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1. Einleitung in:

Alexander Schmidt

Die ideologische Rezeption der Judenfeindschaft Richard Wagners, page 1 - 22

Ursprung, Verlauf und Konsequenzen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3950-2, ISBN online: 978-3-8288-6812-0, https://doi.org/10.5771/9783828868120-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 73

Tectum, Baden-Baden
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Einleitung „Umso mehr verübelte die Weltöffentlichkeit es Richard Wagner, der sechs Jahre vor Hitlers Geburt gestorben war, dass Hitler für ihn schwärmte und sich auf ihn berief.“ (Joachim Kaiser)1 Richard Wagner als politischen Schriftsteller ernst zu nehmen, ist nicht oft, und angesichts der Tatsache, daß seine judenfeindlichen Äußerungen immer wieder Anlaß für Spekulationen über Beziehungen zu bzw. Verstrickungen mit völkischer und nationalsozialistischer Ideologie sind, eher zu selten der Fall. Dies erscheint eigentlich geradezu geboten, sofern die Einordnung von Wagners „Weltbild und [der] Pflege seines Werkes“ in das Deutschland Hitlers und dessen völkische Vorklänge in der Tat beinahe „Allgemeinplatz“ geworden ist.2 Will man dieser Frage fundiert Rechnung tragen, ist es unzulässig, da unsinnig, diesbezüglich Wagners musikdramatisches Werk – also auch die „Werkpflege“ – zu betrachten. Denn es ist schwierig, Musik für Deutsch, „Undeutsch“ oder gar antisemitisch halten zu wollen. Problematisch sei, so Jonathan Carr, daß Musik „zwar höchste Kraft und Tiefe“ verkörpere, aber nicht die dem Wort eignende Präzision besitze. Sinnlich erzeugte Kontextuierung mithilfe akustischer Symbolik vermag wohl eindeutige Verknüpfungen zu evozieren: „Dank des Klangs des Kuckucksrufs und der Donnerschläge wissen wir ungesagt, dass Beethovens Sechste eine ‚Pastorale’ ist. Aber würden wir seine Eroica mit Bonaparte oder Heldentum verknüpfen, wenn wir ohne den Titel und einen bestimmten historischen Hintergrund allein die Noten sähen?“3 Dem kontextuellen Erschließen des musikalisch transportierten „Heldentums“ der Eroica entspricht der Glaube an die antisemitische Karikatur in den Musikdramen Richard Wagners. Die Virulenz solcher Auffassungen bis in unsere Tage, die mutmaßliche musikalische Evokation antisemitischer Ressentiments, veranlaßt Christian Thielemann – unter anderem ein arrivierter Wagner-Dirigent – zu der Erklärung, es sei ihm schlicht unmöglich, einen Akkord „antisemitisch oder philosemitisch, weder 1. 1 Kaiser, Joachim: Leben mit Wagner, München 2013, S. 17 2 Vgl.: Müller, Sven Oliver: Richard Wagner und die Deutschen – Eine Geschichte von Hass und Hingabe, München 2013, S. 16 3 Carr, Jonathan: Der Wagner-Clan – Geschichte einer deutschen Familie, Frankfurt am Main 2010, S. 116. Zu berücksichtigen ist jedoch, daß die „Titel bzw. Charakterisierungen“ der Werke Beethovens – „Pastorale“, „Schicksalssinfonie“, „Apotheose des Tanzes“ –, denen „ganz bestimmte – auch außermusikalische – Ideen“ unterlegt werden, „größtenteils nicht von Beethoven selbst stammen.“ Selbst aus den „reinen Tönen“ Beethovens versuchten „Exegeten“ bestimmte Botschaften zu entschlüsseln. Vgl.: Dorn, Thea/ Wagner, Richard: Die deutsche Seele, München 2011, S. 313 1 faschistisch noch sozialistisch“ zu intonieren.4 Das Politische sei „keine immanente Eigenschaft der Musik, im Klang eingeschlossen, wie der Geist in der Flasche.“5 Daß Musik an sich die Hörenden gar zu brutalisieren vermag, ist die Überzeugung Paul Lawrence Roses. In seiner, Wagners, „musikalischen Raserei“, die „auf zu unvermittelte Art und Weise die schlimmen Zornesausbrüche des Komponisten abbildet und … vorwegnimmt, auf welch brutale, abscheuliche Art und Weise Wagners Haß auf die Juden in die Wirklichkeit umgesetzt werden konnte. Hier steht die Musik für die Persönlichkeit…“ Dies seien „Verdeutlichungen und Verbindungen zwischen dem Gedankengut Wagners und dem Hitlerschen Faschismus, zwischen Wagners und Hitlers Antisemitismus, offensichtliche Verbindungen, auf die man nicht erst hinweisen“ müsse. Wagners Musik verkörpere also Wagners Gedankengut. Es fehle Wagner die „verfeinernde Zurückhaltung, welche Mozarts Maurische Trauermusik und … Beethovens Eroica“ kennzeichne.6 Bei allem Verständnis für Paul Roses ästhetische Präferenzen und seine Aversionen: Derartige Verbindungen, die er für erwiesen erklärt, sind doppelt unklar. Ob Musik überhaupt in Zusammenhang mit „Faschismus und Antisemitismus“ oder gar mit intendierter oder antizipierter physischer Vernichtung gebracht werden kann, ist entschieden zu bezweifeln. Daß „unglaubliche Klanggewalt“ und „große Orchester- Zwischenspiele ... wilde und grausame Kraft“7 erzeugten, ist sicherlich zutreffend, jedoch vielfach und überdies eindeutig schöpferisch beabsichtigt, aber mitnichten ein Wagnersches Unikum. Man denke etwa an Giuseppe Verdis Requiem oder Franz Schuberts Unvollendete oder ganz allgemein an zahllose Beispiele der sog. Populärmusik. Sich in derlei fehlgeleiteten Kategorisierungen im Hinblick auf Kunst im Allgemeinen, bildende Kunst und Musik im Besonderen zu bewegen, implizierte dann doch die Bestätigung solcher irrigen Klassifikationslogik, auf der schließlich auch die nationalsozialistische Differenzierung sogenannter „entarteter“ versus „arteigener“ Kunst vor allem basiert. Dieser Unterscheidung, oder den Ergebnissen dieser Unter- 4 Thielemann, Christian: Mein Leben mit Wagner, München 2012, S. 118. In ähnlicher Weise befindet Manfred Merziger: „Wenn auch die Partitur antisemitisch sein soll, dann geht es nur, wenn es die Noten sind. Aber Noten sind nun einmal Noten, also wertneutral. Mit der gezielten Zusammenstellung von Noten kann man allerdings spezifischen Ausdruck erreichen. Verwendet man jüdische Musik [Merziger spielt hier wohl an auf die punktuelle Verwendung Wagners sog. ‚Synagogenmusik‘ z.B. in den Meistersingern], kann nichts Antisemitisches entstehen.“ Merziger, Manfred: Richard Wagner und das Problem der Wahrheitsfindung – Rezeption und Wagners Dramaturgie, o.O. 2013, S. 57 5 Heister, Hanns-Werner: Eigenständigkeit und Engagement. Zu den politischen Dimensionen von Musik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), Beilage zur Wochenzeitschrift Das Parlament, Titel: Richard Wagner, 63. Jahrgang, 21-23/2013, S. 44 6 Rose, Paul Lawrence: Wagner und Hitler – nach dem Holocaust, in: Borchmeyer, Dieter/ Maayani, Ami/ Vill, Susanne (Hrsg.): Richard Wagner und die Juden, Stuttgart/ Weimar 2000, S. 224. Natürlich hat auch Wagner Sublim-Dezentes zur Musikgeschichte beigetragen; mit Blick auf einen diesbezüglichen Vergleich mit Beethoven und Mozart sei beispielsweise Wagners Siegfried-Idyll empfohlen, das musikalisch vielleicht an Beethovens Pastorale oder Mahlers Titan erinnert, des Gedankens „brutaler Zornesausbrüche“ aber sicherlich entbehrt. 7 Ebd. 1. Einleitung 2 scheidung, würde aber in Bezug auf Bildende Kunst heutzutage niemand mehr verdächtigt werden wollen. Kunst kann nur schön oder hässlich sein oder, genauer gesagt, dafürgehalten werden. Kunst könnte wohl – für den Fall, daß der Urteilende ein Anhänger der Ästhetischen Theorie der Tugend8 wäre – infolge dieser Theorie für gut oder schlecht gehalten werden, dann stets auch mit den Vorstellungen moralischer Implikationen. Eine „Ästhetisierung der Ethik“ birgt aber generell das Grundproblem, daß alle diesbezüglichen Wertungen dann zur bloßen „Geschmackssache“ werden. In der Umkehrung führe dies dazu, Moralvorstellungen – „in gefährlicher Weise“, so Terry Eagleton – einzig auf „körperliche Sinneswahrnehmung“ zurückzuführen.9 Worin solche Gefahr besteht, ist bei Chamberlain und Rosenberg (Kap. 5 und 6 vorliegender Untersuchung) zu zeigen. Der häufig insinuierte Befund, Wagners Musikdrama selbst sei antisemitisch geprägt, ist allerdings zumeist auf die zugrundeliegenden Dichtungen bezogen, die in die jeweiligen Libretti eingegangen sind und eben nicht, wie durch L.P. Rose angenommen, auch auf die Partituren. Die Inhalte der Libretti sind indes nur willkürlich in einem anderen Sinne als dem von Wagner intendierten zu interpretieren, wie in den einleitenden Kapiteln zu zeigen ist. Immerhin ist zu bedenken, daß es sich um wesentlich, wenn nicht ausschließlich mythische Bezüge handelt, die vor allem Riesen, Zwerge, Götter sowie diverse andere fabelhafte Figuren und Gestalten aus Geisterwelten aufrufen, und daher nur mittelbar ausgelegt werden können. Ulrich Drüner plädiert für die „Unantastbarkeit der künstlerischen Aussage“: 8 Zur Ästhetischen Theorie der Tugend (ÄsTT) siehe etwa: McGinn, Colin: Das Gute, das Böse und das Schöne – Über moderne Ethik, Stuttgart 2001. McGinn vertritt im Rahmen der ÄsTT die Kardinalthese, daß moralische Urteile, Wertungen oder ganz allgemeine ethische Reflexionen von gleichgerichteten ästhetischen Empfindungen und Bewertungen begleitet würden, und stützt sich dabei u.a. auf Platon, der bereits den Zusammenhang des Schönen und des Wahren bzw. Guten betonte. Umgekehrt und gewohnt reichlich schroff auch Friedrich Nietzsche, der den Zusammenhang des Häßlichen und Schlechten vorstellt: „monstrum in fronte, monstrum in animo“, wie die „Anthropologen unter den Kriminalisten sagen“, „daß der typische Verbrecher hässlich ist.“ Nietzsche, Friedrich: Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophiert [1888], in: Ders.: Jenseits von Gut und Böse und andere Schriften, Werke in drei Bänden, Bd. 3, Köln 1994, S. 292. Alfred Rosenberg, der abgesehen von Hitler wohl einflussreichste nationalsozialistische Ideologe entwickelt Überlegungen zu einem sog. „rassischen Schönheitsideal“ vergleichbar auf dieser Schablone. Er dichotomisiert einen „seelisch-rassischen“ Typus, der „heroisch-schön“ sei, von „menschheitlichen Mißgestalten“, die „negroid-ostischer“, „tierisch-idiotischer“, „wasserköpfig-wulstlippiger“, „stumpfsinnig-behaarter“, „geiler struppig-satyrhafter“ usw. Physiognomie seien, welche überdies die mitgenannten desavouierenden Wesensmerkmale repräsentierten. Diese künstlerische Darstellungslogik („An tausenden von Vasen und Bildern und Wandgemälden; in Homers Odyssee [‚des Zeus blauäugige Tochter’]; in Adamantios Physiognomika [‚weiß von Haut, wohl gebildet, die Lippen fein, glänzend, schönäugig’]“) erkennt Rosenberg bereits bei „den Griechen“ sowie in der Antike insgesamt und leitet daraus seelisch-rassische Implikationen der Güte sowie vermeintlicher aristokratischer Superiorität ab, die kulturell-menschheitlich und sozusagen „immer und ewig“ nachweisbar gültig seien. Vgl.: Rosenberg, Alfred: Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit [1930], München 1937, S. 280-287. Siehe zu Rosenberg ausführlich Kap. 6 vorliegender Untersuchung. 9 Vgl.: Eagleton, Terry: Der Tod Gottes und die Krise der Kultur, München 2015, S. 60 1. Einleitung 3 „Niemand würde es wagen, bei Monteverdi herumzupfuschen, um [dessen Werk] vom Geruch zu befreien, eine Verherrlichung des Ehebruchs und eine Apologie des politischen Machtmissbrauchs zu sein; niemand würde die Partitur von Mozarts Don Giovanni korrigieren, um zu verbergen, dass – musikalisch gesehen – die Sympathien des Komponisten eher dem Verbrecher (…) denn dessen Opfern gelten; niemand würde ihn maßregeln, weil ihm in Cosi fan tutte zur Feier von Zynismus und Gemeinheit die besten Töne eingefallen sind …; niemand verbietet ihm, in der Zauberflöte das Hohelied des Antifeminismus, … gar des Rassismus zu singen. Für Monteverdi und Mozart darf das Publikum erwachsen sein und selbst urteilen, für Wagner bisher nicht. Wegen Hitler. Wegen Auschwitz.“10 Vorarbeiten und Vertiefung der Forschungsfrage Es bleibt zur differenzierten Klärung der komplexen Frage einer antisemitischen Geistesverwandtschaft oder gar Vorbildlichkeit Wagners mit bzw. für sog. völkische und nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungsideologie nur der Blick in einerseits die programmatischen Schriften Wagners selbst sowie andererseits der wirkungsmächtigen ideologischen Exponenten Houston Stewart Chamberlains, Alfred Rosenbergs und natürlich Adolf Hitlers. Die Frage nach kohärenten, konsekutiven oder konsistent aufeinander bezogenen Ideologiegehalten ist zur Grundlage der Erörterung einer angeblichen „weltanschaulichen“ Homousie unter besonderer Berücksichtigung der Feindschaft gegen Juden als Menschen, oder dasjenige, was als „jüdisches Prinzip“ unterlegt wird oder das Judentum an sich und als solches, von primärer Bedeutung. Persönliche Befindlichkeiten, Aversionen oder Präferenzen sind zwar von menschlichem Interesse, deren affektiver Ursprung einerseits und die darauf gerichtete teilweise nur boulevardesk anmutende Bearbeitung andererseits ist dann jedoch allzu offensichtlich. Besonders an Wagner und Hitler sind diese privat-psychologischen Betrachtungen oft und gründlich vorgenommen worden. Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung sind Fragen, die dem Unsympathen11, dem „sächselnden Gnom“, dem „luxusaffinen chronischen Schuldner“, seinen „Affären und Eskapaden“, dem „celesten Großmeister“, seinen „schrecklichen Klanggebilden“ oder den „künstlerischen Höhen oder Tiefen“ seines Schaffens und dergleichen mehr gelten, nur hintergründig betrachtet.12 1.1 10 Drüner, Ulrich: Richard Wagner – Die Inszenierung eines Lebens, München 2016, S. 589, Hervorhebung im Original 11 Thomas Mann stellt fest, daß Wagner als sicher nicht „liebenswert“ sowie „unausstehliche Belastung und Herausforderung der Mitwelt“ wahrgenommen worden sei, und bezeichnet ihn als „namenlos unbescheidene[n], nur von sich erfüllte[n], ewig monologisierende[n], rodomontierende[n], die Welt über alles belehrende[n] Propagandist[en] und Schauspieler seiner selbst“. Vgl. Mann, Thomas: Und doch! In: Wagner, Nike (Hrsg.): Über Wagner – Von Musikern, Dichtern und Liebhabern. Eine Anthologie, Stuttgart 1995, S. 284 12 Max Nordau (1849-1923, Arzt, Schriftsteller und Zionist) wendet Wagners allseitiges Gerede vom Verfall gegen diesen selbst: „Der eine Richard Wagner ist allein mit einer größern [sic] Menge Degeneration vollgeladen als alle anderen Entarteten zusammengenommen (…) Er zeigt in seiner Geistesverfassung Verfolgungswahn, Größenwahn und Mystizismus, in seinen Trieben verschwommene 1. Einleitung 4 Im Rahmen einer Studienabschlußarbeit aus dem Jahre 2006 ist bereits ein spezifischer Vergleich der Volks- und Rassebegriffe Richard Wagners und Adolf Hitlers angestellt worden. Diese Vorarbeiten sind Bestandteil einer Publikation aus dem Jahre 2012 geworden, die um Analysen zu den ideologisch abzuleitenden Konsequenzen der jeweiligen sog. „Judenfrage“ erweitert wurde, und bereits auf die Notwendigkeit der strukturellen Differenzierung der Wagnerschen Erlösungs-Erwartung von der ideologieimmanenten Vernichtungs-Obsession der Nationalsozialisten, resp. Adolf Hitlers selbst, verwies.13 Die Kapitel 4.1 sowie 4.2.1 zu Richard Wagner sowie die Kapitel 7.1 und 7.2 zu Adolf Hitler der vorliegenden Arbeit basieren auf Teilen dieser Publikation, und sind teils verdichtet, teils erweitert übernommen worden, um hier eine komparatistische Synopse zu ermöglichen. Die eigenen Quellenanalysen wurden außerdem durch die Befunde fremder Wagner- und Hitlerforschung systematisch geprüft, erweitert und somit aktualisiert. Zur gründlicheren Einordnung der Judenfeindschaft Richard Wagners war die vorliegende Untersuchung vor allem auf die deskriptive Analyse des diversen Rezeptionsspektrums zu fokussieren, das von der (a) zeitgenössischen, zu Wagners Lebzeiten geübten Wagner-Rezeption über die (b) Bayreuther und die Wilhelminische, (c) diejenige des „Dritten Reichs“, (d) der Sowjetischen und derjenigen in der sog. DDR bis zu der (e) in der Bundesrepublik/ dem Westen reicht, und vor allem gravierende Divergenzen, aber auch etliche Schnittmengen bietet. Von Interesse ist die Zusammenschau der Rezeptionsvarianten in Bezug auf die Erlösungs-Ideologie Richard Wagners. Das Untersuchungs-Design war daher um folgende Aspekte zu erweitern: I. Theoretische Bestimmung der ideologischen Grundlagen 1. Geschichte, „Theorien“ und Phänomene der Judenfeindschaft (Kap. 3.2) 2. Mythische, religiöse und geschichtsphilosophische Narrative (Kap. 3.1, 3.2 und 3.3) II. Die Rezeption der Wagnerschen Judenfeindschaft 3. Perspektiven – Zugänge und Irrwege (Kap. 2.1) 4. Die Annäherung Houston Stewart Chamberlains (Kap. 5) 5. Alfred Rosenbergs nationalsozialistische „Aufbereitung“? (Kap. 6) 6. Anti-Wagnerismus und Wagner-Apologie in der Bundesrepublik (Kap. 2.2) 7. „Faschistische Besudelung“ und „Säuberungen“ in der SBZ resp. der DDR (Kap. 2.3) III. Religiöse Begründungsmuster Menschenliebe, Anarchismus, Auflehnungs- und Widerspruchssucht, in seinen Schriften alle Merkmale der Graphomanie, nämlich Zusammenhanglosigkeit, Gedankenflucht und Neigung zu blödsinnigen Kalauern und als Grundlage seines Wesens die kennzeichnende Emotivität von gleichzeitig erotomanischer und glaubensschwärmerischer Färbung.“ Nordau, Max: Entartung [1892], in: Wagner, Nike (Hrsg.): Über Wagner – Eine Anthologie, a.a.O., Textauszug S. 64-66 13 Vgl. Schmidt, Alexander: Wagners Erlösung und Hitlers Vernichtung – Weltanschauliche Strukturen im Vergleich, Marburg 2012 1.1 Vorarbeiten und Vertiefung der Forschungsfrage 5 8. für Verfall und Erneuerung bei Wagner (Kap. 4.3. sowie 4.1.2 und 4.1.4) 9. für die Legitimation von Dehumanisierung und Vernichtung (Kap. 3.1, 3.3, 5.4, 6.4 sowie 7.2.3) und, 10. Nationalsozialismus als Politische Religion (Kap. 8) Die Gliederung der Arbeit stellt die logische Bearbeitungsfolge dar: Zuerst war die zeitgenössische Rezeptionsgeschichte nach der Shoah zu betrachten, um überhaupt für die Problematik zu sensibilisieren (Kap. 1 und 2). Zur Vorbereitung der Quellenanalysen wurden theoretische Bestimmungen vorgenommen (Kap. 3.1. und 3.2), die auf die Skizze des ideologischen Rasters (Kap. 3.3) hinauslaufen, das den hier thematisierten Weltanschauungen zugrunde liegt. Die Analyse der weltanschaulichen Schriften wird mit Wagner (Kap. 4) eingeleitet, um daraufhin den ersten Wagner- Adepten, Chamberlain (Kap. 5), zu behandeln. Rosenbergs Hauptschrift radikalisiert die Ideologie Chamberlains und rezipiert auch insofern die Weltanschauung Wagners (Kap. 6). Hitler steht für sich selbst, betrachtet sich als „glühender Wagnerianer“ und trägt für den NS-Kult um Wagner die Hauptverantwortung (Kap. 7). Daß der Rassenantisemitismus der Nationalsozialisten einem religiösen Muster folgt, und als Politische Religion zu bezeichnen ist, wird in Kapitel 8 zu zeigen sein. Hauptzweck der Studie ist, jeweils den vorgeblichen, mit dem tatsächlichen und dem eigentlichen Wagnergehalt zu vergleichen. Angesichts des Hauptvorwurfs einer vor allem antisemitischen Geistesverwandtschaft, der in den einleitenden Kapiteln zu zeigen ist, muß der Schwerpunkt der Studie auf eben diesen „judenfeindlichen“ Inhalt gelegt werden. Sowohl bei Hitler als auch bei Wagner bleibt weiterhin ungeklärt, auf jeweils welcher Lektüre ihre Weltanschauungen fußen. Bei Hitler wäre vor allem von Interesse, ob er die einschlägigen Schriften Wagners gelesen hat oder nicht, was keineswegs gesichert ist. Ideologische Ziele, Wege und Expositionen sind wesentlich unvereinbar mit denjenigen Richard Wagners, was möglicherweise darauf zurückzuführen ist, daß Hitler Wagners Schriften nicht kennt, falls doch diese im Hinblick auf seine Ideologiebildung also keine Rolle spielen. Auch Michael Hesemanns Einschätzung bleibt im Ungefähren: „So las er [Hitler] alles, was er über Wagner in die Hände bekam, darunter wahrscheinlich auch die antisemitischen Hetzschriften des Meisters.“14 Woher Hitler und die Nationalsozialisten ihre Kenntnisse und Überzeugungen bezogen, worauf sie beruhen und worin die Grundlagen solcher Weltanschauung bestehen, ist eine häufig anzutreffende Problematik, die immer noch nicht abschließend zu beurteilen ist, angesichts der insinuierten Verbindung insbesondere zwischen Wagner und Hitler jedoch von zentraler Bedeutung ist. Gegenüber seinem Parteigenossen Hans Frank habe Hitler geäußert, daß „Landsberg“15 seine „Hochschule auf Staats- 14 Hesemann, Michael: Hitlers Religion. Die fatale Heilslehre des Nationalsozialismus, München 2004, S. 57. Erste Hervorhebung A. S., zweite Hervorhebung Hesemann. 15 Während Hitlers neunmonatiger Haftzeit in der Festung Landsberg im Jahre 1924 will er also neben der Niederschrift (bzw. dem Diktat) des ersten Bandes von Mein Kampf, ein objektiv und für einen Autodidakten allemal durchaus gewaltiges Lektürepensum bewältigt haben, in dem Wagner übrigens ungenannt bleibt. 1. Einleitung 6 kosten“ gewesen sei, wo er alles gelesen habe, was er „in die Finger bekam: Nietzsche, Houston Stewart Chamberlain, Ranke, Treitschke, Marx, Bismarcks ‚Gedanken und Erinnerungen’ und die Kriegsmemoiren deutscher und alliierter Generäle und Staatsmänner.“16 Aber auch Hitlers Jahre als Soldat im Ersten Weltkrieg – genauer seine Erfahrungen sowie seine Mitgliedschaft im sog. „List-Regiment“ – sind als „die ‚Universität’, die ihn prägte“ bezeichnet worden.17 Die aufsehenerregende Kritische Edition von Mein Kampf18, die auf den Eintritt der Gemeinfreiheit der Schrift mit Beginn des Jahres 2016 reagiert, ergibt mit Bezug auf Hitlers vermeintliche oder tatsächliche Wagner-Rezeption bemerkenswerte Erkenntnisse. Im Zuge der detaillierten Sectio beinahe jedes Einzelsatzes des Pamphlets ist neben umfassender Faktenprüfung und vielseitiger Interpretationshilfe auch eine linguistisch gestützte Stilkritik entstanden, die gelegentlich Aufschluß über Hitlers Lektüreerfahrungen ergibt. Insbesondere aus von der üblichen Diktion Hitlers abweichenden Sprachgebilden sind Belege für die Lese- und Lernerfahrung Hitlers abzuleiten, die ansonsten ungenannt bleiben, oder wegen eines unüberhörbaren Gleichklanges, direkt auf die – von Hitler ungenannte, aber eigentlich zitierpflichtige – Quelle verweisen. Hierzu zählen Formulierungen, die – neben dem Titel selbst (Mein Kampf) – auf Richard Wagners Autobiographie Mein Leben verweisen. Insofern Hitler implizit eine Lebenswegsähnlichkeit zwischen ihm und Wagner her(aus)zustellen beabsichtigt – auf die ich im Folgenden zurückkomme –, schwankt er zwischen der ihm eignenden Megalomanie und einer komplementär erwartbaren Larmoyanz. Hier sollte der Eindruck seiner Ebenbürtigkeit mit Wagner sowie einer schicksalhaften Vergleichbarkeit der Unbill der je erlebt-erlittenen Jugendjahre entstehen.19 Zudem haben die herausgebenden Kritiker einige spezifische Termini entdeckt, die Hitler mit hoher Wahrscheinlichkeit wohl aus Wagner-Libretti zusammengeklaubt haben mag.20 Von ideologischen Impulsen oder einem Nach- bzw. Hinweis einer Kenntnis der weltanschaulichen, politischen oder ästhetischen Schriften Wagners kann auch hier keine Rede sein. In der relativ aktuellen Hitler-Monographie Volker Ullrichs, Die Jahre des Aufstiegs 1889-1939 wird die These vertreten, Hitler habe in „der einzigen in vollständigem Wortlaut überlieferten“ Rede aus dem „ersten Jahr seiner Propagandatätigkeit“ 16 Kershaw, Ian: Hitler – 1889-1936, München 2002, S. 298 17 Vgl.: Weber, Thomas: Hitlers erster Krieg. Der Gefreite im Weltkrieg – Mythos und Wahrheit, Berlin 2011, S. 129 18 Hartmann, Christian u.a. (Hrsg.): Hitler, Mein Kampf – Eine kritische Edition (Zwei Bände). Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte, München – Berlin 2016 19 Bei einigen Passagen in Hitlers Schrift – z.B.: „…hatte ich Gelegenheit, mich oft und oft am feierlichen Prunke der äußerst glanzvollen kirchlichen Feste zu berauschen“ oder auch, „…ich sollte studieren“ – wird die mögliche „Orientierung Hitlers bei der[en] Abfassung“ an Wagners Autobiographie angenommen. Schließlich werden die beschriebenen, früh auftretenden Schulprobleme sowie die Präferenz und die Vernachlässigung bestimmter Schulfächer, die auch Wagner betrafen, in ähnlichem Sinne gewertet. Vgl.: Ebd.: S. 99, 102, 108 20 So etwa der Gebrauch der Begriffe „Gottesgericht“ (Lohengrin), „Gelichter“ (Rheingold) und „Bronnen“ (Tannhäuser), die Hitler jedoch nicht in Zusammenhang mit diesen Werken einbringt, und überdies kaum als genuin Wagnersche Wortschöpfungen erklärt werden können. Vgl.: Ebd., S. 456, 543 und 756 1.1 Vorarbeiten und Vertiefung der Forschungsfrage 7 auf „judenfeindliche Stereotype“ zurückgegriffen, die er „sich im Laufe seines Selbststudiums“21 angelesen habe. Zu den hier einschlägigen „verschiedensten Quellen“ wird auch Richard Wagners „Das Judenthum in der Musik“ gerechnet. Aus den zitierten Versatzstücken dieser ersten überlieferten Rede22 Hitlers ist „die Unfähigkeit kulturschöpferischer Tätigkeit“23 als klassisches Stereotyp der Wagnerianischen Judenfeindschaft, ein mögliches Indiz für die Authentizität einer Anleihe bei Wagner. Es bleibt allerdings das einzige. Für weitere Parallelen fehlt jeder plausible Nachweis: Hitler hingegen postuliert von Anfang an „die Entfernung der Juden“ aus „der nordischen Rasse“24, was bereits auf eine der fundamentalen Disparitäten zu Wagner verweist. Eric J. Hobsbawm bringt mit Blick auf die Ätiologie des Topos „nordische Rasse“ folgenden Befund ein: Die Weiterentwicklung der „seit langem bestehenden Aufteilung der Menschheit aufgrund ihrer Hautfarbe in einige wenige ‚Rassen’“ habe zu der Suche nach der Möglichkeit geführt, eine Unterscheidung von Völkern „ähnlich heller Hautfarbe“ vornehmen zu können – die Trennung der „‚Arier’ von den ‚Semiten’ oder innerhalb der ‚Arier’ zwischen Menschen vom ‚nordischen’, ‚alpinen’ oder ‚mediterranen’ Typus.“ Entscheidend ist hier die eindeutige zeithistorische Verortung des Entstehens dieser „scheinbar höchst triftigen ‚wissenschaftlichen’ Begründung“, die Juden „zu vertreiben und umzubringen“: „All dies erfolgte vergleichsweise spät. Der Antisemitismus nahm erst um 1880 einen ‚rassischen’ (im Gegensatz zu einem religiös-kulturellen) Charakter an … die ‚nordische’ Rasse taucht nicht vor der Jahrhundertwende im rassistischen oder irgendeinem anderen Diskurs auf.“25 21 Ullrich, Volker: Adolf Hitler, Band I: Die Jahre des Aufstiegs 1889-1939, Frankfurt am Main 2013, S. 121. Ansonsten ist bei Ullrich von ideologischer Nähe oder Vorläuferschaft Richard Wagners zu Hitler keine weitere Rede. Ullrich nennt indes, Hitlers Selbstauskunft in einem Brief an Theodor Fritsch zufolge („das Handbuch bereits in früher Jugend in Wien eingehend studiert zu haben“), als wichtige ideologische Quelle dessen (Fritschs) Handbuch zur Judenfrage (1907). Vgl.: Ullrich, Anm. 67, S. 876 22 Gehalten am 13. August 1920 im Münchner Hofbräuhaus mit dem Titel „Warum sind wir Antisemiten?“. Phelps, Reginald: Hitlers „grundlegende“ Rede über den Antisemitismus, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jahrgang 16, Heft 4, 1968, S. 390-420 23 Allerdings setzt Hitler das Ideologem kulturell-schöpferische Befähigung deutlich in den Zusammenhang mit einem „Begriff ‚echter’ Arbeit“, der „sittlichem Pflichtgefühl“ entspringe, das überdies dem „Einfluß des kalten nordischen Klimas“ zuzurechnen sei. Vgl.: Phelps: Hitlers „grundlegende“ Rede über den Antisemitismus, a.a.O., S. 394. Die NSDAP ist nicht nur der Selbstbezeichnung zufolge eine sozialistische Arbeiter-Partei, die ihre Klientel propagandistisch bespielt, wenn ihre Volksredner, unter denen sich Hitler bald als der talentierteste erweist, die Parolen „arm aber ehrlich“, „Gemeinnutz vor Eigennutz“, „Arbeiter der Faust und Stirn“, während die „Juden die Arbeit als Fluch“ u. drgl. m. ansähen, in das Auditorium einbringen. Vgl.: Ebd.: S. 395 und 397 24 Ullrich: Hitler, a.a.O., S. 122 25 Hobsbawm, Eric J.: Nationen und Nationalismus, Bonn 2005, S. 129. Hobsbawms Befund gilt ausdrücklich für das Einmengen des Rassebegriffs in die antisemitische Idee. Selbstverständlich ist die Idee einer „rassischen“ Distinktion uralt. Reinhard Brandt zeigt u.a. am Beispiel Immanuel Kants das Ergebnis einer dreitausendfünfhundertjährigen Ideengeschichte dieses „festen Sets von der Vorsokratik bis in die Philosophie der Aufklärung“. Die rassentheoretische Schablone, die Kant abzuleiten versuche, entstammt der Zeit zwischen 1500 und 1200 v. Chr., und differenziere, mit zunächst paritätischer (!) Geltung, „1. Ägypter oder Rothäu- 1. Einleitung 8 Für Richard Wagner gilt diesbezüglich ähnliches, denn auch von ihm wüßten wir nicht, wie und was er wirklich las, weil er als penibler Mensch nichts anstrich, wie seine in Bayreuth erhaltene Bibliothek bezeugt. Aber, so Hellmut Kühn, er habe Bücher für seine Zwecke gelesen. Dies bedeute, daß er in seinen Büchern gesucht habe: „…Verbündete seiner Visionen, aber auch eine klare Vorstellung von den Gegnern. (…) Schwerpunkte seiner Lektüre bildeten nationale Themen, historische, antike und philosophische, und Zeitfragen wie die Vivisektion oder der Antisemitismus beschäftigten ihn nachhaltig.“26 Die Qualifizierung der Thematisierung des Antisemitismus als „Zeitfrage“ ist wichtiges Indiz für die Tatsache, daß im Neunzehnten Jahrhundert die sog. „Judenfrage“ gleichsam en vogue war – judenfeindliche Stereotype und darauf gründende judeophobe, antijudaistische und antisemitische Ressentiments schändlicherweise inbegriffen. Mit anderen Worten: Wagners krude Äußerungen stellen allein daher kein singuläres protoantisemitisches Initial dar. Einschlägig ist die frühe Schrift Karl Marx’ „Zur Judenfrage“, in der er – ebenso wie und dazu historisch vor Wagner – Fragen jüdischer Emanzipation thematisiert und, abermals wie und vor Wagner, das Menschengeschlecht insgesamt für erlösungsbzw. emanzipationsbedürftig erklärt, da „der Jude“ sich „die Weltmacht“, indem er sich zuvor „der Geldmacht“ versicherte, angeeignet habe usw. usf.27 Hier wie da werden wirtschafts- und sozialpolitische mit religiösen bzw. sog. Rassenfragen (bei Wagner wesentlich reduziert auf eine, bereits oben erwähnte, sog. schöpferische Befähigung bzw. Unbefähigung) vermengt. Die Identität des Marxschen und Wagnerschen „antikapitalistisch ausgerichteten Antijudaismus“ in den sieben Jahre auseinanderliegenden einschlägigen Schriften, der „explizit die religiöse Dimension ausblendete“ und den Mammonismus „als hervorstechendes Merkmal des Jüdischseins“ behauptet, ist in der Tat unübersehbar.28 Karl Marx, dessen eigene „äußere Erscheinung nicht gerade ‚nordisch’ war“, wie Walter Laqueur bemerkt, habe Ferdinand Lassalle als „jüdischen Nigger“29 bezeichte, 2. Die Semiten oder Gelbhäute, 3. Die Neger oder Schwarzhäute, 4. Die Nordmänner oder Wei- ßen.“ Der Gedanke der Superiorisierung der weißen Rasse ist demnach auch durch Kant promoviert worden: „Die Rassenschrift von 1775 [Von den verschiedenen Rassen der Menschen] enthält noch keine Urteile über die geistigen Eigenschaften der Weißen und der Farbigen; aber Kants Äußerungen aus der gleichen Zeit und früher und später lassen keinen Zweifel daran aufkommen, daß die weiße Rasse den übrigen drei intellektuell und moralisch nicht nur graduell, sondern qualitativ überlegen ist. Einzig die Weißen sind fortschrittsfähig, einzig die Weißen können aus moralischen Grundsätzen handeln (…) ‚Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race [sic] der Weißen’ [Kant: Über den Gebrauch teleologischer Principien in der Philosophie]“. Vgl.: Brandt, Reinhard: Rassen, in: Ders.: D’Artagnan und die Urteilstafel – Über ein Ordnungsprinzip der europäischen Kulturgeschichte 1, 2, 3/ 4, München 1998, S. 223-231, Kant zitiert nach Brandt, S. 229/30 26 Kühn, Hellmut: Wagner und Verdi. Lebensläufe. Theoretische Konzeptionen. Sinfonie und Musikdrama. In: Ders.: Die großen Komponisten der Klassischen Musik, München 2007, S. 314 27 Marx zitiert nach Weikl, Bernd/ Bendixen, Peter: Freispruch für Richard Wagner? Eine historische Rekonstruktion, Leipzig 2012, S. 253 28 Zuletzt einmal mehr Pyta, Wolfram: Hitler – Der Künstler als Politiker und Feldherr. Eine Herrschaftsanalyse, München 2015, S. 100/101 29 Laqueur, Walter: Gesichter des Antisemitismus – Von den Anfängen bis heute, Berlin 2008, S. 194 1.1 Vorarbeiten und Vertiefung der Forschungsfrage 9 net, und gerade Marx begründet die ideologische Judenkritik, die auf die „weltweite jüdische Verschwörung“ hinausläuft. Eben diese Verschwörungsthese, die um die Annahme der Identität von Kapitalismus und Juden mit dem inhärenten Ziel der „Weltherrschaft“ kreist, ist als gemeinsamer Nenner des kommenden „kommunistischen und nationalsozialistischen Antisemitismus‘“ zu bezeichnen.30 Bereits August Bebel (1840-1913) konstatierte, „der Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerls.“31 Die diversen Komponenten dieses unappetitlichen Gemischs, das Judenfeindschaft immer ist, sollen im dritten Kapitel dieser Arbeit geordnet werden. Hier ergibt sich wiederum der Hinweis auf eine qualitative Unvereinbarkeit bzw. substantielle Unterschiedlichkeit vielfältiger antijüdischer Geisteskonstrukte. Den einschlägigen, aber falschen, Nexus zweierlei Judenfeindschaft bildet vor allem die Fixierung auf die reichlich beschworene, wesentlich exhibitionistisch zu nennende Adoration der reinen Kunst (weniger bzw. kaum der sozio-ästhetischen Thesen) Richard Wagners durch Adolf Hitler und in dessen Gefolge durch die Nationalsozialisten.32 Insoweit man jedoch die Devaluation von Kunst – namentlich als sog. „entartete“ oder „undeutsche“ Kunst durch die Nationalsozialisten – mit guten Gründen für absurd erklärt, sollte man prinzipiell auch deren komplementärer Aufwertung als „deutscher“ oder „arischer“ oder „arteigener“ Kunst skeptisch begegnen – derlei Klassifikation ist in beide Richtungen vollkommen sinnlos. Houston Stewart Chamberlains33 diesbezügliche Reverenz gebührt auch Richard Wagner. Chamberlain ist mit Wagners Werk, also auch den Schriften, sehr gut 30 Ebd., S. 199 31 Bebel zitiert nach: Müller, Jan-Werner: Was ist Populismus? Ein Essay, Berlin 2016, S. 29 32 Hier ist allerdings sogleich zu erwähnen, daß nicht wenige Autoren immer wieder darauf aufmerksam machen, daß die Bedeutung Richard Wagners innerhalb des „Dritten Reichs“ und der nationalsozialistischen Ideologie maßgeblich auf den persönlichen Spleen Hitlers zurückzuführen sei, dem viele andere Partei- und Staats-Größen, allen voran Joseph Goebbels, „sachlich-distanziert“ und in mokanter Skepsis begegnet seien. Vgl. z.B.: Friedrich, Sven: Richard Wagner – Deutung und Wirkung, Würzburg 2004, S. 193. Winifred Wagners zeitlebens bewahrte Dankbarkeit gegenüber Hitler basierte dann auch darauf, daß er „die Festspiele gegen die negative Haltung der Partei geschützt“ habe, die, wie Winifred deren Haltung zusammenfasst, „Richard Wagners Musik als barock und als Rauschmusik schalt“, die von einer „vorderasiatischen Seele“ getragen sei. Vgl.: Hamann, Brigitte: Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth, München 2002, S. 251. Claus-E. Bärsch zeigt allerdings auch, daß Goebbels bereits in den frühen Zwanziger Jahren einer vergleichbaren, frühadoleszent entstandenen Faszination für den „Meister“ erliegt wie sein späterer „Führer“: „Sie [Winifred] führt mich durch des Meisters Zimmer. Da sein Flügel, sein Bild … Seltsame Erschütterungen. Wagners Tannhäuser hat meine Jugend erweckt. Ich war damals dreizehn Jahre alt.“ (8. Mai 1926). Ansonsten ist die Lektüre der Autobiographie Wagners für Goebbels ein Quell der Lebensberatung und Selbstspiegelung, von Interesse ist ihm das „Faustische in Wagner“, dessen „Kampf gegen die Unbill des Lebens [Geldnöte, versagte Anerkennung, allgemeines Un- und Mißverständnis, dem Wagner sich zeitlebens ausgesetzt sähe usw.]“. Vgl.: Bärsch, Claus-E.: Der junge Goebbels – Erlösung und Vernichtung, München 2004, S. 109 und 126 33 Houston Stewart Chamberlain heiratete Wagners Tochter Eva. Die über Wagner verfassten Schriften sind hagiographischer Natur. Das Werk des Engländers sei in weiten Kreisen des deutschen Bürgertums von größter Wirkung, so Joachim C. Fest, in: Hitler. Eine Biographie, Frankfurt am Main/ 1. Einleitung 10 vertraut. Die Analyse wird jedoch zeigen, daß auch hier eine (nicht nur temporär) nachträgliche und überdies unerträgliche, weil vor allem intellektuell verfehlte geistige Usurpation stattfindet, die die Nachwelt (auch und vor allem die Nationalsozialisten) unzulässigerweise für, womöglich gar durch Wagner selbst autorisierte, authentische Jüngerschaft halten und halten wollten. Es ist weithin wenig bekannt, daß Wagner jenseits kompositorischer und musikologischer Unternehmungen, die ein (jedenfalls quantitativ) gewaltiges Werk in berüchtigten Ausmaßen von ca. fünf Stunden pro Einzeloper erzeugten, auch soziotheoretische Schriften größeren Umfanges hinterlassen hat. Diese bleiben in der Sekundärliteratur jedoch relativ wenig berücksichtigt. Auch den im Wagnerjahr 2013, in Erinnerung an Wagners Geburt 1813, zum Thema Wagner dutzendweise erschienenen Publikationen – seien sie biographischer, rezeptionsgeschichtlicher oder werkimmanenter Natur – ist jedenfalls gemein, daß sie die vermeintliche, angebliche oder tatsächliche Verstrickung im Sinne einer angenommenen konsekutiven ideologischen Verbindung Wagners mit Hitler verhandeln. Folgender Befund ist demgegenüber bemerkenswert, denn Wagner existierte, arbeitete und dachte ja ohne Hitler: In Publikationen, in denen primär oder monothematisch das Leben Adolf Hitlers, seine Ideologie, seine Politik, seine Verbrechen usf. untersucht wird, ist der Anteil, der Richard Wagners Weltanschauung in den Zusammenhang mit Hitlers „Entwicklung“, „seinen Lehrjahren“, seinem „Durchbruch“, seinem „Weg zum Diktator“, seinem „Sprung in die Politik“ o.ä., stellt, deutlich marginal, falls überhaupt vorhanden. Diese Leerstelle ist angesichts einer vorgeblich dezidierten ideologischen Erbfolge bemerkenswert auffällig. Zumeist bleiben die Bezüge begrenzt auf die auktoriale Beschreibung ekstatischen Gefühls infolge diverser Opernbesuche, die Hitler seit früher Jugend vor allem seelisch bewegt hätten. Der zugehörige Nachweis sowie der Beleg für die Authentizität dieser emotionalen Erschütterungen müssen wiederum wesentlich auf die Schilderungen eines sog. Jugendfreundes zurückgeführt werden, als ob dies tatsächlich von letztgültiger evidenter Relevanz sei. Ansonsten ist die vage und „relativ wahrscheinliche“, jedoch „nicht gesicherte“ Vermutung enthalten, Hitler bezöge substantielle ideologische Impulse aus Wagners knapper Schrift über das „Judenthum in der Musik“, wiewohl selbst diese vermeintlichen Inspirationen, für nationalsozialistische oder rassen-antisemitische Ideologie, kaum anschlußfähig genannt werden können.34 Berlin/Wien 1973, S. 81 f. Was vermutlich dazu beitrug, Chamberlains Wagnerdeutung für authentisch und autorisiert zu halten. Claus-Ekkehard Bärsch hat die besondere Verbindung Chamberlains zu Hitler, als auch die Verquickung des Werks Alfred Rosenbergs, des „Stellvertreters des Führers in weltanschaulichen Fragen“, mit dem Werk Chamberlains dargelegt. Vgl.: Bärsch, Claus-Ekkehard: Die politische Religion des Nationalsozialismus – Die religiöse Dimension der NS-Ideologie in den Schriften von Dietrich Eckart, Joseph Goebbels, Alfred Rosenberg und Adolf Hitler, München 1998, S. 139-145 und 192-273 34 Vgl. dazu beispielsweise die Standardwerke zu Adolf Hitler von Joachim C. Fest, Sebastian Haffner, Ian Kershaw, Christian Graf von Krockow, Volker Ullrich und vor allem gleichsam die Pionierstudie Alan Bullocks aus dem Jahre 1952, in deutscher Übersetzung 1953. Bereits Bullock nimmt keinen tieferen Bezug zu Wagner, analysiert hingegen den „Widerhall“ der Gedanken einiger Vertreter der 1.1 Vorarbeiten und Vertiefung der Forschungsfrage 11 Für Autoren monographischer Schriften, die Richard Wagner – sein Leben, seine Kunst, seine sozio-ästhetischen Thesen – zum Thema haben, scheint hingegen in einer eigentümlich unverhältnismäßigen Weise eine Notwendigkeit zu bestehen, zum „Anteil Hitlers in Wagner“ irgend Stellung zu nehmen und also eine dekuvrierenddenunzierende, relativierende oder apologisierende Position beziehen zu müssen. Viele Wagner-Forscher insofern also allzu schnell in eine Rechtfertigungsfalle zu geraten scheinen. Nach wie vor werden sowohl die weltanschaulichen Schriften Wagners, dessen insgesamtes „Schrifttum nicht weniger als 16 Bände“ füllt35, als auch die programmatische Hauptschrift Hitlers in Zusammenhang mit der Wagner-Hitler-Debatte nicht oder nur unzureichend berücksichtigt. Ebenso verhält es sich mit den Schriften sowohl „vermittelter“ als auch „vermittelnder“ Wagner-Interpreten wie Houston Stewart Chamberlain und Alfred Rosenberg, auf deren diesbezügliche Funktion aber dennoch häufig verwiesen wird, wie nachfolgend zu zeigen ist. Rosenbergs Hauptschrift Der Mythus des 20. Jahrhunderts ist als Fortschreibung von Chamberlains Grundlagen des XIX. Jahrhunderts gedacht und so zu verstehen. Der Gegenstand der Untersuchung betrifft also die Analyse weltanschaulicher (Haupt-) Schriften, anhand derer textimmanent geprüft wird, inwiefern Behauptungen tragfähig sind, die sowohl eine jeweilige kongruente judenfeindliche Geistesverwandtschaft, als auch eine vollkommen geistesfremde radikal-umdeutende Usurpation umfassen. Den (Haupt-) Schriften Hitlers, Chamberlains und Rosenbergs kommt aus den genannten Gründen besondere Bedeutung zu. Die weitverbreitete These, die Richard Wagners Judenfeindschaft als Initial zu Adolf Hitlers Vernichtungskrieg supponiert, indem solcher Wagnerismus von Chamberlain aufbereitet und durch Rosenberg in die nationalsozialistische Herzkammer implantiert würde, will neu bewertet werden, denn bereits bei Chamberlain – nicht erst bei Rosenberg oder Hitler, bei denen dies ebenso festzustellen sein wird – ist ein krasser ideologischer Bruch einer bloß assertorischen Tradition zu konstatieren. Je intensiver man sich in verschwörungs- oder rassentheoretische, pseudoreligiöse oder -philosophische Begründungsmuster des (multidimensionalen) Phänomens der Judenfeindschaft, der Judeophobie, des Judenhasses oder des Antisemitismus’ einläßt, desto verlockender und überzeugender erscheint eine psychoanalytische Perspektive auf diese Pest der Neuzeit, „die Pest des Rassenreinheitswahns, der unserer Welt verhängnisvoller geworden ist als die wirkliche Pest in früheren Jahrhunderten“.36 Mit dem psychoanalytisch geprägten Topos Projektion wird jemandes gedankli- „deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts“ in „Hitlers Glauben an sich selbst“; diese Vertreter seien Hegel, Nietzsche, Schopenhauer, Wagner – „ob Hitler nun jemals Hegel gelesen hat oder nicht“ bleibt ebenso unklar. Bullock, Alan: Hitler – Eine Studie über Tyrannei [1953], Düsseldorf 1965, S. 366. Auch von Krockow sieht außer der selbstreferentiellen Äußerung Hitlers zur Vorbildlichkeit Wagners lediglich ein konstitutives Bewußtsein Hitlers, demzufolge er sich als Künstler gesehen habe, der wie Wagner „Architekt eines Gesamtkunstwerkes“ sei; Hitler sei überdies affiziert vor allem „vom Glanz der Bühnenbilder“ sowie vom „Rausch der Klangwelten“. Vgl.: Krockow, Christian Graf von: Hitler und seine Deutschen, München 2001, S. 25 35 Fischer, Jens Malte: Richard Wagners Das Judentum in der Musik – Eine kritische Dokumentation als Beitrag zur Geschichte des Antisemitismus, Frankfurt am Main/ Leipzig 2000, S. 71 1. Einleitung 12 che Ausstattung mit „übermenschlichen oder halbmagischen Eigenschaften“ bezeichnet, bei der sich ergebe: „... eine Art Faszination, da ich [ein Projizierender] an die Teile meiner Psychologie gebunden bin, die ich projiziert habe: bei einer Schattenprojektion bin ich an jemand durch Haß, bei einer ‚Erlöser’-Projektion durch blinde unkritische Bewunderung gebunden. Für den ersten Fall ist die Besessenheit der Nazis von ihrem Bild des Juden ein tragisches Beispiel, für den zweiten die göttergleiche Macht, mit der sie den ‚Führer’ bekleideten.“37 Vielleicht ist das Phänomen des Rassismus, der bei den Nationalsozialisten letztlich als purer Antisemitismus erscheint – weil im Grunde jede Feindbildprojektion der Nationalsozialisten kausal in der Zwangsvorstellung eines arkan-manipulativen „Weltjudentums“ verankert bleibt –, auf diese Weise am adäquatesten zu erfassen. Stattdessen wird in der Regel der, bereits im Ansatz absurde, Versuch geübt, „ideologisch und pseudomoralisch zu unterkellern“, und ein „philosophisches Mäntelchen zu geben“, wo „nackter Aggressionswille“ herrsche38, dem eigentlich eben nur mit klinisch-pathologischem Instrumentarium angemessen zu begegnen wäre.39 Die aktuelle wissenschaftliche Entwicklung trägt dieser Leerstelle zunehmend Rechnung, insofern Antisemitismus neuerdings wieder vordergründig als „emotionsgeschichtliches Problemfeld“ identifiziert wird, weshalb „tief verwurzelte feindliche Gefühle – mithin Neid, Wut, Ekel, Abscheu und Verachtung als [immer-währender] zentraler Aspekt des Judenhasses“ zu sehen seien.40 Jean-Paul Sartre betont den erfahrungsunabhängigen Ausnahmecharakter des „leidenschaftlichen“ Antisemitismus, der vor jeder Erfahrung apriorisch entsteht: „Antisemitismus stell[t] sich als eine Leidenschaft dar. Jeder hat verstanden, daß es sich um einen Haß- oder Wutaffekt handelt. Doch gewöhnlich werden Haß und Wut hervorgerufen: ich hasse den, der mir Leid zugefügt hat, der mich herausfordert, der mich beleidigt.“41 Insbesondere bei der Betrachtung von Formen „moderner Judenfeindschaft“ wird deren „emotionaler Basis“42 zunehmend Bedeutung beigemessen. Die emotionelle Abfuhr negativer Gefühle, worin die implizite psychologische Funktion zu sehen ist, 36 Zweig, Stefan: Die Welt von Gestern – Erinnerungen eines Europäers, Frankfurt am Main 2007, S. 213 37 Adler, Gerhard: Zur Analytischen Psychologie, mit einem Vorwort von C.G. Jung, Zürich 1952, S. 20 38 Vgl.: Zweig: Welt von Gestern, a.a.O., S. 217 39 „Diesen spezifisch Hitlerschen Judenhaß kann man nur wie ein klinisches Phänomen konstatieren, denn das, womit Hitler ihn – erkennbar nachträglich – zu begründen versucht hat, also die jüdische Weltverschwörung zur Ausrottung aller ‚Arier’, ist deutlich nicht einfach ein Irrtum, sondern paranoider Irrsinn. Oder nicht einmal das, sondern die phantasievolle Rationalisierung eines vorgefaßten Mordvorsatzes.“ Haffner, Sebastian: Anmerkungen zu Hitler, München 1978, S. 121/122 40 Vgl.: Jensen, Uffa/ Schüler-Springorum, Stefanie: Antisemitismus und Emotionen, in: APuZ Titel „Antisemitismus“, Beilage zur Wochenzeitschrift Das Parlament, 64. Jahrgang, 28-30/2014, 07. Juli 2014, S. 17 f., fette Hervorhebungen A.S., kursive im Original. 41 Sartre, Jean-Paul: Überlegungen zur Judenfrage [1954], Reinbek bei Hamburg 2010, S. 14 f., Hervorhebung im Original 42 Schwarz-Friesel, Monika/ Reinarz, Jehuda: Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert, Berlin/ Boston 2013, S. 264 ff. Desgleichen sei z.B. auf die jüngste Studie Wilhelm Kempfs (Professor für psychologische Methodenlehre und „Friedensforschung“), versehen mit einem Vorwort Rolf Ver- 1.1 Vorarbeiten und Vertiefung der Forschungsfrage 13 wird ermöglicht, insofern die Referenz des Hasses kein reales Objekt betreffen muß, sondern „der Jude“ wird infolge einer abstrahierenden – subjektiv-mentalen – Konstruktion benutzt, „alles Negative auf dieses Konzept zu projizieren“.43 Der, durch Wilhelm Heitmeyer und andere geprägte Topos der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“, der ein Syndrom beschreibt, das in der Verbindung diverser „Ungleichwertigkeits-Ideologien“44 be- und entstehe, und im angelsächsischen Bezugsrahmen in der Diagnose der hate crimes eine ergänzende Resonanz erfährt, ist durchaus keine abseitige Sichtweise, die auf die politische, religiöse oder philosophische Travestie purer Ressentiments oder blanken Hasses reagiert.45 „Rechtfertigungen eines Judenhasses“ zeigten vordergründig häufig emotionales Gepräge, auch wenn der Autor dieser These dann eindeutig religiöse Bezüge aufruft, insofern „der Staat Israel geradezu teuflisch“ und die Juden als „von Grund auf böswillig“, wahrgenommen würden.46 Nicht weniger überzeugend ist eine auf die hier auch zu betrachtenden Persönlichkeiten (deutlich z.B. Wagner und Hitler) anzuwendende Diagnose narzisstischer Störung der Judenhasser, welche deren Unfähigkeit zu Empathie bedinge und derzufolge innerseelischer Mangel durch Huldigung zu kompensieren gesucht würde: „Der narzisstisch gestörte Mensch ist nur mit sich selbst beschäftigt, um die Wunden zu lecken, die durch Liebesmangel geschlagen wurden, da bleibt kein Raum für andere. Die Beziehungsangebote eines narzisstisch gestörten Menschen werden gerne missverstanden. Der Narzisst braucht ‚Objekte‘ – also Menschen, die für ihn da sind, die sich für die eigenen Bedürfnisse verwenden lassen, die auf jeden Fall bestätigen, zustimmen und bewundern müssen und auf keinen Fall substantielle Kritik üben dürfen. Dafür bekommen die Bestätiger und Bewunderer Anerkennung und wohlwollende Gesten, die aber der konarzisstischen Funktion gelten und nicht der Person. Ein Narzisst liebt nicht, er will geliebt werden, er meint den Nächsten nicht, er braucht ihn, er spürt nicht, was mit dem anderen ist, er nimmt nur wahr, wie der andere zu ihm steht: brauchbar oder nutzlos, Freund oder Feind.“47 legers (klinischer Psychologe), verwiesen, die Kategorien wie „persönliche Betroffenheit“, „emotionale Nähe“, „Ambivalenz“-bezogene „Sensibilität“, „Friedensfreundschaft“, „Menschenrechtsaffinität“, „Naivität“ sowie einen in diesem Zusammenhang üblichen Kanon diverser weiterer Ressentiments fokussiert. Vgl: Kempf, Wilhelm: Israelkritik zwischen Antisemitismus und Menschenrechtsidee – Eine Spurensuche, mit einem Vorwort von Rolf Verleger, Berlin 2015, passim. 43 Schwarz-Friesel/ Reinarz: Sprache der Judenfeindschaft, a.a.O., S. 295 44 Vgl.: Zick, Andreas/ Klein, Anna: Fragile Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014, Bonn 2014, S. 64. Zu den zwölf Facetten der GMF – „Sexismus, Abwertung homosexueller Menschen, Etabliertenvorrechte, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Islamfeindlichkeit, Antisemitismus, Abwertung behinderter Menschen, Abwertung wohnungsloser Menschen, Abwertung von Sinti und Roma, Abwertung asylsuchender Menschen, Abwertung langzeitarbeitsloser Menschen“ –, die Zick und Klein hier anführen, sollte der Aspekt Angehörige der Polizei addiert werden. 45 Aktuelle Phänomene von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus und deren Ursachen werden u.a. auch durch Vertreter der Medizinischen Psychologie (vergl. z. B. Elmar Brähler, Universität Leipzig) erforscht. Zur psychischen Dispositionierung – den „Prämissen einer dämonischen Sicht“ – innerhalb derer, „alles Leiden auf das Böse“ zurückgeführt wird und „Heilung“ stets „in der Ausrottung des verborgenen Übels“ gesucht wird, vgl.: Omer, Haim/ Alon, Nahi/ Schlippe, Arist von: Feindbilder – Psychologie der Dämonisierung, Göttingen 2014, S. 48-64 46 Vgl.: Jikeli, Günther: Antisemitismus unter Muslimen, in: Schwarz-Friesel, Monika (Hrsg.): Gebildeter Antisemitismus – Eine Herausforderung für Politik und Zivilgesellschaft, Baden-Baden 2015, S. 206 1. Einleitung 14 Richard Wagners aus den zahlreichen biographischen Arbeiten zu seinem Leben, der Werkentwicklung und seiner Psyche, zu entnehmender Umgang mit seinen Schülern, Kollegen, Freunden, König Ludwig II. von Bayern, journalistischen Kritikern sowie die mutmaßlichen Ursachen wie Auslöser seiner antijüdischen Entgleisungen, stimmen mit solcher Diagnostik leicht überein. Auch in Bezug auf den spezifischen Antisemitismus Adolf Hitlers (siehe Kap. 7.2 vorliegender Studie) verweist maßgeblich Joachim Fest darauf, daß Hitler „von früh auf mit aller Welt überworfen war und Haß empfand, wohin er blickte.“ Er folgert es sei durchaus denkbar, „daß sein [Hitlers] Antisemitismus nur die gebündelte Form seines bis dahin [seinen Wiener Jugendjahren] ziellos vagabundierenden Hasses war, der im Juden endlich sein Objekt gefunden habe.“48 Es existieren in dieser Hinsicht speziell für Hitlers persönliche Entwicklung vielfältige und recht konkrete Spekulationen, die sich jedoch immer auch durch Kühnheit und Phantasiereichtum (Fest) auszeichneten. Sie betreffen die familiäre Erlebniswelt des Kindes Hitler, die ein entstehendes „inzestuös gefärbtes“ Mutterbild sowie einen „Todeswillen“ mit einhergehender „nekrophiler Neigung“ begünstigt habe. Außerdem habe die aufgrund der „Tyrannei und Züchtigungslust“49 des Vaters entstandene, zunächst lange unterdrückte um dann umso exzessiver hervorbrechende, „Vergeltungssucht“, Hitlers allgemeine Destruktionsobsession begründet, die dann schließlich Deutschland galt, seinem eigentlichen „Haßobjekt“. Hitlers Antisemitismus „und alles, was daraus folgte“ habe seinen Ursprung in einer, aus dem sexuellen Verkehr mit einer Wiener Prostituierten entstandenen Infektion. Die Dame sei eine „jüdische Prostituierte“ gewesen, eine Erkenntnis, die dann alles Weitere scheinbar bündig erklärt.50 Auch die auf den engen Vertrauten Hitlers, Ernst „Putzi“ Hanfstaengl zurückzuführende Hypothese, Hitler sei schlicht impotent gewesen, ist im Sinne einer Kompensationsobsession ausgedeutet worden, so „daß die überschüssige Kraft, die kein normales Ventil fand, in der Unterwerfung seiner Umgebung, danach seines Vaterlandes und schließlich ganz Europas einen Ausweg“ gesucht habe.51 Daß Hitler seine Vergangenheit retrospektiv in einer Weise modelliert, die dem geschichtsteleologisch providierten Charakter seiner selbstgedeuteten Existenz, die er fanatisch zu glauben vorgibt, angepasst ist, hat einmal mehr Ralf Georg Reuth gezeigt. Noch in München – Hitler verlässt Wien 1913, um nicht seiner Wehrpflicht für 47 Maaz, Hans-Joachim: Die narzisstische Gesellschaft – Ein Psychogramm, München 2014, S. 27 f. 48 Fest: Hitler, a.a.O, S. 64. Ich komme auf Hitlers weltanschauliche Entwicklung in den Wiener Jahren noch einmal zurück. 49 Wagners Kindheit hingegen gilt als behütet und von liebevollen Geschwisterbeziehungen geprägt. Seine Vater-Erfahrung, die er mit dem Stiefvater Ludwig Geyer macht, scheint rundweg positiv und vor allem kulturell anregend gewesen zu sein. Vgl. z.B.: Kollo, René: Richard Wagner ‚… dem Vogel, der heut sang …‘, München 2015, S. 28ff. 50 Vgl.: Fest, Joachim: Zeitgenosse Hitler – Eine Nachschrift, in: Ders.: Fremdheit und Nähe – Von der Gegenwart des Gewesenen, Stuttgart 1996, S. 167-187. Fest referiert hier nicht die Thesen abseitiger Wirrköpfe, sondern Analysen, entwickelt zwar in „souveräner Freiheit gegenüber den Quellen“, wie er hinzufügt, immerhin von u.a. Erich Fromm und Simon Wiesenthal. 51 Vgl.: Bullock: Hitler, a.a.O., S. 375 1.1 Vorarbeiten und Vertiefung der Forschungsfrage 15 die verhasste Donaumonarchie nachkommen zu müssen – kann Hitler die Aktivität als sozialistischer Soldatenrat in der, später durch ihn als solche geschmähten „Räterepublik“ des ermordeten Bayrischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner nachgewiesen werden, was zumindest die passagere ideologische Flexibilität des selbstbeschriebenen ‚fanatischen Antisemiten seit den Wiener Jahren’ belegt. Als Eisner „im Februar 1919 zu Grabe getragen wurde, war im Trauerzug für den Linksrevolutionär und Juden auch ein Gefreiter namens Adolf Hitler“.52 Thomas Weber bemerkt, daß zu diesem Zeitpunkt „Hitler hätte problemlos der rechtsextremen Thule-Gesellschaft beitreten können, die den Mord an Eisner geistig vorbereitet hatte und in der einige spätere NS-Größen wie Alfred Rosenberg, Rudolf Heß oder Hans Frank bereits verkehrten. Hitler jedoch zog es vor, sich öffentlich zu [dem ‚linkssozialistischen’] Eisner zu bekennen.“ Zu jener Zeit bewegte sich Hitler leichtfüßig zwischen den „kollektivistischen Vorstellungen der Linken und der Rechten hin und her“53 – was ihm, aus totalitarismustheoretischer Perspektive gut nachvollziehbar, problemlos gelingen konnte. (Aufbau und) Inhalt der Untersuchung Um den pseudoreligiösen und pseudophilosophischen Begründungs- oder Bemäntelungsversuchen nachzuspüren, sind folgende übergeordnete Fragen von Bedeutung: – Welche politischen, soziologischen, anthropologischen oder geschichtsphilosophischen Grundzüge sind aus den weltanschaulichen Schriften zu extrahieren? – Welche Spezifika weisen die vielfältigen Facetten der Feindseligkeit gegen Juden auf? – Wie ist der Einfluß des Religiösen bzw. der Religion(en) zu bewerten? Eine relevante Größe weltanschaulicher Grundlegung ist die Vorstellung des Zusammenlebens im Rahmen einer guten Ordnung. Es gilt daher, zunächst die Auffassungen einer guten und einer schlechten politischen Ordnung zu skizzieren. Wagners diesbezügliche Vorstellungen sind äußerst differenziert und reichlich widersprüchlich, falls man nicht jede scheinbar dialektische Volte nachzuvollziehen willens ist – der Zauberstab der Dialektik erschafft in der Tat nicht aus jedem Widerspruch ein höheres Ganzes.54 Die das Spektrum der politischen Organisation betreffenden Texte enthalten – teilweise bei direkter „Nachbarschaft“ – monarchistische und kommunistische, anarchistische und demokratische Elemente, die überdies durch Wagner selbst eigenwillig oder, wenn man so will, originell interpretiert werden. Hitlers „politische“ Phantasien betreffen vor allem eine völkische Homogenisierung der „Masse“, die die Grundlage des nationalsozialistischen Staates ermögliche. Die politische Zielsetzung der geforderten Landnahme durch martialische Annexion 1.2 52 Vgl.: Reuth, Ralf Georg: Hitlers Judenhass – Klischee und Wirklichkeit, München 2009, passim. 53 Weber: Hitlers erster Krieg, a.a.O., S. 332/333 sowie 343 54 So Peter Hofmann auch in Bezug auf die angestrengte, teils offen widersprüchliche Wagner-Kritik Friedrich Nietzsches. Vgl.: Hofmann, Peter: Richard Wagners politische Theologie, Paderborn u. a. 2003, S. 46 1. Einleitung 16 (sog. „Lebensraums im Osten“) ist für Wagner kein Thema und wird daher auch bei der Analyse Hitlers kaum tangiert; womit natürlich nicht die überragende – vielleicht ideologisch dominanteste – Bedeutung dieser sendungs-politischen Obsession für Hitler geschmälert werden soll.55 Chamberlains und Rosenbergs rassistisch-antisemitische Perspektiven auf Mensch, Gesellschaft und Geschichte markieren die vermeintliche Bedeutung der Rasse, ihre (Rassen-) Seele und damit verbundene welthistorische Verdienste und schicksalhafter Sendungs-Glaube, die für Hitler vorbildlich und für Wagner fremd genannt werden müssen. Darüber hinaus sind, parallel und untergründig häufig mitschwingend, religiöse Inhalte, die Rolle der Religion, sowie vor allem metaphysische Implikate zu betrachten. Auch bei Wagner werden Überschneidungen des Religiösen und des Politischen relevant. Das Kapitel über Wagners Religionsbegriff fokussiert entsprechend auf dessen Vorstellung seiner „vera religio“; Wagners weitere Einlassungen betreffen historische Entwicklungen (vor allem des Christentums), den Zusammenhang von Kunst und Öffentlichkeit (Appolinische/ Attische/ Antike Religiosität), anthropologische Spekulationen (anhand der selektiven Betrachtung des Buddhismus) sowie die Verquickungen religiöser und ökonomischer Sphären ((religiöser) Auserwähltheitsanspruch und (ökonomische) Sonderstellung des Judentums bzw. der Juden). Bei Hitler bergen diese Aspekte eine gravierende Vermengung bzw. Umdeutung einer Religionsgemeinschaft als „Rasse“. Im Hinblick auf Hitlers eigene Religiosität, seine „politische Theologie“ und seine „politische Religion“ existiert ein eigener Forschungszweig, der ebenfalls anhand einiger repräsentativer Autoren kurz umrissen wird. 55 Dazu Joachim Fest: Die „apokalyptische“ Vernichtung der Sowjetunion als Repräsentantin des Kommunismus, der stets als „jüdisch-bolschewistisch“ konnotiert wird, sei Hitlers „metaphysisch“ ausgestattete „Menschheitsaufgabe“. Im „Sowjetparadies“, so Hitlers Wahn, hätten „die Juden freien Weg ihre Pläne zu verwirklichen“. Daher habe Hitler seine weltanschaulichen „Gesichtspunkte“ – der „politische, geographische, historische, der rassische und der eschatologische“ – zur Deckung bringen können und so: „alles wies nach Osten!“. Ebendort hätten sich für Hitler die Möglichkeiten geboten, die „Erfüllung [s]einer welthistorischen Mission“ zu realisieren. Vgl.: Fest, Joachim C.: „Mit der ganzen Vehemenz, die dem Extrem innewohnt“ – Hitlers Krieg, in: Ders.: Fremdheit und Nähe. Von der Gegenwart des Gewesenen, Stuttgart 1996, S. 113-137. Ideen, die dem „Raumhunger“ Rechnung tragen, sind allerdings bereits bei „den Alldeutschen und in Ludendorffs Ostkonzepten von 1918“ aufweisbar, eine Kontinuitätslinie, in die möglicherweise also auch Hitler einzubringen ist. Vgl.: Fest, Joachim: Der Untergang – Hitler und das Ende des Dritten Reiches. Eine historische Skizze, Berlin 2002, S. 55. Anthony Beevor unlängst zur Kontinuität dieses ideologischen Elements in Hitlers Denken: „Hitler schwankte vergleichsweise häufig in seiner Haltung zu großen Vorhaben, seine Idee einer Invasion der Sowjetunion aber lässt sich bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zurückverfolgen.“ Beevor, Anthony: Hitler und Stalin – die Verblendeten, in Süddeutsche Zeitung, Dossier, 5. Juli 2016. Diese „außenpolitisch relevante Dimension“ ist darüberhinaus das zentrale Thema in Hitlers sog. „Zweitem Buch“ [1928], in dem sein „langfristiges Ziel der bewaffneten Eroberung von ‚Lebensraum’ im Osten ausführlich begründet“ wird, und auf die Überzeugung Hitlers verweist, „die deutsche Zukunft“ sei „‚ausschließlich durch die Lösung der Raumnot bedingt’ [Hitler 1937 in einer Unterredung mit der Reichswehrspitze]“. Vgl.: Wirsching, Andreas: Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition des Instituts für Zeitgeschichte, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Titel „Hitlers ‚Mein Kampf ’“, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, 65. Jahrgang, 43-45/2015, 19. Oktober 2015, S. 10/12, Hervorhebung durch den Verf. 1.2 (Aufbau und) Inhalt der Untersuchung 17 Die hier verhandelten gesellschaftspolitischen Narrative sind durchsetzt mit gnostisch motivierten Welterklärungsversuchen, die einerseits auf teleologische Erlösungshoffnungen verweisen und andererseits, in scheinbarer Logik der konstruierten Theoreme, einen Untergang naherwarten. Wagner hat sich diesbezüglich jedoch stets auf die Sphäre des „mythologischen Gleichnisses“ (hier vor allem der Ring) begrenzt, um zu zeigen, „zu welchen Katastrophen die bestehende Ordnung“ führe,56 was insbesondere im Hinblick auf den Vergleich, die Verbindung und die Unterscheidung mit bzw. von nationalsozialistischer Vernichtungsideologie als mutmaßliche realpolitische Implementation Wagnerscher Ideen bedeutsam ist. Einige Bemerkungen zu den Spielarten der Geschichtsprophetie, der Apotheose der Geschichte sowie der Apokalyptik dienen der weiteren Einordnung der revolutionären Vernichtungsideologien (Kap. 3.3 vorliegender Untersuchung). Im Falle Adolf Hitlers folgen seinen Erlösungsphantasien nicht nur realiter tätige Verheerungen. Chamberlain und Rosenberg sind ebenso unmissverständliche Auszüchtungs-Ambitionen und Ausmerzungs-Postulate des zu Juden „gemachten“ oder dafürgehaltenen Teiles der europäischen Bevölkerung zuzuschreiben, die ihren Anfang in rassistisch begründeten, sog. „Zuchtwahl“-Programmen nehmen.57 Die Bekenntnisschriften Hitlers, Chamberlains und Rosenbergs dienten sicherlich nicht nur opportunistischen Propagandazwecken, sondern bezeugen einen festen Glauben – zunächst bar jeder politischen Gestaltungsmacht –, der sich späterhin realpolitische Bahn brechen sollte. Chamberlain, dessen Hauptschrift bereits im Kaiserreich – nicht erst nach 1933 – in den Gymnasien gelesen wurde58, ist Hitler in Bayreuth begegnet, um ihn bei dieser Gelegenheit – selbst bereits in finaler Agonie befindlich – dessen besonderer Sendung für das Schicksal des deutschen Volkes zu versichern bzw. dafür als „Rassentheoretiker seinen Segen“59 gespendet zu haben, was Hitler, in seinem Wahn, möglicherweise „wie ein[en] Zuruf durch den Bayreuther Meister [also Wagner] selber“ empfunden haben mag.60 Die tiefe Verehrung Hitlers wurde durch Chamberlain übrigens deutlich erwidert.61 Alfred Rosenbergs Ergeben- 56 Wolf, Werner: Das sich wandelnde Wagner-Bild in der DDR, unveröffentlichtes Vortragsmanuskript; Vortrag gehalten am 22. Mai 2013 am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Leipzig, S. 29. Herr Prof. Dr. Wolf beging 2014 seinen 90. Geburtstag. Er ist Emeritus des Musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Leipzig, ein Zeitzeuge der Wagnerrezeption in der DDR von Beginn an, und verfasste die Einführungen für die Neuausgaben der Libretti der Opern und Musikdramen Wagners sowie die Schallplattenkassetten des VEB Deutsche Schallplatten Berlin Eterna. Ich bin Werner Wolf für die freundliche Überlassung des Vortragsmanuskripts sehr dankbar. 57 „Nordische Gesinnung und nordische Rassenzucht, so heißt auch heute die Losung…“, Rosenberg: Mythus, a.a.O., S. 33 58 Vgl.: Benz, Wolfgang: Was ist Antisemitismus? Bonn 2004, S. 100. Hitler meint und beklagt trotzdem, daß Chamberlain „Außenseiter“ gewesen sei, dessen „Erkenntnisse“ von den „offiziellen Stellen der Regierung“ und der „Reichspolitik“ mit Gleichgültigkeit bedacht worden seien. Vgl.: Hitler, Adolf: Mein Kampf, Zwei Bände in einem Band, München 1938, S. 296 59 Köhler, Joachim: Friedrich Nietzsche und Cosima Wagner – Die Schule der Unterwerfung, Hamburg 2002, S. 15 60 Vgl.: Fest: Hitler, a.a.O., S. 259 61 Vgl.: Liedtke, Barbara: Völkisches Denken und Verkündigung des Evangeliums – Die Rezeption Houston Stewart Chamberlains in evangelischer Theologie und Kirche während [in, abweichender Titel] der Zeit des „Dritten Reichs“, Leipzig 2012, S. 162-164 1. Einleitung 18 heit ging so weit, daß er von einem Besuch des moribunden Chamberlain, zu dem er angeblich 1925 Gelegenheit gehabt habe, absah, weil ihm dies als „Profanation“ vorkäme, wenn er, Rosenberg, „gleichsam als Neugieriger und ihm [Chamberlain] doch persönlich Fremder“ seine Aufwartung gemacht haben würde.62 Winston Churchill weist bereits im Jahre 1948 auf die eminente Bedeutung von Hitlers Mein Kampf hin, die vor allem in der Authentizität der in dieser Schrift gegebenen Absichten und Bekenntnisse gründe, die stets Hitlers innere Aufrichtigkeit belege. Es sei von den Alliierten der schwerwiegende Fehler begangen worden, dieses Buch – nachdem Hitler an die Macht gelangte (Churchill glaubt also auch zehn Jahre nach Entstehung des Buches weiter an dessen Gültigkeit und räumt ein, daß spätestens 1933 die Rezeption von Mein Kampf geboten gewesen wäre) – nicht einem eingehenden Studium unterzogen zu haben.63 Denn: „Es stand alles darin … das Glaubensbekenntnis, … von seiner Sendung getragen.“64 Die Hauptthese von Mein Kampf sei einfach. Der Mensch als kämpfendes Tier bilde mit anderen eine Kampfeinheit (Nation, Rasse), die organisch-lebendig einen Existenzkampf zu führen habe, oder zum Erlöschen verurteilt sei. Die Kampffähigkeit der Kampfeinheit hängt von deren Reinheit ab, daher die Notwendigkeit der Säuberung von fremder Verunreinigung. Die darauffolgende politisch-militärische Expansion ist gleichfalls notwendig und wird entsprechend als existentielle Selbstverteidigung interpretiert. Hitlers später implementiertes Regierungshandeln wird durch Churchill als eine logische und erwartbare Kaskadierung dargestellt, die seines Erachtens bereits 1923 vorhersehbar ist.65 In der Tat, so einfach und zutreffend, und vielleicht sogar so sicher vorhersehbar war das, und eben deshalb ist wohl weiterhin mit dem Elend des alliierten Appeasements zu hadern. 62 Vgl.: Tagebuchnotiz Alfred Rosenbergs vom 26.12. 1936, in: Rosenberg, Alfred: Die Tagebücher von 1934-1944, herausgegeben und kommentiert von Jürgen Matthäus und Frank Bajohr, Frankfurt am Main 2015, S. 230 63 Zur Rezeption von Mein Kampf in Deutschland seit Erscheinen bis zum Ende des „Dritten Reiches“ jüngst der Historiker Othmar Plöckinger, der zeigt, daß Hitlers Buch durchaus keine „kleine Leserschaft“ hatte: „Vor 1945 gingen Anhänger wie Gegner des Regimes ganz selbstverständlich von einer breiten Rezeption aus.“ Dies bezieht sich explizit auch auf die Phase vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten im Jahre 1933. Seit Erscheinen 1925 ist Mein Kampf sowohl Gegenstand dutzender Rezensionen, auch in großen Blättern wie der Frankfurter Zeitung, aber ebenso in ausländischer deutschsprachiger Presse wie der Wiener Neue Freie Presse und der Neue Zürcher Zeitung, geworden. Überdies hätten etliche Intellektuelle – u.a. Gerhart Hauptmann, Arnold Zweig, Klaus Mann, Albert Einstein, Carl Zuckmayer, Theodor Heuss, Ernst von Weizsäcker, Ernst Jünger – z.T. z.B. durch Zitationen belegt, Hitlers Buch gelesen zu haben. Das „SPD-geführte Preußische Innenministerium“ habe 1932, davon ausgehend, das Buch sei die „wichtigste Quelle“ der NS-Ideologie, eine umfangreiche Studie anfertigen lassen. In den frühen Dreißiger Jahren entspann sich „eine breite öffentliche Debatte“, nach 1933 ist der millionenfache, staatlich protegierte Absatz hinlänglich bekannt. Plöckinger betont, daß „etwa zwölf Millionen Deutsche – jeder fünfte also – das Buch nicht nur im Bücherregal stehen, sondern auch zur Hand genommen hatten.“ Vgl.: Plöckinger, Othmar: Ein ungelesener Bestseller? In: Die Zeit vom 3. Dezember 2015, Dossier, S. 21 64 Churchill, Winston: Der Zweite Weltkrieg, Bern 1954, S. 41/42 65 Vgl.: Ebd.: S. 42 1.2 (Aufbau und) Inhalt der Untersuchung 19 Hitler habe so Bärsch gar keine andere Wahl gehabt, als den Entschluß zu fassen, die Juden zu ermorden.66 Den Entschluß umzusetzen ist somit nur noch eine Frage der Macht und der Mittel. Daß Wagner einen solchen Entschluß nie gefaßt hatte und auch nie gefaßt haben könnte oder würde, ist hier also ebenso zu zeigen wie die immanente Notwendigkeit der physischen Vernichtung, die völkisch-rassistischer und nationalsozialistischer Ideologie stets eignet. Daß Wagner einer solchen Wahl nie ausgesetzt war, ist unerheblich; seine affektive Version der Beschreibung des „Judenproblems“ und – inhaltlich bedeutsamer – seine Erlösungs-Phantasien, die mithin solches „Problem“ lösen würden, entbehren logisch, argumentativ und thematisch einer physischen Vernichtungs-Vision, und lassen überdies nicht einmal Anklänge an diesbezügliche Gedanken einer „Umsiedlung“, „Vertreibung“ oder „Deportation“ vernehmen. Schon im Jahre 1919, seiner Zeit als „Bierkelleragitator“, hatte Hitler die Unzulänglichkeit solchen sog. „emotionalen Antisemitismus’“ moniert, insofern dieser eine „Auslöschung“ des jüdischen „Übels“, die er explizit in Form von „Internierung in Konzentrationslagern“ und „Tod durch den Strang“ benennt, gerade nicht intendiere.67 Wollte man analog bezeichnen, worin Wagners Kampf bestanden haben würde, hilft Friedrich Nietzsche, insofern er im Jahre 1871 konstatiert, daß Wagner sich seiner Schwächen entlüde, indem er all diese der modernen Zeit zuschöbe. So messe er Staat, Gesellschaft, Tugend, Volk, alles an seiner Kunst. Und in „unbefriedigtem Zustand“ wünsche er, „daß die Welt zugrunde gehe.“ Nietzsche sieht hier eine ganz ausschließlich schwärmerische, innerpersonale Bewußtseinsebene, auf der sich Wagner gleichsam weltanschaulich immer bewegt, was wie Nietzsche erleichtert bemerkt glücklicherweise von dem Umstand begleitet werde, daß Wagner nie der politischen Sphäre verfallen sei.68 Nur um seiner Kunst eine Stätte in dieser Welt zu bereiten, sehe er ihn beschäftigt und aktiv.69 Die eigentliche Lust und Wonne Wagners, gelebt und befriedigt im Rahmen seines dramatischen Sendungsbewußtseins, gelte der „Liebe und der erzwungenen Feindschaft sowie der Lust an der Vernichtung“, was „höchst symbolisch für Wagners Wesen“ sei – „Liebe für das, wodurch man erlöst, gerichtet und vernichtet wird“.70 Es besteht kein Grund, diese Wagner-Auslegung Nietzsches nicht zu generalisieren. Die Vernichtung ist symbolisch, es sei Liebe zu dem, wodurch man (also jedermann, die Menschheit, auch Wagner selbst) erlöst und vorab vernichtet werde. Die ideologische Prononcierung von Liebe durch Wagner ist sowohl für Nationalsozialisten (vgl. Kap. 6) als auch für Leninisten/Stalinisten (vgl. Kap. 2.3 vorliegender Untersuchung) ein besonders anstößiges Ärgernis, mehr noch ein weiterer Beleg für die beiderseitige weltanschauliche Unvereinbarkeit mit Wagner. 66 Vgl.: Bärsch: Die Politische Religion des Nationalsozialismus a.a.O., S. 382 67 Vgl.: Kershaw, Ian: Hitler 1898-1936, a.a.O., S. 197 68 Nietzsche, Friedrich: Die Unschuld des Werdens [1874], Leipzig 1931, S. 109/110 69 Ebd.: S. 115 70 Ebd.: S. 116/117 1. Einleitung 20 Nicht „Blut“ oder das „Judenproblem“ sind „Lebensthemen“ Wagners (wie dies vor allem Hartmut Zelinsky und Joachim Köhler prätendieren, siehe dazu Kap. 2.2 vorliegender Untersuchung), sondern Treue, der „universalere [sic] Begriff “, dem Liebe zu subordinieren ist, bzw. der Treuebruch (Brünnhilde bricht mit Wotan), alle tragischen Möglichkeiten, die in der Treue lägen und Erlösung (Götterdämmerung, mythische Apokalypse) herbeizuführen ermöglichten. Wagner verbindet Mythos und Utopie. Um einen „Gegenentwurf der bestehenden Verhältnisse“71 – sozusagen am virtuellen Reißbrett – zu skizzieren, suche er Wahrheit im Mythos, was im Übrigen wohl für alle Mythologen gelten mag. Diese Wagnersche Wahrheit sei, so Herfried Münkler weiter: „… jeder historischen Konkretion überhoben und von Ort und Zeit unabhängig, eine prinzipielle und nicht an bestimmte Zeiten und Konstellationen gebundene Wahrheit.“72 Die gesellschaftspolitischen und religiösen Großfragen, denen sich Wagner auch in seinen hier zu behandelnden Schriften widmet, sind für seine frühen Opern und Dichtungen sowie seine späten Musikdramen mit Nietzsche wie folgt zu abstrahieren: „ W a g n e r s K a m p f “, so resümiert Nietzsche, vollziehe sich „ i m K u n s t w e r k – Rienzi: Gegensatz zur ‚Ordnung’, der Reformator. Holländer: das Mythische gegen das Historische. Tannhäuser, Lohengrin: das Katholische gegen das Protestantische (das Romantische gegen die Aufklärung). Meistersinger: Gegensatz zur Zivilisation, das Deutsche gegen das Französische. Tristan: Gegensatz zur Erscheinung, das Metaphysische gegen das Leben. Nibelungen: Freiwilliges Verzichten der bisherigen Weltmächte, Gegensätze von Weltperioden – mit Umwandlung der Richtung und der Ziele.“73 Wagners Vorstellung von Kampf, von seiner Unterstützung des z.B. dem der Reichsgründung vorlaufenden deutsch-französischen Krieges der Jahre 1870/71 erschöpfen sich entsprechend in künstlerischer Aktion, deren Einfluß Wagner, wie Werner Wolf bemerkt, gewohnheitsmäßig überschätzt habe. Wolf weist darauf hin, daß Wagner versucht habe, „das deutsche Heer“ zu unterstützen und auf Bismarck Einfluß zu nehmen, indem er ein Gedicht An das deutsche Heer vor Paris in das Hauptquartier Bismarcks senden ließ und den Kaisermarsch schuf oder einen Männerchor für das Heer komponieren zu wollen – letztlich natürlich, um durch ihn die (monetäre nicht weniger als die geistig-moralische) Förderung der Künste zu erreichen, was im Übrigen aber beim Adressaten keinen Anklang fand.74 Wie Wolf betont, noch 1881, zwei Jahre vor seinem Ende, gibt Wagner Zeugnis (s)einer antimilitaristischen Grundhal- 71 Münkler, Herfried: Die Deutschen und ihre Mythen, Reinbek bei Hamburg, 3. Aufl., 2013, S. 401 72 Ebd., S. 307 73 Nietzsche: Die Unschuld des Werdens, a.a.O., S. 218, Hervorhebung im Original 74 Vgl.: Wolf, Werner: Wagner-Bild, Vortragsmanuskript, S. 27/28 1.2 (Aufbau und) Inhalt der Untersuchung 21 tung, indem er gegenüber Ludwig II. von Bayern erklärt, mit seiner letzten Lebenskraft abzuwenden zu trachten, daß „sein kleiner Siegfried [Wagners Sohn] einmal Soldat werde, um in einem dieser elenden Kriege“, die die preußische Politik uns immer einbringe, „von einer stupiden Kugel getroffen hinsinken“ solle.75 Man denke hier an den fanatischen Duktus des Opferns und das stumpfe Vernichtungsgeheul vor allem Hitlers und Rosenbergs, aber auch Chamberlains. 75 Zitiert nach Wolf, ebd. 1. Einleitung 22

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Zusammenfassung

Mit diesem Buch liefert Alexander Schmidt eine profunde Analyse der oft vermuteten Vorbildwirkung Richard Wagners für die völkische und nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungsideologie des 19. und 20. Jahrhunderts. Hierzu leistet der Autor eine ideengeschichtliche Gegenüberstellung ausgewählter Facetten der „Weltanschauungen“ Chamberlains, Rosenbergs, Hitlers und Wagners und deren jeweilige Konkretisierung der sogenannten „Jüdischen Frage“.

Werkimmanent, jedoch mit vielfältigen Bezügen zu politischen, ideologischen, philosophischen und feuilletonistischen Sekundärschriften, vergleicht er die jeweils angestrebte Gesellschaftsordnung sowie das Menschenbild der geschichtlichen Personen und gewährt dabei umfassende Einsichten in das weltanschauliche Gedankengebäude Richard Wagners sowie über die oft fälschlicherweise angenommene Vorbildwirkung seiner Schriften für die antisemitischen Ergüsse Chamberlains, Rosenbergs und Hitlers.