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Max Horkheimer an Henryk Grossmann in New York, 27. November 1942 in:

Henryk Grossmann

Schriften aus dem Nachlass, page 249 - 266

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3892-5, ISBN online: 978-3-8288-6811-3, https://doi.org/10.5771/9783828868113-249

Tectum, Baden-Baden
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249 Max Horkheimer an Henryk Grossmann in New York, 27. November 1942 13524 D’Este Drive 27. November 1942. Pacific Palisades, California Lieber Herr Grossman! Ihren ausführlichen Brief vom 20. November1 will ich sogleich beantworten, um, so weit ich es vermag, die Angelegenheiten, die Sie quälen, ohne Verzug aufzuhellen und dazu beizutragen, Ihre Ansicht über das Verhältnis Pollocks zu Ihnen zu berichtigen. Ich will nicht von den theoretischen Differenzen sprechen, die zwischen Ihnen bestehen mögen. Zu diesen habe ich wiederholt in und ausserhalb des Instituts Stellung genommen2, so weit ich es als Nichtökonom zu tun vermochte. Das Verhalten P.s Ihnen gegenüber ist jedoch, so weit ich es sehen kann, niemals durch diese Differenzen beeinflusst gewesen. Wie immer Sie das beurteilen, jedenfalls glaube ich sagen zu können, dass es keine wissenschaftliche Institution gibt, sei es in der bürgerlichen oder ausserbürgerlichen Welt, in der ein Mitglied, das in allen praktischen Fragen einen solchen Einfluss ausübt wie P., die theoretische Gegensätzlichkeit entschiedener ausschalten könnte als P. in seinem Verhältnis zu Ihnen. Ich achte Ihr Urteil zu hoch, als dass ich die Einzelheiten, von denen Sie sprechen, leichtfertig behandeln möchte. Ich werde im folgenden auf sie eingehen. In Ihrer Darstellung treten jedoch alle übrigen Elemente gegenüber Ihrer Beziehung zu P. so sehr in den Hintergrund, dass ich wenigstens auf deren allgemeine Linie hinweisen möchte. Während des Direktorats Grünbergs3, durch den Sie ans Institut gekommen sind, war P. Präsident der Gesellschaft für Sozialforschung4, welche der Finanzverwaltung des Instituts vorstand. Wie zur Zeit meines eigenen nachfolgenden Direktorats5 hat P. in dieser Eigenschaft den Wünschen der wissenschaftlichen Leitung weit über das Mass hinaus Rechnung getragen, auf das diese satzungsgemäss pochen konnte. Er hat in Ihrem Fall nicht bloss Grünbergs Willen während seiner Amtszeit der Form und dem Geist nach respektiert, sondern auch während des Interims6, in dem Grünberg schon krank war und P. als zeitweiliger Direktor fungierte. Auch unter den Ereignissen, die Sie erwähnen, ist keines, das über die Bekundung theoretischer Differenzen hinausginge. Als dann die Katastrophe hereinbrach, waren die Verhältnisse des Instituts eine Zeit lang völlig unsicher. Die Verträge, von denen seine finan- 250 zielle Existenz abhing, waren juristisch entwertet, ebenso wie die Beziehungen zu seinen Mitgliedern und den anderen Mitarbeitern. Ich glaube, dass während dieses schwierigen Abschnitts P. allen Freunden gegen- über sich so bewährt hat, dass es auch heute nicht ganz vergessen werden sollte. Der einzigartigen Solidarität von Lix7, verbunden mit P.’s unermüdlichem Fleiss, ist es zu verdanken, dass wir dann im Ausland wieder Fuss fassen konnten, und dass die Möglichkeit zu unabhängiger Arbeit auf unseren Spezialgebieten und im Geiste unserer wissenschaftlichen Ueberzeugungen wenigstens für eine Anzahl Menschen wieder gewährleistet war. Als ich nach unserer Niederlassung in Amerika8 P. vorschlug, Sie aus England9, wo Sie sich unglücklich fühlten, zunächst zu einem längeren Besuch10 hierherkommen zu lassen, hat er sich sogleich dazu bereit erklärt. Er hat es auch ermöglicht, dass Sie sich dauernd hier niederliessen. Es ist natürlich, dass unser Verhalten zunächst in der Bewunderung und der Verbundenheit begründet liegt, die die Mitglieder des Instituts, mich eingeschlossen, Ihrem theoretischen Werke gegenüber fühlen. Ich kann aber nicht zugeben, dass P.’s Anteil an Ihrem wie an unser aller Schicksal infolge einiger, wenn auch noch so wichtiger Differenzen, die er als engerer Fachkollege mit Ihnen hat, verdunkelt wird. Ohne seine Energie hätte unsere Arbeitsmöglichkeit längst aufgehört. Mögen auch die einzelnen Mitglieder in materieller Hinsicht zu Recht oder zu Unrecht, wenn auch nach gewissenhafter Erwägung der individuellen Umstände, ungleich behandelt worden sein, so hat doch P. jedem gegenüber in allen entscheidenden Augenblicken als verantwortlicher Freund sich bewährt und wird es ohne den geringsten Zweifel auch in der Zukunft tun. Ich bin auf diese allgemeinen Züge der Vergangenheit eingegangen, weil Sie selbst auf fernliegende Einzelheiten in Ihrem Verhältnis zu P. zurückgegriffen haben. Es wird sich hoffentlich bald Gelegenheit dazu bieten, dass ich mich darüber mündlich mit Ihnen ausspreche. Ich zweifele nicht daran, dass Sie dann manchen Punkt in einem anderen Lichte sehen werden. Jetzt möchte ich wenigstens auf einige der von Ihnen erwähnten Vorkommnisse eingehen. Ich tue dies nicht ohne Zögern, denn ich weiss wohl, wie mangelhaft und missverständlich schriftliche Darlegungen über so delikate Einzelheiten bleiben müssen. Zuvörderst antworte ich auf Ihre Hauptfrage, was meine „Attitüde zu der hinter meinem Rücken ohne mein Wissen vorgenommenen Streichung aus der Vorschlagsliste für Columbia“ sei. Eine Aeusserung hier- über fällt mir nicht leicht, weil in diese Angelegenheit einige Dinge hineinspielen, die ich unmöglich schriftlich ausführen kann. Auf die Gefahr hin, dass Sie mir eine feige, nachträgliche Distanzierung von der damali- 251 gen Aktion vorwerfen, muss ich Ihnen erklären, dass ich den Komplex bis heute nicht ganz übersehe, und daher auch nicht gern die volle Verantwortung für ihn übernehme. Eine Verschwörung gegen Sie aber ist bestimmt nicht angezettelt worden, weder von P. noch von irgend einem anderen der Kollegen. Die Einreichung der Liste11 geht, wenn ich mich recht entsinne, auf eine Anregung MacIvers12 zurück, die er in einem Gespräch mit Marcuse13 in Seattle gegeben hatte. Gleichzeitig hatte er einige Themen bezeichnet, die er für aussichtsreich hielt. Unter diesen Themen befand sich kein ökonomisches und, so weit mir bekannt ist, fehlte auch auf der endgültigen Liste nicht bloss Ihr Name sondern ebenso derjenige P.’s als des anderen Oekonomen. Sollten Sie wissen, dass das Gegenteil der Fall ist, so wäre ich Ihnen für eine Nachricht darüber dankbar. Abgesehen von den Vorschlägen MacIvers sprach auch Ihr eigenes souveränes Verhältnis zur englischen Phonetik dagegen, dass Sie das Institut durch die Department-Vorlesung14 vertraten. Wenngleich ich der letzte bin, der Ihnen daraus einen Vorwurf machte, so habe ich Sie doch früh auf die Behinderung hingewiesen, die dieser Mangel für Sie bedeutete und gelegentlich einen Schritt zu seiner Behebung versucht. Wie auch die näheren Umstände bei Einreichung der Liste gelegen haben mögen, so ist aus den beiden genannten Gründen immerhin verständlich, das vom Vorschlag einer von Ihnen gehaltenen Vorlesung Abstand genommen wurde. Freilich bedaure ich es, dass die Angelegenheit mit Ihnen nicht diskutiert worden ist. Ich möchte diese Gelegenheit ergreifen, um Ihnen nachdrücklich zu erklären, dass es für mich die grösste Freude bedeuten würde, Sie trotz der angedeuteten Auspizien eine Vorlesungstätigkeit an der Universität entfalten zu sehen. Wenn Sie mir, zu meinem grossen Stolz, zuweilen versichert haben15, dass meine eigene Arbeit für Ihre Entwicklung nicht ohne Wert geblieben ist, so darf ich sagen, dass dieses Verhältnis stets ein gegenseitiges war. Ich weiss keinen Theoretiker der Gegenwart, der für das Verhältnis der entscheidenden ökonomischen Theorien mehr getan hätte, als Sie und der als akademischer Lehrer Wissenswerteres zu bieten hätte, als Sie. Sie werden vielleicht sagen, dies seien gegenüber den Ihnen von P. zugefügten realen Unbilligkeiten leere Worte, die nichts wögen. Aber ich würde mit Bezug auf die Vorlesungsfrage gern und sofort die Konsequenz aus meiner Einschätzung Ihrer sachlichen und theoretischen Qualität ziehen. Leider hat die Vorlesungstätigkeit in der Columbia University infolge der schwindenden Studentenzahl in den nächsten Jahren keine grosse Zukunft. Da jedoch die Vorlesung als eine solche bezeichnet wurde, die unter den Mitgliedern des Instituts rotieren sollte, so ist vielleicht die Möglichkeit geboten, Ihre Zweifel in dieser 252 Richtung zu beheben. Falls eine entsprechende Aufforderung an uns ergeht, so werde ich mich energisch dafür einsetzen, dass trotz der auf Fach und Sprache bezüglichen Bedenken Ihr Name als der erste genannt wird. – Damit aber soll ganz und gar nicht zugegeben werden, dass ein „Treubruch“ Ihnen gegenüber in der Vorlesungsangelegenheit stattgefunden hat. Sowohl Löwenthal als Marcuse, die Sie anführen, werden Ihnen gewiss bestätigen, dass überhaupt keine Streichung Ihres Namens und schon gar keine auf „Anordnung“ P.’s erfolgt ist, sondern dass man die Liste zusammengestellt hat, wie man zu Recht oder zu Unrecht glaubte, dass sie aussichtsreich sei. Das Institut hat nicht den leisesten Grund, Ihren Namen zu verschweigen, ganz im Gegenteil! Warum Ihr Name nicht als Sektionschef der ökonomischen Abteilung auf das Rockefeller Projekt16 gesetzt wurde, ist mir ebenfalls nicht mehr ganz genau in Erinnerung. Wenn ich nicht fehl gehe, hatten wir damals auf Grund gemeinsamer Beratung mit Anderson17 Ihren Namen als ökonomischen Mitarbeiter18 für alle diejenigen soziologischen Teile eingesetzt, in denen ökonomische Themen vorkommen. Dies schien aus den sprachlichen, wie einigen anderen Gründen praktischer. Niemand konnte auf den Gedanken kommen, dass Sie sich darüber verletzt fühlen würden und wenn Sie ein klares Wort mit mir gesprochen hätten, so wäre es bestimmt ein leichtes gewesen, diese Angelegenheit in einer Sie befriedigenden Weise zu regeln. Zu P.’s Aeusserungen in Frankfurt kann ich natürlich nichts Bestimmtes sagen. Nach allem, was inzwischen geschehen ist, sollten Bemerkungen wie die Anregung mit der „grossen Position beim Völkerbund“ keine bedeutende Rolle in Ihrer Erinnerung mehr spielen. – Wenn Sie ferner P. einen Vorwurf daraus machen, dass er damals, als der Soziologische Verlag Sternbergs Buch veröffentlichte,19 nicht intervenierte, so sollten Sie andererseits auch bedenken, dass Sternberg trotz aller Versuche, die er unternahm, niemals die geringste Beziehung zum Institut hat gewinnen können. An Versuchen dazu hat es nicht gefehlt. – Dass Ihre Descartes-Arbeit20 französisch nicht publiziert wurde, ist sehr bedauerlich. Die Idee, dass eine französische Publikation, die gleichzeitig oder nach der deutschen erschienen wäre, dieser letzteren hätte schaden können, war in der Tat grundfalsch, gleichgültig ob sie von P. oder von sonst jemandem kam. Es ist freilich auch zweifelhaft, ob der Verlag schliesslich funktioniert hätte. Sie wissen vielleicht, dass auf Anregung des Verlags ein Teil meiner eigenen Artikel von zwei jungen Franzosen übersetzt war. Die Publikation ist schliesslich unterblieben, weil Gallimard21 erklärte, er müsse einen Zuschuss haben, wenn es auch nur ein nomineller, nämlich ffrs. 500 sei. Ich habe dieses Ansinnen abgelehnt. 253 Ganz besonders schwer wird es mir, zur Gestaltung Ihres Gehaltes22 Stellung zu nehmen, die Sie ebenfalls auf P.’s Feindseligkeit zurückführen. Sie erinnern daran, dass ich ihn schon bei Ihrer Ankunft in Amerika als zu gering bezeichnet habe. Das geschah im Zusammenhang mit Erwägungen in Ihrem Interesse, nicht aber im Sinne eines Versprechens, für dessen Einlösung ich gewiss nicht einstehen konnte. Es handelte sich darum, ob Sie unter den nun einmal gegebenen bescheidenen Umständen hierbleiben oder wieder nach England zurückkehren sollten, worüber Ihnen allein die letzte Entscheidung gelassen war. In England liess sich mit $ 200 ein besseres Leben führen als in New York. So sehr ich persönlich Ihr Hiersein wünschte, so hat das Institut dieses Opfer nicht von Ihnen verlangt. Wenn auch der Betrag keineswegs befriedigend war, so konnten Sie doch im Gegensatz zu anderen Mitgliedern, die wirklich in den Betrieb eingespannt waren, frei über Ihre Zeit und die Gegenstände Ihrer Arbeit verfügen. Dass es Ihnen dabei nicht beschieden war, sei es an der Columbia, sei es an einer anderen Lehranstalt, eine Lehrstelle zu erobern, die Ihnen selbst und damit auch dem Institut zugute gekommen wäre, liegt nicht an einer Ueberbelastung mit Institutsarbeiten. Wenn Sie nicht bloss die absolute Höhe Ihres Gehalts sondern die gegenseitigen Forderungen und Leistungen in Ihrem Verhältnis zum Institut betrachten, so werden Sie vielleicht anerkennen, dass das Institut für Sie eher einen sicheren Rückhalt als einen „employer“ gebildet hat. Eine solche Sicherheit ist in den gegenwärtigen Zeiten, nicht zuletzt auch während der nächsten Jahre, für einen unabhängigen Gelehrten ein höchst positiver Umstand. Wenn Sie schon P. so bittere Vorwürfe machen, so sollten Sie doch auch in Rechnung ziehen, dass er trotz allem mit zu denen gehört, die Ihnen während Ihrer 16jährigen23 Arbeit, deren Würdigung Sie mit Recht fordern, die Treue gehalten haben. Sie selbst haben in unserem engeren und weiteren Kreis zuweilen Ihrem Urteil über ihn keine Zügel auferlegt und er hat dies sicher recht schmerzhaft empfunden. Sie wissen so gut wie ich, dass er viel verwundbarer ist, als es den Anschein hat, und in einzelnen Fällen energische Gegenschläge austeilt. Niemals aber habe ich, oder sonst einer aus unserem Kreise, von ihm ein Wort vernommen, das auf die erbitterte Feindschaft schliessen liesse, über die Sie sich beklagen. Sie sagen, dass er Ihr Monatsgehalt auf $ 60 reduzieren würde, wenn es irgendwie ginge. Das möchte ich stark bezweifeln, sicher aber scheint mir, dass er es auf $ 600 erhöhen würde, wenn es irgendwie ginge. Nicht etwa, weil er mit Ihren theoretischen Ansichten übereinstimmte, sondern weil er trotz aller Gegensätze Ihre Arbeit aufrichtig achtet. Möchte es ihm gelingen, die finanzielle Lage so weit zu bessern, dass er wenigstens einen Teil der realen Verminderung, welche durch die Preiserhöhung eingetreten ist, wieder ausgleichen kann. – An- 254 gesichts der von Ihnen erwähnten 16 Jahre ist es jedenfalls nicht begründet, dass Sie auf einen Wunsch, wie den Ihrer Mitarbeit am Jahrbuch24, nicht ganz selbstverständlich positiv reagiert haben. Sie haben den Anregungen für die Gegenstände Ihrer Arbeit, die Ihnen auf Grund der Lage des Instituts und den Anforderungen, welche an uns herantraten, von mir und anderen Mitgliedern gemacht worden sind, gewöhnlich keine grosse Aufmerksamkeit geschenkt, dafür aber um so energischer ihre persönlichen wissenschaftlichen Belange und Interessen vertreten. Es wäre vielleicht auch für Ihre eigene Entwicklung besser gewesen, wenn Sie in den letzten Jahren etwas cooperativer sich gezeigt hätten, anstatt sich in diese Idee von P.’s Feindschaft immer tiefer zu verrennen. Dafür aber, dass Sie meine Bitte um den Beitrag zur Klassentheorie25 unerfüllt liessen, der mir zu all dem rein persönlich höchst wichtig ist, liegt wirklich kein Grund vor. So einseitig sollten Sie die Beziehungen doch nicht auffassen. Sie schreiben, ich solle nicht mit den Augen des Direktors auf Ihre Situation schauen und treffen damit einen wunden Punkt. Haben Sie je den Eindruck gewonnen, dass sich in mir irgend wann einmal die platonische Idee des Direktors verkörpert hat? In Wahrheit bin ich ein Gelehrter wie Sie und höchst ungeeignet, die Funktionen auszuführen, die man besonders hierzulande als diejenigen eines Direktors anzusehen pflegt. Ich habe versucht und versuche noch nach bestem Wissen und Gewissen dafür zu sorgen, dass das Institut eine Stätte freier Förderung der Theorie bleibt, durch deren Existenz Menschen, deren Vergangenheit diese Prognose berechtigt, theoretisch fruchtbaren Studien obliegen können. Team work, field work, money raising u. s. f. ist nie meine Stärke gewesen. Andererseits hat mich der Hinweis auf Ihre Intervention bei Schneider26 anlässlich meiner Professur27 wieder daran erinnert, dass der Umstand meines Direktorats auch wieder sein Gutes hatte. Ohne es wären wir wohl kaum jetzt hier in Amerika, wo wir trotz allem noch die Hoffnung hegen dürfen, andere Tage zu sehen. Mein Versuch, die Tradition und den Geist, der uns drüben verbunden hat, hier noch aufrecht zu erhalten, so lange es irgend geht, mag in jeder Hinsicht mit unzulänglichen Mitteln unternommen sein; die vergangenen Jahre enthalten trotz allem für mich manche Befriedigung und ich hoffe, dass wir auch in den künftigen noch manches verwirklichen werden. Mein Aufenthalt in Los Angeles28 bedeutet nicht, dass ich in meinen Anstrengungen für unsere Gruppe nachliesse. Aber die Theorie hat auch bei mir ihr Recht gefordert. Ich brauchte unbedingt einige Zeit, um mich überhaupt wissenschaftlich wieder zu sammeln und endlich die Grundlage für meine eigene philosophische Arbeit zu legen. Dazu war ich inmitten des Betriebs einfach nicht in der Lage und ich nehme an, dass gerade Sie das 255 verstehen. Wie man zur Leistung des Instituts in den zehn vergangenen Jahren auch immer sich stellen mag, jedenfalls habe ich ungefähr meine gesamte Zeit dem Bestreben gewidmet, es theoretisch und praktisch auf einem anständigen Niveau zu halten. Besonders die Verpflichtungen, die mit den praktischen Dingen zusammenhingen, haben schliesslich meine ganze Arbeitszeit aufgesogen. Sie werden nach diesem Brief glauben, dass ich zu sehr versucht habe, P. zu verteidigen und Ihrem eigenen Gesichtspunkt zu wenig Rechnung trug. Ich hielt es in der Tat für wichtig, die Dinge auch von der anderen Seite zu zeigen. Pollock und mich verbindet die Freundschaft eines Lebens29 und ich kenne ihn besser als irgendein anderer Mensch. Ich habe nie einen Zuverlässigeren und Anständigeren als ihn kennen gelernt. Gerade die Enge der Beziehung zu ihm macht es mir schwer, das in solchen Worten auszusprechen, aber die Trauer darüber, dass jemand, der mir soviel bedeutet wie Sie, P.’s Absichten so leidenschaftlich und hartnäckig missverstehen kann, zwingt mich dazu, das so deutlich wie möglich zu sagen. Dass P. Fehler macht genau so wie Sie und ich, ist selbstverständlich, und seine Situation, mit einem beschränkten Vermögen den Ansprüchen einer erheblichen Anzahl von Menschen gerecht werden zu müssen, exponiert ihn nicht bloss mehr als jeden anderen von uns, sondern macht ihn auch zuweilen gereizt und nervös. Ich meine, wir sollten das verstehen und ihm nicht daraus, dass er, der für unser reales Leben einzustehen hat30, in gewisser Weise mit der Stimme des realen Lebens reden muss, auch noch einen Strick drehen. Wenn Sie unterstellen, dass sein Verweis auf die bedrängte Lage des Instituts ein Vorwand sei, so befinden Sie sich damit in einem krassen Irrtum. Schliesslich sind wir auch darum hierher gezogen, weil sich hier einige materielle Aussichten zu bieten schienen, über deren Realisierung jetzt – im Krieg31 – freilich noch kein endgültiges Urteil möglich ist. Wer immer aus unserer Gruppe es kann, versucht etwas hinzuzuverdienen. Die gegenwärtige Situation ist so bedrohlich, dass ich es einfach nicht verantworten kann, bei P. wegen Ihres Gehalts zu intervenieren. Da ich aber von ganzem Herzen den Wunsch habe, Ihnen zu zeigen, wie ich zu Ihnen stehe, so will ich gern P. die Daten übermitteln und ausserdem erklären, dass meiner Ansicht nach die Uebersetzung sowie das rasche Tippen der Descartesarbeit32, wenngleich Sie es vorher nicht mit P. besprochen hatten, zur Angelegenheit des Instituts gemacht werden sollte. Die ganzen materiellen Fragen sind für mein Gefühl wegen Ihres Misstrauens gegen P. doppelt schwierig. Sie müssen mir schon die Ketzerei verzeihen, dass ich in diesem Falle ausnahmsweise glaube, dass die materiellen Motive stark von den psychologischen mitbestimmt werden und nicht umgekehrt. Das wichtigste wäre, dass Ihr Verhältnis zu P. von 256 Grund auf bereinigt würde. Ich fände es das beste, wenn Sie mit ihm eine Aussprache herbeiführen würden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass P. nicht ebenso froh wäre wie Sie, wenn die ganze Atmosphäre geklärt würde. Sobald ich wieder nach New York komme, will ich nach gründlicher Aussprache zwischen uns mich dieser Angelegenheit energisch annehmen. Nochmals bitte ich Sie, wenn Sie irgend Zeit finden können, die Gedanken über ursprüngliche Akkumulation, die Sie im Zusammenhang mit dem Racket Problem33 geäussert haben, in einem, wenn auch noch so kurzen Artikel niederzulegen. Ich habe, als wir darüber sprachen34, nicht daran gedacht, dass Sie im Jahrbuch nicht „übergangen“35 werden sollten, sondern dass bei einem öffentlichen Hervortreten des Instituts Ihr Name auf keinen Fall fehlen darf, ebenso wie ich ja auch für die letzte Nummer der Zeitschrift36 dringend etwas von Ihnen haben wollte. Sollte infolge des Aufenthalts von Marcuse und Neumann in Washington37, der Beschäftigung Löwenthals bei Lazarsfeld38 und einigen anderen Ausfällen39 das englische Jahrbuch in geplanter Weise nicht zustande kommen, so könnte Ihre Arbeit zusammen mit einigen anderen bereits vorliegenden mimeographiert auf deutsch erscheinen. – Von meinen eigenen Dingen werden Sie hoffentlich bald einiges zu sehen bekommen. Auf das von Ihnen Angekündigte bin ich überaus gespannt. Ihre Untersuchungen über Oper und Illusion40 dürften Adorno sehr interessieren, dessen Wagnerarbeit41 ja, wie Sie sich entsinnen werden, ein Kapitel enthält, das sich mit diesen Fragen beschäftigt. Wir alle führen hier ein überaus stilles und unabgelenktes Leben, das nichts zu tun hat mit dem, was man sich so unter Hollywood vorstellt. Meine Frau42 erwidert Ihre Grüsse aufs herzlichste. Die an Frau Marcuse43 werde ich morgen bestellen. Die strategischen Nachrichten44 in diesen Tagen klingen zum Teil ermutigend und wir wollen hoffen, dass sie einen Wendepunkt bedeuten. Unsere unaussprechliche Bewunderung über den Heldenmut ist freilich von der Trauer über die Ausrottung der Juden und Nichtjuden im besetzten Osteuropa durchsetzt, die nun Dimensionen angenommen hat, wie sie die Geschichte noch nicht kennt. In diesen Gedanken noch theoretische Arbeiten zu verrichten, geht fast über die Kraft. Mit herzlichen Grüssen M. H.45 257 * * * Typoskript (13 S.) / Houghton Library, Harvard University. Leo Lowenthal Papers: bMS Ger 185 (34) / Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Houghton Library sowie im Namen der literarischen Rechteverwaltung Max Horkheimers von Gunzelin Schmid Noerr. Verzeichnis der nachfolgend benutzten Siglen: DNB: Deutsche Nationalbibliothek/ Deutsches Exilarchiv 1933–1945; MHA: Max-Horkheimer-Archiv; MHGS: Max Horkheimer: Gesammelte Schriften. Hrsg. von Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid Noerr. 19 Bde. Frankfurt a. M. 1988–1996; StA Marburg: Staatsarchiv Marburg; UAF: Universitätsarchiv Frankfurt am Main. 1 Brief vom 20. November : Über den Verbleib dieses Briefes, der nach Horkheimers Angaben 14 handgeschriebene Seiten umfasste [MHGS 17. S. 384], ist gegenwärtig nichts bekannt. Mittelbar ist Grossmanns Disposition allerdings einem von Leo Löwenthal (1900–1993) erstellten „Memorandum re: Grossman“ vom 12. November 1942 – auf das in den nachfolgenden Erläuterungen partiell Bezug genommen wird – zu entnehmen [MHA: VI 15. 254–256]. Darin ist auf zweieinhalb, maschinenschriftlich eng beschriebenen Seiten die Zusammenfassung eines Gesprächs wiedergegeben, das Löwenthal zehn Tage zuvor mit Grossmann in New York führte. Gleich eingangs konstatiert Löwenthal, er habe die Hoffnung aufgegeben, Grossmann sei fähig und willens an der Arbeit des Instituts in irgendeiner Form noch aktiv und kooperativ teilzuhaben. Sein Urteil könne – so fügt er in einem teils verzweifelt gehaltenen, teils bei- ßend hervortretenden Kommentar hinzu – allenfalls dadurch revidiert werden, dass dessen Alter erheblich herabgesetzt werde oder dessen Gehalt beträchtlich herauf. Neben der betreffenden Gehaltsfrage geht aus dem Dokument ein weiteres wesentliches Moment in der Unzufriedenheit Grossmanns hervor: die Zerrüttetheit in der Beziehung zu Pollock. Erst gegen Ende, als das Gespräch nach zwei Stunden und einem gemeinsamen Mittagessen bereits weit fortgeschritten war, wird andeutungsweise klar, dass seine Frontstellung und theoretische Differenz vorrangig Pollocks These eines prinzipiell krisenfreien Staatskapitalismus galten. In Löwenthals Bericht heißt es dazu Grossmann referierend: „H[orkheimer] had told him [Grossmann] that in L.A. there is a very interesting “club” together with Feuchtwanger, Brecht and other people of this direction. But he, G. had just heard from Feuchtwanger’s relatives in New York that this club had been split apart because Feuchtwanger and Brecht had considered a speech of Pollock as a re-edition of the old Bernsteinian nonsense intermingled with pseudo-fascist ideas.“ [MHA: VI 15. 256.] Zwar wurde der Kontext von Löwenthal in seiner Erwiderung gegenüber Grossmann in Abrede gestellt, doch zeigt eine Eintragung in Brechts Arbeitsjournal unter dem Datum 13. August 1942, dass Vorstellungen eines krisenfreien Kapitalismus in Kreisen des kommunistischen Exils offenbar ein Anathema bildeten und als gänzlich inakzeptabel zurückgewiesen wurden. Über eine Zusammenkunft – wenngleich in anderer Zusammensetzung als von Grossmann geschildert – mit Mitgliedern des Instituts für Sozialforschung in Los Angeles (Horkheimer, Adorno, Marcuse und Pollock) heißt es darin: 258 „dr pollock, der ökonom des instituts für sozialforschung (ehemals frankfurt, nunmehr hollywood), ist der überzeugung, der kapitalismus könne sich durchaus krisenfrei machen, einfach durch öffentliche arbeiten. marx konnte nicht vorhersehen, daß die regierung eines tages einfach straßen bauen könnte! – eisler und ich, etwas erschöpft durch den strich, werden leicht ungeduldig und ›setzen uns ins unrecht‹, in ermangelung einer andern sitzgelegenheit.“ [Brecht, Bertolt: Arbeitsjournal: Zweiter Band: 1942 bis 1955. Hrsg. von Werner Hecht. Frankfurt a. M. 1993. S. 336.] Horkheimer schließlich bestätigte den Erhalt des Memorandums in einem Brief an Löwenthal vom 20. November 1942, nicht ohne hinzuzufügen, dass es die energische Haltung vermissen lasse, die Löwenthal zuvor noch erbeten habe, um finanzielle Konsequenzen im Falle der Verweigerung einer Mitarbeit für Grossmann anzudrohen [MHA: VI 15. 240–241]. 2 Stellung genommen : Stellungnahmen Horkheimers zu den ökonomietheoretischen Differenzen zwischen Grossmann und Pollock liegen in Schriftform nicht vor. Indirekt jedoch lässt sich seine Position aus Protokollen zu institutsinternen Seminardiskussionen [MHGS 12. S. 398–416], die Mitte April bis Mitte Juni 1936 unter Abwesenheit Grossmanns in New York geführt wurden, rekonstruieren. [Siehe hierzu: Scheele, Jürgen: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. Studien zur politischen und intellektuellen Biographie Henryk Grossmanns (1881–1950). Frankfurt a. M., Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Wien 1999. S. 189–197.] 3 Direktorats Grünbergs : Carl Grünberg (1861–1940) wurde am 12. April 1924 zum ersten Direktor des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main ernannt. [Kluke, Paul: Die Stiftungsuniversität Frankfurt am Main 1914–1932. Frankfurt a. M. 1972. S. 497 u. 510, Anm. 23.] 4 Gesellschaft für Sozialforschung : Die Gesellschaft für Sozialforschung wurde am 13. Oktober 1922 in Frankfurt am Main gegründet und dort am 1. November 1922 in das Vereinsregister des Amtsgerichts eingetragen. Ihr oblag die geschäftliche Verwaltung des Instituts für Sozialforschung. [Kluke: Die Stiftungsuniversität Frankfurt am Main 1914–1932. S. 510, Anm. 9.] 5 nachfolgenden Direktorats : Max Horkheimer (1895–1973) wurde am 1. August 1930 Direktor des Instituts für Sozialforschung. [Horkheimer an den Oberpräsidenten der Provinz Hessen-Nassau, 4. Dezember 1930. StA Marburg: Bestand 150, Nr. 2380, Bl. 247/248.] Juristisch allerdings amtierte er bis zum Auslaufen des Vertrags mit Grünberg lediglich als stellvertretender Direktor. Seine offizielle Ernennung durch den Preußischen Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung erfolgte am 17. März 1932. [Hammerstein, Notker: Die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main. Von der Stiftungsuniversität zur staatlichen Hochschule. Bd. 1: 1914–1950. Neuwied 1989. S. 61.] 6 Interims : Grünberg erlitt am 20. Januar 1928 einen Schlaganfall, von dessen Folgen er sich nicht mehr erholte. [Nenning, Günther: Biographie C. Grünberg. In: Indexband zu Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung. Reprint: Graz 1973. S. 192.] Danach wurden die Institutsge- 259 schäfte bis zur Übernahme des Direktorats durch Horkheimer interimistisch von Friedrich Pollock (1894–1970) geführt. 7 Lix : Felix Weil (1898–1975), Gründer, Finanzier und (sporadischer) Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung. 8 Niederlassung in Amerika : Horkheimer nahm am 14. Juli 1934 das Angebot der Columbia University in New York an, das Institut im Gebäude 429 West, 117 Street, New York, unterzubringen. Bis zum Herbst desselben Jahres waren – mit Ausnahme von Grossmann – alle festen Mitarbeiter dorthin übergesiedelt. [MHGS 15. S. 154; Wiggershaus, Rolf: Die Frankfurter Schule. Geschichte, theoretische Entwicklung, politische Bedeutung. 2. Aufl. München 1989. S. 166–170.] 9 England : Grossmann befand sich 1936–1937 in der Emigration in London. Das Institut unterhielt dort bis Ende 1936 eine Zweigstelle am London Institute of Sociology. [Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 126–135; International Institute of Social Research: A Report on Its History, Aims and Activities 1933–1938. Sonderdruck. New York [1939]. S. 7.] 10 längeren Besuch : Grossmann reiste im Oktober 1937 auf Einladung Horkheimers mit einem Touristenvisum in die USA. Seine Übersiedlung nach New York erfolgte im Mai 1938 nach einem mehrwöchigen Zwischenaufenthalt in Havanna (Cuba), wo er ein „Immigrant Visa“ zur Wiedereinreise in die USA erlangte. [Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 136–139.] 11 Einreichung der Liste : Die erwähnte Liste [siehe hierzu Erl. 14], eingereicht im Herbst 1941 beim Comittee of Instruction (Vorlesungsausschuss) des Department of Sociology an der Columbia University, konnte im MHA bislang nicht aufgefunden werden. 12 MacIvers : Robert Morrison MacIver (1882–1970), seit 1929 Professor für politische Philosophie und Soziologie an der Columbia University in New York und zu diesem Zeitpunkt dort Leiter des Department of Sociology. 13 Gespräch mit Marcuse : MacIvers Gespräch mit Herbert Marcuse (1898–1979) in Seattle fand allem Anschein nach kurze Zeit vor dem 3. September 1941 statt. [Siehe hierzu: Horkheimer an MacIver, 3. September 1941. MHA: II 11. 79.] 14 Department-Vorlesung : Die Vorlesungen des Instituts an der Columbia-Universität in New York hatten bis zu diesem Zeitpunkt in der Form von sogenannten „Extentions“ stattgefunden – so auch die von Institutsmitgliedern vom 7. November bis 19. Dezember 1941 abgehaltene Vorlesungsreihe zum Thema „National Socialism“ [MHA: VI 32. 54], an der Grossmann – zu diesem Zeitpunkt allerdings schwer erkrankt [Pollock an Horkheimer (Memorandum #27), 14. November 1941. MHA: VI 32. 41] – ebenfalls nicht beteiligt war. Ein höheres akademisches Ansehen hingegen versprachen „Fakultätsvorlesungen“, die in Anbindung an das Department of Sociology und durch Verhandlungen mit MacIver ermöglicht werden sollten. Horkheimers ursprüngliche Intention im Herbst 1941 war es, für das Folgejahr zu solchen Vorlesungen durch das Sociology-Department selbst berufen zu werden. Die Befassung des Comittee of Instruction mit der eingereichten Liste von anzubietenden The- 260 men- und Personalvorschlägen verzögerte sich jedoch mehrfach, und im Januar 1942 wurde nicht Horkheimer, sondern Franz L. Neumann (1900–1954) von der Fakultät mit der Abhaltung einer Vorlesung betraut. [MHGS 17. S. 25, 168/169 u. 173; Pollock an Horkheimer (Memorandum #3), 26. November 1941. MHA: VI 32. 25; Neumann an Horkheimer, 28. Januar 1942. In: Reform und Resignation. Gespräche über Franz L. Neumann. Hrsg. von Rainer Erd. Frankfurt a. M. 1985. S. 141–143; MHGS 17. S. 251 u. 253/254.] Leo Löwenthal hatte Horkheimer bereits am 20. Oktober 1942 von Grossmanns Verärgerung berichtet: „The explanation for Grossman’s fury was the fact that we did not send his name and his proposals for lectures to the faculty when we made that ill-fated application which ended with the appointment of Neumann.“ [MHGS 17. S. 356.] Ähnlich lautete der Aussagegehalt einer brieflichen Mitteilung von Herbert Marcuse an Horkheimer vom 11. November 1942: „I had a long talk with Grossmann, who is insulted because he was ‚übergangen’ by omitting his name on the lecture suggestions for Columbia last year!” [Collected Papers of Herbert Marcuse. Ed. by Douglas Kellner. Vol. 1: Technology, War and Fascism. London, New York 1998. S. 235.] Im „Memorandum re: Grossman“ vom 12. November 1942 schließlich heißt es von Seiten Löwenthals: „He [Grossmann] termed the omission of his name from the list of lectures which we submitted to Columbia a year ago as the greatest insult which he ever has experienced. He feels that everyone of his colleagues is responsible for that but that the brunt of the responsibility lies on H.’s shoulder.“ [MHA: VI 15. 255.] 15 zuweilen versichert haben : Siehe hierzu die Briefe Grossmanns an Horkheimer vom 30. Januar 1935 [MHGS 15. S. 311/312] und 1. August 1937 [MHGS 16. S. 204/205]. 16 Rockefeller Projekt : Gemeint ist das Forschungsprojekt „Cultural Aspects of National Socialism“. Es sollte aus sechs Sektionen bestehen: „Bureaucracy“ (geleitet von Pollock), „Mass Culture“ (Löwenthal), „Anti-Christianity“ (Horkheimer), „The War and Post-War Generation“ (Marcuse), „Ideological permeation of labor and the new middle classes” (Neumann), „Literature, art and music“ (Adorno). [MHA: IX 170. 3a.] Ein der Rockefeller Foundation in New York vorgelegter Antrag auf Finanzierung des Projekts wurde am 28. April 1941 abgelehnt. [MHA: IX 170. 318.] Intern als „Germany project“ bezeichnet, war es eines von mehreren (inhaltlich ähnlichen) Forschungsprojekten, mit denen das Institut seit 1940 Drittmittel einzuwerben versuchte. Hierzu zählte etwa auch das ebenfalls nicht durchgeführte Forschungsprojekt „The Collapse of German Democracy and the Expansion of National Socialism“ (15. September 1940), in dem Grossmann als Mitarbeiter neben Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Franz L. Neumann, Kurt Pinthus und Arthur Rosenberg vorgesehen war [MHA: IX 169. 1a. Bl. 66/67]. 17 Anderson : Eugene N. Anderson (1899–1984), 1936–1941 Professor für europäische Geschichte an der American University in Washington, D. C., 1941– 1942 Coordinator of Information, 1942–1945 Office of Strategic Services [Who was who in America. With world notables. Vol. VIII. 1982–1985. Chicago/Ill. 1985. S. 9], war als Kodirektor des Projekts „Cultural Aspects of National Socialism“ vorgesehen. [MHA: IX 170. 3a; Stackelberg, Roderick: „Cultural As- 261 pects of National Socialism“: An Unfinished Project of the Frankfurt School. In: Dialectical Anthropology. New York. Volume 12 (1987). No. 2. S. 253–260. Dort: S. 254.] 18 als ökonomischen Mitarbeiter : Grossmann wird in dem Projektentwurf mit Datum 24. Februar 1941 als „adviser for economic history, statistics and economics for all sections where such problems may enter“ benannt. [MHA: IX 170. 3a. S. 51.] In einer vorangegangenen Entwurfsfassung mit Datum 22. Februar 1942 hieß es noch im Inhaltsverzeichnis unter Auflistung der Sektionen und deren Leitung: „Bureaucracy (Frederick Pollock in collaboration with Hendrik Grossman)“. [MHA: IX 170. 3b. S. 1.] Löwenthals „Memorandum re: Grossman“ vom 12. November 1942 ist zu entnehmen, dass die Streichung Grossmanns auf Veranlassung Pollocks erfolgte. Dort heißt es: „He [Grossmann] furthermore quotes the fact that P. had made it a matter of his own acceptance that G. would not sign together with him the economic section of our Germany project.“ [MHA: VI 15. 254–256. Bl. 2.] 19 als der Soziologische Verlag Sternbergs Buch veröffentlichte : Sternberg, Fritz: „Der Imperialismus“ und seine Kritiker. Berlin: Soziologische Verlagsanstalt, 1929. Die Veröffentlichung trägt im Vorwort die Orts- und Datumsangabe „Berlin, Mai 1929“ (S. 10). Geschäftsführer der am 6. Mai 1929 gegründeten Soziologischen Verlagsanstalt war Felix Weil. [Adreßbuch des Deutschen Buchhandels 1930. Bearb. von der Adreßbuch-Redaktion des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler zu Leipzig. 92. Jg. Leipzig [1930]. S. 584.] 20 Descartes-Arbeit : Grossmann, Henryk: Die gesellschaftlichen Grundlagen der mechanistischen Philosophie und die Manufaktur. In: Zeitschrift für Sozialforschung. Paris. Jg. IV. H. 2 (1935). S. 161–231. [Zum Descartes-Bezug siehe dort insbesondere: S. 200–210 u. 225/226.] Im „Memorandum re: Grossman“ vom 12. November 1942 heißt es laut Löwenthal zum entsprechenden Kontext: „He [Grossmann] is inexhaustible in enumerating instances of P.‘s attempt to sabotage him and his work. One of the things under which he suffers most is the following: he had written to P. from Paris about seven years ago that a French publisher wanted to print a French version of his article on Borkenau and Descartes. P. had answered him that “we” which apparently meant himself and H. thought that this was not advisable because it could hurt the subscription business of our own periodical. G. has still this letter and considers it one of the most vicious pretexts possible for preventing a colleague from a scientific success.“ [MHA: VI 15. 255.] 21 Gallimard : Gaston Gallimard (1881–1975), Eigentümer des Verlags Gallimard in Paris. – Horkheimer hatte 1936/37 geplant, eine französische Ausgabe seiner wichtigsten Aufsätze unter dem Titel „Essais de Philosophie matérialiste“ herauszugeben. Übersetzungen dazu erarbeiteten Pierre Klossowski (1905–2001) und René Etiemble (1909–2002). [Siehe hierzu und zu näheren Umständen der gescheiterten Bemühungen: MHGS 15. S. 450, 662–665, 676–678, 686, 696 u. 707; MHGS 16. S. 166/167, 186, 213/214, 269, 314 u. 379.] 22 Ihres Gehaltes : Bezogen auf die Gehaltsfrage und „P.‘s Feindseligkeit“ heißt es im „Memorandum re: Grossman“ vom 12. November 1942: „The most important feature apparently is the money. He [Grossmann] claims that he is 262 paid on the same level or even worse than a secretary or any other office worker, that only people get good salaries who understand to flatter P., that his salary was on a percentage basis much more reduced than that of any other member and that all this is done by P. in order to impress on everyone that he is the one and only outstanding figure in this Institute: the Assistant Director as well as the great administrator of whom everybody has to tremble when he enters the office.“ [MHA: VI 15. 255.] 23 16jährigen : Die Aussage einer 16jährigen Institutszugehörigkeit steht in Widerspruch zur Aktenlage der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Universität Frankfurt: In einem „Curriculum vitae“ von Januar 1927 gab Grossmann an, dass er im Herbst 1925 die Stellung eines Assistenten von Grünberg am Institut für Sozialforschung antrat. [UAF, Abt. 150, Nr. 376, Bl. 210.] Aus einem Bericht des Polizeipräsidenten in Frankfurt vom 7. April 1926 geht ferner hervor, dass Grossmann sich am 4. November 1925 dort niederließ. [Migdal, Ulrike: Die Frühgeschichte des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, Frankfurt a. M., New York 1981. S. 103/104.] 24 Jahrbuch : Die Fortführung der Instituts-Zeitschrift sollte für die Zeit des Krieges in Form eines Jahrbuches erfolgen. [Horkheimer, Max: Preface. In: Studies in Philosophy and Social Sciences. Vol. IX. No. 3 (1941). New York [1942]. S. 365.] Dazu kam es nicht. 25 Beitrag zur Klassentheorie : Horkheimer strebte eine Konkretisierung der Klassentheorie in Form einer Theorie des Racket [siehe Erl. 33] an und beabsichtigte, die erste Ausgabe des avisierten Jahrbuches diesem Thema zu widmen [MHGS 17. S. 342/343]. Über den erhofften Beitrag von Grossmann berichtete er am 14. Oktober 1942 in einem Brief an Löwenthal [siehe Erl. 34]. Grossmanns Zurückweisung von Horkheimers Anliegen teilte Löwenthal im „Memorandum re: Grossman“ vom 12. November 1942 mit. Die der Schilderung zufolge Horkheimer mitzuteilenden und von Grossmann autorisierten – nachfolgend kursorisch wiedergegebenen – Gründe lauteten: Er [Grossmann] habe bislang keine englischen Publikationen vorzuweisen und arbeite intensiv an der Fertigstellung seines (kleineren) Buches über „Descartes and the invention of machines“. Er hoffe, nach einer Publikation Mittel und Wege finden zu können, um seine gegebene prekäre finanzielle Situation zu verbessern. Hätte das Institut zudem seinerzeit seine Studie über Marx veröffentlicht – gemeint ist offenbar: in englischer Übersetzung –, müsste er jetzt nicht schnellstmöglich auf dem Buchmarkt erscheinen, um in der wissenschaftlichen Fachwelt wahrgenommen zu werden und Aussichten auf einen Zuverdienst zu erlangen. Eine Unterbrechung seiner laufenden Arbeiten hingegen, um den durch Horkheimer erbetenen Beitrag zu erstellen, koste ihn im Minimum drei Monate Arbeitszeit und bedeute einen erheblichen Rückschritt in seinen Bemühungen um finanzielle Verbesserung. Zwar habe er über eine entsprechende Zuarbeit bei einem Treffen mit Horkheimer gesprochen [siehe Erl. 34]. Doch sei dies die erste Zusammenkunft mit diesem nach 18 Monaten gewesen und handelte es sich um ein recht allgemeines Gespräch, das er nicht sogleich negativ belasten wollte. In der erhofften Fortsetzung des Gesprächs, die zu seiner Enttäuschung nicht zustande kam, habe er Horkheimer die Gründe darlegen wollen, weshalb er den Beitrag nicht leisten könne. Ferner betrachte er die 263 Ablehnung zu einer Zuarbeit als berechtigt, da Horkheimer, auf die Umstände des geringen Gehalts angesprochen, geantwortet habe, dieses sei die Vergütung dafür, dass er ausschließlich eigenen wissenschaftlichen Interessen nachginge. Er [Grossmann] verstehe das als Bestrafung und sein unzureichendes Gehalt als Ausdruck dessen, dass er als enger Mitarbeiter weder erwünscht sei noch dass solche Zuarbeiten verlangt würden. [MHA: VI 15. 254.] 26 Schneider : Vermutlich Fedor Schneider (1879–1932), seit 1923 Professor für mittlere und neuere Geschichte und geschichtliche Hilfswissenschaften an der Universität Frankfurt, dort Mitglied der Philosophischen Fakultät. Er hatte als Autor an der „Festschrift für Carl Grünberg zum 70. Geburtstag“ (1932) mitgewirkt. 27 Professur : Horkheimers Berufung auf den neugeschaffenen und vom Institut finanzierten Lehrstuhl für Sozialphilosophie an der Universität Frankfurt erfolgte am 29. Juli 1930. [Kluke: Die Stiftungsuniversität Frankfurt am Main 1914–1932. S. 506.] 28 Aufenthalt in Los Angeles : Horkheimer hatte seinen Wohnsitz im April 1941 nach Los Angeles verlegt und bezog im Juni desselben Jahres ein Haus in Pacific Palisades bei Los Angeles. [MHGS 17. S. 14, Anm. 5.] 29 Freundschaft eines Lebens : Der Beginn der Freundschaft zwischen Horkheimer und Pollock, die bis zu Pollocks Tod im Herbst 1970 währte, lässt sich auf das Jahr 1911 datieren. [Gumnior, Helmut, Rudolf Ringguth: Horkheimer. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg 1988. S. 13.] 30 für unser reales Leben einzustehen hat : Anspielung auf Pollocks Zuständigkeit für die Verwaltung der Institutsfinanzen. 31 Krieg : Der offizielle Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg erfolgte nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 und den Kriegserklärungen Deutschlands und Italiens an die USA am 11. Dezember 1941. 32 Descartesarbeit : Aus dem Textzusammenhang ist nicht ersichtlich, auf welche Descartesarbeit sich Horkheimer bezieht. Löwenthal hatte ihn am 12. November 1942 darüber informiert, dass Grossmann an der Fertigstellung eines Buches über „Descartes and the invention of machines“ arbeite. [Memorandum re: Grossman. November 12, 1942. MHA: VI 15. 254.] Hierbei handelte es sich um eine Fortführung der in Erl. 20 genannten Thematik und eine Vorform zu dem später unter dem Titel „Universal Science versus Science of an Élite: Descartes’ New Ideal of Science“ fertiggestellten Typoskript. [Siehe hierzu: Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 166–180.] 33 Racket Problem : Zu Horkheimers Gebrauch des Begriffs Racket und den Vorarbeiten zu einer Theorie des Racket siehe: Zur Soziologie der Klassenverhältnisse (1943) [MHGS 12. S. 75–104]; sowie den Abschnitt „Die Rackets und der Geist“ in: Aufzeichnungen und Entwürfe zur Dialektik der Aufklärung [ebd. S. 287–291]. Über die Grossmann zugedachte Rolle bei Bearbeitung der Thematik geben ferner „Notizen zum Programm des Buches“ über Rackets Aufschluss: „Grossmann: Inwiefern auch im 19. Jahrhundert die Konkurrenz nicht die ursprüngliche Akkumulation vermittelte; / Über die Bedingtheit der Ent- 264 wicklung der Naturwissenschaften aus den Rackets im 17., 18. und 19. Jahrhundert.“ [Adorno, Theodor W., Max Horkheimer: Briefwechsel 1927–1969. Bd. 2: 1938–1944. Hrsg. von Christoph Gödde und Henri Lonitz. Frankfurt a. M. 2004. S. 291.] 34 als wir darüber sprachen : Horkheimer hielt sich von Anfang September bis 6. Oktober 1942 in New York auf und traf in diesem Zeitraum auch Grossmann zu einem Gespräch. Hierüber berichtete er in einem Brief an Löwenthal vom 14. Oktober 1942: „Grossman showed some willingness to write a small paper on the original accumulation as the way how the surplus-value has always been distributed among the different groups. Perhaps you can confer regularly with him so that we really get this paper which can be rather important.” [MHGS 17. S. 343.] 35 „übergangen“: Der entsprechende Kontext – im Verständnis zusätzlich erschwert unter Verwendung einer doppelten Verneinung als Verneinung – ist lediglich sekundär zu erschließen. In einem Bericht Löwenthals an Horkheimer vom 22. Oktober 1942 heißt es: „Grossman : I had lunch with him today and he first again produced a whole series of explosions because of the many wrong deeds which he has experienced. When I started speaking about his contribution to the year book, he told me that you had explained to him that he should not be »übergangen« in this publication. He was terribly insulted by such a remark and then I started being insulted and told him that apparently he neither understands German nor Southern German and that Horkheimer wanted to underline the fact that he considered and is considering Grossman as a member of our group who should do his theoretical share like all the others for our collective undertakings.” [MHGS 17. S. 356.] 36 letzte Nummer der Zeitschrift : Studies in Philosophy and Social Sciences. Vol. IX. No. 3 (1941). New York [1942]. Das Heft trägt im Vorwort die Datumsangabe März 1942. [Horkheimer, Max: Preface. In: Ebd. S. 365.] Zu Horkheimers Vorstellungen über einen Beitrag Grossmanns siehe seinen Brief an Löwenthal vom 20. Januar 1942. [MHGS 17. S. 244.] 37 Marcuse und Neumann in Washington : Herbert Marcuse führte zu diesem Zeitpunkt Verhandlungen in Washington über einen Eintritt in US-amerikanische Regierungsdienste. Am 7. Dezember 1942 trat er dort eine Stellung als Senior Analyst für das Office of War Information (OWI) an. [OWI an Marcuse, 16. November 1942. MHA: VI 27a. 46; Marcuse an Horkheimer, 17. November 1942. MHA: VI 27a. 47; Collected papers of Herbert Marcuse. Vol. 1. S. 234– 238; MHGS 17. S. 387–389; Hermann Weil Memorial Foundation an Marcuse, 15. Februar 1943. DNB: Nachlass Joseph und Alice Maier. Sign. EB 96/250.] Franz L. Neumann war seit Mitte 1942 als Chief Consultant für das Board of Economic Warfare (BEW) in Washington tätig. [Neumann an Horkheimer, 16. Mai 1942 u. 31. Juli 1942. MHA: VI 30. 354 u. 328; MHGS 17. S. 311; Institute of Social Research: Ten Years on Morningside Heights. A Report on the Institute’s History 1934 to 1944. [New York 1944.] S. 6.] 38 Beschäftigung Löwenthals bei Lazarsfeld : Leo Löwenthal arbeitete zu dieser Zeit an drei Tagen in der Woche für das Bureau von Paul F. Lazarsfeld (1901– 1976), Professor für Soziologie an der Columbia University in New York seit 265 1940 und dort Leiter des Office of Radio Research (später: Bureau of Applied Social Research). [MHGS 17. S. 355.] 39 anderen Ausfällen : Nach den Vorstellungen Horkheimers sollten ursprünglich auch Otto Kirchheimer (1905–1965), Arkadij Gurland (1904–1979), Paul W. Massing (1902–1979), Karl August Wittfogel (1896–1988) sowie Felix Weil und Friedrich Pollock Beiträge für das nicht zustande gekommene Jahrbuch erarbeiten. [MHGS 17. S. 342/343.] 40 Untersuchungen über Oper und Illusion : Diese Untersuchungen Grossmanns sind nicht überliefert. 41 Wagnerarbeit : Adorno, T. W.: Fragmente über Wagner. In: Zeitschrift für Sozialforschung. Paris. Jg. VIII. H. 1/2 (1939). S. 1–49. Dort: Kap. VI. [S. 17–26.] 42 Meine Frau : Rosa (gen. Maidon) Horkheimer, geb. Riekher (1887–1969). 43 Frau Marcuse : Sophie Marcuse, geb. Wertheim (1901–1951). 44 strategischen Nachrichten : Am 22. November 1942 schlossen sowjetische Truppen nach einer dreitägigen Gegenoffensive die deutsche 6. Armee sowie rumänische und italienische Truppen (insgesamt rund 284.000 Soldaten) im Raum Stalingrad ein. Zuvor hatte am 7./8. November 1942 in Nordwestafrika die erste Invasion alliierter Truppen (Operation „Torch“) begonnen, in deren Verlauf 107.000 britische und US-amerikanische Soldaten unter dem Befehl Eisenhowers in Marokko und Algerien landeten. [Chronik-Handbuch Daten der Weltgeschichte. 2., überarb. und aktualisierte Aufl. Gütersloh, München 1997. S. 495/496.] 45 M. H.: Im Ts. handschriftlich hinzugefügt.

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Zusammenfassung

Am Vorabend der Weltwirtschaftskrise von 1929 publizierte Henryk Grossmann (1881–1950) mit seinem Hauptwerk, „Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems“, eines der bedeutendsten Werke der marxistischen Krisentheorie. Zugleich war er von 1925 bis 1948 Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung – zunächst in Frankfurt, sodann in der Emigration in Paris, London und New York. Im Zentrum der vorliegenden Auswahl seiner nachgelassenen Schriften stehen politökonomische Arbeiten aus dem Warschauer Archiv der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Sie fokussieren zum überwiegenden Teil auf den Status der Marxschen Werttheorie und insonderheit auf das Problem der Wert-Preis-Transformation bei Marx. Weitere Abhandlungen gelten konzeptionellen Überlegungen zu den ökonomischen Bedingungen des deutschen Faschismus und zu wissenschaftshistorischen Themen. Der Publikation angefügt sind ferner mehrere archivalische und bio-bibliographische Verzeichnisse sowie ein Dokumentenanhang mit Reproduktionen ausgewählter Materialien. In der Gesamtheit ergibt sich ein neuer, bislang in dieser Intensität nicht bekannter Blick auf das Leben und Werk von Henryk Grossmann.