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4. Richard Wagner in:

Alexander Schmidt

Die ideologische Rezeption der Judenfeindschaft Richard Wagners, page 143 - 202

Ursprung, Verlauf und Konsequenzen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3950-2, ISBN online: 978-3-8288-6812-0, https://doi.org/10.5771/9783828868120-143

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 73

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Richard Wagner Die soziopolitischen bzw. kunsttheoretischen Schriften Wagners, die in dieser Arbeit berücksichtigt sind, bestehen aus den sog. Revolutionsschriften591, den Zürcher Schriften592, den singulären Schriften Das Judenthum in der Musik und Eine Mittheilung an meine Freunde, den Sozio-politischen Schriften593 sowie den sog. Regenerationsschriften.594 Die übrigen Schriften, wie etwa explizit Musiktheoretisches (z.B. Über das Dirigieren oder Über das Dichten und Komponieren) bergen kein für den Gegenstand dieser Untersuchung relevantes Material und bleiben daher unberücksichtigt. Politische Thesen „…alle Menschen … in brüderlicher Liebe vereint, stark, schön und frei…“ (Die Kunst und die Revolution) Wagner entwickelt seine Vorstellung eines künftigen und guten auf der Basis der Darstellung eines gegenwärtigen und schlechten Gemeinwesens, und liefert indirekt eine Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen er zu leben glaubt. Sein Werk, seine Schriften, Opern und Musikdramen, können zutreffend als „Meditationen über die Musik als Ausweg aus den Problemen des Seins“595 begriffen werden, was dann freilich ein überzogener, esoterisch verabsolutierender Anspruch ist. Relevant wird dieser Befund David Nirenbergs, sofern im Verlauf dieses Kapitels gezeigt wird, daß Wagners Problematisierung des „Seins“ sicher nicht eindimensional auf das Judentum oder die Juden zurückzuführen ist. Mit Bayreuth verfolgt und realisiert Wagner vordergründig nicht eine „Stätte für besonders gute Wagner-Aufführungen – sondern eine Oase des Glücks in der Wüste der Kasernen und Fabriken“. Vor allem sei seine Selbstwahrnehmung die des Gründers einer glücklichen Gesellschaft, die in Bayreuth (der Idee nach) ein „sinnliches Kloster … in das fremde Reich der Wirklichkeit, in eine höchst greifbare Einöde hineingestellt hat.“ Hier sei das „Unternehmen eines diktatorischen Poeten“ verwirklicht, das nicht den „Anspruch machte, mehr als ein Eiland des Glücks in einer Flut der Glücklosigkeit [i.e.: ‚Bismarcks Reich der gar nicht schönen Wirklichkeit’]“, dessen 4. 4.1 591 Deutschland und seine Fürsten – Der Mensch und die bestehende Gesellschaft – Die Revolution 592 Die Kunst und die Revolution – Das Kunstwerk der Zukunft – Oper und Drama 593 Über Staat und Religion – Deutsche Kunst und deutsche Politik – Was ist deutsch? – Modern – Wollen wir hoffen? 594 Religion und Kunst (Ausführungen zu Religion und Kunst: Was nützt uns diese Erkenntnis? – Erkenne dich selbst – Heldentum und Christentum) 595 Nirenberg: Anti-Judaismus, a.a.O., S. 420 143 Ziel es sei, einzig „die Realität in Raum und Zeit zu verdrängen“.596 Das Unternehmen Bayreuth ist freilich in diesem Sinne nie gelungen, es „wurde nicht zum Mittelpunkt einer geläuterten, vom Fluch des Goldes befreiten Volksgemeinschaft.“ Im Gegenteil, aber aus pragmatischen Gründen der Notwendigkeit aufwändiger Finanzierung und Mäzenatenakquise, wiederum verstehbar: „Viel eher wurde es zum Sommertreffpunkt der europäischen Plutokratie.“597 Das „sozial-ethische Element“ des künstlerischen Schaffens betrifft die Hoffnung eines geistig-regenerativen Initials durch Kunst, die Wagner „als ein Allheilmittel gegen die Schäden der Gesellschaft“598 gesehen habe. Natürlich, die Hoffnung Wagners ist „gleichsam naiv“ zu nennen, sein Werk, der Ring, werde als „gesellschaftliche Intervention“ angesichts einer vermeintlichen Krise, „in der Lage sein, ein neues postrevolutionäres Kollektivbewußtsein zu generieren und dieses langfristig zu stabilisieren“. Ein Unternehmen, daß Wagner in „bewußtem Rekurs auf die Antike“ als „theatrales Krisenmanagement“ angelegt und begriffen habe. Auch dieses weltanschauliche Kernelement – die Verknüpfung des Ästhetischen und Politischen – die Wagner aus der antiken Vergangenheit in die Moderne hievt, ist also nicht genuin wagnerisch, wie so viele weitere ideologische Ingredienzien seiner Weltanschauung auch, worauf nachfolgend eingegangen werden soll. Bermbach zeigt, daß bereits die Barock-Oper und deren Vertreter von Händel bis Monteverdi ihre großen Werke im Sinne der Fürstenspiegel entwickelten. Diese galten entsprechend der Beleuchtung „herrscherlichen Fehlverhaltens“ und formulierten ein Angebot „positiver Tugendkataloge“.599 Sowohl die Wagner-Betrachtung in den folgenden Kapiteln, als auch die Rezeptionsanalyse, vor allem Chamberlains und Rosenbergs, in den anschließenden Kapiteln, zeigen die eigentliche Unoriginalität der Wagnerschen Theorien. Sogar deren „Prunkstücke“ – die „Vermählung der Einzelkünste“, das „Gesamtkunstwerk“ und die „Politisierung der Ästhetik/ Ästhetisierung des Politischen“ – stammen von Schopenhauer und Hegel, Schiller, Lessing und Goethe und, wie erwähnt, aus der Antike. Wagner hat dies nie verhehlt, von Interesse sind diese Verhältnisse mit Blick auf die Adoranten, „Jünger“ und ideologischen Rezipienten Wagners. Echte und beständige Originalität hat einzig das musikalische Werk. 596 Vgl.: Marcuse, Ludwig: Philosophie des Glücks – von Hiob bis Freud [1948], Zürich 1972, S. 249/250 597 Vgl.: Mann, Golo: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts [1958], Frankfurt a.M. 1987, S. 470 598 Mann, Thomas: Leiden und Größe Richard Wagners [1933], in: Thomas Mann – Wagner und unsere Zeit. Aufsätze, Betrachtungen, Briefe, hrsgg. von Erika Mann mit einem Geleitwort von Willi Schuh, Frankfurt am Main 1983, S. 65 599 Vgl.: Bermbach, Udo: Oper und Politik. Aspekte eines komplizierten Verhältnisses, in: Leidhold, Wolfgang (Hrsg.): Politik und Politeia – Formen und Probleme politischer Ordnung, Würzburg 2000, S. 385ff. 4. Richard Wagner 144 „Republikanische Bestrebungen“, Revolution und Monarchie „Was Wagner betrifft, so steht fest, daß er als Künstler und Geist sein Leben lang ein Revolutionär war. Aber ebenso sicher ist, daß dieser nationale Kultur-Revolutionär die politische Revolution nicht meinte und die Atmosphäre von 1848/49 durchaus nicht als sein Element empfand.“600 (Thomas Mann) Aus der sicheren Anstellung eines Kapellmeisters am sächsischen Hof heraus beteiligte sich Wagner – mehr oder weniger aktiv (siehe das Mann-Zitat) – im Revolutionsjahr 1848 an Barrikadenkämpfen in Dresden, was ihn nicht nur seine berufliche Stellung kostete, sondern darüber hinaus auch zur Flucht und ins Exil zwang. Die Geisteshaltung, die ihn dazu veranlaßte, ist in den sogenannten Revolutionsschriften dokumentiert, deren Grundtenor durchaus radikal und umstürzlerisch daherkommt. In der Schrift „Wie verhalten sich republikanische Bestrebungen dem Königtum gegenüber?“601 wird die „volle Emanzipation des Menschengeschlechtes“ postuliert, die „das Wohl aller“602 herbeiführe, und damit vor allem auch sein potentielles Revolutionsziel benannt. Außerdem ist hiermit ein Ideologem formuliert, dem der junge Wagner bis an sein Ende verpflichtet bleiben sollte, und welches gleichsam das telos seiner Erlösungsideologie darstellt. Die erfolgte „notwendige Erlösung des Menschengeschlechts von der plumpesten und entsittlichendsten Knechtschaft gemeinster Materie“ sei „die Erfüllung der reinen Christuslehre“. Wagner ist sehr bemüht, nicht mißverstanden zu werden, und distanziert sich von der scheinbar naheliegenden Vermutung, er sei Kommunist (man bedenke das zeitnahe Erscheinen des „Kommunistischen Manifests“). Denn die kommunistische Lehre ist seiner Ansicht nach „abgeschmackt“, gar „sinnlos“ und die in ihr enthaltene „mathematisch gleiche Verteilung des Gutes und Erwerbes“ sei der „gedankenlose Versuch einer Lösung der Abhängigkeit von der Tätigkeit des Geldes“.603 Über gerechte Verteilung und deren mögliche segensreiche Folgewirkung äußert Wagner sich an anderer Stelle am Beispiel Arbeit. Gleichwohl liegt hier nichts anderes als die Forderung nach „mathematisch gleicher Verteilung des Erwerbs“ vor:604 „Ich fand nämlich, daß, bei gleicher Verteilung an alle, die eigentliche Arbeit, mit ihrer entstellenden Mühe und Last, geradeswegs aufgehoben sei, und statt ihrer nur eine Beschäftigung übrig bliebe [sic], welche notwendig von selbst einen künstlerischen Charakter annehmen müßte.“605 4.1.1 600 Mann, Thomas: Betrachtungen eines Unpolitischen [1918], Frankfurt am Main 1995, S. 111 601 In: Gregor-Dellin, Martin: Richard Wagner. Mein Denken. München 1982. Erstveröffentlicht wurden die Bestrebungen als Sonderbeilage des Dresdner Anzeiger vom 14.06. 1848. 602 Ebd., S. 76 603 Vgl.: Ebd., S. 78/79 604 Auf Unklarheiten, ‚Ungereimtheiten’ bis hin zu offensichtlichen Widersprüchen in Wagners Argumentationen wird des Öfteren zurückzukommen sein. 605 Über Staat und Religion, in: Richard Wagner. Ausgewählte Schriften über Staat und Kunst und Religion. Zweite Auflage, Leipzig 1914, S. 3, Hervorhebung im Original 4.1 Politische Thesen 145 In den „republikanischen Bestrebungen“ unterscheidet Wagner eine abzulehnende „kommunistische Lehre“ einerseits von einem „kommunistischen Prinzip“ andererseits. So verkündet Wagner in seinen so genannten „flüchtigen Aufzeichnungen“ – Aphorismen, die die Gedanken zu einem größerem Aufsatze darstellten – unter der Überschrift „Zum Prinzip des Kommunismus“, daß mit dem „untergange unserer jetzigen zustände und mit dem beginn der neuen, communistischen weltordnung“606 das „wirkliche, wahre geschichtliche leben“ beginne. Konkrete Attribute jenes Lebens fehlen in diesen Aphorismen, was hier jedoch nicht weiter problematisch ist, denn der Zweck der „Menschheitsrevolution“ ist übergeordnet in der Errichtung der „kommunistischen Weltordnung“. Diese Stelle belegt vor allem, daß für Wagner der Begriff „kommunistisch“ keineswegs eindeutig konnotiert ist.607 Nicht nur diese, sondern jede weitere Wagnersche These sollte zunächst unter dem Vorbehalt beinahe relativistisch zu sein behandelt werden – wie im weiteren Verlauf wiederholt feststellbare Widersprüche zeigen. Die Zurückweisung jeder Nähe zum (zwar nicht explizit benannten, aber nach Lage der Dinge wahrscheinlich gemeinten ‚Marxschen’) Kommunismus ist im Kontext der „Republikanischen Bestrebungen“ logisch notwendig, wenn Wagner sich selbst nicht in allzu offene Widersprüche verstricken will. Denn die argumentative Hauptlinie seiner – eine Neuordnung des gesellschaftspolitischen Status quo rechtfertigenden – Schriften ist Adelskritik, bzw. die deutliche Forderung einer Beseitigung der Aristokratie, bei gleichzeitiger Bewahrung des Königtums. Daß Wagner hier vor allem die Abschaffung des Erbadels, des dynastischen Geburtsadels beabsichtigt, wird im Hinblick auf seine Ausführungen im Rahmen einer Schriftenreihe über „Deutsche Kunst und deutsche Politik“ aus dem Jahre 1868 (also 20 Jahre nach seiner ‚Revolution’) deutlich. Im XIII. Essay dieser Reihe lobpreist er ein Prinzip des Leistungsadels, der sich in einem vom Monarchen zu begründenden „allumfassenden Orden“ manifestiert. Der Monarch erwählt – befähigt durch das „unaussprechliche Zweckmäßigkeitsgesetz der Gnade [welches er folgerichtig auch nicht definiert und ‚ausspricht’]“608 – aus „jeder Sphäre der staatlichen und gesellschaftlichen Organisationen diejenigen, welche in ihren Leistungen und Leistungsfähigkeiten das allgemein gesetzliche Maß der für den Nützlichkeitszweck zu stellenden Anforderungen überschreiten, somit von selbst in die Sphäre der Gnade, d.h. der aktiven Freiheit tre- 606 Wagner, Richard: Flüchtige Aufzeichnungen einzelner Gedanken zu einem größeren Aufsatze: Das Künstlerthum der Zukunft (1849-1851), in: Nachgelassene Schriften und Dichtungen von Richard Wagner. Leipzig 1902, posthum veröffentlicht, S. 114. Wagner schreibt in dieser Zeit nur die Satzanfänge in großen Buchstaben. 607 Allerdings erwecken insbesondere die Einlassungen Wagners zum „communistischen princip“ den Eindruck einer nicht nur diktionellen Abfärbung, die dann deutlich marxistisch inspiriert erscheint: Daß das wahre geschichtliche Leben, die eigentliche Geschichte erst infolge der Umsetzung des Kommunismus beginne und bis dahin „noch nicht wirkliche Geschichte“ sei, die Darstellung „materieller Entfremdung“, die Kernproblematik der Verteilung, aber vor allem auch der Erzeugung („Produktionsverhältnisse“) belegen dies beispielsweise recht deutlich. Ein Abgleich der Wagnerschen Ideologie mit Marxistischer Ideologie ist hier indes nicht vordergründig. 608 Wagner, Richard: Deutsche Kunst und deutsche Politik, in: Richard Wagner: Ausgewählte Schriften über Staat und Kunst und Religion, 2. Aufl., Leipzig 1914, S. 107 4. Richard Wagner 146 ten“.609 Der junge Wagner des Dresdner Vormärz unternimmt diese spezifische Adels- Interpretation noch nicht. Der konkreten politischen Forderung der „Zuerteilung eines unbedingten Stimm- und Wahlrechts an jeden volljährigen im Lande geborenen Menschen“610 folgt der Aufruf zur Abschaffung des Zweikammersystems: „Darum, so wollen wir weiter keine erste Kammer mehr! Es gibt nur ein Volk, nicht ein erstes und ein zweites, somit kann es auch nur ein Haus der Volksvertretung geben…“611 Der Emanzipation des Menschengeschlechts müsse die Emanzipation des Königtums folgen. Der Monarch (die Erbfolge des Hauses Wettin wird ausdrücklich für gut und deshalb erhaltenswert befunden612) solle der „erste und aller-echteste Republikaner“613 sein. Die Ausgestaltung und Erfüllung der res publica stellt Wagner dann auch bewußt dem „Freiesten der Freien“ anheim. Denn die beschriebene Synthese von Königtum und Volksherrschaft, auf die es ihm ankommt, bedeutet gleichsam größten Schutz des Volkes vor Alleinherrschaft, mithin Willkür. Die Wagnersche „republikanische Monarchie“ aber ist von einer konstitutionellen Monarchie grundverschieden. Konstitutionelle Elemente erscheinen als eine Art ‚Gängelband’ des Monarchen, die im Sinne der Interpretation Wagners vor allem Mißtrauen gegen denselben bedeuten würden. Im Gegensatz dazu solle der „erste des Volkes“ auf der Basis von „Liebe und Vertrauen“ herrschen. Wie im weiteren Verlauf mehrfach gezeigt werden wird, lädt Wagner auch diese Konstruktion sakral auf, wenn er eine „deutsche Auslegung des Ausspruches Christus´“ bietet: „‘Der höchste unter euch soll der Knecht aller sein.‘ Denn indem er der Freiheit aller dient, erhöht er sich den Begriff der Freiheit selbst zum höchsten, gotterfüllten Bewußtsein.“614 609 Ebd. 610 Wagner, Richard: Wie verhalten sich republikanische Bestrebungen dem Königtum gegenüber? In: Gregor- Dellin (Hrsg.): Richard Wagner. Mein Denken, a.a.O., S. 77, Hervorhebung des Begriffes im Original, der möglicherweise auf die implizite Forderung Wagners nach dem Wahlrecht auch für Frauen verweist. 611 Ebd.: Hervorhebung im Original 612 Vgl. S. 82. Wagner sägt also nicht an dem Ast, auf dem er als Hofkapellmeister sitzt. Die Spekulationen, die Wagners Opportunismus betreffen, sind zahlreich und sicherlich oft gut begründet. Indes sind sie – bei hier intendierter hintergründiger Betrachtung der Lebens- und Liebesbeziehungen Wagners – nicht weiter zu berücksichtigen. 613 Ebd., S. 80 614 Ebd., S. 83, Hervorhebung im Original. Die offensichtlich hergestellte Beziehung zu Hegel kann, wie bereits bemerkt, getrost angenommen werden. Auch in den späteren Wagnerschriften finden sich dialektische Konstruktionen nach dem Muster ‚Untergang – Auferstehung’, ‚Vernichtung – Erlösung’ im Rahmen stufenweisen, linearen und qualitätssteigernden Ablaufes mit der Vermutung begründeter Naherwartung abschließender Freiheitsverwirklichung bzw. der Selbstbewußtwerdung eines absoluten Geistes. Nach Hans Mayer, einem der arriviertesten Wagner-Biographen, habe Wagner gleich seinen Zeitgenossen auf Hegel und den Hegelianismus geschworen, ohne zu verschweigen, daß Wagner sich später intensiv dem Linkshegelianer Feuerbach zuwendet. Es gilt als gesichert, daß Wagner vor allem die Geschichtsphilosophie Hegels intensiv studiert hat. Vgl. Mayer, Hans: Richard Wagner, Frankfurt/Main 1998, S. 55. 4.1 Politische Thesen 147 Der Adel sei im Wesentlichen aus zwei Gründen abzuschaffen: Erstens, weil es – wie erwähnt – nur ein Volk gebe, der Adel einen Störfaktor in der wechselseitig auf Liebe und Vertrauen basierenden Beziehung zwischen Vater (gütiger Monarch) und Kindern (liebendes Volk) darstelle. Zweitens, weil der Adelsbestand allein bereits anachronistisch sei. Denn sind „die Herren vom Adel keine Feudalherren mehr, die uns knechten und schinden konnten, wie sie Lust hatten, so sollen sie … auch den letzten Rest einer Auszeichnung aufgeben“.615 Da es sich um einen wesentlichen Bestandteil meiner Argumentation handelt – der später noch eigens thematisiert wird –, verweise ich wiederholt auf die häufig wiederkehrende Metaphorik in Wagners Prosaschriften, die im Falle der sog. „Judenbroschüre“ hartnäckig als Beleg einer nicht nur geistigen Initiierung der nationalsozialistischen Judenvernichtung durch Wagner gewertet wird. Allerdings fließen Wagner Begriffe wie „Untergang“ und „Vernichtung“ stets sehr leicht aus der Feder. So ist die erklärte Folge des „Untergangs auch des letzten Schimmers von Aristokratismus“616, „das wir fortan Kinder eines Vaters, Brüder einer Familie“617 seien und „vernichtet“ werde „jeder Standesunterschied“.618 Es geht hier darum zu zeigen, daß nicht jede Verwendung von Begriffen wie ‚Untergang’ und ‚Vernichtung’ den Willen zur physischen Vernichtung implizieren muß, wofür im Übrigen keine weiteren Belege angeführt werden können. Die Schrift „Deutschland und seine Fürsten“ – ebenfalls aus dem Jahre 1848 – rekurriert unmittelbar auf die „Republikanischen Bestrebungen“. Wagner wähnt sich offenbar auch als intellektueller Revolutionsprotagonist, der er neben dem realen „physischen“ Barrikadenkämpfer sein wollte, und fragt bezogen auf jene frühere Schrift, die er wohl als ultimativen Appell an die vernünftige Einsicht des Fürsten verstand, „Sechs Monate sind verflossen, was ist geschehen?“619 Vor allem, beklagt er, sei im Hinblick auf die elenden Zustände der massenweise im Zuge der industriellen Revolution erfolgten Pauperisierung der werktätigen Bevölkerung wenig geschehen. Wie bei dem sich ausbildenden gesellschaftlichen Bewußtsein vieler junger Menschen üblich, ist auch im Falle Wagners das frühe Motiv seiner sozialpolitischen Ambitionen und Reflektionen die sogenannte Soziale Frage. Diese betrifft in seinem Fall allerdings das gesamte Menschengeschlecht, „der Menschen der Länder und Völker“, jedenfalls explizit nicht exklusiv „des deutschen Volkes“, was, vor allem im Vergleich mit Chamberlain, Rosenberg und Hitler, ein wichtiger Befund ist. Überdies enthält sein revolutionäres Denken und Gebaren, das im Kern traditionell ‚frühsozialistisch’620 die 615 Ebd., S. 76 616 Ebd. 617 Ebd., Hervorhebung im Original 618 Ebd., S. 77 619 Wagner: Deutschland und seine Fürsten, in: Gregor-Dellin, Denken, München 1982, S. 88 620 „Im Vor- und Frühsozialismus artikulieren sich seit dem 18. Jahrhundert Vorbehalte gegenüber einem vor allem in seiner besitz-individualistischen Engführung wahrgenommenen Liberalismus und die Kritik an der kraß hervortretenden sozialen Ungleichheit.“ Göhler, Gerhard/ Klein, Ansgar: Politische Theorien des 19. Jahrhunderts – Vor- und Frühsozialisten, In: Lieber, Hans-Joachim (Hrsg.): Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart, 2. Aufl., Bonn 1993, S. 471 4. Richard Wagner 148 Eigentumsfrage betrifft, in dieser Phase seines Lebens keinerlei Argumente, die in irgendeiner Weise eine jüdische „Verschwörung“ supponieren ließen. Hat er, Wagner, dort den Adel als Ursache der Ungerechtigkeit erkannt, wendet er sich hier zwar nicht direkt an den Wettiner in Dresden, sondern stellvertretend an „Euch, denen wir die Lenkung unsrer Geschicke anvertraut haben“621, nämlich an die Fürsten. Wagner setzt somit ein herrschafts-legitimatorisches Gottesgnadentum in Zweifel (wir vertrauen an [sic] die Lenkung) und kann deshalb die Fürsten/ den Monarchen zur Rechenschaft ziehen, angesichts der Not, die diejenigen erlitten, die Überfluß und Reichtum eigentlich produzierten. Wagner ist hier ganz Anwalt der arbeitenden und doch darbenden Bevölkerung, und tiefgründig von seiner frühsozialistischen Attitüde beseelt. Mit der Verwerfung des „Vorrechtes als Unrecht“622 erläutert Wagner den konkreten Mißstand, der durch die bloße Existenz des Adels besteht. Diesen Mißstand nicht behoben, ihn gar „geschützt und vermehrt“623 zu haben, markiere das Versagen der Fürsten. Obwohl der Mensch „nur Gott über sich“ habe, und das Land dem Volke und das Volk sich selbst gehöre624, reichen Wagners (auch theoretische) revolutionäre Ambitionen nicht soweit, die Monarchie an sich in Frage zu stellen. Lediglich die Quelle der Legitimität bzw. die Ableitung von Herrschaft wird verlagert – von Gottes Gnade in das Vertrauen des Volkes: „Noch immer nennt ihr [die Fürsten] euch die Herren der Länder und Völker; noch immer wollt ihr euer Recht von Gott ableiten, der doch euch kein höheres gab, als uns allen; noch immer soll euer Wille, euer Gebot maßgebend sein, noch immer sprecht ihr nur von Fürstenrechten und von Volkespflichten, während es doch nur gibt: Volksrechte und Fürstenpflichten.“625 Unter Aussparung einer weiterführenden Problematisierung des monarchischen Begriffs erörtert Wagner das für seine Rechtfertigung einer revolutionären Umstrukturierung relevante Verhältnis von Individuum und Gemeinwesen. Die Schrift „Der Mensch und die bestehende Gesellschaft“626 aus dem Jahre 1849 enthält die „Bestimmung“ des Menschen und eine Beurteilung der Gesellschaft, in der er lebt. Ausgangspunkt seiner Spekulationen ist die abstrakte Bestimmung des Menschen als potentiell perfektibel627, Ziel der Perfektibilisierung sei, „zum Glücke zu führen“. Da ihm eben dies in der „Vereinzelung“ versagt bleibe, sei der Mensch zur „Vereinigung“ veranlaßt, die „jene Kraft entfalte, der die Sittlichkeit entspringe, das Gute zu erkennen und das Böse zu meiden.“ 621 Ebd., S. 86 622 Vgl. S. 87 623 Ebd. 624 Ebd. 625 Ebd., S. 88: Hervorhebung im Original 626 In: Gregor-Dellin: Mein Denken, München 1982 627 Ich verstehe Wagner an dieser Stelle im Sinne Hegels und verwende daher dessen Begriff der „Perfektibilität“ als eine „…wirkliche Veränderungsfähigkeit, und zwar zum Bessern“. Hegel, G.W.F.: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Stuttgart 1997, S. 105 4.1 Politische Thesen 149 „Es ist die Bestimmung der Menschheit, durch immer höhere Vervollkommnung ihrer geistigen, sittlichen und körperlichen Kräfte zu immer höherem, reinerem Glücke zu gelangen.“628 Wagner stellt dieser Ausführung das Postulat einer glücks-utilitaristischen Gesellschaftsordnung zur Seite und fragt infolgedessen, wie nun unsre bestehende Gesellschaft [die Gesellschaft um die Mitte des 19. Jahrhunderts] diese, ihre, Aufgabe erfülle?629 Erwartbar konstatiert Wagner, daß die „bestehende Gesellschaft“ dieses Recht „unser Glück zu erlangen“ nicht nur nicht befördert, sondern diesem gar entgegenwirke. Daraus leitet er das Recht – im Sinne der menschlichen Bestimmung zur Freiheit –, gar die Pflicht zum Umsturz ab. Statt einer konkreten Bezeichnung der kritisierten gesellschaftlichen Bedingungen entwirft Wagner eine Dichotomie abstrakter Topoi, die den „Kampf des Menschen gegen die bestehende Gesellschaft“ bestimmt, und die folgendermaßen zu explizieren wären: – Bewusstsein versus Zufall, – Geist versus Geistlosigkeit, – Sittlichkeit versus Das Böse, – Kraft versus Schwäche.630 Es liegt hier eine spätromantische Geisteshaltung zugrunde. Die republikanischen Idealisten, denen auch Wagner zugehört, fiktionalisieren die „kulturelle Potenz von Kunst als ein Medium der Läuterung auf dem Weg zu einer besseren Welt“.631 Kurz vor Beginn der Dresdner Maiaufstände des Jahres 1849, in deren Folge Wagner steckbrieflich gesucht wird – ein Umstand, der ihn zur Emigration nach Zürich veranlaßt632 –, veröffentlicht er die Schrift „Die Revolution“633, die ein Beispiel blumigster Prosa darstellt. Die Revolution beschwört als allegorische Akteurin das revolutionäre Subjekt, sich an der „Verkündigung des neuen Evangeliums des Glücks“634 zu beteiligen, welches eine „für alle beglückende Welt“635 begründe. Die Voraussetzungen dieser in Aussicht gestellten neuen Freiheit („euer eigener freier Wille, das einzige höchste Gesetz“636) sind zweierlei: 628 Der Mensch und die bestehende Gesellschaft, in: Gregor-Dellin 1982, S. 92, Hervorhebung im Original. Wagners anthropologische Ideen legen den Verweis auf Kants Vervollkommnungspostulate nahe, die er in seiner Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht darlegt. 629 Ebd., S. 93 630 Vgl.: ebd., S. 93 ff. 631 Weikl/Bendixen: Freispruch für Wagner, a.a.O., S. 360 632 Vgl.: Gregor-Dellin, Martin: Richard Wagner. Sein Leben. Sein Werk. Sein Jahrhundert. München 1980, S. 275 ff. Wagner habe sich, nebenbei bemerkt, gesprächsweise davon distanziert, Revolutionär zu sein, denn ihn reize nicht das Zerstören, sondern das Neugestalten (Vgl.: Ebd., S. 276). Er geriert sich oft als Metapolitiker, der die realpolitischen Niederungen prinzipiell verabscheut. Hitler hingegen hat sein politisches Sendungsbewußtsein offensiv betont als er „beschloß, Politiker zu werden“. Hitler: Mein Kampf, München 1938, S. 226 633 Wagner, Richard: Die Revolution, in: Brücken, Ernst (Hrsg.): Richard Wagner. Die Hauptschriften. Stuttgart 1956. 634 Ebd., S. 82 635 Ebd., S. 77 636 Ebd., S. 79 4. Richard Wagner 150 Zum einen die Überwindung von Materialismus zugunsten des bzw. durch Idealismus: Dieser Aspekt gipfelt in der Forderung nach der Abschaffung der angeblichen Ursache der Unfreiheit („Knechtschaft in einer Welt des Jammers“), nämlich des Eigentums. Denn das die Ordnung der Dinge begründende Eigentum sei gleichsam die „Herrschaft des Toten über das Lebendige“ und „des Stoffes über den Geist“.637 Zum anderen die Abschaffung der Herrschaft des Menschen über den Menschen: In der Annahme der Gleichheit der Menschen liegt die Erkenntnis begründet, daß das „Gleiche nicht die höhere Kraft habe denn das Gleiche“, somit der „Eine nicht die Kraft [man könnte ergänzen: und nicht das Recht], die Andren alle zu beglücken“638. Festzuhalten ist, daß die Argumentation radikalisiert wurde. Wagner fordert letztlich Freiheit durch Herrschaftslosigkeit.639 Die von Wagner früher unternommene, bzw. beabsichtigte, theoretische Versöhnung von gerechter – allseitig beglückender – Herrschaft mit einem (erklärtermaßen originellen) Königtum ist in dieser Schrift nicht mehr nachweisbar. Antike Polis und „Kunstwerk der Zukunft“ „Eine Kunst, die zur eigenen raison d’être wird, ist ein beredtes Gegenmittel gegen eine Kultur von Waren- und Tauschwert, aber wie sie die Welt retten soll, ist nicht leicht einzusehen.“640 (Terry Eagleton) In der ersten der drei so genannten Zürcher Kunstschriften641 – „Die Kunst und die Revolution“642 – entwickelt Wagner seine Vorstellung eines gesellschaftspolitischen Idealzustandes, den er – konsequent in der Methode – als das Gegenteil eines als heillos erlebten Realzustandes der damaligen Gesellschaftsordnung begreift. Zu diesem Zweck umreißt Wagner einen geschichtsphilosophischen Rahmen. Die Antike, die griechische Polis, bildet den Ausgangspunkt. Um den je „herrschenden Geist der Öffentlichkeit“ zu erkennen, sei, wie der Titel der Schrift nahelegt, der „Inhalt und das öffentliche Wirken der Kunst“643 zu prüfen. Denn nur diese stelle ein getreues Spiegelbild der Ordnung der menschlichen Dinge und Verhältnisse dar. Um 4.1.2 637 Ebd., S. 76 und 79 638 Ebd. 639 Es ist wohlbekannt, und in jeder Wagner-Biographie nachzulesen, daß Wagner im Zeitraum der Entstehung der „Revolution“ mit Bakunin befreundet war, ich bin in der Einleitung bereits kurz darauf eingegangen. Bakunins anarchistische Theorien haben also sicherlich zur Radikalisierung des revolutionären Wagner beigetragen, auch wenn dieser später seine „Ahnungslosigkeit in Bezug auf Bakunins Pläne“ beteuert habe. Zur Beziehung Wagners zu Bakunin vgl. exemplarisch: Mayer, Hans: Richard Wagner, Frankfurt/M. 1998, S. 33 ff. und siehe Kapitel 2.1 dieser Arbeit. 640 Eagleton: Der Tod Gottes, a.a.O., S. 145. Eagleton unterscheidet hier sehr zutreffend, die sozusagen sinnvollen von den phantastischen Ambitionen in Wagners Kunst-Theorie. 641 „Die Kunst und die Revolution“ (1849), „Das Kunstwerk der Zukunft“ (1850) und „Oper und Drama“ (1851) 642 Wagner, Richard: Die Kunst und die Revolution, in: Gesammelte Schriften und Dichtungen von Richard Wagner, Dritter Band, 2. Auflage, Leipzig 1887 643 Ebd., S. 20 4.1 Politische Thesen 151 mit Hegel zu sprechen: Die Kunst – Wagner präzisiert: „namentlich die theatralische“ – ist die Sphäre der Realisierung des Geistes; die Beurteilung der Ergebnisse ihres jeweiligen Verwirklichungsausmaßes erlaubt, folgt man Wagner, den Rückschluß auf den „Freiheits-Status“ der Menschheit. Denn Freiheit bleibt schließlich das Ziel der auch in diesem Text postulierten „Menschheitsrevolution“.644 Worin besteht nun die von Wagner beschworene Idealität des „griechischen Kunstwerkes“, das der zu „wirklicher, lebendiger Kunst gewordene Apollon“645 verkörpere? Was ist das die Freiheit und damit das Glück aller Menschen begünstigende Element des in der öffentlichen Sphäre unter allumfassender Partizipation durchgeführten Kunstwerkes? Es ist die mutmaßliche Einheit von Individuum und Gesellschaft: „(…) dieses [das griechische] Volk strömte von der Staatsversammlung, vom Gerichtsmarkte, vom Lande, von den Schiffen, aus dem Kriegslager, aus fernsten Gegenden, zusammen, erfüllte zu Dreißigtausend das Amphitheater … um sich vor dem gewaltigsten Kunstwerke zu sammeln, sich selbst zu erfassen, seine eigene Thätigkeit [sic] zu begreifen, mit seinem Wesen, seiner Genossenschaft, seinem Gotte sich in die innigste Einheit zu verschmelzen…“646 Die totale Einheit der Gesellschaft impliziert die Gleichheit ihrer Glieder, also der Individuen. Die im vorangegangen Zitat auf ein Volk beschränkte Feststellung ist gemäß Wagners diesbezüglich auch innerhalb der noch verbleibenden vierunddreißig Lebensjahre nie veränderter Theorie von der Erlösung des „gesamten Menschengeschlechts“, „aller Menschen“, der „brüderlichen Menschheit“ und dergleichen mehr, im postrevolutionären „Kunstwerk der Zukunft“ entsprechend erweitert: „So soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.“647 Der Aspekt der Gleichheit markiert eine argumentative Wende. Das ideale Leitbild der attischen Polis wird damit relativiert. In ihr sei eben nur der griechische Mensch frei gewesen, „was außerhalb dieses griechischen Menschen lag“, war „Barbar, und wenn er [der Grieche] sich seiner bediente – Sklave“. Die Sklaverei sei „die verhängnisvolle Angel alles Weltgeschicks“.648 Deshalb will Wagner nicht, daß „wir wieder Griechen werden; denn was die Griechen nicht wußten, und weßwegen [sic] sie eben zu Grunde gehen mußten, das wissen wir.“649 Darum distanziert er sich von ästhetischer ‚Renaissance’ und politischer ‚Restauration’650 und fordert Revolution. Die Ur- 644 Ebd., S. 29 645 Ebd., S. 11. Das Bild des „Kunst gewordenen Apollo“ ist zur Symbolisierung des Selbstvereinigungsprozesses des Volkes gut geeignet. Man bedenke die etymologische Bedeutung dieses Namens, das „Nicht-Viele“. Siehe dazu auch die Erörterung von Hans Krämer, in: Höffe, Otfried (Hrsg.): Platon. Politeia, Berlin 2005, S. 192. 646 Ebd., Hervorhebung des Verfassers 647 Ebd., S. 30 648 Ebd., S. 27, Hervorhebung A.S. 649 Ebd., S. 30 650 Der Bezug auf die konkreten historischen Zeitabschnitte, die unter die Termini „Renaissance“ und „Restauration“ subsumiert werden, ist vorhanden. Der Kontext läßt darauf schließen, daß Wagner diese Termini vor allem mit seinem Revolutionspostulat radikal zu kontrastieren beabsichtigt. 4. Richard Wagner 152 sache des Unterganges der griechischen Polis sei aufgrund der Unfreiheit der Unterdrückten unabwendbar gewesen. Das Christentum habe nun, mit Zwischenstation im Römischen Reich und Vollendung durch die Konstantinische Wende, die apollinische Religion gewissermaßen abgelöst und eine „Religion der Sklaverei“ begründet. Denn infolge Wagners Interpretation sei ein zentraler Inhalt der christlichen Religion „ein elendes Diesseits geduldig um ein besseres Jenseits hinzugeben.“651 Die beklagenswerte Folge dieser Lehre sei, daß der Mensch den Zweck seiner Existenz außerhalb seines irdischen Daseins setze652, sich mithin – der Entfremdung ausgesetzt – versklavt, und sein Leben aus nichts weiter als Broterwerb bestehe. Die bürgerliche Gesellschaft, getragen von einer „christlich-ökonomischen Staatsweisheit“, verkörpere eine „naturwidrige“ Ordnung. Diese unterscheide sich von der antiken Polis, in der es Freie und Sklaven gab, dadurch, daß in ihr letztlich alle Menschen Sklaven seien – Sklaven des Kapitals.653 Damit sind die Folgen einer insgesamt als unselig begriffenen historischen Entwicklung benannt. Der praktische Verlauf derselben offenbart sich erkennbar im Wandel des Kunstbegriffes. Der konkrete Vergleich der „öffentlichen Kunst“ der Griechen mit der „Kunst des modernen Europas“ zeigt, wie es dazu kommen konnte. Denn die Kunst sei – wie oben bereits gesagt – das getreue Spiegelbild des je herrschenden Geistes. „Wo der griechische Künstler, außer durch seinen eigenen Genuß am Kunstwerke durch den Erfolg und die öffentliche Zustimmung belohnt wurde, wird der moderne Künstler gehalten und – bezahlt. (…) die griechische öffentliche Kunst war eben Kunst, die unsrige – künstlerisches Handwerk.“654 Künstlerisches Handwerk, die Basis des nur zur schnöden Unterhaltung655 eines gelangweilten, nach bloßer Zerstreuung suchenden, Publikums fähigen Kulturbetriebs mit Kunstwarencharakter erscheint bei Wagner in expliziter Analogie zur Lohnarbeit des industriellen Zeitalters: „Das ist die Kunst, wie sie jetzt die ganze civilisirte [sic] Welt erfüllt! Ihr wirkliches Wesen ist die Industrie, ihr moralischer Zweck der Gelderwerb, ihr ästhetisches Vorgeben die Unterhaltung der Gelangweilten.“656 Dieser Stelle, die die enge Verquickung der ästhetischen und politischen Sphäre belegt, soll eine weitere hinzugefügt werden. Es ist nicht entscheidend, welche Zusammenhänge Wagner aufgrund einer fragwürdigen Kausalität konstruiert. Entscheidend ist, daß Wagner glaubt, die Form des „Gesammtwesens [sic] einer Nation“ – Demokratie oder Absolutismus, die Organisation der Jurisprudenz, die jeweilige Ordnung der (nationalen) Ökonomie oder das Wirtschaftssystem – basiere letztlich auf dem Kunstbegriff, der stets religiöse Implikationen hat: 651 Ebd., S. 27 652 Vgl. ebd.: S. 25 f. 653 Ebd., S. 32 654 Ebd., S. 24 655 Vgl. ebd., S. 21 f. 656 Ebd., S. 19 4.1 Politische Thesen 153 „Wo der Grieche zu seiner Erbauung sich auf wenige, des tiefsten Gehaltes volle Stunden im Amphitheater versammelte, schloß sich der Christ auf Lebenszeit in ein Kloster ein: dort richtete die Volksversammlung, hier die Inquisition; dort entwickelte sich der Staat zu einer aufrichtigen Demokratie, hier zu einem heuchlerischen Absolutismus.“657 Grundsätzlich gilt: Sobald von (s)einem „Kunstwerk der Zukunft“ die Rede ist, wird damit stets auch dessen gesellschaftspolitische Dimension zumindest implizit berührt. Die beiden anderen sogenannten „Zürcher Kunstschriften“658 modifizieren die für dieses Kapitel interessanten Thesen. Im ersten Kapitel des „Kunstwerkes der Zukunft“, „Der Mensch und die Kunst im Allgemeinen“, ist die Vorstellung eines dialektischen Dreischrittes der gesellschaftlichen Entwicklung erneut zu finden. Dieser markiert eine progressiv-teleologisch konstruierte Trias, die sich auf folgende Begriffe reduzieren ließe: Antike – moderne Zivilisation – Gesellschaft der Zukunft.659 Die „moderne Zivilisation“ wird von Wagner mit dem Zusatz „jüdische Moderne“ versehen, die es zu überwinden gelte, weil diese darauf abziele „die originalen Anlagen der deutschen Mitbürgerschaft“660 zu ruinieren. Dasjenige, welches die Moderne als „jüdisch“ attribuiert, betrifft ausschließlich Kapitalismuskritik, die die Kunst zwinge, sich am Markt zu verkaufen und somit ihre schöpferische Selbstzweckhaftigkeit preisgebe. Zum Zwecke einer präziseren Gegenwartsanalyse wendet Wagner einen differenzierteren Kunstbegriff auf den Gesellschaftszustand an, wie er ihn wahrnimmt. Die in Kapitel II von Das Kunstwerk der Zukunft („Der künstlerische Mensch und die von ihm unmittelbar abgeleitete Kunst“) konstatierte aufgelöste Einheit des idealen Kunstbegriffes, der aus „drei urgeborenen Schwestern“ – „Tanzkunst-Tonkunst- Dichtkunst“661 – bestehe, wendet Wagner auf die von, seiner Ansicht nach, Not und Unheil erzeugendem Egoismus geprägte Gesellschaft an. Aus einer „natürlichen Verbindung Gleichbedürftiger“ sei der „unnatürliche Zusammenzwang Ungleichbedürftiger“, aus einem „wohlthätigen [sic] Schutzverbande Aller“ sei „ein übelthätiges [sic] Schutzmittel der Bevorrechteten“662 geworden. In der modernen Industriegesellschaft, insbesondere in dem entsprechenden Staatsgebilde663, erkennt Wagner die dieses Unrecht konservierende Institution und leitet daher die Rechtmäßigkeit ihrer „Aufhebung“ ab: „Sind die Bedingungen aufgehoben, dem die [die dem664] Überflüssigen gestatten vom Marke des Nothwendigen [sic] zu zehren, so stehen von selbst die Bedingungen da, welche 657 Ebd., S. 16 658 „Oper und Drama“ und „Die Kunst und Revolution“ 659 Vgl.: Das Kunstwerk der Zukunft, in: Gesammelte Schriften und Dichtungen von Richard Wagner, zweite Auflage, Dritter Band, Leipzig 1887, Seiten 42-63 660 Ebd.: S. 54 661 Vgl.: Ebd.: S. 67. Im erstrebten künftigen, postrevolutionären, Gesamtkunstwerk sind die Einzelkünste schließlich (überflüssig, das eigens zu betonen) wieder vereint. 662 Ebd., S. 53 663 Vgl. ebd. 664 Es ist erstaunlich und ein weiterer kleiner Hinweis darauf, wie oberflächlich Wagners Schriften gelesen werden bzw. zumindest wurden, falls sie überhaupt zur Kenntnis gelangen: In der Schriften- 4. Richard Wagner 154 das Nothwendige, das Wahre das Unvergängliche in das Leben rufen (…) Sind die Bedingungen der Herrschaft der Mode aufgehoben, so sind aber auch die Bedingungen der wahren Kunst von selbst vorhanden…“665 Daß auch in den nominell scheinbar schwerpunktmäßig ästhetischen Schriften ein zentral politisches Thema – die „große Menschheitsrevolution“ – dominiert, verdeutlicht auch die Tatsache, daß er zum Ende der Schrift sein Revolutionspostulat wiederholt. Dieses ist die Klammer der gesamten Kunstwerk-Schrift, nämlich die Abschaffung des Bestehenden mitsamt der zur Konservierung dessen pervertierten staatlichen Institutionen, zu denen – im Hinblick auf die von Wagner geglaubte Verderbtheit – auch die institutionalisierte Kirche (Vergl. Kap. 4.3 vorliegender Untersuchung) zu rechnen ist: „Nichts ist verderblicher für das Glück der Menschen gewesen, als dieser wahnsinnige Eifer, das Leben der Zukunft durch gegenwärtig gegebene Gesetze zu ordnen: diese widerliche Sorge [weiter unten genauer: ‚moderne Hauptstaatssorge’] für die Zukunft, die in Wahrheit nur dem trübsinnigen absoluten Egoismus zu eigen ist, sucht im Grunde immer bloß zu e r h a l t e n , …sie hält das Eigenthum [sic], das für alle Ewigkeit niet- und nagelfest zu bannende Eigenthum, als den einzig würdigen Gegenstand menschlich thätiger [sic] Voraussicht fest“.666 Der würdigste Gegenstand menschlicher Tätigkeit sei – wie oben bereits gesagt – die künstlerische Existenz, bzw. die Partizipation am öffentlichen Kunstwerk. Herrschaft und Gemeinwohl Oftmals ist die Bestimmung dessen, was Wagner unter Staat versteht, in Zusammenhang mit seiner Vision einer „Menschheitsrevolution“ in Erscheinung getreten. Der Staat sei vor allem die Institution, die den heillosen, deshalb revolutionär zu überwindenden, gesellschaftlichen Status quo konserviert. Der 1864 entstandene Essay „Über Staat und Religion“667, der sich unmittelbar an König Ludwig, den „hochgeliebten jungen Freund“ wendet, enthält eine normative Bestimmung der Funktion des Staates. Diese ist wiederum mit einer Rechtfertigung der Monarchie verknüpft, die auch bei Wagner religiös rückgebunden ist. Indem er den eigenen politischen Standpunkt metaphysisch überhöht, distanziert er sich von den realpolitischen – namentlich revolutionären und anarchistischen – Ambitionen, 4.1.3 sammlung von Gregor-Dellin, S. 134, meines Wissens länger die einzige dieser Art und deshalb wohl häufig relevante Quelle in der Sekundärliteratur, findet sich der exakt übernommene Fehler, ohne Vermerk und also ohne „Bemerk“! Ich benutze hier die Ausgabe der Schriftensammlung aus dem Jahre 1887, weil die umfangreicheren Schriften bei Gregor-Dellin tatsächlich nur in Auszügen vorliegen. Werner Wolf stützt diese Vermutung, insofern auch die nach 1945 in den Antiquariaten erhältlichen Exemplare der Schriften Wagners „allerdings nicht viele Lesespuren auf [-wiesen]“. Vgl.: Wolf: Vortragsmanuskript, S. 3 665 Wagner: Kunstwerk, a.a.O., S. 54 666 Ebd., S. 171, Hervorhebung im Original 667 Über Staat und Religion, in: Richard Wagner. Ausgewählte Schriften über Staat und Kunst und Religion. Zweite Auflage, Leipzig 1914 4.1 Politische Thesen 155 von denen seine Zürcher Schriften noch vehement zeugten. So behauptet Wagner, daß: „…das Gebiet der eigentlichen Politik, namentlich die Zeitpolitik, wie sie mich trotz der Heftigkeit der Zustände [die Dresdner 1948er Märzrevolution betreffend] nicht wahrhaft berührte, auch von mir gänzlich unberührt blieb. Daß diese oder jene Regierungsform, die Herrschaft dieser oder jener Partei, diese oder jene Veränderung im Mechanismus unseres Staatswesens, meinem Kunstideale irgendwelche wahrhaftige Förderung verschaffen sollte, habe ich nie gemeint.“668 Wie auch das weiter oben Dargelegte und Zitierte belegt, handelt es sich hier um ein bei Wagner nicht selten anzutreffendes Verhalten, nämlich die nicht unmittelbar nachvollziehbare resp. beliebige Relativierung des früher Gesagten, bzw. Geschriebenen. In diesem Fall liegt gar eine ins Gegenteil verkehrende Neudeutung vor. Denn die Analyse der Kunstschriften erlaubt keinen Zweifel daran, daß Wagner von einer generellen Abschaffung von Herrschaft, die ja schließlich nichts weniger als eine Ver- änderung bedeutet, eine gleichsam automatische Wendung zum Guten, die sich in einem idealisierten Kunstwesen manifestiert, erhofft, wenn nicht erwartet. Freilich ist dieser Prozeß wechselseitig konzipiert, und dementsprechend würde auch eine den Wagnerschen Phantasien entsprechende, Regeneration des Kunstwerkes das gesellschaftliche Ideal befördern. Hier ist eine der wenigen konkreten Bewertungen aktueller politischer Ereignisse einzufügen, die Wagner gibt. Sie stammt aus dem Jahre 1865 und zeugt zumindest punktuell sehr wohl von Wagners Interesse an schnöder Tagespolitik. Ausgehend von der Feststellung, „die Pflege des deutschen Geistes“, die zur „Größe des deutschen Volkes“ führe, sei vom „wahrhaften Verständnis“ desselben (der deutsche Geist) durch die Regierenden abhängig, stellt er folgende Diagnose an: Die Regierenden teilten, Wagners Auffassung gemäß, das „wahre Verständnis“ selbstredend nicht. Gleichzeitig bezeichnet er die einst idealisierte 1848er Revolution nunmehr als „erstaunlich erfolglose lärmende Bewegung“, die allerdings eine „Unterdrückung des deutschen Volksgeistes“ eingebracht habe, verwaltet eben durch die nunmehr kritisierten Regierenden des Jahres 1865. Wie ist das (abgesehen von einem abermals zu konstatierenden volatilen Opportunismus) möglich? Die frühdemokratische Entwicklung bezeichnet er als „französische Zustände“, die seitdem (1848) „vorgekommenen Revolutionen in Deutschland“ seien „als ganz undeutsch“ zu bezeichnen. „Die ‚Demokratie’ ist in Deutschland ein durchaus übersetztes Wesen. (…) Das Widerwärtige ist nun aber, daß dem verkannten und verletzten deutschen Volksgeiste diese übersetzte französisch-jüdisch-deutsche Demokratie wirklich Anhalt, Vorwand und eine täuschende Umkleidung entnehmen konnte.“669 An dieser Stelle kann größere Nähe Hitlers zu Wagner festgestellt werden. Es ist bemerkenswert, wie Wagner fortsetzt. Er moniert, was er eben selbst getan hat – ich meine hier die beliebige, willkürliche Bezeichnung und kausale Verknüpfung. Denn es ist keineswegs erkennbar, weshalb die französische Provenienz des deutschen „Vor- 668 Ebd., S. 2 669 Wagner: Was ist deutsch? In: Ders.: Staat und Kunst und Religion, a.a.O., S. 137 4. Richard Wagner 156 märz“ (in dessen Folge „1848“ geschieht, und die von Wagner kritisierten „französisch übersetzten“ demokratischen Zustände erst möglich werden) plötzlich auch „jüdisch“ sein sollte. So fährt Wagner fort, und beklagt, daß diese Demokratie sich nun ‚deutsch’ gebärde670, was sie aber wesensmäßig nie sein könne. Wagner verfügt über einen Begriff von staatlichem Gemeinwesen, der mit guten Gründen kontraktionalistisch zu nennen ist und insofern relativ konkret zu erfassen ist. Der Begriff „Vertrag“ wird expressis verbis verwendet und die Voraussetzung des Kampfes aller gegen alle auch von Wagner mittelbar als gemeinschaftskonstituierend gesetzt: „Persönlichen Erfolg, und großen, wenn auch nicht dauernden Einfluß auf die Gestaltung der äußeren Weltlage, sehen wir außerdem dem gewaltsamen, leidenschaftlichen Individuum zugeteilt, welches, unter geeigneten Umständen, dem Grundwesen des menschlichen Dranges, gleichsam elementarisch es entfesselnd, somit der Habgier und Genußsucht, schnelle Wege zur Befriedigung anweist. Der Furcht vor von dieser Seite her zugefügter Gewaltsamkeit, sowie einiger hieraus gewonnener Grunderkenntnis des menschlichen Wesens, verdanken wir den S t a a t. In ihm drückt sich das Bedürfnis als Notwendigkeit des Übereinkommens des in unzählige, blind begehrende Individuen geteilten, menschlichen Willens zu erträglichem Auskommen mit sich selber aus. Er ist ein Vertrag, durch welchen die einzelnen, vermöge einiger gegenseitiger Beschränkung, sich vor gegenseitiger Gewalt zu schützen suchen.“671 Im Anschluß an die Darstellung der Konstituierung des Gemeinwesens – zur Überwindung widerstreitender Partikularinteressen und zugunsten eines Gemeininteresses, dessen Verfolgung letztlich jedem partikularen Interesse förderlicher ist (Freiheit durch Beschränkung, also Gewinn infolge Verzichts) – will Wagner das „vollkommenste Staatsgesetz“ definieren. So differenziert er die Staatsangehörigen in zwei Gruppen, zum einen die Besitzenden, und zum anderen die Besitzlosen. Daraus folgt – hier bestimmt das Sein das Bewußtsein –, daß den „meistbesitzenden an der Unver- änderlichkeit des Zustandes“ und „den minderbesitzenden an dessen Veränderung“ liege. Allerdings seien auch diejenigen, die zunächst nach Veränderung streben, letztlich darauf erpicht, in den Zustand zu gelangen, in dem ihnen „Unveränderlichkeit gefallen dürfte“, sie also Besitzende wurden. Daher sei Stabilität die eigentliche Tendenz des Staates, gar dessen „Hauptzweck“.672 Die Aufrechterhaltung von Stabilität e i n e r Partei anheim zu stellen, sei insofern ungeeignet, als die nach Veränderung strebende Partei unrepräsentiert bliebe. Die mit der Bewahrung betraute Institution müsse im Sinne a l l e r Parteien agieren, mithin das Veränderungsstreben beseitigen. Wagner erweist sich als durchaus kreativ, modifiziert sein ehernes Postulat der Abschaffung des Eigentums, und nennt diesen Prozeß eine Gewährleistung „der Möglichkeit der steten Abhilfe der leidenden Interessen der minder begünstigten Parteien.“ 670 Vgl. ebd. 671 Wagner: Über Staat und Religion, a.a.O., S. 6, Hervorhebung im Original 672 Ebd., S. 7 4.1 Politische Thesen 157 Das Verhältnis von Fürst und Volk Die Verkörperung des Gemeininteresses – die Assoziation zur volonté générale im Gegensatz zur volonté de tous der Individuen liegt nahe – bildet der Monarch: „In der Person des Königs [erreicht] der Staat sein eigentliches Ideal.“673 Meines Erachtens impliziert diese Konstruktion den Gedanken einer „Revolution von oben“, und verweist somit auf die eindeutige Abwendung Wagners von seinem revolutionären Gebaren ‚Dresdner’ und ‚Zürcher’ Prägung. Es ist bemerkenswert: ‚Umwälzer’, also revolutionäres Subjekt, ist die eigentlich stabilisierende bzw. die kontinuitätsgarantierende Instanz, also der Monarch. Dieser stabilisiert, indem er revolutioniert („Abhilfe der leidenden Interessen“) – indem er revolutioniert, konserviert er und wirkt somit stabilisierend. Wagner konzediert dem Monarchen diesbezüglich eine „in Wahrheit fast über-menschliche [sic] Stellung“.674 Diese Wendung scheint nicht unpassend, bedenkt man, daß der König vom „Geist der Gattung“ beseelt sei. Mit der an Schopenhauer orientierten (Wagner spricht von „unserm Philosophen“) Unterscheidung von Wille und Wahn begreift er einerseits den „Egoismus des Individuums“ und andererseits den „Geist der Gattung“675. Der Monarch gewährleistet die Verwirklichung, die Wirklichkeit der volonté générale durch „Wahn“ (ich verstehe ‚Wähnen’ etwa im Sinne prophetischer Antizipation), der vom Geist der Gattung inspiriert sei und somit die als unheilerzeugend wahrgenommenen Egoismen überwindet. In erläuternder Absicht bedient sich Wagner eines Gleichnisses, dessen Grundzüge mit höchster Wahrscheinlichkeit676 dem „Leben der Gattung“677, einem Kapitel aus „Die Welt als Wille und Vorstellung“, entnommen sind. Der Begriff „Wahn“ ist bei Schopenhauer indes nicht zu finden, und er schreibt in diesem Zusammenhang von „Bewußtsein“. Wagner verhehlt eine Anleihe bei Schopenhauer keineswegs, und schreibt unter dem Eindruck „ungemein anregende[r] Beleuchtung“ eines „vorzüglich tiefsinnigen und scharfblickenden Philosophen“ über den „selbst aufopferungsvollen Eifer der Insekten, von denen uns die Bienen und Ameisen für die gemeine Beobachtung am nächsten liegen“: „Zur Erklärung (…) der sinnreichen Art, mit welcher solche Tiere z.B. für ihre Eier sorgen, deren Zweck und zukünftige Bestimmung sie unmöglich aus Erfahrung und Beobachtung kennen, schließt unser Philosoph auf einen Wahn, der dem so äußerst dürftigen individuellen Erkenntnisvermögen des Tieres hierbei einen Zweck vorspiegelt, welchen es für die Befriedigung seines eigenen Bedürfnisses hält, während er in Wahrheit nicht dem Individuum, sondern der Gattung angehört.“678 4.1.4 673 Ebd., S. 8 674 Ebd. 675 Ebd., S. 99 676 Wagner hat freilich keinerlei Zitat exakt gekennzeichnet bzw. keinerlei Quellenangabe hinterlassen, aber in Briefen (z.B. an Mathilde Wesensdonck) mehrfach bekundet, das Hauptwerk von „Freund Schopenhauer wieder einmal gelesen zu haben“. 677 Schopenhauer, Arthur: Kapitel 42. Leben der Gattung, in: Die Welt als Wille und Vorstellung, Zwei Bände, Köln 1997, Band II, S. 677 f. 678 Wagner, Über Staat und Religion, a.a.O., S. 9 4. Richard Wagner 158 Idealerweise (selbstredend, im Sinne des Wagnerschen Entwurfes) gelingt eine individuelle Internalisierung des (mindestens eine Partizipation am) überindividuellen, damit allgemeinen, Bewußtseins, welches Wagner „Wahn“ nennt, und ein höheres, durch Wagner überhöhtes Erkenntnisvermögen meint. Daraus folgt die Deszendenz des „Wahns“ aus einer metapolitischen Ebene in die politische Sphäre. Der politisch wirksame Wahn ist, Wagner zufolge, ‚Patriotismus’. Der internalisierte Wahn befähigt das Individuum zur Überwindung des gemeinschädlichen Egoismus. Dieses suche infolgedessen das „Bestehen des Staates zu sichern“, denn es wähne, „daß eine Veränderung des Staates [es] ganz persönlich treffen und vernichten müsse“ und „das dem Staate drohende Übel, als ein persönlich zu erleidendes“679 abzuwenden trachte. Die Konstante in Wagners gesellschaftspolitischen Einlassungen ist ein „republikanischer Monarchismus“, der in der frühen Revolutionsphase eher halbherzig, und dazu von kurzer Dauer, relativiert wird. Die Bedeutung, die er dem König beimißt, steht in krassem Widerspruch zu frühen Umwälzungsappellen; Veränderung geschieht nurmehr top down. (Es sei gleich gesagt: Wagner modifiziert auch diese These. In Zusammenhang mit Ausführungen, die das Volk betreffen, zeigt sich, daß dann ausschließlich dem Volk Veränderungspotential zukommt.) Die Prämisse seiner Konzeption ist übermenschliche Weisheit und Wirkmächtigkeit eines liebenden väterlichen Königs, dessen innerweltliche Legitimation auf dem Vertrauen der Regierten beruht. Antizipative und prognostische Befähigung (der „Wahn“) begründen seine überweltliche Legitimation. Außerdem sei der Monarch – dem Wagnerschen Idealtypus’ gemäß – fähig, die vera religio (siehe Kap. 4.3 vorliegender Untersuchung) zu erkennen. Wagners Judenfeindschaft „Wenn die Erlösungslehre, die das notwendige Opfer beinhaltet, dominiert, behält der Jude ein gewisses, beinahe heiliges Ansehen. Überwiegt jedoch der gnostische Dualismus, so wird der Jude zum Dämon und seine Vernichtung zum Desiderat.“680 Das Judentum und der „Geist“ des (Deutschen) Volkes Wagners spezifische Judenfeindschaft basiert auf Vorstellungen, die auf die Entfremdung des Volkes verweisen. Nach der logisch vorauszusetzenden Frage, wer zum Volke gehörig sei und wer nicht, welche Qualitäten dem Volk (in der Unterscheidung zum Adel) an sich und dem deutschen Volke im Besonderen zukommen, ist Wagners Betrachtung „der Juden“ zu thematisieren. 4.2 4.2.1 679 Ebd., S. 11 680 Maccoby: Der Heilige Henker, a.a.O., S. 277 4.2 Wagners Judenfeindschaft 159 Volk bezeichnet in Wagners Frühphase vor allem das revolutionäre (Kollektiv-) Subjekt, zu dem sich die Beherrschten zusammenschließen sollen. Der in den Wagnerschen „Revolutionsschriften“ gebrauchte Begriff bezeichnet vornehmlich den Antagonismus zu „Fürst und Adel“. Die von Hitler und anderen Nationalsozialisten geglaubte Konzeption eines (homogenen) Volkes auf der Grundlage „gleichen“ Blutes kommt bei Wagner auch daher nicht vor. Was sind nun für Wagner die Bedingungen für die Entstehung eines, bzw. die Zugehörigkeit zu einem Volk? Das deutsche Volk ist in Wagners Augen zunächst ein „ehrliches, fleißiges, friedfertiges“.681 Daß er in diesem Fall explizit vom „deutschen Volk“ spricht, ist jedoch ohne Bedeutung. Die genannten Attribute kommen dem Volk nicht deshalb zu, weil es das deutsche ist, sondern weil es „Volk“, und eben z.B. nicht „Adel“, ist. Obwohl „der Fürst“, der Adel, „Ihr, die Intelligenz“ häufige Adressaten seiner revolutionären Agitation sind, zielt diese vor allem darauf, ‚dem Volk’ zu suggerieren, daß seine Bestimmung in der revolutionären Aktion liege. Im Zuge der Bestimmung der „revolutionären Kraft“, also desjenigen, das das revolutionäre Subjekt motiviert und beseelt, entwickelt Wagner folgende Dualismen, die eine Analogie zu der oben dargelegten Konzeption von „Wille“ versus „Wahn“ darstellen: Zum einen „die Intelligenz“ versus „das Volk“, das emotional und triebhaft agiere, zum anderen „das Bewußtsein“ versus „das Unbewußtsein“: „Das bewußtsein ist das ende, die auflösung des unbewußtseins: die unbewußte thätigkeit ist aber die thätigkeit der natur, der inneren nothwendigkeit; erst wenn das resultat dieser thätigkeit sinnlich in erscheinung gekommen ist, tritt – und zwar eben an der sinnlichen erscheinung – das bewußtsein ein. Ihr irrt nun also, wenn ihr die revolutionäre kraft im bewußtsein sucht, – und demnach durch die Intelligenz wirken wollt: eure intelligenz ist falsch, und willkürlich – so lange sie nicht die wahrnehmung des bereits zur sinnlichen erscheinung gereiften ist. Nicht Ihr, sondern das volk – das – unbewußt – deshalb aber eben aus naturtrieb handelt, – werdet das neue zu stande bringen.“682 Ich betone den Gegensatz dieser Auffassung zum sogenannten „Persönlichkeitsprinzip“ bei Rosenberg und Hitler („Nicht die Masse erfindet und nicht die Majorität organisiert oder denkt, sondern in allem immer nur der einzelne Mensch, die Person“683), indem ich weiter aus den „Aufzeichnungen“684 zitiere: „Der eigentliche erfinder war von jeher nur das volk, – die namhaften einzelnen sogenannten erfinder haben nur das bereits entdeckte wesen der erfindung auf andere, verwandte gegenstände übertragen, – sie sind nur ableiter. Der einzelne kann nicht erfinden, sondern sich nur der erfindung bemächtigen.“685 Gleichsam „aus dem Volk heraus“ entstehe – diesem unbewußt – die originäre Fähigkeit zur Veränderung. Das Kriterium seiner Konstituierung ist die individuelle Emp- 681 Wagner: Deutschland und seine Fürsten, a.a.O., S. 85 682 Wagner, Richard: Flüchtige Aufzeichnungen einzelner Gedanken zu einem größerem Aufsatze: Das Künstlerthum der Zukunft, in: Nachgelassene Schriften und Dichtungen von Richard Wagner, 2. Aufl., Leipzig 1902, S. 115. Zur prinzipiellen Kleinschreibung siehe oben. 683 Hitler: Mein Kampf, a.a.O, S. 496 684 Sie entstammen allesamt – wie gesagt – dem Zeitraum der Jahre 1849-1851, also dem Zeitraum der „Revolutionsschriften“, sowohl wie der Schrift „Das Judenthum in der Musik“. 685 Wagner: Aufzeichnungen, a.a.O., S. 118 4. Richard Wagner 160 findung gemeinsamer Not. Die Abwendung der gemeinsamen Not – nur diese sei eine „wirkliche“ und damit „schöpferische Not“686 –, bedingt die „Zugehörigkeit zum Volk“687. Das Produkt solcher Schöpfung ist offenbar das Ergebnis einer „Weltrevolution“, welche oben hinreichend definiert wurde. Es ist das „Kunstwerk der Zukunft“, die (kommunistische) Utopie einer Gesellschaft in Freiheit: „In ihm [dem Kunstwerk der Zukunft] wird auch unser großer Wohltäter und Erlöser, der Vertreter der Nothwendigkeit in Fleisch und Blut, – das Volk, kein Unterschiedenes, Besonderes mehr sein; denn im Kunstwerk werden wir Eins sein, – Träger und Weiser der Nothwendigkeit, Wissende des Unbewußten, Wollende des Unwillkürlichen, Zeugen der Natur, – g l ü c k l i c h e M e n s c h e n .“688 Das dem gemeinsamen Empfinden und Abwenden aller gemeinsamen Not entgegenwirkende Phänomen ist „Egoismus“. Dieser sei, statt „schöpferisch“, „unproduktiv“, und führe zu „Isolation statt Zugehörigkeit“. Kurzum: Das Volk handele „unwillkürlich nach Notwendigkeit“, die dem Volk nicht Zugehörigen hingegen handelten „willkürlich egoistisch“.689 „Das Ausschließliche, Einzelne, Egoistische, vermag nur zu nehmen, nicht aber zu geben: es kann sich nur zeugen lassen, ist selbst aber zeugungsunfähig, zur Zeugung gehört das Ich und das Du, das Aufgehen des Egoismus in den Kommunismus.“690 Eine Konkretisierung erfährt die Scheidung von Notwendigkeit und Egoismus, mit der Gegenüberstellung zweierlei Ausprägungen des Bedürfnisses. Entsprechend konstatiert Wagner, daß da „wo keine Not ist, kein wahres Bedürfnis“ sei. Dieses wiederum sei „eingebildetes Bedürfnis“, „dieß [sic] wahnsinnige Bedürfniß [sic] ohne Bedürfniß, das Bedürfniß des Bedürfnisses“, „der Luxus“691. Dieser „Teufel“ regiere die Welt, er sei die Seele der Industrie, die die Menschen töte, sie entwürdige, sie ehrlos mache usf. Es ist, in einem Wort, die Bedingung der Unfreiheit. Anläßlich dieser Diagnose erinnere man die Wagnersche Forderung nach Abschaffung des Eigentums, aber auch die Verdammung des Mammonismus und die Verfluchung des Goldes, die bekanntermaßen Wagners musikalisches Hauptwerk Der Ring des Nibelungen thematisch durchsetzt. Der allgemeine Volksbegriff Wagners betrifft zunächst die notleidende, arbeitende doch besitzlose „Klasse“, die entsprechend – so ließe sich ergänzen – international, bzw. „meta-national“ konzipiert wird. Somit enthält Volk in der Darstellung Wagners keine nationalen, oder wie auch immer gearteten ethnischen oder gar „rassischen“ Beschränkungen und Konditionen – es sei aufgelöster (erlöster) Bestandteil einer künftigen, ästhetischen Menschheit. 686 Ebd., S. 119 687 Ebd. 688 Wagner: Das Volk und die Kunst, in: Ders.: Das Kunstwerk der Zukunft, a.a.O., S. 46, Hervorhebung im Original 689 Vgl.: Wagner, Aufzeichnungen, a.a.O., S. 119 690 Wagner: Das Volk als bedingende Kraft für das Kunstwerk, in: Ders.: Das Kunstwerk der Zukunft, a.a.O., S. 51 691 Vgl., ebd., S. 48/49 4.2 Wagners Judenfeindschaft 161 Der US-amerikanische Historiker Paul Mendes-Flohr betrachtet dann auch diejenigen, die vom „humanistischen Bildungsideal“ beseelt, vor allem im 19. Jahrhundert den Aufbruch zur „Kulturnation“ propagieren und betont deren Verknüpfung von „Identitätspolitik“ und „Bildungsidee“. Als dessen Protagonisten er, zum einen, auch Nietzsche und Wagner vorstellt, zum anderen, als wichtige Unterstützer dieses „liberalen, kosmopolitischen Bildungsgedankens“ die deutschen Juden – zwischen Assimilation und Akkulturation – anführt: „Das neue kulturelle und erzieherische Ideal wurde von dem, was er [Nietzsche] und Richard Wagner feierlich als die ‚Wiedergeburt des deutschen Mythus‘ bezeichneten, begünstigt.“692 Zur Rezeption derjenigen, die Wagners Kulturverständnis und seine Vorstellung vom Deutschtum zu erben und auszulegen gedachten, wiederum Mendes-Flohr: „Als dieses Programm von denjenigen übernommen wurde, die eine ethnische oder gar rassische Kodierung deutscher Identität anstrebten, wurde das Ideal der Bildung auf verhängnisvolle Weise kompromittiert, wenn nicht gar völlig zunichte gemacht.“693 „Deutscher Geist“ „‚Daß das Schöne und das Edle nicht um des Vorteiles, ja selbst nicht um des Ruhmes und der Anerkennung willen in die Welt tritt’ Der Jude hingegen … die Definition des Deutschen bestand immer in der Negierung des Jüdischen. Vielleicht gäbe es ohne Juden garnicht [sic] den ‚Deutschen Geist’“ (Ludwig Marcuse)694 Das diesem Abschnitt vorgestellte Zitat Marcuses legt den Eindruck nahe, daß es sich bei Wagners Vorstellungen über das Jüdische vor allem um Negativdefinitionen dessen handele, was ihm als Deutsch gelte. Zum einen wäre also davon auszugehen, daß dasjenige, was angeblich jüdisch ist, schlicht das Gegenteil des Moralischen, Tugendhaften oder schlicht Guten sei, das wiederum exklusiv dem Deutschen (‚Wesen’, Menschen, ‚Geist’) zuzuordnen wäre. Zum anderen ist festzustellen, daß positive ‚deutsche’ Eigenschaften also ausschließlich komplementären Charakter aufwiesen. In gewissem Sinne läßt sich dieser Befund später auch auf Hitler ausweiten. Wagners Definition der Deutschen ist im Kern eine Wesensbestimmung dessen, was er für ‚Deutsch’ befindet. Diese Bestimmung läßt substantiell weder politische – also administrative und staatsbürgerliche (oder territoriale) –, noch ethnische oder gar rassische Facetten erkennen. Es kann diesbezüglich auch für Wagners Überzeugung zutreffend das einschlägige Diktum Paul de Lagardes angenommen werden, daß „das Deutschtum nicht im Geblüte, sondern im Gemüte“ liege.695 Wie für Wag- 4.2.1.1 692 Mendes-Flohr, Paul: Jüdische Identität – Die zwei Seelen der deutschen Juden, München 2004, S. 29 693 Ebd. 694 Marcuse, Ludwig: Das denkwürdige Leben des Richard Wagner, München 1963, S. 221, Auslassung im Original. 695 Paul de Lagarde zitiert nach Mann: Betrachtungen, a.a.O., S. 542 4. Richard Wagner 162 ner typisch, nimmt er auch den sozio-politischen Bereich aus der kunst-theoretischen Perspektive in den Blick, und formuliert folgende, die für ihn für diesen Themenbezirk maßgebliche, Maxime: „Hier [in der theatralen künstlerischen Sphäre] kam es zum Bewußtsein und erhielt seinen bestimmten Ausdruck, was D e u t s c h sei, nämlich die Sache, die man treibt, um ihrer selbst und der Freude an ihr willen treibt…“696 Auch bezüglich dieses eigentlich zentralen Aspektes seiner politisch-ästhetischen Überlegungen treten Widersprüche auf. Nietzsche bemerkt, daß Wagner „sein ganzes Leben Einen [sic] Satz wiederholt“ habe, nämlich „daß seine Musik nicht nur Musik bedeute! Sondern mehr! Sondern unendlich viel mehr!“ Die Musik also Mittel (zu einem – höheren – Zweck) sei. Nietzsche schließt: „’Nicht nur Musik’“ – so redet kein Musiker.“697 Vor allem erstaunt jedoch, daß Wagner hier nicht einmal der Selbstzweckhaftigkeit der Kunst (l'art pour l'art), zumal seiner Kunst, zu trauen scheint. Auch Rosendorfer vermutet, daß Wagner seiner Musik allein nicht getraut habe und daß er deshalb – was Rosendorfer, wie er betont, nicht beweisen kann: von „Wagner unausgesprochen und nie an die Oberfläche seines Bewußtseins gekommen“ – den „weltanschaulichen, privatmystischen Schwulst, seine ganze Erlösungsphilosophie deswegen über seine Musik gestülpt“698 habe. Derart simpel verhält es sich in Wagners Fall wohl aber nicht. Die Selbstzweckhaftigkeitsthese Wagners wird in der Schrift „Was ist deutsch?“ modifiziert wieder vorgetragen: „Diese Taten vollbrachte der deutsche Geist aus sich, aus seinem innersten Verlangen, sich seiner bewußt zu werden. Und dieses Bewußtsein sagte ihm, was er zum ersten Male der Welt verkünden konnte, daß das Schöne und Edle nicht um des Vorteils, ja selbst nicht um des Ruhmes und der Anerkennung willen in die Welt tritt: und alles, was im Sinne dieser Lehre gewirkt wird, ist ‚deutsch’, und deshalb ist der Deutsche groß; und nur was in diesem Sinne gewirkt wird, kann zur Größe Deutschlands führen.“699 Der deutsche Geist sei – so Wagner – stellvertretend im Geiste Johann Sebastian Bachs repräsentiert. Allerdings bedauert Wagner das äußere Erscheinungsbild Bachs (welches nichtsdestotrotz nichts weiter als völlig zeitgemäß war), denn dieser habe seinerseits, indem er livriert und mit Perücke bekleidet war, die „französische Galanterie lächerlich nachgeahmt“.700 Auf den vermeintlichen kulturellen Antagonismus zwischen „französischer Zivilisation und deutscher Kultur“ komme ich später zurück. 696 Wagner: Deutsche Kunst und deutsche Politik, in: Ders.: Staat und Kunst und Religion, a.a.O.; S. 95, Hervorhebung im Original 697 Nietzsche, Friedrich: Der Fall Wagner, a.a.O., S. 262, Hervorhebung im Original. 698 Rosendorfer, Herbert: Richard Wagner für Fortgeschrittene, München 2008, S. 171 699 Wagner: Was ist deutsch? Ebd., S. 135, 700 Ebd., S. 133. Daß Wagner selbst ein Freund der französischen Galanterie ist, wird bereits von der zeitgenössischen Presse dankbar aufgegriffen. Seine Vorliebe für seidene – französische – Wäsche, ist häufiger Gegenstand des Spottes sowie eine weitere kostspielige Ursache seiner chronischen finanziellen Schwierigkeiten. Überdies wurde ihm die verborgene Leidenschaft für Damen-Dessous, die er travestierend ausgelebt habe, zugeschrieben. Vgl. zum Thema Wagner zwischen Seidenröschen und Seidenhöschen: Köhler, Joachim: Der lachende Wagner – das unbekannte Leben des Bayreuther Meisters, München 2012, S. 50/51 4.2 Wagners Judenfeindschaft 163 Ich betone diesen Aspekt – abwegig oder nicht – deshalb, weil er offenbar eines der Lieblingsthemen Wagners ist. Außerdem ist für den in dieser Untersuchung intendierten Vergleich mit völkischer resp. nationalsozialistischer Konzeption wichtig, was als „undeutsch“ qualifiziert wird. Übrigens ist bei diesem Text („Was ist deutsch?“) wohl eine mögliche Wagner-Quelle für die unheilvollen Ausführungen des „Stellvertreters des Führers in weltanschaulichen Fragen“, Alfred Rosenbergs, über das zu verorten, was er „Rassenseele“ nennt, aber wie zu zeigen sein wird, wesentlich aus der Lehre Meister Eckharts stammt. Neben der Bestimmung, eine Sache, eine Handlung, eine Gesinnung sei deutsch, wenn sie dem Postulat der Zweckfreiheit, bzw. des Selbstzwecks genügt, bedient sich Wagner eines Zuganges, der ‚Sprache’ zum Gegenstand hat. In Bezugnahme auf die Erkenntnisse Jakob Grimms schreibt er, daß das Wort „deutsch“ nicht einen bestimmten Volksnamen bezeichne, sondern das, „was uns, den in uns verständlicher Sprache Redenden, heimisch“ sei.701 „Deutsch“ sei demnach, „was uns deutlich ist“.702 Zur Erklärung dessen, was „undeutsch“ sei, zitiert Wagner die Luther-Übersetzung eines Abschnittes der Korinther-Briefe: „So ich nicht weiß der Stimme Deutung, werde ich undeutsch sein dem, der da redet; und der da redet wird mir undeutsch sein.“703 Die Grimmsche Deutung, die übrigens durch die Ergebnisse der gegenwärtigen etymologischen Forschung widerlegt werden kann, denn laut dem Kluge bedeute „deutsch“ „zum Volke gehörig“704, wird durch Wagner handstreichartig von der spezifisch linguistischen Aussage zu einer generellen Traditionalismusthese erweitert, und plötzlich ist „das, was uns deutlich ist“ ebenso „das Vertraute, uns Gewohnte, von den Vätern ererbte, unsrem Boden entsprossene“705, kurz: dasjenige, das „autochthon“ zu nennen wäre. Schließlich seien die diesseits des Rheines und diesseits der Alpen verbliebenen, die „reindeutschen“ Stämme. Der Begriff „deutsch“ ist in Wagners Gebrauch mithin also sehr wohl auch eine Art Volksname, und dieser hafte an „der Sprache und der Urheimat.“ Die über Rhein und Alpen abgewanderten Stämme hingegen gerieten qua Sprach- und Sittenvermischung in Dekadenz. Sehr knapp und nur scheinbar konzis wird der Verlauf von eintausend Jahren Geschichte folgendermaßen interpretiert: Mit der Gelegenheit der Teilung des Reiches Karls I. (des Gro- ßen) sei zum ersten Male der Name „Deutschland“ in Erscheinung getreten und zwar als „Kollektivname für alle diesseits des Rheines zurückgebliebenen Stämme.“ Die Reichsteilung markiere darüber hinaus einen Wendepunkt. Auf der Grundlage von „Treue gegen Heimat und Sprache“ sei eine „durch Jahrhunderte hindurch unversiegliche Erneuerung und Erfrischung der im Ausland in Verfall geratenen Stämme“ ermöglicht gewesen. Der Erfolg dieses Prozesses – „aussterbende und abgeschwächte Dynastien“ ersetzen sich aus „ursprünglichen Heimatsgeschlechtern“706 und begrün- 701 Vgl. Wagner: Was ist deutsch? a.a.O., S. 124 f. 702 Ebd. 703 Wagner: Wollen wir hoffen? (1879) a.a.O., S. 159 704 Vgl.; Kluge. Etymologisches Wörterbuch, a.a.O., S. 194 705 Wagner: Wollen wir hoffen? A.a.O., S, 160 4. Richard Wagner 164 den das „Heilige Römische Reich deutscher Nation“ – erscheint letztlich jedoch ambivalent: Kulturelle Herrlichkeit und politische Verderblichkeit. So sei kein anderes „großes Kulturvolk“ in die Lage gekommen, derart „phantastischen Ruhm“ aufzubauen. Der dem „deutschen Wesen verderbliche“ (politische) Umstand besteht nun darin, daß der „König der Deutschen sich die Bestätigung dieser Macht [die Kaiserwürde] aus Rom zu holen hatte; der römische Kaiser gehörte nicht eigentlich den Deutschen an“.707 Folgerichtig kann Wagner mit dem Ereignis des Dreißigjährigen Krieges den „gänzlichen Verfall des deutschen Wesens“ und das „fast gänzliche Erlöschen der deutschen Nation“ beklagen. Der dialektisch denkende Wagner, der er stets geblieben ist, erkennt in dieser Phase, daß „der deutsche Geist wiedergeboren ward“, und zwar aus der „innerlichst heimischen Welt“. Diese innergeistige Weltlichkeit hat offenbar ehernen Bestand – trotz äußerlicher Dekadenz des „deutschen Wesens und deutscher Herrlichkeit“, vermutlich bewahrt und tradiert im „deutschen Geist“. Daß Wagner die Realpräsenz deutschen Geistes dann in der Person Johann Sebastian Bachs erkennen will, ist wohl auch mit der historischen Nähe des Lebens und Wirkens Bachs (1685-1750) zu dem von Wagner betonten vermeintlichen Wendepunkt (Dreißigjähriger Krieg 1618-1648) von machtpolitischem Abstieg zu anschließendem hochkulturellen Aufstieg, zu begründen – ein halbes Jahrhundert untergründige „Gärungszeit“ scheint dafür zwischenzeitlich angemessen. Von einem prinzipiellen anti-katholischen Affekt beseelt, bewertet Wagner auch die Reformation als ein auf das deutsche „Wesen“ zurückzuführendes Großereignis: „Der Deutsche ist konservativ: sein Reichtum gestaltet sich aus dem Eigenen aller Zeiten; er spart und weiß alles Alte zu verwenden. (…) Mit der Religion nimmt er es ernst: die Sittenverderbnis der römischen Kurie und ihr demoralisierender Einfluß auf den Klerus verdrießt ihn tief. (…) Kein Volk hat sich gegen Eingriffe in seine innere Freiheit, sein eigenes Wesen, gewehrt wie die Deutschen: mit nichts ist die Hartnäckigkeit zu vergleichen, mit welcher der Deutsche seinen völligen Ruin der Fügsamkeit unter ihm fremde Zumutungen vorzog.“708 Wagner argumentiert an dieser Stelle wiederum im Sinne dialektischer Geschichtsphilosophie, denn der fast vollständige Zusammenbruch sei die Voraussetzung der „Wiedererstehung“ des deutschen Volkes: „Das Volk war vernichtet, aber der deutsche Geist hatte bestanden.“709 In einigen Hinsichten kommen dem Wagnerschen „Deutschen Geist“ ähnliche Attribute wie den Hitlerschen, Chamberlainschen und Rosenbergschen „rassischen Urelementen“ zu, die in Kap. 5 und 6 diskutiert werden. Die Frage ist auch an dieser Stelle, ob man „Rassenseele“ und „deutsches Wesen“, welches wesentlich kulturell-ästhetisch konnotiert ist, vor allem im Hinblick auf die, im Falle der Nationalsozialisten, elimi- 706 „Verdorbene“ Merowinger seien durch ostfränkische Karolinger ersetzt worden. Sachsen und Schwaben entmachteten schließlich die „entarteten“ Karolinger. Vgl.: Wagner: Was ist deutsch? A.a.O., S. 125 707 Ebd. 708 Ebd., S. 132 709 Ebd., S. 133 4.2 Wagners Judenfeindschaft 165 natorischen Konsequenzen für gleichbedeutend und insofern gleichermaßen schwerwiegend beurteilen kann? Die essentielle Ungleichbedeutung dieser Topoi belegt die Auffassung Wagners, derzufolge eine kulturelle Weltoffenheit der Deutschen ‚wesentlich’ – im wahrsten Sinne des Wortes – sei, daß „er [der Deutsche] nicht nur das Fremde, als solches, als rein Fremdes, anstarren, sondern er will es ‚deutsch’ verstehen.“ Zu diesem Zwecke übersetze der Deutsche sich romanische, walisische, französische Sagen und Bücher, während Romanen, Wälsche [sic] und Franzosen nichts von ihm [dem Deutschen] wüßten, suche er sich eifrig Kenntnis von ihnen zu verschaffen.710 Hier erweist sich, welcher Art die „deutsche“ Qualität ist, in der Wagner einen wesensmäßigen Vorzug der Deutschen gegenüber anderen Völkern erkennen will. Nicht machtbewußt erstrebte Weltherrschaft ist hier das Ziel, sondern „ausschließlich die geistige Veredelung der Menschheit durch Kunst“.711 Der durch Wagner projektierte Deutsche Geist entspricht recht eigentlich demjenigen, das Helmuth Plessner als „Stilgedanken“ bezeichnet, der das „überpersönliche Gepräge aus Sprache, Sitte und Arbeit“ umfängt, und das „Gesetz eines Kulturstils“ formuliert, demzufolge die Idee einer „besonderen Art Menschlichkeit geltend“ gemacht werde. Diesen „Deutschen Geist“ habe es gegeben, „bevor er zum Rechtfertigungsprinzip einer politischen Organisation wurde.“712 Martin Gregor-Dellin verweist grundsätzlich auf die konzeptuelle Analogie der Begriffe des Deutschen und des Jüdischen bei Wagner, der dabei von metaphysischen Begriffen ausgehe, die auf Geist, Gedanke oder Idee zu beschränken sind: „Über das ‚was ist deutsch’ denke ich immer mehr nach und gerate endlich, an der hand einiger neuerer Studien, in eine sonderbare Skepsis, die mir das ‚Deutschsein’ als ein reines Metaphysicum übrig läßt, als solches mir dieses aber grenzenlos interessant und jedenfalls ganz einzig in der Weltgeschichte erscheinen läßt, vielleicht mit dem einzigen Pendant des Judentums zur Seite, wenn etwa der Hellenismus doch nicht recht passen sollte.“713 Hierbei ist also kein antisemitisch-motivierter, antagonistischer Dualismus aufgemacht, insofern auch „Hellenismus“ in die Gedanken über vermeintliche „geistige“ Besonderheit einbezogen ist, die sich ausdrücklich – in „ernster Wahrhaftigkeit“ – doch nur in „unsren großen Dichtern“ verkörpere.714 „Das Judenthum in der Musik“ Um den Wagnerschen Begriff des Judentums zu erfassen, ist vor allem das Schrifttum des ‚späten’ Wagner (1878 bis 1883), und punktuell der Jahre 1850 (erste Veröffentlichung Das Judenthum in der Musik) und 1869 (zweite Veröffentlichung715 von Das Ju- 4.2.1.2 710 Vgl.: Ebd., S. 131/132 711 Bauer: Gefühlwerdung der Vernunft, a.a.O., S. 500 712 Plessner: Grenzen der Gemeinschaft, a.a.O., S. 114 713 Brief Wagners an Nietzsche vom 24. Oktober 1872, zitiert nach: Gregor-Dellin: Richard Wagner, a.a.O., S. 765 714 Brief Wagners an Ludwig II. vom 23. August 1874, zitiert nach Gregor-Dellin, ebd. 715 Diese Wiederpublikation, die nun in Buchform passierte – die erste, neunzehn Jahre zurückliegende, Veröffentlichung, geschah in zwei Folgen eines musikalischen Fachmagazins, durch das Wagner 4. Richard Wagner 166 denthum in der Musik) zu untersuchen. Zunächst seien einige grundsätzliche Überlegungen zur zeitlichen Verteilung der Wagnerschen schriftlichen Behandlung des Jüdischen vorangestellt: In den ‚Revolutionsschriften’ sowohl wie in den vergleichsweise umfangreichen politisch-ästhetischen Schriften der Zürcher Zeit, wird des Jüdischen in keiner (!) Weise Erwähnung zuteil. Es ist im Hinblick auf die Fragestellung vorliegender Untersuchung bemerkenswert, daß in Wagners erstem sozio-theoretischen Rundumschlag, der immerhin knapp dreihundertundfünfzig Seiten in acht Einzelver- öffentlichungen716 umfaßt, „die Juden“ oder „das Jüdische“ keinerlei Rolle spielen. Es ist unwahrscheinlich, daß Wagner – sei es aus Gründen der Furcht vor sozialer Ächtung, oder schlichtem Opportunismus – auf Äußerungen über Juden in diesen, für ihn grundlegenden Schriften wider die eigene Überzeugung verzichtet haben sollte. Nicht zuletzt die anderweitige rückhaltlose Radikalität der in diesen Schriften vertretenen Behauptungen ist dagegen zu prägnant. Zunächst sei darauf verwiesen, daß Wagner das Abstraktum „Judenthum“ verwendet, also vorderhand nicht konkrete Menschen, die Juden oder den Kollektivsingular „der Jude“, erfasst. Es geht ihm vielmehr um eine – natürlich frei erfundene und sicherlich auch abwegige – ästhetisch-künstlerische Struktur, die in eine ökonomische Beziehung gesetzt und auf Sprache und Gesang gegründet ist. Konkretes menschliches Gebaren – Paarung, Zeugung sowie kollektive Vergemeinschaftung – sind sein Thema nicht, was denn auch keinerlei Anschlußfähigkeit zu rassenantisemitischer Ideologie und der ihr inhärenten physischen Annihilationslogik erlaubt. Man denke hier in Analogie auch an Karl Marx, dessen Hauptwerk „Das Kapital“ nicht „Die Kapitalisten“ heißt. Selbst dieses Abstraktum funktioniert bei Marx schließlich auf noch höherer metaphorischer Ebene, wenn nicht bloß symbolisierender (Geld-) Wert, sondern Implikationen des Zinses, des Mehrwertes, der Akkumulation usw. intendiert sind. Das Jüdische hat scheinbar keinerlei – sei es positive oder negative – Bedeutung für Wagners Beschäftigung mit dem klassischen Thema der politischen Philosophie, der Konzeption der guten und gerechten Ordnung menschlichen Zusammenlebens, sowie seinen futuristischen Visionen in Zusammenhang mit einer sog. „Menschheitsrevolution“. Die spätere Projektion „aller Feindbildseligkeit“ stellt die Bündelung der als revolutionshemmend erkannten Triebe im Judentum als „revolutionäre[m] Ersatzobjekt“ dar, und verweist kaum auf die Bezeichnung einer ethnischen Gruppe oder gar Rasse.717 zuvor von der Idee angeblichen „hebräischen“ Kunstcharakters animiert wurde –, erregte „Entsetzen“, auch bei den engen Freunden Liszt und von Bülow und bescherte Wagner europaweite Proteste, die von wütenden Presseartikeln bis zu Aufführungsboykotten reichte. Vgl.: Hansen: Wagner – Biographie, a.a.O., S. 267 716 Wie verhalten sich republikanische Bestrebungen dem Königtum gegenüber?; Deutschland und seine Fürsten (beide 1848); Der Mensch und die bestehende Gesellschaft; Die Revolution; Die Kunst und die Revolution; Das Künstlertum der Zukunft (alle 1849), Das Kunstwerk der Zukunft (1850); Oper und Drama (1851) 717 Vgl.: Hofmann: Wagners politische Theologie, a.a.O., S. 166 4.2 Wagners Judenfeindschaft 167 Die absurde Forderung der sog. „Entjudung“ propagiert Wagner deutlich in exklusivem Bezug auf „die Musik und die Künste“718, seine Schrift sei großteils eine „Sicht aktueller Theaterverhältnisse“.719 Die Konsequenz dieser – eigens von den Juden zu unternehmenden – „Selbstvernichtung“ sei ein symbolischer Vorgang, ein „unbestimmt bleibender mystischer Prozess“, der vor einem „historisch-kulturellen Kontext“ als Vorbereitung und Vorbedingung der Entstehung des „Kunstwerkes [und bei Wagner also der Gesellschaft] der Zukunft“ verstanden werden müsse, und insofern – den Postulaten der Junghegelianer Bruno Bauer und Karl Marx entsprechend – auf eine „Revolutionierung des jüdischen Bewußtseins“ abziele.720 Daraus folgt wiederum, daß eine wie auch immer formulierte „jüdische Frage“ für den politischen Schriftsteller Wagner außerhalb seiner Musik-Judenthums-Schrift zunächst scheinbar irrelevant, damit jedenfalls für sein sozio-politisches Denken nicht maßgeblich ist. Dennoch macht sich Wagner in Das Judenthum in der Musik erstmals affektiver, hassmotivierter, antijüdischer Entgleisungen schuldig, und zwar im selben Jahre (1850), in dem er das „Kunstwerk der Zukunft“ verfasst, einer Schrift, die kein Jota der bald darauffolgenden antijüdischen Ausfälle erahnen läßt, und in jeder Hinsicht ganz ohne die im „Musik-Judentum“ verbreiteten abstrusen Thesen auskommt. Warum dem so ist, was nun tatsächlich diesen Sinneswandel bewirkte, braucht hier nicht vertieft werden. Die These, die auf künstlerische Konkurrenz in Komponistenkreisen als Auslöser verweist, bleibt plausibel – zumal Wagner im weiteren Verlauf des Pamphlets dezidiert ad personam argumentiert. Barry Millington sieht denn auch Wagners persönliche Animosität als das wesentliche Ingredienz – neben dessen revolutionärem Antikapitalismus – seiner, Wagners, Judenfeindschaft: „Ob nun Wagners Vorwurf, Meyerbeer habe es versäumt, seine (Wagners) Karriere zu befördern, gerechtfertigt ist oder nicht – dafür, dass er sie aktiv behinderte, gibt es jedenfalls keine Beweise –; man braucht kein Psychologe zu sein, um zu erkennen, dass Wagner seine einstige Unterwürfigkeit ärgerte (in Briefen aus der Pariser Zeit warf er sich Meyerbeer metaphorisch zu Füßen, indem er ihn ‚Meister’ und sich selbst als ‚Euer Eigentum’ und ‚Euer Sklave’ bezeichnete.) Das Judentum in der Musik war auch ein Akt des Exorzismus.“721 Millington unterschlägt an dieser Stelle den maßlosen Inhalt, der mit der formalen devoten Ansprache Meyerbeers durch Wagner verbunden ist, wenn dieser „die Erlösung von allem Übel durch Gott und Sie [Meyerbeer]“ erfleht und „in dieser Welt auf kein [!] Heil als von Ihnen [Meyerbeer]“ hofft. Überdies hat Wagner kurze Zeit später zutiefst dankbar anerkannt, daß Meyerbeers Interventionen überaus wirksam gewesen seien – „dank Ihrer Fürsprache“ –, woraufhin Wagners „Dankgefühl“ gegenüber seinem „hochherzigen Protektor“ so grenzenlos sei, ihn fortan „von Äonen zu Äonen mit Dankesstammeln“ verfolgen zu wollen.722 Dazu sei auch an dieser Stelle auf die zahllosen Tagebuch-, Lebensdaten-, und privaten wie gesellschaftlichen Freund-Feind- Beziehungs-Biographien und -analysen verwiesen, die ich schon in Zusammenhang 718 Jüngst einmal mehr: Nirenberg: Anti-Judaismus, a.a.O., S. 420 719 Vgl.: Gregor-Dellin: Richard Wagner, a.a.O., S. 766 720 Vgl.: Millington: Magier, a.a.O., S. 184/85 721 Ebd., S. 186, Hervorhebung im Original 4. Richard Wagner 168 mit der Rezeptionsgeschichte und dem Sachstand behandelte und vor allem die relative Unzulänglichkeit dieser Betrachtungsweise betonte. Für Wagner selbst bedeutet der Inhalt der Musikjudenthums-Schrift in der Retrospektive – einer musikwissenschaftlichen Abhandlung entsprechend – die seines Erachtens harmlose Erkenntnis der musikalischen „Unbefähigung der Juden.“723 Theodor Adorno läßt sich in dieser Sache durchaus zu einer unseriösen Replik hinreißen, indem er urteilt, daß „Wagner sehr oft ganz einfach ‚schlecht komponiert’“724 habe. Dies mag so sein oder nicht, kann jedoch nicht aus dem Kontext gelöst werden, daß Wagner sich in eben dieser Weise, pars pro toto für die „Kunstjuden“, über Mendelsohn und Meyerbeer äußert, wenn Adorno also in gleicher Münze zurückzahlt. Festzuhalten ist, daß die antijüdische Entgleisung innerhalb einer fünfzigjährigen Lebens- und Schaffensperiode Wagners ein singuläres Ereignis bleibt. Die Schrift („Das Judentum…“) wurde im Jahre 1869, um diverse Ergänzungen erweitert, erneut veröffentlicht. 1850 weitgehend unbeachtet, wurde der Text im Jahre 1869 intensiver rezipiert.725 In den im Vorfeld unter anderem behandelten Schriften Über Staat und Politik (1864) und Deutsche Kunst und deutsche Politik (1868) liegt ebenfalls keinerlei Bezug auf die Juden vor. Nota bene, in zweitgenannter Schrift wird die „französische Zivilisation“ – nichts und niemand anderer sonst – der „Unterjochung der deutschen Kultur“ beschuldigt.726 Mit der Schrift Was ist deutsch? beginnt im Jahre 1878 – bis zu Wagners Lebensende 1883 – eine Zeitphase, in der die „Regenerationsschriften“727 entstehen, in denen eine Thematisierung, jedoch keine Beschimpfung, des Jüdischen wieder häufiger zu finden ist. Die ersten (und häßlichsten) Qualifizierungen der Juden entstammen also der Schrift Das Judenthum in der Musik. Wie in Die Kunst und die Revolution ist die Kritik des zeitgenössischen Kunstbetriebes die vorgebliche Intention auch dieser Schrift. Der seinerzeit beklagte „Kunstwarencharakter“ und die zur Versklavung und Entfremdung führende Ökonomisierung durch die Macht des Kapitals, wird hier – ein Jahr später – sehr ähnlich wiederholt. Allerdings wird nunmehr – wie bereits der Titel der Schrift nahelegt – eine jüdische Urheberschaft unterstellt. Gleiches gilt für die 722 Vgl.: Wagners Briefe an Meyerbeer vom 18. Januar 1840 und 15. Februar 1840, in: Richard Wagner in Selbstzeugnissen und im Urteil der Zeitgenossen, zusammengestellt und herausgegeben von Martin Hürlimann, Zürich 1972, S. 84/85, Hervorhebung des Verfassers 723 „Wer, vor etwa dreißig Jahren, die Unbefähigung der Juden zur produktiven Teilnahme an unserer Kunst in Erwägung brachte und dies Unterfangen nach achtzehn Jahren zu erneuern sich angeregt fühlte, hatte die höchste Entrüstung von Juden und Deutschen erfahren.“ Wagner: Erkenne Dich selbst! (1881), in: Ders.: Ausgewählte Schriften über Staat und Kunst und Religion, a.a.O., S. 221 724 Adornos These im Kommentar Thomas Manns, zitiert nach Vaget: Mann über Wagner, a.a.O., S. 333 725 Diese Sichtweise ist in der Wagnerforschung Konsens. Vgl. z.B.: Fischer, Jens Malte: Richard Wagners ‚Das Judentum in der Musik’. Eine kritische Dokumentation als Beitrag zur Geschichte des Antisemitismus, Frankfurt am Main und Leipzig 2000, S. 17 726 Wagner: Staat und Kunst und Religion, a.a.O., S. 32 727 Zu diesen gehören: „Religion und Kunst“ und die darauf bezogenen Folgeschriften „Was nützt uns diese Erkenntnis?“, „Erkenne Dich selbst!“ und „Heldentum und Christentum“. Der Inhalt der Schriften betrifft weitgehend die Feststellung allgemeiner Degeneration, was die spätere Sammelbezeichnung für diese Texte – Regenerations-Schriften – erklärt. 4.2 Wagners Judenfeindschaft 169 „Theorie“ der deutschen („deutlichen“) Sprache, die auf Grimm und Luther basiert und in den späten Schriften (Was ist deutsch? und Erkenne Dich selbst!) wieder aufgegriffen werden. In Das Judenthum in der Musik ist das Theorem des „Undeutlich/ Undeutschen“ auf die Juden angewandt. Wagner rekurriert zunächst auf seine revolutionären „jungdeutschen“ Wurzeln und behauptet, in dieser Zeit für die Emanzipation der Juden eingetreten zu sein, was wohl weitgehend zutreffend genannt werden darf. Seine Abfälligkeiten einleitend, relativiert er, „eigentlich doch mehr Kämpfer für ein abstraktes Prinzip, als für den konkreten Fall“ gewesen zu sein: „Denn bei allem Reden und Schreiben für Judenemanzipation, fühlten wir uns bei wirklicher, tätiger Berührung mit Juden von diesen stets unwillkürlich abgestoßen.“728 Zur Klassifizierung der Wagnerschen Äußerungen über die Juden schlage ich folgende Unterteilung vor: – zum einen ‚Phänotypisches’, – zum anderen ‚Sprachliches’, – außerdem der Themenkreis ‚Macht und insbesondere Wirtschaftsmacht’, – schließlich Aussagen, welche ‚religiöse Konfession und religiöse Konversion’ betreffen. So berühre ihn die „äußere Erscheinung des Juden abstoßend“729, er wünsche „unwillkürlich mit einem so [„so“ ist nicht näher bestimmt] aussehenden Menschen Nichts gemein zu haben“ und „der Jude“ biete einen „widerwärtigen Anblick“.730 Die unterstellte Ambivalenz der jüdischen Emanzipation markiert den weiteren Verlauf der Schrift. Wagner gibt also vor, die Emanzipation des Judentums gefördert zu haben. Da „der Jude nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge der Welt wirklich bereits mehr als emanzipiert“ sei, er „bereits herrsche“, sei nunmehr „das Notwendigste die Emanzipation von dem Drucke des Judentums“.731 Dieser Druck manifestiere sich nun – vermittels der „Macht des Geldes“ – im modernen Kunstbetrieb. Diese insinuierte jüdisch-dominierte Machtkonstellation birgt folgende dichotome Aspekte: Au- ßer einer äußerlich-funktionalen Komponente nämlich, der angeblichen Beherrschung des Kunstbetriebes durch Juden, der Verknüpfung von Kunst und Handel, sucht Wagner die innerlich-schöpferische Unfähigkeit der Juden, respektive der jüdischen Künstler zu beweisen. Diese betrifft nun wieder die „Sprachtheorie“ Wagners, die vielerlei Unfug birgt. Diesbezüglich sei es „entscheidend wichtig“ die Wirkung zu betrachten, welche „der Jude durch seine Sprache auf uns“ hervorbringe. Es ist hier auf die glatt gegenteilige Auffassung Adolf Hitlers zu verweisen, sofern er betont: „Die Rasse aber liegt nicht in der Sprache, sondern ausschließlich im Blute, etwas, das niemand besser weiß als der Jude, der gerade auf die Erhaltung seiner Sprache nur sehr wenig Wert legt, hingegen allen Wert auf die Reinhaltung seines Blutes.“732 728 Wagner: Das Judentum in der Musik, a.a.O., S. 145 729 Ebd. 730 Ebd., S. 148 731 Ebd., S. 147, Hervorhebung des Verfassers 4. Richard Wagner 170 Vor allem die Sprache ist bei Wagner Basis der Kunst, resp. der Musik, resp. des Gesanges, die „jüdische“ vs. die „deutsche“ Sprach- und Sprechweise indiziert je das Wesen. Und obwohl „der Jude“ die Sprache der Nation, in der er lebe, die er spreche, tue er dies immer als Ausländer und wird entsprechend als „undeutsch“ bezeichnet. Sprache also sei die Voraussetzung des Gesanges, der die wichtigste Grundlage der Musik darstelle. Die Verknüpfung von Musik und dramatischer Dichtung ist gemäß Wagners ästhetischer Theorie die höchste Kunstform.733 Aus diesem Zusammenhang ergibt sich – syllogistisch gefolgert –, wer „undeutsch“ spreche, sei außerstande „deutsche“ Kunst zu schaffen.734 Die „semitische Aussprechweise“ sei nicht nur nicht deutsch, also der Wagnerschen Auslegung zufolge „undeutlich“, sondern „bei deren Anhörung unerträglich“: „Als durchaus fremdartig und unangenehm fällt unsrem Ohre zunächst ein zischender, schrillender, summsender und murksender Lautausdruck der jüdischen Sprechweise auf…“. Diese habe den „Charakter eines unerträglich verwirrten Geplappers und eigentümlichen Gelabbers [sic]“ und unsere Aufmerksamkeit liege mehr „bei diesem widerlichen Wie, als bei dem darin enthaltenden Was der jüdischen Rede.“735 Es ist offensichtlich, daß dergleichen auf eine Entmenschlichung abzielt. Denn der Gebrauch von Sprache ist schließlich die menschliche Primärqualität. Allerdings bleibt unklar, weshalb der Versuch des Nachweises der vermeintlichen Unfähigkeit jüdischer Künstler „deutsche Musik“ zu produzieren, zu nachfolgender Anwendung zoologischer Metaphern führt: „Weil in ihr [der Musik] die größten Genies [Wie aus anderen Quellen zu schließen ist, handelt es sich dabei vor allem um Bach, aber auch um Beethoven.] bereits das gesagt haben, was in ihrer absoluten Sonderkunst zu sagen war, … so konnte in ihr nur noch nachgeplappert werden, und zwar ganz peinlich genau und täuschend ähnlich, wie Papageien menschliche Wörter und Reden nachpapeln [sic], aber ebenso ohne Ausdruck und wirkliche Empfindung, wie diese närrischen Vögel es tun.“736 Angesichts des eben zitierten Textauszuges – Genies haben in der Musik alles gesagt, was zu sagen sei – bleibt immerhin die ketzerische Frage offen, weshalb Wagner selbst zu umfangreicher Komposition schreitet? Enthält er sich nicht, weil er sich selbst nicht als genial beurteilt? Und wird die eigene Schöpfung damit nicht, wiederum durch ihn selbst, in die Marginalien der Musikhistorie verwiesen? Wie zum Beispiel auch Jens M. Fischer737 ausführlich dargelegt hat, war der Neid Wagners auf Giacomo Meyerbeers Erfolg wesentliches Motiv für die Denunziation der Rolle des „Judenthums in der Musik“. Diese These scheint durchaus plausibel. Den Erfolg des Giacomo Meyerbeer begleitete der Mißerfolg Wagners in Paris. Diese 732 Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 342. Desgleichen verhält es sich mit Chamberlain, der feststellt: „Sprachliche Verwandtschaft liefert keinen zwingenden Beweis für Gemeinschaft des Blutes; …“ Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 315 733 „Der Gesang ist eben die in höchster Leidenschaft erregte Rede: die Musik ist die Sprache der Leidenschaft.“ Wagner: Judenthum in der Musik, a.a.O., S. 152 734 Vgl., ebd., S. 153 ff. 735 Ebd., S. 151, Hervorhebung im Original 736 Ebd., S. 156 737 Fischer, Jens Malte: Wagner. Judentum, a.a.O., S. 45 ff. 4.2 Wagners Judenfeindschaft 171 Koinzidenz und eine ‚schlechte’ Presse mögen wohl wahrscheinlich Wagners Paranoia evoziert haben – der Text ist entsprechend als Verteidigungsschrift konzipiert.738 Natürlich behauptet Wagner ausgiebig die Vereinnahmung der musikkritischen Presse durch die „Judenschaft“ und eine dadurch ermöglichte „Agitation“739 – es ist dies ein Motiv, das bei Hitler strukturtreu aufgegriffen ist, aber schwerlich als genuin Wagnerische Erkenntnis zu bezeichnen ist. In einem vor allem peinlichen Anflug von Ironie erlaubt sich Wagner die Behauptung, er sei das Opfer einer „gegen mich eingeleiteten und in immer weiterer Verbreitung fortgesetzten, umgekehrten Judenverfolgung“.740 Das vorangegangene Zitat – „plappernde Papageien“ – zeigt indes, wie unsachlich Wagners vorgeblich „musikalische“ Kritik geartet ist, was für einen Musiker seines Formates freilich beschämend ist. Eine diffusere und schwammigere Kategorie der Beurteilung, als „ohne Ausdruck und wirkliche Empfindung“, ist diesbezüglich kaum vorstellbar, zu schweigen von dem Vorwurf des „Geplappers“, der, angesichts seines ausladenden Gebrauchs von Interjektionen à la „Hojotoho“ und „Wagalaweia“, übrigens ebenso gut auch auf Wagners eigene Gesangsstücke anzuwenden wäre. Wie wollte man Wagner auch bestreiten, daß seiner Auffassung gemäß in Meyerbeers Opern keine „wirkliche“ Empfindung transportiert würde? Die Argumentation einer innerlich-schöpferischen Unfähigkeit jüdischer Künstler erschöpft sich damit schließlich auch selbst. Nota bene: Die musikalische Beeinflussung Wagners wird nicht etwa durch deutsche Musiker – zu nennen wäre Beethoven, zu dessen Neunter Symphonie Wagner publizierte (die Tatsache, daß dieser im Vierten Satz singen läßt, empfindet Wagner als Vorausblick auf das eigene Gesamtkunstwerk) – sondern durch Meyerbeer und Mendelssohn-Bartholdy als „erheblich und nachhaltig“ erkannt.741 Beide Komponisten sind – in ihrer Eigenschaft als „die beiden berühmtesten, einflußreichsten Musiker seiner [Wagners] Zeit“ – der Hauptgegenstand seiner Kritik, das Judenthum in der Musik „im wesentlichen ein Angriff “742 gegen diese, vor allem durch Wagner selbst so wahrgenommenen, Konkurrenten. Der Brahms-Schüler Hans Gal erkennt in Wagners Vorgehensweise den zwanghaften Versuch, Mendelssohn und Meyerbeer im Rahmen seiner Spekulationen „auf einen Nenner“ bringen zu wollen, obwohl, wie Wagner selbst zugebe, diese „nichts miteinander zu schaffen hatten“; außer eben, daß Wagner „beide gefährliche[n] Rivalen mit einem Hieb außer Gefecht zu setzen“743 getrachtet haben würde. Es liege also nicht eine antisemitische Theorie zugrunde, die auf die Konkurrenten „angewandt“ werde, sondern als scheinbar naheliegendster „gemeinsamer Nenner“ wird „jüdisches Wesen“ markiert und durch Wagner in die Abstrusität seines 738 Er schreibt von einem gegen ihn gerichteten „Pelotonfeuer der Pariser Presse“ und einem Musikkritiker der Times, der ihn mit einem „Hagel von Insulten“ empfangen habe und allgemein von „Judenblättern“. Vgl. ebd., S. 182/183, 192 739 Vgl.: ebd., z.B.: S. 183, 184, 189, 193 740 Ebd., S. 176, Hervorhebung des Verfassers 741 Vgl.: z.B.: Seljak, a.a.O., S. 52. 742 Gal, Hans: Richard Wagner – Versuch einer Würdigung, in: Ders.: Drei Meister – drei Welten. Brahms, Wagner, Verdi, Frankfurt am Main 1975, S. 273 743 Ebd., S. 274 4. Richard Wagner 172 Musikjudenthum-Theorems transformiert. Die daraus resultierende Begründung eines „Kulturantisemitismus“ fuße jedoch – „wie seine Opernästhetik“ – auf „Scheingründe[n], dazu bestimmt, die vorgefaßte Meinung zu bestätigen.“ Für den Fall von Wagners judenfeindlicher These über künstlerische Befähigung bzw. Unbefähigung hieße das, die Bestätigung zu begründen, „daß der Jude seiner Abstammung zufolge außerstande sei, die deutsche Kultur und Gesinnung ganz zu der seinigen [zu] machen“.744 Ein Unterfangen, das Gal in ironisch feiner Anspielung auf den Vorwurf Wagners an Mendelssohn als die „technisch einwandfreie Darstellung eines nichtigen Inhalts“745 bezeichnet. Wagners Ableitung, daß „der Jude herrsche bereits“ im Kunstwarenbetrieb, wird flugs generalisiert. Wagner bezeugt in diesem Sinne den „vollständigen Sieg des Judentums auf allen Seiten“746, und glaubt darüber hinaus, die „allermächtigste Organisation unsrer Zeit“ sei „die des Judentums“.747 Sie, die Juden, seien für den Kapitalismus und damit für das Elend der bürgerlichen Gesellschaft verantwortlich.748 Die allgemeine gesellschaftliche Verelendung infolge der jüdischen Allmacht äußere sich dann auch in der spezifisch kulturellen Sphäre verfallsartig.749 „Am gehinderten und verkommenden Nationalwohlstande nährt der jüdische Bankier seinen enormen Vermögenstand.“ Und: „Der Jude nahm die deutsche Geistesarbeit in seine Hand.“750 Die mutmaßliche Heteronomie der Deutschen durch Juden hat also zwei Ausprägungen – zum einen materiell-ökonomische und zum anderen eine geistig-kulturelle. Die einstmalige Diagnose innerhalb der Revolutionsschriften, die den Kapitalismus im Allgemeinen betraf, wird nun phantastisch auf „jüdischen Kapitalismus“ verengt. Auch in Wagners Schriften ist ein Phänomen, das ich im Falle Hitlers „Kausalitätswut“ nennen werde (Kap. 7 vorliegender Untersuchung), also nachweisbar. 744 Ebd. 745 Ebd., S. 275 746 Wagner: Judenthum, a.a.O., S. 193 747 Ebd., S. 192 748 Vgl.: Ebd., S. 146. Über den „geistigen“ Ursprung des Kapitalismus hat bekanntlich auch Max Weber nachgedacht, und ihn in der protestantischen Ethik gefunden. Diese bedinge einen „normgebundenen Lebensstil“, den Weber als „innerweltliche Askese“ bezeichnet. In der Folge des einhergehenden Prädestinationsglaubens („Gnadenwahl“) bestehe für den protestantischen Unternehmer das vornehmlich heilsgeschichtliche und religiöse Interesse darin, den eigenen Erwähltheitsstatus durch Zeichen der „äußeren Werkheiligkeit“, durch „Arbeit und Gewerbsfleiß als Pflicht gegen Gott“, zu untermauern. Vgl.: Weber, Max: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, hrsgg. und eingeleitet von Dirk Kaesler, München 2004, S. 82, 104 f. und 199. Die unter Antisemiten geläufige Überzeugung, daß der „jüdische Geist“ diesen Ursprung darstelle, wurde z.B. von Werner Sombart mit der Weberschen These verknüpft, indem er erklärte „jüdischer und puritanischer Geist“ seien, so wie „jüdischer Sabbat und freier Sonntag“, im Grunde das Gleiche. „Der jüdische Geist sei gewinnorientiert und habe daher dem modernen Unternehmer den Weg geebnet – der jüdische (und puritanische) Kaufmann sei das Gegenstück zum arischen Kriegshelden.“ Zitiert nach: Laqueur: Antisemitismus, a.a.O., S. 37 749 Vgl.: Wagner: Judenthum, a.a.O., S. 196 750 Wagner: Was ist deutsch? A.a.O., S. 130 und 131 4.2 Wagners Judenfeindschaft 173 Wagners Bearbeitung jüdischer Religion in seiner „Antisemitenbroschüre“ – so die häufig fallende Bezeichnung der (zweiten Veröffentlichung der) Schrift über Das Judenthum in der Musik – entspringt vornehmlich seiner Analyse des Kunstbetriebes, die dann im Zuge der Betrachtung diverser konvertierter Künstler vorgenommen wird. Die Bearbeitung beschränkt sich hier auf die Darlegung der Vor- und Nachteile von (religiöser) Konversion. Zum Zwecke der Analyse empfiehlt Wagner die Unterscheidung „gebildeter“ von „ungebildeten Juden“. Als Beispiel für die Gruppe der Erstgenannten wählt er selbstverständlich jüdische Künstler, wie Mendelssohn-Bartholdy, der die Konversion zum Protestantismus751 so deutlich vollzogen hatte, daß er seine Reformationssinfonie schuf, in der auf Luther zurückgehende Choräle verarbeitet sind. Wagner scheint offenbar auch geglaubt zu haben, daß jeder Jude danach strebe, sein Judentum „abzustreifen“, und unterstellt einen Assimilationsdrang der Juden selbst, der sich dann in dem ständigen Bemühen der Verschleierung eines Makels manifestiert: „Der gebildete Jude hat sich die undenklichste Mühe gegeben, alle auffälligen Merkmale seiner niederen Glaubensgenossen von sich abzustreifen: in vielen Fällen hat er es selbst für zweckmäßig gehalten, durch die christliche Taufe auf die Verwischung aller Spuren seiner Abkunft hinzuwirken.“752 Ich betone die Bezeichnung der Juden als „Glaubensgenossen“, die „bekanntlich einen Gott ganz für sich“753 haben, wie Wagner, auf den Erwähltheitsanspruch des Volkes Israel anspielend, bemerkt und verweise auf Wagners Position zur sog. „Jehova-Religion“, die ich unten (Kap. 4.3 vorliegender Untersuchung) betrachte. Die einzig authentische jüdische Kunst – nach den Maßstäben Wagners – wird folgendermaßen beschrieben. Die Argumentation ist insofern konsequent, als sie die genuine Originalität einer Sprache, respektive Musik, respektive Kunst (auf den spezifischen Zusammenhang ist bereits eingegangen worden) ebenfalls auf Verständlichkeit/ Verstehbarkeit („das, was mir deutlich ist“) zurückführt: „Dem jüdischen Tonsetzer bietet sich nun als einziger musikalischer Ausdruck seines Volkes die musikalische Feier seines Jehovadienstes dar: die Synagoge ist der einzige Quell, aus welchem der Jude ihm verständliche volkstümliche Motive für seine Kunst schöpfen kann.“754 Die Verwendung des Begriffes „Tonsetzer“ für jüdische Komponisten suggeriert den in der Schrift behaupteten bloß handwerklichen, d.h.: für Wagner unwürdigen, Charakter „jüdischer“, besser: von Juden gemachter, Musik. Man bedenke die Analogie des Verhältnisses Tonsetzer-Komponist und dem zwischen dem Beruf des „Schriftsetzers“, der nur die Lettern für den Druck setzt, und einem Dichter. 751 In Mendelssohns Familie scheint hingegen die Auffassung gepflegt worden zu sein, daß man „in Wahrheit nicht zum Protestantismus … sondern zu Bach“ – der gelegentlich als Fünfter Evangelist bezeichnet wurde – konvertiert sei. Vgl. Dorn/ Wagner: Die deutsche Seele, a.a.O., S. 307/308 752 Wagner: Judenthum, a.a.O., S. 154 753 Ebd., S. 148 754 Ebd., S. 158, Hervorhebung im Original. 4. Richard Wagner 174 Abschließend ist festzustellen, daß Wagner religiösen Aspekten in den Ausführungen seiner „Judenbroschüre“755 bestenfalls marginale Bedeutung beimaß: „In der Religion sind uns die Juden längst keine hassenswürdigen Feinde mehr, – Dank allen Denen, welche innerhalb der christlichen Religion selbst den Volkshaß [sic] auf sich gezogen haben!“ Die Überarbeitung von 1869 bietet die Erklärung, wer ‚all Diese innerhalb der christlichen Religion’ sind: „Dank unsern Frömmlern und Jesuiten, die allen religiösen Volkshaß auf sich gelenkt haben.“756 Wesentlich für seine Betrachtung hingegen ist der sogenannte „jüdische Kapitalismus“, der eben auch den Handel der „Kunstware“ umfaßt. Regeneration „Wir erkennen den Grund des Verfalles der historischen Menschheit, sowie die Notwendigkeit einer Regeneration derselben; wir glauben an die Möglichkeit dieser Regeneration, und widmen uns ihrer Durchführung in jedem Sinne.“ (Richard Wagner)757 Daß Wagners revolutionärer Impetus vor allem in einer äußerst negativen Bewertung der sozio-politischen Verhältnisse begründet liegt, ist oben gezeigt worden. Im Rahmen der Bestimmung des Wagnerschen Begriffs des „jüdischen Wesens“ ist die Tatsache einer vorgenommenen Erweiterung dieser Bewertung bereits angedeutet. Sie bezieht sich auf die Konzentration aller negativen Tendenzen in Vergangenheit und Gegenwart in das Wesen und Wirken der Juden. Es wurde darauf hingewiesen, daß sämtliche Gesellschaftskritik – allerdings bei Aussparung jeder „jüdischen Problematik“ – mit den umfangreichen weltanschaulichen Schriften vor dem Pamphlet zum „Musikjudenthum“ bereits vorliegt. In den späten Schriften hingegen beschäftigt Wagner sich wieder intensiver mit dem Judentum und berücksichtigt dabei auch die Positionen der Ende der 1870er Jahre aufkommenden „Antisemitischen Bewegung“. In der Tat werden die darin konzipierten „gesellschaftspolitischen Absichten“, die „Wirkungen und Relevanzen“ der Wagnerschen ästhetisch-religiösen Ideologie „zunehmend nebulös“, und bleiben in entscheidenden Fragen „von veritabler Unklarheit“.758 Zu fragen ist, ob und inwiefern die allgemeine Degeneration auf einen „Antagonismus der Rassen“759 zurückzuführen wäre. Eine Antwort birgt das Resultat der 4.2.1.3 755 So Wagner selbst im Rahmen einer Konversation über „Das Judenthum in der Musik“. 756 Wagner: Judentum, a.a.O., S. 144 757 Wagner: Was nützt uns diese Erkenntnis? In: Ders.: Ausgewählte Schriften über Staat und Kunst und Religion, a.a.O., S. 219 758 Vgl.: Friedrich: Wagner – Deutung und Wirkung, a.a.O., S. 160 759 Diese Auffassung ist als Kernstück des Rassismus zu bezeichnen und „impliziert, daß Menschen in Gesamtheiten eingeteilt werden, die durch Vererbung Sondermerkmale körperlicher, psychischer oder kognitiver Art haben, und daß die Sondereigenschaften ‚anderer’ Gruppen extrem disqualifiziert werden. Rasse ist dabei ein Unterbegriff von Menschheit, der die Vorstellung einschließt, alle Mitglieder derselben Rasse hätten durch Vererbung Sondermerkmale, die bei rein gezeugten Nachkommen erhalten bleiben.”, so die Definition Bärschs. In: Ders.: Die politische Religion des Nationalsozialismus, a.a.O., S. 188/189. 4.2 Wagners Judenfeindschaft 175 Wagnerschen Auseinandersetzung des „Essai sur L’ Inégalité des Races Humaines“ vom Grafen Gobineau. Die folgenden Darlegungen betreffen Wagners Vorschläge, wie der allgemeinen humanen Misere, die er konstatiert, zu begegnen sei. Dabei ist – analog zum vorigen Kapitel – zwischen einerseits allgemeinen „Regenerations“-Maßnahmen und andererseits insbesondere die Juden betreffende, abstrus-eigenwilligen Erlösungsanregungen zu unterscheiden, die jedoch nicht losgelöst werden können von den ersteren, sondern deren integraler Bestandteil sind. Die in sittlich-moralischer Hinsicht unheilvollen Konsequenzen tierischer Ernährung sind bereits thematisiert worden. Wagner widerspricht jedoch auch denen, die die kritisierte Ernährungsweise anthropologisch, somit wissenschaftlich, rechtfertigen mögen und dazu, die physische Existenz betreffende Motive anführen. Auffassungen also, „welche tierische Nahrung in nördlichen Gegenden als Pflicht der Selbsterhaltung vorgeschrieben glauben“760, entgegnet er die Beispiele des „durch fast ausschließlich vegetabilische Nahrung nichts an Kraft und Ausdauer einbüßenden“ und darüber hinaus „zu vorzüglich hohem Lebensalter gelangenden“ russischen Bauers und auch des „Japanesen“, der nur Fruchtnahrung kenne und außerdem des „tapfersten Kriegsmutes bei schärfstem Verstande“761 gerühmt werde. Im abnormen Falle, wenn sich zu Hunger der „Blutdurst“ gesellte, werde dem Menschen „zwar nicht Mut, aber das Rasen zerstörender Wut“ eingegeben. Fatalerweise sei jener Durst – im Gegensatz zum Hunger – nie zu stillen.762 In dieser Metapher erschließt sich die von Wagner angenommene ewige Eroberungs- und Unterwerfungsgeschichte der Menschheit, die er durch seine „Ideologie“ zu überwinden trachtet, während Hitler diese Geschichtsbetrachtung unbedingt zur universellen Geltung bringt. Ein Aspekt also, der dem Trachten und Sinnen der selbsterkorenen nationalsozialistischen Adepten zutiefst zuwiderläuft. In solchermaßen obsessivem Vegetarismus besteht, wie bereits oben erwähnt, eine „Übereinstimmung der auffälligsten Art“ zwischen Wagner und Hitler, wie Joachim C. Fest bemerkt763, wenn auch von den von Wagner angenommenen „erlösenden“ Wirkungen bei Hitler nichts geschrieben steht. Kommt die degenerative Menschheitshistorie, die gleichsam eine „Raubtier-Karriere“ abbildet, dem Verlust des Paradieses gleich, so schlägt Wagner vor, den „dem entgegenwirkenden Versuchen zur Wiederauffindung des ‚verlorenen Paradieses’“764, d.h.: Regenerationsbestrebungen, nachzugehen. Oeser erfasst das grundsätzliche Mißverständnis, auf dem die Pseudologik des Rassismus-Konzeptes basiert, in der „falschen Gleichsetzung typologischer Begriffe mit klassifikatorischen [z.B. ‚Hautfarbe’]“. Hingegen sei als: „natürliche Klasse nur der Homo sapiens anzusehen, während Rassen, Stämme und Völker nur infraspezifische Varietäten darstellen, die schon wegen der Vermischung durch Heirat nur schwer oder überhaupt nicht voneinander als geschlossene natürliche Fortpflanzungsgemeinschaften abzutrennen sind.“ Oeser: Nationalismus und Rassismus, in: Ders.: Die Angst vor dem Fremden, a.a.O., S. 346 760 Wagner: Religion und Kunst, in: Richard Wagner. Mein Denken, a.a.O., S. 385 761 Ebd. 762 Vgl.: Ebd., S. 386 763 Fest: Hitler, a.a.O., S. 75 764 Wagner: Religion und Kunst, a.a.O., S. 386 4. Richard Wagner 176 Entsprechend betrachtet er erstens die „Vereine der sogenannten Vegetarianer“. Diese haben den „Kernpunkt [!] der menschlichen Regenerationsfrage des menschlichen Geschlechts unmittelbar in das Auge gefaßt“. Zweitens richtet er den Blick auf die den erstgenannten „zunächst stehenden Vereine zum Schutze der Tiere“ und drittens auf die sogenannten „Mäßigkeitsvereine“, deren Gegenstand der Kampf gegen die „Pest der Trunksucht“ ist, die sich über „alle Leibeigenen der modernen Kriegszivilisation als letzte Vertilgerin“765 aufgeworfen habe, insofern sie, die Trunksucht, dem Staate auch noch Fiskalerträge erzeuge. Ihnen allen gemein, damit ihre Unwirksamkeit begründend, ist das Verkennen ihrer eigentlichen „regeneratorischen“ Grundgedanken, die Wagner, auf seine Weise sendungsbewußt, transformieren will. Denn, so das Wagnersche Verdikt, die Vegetarier seien bloß durch „persönliche diätetische Rücksichten“, die Tierfreunde durch desgleichen unwürdige – da im Sinne Wagners letztlich wohl egoistisch zu nennende –, weil „persönliche“ Tierfreundschaft motiviert. Die scheinbaren Streiter wider die Trunksucht schließlich interessierten sich tatsächlich aber nur für die Steigerung des Arbeitswertes der oben als „Leibeigene“ bezeichneten Lohnarbeiter, denen, vor allem aus Gründen „wohlfeilerer Assekuranz“ im Sinne ökonomischen Interesses, der Konsum von Alkohol versagt werde.766 Wagner distanzierte sich klar von organisierten sozialistischen Bewegungen. Einer „sozialistischen“ Auffassung der sozio-politischen Verhältnisse hingegen ist er stets geneigt geblieben. Demgemäß versteht er das „Grollen des Arbeiters, der alles Nützliche schafft“ und davon den „geringsten Nutzen“ ziehe, als die Erkenntnis der „tiefen Unsittlichkeit unserer Zivilisation“. Weil ein so begriffener Sozialismus die „durch unsere Zivilisation ausgebildete Gesellschaft“, die „Berechtigung dieser Gesellschaft“ in Frage stellt, ist er wichtiger Bestandteil der erstrebten „innigen und wahrhaftigen Vereinigung“ mit den drei genannten Bewegungen, die auf eine „verständnisvolle Durchdringung der tieferen Tendenz“ ihres regenerativen Potentials folgen soll. Einer solchen Vereinigung mißt Wagner eine enorme Tragweite bei, erweckt sie doch nicht weniger als seine „Hoffnung auf den Wiedergewinn einer wahrhaften Religion“.767 In Reaktion auf die jeweils diagnostizierten zivilisatorischen Mißstände, die Tiermord, Fleischnahrung, Besitzlosigkeit und Zinswirtschaft entwüchsen, setzt Wagner auf die regenerative Wirksamkeit einer Phalanx aus – im Sinne Wagners geläuterten – Vegetariern, Tierschützern und „Mäßigkeitsvereinen“, die, getragen von sozialistischen Ideen und auf dem Boden einer „wahrhaften“ Religion, die „Kraft zur Ausführung der großen Regeneration“ entwickele.768 Als zusätzlicher Kraftquell fungiert ein vehement eingeforderter Pazifismus, der einen Reflex auf die Gesellschaftsform, die als „Kriegszivilisation“ wahrgenommen wird, darstellt. Er besteht in der Forderung vollständigen Ausschlusses von Gewalt bei 765 Ebd., S. 387 766 Vgl.: Ebd. 767 Vgl.: Ebd., S. 388 f. Und zwar in durchaus nachvollziehbarer Weise, denn Tiermord und tierische Ernährung, Besitzlosigkeit („enterbte Geburt“) sind für Wagner, wie oben gezeigt, vor allem Indikatoren für den „Verderb der Religion“. 768 Vgl.: Ebd., S. 391 4.2 Wagners Judenfeindschaft 177 Wagners „Weg zu einem höchst wohlgeordneten Zustand der künftigen Menschheit“, der vor allem deshalb wohlgeordnet sein würde, weil „in ihm Religion und Kunst zur einzig richtigen Geltung“769 kämen. Die „wahre Religion“ und die „wahre Kunst“ sind bei Wagner vor allem deshalb nicht zu trennen, weil beide „wahrer Sittlichkeit“ entsprängen. Auch daher kommt Wagner, seinem Selbstverständnis gemäß, in seinem Beruf oder besser, seiner Sendung als Künstler besonderes Regenerationspotential zu. Und darum enthält das Regenerationsfeld neben der politischen immer auch die Sphäre der Kunst.770 Joachim C. Fest nennt dies den „feierlichsten Gedanken“ Wagners, „…die große Utopie der Vereinigung von Politik und Ästhetik, die Ersetzung der Religion durch die Kunst mit vorerst ihm selber als Künstler-Prophet, Hohepriester der versöhnten Welt und Geburtshelfer des Neuen Menschen.“771 Schließlich ist hervorzuheben, daß zur Wagnerschen Vision der Regeneration der Menschheit vor allem auch die Aufhebung des „Antagonismus’ der Rassen“ rechnet. Bleibt allein die Frage: Wie glaubt Wagner dieser kolossalen Ambition gerecht werden zu können, als die er sein Ansinnen trotz seines gigantischen Selbstbewußtseins sicher empfunden haben sollte? Diesbezüglich wird ein ebenso gewaltiges Urbild eingeführt. Es ist ein allen Angehörigen der menschlichen Gattung Gemeinsames – die Leidens- und Mitleidensfähigkeit. Als deren superlativer Inkarnation konnte nur auf Jesus Christus verwiesen werden. Sind die bisher angeführten Regenerations-Vorschläge als konkrete Handlungsanweisungen zu verstehen, basiert die „rassische“ Regenerationskomponente auf Einsicht. Vor dem Hintergrund seiner „wahren Religion“ verwirft oder zumindest relativiert Wagner die auf dem Rassismus Gobineaus basierenden Ideen. In letzter Konsequenz führt die Erkenntnis seines „wahren Christentums“, die im Wesentlichen die Erkenntnis des menschlich Gemeinsamen impliziert, zur Abkehr von jeder Idee rassistischer Distinktion mitsamt einhergehender Implikationen der Ungleichwertigkeit. Es ist dies nicht schlicht die nüchterne Absage des Unüberzeugten. Ein nachgerade frömmelnder Wagner verleiht der „rassischen Frage“ im religiösen Kontext gar sakrilegische Züge: „Das Blut des Heilandes, von seinem Haupte, aus seinen Wunden am Kreuze fließend, – wer wollte frevelnd fragen, ob es der weißen, oder welcher Rasse sonst angehörte? Wenn wir es göttlich nennen, so dürfte seinem Quelle ahnungsvoll einzig in dem, was wir als die Einheit der Gattung ausmachend bezeichneten, zu nahen sein, nämlich in der Fähigkeit zu bewußtem Leiden.“772 Hinsichtlich der, zur wichtigsten erklärten, gattungsspezifischen Qualität will Wagner also keinen Unterschied zwischen der „weißen und sonst welcher Rasse“ machen. Der antagonistische Rassen-Dualismus Hitlers ist, auch über den Umweg der Überlegungen Chamberlains und Rosenbergs, damit unvereinbar – die These vorliegender 769 Vgl.: Ebd., S. 398 770 Vgl.: Ebd., S. 397 f. 771 Fest, Joachim C.: Um einen Wagner von außen bittend. Zur ausstehenden Wirkungsgeschichte eines Großideologen, a.a.O., S. 281 772 Wagner: Heldentum und Christentum, in: Gregor-Dellin, Martin (Hrsg.:): Richard Wagner. Mein Denken, a.a.O., S. 405, Hervorhebung des Verfassers 4. Richard Wagner 178 Untersuchung. Die blutsmäßige Regeneration – auch die „Lösung“ der „Rassenfrage“ –, die Erlösung schlechthin, besteht in Wagners Augen in der Erkenntnis einer, dem Vergessen anheimgefallenen, einstmals bereits geschehenen ultimativen Erlösung der Menschheit und rekurriert also auf eine Art Golden Age-Phantasma. In der angestrebten „Ästhetischen Weltordnung“ findet sich keinerlei antisemitische Substanz. Es muß deshalb angenommen werden, daß Wagner in der Rückbesinnung, folglich in einer gattungs-geistigen Kollektiv-Anamnese, ein wesentliches Moment der Regeneration vermuten will. Die Lektüre seiner Schriften und der aufmerksame Besuch seines Parsifal773, somit die Teilhabe am Weihefestspiel, mögen wohl zusätzlich dazu beizutragen haben: „Das in jener wundervollen Geburt sich sublimierende Blut der ganzen leidenden menschlichen Gattung konnte nicht für das Interesse einer noch so bevorzugten Rasse fließen; vielmehr spendet es sich dem ganzen menschlichen Geschlechte zur edelsten Reinigung von allen Flecken seines Blutes.“774 Die Wagnersche Prophetie der bevorstehenden Erlösung (die zugleich eine Rückschau auf den durch Opfertod zum Erlöser gewordenen Jesus Christus ist) bedarf Niemandes physischer Vernichtung; im Gegenteil, die dort dem Holocaust zum Opfer Gewordenen, sind hier (jedenfalls theoretische, potentielle oder virtuelle) Partizipanten einer universellen Erlösung. Im Übrigen sind Wagners Vorschläge in Bezug auf zeitgenössische Antisemitika wie z.B. der Judenspiegel, publiziert von Hartwig von Hundt-Randowsky, zu gewichten. Vorstellungen, „die Juden auszurotten, sie aus Deutschland zu vertreiben“, „Jüdinnen ins Bordell zu stecken, die Juden zu kastrieren“ oder „sie an die Engländer zu verkaufen, die sie in ihren Kolonien als Sklaven vermarkten sollten“775, sind also schon im Jahre 1819 geäußert worden und leisteten anschließender pogromartiger Eskalation Vorschub. Wagner könnte dergleichen also durchaus zur Kenntnis genommen haben, macht es sich aber in keiner Weise zu eigen. Die „Antisemitische Bewegung“ sowie Wagners daraus resultierende Erlösungs- Offerten Die in der paranoiden Zwangsvorstellung Wagners von Juden ausgehende „Gefahr“ beinhaltet eine offensive und eine opportunistische Komponente. Er sieht zum einen den für tatsächlich und sichtbar gehaltenen Vorgang des „Eindringens eines allerfremdartigsten Elementes in das deutsche Wesen“. Zum anderen stellt er fest, daß „der Jude den Völkern Europas überall zeigen zu sollen scheint“, wo diese „einen Vorteil 4.2.2 773 Der Vermutung, Wagner habe seinen Parsifal infolge der Lektüre der Rassismus-Schrift Gobineaus entwickelt, hat bereits Gregor-Dellin widersprochen: „Wie sich aus der chronologischen Darstellung der letzten Lebensjahre [ergibt], ist die Behauptung, Richard Wagner sei ein Opfer von Gobineaus Rassentheorie geworden, kaum zu halten. Dazu lernte er ihn viel zu spät kennen (…) – aber der Parsifal war längst fertig, sein Werk blieb davon gänzlich unberührt … “ Gregor-Dellin: Wagner, a.a.O., S. 769 774 Ebd., S. 407 775 Vgl.: Schoeps: Weg als deutscher Jude, a.a.O., S. 293 4.2 Wagners Judenfeindschaft 179 unerkannt und unausgenutzt ließen“776, um selbst von ihm zu profitieren, wie zu ergänzen ist. Das bisher Referierte ist einer Judenfeindschaft zuzuordnen, der wesentlich mammonistisch, künstlerisch-kulturell und quasi-religiös motiviert ist. Die späten Schriften stellen eine ideologische ‚Inventur’ dar, die Wagner vor dem Hintergrund „aufkommender gegenwärtiger Bewegungen“ geboten scheint. Denn gegen Ende der 1870er Jahre hat der Schriftsteller Wilhelm Marr ein neues „politisches Schlagwort“777 in die gesellschaftliche Debatte eingeführt, i.e. Antisemitismus. Da die antisemitische Bewegung sich regt778, und Wagner später neben der Bekanntschaft mit der Schrift über die Rasse-Differenzen auch die persönliche des Grafen Gobineau macht, sieht er sich wohl veranlaßt, seine diesbezügliche Position zu klären. Also taucht in Erkenne Dich selbst! erstmals ein Gedanke auf, den auch Wagner als maßgebliche Überzeugung der Anhänger jener Bewegung zu betrachten scheint: „Man spricht von dem Antagonismus der R a s s e n “779 (als Ursache der verderbten Zivilisation, der „Degeneration“, wie vervollständigt werden kann). Wagner empfiehlt indes, daß „wir uns denn deutlich zu machen hätten, in welchem Verhältnisse hier bestimmte menschliche Geschlechtsarten zueinander“780 stünden. Wagners erklärtes diesbezügliches Interesse an der Frage, ob die „Mischung der Rassen“ oder aber deren „Reinhaltung“ anzustreben sei, bestehe darin herauszufinden, welches für eine „fortschrittliche Ausbildung der Menschheit“781 wünschenswerter sei. Zu diesem Zweck rekonstruiert er die historischen Voraussetzungen, die seines Erachtens dazu führten, daß das deutsche Volk – „dem Eindringen der Juden wehrlos ausgesetzt“ –, dem nun fortwährend beklagten „Verfall“ preisgegeben worden sei. Hitler, Chamberlain und Rosenberg verweisen im Zuge ihrer „rassentheoretischen“ Grundlagen auf vermeintliche Erkenntnisse einer genetischen Vererbungs- oder Vermischungslehre. Wagners etwaige Haltungen zu Fragen der Vererbungslehre, welcher „Rasseteil“ in rassischen „Mischprodukten“ dominant oder rezessiv wird, lassen sich allenfalls aus seinen mythischen Adaptionen herauspräparieren: Rosendorfer bestätigt Wagner, daß dieser bei aller schöpferischer Freiheit, die Wagner gegenüber der Nibelungensage walten läßt, in einer Hinsicht die diesbezügliche „germanisch-rechtliche Auffassung ... bewußt berücksichtigt oder richtig erraten“ habe, indem auch in seiner, Wagners, Dichtung das mythologische Prinzip – „das Kind folgt der ‚minderen Hand’“782 776 Wagner: Was ist deutsch? A.a.O., S. 130 777 So Hans Fenske über die Bedeutsamkeit von Marrs Schrift „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum“. Vgl.: Fenske, Hans: Politische Theorien im 20. Jahrhundert, in: Lieber: Politische Theorien, a.a.O., S. 805 (Siehe dazu auch das Kapitel „Aspekte des Antisemitismus“ vorliegender Untersuchung.) 778 1880 wurde Wagner von Bernhard Förster (dem Bruder der Frau Friedrich Nietzsches) die Beteiligung an einer Kampagne in Form einer „Massenpetition gegen das Überhandnehmen des Judentums“ angetragen, die Wagner, seine Unterschrift verweigernd, allerdings ablehnte. Vgl.: Gregor- Dellin: Wagner, a.a.O., S. 786 779 Wagner: Erkenne Dich selbst! a.a.O., S. 225, Hervorhebung im Original 780 Ebd. 781 Ebd. 782 Vgl.: Rosendorfer: Wagner, a.a.O., S. 195/196 4. Richard Wagner 180 – gewahrt werde. Das Kind Adliger mit Unfreien sei unfrei. Das Kind von Göttern mit Menschen, ist nicht Halbgott, sondern weiterhin Mensch. Ganz in diesem Sinne – wie an anderer Stelle bereits bemerkt –, wurden in der Realität nationalsozialistisch implementierter Politik nicht „Halbarier“, sondern stets „Halbjuden“ erkannt, wenn Kinder aus „rassischen“ Mischehen betrachtet wurden, was den Tatbestand der sog. „Blutschande“ erfüllte. (Als Ausnahme dieser Logik erscheint – einzig? – Jesus Christus, obwohl zu bemerken ist, daß freilich ein anderer Zeugungsprozeß zugrunde gedacht wird.) Die folgende „rassenhistorische“ Skizze belegt erneut die These der „Ausnützung bereits degenerierter Verhältnisse“ durch Juden. Es ist wiederum der Dreißigjährige Krieg, der den Ausgangspunkt einer schicksalsschweren Umwälzung markiere, die in eine „beispiellose Menschenverwüstung“ gemündet sei. Wagner meint damit eine Art „Völkervermischung“, die in den Folgen der massenhaften, planmäßigen Vergewaltigung der weiblichen deutschen Bevölkerung durch marodierende „Wallonen, Kroaten, Spanier, Franzosen und Schweden“ besteht, während die männliche deutsche Bevölkerung weitgehend „ausgerottet“ worden sei.783 In der Konsequenz dieser Verheerungen bildeten nur mehr „degenerierte Slaven784 [sic] und entartete Deutsche“ den „Boden der Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts“. Dem Adel kommt in dieser Konstruktion eine besondere Rolle zu, insofern er „in seinem persönlichen Bestande verhältnißmäßig [sic] wenig angegriffen“ sei. Dieser habe sich mit dem Volke – das mit Wagner als verhältnismäßig viel angegriffen gelten muß und daher kein ‚echtes’ deutsches Volk ist – „kaum mehr als geschlechtlich Zusammengehöriges“ gefühlt. Während „in vorangehenden Geschichtsepochen“ seine wichtigste Fähigkeit darin bestand, „nach empfindlichen Schwächungen des Nationalgehaltes“ den „rechten [also: richtigen] Geist immer wieder zu beleben“.785 Auf eben jenem Boden habe sich nun („in unseren Zeiten“) „der Jude recht zuversichtlich ansiedeln“ können. Diese Entwicklung nicht nur nicht verhindert, sondern durch Kooperation („da selbst Fürst und Adel ihr Geschäft mit ihm [dem Juden] zu machen nicht mehr verschmähen“) gar befördert zu haben, bedeutet das diesbezügliche Versagen des Adels.786 Wagners „rassentheoretische“ Hauptfrage lautete, ob „Mischung oder Reinerhalt“ der Rassen für die „fortschrittliche Ausbildung der Menschheit“ zweckmäßiger sei? Eine erste, auf das deutsche Volk bezogene, Antwort hieß, daß dessen Mischcharakter sich äußerst negativ ausgewirkt habe. Es bleibt nunmehr zu prüfen, ob und inwiefern eine „rassische“ Integrität von Nutzen für das stets insgesamt fokussierte „Menschengeschlecht“ sein kann. Hierfür betrachtet Wagner das seines Erachtens „erstaunlichste Beispiel von Rassenkonsistenz, welches die Weltgeschichte noch je geliefert hat“.787 Es sei dies das Beispiel „des Juden“, dessen „Naturell“, wie Wagner ehedem erkannt haben will, in „besonderer 783 Vgl.: Wagner: Erkenne Dich selbst! a.a.O., S. 226 784 Es handelt sich hier nicht um einen fehlerhaften Abdruck des Begriffes „Sklaven“, sondern um die eigenwillige Schreibweise des Wortes „Slawen“. 785 Ebd. 786 Vgl.: ebd., S. 227 787 Ebd. 4.2 Wagners Judenfeindschaft 181 Hartnäckigkeit“788 bestehe. Eine bemerkenswerte Anerkennung der Jahrhunderte währenden Kompaktheit, einer „rassischen“ oder „völkischen“ oder „religiösen“ Konsistenz des jüdischen Kollektivs ist also sowohl bei Wagner als auch bei seinen zweifelhaften Epigonen nachweisbar. Tradiert und modifiziert wird dieser ideologische Aspekt auch durch Chamberlain und Rosenberg. Vermöge eines „sicheren Instinktes seiner absoluten und unverwischbaren Eigenartigkeit“ sei er befähigt, durch ein „unfehlbares Sich-immer-wiederfinden“ jeder Vermischung zu trotzen, „immer kommt ein Jude wieder zutage“.789 Es sind – so viel ist vorwegzunehmen – allerdings nicht „rassische Urelemente“ (Chamberlain, Rosenberg und Hitler), die die „rassische“ Geschlossenheit „durch alle Völker, Länder und Sprachen hindurch“, (i.e.: „Vermischung“), „ohne Vaterland, ohne Muttersprache“790 gewährleisten, sondern es sei „Instinkt“. Diesbezüglich befinde sich die „deutsche Rasse“791 gegenüber der jüdischen in einem „ganz unausgleichbar dünkenden Nachteil“. Denn ein spezifisch-deutscher „Rasseinstinkt“ sei, wie gezeigt, eben nicht vorhanden. Demgemäß plädiert Wagner auch nicht (!) dafür, an das „Wiedererwachen“ eines solchen zu appellieren – dies zu fordern, unterstellt er implizit der zeitgenössischen antisemitischen Bewegung, dies ist vor allem das Rezept der Nationalsozialisten –, sondern einem „weit höheren Triebe nachzuforschen“.792 Dieser höhere Instinkt, der im Sinne des Titels der Schrift ein „Sich-Selbst-Erkennen“ zum Ziel hat, sei vom „Geist reiner Menschlichkeit“ beseelt. Wagner erteilt neben der antisemitischen auch allen anderen politischen Strömungen seiner Zeit793 eine Absage und rekurriert indirekt auf sein einstmaliges Postulat der „Menschheitsrevolution“, das neuerdings folgendermaßen formuliert wird: „Wir, die wir zu keiner aller jener Parteien gehören, [müssen] unser Heil einzig in einem Erwachen des Menschen zu seiner einfach-heiligen Würde suchen.“794 Der Lektüre des Versuchs über die Ungleichheit der Rassen entnimmt Wagner die Erkenntnis, „daß das menschliche Geschlecht aus unausgleichbar ungleichen Rassen“795 bestehe. Der oben eingeführten These der „antisemitischen Bewegung“, die ein antagonistisches Verhältnis der Rassen unterstellt, stimmt Wagner nur bedingt zu. Zwar „beherrsche“ die „edlere die unedlere“ Rasse, aber durch „Vermischung“ mache sie 788 Wagner: Judentum in der Musik, a.a.O., S. 150 789 Wagner: Erkenne Dich selbst! A.a.O., S. 227, Hervorhebung A.S. 790 Ebd. 791 Ich weise darauf hin, daß Wagner die Begriffe „Rasse“ und „rassisch“ vor allem verwendet, weil sie zum Vokabular „jener neuen Bewegung“, der antisemitischen Bewegung u.a. des Bernhard Förster oder Wilhelm Marr gehören, und mit einem Rassismus, wie Hitler und seine Vordenker ihn verstanden haben mögen, nicht kompatibel ist. 792 Wagner: Erkenne Dich selbst! A.a.O., S. 228 793 „Was ‚Konservative’, ‚Liberale’ und ‚Konservativ-Liberale’, endlich ‚Demokraten’, ‚Sozialisten’ oder auch ‚Sozialdemokraten’ usw. gegenwärtig in der Judenfrage hervorgebracht haben, muß uns ziemlich eitel erscheinen, denn das ‚Erkenne-Dich-selbst’ wollte keine dieser Parteien an sich erprüfen, selbst nicht die undeutlichste, und deshalb einzig deutsch sich benennende ‚Fortschritts’-partei.“ Ebd.: S. 229/230 794 Ebd., S. 230, Hervorhebung des Verf. 795 Wagner; Richard: Heldentum und Christentum, in: Gregor-Dellin, Martin (Hrsg.): Richard Wagner. Mein Denken. Eine Auswahl der Schriften, München 1982, S. 400 4. Richard Wagner 182 (die edlere) sich die unedlere nicht gleich, sondern sich selbst nur „unedler“796. Dieser pseudo-mendelsche Rassenkreuzungs-Unsinn – man fragt sich, woher diese „Theoretiker“ eigentlich wissen, daß und wie sich dominante und rezessive „Erbanlagen“ in diesen Hinsichten auswirken – ist auch weiterhin, für völkische und nationalsozialistische Autoren, nachzuweisen. Ein wesentlicher Unterschied besteht allerdings darin, daß hier nicht von „jüdischer“, sondern im Sinne Gobineaus von „gelber und schwarzer“ Rasse, als Repräsentanten des „Unedlen“, die Rede ist. Der Begriff der „arischen“ Rasse wird von Wagner, wenn auch nur einmalig, etymologisch sinnvoll („arisch“=„edel“) verwendet. Interessanterweise liege die Ursache (im Sinne der Fragestellung, die „Schuld“) an der zu „Schwächung“ und „Verfall“ führenden Vermischung nicht bei den „unedlen“ Rassen, mithin auch nicht bei den Juden: „Der Verderb der weißen Rasse leitet sich nun aus dem Grunde her, daß sie, unvergleichlich weniger zahlreich an Individuen als die niedrigeren Rassen, zur Vermischung mit diesen genötigt war…“797 Obwohl Wagner also der Idee einer Ungleichwertigkeit der Rassen vorläufig zustimmt, sei bei einem „Überblick aller Rassen die Einheit der menschlichen Gattung unmöglich zu verkennen“.798 Das allen Angehörigen der menschlichen Gattung Gemeinsame bestehe in der Fähigkeit zu „bewußtem Leiden“; in eben dieser Fähigkeit sei die „Anlage zur höchsten moralischen Entwicklung“799 zu erfassen. Der Vorzug der „weißen Rasse“ bestehe in besonders intensiver Leidensfähigkeit, deren Höhepunkt – die drastischste Bereitschaft zu Leiden, i.e.: das Selbstopfer – in der Person Jesu Christi erreicht ist: „Fanden wir nun dem Blute der sogenannten weißen Rasse die Fähigkeit des bewußten Leidens in besonderem Grade zu eigen, so müssen wir jetzt im Blute des Heilands den Inbegriff des bewußt wollenden Leidens selbst erkennen, das als göttliches Mitleiden durch die ganze menschliche Gattung, als Urquell derselben, sich ergießt.“800 Die Vorstellung ubiquitären Leidens ist das Komplement zu Wagners Wille einer allumfassenden (und auch Alle umfassenden) Erlösung. Auch „der allmächtige Gott selbst [sei] dem Leiden unterworfen“, ein weltanschauliches Element, das Kurt Flasch als „tragizistische Idee“801 Schopenhauers und daraufhin Wagners bezeichnet. Die Frage, wie substantiell und wie dauerhaft die ideelle Gefolgschaft Wagners für Schopenhauer zu werten sei, ist immer noch von Interesse.802 Die Analyse der Schriften 796 Vgl.: Ebd. 797 Ebd., S. 401 798 Ebd., Hervorhebung im Original 799 Ebd. Der Zusammenhang von bewußter Leidensfähigkeit und moralischer Entwicklung ist hier nicht zu ergründen. Wichtig ist, daß die besagte Fähigkeit für Wagner die Grundlage der Legitimation der Überlegenheit der „weißen Rasse“ darstellt. 800 Ebd., S. 405; Hervorhebung des Verfassers. Leidensfähigkeit, die zu Mitleid erst befähigt, ist – mit Wagner – die exklusive menschliche Qualität. Desgleichen bereits Thomas Morus, der sehr ähnlich das „Mitleid, [als] das menschlichste der Gefühle unserer Natur“ begreift. Vgl.: Morus, Thomas: Utopia [1516], Stuttgart 2003, S. 61 801 Flasch, Kurt: Warum ich kein Christ mehr bin, a.a.O., S. 178 4.2 Wagners Judenfeindschaft 183 Wagners ergibt einige klar zuzuordnende Anleihen (Vgl. z.B. Kap. 4.1.4 vorliegender Untersuchung) in den theoretischen Schriften, die lebenslang aufrechterhaltene Bewunderung Schopenhauers durch Wagner ist allgemein unstrittig. Insbesondere die metaphysische Bedeutung, die Schopenhauer der musik-ästhetischen Sphäre beimißt803, ist und bleibt für Wagner über alle Maßen inspirierend.804 Eine in das politische Feld hineinreichende, ausgesprochen „reaktionäre“ Haltung ist vor allem aus der skeptizistischen Grundfärbung der Schopenhaurschen Leidens- Philosophie abzuleiten. Denn alles Leid sei vor allem zu ertragen, die Änderung der Welt bedeute (nur oder zumindest wahrscheinlich) Verschlechterung und somit die Negation jedweden politischen Aktionismus’, die auch für Wagner feststellbar ist. Besondere Fähigkeiten implizieren Wagners Moralverständnis zufolge besondere Verantwortlichkeiten, wie bereits am Beispiel des Adels belegt werden konnte. Die „weiße“ Rasse hingegen habe, unter Vernachlässigung ihrer Verantwortung (nämlich zur „Erlösung“ beizutragen) mit Hilfe ihrer besonderen Begabungen, gewissermaßen korrumpiert, die „Degeneration“ der Weltordnung zugelassen: „Das eine haben wir festzuhalten, daß, wie die Wirksamkeit der edelsten Rasse durch ihre, im natürlichen Sinne durchaus gerechtfertigte, Beherrschung und Ausbeutung der niederen Rassen, eine schlechthin unmoralische Weltordnung begründet hat.“805 Und weiter, um die Zusammenfassung zu vervollständigen, ist die „Degeneration“ der Menschengattung auf zwei Komponenten zurückzuführen: Einerseits auf „Tiermord“806, dem tierische Ernährung und Menschenmord unwiderstehlich nachfolgen, und andererseits auf „gemischte Fortpflanzung“: 802 Hierzu beispielsweise Duncker: Wagner-Rezeption in SBZ und DDR, a.a.O., der das weitverbreitete Verfahren der Dichotomisierung der Wagnerschen Weltanschauung in eine (frühe) revolutionäre und (späte) reaktionäre Phase, vor allem in den Beginn der Schopenhauer-Rezeption Wagners setzt. Vgl.: ebd. S. 109 ff. 803 Die Musik unterscheide sich von allen anderen Künsten insofern sie nicht, wie die übrigen das Erscheinende bloß abbilde, sondern unmittelbar den Willen darstelle und so das Metaphysische und sogar das Kantsche Ding an sich „darstellt“. Vgl.: Schopenhauer: Welt als Wille, a.a.O., §. 52, S. 378 804 Thea Dorn und Richard Wagner (*1952) machen im Hinblick auf die Schopenhauer-Anleihe Wagners auf folgenden bemerkenswerten Umstand aufmerksam, und legen eine Mißrezeption oder zumindest eine Überinterpretation der Schopenhaurschen ästhetischen Metaphysik durch Wagner nahe: „Das Ansinnen, mit Musik Politik zu betreiben, hätte Schopenhauer – der nie eine Wagner-Oper gehört haben dürfte – für Missbrauch gehalten. Zwar traute er der Musik zu, eine zweite, erträglichere Welt zu schaffen – aber nur, solange sie ein ganz und gar selbständiges Reich blieb, fernab von allen außermusikalischen Ambitionen. Schopenhauer überhöhte die Musik metaphysisch, nicht politisch. Nirgends mutete der Philosoph – der im Mitleid das einzige Gegengift sah, das die Menschheit daran hindern konnte, sich gegenseitig zu quälen und zu meucheln – der Musik eine gesellschaftskritische oder gar -verbessernde Funktion zu.“ Dorn/ Wagner: Die deutsche Seele, a.a.O., S. 324. Infolge eigener Schopenhauerlektüre ist man an die eigenmächtig angetretene Wagner-Jüngerschaft Hitlers/Rosenbergs/Chamberlains als die Schopenhauer-Jüngerschaft Wagners erinnert. 805 Wagner: Heldentum und Christentum, a.a.O., S. 408 806 Wiederum Thomas Morus hat den Zusammenhang der Schlachtung von Tieren mit der Gefahr der Zersetzung der menschlichen Kardinalqualität – „Mitleid“ – bereits vorgedacht: Tiere seien von Knechten zu schlachten, da „Bürger sollen sich nicht an das Schlächterhandwerk gewöhnen, wodurch, wie sie [die Utopier] der Ansicht sind, das Mitleid, das menschlichste der Gefühle unserer Natur, allmählich abgestumpft werde und schwinde…“ Morus: Utopia, a.a.O., S. 61 4. Richard Wagner 184 „Suchten wir ihren Verfall [der menschlichen Geschlechter] uns aus einem physischen Verderbe zu erklären, und hatten wir hierfür die edelsten Weisen aller Zeiten zu Stützen, welche die gegen die ursprüngliche Pflanzennahrung eingetauschte animalische Nahrung als Grund der Ausartung erkennen zu müssen glaubten, so waren wir notwendig auf die Annahmen einer veränderten Grundsubstanz unseres Leibes geraten, und hatten aus einem verderbten Blute auf die Verderbnis der Temperamente und der von ihnen ausgehenden moralischen Eigenschaften geschlossen.“807 Aus den genannten Gründen ist die „jüdische Frage“ der „Zivilisationsfrage“ in Wagners Weltanschauung durchaus unterzuordnen. Ich gehe nun über zu den bereits eingangs erwähnten, in jeder Hinsicht absonderlichen Anregungen, welche die gemäß Wagners Ideologie der Erlösung bedürftigen Juden betreffen. Auch diese beruhen auf Einsicht und Erkenntnis, und bestehen unter anderem in der frechen Forderung an seine jüdischen oder dafür gehaltenen Mitmenschen, „aufzuhören, Jude zu sein“, um der Erlösung teilhaftig zu werden. Bemerkenswert ist diese Option allemal, weil in der nationalsozialistischen Exterminationslogik für Juden, Menschen mit jüdischen Vorfahren oder jüdischen Glaubens keine Möglichkeit bestand, aufzuhören, Jude zu sein, nicht zuletzt, weil der Jude „niemals von seiner Anschauung zu befreien“808 sei. Die im folgenden Abschnitt behandelten Äußerungen sind die wesentlichste Ursache für die Interpretationen, die in Richard Wagner den (W-)Ahnherrn des Mordes an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten erkennen. Die Konstruktion von Erlösung, die auf Emanzipation folgt, erweist sich als ambivalent.809 Sie betrifft sowohl die der Juden selbst, als auch die „Erlösung vom Judentum“. Auf der Grundlage der Annahme, die Juden selbst intendierten ihre Teilhabe an der Erlösung der Menschheit, folgert Wagner: „Aus seiner Sonderstellung als Jude trat er [das Pronomen bezeichnet hier den Kollektivsingular Der Jude] Erlösung suchend unter uns: er fand sie nicht und mußte sich bewußt werden, daß er sie nur mit auch unsrer Erlösung zu wahrhaften Menschen finden können würde.“810 Daraus resultiert, daß Wagner sowohl die Juden, als auch die Deutschen, wie im Übrigen alle Menschen für erlösungsbedürftig, somit (noch) nicht „wahrhafte Menschen“ erachtet. Diese Auffassung entspricht seinem Postulat der „Menschheitsrevolution“ vollkommen, die immer allumfassend – „nur mit auch unsrer Erlösung“ – gedacht ist. Der „Beitrag“, den die Juden selbst zum Wagnerschen Erlösungswerk zu leisten hätten, wird wie folgt konkretisiert: 807 Wagner: Heldentum und Christentum, a.a.O., S. 400 808 Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 66. John Rawls macht auf die komplementäre identitäre Exklusivität aufmerksam, so daß man „im Nazismus“ auch „nicht auf Wunsch zum ‚Arier’ werden“ könne. Man werde „kraft Geburt aus- oder eingeschlossen.“ Vgl.: Rawls, John: Über Sünde, Glaube und Religion, Berlin 2010, S. 232/234 809 Vgl. dazu auch meine Auseinandersetzung zu „Das Judenthum in der Musik“ (Kap. 4.2.1.2 vorliegender Untersuchung), in der der wechselseitige und eigentlich komplementäre Zusammenhang der „Emanzipation des Judentums“ und der „Emanzipation von dem Drucke des Judentums“ erwähnt ist. 810 Wagner: Das Judentum in der Musik, a.a.O., S. 173, Hervorhebung im Original 4.2 Wagners Judenfeindschaft 185 „Gemeinschaftlich mit uns Mensch werden, heißt für den Juden aber zu allernächst so viel als: aufhören, Jude zu sein.“811 Chamberlain scheint in seiner Arischen Weltanschauung – siehe ausführlich das anschließende Kapitel – direkten Bezug zu diesem Wagnerschen Ideologem der „gemeinschaftlichen Erlösung“ zu nehmen. Wegen der auch dem Juden (der „jüdischen Rasse“, der „jüdischen Kollektivseele“) unterstellten nicht vorhandenen „Reinheit“ (des Blutes) könne darauf zu schließen sein, daß die Vorstellung einer gemeinsamen („ebensosehr [sic] wie wir“) Sehnsucht nach Erlösung erkennbar sei.812 Was es aber de facto heißt, „aufzuhören“, jüdisch zu sein, läßt sich anhand der einschlägigen Schriften Wagners nicht eindeutig bestimmen. Bernd Weikl und Peter Bendixen sind entschieden der Auffassung (vgl. auch Kap. 3.2), daß dies „zweifellos“ auf „die jüdische Religion“ abziele, „nicht aber auf die Vernichtung der Juden“: „Wagner hätte sich vermutlich ebenso energisch gegen eine nordische Herrenrasse gewandt, wie dies Hitlers Nationalsozialisten vorschwebte. Auch die Art von Auserwählt- Sein liegt fernab der Weltsicht Wagners. Weiter kann man eigentlich nicht entfernt sein vom deutschen Nationalsozialismus.“813 Meiner Analyse zufolge glaubt Wagner an die Möglichkeit einer subjektiv-dezisionistischen „Abstreifung“ des Jüdischen, die sich aber in der konfessionell-religiösen Konversion keinesfalls erschöpft. Unter anderem die Episode der Auseinandersetzung Wagners mit seinem jüdischen Dirigenten der Bayreuther Uraufführung des Parsifal, den Wagner den Tagebuchaufzeichnungen Cosima Wagners zufolge, als „letzte Karte gegen Gobineau“ verstanden wissen wollte, begründet diese Annahme. Denn Wagner beabsichtigte, Hermann Levi nur nach dessen Taufe das Dirigat anzutragen, da Juden zum Abendmahl nicht zuzulassen seien.814 Wagner impliziert damit freilich mindestens die Ebenbürtigkeit einer Parsifal-Inszenierung mit dem eucharistischen Ritus, was schlechterdings einen weiteren Fall der Wagnerschen Megalomanie belegt. Ludwig Marcuse interpretiert bitter-ironisch eine tatsächlich oft ins Devote abgleitende „Kooperation“ jüdischstämmiger Musiker, so auch im Falle des ukrainischen Pianisten Anton Grigorjewitsch Rubinstein und des Kapellmeisters Hermann Levi mit deren Meister Richard Wagner, da diese selbst schließlich eine obsessive Erlösungsbedürftigkeit imaginiert haben würden – daß sie damit die einhergehende Möglichkeit ihrer physischen Vernichtung so verstanden und damit akzeptiert haben 811 Ebd. 812 Die sozusagen nicht „blutsreinen“ Juden – „jüdische Halbsemiten“ – enthielten sog. „vermittelnde Elemente in [ihrem] Blute“. Die Vermittlung betrifft im Sinne der Argumentation Chamberlains die Befähigung manches Juden – man müsse „zwischen Juden und Juden unterscheiden“ – qua „Gewalt seines Willens“ an der „Erlösung aus semitischen Vorstellungen“ teilzuhaben. Zwei Sätze weiter heißt es inbezug auf diese Erlösung, ganz in Wagners eucharistischer Diktion: „… was sie von uns erhalten und woran sie mit uns gemeinsam teilnehmen.“ Die Einen empfingen artig und die Anderen („Juden und Juden unterscheiden“) verdürben inwendig, vergifteten und verkehrten hierdurch den eigentlichen Segen zum bedauerlichen Fluche. Vgl.: Chamberlain, Houston Stewart: Arische Weltanschauung [1905], München 1938, S. 38-40 813 Weikl/Bendixen: Freispruch für Wagner? A.a.O., S. 215 814 Vgl.: Scholz, Dieter David: Ein deutsches Mißverständnis. Richard Wagner zwischen Barrikade und Walhalla, Berlin 1997, S. 155 und 192/193 4. Richard Wagner 186 würden, darf wohl bezweifelt werden. Er, Rubinstein, sei Jude und fühle in sich die vom Meister gebrandmarkten Eigenschaften, woraufhin Wagner vorschwebe, daß die Juden „die Taufe nehmen sollen – nicht im Namen Christi, sondern im Namen Wagner[s]!“ Eben so fungiert Wagners Musik-Judentums-Schrift lange als „Quelle radikaler jüdischer Selbstkritik.“815 Auch Levi sei demgemäß im Sinne Wagners einer unter vielen „hoffnungsvollen Fällen“, indem er seine Karriere den Interessen des Meisters unterordne, und so beweise, daß er vom „Stamme der jüdischen Nicht-Juden“ sei.816 Hermann Levi selbst stellt gegenüber seinem im Hinblick auf dessen Beziehung zu Wagner skeptischen Vater, einem Rabbiner, klar, was er über Wagners künstlerische Betreuung sowie über dessen antijüdische Motive denkt: „Er [Wagner] ist der beste und edelste Mensch. Dass ihn die Mitwelt missversteht und verleumdet ist natürlich … Goethe ist es auch nicht besser ergangen. Aber die Nachwelt wird es einst erkennen, dass er ein ebenso großer Mensch als Künstler war, wie dies jetzt schon die ihm Nahestehenden wissen. Auch sein Kampf gegen das, was er ‚Judentum’ in der Musik und in der modernen Literatur nennt, entspringt den edelsten Motiven, und dass er kein kleinliches Risches [Judenhass] hegt, … beweist sein Verhalten zu mir, zu Joseph Rubinstein und seine frühere intime Beziehung zu Tausig, den er zärtlich geliebt hat. – Das Schönste, was ich in meinem Leben erfahren habe, ist, dass es mir vergönnt wurde, solchem Manne nahezutreten, und ich danke Gott dafür.“817 Dem Zitat ist die originelle Ausweitung des von Wagner vorgestellten Wirkungskreises „des Judentums“ auf den Bereich der „modernen Literatur“ durch Levis Interpretation zu entnehmen, und stützt die These von der vorwiegend „geistigen“ Prägung der Wagnerschen Judenfeindschaft. Was den Hymnus auf Wagners Persönlichkeit anbetrifft, den Levi hier anstimmt, bleibt offen, ob er seine private Beziehung zu Wagner objektiv zutreffend beurteilt oder nicht. Ich verweise auf die diesbezügliche Analyse Horkheimers/Adornos oder Gottfried Wagners, die hier sicherlich ausschließlich den „sadistisch gedemütigten“, „affektiv mißhandelten“ (vgl. Kap. 2.2) „Alibijuden“ (Kap. 2.1.2 vorliegender Untersuchung) erkennen, welcher in dieser Sicht nicht mehr als vernünftiger Herr seiner Geschicke betrachtet werden kann. Auch Stefan Zweig deutet in seiner Erinnerungsschrift „Die Welt von Gestern“, die in den Jahren 1939-1941 entsteht, eine unter manchen Juden verbreitete Vorstellung von Erlösungsergriffenheit an. Zweig, der nichtreligiöse Sohn eines jüdischen Fabrikanten, entfaltet in seiner zurzeit nationalsozialistischer Herrschaft verfassten 815 Hartmann, Christian u.a. (Hrsg.): Hitler, Mein Kampf – Eine kritische Edition, im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte, München – Berlin 2016, Band I, S. 786 816 Vgl.: Marcuse, Ludwig: Das denkwürdige Leben Richard Wagners, München 1963, S. 215. Die Person, das Leben beim Meister und der Tod Hermann Levis ist schließlich auch durch Chamberlain weidlich ausgenutzt worden, der in seinem Nachruf in den Bayreuther Blättern Levi ebenfalls schildert als, „einen Charakter, der ein Leben lang mit seiner jüdischen Herkunft gekämpft, sich aber doch der deutschen Kultur und der Kunst Wagners eingefügt habe“, so Bermbach paraphrasierend. Vgl.: Bermbach: Chamberlain, a.a.O., S. 294 817 Hermann Levi im Brief an seinen Vater, zitiert nach: Richard Wagner in Selbstzeugnissen und im Urteil der Zeitgenossen, zusammengestellt und herausgegeben von Martin Hürlimann, a.a.O., S. 82/83, Hinzufügung in eckiger Klammer hier im Original. Der in diesem Zitat erwähnte Joseph Rubinstein suizidiert sich nach dem Tod Wagners und begründet seine Tat explizit mit dem Ableben Wagners. Vgl.: Kollo: Wagner, a.a.O., S. 22 4.2 Wagners Judenfeindschaft 187 Erinnerungsschrift eine Analyse des jüdischen Kollektivbewußtseins, das durchaus von Wagnerschen Ideen und daher auch durch klischeebehaftete antisemitische Standards geprägt zu sein scheint. Zweig spricht ganz unumwunden von einem „Drang nach Reichtum“, der „im Judentum innerhalb von zwei, höchstens drei Generationen in einer Familie erschöpft“ sei, um daraufhin eine Flucht ins Geistige durch den Aufgriff intellektueller Berufe vorzunehmen und so die Auflösung des „bloß Jüdischen ins allgemein Menschliche“ zu erzielen818; eine ganz und gar Wagnerische Formulierung könnte das sein, was sie dann womöglich auch ist. Demzufolge suche: „…etwas in dem jüdischen Menschen, dem moralisch Dubiosen, dem Widrigen, Kleinlichen und Ungeistigen, das allem Handel, allem bloß Geschäftlichem anhaftet, zu entrinnen und sich in die reinere, die geldlose Sphäre des Geistigen zu erheben“ (Insofern wolle der jüdische Mensch, „wagnerisch [!] gesprochen, sich und seine ganze ‚Rasse’ vom Fluch des Geldes erlösen.“)819 Die Rezeption des eindeutig als „antisemitisch“ wahrgenommenen „Aufsatzes über das Judentum in der Musik“ durch Arnold Schönberg ist im Hinblick auf die ausgedeutete Interpretation der Wagnerschen Forderungen erkenntnisträchtig. Schönberg will einer jüdisch-stämmigen Künstlergeneration, der er selbst angehört – „Wir jungen jüdischen Künstler“ – Mut machen, sich von den Postulaten und Insultationen, die in eben dieser Gruppe Gehör fanden, endlich zu distanzieren. Von besonderem Interesse ist, wie Schönberg diese An- und Aufforderungen begreift, die er sich letztlich aber verbittet: „Wagner, der sich seines eigenen rein arischen Blutes vielleicht nicht sicher war, gab dem Judentum eine Chance: ‚Heraus aus dem Ghetto!‘ verkündete er und forderte die Juden auf, echte Deutsche zu werden [eine Vorstellung, die jedem Nationalsozialisten völlig unmöglich erscheinen muß], worin das Versprechen, gleicher Rechte an deutscher Geisteskultur und das Versprechen, als echte Bürger angesehen zu werden, einbegriffen waren.“820 René Kollos übermütige Beurteilung will in der Musik-Judenthums-Schrift nur mehr „angeblichen Antisemitismus“ erkennen, insofern diese „ja schließlich nur eine kunst- und kulturästhetische Schrift war.“ Er erfasst ausschließlich eine philosemitisch-assimilatorische Intention Wagners, die auf die Emanzipation der Juden abzielt. Die judenfeindlichen Äußerungen Wagners tut er als „völlig unnötige Pöbeleien“ ab, die er mit Verweis auf Luthers oder Marx‘ diesbezügliche Aussagen – „Wird Luther deswegen laufend angeklagt?“; „Kommt er [Marx] deswegen laufend vor ein Weltgericht?“; „Ganz sicher gab es in Deutschland und darüber hinaus viele andere, die Schlimmeres zu verantworten hatten.“ –, deutlich relativiert. Die Schrift Wagners sei getragen von dem „Gedanken zur Assimilierung der Juden und damit zur Beendi- 818 Vgl.: Zweig: Die Welt von Gestern, a.a.O., S. 27 f. Dies gilt für Stefan Zweig selbst, aber auch für Rothschild (Ornithologe), Warburg (Kunsthistoriker), Cassirer (Philosoph) usf., die unwillig gewesen seien, die Banken oder Fabriken ihrer Väter zu übernehmen, um sich stattdessen dem intellektuellen Feld zu widmen und damit ihre mammonistische Prägung abzustreifen. 819 Ebd.: S. 26 820 Schönberg, Arnold: Wir jungen jüdischen Künstler, in: Wagner, Nike (Hrsg.): Über Wagner – Anthologie, a.a.O., S. 274 f. 4. Richard Wagner 188 gung einer Rassentrennung und damit wiederum zur Beendigung ständiger Pogrome beitragen wollte.“821 Wagners Erlösungs-Offerten erscheinen also im zeitgenössischen Kontext durchaus weniger befremdlich als in der Retrospektive. Zudem wäre das Phänomen des „jüdischen Selbsthasses“ zu berücksichtigen, das auf Theodor Lessing zurückgehen mag und der, gemeinsam mit z.B. Karl Kraus und Otto Weininger, der Vertreter eines sog. „jüdischen Antisemitismus“822 sei. Die Realisierung des Selbsthasses finde statt in der „Identifikation mit dem Angreifer“ und habe seinen Ursprung in der Übernahme des Wahnbildes vom Außenseiter durch diesen selbst. Der sich selbst so Hassende erliege der Illusion, durch Assimilation („so werden wie die Mehrheit“) eine Problemlösung herbeizuführen. Diesen Trugschluß verdeutliche der Umstand, daß je mehr eine Angleichung erstrebt werde, die Unterschiede betont würden.823 Günter Wolter erinnert daran, daß es judenfeindliche Stimmungen während des Vormärz „nicht so häufig gab“ und wenn, diese dann auf den „Rahmen des christlichen Antijudaismus“ begrenzt blieben, was Wolter für weniger gravierend zu erachten scheint als die Tatsache der blödsinnigen Distinktion anhand der Sprache. Diese wird durch Wagner in seiner „Judenbroschüre“ vor allem als „verderbt“ bezeichnet und markiert für ihn – verbunden mit den insinuierten künstlerisch-schöpferischen Implikationen („jüdische Unbefähigung“) – das Wesensmerkmal der Juden, wie auch Wolter zutreffend extrahiert. Diesen Aspekt, also die sprachliche Diskriminierung, fasst Wolter als diejenige „rassistische Komponente“ auf, die die Ergänzung des christlichen Antijudaismus zum Antisemitismus bedeute.824 Die Zuschreibung des „Mauscheldeutschen“, der sprachlichen „Verderbtheit“, des „Summsens“ und „Glucksens“ – freilich zu ergänzen um die eben erwähnten Implikationen – wiegt auch in Wolters linguistischer Perspektive schwerer als etwa die antijudaistische Christusmörder-Legende. Diese Sichtweise ist weitgehend mainstream, meines Erachtens aber mindestens fragwürdig. Ein wesentlicher Bestandteil der „Abstreifung“ ist, wie Wagners exemplarische Ausführung zur Vita des Schriftstellers Ludwig Börne825 (auch Wagner verwendet diese respektvolle und respektierende Bezeichnung – man erinnere die Pejoration ‚Tonsetzer/Schriftsetzer’) belegt, die religiöse Konversion, die in Wagners Sinne allerdings keineswegs ausreichend ist. Gerade das Beispiel Börnes lehre, „wie diese Erlösung nicht in Behagen und gleichgültig kalter Bequemlichkeit erreicht werden kann“. Die zynische Einwendung, daß etwa Pogrome schlechterdings unbehaglich seien, wä- 821 Kollo: Wagner, a.a.O., S. 20/21 822 Vgl.: Wolter, Günter: Identifikation mit dem Angreifer – Jüdischer Selbsthaß in der deutschsprachigen Literatur, In: Aspekte zur deutsch-jüdischen Geschichte, hrsgg. von Berghoff, Peter, Duisburg 1996, S. 24. Ich erwähne dieses Kuriosum der Vollständigkeit halber, verfolge es jedoch nicht in aller Eingängigkeit weiter. 823 Vgl.: Ebd., S. 25 f., siehe dazu auch die Auseinandersetzung zwischen Zionisten und Anti-Zionisten, die ich in Kap. 3. 2 vorliegender Untersuchung thematisiere. 824 Vgl.: Ebd., S. 27-29 825 1818 konvertiert Juda Löw Baruch zum Protestantismus und nennt sich fortan Ludwig Börne. 4.2 Wagners Judenfeindschaft 189 re allemal inadäquat, denn, so heißt es weiter, die Erlösung koste diesen [Börne bzw. den Juden], „wie uns, Schweiß, Not, Ängste und Fülle des Leidens und Schmerzes“.826 Alles Weitere bleibt leider im Unklaren, und erlaubt mir so den Hinweis auf die Vermutung, daß es sich dabei um die mythische Vorstellung einer „Götterdämmerung“ samt Weltenbrand handeln sollte.827 Ähnlich nebulös gestaltet sich der Schlußappell des Pamphletes, dessen Adressaten wiederum die Juden selbst sind. Dieser muß sicher anmaßend und übergriffig genannt werden. In entscheidender Hinsicht trägt er jedoch vor allem versöhnliche Züge: „Nehmt rücksichtslos an diesem durch Selbstvernichtung wieder-gebärenden Erlösungswerke teil, so sind wir einig und ununterschieden! Aber bedenkt, daß nur Eines eure Erlösung von dem auf Euch lastenden Fluche sein kann: Die Erlösung Ahasvers, – der Untergang!“828 Der Philosoph Manfred Frank setzt Wagners Werk adäquaterweise in den Kontext der Frühromantik und interpretiert die Untergangs-Problematik mit einem den Antisemitismus Wagners „relativierenden“ Ergebnis. Die mythische Figur des ewig Umherirrenden, Ahasver(us),829 die Frank diesbezüglich betrachtet, wird üblicherweise in Bezug zur, von Küste zu Küste durch die See irrenden und nach Erlösung suchenden, mythischen Figur des Fliegenden Holländers gesetzt. [Dieser wird, nota bene, als Mann durch das Weib Senta erlöst – durch deren bedingungslose Liebe. Die Erlösung passiert zudem infolge beider, sowohl der Erlösenden wie des Erlösten, Untergang.]830 Frank bedeutet die Funktion des „Ewigen Juden Ahasver“ innerhalb Wagners Konzeption und verweist außerdem auf die auffällige Parallelität mit einer Formulierung in Marx‘ Zur Judenfrage, auf die ich bereits in der Einleitung zu sprechen kam: 826 Wagner: Das Judentum in der Musik, a.a.O., S. 173, Hervorhebung des Verfassers 827 Siehe zu den Implikationen und Voraussetzungen der mythischen Dämmerung bereits den Beginn des Zweiten Kapitels vorliegender Untersuchung. 828 Wagner: Das Judentum in der Musik, a.a.O., S. 173, Hervorhebung im Original 829 Dazu: Băleanu, Avram Andrei: Der „ewige Jude“ – Kurze Geschichte der Manipulation eines Mythos, in: Schoeps/Schlör: Antisemitismus, a.a.O.: „Ich will stehen und ruhen, du aber sollst gehen.“ – so laute der Fluch, den der auf seinem Kreuzgang sich befindliche Jesus dem ihn beschimpfenden Schuster Ahasverus auferlegt habe. Daß er also fortan ewig wandern solle, markiert den Fluch des „Ewigen Juden“. Dieser Mythos ist die Exposition einer mittelalterlichen Legende, die von den Verfassern des „Volksbuches“ (1602) in Bezug zu den Evangelien, vor allem Johannes und Matthäus, gestellt wurde. Die mit der Wiederkehr des Heilands zu erwartende Erlösung inkludiert auch den ewig Wandernden und all die, „die den Todt nit schmecken biß sie des Menschen Sohn kommen sehen in sein Reich“ (Matthäus 16|28, zitiert nach Băleanu). Daß der Mythos in die antisemitische Propaganda eingeht, wird von Băleanu, neben der seit dem Mittelalter vielfältigen literarischen Rezeption, Modifikation und Adaption des Stoffes, die häufig auf die Interpretation des Ahasver als „Agent des Teufels“, hauptsächlich auf die „fixe Idee, die primitive, automatische Reaktion“ zurückgeführt, die auf den „fremdartigen Namen“ und die Ewigkeits-Formel reflektiert und auch trefflich den leidlich bekannten anderweitigen „ewigen Beschuldigungen“ korrespondiert: „der ewige Wucherer“, „der ewige Kosmopolit“, „der ewige Störer der sozialen Ordnung“ oder „der ewige elitäre Intellektuelle und dekadente Künstler“ usf. Vgl.: Ebd., S. 96-102 830 Vgl.: Das Libretto Der Fliegende Holländer sowie die „Einleitung des Herausgebers“, in: Kapp (Hrsg): Dichtungen, a.a.O., S. 110 4. Richard Wagner 190 „Die durch gewollte Zweideutigkeit widerliche Schlussempfehlung … relativiert sich im Blick auf die Beobachtung, dass Wagner den Ewigen Juden als symbolischen Träger des auf der Lebensirrfahrt des modernen Menschen überhaupt lastenden Fluchs betrachtet und dass er ihn dem Christen in diesem Aspekt völlig gleichstellt.“ Wie Marx in der Judenfrage, fordere Wagner die „Emanzipation des Juden ‚durch seine Zurückführung auf den Menschen selbst’ – ohne weitere ethnisch-nationale oder ständische[n] Attribute“ sowie die „gesellschaftliche Emanzipation des Juden“, die die „Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum“ sei.831 Sven Friedrich favorisiert bezüglich der Schlußempfehlung, den hermeneutischen Schwerpunkt in dieser Hinsicht im Sinne Hegelscher Dialektik zu begreifen. Wagner habe im Zuge (s)einer ausladenden „Hegel-Imitation“ vor allem auch die Begrifflichkeiten Hegels übernommen und in diesem Sinne „verstanden und verwendet“.832 Dies gelte vor allem für die Verwendung des Begriffes „Untergang“: „…versteht man die Schlusssätze [sic] Wagners in diesem Kontext richtig, so ist mit Untergang keineswegs die exterminatorische physische Vernichtung gemeint, sondern die dialektische Aufhebung von Gegensätzen. Der ‚Untergang’ der Juden bedeutet demnach die Aufhebung der andersartigen jüdischen Identität in einem übergeordneten, gemeinsamen Volks-Begriff, in dem man eben ‚einig und ununterschieden’ sei.“833 Micha Brumliks Verdikt einer „gesinnungsbezogen Judenfeindschaft“834, die er Karl Marx zuschreibt, gründet in der diagnostizierten Kurzschließung einer Eigentumsoder resp. Geldwirtschaftskritik mit Judentum als dessen bzw. deren Träger in der Moderne. Eben dieselbe hält er auch für Richard Wagner835 indiziert, der also gleichermaßen ein Judentumsfeind „der Gesinnung, nicht der Tat“ sei. Brumlik konzentriert seinen Befund in der trefflichen Formel eines sowohl Wagnerschen als auch Marxschen „vulgärmaterialistischen Reduktionismus des Judentums“.836 Daß Wagners Verwendung „starker“ Begriffe837, wie „Auslöschung“, „Vernichtung“ oder „Untergang“ mit guten Gründen (s)einem theatralischen Überschwang zuzuschreiben ist und nicht zwingend, falls überhaupt denkbar, das ideologische Initial künftiger Judenvernichtung bedeuten kann, ergibt sich neben dem dargelegten Ergebnis der Analyse der „Regenerationsschriften“ aus der anderweitigen Verwendung dieser Ausdrücke in diesbezüglich unverdächtigem Zusammenhang. 831 Frank, Manfred: Mythendämmerung – Richard Wagner im frühromantischen Kontext, München 2008, S. 102, Erste Hervorhebung durch den Verfasser, zweite Hervorhebung im Original 832 Friedrich: Wagner – Deutung und Wirkung, a.a.O., S. 164/165 833 Ebd., S. 165 834 Brumlik, Micha: Karl Marx: Judenfeind der Gesinnung, nicht der Tat, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 59. Jahrgang, Heft 7/2014, S. 119 835 „Auch Marx – wie übrigens ebenfalls der Revolutionär Richard Wagner – unterlag diesem Kurzschluss. Der zweite Teil seiner Schrift zur Judenfrage ist durch beides gekennzeichnet: durch eine Kritik des bürgerlichen Begriffs des Eigentums bzw. dessen Entgrenzung in und durch das Geld sowie – von Feuerbach und vom christlichen Antijudaismus beeinflusst – eine reduktionistische, nein: nicht Kritik, sondern hasserfüllte Verächtlichmachung des Judentums.“ Ebd. 836 Ebd., S. 120 837 Vor allem im Hinblick auf den pazifistischen Impetus späterer Schriften erscheint die oft gebrauchte militante Diktion natürlich verwunderlich, betont indes ihren abstrakten Charakter. 4.2 Wagners Judenfeindschaft 191 Die „Vernichtung“ des, dem „Untergang“ Geweihten ist ein ständig wiederkehrendes Motiv in Wagners ideologischer sowohl wie in seiner dramatischen Welt. Entsprechend fordert er beispielsweise zur Behebung des „Irrtums im Kunstgenre“, i.e. die Oper (Wagner will sein „dramatisches Kunstwerk“ bekanntlich von der „Oper“ scharf unterschieden wissen), die „Vernichtung dieses Irrtums“.838 Besonders Die Revolution839 strotzt vor (abstrakter) Zerstörung („der Herrschaft des Stoffes über den Geist“840) und Vernichtung („des Wahns, der Einem Gewalt gibt über Millionen“841), die Errichtung des „Kunstwerks der Zukunft“ setzt die „Vernichtung des Staates“842 voraus. Innerhalb der Mitgliedschaft der sogenannten „Volkswehr“ (der Revolutionsjahre) sei „jeder Standesunterschied vernichtet“843. Die kommunistische Weltordnung impliziert den „Untergang unserer jetzigen Zustände“844 usw. usf. – der Exemplifizierung der Wagnerschen Destruktionsrhetorik sei hiermit genüge getan. Welchen Charakters die Verwendung des Untergangs-Postulates als Lösungsgrundlage der sog. „Jüdischen Frage“ bis in das Zwanzigste Jahrhundert hinein eben auch war, verdeutlicht der Blick in die Auseinandersetzung „sozialistischer Theoretiker“ zum Thema.845 Denn auch in sozialistischer Perspektive ist davon ausgegangen worden, daß die aktiv betriebene und vollständige Assimilation der Juden die wesentliche, wichtigste oder gar alleinige Voraussetzung des Endes antijüdischer Feindseligkeiten sei. Insofern wurde (logisch konsistent) ungeniert, da gewissermaßen in philosemitischer Absicht, die Vision des Untergangs des Judentums verbreitet, also dessen, welches in der Fremdperzeption Menschen zu jüdischen Menschen, mithin Juden qualifiziert. Der Sozialist Karl Kautsky habe sich seit den 1890er Jahren intensiv mit dieser Frage beschäftigt und in diesem Sinne geäußert: „…Kautsky wünschte sich den Untergang [sic!] des Judentums herbei und sah darin durchaus keinen tragischen Prozeß wie etwa im ‚Aussterben’ der Indianer [also mit Bezug zu einem physisch-realen, quasi genozidalen Vorgang], sondern ein Aufsteigen zu höherer Kraft.“ Kautsky wörtlich in seinem Aufsatz Rasse und Judentum aus dem Jahre 1914: „… je eher es [das Judentum] verschwindet, desto besser für die Gesellschaft und die Juden selbst…“846 Der Beginn des „sozialistischen Flirts mit dem Antisemitismus“ weise bereits bei Marx aber auch biologistische Motive auf – Marx in Das Kapital: Das jüdische Handelsvolk existiere in den Poren der Gesellschaften847 – und sei u.a. über Lassalle und 838 Wagner: Oper und Drama, in: Gregor-Dellin (Hrsg.): Richard Wagner. Mein Denken, a.a.O., S. 195 839 Vgl.: Wagner: Die Revolution, in: Bücken, Ernst: Richard Wagner. Die Hauptschriften, a.a.O. 840 Ebd., S. 78 841 Ebd., S. 79 842 Wagner: Das Kunstwerk der Zukunft, in: Gesammelte Schriften und Dichtungen, a.a.O., S. 53 843 Wagner: Wie verhalten sich republikanische Bestrebungen dem Königtum gegenüber? In: Gregor- Dellin (Hrsg.): Richard Wagner. Mein Denken, a.a.O., S. 77 844 Wagner: Flüchtige Aufzeichnungen einzelner Gedanken zu einem größeren Aufsatze: Das Künstlerthum der Zukunft (1849-1851), in: Nachgelassene Schriften und Dichtungen von Richard Wagner. Leipzig 1902, posthum veröffentlicht, S. 114. 845 Heid, Ludger: Sozialistischer Internationalismus, sozialistischer Zionismus und sozialistischer Antisemitismus, in: Alter, Peter/ Bärsch, Claus-Ekkehard/ Berghoff, Peter (Hrsg.): Die Konstruktion der Nation gegen die Juden, München 1999, S. 93-118 846 Ebd., S. 103, Kautsky zitiert nach Heid, ebd., fette Hervorhebung des Verfassers. 4. Richard Wagner 192 eben Kautsky bis in das Zwanzigste Jahrhundert transportiert worden. Wie weitreichend und valide eine Parallelität „sozialistischer“ und „wagnerianischer“ Juden(tums)-Feindschaft angesichts ihrer eigentumskritischen Verwandtschaft im Ursprung tatsächlich ist, braucht hier nicht geklärt werden. Ich betone indes die gleichgerichtete Untergangsmetaphorik, die sicherlich konkrete Menschen nicht betrifft.848 Die Wagnerschen Untergangstheoreme sind aus den genannten Gründen nicht konkret-physisch, sondern in einem metaphorischen, allegorischen und, nicht zuletzt, Hegelschen Sinne zu verstehen. Religiöse Revitalisierung Religion erlangt in Wagners Überlegungen zuvörderst Beachtung aus seiner theoretisch-ästhetischen Warte. Aufgrund seiner Überzeugung, Religion sei nurmehr künstlich – ihres Wesenskerns verlustig gegangen, äußerlich und hohl sowie unwahrhaftig 4.3 847 Vgl., Ebd. S. 111 848 Daß Wagner im Rahmen seiner Erlösungsvision bzw. seinen Vorstellungen über eine allgemeine gesellschaftliche Heilsverwirklichung „rassische“, „biologistische“ oder „genetische“ Perspektiven weitgehend fremd sind, ist deutlich geworden. Daher ist vielmehr noch einmal auf das gesellschaftliche Klima samt seinen ideologischen Auswüchsen – nach bzw. ohne Wagner und während der gesellschaftspolitischen Entwicklung hin zum staatlichen Nationalsozialismus – einzugehen. Denn nicht nur „völkische“ Rassisten dachten in diesen misanthropischen Mustern, auch sozialistische Ideologen trachteten, einer „biologischen Unzulänglichkeit“ bestimmter Menschen (gemeint ist deren vermeintliche Unzulänglichkeit, die sozialistische Revolution zu befördern oder die kommende sozialistische Gesellschaft zu tragen), die „einem Milieu“ oder dem „Lumpenproletariat“ zugerechnet wurden, durch einen als „sozialistische Eugenik“ bezeichneten Wahnsinn, Abhilfe zu leisten. Michael Schwartz zeigt die Entwicklung von den Ursprüngen dieser Entgleisung an, die in der bereits durch Karl Marx höchstselbst eingebrachten Pejoration des „Lumpenproletariats“ mit der Absicht einer exkludierenden Stigmatisierung moralisch verdächtigter, politisch unzuverlässiger, vermeintlich ‚käuflicher’ oder schlicht der Teile der kommunistisch-sozialistischen Zielgruppe bestand, die dieser selbstermächtigten revolutionären Avantgarde nicht folgen wollten oder konnten. Die dazugehörige „Soziologie“ liefert im Übrigen die Blaupause für die „weltanschauungskonforme“ Erklärung der Erfolge der „NS-Massenbewegung“ (S. 550) beim Volk, denen sich die sozialistischen Wahlkämpfer zu stellen hatten. Daß diese so diffamierten Gruppen, nicht nur „keine Stütze“ zu sein, sondern als revolutionärer „Hemmschuh“ (Rosa Luxemburg) verdächtigt, somit deren „schädliche Tätereigenschaften“ (S. 549) betont wurden, ist der ideologische Nährboden auf dem solche „eugenischen“ Thesen gedeihen konnten, sofern sekundierend der Sozialdarwinismus „als szientistische Legitimationsideologie“ auch für die „sozialdemokratische Variante als verfügbar“ (S. 552) besehen wurde. Vgl.: Schwartz, Michael: ‚Proletarier’ und ‚Lumpen’ – Sozialistische Ursprünge eugenischen Denkens, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jahrgang 42 (1994), Heft 4, S. 537-570. Pars pro toto seien als Beleg für den Gebrauch biologistischer Kategorien im Zuge ideologischer Reflektionen sozialistischer – marxistischer und sozialdemokratischer – Intellektueller einige Zitate Oda Olbergs angeführt, die sich als Gegnerin des Nationalsozialismus sowie als Sozialdemokratin fühlte, und die im Jahre 1926 von „defekten Menschen“, „Minderwertigen“ und „Entartung“ schwadroniert. Solches Denken blieb, wie Schwartz betont, „nicht nur auf sozialistische Publizistik beschränkt, sondern fand auch Eingang in eine ‚linke’ akademische Soziologie.“ (Ebd., S. 559) „Lumpenproletarier“ sei „keine wirtschaftliche, sondern eine biologische Kategorie, die sich aus dem Abfall aller sozialen Schichten“ bilde und die Notwendigkeit rechtfertige, nach „rücksichtsloser (eugenischer) Ausmerze“ (so die Formulierung des „linken“ Soziologen Theodor Geiger) zu streben. Olberg und Geiger zitiert nach Schwartz, a.a.O., passim 4.3 Religiöse Revitalisierung 193 geworden –, sei es „der Kunst vorbehalten, den Kern der Religion zu retten“, den er für (die Einsicht in) das „Eine, Wahre, Göttliche“ hält.849 Der ideale Monarch resp. Fürst Wagnerscher Prägung verfüge vermöge seiner antizipativen und prognostischen Sonderstellung über „wahrhafte Religiosität“. Diese besondere Position beinhaltet vor allem die Vermittlung und die Integration der staatlichen (politischen) und religiösen Sphäre.850 Gute Politik ist wahre Religiosität, die eine von der anderen idealiter nicht zu scheiden. Wie ist nun Wagner zufolge die vera religio zu definieren, die er wahlweise „wirkliche“, „wahre“, „reine“ oder „höchste“ Religion“ nennt? Der Ausgangspunkt der Bestimmung derselben sei eine „roheste Stufe“, in der „wir Staat und Politik vollkommen vereinigt treffen“851. Aus zunächst „primitiven Naturreligionen“ seien die Haus, Hof, Felder und Herden beschützenden, die „Zusammengehörigkeit der Stammesgenossen“ garantierenden „Naturgötter und Penaten“ entstanden. Die Identität konstituierende und damit stabilisierende Funktion werde im „ausgebildeten Staat“ nunmehr von einem geheiligten Patriotismus erfüllt, die „alte Naturreligion“ erscheint somit obsolet, die Trennung von Politik (Staat) und Religion ist die Folge. Die Vorgehensweise zur Bestimmung der vera religio unterliegt einem dialektischen Dreischritt von der These über die Antithese zur Synthese bzw. der Negation und der Negation der Negation und markiert einen qualitativen Sprung – Naturreligion, Kirchenreligion, Höchste Religion. Es resultiert die Ausbildung der „reinen, höchsten Religion“, die dem Staatsbürger „eigentliche Menschenwürde“852 verleihe. Die (Kirchen-) Religion sei „zum staatlichen Institute erniedrigt, zum Zwecke des staatlichen Gemeinwesens verwendet“, womit sie sich zwar „als nützlich, nicht aber mehr als göttlich erweise“853 und an deren Stelle – ich wiederhole – Patriotismus wirkmächtig getreten sei. Ein wesentliches Merkmal des Christentums, die Transzendierung des eschatologischen Strebens, bedenkt Wagner bissig spottend. Es besteht insofern kein Zweifel, daß Wagners Religion mit dem Christentum unvereinbar ist, vielmehr enthalten seine Gedanken gnostische Elemente, die, unter anderen, die Sinnlosigkeit der Existenz, kerkerhafte Körperlichkeit und dergleichen mehr bezeichnen.854 Im Hinblick auf christliche, jenseitige Erlösungs- und Heilserwartung kann Wagner nur „endlose Untätigkeit“ dia- bzw. prognostizieren, die für das schöpferische Künstlerideal, das Wagner supponiert, gewiß alles, außer erstrebenswert gewesen sein dürfte: „Das Christentum rechtfertigt eine ehrlose, unnütze und jämmerliche Existenz des Menschen auf Erden aus der wunderbaren Liebe Gottes, der den Menschen keineswegs – wie die schönen Griechen irrthümlich [sic] wähnten – für ein freudiges, selbstbewußtes Dasein auf der Erde geschaffen, sondern ihn hier in einen ekelhaften Kerker eingeschlossen 849 Vgl.: Wagner: Religion und Kunst, a.a.O., S. 383 850 Vgl.: Wagner: Über Staat und Religion, a.a.O., S. 18 851 Ebd. 852 Ebd., S. 17 853 Ebd., S. 23 854 Vgl. generell zur Gnosis z.B. Sonnenschmidt, Reinhard W.: Politische Gnosis – Entfremdungsglaube und Unsterblichkeitsillusion in spätantiker Religion und politischer Philosophie, München 2001, S. 11. Siehe auch Kapitel 3 und 7. 3 vorliegender Untersuchung. 4. Richard Wagner 194 habe, um ihm, zum Lohne seiner darin eingesogenen Selbstverachtung, nach dem Tode einen endlosen Zustand aller bequemster und unthätigster [sic] Herrlichkeit zu bereiten.“855 Wagners Qualifizierung der vera religio enthält also sowohl gnostische, als mystische, als auch asketische Elemente: „Sie [die wahre Religion] lebt nur da, wo sie ihren ursprünglichsten Quell und einzig richtigen Sitz hat, im tiefsten, heiligsten Innern des Individuums…; denn, dieses eben ist das Wesen der wahren Religion, daß sie, dem täuschenden Tagesscheine der Welt ab, in der Nacht des tiefsten Innern des menschlichen Gemüts als andres, von der Weltsonne gänzlich, nur aus dieser Tiefe aber wahrnehmbares Licht leuchtet.“856 In der wahren Religion finde eine vollständige Umkehr aller Bestrebungen statt, welche den Staat gründeten und organisierten857, sie stellt eine grundsätzliche Inkongruenz zum – bisherigen empirischen – Staate dar858: „Ihre [der wahren Religion] Grundlage ist das Gefühl der Unseligkeit des menschlichen Daseins, die tiefe Unbefriedigung des rein menschlichen Bedürfnisses durch den Staat. Ihr innerster Kern ist Verneinung der Welt, d.h. Erkenntnis der Welt als eines nur auf Täuschung beruhenden, flüchtigen und traumartigen Zustandes, sowie erstrebte Erlösung aus ihr, vorbereitet durch Entsagung, erreicht durch den Glauben.“859 Wagners Staatsbegriff, seine Aussagen über Beschaffenheit und Funktion des politischen Gemeinwesens, sowie die Ausgestaltung seiner idealistischen Konzeption von Religiosität wurden folgendermaßen extrahiert: Das für Wagner gegenwärtig bestehende politische Gemeinwesen und dessen die Herrschaftsfunktion ausübende Institution – der Staat – ist ihm vor allem eine den sozialen Mißstand konservierende Instanz. Den in der historischen Entwicklung konstatierten Wertewandel beschreibt er in folgendem schönen Bild: „Und doch haben wir nicht einmal mehr den Lorbeerzweig für die Tapferkeit: den Ölzweig, den Palmenzweig aber auch nicht, dafür den Industriezweig der gegenwärtig die ganze Welt … beschattet.“860 Der Mißstand bildet sich in einem pervertierten Kunst- und Religionsbegriff ab. Eine absolutistische Monarchie in der traditionellen Verbindung mit einem angeschlossenen privilegierten Erbadelssystem ist zu überwinden. Denn nur eine auf dem Vertrauen des Volkes basierende charismatische Monarchie, gestützt durch Leistungsadel, befördert die allgemeine Wohlfahrt. Die Internalisierung der „wahren“ Kunst- und Religionsauffassung, mithin eine Emanzipation der (entfremdeten, knechtischen) Arbeit (-sverhältnisse) und der Wandel des damit verbundenen Eigentumsbegriffes sind die Kernelemente der sogenannten „Menschheitsrevolution“. Das eine bedingt das je andere, ohne – beziehungsweise, 855 Wagner: Die Kunst und die Revolution, a.a.O., S. 14 856 Wagner: Über Staat und Religion, a.a.O., S. 23 857 Vgl.: Ebd., S. 18 858 Vgl.: Ebd., S. 22 859 Ebd., S. 18 860 Wagner, Wollen wir hoffen? A.a.O., S. 154 4.3 Religiöse Revitalisierung 195 ganz gleich in welcher – Reihenfolge der Wagnersche Heilsplan realisiert wird. Pointiert formuliert: Kunst-, Religions- und Politikanschauung sind Facetten derselben Sphäre, die insgesamt das schiere menschliche Dasein umfaßt. Kunst wird hier mit religiös-sakraler Weihe ausgestattet, das Religiöse wiederum wird vornehmlich seiner künstlerischen Bedeutung gemäß betrachtet, daraus schließlich politisches Bewußtsein entstehe. Wagner weist jenseitige Heilserwartung zurück (jedenfalls die von der christlichen Kirche in Aussicht gestellte) und propagiert, mehr oder weniger explizit, spekulative Heils- und Erlösungsverheißungen, die durchaus auch diesseitiger Erfüllung vorstehen. Der Aufsatz „Religion und Kunst“861 aus dem Jahre 1880 enthält die Quintessenz der ‚Weltanschauung’ Wagners, die, wie oben gezeigt wesentlich auf der Bilanzierung allseitigen Verfalls beruht. Hier ist die Art und Weise des Vorgehens von Interesse, die erkennbar macht, wie die allgemeine und allumfassende Degeneriertheit in spezifischkausale Beziehung zu jüdischem Denken und Handeln zu setzen ist. Das Resultat der Abhandlung lautet, daß „wahre Kunst nur auf der Grundlage wahrer Sittlichkeit gedeihen kann“ und, daß „sie [die Kunst] mit wahrer Religion vollkommen eins“ sei862 – Wagner propagiert wiederum die substantielle Verschränkung dieser Sphären. Mithin besteht seine Degenerationsanalyse in der Darstellung des je ‚Falschen’ bzw. „Verfallsmäßigen“. Wagners kunsttheoretische, soziopolitische und religionsphilosophische Gedankenspiele sind insofern stets auf ästhetische, sittliche sowie religiöse Entwicklungslinien gerichtet, die seinen weltanschaulichen Projektionen (angeblich) zuwiderlaufen. Einer deskriptiven Analyse der ästhetischen Sphäre ist bereits oben (insbesondere in Zusammenhang mit dem „Kunstwerk der Zukunft“, Kap. 4.1.2 vorliegender Untersuchung) genügend Raum gegeben worden. Darüber hinaus wird das Jüdische in „Religion und Kunst“, der Hauptschrift der späten Jahre, vor allem im Rahmen einer Wagnerschen Auslegung der Religionsgeschichte tangiert. Ich beschränke mich deshalb auf die Umrisse des „sittlichen“ Degenerationsprozesses, der auf der Grundlage angeblicher religiöser Aberration geschieht. Ausnahmsweise nimmt Wagner die Beleuchtung des Realen aufgrund des Idealen vor und sucht den „innersten Kern der Religionen“863 zu begreifen. Die religiöse Degeneration bestehe zum einen im „Verfall religiöser Dogmen in das Künstliche“ aufgrund des „Anwachsens der Künstlichkeit kirchlicher Dogmen“, wie Wagner an zwei Beispielen verdeutlicht. So beklagt er, daß die Kirche ihre Glaubenssätze durch „ihre Magd, die scholastische Philosophie“ beweisen ließe, was schließlich zu „sinnlicher“ Darstellung des Dogmas von Mariä unbefleckter Empfängnis in Form einer „Einflößung des Embryos des Heilands durch den lieben Gott mit Hilfe eines Blasrohres“ geführt habe.864 Zum anderen sei die Bedeutung des „Weltüberwinders“ (Christus, 861 In: Gregor-Dellin, Martin: Richard Wagner. Mein Denken. Eine Auswahl der Schriften, München/ Zürich 1982, S. 362-400 862 Vgl. ebd., S. 397 (Hervorhebung im Original) 863 Wagner verwendet den Plural „Religionen“, weil er außer dem Christentum auch Brahmanismus und Buddhismus als „wahre“ Religionen betrachtet. 864 Vgl.: Wagner: Religion und Kunst, a.a.O., S. 369 4. Richard Wagner 196 von einem liebenden Gott gesandter Heiland) zugunsten des „Weltrichters“ (Jahve, der mosaische Gesetzesgott) verschwunden. Die Kirche – von Wagner stets als schiere Machtmißbrauchsinstitution desavouiert – habe diesen Prozeß, der ihr also das Mittel zu Verwirklichung ihrer Ziele biete, opportunistisch begrüßt: „Tartaros, Infernum, Hela, alle die Straförter der Bösen und Feigen nach ihrem Tode, fanden sich im ‚Gehenna’ wieder und mit der ‚Hölle’ zu schrecken ist bis auf den heutigen Tag das eigentliche Machtmittel der Kirche über die Seelen geblieben, denen das ‚Himmelreich’ immer ferner sich entrückte.“ Bezüglich des „Letzten Gerichts“ lautet die schlimme Konsequenz für die arme Seele: „eine hier trostreiche, dort entsetzliche Verheißung“.865 Man ahnt leicht, worauf Wagner hinauswill, und wie er ein jüdisches Element in die Argumentation einflicht. Denn was der Welt zum „Verderb ausschlagen“ müsse, sei „Zurückführung des Göttlichen am Kreuze auf den ‚jüdischen Schöpfer des Himmels und der Erde’“. Die Kirche, einzig motiviert durch Streben nach Macht, habe sich damit gerne arrangiert. Sei doch mit dem „zornigen und strafenden Gotte“ mehr durchzusetzen als mit dem „sich selbst opfernden alliebenden Heiland der Armen“.866 Wohlgemerkt, „die Kirche“ trage an der Entstehung eines (dafürgehaltenen) Zerrbildes des Heilands, das vor allem durch die Anhaftung alttestamentarischer Gottes-Attributierungen erzeugt ist, eine wesentliche Verantwortung. Dennoch ist hier angedeutet, was später von Vordenkern des Nationalsozialismus, wie zum Beispiel Rosenberg in seiner Schrift „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ oder Protagonisten der „Völkischen“ Ideologie wie Chamberlain aufgegriffen wird, und im Sinne von z.B. Rosenbergs Doktrin zur Unterscheidung von „positivem“ und „negativem“ Christentum führte, welches wiederum als das Produkt „jüdisch-syrischer“ Apostelbestrebungen auf der Basis von Evangelien interpretiert wird – die von „jerusalemitischen“ Verfassern stammten.867 Aufgrund der „Aneignung der [zur Erlangung der Herrschaft der Kirche über Reich und Staaten] nötig dünkenden Schreckmittel“ sei „das Christentum als aus dem Judentum hervorgegangen angesehen“868 worden. Infolgedessen erscheint die Geschichte des Christentums in Wagners Darstellung gleichsam als permanente Entfernung von seinen Wurzeln. Er befürchtet gewissermaßen einen Regreß zu alttestamentarischer Gesetzesreligion. Die Juden selbst würden diese Entwicklung unterdessen wie folgt beurteilt haben: „Hier hatte der Stammgott eines kleinen Volkes den Seinigen, sobald sie streng die Gesetze hielten, durch deren genaueste Befolgung sie gegen alle übrigen Völker der Erde sich abgeschlossen erhalten sollten, die einstige Beherrschung der ganzen Welt, mit allem was darin lebt und webt zu verheißen.“869 865 Ebd., S. 368 866 Ebd., S. 366 867 Siehe dazu Kap. 6 vorliegender Untersuchung. 868 Wagner: Religion und Kunst, a.a.O., S. 379 869 Ebd., S. 380 4.3 Religiöse Revitalisierung 197 So viel zur idealen Geschichte des Volkes Israel. Die Realität – das heißt hier vor allem: die Reaktion der „übrigen“, der nicht-jüdischen, Welt – interpretiert Wagner wie folgt: „In Erwiderung dieser Sonderstellung von allen Völkern gleich gehaßt und verachtet, ohne eigene Produktion, nur durch Ausbeutung des allgemeinen Verfalls sein Dasein fristend, wäre dieses Volk sehr wahrscheinlich im Verlaufe gewaltsamer Umwälzungen ebenso verschwunden, wie die größten und edelsten Geschlechter völlig erloschen sind.“870 Nun sind die Juden weder verschwunden, noch haben sie „die Gesetze des Stammgottes streng befolgt“, insofern sie sich nicht „gegen alle anderen Völker der Erde abgeschlossen erhalten“ haben, weshalb ihnen auch die „Beherrschung der ganzen Welt“, im Sinne der Argumentation, nicht zugeschrieben werden kann. Wie ist es zu erklären, daß Wagner dennoch genau das zu tun scheint? Der ‚Dreh’ basiert auf der eben thematisierten – von Wagner eindeutig als aktive Handlung beschriebene – Aneignung jüdischer Religionselemente durch die Kirche. Von „jüdischer Unterwanderung“ kann also nicht die Rede sein, dennoch läßt Wagner keinen Zweifel an seinem Glauben an Subversion und Verschwörung: „Die Teilnahme an der Weltherrschaft ihres Jehova glaubten die Juden verscherzen [sic] zu können, da sie andererseits Teilnahme an einer Ausbildung der christlichen Religion gewonnen hatten, welche ihnen diese, mit allen ihren Erfolgen für Herrschaft, Kultur und Zivilisation, im Verlaufe der Zeiten in die Hände zu liefern sehr wohl geeignet war.“871 Aus der Erkenntnis, „den Verderb der christlichen Religion von der Herbeiziehung des Judentums zur Ausbildung ihrer Dogmen herzuleiten“, schließt Wagner unmittelbar auf einen „sittlichen Degenerationsprozeß“, der wirkliche Geschichte und reale Politik betrifft. Daher wird die so diagnostizierte makelhafte Ordnung der „zivilisierten Welt“872, in der die „Völker, wie zur gegenseitigen Ausrottung bis an die Zähne bewaffnet, ihren Friedenswohlstand vergeuden, um beim ersten Zeichen des Kriegsherrn methodisch zerfleischend über sich herfallen“, ausdrücklich auf die „Hereinziehung des altjüdischen Geistes und seine Gleichstellung mit dem rein christlichen Evangelium“873 zurückgeführt. Der dargelegte Zusammenhang braucht in seinen Einzelheiten nicht weiter vertieft zu werden. Er läuft darauf hinaus, daß jede Aggressivität, individuell oder militärisch organisiert, auf der Mißachtung des – von Wagner für genuin ‚christlich’, ‚brahmanisch’ und ‚buddhaistisch’ gehaltenen – Verbotes, Tiere zu töten, basiere. Denn auf Tier- folge unweigerlich Menschenmord. Das „Abendmahl“ sei indes als „vegetarianisches Heilamt“ – Wein und Brot, „solches allein genießet zu 870 Ebd. Auffällig ist, daß Wagner das jüdische Volk in Zusammenhang mit „größten und edelsten Geschlechtern“ nennt. Der Vergleich bezieht sich jedoch ausschließlich – im Sinne von Mephistos „denn alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht“ („Faust“, ‚Studierzimmer’) – auf den Wagnerschen Glauben an eine gleichsam historische Disponiertheit alter „Geschlechter“ zum Untergang. 871 Ebd. 872 Wagner unterscheidet ‚Zivilisation’ und ‚Kultur’, deren Gegensätzlichkeit derjenigen von ‚Gewalt’ und ‚Friede’ entspricht: „die Gewalt kann zivilisieren, die Kultur muß dagegen auf dem Boden des Friedens sprossen.“ Ebd., S. 382 873 Ebd., S. 381 4. Richard Wagner 198 meinem Angedenken“874 – zu begreifen, und habe das Zeitalter des Blutopfers in jeder Hinsicht – sowohl aus Gründen der Ernährung wie aus Gründen der kriegerischen Eroberung – beendet. Weil dieses „Angedenken“ – infolge der Einmischung alttestamentarischer Elemente – aufgegeben worden ist, sei die Geschichte der Menschheit ein Prozeß des steten Fortschritts „des sich ausbildenden Raubtieres“: „Dieser [der zum Raubtier sich ausbildende/ ausgebildete Mensch] erobert die Länder, unterjocht die fruchtgenährten Geschlechter, gründet durch Unterjochung anderer Unterjocher große Reiche, bildet Staaten und richtet Zivilisationen ein, um seinen Raub in Ruhe zu genießen.“875 Wagner will den Eindruck erzeugen, daß das Christentum gleichsam jüdisch amalgamiert sei, was es freilich in vielerlei Hinsicht – vor allem genetisch-ätiologisch – natürlich ist. In diesem Sinne beurteilt er die militärischen Vertreter des Klerus: Wenn die „Herren Feldprediger“ vor dem Beginne einer Schlacht den „Alldulder“, „Jesus Christus, den Erlöser“, anriefen, so würden sie wohl meinen: „Jehova oder Jahve“ oder „die Vorkämpfer desselben für die israelitischen Stämme, Moses, Josua, Gideon“876. Aus den genannten Elementen einer sittlich-religiösen Dekadenz kreiert Wagner schließlich das Fanal bevorstehenden Weltunterganges, und schildert folgenden „gespenstisch grausenhaften Anblick“: „Stumm ergebene Menschen, die aber gar nicht mehr wie Menschen aussehen, bedienen diese Ungeheuer [gemeint sind Kriegsschiffe], und selbst aus der entsetzlichen Heizkammer werden sie nicht mehr desertieren: aber wie in der Natur alles seinen zerstörenden Feind hat, so bildet auch die Kunst im Meere [gemeint ist hier die seekriegstechnische Ingenieurs-‚Kunst’] Torpedos und überall sonst Dynamitpatronen u. dgl. Man sollte glauben, dieses alles, mit Kunst; Wissenschaft, Tapferkeit und Ehrenpunkt, Leben und Habe, könnte einmal durch ein unberechenbares Versehen in die Luft fliegen.“877 Außer einer passiven – religiös argumentierten – Verantwortlichkeit der Juden für die Degeneriertheit der Zivilisation sind Aussagen zu finden, die eine aktive Beförderung des Degenerationsprozesses unterstellen und zur Verwendung des Ausdrucks „Zersetzung“ führen. Dieser zweite Interpretationsansatz der „jüdischen Frage“ oszilliert zwischen einerseits der „Ausnützung“ bereits bestehenden Verfalls mit Hilfe eines vermeintlichen Raffinements im Gegensatz zu „deutscher Unfähigkeit“ und andererseits der Behauptung einer konkreten Verursachung des Niederganges, die „tätige“ Zersetzung genannt werden kann. „Erst wenn der innere Tod eines Körpers offenbar ist, gewinnen die außerhalb liegenden Elemente die Kraft sich seiner zu bemächtigen, aber nur um ihn zu zersetzen; dann löst sich das Fleisch dieses Körpers in wimmelnde Viellebigkeit von Würmern auf: wer möchte aber bei ihrem Anblick den Körper selbst noch für lebendig halten?“878 874 Ebd., S. 379 875 Ebd., S. 374: Dieses Zitat ist ein weiteres Beispiel für den Wagnerschen Begriff des Staates, den ich oben als eine „den sozialen Mißstand konservierende Instanz“ bezeichne. 876 Ebd., S. 372 877 Ebd., S. 398/399 878 Wagner: Judentum, a.a.O., S. 171/172 4.3 Religiöse Revitalisierung 199 So inakzeptabel derartige Metaphorik ist, belegt sie doch die Wagnersche Auffassung, die Gesellschaft (Zivilisation oder Kultur) sei bereits „abgestorben“. Einem Aasfresser jedoch – dies sei am Rande bemerkt – kommt im Naturhaushalt eine ordnende und damit positive Rolle zu und er kann zoologisch kaum den Raubtieren zugeordnet werden. Die „außerhalb liegenden Elemente“ werden als „dem Lebensorganismus gänzlich fremd“ beschrieben, und insofern als Unfähigkeit oder Verhinderung, „an den Bildungen dieses Lebens teilzunehmen“879 näher bestimmt. Die Folge des besonderen Raffinements880 sei die Okkupation der öffentlichen Sphäre der Gesellschaft durch Juden: „Das eigentlich deutsche Wesen zieht sich immer mehr von diesem [unserem heutigen öffentlichen Staatsleben] zurück; teils wendet es sich seiner Neigung zum Phlegma, teils der zur Phantasterei zu; und die fürstlichen Rechte Preußens und Österreichs haben sich allmählich daran zu gewöhnen, ihren Völkern gegenüber, da der Junker und selbst der Jurist nicht mehr recht weiter kommt, sich durch Juden vertreten zu sehen.“881 In eine ähnliche Richtung weisen die Ausführungen in der Schrift Modern (1878). Sie zeigen, daß ein kritisiertes Phänomen trotz zugestandenermaßen explizit nicht-jüdischen Ursprungs und nicht-jüdischer Vermittlung schließlich doch zur Inkriminierung der Juden führt. Hier wird die Zivilisation in Form der „Moderne“ – die gegen die „literarische Orthodoxie“882, somit gegen den „deutschen Geist“ ankämpfe – gegeißelt. Franzosen883, nicht Juden seien Urheber der Moderne; die Überbringer der französischen „modernen“ Einflüsse884 seien wiederum die liberalen „Jungdeutschen“885 gewesen. Freilich würden sich – der Wagnerschen Paranoia gemäß – daraufhin Juden der Moderne bemächtigt haben. Und zwar im Zuge der „Einmischung des ‚Modernen’ in unsere Kulturentwicklung“886, die aus zwei – bereits bekannten – Teilen besteht: Zum einen durch künstlerischen Epigonismus („mit fremden Federn kann man sich schmücken“) und zum anderen mit Hilfe vermeintlich demagogischer 879 Ebd., S. 170 880 Dieses schlage sich etwa in besonderen Erfolgen im Finanz- und Börsenwesen nieder, und führe zur Ausbildung von Stereotypen wie „Finanzjudentum“, das bei Wagner durch die Bankiersdynastie der Rothschild repräsentiert ist. Vgl.: Ebd., S. 144 f. Auch Wagner überbewertet – wie alle Antisemiten und später auch Rosenberg und Hitler – die historische Rolle jüdischer Bankiers, und blendet die Geschichte „christlicher“ Bankiers wie Hugenotten, Deutsche (die Fugger), Italiener (die Medici) und protestantische Quäker oder Niederländer usw. im Allgemeinen aus. 881 Wagner: Was ist deutsch? A.a.O.; S. 129 f. Mit oben besagter „deutscher Unfähigkeit“ im Gegensatz zu „jüdischem Raffinement“ bezeichne ich die von Wagner hier „Phlegma“ und „Phantasterei“ genannten Phänomene. 882 Wagner: Modern, in: Richard Wagner. Ausgewählte Schriften über Staat und Kunst und Religion, Leipzig 1914, S. 143 883 Vgl.: ebd., S. 144 884 „Moderne“ Einflüsse sind die von Wagner negativ beurteilten Institutionen, Ideologien und Kunstauffassungen, die sehr oft mit dem Attribut „modern“ versehen sind; z.B.: „moderne Industriegesellschaft“, „moderne Zivilisation“ und „moderne Künstler“, die vom Kunstbetrieb „gehalten“ würden. 885 Nichtsdestotrotz stand Wagner zu Zeiten des ‚Vormärz’ und der 1848er Revolution eben diesen ideologisch sehr nahe. Siehe zum Stellenwert der „Jungdeutschen“ Bewegung in Wagners geistiger Entwicklung: Mayer, Hans: Richard Wagner, Frankfurt am Main 1998, S. 34 f. 886 Wagner: Modern, a.a.O., S. 143 4. Richard Wagner 200 Aktivitäten „jüdischer Journalistik“.887 Demzufolge prognostiziert Wagner, daß vom „Siege der modernen Judenwelt“, „viel Heil für uns“ nicht zu erwarten sei.888 Die „verderblich dünkende Macht“889, die den Juden zugeschrieben wird, bestehe in gegenwärtigen Zeiten [denjenigen Wagners] in der „Bewunderung und Achtung“ der Juden durch „unsere Militärstaatsautoritäten“. Diese beruht auf den „erstaunlichsten Erfolgen bei der Anhäufung großer Geldvermögen“890. Die Abhängigkeit von Geldgebern, damit Kriegsfinanziers, und die „Heiligung des Eigentums“ begründe eine Allianz von Juden und Staatsautoritäten. Wagner distanzierte sich augenscheinlich nie von seiner in früher Jugend begründeten Kritik am Eigentum, das ein „dem Leibe der Menschheit eingetriebener Pfahl“ sei, an welchem diese „in schmerzlicher Leidenskrankheit“ dahinsiechen müsse: „Eine fast größere Heiligkeit als die Religion hat in unserem staatsgesellschaftlichen Gewissen das ‚Eigentum’ erhalten: für die Verletzung jener gibt es Nachsicht, für die Beschädigung dieses nur Unerbittlichkeit. Da das Eigentum als die Grundlage alles gesellschaftlichen Bestehens gilt, muß es wiederum desto schädlicher dünken, daß nicht alle Eigentum besitzen, und der größte Teil der Gesellschaft enterbt zur Welt kommt.“891 Allerdings geht Wagner nicht so weit zu behaupten, die Juden seien die „Erfinder“ des Eigentums, sowie der wirtschaftlichen Verwertung von Kapital. Denn die „Kunst des Geldmachens aus nichts“ habe doch „unsre Zivilisation selbst erfunden“. Die Juden trügen daran aber dennoch einen Teil Schuld – dort schließt sich der Kreis –, insofern als „unsre ganze Zivilisation ein barbarisch-judaistisches Gemisch, keineswegs aber eine christliche Schöpfung“ sei.892 887 Ebd., S. 144 888 Vgl.: ebd.: S. 145 889 Wagner: Erkenne Dich selbst! A.a.O., S. 220 890 Ebd., S. 222 891 Ebd., S. 223. Diesen Zusammenhang beschreibt Wagner später unter Verwendung der gelungenen Formulierung, daß der „geschwundene Glaube“ durch den „Kredit“ (credere) ersetzt worden sei. 892 Vgl.: Ebd., S. 224 f. 4.3 Religiöse Revitalisierung 201

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References

Zusammenfassung

Mit diesem Buch liefert Alexander Schmidt eine profunde Analyse der oft vermuteten Vorbildwirkung Richard Wagners für die völkische und nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungsideologie des 19. und 20. Jahrhunderts. Hierzu leistet der Autor eine ideengeschichtliche Gegenüberstellung ausgewählter Facetten der „Weltanschauungen“ Chamberlains, Rosenbergs, Hitlers und Wagners und deren jeweilige Konkretisierung der sogenannten „Jüdischen Frage“.

Werkimmanent, jedoch mit vielfältigen Bezügen zu politischen, ideologischen, philosophischen und feuilletonistischen Sekundärschriften, vergleicht er die jeweils angestrebte Gesellschaftsordnung sowie das Menschenbild der geschichtlichen Personen und gewährt dabei umfassende Einsichten in das weltanschauliche Gedankengebäude Richard Wagners sowie über die oft fälschlicherweise angenommene Vorbildwirkung seiner Schriften für die antisemitischen Ergüsse Chamberlains, Rosenbergs und Hitlers.