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Henryk Grossmann

Schriften aus dem Nachlass

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3892-5, ISBN online: 978-3-8288-6811-3, https://doi.org/10.5771/9783828868113

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Henryk Grossmann Schriften aus dem Nachlass Henryk Grossmann Schriften aus dem Nachlass Mit weiteren Materialien und Dokumenten hrsg. und bearb. von Jürgen Scheele Henryk Grossmann Schriften aus dem Nachlass. Mit weiteren Materialien und Dokumenten hrsg. und bearb. von Jürgen Scheele © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden Baden 2017 ISBN: 978 3 8288 6811-3 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-3892 5 im Tectum Verlag erschienen.) Besuchen Sie uns im Internet www.tectum verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Inhalt Einführung ………………………………………………………………... SCHRIFTEN AUS DEM NACHLASS Zum Abschluss des Streites um die Wert- und Preisrechnung im Marxschen System (Eine Berichtigung des grundlegenden Fehlers bei von Bortkiewicz, Rosa Luxemburg und Otto Bauer) ………...... Das Problem der Durchschnittsprofitrate in der modernen volkswirtschaftlichen Theorie ………………………………………. Die Anfänge des Kapitalismus und die neue Massenmoral ……….. Marx und die Klassische Ökonomie oder Die Lehre vom Wertfetisch [Auszug] ……………………………………………….. Imperialismus. Entwurf …………………………………………….. Der Einfluss des Maschinismus auf die Struktur der Cartesianischen Algebra ……………………………………………. Unanwendbarkeit der Funktionentheorie auf wichtige Gebiete der wirtschaftlichen Erscheinungen …………………………………… Anhang: Verzeichnis der von Grossmann zitierten und erwähnten Literatur ……………………………………………………... VARIA Ein Beitrag zur Geschichte des Sozialismus in Polen vor vierzig Jahren (1923) …………………………………………………….. Max Horkheimer an Henryk Grossmann in New York, 27. November 1942 ………………………………………………………. REGISTER Bibliographie ……………………………………………………………... Inventar archivalischer Quellen ………………………………………... Verzeichnis der Vorlesungen und Seminare ………………………….. Biographische Zeittafel ………………………………………………….. DOKUMENTE Verzeichnis der Dokumente ……………………………………………. 7 47 95 141 155 187 195 217 223 235 249 269 291 307 311 331 7 Einführung Das wissenschaftliche Werk von Henryk Grossmann (1881–1950) ist heute weitgehend der Vergessenheit anheimgefallen. Anfangs in Österreich und Polen mit Arbeiten zur Wirtschafts- und Statistikgeschichte hervortretend, erwarb er sich eine Reputation durch seine seit 1925 am Frankfurter Institut für Sozialforschung entstandenen Beiträge zur marxistischen Wirtschaftstheorie. Sein ökonomisches Thema probandum, dargelegt in dem am Vorabend der Weltwirtschaftskrise von 1929 erschienenen ökonomischen Hauptwerk „Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems (Zugleich eine Krisentheorie)“ sowie in weiteren bis 1933 publizierten Arbeiten, blieb einer doppelten Frontstellung verhaftet. Einerseits erfolgte diese im Kontext der auch nach 1914 bis weit in die Zwischenkriegszeit, nun unter veränderten Vorzeichen aufscheinenden Richtungsauseinandersetzungen des Marxismus zunächst der Zweiten Internationale, sodann in Teilen der Dritten Internationale sowie in den sich abspaltenden Bewegungen des Linkssozialismus und Linkskommunismus, ob das Marxsche „Kapital“ die Endlichkeit des kapitalistischen Systems immanent belege. Andererseits galt sie der bereits unmittelbar nach Marx‘ Tod insbesondere von Seiten der akademischen Nationalökonomie aufgeworfenen Problemkonstellation, ob sich die Validität der Arbeitswerttheorie im I. Band des „Kapitals“ mit dem Übergang zur Preisebene im posthum durch Friedrich Engels herausgegebenen III. Band weiterhin aufrechterhalten lasse. Beide Fragen suchte Grossmann zeitgenössisch positiv zu beantworten. Nach 1933 behielt er diese Disposition bei, wobei sich der Fokus seines Interesses verschob, sowohl in einer Hinwendung zur Beschäftigung mit Themen der Wissenschaftsgeschichte als auch in seiner fortgesetzten ökonomischen Marx-Interpretation. Der Zivilisationsbruch von 1933–1945 hatte zudem zur Folge, dass die Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit seinem Werk weitgehend auf das Deutschland in der Endphase der Weimarer Republik beschränkt blieb. Von diesem Befund ausgenommen blieben jeweils ausgewählte Übersetzungen seiner Arbeiten ins Japanische (Tokio 1932/33), Tschechische (Prag 1937) und Serbokroatische (Belgrad 1938). Diese waren in ihrer Entstehung durch politische und persönliche Verbindungen geprägt: erstgenannte über Kontakte ins antikoloniale Milieu der Komintern vermittelt durch den seinerzeit ebenfalls am Frankfurter Institut für Sozialforschung lehrenden, zu dieser Zeit zugleich für die KPD tätigen Sinologen Karl August Wittfogel, letztgenannte über fortbestehende personale Verbindungslinien aus seiner Frankfurter Hoch- 8 schullehrertätigkeit sowie neu aufgenommene Beziehungen in der Emigration.1 Doch blieben damals solch partielle Übertragungen nach Ostasien sowie nach Ost- und Südosteuropa unter den Bedingungen der Vorkriegszeit ohne nennenswerten oder belegbaren Widerhall. In der Emigration selbst konnte Grossmann, abgesehen von mehreren Rezensionen in der Zeitschrift für Sozialforschung (1934–1941) sowie einem kürzeren Lexikonbeitrag in der Encyclopaedia of the Social Sciences (1934), lediglich vier Schriften bis 1948 publizieren, davon nur zwei in englischer Sprache und von den beiden deutschsprachigen eine ausschließlich in Form eines in 40 Exemplaren hektographierten Typoskripts. Auch im Dietz-Verlag in der DDR, wohin Grossmann nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges und der heraufziehenden McCarthy-Ära in den USA ging, um in der ihm noch verbleibenden Lebenszeit als Hochschullehrer in Leipzig zu wirken, erschienen zwei zur Veröffentlichung vorgelegte Manuskripte – eine überarbeitete Version von ökonomischen Artikeln aus den Jahren 1929 und 1932 sowie eine deutsche Fassung seines 1948 auf Englisch erschienen Beitrags über Playfair – nicht.2 Abgesehen von den in wenigen Bibliotheken zugänglichen Arbeiten aus der Zeit vor 1933 blieben somit die realsozialistischen Länder im sowjetischen Einflussbereich frei von der Darbietung einer Textgrundlage seiner Schriften. Von diesem Befund nur scheinbar ausgenommen war jeweils auch die Situation in der Tschechoslowakei und in Jugoslawien nach 1945: Die in Prag 1946 publizierte Fassung des Aufsatzes „The Evolutionist Revolt against Classical Economics“, Übersetzer war erneut Ji í Stolz, erfolgte noch vor der mit dem Februarumsturz 1948 einsetzenden Machtübernahme der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KS ), zudem erschien die in Belgrad 1956 vorgelegte serbokroatische Ausgabe des Hauptwerks „Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems“, Übersetzerin war wiederum Mara Fran, seinerzeit bereits mehrere Jahre nachdem Tito in Jugoslawien 1948 mit Stalin gebrochen hatte. Grossmanns theoretischer Ansatz erwies sich demzufolge vom Dogmatismus des Marxismus-Leninismus unbelastet, als es zu einer Wiederaneignung seiner Schriften im Gefolge der seit Ende der 1960er Jahre hervortretenden Neuen Linken, zunächst in Deutschland und Westeuropa, sodann auch in Ländern der ökonomischen Semiperipherie wie Indien und Mexiko kam. Trotz aller theoretischen Heterogenitäten und spezifischen Unvereinbarkeiten im Detail bestand die verbindende Klammer dieser neuen politischen Bewegungen in einer Abgrenzung von den Hauptströmungen der klassischen linken Parteien, sowohl von jenen der etablierten Sozialdemokratie als auch von jenen des realsozialistischen Kommunismus. Führt man sich im Nachhinein die Rezeption des Grossmannschen wissenschaftlichen Werks nach Editionen in der zeitlichen Gesamtheit vor 9 Augen – sie wird im Anschluss an diese Einführung in Tabelle 13 wiedergegeben –, so besaß dieser in den 1970er Jahren ohne Zweifel eine einschlägige Konjunktur. Zu dieser trugen seinerzeit auch Personen bei, die wie Joschka Fischer (Jg. 1948), 1971 Übersetzer der Schrift „The Evolutionist Revolt against Classical Economics” aus dem Jahr 1943, später führender Politiker der Grünen und deutscher Außenminister, sowie Rocco Buttiglione (Jg. 1948), 1977 Verfasser einer Einleitung zur italienischen Übersetzung des Grossmannschen Hauptwerks, später persönlicher Berater von Papst Johannes Paul II., Politiker der Christdemokraten und unter anderem italienischer Europaminister, einen herausgehobenen politischen Bekanntheitsgrad erst nachmalig entfalten sollten.4 Ein kurzer Blick auf den internationalen Verbreitungsgrad des Hauptwerks verdeutlicht exemplarisch das Ausmaß dieser Konjunktur: Abgesehen von den bereits erwähnten Sonderbedingungen in der Entstehung der japanischen und der jugoslawischen Version bildete die deutsche Neuausgabe von 1967 (Neuauflage 1970) die Vorlage für Übersetzungen ins Italienische (Rom 1977) und Spanische (Mexiko 1979). Eine erste auszugsweise Übersetzung ins Englische erschien zudem Ende der 1970er Jahre an entlegenem Ort durch die der stalinistischen Orthodoxie in der indischen Linken entgegentretende Gruppe Platform Tendency (Bombay 1979).5 Ihr Mentor war Jairus Banaji, der 1992 auch als Übersetzer für die in London bei Pluto Press publizierte, nun breiter rezipierte englische Ausgabe in Buchform (ebenfalls gekürzt) zeichnete. Zuletzt, ebenso auf Basis der englischen Edition sowie infolge der Asienkrise von 1997/98 und der sich anschließenden Studentenproteste gegen die Suharto-Diktatur erschien eine indonesische Übersetzung in Jakarta 2002. Neben der vermeintlichen realsozialistischen Unbelastetheit dürfte dar- über hinaus ein weiteres Bedingungsgefüge maßgebend für die Wiederaneignung der Grossmannschen Schriften gewesen sein, das umgekehrt zugleich die Prämissen für den Sachverhalt enthielt, dass diese nicht nachhaltig blieb und sein Werk jenseits der Wahrnehmung in studentischen Lesezirkeln und in Darstellungen der Dogmengeschichte keinen Eingang in die ökonomische Fachdiskussion fand. Neuheraufziehende ökonomische Krisenerfahrungen, wie sie sich beispielsweise in Deutschland und Westeuropa mit dem Auslaufen der Nachkriegsprosperität in der ersten Hälfte der 1970er Jahre zeigten, ließen zwar nach theoretischen Selbstvergewisserungen suchen, trafen aber mit dem Abflauen der Krise im weiteren Zeitverlauf aufgrund des dominierenden Zusammenbruchspostulats auf keinen hinreichenden Erklärungsgrund. Grossmann differenzierte politisch wie theoretisch allein zwischen Beschleunigung und Verlangsamung der ökonomischen Zusammenbruchstendenz. Diese schien durch die Weltwirtschaftskrise von 1929 evident, war selbst aber von ihm nicht 10 empirisch belegt, sondern aus einer Akkumulationsprognose abgeleitet. An einer Überprüfung und Fortentwicklung seines Ansatzes zu einer Konjunkturtheorie längerfristiger Wachstumsphasen zeigte er kein Interesse. Noch 1941 erklärte er diesbezüglich in einer eingehenderen Besprechung von Joseph Schumpeters 1939 erschienener umfangreicher Schrift „Business Cycles“ lapidar, das „zentrale Problem“ der Überakkumulation und der Endlichkeit des ökonomischen Systems sei von diesem nicht erfasst worden, sodass es unnötig sei, auf die von Schumpeter zur Illustration seiner Theorie präsentierten statistischen und historischen Daten einzugehen. Innovationen à la Schumpeter, der in seiner Schrift ein Dreizyklenschema unter Rückgriff auf kurz-, mittel- und langfristige Kitchin-, Juglar- und Kondratieffwellen entwarf, waren für Grossmann kein Thema, dem empirisch nachzugehen war oder das gar Anlass zur nachträglichen Korrektur bot.6 Zugleich war Grossmann unveränderlich davon überzeugt, eine innere Kohärenz in der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie nachweisen zu können und die Rekonstruktion eines authentischen oder wahren Marx‘ zu belegen. Spätestens seit der philologischen Wende in der Marx-Engels-Edition und mit der inzwischen abgeschlossenen II. Abteilung („‚Das Kapital‘ und Vorarbeiten“) in der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA2) jedoch lässt sich eine solche Funktionalisierung des Marxschen Werks nicht länger aufrechterhalten.7 Vielmehr zeigt die Textphilologie, dass dieses Unterfangen in den ökonomischen Arbeiten von Marx selbst keinen Rückhalt findet, da im Falle des „Kapitals“ weder von einem abgeschlossenen Werk noch von einem in sich geschlossenen dreibändigen Werk zu sprechen ist. Stattdessen dokumentiert sich in ihm qualitativ und quantitativ ein unabgeschlossener Forschungsprozess, kann von einer finalen Theoriebildung in keiner Hinsicht die Rede sein und ist selbst das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate, auf das sich Grossmann in seiner Zusammenbruchsprognose wesentlich stützte, analytisch strenggenommen nicht zur Veröffentlichung geeignet gewesen.8 Insofern sind die Grossmannschen Gewissheiten in der Marx-Exegese, die immer auch mit einer Politisierung des Werks verbunden waren, aufgrund der Textgrundlage heute nicht mehr zeitgemäß und bedürfen der Historisierung. Im Zentrum der vorliegenden Auswahl an nachgelassenen Schriften stehen politökonomische Arbeiten von Henryk Grossmann. Sie fokussieren zum überwiegenden Teil auf den Status der Marxschen Werttheorie und insonderheit auf das Problem der Wert-Preis-Transformation bei Marx. Weitere Abhandlungen gelten konzeptionellen Überlegungen zu den ökonomischen Bedingungen des deutschen Faschismus und zu wissenschaftshistorischen Themen. Letztere bildeten seit den 1930er Jahren einen weiteren Schwerpunkt in Grossmanns spätem wissenschaftlichen Wirken. 11 Die abgedruckten Schriften entstammen dem Bestand des im Warschauer Archiv der Polnischen Akademie der Wissenschaften (APAN) geführten Teilnachlasses von Grossmann.9 Gegenüber der Reichhaltigkeit und dem Umfang des dort archivierten Materials allerdings geben sie lediglich einen begrenzten Ausschnitt aus dessen tatsächlicher wissenschaftlicher Hinterlassenschaft wieder. Daher sei an dieser Stelle auf folgende Positivkriterien hingewiesen, die für eine Aufnahme in die Publikation maßgebend waren. Auswahlkriterium Nr. 1 war ein rein formales: Die aufzunehmenden Arbeiten mussten in Form eines maschinenschriftlichen Manuskripts (im Folgenden: Typoskript) vorliegen. Auswahlkriterium Nr. 2 war ein inhaltliches: Die dem ersten Kriterium entsprechenden Schriften mussten eine relative Abgeschlossenheit in der thematischen Darlegung erkennen lassen. Von diesen Vorgaben wurde in zwei Fällen abgewichen. Es sind dies das hier nicht aufgenommene Typoskript „Universal Science versus Science of an Élite. Descartes’ New Ideal of Science“ (128, IV S.), dessen Publikation unter abgewandeltem Titel durch Gideon Freudenthal (Universität Tel Aviv) und Peter McLaughlin (Universität Heidelberg) inzwischen andernorts erfolgte,10 sowie das lediglich auszugsweise wiedergegebene Typoskript „Marx und die Klassische Ökonomie oder Die Lehre vom Wertfetisch“ (VII, 192 S.), das in einer vollständigen Version bislang lediglich in einer antiquarisch zu erwerbenden Fassung vorlag bzw. zeitweilig vorgelegen hat.11 Im Einzelnen wurden folgende Arbeiten in die Publikation aufgenommen: 1. Zum Abschluss des Streites um die Wert- und Preisrechnung im Marxschen System (Eine Berichtigung des grundlegenden Fehlers bei von Bortkiewicz, Rosa Luxemburg und Otto Bauer): Das Typoskript, verfasst 1930,12 war ursprünglich als erster Teil eines zweiteiligen Aufsatzes konzipiert, dessen Publikation in Grünbergs „Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung“ erfolgen sollte. Gegenüber der dort tatsächlich veröffentlichten Schrift „Die Wert-Preis-Transformation bei Marx und das Krisenproblem“ (1932) jedoch weist es keine nennenswerten Übereinstimmungen auf. Vielmehr steht es durch die Ausrichtung an den vorangegangenen Beiträgen zur Transformationsdebatte in einer größeren Nähe zur behandelten Materie. Bezeichnend für diesen und auch den nachfolgenden Text zur gleichen Problematik ist es, dass Grossmann als einer von wenigen (deutschsprachigen) Marxisten anzusehen ist, die frühzeitig und noch vor Paul M. Sweezy (1942) die durch Ladislaus von Bortkiewicz‘ Artikelserie zur Marxschen Wert- und Preisrechnung sowie dessen Korrektur (1906/07)13 entstandenen Herausforderungen für die marxistische ökonomische Theorie erkannten.14 Ist Grossmanns Position hier, neben der im Vordergrund stehenden Rezeption von älteren Beiträgen zu dieser Debatte, noch weitgehend darauf bezogen, Einwände gegen Bortkiewicz’ 12 Kritik und Korrekturversuch zu finden, so deuten sich, gleichsam die eingeschlagenen Bahnen der vorangegangenen Problemperzeption verlassend, im nachfolgenden Typoskript erste Überlegungen zu einer eigenständigen analytischen Erfassung des Transformationsproblems an. 2. Das Problem der Durchschnittsprofitrate in der modernen volkswirtschaftlichen Theorie : Das Typoskript entstand 1932 im Rahmen von Grossmanns Lehrtätigkeit an der Universität Frankfurt am Main.15 Seine Autorschaft ist in diesem Fall nicht belegt. Wahrscheinlich, darauf lassen wenige handschriftliche Eintragungen im Typoskript schließen, handelt es sich um eine Vorlesungsnachschrift des Grossmann-Schülers Walter Braeuer.16 Nach Abschluss des Studiums der Volkswirtschaftslehre mit dem Grad eines Diplomvolkswirts in Berlin und Mannheim hatte er sich an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt zum Promotionsstudium eingeschrieben und dort Lehrveranstaltungen Grossmanns von 1930 bis Anfang 1933 besucht.17 Inhaltlich ist ansatzweise der Versuch zu erkennen, die Preisrechnung im Unterschied zu den Bedingungen der Wertrechnung als Nicht-Äquivalententausch zu erfassen und damit die Problemkonstellation der ricardianisch geprägten Rezeption der Marxschen Werttheorie zu verlassen. Ein Unterfangen, das partiell auch in der bereits erwähnten Publikation aus dem Jahr 1932 auffindbar ist und im Jahr 1937 in dem Typoskript „Marx und die Klassische Ökonomie oder Die Lehre vom Wertfetisch“ mit weiter konkretisierenden Einlassungen zur Dualität von Gebrauchswert- und Tauschwertebene fortgesetzt wurde. 3. Die Anfänge des Kapitalismus und die neue Massenmoral: Das Typoskript entstand 193418 im Rahmen von Grossmanns Auseinandersetzung mit Franz Borkenaus in der Schriftenreihe des Instituts publizierten Arbeit „Der Übergang vom feudalen zum bürgerlichen Weltbild“ (1934).19 Diese Konfrontation war ursprünglich umfassender angelegt,20 doch erschien zu Lebzeiten lediglich sein Aufsatz „Die gesellschaftlichen Grundlagen der mechanistischen Philosophie und die Manufaktur” (1935). Inhaltlich suchte Grossmann mit dem Text die von Borkenau akzeptierte These Max Webers von der besonderen Rolle der protestantischen Ethik für die Herausbildung des Kapitalismus zurückzuweisen. Auffällig an seinem Anliegen ist zum einen, dass er hier als Vertreter der in Webers Schrift „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“21 tatsächlich nicht aufzufindenden Kausalhypothese hervortritt,22 nach der der Kapitalismus aus der Wirtschaftsethik der protestantischen Religionen hervorgegangen sei. Diskussionsbedürftig zum anderen ist auch Grossmanns Charakterisierung von Religion als einem „Instrument der Ablenkung der Massen“. Bei Marx zumindest findet sich eine solch einlinige Zuschreibung nicht.23 13 Gehaltvoller, darin über seine Darlegungen zu Weber und Borkenau sicherlich hinausgehend, sind seine Darbietungen zur Bedeutung des Gewaltverhältnisses für den sich herausbildenden Kapitalismus und dessen religiösen Überbau. In Entsprechung zu Marx’ Analyse der ursprünglichen Akkumulation in England im I. Band des „Kapitals“ kann er ähnliche Bedingungen für eine Blutgesetzgebung auch am Beispiel Frankreichs, insbesondere unmittelbar zu Beginn des 17. Jahrhunderts, näher belegen. 4. Marx und die Klassische Ökonomie oder Die Lehre vom Wertfetisch [Auszug]:24 Das Typoskript, fertiggestellt 1937 in London und im Juli des Jahres institutsintern begutachtet,25 weist zwar im Titel Ähnlichkeiten mit der im Jahr 1942 in mimeographierter Form publizierten Schrift „Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik“ auf. Doch sind die inhaltlichen Unterschiede zu beträchtlich, um jenes lediglich als eine Vor- oder Zwischenversion zu betrachten. Substanziell suchte Grossmann mit der Arbeit die reine oder abstrakte Wertbetrachtung in der vorausgegangenen Marx-Exegese als „Wertfetisch“ zu destruieren und somit eine strikt anti-ricardianische Lesart der Marxschen ökonomischen Theorie zu begründen. In Ergänzung zur wertmäßigen Betrachtung des Akkumulationsprozesses in seinem Hauptwerk von 1929 galt sein Interesse nun der stofflichen Dimension und der technologischen Struktur des Arbeitsprozesses. Grossmanns Bemerkungen zu Gebrauchswert und Gebrauchsgestalt bei Marx und insbesondere seine Illustrationen zur einfachen Reproduktion fokussieren auf einen bis heute kaum beachteten Aspekt der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie: der Bedeutung von Mengen und Technologien in der Erfassung des Arbeits- und Verwertungsprozesses. Inwieweit dieser Ansatz tragfähig ist, fundamentale Defizite der Arbeitswerttheorie von Marx zu beheben, soll an dieser Stelle nicht beurteilt werden. Hingewiesen sei lediglich auf zwei zu klärende Aspekte. Zum einen muss sich das Preissystem auch unter Gleichgewichtsbedingungen – selbst wenn sich solche Grosssmann zufolge nicht dauerhaft, sondern immer nur zufällig ergeben – und uniformer Profitrate ebenso widerspruchsfrei ableiten lassen wie das System der Werte. Zum anderen wirft die deduzierte Antinomie zwischen Wert und Gebrauchswert zugleich die nicht-triviale Frage auf, weshalb die Analyse überhaupt auf der Ebene von Arbeitswerten geführt werden muss und ihren Ausgangspunkt nicht sogleich auf Basis von Mengen und Technologien nimmt. 5. Imperialismus. Entwurf: Das Typoskript ist undatiert. Anzunehmen ist, dass es 1940 verfasst wurde, als das emigrierte Institut für Sozialforschung in den USA sich Klarheit über die ideellen und ökonomischen Bedingungen des deutschen Faschismus zu verschaffen suchte und mehrere einander ähnelnde Forschungsprojekte zu Germany entworfen hatte, um Drittmittel einzuwerben.26 Inhaltlich werden in dem Text die Umrisse für ein 14 Forschungsvorhaben zu den ökonomischen Grundlagen des deutschen Imperialismus in seiner nationalsozialistischen Form skizziert. Ansatzweise deutlich tritt der Versuch hervor, mittels einer Analyse unterschiedlicher Rentabilitätsbedingungen in differierenden Industriezweigen und Anlagesphären verschiedene Kapital- und Interessenfraktionen innerhalb der Trägergruppen des deutschen Faschismus sichtbar zu machen. Warum das Forschungsvorhaben nicht umgesetzt wurde, ist nicht bekannt. Doch teilte es darin das Schicksal der Germany-Projekte des Instituts, die mangels finanzieller Förderungen gleichermaßen nicht zustande kamen. Als einzige größere Monographie über den deutschen Faschismus, die am Institut entstand, verblieb mithin allein Franz L. Neumanns „Behemoth“ (1942). Diese, im Manuskript bereits mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 fertiggestellt und 1944 in zweiter, wesentlich erweiterter Auflage erneut erschienen,27 als ihr Autor bereits für den US-Auslandsnachrichtendienst Office of Strategic Studies (OSS) tätig war, bildete nach den Worten Joseph Maiers, damals wissenschaftlicher Assistent des Instituts in New York, eine „Individualarbeit von Neumann“ zu der sich das institut „mit interessierter Distanz verhielt“.28 6. Der Einfluss des Maschinismus auf die Struktur der Cartesianischen Algebra : Das Typoskript, verfasst 1943,29 entstand im Rahmen der von Grossmann seit Anfang der 1940er Jahre wiederaufgenommenen Untersuchungen zu den gesellschaftlichen Bedingungen der mechanistischen Philosophie von Descartes. Seine zentrale These lautete nun, dass die Struktur der algebraischen Methode dem Aufbau der Maschinen nachkonstruiert sei, sie somit in ihrer Anwendbarkeit als Wissenschaft dem alleinigen Zugriff des Virtuosen- und Spezialistentums entzogen und der Masse der durchschnittlich intelligenten Menschen zugänglich gemacht wurde.30 Kennzeichnend für dieses Typoskript ist ferner, dass Grossmanns Überlegungen zu einem Zeitpunkt erfolgten, als Max Horkheimer und Theodor W. Adorno sich auf dem Weg zur parallel entstehenden „Dialektik der Aufklärung“ (1944)31 immer prononcierter von dem Programm einer aus wissenschaftlicher Rationalität zu gewinnenden Vernunft, das mit Descartes seinen Ausgangspunkt nahm, absetzten. Insofern umschließt die Schrift auch einen Subtext, dessen Bedeutung für die Interpretation der dargelegten Argumentation nicht gänzlich außer Acht gelassen werden kann. 7. Unanwendbarkeit der Funktionentheorie auf wichtige Gebiete der wirtschaftlichen Erscheinungen : Eine eindeutige Datierung des Typoskripts ist bislang nicht möglich. Dem Text selbst sind keine Hinweise auf den Entstehungszeitpunkt zu entnehmen. Möglicherweise entstand er Mitte der 1940er Jahre im Rahmen der Arbeit an einem nicht überlieferten größeren Buch über „die Marxsche Theorie u[nd] ihre Originalität“. In einem Brief an Walter Braeuer aus dem Jahr 1948 konkretisierte Grossmann dieses mit 15 dem Titel „Marx Ricardiensis?“ und einem Umfang von etwa 300 Seiten.32 Zuvor hatte er 1946 dem Verwaltungs- und Geschäftsträger des Instituts für Sozialforschung in einem Tätigkeitsbericht mitgeteilt, dass er die Arbeit an seinem „Buch über Marx“ fortgesetzt und auf Basis bereits geschriebener Teile ausgeweitet habe,33 so dass dieses Datum hier hilfsweise als Datierungsgrundlage herangezogen wird. Inhaltlich wird in dem Elaborat die bereits 1937 behauptete Dualität von Verwertungs- und Arbeitsprozess, von Tauschwert- und Gebrauchswertebene, erneut aufgegriffen, um eine Erklärung dessen zu geben, dass sich Marx bei der Erfassung des Reproduktionsprozesses nicht der Differential- und Integralrechnung bediente, sondern arithmetische Beispiele nutzte. Laut Grossmann ist zwar die wertseitige Betrachtung der ökonomischen Erscheinungen mithilfe der mathematischen Funktionentheorie möglich, etwa um die Gesetze der Profitrate zu untersuchen, nicht aber die Erfassung des dualistischen Produktionsprozesses in seiner Gesamtheit. Inwieweit seine Überlegungen mit aktuellen Befunden zu Marx‘ Verhältnis zur Mathematik und deren Anwendung in der Ökonomie kontrastieren, muss hier dem Urteil künftiger Forschung anheimgestellt bleiben, ebenso wie jene im Kontext der politischen Instrumentalisierung der Marxschen mathematischen Arbeiten im Stalinismus der 1930er Jahre zeitgeschichtlich einzuordnen sind. An dieser Stelle sei kursorisch lediglich auf Folgendes hingewiesen: Einerseits betrieb Marx, wie die jüngere Marxforschung belegt, ab dem Jahr 1878 intensivere mathematische Studien als jemals zuvor, somit mehr als ein Jahrzehnt nach Erstpublikation des I. Bandes des „Kapitals“ und möglicherweise um der mit William Stanley Jevons rasch voranschreitenden Mathematisierung der Ökonomie zu begegnen. Andererseits waren die mathematischen Manuskripte von Marx, Mitte der 1920er Jahre von Emil Julius Gumbel in Moskau transkribiert und in Teilen zur Veröffentlichung vorbereitet, Gegenstand der konstruierten Anklagepunkte gegen David Borisovi Rjazanov. Der von 1921 bis 1931 amtierende Direktor des Moskauer Marx-Engels-Institut und Herausgeber der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA), mit dem das Institut unter Carl Grünberg von 1924 bis 1928 Kooperationsbeziehungen zur Herausgabe dieser Edition unterhielt, hatte die Manuskripte aufgrund ungünstiger Beurteilungen von mehreren Mathematikern und Physikern in Hinsicht auf deren mathematische Qualität zunächst nicht zur Veröffentlichung freigegeben und in den Panzerschrank gelegt, wo sie 1931 bei den ideologischen Säuberungsprozessen gefunden und zu jenen Marx-Texten gezählt wurden, die der unmittelbar nach seiner Verurteilung 1938 erschossene Rjazanov angeblich der kommunistischen Weltbewegung vorenthalten hatte.34 16 Die von Grossmann in den wiedergegebenen Arbeiten erwähnte und zitierte Literatur ist heute zu einem erheblichen Teil nur noch schwer auffindbar. Aus diesem Grund wird sie in der vorliegenden Publikation als Anhang zu den Schriften aus dem Nachlass separat erfasst. Unter Varia aufgeführt finden sich zudem eine Erstübersetzung aus dem Polnischen zu einer frühen Schrift Grossmanns aus dem Jahr 1923 sowie ein bislang unveröffentlichter Brief von Max Horkheimer aus dem Jahr 1942. Erstere gilt dem Verhältnis in der Herausbildung von Nationalökonomie sowie sozialistischer Theorie und Bewegung vor dem Hintergrund der ökonomischen Entwicklung Polens im 19. Jahrhundert. Sie zeugt bezogen auf die Ursprünge und Genese in der Entwicklung ökonomischer Wissenschaft und sozialistischer Theorie von einer objektivistisch verkürzten Erfassung der Ideen- und Wissenschaftsgeschichte, wie sie später, insbesondere nach 1945, in den deterministischen Geschichtsvorstellungen des orthodoxen Marxismus-Leninismus vielfach hervortrat. Letzterer legt Zeugnis ab von der seit 1941/42 zu konstatierenden Zerrüttetheit im Verhältnis zum engeren Horkheimer-Kreis, insbesondere zu Friedrich Pollock. Nachdem ganz offenkundig noch zum Jahreswechsel 1939/40 zwischen Pollock und Grossmann ein gewisses Vertrauensverhältnis bestand, mittelbar nachweisbar in den auffindbaren Dokumenten zur Verwaltung der Institutsfinanzen,35 änderte sich dies in der Folgezeit rasch. Dazu beigetragen hatten Grossmanns mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 einsetzende Reorientierung an der Politik der Komintern, Pollocks Ausarbeitung einer Theorie des prinzipiell krisenfreien Staatskapitalismus, präsentiert in einer Sondernummer der „Zeitschrift für Sozialforschung“ Ende September 1941, sowie die lang anhaltenden, erst Anfang des Jahres 1942 beendeten Konflikte um die Veröffentlichung von Grossmanns Aufsatz „Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik“.36 Der Publikation angefügt sind ferner mehrere archivalische und bio-bibliographische Verzeichnisse sowie ein Dokumentenanhang mit Reproduktionen ausgewählter Materialien. Sie bilden zum überwiegenden Teil ein Ergebnis der im Rahmen der vorliegenden Arbeit durchgeführten Recherchen, reichen in Teilen zeitlich jedoch weiter zurück. Die Edition ist bestrebt, textkritischen Maßstäben gerecht zu werden. Folgende Richtlinien kamen zur Anwendung: Die Wiedergabe der Textkorpora erfolgte in Anlehnung an das jeweilige Original. Eine Ausnahme bildete die Vorlesungsnachschrift „Das Problem der Durchschnittsprofitrate in der modernen volkswirtschaftlichen Theorie“. Hier waren zur besseren Lesbarkeit typographische Eingriffe in die Textdarbietung erforderlich. Ferner wurden Hervorhebungen von Grossmann einheitlich kursiv ge- 17 setzt sowie doppelte Unterstreichungen durch Kursivsetzung mit einfacher Unterstreichung kenntlich gemacht. Alle Zitate wurden zudem anhand der benannten Originalquellen überprüft und bei Abweichungen entweder durch Ergänzungen bzw. Auslassungszeichen in eckigen Klammern „[…]“ im Text kenntlich gemacht oder aber im Falle von komplexeren Textabweichungen in zusätzlichen Endnoten verzeichnet. In Form von Endnoten wurden darüber hinaus fehlende Quellenangaben nachgewiesen sowie seltene und heute nur schwer zu belegende Marx-Zitate ausgewiesen, dies soweit möglich nach der historisch-kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA2). Beibehalten wurden von Grossmann vorgenommene Vereinheitlichungen oder Modernisierungen der Orthographie in Zitaten aus Texten von Marx, aber auch von Descartes, letztere zum überwiegenden Teil nachgewiesen nach der wissenschaftlich maßgebenden Ausgabe „Œuvres de Descartes“ von Charles Adam und Paul Tannery. Stillschweigende Korrekturen, für eine lesefreundliche Darbietung der edierten Texte mithin unvermeidlich, erfolgten nur dort, wo offensichtliche Flüchtigkeits- oder Zeichensetzungsfehler vorlagen und solche nicht als variierbar oder mehrdeutig gelesen werden können. Im Anmerkungsapparat schließlich kennzeichnet der Gebrauch eines Schrägstrichs „/“ in der Wiedergabe von Zitaten einen Absatz im Original. Die Arbeit am Manuskript zu den nachfolgend wiedergegebenen Schriften, Materialien und Dokumenten wurde im Winter 2006/07 abgeschlossen. Danach blieb es, obgleich nahezu druckfertig, aufgrund anderer Tätigkeiten liegen und versank für annähernd zehn Jahre in den digitalen Speichern artifizieller Alterung unterworfener Softwareprogramme, aus denen es mit Mühen erneut befreit werden musste. Für die vorliegende Publikation wurden lediglich die Bibliographie im Register um inzwischen neu hinzugekommene Editionen einiger Schriften von Grossmann aktualisiert sowie die Rubrik Varia um die deutsche Übersetzung eines polnischen Aufsatzes aus dem Jahr 1923 ergänzt. Zudem wurde der Anmerkungsapparat nach den Regeln der reformierten deutschen Rechtschreibung überarbeitet. Alle anderen Beiträge spiegeln im Wesentlichen den genannten Redaktions- und Bearbeitungsstand wider. Seinerzeit nicht berücksichtigt werden konnte die 2007 annähernd zeitgleich erschienene Grossmann-Biographie von Rick Kuhn. Sie bietet insbesondere für den Zeitraum bis 1925 zahlreiche neue Erkenntnisse, weist zugleich aber nicht unerhebliche Defizite auf. Ein gravierender Mangel, darauf wurde bereits andernorts hingewiesen,37 besteht in der fehlenden wissenschaftlichen Distanz ihres Autors zum Gegenstand der Betrachtung. Gleich eingangs im Vorwort irritiert dieser mit der lediglich oberflächlich ins Metaphorische enthobenen Bemerkung, seine Arbeit an der Biographie Grossmanns habe ebenso einer Suche nach den eigenen historischen und 18 politischen Wurzeln als Person und Sozialist gegolten.38 Die darin aufscheinende Identifikation mit dem Forschungsgegenstand ist in der Summe allerdings mit einer weitgehend einlinigen Darstellung verbunden und in Teilen mit einer bewusst selektiven Lesart von Quellen und Forschungsliteratur erkauft.39 Insofern steht eine wissenschaftlichen Maßstäben gerecht werdende historisch-kritische Rekonstruktion des Lebens und Wirkens von Henryk Grossmann in seiner Gesamtheit weiterhin aus und bleiben die in den Beiträgen des Registers benannten Quellen und Verweise von Aktualität. Der Herausgeber dankt allen Personen und Institutionen, die ihn auf vielfältige Art und Weise mit Auskünften und Informationen bei der Publikation der vorliegenden Schrift unterstützt haben. Ein besonderer Dank für die Gewährung von Abdruck- und Nutzungsrechten gilt – teils stellvertretend für die von ihnen vertretenen Institutionen und Rechteinhaber – Anita Chodkowska (Archiwum Polskiej Akademii Nauk, Warschau), Dan Hirschberg (University of California, Irvine), Leslie A. Morris (Houghton Library, Cambridge, Mass.), Sandy Muhl (Universitätsarchiv Leipzig) sowie Gunzelin Schmid Noerr (Frankfurt a. M.). Ebenso gedankt sei Kirsten von Lehm (Universitätsbibliothek Frankfurt a. M.) für Transliterationen aus dem Jiddischen und Wolf Hannes Kalden (Deutsch-Japanische Gesellschaft, Wetter, Hess.) für solche aus dem Japanischen. Namentlich erwähnt für nachhaltige Unterstützung seien ferner: Jairus Banaji (School of Oriental and African Studies, University of London), Furio Cerutti (Dipartimento di Filosofia, Università degli Studi di Firenze), Inge Chmelicek (Universitätsbibliothek Mannheim), Wolf-Erich Eckstein (Israelitische Kultusgemeinde Wien), Leo Greenbaum (YIVO Institute for Jewish Research, New York), Rolf Harder (Archiv der Akademie der Künste, Berlin), David M. Hardy (U. S. Department of Justice, Washington, D. C.), Peter de Jonge (International Instituut voor Sociale Geschiedenis, Amsterdam), Kornelia Knospe (Archiv der Akademie der Künste, Berlin), Katrin Kokot (Deutsche Nationalbliothek, Frankfurt a. M.), Franka Köpp (Archiv der Akademie der Künste, Berlin), Bo ena Lazowska (Centralna Bibliotheka Statystyczna, Warschau), Gabriele Lohse (Staats- und Universitätsbibliothek Dresden), Jolanta Louchin (Archiwum Akt Nowych, Warschau), Heidrun Louda (Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich- Ebert-Stiftung, Bonn), Michael Maaser (Universitätsarchiv Frankfurt a. M.), Wolfgang Maderthaner (Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung, Wien), Dorota Minasz (Archiwum Glówny Urz d Statystyczny, Warschau), Fruma Mohrer (YIVO Institute for Jewish Research, New York), Manfred Mugrauer (Alfred Klahr Gesellschaft, Wien), Stephen Roeper (Archivzentrum der Universitätsbibliothek Frankfurt a. M.), Gary Roth (Rutgers-State University of New Jersey, Newark), Jochen Stollberg 19 (Archivzentrum der Universitätsbibliothek Frankfurt a. M.), Carl-Erich Vollgraf (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin), Ryszard Wojtkowski (Archiwum Pa stwowe m. st. Warszawy) und Tomasz Wro ski (Archiwum Pa stwowe w Krakowie). Ungeachtet dessen liegen die nachfolgend dargebotenen Texte, Materialien und Dokumente in ihrer Wiedergabe, Bearbeitung und Kommentierung in der alleinigen Verantwortlichkeit des Herausgebers. Nicht auszuschließende Fehler sind diesem zuzuschreiben. Berlin, im Dezember 2016 Jürgen Scheele 20 Tabelle 1: Verbreitungsgrad der Publikationen Henryk Grossmanns nach Editionen 1920 1930 1940 The Theory of Economic Crises UKPL 1925 Simonde de Sismondi et ses théories économiques FRPL 1924 Eine neue Theorie über Imperialismus und die soziale Revolution DE 1928 Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems DE 1929 JP 1932 Die Änderung des ursprünglichen Aufbauplans des Marxschen „Kapital“ und ihre Ursachen DE 1929 CS 1937 YU 1938 Wörterbuch der Volkswirtschaft (Beiträge) – Internationale – Die Fortentwicklung des Marxismus bis zur Gegenwart DE 1931–33 – DE 1931 DE 1932 – DE 1932 DE 1933 JP 1933 YU 1938 Die Goldproduktion im Reproduktionsschema von Marx und Rosa Luxemburg DE 1932 Die Wert-Preis-Transformation bei Marx und das Krisenproblem DE 1932 Die gesellschaftlichen Grundlagen der mechanistischen Philosophie und die Manufaktur DEF 1935 Clark, G. N.: Science and Social Welfare (Rez.) US F 1938 Schumpeter, Josef A.: Business Cycles (Rez.) US 1941 Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik DEUS 1942 The Evolutionist Revolt against Classical Economics US 1943 TCS 1946 21 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010 US 2000 IT 1972 DE 1971 DE ~1971 DE 1971 IT 1975 MX 1979 YU 1956 DE 1967 DE 1970 DEUS 1970 IT 1977 UK TIN 1979 MX 1979 YU 1983 MX 1984 TUK 1992 TID 2002 MX 2004 IT 2010 YU 1958 DE 1971 DE ~1971 YU 1974 IT 1975 UKIN 1978 MX 1979 UK 2013 TDE 1971 – DE 1971 DE 1977 – DE 1971 TDE 1982 – DE 1982 – DE 1982 – AUS 2013/14 DE 1971 DE ~1971 IT 1975 MX 1979 DE ~1969 DE 1971 DE ~1971 DE 1973 IT 1975 UKIN 1977/78 MX 1979 UKNL 2016 DE ~1970 UKIN 1977/78 IT 1978 UK 1987 UKNL 2009 UKNL 2009 US DE ~1971 DE 1962 DE 1969 DE ~1970 IT 1971 TNL 1972 TNL 1973 DE ~1974 FR 1975 DK 1975 UK 1977 US 2007 AUS 2015 US 1960 DE 1971 ES 1971 IT 1975 MX 1979 TUK/US 1990 UK/US 1991 22 * * * Verzeichnis der in den Erläuterungen benutzten Siglen: APAN: Archiwum Polskiej Akademii Nauk; DNB: Deutsche Nationalbibliothek/Deutsches Exilarchiv; LLA: Leo- Löwenthal-Archiv; MEGA2: Marx, Karl, Friedrich Engels: Gesamtausgabe (MEGA2). Berlin 1975 ff.; MHA: Max-Horkheimer-Archiv; MHGS: Max Horkheimer: Gesammelte Schriften. Hrsg. von Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid Noerr. 19 Bde. Frankfurt a. M. 1988–1996; UBL: Universitätsbibliothek Leipzig, Handschriftenabteilung. 1 Weitere Einzelheiten zu den japanischen Übersetzern zweier Arbeiten Grossmanns, darunter dessen mehr als 600 Seiten umfassendes Hauptwerk, sind der Biographischen Zeittafel im Register zu entnehmen. Zu Wittfogels Rolle in der antikolonialistischen Komintern-Organisation „Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit“ siehe jüngst: Petersson, Fredrik: “We Are Neither Visionaries Nor Utopian Dreamers”. Willi Münzenberg, the League against Imperialism, and the Comintern, 1925–1933. Diss. Åbo akademi [Turku], 2013. S. 131, 223 u. 327, Anm. 824. Mara Fran, Grossmanns Übersetzerin ins Serbokroatische, war seine Schülerin in Frankfurt. [Grossmann an Max Horkheimer, 30. Oktober 1935. MHA: VI 9. 361/362. Dort: „Mare Fran-Miši “.] Ji í Stolz, Übersetzer ins Tschechische, schließlich kannte Grossmann aller Wahrscheinlichkeit nach aus gemeinsamen Tagen des Exils in Frankreich und den USA. [Siehe hierzu, neben der in der Bibliographie im Register angegebenen Literatur, auch die biographischen Angaben zu Stolz in: Inventar zu den Nachlässen der deutschen Arbeiterbewegung. Für die zehn westdeutschen Länder und West-Berlin. Im Auftrag des Archivs der sozialen Demokratie der Friedrich- Ebert-Stiftung bearb. von Hans-Holger Paul. München, London, New York, Paris 1993. S. 196; Tomka, Petr: P edpoklady povále né obnovy eskoslovenské sociální demokracie. (The background of the post-war renewal of Czechoslovak Social Democracy.) Univerzita Karlova v Praze: Filozofická fakulta, Ústav politologie, 2008. S. 22.] 2 Siehe hierzu: Scheele, Jürgen: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. Studien zur politischen und intellektuellen Biographie Henryk Grossmanns (1881–1950). Frankfurt a. M., Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Wien 1999. S. 71 u. 231, Anm. 56. 3 Die Tabelle erfasst solche Schriften Grossmanns, die nach der Erstpublikation zu Lebzeiten in erneuten oder weiteren Auflagen (Übersetzung, Neuveröffentlichung, Reprint, Raubdruck) erschienen. Die Notationen benennen jeweils Land, Sprache und Jahr der Veröffentlichung. Weichen Erscheinungsland und -sprache voneinander ab, so ist das durch voranstehende hochgestellte Indizes kenntlich gemacht. Ein indexiertes T verweist auf das Vorliegen einer Teilver- öffentlichung. Folgende Abkürzungen wurden verwendet: AUS: Australien; CS: Tschechoslowakei; DE: Deutschland; DK: Dänemark; ES: Spanien; FR: Frankreich; ID: Indonesien; IN: Indien; IT: Italien; JP: Japan; MX: Mexiko; NL: Niederlande; PL: Polen; UK: England; US: USA; YU: Jugoslawien. Lesebeispiele: UKPL 1925 = (Erst-) Veröffentlichung in Polen 1925 in englischer Sprache; 23 USDE ~1980 = Reprint des in den USA erschienen englischen Originals in Deutschland ca. 1980. 4 Nähere Angaben zu den hier und im Folgenden erwähnten sowie zu den in Tabelle 1 verzeichneten Editionen sind der Bibliographie im Register zu entnehmen. 5 Zur politischen Verortung der Gruppe Platform Tendency siehe: Linden, Marcel van der: Foreword. In: Banaji, Jairus: Theory as History. Essays on Modes of Production and Exploitation. Leiden, Boston 2010. S. XI–XV. Dort: S. XIII. 6 Zu Grossmanns Erfassung der (politischen) Praxisdimension, dessen Schumpeter-Renzion und Schumpeters Dreizyklenschema siehe in nachfolgender Reihenfolge: Grossmann, Henryk: Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems. (Zugleich eine Krisentheorie). (Schriften des Instituts für Sozialforschung an der Universität Frankfurt a. M. Hrsg. von Carl Grünberg. Erster Band.) Leipzig 1929. S. 601; Grossman, Henryk: [Rezension von:] Schumpeter, Josef A.: Business Cycles. A theoretical, historical and statistical analysis of the capitalist process. 2 vol. New York 1939. In: Studies in Philosophy and Social Sciences. Vol. IX. No. 1. New York 1941. S. 181–189. Dort: S. 188; Schumpeter, Joseph A.: Konjunkturzyklen. Eine theoretische, historische und statistische Analyse des kapitalistischen Prozesses. Aus dem Amerikanischen von Klaus Dockhorn. Mit einer Einleitung von Cord Siemon. Göttingen 2010. S. 179–184. Siehe in diesem Zusammenhang auch den Hinweis von Werner Plumpe, wonach Grossmann im Grunde marginalistisch argumentiert und mittelbar Schumpeters vor 1914 erbrachten Nachweis aufgreift, dass nach der österreichische Grenznutzenschule Grenzkosten und Grenznutzen im zeitlichen Verlauf unter sonst gleichen Bedingungen konvergieren und zu ökonomischen Stillstand führen. [Plumpe, Werner: Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems. In: Honneth, Axel (Hrsg.): Schlüsseltexte der Kritischen Theorie. Unter Mitwirkung von Sandra Beaufaÿs, Rahel Jaeggi, Jörn Lamla und Martin Hartmann. Institut für Sozialforschung. Wiesbaden 2006. S. 160–163. Dort: S. 163.] 7 Siehe hierzu: Hubmann, Gerald: Philologische Wende. Geschichte und aktuelle Arbeit an der Marx-Engels-Gesamtausgabe. In: Information Philosophie. 36. Jg. H. 4, Oktober 2008. S. 56–60. 8 Siehe hierzu: Hubmann, Gerald, Regina Roth: Die „Kapital“-Abteilung der MEGA. Einleitung und Überblick. In: Marx-Engels-Jahrbuch 2012/13. Hrsg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung Amsterdam. Berlin 2013. S. 60– 69. Dort: S. 66; Heinrich, Michael: Marx‘ Ökonomiekritik nach der MEGA. Eine Zwischenbilanz nach dem Abschluss der II. Abteilung. In: ebd. S. 144–167. Dort: S. 167; sowie Kurz, Heinz D.: Das Problem der nichtintendierten Konsequenzen. Zur politischen Ökonomie von Karl Marx. In: ebd. S. 75–112. Dort: S. 103. 9 Die hier und im Anschluss an die Textdarbietungen wiedergegebenen APAN- Signaturen folgen dem Stand von 1994. Ein detaillierteres Verzeichnis des dort geführten, seinerzeit erst vorläufig erschlossenen Materials findet sich in: Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 239–243. 24 10 Grossmann, Henryk: Descartes and the Social Origins of the Mechanistic Concept of the World. In: Freudenthal, Gideon, Peter McLaughlin (eds.): The Social and Economic Roots of the Scientific Revolution. Texts by Boris Hessen and Henryk Grossmann. Dordrecht u. a. 2009. S. 157 229. 11 Diese Fassung trägt den (noch unkorrigierten) Titel „Marx und die Klassische Oekonomie oder Die Lehre vom Kapitalfetisch“. Sie wurde vor geraumer Zeit zusammen mit einem von Gerhard Meyer (1903–1973) erstellten Gutachten „Einige allgemeine Bemerkungen zu Grossmann: Marx und die klassische Ökonomie“ von einem US-amerikanischen Antiquariat zum Kauf angeboten. Letzteres trägt den handschriftlichen Vermerk „received July 3, 1937“ und ist, abgesehen von zusätzlichen handschriftlichen Eintragungen an den Seitenrändern, text- und seitenidentisch mit der im Max-Horkheimer-Archiv aufbewahrten Version [MHA: VI 9. 268–278]. Darüber hinaus enthielt das antiquarisch angebotene Konvolut einen 3-seitigen handschriftlichen Aufriss mit der Überschrift „Grossmann: Marx u. d. klassische Nat.Oek“ zu wesentlichen Inhalten dieser Arbeit, datiert „June 13, 1937“. 12 Zur Datierung siehe die Formulierug „seit 24 Jahren unbeantwortet“ [hier: S. 79] unter Bezugnahme auf Bortkiewicz’ ersten Artikel aus dem Jahr 1906 in einer Fußnote. 13 Bortkiewicz, L[adislaus] v[on]: Wertrechnung und Preisrechnung im Marxschen System. Erster Artikel. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. Tübingen. N. F. Bd. 23. 1906. S. 1–50; Zweiter Artikel. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. Tübingen. N. F. Bd. 25. 1907. S. 10–51; und [von Grossmann allerdings nicht rezipiert] Dritter Artikel. In: ebd. S. 445–488; sowie ders.: Zur Berichtigung der grundlegenden theoretischen Konstruktion von Marx im dritten Band des „Kapital“. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik. Jena. Dritte Folge. Bd. 34. 1907. S. 319–335. 14 Sweezy, Paul M. : The Theory of Capitalist Development. Principles of Marxian Political Economy. New York 1942. S. 109–130. Vor Grossmann hatte 1929 bereits die ebenfalls polnischstämmige, jedoch überwiegend in der deutschsprachigen Schweiz lebende marxistische Nationalökonomin Natalie Moszkowska (1886–1968) auf Bortkiewicz’ Beiträge zur Debatte Bezug genommen. [Moszkowska, Natalie: Das Marxsche System. Ein Beitrag zu dessen Ausbau. Berlin 1929. Dort: S. 24–27. Das Vorwort zu ihrer Schrift trägt die Datumsangabe: „Sommer 1925“!] Ihr nachhaltiger Beitrag zur quantitativen Diskussion des Transformationsproblems besteht darin, dass sie eine partielle Vorwegnahme des später sogenannten Invarianzpostulats formulierte. [Ebd. S. 19. Zur Formalisierung des Invarianzpostulats siehe: Seton, Francis: The „Transformation Problem“. In: Review of Economic Studies. Vol. 24. 1954. S. 149–160.] Conrad Schmidt (1863–1932), der Friedrich Engels noch persönlich kennengelernt hatte und sich bereits 1889 mit der Transformationsproblematik befasste [Schmidt, Conrad: Die Durchschnittsprofirate auf Grundlage des Marx’schen Werthgesetzes. Stuttgart 1889], hingegen erwähnte die „mit schwerem Formelkram belasteten, aber prinzipiell interessanten Ausführungen“ Bortkiewicz‘ 1908 nur beiläufig [Schmidt, Conrad: Werttheorie. In: Sozialistische Monatshefte. Heraus- 25 geber Josef Bloch. Berlin. 1908. Bd. 1. S. 322–324. Dort: S. 324], war gleichzeitig aber damit beschäftigt, einen eigenen, 1909 erschienenen Lösungsversuch zu formulieren. Dort erfasste er die zu bewältigenden Probleme nicht mathematisch, sondern diskursiv und antizipierte in Teilen den später von Piero Sraffa (1960) vorgelegten Lösungsvorschlag. [Siehe hierzu: Scheele, Jürgen: Politische Ökonomie und Theoriegeschichte der Arbeiterbewegung im sozialphilosophischen Komparativ. Zur Auseinandersetzung mit Conrad Schmidt. In: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung. 15. Jg. Nr. 60, Dezember 2004. S. 70–85. Dort: S. 75–77.] Zu zwei weiteren in dieser frühen Phase auf Bortkiewicz Bezug nehmenden deutschsprachigen Beiträgen aus den Jahren 1922 und 1936 siehe: Howard, M. C., J. E. King: A History of Marxian Economics. Volume II, 1929– 1990. Basingstoke, London 1989. S. 231. 15 Zur Datierung siehe die Formulierung „25 Jahre lang blieben die zweifellos einer Beachtung würdigen Einwände B.’s unbeachtet“ [hier: S. 115] unter Bezugnahme auf Bortkiewicz’ zweiten Artikel aus dem Jahr 1907 sowie Grossmanns gleichnamige Vorlesung aus dem Sommersemester 1932 im Verzeichnis der Vorlesungen und Seminare im Register. 16 Braeuers Autorschaft legt ein Vergleich von handschriftlichen Eintragungen in Form von wenigen Ergänzungen sowie der nachträglich hinzugefügten Paginierung im Typoskript mit Marginalien von seiner Hand in zwei Schriften aus dem Bestand seiner ehemaligen Bibliothek nahe. Es sind dies die, jeweils mit dem Namenszug „Walter Braeuer“ auf dem Innentitel versehenen, heute im Besitz der Bibliothek Politikwissenschaft an der Universität Marburg sich befindenden Publikationen: Sternberg, Fritz: Eine Umwälzung der Wissenschaft? Kritik des Buches von Henryk Großmann: Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems. Zugleich eine positive Analyse des Imperialismus. Berlin: R. L. Prager, 1930; ders.: Der Niedergang des deutschen Kapitalismus. Berlin: Rowohlt, 1932. 17 Mitteilung Walter Braeuers in einem Gespräch mit d. Hrsg. in Marburg, 9. Juni 1991. Zur Biographie Braeuers generell siehe ferner: Fülberth, Georg: Widerstand und Gelehrsamkeit: Walter Braeuer. In: Antifaschismus. Hrsg. von Frank Deppe, Georg Fülberth und Rainer Rilling. Heilbronn 1996. S. 208–217; ders.: Zur Biografie von Walter Braeuer (1906–1992). In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Berlin. 42. Jg. (2000). H. 3. S. 116–119. 18 Die Datierung erfolgt hier nach der von Grossmann mit der Datumsangabe „23/7/34“ versehenen Inhaltsübersicht „Der Cartesianismus und die Manufaktur“ [MHA: VI 9. 409] sowie der Erwähnung in Grossmanns Brief an Max Horkheimer vom 16. Oktober 1934 [MHGS 15. S. 244. Dort erwähnt als „Kapitel über die neue Moral“]. 19 Borkenau, Franz: Der Übergang vom feudalen zum bürgerlichen Weltbild. Studien zur Geschichte der Philosophie der Manufakturperiode. (Schriften des Instituts für Sozialforschung. Herausgegeben von Max Horkheimer. Vierter Band.) Paris 1934. 26 20 Die in Erl. 18 genannte Inhaltsübersicht benennt unter „Teil I.“ die Abschnitte „Einleitung“ (mit Ausführungen zu Borkenaus Theorie und Methode), Kapitel 1 „Die Anfänge des Kapitalismus und das Verlagssystem“, Kapitel 2 „Der Kapitalismus der Renaissancezeit“, Kapitel 3 „Die Manufaktur“, Kapitel 4 „Die Anfänge des Kapitalismus und die neue Massenmoral“ sowie unter „Teil II.“ den Abschnitt „Ursprung des cartesianischen mechanistischen Weltbildes“. [MHA: VI 9. 409.] 21 Weber, Max: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. In: ders.: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I. Tübingen 1920. S. 17–206. 22 Siehe hierzu: Kaufhold, Karl Heinrich: Protestantische Ethik, Kapitalismus und Beruf. Überlegungen zu Max Webers Aufsatz aus der Sicht der Wirtschafts- und Sozialgeschichte. In: ders., Guenther Roth, Yuichi Shionoya: Vademecum zu einem Klassiker ökonomischer Rationalität. Düsseldorf 1992. S. 69–91. Dort: S. 87–91. Zugleich sei darauf hingewiesen, dass Webers Schrift Grossmann, wie aus einem Schreiben an Leo Löwenthal hervorgeht, zu diesem Zeitpunkt in Paris nicht zugänglich war. [Grossmann an Leo Löwenthal, 13. August 1934. LLA: A 325. 85.] 23 Marx’ bekanntestes Diktum zur Religionskritik lautet: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“ [Marx, Karl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. In: MEGA2 I/2. S. 170–183. Dort: S. 171.1–4.] Das Rauschmittel wird demnach nicht verabreicht, sondern die Menschen betäuben sich selbst; Religion ist mithin keine Zweckerfindung zur Herrschaftsausübung. Grossmanns Deutung hingegen legt ein Verständnis von Religion als Herrschaftsinstrument der herrschenden Klasse zur Unterdrückung der beherrschten Klasse nahe, wie sie mit der anstelle des Originals oft fälschlich gebrauchten Variation, Religion sei Opium für das Volk, verbunden ist. 24 Wiedergegeben werden hier die letzten 44 Seiten des Typoskripts [S. 148–192], davon 24 Seiten in einer gegenüber der unvollständigen APAN-Version rekonstruierten Fassung. Das im Inhaltsverzeichnis der Schrift [abgedr. in: Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 82/83] genannte Kapitel „17. Die Bedeutung der Arbeit bei Marx“ ist, davon zeugt ebenfalls die durchgängige, nicht unterbrochene Paginierung, nicht existent – mithin endet das 16. Kapitel „Marx‘ Verhältnis zu den Klassikern“ auf S. 187 und daran unmittelbar an schließt sich ab S. 188 der Anhang „Konkrete Illustration der Theorie am Beispiel der Berechnung der Profitrate“. 25 Zur Datierung siehe: Friedrich Pollock an Grossmann, 12. Juli 1937 [MHA: XXIII 11. 269–271] sowie Erl. 11. 26 Die Formulierungen im Typoskript „das Phänomen des deutschen Imperialismus in seiner heutigen Gestalt – mit seiner spezifischen Aggressivität und Stosskraft“ und „Welteroberungsfeldzug des nationalsozialistischen Imperialismus“ [hier: S. 187] legen lediglich einen Entstehungszeitpunkt nach Beginn des mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 erfolgenden 27 Eintritts in den Zweiten Weltkrieg nahe. Ein im APAN-Bestand des Nachlasses aufbewahrtes, 16 handgeschriebene Seiten umfassendes Manuskriptfragment zur selben Thematik hingegen, beginnend mit dem Satz: „Will man das Phaenomen des deutschen Imperialismus in seiner jetzigen, bösartigen nationalsozialistischen Form nicht bloss als Ausfluss der besonderen Bösartigkeit der herrschenden Persönlichkeiten der nationalsozialistischen Führerklique betrachten, vielmehr sie aus den objektiv wirkenden tieferen Tendenzen der wirtschaftlichen Gesamtentwicklung Deutschland[s] verstehen [...]“, das inhaltlich an einigen Stellen über das Typoskript hinausreicht und zudem mit Literaturangaben versehen ist, enthält einen näheren, gleichwohl nur vage den frühestmöglichen Zeitpunkt aufzeigenden Datumshinweis in der Formulierung: „Endlich der Vorschlag von Sir Edward Grigg, des früheren Gouverneurs von Kenia, von November 1939 zur gemeinsamen Verwaltung von ganz Afrika im Interesse aller [r]ohstoffbeziehenden Staaten.“ [APAN, III-155, 34. Bl. 15.] Das vom Institut projektierte Forschungsvorhaben „The Collapse of German Democracy and the Expansion of National Socialism“ schließlich, in dem Grossmann unter „Appendix. The Qualification of the Institute“ als einer von mehreren Bearbeitern geführt wird, beinhaltet unter „Section One: Synthesis“ ein Unterkapitel „VI. New Imperialism“ mit Darlegungen, die in Teilen sowohl mit Grossmanns Befunden im hier wiedergegebenen Typoskript korrespondieren als auch einen Gleichklang mit Pollocks Primat des Staatskapitalismus herzustellen suchen. Es ist datiert mit: „September 15, 1940.“ [MHA: IX 169. 1a. Bl. 1/2, 35–39 u. 66.] 27 Neumann, Franz: Behemoth. The Structure and Practice of National Socialism. Toronto, New York, London 1942. S. IX. Die zweite Auflage erschien als: Second, revised edition, with new appendix. Toronto, New York, London 1944. 28 Zit. nach der Wiedergabe eines Gruppengesprächs mit Maier u. a. zu Neumann in: Erd, Rainer (Hrsg.): Reform und Resignation. Gespräche über Franz L. Neumann. Frankfurt a. M. 1985. S. 109. 29 Die Datierung erfolgt nach der Mappenaufschrift „23/II.43“, unter der das Typoskript im Warschauer Teilnachlass erfasst ist: APAN, III–155: 30. [Siehe hierzu: Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 241. Dort unter Ziffer: 30.1.] 30 Eine textidentische Version des Typoskripts trägt den (handschriftlich korrigierten) Titel: „La ‚Science Universelle’ von Descartes oder sein Kampf gegen das Spezialistentum“. [APAN, III–155: 30.] 31 Horkheimer, Max, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. In: MHGS 5. S. 13–290. 32 Grossmann an Walter Braeuer, 13. Januar 1948. [Abgedr. in: Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 249.] Siehe in diesem Zusammenhang auch das im APAN-Bestand enthaltene Inhaltsverzeichnis des ebenfalls nicht überlieferten Manuskripts „From Business-Cycles Towards Permanent Depression“, das sich aus drei Teilen zusammensetzen sollte: Part I. Marx ricardiensis. Part II. Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik. Part III. From Business-Cycles towards Permanent Depression. [Wiederg. in: ebd. S. 84, Anm. 17.] 28 33 Grossmann an Social Studies Association, 9. Mai 1946. [MHA: VI 9. 240.] 34 Siehe hierzu: Vollgraf: Das Kapital – bis zuletzt ein Werk im Werden. In: Marx- Engels-Jahrbuch 2012/13. Hrsg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung Amsterdam. Berlin 2013. S. 113–133. Dort: S. 129 u. 131/132. Zur Kooperation des Instituts mit Rjazanov und dem Moskauer Marx-Engels-Institut siehe: Erfolgreiche Kooperation: Das Frankfurter Institut für Sozialforschung und das Moskauer Marx-Engels-Institut (1924–1928). Korrespondenz von Felix Weil, Carl Grünberg u. a. mit David Borisovi Rjazanov, Ernst Czóbel u. a. aus dem Russischen Staatlichen Archiv für Sozial- und Politikgeschichte Moskau. Autoren: Rolf Hecker, Diethard Behrens, Galina Danilovna Golovina. (Beiträge zur Marx-Engels-Forschung, Neue Folge, Sonderband 2.) Berlin, Hamburg 2000. 35 Wie aus den Unterlagen zur Geschäftsführung des Instituts im Nachlass von Alice (1907–1993) und Joseph (1911–2002) Maier im Bestand der DNB hervorgeht, war Grossmann bis 1942 Mitglied der Société Internationale de Recherches Sociales (SIRES). Diese, 1933 in Genf gegründet, bildete die Nachfolgeeinrichtung der Gesellschaft für Sozialforschung als Verwaltungs- und Geschäftsträger des Instituts in der Emigration. Grossmann nahm an den Generalversammlungen der SIRES im April der Jahre 1939–1942 in New York als anwesendes Mitglied teil, auf jenen in den vorangegangenen Jahren 1936–1938 in Genf wurde er jeweils von einem notariell beglaubigten Repräsentanten vertreten. Zudem firmierte er mit Gründung der Hermann Weil Memorial Foundation am 26. Dezember 1939 neben Pollock als Trustee [Treuhänder]. Auf diese Stiftungseinrichtung wurden Teile des SIRES-Vermögens übertragen. Sie war als US-amerikanischer Inter-Vivos Trust konzipiert, einer Rechtskonstruktion, nach der die Trustees die volle Verfügungsgewalt über das Vermögen erhalten. Entsprechend wurden am 27. Dezember 1939 unter Grossmanns und Pollocks Verfügung zunächst 5.000.- USD und am Folgetag weitere 95.000.- USD transferiert, bevor am 30. Januar 1940 ersterer von seiner Trustee-Funktion wieder zurücktrat. Wie tief Grossmanns Einblicke in die Institutsfinanzen reichten, ist allerdings nur schwer abschätzbar. Doch dürften diese angesichts der von Pollock und Felix Weil in den USA errichteten komplexeren gesellschaftsrechtlichen Struktur zur Verwaltung der Wirtschaftsverhältnisse des Instituts auf einen Teilbereich beschränkt geblieben sein. Neben den genannten Gesellschaften bestanden ferner die Kurt Gerlach Memorial Foundation, ebenfalls in Form eines US-amerikanischen Trusts, sowie in der Rechtsform eines US-Unternehmens die Social Studies Association, Inc. Letztere übernahm nach 1939 auch die verwaltungstechnischen Funktionen der SIRES, bevor jene ab März 1942 durch Übertragung aller Rechte, Titel und Ansprüche ganz an deren Stelle trat. Den Geschäftsführungsunterlagen sind darüber hinaus weitere Kenndaten zu den bislang nicht erforschten Finanzverhältnissen des Instituts in der Emigration zu entnehmen, auf die hier kursorisch hingewiesen sei: Im Oktober 1935 wurde von der Hermann Weil‘schen Familienstiftung, gegründet 1922 in Schaffhausen (Schweiz), ein Kapitalbetrag im Gegenwert von 786,70104 kg Feingold [zeitgenössisch ca. 885.000.- USD] auf die SIRES übertragen. Felix Weil erklärte sich im November 1938 dazu bereit, die Kurt Gerlach Memorial Foundation einzurichten und mit 50.000.- USD zu dotieren, falls die SIRES im ersten Halbjahr des 29 Folgejahres einen Betrag in gleicher Höhe auf diese Stiftung übertrage. Die Jahresbilanz der SIRES, vorgelegt auf der 7. Generalversammlung der Gesellschaft am 29. April 1939 in New York, wies zum 31. Dezember 1938 eine Wertminderung des Gesamtvermögens in Höhe von 338.023.- USD aus. Zur Erklärung hieß es: „Die vorstehend aufgefuehrten realisierten Verluste sind in der Haupttendenz aus Boersenverlusten zu erklaeren und zu einem kleinen Teil aus Verwaltungskosten bei Untergesellschaften.“ [DNB: Nachlass Alice und Joseph Maier (EB 96/250). Dieser Bestand war zum Zeitpunkt der Sichtung noch ungeordnet. Für die voranstehende Erläuterung wurden unter anderem die Protokolle und Jahresberichte der SIRES-Generalversammlungen 1936–1941, beiliegende Notariatsverträge und Schreiben, das Trust-Agreement der Hermann Weil Memorial Foundation vom 26. Dezember 1939 sowie das Protokoll des dritten Jahrestreffens der Social Studies Association vom 2. März 1942 herangezogen. Das Zitat ist dem folgenden Dokument entnommen: Annual Report on the Balance Sheet and Income Expenses for 1938 presented to the 7th General Meeting of the Société Internationale de Recherches Sociales on April 29, 1939. Der Verlustbetrag in Höhe von „$ 338.023.-“ ist dort handschriftlich eingefügt.] 36 Zu Grossmanns erneuter Hinwendung zur Politik der Komintern ab 1941 siehe: Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 213/214. Die Zeitschrift des Instituts erschien seit 1939 unter dem Titel „Studies in Philosophy and Social Sciences“. Die Ausgabe 1941, No. 2, enthielt Pollocks Artikel „State Capitalism: Its Possibilities and Limitations“ [S. 200–225] und wurde auf einem der Publikation vorausgegangenen Werbefaltblatt als „Special Number on State Capitalism. Publication date: September 30, 1941“ beworben. [DNB: Nachlass Alice und Joseph Maier (EB 96/250).] Grossmanns Schrift erschien in mimeographierter Form Anfang des Jahres 1942 und auf dessen Insistieren mit einem Titelblatt, das sie als Institutsveröffentlichung auswies. Dem hatte sich Leo Löwenthal gegenüber Horkheimer brieflich noch am 21. Januar 1942 mit den Worten entgegengestellt, die Schrift sei: „a highly doctrinary treatise of very dubious scientific value in a language which is not the language of this institution and its members“. [MHGS 17. S. 252, Anm. 12.] 37 Roth, Gary: Review of Kuhn, Rick: Henryk Grossman and the Recovery of Marxism. In: H-German, H-Net Reviews. May, 2007. Abrufbar unter: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=13137 [Stand: 1. Oktober 2016]; Krätke, Michael R.: Review of: Kuhn, Rick. Henryk Grossman and the Recovery of Marxism. In: International Review of Social History. Volume 53, Issue 3, December 2008. S. 519–523. 38 Kuhn, Rick: Henryk Grossman and the Recovery of Marxism. Urbana, Chicago 2007. S. VII. 39 Dieses Diktum sei anhand weniger ausgewählter Kontexte – hier unter Hinweis auf weitere, dem Anmerkungsapparat zur Biographischen Zeittafel im Register zu entnehmenden Erläuterungen und Literaturangaben – konkretisiert: Kuhn entscheidet sich für die Schreibweise des Familiennamens in der polnischen und englischen Variation Grossman, statt der bis dato auch international in den Fachwissenschaften gebräuchlichen und vorherrschenden deutschen 30 Schreibung Grossmann. Die vorgebliche Begründung, Grossmann habe stets mit diesem Namenszug gezeichnet (S. 223/224, Anm. 4), kann nicht überzeugen. Zumindest während seiner Frankfurter Zeit, hier exemplarisch im Falle eines Briefes an die Vereinigung der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Hochschullehrer sowie einer Widmung auf einem Sonderabdruck aus dem Wörterbuch der Volkswirtschaft hervorgehoben, ist ebenfalls die Nutzung der Signatur Grossmann nachweisbar. [Grossmann an Albert Hesse, 29. Oktober 1930. UBL: Akten der Vereinigung der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Hochschullehrer (Nachl. 212); Widmung für Max Horkheimer auf dem Titelblatt „Die drei Internationalen“, 15. September 1931 (Privatbesitz).] Die Gesamtheit der bislang zugänglichen Quellenlage legt daher nahe, dass Grossmann selbst zwischen beiden Namensschreibweisen changierte, wobei er in der Frühphase in Galizien und Polen sowie später im Exil in Frankreich, England und in den USA, aber auch auf seiner letzten Lebensstation in Leipzig die Schreibung Grossman präferierte. Noch bei Einreise in die USA allerdings sind in amtlichen Dokumenten beide Schreibungen nachweisbar. Entsprechend verzeichnet ihn die Passagierliste der S. S. Normandie, mit der er von Southampton (England) kommend mit einem Touristenvisum nach New York reiste, unter Grossman [Datumseintrag: 9. Oktober 1937], während die Passagierliste der S. S. Siboney ihn, nun mit einem „Immigrant Visa“ aus Havanna (Cuba) kommend und in die USA wiedereinreisend, unter Grossmann führt [Datumseintrag: 7. Mai 1938]. In den Unterlagen zum US-Bevölkerungszensus 1940 hingegen lautet der Eintrag ebenso wie in den US-amerikanischen Einzugsregistrierungskarten zum Zweiten Weltkrieg aus dem Jahr 1942 sodann gleichermaßen nur noch Grossman. [Passenger and crew lists of vessels arriving at New York, 1897– 1942. NARA microfilm publication T 715. Washington, D. C.: National Archives and Records Administration. Roll 6063. Vol. 13053–13055. Oct. 14, 1937; und Roll 6151. Vol. 13241–13242. May 9, 1938; Sixteenth Census of the United States, 1940. Enumerated: April 17, 1940. NARA digital publication T 627. Records of the Bureau of the Census, 1790–2007, RG 29. Washington, D. C.: National Archives and Records Administration, 2012. Roll 2646; sowie United States World War II Draft Registration Cards, 1942. Microfilmed by the Genealogical Society, Salt Lake City, Utah. April 4, 2003. Film Nr. 004126295. Alle Dokumente sind abrufbar über das Datenbankportal: https://familysearch.org. Stand: 1. Oktober 2016.] Die benannten Differenzierungen in der Namensschreibung könnten unter Formalia subsumiert werden, bliebe nicht zu beachten, dass Grossmann 1905 im Widerhall von russisch-japanischem Krieg und erster russischer Revolution die Jüdische Sozialdemokratische Partei Galiziens ( PSD) als Abspaltung von der Polnischen Sozialdemokratischen Partei Galiziens (PPSD) mitbegründete sowie in dem sich an die Streikbewegung von 1905/06 anschließenden Abklingen von Revolutionswelle und Wirtschaftskrise Galizien 1906/07 zunächst für mehrere Monate und ab 1908 dauerhaft verließ und zeitlebens nicht mehr mit der Frage nach einer jüdischen Nationalität, darin im Unterschied zum Verhältnis von nationaler Frage und sozialistischer Politik, befasste. Zwar ist bekannt, dass Krakau zeitgenössisch eine Hochburg der nationalorientierten Sozialisten bildete 31 und dass sich seit Ende der 1860er Jahre mit der Autonomie Galiziens, in deren Folge das Polnische als Amtssprache anerkannt wurde, die Entwicklung hin zur jüdisch-polnischen Assimilation generell verstärkte, diese vor allem für Teile der jüngeren jüdischen Intelligenz attraktiv war und die Polonisierung insbesondere in der sozialistischen Bewegung als „ ‚rote Assimilation‘“ forciert hervortrat. [Strobel, Georg W.: Die Partei Rosa Luxemburgs, Lenin und die SPD. Der polnische „europäische“ Internationalismus in der russischen Sozialdemokratie. Wiesbaden 1974. S. 173/174; Wróbel, Piotr: The Jews of Galicia under Austrian–Polish Rule, 1869–1918. In: Austrian History Yearbook. Vol. 25. January 1994. S. 97–138. Dort: S. 116.] Doch wandte sich die PSD, wie Józef Buszko unter Bezugnahme auf deren Programmatik herausgearbeitet hat, explizit „gegen die Tendenz zur Polonisierung der Juden und zur Vernachlässigung des jüdischen Proletariats“. [Buszko, Józef: Dzieje ruchu robotniczego w Galicji Zachodniej (1848–1918). [Die Geschichte der Arbeiterbewegung in Westgalizien (1848–1918) .] Kraków 1986. S. 306.] Vor diesem Hintergrund ist die Nutzung der polonisierten Schreibung des Familiennamens in der Form Grossman zumindest erklärungsbedürftig. Nicht zuletzt weist ebenfalls die jüdische Namensforschung für Galizien allein die Schreibung des Familiennamens in der Diktion Grossmann nach. [Beider, Alexander: A Dictionary of Jewish Surnames from Galicia. Bergenfield, N. J. 2004. S. 239.] Auf den Namen Grossmann schließlich lautet auch der – Kuhn nach eigenen Angaben bekannte (S. 224, Anm. 6), von ihm weder reflektierte noch in der originären Schreibung mitgeteilte – Eintrag im jüdischen Geburtenregister der Stadt Krakau zu Chaskel [i. e. Henryk] Grossmann. Eine nicht tragfähige Projektion der lebensweltlichen Gegenwart in die Vergangenheit liegt zudem der Spekulation zugrunde, die Eltern Sara und Herz Grossmann hätten eine „unkoventionelle Beziehung“ (S. 2) geführt, möglicherweise sei der Vater, so heißt es weiter, noch mit einer anderen Frau verheiratet gewesen, als er bereits mit Sara, geb. Kurz, zusammenlebte. Anlass zu dieser Mutmaßung bildet für Kuhn der Sachverhalt, dass die zivile Eheschließung erst im Jahr 1887 erfolgte, weit nachdem alle sechs Kinder, die aus der Verbindung hervorgingen, geboren wurden. Doch zeigt ein näherer Blick auf die zeitgenössischen jüdischen Heiratsgepflogenheiten in Galizien, dass hierin nichts Ungewöhnliches vorlag, vielmehr die Zivilehe in vielen Fällen und aus einem Ensemble von Gründen – die gleichsam auf den administrativen Antisemitismus in der Habsburgermonarchie wie auf Praktiken der Obstruktion, diesen lebensweltlich zu unterlaufen, zurückverweisen – erst Jahre später nach der rituellen Trauung in einer Synagoge geschlossen wurde. Reichlich spekulativ ist ebenso die Aussage, Herz Grossmann sei als Geschäftsmann „sehr erfolgreich“ (S. 1) gewesen. Tatsächlich war der Vater von Beruf zunächst Schuhwichsfabrikant, später Schankwirt. Beides waren typische jüdische Unterschichtenberufe in Galizien. Allenfalls, zumindest bezogen auf Herz‘ Tätigkeit als Schankwirt, die für die Jahre 1879–1887 amtlich dokumentiert ist, zählten die Eigner von Schenken zur (keineswegs reichen) jüdischen Mittelschicht. Zwar ist nicht auszuschließen, dass der Vater nach 1887 eine weitere, mit höherem Einkommen und Prestige verbundene Tätigkeit ausübte, doch ist eine solche sachlich bislang nicht zu bele- 32 gen, verbleibt mithin in Kuhns Zuordnung der Familienverhältnisse zur Oberschicht oder, darin sich nicht eindeutig festlegend, zur reichen Mittelschicht eine Leerstelle. Eine stichhaltige Erklärung dafür, dass sich der Sohn, aus dieser sozialen und standesbezogenen Bande ausscherend, 1896 der sozialistischen Bewegung anschloss, wird dementsprechend nicht dargeboten. Die vorgeschlagene Datierung selbst hingegen erscheint stimmig oder zumindest nicht als gänzlich unwahrscheinlich. Das Jahr 1896 markierte in Galizien ebenso wie in Gesamtösterreich einen generellen Aufbruch und ein Erstarken in den Belangen der Arbeiterbewegung. [Bross, Jacob: The Beginning of the Jewish Labor Movement in Galicia. In: YIVO Annual of Jewish Social Science. Vol. V. Ed. by Koppel S. Pinson. New York 1950. S. 55–84. Dort: S. 81.] Kuhn allerdings setzt diese Datum nicht mit den psychosozialen Folgen des frühen Vaterverlustes durch den Sohn in Verbindung – der Tod des Vaters wird von ihm auf den 15. Juni 1896 datiert (S. 2) –, sondern beruft sich auf eine Schilderung von Cristina Stead (1902–1983). Demnach resultierte Grossmanns sozialistische Sozialisation in ihren Ursprüngen aus zeitgenössischen Erfahrungen nach soldatischen Übergriffen im Hofraum des väterlichen Wohnhauses und dessen Umfeld am 1. Mai 1896. Kuhn erhebt hier wie an vielen weiteren markanten Stellen Steads Schilderung umstandslos zur wichtigsten, explizit hervorgehobenen personalen Quelle seiner Grossmann-Biographie (S. 223, Anm. 1). Stead, eine seinerzeit in den USA lebende australische Schriftstellerin mit kommunistischen Überzeugungen, verarbeitete von ihr und ihrem Lebenspartner, dem deutschstämmigen Börsenmakler, Schriftsteller und marxistischen Ökonomen William James („Bill“) Blake (1894–1968), mit Grossmann in den 1940er Jahren im New Yorker Exil geführte Gespräche in literarischen Notizen. Inwieweit in ihnen Mythologie und Selbstmythologie eine Verbindung eingingen, sowohl in Grossmanns retrospektiver Schilderung als auch in Steads bearbeitender Wiedergabe derselben und umgekehrt, darüber räsoniert Kuhn nicht. Stattdessen setzt er diese als originär und authentisch, spricht ihnen einen explizit dokumentarischen Charakter zu, ohne sie mit der zugänglichen Quellenlage und Forschungsliteratur abzugleichen, philologisch zu bewerten und historisch-kritisch einzuordnen. Auch die Darstellung der frühen politischen Betätigung in der sozialistischen Bewegung Krakaus kann nicht befriedigen. Lediglich als in ihrem politischen Wirken nicht näher beleuchtete Randfiguren treten darin Karl Radek (1885– 1939) und Feliks Dzier y ski (1877–1926) in Erscheinung. Tatsächlich aber war deren Einfluss sehr viel größer, als es die subjektiv auf Grossmann projizierte Darstellung vermuten lässt. Radek, geboren als Karol Sobelsohn, einem kleinbürgerlichen Elternhaus emanzipierter Juden entstammend, dessen Vater im Jahr 1889 oder 1890 ebenfalls früh verstarb, kam 1901 nach Krakau, nachdem er zuvor wegen verbotener politischer Agitation des Gymnasiums im westgalizischen Tarnów verwiesen wurde. Dort holte er im Sommer 1902 als Externer das Abitur nach, schrieb sich zum Wintersemester 1903/04 für das Studium der Rechtswissenschaften an der Jagiellonen-Universität ein und war wie Grossmann im Studentenverein „Ruch“, in dem sich die Sympathisanten der Sozialdemokratie des Königreiches Polen und Litauens (SDKPiL) versammelten und 33 eine radikale internationalistische Opposition innerhalb der PPSD bildeten, aktiv. [Lerner, Warren: Karl Radek. The last Internationalist. Stanford, Calif. 1970. S. 2–7; Fayet, Jean-François: Karl Radek (1885–1939). Biographie politique. Bern, Berlin, Bruxelles, Frankfurt am Main, New York, Oxford, Wien 2004. S. 15/16 u. 40–45; Gutjahr, Wolf-Dietrich: Revolution muss sein. Karl Radek – Die Biographie. Köln, Weimar, Wien 2012. S. 19–35; Strobel: Die Partei Rosa Luxemburgs, Lenin und die SPD. S. 174/175.] Dzier y ski [Pseud.: Józef Doma ski/Joseph Domanski], nach der Oktoberrevolution in Sowjetrussland zu zweifelhaftem Ruhm als Organisator und bis zu seinem überraschenden Tod erster Leiter der Tscheka gelangend, kam als Abgesandter des SDKPiL-Auslandskomitees für Kongresspolen Ende Januar 1903 nach Krakau, um dort eine Landesorganisation aufzubauen und den Transport von Propagandaschriften nach Russisch-Polen zu organisieren. Laut der maßgebenden quellenbasierten Forschungsarbeit von Georg W. Strobel umfasste die Krakauer SDKPiL-Sektion noch Mitte des Jahres 1904 kaum mehr als zehn Personen. [Strobel: Die Partei Rosa Luxemburgs, Lenin und die SPD. S. 171.] Dass die Studenten der genannten Organisation halfen, die SDKPiL-Schriften nach Kongresspolen zu schmuggeln, geht aus der vorliegenden wissenschaftlichen Literatur zweifelsfrei hervor, ebenso, dass Radek sich dabei besonders hervortat. Demnach organisierte dieser zusammen mit Rudolf Moszoro (1879– 1911), seinerzeit ebenfalls an der Juristischen Fakultät der Jagiellonen-Universität eingeschrieben und Vorstandsmitglied des „Ruch“, die Verteilung der Propagandaschriften über die Grenze hinweg. Auf die klandestinen Aktivitäten aufmerksam geworden, beschlagnahmte die Krakauer Polizei im Februar 1904 bei Radek 5.000 Exemplare einer SDKPil-Flugschrift mit Aufrufen zum Frieden mit Japan und Krieg gegen den Zarismus. [Fayet: Karl Radek (1885–1939). S. 44.] Kuhn erwähnt diese Sachverhalte nicht, sondern macht unter der Quellenangabe Stead „Grossmans Haus“ zum „Umschlagsplatz“ (S. 11) derartiger Aktivitäten. Entsprechend wird die Verbindung zu Dzier y ski und zum Auslandskomitee der SDKPiL nicht ausgeleuchtet, Erkenntnisse aus der betreffenden Primär- und Sekundärliteratur nicht dargelegt. Bereits ein Blick auf Radeks im Selbstverlag des Verfassers einige Jahre später veröffentlichte Broschüre „Meine Abrechnung” zeigt, dass Dzier y ski – dort ausschließlich unter seinem Pseudonym Joseph Domanski benannt – eine herausgehobene Rolle innerhalb der studentischen Kreise des „Ruch” innehatte. Im Rahmen der Zembaty-Affäre wegen angeblichen Bücherdiebstahls durch Radek wirkte er als „Superarbiter” [Oberschiedsrichter] in dem 1904 von der Studentenorganisation eingesetzten Schiedsgericht, dem zugleich Grossmann und Moszoro als Schiedsrichter angehörten. [Radek, Karl: Meine Abrechnung. Bremen 1913. S. 22–24.] Kontakte zur SDKPiL bestanden ebenfalls noch Anfang 1905, darauf hat Henryk Piasecki unter Verweis auf ein Kassiber Dzier y skis an das Auslandskomitee der SDKPiL in Krakau vom 23. Februar 1905 hingewiesen. [Piasecki, Henryk: Sekcja ydowska PPSD i ydowska Partia Socjalno-Demokratyczna 1892–1919/20. [Die jüdische Sektion der PPSD und die Jüdische Sozialdemokratische Partei 1892– 1919/20.] Wroc aw, Warszawa, Kraków, Gda sk, ód 1982. S. 106, Anm. 10.] 34 In diesem, die Abbreviatur „G. Gr.“ wird von Piasecki kontextbezogen Grossmann zugewiesen, heißt es: „Woher hat ‚Naprzód‘ [ ‚Vorwärts‘ ] die Information, daß wir gegen den Streik aufgetreten sind? – Was für ein Unsinn! Was veranlaßte sie dazu? Schicken Sie mir bitte ‚Zjednoczenie‘ [‚Vereinigung‘ ] in einigen Exemplaren. Was beabsichtigt G[enosse] Gr[ossmann] zu tun?“ [Dzierzynski, F. E.: Ausgewählte Schriften in zwei Bänden. Bd. I: 1897–1923. Hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU. Ministerium für Staatssicherheit, Hochschule. [Berlin] 1984. S. 72.] Verbindungen Grossmanns zu Dzier y ski sowie Radek bestanden darüber hinaus später zumindest für eine gewisse Zeit fort. Im Falle Dzier y skis ist ein brieflicher Kontakt, abgedruckt in Radeks Broschüre aus dem Jahr 1913, noch im Mai 1911 nachweisbar. [Radek: Meine Abrechnung. S. 22/23.] Im Falle Radeks fand aller Wahrscheinlichkeit nach eine letzte Zusammenkunft mit diesem in Moskau 1932 statt, als Grossmann mit der „Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetrussischen Planwirtschaft“ die Sowjetunion bereiste. Beide allerdings verließen Krakau noch vor Beginn des Jahres 1905: Dzier y ski Ende 1904, Radek kurz davor im Sommer oder Herbst 1904. [Strobel: Die Partei Rosa Luxemburgs, Lenin und die SPD. S. 222; Fayet: Karl Radek (1885–1939). S. 46; Gutjahr: Revolution muss sein. S. 36.] Erst danach kam es zur Abspaltung der PSD von der PPSD, und das in ausgesprochen kurzer Frist. Nachdem Grossmann Ende Februar 1905 aus der PPSD ausgeschlossen und Anfang März 1905 bereits wiederaufgenommen wurde, fand am 30. März 1905 in Krakau eine nicht öffentliche Sitzung von Gleichgesinnten statt, auf der Grossmann als Hauptreferent die Notwendigkeit zur Gründung einer separaten jüdischen sozialistischen Partei darlegte. [Buszko: Dzieje ruchu robotniczego w Galicji Zachodniej (1848–1918). S. 305.] Inwieweit zu diesem Zeitpunkt noch eine Verbindung zu Dzier y ski bestand, der sich inzwischen in Russisch-Polen um eine Annäherung an den Allgemeinen jüdischen Arbeiterbund von Litauen, Polen und Russland („Bund“) bemühte, darin durchaus in einem Konfliktverhältnis zur Gruppe um Leo Jogiches (1867–1919) und Rosa Luxemburg (1871–1919) agierend, die der Forderung des „Bund“ nach nationaler Autonomie der Juden ablehnend entgegentrat, ist bislang nicht bekannt. Auffällig aber sind Übereinstimmungen im weiteren politischen Handeln. Dzier y ski, der bereits vor der Jahrhundertwende in der Organisation syndikalistischer Zusammenschlüsse mit jüdischen Arbeitern chassidischer Richtung in Wilna positive Erfahrungen gesammelt hatte und weiterhin enge persönliche Beziehungen zu Akteuren der jüdischen Arbeiterbewegung unterhielt, suchte bereits während seines Aufenthalts in Krakau mit Hilfe des „Bund“ die Führung der kongresspolnischen SDKPiL zu lenken. [Strobel: Die Partei Rosa Luxemburgs, Lenin und die SPD. S. 128/129, 173 u. 242/243.] Umgekehrt verfuhr Grossmann auf die Situation in Westgalizien bezogen nicht unähnlich. Zu dem Zeitpunkt, als Dzier y ski den „Bund“ in Russisch-Polen im eigenen revolutionären Sinne für die SDKPiL zu gewinnen oder zu neutralisieren suchte und die Hauptverwaltung der Partei ihm darin folgte, um die Polnische Sozialistische Partei (PPS) niederzuhalten, leitete jener in Krakau durch die Gründung einer separaten Jüdischen Sozialdemokratischen Partei unter gleichzeitiger Kontaktaufnahme 35 zum „Bund“ eine adäquate Entwicklung ein, um den Einfluss der PPSD, dem westgalizischen Pendant zur PPS, zu schwächen. Ob diese Konformität im politischen Handeln beider Akteure auch durch organisatorisch-personelle Verbindungen bestand, bleibt allerdings bis auf weiteres ein Desiderat der Forschung. In Kuhns akritischer Personenzentriertheit sind solche und andere Kontextualisierungen nicht auffindbar, ebenso wenig wie abweichende Stimmen zu Wort kommen. Józef Buszko beispielsweise weist darauf hin, dass die separatistischen Kreise um Grossmann die auf dem PPSD-Kongress im Mai 1903 – im Orig. fälschlich: November 1904 – beschlossene Einrichtung eines Nationalen Jüdischen Agitationskomitees erst gar nicht nutzten, mit Gründung einer eigenständigen Partei die Arbeiterbewegung Krakaus „bedeutend geschwächt“ wurde und zwischen beiden Parteien eine scharfe Auseinandersetzung entbrannte, die sich auf betriebliche und kulturelle Umfeldorganisationen übertrug und in der schließlich beide ihre Energien weitgehend im Kampf gegeneinander aufzehrten. Ebenso sorgten Buszko zufolge Konflikte zwischen den Parteiungen in Streikfragen dafür, dass deren Konsequenzen schon in der zweiten Aprilhälfte, noch vor der endgültigen Abspaltung der PSD am 1. Mai 1905, „sich negativ auf die Streikbewegung auszuwirken“ begannen [Buszko: Dzieje ruchu robotniczego w Galicji Zachodniej (1848–1918). S. 306/307]. Erstaunlich ist ferner, dass sich Kuhn außerstande sieht (S. 110/111), eine Positionierung Grossmanns in den Fraktionskämpfen der Kommunistischen Arbeiterpartei Polens (KPRP) in der Zwischenkriegszeit vorzunehmen. Diese, in ihren Einzelheiten sicherlich noch heute schwer zu durchschauenden, unter den Beteiligten mit voller Ranküne geführten Auseinandersetzungen, waren zusätzlich durch das mehrfache Eingreifen Stalins geprägt. So wurde die rechte Führungsgruppe, die im innersowjetischen Machtkampf Partei für Trotzki ergriffen hatte, auf dem fünften Kongress der Komintern im Juli 1924 abgelöst und durch Mitglieder der linken Opposition ersetzt. Letztere hingegen traf Mitte 1925 der politische Bannstrahl, da sie weiterhin eigenständige, von der Komintern abweichende Positionen vertrat, sodass infolge der vormalige Führer des rechten Flügels Adolf Warski (1868–1937) erneut an die Parteispitze gelangte. Parallel bestand innerhalb der polnischen Arbeiterbewegung eine fortgesetzte starke Orientierung an Józef Pi sudski (1867–1935), 1892 Mitbegründer und vormals führender Vertreter der PPS, sowie eine spezifische Form des sozialen Radikalismus, die vergleichbar dem Nationalbolschewismus in Deutschland eine nationale Revolution (vice versa einen nationalen Kommunismus) in Polen propagierte, insbesondere unter Intellektuellen und Lehrern Anklang fand, auch in den Reihen der KPRP auf Widerhall stieß und dort den Anschluss zu entsprechenden nationalistischen Kräften auf der Rechten im Pi sudski-Lager suchte. Diese zunächst als Unterströmung innerhalb der KPRP wirkende politische Ausrichtung, darauf hat der polnischstämmige Historiker Marian K. Dziewanowski bereits relativ früh hingewiesen – hier ergänzt um den Einwand Strobels, dass der führende Vertreter des polnischen Nationalbolschewismus Julian Brun (1886–1942) seit Ende 1923 Mitglied des Zentralkomitees der KPRP war und die Pi sudski-Orientierung in der linken Strömung stärker verankert 36 war als auf dem rechten Flügel der Partei [Strobel, Georg W.: Der Kommunismus in Polen. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. Neue Folge. Bd. 8, H. 3. München 1960. S. 355–363. Dort: S. 358] –, gewann an Einfluss und trug dazu bei, dass die KPRP (1925 umbenannt in KPP) im Mai 1926 Pi sudskis Staatsstreich unterstützte, was im Folgemonat von Stalin als grober politischer Fehler dekretiert wurde und daraufhin als sogenannter „Mai-Fehler“ in die Parteigeschichte einging. [Dziewanowski, M. K.: The Communist Party of Poland: An Outline of History. Cambridge, Mass. 1959. S. 100–119.] Schließlich sei auch darauf hingewiesen, dass in der Aufarbeitung des Mai-Fehlers nach August 1926 erneut heftige Fraktionskämpfe aufflammten, innerhalb derer gegenüber der linken Minderheit der Vorwurf des Nationalbolschewismus und gegenüber der rechten Mehrheit jener des Menschewismus erhoben wurde. [Simoncini, Gabriele: The Communist Party of Poland, 1918–1929. A Study in Political Ideology. Lewiston, Queenston, Lampeter 1993. S. 181.] Vor dem Hintergrund, dass Grossmann anlässlich seiner Berufung zum Professor an der Universität Leipzig 1949 die nachweislich falsche, aufgrund der 25 Jahre zuvor damit einhergegangenen Erfahrung einer mehr- oder langmonatigen Inhaftierung in Polen nicht unter fehlerhafter späterer Erinnerung zu subsumierende Bekundung machte, er habe nach Pi sudskis Staatsstreich das Land verlassen müssen, erscheint diese Lücke in der Darstellung nicht nachvollziehbar. Dazu indessen hätte es tieferer eigenständiger Recherchen in polnischen Archiven ebenso wie einer Heranziehung weiterer Literatur bedurft. Beispielsweise schreibt Jan Alfred Regu a in seinem 1934 in Warschau in zweiter, erweiterter und ergänzter Auflage herausgegebenen Werk zur Geschichte der polnischen Kommunistischen Partei, dass in der linken Minderheit innerhalb der KPP generell das „jüdische Element“ dominierte. [Regu a, Jan Alfred: Historia Komunistycznej Partii Polski w wietle faktów i dokumentów. Ze wst pem Witolda Pronobisa: Kim by naprawd Jan Alfred Regu a? [Die Geschichte der Kommunistischen Partei Polens im Lichte der Fakten und Dokumente. Mit einer Einführung von Witold Pronobis: Wer war Jan Alfred Regu a wirklich?] Wydanie trzecie. [Dritte Auflage.] Toru 1994. S. 161. Die dritte Auflage folgt dem Text der zweiten; letztere ist darüber hinaus in einer nachträglich deklassifizierten englischen Übersetzung via entsprechender Suchabfrage auf der Webseite der CIA abrufbar: https://www.cia.gov/library/readingroom/. Stand: 31. Oktober 2016.] Grossmann wird dort zudem, ohne dass genauere Daten mitgeteilt werden, als „vormaliges Mitglied des Zentralkomitees der KPP“ benannt und dessen Zusammenbruchstheorie als Ausdruck einer auf „westeuropäischem Boden“ erwachsenen „Theorie des Fatalismus“ bezeichnet, in der – „im Gegensatz zur Kampfkraft des russischen Bolschewismus“ – die soziale Revolution aus der „durch die Entwicklung des Kapitalismus verursachten Krise fatalistisch“ abgeleitet werde. [Ebd. S. 72/73.] Jedoch sind im hiesigen Kontext andere Prämissen als markant hervorzuheben. Unter dem Pseudonym Regu a fungierte zu Anfang der 1930er Jahre Józef Mützenmacher (1903–1947). Er, aus einer jüdischen Familie der Arbeiterklasse entstammend, seit 1919 Mitglied der KPRP, nach 1920 in Sowjetrussland, zurückgekehrt nach Polen dort 1924 Aktivist des „Kommunistischen Bundes der Polnischen Jugend“ (KZMP) und ab 1926 Sekretär des Zentralkomitees dieser 37 Organisation, wurde 1927 wegen kommunistischer Aktivitäten inhaftiert und ungefähr zur Hälfte seiner bis 1931 reichenden Haftzeit als Agent der politischen Polizei angeworben. Seine Schrift galt langjährig als bestinformierte Arbeit zur Geschichte der KPP vor 1934, war gleichwohl im Rahmen seiner Tätigkeit für das Ministerium des Innern (MSW) entstanden, durch das Regu a Zugriff auch auf Akten der staatlichen Sicherheitsbehörden erhielt und in dessen Kontext ebenfalls sein fiktiver Tod von der Polizei legendiert wurde. [Wielka encyklopedia PWN. T. 18. Warszawa 2003. S. 227; Pronobis, Witold: Kim by Jan Alfred Regu a? [Wer war Jan Alfred Regu a?] In: Regu a: Historia Komunistycznej Partii Polski w wietle faktów i dokumentów. S. III–XIV. Dort: S. VI/VII; Gadomski, Bogdan: Biografia agenta: Józef-Josek Mützenmacher (1903–1947). Warszawa 2009. S. 129–131.] Wie Bogdan Gadomski zudem durch einen textkritischen Vergleich von erster und zweiter Auflage zu Regu as Schrift nachgewiesen hat, ging die Überarbeitung nicht nur – möglicherweise um Mützenmachers Autorschaft nachhaltiger zu verschleiern – mit einer antisemitischen Akzentsetzung einher, sondern fiel ebenfalls der Hinweis auf eine wesentliche materielle Quellengrundlage weg. Letztere kann nicht bindend, in den Zuschreibungen jedoch signifikant und vorbehaltlich genauerer Zuordnungen auf Grossmann bezogen gelesen werden. Demnach hieß es in Regu as Vorwort zur ersten Ausgabe, dass ihm „recht umfangreiche Notizen eines Gefangenen, Prominenten, Gelehrten und, was am wichtigsten ist, – außerordentlich eingeweihten Kommunisten“ zur Verfügung standen. Die Notizen, obgleich ungeordnet und teilweise aphoristisch gehalten, gäben kommentierende Einblicke zu Personen der Parteiführung und zu wesentlichen Fragen der kommunistischen Bewegung. Sie zeugten von einem Verfasser, so Regu a weiter, der regelmäßig an Veranstaltungen der Partei und ihrer Umfeldorganisationen teilhatte sowie Zugang zu deren Führungspersonen besaß. Zugleich läge ihr besonderer Wert darin, dass sie als authentisch und überprüfbar zu betrachten seien. [Zit. und wiederg. nach: Gadomski: Biografia agenta: Józef-Josek Mützenmacher (1903– 1947). S. 130/131.] Ebenfalls von Kuhn politisch nicht reflektiert bleibt Grossmanns Betätigung in der „Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetrussischen Planwirtschaft“ (Arplan). Diese war, wie der Generalsekretär der Komintern Georgi Dimitroff (1882–1949) dem Leiter des Auslandsnachrichtendienstes des NKGB Pawel Fitin (1907–1971) am 12. April 1941 mitteilte, im Herbst 1931 gegründet worden, „um hochqualifizierte Vertreter der Intelligenz mit einer rechten Haltung in unseren Einflußbereich einzuziehen, die gleichzeitig Anhänger einer prosowjetischen Orientierung der deutschen Politik waren“. In ihr bestand, so heißt es in der Mitteilung weiter, eine „kommunistische Parteigruppe“ aus Georg Lukács (1885–1971), Karl August Wittfogel (1896–1988) und anderen, deren Aufgabe es war, „die Ausarbeitung von Themen und die Arbeit der Arplan in eine Richtung zu lenken, die für das Erreichen der für uns gewünschten ideologischen Einflußnahme auf diese Kreise der Intelligenz notwendig war.“ Das Arplan- Mitglied Ernst Jünger (1895–1998) wird dort ferner als „ein bekannter rechtsradikaler Schriftsteller“ bezeichnet, der zwar „verworrene Vorstellungen vom Sozialismus“ hegte, zugleich aber, wie sein Buch „Der Arbeiter“ (1932) zeige, mit 38 der Sowjetunion „sympathisierte“ und, obgleich „ideologisch unter faschistischem Einfluß“ stehend, die Partei der Nationalsozialisten „tief verachtete“. Über Paul W. Massing (1902–1979) schließlich ist zu lesen, dass er als „einer unserer Aktivsten in der Arplan“ galt und der Aussage Lukács‘ zufolge „ein prächtiger kommunistischer Propagandist war, der über eine gründliche marxistische und ökonomische Ausbildung verfügte und gleichzeitig sehr bescheiden und sympathisch auftrat.“ [Chawkin, Boris, Hans Coppi, Juri Zorja: Russische Quellen zur Roten Kapelle. In: Coppi, Hans, Jürgen Danyel, Johannes Tuchel (Hrsg.): Die Rote Kapelle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. (Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Reihe A, Bd. 1.) Berlin 1994. S. 104–144. Dort: S. 118–120.] Grossmann selbst, dessen Betätigung als Vorstandsmitglied in der Arplan auf Basis der Quellenlage andernorts belegt ist, wird in den einschlägigen sowjetischen Dokumenten aus dem Umfeld der antifaschistischen Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ namentlich nicht benannt. Der Grund dürfte darin zu erblicken sein, dass Carl Grünberg (1861– 1940) ihn im Rahmen seiner Frankfurter Tätigkeit zu parteipolitischem Inkognito verpflichtet hatte, nachdem Grossmann aufgrund seiner politischen Betätigung in Polen in das Blickfeld deutscher Polizeibehörden geraten war, und dementsprechend in Deutschland auch später nicht Mitglied der KPD wurde. [Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 36.] In der Arplan versammelten sich ausgewählte Anhänger für eine deutsch-sowjetische Allianz im Sinne einer nationalbolschewistischen Ostorientierung Deutschlands aus der literarischen, technischen und wissenschaftlichen Intelligenz. Unter Einbeziehung von Vertretern der extremen nationalistischen Rechten der Konservativen Revolution und mit engen Verbindungen zur sowjetischen Botschaft in Berlin galt ihr vorrangiges Interesse dem im Kontrast zum krisengeschüttelten Wirtschaftssystem des Liberalismus als überlegen wahrgenommenen sowjetischen Plansystem. Auch Friedrich Pollock sowie auf der extremen Rechten der Nationalsozialist Ernst Graf zu Reventlow (1869–1943) und (basierend auf weiteren Dokumenten) der Staatsrechtler Carl Schmitt (1888– 1985) sollen, wie Micheal David-Fox unter Berufung auf die im Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF) in Moskau aufbewahrte „Mitgliederliste“ der Arbeitsgemeinschaft schreibt, Angehörige der Arplan gewesen sein. [David- Fox, Michael: Annäherung der Extreme. Die UdSSR und die Rechtsintellektuellen vor 1933. In: Osteuropa. 59. Jg. 7– 8/2009. S. 115–124. Dort: S. 120.] Der Begriff Nationalbolschewismus, hier, wie zur Zeit der Weimarer Republik gebräuchlich, gleichermaßen auf nationale Kommunisten und nationalrevolutionäre Rechte bezogen, wurde 1919 nach dem Heidelberger Parteitag der KPD von Karl Radek in seiner Broschüre gegen die Abspaltung des syndikalistischen Hamburger Flügels geprägt und 1923 in seiner berühmten Schlageter-Rede vor dem erweiterten Exekutivkomitee der Komintern in Moskau positiv gewendet. In ihr pries er den während der Ruhrbesetzung von französischen Besatzungstruppen wegen Sabotageakten erschossenen nationalistischen deutschen Freikorpsoffizier Leo Schlageter (1894–1923) als „mutige[n] Soldat[en] der Konterrevolution“. Den deutschen Nationalisten rief er zu, sich gemeinsam mit den deutschen Kommunisten „des Joches des Ententekapitals“ zu entledigen und 39 der „Versklavung des deutschen und russischen Volkes“ zu begegnen. [Schüddekopf, Otto-Ernst: Linke Leute von rechts. Die nationalrevolutionären Minderheiten und der Kommunismus in der Weimarer Republik. Stuttgart 1960. S. 100, 147 u. 268]. Radeks Taktieren mit dem Phänomen des Nationalbolschewismus, das der Verteidigung des Sozialismus in Sowjetrussland galt und die negativen Folgewirkungen in den Staaten westlich davon nicht antizipierte oder gar in Kauf nahm, trat seit 1930 erneut hervor. Der Faschismus wurde nun von ihm als Schwungkraft zur gesellschaftlichen Desintegration und beschleunigten Radikalisierung der Massen auf dem Weg zum finalen Umsturz hin zur Diktatur des Proletariats bewertet. [Fayet: Karl Radek (1885–1939). S. 670/671.] In diesem Zusammenhang soll er überdies die (nicht anhand von Quellen belegte) Devise ausgegeben haben, für die KPD sei eine Gewinnung Ernst Jüngers bedeutsamer als alle in Wahlen neu hinzuzugewinnenden Wählerstimmen insgesamt. [Rühle, Jürgen: Literatur und Revolution. Die Schriftsteller und der Kommunismus. Köln, Berlin 1960. S. 238.] Autobiographisch belegt ist zudem, dass das Arplan-Mitglied Ernst Niekisch (1889–1967) Radek, inzwischen zum au- ßenpolitischen Berater Stalins aufgestiegen, im Rahmen der Arplan-Reise in die Sowjetunion 1932 in Moskau traf. Bei dieser Zusammenkunft, an der Grossmann aufgrund seiner Vorgeschichte und Verbindung zu Radek aller Wahrscheinlichkeit nach teilhatte, soll Radek den Sieg Hitlers vorausgesagt und mit der begleitenden Äußerung kommentiert haben, dass sich die friedliebende Sowjetunion falls nötig auch mit einem Hitlerdeutschland arrangieren werde. [Niekisch, Ernst: Gewagtes Leben. Begegnungen und Begebnisse. Köln, Berlin 1958. S. 217.] Die nationalbolschewistische Richtung innerhalb des deutschen Kommunismus, die in den Jahren 1930–1932 mit dem „Scheringer-Kurs“ der KPD erneut in den Vordergrund trat [Schüddekopf: Linke Leute von rechts. S. 238 u. 287–305], wurde nach 1933, wie Franz L. Neumann (1900–1954) im Jahr 1943 für den US-Auslandsnachrichtendienst OSS analysierte – interessanterweise zu einem Zeitpunkt als er ebenso wie Massing, letzterer war seit Januar 1944 als Berater in der Research and Analysis Branch (Europe–Africa Division) des OSS tätig [U. S. National Archives & Records Administration. RG 226. OSS, Paul Massing, Box 490], als Doppelagent zugleich für die sowjetische Auslandsaufklärung durch das NKGB wirkte [Weinstein, Allen, Alexander Vassiliev: The Haunted Wood. Soviet Espionage in America – The Stalin Era. New York 2000. S. 249–251] –, nahezu vollständig durch die Russen liquidiert, während die nationalbolschewistische Richtung innerhalb des Nationalsozialismus 1934 endgültig ausgeschaltet wurde. [Neumann, Franz: The Free Germany Manifesto and the German People (August 6, 1943). In: Neumann, Franz, Herbert Marcuse, Otto Kirchheimer: Secret Reports on Nazi Germany. The Frankfurt School Contribution to the War Effort. Ed. by Raffaele Laudani. With a foreword by Raymond Geuss. Princeton, N. J., Oxford 2013. S. 149–166. Dort: S. 156–158.] Insgesamt verbleiben die politischen Zuordnungen im Kontext von sozialistischer Bewegung und Parteikommunismus analytisch gering beleuchtet, so auch im nachfolgenden Fall. Grossmanns temporäre Abwendung von der Politik der Komintern seit den Ereignissen in Deutschland 1933 war Kuhn zufolge 40 von nur geringfügiger Dauer und endete bereits 1936 wieder. Ab diesem Zeitpunkt sei er erneut als „ein unkritischer Unterstützer der russischen Außen- und Innenpolitik“ (S. 172) hervorgetreten. Als Indiz dafür dient ihm eine auf Franz Borkenau bezogene Aussage in Hinsicht auf den Bürgerkrieg in Spanien. Grossmann hatte Horkheimer am 6. November 1936, zu einem Zeitpunkt demnach, als der Vormarsch der rechten nationalistischen Truppen unter Franco bereits die Vororte von Madrid erreicht hatte und die spanische Kapitale mitsamt der dort ansässigen linken Volksfrontregierung unmittelbar bedroht war [Payne, Stanley G.: The Spanish Civil War, the Soviet Union, and Communism. New Haven, London 2004. S. 180], auf einen dokumentarisch nicht überlieferten, kurze Zeit vorher in der Londoner Sociological Society gehaltenen Vortrag aufmerksam gemacht, in dem Borkenau nach Grossmanns Schilderung „gegen die Madrider Regierung Stellung nahm“ und von diesem als „ein gefährlicher Bursche, ausgesprochener Faszist“ bezeichnet wurde [MHGS 15. S. 714/715]. Doch bleibt die Kuhnsche Zuordnung aus zweierlei Gründen arbiträr: Erstens erlaubt eine bedingt zustimmende Äußerung zur Volksfrontpolitik in Spanien aus dem Jahr 1936 nicht den Umkehrschluss, dass damit zugleich eine Bejahung der Politik der Komintern einherging. Die linkssozialistische Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) beispielsweise, darauf weist Kuhn selbst hin (S. 171), befürwortete zeitgenössisch die Volksfrontpolitik in Spanien und kritisierte dennoch unverändert den politischen Macht- und Monopolanspruch der Komintern. [Zur Mühlen, Patrik von: Spanien war ihre Hoffnung. Die deutsche Linke im Spanischen Bürgerkrieg 1936 bis 1939. Bonn 1983. S. 50 u. 57.] Zweitens, insoweit Borkenaus in erster Auflage 1937 in London erschienener Bericht „The Spanish Cockpit. An Eye-Witness Account of the Political and Social Conflicts of the Spanish Civil War“ herangezogen wird, dem Reisen des Autors nach Spanien im August/September 1936 und Januar/Februar 1937 zugrunde lagen, blieb dieser den Idealen der nicht kommunistischen sozialrevolutionären Linken zumindest noch zu diesem Zeitpunkt erkennbar verbunden. Gleichwohl wollte Borkenau darin den Faschismusbegriff nicht auf das Franco-Regime angewendet wissen, sondern subsumierte es unter dem Rubrum einer reaktionären Militärdiktatur. [Borkenau, Franz: Kampfplatz Spanien. Politische und soziale Konflikte im Spanischen Bürgerkrieg. Ein Augenzeugenbericht. Stuttgart 1986. S. 338–341 u. 357.] Wie immer die Mitteilung an Horkheimer zu Borkenau motiviert oder intendiert war, sie ist ungeeignet, daraus eine zeitgenössisch unkritische Parteinahme für die Sowjetunion herzuleiten. Ferner wurde Grossmanns politische Abkehr von der Komintern und Hinwendung zu Positionen, wie sie zeitgeschichtlich in Linkssozialismus und Linkskommunismus vertreten wurden, bis dato auf den Zeitraum 1933–1941 taxiert, in etwa von Hitlers Machtübernahme bis zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion reichend. [Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 213/214.] Basis dazu bildeten die Angaben Paul Matticks (1904–1981) in einem Gespräch mit Russell Jacoby aus den 1970er Jahren [Jacoby, Russell: The Politics of the Crisis Theory: Toward the Critique of Automatic Marxism II. In: Telos. A Quarterly Journal of Radical Social Theory. No. 23, Spring 1975. S. 3–52. Dort: S. 30], das Kuhn als seiner Argumentation gegenläu- 41 fige Quelle nicht heranzieht. Stattdessen führt er Ilse Hamm (1919–2009), spätere Mattick, als alleinige Zeitzeugin ins Feld. Demnach sei Grossmann, so erinnerte sie sich 55 Jahre später in einem telefonischen Gespräch mit Kuhn, „ein Stalinist bis auf die Knochen“ (S. 172) gewesen. Auch hierin geraten ihm Zeitbezug und Quellenlage allerdings in ein Missverhältnis. Hamm reiste erst Ende Mai 1938 mit der S. S. Washington aus Hamburg kommend in die USA ein. [Passenger and Crew lists for vessels arriving in New York, New York 1897– 1957. NARA microfilm publication T 715. Roll 6159. Vol. 13258–13259. May 26, 1938. (Abrufbar unter: https://familysearch.org/. Stand: 15. Oktober 2016.)] Sie kannte Grossmann aus den Kreisen der deutschsprachigen politischen Emigration in New York von Seiten der kommunistischen Linken, noch bevor sie Paul Mattick, gleichwohl über dessen politische Tätigkeit durch ihre Kontakte zu dem US-amerikanischen Maler und Kunstkritiker Fairfield Porter (1907–1975) informiert, Anfang 1942 persönlich kennen lernte und später heiratete. [Roth, Gary: Marxism in a Lost Century. A Biography of Paul Mattick. Leiden. Boston 2015. S. 202–204.] Doch datieren Nachweise für ihre Verbindung zu Grossmann erst ab Mitte des Jahres 1941. [Mitteilung von Gary Roth, Rutgers University, Newark, 3. Oktober 2016.] Entsprechend heißt es, solche Kontakte in schriftlicher Form erstmalig belegend, in einem Brief Porters an Paul Mattick vom 4. Juli 1941: „Spatz [Ilse Hamm] met Grossman in the Metropolitan Museum and talked to him about the Council Communists. Grossman says you and the Chicago group are hopelessly sectarian or something to that effect. He includes Korsch.“ [Leigh, Ted (ed.): Material Witness. The Selected Letters of Fairfield Porter. Ann Arbor 2005. S. 88.] Mattick selbst betrachtete den Vorwurf des Sektierertums im Übrigen als Ausflucht Grossmanns, ihn in den USA nicht kontaktieren zu wollen. Er, der dessen theoretischen Ansatz vor Ort in linkskommunistischen Gruppierungen zu verbreiten suchte, hatte trotz eines seit 1931 bestehenden Briefkontakts von ihm nichts mehr gehört, seitdem dieser in New York angekommen war, und vermutete, dass es Grossmann als unter seinem Niveau stehend betrachtete, mit ihm als akademisch nicht ausgewiesenen Autodidakten zusammenzutreffen. [Roth: Marxism in a Lost Century. S. 203/204.] Umgekehrt lassen sich zudem aus der Aktenlage des Instituts in der Emigration bislang keinerlei Hinweise darauf entnehmen, dass Grossmann vor 1941/42 zu einer positiven Bewertung der sowjetischen Politik zurückkehrte. Vielmehr sind Belege dazu erst nach diesem Zeitpunkt zu finden. Felix Weil etwa berichtete im Februar 1942 bezogen auf eine institutsintern getätigte Bekundung oder Androhung Grossmanns, die Schrift „Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik“ zusammen mit zwei weiteren Aufsätzen auf Englisch publizieren zu wollen, sowie befürchtend, dies könne in einem für die Reputation des Instituts abträglichen Verlag geschehen, von „G[rossmann]’s pro-stalinistischem Ressentiment“. [Weil an Horkheimer, 24. Februar 1942. MHA: II 15. 195.] Leo Löwenthal teilte darüber hinaus im Oktober desselben Jahres Horkheimer mit: „Grossmann: ‚Crazy‘ is indeed the right word. He has a terrible talent to feed his ressentiment against all of us. The other night, he told me that Lix [Felix Weil] is ‚verdumming‘ more and more. Reason: he loves Russia but he is so afraid of P[ollock] that he apes him when he critizises Russia.“ 42 [Löwenthal an Horkheimer, 29. Oktober 1942. MHA: VI 15. 306–308.] Und schließlich schrieb Horkheimer, nachdem er Grossmann zuvor persönlich mitgeteilt hatte, dass dieser nicht länger zur Gruppe der Institutsmitglieder zähle, mögliche Reaktionen desselben antizipierend und um solchen im Voraus zu begegnen, am 6. März 1944 an Löwenthal: „The reason why I would like you to see him [Grossmann] is: he should know that we remember very well the glorious time when he thought that people who accepted R[ussia] were irresponsible and the way how R[ussia] treated humans was ›menschenunwürdig‹. If he knows that we remember that he most certainly will behave.“ [MHGS 17. S. 548.] Insbesondere letztgenannte Äußerung ist ein Hinweis darauf, dass Grossmann zumindest in den Zeiten des Großen Terrors und der Moskauer Prozesse 1936–1938 der Komintern-Linie nicht folgte. Belege für die Aussage, er habe zu dieser Zeit die Säuberungen einschließlich der Ermordung Radeks 1939 „akzeptiert“ (S. 172), kann Kuhn entsprechend nicht vorweisen. Schließlich werden auch charakterliche Eigenheiten in der Person unzureichend gezeichnet. Zwar schreibt Kuhn Grossmann ein bis zur Arroganz reichendes intellektuelles Selbstwertgefühl zu und zitiert Wittfogels Einschätzung (S. 146), wonach jener im Institut „als ein sehr gebildeter, aber von sich eingenommener Mann“ auftrat [Wittfogel, Karl August: Aus der Gründungszeit des Instituts für Sozialforschung. In: Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler in Frankfurt am Main. Erinnerungen an die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät und an die Anfänge des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität. Hrsg. und eingel. von Bertram Schefold. Marburg 1989. S. 49–53. Dort: S. 53]. Doch bildet die in Hinsicht auf den Grossmann-Schüler Walter Braeuer exzemplifizierte Zuschreibung, generell sei jener gegenüber Freunden „schonungslos ehrlich“ (S. 177) gewesen, eine bewusst konnotierte Abwiegelung für eine tatsächlich rücksichtslose Egozentrik, hinter der zurückzubleiben Grossmann selbst gegenüber einem seiner Schüler in den Bedrängnissen des politischen Exils sich als nicht fähig erwies. Braeuer, Sohn eines Fabrikdirektors aus Hanau, dort 1927 zunächst Mitglied der SPD und 1930 in die KPD-Ortsgruppe eingetreten sowie vor 1933 in der Kommunistischen Studentenfraktion (Kostufra) an der Universität Frankfurt a. M. wirkend, war 1934 aus Nazi-Deutschland in die Schweiz emigriert. Nach Enttarnung seiner Abwehrtätigkeit für eine KPD-Emigrantengruppe in NS-Organisationen in Genf ging er 1936 ins Exil nach Frankreich. [Fülberth: Widerstand und Gelehrsamkeit: Walter Braeuer. S. 209/210.] In der ersten Jahreshälfte 1935 hatte Braeuer sein im hiesigen Zusammenhang interessierendes Manuskript unter dem Titel „Das Akkumulationsschema“ – später als Beitrag in einem wissenschaftlichen Periodika in Frankreich erschienen, darin Grossmanns theoretischen Ansatz wie auch in den nachfolgenden Jahren des Exils und darüber hinaus ausdrücklich positiv hervorhebend [Braeuer, Walter: Le schéma de l’accumulation du capital. Sa forme complète et sa position importante dans le système économique de Karl Marx. In: Revue d’histoire économique et sociale. XXIIIe Année. 1936–37. S. 133–142. Dort. S. 134] – mit der Absicht auf Veröffentlichung an die Redaktion der „Zeitschrift für Sozialforschung“ gesandt. Leo Lö- 43 wenthal leitete dieses am 7. Mai 1935 mit der Bitte um Beurteilung an Grossmann weiter. Letztere fiel äußerst negativ aus und zeugt in der rüden Wortwahl von einer selbstherrlichen Persönlichkeitsstruktur. Kuhn aber gibt lediglich Grossmanns Urteil „wertlos“ (S. 177), das dieser nach eigenen Angaben Braeuer zuvor auch persönlich mitgeteilt hatte, aus einem Brief an den zu diesem Zeitpunkt in der Redaktion der Zeitschrift mitarbeitenden Ernst Schachtel (1903– 1975) wieder, nicht aber den rücksichtslosen Wortlaut des Schreibens selbst. Dieser lautet: „Mein Gutachten war kurz: das M[anu]s[kript] Braeuers ist ein Produkt eines Graphomanen, der sich einbildet ein die Wissenschaft umwälzendes Genie zu sein; an sich ist es wertlos. Dabei zitiert Br[aeuer] 5 oder 6 verschiedene Ausgaben von ‚Kapital’ (zwei deutsche, eine englische, französische etc.)! Um belanglose Dinge zu ‚beweisen’: der technische Apparat des Gelehrten ist für Br[aeuer] Selbstzweck. Es verlohnt sich nicht auf die Gedankengänge des Autors im Einzelnen einzugehen. Ich glaube, man solle dem Autor kurz schreiben, der Aufsatz eigne sich nicht für die Z[eit]sch[ri]ft; er möge sich vielleicht an andere Z[eit]sch[ri]ften wenden. Er möge die Verzögerung in der Beantwortung entschuldigen.“ [Grossmann an Schachtel, 11. Juli 1935. LLA: A 325. 95.] Auslassungen wie diese sind es, die den Blick verfälschen, zu einer verklärenden Beschreibung der Person Grossmann führen und letztlich Kuhns Bestreben als wissenschaftlich nicht sonderlich ausgewogenes Unterfangen aufscheinen lassen. [Nachtrag zur Zitierweise: Alle Seitenangaben in runden Klammern „(…)“ beziehen sich auf die Schrift: Kuhn: Henryk Grossman and the Recovery of Marxism. Stillschweigende Übersetzungen aus dem Englischen sowie aus dem Polnischen sind als Zitationen in Kursivschreibung kenntlich gemacht.] 47 Zum Abschluss des Streites um die Wert- und Preisrechnung im Marxschen System (Eine Berichtigung des grundlegenden Fehlers bei von Bortkiewicz, Rosa Luxemburg und Otto Bauer) I. Historischer Rückblick auf das „Rätsel“ des Wertgesetzes und die Wandlungen seiner Deutungsversuche. a) Versuche, die Geltung des Wertgesetzes für die kapitalistische Gegenwart zu negieren und sie in die Zukunft oder in die Vergangenheit zu verlegen. Gleich am Anfang der Lektüre des Marxschen „Kapital“, gleich bei den Anfangskapiteln über die Werttheorie begegnen wir dem „Rätsel“ des Wertgesetzes, der Frage seines Geltungsbereiches. Somit entsteht das methodologische Problem: was bildet den Gegenstand der Marxschen Analyse? Gilt diese Analyse unmittelbar für die kapitalistische Wirklichkeit, wie sie von uns täglich in ihrer empirischen Konkretheit wahrgenommen wird? Untersuchte Marx in den Anfangskapiteln seines Werkes die Austauscherscheinungen wie sie faktisch in der realen Wirklichkeit des Kapitalismus zu beobachten sind? Untersuchte er also das, „was real existiert“? Mit anderen Worten: wollte Marx in seiner in den Anfangskapiteln des „Kapital“ entwickelten Wertlehre, die empirischen Preisphänomene erklären, wie sie uns auf dem Markte entgegentreten? Ist doch die Erklärung der konkreten Wirklichkeit eine Aufgabe, die sich jede wissenschaftliche Theorie stellt und deren Lösung von jeder Theorie erwartet werden muss (wobei die Frage, ob Marx diese Aufgabe einwandfrei gelöst hat oder nicht, in diesem Zusammenhang zunächst gleichgültig ist). Hat doch Marx selbst im Vorwort seines Hauptwerkes als eigentlichen Gegenstand seiner Forschung „die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechenden Produktions- und Verkehrsverhältnisse“i bezeichnet. Auch die Kritik hat oft in diesem Sinne die Marxsche Wertlehre aufgefasst, z. B. Komorzynski, wenn er sagt: „Gewiss hat Marx in der ursprünglichen Fassung seiner Lehre … das Gesetz, dass das quantitative Austauschverhältnis der Produkte durch deren Arbeitsgehalt geregelt werde, auf die Wirklichkeit bezogen.“1 Aber bei der näheren Prüfung der Marxschen Darstellung der Wertlehre begegnen wir Aeusserungen, welche zu Zweifeln anregen, weil sie bewei- 1 J. v. Komorzynski, Der dritte Band von Carl Marx’ „Das Capital“ (Zeitschrift f. Volkswirtschaft, Soz.-Polit. u. Verwltg. Bd. VI. 1897. S. 270). 48 sen, dass Marx bei seiner Analyse des Wertes und der Austauschbeziehungen in den Anfangskapiteln des „Kapital“ nicht unmittelbar die empirisch gegebenen Phänomene der Wirklichkeit im Auge haben konnte. Bekanntlich liegt der Marxschen Analyse des Warenaustausches innerhalb des kapitalistischen Produktionsmechanismus die Annahme zugrunde, dass die Waren zu ihren Werten verkauft werden, d. h. dass die Preise der Waren nicht von ihren Werten abweichen, vielmehr mitii denselben identisch sind. Es wird somit angenommen, dass die aus der Produktionssphäre heraustretenden Waren in der Zirkulationssphäre als Aequivalente, d. h. nach Mass der in ihnen enthaltenen Arbeit ausgetauscht werden, ohne dass die während des Produktionsprozesses geschaffene Wertgrösse Aenderungen erfährt. So sagt Marx im I. Buch des „Kapital“: „Wir unterstellen hier also …, dass der Kapitalist, der die Ware produziert, sie zu ihrem Wert verkauft“.2 – „Wir unterstellen, […] dass die Waren zu ihrem Wert verkauft werden“.3 Es wird somit nicht behauptet, dass die Waren in der Wirklichkeit sich zu ihren Werten austauschen, sondern es wird für die Untersuchung unterstellt, angenommen. Statt einer Beschreibung der wirklichen Vorgänge haben wir eine theoretische Voraussetzung. Welche Konsequenzen ergeben sich aus dieser Voraussetzung? Zunächst besagt diese abstrakte theoretische Annahme des Austausches von Waren zu ihren Werten, dass in der Zirkulationssphäre lediglich eine Aenderung der Gebrauchsform der Waren, nicht aber die ihrer Wertgrösse erfolgt, also bloss ein Formwechsel der Waren eintritt. Durch diese Annahme wird somit die Zirkulationssphäre als Quelle des durch „Preisaufschläge“ entspringenden Profits von vornherein aus der Analyse ausgeschaltet. Die Zirkulationssphäre ist für die Grösse der zirkulierenden Warenwerte, also auch des Mehrwerts (Profits) belanglos. Marx sagt daher von der Zirkulationssphäre: „Abstrakt betrachtet … geht ausser dem Ersatz eines Gebrauchswertes durch einen anderen nichts in ihr vor als eine Metamorphose, ein blosser Formwechsel der Ware … Dieser Formwechsel schliesst keine Aenderung der Wertgrösse ein.“4 – „Sofern also die Zirkulation […] nur einen Formwechsel ihres Wertes bedingt, bedingt sie, wenn das Phänomen rein vorgeht, Austausch von Aequivalenten“.5 Schon aus dieser bedingten Formulierung, dass nämlich der Austausch von Aequivalenten nur dann erfolgt, „wenn das Phänomen rein vorgeht“, d. h. „sofern“ die Zirkulation nur eine formale Metamorphose darstellt, ist 2 Marx, K. I. S. 579. 3 Marx, K. I. S. 530. 4 Marx, K. I. S. 133. 5 Ebda. 49 zu ersehen, dass Marx den Austausch von Aequivalenten nur unter gewissen Umständen und nicht als einen generellen, allgemein gültigen Vorgang der realen Wirklichkeit betrachtet. Auch im II. Buch seines Hauptwerkes hält Marx an der erwähnten Voraussetzung seiner Analyse fest: „Im I. Buch wurde der kapitalistische Produktionsprozess, sowohl als vereinzelter Vorgang wie als Reproduktionsprozess analysiert … Es wurde also unterstellt, dass der Kapitalist … das Produkt zu seinem Wert verkauft“.6 Und in einem Brief an Engels vom 30. April 1868 heisst es: „Im Buch II, wie Du weißt, wird der Zirkulationsprozess des Kapitals unter den im ersten Buch entwickelten Voraussetzungen dargestellt.“7 Es unterliegt nun keinem Zweifel, dass diese Marxsche Voraussetzung der Wirklichkeit nicht entspricht und dass Marx sich dessen wohl bewusst ist. Seine Darstellung des Austausches von Aequivalenten ist nach seiner Auffassung keine Darstellung des realen Vorganges der kapitalistischen Wirklichkeit, sondern eine Schilderung eines Vorganges unter gewissen Voraussetzungen, „sofern“/„wenn“iii das Phänomen „rein“ vorgeht. Aber mit einer keine Zweifel zulassenden Klarheit konstatiert Marx bereits im I. Bande des „Kapital“: „In seiner reinen Form […] bedingt der Zirkulationsprozess den Warenaustauschiv von Aequivalenten. Jedoch gehen die Dinge in der Wirklichkeit nicht rein zu.“8 Hier wird also der „reine“ Vorgang, derv Normalverlauf der Phänomene, der Wirklichkeit gegenüber gestellt. Die in den Anfangskapiteln gegebene Darstellung des Wertgesetzes gilt somit nicht unmittelbar für die Wirklichkeit, sondern für jenen „Normalverlauf “, jenen „reinen“ Vorgang, der sich ergibt, „sofern“ und „wenn“ die Waren zu ihren Werten verkauft werden. An vielen anderen weiteren Stellen des „Kapital“ und der Theorien über den Mehrwert wird dann wiederholt festgestellt, dass die Waren in der kapitalistischen Wirklichkeit nicht zu ihren Werten, d. h. nicht als Aequivalente ausgetauscht werden, dass nämlich „die Produktionspreise der meisten Waren von ihren Werten und daher ihre ‚Produktionskosten‘ von der Gesamtmenge der in ihnen enthaltenen Arbeit abweichen müssen“.9 – „Wie ich später nachweisen werde, selbst der Durchschnittspreis der Waren ist stets von ihrem Werte 6 Marx, K. II. S. 343. 7 Briefwechsel zwischen Marx und Engels IV. [Hrsg. von A. Bebel u. Ed. Bernstein. Stuttgart 1913.] S. 40. 8 Marx, K. I. S. 136. 9 Mehrwerttheor. III. S. 91/92. 50 unterschieden“.10 An anderer Stelle heisst es gegen Ricardo: „Nach Ricardo wird die Ware (Weizen) gleich jeder anderen zu ihrem Werte verkauft,vi d. h. sie tauscht sich um gegen andere Waren im Verhältnis zu der in ihr enthaltenen Arbeitszeit. Dieses ist die erste falsche Voraussetzung … Die Waren tauschen sich nur ausnahmsweise aus zu ihren Werten.“11 Wenn also die wirklichen täglichen Austauschverhältnisse, die empirischen Preise nicht mit den in den Waren enthaltenen Arbeitsmengen, also auch nicht mitvii ihren Werten identisch sind, wenn in der empirischen Wirklichkeit keine Wertaequivalente ausgetauscht werden – welchen Sinn hat dann eine Werttheorie, die gerade den Austausch von Aequivalenten, von gleichen Arbeitsquanten zu ihrem Ausgangspunkt nimmt, d. h. als Prinzip zur Erklärung des Verhältnisses, in welchem die Waren gegeneinander ausgetauscht werden, die Menge der in ihnen verkörperten Arbeit nimmt.12 10 Mehrwerttheor. I. S. 162. – Es ist somit falsch, wenn K. Diehl scheinbar Marx entgegenkommend zwar die Inkongruenz der Preise und der Werte einzelner Waren als notwendig anerkennt, aber dann behauptet: „[…] für die durchschnittlichen Marktpreise nimmt Marx entschieden den Arbeitswert als das Gravitationszentrum an.“ (K. Diehl, Ueber d. Verhältnis von Wert u. Preis im oekonomischen System von Karl Marx. Jena. 1898. S. 6.) – Nach Marx waren die Werte nur in der einfachen Warenproduktion das Gravitationszentrum, um das die Marktpreise schwankten. Für die entwickelte kapitalistische Produktion sind es die Produktionspreise. (Vgl. Hilferding, Böhm-Bawerks Marx-Kritik. 1904. S. 26; Tugan-Baranowsky, Theoret. Grundlagen d. Marxismus. 1905. S. 138.) 11 Marx, Mehrwerttheor. II/1. S. 191. 12 Zur Vermeidung von Missverständnissen ist zu bemerken, dass Marx unter „Preis“ drei verschiedene Sachverhalte versteht, die voneinander scharf zu unterscheiden sind. Das eine Mal wird dem Warenwert der Goldpreis gegenübergestellt, wobei der Wert der Ware und ihr in Geld ausgedrückter Preis quantitativ identische Grössen sind, weil angenommen wird, dass die Waren zu ihren Werten ausgetauscht werden. „Der Preis ist normaliter nichts als der in Geld ausgedrückte Wert.“vii-a (Marx, K. III/2. S. 188.) Aehnlich sagt Marx: „Der Wertausdruck einer Ware in Gold […] ist ihre Geldform oder ihr Preis.“ (K. I. S. 65.)vii-b Marx spricht daher von „Wertpreisen“ (K. III/1. S. 153). – Anders ist der Sachverhalt im zweiten Fall, wo der Ware kein Geld als Preis gegenübersteht, aber der Warenpreis (z. B. gemessen in Menge der verkörperten Arbeit) von dem Warenwerte quantitativ verschieden, d. h. kleiner oder grösser als der Wert ist. Unter Preis wird hier nicht der Geldausdruck, sondern diese quantitative Abweichung vom Werte, wie sie z. B. in Produktionspreisen – im Gegensatz zu den Werten – zum Ausdruck kommt, verstanden. Nur Preise in dem letztgenannten Sinn, also Produktionspreise, sind gemeint, wo – wie in dieser Abhandlung – das Problem der richtigen Ableitung der Preise von den Werten den Gegenstand der Untersuchung bildet. – Endlich kennt Marx noch eine dritte Kategorie von Quasi-„Preisen“: Formelle oder irrationelle Preise solcher Dinge 51 Je nach der Antwort, welche die bürgerliche Oekonomie auf diese Frage gegeben hat, lassen sich drei Gruppen von bürgerlichen Theoretikern unterscheiden. Die erste Gruppe begnügt sich mit der Feststellung, dass die Marxsche Wertlehre der Wirklichkeit, d. h. den tatsächlichen Preiserscheinungen nicht entspricht, worin sie einen Beweis der Unhaltbarkeit der Lehre erblickt. So Böhm-Bawerkviii, H. Herkner u. a. Die „Annahme – sagt Böhm –, dass sich die Güter im Verhältnis der an ihnen haftenden Arbeit vertauschen, ist absolut unverträglichix mit der weiteren … als Erfahrungstatsache unzweifelhaft feststehenden Annahme, dass eine Nivellierung der Kapitalgewinne stattfindet.“13 – „Es ergibt sich sonach ein offenbarer Konflikt zwischen dem, was ist, und dem, was nach der Marxschen Lehre sein sollte.“14 Marx selbst, sagt Böhm weiter, hatte diesen Konflikt als einen bloss „scheinbaren“ bezeichnet, aber das Erscheinen des dritten Bandes des „Kapital“ bringt keine Lösung desselben, sondern ist vielmehr „eine Besiegelung des unversöhnlichen Widerspruches und eine bemäntelte, uneingestandene, beschönigte, aber im Wesen immerhin eine Preisgabex der Lehre des ersten Bandes“,15 da Marx jetzt ausdrücklich anerkennt, dass „im wirklichen Leben sich die Waren nicht mehr nach ihren Werten austauschen“xi.16 Der von Böhm-Bawerk entdeckte „eklatante Widerspruch“ der Feststellungen des III. Bandes zu den Grundlehren des I. Bandes ist auf Jahrzehnte hinaus zu einem feststehenden Einwand geworden, der in der bürgerlichen Marxkritik aus einem Buch in das andere wandert. So sagt z. B. H. Herkner noch in der neuesten, 8. Auflage (1922) seines Buches „Die Arbeiterfrage“: „Die Kapitulation des Wertgesetzes vor den Produktionspreisen im gewöhnlichen Sinne der politischen Oekonomie hat viel Kopfschütteln erregt. Marx ging davon aus, dass die mögliche Gleichsetzung der Waren im Verkehre auf ihrer Wertgleichheit beruhe und endet damit, wie z. B. Grund und Boden, die „formell einen Preis haben, ohne einen Wert zu haben.“ (K. I. S. 73.)vii-c Hier steht dem Preise nicht ein quantitativ verschiedener Wert, sondern überhaupt kein Wert gegenüber. 13 Böhm-Bawerk, Kapital u. Kapitalzins. 3. Aufl. 1914. I. S. 537. 14 Ebda. S. 538. 15 Ebda. S. 538/539. 16 Ebda. S. 540. 52 dass im Verkehre tatsächlich nicht gleiche Werte gegeneinander ausgetauscht werden. Das Wertgesetz … ist keine Bewusstseinstatsache der Käufer und Verkäufer, es hat in der Wirklichkeit keine Existenz.xii“17 Masaryk und [andere] stellenxiii die naive Behauptung auf, Marx habe im I. Band ein allgemeines Wertgesetz ohne hinreichende Rücksicht auf die Tatsachen formuliert, und als er dann, im III. Band die Tatsachen, nämlich die Wirkung der Konkurrenz, näher betrachtete, hätte er gefunden, „dass das allgemeine Gesetz zur Erklärung nicht passt.“18 In diesem Umstand glauben manche die Ursache der Verzögerung des Abschlusses seines Werkes zu sehen. „Marx selbst – sagt Günther – ist wohl an diesem Widerspruche zugrunde gegangen.“19 „In den hoffnungslosen Versuchen, die Theorie und Praxis miteinander zu versöhnen, hat sich seine gewaltige Kraft verbraucht“.20 … äussertxiv sogar den Verdacht, Marx habe sich durch das inzwischen 1871xv erschienene Buch von Jevons von der Unhaltbarkeit seiner eigenen Theorie überzeugt und daher sein Werk nicht zu Ende geführt.21 Andere wieder, wie Komorzynski xvi, sehen jedenfalls in den weiteren Bänden des „Kapital“ eine sukzessive Umwandlung und Preisgabe der im I. Band gegebenen Wertlehre. „Diese Umwandlung seiner Lehre hat Marx schon im II. Bande vorbereitet, im III. Bande führt er sie völlig durch“.22 Bereits Bortkiewicz hat mit Recht darauf verwiesen, dass bei Marx von einer nachträglichen Wahrnehmung des Gegensatzes, der zwischen seinem Werke selbst und den empirischen Preisphänomenen besteht, deshalb keine Rede sein kann, weil Marx erstens bereits im I. Band selbst auf diesen Gegensatz hinweist, zweitens aber auch aus dem Grunde, weil der empirische Vorgang der Preisbildung auf der Basis der gleichen Profitrate bereits bei Ricardo beschrieben ist, und Marx, der mit dem Ricardoschen Werk gut vertraut war, an der Richtigkeit dieser Tatsachenbeschreibung nicht zweifelte.23 – Ich will noch darauf aufmerksam machen, dass der Einwand vom „Widerspruch“ des Wertgesetzes zu den realen Erschei- 17 H Herkner, Die Arbeiterfrage. 1922. II. S. 311. 18 T. Masaryk, Die philosophischen und sociolog. Grundlagen d. Marxismus. Wien 1899. S. 256. 19 Ernst Günther, Die revisionistische Bewegung in d. deutsch. Sozialdemokratie. (Schmollers Jahrb. 29. Jhrg. 1905. S. 33.) 20 Ebda. S. 34. 21 [Im Ts. nicht ausgeführt.] 22 Komorzynski, l. c. S. 249. 23 Bortkiewicz, Wertrechnung u. Preisrechnung im Marxschen System. (Archiv f. Sozialw. Bd. 23. S. 2.) 53 nungen der Preisbildung, den Böhm-Bawerk und seine Nachbeter entdeckt zu haben glauben, nicht nur bereits lange vor dem Erscheinen des Marxschen „Kapital“ der Ricardoschen Schule gemacht worden ist, sondern dass er seitens der Kritik 60 Jahre vor Böhm-Bawerk mit denselben Argumenten und an denselben Beispielen demonstriert wurde. Das bekannte Beispiel Böhm-Bawerks, des im Keller eingelagerten Weines, der nach etlichen Jahren ohne Hinzutreten der menschlichen Arbeit durch das Ausreifen, also durch den Ablauf der Zeit allein, im Werte steigt – ein Beispiel, an dem sich nach Böhm die Richtigkeit schon mancher Werttheorie erprobt hatte; dieser Einwand findet sich bereits 1821 bei James Mill (dem Vater), und Marx, der mit der ökonomischen Literatur wie kein anderer vertraut war, war dieser Einwand bereits vor Abfassung seines „Kapital“ gut bekannt, wie dies aus seinen 1861/63 geschriebenen Mehrwerttheorien zu ersehen ist.24 Marx verspottet Mill, weil er nicht fähig ist, den dem Beispiel zugrunde liegenden Tatbestand generell zu fassen. Es handelt sich dabei nämlich um Fälle, in welchen das Kapital entweder „länger im Zirkulationsprozess“ oder aber „länger im Produktionsprozess verharren muss, ohne einem Arbeitsprozess unterworfen zu sein, was jedesmal eintritt, wo der Produktionsprozess seiner technologischen Natur gemäss Unterbrechungen erleidet, um das werdende Produkt den Wirkungen natürlicher Kräfte auszusetzen, z. B. der Wein im Keller“. Mill – sagt Marx weiter – greift nur den letzteren Fall heraus, „also ganz borniert und vereinzelt die Schwierigkeit fassend“.25 Wenige Jahre später, 1825, hat Bailey, der theoretische Vorläufer der psychologischen Schule, der die Lösung des Wertproblems nach Marxens Ausdruck „in das Bewusstsein verschob“xvii,26 in einer Schrift „A Critical Dissertation“xviii – dieser „Hauptschrift gegen Ricardo“27 und Malthus – den „Widerspruch“ zwischen Wertgesetz und faktischer Preisbildung betont und in der Tatsache der Abweichung der Produktionspreise von den Werten ein Versagen der Arbeitswertlehre gesehen, ferner daraus die Schlussfolgerung gezogen, „dass der Wert nicht durch die Arbeit bestimmt wird, weil die Produktionspreise von den Werten abweichen.“28 Auch ihm wirft Marx vor, dass er in seiner Kritik zu wenig weit geht, zu kasuistisch ist. „Er wiederholt nur die einzelnen Formen, in denen der Widerspruch erscheint, auf die Ricardo selbst und seine Nachfolger schon aufmerksam geworden waren. 24 Marx, Mehrwerttheor. III. S. 96. 25 Ebda. S. 97. 26 Ebda. S. 196. 27 Ebda. S. 146. 28 Ebda. S. 196. 54 Hier ist er also blosser Nachbeter: er führt die Kritik keinen Schritt weiter.“ – „Den wahren allgemeinen Widerspruch, die Existenz der Durchschnittsprofitrate […], trotz der verschiedenen Zusammensetzung des Kapitals, seiner verschiedenen Umschlagszeiten usw., findet er nicht“.29 Soweit Marx bereits 1861/1863. Die Entdeckung des angeblichen „Widerspruches“ durch Böhm-Bawerk 60 Jahre nach J. Mill und Bailey kann wahrhaftig nicht als eine Grosstat angesehen werden. Böhm gegenüber gilt daher dass, was Marx über Bailey sagte: „Hier ist er also blosser Nachbeter: er führt die Kritik keinen Schritt weiter.“ Die anderen Gruppen der bürgerlichen Oekonomik beschränken sich nicht lediglich auf die Kritik der Widersprüche, wenn sie auch mit Böhm- Bawerk übereinstimmen, dass das Marxsche Wertgesetz in der Wirklichkeit keine Existenz habe. Andererseits kennen sie bei einem Denker vom Range Marx’, den auch Böhm ausdrücklich „für eine Denkkraft allerersten Ranges“ schätzt,30 einen so offenkundigen Widerspruch und eine Preisgabe der ursprünglich verkündeten Lehre nicht ohne weiteres annehmen. Wenn also das im I. Bande des „Kapital“ formulierte Wertgesetz für die Wirklichkeit keine Geltung beanspruchen kann, so fragt es sich, welchen Zweck Marx bei der Aufstellung seines Wertgesetzes verfolgte, worin besteht der Sinn dieses Gesetzes? Ihre Antwort geht dahin, Marx habe das Wertgesetz nicht als eine Widerspiegelung der wirklichen Marktvorgänge in der Gegenwart, sondern als ein Postulat für einen gerechten Massstab für Tauschvorgänge und Einkommensverteilung im Zukunftsstaat aufgestellt. Bereits 1874, also noch vor dem Erscheinen des III. Bandes, hat A. Schäffle in seiner bekannten „Quintessenz des Sozialismus“ dieser Auffassung Ausdruck gegeben. Nachdem er die Marxsche Werttheorie – „gesellschaftliche Arbeitszeit als Wertmass“ – geschildert hat, fügt er hinzu: „Nichts erscheint einfacher, als die Harmonie dieser Werttheorie mit dem […] sozialistischen Hauptverlangen, den Genuss mit der Arbeit proportional zu machen und jedem seinen vollen Arbeitswert oder Arbeitsertrag als privates Einkommen … zuzuscheiden“.31 Die Marxsche Werttheorie wird somit von Schäffle nicht als Widerspiegelung der wirklichen Marktvorgänge in der bestehenden „liberalen Volkswirtschaft“, sondern als eine gerechte Grundlage der Einkommensverteilung im zukünftigen Kollektivstaat behandelt. Diesem so verstandenen 29 Ebda. S. 197. 30 Böhm-Bawerk, l. c. I. S. 528. 31 A. Schäffle, Die Quintessenz des Sozialismus. 14. Aufl. Gotha 1906. Kap. VI. [S. 44 u. 46.] 55 „Marxschen Arbeitskostenwert als Verteilungsmassstab“ des Kollektivstaates (l. c. S. 48) wird übrigens von Schäffle die grösste Bedeutung zugesprochen, und Schäffle zögert nicht zu behaupten, dass die Marxsche Werttheorie „keine geringere Bedeutung für die Zukunft hat als irgendeine Theorie Rousseaus und anderer Geister der ersten liberalen bürgerlichen Revolution.“ (L. c. S. 52.) Nicht anders beurteilt die Bedeutung der Marxschen Werttheorie ein Jahrzehnt später Fr. Kleinwächter. Nicht wissenschaftliche Erklärung der Wirklichkeit stellt sie dar, sondern sie ist eine Forderung einer gerechten Verteilungsbasis für die Zukunft. „Marx möchte offenbar […] jeden arbeitenden Bürger, wenn möglich, mit mathematischer Genauigkeit lohnen, und glaubt dieses Ziel zu erreichen, wenn jedem Einzelnen, der eine bestimmte Menge von Werten […] zum Nationalprodukt beigesteuert hat, eine gleiche Menge von Werten […] als Lohn zugewiesen werdexix.“ – Marx „verlangt, dass die Arbeit den Massstab für die Güterverteilung bilden soll.“32 Und noch 30 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bandes des „Kapital“, nachdem auch der II. und III. Band bereits vorlagen und somit der Einblick in das Ganze des Marxschen System ermöglicht wurde, hatte T. Masaryk in Bezug auf die Marxsche Werttheorie denselben Standpunkt eingenommen „Marx hat […] die Bedeutung der Arbeit für das ganze moderne Leben gehörig beleuchtet. […] jetzt beginnt das Zeitalter der Arbeit … die soziale Gleichheit ist auf Arbeitsgleichheit begründet. Darin liegt die Bedeutung der Marxschen Werttheorie“.33 Das Zeitalter der Arbeit soll also erst beginnen und für dieses erst beginnende Zeitalter soll sich die Geltung des Wertgesetzes erstrecken. Was soll das heissen? Wurden denn bisher die wirtschaftlichen Güter, seit den Anfängen der menschlichen Kultur bis auf unsere Tage, ohne Arbeit gewonnen? Wenn die Bedeutung der Marxschen Werttheorie darin zu suchen ist, dass sie die soziale Gleichheit auf der Arbeitsgleichheit zu begründen sucht, und wenn eben dieser Tatbestand mit der Phasexx vom „beginnenden Zeitalter der Arbeit“ bezeichnet ist, so ist es klar, dass dieses Zeitalter in die Zukunft verlegt wird. Denn die „soziale Gleichheit“ bestand in der auf Privateigentum aufgebauten Wirtschaftsordnung in der Vergangen- 32 Fr. Kleinwächter, Grundlagen d. wissenschaftlichen Sozialismus. 1885. S. 65/66, 68. 33 T. Masaryk, l. c. S. 310/311. 56 heit ebensowenig, wie sie gegenwärtig besteht, nachdem der Kapitalismus eben ein „System der Ungleichheit ist“.34 Als theoretische Widerspiegelung der realen Erscheinungen des Kapitalismus müsste ja doch die Marxsche Werttheorie imstande sein, auch die Marktvorgänge der langen vielhundertjährigen, auf der Ungleichheit beruhenden Ausbeutungsperiode wissenschaftlich zu erklären. Diese Funktion der Marxschen Werttheorie wird aber von Masaryk geleugnet und ihre Gültigkeit bloss auf das kommende Zeitalter der sozialen Gleichheit beschränkt. Endlich noch 1908, also bereits nach dem Erscheinen der Marxschen Mehrwerttheorien, führte Marc Aucuy aus: „On peut considérer que, l’œil fixé sur l’idéal et non sur la réalité, Karl Marx a donné, au début de son ouvrage Le Capital, la règle de détermination de la valeur au régime collectiviste. La portée réaliste de cette dernière théorie est en effet nulle. Il suffit de l’énoncer pour le montrer.“35 – Noch prägnanter einige Seiten weiter: „La théorie de la détermination de la valeur en travail est trop évidemment fausse quand elle se donne comme une expression de la réalité“. Nach Aucuy sei sie vielmehr zu betrachten „comme expression théorique de ce quixxi doit être.“36 – „Personne ne maintient plus cette théorie (marxiste) comme une interprétation scientifique des faits. Mais elle est du moins le tableau figuré de l’avenir, elle estxxii l’idéal des transformations futures, essentiellement orientées vers la répartition.“37 Und sogar die logische Schulung Max Webers hat ihn vor ähnlichen Missgriffen nicht bewahrt. Indem nämlich Weber auf den Begriff des wirtschaftlichen Wertes der Nationalökonomie zu sprechen kommt, sagt er: „Von der Scholastik an bis in die Marxsche Theorie hinein verquickt sich hier der Gedanke von etwas ‚objektiv‘ Geltendem, d. h. also: Sein sollenden, mit einer Abstraktion aus dem empirischen Verlauf der Preisbildung. … jener Gedanke, dass der ‚Wert‘ der Güter nach bestimmten ‚naturrechtlichen‘ Prinzipien reguliert sein sollexxiii“.38 Auch nach Weber haben wir es somit bei Marx nicht mit der begrifflichen Fassung und Erklärung der wirklichen Tauschvorgänge, sondern mit einer ethischen Norm des „sein sollenden“, also mit einem Postulat für die Zukunft zu tun. 34 [Im Ts. nicht ausgeführt.] 35 Marc Aucuy, Les Systèmes socialistes d’échange. Paris 1908. p. 82. 36 L. c. S. 86/87. 37 L. c. S. 107/108. 38 M. Weber, Die Objektivität sozialwissenschaftlicher [und sozialpolitischer] Erkenntnis. (In: „Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre“. Tübingen 1922. S. 196.) 57 Die groteske Ungeheuerlichkeit dieser Behauptung wird noch dadurch gesteigert, dass sie zu Konsequenzen führt, welche die Unhaltbarkeit jener Behauptung noch krasser hervortreten lässt. Verlegt man nämlich die Geltung des Marxschen Wertgesetzes in die Zukunft, so muss man notwendigerweise eine zeitliche Einschränkung gelten lassen. Aus dem Gothaer Brief (1875) von Marx wissen wir nämlich, dass nach seiner Lehre das Aequivalent-Prinzip zwischen Leistung und Gegenleistung nur in der primitiven Anfangsphase des Kollektivstaates zur Anwendung gelangen wird, und zwar in der Phase: „wie die kommunistische Gesellschaft eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht.xxiv“39 Nur hier „erhält der einzelne Produzent – nach den Abzügen – exakt zurück, was er ihr gibt … Dasselbe Quantum Arbeit, das er der Gesellschaft in einer Form gegeben hat, erhält er in der anderen zurück.“40 „In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, […] nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch die Produktionskräfte gewachsen sind, und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fliessen – erst dann kannxxv der enge bürgerliche Rechthorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf xxvi ihre Fahnen schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, Jedem nach seinen Bedürfnissen!“41 In dieser höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft verliert das Wertgesetz als regelndes Prinzip des Warenaustausches jeden Sinn, da hier jeder Warenaustausch selbst fortfällt. Vergegenwärtigen wir uns diesen Sachverhalt, so müssen wir notwendig zum Ergebnis gelangen, dass nach der zitierten Auffassung die Geltung der Marxschen Werttheorie sich weder auf die kapitalistische Gegenwart noch weniger aber auf die eigentliche kommunistische Zukunftsgesellschaft erstrecken würde,42 sondern bloss für die relativ kurze Uebergangsperiode aus der kapitalistischen zur wahrhaft kommunistischen Wirtschaftsweise diese Geltung beanspruchen könnte. Die Marxsche Werttheorie, wie sie uns im „Kapital“ vorliegt, und die ja den wesentlichen Bestandteil des Systems ausmacht, wäre somit eigentlich nur für diese Uebergangsperiode gedacht und geschrieben. Man braucht nur diese mit 39 Marx, Gothaer Brief. Neue Zeit. [9. Jg.] 1890/91. Bd. I. S. 566. 40 Ebda. 41 Ebda. S. 567. 42 Bemerkt doch schon Schäffle richtig, dass „wenn […] der Sozialismus […] überhaupt nicht im Verhältnis des Wertes der Arbeitsleistungen eines jeden, sondern im Verhältnis der […] Bedürfnisse austeilen will ... Dann ist der Marxsche Arbeitskostenwert als Verteilungsmassstab selbstverständlich gegenstandslos“. (Quintessenz, l. c. S. 48.) 58 zwingender Notwendigkeit aus der gemachten Annahme sich ergebenden Konsequenzen klar herauszukristallisieren und auszusprechen, um die ganze Haltlosigkeit jener Annahmen zu offenbaren. Während die soeben erwähnte Richtung der bürgerlichen Marx-Kritik sich bemüht hat, die Geltung der Marxschen Werttheorie in die Zukunft zu verlegen, so hat umgekehrt eine weitere theoretische Gruppe versucht, die Gültigkeit der Marxschen Werttheorie in die Vergangenheit zu verschieben. Beiden Richtungen ist der Gedanke gemeinsam, dass die Marxsche Werttheorie für die Erklärung der Preiserscheinungen der kapitalistischen Gegenwart nicht gültig ist, worin zugleich das psycholgische Motiv und der eigentliche Hintergedanke der bürgerlichen Oekonomik sich manifestiert, nämlich die Schlussfolgerung, dass alle für die bestehende Wirtschaftsordnung gefährlichen Konsequenzen der Arbeitswertlehre eo ipso gegenstandslos sind. Die Quelle und das Vorbild dieser kritischen Richtung ist in dem Verfahren Adam Smith’ zu suchen, der bekanntlich, obwohl er die Theorie entwickelt, dass die Arbeit die Quelle allen Reichtums und Wertes ist und dass die Arbeitszeit das Mass des Wertes sei, dennoch die Gültigkeit dieser Lehre in die Vergangenheit verlegte und behauptete, dass zwar der Wert der Ware durch die in ihr enthaltene Arbeitszeit bestimmt wird, aber nur „in den Anfängen der Gesellschaft“, solange sich kein Privateigentum an Grund und Boden und kein Kapital herausgebildet hat. Hier werden Aequivalente ausgetauscht. Das Gesetz der Werte verliert aber seine Geltung, sobald Kapital und Grundeigentum sich gebildet haben. Denn nun verlangt der Grundeigentümer sowie der Kapitalist einen Teil vom Arbeitsertrag des Arbeiters fürxxvii die Ueberlassung der Produktionsmittel in Form von Profit und Rente, folglich ist vom Austausch der Aequivalente keine Rede mehr;43 das Gesetz der Werte widerspricht in der kapitalistischen Produktion den Tatsachen. Marx ist gegen die Smithsche Auffassung, die später (1821) von Torrens erneutxxviii aufgetischt wurde, mit Entschlossenheit aufgetreten. Marx leugnet, „dass das Gesetz des Wertes, das aus der kapitalistischen Produktion abstrahiert ist, ihren Erscheinungen widerspricht.“44 Und gegenüber dem Smithschen Versuch, die Gültigkeit des Wertgesetzes bloss für die vorkapitalistische Periode einzuschränken, fügt er mit beissender Ironie hinzu: „Also das Gesetz der Ware soll da sein in einer Produktion, die keine Waren (oder nur teilweise) erzeugt, und soll nicht da sein auf Grundlage der 43 Adam Smith, Wealth of Nations. B. I. Chapt. VIII. 44 Marx, Mehrwerttheor. III. S. 78. 59 Produktion, deren Basis das Dasein des Produktes als Ware ist. Das Gesetz selbst wie die Ware als allgemeine Form des Produkts ist abstrahiert aus der kapitalistischen Produktion, und gerade für sie soll es nicht gelten.“45 Die beissende Marxsche Kritik des Smithschen Versuches, die Geltung des Wertgesetzes aus der kapitalistischen Gegenwart in die Vergangenheit, in die historische Vorstufe des Privateigentums zu verlegen, hat dennoch R. Wilbrandt von einem ähnlichen Bemühen nicht zurückgehalten. Im Bewusstsein, dass es ihm geglückt ist, eine originelle Entdeckung gemacht zu haben, belehrt Wilbrandt die Welt, die Marxsche Wertlehre im ersten Bande des „Kapital“ sei bisher allgemein missverstanden worden, und nur deshalb sei es möglich gewesen, von einem „Widerspruch“ zwischen ihm und der Darstellung des dritten Bandes zu sprechen.46 Der Widerspruch verschwinde aber, sobald die Wertlehre des ersten Bandes richtig verstanden werde. Worin liegt nun die grosse Entdeckung Wilbrandts? Hören wir zu: „Wenn im Band III/1 für die Gegenwart, im Gegensatz zu dem am Anfang von Band I gewählten Ausgangspunkt, die Produktionskosten samt dem heute selbstverständlichen Kapitalgewinn den Warenpreis bilden … So ist der Anfang von Band I nicht als Bild der Gegenwart zu verstehen, wie all die Kritik es irrtümlich annahm, sondern erst Band III/1 (S. 120–179) führt bis an die Gegenwart heran und zeigt (S. 155 f.), wie der Anfang gemeint war: als Bild der historischen Vorstufe vor der kapitalistischen Produktion – der Tauschverkehr zwischen den Handwerkern und Bauern –, so dass ‚nicht nur logisch, sondern auch historisch‘ (Bd. III/1. S. 156) die ‚Werte der Waren als das Prius der Produktionspreise‘ (einschliesslich Kapitalgewinn) zu betrachten sind.“47 Als scheinbare Bestätigung der Wilbrandtschen Auffassung könnte der bekannte Aufsatz von Engels „Ergänzung und Nachtrag zum drittten Buch des ‚Kapital‘“ gelten, wo Engels bekanntlich daraufhin weist, dass, wenn das in den Anfangskapiteln des „Kapital“ formulierte Marxsche Wertgesetz nicht unmittelbar mit den Erscheinungen der kapitalistischen Warenproduktion zusammenfällt, dies auf den Vorstufen des Kapitalismus anders war, wo die ausgetauschten Warenwerte unmittelbar dem Quantum der geleisteten Arbeit entsprochen haben. „Das Marxsche Wertgesetz – sagt daher Engels – gilt allgemein […] für die ganze Periode der einfachen Warenproduktion“. – „Das Marxsche Wertgesetz hat also ökonomisch allgemeine Gültigkeit für eine Zeitdauer, die vom Anfang des die Produkte in Waren verwandelnden Austausches bis ins 15. Jahrhundert unserer Zeitrechnung dauert. Der Warenaustausch aber datiert von einer 45 Ebda. III. S. 80. 46 R. Wilbrandt, Karl Marx. Versuch einer Würdigung. 4. Aufl. 1920. S.104. 47 Ebda. S. 105/106. 60 Zeit, die vor aller geschriebenen Geschichte liegt, die in Aegypten auf mindestens dritthalbtausend, vielleicht fünftausend, in Babylonien auf viertausend, vielleicht sechstausend Jahre vor unserer Zeitrechnung zurückführt; das Wertgesetz hat also geherrscht während einer Periode von 5– 7 Jahrtausenden.“48 Das Wertgesetz hat geherrscht. Welche Bedeutung hat es aber für die entwickelte kapitalistische Warenproduktion, d. h. für die kapitalistische Wirklichkeit, für die Gegenwart? Wie interessant auch die Engelsschen Ausführungen sein mögen, sie brechen in dem entscheidenden Momente ab, wo die Funktion des Wertgesetzes in der gegenwärtigen Realität zu zeigen war, und die Antwort auf diese grundlegende Frage wird bei Engels nicht gegeben. So hat es die Kritik leicht gehabt, den fragmentarischen Charakter des Engelsschen Aufsatzes ausnützend, die Haltlosigkeit der Marxschen Wertlehre bei der Erklärung der Tauschvorgänge der realen Wirklichkeit zu behaupten.xxix So wendet sich G. Sorel mit billigem Hohn gegen die Engelssche Darstellung, das Wertgesetz hätte allgemein gegolten für die ganze Periode der einfachen Warenproduktion. „Aber was bedeutet diese Theorie jetzt? Wenn man die Engelssche Interpretation akzeptiert, wie kann man sich eines Gesetzes bedienen, dessen Gültigkeit seit dem 15. Jahrhundert behoben wurde? Was bedeutet dann die Marxsche Theorie?xxx“49 Und nicht anders urteilt K. Diehl. „Tatsächlich liegt in diesen Ausführungen von Marx und den dazugehörigen Erläuterungen von Engels das Eingeständnis enthalten, dass das Marxsche Wertgesetz gerade mit der Periode der Wirtschaftsgeschichte aufhört, wo erst die Phänomene sich entwickeln, deren Analyse Marx als seine Hauptaufgabe betrachtet – nämlich die Epoche der kapitalistischen Produktionsweise“.50 b) Die Verschiebung des Geltungsbereiches des Wertgesetzes aus der Welt der realen Erscheinungen in die Welt des Denkens. Haben die soeben genannten Autoren die Geltung des Wertgesetztes innerhalb der Zeit, aus der Gegenwart in die Vergangenheit oder in die Zukunft verschoben, so verschiebt eine andere Gruppe von Theoretikern die Geltung des Wertgesetztes aus der Welt der realen Phänomene in die Welt [48 Fr. Engels’ letzte Arbeit: Ergänzung und Nachtrag zum dritten Buch des „Kapital“. In: Die Neue Zeit. Stuttgart. 14. Jg. 1895/1896. Bd. 1. S. 39.] 49 G. Sorel, Sur la théorie Marxiste de la valeur. (Journ. d. Économistes. Paris 1897. Mai.) 50 K. Diehl, Ueber das Verhältnis v. Wert u. Preis. S. 19. 61 der Gedankendinge. Bekanntlich hat bereits Konrad Schmidt das Wertgesetz als eine „Hypothese zur Erklärung der Wirklichkeit“, als „einen für unser Denken unentbehrlichen Begriff“ erklärt.51 Auch in seinen späteren Aufsätzen, z. B. über „Marxistische Orthodoxie“ (1913), meint er, das Marxsche Wertgesetz sei nichts anderes „als ein Denkmittel der Orientierung“.52 Besonders krass tritt diese Auffassung, welche dem Werte jede reale Bedeutung abspricht, bei W. Sombart zutage. Die empirische Welt zeigt uns eine Mannigfaltigkeit qualitativ verschiedener Arbeitsprodukte. Der Wertbegriff besteht darin, dass wir uns die Waren „in Beziehung zu einander vorstellen“xxxi (S. 576). Die Produktionskraft der Arbeit „ist zunächst nur eine technische Tatsache …: sie äussert sich darin, dass eine besonders geartete, d. h. konkrete und individuelle Arbeit eine Menge qualitativ bestimmter Gebrauchswerte in gegebener Zeit zu erzeugen vermag.“ Der Wertbegriff hat bei Marx diese qualitativen Verschiedenheiten auf einen gemeinsamen Nenner, also qualitative Dieselbigkeit zu bringen. „Mittels der Wertvorstellung nun lösche ich die qualitative Unterschiedlichkeit in der produktiven Arbeit aus.“ Und zwar, „indem ich […] die Waren als Verkörperung unterschiedsloser, abstrakt gesellschaftlicher Arbeit denke“. Dem Wert kommt keine reale Existenz zu, er ist ein Hilfsmittel unseres Denkens, ein Mittel, die Phänomene des Wirtschaftslebens uns verständlich zu machen, „er ist eine logische Tatsache.“ Seine Funktion besteht darin, „uns die als Gebrauchsgüter qualitativ verschiedenen Waren in quantitativer Bestimmtheit erscheinen zu lassen.“ (S. 574.) Der „Wert ist keine empirische, sondern eine gedankliche Tatsache.“53 Mit dieser Verschiebung des Wertes aus der Welt der Erscheinungen in die Welt der Logik ist von neuem der Versuch zur Rückkehr in die Vorstellungen der klassischen Oekonomik unternommen. Mit der Darstellung des Wertes als einer Denknotwendigkeit, als einer quantitativ-begrifflichen Zusammenfassung der empirisch gegebenen qualitativen Mannigfaltigkeit, wird der konkret-geschichtliche, also transitorische Charakter des Wertes – sowohl als reale Erscheinung als auch als gedankliche Vorstellung, wie sie beide nur der warenproduzierenden Tauschgesellschaft eigentümlich sind – verdunkelt und ausgelöscht. Dadurch wird die einer bestimmten historischen Periode eigentümliche, in eine logische, somit unhistorische, nichtvergängliche, ewige Kategorie verwandelt. 51 Konrad Schmidt, Die Durchschnittsprofitrate [Auslassung im Ts.] K. Diehl, a. a. O. S. 6.xxx-a 52 Konrad Schmidt. Sozialist. Monatshefte 1913/I. S. 488. 53 W. Sombart, Zur Kritik d. ökonom. Systems v. Karl Marx. (Brauns Archiv f. soziale Gesetzgeb. u. Statist. Bd. VII. 1894. [S. 574.]) 62 Hier ist auch Diehl zuzurechnen, der in seiner 1898 erschienenen Abhandlung ueber das Verhältnis von Wert und Preis bei Marx sagt: „Der Preis einer Ware ist eine konkrete Mengenbestimmung: er zeigt uns die Menge Güter bezw. die Menge des Geldes an, die für die Hingabe dieser Ware festgesetzt ist. Der Wert ist dagegen eine Abstraktion; wenn wir vom Werte der Waren sprechen, meinen wir das regulierende Prinzip, das der Preisbildung zugrunde liegt.“54 Freilich, bei Marx sollte der Wert eine andere Bedeutung haben. Die Sombartsche Interpretation des Wertes bei Marx als eines Hilfsmittels des Denkens ist, wie Diehl richtig sagt, „mit dem ganzen Geiste des Marxschen Werkes unvereinbar.“55 Zwischen Wert und Preis besteht bei Marx eine engere Beziehung, als Sombart glaubt. Marx verweist in wiederholten Erklärungen darauf, dass sich sein Wertgesetz mit naturgesetzlicher Gewalt durchsetzt. „Daraus geht hervor, dass Marx an eine reale Bedeutung seines Wertbegriffes gedacht hat“.56 Aber diese Absicht konnte Marx nicht verwirklichen, vielmehr musste er im III. Bande die Wertlehre des I. Bandes tatsächlich preisgeben. Es ist Marx nicht gelungen, die reale Geltung des Wertes nachzuweisen, und die Lehre des dritten Bandes „lässt die im I. Bande dargelegte Werttheorie als das erscheinen, was sie nach Marx gerade nicht sein sollte, nämlich als eine reine Hypothese“.57 Eine prinzipielle Kritik dieser Auffassung werden wir an anderer Stelle geben. Hier sei nur kurz gesagt: Wenn der Preis nach Diehls Auffassung eine reale Erscheinung ist, so muss er diesen Charakter auch dem Werte zugestehen. Denn beide sind nach Marx qualitativ dasselbe. „Preis, der qualitativ verschieden vom Wert, ist ein absurder Widerspruch.“58 Für die einzelnen Waren besteht der Unterschied zwischen Wert und Preis nur in quantitativer Differenz. Durch diese quantitative Inkongruenz kann aber der Charakter einer realen Erscheinung nicht abgesprochen werden. Was real existiert, wenn es 8 beträgt, hört nicht auf zu existieren, wenn nachgewiesen wird, dass es sich nachher in 6 und 2 gespalten hat. Vom gesamtgesellschaftlichen Standpunkt hört sogar die quantitative Inkongruenz auf, da hier Gesamtwert mit dem Gesamtpreis identisch ist. Die Schwierigkeiten, die bei der Interpretation der Marxschen Wertlehre sowohl für die Marxkritiker als auch für manche Marxisten entstehen, erklären sich daraus, dass man das Wert- und Preisproblem isoliert, als eine 54 K. Diehl, l. c. S. 4. 55 Ebda. S. 5. 56 Ebda. S. 5. 57 Ebda. S. 44. 58 Marx, K. III/1. S. 339. 63 interne Schwierigkeit der Werttheorie behandelte, ohne Zusammenhang mit der allgemeinen Methodik, die bei dem Aufbau des Marxschen Hauptwerkes angewendet wurde. Die Zweiteilung der Analyse der Austauschbeziehungen bei Marx: der Austausch der Waren zu ihren Werten und zu ihren Produktionspreisen, wurde sowohl seitens der Marx-Kritik als auch seitens der Verteidigung nicht prinzipiell, sondern eklektisch und kasuistisch behandelt. Die Kritiker behandelten diese Zweiteilung unter dem Gesichtspunkte des „Widerspruches“ zwischen der Lehre des I. und derjenigen des III. Bandes des „Kapital“. Die Verteidigung, insbesondere in der Formulierung Hilferdings, gab dem Problem eine spezifisch-historische Färbung: unter bestimmten historischen Voraussetzungen (einfache Warenproduktion) wurden die Waren zu ihren Werten, d. h. als Aequivalente ausgetauscht. Unter geänderten Verhältnissen, mit der Herausbildung der kapitalistischen Warenproduktion entwickelt sich der Austausch von Waren zu Produktionspreisen, die regelmässig von ihren Werten abweichen. Bei dieser Deutung des Wertgesetzes sind die Werte das historische Prius; das logische Prius geht verloren. Es bleibt ungeklärt, warum Marx, der doch gerade die kapitalistische Warenproduktion und nicht ihre vorkapitalistische Form (einfachen Warenaustausch) zum Objekt seiner Analyse nahm, warum er also seine Darstellung im ersten Band mit der Analyse jener Austauschform beginnt, die der vorkapitalistischen Warenproduktion eigentümlich ist? Es bleibt ungeklärt, warum Marx bei der Analyse der kapitalistischen Produktionsweise, in der der Austausch zu Produktionspreisen vorherrscht, die Annahme macht, dass die Waren zu ihren Werten ausgetauscht werden? Vom Standpunkt der von mir vertretenen Auffassung löst sich die Schwierigkeit in einfacher Weise. Ich habe an anderer Stelle gezeigt, „dass der Aufbau aller drei Bände des ‚Kapital‘ methodologisch auf dem bis in alle Details fein durchdachten und tatsächlich durchgeführten Annäherungsverfahren erfolgte, welches logisch mit dem Reproduktionsschema unzertrennlich verbunden ist.“59 Marx macht bei der Analyse des Kapitalismus eine Reihe vereinfachender Voraussetzungen. „Bereits in den ersten Kapiteln des Band I beschäftigt sich Marx nicht mit den unmittelbar gegebenen empirischen Erscheinungen, nicht mit Profit, Zins, Grundrente, etc., sondern mit ihrer ideellen Zusammenfassung, mit dem Mehrwert. Er beschäftigt sich nicht mit den empirisch gegebenen Preiserscheinungen, sondern geht von der fiktiven Voraussetzung aus, dass die Waren zu 59 Grossmann, Henryk, Die Aenderung des [ursprünglichen] Aufbauplanes des Marxschen „Kapital“ [und ihre Ursachen]. (In diesem Archiv. Jhrg. XIV. 1929. S. 330). 64 ihren Werten verkauft werden, was in sich die weitere Annahme einschliesst, dass der Produktionsapparat sich im Gleichgewichtszustand befindet, dass die Ware Arbeitskraft gleichfalls zu ihrem Werte verkauft wird, dass also keine Reservearmee besteht, dass endlich keine Konkurrenz stattfindet.“60 Wir sehen, dass Wert und Preisproblem, d. h. die Behandlung der Austauschphänomene im zweistufigen Verfahren, zunächst als Werte, nachher als Preise, bildet keinen internen Sonderfall der Werttheorie. Weder im Sinne Böhm-Bawerks, d. h. in der Richtung, dass das ursprüngliche Wertgesetz preisgegeben wird, weil es mit dem tatsächlichen Preisbildungsvorgang nicht vereinbar ist; noch im Sinne Hilferdings, d. h. dass die Zweiteilung in Wert und Preis sich aus der historischen Veränderung der Verhältnisse erkläre. Nach unserer Darstellung bildet die Zweiteilung der Analyse der Austauschverhältnisse keinen Spezialfall der Werttheorie, ergibt sich vielmehr notwendig als die Konsequenz der generellen Methodik, die der Marxschen Analyse des kapitalistischen Produktionsprozesses zugrunde liegt, ganz unabhängig von den tatsächlich erfolgten historischen Wandlungen der Wirtschaftsstruktur. Die Werte sind nicht nur ein historisches, sondern auch ein logisches Prius der Produktionspreise. Aus dem Wesen des Marxschen Annäherungsverfahrens ergibt sich, dass Marx sämtliche Erscheinungen des Kapitalismus zumindest zweimal behandeln muss; zunächst unter vereinfachender Voraussetzung, dann in definitiver, konkreter Gestalt. Denn zu jeder vereinfachenden Annahme gehört bei Marx eine nachträgliche Modifikation, durch welche erst die ursprünglich abstrakte Untersuchung stufenweise an die konkrete Erscheinungswelt angenähert wird.61 Wie ich an anderer Stelle gezeigt habe, bildet den Gegenstand der Marxschen Analyse zunächst nicht die empirische, sondern der „reine“ Kapitalismus in seinem „Normalverlauf“ auf Basis des Gleichgewichtes. Erst die an diesem „Normalkapitalismus“ in seiner „Kernstruktur“ gewonnenen Gesetze werdenxxxii nachträglich an dem Verlauf des empirisch gegebenen Kapitalismus geprüft und modifiziert. Die Zweiteilung der Analyse der Austauschverhältnisse fügt sich somit logisch in das von Marx generell angewandte Verfahren ein und bildet bloss ein Pendant zu den vielen anderen methodisch analog behandelten Fällen: des Austauschhandels, der Konkurrenz, der Ausschaltung des fixen Kapitals, der Ausschaltung sog. „dritter Personen“ (Beamte, Militärs, liberale Berufe, Künstler etc.), Annahme einer für sämtliche Produktionssphären gleichen, 60 Ebda. S. 337. 61 H. Grossmann, Das Akkumulations- u. Zusammenbruchsgesetz. 1929. S. VII u. S. 288. 65 einjährigen Umschlagsperiode, Annahme einer für alle Arbeiter sämtlicher Sphären gleichen Lohnhöhe und Ausbeutungsrate etc. Wie alle diese Annahmen nur einen vorläufigen Charakter haben und spätere Korrektur erfahren, so gilt dasselbe in Bezug auf das Wertproblem. Für dasselbe ergibt sich zunächst – unter Annahme eines sich im Gleichgewicht befindenden „Normalkapitalismus“ (Reproduktionsschema) – die Konsequenz des Austausches von Waren zu ihren Werten. Im Ergebnis dieser Annahme bilden sich jedoch in den einzelnen Produktionssphären verschiedene Profitraten heraus, was der konkreten Wirklichkeit widerspricht. Wenn dieser Widerspruch behoben werden soll, so müssen diese ursprünglich verschiedenen Profitraten nachträglich zu einer gleichen Durchschnittsprofitrate ausgeglichen, somit auch die anfängliche Annahme des Warenverkaufes zu ihren Werten nachträglich modifiziert werden. So werden die ursprünglichen Werte in Produktionspreise umgewandelt und die Analyse, die mit einer fiktiven Voraussetzung begann, an die konkrete Wirklichkeit angenähert. Wer über das Wesen der Marxschen Methode, über sein Annäherungsverfahren, im unklaren ist und diese stufenweise Behandlung des Wertproblems nicht sieht, der muss überall auf „Widersprüche“ stossen, weil er nicht imstande ist, die vorläufigen Zwischenerkenntnisse der Marxschen Analyse von ihren definitiven Ergebnissen abzusondern. Wenn man nicht weiss, dass Marx seine Darstellung nicht mit der Analyse des empirischen, sondern des vorgestellten „Normalkapitalismus“ beginnt und dass nur für diesen die fiktive Voraussetzung des Verkaufs der Waren zu ihren Werten gilt, dann muss man, wie dies Komorzynski tut, dieser theoretischen Annahme eine Wirklichkeitsgeltung beimessen. „Gewiss – sagt Komorzynski – hat Marx in der ursprünglichen Fassung seiner Lehre … das Gesetz, dass das quantitative Austauschverhältnis der Produkte durch deren Arbeitsgehalt geregelt werde, auf die Wirklichkeit bezogen.“62 Dass diese Behauptung nicht haltbar ist, ist nach dem Gesagten klar. c) Gegensatz zwischen Wert- und Preisrechnung. Aeltere Periode bis 1904: Prinzipieller Widerspruch zwischen dem Wertgesetz und dem Gesetz der Produktionspreise. Gegenüber den geschilderten Versuchen, zwischen der Marxschen Wertund Preislehre einen unüberbrückbaren Widerspruch zu konstruieren und zu behaupten, dass neben der in Band III des „Kapital“ entwickelten Preislehre die im Band I begründete Wertlehre nicht bestehen könne und 62 Komorzynski, l. c. S. 270. 66 daher für die Erklärung realer Erscheinungen der Gegenwart keine Geltung besitze, muss als gewaltiger Fortschritt jene Kritik bezeichnet werden, welche in der Marxschen Wert- und Preislehre nicht nur keinen Widerspruch erblickt, sondern vielmehr zwischen beiden einen methodologisch notwendigen Zusammenhang sieht, indem sie erkennt, dass im Marxschen System die Preise nicht das ursprünglich Gegebene sind und sich erst unter dem Druck des Strebens nach gleicher Profitrate aus den Werten entwickeln. Die Inkongruenz zwischen Wert und Preis bedeutet somit durchaus keinen Widerspruch, ist vielmehr für die Marxsche Lehre gerade das charakteristische Merkmal. „Die quantitative Inkongruenz – sagt Bortkiewicz – zwischen Wert und Preis (genauer Produktionspreis) bildet eine spezifische Eigentümlichkeit der Marxschen Theorie der kapitalistischen Volkswirtschaft.“63 Bortkiewicz bestreitet nicht die prinzipielle Zulässigkeit und Berechtigung einer solchen quantitativen Inkongruenz. Kurz vorher (1904) hat doch bereits Hilferding in seiner Polemik gegen Böhm-Bawerks Marx-Kritik auf die theoretischen Grundlagen der Marxschen Ableitung der Preise aus den ursprünglich gegebenen Werten hingewiesen und die logische Berechtigung einer solchen Ableitung gezeigt. Insbesondere hat Hilferding darauf hingewiesen, dass Marx im Band I des „Kapital“ die Tauschverhältnisse entwickelte, wie sie sich ergeben, wenn die Voraussetzung gilt, dass die Waren zu ihren Werten ausgetauscht werden, was für den Austausch „unter bestimmten historischen Voraussetzungen notwendig ist“, wie z. B. der Austausch in der einfachen Warenproduktion. Aber der Austausch der Waren zu ihren Werten ist nicht die Bedingung des Austausches überhaupt. „Unter geänderten historischen Voraussetzungen treten Modifikationen des Austausches ein“. (Kapitalistische Warenproduktion). Lassen sich diese Modifikationen, d. h. die Abweichungen der Preise von den Werten als gesetzmässige erkennen und sich „als Modifikationen des Wertgesetzes“ darstellen, also aus dem ursprünglichen Wertgesetz ableiten, „so beherrscht das Wertgesetz auch jetzt, wenn auch in modifizierter Gestalt, den Austausch und die Preisbewegung.“ Die Preisbewegung ist nur als Modifikation der ursprünglichen Werte zu begreifen.64 Aber Hilferding, der die Marxsche Lehre von den Produktionspreisen anerkennt, ebenso wie vor ihm K. Diehl (1898), der sie mit dem Wertgesetz unvereinbar findet, behandelte nur das prinzipielle Verhältnis zwischen Wert und Preis, ohne sich darum zu kümmern, ob die Art und Weise, wie im Band III des „Kapital“ die Produktionspreise aus den Werten abgeleitet werden, an sich einwandfrei ist. Diese Frage hat Bortkiewicz in seinen 63 Bortkiewicz, Wertrechnung und Preisrechnung. Arch. Bd. 25 (1907). S. 10. 64 Hilferding, Böhm-Bawerks Marx Kritik. S. 29. 67 kritischen Aufsätzen näher untersucht, insbesondere die Klärung des spezifischen Verhältnisses von Wert und Preis bei Marx. Er hat sich nämlich die Frage vorgelegt, ob die von Marx bei der Ableitung der Preise aus den Werten angewandte Berechnungsmethode einwandfrei ist. In dieser Beziehung glaubt Bortkiewicz gegen Marx einen entscheidenden Angriff machen zu können. Er betrachtet auch sonst das Marxsche Wertgesetz als falsch und die an diesem von der bürgerlichen Oekonomik geübte Kritik als berechtigt. So stimmt er z. B. „rückhaltlos“ der Böhm-Bawerkschen Kritik der Marxschen Wert- und Preislehre „in einigen Punkten“ zu. Als „durchaus gelungen“ sei der Nachweis Böhms zu bezeichnen, dass die Marxsche Begründung des Wertgesetzes mangelhaft ist.65 Gleichfalls mit Recht habe Böhm auf den Zirkel in der Marxschen Beweisführung hingewiesen, den Marx bei der Reduktion der qualifizierten auf einfache Arbeit begeht.66 Ebenso ist Böhm im Recht, wenn er gegen Marx geltend macht, dass es unstatthaft sei, die Gesamtpreissumme, die sich für alle Waren ergibt, ihrem Gesamtwerte gleichzusetzen. Der Böhmsche Einwand, dass der Begriff „Gesamtwert aller Waren“ ein Nonsens sei, bestehe zu Recht, und es ist Böhm „ohne weiteres zuzugeben“, dass der numerische Wertoder Preisausdruck, der sich für alle Waren zusammengenommen ergibt, für die Frage des Austauschverhältnisses verschiedener Waren „total gleichgültig ist“. Die Begriffe Wert und Preis können nur dazu dienen, das Austauschverhältnis der Waren aufzuklären. Wirft man aber sämtliche Waren zu einem Ganzen zusammen, so kommen irgendwelche Austauschverhältnisse für diese Warengesamtheit nicht in Betracht. Daher erblickt Bortkiewicz in dem Hinweis, dass das Marxsche Wertgesetz zwar nicht für die einzelnen Waren, wohl aber für die Gesamtheit aller Waren gelte, bloss einen Versuch, das unhaltbare Marxsche Wertgesetz „zu retten“.67 Aber Bortkiewicz will die Unhaltbarkeit des Marxschen Wertgesetzes und der daraus sich ergebenden oder angeleiteten Konsequenzen noch von einer anderen Seite her beweisen. Wie schon der Titel seiner Abhandlung zeigt, glaubt er in der Art der Marxschen Preisrechnung und ihrer Ableitung aus der Wertrechnung einen Fehler in der grundlegenden theoretischen Konstruktion von Marx in exakter Weise, weil dies auf mathematischem Wege geschieht, nachweisen zu können.68 Er gibt zwar gegen- 65 Bortkiewicz, Wertrechn. u. Preisrechnung. Archiv Bd. 23. S. 7. 66 Ebda. S. 11. 67 Ebda. S. 12. 68 Bortkiewicz, Zur Berichtigung der grundlegenden theoretischen Konstruktion von Marx im dritten Band des „Kapital“. (Konrads Jahrb. f. Nationalök. u. Statist. III. Folge. Bd. 34. 1907. S. 319.) 68 überxxxiii dem Marxschen Standpunkt entgegenkommenderweise zu, dass von einem durch Böhm-Bawerk entdeckten „eklatanten Widerspruch“ zwischen dem Wertgesetz des ersten Bandes und dem Gesetz der Produktionspreise (der gleichen Profitrate) im dritten Band des „Kapital“ prinzipiell keine Rede sein kann. „Nun – heisst es bei Bortkiewicz weiter – kann man aber dieses zugestehen und nichtsdestoweniger der Meinung sein, dass das Verhältnis von Wert und Preis im ökonomischen System von Karl Marx keinen bloss scheinbaren, sondern einen wirklichen für dieses ganze System verhängnisvollen Widerspruch in sich schliesst.“69 Diesen Widerspruch nachzuweisen, stellte sich Bortkiewicz in seinen beiden genannten Abhandlungen zur Aufgabe, nämlich „zu zeigen, dass und worin Marx geirrt hat“.70 Um das eigentliche Schwergewicht der Bortkiewiczschen Kritik zu verstehen, muss man ihre wesentlichen Momente sowie die von der früheren Kritik der Marxschen Preistheorie unterscheidenden Merkmale erfassen. Die Kritiker der früheren Periode, wie z. B. K. Diehl, Böhm-Bawerk, Herkner usw., sahen ebenso wie bereits Bailey 1825 schon in der Tatsache der Abweichung der Preise von den Werten im Austausch einzelner Waren einen „Widerspruch“ der Marxschen Preislehre zu seiner Wertlehre und eine Preisgabe der letzteren, weil, wie K. Diehl meint: „Der Prüfstein jeder Werttheorie ist, ob sie für die unendlich verschlungenen und komplizierten einzelnen Preiserscheinungen die Regel zu liefern vermag; einen anderen Zweck kann die Werttheorie überhaupt nicht haben.“71 Da jedoch die Preise der einzelnen Waren dauernd und notwendig nicht dem Werte, d. h. der zu ihrer Reproduktion notwendigen Arbeitsmenge entsprechen, so erweist sich die im Band I dargelegte Werttheorie „als reine Hypothese, als ein absolut untaugliches Mittel zur Erklärung der wirklichen Preiserscheinungen.“72 Ebenso Böhm-Bawerk: „Was ist denn überhaupt die Aufgabe des Wertgesetzes? Doch nichts anderes als das in der Wirklichkeit beobachtete Austauschverhältnis der Güter aufzuklären.“73 – „Die Begriffe Wert und Preis können nur dazu dienen, das Austauschverhältnis einzelner Warenxxxiv aufzuklären. Wirft man aber sämtliche Güter zu einem Ganzen zu- 69 Bortkiewicz, Wert- u. Preisrechn. Arch. Bd. 23. S. 3. 70 Bortkiewicz, Zur Berichtig. l. c. S. 319. 71 K. Diehl, Verhältnis v. Wert u. Preis. S. 4. 72 Diehl, Verhältnis v. Wert u. Preis. S. 44. 73 Böhm-Bawerk, Kapital und Kapitalzins. 3. Aufl. 1914. I. 542 69 sammen, so kämen irgendwelche Austauschverhältnisse zwischen einzelnen Waren nichtxxxv mehr in Betracht, Wert- und Preisbestimmungen würden gegenstandslos.“74 Die Kritik dieser Art kann durch die 1904 erschienene Antikritik Hilferdings als erledigt betrachtet werden. Damit soll nicht gesagt sein, dass wir die Hilferdingsche Darstellung des Wert- und Preisverhältnisses im Marxschen System als fehlerfrei und erschöpfend betrachten. Im Gegenteil. Aber folgendes kann als sicheres Ergebnis jener Diskussion betrachtet werden: Sie hat gezeigt, dass jene bürgerlichen Kritiker einen individualistischen, Marx dagegen einen gesellschaftlichen Ausgangspunkt ihren Auffassungen zugrunde gelegt haben. Nicht die Erklärung individueller Preis- und Einkommens-Phänomene will uns Marx geben. „Es handelt sich Marx um den innerhalb einer Produktionsperiode neugeschaffenen Wert und um das Verhältnis, wie dieser neugeschaffene Wert zwischen Arbeiter und Kapitalistenklasse geteilt wird und so die Revenuen der drei grossen Klassen bildet.“ Wenn Marx nach dem Gesamtwert fragt, so tut er dies nur, „um innerhalb des Gesamtwertes die einzelnen für den kapitalistischen Distributionsprozess wichtigen Teile dieses Gesamtwertes zu sondern.“75 Den Dienst, diese gesellschaftlichen Zusammenhänge aufzudecken, leistet uns das Wertgesetz, und die Umrechnung der Werte in Preise ändert an diesem Ergebnis nichts, und eben deshalb ist „die Konstatierung, dass die Summe der Produktionspreise identisch ist mit der Summe der Werte, […] wichtig“,76 weil damit konstatiert wird, dass der Gesamtproduktionspreis nicht höher sein kann als der Gesamtwert, d. h. dass der Wertbildungsprozess nur in der Produktionssphäre als Resultat der Arbeit vonstatten geht, daher auch „aller Profit aus der Produktion und nicht aus der Zirkulation herstammt“, etwa durch irgendeinen Aufschlag, den der Kapitalist auf die fertige Ware nach ihrem Verlassen der Produktionssphäre macht. Andere Quelle des Profits als produktive Arbeit gibt es somit nicht. Daraus ergibt sich, dass auch für die gesellschaftliche Distribution und das Verhältnis der Kapitalisten- und Arbeiterklasse nur die Produktionssphäre ausschlaggebend ist, und dass die Umwandlung der Werte in Preise auch an diesem Verhältnis nichts ändert, da gesellschaftlich betrachtet die Mehrwertmasse und Profitmasse identisch sind. Das Distributionsverhältnis zwischen der Arbeiterklasse und Kapitalistenklasse, wie es 74 Böhm-Bawerk, Zum Abschluss des Marxschen Systems. (Festgaben f. Karl Knies.) Berlin 1896. S. 114 [–118].xxxv-a 75 Hilferding, Böhm-Bawerks Marx-Kritik. S. 33. 76 Ebda. S. 31. 70 sich aus der Wertbetrachtung ergibt, wird durch die Umwandlung der Werte in Produktionspreise nicht im mindesten tangiert.77 Die Betonung Hilferdings, dass die Ergebnisse der Wertrechnung mit jenen der Preisrechnung für die Gesellschaft identisch sind und dass auch die gesellschaftliche Distribution zwischen der Kapitalisten- und Arbeiterklasse nach beiden Rechnungsweisen keine Aenderung erfährt, war nur eine Bestätigung der Resultate, zu denen bereits W. Lexis 1885 anlässlich der Besprechung des II. Bandes des „Kapital“ gelangte.78 Auch er unterstreicht in Bezug auf die Art der Berechnung des Mehrwerts resp. des Kapitalgewinns den Umstand, „dass die Marxsche Wertbestimmung nach der Arbeitszeit dem Augenschein …, den die tatsächliche Preisbildung darbietet, unzweifelhaft widerspricht“.xxxvi Aber wenn die bereits erwähnten Marx-Kritiker aus dieser formellen Inkongruenz auf die innere Unhaltbarkeit der Marxschen Wertbestimmung und ihre Untauglichkeit zur Erklärung realer Zusammenhänge geschlossen haben, so ist Lexis weit entfernt, solche Einwände gegen die Marxsche Wertlehre zu erheben. Freilich müsse man sich darüber klar sein, was Marx mit seiner Wertlehre bezweckte, und nur von der Entscheidung dieser Frage hänge die Lösung des Widerspruches zwischen dem Wertgesetz und der tatsächlichen Preisbildung ab. Und mit grossem Scharfsinn gibt Lexis eine Lösung, die mit der später von Marx im Band III des „Kapital“ gegebenen im wesentlichen identisch ist. Lexis erklärt nun, die Lösung des Widerspruches ist unmöglich, wenn man als die Aufgabe des Wertgesetzes die Erklärung der Preise einzelner Waren betrachtet, wenn also „die verschiedenen Warenarten vereinzelt betrachtet werden und ihr Wert … gleich oder proportional ihrem Preise sein soll.“79 Aber die Marxsche Betrachtungsweise kann aufrecht erhalten werden, wenn man als die Aufgabe des Wertgesetzes nicht die Erklärung der Preisbildung einzelner Waren nach der in ihnen enthaltenen Arbeitsmenge betrachtet, sondern „nur die Warenproduktion im Ganzen und die Verteilung derselben unter die Gesamtklassen der Kapitalisten und der Arbeiter ins Auge fasst“.80 Die Marxschen Werte sind zwar mit den wirklichen Preisen nicht identisch, „können […] wohl aber als Ausgang- 77 Auf diese prinzipielle Kritik hat Böhm-Bawerk nicht geantwortet. In der 3. Auflage seines Buches „Kapital- und Kapitalzins“ (1914) erwähnt Böhm bloss die Antikritik Hilferdings mit der Bemerkung, sie habe ihm „in keiner Richtung einen Anlass zur Aenderung seiner Ansichten geboten“. (I. S. 541.) 78 W. Lexis, Die Marx’sche Kapitaltheorie. (Konrads Jahrbücher f. Nationalök. u. Statist. Neue Folge. Bd. XI. 1885.) 79 Ebenda. S. 461. 80 Ebenda. S. 462. 71 punkte einer Verschiebung betrachtet werden, die zu den wirklichen Preisen überführt.“ Betrachtet man nämlich als Bedingung der Preisbildung, dass gleichgrosse Kapitalien gleiche Gewinne erzielen, „so erfolgt die Ausgleichung des Kapitalgewinnes dadurch, dass die relativ viele Arbeiter beschäftigenden Kapitalisten von der Summe (des) Mehrwert(s) … einen Teil an die relativ weniger Arbeitskraft ausnutzenden Unternehmer abgeben müssen“.81 Auf diese Weise erfolgt die Verteilung derart, dass „von dem Gesamtprodukt … die Arbeiterklasse ... nur den notwendigen Lebensunterhalt erhält ...xxxvii Der andere, der Kapitalistenklasse zufallende Teil bildet … den Mehrwert. Die Mitglieder der Kapitalistenklasse verteilen nun diesen gesamten Mehrwert unter sich nicht nach Massgabe der von ihnen beschäftigten Arbeiterzahl, sondern nach Verhältnis der von jedem gestellten Kapitalgrösse“.82 Diese mit grossem Scharfsinn bereits 1885 gegebene Formulierung beweist am besten, indem sie die Resultate des dritten Bandes des „Kapital“ in Bezug auf die Preisrechnung antizipiert, dass diese Resultate im Wesen des Marxschen Wertgesetzes bereits enthalten sind und eine logische Konsequenz desselben bilden. Freilich Lexis will durch seine Ausführungen die Marxsche Wert- und Mehrwertlehre nicht ohne weiteres akzeptieren; zwar, sagt er, „kann […] der Kapitalgewinn in der dargelegten Weise abgeleitet werden. Aber nichts zwingt zu dieser Auffassung“; vielmehr führt die „vulgärökonomische“ Betrachtungsweise der Preiszuschläge zu den Selbstkostenpreisen „zu genau demselben Endresultate, und entspricht überdies unmittelbar dem augenscheinlichen wirklichen Verlaufe der Preisbildung“xxxviii.83 Denn wenn die Kapitalisten untereinander auf einer Seite als Käufer einen Teil dessen verlieren mögen, was sie als Verkäufer durch ihre Preiszuschläge zu den Selbstkosten gewinnen, so gilt dies nicht in ihrem Verhältnis zur Arbeiterklasse. Die Arbeiter sind vermöge ihrer ungünstigen Lage der Kapitalistenklasse gegenüber nicht imstande, einen ähnlichen Zuschlag auf ihre Ware, d. h. auf die Arbeitskraft, durchzusetzen und sind genötigt, sie zu Selbstkostenpreis, d. h. für den notwendigen Lebensunterhalt, zu verkaufen. So behalten die Preiszuschläge der Kapitalisten den Arbeitern gegenüber ihre volle Bedeutung und „bewirken die Uebertragung eines Teiles des Wertes der Gesamtproduktion auf die Kapitalistenklasse.“84 Lexis gelangt zum Ergebnis, dass die Marxsche Wert- 81 Ebenda. S. 464. 82 Ebenda. S. 462. 83 Ebenda. S. 454. 84 Ebenda. S. 453 u. S. 454. 72 lehre ebenso den Tatsachen entspricht wie die bürgerliche Preiszuschlagstheorie: „die Marxsche Mehrwertlehre und die tatsächlich befolgte Methode der kapitalistischen Preisaufschläge führen also hinsichtlich der Verteilung des Produktionsertrages zwischen Arbeitern und Kapitalisten zu demselben Ergebnis.“85 Einige Jahre später, 1889, hat Konrad Schmidt gleichfalls darauf hingewiesen, Marx habe im „Kapital“ das allgemeine Problem lösen wollen, „warum das jährliche nationale Arbeitsprodukt sich so und nicht anders zwischen […] verschiedenen Klassen der Gesellschaft verteile“.86 Die beiden soeben beschriebenen Betrachtungsweisen: die individualistische, auf die Bestimmung der Einzelpreise und Einzeleinkommen gerichtete Denkweise der bürgerlichen Oekonomik (in allen ihren Schattierungen von Böhm-Bawerk bis zu Liefmann und Schumpeter), im Gegensatz zur klassenmässig und gesellschaftlich orientierten Analyse von Marx, wird man am besten begreifen, wenn man den Unterschied beider genannten Methoden mit dem Unterschied der von Planck so benannten mikroskopischen und makroskopischen Methode der modernen Physik vergleichen wird.87 Die mikroskopische Methode erstrebt, um einen zeitlichen Verlauf eines Vorganges vollständig zu berechnen, bei Kenntnis der Anfangs- und Grenzbedingungen, genaue Angaben über Orte (Koordinaten) und Geschwindigkeiten aller einzelnen Moleküle. Ueberall jedoch, wo diese Methode unanwendbar ist, weil die aus Messungen zu gewinnenden Daten der Einzelwerke nicht ausreichen, und wo man dennoch nicht verzichten will, den Vorgang zu begreifen – und dies trifft gerade in Fällen zu, wo es sich um grundlegende Entwicklungstendenzen des physikalischen Gesamtsystems handelt, z. B. um das Prinzip der Vermehrung der Entropie, die Tendenz zum Ausgleich vorhandener Geschwindigkeitsdifferenzen, Temperaturunterschiede, Konzentrationsunterschiede –, überall dort greift die moderne Physik zu einem anderen Ausweg aus der Schwierigkeit: sie wendet das makroskopische Verfahren an. Bei dieser Methode kommt es nicht auf die Bestimmung von Einzelwerten, auf die Koordinaten aller Moleküle an; nicht die Anordnung einzelner Moleküle im Raume wird angegeben, vielmehr handelt es sich hier um gegenseitiges Verhältnis und Lage ganzer Elementargebiete, die also eine „bestimmte Raumverteilung im allgemeinen also im Durchschnitt“xxxix 85 Ebenda. S. 456. 86 Konrad Schmidt, Die Durchschnittsprofitrate auf Grundlage des Marx’schen Werthgesetzes. Stuttgart 1889. S. 111. 87 Max Planck, Vorlesungen über die Theorie der Wärmestrahlung. 4. Aufl. Leipzig 1921. 73 darstellen, während die tatsächlichen Lagen einzelner Moleküle als „Streuung“, d. h. als Abweichungen von diesem als „Mittelwerte“ gedachten Elementargebieten, verstanden werden. Die Physik charakterisiert ihre Uninteressiertheit an der Bestimmung dieser Einzelwerte durch die Annahme des Prinzips ihrer „elementaren Unordnung“. – „Der makroskopische Zustand … umfasst immer eine grosse Anzahl mikroskopischer Zustände, die er zu einem Mittelwert zusammenfasst.“88 Die Marxschen Werte können vom Standpunkt einer solchen Betrachtungsweise als theoretische „Mittelwerte“, also als Durchschnitte der empirisch gegebenen und um sie als „Streuung“ gelagerten „Produktionspreise“ angesehen werden. Die Fruchtbarkeit der Marxschen „makroskopischen“ Methode im Gegensatz zur „mikroskopischen“ Methode der bürgerlichen Oekonomie zeigt sich gerade darin, dass sie uns erlaubt, die grossen Entwicklungstendenzen des ökonomischen Gesamtsystems, d. h. den zeitlichen Verlauf in der Lage und gegenseitigem Verhältnis der grossen ökonomischen Klassen, zu bestimmen, ohne sich um die unzähligen und unkontrollierbaren Details der „mikroskopischen“ Bestimmung der Einzelpreise und Einzeleinkommen kümmern zu müssen. Marx interessiert die Frage nach der Grösse des Arbeitstributs, den die Arbeiterklasse an die Kapitalistenklasse zu entrichten hat. In jeder auf Basis des Privateigentums und der Klassenherrschaft organisierten Gesellschaft musste die beherrschte Klasse ein Tribut an die Oberschicht zahlen. „Das Kapital hat die Mehrarbeit nicht erfunden. Ueberall, wo ein Teil der Gesellschaft das Monopol der Produktionsmittel besitzt, muss der Arbeiter, frei oder unfrei, der zu seiner Selbsterhaltung notwendigen Arbeitszeit überschüssige Arbeitszeit zusetzen, um die Lebensmittel für den Eigner der Produktionsmittel zu produzieren, sei dieser Eigentümer nun atheniensischer Kalos Kagathosxl, etruskischer Theokrat, Civis romanus, normännischer Baron, amerikanischer Sklavenhändler, wallachischer Bojar, moderner Landlord oder Kapitalist.“89 – „Nur die Form, worin diese Mehrarbeit dem unmittelbaren Produzenten, dem Arbeiter, abgepresst wird, unterscheidet die ökonomischen Gesellschaftsorganisationenxli, z. B. die Gesellschaft der Sklaverei von der der Lohnarbeit.“90 In der kapitalistischen Produktionsweise ist diese Tributpflicht der Arbeiterklasse verschleiert durch das Wertgesetz, durch die Tatsache des „freiwil- 88 Ebenda. S. 120–122. 89 Marx, K. I. S. 219. 90 Ebenda. S. 199. 74 ligen“ Kaufes und Verkaufes der Ware Arbeitskraft, indem die Arbeiterklasse für ihre Ware Arbeitskraft, den Lohn als „Aequivalent“ empfängt. Unter dieser durch die Wert- und Geldform verhüllten Transaktion wird der wesentliche Inhalt, die Tributzahlunng seitens der Arbeiterklasse von der Kapitalistenklasse, erzwungen. Es handelt sich bei Marxxlii um die Bestimmung der Grösse dieses Tributes der Lohnarbeiterklasse. „Das Problem besteht in der exakten Bestimmung der Variationen der Mehrwertgrösse im Fortgang der Akkumulation“.91 Denn aus der Grösse des Mehrwertes in einem bestimmten Zeitpunkt ist das gegenseitige Verhältnis der Klassen, also die charakteristischen Merkmale für jede konkrete Phase des Kapitalismus ebenso abzulesen wie die Grösse des Dampfdruckes im Kessel aus dem Zeiger des Manometers. d) Gegensatz zwischen Wert- und Preisrechnung. Die Periode nach 1904: Zwischen Wert- und Preisrechnung besteht kein logischer Widerspruch, aber die Marxsche Ableitung der Preise aus den Werten sei fehlerhaft. Wenn die Gegner des Marxschen Systems auch nach dem Erscheinen der Hilferdingschen Antikritik ihre Angriffe gegen die Marxsche Lehre wirkungsvoll machen wollten, so mussten sie sich in ihrer Kritik gleichfalls auf den von Hilferding in den Vordergrund der Diskussion gerückten gesellschaftlichen Standpunkt stellen und von hier aus die Marxsche Wertund Preislehre angreifen. Diese neue Periode der Kritik eröffnet als erster der theoretische Führer des Revisionismus, Tugan-Baranowsky, bereits 1905, ein Jahr nach dem Erscheinen von Hilferdings Antikritik.92 Die Angriffe gegen die Marxsche Werttheorie sind bei ihm doppelter Natur. „Die Unvereinbarkeit dieser Theorie mit den realen Tatsachen der Preisbildung ist … offenkundig“.93 Aber diese Untauglichkeit zeigt sich nicht nur in Bezug auf die Preisbildung einzelner Waren, sondern auch in Bezug auf die Erklärung der gesellschaftlichen Preis- und Einkommensbildung sozialer Klassen. „Die Mehrwerttheorie (von Marx) kann nur dann widerlegt sein, wenn bewiesen wird, dass auch die Verteilung des gesellschaftlichen Einkommens zwischen verschiedenen Gesellschaftsklassen dem Mehrwertgesetze nicht folgt“.94 Um dies zu beweisen, unternimmt Tugan den Versuch zu zeigen, dass die Art und Weise, wie Marx die Durchschnittsprofitrate 91 Grossmann, Die Aenderung des [ursprünglichen Aufbau-] Planes des Marxschen Kapital [und ihre Ursachen]. L. c. S. 313. 92 Tugan-Baranowsky, Theoretische Grundlagen des Marxismus. Leipzig 1905. 93 Ebenda. S. 142. 94 Ebenda. S. 170. 75 berechnete, nicht stichhaltig sei. Nicht bloss in Bezug auf die Preise einzelner Waren verliert das Wert- und Mehrwertgesetz die Geltung, sondern auch in Bezug auf ganze Produktionszweige, eben bei der Berechnung der Durchschnittsprofitrate. Damit wollte Tugan beweisen, „dass auch in betreff des gesamten gesellschaftlichen Profits und der allgemeinen Profitrate dem Mehrwert nicht grössere Geltung zukommt, als in Bezug auf die Profite und Profitraten einzelner Kapitalisten in einzelnen Produktionszweigen. Die allgemeine Profitrate müsste eine ganz andere sein, als sie wirklich ist, wäre sie durch den Mehrwert bestimmt.“xliii Das ist natürlich, weil nicht nur die Geldpreise des Profits mit dem Mehrwert nicht zusammenfallen, sondern auch die Preise des variablen und konstanten Kapitals mit den Werten dieser Elemente in den einzelnen Produktionsabteilungen der gesellschaftlichen Produktion nicht zusammenfallen. Die Behauptung von Marx, dass die Abweichungen der Produktionspreise von den Werten „sich gegeneinander aufheben“, ist richtig „nur in Bezug auf das Ganze des gesellschaftlichen Produktes“, nicht aber in Bezug auf die Aussonderung innerhalb des gesellschaftlichen Gesamtwertes der Kategorie des gesellschaftlichen Kapitals und des mit ihm erzielten Profits, „wodurch die Höhe der gesellschaftlichen Profitrate festgestellt wird.“95 Aus dieser Divergenz der Wert- und Preisrechnung ergeben sich Unterschiede in der gesellschaftlichen Distribution unter die beiden grossen Gesellschaftsklassen der Kapitalisten und der Arbeiter, je nachdem es sich um die Wert- oder um die Preisrechnung handelt. Um kurz zusammenzufassen: Tugan wollte beweisen, „dass die allgemeine Profitrate mit dem Verhältnis des Mehrwerts zum gesellschaftlichen Kapital nicht übereinstimmt.96 Um dies zu beweisen und die Fehler der Marxschen Wert und Preisrechnung zu zeigen, gibt Tugan eine Illustration am schematischen Beispiel einer einfachen Reproduktion, wo nur Kapitalisten und Arbeiter existieren, wo von der Verschiedenheit der Umschlagsperioden des fixen und zirkulierenden Kapitals abgesehen und angenommen wird, dass das ganze konstante Kapital in jeder Produktionsperiode ganz umschlägt. Weiter werden drei Produktionssphären mit verschiedener organischer Zusammensetzung des Kapitals unterschieden: I Produktion von Produktionsmitteln, II Produktion von notwendigen Lebensmitteln für die Arbeiterklasse, III Produktion von Luxusmitteln für die herrschende Klasse. 95 Ebenda. S. 174. 96 Ebenda. 76 Dabei – im Gegensatz zu Marx – geht Tugan nicht von der Grundlage gegebener Werte des konstanten und variablen Kapitals und einer gegebenen Mehrwertrate, also auch einer gegebenen Mehrwertgrösse, aus, um von dieser Grundlage ausgehend, die Produktionspreise und die Höhe der Profitrate abzuleiten und zu berechnen, sondern er schlägt das entgegengesetzte Verfahren ein;xliv er will zeigen, wie von der Grundlage gegebener Produktionspreise und einer gegebenen Durchschnittsprofitrate ausgehend, sich dazu die entsprechenden Werte und die Mehrwertrate korrekt berechnen lassen, also „die Geldpreise in ihnen entsprechende Arbeitswerte verwandel(n).“97 A Preisrechnung B Wertrechnung I. 180 c + 60 v + 60 p = 300 I. 225 c + 90 v + 60 m = 375 II. 80 c + 80 v + 40 p = 200 II. 100 c + 120 v + 80 m = 300 III. 40 c + 60 v + 25 p = 125 III. 50 c + 90 v + 60 m = 200 I–III. 300 c + 200 v + 125 p = 625 I–III. 375 c + 300 v + 200 m = 875 Aus dem Vergleich der Ergebnisse beider Rechnungen glaubt Tugan die behauptete Inkongruenz nachweisen zu können. In der Wertrechnung beträgt die Mehrwertmasse 200 Einheiten, dagegen die Profitmasse in der Preisrechnung bloss 125. Auch prozentual berechnet – im Verhältnis zur Grösse des ausgelegten Kapitals – ergeben sich Differenzen. In der Wertrechnung beträgt die Profitrate 200/675 = beinahe 30 % (genau 29,6 %), dagegen in der Preisrechnung beträgt sie bloss 125/500 = 25 %. Die Mehrwertrate beträgt in der Wertrechnung 200/300 = 66 2/3 %, dagegen in der Preisrechnung 125/200 = 62,5 %. Auch das der Arbeiterklasse zukommende Einkommen stellt sich in der Wert- und Preisrechnung verschieden dar.xlv In der Wertrechnung beträgt das als Lohn der Arbeiterklasse zufallende variable Kapital 300 v, in der Preisrechnung bloss 200 v. Auch prozentual, als Anteil an dem Gesamtprodukt ist das Einkommen der Arbeiterklasse in den beiden Rechnungen verschieden. In der Wertrechnung beträgt es 300/875 = 34,3 %, in der Preisrechnung dagegen 200/625 = 32 %. Das konstante Kapital beträgt in der Wertrechnung 375 c, in der Preisrechnung 300 c. Endlich beträgt auch der Gesamtpreis bloss 625 gegenüber einem Gesamtwert von 875. Sowohl der Gewinnanteil der Kapitalisten als auch der Anteil der Arbeiter wie schliesslich die Grösse des konstanten Kapitals und die Summe des Jahrsprodukts sind in der Wert- und Preisrechnung verschieden. Die von Marx aufgestellten Gesetze des Wertes und des Mehrwertes lassen also nicht nur keine Anwendung auf die einzelnen Warenpreise und auf die Profite einzelner Kapitalisten zu, sie versagen nicht nur 97 Tugan, Theoretische Grundlagen. S. 172. 77 bei der Wertbestimmung des Jahresproduktes einzelner Produktionszweige, sondern sie bestimmen nicht einmal den Anteil der Kapitalistenklasse und der Arbeiterklasse im Ganzen an dem gesellschaftlichen Gesamtprodukt.98 An diese Tugansche Kritik der entscheidend wichtigen Punkte der Marxschen Lehre anknüpfend, sagt Bortkiewicz zustimmend: „In dieser Beziehung hat Tugan-Baranowsky Marx gegenüber unzweifelhaft recht“,99 – während er die Marx-Kritik Tugans in anderen Punkten, die sich nicht auf das Verhältnis von „Wertschema“ und „Preisschema“ beziehen, ziemlich schroff ablehnt.100 Es wäre überflüssig hier eine Kritik der Tuganschen Berechnungsweise zu geben. Sie eignet sich dafür nicht, zunächst aus methodischen Gründen. Wie wir bereits wissen, geht Tugan in seiner Berechnung – im Gegensatz zu Marx – nicht von gegebenen Wert- und Mehrwertgrössen aus, um zu den entsprechenden Preis- und Profitgrössen zu gelangen, sondern wendet das umgekehrte Verfahren an: er will zu den gegebenen Produktionspreisen und Profitmengen die entsprechenden Wert- und Mehrwertgrössen finden. Wenn man auch – mathematisch gesprochen – gegen die prinzipielle Berechtigung des Tuganschen Verfahrens nichts einwenden kann, soweit es nur richtig gehandhabt wäre, so ist es indes klar, dass es sich zur Aufzeigung der vermeintlichen oder wirklichen Fehler der Marxschen Preisrechnung absolut nicht eignet. Denn durch die prinzipielle Verschiedenheit der Verfahrenweise von Marx und Tugan muss die Tatsache verschleiert werden, „wer und wo“ die Rechenfehler begeht, Marx oder Tugan; durch die grundsätzliche Verschiedenheit beider Berechnungsmethoden fehlt bei ihrem Vergleich der gemeinsame Nenner: man kann nicht feststellen, worin der spezifische Unterschied der Marxschen und der Tuganschen Preisrechnung liegt; man sieht nur, dass Tugan zu einem anderen Resultate als Marx gelangt. Aber Tugan hat nicht bewiesen, dass dieses Resultat richtiger und berechtigter als das Marxsche ist. Wollte Tugan Marx bei seiner Ableitung der Produktionspreise aus den Werten einen Fehler nachweisen, so musste er ebenso wie Marx von den Werten ausgehen. In der Aenderung des grundsätzlichen Weges durch Tugan verbirgt sich seine Verschleierungsabsicht. Nun hat es aberxlvi Bortkiewicz unternommen, die von ihm akzeptierten Ergebnisse der Tuganschen Kritik an einem anderen Verfahren zu illus- 98 Tugan-Baranowsky, ebenda. S. 174. 99 Bortkiewicz, Wertrechnung u. Preisrechnung, Archiv Bd. 23. S. 47. 100 Ebenda. S. 42–44. 78 trieren und zu beweisen, welches ebenso wie das Marxsche von den Werten als gegebene Grössen ausgeht, um zu den Produktionspreisen zu gelangen. Nachdem dadurch das von Marx und von Bortkiewicz angewendete Verfahren sozusagen auf einen gemeinsamen Nenner reduziert worden sind und prinzipiell in Bezug auf den generellen Weg identisch sind, so ist es aus diesem Grunde vorzuziehen, sich kritisch mit Bortkiewicz und nicht mit Tugan auseinanderzusetzen, weil bei der Gleichheit des generellen Verfahrens von Marx und von Borkiewicz sofort die Unterschiede in den Details der Marxschen und Bortkiewiczschen Umrechnungsweise der Werte in Preise in die Augen springen und es ermöglichen, sie auf ihre Richtigkeit resp. ihre Fehler zu überprüfen. Zweitens aber ist das Verfahren von Bortkiewicz im Vergleich zu den primitivenxlvii mathematischen Methoden Tugans mathematisch feiner fundiert. Bortkiewicz beschränkt sich nicht auf die Angabe eines arithmetischen Schemabeispieles, sondern will eine allgemein gültige algebraische Formel für die Umrechnung der Werte und Preise geben und aus dieser allgemein gültigen korrekten Umrechnungsweise den „grundlegenden Fehler“ der Marxschen Berechnungsart zeigen. Dabei greift Bortkiewicz die Marxsche Wert- und Preisrechnung ebenso wie Tugan nicht vom individualistischen Standpunkt der Preisbildung einzelner Waren an, wie z. B. Böhm-Bawerk, sondern er greift die von Marx entwickelten Prinzipien der gesellschaftlichen Preisund Einkommensbildung an, den Ansatz, „dass der Gesamtprofit seinem numerischen Ausdruck nach mit dem Gesamtmehrwerte identifiziert wird“,101 sowie den weiteren Satz, dass die Summe der Warenwerte mit der Preissumme identisch ist. Von diesem gesellschaftlichen Blickpunkt aus will er „einen wirklichen für dieses […] (Marxsche) System verhängnisvollen Widerspruch“102 nachweisen. Während jedoch der von individualistischen Gesichtspunkten ausgehenden Kritik der früheren Periode in zahlreichen Abhandlungen von marxistischer Seite eine Antikritik folgte, ist die vielmehr einschneidendere Kritik Bortkiewicz’ unbeachtet und von marxistischer Seite unbeantwortet geblieben. Bortkiewicz, ein hervorragender Mathematiker und scharfsinniger Denker, ist zugleich ein glänzender Kenner der ökonomischen Literatur des von ihm behandelten Gebietes und – rara avis in der bürgerlichen Oekonomie – auch ein gründlicher Kenner der Marxschen Werke und der marxistischen Literatur. In einer längeren „kritischen Uebersicht über den Stand der Meinungen“xlviii werden unter dem Gesichtspunkte des von Bortkiewicz behandelten Themas die Werke und Aufsätze ver- 101 Wertrechnung u. Preisrechnung. Archiv Bd. 23. S. 12. 102 Ebenda. S. 3. 79 schiedener wissenschaftlicher Richtungen älterer und neuerer Zeit geprüft, und zwar von A. Smith, Ricardo, J. St. Mill, Marx und Engels, Böhm-Bawerk, Lexis, Zuckerkandlxlix, Komorzynski, Sombart, G. Simmel, A. Wagner, G. Adler, C. Schmidt, Kautsky, Hilferding, Firemanl, Tugan- Baranowsky, Diehl, Masaryk, Walras, Wieser, Stammler, Koppel, J. Rosenberg, Wencksternli, Dmitrieff, Kalinoff und vieler, vieler anderer Autoren. Und trotz aller persönlichen Vorzüge des Verfassers, trotz der Gründlichkeit seiner Untersuchung und der Wichtigkeit des behandelten Themas, endlich trotz der für das Marxsche System grossen Bedeutung der Schlussfolgerungen und Ergebnisse, zu welchen Bortkiewicz gelangte, blieb seine Kritik der Marxschen Wert- und Preisrechnung in der marxistischen Literatur seit 24 Jahren unbeantwortet.103 Es genügte, dass die Bortkiewiczsche Kritik in mathematischer Form präsentiert wurde, um schon allein aus diesem Grunde nicht nur die breiteren Leserkreise, sondern auch die marxistischen Theoretiker von einer Erörterung des so wichtigen Problems abzuschrecken. Aus diesem Beispiel lässt sich zugleich am besten ersehen, wie sorgsam die ältere Generation der Marxisten, die Kautskys und Bernstein, Boudin, Hilferding, und Otto Bauer allen unbequemen Problemen aus dem Wege gingen. II. Bortkiewicz’ Kritik der Marxschen Umrechnung der Werte in Preise und seine „Berichtigung“ derselben. a) Kritik. Nach welcher Richtung geht die Kritik Bortkiewicz’? Der Grundfehler Marxens liege nach Bortkiewicz darin, dass Marx die Umwandlung der Werte in Preise auf dem Wege zustande bringt, dass er den Wert des konstanten und variablen Kapitals, also den kapitalistischen „Kostpreis“ als 103 Dies muss umsomehr verwundern, als von Bortkiewicz direkt gegen Hilferding den Einwand erhebt, dass dieser in der Frage, „ob die Umwandlung der Werte in Preise bei Marx … als Rechenoperation […] stichhaltig sei, … es für überflüssig hält,li-a in dieser Beziehung irgend welche Ergänzungen zu den Darlegungen des ‚Kapital‘ zu machen. Hilferding nimmt kritiklos die Lehre hin, dass die Preissumme, die sich für alle Waren zusammengenommen ergibt, mit ihrem Gesamtwert übereinstimmt und dass zugleich der Gesamtprofit mit dem Gesamtmehrwert identisch ist. Es wird sich aus dem Nachstehenden ergeben, wie grundverkehrt diese Lehre ist.“ (Bortkiewicz, Wertrechnung und Preisrechnung. Bd. 23. S. 41.) 80 Bestandteil des Warenpreises unverändert aus der Wert- in die Preisrechnung übernimmt104 und die Umwandlung nur in Bezug auf den Mehrwertbestandteil des Warenwerts vornimmt. Und zwar lässt er den Mehrwert nicht in der von den Kapitalisten ursprünglich erzielten Grösse, sondern in einem anderen Verhältnis zu dem Kostpreis als Durchschnittsprofit zuschlagen. Durch diese Aenderung des Mehrwertbestandteiles der Ware wird ihr Wert in einenlii Produktionspreis geändert. In dem geschilderten Verfahren Marxens erblickt Bortkiewicz eine unzulässige Vermengung der Elemente der Wertrechnung mit jenen der Preisrechnung, wodurch seine „ganze Konstruktion der Preise unbrauchbar ist“.105 – „Es ist nun ein Leichtes, zu zeigen, dass das Verfahren, welches Marx zur Umwandlung der Werte in Preise benützt, verfehlt ist, weil dabei die beiden Prinzipien der Wert- und der Preisrechnung nicht streng genug auseinandergehalten werden.“106 Denn die Elemente des konstanten sowie des variablen Kapitals werden gleichfalls durch die Preisrechnung betroffen, können somit nicht in ihrer ursprünglichen Grösse, d. h. als Werte, in die Preisrechnung übernommen werden. Wenn man aber die Prinzipien beider Rechnungen zusammenwirft und die Preise aus den Werten in der Art, wie es Marx tat, ableitet, so ist nicht zu vermeiden, „dass man sich in innere Widersprüche verwickelt“.107 Der Einwand, dass Marx in die Preisrechnung Elemente der Wertrechnung hinübernimmt, findet sich bereits bei Böhm-Bawerk, worauf Bortkiewicz selbst hinweist.108 Böhm macht nämlich darauf aufmerksam, dass nach der Lehre des I. Bandes des „Kapital“ die Ware Arbeitskraft gleich jeder anderen Ware „zu ihrem Werte“ verkauft wird. Dagegen im dritten Band seines Werkes gibt Marx die Möglichkeit zu, „dass auch die notwendigen Lebensmittel der Arbeiter sich zu Produktionspreisen verkaufen können, die von der notwendigen Arbeitszeit abweichen. In diesem Fall, lehrt Marx, kann auch der variable Teil des Kapitales, […] ‚von seinem Werte abweichen‘“, und zwar dauernd abweichen.109 „Aber – meint Bortkiewicz – Böhm- Bawerk scheint sich der Tragweite dieses Einwands nicht ganz bewusst zu sein“, denn er hält sich bei demselben nicht länger auf und zieht daraus keine weiteren Konsequenzen für das Problem der gesellschaftlichen Dis- 104 Bortkiewicz, Wertrechnung u. Preisrechnung. Archiv Bd. 25. S. 16. 105 Ebenda. S. 17. 106 Ebenda. S. 15. 107 Ebenda. S. 16. 108 Bortkiewicz, Wertrechnung u. Preisrechnung. Arch. Bd. 23. S. 12. 109 Böhm-Bawerk, Zum Abschluss. S. 141. 81 tribution des Einkommens zwischen der Kapitalistenklasse und Arbeiterklasse. Bortkiewicz’ Kritik baut diesen Einwand Böhms generell aus in dem oben erwähnten Sinne. Um die korrekten Beziehungen zwischen Wertrechnung und Preisrechnung klarzulegen, knüpft Bortkiewicz an die Marxsche Berechnungsweise und an das Marxsche Schema an, um an ihm die Marxschen „Rechenfehler“ zu zeigen. Er nimmt also ein Schema der einfachen Reproduktion an mit ausschliesslicher Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise, wo nur die Kapitalisten- und Arbeiterklasse existiert, mit Ausschluss von selbständigen Handwerkern, Bauern. Weiter wird die Annahme gemacht, dass das gesamte Kapital (also auch das fixe Kapital) in einem Jahre gleichmässig umschlägt und daher ganz im Wert bezw. im Preis des Jahresprodukts wiedererscheint. Das Schema zerfällt in 3 Produktionssphären, die eine ungleiche organische Zusammensetzung der in ihnen investierten Kapitalien aufweisen. Die höchste ist in der Abt. I, wo Produktionsmittel, geringere in Abteilung II, wo Konsumtionsmittel der Arbeiter, und die geringste in Abt. III, wo Konsumtions- und Luxusmittel der Kapitalisten erzeugt werden. Die Mehrwertrate m/v beträgt stets 100 Prozent von v, wird somit in allen Produktionssphären als gleich angenommen, woraus folgt, dass die Profitrate m/c+v in den drei Produktionssphären verschieden ausfällt, und zwar höher ist in den Sphären mit niedriger organischer Kapitalzusammensetzung und umgekehrt. Bortkiewicz reproduziert zunächst das Marxsche Schema der Wert- und Preisrechnung (vgl. Tabelle I)liii, das aus 5 (I–V) Produktionssphären besteht. Die Wertsumme des Jahresprodukts 422 ist gleich der Preissumme, da die Abweichungen der Preise von den Werten in den einzelnen Produktionssphären sich im Endergebnis aufheben. Auch die Masse des Mehrwerts in der Wertrechnung, 110, ist identisch mit der Masse des Profits in der Preisrechnung. Schliesslich beträgt die Profitrate in beiden Rechnungen 22 %. Um eine Angriffsfläche gegen die Marxsche Darstellung zu erhalten, unternimmt Bortkiewicz eine Modifikation obiger Tabelle durch eine Reihe willkürlicher Annahmen. Er reduziert nämlich die Sphären I und V des Marxschen Schemas zusammen und macht die Annahme, dass in dieser Sphäre die notwendigen Lebensmittel für Arbeiter produziert werden. Diese Annahme macht er aus diesem Grunde, weil derliv Wert der Waren dieser Sphären (90 + 20) zufälligerweise genau so viel beträgt, wie die Arbeiter (aller fünf Sphären) an Löhnen bekommen, da das variable Kapital gleichfalls 110 beträgt. Weiter werden von Bortkiewicz auch die Marxschen Sphären III und IV in eine zusammengezogen, und willkürlich unterstellt, dass diese Sphären Produktionsmittel erzeugen, weil der Wert 82 des Jahresproduktes dieser Sphären (132 + 70) zufälligerweise mit dem Wert des in allen Sphären verbrauchten konstanten Kapitals (202) zusammenfällt. Schliesslich wird von Bortkiewicz unterstellt, dass in der Sphäre II Luxusmittel für Kapitalisten erzeugt werden, da hier der Wert des Jahresprodukts (110) mit dem in allen Sphären von den Kapitalisten erzielten Gesamtmehrwert übereinstimmt.110 Nach Vornahme analoger Reduktionen und Annahmen in dem Marxschen Schema der Preisrechnung (vgl. Tabelle I b)lv hat Bortkiewicz die Basis gewonnen, um die Fehler des Marxschen Verfahrens zu zeigen. Die „inneren Widersprüche“ desselben bestehen darin, dass in der Wertrechnung die Arbeiter 110 an variablem Kapital als Lohn erhalten. „Die Arbeiter müssten also imstande sein, für diese Tab. I lvi A. Wertrechnung (nach Marx) Konstantes Kapital c Variables Kapital v Verbrauchtes konstantes Kapital (ac) Mehrwert m Wert W Profitrate m/(c+v) I 80 20 50 20 90 20 % II 70 30 50 30 110 30 % III 60 40 52 40 132 40 % IV 85 15 40 15 70 15 % V 95 5 10 5 20 5 % I–V 390 110 202 110 422 22 % B. Preisrechnung (nach Marx) Konstantes Kapital c Variables Kapital v Verbrauchtes konstantes Kapital (ac) Kostpreis (ac + v) Profit m‘ Preis P Abweichungen d. Preises vom Wert P – W Profitrate m‘/(c+v) I 80 20 50 70 22 92 + 2 22 % II 70 30 50 80 22 102 – 8 22 % III 60 40 52 92 22 114 – 18 22 % IV 85 15 40 55 22 77 + 7 22 % V 95 5 10 15 22 37 + 17 22 % I–V 390 110 202 312 110 422 0 22 % 110 Bortkiewicz, Wertrechnung und Preisrechnung. Archiv Bd. 25. S. 15. 83 Tab. II Modifikation obiger Tabellen durch Bortkiewicz A. Wertrechnung Konstantes Kapital c Variables Kapital v Verbrauchtes konstantes Kapital (ac) Mehrwert m Wert W Profitrate m/(c+v) I 145 55 92 55 202 27 ½ % [Produktionsmittel] II 175 25 60 25 110 12 ½ % [Notwend. Lebensmittel] III 70 30 50 30 110 30 % [Luxusmittel] 390 110 202 110 422 22 % B. Preisrechnung Konstantes Kapital c Variables Kapital v Verbrauchtes konstantes Kapital (ac) Kostpreis (ac + v) Profit m‘ Preis P Abweichungen d. Preises vom Wert P – W Profitrate m‘/(c+v) I 145 55 92 147 44 191 – 11 22 % II 175 25 60 85 44 129 + 19 22 % III 70 30 50 80 22 102 – 8 22 % 390 110 202 312 110 422 0 22 % Summe die in (II)lvii produzierten Waren zu erwerben, weder mehr noch weniger“. Aber die Waren der Abt. II haben nach der Preisrechnung einen Preis von 129. „Die Arbeiter kommen also zu kurz oder anders: ein Teil der in (II) erzeugten Waren findet keinen Absatz. Das Preisschema hält also in dieser Beziehung nicht stand.“111 Dieselben Widersprüche zeigen sich bei den Konsumtionsmitteln der Kapitalisten. An Mehrwert erzielen die Unternehmer 110. Diese Summe reicht aus zum Ankauf von Luxusmitteln von der Abt. III in Werten, da der Wert der Produkte dieser Abteilung gleichfalls 110 beträgt. Indes nach der Umwandlung dieser Werte in Preise zeigen sich Inkongruenzen. Der Preis der Produkte der Abt. III beträgt 102, d. h. die Unternehmer haben an Kaufkraft einen Ueberschuss von 8, da ihr Profit 110 beträgt. Dasselbe zeigt sich in der Abt. I der Produktionsmittel. Es wird an konstantem Kapital (ac) verbraucht 202. Und ebendieselbe Grösse wird an konstantem 111 Ebenda. S. 16. 84 Kapital in der Abt. I der Wertrechnung neu produziert, so dass der Verbrauch restlos ersetzt werden kann. Dagegen innerhalb der Preisrechnung beträgt der Preis des in Abt. I neuproduzierten konstanten Kapitals bloss 191. Auch hier eine Inkongruenz zwischen vorhandener Kaufkraft und Warenpreis, es „kommen die Zahlen 202 und 191 heraus.“lviii Für diese „inneren Widersprüche“ ist nach Bortkiewicz somit „der Beweis erbracht“.112 Damit schreitet Bortkiewicz zu seinem zweiten Einwand. „Es ist möglich, ohne auf die Einzelheiten der Umwandlung der Werte und Preise einzugehen, den positiven Beweis zu führen, dass der Satz von der Gleichheit des Gesamtwertes und des Gesamtpreises – ein Satz, dem Marx und die Marxisten eine so grosse Bedeutung beilegen – im allgemeinen falsch ist.“113 Wie wird dieser „Beweis“ geführt? Es sei vorausgeschickt, dass Marx in seinen schematischen Beispielen die Umrechnung der Werte in Preise ohne Vermittlung der Goldwährung, also vom Zirkulationsmittel vornimmt. Das Geld dient bloss als Wertresp. Preismass, wobei Marx – wie ich an anderer Stelle zeigte114 –, um einen exakten Massstab zur Feststellung der Wertveränderungen auf der Warenseite zu besitzen, seiner Analyse die Voraussetzung des „unveränderten Wertes des Geldes“lix zugrunde legt.115 Auch der Satz von der Identität des gesellschaftlichen Gesamtwertes mit dem Gesamtpreis gilt selbstverständlich nur unter dieser Voraussetzung eines konstanten, d. h. sowohl in der Wertrechnung als auch in der Preisrechnung identischen Wertmassstabes, was Bortkiewicz wohl weiss und selbst bemerkt, dass Marx zu dem Ergebnis: Gesamtwert = Gesamtpreislx nur unter der Annahme gelangte, dass „das Preismass, wie es bei Marx der Fall ist, mit dem Wertmass übereinstimmt“.116 Dieselben methodologischen Erwägungen, welche Marx veranlassten von den real bestehenden Wertschwankungen des Geldes zu abstrahieren, bewogen ihn auch, von Preisschwankungen des Geldmassstabes abzusehen, die infolge des Ueberganges von der Wertrechnung zur Preisrechnung entstehen. Marx abstrahiert also allgemein von allen Wert- und Preisschwankungen; sein „Geld“, sein Wert- 112 Ebenda. S. 16. 113 Ebenda. S. 18. 114 Grossmann, Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz. 1929. S. 89. 115 Vgl. z. B. Marx, K. III/1. S. 118. – Die Versicherung Bortkiewicz’, dass Marx die Behauptung von der Identität des Gesamtwertes und des Gesamtpreises ganz allgemein aufstellt, „ohne jegliche Rücksicht auf die Produktionsverhältnisse des als Wert und Preismass auftretenden Gutes“ (Bortkiewicz, a. a. O. S. 20), ist nicht richtig; denn diese einschränkende Bedingung ist in der von Marx gemachten Annahme eines unveränderlichen Wertmassstabes eingeschlossen. 116 Bortkiewicz, a. a. O. S. 22. 85 und Preismassstab ist kein realer, sondern ein idealer, für die Zwecke exakter wissenschaftlicher Forschung konstruierter Massstab. Bortkiewicz hat das übersehen. Er bringt nun seinen „positiven Beweis“ dafür, dass der Satz von der Identität des Gesamtwerts und Gesamtpreises falsch ist in der Weise, dass er für die Wertrechnung einen anderen Wertmassstab als für die Preisrechnung annimmt. Nach der Marxschen Lehre von den Produktionspreisen werden die Waren mit einer höheren organischen Zusammensetzung des Kapitals als die durchschnittliche zu Preisen verkauft, die höher sind als ihre Werte. Umgekehrt werden Waren mit niedrigerer organischerlxi Zusammensetzung zu Preisen verkauft, die unter ihren Werten liegen. Bortkiewicz wendet nun diese Prinzipien der Umrechnung der Werte auch auf Gold, also auf das Gut an, welches als Wert- resp. Preismassstab dient. Wenn man annimmt, dass das Gold in der Sphäre mit der niedrigsten organischen Zusammensetzung produziert wird, so wird beim Uebergang von der Wertrechnung zur Preisrechnung auch der Wert des Goldes Modifikationen erleiden, und zwar wird es einen Preis erhalten, der unter seinem ursprünglichen Werte liegt.117 Der Geldmassstab ist kleiner geworden, d. h. das Geld wurde entwertet. Infolgedessen werden alle Waren sich gegen mehr Mengeneinheiten des Goldes austauschen, d. h. in der Preisrechnung werden nunmehr sämtliche Warenpreise, infolge der inzwischen erfolgten Aenderung des Massstabes, höher ausfallen als die entsprechenden Warenwerte. Folglich würde auch der Gesamtpreis aller Waren den Gesamtwert übertreffen. Würde umgekehrt das Gold nicht in der Sphäre mit der niedrigsten, sondern mit der höchsten organischen Zusammensetzung produziert sein, so müssten unter genannten Umständen sämtliche Warenpreise sinken, also auch ihr Gesamtpreis kleiner sein als der Gesamtwert. Wahrhaftig ein verblüffender Beweis. Er hat mit dem Folgenden grosse Aehnlichkeit: Angenommen dass man den Einfluss der Wärme auf die Dehnbarkeit der Körper messen will. Bei 0° Celsius beträgt z. B. die Länge eines Tisches einen Meter. Bei X° Celsius ist die Länge auf 1,20 gewachsen. Darauf würde Bortkiewicz antworten: Das stimmt nicht. Alles hängt davon ab, welchen Körper wir zum Massstab der Wärme nehmen, ob er unter dem Einfluss der Wärme sehr wenig oder sehr stark sich ausdehnt. Würde man als Massstab einen sehr stark dehnbaren Körper, z. B. Quecksilber in einer Glasröhre, nehmen, das bei 0° Celsius 1 Meter lang ist, aber bei X° Wärme seine ursprüngliche Länge verdoppelt, so würde sich zeigen, dass die Länge des Tisches unter dem Einfluss der Wärme nicht nur 117 Ebenda. S. 18. 86 nicht gewachsen ist, sondern sich auf 0,60 m kontrahierte. Die Behauptung, dass der Tisch sich ausdehnt, wäre falsch und nur möglich, wenn man die Veränderungen des Wärmemassstabes selbst nicht berücksichtigte. Bortkiewicz übersieht bei dieser Argumentation bloss die Tatsache, dass die Wissenschaft eben zu solchen Massstäben greift, die sich unter dem Einfluss der Wärme nicht verändern. Gibt es unter den wirklichen Körpern keine solchen, so konstruiert sich die Wissenschaft ideale Massstäbe. Kennt sie den Ausdehnungskoeffizienten des Wärmemassstabes, so ist sie imstande, die Korrektur der scheinbaren Tischlänge auf die wahrelxii Länge durchzuführen, wie das in jedem Handbuch der Physik zu lesen ist. Auch die Indices der Nationalökonomie, z. B. Indices der Geldentwertung, wollen nichts anderes, als die auf der Warenseite vorgehenden Preisänderungen von den Preisänderungen des Geldmassstabes bereinigen, d. h. also für die Warenpreise einen von den eigenen Wertänderungen des Geldes unabhängigen Massstab konstruieren. Dass durch die Aenderung des Massstabes an der Grösse der realen Erscheinungen, die zu erforschen sind (Tischlänge, Mehrwertgrösse), sich nichts ändern würde, ist selbstverständlich. In beiden genannten Fällen würden die Aenderungen der Warenpreise nicht durch Vorgänge auf der Warenseite erfolgen, nämlich durch Verwandlung der Werte in Produktionspreise, also nicht durch reale Aenderungen in der Verteilung des ursprünglich in den einzelnen Sphären erzielten Mehrwerts nach dem Gesetz der gleichen Profitrate, sondern die Aenderungen des Warenpreises würden stattfinden durch Aenderungen auf der Geldseite, also durch nominelle Aenderungen der Preisausdrücke infolge der Modifikation des Preismassstabes. Das Illusorische des Bortkiewiczschen „Beweises“ springt am krassesten in die Augen, wenn wir erwägen, dass auch im Fall, wenn auf der Warenseite keine Ausgleichung der in den einzelnen Sphären bestehenden verschiedenen Profitraten stattfände, wenn also keine Umrechnung der Werte in Produktionspreise erfolgen würde, durch die Annahme des Sinkens des Geldpreises sämtliche Warenpreise demnach steigen müssten. Freilich, eine solche nominelle „Umrechnung“ der Werte in Preise infolge der Aenderungen auf der Geldseite hat nichts zu tun mit der Verwandlung der Werte in Produktionspreise infolgelxiii realer Veränderungen in der Verteilung des Mehrwerts auf der Warenseite. Sie würde auch an dem richtigen Ergebnis der Marxschen Analyse: dass die reale Grösse der unter die Kapitalistenklasse zu verteilenden Profitsumme mit der ursprünglich erzeugten Mehrwertsumme identisch ist, nicht das Mindeste ändern, wenn auch die nominellen Geldpreise, in welchen sich nun diese Profitsumme ausdrücken würde, sich geändert hätten. Freilich, für Bortkiewicz ist der Wert (daher auch der Mehrwert als Teil des ersten) keine reale Grösse, sondern eine Verhältniszahl, ein Index! Die von Borkiewicz geübte Kritik zeigt uns 87 geradezu klassisch, wie gründlich er an der grundlegenden Marxschen Auffassung über das Verhältnis von Wesen und Erscheinung der sozialen Gebilde in ihrem wesentlichen Punkte, nämlich in der Lehre von der Funktion des Geldes überhaupt, vorbeiargumentiert! Der Kreislauf des Kapitals vollzieht sich in drei sich verschlingenden Kreislaufformen als produktives Kapital, Warenkapital Geldkapital: P–P, W–W, G–G. Dem Kapital als solchem kommen keine produktiven, sondern bloss distributive Funktionen zu. Wie der Magnet hat es die Fähigkeit, Portionen des Mehrwerts an sich zu reissen. Die Schöpfung des Mehrwerts erfolgt nur durch die lebendige Arbeit im Produktionsprozess. Indem ein Teil des Gesamtkapitals, das variable Kapital, in Ankauf der Arbeitskraft ausgelegt wird, entsteht der erste falsche Schein, als ob das Kapital, wenigstens sein variabler Teil, produktive Funktionen hätte, weil der Mehrwert proportional zur Grösse des variablen Kapitals ist. In dem oben gegebenenlxiv Schema beträgt in der Produktionssphäre: Variables Kapital Mehrwert I 55 55 II 25 25 III 30 30 Nur dieser innerhalb der Produktionssphäre erzielte Mehrwert stellt einen Wertzuwachs über das ausgelegte Kapital hinaus dar,lxv also dessen wirkliche Wertveränderung. „Die Wertveränderung gehört lediglich der Metamorphose P, dem Produktionsprozess, der so als reale Metamorphose des Kapitals, gegenüber den bloss formellen Metamorphosen der Zirkulation, erscheint.“118 Wie aber der Verbrecher ein Interesse hat, die Spuren seiner verbrecherischen Tat zu verwischen und als „ehrbarer Bürger“ zu erscheinen, ähnlich drängt das Klasseninteresse die Besitzenden und ihre Ideologen, diesen „inneren Zusammenhang“ des Mehrwertes mit der lebendigen Arbeit zu verhüllen und an jenem in der Erscheinung auffälligen Unterschieden festzuhalten,119 als ob er aus dem Kapital entspränge. Je mehr man sich von der Produktionssphäre, der Geburtsstätte des Mehrwerts entfernt, den Kreislauf P–P verlässt und die Kreislaufformen W–W, G–G betrachtet, sind die Quellen des Mehrwerts immer mehr verwischt und zuletzt zur Unkenntlichkeit verschüttet. Der Mehrwert ist, wie wir gesehen haben, proportional der Grösse des variablen Kapitals. Die „erste Stufe der Verwandlung“120 erfolgt zunächst durch einen blossen „Formwechsel“, 118 Marx, K. II. S. 26. 119 Marx, K. III/1. S. 147. 120 Ebenda. S. 146. 88 d. h. durch Umwandlung des Mehrwerts in Profit. Die absolute Grösse, die Masse des Mehrwerts, wird zunächst für einzelne Produktionszweige nicht geändert. Aber als Profit, d. h. durch Inbeziehungsetzung dieser Mehrwertmasse zum Gesamtkapital, ändert sich die ursprünglich gleiche Mehrwertrate in verschiedene Profitraten. Die Mehrwertrate beträgt im obigen Schema stets 100 %, die Profitraten in einzelnen Sphären 27 ½ %, 12 ½ %, 30 %. Aber weil die Profitmasse mit der Mehrwertmasse in den einzelnen Sphären noch identisch ist, besteht die Spur der Geburt des Mehrwerts, wenn schon in verschleierter Form, noch immer. Die weitere Stufe der Verwandlung, der Spurverwischung erfolgt durch die Ausgleichung der Profitraten in einzelnen Sphären zur Durchschnittsprofitrate, die im obigen Schema 22 % beträgt. Der Mehrwert wird an die Kapitalisten einzelner Produktionssphären verteilt, ohne Rücksicht auf die Zahl der bei seiner Schöpfung beschäftigten Arbeiter, sondern im Verhältnis zur Grösse des angelegten Kapitals. Dadurch ist die Spur der Genesis des Mehrwerts noch mehr verwischt. Die Identität des Mehrwerts mit dem Profit in den einzelnen Sphären besteht in der Regel nicht mehr und lässt sich nur noch für die Gesamtgesellschaft feststellen. In unserem Schema betrug in den einzelnen Sphären: der ursprüngliche Mehrwert der Profit I 55 44 II 25 44 III 30 22 Gesamtgesellschaft 110 110 „Der wirkliche Grössenunterschied zwischen Profit und Mehrwert – nicht nur zwischen Profitrate und Mehrwertrate – in den besonderen Produktionssphären versteckt nun völlig die wahre Natur und den Ursprung des Profits … Mit der Verwandlung der Werte in Produktionspreise wird die Grundlage der Wertbestimmung selbst dem Auge entrückt.“121 Damit ist aber der Prozess der Verschleierung nicht zu Ende. Wir haben ihn bisher nur innerhalb des industriellen Kapitals verfolgt, bis zu dem Momente, wo die ursprünglichen Werte in Produktionspreise verwandelt werden. Aber es folgt durch das Hinzutreten des kaufmännischen Kapitals, das gleichfalls am Mehrwert partizipiert, eine weitere Modifikation und Verhüllung der Abstammung des Mehrwerts, indem die Produktionspreise nun weiter in „merkantile Preise“122 verwandelt werden. Endlich in der Geldform des 121 Ebenda. S. 147. 122 Marx, K. III/I. S. 298. 89 Kapitals – auch wenn der Wert des Geldes konstant ist – werden die letzten Spuren des „wirklichen Ursprungs“ des Mehrwerts „verdunkelt und mystifiziert“lxvi.123 Eben deshalb nennt Marx die Geldform des Kapitals den „Geldfetisch“, die „begriffslose Form“, wo „jede Spur des Prozesses erloschen ist“.124 Die höchste und letzte Stufe der Verhüllung stellen die durch die Aenderung des Geldwertmassstabes hervorgerufenen formellen Metamorphosen im Geldausdruck dar. Sie ändern nichts an der Grösse des gemessenen Objektes, des Mehrwertes resp. Profits, sie verschütten aber bis zur Unkenntlichkeit jede Spur der Abstammung des Mehrwertes auch für die Gesamtgesellschaft. Nach unserem Schema beträgt der Gesamtmehrwert 422. Er wird in Profit von derselben Grösse verwandelt, so dass Gesamtmehrwert = Gesamtprofit ist. Durch die Aenderung im Preismassstab werden z. B. die Preise um 25 % steigen und der Gesamtprofit die Höhe 527,5 erreichen, während ursprünglich aus der Produktionssphäre ein Mehrwert von 422 herauskam. Woher sind die zusätzlichen 105,5 gekommen? Wird dadurch nicht bewiesen, dass die Arbeit doch nicht die einzige Quelle des Mehrwertes ist? Man staunt, man ist verwirrt, die ganze Arbeitswerttheorie scheint in ihren Grundlagen zu wanken … Aber Halt! Die Betrachtung, die von den Schwankungen des Preismassstabes ausgeht, klammert sich an die an der Oberfläche „erscheinende Bewegung“. Denn in Wirklichkeit handelt es sich um dieselbe Mehrwertmasse von 422, die lediglich durch die Verkleinerung des Geldmassstabes nominell auf 527,5 gewachsen ist! Die Bortkiewiczsche Kritik geht nicht von den wirklichen Verhältnissen aus, sondern von den Vorstellungen, wie sie sich „in den Köpfen der kapitalistischen Produktions- und Zirkulationsagenten … bilden“ und die „notwendig ganz verkehrt“ sind. „Die Analyse der wirklichen, inneren Zusammenhänge des kapitalistischen Produktionsprozesses“ ist ein sehr „verwickeltes Ding“. Es handelt sich darum, diesen ganzen Verhüllungprozess aufzudecken und so die sichtbare, „erscheinende Bewegung auf die innere wirkliche Bewegung zu reduzieren“.125 Marx hat uns „zum erstenmal diesen innerenlxvii Zusammenhang enthüllt“.126 Und gerade das, was eines der grössten historischen Verdienste Marxens bildet, seine Enthüllungslehre, durch die er uns gelehrt hat, hinter den Geldschleier zu schauen und unter der Geldoberfläche die realen ökonomischen Vorgänge zu erblicken, bezeichnet B. als „falsch“ und will als Ideal die „richtige“, „korrekte“ Preisableitung, den von Marx enthüllten und 123 Ebenda. S. 146. 124 Marx, K. II. S. 24, 25. 125 Marx, K. III/1 S. 297 126 Ebenda, S. 147. 90 zerstörten Mystifikations- und Verhüllungsprozess in seiner höchsten Form, der Geldverhüllung, des Geldfetischismus, von neuem wiederherstellen. (Ein zweiter Artikel folgt.) * * * Typoskript (50/[51] S.) / ohne Datierung [1930] / APAN, III–155: 40 / Originaltitel: Zum Abschluss des Streites um die Wert- und Preisrechnung im Marxschen System. (Eine Berichtigung des grundlegenden Fehlers bei v. Bortkiewicz, Rosa Luxemburg und Otto Bauer). i „die kapitalistische … Verkehrsverhältnisse“: Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprocess des Kapitals. Dritte vermehrte Aufl. Hamburg 1883. S. VI. [MEGA2 II/8. S. 44.] ii mit: Im Ts.: nicht. iii „sofern“/„wenn“: Im Ts.: „sofern“ „wenn“. iv den Warenaustausch: Bei Marx im Orig.: „der Waaren Austausch“ [MEGA2 II/8. S. 177]. v Vorgang, der: Im Ts.: Vorgang der. vi Nach Ricardo … verkauft,: Bei Marx im Orig. (i. e. in der Edition Kautskys): „Die Ware Weizen wird gleich jeder anderen nach Ricardo zu ihrem Werte verkauft, […].“ [Theorien über den Mehrwert. Aus dem nachgelassenen Manuskript „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ von Karl Marx. Hrsg. von Karl Kautsky. II. David Ricardo. Erster Teil. Stuttgart 1905. S. 191.] vii auch nicht mit: Im Ts.: auch mit. vii-a „Der Preis ist … Wert.“: Bei Marx im Orig.: „Der Wasserfall, wie die Erde überhaupt, wie alle Naturkraft, hat keinen Werth, weil er keine in ihm vergegenständlichte Arbeit darstellt, und daher auch keinen Preis, der normaliter nichts ist als der in Geld ausgedrückte Werth.“ [MEGA2 II/15. S. 634/635.] vii-b Aehnlich sagt … S. 65.): Im Ts.: Aehnlich sagt Marx, dass „der Wertausdruck einer Ware in Gold, ihre Geldform oder ihr Preis ist“ (K. I. 60). vii-c Endlich kennt … S. 73.): Im Ts.: Endlich kennt Marx noch eine dritte Kategorie von quasi - „Preisen“: „Formelle oder irrationelle Preise solcher Dinge, wie z. B. Grund und Boden, die „einen Preis formell haben, ohne einen Wert zu haben“. (K. I. 60.) viii Böhm-Bawerk: Im Ts. durchgängig: Böhm-Bawerck. ix ist absolut unverträglich: Bei Böhm-Bawerk im Orig.: „absolut unverträglich ist“ [Böhm-Bawerk, Eugen von: Kapital und Kapitalzins. Erste Abteilung: Geschichte und Kritik der Kapitalzinstheorien. 3. Aufl. Innsbruck 1914. S. 537]. x Preisgabe: Bei Böhm-Bawerk im Orig.: „Preisgebung“ [ebd. S. 539]. xi „im wirklichen … austauschen“: Bei Böhm-Bawerk im Orig.: „Im wirklichen Leben vertauschen sich also die Waren nicht mehr nach ihren Werten […].“ [Ebd. S. 540.] 91 xii Das Wertgesetz … Existenz.: Bei Herkner im Orig.: „Das Wertgesetz bestimmt schließlich nur noch die gesamte Masse des Mehrwertes und insofern die Durchschnittsprofitrate. […] Es ist somit sehr begreiflich, daß die Frage nach dem Werte des Marxschen Wertbegriffes aufgeworfen worden ist. Er lebt nicht im Bewußtsein des Produktionsagenten, er leitet nicht ihren Kalkul, er ist keine Bewußtseinstatsache der Käufer und Verkäufer, er hat in der Wirklichkeit keine Existenz.“ [Herkner, Heinrich: Die Arbeiterfrage. Eine Einführung. Zweiter Band: Soziale Theorien und Parteien. 8. Aufl. Berlin, Leipzig 1922. S. 311.] xiii und [andere] stellen: Im Ts.: und stellen. xiv … äussert: Im Ts.: Pareto … äussert. xv 1871: Im Ts.: 1872. [Gemeint ist: Jevons, W. Stanley: The Theory of Political Economy. London 1871.] xvi Komorzynski: Im Ts. hier und im folgenden zumeist: Komorgzinski. xvii „in das Bewusstsein verschob“: Bei Marx im Orig. (i. e. in der Edition Kautskys): „Bailey schiebt die Lösung des Wertproblems ins Bewußtsein […].“ [Theorien über den Mehrwert. Aus dem nachgelassenen Manuskript „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ von Karl Marx. Hrsg. von Karl Kautsky. III. Von Ricardo zur Vulgärökonomie. Stuttgart 1910. S. 196.] xviii „A Critical Dissertation“: [Bailey, Samuel:] A Critical Dissertation on the Nature, Measures, and Causes of Value; chiefly in reference to the writings of Mr. Ricardo and his followers. By the Author of Essays on the formation and publications of opinions, &c. London 1825. xix werde: Bei Kleinwächter im Orig.: „würde“ [Kleinwächter, Friedrich: Die Grundlagen und Ziele des sogenannten wissenschaftlichen Sozialismus. Innsbruck 1885. S. 66]. xx Phase: Im Ts. Korrigiert; denkbar ist auch die Lesart: Phrase. xxi qui : Im Ts.: qu’il. xxii est : Bei Aucuy im Orig.: „reste“ [Aucuy, Marc: Les Systèmes socialistes d’échange. Paris 1908. S. 108]. xxiii Preisbildung. … jener … solle: Bei Weber im Orig.: „[…] Preisbildung. Und jener Gedanke, daß der ‚Wert‘ der Güter nach bestimmten ‚naturrechtlichen‘ Prinzipien reguliert sein solle, hat unermeßliche Bedeutung für die Kulturentwicklung – und zwar nicht nur des Mittelalters – gehabt und hat sie noch.“ [Weber, Max: Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis. In: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen 1922. S. 196.] xxiv wie die kommunistische … hervorgeht.: Bei Marx im Orig.: „Womit wir es hier zu thun haben, ist eine kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer eigenen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht […].“ [Zur Kritik des sozialdemokratischen Parteiprogramms. Aus dem Nachlaß von Karl Marx. In: Die Neue Zeit. Stuttgart. 9. Jg. 1890/1891. Bd. 1. S. 566.] xxv erst dann kann: Im Ts.: wird. xxvi auf : Im Ts.: wird auf. xxvii Arbeiters für : Im Ts.: Arbeiters. Für … xxviii erneut: Im Ts.: neuerdings. 92 xxix Wirklichkeit zu behaupten.: Im Ts: Wirklichkeit. xxx Aber was … Theorie?: Bei Sorel im Orig.: „Engels écrivit, durant les derniers moi de sa maladie, un article important destiné à éclaircir les difficultés soulevées: la traduction a paru dans le Devenir social (novembre 1895): on y lit que «la loi de la valeur a régné durant une période de cinq à sept milliers d’années, qui s’étend du commencement de l’échange transformant les produits en marchandises jusqu’au xve siècle de notre ère» (p. 725). Mais que vaut-elle pour maintenant? “ [Sorel, G[eorges]: Sur la théorie marxiste de la valeur. In: Journal des économistes. Paris. 56e année. 5e série. Tome XXX. Mai 1897. S. 222.] xxx-a Grossmann zitiert Schmidt nach der Wiedergabe bei Diehl. Bei Schmidt im Orig. finden sich die Formulierungen: „Hypothese zur Erklärung der Wirklichkeit“ [Schmidt, Conrad: Der dritte Band des „Kapital“. In: Sozialpolitisches Centralblatt. IV. Jg. Nr. 22. Berlin, den 25. Februar 1895. S. 257] sowie „Dieser Werthbegriff ist kein willkürlicher, sondern für unser Denken unentbehrlich […]“ [Schmidt, Conrad: Die Durchschnittsprofitrate und das Marx’sche Werthgesetz. In: Die Neue Zeit. 11. Jg. Bd. 1. 1892/1893. S. 72]. xxxi „in Beziehung … vorstellen“: Bei Sombart im Orig.: „Er besteht darin, daß wir uns die Waren in quantitativer Bestimmtheit und Beziehung zu einander vorstellen.“ [Sombart, Werner: Zur Kritik des ökonomischen Systems von Karl Marx. In: Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik. Berlin. 7. Bd. 1894. H. 4. S. 576.] xxxii Erst die … werden: Im Ts.: Erst an diesen „Normalkapitalismus“ in seiner „Kernstruktur“ gewonnenen Gesetze, werden … xxxiii gegenüber : Im Ts.: in. xxxiv einzelner Waren: Bei Bortkiewicz [siehe Erl. xxxv-a] im Orig.: „der Güter“ [Bortkiewicz, L[adislaus] v[on]: Wertrechnung und Preisrechnung im Marxschen System. Erster Artikel. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. Tübingen. N. F. Bd. 23. 1906. S. 11]. xxxv irgendwelche … nicht: Bei Bortkiewicz [siehe Erl. xxxv-a] im Orig.: „irgend welche Austauschverhältnisse nicht“ [ebd. S. 11]. xxxv-a Das Zitat stammt nicht von Böhm-Bawerk, sondern von Bortkiewicz [ebd. S. 11], der Böhm-Bawerk referiert. xxxvi „dass die Marxsche … widerspricht“.: Lexis, W[ilhelm]: Die Marx’sche Kapitaltheorie. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik. Jena. N. F. Bd. 11. 1885. S. 454. xxxvii von dem Gesamtprodukt … erhält ...: Bei Lexis im Orig.: „Von dem Gesamtprodukt erhält die Arbeiterklasse nur einen gewissen Teil, dessen Naturalbetrag, wenn die Arbeiter nach der abstrakten Annahme nur den notwendigen Lebensunterhalt erhalten, von der Art, wie sich die Nominalwerte oder Geldpreise der Waaren bilden, unabhängig ist, da bei erhöhtem Nominalpreise eines notwendigen Lebensmittels auch der Geldlohn entsprechend gesteigert werden muß.“ [Lexis: Die Marx’sche Kapitaltheorie. S. 462.] xxxviii „zu genau demselben … Preisbildung“: Bei Lexis im Orig.: „[…] zu genau demselben Endresultate führt und überdies dem augenscheinlichen wirklichen Verlaufe der Preisbildung unmittelbar entspricht.“ [Ebd. S. 454.] 93 xxxix „bestimmte Raumverteilung … Durchschnitt“: Bei Planck im Orig.: „An die Definition einer makroskopischen Raumverteilung schließt sich nun sogleich auch die ihrer thermodynamischen Wahrscheinlichkeit W. Dieselbe ergibt sich aus der Überlegung, daß eine bestimmte Raumverteilung im allgemeinen auf viele verschiedene Arten realisiert werden kann, nämlich durch viele verschiedene individuelle Zuordnungen oder ‚Komplexionen‘, je nachdem ein bestimmtes, ins Auge gefaßtes Molekül in dieses oder in jenes Elementargebiet zu liegen kommt.“ [Planck, Max: Vorlesungen über die Theorie der Wärmestrahlung. 4. Aufl. Leipzig 1921. S. 122.] xl Kalos Kagathos: Latinisierte Transkription von Grossmann. xli Gesellschaftsorganisationen: Bei Marx im Orig.: „Gesellschaftsformationen“ [MEGA2 II/8. S. 226]. xlii sich bei Marx: Im Ts.: sich Marx. xliii „dass auch in … bestimmt.“: Tugan-Baranowsky, Michael: Theoretische Grundlagen des Marxismus. Leipzig 1905. S. 174. xliv Dabei – im … Verfahren ein;: Im Ts.: Dabei – im Gegensatz zu Marx – geht Tugan nicht von der Grundlage gegebener Werte des konstanten und variablen Kapitals, und einer gegebenen Mehrwertrate also auch einer gegebenen Mehrwertgrösse aus, und von dieser Grundlage ausgehend die Produktionspreise und die Höhe der Profitrate abzuleiten und zu berechnen sondern er schlägt das entgegengesetzte Verfahren ein; ... xlv verschieden dar.: Im Ts.: verschieden. xlvi hat es aber: Im Ts.: hat aber. xlvii zu den primitiven: Im Ts.: zu primitiven. xlviii „kritischen Uebersicht … Meinungen“: Bortkiewicz: Wertrechnung und Preisrechnung im Marxschen System. Erster Artikel. S. 34. Dort: „In diesem (ersten) Artikel stelle ich mir zur Aufgabe, eine kritische Übersicht über den Stand der Meinungen zu geben […].“ xlix Zuckerkandl: Im Ts.: Zuckerkandel. l Fireman: Im Ts.: Viererman. li Wenckstern: Im Ts.: Weckstern. li-a … es für überflüssig hält,: Im Ts.: … für überflüssig hält […]. Bei Bortkiewicz im Orig.: „Im übrigen scheint es Hilferding für überflüssig zu halten, […].“ [Bortkiewicz: Wertrechnung und Preisrechnung im Marxschen System. Erster Artikel. S. 41.] lii einen: Im Ts.: einem. liii (vgl. Tabelle I): Im Ts.: (vgl. Tabelle I, S. 42). liv weil der : Im Ts.: weil zufälligerweise der. lv (vgl. Tabelle I b): Im Ts.: (vgl. Tabelle I b, S. 42). lvi Die Tabellen I A u. B entstammen aus: Bortkiewicz: Wertrechnung und Preisrechnung im Marxschen System. Zweiter Artikel. S. 14. 94 lvii (II): Von Grossmann hier und im folgenden modifiziert. Bei Bortkiewicz im Orig.: „I und V“ [Bortkiewicz, L[adislaus] v[on]: Wertrechnung und Preisrechnung im Marxschen System. Zweiter Artikel. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. Tübingen. N. F. Bd. 25. 1907. S. 16]. lviii „kommen die … heraus.“: Im Ts.: „kommen Zahlen 202 und 191 heraus.“ Bei Bortkiewicz im Orig.: „[…] die Zahlen 202 und 191 herauskommen.“ [Ebd. S. 16.] lix „unveränderten Wertes des Geldes“: Bei Marx im Orig.: „Bedarf es unter den ver- änderten Umständen allgemein doppelt so vieler, oder umgekehrt halb so vieler Zeit, um dasselbe sachliche Kapital zu reproduciren, so würde bei unverändertem Werth des Geldes, wenn es früher 100 werth, jetzt 200 , bezw. 50 werth sein.“ [MEGA2 II/15. S. 143.] lx = Gesamtpreis: Im Ts.: = Gleichgesamtpreis. lxi niedrigerer organischer: Im Ts.: niedriger organischen. lxii auf die wahre: Im Ts.: auf wahre. lxiii Produktionspreise infolge: Im Ts.: Produktionspreise, infolge. lxiv oben gegebenen: Im Ts.: oben (S. ) gegebenen. lxv hinaus dar,: Im Ts.: hinaus, … lxvi des „wirklichen … mystifiziert“: Im Ts.: des „wirklichen Ursprungs“ des Mehrwerts verdunkelt und mystifiziert“. Bei Marx im Orig.: „Man hat im ersten Abschnitt gesehn: Mehrwerth und Profit waren identisch, der Masse nach betrachtet. Die Profitrate jedoch ist von vornherein unterschieden von der Rate des Mehrwerths, was zunächst nur als andre Form der Berechnung erscheint; was aber ebenso von vornherein, da die Rate des Profits steigen oder fallen kann bei gleichbleibender Rate des Mehrwerths und umgekehrt, und da allein die Rate des Profits den Kapitalisten praktisch interessirt, durchaus den wirklichen Ursprung des Mehrwerths verdunkelt und mystificirt.“ [MEGA2 II/15. S. 168.] lxvii diesen inneren: Bei Marx im Orig.: „dieser innere“ [MEGA2 II/15. S. 169]. 95 Das Problem der Durchschnittsprofitrate in der modernen volkswirtschaftlichen Theorie Profit ist der treibende Faktor der kapitalistischen Wirtschaft. Er reguliert die Produktion; wo er nicht vorhanden ist, hört die Produktion auf. Wenn für die Gesellschaft die Profite aufhören, kann sie nicht länger existieren. In den Anfangszuständen der kapitalistischen Gesellschaft war noch kein Durchschnittsprofit vorhanden, es erfolgte keine Ausgleichung der Profitrate. In einem rückentwickelten Kapitalismus hört die regelnde Funktion der Durchschnittsprofitrate auf. Durch den Monopolkapitalismus erfolgt die Zerspaltung der Weltwirtschaft in einzelne Gebiete und die Verhinderung der Durchschnittsprofitrate. In dieser Epoche leben wir jetzt. Die Durchschnittsprofitrate kann vom Standpunkt der subjektiven psychologischen – und objektiven Lehre behandelt werden. Was ist Profit, und wie entsteht Profit? I. Bürgerliche Theorie: Böhm-Bawerks Agiotheorie des Zinses i (= Zeitdifferenztheorie): Sie beruht auf der Minderschätzung der Zukunftsgüter. Gegenwart 100 = Zukunft 105. Woher kommt der Zuwachs von 5? Das kann Böhm-Bawerk nicht erklären. Daher seine Monopolstellungstheorie der gegenwärtigen Konsumgüter im Vergleich zu den Zukunftsgütern. Allgemeine Kritik der psychologischen Schule: Sie geht aus vom isolierten Menschen und betrachtet diesen, anstatt sich mit dem Individuum zu beschäftigen, das im Zusammenhang mit dem sozialen Leben steht. Kritik an Böhm-Bawerk: Nach B.-B. haben die gegenwärtigen Güter einen kleineren Wert; erst nach der Produktion werden die Produkte immer genussreifer; das endgültige Produkt ist aus der Zukunft in die Gegenwart hineingewachsen, und der ganze Wert müsste den Arbeitern zukommen. Deshalb die Antwort Böhm-Bawerks: Die Arbeiter haben die Gegenwartsgüter dringend nötig, sie können nicht warten und deshalb nicht den vollen Wert ihrer Arbeit erhalten. Die Kapitalisten können warten, da sie eben die Stärkeren sind. Die Arbeiter bekommen nicht deshalb geringeren Lohn, weil sie Zukunftsgüter produzieren, sondern weil sie nicht wie die anderen warten können. Es zeigt sich also, dass die Besitzlosigkeit die 96 letzte Ursache des geringeren Wertes ist, welchen die Arbeiter für ihre Arbeit erhalten. Besitz hier, Besitzlosigkeit dort, von diesem Klassenverhältnis hängt die soziale Stellung ab. – Nach B.-B. wäre keine kapitalistische Klasse möglich als eine selbständige ökonomische Kategorie. Kapital puri - a = produzierte Produktionsmittel; das wäre eine ewige Kategorie. Arbeit und Boden, weil nur ein Mittel zur Produktion der vollwertigen Güter, können nicht den vollen Wert für sich beanspruchen. In Wirklichkeit ist die Agiotheorie nur eine scheinbare Agiotheorie. Der ganze Bau B.-B’s zerfällt. Der Profit ist eine reale Kategorie. Durch psychologische Schätzungen lässt sich nie ein realer Zuwachs erklären. Jedes Gut repräsentiert irgendeinen subjektiven Nutzen für den Produzenten. Hieraus schätzt er das Gut, aus der allgemeinen Schätzung entsteht der objektive Wert. Diese Argumentation hat nichts zu tun mit der kapitalistischen Produktion. Diese hat verschiedene Stufen durchgemacht. 1.) Naturalwirtschaft; Bedarfsdeckung im eigenen Gemeinwesen. 2.) Tauschwirtschaft; und zwar an der Grenze der Gemeinwesen. 3.) Warenwirtschaft; man produziert prinzipiell für andere, für den Markt. Nach Böhm-Bawerk produziert man für sich, und nur der Ueberfluss wird verkauft. B.-B. geht nur vom Gebrauchswert aus. Lassalleii verspottet dies. Das Individuum B.-B’s ist ein zeitloses Individuum im Gegensatz zum Marxschen. Mit den sozialen Verhältnissen wandelt sich auch das Individuum. – Nach B.-B. lässt sich die Höhe des Profits schätzen. Wie wären aber die Schwankungen des Profits zu erklären? Es liegen eben Gesetzmässigkeiten objektiver Natur zu Grunde. Methoden der subjektiven Lehre: Psychologie ist der Ausgangspunkt aller Wissenschaften. In der psychologischen Zeit ist der Mensch im Mittelpunkt; in der physikalischen Zeit haben wir die Erde als Mittelpunkt. Die psychologische Zeit muss umgewandelt werden in quantitative und deshalb messbare Grössen psychologische Zeit physikalische Zeit (Mittelpunkt: Mensch) (Mittelpunkt: Erde) Qualitativ quantitativ nicht messbar messbar Das wirkliche Leben hat uns zu objektiven Massstäben geführt; B.-B. flüchtet von der objektiven Wirklichkeit in die Psyche des Einzelnen. Man 97 verhüllt die sozialen Inhalte und flüchtet in die psychologischen Schätzungen. „Im Wesen des Zinses liegt nichts, was ihn unbillig und ungerecht erscheinen liesse“.iii Marx hat nie von „Ungerechtigkeit“ gesprochen; er hat gezeigt, wie der Profit entsteht. Unter den Bedingungen a, b, c kann nur ein Ergebnis , , zustande kommen. Die subjektive Lehre ist über 150 Jahre alt. Am konsequentesten wurde sie von Liefmanniv vertreten. Am schwächsten zeigt sie sich auf dem Gebiet der Geldtheorie. Es handelt sich nicht darum, ein System aufzustellen, sondern die tatsächlichen Erscheinungen zu erklären, und das kann sie nicht. Mieses: Buch über Geldtheorie v: Der Geldwert wird historisch subjektiv hergeleitet. Auch bei der Erklärung der Krisen ergeben sich für die subjektive Lehre Schwierigkeiten. Böhm-Bawerk hat keine Krisentheorie. Gresham’sches Gesetz: „Wenn zwei Währungen nebeneinander bestehen, verbleibt die schlechtere im Verkehr und verschwindet die bessere.“ Kapitalismus: War Kapitalismus schon im Altertum vorhanden? Ja: Mommsenvi, Salviolivii. Nein: Grossmann. (Aber Kapital kann dennoch vorhanden gewesen sein.) Kapital ist etwas anderes als kapitalistische Wirtschaftsordnung, die entstanden ist, aus der historischen Aufeinanderfolge verschiedener Produktionsweisen. Die kommunistischen Gemeinwesen waren Naturalwirtschaften mit dem Zweck der Bedürfnisbefriedigung. Allein der Gebrauchswert der Güter deshalb massgebend. Wenn die Produktivität über den eigenen Bedarf steigt, wird ausgetauscht. Der Zweck des Tausches ist noch immer der Gebrauchswert. Später entsteht die Funktion des Kaufmanns als Vermittler zwischen zwei Gemeinden; so entwickelte sich der Wert-Massstab, nach welchem ausgetauscht werden soll. Mit der Zeit ist das quantitative nicht mehr Zufall, sondern entspricht irgend einem Prinzip, und dieses ist das Prinzip der Arbeit. 1.) 1 : 3 hier Austausch zufällig 2 : 2 2.) W ist als Gebrauchswert gedacht 3.) W – G – W Der Kaufmann ist als Vermittler vorhanden. 98 Der Zweck seines Handelns ist, G zu vermehren gGG . Der Zuwachs von g kann nur dadurch entstehen, dass er die Waren nicht zu ihren Werten verkauft. Das Handelskapital ist mit allen möglichen Produktionsweisen vereinbar, überall wo es zwischen selbständigen Produktionsorganisationen vermitteln kann. Vom Standpunkt des Kaufmanns wäre der Tauschprozess ohne Sinn, wenn 100 – 100 bleiben würden. Das Wesen des Kapitals liegt in der Verwertung; eben weil es bestimmt ist, einen Zuwachs zu bekommen, wird es Kapital genannt. Dieses Kapital in Form von Handelskapital hat auch in der Antike schon existiert; es ist die älteste Form des Kapitals überhaupt. Kapital ist nicht Geld schlechthin (Zirkulationsmittel), sondern sich verwertender Wert (einzige Funktion). Kapitalistische Produktion wird durch das Kapitalverhältnis charakterisiert, d. h., eine Produktion zu dem Zwecke, das vorgeschossene Kapital zu vermehren. Unter welchen Bedingungen ist das möglich? Nur dadurch, dass auf der einen Seite Unternehmer, welche Eigentümer der Produktionsmittel sind, und auf der anderen Seite freie Lohnarbeiter existieren. Die kapitalistische Form der Arbeit ist Lohnarbeit; wie die antike Form der Arbeit Sklavenarbeit war. Auf der einen Seite sind Produktionsmittel monopolisiert, auf der anderen Seite eine Arbeiterklasse, die persönlich frei ist, aber keine Produktionsmittel besitzt und deshalb nicht arbeiten kann. Um arbeiten zu können, sind zwei Dinge nötig: „Arbeit und Produktionsmittel.“ Das wesentliche Charakteristikum sämtlicher anderer Produktionsweisen besteht darin, dass Produktionsmittel und Arbeit immer in einer Hand vereinigt waren. Der Sklavenhalter hatte in einer Hand vereinigt Produktionsmittel und Sklaven, die arbeiteten. Das gleiche galt vom Bauern. Die kapitalistische Produktionsweise unterscheidet sich durch die Trennung dieser beiden Elemente. Die juristische Freiheit der Arbeiterklasse ist faktisch Sklaverei, weil die Eigentümer der Produktionsmittel (1/1 dasselbe wie Produktionselemente) den Mehrwert für sich beanspruchen, und zwar ganz unabhängig von der Zahl der Arbeiter. Die Löhne werden nie so hoch steigen, dass sie den Mehrwert gefährden. Anders eine Malthusianische Auffassung, wonach „nur Mehrwert, weil und solange die Angebotszahl an Arbeitskräften grösser als die Nachfrage nach solchen ist.“ Aber es ist klar, dass immer Mehrwert entstehen muss; wenn auch die Löhne steigen, so doch nie so, dass kein Mehrwert vorhanden ist. Die Arbeiter müssen sich verdingen. Der Tribut der Arbeiterklasse an die Unternehmerklasse ist nicht loszureissen von den Tributen der früheren Arbeiter an ihre Unternehmer. Es waren immer Tribute, welche 99 die beherrschte Klasse an die herrschende zahlen musste. Der Unterschied besteht nur darin, dass in der Antike und im Mittelalter die unterjochte Klasse unter dem Zwang der Peitsche arbeiten musste, während in der modernen Wirtschaft der Zwang in Form des Wertgesetzes besteht und dadurch das Verhältnis zwischen Arbeiter und Unternehmer verschleiert wird. 1.) G – G + g; diese Formel allein kann nicht bestehen. Der Zuwachs kann nicht vom Himmel fallen; also nur parasitäre Form auf Grundlage ganz anderer Wirtschaftsformen; während zu vorkapitalistischer Zeit der Produktionsprozess neben der Bewegung des Kapitals vor sich geht, wird im Kapitalismus der Produktionsprozess dem Kapital untergeordnet. Der ganze kapitalistische Mechanismus beruht auf Wert- und Preisvorstellung. 1.) G – G + g 2.) W – G – W 3.) G – ······ P ······ W + w – G + g Bernstein viii: Es sind keine Lohngesetze möglich; die Lohnhöhe hängt von Machtfragen ab. Tugan-Baranowsky ix: Ähnlich; denkt nur in natürlichen Dingen, aber nicht in Werten. Profit ist bei der psychologischen Schule eine logische Kategorie; aber in Wirklichkeit ist er gebunden an den kapitalistischen Besitz. Erst durch die Tatsache, dass die Produktionsmittel aus den Händen der Massen in die Hände der Unternehmer übergingen, ist Profit möglich. Diese Tatsache ist keine ewige, sondern eine geschichtlich entstandene Kategorie. Alles wird aufgrund des Preismechanismus vollzogen. Aber da G + g allein nicht existieren kann, ist der zweite Faktor, die Produktion, zu erwähnen. Sie ist das Mittel zum Zweck, um G + g zu erreichen. Wenn es vorteilhaft ist, ohne Produktion das g zu erreichen, werden die Fabriken geschlossen. Die Produktion ist nur ein notwendiges Uebel (malum necessarium). Der Kapitalismus ist auf zweifachem Prinzip aufgebaut, nämlich: 1.) Verwertung 2.) Arbeitsprozess Aus jedem Dualismus ergeben sich Störungen. z. B. vom Standpunkt der Bedarfsdeckung wäre es nötig, möglichst viel zu produzieren; der Pro- 100 duktionsprozess ist also heute zu klein; aber vom Standpunkt der Verwertung ist er zu gross, deshalb produziert man nicht, lässt Arbeitslose hungern, während man zu gleicher Zeit Güter ins Meer wirft. Das ist die direkte Konsequenz des doppelgleisigen Systems. Der Kapitalismus entsteht nicht sofort, sondern historisch langsam. Merkantilismus: weniger eine Theorie, mehr eine Praxis. Ausgangspunkt: Fiskalismus Colbert ————> James Steuart, 1767 (Anfang) (Ende) Im Mittelalter konnte kein Problem der Durchschnittsprofitrate entstehen (Zunftverfassung; keine Beweglichkeit der Kapitalien; enges Territorium). Erst wo das Verwertungsstreben massgebend ist neben dem Bestreben zur Deckung des Bedarfs, ist das Problem der Durchschnittsprofitrate vorhanden. Tausch ——> Wert ——> Preis ——> Profit. Zwei Motive sind zu berücksichtigen: 1.) Arbeitsprozess = ewige Kategorie 2.) Verwertungsprozess = historische Kategorie In einer gewissen historischen Periode, in der Privateigentum existiert, muss Verwertung da sein. Alle Begriffe des Kapitalismus, wie Kapital, Grundrente, Profit, Lohn, streben einem gewissen Durchschnitt zu. In den Anfängen des Kapitalismus ist das noch nicht so selbständig, hinter allem muss der Staatsmann stehen. Heute haben wir das Bild eines absoluten Automatismus. James Steuart x: (als erster) 9 Jahre vor Adam Smith. I. Geld als Geld (Umlauf) II. Geld als Kapital (Kreislauf) G – W – G’ In der Zunftwirtschaft hat der Handwerker seine Produktionsmittel; deshalb ist die reine Kategorie des Profits nicht vorhanden, sondern verschmilzt mit der Kategorie der Arbeit. Erst auf Basis der modernen kapitalistischen Wirtschaftsordnung muss sich die Kategorie des Profits absondern von der: Lohnes von der: Zinses und von der: der Grundrente 101 Das Wesen des Kapitalismus ist das Kapitalverhältnis: Unternehmer – Arbeiter. Wo das nicht ist, kann man nicht von Kapitalismus sprechen. Die Unternehmer als Besitzer der Produktionsmittel; Die Arbeiter als Besitzer der Arbeitskraft. – W – G hier ist noch nicht der Begriff des Marktes dabei; denn dazu gehört eine Gesellschaft mit Arbeitsteilung. W – G – W jetzt voll entwickelter Markt; mindestens zwei Verkäufer. I 4000 c + 1000 v + 1000 m = 6000 20 % II 2000 c + 1000 v + 1000 m = 4000 % 6000 c + 2000 v + 2000 m = 10000 25 % alter Wert neuproduzierter Wert Problematik: I. Nicht die absolute Höhe des Profites (je 1000 m), sondern die Verschiedenheit der Verwertung auf je 100 Kapital stellt das Problem dar. II. Nicht, dass aus je 1000 lebendiger Arbeit 1000 m entstehen und damit durch die Verschiedenheit der Profitraten die Arbeitswerttheorie widerlegt zu sein scheint, sondern, dass zwar die Profitraten verschieden gross sind, aber dennoch die Arbeitswerttheorie gilt, stellt das Problem dar. Vorbedingungen der kapitalistischen Produktion: 1.) rechtliche Freiheit der Arbeiter 2.) freie Beweglichkeit der Kapitalien Das Physiokratische System ist die theoretische Widerspiegelung der faktischen Zustände Frankreichs. Die Lehre von Francois Quesnay (1758)xi ist eine Theorie des dritten Standes. Das Recht über Eigentum ist ihm das heiligste aller Rechte. Vor Quesnay gehörte Grund und Boden den Feudalherren, diese verpachteten ihn an den Kleinbauern. Sie teilen den Ertrag zur Hälfte. Nach Quesnay’s Meinung ist diese Verteilung rückständig. Er hat im Auge die aus England kommende grosse Kultur. Der Herr verpachtet ein grosses Territorium, und diese Bodenkultur unterscheidet sich in der Art, wie sie 102 betrieben wird. Die kleine Kultur ist die Kultur der Ochsen, die grosse die der Pferde. Vor Quesnay: (Ochsen) (Raubbau oder höchstens für Ernährung ausreichend. Kein „produit net“, „mauvaise culture“.) Quesnay: (Pferde) „produit net“ 2. Fermiers (grosser kapitalistischer Pächter) „dépenses foncièresxii“ ohne dies keine Melioriationen. 3. Handwerk und Gewerbe (Besitzende mit Selbständ. in den Städten) (Gewinne nur aufgrund (aktiver Rolle) staatl. Monopole) Es gibt noch eine vierte Klasse (Arbeiter), die jedoch passiv ist. Reinertrag – Einkommen der fermiers produit net ——> Propriétaires Zins für Kapital (nicht frei verfügbar) + Amortisationen usw. (nicht frei verfügbar) + surcroît (reiner Zuwachs, richesse disponible; frei verfügbar) produit net Die Verteilung des Produit net ist im tableau économique dargestellt. Der Staat hat die Pflicht, die grosse Kultur zu fördern. (Söhne der Pächter – fermiers – befreit vom Militärdienst, – nicht die Söhne der Bauern.) Die Kapitalien der Pächter sollen nicht besteuert werden. Merkantilismus: Individueller Protektionismus. Physiokratismus: Klassenmässiger Protektionismus. (alles für einen reichen Pächterstand! alles für die kapitalistische Entwicklung!) 103 Auslagen der Pächter : a) avances primitivesxiii (hier liegt der Schwerpunkt; Vieh; Gebäude). b) avances annuellesxiv (Saatgut usw.). Widerspruch der Lehre Quesnay’s: Er sagt: produit net ist reines Geschenk der Natur. In Wirklichkeit gibt die Natur dieses Geschenk nur in Verbindung mit der neuen Technik. Wäre die Natur schlechthin produktiv, warum kommt die Naturgabe nie dem Kleinbauern (métayer), sondern stets nur dem kapitalistischen fermier zugute? Die Stériles (Handwerker, Industrielle und Kaufleute) bereichern sich auf Kosten des „produit net“; man soll also dort freie Konkurrenz schaffen, Monopole auflösen, damit die Preise auf den „natürlichen Stand“ (Wert) sinken. Massnahmen zugunsten der kapitalistischen Pächter: 1. a.) Getreideausfuhr: erlaubt und von Staatswegen gefördert. b.) Getreideeinfuhr: verboten und von Staatswegen verhindert. 2. a.) Zins muss existieren, weil Kapital – Bodenkauf – produit net. b.) Zins darf nicht höher sein als das „produit net“. Seine Höhe muss vom Staat festgesetzt werden. Turgot xv: Praktisch hat Turgot die Durchschnittsprofitrate gesehen, theoretisch abgeleitet hat er sie nicht. Die Anwendung von Kapitalien ist nach T. eine fünffache: 1.) Ankauf von Grund und Boden 2.) Pacht 3.) Geld ausleihen (Zins) 4.) Anwendung in Industrie 5.) Anwendung in Handel In allen diesen Kategorien sind Gewinne vorhanden, die aber in gegenseitigem Zusammenhang stehen. Grund und Boden gibt die niedrigsten Einkünfte, weil hier die grösste Sicherheit geboten ist, Geld ausleihen muss höheren Gewinn bringen wegen der mangelnden Sicherheit. Noch einen höheren Profit müssen die industriellen Anlagen bringen, weil der Unternehmer selbst arbeiten muss. Die Kapitalien fluten in die Zweige, die Gewinn gewährleisten. Ausserdem besteht noch eine Relation zur Gewinnhöhe (Zinshöhe). Wenn der Zinsfuss hoch ist, sinkt der Preis des Bodens. 104 Wenn der Zinsfuss sinkt, steigt der Preis des Bodens. Hier ist der Uebergang von der reinen physiokratischen Lehre zu der von Adam Smith entwickelten Lehre der Produktivität der Arbeit. Lohnarbeiter ——> produit net ——> Eigentümer. Adam Smith xvi: Er zeigt die Entwicklung der Durchschnittsprofitrate im Zustand der vollkommenen Freiheit, d. h. absolute Konkurrenz; dann im Zustand, in dem der Staat der Wirtschaftspolitik verschiedene Hindernisse schafft, die absolute Freiheit beschränkt. Adam Smith hat in allen seinen Beispielen den Beweis geliefert, dass die Industrie seiner Zeit noch unentwickelt war. Er ist der Theoretiker der Manufakturperiode. Nur Rohstoffe spielten eine Rolle; die fixen Kapitalien erwähnt er kaum. Gleichgrosse Kapitalien ergeben gleichgrosse Gewinne. z.B. Lohn 300 L 300 Rohstoff 700 Pm 7000 1000 7300 10 % = 100 10 % = 730 Die Lehre von der Durchschnittsprofitrate ist noch nicht ausgebaut. Einerseits sieht Smith die Arbeit als die einzige Quelle der Werte an, andererseits bestreitet er nicht, dass auch der Handel Gewinne schafft. Den Handelsgewinn hat er nicht klargelegt, denn dieser ist mit seiner Theorie nicht vereinbar. Wir haben bisher kennengelernt: merkantilistische und physiokratische Anschauungen sowie Adam Smith, den Theoretiker der Manufakturperiode. Nunmehr soll theoretisch eine sich selbst überlassene kapitalistische Wirtschaft dargestellt werden. In der Wirklichkeit kommt dies nie vor, Reste alter Formen (Naturalwirtschaft, Selbstproduzenten) sind stets noch da. Isolieren wie die Chemiker! x) Muss verkauft werden. xx) Kann in natura in derselben Abteilung verwendet werden. 105 Die Zahl der Arbeiter ist in beiden Fällen gleich gross. In I ist die Technik höher entwickelt als in II, auch höhere Produktivität (Gebrauchswerte mehr!) ist damit verbunden. Jetzt die Funktionen des Gleichgewichts untersuchen! a.) technische Proportionen (Pm : A); alle müssen einander in die Hand arbeiten, damit kein Arbeiter auf den anderen warten muss. b.) wertmässige Proportionen (c : v); Verkauf und Wiederersatz ist notwendig (wertmässig); dies geschieht durch das Mittel des Marktes. zu verkaufen : in I : 2000 in II : 2000 Also : I (v + m)xvii = II c I 1000 v + 1000 m = 2000 c II. Wenn eine Sphäre zu gross im Vergleich zur anderen, wird: a.) eine plötzliche Krise; dann ruinieren viele Kapitalisten; zwangsweise wird die richtige Proportion wieder hergestellt. b.) ein allmähliches Abgleiten des Kapitals von der grossen Sphäre in die zu kleine; Krise wird vermieden. Für die Manufakturperiode gilt: Verschiedene Profitraten können sehr wohl nebeneinander für längere Zeit existieren, denn die kapitalistischen Betriebe sind eingebettet in eine nichtkapitalistische Umgebung, die Kapitalisten tauschen mit Nichtkapitalisten, und alles geht Jahr für Jahr weiter (ohne Strukturwandlung). Rosa Luxemburgxviii verewigt diesen Zustand (kein Zwang zum technischen Fortschritt, der „unabsetzbare Rest“ bei nichtkapitalistischen Abnehmern doch stets absetzbar). In Wirklichkeit ist der Rest doch unabsetzbar und erzwingt eine Umorganisierung des Kapitalismus. In der Manufakturperiode verschiedene Profitraten nebeneinander, weil noch Herrschaft der vorkapitalistischen Formen. Im entwickelten Kapitalismus erlangt die Profitrate eine regulierende Bedeutung. Es wird in Zukunft zu besprechen sein: wie ist die Theorie der Durchschnittsprofitrate vereinbar mit der Theorie, dass die Arbeit die Werte schafft? Z. B. Böhm-Bawerk verweist auf höheren Preis des Weins, der gelagert hat (nicht bearbeitet worden ist). 106 Demgegenüber: Marx hat bereits im Prinzip diese kasuistischen Einwände beantwortet. Ein Produzent: 5000 Kapital ——> 1000 Profit erhalten beide Anderer : 1. Jahr: 5000 gleiche Profite? 2. Jahr: 5000 ——> 2000 Profit nein; scheinbar (2 Jahre dauernder Prozess) ja. Der 2. Produzent beginnt (eigentlich) das 2. Jahr mit 6000 Kapital und müsste mehr Profit erhalten als der erste. Adam Smith: a.) esoterisch (aus der Arbeitswertlehre, von innen heraus) Wert ————> Preis b.) exoterisch (aus den preisbildenden Kosten, von aussen heran) Lohn Profit Rente Preis 10 + 8 + 6 = 24 11 + 10 + 8 = 29 Ricardo xix: esoterisch (preisbildend nicht auch die Grundrente,1 sondern nur Lohn und Profit; wenn eines der beiden steigt, fällt das andere). Lohn Profit Preis 8 + 6 = 14 9 + 5 = 14 Durchschnittsprofitrate ——> Grundrente (Differentialrente), nicht umgekehrt. Der Lohn hat stets eine gegebene Grenze (gemeint ist Reallohn); untere Lohngrenze ist das Existenzminimum. Weil Getreidepreise steigen, müssen Nominallöhne steigen. Grossmann: Gesetz des abnehmenden Bodenertrages ist theoretisch und empirisch falsch. Obwohl der Arbeiter real nicht mehr erhält, bekommt doch der Unternehmer (Pächter) einen stets kleineren Profit. Freie Beweglichkeit der 1 Grundrente ist nicht Ursache (preisbest. Faktor), sondern Wirkung des Preises. 107 Kapitalien vorausgesetzt, übermittelt2 sich diese gesunkene Profitrate allen anderen Produktionszweigen. Rente des besseren Bodens steigt fortwährend. Parasitäre Grundbesitzer (auf Kosten der industriellen Unternehmer). Ricardo: a.) Ueberwinder der Physiokraten (nicht nur der Boden, auch Arbeit schafft Werte).3 b.) Fortsetzer der Physiokraten (naturbedingte Entwicklung, naturbedingte Gesellschaft).4 bgl. Konsequenz (Verstaatlichung des Bodens; der Staat erhält Grundrente und braucht deshalb weniger Steuern zu erhalten). soz. Konsequenz (Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln überhaupt). Eine zweite5 Ursache für das Sinken der Profitrate: Wenn das Kapital rascher akkumuliert als Arbeiter da sind, müssen die Löhne steigen und den Profit beschneiden; diese Theorie ist nur akzidentiell, nur gelegentlich vorkommend, besonders in Kolonialländern. Wenn einmal in weiter Zukunft die Löhne sehr hoch, weil vorher die Getreidepreise sehr hoch stiegen, wird der Profit fast ganz verschwinden; denn es bleiben nur noch zwei Kategorien: Lohn und Rente; da Profit nun nicht mehr erzielbar, erschlafft die Akkumulation des Kapitals und hört zum Schluss ganz auf. A. Sonderfall Gesellschaft vor der Steigerung der Löhne : a.) viel fixes Kapital 80 c + 20 v b.) wenig fixes Kapital 20 c + 80 v 2 Wie, sagt Ricardo nicht. 3 Damit verlegt R. die Mehrwertquelle aus der Natur in die Gesellschaft. 4 Das Optimistische (Harmonie) der Physiokraten ist bei Ricardo ins Pessimistische verwandelt (Konflikt zwischen Unternehmer und Arbeiter). 5 Die erste war das Steigen der Grundrente. 108 A. 20 c + 80 v + 10 m = 110 80 c + 20 v + 10 m = 110 B. 20 c + 88 v + 2 m = 110 80 c + 22 v + 1,88 m = 103,88 Konsequenz für dieses Spezialproblem: trotz gestiegener Löhne fallen die Preise (weil die Profitrate stark gefallen ist). An dem Widerspruch zwischen der realen Tatsache der Durchschnittsprofitrate und der Unmöglichkeit, sie aus der Arbeitswerttheorie zu erklären, ist die Raicardo’sche Schule 1850 gescheitert. Marx hat auch in dieser Beziehung die Ricardo’sche Theorie ausgebaut in seiner von der zur Erklärung der Wirklichkeit erforderlichen Lehre der Umwandlung der Werte in Produktionspreise. Jetzt ist zu zeigen, wie Ricardo die Profitrate falsch berechnet und welche falschen Anschauungen er damit verbindet. Ricardo zeigt nicht, wie die Durchschnittsprofitrate entsteht, sondern er setzt sie einfach als empirisch gegeben voraus. „Zuschlagstheorien“: Der Profit entsteht durch Zuschlag beim Verkauf. (Innerhalb der Zirkulationssphäre also! James Steuart: „Profit upon alienation“ xx.) Einwand gegen Zuschlagstheorie: a.) als Verkäufer gewinnt man z. B. 10 % b.) als Käufer verliert man sie wieder Der gegenseitige Gewinn nivelliert sich. Die Zuschlagstheorie hätte nur Sinn, wenn es Geprellte gäbe, die überteuert einkaufen, aber ohne Zuschlag verkaufen; das sind die Arbeiter. Lexis (Besprechung 1885 d. K II)xxi kommt zu dieser Konsequenz. Achille Loriaxxii: man kann zunächst durch Zuschlag einen Gewinn erreichen. 1000 Kapital 100 Zuschlag dafür kann man eine Ware kaufen. Grossmann: Dafür kann man aber mit dem Kapital 1000 nur für etwa 900 Ware kaufen; gleicht sich aus. Wie variiert der Durchschnittsprofit? Grossmann: es ist falsch, dass nur der Arbeitslohn betrachtet wird. Arb.-Lohn (x); Profit (y) Je grösser das eine, desto kleiner das andere. 109 Was geschieht dann, wenn Rohstoffe sich verteuern, Löhne aber gleichbleiben? Die Mehrwertrate bleibt gleich, Profitrate jedoch fällt. p’ = Profitratexxiii a.) 30 c + 70 v + 70 m = 170 Preis p’ = = 70 % b.) 30 c + 80 v + 60 m = 170 Preis p’ = = % b.) das ist der typische Ricardo’sche Fall c.) was Ricardo nicht sieht: 40 c + 70 v + 70 m = 180 Preis p’ = = 63,6 % Man vergleiche a) mit c), dann sieht man, dass die Variationen nicht auf Veränderungen in der Lohnhöhe zurückzuführen sind. Ricardos Fehler: (bis jetzt) 1.) er zeigt nicht, wie Durchschnittsprofit entsteht 2.) er hat einer falsche Vorstellung von den Variationen der Durchschnittsprofitrate. Dritter Fehler Ricardos: Marktpreis = Wert Fehler! es fehlt die Ausgleichung der Profite zu einem Durchschnittsprofit, daher auch die Ausgleichung der Werte zu einem Produktionspreis. Richtig wäre: Marktpreis = Produktionspreis Weil Ricardo diese falsche Vorstellung hat, ergibt sich gleich noch ein anderer Fehler. Z. B.: Neuer Produktionszweig: 20 c + 80 v + 80 m = 180 bisher die Gesellschaft im alten Durchschnitt: 80 c + 20 v + 20 m = 120 alte Dp. = 20 % nunmehr: 20 c + 80 v + 80 m 80 c + 20 v + 20 m neue Dp. = 50 % 100 m p’ = Dies theoretisch vereinfacht; in Wirklichkeit liegt das Schwergewicht der Kapitalmasse bei den Kapitalisten mit der hohen organischen Zusammensetzung. 110 I 20 c + 80 v + 80 m II 240 c + 60 v + 60 m 140 m p’ = = 35 % (anstatt 50 %). Ricardo: in dem neuen Produktionszweig wird p’ herabgedrückt auf den üblichen Stand; in den alten Zweigen hat sich die Profitrate nicht geändert. Grossmann: Es findet eine Ausgleichung statt, nicht nur eine einfache Herabdrückung auf den alten Stand; in den neuen Produktionszweigen wird p’ herabgedrückt auf den neuen Stand; in den alten Produktionszweigen steigt p’ auf einen neuen Stand. Hindernis: Aussenhandel hebt p’ im europäischen Stand. Ricardo leugnet dies. Ricardo: Marktpreis einheitlich, keine Differenzialgewinne. Grossmann: je nach individuellen Kosten entstehen Differenzialgewinne. Wert Preis 20 c + 80 v + 80 m = 180 150 80 c + 20 v + 20 m = 120 150 Ricardo: Verkauf zu den Werten Grossmann: Verkauf zu den Produktionspreisen, die von den Werten abweichen. Innerhalb einer Sphäre: Ausgleichung der verschiedenen individuellen Werte durch die Konkurrenz zu einem Marktwerte zwischen zwei Sphären: Ausgleichung der Werte zu Produktionspreisen. Wert a) 18 c + 78 v + 78 m = 174 I. b) 20 c + 80 v + 80 m = 180 c) 22 c + 82 v + 82 m = 186 Nach Ricardo werden die Werte durch die ungünstigsten Bedingungen bestimmt, sofern diese Waren noch gesellschaftlich notwendig sind. Bei Marx ist das verschieden: a) und b) haben Differentialgewinn, falls c) massgebend6 Ricardo sieht nur die Schwankungen in einem Produktionszweig, die sich auf die Dauer zu dem „natürlichen Werte“ ausgleichen. Was in einer Sphäre gilt, gilt auch entsprechend zwischen den einzelnen Sphären. 6 Wenn die Hauptmasse der Prod. unter diesen Bedingungen hergest. wird. 111 Grossmann: Das ist falsch; die Sphären bilden Produktionspreise, die sowohl vom Wert der Waren der einen als auch der anderen Sphäre abweichen. I 20 c + 80 v + 80 m = 180 Wert II 80 c + 20 v + 20 m = 120 Wert 300 : 2 = 150 Produktionspreis. Das sieht Ricardo nicht. So weit die Rolle der Verschiedenheit der organischen Zusammensetzung in den einzelnen Sphären. Nun sind aber auch in den einzelnen Sphären die Umschlagszeiten der Kapitalien verschieden. Man wendet gegen die Arbeitswerttheorie ein: Wein am Ende des ersten Jahres (niedriger Preis) " " " " zweiten " (höherer Preis) – dennoch nur dieselbe Arbeit. James Mill (1821)xxiv, Bailey (1825)xxv haben diese Einwände erhoben. In den „Mehrwerttheorien“ erwidert Marx James Mill. (vgl. Mwth. III, p. 96xxvi.) Selbst wo die Produktionsprozesse gleich lang dauern, kann der Zirkulationsprozess mehr Zeit in Anspruch nehmen; die Umschlagszeit in der Zirkulation (nicht nur Produktionssphäre) kann verschieden sein. Braunthal xxvii: Die verschiedenen Mehrwerte kompensieren sich zu einer Durchschnittsprofitrate auf Seiten der Kapitalisten. Es werden verschiedene Mehrwerte von verschiedenen Kapitalien produziert; aber durch andere Faktoren werden die verschiedenen Profitraten ausgeglichen zu einer Durchschnittsprofitrate. – Folglich nicht Produktion von Profit, sondern nur Verteilung von Profit. Grossmann: Werte werden nur in der Produktionssphäre geschaffen; die nachträgliche Verteilung des Wertes ändert nichts an der Arbeitswertlehre, welche die Werte bestimmt. Die Profitrate wird auf das gesamte angewendete Kapital berechnet, also p’ = , und nicht nur auf das tatsächlich angewendete Kapital, also nicht p’ = . 112 Ricardo: Die Durchschnittsprofitrate wird durch Kapitalwanderungen hergestellt. Grossmann: Die (beiden) Sphären sind schon im Gleichgewicht, wobei ruhig die (beiden) Profitraten verschieden sein können. Dilemma: a.) Zerstörung des Gleichgewichts durch Herstellung des Durchschnittsprofits, oder: b.) Beibehaltung des Gleichgewichts bei Verschiedenheit der Profitraten. Wie weit bewährt sich die Durchschnittsprofitrate als Regulator der gesellschaftlichen Produktion? Das Problem lautet: wie setzt sich die Werttheorie in der Empirie durch? Bei Ricardo ist der Ausgangspunkt der Gestaltung der Profitrate der Grund und Boden. Anbau des schlechteren Bodens ——> Sinken der Profitrate. Demgegenüber: Grossmann: Weil die Durchschnittsprofitrate sinkt, baut man den schlechteren Boden an. Sinken der Profitrate ——> Anbau des schlechteren Bodens. Beispiel: A. ! (besserer Boden) p = Profit 100 c + 10 p + 15 Rente = 125 B. ! (schlechterer Boden) 100 c + 10 p + 0 Rente = 110 damit doch Rente entstehen kann: 100 c + 4 p + 6 Rente = 110 Marx: Nicht die momentanen Marktschwankungen regulieren die Preise, sondern (auf die Dauer) die Werte c + v + m Marx: Jedoch nicht Werte schlechthin, sondern (in der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft) verwandelte Werte: 113 Anfangskapital des 1. Jahres 2000 10 % Profit 200 Anfangskapital des 2. Jahres 2200 10 % Profit 220 Wert des Endprodukts 2420 anstatt: 2400; nämlich: 2000 + 2 x 10 % Profit 400 2400 soweit Ricardo. Malthus, James Mill: „Das Wertgesetz ist umgestossen. Die „Ausnahme“ (Ricardos) ist zur Regel geworden, und die Regel zur Ausnahme“.xxviii Bürgerliche Problematik: Das Wertgesetz soll jeden konkreten Fall erklären (individuelle Betrachtung). Marxistische Problematik: Das Wertgesetz soll das Entwicklungsgesetz des Mehrwertes in der ganzen kapitalistischen Gesellschaft zeigen. So steht die Marxsche Fragestellung: wie bringt die beherrschte Klasse auf die Dauer die Tribute auf für die herrschende Klasse? Schäffle xxix: (Quintessenz des Sozialismus) Nach Schäffle ist die Marxsche Wertlehre nichts als eine Verwirklichung des Postulats des „vollen Arbeitsertrages“ in der Zukunft (!). Er hat die Marxsche Wertlehre umgebogen. Kleinwächter xxx: Marxsche Werttheorie zeigt, wie die Verteilung geschehen soll! Masaryk xxxi: beginnendes Zeitalter der Arbeit. Grossmann: Alle Theoretiker verlegen die Problematik in die Zukunft. Marx:„Programmkritik“ xxxii: Arbeit das beherrschende Prinzip. „Elend der Philosophie“xxxiii: Die gegenwärtige Gesellschaft ist bereits auf Arbeit aufgebaut. Marc Aucuy xxxiv: Auch er verlegt die Problematik in die Zukunft. Die Marxsche Theorie gilt nicht für die gegenwärtige Gesellschaft; Marx entwickelt ein Bild der Zukunft; die Basis der Güterentwicklung in der Zukunft. Max Weber xxxv: verwirrt a.) was ist, b.) was sein soll. Marx: (Gothaer Programmbrief): a.) erste Phase der kommunistischen Gesellschaft, b.) höhere Phase der kommunistischen Gesellschaft. 114 Grossmann: In b.) wird das Wertgesetz nicht mehr gelten, da kein „do ut des“ mehr massgebend. Nun gibt es eine zweite Art von Theoretikern, die das Wertgesetz in die Vergangenheit legen. („voradamitische Zeiten“) Robert Wilbrandt xxxvi („Karl Marx“): „entdeckt“, dass die Wertlehre des K I für die Zeit der einfachen Warenproduktion gilt; „historische Vorstufe“xxxvii. s. Friedrich Engels in „N. Z.“xxxviii („Wertgesetz hat geherrscht bis ins 15. Jahrhundert“xxxix). s. Georg Sorel xl: (fragt „was gilt das Wertgesetz heute?“xli). Grossmann: Alle sind sich einig darin, dass das Wertgesetz für die Gegenwart keine Bedeutung hat. Marxbekämpfung: 1.) totschweigen, 2.) man leugnet seine Bedeutung für die Gegenwart, 3.) man macht ihn zum Erben früherer Theoretiker. Was wendet Tugan-Baranowsky gegen Marx ein? Die Verteilung des Mehrwertes unter die einzelnen Klassen lässt sich aus dem Marxschen Text nicht errechnen. Die Summe der Löhne im Wertsystem stimmt nicht mit der Summe der Löhne im Produktionspreissystem überein.xlii Durch Verwandlung der Werte in Produktionspreise werden nicht nur die Profite geändert, sondern auch die Kapitalgrössen. Er unterscheidet 3 Produktionssphären mit verschiedener organischer Zusammensetzung. In I Produktion von Produktionsmitteln In II " " Lebensmitteln In III " " Luxusmitteln für die herrschende Klasse Er geht aber nicht wie Marx aus von den Werten, um die Produktionspreise aus ihnen abzuleiten, sondern er geht von den Produktionspreisen aus und zu diesen sucht er sich die Werte. A. Preissystem: 300 c + 200 v + 125 mxliii = 625 p’ = = 25 % = = 62,5 %xliv Lohnanteil = = 32 % 115 B. Wertsystem: 375 c + 300 v + 200 m = 875 p’ = = 29,6 % = = 66,66 % Lohnanteil = = 34,3 % Grossmann gegen Tugan-Baranowsky: a.) Marx wollte nicht den individuellen Fall, sondern das klassenmässige Verhältnis aufzeigen. b.) Es handelt sich um Durchschnittsprofite; ein Durchschnitt kann aus verschiedenen Elementen immer mit dem gleichen Resultat sein. Es ist also nicht zulässig zu einem Durchschnittspreis sich die Werte zu rechnen. c.) methodologischer Einwand: 1.) Tugan: Preise ——> Werte. 2.) Marx: Werte ——> Preise. Sie haben also ganz verschiedene Wege eingeschlagen. Bortkiewicz xlv: B. behauptet, Tugan-Baranowsky habe recht gegen Marx. Dies stimmt, wie wir gesehen haben, aus den oben angegebenen Gründen nicht. Nun ist aber B.’s Marxkritik derjenigen Tugan-Baranowsky’s insofern überlegen, als B. den dritten Tuganschen Fehler vermeidet und selbst ein glänzender Mathematiker und vielbelesener Nationalökonom ist. B. geht – wie Marx – von den Werten aus und gelangt dann zu den Preisen; er betrachtet – ebenfalls wie Marx – das Problem vom gesellschaftlichen Standpunkt und nicht vom individuellen. 25 Jahre lang blieben die zweifellos einer Beachtung würdigen Einwände B.’s unbeachtet, weil sie in mathematisches Gewand verkleidet waren. Dies ist an sich natürlich kein Grund zum Schweigen; die ältere Generation der Marxisten hat also ihre Aufgabe ziemlich leicht genommen. – Bortkiewicz reproduziert mit geringfügigen arithmetischen Aenderungen das Marxsche Zahlenbeispiel aus K III/Ixlvi: 116 Tabelle I: Wertrechnung. Produktionssphäre Konstantes Kapital c Variables Kapital v Verbrauctes konstantes Kapital (ac) Mehrwert m Wert W Profitrate vc m I 80 20 50 20 90 20 % II 70 30 50 30 110 30 % III 60 40 52 40 132 40 % IV 85 15 40 15 70 15 % V 95 5 10 5 20 5 % I–V 390 110 202 110 422 22 % Obwohl Marx mit diesen 5 Produktionssphären nur technische Beispiele geben will, führt Bortkiewicz diese fünf beliebigen Fälle auf die drei theoretischen Abteilungen Tugan-Baranowkys zurück, indem er zusammenfasst: a.) Abteilungen I und V, weil ihre Summen (90 + 20) = Lohnsumme aller Arbeiter (110), zur Tuganschen Sphäre II (Produktion von Lebensmitteln für die Arbeiter). b.) Abteilungen III und IV, weil ihre Summen (132 + 70) = der Summe alles verbrauchten und daher wieder zu ersetzenden konstanten Kapitals (202), zur Tuganschen Sphäre I (Produktion von Produktionsmitteln). c.) Abteilung II, weil ihre Summe (110) = dem gesamten Mehrwert (110), zur Tuganschen Sphäre III (Produktion von Luxusmitteln für die Kapitalisten). – Abgesehen von der Willkürlichkeit des Bortkiewicz’schen Verfahren ist einzuwenden – wie nachfolgende Tabelle zeigen wird –, dass gerade die Lebensmittelproduktion nicht in die Sphäre der hohen organischen Zusammensetzung gehört. Bortkiewicz aber wünscht folgende Zusammenfassung: Produktionssphäre Konstantes Kapital (c) Variables Kapital (v) Verbrauctes konstantes Kapital (ac) Mehrwert (m) Wert (W) Profitrate vc m I 175 25 60 25 110 12 % II 145 55 92 55 202 27 % III 70 30 50 30 110 30 % I–III 390 110 202 110 422 22 % In der hier aufgezeigten Tabelle stimmen die jeweiligen Summen mit denen bei Marx überein. Aus diesem Grunde liesse sich vom Marxschen 117 Standpunkt kein Einwand gegen Bortkiewicz erheben. – Nun geht Bortk. von der Wertrechnung zur Preisrechnung über. Tabelle II: Preisrechnung. Sphäre ac + v Profit (p) ac + v + p Abweichung der Preise von den Werten I 85 44 129 Lebm. + 19 II 147 44 191 Prodm. – 11 III 80 22 102 Luxm. – 8 I–III 312 110 422 0 Bortk. untersucht nun, was geschieht, wenn an Stelle des Wertschemas das Preisschema tritt. Die unverändert gebliebene Summe von 110 an Arbeitslöhnen reicht nicht aus, um die notwendigen Lebensmittel im Preise von 129 zu kaufen. Und ebensowenig stimmt die Rechnung hinsichtlich der Produktionsmittel (zu ersetzen wären 202, geliefert werden nur 191) und der Lebensmittel (verlangt werden 110, produziert sind nur 102). Bortk. glaubt damit den Beweis erbracht zu haben, dass man sich in innere Widersprüche verwickelt, wenn man die Preise aus den Werten in der Art, wie es Marx tut, ableitet. Da Bortk. zu anderen Ergebnissen gelangt als Marx und er sein eigenes Verfahren für das richtige hält, sucht er den Fehler nicht bei sich – wie er eigentlich tun müsste, denn sein „Beweis“ stützt sich auf die völlig unberechtigte Annahme, dass die Produzenten I und V Lebensmittel für die Arbeiter, die Produzenten III und IV Produktionsmittel und die Produzenten II Luxusmittel für die Kapitalisten herstellten –, sondern bei Marx, weil dieser mehrere Grössen aus dem Wertschema in das Preisschema unverändert hinübernimmt. Es gehe nicht an, bei einer Umrechnung der Werte in Preise die in den verschiedenen Produktionssphären angelegten konstanten und variablen Kapitalien von dieser Umwandlung auszunehmen. – Darum zeigt Bortk. selbst, was – nach seiner Ansicht – bereits Marx hätte tun müssen! Er gibt folgendes Zahlenbeispiel: Tabelle I: Wertrechnung. Produktions- Abteilung Konstantes Kapital Variables Kapital Mehrwert Wert des Produktes I 225 90 60 375 II 100 120 80 300 III 50 90 60 200 I–III 375 300 200 875 118 Um von der Wertrechnung zur Preisrechnung übergehen zu können, fragt Bortk. zunächst, in welcher von den drei Produktionsabteilungen das als Wert- und Preiseinheit dienende Gut erzeugt wird. Ist dieses Gut Gold, so würde die Produktionsabteilung III in Betracht kommen. In dieser Abteilung beträgt die Profitrate 43 %, ist also über dem Durchschnittssatz der Gesellschaft, 30 %. In der Abteilung III wird also eine Herabminderung zum Durchschnittsprofit stattfinden; d. h. es werden alle in dieser Abteilung erzeugten Waren unter ihrem Werte verkauft, also auch das Gold. Entsprechend werden die Waren der beiden anderen Produktionssphären zu Preisen verkauft, die über ihren Werten liegen. – Auch bei dieser Einordnung des Goldes in die Sphäre III müsste Bortk. zu der Marxschen Schlussfolgerung des Ausgleichs der Abweichungen nach unten und oben kommen, wenn er nicht plötzlich das als Preiseinheit dienende Gut gleich 1 setzten würde. Dadurch erreicht er, dass die Produkte der Sphäre III nicht unter, sondern zu ihrem Werte verkauft werden, weil sie dieselbe organische Zusammensetzung des Kapitals haben wie die Goldproduktion. Es bleiben demnach nur noch die Erhöhungen der Preise der Waren aus den Abteilungen I und II über ihren Wert. Da in der Abteilung I Produktionsmittel und in der Abteilung II Lebensmittel für die Arbeiter hergestellt und jetzt zu Preisen, die über den Werten liegen, verkauft werden, erhöhen sich für sämtliche Produzenten in der Gesellschaft die Aufwendungen sowohl für Löhne als auch für Produktionsmittel, d. h. das variable und das konstante Kapital in jeder Produktionsabteilung. So werden im Preisschema alle absoluten Zahlen grösser sein als die des Wertschemas, mit Ausnahme des Gesamtprofits, der mit dem Gesamtmehrwert numerisch zusammenfällt als Folge davon, dass das als Wertund Preismass benützte Gut in die Produktionsabteilung III gehört. Tabelle II: Preisrechnung. Produktions- Abteilung Konstantes Kapital Variables Kapital Profit Wert des Produktes I 288 96 96 480 II 128 128 64 320 III 64 96 40 200 I–III 480 320 200 1000 Die ökonomischen Gedankengänge, die Bortkiewicz’s Ausführungen zu Grunde liegen, sind nicht haltbar. Bei Marx ist die Summe der Werte sowie die mit ihr identische Summe der Preise 875 für die gesamte Gesellschaft. Bei Bortk. beträgt die gesellschaftliche Preissumme 1000. Gold ist eine Ware und könnte daher an sich entnommen werden den Produktionsabteilungen I, II, oder III. Bortk. verlegt die Goldproduktion in die 119 Sphäre III, der Abteilung mit der niedrigsten organischen Zusammensetzung des Kapitals. Folglich stellt sich der Wert des Goldes in niedrigeren Produktionspreisen dar; denn in Sphäre III müssen die Waren zu Preisen verkauft werden, die von ihren Werten nach unten abweichen. Das bedeutet Entwertung des Goldes, d. h., dass alle anderen Preise steigen. Somit erweist sich – nach Bortk. – die Marxsche These als falsch: die Summe der Werte sei nämlich nicht identisch mit der Summe der Preise. Bortkiewicz begeht 2 Fehler: a.) Die Art der Umrechnung der Werte in Preise b.) Die Veränderlichkeit des Geldmassstabes Da wir den Fehler a.) bereits kritisiert haben, kommen wir jetzt zum Fehler b.). Bei Marx ist der Massstab identisch in beiden Fällen (Wertrechnung und Preisrechnung). Auch schaltet er alle Preisschwankungen aus. Marx hat nur den Mehrwert geändert, ohne sich um c und v zu kümmern. Der Grundfehler ist ein ökonomischer und nicht ein mathematischer. Bortkiewicz geht von folgenden Gedanken aus: c wird produziert in der Abteilung I und wird nach erfolgtem Austausch auch in der Abteilung II und III verwendet. Da die Waren der Abteilung I über ihrem Wert verkauft werden müssen, erhöht er das c nicht nur in der Abteilung I, sondern auch in den Abteilungen II und III. Dies ist unzulässig; denn bei Umwandlungen der Werte in Preise handelt es sich stets nur um Aenderungen vor dem Tausch und nicht nach dem Tausch. Bortk. hat fehlerhafter Weise zweimal erhöht statt einmal. Auch befindet sich am Ende des Produktionsprozesses, also bei beginnendem Austausch, das c der Abteilungen II und III gar nicht in der Gestalt von Produktionsmitteln. Ueberhaupt handelt es sich, soll eine Erhöhung der Werte zu Produktionspreisen stattfinden, prinzipiell nicht darum, dass die Ware Elemente des konstanten Kapitals darstellt, sondern, dass sie erzeugt wird mit hoher organischer Zusammensetzung. – In aller Wissenschaft gilt die Regel, dass, wenn zwei Thesen einander gegenüberstehen – wie hier Warenseite und Geldseite –, man jeweils nur die eine Seite verändern darf, nicht aber beide gleichzeitig, weil sonst der Massstab geändert würde, womit wir die eine Seite verlassen. Bortk. aber begeht den Fehler, 2 Probleme gleichzeitig zu behandeln: 1.) Wertmassstab (auf der Geldseite) 2.) Produktionspreise (auf der Warenseite) Aber wir wollen doch – unabhängig von den Vorgängen auf der Geldseite – sehen, wie sich auf der Warenseite die Werte in Produktionspreise verwandeln. Bereits Ricardo kannte einen – wenn auch nur zu theoretischen Zwecken eingeführten, also nicht in der Wirklichkeit bestehenden – 120 „unveränderlichen Wertmassstab“. Ebenso handelt auch Marx; bei ihm ist der Wert des Goldes = Preis des Goldes. Natalie Moszkowska xlvii (Zürich): Wertrechnung. Organische Zusammensetzung Produktionssphäre c v m 63,1 : 36,9 I 72 + 42 + 48 = 162 46,1 : 53,9 II 42 + 49 + 56 = 147 46,1 : 53,9 III 48 + 56 + 64 = 168 (je) 100 I–III 162 + 147 + 168 = 477 p’ = 54 % Preisrechnung: Produktionssphäre c v m I + + = II + + = III 53 + 53 + 53 = 159 I–III xlviii + + 159 = 477 p’ = 50 % Bei der Ausgleichung der verschiedenen Profitraten in der Wertrechnung zu einer Durchschnittsprofitrate in der Preisrechnung entdeckt Moszkowska, das die als Produktionsmittel dienende Ware ihren Preis erhöht, was zu einer Erhöhung der konstanten Kapitale aller 3 Abteilungen führen müsse. Sphäre Wertrechnung c Preisrechnung c So Moszkowskas Lösung v v I 72 – 42 – xlix II 42 – l 49 – li III 48 – 53 56 – 53 Moszkowska erhöht zweimal den Preis: einmal vor und einmal nach dem Tausch. In dem Masse, wie die c erhöht werden, müssen die (v + m)lii ermässigt werden. Wir aber fragen: sind diese Teile mit hoher oder niedriger 121 organischer Zusammensetzung. Bei hoher organischer Zusammensetzung wird erhöht, bei niedriger ermässigt. Es kommt nicht auf c an sich und nicht auf v an sich an. Wertrechnung nach Marx: I 72 c + = 162 II & III + + Preisrechnung Moszkowskas: c + = + + Grossmann: Die Fehlerquelle liegt darin, dass man sich auch in der Preisrechnung an den Aequivalentenaustausch hält. 60 Jahre hindurch sind Marxisten und Bürgerliche an diesem logischen Fehler gescheitert. Marx hat den Aequivalentenaustausch nur unterstellt, d. h. nicht als wirklich betrachtet. Was ist Preis? Die Menge des als Preisgut dienenden Gutes. Grossmann: Es kann auf keinem anderen Wege die Ausgleichung der Profitraten beider Abteilungen hergestellt werden als durch Austausch ungleicher Werte: Grossmann: Marx hat die Austauschgleichheit nur als Ausgangspunkt genommen. Emil Walter liii (Zürich): Sein Buch „Der Kapitalismus“ enthält wenig originelle Gedanken; es sind mathematische Formeln, jedoch ohne neue logische und theoretische Fundamentierung. Bisherige Fehler: Man versuchte gleichmässig alle Bestandteile zu verändern (c + v + m). 122 Grossmann: I c, I v, II v unveränderlich lassen, I m, II m vermindern, II c vermehren. Das richtige Austauschprinzip, wonach die mit hoher organischer Zusammensetzung des Kapitals erzeugten Produkte unter ihrem Werte und die mit niedriger organischer Zusammensetzung des Kapitals erzeugten Produkte über ihrem Wert verkauft werden, lehrt uns, dass nur zwischen verschiedenen Sphären (nicht aber innerhalb der gleichen Sphäre) eine Zirkulation stattfinden kann, mithin auch nur die mit anderen Sphären auszutauschenden Produkte Wertveränderungen erleiden, also I m, II c und (als Reservoir für II c) II m. Länder mit hoher organischer Zusammensetzung verkaufen unter ihrem Werte, Länder mit niedriger organischer Zusammensetzung über ihrem Werte; so ergibt sich ein Durchschnittspreis für die Weltwirtschaft; z. B. England wird seine Produkte über ihrem Wert, Polen zu ihrem Wert, die Türkei unter ihrem Wert verkaufen, sodass im internationalen Handel eine Uebertragung des Profits aus den Ländern mit niedriger organischer Zusammensetzung in Länder mit hoher organischer Zusammensetzung stattfindet. Demgegenüber behauptet: Rosa Luxemburg: Der Mehrwert der kapitalistischen Länder ist nicht realisierbar und muss in den nichtkapitalistischen Ländern abgesetzt werden. Grossmann: Das Gegenteil ist der Fall. Ein Teil des m aus den Ländern mit niedriger organischer Zusammensetzung wird übertragen in Länder mit hoher organischer Zusammensetzung. Es ist also eine umgekehrte Bewegung des m in Wirklichkeit festzustellen. Der politische Ausdruck dieser wirtschaftlichen Erscheinung ist die Kolonialpolitik der grosskapitalistischen Länder. Was ist der Sinn des ganzen Prozesses, der ausgleichenden Tendenz der Profitrate? In vorkapitalistischer Zeit, wo nur wenig kapitalistische Produktionsweise vorhanden war, bestand keine Möglichkeit zum Ausgleich der Profitraten. Die Waren wurden direkt zu ihren Werten verkauft. Krisen waren nicht notwendig, denn selbst wenn die Kapitalisten zu viel produziert hatten, konnten sie für ihre Produkte Absatz finden bei vorkapitalistischen Produzenten, deren Wirtschaften gewissermassen als „Polster“ dienten. 123 In einer Zeit, wo der Kapitalismus die herrschende Form ist, muss in den einzelnen Sphären das Kapital proportional verteilt werden. Diese Proportionalität der einzelnen Produktionssphären kann, wenn man nicht mehr das Polster vorkapitalistischer Wirtschaften hat, und daher notwendig Krisen entstehen, erst nachträglich auf dem Markte durch Krisen hergestellt werden. In spätkapitalistischer Zeit, wo Monopolgebilde entstanden sind (hier- über vergleiche Hilferding „Finanzkapital“ liv) und wo man infolge des Vorhandenseins von grossem fixem Kapital eigentlich eine stets niedrigere Profitrate haben müsste, diese aber durch Monopole auszugleichen wünscht, geht [die Entwicklung] sogar darüber hinaus, um Monopolgewinne zu erzielen, die über dem Durchschnitt liegen. Dies geschieht selbstverständlich auf Kosten anderer Kapitalisten, und zwar auf Kosten der kleineren Kapitalisten, die nur unterdurchschnittlichen Profit erhalten. Briefs lv: (Das Problem der Durchschnittsprofitrate) a.) Weil heute die Tendenz zur Ausgleichung der Profitrate sich nicht durchsetzt, ergibt sich, dass sie nie bestanden hat. b.) Auch heute besteht diese Tendenz nicht und doch existiert der Kapitalismus. Marx: gegen b.) verschiedene Profitraten können im entwickelten Kapitalismus nicht nebeneinander bestehen, ohne das System aufzuheben. Infolge des grossen Mindestumfanges der modernen Produktion erfolgt kein ständiger Zufluss von Kapital in die Sphären mit hoher Profitrate, sondern nur ein ruckweiser. Die Merkantilisten wussten keinen innewohnenden Regulator für den Kapitalismus. Die Physiokraten kannten einen solchen Regulator im gesunden Zustand der Wirtschaft, wenn aber einmal durch Eingriffe von aussen die Verhältnisse gestört wurden, muss der Staatsmann, der es verdorben hat, jetzt wieder gutmachen. Späterhin wird der Kapitalismus mehr und mehr verherrlicht. Er reguliert sich angeblich von selbst, wenn man ihn nur gewähren lässt. Man sieht: nicht nur der Kapitalismus hat sich entwickelt, sondern auch die Ideologie über den Kapitalismus hat sich entwickelt. Kapitalismus: a.) Frühkapitalismus b.) freier Konkurrenzkapitalismus c.) Monopolkapitalismus 124 ad c.) Zerfall der Weltwirtschaft, absolute Autarkie nicht möglich, relative Autarkie wird angestrebt. Erde insgesamt 2 Milliarden Menschen I Britisches Imperium 461 Millionen Menschen 40 Millionen qkm II U.S.A. 135 " " 10 " " III U.d.S.S.R. 170 " " 21,3 " " IV China 445 " " 10,5 " " V Frankreich 100 " " 11,5 " " VI Japan 90 " " 0,68 " " VII Brasilien 40 " " 8,5 " " Von zwei Milliarden Menschen leben fast 3/4 in Gebieten, die sich relativ autark halten können; diese werden den Zerfall der Weltwirtschaft längere Zeit ertragen, währenddessen gehen die kleineren Länder zugrunde, wie auch die kleinen Produzenten zugrunde gehen. Bisher wurde nur der Prozess des Ausgleichs der Profitraten behandelt, also statisch. Nun soll das Problem dynamisch dargestellt werden; wir gelangen zum Gesetz des tendenziellen Falles in der allgemeinen Profitrate. – Schon Adam Smith zeigt den tendenziellen Fall der Profitrate als eine Tatsache; er erklärt sie aus der Konkurrenz der Kapitalien um die besseren Kapitalanlagen; die Nachfolger müssen sich mit schlechteren Kapitalanlagen begnügen. Grossmann: Dies ist eine naturalistische Begründung, während in Wirklichkeit die technische Entwicklung von Zeit zu Zeit rentabelste Kapitalanlagen ermöglicht. Immerhin ist beachtenswert, dass Adam Smith eine Theorie der Ueberakkumulation von Kapital aufstellt. (I Buch, 9 Kap., „Wealth of Nations“ lvi) Adam Smith: Konkurrenz ——> Fall der Profitrate Marx: Fall der Profitrate ——> Konkurrenz Die Profitrate sinkt. Dieses Sinken kann zwar für den einzelnen Kapitalisten ausgeglichen werden durch steigen der Profitmasse; dazu muss viel mehr Kapital angelegt worden sein. 1 000 000 Kapital, 10 %, 100 000 Profitmasse 2 000 000 " , 6 %, 120 000 " Dennoch bleibt als Tatsache bestehen, dass pro Einheit Kapital der betreffende Kapitalist nach der Profitrate fragen und auf Anlage verzichten 125 wird, sobald die Profitrate unter ein gewisses Minimum sinkt. Dann erschlafft die Akkumulation, und es tritt ein stationärer Zustand ein. Ricardo zieht solche erheblichen Konsequenzen für die kapitalistische Gesellschaft aus dem Gesetz des tendenziellen Falles der Profitrate. John Stuart Mill lvii: erkennt an, dass ein stationärer Zustand eintritt, hält dies aber für ungefährlich, weil trotzdem die Entwicklung der Menschheit weitergehen wird. Den allseitigen Ueberfluss an Kapital nennt Mill: „general glut“lviii; also nicht Krisen aus Disproportionalität, sondern hier handelt es sich um die allgemeine Krise. Die Profitrate ist nur eine reine Zahl, Index, Berechnungszahl. Das Problem besteht indessen in der Wirklichkeit; also Profitmasse ist zu beachten, weil aus ihr die realen Beträge zur Akkumulation und zur Konsumtion der Kapitalisten entnommen werden. Das Problem der fallenden Profitrate. Ist die fallende Profitrate eine logische Deduktion oder das Ergebnis einer empirischen Feststellung? Tugan-Baranowsky hat zu beweisen versucht, dass die Profitrate steigt und nicht fällt, und zwar auf deduktivem Wege. Für empirische Darlegungen genügt nicht die Nachprüfung in einzelnen Sphären, wie vorher die Durchschnittsprofitrate, die jetzt fällt, aus allen Sphären berechnet ist. Zwar kann, infolge monopolistischer Massnahmen, die Profitrate in einzelnen Sphären steigen, aber auch nur auf Kosten der Profitrate in anderen Sphären. Nehmen wir an, eine umfassende, nach marxistischen Gesichtspunkten aufgezogene Statistik7 ermögliche, alle Mehrwertteile zum gesellschaftlichen Mehrwert zu vereinigen und ihn zum gesamten vorgeschossenen Kapital in Beziehung zu setzen, dann hätten wir die nationale Duchschnittsprofitrate. Aber selbst in diesem Falle, der praktisch unmöglich wäre, wüssten wir noch keineswegs, ob nicht im Inlande die Profitrate doch gefallen, aber durch Mehrwertinjektionen mehr als ausgeglichen wäre. 7 In Wirklichkeit entsteht eine solche Statistik aus naheliegenden Gründen nicht: Die Kapitalisten fürchten, dass man die wirklichen Einkommensverhältnisse durchschaut und in sie eingreifen könne. Dagegen hat die Sowjet-Union eine umfassende Statistik. 126 a.) b.) Durchschnittsprofitrate Inland Ausland 8 7 + 1 10 6 + 4 12 5 + 7 14 4 + 10 a.) 4000 c + 1000 v + 1000 m = 20 % b.) Entwertung des c und v durch neue Erfindung: 2000 c + 1000 v + 1000 m = % Man hat gegen das Marxsche Gesetz des tendenziellen Falles der Profitrate eingewendet, es sei nur eine blosse Deduktion. Anstatt aber mit empirischen Material aufzuwarten, haben die Kritiken sich nur auf Deduktionen beschränkt. Ist die Auffassung, Marx habe sein Gesetz nur logischdeduktiv abgeleitet; richtig? Wie kam Marx zu diesem Gesetz? a.) stofflich: 1.) 1 Pm : 1 A 1.) = früher, vor techn. Erfindungen 2.) 2 Pm : 2 A 2.) = jetzt, nach " " b.) wertmässig: 1.) c : v c1 = c Welcher Fall ist real? 2.) c1 : v c2 < c Allein reale Fälle, nicht c2 : v c3 > c mathematische Möglichkeiten c3 : v werden untersucht. Fall: 2): konstante Wertzusammensetzung 2): fallende organische Zusammensetzung 2): steigende organische Zusammensetzung Zwar wird das einzelne Pm entwertet, aber rascher als diese Entwertung wächst die Summe des c pro Einheit des v; d. h. die Zusammenballung der Pm pro Kopf des Arbeiters schreitet rascher fort als die Entwertung. Es erweist sich die These von der fortschreitenden organischen Zusammensetzung des Kapitals als richtig; nicht nur m fällt im Verhältnis zu c + v, sondern auch v im Verhältnis zu c, weil die gesamte lebendige Arbeit abnimmt im Vergleich zur toten; das ist der Ausdruck für die steigende Produktivität der Arbeit. 127 Einige Zensus-Daten für die letzten 30 Jahre aus U.S.A. Kapital (Mill. $) Arbeiter angewendetes Kapital pro Kopf des Arbeiters 1889 6 325 4 125 000 1 535 1899 9 814 5 310 000 1 855 1904 12 675 5 615 000 2 310 1909 18 428 6 615 000 2 780 1914 22 790 7 036 000 3 230 1919 44 466 9 096 000 4 888 fällt; der Anteil der lebendigen Arbeit am Wert des gesamten Jahresproduktes wird immer kleiner. So lautet der Marxsche Satz; der Fall der Profitrate ist nur ein Teil des Problems bei Marx. A. 100 c + = = = 21,9 %lix B. 300 c + 16 v + 12 m = 8,5 % C. a.) 400 c + 14 v + 14 m b.) 400 c + 12 v + 16 m = 6,5 % c.) 400 c + 8 v + 20 m d.) 400 c + 0 v + 28 m ist nicht schrankenlos vergrösserbar, sondern hat im praktischen Leben ganz bestimmte Grenzen. B. p’ = = 3,8 %lx Cb.) p’ = = 3,8 %; c.) = 4,9 %; d.) = 7,0 %lxi. Nur bis 7,0 %lxii kann p’ wachsen; wächst aber c weiter, so muss p’ wieder fallen; 400 c + 14 v + 14 m 7 v + 21 m 3,5 v + 24,5 m usw. Obwohl dieser Vorgang besteht, kann man daraus nicht schliessen, dass immer die steigen müssen. Ricardos klassischer Luxusbegriff: Alles was nicht in den Konsum der Arbeiterklasse eingeht. 128 Falls Produktivitätssteigerung stattfindet in: a.) Lebensmittelprodukt für die Arbeiterklasse, steigt b.) Luxusmittelproduktion für die Kapitalisten, " " nicht Produktionsmittelproduktion: a.) soweit Pm für notwendige Lebensmittel für die Arb., steigt b.) andere Produktion, steigt nicht Otto Bauer hat das Problem wechselnd beurteilt: a.) 1907 (gegen Tugan-Baranowsky)lxiii Gesetz der fallenden Profitrate b.) 1929 (gegen Grossmann)lxiv gibt es kein solches Gesetz! c.) 1930 (Kongress der S.A.I.) lxv Gesetz der fall. Pfr., Mangel an Mehrw. Konsequenzen der fallenden Profitrate: Zusammenbruchstendenz (vgl. Grossmann’s Buchlxvi) So wie fällt, fällt auch der Lohnanteil am Wert des Produkts . U.S.A. 1849 23,23 % 1859 20,46 % 1869 18,30 % 1879 17,65 % 1889 20,18 % 1899 17,85 % 1904 17,65 % 1909 16,56 % 1914 16,85 % 1919 16,88 % Wieso kommen manchmal Störungen zu Stande? Die Intensität der Arbeit steigt. 8 Stunden à 10 Intensität = 80 7 Stunden à 20 Intensität = 140 Bisher unterschied man nur: Nominallöhne und Reallöhne; das ist aber nur eine Seite des Problems, nämlich was der Arbeiter bekommt (seine Aktivseite); nicht berücksichtigt ist die erhöhte Intensität des Arbeiters (seine Passivseite), was der Arbeiter gibt. 129 Produktivität = Mehrleistung infolge besserer Ausrüstung & Maschinen Intensität = " " erhöhter Anstrengung des Arb. 1919: 4888 c : 1157 v = 4 : 1 Heute: c : v = 6 : 1 U.S.A.: 8 : 1 sogar 10 : 1 lxvii a.) m wurden bisher akkumuliert, und zwar (infolge Steigung organischer Zusammensetzung des Kapitals) 2/3 zu c und 1/3 zu v früher also wuchs c um 33 % von m früher " " v " % " m b.) sollen die Wachstumsproportionen aufrecht erhalten werden, müsste man bei 4 c + 2 v ––> 2 mlxviii erhalten: jetzt c = 1,2 m jetzt v = 0,6 m vorhanden sind jedoch nur für Zwecke der Akkumulation 1,0 m. Defizit (Mangel an Mehrwert) = 0,8 m. Man kann zunächst sorgen für: dann bleibt nichts für: ac av und k av und k ac8 8 Dieser Fall ist unwirklich, denn technischer Fortschritt hört auf; Tod des kapitalistischen Systems wäre die Folge. 130 Man hat gegen Grossmann eingewendet, dass die Produktivität der Arbeit so steige, dass v kleiner werden könne, also steige; daher Profitrate und Profitmasse vergrösserten sich. Demgegenüber Grossmann: Das Gesamtkapital und der Gesamtmehrwert ist zu betrachten; in Wirklichkeit ist c : v viel höher als O. Bauer in seinem Schemalxix annahm. Ferner vergrössert sich durch die wiederholten Umschläge des zirkulierenden konstanten Kapitals die organische Zusammensetzung des Kapitals. (Man leiht sich Betriebskapital bei der Bank.) In dem Begriff „produktiv“ bzw. „unproduktiv“ ist keine Wertung eingeschlossen, sondern nur eine „ökonomische“ Tatsache. Die materielle Produktion vermehrt die materiellen Güter, während die geistige (unproduktive) sie vermindert. Deutscher Gesamtmehrwert, wie er unmittelbar aus dem Produktionsprozess hervorgeht, höchstens 1/3 2/3 werden für produktive unproduktive verausgabt Akkumulation (Handel, Bank, Wissenschaft) usw. 1 Periode = 10 Jahre 1. Periode 200 000 c + 100 000 v + 100 000 m 2. Periode 1 000 000 c + 100 000 v + 110 000 m 3. Periode 4 600 000 c + 100 000 v + 120 000 m Wenn wir k9 vernachlässigen, kann im ersten Beispiel die Akkumulationsrate , im zweiten Beispiel 10, im dritten Beispiel 2,5 % sein. Mit steigen- 9 k = Konsum der Kapitalisten. 131 der organischer Zusammensetzung muss daher, selbst wenn die Produktivität der Arbeit sich erhöht, die Akkumulation allmählich einschlummern. 1.) 150 000 c + 25 000 v + 25 000 m 7 500 ac + 500 av + 333 k = 8 333 2.) 157 500 c + 25 500 v + 26 775 m 7 875 ac + 510 av + 540 klxx = 8 925 Mehrwert: a.) Zirkulationskosten 15 % b.) Verwaltung, Heer 35 % c.) Pensionäre, Rentner 16,6 % 66,6 % d.) akkumulierbar 33,4 % 100,0 % Es wächst: c jährlich um 5 % v " " 2 % Produktivität " " 5 % 25000 · = 8333lxxi – (ac + av) = 8000 k = 333 Grundgedanke ist, dass der Mehrwert nicht ausreicht, um alle drei Funktionen zu erfüllen (ac, av, k). 3 Fälle: a.) keine Steigerung der Produktivität b.) Steigerung der Produktivität c.) Mehrwertinjektion aus dem Auslande a.) keine Steigerung der Produktivität 1.) 150 000 c + 25 000 v + 7 500 ac + 500 av + 333 k 2.) 157 500 c + 25 500 v + 7 875 ac + 510 av + 115 k 3.) 165 375 c + 26 010 v + 8 268 ac + av + 0 k Defizit Mangel an Mehrwert c wächst 5 % m = v 1.) ( = 8330) v " 2 % 2.) ( = 8500) 132 1/3 m wird akkumuliert 3.) ( = 8670) 2/3 m werden unproduktiv in der Zirkulationssphäre verbraucht. In der Wirklichkeit wird av + k bezahlt, ac nicht versorgt, also Erschlaffen der Akkumulation; einfache Reproduktion, Ausschluss vom Weltmarkt. b.) Steigerung der Produktivität > Verbilligung der Lebensmittel bei gleichbleibendem Arbeitstag ein grösserer Mehrwert. (relativer Mehrwert) v = 100 % m = 105 % b.) 1.) 150 000 c + 25 000 vlxxii + 7 500 ac + 500 av + 333 k (m = 26 775) 2.) 157 500 c + 25 500 v + 7 875 ac + 510 av + 540 k (m = 27 315) 3.) 165 375 c + 26 010 v + 8 268 ac + 520 av + 317 k (m = 27 856) 4.) 173 643 c + 26 530 v + 8 682 ac + 530 av + 71 k (m = 28 413) 5.) 182 325 c + 27 060 v + 9 116 ac + av + 0 k Defizit Mangel an Verwertung Zusammenbruch im 5. Jahr. c.) Mehrwertinjektion von 10 % zum akkumulierbaren Kapital, also 8.333 833 9.166 Zusammenbruch im 8. Jahr. Musterbeispiel für Dialektik: Akkumulation ——> Unmöglichkeit der Akk. Gegentendenzen erschöpfen sich, sodass Ueberwindung der Krisen immer schwieriger wird. Z. B. fixes Kapital: + 90 v 5 f + 5 z 1.) + 45 v (wenn schlechte Konjunktur) f + z nur c f liegen still, also wenig. + 10 v 50 f + 40 z 133 Mit der Zeit verschwindet die Gegentendenz, in der Krise die Produktion einzuschränken, aber der Kapitalist kann sein grosses fixes Kapital nicht still liegen lassen. Z. B. auch Vorräte müssen immer gehalten werden (Tendenz zur Rationalisierung der Wirtschaft durch Abschaffung der Vorräte hat eine ganz bestimmte Grenze); auch Lohn kann nur bis zu einer gewissen Grenze herabgedrückt werden. Z. B. auch Grundrente: Durch Verminderung der landwirtschaftlichen Grundrente konnte die Rentabilität der Industrie gehoben werden, durch technische Entwicklung der Landwirtschaft verschwindet die Grundrente. Gegentendenzen erschöpfen sich, also Haussen immer schwächer; Krise – ein nicht voll ausgewachsener Zusammenbruch. Zusammenbruch = eine infolge Abschwächung der Gegentendenzen voll ausgewachsene Krise. Einzige Theorie, welche die Weltkrise aus Ueberakkumulation von Kapital erklärt, aus Mangel an Anlagemöglichkeiten für das Kapital. Frankreich: In Landwirtschaft wäre noch glänzende Anlagemöglichkeit, aber aus politischen Gründen bleibt diese Anlagemöglichkeit unerschlossen. Deutschland ebenso. Kapital liegt brach, Warenwechsel sind gesucht, aber kaum vorhanden, Zinsfuss unter 1 %. Eine Anlagegrenze ist logisch, notwendig; und muss auch immer in der kapitalistischen Produktionsweise sein. – * * * Typoskript (47 S.) / ohne Datierung [1932] / APAN, III–155: 37 / Originaltitel: „Das Problem der Durchschnittsprofitrate in der modernen volkswirtschaftlichen Theorie.“ [Titelzusatz: von: Professor Henryk Grossmann.] i Böhm-Bawerks Agiotheorie des Zinses: Böhm-Bawerk, Eugen von: Kapital und Kapitalzins. Zweite Abteilung: Positive Theorie des Kapitales. Vierte Auflage. Erster Band. Jena 1921. i-a pur: Im Ts.: nur. ii Lassalle: Bezug nicht ermittelt. – Im Ts.: Lasalle. iii „Im Wesen … liesse“.: Bei Böhm-Bawerk im Orig.: „Im Wesen des Zinses liegt also nichts, was ihn an sich unbillig oder ungerecht erscheinen liesse.“ [Böhm- Bawerk: Kapital und Kapitalzins. S. 428.] 134 iv Liefmann: Liefmann, Robert: Grundsätze der Volkswirtschaftslehre. 2 Bde. Stuttgart, Berlin 1917–1919. v Mieses: Buch über Geldtheorie: Mises, Ludwig von: Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel. München, Leipzig 1912. vi Mommsen: Mommsen, Theodor: Römische Geschichte. 2. Aufl. Bd. 1–3. Berlin 1856–1857. – Marx hatte sich im ersten und dritten Band des „Kapitals“ diesbezüglich negativ über Mommsens „Römische Geschichte“ geäußert. [Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprocess des Kapitals. Dritte vermehrte Aufl. Hamburg 1883. S. 144. [MEGA2 II/8. S. 183]; Dritter Band. Buch III: Der Gesammtprocess der kapitalistischen Produktion. Herausgegeben von Friedrich Engels. Hamburg 1894. S. 311. [MEGA2 II/15. S. 320].] vii Salvioli: Salvioli, Joseph: Der Kapitalismus im Altertum. Studien über die römische Wirtschaftsgeschichte. Nach dem Französischen übersetzt von Karl Kautsky jun. Stuttgart 1912. viii Bernstein: Bernstein, Eduard: Zur Frage des ehernen Lohngesetzes. In: ders.: Zur Theorie und Geschichte der Socialismus. Gesammelte Abhandlungen. Teil I. Vierte Auflage. Berlin 1904. S. 1–109. ix Tugan-Baranowsky: Tugan-Baranowsky, Michael: Theoretische Grundlagen des Marxismus. Leipzig 1905. x James Steuart: Steuart, James: An inquiry into the principles of political economy. Being an essay on the science of domestic policy in free nations in which are particularly considered population, agriculture, trade, industry, money, coin, interest, circulation, banks, exchange, public credit, and taxes. 2 vol. London 1767. – Marx befasste sich mit den theoretischen Anschauungen Steuarts in den „Theorien über den Mehrwert“ [Manuskript von 1861–1863]: Theorien über den Mehrwert. Aus dem nachgelassenen Manuskript „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ von Karl Marx. Hrsg. von Karl Kautsky. I. Die Anfänge der Theorie vom Mehrwert bis Adam Smith. Stuttgart 1905. S. 29–33. [MEGA2 II/3.2. S. 333– 337]. xi Francois Quesnay (1758): Quesnay, François: Tableau économique. [S. l.] 1758. – Marx befasste sich mit den theoretischen Anschauungen Quesnays in den „Theorien über den Mehrwert“ [Manuskript von 1861–1863]: Theorien über den Mehrwert. I. S. 85–125. [MEGA2 II/3.2. S. 624–656]. xii foncières: Im Ts.: foucières. xiii primitives: Im Ts.: primitifs. xiv annuelles: Im Ts.: annuels. xv Turgot: Turgot, [Anne-Robert-Jacques]: Réflexions sur la fortune et la distribution des richesses. [S. l. S. n.: 1766]. – Marx befasste sich mit den theoretischen Anschauungen Turgots in den „Theorien über den Mehrwert“ [Manuskript von 1861–1863]: Theorien über den Mehrwert. I. S. 49–59. [MEGA2 II/3.2. S. 348– 362]. xvi Adam Smith: Smith, Adam: An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. London 1776. – Marx befasste sich mit den theoretischen Anschauungen von Smith in den „Theorien über den Mehrwert“ [Manuskript von 1861– 1863]: Theorien über den Mehrwert. I. S. 126–179. [MEGA2 II/3.2. S. 363–620]. 135 xvii I (v + m): Im Ts.: I (V + m). xviii Rosa Luxemburg: Luxemburg, Rosa: Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus. Berlin 1913. xix Ricardo: Ricardo, David: On the principles of political economy and taxation. London 1817. – Marx hatte die theoretischen Anschauungen Ricardos in den „Theorien über den Mehrwert“ [Manuskript von 1861–1863] behandelt: Theorien über den Mehrwert. Aus dem nachgelassenen Manuskript „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ von Karl Marx. Hrsg. von Karl Kautsky. II. David Ricardo. Erster Teil. Stuttgart 1905. S. 1–166; II: David Ricardo. Zweiter Teil. Stuttgart 1905. S. 1–217. [MEGA2 II/3.3. S. 813–1202]. xix-a Anderson: Anderson, James: Essays relating to agriculture and rural affairs. Vol. 1–3. Edinburgh, London 1775–1796. – Marx befasste sich mit den theoretischen Anschauungen Andersons in den „Theorien über den Mehrwert“ [Manuskript von 1861–1863]: Theorien über den Mehrwert. II. Erster Teil. S. 304– 308 u. 332–338. [MEGA2 II/3.3. S. 765–767 u. 796–800]. xix-b Malthus: Malthus, T[homas] R[obert]: An Essay on the Principle of Population, as it affects the future improvement of Society; with remarks on the speculations of W. Godwin, M. Condorcet and other writers. London 1798; ders: Principles of political economy considered with a view to their practical application. London 1820. – Marx befasste sich mit den theoretischen Anschauungen von Malthus in den „Theorien über den Mehrwert“ [Manuskript von 1861–1863]: Theorien über den Mehrwert. Aus dem nachgelassenen Manuskript „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ von Karl Marx. Hrsg. von Karl Kautsky. III. Von Ricardo zur Vulgärökonomie. Stuttgart 1910. S. 1–61 [MEGA2 II/3.4. S. 1207– 1259]. xx „Profit upon alienation“: Steuart, James: An inquiry into the principles of political economy. In: The works, political, metaphisical, and chronological. Vol 1. London 1805. S. 244. – Marx zitierte diesen Begriff in den „Theorien über den Mehrwert“ [Manuskript von 1861–1863]: Theorien über den Mehrwert. I. S. 31. [MEGA2 II/3.2. S. 334]. xxi Lexis (Besprechung 1885 d. K II): Lexis, W[ilhelm]: Die Marx’sche Kapitaltheorie. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik. Jena. N. F. Bd. 11. 1885. S. 452–465. xxii Achille Loria: Loria, Achille: [Rezension zu:] Die Durchschnittsprofitrate auf Grundlage des Marx’schen Werthgesetzes. Von Dr. Conrad Schmidt. Stuttgart 1889. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik. Jena. N. F. Bd. 20. 1890. S. 272–274. – Im Ts.: Achilles Loria. xxiii p’ = Profitrate: Im Ts.: p = Profitrate. xxiv James Mill (1821): Mill, James: Elements of political economy. London 1821. – Marx befasste sich mit den theoretischen Anschauungen Mills in den „Theorien über den Mehrwert“ [Manuskript von 1861–1863]: Theorien über den Mehrwert. III. S. 94–126 [MEGA2 II/3.4. S. 1276–1300]. xxv Bailey (1825): [Bailey, Samuel:] A Critical Dissertation on the Nature, Measures, and Causes of Value; chiefly in reference to the writings of Mr. Ricardo and his followers. By the Author of Essays on the formation and publications of opin- 136 ions, &c. London 1825. – Marx befasste sich mit den theoretischen Anschauungen Baileys in den „Theorien über den Mehrwert“ [Manuskript von 1861–1863]: Theorien über den Mehrwert. III. S. 146–201 [MEGA2 II/3.4. S. 1313–1350]. – Im Ts.: Bailly (1825). xxvi vgl. Mwth. III, p. 96: Theorien über den Mehrwert. III. S. 96. [MEGA2 II/3.4. S. 1278.] xxvii Braunthal: Braunthal, Alfred: Die Wirtschaft der Gegenwart und ihre Gesetze. Ein sozialistisches Lehrbuch der Nationalökonomie. Berlin 1930. xxvii-a 6 f + 20 z: Im Ts.: 6 z + 20 z. xxvii-b Abb. im Ts. (hier verkleinert wiedergegeben): xxviii „Das Wertgesetz … Ausnahme“.: Bei Marx im Orig. (i. e. in der Edition Kautskys): „Mit anderen Worten: Diese Bestimmung gleicher Profitrate (aber nur im einzelnen Falle und auf diesem Umweg kommt Ricardo hinzu) bei Kapitalien von verschiedener organischer Zusammensetzung widerspricht dem Gesetz des Wertes oder, wie Ricardo sagt, bildet eine Ausnahme davon, worauf Malthus richtig bemerkt, daß die Regel die Ausnahme und die Ausnahme die Regel im Fortgang der Industrie wird.“ [Theorien über den Mehrwert. III. S. 75.] xxix Schäffle: Schäffle, A[lbert]: Die Quintessenz des Sozialismus. 14. Aufl. Gotha 1906. xxx Kleinwächter: Kleinwächter, Friedrich: Die Grundlagen und Ziele des sogenannten wissenschaftlichen Sozialismus. Innsbruck 1885. xxxi Masaryk: Masaryk, Th[omas] G[arrigue]: Die philosophischen und sociologischen Grundlagen des Marxismus. Studien zur socialen Frage. Wien 1899. xxxii Marx: „Programmkritik“: Zur Kritik des sozialdemokratischen Parteiprogramms. Aus dem Nachlaß von Karl Marx. In: Die Neue Zeit. Revue des geistigen und öffentlichen Lebens. Stuttgart. 9. Jg. 1890/1891. Bd. 1. Nr. 18. S. 561– 575. xxxiii „Elend der Philosophie“: Marx, Karl: Das Elend der Philosophie. Antwort auf Proudhons „Philosophie des Elends“. Deutsch von E. Bernstein und K. Kautsky. Mit Vorwort und Noten von Friedrich Engels. Stuttgart 1885. xxxiv Marc Aucuy: Aucuy, Marc: Les Systèmes Socialistes d’Échange. Paris 1908. – Im Ts.: Marc Oen. xxxv Max Weber : Weber, Max: Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis. In: ders.: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen 1922. S. 146–214. xxxvi Robert Wilbrandt: Wilbrandt, R[obert]: Karl Marx. Versuch einer Würdigung. 4. Aufl. Leipzig, Berlin 1920. xxxvii „historische Vorstufe“: Bei Wilbrandt im Orig.: „So ist der Anfang von Band I nicht als Bild der Gegenwart zu verstehen, wie all die Kritik es irrtümlich annahm, sondern erst Band III, 1 (S. 120–179) führt bis an die Gegenwart heran 137 und zeigt (S. 155 f.), wie der Anfang gemeint war: als Bild der historischen Vorstufe vor der kapitalistischen Produktion – der Tauschverkehr zwischen den Handwerkern und Bauern –, so daß ‚nicht nur logisch, sondern auch historisch‘ (Bd. III, 1 S. 156) die ‚Werte der Waren als das Prius der Produktionspreise‘ (einschließlich Kapitalgewinn) zu betrachten sind.“ [Wilbrandt: Karl Marx. S. 106.] xxxviii Friedrich Engels in „N. Z.“: Fr. Engels’ letzte Arbeit: Ergänzung und Nachtrag zum dritten Buch des „Kapital“. In: Die Neue Zeit. Stuttgart. 14. Jg. 1895/1896. Bd. 1. Nr. 1. S. 6–11; Nr. 2. S. 37–44. [MEGA2 II/14. S. 323–340.] xxxix „Wertgesetz … 15. Jahrhundert“: Bei Engels im Orig.: „Das Marxsche Werthgesetz hat also ökonomisch-allgemeine Gültigkeit für eine Zeitdauer, die vom Anfang des, die Produkte in Waaren verwandelnden Austausches bis ins fünfzehnte Jahrhundert unsrer Zeitrechnung dauert.“ [MEGA2 II/14. S. 333].] xl Georg Sorel: Sorel, G[eorges]: Sur la théorie marxiste de la valeur. In: Journal des économistes. Revue mensuelle de la science économique et de la statistique. Paris. 56e année. 5e série. Tome XXX. Mai 1897. S. 222–231. xli „was gilt das Wertgesetz heute?“: Bei Sorel im Orig.: „Engels écrivit, durant les derniers mois de sa maladie, un article important destiné à éclaircir les difficultés soulevées: la traduction a paru dans le Devenir social (novembre 1895): on y lit que «la loi de la valeur a régné durant une période de cinq à sept milliers d’années, qui s’étend du commencement de l’échange transformant les produits en marchandises jusqu’au xve siècle de notre ère» (p. 725). Mais que vaut-elle pour maintenant?“ [Ebd. S. 222.] xlii Produktionspreissystem überein.: Im Ts.: Produktionspreissystem. xliii 125 m: Im Ts.: 125 p. xliv 62,5 %: Im Ts.: 62 %. xlv Bortkiewicz: Bortkiewicz, L[adislaus] v[on]: Wertrechnung und Preisrechnung im Marxschen System. Zweiter Artikel. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. Tübingen. N. F. Bd. 25. 1907. S. 10–51. xlvi K III/I: Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. Dritter Band. Buch III: Der Gesammtprocess der kapitalistischen Produktion. Herausgegeben von Friedrich Engels. Hamburg 1894. S. 135. [MEGA2 II/15. S. 158.] xlvii Moszkowska: Moszkowska, Natalie: Das Marxsche System. Ein Beitrag zu dessen Ausbau. Berlin 1929. – Im Ts. durchgängig: Moskowska. xlviii 8 7178 : Im Ts.: 179. xlix 4 339 : Im Ts.: 39. l 8 346 : Im Ts.: . li 8 346 : Im Ts.: 46. lii (v + m): Im Ts.: (V + m). liii Emil Walter: Walter, Emil J.: Der Kapitalismus. Einführung in die marxistische Wirtschaftstheorie. Zürich 1930. liv Hilferding „Finanzkapital“: Hilferding, Rudolf: Das Finanzkapital. Eine Studie über die jüngste Entwicklung des Kapitalismus. Wien 1910. 138 lv Briefs: Briefs, Goetz: Untersuchungen zur klassischen Nationalökonomie. Mit besonderer Berücksichtigung der Durchschnittsprofitrate. Jena 1915. lvi „Wealth of Nations“: Im Ts.: „Wealth of nation“. lvii John Stuart Mill: Im Ts.: James Stuart Mill. lviii „general glut“: Mill, John Stuart: Principles of Political Economy, with some of their Applications to Social Philosophy. London 1848. (IV.4.13.) lix 21,9 %: Im Ts.: 23,7 %. lx 3,8 %: Im Ts.: 3,3 %. lxi 7,0 %: Im Ts.: 6,5 %. lxii 7,0 %: Im Ts.: 6,5 %. lxiii 1907 (gegen Tugan-Baranowsky): Bauer, Otto: Mathematische Formeln gegen Tugan-Baranowsky. In: Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Stuttgart. 25. Jg. 1906/1907. Bd. 1. Nr. 24. S. 822/823. – Im Ts.: 1919 (gegen Tugan-Baranowsky). lxiv 1929 (gegen Grossmann): Gemeint ist offenbar: Bauer, Helene: Ein neuer Zusammenbruchstheoretiker. In: Der Kampf. Sozialdemokratische Monatsschrift. Wien. 22. Jg. 1929. H. 6. S. 270–280. lxv 1930 (Kongress der S.A.I.): Kongresse der Sozialistischen Arbeiter-Internationale fanden 1928 in Brüssel (3. Kongress) und 1931 (4. Kongress) in Wien statt. Daher ist möglicherweise gemeint: [Bauer, Otto:] Die Lage in Deutschland und Zentraleuropa und der Kampf der Arbeiterklasse um die Demokratie. [Berichterstatter:] Otto Bauer. In: Vierter Kongress der Sozialistischen Arbeiter-Internationale. Wien, 25. Juli bis 1. August 1931. Berichte und Verhandlungen. Zürich 1932. Zweiter Teil. S. 519–531. lxvi Grossmann’s Buch: Grossmann, Henryk: Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems. (Zugleich eine Krisentheorie). Leipzig 1929. lxvii Abb. im Ts. (hier verkleinert wiedergegeben): lxviii 4 c + 2 v ––> 2 m: Im Ts. 4 c + 2 v 2 m. lxix-a Abb. im Ts. (hier verkleinert wiedergegeben): 139 lxix O. Bauer in seinem Schema: Bauer, Otto: Die Akkumulation des Kapitals. in: Die Neue Zeit. Stuttgart. 31. Jg. 1912/1913. Bd. 1. Nr. 23. S. 837. lxx 540 k: Im Ts.: 440 k. lxxi 25000 · 3 1 = 8333: Im Ts.: 2500 · 3 = 8333. lxxii 25 000 v: Im Ts.: 15 000 v. 141 Die Anfänge des Kapitalismus und die neue Massenmoral I. Worin besteht nach B.i „das Problem einer neuen Massenmoral“ (S. 152), das mit dem Entstehen des Kapitalismus akut wird, und welches „das Grundproblem des entstehenden Kapitalismus“ bildet? (S. 169.) Die Antwort auf diese Frage ist nicht leicht. Die Begriffskategorien Borkenaus sind so weit und unbestimmt gefasst, dass sich darin die widersprechendsten Merkmale unterbringen lassen, die von B. denn auch je nach dem augenblicklichen Bedürfnis hervorgeholt werden. Dies zwingt uns, aus dem Durcheinander der Borkenau’schen Begriffsbestimmung seinen eigentlichen Gedanken erst durch nähere Analyse herauszukristallisieren. Zunächst ist man geneigt, das Problem der Massenmoral im Sinne einer allgemein geltenden Norm aufzufassen. „Normen aufzustellen, um das gesellschaftliche Leben und das individuelle Verhalten zu regeln, ist aber das zwingende Bedürfnis des Kapitalismus, sobald er sich als allgemeine Lebensform der Gesellschaft proklamieren will“, sagt B. (S. 96). Hiernach müsste die neue Moral eine allgemeine Norm, eine Massenmoral sein. Mit der Auflösung und dem Verschwinden der „natürlichen“, d. h. der ständisch-traditionalistischen Gesellschaftsordnung, wird es für den Kapitalismus notwendig, die moralischen Anforderungen, die das Individuum an sich selbst stellen soll, auf das Maximum zu steigern. Denn, „wie Max Weber gezeigt hat“, erfordert das Funktionieren des Kapitalismus „eine ganz neue asketische Einstellung der Massen zum Arbeitsprozess“, die „durch einen rechtlichen Arbeitszwang nach Art der Leibeigenschaft“ nicht erzielbar ist. Deshalb „wird esii notwendig, das rechtlich festgelegte moralische Minimum durch ein religiös oder sonstwie (! G.) normiertes moralisches Maximum zu ergänzen“ (S. 152). Diese Aufgabe nun erfülle der Calvinismus, der die Massen zur Arbeitsdisziplin erziehe. Welche „Massen“ meint B., wenn er von der neuen „Massenmoral“ und von einer „ganz neuen asketischen Einstellung der Massen zum Arbeitsprozess“ spricht? Man denkt an die Arbeitermassen. Gelegentlich spricht B. davon, dass „der Calvinismus […] für die Bourgeoisie […] ein Instrument der Massendomestikation“ sei (S. 169), dass die „Religion […] ein unentbehrliches Mittel der Massendomestikation“ sei (S. 208); er spricht vom „Zwang für arbeitende Schichten zur Anpassung an das Kapitaliii“ (S. 161), er spricht davon, dass die „neue asketische Einstellung“ „durch einen rechtlichen Arbeitszwang nach Art der Leibeigenschaft“ (S. 152)iv nicht erzielbar ist, wes- 142 halb eben das rechtlich nicht Erzielbare durch ein religiös normiertes Maximum an Arbeitsleistung ersetzt werden solle, und er spricht von einer „ins Unbegrenzte gehende[n] Anstrengung“. Bei näherem Zusehen zeigt sich, dass eine solche Deutung des mit dem Calvinismus verknüpften Problems der „Massenmoral“ unrichtig ist. Tatsächlich hat B. das eigentliche Problem der „Massenmoral“, nämlich das mit dem Entstehen des Kapitalismus verknüpfte Problem der kapitalistischen „Erziehung“ der Arbeitermassen zur Arbeitsdisziplin gar nicht berührt. Zwar spricht er von der neuen asketischen Einstellung der Massen zum Arbeitsprozess, meint dabei aber tatsächlich die „kleinen Leute“, die „heraufkommenden Handwerker“, die durch eine ins Unbegrenzte gehende Anstrengung sich zu Kapitalisten emporgearbeitet haben. Er spricht vom Werden einer neuen „Massenmoral“ und meint damit in Wirklichkeit die Entstehung „eine[r] kapitalistische[n] Moral“ (S. 160). Bei ihrer Anwendung auf die Arbeiterklasse verliert die von B. gegebene Charakterisierung des Calvinismus jeden Sinn, so dessen Lehre von der „Zufälligkeit des Erfolges gegenüber dem Handeln“ (S. 155), so der Bewährungsgedanke, d. i. die Lehre vom „Sieg im Konkurrenzkampf durch rationalisierte, ins Unbegrenzte gehende Anstrengung“ (S. 161), so endlich die Lehre von der „innerweltlichen Askese“, – soll heissen: der Berufsaskese. Diese Charakterisierung passt aber auf die Lage der Handwerker, die – wie B. sagt – die Hauptträger des Calvinismus waren. Obwohl B. von der Entstehung der kapitalistischen Moral spricht, zeigt sein ganzer Abschnitt über Calvinismus, dass bei ihm das Problem der neuen Moral auf diese Handwerkerschicht zugeschnitten ist (S. 153–170). Diese Problematik der neuen „Massen“-Moral – durch B. restlos von M. Weber entlehnt – ist nur die logische und selbstverständliche Konsequenz der gleichfalls von M. Weber übernommenen Theorie vom handwerklichen Ursprung des Kapitalismus. In dieser auf die Handwerkerschicht zugeschnittenen Formulierung der moralischen Problematik der Zeit – als des Grundproblems des entstehenden Kapitalismus – zeigt sich die völlige geistige Abhängigkeit Borkenaus von M. Weber. Sein Gegensatz zu diesem betrifft nur Details, – zwar wichtige Details, aber doch innerhalb der Weber’schen Problemstellung. – B. polemisiert gegen M. Webers Versuch „eine[r] positive[n] Widerlegung der materialistischen Geschichtsauffassung“ (S. 154) und dessen Auffassung, „[dass] der Kapitalismus wesentlich religiös bedingt“ sei (S. 158); die Weber’sche Auffassung bezeichnet B. „als typisch für die Art […], in welcher Umformung marxistische Einsichten in die nichtmarxistische Wissenschaft eindringen“ (S. 154). Aber bei aller Richtigkeit der Einwände, die B. gegen das methodologische Verfahren Webers erhebt (S. 158), erscheinen seine inhalt- 143 lichen Ausführungen typisch für die Art, wie die kleinbürgerliche Ideologie M. Webers ohne Umformung in die marxistische Wissenschaft eindringt. Worin besteht die Differenz zwischen Weber und Borkenau? Beide gehen von der vorgegebenen, als Tatsache angenommenen Behauptung aus, dass der Kapitalismus aus den heraufkommenden Handwerkern entsteht, und dass – neben dem Kleinadel – vor allem diese „in ihrem Zunftleben erschütterte[n] Handwerker die Hauptträger“ der calvinischen Religion in Frankreich, Holland und England gewesen seien (S. 156). Der Fehler der Weber’schen Theorie besteht nach B. bloss darin, dass Weber schon mit der Feststellung dieser „Tatsache“ die materialistische Geschichtsauffassung widerlegt zu haben meine. Nach dem „mechanistischen Denken“ Max Webers müsse für ihn „Träger einer konsequent[en] kapitalistischen Religion die kapitalistisch vorgeschrittenste Schicht der Zeit gewesen sein“ (S. 158/159). Ist das nicht der Fall, so sei für ihn die materialistische Geschichtsauffassung widerlegt. Denn indem die erschütterten kleinen Handwerker die calvinische Arbeitsmoral annahmen, um sich „im Konkurrenzkampf durch rationalisierte, ins Unbegrenzte gehende Anstrengung“ siegreich zu behaupten, wäre erwiesen, dass „die[se] calvinische Arbeitsmoral der Anwendung dieser Moral im kapitalistischen Arbeitsprozess voraus[ging]“, dass also „der Kapitalismus wesentlich religiös bedingt“ sei (S. 158). Borkenau akzeptiert die Behauptungen Webers über die tatsächlichen Vorgänge: „Die M. Weber’sche These, dass die kapitalistische Denkform dieser Schichten ihrer kapitalistischen Lebensform vorausgegangen sei, ist also richtig“ (S. 157). Weber habe „zum erstenmal[e] einen konkreten, unbestreitbaren Nachweis des Zusammenhangs zwischen religiösen Lehren und wirtschaftlichem Handeln gegeben“ (S. 154). Trotzdem seien die Schlussfolgerungen Webers unrichtig. Die Tatsache allein, dass nichtkapitalistische Schichten die Träger kapitalistischer Ideologie sind, sei noch keine Widerlegung der marxistischen Geschichtsauffassung, vielmehr bestehe das Problem gerade in der Untersuchung, „warum diese noch nicht kapitalistischen Schichten eine kapitalistische Ideologie angenommen haben“ (S. 157). Borkenau gelangt zu dem folgenden Ergebnis: „Das Verhältnis zwischen einer Religion und der sie tragenden Klasse ist fast nie so, dass die Religion die wirklichen Lebensbedingungen dieser Klasse ausspricht.“ (S. 159.)v Als blosser Reflex wäre ja die Religion sinnlos. Besteht ja doch die Funktion neuer Religionen, wie aller ideologischen Prozesse darin, schwierige Anpassungsvorgänge zu ermöglichen. „Der Calvinismus ist zunächst die Konfession nichtkapitalistischer Gruppen, die auf den kapitalistischen Zersetzungsprozess mit einer Anpassungsbewegung rea- 144 gieren“ (S. 157), und aus dem Bestreben „sich innerhalb einer sich verändernden Gesamtgesellschaft zu behaupten“, richten diese Gruppen „die Energien auf eine Lebensform, die noch nicht vorhanden ist“ (S. 159)vi, d. h. dass sie „immer mehr verbürgerlichen“ (S. 157). Wo die kapitalistische Gesellschaft noch nicht „automatisch“ funktioniert, wo die unbegrenzte Anstrengung in der Konkurrenz noch nicht zum Selbsterhaltungstrieb geworden ist, „erscheint sie dem Individuum als gänzlich irrational“. In einer solchen Gesellschaft kann „die Norm des kapitalistischen Arbeitsprozesses […] nur irrationalistisch-religiös sein“ (S. 162/ 163). Schon diese Zusammenfassung von Borkenaus Darstellung zeigt, dass bei ihm ein grobes Missverständnis, oder vielmehr eine ganze Kette von Missverständnissen vorliegt. Wie richtig seine Polemik gegen M. Weber und dessen vermeintliche Widerlegung der materialistischen Geschichtsauffassung auch sein mag, zeigt sie doch, dass es sich dabei bei weitem nicht um „das Grundproblem des entstehenden Kapitalismus“ und dessen Bedingtheit durch Religion handelt, sondern dass es bei ihm um die ausserhalb des Kapitalverhältnisses (Kapitalisten/Arbeiter) stehenden Überreste früherer Wirtschaftsformationen geht. Es handelt sich, wie B. an anderer Stelle selbst sagt, um die „Anpassung der Mittelschichten“ (S. 168) an die neue Produktionsform. Es handelt sich beim Calvinismus also weder um die Moral der Kapitalisten, noch um die Massenmoral, sondern um die Probleme der Kleinbürgermoral! Nur in diesem Zusammenhang erhaltenvii der Calvinismus als die Religion der bedrängten Mittelschichten und seine Bewährungslehre, d. i. das Bestreben, sich innerhalb einer sich verändernden Gesellschaft durch „ins Unbegrenzte gehende Anstrengung“ zu behaupten, eine sinnvolle Bedeutung. Nur in diesem Zusammenhange wird verständlich, warum diese nichtkapitalistischen Schichten die typisch kleinbürgerliche (und nicht – wie B. meint – „kapitalistische“) Ideologie von dem Emporkommen durch ins Unbegrenzte gehende Anstrengung akzeptieren. Mit der Frage der Entstehung und der Durchsetzung des Kapitalismus hat der Calvinismus nichts zu tun. Historisch ist dies schon dadurch erwiesen, dass die Entstehung des Kapitalismus viel weiter zurückliegt, als der Calvinismus und die Reformation überhaupt. Wie wir bereits gezeigt haben, waren die Träger der kapitalistischen Produktionsweise nicht die „calvinischen aufstrebenden kleinen Leute“ (S. 90), nicht die „hinaufkommenden Handwerker“, sondern das durch Handel und Wucher akkumulierte Grosskapital, das die aus der Zersetzung der mittelalterlichen Organisation herausgedrängten proletarischen Elemente in den Städten und auf dem Lande beschäftigte und sich im Verlags-System, später in der Manufaktur, eine überlegene, wenn auch technisch auf handwerklicher Grundlage aufgebaute Wirtschaftsform 145 schuf. Unter dem Drucke dieser massenhaften, von keinen Zunftvorschriften gehemmten kapitalistischen Produktionsform konnte sich die rückständige, an Kapitalmangelviii leidende handwerkliche Kleinproduktion nur „durch […] [eine] ins Unbegrenzte gehende Anstrengung“, d. h. durch eine grenzenlose, seither für das Handwerk typisch gewordene Ausbeutung der beschäftigten Arbeiter erhalten. Mit der „rationalisierten“ Anstrengung (S. 161) hat das nichts zu tun; vielmehr muss man von einer irrationalen, ins Unbegrenzte gehenden Verschwendung der Arbeit sprechen, die für die Kleinbürgermoral charakteristisch ist. Dass der Calvinismus oder eine ihm verwandte religiöse Strömung keine notwendige Voraussetzung für das Entstehen des Kapitalismus bildet, und dass die „Schaffung einer kapitalistischen Massenmoral […] nur auf der Basis des religiösen Irrationalismus erfolgen [kann]“ (S. 200), ist historisch schon dadurch widerlegt, dass der Kapitalismus in Italien sich ohne Hilfe eines religiösen Irrationalismus, ohne Hilfe des Calvinismus und zwei Jahrhunderte vor diesem, durchgesetzt hatte! Borkenau selber nennt Italien das Land „des religiösen Indifferentismus“, des „radikalst[en] Bruch[es] mit der religiösen Tradition“ (S. 101). Der klare, rationale, nüchtern denkende Geist der Florentiner im 14. und 15.ix Jahrhundert wird allgemein festgestellt. Und der italienische Kapitalismus konnte sich ohne Hilfe einer religiösen Erziehung durchsetzen, weil dem Kapitalismus in seiner Entstehungszeit in Italien wie anderswo noch ganz andere „Erziehungsmittel“ zur Arbeitsdisziplin zur Verfügung stehen! Damit kommen wir zur zweiten charakteristischen Seite der Theorie Borkenaus. Indem er, Max Weber folgend, diesen übertriebenen Akzent auf die Bedeutung des Calvinismus für die Erziehung der Massen zur Arbeitsdisziplin legt, und die neue Massenmoral als eine notwendige Voraussetzung (S. 169) für die Entstehung des Kapitalismus bezeichnet, – indem er davon spricht, dass das Funktionieren des Kapitalismus eine „neue asketische Einstellung der Massen zum Arbeitsprozess“ erforderlich machtx, die nicht durch einen „rechtlichen Arbeitszwang nach Art der Leibeigenschaft […] erzielbar“ sei (S. 152), stellt er sich ganz auf den Boden der kleinbürgerlichen Ideologie Max Webers, in der die Geschichte des entstehenden Kapitalismus eine Idylle ist. Aber schon Marx hat gezeigt, dass in der „wirklichen Geschichte“ die Erziehungsmethoden zur Arbeitsdisziplin „alles andere, nur nicht idyllisch“ waren, dass vielmehr die brutale, unmittelbare Gewalt, der Arbeitszwang, Hauptmittel war. Wie Marx auf dem Gebiete der Akkumulation von der „normalen“ fortlaufenden – d. h. im Fortgang des Kapitalismus stattfindenden – noch eine „ursprüngliche“ Akkumulation unterscheidet, die die Voraussetzung für 146 die Entstehung des Kapitalismus bildet („Kapital“ I, 737), so muss auch inbezug auf die Erziehung der Arbeitermassen zur kapitalistischen Arbeitsdisziplin der „normale“ Vorgang im Fortgang des bereits funktionierenden Kapitalismus von den ursprünglichen Erziehungsmitteln in der Periode der Entstehung des Kapitalismus unterschieden werden. „Im Fortgang der kapitalistischen Produktion entwickelt sich eine Arbeiterklasse, die aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit, die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt“ (K. I, 763). Die religiöse Erziehung, von der M. Weber und Borkenau sprechen, ist nur ein Teil jener allgemeinen kapitalistischen Erziehung, von der Marx spricht. Neben dieser Erziehung wirken „im Fortgang“ der kapitalistischen Produktion noch das Gesetz der relativen Übervölkerung und „der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse“. Die vereinte Wirkung aller dieser Kräfte – und nicht allein die durch Weber und Borkenau einseitig betonte religiöse Erziehung – besiegeln die Herrschaft der Kapitalisten über den Arbeiter. „Für den gewöhnlichen Gang der Dinge“ im bereits „ausgebildeten kapitalistischen Produktionsprozessxi“ (K. I, 763), genügen diese „sanften“ Mittel, um jeden Widerstand der Arbeiterklasse zu brechen. Sie sind jedoch in der Entstehungsperiode des Kapitalismus unzureichend, und die aufkommende Bourgeoisie bedient sich zur Erzwingung der Arbeitsdisziplin auch noch der „ausserökonomische[n], unmittelbare[n] Gewalt“ (l. c.). Es ist nicht so – wie B. meint –, dass mit dem Verschwinden der ständischtraditionalistischen Gesellschaftsordnung ein „von Rechtsordnungen entleerter Raum“ entsteht (S. 152), der durch die neue religiöse Moral gefüllt werden muss. Überall – in Italien, wie später in England und Frankreich – „wirdxii das von Grund und Boden gewaltsam expropriierte, verjagte und zum Vagabunden gemachte Landvolk durch grotesk-terroristische Gesetze in eine dem System der Lohnarbeit notwendige Disziplin hineingepeitscht, -gebrandmarkt, -gefoltert“ (K. I, 763). Nicht durch die „innerweltliche Askese“, nicht durch die calvinische Moral, sondern durch die seit Marx berühmt gewordene „Blutgesetzgebung gegen die Vagabundage“ seit dem Ende des 15. und während des ganzen 16. Jahrhunderts wurden „in ganz Westeuropa“ die vom Grund und Boden Verjagten, in Bettler und Vagabunden verwandelten vogelfreien Proletarier zur Arbeitsdisziplin „erzogen“. „Die Gesetzgebung behandelte sie als ‚freiwillige‘ Verbrecher und unterstellte, dass es von ihrem guten Willen abhänge, in den nicht mehr existierenden alten Verhältnissen fortzuarbeiten“ (K. I, 760). – Statt diese wirklichen historischen Zusammenhänge zu schildern, reproduziert B. die von Max Weber erfundene, auf dem Standpunkt der Kinderfibel stehende Idylle. 147 Im Lichte der historischen Tatsachen verflüchtigt sich diese kleinbürgerliche Idylle spurlos. Borkenau begnügt sich charakteristischerweise hier wie sonst mit der „Betonung der strukturellen Momente“, wobei er auf die „beschreibende geschichtlichexiii Darstellung“ (S. XII) verzichtet. Da er seine Hauptaufmerksamkeit gerade den französischen Verhältnissen gewidmet hat, ist es geboten, das konkrete historische Material bezüglich Frankreichs hier vorzulegen, um zu zeigen, wie die religiöse Erziehung zur Massenmoral durch die „innerweltliche Askese“ in Wirklichkeit beschaffen war. II. Die Blutgesetzgebung in England ist seit dem „Kapital“ von Marx bekannt. Auch in Frankreich wurden mit der Zersetzung der alten feudalen Gesellschaftsorganisation und dem Einbruch der Geldwirtschaft die Massen des Landvolkes enteignet und zur „Faulenzerei“ gezwungen. Das Königtum bemüht sich schon seit Ludwig XI.xiv um die Durchsetzung einer neuen Arbeitsdisziplin und unternimmt gegen das „Faulenzen“ „une sorte de croisade, dont les appels retentissent dans chacune de ses ordonnances … C’est le refrain qu’on entend depuis Louis XI. et dont l’écho incessant se répercute de l’époque d’Henry IV à celle de Colbert.“ (Boissonnadexv, S. 158.) Nach vier Jahrzehnten der Religionskriege ist der Zersetzungsprozess noch fortgeschritten, das Wirtschaftsleben zerrüttet, die Dörfer von den umherziehenden Truppen geplündert, die Keime der Industrie zerstört und Frankreich fast „à l’état de cadavre“ reduziert (Boissonnade, l. c., S. 157). Überall herrschte die Arbeitslosigkeit, die Massenbettelei; Krankheiten zermürbten die Volksmassen. Viel gefährlicher jedoch als diese materiellen Schäden war für die herrschenden Klassen die Lockerung der Klassendisziplin und die drohende soziale Anarchie. „Toute discipline – sagt Boissonnade – a disparu parmi les classes ouvrières, perverties par nos discordes civiles, libérées de tout contrôle, livrées aux pires suggestions des instincts de désordre déchaînés. Le sentiment de l’autorité et de l’honneur professionnel s’est perdu chez les maîtres, celui de l’obéissance chez les serviteurs et compagnons“ (l. c., S. 157/158). Diese Lockerung der Klassendisziplin – die Rebellion der bisher gehorsam untergebenen Volksmassen – beschreiben alle Zeitdokumente. So sagt Barthélemy Laffemasxvi: „Les guerres civilesxvii sont cause que tous serviteurs, ouvriers et autres ne rendent point l’honneur et l’obéissance qu’ils doivent à leurs maîtres“ (Règlement général, p. 13, zit. bei Hauserxviii, p. 167). 148 Das Préambule des Edikts Heinrichs IV. vom August 1603, welches der Förderung der Manufakturen gewidmet ist, gibt als Motivierung an, dass ihre Gründung erfolge „tantxix pour l’espérance qu’elles donnent d’enrichir […] ce royaume … que pour estre, aussi, un facile et doux remède de purger nostre […] royaume de tant de vices que produit l’oisiveté.“ (Zit. bei Alfr. Des Cilleuls, „Histoire et régime de la grande industrie en France aux XVIIe et XVIIIe siècles.“ Paris 1898, p. 14.) Oder wie Cilleuls es kommentiert: Man sollte „occuper des bras qui devenaient dangereux, quand ils restaient sans travail […] régulier.“xx Das Edikt von 1601 stellt die Existenz „d’un nombre incroyable de pauvres vagabonds“ fest (Hauser, Les Débuts, S. 172). 15 Jahre später spricht Montchrétien von der „‚million de pauvre peuple‘ formé de vagabonds, de mendiants, de batteurs de pavés, de coupeurs de bourse, de filles, de femmes, d’enfants, d’ouvriers chômeurs qui languissent et prennent l’habitude de tous les vices […] de l’oisiveté“. (Boissonnade, l. c., S. 158.) Nur die Arbeit versichert Montchrétien, kann das Volk zur Arbeitspflicht erziehen und verhindern „les seditions et les factions“, welche aus dem Elend der Handwerker entstehen. Bereits 1604 hat B. de Laffemas Vorschläge zur „Erziehung“ der Arbeitslosen und der Jugendlichen zur Arbeit in öffentlichen Arbeitshäusern gemacht. „Das Mittel, das er gegen die Arbeitslosigkeit vorschlägt – sagt Hauser – ist nicht der öffentliche Beistand, sondern die Repression der Vagabondage. Er spricht vom ‚Bestrafen‘, vergessend, dass die Arbeitslosigkeit nicht immer ein Verbrechen ist“xxi (l. c., S. 177). Laffemas’ Vorschläge gehen dahin, in jeder Stadt zwei öffentliche Arbeitshäuser (workhouse) für Männer und Frauen gesondert, zu errichten. „Ce seront des travaux forcés: les pensionnaires des ateliers de charité seront contraints par chaînes et prisons ‚de travailler‘.“ (L. c., S. 178.) Zusammen mit den Arbeitslosen, Verbrechern und öffentlichen Dirnen sollten in diesen Häusern auch die „enfants abandonnés“ erzogen werden. Der bereits bestehenden Praxis der Grande Aumône von Lyon und der „Enfants rouges“ von Paris folgend, wünscht Laffemas, dass das Arbeitshaus „emploiera ses pupilles à fournir les patrons de cette denrée précieuse et rare, des apprentis“ (Hauser, l. c., S. 178). „Il prononce déjà le mot terrible: ‚Prenez les enfants‘“ (L. c., S. 12). Zehn Jahre später wurden diese Vorschläge von Montchrétien in seinem bereits zitierten Buchxxii von 1615 systematisch entwickelt. M. sieht klar, dass die hereinbrechende Geldwirtschaft die feudale Gesellschaft mit ihrer alten Klassengliederung und ihrer traditionellen Moral restlos zersetzt hat, und dass nun „le profit particulier“ das treibende Motiv der neuen Gesellschaft geworden ist. „Le gain: à ce centre se reduit le cercle des affaires“ (39). Mit Bedauern konstatiert er, „qu’en matière de profit il n’y a guères 149 de gens qui gardent fidelité“ (90). Besorgt wegen der überhandnehmenden Anarchie, wendet er sich an den König mit der Aufforderung, dem drohenden Unglück der „corruption des nostre ancienne discipline“ vorzubeugen. „Quelle obeissance pour l’advenir aux superieurs? Qui prendra plus à gloire l’honneur d’estre commandé? Si Vos Majestez ne nous retirent de ceste confusion et indifférence, c’en est fait! Tous generalement vont faire banqueroute à la vraye et solide vertu … La discipline sera banie des troupes, et l’ordre des Armées … L’insolence croistra dans les villes, la tirannie dans les champs“ (Montchrétien, S. 60/61). Als die grösste Gefahr erscheint ihm die „Faulenzerei“, denn es sei klar „que les hommes reduits à ne rien faire sont induits à mal faire … que l’oysiveté corrompt la vigueur des (hommes) et la chasteté des femmesxxiii“ (65). Demgegenüber betont er die Pflicht zur unaufhörlichen Arbeit: „L’homme est né pour vivre en continuel exercise et occupation“ (21). Daraus ergibt sich als die wichtigste praktische Aufgabe für den Staat, „de ne souffrir qu’il en demeure aucune partie oisive“ (22). In diesem Sinne macht er Vorschläge, wie die Bevölkerung zu beschäftigen sei. Es ist für die Stellung von M. charakteristisch, dass er – so sehr er auch über die bedauerlichen Wirkungen der Geldwirtschaft klagt – durchaus nicht zur „alten guten Zeit“ zurückkehren will. Im Gegenteil. Aus jeder Seite seiner Ausführungen ersieht man, wie stark er in der Geldwirtschaft verwurzelt ist und als Sprecher der kapitalistischen Profitwirtschaft hervortritt. Er will sie keineswegs abschaffen, sich ihrer vielmehr im „allgemeinen Interesse“, d. h. im Interesse der herrschenden Klassen bedienen. In früheren Zeiten – das ist sein Gedankengang – konnte man die Menschen zur Arbeit zwingen. Nun aber ist die Sklaverei in Frankreich abgeschafft. M. will jetzt aber nicht, wie man etwa schliessen könnte, auf die Mittel des Zwanges verzichten, sie vielmehr den neuen auf dem Gewinntrieb beruhenden Verhältnissen anpassen. Vorwegnehmend die später von Ad. Smith formulierte Lehre, dass indem jeder sein eigenes Interesse verfolgt, das Interesse der Gesellschaft daraus profitiert, lehrt er, dass die neue Aufgabe darin bestehe, „d’employer les hommes à des artifices et travaux qui joignent le profit particulier à son utilité commune“ (S. 27). Bei dieser Pflicht zur Anstrengung seien die Menschen durchaus nicht gleich: „Il y a bien souvent autant de distance d’un homme à l’autre que de l’homme à la beste“ (S. 37). Die Leitung falle den oberen Klassen zu, während die Armen arbeiten müssten. „Le tout ne peut consister sans ses parties: il y en a qui commandent et remuent, et d’autres qui sont commandées et remuées. Les mains qui font et les pieds qui portent sont aussi nécessaires au ministère de l’âme, comme les yeux qui voyent et les 150 oreilles qui oyent“ (S. 138). – Mit pathetischer Brutalität apostrophiert er die „Nichtstuer“ und schlägt Massnahmen vor, wie die Armen zur Arbeit zu zwingen wären, ohne den Staat zu belasten: „Ventres paresseux, charges inutiles de la terre, hommes nés seulement au monde pour consommer sans fruict! … c’est proprement contre vous que l’authorité du magistrat se doit déployer! c’est contre vous qu’il doit armer sa juste severité; pour vous sont les foüets et les carquans. C’est de vous que se provignent les coupe-bourses, les faux tesmoins et les voleurs! A telle sorte de gens on peut apporter une juste violence; on les doit faire travailler par tasche, comme font les Flamans en la ville d’Amsterdam, les hommes débauchez rebelles à leurs parens et faineans, à scier et couper du (bois) de Brésil et autre bois de teinture, en une certaine maison qu’ils appellent Fechtus (Werkhuis), où le labeur fait tous les jours quelque nouveau miracle …“ (S. 106/107). Man müsse mit dieser Erziehung durch Zwangsarbeit schon im Kindesalter beginnen, also auch die Kinder der Armen schon in Zwangsarbeitshäusern einsperren. „S’il s’y (en France) trouve de pauvres enfans – mais il n’y en a que trop à cause du mauvais ordre […], – on peut à l’imitation des Hollandois y remédier … [et] les ramasser et […] renfermer en des maisons publiques, les garçons à part et les filles à part, y faire travailler les uns et les autres en toutes sortes des manufactures, draperie, fillace, toille, lingerie etc.“ (S. 103.)xxiv Sie sollen Spezialkleidung tragen, damit man sie im Falle eines Fluchtversuches leicht fassen kann. „Ces maisons – sagt er zynisch – […] sont apellées par les Hollandois escholes et à bon droict puisque l’on y apprend à vivre … Ces […] methodes sont […] bons pour employer ceux qui sont nés pauvres, sans être à charge à l’Estat“ (S. 103– 105). Und es blieb nicht bei den Vorschlägen. Zu Anfang der Regierungszeit Ludwigs XIII. wurde (1612) ein „Hôpital des mendiants renfermés“ gegründet. „Mais le labeur des prisonniers était imposé moins comme tâche utile à remplir que comme châtiment pénible à subir“ (Des Cilleuls, S. 25). Seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts wurden die sogenannten „Hôpitaux généraux“ errichtet, so – um nur die wichtigsten zu nennen – in Lyon (1613), Troyes (1630), Reims (1632), Marseille (1639), Dijon (1643), Montpellier (1646), Toulouse und Béziers (1647), Nantes und Rennes (1650), endlich in Paris (1656) und Bordeaux (1662). Das Edikt von 1662 forderte ihre Gründung in jeder Stadt und jedem Marktflecken. Eine Reihe dieser Häuser führte den bezeichnenden Namen „hôpital général de manufacture“. Tatsächlich hatten sie nichts mit Spitälern im heutigen Sinne zu tun. „Ces sortes d’établissements – sagt Des Cilleuls – avaient pour but immédiat de réprimer la mendicité, en corrigeant, par le travail forcé, des habitudes de paresse“. (S. 25.)xxv 151 Die Wirkung dieser Methode sollte nicht bloss auf die zwangsweise eingepressten Insassen der Anstalten beschränkt bleiben. Auch die übrigen „Faulenzer“ sollten durch die abschreckende Wirkung dieser Zwangsarbeitshäuser bewogen werden, freiwillig Arbeit aufzunehmen. (L. c., S. 25). Die bekannteste dieser Anstalten war das von dem ersten Präsidenten des Parlaments von Paris Pomponne de Bellièvre gegründete Hôpital von Paris, das Armen-, Arbeits-, Zucht- und Waisenhaus zugleich war. Die Handwerker und Bürgersleute der Stadt wandten sich an die Anstalt, wenn sie Knaben im jüngsten Alter als Lehrlinge oder zur Verrichtung von häuslichen Arbeiten brauchten. 1690 hatte die Salpêtrière, eine zum Hôpital gehörige Anstalt, über 3000 Insassen, darunter 103 Knaben im Alter von 6 bis 10 Jahren, die mit Stricken beschäftigt wurden und 286 Mädchen von 8 bis 10 Jahren, die in der Wäscheanfertigung und Teppichwirkerei verwandt wurden. Nach einem Bericht von 1665 sind auch Greise und Krüppel beschäftigt gewesen. Seitdem die Arbeit, heisst es in einem Bericht, als allgemeine Pflicht eingeführt worden ist, herrscht unter den Armen strengere Zucht und grössere Frömmigkeit. (Kulischer, IIxxvi, S. 153.) Unter Colbert ergingen wiederholt Erlasse gegen die Faulenzerei als die Quelle aller Übel. Die Religionsgesellschaften wurden aufgefordert, die Armen zur Arbeit zu erziehen, indem sie die „Faulenzerei“ nicht mehr durch Almosen unterstützen sollten. (Des Cilleuls, S. 288, Anm. 48.)xxvii Ein Pater berichtet 1687, dass er bloss in der Diözese de Coutances mehr als 100 Dörfer von der „fainéantise“ (Faulenzerei) gesäubert habe. (S. 290, Anm. 75.)xxviii Zuchthaus, Zwangsarbeit in Ketten, Raubbau an Kinderarbeit, kurz brutaler Missbrauch und Verschwendung von Menschenleben – das waren die Mittel, die den Weg zur „strengsten Rationalität der Arbeit“ (Borkenau, S. 157) in der Periode der aufkommenden Manufaktur kennzeichnen. Auch in den Städten Englands, Hollands, Belgiens gab es ähnliche „Manufakturen“. Das Kopenhagener Zuchthaus führte den bezeichnenden Namen Spinhuis. Anlässlich einer solchen im Genter Zuchthaus eröffneten „Manufaktur“ bemerkte John Howard, es seien diejenigen im Irrtum, die behaupten, keine gewerbliche Unternehmung könne gedeihen und nutzbringend sein, die auf Arbeitskräften beruhe, „die in Ketten geschmiedet und zur Arbeit gezwungen werden“. (J. Howard, Etat des prisons, des hôpitaux et des maisons de force, I, p. 339, – 1797xxix. Zit. bei Kulischer, II, 154.) III. Wenn es sich zeigt, dass der Calvinismusxxx bei der Entstehung des Kapitalismus nicht die Funktion gehabt hat, die ihm M. Weber und Borkenau 152 zuschreiben, wenn es sich auch zeigt, dass er kein „Grundproblem“ des entstehenden Kapitalismus ist, so bleibt doch noch die Frage, ob er jene besondere wichtige Rolle nicht im Fortgang des Kapitalismus spielt, nachdem doch erst durch die „asketische Einstellung der Massen zum Arbeitsprozess“ sein Funktionieren ermöglicht wird. Auch für die so formulierte These hat jedoch Borkenau in seinem Buche weder eine historische Dokumentation geliefert, noch sonst gezeigt, worin die „asketische Einstellung der Massen zum Arbeitsprozess“ bestehen soll. Die auf das Kleinbürgertum zugeschnittene Lehre von der „unbegrenzte[n] Anstrengung bei Ungewissheit des Erfolges im kapitalistischen Konkurrenzkampf“ (S. 176) kann auf die Arbeiterklasse keine Anwendung finden. Es sind eben nicht die spezifischen Lehren des Calvinismus, die ihn geeignet machen, „die Massen im Gehorsam zu halten“ (S. 214), sondern seine allgemeinen irrationalistischen Voraussetzungen, seine ihm und dem Luthertum gemeinsame Lehre von der prädestinierten Erlösung durch den Glauben. Denn „der Calvinische Mensch akzeptiert das kapitalistische Lebensschicksal als Gegebenheit. Also braucht, ja darf er darüber nicht räsonnieren“ (S. 190). Insofern ist der Calvinismus, ebenso wie jede andere Religion, ein Instrument der Ablenkung der Massen von dem Kampf um rationales Gestalten ihres Lebensschicksals, – ein Instrument der Massendomestikation. Im Lichte dieser Feststellung erscheint die Weber’sche, von Borkenau akzeptierte These von der besonderen Rolle der protestantischen Ethik für die Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus, als die Legende, die sie in Wahrheit ist. Gewisse religiöse Strömungen im Katholizismus, nicht nur der Jesuitismus in Gestalt des Molinismus, der direkt auf den Gehorsam der Massen eingestellt war, sondern auch der Jansenismus, waren prinzipiell besser als der Protestantismus geeignet, zum Instrument der Massendomestikation zu werden. Das in jeder Religion enthaltene Prinzip des Irrationalismus hat der Jansenismus in schärfster Formulierung ausdrücklich ausgesprochen, zugleich jedoch diesem Irrationalismus den Schein der Rationalität gegeben, indem er ein rationales Verhältnis zwischen den diesseitigen guten Werken und ihrer jenseitigen Belohnung – der Erlösung – annahm (S. 253). Verzicht, Gehorsam, Unterwerfung lohnen sich, weil sie den Weg zur Erlösung im Jenseits ebnen. Gerade in dieser Erziehung der Massen zum Gehorsam, in ihrer Ablenkung vom Diesseits, vom Kampf um die Besserung des irdischen Schicksals, vom Kampf gegen die korrupte Übermacht der Herrschenden kommt die den Kapitalismus begünstigende Rolle der Religionen zum Ausdruck, – mehr als in ihren unmittelbar wirtschaftspolitischen Anschauungen in Wucher-, Zins-, Handelsund Lohnfragen. Dies ist der sichtbare kapitalistische Geist nicht nur der protestantischen Ethik, sondern jeder auf Domestizierung der Massen ein- 153 gestellten Religion. Besser als alle rein abstrakt gehaltenen, nur „strukturelle Momente“ betonenden Ausführungen Borkenaus über die mit dem Kapitalismus entstehenden, auf die Schöpfung einer neuen „Massenmoral“ zielenden Strömungen, beleuchtet ein einziges konkretes Zeitdokument das innerste Wesen dieser Massenmoral. Nach dem Jansenistenschüler Pater Nicole soll die Hauptsorge des Menschen nicht das Leben sein, sondern der Tod: „Tout consiste à bien mourir […]. Les maux longs ou courts, grands ou petits, s’évanouissent et se perdent dans l’éternité … Tâchons d’avoir l’éternité dans le cœur, et tout nous paraîtra égal: richesse, pauvreté, santé, maladie, grandeurs, bassesse, gloire, ignominie“. Wenn ein Jansenist heiratet, so soll das Leben des Ehepaares werden „une vie chrétienne qui est par elle-même une vie sérieuse, une vie de travail et non de divertissement, de jeu et de plaisir“. Deshalb wird der Jansenist nicht nach Aufstieg streben „sachant que chaque degré de fortune, d’honneur, de grandeur augmente nos dangers, et nous rend le salut plus difficile. Aussi ne jalousera-t-il pas les grands.“ (B. Groethuysen, Origines de l’esprit bourgeois en France. I. L’Église et la Bourgeoisie. Paris 1927. S. 195–198.) * * * Typoskript (20 S.) / ohne Datierung [1934] / APAN, III–155: 38 / Originaltitel: Die Anfänge des Kapitalismus und die neue Massenmoral. i B.: Borkenau, Franz: Der Übergang vom feudalen zum bürgerlichen Weltbild. Studien zur Geschichte der Philosophie der Manufakturperiode. (Schriften des Instituts für Sozialforschung. Herausgegeben von Max Horkheimer. Vierter Band.) Paris 1934. ii wird es: Bei Borkenau im Orig.: „es wird“. iii Kapital: Bei Borkenau im Orig.: „Geldkapital“. iv Leibeigenschaft“ (S. 152): Im Ts.: Leibeigenschaft“. v dieser Klasse ausspricht.“ (S. 159.): Im Ts.: einer Klasse ausspricht. vi „sich innerhalb … ist“ (S. 159): Im Ts.: „sich innerhalb einer sich verändernden Gesamtgesellschaft zu behaupten, richten diese Gruppen die Energie auf eine Lebensform, die noch nicht vorhanden ist“ (S. 159) … vii erhalten: Im Ts.: erhält. viii Kapitalmangel: Im Ts. handschriftlich unterstrichen und am Seitenrand mit einem Fragezeichen versehen. ix rationale, nüchtern … 14. und 15.: Im Ts. handschriftliche Notiz am Seitenrand: Arbeiter? x erforderlich macht: Im Ts. Zeile am Seitenrand mit einem Fragezeichen versehen, darüber handschriftliche Einfügung: zur Voraussetzung hat. xi Produktionsprozess: Bei Marx im Orig.: „Produktionsprocesses“ [MEGA2 II/8. S. 690]. 154 xii wird: Bei Marx im Orig.: „wurde“ [ebd.]. xiii beschreibende geschichtliche: Bei Borkenau im Orig.: „beschreibender geschichtlicher“. xiv Ludwig XI.: Im Ts.: Ludwig XI. ( ). xv Boissonnade: Boissonnade, P[ierre]: Le Socialime d’État. L’Industrie et les Classes Industrielles en France pendant les deux premiers Siècles de l’Ère Moderne (1453–1661). Paris 1927. xvi Laffemas: Im Ts. durchgängig: Laffennas. xvii Les guerres civiles: Bei Hauser im Orig.: „Les guerres civiles en partie …“ xviii Hauser: Hauser, Henri: Les Débuts du capitalisme. Paris 1927. xix tant: Im Ts. hier und im folgenden: tout. xx Das Préambule … régulier.“: Im Ts. Absatz am Seitenrand markiert und mit Deleatur- und Fragezeichen versehen. xxi „Das Mittel … ist“: Bei Hauser im Orig.: „Le vrai nom du régime qu’il inflige aux sans-travail, c’est moins assistance publique que répression du vagabondage. Il parle de les «punir», oubliant qu’oisiveté n’est pas toujours crime.” xxii Buch: Montchrétien, Antoyne de: Traicté de l'Œconomie Politique. Dedié en 1615 au Roy et à la Reyne mère du Roy. Avec introduction et notes par Th. Funck-Brentano. Paris 1889. xxiii la vigueur des (hommes) et la chasteté des femmes: Bei Montchrétien im Original: „la vigueur des uns et la chasteté des autres”. xxiv lingerie etc.“ (S. 103.): Im Ts.: lingerie etc.“ xxv paresse“. (S. 25.): Im Ts.: paresse“. xxvi Kulischer, II: Kulischer, Josef: Allgemeine Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters und der Neuzeit. Zweiter Band: Die Neuzeit. Mit Register zu Band I–II. (Handbuch der mittelalterlichen und neueren Geschichte. Hrsg. von G. von Below und F. Meinecke. Abteilung III: Verfassung, Recht, Wirtschaft.) München, Berlin 1929. xxvii (Des Cilleuls, S. 288, Anm. 48.): Im Ts.: (Des Cilleuls, S. 228.) xxviii gesäubert habe. (S. 290, Anm. 75.): Im Ts.: gesäubert habe. xxix 1797: So auch bei Kulischer [a. a. O. Bd. II. S. 151, Anm. 3] im Orig.; gemeint aber ist offenbar die Ausgabe von 1791. xxx der Calvinismus: Im Ts. handschriftlich abgeändert in: die calvinistische Moral. 155 Marx und die Klassische Ökonomie oder Die Lehre vom Wertfetisch (Auszug) 14. Gebrauchswert und Gebrauchsgestalt bei Marx. Um allen möglichen Missverständnissen vorzubeugen, sei betont, dass die grosse Bedeutung, die Marx der Gebrauchsform zuschreibt, nichts mit dem Gebrauchswert im subjektiven Sinn zu tun hat. Die Auffassung jener Kritiker, die bei der Entdeckung des Wortes Gebrauchswert bei Marx jedesmal glauben, es „enthält in nuce die ganze Grenznutzentheorie“,1 ist tatsächlich vollkommen haltlos. E. Bernsteini erblickt in der bekannten Stelle im III. Band des „Kapital“, wo von der Wichtigkeit des Gebrauchswertes „für die Gesellschaft“ die Rede ist, sozusagen eine nachträgliche Konzession von Marx an die Lehren von Böhm-Bawerk.2 Und auch Hilferding betont die Notwendigkeit der Abstraktion vom Gebrauchswert, weil er sich gar nicht vorstellen kann, dass Marx das Wort noch in einem anderen Sinn als dem subjektiven der Nützlichkeit verwenden konnte: „Der Gebrauchswert ist individuelles Verhältnis eines Dinges zu einem Menschen“ … „Massstab meiner persönlichen Wertschätzung“.3 – „Jede Werttheorie, die vom Gebrauchswert, also von den natürlichen Eigenschaften des Dinges ausgeht, … geht aus von dem individuellen Verhältnis zwischen einem Ding und einem Menschen, statt von den gesellschaftlichen Verhältnissen der Menschen zueinander.“4 Hilferding kann sich gar nicht vorstellen, dass der Gebrauchswert bei Marx noch für andere Zwecke diente, als nur „Ausgangspunkt für die Werttheorie“ zu bilden! Demgegenüber ist zu betonen, dass der Gebrauchswert, von dem wir hier sprechen, stets im Sinne einer objektiven Erscheinung verstanden ist, die nichts mit subjektiver Nützlichkeit zu tun hat. Marx unterscheidet zwei Arten von Gebrauchswert: a) In „Zur Kritik …“ spricht er davon, dass „der Gebrauchswert als Gebrauchswert, jenseits des Betrachtungskreises der politischen Oekonomie liegt“. Hier versteht er unter Gebrauchswert seine subjektive Nützlichkeit, also eine psychische, nicht physische Tatsache. – In einer Fussnote macht er eine sarkastische Bemerkung: „Dies ist der Grund, warum deutsche 1 E. Lederer, „Beiträge zur Kritik des Marx’schen Systems“ (Zschrft. für Volksw., Soz.pol. u. Verwaltung XV, 1906, S. 310). 2 E. Bernstein, „Dokumente des Sozialismus“, Bd. IV, 1904, S. 154 [–156]. 3 Hilferding, „Böhm-Bwerks Marx-Kritik“, S. 10. 4 Ebenda, S. 11. 156 Kompilatoren den unter dem Namen ‚Gut‘ fixierten Gebrauchswert con amore abhandeln … Verständiges über ‚Güter‘ muss man suchen in ‚Anweisungen zur Warenkunde‘.“5 b) Aber von diesem „Gebrauchswert als Gebrauchswert“, der jenseits der Betrachtung der politischen Oekonomie liegt, unterscheidet Marx noch „Gebrauchswert als stoffliche Gestalt“, der nichts mit dem subjektiven Nutzen zu tun hat und eine objektive Tatsache, eben eine „stoffliche Gestalt“ ist, – so wenn er z. B. von „Gebrauchswert oder Gebrauchsgegenstand “,6 so wenn er bei der Analyse der Produkte von „ihre[m] Gebrauchswert, ihre[r] stoffliche[n] Gestalt“ spricht,7 oder von „Gebrauchswerten oder Warenkörpern“, von „sinnlich grobe[r] Gegenständlichkeit der Warenkörper“.8 An unzähligen anderen Stellen verwendet Marx zwar variierende Ausdrücke; aber stets umfassen sie denselben Begriffsinhalt. So spricht Marx von der „Gebrauchsgestalt“ der Ware,9 von ihrer „Naturalform“,10 von der „Verschiedenheit der stofflichen Gestalt“ii der Ware,11 von der „Masse der stofflichen Gebrauchswerte“ und vom „Quantum der wirklichen Stoffe“,12 von der „Masse der Lebensmittel“iii im Unterschied zum „Wert dieser Masse“iv;13 ähnlich spricht Marx von der notwendigen „Masse der Produktionsmittel“ im Unterschied zum Werte der Produktionsmittel.14 In allen diesen Fällen geht es Marx offensichtlich nicht um die subjektive Bedeutung dieser Gebrauchsdinge; sie sind ihm nicht Ausgangspunkt für eine Werttheorie, also für die Analyse des Wertaustausches; vielmehr interessiert ihn die objektive stoffliche Gestalt dieser Gebrauchsdinge als eine stoffliche, gegenständliche, „objektive Bedingung der wirklichen Arbeit“ im technischen Arbeitsprozess. Hier müssen nämlich Produktionsmittel, Roh- und Hilfsstoffe, endlich die Arbeitskraft in gewissen, durch ihre Naturalgestalt bedingten quantitativ-technischen Proportionen vorhanden sein, die eine conditio sine qua non des normalen Arbeitsprozesses sind. „In 5 Marx, „Zur Kritik …“, S. 2. 6 Marx, „Kapital“ I, S. 28. 7 Ebenda, II, S. 389. 8 Ebenda, I, S. 14. 9 Ebenda, II, S. 135/136. 10 Ebenda, I, S. 14: „Die Waren erscheinen als Waren … sofern sie die Doppelform besitzen, Naturalform und Wertform.“i -a Aehnlich: II, S. 11, 145, 146. 11 Ebenda, II, S. 145. 12 Ebenda, III/1, S. 26. 13 Ebenda, I, S. 530. 14 Ebenda, III/1, S. 20. 157 dem wirklichen Arbeitsprozess dienen alle diese Dinge durch das Verhältnis, das sie als Gebrauchswerte zu der sich in ihnen betätigenden Arbeit haben, nicht als Tauschwerte, und noch weniger als Kapital.“15 – Es ist wohl hinreichend klar, dass hier nicht die Rede von Gebrauchswert als subjektivem Nutzen ist. Es kann hier nicht näher auf dieses Thema eingegangen werden, würde dies doch die Darstellung des Reproduktionsprozesses erfordern. Für den Zweck dieser Abhandlung muss es genügen, daran zu erinnern, dass Marx auf die Wichtigkeit der konkreten Naturalgestalt für die Akkumulation hinweisend sagt: „Hier haben wir wieder ein Beispiel von der Bestimmungv des Gebrauchswertes für die ökonomischen Formbestimmungen.“16 Und an anderer Stelle heisst es: „Bei der Betrachtung des Mehrwerts als solchen ist die Naturalform des Produkts … gleichgültig. Bei der Betrachtung des wirklichen Reproduktionsprozesses wird sie wichtig … Hier erhalten wir wieder ein Beispiel, wie der Gebrauchswert als solcher ökonomische Wichtigkeit erhält.“17 Also der aus der politischen Oekonomie von Hilferding verbannte Gebrauchwert hat dennoch „ökonomische Wichtigkeit“, Wichtigkeit nicht nur für – die Naturwissenschaft, sondern für den wirklichen Reproduktionsprozess. Dass man mit solchen Zitatenschlangen den Nonsens des Hilferding’schen Standpunktes beweisen muss! Verbannt man die Gebrauchswerte aus der politischen Oekonomie, dann wird der kapitalistische Produktionsprozess lediglich ein Verwertungsprozess, bei dem der Arbeitsprozess ausgeschaltet ist, dann wird er einfach zu einem Börsenspiel, wo unabhängig von aller Produktion die Werte steigen und fallen und Differenzgewinne realisiert werden. Den Gebrauchswert ausschalten heisst, sich auf den Standpunkt der reinen Plusmacherei stellen. Und derselbe Hilferding, der eben die Gebrauchswerte aus der ökonomischen Betrachtung ausgeschaltet hat, muss sie schliesslich durch eine Hintertür wieder einführen, – nämlich für die schematische Analyse des Reproduktionsprozesses, denn dessen Darstellung setzt ja voraus, dass in der Abteilung I des Schemas Produktionsmittel und in der Abteilung II Konsumtionsmittel sind – also Unterschiede der Gebrauchsgestalt! – Wie kommt er dazu? Er meint: Beim individuellen Austausch muss man vom 15 Marx, „Mehrwerttheorien“ III, S. 314. 16 Ebenda, II/2, S. 258. 17 Ebenda, III, S. 298. 158 Gebrauchswert abstrahieren; bei der gesellschaftlichen Betrachtung hingegen fällt umgekehrt der Wert ab, da „für die Gesellschaft, die gar nicht austauscht, die Ware nichts als Arbeitsprodukt“,vi Gebrauchswert ist.18 Die Haltlosigkeit dieser Ausflucht liegt auf der Hand. Die „Gesellschaft, die gar nichts austauscht“, ist eben keine Gesellschaft „unabhängiger Privateigentümer“, ist eben keine kapitalistische Gesellschaft! Aber gerade um den kapitalistischen Prozess handelt es sich für uns. Auch beim gesellschaftlichen Reproduktionsprozess darf man von wesentlichen Bedingungen der kapitalistischen Produktion, wie vom Privateigentum und daher auch vom Austausch nicht abstrahieren. Im Marx’schen Reproduktionsschema, das nicht die individuelle, sondern gesellschaftliche Reproduktion darstellt, besteht dennoch Privateigentum und daher Austausch zwischen den Abteilungen I und II. Es ist übrigens eine alte Ausflucht aus der Verlegenheit gegenüber den Schwierigkeiten der Analyse, die Hilferding gebraucht – wie hundert Jahre vor ihm George Ramsay.19 Schon dieser meinte, dass zwar vom Standpunkt des einzelnen Kapitalisten nur Wertersatz massgebend ist, und dass nur vom Standpunkt der Gesellschaft der Gebrauchswert entscheidet. Worauf Marx antwortet: „Was Ramsay doppelt betrachtet, Ersetzung von Produkt durch Produkt (= Gebrauchswert – H. G.) bei der Reproduktion für das ganze Land, und von Wert durch Wert für den einzelnen Kapitalisten, sind zwei Gesichtspunkte, die beide bei dem Zirkulationsprozess des Kapitals, der zugleich Reproduktionsprozess ist, für das einzelne Kapital selbst, betrachtet werden müssen.“20 Ist es nicht, als ob Marx auch Hilferding vorausgeahnt hätte? 18 R. Hilferding, „Böhm-Bawerks Marx-Kritik“, [S. 9/10]. – Dieses Resultat, welches bei H. auf unerklärtem Wege, wie ein Deus ex machina auftritt, lässt Hilferding recht schwach in der Elementar-Arithmetik erscheinen. Die Ware war nach Marx, wie wir uns erinnern, anfangs ein Doppeltes: Wert und Gebrauchswert, d. h. „Arbeitsprodukt“ von zweierlei Arbeit. Als Wert war sie Produkt der wertschaffenden Arbeit, als Gebrauchswert Produkt der konkreten, nützlichen Arbeit. Nachdem dann die Ware als Gebrauchswert, d. h. als Arbeitsprodukt der konkreten Arbeit, von Hilferding aus der ökonomischen Betrachtung ausgeschieden und in die Naturwissenschaft verbannt worden war, blieb von den zwei Elementen nur noch eins zurück: Der Wert, die Ware als Arbeitsprodukt der wertschaffenden Arbeit. Entfällt nun für die Gesamtgesellschaft auch der Wert, so bleibt als Resultat eben Null: 2 minus 1 minus 1 gleich 0. Das ist das glänzende Resultat der Hilferding’schen „Dialektik“. 19 George Ramsay, „An Essay on the Distribution of Wealth“, 1836. 20 Marx, „Mehrwerttheorien“ I, S. 179. 159 Der technologische Arbeitsprozess, in welchem nicht Werte, sondern Gebrauchswerte fungieren, und welcher über die Stufenleiter der Produktion, damit auch über das Minimum des erforderlichen Kapitalumfanges entscheidet, ist sowohl vom gesellschaftlichen als auch vom individuellen Standpunkt des einzelnen Kapitalisten massgebend und auch für den Verwertungsprozess entscheidend wichtig: Beschäftigt z. B. der Kapitalist 100 Spinnereiarbeiter, so muss er bei gegebenem Stand der Technik zugleich ein im Voraus bestimmtes Quantum an Spinnmaschinen und an Baumwolle besitzen, um diese Arbeiter zu beschäftigen, ganz unabhängig vom Wert dieser Maschinen und Baumwolle, „da die Quantität Arbeit, die absorbiert werden kann, nicht vom Werte, sondern von der Masse des Rohmaterials und der Wirksamkeit der Produktionsmittel abhängt“.21 „Damit das variable Kapital funktioniere, muss konstantes Kapital in entsprechenden Proportionen, je nach dem bestimmten technischen Charakter des Arbeitsprozesses, vorgeschossen werden.“22 Wie werden zeigen, dass ohne Berücksichtigung des technologischen Arbeitsprozesses und also der für diesen so wichtigen, von gewissen Marxisten so verachteten Gebrauchswerte, ihrer Rolle im Arbeitsprozess, nicht mal die richtige Berechnung der Profitrate möglich ist.23 Hier soll noch kurz die Wichtigkeit der Gebrauchsgestalt vom Standpunkt des Reproduktionsprozesses für das Krisenproblem gezeigt werden. Um dem Marx’schen Gedankengang zu folgen, wollen wir irgendein Reproduktionsschema betrachten: Die Abteilung A möge Mühlen für die Landwirtschaft, die Abteilung B Getreide produzieren. A 4000 c + 1000 v + 1000 m = 6000 B 2000 c + 1000 v + 1000 m = 4000 Es wird vorausgesetzt: 1. ein Wertgleichgewicht (Absatzgleichgewicht, da 1000 v + 1000 m in Abt. A = 2000 c in Abt. B), 2. zugleich ein Produktionsgleichgewicht, d. h., dass die in Abt. A produzierten Mühlen in der Abt. B tatsächlich im Produktionsprozess Verwendung finden können, was nicht 21 Marx, „Mehrwerttheorien“ I, S. 179. 22 Marx, „Kapital“ I, S. 196. Aehnlich: „In allen Industriezweigen [muss] der aus Arbeitsmitteln bestehende Teil des konstanten Kapitals genügen […] für eine gewisse, durch die Grösse der Anlage bestimmte Anzahl Arbeiter […].“ („Kapital“ I, S. 617.) – „Um den Teil des gesellschaftlichen Reichtums, der als konstantes Kapital oder, stofflich ausgedrückt, als Produktionsmittel funktionieren soll, in Bewegung zu setzen, ist eine bestimmte Masse lebendiger Arbeit erheischt. Diese ist technologisch gegeben.“ („Kap.“ I, S. 626.) 23 S. Anhang: Konkrete Illustration der Theorie am Beispiel der Profitrate. 160 vom Werte dieser Mühlen abhängt, sondern – eine gegebene Leistungsfähigkeit vorausgesetzt – von ihrer Zahl, sowie von der Menge des geernteten Getreides. Nehmen wir nun an, dass infolge des Bevölkerungszuwachses oder aus anderen Gründen beschlossen wurde, das in Abt. B nötige Getreidequantum um 10 % oder um 1 % (die Zahl ist gleichgültig) zu vergrössern, also das Kapital in B – sagen wir – von 2000 auf 2020 c zu vergrössern, und dementsprechend auch das Kapital in A von 4000 auf 4040 c zu vermehren. Im Resultat würden wir ein Schema erhalten, das auf beiden Seiten, d. h. in A und in B dem Werte nach um 1 % grössere Zahlen ausweist; das (Wert)gleichgewicht würde daher nach wie vor weiterbestehen. Wie aber würde es mit der Steigerung der Produktivkraft, also mit der Masse der produzierten Gebrauchsdinge sein? Und hier besagt die entscheidend wichtige Feststellung Marxens, dass die Wirksamkeit der Produktivsteigerung in verschiedenen Produktionssphären nicht proportionell zur Kapitalakkumulation erfolgt, da dies eine Frage der Technik und Wissenschaft ist, daher das Ergebnis nicht bloss von der Wertgrösse des angewandten Kapitals abhängt, und also in zwei Industrien, welche ihr Kapital um den gleichen Betrag vergrössert haben, die Masse der damit produzierten Gebrauchsdinge ungleichmässig vergrössert werden kann! Die Betrachtung der Akkumulation ausschliesslich von der Wertseite sagt uns noch nichts über die reelle Erweiterung des technischen Apparats und der Masse der in verschiedenen Zweigen produzierten Gebrauchsdinge. „Wenn alle Kapitale in gleichem Verhältnis vermehrt wurden, so folgt daraus keineswegs, dass ihre Produktion (d. h. die Produktionsmenge – H. G.) in demselben Verhältnis zunimmt.“ „… In verschiedenen Produktionssphären, worin dieselbe Akkumulation von Kapital stattfindet …, ist die Masse des Produkts, die dieser Vermehrung des angewandten Kapitals entspricht, sehr verschieden, indem die Produktionskraft in den verschiedenen Gewerben oder die Masse der produzierten Gebrauchswerte im Verhältnis zur angewandten Arbeit sehr verschieden ist.vii Derselbe Wert wird auf beiden Seiten produziert, aber die Quantität der Waren, worin er sich darstellt, ist sehr verschieden. Warum also, weil im Industriezweig A der Wert wie 1 % gewachsen ist, während die Masse der Waren wie 20 % wuchs, (diese) einen Markt finden muss im Industriezweig B, worin der Wert ebenfalls um 1 % gewachsen, die Masse der Waren aber nur um 161 5 Prozent, ist absolut nicht einzusehen. Die Differenz von Gebrauchswert und Tauschwert ist hier übersehen.“24 Mit nicht zu überbietender Klarheit ist hier somit festgestellt, dass der Umfang der reellen Produktionserweiterung, der Masse der Gebrauchsdinge von dem in verschiedenen Produktionszweigen verschiedenen Grad der Produktivität abhängt, welche jedoch von dem Umfang der Wertakkumulation unabhängig ist. Dass die notwendige Folge dieser verschiedenartigen Entwicklung der Produktivkraft in den beiden Abteilungen eine Störung sein muss, ist klar. Dem Werte nach wird zwischen Abt. A und B weiterhin ein Gleichgewicht bestehen. Aber weshalb soll die Abt. B, deren Getreidemenge bloss um 5 % vermehrt wurde, von der Abt. A z. B. Mühlenmaschinen in einem um 20 % gestiegenen Umfang abnehmen? Das ist nicht einzusehen. Der Bedarf an Mühlenmaschinen ist technologisch durch die Menge des zu vermahlenden Getreides in der Abt. B bestimmt und deshalb bloss um 5 % gestiegen. Infolgedessen sind in Abt. A 15 % des Zuwachses von Mühlenmaschinen unabsetzbar. Daraus ergibt sich die Konsequenz, dass alle erdenklichen Gleichgewichtsschemata, die die Möglichkeit einer Harmonie, eines Gleichgewichts der kapitalistischen Akkumulation nachweisen wollen, dabei aber dieses Gleichgewicht nur durch proportionelle Verteilung des Kapitalwertes demonstrieren – unter gänzlicher Vernachlässigung der Quantität von Gebrauchsdingen, die durch jene Kapitalwerte dargestellt sind –, für das Problem des störungsfreien Verlaufs des Reproduktionsprozesses ganz und gar nicht beweiskräftig sind. „Die Differenz von Gebrauchswert und Tauschwert ist hier übersehen.“ Es ergibt sich aber noch mehr: Die ungleichmässige Entwicklung der Produktivkraft in verschiedenen Industrien erzwingt auch eine neue unproportionelle Verteilung des Kapitals und ruft dann Störungen auch in der Wertsphäre hervor. Nehmen wir an, dass im obigen Schemabeispiel technisches und Wertgleichgewicht zwischen A (Wollspinnerei) und B (Wollproduktion) bestehe. Das Kapital wird dann in beiden Industriezweigen gleichmässig verdoppelt. Aber die Produktivität steigt nicht gleichmässig; sie wird z. B. in der Wollproduktion verdoppelt, dagegen in der Wollspinnerei versechsfacht. Die technische Kapazität der Wollspinnerei ist jetzt im Verhältnis zur vorhandenen Wollmenge dreifach gross. Damit jetzt die 24 Marx, „Mehrwerttheorien“ III, S. 137/138. – Aehnlich: „Die spezifische Entwicklung der gesellschaftlichen Produktionskraft der Arbeit ist in jeder besonderen Produktionssphäre dem Grade nach verschieden.“ („Kapital“ III/1, S. 142.) 162 Anlagen der Wollspinnerei ausgenützt werden können, muss jetzt „dreimal soviel Kapital für die Arbeit der Wollproduktion verwandt werden.“25 – Es zeigt sich, dass die „proportionelle Verteilung“ des Kapitals nicht von unserm Willen abhängt, sondern durch den technologischen Arbeitsprozess bedingt ist. (Darüber näher Exkurs I.) Wir haben bisher zu zeigen versucht, dass der Bedarf an Produktionsmitteln nicht wertmässig, sondern gebrauchsmässig, durch die technologische Stufenleiter des Produktionsprozesses bestimmt ist: Die Zahl der nötigen Mühlenmaschinen hängt von der Masse des zu vermahlenden Getreides und nicht vom Wert der Maschinen oder des Getreides ab, – die Zahl der Pflüge von der Fläche des anzubauenden Bodens etc. Dasselbe gilt in gewissen Grenzen aber auch vom Bedarf an direkten Konsumwaren. Der Verfasser der „Inquiry“ von 1821viii will den Nachweis führen, dass auch bei unproportioneller Vermehrung des Kapitals in den einzelnen Industriezweigen der Absatz stets gesichert sei, weil die vermehrte Menge zu wohlfeileren Preisen stets Abnehmer finden wird, was er an der Messerproduktion illustriert.26 Marx wendet dagegen ein: In der Konsumtion werden nicht Werte, sondern Gebrauchswerte konsumiert: „Aber der Gebrauchswert – die Konsumtion – hat nicht mit dem Werte, sondern mit dem Quantum zu tun. Warum ich sechs Messer kaufen soll, weil ich sie so wohlfeil haben kann wie früher eines, ist absolut nicht einzusehen.“27 Exkurs I. Konkrete Illustration der Theorie am Beispiel des Reproduktionsschemas. Nehmen wir irgend ein Reproduktionsschema mit kleinen Zahlenbeispielen (wegen der Uebersichtlichkeit der Darstellung): I 35 c + 7 v + 7 m II 14 c + … + … etc. Es besteht ein Wertgleichgewicht (Absatzgleichgewicht) zwischen I v + m und II c, welches sich auch dann nicht ändert, wenn in beiden Abteilungen gleichmässig proportionell akkumuliert wird, z. B. das Kapital in beiden Abteilungen verdoppelt wird. Die Abteilung II = 14 c können wir uns 25 Marx, „Mehrwerttheorien“ II/1, S. 286. 26 Ebenda, III, S. 136. 27 Ebenda, III, S. 138. – Vgl. auch die wichtige Kritik der James Mill–Say’schen Identitätslehre der Nachfrage mit dem Angebot. Ebenda, III, S. 137. 163 vorstellen als eine Summe der konstanten Kapitalien einer Reihe von Unterabteilungen, die verschiedene aufeinander technologisch angewiesene und mengenmässig angepasste Industriezweige umfassen, z. B.: £ 14 c = £ 2 Wollproduktion £ 4 Wollspinnerei £ 8 Wollweberei Die technologische, mengenmässige Anpassung besagt, dass zwischen den Mengen Wolle, der Zahl der Spindeln und der Webstühle eine technologische, mengenmässige Relation besteht, z. B. auf 2 Tonnen Wolle = 4 Tausend Spindeln und 8 Dutzend Webstühle kommen, d. h. dass die 8 Dutzend Webstühle gerade genügen, um die von der Wollspinnerei gelieferte Rohstoffmenge zu verweben, – und dass die 4000 Spindeln gerade genügen, um die von der Wollproduktion gelieferten 2 Tonnen zu verspinnen. Diese Relation zwischen der Zahl Tonnen, den Tausenden von Spindeln und Dutzenden von Webstühlen nennen wir technologische Relation, und sie wird im gegebenen Beispiel durch die Relation 2 – 4 – 8 ausgedrückt. Wir erhalten demnach in den Unterabteilungen A B C wertmässige Relation £ 2 4 8 technologische 2 4 8 Erfolgt nun in allen Industriezweigen eine gleichmässig proportionelle Akkumulation, und zwar wird das Kapital verdoppelt, dann erhalten wir für die drei Unterabteilungen der Abt. II c die Wertrelation: £ 4 – £ 8 – £ 16. Aber entsprechend den obigen Ausführungen wird die Produktivitätssteigerung nicht gleichmässig in allen Zweigen erfolgen; diese Verschiedenheit der Produktivitätssteigerung ist eine quaestio facti und hängt von den besonderen Umständen jeder Industrie ab. Wir wollen annehmen, dass in A (Wollproduktion) die Produktivität sich verdoppelt, in B (Spinnerei) sich verdreifacht, in C (Weberei) sich vervierfacht. Wir erhalten dann: A B C wertmässige Relation £ 4 8 16 technologische Kapazität 8 24 64 (4 · 2) (8 · 3) (16 · 4) Während also dem Werte nach die frühere Proportionalität nicht geändert wurde, daher auch das Absatzgleichgewicht zwischen II c und I v + m weiter besteht und bloss in verdoppelten Zahlen ausgedrückt wird, wurde die technologische Proportionaliät der Industrien A, B, C innerhalb der Abt. II gestört, also in eine Disproportion verwandelt. Die Produktivi- 164 tät der Wollproduktion hat sich – im Verhältnis zur Grösse des ausgelegten Kapitals – verdoppelt. (Wurden früher mit £ 2 Kapital = 2 Tonnen Wolle geliefert, so nun mit £ 4 Kapital = 8 Tonnen.) Aber die Kapazität der Wollspinnerei ist verdreifacht; sie ist von 8 Tausend Spindeln auf 24 Tausend Spindeln gestiegen. Das hat zur Folge, dass in der Wollspinnerei eine Ueberkapazität entsteht und ein Drittel der Spindelzahl aus Mangel an Wolle unbeschäftigt bleiben muss. In der Wollweberei, wo die Zahl der Webstühle auf 64 Dutzend gestiegen ist, ist die technologische Ueberkapazität noch grösser, und hier müssen 50 % der Webstühle unbeschäftigt bleiben, wodurch die für die volle Ausnützung der Kapazität berechnete Rentabilität sich verschlechtert. Um die Rentabilität ihrer Betriebe zu verbessern und deren volle Kapazität auszunützen, sind B und C – um sich grössere Mengen von Rohstoff zu sichern – bereit, höhere Preise für ihre Rohstoffe zu zahlen, sodass nun zusätzliches Kapital nach A (Wollproduktion) und B (Spinnerei) zufliessen wird. (Es erfolgt dort keine weitere Produktivitätssteigerung, die soeben erst erreicht wurde, sondern eine Erweiterung der Betriebe auf Basis der jetzt gegebenen Produktivität.) Um wieviel müssen die Industrien A und B erweitert werden, damit in B und C die technologische Ueberkapazität verschwindet? Die normale technische Relation beträgt, wie wir gesehen haben, 2 : 4 : 8. Auf 2 Tonnen Wolle entfallen 8 Dutzend Webstühle. Nun, nach der Kapitalverdoppelung, verfügt die Weberei über 64 Dutzend Webstühle. Diese erfordern also 16 Tonnen Wolle. Es sind aber nur 8 Tonnen vorhanden. Damit die Ueberkapazität in Cix verschwindet, muss die Wollproduktion verdoppelt, d. h. von 8 Tonnen auf 16 Tonnen vermehrt werden. Zu diesem Zweck muss auch das konstante Kapital verdoppelt werden, d. h. von 4 £ auf 8 £ steigen. Dasselbe gilt von der Wollspinnerei. Die technische Kapazität in B beträgt 24 Tausend Spindeln, ist somit im Verhältnis zu der Kapazität der Wollweberei (64 Dutzend Webstühle) zu klein, da nach der Normal-Relation auf 8 Dutzend Webstühle = 4 Tausend Spindeln kommen, folglich jetzt auf 64 Dutzend Webstühle = 32 Tausend Spindeln erforderlich sind. Folglich muss die Kapazität in B von 24 auf 32 Tausend Spindeln, d. i. um ein Drittel vermehrt werden – und dementsprechend auch das konstante Kapital der Spinnerei von £ 8 auf £ 10 . Erfolgt diese Kapitalvermehrung und zugleich die Erweiterung der technischen Kapazität in A und B, so erhalten wir: A B C wertmässige Relation £ 8 10 16 technologische 16 32 64 165 Was besagt dieses Ergebnis? Das Streben zur Verbesserung der Rentabilität durch Ausnützung der vollen technischen Kapazität der Betriebe führte zu Kapitalerweiterungen und zugleich zur Kapazitätsausweitung in A und B mit dem Resultat, dass die ursprünglich gestörte technologische Proportionalität zwischen den Industrien A, B, C wieder hergestellt wurde und nun 16 : 32 : 64, also eine Normal-Relation besteht. Aber damit wurde die Wertproportionalität, die nach der Kapitalverdoppelung £ 4 : 8 : 16, in Summa also £ 28 betragen hat, in £ 8 : 10 : 16, in Summa also £ 34 ge- ändert, wodurch in dem Reproduktionsschema notwendig eine Störung des Wertgleichgewichts eintreten muss: I 70 c + 14 v + 14 m II 34 c + … + … Wertgleichgewicht zwischen I v + m und II c ist nicht vorhanden. Die Wiederherstellung des technologischen Gleichgewichts hat ein wertmässiges Ungleichgewicht erzwungen. So zeigt sich, dass die proportionelle Einteilung der Industriezweige, eine proportionelle Kapitalverteilung auf einzelne Industriezweige, nicht vom Willen der Unternehmer oder einer regulierenden Zentralbank abhängt, sondern vielmehr durch die technologische Stufenleiter des Produktionsprozesses bedingt ist. Entweder will man ein Wertgleichgewicht zwischen Abt. I und II haben, dann ist aber die technologische Disproportion innerhalb der Unterabeilungen von II die notwendige Folge: unausgenützte technische Kapazität, verschlechterte Rentabilität. Oder aber wird die technologische Proportionalität durchgeführt, damit aber das Wertgleichgewicht zwischen Abt. I und II zerstört. Eben dies ist der „immanente Gegensatz zwischen Wert und Gebrauchswert“, der bereits in der einzelnen Ware enthalten ist und dann in den Krisen zum Vorschein kommt! Die Unabsetzbarkeit vom 34 £ in II c gegen £ 28 in I (v + m) muss in II c den Preisfall der Produkte (in der Wollweberei, Spinnerei und in der Wollproduktion) so lange zur Folge haben, bis sie auf £ 28 gefallen sind, wodurch das Gleichgewicht I (v + m) = II c wiederhergestellt, aber für II c auf einer neuen, niedrigeren Wertbasis, was für II c grosse Wertverluste, Anpassungsprozesse, Kämpfe, technische Rationalisierungsmassnahmen, Konvulsionen bedeutet. Und das neue Gleichgewicht ist nur ein momentaner Durchgangspunkt, da mit einer neuen Welle der Produktivitätssteigerung der Produktionsapparat von neuem sowohl technologisch wie wertmässig in Disproportionalitäten gerät, sodass das Gleichgewicht auf 166 kapitalistischer Grundlage nur als ein momentaner Zufall inmitten der beständigen Regellosigkeit erscheint.28 15. Die Realisierung des Wertgesetzes. Erst nachdem wir den Begriff des „Gleichgewichts“ im kapitalistischen Produktionsprozess bestimmt haben und wissen, dass er eine Doppelbedingung in sich einschliesst, dass er sowohl wertmässig als „Absatzgleichgewicht“ und stofflich, technisch als „Produktionsgleichgewicht“ vorhanden sein muss, wenn die Reproduktion normal verlaufen soll, erst nachdem wir die Konsequenzen kennen, die sich aus dieser Doppelbedingung ergeben, können wir an die Betrachtung des von Marx aufgerollten Problems der geschichtlichen Realisierung des Wertgesetzes herantreten. In dem bekannten Brief an Kugelmann vom 11. Juli 1868 wird von Marx ausgeführt, dass in jeder Gesellschaft – ganz unabhängig von der bestimmten Form der gesellschaftlichen Produktion – die verfügbare Produktenmasse sowie die verfügbare Masse der gesellschaftlichen Gesamtarbeit – je nach der Art und Umfang der Bedürfnisse – in bestimmten quantitativen Proportionen auf einzelne Produktionssphären verteilt werden müssen, und dass eben diese proportionelle Einteilung der vorhandenen sachlichen und persönlichen Produktivkräfte die Funktion des „Wertgesetztes“ ist, welches für alle geschichtlichen Epochen, also sowohl in Vergangenheit wie in der Zukunft seine Gültigkeit besitzt und gleich einem Naturgesetz nicht aufgehoben werden kann; was sich unter verschiedenen historischen Bedingungen ändert, so nur die Form, worin dieses Gesetz in Erscheinung tritt. „Die Aufgabe der Wissenschaft besteht daher darin, zu zeigen, wie das Wertgesetz sich verwirklicht.“x Nach der früher dargestellten Marx’schen Lehre von dem mystifizierenden Charakter der Wertformen könnte man im ersten Augenblick darin einen Widerspruch erblicken, dass die so wichtige gesellschaftliche Regulierungsfunktion des ökonomischen Gesamtmechanismus dem Wertgesetz zugewiesen wird. Ein solcher Widerspruch wäre tatsächlich vorhanden, wenn das Wertgesetz, von dem Marx spricht, im Sinne des Tauschwertgesetzes gemeint wäre, 28 Marx, „Kapital“ III/2, S. 417. – Die obigen Ausführungen wollen keine Krisentheorie sein. Sie beabsichtigen bloss – innerhalb der Lehre vom „Wertfetisch“ – schematisch kurz die Richtung anzudeuten, nach welcher der Faktor „Gebrauchsgestalt“ des technologischen Arbeitsprozesses auf den Verlauf der Reproduktion rückwirkt. 167 also ein Wertgesetz, das sich vermittels verdinglichter Werte realisieren soll, wie dies z. B. Rosa Luxemburg faktisch als möglich annimmt. Bei der Analyse des Reproduktionsschemas meint sie: „Die der kapitalistischen Formel des Gesamtprodukts zugrunde liegenden Beziehungen sind von allgemeiner Gültigkeit und werden in jeder planmässig organisierten Wirtschaftsform Gegenstand einer bewussten Regelung seitens der Gesellschaft – der Gesamtheit der Arbeitenden und ihrer demokratischen Organe in einer kommunistischen Gesellschaft … Unter der kapitalistischen Produktionsform besteht eine planmässige Regelung des Ganzen nicht.“29 Die Allgemeingültigkeit, die Marx dem „Wertgesetz“ zuerkennt, wird von Rosa Luxemburg dem Reproduktionsschema zugewiesen, also die Geltung des Schemas, welches ein Abbild der kapitalistischen Produktion mit ihren verdinglichten Tauschwerten ist, soll sich auch auf die kommunistische Produktionsweise ausdehnen, in welcher kein Privateigentum, kein Warenaustausch, daher keine verdinglichten Tauschwerte vorhanden sein werden! Nirgends ist die grobe Verflachung des Marx’schen Gedankens durch Rosa Luxemburg schlagender als in diesem Punkte. Wozu hat Marx seine Kritik der kapitalistischen Produktion geschrieben und ihren wesentlichen Mangel gerade darin gesehen, dass in ihr jeder direkte gesellschaftliche Zusammenhang in der Produktion, zwischen den Produzenten und ihren Arbeitern fehlt, und daher ex post, auf dem Umwege über den Austausch von Waren – also von Sachen – hergestellt werden muss. Das Reproduktionsschema zeigt uns eben, wie dieser Zusammenhang in der Zirkulationssphäre vermittels der verdinglichten Werte zustandekommt. Und dieses Reproduktionsschema, als Ausdruck dieses mangelnden direkten gesellschaftlichen Zusammenhanges der Produzenten, als Ausdruck der spezifisch kapitalistischen Art der nachträglichen Herstellung dieses Zusammenhangs auf dem Umwege über die Austauschsphäre vermittels der Sachen, dieses Schema soll auch in der sozialistischen Gesellschaft seine Gültigkeit besitzen, und die sozialistische Gesellschaft soll ihre Produktion auf Grundlage des Schemas „bewusst regeln“. Rosa Luxemburg übersieht, dass die bewusste Regelung auf Basis eines Wertschemas, mit verdinglichten Werten eine contradictio in adjecto ist, nicht nur, weil es in der sozialistischen Gesellschaft keinen Austausch, daher keine Tauschwerte geben wird, sondern auch deshalb, weil, wie früher gezeigt wurde, eine „proportionelle Regelung“ der Produktivkräfte wohl direkt, durch direkte Zuweisung der Gebrauchsdinge und der lebendigen Arbeit, nicht aber indirekt, auf dem Umweg über die Tauschwerte (das konstante und variable Kapital) möglich ist, dass somit die Aufhebung des Privateigentums und der Warenproduktion, damit 29 R. Luxemburg, „Die Akkumulation des Kapitals“, Berlin 1913, S. 49. 168 auch der verdinglichten Wertformen die fundamentale Voraussetzung für eine „bewusste Regelung“ der Produktion bildet. Die Krisen und Störungen der kapitalistischen Produktionsweise entspringen nicht daraus, dass hier eine Anarchie herrscht, dass keine zentrale Regelung besteht, vielmehr daraus, dass auf der Grundlage des Warenaustausches eine Regelung undurchführbar ist, auch wenn man eine solche Regelung – die so modern gewordene „Planwirtschaft“ – einführen sollte. Dass Marx unter dem „Wertgesetz“ nicht ein Tauschwertgesetz verstanden hat, ist daraus ersichtlich, dass dies Wertgesetz für alle geschichtlichen Epochen bindend ist, also auch für solche z. B. vorkapitalistische Gesellschaften ohne Warenaustausch, wo kein Tauschwert, keine Wertformen überhaupt vorhanden sind. Folglich, das „Wertgesetz“, dem Marx die regulierende Funktion des Produktionsmechanismus zuweist, ist nicht mit den verdinglichten Wertformen, sondern mit dem hinter ihnen verborgenen Inhalt der Wertbestimmung, d. h. mit der Verausgabung der Arbeitszeit in unmittelbarer Form, identisch. Die von der Wissenschaft zu lösende Frage, wie sich das Wertgesetz realisiert, muss daher für zwei, prinzipiell ganz verschiedne Situationen beantwortet werden. 1. Wie setzt sich das Wertgesetz durch in Gesellschaftsformen ohne Warenaustausch, daher ohne Wertformen? 2. Wie realisiert sich das Wertgesetz in Gesellschaftsformen auf Grundlage des Warenaustausches und der verdinglichten Wertformen? A. Innerhalb der Gesellschaften des ersten Typus erfolgt eine proportionelle Verteilung der verfügbaren sachlichen und persönlichen Produktivkräfte nicht wertmässig, durch Verteilung des konstanten und variablen Kapitals. Es existieren keine Werte. Die Verteilung der Produktivgüter erfolgt in Naturalform, gemessen in Stücken, Zentnern, Tonnen, Waggons – nach den technischen Erfordernissen des Arbeitsprozesses, wenn der Umfang der vorzunehmenden Produktion durch die Zentralstelle bestimmt wurde. Und dasselbe gilt von der Zuteilung der Arbeitskräfte. Sie erfolgt nicht wertmässig (als variables Kapital), sondern in natura, durch Zuweisung der nötigen Arbeiterzahl entsprechend den Erfordernissen des technischen Arbeitsprozesses. Das Verfahren der Zuteilung der sachlichen Elemente der Produktion ist analog wie z. B. in den Walzwerken des Phoenix-Konzerns, die ich als Illustration heranziehe. Vorausgesetzt, dass der gesellschaftliche Bedarf an Fertigfabrikaten der Eisenindustrie auf 45.000 t (für Werkzeuge, Maschinen etc.) von der Zen- 169 tralstelle berechnet wird, wird ein Walzwerk entsprechend dieser technischen Stufenleiter errichtet. Damit ist auch schon der Umfang der entsprechenden Kohlen-, Erz- und Roheisenwerke technisch, ohne alle Wertvermittlung bestimmt. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren z. B. in Deutschland, im Phoenix-Konzern, durchschnittlich 2.5 – 3 t Erz (bei 30 – 40 % Eisengehalt) zur Erzeugung einer Tonne Roheisen und zirka 1.5 t Roheisen sowie 3,5 – 4 t Kohlen zur Herstellung einer Tonne Fertigfabrikat erforderlich. Folglich war der Bedarf des Phoenix-Konzerns an Roheisen etwa 69.000 txi, an Erzen zirka 140.000 t und an Kohle zirka 180.000 t. Es bestand zwischen den genannten Werken eine technische Proportionierung, die ohne Rücksicht auf Werte durchgeführt wurde.30 In analoger Weise wird auch die Verteilung der persönlichen Produktivkräfte, der Arbeit, rein technisch, ohne Vermittlung des Wertes, vorgenommen, ähnlich, wie innerhalb der kapitalistischen Betriebe die Verteilung der Arbeit auf einzelne Abteilungen und Unterabteilungen. Zur Illustration soll die Verteilung der Arbeitskräfte innerhalb eines modernen Betriebes der Schuhindustrie herangezogen werden. Die technische Proportionierung ist auf der vollständigen Ausnützung der Leistungsfähigkeit jedes Arbeiters und jeder Maschine aufgebaut. „Die einzelnen Betriebsabteilungen müssen aufeinander abgestimmt sein, d. h. jede Abteilung muss den von ihr verlangten Bedarf des Betriebes decken können, ohne dass überschüssige Kräfte brachliegen. Es darf also nicht vorkommen, dass die Stepperei z. B. nur 400 Paare pro Tag leisten kann, während alle übrigen Abteilungen auf eine Tagesproduktion von 500 Paar eingestellt sind.“31 Dies geschieht in der Weise, dass die Arbeiterzahl, die der einzelnen Abteilung zugewiesen wird, erfahrungsmässig, je nach der Schnelligkeit der Arbeitsverrichtung des betreffenden Teilprozesses, technisch berechnet wird. In dem hier als Beispiel herangezogenen Betrieb mittlerer Grösse, der mit Mac-Kay-Durchnähverfahren arbeitete, war die technische Proportionierung auf einzelne Abteilungen und Unterabteilungen folgendermassen durchgeführt: Von der Gesamt-Arbeiterzahl entfielen: I. Zuschneiderei im Ganzen 13 % der Kräfte II. Stepperei 20 III. Stanzerei 17 IV. Zwickerei 20 V. Bodenbau 5 30 K. Kunze, „Der Aufbau des Phoenix-Konzerns“, 1926, S. 27 ff. 31 H. Groll, „Der Schuhindustriebetrieb und sein Produktionsprozess“, 1926, S. 23 u. 43.xi-a 170 VI. Ausputzerei 18 VII. Fertigmacherei 7 Die Gesamtarbeiterzahl 100 % In analoger Weise erfolgte dann die Verteilung der Arbeitskräfte auf Unterabteilungen. In der Abt. I (Zuschneiderei) entfielen auf: Zuschneider 7.5 % Lederfutterschneider 1.0 Futterschneider 1.5 Garniturenschneider 1.5 Kontrolleur 1.0 Stempler 0.5 Zuschneiderei im Ganzen 13 % In Abt. II: Schärferinxii 1.7 % Buggerinxiii 1.1 Vorzeichnerin 1.2 Stepperinnen 13.0 Schäfte-Fertigmacherin 3.0 Stepperei im Ganzen 20.0 %. In solchen Gesellschaftsformen ohne Warenaustausch und ohne Wertformen kann die proportionelle Verteilung der sachlichen und persönlichen Produktivkräfte ohne Schwierigkeiten, unter rein technischen Gesichtspunkten zustandekommen. Die Realisierung des Wertgesetzes in dem angegebenen Sinn der proportionellen Verteilung der Produktivkräfte begegnet keinen Schwierigkeiten. B. Wie realisiert sich das Wertgesetz in Gesellschaften mit Warenaustausch? Hier kompliziert sich die Frage sofort dadurch, dass einerseits die Produktion innerhalb solcher Gesellschaften, wie in allen anderen Gesellschaftsformationen, ein Arbeitsprozess ist, anderseits zugleich ein Verwertungsprozess, in welchem die Verwertung, der Profit, von dem Absatz der produzierten Waren abhängt. Die proportionelle Verteilung der Produktivkräfte hängt in einer solchen Gesellschaft – wie wir bereits wissen – von der Doppelbedingung ab, dass diese proportionelle Verteilung sowohl technisch als auch wertmässig vorhanden sein muss. Eine solche gegenseitige Abstimmung der einzelnen Industrien aufeinander ist nicht vorhanden. Es besteht kein technologischer, mengenmässiger 171 Zusammenhang einzelner Industrien. Jeder Unternehmer produziert, was er will, und in willkürlichem, zufälligemxiv Umfang.32 Und doch ist eine solche mengenmässige Proportionierung einzelner Industriezweige auch in der kapitalistischen Warenproduktion unentbehrlich, da sonst der Arbeitsprozess nicht stattfinden könnte. Was nützt dem Textilproduzenten, einen Betrieb mit einer Million Spindeln zu besitzen, wenn die vorhandene Baumwolle nur für eine halbe Million Spindeln ausreicht. So überzeugen sich bald die formell, persönlich „unabhängigen“ Produzenten, die Warenbesitzer, dass ihre persönliche Freiheit, zu produzieren, was es ihnen beliebt, ein Schein ist, dass sie sich faktisch in einem System einer allseitigen sachlichen Abhängigkeit voneinander befinden, dass sie auf Maschinen, Rohstoffe und Halbfabrikate anderer Produzenten ebenso angewiesen sind, wie diese wiederum von ihren Produkten abhängen.33 Es genügt somit nicht, dass die Waren wertmässig proportionell so verteilt sind, dass ein Absatzgleichgewicht vorhanden ist; sie müssen auch mengenmässig den Erfordernissen der sozialen und technischen Arbeitsteilung im Arbeitsprozess entsprechen. Sie müssen in den erforderlichen Mengen vorhanden sein. (Produktionsgleichgewicht.) Was nützen alle Wertproportionen, wenn diese Werte nicht die erforderlichen Warenmengen darstellen! Da jedoch in Gesellschaftsformen mit Warenaustausch der unabhängigen Privatproduzenten eine zentrale Regelung des technischen, mengenmässigen Zusammenhangs der einzelnen Industrien, ihre „quantitative Gliederung“ im Produktionsprozess nicht vorhanden ist, kann sie nur indirekt, auf dem Umwege über die Zirkulationssphäre, d. h. durch die Vermittlung des Absatzes, also des Tauschwertes, zustandekommen. Wir haben früher gezeigt, dass die Verwirklichung der Doppelbedingung: des wertmässigen und technischen Gleichgewichts zugleich unmöglich ist. Auf die Frage: wie realisiert sich das Wertgesetz in einer kapitalistischen Warenproduktion, antwortet daher Marx, dass eine vernünftige proportionelle Verteilung der Produktivkräfte – also eine solche Verteilung, dass keine überschüssigen Kräfte brachliegen – undurchführbar ist, dass ein solches vernünftiges Gleichgewicht als dauernde „Regel“ nicht realisierbar ist 32 „Ebenso naturwüchsig zufällig, wie die qualitative, ist auch die quantitative Gliederung des gesellschaftlichen Produktionsorganismus, der seine membra disjecta im System der Teilung der Arbeit darstellt.“ (Marx, „Kapital“ I, S. 78/79.) 33 „Die Warenbesitzer entdecken daher, dass dieselbe Teilung der Arbeit, die sie zu unabhängigen Produzenten macht,xiv-a dass die Unabhängigkeit der Personen von einander sich in einem System allseitiger sachlicher Abhängigkeit ergänzt“. (Marx „Kapital“ I, S. 79.) 172 und diese „Regel“ sich höchstens als ein blinder Zufall aus der allgemeinen Regellosigkeit ergeben kann,34 als momentaner Ruhe- und Durchgangspunkt inmitten der beständigen Fluktuationen und Zerstörung der brachliegenden sachlichen und persönlichen Produktivkräfte inmitten des beständigen Ungleichgewichts. Das Gleichgewicht auf Basis der Warenproduktion ist bloss unsere Abstraktion, eine theoretische Fiktion, abgeleitet aus der „wirklichen Bewegung“, die das direkte Gegenteil dieser Fiktion darstellt und auf der beständigen Fluktuation, auf dem beständigen Ungleichgewicht beruht.35 Die bürgerliche Oekonomie, die Ricardo-Schule, meint Marx, verdreht dieses Verhältnis: Das „Gleichgewicht“, das nur eine momentane Ausnahme aus der Regel der Regellosigkeit bildet, wird von dieser Schule zur Regel selbst erhoben, dagegen die „wirkliche Bewegung“ der Regellosigkeit, des Ungleichgewichts wird zum blossen Akzidens gemacht: „Diese wirkliche Bewegung, wovon jenes Gesetz nur ein abstraktes, zufälliges und einseitiges Moment ist, wird von den neueren Nationalökonomen zum Akzidens gemacht, zum Unwesentlichen. Warum? Weil bei den scharfen und exakten Formeln, worauf sie die Nationalökonomenxv reduzieren, die Grundformel, wollten sie jene Bewegung abstrakt aussprechen, heissen müsste: Das Gesetz ist in der Nationalökonomie durch sein Gegenteil, die Gesetzlosigkeit, bestimmt. Das wahre Gesetz der Nationalökonomie ist der Zufall, aus dessen Bewegung 34 „… da sich die Regel nur als blindwirkendes Durchschnittsgesetz der Regellosigkeit darstellen kann.“xiv-b (Marx, „Kapital“ I, S. 73.) – Die Rolle des Geldes in der kapitalistischen Produktionsweise, nicht nur in seiner Funktion als Zirkulationsmittel, sondern als Geldkapital, „erzeugt gewisse, dieser Produktionsweise eigentümliche Bedingungen des normalen Umsatzes …, sei es auf einfacher, sei es auf erweiterter Stufenleiter, die in ebenso viele Bedingungen des anormalen Verlaufs, Möglichkeiten derxiv-c Krisen umschlagen, da das Gleichgewicht – bei der naturwüchsigen Gestaltung dieser Produktion – selbst ein Zufall ist.“ (Ebenda, II, 496.) 35 „Mill – wie überhaupt die Schule von Ricardo – [begeht] den Fehler, dass sie das abstrakte Gesetz, ohne den Wechsel oder die beständige Aufhebung dieses Gesetzes – wodurch es erst wird – ausspricht. Wenn es ein beständiges Gesetz ist, dass z. B. die Produktionskosten in letzter Instanz – oder vielmehr bei der periodisch, zufällig eintreffenden Deckung von Nachfrage und Zufuhr – den Preis (Wert) bestimmen, so ist es ebenso beständiges Gesetz, dass dies Verhältnis sich nicht deckt, [dass also] Wert und Produktionskosten in keinem notwendigen Verhältnis stehen. Ja, Nachfrage und Zufuhr decken sich immer nur momentan, durch das vorhergegangene Schwanken von Nachfrage und Zufuhr, durch das Missverhältnis zwischen Produktionskosten und Tauschwert, wie diese Schwankungen und dies Missverhältnis […] wieder der momentanen Deckung folgt.“ (Marx, Aus den Exzerptheften, Ges. Ausg., I. Abt., 3. Bd., S. 530/531.) 173 wir, die Wissenschaftlichen, einige Momente willkürlich in der Form von Gesetzen fixieren.“36 So setzt sich in der kapitalistischen Produktionsweise das Wertgesetz durch. 16. Marx’ Verhältnis zu den Klassikern. Die bisherige Analyse war bemüht, aus der inneren Logik des ökonomischen Systems von Marx jenen zentralen Punkt seiner Gedanken herauszukristallisieren, der sie ihrem Inhalt nach von der Lehre der Klassiker prinzipiell unterscheidet und den originellen Beitrag zum Verständnis des ökonomischen Prozesses bedeutet. Es soll nun noch nach der formellen Seite hin der historische Standort bestimmt werden, den Marx in der Entwicklung der politischen Oekonomie und im Verhältnis zu den Klassikern sich selbst zuweist. R. Hilferding, J. Schumpeter und viele andere versichern, dass Marx nur ein „Fortsetzer“ von Ricardo wäre und als solcher sich selbst gefühlt habe. Es ist leicht, das Gegenteil zu beweisen. Schon 1844 macht er der klassischen Oekonomie zum Hauptvorwurf, dass sie durch die abstrakte Wertbetrachtung, durch die Anbetung des Wertfetischs (welche Abstraktion bei Ricardo den Gipfel der Infamie erreiche!) jeden konkreten Inhalt des ökonomischen Prozesses ausser Acht lässt. Nach 15 Jahren – in „Zur Kritik …“ (1859) – betrachtet Marx Ricardo „als Vollender der klassischen politischen Oekonomie“, weil in Ricardo die politische Oekonomie „rücksichtslos ihre letzte Konsequenz zieht und damit abschliesst“.37 Und nach weiteren 15 Jahren (1873) nennt Marx Ricardo den „letzten grossen Repräsentanten“ der politischen Oekonomie, mit welchem „die bürgerliche Wissenschaftxvi bei ihrer unüberschreitbaren Schranke angelangt“ war.38 Vom Standpunkt der theoretischen Grundlagen Ricardos konnte die bürgerliche Oekonomie nach Marx nur noch beschreibend die wirtschaftlichen Zustände oder dogmengeschichtliche Entwicklungen darstellen, aber der theoretischen Lösung der Probleme nichts von Bedeutung mehr hinzufügen. Seitdem die Arbeiterklasse in ihrem Gegensatz zur Bourgeoisie auf die historische Bühne trat, sah sich die bürgerliche politische Oekonomie zur Apologetik getrieben. Es war nach Marx somit kein Zufall, sondern Ausdruck der inneren Zwangsläufigkeit, dass die historische Richtung in der politischen Oekonomie auf die Ricardo-Schule folgte, als man „das 36 Marx, Aus den Exzerptheften, l. c., S. 531. 37 Marx, „Zur Kritik …“, S. 44. 38 [Marx, „Kapital“ I, Nachwort zur 2. Aufl., S. XII.] 174 nicht ganz unterdrückbare Gefühl wissenschaftlicher Ohnmacht … unter dem Prunk literarhistorischer Gelehrsamkeit oder durch Beimischung fremden Stoffs … zu verstehen suchte.xvii“39 Und da sollte Marx, der in Ricardo bereits den „Vollender“ gesehen, welcher die „letzte Konsequenz“ der politischen Oekonomie gezogen hatte und zu ihrer „unübersteigbaren Schranke“, zum „Abschluss“ gelangt war, selber das bereits Vollendete und Abgeschlossene noch weiter vollendet und fortentwickelt haben? Tatsächlich befindet sich Marx nach seiner eigenen Auffassung im schroffsten Gegensatz zur klassischen Lehre, und zwar nicht nur inbezug auf die Spezialtheorien (wie Lohn-, Grundrententheorie etc.), sondern gerade inbezug auf die wesentlichen Grundlagen, auf die prinzipielle Auffassung der ökonomischen Erscheinungen. Er unternimmt einen „wissenschaftlichen Versuch zur Revolutionierung einer Wissenschaftxviii“;40 er will nicht „fortsetzen“, sondern „Grundneues“xix geben.41 Dass diese „Revolutionierung“ nicht einfach etwa darin bestand, aus der Arbeitswertlehre Ricardos Konsequenzen im Interesse der Arbeiterklasse zu ziehen, dass Marx (trotz Lassalle)xx kein „Sozialist gewordener Ricardo“ war, zeigt die Kritik, die Marx an den Egalitären übt, also an jenen Vertretern der proletarischen Interessen, die zwar den „Gegensatz gegen die politische Oekonomie“ Ricardos darstellen, selber aber noch „auf der Basis der Ricardoschen Theorie“ stehen,42 deren „Gegensatz“ eben darin bestand, aus dieser Theorie Konsequenzen zu ziehen, die im proletarischen Interesse lagen.43 Wie begreift Marx also dann die „Revolutionierung“ der klassischen Erbschaft, wie begreift er sein eigenes Verhältnis zur klassischen Theorie? Wir befinden uns in der glücklichen Lage, hierüber einige höchst wichtige – 39 Marx, „Kapital“ I, p. XI. 40 Marx, Brief an Kugelmann vom 28.12.1862. 41 Marx, Brief an Engels vom 8.1.1868. – Dass Marx sich mit der blossen „Fortentwicklung“ der von den Klassikern vermachten Erbschaft nicht begnügen wollte, dafür bietet ein interessantes Zeugnis sein Brief aus einer Zeit, in der er zu seinen grundlegenden neuen ökonomischen Ansichten noch nicht gelangt war und die Idee erwog, eher das Studium der politischen Oekonomie ganz aufzugeben, als sich mit Verbesserungen im Détail zu begnügen. Unterm 2. März 1851 teilt er Engels mit, dass er beabsichtige, „[sich] auf eine andere Wissenschaft [zu] werfen. Ça commence à m’ennuyer. Au fond hat diese Wissenschaft seit Adam Smith und David Ricardo keine Fortschritte mehr gemacht, so viel auch in einzelnen Untersuchungen, oft supradelikaten, geschehen ist.“xix-a 42 Marx, „Mehrwerttheorien“ III, S. 281. 43 Ebenda, S. 309. 175 bisher freilich unbeachtet gebliebene – Anhaltspunkte zu besitzen, nämlich eine Selbstdarstellung von Marx, welche mit ungewöhnlicher Klarheit jenes Verhältnis umreisst und dabei jenes Element besonders unterstreicht, welches er selbst als das ihn von den Klassikern wesentlich Unterscheidende betrachtet: Nachdem M. in „Zur Kritik …“ im Anfangskapitel zuerst den Doppelcharakter der Ware entwickelt hat, gibt er im Abschnitt „Historisches“ zur Analyse der Ware eine Charakteristik seiner theoretischen Position und ihres Verhältnisses zu den Vorgängern. In stolzem Bewusstsein der Tragweite seiner wissenschaftlichen Entdeckung sagt er darüber: „Die Analyse der Ware auf Arbeit in Doppelform, des Gebrauchswerts auf reale Arbeit oder zweckmässig produktive Tätigkeit, des Tauschwerts auf Arbeitszeit oder gleiche gesellschaftliche Arbeit, ist das kritische Endergebnis der mehr als anderthalbhundertjährigen Forschungen der klassischen politischen Oekonomie, die in England mit William Petty, in Frankreich mit Boisguillebert beginnt, in England mit Ricardo, in Frankreich mit Sismondi abschliesst.“ Diese Namen sind von Marx nicht aufs Geratewohl hingeschrieben worden; sie sollen vielmehr zwei verschiedene Entwicklungsreihen der politischen Oekonomie, nämlich der englischen und der französischen, charakterisieren, deren Höhepunkte dort mit Ricardo und hier mit Sismondi gegeben sind, und zugleich den „nationalen Kontrastxxi zwischen englischer und französischer politischer Oekonomie“ darstellen.44 Worin besteht dieser Kontrast der beiden Auffassungen? Folgen wir der Marx’schen Schilderung: Der Engländer Petty beschäftigt sich vornehmlich mit dem Tauschwert, wenn er ihn nur in der Form des Geldes analysiert.45 Anders der Franzose Boisguillebert: „Im Kontrast zu Petty, kämpft er fanatisch an gegen das Geld “. – „Boisguillebert sieht in der Tat nur auf den stofflichen Inhalt des Reichtums, den Gebrauchswert“.46 Und Marx unterstreicht diese Verschiedenheit der Auffassungen: „Hier springtxxii der tiefere prinzipielle Gegensatz hervor, der sich als beständiger Kontrast 44 Marx, „Zur Kritik …“, S. 33. 45 „Den Tauschwert […] nimmt er wie er im Austauschprozess der Waren erscheint, als Geld […].“ (Ebenda, S. 35.) 46 Ebenda, S. 36. – Aehnlich wird von den Physiokraten gesagt, sie fassen den Mehrwert richtig als Produkt der Arbeit des Lohnarbeiters, „obgleich sie diese Arbeit selbst wieder in der konkreten Form fassen, worin sie sich in den Gebrauchswerten darstellt.“ (Marx, „Mehrwerttheorien“ I, S. 55.) – „Sie betrachten also den Gebrauchswert der Arbeit, nicht die allgemein gesellschaftliche Arbeit, nicht die Arbeitszeit“.xxi-a (Ebenda, I, S. 148.) 176 zwischen echt englischer und echt französischer Oekonomie wiederholt.“47 „Derselbe Kontrast wiederholt sich abschliessend in Ricardo und Sismondi.“48 Es handelt sich um den Kontrast zweier Auffassungen, deren eine den Tauschwert, die andere den Gebrauchswert zum Hauptobjekt nimmt, – jede also nur die eine Seite der realen Wirklichkeit erfasst. Erst aus der Perspektive dieses historischen Hintergrundes tritt die eigentliche theoretische Position von Marx in scharfen Umrissen hervor, wird begreifbar, was es bedeuten soll, wenn Marx seine Entdeckung der Doppelform der Arbeit als „das kritische Endergebnis der mehr als anderthalbhundertjährigen Forschungen der politischen Oekonomie“ bezeichnet, die in England mit Ricardo, in Frankreich mit Sismondi „abschliesst“. Jeder dieser Namen bedeutet den Abschluss der betreffenden einseitigen Richtungen, deren weitere Entwicklung in ihrer Einseitigkeit nicht mehr möglich war. Die Marx’sche Lehre ist die kritische Synthese und als solche erst eine Fortentwicklung beider Richtungen. So zeigt die Analyse, dass die Lehre vom Doppelcharakter der Arbeit nicht nur inhaltlich das charakteristische Neue der Marx’schen Oekonomie ist, sondern dass auch formell Marx eben diese Lehre wiederholt als seine originelle „grundneue“ Leistung bezeichnet hat, – so 1859 in „Zur Kritik …“, so 1867 im „Kapital“ I, S. 8xxiii, so endlich 1868 im Brief vom 8.1. an Engels. Es ist auffallend, dass Marx, der sonst seine grossen wissenschaftlichen Leistungen mit ungewöhnlicher Bescheidenheit einfach feststellt, bezüglich der Doppelform der Arbeit immer wieder besonders betont, dass er „zuerst“ diese Entdeckung „kritisch nachgewiesen“ hat, dass diese Entdeckung das „kritische Endergebnis“ einer langen historischen Forschungsarbeit ist, dass sie den „Springpunkt“ darstellt, um den sich das Verständnis der politischen Oekonomie dreht, dass sie „das Grundneue“ gegen- über seinen Vorgängern „ohne Ausnahme“ darstellt und das ganze „Geheimnis der kritischen Auffassung“ bildet, endlich dass man ohne die Unterscheidung dieser Doppelform der Arbeit „überall auf Unerklärliches stossen“ muss.49 47 Marx, „Zur Kritik …“, S. 36. 48 Ebenda, S. 33. 49 In den obigen Wendungen: Ich habe zuerst „kritisch“ nachgewiesen; dies ist das „kritische Endergebnis“; das ist das ganze Geheimnis der „kritischen“ Auffassung etc. wird das Adverbium „kritisch“, ähnlich wie im Untertitel des „Kapital“, das eine „Kritik“ der politischen Oekonomie sein soll, nicht in dem banalen Sinn einer Kritik der bestehenden Gesellschaftsordnung verwendet, wie man- 177 Diese bei Marx ungewöhnliche Häufung von Hinweisen, die das Neue seiner Leistung unterstreichen, erweckt den Eindruck, als wenn Marx geahnt hätte und dem vorbeugen wollte, dass dieser neue und daher ungewohnte Gesichtspunkt missverstanden wird. Nichtsdestoweniger zeigt das Schicksal der Marx’schen Lehre, dass auch der grösste Genius von der Kleinheit seiner Epigonen bewältigt werden kann. Was Marx 1868 „sonderbar“ vorkam, der Umstand, dass Dühring das Grundneue des Buches nicht „herausgefühlt“ hat, nämlich nicht merkte, dass der Faktor der Doppelnatur der Arbeit dem ganzen Marx’schen Gedankengebäude seinen zweigleisigen Stempel aufdrückt, dieses „Sonderbare“ hat sich während der seither vergangenen 70 Jahre stets von Neuem wiederholt; und zwar hat man nicht nur dieses Grundneue nicht herausgefühlt, sondern noch alles getan, um es aus dem Marx’schen Gedankengut auszumerzen. Nicht hier ist der Ort, um die tieferen historischen Ursachen dieses Phänomens darzustellen; wir begnügen uns hier mit der Feststellung der Tatsache: Die praktischen und theoretischen Erscheinungen der Verbürgerlichung machten sich in der Vorkriegssozialdemokratie so stark fühlbar, – man war so sehr in die reine Wertbetrachtung der bürgerlichen Oekonomie hineingewachsen, dass der repräsentativste Theoretiker dieser Sozialdemokratie, R. Hilferding, es sich leisten konnte, durch vergewaltigende Interpretationskunststücke die Lehre von der Doppelnatur der Arbeit aus der Marx’schen Theorie einfach zu verbannen! Hilferding’s Deutung der Marx’schen Lehre vom Gegensatz zwischen Wert und Gebrauchswert ist ein höchst wichtiges und charakteristisches Beispiel für das interessante soziologische Phänomen der Transformation des ursprünglichen Sinnes einer Theorie, die formell übernommen wird, der aber ein direkt entgegengesetzter Sinn unterschoben wird. Nach Marx ist die einzelne Ware – als Zelle der kapitalistischen Warenwelt – eine Toche „revolutionäre“ Schriftsteller wollen, sondern in demselben Sinne, in welchem Marx Ad. Smith und Ricardo „klassische, deshalb kritische Oekonomen“ genannt hat (s. oben)xxiii-a, d. h. Oekonomen, die hinter den verdinglichten Werterscheinungen ihr „Wesen“, ihren „verborgenen Zusammenhang“ suchen, – „kritisch“ in dem Sinne, wie Feuerbach „die Kritik der Religion vollendete“xxiii-b und „zur Kritik […] aller Metaphysik die grossen und meisterhaften Grundzüge entwarf “, indem er den metaphysischen absoluten Geist in den „wirklichen Menschen auf der Grundlage der Natur“ auflöste (Marx, „Heilige Familie“, Gesamtausg., I. Abt., Bd. 3, S. 316), endlich in dem Sinne „kritisch“, wie das die Briefe von Marx an Ruge (1843)xxiii-c und über Proudhon (1865)xxiii-d formulieren, nämlich dass die Theorie keine willkürliche Konstruktion a priori zu sein hat, sondern aus der Analyse der tatsächlichen Bewegung gewonnen werden muss.xxiii-e 178 talität von Wert und Gebrauchswert, welche eine Einheit und zugleich einen „immanenten Gegensatz“50 darstellen: und dieser objektive Gegensatz und Widerspruch kommt dann in den Krisen zum Ausdruck; er potenziert sich mit der Entwicklung des Kapitalismus sogar, weil nämlich die objektiven „Widersprüche von Gebrauchswert und Wertxxiv … um so grössere Dimensionen annehmen, je weiter sich die Produktivkraft entwickelt.“51 Bei Hilferding bleibt von alledem keine Spur. Der „immanente Gegensatz“ wird zu einem scheinbaren: er ist „eine Dichotomie, wo die Setzung des einen Gliedes das andere ausschliesst“! Als Gebrauchswert ist nämlich die Ware ein natürliches Ding und als Wert ein gesellschaftliches Ding.52 So zeige es sich, dass der Gegensatz „nur ein Gegensatz der Betrachtungsweise“ ist. „Als natürliches Ding ist sie (die Ware) Gegenstand der Naturwissenschaft, als gesellschaftliches Ding Gegenstand einer Gesellschaftswissenschaft, der politischen Oekonomie.“ Gegenstand der politischen Oekonomie bildet somit nur die Wertseite der Ware, „während ihre natürliche Seite, der Gebrauchswert, jenseits der Betrachtungsweisexxv der politischen Oekonomie liegt.“53 So ist man denn wieder bei der reinen Wertbetrachtung, bei dem Wertfetisch, angelangt! Es wird von einem Scheingegensatz zwischen der naturwissenschaftlichen und ökonomischen „Betrachtungsweise“ gesprochen, wo Marx einen objektiven, „immanenten Gegensatz“ zwischen Wert und Gebrauchswert innerhalb der politischen Oekonomie – in der Ware, in der Krise etc. – feststellte. Aus einem objektiven Gegensatz, der in der kapitalistischen Wirklichkeit besteht, macht Hilferding einen subjektiven Gegensatz, einen solchen der „Betrachtungsweisen“, womit er ihn aus der kapitalistischen Wirklichkeit wegräsoniert. Dabei wird dieser Gegensatz aber noch aus der Betrachtungsweise ausgemerzt: Indem nämlich Hilferding den Gebrauchswert in die „Betrachtungsweise“ der Naturwissenschaft verbannt, verbleibt für die „Betrachtungsweise“ der politischen Oekonomie allein der Wert; der Gegensatz ist damit überhaupt verschwunden; an Stelle eines „immanenten Gegensatzes“ zweier Elemente ist nur eines dieser Elemente geblieben. Während das Wesen jedes Gegensatzes „nichts anderes ist als die Bewegung seiner beiden Seiten“,54 wird von Hilferding der Gegensatz zweier Elemente in ein einziges Element ohne Gegensatz transformiert. Daher gilt Hilferding gegenüber buchstäblich das, was Marx der 50 Marx, „Kapital“ I, [S. 75]. 51 Marx, „Mehrwerttheorien“ III, S. 55. 52 R. Hilferding, „Böhm-Bawerks Marx-Kritik“, Wien 1904, S. 8/9. 53 Ebenda, S. [9]. 54 Marx, „Heilige Familie“, Gesamtausg., I. Abt., Bd. 3, S. 205. 179 Ricardo-Schule, J. Mill und MacCullochxxvi zum Vorwurf machte: dass sie die „reellen Widersprüche“ nicht reell lösen, sondern mit Worten erledigen. „Es ist hier also keine Lösung in der Sache, sondern nur ein spezifisches Wegräsonieren der Schwierigkeiten, also nur Scholastik.xxvii“ „Wo das ökonomische Verhältnis – also auch der Kategorien, die es ausdrücken – Gegensätze einschliesst, Widerspruch und eben die Einheit von Widersprüchen ist, hebt er (der Apologet) das Moment der Einheit der Gegensätze auf und leugnet die Gegensätze.xxviii“55 – „Es ist immer dieselbe Logik. Wenn ein Verhältnis Gegensätze einschliesst, so ist es also … Einheit von Gegensätzen. Es ist daher Einheit ohne Gegensatz.“56 Auf diese Weise ist es Hilferding gelungen, die Marx’sche Theorie vom Doppelcharakter der Arbeit, vom Illusionismus der reinen Wertbetrachtung wieder in eine Lehre von der reinen Wertbetrachtung im Sinne der Klassiker zurückzuverwandeln, womit selbstverständlich auch das „Grundneue“ und der „Springpunkt“ der Marx’schen Leistung mitbegraben wurden und Marx selbst nicht mehr sein durfte, was er war: ein prinzipieller und unerbittlicher Gegner der Klassiker und der reinen Plusmacherei, sondern nur noch als der „höchste Ausdruck“ der klassischen Theorie gelten durfte! Nach welch herostratischer Grosstat Hilferding dann der Welt verkünden konnte, dass die Wirklichkeit des Kapitalismus zu begreifen nichts anderes heisst, als seine „Erscheinungen in das theoretische System der klassischen Nationalökonomie einzureihen“.57 55 Marx, „Mehrwerttheorien“ III, S. 98/99. 56 Ebenda, S. 114/115. 57 R. Hilferding, „Das Finanzkapital“, Wien 1910, Vorrede, S. VII. – Dass es sich beim Hilferding’schen Leugnungsversuch der Gegensätze nicht bloss um ein isoliertes, individuelles Bemühen handelt, dass er vielmehr ein charakteristisches Symptom einer ganz bestimmten Denkrichtung ist, wird verständlich, wenn man sich an die Geschichte der Dialektik, der Lehre von der Entwicklung in Gegensätzen erinnert. Ihre Anfänge reichen weit in das griechische Altertum hinein, und die Elemente derselben finden sich bereits in der Philosophie des Zeno von Elea sowie des Herakleitos vor. Wenn indess trotzdem die Dialektik nicht weiter entwickelt wurde und die Begriffslehre der formalen aristotelischen Logik sich bis auf Hegel fast unerschüttert erhalten konnte, so ist die Erklärung dafür, nach einer tiefen Bemerkung Croce’s, in der in allen Epochen der Geschichte vorhandenen Furcht der Besitzenden und der mit ihnen verschmolzenen Intellektuellen vor den realen Gegensätzen des wirklichen Lebens zu suchen. „Die Realität dieser Gefahr war der Grund, dass der menschliche Geist von jeher – wenn auch, ohne sich dessen ausdrücklich bewusst zu werden – sich mit dem Problem der Gegensätze abgequält hat. Und eine der Lösungen, an die man sich im Laufe der Jahrhunderte angeklammert hielt, ist diejenige gewesen, die Gegensätze vom philosophischen Begriff auszuschliessen, indem man darauf bestand, dass die gefährliche logische Kategorie der Gegensätze oder Widersprüche 180 Anhang: Konkrete Illustration der Theorie am Beispiel der Berechnung der Profitrate. Die ganze Tiefe und Originalität der oben entwickelten Marx’schen Auffassung wird besonders deutlich bei der Analyse des Reproduktionsprozesses. Hier soll noch der Einfluss des Wertwechsels auf die Profitgrösse und die Profitrate untersucht werden. Es zeigt sich, dass sogar hier, wo wir noch innerhalb der Wertbetrachtung sind, man sie ohne Berücksichtigung der technologischen Zusammensetzung des Kapitals, d. h. der stofflichen Proportionen der Produktionselemente, nicht verstehen und nicht feststellen kann, weil die Wertform für sich allein genommen irreführend ist und den realen Inhalt des Produktionsprozesses nicht widerspiegeln kann. Dieselben Wertausdrücke können ganz verschiedene reale Inhalte ausdrücken, wie umgekehrt derselbe reale ökonomische Inhalt durch ganz verschiedene Wertausdrücke erfasst werden kann. Nichts illustriert besser den originellen Marx’schen Gedanken als die 15 Seiten der „Mehrwerttheorien“,58 die den „Einfluss des Wertwechsels auf die organische Zusammensetzung des Kapitals“ behandeln. Es ist gegeben ein Gesamtkapital von 100 £, und zwar: ein konstantes Kapital von 80 £, ein variables Kapital von 20 £. Bei einer hundertprozentigen Mehrwertrate beträgt der Mehrwert 20 £ und die Profitrate 20 % (Fall I). Es handelt sich nun darum, den Einfluss des Wertwechsels, z. B. der Verteuerung (resp. der Verbilligung) der Produktionselemente auf die Grösse des Profits und der Profitrate zu fixieren, wobei vorausgesetzt ist, dass die Verteuerung entweder nur die Lebensmittel (d. h. die Elemente des variablen Kapitals) (Fall IV) oder nur die Elemente des konstanten Kapitals trifft (Fall III), oder sowohl das konstante als auch das variable Kapital ergreift, und zwar beide gleichmässig proportionell affiziert (Fall II), oder endlich, dass der Wertwechsel zwar gleichzeitig konstantes und variables Kapital, aber nicht gleichmässig proportionell, sondern in verschiedenem Grade ergreift (Fall V). Dabei sind in allen diesen Fällen alle anderen Voraussetzungen stets unverändert, insbesondere wird angenommen, dass der technologische Arbeitsprozess, daher auch die technologische Zusammensetzung des Kapitals, stets dieselben bleiben. Das heisst: „Es wird nach wie vor dieselbe Arbeiterzahl erheischt (‚dieselbe Masse lebendiger Arbeit‘ – H. G.),xxix nicht existiere. Die Tatsache freilich bewies […] direkt das Gegenteil; aber diese Tatsache leugnete man ab und von den beiden Termini nahm man nur einen an, indem man den anderen als Täuschung erklärte“. (Benedetto Croce, „Lebendiges und Totes in Hegels Philosophie“, Heidelberg 1909, S. 10.) 58 Marx, „Mehrwerttheorien“ II/2, S. 218–232. 181 um … dieselbe Masse Maschinerie, Werkzeuge usw. in Bewegung zu setzen.“ (Mwth. II/2, S. 218). Schon der äussere Anblick der fünf Tabellen (S. 224 ff. [bis] 230) zeigt uns ein originelles Bild: Es werden in diesen Tabellen nicht bloss Werte, sondern parallel mit ihnen auch die durch diese Werte dargestellten Gebrauchsdinge fortlaufend notiert; es kommt schon äusserlich der doppelte Gesichtspunkt zum Ausdruck, unter welchem Marx die ökonomischen Prozesse betrachtet. Sehen wir uns den auf Seite 220 behandelten Fall IV an, wo die Verteuerung nur das variable Kapital betrifft: Konstantes Kapital Variables Kapital Profit Mehwertrate Profitrate 80 £ (= 1600 Pfund Baumwolle) 20 £ (= 20 Arbeiter) 20 £ = 100 % = 20 % Wir sehen: Es wird nicht bloss der Wert des konstanten Kapitals c angegeben, sondern zugleich die Menge der Waren (z. B. 1600 Pfund Baumwolle), die dieses Kapital darstellt; nicht nur der Wert des variablen Kapitals v, sondern zugleich die Zahl der Arbeiter, die es repräsentiert, damit also auch die Menge der Arbeit, die es darstellt. Folgt nun eine Steigerung des Lohnes um 10 %, von 20 £ auf 22 £, so könnte die neue Wertzusammensetzung des Kapitals: 80 c + 22 v, wenn wir das Problem lediglich dem Werte nach betrachten, zu der Annahme führen, dass wir im Vergleich zur Ausgangssituation eine arbeitsintensivere Produktion haben, die daher einen grösseren Mehrwert (Profit) als im ursprünglichen Fall liefern wird, und zwar wäre bei einer Mehrwertrate von 100 % – nach der üblichen Profitrechnung – ein Profit von 22 £, d. h. 21.56 %, statt wie bisher 20 % zu erwarten. Diese Annahme muss ausgeschieden werden: Da der technologische Prozess unverändert bleibt, so bedeutet der veränderte Wertausdruck allein keine niedrigere organische Zusammensetzung des Kapitals; dieselbe Arbeiterzahl liefert nach wie vor dieselbe Arbeitsmenge (40) und bewegt dieselbe Masse von Rohstoff und Maschinerie. Steigt somit der bezahlte Teil des Arbeitstages von 20 auf 22, so heisst das, dass der unbezahlte Teil kleiner wird (18 statt 20). Die Mehrwertrate kann somit nicht 100 % betragen. Sie sinkt von 100 % auf 81.81 %. Zweitens könnte angenommen werden, dass die Verteuerung der Arbeitskraft bloss die Wirkung haben wird – da die realen Bedingungen der Produktion nicht geändert wurden, und nun dieselbe Masse von Produkt mit 80 c + 22 v produziert wird –, dass nach wie vor dieselbe Profitmasse von 20 182 erzielt wird, die auf ein gewachsenes Kapital von 102 berechnet, eine Profitrate von nur 19.6 % (statt wie bisher 20 %) ergibt. Die Profitrate würde sinken, weil nach der Verteuerung des Arbeitslohnes das vorgeschossene Kapital von 100 auf 102 gewachsen ist. Trotz der scheinbaren Richtigkeit des obigen Räsonnements ist die berechnete Profitrate von 19.6 % falsch. Denn es zeigt sich, drittens, dass infolge der Verteuerung von v um 10 % pro jede 100 £ vorgeschossenes Kapital nun nicht mehr 80 £ auf das konstante Kapital, sondern bloss 78 22/51 £ verausgabt werden können, da nun auf den Lohn 2129/51 £ entfallen. Da aber die erforderlichen technologischen Proportionen unverändert sind, so zieht die mengenmässige Verminderung eines Produktionsfaktors, hier des konstanten Kapitals (Baumwolle), notwendig eine entsprechende Verminderung der anderen Produktionsfaktoren, hier der Arbeiterzahl, nach sich: Weil weniger Baumwolle als vorher zu verspinnen ist, so sind nun auch weniger als 20 Arbeiter erforderlich.59 Um wieviel weniger Arbeit jetzt neu zugesetzt wird, zeigt sich aus folgendem: 78 22/51 c + 21 29/51 v + 17 33/51 m = Produktwert 117 33/51. Vorher betrug die neu zugesetzte Arbeit 20 v + 20 m = 40; nun bloss: 21 29/51 v + 17 33/51 m = 39 11/51, d. h. 40/51 weniger. Die Profitrate fiel von 20 % nicht auf 19,6 %, sondern tiefer – auf 17.64 %. Das Ergebnis: Die Profitrate fiel nicht nur, weil die notwendige Arbeit teurer bezahlt, daher die Masse der Mehrarbeit kleiner wurde. Vielmehr fiel die Profitrate aus doppeltem Grunde: auch deshalb nämlich, weil im Verhältnis zum ausgelegten Kapital – obwohl die Produktionsweise unveränderlich blieb – nun nach der Verteuerung der Lohnarbeit pro 100 Kapital weniger Arbeiter beschäftigt werden können, wie die Betrachtung der technologischen, stofflichen Seite des Produktionsprozesses zeigt. * * * Typoskript (44 S., aus insges. VII u. 192 S.) / ohne Datierung [1937] / APAN, III– 155: 18 [rekonstruierte Fassung] / Originaltitel: Marx und die Klassische Oekonomie oder Die Lehre vom Wertfetisch. [Auszug: S. 148–192.] i E. Bernstein: Gemeint ist Bernsteins Rezension zu: Marx-Studien. Blätter für Theorie und Politik des wissenschaftlichen Sozialismus. Hrsg. von Max Adler und Rudolf Hilferding. Bd. I. Wien 1904. [Unterzeichnet:] Ed[uard] B[ernstein]. In: Documente des Socialismus. Hefte für Geschichte, Urkunden und Bibliographie 59 Diese geringe Menge der Arbeit wird aber 10 % teurer gezahlt, sodass das variable Kapital statt 20 £ nun 21 29/51 beträgt; es verhalten sich nämlich 18 : 22 wie 17 33/51 : 21 29/51. Dieser grössere Wertausdruck von v repräsentiert somit eine kleinere Arbeitsmenge. (Vgl. „Mehrwerttheorien“ II/2, S. 220.) 183 des Socialismus. Hrsg. von Eduard Bernstein. Stuttgart 1904. Bd. IV. H. 4. S. 153–158. i-a „Die Waren … Wertform.“: Bei Marx im Orig.: „Sie erscheinen daher nur als Waaren oder besitzen nur die Form von Waaren, sofern sie Doppelform besitzen, Naturalform und Werthform.“ [MEGA2 II/8. S. 78.] ii „Verschiedenheit der stofflichen Gestalt“: Bei Marx im Orig.: „Verschiedenheit der stofflichen Gestalten“ [Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. Zweiter Band. Buch II: Der Cirkulationsprocess des Kapitals. Hrsg. von Friedrich Engels. Hamburg 1885. S. 145]. iii „Masse der Lebensmittel“: Bei Marx im Orig.: „Masse dieser Lebensmittel“ [MEGA2 II/8. S. 492]. iv „Wert dieser Masse“: Im Ts.: Wert dieser Masse. v von der Bestimmung: Bei Marx im Orig. (i. e. in der Edition Kautskys): „von der Wichtigkeit der Bestimmung“ [Theorien über den Mehrwert. Aus dem nachgelassenen Manuskript „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ von Karl Marx. Hrsg. von Karl Kautsky. II. David Ricardo. Zweiter Teil. Stuttgart 1905. S. 258]. vi „für die Gesellschaft … Arbeitsprodukt“,: Bei Hilferding im Orig.: „Für die Gesellschaft, die ja nichts eintauscht, ist aber die Ware nichts als Arbeitsprodukt.“ [Hilferding, Rudolf: Böhm-Bawerks Marx-Kritik. In: Marx-Studien. Blätter zur Theorie und Politik des wissenschaftlichen Sozialismus. Hrsg. von Max Adler u. Rudolf Hilferding. Erster Band. Wien 1904. S. 9.] Im Ts.: „für die Gesellschaft, die garnicht austauscht, die Ware nichts als Arbeitsprodukt, … vii … In verschiedenen … ist.: Bei Marx im Orig. (i. e. in der Edition Kautskys): „Übrigens ist in den verschiedenen Produktionssphären, worin dieselbe Akkumulation von Kapital stattfindet (auch dieses ist wieder eine schlechte Voraussetzung, daß das Kapital in den verschiedenen Gewerben in gleichem Verhältnis akkumuliert), die Masse des Produkts, die dieser Vermehrung des angewandten Kapitals entspricht, sehr verschieden, indem die Produktivkraft in den verschiedenen Gewerben oder die Masse der produzierten Gebrauchswerte im Verhältnis zur angewandten Arbeit sehr verschieden ist.“ [Theorien über den Mehrwert. Aus dem nachgelassenen Manuskript „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ von Karl Marx. Hrsg. von Karl Kautsky. III. Von Ricardo zur Vulgärökonomie. Stuttgart 1910. S. 137/138.] viii „Inquiry“ von 1821: An Inquiry into those Principles, respecting the Nature of Demand and the Necessity of Consumption, lately advocated by Mr. Malthus, etc. London 1821. ix C: Im Ts.: V. x „Die Aufgabe … verwirklicht.“: Handschriftliche Notiz am Seitenrand: Rückübersetzung aus dem Englischen / nachsehen das Original. – In der englischen Fassung lautet die Textpassge: „The science consists precisely in working out how the law of value operates.“ [Marx, Karl: Letters to Dr. Kugelmann. New York 1934. S. 74.] In einer zeitgenössischen deutschen Version: „Die Wissenschaft besteht eben darin, zu entwickeln, wie das Wertgesetz sich durchsetzt.“ [Marx, 184 Karl: Briefe an Kugelmann. Mit einer Einleitung von N. Lenin. Berlin 1924. S. 45.] xi 69.000 t: Im Ts.: 68½000 t. Bei Kunze im Orig.: „69.000 t“ [Kunze, Walther: Der Aufbau des Phoenix-Konzerns. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Hohen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt a. Main. [Frankfurt a. M.] 1926. S. 28]. xi-a S. 23 u. 43.: Grossmann zitiert aus: Groll, Heinrich: Der Schuhindustriebetrieb und sein Produktionsprozeß. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der wirtschaftswissenschaftlichen Doktorwürde vorgelegt der hohen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt a. Main. [Frankfurt a. M.] 1926. S. 43; und gibt im folgenden eine Zusammenstellung aus dessen Tabellen auf S. 23/24. xii Schärferin: Berufsbezeichnung in der industriellen Schuhproduktion für die Tätigkeit des Abflachens der Kanten der Obermaterialteile an der Schärfmaschine („schärfen“). Im Ts.: Schäferin xiii Buggerin: Berufsbezeichnung in der industriellen Schuhproduktion für die Tätigkeit des Einschlagens der Kanten des Obermaterials an der Buggmaschine („buggen“). xiv willkürlichem, zufälligem: Im Ts.: willkürlichem zufälligem. xiv-a Die Warenbesitzer … macht,: Bei Marx im Orig.: „Unsre Waarenbesitzer entdecken daher, dass dieselbe Theilung der Arbeit, die sie zu unabhängigen Privatproducenten […] macht, […].“ [MEGA2 II/8. S. 131.] xiv-b „… da sich die … kann.“: Bei Marx im Orig.: „[…] worin sich die Regel nur als blindwirkendes Durchschnittsgesetz der Regellosigkeit durchsetzen kann.“ [MEGA2 II/8. S. 126.] xiv-c der: Bei Marx im Orig.: „von“ [Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. Zweiter Band. Buch II: Der Cirkulationsprocess des Kapitals. Hrsg. von Friedrich Engels. Hamburg 1885. S. 496]. xv Nationalökonomen: Bei Marx im Orig.: „Nationalökonomie“ [Marx, Karl: Aus den Exzerptheften. In: Marx, Karl, Friedrich Engels: Historisch-kritische Gesamtausgabe. Werke/Schriften/Briefe. Im Auftrage des Marx-Engels-Instituts Moskau hrsg. von V. Adoratskij. Erste Abteilung. Band 3: Die heilige Familie und Schriften von Marx von Anfang 1844 bis Anfang 1845. Berlin 1932. S. 531]. xvi die bürgerliche Wissenschaft: Bei Marx im Orig.: „die bürgerliche Wissenschaft der Oekonomie“ [MEGA2 II/8. S. 50]. xvii das nicht ganz … verstehen suchte.: Bei Marx im Orig. (dort auf die Entwicklung der politischen Ökonomie in Deutschland bezogen): „Das nicht ganz unterdrückbare Gefühl wissenschaftlicher Ohnmacht und das unheimliche Gewissen, auf einem in der That fremdartigen Gebiet schulmeistern zu müssen, suchte man zu verstecken unter dem Prunk literarhistorischer Gelehrsamkeit oder durch Beimischung fremden Stoffes, entlehnt den sog. Kameralwissenschaften, einem Mischmasch von Kenntnissen, deren Fegfeuer der hoffnungslose Kandidat deutscher Bureaukratie zu bestehn hat.“ [MEGA2 II/8. S. 49.] 185 xviii wissenschaftlichen Versuch … Wissenschaft: Bei Marx im Orig.: „Wirklich populär können wissenschaftliche Versuche zur Revolutionierung einer Wissenschaft niemals sein.“ [Marx, Karl: Briefe an Kugelmann. Mit einer Einleitung von N. Lenin. Berlin 1924. S. 15.] In der von Grossmann herangezogenen englischen Fassung: „Scientific attempts to revolutionise a science can never be really popular.“ [Marx, Karl: Letters to Dr. Kugelmann. New York 1934. S. 24.] xix nicht „fortsetzen“, sondern „Grundneues“: Als wörtliches Zitat finden sich die beiden Begriffe in dem genannten Brief nicht. Auf Dühring bezogen heißt es dort lediglich: „Sonderbar ist es, daß der Kerl die drei grundneuen Elemente des Buches nicht herausfühlt.“ [Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx. 1844 bis 1883. Hrsg. von A. Bebel u. Ed. Bernstein. Bd. IV. Stuttgart 1913. S. 6.] xix-a Grossmann zitiert nach: Marx, Karl, Friedrich Engels: Historisch-kritische Gesamtausgabe. Werke/Schriften/Briefe. Im Auftrage des Marx-Engels-Instituts Moskau hrsg. von D. Rjazanov. Dritte Abteilung. Band 1: Der Briefwechsel zwischen Marx und Engels 1844–1853. Berlin 1929. S. 180. [MEGA2 III/4. S. 85. Dort unter der korrigierten Datumsangabe: 2. April 1851.] xx (trotz Lassalle): Grossmann hatte auf S. 21 des Ts. die Auffassung kritisiert, nach der Marx als „ein ‚Sozialist gewordener Ricardo‘“ anzusehen sei, und dazu in einer Fußnote notiert: „Es ist F. Lassalle gewesen, der diesen irreleitenden Ausdruck zuerst prägte. In einem Briefe an Marx über dessen in Vorbereitung befindliches Werk schreibt er (12.5.1851): ‚Darum […] verlangt es mich so, das dreibändige Ungeheuer des Sozialist gewordenen Ricardo … zu sehen. Missverstehe mich nicht, wenn ich sage Sozialist gewordener Ricardo. Aber ich halte in der Tat Ricardo für unsern unmittelbaren Vater.‘ (Nachlass, Bd. IV, S. 30 [/31])“. [MEGA2 III/4. S. 377.] xxi Kontrast: Bei Marx im Orig.: „Kontrastes“ [Marx, Karl: Zur Kritik der politischen Ökonomie. Hrsg. von Karl Kautsky. Zweite, vermehrte Neuausgabe. Stuttgart 1907. S. 33]. xxi-a „Sie betrachten … Arbeitszeit“.: Bei Marx im Orig. (i. e. in der Edition Kautskys): „Sie betrachten also den Gebrauchswert der Arbeit, nicht die Arbeitszeit, die allgemein gesellschaftliche Arbeit, die die einzige Quelle des Wertes ist.“ [Theorien über den Mehrwert. Aus dem nachgelassenen Manuskript „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ von Karl Marx. Hrsg. von Karl Kautsky. I. Die Anfänge der Theorie vom Mehrwert bis Adam Smith. Stuttgart 1905. S. 148.] xxii Hier springt: Bei Marx im Orig.: „[…] springt hier jedoch zugleich“ [Marx, Karl: Zur Kritik der politischen Ökonomie. Hrsg. von Karl Kautsky. Zweite, vermehrte Neuausgabe. Stuttgart 1907. S. 36]. xxiii S. 8: Im Ts.: 8. Offenbar gemeint ist Marx’ Bemerkung über den „Doppelcharakter der in den Waaren dargestellten Arbeit“: „Diese zwieschlächtige Natur der in der Waare enthaltenen Arbeit ist zuerst von mir kritisch nachgewiesen worden. Da dieser Punkt der Springpunkt ist, um den sich das Verständniß der politischen Oekonomie dreht, soll er hier näher beleuchtet werden.“ [MEGA2 II/8. S. 73.] 186 xxiii-a (s. oben): Im Ts.: S. 44, Anm. 2. [Dort unter Verweis auf: Theorien über den Mehrwert. Hrsg. von Karl Kautsky. III. S. 575.] xxiii-b „die Kritik der Religion vollendete“: Bei Marx im Orig.: „vollendete die Kritik der Religion“ [Engels, Friedrich, Karl Marx: Die heilige Familie, oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer & Consorten. In: Marx, Karl, Friedrich Engels: Historisch-kritische Gesamtausgabe. Werke/Schriften/Briefe. Im Auftrage des Marx-Engels-Instituts Moskau hrsg. von V. Adoratskij. Erste Abteilung. Band 3: Die heilige Familie und Schriften von Marx von Anfang 1844 bis Anfang 1845. Berlin 1932. S. 316]. xxiii-c Marx an Ruge (1843): Gemeint ist offenbar: Karl Marx an Arnold Ruge, September 1843. In: Deutsch-Französische Jahrbücher. Hrsg. von Arnold Ruge und Karl Marx. Lfg. 1/2. Paris 1844. S. 36–40. [MEGA2 III/1. S. 54–57.] xxiii-d über Proudhon (1865): Gemeint ist: Marx, Karl: Ueber P. J. Proudhon [Brief an Johann Baptist von Schweitzer.] In: Der Social-Demokrat. Organ des Allgemeinen deutschen Arbeiter-Vereins. Berlin. Nr. 16. 1. Februar 1865. S. 2/3; Nr. 17. 3. Februar 1865. S. 2/3; Nr. 18. 5. Februar 1865. S. 2/3. Wiederabgedruckt in: Marx, Karl: Das Elend der Philosophie. Antwort auf Proudhons „Philosophie des Elends“. Deutsch von E. Bernstein und K. Kautsky. Mit Vorwort und Noten von Friedrich Engels. Stuttgart 1885. S. XXVI–XXXVI. [MEGA2 I/20. S. 60–67.] xxiii-e muss.: Im Ts.: muss (S. oben S. ). xxiv Wert: Bei Marx im Orig. (i. e. in der Edition Kautskys): „Tauschwert“ [Theorien über den Mehrwert. Hrsg. von Karl Kautsky. III. S. 55]. xxv der Betrachtungsweise: Bei Hilferding im Orig.: „des Betrachtungskreises“ [Hilferding, Rudolf: Böhm-Bawerks Marx-Kritik. In: Marx-Studien. Blätter zur Theorie und Politik des wissenschaftlichen Sozialismus. Hrsg. von Max Adler u. Rudolf Hilferding. Erster Band. Wien 1904. S. 9]. xxvi MacCulloch: Im Ts.: Mc Culloch. xxvii Es ist hier … Scholastik.: Bei Marx im Orig. (i. e. in der Edition Kautskys): „Es ist hier also keine Lösung in der Sache, sondern nur ein spezifisches Wegräsonieren der Schwierigkeit möglich, also nur Scholastik.“ [Theorien über den Mehrwert. Hrsg. von Karl Kautsky. III. S. 97/98.] xxviii Wo das ökonomische … Gegensätze.: Bei Marx im Orig. (i. e. in der Edition Kautskys): „Wo das ökonomische Verhältnis – also auch die Kategorien, die es ausdrücken – Gegensätze einschliesst, Widerspruch und eben die Einheit von Widersprüchen ist, hebt er das Moment der Einheit der Gegensätze hervor und leugnet die Gegensätze.“ [Ebd. S. 98/99.] xxix (‚dieselbe Masse lebendiger Arbeit‘ – H. G.),: Im Ts.: („dieselbe Masse lebendiger Arbeit“). 187 Imperialismus (Entwurf) Die geplante Arbeit hat zum Ziel, das Phänomen des deutschen Imperialismus in seiner heutigen Gestalt – mit seiner spezifischen Aggressivität und Stosskraft – zu erhellen. Sie wird von einer einheitlichen Konzeption getragen sein, deren zentrale Ausrichtung auf die ökonomische Erklärung der bekannten Tatsachenreihen zielt. Es ist nicht die Meinung der Verfasser, dass politische und ideologische Momente in der Erklärung zu vernachlässigen sind; es ist aber ihre Meinung, dass ökonomische Ursachenreihen für die vorliegenden Phänomene determinierend sind, und sie beschränken den Rahmen der Arbeit auf die Untersuchung der ökonomischen Fundamente des deutschen Imperialismus. Die Arbeit selbst wird zu zeigen haben, inwieweit die Konzeption beweiskräftig ist und die Erklärung ausreicht. Es wird dabei nicht der Gegenstand der Arbeit sein, eine Widerlegung der verschiedenen mehr oder minder bekannten Thesen über die Genesis des deutschen Imperialismus namentlich in seiner nationalsozialistischen Form aus dem „preussischen Geist“ oder aus der Geschichte des „deutschen Militärstaates“ zu geben;i noch weniger kann dies der Zweck des vorliegenden Exposés sein. Es kann hier aber nicht die Theorie entwickelt werden, die sich erst in der Darstellung selbst voll entfalten lässt. Es ist unvermeidlich, dass nur die wesentlichsten Ausgangspunkte skizziert werden können. Ausgegangen wird davon, dass die moderne kapitalistische Wirtschaft notwendig expansiv ist, und der Imperialismus wird begriffen als die ihr inhärente Tendenz, fremde Gebiete unter Einsetzung staatlicher Gewaltmittel zu durchdringen, zu unterwerfen und zu erobern. Das Beweisthema ist daher nicht der Nachweis, dass imperialistische Tendenzen in Ländern mit kapitalistischer Produktion notwendig auftreten müssen, sondern: warum sie in Deutschland mit der besonderen Vehemenz aufgetreten sind, die schon zum ersten Weltkrieg geführt hat, und warum diese Vehemenz sich zum Welteroberungsfeldzug des nationalsozialistischen Imperialismus verdichtet hat. Die Verfasser akzeptieren nicht die auf Ricardo zurückgehende Theorie vom automatischen Aequilibrium der kapitalistischen Wirtschaft, sondern greifen auf die von Adam Smith zu erst aufgestellte These von der auf einer bestimmten Entwicklungsstufe notwendig einsetzenden Kapitalübersättigung der Wirtschaft, die eine Verwertung des angelegten und anlagesuchenden Kapitals erschwert und in einem weiteren Stadium unmöglich macht. Diese Verwertungsschwierigkeiten sind umso grösser, je 188 höher entwickelt die kapitalistische Wirtschaft ist und je höher der Konzentrationsgrad, den sie mit zunehmendem technischen Fortschritt erreicht. Sie können abgemildert werden, wenn der Wirtschaft des Landes Expansionsmöglichkeiten, die ihr durch den hohen Grad der Konzentration im Innern verbaut sind, in der Aussenwelt offenstehen. Sie werden verschärft – und mit der Verschärfung wird die Stosskraft des imperialistischen Vorbruches erhöht –, wenn der Expansion durch die gegebene internationale Kräftelagerung schwer überwindliche Schranken gesetzt sind. Sie werden erst recht verschärft, wenn die Ungunst der vorhandenen natürlichen Produktionsbedingungen oder der geographischen Lage des Landes dem industriellen Produktionsprozess eine Sachgestalt gibt, die das Land in erhöhtem Masse von der internationalen Teilung der Arbeit abhängig macht und die Rentabilität der angelegten Kapitalien an die Beschaffbarkeit und Preisgestaltung der unentbehrlichen Produktionsrohund Hilfsstoffe bindet. Bei entsprechender Erschwerung der Kapitalverwertung und damit der Kapitalanlage kommt der Anlage von Kapital in Produktionszweigen, die Rüstungen produzieren, erhöhte Bedeutung als einem notwendigen Ablassventil zu. Aber während die Möglichkeit, den Rüstungssektor als Anlagesphäre zu benutzen, ihrerseits mit dem technischen Fortschritt und dem damit zusammenhängenden rapiden Veralten der produzierten Rüstungen den Zwang zum imperialistischen Vorbruch erhöht, bedeutet anderseits die Verstopfung dieses Ablassventils, dass das Verwertungsdilemma ausweglos wird und der Drang zur Expansion nach aussen wirtschaftliche Katastrophen und unübersehbare politische Explosionen auslöst. Die Aufgabe der geplanten Arbeit ist, an Hand des verfügbaren, aber zu einem erheblichen Teil nicht verwerteten Quellenmaterials zu zeigen, wie die analytisch deduzierten Hemmnisse der Kapitalverwertung im Deutschland der letzten Jahrzehnte gleichsam mit Naturgewalt sich aufeinandertürmten und im Gegensatz zu anderen Ländern mit hochentwickelter kapitalistischer Produktion, aber mit entscheidenden Milderungsund Ausweichmöglichkeiten zu elementaren Eruptionen anwuchsen. Daraus ergeben sich im einzelnen die folgenden Untersuchungsaufgaben: 1. Der Konzentrationsprozess in Deutschland. Dass die Konzentrationsbewegung in Deutschland im Verlauf der letzten Jahrzehnte vor dem ersten Weltkrieg und namentlich in der Nachkriegszeit eine hohe Stufe erreicht hat, ist bekannt und bedarf keiner nochmaligen Darstellung. Dagegen muss gezeigt werden, in welch anderen Formen sich dieser Prozess vollzogen hat als z. B. in den Vereinigten Staaten, in welch entscheidender Beziehung er weiter gegangen ist und wie im Ergebnis die Möglichkeit des Ausweichens, des Rückgriffs auf einen ungeschützten nichtmonopolistischen Sektor in Deutschland so viel geringer geworden war als in U.S.A. 189 Zu zeigen ist, wie damit zugleich die Polarisierung der sozialen Gegensätze sehr viel grösser wurde und wie infolgedessen ein Zwischensektor, der von den Verwertungsmöglichkeiten bzw. -schwierigkeiten des monopolistischen Grosskapitals relativ unabhängig ist, virtuell zum Verschwinden gebracht wurde. Insbesondere ist zu zeigen, welch rapides Tempo diese Konzentrations- und Polarisierungstendenzen in der Zeit der Weimarer Republik annehmen und wie die Schwierigkeiten zu ausweglosen werden.ii Im Detail ist weiterhin aufzuzeigen, wie enorm dieser Prozess unter dem nationalsozialistischen Regime beschleunigt worden ist und wie der zunehmende staatliche Eingriff ins Wirtschaftsleben sowohl die Konzentrationstendenzen wie die damit zusammenhängenden Schwierigkeiten des Ausweichens verschärft. Als auszuwertendes Material kommt in Frage: die Statistiken der Unternehmungskonzentration (für AG und GmbH)iii; als Ergänzung die Steuerstatistik über die Einkommens- und Vermögensbesteuerung; die Statistik über Struktur und Verteilung des Volkseinkommens unter Heranziehung der Steuerstatistik und der Statistik der Sozialversicherung und Wohlfahrtspflege; die statistischen und Berichtsmaterialien über die Wandlungen der Betriebsgrössenverteilung; Materialien über Konzernstruktur und Konzernverschachtelung; Detailangaben über das Verhältnis von Staatsbetrieben und Privatbetrieben; Berichtsangaben über die Entwicklung des selbständigen Handwerks und Einzelhandels; statistische Angaben über die Betriebsgrössen- und Nutzflächenverteilung in der Landwirtschaft. 2. Die Tendenz zur Schrumpfung der industriellen Rentabilität. Hier ist im Anschluss an den Konzentrationsprozess die Veränderung in den Rentabilitätsmöglichkeiten der Industrie aufzuweisen. Dabei ist im besonderen zu untersuchen, wie sich die Rentabilität bei den grossen Konzernen und bei kleineren und mittleren Betrieben wandelt. Daneben sind die Verwertungsmöglichkeiten in den einzelnen Industriezweigen zu analysieren, vor allem zu zeigen, wie in der Weimarer Periode die Rentabilitätsschwierigkeiten sich zu einer Dauerkrise der Grosseisenindustrie gestalten, wie auf der anderen Seite die chemische Industrie mit grösseren Rentabilitätsmöglichkeiten ausgestaltet wird, aber in der Aufrechterhaltung der Rentabilität auf die eigene Expansion im Innern wie nach aussen, zugleich aber auch auf die Aussenexpansion anderer Industriezweige in erhöhtem Masse angewiesen ist. Die Umbiegung dieser Tendenzen in der NS-Periode bedarf einer besonders sorgfältigen Darstellung. Parallel mit dieser Darstellung ist eine Uebersicht über die Ausweichmöglichkeiten und Grenzen des Ausweichens zu geben, die der deutschen Industrie in den 190 verschiedenen Phasen gegeben waren: Kapitalanlage im Ausland, indirekte Kolonisierung, Eindringen in halbkapitalistische Gebiete, Bedeutung des Exports (positiv wie negativ) für die Rentabilität. Als Material kommen in Frage neben allgemeinen statistischen Angaben, die für Erwerbsgesellschaften vorliegen, Analysen der Steuerstatistik und vor allem Analysen der Bilanzen und Geschäftsberichte der grösseren Industrie- und Bankfirmen sowie der Veröffentlichungen in der einschlägigen Fachpresse, insbesondere in Tageszeitungen („Frankfurter Zeitung“, „Berliner Börsenzeitung“, „Deutsche Bergwerkszeitung“ usw., für frühere Perioden auch „Berliner Tagblatt“ etc.), Börsenspekulationen u. dgl. mehr. Für die Probleme der Ausweichmöglichkeiten nach aussen sind ausser der Aussenhandelsstatistik Einzelarbeiten und Einzelberichte über deutsche Auslandsinvestitionen, wiederum Angaben in der Tages- und Zeitschriftenpresse, Industriefirmen- und Bankberichte (auch ausländischer Unternehmungen) heranzuziehen. 3. Das Problem der Rohstoffe und Auslandsabhängigkeiten. Eine Darstellung der technischen und Produktionsstruktur der deutschen Wirtschaft in den verschiedenen Stadien muss als Ausgangspunkt dienen. Sie kann allerdings nur in groben Umrissen gegeben werden, da eine verfeinerte Produktionsstatistik fehlt. Ohne Verfeinerung der statistischen Analyse ist dagegen eine detailliertere Analyse der technologischen Veränderungen in den verschiedenen Phasen mit ihren Rückwirkungen auf Konzentration und Rentabilität möglich. Eine solche Darstellung ist im besonderen für die nationalsozialistische Periode notwendig, für die das Vordringen der chemischen Synthese und die Schöpfung ganzer neuer Industriezweige mit spezifischen Tendenzen zur Emanzipation von Rohstoffbezugszwang (aber auch mit spezifischen Rentabilitätsbedingungen) charakteristisch ist. Des weiteren ist eine Darstellung der effektiven Abhängigkeit der industriellen Produktion von der Aussenwirtschaft unter zwei Aspekten zu geben: einmal der quantitativen Bedeutung der ausländischen Zufuhr für die inländische Produktion (volumenmässigiv), zum anderen des Druckes der von den ausländischen Produzentenmonopolen diktierten Preise und der durch sie bedingten Belastung der Inlandsgestehungskosten mit dem entsprechenden Druck auf die Rentabilität. Hier zeigt sich gleichsam die stoffliche Gestalt der Abhängigkeiten, in die das System eingezwängt ist; hier zeigt sich aber auch die imperialistische Richtung, in der Abhilfe gesucht werden muss, ebenso wie die Richtung der möglichen Verlagerungen der Expansion und die Intensität des Vorstosses, je nachdem ob er mit friedlichen Mitteln möglich oder militärischen Einsatz notwendig macht. 191 Als Material können dienen: Produktionsstatistiken, Spezialdarstellungen des Weltrohstoffkomplexes nebst Preisstatistiken; vorhandene monographische Darstellungen der technischen Veränderungen in den einzelnen Produktionszweigen; Analyse bestimmter wesentlicher Produktionsverfahren nach der technischen und ökonomischen Seite hin; Analyse der Aussenhandelsstatistik sowohl im historischen Längsschnitt wie im Querschnitt: nach Ländern und Ländergruppen, Waren und Warengruppen; im besonderen sind zu benutzen Veröffentlichungen, die sich auf die besondere Gestaltung des Aussenhandels unter dem Nationalsozialismus beziehen, unter besonderer Berücksichtigung der „friedlichen Durchdringung“ der südosteuropäischen und lateinamerikanischen Länder, – einschlägige Zeitungs- und Zeitschriftenveröffentlichungen ebenso wie Einzelangaben aus Geschäftsberichten, Bilanzanalysen, Aussenhandelsleitfäden, -adressbüchern usw. sind heranzuziehen. 4. Der Rüstungssektor der Anlagesphäre. Die Bedeutung der Rüstungsindustrie für die industrielle Struktur des wilhelminischen Deutschlands bedarf zuerst einer Darstellung, namentlich in ihren Beziehungen zu der Eisenindustrie und zum Maschinen- und Motorenbau; daneben ist das anteilige Gewicht des Kriegsschiffbaus darzustellen, sowohl gemessen an der Gesamtwirtschaft wie an der Materialherstellung für die Transportwirtschaft. Auf der anderen Seite ist der Versuch zu machen, das Heer ökonomisch zu erfassen: in seiner Bedeutung für den Arbeitsmarkt, als Anlagesphäre, als Absatzmarkt usw. Erst an Hand einer solchen Darstellung lässt sich die spezifische Situation begreifen, in die die deutsche Wirtschaft mit den Entwaffnungsbestimmungen der Friedensverträge hineingestellt worden ist; es ist dann zu untersuchen, inwieweit eine Rüstungsfabrikation für den Export in der Weimarer Periode möglich gewesen ist, inwieweit fabrikatorische Umstellungen stattgefunden haben und inwieweit Verwertungsschwierigkeiten und Expansions- bzw. Aufrüstungsdrang verschärft worden sind. Im besonderen ist dann zu untersuchen, inwieweit der für die spätere militärpolitische Entwicklung bestimmende Aufbau der republikanischen Reichswehr als technisches Kernheer bedingt gewesen ist durch elementare ökonomische Notwendigkeiten. Diese Untersuchung ist vor allem zentral durchzuführen für die Hitler- Periode. Hier sind zwei Tendenzen in der technisch-ökonomischen Strukturierung der Wehrmacht in ihrer Gesamtheit festzustellen: die strategische Tendenz des technischen Dauerkrieges mit Ausbau der Landbefestigungen usw. auf der einen, die Konzeption des motorisierten und auf die Luftwaffe abgestellten „Blitzkrieges“ auf der anderen Seite. Der Kampf dieser beiden Tendenzen und seine ökonomischen Hintergründe sind zu untersuchen, schliesslich das Ueberwiegen der „Blitzkriegs“-Konzeption 192 in ihrer Rückwirkung auf die Gesamtwirtschaft (Motorisierug, Werkstoffsynthese, Folgeerscheinungen für den Maschinen- und Motorenbau usw.) in grösseren Details nachzuzeichnen. Das Material zu diesem Komplex ist teilweise überhaupt noch nicht bearbeitet worden. Hieher gehören nicht nur die Produktionsstatistiken, sondern vor allem die Einzelanalyse des Heeresbudgets, die Analyse der Bilanzen der einzelnen grossen Rüstungs- und Schiffsbauunternehmungen für die erste Periode, der Unternehmungen des Motoren- und Maschinenbaus, der Oelwirtschaft einschl. der chemischen Industrie, schliesslich der Energie-Wirtschaft im weiteren Sinne für die zweite Periode. Ferner ist die Auswertung der umfangreichen militärwissenschaftlichen und insbesondere der „wehrwirtschaftlichen“ Literatur für die NS-Periode unumgänglich. Dabei ist zwar die Benutzung vorhandener monographischer Darstellungen möglich, aber der Rückgriff auf die sehr umfangreiche Zeitungsund Zeitschriftenliteratur, vor allen Dingen auch auf fachtechnische Branchenveröffentlichungen unvermeidlich. 5. Die Träger des Imperialismus und der staatliche Eingriff. Für das Verständnis der Intensität und Wirkungsweite der imperialistischen Tendenzen ist die Kenntnis der gesellschaftlichen Gruppen notwendig, die als Träger des Imperialismus in Deutschland agierten. Hier sind von der ökonomischen Analyse aus Verbindungen zu ziehen zu einer soziologischen Ueberprüfung politischer und ideologischer Entwicklungen. Abgrenzungen werden erforderlich für verschiedene Perioden. Die anteilige Bedeutung der Grossindustrie, des Agrariertums und der Mittelschichten, namentlich ihrer deklassierten „Elite“ in der späteren Zeit, ist genau zu bestimmen. Mit der nationalsozialistischen Revolution tritt indes auch noch eine weitere Funktionsreihe in den Vordergrund. Es ist zu bestimmen, in welchem Masse die zunehmende Rolle des Staates als Regulator des Wirtschaftslebens die ökonomischen Expansionstendenzen verstärkt und ihre Verwirklichung beschleunigt hat. Hierzu ist die Darstellung der Entwicklung jener spezifischen Formen, in denen der Staat die Wirtschaft des Dritten Reiches reguliert, unentbehrlich: dazu gehört die modifizierte Entwicklung der Kartelle, die Struktur der industriellen „Selbstverwaltung“, der Aufbau der staatlichen Wirtschaftsverwaltung (einschliesslich der Abgrenzung der Sphären der privaten und der Staatskonzerne, deren Darstellung in Abschnitt I zu geben war), schliesslich das System des staatlichen Eingriffs im einzelnen, d. h. Devisen- und Aussenhandelsbewirtschaftung, Preiskontrolle und Preisregulierung, Investitions- und Kreditkontrolle, staatliche Finanzierungsmethoden, direkte regulierende Eingriffe (Rohstoffzuteilung, Auftragsreihenfolge, Standardisierung und Typenvereinheitlichung usw.). Mit der veränderten Funktion des Staates 193 in der Wirtschaft verändert sich aber auch die Funktion seiner Träger in der Lenkung und Gestaltung der Expansionstendenzen. Hier bedarf einer besonderen Darstellung die Rolle der Parteibürokratie, des Militärs, der Staats- und Konzernapparatur als verschiedene und verschieden interessierte Trägerschichten des imperialistischen Vorstosses. Material für die Zeit vor 1914: monographische Veröffentlichungen (insbesondere E. Kehrv); Reichstagsverhandlungen; Produktionsenquete; wichtigste Zeitschriftenliteratur der Interessenverbände und politischen Gruppierung. Material für die Weimarer Periode: Reichstagsveröffentlichungen und Reichstagsverhandlungen; Produktionsenquete; technische Spezialveröffentlichungen; ideologische Literatur zur Frage der Wehrhaftigkeit u. dgl.; Veröffentlichungen der Industrieverbände; einige Monographien zur Parteigeschichte und Soziologie der Politik. Für die Zeit nach 1933: gesetzgeberische und Verwaltungsakte; Zeitungs- und Zeitschriftenveröffentlichungen über die Praxis des staatlichen Eingriffs; aussenpolitisches und militärpolitisches Schrifttum der herrschenden Gruppen; Detailanalysen von Vorgängen aus der wirtschaftlichen Praxis, soweit aus den amtlichen und halbamtlichen Periodika beschaffbar. * * * Typoskript (7 S.) / ohne Datierung [1940 ?] / APAN, III–155: 37 / Originaltitel: Henryk Grossmann: Imperialismus. Entwurf. i aus dem „preussischen … zu geben;: Im Ts.: aus dem „preussische Geist“ oder aus der Geschichte des deutschen Militärstaates“ zu geben,; … ii zu ausweglosen werden.: Im Ts.: zu ausweglosen machen. iii (für AG und GmbH): Im Ts.: (für A.-G. und GmbH.). iv volumenmässig: Im Ts.: volummässig. v E. Kehr: Gemeint ist: Kehr, Eckart: Schlachtflottenbau und Parteipolitik 1894– 1901. Versuch eines Querschnitts durch die innenpolitischen, sozialen und ideologischen Voraussetzungen des deutschen Imperialismus. Berlin 1930. 195 Der Einfluss des Maschinismus auf die Struktur der Cartesianischen Algebra I. Waehrend die rein mathematische und logische Seite der cartesianischen Algebra oder der „Science Universelle“ von Brunschvicg meisterhaft dargestellt wurde,1 und auch ihre weitere Fortentwicklung zur Leibnizschen „Science Générale“, ebenfalls nur von der rein mathematischen und logischen Seite, in L. Couturati einen excellenten Bearbeiter fand,2 wurde die soziologische Seite der cartesianischen „Science Universelle“ weder von Brunschvicg und Couturat, noch sonst beachtet. Besteht ein solches soziologisches Problem, wird man fragen. Um das zu verstehen, ist zu erinnern, dass die Mechanik fuer Descartes zunaechst eine Theorie der Maschinen war, deren Gesichtspunkte dann auf die Physik und schliesslich auf das ganze Universum ausgedehnt wurden. Damit ist aber der Einfluss des Maschinismus auf das Denken von Descartes nicht erschoepft. Nicht nur interpretiert Descartes die aeussere Welt als eine Maschine; auch der Charakter und die Struktur seiner wissenschaftlichen Apparatur selbst ist – wie gezeigt werden soll – den Maschinen nachgebildet. Diese Zuege traegt vor allem die Algebra, la science cartésienne, nach einem Ausdruck von Couturat,3 aber auch die cartesianische Methode ueberhaupt. Was ist der Sinn der Science Universelle von Descartes? Sie war bei Descartes zunaechst eine universelle Methode, anwendbar auf alle Wissenschaften. Urspruenglich plante Descartes als generellen Titel fuer seine 1637 publizierten Essais nicht „Discours de la Méthode“ii, sondern „Le Projet d’une Science Universelle“,4 wobei Descartes als eine besondere Charakteristik dieser Science Universelle den Umstand betont, dass die behandelten Materien „sont expliquées en telle sorte, que ceux mêmes qui n’ont point étudié les peuvent entendre“.5 1 Léon Brunschvicg, Les Étapes de la Philosophie Mathématiques, 3e éd., Paris 1929. 2 Louis Couturat, La Logique de Leibniz, Paris 1901, chapt. VI: „La Science générale“. 3 Leibniz nennt (1666) Descartes „inventeur de l’Analyse, c’est-à-dire de l’Algèbre“. Vgl. Couturat, l. c., p. 180. 4 Descartes an Mersenne, Brief vom Maerz 1636. Œuvres de Descartes, éd. Adam– Tannery, vol. I, p. 339. 5 ibid. 196 Damit begegnen wir auf dem Gebiet der Wissenschaft einer ungemein wichtigen geistigen Stroemung. Waehrend in demselben Frankreich, kaum 20 Jahre vorher, Montchrétien, mit dem Stolz der herrschenden Klasse erfuellt, versicherte, „il y a bien souvent autant de distance d’un homme à l’autre que de l’homme à la beste“,6 und noch 30 Jahre nach Descartes Spinoza meint, dass „das Volk unfähig sei hoehere Dinge zu begreifen“iii,7 sehen wir hier, wie Descartes nicht an die Oberschicht der Gelehrten und Spezialisten, sondern an die grosse Masse der nicht gebildeten appelliert. Die Science Universelle wollte universelle nicht nur in dem Sinne sein, dass sie auf alle Gebiete der science anwendbar, sondern auch in dem Sinne, dass sie allen, auch der grossen Masse des Volkes zugaenglich sein sollte. Schon hier ist der rebellische Geist des Philosophen sichtbar, der die Absicht ankuendigt, den engen Zunftrahmen der Gelehrtenwelt durchbrechen und aus der zukuenftigen Disziplin eine zunftfreie Wissenschaft machen zu wollen! Um den wahren Sinn der cartesianischen Science Universelle zu verstehen, ist es noetig, das Verhältnis von Descartes zur Mathematik zu pruefen. Bei der Analyse der Rolle, welche die Mathematik bei Descartes spielte, gelangt Boutroux zur Conclusion, dass Descartes, trotz der gelegentlichen Anpreisung der Mathematik, dieselbe nicht besonders schaetzte.8 Brunschvicg spricht sogar vom „dédain qu’il professe le plus souvent pour les études mathématiques“.iv Auch seine eigenen Leistungen auf dem Gebiet der Mathematik hat Descartes nicht anders beurteilt;9 und Boutroux stimmt denen zu, die meinten, dass die mathematische Aktivitaet von Descartes in seiner philosophischen Carrière nur eine „Episode“ gewesen ist.10 So schreibt z. B. Descartes in einem Briefe aus der Fruehzeit (April 15, 1630) an Pater Mersenne: „Je suis si las des mathématiques, et en fais maintenant si peu d’état“v. – Unmittelbar nach der Publication des Tractats ueber „Géométrie“ berichtet Descartes an Mersenne, er wolle mit den mathematischen Studien Schluss machen: „N’attendez plus rien de moi […] en Géométrie; car vous savez qu’il y a longtemps que je proteste 6 Antoyne de Montchrétien, Traicté de l’Œconomie Politique, 1615, éd. par Th. Funck-Brentano, Paris 1889, p. 37. 7 Spinoza an Blyenbergh, January 1665. 8 „Descartes estime peu la pure Mathématique“. Vgl. Pierre Boutroux, L’Idéal Scientifique des Mathématiciens, 3e mille, Paris1920, p. 102. 9 Boutroux, l. c., p. 102. 10 Boutroux, l. c., p. 104. 197 de ne m’y vouloir plus exercer“.11 In einem anderen Brief teilt Descartes Mersenne mit, er habe beschlossen aufzugeben „la recherche des questions qui ne servent qu’à exercer l’esprit“.12 Angesichts dieser geringschaetzigen Attitude zur Mathematik, wie ist die grosse Wichtigkeit zu erklaeren,vi die Descartes seiner Algebra zugeschrieben hatte? Die scheinbare Kontradiktion findet ihre Loesung darin, dass der Criticism von Descartes an der Mathematik sich nur auf Mathematik verstanden als eine science mit einem besonderen Objekt bezieht. Descartes uebt an seinen Vorgaengern in der Mathematik scharfe Kritik deshalb, weil sie ihren Geist und ihre Kraefte zur Loesung einzelner, wenig wichtiger technischer Probleme der Mathematik verwendet haben; so an Fermat z. B., wegen seiner Predilection fuer particular cases, die er bis in die groessten Details behandelte. So habe er seine Methode nur auf den Fall der parabolischen Kurven angewendet, ohne zu versuchen, ihr eine generelle Form zu geben, so dass man nicht unmittelbar sehen konnte, dass sie auf alle Kurven anwendbar ist und dass sie generell in Formeln der analytischen Geometrie ausgedrueckt werden kann.13 Ganz anders ist dagegen das Verhaeltnis von Descartes zur Algebra, weil er damit nicht eine besondere Wissenschaft mit einem speziellen Objekt, – sondern eine Methode des Erkennens versteht.14 Eben als Methode bildet die Algebra den Kern der „Science Universelle“ und ist die grosse Entdeckung, auf die Descartes mit Stolz hinweist.15 Worin liegt die Bedeutung der neuen Methode? Mit Thomas More, Francis Baconvii und Descartes beginnt eine neue weltgeschichtliche Epoche. Unter dem Einfluss der Beduerfnisse und der Interessen des erstarkenden 11 September 12, 1638. Œuvres de Descartes, éd. Adam–Tannery, vol. II, p. 361/362. 12 July 27, 1638, ibid., vol. II, p. 268. 13 Boutroux, l. c., p. 116. 14 Aus der Nichtbeachtung dieses Umstandes erklaert sich die verfehlte Polemik F. Ritter’s gegen die Algebra von Descartes; so wenn er nicht ihm, sondern Viète die Pionierstellung zuweist, und betont, Viète sei der eigentliche Begruender der Algebra; er habe zuerst die notions of negative quantities and imaginary roots eingefuehrt, etc., und dass das von Viète zuerst aufgerichtete Gebaeude der algebraischen Wissenschaft von anderen nur verbessert wurde. (Vgl. Frédéric Ritter, François Viète, Inventeur de l’Algèbre moderne, 1540–1603, Paris 1895, p. 94 ff.) 15 In der Rule IV versichert Descartes: „Nothing is less in my mind than ordinary mathematics, and […] I am expounding quite another science …” (The Philosophical Works of Descartes, transl. by E. S. Haldane and G. R. T. Ross, Cambridge 1931, vol. I, p. 11.) 198 Buergertums rebelliert die neue Generation von Denkern gegen die traditionelle Welt und Verhaeltnisse der Scholastik und wollen diese Welt rationell gestalten. Bei der Verwirklichung dieses Zweckes faellt der Wissenschaft eine entscheidend wichtige Rolle zu: die Wissenschaft soll nicht, wie im Mittelalter oder in der Antike, wegen der Satisfaktion betrieben werden, die das kontemplative Denken verschafft;16 diese Denker erkannten vielmehr als Zweck der Wissenschaft die Erkenntnis und die Beherrschung der Natur im Dienste der praktischen Verbesserung und rationelleren Gestaltung des menschlichen Lebens. Sie wuenschten fuer den Menschen nicht nur sein Heil im Jenseits, sondern auch das Glueck hier auf Erden; sie wenden sich an die Menschen nicht mit der Bibel in der Hand, sondern appellieren an ihre Raison. Thomas More stellt den bestehenden Zustaenden wiederholt „die vernuenftigen Einrichtungen“, sei es der Utopier, sei es anderer Voelker wie z. B. der Polyleriten, entgegen, unter welchen die Menschen „gluecklich“ leben. Fr. Baconviii schreibt the „great cause of the little advancement of the sciences“ gerade dem Umstand zu, dass man in frueheren Zeiten ueber die erwaehnten Ziele der Wissenschaft nicht im Klaren gewesen war.17 Deshalb ist Bacon bestrebt, diese Ziele besonders klar zu umreissen und sagt: „The use of mechanical history is of all others, the most fundamental towards such a natural philosophy as shall not vanish in the fume of subtile, sublime, or pleasing speculations; but be operative to the endowment and benefit of human life“.18 An anderer Stelle betont Bacon, dass die Wahrheit allein als Ziel der Wissenschaft nicht genuege, „as we regard not only truth and order, but also the benefits and advantages of mankind.“19 In seiner „Nova Atlantis“ (1627)ix, die nur der aeusseren Form nach eine „Utopie“ ist, in Wirklichkeit aber ein grossartiges Projekt eines auf der Hoehe des Wissens seiner Zeit stehenden Autors zu einem „House of Salomon“ darstellt, d. h. zu einem durch den Staat gefoerderten wissenschaftlichen Institut, einer Art „Akademie der Wissenschaft“. Die Aufgabe einer solchen waere, nicht durch fruchtlose scholastische Diskus- 16 Im Novum Organum (1620) exemplifiziert Bacon diesen kontemplativen Charakter der Wissenschaft am Beispiel „of some monk studying in his cell, or some nobleman in his villa“. (Book I, p. LXXX). 17 Fr. Bacon, Novum Organum, Book I, p. 81: „It is impossible to advance properly in the course when the goal is not properly fixed. But the real and legitimate goal of the sciences is the endowment of human life with new inventions and riches“. 18 Fr. Bacon, On the Dignitiy and Advancement of Learning, Book II, chapt. II. 19 ibid., Book III, chapt. VI. 199 sionen und Definitionen, sondern durch systematisch in Laboratorien organisierte Untersuchungen und Experimente auf allen Gebieten der Naturwissenschaften: der Physik, der Optik, der Waermelehre, der Mechanik und des Maschinenwesens, der Tier- und Pflanzenbiologie, der komparativen Anatomie etc. etc. durch die Errichtung von technischen Museen, durch Ehrung und Belohnung der Erfinder, etc. etc., zu neuen Entdeckungen zu fuehren. Dies soll jedoch nicht zufaelligerweise geschehen, wie dies bisher gewesen ist, sondern mit sicherer Planung, auf Grund der systematisch gewonnenen Einsichten. Dieses Ziel der Wissenschaften solle erreicht werden nicht dadurch, dass ein enger Kreis von Gelehrten die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Forschung, ihre Entdeckungen und Erfindungen der menschlichen Gesellschaft zugaenglich macht. Bacon hat das Gefuehl, dass dies zu einer Klassenspaltung der Gesellschaft in eine Elite der Gelehrten fuehren wuerde, die das Monopol der Wissenschaft haette, und in die grosse Masse von Ungebildeten. Bacon wuenscht die Gefahr einer solche Spaltung auszuscheiden. Das Aufkommen dieser neuen Aufgabe, die Bacon fuer die Wissenschaft formulierte, war ein gedanklicher Reflex der socialen Veraenderungen in der englischen Gesellschaft. Unter dem Einfluss des Eindringens der Maschinenanwendung in der englischen Industrie, ebenso wie in der Industrie der fortgeschrittensten Laender des europaeischen Kontinents, hat sich im Denken eine grosse Revolution vollzogen. Waehrend in der Epoche der Vorherrschaft des Handwerks und der beginnenden Manufaktur das gelernte, arbeitsteilige Spezialistentum und die individuelle Virtuositaet der Arbeiter auf einem beschraenkten Berufsgebiet tonangebend waren, hat das Aufkommen der automatisch arbeitenden Maschinen in der Industrie gezeigt, dass diese Maschinen imstande sind – unabhaengig von und ohne jede handwerkliche Schulung oder persoenliche Begabung –, das Werk besser und zugleich rascher zu vollenden, und zwar von jedermann, der die Maschine durch einfache Handgriffe zu manipulieren versteht, ja, sogar von Krueppeln und Idioten, weil die Maschine durch ihren Automatismus ihre Bedienungsarbeit so simplifizierte, dass diese von jedermann geleistet werden kann. Unter dem Einfluss dieser fundamentalen technischen Revolution setzte sich in den Koepfen der fortgeschrittensten Geister die Ueberzeugung durch, dass das Spezialistentum nur als Notbehelf solange unentbehrlich gewesen ist, solange man nicht ueber entsprechende technische Hilfsmittel verfuegte, dass es aber im Zeitalter der Maschinen keine Berechtigung findet. Diese Konklusion aus der Erfahrung der industriellen Produktion gezogen, wurde dann generalisierend auch auf die geistige Produktion, 200 auf die Wissenschaften erweitert; es setzte sich die Anschauung durch, dass die individuelle Begabung nur auf niederen Stufen der Entwicklung der human society von Bedeutung war, solange die Menschheit noch ueber keine genuegenden Hilfsmittel des Denkens verfuegte, dass aber spaeter, auf hoeheren Stufen der Gesellschaft, die durchschnittliche menschliche Intelligenz jeden Menschen aus dem Volke befaehigt, die hoechsten Wahrheiten zu erkennen –, wenn er sich nur der entsprechenden „Instrumente“ zu bedienen weiss. Dieselbe Rolle, welche in der industriellen Produktion das Hilfsmittel der Maschine, spielt auf dem Gebiet der geistigen Produktion das Hilfsmittel des systematisch erdachten Wegs – die Methode. Die Wissenschaft ist somit durchaus nicht auf die Leistungen einer Elite von besonders begabten Spezialisten und intellektueller Virtuosen angewiesen; sie versucht vielmehr diese Unterschiede der Begabungen zu nivellieren: „Our method – sagt Bacon – of discovering the sciences is such as to leave little to the acuteness and strength of wit, and indeed tox level wit and intellect. For as in the drawing of a straight line, or accurate circle by the hand, much depends on its steadiness and practice, but if a ruler or compass be employed, there is a little occasion for either; so it is with our method.” „The lame […] in the path outstrip the swift who wander from it.“20 Denselben Gedanken entwickelt weiter und vertieft Descartes; er bildet den eigentlichen Kern seiner „science Universelle“, seiner Algebra. Aber dieser Gedanke ist nicht sofort in seiner vollendeten Form im Kopfe von Descartes geboren worden. Wir muessen ihn daher in seinen verschiedenen Entwicklungsphasen naeher untersuchen und beobachten, wie er aus einer vagen allgemeinen Idee, stufenweise immer konkretere Form annimmt, bis er schliesslich in der Form der cartesianischen Algebra seine definitive Gestalt und Vollendung findet. Den Ausgangspunkt der Entwicklung bildet ein Brief von Mersenne (1629), in dem Mersenne Descartes ein Projekt eines Unbekannten zu einer „Nouvelle langue universelle“ mit der Bitte um seine Aeusserung einsandte. Descartes uebt an dem Projekt eine scharfe Kritik (auf die wir hier nicht einzugehen brauchen) und lehnt das Projekt ab; eine Weltsprache der Worte sei eine Angelegenheit der Grammatik; sie bietet – neben einigen Vorteilen – entschiedene Nachteile. Trotzdem, meint Descartes, an das Projekt anknuepfend, ist eine Weltsprache desirable, freilich eine Weltsprache in einem ganz anderen Sinn, eine Weltsprache nicht der Worte, sondern der Gedanken. Eine solche Spra- 20 Fr. Bacon, Novum Organum, Book I, p. LXI. 201 che, fuegt Descartes hinzu, hat jedoch die „vraie philosophie“ zur Voraussetzung. Sowie man saemtliche Zahlen bis zur Unendlichkeit in einem Tage erlernen kann, weil die zwischen Zahlen bestehende natuerliche Ordnung uns ermoeglicht, sie leicht zu ueberblicken, ebenso koennten auch saemtliche – wirkliche und moegliche – Gedanken nach bestimmten Klassen geordnet werden, und eine solche Weltsprache der Gedanken koennte in kurzer Zeit erlernt werden.21 Aber ohne eine „vraie philosophie“ ist die invention einer solchen Gedankensprache unmoeglich. Denn um „un ordre entre toutes les pensées qui peuvent entrer en l’esprit humain“ etablieren zu koennen, muss man vorher diese Gedanken – beginnend mit den einfachsten – je nach ihren Eigentuemlichkeiten nach bestimmten Klassen gruppieren, wozu jedoch es noetig ist, von jedem Gedanken klare Begriffe zu haben und ihn von anderen Gedanken klar zu unterscheiden, während heutzutage „les mots que nous avons n’ont quasi que des significations confuses“, weshalb sie von den Menschen nie vollkommen begriffen werden. Es ist ersichtlich, dass eine solche, nach Gedankenklassen gruppierte Weltsprache in Wirklichkeit nichts anderes als eine philosophische Methode wäre, die uns befaehigen wuerde, von allen Dingen adaequate Begriffe zu haben. Und von einer so als Methode verstandenen langue de pensées sagt Descartes: „Je tiens que cette langue est possible, et qu’on peut trouver la science de qui elle dépend, par le moyen de laquelle les paysans pourraient mieux juger de la verité des choses que, ne font maintenant les philosophes.“22 Hier kommt zum Ausdruck der Glaube von Descartes an 21 „En sorte qu’elle pourrait être enseignée en fort peu de temps, et ce par le moyen de l’ordre, c’est-à-dire, établissant un ordre entre toutes les pensées qui peuvent entrer en l’esprit humain, de même qu’il y en a un (ordre) naturellement établi entre les nombres; et comme on peut apprendre en un jour à nommer tous les nombres jusques à l’infini.“ (Descartes à Mersenne, November 20, 1629. [Éd. Adam–Tannery, vol. I, p. 80].) – Kuno Fischer berichtet (G. W. Leibniz, Leben, Werke und Lehre, 4 ed., Heidelberg 1902, p. 36), dass Leibniz schon als Schueler, wohl also in den 50er Jahren, auf die Idee einer Gedanken-Sprache gekommen ist: koennte man aehnlich wie Zeichen fuer Buchstaben und Worte auch Zeichen fuer das Alphabet der Gedanken finden, so wuerde man eine Gedankenschrift haben, welche Erfindung fruchtbarer sein wuerde als die Erfindung der Buchstaben. – Wie wir gezeigt haben, wurde die Idee der Gedankensprache ein Vierteljahrhundert vor Leibniz schoener und tiefer von Descartes entwickelt. 22 [ibid., p. 81/82.] Bezieht man den zuletzt angefuehrten Satz nicht auf die von uns charakterisierte langue de pensées, verstanden als eine Methode, sondern auf die gewoehnliche langue universelle, wie das Maxime Leroy tut, dann 202 den Mann aus dem Volke mit seiner durchschnittlichen Intelligenz, seine gegen das Spezialistentum gerichtete Tendenz.23 II. Wie kann jedoch ein so weitgehendes Resultat von einer philosophischen Methode erwartet werden? Ist nicht fuer den Beruf der Philosophen gleichfalls eine lange berufliche Trainierung und Spezialisierung erforderlich, wie sie auch fuer jeden anderen Beruf, z. B. den Landwirt, noetig ist, weshalb der Landwirt eben Landwirt, nicht aber ein Philosoph ist. Die Antwort auf diese angebliche Schwierigkeit gibt Descartes in den „Rules for the Direction of the Mindxi“.24 Er kritisiert naemlich in der ersten Regel die Auffassung derer, die in den „sciences“ nur eine Profession unter vielen anderen erblicken, von denen man jeweils nur eine einzelne erlernen kann, weil nach ihnen jeder Mensch nur die Begabung fuer einen speziellen Beruf besitzt; indem erxii seine Zeit der Bearbeitung der Metalle widmet, kann er kaum ein guter Farmer sein. „Hence they have held the same to be true of the sciences also, and distinguishing them from one another according to their subject matter, they have imagined that they ought to be studied separately, each in isolation from all the rest. But this is certainly wrong … since the sciences taken all together are identical with human wisdom, which always remains one and the same, however applied to different subjects“ …25 Da somit nur eine einzige allgemein-menschliche Intelligenz besteht, so hat diese „Wisdom or that Universal Science“ die Eigenschaft, uns das Studium aller sciences zu erleichtern. „For neither does the knowing of kommt ein purer nonsense heraus: Leroy sagt: „Il (Descartes) croyait que si jamais devait exister une langue universelle, les paysans pourraient mieux juger de la vérité des choses que ne font maintenant les philosophes“. Es ist absolut nicht einzusehen, weshalb die Kenntnis irgend einer Sprache von der „wahren Philosophie“ abhaengen soll, und weshalb die Kenntnis einer Sprache oder gar von Dutzend Sprachen den Bauern befaehigen solle, die Wahrheit besser zu beurteilen? (Vgl. Maxime Leroy, Descartes Social, Paris 1931, p. 51). 23 Ein anderes Mal warnt Descartes vor dem „learned (who) frequently employ distinctions so subtle that the light of nature is dissipated in attending to them, and even those matters of which no peasant is ever in doubt become invested in obscurity“. (Rules for the Direction of the Mind, Rule XIV, in: The Philosophical Works of Descartes, tansl. by E. S. Haldane and G. R. T. Ross, Cambridge 1931, vol. I, p. 57). 24 Erstmals publiziert posthum 1701 in lateinischer Sprache. 25 Rules for the Direction, Rule I. (See Philosophical Works, l. c., vol. I, p. 1.) 203 one truth have an effect like that of the acquisition of one art and prevent us from finding out another, it rather aids us to do so.“26 Die „Science“, alle ihre Zweige, bilden somit essentially a unity, weil sie nichts als die menschliche Intelligenz in Action sind, und weil eben daher nur eine façon de comprendre existiert. Daher gibt es auch nur eine Methode, um alle data eines Problems zu erledigen, naemlich diese data nach einem intelligible order zu erfassen, so dass man nicht mehr als eine einzige Kette von simple relations between simple elements hat.27 Weil es aber nur eine Methode gibt, folgt, „that all the sciences are so inter-connected, that it is much easier to study them all together than to isolate one from all others“xiii. Denn was zu erkennen ist, ist die Ordnung der Elemente, nicht aber die einzelnen, von dieser Ordnung losgerissenen sciences, wie dies die Specialisten versichern. Die Aufgabe der Philosophie besteht nicht darin, „diese oder jene Spezialschwierigkeit der Schule zu beheben“xiv. Im Gegenteil. „If anyone wishes to search out the truth of things in serious earnest, he ought not to select one special science; for all the sciences are conjoined with each other and interdependent.“28 Das, was man in allen sciences sucht, ist stets dasselbe, die Art der Verbindung der Elemente und nicht die substantielle Verschiedenheit der Elemente selbst: „L’objet propre de la mathématique universelle ... est la relation“xv.29 Erst durch diese Ausfuehrungen wird es verstaendlich, warum der Bauer imstande waere, mit Hilfe einer Gedankensprache die Wahrheit leichter zu finden, als bisher es die Philosophen vermochten. Denn eine Sprache der Gedanken setzt die Einordnung dieser Gedanken, von den einfachsten zu den kompliziertesten, in klare und distinctive Klassen, voraus; bestuende eine solche Klassifizierung, sie wuerde jedem intelligenten Menschen eine Methode an die Hand geben, die heute nicht besteht, mit deren Hilfe die Wahrheit sicher zu erkennen waere.30 Mit der klaren Erkenntnis 26 ibid., Rule I, vol. I, p. 1/2. 27 Léon Brunschvicg, Les Étapes de la Philosophie Mathématique, Paris 1929, Book II, chapt. VII: „La Mathématique Universelle de Descartes et la Physique.“ 28 Descartes, Rules for the Direction of the Mind, Rule I, Philosphical Works, l. c., vol. I, p. 2. 29 L. Brunschvicg, Les Étapes de la Philosophie Mathématique, l. c., p. 106. 30 Wie sehr Descartes die Bedeutung einer Methode einschaetzt ist ersichtlich, wenn er sagt: „It were far better never to think of investigating truth at all, than to do so without a method. For it is very certain that unregulated inquiries … only confound the natural light and blind our mental powers“. (ibid., Rule IV, Philosophical Works, vol. I, p. 9.) – „It was not the case that … our method was 204 der genannten Aufgabe endet die erste Phase der gedanklichen Entwicklung der cartesianischen „Science Universelle“. III. In der zweiten Phase seiner gedanklichen Entwicklung geht Descartes an die Konstruktion einer solchen Universellen Methode, die ihm bisher nur als Ideal in der Form einer Gedankensprache vorgeschwebt hatte und die zum Erkennen der Wirklichkeit behilflich sein solle. Er geht vom Raume und seinen Dimensionen aus. The space is a system of figures susceptibles to be measured gemaess den 3 Dimensionen; man kann von der Laenge ausgehen, um die spatial reality zu rekonstituieren. Dieser Modus der Composition erschoepft jedoch nicht alle Groessen, aus denen die Realitaet zusammengesetzt ist. Denn diese besteht nicht nur aus den Raumdimensionen. Die Raumgroessen bilden nach Descartes nur einen particular case. Jedes andere Element, analoges zur Laenge, das messbar ist, kann ebenfalls als eine Dimension betrachtet werden, und man kann auf diese Weise in ein Problem so viele „Dimensionen“ einfuehren, wie viel man wolle. Man kann mit Recht bei Descartes vom Pandimensionism sprechen. Descartes erweitert den Begriff der Dimension von den drei Raumdimensionen auf alle anderen messbaren Eigenschaften, aus denen die Realitaet besteht. „Thus it is not merely the case that length, breadth and depth are dimensions; but weight also is a dimension … So, too, speed is a dimension of motion … It clearly follows that there may be an infinite number of dimensions“.31 In dieser Form eignen sich die Eigenschaften der Realitaet dazu, um in die fundamentalen Gleichungen der Mechanik einzugehen. Denn „no science is acquired except by mental intuition or deduction“.32 Diese letztere aber stuetzt sich auf die comparison einer gesuchten aber unbekannten Groesse mit einer gegebenen und bekannten, „such that we may discover some equation between what is unknown and something known.“33 Die methodologische Wichtigkeit der Descartes’schen Generalisierung kann nach der Meinung von Brunschvicg nicht ueberschaetzt werden: invented for the purpose of dealing with mathematical problems, but rather that mathematics should be studied almost solely for the purpose of training us in this method“. (ibid., Rule XIV, Philosophical Works, vol. I, p. 57.) 31 Descartes, Rules for the Direction of the Mind, Rule XIV, Philosophical Works, vol. I, p. 61. 32 ibid., Rule IV, vol. I, p. 10. 33 ibid., Rule XIV, vol. I, p. 61. 205 „Cette généralisation de la notion de dimension est le point capital des Regulæ: elle explique comment la représentation spatiale peut acquérir une valeur tout autre que celle d’un symbolisme arbitraire, et conduire à une science effective de l’univers.“34 Wurde einmal das Wesen der neuen Methode erkannt und im Begriff der Dimensionen, auf welche alle Phaenomene reduziert und messbar gemacht werden koennen, ein maechtiges Hilfsmittel geschaffen, mit dessen Unterstuetzung die Reform der Philosophie unternommen werden konnte,35 so handelte es sich nunmehr darumxvi, auf dieser Grundlage die konkrete Ausgestaltung der Science Universelle durchzufuehren, wodurch der cartesianische Gedanke in seine dritte, definitive Phase eintritt. IV. Die Aufgabe bestand darin, eine Methode aufzubauen, die von den einzelnen Wissensgebieten unabhaengig und trotzdem auf alle anwendbar waere, moege es sich um Zahlen, Linien, Toene oder irgend andere Objekte handeln. „There must be some general science to explain that element as a whole which gives rise to problems about order and measurement, restricted as these are to no special subject matter.“36 Diese generelle „Ordnungslehre“ oder „Relationslehre“ ist die Algebra von Descartes. „L’algèbre pure – sagt Boutrouxxvii –, ne doit pas être regardée comme une science objective“; sie ist „une technique de calcul, vide de contenu par ellemême. C’est une méthode“.37 Ihr Wesen besteht darin, dass man – wenn eine Anzahl konkreter bekannter Elemente a, b, c, und unbekannter … x, y, z, gegeben ist – von dem Inhalt dieser Elemente absieht; auf diese Weise, was zurueckbleibt, sind nur magnitudes and their ratios.38 Es wird dann eine bestimmte Kombination dieser Elemente vorgenommen und die Struktur dieser Kombination zum Gegenstand der Analyse gemacht.39 34 L. Brunschvicg, Les Étapes de la Philosophie Mathématique, p. 111. 35 ibid., p. 112. 36 Descartes, Rules for the Direction of the Mind, Rule IV, Philosophical Works, vol. I, p. 13. 37 Pierre Boutroux, L’Idéal Scientifique des Mathématiciens, Paris 1920, p. 99/100. 38 Descartes, Rules for the Direction, Rule XIV, Philosoph. Works, vol. I, p. 56. 39 „Il faut savoir oublier la signification des éléments combinés pour ne plus faire attention qu’au mécanisme de la combinaison.“… „La science se réduira à un travail de combinaison mécanique“. (P. Boutroux, l. c., pp. 86, 126.) 206 Die Algebra ist somit nach Descartes nichts anderes, als eine, nach bestimmten Regeln erfolgende, Combinationslehre, oder um das Leibniz’sche Wort zu gebrauchen, „Ars combinatoria“, die Jedermann – wenn einmal die Regeln dieser Kombinationen aufgedeckt sind – rein mechanisch, ohne besonderen intellektuellen Effort, anwenden kann. Diese Kombinatorik, Algebra, „une méthode universelle, une clef de toutes les sciences, voilà ce que, depuis le temps de Raimond Lulle (13e siècle), toute une génération de philosophes rêvait de constituer … L’Algèbre c’est la ‚méthode par excellence‘, c’est […] ars magna, […] artium arsxviii“.40 Aber das, was bei den Precursoren nur ein „rêve à demi fantaisiste“ gewesen ist, ist bei Descartes zur Realitaet geworden.41 Was sind nach Descartes die grossen Vorteile dieser neuen universellen Methode, der Algebra? Die Antwort auf diese Frage wird man finden und den eigentlichen Gedanken von Descartes erst verstehen, wenn man sich an seine grosse Admiration des Maschinismus und dessen Effekte erinnert. Die Methode der Algebra ist nach dem Modell der Mechanik konstruiert. Erinnern wir uns an die Lage Frankreichs zur Zeit von Descartes. Den Religionskriegen folgte le grand mouvement de réorganisation du royaume. „C’est […] le premier triomphe de la machine“.42 Man war unter dem Eindruck des maschinellen Automatismus, und seiner Efficiency. Die frueheren Handwerker mit ihrer langen Schulung und fachmaennischen Virtuositaet wurden auf wichtigen Gebieten der Industrie durch Maschinen ersetzt, die durch ungeschulte Arbeiter bewegt, das Werk besser, rascher und billiger besorgten und dabei eine Feinheit und Homogenitaet des Produktes erzielten, die bei der handwerklichen Bearbeitung nie erreichbar war. Im Jahre 1604 zitiert B. de Laffemas, le valet de Chambre de Henri IV., in einem Memorandumxix mit Stolz und Bewunderung die neu eingefuehrten moulins de forge, „où le fer se tranche et fend en tant de pièces si menues et de telle façon qu’on veut, ce qui ne se faisait auparavant qu’à la main chez les serruriers et autres tels ouvriers bien chèremont … Comme aussi le cuivre et l’airain, qui se bat et s’aplatit à la main par les chaudronniers et autres ouvriers à grands frais, se façonne, ès dits moulins, en lames si plates et en telles formes que l’on veut, plus en un seul jour qu’un chaudronnier n’en saurait faire en un mois, et à meilleur marché“.43 40 Boutroux, l. c., p. 92. 41 ibid., p. 105. 42 Henri Hauser, Les Débuts du Capitalisme, Paris 1927, p.11. 43 Henri Hauser, l. c., pp. 11–12. 207 Aehnliches wie in der Metallurgie geschah in der Textilindustrie, Hauser erwaehnt aus dieser Zeit, Laffemas Memorandum folgend, „l’invention nouvelle“ eines grossen mechanischen Spinning-Ateliers. Dieses verarbeitet „en […] grande quantité de toutes sortes de laines, poils et cotons, lins, chanvres, filoselles et autres semblables étoffes, par les petits enfants, aveugles, vieillards manchots et impotents, assis à leur aise, sans travail ni peine de corps, plus en un jour qu’il ne s’en peut faire en trois par les quenouilles, et en plus grande perfection“.44 Laffemas erwaehnt eine weitere Erfindung auf dem Gebiete der Muellerei, „l’invention nouvelle de bluteaux pour faire bluter plus de farine en une heure qu’on n’en peut faire en un jour par la façon ordinaire, et où les enfants depuis l’âge de sept ans, les aveugles et les viellards décrépits peuvent gagner leur vie, assis et sans peine ni travail de corps“.45 Die Vorteile des von Laffemas und seinen Zeitgenossen bewunderten Maschinismus bestanden darin, dass die kleinlichen Verhaeltnisse der handwerklichen Produktion ueberwunden wurden: im Gegensatz zum Spezialistentum eines durch lange Jahre geschulten Handwerkers mit seiner mengenmaessig beschraenkten, weil von der Hand abhaengigen Produktion, konnte nun mit Hilfe der automatisch arbeitenden Maschinen die Produktion durch jedermann, auch durch ungeschulte Kraefte besorgt werden; dadurch war es zugleich moeglich, vom beschraenkten Leis- 44 H. Hauser, l. c., p. 12/13. 45 Hauser berichtet, dass fuer diese Erfindung, 1621, einem gewissen Denis Beguignon, boulanger à Paris, ein ausschliessliches Privileg erteilt wurde „d’établir des moulins à bluter […] dans toutes les villes […] de S. M.“ [ibid., p. 12.] – Hauser irrt, wenn er diese Maschine als franzoesische Erfindung betrachtet. Bei Abwesenheit eines internationalen Patentschutzes hat man sich frech fremde Ideen und Erfindungen angeeignet. Eine Maschine „pour cribler et bluter la farine“ erwaehnt schon 70 Jahre vorher Gerolamo Cardano in seinem Werk, De Subtilitate, (1550). In der franzoesischen Ausgabe (De la Subtilité, Paris 1556, pp. 50– 51) sagt er, que „par le labeur, d’un homme seul qui tourne la roue … il fait autant que trois cribleurs ou bluteurs“. Cardano betont weiter, dass durch eine einfache aber geistreiche Verrichtung „l’instrument distingue […] deux ou trois sortes de farine“, was bei der ueblichen Handmuellerei unmoeglich war. Diese „neue“ Erfindung war zur Zeit so gut bekannt, dass sie in einem in 5 Sprachen gedruckten Maschinen-Handbuch des Faustus Verantius (Machinae Novae, Venetiis 1617) erwaehnt und abgebildet ist. – Die Erteilung des ausschliesslichen Privilegs hatte somit zum Zweck nicht den Schutz der Autorrechte, sondern monopolistische Profite. – 208 tungsvolumen des Handwerks zur industriellen Grossproduktion ueberzugehenxx, die Arbeitszeit und die Kosten der Produktion zu vermindern, endlich die Qualitaet sowie die Diversifikation derselben zu verbessern. Es braucht nicht weiter zu verwundern, dass man alle diese Vorteile der materiellen Produktion, durch welche die Zeitgenossen so beeindruckt waren, mit Hilfe eines entsprechenden geistigen „Instruments“ – der Methode – auch auf die intellectuelle Production uebertragen wollte. Wir haben auf die entsprechenden Texte des Fr. Bacon bereits hingewiesen. Dasselbe gilt von Descartes. Wie in der Mechanik aus den einfachsten Elementen wie poulie, le plan incliné, le coin, la tour, la vis und le levier stets immer mehr komplizierte Mechanismen aufgebaut werden, aehnlich fuehrt auch die Algebra (die bei Descartes nur eine „Probe“ der von Descartes in seinem „Discours“xxi dargestellten allgemeinen Methode ist) zur Entdeckung der hoechsten Wahrheiten in den sciences „in due order, commencing with objects that were the most simple and easy to understand, in order to rise litte by little, or by degrees, to knowledge of the most complex“.46 Nicht nur aber die Struktur der algebraischen Methode ist dem Aufbau der Maschinen nachkonstruiert; auch die Art, wie sie funktioniert, ist nach dem Modell der Maschinen gedacht. Jede Maschine arbeitet sicher und gleichmaessig, weil automatisch, d. h. von individuellen Eigenschaften des Arbeiters (seiner Kraft, Schulung, Intelligenz) unabhaengig, aehnlich „qu’un horloge … peut compter les heures, et mesurer le temps, plus justement que nous avec toute notre prudence“.47 Dadurch aber, dass die zur Bedienung der Maschine noetige Arbeit aeusserst simplifiziert, d. h. auf einfachste Handgriffe und Bewegungen reduziert wurde, ist die Maschinenbedienung allen Menschen – auch den ohne besondere Intelligenz oder Schulung – zugaenglich gemacht worden, wodurch das Virtuosentum einer kleinen, privilegierten Gruppe der Zunfthandwerker ueberfluessig wurde. Dieselben Vorteile des Maschinismus, durch welche die Zeitgenossen am meisten beeindruckt waren, sollten – das ist der Sinn der Descartes’schen Reform der Algebra – auch der Wissenschaft zugute kommen. Dies sollte durch die Automatisierung des algebraischen Verfah- 46 Descartes, Discourse on the Method, Part II, Philosophical Works, vol. I, p. 92. 47 Descartes, [Discours de la Méthode, 5e Partie, Œuvres de Descartes, éd. Adam– Tannery, vol. VI, p. 59. (Discourse on the Method, Part V, Philosophical Works, vol. I, p. 117.)]. 209 rens, d. h. durch die mechanische Anwendbarkeit ihrer fixen Regeln erreicht werden.48 Denn auch auf dem Gebiete der Wissenschaft wuerde durch die mechanische Anwendbarkeit der Regeln der Kombinatorik ein aehnliches Resultatxxii wie in der Industrie erwartet werden koennen. Die Anwendung der algebraischen Methode wuerde allen durchschnittlich intelligenten Menschen zugaenglich gemacht, wodurch auch hier der enge Kreis des Spezialistentums durchbrochen und ueberfluessig wäre, oder wie dies Boutroux phrasiert: „Les règles de l’algèbre visent à devenir mécaniques, c’est-à-dire applicables par tous et toujours, sans intervention de l’intelligence.“49 Der weitere Vorteil der neuen, algebraischen Methode ergibt sich aus einem anderen Verhaeltnis der neuen Generation von Denkern zur Realitaet. Im absoluten Gegensatz zu der durch die Antike überlieferten Wissenschaft, die in der Kontemplation der Idealobjekte ihr Ideal erblickte, entsteht mit der algebraischen Methode von Descartes ein fundamental neuer Typus der Wissenschaft: eine Wissenschaft, die eine Konstruktion des Geistes ist,50 in der sich somit das aktive Verhaeltnis des Denkens zur Realitaet ausdrueckt, und die mit Hilfe der algebraischen Methode durch das Fortschreiten von einfachen zu stets komplizierteren Gebilden sich stets neue Objekte, eine unbeschraenkte Welt von neuen Kombinationen, konstruiert und deren Eigenschaften deduziert, gleich dem Maschinenkonstrukteur, der aus denselben einfachen Bestandteilen stets neue Maschinen fuer immer neue Verwendungen aufbaut und so die Welt seiner praktischen Aktivitaet fortwaehrend erweitert. Nachdem die Gleichungen zuerst des zweiten Grades geloest wurden, schritt man zu komplizierteren Problemen, zu den Gleichungen des dritten und vierten Grades. Als die Loesung of equations durch Niccolòxxiii Tartaglia (1545) dazu fuehrte 48 „L’algèbre se présente à nous comme une technique ayant pour objet le calcul … Grâce à la simplicité et à la fixité de ses procédés, elle prétend […] opérer rapidement, sûrement, mécaniquement […]“. (Boutroux, l. c., p. 82). 49 ibid., p. 85. – Wir begegnen hier bei Descartes [einem] aehnlichen Gedanken, den spaeter Lenin in Bezug auf den Staat und die Regierungsfunktionen entwickelt hat: On the basis of […] capitalist culture […] the great majority of functions of ‚the old State‘ have become enormously simplified […]. Das macht es moeglich, dass Lenin sie dem engen Kreis der politischen Spezialisten und Berufspolitker „as special functions of a special class“ entreissen will; durch ihre Simplification „they will be quite within the reach of every literate person“. – „The constant simplification of the functions […] will admit of their being performed by each in turn“. (N. Lenin, The State and Revolution, New York 1929, The Vanguard Press, pp. 150, 155, 156.) 50 Boutroux, l. c., p. 109. 210 that a method of solving equations of the fourth degree, depending upon Tartaglias solution of the cubic was discovered by Ferrari, a pupil of Cardanoxxiv, hoffte man, to solve auch die equations of the fifth and of higher degrees und die Erwartung schien berechtigt, auf diesem Wege zur Loesung stets hoeherer Probleme schreiten zu koennen.51 Der Pandimensionism von Descartes fand seinen logischen Abschluss in dessen Panalgebraismus.52 Aehnlich wie in der Gegenwart, nachdem der photographische Apparat erfunden ist, jedermann mit Durchschnittsintelligenz und ohne detaillierte Kenntnis des Apparates und ohne besondere Kenntnis der Gesetze der Optik photographieren kann, durch rein mechanische Anwendung einiger Verwendungsinstruktionen, weil der Erfinder des Apparates ein- und fuer allemal und fuer alle Menschen den intellektuellen effort gemacht hat, der nicht wiederholt zu werden braucht, – ebenso verhaelt es sich mit den Regeln zur Loesung von Gleichungen des 2ten, 3ten oder 4ten Grades. Wurde einmal die Loesung solcher Gleichungen gefunden, so war ihre Anwendung „dans la pensée de Descartes,xxv […] simple affaire de métier, ne réclamant de notre part aucun effort d’invention“.53 Dank dieser algebraischen Methode wird die Mathematik „une science mécanique, qu’il est désormais à la portée du premier venu de conduire à bien“.54 Die Mathematik, die frueher eine Wissenschaft war und eine beschraenkte Zahl von Resultaten aufzuweisen hatte, ist bei Descartes zu einer Methode geworden, die zu einer stets neuen,xxvi unbeschraenkten Zahl von Resultaten fuehrt. Mit Recht vergleicht daher Zeuthen55 die Revolution, die durch die cartesianische Algebra eingetreten ist, mit der Aeraxxvii 51 „Car, après avoir dit, par exemple, les droites sont les figures définies par les équations polynomales du premier degré en x et y (de la forme ax + by + c = 0); les sections coniques sont les courbes définies par les équations polynomales du second degré en x et y (de la forme ax2 + bxy + cy2 + dx + ey + f = 0), rien ne nous empêchera d’ajouter: ‚j’appelle courbes du 3e ordre les courbes définies par les équations polynomales du 3e degré en x et y, courbes du 4e ordre les courbes définies par les équations polynomales du 4e degré en x et y …; et des équations de ces courbes je vais déduire leurs propriétés, ainsi que je l’ai fait pour les sections coniques‘. ‚Ainsi, par le simple jeu du mécanisme algébrique, nous faisons surgir un monde géométrique illimité …‘“ (Boutroux, l. c., p. 108). 52 Erst early in the 19th century was shown by N. H. Abel, dass die equations of higher degrees to be generally insoluble. (Vgl. A. Wolf, A History of Science, Technology and Philosophy in the 16th and 17th centuries, London 1935, p. 191.) 53 Boutroux, l. c., p. 109. 54 ibid., p. 102. 55 H .G. Zeuthen, Geschichte der Mathematik im XVI. und XVII. Jahrhundert, Leipzig 1903. 211 der Grossindustrie der Neuzeit in ihrem Verhaeltnis zum Handwerk der frueheren Perioden. „Die von der Hand gemachten Gegenstaende […] ruehren von einzelnen tuechtigen Personen her … Jedes Stueck ist etwas Vollkommenes fuer sichxxviii“ … Dagegen legte man kein Gewicht darauf, „dass jedermann ohne besondere Voraussetzungen auch nur etwas davon erlernen, und dannxxix mehrere zusammen je einen Teil der naemlichen Arbeit sollten ausfuehren koennen“.56 Erst die Grossindustrie war imstande, weniger ausgebildete Arbeiter in ihre Dienste zu nehmen. „Durch die Einfuehrung einer allgemeinen Methode, mit der man mechanisch verfahren kann, tritt die ganze mathematische Arbeit … in ein neues Stadium ein.“ … „Sie kann von nun an unmittelbar von Vielen angewendet werden, die keine besonderen Anlagen fuer die Mathematik besitzenxxx“. Dabei laesst „die groessere Anzahl von Anwendungen immer aufs neue bedeutende Fragen entstehen“, und „die gefundenen Ergebnisse treten in Gestalt von Formeln auf, die Ausgangspunkte fuer neue mechanische Operationen bildenxxxi“.57 Dadurch offenbart die Wissenschaft bei Descartes einen wahrhaft neuen, im tiefsten Sinne des Wortes volkstuemlichen, allgemein-menschlichen Charakter, der sowohl der Antike, wie der Scholastik und der Renaissance fremd war: Nach Plato werden die philosophischen Persoenlichkeiten in ihrer geistigen Ueberlegenheit hoch ueber die Masse gestellt – da die Masse zum Philosophieren unfaehig ist: „Then the multitude cannot be philosophical. [...] And consequently the professors of philosophy are sure to be condemned by it“.58 Nach Descartes dagegen soll die Wissenschaft dem kleinen Kreise der Experten, der Virtuosen entrissen und den breiten Schichten der durchschnittlich intelligenten Menschen zugaenglich gemacht werden.59 Es war noch zur Zeit von Descartes in frischer Erinnerung der Fall von Niccolò Tartaglia, des groessten Mathematikers des 16. Jhdt., der die generelle Loesung der Gleichungen dritten Grades gefunden hat – eines Proletariers, der wegen seiner Armut nie eine Schule besucht hatte. 56 ibid., p. 216. 57 ibid., p. 219. 58 The Republic of Plato, VI, 494. (Transl. by John Llewelyn Davies and David James Vaughan, London 1923, p. 210.) 59 Vgl. die frueher p. 15 [hier: S. 204; vermutlich gemeint ist aber: p. 13 f., hier: S. 202/203 („Die ‚Science’, alle … other and interdependent.“)] angefuehrten, gegen das Spezialistentum gerichteten Stellen von Descartes. 212 Descartes kritisiert das Virtuosentum der Spezialisten, die aus Eitelkeit, um sich von Anderen bewundern zu lassen, ihren Geist und Energie fuer geistreiche Spielereien verwenden; er ironisiert „the solution of […] empty problems with which Logicians and Geometers have been wont to beguile their leisure“.60 – „For really there is nothing more futile than to busy one’s self with bare numbers and imaginary figures in such a way as to appear to rest content with such trifles, and so to resort to those superficial demonstrations, which are discovered more frequently by chance than by skill“.61 Aber auch grosse Gelehrte der Vergangenheit wie Pappus, Diphantus und andere, welche manche richtige Wahrheiten entdeckt haben, haben diese Wahrheiten anderen nicht zugaenglich gemacht, weil sie nicht den Weg zeigten, auf dem sie zu diesen Wahrheiten gelangt sind, und zwar aus Furcht, sie zu entwerten.62 In Opposition zu diesem kleinlichen Spezialistentum appelliert Descartes an die grosse Masse der durchschnittlich Intelligenten und glaubt, der gesunde Menschenverstand eigne sich besser zur Entdeckung von Wahrheit als die entartete Schulweisheit: „This is confirmed by experience; for how often do we not see that those who have never taken to letters, give a sounder and clearer decision about obvious matters than those who have spent all their time in the schools“.63 Deshalb hat Descartes in Bezug auf seine Methode eine ganz andere Attitudexxxii als die erwaehnten Spezialisten: „I mean not to employ it to cover up and conceal my method for the purpose of warding off the vulgar; rather I hope so to clothe and embellish it that I may make it more suitable for presentation to the human mind“.64 Bei Descartes sind auf dem Gebiete des menschlichen Denkens auch die letzten Ueberreste der staendischen Differenzierung verschwunden. The 60 Descartes, Rules for the Direction of the Mind, Rule IV, Philosophical Works, vol. I, p. 10. – Auch Boutroux betont den Umstand, dass die Ancient Geometry war „ce champ clos où les virtuoses de la démonstration pouvaient seuls se mouvoir“ (Boutroux, l. c., p. 105). 61 Descartes, Rules for the Direction, Rule IV, Philosophical Works, vol. I, p. 11. 62 „[…] They acted just as many inventors are known to have done in the case of their discoveries, i. e. they feared that their method being so easy and simple would become cheapened on being divulged, and they preferred to exhibit in its place certain barren truths, deductively demonstrated with show enough of ingenuity, as the results of their art, in order to win from us our admiration for these achievements, rather than to disclose to us that method itself which would have wholly annulled the admiration accorded“. (Descartes, Rule IV, Philosophical Works, vol. I, p. 12.) 63 Descartes, Rules for the Direction, Rule IV, Philosophical Works, vol. I, p. 9. 64 Rule IV, ibid., vol. I, p. 11. 213 vulgar, der Mann aus dem Volke, ist ihm ebensoviel wert wie der Professor oder der Wuerdentraeger. 150 Jahre vor der Franzoesischen Revolution verkuendet Descartes in eindrucksvollen Worten die prinzipielle Gleichheit aller menschlichen Reason. Das wirkliche Bild von Descartes stimmt nicht ueberein mit dem durch die Tradition ueberlieferten, das ihn als einen kalten Cabinett-Gelehrten zeigte. Wir wissen, dass er von der Wissenschaft nicht nur abstrakte Wahrheit, sondern auch praktische Nuetzlichkeit fuer die Menschheit verlangte; er wuenschte „maître et possesseur de la nature“ zu werden, um das Los aller Arbeitenden zu erleichtern. Und derselbe Mann zeigt sich uns als derjenige, der an den Mann aus dem Volke, an die Gleichheit der Reason glaubte. Die letzten Saetze of „Discourse“ sind eine offene, rebellische challenge des Fachgelehrtentums. Descartes wendet sich mit seinem Werk nicht an die Adresse der Fachgelehrten, sondern an das grosse, intelligente Publikum, an jeden Mann mit common sense, und ist ueberzeugt, dass diese Leute besser befaehigt sind, sein Werk zu beurteilen, als die Fachgelehrten. Daher schreibt er auch nicht in Latein, der Sprache der Professoren, sondern franzoesisch, in der Sprache des Volkes; „If I write in French which is the language of my country, rather than in Latin which is that of my teachers, that is because I hope that those who avail themselves only of their natural reason in its purity may be better judges of my opinions than those who believe only in the writings of the ancients; and as to those who unite good sense with study, whom alone I crave for my judges …“65 * * * Typoskript (30/[31] S.) / ohne Datierung [1943] / APAN, III–155: 30 / Originaltitel: Der Einfluss des Maschinismus auf die Struktur der Cartesianischen Algebra. [Titelzusatz: von Henryk Grossman]. i Couturat : Im Ts. durchgängig: Conturat. ii „Discours de la Méthode“: Im Ts.: „Discours sur la Methode“. iii „das Volk … begreifen“: Rückübersetzung aus dem Englischen: The correspondence of Spinoza. Translated and edited with introduction and annotations by A. Wolf. London, New York 1928, p. 149. In deutscher Übersetzung: „denn das Volk ist nicht imstande, erhabene Dinge zu verstehen.“ [Spinoza, Baruch de: 65 Descartes, Discourse on the Method, Philosophical Works, l. c., vol. I, p. 129/130. 214 Sämtliche Werke. 6. Briefwechsel. Übers. u. Anm. von Carl Gebhardt. 3. Aufl. Hamburg 1986, S. 82.] iv Das Zitat – im Ts. als Fußnote ohne Text ausgewiesen – entstammt der Arbeit von Boutroux [l. c., p. 101]. Bei Brunschvicg heißt es an entsprechender Stelle: „Mais dans les Regulæ déjà s’affirme un trait qui est caractéristique de la physionomie intellectuelle de Descartes: son éloignement, nuancé de quelque dédain, pour les recherches de la mathématique abstraite …“ [Brunschvicg, l. c., p. 115.] v „Je suis … d’état“: Œuvres de Descartes, éd. Adam–Tannery, vol. I, p. 139. vi wie ist die grosse Wichtigkeit zu erklaeren,: Im Ts.: wie ist es zu erklaern die grosse Wichtigkeit, … vii Bacon : Im Ts. durchgängig: Baco. viii Fr. Bacon : Grossmann nutzte im folgenden eine Ausgabe der in mehreren Auflagen erschienenen Bacon-Edition von Joseph Devey: The physical and metaphysical works of Lord Bacon. Including his Dignity and Advancement of Learning … and his Novum Organum ... [Edited] by Joseph Devey. [Erstausgabe:] London 1853. ix (1627): Im Ts.: 1620. x indeed to : Bei Bacon im Orig.: „indeed rather to“. xi Rules for the Direction of the Mind : Im Ts. durchgängig: Rules for Direction of the Mind. xii er : Gemeint ist: ein Schmied. xiii „that all the … all others“: Rules for the Direction of the Mind, Rule I, Philosophical Works, vol. I, p. 2. xiv „diese oder jene … beheben“: Bei Descartes im Orig.: „[…] he ought rather to think how to increase the natural light of reason, not for the purpose of resolving this or that difficulty of scholastic type […].“ [Rules for the Direction of the Mind, Rule I, Philosophical Works, vol. I, p. 2.] xv „L’objet …la relation“: Bei Brunschvicg im Orig.: „Mais la relation […] qui est l’objet propre de la mathématique universelle […].“ xvi so handelte es sich nunmehr darum : Im Ts.: so handelte sich nunmehr darum. xvii sagt Boutroux : Bei Boutroux im Orig.: „[…] car l’algèbre, encore une fois, ne doit pas être regardée comme une science objective au même titre que l’Arithmétique ou la Géométrie grecques; on n’a pas le droit de la définir par sa matière. Par conséquent, le fait que les algébristes utilisent des notions géométriques ne doit rien changer à l’idée que nous nous sommes faite plus haut de l’Algèbre pure. Celle-ci est une technique de calcul, vide de contenu par elle-même. C’est une méthode.“ xviii artium ars : Im Ts.: ars artium. xix Im Jahre 1604 … einem Memorandum : Im Ts.: Im Jahre 1604 B. de Laffemas, le valet de Chambre de Henri IV. zitiert in einem Memorandum … xx ueberzugehen: Im Ts.: zu uebergehen. 215 xxi „Discours“: Im Ts.: „Discourse“. xxii ein aehnliches Resultat : Im Ts.: aehnliches Resultat. xxiii Niccolò : Im Ts. durchgängig: Nicola. xxiv Cardano : Im Ts.: Cardan. xxv dans la pensée de Descartes,: Bei Boutroux im Orig.: „dans sa pensée, […]“. xxvi die zu einer stets neuen,: Im Ts.: die zu stets neuen, … xxvii Aera : Im Ts.: Era. xxviii Jedes Stueck … fuer sich : Bei Zeuthen im Orig.: „Jedes Stück ist etwas für sich; da man lange Zeit von einer einzigen Arbeit in Anspruch genommen war, ohne gleichzeitig die Gedanken auf die Erzeugung von etwas anderem zu richten, und ausschließlich nur die Mittel vor Augen hatte, die eben dem Gegenstande entsprachen, den man gerade darstellen wollte, so konnte man ihm oft eine solche Vollkommenheit verleihen, daß die Bemühungen späterer Zeiten, ihr gleichzukommen, scheitern mußten.“ xxix dann : Bei Zeuthen im Orig.: „demnächst“. xxx die keine … besitzen : Bei Zeuthen im Orig.: „die ihrer bedürfen, ohne besondere Anlagen für die Mathematik zu besitzen“. xxxi die gefundenen Ergebnisse …Operationen bilden : Bei Zeuthen im Orig.: „Ferner macht sich in der inneren Entwickelung der Mathematik vieles fast von selbst, indem sich die Methoden unmittelbar dazu anwenden lassen, die Hilfsmittel selbst zu bearbeiten oder neue Ergebnisse zu finden, die in Gestalt von Formeln, die leicht im Gedächtnisse haften, Ausgangspunkte für neue mechanische Operationen bilden […].“ xxxii eine ganz andere Attitude : Im Ts.: ganz andere Attitude. 217 Unanwendbarkeit der Funktionentheorie auf wichtige Gebiete der wirtschaftlichen Erscheinungen Es bleibt endlich zu fragen: ist es bloss ein Zufall oder haben es tiefer liegende Gründe bewirkt, dass Marx zur Erfassung aller im Reproduktionsprozesse wirkenden Momente sich eines arithmetischen Zahlenschemas und nicht der Differential- und Integralrechnung bediente? Denn, dass die Differential- und Integralrechnung für gewisse Zwecke ein zweckmässigeres und entwickelteres Werkzeug darstellt als die elementarmathematischen Hilfsmittel, darüber besteht doch wohl kein Zweifel. Schumpeter sagt daher von der Differential- und Integralrechnung zu Recht: „Nur sie vermag es, die Wirkungsweise stetig sich ändernder und dabei einander fortwährend beeinflussender Grössen vollkommen zu erfassen. Selbst wo nichtmathematischer Gedankengang ausreichen würde, ist er unbehilflich und unzweckmässig.“1 Dass auch Marx in der mathematischen Methode prinzipiell ein geeignetes Hilfsmittel zur Behandlung gewisser Probleme der Oekonomie gesehen hat, darüber stehen uns zahlreiche Beweise zur Verfügung. So wenn er seinem Freunde die Idee mitteilt, mit der er sich „privatim lange herumgebalgt.“ Am 31. Mai 1873 schreibt er nämlich an Engels:2 „Du kennst die Tabellen, worin Preise, Diskontrate usw. in ihrer Bewegung während des Jahres usw. in auf und ab steigenden Zickzacks dargestellt sind. Ich habe verschiedenemal versucht – zur Analyse der Krisen –, diese up and downs als unregelmässige Kurven zu berechnen, und geglaubt (ich glaube noch, dass es mit hinreichend gesichtetem Material möglich ist), daraus die Hauptgesetze der Krisen mathematisch zu bestimmen.“ Er wendet jedoch diese Darstellungsmethode unter bestimmten genau angegebenen Bedingungen an.3 Und wenn Marx bei der schematischen Darstellung des Reproduktionsprozesses dennoch die Formen der höheren Mathematik für entbehrlich 1 Schumpeter, Über die mathemat. Methode der theoretischen [National-] Oekonomie. (Ztschr. f. VW., Sozpolit. & Verwaltg. XV. 1906. S. 39.) 2 Marx u. Engels, Briefwechsel, Bd. IV. [Hrsg. von A. Bebel u. Ed. Bernstein. Stuttgart 1913.] S. 346. 3 So, wenn Marx z. B sagt: „Soweit der Profit quantitativ dem Mehrwert gleichgesetzt wird, ist seine Grösse, und die Grösse der Profitrate, bestimmt durch die Verhältnisse einfacher, in jedem einzelnen Fall gegebener oder bestimmbarer Zahlengrössen. Die Untersuchung bewegt sich also zunächst auf rein mathematischem Gebiet.“ (Kapital III/1, S. 23.i) Hier werden also zunächst auf mathematischem Wege von vornherein nur rein quantitative Wertrelationen behandelt, da die Profitrate nur von der Wertzusammensetzung des Kapitals und der Mehrwertsrate abhängt. (L. c. S. 43.) 218 hielt und ein elementares Zahlenbeispiel vorgezogen hat, so glauben wir, dass dieser wichtige methodische Umstand nicht einem Zufall zuzuschreiben ist, dass er vielmehr in einem innigen inneren Zusammenhange mit dem Hauptkern seiner Lehre, mit seiner Auffassung der kapitalistischen Produktionsweise als eines dualistischen Produktionsprozesses, der zugleich Arbeitsprozess und Verwertungsprozess ist. Die mathematische Funktionentheorie, welche die Relationen zwischen verschieden voneinander abhängigen Grössen darstellen will, hat zur Voraussetzung die Stetigkeit der Funktionen, also die Tatsache, dass jeder Aenderung einer gegebenen Grösse, eine analoge Aenderung der von ihr abhängigen Grösse entspricht. Betrachtet man die Welt der ökonomischen Erscheinungen nur von der Wertseite als Wertrelationen, betrachtet man das Kapital für bestimmte Zwecke (z. B. um die Gesetze der Profitrate zu untersuchen) nur von der Seite der Wertzusammensetzung, dann mag der Vorstellung einer Stetigkeit der Funktionen nichts im Wege stehen, denn jeder unendlich kleinen Aenderung der einen Wertgrösse kann eine bestimmbare Aenderung der anderen Wertgrösse entsprechen. Von diesem Standpunkt aus mag die „Mathematik als Forschungsmethode, als essentielle Form des ökonomischen Gedankens“ii betrachtet werden.4 Es ist daher kein Zufall, dass die mathematische Behandlungsweise der ökonomischen Probleme eben auf solchen Gebieten ihre grossen Leistungen zeigen könnte, so die rein wertmässige Betrachtung im vornhinein gesichert ist, wie z. B. bei der Austauschlehre, Steuerlehre etc., wo also die Stetigkeit der Funktionen als Tatsache oder mit grosser Annäherung angenommen werden kann.5 Greift man so den Tausch, wie die Wertphänomene überhaupt, losgerissen von den übrigen Beziehungen der konkreten Totalität, heraus, so kann man auch unschwer den Ruhm erobern, wie dies z. B. von Jevons gilt, „die grundlegenden Tauschbeziehungen gefunden zu haben“.iv Anders stellt sich indes die Sache dar, wenn das Wesen der kapitalistischen Produktionsweise in der Grundtatsache des in der Ware schlummernden Gegensatzes zwischen Gebrauchswert und Wert erblickt wird. Dann genügt die 4 „Wenn wir Theorie treiben wollen, so müssen wir den Begriff Reichtum dem gleichsetzen, was wir im Begriff Tauschwert zusammenfassen.“ – „Die Fragen, bei denen die mathematische Analysis nicht anwendbar ist … habe ich nicht berührt.“ (Cournot, Untersuchungen über die mathematischen Grundlagen der Theorie des Reichtums. Jena 1924, S. 2, Abs. 2 u. Vorwort, S. XXIII.iii) 5 Es ist daher interessant zu sehen, wie Aug. Cournot, der „Vater der mathematischen Wirtschaftstheorie“, seine Betrachtung nur auf Erscheinungen einschränkt, die entweder wertmässig sind oder als solche gedacht werden können, dagegen alle nicht wertmässsig darstellbaren Beziehungen aus dem Gebiet der politischen Oekonomie ausschaltet. 219 Analyse der wirtschaftlichen Erscheinungen lediglich von der Wertseite nicht. Nebst den Wertrelationen und der Wertzusammensetzung des Kapitals muss auch seine technische Zusammensetzung berücksichtigt werden, die in jeder Produktionssphäre verschieden ist und von dem speziellen Charakter dieser Sphäre abhängt. Will man aber die mit dem technologischen Charakter der Kapitalzusammensetzung zusammenhängenden Momente berücksichtigen, so versagt die mathematische Behandlung dieser Erscheinungen gänzlich.6 Die Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Wertgrössen und Gebrauchswertgrössen sind keine stetige Funktionen; nicht jeder Veränderung der Wertgrösse entspricht einevi Aenderung in der Gebrauchswertgrösse. Die Relationen lassen sich überhaupt nicht nach ableitbaren Gesetzen feststellen.7 Die Vermehrung des konstanten Kapitalwertes in den Industriezweigen A und B um 1 % kann eine Steigerung der Produktionskraft in verschiedenem Grad hervorrufen. Während die Gebrauchswertmasse in A um 5 % stieg, so jene in B eventuell um 20 %.8 6 So kann z. B. bei der Akkumulation, soweit sie dem Wert nach betrachtet wird, der Produktionsapparat um jede verfügbare beliebige Mehrwertgrösse erweitert werden.v Anders stellt sich die Sache dar, wenn die Akkumulation von der stofflichen Seite des Produktionsapparates betrachtet wird. „Da die Proportionen, worin der Produktionsprozess erweiterbar, nicht willkürlich, sondern technisch vorgeschrieben sind, so kann der realisierte Mehrwert, obgleich zur Kapitalisierung bestimmt, oft erst durch die Wiederholung verschiedener Kreisläufe zu dem Umfang heranwachsen (muss also bis dahin aufgehäuft werden), worin er wirklich als zuschüssiges Kapital fungieren … kann.“ (Marx, Kapital II. S. 53.) „Aus der bisherigen Betrachtung der Produktion des Mehrwerts ergibt sich, dass nicht jede beliebige Geld- oder Wertsumme in Kapital verwandelbar, zu dieser Verwandlung vielmehr ein bestimmtes Minimum von Geld oder Tauschwert in der Hand des einzelnen Geld- oder Warenbesitzers vorausgesetzt ist.“ (Kapital I. S. 30[4].) Dieses „Minimum der Wertsumme … wechselt auf verschiedenen Entwicklungsstufen der kapitalistischen Produktion und ist, bei gegebener Entwicklungsstufe, verschieden in verschiednen Produktionssphären, je nach ihren besonderen technischen Bedingungen.“ (K I. S. 306.) – Diese Beispiele müssen vorläufig genügen. In anderem Zusammenhang kehren wir zu dem hier berührten Problem der Inkongruenz der Wert- und technischen Proportionen ausführlich zurück. 7 „Die Abnahme des variablen Kapitalteils gegenüber dem konstantenvii, oder die veränderte Zusammensetzung des Kapitalwerts, zeigt jedoch nur annähernd den Wechsel in der Zusammensetzung seiner stofflichen Bestandteile an.“ Marx illustriert diesen Gedanken am Beispiel der Spinnerei, wo das konstante Kapital gegenüber dem variablen Teil – dem Werte nach – seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts 7 mal gewachsen ist, „dagegen die Masse von Rohstoff, Arbeitsmitteln usw., die ein bestimmtes Quantum Spinnarbeit heute produktiv konsumiert, viel hundertmal grösser als im Anfang des 18. Jahrhunderts.“ (Kapital I. S. 640.) 8 Vergl. darüber das Marxsche Zitat unten S. 392viii. 220 Die Funktionentheorie hat hier keine Anwendungsmöglichkeit. Während man sich vorstellen kann, dass die Werte eines gegebenen Produktionsmechanismus um jeden beliebigen unendlich kleinen Teil akkumuliert werden können, ist es anders, sobald es sich um den technischen Umfang des Produktionsapparates handelt, also soweit er eine konkrete technologisch bestimmte Einheit von Gebrauchswerten (Arbeitsinstrumente, Roh- und Hilfsstoffe, lebendige Arbeit) darstellt, die im Arbeitsprozess in technologisch bestimmten Proportionen fungieren müssen. Hier kann das Wachsen nicht stetig, sondern sprungweise erfolgen, nur als ein multiplum der als Minimalgrösse erforderlichen Anfangseinheit. Ebensowenig bestehen nach irgend welchen Gesetzen ableitbare Beziehungen zwischen der Steigerung des Wertumfangs des Produktionsapparates und seiner technischen Leistungsfähigkeit. Die Anwendung der Funktionenlehre war hier somit nicht angebracht, und schon die algebraische Behandlung lässt die Divergenz in den Abhängigkeitsverhältnissen der Wert- und Gebrauchswertgrössen verschwinden. Marx vergisst daher nie, die durch das Schema dargestellten Grössenverhältnisse der Werte noch näher durch textliche Darstellung der Gebrauchswertänderungen zu vervollständigen. Zeigt er z. B., dass im Prozess der Akkumulation und der damit gestiegenen Produktionskraft der Arbeit die Werte in einem gewissen Verhältnis gewachsen sind, so vergisst er nicht sogleich hinzuzufügen, dass noch rascher als die Werte die Gebrauchswerte gestiegen sind.9 Die nähere Darstellung dieses Sachverhaltes muss für den weiteren Teil vorbehalten bleiben. Hier sollte nur der Zusammenhang dieses Sachverhaltes mit der Marxschen Darstellungsmethode klargelegt werden. * * * Typoskript (9 S.) / ohne Datierung [1946?] / APAN, III–155: 33 / Originaltitel: d/. Unanwendbarkeit der Funktionentheorie auf wichtige Gebiete der wirtschaftlichen Erscheinungen. [Paginierung von Hand: S. 18– 26]. i Kapital III/1, S. 23.: Im Ts.: Kapital II/S. 23. ii „Mathematik als … Gedankens“: Schumpeter, Josef: Über die mathematische Methode der theoretischen Nationalökonomie. In: Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung. Wien, Leipzig. 15. Bd. 1906. S. 41. iii S. 2, Abs. 2 u. Vorwort, S. XXIII.: Im Ts.: Vorrede Art. 5 u. 6. iv „die grundlegenden … haben“.: Schumpeter: Über die mathematische Methode der theoretischen Nationalökonomie. S. 48. Dort im Orig.: „[…] die grundlegenden Tauschgleichungen gefunden zu haben […].“ 9 Marx, K. III/1. S. 198. 221 v So kann z. B. … werden.: Im Ts.: So kann z. B. bei der Akkumulation soweit sie dem Wert nach betrachtet wird, oder der Produktionsapparat um jede verfügbare beliebige Mehrwertgrösse erweitert werden. vi eine: Im Ts.: einer. vii konstanten: Im Ts.: konkreten. viii S. 392: Bezug nicht ermittelt. 223 Anhang: Verzeichnis der von Grossmann zitierten und erwähnten Literatur An Inquiry into those Principles, respecting the Nature of Demand and the Necessity of Consumption, lately advocated by Mr. Malthus, etc. London 1821. Anderson, James: Essays relating to agriculture and rural affairs. Vol. 1–3. Edinburgh, London 1775–1796. Aucuy, Marc: Les Systèmes Socialistes d’Échange. Paris 1908. [Bacon, Francis:] The physical and metaphysical works of Lord Bacon. Including his Dignity and Advancement of Learning, in nine books, and his Novum Organum, or, Precepts for the interpretation of nature. [Edited] by Joseph Devey. London 1853. Bacon, Francis: New Atlantis. In: The works of Francis Bacon. Collected and edited by James Spedding, Robert Leslie Ellis and Douglas Denon Heath. Vol. III: Philosophical works. Part II. London 1885. S. 119–166. [Bailey, Samuel:] A Critical Dissertation on the Nature, Measures, and Causes of Value; chiefly in reference to the writings of Mr. Ricardo and his followers. By the Author of Essays on the formation and publications of opinions, &c. London 1825. Bauer, Helene: Ein neuer Zusammenbruchstheoretiker. In: Der Kampf. Sozialdemokratische Monatsschrift. Wien. 22. Jg. 1929. Nr. 6. S. 270– 280. Bauer, Otto: Mathematische Formeln gegen Tugan-Baranowsky. In: Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Stuttgart. 25. Jg. 1906/1907. Bd. 1. Nr. 24. S. 822/823. Bauer, Otto: Die Akkumulation des Kapitals. In: Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Stuttgart. 31. Jg. 1912/1913. Bd. 1. Nr. 23. S. 831–838; Nr. 24. S. 862–874. 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Dagegen ermutigt die Herausgabe dieser Schriften in einem Augenblick, in dem sich die Welt der Arbeit und Wissenschaft für den vierzigsten Todestag des genialen Forschers und unsterblichen Kämpfers für die Befreiung der Arbeiterklasse rüstet, dazu, einen Blick auf die Anfänge der Bewegung bei uns und auf das Echo zu werfen, das diese in den oberen Sphären der zeitgenössischen Wirtschaftswissenschaft hervorgerufen hat. Die Tatsache, dass es die Entwicklung der Arbeiterbewegung in polnischen Landen im Laufe fast eines halben Jahrhunderts zu keiner einzigen bedeutenden, selbständigen Arbeit im Bereich der Sozialismustheorie und der Arbeiterbewegung überhaupt gebracht hat, zeigt nur zu deutlich die geistige Unreife der Arbeiterklasse, was seinerseits wiederum die unvollständige Darstellung eines allgemeineren Faktums ist: das des überaus niedrigen Niveaus der in Polen noch in den Kinderschuhen steckenden Wirtschaftstheorie überhaupt. Dies hat tiefere historische Ursachen. In Bezug auf das zeitgenössische Polen ist zutreffend, was Marx über Deutschland im Jahre 1873 schrieb, dass „die politische Ökonomie bis zu dieser Stunde eine ausländische Wissenschaft blieb“. Die Verspätung der Bauernbefreiung und der Beseitigung der Reste des Feudalsystems in Polen hemmte die Entwicklung der kapitalistischen Produktion und verursachte so das Fehlen einer lebendigen Basis für politische Ökonomie. Diese war demnach eine Importware aus dem Ausland: aus England, Frankreich und Deutschland, und sie war zugleich das theoretische Abbild fremder Realität. Unter solchen Bedingungen war für die Arbeiterbewegung kein Platz, und diese konnte nur eine fremde, exotische Pflanze sein. Wenn man überhaupt von einem polnischen Sozialismus zu jener Zeit sprechen kann, dann war das ein Emigrationssozialismus, der im Lande kaum auf Echo stieß. Man sieht das an den damaligen Ansichten im Lande über den Charakter dieser Bewegungen. Im Jahre 1850 schrieb Herr Komornicki in dem von Kraszewski herausgegebenen Atheneum, die Ansichten ausländischer Ökonomen referierend: 236 „Ich finde, dass die französischen Träumer bei uns auf wenig Anteilnahme stoßen … Die Träume Fouriers, an deren Stichhaltigkeit Blanqui nicht zu zweifeln wagt, die Versuche Owens, die bislang weder ihm gelungen sind noch seinen Anhängern, die wahnwitzigen Hypothesen Proudhons, das alles hören wir uns an wie alte Märchen von Riesen, die den Himmel erstürmen, wie fantastische Geschichten.“ (Atheneum, Wilnius 1850, Bd. IV, S. 110). Erst nach der Bauernbefreiung, in den 1870er Jahren, entwickelte sich eine kapitalistische Produktion, und zwar in raschem Tempo, in polnischen Landen; es kam zu einer Periode der „organischen Arbeit“, einer Periode der Idealisierung der Pioniere des neuen Systems und der Verdrängung der Vertreter der alten Epoche. Die Messerklinge des aufkommenden Kapitalismus war nicht nach unten gerichtet, auf das Proletariat, das gerade erst den Kinderschuhen des Handwerks entschlüpft war, als vielmehr nach oben, gegen die Kirche und den Adel, die Schlachta, die die alten Feudalbeziehungen repräsentierten. Die entstehende Bourgeoisie träumte nach ausländischem Vorbild (wenn auch still und behutsam) von einer Umgestaltung der herrschenden Verhältnisse zu ihren Gunsten; von daher rührten der polnische Liberalismus, die fortschrittliche Kritik an Kirche und Religion … Damals, vor dem Hintergrund einer polnischen Bourgeoisie in statu nascendi, musste die zu einer überwältigenden Mehrheit noch antiliberal und klerikal eingestellte polnische Gesellschaft mit Sympathie den aus dem Ausland kommenden Nachrichten vom Kampf des Proletariats gegen die liberale Bourgeoisie lauschen. In diesem Augenblick entstand bei uns die erste bedeutende, man mag sagen, was man will, in Form und Inhalt nicht gewöhnliche Studie aus dem Bereich des Sozialismus, verfasst von dem Priester St. Pawlicki, einem Mitglied der Kongregation von der Auferstehung des Herrn und Professor an der Jagiellonen-Universität: „Lassalle und die Zukunft des Sozialismus“ (Krakau 1874). Sein Unwille gegenüber der liberalen Bourgeoisie bewirkt, dass Priester Pawlicki kein vorbehaltloser Anbeter des goldenen Kalbes des Kapitalismus und seiner theoretischen Reflexion – dem freien Wettbewerb – ist, dass er wachen Auges darauf blickt und nicht nur die dicken Dividenden der Aktionäre sieht, sondern auch die Kehrseite der Medaille: „die negativen Seiten des Gesellschaftsbaus“, der auf freiem Wettbewerb basiert (Kapitel V, S. 91– 101). Vorbehaltlos anerkannt werden die Verdienste der neueren wissenschaftlichen Sozialisten, besonders von Marx, weil er die wirtschaftliche Lage der Arbeiterklasse von Grund auf analysiert hat (S. 92). Der Sozialismus sei das Resultat der ökonomischen Lage der Arbeiterklasse und des ganzen zeitgenössischen Gesellschaftssystems. „Leider … kranken die größten Staaten Europas heutzutage an der sozialen Frage, das heißt an 237 sozialer Unordnung, doch kaum jemand sieht das, und selbst diejenigen, die es sehen, können nichts dagegen tun, weil auch diese wenigen Beobachter der Rausch der Zivilisation des nüchternen Urteilsvermögens beraubt“ (S. 5). Mit bitterer Ironie spricht er von der „Kehrseite“ dieser Zivilisation, die „ebenfalls wichtig ist, vielleicht sogar noch wichtiger als die andere. Wenn sie uns maßloses Elend offenbart und die Zerstörung des Gleichgewichts der Besitzverhältnisse, was für einen Wert hat dann diese grelle, neu entstandene Kultur?“ „Unsere goldene Zivilisation schlemmt über einem schlafenden Vulkan. Und doch sind die Anzeichen für einen Ausbruch so deutlich, so zahlreich“! (S. 6, 7.) „Unter dem Druck des Elends und angesichts des Egoismus der wohlhabenden Klassen beginnt es in den Massen immer mehr zu gären, erwacht ein immer größerer Hass auf die Obrigkeit, die das Elend der Gesellschaft entweder nicht abschaffen kann oder es nicht will“, während man gleichzeitig „die Schätze ganzer Provinzen in den Händen weniger Kapitalisten angehäuft sieht. Da weckt die grelle Antithese von reichem Müßiggang und blutiger Arbeit ums tägliche Brot, von riesigen Vermögen und nackter Armut in den Herzen jenen Hass auf jegliches Eigentum, ohne den der Sozialismus nicht leben kann“ (S. 8). Aus diesen Fakten erwachsen der Sozialismus und die soziale Frage. Es sei nicht das Werk falscher Individuen, sondern die Folge der bestehenden Verhältnisse. „Ob ihre hartnäckige Ausdauer, dieser ständige Zuwachs und die zunehmende Tapferkeit nicht zu einer Wahrheit oder zu einer Teilwahrheit führt, die tief in ihr verborgen liegt, die immer lauter nach Leben und Realität verlangt? Verschließen wir also nicht die Augen vor ihrem Anblick … sehen wir genau hin und erkennen wir sie von Grund auf, denn die Begegnung mit ihr ist unvermeidlich, und große Verdienste erwirbt sich, wer den Feind vor dem Zusammentreffen kennen gelernt hat“ (S. 10). – „Vor der Begegnung“ mit der modernen Bewegung der Arbeiterklasse, die es damals in Polen nicht gab. „Die einschlägige sozialistische Bewegung beginnt in Polen ab dem Jahr 1877 … Bis zum Jahre 1877 hat der praktische Sozialismus im Lande keine tieferen Wurzeln geschlagen. Es wurden zwar sozialistische Zirkel in der Emigration organisiert, und man bemühte sich mehrfach, deren Agitation von außen ins Land hereinzubringen, doch diese konnte eine gewisse Zeitlang weder in Posen noch in Galizien oder im Königreich festen Fuß fassen“.1 1 Estreicher, St.: Rozw j organizacji socjalistycznej w krajach polskich. [Die Entwicklung der sozialistischen Organisation in polnischen Landen.] Kraków 1896. S. 5. 238 Unter diesen Bedingungen, als die Gefahr einer unmittelbaren Arbeiterbewegung nicht bestand, als das ganze Problem des Sozialismus nicht auf der Basis der wirtschaftlichen Entwicklung der eigenen Gesellschaft wuchs, sondern von außen kam, als eine gedankliche Reflexion abgelegener Gesellschaftskonflikte, da kann man von den Honigwochen der polnischen Wissenschaft in Bezug auf den Sozialismus sprechen: Sie hatte noch den von praktischen Sorgen um die eigene materielle Zukunft ungeschwächten Willen zur Erforschung des Phänomens und zur Erkenntnis der Wahrheit. In dieser Zeit kam es auch zu einer selbständigen Arbeit über die Arbeiterbewegung und den Sozialismus und zu jenem objektiven Urteil von Menschen der Wissenschaft, die, wenn sie auch gesellschaftlich auf der entgegengesetzten Seite standen, wenn sie auch spürten, dass darin eine Gefahr für die materielle Lage ihrer eigenen Klasse lag, in dieser Bewegung dennoch „die Wahrheit oder eine Teilwahrheit, die ihr zugrunde liegt“ zu sehen vermochten und sie, anstatt sie mit blindem Hass zu verurteilen, vor allem „gut und von Grund auf kennen lernen“ wollten. P. analysiert die wirtschaftliche Lage und das Elend der Arbeiterklasse und setzt sich mit jenen auseinander, die behaupten, dieses Elend lasse sich nicht abschaffen. Neben dem System der kapitalistischen Produktion selbst sieht er eine weitere bedeutende Quelle dieses Elends im modernen Staat und im Militarismus, die ständig neue Belastungen nach sich zögen (113, 115). So betrachtet er die Sache der Arbeiterbewegung, und nicht anders sieht er auch die sie führenden Leute. „Indem ich alle positiven Seiten ihres Geistes (von Marx und Lassalle) hervorhebe, spreche ich zuweilen über sie mit offenkundiger Sympathie.“ Lassalle ist für ihn kein gewöhnlicher Demagoge. „Er veranschaulicht eine Idee, die im Ganzen falsch ist, denn sie ist einseitig, und doch enthält sie einen wahren Kern, der früher oder später keimen, Wurzeln schlagen und wachsen wird. Das ist seine historische Bedeutung, die Macht seines Namens“ … „Er hat seine Mission liebgewonnen und seine ganze Seele hineingelegt … Darin liegt sein Ruhm und sein persönlicher Wert, der Achtung verdient“ (S. 10). Mit dieser Objektivierung erinnert der Priester Pawlicki drei Jahre nach dem Zusammenbruch der Pariser Kommune und ein Jahr nach dem Haager Internationalen Kongress an den von der Bourgeoisie der ganzen Welt gehassten Begründer und Anführer der Bewegung, Karl Marx, wobei er ihn gegen ungerechte Verleumdungen verteidigt. „Dank den liberalen Zeitungen existieren über (Marx und die Internationale) völlig falsche Vorstellungen; man gibt ihnen die Schuld an den abscheulichsten Verbrechen“. Pawlicki sieht darin gewöhnliche Verleumdungen. Für ihn ist Marx ein „tiefschürfender und allseitig ausgerichteter Denker, der stets bereit ist, sein persönliches Interesse seinen theoretischen Überzeugungen 239 zu opfern“ (S. 49), und sein literarisches Hauptwerk, „Das Kapital“, ist für ihn ein „vortreffliches“ Werk (S. 50); Marx und Engels sind „Männer, denen man tiefe Wissenschaft nicht abstreiten kann“ (S. 58), weil sie zur Erhellung der negativen Seiten des derzeitigen Gesellschaftssystems beigetragen hätten: „die neueren Sozialisten, besonders Marx, haben sich nicht geringe Verdienste erworben, indem sie dieses Elend hervorgehoben und dessen grausiges Bild den vermögenden Klassen vor Augen geführt haben“ (S. 92). Von seinem konservativen Standpunkt aus sah und konstatierte Pawlicki schon damals den Bankrott der offiziellen liberalen Ökonomie angesichts des wissenschaftlichen Sozialismus. „Sowohl Tageszeitungen aller politischen Meinungen als auch Hochschulkatheder rufen zum formellen Kreuzzug gegen den sich erhebenden Feind auf“. Der Liberalismus „hat sich dennoch keine Lorbeerkränze erworben, sondern sogar seine alten eingebüßt; denn wenn die mit ihm verbündeten Regime – zumindest zeitweilig – der sozialen Bewegung materiellen Nutzen brachten, so hat der theoretische Liberalismus in den letzten Jahren nur Niederlagen verzeichnet ... Er hat in seinen Reihen keine einzige Persönlichkeit gefunden, die in der Lage wäre, den Kampf mit den Anführern der sozialen Bewegung aufzunehmen.“ … „Die Gegner von Lassalle und Marx aus dem liberalen Lager machen auf mich den Eindruck von Liliputanern, die sich auf Riesen stürzen. Das führt dazu, dass die Kräfte ausgemergelt werden, es führt zu einer großen Entmutigung“ … „Diese Kasten haben nicht einmal eine mächtige Waffe, die das fehlende Genie ersetzen könnte, sie haben noch kein System, an das sie glauben … die politische Ökonomie ist ihnen völlig entglitten und in den Besitz ihrer Gegner übergegangen, seit Lassalle bewiesen hat, dass die politische Ökonomie unweigerlich von den Höhen, zu denen sie Ricardo geführt hat, in den Abgrund des Sozialismus fallen muss“ (S. 143). „Gegen eine Idee muss nicht eine materielle Macht, sondern unbedingt eine andere Idee zum Kampf antreten“, folgert er idealistisch. Er hat Recht, wenn er vom Standpunkt der Wissenschaft aus die Forderung stellt, „wer sich wirksam mit einer Theorie auseinandersetzen will, muss ihr eine bessere Theorie gegenüberstellen. Das kann der Liberalismus nicht, aus dem einfachen Grund, weil er keine hat“ (S. 143). Nachdem er als Wissenschaft Bankrott gemacht hat, setzt er seine ganze Hoffnung auf die Obrigkeit. Daher sein Rufen nach Repressionen durch Polizei und Gesetz. Priester Pawlicki warnt jedoch vor diesem Mittel gegen die Bewegung, die zutiefst auf den ökonomischen Verhältnissen basiere und eine vorzüglichere wissenschaftliche Theorie besitze als ihre Gegner. Man könne dem Sozialismus das Recht auf Existenz bestreiten, wenn man die Hauptgründe 240 für das „gesellschaftliche Chaos“ beseitige (S. 115). Doch die verdorbene Plutokratie, die Börsen, Parlamente und Banken beherrsche, und deren einziges Ziel fieberhafte Bereicherung um jeden Preis sei, sei dazu nicht fähig. Angesichts dessen warnt er, dass „die materielle Drangsalierung der Sozialisten von geringem Nutzen ist“ …, dass „die Behörden, die seit dreißig Jahren mit der Strafverfolgung des Sozialismus beschäftigt sind, sich keines einzigen bedeutenden Resultates rühmen können; trotz Prozessen, Fesseln, Verbannungen, die den Anführern der neuen Bewegung entgegengeworfen werden, hat diese Bewegung nicht nur bestehen können, sondern sie wächst mit jedem Jahr“. Denn „die Idee lässt sich nicht mit dem Bajonett erstechen oder ins Gefängnis stecken" (S. 142). In den oben dargelegten Ausführungen ging es mir nicht um die Analyse und Kritik der Ansichten Priester Pawlickis, sondern darum, sein Verhältnis zur Bewegung der Arbeiterklasse und ihrer theoretischen Vertreter herauszuarbeiten. Das Bild, das vor unseren Augen entsteht, ist einzigartig in seiner Zerrissenheit. Der ökonomische und gesellschaftliche Fragenkomplex, den es aufwirft, das Material, mit dem es illustriert ist, all das ist aus dem Ausland importiert. Doch gerade die Tatsache, dass es die Bewegung der Arbeiterklasse im Lande nicht gab, dass sie nicht bedrohlich sein konnte, gestattete Objektivität. Auch in Bezug auf unsere Gesellschaftsschriftsteller bewahrheitet sich die marxistische Ansicht: „Solange man sich objektiv mit politischer Ökonomie beschäftigen konnte, fehlte es in der polnischen Wirklichkeit an den modernen ökonomischen Bedingungen. Sobald diese Bedingungen gegeben waren, geschah das unter Umständen, die eine unparteiische Wissenschaft in den Grenzen des bourgeoisen Horizontes verhinderten. Die politische Ökonomie – wenn sie bürgerlich ist, d. h. das kapitalistische System nicht als historisch vorübergehende Phase der Entwicklung begreift, sondern im Gegenteil als absolute und endgültige Form der gesellschaftlichen Produktion, kann nur solange eine Wissenschaft bleiben, wie sich der Klassenkampf im Keimstadium befindet oder sie sich ausschließlich in Abgeschiedenheit entfaltet.“ In die Idylle, wie sie sich in dem Buch Pawlickis widerspiegelt, brach bald darauf mit scharfen Misstönen die aufkommende sozialistische Bewegung in polnischen Landen in den Jahren 1878 und 1879 herein, die Tätigkeit L. Wary skis und der Genossen im Königreich, der große Prozess im Jahre 1879 vor dem Geschworenengericht in Krakau, die Entstehung des ersten „Proletariats“, der Posener Prozess des Jahres 1882 und die beiden Warschauer Prozesse. Und sofort zerplatzte die Idylle der bürgerlichen Ökonomie in Polen wie eine Seifenblase. Die Geburt der Bewegung der Arbeiterklasse war gleichzeitig das Begräbnis der schwachen Pflanze, genannt selbständige und unabhängige Wirtschaftswissenschaft. Als wären auf die Berührung eines Zauberstabes hin ein für alle Mal Stimmen wie die des Priesters 241 Pawlicki verstummt. Sein Werk geriet ins Abseits, wurde vergessen und diente nirgends mehr als nachahmenswertes Beispiel. Nach dem Jahr 1877 war ein Werk über den Sozialismus im Stil der Arbeit Pawlickis unmöglich. Kaum entstanden die ersten Keime der Arbeiterbewegung in Polen, da trat das bürgerliche Lager auch schon zum Kampf gegen das Proletariat an. Von da an erschien in diesem Lager keine einzige bedeutendere Arbeit mehr, die der Analyse der praktischen Arbeiterbewegung oder ihrer Theorie gewidmet gewesen wäre. Der Wunsch nach wissenschaftlicher Forschung und Erkenntnis verstummte dort ein für alle Mal, und es kam zur trivialen, apologetischen Verteidigung von Interessen. Die Warschauer Fortschrittlichen äußerten sich im Jahre 1879 in einem Artikel wi tochowskis in den „Nowiny“ gegen den Sozialismus, und ihnen kam vom Universitätslehrstuhl für liberale Ökonomie, in Gestalt des Rektors der Universität von Lemberg Professor Leon Bili ski zu Hilfe. Unter dem „tiefen Eindruck der sozialistischen Agitationen des Jahres 1878/79“ beschloss er, vom Rednerpult des Rektors aus ein Bild „der für Vaterland, Kirche, Familie und Gesellschaft schrecklichen Bestrebungen des Sozialismus“ zu geben, in einer feierlichen Ansprache an die Jugend, die im Oktober 18822 gehalten wurde, natürlich „auf der Basis nüchterner und gerechter Wissenschaft“. Diese besondere Wissenschaft eines ehrenwerten „Akademiemitglieds“ ist in der Tat wirklich „nüchtern“: Erstmals in der Geschichte Polens wie auch der übrigen Länder des Westens zeichnet sich die Klasse der freien Lohnarbeiter als ein Massenphänomen ab, als eine Klasse, die sich in nationalen und internationalen Verbindungen organisiert und nach einer prinzipiellen Veränderung des gesellschaftlichen Systems strebt. Die „nüchterne“ Wissenschaft sieht weder in dieser breiten sozialen Bewegung noch in ihrer sozialistischen Theorie ein Problem, das der Erforschung wert wäre. „Vor allem“, gesteht B. naiv, „möchte ich die Universitätsjugend laut vor den fatalen sozialistischen Strömungen warnen.“ In den Pforten der Universität, von denen das Licht der Wissenschaft und der Erkenntnis ausstrahlen sollte, ruft er zum blutigen Kreuzzug gegen den Sozialismus auf, und während er noch von der „nüchternen und gerechten“ Wissenschaft spricht, erklärt er unmissverständlich, in seinem Kampf gegen den Sozialismus und die Sozialisten keinen einzigen der bekanntesten literarischen Vertreter des älteren oder neueren Sozialismus gelesen zu haben: Auf den 60 Seiten seiner Ausführungen, die mit Zitaten und Titeln von Werken überladen sind, nennt er kein einziges Werk der Sozialisten, gegen die er polemisiert. Mit der Gewandtheit eines Ignoran- 2 Bili ski, L.: O istocie, rozwoju i obecnym stanie socjaliszmu. [Über das Wesen, die Entwicklung und die jetzige Lage des Sozialismus.] Kraków 1883. 242 ten und Kompilators bezieht er seine ganze Weisheit und all seine Informationen aus zweiter und dritter Hand, indem er sie aus suspekten Quellen abschreibt, wie die von Winter, Semler, Laveley, Meyer und B. Becker, wie es sich für „nüchterne“ Wissenschaft gehört. So hat laut dem ehrenwerten Akademiemitglied der Biograph Babeufs, Buonarroti, „schon im Jahre 1837 Königsmord, Meuchelmord und Mord als erlaubte Mittel zur Bewirkung des Guten bezeichnet“ (S. 18). In dem Augenblick, als sich die Wirtschaftstheorie des Westens gezwungenermaßen mit dem wissenschaftlichem Sozialismus zu beschäftigen hat und durch den Mund ihres angesehensten Repräsentanten Böhm-Bawerk (1884) bekennt, dass Marx „der größte Theoretiker des Sozialismus durch seine unbestreitbare Originalität und das hohe Niveau seiner raschen Schlussfolgerungen“ sei, und der Vorstellung und Kritik seiner wissenschaftlichen Theorie ein längeres Kapitel widmet, als eine ganze Reihe anderer bekannter Ökonomen aus dem bürgerlichen Lager schon damals in Marx „das größte Ereignis in der zeitgenössischen sozialistischen Literatur“ sieht (Knies3) – da hat ein ehrenwerter Professor und ein Akademiemitglied, der Stolz unserer Wirtschaftswissenschaft, der Jugend über Marx nichts anderes zu sagen als: „Mord, Raub und Brandstiftung zum Zweck der letztlichen Konfiszierung aller Güter für die Sache der Arbeiterrepublik: das ist schon im Jahre 1850 das Programm von Marx“ (S. 28). Die Tatsache des „schrecklichen Wachsens des Sozialismus in Frankreich“ ausmalend, beschuldigt er diesen auch der dort zu jener Zeit grassierenden „schwarzen Bande“, die „Kapellen zerstört, Kreuze abreißt und goldene und silberne Kirchengegenstände raubt“ (S. 34); schließlich erinnert er an die „Dynamitattentate, die sicherlich (!) auf dem Kongress in Roanne beschlossen wurden“ (S. 35). Allerdings, so sagt er, sei bezweifelt worden, dass zwischen diesen Attentaten und dem Sozialismus ein Zusammenhang bestehe. „Die Sache kann jedoch für niemanden einem Zweifel unterliegen, dem das öffentliche Programm des Sozialismus vom Jahre 1848 bekannt ist, und besonders das des internationalen vom Jahre 1863“ (S. 35). Nicht anders verhalte es sich in Deutschland und Ungarn. In Deutschland sei zu gewalttätigen Ausbrüchen mit dem Ziel der Vernichtung von allem, „was dem Sozialismus im Wege steht“ aufgerufen worden. „Mögen alle Schlösser, Statuen und Denkmäler in Flammen aufge- 3 30 Jahre später musste sogar Al. wietochowski – obgleich seine Marxismuskritik wahrhaftig nicht zur tiefgründigsten gehört – zugeben, dass „der Wunsch, den Wert und die Stärke des mächtigen Stroms zu reduzieren, der aus der Theorie von Marx hervortrete, vermessen und müßig ist. Denn „Das Kapital“ ist ein denkwürdiges Werk“ … ( wietochowski, Aleksander: Utopje. [Utopien.] Warszawa 1910. S. 220). 243 hen … möge das Feuer unsere Losung werden" (S. 37). Für die Polizeipresse wiederholt er eifrig, dass „die antisemitischen Unruhen in Ungarn die Folge sorgfältig ausgeklügelter Pläne der Sozialisten sind, die jüdische Betriebe unter antisemitischem Namen in Brand stecken und auf diese Weise den Arbeitern ihr Brot nehmen und sie für ihre Sache gewinnen wollen“. Eifrig setzt er allerlei auf das Konto des Sozialismus, „Betäubung eines Fabrikanten und Plünderung seiner Kasse“ und das Bedürfnis nach „Plünderungen, um Kapital für Agitationen zu gewinnen“ (S. 39), um sich schließlich bei der Frage aufzuhalten, „womit man das der ganzen zivilisierten Welt drohende Gespenst des Sozialismus abwenden kann“ (S. 39). Und als Heilmittel gegen den Sozialismus empfiehlt er – je nach den besonderen Verhältnissen in den einzelnen Ländern – entweder die gewöhnlichen Gesetze des Strafgesetzbuches oder aber strengere Ausnahmegesetze. Wir haben gesehen, wie Priester Pawlicki argumentiert, dass „wer sich effektiv mit einer Theorie auseinandersetzen will, ihr eine bessere Theorie gegenüberstellen muss“. Man könnte meinen, dass dies besonders die Aufgabe eines Professors wäre, der sich in den Pforten der Universität an die Jugend mit dem Wort der Wissenschaft und der Aufklärung wendet. Bili ski versteht die Wissenschaft anders; er hält idealistische Hirngespinste dieser Art für überflüssig: Er beruft sich nicht auf eine Theorie, sondern auf Gefängnis und Galgen! Mit Vorliebe blickt er nach Russland, wo die Obrigkeit „mit Belagerungszustand und Galgen antwortet“. Ebenso in Frankreich und Deutschland, „wo der Sozialismus ebenfalls bereits nach der Macht der Obrigkeit gegriffen hätte und wo die gewöhnlichen Gesetze für unzureichend erkannt worden sind“. Er zählt auf, wo Ausnahmegesetze in Kraft gesetzt wurden: in Frankreich 1872, in Deutschland 1878. In anderen Ländern gebe es keine Ausnahmegesetze, da zum Beispiel in Österreich „unser Strafrecht ohnehin … strenge Verfügungen enthält“ (S. 41/42). Die hier angeführten Auszüge aus der Arbeit Bili skis genügen zur Charakterisierung des Bildes der offiziellen Wirtschaftswissenschaft an den Universitäten in Polen und ihre Beziehung zum theoretischen und praktischen Sozialismus an der Wende vom achten zum neunten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts. Es zeigt sich, dass diese Ökonomie bei uns am Ende des 19. Jahrhunderts buchstäblich das war, was ihr Name in den Anfängen der deutschen Kameralistik an der Schwelle des 18. Jahrhunderts besagt: eine Polizeywissenschaft. Wie war die weitere Entwicklung dieser Wissenschaft und ihrer Beziehung zum Sozialismus im Verlauf der nächsten vierzig Jahre? Der Charakterisierung dieser Entwicklung werden wir bei anderer Gelegenheit eine separate Studie widmen. Es sei jedoch die Tatsache erwähnt, 244 dass, als die Polizei in ihrem blinden Wahn ein Werk von heute so großem Ansehen wie „Das Kommunistische Manifest“ von Marx beschlagnahmte, Wissenschaft und Presse schwiegen. *** Unmittelbar in dieser Zeit schließt sich mit Briefen an Dr. Kugelmann die Kritik am Entwurf des sozialdemokratischen Parteiprogramms vom 5. Mai 1875 an, die vor dem Vereinigungskongress geschrieben wurde, der in den Tagen vom 22. bis zum 27. Mai 1875 in Gotha stattfand, und den Programmentwurf betrifft, der als Kompromiss Mitte Februar des Jahres von den Delegierten der beiden damaligen Parteien in Deutschland, d. h. den. Lassalleanern und den Eisenachern, verfasst worden war. Das sog. Eisenacher Programm vom August 1869, das von der damaligen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Deutschland, zu der Liebknecht und Bebel gehörten, verfasst worden war, war kein rein sozialistisches Programm, sondern eine Mischung von marxistischen, lassalleanischen und bürgerlich-demokratischen Forderungen und Ansichten. Neben der marxistischen Forderung nach „Abschaffung aller Klassenherrschaft“ sowie nach „Abschaffung der jetzigen Produktionsweise (Lohnsystem)“, und ferner neben der Notwendigkeit des Klassenkampfes um Befreiung auf internationalem Terrain enthält es gleichzeitig die Lassallesche Forderung nach dem „vollen Arbeitsertrag für jeden Arbeiter“ sowie „freie Produktionsgenossenschaften mit Staatskredit“ und schließlich, als Überreste kleinbürgerlich-demokratischer Ideologie, Phrasen über „den freien Volksstaat“, „unentgeltliche Rechtspflege“ u.s.w. Der Entwurf von Gotha wiederholt diese Ansichten und Forderungen und schmückt sie noch mit Lassalleschen Wendungen über das eherne Lohngesetz und mit der politischen Wendung aus, dass in Bezug auf die Arbeiterklasse alle anderen Gesellschaftsklassen „nur eine reaktionäre Masse“ bilden. Gegen diese Ansichten wendet sich die Kritik von Marx, die für einen kleinen Kreis einflussreicher Personen bestimmt und mit schonungsloser Offenheit geschrieben ist, in dem Bestreben nach Aufklärung der Wahrheit und ohne persönliche oder taktische Abschweifungen. Marx setzt sich schonungslos mit dem Gothaer Entwurf auseinander; er ist der Auffassung, es sei ein Rückschritt gegenüber dem höheren, bereits früher erreichten Niveau der theoretischen Entwicklung und eine Kompromisslösung prinzipieller Streitigkeiten, die beide Arbeiterlager trennten, und die Vereinigung der Arbeiterbewegung auf diesem Wege sei nur ein zeitweiliger Erfolg, der teuer erkauft sei und die Partei demoralisiere. Schon zwei Jahre später stellte er in einem Brief an Engels vom 28. Juli 245 1877 fest, „dass die Fusion die Partei theoretisch und praktisch degradiert hat“. Das war verständlich. Denn historisch bedingte Gegensätze lassen sich nicht auf dem Wege von Übereinkünften und der Verabschiedung kompromisshafter Resolutionen beseitigen, sondern sie müssen bis zu Ende ausgefochten werden, bis sie durch die Dialektik des tatsächlichen Geschichtsprozesses selbst verschwinden. Die marxistische Kritik hat im sozialistischen Denken einzelner herausragender Vertreter der damaligen Bewegung unzweifelhaft Spuren hinterlassen, wie man an der Broschüre Liebknechts über die Agrarfrage sieht, in der er einzelne Punkte des Eisenacher Programms ganz im Geiste der marxistischen Kritik interpretiert.4 Auch auf die Gesamtheit und den Charakter der Parteibeschlüsse blieb diese Kritik kaum ohne Einfluss, wie man am Vergleich der ersten Fassung des Programmentwurfs mit der von uns angeführten endgültigen Version des Vereinigungskongresses in Gotha sieht. Zum Teil ist das Ausdruck der Unreife der damaligen Arbeiterbewegung in Deutschland, die in ihrer Gesamtheit noch nicht in der Lage war, sich zu der Höhe marxistischen theoretischen Denkens aufzuschwingen, das kurz zuvor im „Kapital“ (1867) begründet worden war und sich praktisch in den titanischen Kämpfen der ersten „Internationalen“ (1864– 1872) kristallisiert hatte; zum Teil fielen schon auf diese damalige Arbeiterbewegung nach dem Jahre 1874 die ersten Schatten systematischer Verfolgung und des sich anbahnenden Ausnahmegesetzes. Diese Zeit der beginnenden Repressionen von Seiten der preußischen Staatsanwaltschaft und Polizei, die sog. „Ära Tessendorf“, zwang die Arbeiterbewegung, alle Anstrengungen auf den praktischen Kampf zur Abwehr von Gewalt und für das Überleben der unterdrückten Organisation zu konzentrieren. Was die Arbeiterbewegung selbst von innen her nicht erreichte, das bewirkte der brutale Druck von außen, und ihm gebührt der Dank für das Entstehen des Bedürfnisses nach organisatorischer Verschmelzung der beiden Lager der Arbeiterbewegung, trotz der Unterschiede ihrer Programme, die das Leben einstweilen auf später verschob, obgleich die Überzeugung von der Unzulänglichkeit des neu geschaffenen Gothaer Programms in der Partei immer mehr um sich griff. Unter diesen Bedingungen geriet der „Gothaer Brief“ von Marx in Vergessenheit. Erst nach der Abschaffung des Ausnahmegesetzes und nachdem sie sich auf dem Kongress in Halle (1890) eine neue Parteiorganisation gegeben hatte, konnte die Arbeiterbewegung in Deutschland an die Arbeit zur Formulierung eines neuen Programms denken, das die in der Partei herrschenden theoretischen Ansichten zum Ausdruck bringen sollte. 4 Liebknecht, W.: Zur Grund- u. Bodenfrage. Leipzig 1876. S. 181/182. 246 Damals, nach dem Kongress in Halle und vor dem Erfurter Kongress, im Verlauf der Diskussionen um das Programm und mit dem Ziel ihrer Vertiefung wurde der vergessene „Gothaer Brief“ ans Tageslicht befördert. Doch die das taten, waren nicht diejenigen, an die der Brief seiner Zeit gerichtet gewesen war, sondern das tat F. Engels, der ihn aus Marx‘ literarischem Erbe in der „Neuen Zeit“, Jahrg. 9, I, Heft 18, veröffentlichte. Ich gebe ihn heute in polnischer Sprache heraus, da ihm sein ungewöhnlicher Inhalt und die meisterhafte kritische Analyse in der Entwicklung der wissenschaftlichen Theorie des Sozialismus eine außerordentliche Bedeutung verleihen und zu einer Vertiefung der Ansichten über prinzipielle Probleme des Klassenkampfes des Proletariats in einem Augenblick führten, als die Arbeiterbewegung eine bedeutsame Zeit des Umbruchs erfuhr, dessen Entstehung bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts zurückreicht und der in der Taktik vom 4. August 1914 klar zutage trat. Die Kritik am Gothaer Programm ist – nicht nur bei uns – weiten Kreisen unbekannt. Es ist charakteristisch und nicht nur eine Laune des Zufalls, dass dieses historische Dokument von ungewöhnlichem Wert seit seiner Veröffentlichung im Jahre 1891 durch Engels, zum Entsetzen bestimmter Kreise in der deutschen Partei, nie in einer separaten Ausgabe erschienen ist, nie im Laufe von 30 Jahren der Masse zugänglich gemacht wurde, damals, als die Partei wertlose Arbeiten lokaler, unbekannter Größen in Auflagen von Zehntausenden von Exemplaren verlegen ließ. Die Gründe für dieses ungewöhnliche Geschehen versteht jeder, der den „Gothaer Brief“ gelesen hat, und besonders Teil IV, den „demokratischen Abschnitt“. In diesem Vergessen der Marxschen Abhandlung, in dieser Verwirrung der Parteiführung zeigen sich die Anfänge eines „neuen Geistes“, der unter dem Einfluss der popularisierenden Interpretation Kautskys die deutsche Partei nach 1891 erfasste; es ist das erste Glied in jener systematischen und ununterbrochenen Kette von Bemühungen mit dem Ziel der Anpassung des Marxismus an die opportunistischen alltäglichen Praktiken. Kann es verwundern, dass diese Abhandlung, die im eigenen Lager vergessen und verschwiegen wurde, nicht auf größeres Verständnis im gegnerischen Lager stieß? Tatsächlich haben nicht nur fachliche Bezwinger von Marx, etwa in Art unserer dilettantischen Erazmusse Majewskis, sondern sogar sog. ausgezeichnete „Kenner“ des Marxismus, Repräsentanten des offiziellen Wissens, eine einfach erstaunliche und entwaffnende Unwissenheit erkennen lassen. Im selben Jahr 1891, als die vernichtende Kritik des Gothaer Programms erschien, schrieb G. Adler, Professor an der Freiburger Universität: „Das neue Gothaer Programm erhielt fast ausschließlich das kommunistische Gepräge der marxistischen Lehre, und 247 nur wenige unbedeutende Konzessionen wurden den Lassalleanern zugestanden“. „Alles in allem atmet das Gothaer Programm also den Geist der Marxschen Theorie“ (Die Entwicklung des sozialistischen Programms in Deutschland, 1863–1890, Jahrb. f. Natök. 1891, S. 219, 223). Eine ähnlich bemerkenswerte Unkenntnis des „Gothaer Briefes“ zeigt ein anderer Autor eines umfangreichen Werkes, das der Kritik des Marxismus gewidmet ist, E. Hammacher, Professor in Bonn. Bei der Analyse der Prinzipien der Güteraufteilung im kommunistischen System unterscheidet Marx zwei Phasen. Zuerst, in dem Moment, wenn sich dieses System aus der kapitalistischen Gesellschaft herausbildet, wird es noch das Mal der alten Muttergesellschaft tragen, die Aufteilung wird also wie heute auf dem Prinzip der Gleichheit der Leistungen, auf dem Prinzip der Äquivalente beruhen. Doch diese formale Gleichheit, die von der kapitalistischen Gesellschaft übernommen wird, wird angesichts der Ungleichheit der Individuen und ihrer Bedürfnisse eine faktische Ungleichheit sein. Erst in der späteren Phase der Entwicklung des kommunistischen Systems, wenn die Produktivität der menschlichen Arbeit enorm angestiegen ist und gleichzeitig die von der Bourgeoisie übernommenen Begriffe von Recht und Moral verschwunden sind, wenn der Mensch nicht mehr unter dem Zwang des Kampfes ums Überleben arbeitet, sondern aus dem Gefühl des Bedürfnisses nach Arbeit heraus, erst dann wird es möglich sein, sich bei der Aufteilung der Güter auf das Prinzip zu stützen: jedem nach seinen Bedürfnissen. So Marx. Und was macht Hammacher damit? Er interpretiert, „wie das aber gemeint ist“: „Ursprünglich wirkt das gleiche Recht, da die Individuen noch (!) verschieden sind, ungerecht … Erst nachdem alle Schlacken aus dem Bourgeoisstaat abgefallen sind, dann ist die absolute Gleichheit verwirklicht … die die Bedürfnisse und Fähigkeiten allen in gleicher Weise zuweist. Nicht nur die soziale, sondern auch die psychische Ungleichheit der Menschen ist für Marx, wie er deutlich formuliert, eine ‚bürgerliche Schranke’.“ (Das philosophisch-ökonomische System des Marxismus, Leipzig 1909, S. 377.) Mit Hilfe des kurzen Ausdrucks „noch“ also bemüht sich der gelehrte Professor „zu erklären“, dass im Sinne der marxistischen Kritik des Gothaer Programms die Individuen im kapitalistischen System „noch“ ungleich seien, mit der Zeit von der psychischen menschlichen Ungleichheit befreit und unter einem gesellschaftlichen Gleichmacher zu gleichen Fähigkeiten gebracht würden. Und laut den Beteuerungen des gelehrten Professors hat das Marx selbst so „klar“ formuliert. Und das schreibt derselbe Hammacher, der an anderer Stelle seines Buches äußert, „das Schönste vielleicht, was Marx geschrieben hat“, sei gerade jener Abschnitt, in dem Marx äußere, wahre Freiheit und eine allumfassende Entwicklung der Individualität werde erst im 248 System der Zukunft möglich sein, wenn jedes Individuum materiell abgesichert sei und genügend Zeit zu seiner eigenen Verfügung haben werde (S. 386). Doch eine bestimmte Art von „Wissen“ hat längst aufgehört, sich um Wahrheitsfindung und die Deutung von Phänomenen zu bemühen, sondern sie ist nur noch eine einzige Apologetik der bestehenden Besitzverhältnisse. Nicht ihre Lösung kennen, sondern, wie das Dupont de Nemours schon vor über hundert Jahren J. B. Say vorgeworfen hat, sie verdunkeln: „Dupez votre peuple, afin de lui prendre plus aisement son argent!” Henryk Grossman * * * Originaltitel: Przyczynek do historji socjalizmu w Polsce przed laty czterdziestu, erschienen 1923 als „Einführung [Wst p]“ zu: Niewydane pisma Karola Marksa. Warszawa 1923. S. III–XVII. Die hier wiedergegebene deutsche Fassung basiert auf einer ursprünglich von Angelika Beermann (Marburg) angefertigten Arbeitsübersetzung. Letztere, Mitte der 1990er Jahre entstanden, wurde unter weitgehender Beibehaltung von Grossmanns Sprachstil für die vorliegende Veröffentlichung korrigiert und umfassend überarbeitet. Um Fehler aus Rückübersetzungen zu vermeiden, erfolgte zudem ein Abgleich von ins Polnische übertragenen Zitaten anhand der benannten deutschsprachigen Originalquellen, ohne die für Grossmann nicht untypischen Nachlässigkeiten und partiellen Unkorrektheiten in der Zitation zu berichtigen. Im Falle der gewählten Formulierung gesellschaftlicher Gleichmacher [i. Orig.: wspólny strychulec] sei darauf hingewiesen, dass der heute selten benutzte Begriff strychulec [Abstreichmesser, Abstreicher, Abstreifer] zeitgenössisch im Kontext folgender Verrichtungen benutzt wurde: 1) eine Vorrichtung zur Zwangsführung des Mahlgutes in Getreidemühlen, mit der die gesamte Fruchtmenge stetig und vollständig dem Mahl- und Verreibungsprozess zugeführt wird, 2) ein Strichholz zum Glatt- und Abstreichen eines Hohlmaßes beispielsweise in der Bemessung von Getreide sowie 3) ein Brett oder eine Walze zum Glattstreichen von Ton oder Lehm in vorgefertigten Formen während der Ziegelherstellung. 249 Max Horkheimer an Henryk Grossmann in New York, 27. November 1942 13524 D’Este Drive 27. November 1942. Pacific Palisades, California Lieber Herr Grossman! Ihren ausführlichen Brief vom 20. November1 will ich sogleich beantworten, um, so weit ich es vermag, die Angelegenheiten, die Sie quälen, ohne Verzug aufzuhellen und dazu beizutragen, Ihre Ansicht über das Verhältnis Pollocks zu Ihnen zu berichtigen. Ich will nicht von den theoretischen Differenzen sprechen, die zwischen Ihnen bestehen mögen. Zu diesen habe ich wiederholt in und ausserhalb des Instituts Stellung genommen2, so weit ich es als Nichtökonom zu tun vermochte. Das Verhalten P.s Ihnen gegenüber ist jedoch, so weit ich es sehen kann, niemals durch diese Differenzen beeinflusst gewesen. Wie immer Sie das beurteilen, jedenfalls glaube ich sagen zu können, dass es keine wissenschaftliche Institution gibt, sei es in der bürgerlichen oder ausserbürgerlichen Welt, in der ein Mitglied, das in allen praktischen Fragen einen solchen Einfluss ausübt wie P., die theoretische Gegensätzlichkeit entschiedener ausschalten könnte als P. in seinem Verhältnis zu Ihnen. Ich achte Ihr Urteil zu hoch, als dass ich die Einzelheiten, von denen Sie sprechen, leichtfertig behandeln möchte. Ich werde im folgenden auf sie eingehen. In Ihrer Darstellung treten jedoch alle übrigen Elemente gegenüber Ihrer Beziehung zu P. so sehr in den Hintergrund, dass ich wenigstens auf deren allgemeine Linie hinweisen möchte. Während des Direktorats Grünbergs3, durch den Sie ans Institut gekommen sind, war P. Präsident der Gesellschaft für Sozialforschung4, welche der Finanzverwaltung des Instituts vorstand. Wie zur Zeit meines eigenen nachfolgenden Direktorats5 hat P. in dieser Eigenschaft den Wünschen der wissenschaftlichen Leitung weit über das Mass hinaus Rechnung getragen, auf das diese satzungsgemäss pochen konnte. Er hat in Ihrem Fall nicht bloss Grünbergs Willen während seiner Amtszeit der Form und dem Geist nach respektiert, sondern auch während des Interims6, in dem Grünberg schon krank war und P. als zeitweiliger Direktor fungierte. Auch unter den Ereignissen, die Sie erwähnen, ist keines, das über die Bekundung theoretischer Differenzen hinausginge. Als dann die Katastrophe hereinbrach, waren die Verhältnisse des Instituts eine Zeit lang völlig unsicher. Die Verträge, von denen seine finan- 250 zielle Existenz abhing, waren juristisch entwertet, ebenso wie die Beziehungen zu seinen Mitgliedern und den anderen Mitarbeitern. Ich glaube, dass während dieses schwierigen Abschnitts P. allen Freunden gegen- über sich so bewährt hat, dass es auch heute nicht ganz vergessen werden sollte. Der einzigartigen Solidarität von Lix7, verbunden mit P.’s unermüdlichem Fleiss, ist es zu verdanken, dass wir dann im Ausland wieder Fuss fassen konnten, und dass die Möglichkeit zu unabhängiger Arbeit auf unseren Spezialgebieten und im Geiste unserer wissenschaftlichen Ueberzeugungen wenigstens für eine Anzahl Menschen wieder gewährleistet war. Als ich nach unserer Niederlassung in Amerika8 P. vorschlug, Sie aus England9, wo Sie sich unglücklich fühlten, zunächst zu einem längeren Besuch10 hierherkommen zu lassen, hat er sich sogleich dazu bereit erklärt. Er hat es auch ermöglicht, dass Sie sich dauernd hier niederliessen. Es ist natürlich, dass unser Verhalten zunächst in der Bewunderung und der Verbundenheit begründet liegt, die die Mitglieder des Instituts, mich eingeschlossen, Ihrem theoretischen Werke gegenüber fühlen. Ich kann aber nicht zugeben, dass P.’s Anteil an Ihrem wie an unser aller Schicksal infolge einiger, wenn auch noch so wichtiger Differenzen, die er als engerer Fachkollege mit Ihnen hat, verdunkelt wird. Ohne seine Energie hätte unsere Arbeitsmöglichkeit längst aufgehört. Mögen auch die einzelnen Mitglieder in materieller Hinsicht zu Recht oder zu Unrecht, wenn auch nach gewissenhafter Erwägung der individuellen Umstände, ungleich behandelt worden sein, so hat doch P. jedem gegenüber in allen entscheidenden Augenblicken als verantwortlicher Freund sich bewährt und wird es ohne den geringsten Zweifel auch in der Zukunft tun. Ich bin auf diese allgemeinen Züge der Vergangenheit eingegangen, weil Sie selbst auf fernliegende Einzelheiten in Ihrem Verhältnis zu P. zurückgegriffen haben. Es wird sich hoffentlich bald Gelegenheit dazu bieten, dass ich mich darüber mündlich mit Ihnen ausspreche. Ich zweifele nicht daran, dass Sie dann manchen Punkt in einem anderen Lichte sehen werden. Jetzt möchte ich wenigstens auf einige der von Ihnen erwähnten Vorkommnisse eingehen. Ich tue dies nicht ohne Zögern, denn ich weiss wohl, wie mangelhaft und missverständlich schriftliche Darlegungen über so delikate Einzelheiten bleiben müssen. Zuvörderst antworte ich auf Ihre Hauptfrage, was meine „Attitüde zu der hinter meinem Rücken ohne mein Wissen vorgenommenen Streichung aus der Vorschlagsliste für Columbia“ sei. Eine Aeusserung hier- über fällt mir nicht leicht, weil in diese Angelegenheit einige Dinge hineinspielen, die ich unmöglich schriftlich ausführen kann. Auf die Gefahr hin, dass Sie mir eine feige, nachträgliche Distanzierung von der damali- 251 gen Aktion vorwerfen, muss ich Ihnen erklären, dass ich den Komplex bis heute nicht ganz übersehe, und daher auch nicht gern die volle Verantwortung für ihn übernehme. Eine Verschwörung gegen Sie aber ist bestimmt nicht angezettelt worden, weder von P. noch von irgend einem anderen der Kollegen. Die Einreichung der Liste11 geht, wenn ich mich recht entsinne, auf eine Anregung MacIvers12 zurück, die er in einem Gespräch mit Marcuse13 in Seattle gegeben hatte. Gleichzeitig hatte er einige Themen bezeichnet, die er für aussichtsreich hielt. Unter diesen Themen befand sich kein ökonomisches und, so weit mir bekannt ist, fehlte auch auf der endgültigen Liste nicht bloss Ihr Name sondern ebenso derjenige P.’s als des anderen Oekonomen. Sollten Sie wissen, dass das Gegenteil der Fall ist, so wäre ich Ihnen für eine Nachricht darüber dankbar. Abgesehen von den Vorschlägen MacIvers sprach auch Ihr eigenes souveränes Verhältnis zur englischen Phonetik dagegen, dass Sie das Institut durch die Department-Vorlesung14 vertraten. Wenngleich ich der letzte bin, der Ihnen daraus einen Vorwurf machte, so habe ich Sie doch früh auf die Behinderung hingewiesen, die dieser Mangel für Sie bedeutete und gelegentlich einen Schritt zu seiner Behebung versucht. Wie auch die näheren Umstände bei Einreichung der Liste gelegen haben mögen, so ist aus den beiden genannten Gründen immerhin verständlich, das vom Vorschlag einer von Ihnen gehaltenen Vorlesung Abstand genommen wurde. Freilich bedaure ich es, dass die Angelegenheit mit Ihnen nicht diskutiert worden ist. Ich möchte diese Gelegenheit ergreifen, um Ihnen nachdrücklich zu erklären, dass es für mich die grösste Freude bedeuten würde, Sie trotz der angedeuteten Auspizien eine Vorlesungstätigkeit an der Universität entfalten zu sehen. Wenn Sie mir, zu meinem grossen Stolz, zuweilen versichert haben15, dass meine eigene Arbeit für Ihre Entwicklung nicht ohne Wert geblieben ist, so darf ich sagen, dass dieses Verhältnis stets ein gegenseitiges war. Ich weiss keinen Theoretiker der Gegenwart, der für das Verhältnis der entscheidenden ökonomischen Theorien mehr getan hätte, als Sie und der als akademischer Lehrer Wissenswerteres zu bieten hätte, als Sie. Sie werden vielleicht sagen, dies seien gegenüber den Ihnen von P. zugefügten realen Unbilligkeiten leere Worte, die nichts wögen. Aber ich würde mit Bezug auf die Vorlesungsfrage gern und sofort die Konsequenz aus meiner Einschätzung Ihrer sachlichen und theoretischen Qualität ziehen. Leider hat die Vorlesungstätigkeit in der Columbia University infolge der schwindenden Studentenzahl in den nächsten Jahren keine grosse Zukunft. Da jedoch die Vorlesung als eine solche bezeichnet wurde, die unter den Mitgliedern des Instituts rotieren sollte, so ist vielleicht die Möglichkeit geboten, Ihre Zweifel in dieser 252 Richtung zu beheben. Falls eine entsprechende Aufforderung an uns ergeht, so werde ich mich energisch dafür einsetzen, dass trotz der auf Fach und Sprache bezüglichen Bedenken Ihr Name als der erste genannt wird. – Damit aber soll ganz und gar nicht zugegeben werden, dass ein „Treubruch“ Ihnen gegenüber in der Vorlesungsangelegenheit stattgefunden hat. Sowohl Löwenthal als Marcuse, die Sie anführen, werden Ihnen gewiss bestätigen, dass überhaupt keine Streichung Ihres Namens und schon gar keine auf „Anordnung“ P.’s erfolgt ist, sondern dass man die Liste zusammengestellt hat, wie man zu Recht oder zu Unrecht glaubte, dass sie aussichtsreich sei. Das Institut hat nicht den leisesten Grund, Ihren Namen zu verschweigen, ganz im Gegenteil! Warum Ihr Name nicht als Sektionschef der ökonomischen Abteilung auf das Rockefeller Projekt16 gesetzt wurde, ist mir ebenfalls nicht mehr ganz genau in Erinnerung. Wenn ich nicht fehl gehe, hatten wir damals auf Grund gemeinsamer Beratung mit Anderson17 Ihren Namen als ökonomischen Mitarbeiter18 für alle diejenigen soziologischen Teile eingesetzt, in denen ökonomische Themen vorkommen. Dies schien aus den sprachlichen, wie einigen anderen Gründen praktischer. Niemand konnte auf den Gedanken kommen, dass Sie sich darüber verletzt fühlen würden und wenn Sie ein klares Wort mit mir gesprochen hätten, so wäre es bestimmt ein leichtes gewesen, diese Angelegenheit in einer Sie befriedigenden Weise zu regeln. Zu P.’s Aeusserungen in Frankfurt kann ich natürlich nichts Bestimmtes sagen. Nach allem, was inzwischen geschehen ist, sollten Bemerkungen wie die Anregung mit der „grossen Position beim Völkerbund“ keine bedeutende Rolle in Ihrer Erinnerung mehr spielen. – Wenn Sie ferner P. einen Vorwurf daraus machen, dass er damals, als der Soziologische Verlag Sternbergs Buch veröffentlichte,19 nicht intervenierte, so sollten Sie andererseits auch bedenken, dass Sternberg trotz aller Versuche, die er unternahm, niemals die geringste Beziehung zum Institut hat gewinnen können. An Versuchen dazu hat es nicht gefehlt. – Dass Ihre Descartes-Arbeit20 französisch nicht publiziert wurde, ist sehr bedauerlich. Die Idee, dass eine französische Publikation, die gleichzeitig oder nach der deutschen erschienen wäre, dieser letzteren hätte schaden können, war in der Tat grundfalsch, gleichgültig ob sie von P. oder von sonst jemandem kam. Es ist freilich auch zweifelhaft, ob der Verlag schliesslich funktioniert hätte. Sie wissen vielleicht, dass auf Anregung des Verlags ein Teil meiner eigenen Artikel von zwei jungen Franzosen übersetzt war. Die Publikation ist schliesslich unterblieben, weil Gallimard21 erklärte, er müsse einen Zuschuss haben, wenn es auch nur ein nomineller, nämlich ffrs. 500 sei. Ich habe dieses Ansinnen abgelehnt. 253 Ganz besonders schwer wird es mir, zur Gestaltung Ihres Gehaltes22 Stellung zu nehmen, die Sie ebenfalls auf P.’s Feindseligkeit zurückführen. Sie erinnern daran, dass ich ihn schon bei Ihrer Ankunft in Amerika als zu gering bezeichnet habe. Das geschah im Zusammenhang mit Erwägungen in Ihrem Interesse, nicht aber im Sinne eines Versprechens, für dessen Einlösung ich gewiss nicht einstehen konnte. Es handelte sich darum, ob Sie unter den nun einmal gegebenen bescheidenen Umständen hierbleiben oder wieder nach England zurückkehren sollten, worüber Ihnen allein die letzte Entscheidung gelassen war. In England liess sich mit $ 200 ein besseres Leben führen als in New York. So sehr ich persönlich Ihr Hiersein wünschte, so hat das Institut dieses Opfer nicht von Ihnen verlangt. Wenn auch der Betrag keineswegs befriedigend war, so konnten Sie doch im Gegensatz zu anderen Mitgliedern, die wirklich in den Betrieb eingespannt waren, frei über Ihre Zeit und die Gegenstände Ihrer Arbeit verfügen. Dass es Ihnen dabei nicht beschieden war, sei es an der Columbia, sei es an einer anderen Lehranstalt, eine Lehrstelle zu erobern, die Ihnen selbst und damit auch dem Institut zugute gekommen wäre, liegt nicht an einer Ueberbelastung mit Institutsarbeiten. Wenn Sie nicht bloss die absolute Höhe Ihres Gehalts sondern die gegenseitigen Forderungen und Leistungen in Ihrem Verhältnis zum Institut betrachten, so werden Sie vielleicht anerkennen, dass das Institut für Sie eher einen sicheren Rückhalt als einen „employer“ gebildet hat. Eine solche Sicherheit ist in den gegenwärtigen Zeiten, nicht zuletzt auch während der nächsten Jahre, für einen unabhängigen Gelehrten ein höchst positiver Umstand. Wenn Sie schon P. so bittere Vorwürfe machen, so sollten Sie doch auch in Rechnung ziehen, dass er trotz allem mit zu denen gehört, die Ihnen während Ihrer 16jährigen23 Arbeit, deren Würdigung Sie mit Recht fordern, die Treue gehalten haben. Sie selbst haben in unserem engeren und weiteren Kreis zuweilen Ihrem Urteil über ihn keine Zügel auferlegt und er hat dies sicher recht schmerzhaft empfunden. Sie wissen so gut wie ich, dass er viel verwundbarer ist, als es den Anschein hat, und in einzelnen Fällen energische Gegenschläge austeilt. Niemals aber habe ich, oder sonst einer aus unserem Kreise, von ihm ein Wort vernommen, das auf die erbitterte Feindschaft schliessen liesse, über die Sie sich beklagen. Sie sagen, dass er Ihr Monatsgehalt auf $ 60 reduzieren würde, wenn es irgendwie ginge. Das möchte ich stark bezweifeln, sicher aber scheint mir, dass er es auf $ 600 erhöhen würde, wenn es irgendwie ginge. Nicht etwa, weil er mit Ihren theoretischen Ansichten übereinstimmte, sondern weil er trotz aller Gegensätze Ihre Arbeit aufrichtig achtet. Möchte es ihm gelingen, die finanzielle Lage so weit zu bessern, dass er wenigstens einen Teil der realen Verminderung, welche durch die Preiserhöhung eingetreten ist, wieder ausgleichen kann. – An- 254 gesichts der von Ihnen erwähnten 16 Jahre ist es jedenfalls nicht begründet, dass Sie auf einen Wunsch, wie den Ihrer Mitarbeit am Jahrbuch24, nicht ganz selbstverständlich positiv reagiert haben. Sie haben den Anregungen für die Gegenstände Ihrer Arbeit, die Ihnen auf Grund der Lage des Instituts und den Anforderungen, welche an uns herantraten, von mir und anderen Mitgliedern gemacht worden sind, gewöhnlich keine grosse Aufmerksamkeit geschenkt, dafür aber um so energischer ihre persönlichen wissenschaftlichen Belange und Interessen vertreten. Es wäre vielleicht auch für Ihre eigene Entwicklung besser gewesen, wenn Sie in den letzten Jahren etwas cooperativer sich gezeigt hätten, anstatt sich in diese Idee von P.’s Feindschaft immer tiefer zu verrennen. Dafür aber, dass Sie meine Bitte um den Beitrag zur Klassentheorie25 unerfüllt liessen, der mir zu all dem rein persönlich höchst wichtig ist, liegt wirklich kein Grund vor. So einseitig sollten Sie die Beziehungen doch nicht auffassen. Sie schreiben, ich solle nicht mit den Augen des Direktors auf Ihre Situation schauen und treffen damit einen wunden Punkt. Haben Sie je den Eindruck gewonnen, dass sich in mir irgend wann einmal die platonische Idee des Direktors verkörpert hat? In Wahrheit bin ich ein Gelehrter wie Sie und höchst ungeeignet, die Funktionen auszuführen, die man besonders hierzulande als diejenigen eines Direktors anzusehen pflegt. Ich habe versucht und versuche noch nach bestem Wissen und Gewissen dafür zu sorgen, dass das Institut eine Stätte freier Förderung der Theorie bleibt, durch deren Existenz Menschen, deren Vergangenheit diese Prognose berechtigt, theoretisch fruchtbaren Studien obliegen können. Team work, field work, money raising u. s. f. ist nie meine Stärke gewesen. Andererseits hat mich der Hinweis auf Ihre Intervention bei Schneider26 anlässlich meiner Professur27 wieder daran erinnert, dass der Umstand meines Direktorats auch wieder sein Gutes hatte. Ohne es wären wir wohl kaum jetzt hier in Amerika, wo wir trotz allem noch die Hoffnung hegen dürfen, andere Tage zu sehen. Mein Versuch, die Tradition und den Geist, der uns drüben verbunden hat, hier noch aufrecht zu erhalten, so lange es irgend geht, mag in jeder Hinsicht mit unzulänglichen Mitteln unternommen sein; die vergangenen Jahre enthalten trotz allem für mich manche Befriedigung und ich hoffe, dass wir auch in den künftigen noch manches verwirklichen werden. Mein Aufenthalt in Los Angeles28 bedeutet nicht, dass ich in meinen Anstrengungen für unsere Gruppe nachliesse. Aber die Theorie hat auch bei mir ihr Recht gefordert. Ich brauchte unbedingt einige Zeit, um mich überhaupt wissenschaftlich wieder zu sammeln und endlich die Grundlage für meine eigene philosophische Arbeit zu legen. Dazu war ich inmitten des Betriebs einfach nicht in der Lage und ich nehme an, dass gerade Sie das 255 verstehen. Wie man zur Leistung des Instituts in den zehn vergangenen Jahren auch immer sich stellen mag, jedenfalls habe ich ungefähr meine gesamte Zeit dem Bestreben gewidmet, es theoretisch und praktisch auf einem anständigen Niveau zu halten. Besonders die Verpflichtungen, die mit den praktischen Dingen zusammenhingen, haben schliesslich meine ganze Arbeitszeit aufgesogen. Sie werden nach diesem Brief glauben, dass ich zu sehr versucht habe, P. zu verteidigen und Ihrem eigenen Gesichtspunkt zu wenig Rechnung trug. Ich hielt es in der Tat für wichtig, die Dinge auch von der anderen Seite zu zeigen. Pollock und mich verbindet die Freundschaft eines Lebens29 und ich kenne ihn besser als irgendein anderer Mensch. Ich habe nie einen Zuverlässigeren und Anständigeren als ihn kennen gelernt. Gerade die Enge der Beziehung zu ihm macht es mir schwer, das in solchen Worten auszusprechen, aber die Trauer darüber, dass jemand, der mir soviel bedeutet wie Sie, P.’s Absichten so leidenschaftlich und hartnäckig missverstehen kann, zwingt mich dazu, das so deutlich wie möglich zu sagen. Dass P. Fehler macht genau so wie Sie und ich, ist selbstverständlich, und seine Situation, mit einem beschränkten Vermögen den Ansprüchen einer erheblichen Anzahl von Menschen gerecht werden zu müssen, exponiert ihn nicht bloss mehr als jeden anderen von uns, sondern macht ihn auch zuweilen gereizt und nervös. Ich meine, wir sollten das verstehen und ihm nicht daraus, dass er, der für unser reales Leben einzustehen hat30, in gewisser Weise mit der Stimme des realen Lebens reden muss, auch noch einen Strick drehen. Wenn Sie unterstellen, dass sein Verweis auf die bedrängte Lage des Instituts ein Vorwand sei, so befinden Sie sich damit in einem krassen Irrtum. Schliesslich sind wir auch darum hierher gezogen, weil sich hier einige materielle Aussichten zu bieten schienen, über deren Realisierung jetzt – im Krieg31 – freilich noch kein endgültiges Urteil möglich ist. Wer immer aus unserer Gruppe es kann, versucht etwas hinzuzuverdienen. Die gegenwärtige Situation ist so bedrohlich, dass ich es einfach nicht verantworten kann, bei P. wegen Ihres Gehalts zu intervenieren. Da ich aber von ganzem Herzen den Wunsch habe, Ihnen zu zeigen, wie ich zu Ihnen stehe, so will ich gern P. die Daten übermitteln und ausserdem erklären, dass meiner Ansicht nach die Uebersetzung sowie das rasche Tippen der Descartesarbeit32, wenngleich Sie es vorher nicht mit P. besprochen hatten, zur Angelegenheit des Instituts gemacht werden sollte. Die ganzen materiellen Fragen sind für mein Gefühl wegen Ihres Misstrauens gegen P. doppelt schwierig. Sie müssen mir schon die Ketzerei verzeihen, dass ich in diesem Falle ausnahmsweise glaube, dass die materiellen Motive stark von den psychologischen mitbestimmt werden und nicht umgekehrt. Das wichtigste wäre, dass Ihr Verhältnis zu P. von 256 Grund auf bereinigt würde. Ich fände es das beste, wenn Sie mit ihm eine Aussprache herbeiführen würden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass P. nicht ebenso froh wäre wie Sie, wenn die ganze Atmosphäre geklärt würde. Sobald ich wieder nach New York komme, will ich nach gründlicher Aussprache zwischen uns mich dieser Angelegenheit energisch annehmen. Nochmals bitte ich Sie, wenn Sie irgend Zeit finden können, die Gedanken über ursprüngliche Akkumulation, die Sie im Zusammenhang mit dem Racket Problem33 geäussert haben, in einem, wenn auch noch so kurzen Artikel niederzulegen. Ich habe, als wir darüber sprachen34, nicht daran gedacht, dass Sie im Jahrbuch nicht „übergangen“35 werden sollten, sondern dass bei einem öffentlichen Hervortreten des Instituts Ihr Name auf keinen Fall fehlen darf, ebenso wie ich ja auch für die letzte Nummer der Zeitschrift36 dringend etwas von Ihnen haben wollte. Sollte infolge des Aufenthalts von Marcuse und Neumann in Washington37, der Beschäftigung Löwenthals bei Lazarsfeld38 und einigen anderen Ausfällen39 das englische Jahrbuch in geplanter Weise nicht zustande kommen, so könnte Ihre Arbeit zusammen mit einigen anderen bereits vorliegenden mimeographiert auf deutsch erscheinen. – Von meinen eigenen Dingen werden Sie hoffentlich bald einiges zu sehen bekommen. Auf das von Ihnen Angekündigte bin ich überaus gespannt. Ihre Untersuchungen über Oper und Illusion40 dürften Adorno sehr interessieren, dessen Wagnerarbeit41 ja, wie Sie sich entsinnen werden, ein Kapitel enthält, das sich mit diesen Fragen beschäftigt. Wir alle führen hier ein überaus stilles und unabgelenktes Leben, das nichts zu tun hat mit dem, was man sich so unter Hollywood vorstellt. Meine Frau42 erwidert Ihre Grüsse aufs herzlichste. Die an Frau Marcuse43 werde ich morgen bestellen. Die strategischen Nachrichten44 in diesen Tagen klingen zum Teil ermutigend und wir wollen hoffen, dass sie einen Wendepunkt bedeuten. Unsere unaussprechliche Bewunderung über den Heldenmut ist freilich von der Trauer über die Ausrottung der Juden und Nichtjuden im besetzten Osteuropa durchsetzt, die nun Dimensionen angenommen hat, wie sie die Geschichte noch nicht kennt. In diesen Gedanken noch theoretische Arbeiten zu verrichten, geht fast über die Kraft. Mit herzlichen Grüssen M. H.45 257 * * * Typoskript (13 S.) / Houghton Library, Harvard University. Leo Lowenthal Papers: bMS Ger 185 (34) / Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Houghton Library sowie im Namen der literarischen Rechteverwaltung Max Horkheimers von Gunzelin Schmid Noerr. Verzeichnis der nachfolgend benutzten Siglen: DNB: Deutsche Nationalbibliothek/ Deutsches Exilarchiv 1933–1945; MHA: Max-Horkheimer-Archiv; MHGS: Max Horkheimer: Gesammelte Schriften. Hrsg. von Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid Noerr. 19 Bde. Frankfurt a. M. 1988–1996; StA Marburg: Staatsarchiv Marburg; UAF: Universitätsarchiv Frankfurt am Main. 1 Brief vom 20. November : Über den Verbleib dieses Briefes, der nach Horkheimers Angaben 14 handgeschriebene Seiten umfasste [MHGS 17. S. 384], ist gegenwärtig nichts bekannt. Mittelbar ist Grossmanns Disposition allerdings einem von Leo Löwenthal (1900–1993) erstellten „Memorandum re: Grossman“ vom 12. November 1942 – auf das in den nachfolgenden Erläuterungen partiell Bezug genommen wird – zu entnehmen [MHA: VI 15. 254–256]. Darin ist auf zweieinhalb, maschinenschriftlich eng beschriebenen Seiten die Zusammenfassung eines Gesprächs wiedergegeben, das Löwenthal zehn Tage zuvor mit Grossmann in New York führte. Gleich eingangs konstatiert Löwenthal, er habe die Hoffnung aufgegeben, Grossmann sei fähig und willens an der Arbeit des Instituts in irgendeiner Form noch aktiv und kooperativ teilzuhaben. Sein Urteil könne – so fügt er in einem teils verzweifelt gehaltenen, teils bei- ßend hervortretenden Kommentar hinzu – allenfalls dadurch revidiert werden, dass dessen Alter erheblich herabgesetzt werde oder dessen Gehalt beträchtlich herauf. Neben der betreffenden Gehaltsfrage geht aus dem Dokument ein weiteres wesentliches Moment in der Unzufriedenheit Grossmanns hervor: die Zerrüttetheit in der Beziehung zu Pollock. Erst gegen Ende, als das Gespräch nach zwei Stunden und einem gemeinsamen Mittagessen bereits weit fortgeschritten war, wird andeutungsweise klar, dass seine Frontstellung und theoretische Differenz vorrangig Pollocks These eines prinzipiell krisenfreien Staatskapitalismus galten. In Löwenthals Bericht heißt es dazu Grossmann referierend: „H[orkheimer] had told him [Grossmann] that in L.A. there is a very interesting “club” together with Feuchtwanger, Brecht and other people of this direction. But he, G. had just heard from Feuchtwanger’s relatives in New York that this club had been split apart because Feuchtwanger and Brecht had considered a speech of Pollock as a re-edition of the old Bernsteinian nonsense intermingled with pseudo-fascist ideas.“ [MHA: VI 15. 256.] Zwar wurde der Kontext von Löwenthal in seiner Erwiderung gegenüber Grossmann in Abrede gestellt, doch zeigt eine Eintragung in Brechts Arbeitsjournal unter dem Datum 13. August 1942, dass Vorstellungen eines krisenfreien Kapitalismus in Kreisen des kommunistischen Exils offenbar ein Anathema bildeten und als gänzlich inakzeptabel zurückgewiesen wurden. Über eine Zusammenkunft – wenngleich in anderer Zusammensetzung als von Grossmann geschildert – mit Mitgliedern des Instituts für Sozialforschung in Los Angeles (Horkheimer, Adorno, Marcuse und Pollock) heißt es darin: 258 „dr pollock, der ökonom des instituts für sozialforschung (ehemals frankfurt, nunmehr hollywood), ist der überzeugung, der kapitalismus könne sich durchaus krisenfrei machen, einfach durch öffentliche arbeiten. marx konnte nicht vorhersehen, daß die regierung eines tages einfach straßen bauen könnte! – eisler und ich, etwas erschöpft durch den strich, werden leicht ungeduldig und ›setzen uns ins unrecht‹, in ermangelung einer andern sitzgelegenheit.“ [Brecht, Bertolt: Arbeitsjournal: Zweiter Band: 1942 bis 1955. Hrsg. von Werner Hecht. Frankfurt a. M. 1993. S. 336.] Horkheimer schließlich bestätigte den Erhalt des Memorandums in einem Brief an Löwenthal vom 20. November 1942, nicht ohne hinzuzufügen, dass es die energische Haltung vermissen lasse, die Löwenthal zuvor noch erbeten habe, um finanzielle Konsequenzen im Falle der Verweigerung einer Mitarbeit für Grossmann anzudrohen [MHA: VI 15. 240–241]. 2 Stellung genommen : Stellungnahmen Horkheimers zu den ökonomietheoretischen Differenzen zwischen Grossmann und Pollock liegen in Schriftform nicht vor. Indirekt jedoch lässt sich seine Position aus Protokollen zu institutsinternen Seminardiskussionen [MHGS 12. S. 398–416], die Mitte April bis Mitte Juni 1936 unter Abwesenheit Grossmanns in New York geführt wurden, rekonstruieren. [Siehe hierzu: Scheele, Jürgen: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. Studien zur politischen und intellektuellen Biographie Henryk Grossmanns (1881–1950). Frankfurt a. M., Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Wien 1999. S. 189–197.] 3 Direktorats Grünbergs : Carl Grünberg (1861–1940) wurde am 12. April 1924 zum ersten Direktor des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main ernannt. [Kluke, Paul: Die Stiftungsuniversität Frankfurt am Main 1914–1932. Frankfurt a. M. 1972. S. 497 u. 510, Anm. 23.] 4 Gesellschaft für Sozialforschung : Die Gesellschaft für Sozialforschung wurde am 13. Oktober 1922 in Frankfurt am Main gegründet und dort am 1. November 1922 in das Vereinsregister des Amtsgerichts eingetragen. Ihr oblag die geschäftliche Verwaltung des Instituts für Sozialforschung. [Kluke: Die Stiftungsuniversität Frankfurt am Main 1914–1932. S. 510, Anm. 9.] 5 nachfolgenden Direktorats : Max Horkheimer (1895–1973) wurde am 1. August 1930 Direktor des Instituts für Sozialforschung. [Horkheimer an den Oberpräsidenten der Provinz Hessen-Nassau, 4. Dezember 1930. StA Marburg: Bestand 150, Nr. 2380, Bl. 247/248.] Juristisch allerdings amtierte er bis zum Auslaufen des Vertrags mit Grünberg lediglich als stellvertretender Direktor. Seine offizielle Ernennung durch den Preußischen Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung erfolgte am 17. März 1932. [Hammerstein, Notker: Die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main. Von der Stiftungsuniversität zur staatlichen Hochschule. Bd. 1: 1914–1950. Neuwied 1989. S. 61.] 6 Interims : Grünberg erlitt am 20. Januar 1928 einen Schlaganfall, von dessen Folgen er sich nicht mehr erholte. [Nenning, Günther: Biographie C. Grünberg. In: Indexband zu Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung. Reprint: Graz 1973. S. 192.] Danach wurden die Institutsge- 259 schäfte bis zur Übernahme des Direktorats durch Horkheimer interimistisch von Friedrich Pollock (1894–1970) geführt. 7 Lix : Felix Weil (1898–1975), Gründer, Finanzier und (sporadischer) Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung. 8 Niederlassung in Amerika : Horkheimer nahm am 14. Juli 1934 das Angebot der Columbia University in New York an, das Institut im Gebäude 429 West, 117 Street, New York, unterzubringen. Bis zum Herbst desselben Jahres waren – mit Ausnahme von Grossmann – alle festen Mitarbeiter dorthin übergesiedelt. [MHGS 15. S. 154; Wiggershaus, Rolf: Die Frankfurter Schule. Geschichte, theoretische Entwicklung, politische Bedeutung. 2. Aufl. München 1989. S. 166–170.] 9 England : Grossmann befand sich 1936–1937 in der Emigration in London. Das Institut unterhielt dort bis Ende 1936 eine Zweigstelle am London Institute of Sociology. [Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 126–135; International Institute of Social Research: A Report on Its History, Aims and Activities 1933–1938. Sonderdruck. New York [1939]. S. 7.] 10 längeren Besuch : Grossmann reiste im Oktober 1937 auf Einladung Horkheimers mit einem Touristenvisum in die USA. Seine Übersiedlung nach New York erfolgte im Mai 1938 nach einem mehrwöchigen Zwischenaufenthalt in Havanna (Cuba), wo er ein „Immigrant Visa“ zur Wiedereinreise in die USA erlangte. [Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 136–139.] 11 Einreichung der Liste : Die erwähnte Liste [siehe hierzu Erl. 14], eingereicht im Herbst 1941 beim Comittee of Instruction (Vorlesungsausschuss) des Department of Sociology an der Columbia University, konnte im MHA bislang nicht aufgefunden werden. 12 MacIvers : Robert Morrison MacIver (1882–1970), seit 1929 Professor für politische Philosophie und Soziologie an der Columbia University in New York und zu diesem Zeitpunkt dort Leiter des Department of Sociology. 13 Gespräch mit Marcuse : MacIvers Gespräch mit Herbert Marcuse (1898–1979) in Seattle fand allem Anschein nach kurze Zeit vor dem 3. September 1941 statt. [Siehe hierzu: Horkheimer an MacIver, 3. September 1941. MHA: II 11. 79.] 14 Department-Vorlesung : Die Vorlesungen des Instituts an der Columbia-Universität in New York hatten bis zu diesem Zeitpunkt in der Form von sogenannten „Extentions“ stattgefunden – so auch die von Institutsmitgliedern vom 7. November bis 19. Dezember 1941 abgehaltene Vorlesungsreihe zum Thema „National Socialism“ [MHA: VI 32. 54], an der Grossmann – zu diesem Zeitpunkt allerdings schwer erkrankt [Pollock an Horkheimer (Memorandum #27), 14. November 1941. MHA: VI 32. 41] – ebenfalls nicht beteiligt war. Ein höheres akademisches Ansehen hingegen versprachen „Fakultätsvorlesungen“, die in Anbindung an das Department of Sociology und durch Verhandlungen mit MacIver ermöglicht werden sollten. Horkheimers ursprüngliche Intention im Herbst 1941 war es, für das Folgejahr zu solchen Vorlesungen durch das Sociology-Department selbst berufen zu werden. Die Befassung des Comittee of Instruction mit der eingereichten Liste von anzubietenden The- 260 men- und Personalvorschlägen verzögerte sich jedoch mehrfach, und im Januar 1942 wurde nicht Horkheimer, sondern Franz L. Neumann (1900–1954) von der Fakultät mit der Abhaltung einer Vorlesung betraut. [MHGS 17. S. 25, 168/169 u. 173; Pollock an Horkheimer (Memorandum #3), 26. November 1941. MHA: VI 32. 25; Neumann an Horkheimer, 28. Januar 1942. In: Reform und Resignation. Gespräche über Franz L. Neumann. Hrsg. von Rainer Erd. Frankfurt a. M. 1985. S. 141–143; MHGS 17. S. 251 u. 253/254.] Leo Löwenthal hatte Horkheimer bereits am 20. Oktober 1942 von Grossmanns Verärgerung berichtet: „The explanation for Grossman’s fury was the fact that we did not send his name and his proposals for lectures to the faculty when we made that ill-fated application which ended with the appointment of Neumann.“ [MHGS 17. S. 356.] Ähnlich lautete der Aussagegehalt einer brieflichen Mitteilung von Herbert Marcuse an Horkheimer vom 11. November 1942: „I had a long talk with Grossmann, who is insulted because he was ‚übergangen’ by omitting his name on the lecture suggestions for Columbia last year!” [Collected Papers of Herbert Marcuse. Ed. by Douglas Kellner. Vol. 1: Technology, War and Fascism. London, New York 1998. S. 235.] Im „Memorandum re: Grossman“ vom 12. November 1942 schließlich heißt es von Seiten Löwenthals: „He [Grossmann] termed the omission of his name from the list of lectures which we submitted to Columbia a year ago as the greatest insult which he ever has experienced. He feels that everyone of his colleagues is responsible for that but that the brunt of the responsibility lies on H.’s shoulder.“ [MHA: VI 15. 255.] 15 zuweilen versichert haben : Siehe hierzu die Briefe Grossmanns an Horkheimer vom 30. Januar 1935 [MHGS 15. S. 311/312] und 1. August 1937 [MHGS 16. S. 204/205]. 16 Rockefeller Projekt : Gemeint ist das Forschungsprojekt „Cultural Aspects of National Socialism“. Es sollte aus sechs Sektionen bestehen: „Bureaucracy“ (geleitet von Pollock), „Mass Culture“ (Löwenthal), „Anti-Christianity“ (Horkheimer), „The War and Post-War Generation“ (Marcuse), „Ideological permeation of labor and the new middle classes” (Neumann), „Literature, art and music“ (Adorno). [MHA: IX 170. 3a.] Ein der Rockefeller Foundation in New York vorgelegter Antrag auf Finanzierung des Projekts wurde am 28. April 1941 abgelehnt. [MHA: IX 170. 318.] Intern als „Germany project“ bezeichnet, war es eines von mehreren (inhaltlich ähnlichen) Forschungsprojekten, mit denen das Institut seit 1940 Drittmittel einzuwerben versuchte. Hierzu zählte etwa auch das ebenfalls nicht durchgeführte Forschungsprojekt „The Collapse of German Democracy and the Expansion of National Socialism“ (15. September 1940), in dem Grossmann als Mitarbeiter neben Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Franz L. Neumann, Kurt Pinthus und Arthur Rosenberg vorgesehen war [MHA: IX 169. 1a. Bl. 66/67]. 17 Anderson : Eugene N. Anderson (1899–1984), 1936–1941 Professor für europäische Geschichte an der American University in Washington, D. C., 1941– 1942 Coordinator of Information, 1942–1945 Office of Strategic Services [Who was who in America. With world notables. Vol. VIII. 1982–1985. Chicago/Ill. 1985. S. 9], war als Kodirektor des Projekts „Cultural Aspects of National Socialism“ vorgesehen. [MHA: IX 170. 3a; Stackelberg, Roderick: „Cultural As- 261 pects of National Socialism“: An Unfinished Project of the Frankfurt School. In: Dialectical Anthropology. New York. Volume 12 (1987). No. 2. S. 253–260. Dort: S. 254.] 18 als ökonomischen Mitarbeiter : Grossmann wird in dem Projektentwurf mit Datum 24. Februar 1941 als „adviser for economic history, statistics and economics for all sections where such problems may enter“ benannt. [MHA: IX 170. 3a. S. 51.] In einer vorangegangenen Entwurfsfassung mit Datum 22. Februar 1942 hieß es noch im Inhaltsverzeichnis unter Auflistung der Sektionen und deren Leitung: „Bureaucracy (Frederick Pollock in collaboration with Hendrik Grossman)“. [MHA: IX 170. 3b. S. 1.] Löwenthals „Memorandum re: Grossman“ vom 12. November 1942 ist zu entnehmen, dass die Streichung Grossmanns auf Veranlassung Pollocks erfolgte. Dort heißt es: „He [Grossmann] furthermore quotes the fact that P. had made it a matter of his own acceptance that G. would not sign together with him the economic section of our Germany project.“ [MHA: VI 15. 254–256. Bl. 2.] 19 als der Soziologische Verlag Sternbergs Buch veröffentlichte : Sternberg, Fritz: „Der Imperialismus“ und seine Kritiker. Berlin: Soziologische Verlagsanstalt, 1929. Die Veröffentlichung trägt im Vorwort die Orts- und Datumsangabe „Berlin, Mai 1929“ (S. 10). Geschäftsführer der am 6. Mai 1929 gegründeten Soziologischen Verlagsanstalt war Felix Weil. [Adreßbuch des Deutschen Buchhandels 1930. Bearb. von der Adreßbuch-Redaktion des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler zu Leipzig. 92. Jg. Leipzig [1930]. S. 584.] 20 Descartes-Arbeit : Grossmann, Henryk: Die gesellschaftlichen Grundlagen der mechanistischen Philosophie und die Manufaktur. In: Zeitschrift für Sozialforschung. Paris. Jg. IV. H. 2 (1935). S. 161–231. [Zum Descartes-Bezug siehe dort insbesondere: S. 200–210 u. 225/226.] Im „Memorandum re: Grossman“ vom 12. November 1942 heißt es laut Löwenthal zum entsprechenden Kontext: „He [Grossmann] is inexhaustible in enumerating instances of P.‘s attempt to sabotage him and his work. One of the things under which he suffers most is the following: he had written to P. from Paris about seven years ago that a French publisher wanted to print a French version of his article on Borkenau and Descartes. P. had answered him that “we” which apparently meant himself and H. thought that this was not advisable because it could hurt the subscription business of our own periodical. G. has still this letter and considers it one of the most vicious pretexts possible for preventing a colleague from a scientific success.“ [MHA: VI 15. 255.] 21 Gallimard : Gaston Gallimard (1881–1975), Eigentümer des Verlags Gallimard in Paris. – Horkheimer hatte 1936/37 geplant, eine französische Ausgabe seiner wichtigsten Aufsätze unter dem Titel „Essais de Philosophie matérialiste“ herauszugeben. Übersetzungen dazu erarbeiteten Pierre Klossowski (1905–2001) und René Etiemble (1909–2002). [Siehe hierzu und zu näheren Umständen der gescheiterten Bemühungen: MHGS 15. S. 450, 662–665, 676–678, 686, 696 u. 707; MHGS 16. S. 166/167, 186, 213/214, 269, 314 u. 379.] 22 Ihres Gehaltes : Bezogen auf die Gehaltsfrage und „P.‘s Feindseligkeit“ heißt es im „Memorandum re: Grossman“ vom 12. November 1942: „The most important feature apparently is the money. He [Grossmann] claims that he is 262 paid on the same level or even worse than a secretary or any other office worker, that only people get good salaries who understand to flatter P., that his salary was on a percentage basis much more reduced than that of any other member and that all this is done by P. in order to impress on everyone that he is the one and only outstanding figure in this Institute: the Assistant Director as well as the great administrator of whom everybody has to tremble when he enters the office.“ [MHA: VI 15. 255.] 23 16jährigen : Die Aussage einer 16jährigen Institutszugehörigkeit steht in Widerspruch zur Aktenlage der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Universität Frankfurt: In einem „Curriculum vitae“ von Januar 1927 gab Grossmann an, dass er im Herbst 1925 die Stellung eines Assistenten von Grünberg am Institut für Sozialforschung antrat. [UAF, Abt. 150, Nr. 376, Bl. 210.] Aus einem Bericht des Polizeipräsidenten in Frankfurt vom 7. April 1926 geht ferner hervor, dass Grossmann sich am 4. November 1925 dort niederließ. [Migdal, Ulrike: Die Frühgeschichte des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, Frankfurt a. M., New York 1981. S. 103/104.] 24 Jahrbuch : Die Fortführung der Instituts-Zeitschrift sollte für die Zeit des Krieges in Form eines Jahrbuches erfolgen. [Horkheimer, Max: Preface. In: Studies in Philosophy and Social Sciences. Vol. IX. No. 3 (1941). New York [1942]. S. 365.] Dazu kam es nicht. 25 Beitrag zur Klassentheorie : Horkheimer strebte eine Konkretisierung der Klassentheorie in Form einer Theorie des Racket [siehe Erl. 33] an und beabsichtigte, die erste Ausgabe des avisierten Jahrbuches diesem Thema zu widmen [MHGS 17. S. 342/343]. Über den erhofften Beitrag von Grossmann berichtete er am 14. Oktober 1942 in einem Brief an Löwenthal [siehe Erl. 34]. Grossmanns Zurückweisung von Horkheimers Anliegen teilte Löwenthal im „Memorandum re: Grossman“ vom 12. November 1942 mit. Die der Schilderung zufolge Horkheimer mitzuteilenden und von Grossmann autorisierten – nachfolgend kursorisch wiedergegebenen – Gründe lauteten: Er [Grossmann] habe bislang keine englischen Publikationen vorzuweisen und arbeite intensiv an der Fertigstellung seines (kleineren) Buches über „Descartes and the invention of machines“. Er hoffe, nach einer Publikation Mittel und Wege finden zu können, um seine gegebene prekäre finanzielle Situation zu verbessern. Hätte das Institut zudem seinerzeit seine Studie über Marx veröffentlicht – gemeint ist offenbar: in englischer Übersetzung –, müsste er jetzt nicht schnellstmöglich auf dem Buchmarkt erscheinen, um in der wissenschaftlichen Fachwelt wahrgenommen zu werden und Aussichten auf einen Zuverdienst zu erlangen. Eine Unterbrechung seiner laufenden Arbeiten hingegen, um den durch Horkheimer erbetenen Beitrag zu erstellen, koste ihn im Minimum drei Monate Arbeitszeit und bedeute einen erheblichen Rückschritt in seinen Bemühungen um finanzielle Verbesserung. Zwar habe er über eine entsprechende Zuarbeit bei einem Treffen mit Horkheimer gesprochen [siehe Erl. 34]. Doch sei dies die erste Zusammenkunft mit diesem nach 18 Monaten gewesen und handelte es sich um ein recht allgemeines Gespräch, das er nicht sogleich negativ belasten wollte. In der erhofften Fortsetzung des Gesprächs, die zu seiner Enttäuschung nicht zustande kam, habe er Horkheimer die Gründe darlegen wollen, weshalb er den Beitrag nicht leisten könne. Ferner betrachte er die 263 Ablehnung zu einer Zuarbeit als berechtigt, da Horkheimer, auf die Umstände des geringen Gehalts angesprochen, geantwortet habe, dieses sei die Vergütung dafür, dass er ausschließlich eigenen wissenschaftlichen Interessen nachginge. Er [Grossmann] verstehe das als Bestrafung und sein unzureichendes Gehalt als Ausdruck dessen, dass er als enger Mitarbeiter weder erwünscht sei noch dass solche Zuarbeiten verlangt würden. [MHA: VI 15. 254.] 26 Schneider : Vermutlich Fedor Schneider (1879–1932), seit 1923 Professor für mittlere und neuere Geschichte und geschichtliche Hilfswissenschaften an der Universität Frankfurt, dort Mitglied der Philosophischen Fakultät. Er hatte als Autor an der „Festschrift für Carl Grünberg zum 70. Geburtstag“ (1932) mitgewirkt. 27 Professur : Horkheimers Berufung auf den neugeschaffenen und vom Institut finanzierten Lehrstuhl für Sozialphilosophie an der Universität Frankfurt erfolgte am 29. Juli 1930. [Kluke: Die Stiftungsuniversität Frankfurt am Main 1914–1932. S. 506.] 28 Aufenthalt in Los Angeles : Horkheimer hatte seinen Wohnsitz im April 1941 nach Los Angeles verlegt und bezog im Juni desselben Jahres ein Haus in Pacific Palisades bei Los Angeles. [MHGS 17. S. 14, Anm. 5.] 29 Freundschaft eines Lebens : Der Beginn der Freundschaft zwischen Horkheimer und Pollock, die bis zu Pollocks Tod im Herbst 1970 währte, lässt sich auf das Jahr 1911 datieren. [Gumnior, Helmut, Rudolf Ringguth: Horkheimer. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg 1988. S. 13.] 30 für unser reales Leben einzustehen hat : Anspielung auf Pollocks Zuständigkeit für die Verwaltung der Institutsfinanzen. 31 Krieg : Der offizielle Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg erfolgte nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 und den Kriegserklärungen Deutschlands und Italiens an die USA am 11. Dezember 1941. 32 Descartesarbeit : Aus dem Textzusammenhang ist nicht ersichtlich, auf welche Descartesarbeit sich Horkheimer bezieht. Löwenthal hatte ihn am 12. November 1942 darüber informiert, dass Grossmann an der Fertigstellung eines Buches über „Descartes and the invention of machines“ arbeite. [Memorandum re: Grossman. November 12, 1942. MHA: VI 15. 254.] Hierbei handelte es sich um eine Fortführung der in Erl. 20 genannten Thematik und eine Vorform zu dem später unter dem Titel „Universal Science versus Science of an Élite: Descartes’ New Ideal of Science“ fertiggestellten Typoskript. [Siehe hierzu: Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 166–180.] 33 Racket Problem : Zu Horkheimers Gebrauch des Begriffs Racket und den Vorarbeiten zu einer Theorie des Racket siehe: Zur Soziologie der Klassenverhältnisse (1943) [MHGS 12. S. 75–104]; sowie den Abschnitt „Die Rackets und der Geist“ in: Aufzeichnungen und Entwürfe zur Dialektik der Aufklärung [ebd. S. 287–291]. Über die Grossmann zugedachte Rolle bei Bearbeitung der Thematik geben ferner „Notizen zum Programm des Buches“ über Rackets Aufschluss: „Grossmann: Inwiefern auch im 19. Jahrhundert die Konkurrenz nicht die ursprüngliche Akkumulation vermittelte; / Über die Bedingtheit der Ent- 264 wicklung der Naturwissenschaften aus den Rackets im 17., 18. und 19. Jahrhundert.“ [Adorno, Theodor W., Max Horkheimer: Briefwechsel 1927–1969. Bd. 2: 1938–1944. Hrsg. von Christoph Gödde und Henri Lonitz. Frankfurt a. M. 2004. S. 291.] 34 als wir darüber sprachen : Horkheimer hielt sich von Anfang September bis 6. Oktober 1942 in New York auf und traf in diesem Zeitraum auch Grossmann zu einem Gespräch. Hierüber berichtete er in einem Brief an Löwenthal vom 14. Oktober 1942: „Grossman showed some willingness to write a small paper on the original accumulation as the way how the surplus-value has always been distributed among the different groups. Perhaps you can confer regularly with him so that we really get this paper which can be rather important.” [MHGS 17. S. 343.] 35 „übergangen“: Der entsprechende Kontext – im Verständnis zusätzlich erschwert unter Verwendung einer doppelten Verneinung als Verneinung – ist lediglich sekundär zu erschließen. In einem Bericht Löwenthals an Horkheimer vom 22. Oktober 1942 heißt es: „Grossman : I had lunch with him today and he first again produced a whole series of explosions because of the many wrong deeds which he has experienced. When I started speaking about his contribution to the year book, he told me that you had explained to him that he should not be »übergangen« in this publication. He was terribly insulted by such a remark and then I started being insulted and told him that apparently he neither understands German nor Southern German and that Horkheimer wanted to underline the fact that he considered and is considering Grossman as a member of our group who should do his theoretical share like all the others for our collective undertakings.” [MHGS 17. S. 356.] 36 letzte Nummer der Zeitschrift : Studies in Philosophy and Social Sciences. Vol. IX. No. 3 (1941). New York [1942]. Das Heft trägt im Vorwort die Datumsangabe März 1942. [Horkheimer, Max: Preface. In: Ebd. S. 365.] Zu Horkheimers Vorstellungen über einen Beitrag Grossmanns siehe seinen Brief an Löwenthal vom 20. Januar 1942. [MHGS 17. S. 244.] 37 Marcuse und Neumann in Washington : Herbert Marcuse führte zu diesem Zeitpunkt Verhandlungen in Washington über einen Eintritt in US-amerikanische Regierungsdienste. Am 7. Dezember 1942 trat er dort eine Stellung als Senior Analyst für das Office of War Information (OWI) an. [OWI an Marcuse, 16. November 1942. MHA: VI 27a. 46; Marcuse an Horkheimer, 17. November 1942. MHA: VI 27a. 47; Collected papers of Herbert Marcuse. Vol. 1. S. 234– 238; MHGS 17. S. 387–389; Hermann Weil Memorial Foundation an Marcuse, 15. Februar 1943. DNB: Nachlass Joseph und Alice Maier. Sign. EB 96/250.] Franz L. Neumann war seit Mitte 1942 als Chief Consultant für das Board of Economic Warfare (BEW) in Washington tätig. [Neumann an Horkheimer, 16. Mai 1942 u. 31. Juli 1942. MHA: VI 30. 354 u. 328; MHGS 17. S. 311; Institute of Social Research: Ten Years on Morningside Heights. A Report on the Institute’s History 1934 to 1944. [New York 1944.] S. 6.] 38 Beschäftigung Löwenthals bei Lazarsfeld : Leo Löwenthal arbeitete zu dieser Zeit an drei Tagen in der Woche für das Bureau von Paul F. Lazarsfeld (1901– 1976), Professor für Soziologie an der Columbia University in New York seit 265 1940 und dort Leiter des Office of Radio Research (später: Bureau of Applied Social Research). [MHGS 17. S. 355.] 39 anderen Ausfällen : Nach den Vorstellungen Horkheimers sollten ursprünglich auch Otto Kirchheimer (1905–1965), Arkadij Gurland (1904–1979), Paul W. Massing (1902–1979), Karl August Wittfogel (1896–1988) sowie Felix Weil und Friedrich Pollock Beiträge für das nicht zustande gekommene Jahrbuch erarbeiten. [MHGS 17. S. 342/343.] 40 Untersuchungen über Oper und Illusion : Diese Untersuchungen Grossmanns sind nicht überliefert. 41 Wagnerarbeit : Adorno, T. W.: Fragmente über Wagner. In: Zeitschrift für Sozialforschung. Paris. Jg. VIII. H. 1/2 (1939). S. 1–49. Dort: Kap. VI. [S. 17–26.] 42 Meine Frau : Rosa (gen. Maidon) Horkheimer, geb. Riekher (1887–1969). 43 Frau Marcuse : Sophie Marcuse, geb. Wertheim (1901–1951). 44 strategischen Nachrichten : Am 22. November 1942 schlossen sowjetische Truppen nach einer dreitägigen Gegenoffensive die deutsche 6. Armee sowie rumänische und italienische Truppen (insgesamt rund 284.000 Soldaten) im Raum Stalingrad ein. Zuvor hatte am 7./8. November 1942 in Nordwestafrika die erste Invasion alliierter Truppen (Operation „Torch“) begonnen, in deren Verlauf 107.000 britische und US-amerikanische Soldaten unter dem Befehl Eisenhowers in Marokko und Algerien landeten. [Chronik-Handbuch Daten der Weltgeschichte. 2., überarb. und aktualisierte Aufl. Gütersloh, München 1997. S. 495/496.] 45 M. H.: Im Ts. handschriftlich hinzugefügt. 269 Bibliographie A. Monographien, Aufsätze, Beiträge [Grossman, Henryk] (1901): Co nam daje szko a rednia? [Was vermittelt uns die Mittelschule?] In: Promie . Pismo Po wi cone Sprawom M odzie y Szkolnej. Rok III. Nr. 9. Lwów – pa dziernik [Oktober] 1901. S. 262–274.1 [Ein zweiter Teil erschien in: Rok III. Nr. 10. Lwów – listopad [November] 1901.]2 Grossman, Henryk (1905): Proletaryat wobec kwestyi ydowskiej. Z powodu niedyskutowanej dyskusyi w „Krytyce“. [Das Proletariat angesichts der jüdischen Frage. Aus Anlass der nicht geführten Diskussion in der „Kritik“.] Kraków: Drukarni W adys awa Teodorczuka, 1905. (45 S.) [Jiddisch unter dem Titel: Dem proletariat benegeye tsu der yidenfrage. In: Der yidisher sotsyal-demokrat. 1. April 1905. S. 6–13; 3. Juni 1905. S. 7–11.]3 [Großmann, Heinrich u. a.] (1905): [Erklärung der „Jüdischen sozialdemokratischen Partei in Galizien“]. [Unterzeichn.:] Abraham Poch; Lennel Blum; Heinrich Großmann, Sekretär. In: Protokoll über die Verhandlungen des Gesamt-Parteitages der sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Oesterreich. Abgehalten zu Wien vom 29. Oktober bis 2. November. Agitationsausgabe. Wien: Wiener Volksbuchhandlung Ignaz Brand, 1905. S. 70.4 Grossman, Jind ich (1906): Židovská strana sociáln demokratická v Hali i. [Die Jüdische Sozialdemokratische Partei in Galizien.] In: Akademie. Socialistická Revue. (Redakto i: Fr. Modrá ek, Alfred Meissner. Vydavatel: Fr. Tomášek.) Ro ník X. Praha: D lnická Knihtiskárna a Nakladatelství v Praze, 1906. S. 13–18. [Deutsche Übersetzung: Grossmann, Jind ich: Die Jüdische Sozialdemokratische Partei in Galizien. In: Löw, Raimund: Der Zerfall der „Kleinen Internationale“. Nationalitätenkonflikte in der Arbeiterbewegung des alten Österreich (1889–1914). (Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung. Materialien zur Arbeiterbewegung Nr. 34.) Wien: Europaverlag, 1984. S. 220–227.] Grossman, H[enryk] (1907): Der bundizm in Galitsyen. (Bundyzm w Galicyi.) A beytrag tsu der geshikhte fun der yidisher arbeyter-bevegung in Galitsyen. Krakoy: Farlag „Der sotsyal-democrat“, 1908. (48 S.)5 [Ebenso in: Der sotsyal-demokrat. 13. September–29. November 1907.6] 270 Großmann, Henryk (1911): Eine Wiener Volkszählung im Jahre 1777. In: Statistische Monatsschrift. Hrsg. von der K. K. Statistischen Central- Commission. N. F. XVI. Jg. Brünn: F. Irrgang, 1911. S. 56–58. Grossman, Henryk (1911): Rozleg o Galicyi po zaj ciu jej przez Austry . [Die Größe Galiziens nach seiner Okkupation durch Österreich.] In: Kwartalnik Historyczny. Organ Towarzystwa Historycznego. Za o ony przez Xawerego Liskego. Redaktor: Aleksander Semkowicz. Rocznik XXV. Lwów: Drukarni Jakubowskiego i Sp., 1911. S. 472–478. Grossman, Henryk (1911): Polityka przemys owa i handlowa rz du Terezya sko-Józefi skiego w Galicyi 1772–1790. (Referat na V. Zjazd prawników i ekonomistów polskich). [Die Industrie- und Handelspolitik der Theresianisch-Josephinischen Regierung in Galizien 1772–1790. (Referat auf dem V. Kongress polnischer Juristen und Ökonomen).] In: Przegl d Prawa i Administracyi. Redaktor: Ernest Till. Rocznik 36. 1911. Lwów 1911. [S. 1–43.] [Auch als: Sonderabdruck aus Przegl d Prawa i Administracyi. Dort mit dem französischen Zusatztitel: Politique industrielle et commerciale de Marie Térèse et Josef II. en Galicie 1772–1790. (Thèse pour le V. Congrès des économistes polonais.) Lwów: Drukarni Jakubowskiego i Sp., 1912. (43 S.)]7 Großmann, Henryk (1913): Die amtliche Statistik des galizischen Außenhandels 1772 bis 1792. In: Statistische Monatsschrift. Hrsg. von der K. K. Statistischen Central-Commission. N. F. XVIII. Jg. Brünn: F. Irrgang, 1913. S. 222–233. Grossmann, Henryk (1914): Österreichs Handelspolitik mit Bezug auf Galizien in der Reformperiode 1772–1790. (Studien zur Sozial-, Wirtschafts- und Verwaltungsgeschichte. Hrsg. von Karl Grünberg. X. Heft.) Wien: C. Konegen, 1914. (XVII, 510 S.) Großmann, Henryk (1916): Die Anfänge und geschichtliche Entwicklung der amtlichen Statistik in Österreich. In: Statistische Monatsschrift. Hrsg. von der K. K. Statistischen Central-Commission. N. F. XXI. Jg. Brünn: F. Irrgang, 1916. S. 331–423. [Auch als: Sonderabdruck aus dem Juni–Juli-Heft der Statistischen Monatsschrift. Brünn: F. Irrgang, 1916. (93 S.)] Großmann, Henryk (1916): Erwiderung. In: Statistische Monatsschrift. Hrsg. von der K. K. Statistischen Central-Commission. N. F. XXI. Jg. Brünn: F. Irrgang, 1916. S. 676/677. [Erwiderung auf eine Kritik von: Gürtler, Alfred: Die Anfänge und geschichtliche Entwicklung der amtlichen Statistik in Österreich. In: Statistische Monatsschrift. 271 Hrsg. von der K. K. Statistischen Central-Commission. N. F. XXI. Jg. Brünn: F. Irrgang, 1916. S. 673–675.] Grossmann, Henryk (1917): Die Kreditorganisation des Königreichs Polen vor dem Kriege. In: Das Königreich Polen vor dem Kriege (1815– 1914). Zehn Vorträge gehalten in Wien im März 1917. Eingel. u. hrsg. von Ludwig wikli ski. (Freie Vereinigung für Staatswissenschaftliche Fortbildung in Wien.) Wien, Leipzig: Deuticke, 1917. S. 180– 209. [Im Inhaltsverzeichnis ausgewiesen als: „Die Banken und das Genossenschaftswesen“; Grossmanns Artikel wurde statt eines ausgefallenen Vortrags in die Sammlung aufgenommen. Auch als: Sonderabdruck aus der Sammlung der von der Freien Vereinigung für Staatswissenschaftliche Fortbildung in Wien im März 1917 veranstalteten Vorträge.] Grossman, Henryk (1919): Teorja kryzysów gospodarczych. (The Theory of Economic Crises). – Meeting of June 16, 1919. In: Bulletin International de l’Académie Polonaise des Sciences et des Lettres. Classe de Philologie. Classe d’Histoire et de Philosophie. Les Années 1919, 1920. II. Partie. Cracovie: Impr. de l’Univ., 1925. S. 285–290. [Englische Schriftfassung eines an der Universität Krakau gehaltenen Vortrags. Neuabdruck (in modernisierter Orthographie): Grossman, Henryk: The Theory of Economic Crisis. Preface by Rick Kuhn. In: Research in Political Economy. Vol. 18: Value, Capitalist Dynamics, and Money. New York: JAI/Elsevier Science, 2000. S. 171–180.] Grossman, Henryk (1920): Znaczenie i zadania pierwszego powszechnego spisu ludno ci w Polsce. [Bedeutung und Aufgaben der ersten allgemeinen Volkszählung in Polen.] In: Miesi cznik Statystyczny. Wydawany przez G ówny Urz d Statystyczny Rzeczypospolitej Polskiej. Rok 1920. Tom I. Zeszyt 1–3. (Revue Mensuelle de Statistique. Publiée par l’Office Central de Statistique de la République Polonaise. Année 1920. Tome I. Fascicule 1–3.) Warszawa (Varsovie): Nak adem G ównego Urz du Statystycznego, 1920. S. 88–106. [Im französischen Inhaltsverzeichnis des Jg. verzeichnet unter dem Titel: L’importance et le but du premier recensement de la population en Pologne.]8 [Grossman, Henryk u. a.] (1920): Protokó y posiedze pierwszej sesji G ównej Rady Statystycznej w dn. 10 i 11 czerwca 1920 r. [Protokolle der Sitzungen der ersten Zusammenkunft des Hauptrates für Statistik am 10. und 11. Juni 1920.] In: Miesi cznik Statystyczny. Wydawany przez G ówny Urz d Statystyczny Rzeczypospolitej Polskiej. Rok 1920. Tom II. Zeszyt 1–2. (Revue Mensuelle de Statistique. Publiée par l’Office Central de Statistique de la République Polonaise. 272 Année 1920. Tome II. Fascicule 1–2.) Warszawa (Varsovie): Nakadem G ównego Urz du Statystycznego, 1920. S. 39–51. [Abgedruckt unter der Rubrik: G ówna Rada Statystyczna (Conseil Central de Statistique). Enthält Diskussionsbeiträge von Grossmann.] Grossman, Henryk (1921): Statystyka ruchu towarowego na kolejach elaznych. [Die Statistik des Warenverkehrs auf Eisenbahnen.] In: Miesi cznik Statystyczny. Wydawany przez G ówny Urz d Statystyczny Rzeczypospolitej Polskiej. Rok 1921. Tom III. Zeszyt 1. (Revue Mensuelle de Statistique. Publiée par l’Office Central de Statistique de la République Polonaise. Année 1921. Tome III. Fascicule 1.) Warszawa (Varsovie): Nak adem G ównego Urz du Statystycznego, 1921. S. 1–28. [Im französischen Inhaltsverzeichnis des Jg. verzeichnet unter dem Titel: Statistique du transport sur les voies ferrées. Auch als: Sonderabdruck aus Miesi cznik Statystyczny. Warszawa 1921. (28 S.)] Gr[ossman], H[enryk] (1921): Spis mieszka w Rzeszy niemieckiej. [Die Wohnungszählung im Deutschen Reich.] In: Miesi cznik Statystyczny. Wydawany przez G ówny Urz d Statystyczny Rzeczypospolitej Polskiej. Rok 1921. Tom III. Zeszyt 1. (Revue Mensuelle de Statistique. Publiée par l’Office Central de Statistique de la République Polonaise. Année 1921. Tome III. Fascicule 1.) Warszawa (Varsovie): Nak adem G ównego Urz du Statystycznego, 1921. S. 40. [Abgedruckt unter der Rubrik: Kronika.9 Im französischen Inhaltsverzeichnis des Jg. verzeichnet unter dem Titel: Le recensement des logements en Allemagne.] Gr[ossman], H[enryk] (1921): Statystyka produkcji. [Produktionsstatistik.] In: Miesi cznik Statystyczny. Wydawany przez G ówny Urz d Statystyczny Rzeczypospolitej Polskiej. Rok 1921. Tom III. Zeszyt 2– 3. (Revue Mensuelle de Statistique. Publiée par l’Office Central de Statistique de la République Polonaise. Année 1921. Tome III. Fascicule 2–3.) Warszawa (Varsovie): Nak adem G ównego Urz du Statystycznego, 1921. S. 129–131. [Abgedruckt unter der Rubrik: Kronika.] Grossman, Henryk (1922): Maj tek spo eczny Królestwa Polskiego. [Das Volksvermögen des Königreiches Polen.] In: Revue Mensuelle de Statistique.10 L’Office Central de Statistique de la République Polonaise. Tome V. Fascicule 10. Année 1922. Varsovie: Publié par L’Office Central de Statistique, 1922. S. 255–277. [Eine französische Zusammenfassung erschien unter dem Titel: Grossman, Henri: Avoir public du Royaume de Pologne. In: ebd. S. 253/254. Ein Errata in: Tome V, Fascicule 11, Année 1922, S. 632, korrigiert diesen Titel in: 273 Richesse nationale du Royaume de Pologne. Auch als Sonderdruck: Warszawa 1923. (23 S.)] Grossman, Henryk (1923): Przyczynek do historji socjalizmu w Polsce przed laty czterdziestu. [Ein Beitrag zur Geschichte des Sozialismus in Polen vor vierzig Jahren.] In: Niewydane pisma Karola Marksa. 1. Listy Marksa do Kugelmana. 2. Przyczynek do krytyki socjaldemokratycznego programu partyjnego. Prze ., wst pem i uwagami zaopatrzy H. Grossman. [Unveröffentlichte Schriften von Karl Marx. 1. Briefe an Kugelmann. 2. Beitrag zur Kritik des sozialdemokratischen Parteiprogramms. Übersetzt und mit einer Einführung und Erläuterungen versehen von H. Grossman.] Warszawa: Ksi ka, 1923. (XVII, 126 S.) S. III–XVII. [Deutsche Übersetzung (durch Angelika Beermann und Jürgen Scheele) in: Grossmann, Henryk: Schriften aus dem Nachlass. Mit weiteren Materialien und Dokumenten hrsg. und bearb. von Jürgen Scheele. Baden-Baden: Tectum, 2017. S. 235–248. Grossman, Henryk (1923): Ekonomiczny system Karola Marksa. (W czterdziestolecie mierci). [Das ökonomische System von Karl Marx. (Zum vierzigsten Todestag).] In: Kultura Robotnicza. Tygodnik. Rok II. No 10 (32). Warszawa, d. 17 marca 1923 r. S. 295–299. Grossman, Henryk (1924): Simonde de Sismondi et ses théories économiques. (Une nouvelle interprétation de sa pensée). (Nowy pogl d na koncepcje ekonomiczne Sismondiego.) (Bibliotheca Universitatis Liberae Polonae. A. 1924. Fasc. 11.) Varsaviae: Universitatis Liberae Polonae, 1924. (77 S.) [Italienische Übersetzung: Grossmann, Henryk: Sismondi e la critica del capitalismo. In appendice: Chiarimenti sull’equilibrio tra produzione e consumo di Simonde de Sismondi. Bari: Laterza, 1972. (XXXIV, 133 S.)] Grossman, Henryk (1925): Struktura spo eczna i gospodarcza Ksi stwa Warszawskiego na podstawie spisów ludno ci 1808 i 1810 r. [Die Sozial- und Wirtschaftsstruktur des Herzogtums Warschau nach den Ergebnissen der Volkszählungen von 1808 und 1810.] In: Kwartalnik Statystyczny. G ówny Urz d Statystyczny Rzeczypospolitej Polskiej. Rok 1925. Tom II. Zeszyt 1. Warszawa: Nak adem G ównego Urz du Statystycznego, [1926]. S. 1–108. [Auch als: Sonderabdruck aus Kwartalnik Statystyczny. Eine französische Zusammenfassung erschien unter dem Titel: Grossmann, Henri: La structure sociale et économique du Duché de Varsovie. Étude basée sur résultats des recensements de 1808 et de 1810. Résumé. In: Revue Trimestrielle de Statistique. Office Central de Statistique de la République Polonaise. Année 1925. Tome II. Fascicule 1. Varsovie: Publication de l’Office Central de Statistique, 1925. S. I–IV.11] 274 Grossmann, Henryk (1928): Eine neue Theorie über Imperialismus und die soziale Revolution. In: Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung. Hrsg. von Carl Grünberg. XIII. Jg. Leipzig: C. L. Hirschfeld, 1928. S. 141–192.12 [Neuabdruck in: Grossmann, Henryk: Aufsätze zur Krisentheorie. Frankfurt a. M.: Verlag Neue Kritik, 1971. S. 113–164; ders.: Aufsätze zur Methode und Krisentheorie bei Karl Marx. [Raubdruck: circa 1971.] S. 1–52; sowie in: Texte von de Vries, Herzenstein, Sternberg, Grossmann, Goldstein, Tolonski, Novitzki, Jacobsohn, Varga, Benedict. (Dokumente zur Imperialismustheorie. Bd. 2.) Heidelberg: Caro-Druck, [1971].13 Italienische Übersetzung in: Grossmann, Henryk: Saggi sulla teoria delle crisi. Dialettica e metodica nel Capitale. A cura e con un’introduzione di Gabriella M. Bonacchi. Bari: De Donato, [1975]. (XL, 261 S.) Spanische Übersetzung in: Grossmann, Henryk: Ensayos sobre la teoría de la crisis. Dialética y metodología en „El capital“. Traducción de Alfonso García Ruiz. México: Ed. Pasado y Presente, [1979]. (284 S.)] Grossmann, Henryk (1929): Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems. (Zugleich eine Krisentheorie). (Schriften des Instituts für Sozialforschung an der Universität Frankfurt a. M. Hrsg. von Carl Grünberg. Erster Band.) Leipzig: C. L. Hirschfeld, 1929. (XVI, 628 S.) [Japanische Übersetzung (durch Hiromi Arisawa und Katsumi Moritani): Shihon no chikuseki narabini h kai no riron. T ky : Kaiz sha, 1932. (814 S.) Serbokroatische Übersetzung: Zakon akumulacije i sloma kapitalisti kog sistema. (Ujedno i teorija kriza.) [Prevela Mara Fran [Übersetzt von Mara Fran].] Beograd: Kultura, 1956. (451 S.); Neuauflage: Beograd: Prosveta, 1983. (490 S.) Nachdrucke der deutschen Fassung: Frankfurt a. M.: Verlag Neue Kritik, 1967. [Eingel. von Wolf Rosenbaum. Mit einer biographischen Notiz von K. H. Hennings.] (23, XVI, 628 S.); ebd. 1970 (2. Aufl.: 13, XVI, 628 S. [ohne Rosenbaums Einleitung]; sowie als Reprint: New York: B. Franklin, [1970]). Italienische Übersetzung: Il crollo del capitalismo. La legge dell’accumulazione e del crollo del sistema capitalista. (Trad. Luigi Geninazzi.) [Introduzione di Rocco Buttiglione.] Milano: Jaca Book, 1977. (XXIX, 581 S.); weitere Ausgabe: Milano: Mimesis, 2010. Spanische Übersetzung: La Ley de la acumulación y del derrumbe del sistema capitalista. Una teoría de la crisis. Introducción y edición a cargo de Jorge Tula. México: Siglo XXI Editores, 1979. (XLVII, 406 S.); weitere Auflagen: México: Siglo XXI, 1984 (2a ed.); México: Siglo XXI, 2004 (3a ed.). Englische Übersetzung: Grossmann, Heryk: The laws of the accumulation and breakdown of the capitalist system. A summary. 275 (Translated and abridged by Jairus Banaji.) Bombay: [Matrizenabzug:] Platform Publication 2, May–June 1979. (134 S.) Erneut in Buchform: The Law of Accumulation and Breakdown of the Capitalist System. Being also a theory of crises. (Translated and abridged by Jairus Banaji. Foreword and Introduction by Tony Kennedy.) London: Pluto Press, 1992. (XIII, 210 S.) Indonesische Übersetzung (auf Basis der englischen Ausgabe): Hukum akumulasi dan keruntuhan sistem kapitalisme. Juga sebuah teori mengenai krisis. (Penerjemah [Übersetzer]: Ira Iramanto [Pseudonym für: Oey Hay Djoen].) Jakarta: Hastra Mitra, 2002. (232 S.)] Grossmann, Henryk (1929): Die Änderung des ursprünglichen Aufbauplans des Marxschen „Kapital“ und ihre Ursachen. In: Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung. Hrsg. von Carl Grünberg. XIV. Jg. Leipzig: C. L. Hirschfeld, 1929. S. 305–338. [Tschechische Übersetzung: Plán Marxova „Kapitálu“. In: D lnická Osv ta. Socialistická Revue. Praha: D lnická akademie. Ro ník XXIII. 1937. íslo 5. S. 168–174; íslo 7. S. 270–273; íslo 8. S. 303– 308; íslo 9. S. 341–344; íslo 10. S. 374–379.14 Serbokroatische Übersetzung: Grossmann, Henryck: Plan i metod „Kapitala“. Mit einem Auszug. In: . a . [Der Rechtgedanke. Zeitschrift für Recht und Soziologie.] 4- . [4. Jahr.] No. I–II. 1938. [Januar/Februar 1938.] S. 40– 7115; ebenso als Sonderdruck: Zemun [Beograd]: Grafi ki zavod „Rotacija“, 1938. (32 S.) [Abdruck aus: Pravna misao. asopis za pravo i sociologiju [Der Rechtsgedanke. Zeitschrift für Recht und Soziologie], Beograd 1938]; weitere Auflagen: Plan i metod „Kapitala“. Prevela Mara Fran. Beograd: Kultura, 1958. (3. izd., 28 S.); und Beograd: Beogradski izdava ko-grafi ki zavod, 1974. (4. izd., 43 S.) Neuabdruck der deutschen Ausgabe: Grossmann, Henryk: Aufsätze zur Krisentheorie. Frankfurt a. M.: Verlag Neue Kritik, 1971. S. 9–42; ders.: Aufsätze zur Methode und Krisentheorie bei Karl Marx. [Raubdruck: circa 1971.] S. 53–86. Italienische Übersetzung in: Grossmann, Henryk: Saggi sulla teoria delle crisi. Dialettica e metodica nel Capitale. A cura e con un’introduzione di Gabriella M. Bonacchi. Bari: De Donato, [1975]. (XL, 261 S.) Englische Übersetzung: Grossmann, Henryk: Gold Production in the Reproduction Schemas of Marx and Rosa Luxemburg. In: Bulletin of the Communist Platform. Bombay: [Matrizenabzug], 1978.16 Spanische Übersetzung in: Grossmann, Henryk: Ensayos sobre la teoría de la crisis. Dialética y metodología en „El capital“. Traducción de Alfonso García Ruiz. México: Ed. Pasado y Presente, [1979]. (284 S.) Englische Übersetzung: Grossman, Henryk: The Change in the Original Plan for 276 Marx’s Capital and Its Causes. (Translated by Geoffrey McCormack. Edited and annotated by Rick Kuhn.) In: Historical Materialism. Vol. 21, Issue 3, January 2013. S. 138–164.] Grossmann, Henryk (1931): Beiträge in: Wörterbuch der Volkswirtschaft. Erster Band. Hrsg. von Ludwig Elster. Vierte, völlig umgearbeitete Aufl. Jena: G. Fischer, 1931: – Adler, Victor. S. 21/22; – Anarchismus. S. 97–109 [Neuabdruck in: Grossmann, Henryk, Carl Grünberg: Anarchismus, Bolschewismus, Sozialismus. Aufsätze aus dem „Wörterbuch der Volkswirtschaft“. Hrsg. von Claudio Pozzoli. Frankfurt a. M.: Europäische Verlagsanstalt, 1971.17 S. 13–35.]; – Bebel, August. S. 301/302; – Bolschewismus, S. 421–444 [Neuabdruck in: ebd. S. 36–87.]; – Christlicher und religiöser Sozialismus. (Zusammen mit Carl Grünberg.) S. 538–559 [Neuabdruck in: ebd. S. 94–142. Zum jeweiligen Anteil an der gemeinsamen Autorschaft vgl. Grünbergs allein verfassten Beitrag „Christlicher Sozialismus (christlich-soziale Bestrebungen)“ in der dritten Auflage dieses Wörterbuches: Jena: G. Fischer, 1911. Erster Band. S. 638–652.]; – Debs, Eugene. S. 564; – Leon, Daniel de. S. 564/565. [Alle Beiträge auch als: Sonderabdrucke aus Wörterbuch der Volkswirtschaft. Jena: G. Fischer, 1930.] Grossmann, Henryk (1930): Zum Abschluss des Streites um die Wert- und Preisrechnung im Marxschen System (Eine Berichtigung des grundlegenden Fehlers bei von Bortkiewicz, Rosa Luxemburg und Otto Bauer). In: Grossmann, Henryk: Schriften aus dem Nachlass. Mit weiteren Materialien und Dokumenten hrsg. und bearb. von Jürgen Scheele. Baden-Baden: Tectum, 2017. S. 47–94. Grossmann, Henryk (1932): Die Goldproduktion im Reproduktionsschema von Marx und Rosa Luxemburg. In: Festschrift für Carl Grünberg zum 70. Geburtstag. Leipzig: C. L. Hirschfeld, 1932. S. 152–184. [Auch als: Sonderabdruck aus Festschrift für Carl Grünberg zum 70. Geburtstag. Leipzig 1932. Neuabdruck in: Grossmann, Henryk: Aufsätze zur Krisentheorie. Frankfurt a. M.: Verlag Neue Kritik, 1971. S. 77–109; und ders.: Aufsätze zur Methode und Krisentheorie bei Karl Marx. [Raubdruck: circa 1971.] S. 117–149. Italienische Übersetzung in: Grossmann, Henryk: Saggi sulla teoria delle 277 crisi. Dialettica e metodica nel Capitale. A cura e con un’introduzione di Gabriella M. Bonacchi. Bari: De Donato, [1975]. (XL, 261 S.) Spanische Übersetzung in: Grossmann, Henryk: Ensayos sobre la teoría de la crisis. Dialética y metodología en „El capital“. Traducción de Alfonso García Ruiz. México: Ed. Pasado y Presente, [1979]. (284 S.)] Grossmann, Henryk (1932): Beiträge in: Wörterbuch der Volkswirtschaft. Zweiter Band. Hrsg. von Ludwig Elster. Vierte, völlig umgearbeitete Aufl. Jena: G. Fischer, 1932: – Guesde, Jules. S. 256–258; – Herzen, Alexander. S. 360/361; – Hyndman, Henry Mayers. S. 369/370; – Jaurès, Jean. S. 382/383; – Internationale. (Zusammen mit Carl Grünberg.) S. 430–449. [Der Abschnitt „A. Die Erste I. (Internationale Arbeiterassoziation = IAA.).“ stammt von Grünberg (S. 430–432), die Abschnitte „B. Die Zweite I. (1889–1914).“ und „C. Die Dritte, Kommunistische I. (Komintern). ‚Die I. der Tat’.“ (S. 432–449) stammen von Grossmann. Auch erschienen unter dem Titel: Die drei Internationalen. Sonderabdruck aus Wörterbuch der Volkswirtschaft. Jena: G. Fischer, 1931. (21 S.) Neuabdruck unter dem Titel: Die Internationalen. In: Grossmann, Henryk, Carl Grünberg: Anarchismus, Bolschewismus, Sozialismus. Aufsätze aus dem „Wörterbuch der Volkswirtschaft“. Hrsg. von Claudio Pozzoli. Frankfurt a. M.: Europäische Verlagsanstalt, 1971. S. 143–188 [S. 149–188]; sowie in: Der Internationale Sozialistenkongress Stuttgart 1907. Teil 2: Dokumente, Materialien, Analysen. (Beiträge zur Geschichte des Sozialismus und der sozialen Bewegungen in Süddeutschland. Band I. Herausgegeben von Peter Grohmann, Ulrich Cassel, Rolf Gühring, Frieder Schmidt, Heinrich Schering und Udo Winkel im Auftrag der Studiengruppe Sozialistenkongreß.) Stuttgart: Selbstverlag, 1977. S. 39–61 [S. 45–61].]; – Kropotkin, Peter. S. 696/697; – Lenin (Pseud. für Uljanow), Wladimir Iljitsch. S. 828–831; – Plechanow, Georg. S. 1140/1141. [Alle Beiträge auch als: Sonderabdrucke aus Wörterbuch der Volkswirtschaft. Jena: G. Fischer, 1931.] Grossmann, Henryk (1932): Die Wert-Preis-Transformation bei Marx und das Krisenproblem. In: Zeitschrift für Sozialforschung. Jg. I. H. 1/2 (1932). Leipzig: C. L. Hirschfeld, 1932. S. 55–84. [Auch als: Sonderabdruck aus Zeitschrift für Sozialforschung. Leipzig 1932. Ferner 278 als: Raubdruck: o. O., o. J. [circa 1969]. Neuabdruck in: Grossmann, Henryk: Aufsätze zur Krisentheorie. Frankfurt a. M.: Verlag Neue Kritik, 1971. S. 45–74; ders.: Aufsätze zur Methode und Krisentheorie bei Karl Marx. [Raubdruck: circa 1971.] S. 87–116; Aspekte der Marxschen Theorie 1. Zur methodischen Bedeutung des 3. Bandes des ‚Kapital . Hrsg. von Friedrich Eberle. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1973. S. 195–227. Italienische Übersetzung in: Grossmann, Henryk: Saggi sulla teoria delle crisi. Dialettica e metodica nel Capitale. A cura e con un’introduzione di Gabriella M. Bonacchi. Bari: De Donato, [1975]. (XL, 261 S.) Spanische Übersetzung in: Grossmann, Henryk: Ensayos sobre la teoría de la crisis. Dialética y metodología en „El capital“. Traducción de Alfonso García Ruiz. México: Ed. Pasado y Presente, [1979]. (284 S.) Englische Übersetzung: Grossmann, Henryk: The Value-Price Transformation in Marx and the Problem of Crises. In: Bulletin of the Communist Platform. Nos. 1/[2]. Bombay: [Matrizenabzug], 1977[/78]18; erneut unter dem Titel: Grossman, Henryk: The Value-Price Transformation in Marx and the Problem of Crisis. In: Historical Materialism. Research in Critical Marxist Theory. Vol. 24, Issue 1, April. Leiden [u. a.]: Brill, 2016. S. 105–134.] Grossmann, Henryk (1933): Beiträge in: Wörterbuch der Volkswirtschaft. Dritter Band. Hrsg. von Ludwig Elster. Vierte, völlig umgearbeitete Aufl. Jena: G. Fischer, 1933: – Rodrigues, Olinde. S. 99; – Sorel, Georges. S. 236/237; – Sozialdemokratische und kommunistische Parteien. (Zusammen mit Carl Grünberg.) S. 238–257 [Zum jeweiligen Anteil an der gemeinsamen Autorschaft vgl. den von Grünberg allein verfassten Beitrag „Sozialdemokratie“ in der dritten Auflage dieses Wörterbuches: Jena: G. Fischer, 1911. Zweiter Band. S. 799–827.]; – Sozialistische Ideen und Lehren. I. Sozialismus und Kommunismus. (Zusammen mit Carl Grünberg.) S. 272–341. [Paragraph I und die Abschnitte 1 bis 6 aus Paragraph II stammen von Grünberg,19 der 7. Abschnitt „Die Fortentwicklung des Marxismus bis zur Gegenwart“ (S. 313–341) stammt von Grossmann. Dieser erschien auch unter dem Titel: Fünfzig Jahre Kampf um den Marxismus, 1883– 1932. Sonderabdruck aus Wörterbuch der Volkswirtschaft. Jena: G. Fischer, 1932. Japanische Übersetzung: Marukishizumu no tame no t s goj -nen. Ichi ky ju no mita, sono riron no zenshin-teki hatten – Henriiku Guroosuman. Marukusu goj -nen matsuri ni chinamite. Yoshitar Hirano. [Fünfzig Jahre Kampf um den Marxismus. Der 279 Fortschritt der Theorie aus der Sicht eines Professors – Henryk Grossman. Im Zusammenhang des „50 Jahre Marx“-Festivals. (Übersetzer:) Yoshitar Hirano.] In: Chu K ron. Vol. 48. No. 3 (543). T ky : Chu K ron-sha, 1933. S. 2–65. Serbokroatische Übersetzung: Pedest godina nau nog socializma. [Fünfzig Jahre wissenschaftlicher Sozialismus.] In: . a . [Der Rechtgedanke. Zeitschrift für Recht und Soziologie.] 4- . [4. Jahr.] No. VII–VIII. 1938. [Juli/August 1938.] S. 289–311; No. IX–X. .– 1938. [September/Oktober 1938.] S. 394– 424. (Mit einem Auszug.)20; ebenso als Sonderdruck: Zemun [Beograd]: Grafi ki zavod „Rotacija“, 1938. (56 S.) [Abdruck aus: Pravna misao. asopis za pravo i sociologiju [Der Rechtsgedanke. Zeitschrift für Recht und Soziologie], Beograd 1938.] Neuabdruck der deutschen Fassung: Grünberg, Carl, Henryk Grossmann: Sozialismus und Kommunismus. In: Grossmann, Henryk, Carl Grünberg: Anarchismus, Bolschewismus, Sozialismus. Aufsätze aus dem „Wörterbuch der Volkswirtschaft“. Hrsg. von Claudio Pozzoli. Frankfurt a. M.: Europäische Verlagsanstalt, 1971. S. 194–336 [S. 281–336]. Englische Übersetzung (jeweils in elektronischer Fassung): Grossman, Henryk: Fifty years of struggle over Marxism. 1883–1932. (Translated by Rick Kuhn and Einde O’Callaghan.) In: Heterodox economics and the crisis that won’t go away. Proceedings Refereed papers Presented at the 12th Conference of the Australian Society of Heterodox Economists 2–3 December 2013. [Dort als: Appendix to Rick Kuhn „Marxist crisis theory to 1932 and to the present: reflections on Henryk Grossman’s Fifty years of struggle over Marxism”]; sowie: Carlton [Melbourne]: Socialist Alternative, Oktober 2014 (Kindle Edition).] [Alle Beiträge auch als: Sonderabdrucke aus Wörterbuch der Volkswirtschaft. Jena: G. Fischer, 1932.] Grossmann, Henryk (1934): Sismondi, Jean Charles Léonard Simonde de. In: Encyclopaedia of the Social Sciences. Editor-in-chief: Edwin R. A. Seligman. Vol. XIV. New York: Macmillan, 1934. S. 69–71. [Grossmann, Henryk] (1934): Die Anfänge des Kapitalismus und die neue Massenmoral. In: Grossmann, Henryk: Schriften aus dem Nachlass. Mit weiteren Materialien und Dokumenten hrsg. und bearb. von Jürgen Scheele. Baden-Baden: Tectum, 2017. S. 141–154. [Erstveröffentlichung in englischer Übersetzung: Grossman, Henryk: The Beginnings of Capitalism and the New Mass Morality. In: Journal of Classical Sociology. July 2006. Volume 6. No. 2. London: Sage, 2006. S. 201–213.] 280 Grossmann, Henryk (1935): Die gesellschaftlichen Grundlagen der mechanistischen Philosophie und die Manufaktur. In: Zeitschrift für Sozialforschung. Jg. IV. H. 2 (1935). Paris: F. Alcan, 1935. S. 161–231. [Auch als: Zeitschrift für Sozialforschung. Sonderdruck. [Paris 1935.] Neuabdruck als Anhang zu: Borkenau, Franz: Der Übergang vom feudalen zum bürgerlichen Weltbild. (Junius-Drucke [Raubdruck der Ausgabe Paris: F. Alcan, 1934; circa 1970]). Italienische Übersetzung in: Manifattura, societa borghese, ideologia. [Scritti di] F. Borkenau, H. Grossmann, A Negri. A cura di Pierangelo Schiera. Roma: Savelli, 1978. (157 S.) Englische Übersetzung: The Social Foundations of Mechanistic Philosophy and Manufacture. (Translated by Gabriella Shalit, edited by Gideon Freudenhal.) In: Science in Context. Vol. 1. No. 1. March 1987. Cambridge: Univ. Press, 1987. S. 129–180; sowie überarbeitet erneut in: The Social and Economic Roots of the Scientific Revolution. Texts by Boris Hessen and Henryk Grossmann. Edited by Gideon Freudenthal, Peter McLaughlin. (Boston Studies in the Philosophy of Science. Vol. 278.) [Dordrecht u. a.:] Springer, 2009. S. 103 156.] Grossmann, Henryk (1937): Marx und die Klassische Ökonomie oder Die Lehre vom Wertfetisch [Auszug]. In: Grossmann, Henryk: Schriften aus dem Nachlass. Mit weiteren Materialien und Dokumenten hrsg. und bearb. von Jürgen Scheele. Baden-Baden: Tectum, 2017. S. 155– 186. [Grossmann, Henryk u. a.] (1937): Grossmann, Henryk, Julian Gumperz, Max Horkheimer, Karl August Wittfogel: Diskussionen aus einem Seminar über Monopolkapitalismus (1937). In: Horkheimer, Max: Gesammelte Schriften. Bd. 12: Nachgelassene Schriften. 1931–1949. Hrsg. von Gunzelin Schmid Noerr. Frankfurt a. M.: Fischer, 1985. S. 417–430. Dort: S. 418–420. [Abdruck eines Thesenpapiers von Grossmann.] Grossmann, Henryk (1940 ?): Imperialismus. Entwurf. In: Grossmann, Henryk: Schriften aus dem Nachlass. Mit weiteren Materialien und Dokumenten hrsg. und bearb. von Jürgen Scheele. Baden-Baden: Tectum, 2017. S. 187–193. [Grossmann, Henryk u. a.] (1941): Adorno, Theodor W., Henryk Grossmann, Julian Gumperz, Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Franz L. Neumann, Friedrich Pollock, Felix Weil, H. Weil, Alfred Seidenmann: Debatte über Methoden der Sozialwissenschaften, besonders die Auffassung der Methode der Sozialwissenschaften, welche das Institut vertritt (17. Januar 1941). In: Horkheimer, Max: Gesammelte Schriften. Bd. 12: Nachgelassene Schriften. 1931–1949. Hrsg. von 281 Gunzelin Schmid Noerr, Frankfurt a. M.: Fischer, 1985. S. 542–552. [Mit Diskussionsbeiträgen von Grossmann.] Grossman, Henryk (1942): Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik. New York: Institut für Sozialforschung, [hektographiertes Typoskript, 1942].21 [Wiederveröffentlicht als Reproduktion des Originals mit gesondertem Vorwort und zusätzlichen Anmerkungen: o. O., o. J. [1962.] ([IV], 113 S.)22 Neuabdruck (mit modifizierter Zitation): Grossmann, Henryk: Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik. Mit einem Nachwort von Paul Mattick. Frankfurt a. M.: Europäische Verlagsanstalt; Wien: Europa Verlag, 1969. (133 S.) Ebenso als Raubdruck: o. O., o. J. [circa 1970]. (62 S.); sowie: Wiesbaden: Kubatzki, [circa 1974]. (62 S.) Italienische Übersetzung: Marx, l’economia politica classica e il problema della dinamica. Introduzione di Paul Mattick. Traduzione di Giorgio Backhaus. Bari: Laterza, 1971. (148 S.) Niederländische (Teil-)Übersetzung [i. e. S. 7–35 der Ausgabe: Frankfurt a. M., Wien 1969]: Marx en de klassieke politieke economie. In: Te Elfder Ure (TEU). Nr. 7/8. Jg. 19 (1972). Nijmegen: TEU, 1972. S. 308–333. Wiederabgedruckt in: Marxistiese kennistheorie. Opstellen van E. W. Iljenkow, Henryk Grossmann ... [et al.] Met een voorw. van Alfred Schmidt. Samengest. door de Werkgroep Filosofie, Centrale Interfakulteit Nijmegen. Nijmegen: Socialistiese Uitgeverij, 1973. Französische Übersetzung: Marx, l’économie politique classique et le problème de la dynamique. Préface de Paul Mattick. Traduit par Charles Goldblum. Paris: Éditions Champ libre, 1975. (169 S.) Dänische Übersetzung: Marx, den klassiske nationaløkonomi og dynamikken. Overs. af Karen og Olaf Winsløw. København: Rhodos, 1975. (120 S.) Englische Übersetzung: Marx, Classical Political Economy and the Problem of Dynamics. (Translated by Pete Burgess.) Part I. In: Capital & Class. Bulletin of the Conference of Socialist Economists. No. 2. (Summer 1977). London: CSE, 1977. S. 32–55; Part II. In: ebd. No. 3. (Autumn 1977). London: CSE, 1977. S. 67–99; erneut unter dem Titel: Marx, Classical Economics, and the Problem of Dynamics: Transl. and ed. by Paul Mattick Jr. In: International Journal of Political Economy. Vol. 36. No. 2. (Summer 2007). Armonk, NY: Sharpe, 2007. S. 6–83.]; sowie in elektronischer Fassung: Grossman, Henryk: Marx, classical political economy and the problem of dynamics. Introduced, edited and newly translated by Rick Kuhn. (A Marxist Left Review Publication.) Carlton South [Melbourne], 2015 (Kindle Edition). 282 Grossman, Henryk (1943): The Evolutionist Revolt against Classical Economics: I. In France – Condorcet, Saint-Simon, Simonde de Sismondi. In: The Journal of Political Economy. Vol. LI. No. 5 (October, 1943). Chicago, Ill.: Univ. Press, 1943. S. 381–396; The Evolutionist Revolt against Classical Economics: II. In England – James Steuart, Richard Jones, Karl Marx. In: ebd. Vol. LI. No. 6 (December, 1943). Chicago, Ill.: Univ. Press, 1943. S. 506–522. [Jeweils auch als: Sonderabdruck aus The Journal of Political Economy. Vol. LI. No. 5 u. Vol. LI. No. 6. [Chicago] 1943. Tschechische Übersetzung des Abschnitts über Marx (aus Teil II, S. 513–522, ohne Anmerkungen): Grossman, Henryk: Co vlastn u í Marx d jinách a hospodá ství. (Autorisovaný p eklad Ji ího Stolze z „Journal of Political Economy“, Vol. L 1, ís. 6, pro „Cíl“.) [Was uns Marx wirklich über Geschichte und Ökonomie lehrte. (Autorisierte Übersetzung durch Ji í Stolz aus …).] In: Cíl. Socialistický týdeník pro kultura a politiku. II. Jg. Nr. 23 (1946). S. 356–358. Praha: Vydává s. sociální demokracie, 1946. Reprint der englischen Fassung in: Essays in Economic Thought: Aristotle to Marshall. Edited by Joseph J. Spengler and William R. Allen. Chicago: Rand McNally, 1960. S. 500–524. Deutsche Übersetzung (durch Joschka Fischer) von Teil I u. II in: Grossmann, Henryk: Aufsätze zur Krisentheorie. Frankfurt a. M.: Verlag Neue Kritik, 1971. S. 167–213. Spanische Übersetzung: Grossman, H.: La revuelta evolucionista contra la Economía Política Clásica. In: El Pensamiento Económico de Aristóteles a Marshall. Bajo la dirección de Joseph J. Splenger y William R. Allen. Spengler J., Allen W. Compiladores. Madrid: Tecnos, 1971. S. 511–533. Italienische Übersetzung in: Grossmann, Henryk: Saggi sulla teoria delle crisi. Dialettica e metodica nel Capitale. A cura e con un’introduzione di Gabriella M. Bonacchi. Bari: De Donato, [1975]. (XL, 261 S.) Erneute spanische Übersetzung in: Grossmann, Henryk: Ensayos sobre la teoría de la crisis. Dialética y metodología en „El capital“. Traducción de Alfonso García Ruiz. México: Ed. Pasado y Presente, [1979]. (284 S.) Neuabdruck des englischen Originals in: Thomas Tooke (1774–1858), Mountifort Longfield (1802–1884), Richard Jones (1790– 1855). Edited by Mark Blaug. (Pioneers in economics. Vol. 18.) Aldershot, Brookfield (Vt.): Elgar, 1991. S. 1–16 u. 17–33. Neuabdruck von Teil II (Vol. LI, No. 6) in: Karl Marx’s Social and Political Thought. Critical Assessments. Edited by Bob Jessop with Charlie Malcolm-Brown. Volume I: Marx’s Life and Theoretical Development. London, New York: Routledge, 1990. S. 253–274.] Grossman, Henryk (1943): Der Einfluss des Maschinismus auf die Struktur der Cartesianischen Algebra. In: Grossmann, Henryk: Schriften 283 aus dem Nachlass. Mit weiteren Materialien und Dokumenten hrsg. und bearb. von Jürgen Scheele. Baden-Baden: Tectum, 2017. S. 195– 215. [Grossman, Henryk] (1946?): Unanwendbarkeit der Funktionentheorie auf wichtige Gebiete der wirtschaftlichen Erscheinungen. In: Grossmann, Henryk: Schriften aus dem Nachlass. Mit weiteren Materialien und Dokumenten hrsg. und bearb. von Jürgen Scheele. Baden- Baden: Tectum, 2017. S. 217–221. Grossmann, Henryk (1946): Descartes and the Social Origins of the Mechanistic Concept of the World. In: The Social and Economic Roots of the Scientific Revolution. Texts by Boris Hessen and Henryk Grossmann. Edited by Gideon Freudenthal, Peter McLaughlin. (Boston Studies in the Philosophy of Science. Vol. 278.) [Dordrecht u. a.:] Springer, 2009. S. 157 229.23 Grossman, Henryk (1948): W. Playfair, the Earliest Theorist of Capitalist Development. In: The Economic History Review. Published for the Economic History Society. Vol. XVIII. No. 1/2 (1948). [First Series.] London: A. & C. Black, 1948.24 S. 65–83. [Auch als: Sonderabdruck aus The Economic History Review. London 1948.] B. Rezensionen Gross[man], H[enryk] (1920): Koszta spisów w Stanach Zjednoczonych Ameryki Pó n. [Zensuskosten in den Vereinigten Staaten von Nordamerika.] (Por. J. A. Hill. The essentials of a Good Census. Quarterly Publication of the American Statistical Association. Marzec 1920). In: Miesi cznik Statystyczny. Wydawany przez G ówny Urz d Statystyczny Rzeczypospolitej Polskiej. Rok 1920. Tom II. Zeszyt 1–2. (Revue Mensuelle de Statistique. Publiée par l’Office Central de Statistique de la République Polonaise. Année 1920. Tome II. Fascicule 1–2.) Warszawa (Varsovie): Nak adem G ównego Urz du Statystycznego, 1920. S. 67/68. [Abgedruckt unter der Rubrik: Kronika. Im französischen Inhaltsverzeichnis des Jg. verzeichnet unter dem Titel: Coût des recensements aux Etats-Unis.] Grossmann, H[enryk] (1928): Othmar Spann: Die Haupttheorien der Volkswirtschaftslehre. 12.–15. Aufl. Leipzig 1923. In: Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung. Hrsg. von Carl Grünberg. XIII. Jg. Leipzig: C. L. Hirschfeld, 1928. S. 341–344. Grossmann, H[enryk] (1928): Maurice Bourguin: Les Systèmes socialistes et l’évolution économique. 3e éd. avec une préface d’Arthur Fon- 284 taine (4e tirage). Paris 1925. In: Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung. Hrsg. von Carl Grünberg. XIII. Jg. Leipzig: C. L. Hirschfeld, 1928. S. 344/345. Grossmann, Henryk (1934): Halévy, Elie: Sismondi. Paris 1933. In: Zeitschrift für Sozialforschung. Jg. III. H. 2 (1934). Paris: F. Alcan, 1934. S. 291. Grossmann, Henryk (1934): Bordaz, Robert: La loi de Marx sur les capitaux à la lumière des événements contemporains. Paris 1933. In: Zeitschrift für Sozialforschung. Jg. III. H. 2 (1934). Paris: F. Alcan, 1934. S. 314/315. Grossman, Henryk (1938): Clark, G. N.: Science and Social Welfare in the Age of Newton. New York, London 1937; Sarton, George: The History of Science and the New Humanism. Cambridge (Mass.), London 1937. In: Zeitschrift für Sozialforschung. Jg. VII. H. 1/2 (1938). Paris: F. Alcan, 1938. S. 233–237. [Neuabruck in: The Social and Economic Roots of the Scientific Revolution. Texts by Boris Hessen and Henryk Grossmann. Edited by Gideon Freudenthal and Peter McLaughlin. (Boston Studies in the Philosophy of Science. Vol. 278.) [Dordrecht u. a.:] Springer, 2009. S. 233 237.] Grossman, Henryk (1938): Marx, Karl und Friedrich Engels: The Civil War in the United States. New York 1937. In: Zeitschrift für Sozialforschung. Jg. VII. H. 1/2 (1938). Paris: F. Alcan, 1938. S. 259–263. Grossman, Henryk (1939): Grandeau, F.: Théorie des crises. Paris 1937. In: Zeitschrift für Sozialforschung. Jg. VIII. H. 1/2 (1939). Paris: F. Alcan, 1939. S. 300/301. Grossman, Henryk (1939): Lewis, Cleona, assisted by K. T. Schotterbeck: America’s Stake in International Investments. London 1938. In: Zeitschrift für Sozialforschung. Jg. VIII. H. 1/2 (1939). Paris: F. Alcan, 1939. S. 304–306. Grossman, Henryk (1939): Kuczynski, Jürgen: Hunger and Work. New York, London 1938. In: Zeitschrift für Sozialforschung. Jg. VIII. H. 1/2 (1939). Paris: F. Alcan, 1939. S. 318–320. Grossman, Henryk (1939): Ayres, L. P: Turning Points in Business Cycles. New York 1939. In: Studies in Philosophy and Social Sciences. Vol. VIII. No. 3 (1939). New York: Institute of Social Research, [1940]. S. 490–492. Grossman, Henryk (1941): Schumpeter, Josef A.: Business Cycles. A theoretical, historical and statistical analysis of the capitalist process. 2 vol. New York 1939. In: Studies in Philosophy and Social Sciences. Vol. IX. No. 1 (1941). New York: Institute of Social Research, 1941. 285 S. 181–189. [Neuabdruck in: Grossmann, Henryk: Aufsätze zur Methode und Krisentheorie bei Karl Marx. [Raubdruck: circa 1971.] S. 150–158.] Grossman, Henryk (1941): Fabricant, Salomon, with the assistance of Julius Shirkin: The Output of Manufacturing Industries 1899–1937. New York 1940. In: Studies in Philosophy and Social Sciences. Vol. IX. No. 2 (1941). New York: Institute of Social Research, 1941. S. 352–354. Grossman, Henryk (1941): Thorndike, Lynn: A History of Magic and Experimental Science. Vols. V and VI. The sixteenth Century. New York 1941. In: Studies in Philosophy and Social Sciences. Vol. IX. No. 3 (1941). New York: Institute of Social Research, [1942]. S. 514– 519. C. Übersetzungen [Grossmann, Henryk] (1916): § 6. Die polnische Sozialdemokratie. Nr. 81: Towarzysze! Towarzyski! Robotnicy Polacy! … (Genossen! Genossinnen! Polnische Arbeiter! …) Aus: Naprzód. Organ centralny polskiej partyi socyalno-demokratycznej. Krakau. 2. VIII. 1914.; Nr. 82: Do broni! W bójz caratem! (Zu den Waffen! Zum Kampf mit dem Zarismus!) Aus: Naprzód. 7. VIII. 1914.; Nr. 83: Zgoda! (Eintracht!) Aus: Naprzód. 17. VIII. 1914. In: Grünberg, Carl: Die Internationale und der Weltkrieg. Materialien. Erste Abteilung: Vor dem Kriege und während der ersten Kriegswochen. In: Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung. Hrsg. von Carl Grünberg. VI. Jg. Leipzig: C. L. Hirschfeld, 1916. S. 479–488. [Auch als: Die Internationale und der Weltkrieg. Materialien gesammelt von Carl Grünberg. Leipzig: C. L. Hirschfeld, 1916. (Sonderdruck aus „Grünbergs Archiv“. Bd. VI u. VII.) Dort: S. 107–116.] [Grossman, Henryk] (1923): Niewydane pisma Karola Marksa. 1. Listy Marksa do Kugelmana. 2. Przyczynek do krytyki socjal-demokratycznego programu partyjnego. Prze ., wst pem i uwagami zaopatrzy H. Grossman. [Unveröffentlichte Schriften von Karl Marx. 1. Briefe an Kugelmann. 2. Beitrag zur Kritik des sozialdemokratischen Parteiprogramms. Übersetzt und mit einer Einführung und Erläuterungen versehen von H. Grossman.] Warszawa: Ksi ka, 1923. (XVII, 126 S.) 286 D. Vorlesungen Grossmann, Henryk (1932): Das Problem der Durchschnittsprofitrate in der modernen volkswirtschaftlichen Theorie. In: Grossmann, Henryk: Schriften aus dem Nachlass. Mit weiteren Materialien und Dokumenten hrsg. und bearb. von Jürgen Scheele. Baden-Baden: Tectum, 2017. S. 95–139.25 * * * Ein erstes, noch vorläufiges Schriftenverzeichnis von Henryk Grossmann erschien 1967 in dem vom Verlag Neue Kritik in Frankfurt a. M. [S. 18–23] herausgegebenen Nachdruck des Grossmannschen Hauptwerkes aus dem Jahr 1929. Nach Berichtigungen und Ergänzungen von Walter Braeuer, der bereits für die Erstauflage dieses Reprints Zuarbeit geleistet hatte, wurde es dort 1970 in der Zweitauflage erneut publiziert [S. VI–XI]. Damals nicht bekannt waren insbesondere die aus Grossmanns früher politischer Betätigung in der polnischen und jüdischen Arbeiterbewegung Galiziens resultierenden Schriften. Soweit diese bislang nachgewiesen werden konnten, wurden sie hier – zusammen mit weiteren Korrekturen und Nachträgen – aufgenommen. Darüber hinaus sind zusätzliche Titelnachweise aus der Frühzeit insbesondere durch eine Auswertung der Zeitschriften „Promie “ [Der Strahl], „Zjednoczenie“ [Vereinigung], „Der yidisher sotsyal-democrat“ (Lemberg) und „Der sotsyal-democrat“ (Krakau) zu erwarten. Für die erstgenannte Zeitschrift – sie umfasste in der Regel 48 Seiten im Format 17,5 x 10 cm, wurde in einer Teilauflage auf Löschpapier für den illegalen Vertrieb in Russisch-Polen gedruckt und zwischen 1902–1906 fünfmal konfisziert [Korman, anna: Materja y do bibljografji drukow socjalistycznych na ziemiach polskich w latach 1866-1918. (Contribution à la Bibliographie des imprimés socialistes en Pologne parus de 1866 à 1918.) Warszawa 1935. S. 53] – konnte hier, nach dem Hinweis aus einer polnischen Quelle [Hass, Ludwik: Grossman Henryk. In: S ownik Biograficzny Dzia aczy Polskiego Ruchu Robotniczego. Muzeum Historii Polskiego Ruchu Rewolucyjnego. (Red. naczelny: Feliks Tych.) Tom 2: E–J. Warszawa 1987. S. 384–386. Dort: S. 385] und nach Durchsicht der in Deutschland zugänglichen Hefte, zumindest eine Schrift Grossmanns Autorschaft eindeutig zugeschrieben werden. Für die beiden letztgenannten Periodika wurden solche Nachweise teilweise in einer 1999 von Rick Kuhn veröffentlichten englischsprachigen Bibliographie der Schriften Grossmanns geführt. [Kuhn, Rick: Henryk Grossman, a marxist activist and theorist: On the 50th anniversary of his death. Appendix: Bibliography of Henryk Grossman’s Publications. In: Research in Political Economy. Vol. 18: Value, Capitalist Dynamics, and Money. New York 2000. S. 163–170.] Diese wurden hier, ohne dass ein Abgleich anhand von Originalen vorgenommen werden konnte, in eckigen Klammern und unter Hinweis auf die benannte Bibliographie im Anmerkungsapparat aufgenommen. Kuhn schreibt zudem die folgenden Arbeiten Grossmann zu: Czego chcemy? [Was wollen wir?] [Hrsg.] Komitet Organizacyjny ydowskiej Partii Socjalno-Demokratycznej w Galicji. Kraków. 30. April 1905. (8 S.) [Auch unter dem Titel: Wos willen mir? In: Der yidisher sotsyal-demokrat. 2. Mai 1905. S. 1–9; sowie als: Broszura programowa PSD.] 287 Odpowiedzi Polskiej Partii Socjalno-Demokratycznej Galicji. [Antworten an die Polnische Sozial-Demokratische Partei Galiziens.] In: Przed Kongresem. [Vor dem Kongress.] [Hrsg.] ydowska Partia Socjalno-Demokratyczna w Galicji. Kraków. 2. Juni 1905. S. 1–6. Bericht zum Gesamt-Parteitage der Oesterreichischen Sozialdemokratie in Wien 1905 (1. Mai–23. Oktober 1905). [Hrsg.] Jüdische sozial-demokratische Partei in Galizien. Krakau: Der Sozialdemokrat, 1905. (2 S.) An die Sozialdemokraten in Oesterreich! [Hrsg.] Jüdische sozial-demokratische Partei in Galizien. Krakau: Der Sozialdemokrat, 1905. (2 S.) Generell gilt in Bezug auf solche und ähnliche Titelnachweise aus der Frühzeit die Schwierigkeit, dass eindeutige Autorschaftszuschreibungen nur schwer zu führen sind. Artikel in den genannten Periodika erschienen zumeist ungezeichnet, mit Initialen versehen oder unter Pseudonym. Parteiveröffentlichungen waren zudem vorwiegend Elaborate eines größeren Personenkreises. Auch sie erschienen in der Regel ungezeichnet. Henryk Piasecki, mithin in der Autorschaftszuschreibung vorsichtiger, betrachtet lediglich die Schrift „Antworten an die Polnische Sozial-Demokratische Partei Galiziens“ als wahrscheinlich aus der Feder Grossmanns stammend. [Piasecki, Henryk: Sekcja ydowska PPSD i ydowska Partia Socjalno-Demokratyczna 1892– 1919/20. [Die jüdische Sektion der PPSD und die Jüdische Sozialdemokratische Partei 1892– 1919/20.] Wroc aw, Warszawa, Kraków, Gda sk, ód 1982. S. 126.] Für das vorliegende Verzeichnis erfolgte die Titelaufnahme, sofern nicht anders kenntlich gemacht, durch Inaugenscheinnahme von Originalen. Differierende Schreibweisen des Autornamens wurden beibehalten. Vollständigkeit in Hinsicht auf Übersetzungen, Sonder- und Nachdrucke ist nicht gegeben. In diesen Fällen basieren Nachweise teilweise auf den Angaben aus Online-Katalogen diverser europäischer und außereuropäischer Bibliotheken. Für den Nachweis einer Anzahl von Raubdrucken diente ferner folgende Bibliographie: Götz von Olenhusen, Albrecht, Christa Gnirß: Handbuch der Raubdrucke 2. Theorie und Klassenkampf. Sozialisierte Drucke und proletarische Reprints. Eine Bibliographie. Pullach bei München 1973. 1 Grossmanns Autorschaft geht aus zwei redaktionellen Bemerkungen hervor: Promie . Rok. III. Nr. 7. Lwów – lipiec [Juli] 1901. S. 197 [dort unter der Namensnennung: Grossmann]; Nr. 8. Lwów – wrzesie [September] 1901. S. 256 [dort unter der Namensnennung: Grossman]. 2 Der zweite Teil des Artikels konnte bislang nicht verifiziert werden; die entsprechenden Seiten fehlen in dem einzigen in Deutschland zugänglichen Heft des Jahrgangs. 3 Angaben nach: Kuhn: Appendix. S. 163. 4 Im Orig. ohne Titel; dort aufgeführt unter der Überschrift: „Dem Parteitage vorgelegte Erklärungen. Zu Punkt 2 der Tagesordnung: Bericht der Gesamtexekutive.“ 5 Im Orig. jiddisch. Umschlags- und Innentitel variieren: Der Umschlagstitel trägt die Jahresangabe: 1908, und neben dem polnischen Zusatztitel auch die Adressangabe: Kraków, „Der Socyaldemokrat“, Jasna 2, sowie den Druckhinweis: Z drukarni S. L. Deutschera w Podgórzu [Aus der Druckerei S. L. Deutscher in Podgórze]. Darüber hinaus ist dort die Publikation durch den Titelzusatz: Yidishe sotsyal-demokratishe partey in Galitsyen, als Parteischrift kenntlich gemacht. 288 Auf dem Innentitel findet sich demgegenüber die Jahresangabe: 1907, und der Nebentitel: A beytrag tsu der geshikhte fun der yidisher arbeyter-bevegung in Galitsyen. [Die latinisierte Wiedergabe des in hebräischen Schriftzeichen geschriebenen Jiddisch erfolgt hier in Anlehnung an die YIVO-Transkription unter freundlicher Mitwirkung und Anleitung von Kirsten von Lehm, Universitätsbibliothek Frankfurt a. M.] 6 Angaben nach: Kuhn: Appendix. S. 164. 7 Eindeutig verifiziert lediglich in der Fassung des Sonderabdrucks. Eine polnische Sekundärquelle benennt für die Periodikaedition die Seitenangaben: S. 1045–1087. [Bibliografia historii Polski. Instytut Historii Polska Akademia Nauk. Pod red. Heleny Madurowicz-Urba skiej. Tom 1: Do roku 1795. Warszawa 1965. S. 354/355.] 8 In einer redaktionellen Fußnote zu dieser Schrift (ebd. S. 88) heißt es: „Die vorliegende Arbeit (ebenso wie die vier folgenden) enthält Darlegungen zu Themen, die das Hauptamt für Statistik auf der ersten Sitzung des Hauptrates für Statistik vorstellte.“ [Übersetzung d. Hrsg.] 9 Unter der Rubrik Kronika wurden laut Herausgeberangaben folgende Materialien publiziert: „[…] chronique des travaux de l’Office Central de Statistique (statuts et décrets concernant l’organisation de la statistique dans la République Polonaise, comptes-rendus des séances du Conseil de Statistique, travaux et publications de l’Office, livres et journaux périodiques arrivant à la bibliothèque de l’Office etc.).“ [Od wydawnictwa – Propos des éditeurs. [Gez.:] Varsovie, le 31 mars 1920. Dr. J. Buzek. Directeur de L’Office Central de Statistique. In: Miesi cznik Statystyczny. Rok 1920. Tom I. Zeszyt 1–3. (Revue Mensuelle de Statistique. Année 1920. Tome I. Fascicule 1–3.) S. 1/2. Dort: S. 1.] 10 Nachfolgetitel von: Miesi cznik Statystyczny. [Mit Tome V, Fascicule 1, Année 1922, erschien die Zeitschrift unter dem alleinigen Haupttitel: Revue Mensuelle de Statistique.] 11 Die Revue Trimestrielle de Statistique erschien bis einschließlich: Tome II, Fascicule 1, als separate Veröffentlichung mit französischen Inhaltsverzeichnissen und Kurzzusammenfassungen aus Kwartalnik Statystyczny; danach eingegliedert und fortgeführt unter dem Haupttitel: Kwartalnik Statystyczny. (Revue Trimestrielle de Statistique.) 12 Zu beachten: Jg. XIII von Grünbergs „Archiv“ beinhaltet auf S. 435 ein „Druckfehlerverzeichnis“ mit Korrekturen auch zu Grossmanns Aufsatz. 13 Titelaufnahme gemäß Orig.: Dort fehlerhafte Namensschreibungen wurden beibehalten. 14 Schreibweise des Autors: „H. Grossmann“. Ein Übersetzer ist nicht benannt. Unter der Rubrik „Z redakce“ [Aus der Redaktion] heißt es, darin durch biographische Details eine mögliche – gleichsam zu Missverständnissen einladende [das tschechische Wort p evrat, im Nachfolgenden mit Umbruch wiedergegeben, kann auch mit Putsch/Staatsstreich übersetzt werden] – Verbindung zu Grossmann erkennen lassend, in Heft 5 der Zeitschrift [S. 198]: „Za ínáme v tomto ísle uve ej ovati studii H. Grossmanna: Plán Marxova Kapitàlu. H. Grossmann je rakouský Polák, sociální demokrat, historik a národohospodá . Po p evratu byl vysokým ministerským ú edníkem ve Varšav a universitním profesorem. Pro komunistickou p íslušnost byl uv zn n. Odešel do ciziny a stal se 289 profesorem na universit ve Frankfurtu. Zbaven profesury Hitlerem odešel do Francie, Anglie a Spojených stát . Je hlubokým znalcem hospodá ských d jin. Vydal mnoho v deckých prací, z nichž n které jsou uvád ny v textu uve ej ované studie.” [Wir beginnen in dieser Ausgabe mit der Veröffentlichung der Studie von H. Grossman: Marx‘ Kapital-Plan. H. Grossmann ist ein österreichischer Pole, Sozialdemokrat, Historiker und Ökonom. Nach dem Umbruch war er ein hoher Ministerialbeamter in Warschau und Universitätsprofessor. Wegen kommunistischer Zugehörigkeit wurde er inhaftiert. Er ging ins Ausland und wurde Professor an der Universität Frankfurt. Nach dem Verlust seiner Professur durch Hitler ging er nach Frankreich, England und in die Vereinigten Staaten. Er ist ein profunder Kenner der Wirtschaftsgeschichte. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen veröffentlicht, von denen einige im Text der veröffentlichten Studie erwähnt werden.] Zudem erschien in Heft 5 ein Bericht aus Spanien von Ji í Stolz (1898–1965), über den es an gleicher Stelle [S. 198] heißt, dass er das Land mehrfach und zuletzt in seiner Funktion als stellvertretender Sekretär des Internationalen Gewerkschaftsbundes [International Federation of Trade Unions] bereist habe. Grossmann hatte sich im Sommer 1935 während eines mehrwöchigen Urlaubs- und Forschungsaufenthalts in Spanien aufgehalten. Eine persönliche Bekanntschaft beider ist auch aufgrund weiterer biographisch-zeitgeschichtliche Parallelen nicht auszuschließen. Stolz, zuvor im Exil in Frankreich, wurde dort 1940 durch das Jewish Labor Committee vor dem Zugriff der deutschen Besatzer gerettet und erreichte Anfang 1941 New York. [Collomp, Catherine: The Jewish Labor Committee, American Labor, and the Rescue of European Socialists, 1934–1941. In: International Labor and Working-Class History. No. 68, Fall 2005. S. 112– 133. Dort: S. 112 u. 125, unter der anglisierten Wiedergabe des Vornamens: George für Ji í.] Stolz übersetzte 1946 ferner Grossmanns Aufsatz „The Evolutionist Revolt against Classical Economics“ (1943) in einer autorisierten gekürzten Fassung ins Tschechische. 15 Der Titel der Zeitschrift ist auf dem Umschlag in der hier wiedergegebenen Form allein in kyrillischer Schrift benannt, in lateineischer Schrift – in der auch die Wiedergabe von Grossmanns Aufsatz erfolgt – lautet dieser: Pravna misao. asopis za pravo i sociologiju. Unter dem Zusatztitel „Auszug“ [S. 69–71] erfolgt zudem eine 3-seitige inhaltliche Zusammenfassung in deutscher Sprache durch die [dort nicht benannte] Übersetzerin Mara Fran. Schreibweise des Autors: „Henryck [sic!] Grossmann“. 16 Neben dem ökonomischen Hauptwerk übersetzte Jairus Banaji seinerzeit zwei Aufsätze Grossmanns. [Mitteilung von Jairus Banaji, 22. Januar 2007.] Der hier benannte wurde in der Ausgabe Number 1, October 1977, von „Bulletin of the Communist Platform“ [S. 67] angekündigt. 17 Ein Wiederabdruck dieses Bandes erschien in: Kleine Bibliothek des Wissens und des Fortschritts. Zusammengestellt durch Günther Busch u. Axel Rütters. Frankfurt a. M.: Zweitausendeins, [circa 1982]. Bd. 2. S. 7–347. 18 Bislang konnte lediglich ein Digitalisat des ersten Heftes der Zeitschrift aufgefunden und in Augenschein genommen werden: Bulletin of the Communist Platform. Number 1. October 1977. Dort enthalten: Grossmann, Henryk: The Value-Price Transformation in Marx and the Problem of Crises (Part one). [S. 61–67.], und mit dem Hinweis versehen: „Sections IV to VI of Grossmann’s essay will be reproduced in Issue No. Two of the Bulletin later this year.” [S. 67.] 290 19 Siehe hierzu Grünbergs Beitrag „Sozialismus und Kommunismus“ in der dritten Auflage des Wörterbuches: Jena: G. Fischer, 1911. Zweiter Band. S. 828–879. 20 Zur Wiedergabe des Zeitschriftentitels siehe Erl. 15. Unter dem Zusatztitel „Auszug“ [No. IX–X, S. 422–424] erfolgt eine 3-seitige inhaltliche Zusammenfassung in deutscher Sprache durch die [nicht benannte] Übersetzerin Mara Fran. Schreibweise des Autors: „Henryk Grossmann“, unter dem Zusatztitel „Auszug“: „Henryck [sic!] Grossmann“. 21 Ursprünglich erschienen als vom Institut für Sozialforschung in 40 Exemplaren herausgegebenes hektographiertes Typoskript [Felix Weil an Max Horkheimer, 24. Februar 1942. MHA: II 15. 195]. Die bei Neuabdruck durch die Europäische Verlagsanstalt 1969 auf dem Vorblatt gemachte, scheinbar dem Original folgende Angabe: „Institut für Sozialforschung, 1941“, ließ sich nicht verifizieren. Tatsächlicher Erscheinungstermin war nach den zugänglichen Quellen Anfang 1942. [Horkheimer, Max: Gesammelte Schriften. Bd. 17: Briefwechsel 1941– 1948. Herausgegeben von Gunzelin Schmid Noerr. Frankfurt a. M. 1996. S. 252, Anm. 2 u. 12.] Aufgrund dessen und der in Erl. 22 näher beschriebenen Reproduktion dieses Titels wurde das Erscheinungsdatum gegenüber der bislang geläufigen Zuschreibung 1941 auf das Jahr 1942 korrigiert. 22 Hektographiertes Typoskript, DIN A 4, Klammerheftung. Laut „Vorwort“ 20 Jahre nach der Ausgabe „als hektographiertes Manuskript 1942 (?)“ [S. I] herausgegeben; daher kein Raubdruck im verlegerischen Sinne, sondern noch vor der Erstausgabe in Buchform (1969) erschienen. Auf dem Umschlagstitel findet sich die Namensangabe „Henryk Grossmann“ und der Titelzusatz: „Deutsche Erstausgabe mit Vorwort und überarbeiteten Anmerkungen.“ Letztere sind dem eigentlichen Text vorangestellt und beinhalten im Falle der Anmerkungen Hinweise zur Auffindung der von Grossmann zitierten Originalquellen nach der Ausgabe Marx-Engels-Werke (MEW), Berlin 1956 ff. Danach folgt – hier durch Inaugenscheinnahme bestätigt – das Original-Titelblatt mit einer Vorbemerkung des Instituts für Sozialforschung [ohne Jahresangabe] über die durch den Krieg verzögerte Publikation sowie – daran anschließend – eine Reproduktion des Original-Textes. Der Herausgeber der Broschüre ist nicht bekannt. Im Vorwort findet sich lediglich der Hinweis: „Der Gewinn dieser Veröffentlichung geht an die Sektion Politische Ökonomie.“ 23 Titel des Typoskripts im Orig.: Universal Science versus Science of an Élite. Descartes’ New Ideal of Science. 24 Ein Reprint von: The Economic History Review, erschien 1957 bei Kraus in New York. 25 Sehr wahrscheinlich handelt es sich um eine Vorlesungsnachschrift von Walter Braeuer. 291 Inventar archivalischer Quellen Archiv der Akademie der Künste (AdK), Berlin Falk-Harnack-Nachlass B 1 1 Br. an Falk Harnack (1949) Wieland-Herzfelde-Archiv M Todesanzeige der Universität Leipzig für Henryk Grossmann (1950) Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), Bonn Nachlass Alfred Henke B 1 1 Br. an Alfred Henke (1912)1 Nachlass Max Beer B 1 2 Br. an Max Beer (1935*)2 Archivzentrum der Universitätsbibliothek Frankfurt a. M. Horkheimer-Pollock-Archiv (MHA)3 B 1 34 Br. (teilw. mit Beilagen) u. 5 Pk. an Max Horkheimer, darunter 2 Br. zugl. adressiert an Rosa Horkheimer sowie 4 Br. zugl. an Friedrich Pollock (1934–1944);4 1 Br. an Paul Mattick (1935*); 1 Pk. an Juliette Favez [1937]; 1 Br. an Leo Löwenthal (1939); 1 Pk. an Margot von Mendelssohn [1939]; 3 Br. an Social Studies Association, New York (1946–1949); 1 Br. an Alice und Joseph Maier (1949) B 2 28 Br. u. 2 Tg. von Max Horkheimer, darunter 1 Br. zus. mit Herbert Marcuse (1934–1943*); 4 Br. u. 1 Tg. von Friedrich Pollock (1937–1948*); 1 Br. von Leo Löwenthal (1939*); 1 Pk. von M. Kisling (1950) B 3 1 Br. von Max Horkheimer an Augusta Meyerson, National Council of Jewish Women, New York (1938); 1 Br. von Max Horkheimer an The American Consul General, Habana, Cuba (1938); Bericht Löwenthal (1941); Memorandum re: Grossman (Unterz.: L[eo] L[öwenthal], 1942); Memorandum on H. Grossman (Unterz.: F[rederick] W[ild], 1944)5; 3 Br. (mit Beilagen) u. 1 Tg. von Friedrich Pollock an Frederick Wild (1948); 1 Br. von Frederick Wild an Friedrich Pollock (1948); Memo on Conversation of April 13, 1948 (1948); 1 Br. von Friedrich Pollock an K. H. Hennings (1967) 292 C 1b The Revolt of Evolutionism against Classical Economics (Ts., 78 Bl., o. D., mit handschriftlichem Vermerk auf dem Titelblatt: by Henryk Grossman)6 C 1f Theory and History of Monopolistic Economy (Ts., 2 Bl., o. T., o. D., Unterz.: H. Grossman [Thesenpapier 1937])7; Diskussionsbeiträge über Methoden der Sozialwissenschaften (Ts., o. D., [Seminarprotokoll 1941])8 C 1h Der Cartesianismus und die Manufaktur (Ts., 1 Bl., 1934, [Inhaltsverzeichnis]); Grossmann: Kapitalismus im 13. Jahrhundert (Ts., 4 Bl., o. D., [Forschungsbericht 1939]/engl.: Grossmann: Capitalism in the 13th Century, 6 Bl., [2 Vers.]); Grossmann: Klassische Theorie und Marxismus (Ts., 2 Bl., o. D., [Forschungsbericht 1939]/engl.: Grossmann: The Classical Theory and Marxism, 2 Bl.); Henrik Grossman: The Nature of Economic Crises (Ts., 4 Bl., o. D., [Entwurf für ein Forschungsprojekt 1938]) E G. Meyer: Einige allgemeine Bemerkungen zu Grossmann: Marx und die klassische Ökonomie (Ts., 11 Bl., o. D., [Gutachten 1937]) I diverse Dokumente, darunter Abrechnungen, Anweisungen, Steuererklärungen an und von New York State Income Tax Resident Return; Department of Taxation and Finance, New York; C. Hartwig Inc. (Shipping Agency); u. a. (1938–1949) M Karteikarte mit zwei handschriftlichen Adresseintragungen von Grossmann (o. D., [1948/49])9 Leo-Löwenthal-Archiv (LLA) B 1 25 Br. u. 3 Pk. an Leo Lowenthal (1933–1939); 1 Br. an Friedrich Pollock (1934); 1 Br. an Zeitschrift für Sozialforschung, Genf (1934); 2 Br. an Ernst Schachtel (1934–1935); 1 Br. an Juliette Favez (1935); 1 Pk. an Institute of Social Research, New York (1939) B 2 50 Br. von Leo Löwenthal (1933–1941) B 3 1 Br. von Morris Hirschfeld, Kendal Court Corporation, New York, an Leo Löwenthal (1938); 1 Br. von Leo Löwenthal an Morris Hirschfeld, Kendal Court Corporation, New York (1938) C 1h Manuskript, beginnend mit: „Die klassische Oekonomie, ebenso wie die neo-klassische Schule Marshall’s […]“ (4 Bl., o. T., o. D., [Entwurf für ein Forschungsprojekt 193?/194?]); 293 Tätigkeitsbericht (Ts., 2 Bl., o. T., o. D., mit handschriftlichem Vermerk: H. Grossman 5|9|46) E Titelblattentwurf zu: Marx, die klassische Nationaloekonomie und das Problem der Dynamik (Ts. mit handschriftlichen Einträgen, 1 Bl., o. D. [1941]) I Abschrift einer Reuters-Meldung vom 25. November 1950 über den Tod Henryk Grossmanns Herbert-Marcuse-Archiv C 1h Zehn Thesen zu Monpolkapitalismus von Henryk Grossmann,10 mit Notizen von Herbert Marcuse (Ts., 2 Bl., o. T., o. D., Unterz.: H. Grossman, zusätzl. 2 Bl. mit kurzen handschriftlichen Bemerkungen von Marcuse, [Thesenpapier 1937]) Archiwum Akt Nowych (AAN) [Archiv für Neue Akten], Warschau Polska Partia Socjalno-Demokratyczna Galicji i l ska Cieszy skiego (PPSD) [Polnische Sozialdemokratische Partei Galiziens und Teschener Schlesiens] B 1/P 24 Dokumente, darunter mehrere Br. an das Exekutivkomitee der PPSD und an andere Personen und Organisationen (57 Bl., 1905–?) R Zjednoczenie. Organ M odzie y Socyalistycznej. [Vereinigung. Organ der sozialistischen Jugend.] No. 1. 1905. ydowska Partia Socjaldemokratyczna w Galicji ( PSD) [Jüdische Sozialdemokratische Partei in Galizien] P ydowska Partia Socjaldemokratyczna w Galicji (Parteidokumente, 1905–1913) Archiwum Glówny Urz d Statystyczny (GUS) [Archiv des Hauptamtes für Statistik], Warschau Akta osobowe Henryka Grossmanna [Personalakte Henryk Grossmann] A 2/I Materialien zu Grossmanns Anstellung als Referent (16. Dezember 1919), zu seiner Berufung zum Ministerialrat (1. Februar 1920) und zu seiner Tätigkeit bis zum Ausscheiden aus dem Amt (1. August 1921) 294 Archiwum Pa stwowe w Krakowie (APKr) [Staatsarchiv Krakau] Akta stanu cywilnego Izraelickiego Okr gu Metrykalnego w Krakowie [Standesamtakten des Israelitischen Geburtenregisterbezirks in Krakau] I Akt urodzenia Chaskela Grossmanna [Geburtsurkunde Chaskel Grossmann] (1881) C. k. Dyrekcja Policji w Krakowie [K. K. Polizei-Direktion in Krakau] 1849– 1919 [1926]11 P Zjazdy M odzie y Akademickiej [Treffen der Akademischen Jugend] (namentlich indexiert: Daszy ska Zofia, Drobner, Grossman, u awski, 1901–1904); Czasopismo „Promie “ filia krakowska [Zeitschrift „Promie “, Außenstelle Krakau] (enthält Korrespondenz sowie weitere Materialien von und über Grossmann in seiner Funktion als Sekretär des Vereins „Ruch“, 1902); Za o enie i dzia alno c ydowskiej partii socjaldemokratycznej „Separatystów“ w Galicji; [Gründung und Tätigkeit der jüdischen sozialdemokratischen Partei „Separatisten“ in Galizien] (1905); Kongres Zjednoczeniowy ydowskiej Partii Socjal-Demokratycznej [Vereinigungskongress der Jüdischen Sozialdemokratischen Partei] (1911) Archiwum Polskiej Akademii Nauk (APAN) [Archiv der Polnischen Akademie der Wissenschaften], Warschau Henryk Grossman umfangreicher wissenschaftlicher Teilnachlass [enthält: C 1/ D 1/H 1/L/N]12 Deutsches Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek (DNB), Frankfurt a. M. Nachlass Joseph und Alice Maier13 B 2 1 Br. von Friedrich Pollock an Grossmann als Trustee der Hermann Weil Memorial Foundation (1939*) I 6 Dokumente im Rahmen von Grossmanns Tätigkeit als Trustee der Hermann Weil Memorial Foundation (1939–1940); 6 Dokumente im Rahmen von Grossmanns Tätigkeit als Mitglied der Société International de Recherches Sociales (1936– 1941) 295 Deutsches Literaturarchiv (DLA), Marbach a. N.14 Nachlass Kurt Pinthus C 1h Germany, 1900–1933 [Entwurf für ein Forschungsprojekt des International Institute of Social Research unter Mitarbeit von Henryk Grossmann, Arthur Rosenberg, Leopold Franz, Herbert Marcuse, Kurt Pinthus und Theodor Wiesengrund Adorno] (Ts.-Durchschl., 21. Bl., o. D.) Federal Bureau of Investigation (FBI), Washington, D. C. FBI File Henryk Grossman 15 B 3 2 Br. des Police Department City of New York (1940); 1 Br. des FBI Boston, Mass. (1940); 1 Br. von John Edgar Hoover, FBI Washington, D. C. (1940) I Memorandum for the Special Agent in Charge, Re: Henryk Grossman, International Research Institute (2 Bl., 1940); Report: „Dr. Henry R. Grossman, alias Henryk Grossman“ (3 Bl., 1941) Germanisches Nationalmuseum (GNM), Nürnberg Nachlass Max Raphael B 1 1 Br. an Max Raphael (1941) Houghton Library, Harvard University, Cambridge, Mass. Leo Lowenthal Papers B 2 2 Br. von Max Horkheimer (1942*, 1944*); 1 Br. von Friedrich Pollock (1944*) Institut für Zeitgeschichte (IfZ), München Einzelautographen C 1h The Collapse of German Democracy and the Expansion of National Socialism. A Research Project of the Institute of Social Research. New York City. September 15, 1940. [Entwurf für ein Forschungsprojekt des Institute of Social Research unter Mitarbeit von Theodor W. Adorno, Henryk Grossman, Herbert Marcuse, Franz L. Neumann, Kurt Pinthus und Arthur Rosenberg mit zusätzl. Notizen von Alfred Vagts und 1 Br. von Leo Löwenthal an Vagts (1940)] (hektogr. Ts., 74 u. zusätzl. 7 Bl., 1940) 296 Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis (IISG), Amsterdam Max Beer Papers B 1 2 Br. an Max Beer (1935) Carl Herz Papers B 1 1 Br. an Carl Herz (als Rundschreiben an die Mitglieder der Deutschen Liga für Menschenrechte, [um 1929]) Karl Kautsky Papers B 1 2 Br. an Karl Kautsky (Red. der Grünberg-Festgabe: Grossmann zusammen mit Wilhelm Gerloff, Karl Pribram, Friedrich Pollock, 1930) Paul Mattick Papers B 1 19 Briefe an Paul Mattick (1931–1937)16 C 1h Gutachten zu Paul Matticks Projektantrag bei der Guggenheim Foundation in New York über „Arbeitslosigkeit und Arbeitslosenbewegung in den USA 1929–1935“ (Beilage zu einem Br., 1935) Max Nettlau Papers B1 1 Br. an Max Nettlau (1930) Wilhelm Sollmann Papers B 2 1 Br. von O. Bock (1930*) Hans Stein Papers B 1 1 Br. an Hans Stein (1911) B 2 1 Br. von Hans Stein (1939*) Israelitische Kultusgemeinde (IKG) Wien Matrikenamt I Heiratsurkunde Chaskel Grossmann und Janina Reicher (1908) Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO), Berlin Nachlass Albert Schreiner B 1 8 Br. an Albert Schreiner (1948, 1950) B 2 2 Br. von Albert Schreiner (1948*) C 1h Inhaltsverzeichnis [für die geplante Arbeit]: Probleme der methodologischen Grundlagen beim Aufbau des Marxschen „Kapital“ (Beilage zu einem Br., 1950) 297 D 1b Grossman, Henryk: W. Playfair, the earliest theorist of capitalistic development. Reprinted from: The Economic History Review. Vol. XVIII, Nos. 1 & 2, 1948 (Beilage zu einem Br., 1948) Bibliothek K Bibliothek Henryk Grossmann (Ein diesbezügl. Akzessionsjournal weist 2320 Titel nach, die 1951 – einige Titel wurden 1956 nachgetragen – in den Bestand der Bibliothek des Ost- Berliner Instituts für Marxismus-Leninismus aufgenommen wurden. Mit dieser wurde die Bibliothek Grossmann nach 1992 in den Magazinbestand der Bibliothek SAPMO überführt.)17 Thünen-Museum-Tellow / Thünengesellschaft e. V., Tellow Nachlass Walter Braeuer B 1 18 Br. an Walter und Leni Braeuer (1947–1949)18 D 1b Grossman, Henryk: W. Playfair, the earliest theorist of capitalistic development. Reprinted from: The Economic History Review. Vol. XVIII, Nos. 1 & 2, 1948 (Beilage zu einem Br., mit Widmung, 1948) H 5 Entwurf: Bibliographie Henryk Grossmann. Zusammengestellt von Walter Braeuer (Ts., 5 Bl., o. D.); Bibliographie der Schriften Henryk Grossmann’s (Ts., 7 Bl., o. D.); Berichtigungen und Ergänzungen zu dem Buch: Henryk Grossmann, Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems. (Zugleich eine Krisentheorie), Frankfurt/Main 1967 (Ts., 2 Bl., o. D., [1969/70]); Arbeiten von Henryk Grossmann (Ts., 2 Bl., 1977) Universitätsarchiv Frankfurt a. M. (UAF) Personal-Hauptakte (Kurator): Grossmann, Heinrich B 2 1 Br. vom Preußischen Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung (1930*) B 3 1 Br. vom Dekan der WiSo-Fakultät an das Kuratorium der Universität Frankfurt (1927) I Personalbogen Heinrich Grossmann (enthält biographische Angaben) 298 Ausgeschiedene Mitglieder des Lehrkörpers (Rektor): Grossmann, Heinrich B 1 1 Br. an den Rektor der Universität Frankfurt, Prof. Dr. G. Küntzel (1930) B 2 1 Br. vom Rektor der Universität Frankfurt, Prof. Dr. G. Küntzel (1930*); 2 Br. vom Preußischen Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung (1930* [identisch mit dem Bestand aus Personal-Hauptakte], 1933*) B 3 1 Br. vom Dekan der WiSo-Fakultät an das Kuratorium der Universität Frankfurt (1927 [identisch mit dem Bestand aus Personal-Hauptakte]) I Personalbogen Heinrich Grossmann [identisch mit dem Bestand aus Personal-Hauptakte] Ausgeschiedene Fakultätsmitglieder (Akten der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät [WiSo-Fakultät]): Grossmann, Heinrich A 2 Curriculum vitae (3 Bl., 1927) B 1 1 Br. an die WiSo-Fakultät der Universität Frankfurt (1927); 2 Br. an den Dekan der WiSo-Fakultät der Universität Frankfurt, Prof. Dr. F. Schmidt (1933) B 2 2 Br. vom Preußischen Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung (1930* [identisch mit dem Bestand aus Personal- Hauptakte], 1933* [identisch mit dem Bestand aus Rektorats- Akte]) B 3 Gutachten von Prof. Dr. F. Oppenheimer über Grossmanns Sismondi-Schrift (1927); Gutachterlicher Bericht von Prof. Dr. C. Grünberg zur Habilitation Grossmanns (1927) M Einladung zur öffentlichen Antrittsvorlesung „Oresmius und Kopernikus als Geldtheoretiker (Ein Beitrag zur Preisrevolution des 14. und 16. Jahrhunderts)“ (1927) Ausgeschiedene Fakultätsmitglieder (Akten der WiSo-Fakultät): Grünberg, Carl B 1 1 Br. an den Dekan der WiSo-Fakultät der Universität Frankfurt, Prof. Dr. F. Schmidt (1933) B 2 1 Br. vom Dekan der WiSo-Fakultät der Universität Frankfurt, Prof. Dr. F. Schmidt (1933*) 299 Universitätsarchiv Leipzig (UAL) Personalakte Henryk Grossman A 2 Lebenslauf (ein handschriftliches Exemplar, 3 Bl., und zwei Exemplare als Ts., 2/3 Bl., o. D., [1949]); Vorlesungsankündigung Sommersemester 1949 (1949); Vorlesungsvorschläge Winterersemester 1949/50 (1949); Lebenslauf (Ts., 3 Bl., 1949); Recensionen der Pressearbeiten (1 Bl., o. D., [1949]); Aufzählung veröffentlichter und offiziell eingetragener wissenschaftlicher Arbeiten (2 Bl., o. D., [1949]); Persönlicher Fragebogen eines Wissenschaftlers (2 Ex, jew. 1 Bl., 1949); Ergänzungsblatt zum Personalfragebogen (1 Bl., 1950); Fragebogen der Landesregierung Sachsen (2 Bl., 1949); Aufzählung der nicht veröffentlichten und nicht registrierten Arbeiten (1 Bl., o. D., [1949]) B 1 1 Br. an Albert Schreiner (1948*)19 B 2 1 Br. von Dr. Dyck, Landesregierung Sachsen, Ministerium für Volksbildung (1949*); 2 Br. von H. Rocholl, Landesregierung Sachsen, Ministerium für Volksbildung (1949–1950*) B 3 diverse Br. u. Dokumente zu Grossmanns Berufung nach Leipzig (1948/49), zur Empfehlung der Verleihung des Nationalpreises an Grossmann (1949), zur Beurlaubung Grossmanns wegen Krankheit (1950) u. a., darunter 7 Br. von Prof. Dr. Friedrich Behrens, Dekan der Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig (1948); 1 Br. u. 1 Tg. von Prof. Dr. Walter Braeuer, Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Rostock (1948); Gutachten von Prof. Dr. Wilhelm Gerloff, Oberursel i. Ts. (1948); 3 Br. von Prof. Dr. Gerhard Menz, Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig (1948–1949); 2 Br. von Prof. Albert Schreiner, Dekan der Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig (1949); Gutachten von Prof. Dr. Friedrich Behrens, Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Leipzig (1949); 3 Br. von H. Rocholl, Landesregierung Sachsen, Ministerium für Volksbildung (1949–1950); Beurteilung von Prof. Dr. Georg Mayer, Rektor der Universität Leipzig (1950); 1 Br. von Helmut Holtzhauer, Landesregierung Sachsen, Minister für Volksbildung (1950) M Sterbeurkunde Henryk Grossmann ausgestellt vom Standesamt Leipzig (1950); Todesanzeige der Universität Leipzig für Henryk Grossmann (1950) 300 Universitätsbibliothek Leipzig, Handschriftenabteilung Akten der Vereinigung der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Hochschullehrer B 1 1 Br. an Prof. Dr. A. Hesse (1930) B 2 1 Br. von der Vereinigung der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Hochschullehrer (1930*) Uniwersytet Jagiello ski w Krakowie (UJ) [Jagiellonen-Universität Krakau] Archiwum Uniwersytetu Jagiello skiego I Matrikel Chaskel Grossmann (1900–1904); Fakultäts- und Universitätsakten zu Rigorosa und Promotion von Chaskel Grossmann (1907–1908) H 5 Protokolle zu akademischen Kundgebungen unter Beteiligung von Chaskel Grossmann (1901–1902)20 Biblioteka Jagiello ska D 3 Grossman, Henryk: Proletaryat wobec kwestyi ydowskiej. Z powodu niedyskutowanej dyskusyi w „Krytyce“. Kraków: Drukarni W . Teodorczuka, 1905. Grossman, H.: Der bundizm in Galitsyen. (Bundyzm w Galicyi.) Podgórze: Druk. S. L. Deutschera, 1908. R Promie . Pismo po wi cone sprawom m odzie y szkolnej. [Der Strahl. Schrift zur Erhellung der Sache schulischer Jugend.] Lwów: Drukarnia Udzia owa, 1899–1904. Zjednoczenie. Organ M odzie y Socyalistycznej. Wyd. i Red.: Henryk Grossman. [Vereinigung. Organ der sozialistischen Jugend. Hrsg. und Redakteur: Henryk Grossman.] Kraków, Lwów, Przemy l 1905. Der Sozial-Demokrat. Kraków: Druk. S. L. Deutschera, 1906– 1908. [Titelvarianten: Socjaldemokrat, Sotsyal-demokrat.]21 Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung (VGA), Wien Adler-Archiv B 1 1 Br. an Victor Adler (1905) 301 YIVO Institute for Jewish Research, New York Bund Archives B 1 5 Br. an das Auslandskomitee des Bund22 in Genf (1905, 1907); 2 Br. in Jiddisch (Grossmann als Mitunterz.) an das Auslandskomitee des Bund in Genf (1907) Library D 3 Grossman, Henryk: Proletaryat wobec kwestyi ydowskiej. Z powodu niedyskutowanej dyskusyi w „Krytyce“. Kraków: Drukarni W . Teodorczuka, 1905. Grossman, H.: Der bundizm in Galitsyen. (Bundyzm w Galicyi.) Krakoy: Der sotsyal-demokrat, 1908. R Der Sotsyal-demokrat. Organ fun di Yidishe sotsyal-demokratishe partey in Galitsyen. Krakoy: Di partey, 1905 ff. [Titelvarianten: Sozial-Demokrat, Socjaldemokrat. Erscheinungsort seit 1908: Lemberg.] * * * Abkürzungen: Br. = Brief, Pk. = Postkarte, Ms. = Manuskript, Tg. = Telegramm, Ts. = Typoskript. Mit der hier wiedergegebenen Zusammenstellung archivalischer Quellen zu Henryk Grossmann wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Erfasst finden sich vorrangig Materialien zum wissenschaftlichen und politischen Wirken. Nicht nachgewiesen werden, mit der Ausnahme Krakau (APKr) und Washington (FBI), Dokumente aus polizei- und nachrichtendienstlicher Ermittlungstätigkeit. Für Grossmanns Frankfurter Zeit ist eine solche durch die politische Polizei ebenfalls belegt. [Migdal, Ulrike: Die Frühgeschichte des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Frankfurt a. M., New York 1981. S. 103/104.] Weitere diesbezügliche Quellenfunde sind in entsprechenden Archivbeständen anderer Behörden zu erwarten. Bislang nicht aufgefunden werden konnte der Briefbestand des Nachlasses von Grossmann. Zu konstatieren ist, dass sich unter dem wissenschaftlichen Teilnachlass im Warschauer APAN keinerlei Korrespondenz befindet. Intensive Bemühungen, diesen Bestand des Nachlasses in österreichischen Archiven und bei den Erben von Dr. med. Oskar Kurz (1885–1970) aufzufinden, blieben erfolglos. Nachzuweisen ist lediglich, dass Kurz, ein Cousin Grossmanns mütterlicherseits, partiell mit diesem in der Emigration in New York weilend sowie vor 1938 und nach 1947 in Wien in der österreichischen Arbeiterbewegung aktiv tätig (zunächst Arbeiter-Abstinentenbund und SDAP, nach Rückkehr aus dem US-Exil KPÖ), dessen Nachlass 1950/51 in Leipzig als Alleinerbe entgegennahm und 1966, unter Zurückhaltung des Korrespondenzbestands und eventuell weiterer Materialien, dem Warschauer Archiv übergab. [Eigene Recherchen; Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Bd. 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. Leitung und Bearbeitung: Werner Röder, München – Herbert A. Strauss, New York. Unter Mitwirkung von Dieter Marc Schneider – Louise Forsyth. München, New York, London, Paris 1980. S. 406; Bescheinigung von Prof. Dr. 302 Georg Mayer, Rektor der Universität Leipzig, 6. Dezember 1950. UAL, PA 40, Bl. 71; Gespräch mit Tadeusz Kowalik in Warschau, 12. März 1994; Mitteilung von Ernst Nedwed, Österreichische Aktion für 0,0 Promille, Wien, 5. März 2004.] Da gleichzeitig auch die im Frankfurter MHA erhaltene Korrespondenz mit Grossmann Lücken aufweist, sind weitere Quellenfunde zur wissenschaftlichen und politischen Biographie künftig nicht auszuschließen. Letzteres gilt ebenso für einige nicht überlieferte Briefe an Friedrich Pollock. In diesem Fall sei der Vollständigkeit halber darauf hingewiesen, dass sich unter dem Teilnachlassbestand Pollocks am Dipartimento di Filosofia, Università di Firenze, keine Briefe und Dokumente von Grossmann befinden. [Mitteilung von Furio Cerutti, Universität Florenz, 4. April 2006.] Die gelisteten Angaben beruhen teils auf Inaugenscheinnahme von Beständen, teils auf Auskünften von Mitarbeitern der genannten Archive. Die Bestandserfassung erfolgt in Anlehnung an das Kategorienschema des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 im DNB [Inventar zu den Nachlässen emigrierter deutschsprachiger Wissenschaftler in Archiven und Bibliotheken der Bundesrepublik Deutschland. Bearb. im Deutschen Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Bibliothek, Frankfurt am Main. Red. Bearb.: Gabriele von Glasenapp und Barbara Brunn. Wiss. Leitung: Brita Eckert. Bd. 1. München, New Providence, London, Paris 1993. S. XV/XVI], das selbst wiederum auf einer früheren, von John M. Spalek [Guide to the archival materials of the German speaking emigration to the United States after 1933. Vol. 1. Charlottesville 1978. Vol. 2. Bern 1992] entwickelten Einteilung basiert. Folgende Kategorien – hier entsprechend den Erfordernissen leicht modifiziert wiedergegeben und unter Hinzufügung der Kategorien P. Parteitätigkeit, R. Rara sowie der Kennzeichnung * für Abschriften (B 1/B 2) mitgeteilt – wurden verwandt: A. Autobiographisches 2. Autobiographien, autobiographische Dokumente verschiedener Art B. Briefwechsel 1. Briefe von Grossmann 2. Briefe an Grossmann 3. Briefe Dritter C. Manuskripte, Typoskripte 1. Wissenschaftliche Schriften a. Buchmanuskripte b. Aufsätze c. Vor- und Nachworte d. Rezensionen e. Vorlesungen f. Vorträge, Reden, Konferenzbeiträge g. Exzerpte, Notizen h. Sonstiges 3. Politische Schriften D. Veröffentlichungen, auch Zeitungs- und Zeitschriftenartikel 1. u. 3. nach dem Muster von C E. Bearbeitungen (durch andere) 303 H. Sekundärliteratur 1. Bücher 5. Unveröffentlichte Sekundärliteratur I. Lebensdokumente K. Beschreibung der Bibliothek L. Materialsammlungen von Grossmann M. Memorabilia (Erinnerungsstücke) N. Manuskripte anderer in der Sammlung P. Parteitätigkeit R. Rara (seltene Periodika, an denen Grossmann mitarbeitete) 1 Abgedruckt in: Radek, Karl: Meine Abrechnung. Bremen 1913. S. 23/24. 2 Die Originale befinden sich im Bestand Max Beer des IISG. 3 Der hier beschriebene Bestand aus dem Horkheimer-Pollock-Archiv, vormals Max-Horkheimer-Archiv (MHA), beinhaltet eine erhebliche Erweiterung gegenüber der entsprechenden Eintragung zu Grossmann im Nachlassinventar des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 [Inventar zu den Nachlässen emigrierter deutschsprachiger Wissenschaftler in Archiven und Bibliotheken der Bundesrepublik Deutschland. Bd. 1. S. 403/404 u. 507]. Ursächlich dafür ist, dass letztere auf den Angaben des älteren, noch kursorischen Handkatalogs im MHA rekurriert, während hiesige Auflistung auf einem Abgleich mit dem dort tatsächlich geführten Bestand basiert. 4 Teilweise abgedruckt in: Horkheimer, Max: Gesammelte Schriften. Hrsg. von Gunzelin Schmid Noerr. Bd. 15–17. Frankfurt a. M. 1995–1996. 5 Abgedruckt in: Horkheimer: Gesammelte Schriften. Bd. 17. S. 547. 6 Veröffentlicht unter dem Titel: Grossman, Henryk: The Evolutionist Revolt against Classical Economics. In: The Journal of Political Economy. Chicago, Ill. 1943. Vol. LI. No. 5 (October, 1943). S. 381–396; No. 6 (December, 1943). S. 506– 522. 7 Abgedruckt unter dem Titel: Grossmann, Henryk, Julian Gumperz, Max Horkheimer, Karl August Wittfogel: Diskussionen aus einem Seminar über Monopolkapitalismus (1937). In: Horkheimer, Max: Gesammelte Schriften. Bd. 12: Nachgelassene Schriften. 1931–1949. Herausgegeben von Gunzelin Schmid Noerr. Frankfurt a. M. 1985. S. 418–420. 8 Abgedruckt unter dem Titel: Adorno, Theodor W., Henryk Grossmann, Julian Gumperz, Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Franz L. Neumann, Friedrich Pollock, Felix Weil, H. Weil, Alfred Seidenmann: Debatte über Methoden der Sozialwissenschaften, besonders die Auffassung der Methode der Sozialwissenschaften, welche das Institut vertritt (17. Januar 1941). In: Horkheimer: Gesammelte Schriften. Bd. 12. S. 542–552. 9 Text auf der Frontseite: „Adresse von Prof. Grossman in Polen: I) c/o Prof. Taubenschlag R.[,] Warsaw[,] Poland[,] ul. Elsterska 6, m. 6[,] Warszawa, Saska Kempa“. Text auf der Rückseite: „Die Schwester der ermordeten Frau: II: Irena Rosinska[,] ul. Armii Ludowej 16, m. 18[,] Lód (Poland)“. 304 10 Siehe Erl. 8. 11 Neben den hier aufgeführten Materialien enthält dieser Bestand zahlreiche weitere Materialien zur Krakauer Arbeiterbewegung, insbesondere zur PPSD und zu „Ruch“, an denen Grossmann zeitgenössisch aktiv teilhatte. [Mitteilung von Tomasz Wro ski, APKr, 24. Mai 2006.] 12 Ein Bestandsverzeichnis findet sich in: Scheele, Jürgen: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. Studien zur politischen und intellektuellen Biographie Henryk Grossmanns (1881–1950). Frankfurt a. M., Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Wien 1999. S. 239–243. 13 Der Nachlass mit u.a. umfangreichen Materialien zu Finanz-, Verwaltungs- und Vertragstransaktionen des Instituts für Sozialforschung in der Emigration (und später) war zum Zeitpunkt der Sichtung noch ungeordnet und konnte nur in Teilen in Augenschein genommen werden. 14 Ein dort Henryk Grossmann zugeschriebener Br. an Anton Kippenberg vom 21. Mai 1944 [Unterz.: H. Grossmann] stammt nicht von jenem, sondern (sehr wahrscheinlich) von dem Leipziger Betriebswirtschaftler Hermann Grossmann (1872–1952). 15 Federal Bureau of Investigation: Freedom of Information/Privacy Acts Release. Subject: Henryk Grossmann. [13 S.] Die Offenlegung der Akten erfolgte auf Antrag und Basis des Freedom of Information Act (FOIA) von 1965 sowie des Privacy Act (PA) von 1974. Zu damit verbundenen Fragen in Hinsicht auf die Vollständigkeit des jeweils freigegebenen Materials und zu den Möglichkeiten der Behörden, Informationen zurückzuhalten, siehe generell: Stephan, Alexander: Im Visier des FBI. Deutsche Exilschriftsteller in den Akten amerikanischer Geheimdienste. Stuttgart, Weimar 1995. S. 515–529. 16 Teilweise abgedruckt in: Grossmann, Henryk: Marx, die klassische National- ökonomie und das Problem der Dynamik. Mit einem Nachwort von Paul Mattick. Frankfurt a. M. 1969. S. 85–113. [Der dort publizierte Br. vom 18. Juli 1937 gilt im IISG als vermisst und ist in den Bestandsangaben nicht mitgezählt.] 17 Mitteilung von Elrun Dolatowski, SAPMO, Berlin, 19. August 1998. Nach einer Auskunft von Carl-Erich Vollgraf (Berlin), der einzelne Exemplare dieses Bestands Mitte der 1980er Jahre einsehen konnte, waren einige Bücher mit Marginalien versehen und lagen anderen Autographen bei. [Mitteilung von Carl- Erich Vollgraf, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, 4. Januar 2005.] Über den Verbleib dieser Autographen ist gegenwärtig nichts bekannt. 18 Abgedruckt in: Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 244–265. 19 Original im Bestand Albert Schreiner, SAPMO. 20 Angaben nach: Piasecki, Henryk: Sekcja ydowska PPSD i ydowska Partia Socjalno-Demokratyczna. 1892–1910/20. [Die jüdische Sektion in der PPSD und die Jüdische Sozialdemokratische Partei. 1892–1910/20.] ( ydowski Instytut Historyczny.) Wroc aw, Warszawa, Kraków, Gda sk, ód 1982. S. 349. 21 Dort vorhanden: 2.1906. Nr. 41; 3.1907. Nr. 4, 21, 23, 37; 4.1908. Nr. 37. [Inventory of Jewish Press in the Collection of the Jagiellonian Library. In: Bibliographies of Polish Judaica. International symposium. Cracow 5th–7th July 1988. 305 (Proceedings.) Jagiellonian University, Research Center of Jewish History and Culture in Poland. [Ed. Katarzyna Muszy ska.] Cracow 1993. S. 170. Nr. 273.] 22 Algemeyner Yidisher Arbeter Bund in Lite, Polyn un Rusland. 307 Verzeichnis der Vorlesungen und Seminare Universität Frankfurt a. M., Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät1 Wintersemester 1927/28 VL: Die Konjunkturforschung u. das Krisenproblem (Do., Fr. 10–11) UE: Uebungen zur Geschichte der Werttheorien (Mo. 16–18, 14 tg.) Sommersemester 1928 VL: Kritisches und Positives zur Lohntheorie (Do., Fr. 10–11) UE: Uebungen zur Frage des Verhältnisses von Marx und Ricardo (Mo. 16–18, 14 tg.) Wintersemester 1928/29 VL: Die theoretischen Grundlagen der Zoll- und Handelspolitik (Di., Mi. 10–11) VL: Geschichte und Kritik der Theorien über Zins, Gewinn und Grundrente (Do., Fr. 11–12) UE: Uebungen über ausgewählte Probleme des Marxismus (Mi. 16–18) Sommersemester 1929 VL: Das ökonomische System des Marxismus (Di., Fr. 11–12) UE: Uebungen: Die Wirtschaftslage der deutschen Arbeiterklasse 1848– 1929 (Mi. 14–16) Wintersemester 1929/30 VL: Der Kampf um den Weltmarkt in Theorie und Geschichte (Di., Fr. 11–12) UE: Uebungen über Probleme des Imperialismus im Anschluß an die Vorlesung (Mi. 16–18) Sommersemester 1930 VL: Marx als Historiker der Nationalökonomie (Di., Mi. 11–12) UE: Uebungen: Wandlungen des Arbeitsbegriffes in der Wirtschaftswissenschaft (mit besonderer Berücksichtigung neuerer Literatur) (Mi. 16–18) 308 Wintersemester 1930/31 VL: Geschichte der Krisentheorien von den Physiokraten bis zur Gegenwart (Di. 11–12) UE: Uebungen (mit schriftlichen Arbeiten): Geschichte und Theorie der Gewerkschaftsbewegung mit Berücksichtigung des Problems der Wirtschaftsdemokratie (Di. 17–19) Sommersemester 1931 UE: Wirtschaftstheoretische Uebungen im Anschluß an ausgewählte Kapitel aus Marx’ „Kapital“ (2stdg. nach Verabredung) VL: Geschichte des Sozialismus und des Anarchismus (Mo., Do. 11–12) Wintersemester 1931/32 UE: Uebung: Probleme der Weltwirtschaftskrise (Mi. 16–18) VL: Zur Theorie und Geschichte der Gewerkschaftsbewegung (Di., Do. 11–12) Sommersemester 1932 VL: Das Problem der Durchschnittsprofitrate in der modernen volkswirtschaftlichen Theorie (Di., Fr. 11–12) UE: Uebungen: Der Imperialismus, seine theoretischen Grundlagen, seine Praxis (Di. 20–22) Wintersemester 1932/33 VL: Das ökonomische System von Karl Marx und seine Fortentwicklung 1883–1933 (Di., Fr. 11–12) VL: Wirtschaftliche Entwicklung der Sowjetunion (vom Kriegskommunismus bis zum zweiten Fünfjahresplan) (Di. 12–13) UE: Theorie und Politik des Monopolkapitalismus (Uebungen mit schriftlichen Arbeiten) (Mi. 16–18) Sommersemester 19332 VL: Geschichte des Sozialismus (Di. 9–11) UE: Uebung: Das ökonomische System von K. Marx und seine Fortentwicklung von 1883 bis 1933 (Mi. 20–22) 309 Wintersemester 1933/34 „beurlaubt“ Institute of Social Research, New York3 1937/1938 SE: Theory and History of Monopolistic Economy Universität Leipzig, Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät Sommersemester 1949 4 VL: Geschichte der politischen Oekonomie (Fr. 16–18) UE: Uebungen zur Geschichte der politischen Oekonomie (So. 10–12) Wintersemester 1949/505 VL: Spezialprobleme des Marxismus (Die Lehre von der einfachen Reproduktion bei Marx) (Do. 9–11) UE: Spezialprobleme des Marxismus (So. 10–12) * * * Abkürzungen: VL = Vorlesung, SE = Seminar, UE = Übung. Das Verzeichnis gibt eine Übersicht über die akademischen Lehrtätigkeiten Grossmanns in Frankfurt a. M., New York und Leipzig. Nicht verzeichnet – entsprechende Vorlesungsverzeichnisse hierzu waren in Deutschland nicht zugänglich – sind seine an der Wolna Wszechnica Polska in Warschau 1921–1925 gehaltenen Lehrveranstaltungen. 1 Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Verzeichnis der Vorlesungen und Personalverzeichnis. [Winter-Halbjahr 1927/28 – Winter-Halbjahr 1933/34.] Frankfurt a. M. 1927–1933. 2 Angekündigt, aber nicht mehr gehalten. 3 International Institute of Social Research. A Report on its History, Aims and Activities 1933-1938. New York o. J. [1938]. S. 35. 4 Vorlesungsankündigung Sommersemester 1949. Gez.: H. Grossman. 23. März 1949. UAL, PA 40, Bl. 25. [Davon leicht abweichend: Universität Leipzig. Personal- und Vorlesungsverzeichnis Sommersemester 1949. Leipzig 1949. S. 62 u. 65.] 5 Universität Leipzig. Personal- und Vorlesungsverzeichnis. Wintersemester 1949/50. Leipzig 1949. S. 66. [Ergänzt um: Studienvorschlag Fach Politische Ökonomie III. H. Grossman. 18. Oktober 1949. UAL, PA 40, Bl. 38.] 311 Biographische Zeittafel 1881 14. April: Chaskel (später: Henryk) Grossmann wird in Krakau (Galizien) in Österreich-Ungarn als Sohn von Herz und Sara Grossmann geboren. 1 vor 1900 Anschluss an die sozialistische Bewegung während der Gymnasialzeit. 1900 12. Juni: Abitur am Gymnasium des Hl. Jacek (Gimnazjum w. Jacka) in Krakau. Aufnahme des Studiums der Rechts- und Staatswissenschaften an der Jagiellonen-Universität Krakau zum Wintersemester 1900/01. 1901–1904 Mitglied des sozialistischen Studentenvereins „Ruch“ [Die Bewegung], dort 1902 stellvertretender Vorsitzender, 1903 Vorstandssekretär. 1903/04 Mitarbeit an der in Lemberg erscheinenden Monatsschrift der gleichnamigen sozialistischen Jugendorganisation „Promie “ [Der Strahl], seit 16. Dezember 1903 als Redakteur der neu eingerichteten Krakauer Redaktionsfiliale des „Promie “. Mitgliedschaft in der PPSD.2 Zeitweilige politische Zusammenarbeit mit Karl Sobelsohn (Karl Radek) und Feliks Dzier y ski, der seit Januar 1903 mit dem Aufbau einer Krakauer Sektion der SDKPiL3 befasst ist. 1904 Beendigung des regulären Studiums an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Jagiellonen-Universität zum Ende des Wintersemesters 1903/04. Tätigkeit als Sekretär der Vereinigung jüdischer Arbeiter „Post p“ [Fortschritt] in Krakau. 8. Februar: Eintritt in die Krakauer Filiale der „Kasa Pomocy Wi niom i Zes a com Politycznym“ [Hilfskasse für politische Gefangene und Exilanten], in der sich die Sympathisanten der SDKPiL sammeln. Im Juni zusammen mit Feliks Dzier y ski (Pseud.: Józef Doma ski) u. a. Mitglied des Schiedsgerichtes des Studentenvereins „Ruch“ gegen Radek wegen angeblichen Bücherdiebstahls; Radek wird freigesprochen. 312 30. Oktober – 1. November: Delegierter des IX. Kongresses der PPSD in Krakau. Grossmann befindet sich dort in Fragen der Parteiausrichtung und der Organisation jüdischer Arbeiter in einer Minderheitsposition. Auf dem im Herbst stattfindenden 3. Kongress der Jugendorganisation „Promie “ ist Grossmann einer der Anführer der Splittergruppe, die sich der ideellen Unterordnung der Organisation unter die PPSD widersetzt, teilweise Positionen der SDKPiL vertritt und Ende des Jahres die Abspaltung „Zwi zek M odzie y Socjalistycznej“ [Verband der sozialistischen Jugend] begründet. 1905 Im Januar erscheint die Broschüre „Proletaryat wobec kwestyi ydowskiej“ [Das Proletariat angesichts der jüdischen Frage], in der Grossmann seinen Standpunkt zur Frage der jüdischen Nationalität darlegt. Im Februar Mitbegründer und kurzzeitig Redakteur und Herausgeber der PPSD-kritischen Zeitschrift „Zjednoczenie. Organ M odzie y Socyalistycznej“ [Vereinigung. Organ der sozialistischen Jugend]. Infolgedessen Parteiausschluss, kurz darauf nach Aufgabe der Herausgebertätigkeit Rücknahme des Parteiausschlusses. 30. März: Als Hauptreferent einer vertraulichen Versammlung des Krakauer „Post p“ begründet Grossmann die Notwendigkeit zur Bildung einer eigenständigen jüdischen sozialdemokratischen Partei. 1. Mai: Austritt aus der PPSD und Gründung der PSD.4 9.–10. Mai: Grossmann wird auf dem Gründungskongress der PSD in Lemberg zum Exekutivsekretär gewählt. Seit Oktober ist er Mitherausgeber des in jiddischer Sprache erscheinenden Parteiorgans „Der Sotsyal-demokrat“. 1906/07 Grossmann ist, unterbrochen von einem ersten Aufenthalt an der Universität Wien 1906 zu ökonomischen und statistischen Arbeiten, als Mitglied des Exekutivkomitees in führender Position der PSD tätig, u. a. als Repräsentant der Partei auf dem 7. Kongress des Bund5 (1906). 1907 veröffentlicht er den kurzen historischen Abriss „Der bundizm in Galitsyen“ (Jidd.). 313 1908 Übersiedlung nach Wien: Dort im August Beginn der in Österreich für Rechtsanwälte vorgeschriebenen 7jährigen Advokaturskandidaten-Praxis. 25. November: Promotion zum Dr. iur. an der Jagiellonen-Universität in Krakau. 1. Dezember: Heirat mit Janina Reicher (geb. 1883) in Wien.6 1908–1914 Parallel zur Advokaturskandidatur, die Grossmann, ohne eine Kanzlei zu eröffnen, 1914/15 beendet, widmet er sich statistischen und wirtschaftsgeschichtlichen Studien unter der Anleitung Carl Grünbergs an der Universität Wien. 1909/10 Längerer Studienaufenthalt in Paris. 1910 16. August: Geburt des Sohnes Jean Henri in Paris. Preis der Universität Lemberg für die Arbeit „Polityka przemys owa i handlowa rz du Terezya sko-Józefi skiego w Galicyi 1772–1790“ [Die Industrie- und Handelspolitik der Theresianisch-Josephinischen Regierung in Galizien 1772–1790] (veröffentlicht 1911/12). 1914 1. Mai: Geburt des Sohnes Stanislaus Eugen in Wien. Grossmann veröffentlicht die umfangreiche, ursprünglich als Habilitationsschrift gedachte Studie „Österreichs Handelspolitik mit Bezug auf Galizien in der Reformperiode 1772–1790“. 1915 Anfang 1915 Einberufung zum Militärdienst. 1916 Im Verband des 5. Feldkanonenregiments der österreichischen Armee Teilnehmer am Sommerfeldzug in Wolhynien gegen die Brussilow-Offensive. 1917 1. Februar: Ernennung zum Leutnant in der Reserve. Berufung in das Komitee für Kriegswirtschaft beim k. u. k. Kriegsministerium in Wien (gemeinsam mit Ludwig von Mises, Othmar Spann und anderen österreichischen Nationalökonomen). Später als Delegierter des Kriegsministeriums in das österreichische Okkupationsgebiet im Generalgouvernement Polen nach Lublin entsandt. 1918/19 Nach Ende des Ersten Weltkriegs zunächst Fortsetzung der wissenschaftlichen Arbeit in Wien. Durch das neugeschaffene Deutsch-Österreichische Staatsbürgerrecht 314 vom 5. Dezember 1918 als polnischer Staatsangehöriger identifiziert und dort von weiteren Karrieremöglichkeiten abgeschnitten. 1919 16. Juni: Vortrag an der Universität Krakau über „Teorja kryzysów gospodarczych (The Theory of Economic Crises)”, einer Vorwegnahme der späteren Argumentation in seinem ökonomischen Hauptwerk von 1929. Übersiedlung nach Warschau. 16. Dezember: Anstellung als Referent am Glówny Urz d Statystyczny (GUS) [Hauptamt für Statistik]. 1920 1. Februar: Berufung zum Ministerialrat im GUS. Grossmann ist mit Vorbereitungsarbeiten zur ersten polnischen Volkszählung befasst. 1920–1925 Mitglied der illegalen KPRP.7 1921 1. August: Ausscheiden aus dem GUS aufgrund (politisch-) konzeptioneller Differenzen hinsichtlich der Durchführung des bevorstehenden Zensus. Im Herbst Beginn einer Lehrtätigkeit an der (nicht staatlichen) Wolna Wszechnica Polska (WWP) [Freie Hochschule Polens]. 1922 Ernennung zum ordentlichen Professor für Wirtschaftsgeschichte, Wirtschaftspolitik und Statistik an der Staatsund Sozialwissenschaftlichen Fakultät der WWP. 1922–1924 Zusätzlich zur Lehrtätigkeit an der WWP Tätigkeit als Dozent an der stark kommunistisch geprägten „Uniwersytet Ludowy“ [Volksuniversität] in Warschau, dort Mitglied des Vorstands. 1923 Grossmann veröffentlicht eine polnische Übersetzung von Marx’ „Briefen an Kugelmann“ und der „Kritik des Gothaer Programms“ im Verlag „Ksi ka“ [Das Buch] sowie den Artikel „Ekonomiczny system Karola Marksa“ [Das ökonomische System von Karl Marx] in der Zeitschrift „Kultura Robotnicza“ [Arbeiterkultur], beides sind der KPRP nahestehende Einrichtungen. 1924 Veröffentlichung der Schrift „Simonde de Sismondi et ses théories économiques (Une nouvelle interprétation de sa pensée)”. Wahl in den Zentralrat des Warschauer Vereins der Volkswirte und Statistiker. 315 Im August Verhaftung wegen illegaler Betätigung für die KPRP.8 1925 Entlassung aus der Untersuchungshaft. Carl Grünberg beruft Grossmann im Herbst als Assistenten an das Frankfurter Institut für Sozialforschung. 4. November: Wohnsitznahme in Frankfurt a. M. 1927 27. März: Habilitation an der Universität Frankfurt und Erteilung der Venia legendi für das Fach Volkswirtschaftslehre aufgrund der Arbeit „Österreichs Handelspolitik mit Bezug auf Galizien in der Reformperiode 1772–1790“ (1914) und eines Probevortrags „Sismondi und die klassische Nationalökonomie“. 28. Mai: Öffentliche Antrittsvorlesung an der Universität Frankfurt über „Oresmius und Kopernikus als Geldtheoretiker (Ein Beitrag zur Preisrevolution des 14. und 15. Jahrhunderts)“. 1929 In der ersten Jahreshälfte erscheint das ökonomische Hauptwerk „Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems (Zugleich eine Krisentheorie)“ als Band 1 der Schriftenreihe des Instituts. 1930 26. März: Ernennung zum nichtbeamteten außerordentlichen Professor an der Universität Frankfurt. 29. Oktober: Eintritt in die Vereinigung der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Hochschullehrer. 1. November: Ernennung ehrenhalber zum aktiven Mitglied des Internationalen Agrar-Instituts in Moskau.9 1930–1932 Mitarbeit an der 4. Aufl. von Elsters „Wörterbuch der Volkswirtschaft“ (3 Bde., 1931–1933). 1932 Eine japanische Übersetzung des ökonomischen Hauptwerks erscheint in Tokio.10 August/September: Reise in die Sowjetunion mit der Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetrussischen Planwirtschaft (Arplan).11 1933 25. Februar: Zwei Tage vor dem Brand des Berliner Reichstags Flucht nach Frankreich. Beginn der Emigrationszeit in Paris. Grossmann ist an der Pariser Außenstelle 316 des Instituts, untergebracht an der École Normale Supérieur, tätig. Nach den Erfahrungen des Agierens und schließlichen Zusammenbruchs der KPD in Deutschland temporäre Abwendung von der Politik der Komintern und partielle Hinwendung zu Positionen des Linkssozialismus und des Linkskommunismus. 18. Dezember: Entziehung der Lehrbefugnis an der Universität Frankfurt aufgrund § 3 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933. 1933–1942 Mitglied der „Société Internationale de Recherches Sociales“, des Aufsichts- und Verwaltungsrats des Instituts für Sozialforschung in der Emigration mit Sitz in Genf. 1935 Veröffentlichung des Aufsatzes „Die gesellschaftlichen Grundlagen der mechanistischen Philosophie und die Manufaktur“ in der „Zeitschrift für Sozialforschung“. Im Mai beginnt Grossmann mit Vorbereitungen für seine Emigration nach London. 1936–1937 Im Januar 1936 Übersiedlung nach England und Beginn der Emigrationszeit in London. Die dortige Zweigstelle des Instituts am London Institute of Sociology wird Ende 1936 aufgelöst. Max Horkheimer lädt Grossmann für den Herbst 1937 zu einem Besuch in die USA ein. 1937 14. Oktober: Einreise in die USA mit einem Touristenvisum. In New York Teilnahme an internen Theoriediskussionen des Instituts für Sozialforschung (Institute of Social Research). 1938 April/Mai: Reise nach Havanna (Cuba) zur Erlangung eines „US Immigrant Visa“. Im Anschluss Wiedereinreise in die USA und Beginn der Emigration in New York. 3. Juni: Antrag auf US-Staatsbürgerschaft. 1941 Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion (22. Juni) erneute Hinwendung zur Politik der Komintern. Die bereits vorher vorhandenen theoretischen und politischen Differenzen zwischen Grossmann und dem engeren Horkheimerkreis verschärfen sich in der Folgezeit deutlich. 1942 Anfang des Jahres erscheint die Schrift „Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik“ 317 in Form eines vom Institut für Sozialforschung herausgegebenen hektographierten Typoskripts. 1943 20. Januar: Horkheimer formuliert in einem 20-seitigen Brief die theoretischen Differenzen zu Grossmann und erfasst ihn als einen Vertreter des herkömmlichen positivistischen Wissenschaftsverständnisses unter anderen. seit 1944 Das Institut für Sozialforschung versucht, Grossmann den Status eines „Permanent Member“ in Abrede zu stellen, und betrachtet ihn als einen Privatgelehrten ausgestattet mit einem „Fellowship“ des Instituts. In der Folgezeit berichtet Grossmann jährlich über den Stand seiner Arbeiten. Sein wissenschaftliches Interesse gilt vorrangig neueren Aspekten der Philosophie von Descartes. Privat wie politisch bewegt er sich weiterhin in antifaschistischen deutschen Exilgruppen in New York (teils zusammen mit Gerhart Eisler und Albert Schreiner). 1948 Unter den Bedingungen der heraufziehenden McCarthy- Ära fühlt sich Grossmann in den USA zunehmend politisch unwohl. Anfang des Jahres erreicht ihn die Nachricht von einer bevorstehenden Professur an der Universität Leipzig. Maßgeblich vorangetrieben werden die Berufungsbemühungen in Leipzig von Friedrich Behrens. Von August bis November führt Grossmann Abfindungsverhandlungen mit dem Institut für Sozialforschung in New York. 1949 3. Februar: Ausreise aus den USA. 15. Februar: Ankunft in Danzig. Weiterreise nach Warschau, anschließend nach Leipzig. 1. März: Ernennung zum Professor mit Lehrstuhl für Politische Ökonomie an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig. 14. Mai: Eingliederung der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät in die Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät und Überführung des Grossmannschen Lehrstuhls in diese. Dort zugleich Ernennung zum Kodirektor des Planökonomischen Instituts. Eintritt in folgende Organe der Partei und Massenorganisationen: 28. März: Ausweis für Opfer des Faschismus (Kämpfer); 1. Mai: Gesellschaft zum Studium der Kultur 318 der Sowjetunion; 9. Juni: SED; Juni: Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN); 10. August: Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. 1950 Beurlaubung wegen Krankheit zum Sommersemester 1950 und Erneuerung der Beurlaubung zum Wintersemester 1950/51. 24. November: Henryk Grossmann verstirbt im Stadtkrankenhaus St. Jakob in Leipzig. 319 * * * Im Nachfolgenden werden nähere Erläuterungen und Quellenhinweise vorwiegend dann gegeben, wenn sich aus ihnen neue Erkenntnisse zur Biographie Grossmanns ableiten lassen oder weiterer Forschungsbedarf besteht. Ansonsten sind detaillierte Angaben mitsamt Nachweisen insbesondere in folgenden Publikationen zu finden: Hass, Ludwik: Henryk Grossman. In: Muzeum Historii Polskiego Ruchu Rewolucyjnego. S¬ownik Biograficzny Dzia¬aczy Polskiego Ruchu Robotniczego. [Museum für die Geschichte der polnischen revolutionären Bewegung. Biographisches Wörterbuch der Aktivisten der polnischen Arbeiterbewegung.] Tom 2. Warszawa 1987. S. 384–386; Kuhn, Rick: Henryk Grossman, a marxist activist and theorist: On the 50th anniversary of his death. In: Research in Political Economy. Vol. 18: Value, Capitalist Dynamics, and Money. New York 2000. S. 111–170; Scheele, Jürgen: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. Studien zur politischen und intellektuellen Biographie Henryk Grossmanns (1881–1950). Frankfurt a. M., Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Wien 1999. 1 Die Orthographie des Familiennamens variiert zwischen dem polnischen, aber auch englischen Grossman und der deutschsprachigen Form Grossmann. Beide Varianten benutzte Grossmann selbst, wobei er in seinen jiddischen, polnischen und englischen Publikationen durchgängig die Schreibweise Grossman gebrauchte. Im jüdischen Geburtenregister der Stadt Krakau findet sich die Schreibung des Nachnamens handschriftlich in einer Lateinschrift – mit Lang-s und daran anschließendem Rund-s sowie Doppel-n bzw. Kenntlichmachung des Doppel-n durch Überstrich – wiedergegeben. Henryk Grossmanns Geburt ist dort [1881, Nr. 254] unter dem Namen Chaskel ausgewiesen, geboren am 14. April in Krakau [im Orig.: Kraków/Nr. 80. dzielnica VI, dem heutigen Stadtteil Bronowice], als Sohn des Herz Grossmann, Schankwirt aus Tarnau [im Orig.: szynkarz z Tarnowa], und der Mutter Sara, Tochter des verstorbenen Chaskel Kurz und dessen Ehefrau Jetty aus Tarnau (poln. Tarnów). Die Geburt ist als unehelich [im Orig.: nie lubny] ausgewiesen. In der Spalte Uwaga/Anmerkung festgehalten sind die Eintragungen: Herz Grossman Ojciec/Rafael Silberstein Swiadek, worunter – ein weiteres Mal – der Vater (poln. ojciec) sowie ein Zeuge (poln. wiadek) desselben aufgeführt sind. Ferner findet sich quergeschrieben zum übrigen Registereintrag ein nachgetragener Vermerk, mit dem unter der Datumsangabe 30. August 1915 die Änderung des Vornamens von Chaskel zu Henryk angezeigt wird, genehmigt per zuvor ergangenem Dekret durch das K. K. Ministerium in Wien vom 27. Juli 1915, dort in der polnischen Schreibung des Familiennamens [mit Einfach-n]. Der Ausweis einer unehelichen jüdischen Geburt war, wie ebenfalls ein mathematisch-statistisch angeleiteter Blick auf die amtlichen Heiratsmatrikeln nahelegt, im zeitgenössischen Krakau nichts Ungewöhnliches. [Mitteilung von Dan Hirschberg, University of California, Irvine, 6. Juni 2006.] Oftmals erfolgte eine Trauung zunächst nach den religiösen Riten in einer Synagoge und wurde erst Jahre später auch amtlich legitimiert. Hierfür maßgebend waren ursprünglich gesonderte steuerrechtliche Bestimmungen, denen die galizischen Juden unterworfen waren. Einer älteren Publikation zufolge waren diese in Krakau besonders restriktiv. Nach dem Statut vom 1. August 1844 mussten für eine jüdische 320 Eheschließung unter anderem ein gesichertes Einkommen nachgewiesen und ein Vermögen in Höhe von 500 fl. poln. in Notariatsdokumenten oder Depositenscheinen hinterlegt werden. [Friedmann, Filip: Die galizischen Juden im Kampfe um ihre Gleichberechtigung (1848–1868). (Veröffentlichungen der Dr. A. S. Bettelheim Memorial Foundation, Bd. III.) Frankfurt a. M. 1929. S. 110/111.] Allerdings wurde nach 1867 den Juden infolge des Österreichich- Ungarischen Ausgleichs die rechtliche Gleichstellung gewährt, nicht aber der Status einer Nationalität („Volksstamm“) zuerkannt, sodass sie fortan als Religionsgemeinschaft galten, zugleich das Jiddische nicht als Amtssprache anerkannt war. [Wróbel, Piotr: The Jews of Galicia under Austrian–Polish Rule, 1869–1918. In: Austrian History Yearbook. Vol. 25. January 1994. S. 97–138. Dort: S. 104 u. 116.] Infolge entfielen zwar die genannten Bestimmungen, doch bestand eine historisch-kulturell geprägte Abneigung gegen das Institut der Zivilehe über die Zeit hinfort. Darauf verweisen Ergebnisse der US-Familiengeschichtsforschung zur jüdischen Genealogie in Osteuropa. Demnach bestanden neben dem Widerstreben aus den schon benannten älteren steuerrechtlichen Restriktionen auch eine Aversion gegen bürokratische Registratur resultierend aus dem Umstand, dass die Erfassung der jüdischen Bevölkerung Galiziens unter der Habsburgermonarchie mit dem Erlass von Joseph II. zur verbindlichen Annahme von Familiennamen vom 5. Juli 1787 historisch erst jüngeren Datums war. Letzteres ging für die jüdische Bevölkerung nicht nur mit einer zusätzlich auferlegten Gebühr zur Registrierung eines deutschen Familiennamens einher, sondern soll in Fällen, in denen Fristen nicht eingehalten wurden oder die Gebühr nicht bezahlt werden konnte, mit unangenehmen, abwertenden oder gar vulgären Namenszuweisungen verbunden gewesen sein. Zudem existierten fortbestehende administrative Zwänge, die es situativ erforderlich machen konnten, einen eherechtlichen Nachweis zu führen. Beispielsweise bestanden behördliche Annahmen zur Erbschaftsvermutung und zur Beurkundung der Abstammung, nach denen nicht durch eine Zivilehe nachgewiesene Abkömmlinge vom väterlichen Erbe ausgeschlossen werden konnten oder solchen in amtlichen Reisedokumenten der Name der Mutter als Familienname verpflichtend zugewiesen wurde. Mit der Zunahme der jüdischen Emigration aus Galizien seit Anfang der 1880er Jahre ist denn auch, darauf verweist dieser Zweig der geschichtswissenschaftlichen Forschung, ein nachweislicher Zuwachs in den Eintragungen der entsprechenden Heiratsregister zu verzeichnen. [Wynne, Suzan F.: The Galitzianers. The Jews of Galicia, 1772–1918. Kensington 2006. S. 34–36 u. 55– 60.] Laut jüdischem Heiratsregister der Stadt Krakau [1887, Nr. 102] erfolgte die zivile Eheschließung zwischen Herz Grossmann [sic!], gebürtig aus Tarnów, wohnhaft in Krakau, von Beruf Schankwirt, Sohn des verstorbenen Ehepaars Jakob und Gitti Grossman [sic!], 50 Jahre alt, Familienstand ledig, und Sara Kurz, gebürtig aus Tarnów, wohnhaft in Krakau, Tochter des verstorbenen Ehepaars Chaskel Kurz und Jetty Seiden, 33 Jahre alt, Familienstand ledig, am 9. August 1887 [im Orig. polnisch]. Aus der Verbindung gingen ausweislich des jüdischen Geburtenregisters fünf weitere Kinder hervor: Taube (geb. 8. Mai 1875), Jakob (geb. 1. Juli 1877, gest. 1880), Rebeka (geb. 27. Mai 1879), Marya 321 (geb. 17. April 1883, gest. 1887) und Bernard (geb. 24. November 1884). [Die entsprechenden Angaben wurden über die interne Suchmaschine der Website „Jewish Krakow Documents“ von Dan Hirschberg, Irvine, ermittelt. URL: www.ics.uci.edu/~dan/genealogy/Krakow. Abruf: 3. Mai 2006. Für die Wiedergabe der Einträge im Geburtenregister zu Taube, Rebeka und Chaskel Grossmann sowie im Heiratsregister zur Zivilehe von Herz und Sara Grossmann wurden Reproduktionen der Originale herangezogen, die dankenswerterweise von Dan Hirschberg zur Verfügung gestellt wurden.] Im Unterschied zu obigen Angaben gab Herz Grossmann bei Eintragung der Geburt der Tochter Taube [1875, Nr. 25] als Beruf Schuhwichsfabrikant [im Orig. deutsch] an. Vier Jahre später, bei Geburt der Tochter Rebeka [1879, Nr. 365], lautete der entsprechende Eintrag wie danach bei der Geburt des Sohnes Chaskel (Henryk): Schankwirt aus Tarnau [im Orig. polnisch]. Beides waren in der Regel Betätigungen mit niedrigem, oft kaum genügendem Einkommen: Die Fabrikation von Schuhwichse bildete, wie einer älteren Darstellung zum Fabrikund Gewerbewesen der Habsburgermonarchie zu entnehmen ist, ein einfaches Betätigungsfeld und nährte viele Familien ganz oder zum Teil. Neben Handwerkern wie Schuh- oder Fellmachern wurde Wichse insbesondere von unzähligen Arbeitern, die sie im Kleinen für den Einzelverkauf fertigten, vertrieben. Lediglich in großen Städten wie Wien konnten sich Fabrikanten etablieren, die das Gewerbe ausschließlich betrieben. [Keess, Stephan von: Beschreibung der Fabricate, welche in den Fabriken, Manufacturen und Werkstätten des österreichischen Kaiserstaates erzeugt werden. 2. Band: Mit einem vollständigen Grundrisse der Technologie. Wien 1823. S. 400.] In Galizien kam es, ohne dass Informationen zur Ertragslage der Unternehmungen vorliegen oder mitgeteilt werden, einem zeitgenössischen Bericht über die wirtschaftliche Entwicklung in der Region zufolge noch im ersten Dezennium des neu begonnen 19. Jahrhunderts zur Gründung einer ganzen Reihe von kleineren Erzeugungsstätten für Schuhwichse. [Battaglia, Roger Freiherr von: Die Industrialisierung Galiziens. In: Galizien, seine kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung. (Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Siegmund Bergmann.) Wien 1912. S. 161–163. Dort: S. 162.] Ein ähnliches Bild ergibt sich unter Zugrundelegung des Berufs des Schankwirts: Schankwirte zählten neben Handwerkern, Kleinhändlern, Viehhändlern, Marktbudenbesitzern, Hausierern, Bauern, Arbeitern aller Art, Bettlern und Menschen ohne Arbeit („Luftmenschen“) zur Unterschicht (den „Prosten“), wobei in dieser ein nach unterschiedlichen Berufsgruppen abgestuftes Rangsystem herrschte und die Angesehensten unter ihnen oft der Mittelschicht (den „Balebatim“) assoziiert wurden. [Somogyi, Tamar: Die Schejnen und die Prosten. Untersuchungen zum Schönheitsideal der Ostjuden in Bezug auf Körper und Kleidung unter besonderer Berücksichtigung des Chassidismus. Berlin 1982. S. 68–70.] Zugleich war der Anteil der in Alkoholproduktion und -verkauf tätigen Juden, handelte es sich nun um Betreiber von Brennereien, Zulieferer von Vorprodukten wie Getreide und Fässer oder um Pächter und Eigner von Schenken, beträchtlich. Grund dafür war das Recht der Propination – das dem polnischen Landadel (Szlachta) gewährte und in Galizien bis 1889 geltende Privileg auf ein Produktions- und Verkaufsmonopol für Alkohol, verbunden mit daraus resultierenden enormen Monopolgewinnen für den Adel. Da das Privileg zur 322 Produktion und zum Ausschank alkoholischer Getränke überwiegend an jüdische Betreiber verpachtet wurde, bedingte die Propination sowohl den massiven Alkoholismus als auch den weit verbreiteten Antisemitismus in der Zeit vor und nach der dritten Teilung Polens mit. [Wynne: The Galitzianers. S. 30 u. 32–34.] Aus amtlichen Eintragungen zur Berufstätigkeit auf die tatsächliche soziale Position zu schließen, erweist sich gleichwohl als zwiespältig. Schankwirte konnten, wie für die vergleichbare Situation der im Westen Ostgalizien umfassenden Ukraine nachgewiesen wurde [Subtelny, Orest: Ukraine. A History. Third Edition. Toronto, Buffalo, London 2000. S. 277], insbesondere wenn sie Eigner einer Schenke oder auch eines Gasthauses waren, durchaus zur (keineswegs reichen) Mittelschicht zählen. Zudem war das Ausüben mehrerer Berufe in unterschiedlichen sozialen Positionen in ostjüdischen Biographien nicht gänzlich ungewöhnlich, differenzierte sich auch die Mittelschicht in reich und arm und konnte die Zuschreibung wohlhabend oder reich im realen Leben vor Ort und in einer insgesamt ärmlichen Umgebung immer eine relative Zuordnung beinhalten. [K a ska, Maria: Aus dem Schtetl in die Welt 1772–1938. Ostjüdische Autobiographien in deutscher Sprache. Wien, Köln, Weimar 1994. S. 116–120.] Die Matrikel der Jagiellonen-Universität Krakau schließlich führt Henryk Grossmann ebenfalls unter dem Namen Chaskel Grossmann. Als er sich im Oktober 1900 an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät einschrieb, gab er folgende Daten zur Person an: „Chaskel Grossmann, 19 Jahre alt, geboren in Krakau, Absolvent des Gymnasiums des Heiligen Jacek in Krakau, mosaischen Glaubens, polnischer Staatsangehörigkeit, Pflegevater: Markus Binem Kurz – Kaufmann, wohnhaft in Krakau.“ [Mitteilung von Jerzy Michalewicz, Leiter des Archivs der Jagiellonen-Universität, 3. September 1996. Im Orig. polnisch.] Offenbar war zu diesem Zeitpunkt sein leiblicher Vater bereits verstorben. Für die spätere Auskunft von Friedrich Pollock, Grossmann sei der Sohn eines „vermögende[n] Bergwerksbesitzer[s]“ gewesen, bestehen bislang keine weiteren Belege. [Pollock an K. H. Hennings, 13. Juli 1967. MHA: VI 9. 220.] Abitur und Universitätsstudium lassen es allerdings als wahrscheinlich erscheinen, dass er in auskömmlichen Familienverhältnissen aufwuchs, wobei nicht bekannt ist, inwiefern sich diese nach dem Tod des Vaters und unter der Pflegevaterschaft von Markus Binem Kurz änderten. Grossmann selbst machte 1949 in einem Personalfragebogen der Landesregierung Sachsen folgende Angaben zu Namen und Berufsstand der Eltern: Vater: Henryk Grossman, Klein-Industrieller; Mutter: Salome Grossman, Hausfrau. [UAL, PA 40, Bl. 100.] 2 Polska Partia Socjalno-Demokratyczna Galicji i l ska Cieszy skiego [Polnische Sozialdemokratische Partei Galiziens und Teschener Schlesiens]. Das genaue Datum des Beginns von Grossmanns Mitgliedschaft in der PPSD – wahrscheinlich vor 1904 [Hass: Henryk Grossman. S. 385] – ist nicht bekannt. 3 Socjal-Demokracja Królestwa Polskiego i Litwy [Sozialdemokratie des Königreiches Polen und Litauens]. 4 ydowska Partia Socjaldemokratyczna w Galicji [Jüdische Sozialdemokratische Partei in Galizien]. 5 Algemeyner Yidisher Arbeter Bund in Lite, Polyn un Rusland. 323 6 Über Grossmanns Ehefrau Janina Reicher liegen wenige biographische Informationen aus den Matriken der Israelitischen Kultusgemeinde Wien anlässlich der Heirat mit Dr. Chaskel Grossmann – dort mit dem Zusatz versehen: 1914 [sic!] Änderung des Vornamens in Heinrich bewilligt und eingetragen – vor: „Janina Reicher, geb. in Aleksandrow am 8. November 1883, russ. Staatsangehörige, ledig, wohnt in Krakau, Tochter des Eduard Reicher und der Mathilde geb. Poznanska.“ Die Trauung fand am 1. Dezember 1908 im Bethaus I, Seitenstettengasse 4, statt, Beistände waren Edward und Stanislaus Reicher. [Mitteilung von Wolf-Erich Eckstein, Israelitische Kultusgemeinde Wien, 6. Juni 2006.] Ein polnischer Lexikoneintrag ergänzt: Janina Grossman, Malerin, gest. 1943 in Warschau, Tochter des Edward Rejcher [so die polnische Schreibweise des Familiennamens], und listet ferner eine Anzahl ihrer Werke und Ausstellungen auf. [S ownik artystów polskich i obcych w Polsce dzia aj cych. Malarze, rze biarze, graficy. [Wörterbuch polnischer Künstler und ausländischer Künstler in Polen. Maler, Bildhauer, Grafiker.] Polska Akademia Nauk. Instytut Sztuki. Pod red. Jolanty Maurin-Bia ostockiej [et al.]. Tom II: D–G. Wroc aw, Warszawa, Kraków, Gda sk 1975. S. 485.] Nach Grossmanns Übersiedlung nach Frankfurt a. M. im Herbst 1925 blieb sie zusammen mit den beiden gemeinsamen Söhnen Jean Henri (geb. 16. August 1910) und Stanislaus Eugen (geb. 1. Mai 1914) in Warschau. [Angaben zu den Kindern nach: Personalakte Grossmann an der Universität Frankfurt. UAF, Abt. 14, Nr. 537, Bl. 2.] Später, im bereits erwähnten Personalfragebogen der Landesregierung Sachsen, machte Grossmann unter der Rubrik Familienstand die Eintragung: geschieden. [UAL, PA 40, Bl. 100.] Ebenso lautete seine Angabe bei Beantragung der – soweit bekannt: nicht erhaltenen – US-Staatsbürgerschaft am 3. Juni 1938. Dort mit dem Heiratsdatum: Wien, 2. Dezember 1908, und den Namensangaben zu den Söhnen: Jan Henryk sowie Stanislaw. [Federal Bureau of Investigation. Report made at: New York City. Date when made: 11/15/41.] Über das Schicksal seiner in Polen verbliebenen Familie gab Grossmann in einer Notiz aus einem ebenfalls aus dem Jahr 1949 stammenden Lebenslauf lediglich wie folgt Auskunft: „Meine Familie wurde von den Hitleriten ermordet.“ [UAL, PA 40, Bl. 21, ebenso Bl. 66.] Nahezu gleichlautend spärlich war zuvor auch seine Auskunft in einem Brief an Walter Braeuer vom 25. Juni 1948, während er in einem Schreiben an Alice und Joseph Maier vom 30. Mai 1949 konkreter wurde und mitteilte, „daß meine Frau und Sohn in Auschwitz, mein Bruder und seine Frau in einem anderen modernen Hochofen vergast wurden“. [Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 227 u. 254]. Ein Aufsatz im Jahrbuch des Nationalmuseums in Warschau hingegen legt nahe, dass Janina Grossman 1943 während der Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto von den deutschen Besatzern ermordet wurde. Demnach hatte sie bereits im Frühjahr 1940 damit begonnen, erste Bilder aus der Liquidation der Kunstsammlung ihres Vaters Edward Reicher im Warschauer Kunstsalon „Skarbiec“ zu verkaufen, und fand daselbst nach Errichtung des Warschauer Ghettos Unterschlupf. Sie starb, so heißt es weiter unter dem Datumseintrag 1943, zusammen mit ihrem als Widerstandskämpfer im Warschauer Untergrund aktiven Sohn. Um welchen der beiden Söhne es sich dabei handelte, geht aus den Angaben ebenso wenig hervor, wie Hinweise darauf bestehen, welches Schicksal dem weiteren Sohn von Janina und Henryk 324 Grossmann widerfuhr. [Czernic- ali ska, Wanda: Salon Sztuki „Skarbiec” w Warszawie. [Der Kunstsalon „Schatzkammer“ in Warschau.] In: Rocznik Muzeum Narodowego w Warszawie. Tom X. Warszawa 1966. S. 471–513. Dort: S. 476 u. 493.] 7 Komunistyczna Partia Robotnicza Polski [Kommunistische Arbeiterpartei Polens]. Grossmanns Mitgliedschaft in der KPRP im Zeitraum 1920–1925 geht aus einem Eintrag im Personalfragebogen der Landesregierung Sachsen hervor [UAL, PA 40, Bl. 101]. Dieser wurde – erkennbar am gegenüber den sonstigen Eintragungen im Formular abweichenden maschinenschriftlichen Schriftbild – nachträglich oder gesondert eingefügt. Bestätigt wird seine KPRP-Mitgliedschaft durch die inzwischen erfolgte Veröffentlichung der Mitgliederliste der Partei in der polnischen Zwischenkriegszeit. [Simoncini, Gabriele: Ethnic and Social Diversity in the Membership of the Communist Party of Poland: 1918–1938. In: Nationalities Papers. Vol. XXII, Supplement No. 1, Summer, 1994. S. 55–91. Dort: S. 74.] 8 Nach den Erinnerungen Roman Jab onowski, seinerzeit Mitglied des Zentralkomitees der KPRP, wurde Grossmann 1924 von der Polizei verhaftet, nachdem entdeckt wurde, dass sich in einer auf seinen Namen angemieteten Wohnung in der Warschauer Ulica Krolewska [Königsstraße] das Sekretariat des Zentralkomitees der Partei befand. [Jab onowski, Roman: Wspomnienia 1905–1928. [Lebenserinnerungen 1905–1928.] Warszawa 1962. S. 243; ebenso Hass: Henryk Grossman. S. 386.] Grossmann berichtete später von mehreren Verhaftungen oder, hierin uneindeutig, von einer sich sukzessive verlängernden Inhaftierung während seiner Warschauer Zeit. In dem bereits erwähnten Lebenslauf aus dem Jahr 1949 heißt es: „Zur gleichen Zeit organisierte ich die Arbeiter-Universität in Warschau, deren Präsident ich durch mehrere Jahre gewesen bin. Da die Arbeiter-Universität eine mächtige Institution geworden, eigenes Lichtspieltheater besass und für Wochenende etwa 20 Städte und Städtchen der Umgebung mit Prelegenten versorgte – dabei ich als radikaler Marxist und Anhänger der III. Internationale galt, wurde meine Bildungstätigkeit immer schärfer verfolgt, Hausdurchsuchungen in meiner Institution durchgeführt, dabei wurden mir auch durch Polizeiagenten gefälschte Schriften unterschoben, und ich selbst in Untersuchungshaft für zwei, vier sogar acht Monate genommen. Schliesslich, nach dem Pilsudski-Putsch war ich gezwungen das Land zu verlassen.“ [UAL, PA 40, Bl. 64.] Letztere Angabe jedoch ist nachweislich falsch, da der Staatsstreich von Józef Pi sudski im Mai 1926 erfolgte, als Grossmann bereits in Frankfurt (Main) ansässig geworden war. 9 Das Internationale Agrar-Institut wurde am 8. März 1926 in Moskau eröffnet und gab ab 1928 die Zeitschrift „Agrar-Probleme“ heraus. Zum Institut für Sozialforschung bestanden Kontakte via Paul W. Massing (1902–1979). Er promovierte 1928 in Frankfurt (Main) mit einer agrarwirtschaftlichen Arbeit, die er im Jahr 1927 noch unter Grünberg begonnen hatte, war seit 1928 zunächst Berliner Korrespondent für das Internationale Agrar-Institut und ab 1929 dessen wissenschaftlicher Mitarbeiter in Moskau. 1931 kehrte er nach Berlin zurück und war dort für die KPD tätig. 1934 ging Massing nach KZ-Internierung ins Exil, heiratete 1936 Hede Gumperz (vormals: Eisler), befand sich mit ihr 1937/38 in Moskau und anschließend in den USA. 1942 wurde er Forschungsmitarbeiter am Institut für Sozialforschung in New York und hatte diese Stellung offenbar 325 bis 1948 inne. [Drescher, L.: Rez. von: Agrar-Probleme. Hrsg. vom Internationalen Agrar-Institut in Moskau. Bd. I, Berlin (Paul Parey) 1928, Bd. II, München (Duncker u. Humblot) 1929, Bd. III, Heft 1/2, ebenda, 1930. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik. Jena. Dritte Folge. Bd. 81. 1932. S. 297–302. Dort: S. 297; Massing, Hede: Die grosse Täuschung. Geschichte einer Sowjetagentin. Freiburg i. Br. 1967. S. 235 u. 267; Jay, Martin: Dialektische Phantasie. Die Geschichte der Frankfurter Schule und des Instituts für Sozialforschung 1923–1950. Frankfurt a. M. 1987. S. 205; Wiggershaus, Rolf: Die Frankfurter Schule. Geschichte, theoretische Entwicklung, politische Bedeutung. 2. Aufl. Frankfurt a. M. 1989. S. 43; Horkheimer, Max: Gesammelte Schriften. Band 18: Briefwechsel 1949–1973. Hrsg. von Gunzelin Schmid Noerr. Frankfurt a. M. 1996. S. 976.] Grossmann machte keine näheren Angaben über die Umstände seiner Berufung, sondern gab im erwähnten Lebenslauf aus dem Jahr 1949 lediglich an: „Im nächsten Jahre [i. e. 1930] wurde ich ehrenhalber zum aktiven Mitglied des ‚Internationalen Agrarinstitutes in Moskau (Direktor Professor Dubrowsky)‘ ernannt.“ [UAL, PA 40, Bl. 65.] 10 Die Übersetzung ins Japanische erfolgte durch Hiromi Arisawa (1896–1988) und Katsumi Moritani (1904–1964). Arisawa, Ökonom und nach dem Zweiten Weltkrieg führender Berater für Wirtschaftsplanung im ersten Kabinett von Premierminister Shigeru Yoshida, hielt sich von April 1926 bis Mai 1928 zu einem von der japanischen Regierung finanzierten Studienaufenthalt in Berlin auf. Er gehörte dort zu einem Kreis junger linksgerichteter japanischer Wissenschaftler und Studenten, die sich in der „Berliner Vereinigung für Sozialwissenschaftliche Studien“ [Berurin Shakaikagaku Kenkyûkai] zusammenfanden, um sich regelmäßig zu Diskussionen über sozialistische und marxistische Literatur zu treffen. Dem Lesekreis gehörten ursprünglich, darin ebenfalls eine Oppositionshaltung zu den zeitgenössischen Verhältnissen in Japan erkennen lassend, auch liberale und konservative Intellektuelle an. Im Juli 1928 ging aus ihr die „Berliner Antiimperialistische Gruppe“ [Berurin Hantai] hervor, die enge Kontakte zur von der Komintern initiierten „Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit“ unterhielt und teilweise als japanische Abteilung der KPD fungierte. Beide Gruppierungen unterlagen in Berlin der Beobachtung durch den japanischen Auslandsnachrichtendienst. Arisawa soll während seines Deutschlandaufenthalts zudem der KPD nahegestanden haben, obgleich er in Japan zur R n -ha [Arbeiter- und Bauern-Fraktion] zählte, die 1927 mit der kommunistischen Partei Japans brach. [The Japan Biographical Encylcopedia & Who's Who. Tokyo: 2nd edition, 1961. S. 65; Hartmann, Rudolf: Japanische Studenten an der Berliner Universität. 1920–1945. (Mori-Ôgai-Gedenkstätte der Humboldt-Universität zu Berlin.) Berlin 2003. S. 187; Maeda, Ryozo: Berlin-Simulacrum im interkulturellen Flanieren. Zur Metropole im japanischen Großstadtdiskurs der 20er Jahre. In: Kimura, Naoji, Horst Thomé (Hrsg.): „Wenn Freunde aus der Ferne kommen“. Eine westöstliche Freundschaftsgabe für Zhang Yushu zum 70. Geburtstag. Bern 2005. S. 269–282. Dort: S. 275/276; Kat , Tetsur : Personal contacts in Japanese–German cultural relations during the 1920s and early 1930s. In: Spang, Christian W., Rolf-Harald Wippich: Japanese– German Relations, 1895–1945. War, Diplomacy and Public Opinion. London, New York 2006. S. 119–138. Dort: S. 131/132 u. 135.] 326 Mitglied der „Berliner Vereinigung für Sozialwissenschaftliche Studien“ war ferner, obgleich sich während seines Deutschlandaufenthalts nur gelegentlich in Berlin befindend, Yoshitar Hirano (1897–1980). Er übersetzte Grossmanns Aufsatz „Fünfzig Jahre Kampf um den Marxismus“, der 1933 in der Monatszeitschrift Chu K ron erschien, in der Mitglieder der Berliner Gruppe aus Europa berichteten und ihre politischen Erfahrungen teils theoretisch reflektierten. Hirano hielt sich von Dezember 1927 bis November 1929 zu einem ebenfalls von der japanischen Regierung finanzierten Studienaufenthalt in Frankfurt (Main) auf. 1929 nahm er dort am II. Kongress der „Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit“ teil. Nach seiner Rückkehr aus Deutschland wurde er zum Professor für Zivilrecht an der Universität Tokio ernannt, musste aber bereits 1930 von dieser Position zurücktreten, nachdem er im Rahmen einer polizeilichen Maßnahme zur Aushebung kommunistischer Kreise an der Universität auffällig geworden war. Hirano zählte in Japan zur mit der Komintern verbundenen K za-ha [Vorlesung-Fraktion]. In seinem Falle ist ein persönlicher Kontakt zu Grossmann belegt. [The Japan Biographical Encylcopedia. S. 287; Dictionnaire Biographique du Mouvement Ouvrier International. II. Japon. Tome I. Paris 1978. S. 173; Hartmann: Japanische Studenten an der Berliner Universität. S. 187; Kat : Personal contacts in Japanese–German cultural relations during the 1920s and early 1930s. S. 131/132 u. 135; Grossmann an Leo Löwenthal, 20. Mai 1933. LLA: A 325. 67/68.] Moritani schließlich, ein Ökonom und Sinologe, trat zeitgenössisch als Übersetzer von Arbeiten zweier weiterer Mitglieder des Frankfurter Instituts für Sozialforschung hervor. Im selben Jahr, als die Übertragung von Grossmanns ökonomischen Hauptwerk ins Japanische erschien, wurde von ihm eine japanische Ausgabe von Friedrich Pollocks als Band 2 in der Schriftenreihe des Frankfurter Instituts für Sozialforschung veröffentlichten Habilitationsschrift „Die planwirtschaftlichen Versuche in der Sowjetunion 1917–1927“ vorgelegt: Sovieto renp keikaku keizai shiron. (Furankufuruto Daigaku Shakai Kagaku Kenky jo S sho, 2.) [Historische Abhandlung über die Planwirtschaft in der Sowjetunion. (Schriftenreihe des Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts der Universität Frankfurt, 2.)] T ky : D jinsha Shoten, 1932. Im Jahr 1939 publizierte er zudem – hier als Übersetzer zusammen mit Yoshitar Hirano auftretend – eine Auswahl von Schriften Karl August Wittfogels: T y teki shakai no riron. [Theorie der orientalischen Gesellschaft.] T ky : Nihon Hy ronsha, Sh wa 14 [1939]. 11 Die „Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetrussischen Planwirtschaft“ (Arplan) wurde nach den Angaben ihres Initiators Friedrich Lenz (1885–1968) im Oktober 1931 gegründet. Dem Vorstand gehörten an: Friedrich Lenz, Professor für Nationalökonomie an der Universität Gießen, Stephan Bauer, Professor für Nationalökonomie an der Universität Basel, Adolf Grabowsky, Dozent für Ideengeschichte der Politik und Außenpolitik an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin, Otto Hoetzsch, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Berlin, Nikolaus Kelen, Privatdozent für Bauingenieurwesen an der Technischen Hochschule Berlin, Alfred Meusel, Professor für Volkswirtschaftslehre und Soziologie an der Technischen Hochschule Aachen, sowie Henryk Grossmann. Das geschäftsführende Sekretariat der Arbeitsgemeinschaft bestand aus Arvid Harnack als Leiter sowie – diesen unterstützend – Paul Massing, damals Vertreter der „Moskauer Zeitschrift für Agrarpolitik“ [gemeint ist 327 die Zeitschrift: „Agrar-Probleme. Herausgegeben vom Internationalen Agrar- Institut Moskau“], und Klaus Mehnert, seinerzeit Generalsekretär der „Gesellschaft zum Studium Osteuropas“. Zu den von Lenz herausgehobenen Unterstützern der Arbeitsgemeinschaft zählten des weiteren Karl August Wittfogel, Ernst Niekisch und Prof. Alex Bolgar von der Handelsdelegation der UdSSR in Berlin sowie die Berliner „Gesellschaft der Freunde des Neuen Russland“ und das Moskauer „Marx-Engels-Institut“. Am 3./4. Januar 1932 veranstaltete die Arplan eine Tagung in Berlin, zu der 50 Teilnehmer eingeladen waren. Zudem entsandte sie im Sommer 1932 den Gießener Privatdozenten Georg Mayer – später wie Grossmann als Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Leipzig lehrend, dort seit 31. Oktober 1948 als Prorektor und seit Mitte Januar 1950 als Rektor amtierend [Handel, Georg: Georg Mayer – Zum Leben und Wirken. Ein biographischer Abriß. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Karl- Marx-Universität Leipzig. Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe. Leipzig. 26. Jahrg. 1977. Heft 6. S. 507–583. Dort: S. 537, 542 u. 551] – zum Studium an die Lenin-Akademie in Moskau. [Lenz, Friedrich: Gründungsbericht über die „Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetrussischen Planwirtschaft“ (1931). In: ders.: Wirtschaftsplanung und Planwirtschaft. Berlin 1948. S. 76–79. Dort: S. 77/78; ders.: In memoriam Arvid Harnack († 1942). In: ebd. S. 88–94. Dort: S. 90–92.] Die eigentümliche Mischung aus kommunistischen und nationalistischen Intellektuellen, die sich als Mitglieder der Arplan oder als Teilnehmer an ihren Tagungen zusammenfanden – zusätzlich zu jener im Januar 1932 fand eine weitere im August 1932 statt und zählten auf Seiten der nationalrevolutionären Rechten neben dem bereits genannten Niekisch auch Ernst Jünger, Ernst Graf Reventlow sowie Carl Schmitt zum Kreis der Mitwirkenden –, galt der Herbeiführung einer deutsch-sowjetischen Annäherung oder gar eines Bündnisses als Gegenpol zur Versailler Ordnung, im Sinne einer nationalbolschewistischen Ostorientierung Deutschlands auf der einen und der Einbeziehung dieses Teils der nationalistischen Rechten in den Einflussbereich der KPD auf der anderen Seite. Die Arbeitsgemeinschaft wurde von der sowjetischen Botschaft in Berlin unterstützt. Aus russischen Quellen insbesondere zur Roten Kapelle – Harnack war später Führungsmitglied dieser antifaschistischen Widerstandsgruppe – geht hervor, dass eine in der Arplan existierende kommunistische Parteigruppe mit der Aufgabe bestand, Einfluss zu nehmen und die entsprechenden Diskussionen zu lenken. Ihr gehörte neben Massing und Wittfogel unter anderem auch Georg Lukács an. [Kretzschmar, Ursula: Der Aufbau des Sozialismus in der UdSSR im Urteil fortschrittlicher deutscher Intellektueller (1917–1932). In: Beiträge zum nationalen Geschichtsbild der deutschen Arbeiterklasse. Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. X. Jahrg., Sonderheft. Berlin 1962. S. 238–256. Dort: S. 253; Chawkin, Boris, Hans Coppi, Juri Zorja: Russische Quellen zur Roten Kapelle. In: Coppi, Hans, Jürgen Danyel, Johannes Tuchel (Hrsg.): Die Rote Kapelle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. (Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Reihe A, Bd. 1.) Berlin 1994. S. 104–144. Dort: S. 115–120; Mick, Christoph: Sowjetische Propaganda, Fünfjahrplan und deutsche Rußlandpolitik 1928–1932. Stuttgart 1995. S. 236–239; Schlögel, Karl: Berlin – Ostbahnhof Europas. Russen und Deutsche in ihrem Jahrhundert. Berlin 1998. S. 126–128.] 328 Grossmanns Teilnahme an der Studienreise geht aus einem maschinenschriftlich vervielfältigten Bericht der Arplan hervor. Demnach umfasste die vorwiegend aus Nationalökonomen und Ingenieuren bestehende Reisegruppe (einschließlich eines Fotografen) insgesamt 24 Teilnehmer, darunter – namentlich zu den bekannteren zählend – Adolf Grabowsky, Arvid Harnack, Emil Lederer, Friedrich Lenz und Ernst Niekisch. Die Reiseroute verlief ausgehend von Berlin via Stettin mit dem Schiff nach Leningrad, von dort nach Moskau, Dnjeprostroi, Charkow, Odessa und Kiew sowie über Warschau zurück nach Berlin. Auf dem Programm standen Besuche von diversen Industriekombinaten und Landwirtschaftskolchosen, unterschiedlichen Gliederungen der staatlichen Plankommission, Einrichtungen des Presse-, Bildungs- und Kulturwesens, Gesprächsterminen mit Vertretern von Gewerkschaften und Volkskommissariaten, Zusammenkünften unter anderem mit dem Leiter des Instituts für Weltwirtschaft und Weltpolitik Eugen Varga und dem Vertreter des Internationalen Agrar-Instituts Sergej M. Dubrowski in Moskau sowie eine Besichtigung der neuerrichteten Dnjeprostroi-Talsperre. Grossmann fungierte dem Bericht zufolge als Diskussionsleiter bei Treffen mit Vertretern der Plankommission Obplan in Leningrad sowie der Planungsbehörde Gosplan für die Ukraine in Charkow. [Protokolle der Studienreise nach der Sowjet-Union vom 20. August bis 12. September 1932. Verf.: Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetrussischen Planwirtschaft (Arplan). Berlin: [Selbstverlag], 1932.] 331 Verzeichnis der Dokumente Ausschnitt aus dem jüdischen Geburtenregister der Stadt Krakau [1881, Nr. 254] Titelblatt „Der bundizm in Galitsyen“ (1907/08) Schmutztitel „Der bundizm in Galitsyen“ (1907/08) [mit Stempel des Bund-Archivs] Titelblatt „Kultura Robotnicza“ (1923) Titelblatt „Die drei Internationalen“ (1931) [mit Widmung für Max Horkheimer] Titelseite der japanischen Übersetzung von „Fünfzig Jahre Kampf um den Marxismus“ (1932) Titelblatt „Marx und die Klassische Oekonomie oder Die Lehre vom Wertfetisch“ (1937) Federal Bureau of Investigation: Dr. Henry R. Grossman, alias Henryk Grossman (1941) Titelseite „W. Playfair, The Earliest Theorist of Capitalist Development“ (1948) [mit Widmung für Walter Braeuer] Lebenslauf (1949) [UAL, PA 40, Bl. 17–19] 332 333 334 335 336 337 338 339 342 343 332 333 334 335 336 337 338 339 340 341 342 343 344 345 346 347 348

Zusammenfassung

Am Vorabend der Weltwirtschaftskrise von 1929 publizierte Henryk Grossmann (1881–1950) mit seinem Hauptwerk, „Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems“, eines der bedeutendsten Werke der marxistischen Krisentheorie. Zugleich war er von 1925 bis 1948 Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung – zunächst in Frankfurt, sodann in der Emigration in Paris, London und New York. Im Zentrum der vorliegenden Auswahl seiner nachgelassenen Schriften stehen politökonomische Arbeiten aus dem Warschauer Archiv der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Sie fokussieren zum überwiegenden Teil auf den Status der Marxschen Werttheorie und insonderheit auf das Problem der Wert-Preis-Transformation bei Marx. Weitere Abhandlungen gelten konzeptionellen Überlegungen zu den ökonomischen Bedingungen des deutschen Faschismus und zu wissenschaftshistorischen Themen. Der Publikation angefügt sind ferner mehrere archivalische und bio-bibliographische Verzeichnisse sowie ein Dokumentenanhang mit Reproduktionen ausgewählter Materialien. In der Gesamtheit ergibt sich ein neuer, bislang in dieser Intensität nicht bekannter Blick auf das Leben und Werk von Henryk Grossmann.

References

Zusammenfassung

Am Vorabend der Weltwirtschaftskrise von 1929 publizierte Henryk Grossmann (1881–1950) mit seinem Hauptwerk, „Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems“, eines der bedeutendsten Werke der marxistischen Krisentheorie. Zugleich war er von 1925 bis 1948 Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung – zunächst in Frankfurt, sodann in der Emigration in Paris, London und New York. Im Zentrum der vorliegenden Auswahl seiner nachgelassenen Schriften stehen politökonomische Arbeiten aus dem Warschauer Archiv der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Sie fokussieren zum überwiegenden Teil auf den Status der Marxschen Werttheorie und insonderheit auf das Problem der Wert-Preis-Transformation bei Marx. Weitere Abhandlungen gelten konzeptionellen Überlegungen zu den ökonomischen Bedingungen des deutschen Faschismus und zu wissenschaftshistorischen Themen. Der Publikation angefügt sind ferner mehrere archivalische und bio-bibliographische Verzeichnisse sowie ein Dokumentenanhang mit Reproduktionen ausgewählter Materialien. In der Gesamtheit ergibt sich ein neuer, bislang in dieser Intensität nicht bekannter Blick auf das Leben und Werk von Henryk Grossmann.