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Ein Beitrag zur Geschichte des Sozialismus in Polen vor vierzig Jahren (1923) in:

Henryk Grossmann

Schriften aus dem Nachlass, page 233 - 248

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3892-5, ISBN online: 978-3-8288-6811-3, https://doi.org/10.5771/9783828868113-233

Tectum, Baden-Baden
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235 Ein Beitrag zur Geschichte des Sozialismus in Polen vor vierzig Jahren (1923) Die Veröffentlichung einer ersten Reihe bislang unpublizierter kleinerer Arbeiten von K. Marx in polnischer Übersetzung bedarf keiner näheren Erläuterung. Eine eingehende Besprechung ihrer Bedeutung wäre heute, da sich die polnische Literatur das monumentale Basiswerk „Das Kapital“ noch nicht angeeignet hat, nicht so sehr überflüssig als vielmehr verfrüht. Mögen diese Schriften einstweilen für sich selbst sprechen! Dagegen ermutigt die Herausgabe dieser Schriften in einem Augenblick, in dem sich die Welt der Arbeit und Wissenschaft für den vierzigsten Todestag des genialen Forschers und unsterblichen Kämpfers für die Befreiung der Arbeiterklasse rüstet, dazu, einen Blick auf die Anfänge der Bewegung bei uns und auf das Echo zu werfen, das diese in den oberen Sphären der zeitgenössischen Wirtschaftswissenschaft hervorgerufen hat. Die Tatsache, dass es die Entwicklung der Arbeiterbewegung in polnischen Landen im Laufe fast eines halben Jahrhunderts zu keiner einzigen bedeutenden, selbständigen Arbeit im Bereich der Sozialismustheorie und der Arbeiterbewegung überhaupt gebracht hat, zeigt nur zu deutlich die geistige Unreife der Arbeiterklasse, was seinerseits wiederum die unvollständige Darstellung eines allgemeineren Faktums ist: das des überaus niedrigen Niveaus der in Polen noch in den Kinderschuhen steckenden Wirtschaftstheorie überhaupt. Dies hat tiefere historische Ursachen. In Bezug auf das zeitgenössische Polen ist zutreffend, was Marx über Deutschland im Jahre 1873 schrieb, dass „die politische Ökonomie bis zu dieser Stunde eine ausländische Wissenschaft blieb“. Die Verspätung der Bauernbefreiung und der Beseitigung der Reste des Feudalsystems in Polen hemmte die Entwicklung der kapitalistischen Produktion und verursachte so das Fehlen einer lebendigen Basis für politische Ökonomie. Diese war demnach eine Importware aus dem Ausland: aus England, Frankreich und Deutschland, und sie war zugleich das theoretische Abbild fremder Realität. Unter solchen Bedingungen war für die Arbeiterbewegung kein Platz, und diese konnte nur eine fremde, exotische Pflanze sein. Wenn man überhaupt von einem polnischen Sozialismus zu jener Zeit sprechen kann, dann war das ein Emigrationssozialismus, der im Lande kaum auf Echo stieß. Man sieht das an den damaligen Ansichten im Lande über den Charakter dieser Bewegungen. Im Jahre 1850 schrieb Herr Komornicki in dem von Kraszewski herausgegebenen Atheneum, die Ansichten ausländischer Ökonomen referierend: 236 „Ich finde, dass die französischen Träumer bei uns auf wenig Anteilnahme stoßen … Die Träume Fouriers, an deren Stichhaltigkeit Blanqui nicht zu zweifeln wagt, die Versuche Owens, die bislang weder ihm gelungen sind noch seinen Anhängern, die wahnwitzigen Hypothesen Proudhons, das alles hören wir uns an wie alte Märchen von Riesen, die den Himmel erstürmen, wie fantastische Geschichten.“ (Atheneum, Wilnius 1850, Bd. IV, S. 110). Erst nach der Bauernbefreiung, in den 1870er Jahren, entwickelte sich eine kapitalistische Produktion, und zwar in raschem Tempo, in polnischen Landen; es kam zu einer Periode der „organischen Arbeit“, einer Periode der Idealisierung der Pioniere des neuen Systems und der Verdrängung der Vertreter der alten Epoche. Die Messerklinge des aufkommenden Kapitalismus war nicht nach unten gerichtet, auf das Proletariat, das gerade erst den Kinderschuhen des Handwerks entschlüpft war, als vielmehr nach oben, gegen die Kirche und den Adel, die Schlachta, die die alten Feudalbeziehungen repräsentierten. Die entstehende Bourgeoisie träumte nach ausländischem Vorbild (wenn auch still und behutsam) von einer Umgestaltung der herrschenden Verhältnisse zu ihren Gunsten; von daher rührten der polnische Liberalismus, die fortschrittliche Kritik an Kirche und Religion … Damals, vor dem Hintergrund einer polnischen Bourgeoisie in statu nascendi, musste die zu einer überwältigenden Mehrheit noch antiliberal und klerikal eingestellte polnische Gesellschaft mit Sympathie den aus dem Ausland kommenden Nachrichten vom Kampf des Proletariats gegen die liberale Bourgeoisie lauschen. In diesem Augenblick entstand bei uns die erste bedeutende, man mag sagen, was man will, in Form und Inhalt nicht gewöhnliche Studie aus dem Bereich des Sozialismus, verfasst von dem Priester St. Pawlicki, einem Mitglied der Kongregation von der Auferstehung des Herrn und Professor an der Jagiellonen-Universität: „Lassalle und die Zukunft des Sozialismus“ (Krakau 1874). Sein Unwille gegenüber der liberalen Bourgeoisie bewirkt, dass Priester Pawlicki kein vorbehaltloser Anbeter des goldenen Kalbes des Kapitalismus und seiner theoretischen Reflexion – dem freien Wettbewerb – ist, dass er wachen Auges darauf blickt und nicht nur die dicken Dividenden der Aktionäre sieht, sondern auch die Kehrseite der Medaille: „die negativen Seiten des Gesellschaftsbaus“, der auf freiem Wettbewerb basiert (Kapitel V, S. 91– 101). Vorbehaltlos anerkannt werden die Verdienste der neueren wissenschaftlichen Sozialisten, besonders von Marx, weil er die wirtschaftliche Lage der Arbeiterklasse von Grund auf analysiert hat (S. 92). Der Sozialismus sei das Resultat der ökonomischen Lage der Arbeiterklasse und des ganzen zeitgenössischen Gesellschaftssystems. „Leider … kranken die größten Staaten Europas heutzutage an der sozialen Frage, das heißt an 237 sozialer Unordnung, doch kaum jemand sieht das, und selbst diejenigen, die es sehen, können nichts dagegen tun, weil auch diese wenigen Beobachter der Rausch der Zivilisation des nüchternen Urteilsvermögens beraubt“ (S. 5). Mit bitterer Ironie spricht er von der „Kehrseite“ dieser Zivilisation, die „ebenfalls wichtig ist, vielleicht sogar noch wichtiger als die andere. Wenn sie uns maßloses Elend offenbart und die Zerstörung des Gleichgewichts der Besitzverhältnisse, was für einen Wert hat dann diese grelle, neu entstandene Kultur?“ „Unsere goldene Zivilisation schlemmt über einem schlafenden Vulkan. Und doch sind die Anzeichen für einen Ausbruch so deutlich, so zahlreich“! (S. 6, 7.) „Unter dem Druck des Elends und angesichts des Egoismus der wohlhabenden Klassen beginnt es in den Massen immer mehr zu gären, erwacht ein immer größerer Hass auf die Obrigkeit, die das Elend der Gesellschaft entweder nicht abschaffen kann oder es nicht will“, während man gleichzeitig „die Schätze ganzer Provinzen in den Händen weniger Kapitalisten angehäuft sieht. Da weckt die grelle Antithese von reichem Müßiggang und blutiger Arbeit ums tägliche Brot, von riesigen Vermögen und nackter Armut in den Herzen jenen Hass auf jegliches Eigentum, ohne den der Sozialismus nicht leben kann“ (S. 8). Aus diesen Fakten erwachsen der Sozialismus und die soziale Frage. Es sei nicht das Werk falscher Individuen, sondern die Folge der bestehenden Verhältnisse. „Ob ihre hartnäckige Ausdauer, dieser ständige Zuwachs und die zunehmende Tapferkeit nicht zu einer Wahrheit oder zu einer Teilwahrheit führt, die tief in ihr verborgen liegt, die immer lauter nach Leben und Realität verlangt? Verschließen wir also nicht die Augen vor ihrem Anblick … sehen wir genau hin und erkennen wir sie von Grund auf, denn die Begegnung mit ihr ist unvermeidlich, und große Verdienste erwirbt sich, wer den Feind vor dem Zusammentreffen kennen gelernt hat“ (S. 10). – „Vor der Begegnung“ mit der modernen Bewegung der Arbeiterklasse, die es damals in Polen nicht gab. „Die einschlägige sozialistische Bewegung beginnt in Polen ab dem Jahr 1877 … Bis zum Jahre 1877 hat der praktische Sozialismus im Lande keine tieferen Wurzeln geschlagen. Es wurden zwar sozialistische Zirkel in der Emigration organisiert, und man bemühte sich mehrfach, deren Agitation von außen ins Land hereinzubringen, doch diese konnte eine gewisse Zeitlang weder in Posen noch in Galizien oder im Königreich festen Fuß fassen“.1 1 Estreicher, St.: Rozw j organizacji socjalistycznej w krajach polskich. [Die Entwicklung der sozialistischen Organisation in polnischen Landen.] Kraków 1896. S. 5. 238 Unter diesen Bedingungen, als die Gefahr einer unmittelbaren Arbeiterbewegung nicht bestand, als das ganze Problem des Sozialismus nicht auf der Basis der wirtschaftlichen Entwicklung der eigenen Gesellschaft wuchs, sondern von außen kam, als eine gedankliche Reflexion abgelegener Gesellschaftskonflikte, da kann man von den Honigwochen der polnischen Wissenschaft in Bezug auf den Sozialismus sprechen: Sie hatte noch den von praktischen Sorgen um die eigene materielle Zukunft ungeschwächten Willen zur Erforschung des Phänomens und zur Erkenntnis der Wahrheit. In dieser Zeit kam es auch zu einer selbständigen Arbeit über die Arbeiterbewegung und den Sozialismus und zu jenem objektiven Urteil von Menschen der Wissenschaft, die, wenn sie auch gesellschaftlich auf der entgegengesetzten Seite standen, wenn sie auch spürten, dass darin eine Gefahr für die materielle Lage ihrer eigenen Klasse lag, in dieser Bewegung dennoch „die Wahrheit oder eine Teilwahrheit, die ihr zugrunde liegt“ zu sehen vermochten und sie, anstatt sie mit blindem Hass zu verurteilen, vor allem „gut und von Grund auf kennen lernen“ wollten. P. analysiert die wirtschaftliche Lage und das Elend der Arbeiterklasse und setzt sich mit jenen auseinander, die behaupten, dieses Elend lasse sich nicht abschaffen. Neben dem System der kapitalistischen Produktion selbst sieht er eine weitere bedeutende Quelle dieses Elends im modernen Staat und im Militarismus, die ständig neue Belastungen nach sich zögen (113, 115). So betrachtet er die Sache der Arbeiterbewegung, und nicht anders sieht er auch die sie führenden Leute. „Indem ich alle positiven Seiten ihres Geistes (von Marx und Lassalle) hervorhebe, spreche ich zuweilen über sie mit offenkundiger Sympathie.“ Lassalle ist für ihn kein gewöhnlicher Demagoge. „Er veranschaulicht eine Idee, die im Ganzen falsch ist, denn sie ist einseitig, und doch enthält sie einen wahren Kern, der früher oder später keimen, Wurzeln schlagen und wachsen wird. Das ist seine historische Bedeutung, die Macht seines Namens“ … „Er hat seine Mission liebgewonnen und seine ganze Seele hineingelegt … Darin liegt sein Ruhm und sein persönlicher Wert, der Achtung verdient“ (S. 10). Mit dieser Objektivierung erinnert der Priester Pawlicki drei Jahre nach dem Zusammenbruch der Pariser Kommune und ein Jahr nach dem Haager Internationalen Kongress an den von der Bourgeoisie der ganzen Welt gehassten Begründer und Anführer der Bewegung, Karl Marx, wobei er ihn gegen ungerechte Verleumdungen verteidigt. „Dank den liberalen Zeitungen existieren über (Marx und die Internationale) völlig falsche Vorstellungen; man gibt ihnen die Schuld an den abscheulichsten Verbrechen“. Pawlicki sieht darin gewöhnliche Verleumdungen. Für ihn ist Marx ein „tiefschürfender und allseitig ausgerichteter Denker, der stets bereit ist, sein persönliches Interesse seinen theoretischen Überzeugungen 239 zu opfern“ (S. 49), und sein literarisches Hauptwerk, „Das Kapital“, ist für ihn ein „vortreffliches“ Werk (S. 50); Marx und Engels sind „Männer, denen man tiefe Wissenschaft nicht abstreiten kann“ (S. 58), weil sie zur Erhellung der negativen Seiten des derzeitigen Gesellschaftssystems beigetragen hätten: „die neueren Sozialisten, besonders Marx, haben sich nicht geringe Verdienste erworben, indem sie dieses Elend hervorgehoben und dessen grausiges Bild den vermögenden Klassen vor Augen geführt haben“ (S. 92). Von seinem konservativen Standpunkt aus sah und konstatierte Pawlicki schon damals den Bankrott der offiziellen liberalen Ökonomie angesichts des wissenschaftlichen Sozialismus. „Sowohl Tageszeitungen aller politischen Meinungen als auch Hochschulkatheder rufen zum formellen Kreuzzug gegen den sich erhebenden Feind auf“. Der Liberalismus „hat sich dennoch keine Lorbeerkränze erworben, sondern sogar seine alten eingebüßt; denn wenn die mit ihm verbündeten Regime – zumindest zeitweilig – der sozialen Bewegung materiellen Nutzen brachten, so hat der theoretische Liberalismus in den letzten Jahren nur Niederlagen verzeichnet ... Er hat in seinen Reihen keine einzige Persönlichkeit gefunden, die in der Lage wäre, den Kampf mit den Anführern der sozialen Bewegung aufzunehmen.“ … „Die Gegner von Lassalle und Marx aus dem liberalen Lager machen auf mich den Eindruck von Liliputanern, die sich auf Riesen stürzen. Das führt dazu, dass die Kräfte ausgemergelt werden, es führt zu einer großen Entmutigung“ … „Diese Kasten haben nicht einmal eine mächtige Waffe, die das fehlende Genie ersetzen könnte, sie haben noch kein System, an das sie glauben … die politische Ökonomie ist ihnen völlig entglitten und in den Besitz ihrer Gegner übergegangen, seit Lassalle bewiesen hat, dass die politische Ökonomie unweigerlich von den Höhen, zu denen sie Ricardo geführt hat, in den Abgrund des Sozialismus fallen muss“ (S. 143). „Gegen eine Idee muss nicht eine materielle Macht, sondern unbedingt eine andere Idee zum Kampf antreten“, folgert er idealistisch. Er hat Recht, wenn er vom Standpunkt der Wissenschaft aus die Forderung stellt, „wer sich wirksam mit einer Theorie auseinandersetzen will, muss ihr eine bessere Theorie gegenüberstellen. Das kann der Liberalismus nicht, aus dem einfachen Grund, weil er keine hat“ (S. 143). Nachdem er als Wissenschaft Bankrott gemacht hat, setzt er seine ganze Hoffnung auf die Obrigkeit. Daher sein Rufen nach Repressionen durch Polizei und Gesetz. Priester Pawlicki warnt jedoch vor diesem Mittel gegen die Bewegung, die zutiefst auf den ökonomischen Verhältnissen basiere und eine vorzüglichere wissenschaftliche Theorie besitze als ihre Gegner. Man könne dem Sozialismus das Recht auf Existenz bestreiten, wenn man die Hauptgründe 240 für das „gesellschaftliche Chaos“ beseitige (S. 115). Doch die verdorbene Plutokratie, die Börsen, Parlamente und Banken beherrsche, und deren einziges Ziel fieberhafte Bereicherung um jeden Preis sei, sei dazu nicht fähig. Angesichts dessen warnt er, dass „die materielle Drangsalierung der Sozialisten von geringem Nutzen ist“ …, dass „die Behörden, die seit dreißig Jahren mit der Strafverfolgung des Sozialismus beschäftigt sind, sich keines einzigen bedeutenden Resultates rühmen können; trotz Prozessen, Fesseln, Verbannungen, die den Anführern der neuen Bewegung entgegengeworfen werden, hat diese Bewegung nicht nur bestehen können, sondern sie wächst mit jedem Jahr“. Denn „die Idee lässt sich nicht mit dem Bajonett erstechen oder ins Gefängnis stecken" (S. 142). In den oben dargelegten Ausführungen ging es mir nicht um die Analyse und Kritik der Ansichten Priester Pawlickis, sondern darum, sein Verhältnis zur Bewegung der Arbeiterklasse und ihrer theoretischen Vertreter herauszuarbeiten. Das Bild, das vor unseren Augen entsteht, ist einzigartig in seiner Zerrissenheit. Der ökonomische und gesellschaftliche Fragenkomplex, den es aufwirft, das Material, mit dem es illustriert ist, all das ist aus dem Ausland importiert. Doch gerade die Tatsache, dass es die Bewegung der Arbeiterklasse im Lande nicht gab, dass sie nicht bedrohlich sein konnte, gestattete Objektivität. Auch in Bezug auf unsere Gesellschaftsschriftsteller bewahrheitet sich die marxistische Ansicht: „Solange man sich objektiv mit politischer Ökonomie beschäftigen konnte, fehlte es in der polnischen Wirklichkeit an den modernen ökonomischen Bedingungen. Sobald diese Bedingungen gegeben waren, geschah das unter Umständen, die eine unparteiische Wissenschaft in den Grenzen des bourgeoisen Horizontes verhinderten. Die politische Ökonomie – wenn sie bürgerlich ist, d. h. das kapitalistische System nicht als historisch vorübergehende Phase der Entwicklung begreift, sondern im Gegenteil als absolute und endgültige Form der gesellschaftlichen Produktion, kann nur solange eine Wissenschaft bleiben, wie sich der Klassenkampf im Keimstadium befindet oder sie sich ausschließlich in Abgeschiedenheit entfaltet.“ In die Idylle, wie sie sich in dem Buch Pawlickis widerspiegelt, brach bald darauf mit scharfen Misstönen die aufkommende sozialistische Bewegung in polnischen Landen in den Jahren 1878 und 1879 herein, die Tätigkeit L. Wary skis und der Genossen im Königreich, der große Prozess im Jahre 1879 vor dem Geschworenengericht in Krakau, die Entstehung des ersten „Proletariats“, der Posener Prozess des Jahres 1882 und die beiden Warschauer Prozesse. Und sofort zerplatzte die Idylle der bürgerlichen Ökonomie in Polen wie eine Seifenblase. Die Geburt der Bewegung der Arbeiterklasse war gleichzeitig das Begräbnis der schwachen Pflanze, genannt selbständige und unabhängige Wirtschaftswissenschaft. Als wären auf die Berührung eines Zauberstabes hin ein für alle Mal Stimmen wie die des Priesters 241 Pawlicki verstummt. Sein Werk geriet ins Abseits, wurde vergessen und diente nirgends mehr als nachahmenswertes Beispiel. Nach dem Jahr 1877 war ein Werk über den Sozialismus im Stil der Arbeit Pawlickis unmöglich. Kaum entstanden die ersten Keime der Arbeiterbewegung in Polen, da trat das bürgerliche Lager auch schon zum Kampf gegen das Proletariat an. Von da an erschien in diesem Lager keine einzige bedeutendere Arbeit mehr, die der Analyse der praktischen Arbeiterbewegung oder ihrer Theorie gewidmet gewesen wäre. Der Wunsch nach wissenschaftlicher Forschung und Erkenntnis verstummte dort ein für alle Mal, und es kam zur trivialen, apologetischen Verteidigung von Interessen. Die Warschauer Fortschrittlichen äußerten sich im Jahre 1879 in einem Artikel wi tochowskis in den „Nowiny“ gegen den Sozialismus, und ihnen kam vom Universitätslehrstuhl für liberale Ökonomie, in Gestalt des Rektors der Universität von Lemberg Professor Leon Bili ski zu Hilfe. Unter dem „tiefen Eindruck der sozialistischen Agitationen des Jahres 1878/79“ beschloss er, vom Rednerpult des Rektors aus ein Bild „der für Vaterland, Kirche, Familie und Gesellschaft schrecklichen Bestrebungen des Sozialismus“ zu geben, in einer feierlichen Ansprache an die Jugend, die im Oktober 18822 gehalten wurde, natürlich „auf der Basis nüchterner und gerechter Wissenschaft“. Diese besondere Wissenschaft eines ehrenwerten „Akademiemitglieds“ ist in der Tat wirklich „nüchtern“: Erstmals in der Geschichte Polens wie auch der übrigen Länder des Westens zeichnet sich die Klasse der freien Lohnarbeiter als ein Massenphänomen ab, als eine Klasse, die sich in nationalen und internationalen Verbindungen organisiert und nach einer prinzipiellen Veränderung des gesellschaftlichen Systems strebt. Die „nüchterne“ Wissenschaft sieht weder in dieser breiten sozialen Bewegung noch in ihrer sozialistischen Theorie ein Problem, das der Erforschung wert wäre. „Vor allem“, gesteht B. naiv, „möchte ich die Universitätsjugend laut vor den fatalen sozialistischen Strömungen warnen.“ In den Pforten der Universität, von denen das Licht der Wissenschaft und der Erkenntnis ausstrahlen sollte, ruft er zum blutigen Kreuzzug gegen den Sozialismus auf, und während er noch von der „nüchternen und gerechten“ Wissenschaft spricht, erklärt er unmissverständlich, in seinem Kampf gegen den Sozialismus und die Sozialisten keinen einzigen der bekanntesten literarischen Vertreter des älteren oder neueren Sozialismus gelesen zu haben: Auf den 60 Seiten seiner Ausführungen, die mit Zitaten und Titeln von Werken überladen sind, nennt er kein einziges Werk der Sozialisten, gegen die er polemisiert. Mit der Gewandtheit eines Ignoran- 2 Bili ski, L.: O istocie, rozwoju i obecnym stanie socjaliszmu. [Über das Wesen, die Entwicklung und die jetzige Lage des Sozialismus.] Kraków 1883. 242 ten und Kompilators bezieht er seine ganze Weisheit und all seine Informationen aus zweiter und dritter Hand, indem er sie aus suspekten Quellen abschreibt, wie die von Winter, Semler, Laveley, Meyer und B. Becker, wie es sich für „nüchterne“ Wissenschaft gehört. So hat laut dem ehrenwerten Akademiemitglied der Biograph Babeufs, Buonarroti, „schon im Jahre 1837 Königsmord, Meuchelmord und Mord als erlaubte Mittel zur Bewirkung des Guten bezeichnet“ (S. 18). In dem Augenblick, als sich die Wirtschaftstheorie des Westens gezwungenermaßen mit dem wissenschaftlichem Sozialismus zu beschäftigen hat und durch den Mund ihres angesehensten Repräsentanten Böhm-Bawerk (1884) bekennt, dass Marx „der größte Theoretiker des Sozialismus durch seine unbestreitbare Originalität und das hohe Niveau seiner raschen Schlussfolgerungen“ sei, und der Vorstellung und Kritik seiner wissenschaftlichen Theorie ein längeres Kapitel widmet, als eine ganze Reihe anderer bekannter Ökonomen aus dem bürgerlichen Lager schon damals in Marx „das größte Ereignis in der zeitgenössischen sozialistischen Literatur“ sieht (Knies3) – da hat ein ehrenwerter Professor und ein Akademiemitglied, der Stolz unserer Wirtschaftswissenschaft, der Jugend über Marx nichts anderes zu sagen als: „Mord, Raub und Brandstiftung zum Zweck der letztlichen Konfiszierung aller Güter für die Sache der Arbeiterrepublik: das ist schon im Jahre 1850 das Programm von Marx“ (S. 28). Die Tatsache des „schrecklichen Wachsens des Sozialismus in Frankreich“ ausmalend, beschuldigt er diesen auch der dort zu jener Zeit grassierenden „schwarzen Bande“, die „Kapellen zerstört, Kreuze abreißt und goldene und silberne Kirchengegenstände raubt“ (S. 34); schließlich erinnert er an die „Dynamitattentate, die sicherlich (!) auf dem Kongress in Roanne beschlossen wurden“ (S. 35). Allerdings, so sagt er, sei bezweifelt worden, dass zwischen diesen Attentaten und dem Sozialismus ein Zusammenhang bestehe. „Die Sache kann jedoch für niemanden einem Zweifel unterliegen, dem das öffentliche Programm des Sozialismus vom Jahre 1848 bekannt ist, und besonders das des internationalen vom Jahre 1863“ (S. 35). Nicht anders verhalte es sich in Deutschland und Ungarn. In Deutschland sei zu gewalttätigen Ausbrüchen mit dem Ziel der Vernichtung von allem, „was dem Sozialismus im Wege steht“ aufgerufen worden. „Mögen alle Schlösser, Statuen und Denkmäler in Flammen aufge- 3 30 Jahre später musste sogar Al. wietochowski – obgleich seine Marxismuskritik wahrhaftig nicht zur tiefgründigsten gehört – zugeben, dass „der Wunsch, den Wert und die Stärke des mächtigen Stroms zu reduzieren, der aus der Theorie von Marx hervortrete, vermessen und müßig ist. Denn „Das Kapital“ ist ein denkwürdiges Werk“ … ( wietochowski, Aleksander: Utopje. [Utopien.] Warszawa 1910. S. 220). 243 hen … möge das Feuer unsere Losung werden" (S. 37). Für die Polizeipresse wiederholt er eifrig, dass „die antisemitischen Unruhen in Ungarn die Folge sorgfältig ausgeklügelter Pläne der Sozialisten sind, die jüdische Betriebe unter antisemitischem Namen in Brand stecken und auf diese Weise den Arbeitern ihr Brot nehmen und sie für ihre Sache gewinnen wollen“. Eifrig setzt er allerlei auf das Konto des Sozialismus, „Betäubung eines Fabrikanten und Plünderung seiner Kasse“ und das Bedürfnis nach „Plünderungen, um Kapital für Agitationen zu gewinnen“ (S. 39), um sich schließlich bei der Frage aufzuhalten, „womit man das der ganzen zivilisierten Welt drohende Gespenst des Sozialismus abwenden kann“ (S. 39). Und als Heilmittel gegen den Sozialismus empfiehlt er – je nach den besonderen Verhältnissen in den einzelnen Ländern – entweder die gewöhnlichen Gesetze des Strafgesetzbuches oder aber strengere Ausnahmegesetze. Wir haben gesehen, wie Priester Pawlicki argumentiert, dass „wer sich effektiv mit einer Theorie auseinandersetzen will, ihr eine bessere Theorie gegenüberstellen muss“. Man könnte meinen, dass dies besonders die Aufgabe eines Professors wäre, der sich in den Pforten der Universität an die Jugend mit dem Wort der Wissenschaft und der Aufklärung wendet. Bili ski versteht die Wissenschaft anders; er hält idealistische Hirngespinste dieser Art für überflüssig: Er beruft sich nicht auf eine Theorie, sondern auf Gefängnis und Galgen! Mit Vorliebe blickt er nach Russland, wo die Obrigkeit „mit Belagerungszustand und Galgen antwortet“. Ebenso in Frankreich und Deutschland, „wo der Sozialismus ebenfalls bereits nach der Macht der Obrigkeit gegriffen hätte und wo die gewöhnlichen Gesetze für unzureichend erkannt worden sind“. Er zählt auf, wo Ausnahmegesetze in Kraft gesetzt wurden: in Frankreich 1872, in Deutschland 1878. In anderen Ländern gebe es keine Ausnahmegesetze, da zum Beispiel in Österreich „unser Strafrecht ohnehin … strenge Verfügungen enthält“ (S. 41/42). Die hier angeführten Auszüge aus der Arbeit Bili skis genügen zur Charakterisierung des Bildes der offiziellen Wirtschaftswissenschaft an den Universitäten in Polen und ihre Beziehung zum theoretischen und praktischen Sozialismus an der Wende vom achten zum neunten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts. Es zeigt sich, dass diese Ökonomie bei uns am Ende des 19. Jahrhunderts buchstäblich das war, was ihr Name in den Anfängen der deutschen Kameralistik an der Schwelle des 18. Jahrhunderts besagt: eine Polizeywissenschaft. Wie war die weitere Entwicklung dieser Wissenschaft und ihrer Beziehung zum Sozialismus im Verlauf der nächsten vierzig Jahre? Der Charakterisierung dieser Entwicklung werden wir bei anderer Gelegenheit eine separate Studie widmen. Es sei jedoch die Tatsache erwähnt, 244 dass, als die Polizei in ihrem blinden Wahn ein Werk von heute so großem Ansehen wie „Das Kommunistische Manifest“ von Marx beschlagnahmte, Wissenschaft und Presse schwiegen. *** Unmittelbar in dieser Zeit schließt sich mit Briefen an Dr. Kugelmann die Kritik am Entwurf des sozialdemokratischen Parteiprogramms vom 5. Mai 1875 an, die vor dem Vereinigungskongress geschrieben wurde, der in den Tagen vom 22. bis zum 27. Mai 1875 in Gotha stattfand, und den Programmentwurf betrifft, der als Kompromiss Mitte Februar des Jahres von den Delegierten der beiden damaligen Parteien in Deutschland, d. h. den. Lassalleanern und den Eisenachern, verfasst worden war. Das sog. Eisenacher Programm vom August 1869, das von der damaligen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Deutschland, zu der Liebknecht und Bebel gehörten, verfasst worden war, war kein rein sozialistisches Programm, sondern eine Mischung von marxistischen, lassalleanischen und bürgerlich-demokratischen Forderungen und Ansichten. Neben der marxistischen Forderung nach „Abschaffung aller Klassenherrschaft“ sowie nach „Abschaffung der jetzigen Produktionsweise (Lohnsystem)“, und ferner neben der Notwendigkeit des Klassenkampfes um Befreiung auf internationalem Terrain enthält es gleichzeitig die Lassallesche Forderung nach dem „vollen Arbeitsertrag für jeden Arbeiter“ sowie „freie Produktionsgenossenschaften mit Staatskredit“ und schließlich, als Überreste kleinbürgerlich-demokratischer Ideologie, Phrasen über „den freien Volksstaat“, „unentgeltliche Rechtspflege“ u.s.w. Der Entwurf von Gotha wiederholt diese Ansichten und Forderungen und schmückt sie noch mit Lassalleschen Wendungen über das eherne Lohngesetz und mit der politischen Wendung aus, dass in Bezug auf die Arbeiterklasse alle anderen Gesellschaftsklassen „nur eine reaktionäre Masse“ bilden. Gegen diese Ansichten wendet sich die Kritik von Marx, die für einen kleinen Kreis einflussreicher Personen bestimmt und mit schonungsloser Offenheit geschrieben ist, in dem Bestreben nach Aufklärung der Wahrheit und ohne persönliche oder taktische Abschweifungen. Marx setzt sich schonungslos mit dem Gothaer Entwurf auseinander; er ist der Auffassung, es sei ein Rückschritt gegenüber dem höheren, bereits früher erreichten Niveau der theoretischen Entwicklung und eine Kompromisslösung prinzipieller Streitigkeiten, die beide Arbeiterlager trennten, und die Vereinigung der Arbeiterbewegung auf diesem Wege sei nur ein zeitweiliger Erfolg, der teuer erkauft sei und die Partei demoralisiere. Schon zwei Jahre später stellte er in einem Brief an Engels vom 28. Juli 245 1877 fest, „dass die Fusion die Partei theoretisch und praktisch degradiert hat“. Das war verständlich. Denn historisch bedingte Gegensätze lassen sich nicht auf dem Wege von Übereinkünften und der Verabschiedung kompromisshafter Resolutionen beseitigen, sondern sie müssen bis zu Ende ausgefochten werden, bis sie durch die Dialektik des tatsächlichen Geschichtsprozesses selbst verschwinden. Die marxistische Kritik hat im sozialistischen Denken einzelner herausragender Vertreter der damaligen Bewegung unzweifelhaft Spuren hinterlassen, wie man an der Broschüre Liebknechts über die Agrarfrage sieht, in der er einzelne Punkte des Eisenacher Programms ganz im Geiste der marxistischen Kritik interpretiert.4 Auch auf die Gesamtheit und den Charakter der Parteibeschlüsse blieb diese Kritik kaum ohne Einfluss, wie man am Vergleich der ersten Fassung des Programmentwurfs mit der von uns angeführten endgültigen Version des Vereinigungskongresses in Gotha sieht. Zum Teil ist das Ausdruck der Unreife der damaligen Arbeiterbewegung in Deutschland, die in ihrer Gesamtheit noch nicht in der Lage war, sich zu der Höhe marxistischen theoretischen Denkens aufzuschwingen, das kurz zuvor im „Kapital“ (1867) begründet worden war und sich praktisch in den titanischen Kämpfen der ersten „Internationalen“ (1864– 1872) kristallisiert hatte; zum Teil fielen schon auf diese damalige Arbeiterbewegung nach dem Jahre 1874 die ersten Schatten systematischer Verfolgung und des sich anbahnenden Ausnahmegesetzes. Diese Zeit der beginnenden Repressionen von Seiten der preußischen Staatsanwaltschaft und Polizei, die sog. „Ära Tessendorf“, zwang die Arbeiterbewegung, alle Anstrengungen auf den praktischen Kampf zur Abwehr von Gewalt und für das Überleben der unterdrückten Organisation zu konzentrieren. Was die Arbeiterbewegung selbst von innen her nicht erreichte, das bewirkte der brutale Druck von außen, und ihm gebührt der Dank für das Entstehen des Bedürfnisses nach organisatorischer Verschmelzung der beiden Lager der Arbeiterbewegung, trotz der Unterschiede ihrer Programme, die das Leben einstweilen auf später verschob, obgleich die Überzeugung von der Unzulänglichkeit des neu geschaffenen Gothaer Programms in der Partei immer mehr um sich griff. Unter diesen Bedingungen geriet der „Gothaer Brief“ von Marx in Vergessenheit. Erst nach der Abschaffung des Ausnahmegesetzes und nachdem sie sich auf dem Kongress in Halle (1890) eine neue Parteiorganisation gegeben hatte, konnte die Arbeiterbewegung in Deutschland an die Arbeit zur Formulierung eines neuen Programms denken, das die in der Partei herrschenden theoretischen Ansichten zum Ausdruck bringen sollte. 4 Liebknecht, W.: Zur Grund- u. Bodenfrage. Leipzig 1876. S. 181/182. 246 Damals, nach dem Kongress in Halle und vor dem Erfurter Kongress, im Verlauf der Diskussionen um das Programm und mit dem Ziel ihrer Vertiefung wurde der vergessene „Gothaer Brief“ ans Tageslicht befördert. Doch die das taten, waren nicht diejenigen, an die der Brief seiner Zeit gerichtet gewesen war, sondern das tat F. Engels, der ihn aus Marx‘ literarischem Erbe in der „Neuen Zeit“, Jahrg. 9, I, Heft 18, veröffentlichte. Ich gebe ihn heute in polnischer Sprache heraus, da ihm sein ungewöhnlicher Inhalt und die meisterhafte kritische Analyse in der Entwicklung der wissenschaftlichen Theorie des Sozialismus eine außerordentliche Bedeutung verleihen und zu einer Vertiefung der Ansichten über prinzipielle Probleme des Klassenkampfes des Proletariats in einem Augenblick führten, als die Arbeiterbewegung eine bedeutsame Zeit des Umbruchs erfuhr, dessen Entstehung bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts zurückreicht und der in der Taktik vom 4. August 1914 klar zutage trat. Die Kritik am Gothaer Programm ist – nicht nur bei uns – weiten Kreisen unbekannt. Es ist charakteristisch und nicht nur eine Laune des Zufalls, dass dieses historische Dokument von ungewöhnlichem Wert seit seiner Veröffentlichung im Jahre 1891 durch Engels, zum Entsetzen bestimmter Kreise in der deutschen Partei, nie in einer separaten Ausgabe erschienen ist, nie im Laufe von 30 Jahren der Masse zugänglich gemacht wurde, damals, als die Partei wertlose Arbeiten lokaler, unbekannter Größen in Auflagen von Zehntausenden von Exemplaren verlegen ließ. Die Gründe für dieses ungewöhnliche Geschehen versteht jeder, der den „Gothaer Brief“ gelesen hat, und besonders Teil IV, den „demokratischen Abschnitt“. In diesem Vergessen der Marxschen Abhandlung, in dieser Verwirrung der Parteiführung zeigen sich die Anfänge eines „neuen Geistes“, der unter dem Einfluss der popularisierenden Interpretation Kautskys die deutsche Partei nach 1891 erfasste; es ist das erste Glied in jener systematischen und ununterbrochenen Kette von Bemühungen mit dem Ziel der Anpassung des Marxismus an die opportunistischen alltäglichen Praktiken. Kann es verwundern, dass diese Abhandlung, die im eigenen Lager vergessen und verschwiegen wurde, nicht auf größeres Verständnis im gegnerischen Lager stieß? Tatsächlich haben nicht nur fachliche Bezwinger von Marx, etwa in Art unserer dilettantischen Erazmusse Majewskis, sondern sogar sog. ausgezeichnete „Kenner“ des Marxismus, Repräsentanten des offiziellen Wissens, eine einfach erstaunliche und entwaffnende Unwissenheit erkennen lassen. Im selben Jahr 1891, als die vernichtende Kritik des Gothaer Programms erschien, schrieb G. Adler, Professor an der Freiburger Universität: „Das neue Gothaer Programm erhielt fast ausschließlich das kommunistische Gepräge der marxistischen Lehre, und 247 nur wenige unbedeutende Konzessionen wurden den Lassalleanern zugestanden“. „Alles in allem atmet das Gothaer Programm also den Geist der Marxschen Theorie“ (Die Entwicklung des sozialistischen Programms in Deutschland, 1863–1890, Jahrb. f. Natök. 1891, S. 219, 223). Eine ähnlich bemerkenswerte Unkenntnis des „Gothaer Briefes“ zeigt ein anderer Autor eines umfangreichen Werkes, das der Kritik des Marxismus gewidmet ist, E. Hammacher, Professor in Bonn. Bei der Analyse der Prinzipien der Güteraufteilung im kommunistischen System unterscheidet Marx zwei Phasen. Zuerst, in dem Moment, wenn sich dieses System aus der kapitalistischen Gesellschaft herausbildet, wird es noch das Mal der alten Muttergesellschaft tragen, die Aufteilung wird also wie heute auf dem Prinzip der Gleichheit der Leistungen, auf dem Prinzip der Äquivalente beruhen. Doch diese formale Gleichheit, die von der kapitalistischen Gesellschaft übernommen wird, wird angesichts der Ungleichheit der Individuen und ihrer Bedürfnisse eine faktische Ungleichheit sein. Erst in der späteren Phase der Entwicklung des kommunistischen Systems, wenn die Produktivität der menschlichen Arbeit enorm angestiegen ist und gleichzeitig die von der Bourgeoisie übernommenen Begriffe von Recht und Moral verschwunden sind, wenn der Mensch nicht mehr unter dem Zwang des Kampfes ums Überleben arbeitet, sondern aus dem Gefühl des Bedürfnisses nach Arbeit heraus, erst dann wird es möglich sein, sich bei der Aufteilung der Güter auf das Prinzip zu stützen: jedem nach seinen Bedürfnissen. So Marx. Und was macht Hammacher damit? Er interpretiert, „wie das aber gemeint ist“: „Ursprünglich wirkt das gleiche Recht, da die Individuen noch (!) verschieden sind, ungerecht … Erst nachdem alle Schlacken aus dem Bourgeoisstaat abgefallen sind, dann ist die absolute Gleichheit verwirklicht … die die Bedürfnisse und Fähigkeiten allen in gleicher Weise zuweist. Nicht nur die soziale, sondern auch die psychische Ungleichheit der Menschen ist für Marx, wie er deutlich formuliert, eine ‚bürgerliche Schranke’.“ (Das philosophisch-ökonomische System des Marxismus, Leipzig 1909, S. 377.) Mit Hilfe des kurzen Ausdrucks „noch“ also bemüht sich der gelehrte Professor „zu erklären“, dass im Sinne der marxistischen Kritik des Gothaer Programms die Individuen im kapitalistischen System „noch“ ungleich seien, mit der Zeit von der psychischen menschlichen Ungleichheit befreit und unter einem gesellschaftlichen Gleichmacher zu gleichen Fähigkeiten gebracht würden. Und laut den Beteuerungen des gelehrten Professors hat das Marx selbst so „klar“ formuliert. Und das schreibt derselbe Hammacher, der an anderer Stelle seines Buches äußert, „das Schönste vielleicht, was Marx geschrieben hat“, sei gerade jener Abschnitt, in dem Marx äußere, wahre Freiheit und eine allumfassende Entwicklung der Individualität werde erst im 248 System der Zukunft möglich sein, wenn jedes Individuum materiell abgesichert sei und genügend Zeit zu seiner eigenen Verfügung haben werde (S. 386). Doch eine bestimmte Art von „Wissen“ hat längst aufgehört, sich um Wahrheitsfindung und die Deutung von Phänomenen zu bemühen, sondern sie ist nur noch eine einzige Apologetik der bestehenden Besitzverhältnisse. Nicht ihre Lösung kennen, sondern, wie das Dupont de Nemours schon vor über hundert Jahren J. B. Say vorgeworfen hat, sie verdunkeln: „Dupez votre peuple, afin de lui prendre plus aisement son argent!” Henryk Grossman * * * Originaltitel: Przyczynek do historji socjalizmu w Polsce przed laty czterdziestu, erschienen 1923 als „Einführung [Wst p]“ zu: Niewydane pisma Karola Marksa. Warszawa 1923. S. III–XVII. Die hier wiedergegebene deutsche Fassung basiert auf einer ursprünglich von Angelika Beermann (Marburg) angefertigten Arbeitsübersetzung. Letztere, Mitte der 1990er Jahre entstanden, wurde unter weitgehender Beibehaltung von Grossmanns Sprachstil für die vorliegende Veröffentlichung korrigiert und umfassend überarbeitet. Um Fehler aus Rückübersetzungen zu vermeiden, erfolgte zudem ein Abgleich von ins Polnische übertragenen Zitaten anhand der benannten deutschsprachigen Originalquellen, ohne die für Grossmann nicht untypischen Nachlässigkeiten und partiellen Unkorrektheiten in der Zitation zu berichtigen. Im Falle der gewählten Formulierung gesellschaftlicher Gleichmacher [i. Orig.: wspólny strychulec] sei darauf hingewiesen, dass der heute selten benutzte Begriff strychulec [Abstreichmesser, Abstreicher, Abstreifer] zeitgenössisch im Kontext folgender Verrichtungen benutzt wurde: 1) eine Vorrichtung zur Zwangsführung des Mahlgutes in Getreidemühlen, mit der die gesamte Fruchtmenge stetig und vollständig dem Mahl- und Verreibungsprozess zugeführt wird, 2) ein Strichholz zum Glatt- und Abstreichen eines Hohlmaßes beispielsweise in der Bemessung von Getreide sowie 3) ein Brett oder eine Walze zum Glattstreichen von Ton oder Lehm in vorgefertigten Formen während der Ziegelherstellung.

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Zusammenfassung

Am Vorabend der Weltwirtschaftskrise von 1929 publizierte Henryk Grossmann (1881–1950) mit seinem Hauptwerk, „Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems“, eines der bedeutendsten Werke der marxistischen Krisentheorie. Zugleich war er von 1925 bis 1948 Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung – zunächst in Frankfurt, sodann in der Emigration in Paris, London und New York. Im Zentrum der vorliegenden Auswahl seiner nachgelassenen Schriften stehen politökonomische Arbeiten aus dem Warschauer Archiv der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Sie fokussieren zum überwiegenden Teil auf den Status der Marxschen Werttheorie und insonderheit auf das Problem der Wert-Preis-Transformation bei Marx. Weitere Abhandlungen gelten konzeptionellen Überlegungen zu den ökonomischen Bedingungen des deutschen Faschismus und zu wissenschaftshistorischen Themen. Der Publikation angefügt sind ferner mehrere archivalische und bio-bibliographische Verzeichnisse sowie ein Dokumentenanhang mit Reproduktionen ausgewählter Materialien. In der Gesamtheit ergibt sich ein neuer, bislang in dieser Intensität nicht bekannter Blick auf das Leben und Werk von Henryk Grossmann.