik und Schriften Richard Wagners (1813-1889)* [sic] für die weitere Entwicklung Chamberlains vom Naturwissenschaftler zum Geschichtsphilosophen“ sicherlich „entscheidend“ gewesen sei. Die „quasi-religiöse Bedeutung“, die der „Gottmensch“ Wagner für Chamberlain habe, wird in dessen als autobiographisch zu wertenden Zeilen tatsächlich klar und deutlich gemacht, auf die Liedtke sich dann aber einzig bezieht und damit vor allem beschränkt. Die Bewertung der – imaginierten – Beziehung Chamberlains und Wagners wird also allein der Egoperspektive Chamberlains angepaßt. In obigem Zitat* will Liedtke die Lebensdaten Wagners referieren und verlängert seine Existenz um sechs (!) Jahre: „Richard Wagners (1813-1889)“.910 Dieser Lapsus ist insofern bemerkenswert, als Liedtke im Verlauf Ihrer Untersuchung auf die erste Begegnung Chamberlains mit Cosima eingeht, die 1888 in Dresden stattfindet, wenn sie schreibt: „Die zielstrebige Schirmherrin des Bayreuther Festspielunternehmens, die unermüdlich den Kult um Richard Wagner vorantrieb und nach dessen Tod 1889 [sic] zur Heiligen stilisiert wurde, führte den jungen Engländer bald in Wahnfried ein …“911 Sicherlich unbewußt, daher absichtslos, unterläuft der Autorin dieser Datierungsfehler wiederholt. Er verweist meines Erachtens jedoch auch darauf, daß die geläufige Annahme, die Beteiligung Richard Wagners an einer Initiation Chamberlains in Wahnfried durch Cosima müsse selbstverständlich stattgefunden haben, im kollektiven Gedächtnis der Nachgeborenen fest verankert ist, so daß die verhängnisvolle Einführung Chamberlains 1888 stattfindet, und Wagner daher wahrscheinlich auch erst danach, bei Liedtke z.B. 1889, gestorben sein könne. Ansonsten lassen sich Liedtkes äußerst kenntnisreicher Schrift zutreffend die wesentlichen weltanschaulichen Bezüge Chamberlains entnehmen, die im Protestantismus, bei Kant, Goethe [eigentlich aber in der gesamten Nomenklatura der deutschen Geistesgeschichte912] sowie der Adaption eines ausgeprägten Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus der bürgerlichen Gesellschaft bestünden, wohingegen „die Werke Richard Wagners immer öfter nur sekundäre Beachtung fanden“, wie die Chamberlain-Spezialistin feststellt.913 Wagners weltanschaulicher Beitrag zu Chamberlains Schrifttum bestehe in dessen These, daß „innerliche Religion ihren Ausdruck im künstlerischen Werke“ finde, einer These, die auch Chamberlain „im Anschluss an 910 Vgl.: Liedtke, Barbara: Völkisches Denken und Verkündigung des Evangeliums – Die Rezeption Houston Stewart Chamberlains in evangelischer Theologie und Kirche während [in] der Zeit des „Dritten Reichs“, Leipzig 2012, S. 31 911 Ebd.: S. 32, Hervorhebung des Verfassers 912 Ein Blick in das Personenregister der Grundlagen Chamberlains gibt darüber Aufschluß, Kant und Goethe ragen indes deutlich hervor. 913 Vgl.: Liedtke: Völkisches Denken, a.a.O., S. 17 und 35 sowie passim, Hervorhebung des Verfassers 5. Houston Stewart Chamberlain 207 Kant, Schiller und Wagner“ formuliert habe,914 und die „am Religionsverständnis Wagners und Kants“915 orientiert sei. Udo Bermbach hat jüngst eine Studie vorgelegt, die er „Werkbiographie“916 heißt, sofern biographische und systematische Teile verbunden werden, und die sicherlich zum diesbezüglichen Standardwerk avanciert (ist). Seine Intention betrifft die Abfassung einer „abwägenden Darstellung“, welche das verbreitete, aber verengte Rezeptionsmuster – „des Verderbers Bayreuths“ und „des Stichwortgebers Hitlers“ – erweitern und vervollständigen möge. Bermbach hält Chamberlain vor allem dessen wohl immer noch maßgebliche und weiterhin anregende Goethe-Monographie917 zugute918, würdigt dessen Kant-Studie919 kritisch und gewinnbringend,920 und konzediert Chamberlain insgesamt ein ungeheures Arbeitspensum sowie einen außergewöhnlichen Bildungsreichtum.921 Mit der Präzisierung des Chamberlainschen Rassismus und dessen Antisemitismus markiert der Autor grundsätzliche Inkompatibilitäten und Widersprüche zu den diesbezüglichen Vorstellungen der Nationalsozialisten922, also z.B. Hitlers und Rosenbergs. Die Rasse-Doktrin Chamberlains inkludiere etwa auch Slawen als ‚zu den Germanen gehörig‘, seine Judenfeindschaft sei überwiegend das Komplement einer tief-authentischen christlichen Überzeugung, und daher antijudaistisch zu werten. Ein Grundtenor der Studie Bermbachs ist der berechtigte und häufig erbrachte Verweis auf die Ordnungs- und Bündelungsleistung der ideologischen Gedankenkonstrukte des 19. Jahrhunderts, die mutatis mutandis in die NS- Ideologie einmünden, was Chamberlains überragende Bedeutung seit der Jahrhundertwende erkläre.923 Auch Chamberlain hat diese ideologischen Elemente nicht neu begründet oder gar erfunden, sondern, mehr oder minder, bestehende und vor allem vitale Traditi- 914 Ebd.: S. 53 915 Ebd.: S. 82 916 Bermbach: Chamberlain, a.a.O., S. 3 917 Chamberlain, Houston Stewart: Goethe, München 1912 918 „Chamberlains Goethe ist wohl sein bestes Buch, literarisch wie gedanklich gleichermaßen anspruchsvoll, aller Polemik zum Trotz – und den antisemitischen Ausfall einmal ausgeklammert – lehrreich und anregend, unorthodox und stimulierend, ein Buch, das neue Einsichten vermittelt, zu Widerspruch herausfordert, neue Zugänge proklamiert …“ Bermbach: Chamberlain, a.a.O., S. 371 919 Chamberlain, Houston Stewart: Immanuel Kant. Die Persönlichkeit als Einführung in das Werk, München 1905 920 „Die Anlage des Kant-Buches ist von einiger Originalität“, es sei geschrieben in einem „unakademischen Stil, der komplexe und komplizierte Sachverhalte begreifbar zu machen such[e].“ Vgl.: Bermbach: Chamberlain, a.a.O., S. 320 und 330 921 Vgl.: Ebd.: S. 299 und S. 1 922 Diese ideologische Unterscheidung – hier Chamberlain, da die Nationalsozialisten – ist sicherlich nicht sinnlos, aber insofern nicht ganz korrekt, als Chamberlain schließlich ordentliches Mitglied der nsdap gewesen zu sein scheint, und infolgedessen füglich auch als Nationalsozialist zu bezeichnen ist. In dem im Bayreuther Tageblatt erscheinenden „Nachruf!“ wird das verstorbene „Mitglied der Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei“ letztmalig gegrüßt. Leider ist „Die Führung der Ortsgruppe Bayreuth“ außerstande, den Namen des „teuren Verblichenen“ – immerhin das vorgeblich „größte und beste Mitglied“ – korrekt zu schreiben und bedankt sich, u.a. für die „Herausmeiselung [!] der Heilandspersönlichkeit“, bei „Houston Steward [!] Chamberlain“. Vgl. die Abbildung des Faksimiles des Nekrologs bei Bermbach: Chamberlain, a.a.O., S. 510 923 Vgl.: Ebd., passim 5. Houston Stewart Chamberlain 208 onslinien aufgegriffen. Dies gilt wohl selbst für die beherrschende These von der exklusiven kulturell-schöpferischen Qualität der Arier/ Germanen/ Deutschen von der auch Rosenberg und Hitler in besonderem Maße obsediert sind, und die sich in Richard Wagners Betrachtung angeblicher innerlich-schöpferischer (musikalischer) Unbefähigung der Juden niederschlägt (vgl. Kap. 4.2.1.2 vorliegender Untersuchung). Auch Gobineau hatte „Menschenarten“, die er Rassen nennt, nicht nur hinsichtlich „körperlicher“, sondern auch „geistiger und seelischer Eigenschaften“ differenziert, die sich „in der Geschichte“ durch „Leistungen in allen Bereichen der Wissenschaften und Kultur“ rassencharakterologisch offenbarten.924 Grundlagen-Programmatik „Ist man so grenzenlos politisch-klug, daß man den Wagner mit dem Chamberlain ausschüttet?“ (Bernhard Diebold, 1928)925 Claus-E. Bärsch läßt in folgendem Résumé eine häufig feststellbare vorschnelle Verknüpfung erkennen, und identifiziert Wagner mit den Wagnerianern bzw. Bayreuthianern926, unter denen Chamberlain freilich herausragt: „Vielleicht kann Wagner nichts dafür, wenn er von Hitler und den Nationalsozialisten über alle Maßen geschätzt wurde. [Gewiss kann Wagner prinzipiell nichts dafür.] Sicher ist, daß die Blut- und Heilandsmystik vieler Wagnerianer, und Chamberlain zählt zu den gebildetesten und gelehrtesten Verehrern Wagners, zum Nationalsozialismus und zum ‚Heil Hitler’ disponiert hat.“927 Aber bei aller gebotenen Wagnerkritik, so leicht ist der Übergang vom „Geist des deutschen Volkes“, attribuiert mit fragwürdigen kultur-chauvinistischen Thesen928, hin zu einem Konzept der „Rassenseele“929 mit eliminatorischen Konsequenzen nicht zu machen; die ideologische „Absegnung“ der „Wagnerianer“, „Bayreuthianer“ und „Völkisch“-Bewegten diverser Prägung geschah vor allem durch Wagners Wit- 5.1 924 Vgl.: Ebd., S. 232 f. 925 Diebold, Bernhard: Verschiebung nach rechts [1928], in: Wagner, Nike (Hrsg.): Über Wagner, a.a.O., S. 259. Bernhard Diebold, Mitarbeiter der Frankfurter Zeitung, wandte sich gegen die „rechte“ Wagner-Vereinnahmung und beklagte die „sträfliche Vernachlässigung [Wagners] der politischen Linken“, die er für ein „politisches Versäumnis von größter Tragweite“ hält. Diebold zitiert nach: Bermbach: Mythos Wagner, a.a.O., S. 271 926 Auf die Unterscheidung dieser Bezeichnungen, die von der Pflege und Bewahrung der orthopraktischen Werkaufführung bis zur nationalistischen und rassenideologisch-fehldeutenden Auslegung der Wagnerschen Regenerations-Lehre reicht, bin ich bereits oben eingegangen. 927 Bärsch: Nationalsozialismus, a.a.O., S. 145, Hervorhebung des Verfassers 928 So etwa die Behauptung, daß „die allgemeine Weltbedeutung der Antike“ ohne die „Erkenntnis und Erklärung des deutschen Geistes“ unbekannt geblieben sein würde. Vgl.: Wagner, Richard: „Was ist deutsch?“, in: Ders.: Ausgewählte Schriften über Staat und Kunst und Religion. Zweite Auflage, Leipzig 1914, S. 127 929 Ich erörtere das Verhältnis von Volksgeist und Rassenseele in Kap. 6.1 vorliegender Untersuchung ausführlicher. 5.1 Grundlagen-Programmatik 209 we Cosima und Houston Stewart Chamberlain. Der „Bayreuther Jünger“ Wagners, als den David Clay Large Chamberlain bezeichnet, preise Wagner sowohl als Gesellschaftsphilosophen wie als Musiker. Das geistige (gesellschaftsphilosophische) Erbe, das Wagner seinen Anhängern vermacht habe – wobei diese ihre „Erbschaft“ eigenmächtig antraten, der vermeintliche Erblasser bleibt unbeteiligt –, wurde, so konzediert auch Large, einer „Interpretation“ unterzogen, die „größere Probleme“ erzeugt habe.930 Schließlich sei vor allem Chamberlain selbst der „problematischste Bayreuther Apostel“ gewesen. Der weitere Text ergibt, was Large hier außer der Wagnerrezeption Chamberlains als „problematisch“ bezeichnet: Zum einen, daß der „englische Wagnerianer [i.e.: Chamberlain]“ es sich zugutehielte, „die Botschaft des Meisters in Bezug auf die Rassenfrage [was immer darunter zu verstehen wäre, meine Analyse zeigte, daß eine solche Botschaft des Meisters Wagner kaum zur Rassenlehre Chamberlains passt] am intensivsten verbessert zu haben“. Zum anderen ist es die Chamberlain-Rezeption der Nationalsozialisten, die „Chamberlains Ideen“ bloß „zu einem logischen Abschluß zu bringen und in die Wirklichkeit umzusetzen“ hatten.931 Chamberlain habe vor allem beabsichtigt, der „deutschen Welt“ die „Gesamterscheinung Wagners“, „die Deutschen ihren deutschen Meister in seiner Ganzheit kennen zu lehren“ – „nicht nur seine Kunstlehre, sondern auch seine Regenerationslehre und sein Verhältnis zur Politik und zur Philosophie“, so Paul Pretzsch im Jahre 1933 in einem Vorwort zu einer Publikation eines Aufsatzkonvoluts Chamberlains aus den Jahren 1893-1901.932 Chamberlain war Rassist.933 Es befremdet, wenn Thomas Mann dies vollständig zu ignorieren scheint und im Jahre 1918 – die Schriften zur „Arischen Weltanschauung“ sowie die Grundlagen Chamberlains sind bereits seit mehr als einem Jahrzehnt publiziert, auch Thomas Mann sollte diese zur Kenntnis genommen haben, obwohl er sich hier wohl ausschließlich auf die Kant- und Goethe-Schriften bezieht (siehe dazu Bermbach im vorangehenden Kapitel vorliegender Untersuchung) – in beinahe hymnischer Weise feststellt: 930 Vgl.: Large, David Clay: Ein Spiegelbild des Meisters? Die Rassenlehre von Houston Stewart Chamberlain, in: Borchmeyer/ Maayani / Vill (Hrsg.): Wagner und die Juden, a.a.O., S. 144 931 Ebd.: S. 147 und 158 932 Pretzsch, Paul: Vorwort zu Chamberlain, Houston Stewart: Richard Wagner der Deutsche als Künstler, Denker und Politiker, Leipzig 1933 933 Chamberlain schwadroniert über „die Rassenreinheit“ z.B., daß der „germanische Stock“ durch die „starke Vermischung mit mongolischen Elementen“ zersetzt werde. Es sei wissenschaftlich belegt – er bezieht sich auf die pseudowissenschaftliche Phrenologie –, daß eine „nachweisbare Abnahme der Schädelkapazität, der Hirngröße und somit auch der Kulturfähigkeit – kurz, auf deutsch, eine Verdummung – ganzer Völkerschaften [herbeiführe].“ Chamberlain, Houston Stewart: Arische Weltanschauung [1905], München 1938, S. 40. Erkenntnisse aus der „Tierzüchtung“ – sowie „geschlechtliche Zuchtwahl und strenge Reinerhaltung der Rasse“ – werden ohne Bedenken auf Menschen angewandt: „… geistige Gaben gehen Hand in Hand mit den physischen; speziell gilt dies von den moralischen Anlagen: ein Bastardhund ist nicht selten sehr klug, jedoch niemals zuverlässig, sittlich ist er stets ein Lump.“ Vermischung führe „ausnahmslos zur V e r n i c h t u n g d e r h e r v o r r a g e n d e n M e r k m a l e v o n b e i d e n! Warum sollte die Menschheit eine Ausnahme bilden?“ Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 311/312, gesperrte Hervorhebung im Original, fette durch den Verfasser. In vollkommenem Sinngehalt und beinahe identischer semantischer Übernahme erscheinen diesbezüglich spätere Äußerungen Adolf Hitlers, siehe Kap. 7.2 vorliegender Untersuchung. Es ist „viel Chamberlain in Hitler“. 5. Houston Stewart Chamberlain 210 „Es lebt in Deutschland ein Mann, ein Schriftsteller … In England geboren, in Frankreich erzogen, war Houston Stewart Chamberlain von jung auf ein leidenschaftlicher Ergründer und Verkünder deutscher Kultur. … er ward ganz und gar ein Deutscher; er feierte Kant, Goethe, Wagner in großen Werken …“934 Die, je nach Standpunkt und Sichtweise, appropriierte oder vermeintlich adaptierte Weltanschauung Wagners enthält indes keine ideologischen Versatzstücke oder Merkmale des Chamberlainschen Rassismus. Ausgangspunkt der rassistischen „Arischen Weltanschauung“ Chamberlains, ist ein „Volk der Arier, d.h. der Edlen oder der Herren“, das sich „von der Vermischung mit fremden Rassen rein erhielt.“935 Es ist Chamberlain darum zu tun, „indische Weisheit“ zur Geltung zu bringen, die „durch und durch aristokratisch“ sei und den „heroischen Versuch“ bedeute, „das transzendente Wesen des Menschen nicht nachzuweisen [wie un- oder nichtarische Philosophien es Chamberlains Auffassung zufolge erstrebt haben würden], sondern e rl e b e n zu lassen“, denn diese altarische Weisheit könne nicht „eingetrichtert wie mosaische [i.e.: jüdische] Kosmogonie“936 werden. Die von Chamberlain für germanisch befundene Weltweisheit habe seines Erachtens „ihren bisher echtesten Ausdruck in Immanuel Kant gefunden“937, die „einzig ‚arische’ Auffassung der Religion“ böten ihm „echt germanische Geister“ sowie „fromme christliche Priester“938 wie Johann Wolfgang Goethe (sic) und Meister Eckhart. Chamberlain ist bei der Wahl seiner Vorbilder und ideologischen Gewährsmänner nicht zimperlich. Es geht in dieser Arbeit natürlich vor allem um die vermeintliche Anleihe bei Wagner, dessen Beitrag zur Arischen Weltanschauung Chamberlains vorerst nur in der sozio-ästhetischen (Kardinal-) These Richard Wagners, formuliert in seiner wichtigsten Schrift, Das Kunstwerk der Zukunft (vgl. Kap. 4.1.2), zu bestehen scheint: 934 Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen, a.a.O., S. 554, Hervorhebung des Verfassers. Überdies fand Chamberlains Hauptwerk eine geneigte Leserschaft, die über „antisemitische und deutschnationale Kreise“ hinausweist. Oeser nennt D. H. Lawrence, Winston Churchill und Albert Schweitzer. Vgl.: Oeser: Nationalismus und Rassismus, a.a.O., S. 398. Die Betrachtung der ‚Tonkunst’ Johann Sebastian Bachs durch Chamberlain z.B. ist vielleicht einer der Gründe für den literarischen Erfolg der Grundlagen, die von einer Qualität zeugt, die etwa Rosenberg völlig abgeht und, isoliert betrachtet, durchaus erbaulich daherkommt: „Es gibt Choräle von Johann Sebastian Bach … welche im schlichten, buchstäblichen Sinne des Wortes das ‚Christlichste’ sind, was je erklungen war, seitdem die göttliche Stimme am Kreuze verstummte.“ Keiner außer Bach sei „im Stande, die christliche Religion künstlerisch zu gestalten“. Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 1145/1146, 1172 935 Chamberlain: Arische Weltanschauung, a.a.O., S. 9. Auch Chamberlain geht aus von den „vor etlichen Jahrtausenden aus der zentralasiatischen Hochebene in die Täler des Indus und des Ganges“ hinab gestiegenen „Altariern“. Ebd. In eben diese Hochebene hatte Heinrich Himmler bekanntlich und aus genanntem Grunde seine archäologischen Expeditionsgruppen zur Erforschung des sog. Deutschen Ahnenerbes entsandt. Alfred Rosenberg will sich in Bezug auf die Herkunft der „Arier“ auch auf die versunkene Insel Atlantis verständigen – die „Atlantishypothese“ könne sich möglicherweise aber auch „als nicht haltbar erweisen“, wie er immerhin einräumt. Vgl. Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts, a.a.O., S. 24 936 Chamberlain: Arische Weltanschauung, a.a.O., S. 24 937 Ebd., S. 82 938 Ebd., S. 84 5.1 Grundlagen-Programmatik 211 „In Griechenland war eben die Kunst das höchste Moment des menschlichen Lebens, was nur dann der Fall sein kann, wenn sie kein von diesem Leben Abgetrenntes, sondern ein in ihm selbst nach der Mannigfaltigkeit ihrer Kundgebung vollständig Inbegriffenes ist (Richard Wagner).“939 Kann in dem weltanschaulichen Gemenge Adolf Hitlers (siehe Kap. 7 vorliegender Untersuchung) kein einziges Element der politisch-ästhetischen Grundlegungen sowie der historisch-philosophischen Spekulationen Richard Wagners aufgefunden werden, ist in den Schriften Chamberlains eine überwältigende Fülle für Hitler vorbildlicher, großenteils semantisch identischer Themen, Thesen und Topoi nachzuweisen, deren Kulminationspunkte wie folgt lauten: – Göttliche(r) Auserwähltheit (-sanspruch) des deutschen Volkes, – das „eigene Bewußtsein“ (S. 320) versus „Wissen“ (mit der inhärenten Überspannung des „Glaubens“) als wesentliche Quelle aller fanatischen Überzeugung, – die durchgängige Feststellung sog. „Versündigung gegen die Natur“ (S. 370) und Versündigung „an dem Geschlechte der Menschen“ (S. 377) durch „Völker-“, resp. „Rassen-Chaos“, – die Wahrnahme der Juden als „Rasse“, nicht als „Religion“ (S. 251), – die fatale Beziehung von „Gegenrasse“, „Blutschande“ (S. 418, 442, 498) und „Rassereinheit“ (S. 332), deren Prinzip als zunächst vor allem explizit „jüdisch“ gedacht wird (z.B.: S. 301/ 302), – die Notwendigkeit der Homogenität des „deutschen“ Volkes bzw. der „arischen Rasse“, daher „Zuchtwahl“ (S. 311) als Kampfmittel im universalen Völkerkampf, – die Vorstellung, die in dem fundamentalen Gegensatz der universellen Apperzeption der „Kulturträger resp. -schöpfer“ (S. 7 f.) versus „Kulturverfinsterer“ und „Menschheitsvernichter“ als „dämonischer Gegenkraft“ (S. 539) ihren Höhepunkt findet.940 Die wesentlichen Aspekte der NS-Ideologie sind also bereits bei Chamberlain vorfindlich. Die Bewertung des ideologischen Aktualisierungspotentials für Hitler und die Seinen sowie der durch Chamberlain eventuell intendierten Eliminatorik, die seiner Vergiftung, Chaotik sowie Apokalyptik ausdeutenden Analyse aus immanenten Gründen folgen mag, bleibt dem Betrachter je vorbehalten. Ob also „Zuchtwahl“ zum Zwecke einer „rassisch-völkischen Homogenisierung“ mit einhergehend intendierter Ausscheidung „dämonischer Gegenkräfte“ und der Bekämpfung sog. „Versündigung“ gegen Gott und dessen Schöpfung als prototypisches Urszenarium für eine totale Judenvernichtung zu werten sind oder nicht, bleibt letztlich offen. 939 Ebd., S. 48 940 Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 7, 251, 301,302, 311, 320, 332, 370, 377, 418, 442, 498, 539 5. Houston Stewart Chamberlain 212 Wagner in den Grundlagen „Da die Musik nämlich ihrem Wesen nach die Kundgebung des Unaussprechlichen ist, lässt sich wenig oder nichts über Musik ‚sprechen’; …“ (Chamberlain)941 Der Schlußpunkt des Chamberlainschen Opus magnum besteht in einem umfangreichen Kunst-Kapitel, dessen ideologischer Brennpunkt die Abhandlung sog. „Germanische[r] Tonkunst“ bildet, und in deren Zusammenhang einige Überlegungen zu Richard Wagner, dem „grösste[n] Tondichter des 19. Jahrhunderts“942, erscheinen. Bereits zu Beginn seiner Ausführungen wird eine besondere Wertschätzung „der Bedeutung der K u n s t “ als einer „spezifischen Anlage des deutschen Geistes“ behauptet.943 Es ist hier absichtlich und explizit von einigen Überlegungen zu Wagner zu reden, insofern übergeordnet das programmatische Verhältnis der Künste zur Dichtkunst resp. Poesie thematisiert wird. In der spezifischen Anwendung auf die Beziehung der „Tonkunst“ zur „Dichtkunst“, die in „Tondichtung“ zu verschmelzen habe, stützt sich Chamberlain vor allem auf diesbezügliche Überlegungen Goethes, Schillers, Herders sowie Lessings.944 Es entspricht dem „bildungsbürgerlichen Konservatismus“, der in Bayreuth eine besondere Wirkung zeitigt, einen „Wagnerismus in der Kaiserzeit“ zu formen, dem – eingedenk einer „Allgegenwart ‚unserer deutschen Klassiker‘“ –, so Hildegard Châtellier, nachkommende weltanschauliche Ableitungen zu entnehmen sind: „Wagners Musikdrama als Vollendung Schillerscher Intentionen, Schiller als verbindlicher Interpret eines wahren Christentums, Goethe und Schiller als Kronzeugen gegen das demokratische Mehrheitsprinzip, Herder, Goethe, Schiller und Jean Paul als Sympathisanten des Vegetarismus.“945 Es ist also festzustellen, daß nicht einmal die Theorien, Postulate und Erkenntnisse, die Richard Wagners Gesamtkunstwerksbegriff sowie sein Kunstwerk der Zukunft prägen, durch Chamberlain originär Wagner zugeschrieben, sondern als Fortentwicklung und Ergebnis eines lange vorläufigen kunstphilosophischen Gärungs- wie ästhetisch-schöpferischen Entäußerungsprozesses gesehen werden. Der durch Chamberlain propagierten Auffassung zufolge, daß der Kulminationspunkt dieses geistigen Prozesses in der Manifestation der „germanischen Tonkunst“946 bestehe, sei „der Ger- 5.2 941 Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 1167 942 Ebd., S. 1171 943 Vgl.: Ebd., S. 57 944 Vgl.: Ebd., S. 1129. Es sei Lessing, dem Chamberlain nicht bloß die vermeintlich notwendige Konjunktion, sondern gar die Ineinssetzung der „beiden Künste“ zuschreibt: „wenn diese beiden Künste, die Dichtkunst und die Tonkunst, welche – wie Lessing uns belehrte – in Wahrheit eine einzige, allumfassende Kunst ausmachen…“ Ebd., S. 1146. Ich komme auf die Begründung zurück. 945 Vgl.: Châtellier, Hildegard: Wagnerismus in der Kaiserzeit, in: Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871-1918, hrsgg. von: Puscher, Uwe/ Schmitz, Walter/ Ulbricht, Justus H., München u.a. 1996, S. 587 f. 946 Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 1163 5.2 Wagner in den Grundlagen 213 mane – in allen Zweigen dieser Völkergruppe der musikalischste Mensch auf Erden.“ Dieser superlativische Unfug wird schließlich durch folgende Exklusivierung gekrönt, als daß „Musik seine [des Germanen] spezifisch eigene Kunst“ sei.947 Ausschließlich auf der notwendigen Grundlage eines kollektiven „künstlerischgenialen“ Nährbodens oder Umfeldes könne individuelle Genialität gedeihen – „kann der Einzelne sich hervortun“. Daß Chamberlain solche individuelle künstlerische Qualität vorzugsweise bei Künstlern erkennt, die er den „Germanen“ zurechnet, ist ihm also erbrachter Beleg kollektiv-geistiger „Anlage“.948 Der übergriffige Jünger kann hier direkt auf seinen Meister bezugnehmen, und zitiert ein Satz-Fragment949 aus Eine Mitteilung an meine Freunde, einer kleinen Schrift, in der Wagner – nicht anders als in seinem Kunstwerk der Zukunft –, den Zusammenhang von Volk und Kunst sowie Volkes vermeintliche Qualität als schöpferische Originalität und Authentizität „bedingende Kraft“ betrachtet. In der Mitteilung an meine Freunde wird übrigens, dies sei nicht verschwiegen, der ganze Begriff „Genie“ bzw. „Genialität“, auf den Chamberlain großen Wert legt, in typischer Diktion Wagners als „blödsinnig“ abgeräumt.950 Ansonsten ist ein Vorgehen Chamberlains zu konstatieren, welches an dasjenige Hitlers in Mein Kampf und Rosenbergs im Mythus erinnert und als Renommierzitation bezeichnet werden kann. Die analytisch eher als „wertlos“ einzuordnenden Verweise auf Wagner, die zumeist in einen weltanschaulich stilisierten Reigen sog. Gro- ßen[r] der Kultur- und Menschheitsgeschichte eingebunden sind: Menschen, die „fromm und frei [gewesen und geblieben seien] von Karl dem Grossen … [über] Cromwell, Duns Scotus, [Petrus] Abälard … bis zu Schiller und Richard Wagner.“951 Stets soll die Beschreibung eines Menschentypus’ – „die Germanen“ – gelingen, der durch besondere „geistige und moralische Veranlagung“ künstlerisch-kulturelle sowie wissenschaftlich-zivilisatorische Groß- sowie Höchstleistungen vollbracht hatte.952 Eben diese Einsicht will Chamberlain als sein intellektuelles Vermächtnis übermittelt wissen: „Nichts fanden wir für unsere germanische Kultur bezeichnender, als das Handinhandgehen des Triebes zur Entdeckung und des Triebes zur Gestaltung.“953 947 Ebd., S. 1143 948 Ebd., S. 1148. 949 „…; in schöpferischen Werken der Kunst kommt, wie Richard Wagner bemerkt hat, eine ‚gemeinsame, in unendlich mannigfache und vielfältige Individualitäten gegliederte Kraft’ zur Erscheinung.“ Ebd., S. 1049 950 Vgl.: Wagner, Richard: Eine Mitteilung an meine Freunde: Erklärung an das Publikum [1851], Berlin 2015, S. 21 951 Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 556 952 Vgl.: Ebd., S. 604/605. „Dieser Mensch [‚der Germane’ – der ‚idealste, doch zugleich praktischste Mensch der Welt’] schreibt die Kritik der reinen Vernunft, erfindet aber im selben Augenblick die Eisenbahn; das Jahrhundert … Edison’s ist zugleich das Jahrhundert Beethoven’s und Richard Wagner’s.“ Ebd., S. 605, Genitiv-Apostroph im Original 953 Ebd.: Schlusswort, S. 1195 5. Houston Stewart Chamberlain 214 Ein sowohl inhaltliches als auch formales – „schriftstellerisches“ – Verfahren, das später durch Alfred Rosenberg getreulich nachgeahmt werden sollte (siehe Kap. 6 vorliegender Untersuchung). Daß die Thematisierung Wagners in den Grundlagen aus dem Jahre 1899 spärlich ausfällt, konnte gezeigt werden. Im Jahre 1921, Chamberlain ist am Grünen Hügel seit gut dreißig Jahren etabliert, erscheint sein von religiösem Pathos übersättigtes Machwerk Mensch und Gott – Betrachtungen über Religion und Christentum, das ein kleines Kapitel zur „Bedeutung der Kunst für die Religion“954 enthält, und in dem Chamberlain Wagners Vision des wechselseitig – religiös-ästhetisch – verschränkten Gesamtkunstwerk in dignisierender Weise aufbereitet. Die der Wagner-Schrift Religion und Kunst zu diesem Zweck zutreffend entlehnten theoretischen Inhalte werden durch Chamberlain auf Kunstwerke Wagners, Bachs sowie Beethovens angewandt. Bemerkenswert ist zum einen, daß eine als identisch erfasste Lehre bereits Friedrich Schillers zugrundegelegt ist, die Wagner aufgriffe und fortentwickle.955 Und zweitens, daß Chamberlain auch an dieser Stelle keine Verbindung zwischen Wagnerscher Kunstreligion und seiner Judenfeindschaft herzustellen vermag und wohl auch, nicht vorzunehmen beabsichtigt. Chamberlains Beziehung zu Wagner scheint auf einem gemeinsamen Kunstbegriff und auf Judenfeindschaft zu beruhen. Wagners Judenkritik wird durch Chamberlain aber völlig vernachlässigt, er hat andere Vorstellungen, Gewährsmänner und Intentionen. Sein Kunstbegriff ist einesteils – i.e. z.B.: Genie-Begriff – mit Blick auf Wagner entstellend und andernteils wie gezeigt, originär auf Friedrich Schiller, Gotthold Ephraim Lessing, Arthur Schopenhauer (u.a.) zurückzuführen, was Chamberlain selbst besonders hervorhebt. Chamberlains spezifischer Antisemitismus Mit Beginn seiner gesellschaftsphilosophischen Betrachtungen ist der Glaube an einen antagonistischen Rassendualismus des Arischen vs. das Mosaische vordergründig. Die daraus zu entwickelnde programmatische Kernthese betrifft „aristokratische Auslese“ vs. „semitischen Universalismus“. Eine „Veränderung im Kopfe“ könne nur der vollziehen, bei dem „Anlage dazu vorhanden“ sei. Zugang zu den „höchsten Erkenntnissen“ dieser aristokratischen Thesen hätten nur „Auserlesene“. Die Kriterien dieser Auslese sind unverhohlen benannt: Sie bestehen in „bestimmte[n] körperliche[n] Rassenbedingungen“, die durch Zuchtregelung zu bewah- 5.3 954 Chamberlain, Houston Stewart: Mensch und Gott – Betrachtungen über Religion und Christentum [1921], München 1938, S. 277-287 955 Vgl.: Ebd., S. 279/280. Zum Zwecke der Darstellung von Schillers „erhabene[m]“ Kunst-„Inbegriff “ paraphrasiert Chamberlain Teile aus Ästhetische Erziehung des Menschen: Gemäß einer „Anlage zur Gottheit, die der Mensch unwidersprechlich in seiner Persönlichkeit in sich“ trage, vollbringen die „Schaffenden“ nach „unsterblichen Muster[n]“, schöpfend aus „Quellen, die sich bei aller politischen Verderbnis rein und lauter erhalten“. Wagner habe, diese offensichtlich religiösen Implikationen aufgreifend, solch „erhabenem Inbegriff der Kunst“ nur noch das „fehlende Wort“ beistellen brauchen – „Religion“. 5.3 Chamberlains spezifischer Antisemitismus 215 ren seien.956 Die Verschiedenheit „zwischen Mensch und Mensch“ sei „rein empirisch naturwissenschaftlich klar“957, ihr sei „namentlich auch durch Rassenzüchtung“ Rechnung zu tragen. Der klassische Humanismus, der als „Befreiungstat“ gepriesen wird – z.B. dessen Vertreter Goethe habe die Bedeutung der „Sendboten indischen Geistes auf europäischem Boden“ erkannt und diese als erster „bewillkommnet“ als „neuentdeckte [sic] Quelle menschlicher Geistestaten“958 – ergänze den Hellenismus insofern um „alt-arisches“ Denken. Mit dem Rückbezug auf indische (i.e. im Sinne Chamberlains: altarische bzw. indoarische bzw. arische) „philosophische Weltanschauung“ soll gelingen, „unsere [der Arier] Emanzipation aus der Sklaverei fremder Vorstellungen (…) namentlich in religiöser Beziehung sind wir heute noch Vasallen – um nicht zu sagen Knechte – fremder Ideale.“959 Diese fremden Ideale sind also christlich-römischer Natur und tragen Kennzeichen der „semitischen Weltauffassung“, deren Pole Universalismus und Materialismus960 bildeten. Es bleiben zunächst unklar die philosophischen Erkenntnisse, die die indisch-arische Weltanschauung für die erstrebte Entknechtung bereithalte, so daß Chamberlain sich auf die referierten „Umrisse und allgemeine Erfassung des Gegenstandes in seinen charakteristischen Zügen“961 beschränkt, wozu ich hier also ebenfalls angehalten bin. Es kann aufgrund der Inhalte der Schriften Wagners nur angenommen werden, daß Wagner von dieser ‚überragenden’ Bedeutung des Altarischen sowie der indischen Philosophie keine Ahnung hatte bzw. keine Kenntnis nehmen wollte – obwohl diese im 19. Jahrhundert Chamberlain zufolge (er führt etliche Indologen an) gewissermaßen Hochkonjunktur hatte. Wagners interreligiöses Interesse bezog sich vor allem auf den Buddhismus (vergleiche Kap. 4.3 vorliegender Untersuchung), was bei genauerer Betrachtung jedoch eher mit seinem Faible für Vegetarismus, den er für ursprünglich buddhistisch hielt, und der Verehrung Schopenhauers, der als buddhistisch geprägt gilt, zusammenhängen sollte. Das siebte Kapitel der „Arischen Weltanschauung“ trägt den Titel „Der Buddhismus ist unarisch“. Er sei „von Anfang an von unarischen Elementen“ getragen, sein „Grundgedanke“ der „Erbfeind jedes höheren Geisteslebens“, der gleichsam „fremd und unarisch“ okkupiert sei, nachdem er in „außerindische Kulturen“ einfließe und so, mit nichtarischen Völkern verschmölze. Die wesentliche Begründung des Antiarischen liegt also wiederum vor allem im Verlust ursprünglicher Reinheit. Zu den konkreteren Einlassungen zur Unterscheidung des arisch-indischen Brahmanismus gegen den un- oder gar anti-arisch-indi- 956 Vgl.: Chamberlain: Arische Weltanschauung, a.a.O., S. 24-27, Hervorhebung im Original 957 Charles Darwin habe Verschiedenheit als Naturgesetzlichkeit für „alle Lebensformen“ und deren „Tendenz zum Auseinanderstreben“ nachgewiesen. Ebd. S. 26 958 Ebd., S. 17 959 Vgl.: S. 33/34 960 Vgl.: ebd., S. 24, 35 961 Vgl.: ebd., S. 42. „Darum will ich dem Leser auch nicht mit einer Aufzählung der verschiedenen Arten von Veden, Sutras, Upanishaden, Aranyakas und was es sonst noch für Gattungen religiös-philosophischer Schriften in Indien gegeben hat, lästig fallen.“ Daraufhin empfiehlt Chamberlain, bei Bedarf sowie im Falle tieferen Interesses seiner Leser, den Blick in ein Konversationslexikon. 5. Houston Stewart Chamberlain 216 schen Buddhismus zählt der Widerspruch des „immer wieder zum Heile der Welt neu sich gebärende[n] Gott-Mensch[en]“ einerseits und des „starren unfehlbaren Dogmas der ‚Offenbarung des Erhabenen’“ andererseits – hier Schöpfung und Aktivität der Herren, da Stillstand und Passivität der Sklaven.962 In seinem 1899 erschienenen Hauptwerk, Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, hinterlegt Chamberlain seiner „arischen“ Weltanschauung die Einsicht, daß die „Probleme der Völkerkunde“ durch „Schädelmessungen“ nicht zu lösen sei, der „Knochenmessung durchaus nicht die Wichtigkeit zukommt, die man ihr beizulegen pflegte.“963 Daher tauchen erneut definitorische Probleme, auch in Zusammenhang mit der Verfestigung des Begriffes Arier, auf. Chamberlain erkennt unter zeitgenössischen Gelehrten extrem abweichende Standpunkte in Bezug darauf, wer oder was Arier seien, die hier „die Erfindung der Studierstube und kein Urvolk“, da „gemeinsame Merkmale der Indoeuropäer, vom Atlantischen Ozean bis nach Indien“ behaupten, und eine „ t a t s ä c h l i c h e B l u t s v e r w a n d t s c h a f t ausser [sic] allen Zweifel“ stellten. Hiermit ist ein erster Verweis auf die relative Eigenständigkeit seiner „Rassentheorie“ gegeben, so daß er „das Wort Arier (in diesem Buch [die Grundlagen])“ in dem Sinne „des ursprünglichen Sanskritwortes ârya = ‚zu den Freunden gehörig’“ gebrauche, jedoch ohne sich „zu irgend einer [sic] Hypothese zu verpflichten“, wie er betont. Originell ist z.B. die „rassentheoretische“ Annahme, daß er historische Herstellungsbedigungen für „Rassereinheit“ zugrundelegt, und nicht einstmals bestehende Ur-Reinheit unterstellt. Solche Bedingungen seien also entweder historische, biologische und geographische Kontingenz und Okkasion oder – die für vorliegende Untersuchung relevante – antisemitisch intendierte Annahme, einer „jüdischen Planmäßigkeit.“964 Ihm kommt es – eingedenk der „Konfusion, welche in Bezug auf den Begriff ‚Rasse’“ bestehe – allein darauf an, daß „Verwandtschaft im Denken und im Fühlen auf alle Fälle eine Zusammengehörigkeit“ bedeute.965 Daß die theoretischen Fundamente der arisch-rassischen Weltanschauung durchaus ungesichert bleiben, hat Chamberlain wenig bekümmert, sofern er – gar die Prämisse gesetzt, es habe in der Vergangenheit keine arische Rasse gegeben – sorglos feststellt, daß es eben die Aufgabe in der Zukunft sei, eine solche zu schaffen.966 Allein dies scheint angesichts des deutlich exzessiv geübten Historismus in den Arbeiten Cham- 962 Vgl.: Ebd., S. 44-48, 35 963 Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 316. Allerdings betrachtet Chamberlain nichtsdestotrotz eben diese schädel- und knochenmessende „Wissenschaft“ ca. 100 Seiten weiter im Text klar unkritisch, ebd. S. 426 ff. Hier sind schematische Schädel-Darstellungen abgebildet, die z.B. verdeutlichen sollen, daß „die ‚Judennase‘ ein hethitisches Erbstück“ sei, vgl. ebd. 964 Vgl.: Ebd., S. 313/314 965 Vgl.: Ebd., S. 317 f. Hervorhebung im Original. 966 „Würde auch bewiesen, dass es in der Vergangenheit nie eine arische Rasse gegeben hat, …“ Man sollte doch annehmen dürfen, daß Chamberlain die Existenz der arischen Rasse für unwiderlegbar hält, was er aber offensichtlich nicht tut. Seine gesamte Weltanschauung steht also auf tönernem Fuß. Trost und Trotz ergibt sich aus der Fortsetzung „…so wollen wir, dass es in Zukunft eine gebe; für Männer der Tat ist dies der entscheidende Gesichtspunkt.“ Vgl.: Ebd., S. 317, Hervorhebung des Verf. 5.3 Chamberlains spezifischer Antisemitismus 217 berlains – Gleiches trifft jeweils wiederum auf Alfred Rosenbergs Werk zu –, reichlich absurd. Um dieser Konfusion zu begegnen, sind in Chamberlains Hauptschrift zunächst Elemente des Jüdischen herauszustellen und daraufhin deren konstituierende Relevanz innerhalb seines weltanschaulichen Theorie-Gerüsts zu betrachten. „… das charakteristisch Jüdische erbarmungslos blossgelegt …“967 Chamberlain ist im Zuge seiner Kollektivierungsobsession dazu verleitet worden, an die Existenz und die Nachweisbarkeit eines Rassencharakters zu glauben. Diese Phantasie sollte sowohl für Rosenberg als auch für Hitler maßgeblich werden, ebenso wie die Vorstellung, das Jüdische sei getragen von einem „Nationalgedanken“, der in der unerschütterlichen Hoffnung bestehe, einst eine „von Jahve verheissene Weltherrschaft“ anzutreten.968 Hieraus wird bereits deutlich, wie Chamberlain die Wesensbestimmung dessen anlegt, was er für das Jüdische hält. Jüdische Religion, jüdische „Rasse“ und jüdischer Geist bilden die Facetten ein und derselben jüdischen Identität. Jahve zu folgen, für Chamberlain also wesentlich, dessen in Aussicht gestellter Zielsetzung für das jüdische Kollektiv (also „Weltherrschafts“-Ambitionen969) anzuhängen, habe mithin jüdische Identität überhaupt konstituiert. Das Mittel, diesem Ziel zu entsprechen – hier wird das ewige jüdische Klischee der Absonderung und völkisch-nationalsozialistisch gewendet der Reinerhaltung aufgerufen – sei, stets jeder Veränderung zu trotzen, den eigenen Wesenskern aber immer bewahrt zu haben: „Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte bedeutet also ohne Frage den Eintritt eines bestimmten, von allen europäischen Völkern durchaus verschiedenen, ihnen gewissermassen [sic] gegensätzlichen Elements (…), welches (…) sich wesentlich gleichblieb; (…) Dank der Sicherheit des Instinktes, die aus strenger Einheitlichkeit des Nationalempfindens entspringt, es [das jüdische Element] stets vermochte, auf Andere tiefgreifenden Einfluss auszuüben, wogegen die Juden selber [„intoleranter Ton des Rassenhoch- 5.3.1 967 Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 246 968 Vgl.: Ebd., S. 386 969 In Kapitel 3.2 vorliegender Untersuchung ist bereits erwähnt worden, daß der ideologische Brennpunkt modernen Antisemitismus‘ in dem primär den Juden unterstellten Trieb zur „Weltbeherrschung“ zu sehen ist und, der paranoid-antisemitischen Sichtweise zufolge, ausschließlich durch Juden zu realisieren sei – Absicht und die Möglichkeit der Realisierung dieser Absicht also exklusiv im jüdischen Kollektiv zusammenfallen, vgl. z.B. die Forschung Heiko Beyers, Fußnote 506. Die in den folgenden Kapiteln zu untersuchenden Texte, die die antisemitische Kontinuitätslinie vom Kaiserreich bis in den Nationalsozialismus markieren, stellen diesbezüglich die strukturidentische Blaupause des modernen Antisemitismus‘ dar, der insofern im Kern unverändert geblieben ist. Im Vorgriff auf eine detailliertere Betrachtung der Materie in den Rosenberg- und Hitler-Kapiteln sei hier auf den widersprüchlichen Umstand verwiesen, daß eben die jüdisch-apostrophierte „Weltbeherrschungs“-Aspiration, die laut Chamberlain, Rosenberg und Hitler per se von größtem Übel sei, stets durch eine vor allem bei Hitler und Rosenberg exzessiv-eingeforderte arische/deutsche/germanische „Weltherrschafts“-Ambition begleitet und vielmehr ersetzt ist, und somit selbst erstrebt wird, was man beim Anderen verurteilt. Vgl.: Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 32, 118, 456, 460, 463, 470, 479, 480, 491, 606, 653. Vgl.: Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 343, 351, 437, 703, 704, 738, 742, 751. 5. Houston Stewart Chamberlain 218 muts“] von unserer geistigen und kulturellen Entwicklung nur hauttief berührt wurden.“970 Das unterstellte Wirken der Juden – immer dann und immer dort, wo sie „Fuß gefasst“ hatten, „schwand jede Möglichkeit einer Kultur; edle Menschenrassen werden durch das semitische Dogma des Materialismus … für immer entseelt“ – führe zum Ausschluß der so Infiltrierten „aus dem ‚ins Helle strebenden Geschlecht‘.“971 Chamberlain bestimmt „das Jüdische“ infolge der Erfassung eines „ p h y s is c h e n S u b s t r a t u m [s]“, das er dezidiert aus seinen Spekulationen zur „Herkunft“ ableitet, also wo und wie „Juden“ lebten, sich „reinerhielten“ oder (durch) andere Völkergruppen „vermischt worden“ bzw. „vermischten“. (Siehe dazu auch die Herkunfts- und Wesensbestimmung zur Person Jesu in Kap. 5.4 vorliegender Arbeit.) Zweiter identifikatorischer Aspekt sei „die leitende Idee des Judentums“, die primär in der Vorstellung einer angeblich erstrebten globalen Unterwerfung der nichtjüdischen Menschheit besteht.972 Chamberlain scheint bewußt zu sein, daß derlei Pauschalisierung und Kollektivierung nicht unproblematisch ist, „denn die Persönlichkeit gehört dem einzelnen Individuum“973, was er dann auch jüdischen Individuen zu konzedieren bereit ist: „Ich habe weder den ‚guten‘ Juden noch den ‚schlechten‘ Juden herangezogen. [sondern den sog. „eigentlichen“ Juden, der „erst nach und nach“, der „Jude, den wir jetzt kennen und am Werke sehen“ geworden sei]“974 Eben dieses taktische Lavieren das des Öfteren zu vernehmen ist, hat z.B. auch Bermbach dazu geführt, Chamberlain, der also auch von „Leistungen“, „Beiträgen“ und „guten“ Juden schreibt, aus der Bande sog. „Radau-Antisemiten“ auszugliedern. Er ist in der Tat nicht so töricht, völlig ungefilterte Indifferenz anzubieten. Allerdings ist dieser Schleier der Objektivität schnell gelüftet, wenn immer auch der Juden „eigentliche[s] Wesen“ herausgestellt wird, das auf substantiell „rassisch-wesenhafte“ Disposition zu „unauslöschlichem Hohn und Hass gegen Christus“, „Diebstahl“ und „Geldwucher“, „Verbrechertum“, und „beschränkter Intelligenz und mässiger [sic] intellektueller Begabung“ u. drgl. m. hinausläuft.975 Udo Bermbach hat Chamberlains Rabulismen, seine Anstrengungen in der charakterologischen Definition, Identifizierung und Unterscheidung von „Sephardim und Aschkenazim“976, der vorgeblich „anthropogenetischen“ Differenzierung von „Juden“, „Israeliten“ und „Semiten“977 bereits 970 Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 388 971 Vgl.: Ebd., S. 304 972 Vgl.: Ebd., S. 542 f. 973 Wie gewohnt, sind solche Äußerungen sogleich mannigfach konterkariert, ein Beispiel: „Als ob die gesamte Geschichte nicht da wäre, um uns zu zeigen, wie Persönlichkeit und Rasse auf das Engste zusammenhängen, wie die Art der Persönlichkeit durch die Art ihrer Rasse bestimmt wird und die Macht der Persönlichkeit an gewisse Bedingungen ihres Blutes geknüpft ist!“ Ebd., S. 311. Übrigens wird auch die ansonsten für sakrosankt erklärte „Blutsreinheit“ mehrfach relativiert, wenn „bestimmte, beschränkte“ oder „gewisse Blutmischungen“ und „Kreuzungen“ der „Veredelung einer Rasse“ förderlich betrachtet werden. Vgl.: Ebd., S. 335/336 974 Ebd., S. 542 und 407 975 390, 542, 400, 287 976 Z.B. ebd., S. 323 5.3 Chamberlains spezifischer Antisemitismus 219 auf das Genaueste auseinandergesetzt978 – so daß hier die Beschränkung auf das – Chamberlains Aversion begründende, für seinen Antisemitismus konstitutive – sog. „eigentliche“ Wesen erlaubt sei. Die diesbezügliche Haupterkenntnis Chamberlains lautet: „[D]er eigentliche J u d e entstand erst im Laufe der Jahrhunderte durch allmähliche physische Ausscheidung der übrigen israelitischen Familie, sowie durch progressive Ausbildung einzelner Geistesanlagen …“979 „Völkerchaos“ „In seiner [des Völkerchaos‘] Mitte ragt, wie ein scharf geschnittener Fels aus gestaltlosem Meere, ein einziges Volk empor, ein ganz kleines Völkchen, die Juden. Dieser eine einzige Stamm hat als Grundgesetz die Reinheit der Rasse aufgestellt, er allein besitzt daher Physiognomie und Charakter.“980 Wenn Chamberlain „Volk“ schreibt, meint er stets auch „Rasse“; der Begriff „Völkerchaos“ steht entsprechend unmittelbar für „Rassenchaos.“981 Sein Jünger Rosenberg verwendet sogleich letzteren Begriff und verweist im Sinne des Meisters auf den Zusammenhang, der ungefähr als (auch zeitlich-historische) Ursache und Folge zu verstehen wäre.982 Rassische Integrität sei notwendig, besagtes Chaos zu vermeiden. Daraus folgt der Befund des sog. „rassenlosen Chaos“, denn die „Abwesenheit von Rasse ist verhängnisvoll“ und zeitigt unseliges Wirken „artenloser Menschenagglomerate“ sowie ein „physiognomiebares [i.e.: bar der Physiognomie] Gemenge, in welchem die Bastarde das große Wort führen.“983 Bastarde sind die Juden in Chamberlains Sicht eben gerade nicht. Es seien die Juden, die als einzige „Rassereinheit“ erfunden haben und praktizierten. Sie seien aber gleichwohl Volk, das nicht im entsprechenden Chaos versunken sei. Aufgrund dieses „Reinheitsgebotes“, das nur sie errichtet und befolgt haben würden (ihr wesentliches Gesetz, ihr Grundgesetz, das dem Antisemiten Chamberlain wichtigstes Menetekel ihrer unermesslichen Perfidie ist), seien sie einziger Stamm, der erkenn- und nachweisbare phänotypische (Physiognomie) wie mentale (Charakter) Merkmale besäße. Auch in diesen wenigen zusammenhängenden Worten des Eingangszitats wird Rasse, Volk und Stamm vollkommen synonym verwendet. Die damit in Zusammenhang gebrachten Mutmaßungen implizieren, daß diese Bezeichnungen Chamberlain zufolge ausschließlich auf Juden anzuwenden sind. Voraussetzung der Definition eines Kollektivs als Rasse, Volk oder Stamm sei physiognomische sowie charakterliche 5.3.2 977 Z.B. ebd., S. 346 und 409 978 Siehe dazu Bermbach: Chamberlain, a.a.O., S. 219-299 979 Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 411, Hervorhebung im Original 980 Ebd.: S. 301 981 Vgl.: Ebd., S. 310ff. 982 Vgl.: Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 68/87 983 Vgl.: Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 350/351 5. Houston Stewart Chamberlain 220 Erkennbarkeit, die wiederum durable Reinheit notwendig erfordere. Reinheit sei einzig bei Juden evident, die dieses Prinzip überdies erfunden haben würden. Zudem sei diese/s/r einzige Rasse, Volk oder Stamm „ganz klein“. Angesichts der Tatsache, daß Chamberlain tausend Seiten mit Spekulationen über welthistorische Grundlagen füllt, die im wesentlichen rassische Dispositionen, Verhältnisse und Verheerungen, die menschheitliche, zivilisatorische und kulturelle Herkunfts- und Entwicklungsberechnungen bedingen, ist es bemerkenswert, daß bloß eine winzige Minderheit – die Chamberlain nicht genauer quantifiziert – mit diesem „Konzept“ Chamberlain zufolge überhaupt zu erfassen ist. Ironischerweise sollen das dann die Juden sein, über deren Eigenschaft als Religionsgemeinschaft hier übrigens nichts ausgesagt wird. Bereits Zeitgenossen Chamberlains bedachten dessen Ausführungen mit scharfer Kritik und führten „Einsprüche sehr unterschiedlichen Charakters“984, die auch die vor allem logischen oder faktischen Mißverhältnisse aufgreifen. Chamberlains Schrift sei geprägt von: – „unorganischen, unsystematischen Ideen“, die auf – „Pseudowissenschaftlichkeit“ aufbauten, insbesondere – der „Rasse“-Begriff sei „widersprüchlich“, „unklar“, vor allem „nicht beweisbar“; – die unterstellten, „angeblichen spezifisch germanischen Eigenschaften“ kämen deutlich auch anderen Völkern, resp. Rassen zu; – insgesamt wird der Gebrauch „falscher Daten und Fakten“ moniert und – dem Autor wird „Mut zur Unwahrheit“ attestiert sowie ein – „Glaube[n] an die Kunst, gegen die alle Wagnerverhimmelung kindlicher Spaß“ sei.985 (Pseudo-)Religiöse Aspekte – „Arisierung“ Christi und „Entjudung“ des Christentums „Wer die Behauptung aufstellt, Christus sei ein Jude gewesen, ist entweder unwissend oder unwahr (…) Die Wahrscheinlichkeit, dass Christus kein Jude war, dass er keinen Tropfen echt jüdischen Blutes in den Adern hatte, ist so gross [sic], dass sie einer Gewissheit fast gleichkommt. (…) dass Jesus Christus ihr [‚der jüdischen r e i n e n R a s s e ‘] n i c h t angehörte, kann als sicher betrachtet werden. Jede weitere Behauptung ist hypothetisch.“986 5.4 984 Bermbach: Chamberlain, a.a.O., S. 194. Diese frühen Kritiker sind Heinrich Cohen, der 1901, wie Ernst von Unruh 1908 sowie Fritz Wüst in 1905 zum Thema publiziert. 985 Die, m.E. wesentlichsten Aspekte einer Zusammenfassung der Darstellung der „Monographien gegen die ‚Grundlagen‘“ von Cohen, von Unruh und Wüst durch Bermbach, vgl.: Ebd., S. 192-200 986 Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 256/257, gesperrte Hervorhebungen im Original. Hierbei kann wiederum gezeigt werden, wie unseriös Chamberlain argumentiert. Zunächst klar eingestandener hypothetischer Charakter seiner Thesen wird flugs als „fast gewiss“ erklärt, sodann als „sicher zu betrachtende“ Quasi-Evidenz ausgewiesen und schließlich jede Widerrede selbst als bloß hypothetisch desavouiert. Chamberlains Weltanschauung bleibt also stets Gegenstand des Glaubens, der Hypothetisches, Phantasiertes und Wunschgewolltes kompensieren muß. 5.4 (Pseudo-)Religiöse Aspekte – „Arisierung“ Christi und „Entjudung“ des Christentums 221 Folgende Prämissen des christlichen Glaubens sind auch dem betrachtenden christlichen Rassentheoretiker vorfindlich. Ausgewiesenen Judenfeinden, die dabei, wie Chamberlain, auf ihren angeblichen Glauben pochen, dann nachvollziehbarerweise inakzeptabel: – Jesus war Jude, – Paulus987 war Jude, – die ersten Christen waren Juden, – die ersten Christen blieben Juden (-Christen), – bis sie von der initiatorischen/religiösen Genital-Beschneidung, die sie auch als Christen geraume Zeit weiterhin vornehmen, absehen. Auf die naheliegende und vernünftigste Reaktion auf diese Umstände, die der Antisemit Chamberlain sowie später sein Anhänger Rosenberg tatsächlich wohl ernst nehmen, wie ihre weitschweifige und verzweifelt-bohrende Bearbeitung dieser historischen Gegebenheiten zum Zwecke einer großartigen endlichen „Richtigstellung“ belegen: Auf den Selbstzweifel am irrigen Dogma des so begründeten Judenhasses oder die konsequente Revision der vorgeblich christlich-religiösen Doxa, kommen beide nicht. Immerhin anerkannt ist die „Beteiligung [der Juden] an der Entstehung des Christentums“, die jedoch sogleich als „Infiltration [‚von dort aus‘, i.e.: der Entstehung]“ durch „besonderen und unarischen Geist“ relativiert wird.988 Chamberlain braucht sein „Christentum“ jedoch nicht zu verwerfen, insofern er es gleichsam „bereinigt“ und allmählich „gesundend“ zum Kernelement „unsere[r] neue[n] germanische[n] Weltanschauung“ erklärt. Echtes Christentum, so seine Überzeugung oder mindestens sein Wunsch, sei erst in seinem Jahrhundert, dem Neunzehnten, nicht zufällig seinem Wirkungszeitraum (Erkenntnis bedeute Erlösung)989 überhaupt feststellbar: „Wer weiss [sic], ob nicht ein Tag kommt, wo man die blutige Kirchengeschichte der ersten 18 christlichen Jahrhunderte als die Geschichte der bösen Kinderkrankheiten des Christentums betrachtet?“990 Chamberlains Auffassung dessen, was er für das Christentum hält, ist abhängig von seiner Vorstellung der Person Christi, als den er Jesu von Beginn an betrachtet, da bezeichnet. Die Relevanz des „entjudeten“ Christentums mit dem inhärenten Zentral- 987 Paulus spielt in nationalsozialistischer Sicht, z.B. bei Rosenberg – siehe Kap. 6 vorliegender Untersuchung –, eine gewichtige Rolle. Zum einen wird gar nicht erst der Versuch unternommen, dessen jüdische Abkunft infrage zu stellen; vielmehr wird dessen jüdische Identität betont, um das Christentum, welches später vor allem die Katholische Kirche repräsentiert, als nichtchristlich, sondern paulinisch, also „verjudet“, zu stigmatisieren. Zum anderen kann das christliche Dogma der Liebe, Nächstenliebe, Compassion o. ä. wirkungsvoll als genuin-paulinisches, also „jüdisches“, also „unarisches“ sowie nicht originär-christliches Element ideologisch abgespalten werden. Vgl.: Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 234, 235, 457, 605 988 Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 323 989 Ebd., S. 232 990 Ebd., S. 223 5. Houston Stewart Chamberlain 222 mythos eines „arischen“ Jesus/ Christus/ Jesus-Christus für Chamberlains dualistische Rassen-Theorie ergibt sich aus folgenden Annahmen: Christi Erscheinung – womit die historische Geburt und das irdische Leben der Person Jesu gemeint ist – sei von absoluter Bedeutung991, sie sei die „alleinzige Grundlage aller sittlichen Kultur.“ Als störend mußte ein Charakterbild Jesu erscheinen, welches mit den Vorstellungen einer sittlichen Kultur nach Chamberlainschem Zuschnitt kollidierte. Allduldsamkeit, Barmherzigkeit, Sanft-, Lang- sowie Demut, Vergebung (insgesamt als „schwächlicher Humanitarismus“ desavouiert) u. ä. werden also zugunsten charakterlicher Zeichnungen unterbelichtet, die „unerhörte Macht der Persönlichkeit“, „Erhabenheit“, „Kampfeslust“ („das flammende ‚Schwert‘ gezogen“) gepaart mit „Heldenhaftigkeit“ und „Heldenmut“992 ausweisen. Jesu Christi Erscheinung habe außerdem die Spaltung „der Menschheit in zwei Klassen“ begründet und bedeute zudem die „E r s c h e i n u n g e i n e r n e ue n M e n s c h e n a r t “.993 Schließlich, die Zugehörigkeit zu den Klassen bedingt „Erwähltheit“, die „Geburtsadel“ indiziert.994 Das gesamte weltanschauliche Programm Chamberlains ist hierdurch zementiert: Es besteht in der fundamentalen Trennung zweierlei – antagonistischer, existentiell widerstreitender – Menschheit, deren Grenzen in jeder Hinsicht impermeabel bleiben. Die jeweilige menschheitliche Zugehörigkeit braucht nicht erstrebt, wird nicht erworben und kann nicht beendet werden, sie ist in beiden Fällen gleichsam ontologische, determinierte Gewißheit. Im Zentrum der scheinbar spezifisch religiösen Betrachtungen Chamberlains stehen aber „rassentheoretische“ argumentative Bemühungen, die jüdische Abkunft – „im Sinne der Rassenzugehörigkeit“/ „der Rasse nach“995 – der historischen Person Jesu zu widerlegen. Die Auffassung, daß Jesus Christus kein Jude war – mehr noch, nicht gewesen sein kann –, ist Bestandteil eines festen Sets des religiös geprägten Antisemitismus und wird außer von Chamberlain996 auch durch Joseph Goebbels997, Alfred Rosenberg998 und Adolf Hitler999 geteilt. Chamberlain will die parentale Ab- sowie die lokale Herkunft Jesu betrachten, um dessen „Rassenzugehörigkeit“ zu klären. Daher sind nicht religiös-theologische Implikationen des Hinrichtungstitels Christi (Ratzinger), der Salbung, der Auferste- 991 „Die Geburt Jesu Christi ist nun das wichtigste Datum der gesamten Geschichte der Menschheit“, gleichsam wirklicher Beginn der „eigentlichen Geschichte“ überhaupt. Ebd., S. 46 f., Hervorhebung des Verfassers 992 Ebd., S. 230, 238, 240, 241, 244 993 Ebd., S. 239, Hervorhebung im Original 994 Vgl.: Ebd., S. 242 f. 995 Ebd., S. 53, 247 996 „Auf die Frage nach der Rassenzugehörigkeit der Familien des Joseph’s [sic] und der Maria (…) genügt uns zu wissen, daß der Heiland … nicht in einer Umgebung lebte, die man … ‚jüdisch’ nennen könnte.“ Chamberlain: Mensch und Gott, a.a.O., S. 90/91 997 „Christus kann gar kein Jude gewesen sein. Das brauche ich gar nicht erst wissenschaftlich beweisen. Das ist so!“ Goebbels, Joseph: Michael. Ein deutsches Schicksal in Tagebuchblättern [1929], München 1936, S. 58 998 „Was Jesu Herkunft betrifft, so liegt … nicht der geringste zwingende Grund zur Annahme vor, daß Jesus jüdischer Herkunft gewesen…“ sei. Rosenberg: Der Mythus des 20. Jahrhunderts, a.a.O., S. 76 999 „Christus war ein Arier.“, Hitler, zitiert nach Picker: Tischgespräche, a.a.O., S. 109 5.4 (Pseudo-)Religiöse Aspekte – „Arisierung“ Christi und „Entjudung“ des Christentums 223 hung, der Himmelfahrt, der Trinität von vordergründigem Interesse, sondern zunächst vor allem „das tatsächliche Erdenleben Jesu Christi“1000 zu bedenken. Sein Fazit lautet: „War Christus ein Jude? ... Der Religion und der Erziehung nach war er es unzweifelhaft; der Rasse nach – im engeren und eigentlichen [wiederum der Begriff eigentlich] Sinne des Wortes ‚Jude‘ – höchst wahrscheinlich nicht.“1001 Bedenkt man an dieser Stelle, daß Chamberlain hier den Begriff „Jude“ wesenhaft eindeutig mit „Rasse“ verbindet, Religion, Kultur und Sprache (alles Folgen und Inhalte einer „Erziehung“) bestenfalls zum unerheblichen Akzidens erklärt, folgt daraus zweierlei: Erstens, Richard Wagners kulturalistischer, absonderlich ausgeführter ästhetisch-linguistischer Begriff des Juden, der seine Kritik trägt und prägt, bezeichnet eben diese Begriffe (Religion, Erziehung) als wesenhaft jüdisch. Eben daher sind diese Wesensmerkmale ja auch „ableg-“ oder „überwindbar“ (Vgl.: Kap. 4.2.1 vorliegender Untersuchung). Zweitens, es wird klar, welcher Qualität der Chamberlainsche Antisemitismus ist, der allein aus dieser Definitorik zu folgern ist. Denn rassische Zugehörigkeit ist nicht beendbar, „ab-“ oder „umzuerziehen“, sie kann nicht durch Konversion verlassen werden und es besteht schließlich keinerlei Möglich- oder Denkbarkeit, ein Wagnersches „Aufgehen in der Menschheitsrevolution“ mit vereinheitlichender und versöhnlicher Konsequenz, aus diesen Vorstellungen abzuleiten. Die substantielle Gleichartigkeit eben dieses Chamberlainschen ideologischen Elementes wird in den folgenden Kapiteln 6 und 7 zu Rosenberg und Hitler des Öfteren zu belegen sein. Chamberlain hält es für eines seiner stärksten Argumente, die soziologischen sowie ethnographischen Gegebenheiten in den Bezirken Galiläa und Judäa zu Lebzeiten Jesu bzw. dessen Familie zu betrachten. (Bis zuletzt – siehe sein Spätwerk Mensch und Gott – hält er zum Zwecke der „Entjudung“/ der „Arisierung“ Jesu an eben diesem Argumentationsgang fest.1002) Daraus schließt er, daß die Provinz Galiläa – vor allem aufgrund reger Seefahrtsbewegungen und florierender Hafenanbindung – stets „rassischer Mischung“ ausgesetzt gewesen sei. Hierbei kann er der „Blutsmischung“, die ansonsten „Völkerchaos“ zufolge habe, die in seinem Sinne wünschenswerte Möglichkeit entnehmen, Jesu verfüge daher („wahrscheinlich“) über eine nicht-jüdische genetische Disposition, wo in Judäa im Gegensatz dazu – wie Chamberlain belehrt – die jüdische „reine Rasse“ entsteht, integer bleibt und kompakt die Zeitläufte überdauert.1003 Aufgrund einer historischen Gewißheit, die Chamberlain anzuerkennen willens ist, und derzufolge eine „Ehe zwischen Jude und Galiläer“ zu Zeiten Jesu „undenkbar“1004 sei, folgert er: „Es liegt also … nicht die geringste Veranlassung zu der Annahme vor, die Eltern Jesu Christi seien, der Rasse nach, Juden gewesen“1005 1000 Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 227 1001 Ebd., S. 247 1002 Siehe Fußnote 996! 1003 Vgl.: Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 247-257 1004 Ebd., S. 250 5. Houston Stewart Chamberlain 224 1005 Ebd., S. 251. Wiewohl der Eltern-Begriff, mit Chamberlain selbst, einzuschränken ist: „Für den Gläubigen ist Jesus der S o h n G o t t e s, nicht eines Menschen; … “ Vgl.: Ebd., S. 246, Hervorhebung im Original 5.4 (Pseudo-)Religiöse Aspekte – „Arisierung“ Christi und „Entjudung“ des Christentums 225

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References

Zusammenfassung

Mit diesem Buch liefert Alexander Schmidt eine profunde Analyse der oft vermuteten Vorbildwirkung Richard Wagners für die völkische und nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungsideologie des 19. und 20. Jahrhunderts. Hierzu leistet der Autor eine ideengeschichtliche Gegenüberstellung ausgewählter Facetten der „Weltanschauungen“ Chamberlains, Rosenbergs, Hitlers und Wagners und deren jeweilige Konkretisierung der sogenannten „Jüdischen Frage“.

Werkimmanent, jedoch mit vielfältigen Bezügen zu politischen, ideologischen, philosophischen und feuilletonistischen Sekundärschriften, vergleicht er die jeweils angestrebte Gesellschaftsordnung sowie das Menschenbild der geschichtlichen Personen und gewährt dabei umfassende Einsichten in das weltanschauliche Gedankengebäude Richard Wagners sowie über die oft fälschlicherweise angenommene Vorbildwirkung seiner Schriften für die antisemitischen Ergüsse Chamberlains, Rosenbergs und Hitlers.