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Tabelle 1: Verbreitungsgrad der Publikationen Henryk Grossmanns nach Editionen in:

Henryk Grossmann

Schriften aus dem Nachlass, page 20 - 44

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3892-5, ISBN online: 978-3-8288-6811-3, https://doi.org/10.5771/9783828868113-20

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
20 Tabelle 1: Verbreitungsgrad der Publikationen Henryk Grossmanns nach Editionen 1920 1930 1940 The Theory of Economic Crises UKPL 1925 Simonde de Sismondi et ses théories économiques FRPL 1924 Eine neue Theorie über Imperialismus und die soziale Revolution DE 1928 Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems DE 1929 JP 1932 Die Änderung des ursprünglichen Aufbauplans des Marxschen „Kapital“ und ihre Ursachen DE 1929 CS 1937 YU 1938 Wörterbuch der Volkswirtschaft (Beiträge) – Internationale – Die Fortentwicklung des Marxismus bis zur Gegenwart DE 1931–33 – DE 1931 DE 1932 – DE 1932 DE 1933 JP 1933 YU 1938 Die Goldproduktion im Reproduktionsschema von Marx und Rosa Luxemburg DE 1932 Die Wert-Preis-Transformation bei Marx und das Krisenproblem DE 1932 Die gesellschaftlichen Grundlagen der mechanistischen Philosophie und die Manufaktur DEF 1935 Clark, G. N.: Science and Social Welfare (Rez.) US F 1938 Schumpeter, Josef A.: Business Cycles (Rez.) US 1941 Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik DEUS 1942 The Evolutionist Revolt against Classical Economics US 1943 TCS 1946 21 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010 US 2000 IT 1972 DE 1971 DE ~1971 DE 1971 IT 1975 MX 1979 YU 1956 DE 1967 DE 1970 DEUS 1970 IT 1977 UK TIN 1979 MX 1979 YU 1983 MX 1984 TUK 1992 TID 2002 MX 2004 IT 2010 YU 1958 DE 1971 DE ~1971 YU 1974 IT 1975 UKIN 1978 MX 1979 UK 2013 TDE 1971 – DE 1971 DE 1977 – DE 1971 TDE 1982 – DE 1982 – DE 1982 – AUS 2013/14 DE 1971 DE ~1971 IT 1975 MX 1979 DE ~1969 DE 1971 DE ~1971 DE 1973 IT 1975 UKIN 1977/78 MX 1979 UKNL 2016 DE ~1970 UKIN 1977/78 IT 1978 UK 1987 UKNL 2009 UKNL 2009 US DE ~1971 DE 1962 DE 1969 DE ~1970 IT 1971 TNL 1972 TNL 1973 DE ~1974 FR 1975 DK 1975 UK 1977 US 2007 AUS 2015 US 1960 DE 1971 ES 1971 IT 1975 MX 1979 TUK/US 1990 UK/US 1991 22 * * * Verzeichnis der in den Erläuterungen benutzten Siglen: APAN: Archiwum Polskiej Akademii Nauk; DNB: Deutsche Nationalbibliothek/Deutsches Exilarchiv; LLA: Leo- Löwenthal-Archiv; MEGA2: Marx, Karl, Friedrich Engels: Gesamtausgabe (MEGA2). Berlin 1975 ff.; MHA: Max-Horkheimer-Archiv; MHGS: Max Horkheimer: Gesammelte Schriften. Hrsg. von Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid Noerr. 19 Bde. Frankfurt a. M. 1988–1996; UBL: Universitätsbibliothek Leipzig, Handschriftenabteilung. 1 Weitere Einzelheiten zu den japanischen Übersetzern zweier Arbeiten Grossmanns, darunter dessen mehr als 600 Seiten umfassendes Hauptwerk, sind der Biographischen Zeittafel im Register zu entnehmen. Zu Wittfogels Rolle in der antikolonialistischen Komintern-Organisation „Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit“ siehe jüngst: Petersson, Fredrik: “We Are Neither Visionaries Nor Utopian Dreamers”. Willi Münzenberg, the League against Imperialism, and the Comintern, 1925–1933. Diss. Åbo akademi [Turku], 2013. S. 131, 223 u. 327, Anm. 824. Mara Fran, Grossmanns Übersetzerin ins Serbokroatische, war seine Schülerin in Frankfurt. [Grossmann an Max Horkheimer, 30. Oktober 1935. MHA: VI 9. 361/362. Dort: „Mare Fran-Miši “.] Ji í Stolz, Übersetzer ins Tschechische, schließlich kannte Grossmann aller Wahrscheinlichkeit nach aus gemeinsamen Tagen des Exils in Frankreich und den USA. [Siehe hierzu, neben der in der Bibliographie im Register angegebenen Literatur, auch die biographischen Angaben zu Stolz in: Inventar zu den Nachlässen der deutschen Arbeiterbewegung. Für die zehn westdeutschen Länder und West-Berlin. Im Auftrag des Archivs der sozialen Demokratie der Friedrich- Ebert-Stiftung bearb. von Hans-Holger Paul. München, London, New York, Paris 1993. S. 196; Tomka, Petr: P edpoklady povále né obnovy eskoslovenské sociální demokracie. (The background of the post-war renewal of Czechoslovak Social Democracy.) Univerzita Karlova v Praze: Filozofická fakulta, Ústav politologie, 2008. S. 22.] 2 Siehe hierzu: Scheele, Jürgen: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. Studien zur politischen und intellektuellen Biographie Henryk Grossmanns (1881–1950). Frankfurt a. M., Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Wien 1999. S. 71 u. 231, Anm. 56. 3 Die Tabelle erfasst solche Schriften Grossmanns, die nach der Erstpublikation zu Lebzeiten in erneuten oder weiteren Auflagen (Übersetzung, Neuveröffentlichung, Reprint, Raubdruck) erschienen. Die Notationen benennen jeweils Land, Sprache und Jahr der Veröffentlichung. Weichen Erscheinungsland und -sprache voneinander ab, so ist das durch voranstehende hochgestellte Indizes kenntlich gemacht. Ein indexiertes T verweist auf das Vorliegen einer Teilver- öffentlichung. Folgende Abkürzungen wurden verwendet: AUS: Australien; CS: Tschechoslowakei; DE: Deutschland; DK: Dänemark; ES: Spanien; FR: Frankreich; ID: Indonesien; IN: Indien; IT: Italien; JP: Japan; MX: Mexiko; NL: Niederlande; PL: Polen; UK: England; US: USA; YU: Jugoslawien. Lesebeispiele: UKPL 1925 = (Erst-) Veröffentlichung in Polen 1925 in englischer Sprache; 23 USDE ~1980 = Reprint des in den USA erschienen englischen Originals in Deutschland ca. 1980. 4 Nähere Angaben zu den hier und im Folgenden erwähnten sowie zu den in Tabelle 1 verzeichneten Editionen sind der Bibliographie im Register zu entnehmen. 5 Zur politischen Verortung der Gruppe Platform Tendency siehe: Linden, Marcel van der: Foreword. In: Banaji, Jairus: Theory as History. Essays on Modes of Production and Exploitation. Leiden, Boston 2010. S. XI–XV. Dort: S. XIII. 6 Zu Grossmanns Erfassung der (politischen) Praxisdimension, dessen Schumpeter-Renzion und Schumpeters Dreizyklenschema siehe in nachfolgender Reihenfolge: Grossmann, Henryk: Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems. (Zugleich eine Krisentheorie). (Schriften des Instituts für Sozialforschung an der Universität Frankfurt a. M. Hrsg. von Carl Grünberg. Erster Band.) Leipzig 1929. S. 601; Grossman, Henryk: [Rezension von:] Schumpeter, Josef A.: Business Cycles. A theoretical, historical and statistical analysis of the capitalist process. 2 vol. New York 1939. In: Studies in Philosophy and Social Sciences. Vol. IX. No. 1. New York 1941. S. 181–189. Dort: S. 188; Schumpeter, Joseph A.: Konjunkturzyklen. Eine theoretische, historische und statistische Analyse des kapitalistischen Prozesses. Aus dem Amerikanischen von Klaus Dockhorn. Mit einer Einleitung von Cord Siemon. Göttingen 2010. S. 179–184. Siehe in diesem Zusammenhang auch den Hinweis von Werner Plumpe, wonach Grossmann im Grunde marginalistisch argumentiert und mittelbar Schumpeters vor 1914 erbrachten Nachweis aufgreift, dass nach der österreichische Grenznutzenschule Grenzkosten und Grenznutzen im zeitlichen Verlauf unter sonst gleichen Bedingungen konvergieren und zu ökonomischen Stillstand führen. [Plumpe, Werner: Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems. In: Honneth, Axel (Hrsg.): Schlüsseltexte der Kritischen Theorie. Unter Mitwirkung von Sandra Beaufaÿs, Rahel Jaeggi, Jörn Lamla und Martin Hartmann. Institut für Sozialforschung. Wiesbaden 2006. S. 160–163. Dort: S. 163.] 7 Siehe hierzu: Hubmann, Gerald: Philologische Wende. Geschichte und aktuelle Arbeit an der Marx-Engels-Gesamtausgabe. In: Information Philosophie. 36. Jg. H. 4, Oktober 2008. S. 56–60. 8 Siehe hierzu: Hubmann, Gerald, Regina Roth: Die „Kapital“-Abteilung der MEGA. Einleitung und Überblick. In: Marx-Engels-Jahrbuch 2012/13. Hrsg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung Amsterdam. Berlin 2013. S. 60– 69. Dort: S. 66; Heinrich, Michael: Marx‘ Ökonomiekritik nach der MEGA. Eine Zwischenbilanz nach dem Abschluss der II. Abteilung. In: ebd. S. 144–167. Dort: S. 167; sowie Kurz, Heinz D.: Das Problem der nichtintendierten Konsequenzen. Zur politischen Ökonomie von Karl Marx. In: ebd. S. 75–112. Dort: S. 103. 9 Die hier und im Anschluss an die Textdarbietungen wiedergegebenen APAN- Signaturen folgen dem Stand von 1994. Ein detaillierteres Verzeichnis des dort geführten, seinerzeit erst vorläufig erschlossenen Materials findet sich in: Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 239–243. 24 10 Grossmann, Henryk: Descartes and the Social Origins of the Mechanistic Concept of the World. In: Freudenthal, Gideon, Peter McLaughlin (eds.): The Social and Economic Roots of the Scientific Revolution. Texts by Boris Hessen and Henryk Grossmann. Dordrecht u. a. 2009. S. 157 229. 11 Diese Fassung trägt den (noch unkorrigierten) Titel „Marx und die Klassische Oekonomie oder Die Lehre vom Kapitalfetisch“. Sie wurde vor geraumer Zeit zusammen mit einem von Gerhard Meyer (1903–1973) erstellten Gutachten „Einige allgemeine Bemerkungen zu Grossmann: Marx und die klassische Ökonomie“ von einem US-amerikanischen Antiquariat zum Kauf angeboten. Letzteres trägt den handschriftlichen Vermerk „received July 3, 1937“ und ist, abgesehen von zusätzlichen handschriftlichen Eintragungen an den Seitenrändern, text- und seitenidentisch mit der im Max-Horkheimer-Archiv aufbewahrten Version [MHA: VI 9. 268–278]. Darüber hinaus enthielt das antiquarisch angebotene Konvolut einen 3-seitigen handschriftlichen Aufriss mit der Überschrift „Grossmann: Marx u. d. klassische Nat.Oek“ zu wesentlichen Inhalten dieser Arbeit, datiert „June 13, 1937“. 12 Zur Datierung siehe die Formulierug „seit 24 Jahren unbeantwortet“ [hier: S. 79] unter Bezugnahme auf Bortkiewicz’ ersten Artikel aus dem Jahr 1906 in einer Fußnote. 13 Bortkiewicz, L[adislaus] v[on]: Wertrechnung und Preisrechnung im Marxschen System. Erster Artikel. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. Tübingen. N. F. Bd. 23. 1906. S. 1–50; Zweiter Artikel. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. Tübingen. N. F. Bd. 25. 1907. S. 10–51; und [von Grossmann allerdings nicht rezipiert] Dritter Artikel. In: ebd. S. 445–488; sowie ders.: Zur Berichtigung der grundlegenden theoretischen Konstruktion von Marx im dritten Band des „Kapital“. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik. Jena. Dritte Folge. Bd. 34. 1907. S. 319–335. 14 Sweezy, Paul M. : The Theory of Capitalist Development. Principles of Marxian Political Economy. New York 1942. S. 109–130. Vor Grossmann hatte 1929 bereits die ebenfalls polnischstämmige, jedoch überwiegend in der deutschsprachigen Schweiz lebende marxistische Nationalökonomin Natalie Moszkowska (1886–1968) auf Bortkiewicz’ Beiträge zur Debatte Bezug genommen. [Moszkowska, Natalie: Das Marxsche System. Ein Beitrag zu dessen Ausbau. Berlin 1929. Dort: S. 24–27. Das Vorwort zu ihrer Schrift trägt die Datumsangabe: „Sommer 1925“!] Ihr nachhaltiger Beitrag zur quantitativen Diskussion des Transformationsproblems besteht darin, dass sie eine partielle Vorwegnahme des später sogenannten Invarianzpostulats formulierte. [Ebd. S. 19. Zur Formalisierung des Invarianzpostulats siehe: Seton, Francis: The „Transformation Problem“. In: Review of Economic Studies. Vol. 24. 1954. S. 149–160.] Conrad Schmidt (1863–1932), der Friedrich Engels noch persönlich kennengelernt hatte und sich bereits 1889 mit der Transformationsproblematik befasste [Schmidt, Conrad: Die Durchschnittsprofirate auf Grundlage des Marx’schen Werthgesetzes. Stuttgart 1889], hingegen erwähnte die „mit schwerem Formelkram belasteten, aber prinzipiell interessanten Ausführungen“ Bortkiewicz‘ 1908 nur beiläufig [Schmidt, Conrad: Werttheorie. In: Sozialistische Monatshefte. Heraus- 25 geber Josef Bloch. Berlin. 1908. Bd. 1. S. 322–324. Dort: S. 324], war gleichzeitig aber damit beschäftigt, einen eigenen, 1909 erschienenen Lösungsversuch zu formulieren. Dort erfasste er die zu bewältigenden Probleme nicht mathematisch, sondern diskursiv und antizipierte in Teilen den später von Piero Sraffa (1960) vorgelegten Lösungsvorschlag. [Siehe hierzu: Scheele, Jürgen: Politische Ökonomie und Theoriegeschichte der Arbeiterbewegung im sozialphilosophischen Komparativ. Zur Auseinandersetzung mit Conrad Schmidt. In: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung. 15. Jg. Nr. 60, Dezember 2004. S. 70–85. Dort: S. 75–77.] Zu zwei weiteren in dieser frühen Phase auf Bortkiewicz Bezug nehmenden deutschsprachigen Beiträgen aus den Jahren 1922 und 1936 siehe: Howard, M. C., J. E. King: A History of Marxian Economics. Volume II, 1929– 1990. Basingstoke, London 1989. S. 231. 15 Zur Datierung siehe die Formulierung „25 Jahre lang blieben die zweifellos einer Beachtung würdigen Einwände B.’s unbeachtet“ [hier: S. 115] unter Bezugnahme auf Bortkiewicz’ zweiten Artikel aus dem Jahr 1907 sowie Grossmanns gleichnamige Vorlesung aus dem Sommersemester 1932 im Verzeichnis der Vorlesungen und Seminare im Register. 16 Braeuers Autorschaft legt ein Vergleich von handschriftlichen Eintragungen in Form von wenigen Ergänzungen sowie der nachträglich hinzugefügten Paginierung im Typoskript mit Marginalien von seiner Hand in zwei Schriften aus dem Bestand seiner ehemaligen Bibliothek nahe. Es sind dies die, jeweils mit dem Namenszug „Walter Braeuer“ auf dem Innentitel versehenen, heute im Besitz der Bibliothek Politikwissenschaft an der Universität Marburg sich befindenden Publikationen: Sternberg, Fritz: Eine Umwälzung der Wissenschaft? Kritik des Buches von Henryk Großmann: Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems. Zugleich eine positive Analyse des Imperialismus. Berlin: R. L. Prager, 1930; ders.: Der Niedergang des deutschen Kapitalismus. Berlin: Rowohlt, 1932. 17 Mitteilung Walter Braeuers in einem Gespräch mit d. Hrsg. in Marburg, 9. Juni 1991. Zur Biographie Braeuers generell siehe ferner: Fülberth, Georg: Widerstand und Gelehrsamkeit: Walter Braeuer. In: Antifaschismus. Hrsg. von Frank Deppe, Georg Fülberth und Rainer Rilling. Heilbronn 1996. S. 208–217; ders.: Zur Biografie von Walter Braeuer (1906–1992). In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Berlin. 42. Jg. (2000). H. 3. S. 116–119. 18 Die Datierung erfolgt hier nach der von Grossmann mit der Datumsangabe „23/7/34“ versehenen Inhaltsübersicht „Der Cartesianismus und die Manufaktur“ [MHA: VI 9. 409] sowie der Erwähnung in Grossmanns Brief an Max Horkheimer vom 16. Oktober 1934 [MHGS 15. S. 244. Dort erwähnt als „Kapitel über die neue Moral“]. 19 Borkenau, Franz: Der Übergang vom feudalen zum bürgerlichen Weltbild. Studien zur Geschichte der Philosophie der Manufakturperiode. (Schriften des Instituts für Sozialforschung. Herausgegeben von Max Horkheimer. Vierter Band.) Paris 1934. 26 20 Die in Erl. 18 genannte Inhaltsübersicht benennt unter „Teil I.“ die Abschnitte „Einleitung“ (mit Ausführungen zu Borkenaus Theorie und Methode), Kapitel 1 „Die Anfänge des Kapitalismus und das Verlagssystem“, Kapitel 2 „Der Kapitalismus der Renaissancezeit“, Kapitel 3 „Die Manufaktur“, Kapitel 4 „Die Anfänge des Kapitalismus und die neue Massenmoral“ sowie unter „Teil II.“ den Abschnitt „Ursprung des cartesianischen mechanistischen Weltbildes“. [MHA: VI 9. 409.] 21 Weber, Max: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. In: ders.: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I. Tübingen 1920. S. 17–206. 22 Siehe hierzu: Kaufhold, Karl Heinrich: Protestantische Ethik, Kapitalismus und Beruf. Überlegungen zu Max Webers Aufsatz aus der Sicht der Wirtschafts- und Sozialgeschichte. In: ders., Guenther Roth, Yuichi Shionoya: Vademecum zu einem Klassiker ökonomischer Rationalität. Düsseldorf 1992. S. 69–91. Dort: S. 87–91. Zugleich sei darauf hingewiesen, dass Webers Schrift Grossmann, wie aus einem Schreiben an Leo Löwenthal hervorgeht, zu diesem Zeitpunkt in Paris nicht zugänglich war. [Grossmann an Leo Löwenthal, 13. August 1934. LLA: A 325. 85.] 23 Marx’ bekanntestes Diktum zur Religionskritik lautet: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“ [Marx, Karl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. In: MEGA2 I/2. S. 170–183. Dort: S. 171.1–4.] Das Rauschmittel wird demnach nicht verabreicht, sondern die Menschen betäuben sich selbst; Religion ist mithin keine Zweckerfindung zur Herrschaftsausübung. Grossmanns Deutung hingegen legt ein Verständnis von Religion als Herrschaftsinstrument der herrschenden Klasse zur Unterdrückung der beherrschten Klasse nahe, wie sie mit der anstelle des Originals oft fälschlich gebrauchten Variation, Religion sei Opium für das Volk, verbunden ist. 24 Wiedergegeben werden hier die letzten 44 Seiten des Typoskripts [S. 148–192], davon 24 Seiten in einer gegenüber der unvollständigen APAN-Version rekonstruierten Fassung. Das im Inhaltsverzeichnis der Schrift [abgedr. in: Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 82/83] genannte Kapitel „17. Die Bedeutung der Arbeit bei Marx“ ist, davon zeugt ebenfalls die durchgängige, nicht unterbrochene Paginierung, nicht existent – mithin endet das 16. Kapitel „Marx‘ Verhältnis zu den Klassikern“ auf S. 187 und daran unmittelbar an schließt sich ab S. 188 der Anhang „Konkrete Illustration der Theorie am Beispiel der Berechnung der Profitrate“. 25 Zur Datierung siehe: Friedrich Pollock an Grossmann, 12. Juli 1937 [MHA: XXIII 11. 269–271] sowie Erl. 11. 26 Die Formulierungen im Typoskript „das Phänomen des deutschen Imperialismus in seiner heutigen Gestalt – mit seiner spezifischen Aggressivität und Stosskraft“ und „Welteroberungsfeldzug des nationalsozialistischen Imperialismus“ [hier: S. 187] legen lediglich einen Entstehungszeitpunkt nach Beginn des mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 erfolgenden 27 Eintritts in den Zweiten Weltkrieg nahe. Ein im APAN-Bestand des Nachlasses aufbewahrtes, 16 handgeschriebene Seiten umfassendes Manuskriptfragment zur selben Thematik hingegen, beginnend mit dem Satz: „Will man das Phaenomen des deutschen Imperialismus in seiner jetzigen, bösartigen nationalsozialistischen Form nicht bloss als Ausfluss der besonderen Bösartigkeit der herrschenden Persönlichkeiten der nationalsozialistischen Führerklique betrachten, vielmehr sie aus den objektiv wirkenden tieferen Tendenzen der wirtschaftlichen Gesamtentwicklung Deutschland[s] verstehen [...]“, das inhaltlich an einigen Stellen über das Typoskript hinausreicht und zudem mit Literaturangaben versehen ist, enthält einen näheren, gleichwohl nur vage den frühestmöglichen Zeitpunkt aufzeigenden Datumshinweis in der Formulierung: „Endlich der Vorschlag von Sir Edward Grigg, des früheren Gouverneurs von Kenia, von November 1939 zur gemeinsamen Verwaltung von ganz Afrika im Interesse aller [r]ohstoffbeziehenden Staaten.“ [APAN, III-155, 34. Bl. 15.] Das vom Institut projektierte Forschungsvorhaben „The Collapse of German Democracy and the Expansion of National Socialism“ schließlich, in dem Grossmann unter „Appendix. The Qualification of the Institute“ als einer von mehreren Bearbeitern geführt wird, beinhaltet unter „Section One: Synthesis“ ein Unterkapitel „VI. New Imperialism“ mit Darlegungen, die in Teilen sowohl mit Grossmanns Befunden im hier wiedergegebenen Typoskript korrespondieren als auch einen Gleichklang mit Pollocks Primat des Staatskapitalismus herzustellen suchen. Es ist datiert mit: „September 15, 1940.“ [MHA: IX 169. 1a. Bl. 1/2, 35–39 u. 66.] 27 Neumann, Franz: Behemoth. The Structure and Practice of National Socialism. Toronto, New York, London 1942. S. IX. Die zweite Auflage erschien als: Second, revised edition, with new appendix. Toronto, New York, London 1944. 28 Zit. nach der Wiedergabe eines Gruppengesprächs mit Maier u. a. zu Neumann in: Erd, Rainer (Hrsg.): Reform und Resignation. Gespräche über Franz L. Neumann. Frankfurt a. M. 1985. S. 109. 29 Die Datierung erfolgt nach der Mappenaufschrift „23/II.43“, unter der das Typoskript im Warschauer Teilnachlass erfasst ist: APAN, III–155: 30. [Siehe hierzu: Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 241. Dort unter Ziffer: 30.1.] 30 Eine textidentische Version des Typoskripts trägt den (handschriftlich korrigierten) Titel: „La ‚Science Universelle’ von Descartes oder sein Kampf gegen das Spezialistentum“. [APAN, III–155: 30.] 31 Horkheimer, Max, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. In: MHGS 5. S. 13–290. 32 Grossmann an Walter Braeuer, 13. Januar 1948. [Abgedr. in: Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 249.] Siehe in diesem Zusammenhang auch das im APAN-Bestand enthaltene Inhaltsverzeichnis des ebenfalls nicht überlieferten Manuskripts „From Business-Cycles Towards Permanent Depression“, das sich aus drei Teilen zusammensetzen sollte: Part I. Marx ricardiensis. Part II. Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik. Part III. From Business-Cycles towards Permanent Depression. [Wiederg. in: ebd. S. 84, Anm. 17.] 28 33 Grossmann an Social Studies Association, 9. Mai 1946. [MHA: VI 9. 240.] 34 Siehe hierzu: Vollgraf: Das Kapital – bis zuletzt ein Werk im Werden. In: Marx- Engels-Jahrbuch 2012/13. Hrsg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung Amsterdam. Berlin 2013. S. 113–133. Dort: S. 129 u. 131/132. Zur Kooperation des Instituts mit Rjazanov und dem Moskauer Marx-Engels-Institut siehe: Erfolgreiche Kooperation: Das Frankfurter Institut für Sozialforschung und das Moskauer Marx-Engels-Institut (1924–1928). Korrespondenz von Felix Weil, Carl Grünberg u. a. mit David Borisovi Rjazanov, Ernst Czóbel u. a. aus dem Russischen Staatlichen Archiv für Sozial- und Politikgeschichte Moskau. Autoren: Rolf Hecker, Diethard Behrens, Galina Danilovna Golovina. (Beiträge zur Marx-Engels-Forschung, Neue Folge, Sonderband 2.) Berlin, Hamburg 2000. 35 Wie aus den Unterlagen zur Geschäftsführung des Instituts im Nachlass von Alice (1907–1993) und Joseph (1911–2002) Maier im Bestand der DNB hervorgeht, war Grossmann bis 1942 Mitglied der Société Internationale de Recherches Sociales (SIRES). Diese, 1933 in Genf gegründet, bildete die Nachfolgeeinrichtung der Gesellschaft für Sozialforschung als Verwaltungs- und Geschäftsträger des Instituts in der Emigration. Grossmann nahm an den Generalversammlungen der SIRES im April der Jahre 1939–1942 in New York als anwesendes Mitglied teil, auf jenen in den vorangegangenen Jahren 1936–1938 in Genf wurde er jeweils von einem notariell beglaubigten Repräsentanten vertreten. Zudem firmierte er mit Gründung der Hermann Weil Memorial Foundation am 26. Dezember 1939 neben Pollock als Trustee [Treuhänder]. Auf diese Stiftungseinrichtung wurden Teile des SIRES-Vermögens übertragen. Sie war als US-amerikanischer Inter-Vivos Trust konzipiert, einer Rechtskonstruktion, nach der die Trustees die volle Verfügungsgewalt über das Vermögen erhalten. Entsprechend wurden am 27. Dezember 1939 unter Grossmanns und Pollocks Verfügung zunächst 5.000.- USD und am Folgetag weitere 95.000.- USD transferiert, bevor am 30. Januar 1940 ersterer von seiner Trustee-Funktion wieder zurücktrat. Wie tief Grossmanns Einblicke in die Institutsfinanzen reichten, ist allerdings nur schwer abschätzbar. Doch dürften diese angesichts der von Pollock und Felix Weil in den USA errichteten komplexeren gesellschaftsrechtlichen Struktur zur Verwaltung der Wirtschaftsverhältnisse des Instituts auf einen Teilbereich beschränkt geblieben sein. Neben den genannten Gesellschaften bestanden ferner die Kurt Gerlach Memorial Foundation, ebenfalls in Form eines US-amerikanischen Trusts, sowie in der Rechtsform eines US-Unternehmens die Social Studies Association, Inc. Letztere übernahm nach 1939 auch die verwaltungstechnischen Funktionen der SIRES, bevor jene ab März 1942 durch Übertragung aller Rechte, Titel und Ansprüche ganz an deren Stelle trat. Den Geschäftsführungsunterlagen sind darüber hinaus weitere Kenndaten zu den bislang nicht erforschten Finanzverhältnissen des Instituts in der Emigration zu entnehmen, auf die hier kursorisch hingewiesen sei: Im Oktober 1935 wurde von der Hermann Weil‘schen Familienstiftung, gegründet 1922 in Schaffhausen (Schweiz), ein Kapitalbetrag im Gegenwert von 786,70104 kg Feingold [zeitgenössisch ca. 885.000.- USD] auf die SIRES übertragen. Felix Weil erklärte sich im November 1938 dazu bereit, die Kurt Gerlach Memorial Foundation einzurichten und mit 50.000.- USD zu dotieren, falls die SIRES im ersten Halbjahr des 29 Folgejahres einen Betrag in gleicher Höhe auf diese Stiftung übertrage. Die Jahresbilanz der SIRES, vorgelegt auf der 7. Generalversammlung der Gesellschaft am 29. April 1939 in New York, wies zum 31. Dezember 1938 eine Wertminderung des Gesamtvermögens in Höhe von 338.023.- USD aus. Zur Erklärung hieß es: „Die vorstehend aufgefuehrten realisierten Verluste sind in der Haupttendenz aus Boersenverlusten zu erklaeren und zu einem kleinen Teil aus Verwaltungskosten bei Untergesellschaften.“ [DNB: Nachlass Alice und Joseph Maier (EB 96/250). Dieser Bestand war zum Zeitpunkt der Sichtung noch ungeordnet. Für die voranstehende Erläuterung wurden unter anderem die Protokolle und Jahresberichte der SIRES-Generalversammlungen 1936–1941, beiliegende Notariatsverträge und Schreiben, das Trust-Agreement der Hermann Weil Memorial Foundation vom 26. Dezember 1939 sowie das Protokoll des dritten Jahrestreffens der Social Studies Association vom 2. März 1942 herangezogen. Das Zitat ist dem folgenden Dokument entnommen: Annual Report on the Balance Sheet and Income Expenses for 1938 presented to the 7th General Meeting of the Société Internationale de Recherches Sociales on April 29, 1939. Der Verlustbetrag in Höhe von „$ 338.023.-“ ist dort handschriftlich eingefügt.] 36 Zu Grossmanns erneuter Hinwendung zur Politik der Komintern ab 1941 siehe: Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 213/214. Die Zeitschrift des Instituts erschien seit 1939 unter dem Titel „Studies in Philosophy and Social Sciences“. Die Ausgabe 1941, No. 2, enthielt Pollocks Artikel „State Capitalism: Its Possibilities and Limitations“ [S. 200–225] und wurde auf einem der Publikation vorausgegangenen Werbefaltblatt als „Special Number on State Capitalism. Publication date: September 30, 1941“ beworben. [DNB: Nachlass Alice und Joseph Maier (EB 96/250).] Grossmanns Schrift erschien in mimeographierter Form Anfang des Jahres 1942 und auf dessen Insistieren mit einem Titelblatt, das sie als Institutsveröffentlichung auswies. Dem hatte sich Leo Löwenthal gegenüber Horkheimer brieflich noch am 21. Januar 1942 mit den Worten entgegengestellt, die Schrift sei: „a highly doctrinary treatise of very dubious scientific value in a language which is not the language of this institution and its members“. [MHGS 17. S. 252, Anm. 12.] 37 Roth, Gary: Review of Kuhn, Rick: Henryk Grossman and the Recovery of Marxism. In: H-German, H-Net Reviews. May, 2007. Abrufbar unter: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=13137 [Stand: 1. Oktober 2016]; Krätke, Michael R.: Review of: Kuhn, Rick. Henryk Grossman and the Recovery of Marxism. In: International Review of Social History. Volume 53, Issue 3, December 2008. S. 519–523. 38 Kuhn, Rick: Henryk Grossman and the Recovery of Marxism. Urbana, Chicago 2007. S. VII. 39 Dieses Diktum sei anhand weniger ausgewählter Kontexte – hier unter Hinweis auf weitere, dem Anmerkungsapparat zur Biographischen Zeittafel im Register zu entnehmenden Erläuterungen und Literaturangaben – konkretisiert: Kuhn entscheidet sich für die Schreibweise des Familiennamens in der polnischen und englischen Variation Grossman, statt der bis dato auch international in den Fachwissenschaften gebräuchlichen und vorherrschenden deutschen 30 Schreibung Grossmann. Die vorgebliche Begründung, Grossmann habe stets mit diesem Namenszug gezeichnet (S. 223/224, Anm. 4), kann nicht überzeugen. Zumindest während seiner Frankfurter Zeit, hier exemplarisch im Falle eines Briefes an die Vereinigung der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Hochschullehrer sowie einer Widmung auf einem Sonderabdruck aus dem Wörterbuch der Volkswirtschaft hervorgehoben, ist ebenfalls die Nutzung der Signatur Grossmann nachweisbar. [Grossmann an Albert Hesse, 29. Oktober 1930. UBL: Akten der Vereinigung der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Hochschullehrer (Nachl. 212); Widmung für Max Horkheimer auf dem Titelblatt „Die drei Internationalen“, 15. September 1931 (Privatbesitz).] Die Gesamtheit der bislang zugänglichen Quellenlage legt daher nahe, dass Grossmann selbst zwischen beiden Namensschreibweisen changierte, wobei er in der Frühphase in Galizien und Polen sowie später im Exil in Frankreich, England und in den USA, aber auch auf seiner letzten Lebensstation in Leipzig die Schreibung Grossman präferierte. Noch bei Einreise in die USA allerdings sind in amtlichen Dokumenten beide Schreibungen nachweisbar. Entsprechend verzeichnet ihn die Passagierliste der S. S. Normandie, mit der er von Southampton (England) kommend mit einem Touristenvisum nach New York reiste, unter Grossman [Datumseintrag: 9. Oktober 1937], während die Passagierliste der S. S. Siboney ihn, nun mit einem „Immigrant Visa“ aus Havanna (Cuba) kommend und in die USA wiedereinreisend, unter Grossmann führt [Datumseintrag: 7. Mai 1938]. In den Unterlagen zum US-Bevölkerungszensus 1940 hingegen lautet der Eintrag ebenso wie in den US-amerikanischen Einzugsregistrierungskarten zum Zweiten Weltkrieg aus dem Jahr 1942 sodann gleichermaßen nur noch Grossman. [Passenger and crew lists of vessels arriving at New York, 1897– 1942. NARA microfilm publication T 715. Washington, D. C.: National Archives and Records Administration. Roll 6063. Vol. 13053–13055. Oct. 14, 1937; und Roll 6151. Vol. 13241–13242. May 9, 1938; Sixteenth Census of the United States, 1940. Enumerated: April 17, 1940. NARA digital publication T 627. Records of the Bureau of the Census, 1790–2007, RG 29. Washington, D. C.: National Archives and Records Administration, 2012. Roll 2646; sowie United States World War II Draft Registration Cards, 1942. Microfilmed by the Genealogical Society, Salt Lake City, Utah. April 4, 2003. Film Nr. 004126295. Alle Dokumente sind abrufbar über das Datenbankportal: https://familysearch.org. Stand: 1. Oktober 2016.] Die benannten Differenzierungen in der Namensschreibung könnten unter Formalia subsumiert werden, bliebe nicht zu beachten, dass Grossmann 1905 im Widerhall von russisch-japanischem Krieg und erster russischer Revolution die Jüdische Sozialdemokratische Partei Galiziens ( PSD) als Abspaltung von der Polnischen Sozialdemokratischen Partei Galiziens (PPSD) mitbegründete sowie in dem sich an die Streikbewegung von 1905/06 anschließenden Abklingen von Revolutionswelle und Wirtschaftskrise Galizien 1906/07 zunächst für mehrere Monate und ab 1908 dauerhaft verließ und zeitlebens nicht mehr mit der Frage nach einer jüdischen Nationalität, darin im Unterschied zum Verhältnis von nationaler Frage und sozialistischer Politik, befasste. Zwar ist bekannt, dass Krakau zeitgenössisch eine Hochburg der nationalorientierten Sozialisten bildete 31 und dass sich seit Ende der 1860er Jahre mit der Autonomie Galiziens, in deren Folge das Polnische als Amtssprache anerkannt wurde, die Entwicklung hin zur jüdisch-polnischen Assimilation generell verstärkte, diese vor allem für Teile der jüngeren jüdischen Intelligenz attraktiv war und die Polonisierung insbesondere in der sozialistischen Bewegung als „ ‚rote Assimilation‘“ forciert hervortrat. [Strobel, Georg W.: Die Partei Rosa Luxemburgs, Lenin und die SPD. Der polnische „europäische“ Internationalismus in der russischen Sozialdemokratie. Wiesbaden 1974. S. 173/174; Wróbel, Piotr: The Jews of Galicia under Austrian–Polish Rule, 1869–1918. In: Austrian History Yearbook. Vol. 25. January 1994. S. 97–138. Dort: S. 116.] Doch wandte sich die PSD, wie Józef Buszko unter Bezugnahme auf deren Programmatik herausgearbeitet hat, explizit „gegen die Tendenz zur Polonisierung der Juden und zur Vernachlässigung des jüdischen Proletariats“. [Buszko, Józef: Dzieje ruchu robotniczego w Galicji Zachodniej (1848–1918). [Die Geschichte der Arbeiterbewegung in Westgalizien (1848–1918) .] Kraków 1986. S. 306.] Vor diesem Hintergrund ist die Nutzung der polonisierten Schreibung des Familiennamens in der Form Grossman zumindest erklärungsbedürftig. Nicht zuletzt weist ebenfalls die jüdische Namensforschung für Galizien allein die Schreibung des Familiennamens in der Diktion Grossmann nach. [Beider, Alexander: A Dictionary of Jewish Surnames from Galicia. Bergenfield, N. J. 2004. S. 239.] Auf den Namen Grossmann schließlich lautet auch der – Kuhn nach eigenen Angaben bekannte (S. 224, Anm. 6), von ihm weder reflektierte noch in der originären Schreibung mitgeteilte – Eintrag im jüdischen Geburtenregister der Stadt Krakau zu Chaskel [i. e. Henryk] Grossmann. Eine nicht tragfähige Projektion der lebensweltlichen Gegenwart in die Vergangenheit liegt zudem der Spekulation zugrunde, die Eltern Sara und Herz Grossmann hätten eine „unkoventionelle Beziehung“ (S. 2) geführt, möglicherweise sei der Vater, so heißt es weiter, noch mit einer anderen Frau verheiratet gewesen, als er bereits mit Sara, geb. Kurz, zusammenlebte. Anlass zu dieser Mutmaßung bildet für Kuhn der Sachverhalt, dass die zivile Eheschließung erst im Jahr 1887 erfolgte, weit nachdem alle sechs Kinder, die aus der Verbindung hervorgingen, geboren wurden. Doch zeigt ein näherer Blick auf die zeitgenössischen jüdischen Heiratsgepflogenheiten in Galizien, dass hierin nichts Ungewöhnliches vorlag, vielmehr die Zivilehe in vielen Fällen und aus einem Ensemble von Gründen – die gleichsam auf den administrativen Antisemitismus in der Habsburgermonarchie wie auf Praktiken der Obstruktion, diesen lebensweltlich zu unterlaufen, zurückverweisen – erst Jahre später nach der rituellen Trauung in einer Synagoge geschlossen wurde. Reichlich spekulativ ist ebenso die Aussage, Herz Grossmann sei als Geschäftsmann „sehr erfolgreich“ (S. 1) gewesen. Tatsächlich war der Vater von Beruf zunächst Schuhwichsfabrikant, später Schankwirt. Beides waren typische jüdische Unterschichtenberufe in Galizien. Allenfalls, zumindest bezogen auf Herz‘ Tätigkeit als Schankwirt, die für die Jahre 1879–1887 amtlich dokumentiert ist, zählten die Eigner von Schenken zur (keineswegs reichen) jüdischen Mittelschicht. Zwar ist nicht auszuschließen, dass der Vater nach 1887 eine weitere, mit höherem Einkommen und Prestige verbundene Tätigkeit ausübte, doch ist eine solche sachlich bislang nicht zu bele- 32 gen, verbleibt mithin in Kuhns Zuordnung der Familienverhältnisse zur Oberschicht oder, darin sich nicht eindeutig festlegend, zur reichen Mittelschicht eine Leerstelle. Eine stichhaltige Erklärung dafür, dass sich der Sohn, aus dieser sozialen und standesbezogenen Bande ausscherend, 1896 der sozialistischen Bewegung anschloss, wird dementsprechend nicht dargeboten. Die vorgeschlagene Datierung selbst hingegen erscheint stimmig oder zumindest nicht als gänzlich unwahrscheinlich. Das Jahr 1896 markierte in Galizien ebenso wie in Gesamtösterreich einen generellen Aufbruch und ein Erstarken in den Belangen der Arbeiterbewegung. [Bross, Jacob: The Beginning of the Jewish Labor Movement in Galicia. In: YIVO Annual of Jewish Social Science. Vol. V. Ed. by Koppel S. Pinson. New York 1950. S. 55–84. Dort: S. 81.] Kuhn allerdings setzt diese Datum nicht mit den psychosozialen Folgen des frühen Vaterverlustes durch den Sohn in Verbindung – der Tod des Vaters wird von ihm auf den 15. Juni 1896 datiert (S. 2) –, sondern beruft sich auf eine Schilderung von Cristina Stead (1902–1983). Demnach resultierte Grossmanns sozialistische Sozialisation in ihren Ursprüngen aus zeitgenössischen Erfahrungen nach soldatischen Übergriffen im Hofraum des väterlichen Wohnhauses und dessen Umfeld am 1. Mai 1896. Kuhn erhebt hier wie an vielen weiteren markanten Stellen Steads Schilderung umstandslos zur wichtigsten, explizit hervorgehobenen personalen Quelle seiner Grossmann-Biographie (S. 223, Anm. 1). Stead, eine seinerzeit in den USA lebende australische Schriftstellerin mit kommunistischen Überzeugungen, verarbeitete von ihr und ihrem Lebenspartner, dem deutschstämmigen Börsenmakler, Schriftsteller und marxistischen Ökonomen William James („Bill“) Blake (1894–1968), mit Grossmann in den 1940er Jahren im New Yorker Exil geführte Gespräche in literarischen Notizen. Inwieweit in ihnen Mythologie und Selbstmythologie eine Verbindung eingingen, sowohl in Grossmanns retrospektiver Schilderung als auch in Steads bearbeitender Wiedergabe derselben und umgekehrt, darüber räsoniert Kuhn nicht. Stattdessen setzt er diese als originär und authentisch, spricht ihnen einen explizit dokumentarischen Charakter zu, ohne sie mit der zugänglichen Quellenlage und Forschungsliteratur abzugleichen, philologisch zu bewerten und historisch-kritisch einzuordnen. Auch die Darstellung der frühen politischen Betätigung in der sozialistischen Bewegung Krakaus kann nicht befriedigen. Lediglich als in ihrem politischen Wirken nicht näher beleuchtete Randfiguren treten darin Karl Radek (1885– 1939) und Feliks Dzier y ski (1877–1926) in Erscheinung. Tatsächlich aber war deren Einfluss sehr viel größer, als es die subjektiv auf Grossmann projizierte Darstellung vermuten lässt. Radek, geboren als Karol Sobelsohn, einem kleinbürgerlichen Elternhaus emanzipierter Juden entstammend, dessen Vater im Jahr 1889 oder 1890 ebenfalls früh verstarb, kam 1901 nach Krakau, nachdem er zuvor wegen verbotener politischer Agitation des Gymnasiums im westgalizischen Tarnów verwiesen wurde. Dort holte er im Sommer 1902 als Externer das Abitur nach, schrieb sich zum Wintersemester 1903/04 für das Studium der Rechtswissenschaften an der Jagiellonen-Universität ein und war wie Grossmann im Studentenverein „Ruch“, in dem sich die Sympathisanten der Sozialdemokratie des Königreiches Polen und Litauens (SDKPiL) versammelten und 33 eine radikale internationalistische Opposition innerhalb der PPSD bildeten, aktiv. [Lerner, Warren: Karl Radek. The last Internationalist. Stanford, Calif. 1970. S. 2–7; Fayet, Jean-François: Karl Radek (1885–1939). Biographie politique. Bern, Berlin, Bruxelles, Frankfurt am Main, New York, Oxford, Wien 2004. S. 15/16 u. 40–45; Gutjahr, Wolf-Dietrich: Revolution muss sein. Karl Radek – Die Biographie. Köln, Weimar, Wien 2012. S. 19–35; Strobel: Die Partei Rosa Luxemburgs, Lenin und die SPD. S. 174/175.] Dzier y ski [Pseud.: Józef Doma ski/Joseph Domanski], nach der Oktoberrevolution in Sowjetrussland zu zweifelhaftem Ruhm als Organisator und bis zu seinem überraschenden Tod erster Leiter der Tscheka gelangend, kam als Abgesandter des SDKPiL-Auslandskomitees für Kongresspolen Ende Januar 1903 nach Krakau, um dort eine Landesorganisation aufzubauen und den Transport von Propagandaschriften nach Russisch-Polen zu organisieren. Laut der maßgebenden quellenbasierten Forschungsarbeit von Georg W. Strobel umfasste die Krakauer SDKPiL-Sektion noch Mitte des Jahres 1904 kaum mehr als zehn Personen. [Strobel: Die Partei Rosa Luxemburgs, Lenin und die SPD. S. 171.] Dass die Studenten der genannten Organisation halfen, die SDKPiL-Schriften nach Kongresspolen zu schmuggeln, geht aus der vorliegenden wissenschaftlichen Literatur zweifelsfrei hervor, ebenso, dass Radek sich dabei besonders hervortat. Demnach organisierte dieser zusammen mit Rudolf Moszoro (1879– 1911), seinerzeit ebenfalls an der Juristischen Fakultät der Jagiellonen-Universität eingeschrieben und Vorstandsmitglied des „Ruch“, die Verteilung der Propagandaschriften über die Grenze hinweg. Auf die klandestinen Aktivitäten aufmerksam geworden, beschlagnahmte die Krakauer Polizei im Februar 1904 bei Radek 5.000 Exemplare einer SDKPil-Flugschrift mit Aufrufen zum Frieden mit Japan und Krieg gegen den Zarismus. [Fayet: Karl Radek (1885–1939). S. 44.] Kuhn erwähnt diese Sachverhalte nicht, sondern macht unter der Quellenangabe Stead „Grossmans Haus“ zum „Umschlagsplatz“ (S. 11) derartiger Aktivitäten. Entsprechend wird die Verbindung zu Dzier y ski und zum Auslandskomitee der SDKPiL nicht ausgeleuchtet, Erkenntnisse aus der betreffenden Primär- und Sekundärliteratur nicht dargelegt. Bereits ein Blick auf Radeks im Selbstverlag des Verfassers einige Jahre später veröffentlichte Broschüre „Meine Abrechnung” zeigt, dass Dzier y ski – dort ausschließlich unter seinem Pseudonym Joseph Domanski benannt – eine herausgehobene Rolle innerhalb der studentischen Kreise des „Ruch” innehatte. Im Rahmen der Zembaty-Affäre wegen angeblichen Bücherdiebstahls durch Radek wirkte er als „Superarbiter” [Oberschiedsrichter] in dem 1904 von der Studentenorganisation eingesetzten Schiedsgericht, dem zugleich Grossmann und Moszoro als Schiedsrichter angehörten. [Radek, Karl: Meine Abrechnung. Bremen 1913. S. 22–24.] Kontakte zur SDKPiL bestanden ebenfalls noch Anfang 1905, darauf hat Henryk Piasecki unter Verweis auf ein Kassiber Dzier y skis an das Auslandskomitee der SDKPiL in Krakau vom 23. Februar 1905 hingewiesen. [Piasecki, Henryk: Sekcja ydowska PPSD i ydowska Partia Socjalno-Demokratyczna 1892–1919/20. [Die jüdische Sektion der PPSD und die Jüdische Sozialdemokratische Partei 1892– 1919/20.] Wroc aw, Warszawa, Kraków, Gda sk, ód 1982. S. 106, Anm. 10.] 34 In diesem, die Abbreviatur „G. Gr.“ wird von Piasecki kontextbezogen Grossmann zugewiesen, heißt es: „Woher hat ‚Naprzód‘ [ ‚Vorwärts‘ ] die Information, daß wir gegen den Streik aufgetreten sind? – Was für ein Unsinn! Was veranlaßte sie dazu? Schicken Sie mir bitte ‚Zjednoczenie‘ [‚Vereinigung‘ ] in einigen Exemplaren. Was beabsichtigt G[enosse] Gr[ossmann] zu tun?“ [Dzierzynski, F. E.: Ausgewählte Schriften in zwei Bänden. Bd. I: 1897–1923. Hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU. Ministerium für Staatssicherheit, Hochschule. [Berlin] 1984. S. 72.] Verbindungen Grossmanns zu Dzier y ski sowie Radek bestanden darüber hinaus später zumindest für eine gewisse Zeit fort. Im Falle Dzier y skis ist ein brieflicher Kontakt, abgedruckt in Radeks Broschüre aus dem Jahr 1913, noch im Mai 1911 nachweisbar. [Radek: Meine Abrechnung. S. 22/23.] Im Falle Radeks fand aller Wahrscheinlichkeit nach eine letzte Zusammenkunft mit diesem in Moskau 1932 statt, als Grossmann mit der „Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetrussischen Planwirtschaft“ die Sowjetunion bereiste. Beide allerdings verließen Krakau noch vor Beginn des Jahres 1905: Dzier y ski Ende 1904, Radek kurz davor im Sommer oder Herbst 1904. [Strobel: Die Partei Rosa Luxemburgs, Lenin und die SPD. S. 222; Fayet: Karl Radek (1885–1939). S. 46; Gutjahr: Revolution muss sein. S. 36.] Erst danach kam es zur Abspaltung der PSD von der PPSD, und das in ausgesprochen kurzer Frist. Nachdem Grossmann Ende Februar 1905 aus der PPSD ausgeschlossen und Anfang März 1905 bereits wiederaufgenommen wurde, fand am 30. März 1905 in Krakau eine nicht öffentliche Sitzung von Gleichgesinnten statt, auf der Grossmann als Hauptreferent die Notwendigkeit zur Gründung einer separaten jüdischen sozialistischen Partei darlegte. [Buszko: Dzieje ruchu robotniczego w Galicji Zachodniej (1848–1918). S. 305.] Inwieweit zu diesem Zeitpunkt noch eine Verbindung zu Dzier y ski bestand, der sich inzwischen in Russisch-Polen um eine Annäherung an den Allgemeinen jüdischen Arbeiterbund von Litauen, Polen und Russland („Bund“) bemühte, darin durchaus in einem Konfliktverhältnis zur Gruppe um Leo Jogiches (1867–1919) und Rosa Luxemburg (1871–1919) agierend, die der Forderung des „Bund“ nach nationaler Autonomie der Juden ablehnend entgegentrat, ist bislang nicht bekannt. Auffällig aber sind Übereinstimmungen im weiteren politischen Handeln. Dzier y ski, der bereits vor der Jahrhundertwende in der Organisation syndikalistischer Zusammenschlüsse mit jüdischen Arbeitern chassidischer Richtung in Wilna positive Erfahrungen gesammelt hatte und weiterhin enge persönliche Beziehungen zu Akteuren der jüdischen Arbeiterbewegung unterhielt, suchte bereits während seines Aufenthalts in Krakau mit Hilfe des „Bund“ die Führung der kongresspolnischen SDKPiL zu lenken. [Strobel: Die Partei Rosa Luxemburgs, Lenin und die SPD. S. 128/129, 173 u. 242/243.] Umgekehrt verfuhr Grossmann auf die Situation in Westgalizien bezogen nicht unähnlich. Zu dem Zeitpunkt, als Dzier y ski den „Bund“ in Russisch-Polen im eigenen revolutionären Sinne für die SDKPiL zu gewinnen oder zu neutralisieren suchte und die Hauptverwaltung der Partei ihm darin folgte, um die Polnische Sozialistische Partei (PPS) niederzuhalten, leitete jener in Krakau durch die Gründung einer separaten Jüdischen Sozialdemokratischen Partei unter gleichzeitiger Kontaktaufnahme 35 zum „Bund“ eine adäquate Entwicklung ein, um den Einfluss der PPSD, dem westgalizischen Pendant zur PPS, zu schwächen. Ob diese Konformität im politischen Handeln beider Akteure auch durch organisatorisch-personelle Verbindungen bestand, bleibt allerdings bis auf weiteres ein Desiderat der Forschung. In Kuhns akritischer Personenzentriertheit sind solche und andere Kontextualisierungen nicht auffindbar, ebenso wenig wie abweichende Stimmen zu Wort kommen. Józef Buszko beispielsweise weist darauf hin, dass die separatistischen Kreise um Grossmann die auf dem PPSD-Kongress im Mai 1903 – im Orig. fälschlich: November 1904 – beschlossene Einrichtung eines Nationalen Jüdischen Agitationskomitees erst gar nicht nutzten, mit Gründung einer eigenständigen Partei die Arbeiterbewegung Krakaus „bedeutend geschwächt“ wurde und zwischen beiden Parteien eine scharfe Auseinandersetzung entbrannte, die sich auf betriebliche und kulturelle Umfeldorganisationen übertrug und in der schließlich beide ihre Energien weitgehend im Kampf gegeneinander aufzehrten. Ebenso sorgten Buszko zufolge Konflikte zwischen den Parteiungen in Streikfragen dafür, dass deren Konsequenzen schon in der zweiten Aprilhälfte, noch vor der endgültigen Abspaltung der PSD am 1. Mai 1905, „sich negativ auf die Streikbewegung auszuwirken“ begannen [Buszko: Dzieje ruchu robotniczego w Galicji Zachodniej (1848–1918). S. 306/307]. Erstaunlich ist ferner, dass sich Kuhn außerstande sieht (S. 110/111), eine Positionierung Grossmanns in den Fraktionskämpfen der Kommunistischen Arbeiterpartei Polens (KPRP) in der Zwischenkriegszeit vorzunehmen. Diese, in ihren Einzelheiten sicherlich noch heute schwer zu durchschauenden, unter den Beteiligten mit voller Ranküne geführten Auseinandersetzungen, waren zusätzlich durch das mehrfache Eingreifen Stalins geprägt. So wurde die rechte Führungsgruppe, die im innersowjetischen Machtkampf Partei für Trotzki ergriffen hatte, auf dem fünften Kongress der Komintern im Juli 1924 abgelöst und durch Mitglieder der linken Opposition ersetzt. Letztere hingegen traf Mitte 1925 der politische Bannstrahl, da sie weiterhin eigenständige, von der Komintern abweichende Positionen vertrat, sodass infolge der vormalige Führer des rechten Flügels Adolf Warski (1868–1937) erneut an die Parteispitze gelangte. Parallel bestand innerhalb der polnischen Arbeiterbewegung eine fortgesetzte starke Orientierung an Józef Pi sudski (1867–1935), 1892 Mitbegründer und vormals führender Vertreter der PPS, sowie eine spezifische Form des sozialen Radikalismus, die vergleichbar dem Nationalbolschewismus in Deutschland eine nationale Revolution (vice versa einen nationalen Kommunismus) in Polen propagierte, insbesondere unter Intellektuellen und Lehrern Anklang fand, auch in den Reihen der KPRP auf Widerhall stieß und dort den Anschluss zu entsprechenden nationalistischen Kräften auf der Rechten im Pi sudski-Lager suchte. Diese zunächst als Unterströmung innerhalb der KPRP wirkende politische Ausrichtung, darauf hat der polnischstämmige Historiker Marian K. Dziewanowski bereits relativ früh hingewiesen – hier ergänzt um den Einwand Strobels, dass der führende Vertreter des polnischen Nationalbolschewismus Julian Brun (1886–1942) seit Ende 1923 Mitglied des Zentralkomitees der KPRP war und die Pi sudski-Orientierung in der linken Strömung stärker verankert 36 war als auf dem rechten Flügel der Partei [Strobel, Georg W.: Der Kommunismus in Polen. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. Neue Folge. Bd. 8, H. 3. München 1960. S. 355–363. Dort: S. 358] –, gewann an Einfluss und trug dazu bei, dass die KPRP (1925 umbenannt in KPP) im Mai 1926 Pi sudskis Staatsstreich unterstützte, was im Folgemonat von Stalin als grober politischer Fehler dekretiert wurde und daraufhin als sogenannter „Mai-Fehler“ in die Parteigeschichte einging. [Dziewanowski, M. K.: The Communist Party of Poland: An Outline of History. Cambridge, Mass. 1959. S. 100–119.] Schließlich sei auch darauf hingewiesen, dass in der Aufarbeitung des Mai-Fehlers nach August 1926 erneut heftige Fraktionskämpfe aufflammten, innerhalb derer gegenüber der linken Minderheit der Vorwurf des Nationalbolschewismus und gegenüber der rechten Mehrheit jener des Menschewismus erhoben wurde. [Simoncini, Gabriele: The Communist Party of Poland, 1918–1929. A Study in Political Ideology. Lewiston, Queenston, Lampeter 1993. S. 181.] Vor dem Hintergrund, dass Grossmann anlässlich seiner Berufung zum Professor an der Universität Leipzig 1949 die nachweislich falsche, aufgrund der 25 Jahre zuvor damit einhergegangenen Erfahrung einer mehr- oder langmonatigen Inhaftierung in Polen nicht unter fehlerhafter späterer Erinnerung zu subsumierende Bekundung machte, er habe nach Pi sudskis Staatsstreich das Land verlassen müssen, erscheint diese Lücke in der Darstellung nicht nachvollziehbar. Dazu indessen hätte es tieferer eigenständiger Recherchen in polnischen Archiven ebenso wie einer Heranziehung weiterer Literatur bedurft. Beispielsweise schreibt Jan Alfred Regu a in seinem 1934 in Warschau in zweiter, erweiterter und ergänzter Auflage herausgegebenen Werk zur Geschichte der polnischen Kommunistischen Partei, dass in der linken Minderheit innerhalb der KPP generell das „jüdische Element“ dominierte. [Regu a, Jan Alfred: Historia Komunistycznej Partii Polski w wietle faktów i dokumentów. Ze wst pem Witolda Pronobisa: Kim by naprawd Jan Alfred Regu a? [Die Geschichte der Kommunistischen Partei Polens im Lichte der Fakten und Dokumente. Mit einer Einführung von Witold Pronobis: Wer war Jan Alfred Regu a wirklich?] Wydanie trzecie. [Dritte Auflage.] Toru 1994. S. 161. Die dritte Auflage folgt dem Text der zweiten; letztere ist darüber hinaus in einer nachträglich deklassifizierten englischen Übersetzung via entsprechender Suchabfrage auf der Webseite der CIA abrufbar: https://www.cia.gov/library/readingroom/. Stand: 31. Oktober 2016.] Grossmann wird dort zudem, ohne dass genauere Daten mitgeteilt werden, als „vormaliges Mitglied des Zentralkomitees der KPP“ benannt und dessen Zusammenbruchstheorie als Ausdruck einer auf „westeuropäischem Boden“ erwachsenen „Theorie des Fatalismus“ bezeichnet, in der – „im Gegensatz zur Kampfkraft des russischen Bolschewismus“ – die soziale Revolution aus der „durch die Entwicklung des Kapitalismus verursachten Krise fatalistisch“ abgeleitet werde. [Ebd. S. 72/73.] Jedoch sind im hiesigen Kontext andere Prämissen als markant hervorzuheben. Unter dem Pseudonym Regu a fungierte zu Anfang der 1930er Jahre Józef Mützenmacher (1903–1947). Er, aus einer jüdischen Familie der Arbeiterklasse entstammend, seit 1919 Mitglied der KPRP, nach 1920 in Sowjetrussland, zurückgekehrt nach Polen dort 1924 Aktivist des „Kommunistischen Bundes der Polnischen Jugend“ (KZMP) und ab 1926 Sekretär des Zentralkomitees dieser 37 Organisation, wurde 1927 wegen kommunistischer Aktivitäten inhaftiert und ungefähr zur Hälfte seiner bis 1931 reichenden Haftzeit als Agent der politischen Polizei angeworben. Seine Schrift galt langjährig als bestinformierte Arbeit zur Geschichte der KPP vor 1934, war gleichwohl im Rahmen seiner Tätigkeit für das Ministerium des Innern (MSW) entstanden, durch das Regu a Zugriff auch auf Akten der staatlichen Sicherheitsbehörden erhielt und in dessen Kontext ebenfalls sein fiktiver Tod von der Polizei legendiert wurde. [Wielka encyklopedia PWN. T. 18. Warszawa 2003. S. 227; Pronobis, Witold: Kim by Jan Alfred Regu a? [Wer war Jan Alfred Regu a?] In: Regu a: Historia Komunistycznej Partii Polski w wietle faktów i dokumentów. S. III–XIV. Dort: S. VI/VII; Gadomski, Bogdan: Biografia agenta: Józef-Josek Mützenmacher (1903–1947). Warszawa 2009. S. 129–131.] Wie Bogdan Gadomski zudem durch einen textkritischen Vergleich von erster und zweiter Auflage zu Regu as Schrift nachgewiesen hat, ging die Überarbeitung nicht nur – möglicherweise um Mützenmachers Autorschaft nachhaltiger zu verschleiern – mit einer antisemitischen Akzentsetzung einher, sondern fiel ebenfalls der Hinweis auf eine wesentliche materielle Quellengrundlage weg. Letztere kann nicht bindend, in den Zuschreibungen jedoch signifikant und vorbehaltlich genauerer Zuordnungen auf Grossmann bezogen gelesen werden. Demnach hieß es in Regu as Vorwort zur ersten Ausgabe, dass ihm „recht umfangreiche Notizen eines Gefangenen, Prominenten, Gelehrten und, was am wichtigsten ist, – außerordentlich eingeweihten Kommunisten“ zur Verfügung standen. Die Notizen, obgleich ungeordnet und teilweise aphoristisch gehalten, gäben kommentierende Einblicke zu Personen der Parteiführung und zu wesentlichen Fragen der kommunistischen Bewegung. Sie zeugten von einem Verfasser, so Regu a weiter, der regelmäßig an Veranstaltungen der Partei und ihrer Umfeldorganisationen teilhatte sowie Zugang zu deren Führungspersonen besaß. Zugleich läge ihr besonderer Wert darin, dass sie als authentisch und überprüfbar zu betrachten seien. [Zit. und wiederg. nach: Gadomski: Biografia agenta: Józef-Josek Mützenmacher (1903– 1947). S. 130/131.] Ebenfalls von Kuhn politisch nicht reflektiert bleibt Grossmanns Betätigung in der „Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetrussischen Planwirtschaft“ (Arplan). Diese war, wie der Generalsekretär der Komintern Georgi Dimitroff (1882–1949) dem Leiter des Auslandsnachrichtendienstes des NKGB Pawel Fitin (1907–1971) am 12. April 1941 mitteilte, im Herbst 1931 gegründet worden, „um hochqualifizierte Vertreter der Intelligenz mit einer rechten Haltung in unseren Einflußbereich einzuziehen, die gleichzeitig Anhänger einer prosowjetischen Orientierung der deutschen Politik waren“. In ihr bestand, so heißt es in der Mitteilung weiter, eine „kommunistische Parteigruppe“ aus Georg Lukács (1885–1971), Karl August Wittfogel (1896–1988) und anderen, deren Aufgabe es war, „die Ausarbeitung von Themen und die Arbeit der Arplan in eine Richtung zu lenken, die für das Erreichen der für uns gewünschten ideologischen Einflußnahme auf diese Kreise der Intelligenz notwendig war.“ Das Arplan- Mitglied Ernst Jünger (1895–1998) wird dort ferner als „ein bekannter rechtsradikaler Schriftsteller“ bezeichnet, der zwar „verworrene Vorstellungen vom Sozialismus“ hegte, zugleich aber, wie sein Buch „Der Arbeiter“ (1932) zeige, mit 38 der Sowjetunion „sympathisierte“ und, obgleich „ideologisch unter faschistischem Einfluß“ stehend, die Partei der Nationalsozialisten „tief verachtete“. Über Paul W. Massing (1902–1979) schließlich ist zu lesen, dass er als „einer unserer Aktivsten in der Arplan“ galt und der Aussage Lukács‘ zufolge „ein prächtiger kommunistischer Propagandist war, der über eine gründliche marxistische und ökonomische Ausbildung verfügte und gleichzeitig sehr bescheiden und sympathisch auftrat.“ [Chawkin, Boris, Hans Coppi, Juri Zorja: Russische Quellen zur Roten Kapelle. In: Coppi, Hans, Jürgen Danyel, Johannes Tuchel (Hrsg.): Die Rote Kapelle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. (Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Reihe A, Bd. 1.) Berlin 1994. S. 104–144. Dort: S. 118–120.] Grossmann selbst, dessen Betätigung als Vorstandsmitglied in der Arplan auf Basis der Quellenlage andernorts belegt ist, wird in den einschlägigen sowjetischen Dokumenten aus dem Umfeld der antifaschistischen Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ namentlich nicht benannt. Der Grund dürfte darin zu erblicken sein, dass Carl Grünberg (1861– 1940) ihn im Rahmen seiner Frankfurter Tätigkeit zu parteipolitischem Inkognito verpflichtet hatte, nachdem Grossmann aufgrund seiner politischen Betätigung in Polen in das Blickfeld deutscher Polizeibehörden geraten war, und dementsprechend in Deutschland auch später nicht Mitglied der KPD wurde. [Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 36.] In der Arplan versammelten sich ausgewählte Anhänger für eine deutsch-sowjetische Allianz im Sinne einer nationalbolschewistischen Ostorientierung Deutschlands aus der literarischen, technischen und wissenschaftlichen Intelligenz. Unter Einbeziehung von Vertretern der extremen nationalistischen Rechten der Konservativen Revolution und mit engen Verbindungen zur sowjetischen Botschaft in Berlin galt ihr vorrangiges Interesse dem im Kontrast zum krisengeschüttelten Wirtschaftssystem des Liberalismus als überlegen wahrgenommenen sowjetischen Plansystem. Auch Friedrich Pollock sowie auf der extremen Rechten der Nationalsozialist Ernst Graf zu Reventlow (1869–1943) und (basierend auf weiteren Dokumenten) der Staatsrechtler Carl Schmitt (1888– 1985) sollen, wie Micheal David-Fox unter Berufung auf die im Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF) in Moskau aufbewahrte „Mitgliederliste“ der Arbeitsgemeinschaft schreibt, Angehörige der Arplan gewesen sein. [David- Fox, Michael: Annäherung der Extreme. Die UdSSR und die Rechtsintellektuellen vor 1933. In: Osteuropa. 59. Jg. 7– 8/2009. S. 115–124. Dort: S. 120.] Der Begriff Nationalbolschewismus, hier, wie zur Zeit der Weimarer Republik gebräuchlich, gleichermaßen auf nationale Kommunisten und nationalrevolutionäre Rechte bezogen, wurde 1919 nach dem Heidelberger Parteitag der KPD von Karl Radek in seiner Broschüre gegen die Abspaltung des syndikalistischen Hamburger Flügels geprägt und 1923 in seiner berühmten Schlageter-Rede vor dem erweiterten Exekutivkomitee der Komintern in Moskau positiv gewendet. In ihr pries er den während der Ruhrbesetzung von französischen Besatzungstruppen wegen Sabotageakten erschossenen nationalistischen deutschen Freikorpsoffizier Leo Schlageter (1894–1923) als „mutige[n] Soldat[en] der Konterrevolution“. Den deutschen Nationalisten rief er zu, sich gemeinsam mit den deutschen Kommunisten „des Joches des Ententekapitals“ zu entledigen und 39 der „Versklavung des deutschen und russischen Volkes“ zu begegnen. [Schüddekopf, Otto-Ernst: Linke Leute von rechts. Die nationalrevolutionären Minderheiten und der Kommunismus in der Weimarer Republik. Stuttgart 1960. S. 100, 147 u. 268]. Radeks Taktieren mit dem Phänomen des Nationalbolschewismus, das der Verteidigung des Sozialismus in Sowjetrussland galt und die negativen Folgewirkungen in den Staaten westlich davon nicht antizipierte oder gar in Kauf nahm, trat seit 1930 erneut hervor. Der Faschismus wurde nun von ihm als Schwungkraft zur gesellschaftlichen Desintegration und beschleunigten Radikalisierung der Massen auf dem Weg zum finalen Umsturz hin zur Diktatur des Proletariats bewertet. [Fayet: Karl Radek (1885–1939). S. 670/671.] In diesem Zusammenhang soll er überdies die (nicht anhand von Quellen belegte) Devise ausgegeben haben, für die KPD sei eine Gewinnung Ernst Jüngers bedeutsamer als alle in Wahlen neu hinzuzugewinnenden Wählerstimmen insgesamt. [Rühle, Jürgen: Literatur und Revolution. Die Schriftsteller und der Kommunismus. Köln, Berlin 1960. S. 238.] Autobiographisch belegt ist zudem, dass das Arplan-Mitglied Ernst Niekisch (1889–1967) Radek, inzwischen zum au- ßenpolitischen Berater Stalins aufgestiegen, im Rahmen der Arplan-Reise in die Sowjetunion 1932 in Moskau traf. Bei dieser Zusammenkunft, an der Grossmann aufgrund seiner Vorgeschichte und Verbindung zu Radek aller Wahrscheinlichkeit nach teilhatte, soll Radek den Sieg Hitlers vorausgesagt und mit der begleitenden Äußerung kommentiert haben, dass sich die friedliebende Sowjetunion falls nötig auch mit einem Hitlerdeutschland arrangieren werde. [Niekisch, Ernst: Gewagtes Leben. Begegnungen und Begebnisse. Köln, Berlin 1958. S. 217.] Die nationalbolschewistische Richtung innerhalb des deutschen Kommunismus, die in den Jahren 1930–1932 mit dem „Scheringer-Kurs“ der KPD erneut in den Vordergrund trat [Schüddekopf: Linke Leute von rechts. S. 238 u. 287–305], wurde nach 1933, wie Franz L. Neumann (1900–1954) im Jahr 1943 für den US-Auslandsnachrichtendienst OSS analysierte – interessanterweise zu einem Zeitpunkt als er ebenso wie Massing, letzterer war seit Januar 1944 als Berater in der Research and Analysis Branch (Europe–Africa Division) des OSS tätig [U. S. National Archives & Records Administration. RG 226. OSS, Paul Massing, Box 490], als Doppelagent zugleich für die sowjetische Auslandsaufklärung durch das NKGB wirkte [Weinstein, Allen, Alexander Vassiliev: The Haunted Wood. Soviet Espionage in America – The Stalin Era. New York 2000. S. 249–251] –, nahezu vollständig durch die Russen liquidiert, während die nationalbolschewistische Richtung innerhalb des Nationalsozialismus 1934 endgültig ausgeschaltet wurde. [Neumann, Franz: The Free Germany Manifesto and the German People (August 6, 1943). In: Neumann, Franz, Herbert Marcuse, Otto Kirchheimer: Secret Reports on Nazi Germany. The Frankfurt School Contribution to the War Effort. Ed. by Raffaele Laudani. With a foreword by Raymond Geuss. Princeton, N. J., Oxford 2013. S. 149–166. Dort: S. 156–158.] Insgesamt verbleiben die politischen Zuordnungen im Kontext von sozialistischer Bewegung und Parteikommunismus analytisch gering beleuchtet, so auch im nachfolgenden Fall. Grossmanns temporäre Abwendung von der Politik der Komintern seit den Ereignissen in Deutschland 1933 war Kuhn zufolge 40 von nur geringfügiger Dauer und endete bereits 1936 wieder. Ab diesem Zeitpunkt sei er erneut als „ein unkritischer Unterstützer der russischen Außen- und Innenpolitik“ (S. 172) hervorgetreten. Als Indiz dafür dient ihm eine auf Franz Borkenau bezogene Aussage in Hinsicht auf den Bürgerkrieg in Spanien. Grossmann hatte Horkheimer am 6. November 1936, zu einem Zeitpunkt demnach, als der Vormarsch der rechten nationalistischen Truppen unter Franco bereits die Vororte von Madrid erreicht hatte und die spanische Kapitale mitsamt der dort ansässigen linken Volksfrontregierung unmittelbar bedroht war [Payne, Stanley G.: The Spanish Civil War, the Soviet Union, and Communism. New Haven, London 2004. S. 180], auf einen dokumentarisch nicht überlieferten, kurze Zeit vorher in der Londoner Sociological Society gehaltenen Vortrag aufmerksam gemacht, in dem Borkenau nach Grossmanns Schilderung „gegen die Madrider Regierung Stellung nahm“ und von diesem als „ein gefährlicher Bursche, ausgesprochener Faszist“ bezeichnet wurde [MHGS 15. S. 714/715]. Doch bleibt die Kuhnsche Zuordnung aus zweierlei Gründen arbiträr: Erstens erlaubt eine bedingt zustimmende Äußerung zur Volksfrontpolitik in Spanien aus dem Jahr 1936 nicht den Umkehrschluss, dass damit zugleich eine Bejahung der Politik der Komintern einherging. Die linkssozialistische Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) beispielsweise, darauf weist Kuhn selbst hin (S. 171), befürwortete zeitgenössisch die Volksfrontpolitik in Spanien und kritisierte dennoch unverändert den politischen Macht- und Monopolanspruch der Komintern. [Zur Mühlen, Patrik von: Spanien war ihre Hoffnung. Die deutsche Linke im Spanischen Bürgerkrieg 1936 bis 1939. Bonn 1983. S. 50 u. 57.] Zweitens, insoweit Borkenaus in erster Auflage 1937 in London erschienener Bericht „The Spanish Cockpit. An Eye-Witness Account of the Political and Social Conflicts of the Spanish Civil War“ herangezogen wird, dem Reisen des Autors nach Spanien im August/September 1936 und Januar/Februar 1937 zugrunde lagen, blieb dieser den Idealen der nicht kommunistischen sozialrevolutionären Linken zumindest noch zu diesem Zeitpunkt erkennbar verbunden. Gleichwohl wollte Borkenau darin den Faschismusbegriff nicht auf das Franco-Regime angewendet wissen, sondern subsumierte es unter dem Rubrum einer reaktionären Militärdiktatur. [Borkenau, Franz: Kampfplatz Spanien. Politische und soziale Konflikte im Spanischen Bürgerkrieg. Ein Augenzeugenbericht. Stuttgart 1986. S. 338–341 u. 357.] Wie immer die Mitteilung an Horkheimer zu Borkenau motiviert oder intendiert war, sie ist ungeeignet, daraus eine zeitgenössisch unkritische Parteinahme für die Sowjetunion herzuleiten. Ferner wurde Grossmanns politische Abkehr von der Komintern und Hinwendung zu Positionen, wie sie zeitgeschichtlich in Linkssozialismus und Linkskommunismus vertreten wurden, bis dato auf den Zeitraum 1933–1941 taxiert, in etwa von Hitlers Machtübernahme bis zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion reichend. [Scheele: Zwischen Zusammenbruchsprognose und Positivismusverdikt. S. 213/214.] Basis dazu bildeten die Angaben Paul Matticks (1904–1981) in einem Gespräch mit Russell Jacoby aus den 1970er Jahren [Jacoby, Russell: The Politics of the Crisis Theory: Toward the Critique of Automatic Marxism II. In: Telos. A Quarterly Journal of Radical Social Theory. No. 23, Spring 1975. S. 3–52. Dort: S. 30], das Kuhn als seiner Argumentation gegenläu- 41 fige Quelle nicht heranzieht. Stattdessen führt er Ilse Hamm (1919–2009), spätere Mattick, als alleinige Zeitzeugin ins Feld. Demnach sei Grossmann, so erinnerte sie sich 55 Jahre später in einem telefonischen Gespräch mit Kuhn, „ein Stalinist bis auf die Knochen“ (S. 172) gewesen. Auch hierin geraten ihm Zeitbezug und Quellenlage allerdings in ein Missverhältnis. Hamm reiste erst Ende Mai 1938 mit der S. S. Washington aus Hamburg kommend in die USA ein. [Passenger and Crew lists for vessels arriving in New York, New York 1897– 1957. NARA microfilm publication T 715. Roll 6159. Vol. 13258–13259. May 26, 1938. (Abrufbar unter: https://familysearch.org/. Stand: 15. Oktober 2016.)] Sie kannte Grossmann aus den Kreisen der deutschsprachigen politischen Emigration in New York von Seiten der kommunistischen Linken, noch bevor sie Paul Mattick, gleichwohl über dessen politische Tätigkeit durch ihre Kontakte zu dem US-amerikanischen Maler und Kunstkritiker Fairfield Porter (1907–1975) informiert, Anfang 1942 persönlich kennen lernte und später heiratete. [Roth, Gary: Marxism in a Lost Century. A Biography of Paul Mattick. Leiden. Boston 2015. S. 202–204.] Doch datieren Nachweise für ihre Verbindung zu Grossmann erst ab Mitte des Jahres 1941. [Mitteilung von Gary Roth, Rutgers University, Newark, 3. Oktober 2016.] Entsprechend heißt es, solche Kontakte in schriftlicher Form erstmalig belegend, in einem Brief Porters an Paul Mattick vom 4. Juli 1941: „Spatz [Ilse Hamm] met Grossman in the Metropolitan Museum and talked to him about the Council Communists. Grossman says you and the Chicago group are hopelessly sectarian or something to that effect. He includes Korsch.“ [Leigh, Ted (ed.): Material Witness. The Selected Letters of Fairfield Porter. Ann Arbor 2005. S. 88.] Mattick selbst betrachtete den Vorwurf des Sektierertums im Übrigen als Ausflucht Grossmanns, ihn in den USA nicht kontaktieren zu wollen. Er, der dessen theoretischen Ansatz vor Ort in linkskommunistischen Gruppierungen zu verbreiten suchte, hatte trotz eines seit 1931 bestehenden Briefkontakts von ihm nichts mehr gehört, seitdem dieser in New York angekommen war, und vermutete, dass es Grossmann als unter seinem Niveau stehend betrachtete, mit ihm als akademisch nicht ausgewiesenen Autodidakten zusammenzutreffen. [Roth: Marxism in a Lost Century. S. 203/204.] Umgekehrt lassen sich zudem aus der Aktenlage des Instituts in der Emigration bislang keinerlei Hinweise darauf entnehmen, dass Grossmann vor 1941/42 zu einer positiven Bewertung der sowjetischen Politik zurückkehrte. Vielmehr sind Belege dazu erst nach diesem Zeitpunkt zu finden. Felix Weil etwa berichtete im Februar 1942 bezogen auf eine institutsintern getätigte Bekundung oder Androhung Grossmanns, die Schrift „Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik“ zusammen mit zwei weiteren Aufsätzen auf Englisch publizieren zu wollen, sowie befürchtend, dies könne in einem für die Reputation des Instituts abträglichen Verlag geschehen, von „G[rossmann]’s pro-stalinistischem Ressentiment“. [Weil an Horkheimer, 24. Februar 1942. MHA: II 15. 195.] Leo Löwenthal teilte darüber hinaus im Oktober desselben Jahres Horkheimer mit: „Grossmann: ‚Crazy‘ is indeed the right word. He has a terrible talent to feed his ressentiment against all of us. The other night, he told me that Lix [Felix Weil] is ‚verdumming‘ more and more. Reason: he loves Russia but he is so afraid of P[ollock] that he apes him when he critizises Russia.“ 42 [Löwenthal an Horkheimer, 29. Oktober 1942. MHA: VI 15. 306–308.] Und schließlich schrieb Horkheimer, nachdem er Grossmann zuvor persönlich mitgeteilt hatte, dass dieser nicht länger zur Gruppe der Institutsmitglieder zähle, mögliche Reaktionen desselben antizipierend und um solchen im Voraus zu begegnen, am 6. März 1944 an Löwenthal: „The reason why I would like you to see him [Grossmann] is: he should know that we remember very well the glorious time when he thought that people who accepted R[ussia] were irresponsible and the way how R[ussia] treated humans was ›menschenunwürdig‹. If he knows that we remember that he most certainly will behave.“ [MHGS 17. S. 548.] Insbesondere letztgenannte Äußerung ist ein Hinweis darauf, dass Grossmann zumindest in den Zeiten des Großen Terrors und der Moskauer Prozesse 1936–1938 der Komintern-Linie nicht folgte. Belege für die Aussage, er habe zu dieser Zeit die Säuberungen einschließlich der Ermordung Radeks 1939 „akzeptiert“ (S. 172), kann Kuhn entsprechend nicht vorweisen. Schließlich werden auch charakterliche Eigenheiten in der Person unzureichend gezeichnet. Zwar schreibt Kuhn Grossmann ein bis zur Arroganz reichendes intellektuelles Selbstwertgefühl zu und zitiert Wittfogels Einschätzung (S. 146), wonach jener im Institut „als ein sehr gebildeter, aber von sich eingenommener Mann“ auftrat [Wittfogel, Karl August: Aus der Gründungszeit des Instituts für Sozialforschung. In: Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler in Frankfurt am Main. Erinnerungen an die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät und an die Anfänge des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität. Hrsg. und eingel. von Bertram Schefold. Marburg 1989. S. 49–53. Dort: S. 53]. Doch bildet die in Hinsicht auf den Grossmann-Schüler Walter Braeuer exzemplifizierte Zuschreibung, generell sei jener gegenüber Freunden „schonungslos ehrlich“ (S. 177) gewesen, eine bewusst konnotierte Abwiegelung für eine tatsächlich rücksichtslose Egozentrik, hinter der zurückzubleiben Grossmann selbst gegenüber einem seiner Schüler in den Bedrängnissen des politischen Exils sich als nicht fähig erwies. Braeuer, Sohn eines Fabrikdirektors aus Hanau, dort 1927 zunächst Mitglied der SPD und 1930 in die KPD-Ortsgruppe eingetreten sowie vor 1933 in der Kommunistischen Studentenfraktion (Kostufra) an der Universität Frankfurt a. M. wirkend, war 1934 aus Nazi-Deutschland in die Schweiz emigriert. Nach Enttarnung seiner Abwehrtätigkeit für eine KPD-Emigrantengruppe in NS-Organisationen in Genf ging er 1936 ins Exil nach Frankreich. [Fülberth: Widerstand und Gelehrsamkeit: Walter Braeuer. S. 209/210.] In der ersten Jahreshälfte 1935 hatte Braeuer sein im hiesigen Zusammenhang interessierendes Manuskript unter dem Titel „Das Akkumulationsschema“ – später als Beitrag in einem wissenschaftlichen Periodika in Frankreich erschienen, darin Grossmanns theoretischen Ansatz wie auch in den nachfolgenden Jahren des Exils und darüber hinaus ausdrücklich positiv hervorhebend [Braeuer, Walter: Le schéma de l’accumulation du capital. Sa forme complète et sa position importante dans le système économique de Karl Marx. In: Revue d’histoire économique et sociale. XXIIIe Année. 1936–37. S. 133–142. Dort. S. 134] – mit der Absicht auf Veröffentlichung an die Redaktion der „Zeitschrift für Sozialforschung“ gesandt. Leo Lö- 43 wenthal leitete dieses am 7. Mai 1935 mit der Bitte um Beurteilung an Grossmann weiter. Letztere fiel äußerst negativ aus und zeugt in der rüden Wortwahl von einer selbstherrlichen Persönlichkeitsstruktur. Kuhn aber gibt lediglich Grossmanns Urteil „wertlos“ (S. 177), das dieser nach eigenen Angaben Braeuer zuvor auch persönlich mitgeteilt hatte, aus einem Brief an den zu diesem Zeitpunkt in der Redaktion der Zeitschrift mitarbeitenden Ernst Schachtel (1903– 1975) wieder, nicht aber den rücksichtslosen Wortlaut des Schreibens selbst. Dieser lautet: „Mein Gutachten war kurz: das M[anu]s[kript] Braeuers ist ein Produkt eines Graphomanen, der sich einbildet ein die Wissenschaft umwälzendes Genie zu sein; an sich ist es wertlos. Dabei zitiert Br[aeuer] 5 oder 6 verschiedene Ausgaben von ‚Kapital’ (zwei deutsche, eine englische, französische etc.)! Um belanglose Dinge zu ‚beweisen’: der technische Apparat des Gelehrten ist für Br[aeuer] Selbstzweck. Es verlohnt sich nicht auf die Gedankengänge des Autors im Einzelnen einzugehen. Ich glaube, man solle dem Autor kurz schreiben, der Aufsatz eigne sich nicht für die Z[eit]sch[ri]ft; er möge sich vielleicht an andere Z[eit]sch[ri]ften wenden. Er möge die Verzögerung in der Beantwortung entschuldigen.“ [Grossmann an Schachtel, 11. Juli 1935. LLA: A 325. 95.] Auslassungen wie diese sind es, die den Blick verfälschen, zu einer verklärenden Beschreibung der Person Grossmann führen und letztlich Kuhns Bestreben als wissenschaftlich nicht sonderlich ausgewogenes Unterfangen aufscheinen lassen. [Nachtrag zur Zitierweise: Alle Seitenangaben in runden Klammern „(…)“ beziehen sich auf die Schrift: Kuhn: Henryk Grossman and the Recovery of Marxism. Stillschweigende Übersetzungen aus dem Englischen sowie aus dem Polnischen sind als Zitationen in Kursivschreibung kenntlich gemacht.]

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Zusammenfassung

Am Vorabend der Weltwirtschaftskrise von 1929 publizierte Henryk Grossmann (1881–1950) mit seinem Hauptwerk, „Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems“, eines der bedeutendsten Werke der marxistischen Krisentheorie. Zugleich war er von 1925 bis 1948 Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung – zunächst in Frankfurt, sodann in der Emigration in Paris, London und New York. Im Zentrum der vorliegenden Auswahl seiner nachgelassenen Schriften stehen politökonomische Arbeiten aus dem Warschauer Archiv der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Sie fokussieren zum überwiegenden Teil auf den Status der Marxschen Werttheorie und insonderheit auf das Problem der Wert-Preis-Transformation bei Marx. Weitere Abhandlungen gelten konzeptionellen Überlegungen zu den ökonomischen Bedingungen des deutschen Faschismus und zu wissenschaftshistorischen Themen. Der Publikation angefügt sind ferner mehrere archivalische und bio-bibliographische Verzeichnisse sowie ein Dokumentenanhang mit Reproduktionen ausgewählter Materialien. In der Gesamtheit ergibt sich ein neuer, bislang in dieser Intensität nicht bekannter Blick auf das Leben und Werk von Henryk Grossmann.