Content

3. Das ‚Böse’ und die Juden – Narrative und Definitionen in:

Alexander Schmidt

Die ideologische Rezeption der Judenfeindschaft Richard Wagners, page 103 - 142

Ursprung, Verlauf und Konsequenzen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3950-2, ISBN online: 978-3-8288-6812-0, https://doi.org/10.5771/9783828868120-103

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 73

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Das ‚Böse’ und die Juden – Narrative und Definitionen „Die Geschichte der Natur fängt also vom Guten an, denn sie ist das Werk Gottes; die Geschichte der Freiheit vom Bösen, denn sie ist Menschenwerk.“397 (Immanuel Kant) Antisemitisch kontaminierte Weltanschauungen basieren auf einer gnostischen Grundstruktur, die als fundamentaler Rassendualismus wahrgenommen wird. Das Komplement der Divinisierung des Ariers bzw. des Deutschen besteht in der Satanisierung der Gegenrasse, des Nicht-Deutschen, der Juden; sie bilden im Rahmen einer manichäischen Licht-Finsternis-Dichotomie (Licht-Bringer = Kulturschöpfer versus Verfinsterer = Kulturzersetzer = Menschheitsvernichter) die widerstrebenden Pole. Antisemitismus ist ursprünglich Manichäismus, der „den Lauf der Welt aus dem Kampf des Prinzips des Guten gegen das Prinzip des Bösen [erklärt]. Zwischen diesen beiden Prinzipien ist kein Ausgleich denkbar: das eine muß siegen, das andere vernichtet werden.“398 Spätestens im Zweiten Jahrhundert, mit der vollzogenen Entwicklung der christlichen Bewegung zu einer „nichtjüdischen Bewegung“, habe die konkrete „Identifikation Satans primär mit den jüdischen Gegnern Jesu“ begonnen, und bis in die Gegenwart überdauert.399 Es ist auffällig wie weitreichend die insinuierten Identifikationen die den Juden in der Moderne vor allem innerhalb der nationalsozialistischen Auffassung von Welt zugemutet werden, auch auf einschlägigen theologischen bzw. kulturhistorischen malum-typologischen Ideen über das Böse beruhen, oder diesen entspringen. Hyam Maccoby stellt die „Gemeinsamkeiten zwischen der Lehre vom Antichrist“ und dem „Antisemitismus der Nazis“ heraus, deren Zentrum jeweils die Projektion und die Beseitigung des Bösen bildet: „Hitler selbst hatte, als eine Art Halbgott, den Status eines Erlösers, was dem Status Christi nach seiner Wiederkunft entspricht. Es gehört daher zu seiner Rolle, analog der Legende vom Kampf Christi gegen den Antichrist [sic], die Welt gänzlich von den Mächten des Bösen zu befreien, nämlich den Juden.“400 Bärsch vertritt die These, daß ein wesentlicher Erfolgsfaktor der nationalsozialistischen Weltanschauung Hitlers auf der Tatsache beruhe, daß diese Zuschreibungen, Begründungen und somit „Erklärungen“ des Bösen anbiete und damit das Vakuum 3. 397 Kant, Immanuel: Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte [1786], in: Ders.: Ausgewählte kleine Schriften, Hamburg 1969, S. 79, Hervorhebung im Original 398 Sartre: Überlegungen zur Judenfrage, a.a.O., S. 28 399 Vgl.: Pagels, Elaine: Satans Ursprung, Berlin 1996, S. 64 f. 400 Maccoby, Hyam: Der Heilige Henker – Die Menschenopfer und das Vermächtnis der Schuld, Stuttgart 1999, S. 279 f. 103 fülle, das die Moderne eröffnet habe. Die Nationalsozialisten „nannten das Böse beim Namen, – als kennten sie es.“401 Voegelins „religiöse Betrachtung des Nationalsozialismus“ führt zu dem reziproken Ergebnis einer „satanischen Substanz“ des Nationalsozialismus selbst. Dies zu negieren bedeutete, sich an einem – in Voegelins Perspektive unzulänglichen und vergeblichen – da bloß „ethischen Abwehrkampf “402 zu beteiligen. Das Böse müsse in diesem Zusammenhang jedoch als diesseitig wirksame „echte Substanz und Kraft“ rezipiert werden dürfen. Diese sei mehr als „schlechthin sittlich Negatives“, mehr als „ein defizienter Modus des Seins“ oder „nur sittlich schlecht“. Es folge daraus die Notwendigkeit einer religiös erneuerten und revitalisierten Gegenkraft, die als „gleich starke religiös gute Kraft Widerstand leistet.“ Denn die Wurzel des Nationalsozialismus, der nicht bloßer „Rückfall in die Barbarei, in das dunkle Mittelalter“ oder vorhumanitäre Zeiten sei403, ist Voegelin zufolge „die Säkularisierung des Lebens, welche die Humanitätsidee mit sich führte, eben der Boden, auf dem die antichristliche religiöse Bewegung wie der Nationalsozialismus erst aufwachsen konnte.“404 Auch Richard Wagner hat in seinen Schriften intensiv für seine Vorstellung religiöser Erweckung geworben, die in der „Regeneration der Menschheit“ mit dem Ziel „wahrer Sittlichkeit“ besteht (siehe Kap. 4.2.1.3 vorliegender Untersuchung). ‚Das Böse’ – philosophische, religiöse und psychologische Konzeptionen „Aber über das böse Prinzip, über das Reich Satans, herrschen verschiedene Ansichten in den verschiedenen Ländern…“ (Heinrich Heine)405 Daß dem Bösen eine eigene ontologische Qualität zukommt, ist – „philosophisch“ – zunächst fraglich: Das Böse sei eine Art Unbegriff und semantisch vor allem vom Begriff des Guten abhängig. Das heißt, der theoretisch mögliche Zugang zum Phänomen des Bösen ist dadurch bedingt, wie sich der Begriff des Guten fassen lasse. Der Begriff des Bösen ist insofern Unbegriff, als er negativ bezeichnet, was in Ermangelung des Guten zwar „phänomenologisch zu identifizieren …, aber nicht berechenbar und prognostizierbar“ sei. Entsprechend erscheine es [das Böse] als „Elementarerfahrung, die als schlecht, übel, schlimm, sündig, eben böse genannt wird“.406 Diese ist 3.1 401 Bärsch: Politische Religion des Nationalsozialismus, a.a.O., S. 364 402 Voegelin, Eric Die Politischen Religionen [1938], herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Peter J. Opitz, München 1996, S. 7. Voegelin will, daß der Kampf gegen den Nationalsozialismus „auch als ethischer Kampf geführt werden soll, er wird nur … nicht radikal geführt, weil die radix, die Wurzel in der Religiosität fehlt.“ (Ebd.: Vorwort, S. 7) 403 Wolfgang Sofsky ist der Auffassung, die Moderne bilde zwar keine hinreichende wohl aber notwendige Bedingung für die „Shoah, die kein historischer Rückfall und auch kein Betriebsunfall, sondern ein genuines Produkt der Moderne, eine ihr immanente Möglichkeit“ sei. Sofsky: Zeiten des Schreckens, a.a.O., S. 66 404 Voegelin: Politische Religionen, a.a.O., passim 405 Heine, Heinrich: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland [1834] (hrsgg. von Jürgen Ferner), Stuttgart 1997, S. 15 3. Das ‚Böse’ und die Juden – Narrative und Definitionen 104 wesentlich die Erfahrung eines Mangels an Sein, welches wiederum affirmativ, positiv, geordnet – also auch göttlich – konnotiert ist.407 Ungehorsam, Antinomismus und Sünde sind hier also die wesentlichen Indikatoren des Bösen, dem in diesen Hinsichten allerdings keine eigene Entität zukommt. Die Erfahrungen des „Leidens der Menschen“408 und die „Bosheit in der Welt“409 sind mit Blick auf die Prädikate, die Existenz oder Nichtexistenz und die Rechtfertigung Gottes ewiger theologisch-philosophischer Kampfplatz. Allerdings ist politisches Handeln sowohl im- als auch explizit, bewußt wie unbewußt, bedingt, beeinflußt und zumindest tangiert von der Positionierung innerhalb eben dieses Kampfplatzes. Andererseits kann dann, sozusagen nichtphilosophisch und religiös motiviert, das Böse substantialisiert werden und „im schlimmsten Falle auch übernatürlich sein“.410 Das Schlechte und das Böse – in vielen Sprachen und Kulturen bestanden bzw. bestehen die Begriffe böse und übel häufig und weitgehend synonym – sei in vorwissenschaftlichen Weltauffassungen in die metaphysische Grundstruktur der Welt verlegt und so, als mehr oder weniger ursprüngliches und selbständiges Prinzip, gedacht worden.411 Aus der Perspektive der philosophischen Anthropologie wird aus der Zweiteilung eine Dreiteilung, die eine begriffliche Erweiterung des Bösen um das Schlechte vollzieht: Während das Schlechte in den Grenzen der Rationalität wirkt, sei das Böse durch Irrationalität gekennzeichnet. Der Böse drängt auf die Erzeugung fremden Leids als Selbstzweck – bis hin zur „willentlichen [somit irrationalen] Selbstvernichtung“, während der Schlechte, beseelt ausschließlich durch ein Nutzenkalkül [somit rational handelnd], „eigenes Wohl auf Kosten fremden Glücks“ verfolge. Die Tabulatur des moralisch relevanten Sozialverhaltens ist daher auf die Erzeugung bzw. Vermeidung von (Fremd- und Eigen-) Leid und (Fremd- und Eigen-) Wohl zu beziehen. Christian Thies illustriert die Facetten einer pessimistischen Anthropologie als schwarz (das Böse) und dunkel (das Schlechte), die einer optimistischen anthropolo- 406 Lexikon für Theologie und Kirche, hrsgg. von Kasper, Walter mit Baumgartner, Konrad/ Bürkle, Horst u.a., Freiburg im Brsg. 2009, Band 2, S. 603, Hervorhebung A.S. 407 Vgl. z.B. Kurt Flasch, der dieses in gottesbeweisender Absicht geübte Denken als „Ontologie des Schlechten als bloßer Beraubung“ bezeichnet. In: Flasch, Kurt: Warum ich kein Christ mehr bin – Bericht und Argumentation, München 2013, S. 177 408 Auch Thomas Mann läßt die Schwierigkeit erkennen, Böses positivistisch zu bezeichnen. Sein Adrian Leverkühn gibt im Dialog mit dem Teufel folgende Charakterisierung, die eben auf Vermittlung menschlichen Empfindens (Erfahrung) angewiesen bleibt: „Das ist die geheime Lust und Sicherheit der Hölle, daß sie nicht denunzierbar, vor der Sprache geborgen ist, daß sie eben nur ist, nicht in die Zeitung kommen, nicht publik werden kann, durch kein Wort zur kritisierenden Kenntnis gebracht werden kann, wofür eben die Wörter ‚unterirdisch’, ‚Keller’, ‚dicke Mauern’, ‚Lautlosigkeit’, ‚Vergessenheit’, ‚Rettungslosigkeit’ die schwachen Symbole sind.“ Mann, Thomas: Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde [1947], in: Ders.: Gesammelte Werke in dreizehn Bänden, Band VI, Frankfurt am Main 1974, S. 322 409 Flasch: Warum ich kein Christ mehr bin, a.a.O.., S. 179 410 Pagels, Elaine: The Origin of Satan, New York 2006, zitiert nach Zimbardo, Philip: Der Luzifereffekt – Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen, Heidelberg 2008, S. 3 411 Vgl.: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, begründet von Friedrich Kirchner und Carl Michaelis, fortgesetzt von Hoffmeister, Johannes, vollständig neu herausgegeben von Arnim Regenbogen und Uwe Meyer, Hamburg 1998, S. 114/115 3.1 ‚Das Böse’ – philosophische, religiöse und psychologische Konzeptionen 105 gischen Auffassung entsprechend als hell (das Gute, „fremdes Wohl auf Kosten des eigenen Glücks“). Letztere sind als Egoismus und Altruismus zu fassen. Die logische Ergänzung stellt einen vierten Typus vor, der z.B. bei Colin McGinn (zu McGinn unten mehr) Masochismus markiert – „das Streben nach eigenem Leid, das eigene Leid um seiner selbst willen“ – und, mit Schopenhauer, das Phänomen der Askese markiert.412 Daß „jede politische Idee irgendwie Stellung zur ‚Natur’ des Menschen“ nehme und voraussetze, daß der Mensch entweder „von Natur gut oder von Natur böse“413 sei, wird auch von Carl Schmitt betont. (Hellmuth Plessner jedoch erkennt den moralischen Ort des Menschen im „Indifferenzpunkt von Gut und Böse“.414) Schmitts besondere Faszination für die politische Philosophie Thomas Hobbes’ ist wohl wesentlich mit dessen vorbildhafter politischer Anthropologie und dem damit verbundenen hoffnungsarmen Menschenbild zu erklären. Ist er gar der Auffassung, daß „alle echten politischen Theorien den Menschen als ‚böse’ voraussetzen“.415 An anderer Stelle füllt Schmitt den Begriff recht deutlich, sofern „ … der Mensch, ‚von Natur böse‘, ist immer bereit, über die Grenzen des Vernünftigen, d.h. der seit Generationen aufgespeicherten Erfahrung hinauszugehen, sich einen Gott als metaphysischen Alliierten zu schaffen und mit Hilfe dieser Illusion andere zu unterjochen.“416 – und womit er also bereits im Jahre 1919 das politisch-religiöse Element des kommenden Nationalsozialismus (siehe auch Kap. 8 vorliegender Untersuchung) antizipiert. Für das hier verhandelte Thema ist ein Begriff des Bösen von Interesse, der die Personifikation und also auch die Projektion des Bösen in Menschen oder in bestimmte Gruppen von Menschen in den Vordergrund stellt. Wird zwar die leibhaftige Existenz des Teufels nicht mehr fürwahr genommen, wird aber weiterhin die Verteufelung der Anderen umso eifriger betrieben.417 Horkheimer/Adorno erkennen in diesem Zusammenhang von Selbstwahrnehmung und Fremdzuschreibung die Umkehrung der Vorzeichen: „Sie [die Juden] werden vom absolut Bösen als das absolut Böse gebrandmarkt. So sind sie in der Tat das auserwählte Volk.“418 Vielleicht operiert, agiert und wirkt das Böse bereits, wenn es immanent(isiert) oder projiziert wird; so wie größte Gottlosigkeit im Vorwurf gegen- über anderen, gottlos zu sein, bestehen dürfte.419 412 Vgl.: Thies, Christian: Einführung in die philosophische Anthropologie, Darmstadt 2009, S. 124-128 413 Vgl.: Schmitt, Carl: Politische Theologie – Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität, Berlin [1922] 2009, S. 61. 414 Plessner, Hellmuth: Grenzen der Gemeinschaft – Eine Kritik des sozialen Radikalismus [1924], Frankfurt am Main 2002, S. 127 415 Schmitt: Der Begriff des Politischen, a.a.O., S. 61 416 Schmitt, Carl: Politische Romantik [1919], Berlin 1998, S. 30 417 Daher und in diesem Sinne Mephisto: „Den Bösen sind sie los, die Bösen sind geblieben.“ 418 Horkheimer/Adorno: Elemente des Antisemitismus, in: Dies.: Dialektik der Aufklärung, a.a.O., S. 177 419 „… dass sich Gottlosigkeit oft gerade bei denen befindet, die den Vorwurf der Gottlosigkeit erheben, wie das auch bei den Anklägern des Sokrates der Fall gewesen war.“ Grondin, Jean: Die Philosophie der Religion – Eine Skizze, Tübingen 2012, S. 59. Plessner betont, „keine größere Gefahr für 3. Das ‚Böse’ und die Juden – Narrative und Definitionen 106 Religiös aufgeladene Erwähltheitswahrnehmung („weil sich im weitem Universum Gott einem besonderen Volk widmet“) ist stets an eine dunkle Sphäre, die potentielle „Angst der Bedeutungslosigkeit“, gebunden. Das im Rausch solcher „Grandiosität“ sich wähnende Volk bekämpfe jeden Zweifel an diesem Selbstwertgefühl mit „härtesten Gegenbeweisen“ – dies dann vor allem „im Namen Gottes“ und unter dem Drucke des „Zwang[s], von Gott geliebt werden zu müssen“, was die vordringliche „Quelle ideologisch fundierten Machtmissbrauchs“ sei.420 Die personifizierende Projektion des Bösen passiert infolge der Annahme der angeblichen Nachkommenschaft bestimmter Menschen, Kollektive oder Völker eines Vaters, welcher der Widersacher Gottes mithin Satan oder der Teufel ist. Die Realisierung des angeblich satanischen Werkes geschieht vornehmlich durch Lug und Trug; der „Teufel“, so sage Jesus, „ist ein Lügner und ist der Vater der Lüge“421 – auch in nationalsozialistischer Sicht sind die Juden die Kinder des Teufels, Lug und Trug, mit Hitler, ihre kardinale Eigenschaft. Die gnostische bzw. manichäische Anleihe ist deutlich, ich komme vertiefend darauf zurück, und verweise vorläufig auf die konstituierende Funktion der Personifizierung des Bösen für die politische Religion des Nationalsozialismus (siehe ausführlicher Kap. 8 vorliegender Untersuchung). Die Bestimmung des Bösen impliziert logisch die des Guten. Der zugrundeliegende Dualismus ist denkbar vielfältig zu deklinieren, seine Kulminationspunkte sind: – Licht – Finsternis in ursprünglicher und genealogischer Parallel-Existenz (Mani(chäismus)), – das gute Prinzip vs. das böse Prinzip bzw. zuerst das gute, dann das böse Prinzip (Die innerhalb der Gnosis geglaubte Präexistenz des Guten, welches das Böse – im Verlaufe von „Generationen von Äonen“ immer weiter vom Ursprung entfernt, „sich desto trüber verschlechtert“ – gleichsam gebiert.), – die „überall“, so auch im Christentum, „hervortretende Lehre von den beiden Prinzipien“, die „Welt des Geistes“ (symbolisiert durch Christus) vs. die „Welt der Materie“ (symbolisiert durch Satan)422, – infolgedessen, Seele – Leib – Dualismus (Paulus)423, – ebenfalls infolgedessen, die Division der civitas Dei und der civitas terrena, die nichts weniger als die civitas diaboli bezeichnet (Augustinus),424 die Herrschaft Gottes auf Erden als ein Aufstand um seinetwillen“. Plessner: Grenzen der Gemeinschaft, a.a.O., S. 126 420 Grün, Klaus-Jürgen: Angst – Vom Nutzen eines gefürchteten Gefühls, hrsgg. von Michel Friedmann, Berlin 2009, S. 47 421 Das Evangelium nach Johannes (Joh 8, 44) zitiert nach: Neue Jerusalemer Bibel, Einheitsübersetzung hrsgg. von: Deissler, Alfons/ Vögtle, Anton, Frankfurt am Main 1980, S. 1528 422 Vgl.: Heine: Religion und Philosophie, a.a.O., S. 17 f. 423 Paulus beschreibt die Auferstehung als Überwindung der Sünde durch die „Vernichtung des von der Sünde beherrschten Leibes“, was überdies – dem Tod ist der Stachel genommen –, in die Ewigkeit (kein Tod, keine Sünde) weist. Brief des Paulus an die Römer (Röm 6, 6) zitiert nach: Neue Jerusalemer Bibel, a.a.O., S. 1633/1634 424 Die Menschen seien prädestinativ in Angehörige der (irdischen) Bürgerschaft des Teufels und – unverdientermaßen, allein durch Gnadenerweis Gottes – zu einem (geringeren!) Teil in Angehörige 3.1 ‚Das Böse’ – philosophische, religiöse und psychologische Konzeptionen 107 Mit Blick auf die Frage nach Gut und Böse ist außerdem das Problem von Einheit und Vielheit zu betrachten, das weltanschaulich verbrämt z.B. in der Konfabulation über den „Rassekern“ oder die „Volksgemeinschaft“ auftaucht, innerhalb derselben das Andere und das Viele negiert wird und in die Obsession der Ausscheidung des Fremden, Anderen und Differenten eskaliert. Die (philosophische und – je nach Standpunkt – daran anschließende oder diese vor allem im Mittelalter ersetzende bzw. ergänzende theologische) Reflexion über Einheit oder das Eine ist geistesgeschichtlich kaum zu überschätzen. Sowohl Augustinus als auch Hegel, um zwei schwergewichtige Exponenten aus der Antike und der Moderne zu zitieren, die gleichermaßen exponierte Vertreter der Theologie und der Philosophie sind, verstehen „das Denken überhaupt und insbesondere die Philosophie als die Frage nach dem unum.“ Augustinus führe seine beiden Hauptfragen (die Fragen nach Gott und nach der Seele) als Teilprobleme (!) der Frage nach dem Einen ein.425 Für Hegel ist entsprechend „die ganze Philosophie nichts anderes [!] als das Studium der Bestimmungen der Eh. [Einheit]“426. Daß das Eine/ die Einheit ohne Einbeziehung der Vielheit/ des Vielen keine Denkbarkeit erfährt, scheint ebenso evident wie die komplementäre Mutualität, die das Verhältnis des Guten und Bösen bezeichnet. Ontologische Relevanz erlangt das Denken über Einheit im Zuge der sog. Konvertibilitätsthese, die die Austauschbarkeit bzw. die Identität des Einen mit dem Seienden überhaupt annimmt. Theologisch gewendet, wird die Koinzidenz zwischen Sein und Einheit in der Transzendenz gedacht.427 Insofern in ‚Einheit’ die „Vielfalt der (himmlischen) Bürgerschaft Gottes zu unterteilen. Indiziert ist die jeweilige Zugehörigkeit, einerseits durch Selbstliebe, die zwangsläufig in „Gottesverachtung“ mündet, und, andererseits durch Liebe zu Gott. Innerhalb „Gottes Weltplan“ zu dieser oder jener Zugehörigkeit prädestiniert – „Engel und Menschen“ sind gleichermaßen betroffen, was auf die Über- bzw. Unzeitlichkeit beider civitates verweist –, ist alles Menschenwerk vergeblich. Sie könnten „nichts tun, was Gottes große Werke, ausgewählt nach seinem Belieben, zu hindern imstande wäre.“ Gott habe „jedem vorsorglich und allmächtig das Seine zugeteilt.“ Augustinus, Aurelius: Vom Gottesstaat (De civitate Dei), München 1978, Bd. II. Buch 11-22, S. 209-211. Mit anderen Worten, selbst wenn der Sünder der Sünde in seinem Leben vollständig entsagt, mithin also als solcher nach menschlichen Maßstäben gar nicht mehr bezeichnet werden kann, ändert dies an seinem für alle und vor aller Zeit festgesetzten Erwähltheitsstatus kein Jota. Die (Erb-)Sünden-Lehre des Augustinus muß in doppeltem Wortsinn inhuman genannt werden, derzufolge doch „die Zahl der Geretteten kleiner ist als die Zahl der Verdammten“, die alle aus „unvordenklichen Gründen (‚Gottes allmächtige Güte’) in die Sündermasse“ durch die geschlechtliche Übertragung („in der Fortpflanzung wird Adams Sünde“ übertragen), geraten. Abgesehen davon zeigt Kurt Flasch, daß Augustinus vor dem „Gottesstaat“ eine Sündendefinition entwickelte, die mit dessen später errichteter theologischen Erbsündedoktrin unvereinbar ist – und nota bene moderne Züge aufweist, so Flasch – daß nämlich Sünde schwerlich ererbt sein könne sondern sinnvoll nur da verortet werden darf, wo „Wille“ vorläge. Von Wille – dieser Tautologie war sich Augustinus offenbar bewußt – könne indes nur zu reden sein, wenn er frei sei. Vgl.: Flasch, Kurt: Natur und Gnade – Augustinus von Hippo gegen Julian von Aeclanum, in: Ders.: Kampfplätze der Philosophie, Frankfurt am Main 2008, S. 26/27. 425 Augustinus nach: Flasch, Kurt: Das Eine/Einheit, in: Ritter, Joachim: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 2, Darmstadt 1972, S. 367 426 Hegel nach: Flasch: Das Eine, a.a.O., S. 368 427 Vgl: Flasch: Das Eine, a.a.O., S. 365 3. Das ‚Böse’ und die Juden – Narrative und Definitionen 108 vollständig getilgt“ sei, ist die (nicht zuletzt über Sprache und Begriff vorgenommene) Definition des so bestimmten Einen, eine Unsagbarkeit und sogar Undenkbarkeit, und kann entsprechend nur in die Transzendenz verlagert sein. Im Sinne der auf Platon zurückzuführenden Negativen Theologie – alle positiven Bestimmungen und Aussagen über Gott seien also per se unangemessen – kann das Eine (ausschließlich) Gott sein. In agathologischer Hinsicht wird das Eine mit dem Guten identifiziert, dessen positive Bestimmung bekanntlich in den infiniten Regress münden muss. Es ist aber ebenfalls Aristoteles, der auf die Identifikation des Guten und des Einen warnend bemerkt, daß daraus folgte, die Natur der Vielheit sei das Böse. Des ungeachtet findet – im Zuge einer viel eher üblichen als unüblichen Anleihe der mittelalterlichen Scholastik bei antiker Philosophie – diese Denkweise Eingang in die christliche Heilsgeschichte. Ist also das Gute/ Gott das Eine, erscheint die Wiederherstellung desselben, die Überwindung des Vielen, als Überwindung der Sünde und des Schlechten an sich.428 Der Interpretation des Einen als göttlichen Ursprungs folgt eine pejorative Wahrnehmung des Vielfältigen, innerhalb derer sich dann aller denkbar negativen Konnotationen bedient werden kann. Die Vielfalt erscheint so naturgemäß geringer, mangelhafter und schlechter als alles Einheitliche, die Wahrheit ist ein-, die Falschheit dann vielfältig (Nollius429). Die politisch-religiöse Virulenz dieser Denkungsart ist wiederum abgebildet in den Homogenisierungsphantasien totalitärer Ideologien, insbesondere diejenige nationalsozialistischer Provenienz, die die Ausmerzung des Anderen und Vielfältigen zum Ziele hat. Auch die theoretische Begründung der wie auch immer attribuierten Monarchie fußt auf dieser Dichotomie – die Vielen (wankelmütige, unmündige usw. Masse) versus der Eine (weiser, integrer Monarch, „der Führer“). Letztlich relativiert wird diese starre Disjunktion aber wieder durch z.B. Leibniz’ „Einheit in der Vielfalt“, indem die Vielfalt die Einheit repräsentiere, eines dem anderen nicht ausschließlich zuwiderlaufe, und durch Thomas von Aquins „geordnete Vielfalt“, die für ihn z.B. die politische Ständearchitektur oder die sog. Engelshierarchie symbolisiere. Eric Voegelin attestiert (politischen) Gnostikern, daß sie zwar geisteskrank seien, jedoch nicht dumm. Ihr Streben und Trachten betreffe eigentlich Unmögliches, aber sie verfolgten dies mit starkem Willen. Die explizite „Zukunftsfixiertheit“, die prinzipiell eine „eschatologische Spannung“ aufweise, rühre tief an „Erlösungswünsche“. Die so konnotierte Zukunft bleibe indes abstrakt und leer.430 Die durch Voegelin theoretisch diagnostizierte ‚Pneumopathologie’ besteht praktisch in der „ethisch-widerspruchsvollen“ Verwirklichung scheinbar „dialektischer“ Umkehrungsaxiome – „Unterdrückung der Unterdrücker, Expropriation der Expropriateure“ – bis hin zur Forderung der Vernichtung der (phantasmagorischen) drohenden Vernichtung. Unter diesen ideologischen Voraussetzungen können Gnostiker in unethischen und a- 428 Vgl. hierzu z.B. Johannes Scotus Eriugena, zitiert nach: Flasch: Das Eine, a.a.O., S. 371 429 Zitiert nach: Meier-Oeser, Stephan.: Vielheit, In: Ritter: Historisches Wörterbuch, a.a.O., Band 11, S. 1046 430 Vgl.: Voegelin: Gnostische Politik, a.a.O., S. 41 3.1 ‚Das Böse’ – philosophische, religiöse und psychologische Konzeptionen 109 wie immoralischen Purifikations- und Zerstörungs- und Vernichtungswerken nichts anderes als Befreiung, Erlösung sowie also allgemeine Beglückung erkennen. Voegelins Illustrationen beschreiben die diesbezüglichen Phantasmen von Gnostikern, die sich leichthin in „kosmischem Kampf “ wähnen, als „geistige Strafaktionen gegen Mächte, die dem Licht widerstreben“. Es kann in solcherlei Auseinandersetzung a priori keine Verhandlung, Versöhnung oder politischen Ausgleich geben, „die Situation der Unterliegenden ist fürchterlich, weil sie keine politischen Gegner im Kampf um Macht“ seien, sondern existentielle Widersacher, als die sie in der pathologischen Verzerrung perzipiert werden.431 Nietzsche fasst diesbezüglich den „auf Erden Jahrtausende langen, furchtbaren Kampf “ der „beiden e n t g e g e n g e s e t z t e n Werthe [sic] ‚gut und schlecht’, ‚gut und böse’“432 zusammen. Schlecht und böse erscheinen auch hier identisch, was auf die, in der Vorrede der Genealogie erläuterte, „Abscheidung des theologischen Vorurtheils [sic] von dem moralischen“ zurückzuführen ist und es Nietzsche seitdem ermögliche, „den Ursprung des Bösen nicht mehr h i n t e r der Welt“ zu suchen.433 Diese Auffassung des „moralischen“, des immanenten Bösen ist freilich durch Immanuel Kants aufgeklärten Begriff des „radikal Bösen“ präfiguriert. Er ist mit dem vor-aufklärerischen Begriff insofern unvereinbar, als er eine menschliche Neigung beschreibt: Der sog. „Hang zum Bösen“434, der gleichsam anthropologisch disponiert erscheint, kann allerdings keiner Gruppe von Menschen – erst recht nicht exklusiv – zugeschrieben werden, denn es ist jedem Individuum vollkommen autonom anheimgestellt, eine ethische (gute oder schlechte) Maxime des Handelns zu internalisieren oder dies zu unterlassen.435 In der praktischen Philosophie Kants ist die Frage nach dem „Bösen“ und also die Frage nach dem „Guten“ (und dem jeweils resultierenden individuellen Handeln) deutlich von gesellschaftlichen Konditionen entkoppelt und somit prinzipiell keiner historischen Erklärung oder politischen Rechtfertigung zu unterziehen. In der Tradition Kants erfasst auch Edgar Allan Poe das Böse als „Perversion“, die „zügellose[r] Hang, das Böse um des Bösen willen zu tun“, ein „radikaler, primärer, elementarer Beweggrund (primum mobile)“436 sei. Die Perversion bestehe in der Verkehrung437 des „Selbsterhaltungstriebes“, auf welchen Poe wiederum jede Form allen Wohlbefindens zurückführt. Diesem zuwiderzuhandeln markiert den bösen Trieb und kann in seiner Sinnlosigkeit438 in der Perspektive Poes nur einem „Geiste der Perversität entstammen“.439 431 Vgl.: Ebd., S. 45ff. 432 Nietzsche: Genealogie, a.a.O., S. 41, Hervorhebung im Original. 433 Vgl.: Ebd., S. 5 f. Hervorhebung im Original. 434 Vgl: Kant, Immanuel: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, hrsgg. von Bettina Stangneth, Hamburg 2003, S. 215 435 Vgl.: Ebd., S. 24/25 436 Poe, Edgar Allan: Der Geist des Bösen, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Sechs Bände, Augsburg 1990, Dritter Band, S. 12 437 „l.[ateinisch] perversus ‚umgedreht, verkehrt, unrecht, schlecht, böse’“. Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 23. Auflage, Berlin/ New York 1995, S. 695 438 „Darüber hinaus oder dahinter fehlt jeder Beweggrund …“ Poe: Geist des Bösen, a.a.O., S. 15 3. Das ‚Böse’ und die Juden – Narrative und Definitionen 110 Wo uns in der Moderne wirklich Böses begegne, so der katholische Theologe Ralf Miggelbrink, werde Krankheitsmetaphorik genutzt. (Hier wäre der moderne Anteil des rassistischen Antisemitismus durch „Zersetzung und Infizierung des Volkskörpers“ durch die Juden u.a. bei Hitler zu verorten; der häufige Gebrauch der Metapher der „Geißel“ der Menschheit suggeriere den Bezug zur mittelalterlichen Pestilenz und erkläre somit die Notwendigkeit auch einer biologischen Ausrottung.) Infolgedessen erscheint das Mysterium des Bösen [entsprechend auch das metaphysische Böse, die (transzendente) Ursache des Bösen überhaupt im Unterschied zu moralischen und natürlichen Übeln gemäß der Leibniz’schen Typologie] als rein theologisches Problem440 – die Theologie verfolge in den letzten vierzig Jahren diesbezüglich keine andere Spur –, das man auf die Frage nach der Realität des Übels in der Welt, bei gleichzeitiger Akzeptanz eines guten, gerechten und allmächtigen Gottes – Gott (theós) und Gerechtigkeit (dikē), also das Theodizee-Problem441 – reduzieren kann. Das Böse wird hier „vormenschlich“ gefaßt und betreffe Leid- und Unrechtserfahrungen, die durch Lissabon bis Auschwitz symbolisiert sind. Wiewohl einzuwenden ist, daß totalitäre Massenvernichtungsprogramme Menschenwerk sind und insofern eigentlich nur mit Mühe im Rahmen der Theodizee-Debatte zu durchdenken sind. Vielleicht ist die „einzige Entschuldigung Gottes“ wirklich, „daß er nicht existiert“, wie Nietzsche diesen, seines Erachtens „besten Atheisten-Witz“ kolportiert, den er unter Bedauern nicht sich selbst, sondern Stendhal zuschreiben muß.442 439 Ebd. 440 Vgl.: Miggelbrink, Ralf: Das Böse denken – Die Theologie der Gegenwart vor einer Notwendigkeit politischer Vernunft, In: Kotowski, Elke-Vera/ Sonnenschmidt, Reinhard (Hrsg.): Grenzgänge zwischen Politik und Religion, München 2009, S. 77-87 441 Für Augustinus stellt sich diese Frage nicht. Gottes Gerechtigkeit ist nicht menschliche Gerechtigkeit, insofern durch Menschen, bereits allein ihrem defizitären Vermögen nach, nicht erkennbar und somit von Menschen auch nicht verstehbar, geschweige denn zu bewerten. Im zwanzigsten Buch des „Gottesstaates“, der „Weissagung zum Jüngsten Gericht“, heißt es: „Denn wir wissen nicht, welches Gottesgericht dem zugrunde liegt, daß hier ein Guter arm, dort ein Böser reich ist; daß hier einer sich freut, der, wie wir meinen, wegen seiner Sittenlosigkeit von Kummer geplagt sein müßte … daß junge Männer kraftstrotzend das Räuberhandwerk betreiben, während kleine Kinder, die niemandem auch nur mit einem Worte kränken konnten, von mancherlei schrecklichen Krankheiten heimgesucht werden.“ Dies alles ist irdisch, insofern bereits völlig unerheblich, denn „wegen des künftigen Gerichts, das den Guten Güter und den Bösen Übel von endloser Dauer zuteilen wird.“ Augustinus: Vom Gottesstaat, a.a.O., S. 586/87. Auch für Immanuel Kant ist diese Frage unbeantwortbar, überdies „alle bisherige Theodizee das nicht leiste was sie verspricht“. In philosophischer, vernunftbasierter Perspektive konstatiert Kant schlicht die inhärente Disposition des „Mißlingens aller philosophischen Versuche“, das Theodizee- Problem zu erfassen, insofern „unsre Vernunft zur Einsicht des Verhältnisses, in welchem eine Welt, so wie wir sie durch Erfahrung immer kennen mögen, zu der höchsten Weisheit stehe, schlechterdings unvermögend sei.“ Hier treffen sich Augustinus und Kant, denn in dieser Hinsicht seien auch alle Versuche vermeintlicher menschlicher Weisheit, das göttliche Wesen, seine Weisheit und seine Wege nachzuvollziehen oder gar zu rechtfertigen, grundsätzlich und allumfassend „abzuweisen“. Vgl.: Kant, Immanuel: Über das Mißlingen aller philosophischen Versuche in der Theodizee, in: Ders.: Von den Träumen der Vernunft – Kleine Schriften zur Kunst, Philosophie, Geschichte und Politik, hrsgg. von Dietzsch, Birgit und Steffen, Leipzig und Wiesbaden o. J., S. 328/29 442 Vgl.: Nietzsche: Ecce homo, a.a.O., S. 412 3.1 ‚Das Böse’ – philosophische, religiöse und psychologische Konzeptionen 111 Terry Eagletons Auffassung des Bösen verweist gleichsam in beide Richtungen, und ist entsprechend nicht ausschließlich weltimmanent, sondern in gewisser Weise auch als welttranszendent zu fassen, so „dass das Böse nicht völlig rätselhaft ist, wohl aber die Grenzen alltäglicher sozialer Verhältnisse transzendiert.“ Das Böse sei tatsächlich metaphysisch, insofern es sich gegen das Sein als solches wende, jedoch nicht zwangsläufig übernatürlich, und nicht jeglicher menschlichen Kausalität entbehrend.443 Eagleton ist sich dieses Widerspruchs bewußt, findet ihn indes gelöst und versöhnt im Übergang in die Moderne, der auch in Eagletons Perspektive diesbezüglich wesentlich durch Sigmund Freuds Psychoanalyse bedingt ist. In diesem Sinne will er, Eagleton, sich nicht auf vertikale Transzendenz begrenzen, sondern geht über – von der Seele zur Psyche – in einen horizontalen Transzendenzbegriff, als die Substitution der Theologie durch Psychoanalyse. Daraus folgt für Eagleton die definitorische Anlehnung seines Begriffs des Bösen an den Freudschen Thanatos-Begriff.444 Auch dessen Ursache ist, wie bei Gott, wie beim Bösen, wie bei der Kunst445 nicht abgeleitet und per definitionem nicht ableitbar, er muß notwendig dem Kriterium der Selbstzweckhaftigkeit genügen – „den Grund in sich selbst haben“.446 Die, im wahrsten Wortsinne, Unbedingtheit, also die Vorstellung vollendeter Autonomie, ist für den Literaturwissenschaftler zuverlässiges Indiz für die literarisch intendierte Präsenzgebung des Bösen.447 Das Verhältnis zwischen Schöpfung und Zerstörung setzt die Kunst und das Böse in einen kosmologischen Bezug. Zerstörung biete die einzige Möglichkeit, Gottes Schöpfung zu übertrumpfen oder mindestens eine, Gott ebenbürtige „Handlung“ zu vollziehen. Und anders gewendet, dem Künstler, der als „moderne säkulare Spielart Christi“ apostrophiert ist, wird durch „Abstieg ins größte Elend“ und durch „die Hölle der Verzweiflung“ gehend, die Möglichkeit eröffnet, das „ewige Leben zu gewinnen.“448 Ein Gedanke, der Wagner sicherlich gefallen haben würde, und diesem dann durch den Allerklärer Alfred Rosenberg (siehe Kap. 6.2 vorliegender Untersuchung), mutatis mutandis, auch zugeschrieben worden ist. 443 Eagleton, Terry: Das Böse, Berlin 2011, S. 27 444 Die Entwicklung innerhalb dieser beiden „Narrative des Begehrens“ läßt sich an den hier relevanten Topoi wie folgt durchexerzieren: Theologie → Psychoanalyse; Seele → Psyche; Erbsünde → Verdrängung / Neurosen; Sündhafte Geburt → Krankhafte Geburt; Erlösungsbegehren → menschliche Unzufriedenheit; Erfüllung durch Erlösung → Bekehrung nach traumatischem Zusammenbruch; Gott → Rätselhaftes Unbewußtes. 445 „…dass sowohl die Kunst wie das Böse um ihrer selbst willen existieren. Beide wollen nichts mit Nützlichkeit oder Tauschwert zu tun haben.“ Eagleton: Das Böse, a.a.O., S. 78 446 Ebd., S. 12 447 Die Personen in den Dramen Shakespeares, die behaupten, „von niemandem abhängig zu sein und ganz allein über ihr Schicksal zu gebieten, sind fast immer Schurken.“ Ebd., S. 22/23. Je autonomer menschliches Denken sich gestalte, desto näher komme es „einem göttlichen Status.“ Vgl.: Eagleton: Tod Gottes, a.a.O., S. 51 448 Vgl.: Eagleton: Das Böse, a.a.O., S. 77 f. 3. Das ‚Böse’ und die Juden – Narrative und Definitionen 112 Sören Kierkegaards Erörterung des Bösen zentralisiert den Begriff Angst und ist hier insofern von Interesse, als diese Konzeption sozusagen im Spannungsfeld von Freudscher Psychoanalyse und Augustinischer Erbsünde-Doktrin pendelt. In Angst ist das Böse repräsentiert. Angst wirkt medialisierend zwischen Erbsünde und Sünde. Kierkegaard fasst das Böse ganz im Sinne der Genesis, als infolge der Erbsünde über die Menschheit Gekommenes. Auch Sünde hat ihren Grund ens causa sui: „Die Sünde kam durch die Sünde in die Welt. Wäre dies nicht der Fall, so wäre die Sünde als etwas Zufälliges hereingekommen…“449 Angst perpetuiert Sünde. Denn durch sie geschehe Entsetzliches, daß die Angst vor der Sünde die [weitere, somit ewige („unendlich fluktuierend“)] Sünde hervorbringe.450 Die Angst ist „Folge der Erbsünde“451, durch die Erbsünde „kam die Sexualität in die Welt“.452 In der Welt und unter den Menschen (viel mehr: „in dem Einzelnen, in dem Angst als Folge der Sünde“453 zu verorten ist) sieht Kierkegaard also den Bezug der Angst zum Bösen durch das zirkuläre Verhältnis von (Erb-) Sünde – Sinnlichkeit – Angst – Sünde. Je geringer die Angst (vor dem Bösen) desto sündhafter die Individualität. Angst birgt somit zivilisierendes Potential, bedingt, erzeugt und gewährleistet mithin Tugendhaftigkeit und weitgehend Güte. Colin McGinn exponiert einen immanenten Begriff des Bösen, den er, „moralpsychologisch“, in den menschlichen Charakter verortet. Dieser ist insofern als „böse“ zu bezeichnen, als er „aus Leiden Lust gewinnt und aus Lust Leid“ erzeuge. Eingedenk des Postulates, auch das Böse – bei McGinn das „reine“ Böse – habe seine Ursache und (s)einen Zweck eo ipso, differenziert McGinn ein „instrumentelles Böses“, das gemeinhin und dann gewissermaßen unzutreffend als böse begriffen, die (bösen) Mittel zur Erreichung eines weiteren Ziels umfasst. Diese Fälle, die nichts mehr als „Egoismus und unmoralischen Eigennutz“ offenbaren, seien zu unterscheiden von den „rein-bösen“, insofern hier Leid um des Leides willen erzeugt oder befördert werde. Natürlich wird nicht nur objektiv Leid oder Elend produziert, sondern es wird subjektiv Lust, also Wohlergehen, gesteigert.454 Es ist folgerichtig wenn McGinn seiner These die Logik des Sadismus455 unterlegt, der auf ontologischer Differenzerfahrung basieren müsse, um als solcher zu bestehen. Es muß der Andere leiden. Der Genuß bestehe allein darin, daß dies nicht ich bin. Je radikaler und vollkommener die Alteritäts-Erfahrung, desto böser ist die Handlung, die ad finitum das „reine“ Böse markiere. Mit Blick auf die Dehumanisierung der Juden durch Rassisten, Nationalsozialisten und Antisemiten kann McGinns 449 Kierkegaard, Sören: Der Begriff Angst [1844], In: Ders.: Der Begriff Angst – Die Krankheit zum Tode, hrsgg. sowie mit einem Nachwort und Sacherläuterungen versehen von Thomas Sören Hoffmann, Wiesbaden 2011, S. 34 450 Vgl.: Ebd., S. 79 451 Ebd., S. 57 452 Ebd., S. 73 453 Ebd., S. 117 454 Vgl.: McGinn, a.a.O., S. 104 f. 455 Daß „nicht ich leide, sondern daß es jemand anders ist, dem es schlecht geht“. Ebd. 3.1 ‚Das Böse’ – philosophische, religiöse und psychologische Konzeptionen 113 Begriff des Bösen fruchtbar in die Erörterung des hier verhandelten Themas eingebracht werden: „Das Böse zehrt vom Begriff der Andersheit. Der Lust am Bösen wohnt die Vorstellung von der krassen Verschiedenheit des Opfers von mir selbst inne. (...) Alles, was das Opfer mit mir vereint, wird daher meine Fähigkeit zu bösen Absichten untergraben.“456 Bärsch verweist auf den Diskurs der Moderne, innerhalb dessen der Begriff des Bösen keine Rolle spiele, das Thema der Moderne sei vor allem Subjektivität, was, wie fortzusetzen wäre, auch die spezifische Rezeption des Bösen bedingt. Der vormoderne Begriff des Bösen passe nicht zur progressiv-wissenschaftlichen Interpretation von Wirklichkeit und verlagere sich daher auf „Zerstörung, Übel, Not, Angst, Elend, kurz: die Negation des Lebens, des Glücks und der Wahrheit“, denn diese Empfindungen seien und blieben auch weiterhin empirisch schwer zu eskamotieren. Infolgedessen sei das Böse personifiziert worden, was für das Bewußtsein eine konfliktlösende und damit legitimatorische Perspektive auf das „Übel der gesellschaftlichen Umwelt, des persönlichen Scheiterns und das individuelle Leiden“ eröffne.457 Mit Blick auf einen entfesselten Annihilismus, der die absurde Reaktion von Nihilisten auf ihre Angst vor dem Nichts ist, sieht auch Camus das erstrebte Moment einer möglichen Lösung, insofern die „Macht zu töten und zu entwürdigen, [der] knechtische[n] Seele“ die „Rettung vor dem Nichts“ suggeriere.458 Die Personifikation des Bösen in und durch das jüdische Kollektiv führt zur Wiederkehr des (vormodernen) physisch und/ oder moralisch amalgamierten Begriffs des Bösen, der nur scheinbar bloß physischer und moralischer Natur ist, weil er im Grunde metaphysisch und religiös-rassistisch als gnostische Gegenkraft überhöht ist. Das Böse zu benennen wie es zu projizieren, ist in den genetischen Code aller Ideokratien eingeprägt, denn das Unheil brauche stets einen Träger, wie Barbara Zehnpfennig feststellt, so daß beide (Groß-) Ideologien – die marxistisch-kommunistische wie die nationalsozialistische – „mit einem extremen Feindbild“ arbeiteten: „… in der feindlichen Klasse (Bourgeoisie) bzw. der feindlichen Rasse (die Juden) inkarniert sich das Böse schlechthin. So ist das Heil auch erst dann zu erwarten, wenn es den Feind schlechterdings nicht mehr gibt, wenn sein Wirken nicht einmal mehr in der Erinnerung präsent ist. Das zu verwirklichende Gute ist absolut, also muss es auch das zu vernichtende Böse sein. So richtet sich der Hass gegen ein Ideologie-spezifisch [sic] definiertes Kollektiv.“459 456 Ebd., S. 109 457 Vgl.: Bärsch: Nationalsozialismus, a.a.O., S. 223/224 458 Camus: Der Mensch in der Revolte, a.a.O., S. 210 459 Zehnpfennig: Hitlers Weltanschauung, a.a.O., S. 87 3. Das ‚Böse’ und die Juden – Narrative und Definitionen 114 Aspekte des Antisemitismus „Antisemitismus, Judenfeindschaft im weitesten Sinn, konfrontiert also Betroffene wie Betrachter mit Wahrnehmungs- und Definitionsproblemen.“ (Wolfgang Benz)460 Die Entwicklung der Judenfeindschaft nimmt – dem Diktum Carl Amerys zufolge – ihren Weg vom Gottesmord-Vorwurf bis zu den Blutbahnen.461 Daß die Verwendung des Begriffes Antisemitismus angesichts seiner etymologischen Grundlage eigentlich verfehlt ist, wurde neuerdings wieder von Anton Seljak moniert, was aber an der gewohnheitsmäßig überlieferten, allgemeinen Bedeutung nichts ändert, die auf der fortgesetzten Reproduktion „des uralten Irrtums, [daß] es eine Ethnie von Semiten“462 gebe, basiere, die jedoch nicht existiere. Als „Semiten“ sind Angehörige bestimmter Sprachgemeinschaften zu bezeichnen. Zu semitischen Sprachen gezählt werden: Phoenizisch, Maltesisch, Arabisch, Aramäisch, Amharisch, Tigrinisch, das in Äthiopien und Eritrea gesprochen wird, und – Hebräisch. Als semantischer Stammvater firmiert Sem, der biblische Sohn Noahs. Antisemitismus betreffe begriffsgeschichtlich allerdings ausschließlich die Juden.463 Die konkrete Begriffsbildung wird zumeist dem sozialistischen Journalisten Wilhelm Marr zugeschrieben, der ihn zur Vereinsbezeichnung im Jahre 1879 einführte, und den „Sieg des Judenthums über das Germanenthum“, so der Titel seiner einschlägigen Propagandaschrift – und zwar „vom nichtconfessionellen [sic] Standpunkt aus betrachtet“, so der Untertitel – begreiflich machen will. (Walter Laqueur ist hingegen der Auffassung, daß die Bezeichnung bereits mindestens zwanzig Jahre früher, gar in Nachschlagewerken, benutzt worden sei.464) Juden sind von Nichtjuden phänotypisch ununterscheidbar. Daß die jüdische Religionszugehörigkeit durch Konversion ‚verlassen’ oder anderweitig ‚abgelegt’ somit schlichtweg ‚beendet’ werden kann, akzeptieren Antisemiten nicht. Ob und in welcher Hinsicht Menschen sich als jüdisch oder nicht-jüdisch bezeichnen, ist für Antisemiten irrelevant, was beispielsweise in der durch Hermann Göring prominent gewordenen Phrase ‚Wer Jude ist, bestimme ich’465 zuletzt historische Gewissheit zeitigte. Die Schwierigkeiten, die die Nationalsozialisten bei der nicht zuletzt juristisch für 3.2 460 Benz, Wolfgang: Was ist Antisemitismus? Bonn 2004, S. 19 461 Amery, Carl: Hitler als Vorläufer. Auschwitz – der Beginn des 21. Jahrhunderts? München 1998, S. 33 462 „Das Missverständnis beruht darauf, dass Philologen im 18. Jahrhundert die Sprachfamilie der Semiten bestimmt haben … Die Gruppe der Semiten wurde fälschlich als ‚Rasse’ verstanden, und im Bemühen um die pseudowissenschaftliche Rationalisierung ihres Ressentiments haben Judenfeinde daraus den Begriff ‚Antisemitismus’ konstruiert.“ Benz, Wolfgang: Die Feinde aus dem Morgenland – Wie die Angst vor den Muslimen die Demokratie gefährdet, München 2012, S. 87 463 Vgl.: Seljak: Anton: Wagner und das Judentum, a.a.O., S. 16 464 Vgl.: Laqueur: Antisemitismus, a.a.O., S. 34 465 Urheber dieses, eine einfache „Problemlösung verheißenden geflügelten Wortes“ ist der durch Hitler zu seinem Vorbild erklärte Antisemit und ehemalige Wiener Bürgermeister Karl Lueger. Vgl.: Carr: Wagner-Clan, a.a.O., S. 103. Lueger trachtete mit diesem geflügelten Wort vor allem danach, seinen 3.2 Aspekte des Antisemitismus 115 notwendig befundenen rassischen Definition derer zu gewärtigen hatten, die als Juden durch die sog. „Nürnberger Gesetze“ diskriminiert werden sollten, sind legendär. Die entsprechenden Versuche konnten natürlich nur ad absurdum führen. Also vom „genetischen Standpunkt“ aus gesehen, gebe es „keine jüdische Rasse“ – wie auch Hitler vertraulich, nie offiziell konzediert habe und sich deshalb auf „geistige Eigenart, die nicht allein von der Biologie determiniert sei“ kapriziert. Safranski schließt, um „die Identifikation dieses geistigen Prinzips, das ‚ausgemerzt’ werden muß, kreist das Denken Hitlers.“466 Die propagierten „rassischen“ Kategorien erwiesen sich für eine wissenschaftlich valide Unterscheidung von Juden und Nichtjuden logischerweise als untauglich.467 Daß im Rahmen dieser unsinnigen Praxis schließlich doch wieder auf das religiöse Bekenntnis rekurriert werden mußte468, kann daher nicht überraschen. Weiteres Mittel der Wahl äußerlich Ununterscheidbare zu stigmatisieren, wurde die sogenannte „Namenswaffe“, die bis in unsere Tage à la mode geblieben ist.469 „Kenntlichmachung“ ist Ziel bereits der Antisemiten des 19. Jahrhunderts, die auf „Rückgängigmachung der [partiellen rechtlichen Gleichstellung] des Emanzipationsprozesses“ abstellten470 und sich dazu der onomastischen Methode bedienen. Saul Friedländer und Orna Kenan beschreiben den praktischen Ahnenforschungsprozeß im sog. Dritten Reich, der infolge der „schweren Fassbarkeit der biologischen Kriterien zur Definition des Juden“ nur auf der „religiösen Zugehörigkeit von Eltern und Großeltern“ basieren konnte – der nationalsozialistische „Kreuzzug zur rassischen Reinigung des Volkes“471 also auf konfessioneller, nicht rassistisch-bioloprivat-persönlichen Umgang mit jüdischen Bürgern, den er trotz seiner Agitation pflegte, vor Kritikern zu rechtfertigen. Vgl.: Seligmann: Hitler – Die Deutschen und ihr Führer, a.a.O., S. 32 466 Safranski, Rüdiger: Das Böse oder Das Drama der Freiheit [1999], Frankfurt a.M. 2008, S. 281 467 Daß die Unterscheidung einer jüdischen von einer germanischen/arischen Rasse unsinnig ist, belegten schließlich auch bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts vorliegende systematische sog. „anthropologische“ Untersuchungen, z.B. Rudolf Virchows, einem Pionier dieser Art von „Forschung“, die phänotypische Merkmale von Millionen Schulkindern erheben sollte. Die empirischen Befunde ergaben für die jüdischen Kinder ca. ein Drittel Blondhaariger und beinahe die Hälfte hatte „helle Augen“. Virchow stirbt im Jahre 1902. Dazu Götz Aly, der zurecht darauf verweist, daß Chamberlain diese empirischen Widerlegungen seiner eigenen Spekulationen hätte zur Kenntnis nehmen können. Vgl.: Aly: Warum die Deutschen? Warum die Juden? A.a.O., S. 121/122. Chamberlain rekurriert in seinen Grundlagen durchaus auf den „großen Mann“, den „fleissigen [sic] Anthropologen“, kritisiert indes, daß dieser hätte „besser Bescheid“ wissen müssen und resümiert, daß „der arme Mann ratlos vor diesem Rätsel [der Ungleichheit der Rassen]“ geblieben sei. Vgl.: Chamberlain: Grundlagen, a.a.O., S. 311 und 314 468 Vgl.: Benz: Antisemitismus, a.a.O., S. 16. Der Schweizer George Montandon, ein weiterer sog. „Rassenanthropologe“, betont noch in den 1930er Jahren die „vermeintlich jüdische Form der Nase“ – eine besondere Tradition der „Rassenforschung“ des 19. und 20. Jahrhunderts –, die etwas „doppelt Unsichtbareres“ (die „jüdische Rasse“ und den sexuellen Verkehr mit vermeintlichen Angehörigen derselben) erkennbar machen könne. Ansonsten sei diese „Rasse“ ja „nur an ihrer Beschneidung als solche“ zu erkennen und infolge dieses postpartalen rituellen Verfahrens insofern also ebenfalls eigentlich nicht zu erkennen, wie zu ergänzen ist. Abgesehen davon ist die rituelle Zirkumzision bekanntermaßen nicht exklusiv jüdisch. Vgl.: Groebner, Valentin: Ungestalten – Die visuelle Kultur der Gewalt im Mittelalter, München/Wien 2003, S. 92 f. 469 Gerne verweisen „linke“ wie „rechte“ Antisemiten auf Namen wie „Zuckerberg“ und „Goldman- Sachs“. Einschlägig ist die im Frühsommer 2016 aufgekommene widerliche Praxis, die Namen vermeintlich jüdischer Journalisten mit einer Doppel- oder Tripple-Klammer zu kennzeichnen. 470 Vgl.: Schoeps, Julius H.: Mein Weg als deutscher Jude, Zürich 2003, S. 291/292 3. Das ‚Böse’ und die Juden – Narrative und Definitionen 116 gistischer Ebene geführt worden sei. Die irrational begründete Rassedoktrin der Nationalsozialisten ward real, weil sie „wahr gemacht wurde“. Bereits Sartre stellt fest: „… existierte der Jude nicht, der Antisemit würde ihn erfinden.“472 Der Wille zum Glauben an die „Gegenrasse, das negative Prinzip als solches“, von deren Ausrottung das Glück der Welt abhinge, markiert wohl eine der schärfsten Grenzen der Aufklärung, die Horkheimer/ Adorno zufolge auch in der Aberkennung der Tatsache bestehe, daß „die Juden, frei von nationalen oder Rassemerkmalen“ eine Gruppe darstellen, geprägt „durch religiöse Meinung und Tradition, durch nichts sonst.“473 Antijüdische Traditionen haben ihren Ursprung bereits in vorchristlicher Zeit, die gemäß alttestamentarischer Überlieferung die Herkunft des jüdischen Volkes als „aus Ägypten vertriebene Aussätzige“ und seinen „Kult (Menschenopfer)“ verächtlich mache, die „gesetzmäßige jüdische Lebensweise (Sabbat, Speisegebote, das Verbot der Ehe mit Nichtjuden, das Meiden heidnischer Feste)“ als Ausdruck „der Faulheit, hochmütiger Absonderung und grundsätzlicher Menschen- und Fremdenfeindschaft“ interpretiere, die Juden unterstellt wird.474 Judenfeindliche Anknüpfungspunkte im Neuen Testament, die in Zusammenhang mit der Leidensgeschichte Jesu in den Evangelien stehen, nähmen dann einen „zu kritisierenden Charakter an“, wenn „der jüdische Anteil am Prozeß und der Verurteilung Jesu vergrößert und die Verantwortung der römischen Behörde minimiert“ werde, Juden also als „Gegner Jesu vorgestellt“ bzw. als eine „schlechthin Jesus feindlich gegenüberstehende Gemeinschaft, als Repräsentanten der ungläubigen Welt“ und dergleichen mehr begriffen würden. Die Sinnhaftigkeit eben dieses Vorwurfes ist freilich in besonderem Maße fraglich und zeugt vor allem in christlicher Sichtweise von einem fundamentalen Mißverständnis der Passionsgeschichte, die ja stets in einen übergeordneten soteriologischen Sinnzusammenhang einzugliedern ist, den die Juden schlicht nicht zu verantworten haben (können). Innerhalb des christlichen Heilsplans erfüllten die Juden nichts mehr oder weniger, als die ihnen von „höherer“ Stelle zugewiesene Rolle, falls sie in diesem konkreten juristischen Prozeß unter Pontius Pilatus überhaupt eine solche spielten. Es ist völlig richtig, daß „es ohne Judas keinen Karfreitag gäbe“.475 Die Gerichtsbarkeit lag überdies ausschließlich bei der römischen Besatzungsmacht und de- 471 Friedländer, Saul/ Kenan, Orna: Das Dritte Reich und die Juden 1933-1945, München 2010, S. 55 f. Zu den Debatten und Positionen im Zuge der Entstehung und Fixierung dieser Gesetze durch „Rassespezialisten“ des Innenministeriums sowie zu den diskriminierenden Konkretionen („Mischlingen ersten und zweiten Grades“, „Viertel-, Halb-, Volljuden“) und politischen Implikationen für die Menschen, die „fremden Blutes“ seien, siehe: Ebd., S. 66-72 472 Sartre: Überlegungen zur Judenfrage, a.a.O., S. 12 473 Horkheimer/ Adorno: Elemente des Antisemitismus, a.a.O., S. 177 474 Vgl.: Lexikon für Theologie und Kirche, hrsgg. von Kasper, Walter mit Baumgartner, Konrad/Bürkle, Horst u.a., Freiburg im Brsg. 2009, Erster Band, S. 749 475 Hitchens: Der Herr ist kein Hirte, a.a.O., S. 254. Die radikal religionsskeptischen Überlegungen Hitchens’ eröffnen die interessante Perspektive auf das Interesse „der Kirche“ an der langewährenden Aufrechterhaltung des „Vorwurfs des Gottesmordes an die Juden“: Denn, „wenn man einmal zugibt, dass die Abkömmlinge der Juden nichts damit zu tun haben, so läßt sich nur noch schwer erklären, warum eigentlich Christen, die ja auch nicht dabei waren, etwas damit zu tun haben sollten. Ein kleiner Riss im Gewebe droht somit wie immer das ganze Tuch zu zerreißen …“ Ebd. 3.2 Aspekte des Antisemitismus 117 ren Behörden. Jesus ließ sich, alles in allem, freiwillig arretieren, und hatte – bei sicherer Kenntnis der zu erwartenden Konsequenzen – durchaus Gelegenheit (s)eine besondere Verbindung zu Gott sowie seinen An- bzw. Ausspruch, der „König der Juden“ zu sein zu relativieren, worauf er bekanntermaßen verzichtet haben soll. Außer auf dieser überstrapazierten Gottesmord-Legende476 basiere christlicher Judenhass auf dem immanent theologischen Konflikt in Bezug auf die Auserwähltheits-Konkurrenz, die die gegenläufigen Vorstellungen des „alten“ (Israel) vs. Vorstellungen des „neuen Bundes“ (wahres Israel) und also der An- oder Aberkennung des Messias symbolisiert.477 Gideon Botsch spricht in diesem Zusammenhang von einer „theologischen Differenz“, die darauf hinauslaufe, anzuerkennen, „ob Jesus der verheißene Messias sei oder nicht“. Die daraus resultierende „paradoxe Situation der Juden im christlichen Abendland“ betrifft ihre besagte „heilsgeschichtliche Rolle“, die, wie nachfolgend geschildert, aus christlicher Sicht ‚problematisch’ gesehen wird, aber im Ergebnis – Wagner ähnlich – nicht „Vernichtung“ postuliert, sondern „Bekehrung“ erwartet: „Aus christlicher Perspektive führten die Böswilligkeit und Blindheit der Juden, denen die Kreuzigung Jesu zugeschrieben wurde, zu ihrer Verwerfung als auserwähltes Volk Gottes. Doch wurden sie gerade in ihrem selbst verschuldeten Elend zu Zeugen für den Anspruch des christlichen Glaubens, die Wahrheit zu verkünden. Daher waren sie zwar auszugrenzen, aber nicht zu vernichten, denn am Ende der Heilsgeschichte stünde ihre Bekehrung.“478 Überdies kann eine – sozusagen – theologische Kränkung festgestellt werden, die in der als ungeheuerlich empfundenen Tatsache bestehe, „daß Gott sich zur Inkarnation ausgerechnet einen Juden ausgesucht“ habe.479 Die Juden seien taub für den christlichen Geist, daß sie „Gottesmörder“ seien, glaubten die „meisten“ Christen. Obendrein seien die Juden „uneinsichtig“, was dazu geführt habe, daß „sie der Erlösung der Menschheit im Wege“ stünden, insofern sie das „zweite Kommen des Messias“ verhinderten, was also auf besagte „Uneinsicht“ zurückzuführen sei. Thomas Assheuer folgert aus diesen Befunden eine Mitschuld der (christlichen) „Kirche der Macht“, die den „jüdischen Geist“, in dem das Christentum fuße, im Zuge einer historischen „Enterbungsstrategie“ auszutreiben suchte, und infolgedessen 476 Falls dieses „Delikt“ überhaupt denkbar ist. Hierfür ist ein Gottesbegriff vonnöten, der die Möglichkeit einer physischen Tötung eröffnet, was insofern äußerst fraglich ist. Daß Jesu eine „besondere Beziehung zu Gott“ zugemessen wird, ändert daran nichts. Insbesondere die göttlichen Attribute „Unkörperlichkeit“ und „Unendlichkeit“, „das Gute“ oder die „Wahrheit“, ganz zu schweigen von „Allwissenheit“ und „Allmacht“ widersprechen solcher Vorstellung entschieden. Ohne diese Attribute wäre solcher Gottesbegriff wohl nicht haltbar, und würde auf eine anthropomorph-infantilisierte Vergegenständlichung des göttlichen Prinzips beschränkt sein. Vgl.: Ritter, Joachim/ Gründer, Karlfried/ Gabriel, Gottfried (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 3, S. 9804, 9876, 9828, 9544. 477 Vgl. zu diesem „religiösen Ressentiment“, z. Bsp. Benz: Antisemitismus, a.a.O., S. 65 478 Botsch, Gideon: Von der Judenfeindschaft zum Antisemitismus. Ein historischer Überblick, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Titel „Antisemitismus“, Beilage zur Wochenzeitschrift Das Parlament, 64. Jahrgang, 28-30/2014, 07. Juli 2014, S. 10-17 479 Voegelin, Eric: Die deutsche Universität und die Ordnung der deutschen Gesellschaft, in: Ders.: Hitler und die Deutschen, hrsg. von Manfred Henningsen, München 2009, S. 293 3. Das ‚Böse’ und die Juden – Narrative und Definitionen 118 Compassion für die Verfolgten und zu Ermordenden bis in die Zeit des Nationalsozialismus hinein verhindert habe. Die jüdischen Wurzeln, die „Paulus im Römerbrief anmahnte, wurden gekappt“. Die Wurzel, die auch Compassion – also die Nächstenliebe, die aus dem Mitleiden entsteht – betrifft und „für viele den ethischen Kern des Neuen Testaments bezeichnet“, stamme tatsächlich aus der „hebräischen Bibel“ und zwar aus dem Leviticus, dem „jüdischsten aller fünf Bücher Mose“.480 Gunnar Heinsohn betont einen besonderen Gegensatz zwischen Judentum und Christentum, der ausdrücklich auch Hitlers Vernichtungsobsession motiviert habe. Der hier entscheidende Gegensatz besteht in der je verschiedenen Wertung menschlichen Lebens, die sich zum einen in dem Verbot zu töten und andererseits in der Bereitschaft bzw. dem Vollzug des Opfer(n)s offenbart. Ein hinderliches „unarisches“ und als solches also jüdisches Tötungsverbot sollte zugunsten einer demnach wiederzubelebenden Tötungsberechtigung beseitigt werden, die unglücklicherweise auch die vermeintlich historisch-gegenwärtigen Repräsentanten dieser religiösen Ethik unentrinnbar inkludieren wird. Für die gegenläufige jüdische und christliche Opferpraxis beschreibt Heinsohn eine „Frontstellung“, die zwischen der Vorstellung des „sohnesverschonenden“ und derjenigen des „sohnesopfernden“ Gottes verlaufe. Der alttestamentarische Gott verhindert das (Menschen-) Opfer, indem er Abraham letztlich doch davon abhält, seinen Sohn zu töten. Wo hingegen der neutestamentarische Glaube das aus dem Menschenopfer entstehende Heilsgeschehen durch Kruzifikation und darauffolgende Resurrektion Christi erwarte.481 Spätestens im 13. Jahrhundert bedurfte Antijudaismus keiner theologischen (binnenkirchlichen) Legitimation mehr – sowohl Theologen wie auch die sog. „breite Masse“ importierten bzw. internalisierten judenfeindliche Grundhaltungen je in die Lehrmeinung bzw. die Volksfrömmigkeit. In der Folge geschieht effektiv die Realisierung des bloß Mythischen, „die Angst vor dem dämonisierten Gegenüber wird zu einem Teil der christlichen Wirklichkeit“.482 Botsch markiert für diesen Zeitraum die wesentliche Modifikation der Judenfeindschaft, die sich fortan sukzessive von religiösen Inhalten entferne. Juden werden mit Schweinen assoziiert (Motiv der „Judensau“483). Damit ist die Möglichkeit des individuellen Widerrufs484 eines religiösen Bekenntnisses (und also der gemeinsamen Erlösung) einer Auffassung kollektiver jüdischer Identität gewichen, die fortan auf „Herkunft“ abstellt. 480 Vgl.: Assheuer, Thomas: Austreibung des jüdischen Geistes, in: Die Zeit vom 15. Mai 2014, S. 58 481 Vgl.: Heinsohn, Gunnar: Warum Auschwitz? Hitlers Plan und die Ratlosigkeit der Nachwelt, Hamburg 1995, S. 14-20 482 Vgl.: Lexikon für Theologie und Kirche, a.a.O., S. 750/751 483 Zu den Motiven antisemitisch mißbrauchter „Tiermetaphern“, die im Kontext „biologischer und medizinischer Metaphern“ zu verstehen seien und im „Zusammenhang der Herausbildung einer organologischen Volks- und Staats- (auch Rechts- und sogar Kunst-) auffassung allmählich ihre volle Suggestivkraft“ entfalteten, siehe: Hortzitz, Nicoline: Die Sprache der Judenfeindschaft, in: Schoeps/ Schlör (Hrsg.): Antisemitismus, a.a.O., S. 24/25 484 Ich komme zurück auf diese Idee einer „subjektiv-dezisionistischen ‚Abstreifung’“ in Zusammenhang mit Wagner in Kapitel 4.2.2 vorliegender Untersuchung. 3.2 Aspekte des Antisemitismus 119 Hier also kann das Initial des Überganges von christlichem Antijudaismus zum modernen Antisemitismus verortet werden.485 Interessanterweise wird in kirchenhistorischer Lesart der Ursprung der Legende einer jüdischen Weltverschwörung bereits für die Zeit der sog. Kreuzzüge konstatiert. Wolfgang Benz erklärt, daß der erste Kreuzzug (im Jahre 1096) – seiner offiziell verbreiteten Intention gemäß ein Krieg gegen ‚Ungläubige’ mit dem Ziel der Befreiung des sog. Heiligen Landes –, sich de facto gegen Juden in Mitteleuropa speziell in Städten des Rheinlands richtete. Akteure seien „fanatisierte Christen, die als Angehörige der Unterschichten, aus Sozialneid handelten.“486 In dieser Zeit entsteht, getragen auch durch die mit dem Beginn der Kreuzzüge einhergehende „Brunnenvergifterlegende“ als Indiz der Glaube an eine jüdische Weltverschwörung, die in den mittelalterlichen Verfolgungswellen, Ausgrenzungen und vielfältigen Stigmatisierungen (Kleiderkennzeichnung, Ausschluß vom Zugang zu Zünften, die Bekämpfung und Verunglimpfung sogenannter „Wucherjuden“ usf.) bis hin zum Vollzug von Pogromen eskalierte. Die Reformation griff diese antijüdische Tradition auf (Martin Luther „Von den Juden und ihren Lügen“)487, der katholische Reflex auf die reformatorische Bedrängung besteht in der Verdächtigung der Juden, Parteigänger der Reformation zu sein488, wodurch zugleich der judeophoben Tradition der Katholischen Kirche Rechnung getragen worden ist.489 Götz Aly zentriert ebenfalls – unter dem Motto „faule Christen, rege Juden“ – den aus „Neid“ entstehenden, bzw. auf diesem Motiv basierenden Antisemitismus als Folge der sozialen Frage, die im 19. Jahrhundert besondere Konjunktur erfuhr.490 Soziodemographisch faktengesättigt ist hier vorgedacht, was in Hitlers Volksstaat491 seine Folgen gezeitigt habe. Diesen Befund macht Aly auch für Wagner geltend, insofern er ihm „einen später vornehm so bezeichneten ‚Erlösungsantisemitismus’“ abspricht, und in Wagners „Judenthum in der Musik“ eigentlich den Reflex („literarisches Hepp-Hepp-Geschrei“492) auf den Konkurrenzdruck jüdischer (bzw. jüdisch-stämmiger, konvertierter oder für jüdisch erklärter) Kollegen Wagners „im höchsteigenen Wirtschaftsinteresse“ erkennt.493 485 Vgl.: Botsch: Antisemitismus, a.a.O., S. 12/13 486 Benz: Antisemitismus, a.a.O., S. 67 487 Vgl. zu Luthers Judenhass: Oeser, Erhard: Der Antisemitismus in Deutschland: Luther bis Fontane, in: Ders: Die Angst vor dem Fremden – Die Wurzeln der Xenophobie, Darmstadt 2015, S. 380 f. 488 Vgl.: Lexikon für Theologie und Kirche, a.a.O., S. 752 489 Bereits die Schriften der Kirchenväter sind voll der Behauptungen angeblicher „jüdischer Bösartigkeit gegenüber den Christen.“ Augustinus’ Agitation gegen die Juden ziele Maccoby zufolge im Ergebnis darauf ab, zu suggerieren, daß „die Juden, sich als eingefleischte Mörder immer weiter vervollkommnend, hätten ihre ganze Geschichte lang auf ihr größtes Verbrechen hinentwickelt [sic], nämlich den Mord an Jesus.“ Maccobys These besagt, diese jahrhunderte-währende Indoktrination sei wichtige Voraussetzung der aktiven wie passiven Unterstützung bei der Durchführung des Holocaust in der Bevölkerung. Sie sei gleichsam „instinktiv“ und somit „unbedingt verläßlich“ auch in der Moderne eine mythenbasierte antijüdische „Massenhysterie“ zu entfesseln. Vgl.: Maccoby: Der Heilige Henker, a.a.O., S. 243, 248 und 280. 490 Aly: Warum die Deutschen? Warum die Juden? a.a.O., S. 82 491 Siehe dazu Fußnote 512 dieser Arbeit. 492 „Philologen vertreten unterschiedliche Theorien über die Wurzeln des Hepp-Hepp-Rufs, unstrittig ist, was er praktisch bedeutete: Juden bedrohen, beschimpfen, verprügeln und mehr.“ Ebd., S. 83 493 Ebd., S. 91 3. Das ‚Böse’ und die Juden – Narrative und Definitionen 120 Die Bandbreite der Artikulation bzw. Aktualisierung judenfeindlichen Denkens bzw. Handelns beginnt gegenwärtiger Definition zufolge494 bei „latenter [antisemitischer] Einstellung“, die übergehen könne in „verbalisierte Diffamierung“, gefolgt von engagierter „politischer Forderung“.495 In diesen drei genannten Phasen ist von geistigem, auf Gedanken beschränkten, Antisemitismus zu reden. Die täterische Aktualisierung eskaliert ausgehend von „diskriminierenden Praktiken“ über „personelle Verfolgung“ bis hin zu „existenzieller Vernichtung“.496 Richard Wagners Judenfeindlichkeit ist auf die ersten beiden Definitionen gedanklicher Artikulation zu beschränken, die Aspekte der täterischen Aktualisierung sind für ihn hingegen auszuschließen (siehe dazu auch Kap. 4.2.2 vorliegender Untersuchung). Möglicherweise kann Wagners politisches Raisonnement vor, während und kurz nach der 1848er Revolution zu Belangen der „Judenassimilation“ als „politische Forderung“ (das dritte Definitionselement „geistigen“ Antisemitismus‘) begriffen werden. Allerdings sind Wagners diesbezügliche Gedankengänge nur mit Mühe als monodimensional feindselig zu qualifizieren. Erklärungsversuche bzw. daraus resultierende Erklärungsmuster des Antijudaismus/Antisemitismus sind in Erscheinung getreten, seit das Phänomen bekannt ist. Zusammenfassend kann – gestützt auf Laqueur – von (a) theologisch-religiösen, (b) sozialen, (c) demographischen und (d) psychoanalytischen Erklärungsansätzen zu reden sein und auf folgende Implikate reduziert werden: a) Exklusivitäts- und Erwähltheitsanspruch, Opferpraxis und Riten; „Jesusmord“, Akzeptanzverweigerung des christlichen Messias; Verweigerung der Anerkenntnis der Wahrheit des Islams sowie die Verweigerung der Akzeptanz Mohammeds, die den Juden angelastet wird, b) Wirtschaftliche Konkurrenz und Sozialneid, c) Zustrom in europäische Großstädte, z.B. Wien und Berlin im Verlaufe des 19. bis 20. Jahrhunderts, d) Generelle Xenophobie und Reflexe auf sowohl proaktive Segregation als auch oktroyierte und gedrungene Ghettoisierung jüdischer Minderheiten. All diese Erklärungsansätze sind indes – nicht zuletzt empirisch – leicht zu widerlegen. Denn immer sind sowohl arme als auch reiche Juden diskriminiert worden, in Berlin sei kein, in Wien sehr wohl ein Zentrum des Antisemitismus entstanden. Religiöse Konversion oder erklärte Loslösung von jüdischer Religion oder Kultur werden, ich wiederhole, im Zweifel nicht akzeptiert; kritisiert wird – am selben Ort, zur selben Zeit, oder beides – sowohl „Wucher“ als auch „Bettelei“ u. drgl. Unergiebigkeiten mehr.497 Insbesondere ein psychoanalytischer Ansatz, der die wie auch immer gearteten ökonomischen und mammonistischen Ansätze ausblendet oder zumindest unterbelichtet, führt zur motivationalen Begründung eines antisemitischen Charakterbildes, 494 Bundesministerium des Innern: Antisemitismus in Deutschland – Erscheinungsformen, Bedingungen, Präventionsansätze. Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, Berlin 2011 495 Vgl.: Ebd., S. 10 496 Ebd. 497 Vgl. Laqueur: Antisemitismus, a.a.O.; S. 50 ff. 3.2 Aspekte des Antisemitismus 121 das – in Anlehnung an die Frankfurter Schule und die dort entwickelten Studien zur Autoritären Persönlichkeit – geprägt sei von „schwachem Ego, … von Autoritäten aller Art abhängig; [seine] Einstellungen seien konventionell, repressiv und archaisch; Fremden gegenüber aggressiv; [die autoritäre Persönlichkeit/ der antisemitische Charakter] neige zu Aberglauben und Paranoia und glaubt an Macht und Härte.“498 Antisemiten bezögen „kognitiven Trost“499 aus ihrer Überzeugung, insofern sie die phantasierte Bewältigung der beängstigenden Komplexität des Kosmos erzeuge. Die simpelste „Erklärung“ des Antisemitismus ist daher auch die der Antisemiten selbst: „Schuld am Antisemitismus seien die Juden, er sei die unvermeidliche Reaktion von Nichtjuden auf die Untaten der Juden. Man wird in der gesamten Geschichte schwerlich irgendwo auf der Welt eine beliebte Minderheit finden. Aber an der Spitze der abgelehnten und angefeindeten Minderheiten, der ‚gewöhnlichen Xenophobie’, haben stets die Juden gestanden und der Antisemitismus ist auch dann nicht verschwunden, wenn Juden das Stigma des Judentums durch Konversion abzuwerfen versuchten, ob nun im 16. Jahrhundert in Spanien oder im Zeitalter der Assimilation in Deutschland und Frankreich.“500 Der Versuch, „das Judentum abzuwerfen“, kann im Rahmen der Logik einer antisemitisch-motivierten negativen Fremdbestimmung nur vergeblich sein, denn „die Religion und die politischen Überzeugungen der Juden [sowie ihr ökonomischer oder nationaler Status] war den Nationalsozialisten [wie wohl auch dem Gros sonstiger Antisemiten] dagegen völlig gleichgültig.“501 Daß es Juden gibt, und ob es Juden, im Sinne einer von wem auch immer dafür gehaltenen, validen und verbindlichen Definition, gibt, ist nicht entscheidend; daß der antisemitische Glaube existiert und wirkt, ist davon unabhängig, und garantiert seine Perpetuierung sowie auch seine Persistenz. Aktuellsten Analysen gegenwärtiger Judenfeindschaft zufolge ist der „imaginierte Charakter“ dieser Feindseligkeit „nicht an konkreten Personen ausgerichtet“, sondern entstehe bar jeder Alltagsempirie, um „‚Juden’ als abstrakte Größe“ zur „konkreten Projektion von Unzufriedenheit“ zu missbrauchen.502 Armin Nassehi resümiert zutreffend, daß der „einzige Unterschied [der Juden] zu allen anderen darin besteht, dass sie gar nicht anders sind“.503 Elias Canetti betrachtet ebenfalls den Aspekt der Andersheit und ist der Auffassung, daß „kein Volk schwieriger zu begreifen [sei] als die Juden.“ Als definitorisch-identifikatorischer Bezugspunkt dient ihm der, unter Juden bewahrte und verbreitete, Glaube an den „Auszug aus Ägypten“ und die daran anschließende – genaugenommen nie endende – 498 Ebd., S. 44/45 499 Vgl.: Nirenberg, David: Anti-Judaismus – Eine andere Geschichte des Westens, München 2015, S. 466 500 Laqueur: Antisemitismus, a.a.O., S. 173 501 Ebd., S. 144 502 Heil, Johannes (unter Mitarbeit von Elias S. Pfender): Antisemitismus heute – Eine Bestandsaufnahme aus dem Frühjahr 2015, in: Analysen & Argumente, hrsgg. v. d. Konrad-Adenauer-Stiftung, Mai 2015, Ausgabe 170, S. 4 f. 503 Nassehi, Armin: Bekannte Fremde – Warum der Antisemitismus derzeit so merkwürdige Koalitionen hervorbringt – und das Jüdische ein Stachel im Fleisch der Moderne bleibt, in: Feuilleton der Süddeutsche Zeitung vom 28. Juli 2014, S. 9 3. Das ‚Böse’ und die Juden – Narrative und Definitionen 122 dauerhafte Wanderung, die sowohl ihre weltweite Verbreitung als auch ihre, über tausende Jahre behauptete, bewahrte, Existenz begründe: „Ihre [die Juden] Fähigkeit zur Anpassung ist berühmt und berüchtigt, doch der Grad ihrer Anpassung ist ungeheuer variabel. (…) Sie tragen Sprachen und Kulturen von einem Land ins andere mit sich und hüten sie zäher als Besitz. Narren mögen von ihrer Gleichheit überall fabeln; wer sie kennt, wird eher zur Meinung neigen, daß es unter ihnen viel mehr verschiedene Typen gibt als unter jedem anderen Volk. (…) Sie sind anders als die andern. Aber in Wirklichkeit sind sie untereinander am meisten anders. (…) Eine territoriale oder sprachliche Einheit gab es unter ihnen bis vor wenigen Jahren nicht. (…) Ihre alte Religion war für Millionen von ihnen ein leerer Sack; selbst die Zahl christlicher Juden nahm besonders unter ihren Intellektuellen allmählich zu; weit mehr noch die Zahl der Glaubenslosen. Oberflächlich betrachtet, vom ordinären Standpunkt der Selbsterhaltung aus, sollten sie alles daransetzen, vergessen zu machen, daß sie Juden sind, und es selber vergessen. Aber es ist so, daß sie es nicht vergessen können, meist wollen sie es auch nicht. Man muß sich fragen, worin denn diese Menschen Juden bleiben, was sie zu Juden macht, was das letzte, allerletzte ist, das sie mit anderen verbindet, wenn sie sich sagen: Ich bin Jude.“ Die Antwortet Canettis lautet, wie gesagt, im Glauben an die Überlieferung: „Es ist der Auszug aus Ägypten.“504 Ein wesentlicher – antisemitisch-fremdbestimmer – Unterschied zwischen Juden und Nicht-Juden, der die immer neue Anschlußfähigkeit des Antisemitismus speist, ist aber die den Juden „unterstellte abstrakte Macht die Welt zu beherrschen“.505 Diese wird dann stets exklusiv Juden zugeordnet, und bezeichnet insofern ein „ideologisches Alleinstellungsmerkmal“, das als „negative Leitidee der Moderne“ vor allem im Hinblick auf aktuell virulente Legitimationskrisen des Kapitalismus mit besonderer Kompatibilität fungiert.506 Die Attributionen der „Feindseligkeiten gegen Juden“ sind zahlreich und oszillieren zwischen Antijudaismus, der wesentlich auf religiösen, und Antisemitismus, der auf ethnischen Begründungsmustern resp. Zuschreibungen beruht. Innerhalb dieses Spannungsfeldes sowie innerhalb eines Zeitfensters von mehr oder weniger einem Jahrhundert kann von – gleichsam das tertium comparationis – „geistigem“ Antisemitismus die Rede sein. „Geistiger“ Antisemitismus umfasst eine ökonomische Sphäre, die freilich auch religiöse Rekurse aufweist. Die sozusagen andere Sphäre des „geistigen“ Antisemitismus’ betrifft die Sprache bzw. Sprechweise, die freilich auch ethnische/rassische (Pseudo-) Implikationen birgt und kulturell-schöpferische Projektionen erfährt, was wiederum vor allem bei Wagner mit dessen spezifisch-wagne- 504 Canetti, Elias: Masse und Macht [1960], Frankfurt a.M. 1981, S. 195-197, Kursive Hervorhebung im Original, fette durch den Verfasser. 505 Bedauerliche Prominenz erlangte diese Idee im Rahmen der sog. Protokolle der Weisen von Zion. Die Kernthese dieser Verschwörungslegende laute: Eine geheime jüdische Verbindung strebe nach Weltherrschaft. Solche „geheime Untergrundregierung“ bediene sich vor allem des Liberalismus‘ und der Demokratie, um bestehende autoritäre Strukturen zu zersetzen. „Essentiell, ... ist die Vermutung, dass die jüdische Geheimgesellschaft als Exponent und im Auftrag der Gesamtheit aller Juden agiert. Das stigmatisiert jeden einzelnen Juden als Teil einer gefährlichen Verschwörung und macht das Pamphlet zur schlimmsten Waffe des Antisemitismus.“ Benz, Wolfgang: Die Protokolle der Weisen von Zion – Die Legende von der jüdischen Weltverschwörung, München 2011, S. 43 506 Beyer, Heiko: Theorien des Antisemitismus: Eine Systematisierung, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Wiesbaden 2015, S. 574 3.2 Aspekte des Antisemitismus 123 rischen Kunstbegriff zusammenhängt, der einen besonderen Zusammenhang zwischen Sprache, Dichtung, Gesang und Musik (-Drama) unterstellt (Vgl. Kap. 4 vorliegender Untersuchung). Die semantische Streuung der Attributionen des Antisemitismus bzw. Antijudaismus ist recht weitläufig, ich schlage – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – folgende Diversifizierungen für Judenfeindschaft vor: – christliche Judenfeindschaft (z.B. Johannesevangelium507) – jüdischer Selbsthass508 – arabisch resp. islamistisch (Antizionismus)509 – sozialistisch / kommunistisch510 (Identifikation von Kapital und Judentum) 507 Siehe dazu Kapitel 3.1 vorliegender Untersuchung. Man vergegenwärtige sich zu dieser Problematik überdies Äußerungen, wie die des Kirchenvaters Augustinus, der seinen Gott anrief, dass er die Juden „mit seinem zweischneidigen Schwerte töte“, auf daß sie nicht mehr Feinde wären. Benz erkennt hier die Matrix eines christlichen Antisemitismus, die „die Antisemiten späterer Jahrhunderte, einschließlich der Nationalsozialisten“ inspiriert habe. Auch durch Augustinus ist jedoch eine Vernichtungs-Perspektive (in der soteriologischen Intention Wagnern nicht vollkommen un- ähnlich, wiewohl für ihn die Forderung einer real-physischen Vernichtung auszuschließen ist (siehe Kap. 4.2 vorliegender Untersuchung)) eröffnet, die auf einen qualitativen Sprung verweist und „weiteres Leben“ verheißt: „Denn ich [Augustinus] wünsche, dass sie sich sterben, damit sie dir [Gott] leben.“ Im Übrigen verwiese auch die Katholische Kirche in apologetisch-relativierender Absicht auf den damaligen Diskurs, der „aggressiv, brutal und extrem“ gewesen sei. Augustinus zitiert nach: Laqueur, a.a.O.: S. 60-64 508 Ich gehe auf dieses Phänomen zum Ende des Kap. 4.2.2 vorliegender Untersuchung ein. 509 Die Möglichkeit der Entstehung eines jüdischen Staates (Zion – der Name bezieht sich auf den Hügel Zion – gilt als Synonym für Jerusalem) wurde bekanntlich infolge des britischen Protektorates eingeräumt, das wiederum ein Ergebnis der osmanischen Kapitulation am Ende des Ersten Weltkriegs ist. Ziel ist es, dem „jüdischen Volk … eine nationale Heimstätte zu errichten“ und zwar „kraft eigenen Rechts und nicht aus Duldung in Palästina“ (Churchill). Diese Auffassung entspricht derjenigen der Zionisten, die „die dort lebenden Araber als illegal“ betrachten, insofern Ben Gurion: „Das Land ist in unseren Augen nicht das Land seiner jetzigen Bewohner“, da die Juden, die „Nachfahren der Hebräer“ seien. Außerdem, so bereits Theodor Herzl 1896, seien weder die Juden insgesamt noch die Zionisten für die „geschichtlich gewordenen Zustände der Juden, noch die Mittel zur Abhilfe“ derselben verantwortlich. In der Tat sind die Juden auch fünfzig Jahre später für die Errichtung des Staates Israel nicht verantwortlich zu machen. Vgl.: Steininger, Rolf: Der Nahostkonflikt, Frankfurt am Main 2012, S. 8-16, Winston Churchill, Ben Gurion sowie Theodor Herzl zitiert nach Steininger, ebd. Theodor Herzls Verhältnis zu Wagner ist, übrigens, von so „glühender“ Begeisterung geprägt, daß er den „neuen zionistischen Staat“ gar mit „wagnerscher Musik [obendrein mit den später als am ehesten NS-affin apostrophierten Meistersingern] eröffnen lassen wollte.“ Vgl.: Kollo: Wagner – Biographie, a.a.O., S. 50. Laqueur findet, die „antisemitische Komponente der islamistischen Doktrin“ sei „keineswegs auf palästinensische Araber und ihre Nachbarländer beschränkt. Nach Khomeinis Revolution trat sie auch im Iran zutage, wo die Protokolle der Weisen von Zion große Verbreitung fanden; neben anderen Vorwürfen machte man die Juden für die männliche und weibliche Homosexualität verantwortlich.“ Der Ministerpräsident Malaysias, einem Land, daß „nicht für islamistische Neigungen“ bekannt sei, und weiter von Israel entfernt als der Iran liege, habe weltweite Aufmerksamkeit erregt, indem er äußerte, daß – obwohl „die Europäer sechs von zwölf Millionen Juden getötet“ haben –, „doch heute regieren die Juden die Welt durch Stellvertreter“. Laqueur paraphrasiert Mahathir Mohamad: „Sie hätten den Sozialismus, den Kommunismus, die Menschenrechte und die Demokratie erfunden, damit ihre Verfolgung als Unrecht erscheine und sie die gleichen Rechte wie andere genießen könnten.“ Laqueur: Antisemitismus, a.a.O., S. 220. 3. Das ‚Böse’ und die Juden – Narrative und Definitionen 124 – eliminatorisch-rassistisch (z.B. Hitler)511 – rassisch (Gobineau)512 – deutsch (insbesondere Goldhagen)513 Es sind dies die miteinander verschmolzenen Elemente einer Vielzahl antisemitischer Klischees, deren „muslimische“ oder „islamistische“ Prägung nicht nachvollziehbar ist, was Laqueur auch nicht weiter vertieft, und stattdessen schließt, „demonstrierende radikale junge Moslems würden – („gäbe es Israel und die besetzten Gebiete nicht“) – andere Anlässe und andere Angriffsziele finden“. Daraus folgt, daß die „Blitzableiterfunktion des Antisemitismus sowohl in Europa als auch in der arabischen und islamischen Welt häufig unterschätzt“ werde bzw. eine eminente Begründungvariante dieser spezifischen Judenfeindschaft markiert. Vgl.: Ebd., S. 229. Manuel Seitenbecher macht darauf aufmerksam, daß der jüdische Staat nicht nur als ultimative „Fluchtstätte vor einem neuerlichen Holocaust“ diene, sondern seine Existenz fungiere überdies als „Widerlegung des antisemitischen Stereotyps vom jüdischen Nomaden und Parasiten, der sich in anderen ‚Wirtsvölkern‘ einniste“ – weshalb also der Staat Israel anti-zionistisch bedrängt wird. Seitenbecher, Manuel: Mahler, Maschke & co. – Rechtes Denken in der 68er-Bewegung? Paderborn u.a. 2013, S. 276 510 Siehe dazu Kap. 2.3.2 vorliegender Arbeit. 511 Mit Blick auf die fruchtbaren Kooperationen, die Hitler mit Vertretern der „arabischen Nationalismusbewegung“ – zum Beispiel mit dem Großmufti von Palästina, Amin al-Husseini – anstrebte, hat einmal mehr Klaus Faber darauf aufmerksam gemacht, „welchen [durchaus hohen] Stellenwert das NS-Regime dieser Beziehung dann einräumte.“ Dies führte im Verlaufe des Zweiten Weltkrieges zu erheblichen „Zugeständnissen in der politischen Argumentationsterminologie“, so daß Deutschlands Propaganda vor allem „in Richtung auf den Orient Wert darauflegte, [mit Blick auf die vermeintliche rassische Zugehörigkeit der Araber zu den Semiten] nicht mehr von ‚Antisemitismus’ zu sprechen, sondern von einem Kampf gegen das ‚Weltjudentum’. Damit wurde insbesondere auf die Araber als tatsächlichen oder potenziellen Bundesgenossen Rücksicht genommen.“ Faber, Klaus: Der „Edle Wilde“ und der neue Antisemitismus – Zum Israelbild der „Postkolonialen“ Ideologie, in: Kotowski/ Sonnenschmidt (Hrsg.): Grenzgänge, a.a.O., S. 208/209 512 Wolfgang Benz ordnet Gobineaus Ideologie über Die Ungleichheit der Menschenrassen, die „zwar nicht ausdrücklich gegen die Juden gerichtet“, dem „modernen Antisemitismus“ zu, weil diese alte Ideologie instrumentalisiert worden sei um die neue Dimension scheinbar wissenschaftlich zu unterfüttern. Gobineau sei also in diesem Sinne durchaus ein „Eckpfeiler“ des Rassenantisemitismus. Benz: Antisemitismus, a.a.O., S. 85 513 Daniel Jonah Goldhagen bezeichnet damit die, sozusagen geistige Disposition der Deutschen, die es den Nationalsozialisten, d.h. vor allem ihrer Führung ermöglichte „eine große Anzahl von Leuten dazu [zu] bewegen, an der Vernichtung aktiv mitzuwirken“, also gleichsam „ganz gewöhnliche Deutsche“ zu „willigen Vollstreckern des Holocaust“ zu machen. Vgl.: Goldhagen, Daniel Jonah: Hitlers willige Vollstrecker – Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996, S. 23 sowie passim. In der Variante des „deutschen Antisemitismus“, die Goldhagen im 19. und 20. Jahrhundert in Deutschland manifestiert sieht, zeige sich „lange vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten in Deutschland eine bösartige und gewalttätige, also auf Ausgrenzung, Ausschaltung und Beseitigung gerichtete“ Mentalität, die sich „leicht für die extremste Form der ‚Beseitigung’ mobilisieren“ lassen habe. Ebd., S. 39. Daß die Deutschen diese Prädisposition, die vielleicht nicht völlig unzutreffend ist, in irgendeiner Weise den Irrlehren Wagners ‚verdankten’, ist Goldhagens umfangreicher Abhandlung nicht zu entnehmen. Richard Wagner spielt in Goldhagens Studie keine Rolle. Götz Aly argumentiert konträr zu Goldhagen, indem er opportunistische Motive der Deutschen, vor allem das Junktim von „Gefälligkeitsdiktatur“ und kleinbürgerlichen Bereicherungsabsichten, als das Moment der massenhaften Unterstützung für den massenhaften Mord erkennt. Dies sei in „Hitlers Volksstaat“ verwirklicht. Sein Résumé lautet daher: „Wer von den Vorteilen für die Millionen einfacher Deutscher nicht reden will, der sollte vom Nationalsozialismus und vom Holocaust schweigen.“ Aly, Götz: Hitlers Volksstaat – Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Bonn 2005, S. 362 3.2 Aspekte des Antisemitismus 125 – sekundär (z.B. Wolfgang Benz (Reflex auf historische „Schuld“514)) – kulturell / geistig (dem Wagner zuzuordnen ist) – abstrakt (Akzeptanz und positive Konnotation des Individuums bei negativer Konnotation des Kollektivs).515 – ewig516 Diese zahlreichen semantischen Ausprägungen bilden zugleich die widerstreitenden Positionen in der Wagner-Hitler-Debatte ab. Daß im Verlaufe des jahrhundertealten Judenhasses von einer „zeitlos gleichen“ Ausprägung nicht zu reden sein kann, ist deutlich geworden. Die Wandelbarkeit des Phänomens betrifft jedoch nicht nur die lineare – zweitausendjährige – Abfolge, innerhalb derer eine Ausprägung die andere ablöst, sondern divergiert oder überlappt auch innerhalb kürzerer Zeiträume erheblich. Die Divergenz des Phänomens betrifft dabei sowohl die „Motive wie die Ausdrucksformen“517, und birgt in der Tat oftmals groteske Widersprüchlichkeit: „Anti-Semitism is a bizarre social phenomenon. Many of the stereotypes relating to anti- Semitism are mutually contradictory and shift radically from era to era and from location to location. Jews have been condemned for being seditious communists and for being avaricious capitalists. Fascists in Nazi Germany and in 1980s Argentina accused their nations’ Jews of having hidden loyalties to socialists regimes …, whereas the Soviet Union regularly persecuted its Jews for harboring secret sympathies for the West … Jews have been chastised as being corruptly cosmopolitans and as being insular traditionalists, as being heretical free-thinkers and as being mystical obscurantists, as being weak, ineffectual, and effete and as stealthily advancing toward worldwide domination ...“518 Die Grundfragen im Hinblick auf Affirmation oder Negation einer direkten Linie und Urheberschaft der nationalsozialistischen Vernichtung durch Wagners Antisemitismus lauten: – Sind substantiell verschiedene Ausprägungen von Judengegnerschaft prinzipiell denkbar, die nicht bloß graduell voneinander abweichen, sondern gegenläufige Sinnrichtungen – hier vor allem: Vernichtung oder Versöhnung – intendieren? – Ist die Differenzierung von physischen („rassischen“) und geistigen (kulturellen, religiösen) Begründungszusammenhängen akzeptabel? 514 Vgl.: Benz: Antisemitismus, a.a.O., S. 19 515 Persönlich-individueller Umgang mit Vertretern eines Kollektivs, bei gleichzeitiger Feindseligkeit gegenüber demselben ist auch für Richard Wagner festzustellen. 516 Die Vorstellung, der Antisemitismus sei „ewig“, komme Antisemiten zupaß, insofern diese These „in der Tat das bestmögliche Alibi für alle Greuel“ liefere. Denn: „Wenn es wahr ist, daß die Menschheit immer darauf bestanden hat, Juden zu ermorden, dann ist Judenmord eine normale, menschliche Reaktion, die man noch nicht einmal zu rechtfertigen braucht. Das Überraschende und verwirrende an der Hypothese eines ewigen Antisemitismus liegt darin, daß sie von den meisten unvoreingenommen und von nahezu allen jüdischen Historikern geteilt wird.“ Arendt, Hannah: Antisemitismus und der gesunde Menschenverstand, in: Hannah Arendt – Denken ohne Geländer. Texte und Briefe, hrsgg. von Bohnet, Heidi/ Stadler, Klaus, Bonn 2006, S. 147 517 Vgl.: Stein, Antisemitismus, a.a.O., S. 16 518 Cohen, Florette/ Jussim, Lee/ Harber, Kent D./ Bhasin, Gautam: Modern Anti-Semitism and Anti- Israeli Attitudes, in: Journal of Personality and Social Psychology 2009, Vol. 97, № 2, p. 290 3. Das ‚Böse’ und die Juden – Narrative und Definitionen 126 – Falls ja, ist die Unterscheidung bzw. Unterschiedlichkeit potentieller – ideologieinhärenter – Konsequenzen akzeptabel? Meines Erachtens lassen die Antworten auf diese Fragen, die ebenso gut auf die erste reduziert werden können, den direkten Rückschluß auf die Position der Akteure innerhalb des hier überzuordnenden Wagner-Hitler-Diskurses zu. Hannah Arendt sprengt dieses Antisemitismus-Spektrum, indem sie im Jahre 1941 den „Antisemitismus am Ende des vorigen Jahrhunderts [des 19. Jahrhunderts]“ als „politischen Antisemitismus“ betrachtet und damit sowohl kulturelle als auch rassische und andere Erklärungszusammenhänge ausblendet. Politischer Antisemitismus sei, in Arendts Sinne, als einziger zu bekämpfen, also bekämpfbar, gewesen. Die Verweigerung dieses Kampfes habe Defaitismus produziert, insofern auch jüdische (vor allem zionistische) Theoretiker dem jüdischen Volk verschiedene politisch-antisemitische Erklärungsmuster seiner – i.e.: defaitistischen – Situation unterbreiteten. Diese umfassen bemerkenswerte Interpretationen, die auch aus der spezifischen Perspektive Arendts („Kampf um Macht als zwischenmenschliches Phänomen“, dem man sich aus existentiellen Gründen zu stellen habe) zu lesen sind: 1. Das jüdische Volk sei eine „Erfindung der Antisemiten“, so „daß es sie [die zum jüdischen Volk Gehörigen] gar nicht gäbe“, sie also erst infolge dieser In- bzw. Diskriminierung fassbar und gar als solche überhaupt erst existent seien. 2. Antisemitismus sei „nur der ‚Überbau’ eines notwendigen ökonomischen Prozesses“, durch den die Juden schließlich „notwendigerweise ihre ökonomischen Positionen“ verlören und daher „ebenso notwendigerweise aufhören würden zu existieren“, weil sie dementsprechend ausschließlich infolge ihrer ökonomischen Position definiert wurden und also nur in dieser Hinsicht als Juden existierten oder, ebenso notwendig, überhaupt nicht existierten. (In vergleichbarer Hinsicht, in der Juden „aufhören, zu existieren“ ist auch bei Wagner die Rede. Siehe Kap. 4.2 vorliegender Untersuchung.) 3. Der Antisemitismus sei der „irrationale und daher unbekämpfbare Ausdruck der Abstoßung einander fremder Volkskörper“ – die Unbekämpfbarkeit zwinge zum Rückzug, also zur Flucht (nach Palästina). Das dritte Interpretationsschema wäre wohl dem, von Arendt allerdings zurückgewiesenen, für einschlägig befundenen Antisemitismusspektrum zuzuordnen. Denn hier bliebe allerdings nur aufgrund der Irrationalität, die diesen Antisemitismus (politisch) nicht bekämpfbar mache schicksalsergebene Flucht. Diese jedoch stellte eine mit dem Postulat der „politischen“ Bekämpfung des Antisemitismus unvereinbare Option für Arendt dar.519 Dieses Postulat einzulösen setzte voraus, das Phänomen mit „gesundem Menschenverstand“ zu erfassen. Arendt unterscheidet zwei Hypothesen, die dies im Gegensatz 519 Arendt, Hannah: Kampf gegen den Antisemitismus, in: Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher. Beiträge für die deutsch-jüdische Emigrantenzeitung Aufbau 1941-45, hrsgg. von Knott, Marie Luise, München 2000, Zitiert nach: Hannah Arendt – Denken ohne Geländer. Texte und Briefe, hrsgg. von Bohnet, Heidi/ Stadler, Klaus, Bonn 2006, S. 135-138 (Hervorhebung des Verfassers) 3.2 Aspekte des Antisemitismus 127 zu den oben referierten in ihrer Sicht jedoch immer „unzulänglichen“, scheinbar gewährleisteten: Zum einen, die Identifizierung des Antisemitismus mit bzw. als Chauvinismus und Xenophobie, die in Nationalismus kulminierten, und zum anderen die sog. „Sündenbock- und Ventiltheorie“.520 Arendts Analyse läuft allerdings ebenfalls auf die Feststellung von Scheinbarkeit – d.h. ebenfalls: Unzulänglichkeit – der Überzeugungskraft dieser Erklärungshypothesen hinaus. Denn alle antisemitischen Organisationen, Parteien sowie nationalsozialistisch und kommunistisch geprägten totalitären Regime haben nur scheinbaren, vielmehr opportunistischen, nationalistischen Bezug geübt, in Wahrheit stets in internationaler Perspektive „Politik gemacht“.521 Auch bezüglich der zweiten Hypothese stellt Arendt zunächst klar, daß die konkrete „Juden sind Sündenbock“522-These, dies liegt auf der Hand, der empirischen Grundlage entbehrt. Bewegte man sich innerhalb dieses Begründungszusammenhanges, genügt ihr der Verweis auf die fadenscheinige empirische Grundlage desselben. Denn der besondere Einfluß, die überproportionale (ökonomische) Macht der Juden und dergleichen mehr sei angesichts der de facto „judenreinen“ (sic Hannah Arendt) deutschen Banken zur Zeit der Machtgewinnung Hitlers, sowie der statistischen Prognose des zeitnah innerhalb weniger Dezennien zu erwartenden „Verschwindens des Judentums“, das ohnedies rapide an „Zahl und Einfluß abnehme“ usw., nicht nachweisbar.523 Damit ist der Übergang zur zweiten vom „gesunden Verstande“ getragenen Hypothese vollzogen, die Arendt abschließend und äußerst überzeugend erledigt. Nähme man den Antisemitismus als ein Exempel der Sündenbock- und Ventilhypothese ernst, müsse man also die „Theorie, die hinter dieser These steht“ zugrunde legen. Diese besteht in der Annahme, daß die „Wahl“ des Sündenbocks willkürlich und zufällig und also unter der Voraussetzung „der völligen Beziehungslosigkeit zwischen dem Opfer und dem, was ihm geschieht“ erfolge. Diese logische Voraussetzung gebe man aber auf – was „natürlich immer geschieht“ – wolle man erklären, weshalb Juden als Sündenböcke gewählt würden: Dieses Vorgehen „wird wohl kaum je etwas anderes zu Tage fördern, als daß die Geschichte von vielen verschiedenen Gruppen gemacht wird und daß, wenn einer Gruppe plötzlich 520 Dies.: Antisemitismus und der gesunde Menschenverstand, in: Ebd., S. 144-151 521 So seien die Nazis nie einfache Nationalisten gewesen; ebenso wenig wie die Bolschewisten, die beiderseits ihre Verachtung des Nationalstaates niemals widerrufen hätten, stattdessen stets die internationale, weltweite Bedeutung je ihrer ‚Bewegung’, stets supranationale Ziele im Blick hatten. Sowohl die „nationalistische Propaganda“ in der Sowjetunion [Großer Vaterländischer Krieg] als auch der Nationalismus der Nazis (Gewinnung traditionell gebundener nationaler Kreise als Mitläufer) erscheinen in der Interpretation Arendts als opportunistische Chimären. Darüber hinaus stellt sie die Koinzidenz des „Niederganges des Nationalstaates mit dem Anwachsen des Antisemitismus“ heraus, um die These der Unabhängigkeit beider Phänomene zu belegen. Vgl.: Ebd., S. 145 f. 522 „Der Ausdruck ‚Sündenbock‘ leitet sich ursprünglich von einem in Levitikus 16 (3 Mose 16) beschriebenen Ritual ab. Dabei übertrug der Hohepriester die Sünden des Volkes auf einen Ziegenbock, der in die Wüste gejagt wurde. So nahm er die Verfehlungen mit und ließ das Volk gereinigt zurück.“ Liepach, Martin/ Geiger, Wolfgang: Das Sündenbock-Theorem, in.: Dies.: Fragen an die jüdische Geschichte, Bonn 2014, S. 142 523 Vgl.: Arendt: Antisemitismus und der gesunde Menschenverstand, a.a.O., S. 147 3. Das ‚Böse’ und die Juden – Narrative und Definitionen 128 eine so oder anders bestimmte Rolle zugeteilt wird, dies seine geschichtlichen Gründe haben muß. Damit aber hört der Sündenbock auf, bloß zufälliges Ventil und unschuldiges Opfer zu sein … In dieser geschichtlichen Verhaftung hört man nicht auf mitverantwortlich zu sein, nur weil man das Opfer von Unrecht geworden ist.“524 Die Sündenbock- und Ventilhypothese als Erklärungsmodell für Antisemitismus widerlegt sich in diesem Sinne selbst und ist daher, so Hannah Arendt, in dieser Hinsicht untauglich. Dem ist nichts hinzuzufügen. Bernd Weikl und Peter Bendixen erkennen für Wagner – in ausschließlichem Bezug zu seiner einschlägigen Schrift „Das Judenthum in der Musik“ – allein die kulturelle Komponente einer Definition des Jüdischen. Daher schlagen sie eine begriffsgeschichtliche Analyse der Wagnerschen Thesen in das Judenthum vor und kommen dann tatsächlich zu dem Ergebnis, „daß der Vorwurf an Wagner, er sei antisemitisch gewesen, barer Unfug“ wäre.525 Weil die wichtigste in diesem Zusammenhang zu stellende Frage sei: „Wird man als Jude geboren oder als Jude enkulturiert?“ Infolge der Annahme, daß „semitisch“ nur mehr die Bezeichnung einer Sprachfamilie sei, können Juden im Besonderen wie Semiten im Allgemeinen, sinnvollerweise nie als Rasse bezeichnet werden. Unter der Voraussetzung einer kulturellen – für Weikl und Bendixen allein zulässigen bzw. für sie einzig maßgeblichen – Kategorisierung leiten sie die Unmöglichkeit ab, „negative Merkmale“, „diskreditierende Minderwertigkeit“ oder „kulturelle Diskreditierung“ weder den Juden, noch anderen Sprachgemeinschaften zuzuschreiben. Denn der Enkulturationsprozeß, der jedem Kulturdasein vorläuft („Sprach- und Kulturumfeld“ innerhalb dessen jeder Mensch, „unfertig aus dem Mutterleib“ beginnend, sich zu seiner jeweiligen kulturellen Identität ausbildet), ist erstens allen Menschen gemein, zweitens zufällig („ein ganz normaler Vorgang“) und daher drittens in der eben genannten Weise untauglich für jede (auch antisemitische) Diskriminierung. Diese Prämisse, die die Autoren auch für Wagner unterstellen526, eröffnet als einzige sinnvolle gesellschaftspolitische Option die, wie auch immer zu beurteilende, Forderung nach kultureller Assimilation. Diese inkludiert auch die jüdische Religion, die Wagner Weikl und Bendixen zufolge dann eigentlich fokussiert haben müsse und nur haben könne. Denn weil die jüdischen Mitmenschen im Sprachraum des damaligen Deutschland („ähnlich in den meisten übrigen Ländern Europas im 19. Jahrhundert“) „meist schon seit Jahrhunderten gelebt und längst dessen Sprache und Kultur“ enkulturiert haben würden, ergebe sich sinnvollerweise nur die Forderung nach religiöser Konversion527, falls man eine derartige Forderung überhaupt vorzubringen erlauben möchte. Bekanntermaßen haben jüdische, jüdisch-stämmige oder jüdisch-gläubige Menschen den Auf- und Anforderungen, den übergriffigen Imperativen nach Assimilation, durch Konversion sowie vielfältige Partizipation in Kunst, Kultur, Philosophie, Wissenschaft und Wirtschaft sowieso entsprochen, und sind solcher Impertinenz noch häufiger nicht minder vorbildlich als maßgeblich zuvorgekommen. Der Juden- 524 Ebd.: S. 149/150 (Hervorhebung A.S.) 525 Weikl/Bendixen: Freispruch für Wagner? A.a.O., S. 212 526 „Diese Vorstellung könnte bei Wagner im Kopf gewesen sein …“, ebd., S. 213 527 Vgl.: Ebd., S. 215 f. 3.2 Aspekte des Antisemitismus 129 feindschaft – was immer darunter exakt zu verstehen ist – hat dies unterdessen keinen Abbruch getan. Im Sinne seiner großen Kulturtheorie spricht Sigmund Freud von einem „anerkennenswerten Verdienst um die Kulturen“ der Völker, in denen das „überallhin versprengte Volk der Juden“ lebte, indem es stets die Aggressionsneigungen auf sich zog und so also wesentlich zur Binnensolidarität und -befriedung innerhalb dieser „Wirtsvölker“ beigetragen habe. Aufgrund der von Freud angenommenen Bedeutung seiner Theorie für die Konstituierung eines Gemeinwesens – der kulturell-unbehaglichen Triebhemmung, der daraus entstehenden Aggression, die stets eine Möglichkeit der Auslebung sucht, um zumindest passagere sublimierte Befriedigung zu erwirken – sei es „kein unverständlicher Zufall, daß der Traum von der germanischen Weltherrschaft zu seiner Ergänzung den Antisemitismus aufrief “ – ebenso, wie die „Aufrichtung der kommunistischen Kultur der Verfolgung der Bourgeois“ als psychologischer Stütze bedurft habe.528 Bemerkenswert ist hier Freuds Verwendung der Bezeichnung „Wirtsvölker“, die im Zusammenhang dieser biologistischen Metapher neben der Möglichkeit einer wechselseitig nutzbringenden Symbiose immerhin auch die implizite Assoziation des Parasitären erlaubt, die ebenso bei Wagner auffindbar sein wird. Solche leichtfertigen Äußerungen sind also noch vor Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft und betriebsmäßiger Massenvernichtung z.B. auch bei Sigmund Freud zu lesen, dem man den Vorwurf einer geistigen Wegbereitung der NS-Ideologie sicherlich nicht zumuten möchte. Arnold J. Toynbee unterscheidet die „innerjüdischen Denkrichtungen“ derlei anartenden Zuvorkommens mit dem Ziel, die Juden von dem „besonderen psychologischen Komplex“ zu befreien, den die Jahrhunderte währenden „Belastungen“ erzeugten, in „Assimilanten“ und „Zionisten“, die darin übereinstimmten, „die Juden davon zu heilen, ein ‚besonderes’ Volk zu sein“529, was wie oben gezeigt in Zusammenhang mit antisemitischer Verfolgung und Bedrängung vor allem darin besteht, daß die Juden von anderen für Juden gehalten oder dazu erklärt werden. Toynbee unterstreicht den Charakter auch der „Assimilanten“-Bewegung als eine Idee, die vor allem von der jüdischen Minderheit selbst getragen worden sei, um somit durch eigene Bestrebungen der Feindschaft gegen Juden die Grundlage zu entziehen.530 Der spätere Außenminister der Weimarer Republik Walther Rathenau wendet sich im Jahre 1905 in einer Schrift mit dem Titel „Höre Israel“ also an (s)ein jüdisches Kollektiv und fordert dessen aktive „Anartung“. Als „Rasse“ müsse infolge einer „bewußten Selbsterziehung“ der „Anpassung an fremde Anforderung“ entsprochen werden, um das Ziel zu erreichen, daß „Stammeseigenschaften, gleichviel ob gute oder schlechte abzulegen“ seien. Als Begründung für diese Forderung, die nicht nur durch die Verwendung des 528 Vgl.: Freud, Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur [1930], in: Ders.: Abriß der Psychoanalyse/ Das Unbehagen in der Kultur – Mit einer Rede von Thomas Mann als Nachwort, Frankfurt am Main/ Hamburg 1955, S. 89-191 529 Toynbee, Arnold J.: Der Gang der Weltgeschichte – Aufstieg und Verfall der Kulturen, Zwei Teile in einem Band [1949], Frankfurt am Main o.J., Erster Band, S. 137 530 Im Vergleich hielten es sich die „deutschen Juden“ zugute, „die am besten assimilierte und erfolgreichste jüdische Gemeinschaft der Welt zu sein.“ Vgl.: Weber: Hitlers erster Krieg, a.a.O., S. 39 3. Das ‚Böse’ und die Juden – Narrative und Definitionen 130 Wortes „ablegen“ wagnerisch anmutet, genügt es Rathenau, zu wissen, daß diese Eigenschaften den übrigen „Landesgenossen verhaßt“ seien.531 Rathenau selbst ist ein weiteres Beispiel für die Vergeblichkeit dieser „Anartungs-“ Bestrebungen, die er sicherlich auch leistete, wenn er, wie seine späteren antisemitischen Mörder, den Versailler Vertrag leidenschaftlich ablehnte und zuvor im Weltkrieg für sein Land kämpft, aber dennoch – wahrgenommen als „jüdischer Außenminister“532 – 1922 vor allem als solcher ermordet wird.533 Die zielgerichtete Übereinstimmung von „Assimilanten“ und „Zionisten“ bedeute allerdings, wie so oft, mitnichten die Einigkeit über den Weg dorthin – im Gegenteil. Die bürgerliche Integration in ein aufgeklärtes Gemeinwesen, so daß „ein Jude in Holland, England und Amerika einfach ein Holländer, Engländer oder Amerikaner ‚jüdischer Religion’“ würde, sei das „Ideal der Assimilanten“.534 Ein Zustand, den man auch im Deutschland der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für gegeben halten dürfe. Die Zionisten würden diesen Weg indes für irrig bzw. unzulänglich erklären, und zwar aus folgenden Gründen. Das Ziel der Gleichheit mit allen anderen Völkern setze voraus: – die Anerkenntnis, daß „die jüdische Persönlichkeit mehr sei als ‚jüdische Religion’“, – daß „glückliche jüdische Bürger [französische, englische, deutsche Bürger jüdischer Religion] ein bloßer Bruchteil des Weltjudentums“ blieben, – diese, in zionistischer Perspektive, „Verwandlung“ einer „Verstümmelung der jüdischen Persönlichkeit“ gleichkomme, – diese „Verwandlung“ = „Verstümmelung“ = „Assimilation“ per se nur auf individueller Ebene praktikabel bliebe und also, – eingedenk des Zieles, ein „gleiches Volk“ unter gleichen Völkern zu werden und die Sonderheit zu beenden, auf „nationaler Basis“ geschehen müsse, – weshalb eine Angleichung und Gleichwerdung die „Erwerbung“ oder „Wiedererwerbung“ einer „nationalen Heimat“ notwendig bedingt (um „wie die Engländer in England“ usw. „Herren in ihrem eigenen Hause zu werden“).535 Marcel Reich-Ranicki zeigt am Beispiel Heinrich Heines die vermehrte Problematik, die den assimilationswilligen Juden schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstand, und lediglich zusätzliche Entfremdung bewirkte: 531 Rathenau zitiert nach Seligmann: Hitler – Die Deutschen und ihr Führer, a.a.O., S. 22/23 532 Völkischer Agitation zufolge sei Rathenau gar als ein Vertreter der sog. „Weisen von Zion“ betrachtet worden. Vgl.: Piper, Ernst: „Die jüdische Weltverschwörung“, in: Schoeps/ Schlör (Hrsg.): Antisemitismus, a.a.O., S. 132. Seine Mörder haben als Tatbegründung den Glauben an eben diesen Zusammenhang bei Gericht „gestanden“. Vgl.: Benz: Protokolle, a.a.O., S. 71 533 Rathenau arbeitet stets an „der Revision der Vertragsbedingungen“, die er als deutscher Patriot, Weltkriegsveteran und verantwortungsvoller Republikaner vom Kaiserreich nolens volens geerbt hatte. Vgl. z.B.: Krockow: Hitler und seine Deutschen, a.a.O., S. 103. Auch Rathenau scheint überdies begeisterter Leser der Schriften Chamberlains gewesen zu sein. Vgl.: Liedtke: Völkisches Denken, a.a.O., S. 110 534 Toynbee: Der Gang der Weltgeschichte, a.a.O., S. 138ff. 535 Ebd. 3.2 Aspekte des Antisemitismus 131 „Die Taufe, 1825 heimlich vollzogen, war wohl ein letzter, ein verzweifelter Versuch, diese Anerkennung (als Person, als Bürger, als Deutschen) doch noch zu erzwingen. Die Folgen seines Übertrittes zum evangelischen Glauben kennen wir: Was Heines Isolation überwinden sollte, hat sie nur vertieft. Den angestrebten Posten in der Verwaltung oder im diplomatischen Dienst hat er nicht erhalten. Er blieb, was er bisher war: ein Jude unter den Christen. Nur war er jetzt auch noch ein Getaufter unter den Juden geworden.“536 Abschließend widme ich mich einer These des Historikers Reinhard Rürup, derzufolge der Antisemitismus des 19. Jahrhunderts als „Gesellschaftsantisemitismus“ zu bezeichnen sei. Dieser wird auch durch Rürup als zur „Vorgeschichte des nationalsozialistischen Mordes an den europäischen Juden“ gehörig interpretiert. Allerdings legt Rürup nahe, daß die Gründe für die Eingliederung in diese Entwicklungslinie eher aposteriorischer Natur seien, da die „Geschichte des Antisemitismus unter dem Vergrößerungsglas betrachtet und darüber hinaus teleologisch537 gedeutet“ werde, den „Zeitgenossen“ hingegen „kaum beachtenswert erschienen“ sei.538 Der Antisemitismus der modernen Gesellschaft entwickelte die „Judenfrage“ zur „umfassenden Weltanschauung“ fort, so daß von ihrer Lösung erwartet worden sei, „alle wichtigen Probleme der Gegenwart und Zukunft in den Griff bekommen zu können.“539 Rürup fährt nun in besonderer Weise fort, weshalb hier auch auf ihn einzugehen ist. Zunächst wird betont, daß im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts der Antisemitismus ein gesamteuropäisches und darüber hinaus auch ein außereuropäisches Phänomen war, das sich „am stärksten entlud“ und in Ost- und Südosteuropa, Rußland und Frankreich „eine besondere Blütezeit erlebte“, was sich auch in, vor allem in diesen Ländern stattfindenden, gewaltsamen Pogromen (konsistenterweise ein der russischen Sprache entstammender Begriff540) sowie öffentlichen Ausschreitungen gegen Juden niederschlug – „viel mehr als in Deutschland“. Unter anderem aufgrund dieser Befunde will Rürup die Frage „offen lassen, ob Deutschland tatsächlich das Ursprungsland des modernen Antisemitismus war.“ Überdies folge daraus, daß es „ebenso wenig klar“ sei, „wie hoch die Kontinuität vom Kaiserreich zum ‚Dritten Reich’“ einzuschätzen sei.541 Der „Gesellschaftsantisemitismus“, um den es Rürup hier geht, manifestiere sich in den 1890er Jahren in Form „antisemitischer Parteien“ sowie „verbandspolitischer“ Organisationen, die um die Jahrhundertwende – getragen von einer „weit verbreiteten antisemitischen ‚Gesellschaftsstimmung’“ – in das „Völkische“ eingehe.542 Die Tradition des antisemitischen Kaiserreichs, auf das Rürup sich bezieht, 536 Reich-Ranicki, Marcel: Es war ein Traum [1991], in: Ders.: Der Fall Heine, Stuttgart 1997, S. 87, Hervorhebung des Verf. 537 „… als habe sie [die Geschichte des Antisemitismus] notwendigerweise im Völkermord enden müssen, als sei sie von Anfang an auf dieses Ziel hin angelegt gewesen.“ Was Rürup insofern also bezweifelt. 538 Vgl.: Rürup, Reinhard: Antisemitismus und moderne Gesellschaft – Antijüdisches Denken und antijüdische Agitation im 19. und frühen 20. Jahrhundert, in: Ahlheim, Klaus: Die Gewalt des Vorurteils, Schwalbach/Ts. 2007, S. 147 539 Ebd., S. 152 540 Vgl.: Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 23. Aufl., Berlin und New York 1995, S. 713 541 Vgl.: Rürup: Antisemitismus und moderne Gesellschaft, a.a.O., S. 154 542 Vgl.: Ebd., S. 155 3. Das ‚Böse’ und die Juden – Narrative und Definitionen 132 meint also das dreißigjährige Reich Wilhelms II., der im Dreikaiserjahr 1888 unerwartet rasch in die Thronfolge eintritt. Richard Wagner stirbt 1883 und hält sich in seinen letzten zwei Lebensjahren häufig in Italien auf. Wagner wird – und das ist das Besondere an Rürups Beitrag über den Antisemitismus der modernen Gesellschaft im 19. und frühen 20. Jahrhundert, der die ideologische und politische Ätiologie des genozidalen Judenmordes thematisiert – nicht einmal erwähnt. In vergleichbarer Weise unterscheidet Sebastian Haffner die Wesenszüge eines „’konventionellen’ Antisemitismus“ von denen der mörderischen Variante der „Hitlerschen Judenverfolgung“, die „den Deutschen des vorhitlerischen Deutschen Reiches völlig fremd“543 gewesen sei, denn: „Das Deutsche Reich der Hohenzollerkaiser war nie ein antisemitischer Staat gewesen, und daß Preußen Hardenbergs und Bismarcks, aus dem es hervorging, erst recht nicht. Auch in der deutschen Bevölkerung gab es allenfalls einen ‚konventionellen’ Antisemitismus: Die Juden waren nicht immer beliebt und in der Provinz gesellschaftlich isoliert; man hatte ein gewisses Ressentiment gegen ihre großen Erfolge in bestimmten Berufssparten (…) – aber dieser Antisemitismus war oberflächlich und im großen [sic] und ganzen [sic] harmlos [jedenfalls im Vergleich zum eliminatorischen Antisemitismus’ Hitlers, wie Haffner impliziert].“544 Die Einstellungen, Haltungen und Forderungen gegenüber Juden bis zum Beginn der „Hitlerperiode“, die Haffner dem „konventionellen“ Antisemitismus zurechnet, sind, mit Haffner, insofern als „harmlos“ zu bezeichnen, da auch dessen extremste Vertreter allenfalls Juden „unter Fremdenrecht“ zu stellen beabsichtigt haben würden, und im Ergebnis die Juden – „mindestens alle ungetauften und neu zugewanderten“ – „zu einer Art Bürger minderen Rechts machen wollten.“545 In den folgenden Kapitel ist die Besonderheit des rassistischen Antisemitismus gegenüber der Wagnerschen Variante der Judenfeindschaft zu zeigen, die darin bestehe, „dass hier nicht die objektive Möglichkeit existieren würde, einer Diskriminierung oder Verfolgung durch Änderung des beruflichen Status oder den Übertritt zu einer anderen Religion [oder durch sonstige Aktivitäten oder Bewußtseinsänderung] zu entgehen.“546 543 Haffner: Von Bismarck zu Hitler, a.a.O., S. 264 f. 544 Ebd., S. 264/65 545 Ebd. 546 Pfahl-Traughber, Armin: Antisemitismus im Links- und Rechtsextremismus im Vergleich – Gemeinsamkeiten, Unterschiede in Ideologie, Agitation und Gewalthandlungen, in: Apelt, Andreas H./ Hufenreuter, Maria (Hrsg.): Antisemitismus in der DDR und die Folgen, Halle a. d. Saale 2016, S. 179/180 3.2 Aspekte des Antisemitismus 133 Geschichtsprophetie – Erlösung statt Politik „Zu den wichtigsten ideologischen Herrschaftsmitteln … [gehört] die Berufung auf den nach Herkunft und Zukunft angeblich durchschauten Gang der Geschichte…“547 (Hermann Lübbe) Geschichtsphilosophie solle an die Stelle der (christlichen) Geschichtstheologie treten, sie „emanzipiere sich von der Heilsgeschichte“, insofern die natürliche Vernunft, nicht Offenbarung oder göttliche Lenkung maßgeblich geworden sei. In der Analyse der Reihung geschichtlicher Ereignisse seien „Kriterien aufzusuchen“, die der „Abschätzung historischer Wahrscheinlichkeiten“ dienen.548 So Otfried Höffe über die Programmatik der zum Ende des 18. Jahrhunderts etwa zwei Jahrzehnte vor Kant u.a. durch Voltaire begründeten „neuen Disziplin“, die sich „nicht in der Fülle von Einzelheiten“ verliere – wie die klassische Historiographie –, sondern auf der Basis der Vernunft „Mutmaßungen über dessen [des Geschichtsverlaufs] Ziel und Zweck, aber auch dessen Anfang“ anzustellen549; es gelte, die „finiten Sinnlinien im Strom der Geschichte“550 zu markieren. Bereits zeitgenössische Kritiker, wie z.B. Joseph de Maistre, erteilten solchen Erkenntnissen als banale „Erfindungen“, die dem „Tumult der Tatsachen vernünftige Pläne hinzuerfinden“ wollen, schroffe Absage.551 Solche vermeintliche Planmäßigkeit bezeichnet konkret Anfang und Ende der Geschichte, die determinativ miteinander verbunden seien. Der Verlauf selbst ist positiv providiert und wird somit als Progressus im Sinne einer „Entwicklung zum Höheren [i.e.: Besseren]“ perzipiert. Der wahrgenommene progredierende Ablauf der Geschichte ist dann nicht etwa frei flottierend gedacht, sondern vollziehe sich „gesetzmäßig“ und daher „notwendig“. Es würde schließlich einen gravierenden Unterschied bedeuten, ob das telos der Geschichte in Form eines offenbarten, antizipativ-projizierten Ergebnisses verstanden ist, oder ob eine konsekutive Abfolge, die diversen Bifurkationen unterzogen wäre, vorgestellt wird. Letztere Auffassung eröffnet die Option des menschlichen und also politischen Eingriffs in Geschichte – der dann den Geschichtsverlauf und somit das virtuelle telos abändern könnte – und in der Absicht einer Beschleunigung des Erstrebenswerten verlockend wirke.552 3.3 547 Lübbe, Hermann: Geschichtsphilosophie und politische Praxis, zitiert nach: Bärsch, Claus-Ekkehard: Die Gleichheit der Ungleichen – Zur Bedeutung von Gleichheit, Selbstbestimmung und Geschichte im Streit um die konstitutionelle Demokratie, München 1979, S. 117 548 Vgl.: Höffe, Otfried: Einführung, in: Ders. (Hrsg.): Immanuel Kant – Schriften zur Geschichtsphilosophie, Berlin 2011, S. 2 f. 549 Vgl.: Ders.: Geschichtsphilosophie nach Kant: Schiller, Hegel, Nietzsche, in: Ebd., S. 229 550 Voegelin, Eric: Die Wissenschaft von der Polis, in ders.: Ordnung und Geschichte [1957], hrsgg. von Opitz, Peter und Herz, Joachim, Band VII "Aristoteles", München 2001, S. 68 551 So Sloterdijk, der sich diese Haltung de Maistres durchaus zu eigen macht, vgl.: Sloterdijk: Schreckliche Kinder, a.a.O., S. 56 f. 552 Paradigmatisch für die Vorstellung eines antizipativ-projizierten Telos („die Freiheit, das einzig Wahrhafte des Geistes“ S. 58, die „der absolute Endzweck, oder was dasselbe ist, daß [sie] das wahrhafte Resultat der Weltgeschichte“ sei, S. 64) kann Hegels Philosophie der Geschichte und des (Welt-) Geistes gelten, der sich in der Geschichte entfalte, um „an-und-für-sich“ zu werden, sich 3. Das ‚Böse’ und die Juden – Narrative und Definitionen 134 Friedrich Nietzsche schuf mit seinem Zarathustra einen literar-mythologischen Stammvater dieser Idee des immoralisch-sardonischen Vorantreibens angeblich teleologischer Entwicklungsverläufe: „Oh meine Brüder, bin ich denn grausam? Aber ich sage: was fällt, das soll man auch sto- ßen! Das Alles von Heute – das fällt, das verfällt: wer wollte es halten! Aber ich, ich will es noch stoßen! Kennt ihr die Wollust, die Steine in steile Tiefen rollt?“553 Bärsch trifft daher die in politischer und ideologischer Hinsicht relevante Unterscheidung „teleologisierender Deutungen der Geschichte“ nach „evolutionärer und revolutionärer Art“.554 Mit dieser Unterscheidung ist, nota bene, auch der wesentliche Unterschied der beiden aus dem Marxismus entstandenen und sich auf diesen berufenden sozialistischen Ideologien des späten 19. bzw. der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu erfassen, die auf den Gegensatz, passiver Fatalismus und aktiver Fanatismus engzuführen sind: „Die marxistische Lehre, der sogenannte wissenschaftliche Sozialismus, hat nämlich zwei Seiten: erstens, daß die Menschen die Geschichte selbst machen, und zweitens, daß es von den einzelnen Menschen unabhängige Bewegungsgesetze gibt.“ „Verläßt man sich nun auf die Gesetzmäßigkeit der Geschichte [was die Bolschewiki bekanntlich nicht wollten, aber angesichts der unterentwickelten kapitalistischen Verhältnisse in Russland, die ja orthomarxistisch die notwendige Voraussetzung für Kapitalkonzentration und -akkumulation, Pauperisierung und Zusammenbruch notwendigerweise darstellen, daher auch nicht konnten] und wartet ab, oder führt man den Übergang … trotz unausgereifter Entwicklung gemäß einer revolutionären ‚Philosophie der Tat’ herbei?“555 Die jeweiligen politischen Vertreter orientierten sich entsprechend an gegenläufigen Varianten des Denkens und Handelns, insofern „die deutsche Sozialdemokratie, die bis zum Godesberger Programm sich offiziell als vom Marxismus geprägte Partei verstand“, habe „auf die Gesetzmäßigkeit der Geschichte und eine evolutionäre Entwicklung gesetzt“, während „Lenin hingegen das Prinzip der Tat in die Lehre von der Diktatur des Proletariats“ erweitere556, was im Ergebnis – die „typischen Dilemmata eines die Zukunft antizipierenden und ihrer Herstellung interessierten Wissens“ – zu Fatalismus oder Fanatismus führe.557 Sowohl Wagner als auch Hitler558, Chamberlain und Rosenberg betrachten in ihren Schriften die Historie. Diese könne, so wird vermutet, zur besseren Analyse der entwickelt und zu sich selbst kommt (zum „Bewußtsein von sich selbst“ S. 59). Im weltgeschichtlichen Verlauf („Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit“ S. 61) ist das Wirken einiger „welthistorischer Individuen“ (Ebd., S. 74 ff) (z.B. Napoleon Bonaparte), der sogenannten „Geschäftsführer des Weltgeistes“ (S. 76), die den „Altar der Weltgeschichte“ mit den Opfergaben (vor allem leidvoller) politisch-revolutionärer Großereignisse bestücken, ein Beispiel für die „List der Vernunft“ eines ansonsten arkanen geschichtlichen Stufenganges. Vgl.: Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte [1830/31], Stuttgart 1997, S. 58-76 553 Nietzsche: Zarathustra, a.a.O., S. 305 554 Bärsch: Gleichheit der Ungleichen, a.a.O., S. 118 555 Bärsch, Claus-Ekkehard: Sozialismus, in: Schoeps, Julius H./ Knoll, Joachim H./ Bärsch, Claus-E.: Konservativismus, Liberalismus, Sozialismus – Einführung, Texte, Bibliographien [1981], München 1991, S. 196/197 556 Vgl., ebd.: S. 197, Hervorhebung im Original 557 Vgl., ebd., S. 199 3.3 Geschichtsprophetie – Erlösung statt Politik 135 Gegenwart beitragen. Die hier vermeintlich gewonnenen Erkenntnisse des ‚Laufs der Dinge’ finden ihre fortgesetzte Anwendung und Verwertung in der Abfassung welterklärender Konzeptionen, die einen gesamtgesellschaftlichen oder menschheitlichen (im Falle Richard Wagners) oder rasse-, kultur- oder volksspezifischen (in den Fällen Hitlers, Chamberlains, Rosenbergs) Heilsplan für die Zukunft bereitstellen. Falsch verstandene und uminterpretierte, da immanentisierte, „Heilsgeschichte“ wird somit reaktiviert. Gleichsam auf dem Wege der Herbeiführung diesseitigen Heils, dem Reich der Freiheit oder der innerweltlichen Erlösung ist fatalerweise jedoch stets die Apokalypse notwendig eingeflochten, die mythischen Weltenbrand, den Bann des Bösen bzw. den Untergang einer bestimmten Rasse oder Klasse zufolge haben kann. Klaus Vondung verweist auf die weite Verbreitung des Erlösungsgedankens im 19. Jahrhundert – beginnend während der sog. Befreiungskriege zum Ziel der Beendigung der Vorherrschaft Napoleons, wieder erglühend im Zuge des Ersten Weltkrieges, die sich vor allem in der erhofften Selbsterlösung insbesondere bei Künstlern und Dichtern manifestierte, sofern „das Verlangen nach ‚Erlösung’ ein Intellektuellenphänomen“ war, das dem motivationalen Komplex aus „nationaler Frustration, einem grundlegenden Unbehagen an der Moderne und mangelndem Lebenssinn“ entwüchse.559 Eagleton bezeichnet ein „romantisches Heimweh nach der vormodernen Vergangenheit“, das in der Moderne selbst „giftige Früchte“ trage – die Sehnsucht „nach dem Primitiven, Archaischen, Atavistischen, Barbarischen“ und: „dem Mythologischen“560, welches einem teleologischen Geschichtsdenken zuspielt. Ein dem Geschichtsverlauf unterlegter soteriologischer benefit rechtfertigt letztlich buchstäblich alles und jedes. Im Ergebnis bedeutet das: „Das Schema vom reinen Ursprung (Rasse), Verfall (die Herrschaft des Bösen, die zerstörerische Macht der Juden, die Rassenmischung) und dem Ziel künftiger Erlösung durch die Tat der Auserwählten selbst ist freilich eine megalomanische Entgleisung abendländischer Eschatologie, deren Folge gigantische Zerstörungen – des Lebens, sowie aller Güter des Lebens – und insbesondere Auschwitz waren.“561 Wiederum Sebastian Haffner hat im Rahmen einer grundlegenden Revision allgemeiner Geschichtsspekulation versucht, die Problematisierung der ihr immer inhärenten Frage nach dem Sinn des Lebens mit allen denkbar zu verknüpfenden politischen oder religiösen Fragen mit folgender vorläufiger Diagnose zu erhellen: „…daß der Glaube an die Geschichte heute ganz unter der Hand bei vielen Leuten, namentlich jungen Leuten, die Stelle des absterbenden Jenseitsglaubens einzunehmen begonnen hat, daß Geschichtsgläubigkeit eine weitverbreitete Diesseits-Religion geworden ist. Den Sinn des Lebens, die Antwort auf die Frage: Wozu sind wir da, was sollen wir tun, 558 In größenwahnsinniger Entgleisung will Hitler bereits als elfjähriger Knabe „Geschichte ihrem Sinn nach verstehen und begreifen“ gelernt haben. Hitler: Mein Kampf, a.a.O., S. 8 559 Vgl.: Vondung, Klaus: Deutsche Wege zur Erlösung – Formen des Religiösen im Nationalsozialismus, München 2013, S. 7-21 560 Eagleton: Der Tod Gottes, a.a.O., S. 148 561 Bärsch, Claus-Ekkehard: Sinn und innerweltliche Eschata: Mystik, Apokalyptik und Politik, in: Tumult – Zeitschrift für Verkehrswissenschaft, Band 28, „Unveralteter Sinn“ – Figuren des Rückzugs, hrsgg. von: Loyen, Ulrich van / Neumann, Michael, Berlin/ Wien 2004, S. 103 3. Das ‚Böse’ und die Juden – Narrative und Definitionen 136 wie rechtfertigen wir unsere Existenz – immer mehr Leute scheinen diesen Sinn und diese Antwort von einer Gottheit ‚Geschichte’ zu erwarten.“562 Konsequent bestimmt Haffner die Spielarten der Geschichtsprophetie, der Geschichtsteleologie, der Geschichtsphilosophie oder der Geschichtsreligion und erläutert, selbstverständlich bei Hegel beginnend, ihr Prinzip. Entsprechend setzt er die Ursache der geschichtsphilosophischen Konjunktur, speziell im 19. Jahrhundert563, in das Bestreben, „menschliche Geschichte“ als „Fortsetzung des natürlichen Evolutionsgeschehens“, „Geschichtsgesetze also sozusagen eine Fortschreibung der Naturgesetze sind“564, was besonders deutlich die Phänomene des sog. Biologischen Rassismus bzw. den sog. Sozialdarwinismus betrifft. Ziel der Spekulationen, die die „Zauberlehrlinge Hegels“ anstellen, so die fabelhafte Bezeichnung der wirkmächtigsten geschichtsgläubigen Philosophen bzw. Politiker durch Haffner, nämlich „Marx und Hitler und Spengler565 und Toynbee“ [und ansatzweise auch Wagner, wie zu ergänzen 562 Haffner, Sebastian: Was ist eigentlich Geschichte? In: Ders.: Historische Variationen, München 2001, S. 23 f. 563 Eagleton sieht in der zeitgeistlichen Re-Mythologisierung dieser vorletzten Jahrhundertwende den Ausdruck tiefer Daseins-Skepsis sowie den Reflex auf die wahrhaftigkeits-verpflichteten Ideen der Denker der Aufklärung: In deren „Augen musste der Irrtum tapfer durch die Wahrheit bekämpft werden. Doch an der Wende zum neunzehnten Jahrhundert rückte die Vorstellung von einer befreienden Lüge oder einer heilsamen Fiktion nach und nach ins Blickfeld. Vielleicht gehen die Menschen ja an der Wahrheit zugrunde, weil sie das gnadenlos gleißende Licht nicht ertragen können. Vielleicht sind ... Mythen nicht einfach Irrtümer, mit denen man aufräumen muss, sondern produktive Illusionen, die wir zum Leben brauchen.“ Eagleton, Terry: Der Sinn des Lebens, Berlin 2008, S. 75/76. Möglicherweise sind manche Ideen vor allem für sog. „einfache Menschen“ überhaupt erst verstehbar, wenn sie „in ikonische oder mythologische Begriffe“ übersetzt sind. Eventuell sind „Massen“ überhaupt nur „über den Weg der Mythologie zu erreichen.“ Vgl.: Eagleton: Der Tod Gottes, a.a.O., S. 44 und 151 564 Haffner: Was ist eigentlich Geschichte? A.a.O., S. 27 565 Mit Blick auf die Frage nach den ideologischen Quellen der Nationalsozialisten betont Kai Michel für das Beispiel des spezifischen Antisemitismus’ des Joseph Goebbels die besondere Bedeutung Oswald Spenglers, bzw. das politische Gewicht dessen geschichtsphilosophischen Hauptwerks Der Untergang des Abendlandes: „Der Einfluß Oswald Spenglers auf Joseph Goebbels kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Bei diesem fand Goebbels nämlich die entscheidenden Anregungen zur Herausbildung seines extremen Antisemitismus.“ Michel, Kai: Vom Poeten zum Demagogen – Die schriftstellerischen Versuche Joseph Goebbels’, Köln/Weimar/Wien 1999, S. 107. Michel stellt zurecht klar, daß Spenglers interkulturelle Spekulationen, sein Rassebegriff, der „kosmischer Art“ sei und „metaphysische Dissonanzen“ erzeuge, kurzum, daß „Spenglers Ausführungen zufolge … die sogenannte ‚jüdische Frage’ [sich] von selbst erledigt“ (Ebd. S. 108) haben würde, worum Goebbels sich indes nicht weiter kümmere. Entscheidend ist hier und auch für Goebbels selbst, daß er (Goebbels) will, daß „Spenglers Worte über das Judentum von eminenter Bedeutung seien, daß dieser [Spengler] die ‚jüdische Frage’ an der Wurzel erfasst habe“ (Goebbels zitiert nach Michel, a.a.O., S. 106). Daß Spengler hingegen, dessen Theorien freilich fragwürdig genannt werden sollten, mit der nationalsozialistischen Weltanschauung ebenso wenig wie Wagner kompatibel ist, interessiert auch Goebbels nicht. Münkler weiß, daß „Spengler den Nationalsozialismus aus ästhetischen Gründen verabscheut und Hitler eher verachtet“ habe und dem, Spengler, „freilich kein internationalistischer oder kosmopolitischer Sozialismus“ vorschwebe, jedoch „einer, der mit preußischem Geist und preußischem Stil“ verbunden sei. Zivilisationskritik, die in Erschöpfung statt schöpferischer Kultur bestehe, und ein darauffolgender prognostizierbarer Untergang – das seien die Themen Spenglers, nicht aber die Vernichtung der Juden. Vgl.: Münkler: Mythen, a.a.O., S. 120-122 3.3 Geschichtsprophetie – Erlösung statt Politik 137 wäre], sei „die Gesetzmäßigkeit der Geschichte zu ergründen“ um „Geschichte vorauszubestimmen“566 und, wie abermals zu ergänzen ist, infolge dieser „geglaubten“ Erkenntnisse die soziopolitischen Verhältnisse gewaltsam umzuwälzen. Eagleton macht darauf aufmerksam, daß die Möglichkeiten, Geschichte gesetzmäßig erscheinen zu lassen, zwiefach sind: zum einen „ein Muster aus ihr herauszugraben“, und zum anderen „ein Muster auf sie zu projizieren“.567 Die finale Absicht des Unterfangens ist dann die Illusion des bevorstehenden berühmt-berüchtigten „Sprung[s] aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit“568, der verhängnisvollerweise mit der Vernichtung (darin derartige Umwälzung leider Gottes eigentlich immer besteht) so begriffener antagonistischer Klassen, resp. Rassen einhergeht. Dieser ideologisch immanente Notwendigkeits-Zusammenhang ist nie genug zu betonen, und erweist sich bis in die Gegenwart als solides und vitales Gedankengebilde.569 Das bereits von Eric Voegelin infolge des direkten Eindrucks nationalsozialistischer und kommunistischer Politik erforschte Phänomen der Politischen Religionen wird hernach auch von Haffner erfasst, und in folgende Sentenz komprimiert: „… daß sie [‚Nazis und Kommunisten’] nicht eigentlich prosaisch gute Politik versprechen, sondern Erlösung durch Politik, Politik als Religionsersatz.“570 Diese geistige Exposition, die geprägt sei von „nur kargen Blicken in die Wirklichkeit“ – die „einzig“ entweder „auf die Natur, einen großen Menschen, sein Volk, die Menschheit“ gerichtet seien, „verfestigen sich zu Systemen, füllen sich mit dem Geist der religiösen Erregung und werden fanatisch als die ‚richtige’ Ordnung des Seins“571 verfochten –, ist eben auch bei Chamberlain, noch mehr und – horribile dictu – konsequenter bei Hitler und Rosenberg für die Ätiologie des Zivilisationsbruches nachzuzeichnen, den die industrielle Massenvernichtung darstellt. Die potentiell immer zu befürchtende Wiederkehr572 desselben wird begünstigt durch die stets „zu dünne“ zivilisatorische Bedeckung des Chaotisch-Destruktiven im Menschen, die die „Einhegung der rohen Triebe“ gewährleisten muß.573 Gewaltexzesse speisen sich aus verborgenen, undeutlichen und widersinnigen Ressentiments, die nur eines zufälligen Auslösers oder der Erosion der Furcht vor Strafe bedürfen, um sich zu entladen. Thomas Mann stellt fest: 566 Haffner: Geschichte, a.a.O., S. 26. 567 Vgl.: Eagleton: Sinn des Lebens, a.a.O., S. 67 568 Haffner: Geschichte, a.a.O., S. 27 569 Zu den politischen Gefahren einer eschatologisch disponierten Geschichtsauffassung sowie deren, bis in die jüngste Zeit hineinreichende, Virulenz siehe: Gray, John: Politik der Apokalypse – Wie Religion die Welt in die Krise stürzt, Stuttgart 2009 570 Haffner, Sebastian: Überlegungen eines Wechselwählers, [1980], Berlin 2002, S. 108 571 Vgl.: Voegelin, Eric: Die politischen Religionen, München 2007, S. 16/17 572 Vgl. neuerdings: Snyder, Timothy: Black Earth – Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann, München 2015 573 Vgl.: Kant, Immanuel: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht. In: Ders.: Ausgewählte kleine Schriften, Hamburg, unveränderter Nachdruck 1969 der Neuausgabe von 1965, S. 27-44 3. Das ‚Böse’ und die Juden – Narrative und Definitionen 138 „Höchst merkwürdig nun und schwer zu ergründen sei angesichts des so erheblichen Beitrags, den sie [die Juden] der allgemeinen Gesittung geleistet, die uralte Antipathie, die in den Völkern gegen das jüdische Menschenbild schwele und jeden Augenblick bereit sei in tätlichen Haß aufzuflammen...“574 Philosophie der Geschichte ist weitgehend als apokalyptisch zu bezeichnen, insofern sie nach dem Wesen der Geschichte trachtet, das es zu „enthüllen“575 gilt. Der Zweck der apokalyptischen Geschichtsbetrachtung ist „aus Vergangenheit und Gegenwart die Zukunft zu erfahren“. Die „Urfrage ist das Wann … die selbstverständliche Antwort lautet: bald.“576, so Jacob Taubes. Die Hitlersche Obsession eines finalen Kampfes, der diesem Hirngespinst zufolge den existentiellen Fortbestand der „arischen Rasse“ entscheidet, entspringt eben solcher Wahrnehmung. Die Frage des Wann? würde Hitler wohl mit Jetzt! beantwortet haben, nun, da dem deutschen Volk ein großer Sohn (der Messias?577) gekommen sei. In nationalsozialistischer Sicht (hier z.B. Joseph Goebbels578) erscheint Christus als messianisches „Modell“ für den „Retter und Erlöser“ Hitler, der zwar „nicht gleichgesetzt mit Jesus Christus als Religionsstifter“ wird, dem jedoch „zwischen Gott und Volk vermittelnde“ charismatische Fähigkeiten zugeschrieben worden seien.579 Auch der sog. „Reichsorganisationsleiter“ Robert Ley läßt keinen Zweifel daran, in Hitler die „charismatische Heilsfigur eines erleuchteten Messias“ zu erblicken.580 Victor und Victoria Trimondi verweisen indes darauf, daß Hitler „seine Messiasrolle explizit abgelehnt“ habe, vielmehr als „der Vorläufer eines Kommenden“ 574 Mann, Thomas: Lotte in Weimar [1939], in: Ders.: Gesammelte Werke in Einzelbänden – Frankfurter Ausgabe – herausgegeben und mit Nachbemerkungen versehen von Peter de Mendelssohn, Frankfurt a. M. 1981, S. 375. Das Zitat vereinigt die Elemente des Antisemitismusproblems recht eindrücklich und vollständig: (1.) Es ist ein „uraltes“ und, (2.) globales Phänomen, das „in den Völkern [also eigentlich allen] schwele“. (3.) Es ist undeutlich konturiert – „schwer zu ergründen“. (4.) Es ist vor allem auch widersinnig – „angesichts des erheblichen Beitrags zur allgemeinen Gesittung [den Juden immer geleistet hätten]“. (5.) Es handelt sich um generalisierende Ethnisierung – das „jüdische Menschenbild“ –, die allerlei irrationale und damit emotionale „Antipathien“ bündelt, und (6.) potentiell immer – „jeden Augenblick“ – manifest – „tätlicher Hass“ – eskalieren kann. 575 „Entlehnt aus l.[ateinisch] apocalypsis, dieses aus gr.[iechisch] apokálypsis ‚Enthüllung’…“ Kluge, Etymologisches Wörterbuch, a.a.O., S. 54 576 Taubes, Jakob: Abendländische Eschatologie [1947], Berlin 2007, S. 48 577 Besonders prägnant ist diese Selbstwahrnehmung Hitlers in der, durch ihn selbst eingeleiteten, Gemälde-Auftragsarbeit „Es lebe Deutschland“ von Karl Stauber (undatiert, wahrscheinlich zwischen 1933-1935), veranschaulicht. Das Werk zeige Hitler als „deutschen Messias“ – unter „geöffnetem Himmel schwebt, statt der Taube des hl. Geistes, ein schwarzer Adler.“, wie Hesemann die Anleihe bei christlicher Ikonographie zutreffend interpretiert. Hesemann: Hitlers Religion, a.a.O., S. 240 f. 578 „Ich lese Hitlers Buch zu Ende. (…) Wer ist dieser Mann? Halb Plebejer, halb Gott! Tatsächlich der Christus, oder nur der Johannes?“ Die Tagebücher von Joseph Goebbels, hrsgg. von Fröhlich, Elke, Eintrag vom 14.10.1925, zitiert nach: Bärsch: Der junge Goebbels, a.a.O., S. 80 579 Vgl.: Bärsch: Nationalsozialismus, a.a.O., S. 354 580 Vgl.: Ullrich: Hitler, a.a.O., S. 583. Robert Ley während des „Reichsparteitages 1936 in Nürnberg“: „Wir glauben an einen Herrgott im Himmel, der uns geschaffen hat, der uns lenkt und behütet und der Sie, mein Führer, uns gesandt, damit Sie Deutschland befreien. Das glauben wir, mein Führer!“ Zitiert nach: Ullrich, ebd. 3.3 Geschichtsprophetie – Erlösung statt Politik 139 wahrgenommen sein wolle, und „Christus“581 – hier zeigt sich einmal mehr, daß nicht nur Richard Wagner retrospektiv durch die Nationalsozialisten vereinnahmt wird –, werde als „erster Nationalsozialist porträtiert“582: „Christus war der größte Pionier im Kampf gegen den jüdischen Weltfeind. Christus war die größte Kämpfernatur, die je auf Erden gelebt hat. (…) Die Aufgabe, mit der Christus begann, die er aber nicht zu Ende führte, werde ich vollenden.“583 Horkheimer/ Adorno verweisen in Bezug auf Geschichtsphilosophie am Beispiel Hegels auf die ihr zugrundeliegende Vorstellung, die „die Weltgeschichte im Hinblick auf Kategorien wie Freiheit und Gerechtigkeit konstruieren“ wolle. Im Gegenteil dazu betonen sie den individuellen und humanen Ursprung dieser Kategorien. In diesem Sinne erscheint der Zweck, der Verlauf oder das Ziel von Geschichte nicht als ein „zu enthüllendes“ Verborgenes, sondern der Glaube oder der Wille, „humane [im Sinne menschengemachter bzw. menschengedachter, nicht zwingend menschliche] Ideen als wirkende Mächte in die Geschichte selbst [zu] verlegen“.584 Teleologisierung von Geschichte zeitigt (fast?) immer ungute politische Konsequenzen. Es bleibt unklar, ob ein telos von Geschichte sowie eine teleologische Entwicklung von Geschichte, selbst wenn diese wirklich und wahrhaftig erkennbar wäre, überhaupt wünschenswert ist. Münkler betont in diesem Zusammenhang die besondere Bedeutung der Verbindung jedes allgemeinen Fortschrittsglaubens und der inhärenten Betrachtung der jeweiligen Gegenwart durch den teleologischen Gläubigen. Das heißt vor allem, mit Blick auf die Zukunft könne ihm die Gegenwart „keine Rolle spiele[n]“.585 Insgesamt sei, so resümiert Klaus Vondung, Hitler „ein geradezu gottgleicher Rang als ‚Erlöser’ zuerkannt“ worden, „der die Antwort auf die Existenzfrage sowohl des Individuums wie der Gemeinschaftsperson verkörpert“ habe. Vondung: Deutsche Wege zur Erlösung, a.a.O., S. 40. Julius Streicher ging noch weiter, indem er dem Führer „ohne Bedenken auch die Rolle des Heilands“ übertragen habe. Noch grotesker ist der Umstand der Existenz einer sog. Nsdap-Kommission, die 1943 den Vorschlag erarbeitete, offiziell den Status Hitlers als Messias zu „proklamieren“, dem daraufhin konsequenterweise „göttliche Ehren“ zustünden. Vgl.: Liedtke: Völkisches Denken, a.a.O., S. 161 581 In Bezug auf die Verwendung der Bezeichnung „Christus“ für den historischen Jesus, der „auf Erden“ gelebt, gewirkt und gekämpft habe, ist anzumerken, daß diese sinngemäß erst auf den „nachösterlichen“, im Sinne christlichen Glaubens, gesalbten und „von Gott auferweckten“ zu beziehen ist, der erst dann Jesus Christus ist. Vgl. z.B.: Lexikon für Theologie und Kirche, hrsgg. von Kasper, Walter mit Baumgartner, Konrad/ Bürkle, Horst u.a., Freiburg im Brsg. 2009, Bd. 5, S. 809/810. Joseph Ratzinger sieht die Bezeichnung „Christus“ noch früher – mit der Kreuzigung – geboten, so er sie als eigentlichen „Hinrichtungstitel“ bezeichnet. Jesus für den Christus halten sei der Ausgangs- und Wurzelpunkt des christlichen Glaubens: „Als der Gekreuzigte ist dieser Jesus der Christus, der König.“ Vgl.: Ratzinger, Joseph: Einführung in das Christentum – Vorlesungen über das Apostolische Glaubensbekenntnis [1968], München 2006, S. 193. Eine „vorösterliche“ Bezeichnung Jesu als Christus ist also verfehlt. 582 Trimondi, Viktor und Viktoria: Hitler, Buddha, Krishna – Eine unheilige Allianz vom Dritten Reich bis heute, Wien 2002, S. 546 583 So Adolf Hitler in einer Rede aus dem Jahre 1926, zitiert nach Trimondi, ebd. 584 Horkheimer, Max/ Adorno, Theodor W.: Zur Kritik der Geschichtsphilosophie, in: Dies.: Dialektik der Aufklärung – Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main 2003, S. 234 und 236 585 Münkler, Herfried: Mitte und Maß – Der Kampf um die richtige Ordnung, Berlin 2010, S. 27 3. Das ‚Böse’ und die Juden – Narrative und Definitionen 140 Vergangenheit hingegen ist als Determinante, Exposition und Bedingung künftiger Entwicklungsverläufe von großer Wichtigkeit. Insbesondere die apokalyptische Anfälligkeit, die die Fortschrittsgläubigkeit des mainstream vom Kaiserreich bis in die Weimarer Republik auszeichne, ist der Indikator fruchtbaren Bodens für die anstehenden welthistorischen Verheerungen.586 Insofern die „Idee des Fortschrittes mit der Erfahrung der Ortlosigkeit“ ursprünglich verbunden sei, kann das alttestamentarische Exodus-Narrativ als die Ur-Erzählung des Fortschrittsglaubens gewertet werden.587 Daß die Geschichte aber „unberechenbar“ ist, „die einzige Regel geschichtlicher Abläufe die Regellosigkeit sei“588 scheint mir durchaus plausibel, ganz abgesehen von der logisch-immanenten Implikation, daß eine verlässliche Prädiktion der Zukunft diese damit bereits verändert haben würde.589 „Der Ablauf der Geschichte ist unberechenbar und kennt Systeme ebensowenig [sic] wie das Roulette oder irgendein anderes Glücksspiel, denn ihre Geschehnisse rollen in so ungeheuren Dimensionen und innerhalb so unglaublicher Zufallsmöglichkeiten ab, daß unsere begrenzte irdische Vernunft nie ausreicht, sie zu antizipieren. Nie wird es also gelingen, aus Vergangenheit das Zukünftige zu errechnen.“590 586 Vgl.: Ebd., S. 36 587 Vgl.: Ebd., S. 26/27 588 Fest, Joachim C.: Begegnungen – Über nahe und ferne Freunde, Hamburg 2006, S. 44 589 Vgl. z.B.: Hitchens: Der Herr ist kein Hirte, a.a.O., S. 96 f. 590 Zweig, Stefan: Die Geschichte als Dichterin [1939], in: Ders.: Die schlaflose Welt – Essays 1909-1941, Frankfurt am Main 2003, S. 257 3.3 Geschichtsprophetie – Erlösung statt Politik 141

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Mit diesem Buch liefert Alexander Schmidt eine profunde Analyse der oft vermuteten Vorbildwirkung Richard Wagners für die völkische und nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungsideologie des 19. und 20. Jahrhunderts. Hierzu leistet der Autor eine ideengeschichtliche Gegenüberstellung ausgewählter Facetten der „Weltanschauungen“ Chamberlains, Rosenbergs, Hitlers und Wagners und deren jeweilige Konkretisierung der sogenannten „Jüdischen Frage“.

Werkimmanent, jedoch mit vielfältigen Bezügen zu politischen, ideologischen, philosophischen und feuilletonistischen Sekundärschriften, vergleicht er die jeweils angestrebte Gesellschaftsordnung sowie das Menschenbild der geschichtlichen Personen und gewährt dabei umfassende Einsichten in das weltanschauliche Gedankengebäude Richard Wagners sowie über die oft fälschlicherweise angenommene Vorbildwirkung seiner Schriften für die antisemitischen Ergüsse Chamberlains, Rosenbergs und Hitlers.