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Zum Abschluss des Streites um die Wert- und Preisrechnung im Marxschen System (Eine Berichtigung des grundlegenden Fehlers bei von Bortkiewicz, Rosa Luxemburg und Otto Bauer) in:

Henryk Grossmann

Schriften aus dem Nachlass, page 45 - 94

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3892-5, ISBN online: 978-3-8288-6811-3, https://doi.org/10.5771/9783828868113-45

Tectum, Baden-Baden
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47 Zum Abschluss des Streites um die Wert- und Preisrechnung im Marxschen System (Eine Berichtigung des grundlegenden Fehlers bei von Bortkiewicz, Rosa Luxemburg und Otto Bauer) I. Historischer Rückblick auf das „Rätsel“ des Wertgesetzes und die Wandlungen seiner Deutungsversuche. a) Versuche, die Geltung des Wertgesetzes für die kapitalistische Gegenwart zu negieren und sie in die Zukunft oder in die Vergangenheit zu verlegen. Gleich am Anfang der Lektüre des Marxschen „Kapital“, gleich bei den Anfangskapiteln über die Werttheorie begegnen wir dem „Rätsel“ des Wertgesetzes, der Frage seines Geltungsbereiches. Somit entsteht das methodologische Problem: was bildet den Gegenstand der Marxschen Analyse? Gilt diese Analyse unmittelbar für die kapitalistische Wirklichkeit, wie sie von uns täglich in ihrer empirischen Konkretheit wahrgenommen wird? Untersuchte Marx in den Anfangskapiteln seines Werkes die Austauscherscheinungen wie sie faktisch in der realen Wirklichkeit des Kapitalismus zu beobachten sind? Untersuchte er also das, „was real existiert“? Mit anderen Worten: wollte Marx in seiner in den Anfangskapiteln des „Kapital“ entwickelten Wertlehre, die empirischen Preisphänomene erklären, wie sie uns auf dem Markte entgegentreten? Ist doch die Erklärung der konkreten Wirklichkeit eine Aufgabe, die sich jede wissenschaftliche Theorie stellt und deren Lösung von jeder Theorie erwartet werden muss (wobei die Frage, ob Marx diese Aufgabe einwandfrei gelöst hat oder nicht, in diesem Zusammenhang zunächst gleichgültig ist). Hat doch Marx selbst im Vorwort seines Hauptwerkes als eigentlichen Gegenstand seiner Forschung „die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechenden Produktions- und Verkehrsverhältnisse“i bezeichnet. Auch die Kritik hat oft in diesem Sinne die Marxsche Wertlehre aufgefasst, z. B. Komorzynski, wenn er sagt: „Gewiss hat Marx in der ursprünglichen Fassung seiner Lehre … das Gesetz, dass das quantitative Austauschverhältnis der Produkte durch deren Arbeitsgehalt geregelt werde, auf die Wirklichkeit bezogen.“1 Aber bei der näheren Prüfung der Marxschen Darstellung der Wertlehre begegnen wir Aeusserungen, welche zu Zweifeln anregen, weil sie bewei- 1 J. v. Komorzynski, Der dritte Band von Carl Marx’ „Das Capital“ (Zeitschrift f. Volkswirtschaft, Soz.-Polit. u. Verwltg. Bd. VI. 1897. S. 270). 48 sen, dass Marx bei seiner Analyse des Wertes und der Austauschbeziehungen in den Anfangskapiteln des „Kapital“ nicht unmittelbar die empirisch gegebenen Phänomene der Wirklichkeit im Auge haben konnte. Bekanntlich liegt der Marxschen Analyse des Warenaustausches innerhalb des kapitalistischen Produktionsmechanismus die Annahme zugrunde, dass die Waren zu ihren Werten verkauft werden, d. h. dass die Preise der Waren nicht von ihren Werten abweichen, vielmehr mitii denselben identisch sind. Es wird somit angenommen, dass die aus der Produktionssphäre heraustretenden Waren in der Zirkulationssphäre als Aequivalente, d. h. nach Mass der in ihnen enthaltenen Arbeit ausgetauscht werden, ohne dass die während des Produktionsprozesses geschaffene Wertgrösse Aenderungen erfährt. So sagt Marx im I. Buch des „Kapital“: „Wir unterstellen hier also …, dass der Kapitalist, der die Ware produziert, sie zu ihrem Wert verkauft“.2 – „Wir unterstellen, […] dass die Waren zu ihrem Wert verkauft werden“.3 Es wird somit nicht behauptet, dass die Waren in der Wirklichkeit sich zu ihren Werten austauschen, sondern es wird für die Untersuchung unterstellt, angenommen. Statt einer Beschreibung der wirklichen Vorgänge haben wir eine theoretische Voraussetzung. Welche Konsequenzen ergeben sich aus dieser Voraussetzung? Zunächst besagt diese abstrakte theoretische Annahme des Austausches von Waren zu ihren Werten, dass in der Zirkulationssphäre lediglich eine Aenderung der Gebrauchsform der Waren, nicht aber die ihrer Wertgrösse erfolgt, also bloss ein Formwechsel der Waren eintritt. Durch diese Annahme wird somit die Zirkulationssphäre als Quelle des durch „Preisaufschläge“ entspringenden Profits von vornherein aus der Analyse ausgeschaltet. Die Zirkulationssphäre ist für die Grösse der zirkulierenden Warenwerte, also auch des Mehrwerts (Profits) belanglos. Marx sagt daher von der Zirkulationssphäre: „Abstrakt betrachtet … geht ausser dem Ersatz eines Gebrauchswertes durch einen anderen nichts in ihr vor als eine Metamorphose, ein blosser Formwechsel der Ware … Dieser Formwechsel schliesst keine Aenderung der Wertgrösse ein.“4 – „Sofern also die Zirkulation […] nur einen Formwechsel ihres Wertes bedingt, bedingt sie, wenn das Phänomen rein vorgeht, Austausch von Aequivalenten“.5 Schon aus dieser bedingten Formulierung, dass nämlich der Austausch von Aequivalenten nur dann erfolgt, „wenn das Phänomen rein vorgeht“, d. h. „sofern“ die Zirkulation nur eine formale Metamorphose darstellt, ist 2 Marx, K. I. S. 579. 3 Marx, K. I. S. 530. 4 Marx, K. I. S. 133. 5 Ebda. 49 zu ersehen, dass Marx den Austausch von Aequivalenten nur unter gewissen Umständen und nicht als einen generellen, allgemein gültigen Vorgang der realen Wirklichkeit betrachtet. Auch im II. Buch seines Hauptwerkes hält Marx an der erwähnten Voraussetzung seiner Analyse fest: „Im I. Buch wurde der kapitalistische Produktionsprozess, sowohl als vereinzelter Vorgang wie als Reproduktionsprozess analysiert … Es wurde also unterstellt, dass der Kapitalist … das Produkt zu seinem Wert verkauft“.6 Und in einem Brief an Engels vom 30. April 1868 heisst es: „Im Buch II, wie Du weißt, wird der Zirkulationsprozess des Kapitals unter den im ersten Buch entwickelten Voraussetzungen dargestellt.“7 Es unterliegt nun keinem Zweifel, dass diese Marxsche Voraussetzung der Wirklichkeit nicht entspricht und dass Marx sich dessen wohl bewusst ist. Seine Darstellung des Austausches von Aequivalenten ist nach seiner Auffassung keine Darstellung des realen Vorganges der kapitalistischen Wirklichkeit, sondern eine Schilderung eines Vorganges unter gewissen Voraussetzungen, „sofern“/„wenn“iii das Phänomen „rein“ vorgeht. Aber mit einer keine Zweifel zulassenden Klarheit konstatiert Marx bereits im I. Bande des „Kapital“: „In seiner reinen Form […] bedingt der Zirkulationsprozess den Warenaustauschiv von Aequivalenten. Jedoch gehen die Dinge in der Wirklichkeit nicht rein zu.“8 Hier wird also der „reine“ Vorgang, derv Normalverlauf der Phänomene, der Wirklichkeit gegenüber gestellt. Die in den Anfangskapiteln gegebene Darstellung des Wertgesetzes gilt somit nicht unmittelbar für die Wirklichkeit, sondern für jenen „Normalverlauf “, jenen „reinen“ Vorgang, der sich ergibt, „sofern“ und „wenn“ die Waren zu ihren Werten verkauft werden. An vielen anderen weiteren Stellen des „Kapital“ und der Theorien über den Mehrwert wird dann wiederholt festgestellt, dass die Waren in der kapitalistischen Wirklichkeit nicht zu ihren Werten, d. h. nicht als Aequivalente ausgetauscht werden, dass nämlich „die Produktionspreise der meisten Waren von ihren Werten und daher ihre ‚Produktionskosten‘ von der Gesamtmenge der in ihnen enthaltenen Arbeit abweichen müssen“.9 – „Wie ich später nachweisen werde, selbst der Durchschnittspreis der Waren ist stets von ihrem Werte 6 Marx, K. II. S. 343. 7 Briefwechsel zwischen Marx und Engels IV. [Hrsg. von A. Bebel u. Ed. Bernstein. Stuttgart 1913.] S. 40. 8 Marx, K. I. S. 136. 9 Mehrwerttheor. III. S. 91/92. 50 unterschieden“.10 An anderer Stelle heisst es gegen Ricardo: „Nach Ricardo wird die Ware (Weizen) gleich jeder anderen zu ihrem Werte verkauft,vi d. h. sie tauscht sich um gegen andere Waren im Verhältnis zu der in ihr enthaltenen Arbeitszeit. Dieses ist die erste falsche Voraussetzung … Die Waren tauschen sich nur ausnahmsweise aus zu ihren Werten.“11 Wenn also die wirklichen täglichen Austauschverhältnisse, die empirischen Preise nicht mit den in den Waren enthaltenen Arbeitsmengen, also auch nicht mitvii ihren Werten identisch sind, wenn in der empirischen Wirklichkeit keine Wertaequivalente ausgetauscht werden – welchen Sinn hat dann eine Werttheorie, die gerade den Austausch von Aequivalenten, von gleichen Arbeitsquanten zu ihrem Ausgangspunkt nimmt, d. h. als Prinzip zur Erklärung des Verhältnisses, in welchem die Waren gegeneinander ausgetauscht werden, die Menge der in ihnen verkörperten Arbeit nimmt.12 10 Mehrwerttheor. I. S. 162. – Es ist somit falsch, wenn K. Diehl scheinbar Marx entgegenkommend zwar die Inkongruenz der Preise und der Werte einzelner Waren als notwendig anerkennt, aber dann behauptet: „[…] für die durchschnittlichen Marktpreise nimmt Marx entschieden den Arbeitswert als das Gravitationszentrum an.“ (K. Diehl, Ueber d. Verhältnis von Wert u. Preis im oekonomischen System von Karl Marx. Jena. 1898. S. 6.) – Nach Marx waren die Werte nur in der einfachen Warenproduktion das Gravitationszentrum, um das die Marktpreise schwankten. Für die entwickelte kapitalistische Produktion sind es die Produktionspreise. (Vgl. Hilferding, Böhm-Bawerks Marx-Kritik. 1904. S. 26; Tugan-Baranowsky, Theoret. Grundlagen d. Marxismus. 1905. S. 138.) 11 Marx, Mehrwerttheor. II/1. S. 191. 12 Zur Vermeidung von Missverständnissen ist zu bemerken, dass Marx unter „Preis“ drei verschiedene Sachverhalte versteht, die voneinander scharf zu unterscheiden sind. Das eine Mal wird dem Warenwert der Goldpreis gegenübergestellt, wobei der Wert der Ware und ihr in Geld ausgedrückter Preis quantitativ identische Grössen sind, weil angenommen wird, dass die Waren zu ihren Werten ausgetauscht werden. „Der Preis ist normaliter nichts als der in Geld ausgedrückte Wert.“vii-a (Marx, K. III/2. S. 188.) Aehnlich sagt Marx: „Der Wertausdruck einer Ware in Gold […] ist ihre Geldform oder ihr Preis.“ (K. I. S. 65.)vii-b Marx spricht daher von „Wertpreisen“ (K. III/1. S. 153). – Anders ist der Sachverhalt im zweiten Fall, wo der Ware kein Geld als Preis gegenübersteht, aber der Warenpreis (z. B. gemessen in Menge der verkörperten Arbeit) von dem Warenwerte quantitativ verschieden, d. h. kleiner oder grösser als der Wert ist. Unter Preis wird hier nicht der Geldausdruck, sondern diese quantitative Abweichung vom Werte, wie sie z. B. in Produktionspreisen – im Gegensatz zu den Werten – zum Ausdruck kommt, verstanden. Nur Preise in dem letztgenannten Sinn, also Produktionspreise, sind gemeint, wo – wie in dieser Abhandlung – das Problem der richtigen Ableitung der Preise von den Werten den Gegenstand der Untersuchung bildet. – Endlich kennt Marx noch eine dritte Kategorie von Quasi-„Preisen“: Formelle oder irrationelle Preise solcher Dinge 51 Je nach der Antwort, welche die bürgerliche Oekonomie auf diese Frage gegeben hat, lassen sich drei Gruppen von bürgerlichen Theoretikern unterscheiden. Die erste Gruppe begnügt sich mit der Feststellung, dass die Marxsche Wertlehre der Wirklichkeit, d. h. den tatsächlichen Preiserscheinungen nicht entspricht, worin sie einen Beweis der Unhaltbarkeit der Lehre erblickt. So Böhm-Bawerkviii, H. Herkner u. a. Die „Annahme – sagt Böhm –, dass sich die Güter im Verhältnis der an ihnen haftenden Arbeit vertauschen, ist absolut unverträglichix mit der weiteren … als Erfahrungstatsache unzweifelhaft feststehenden Annahme, dass eine Nivellierung der Kapitalgewinne stattfindet.“13 – „Es ergibt sich sonach ein offenbarer Konflikt zwischen dem, was ist, und dem, was nach der Marxschen Lehre sein sollte.“14 Marx selbst, sagt Böhm weiter, hatte diesen Konflikt als einen bloss „scheinbaren“ bezeichnet, aber das Erscheinen des dritten Bandes des „Kapital“ bringt keine Lösung desselben, sondern ist vielmehr „eine Besiegelung des unversöhnlichen Widerspruches und eine bemäntelte, uneingestandene, beschönigte, aber im Wesen immerhin eine Preisgabex der Lehre des ersten Bandes“,15 da Marx jetzt ausdrücklich anerkennt, dass „im wirklichen Leben sich die Waren nicht mehr nach ihren Werten austauschen“xi.16 Der von Böhm-Bawerk entdeckte „eklatante Widerspruch“ der Feststellungen des III. Bandes zu den Grundlehren des I. Bandes ist auf Jahrzehnte hinaus zu einem feststehenden Einwand geworden, der in der bürgerlichen Marxkritik aus einem Buch in das andere wandert. So sagt z. B. H. Herkner noch in der neuesten, 8. Auflage (1922) seines Buches „Die Arbeiterfrage“: „Die Kapitulation des Wertgesetzes vor den Produktionspreisen im gewöhnlichen Sinne der politischen Oekonomie hat viel Kopfschütteln erregt. Marx ging davon aus, dass die mögliche Gleichsetzung der Waren im Verkehre auf ihrer Wertgleichheit beruhe und endet damit, wie z. B. Grund und Boden, die „formell einen Preis haben, ohne einen Wert zu haben.“ (K. I. S. 73.)vii-c Hier steht dem Preise nicht ein quantitativ verschiedener Wert, sondern überhaupt kein Wert gegenüber. 13 Böhm-Bawerk, Kapital u. Kapitalzins. 3. Aufl. 1914. I. S. 537. 14 Ebda. S. 538. 15 Ebda. S. 538/539. 16 Ebda. S. 540. 52 dass im Verkehre tatsächlich nicht gleiche Werte gegeneinander ausgetauscht werden. Das Wertgesetz … ist keine Bewusstseinstatsache der Käufer und Verkäufer, es hat in der Wirklichkeit keine Existenz.xii“17 Masaryk und [andere] stellenxiii die naive Behauptung auf, Marx habe im I. Band ein allgemeines Wertgesetz ohne hinreichende Rücksicht auf die Tatsachen formuliert, und als er dann, im III. Band die Tatsachen, nämlich die Wirkung der Konkurrenz, näher betrachtete, hätte er gefunden, „dass das allgemeine Gesetz zur Erklärung nicht passt.“18 In diesem Umstand glauben manche die Ursache der Verzögerung des Abschlusses seines Werkes zu sehen. „Marx selbst – sagt Günther – ist wohl an diesem Widerspruche zugrunde gegangen.“19 „In den hoffnungslosen Versuchen, die Theorie und Praxis miteinander zu versöhnen, hat sich seine gewaltige Kraft verbraucht“.20 … äussertxiv sogar den Verdacht, Marx habe sich durch das inzwischen 1871xv erschienene Buch von Jevons von der Unhaltbarkeit seiner eigenen Theorie überzeugt und daher sein Werk nicht zu Ende geführt.21 Andere wieder, wie Komorzynski xvi, sehen jedenfalls in den weiteren Bänden des „Kapital“ eine sukzessive Umwandlung und Preisgabe der im I. Band gegebenen Wertlehre. „Diese Umwandlung seiner Lehre hat Marx schon im II. Bande vorbereitet, im III. Bande führt er sie völlig durch“.22 Bereits Bortkiewicz hat mit Recht darauf verwiesen, dass bei Marx von einer nachträglichen Wahrnehmung des Gegensatzes, der zwischen seinem Werke selbst und den empirischen Preisphänomenen besteht, deshalb keine Rede sein kann, weil Marx erstens bereits im I. Band selbst auf diesen Gegensatz hinweist, zweitens aber auch aus dem Grunde, weil der empirische Vorgang der Preisbildung auf der Basis der gleichen Profitrate bereits bei Ricardo beschrieben ist, und Marx, der mit dem Ricardoschen Werk gut vertraut war, an der Richtigkeit dieser Tatsachenbeschreibung nicht zweifelte.23 – Ich will noch darauf aufmerksam machen, dass der Einwand vom „Widerspruch“ des Wertgesetzes zu den realen Erschei- 17 H Herkner, Die Arbeiterfrage. 1922. II. S. 311. 18 T. Masaryk, Die philosophischen und sociolog. Grundlagen d. Marxismus. Wien 1899. S. 256. 19 Ernst Günther, Die revisionistische Bewegung in d. deutsch. Sozialdemokratie. (Schmollers Jahrb. 29. Jhrg. 1905. S. 33.) 20 Ebda. S. 34. 21 [Im Ts. nicht ausgeführt.] 22 Komorzynski, l. c. S. 249. 23 Bortkiewicz, Wertrechnung u. Preisrechnung im Marxschen System. (Archiv f. Sozialw. Bd. 23. S. 2.) 53 nungen der Preisbildung, den Böhm-Bawerk und seine Nachbeter entdeckt zu haben glauben, nicht nur bereits lange vor dem Erscheinen des Marxschen „Kapital“ der Ricardoschen Schule gemacht worden ist, sondern dass er seitens der Kritik 60 Jahre vor Böhm-Bawerk mit denselben Argumenten und an denselben Beispielen demonstriert wurde. Das bekannte Beispiel Böhm-Bawerks, des im Keller eingelagerten Weines, der nach etlichen Jahren ohne Hinzutreten der menschlichen Arbeit durch das Ausreifen, also durch den Ablauf der Zeit allein, im Werte steigt – ein Beispiel, an dem sich nach Böhm die Richtigkeit schon mancher Werttheorie erprobt hatte; dieser Einwand findet sich bereits 1821 bei James Mill (dem Vater), und Marx, der mit der ökonomischen Literatur wie kein anderer vertraut war, war dieser Einwand bereits vor Abfassung seines „Kapital“ gut bekannt, wie dies aus seinen 1861/63 geschriebenen Mehrwerttheorien zu ersehen ist.24 Marx verspottet Mill, weil er nicht fähig ist, den dem Beispiel zugrunde liegenden Tatbestand generell zu fassen. Es handelt sich dabei nämlich um Fälle, in welchen das Kapital entweder „länger im Zirkulationsprozess“ oder aber „länger im Produktionsprozess verharren muss, ohne einem Arbeitsprozess unterworfen zu sein, was jedesmal eintritt, wo der Produktionsprozess seiner technologischen Natur gemäss Unterbrechungen erleidet, um das werdende Produkt den Wirkungen natürlicher Kräfte auszusetzen, z. B. der Wein im Keller“. Mill – sagt Marx weiter – greift nur den letzteren Fall heraus, „also ganz borniert und vereinzelt die Schwierigkeit fassend“.25 Wenige Jahre später, 1825, hat Bailey, der theoretische Vorläufer der psychologischen Schule, der die Lösung des Wertproblems nach Marxens Ausdruck „in das Bewusstsein verschob“xvii,26 in einer Schrift „A Critical Dissertation“xviii – dieser „Hauptschrift gegen Ricardo“27 und Malthus – den „Widerspruch“ zwischen Wertgesetz und faktischer Preisbildung betont und in der Tatsache der Abweichung der Produktionspreise von den Werten ein Versagen der Arbeitswertlehre gesehen, ferner daraus die Schlussfolgerung gezogen, „dass der Wert nicht durch die Arbeit bestimmt wird, weil die Produktionspreise von den Werten abweichen.“28 Auch ihm wirft Marx vor, dass er in seiner Kritik zu wenig weit geht, zu kasuistisch ist. „Er wiederholt nur die einzelnen Formen, in denen der Widerspruch erscheint, auf die Ricardo selbst und seine Nachfolger schon aufmerksam geworden waren. 24 Marx, Mehrwerttheor. III. S. 96. 25 Ebda. S. 97. 26 Ebda. S. 196. 27 Ebda. S. 146. 28 Ebda. S. 196. 54 Hier ist er also blosser Nachbeter: er führt die Kritik keinen Schritt weiter.“ – „Den wahren allgemeinen Widerspruch, die Existenz der Durchschnittsprofitrate […], trotz der verschiedenen Zusammensetzung des Kapitals, seiner verschiedenen Umschlagszeiten usw., findet er nicht“.29 Soweit Marx bereits 1861/1863. Die Entdeckung des angeblichen „Widerspruches“ durch Böhm-Bawerk 60 Jahre nach J. Mill und Bailey kann wahrhaftig nicht als eine Grosstat angesehen werden. Böhm gegenüber gilt daher dass, was Marx über Bailey sagte: „Hier ist er also blosser Nachbeter: er führt die Kritik keinen Schritt weiter.“ Die anderen Gruppen der bürgerlichen Oekonomik beschränken sich nicht lediglich auf die Kritik der Widersprüche, wenn sie auch mit Böhm- Bawerk übereinstimmen, dass das Marxsche Wertgesetz in der Wirklichkeit keine Existenz habe. Andererseits kennen sie bei einem Denker vom Range Marx’, den auch Böhm ausdrücklich „für eine Denkkraft allerersten Ranges“ schätzt,30 einen so offenkundigen Widerspruch und eine Preisgabe der ursprünglich verkündeten Lehre nicht ohne weiteres annehmen. Wenn also das im I. Bande des „Kapital“ formulierte Wertgesetz für die Wirklichkeit keine Geltung beanspruchen kann, so fragt es sich, welchen Zweck Marx bei der Aufstellung seines Wertgesetzes verfolgte, worin besteht der Sinn dieses Gesetzes? Ihre Antwort geht dahin, Marx habe das Wertgesetz nicht als eine Widerspiegelung der wirklichen Marktvorgänge in der Gegenwart, sondern als ein Postulat für einen gerechten Massstab für Tauschvorgänge und Einkommensverteilung im Zukunftsstaat aufgestellt. Bereits 1874, also noch vor dem Erscheinen des III. Bandes, hat A. Schäffle in seiner bekannten „Quintessenz des Sozialismus“ dieser Auffassung Ausdruck gegeben. Nachdem er die Marxsche Werttheorie – „gesellschaftliche Arbeitszeit als Wertmass“ – geschildert hat, fügt er hinzu: „Nichts erscheint einfacher, als die Harmonie dieser Werttheorie mit dem […] sozialistischen Hauptverlangen, den Genuss mit der Arbeit proportional zu machen und jedem seinen vollen Arbeitswert oder Arbeitsertrag als privates Einkommen … zuzuscheiden“.31 Die Marxsche Werttheorie wird somit von Schäffle nicht als Widerspiegelung der wirklichen Marktvorgänge in der bestehenden „liberalen Volkswirtschaft“, sondern als eine gerechte Grundlage der Einkommensverteilung im zukünftigen Kollektivstaat behandelt. Diesem so verstandenen 29 Ebda. S. 197. 30 Böhm-Bawerk, l. c. I. S. 528. 31 A. Schäffle, Die Quintessenz des Sozialismus. 14. Aufl. Gotha 1906. Kap. VI. [S. 44 u. 46.] 55 „Marxschen Arbeitskostenwert als Verteilungsmassstab“ des Kollektivstaates (l. c. S. 48) wird übrigens von Schäffle die grösste Bedeutung zugesprochen, und Schäffle zögert nicht zu behaupten, dass die Marxsche Werttheorie „keine geringere Bedeutung für die Zukunft hat als irgendeine Theorie Rousseaus und anderer Geister der ersten liberalen bürgerlichen Revolution.“ (L. c. S. 52.) Nicht anders beurteilt die Bedeutung der Marxschen Werttheorie ein Jahrzehnt später Fr. Kleinwächter. Nicht wissenschaftliche Erklärung der Wirklichkeit stellt sie dar, sondern sie ist eine Forderung einer gerechten Verteilungsbasis für die Zukunft. „Marx möchte offenbar […] jeden arbeitenden Bürger, wenn möglich, mit mathematischer Genauigkeit lohnen, und glaubt dieses Ziel zu erreichen, wenn jedem Einzelnen, der eine bestimmte Menge von Werten […] zum Nationalprodukt beigesteuert hat, eine gleiche Menge von Werten […] als Lohn zugewiesen werdexix.“ – Marx „verlangt, dass die Arbeit den Massstab für die Güterverteilung bilden soll.“32 Und noch 30 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bandes des „Kapital“, nachdem auch der II. und III. Band bereits vorlagen und somit der Einblick in das Ganze des Marxschen System ermöglicht wurde, hatte T. Masaryk in Bezug auf die Marxsche Werttheorie denselben Standpunkt eingenommen „Marx hat […] die Bedeutung der Arbeit für das ganze moderne Leben gehörig beleuchtet. […] jetzt beginnt das Zeitalter der Arbeit … die soziale Gleichheit ist auf Arbeitsgleichheit begründet. Darin liegt die Bedeutung der Marxschen Werttheorie“.33 Das Zeitalter der Arbeit soll also erst beginnen und für dieses erst beginnende Zeitalter soll sich die Geltung des Wertgesetzes erstrecken. Was soll das heissen? Wurden denn bisher die wirtschaftlichen Güter, seit den Anfängen der menschlichen Kultur bis auf unsere Tage, ohne Arbeit gewonnen? Wenn die Bedeutung der Marxschen Werttheorie darin zu suchen ist, dass sie die soziale Gleichheit auf der Arbeitsgleichheit zu begründen sucht, und wenn eben dieser Tatbestand mit der Phasexx vom „beginnenden Zeitalter der Arbeit“ bezeichnet ist, so ist es klar, dass dieses Zeitalter in die Zukunft verlegt wird. Denn die „soziale Gleichheit“ bestand in der auf Privateigentum aufgebauten Wirtschaftsordnung in der Vergangen- 32 Fr. Kleinwächter, Grundlagen d. wissenschaftlichen Sozialismus. 1885. S. 65/66, 68. 33 T. Masaryk, l. c. S. 310/311. 56 heit ebensowenig, wie sie gegenwärtig besteht, nachdem der Kapitalismus eben ein „System der Ungleichheit ist“.34 Als theoretische Widerspiegelung der realen Erscheinungen des Kapitalismus müsste ja doch die Marxsche Werttheorie imstande sein, auch die Marktvorgänge der langen vielhundertjährigen, auf der Ungleichheit beruhenden Ausbeutungsperiode wissenschaftlich zu erklären. Diese Funktion der Marxschen Werttheorie wird aber von Masaryk geleugnet und ihre Gültigkeit bloss auf das kommende Zeitalter der sozialen Gleichheit beschränkt. Endlich noch 1908, also bereits nach dem Erscheinen der Marxschen Mehrwerttheorien, führte Marc Aucuy aus: „On peut considérer que, l’œil fixé sur l’idéal et non sur la réalité, Karl Marx a donné, au début de son ouvrage Le Capital, la règle de détermination de la valeur au régime collectiviste. La portée réaliste de cette dernière théorie est en effet nulle. Il suffit de l’énoncer pour le montrer.“35 – Noch prägnanter einige Seiten weiter: „La théorie de la détermination de la valeur en travail est trop évidemment fausse quand elle se donne comme une expression de la réalité“. Nach Aucuy sei sie vielmehr zu betrachten „comme expression théorique de ce quixxi doit être.“36 – „Personne ne maintient plus cette théorie (marxiste) comme une interprétation scientifique des faits. Mais elle est du moins le tableau figuré de l’avenir, elle estxxii l’idéal des transformations futures, essentiellement orientées vers la répartition.“37 Und sogar die logische Schulung Max Webers hat ihn vor ähnlichen Missgriffen nicht bewahrt. Indem nämlich Weber auf den Begriff des wirtschaftlichen Wertes der Nationalökonomie zu sprechen kommt, sagt er: „Von der Scholastik an bis in die Marxsche Theorie hinein verquickt sich hier der Gedanke von etwas ‚objektiv‘ Geltendem, d. h. also: Sein sollenden, mit einer Abstraktion aus dem empirischen Verlauf der Preisbildung. … jener Gedanke, dass der ‚Wert‘ der Güter nach bestimmten ‚naturrechtlichen‘ Prinzipien reguliert sein sollexxiii“.38 Auch nach Weber haben wir es somit bei Marx nicht mit der begrifflichen Fassung und Erklärung der wirklichen Tauschvorgänge, sondern mit einer ethischen Norm des „sein sollenden“, also mit einem Postulat für die Zukunft zu tun. 34 [Im Ts. nicht ausgeführt.] 35 Marc Aucuy, Les Systèmes socialistes d’échange. Paris 1908. p. 82. 36 L. c. S. 86/87. 37 L. c. S. 107/108. 38 M. Weber, Die Objektivität sozialwissenschaftlicher [und sozialpolitischer] Erkenntnis. (In: „Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre“. Tübingen 1922. S. 196.) 57 Die groteske Ungeheuerlichkeit dieser Behauptung wird noch dadurch gesteigert, dass sie zu Konsequenzen führt, welche die Unhaltbarkeit jener Behauptung noch krasser hervortreten lässt. Verlegt man nämlich die Geltung des Marxschen Wertgesetzes in die Zukunft, so muss man notwendigerweise eine zeitliche Einschränkung gelten lassen. Aus dem Gothaer Brief (1875) von Marx wissen wir nämlich, dass nach seiner Lehre das Aequivalent-Prinzip zwischen Leistung und Gegenleistung nur in der primitiven Anfangsphase des Kollektivstaates zur Anwendung gelangen wird, und zwar in der Phase: „wie die kommunistische Gesellschaft eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht.xxiv“39 Nur hier „erhält der einzelne Produzent – nach den Abzügen – exakt zurück, was er ihr gibt … Dasselbe Quantum Arbeit, das er der Gesellschaft in einer Form gegeben hat, erhält er in der anderen zurück.“40 „In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, […] nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch die Produktionskräfte gewachsen sind, und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fliessen – erst dann kannxxv der enge bürgerliche Rechthorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf xxvi ihre Fahnen schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, Jedem nach seinen Bedürfnissen!“41 In dieser höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft verliert das Wertgesetz als regelndes Prinzip des Warenaustausches jeden Sinn, da hier jeder Warenaustausch selbst fortfällt. Vergegenwärtigen wir uns diesen Sachverhalt, so müssen wir notwendig zum Ergebnis gelangen, dass nach der zitierten Auffassung die Geltung der Marxschen Werttheorie sich weder auf die kapitalistische Gegenwart noch weniger aber auf die eigentliche kommunistische Zukunftsgesellschaft erstrecken würde,42 sondern bloss für die relativ kurze Uebergangsperiode aus der kapitalistischen zur wahrhaft kommunistischen Wirtschaftsweise diese Geltung beanspruchen könnte. Die Marxsche Werttheorie, wie sie uns im „Kapital“ vorliegt, und die ja den wesentlichen Bestandteil des Systems ausmacht, wäre somit eigentlich nur für diese Uebergangsperiode gedacht und geschrieben. Man braucht nur diese mit 39 Marx, Gothaer Brief. Neue Zeit. [9. Jg.] 1890/91. Bd. I. S. 566. 40 Ebda. 41 Ebda. S. 567. 42 Bemerkt doch schon Schäffle richtig, dass „wenn […] der Sozialismus […] überhaupt nicht im Verhältnis des Wertes der Arbeitsleistungen eines jeden, sondern im Verhältnis der […] Bedürfnisse austeilen will ... Dann ist der Marxsche Arbeitskostenwert als Verteilungsmassstab selbstverständlich gegenstandslos“. (Quintessenz, l. c. S. 48.) 58 zwingender Notwendigkeit aus der gemachten Annahme sich ergebenden Konsequenzen klar herauszukristallisieren und auszusprechen, um die ganze Haltlosigkeit jener Annahmen zu offenbaren. Während die soeben erwähnte Richtung der bürgerlichen Marx-Kritik sich bemüht hat, die Geltung der Marxschen Werttheorie in die Zukunft zu verlegen, so hat umgekehrt eine weitere theoretische Gruppe versucht, die Gültigkeit der Marxschen Werttheorie in die Vergangenheit zu verschieben. Beiden Richtungen ist der Gedanke gemeinsam, dass die Marxsche Werttheorie für die Erklärung der Preiserscheinungen der kapitalistischen Gegenwart nicht gültig ist, worin zugleich das psycholgische Motiv und der eigentliche Hintergedanke der bürgerlichen Oekonomik sich manifestiert, nämlich die Schlussfolgerung, dass alle für die bestehende Wirtschaftsordnung gefährlichen Konsequenzen der Arbeitswertlehre eo ipso gegenstandslos sind. Die Quelle und das Vorbild dieser kritischen Richtung ist in dem Verfahren Adam Smith’ zu suchen, der bekanntlich, obwohl er die Theorie entwickelt, dass die Arbeit die Quelle allen Reichtums und Wertes ist und dass die Arbeitszeit das Mass des Wertes sei, dennoch die Gültigkeit dieser Lehre in die Vergangenheit verlegte und behauptete, dass zwar der Wert der Ware durch die in ihr enthaltene Arbeitszeit bestimmt wird, aber nur „in den Anfängen der Gesellschaft“, solange sich kein Privateigentum an Grund und Boden und kein Kapital herausgebildet hat. Hier werden Aequivalente ausgetauscht. Das Gesetz der Werte verliert aber seine Geltung, sobald Kapital und Grundeigentum sich gebildet haben. Denn nun verlangt der Grundeigentümer sowie der Kapitalist einen Teil vom Arbeitsertrag des Arbeiters fürxxvii die Ueberlassung der Produktionsmittel in Form von Profit und Rente, folglich ist vom Austausch der Aequivalente keine Rede mehr;43 das Gesetz der Werte widerspricht in der kapitalistischen Produktion den Tatsachen. Marx ist gegen die Smithsche Auffassung, die später (1821) von Torrens erneutxxviii aufgetischt wurde, mit Entschlossenheit aufgetreten. Marx leugnet, „dass das Gesetz des Wertes, das aus der kapitalistischen Produktion abstrahiert ist, ihren Erscheinungen widerspricht.“44 Und gegenüber dem Smithschen Versuch, die Gültigkeit des Wertgesetzes bloss für die vorkapitalistische Periode einzuschränken, fügt er mit beissender Ironie hinzu: „Also das Gesetz der Ware soll da sein in einer Produktion, die keine Waren (oder nur teilweise) erzeugt, und soll nicht da sein auf Grundlage der 43 Adam Smith, Wealth of Nations. B. I. Chapt. VIII. 44 Marx, Mehrwerttheor. III. S. 78. 59 Produktion, deren Basis das Dasein des Produktes als Ware ist. Das Gesetz selbst wie die Ware als allgemeine Form des Produkts ist abstrahiert aus der kapitalistischen Produktion, und gerade für sie soll es nicht gelten.“45 Die beissende Marxsche Kritik des Smithschen Versuches, die Geltung des Wertgesetzes aus der kapitalistischen Gegenwart in die Vergangenheit, in die historische Vorstufe des Privateigentums zu verlegen, hat dennoch R. Wilbrandt von einem ähnlichen Bemühen nicht zurückgehalten. Im Bewusstsein, dass es ihm geglückt ist, eine originelle Entdeckung gemacht zu haben, belehrt Wilbrandt die Welt, die Marxsche Wertlehre im ersten Bande des „Kapital“ sei bisher allgemein missverstanden worden, und nur deshalb sei es möglich gewesen, von einem „Widerspruch“ zwischen ihm und der Darstellung des dritten Bandes zu sprechen.46 Der Widerspruch verschwinde aber, sobald die Wertlehre des ersten Bandes richtig verstanden werde. Worin liegt nun die grosse Entdeckung Wilbrandts? Hören wir zu: „Wenn im Band III/1 für die Gegenwart, im Gegensatz zu dem am Anfang von Band I gewählten Ausgangspunkt, die Produktionskosten samt dem heute selbstverständlichen Kapitalgewinn den Warenpreis bilden … So ist der Anfang von Band I nicht als Bild der Gegenwart zu verstehen, wie all die Kritik es irrtümlich annahm, sondern erst Band III/1 (S. 120–179) führt bis an die Gegenwart heran und zeigt (S. 155 f.), wie der Anfang gemeint war: als Bild der historischen Vorstufe vor der kapitalistischen Produktion – der Tauschverkehr zwischen den Handwerkern und Bauern –, so dass ‚nicht nur logisch, sondern auch historisch‘ (Bd. III/1. S. 156) die ‚Werte der Waren als das Prius der Produktionspreise‘ (einschliesslich Kapitalgewinn) zu betrachten sind.“47 Als scheinbare Bestätigung der Wilbrandtschen Auffassung könnte der bekannte Aufsatz von Engels „Ergänzung und Nachtrag zum drittten Buch des ‚Kapital‘“ gelten, wo Engels bekanntlich daraufhin weist, dass, wenn das in den Anfangskapiteln des „Kapital“ formulierte Marxsche Wertgesetz nicht unmittelbar mit den Erscheinungen der kapitalistischen Warenproduktion zusammenfällt, dies auf den Vorstufen des Kapitalismus anders war, wo die ausgetauschten Warenwerte unmittelbar dem Quantum der geleisteten Arbeit entsprochen haben. „Das Marxsche Wertgesetz – sagt daher Engels – gilt allgemein […] für die ganze Periode der einfachen Warenproduktion“. – „Das Marxsche Wertgesetz hat also ökonomisch allgemeine Gültigkeit für eine Zeitdauer, die vom Anfang des die Produkte in Waren verwandelnden Austausches bis ins 15. Jahrhundert unserer Zeitrechnung dauert. Der Warenaustausch aber datiert von einer 45 Ebda. III. S. 80. 46 R. Wilbrandt, Karl Marx. Versuch einer Würdigung. 4. Aufl. 1920. S.104. 47 Ebda. S. 105/106. 60 Zeit, die vor aller geschriebenen Geschichte liegt, die in Aegypten auf mindestens dritthalbtausend, vielleicht fünftausend, in Babylonien auf viertausend, vielleicht sechstausend Jahre vor unserer Zeitrechnung zurückführt; das Wertgesetz hat also geherrscht während einer Periode von 5– 7 Jahrtausenden.“48 Das Wertgesetz hat geherrscht. Welche Bedeutung hat es aber für die entwickelte kapitalistische Warenproduktion, d. h. für die kapitalistische Wirklichkeit, für die Gegenwart? Wie interessant auch die Engelsschen Ausführungen sein mögen, sie brechen in dem entscheidenden Momente ab, wo die Funktion des Wertgesetzes in der gegenwärtigen Realität zu zeigen war, und die Antwort auf diese grundlegende Frage wird bei Engels nicht gegeben. So hat es die Kritik leicht gehabt, den fragmentarischen Charakter des Engelsschen Aufsatzes ausnützend, die Haltlosigkeit der Marxschen Wertlehre bei der Erklärung der Tauschvorgänge der realen Wirklichkeit zu behaupten.xxix So wendet sich G. Sorel mit billigem Hohn gegen die Engelssche Darstellung, das Wertgesetz hätte allgemein gegolten für die ganze Periode der einfachen Warenproduktion. „Aber was bedeutet diese Theorie jetzt? Wenn man die Engelssche Interpretation akzeptiert, wie kann man sich eines Gesetzes bedienen, dessen Gültigkeit seit dem 15. Jahrhundert behoben wurde? Was bedeutet dann die Marxsche Theorie?xxx“49 Und nicht anders urteilt K. Diehl. „Tatsächlich liegt in diesen Ausführungen von Marx und den dazugehörigen Erläuterungen von Engels das Eingeständnis enthalten, dass das Marxsche Wertgesetz gerade mit der Periode der Wirtschaftsgeschichte aufhört, wo erst die Phänomene sich entwickeln, deren Analyse Marx als seine Hauptaufgabe betrachtet – nämlich die Epoche der kapitalistischen Produktionsweise“.50 b) Die Verschiebung des Geltungsbereiches des Wertgesetzes aus der Welt der realen Erscheinungen in die Welt des Denkens. Haben die soeben genannten Autoren die Geltung des Wertgesetztes innerhalb der Zeit, aus der Gegenwart in die Vergangenheit oder in die Zukunft verschoben, so verschiebt eine andere Gruppe von Theoretikern die Geltung des Wertgesetztes aus der Welt der realen Phänomene in die Welt [48 Fr. Engels’ letzte Arbeit: Ergänzung und Nachtrag zum dritten Buch des „Kapital“. In: Die Neue Zeit. Stuttgart. 14. Jg. 1895/1896. Bd. 1. S. 39.] 49 G. Sorel, Sur la théorie Marxiste de la valeur. (Journ. d. Économistes. Paris 1897. Mai.) 50 K. Diehl, Ueber das Verhältnis v. Wert u. Preis. S. 19. 61 der Gedankendinge. Bekanntlich hat bereits Konrad Schmidt das Wertgesetz als eine „Hypothese zur Erklärung der Wirklichkeit“, als „einen für unser Denken unentbehrlichen Begriff“ erklärt.51 Auch in seinen späteren Aufsätzen, z. B. über „Marxistische Orthodoxie“ (1913), meint er, das Marxsche Wertgesetz sei nichts anderes „als ein Denkmittel der Orientierung“.52 Besonders krass tritt diese Auffassung, welche dem Werte jede reale Bedeutung abspricht, bei W. Sombart zutage. Die empirische Welt zeigt uns eine Mannigfaltigkeit qualitativ verschiedener Arbeitsprodukte. Der Wertbegriff besteht darin, dass wir uns die Waren „in Beziehung zu einander vorstellen“xxxi (S. 576). Die Produktionskraft der Arbeit „ist zunächst nur eine technische Tatsache …: sie äussert sich darin, dass eine besonders geartete, d. h. konkrete und individuelle Arbeit eine Menge qualitativ bestimmter Gebrauchswerte in gegebener Zeit zu erzeugen vermag.“ Der Wertbegriff hat bei Marx diese qualitativen Verschiedenheiten auf einen gemeinsamen Nenner, also qualitative Dieselbigkeit zu bringen. „Mittels der Wertvorstellung nun lösche ich die qualitative Unterschiedlichkeit in der produktiven Arbeit aus.“ Und zwar, „indem ich […] die Waren als Verkörperung unterschiedsloser, abstrakt gesellschaftlicher Arbeit denke“. Dem Wert kommt keine reale Existenz zu, er ist ein Hilfsmittel unseres Denkens, ein Mittel, die Phänomene des Wirtschaftslebens uns verständlich zu machen, „er ist eine logische Tatsache.“ Seine Funktion besteht darin, „uns die als Gebrauchsgüter qualitativ verschiedenen Waren in quantitativer Bestimmtheit erscheinen zu lassen.“ (S. 574.) Der „Wert ist keine empirische, sondern eine gedankliche Tatsache.“53 Mit dieser Verschiebung des Wertes aus der Welt der Erscheinungen in die Welt der Logik ist von neuem der Versuch zur Rückkehr in die Vorstellungen der klassischen Oekonomik unternommen. Mit der Darstellung des Wertes als einer Denknotwendigkeit, als einer quantitativ-begrifflichen Zusammenfassung der empirisch gegebenen qualitativen Mannigfaltigkeit, wird der konkret-geschichtliche, also transitorische Charakter des Wertes – sowohl als reale Erscheinung als auch als gedankliche Vorstellung, wie sie beide nur der warenproduzierenden Tauschgesellschaft eigentümlich sind – verdunkelt und ausgelöscht. Dadurch wird die einer bestimmten historischen Periode eigentümliche, in eine logische, somit unhistorische, nichtvergängliche, ewige Kategorie verwandelt. 51 Konrad Schmidt, Die Durchschnittsprofitrate [Auslassung im Ts.] K. Diehl, a. a. O. S. 6.xxx-a 52 Konrad Schmidt. Sozialist. Monatshefte 1913/I. S. 488. 53 W. Sombart, Zur Kritik d. ökonom. Systems v. Karl Marx. (Brauns Archiv f. soziale Gesetzgeb. u. Statist. Bd. VII. 1894. [S. 574.]) 62 Hier ist auch Diehl zuzurechnen, der in seiner 1898 erschienenen Abhandlung ueber das Verhältnis von Wert und Preis bei Marx sagt: „Der Preis einer Ware ist eine konkrete Mengenbestimmung: er zeigt uns die Menge Güter bezw. die Menge des Geldes an, die für die Hingabe dieser Ware festgesetzt ist. Der Wert ist dagegen eine Abstraktion; wenn wir vom Werte der Waren sprechen, meinen wir das regulierende Prinzip, das der Preisbildung zugrunde liegt.“54 Freilich, bei Marx sollte der Wert eine andere Bedeutung haben. Die Sombartsche Interpretation des Wertes bei Marx als eines Hilfsmittels des Denkens ist, wie Diehl richtig sagt, „mit dem ganzen Geiste des Marxschen Werkes unvereinbar.“55 Zwischen Wert und Preis besteht bei Marx eine engere Beziehung, als Sombart glaubt. Marx verweist in wiederholten Erklärungen darauf, dass sich sein Wertgesetz mit naturgesetzlicher Gewalt durchsetzt. „Daraus geht hervor, dass Marx an eine reale Bedeutung seines Wertbegriffes gedacht hat“.56 Aber diese Absicht konnte Marx nicht verwirklichen, vielmehr musste er im III. Bande die Wertlehre des I. Bandes tatsächlich preisgeben. Es ist Marx nicht gelungen, die reale Geltung des Wertes nachzuweisen, und die Lehre des dritten Bandes „lässt die im I. Bande dargelegte Werttheorie als das erscheinen, was sie nach Marx gerade nicht sein sollte, nämlich als eine reine Hypothese“.57 Eine prinzipielle Kritik dieser Auffassung werden wir an anderer Stelle geben. Hier sei nur kurz gesagt: Wenn der Preis nach Diehls Auffassung eine reale Erscheinung ist, so muss er diesen Charakter auch dem Werte zugestehen. Denn beide sind nach Marx qualitativ dasselbe. „Preis, der qualitativ verschieden vom Wert, ist ein absurder Widerspruch.“58 Für die einzelnen Waren besteht der Unterschied zwischen Wert und Preis nur in quantitativer Differenz. Durch diese quantitative Inkongruenz kann aber der Charakter einer realen Erscheinung nicht abgesprochen werden. Was real existiert, wenn es 8 beträgt, hört nicht auf zu existieren, wenn nachgewiesen wird, dass es sich nachher in 6 und 2 gespalten hat. Vom gesamtgesellschaftlichen Standpunkt hört sogar die quantitative Inkongruenz auf, da hier Gesamtwert mit dem Gesamtpreis identisch ist. Die Schwierigkeiten, die bei der Interpretation der Marxschen Wertlehre sowohl für die Marxkritiker als auch für manche Marxisten entstehen, erklären sich daraus, dass man das Wert- und Preisproblem isoliert, als eine 54 K. Diehl, l. c. S. 4. 55 Ebda. S. 5. 56 Ebda. S. 5. 57 Ebda. S. 44. 58 Marx, K. III/1. S. 339. 63 interne Schwierigkeit der Werttheorie behandelte, ohne Zusammenhang mit der allgemeinen Methodik, die bei dem Aufbau des Marxschen Hauptwerkes angewendet wurde. Die Zweiteilung der Analyse der Austauschbeziehungen bei Marx: der Austausch der Waren zu ihren Werten und zu ihren Produktionspreisen, wurde sowohl seitens der Marx-Kritik als auch seitens der Verteidigung nicht prinzipiell, sondern eklektisch und kasuistisch behandelt. Die Kritiker behandelten diese Zweiteilung unter dem Gesichtspunkte des „Widerspruches“ zwischen der Lehre des I. und derjenigen des III. Bandes des „Kapital“. Die Verteidigung, insbesondere in der Formulierung Hilferdings, gab dem Problem eine spezifisch-historische Färbung: unter bestimmten historischen Voraussetzungen (einfache Warenproduktion) wurden die Waren zu ihren Werten, d. h. als Aequivalente ausgetauscht. Unter geänderten Verhältnissen, mit der Herausbildung der kapitalistischen Warenproduktion entwickelt sich der Austausch von Waren zu Produktionspreisen, die regelmässig von ihren Werten abweichen. Bei dieser Deutung des Wertgesetzes sind die Werte das historische Prius; das logische Prius geht verloren. Es bleibt ungeklärt, warum Marx, der doch gerade die kapitalistische Warenproduktion und nicht ihre vorkapitalistische Form (einfachen Warenaustausch) zum Objekt seiner Analyse nahm, warum er also seine Darstellung im ersten Band mit der Analyse jener Austauschform beginnt, die der vorkapitalistischen Warenproduktion eigentümlich ist? Es bleibt ungeklärt, warum Marx bei der Analyse der kapitalistischen Produktionsweise, in der der Austausch zu Produktionspreisen vorherrscht, die Annahme macht, dass die Waren zu ihren Werten ausgetauscht werden? Vom Standpunkt der von mir vertretenen Auffassung löst sich die Schwierigkeit in einfacher Weise. Ich habe an anderer Stelle gezeigt, „dass der Aufbau aller drei Bände des ‚Kapital‘ methodologisch auf dem bis in alle Details fein durchdachten und tatsächlich durchgeführten Annäherungsverfahren erfolgte, welches logisch mit dem Reproduktionsschema unzertrennlich verbunden ist.“59 Marx macht bei der Analyse des Kapitalismus eine Reihe vereinfachender Voraussetzungen. „Bereits in den ersten Kapiteln des Band I beschäftigt sich Marx nicht mit den unmittelbar gegebenen empirischen Erscheinungen, nicht mit Profit, Zins, Grundrente, etc., sondern mit ihrer ideellen Zusammenfassung, mit dem Mehrwert. Er beschäftigt sich nicht mit den empirisch gegebenen Preiserscheinungen, sondern geht von der fiktiven Voraussetzung aus, dass die Waren zu 59 Grossmann, Henryk, Die Aenderung des [ursprünglichen] Aufbauplanes des Marxschen „Kapital“ [und ihre Ursachen]. (In diesem Archiv. Jhrg. XIV. 1929. S. 330). 64 ihren Werten verkauft werden, was in sich die weitere Annahme einschliesst, dass der Produktionsapparat sich im Gleichgewichtszustand befindet, dass die Ware Arbeitskraft gleichfalls zu ihrem Werte verkauft wird, dass also keine Reservearmee besteht, dass endlich keine Konkurrenz stattfindet.“60 Wir sehen, dass Wert und Preisproblem, d. h. die Behandlung der Austauschphänomene im zweistufigen Verfahren, zunächst als Werte, nachher als Preise, bildet keinen internen Sonderfall der Werttheorie. Weder im Sinne Böhm-Bawerks, d. h. in der Richtung, dass das ursprüngliche Wertgesetz preisgegeben wird, weil es mit dem tatsächlichen Preisbildungsvorgang nicht vereinbar ist; noch im Sinne Hilferdings, d. h. dass die Zweiteilung in Wert und Preis sich aus der historischen Veränderung der Verhältnisse erkläre. Nach unserer Darstellung bildet die Zweiteilung der Analyse der Austauschverhältnisse keinen Spezialfall der Werttheorie, ergibt sich vielmehr notwendig als die Konsequenz der generellen Methodik, die der Marxschen Analyse des kapitalistischen Produktionsprozesses zugrunde liegt, ganz unabhängig von den tatsächlich erfolgten historischen Wandlungen der Wirtschaftsstruktur. Die Werte sind nicht nur ein historisches, sondern auch ein logisches Prius der Produktionspreise. Aus dem Wesen des Marxschen Annäherungsverfahrens ergibt sich, dass Marx sämtliche Erscheinungen des Kapitalismus zumindest zweimal behandeln muss; zunächst unter vereinfachender Voraussetzung, dann in definitiver, konkreter Gestalt. Denn zu jeder vereinfachenden Annahme gehört bei Marx eine nachträgliche Modifikation, durch welche erst die ursprünglich abstrakte Untersuchung stufenweise an die konkrete Erscheinungswelt angenähert wird.61 Wie ich an anderer Stelle gezeigt habe, bildet den Gegenstand der Marxschen Analyse zunächst nicht die empirische, sondern der „reine“ Kapitalismus in seinem „Normalverlauf“ auf Basis des Gleichgewichtes. Erst die an diesem „Normalkapitalismus“ in seiner „Kernstruktur“ gewonnenen Gesetze werdenxxxii nachträglich an dem Verlauf des empirisch gegebenen Kapitalismus geprüft und modifiziert. Die Zweiteilung der Analyse der Austauschverhältnisse fügt sich somit logisch in das von Marx generell angewandte Verfahren ein und bildet bloss ein Pendant zu den vielen anderen methodisch analog behandelten Fällen: des Austauschhandels, der Konkurrenz, der Ausschaltung des fixen Kapitals, der Ausschaltung sog. „dritter Personen“ (Beamte, Militärs, liberale Berufe, Künstler etc.), Annahme einer für sämtliche Produktionssphären gleichen, 60 Ebda. S. 337. 61 H. Grossmann, Das Akkumulations- u. Zusammenbruchsgesetz. 1929. S. VII u. S. 288. 65 einjährigen Umschlagsperiode, Annahme einer für alle Arbeiter sämtlicher Sphären gleichen Lohnhöhe und Ausbeutungsrate etc. Wie alle diese Annahmen nur einen vorläufigen Charakter haben und spätere Korrektur erfahren, so gilt dasselbe in Bezug auf das Wertproblem. Für dasselbe ergibt sich zunächst – unter Annahme eines sich im Gleichgewicht befindenden „Normalkapitalismus“ (Reproduktionsschema) – die Konsequenz des Austausches von Waren zu ihren Werten. Im Ergebnis dieser Annahme bilden sich jedoch in den einzelnen Produktionssphären verschiedene Profitraten heraus, was der konkreten Wirklichkeit widerspricht. Wenn dieser Widerspruch behoben werden soll, so müssen diese ursprünglich verschiedenen Profitraten nachträglich zu einer gleichen Durchschnittsprofitrate ausgeglichen, somit auch die anfängliche Annahme des Warenverkaufes zu ihren Werten nachträglich modifiziert werden. So werden die ursprünglichen Werte in Produktionspreise umgewandelt und die Analyse, die mit einer fiktiven Voraussetzung begann, an die konkrete Wirklichkeit angenähert. Wer über das Wesen der Marxschen Methode, über sein Annäherungsverfahren, im unklaren ist und diese stufenweise Behandlung des Wertproblems nicht sieht, der muss überall auf „Widersprüche“ stossen, weil er nicht imstande ist, die vorläufigen Zwischenerkenntnisse der Marxschen Analyse von ihren definitiven Ergebnissen abzusondern. Wenn man nicht weiss, dass Marx seine Darstellung nicht mit der Analyse des empirischen, sondern des vorgestellten „Normalkapitalismus“ beginnt und dass nur für diesen die fiktive Voraussetzung des Verkaufs der Waren zu ihren Werten gilt, dann muss man, wie dies Komorzynski tut, dieser theoretischen Annahme eine Wirklichkeitsgeltung beimessen. „Gewiss – sagt Komorzynski – hat Marx in der ursprünglichen Fassung seiner Lehre … das Gesetz, dass das quantitative Austauschverhältnis der Produkte durch deren Arbeitsgehalt geregelt werde, auf die Wirklichkeit bezogen.“62 Dass diese Behauptung nicht haltbar ist, ist nach dem Gesagten klar. c) Gegensatz zwischen Wert- und Preisrechnung. Aeltere Periode bis 1904: Prinzipieller Widerspruch zwischen dem Wertgesetz und dem Gesetz der Produktionspreise. Gegenüber den geschilderten Versuchen, zwischen der Marxschen Wertund Preislehre einen unüberbrückbaren Widerspruch zu konstruieren und zu behaupten, dass neben der in Band III des „Kapital“ entwickelten Preislehre die im Band I begründete Wertlehre nicht bestehen könne und 62 Komorzynski, l. c. S. 270. 66 daher für die Erklärung realer Erscheinungen der Gegenwart keine Geltung besitze, muss als gewaltiger Fortschritt jene Kritik bezeichnet werden, welche in der Marxschen Wert- und Preislehre nicht nur keinen Widerspruch erblickt, sondern vielmehr zwischen beiden einen methodologisch notwendigen Zusammenhang sieht, indem sie erkennt, dass im Marxschen System die Preise nicht das ursprünglich Gegebene sind und sich erst unter dem Druck des Strebens nach gleicher Profitrate aus den Werten entwickeln. Die Inkongruenz zwischen Wert und Preis bedeutet somit durchaus keinen Widerspruch, ist vielmehr für die Marxsche Lehre gerade das charakteristische Merkmal. „Die quantitative Inkongruenz – sagt Bortkiewicz – zwischen Wert und Preis (genauer Produktionspreis) bildet eine spezifische Eigentümlichkeit der Marxschen Theorie der kapitalistischen Volkswirtschaft.“63 Bortkiewicz bestreitet nicht die prinzipielle Zulässigkeit und Berechtigung einer solchen quantitativen Inkongruenz. Kurz vorher (1904) hat doch bereits Hilferding in seiner Polemik gegen Böhm-Bawerks Marx-Kritik auf die theoretischen Grundlagen der Marxschen Ableitung der Preise aus den ursprünglich gegebenen Werten hingewiesen und die logische Berechtigung einer solchen Ableitung gezeigt. Insbesondere hat Hilferding darauf hingewiesen, dass Marx im Band I des „Kapital“ die Tauschverhältnisse entwickelte, wie sie sich ergeben, wenn die Voraussetzung gilt, dass die Waren zu ihren Werten ausgetauscht werden, was für den Austausch „unter bestimmten historischen Voraussetzungen notwendig ist“, wie z. B. der Austausch in der einfachen Warenproduktion. Aber der Austausch der Waren zu ihren Werten ist nicht die Bedingung des Austausches überhaupt. „Unter geänderten historischen Voraussetzungen treten Modifikationen des Austausches ein“. (Kapitalistische Warenproduktion). Lassen sich diese Modifikationen, d. h. die Abweichungen der Preise von den Werten als gesetzmässige erkennen und sich „als Modifikationen des Wertgesetzes“ darstellen, also aus dem ursprünglichen Wertgesetz ableiten, „so beherrscht das Wertgesetz auch jetzt, wenn auch in modifizierter Gestalt, den Austausch und die Preisbewegung.“ Die Preisbewegung ist nur als Modifikation der ursprünglichen Werte zu begreifen.64 Aber Hilferding, der die Marxsche Lehre von den Produktionspreisen anerkennt, ebenso wie vor ihm K. Diehl (1898), der sie mit dem Wertgesetz unvereinbar findet, behandelte nur das prinzipielle Verhältnis zwischen Wert und Preis, ohne sich darum zu kümmern, ob die Art und Weise, wie im Band III des „Kapital“ die Produktionspreise aus den Werten abgeleitet werden, an sich einwandfrei ist. Diese Frage hat Bortkiewicz in seinen 63 Bortkiewicz, Wertrechnung und Preisrechnung. Arch. Bd. 25 (1907). S. 10. 64 Hilferding, Böhm-Bawerks Marx Kritik. S. 29. 67 kritischen Aufsätzen näher untersucht, insbesondere die Klärung des spezifischen Verhältnisses von Wert und Preis bei Marx. Er hat sich nämlich die Frage vorgelegt, ob die von Marx bei der Ableitung der Preise aus den Werten angewandte Berechnungsmethode einwandfrei ist. In dieser Beziehung glaubt Bortkiewicz gegen Marx einen entscheidenden Angriff machen zu können. Er betrachtet auch sonst das Marxsche Wertgesetz als falsch und die an diesem von der bürgerlichen Oekonomik geübte Kritik als berechtigt. So stimmt er z. B. „rückhaltlos“ der Böhm-Bawerkschen Kritik der Marxschen Wert- und Preislehre „in einigen Punkten“ zu. Als „durchaus gelungen“ sei der Nachweis Böhms zu bezeichnen, dass die Marxsche Begründung des Wertgesetzes mangelhaft ist.65 Gleichfalls mit Recht habe Böhm auf den Zirkel in der Marxschen Beweisführung hingewiesen, den Marx bei der Reduktion der qualifizierten auf einfache Arbeit begeht.66 Ebenso ist Böhm im Recht, wenn er gegen Marx geltend macht, dass es unstatthaft sei, die Gesamtpreissumme, die sich für alle Waren ergibt, ihrem Gesamtwerte gleichzusetzen. Der Böhmsche Einwand, dass der Begriff „Gesamtwert aller Waren“ ein Nonsens sei, bestehe zu Recht, und es ist Böhm „ohne weiteres zuzugeben“, dass der numerische Wertoder Preisausdruck, der sich für alle Waren zusammengenommen ergibt, für die Frage des Austauschverhältnisses verschiedener Waren „total gleichgültig ist“. Die Begriffe Wert und Preis können nur dazu dienen, das Austauschverhältnis der Waren aufzuklären. Wirft man aber sämtliche Waren zu einem Ganzen zusammen, so kommen irgendwelche Austauschverhältnisse für diese Warengesamtheit nicht in Betracht. Daher erblickt Bortkiewicz in dem Hinweis, dass das Marxsche Wertgesetz zwar nicht für die einzelnen Waren, wohl aber für die Gesamtheit aller Waren gelte, bloss einen Versuch, das unhaltbare Marxsche Wertgesetz „zu retten“.67 Aber Bortkiewicz will die Unhaltbarkeit des Marxschen Wertgesetzes und der daraus sich ergebenden oder angeleiteten Konsequenzen noch von einer anderen Seite her beweisen. Wie schon der Titel seiner Abhandlung zeigt, glaubt er in der Art der Marxschen Preisrechnung und ihrer Ableitung aus der Wertrechnung einen Fehler in der grundlegenden theoretischen Konstruktion von Marx in exakter Weise, weil dies auf mathematischem Wege geschieht, nachweisen zu können.68 Er gibt zwar gegen- 65 Bortkiewicz, Wertrechn. u. Preisrechnung. Archiv Bd. 23. S. 7. 66 Ebda. S. 11. 67 Ebda. S. 12. 68 Bortkiewicz, Zur Berichtigung der grundlegenden theoretischen Konstruktion von Marx im dritten Band des „Kapital“. (Konrads Jahrb. f. Nationalök. u. Statist. III. Folge. Bd. 34. 1907. S. 319.) 68 überxxxiii dem Marxschen Standpunkt entgegenkommenderweise zu, dass von einem durch Böhm-Bawerk entdeckten „eklatanten Widerspruch“ zwischen dem Wertgesetz des ersten Bandes und dem Gesetz der Produktionspreise (der gleichen Profitrate) im dritten Band des „Kapital“ prinzipiell keine Rede sein kann. „Nun – heisst es bei Bortkiewicz weiter – kann man aber dieses zugestehen und nichtsdestoweniger der Meinung sein, dass das Verhältnis von Wert und Preis im ökonomischen System von Karl Marx keinen bloss scheinbaren, sondern einen wirklichen für dieses ganze System verhängnisvollen Widerspruch in sich schliesst.“69 Diesen Widerspruch nachzuweisen, stellte sich Bortkiewicz in seinen beiden genannten Abhandlungen zur Aufgabe, nämlich „zu zeigen, dass und worin Marx geirrt hat“.70 Um das eigentliche Schwergewicht der Bortkiewiczschen Kritik zu verstehen, muss man ihre wesentlichen Momente sowie die von der früheren Kritik der Marxschen Preistheorie unterscheidenden Merkmale erfassen. Die Kritiker der früheren Periode, wie z. B. K. Diehl, Böhm-Bawerk, Herkner usw., sahen ebenso wie bereits Bailey 1825 schon in der Tatsache der Abweichung der Preise von den Werten im Austausch einzelner Waren einen „Widerspruch“ der Marxschen Preislehre zu seiner Wertlehre und eine Preisgabe der letzteren, weil, wie K. Diehl meint: „Der Prüfstein jeder Werttheorie ist, ob sie für die unendlich verschlungenen und komplizierten einzelnen Preiserscheinungen die Regel zu liefern vermag; einen anderen Zweck kann die Werttheorie überhaupt nicht haben.“71 Da jedoch die Preise der einzelnen Waren dauernd und notwendig nicht dem Werte, d. h. der zu ihrer Reproduktion notwendigen Arbeitsmenge entsprechen, so erweist sich die im Band I dargelegte Werttheorie „als reine Hypothese, als ein absolut untaugliches Mittel zur Erklärung der wirklichen Preiserscheinungen.“72 Ebenso Böhm-Bawerk: „Was ist denn überhaupt die Aufgabe des Wertgesetzes? Doch nichts anderes als das in der Wirklichkeit beobachtete Austauschverhältnis der Güter aufzuklären.“73 – „Die Begriffe Wert und Preis können nur dazu dienen, das Austauschverhältnis einzelner Warenxxxiv aufzuklären. Wirft man aber sämtliche Güter zu einem Ganzen zu- 69 Bortkiewicz, Wert- u. Preisrechn. Arch. Bd. 23. S. 3. 70 Bortkiewicz, Zur Berichtig. l. c. S. 319. 71 K. Diehl, Verhältnis v. Wert u. Preis. S. 4. 72 Diehl, Verhältnis v. Wert u. Preis. S. 44. 73 Böhm-Bawerk, Kapital und Kapitalzins. 3. Aufl. 1914. I. 542 69 sammen, so kämen irgendwelche Austauschverhältnisse zwischen einzelnen Waren nichtxxxv mehr in Betracht, Wert- und Preisbestimmungen würden gegenstandslos.“74 Die Kritik dieser Art kann durch die 1904 erschienene Antikritik Hilferdings als erledigt betrachtet werden. Damit soll nicht gesagt sein, dass wir die Hilferdingsche Darstellung des Wert- und Preisverhältnisses im Marxschen System als fehlerfrei und erschöpfend betrachten. Im Gegenteil. Aber folgendes kann als sicheres Ergebnis jener Diskussion betrachtet werden: Sie hat gezeigt, dass jene bürgerlichen Kritiker einen individualistischen, Marx dagegen einen gesellschaftlichen Ausgangspunkt ihren Auffassungen zugrunde gelegt haben. Nicht die Erklärung individueller Preis- und Einkommens-Phänomene will uns Marx geben. „Es handelt sich Marx um den innerhalb einer Produktionsperiode neugeschaffenen Wert und um das Verhältnis, wie dieser neugeschaffene Wert zwischen Arbeiter und Kapitalistenklasse geteilt wird und so die Revenuen der drei grossen Klassen bildet.“ Wenn Marx nach dem Gesamtwert fragt, so tut er dies nur, „um innerhalb des Gesamtwertes die einzelnen für den kapitalistischen Distributionsprozess wichtigen Teile dieses Gesamtwertes zu sondern.“75 Den Dienst, diese gesellschaftlichen Zusammenhänge aufzudecken, leistet uns das Wertgesetz, und die Umrechnung der Werte in Preise ändert an diesem Ergebnis nichts, und eben deshalb ist „die Konstatierung, dass die Summe der Produktionspreise identisch ist mit der Summe der Werte, […] wichtig“,76 weil damit konstatiert wird, dass der Gesamtproduktionspreis nicht höher sein kann als der Gesamtwert, d. h. dass der Wertbildungsprozess nur in der Produktionssphäre als Resultat der Arbeit vonstatten geht, daher auch „aller Profit aus der Produktion und nicht aus der Zirkulation herstammt“, etwa durch irgendeinen Aufschlag, den der Kapitalist auf die fertige Ware nach ihrem Verlassen der Produktionssphäre macht. Andere Quelle des Profits als produktive Arbeit gibt es somit nicht. Daraus ergibt sich, dass auch für die gesellschaftliche Distribution und das Verhältnis der Kapitalisten- und Arbeiterklasse nur die Produktionssphäre ausschlaggebend ist, und dass die Umwandlung der Werte in Preise auch an diesem Verhältnis nichts ändert, da gesellschaftlich betrachtet die Mehrwertmasse und Profitmasse identisch sind. Das Distributionsverhältnis zwischen der Arbeiterklasse und Kapitalistenklasse, wie es 74 Böhm-Bawerk, Zum Abschluss des Marxschen Systems. (Festgaben f. Karl Knies.) Berlin 1896. S. 114 [–118].xxxv-a 75 Hilferding, Böhm-Bawerks Marx-Kritik. S. 33. 76 Ebda. S. 31. 70 sich aus der Wertbetrachtung ergibt, wird durch die Umwandlung der Werte in Produktionspreise nicht im mindesten tangiert.77 Die Betonung Hilferdings, dass die Ergebnisse der Wertrechnung mit jenen der Preisrechnung für die Gesellschaft identisch sind und dass auch die gesellschaftliche Distribution zwischen der Kapitalisten- und Arbeiterklasse nach beiden Rechnungsweisen keine Aenderung erfährt, war nur eine Bestätigung der Resultate, zu denen bereits W. Lexis 1885 anlässlich der Besprechung des II. Bandes des „Kapital“ gelangte.78 Auch er unterstreicht in Bezug auf die Art der Berechnung des Mehrwerts resp. des Kapitalgewinns den Umstand, „dass die Marxsche Wertbestimmung nach der Arbeitszeit dem Augenschein …, den die tatsächliche Preisbildung darbietet, unzweifelhaft widerspricht“.xxxvi Aber wenn die bereits erwähnten Marx-Kritiker aus dieser formellen Inkongruenz auf die innere Unhaltbarkeit der Marxschen Wertbestimmung und ihre Untauglichkeit zur Erklärung realer Zusammenhänge geschlossen haben, so ist Lexis weit entfernt, solche Einwände gegen die Marxsche Wertlehre zu erheben. Freilich müsse man sich darüber klar sein, was Marx mit seiner Wertlehre bezweckte, und nur von der Entscheidung dieser Frage hänge die Lösung des Widerspruches zwischen dem Wertgesetz und der tatsächlichen Preisbildung ab. Und mit grossem Scharfsinn gibt Lexis eine Lösung, die mit der später von Marx im Band III des „Kapital“ gegebenen im wesentlichen identisch ist. Lexis erklärt nun, die Lösung des Widerspruches ist unmöglich, wenn man als die Aufgabe des Wertgesetzes die Erklärung der Preise einzelner Waren betrachtet, wenn also „die verschiedenen Warenarten vereinzelt betrachtet werden und ihr Wert … gleich oder proportional ihrem Preise sein soll.“79 Aber die Marxsche Betrachtungsweise kann aufrecht erhalten werden, wenn man als die Aufgabe des Wertgesetzes nicht die Erklärung der Preisbildung einzelner Waren nach der in ihnen enthaltenen Arbeitsmenge betrachtet, sondern „nur die Warenproduktion im Ganzen und die Verteilung derselben unter die Gesamtklassen der Kapitalisten und der Arbeiter ins Auge fasst“.80 Die Marxschen Werte sind zwar mit den wirklichen Preisen nicht identisch, „können […] wohl aber als Ausgang- 77 Auf diese prinzipielle Kritik hat Böhm-Bawerk nicht geantwortet. In der 3. Auflage seines Buches „Kapital- und Kapitalzins“ (1914) erwähnt Böhm bloss die Antikritik Hilferdings mit der Bemerkung, sie habe ihm „in keiner Richtung einen Anlass zur Aenderung seiner Ansichten geboten“. (I. S. 541.) 78 W. Lexis, Die Marx’sche Kapitaltheorie. (Konrads Jahrbücher f. Nationalök. u. Statist. Neue Folge. Bd. XI. 1885.) 79 Ebenda. S. 461. 80 Ebenda. S. 462. 71 punkte einer Verschiebung betrachtet werden, die zu den wirklichen Preisen überführt.“ Betrachtet man nämlich als Bedingung der Preisbildung, dass gleichgrosse Kapitalien gleiche Gewinne erzielen, „so erfolgt die Ausgleichung des Kapitalgewinnes dadurch, dass die relativ viele Arbeiter beschäftigenden Kapitalisten von der Summe (des) Mehrwert(s) … einen Teil an die relativ weniger Arbeitskraft ausnutzenden Unternehmer abgeben müssen“.81 Auf diese Weise erfolgt die Verteilung derart, dass „von dem Gesamtprodukt … die Arbeiterklasse ... nur den notwendigen Lebensunterhalt erhält ...xxxvii Der andere, der Kapitalistenklasse zufallende Teil bildet … den Mehrwert. Die Mitglieder der Kapitalistenklasse verteilen nun diesen gesamten Mehrwert unter sich nicht nach Massgabe der von ihnen beschäftigten Arbeiterzahl, sondern nach Verhältnis der von jedem gestellten Kapitalgrösse“.82 Diese mit grossem Scharfsinn bereits 1885 gegebene Formulierung beweist am besten, indem sie die Resultate des dritten Bandes des „Kapital“ in Bezug auf die Preisrechnung antizipiert, dass diese Resultate im Wesen des Marxschen Wertgesetzes bereits enthalten sind und eine logische Konsequenz desselben bilden. Freilich Lexis will durch seine Ausführungen die Marxsche Wert- und Mehrwertlehre nicht ohne weiteres akzeptieren; zwar, sagt er, „kann […] der Kapitalgewinn in der dargelegten Weise abgeleitet werden. Aber nichts zwingt zu dieser Auffassung“; vielmehr führt die „vulgärökonomische“ Betrachtungsweise der Preiszuschläge zu den Selbstkostenpreisen „zu genau demselben Endresultate, und entspricht überdies unmittelbar dem augenscheinlichen wirklichen Verlaufe der Preisbildung“xxxviii.83 Denn wenn die Kapitalisten untereinander auf einer Seite als Käufer einen Teil dessen verlieren mögen, was sie als Verkäufer durch ihre Preiszuschläge zu den Selbstkosten gewinnen, so gilt dies nicht in ihrem Verhältnis zur Arbeiterklasse. Die Arbeiter sind vermöge ihrer ungünstigen Lage der Kapitalistenklasse gegenüber nicht imstande, einen ähnlichen Zuschlag auf ihre Ware, d. h. auf die Arbeitskraft, durchzusetzen und sind genötigt, sie zu Selbstkostenpreis, d. h. für den notwendigen Lebensunterhalt, zu verkaufen. So behalten die Preiszuschläge der Kapitalisten den Arbeitern gegenüber ihre volle Bedeutung und „bewirken die Uebertragung eines Teiles des Wertes der Gesamtproduktion auf die Kapitalistenklasse.“84 Lexis gelangt zum Ergebnis, dass die Marxsche Wert- 81 Ebenda. S. 464. 82 Ebenda. S. 462. 83 Ebenda. S. 454. 84 Ebenda. S. 453 u. S. 454. 72 lehre ebenso den Tatsachen entspricht wie die bürgerliche Preiszuschlagstheorie: „die Marxsche Mehrwertlehre und die tatsächlich befolgte Methode der kapitalistischen Preisaufschläge führen also hinsichtlich der Verteilung des Produktionsertrages zwischen Arbeitern und Kapitalisten zu demselben Ergebnis.“85 Einige Jahre später, 1889, hat Konrad Schmidt gleichfalls darauf hingewiesen, Marx habe im „Kapital“ das allgemeine Problem lösen wollen, „warum das jährliche nationale Arbeitsprodukt sich so und nicht anders zwischen […] verschiedenen Klassen der Gesellschaft verteile“.86 Die beiden soeben beschriebenen Betrachtungsweisen: die individualistische, auf die Bestimmung der Einzelpreise und Einzeleinkommen gerichtete Denkweise der bürgerlichen Oekonomik (in allen ihren Schattierungen von Böhm-Bawerk bis zu Liefmann und Schumpeter), im Gegensatz zur klassenmässig und gesellschaftlich orientierten Analyse von Marx, wird man am besten begreifen, wenn man den Unterschied beider genannten Methoden mit dem Unterschied der von Planck so benannten mikroskopischen und makroskopischen Methode der modernen Physik vergleichen wird.87 Die mikroskopische Methode erstrebt, um einen zeitlichen Verlauf eines Vorganges vollständig zu berechnen, bei Kenntnis der Anfangs- und Grenzbedingungen, genaue Angaben über Orte (Koordinaten) und Geschwindigkeiten aller einzelnen Moleküle. Ueberall jedoch, wo diese Methode unanwendbar ist, weil die aus Messungen zu gewinnenden Daten der Einzelwerke nicht ausreichen, und wo man dennoch nicht verzichten will, den Vorgang zu begreifen – und dies trifft gerade in Fällen zu, wo es sich um grundlegende Entwicklungstendenzen des physikalischen Gesamtsystems handelt, z. B. um das Prinzip der Vermehrung der Entropie, die Tendenz zum Ausgleich vorhandener Geschwindigkeitsdifferenzen, Temperaturunterschiede, Konzentrationsunterschiede –, überall dort greift die moderne Physik zu einem anderen Ausweg aus der Schwierigkeit: sie wendet das makroskopische Verfahren an. Bei dieser Methode kommt es nicht auf die Bestimmung von Einzelwerten, auf die Koordinaten aller Moleküle an; nicht die Anordnung einzelner Moleküle im Raume wird angegeben, vielmehr handelt es sich hier um gegenseitiges Verhältnis und Lage ganzer Elementargebiete, die also eine „bestimmte Raumverteilung im allgemeinen also im Durchschnitt“xxxix 85 Ebenda. S. 456. 86 Konrad Schmidt, Die Durchschnittsprofitrate auf Grundlage des Marx’schen Werthgesetzes. Stuttgart 1889. S. 111. 87 Max Planck, Vorlesungen über die Theorie der Wärmestrahlung. 4. Aufl. Leipzig 1921. 73 darstellen, während die tatsächlichen Lagen einzelner Moleküle als „Streuung“, d. h. als Abweichungen von diesem als „Mittelwerte“ gedachten Elementargebieten, verstanden werden. Die Physik charakterisiert ihre Uninteressiertheit an der Bestimmung dieser Einzelwerte durch die Annahme des Prinzips ihrer „elementaren Unordnung“. – „Der makroskopische Zustand … umfasst immer eine grosse Anzahl mikroskopischer Zustände, die er zu einem Mittelwert zusammenfasst.“88 Die Marxschen Werte können vom Standpunkt einer solchen Betrachtungsweise als theoretische „Mittelwerte“, also als Durchschnitte der empirisch gegebenen und um sie als „Streuung“ gelagerten „Produktionspreise“ angesehen werden. Die Fruchtbarkeit der Marxschen „makroskopischen“ Methode im Gegensatz zur „mikroskopischen“ Methode der bürgerlichen Oekonomie zeigt sich gerade darin, dass sie uns erlaubt, die grossen Entwicklungstendenzen des ökonomischen Gesamtsystems, d. h. den zeitlichen Verlauf in der Lage und gegenseitigem Verhältnis der grossen ökonomischen Klassen, zu bestimmen, ohne sich um die unzähligen und unkontrollierbaren Details der „mikroskopischen“ Bestimmung der Einzelpreise und Einzeleinkommen kümmern zu müssen. Marx interessiert die Frage nach der Grösse des Arbeitstributs, den die Arbeiterklasse an die Kapitalistenklasse zu entrichten hat. In jeder auf Basis des Privateigentums und der Klassenherrschaft organisierten Gesellschaft musste die beherrschte Klasse ein Tribut an die Oberschicht zahlen. „Das Kapital hat die Mehrarbeit nicht erfunden. Ueberall, wo ein Teil der Gesellschaft das Monopol der Produktionsmittel besitzt, muss der Arbeiter, frei oder unfrei, der zu seiner Selbsterhaltung notwendigen Arbeitszeit überschüssige Arbeitszeit zusetzen, um die Lebensmittel für den Eigner der Produktionsmittel zu produzieren, sei dieser Eigentümer nun atheniensischer Kalos Kagathosxl, etruskischer Theokrat, Civis romanus, normännischer Baron, amerikanischer Sklavenhändler, wallachischer Bojar, moderner Landlord oder Kapitalist.“89 – „Nur die Form, worin diese Mehrarbeit dem unmittelbaren Produzenten, dem Arbeiter, abgepresst wird, unterscheidet die ökonomischen Gesellschaftsorganisationenxli, z. B. die Gesellschaft der Sklaverei von der der Lohnarbeit.“90 In der kapitalistischen Produktionsweise ist diese Tributpflicht der Arbeiterklasse verschleiert durch das Wertgesetz, durch die Tatsache des „freiwil- 88 Ebenda. S. 120–122. 89 Marx, K. I. S. 219. 90 Ebenda. S. 199. 74 ligen“ Kaufes und Verkaufes der Ware Arbeitskraft, indem die Arbeiterklasse für ihre Ware Arbeitskraft, den Lohn als „Aequivalent“ empfängt. Unter dieser durch die Wert- und Geldform verhüllten Transaktion wird der wesentliche Inhalt, die Tributzahlunng seitens der Arbeiterklasse von der Kapitalistenklasse, erzwungen. Es handelt sich bei Marxxlii um die Bestimmung der Grösse dieses Tributes der Lohnarbeiterklasse. „Das Problem besteht in der exakten Bestimmung der Variationen der Mehrwertgrösse im Fortgang der Akkumulation“.91 Denn aus der Grösse des Mehrwertes in einem bestimmten Zeitpunkt ist das gegenseitige Verhältnis der Klassen, also die charakteristischen Merkmale für jede konkrete Phase des Kapitalismus ebenso abzulesen wie die Grösse des Dampfdruckes im Kessel aus dem Zeiger des Manometers. d) Gegensatz zwischen Wert- und Preisrechnung. Die Periode nach 1904: Zwischen Wert- und Preisrechnung besteht kein logischer Widerspruch, aber die Marxsche Ableitung der Preise aus den Werten sei fehlerhaft. Wenn die Gegner des Marxschen Systems auch nach dem Erscheinen der Hilferdingschen Antikritik ihre Angriffe gegen die Marxsche Lehre wirkungsvoll machen wollten, so mussten sie sich in ihrer Kritik gleichfalls auf den von Hilferding in den Vordergrund der Diskussion gerückten gesellschaftlichen Standpunkt stellen und von hier aus die Marxsche Wertund Preislehre angreifen. Diese neue Periode der Kritik eröffnet als erster der theoretische Führer des Revisionismus, Tugan-Baranowsky, bereits 1905, ein Jahr nach dem Erscheinen von Hilferdings Antikritik.92 Die Angriffe gegen die Marxsche Werttheorie sind bei ihm doppelter Natur. „Die Unvereinbarkeit dieser Theorie mit den realen Tatsachen der Preisbildung ist … offenkundig“.93 Aber diese Untauglichkeit zeigt sich nicht nur in Bezug auf die Preisbildung einzelner Waren, sondern auch in Bezug auf die Erklärung der gesellschaftlichen Preis- und Einkommensbildung sozialer Klassen. „Die Mehrwerttheorie (von Marx) kann nur dann widerlegt sein, wenn bewiesen wird, dass auch die Verteilung des gesellschaftlichen Einkommens zwischen verschiedenen Gesellschaftsklassen dem Mehrwertgesetze nicht folgt“.94 Um dies zu beweisen, unternimmt Tugan den Versuch zu zeigen, dass die Art und Weise, wie Marx die Durchschnittsprofitrate 91 Grossmann, Die Aenderung des [ursprünglichen Aufbau-] Planes des Marxschen Kapital [und ihre Ursachen]. L. c. S. 313. 92 Tugan-Baranowsky, Theoretische Grundlagen des Marxismus. Leipzig 1905. 93 Ebenda. S. 142. 94 Ebenda. S. 170. 75 berechnete, nicht stichhaltig sei. Nicht bloss in Bezug auf die Preise einzelner Waren verliert das Wert- und Mehrwertgesetz die Geltung, sondern auch in Bezug auf ganze Produktionszweige, eben bei der Berechnung der Durchschnittsprofitrate. Damit wollte Tugan beweisen, „dass auch in betreff des gesamten gesellschaftlichen Profits und der allgemeinen Profitrate dem Mehrwert nicht grössere Geltung zukommt, als in Bezug auf die Profite und Profitraten einzelner Kapitalisten in einzelnen Produktionszweigen. Die allgemeine Profitrate müsste eine ganz andere sein, als sie wirklich ist, wäre sie durch den Mehrwert bestimmt.“xliii Das ist natürlich, weil nicht nur die Geldpreise des Profits mit dem Mehrwert nicht zusammenfallen, sondern auch die Preise des variablen und konstanten Kapitals mit den Werten dieser Elemente in den einzelnen Produktionsabteilungen der gesellschaftlichen Produktion nicht zusammenfallen. Die Behauptung von Marx, dass die Abweichungen der Produktionspreise von den Werten „sich gegeneinander aufheben“, ist richtig „nur in Bezug auf das Ganze des gesellschaftlichen Produktes“, nicht aber in Bezug auf die Aussonderung innerhalb des gesellschaftlichen Gesamtwertes der Kategorie des gesellschaftlichen Kapitals und des mit ihm erzielten Profits, „wodurch die Höhe der gesellschaftlichen Profitrate festgestellt wird.“95 Aus dieser Divergenz der Wert- und Preisrechnung ergeben sich Unterschiede in der gesellschaftlichen Distribution unter die beiden grossen Gesellschaftsklassen der Kapitalisten und der Arbeiter, je nachdem es sich um die Wert- oder um die Preisrechnung handelt. Um kurz zusammenzufassen: Tugan wollte beweisen, „dass die allgemeine Profitrate mit dem Verhältnis des Mehrwerts zum gesellschaftlichen Kapital nicht übereinstimmt.96 Um dies zu beweisen und die Fehler der Marxschen Wert und Preisrechnung zu zeigen, gibt Tugan eine Illustration am schematischen Beispiel einer einfachen Reproduktion, wo nur Kapitalisten und Arbeiter existieren, wo von der Verschiedenheit der Umschlagsperioden des fixen und zirkulierenden Kapitals abgesehen und angenommen wird, dass das ganze konstante Kapital in jeder Produktionsperiode ganz umschlägt. Weiter werden drei Produktionssphären mit verschiedener organischer Zusammensetzung des Kapitals unterschieden: I Produktion von Produktionsmitteln, II Produktion von notwendigen Lebensmitteln für die Arbeiterklasse, III Produktion von Luxusmitteln für die herrschende Klasse. 95 Ebenda. S. 174. 96 Ebenda. 76 Dabei – im Gegensatz zu Marx – geht Tugan nicht von der Grundlage gegebener Werte des konstanten und variablen Kapitals und einer gegebenen Mehrwertrate, also auch einer gegebenen Mehrwertgrösse, aus, um von dieser Grundlage ausgehend, die Produktionspreise und die Höhe der Profitrate abzuleiten und zu berechnen, sondern er schlägt das entgegengesetzte Verfahren ein;xliv er will zeigen, wie von der Grundlage gegebener Produktionspreise und einer gegebenen Durchschnittsprofitrate ausgehend, sich dazu die entsprechenden Werte und die Mehrwertrate korrekt berechnen lassen, also „die Geldpreise in ihnen entsprechende Arbeitswerte verwandel(n).“97 A Preisrechnung B Wertrechnung I. 180 c + 60 v + 60 p = 300 I. 225 c + 90 v + 60 m = 375 II. 80 c + 80 v + 40 p = 200 II. 100 c + 120 v + 80 m = 300 III. 40 c + 60 v + 25 p = 125 III. 50 c + 90 v + 60 m = 200 I–III. 300 c + 200 v + 125 p = 625 I–III. 375 c + 300 v + 200 m = 875 Aus dem Vergleich der Ergebnisse beider Rechnungen glaubt Tugan die behauptete Inkongruenz nachweisen zu können. In der Wertrechnung beträgt die Mehrwertmasse 200 Einheiten, dagegen die Profitmasse in der Preisrechnung bloss 125. Auch prozentual berechnet – im Verhältnis zur Grösse des ausgelegten Kapitals – ergeben sich Differenzen. In der Wertrechnung beträgt die Profitrate 200/675 = beinahe 30 % (genau 29,6 %), dagegen in der Preisrechnung beträgt sie bloss 125/500 = 25 %. Die Mehrwertrate beträgt in der Wertrechnung 200/300 = 66 2/3 %, dagegen in der Preisrechnung 125/200 = 62,5 %. Auch das der Arbeiterklasse zukommende Einkommen stellt sich in der Wert- und Preisrechnung verschieden dar.xlv In der Wertrechnung beträgt das als Lohn der Arbeiterklasse zufallende variable Kapital 300 v, in der Preisrechnung bloss 200 v. Auch prozentual, als Anteil an dem Gesamtprodukt ist das Einkommen der Arbeiterklasse in den beiden Rechnungen verschieden. In der Wertrechnung beträgt es 300/875 = 34,3 %, in der Preisrechnung dagegen 200/625 = 32 %. Das konstante Kapital beträgt in der Wertrechnung 375 c, in der Preisrechnung 300 c. Endlich beträgt auch der Gesamtpreis bloss 625 gegenüber einem Gesamtwert von 875. Sowohl der Gewinnanteil der Kapitalisten als auch der Anteil der Arbeiter wie schliesslich die Grösse des konstanten Kapitals und die Summe des Jahrsprodukts sind in der Wert- und Preisrechnung verschieden. Die von Marx aufgestellten Gesetze des Wertes und des Mehrwertes lassen also nicht nur keine Anwendung auf die einzelnen Warenpreise und auf die Profite einzelner Kapitalisten zu, sie versagen nicht nur 97 Tugan, Theoretische Grundlagen. S. 172. 77 bei der Wertbestimmung des Jahresproduktes einzelner Produktionszweige, sondern sie bestimmen nicht einmal den Anteil der Kapitalistenklasse und der Arbeiterklasse im Ganzen an dem gesellschaftlichen Gesamtprodukt.98 An diese Tugansche Kritik der entscheidend wichtigen Punkte der Marxschen Lehre anknüpfend, sagt Bortkiewicz zustimmend: „In dieser Beziehung hat Tugan-Baranowsky Marx gegenüber unzweifelhaft recht“,99 – während er die Marx-Kritik Tugans in anderen Punkten, die sich nicht auf das Verhältnis von „Wertschema“ und „Preisschema“ beziehen, ziemlich schroff ablehnt.100 Es wäre überflüssig hier eine Kritik der Tuganschen Berechnungsweise zu geben. Sie eignet sich dafür nicht, zunächst aus methodischen Gründen. Wie wir bereits wissen, geht Tugan in seiner Berechnung – im Gegensatz zu Marx – nicht von gegebenen Wert- und Mehrwertgrössen aus, um zu den entsprechenden Preis- und Profitgrössen zu gelangen, sondern wendet das umgekehrte Verfahren an: er will zu den gegebenen Produktionspreisen und Profitmengen die entsprechenden Wert- und Mehrwertgrössen finden. Wenn man auch – mathematisch gesprochen – gegen die prinzipielle Berechtigung des Tuganschen Verfahrens nichts einwenden kann, soweit es nur richtig gehandhabt wäre, so ist es indes klar, dass es sich zur Aufzeigung der vermeintlichen oder wirklichen Fehler der Marxschen Preisrechnung absolut nicht eignet. Denn durch die prinzipielle Verschiedenheit der Verfahrenweise von Marx und Tugan muss die Tatsache verschleiert werden, „wer und wo“ die Rechenfehler begeht, Marx oder Tugan; durch die grundsätzliche Verschiedenheit beider Berechnungsmethoden fehlt bei ihrem Vergleich der gemeinsame Nenner: man kann nicht feststellen, worin der spezifische Unterschied der Marxschen und der Tuganschen Preisrechnung liegt; man sieht nur, dass Tugan zu einem anderen Resultate als Marx gelangt. Aber Tugan hat nicht bewiesen, dass dieses Resultat richtiger und berechtigter als das Marxsche ist. Wollte Tugan Marx bei seiner Ableitung der Produktionspreise aus den Werten einen Fehler nachweisen, so musste er ebenso wie Marx von den Werten ausgehen. In der Aenderung des grundsätzlichen Weges durch Tugan verbirgt sich seine Verschleierungsabsicht. Nun hat es aberxlvi Bortkiewicz unternommen, die von ihm akzeptierten Ergebnisse der Tuganschen Kritik an einem anderen Verfahren zu illus- 98 Tugan-Baranowsky, ebenda. S. 174. 99 Bortkiewicz, Wertrechnung u. Preisrechnung, Archiv Bd. 23. S. 47. 100 Ebenda. S. 42–44. 78 trieren und zu beweisen, welches ebenso wie das Marxsche von den Werten als gegebene Grössen ausgeht, um zu den Produktionspreisen zu gelangen. Nachdem dadurch das von Marx und von Bortkiewicz angewendete Verfahren sozusagen auf einen gemeinsamen Nenner reduziert worden sind und prinzipiell in Bezug auf den generellen Weg identisch sind, so ist es aus diesem Grunde vorzuziehen, sich kritisch mit Bortkiewicz und nicht mit Tugan auseinanderzusetzen, weil bei der Gleichheit des generellen Verfahrens von Marx und von Borkiewicz sofort die Unterschiede in den Details der Marxschen und Bortkiewiczschen Umrechnungsweise der Werte in Preise in die Augen springen und es ermöglichen, sie auf ihre Richtigkeit resp. ihre Fehler zu überprüfen. Zweitens aber ist das Verfahren von Bortkiewicz im Vergleich zu den primitivenxlvii mathematischen Methoden Tugans mathematisch feiner fundiert. Bortkiewicz beschränkt sich nicht auf die Angabe eines arithmetischen Schemabeispieles, sondern will eine allgemein gültige algebraische Formel für die Umrechnung der Werte und Preise geben und aus dieser allgemein gültigen korrekten Umrechnungsweise den „grundlegenden Fehler“ der Marxschen Berechnungsart zeigen. Dabei greift Bortkiewicz die Marxsche Wert- und Preisrechnung ebenso wie Tugan nicht vom individualistischen Standpunkt der Preisbildung einzelner Waren an, wie z. B. Böhm-Bawerk, sondern er greift die von Marx entwickelten Prinzipien der gesellschaftlichen Preisund Einkommensbildung an, den Ansatz, „dass der Gesamtprofit seinem numerischen Ausdruck nach mit dem Gesamtmehrwerte identifiziert wird“,101 sowie den weiteren Satz, dass die Summe der Warenwerte mit der Preissumme identisch ist. Von diesem gesellschaftlichen Blickpunkt aus will er „einen wirklichen für dieses […] (Marxsche) System verhängnisvollen Widerspruch“102 nachweisen. Während jedoch der von individualistischen Gesichtspunkten ausgehenden Kritik der früheren Periode in zahlreichen Abhandlungen von marxistischer Seite eine Antikritik folgte, ist die vielmehr einschneidendere Kritik Bortkiewicz’ unbeachtet und von marxistischer Seite unbeantwortet geblieben. Bortkiewicz, ein hervorragender Mathematiker und scharfsinniger Denker, ist zugleich ein glänzender Kenner der ökonomischen Literatur des von ihm behandelten Gebietes und – rara avis in der bürgerlichen Oekonomie – auch ein gründlicher Kenner der Marxschen Werke und der marxistischen Literatur. In einer längeren „kritischen Uebersicht über den Stand der Meinungen“xlviii werden unter dem Gesichtspunkte des von Bortkiewicz behandelten Themas die Werke und Aufsätze ver- 101 Wertrechnung u. Preisrechnung. Archiv Bd. 23. S. 12. 102 Ebenda. S. 3. 79 schiedener wissenschaftlicher Richtungen älterer und neuerer Zeit geprüft, und zwar von A. Smith, Ricardo, J. St. Mill, Marx und Engels, Böhm-Bawerk, Lexis, Zuckerkandlxlix, Komorzynski, Sombart, G. Simmel, A. Wagner, G. Adler, C. Schmidt, Kautsky, Hilferding, Firemanl, Tugan- Baranowsky, Diehl, Masaryk, Walras, Wieser, Stammler, Koppel, J. Rosenberg, Wencksternli, Dmitrieff, Kalinoff und vieler, vieler anderer Autoren. Und trotz aller persönlichen Vorzüge des Verfassers, trotz der Gründlichkeit seiner Untersuchung und der Wichtigkeit des behandelten Themas, endlich trotz der für das Marxsche System grossen Bedeutung der Schlussfolgerungen und Ergebnisse, zu welchen Bortkiewicz gelangte, blieb seine Kritik der Marxschen Wert- und Preisrechnung in der marxistischen Literatur seit 24 Jahren unbeantwortet.103 Es genügte, dass die Bortkiewiczsche Kritik in mathematischer Form präsentiert wurde, um schon allein aus diesem Grunde nicht nur die breiteren Leserkreise, sondern auch die marxistischen Theoretiker von einer Erörterung des so wichtigen Problems abzuschrecken. Aus diesem Beispiel lässt sich zugleich am besten ersehen, wie sorgsam die ältere Generation der Marxisten, die Kautskys und Bernstein, Boudin, Hilferding, und Otto Bauer allen unbequemen Problemen aus dem Wege gingen. II. Bortkiewicz’ Kritik der Marxschen Umrechnung der Werte in Preise und seine „Berichtigung“ derselben. a) Kritik. Nach welcher Richtung geht die Kritik Bortkiewicz’? Der Grundfehler Marxens liege nach Bortkiewicz darin, dass Marx die Umwandlung der Werte in Preise auf dem Wege zustande bringt, dass er den Wert des konstanten und variablen Kapitals, also den kapitalistischen „Kostpreis“ als 103 Dies muss umsomehr verwundern, als von Bortkiewicz direkt gegen Hilferding den Einwand erhebt, dass dieser in der Frage, „ob die Umwandlung der Werte in Preise bei Marx … als Rechenoperation […] stichhaltig sei, … es für überflüssig hält,li-a in dieser Beziehung irgend welche Ergänzungen zu den Darlegungen des ‚Kapital‘ zu machen. Hilferding nimmt kritiklos die Lehre hin, dass die Preissumme, die sich für alle Waren zusammengenommen ergibt, mit ihrem Gesamtwert übereinstimmt und dass zugleich der Gesamtprofit mit dem Gesamtmehrwert identisch ist. Es wird sich aus dem Nachstehenden ergeben, wie grundverkehrt diese Lehre ist.“ (Bortkiewicz, Wertrechnung und Preisrechnung. Bd. 23. S. 41.) 80 Bestandteil des Warenpreises unverändert aus der Wert- in die Preisrechnung übernimmt104 und die Umwandlung nur in Bezug auf den Mehrwertbestandteil des Warenwerts vornimmt. Und zwar lässt er den Mehrwert nicht in der von den Kapitalisten ursprünglich erzielten Grösse, sondern in einem anderen Verhältnis zu dem Kostpreis als Durchschnittsprofit zuschlagen. Durch diese Aenderung des Mehrwertbestandteiles der Ware wird ihr Wert in einenlii Produktionspreis geändert. In dem geschilderten Verfahren Marxens erblickt Bortkiewicz eine unzulässige Vermengung der Elemente der Wertrechnung mit jenen der Preisrechnung, wodurch seine „ganze Konstruktion der Preise unbrauchbar ist“.105 – „Es ist nun ein Leichtes, zu zeigen, dass das Verfahren, welches Marx zur Umwandlung der Werte in Preise benützt, verfehlt ist, weil dabei die beiden Prinzipien der Wert- und der Preisrechnung nicht streng genug auseinandergehalten werden.“106 Denn die Elemente des konstanten sowie des variablen Kapitals werden gleichfalls durch die Preisrechnung betroffen, können somit nicht in ihrer ursprünglichen Grösse, d. h. als Werte, in die Preisrechnung übernommen werden. Wenn man aber die Prinzipien beider Rechnungen zusammenwirft und die Preise aus den Werten in der Art, wie es Marx tat, ableitet, so ist nicht zu vermeiden, „dass man sich in innere Widersprüche verwickelt“.107 Der Einwand, dass Marx in die Preisrechnung Elemente der Wertrechnung hinübernimmt, findet sich bereits bei Böhm-Bawerk, worauf Bortkiewicz selbst hinweist.108 Böhm macht nämlich darauf aufmerksam, dass nach der Lehre des I. Bandes des „Kapital“ die Ware Arbeitskraft gleich jeder anderen Ware „zu ihrem Werte“ verkauft wird. Dagegen im dritten Band seines Werkes gibt Marx die Möglichkeit zu, „dass auch die notwendigen Lebensmittel der Arbeiter sich zu Produktionspreisen verkaufen können, die von der notwendigen Arbeitszeit abweichen. In diesem Fall, lehrt Marx, kann auch der variable Teil des Kapitales, […] ‚von seinem Werte abweichen‘“, und zwar dauernd abweichen.109 „Aber – meint Bortkiewicz – Böhm- Bawerk scheint sich der Tragweite dieses Einwands nicht ganz bewusst zu sein“, denn er hält sich bei demselben nicht länger auf und zieht daraus keine weiteren Konsequenzen für das Problem der gesellschaftlichen Dis- 104 Bortkiewicz, Wertrechnung u. Preisrechnung. Archiv Bd. 25. S. 16. 105 Ebenda. S. 17. 106 Ebenda. S. 15. 107 Ebenda. S. 16. 108 Bortkiewicz, Wertrechnung u. Preisrechnung. Arch. Bd. 23. S. 12. 109 Böhm-Bawerk, Zum Abschluss. S. 141. 81 tribution des Einkommens zwischen der Kapitalistenklasse und Arbeiterklasse. Bortkiewicz’ Kritik baut diesen Einwand Böhms generell aus in dem oben erwähnten Sinne. Um die korrekten Beziehungen zwischen Wertrechnung und Preisrechnung klarzulegen, knüpft Bortkiewicz an die Marxsche Berechnungsweise und an das Marxsche Schema an, um an ihm die Marxschen „Rechenfehler“ zu zeigen. Er nimmt also ein Schema der einfachen Reproduktion an mit ausschliesslicher Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise, wo nur die Kapitalisten- und Arbeiterklasse existiert, mit Ausschluss von selbständigen Handwerkern, Bauern. Weiter wird die Annahme gemacht, dass das gesamte Kapital (also auch das fixe Kapital) in einem Jahre gleichmässig umschlägt und daher ganz im Wert bezw. im Preis des Jahresprodukts wiedererscheint. Das Schema zerfällt in 3 Produktionssphären, die eine ungleiche organische Zusammensetzung der in ihnen investierten Kapitalien aufweisen. Die höchste ist in der Abt. I, wo Produktionsmittel, geringere in Abteilung II, wo Konsumtionsmittel der Arbeiter, und die geringste in Abt. III, wo Konsumtions- und Luxusmittel der Kapitalisten erzeugt werden. Die Mehrwertrate m/v beträgt stets 100 Prozent von v, wird somit in allen Produktionssphären als gleich angenommen, woraus folgt, dass die Profitrate m/c+v in den drei Produktionssphären verschieden ausfällt, und zwar höher ist in den Sphären mit niedriger organischer Kapitalzusammensetzung und umgekehrt. Bortkiewicz reproduziert zunächst das Marxsche Schema der Wert- und Preisrechnung (vgl. Tabelle I)liii, das aus 5 (I–V) Produktionssphären besteht. Die Wertsumme des Jahresprodukts 422 ist gleich der Preissumme, da die Abweichungen der Preise von den Werten in den einzelnen Produktionssphären sich im Endergebnis aufheben. Auch die Masse des Mehrwerts in der Wertrechnung, 110, ist identisch mit der Masse des Profits in der Preisrechnung. Schliesslich beträgt die Profitrate in beiden Rechnungen 22 %. Um eine Angriffsfläche gegen die Marxsche Darstellung zu erhalten, unternimmt Bortkiewicz eine Modifikation obiger Tabelle durch eine Reihe willkürlicher Annahmen. Er reduziert nämlich die Sphären I und V des Marxschen Schemas zusammen und macht die Annahme, dass in dieser Sphäre die notwendigen Lebensmittel für Arbeiter produziert werden. Diese Annahme macht er aus diesem Grunde, weil derliv Wert der Waren dieser Sphären (90 + 20) zufälligerweise genau so viel beträgt, wie die Arbeiter (aller fünf Sphären) an Löhnen bekommen, da das variable Kapital gleichfalls 110 beträgt. Weiter werden von Bortkiewicz auch die Marxschen Sphären III und IV in eine zusammengezogen, und willkürlich unterstellt, dass diese Sphären Produktionsmittel erzeugen, weil der Wert 82 des Jahresproduktes dieser Sphären (132 + 70) zufälligerweise mit dem Wert des in allen Sphären verbrauchten konstanten Kapitals (202) zusammenfällt. Schliesslich wird von Bortkiewicz unterstellt, dass in der Sphäre II Luxusmittel für Kapitalisten erzeugt werden, da hier der Wert des Jahresprodukts (110) mit dem in allen Sphären von den Kapitalisten erzielten Gesamtmehrwert übereinstimmt.110 Nach Vornahme analoger Reduktionen und Annahmen in dem Marxschen Schema der Preisrechnung (vgl. Tabelle I b)lv hat Bortkiewicz die Basis gewonnen, um die Fehler des Marxschen Verfahrens zu zeigen. Die „inneren Widersprüche“ desselben bestehen darin, dass in der Wertrechnung die Arbeiter 110 an variablem Kapital als Lohn erhalten. „Die Arbeiter müssten also imstande sein, für diese Tab. I lvi A. Wertrechnung (nach Marx) Konstantes Kapital c Variables Kapital v Verbrauchtes konstantes Kapital (ac) Mehrwert m Wert W Profitrate m/(c+v) I 80 20 50 20 90 20 % II 70 30 50 30 110 30 % III 60 40 52 40 132 40 % IV 85 15 40 15 70 15 % V 95 5 10 5 20 5 % I–V 390 110 202 110 422 22 % B. Preisrechnung (nach Marx) Konstantes Kapital c Variables Kapital v Verbrauchtes konstantes Kapital (ac) Kostpreis (ac + v) Profit m‘ Preis P Abweichungen d. Preises vom Wert P – W Profitrate m‘/(c+v) I 80 20 50 70 22 92 + 2 22 % II 70 30 50 80 22 102 – 8 22 % III 60 40 52 92 22 114 – 18 22 % IV 85 15 40 55 22 77 + 7 22 % V 95 5 10 15 22 37 + 17 22 % I–V 390 110 202 312 110 422 0 22 % 110 Bortkiewicz, Wertrechnung und Preisrechnung. Archiv Bd. 25. S. 15. 83 Tab. II Modifikation obiger Tabellen durch Bortkiewicz A. Wertrechnung Konstantes Kapital c Variables Kapital v Verbrauchtes konstantes Kapital (ac) Mehrwert m Wert W Profitrate m/(c+v) I 145 55 92 55 202 27 ½ % [Produktionsmittel] II 175 25 60 25 110 12 ½ % [Notwend. Lebensmittel] III 70 30 50 30 110 30 % [Luxusmittel] 390 110 202 110 422 22 % B. Preisrechnung Konstantes Kapital c Variables Kapital v Verbrauchtes konstantes Kapital (ac) Kostpreis (ac + v) Profit m‘ Preis P Abweichungen d. Preises vom Wert P – W Profitrate m‘/(c+v) I 145 55 92 147 44 191 – 11 22 % II 175 25 60 85 44 129 + 19 22 % III 70 30 50 80 22 102 – 8 22 % 390 110 202 312 110 422 0 22 % Summe die in (II)lvii produzierten Waren zu erwerben, weder mehr noch weniger“. Aber die Waren der Abt. II haben nach der Preisrechnung einen Preis von 129. „Die Arbeiter kommen also zu kurz oder anders: ein Teil der in (II) erzeugten Waren findet keinen Absatz. Das Preisschema hält also in dieser Beziehung nicht stand.“111 Dieselben Widersprüche zeigen sich bei den Konsumtionsmitteln der Kapitalisten. An Mehrwert erzielen die Unternehmer 110. Diese Summe reicht aus zum Ankauf von Luxusmitteln von der Abt. III in Werten, da der Wert der Produkte dieser Abteilung gleichfalls 110 beträgt. Indes nach der Umwandlung dieser Werte in Preise zeigen sich Inkongruenzen. Der Preis der Produkte der Abt. III beträgt 102, d. h. die Unternehmer haben an Kaufkraft einen Ueberschuss von 8, da ihr Profit 110 beträgt. Dasselbe zeigt sich in der Abt. I der Produktionsmittel. Es wird an konstantem Kapital (ac) verbraucht 202. Und ebendieselbe Grösse wird an konstantem 111 Ebenda. S. 16. 84 Kapital in der Abt. I der Wertrechnung neu produziert, so dass der Verbrauch restlos ersetzt werden kann. Dagegen innerhalb der Preisrechnung beträgt der Preis des in Abt. I neuproduzierten konstanten Kapitals bloss 191. Auch hier eine Inkongruenz zwischen vorhandener Kaufkraft und Warenpreis, es „kommen die Zahlen 202 und 191 heraus.“lviii Für diese „inneren Widersprüche“ ist nach Bortkiewicz somit „der Beweis erbracht“.112 Damit schreitet Bortkiewicz zu seinem zweiten Einwand. „Es ist möglich, ohne auf die Einzelheiten der Umwandlung der Werte und Preise einzugehen, den positiven Beweis zu führen, dass der Satz von der Gleichheit des Gesamtwertes und des Gesamtpreises – ein Satz, dem Marx und die Marxisten eine so grosse Bedeutung beilegen – im allgemeinen falsch ist.“113 Wie wird dieser „Beweis“ geführt? Es sei vorausgeschickt, dass Marx in seinen schematischen Beispielen die Umrechnung der Werte in Preise ohne Vermittlung der Goldwährung, also vom Zirkulationsmittel vornimmt. Das Geld dient bloss als Wertresp. Preismass, wobei Marx – wie ich an anderer Stelle zeigte114 –, um einen exakten Massstab zur Feststellung der Wertveränderungen auf der Warenseite zu besitzen, seiner Analyse die Voraussetzung des „unveränderten Wertes des Geldes“lix zugrunde legt.115 Auch der Satz von der Identität des gesellschaftlichen Gesamtwertes mit dem Gesamtpreis gilt selbstverständlich nur unter dieser Voraussetzung eines konstanten, d. h. sowohl in der Wertrechnung als auch in der Preisrechnung identischen Wertmassstabes, was Bortkiewicz wohl weiss und selbst bemerkt, dass Marx zu dem Ergebnis: Gesamtwert = Gesamtpreislx nur unter der Annahme gelangte, dass „das Preismass, wie es bei Marx der Fall ist, mit dem Wertmass übereinstimmt“.116 Dieselben methodologischen Erwägungen, welche Marx veranlassten von den real bestehenden Wertschwankungen des Geldes zu abstrahieren, bewogen ihn auch, von Preisschwankungen des Geldmassstabes abzusehen, die infolge des Ueberganges von der Wertrechnung zur Preisrechnung entstehen. Marx abstrahiert also allgemein von allen Wert- und Preisschwankungen; sein „Geld“, sein Wert- 112 Ebenda. S. 16. 113 Ebenda. S. 18. 114 Grossmann, Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz. 1929. S. 89. 115 Vgl. z. B. Marx, K. III/1. S. 118. – Die Versicherung Bortkiewicz’, dass Marx die Behauptung von der Identität des Gesamtwertes und des Gesamtpreises ganz allgemein aufstellt, „ohne jegliche Rücksicht auf die Produktionsverhältnisse des als Wert und Preismass auftretenden Gutes“ (Bortkiewicz, a. a. O. S. 20), ist nicht richtig; denn diese einschränkende Bedingung ist in der von Marx gemachten Annahme eines unveränderlichen Wertmassstabes eingeschlossen. 116 Bortkiewicz, a. a. O. S. 22. 85 und Preismassstab ist kein realer, sondern ein idealer, für die Zwecke exakter wissenschaftlicher Forschung konstruierter Massstab. Bortkiewicz hat das übersehen. Er bringt nun seinen „positiven Beweis“ dafür, dass der Satz von der Identität des Gesamtwerts und Gesamtpreises falsch ist in der Weise, dass er für die Wertrechnung einen anderen Wertmassstab als für die Preisrechnung annimmt. Nach der Marxschen Lehre von den Produktionspreisen werden die Waren mit einer höheren organischen Zusammensetzung des Kapitals als die durchschnittliche zu Preisen verkauft, die höher sind als ihre Werte. Umgekehrt werden Waren mit niedrigerer organischerlxi Zusammensetzung zu Preisen verkauft, die unter ihren Werten liegen. Bortkiewicz wendet nun diese Prinzipien der Umrechnung der Werte auch auf Gold, also auf das Gut an, welches als Wert- resp. Preismassstab dient. Wenn man annimmt, dass das Gold in der Sphäre mit der niedrigsten organischen Zusammensetzung produziert wird, so wird beim Uebergang von der Wertrechnung zur Preisrechnung auch der Wert des Goldes Modifikationen erleiden, und zwar wird es einen Preis erhalten, der unter seinem ursprünglichen Werte liegt.117 Der Geldmassstab ist kleiner geworden, d. h. das Geld wurde entwertet. Infolgedessen werden alle Waren sich gegen mehr Mengeneinheiten des Goldes austauschen, d. h. in der Preisrechnung werden nunmehr sämtliche Warenpreise, infolge der inzwischen erfolgten Aenderung des Massstabes, höher ausfallen als die entsprechenden Warenwerte. Folglich würde auch der Gesamtpreis aller Waren den Gesamtwert übertreffen. Würde umgekehrt das Gold nicht in der Sphäre mit der niedrigsten, sondern mit der höchsten organischen Zusammensetzung produziert sein, so müssten unter genannten Umständen sämtliche Warenpreise sinken, also auch ihr Gesamtpreis kleiner sein als der Gesamtwert. Wahrhaftig ein verblüffender Beweis. Er hat mit dem Folgenden grosse Aehnlichkeit: Angenommen dass man den Einfluss der Wärme auf die Dehnbarkeit der Körper messen will. Bei 0° Celsius beträgt z. B. die Länge eines Tisches einen Meter. Bei X° Celsius ist die Länge auf 1,20 gewachsen. Darauf würde Bortkiewicz antworten: Das stimmt nicht. Alles hängt davon ab, welchen Körper wir zum Massstab der Wärme nehmen, ob er unter dem Einfluss der Wärme sehr wenig oder sehr stark sich ausdehnt. Würde man als Massstab einen sehr stark dehnbaren Körper, z. B. Quecksilber in einer Glasröhre, nehmen, das bei 0° Celsius 1 Meter lang ist, aber bei X° Wärme seine ursprüngliche Länge verdoppelt, so würde sich zeigen, dass die Länge des Tisches unter dem Einfluss der Wärme nicht nur 117 Ebenda. S. 18. 86 nicht gewachsen ist, sondern sich auf 0,60 m kontrahierte. Die Behauptung, dass der Tisch sich ausdehnt, wäre falsch und nur möglich, wenn man die Veränderungen des Wärmemassstabes selbst nicht berücksichtigte. Bortkiewicz übersieht bei dieser Argumentation bloss die Tatsache, dass die Wissenschaft eben zu solchen Massstäben greift, die sich unter dem Einfluss der Wärme nicht verändern. Gibt es unter den wirklichen Körpern keine solchen, so konstruiert sich die Wissenschaft ideale Massstäbe. Kennt sie den Ausdehnungskoeffizienten des Wärmemassstabes, so ist sie imstande, die Korrektur der scheinbaren Tischlänge auf die wahrelxii Länge durchzuführen, wie das in jedem Handbuch der Physik zu lesen ist. Auch die Indices der Nationalökonomie, z. B. Indices der Geldentwertung, wollen nichts anderes, als die auf der Warenseite vorgehenden Preisänderungen von den Preisänderungen des Geldmassstabes bereinigen, d. h. also für die Warenpreise einen von den eigenen Wertänderungen des Geldes unabhängigen Massstab konstruieren. Dass durch die Aenderung des Massstabes an der Grösse der realen Erscheinungen, die zu erforschen sind (Tischlänge, Mehrwertgrösse), sich nichts ändern würde, ist selbstverständlich. In beiden genannten Fällen würden die Aenderungen der Warenpreise nicht durch Vorgänge auf der Warenseite erfolgen, nämlich durch Verwandlung der Werte in Produktionspreise, also nicht durch reale Aenderungen in der Verteilung des ursprünglich in den einzelnen Sphären erzielten Mehrwerts nach dem Gesetz der gleichen Profitrate, sondern die Aenderungen des Warenpreises würden stattfinden durch Aenderungen auf der Geldseite, also durch nominelle Aenderungen der Preisausdrücke infolge der Modifikation des Preismassstabes. Das Illusorische des Bortkiewiczschen „Beweises“ springt am krassesten in die Augen, wenn wir erwägen, dass auch im Fall, wenn auf der Warenseite keine Ausgleichung der in den einzelnen Sphären bestehenden verschiedenen Profitraten stattfände, wenn also keine Umrechnung der Werte in Produktionspreise erfolgen würde, durch die Annahme des Sinkens des Geldpreises sämtliche Warenpreise demnach steigen müssten. Freilich, eine solche nominelle „Umrechnung“ der Werte in Preise infolge der Aenderungen auf der Geldseite hat nichts zu tun mit der Verwandlung der Werte in Produktionspreise infolgelxiii realer Veränderungen in der Verteilung des Mehrwerts auf der Warenseite. Sie würde auch an dem richtigen Ergebnis der Marxschen Analyse: dass die reale Grösse der unter die Kapitalistenklasse zu verteilenden Profitsumme mit der ursprünglich erzeugten Mehrwertsumme identisch ist, nicht das Mindeste ändern, wenn auch die nominellen Geldpreise, in welchen sich nun diese Profitsumme ausdrücken würde, sich geändert hätten. Freilich, für Bortkiewicz ist der Wert (daher auch der Mehrwert als Teil des ersten) keine reale Grösse, sondern eine Verhältniszahl, ein Index! Die von Borkiewicz geübte Kritik zeigt uns 87 geradezu klassisch, wie gründlich er an der grundlegenden Marxschen Auffassung über das Verhältnis von Wesen und Erscheinung der sozialen Gebilde in ihrem wesentlichen Punkte, nämlich in der Lehre von der Funktion des Geldes überhaupt, vorbeiargumentiert! Der Kreislauf des Kapitals vollzieht sich in drei sich verschlingenden Kreislaufformen als produktives Kapital, Warenkapital Geldkapital: P–P, W–W, G–G. Dem Kapital als solchem kommen keine produktiven, sondern bloss distributive Funktionen zu. Wie der Magnet hat es die Fähigkeit, Portionen des Mehrwerts an sich zu reissen. Die Schöpfung des Mehrwerts erfolgt nur durch die lebendige Arbeit im Produktionsprozess. Indem ein Teil des Gesamtkapitals, das variable Kapital, in Ankauf der Arbeitskraft ausgelegt wird, entsteht der erste falsche Schein, als ob das Kapital, wenigstens sein variabler Teil, produktive Funktionen hätte, weil der Mehrwert proportional zur Grösse des variablen Kapitals ist. In dem oben gegebenenlxiv Schema beträgt in der Produktionssphäre: Variables Kapital Mehrwert I 55 55 II 25 25 III 30 30 Nur dieser innerhalb der Produktionssphäre erzielte Mehrwert stellt einen Wertzuwachs über das ausgelegte Kapital hinaus dar,lxv also dessen wirkliche Wertveränderung. „Die Wertveränderung gehört lediglich der Metamorphose P, dem Produktionsprozess, der so als reale Metamorphose des Kapitals, gegenüber den bloss formellen Metamorphosen der Zirkulation, erscheint.“118 Wie aber der Verbrecher ein Interesse hat, die Spuren seiner verbrecherischen Tat zu verwischen und als „ehrbarer Bürger“ zu erscheinen, ähnlich drängt das Klasseninteresse die Besitzenden und ihre Ideologen, diesen „inneren Zusammenhang“ des Mehrwertes mit der lebendigen Arbeit zu verhüllen und an jenem in der Erscheinung auffälligen Unterschieden festzuhalten,119 als ob er aus dem Kapital entspränge. Je mehr man sich von der Produktionssphäre, der Geburtsstätte des Mehrwerts entfernt, den Kreislauf P–P verlässt und die Kreislaufformen W–W, G–G betrachtet, sind die Quellen des Mehrwerts immer mehr verwischt und zuletzt zur Unkenntlichkeit verschüttet. Der Mehrwert ist, wie wir gesehen haben, proportional der Grösse des variablen Kapitals. Die „erste Stufe der Verwandlung“120 erfolgt zunächst durch einen blossen „Formwechsel“, 118 Marx, K. II. S. 26. 119 Marx, K. III/1. S. 147. 120 Ebenda. S. 146. 88 d. h. durch Umwandlung des Mehrwerts in Profit. Die absolute Grösse, die Masse des Mehrwerts, wird zunächst für einzelne Produktionszweige nicht geändert. Aber als Profit, d. h. durch Inbeziehungsetzung dieser Mehrwertmasse zum Gesamtkapital, ändert sich die ursprünglich gleiche Mehrwertrate in verschiedene Profitraten. Die Mehrwertrate beträgt im obigen Schema stets 100 %, die Profitraten in einzelnen Sphären 27 ½ %, 12 ½ %, 30 %. Aber weil die Profitmasse mit der Mehrwertmasse in den einzelnen Sphären noch identisch ist, besteht die Spur der Geburt des Mehrwerts, wenn schon in verschleierter Form, noch immer. Die weitere Stufe der Verwandlung, der Spurverwischung erfolgt durch die Ausgleichung der Profitraten in einzelnen Sphären zur Durchschnittsprofitrate, die im obigen Schema 22 % beträgt. Der Mehrwert wird an die Kapitalisten einzelner Produktionssphären verteilt, ohne Rücksicht auf die Zahl der bei seiner Schöpfung beschäftigten Arbeiter, sondern im Verhältnis zur Grösse des angelegten Kapitals. Dadurch ist die Spur der Genesis des Mehrwerts noch mehr verwischt. Die Identität des Mehrwerts mit dem Profit in den einzelnen Sphären besteht in der Regel nicht mehr und lässt sich nur noch für die Gesamtgesellschaft feststellen. In unserem Schema betrug in den einzelnen Sphären: der ursprüngliche Mehrwert der Profit I 55 44 II 25 44 III 30 22 Gesamtgesellschaft 110 110 „Der wirkliche Grössenunterschied zwischen Profit und Mehrwert – nicht nur zwischen Profitrate und Mehrwertrate – in den besonderen Produktionssphären versteckt nun völlig die wahre Natur und den Ursprung des Profits … Mit der Verwandlung der Werte in Produktionspreise wird die Grundlage der Wertbestimmung selbst dem Auge entrückt.“121 Damit ist aber der Prozess der Verschleierung nicht zu Ende. Wir haben ihn bisher nur innerhalb des industriellen Kapitals verfolgt, bis zu dem Momente, wo die ursprünglichen Werte in Produktionspreise verwandelt werden. Aber es folgt durch das Hinzutreten des kaufmännischen Kapitals, das gleichfalls am Mehrwert partizipiert, eine weitere Modifikation und Verhüllung der Abstammung des Mehrwerts, indem die Produktionspreise nun weiter in „merkantile Preise“122 verwandelt werden. Endlich in der Geldform des 121 Ebenda. S. 147. 122 Marx, K. III/I. S. 298. 89 Kapitals – auch wenn der Wert des Geldes konstant ist – werden die letzten Spuren des „wirklichen Ursprungs“ des Mehrwerts „verdunkelt und mystifiziert“lxvi.123 Eben deshalb nennt Marx die Geldform des Kapitals den „Geldfetisch“, die „begriffslose Form“, wo „jede Spur des Prozesses erloschen ist“.124 Die höchste und letzte Stufe der Verhüllung stellen die durch die Aenderung des Geldwertmassstabes hervorgerufenen formellen Metamorphosen im Geldausdruck dar. Sie ändern nichts an der Grösse des gemessenen Objektes, des Mehrwertes resp. Profits, sie verschütten aber bis zur Unkenntlichkeit jede Spur der Abstammung des Mehrwertes auch für die Gesamtgesellschaft. Nach unserem Schema beträgt der Gesamtmehrwert 422. Er wird in Profit von derselben Grösse verwandelt, so dass Gesamtmehrwert = Gesamtprofit ist. Durch die Aenderung im Preismassstab werden z. B. die Preise um 25 % steigen und der Gesamtprofit die Höhe 527,5 erreichen, während ursprünglich aus der Produktionssphäre ein Mehrwert von 422 herauskam. Woher sind die zusätzlichen 105,5 gekommen? Wird dadurch nicht bewiesen, dass die Arbeit doch nicht die einzige Quelle des Mehrwertes ist? Man staunt, man ist verwirrt, die ganze Arbeitswerttheorie scheint in ihren Grundlagen zu wanken … Aber Halt! Die Betrachtung, die von den Schwankungen des Preismassstabes ausgeht, klammert sich an die an der Oberfläche „erscheinende Bewegung“. Denn in Wirklichkeit handelt es sich um dieselbe Mehrwertmasse von 422, die lediglich durch die Verkleinerung des Geldmassstabes nominell auf 527,5 gewachsen ist! Die Bortkiewiczsche Kritik geht nicht von den wirklichen Verhältnissen aus, sondern von den Vorstellungen, wie sie sich „in den Köpfen der kapitalistischen Produktions- und Zirkulationsagenten … bilden“ und die „notwendig ganz verkehrt“ sind. „Die Analyse der wirklichen, inneren Zusammenhänge des kapitalistischen Produktionsprozesses“ ist ein sehr „verwickeltes Ding“. Es handelt sich darum, diesen ganzen Verhüllungprozess aufzudecken und so die sichtbare, „erscheinende Bewegung auf die innere wirkliche Bewegung zu reduzieren“.125 Marx hat uns „zum erstenmal diesen innerenlxvii Zusammenhang enthüllt“.126 Und gerade das, was eines der grössten historischen Verdienste Marxens bildet, seine Enthüllungslehre, durch die er uns gelehrt hat, hinter den Geldschleier zu schauen und unter der Geldoberfläche die realen ökonomischen Vorgänge zu erblicken, bezeichnet B. als „falsch“ und will als Ideal die „richtige“, „korrekte“ Preisableitung, den von Marx enthüllten und 123 Ebenda. S. 146. 124 Marx, K. II. S. 24, 25. 125 Marx, K. III/1 S. 297 126 Ebenda, S. 147. 90 zerstörten Mystifikations- und Verhüllungsprozess in seiner höchsten Form, der Geldverhüllung, des Geldfetischismus, von neuem wiederherstellen. (Ein zweiter Artikel folgt.) * * * Typoskript (50/[51] S.) / ohne Datierung [1930] / APAN, III–155: 40 / Originaltitel: Zum Abschluss des Streites um die Wert- und Preisrechnung im Marxschen System. (Eine Berichtigung des grundlegenden Fehlers bei v. Bortkiewicz, Rosa Luxemburg und Otto Bauer). i „die kapitalistische … Verkehrsverhältnisse“: Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprocess des Kapitals. Dritte vermehrte Aufl. Hamburg 1883. S. VI. [MEGA2 II/8. S. 44.] ii mit: Im Ts.: nicht. iii „sofern“/„wenn“: Im Ts.: „sofern“ „wenn“. iv den Warenaustausch: Bei Marx im Orig.: „der Waaren Austausch“ [MEGA2 II/8. S. 177]. v Vorgang, der: Im Ts.: Vorgang der. vi Nach Ricardo … verkauft,: Bei Marx im Orig. (i. e. in der Edition Kautskys): „Die Ware Weizen wird gleich jeder anderen nach Ricardo zu ihrem Werte verkauft, […].“ [Theorien über den Mehrwert. Aus dem nachgelassenen Manuskript „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ von Karl Marx. Hrsg. von Karl Kautsky. II. David Ricardo. Erster Teil. Stuttgart 1905. S. 191.] vii auch nicht mit: Im Ts.: auch mit. vii-a „Der Preis ist … Wert.“: Bei Marx im Orig.: „Der Wasserfall, wie die Erde überhaupt, wie alle Naturkraft, hat keinen Werth, weil er keine in ihm vergegenständlichte Arbeit darstellt, und daher auch keinen Preis, der normaliter nichts ist als der in Geld ausgedrückte Werth.“ [MEGA2 II/15. S. 634/635.] vii-b Aehnlich sagt … S. 65.): Im Ts.: Aehnlich sagt Marx, dass „der Wertausdruck einer Ware in Gold, ihre Geldform oder ihr Preis ist“ (K. I. 60). vii-c Endlich kennt … S. 73.): Im Ts.: Endlich kennt Marx noch eine dritte Kategorie von quasi - „Preisen“: „Formelle oder irrationelle Preise solcher Dinge, wie z. B. Grund und Boden, die „einen Preis formell haben, ohne einen Wert zu haben“. (K. I. 60.) viii Böhm-Bawerk: Im Ts. durchgängig: Böhm-Bawerck. ix ist absolut unverträglich: Bei Böhm-Bawerk im Orig.: „absolut unverträglich ist“ [Böhm-Bawerk, Eugen von: Kapital und Kapitalzins. Erste Abteilung: Geschichte und Kritik der Kapitalzinstheorien. 3. Aufl. Innsbruck 1914. S. 537]. x Preisgabe: Bei Böhm-Bawerk im Orig.: „Preisgebung“ [ebd. S. 539]. xi „im wirklichen … austauschen“: Bei Böhm-Bawerk im Orig.: „Im wirklichen Leben vertauschen sich also die Waren nicht mehr nach ihren Werten […].“ [Ebd. S. 540.] 91 xii Das Wertgesetz … Existenz.: Bei Herkner im Orig.: „Das Wertgesetz bestimmt schließlich nur noch die gesamte Masse des Mehrwertes und insofern die Durchschnittsprofitrate. […] Es ist somit sehr begreiflich, daß die Frage nach dem Werte des Marxschen Wertbegriffes aufgeworfen worden ist. Er lebt nicht im Bewußtsein des Produktionsagenten, er leitet nicht ihren Kalkul, er ist keine Bewußtseinstatsache der Käufer und Verkäufer, er hat in der Wirklichkeit keine Existenz.“ [Herkner, Heinrich: Die Arbeiterfrage. Eine Einführung. Zweiter Band: Soziale Theorien und Parteien. 8. Aufl. Berlin, Leipzig 1922. S. 311.] xiii und [andere] stellen: Im Ts.: und stellen. xiv … äussert: Im Ts.: Pareto … äussert. xv 1871: Im Ts.: 1872. [Gemeint ist: Jevons, W. Stanley: The Theory of Political Economy. London 1871.] xvi Komorzynski: Im Ts. hier und im folgenden zumeist: Komorgzinski. xvii „in das Bewusstsein verschob“: Bei Marx im Orig. (i. e. in der Edition Kautskys): „Bailey schiebt die Lösung des Wertproblems ins Bewußtsein […].“ [Theorien über den Mehrwert. Aus dem nachgelassenen Manuskript „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ von Karl Marx. Hrsg. von Karl Kautsky. III. Von Ricardo zur Vulgärökonomie. Stuttgart 1910. S. 196.] xviii „A Critical Dissertation“: [Bailey, Samuel:] A Critical Dissertation on the Nature, Measures, and Causes of Value; chiefly in reference to the writings of Mr. Ricardo and his followers. By the Author of Essays on the formation and publications of opinions, &c. London 1825. xix werde: Bei Kleinwächter im Orig.: „würde“ [Kleinwächter, Friedrich: Die Grundlagen und Ziele des sogenannten wissenschaftlichen Sozialismus. Innsbruck 1885. S. 66]. xx Phase: Im Ts. Korrigiert; denkbar ist auch die Lesart: Phrase. xxi qui : Im Ts.: qu’il. xxii est : Bei Aucuy im Orig.: „reste“ [Aucuy, Marc: Les Systèmes socialistes d’échange. Paris 1908. S. 108]. xxiii Preisbildung. … jener … solle: Bei Weber im Orig.: „[…] Preisbildung. Und jener Gedanke, daß der ‚Wert‘ der Güter nach bestimmten ‚naturrechtlichen‘ Prinzipien reguliert sein solle, hat unermeßliche Bedeutung für die Kulturentwicklung – und zwar nicht nur des Mittelalters – gehabt und hat sie noch.“ [Weber, Max: Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis. In: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen 1922. S. 196.] xxiv wie die kommunistische … hervorgeht.: Bei Marx im Orig.: „Womit wir es hier zu thun haben, ist eine kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer eigenen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht […].“ [Zur Kritik des sozialdemokratischen Parteiprogramms. Aus dem Nachlaß von Karl Marx. In: Die Neue Zeit. Stuttgart. 9. Jg. 1890/1891. Bd. 1. S. 566.] xxv erst dann kann: Im Ts.: wird. xxvi auf : Im Ts.: wird auf. xxvii Arbeiters für : Im Ts.: Arbeiters. Für … xxviii erneut: Im Ts.: neuerdings. 92 xxix Wirklichkeit zu behaupten.: Im Ts: Wirklichkeit. xxx Aber was … Theorie?: Bei Sorel im Orig.: „Engels écrivit, durant les derniers moi de sa maladie, un article important destiné à éclaircir les difficultés soulevées: la traduction a paru dans le Devenir social (novembre 1895): on y lit que «la loi de la valeur a régné durant une période de cinq à sept milliers d’années, qui s’étend du commencement de l’échange transformant les produits en marchandises jusqu’au xve siècle de notre ère» (p. 725). Mais que vaut-elle pour maintenant? “ [Sorel, G[eorges]: Sur la théorie marxiste de la valeur. In: Journal des économistes. Paris. 56e année. 5e série. Tome XXX. Mai 1897. S. 222.] xxx-a Grossmann zitiert Schmidt nach der Wiedergabe bei Diehl. Bei Schmidt im Orig. finden sich die Formulierungen: „Hypothese zur Erklärung der Wirklichkeit“ [Schmidt, Conrad: Der dritte Band des „Kapital“. In: Sozialpolitisches Centralblatt. IV. Jg. Nr. 22. Berlin, den 25. Februar 1895. S. 257] sowie „Dieser Werthbegriff ist kein willkürlicher, sondern für unser Denken unentbehrlich […]“ [Schmidt, Conrad: Die Durchschnittsprofitrate und das Marx’sche Werthgesetz. In: Die Neue Zeit. 11. Jg. Bd. 1. 1892/1893. S. 72]. xxxi „in Beziehung … vorstellen“: Bei Sombart im Orig.: „Er besteht darin, daß wir uns die Waren in quantitativer Bestimmtheit und Beziehung zu einander vorstellen.“ [Sombart, Werner: Zur Kritik des ökonomischen Systems von Karl Marx. In: Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik. Berlin. 7. Bd. 1894. H. 4. S. 576.] xxxii Erst die … werden: Im Ts.: Erst an diesen „Normalkapitalismus“ in seiner „Kernstruktur“ gewonnenen Gesetze, werden … xxxiii gegenüber : Im Ts.: in. xxxiv einzelner Waren: Bei Bortkiewicz [siehe Erl. xxxv-a] im Orig.: „der Güter“ [Bortkiewicz, L[adislaus] v[on]: Wertrechnung und Preisrechnung im Marxschen System. Erster Artikel. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. Tübingen. N. F. Bd. 23. 1906. S. 11]. xxxv irgendwelche … nicht: Bei Bortkiewicz [siehe Erl. xxxv-a] im Orig.: „irgend welche Austauschverhältnisse nicht“ [ebd. S. 11]. xxxv-a Das Zitat stammt nicht von Böhm-Bawerk, sondern von Bortkiewicz [ebd. S. 11], der Böhm-Bawerk referiert. xxxvi „dass die Marxsche … widerspricht“.: Lexis, W[ilhelm]: Die Marx’sche Kapitaltheorie. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik. Jena. N. F. Bd. 11. 1885. S. 454. xxxvii von dem Gesamtprodukt … erhält ...: Bei Lexis im Orig.: „Von dem Gesamtprodukt erhält die Arbeiterklasse nur einen gewissen Teil, dessen Naturalbetrag, wenn die Arbeiter nach der abstrakten Annahme nur den notwendigen Lebensunterhalt erhalten, von der Art, wie sich die Nominalwerte oder Geldpreise der Waaren bilden, unabhängig ist, da bei erhöhtem Nominalpreise eines notwendigen Lebensmittels auch der Geldlohn entsprechend gesteigert werden muß.“ [Lexis: Die Marx’sche Kapitaltheorie. S. 462.] xxxviii „zu genau demselben … Preisbildung“: Bei Lexis im Orig.: „[…] zu genau demselben Endresultate führt und überdies dem augenscheinlichen wirklichen Verlaufe der Preisbildung unmittelbar entspricht.“ [Ebd. S. 454.] 93 xxxix „bestimmte Raumverteilung … Durchschnitt“: Bei Planck im Orig.: „An die Definition einer makroskopischen Raumverteilung schließt sich nun sogleich auch die ihrer thermodynamischen Wahrscheinlichkeit W. Dieselbe ergibt sich aus der Überlegung, daß eine bestimmte Raumverteilung im allgemeinen auf viele verschiedene Arten realisiert werden kann, nämlich durch viele verschiedene individuelle Zuordnungen oder ‚Komplexionen‘, je nachdem ein bestimmtes, ins Auge gefaßtes Molekül in dieses oder in jenes Elementargebiet zu liegen kommt.“ [Planck, Max: Vorlesungen über die Theorie der Wärmestrahlung. 4. Aufl. Leipzig 1921. S. 122.] xl Kalos Kagathos: Latinisierte Transkription von Grossmann. xli Gesellschaftsorganisationen: Bei Marx im Orig.: „Gesellschaftsformationen“ [MEGA2 II/8. S. 226]. xlii sich bei Marx: Im Ts.: sich Marx. xliii „dass auch in … bestimmt.“: Tugan-Baranowsky, Michael: Theoretische Grundlagen des Marxismus. Leipzig 1905. S. 174. xliv Dabei – im … Verfahren ein;: Im Ts.: Dabei – im Gegensatz zu Marx – geht Tugan nicht von der Grundlage gegebener Werte des konstanten und variablen Kapitals, und einer gegebenen Mehrwertrate also auch einer gegebenen Mehrwertgrösse aus, und von dieser Grundlage ausgehend die Produktionspreise und die Höhe der Profitrate abzuleiten und zu berechnen sondern er schlägt das entgegengesetzte Verfahren ein; ... xlv verschieden dar.: Im Ts.: verschieden. xlvi hat es aber: Im Ts.: hat aber. xlvii zu den primitiven: Im Ts.: zu primitiven. xlviii „kritischen Uebersicht … Meinungen“: Bortkiewicz: Wertrechnung und Preisrechnung im Marxschen System. Erster Artikel. S. 34. Dort: „In diesem (ersten) Artikel stelle ich mir zur Aufgabe, eine kritische Übersicht über den Stand der Meinungen zu geben […].“ xlix Zuckerkandl: Im Ts.: Zuckerkandel. l Fireman: Im Ts.: Viererman. li Wenckstern: Im Ts.: Weckstern. li-a … es für überflüssig hält,: Im Ts.: … für überflüssig hält […]. Bei Bortkiewicz im Orig.: „Im übrigen scheint es Hilferding für überflüssig zu halten, […].“ [Bortkiewicz: Wertrechnung und Preisrechnung im Marxschen System. Erster Artikel. S. 41.] lii einen: Im Ts.: einem. liii (vgl. Tabelle I): Im Ts.: (vgl. Tabelle I, S. 42). liv weil der : Im Ts.: weil zufälligerweise der. lv (vgl. Tabelle I b): Im Ts.: (vgl. Tabelle I b, S. 42). lvi Die Tabellen I A u. B entstammen aus: Bortkiewicz: Wertrechnung und Preisrechnung im Marxschen System. Zweiter Artikel. S. 14. 94 lvii (II): Von Grossmann hier und im folgenden modifiziert. Bei Bortkiewicz im Orig.: „I und V“ [Bortkiewicz, L[adislaus] v[on]: Wertrechnung und Preisrechnung im Marxschen System. Zweiter Artikel. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. Tübingen. N. F. Bd. 25. 1907. S. 16]. lviii „kommen die … heraus.“: Im Ts.: „kommen Zahlen 202 und 191 heraus.“ Bei Bortkiewicz im Orig.: „[…] die Zahlen 202 und 191 herauskommen.“ [Ebd. S. 16.] lix „unveränderten Wertes des Geldes“: Bei Marx im Orig.: „Bedarf es unter den ver- änderten Umständen allgemein doppelt so vieler, oder umgekehrt halb so vieler Zeit, um dasselbe sachliche Kapital zu reproduciren, so würde bei unverändertem Werth des Geldes, wenn es früher 100 werth, jetzt 200 , bezw. 50 werth sein.“ [MEGA2 II/15. S. 143.] lx = Gesamtpreis: Im Ts.: = Gleichgesamtpreis. lxi niedrigerer organischer: Im Ts.: niedriger organischen. lxii auf die wahre: Im Ts.: auf wahre. lxiii Produktionspreise infolge: Im Ts.: Produktionspreise, infolge. lxiv oben gegebenen: Im Ts.: oben (S. ) gegebenen. lxv hinaus dar,: Im Ts.: hinaus, … lxvi des „wirklichen … mystifiziert“: Im Ts.: des „wirklichen Ursprungs“ des Mehrwerts verdunkelt und mystifiziert“. Bei Marx im Orig.: „Man hat im ersten Abschnitt gesehn: Mehrwerth und Profit waren identisch, der Masse nach betrachtet. Die Profitrate jedoch ist von vornherein unterschieden von der Rate des Mehrwerths, was zunächst nur als andre Form der Berechnung erscheint; was aber ebenso von vornherein, da die Rate des Profits steigen oder fallen kann bei gleichbleibender Rate des Mehrwerths und umgekehrt, und da allein die Rate des Profits den Kapitalisten praktisch interessirt, durchaus den wirklichen Ursprung des Mehrwerths verdunkelt und mystificirt.“ [MEGA2 II/15. S. 168.] lxvii diesen inneren: Bei Marx im Orig.: „dieser innere“ [MEGA2 II/15. S. 169].

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References

Zusammenfassung

Am Vorabend der Weltwirtschaftskrise von 1929 publizierte Henryk Grossmann (1881–1950) mit seinem Hauptwerk, „Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems“, eines der bedeutendsten Werke der marxistischen Krisentheorie. Zugleich war er von 1925 bis 1948 Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung – zunächst in Frankfurt, sodann in der Emigration in Paris, London und New York. Im Zentrum der vorliegenden Auswahl seiner nachgelassenen Schriften stehen politökonomische Arbeiten aus dem Warschauer Archiv der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Sie fokussieren zum überwiegenden Teil auf den Status der Marxschen Werttheorie und insonderheit auf das Problem der Wert-Preis-Transformation bei Marx. Weitere Abhandlungen gelten konzeptionellen Überlegungen zu den ökonomischen Bedingungen des deutschen Faschismus und zu wissenschaftshistorischen Themen. Der Publikation angefügt sind ferner mehrere archivalische und bio-bibliographische Verzeichnisse sowie ein Dokumentenanhang mit Reproduktionen ausgewählter Materialien. In der Gesamtheit ergibt sich ein neuer, bislang in dieser Intensität nicht bekannter Blick auf das Leben und Werk von Henryk Grossmann.