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Marx und die Klassische Ökonomie oder Die Lehre vom Wertfetisch (Auszug) in:

Henryk Grossmann

Schriften aus dem Nachlass, page 155 - 186

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3892-5, ISBN online: 978-3-8288-6811-3, https://doi.org/10.5771/9783828868113-155

Tectum, Baden-Baden
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155 Marx und die Klassische Ökonomie oder Die Lehre vom Wertfetisch (Auszug) 14. Gebrauchswert und Gebrauchsgestalt bei Marx. Um allen möglichen Missverständnissen vorzubeugen, sei betont, dass die grosse Bedeutung, die Marx der Gebrauchsform zuschreibt, nichts mit dem Gebrauchswert im subjektiven Sinn zu tun hat. Die Auffassung jener Kritiker, die bei der Entdeckung des Wortes Gebrauchswert bei Marx jedesmal glauben, es „enthält in nuce die ganze Grenznutzentheorie“,1 ist tatsächlich vollkommen haltlos. E. Bernsteini erblickt in der bekannten Stelle im III. Band des „Kapital“, wo von der Wichtigkeit des Gebrauchswertes „für die Gesellschaft“ die Rede ist, sozusagen eine nachträgliche Konzession von Marx an die Lehren von Böhm-Bawerk.2 Und auch Hilferding betont die Notwendigkeit der Abstraktion vom Gebrauchswert, weil er sich gar nicht vorstellen kann, dass Marx das Wort noch in einem anderen Sinn als dem subjektiven der Nützlichkeit verwenden konnte: „Der Gebrauchswert ist individuelles Verhältnis eines Dinges zu einem Menschen“ … „Massstab meiner persönlichen Wertschätzung“.3 – „Jede Werttheorie, die vom Gebrauchswert, also von den natürlichen Eigenschaften des Dinges ausgeht, … geht aus von dem individuellen Verhältnis zwischen einem Ding und einem Menschen, statt von den gesellschaftlichen Verhältnissen der Menschen zueinander.“4 Hilferding kann sich gar nicht vorstellen, dass der Gebrauchswert bei Marx noch für andere Zwecke diente, als nur „Ausgangspunkt für die Werttheorie“ zu bilden! Demgegenüber ist zu betonen, dass der Gebrauchswert, von dem wir hier sprechen, stets im Sinne einer objektiven Erscheinung verstanden ist, die nichts mit subjektiver Nützlichkeit zu tun hat. Marx unterscheidet zwei Arten von Gebrauchswert: a) In „Zur Kritik …“ spricht er davon, dass „der Gebrauchswert als Gebrauchswert, jenseits des Betrachtungskreises der politischen Oekonomie liegt“. Hier versteht er unter Gebrauchswert seine subjektive Nützlichkeit, also eine psychische, nicht physische Tatsache. – In einer Fussnote macht er eine sarkastische Bemerkung: „Dies ist der Grund, warum deutsche 1 E. Lederer, „Beiträge zur Kritik des Marx’schen Systems“ (Zschrft. für Volksw., Soz.pol. u. Verwaltung XV, 1906, S. 310). 2 E. Bernstein, „Dokumente des Sozialismus“, Bd. IV, 1904, S. 154 [–156]. 3 Hilferding, „Böhm-Bwerks Marx-Kritik“, S. 10. 4 Ebenda, S. 11. 156 Kompilatoren den unter dem Namen ‚Gut‘ fixierten Gebrauchswert con amore abhandeln … Verständiges über ‚Güter‘ muss man suchen in ‚Anweisungen zur Warenkunde‘.“5 b) Aber von diesem „Gebrauchswert als Gebrauchswert“, der jenseits der Betrachtung der politischen Oekonomie liegt, unterscheidet Marx noch „Gebrauchswert als stoffliche Gestalt“, der nichts mit dem subjektiven Nutzen zu tun hat und eine objektive Tatsache, eben eine „stoffliche Gestalt“ ist, – so wenn er z. B. von „Gebrauchswert oder Gebrauchsgegenstand “,6 so wenn er bei der Analyse der Produkte von „ihre[m] Gebrauchswert, ihre[r] stoffliche[n] Gestalt“ spricht,7 oder von „Gebrauchswerten oder Warenkörpern“, von „sinnlich grobe[r] Gegenständlichkeit der Warenkörper“.8 An unzähligen anderen Stellen verwendet Marx zwar variierende Ausdrücke; aber stets umfassen sie denselben Begriffsinhalt. So spricht Marx von der „Gebrauchsgestalt“ der Ware,9 von ihrer „Naturalform“,10 von der „Verschiedenheit der stofflichen Gestalt“ii der Ware,11 von der „Masse der stofflichen Gebrauchswerte“ und vom „Quantum der wirklichen Stoffe“,12 von der „Masse der Lebensmittel“iii im Unterschied zum „Wert dieser Masse“iv;13 ähnlich spricht Marx von der notwendigen „Masse der Produktionsmittel“ im Unterschied zum Werte der Produktionsmittel.14 In allen diesen Fällen geht es Marx offensichtlich nicht um die subjektive Bedeutung dieser Gebrauchsdinge; sie sind ihm nicht Ausgangspunkt für eine Werttheorie, also für die Analyse des Wertaustausches; vielmehr interessiert ihn die objektive stoffliche Gestalt dieser Gebrauchsdinge als eine stoffliche, gegenständliche, „objektive Bedingung der wirklichen Arbeit“ im technischen Arbeitsprozess. Hier müssen nämlich Produktionsmittel, Roh- und Hilfsstoffe, endlich die Arbeitskraft in gewissen, durch ihre Naturalgestalt bedingten quantitativ-technischen Proportionen vorhanden sein, die eine conditio sine qua non des normalen Arbeitsprozesses sind. „In 5 Marx, „Zur Kritik …“, S. 2. 6 Marx, „Kapital“ I, S. 28. 7 Ebenda, II, S. 389. 8 Ebenda, I, S. 14. 9 Ebenda, II, S. 135/136. 10 Ebenda, I, S. 14: „Die Waren erscheinen als Waren … sofern sie die Doppelform besitzen, Naturalform und Wertform.“i -a Aehnlich: II, S. 11, 145, 146. 11 Ebenda, II, S. 145. 12 Ebenda, III/1, S. 26. 13 Ebenda, I, S. 530. 14 Ebenda, III/1, S. 20. 157 dem wirklichen Arbeitsprozess dienen alle diese Dinge durch das Verhältnis, das sie als Gebrauchswerte zu der sich in ihnen betätigenden Arbeit haben, nicht als Tauschwerte, und noch weniger als Kapital.“15 – Es ist wohl hinreichend klar, dass hier nicht die Rede von Gebrauchswert als subjektivem Nutzen ist. Es kann hier nicht näher auf dieses Thema eingegangen werden, würde dies doch die Darstellung des Reproduktionsprozesses erfordern. Für den Zweck dieser Abhandlung muss es genügen, daran zu erinnern, dass Marx auf die Wichtigkeit der konkreten Naturalgestalt für die Akkumulation hinweisend sagt: „Hier haben wir wieder ein Beispiel von der Bestimmungv des Gebrauchswertes für die ökonomischen Formbestimmungen.“16 Und an anderer Stelle heisst es: „Bei der Betrachtung des Mehrwerts als solchen ist die Naturalform des Produkts … gleichgültig. Bei der Betrachtung des wirklichen Reproduktionsprozesses wird sie wichtig … Hier erhalten wir wieder ein Beispiel, wie der Gebrauchswert als solcher ökonomische Wichtigkeit erhält.“17 Also der aus der politischen Oekonomie von Hilferding verbannte Gebrauchwert hat dennoch „ökonomische Wichtigkeit“, Wichtigkeit nicht nur für – die Naturwissenschaft, sondern für den wirklichen Reproduktionsprozess. Dass man mit solchen Zitatenschlangen den Nonsens des Hilferding’schen Standpunktes beweisen muss! Verbannt man die Gebrauchswerte aus der politischen Oekonomie, dann wird der kapitalistische Produktionsprozess lediglich ein Verwertungsprozess, bei dem der Arbeitsprozess ausgeschaltet ist, dann wird er einfach zu einem Börsenspiel, wo unabhängig von aller Produktion die Werte steigen und fallen und Differenzgewinne realisiert werden. Den Gebrauchswert ausschalten heisst, sich auf den Standpunkt der reinen Plusmacherei stellen. Und derselbe Hilferding, der eben die Gebrauchswerte aus der ökonomischen Betrachtung ausgeschaltet hat, muss sie schliesslich durch eine Hintertür wieder einführen, – nämlich für die schematische Analyse des Reproduktionsprozesses, denn dessen Darstellung setzt ja voraus, dass in der Abteilung I des Schemas Produktionsmittel und in der Abteilung II Konsumtionsmittel sind – also Unterschiede der Gebrauchsgestalt! – Wie kommt er dazu? Er meint: Beim individuellen Austausch muss man vom 15 Marx, „Mehrwerttheorien“ III, S. 314. 16 Ebenda, II/2, S. 258. 17 Ebenda, III, S. 298. 158 Gebrauchswert abstrahieren; bei der gesellschaftlichen Betrachtung hingegen fällt umgekehrt der Wert ab, da „für die Gesellschaft, die gar nicht austauscht, die Ware nichts als Arbeitsprodukt“,vi Gebrauchswert ist.18 Die Haltlosigkeit dieser Ausflucht liegt auf der Hand. Die „Gesellschaft, die gar nichts austauscht“, ist eben keine Gesellschaft „unabhängiger Privateigentümer“, ist eben keine kapitalistische Gesellschaft! Aber gerade um den kapitalistischen Prozess handelt es sich für uns. Auch beim gesellschaftlichen Reproduktionsprozess darf man von wesentlichen Bedingungen der kapitalistischen Produktion, wie vom Privateigentum und daher auch vom Austausch nicht abstrahieren. Im Marx’schen Reproduktionsschema, das nicht die individuelle, sondern gesellschaftliche Reproduktion darstellt, besteht dennoch Privateigentum und daher Austausch zwischen den Abteilungen I und II. Es ist übrigens eine alte Ausflucht aus der Verlegenheit gegenüber den Schwierigkeiten der Analyse, die Hilferding gebraucht – wie hundert Jahre vor ihm George Ramsay.19 Schon dieser meinte, dass zwar vom Standpunkt des einzelnen Kapitalisten nur Wertersatz massgebend ist, und dass nur vom Standpunkt der Gesellschaft der Gebrauchswert entscheidet. Worauf Marx antwortet: „Was Ramsay doppelt betrachtet, Ersetzung von Produkt durch Produkt (= Gebrauchswert – H. G.) bei der Reproduktion für das ganze Land, und von Wert durch Wert für den einzelnen Kapitalisten, sind zwei Gesichtspunkte, die beide bei dem Zirkulationsprozess des Kapitals, der zugleich Reproduktionsprozess ist, für das einzelne Kapital selbst, betrachtet werden müssen.“20 Ist es nicht, als ob Marx auch Hilferding vorausgeahnt hätte? 18 R. Hilferding, „Böhm-Bawerks Marx-Kritik“, [S. 9/10]. – Dieses Resultat, welches bei H. auf unerklärtem Wege, wie ein Deus ex machina auftritt, lässt Hilferding recht schwach in der Elementar-Arithmetik erscheinen. Die Ware war nach Marx, wie wir uns erinnern, anfangs ein Doppeltes: Wert und Gebrauchswert, d. h. „Arbeitsprodukt“ von zweierlei Arbeit. Als Wert war sie Produkt der wertschaffenden Arbeit, als Gebrauchswert Produkt der konkreten, nützlichen Arbeit. Nachdem dann die Ware als Gebrauchswert, d. h. als Arbeitsprodukt der konkreten Arbeit, von Hilferding aus der ökonomischen Betrachtung ausgeschieden und in die Naturwissenschaft verbannt worden war, blieb von den zwei Elementen nur noch eins zurück: Der Wert, die Ware als Arbeitsprodukt der wertschaffenden Arbeit. Entfällt nun für die Gesamtgesellschaft auch der Wert, so bleibt als Resultat eben Null: 2 minus 1 minus 1 gleich 0. Das ist das glänzende Resultat der Hilferding’schen „Dialektik“. 19 George Ramsay, „An Essay on the Distribution of Wealth“, 1836. 20 Marx, „Mehrwerttheorien“ I, S. 179. 159 Der technologische Arbeitsprozess, in welchem nicht Werte, sondern Gebrauchswerte fungieren, und welcher über die Stufenleiter der Produktion, damit auch über das Minimum des erforderlichen Kapitalumfanges entscheidet, ist sowohl vom gesellschaftlichen als auch vom individuellen Standpunkt des einzelnen Kapitalisten massgebend und auch für den Verwertungsprozess entscheidend wichtig: Beschäftigt z. B. der Kapitalist 100 Spinnereiarbeiter, so muss er bei gegebenem Stand der Technik zugleich ein im Voraus bestimmtes Quantum an Spinnmaschinen und an Baumwolle besitzen, um diese Arbeiter zu beschäftigen, ganz unabhängig vom Wert dieser Maschinen und Baumwolle, „da die Quantität Arbeit, die absorbiert werden kann, nicht vom Werte, sondern von der Masse des Rohmaterials und der Wirksamkeit der Produktionsmittel abhängt“.21 „Damit das variable Kapital funktioniere, muss konstantes Kapital in entsprechenden Proportionen, je nach dem bestimmten technischen Charakter des Arbeitsprozesses, vorgeschossen werden.“22 Wie werden zeigen, dass ohne Berücksichtigung des technologischen Arbeitsprozesses und also der für diesen so wichtigen, von gewissen Marxisten so verachteten Gebrauchswerte, ihrer Rolle im Arbeitsprozess, nicht mal die richtige Berechnung der Profitrate möglich ist.23 Hier soll noch kurz die Wichtigkeit der Gebrauchsgestalt vom Standpunkt des Reproduktionsprozesses für das Krisenproblem gezeigt werden. Um dem Marx’schen Gedankengang zu folgen, wollen wir irgendein Reproduktionsschema betrachten: Die Abteilung A möge Mühlen für die Landwirtschaft, die Abteilung B Getreide produzieren. A 4000 c + 1000 v + 1000 m = 6000 B 2000 c + 1000 v + 1000 m = 4000 Es wird vorausgesetzt: 1. ein Wertgleichgewicht (Absatzgleichgewicht, da 1000 v + 1000 m in Abt. A = 2000 c in Abt. B), 2. zugleich ein Produktionsgleichgewicht, d. h., dass die in Abt. A produzierten Mühlen in der Abt. B tatsächlich im Produktionsprozess Verwendung finden können, was nicht 21 Marx, „Mehrwerttheorien“ I, S. 179. 22 Marx, „Kapital“ I, S. 196. Aehnlich: „In allen Industriezweigen [muss] der aus Arbeitsmitteln bestehende Teil des konstanten Kapitals genügen […] für eine gewisse, durch die Grösse der Anlage bestimmte Anzahl Arbeiter […].“ („Kapital“ I, S. 617.) – „Um den Teil des gesellschaftlichen Reichtums, der als konstantes Kapital oder, stofflich ausgedrückt, als Produktionsmittel funktionieren soll, in Bewegung zu setzen, ist eine bestimmte Masse lebendiger Arbeit erheischt. Diese ist technologisch gegeben.“ („Kap.“ I, S. 626.) 23 S. Anhang: Konkrete Illustration der Theorie am Beispiel der Profitrate. 160 vom Werte dieser Mühlen abhängt, sondern – eine gegebene Leistungsfähigkeit vorausgesetzt – von ihrer Zahl, sowie von der Menge des geernteten Getreides. Nehmen wir nun an, dass infolge des Bevölkerungszuwachses oder aus anderen Gründen beschlossen wurde, das in Abt. B nötige Getreidequantum um 10 % oder um 1 % (die Zahl ist gleichgültig) zu vergrössern, also das Kapital in B – sagen wir – von 2000 auf 2020 c zu vergrössern, und dementsprechend auch das Kapital in A von 4000 auf 4040 c zu vermehren. Im Resultat würden wir ein Schema erhalten, das auf beiden Seiten, d. h. in A und in B dem Werte nach um 1 % grössere Zahlen ausweist; das (Wert)gleichgewicht würde daher nach wie vor weiterbestehen. Wie aber würde es mit der Steigerung der Produktivkraft, also mit der Masse der produzierten Gebrauchsdinge sein? Und hier besagt die entscheidend wichtige Feststellung Marxens, dass die Wirksamkeit der Produktivsteigerung in verschiedenen Produktionssphären nicht proportionell zur Kapitalakkumulation erfolgt, da dies eine Frage der Technik und Wissenschaft ist, daher das Ergebnis nicht bloss von der Wertgrösse des angewandten Kapitals abhängt, und also in zwei Industrien, welche ihr Kapital um den gleichen Betrag vergrössert haben, die Masse der damit produzierten Gebrauchsdinge ungleichmässig vergrössert werden kann! Die Betrachtung der Akkumulation ausschliesslich von der Wertseite sagt uns noch nichts über die reelle Erweiterung des technischen Apparats und der Masse der in verschiedenen Zweigen produzierten Gebrauchsdinge. „Wenn alle Kapitale in gleichem Verhältnis vermehrt wurden, so folgt daraus keineswegs, dass ihre Produktion (d. h. die Produktionsmenge – H. G.) in demselben Verhältnis zunimmt.“ „… In verschiedenen Produktionssphären, worin dieselbe Akkumulation von Kapital stattfindet …, ist die Masse des Produkts, die dieser Vermehrung des angewandten Kapitals entspricht, sehr verschieden, indem die Produktionskraft in den verschiedenen Gewerben oder die Masse der produzierten Gebrauchswerte im Verhältnis zur angewandten Arbeit sehr verschieden ist.vii Derselbe Wert wird auf beiden Seiten produziert, aber die Quantität der Waren, worin er sich darstellt, ist sehr verschieden. Warum also, weil im Industriezweig A der Wert wie 1 % gewachsen ist, während die Masse der Waren wie 20 % wuchs, (diese) einen Markt finden muss im Industriezweig B, worin der Wert ebenfalls um 1 % gewachsen, die Masse der Waren aber nur um 161 5 Prozent, ist absolut nicht einzusehen. Die Differenz von Gebrauchswert und Tauschwert ist hier übersehen.“24 Mit nicht zu überbietender Klarheit ist hier somit festgestellt, dass der Umfang der reellen Produktionserweiterung, der Masse der Gebrauchsdinge von dem in verschiedenen Produktionszweigen verschiedenen Grad der Produktivität abhängt, welche jedoch von dem Umfang der Wertakkumulation unabhängig ist. Dass die notwendige Folge dieser verschiedenartigen Entwicklung der Produktivkraft in den beiden Abteilungen eine Störung sein muss, ist klar. Dem Werte nach wird zwischen Abt. A und B weiterhin ein Gleichgewicht bestehen. Aber weshalb soll die Abt. B, deren Getreidemenge bloss um 5 % vermehrt wurde, von der Abt. A z. B. Mühlenmaschinen in einem um 20 % gestiegenen Umfang abnehmen? Das ist nicht einzusehen. Der Bedarf an Mühlenmaschinen ist technologisch durch die Menge des zu vermahlenden Getreides in der Abt. B bestimmt und deshalb bloss um 5 % gestiegen. Infolgedessen sind in Abt. A 15 % des Zuwachses von Mühlenmaschinen unabsetzbar. Daraus ergibt sich die Konsequenz, dass alle erdenklichen Gleichgewichtsschemata, die die Möglichkeit einer Harmonie, eines Gleichgewichts der kapitalistischen Akkumulation nachweisen wollen, dabei aber dieses Gleichgewicht nur durch proportionelle Verteilung des Kapitalwertes demonstrieren – unter gänzlicher Vernachlässigung der Quantität von Gebrauchsdingen, die durch jene Kapitalwerte dargestellt sind –, für das Problem des störungsfreien Verlaufs des Reproduktionsprozesses ganz und gar nicht beweiskräftig sind. „Die Differenz von Gebrauchswert und Tauschwert ist hier übersehen.“ Es ergibt sich aber noch mehr: Die ungleichmässige Entwicklung der Produktivkraft in verschiedenen Industrien erzwingt auch eine neue unproportionelle Verteilung des Kapitals und ruft dann Störungen auch in der Wertsphäre hervor. Nehmen wir an, dass im obigen Schemabeispiel technisches und Wertgleichgewicht zwischen A (Wollspinnerei) und B (Wollproduktion) bestehe. Das Kapital wird dann in beiden Industriezweigen gleichmässig verdoppelt. Aber die Produktivität steigt nicht gleichmässig; sie wird z. B. in der Wollproduktion verdoppelt, dagegen in der Wollspinnerei versechsfacht. Die technische Kapazität der Wollspinnerei ist jetzt im Verhältnis zur vorhandenen Wollmenge dreifach gross. Damit jetzt die 24 Marx, „Mehrwerttheorien“ III, S. 137/138. – Aehnlich: „Die spezifische Entwicklung der gesellschaftlichen Produktionskraft der Arbeit ist in jeder besonderen Produktionssphäre dem Grade nach verschieden.“ („Kapital“ III/1, S. 142.) 162 Anlagen der Wollspinnerei ausgenützt werden können, muss jetzt „dreimal soviel Kapital für die Arbeit der Wollproduktion verwandt werden.“25 – Es zeigt sich, dass die „proportionelle Verteilung“ des Kapitals nicht von unserm Willen abhängt, sondern durch den technologischen Arbeitsprozess bedingt ist. (Darüber näher Exkurs I.) Wir haben bisher zu zeigen versucht, dass der Bedarf an Produktionsmitteln nicht wertmässig, sondern gebrauchsmässig, durch die technologische Stufenleiter des Produktionsprozesses bestimmt ist: Die Zahl der nötigen Mühlenmaschinen hängt von der Masse des zu vermahlenden Getreides und nicht vom Wert der Maschinen oder des Getreides ab, – die Zahl der Pflüge von der Fläche des anzubauenden Bodens etc. Dasselbe gilt in gewissen Grenzen aber auch vom Bedarf an direkten Konsumwaren. Der Verfasser der „Inquiry“ von 1821viii will den Nachweis führen, dass auch bei unproportioneller Vermehrung des Kapitals in den einzelnen Industriezweigen der Absatz stets gesichert sei, weil die vermehrte Menge zu wohlfeileren Preisen stets Abnehmer finden wird, was er an der Messerproduktion illustriert.26 Marx wendet dagegen ein: In der Konsumtion werden nicht Werte, sondern Gebrauchswerte konsumiert: „Aber der Gebrauchswert – die Konsumtion – hat nicht mit dem Werte, sondern mit dem Quantum zu tun. Warum ich sechs Messer kaufen soll, weil ich sie so wohlfeil haben kann wie früher eines, ist absolut nicht einzusehen.“27 Exkurs I. Konkrete Illustration der Theorie am Beispiel des Reproduktionsschemas. Nehmen wir irgend ein Reproduktionsschema mit kleinen Zahlenbeispielen (wegen der Uebersichtlichkeit der Darstellung): I 35 c + 7 v + 7 m II 14 c + … + … etc. Es besteht ein Wertgleichgewicht (Absatzgleichgewicht) zwischen I v + m und II c, welches sich auch dann nicht ändert, wenn in beiden Abteilungen gleichmässig proportionell akkumuliert wird, z. B. das Kapital in beiden Abteilungen verdoppelt wird. Die Abteilung II = 14 c können wir uns 25 Marx, „Mehrwerttheorien“ II/1, S. 286. 26 Ebenda, III, S. 136. 27 Ebenda, III, S. 138. – Vgl. auch die wichtige Kritik der James Mill–Say’schen Identitätslehre der Nachfrage mit dem Angebot. Ebenda, III, S. 137. 163 vorstellen als eine Summe der konstanten Kapitalien einer Reihe von Unterabteilungen, die verschiedene aufeinander technologisch angewiesene und mengenmässig angepasste Industriezweige umfassen, z. B.: £ 14 c = £ 2 Wollproduktion £ 4 Wollspinnerei £ 8 Wollweberei Die technologische, mengenmässige Anpassung besagt, dass zwischen den Mengen Wolle, der Zahl der Spindeln und der Webstühle eine technologische, mengenmässige Relation besteht, z. B. auf 2 Tonnen Wolle = 4 Tausend Spindeln und 8 Dutzend Webstühle kommen, d. h. dass die 8 Dutzend Webstühle gerade genügen, um die von der Wollspinnerei gelieferte Rohstoffmenge zu verweben, – und dass die 4000 Spindeln gerade genügen, um die von der Wollproduktion gelieferten 2 Tonnen zu verspinnen. Diese Relation zwischen der Zahl Tonnen, den Tausenden von Spindeln und Dutzenden von Webstühlen nennen wir technologische Relation, und sie wird im gegebenen Beispiel durch die Relation 2 – 4 – 8 ausgedrückt. Wir erhalten demnach in den Unterabteilungen A B C wertmässige Relation £ 2 4 8 technologische 2 4 8 Erfolgt nun in allen Industriezweigen eine gleichmässig proportionelle Akkumulation, und zwar wird das Kapital verdoppelt, dann erhalten wir für die drei Unterabteilungen der Abt. II c die Wertrelation: £ 4 – £ 8 – £ 16. Aber entsprechend den obigen Ausführungen wird die Produktivitätssteigerung nicht gleichmässig in allen Zweigen erfolgen; diese Verschiedenheit der Produktivitätssteigerung ist eine quaestio facti und hängt von den besonderen Umständen jeder Industrie ab. Wir wollen annehmen, dass in A (Wollproduktion) die Produktivität sich verdoppelt, in B (Spinnerei) sich verdreifacht, in C (Weberei) sich vervierfacht. Wir erhalten dann: A B C wertmässige Relation £ 4 8 16 technologische Kapazität 8 24 64 (4 · 2) (8 · 3) (16 · 4) Während also dem Werte nach die frühere Proportionalität nicht geändert wurde, daher auch das Absatzgleichgewicht zwischen II c und I v + m weiter besteht und bloss in verdoppelten Zahlen ausgedrückt wird, wurde die technologische Proportionaliät der Industrien A, B, C innerhalb der Abt. II gestört, also in eine Disproportion verwandelt. Die Produktivi- 164 tät der Wollproduktion hat sich – im Verhältnis zur Grösse des ausgelegten Kapitals – verdoppelt. (Wurden früher mit £ 2 Kapital = 2 Tonnen Wolle geliefert, so nun mit £ 4 Kapital = 8 Tonnen.) Aber die Kapazität der Wollspinnerei ist verdreifacht; sie ist von 8 Tausend Spindeln auf 24 Tausend Spindeln gestiegen. Das hat zur Folge, dass in der Wollspinnerei eine Ueberkapazität entsteht und ein Drittel der Spindelzahl aus Mangel an Wolle unbeschäftigt bleiben muss. In der Wollweberei, wo die Zahl der Webstühle auf 64 Dutzend gestiegen ist, ist die technologische Ueberkapazität noch grösser, und hier müssen 50 % der Webstühle unbeschäftigt bleiben, wodurch die für die volle Ausnützung der Kapazität berechnete Rentabilität sich verschlechtert. Um die Rentabilität ihrer Betriebe zu verbessern und deren volle Kapazität auszunützen, sind B und C – um sich grössere Mengen von Rohstoff zu sichern – bereit, höhere Preise für ihre Rohstoffe zu zahlen, sodass nun zusätzliches Kapital nach A (Wollproduktion) und B (Spinnerei) zufliessen wird. (Es erfolgt dort keine weitere Produktivitätssteigerung, die soeben erst erreicht wurde, sondern eine Erweiterung der Betriebe auf Basis der jetzt gegebenen Produktivität.) Um wieviel müssen die Industrien A und B erweitert werden, damit in B und C die technologische Ueberkapazität verschwindet? Die normale technische Relation beträgt, wie wir gesehen haben, 2 : 4 : 8. Auf 2 Tonnen Wolle entfallen 8 Dutzend Webstühle. Nun, nach der Kapitalverdoppelung, verfügt die Weberei über 64 Dutzend Webstühle. Diese erfordern also 16 Tonnen Wolle. Es sind aber nur 8 Tonnen vorhanden. Damit die Ueberkapazität in Cix verschwindet, muss die Wollproduktion verdoppelt, d. h. von 8 Tonnen auf 16 Tonnen vermehrt werden. Zu diesem Zweck muss auch das konstante Kapital verdoppelt werden, d. h. von 4 £ auf 8 £ steigen. Dasselbe gilt von der Wollspinnerei. Die technische Kapazität in B beträgt 24 Tausend Spindeln, ist somit im Verhältnis zu der Kapazität der Wollweberei (64 Dutzend Webstühle) zu klein, da nach der Normal-Relation auf 8 Dutzend Webstühle = 4 Tausend Spindeln kommen, folglich jetzt auf 64 Dutzend Webstühle = 32 Tausend Spindeln erforderlich sind. Folglich muss die Kapazität in B von 24 auf 32 Tausend Spindeln, d. i. um ein Drittel vermehrt werden – und dementsprechend auch das konstante Kapital der Spinnerei von £ 8 auf £ 10 . Erfolgt diese Kapitalvermehrung und zugleich die Erweiterung der technischen Kapazität in A und B, so erhalten wir: A B C wertmässige Relation £ 8 10 16 technologische 16 32 64 165 Was besagt dieses Ergebnis? Das Streben zur Verbesserung der Rentabilität durch Ausnützung der vollen technischen Kapazität der Betriebe führte zu Kapitalerweiterungen und zugleich zur Kapazitätsausweitung in A und B mit dem Resultat, dass die ursprünglich gestörte technologische Proportionalität zwischen den Industrien A, B, C wieder hergestellt wurde und nun 16 : 32 : 64, also eine Normal-Relation besteht. Aber damit wurde die Wertproportionalität, die nach der Kapitalverdoppelung £ 4 : 8 : 16, in Summa also £ 28 betragen hat, in £ 8 : 10 : 16, in Summa also £ 34 ge- ändert, wodurch in dem Reproduktionsschema notwendig eine Störung des Wertgleichgewichts eintreten muss: I 70 c + 14 v + 14 m II 34 c + … + … Wertgleichgewicht zwischen I v + m und II c ist nicht vorhanden. Die Wiederherstellung des technologischen Gleichgewichts hat ein wertmässiges Ungleichgewicht erzwungen. So zeigt sich, dass die proportionelle Einteilung der Industriezweige, eine proportionelle Kapitalverteilung auf einzelne Industriezweige, nicht vom Willen der Unternehmer oder einer regulierenden Zentralbank abhängt, sondern vielmehr durch die technologische Stufenleiter des Produktionsprozesses bedingt ist. Entweder will man ein Wertgleichgewicht zwischen Abt. I und II haben, dann ist aber die technologische Disproportion innerhalb der Unterabeilungen von II die notwendige Folge: unausgenützte technische Kapazität, verschlechterte Rentabilität. Oder aber wird die technologische Proportionalität durchgeführt, damit aber das Wertgleichgewicht zwischen Abt. I und II zerstört. Eben dies ist der „immanente Gegensatz zwischen Wert und Gebrauchswert“, der bereits in der einzelnen Ware enthalten ist und dann in den Krisen zum Vorschein kommt! Die Unabsetzbarkeit vom 34 £ in II c gegen £ 28 in I (v + m) muss in II c den Preisfall der Produkte (in der Wollweberei, Spinnerei und in der Wollproduktion) so lange zur Folge haben, bis sie auf £ 28 gefallen sind, wodurch das Gleichgewicht I (v + m) = II c wiederhergestellt, aber für II c auf einer neuen, niedrigeren Wertbasis, was für II c grosse Wertverluste, Anpassungsprozesse, Kämpfe, technische Rationalisierungsmassnahmen, Konvulsionen bedeutet. Und das neue Gleichgewicht ist nur ein momentaner Durchgangspunkt, da mit einer neuen Welle der Produktivitätssteigerung der Produktionsapparat von neuem sowohl technologisch wie wertmässig in Disproportionalitäten gerät, sodass das Gleichgewicht auf 166 kapitalistischer Grundlage nur als ein momentaner Zufall inmitten der beständigen Regellosigkeit erscheint.28 15. Die Realisierung des Wertgesetzes. Erst nachdem wir den Begriff des „Gleichgewichts“ im kapitalistischen Produktionsprozess bestimmt haben und wissen, dass er eine Doppelbedingung in sich einschliesst, dass er sowohl wertmässig als „Absatzgleichgewicht“ und stofflich, technisch als „Produktionsgleichgewicht“ vorhanden sein muss, wenn die Reproduktion normal verlaufen soll, erst nachdem wir die Konsequenzen kennen, die sich aus dieser Doppelbedingung ergeben, können wir an die Betrachtung des von Marx aufgerollten Problems der geschichtlichen Realisierung des Wertgesetzes herantreten. In dem bekannten Brief an Kugelmann vom 11. Juli 1868 wird von Marx ausgeführt, dass in jeder Gesellschaft – ganz unabhängig von der bestimmten Form der gesellschaftlichen Produktion – die verfügbare Produktenmasse sowie die verfügbare Masse der gesellschaftlichen Gesamtarbeit – je nach der Art und Umfang der Bedürfnisse – in bestimmten quantitativen Proportionen auf einzelne Produktionssphären verteilt werden müssen, und dass eben diese proportionelle Einteilung der vorhandenen sachlichen und persönlichen Produktivkräfte die Funktion des „Wertgesetztes“ ist, welches für alle geschichtlichen Epochen, also sowohl in Vergangenheit wie in der Zukunft seine Gültigkeit besitzt und gleich einem Naturgesetz nicht aufgehoben werden kann; was sich unter verschiedenen historischen Bedingungen ändert, so nur die Form, worin dieses Gesetz in Erscheinung tritt. „Die Aufgabe der Wissenschaft besteht daher darin, zu zeigen, wie das Wertgesetz sich verwirklicht.“x Nach der früher dargestellten Marx’schen Lehre von dem mystifizierenden Charakter der Wertformen könnte man im ersten Augenblick darin einen Widerspruch erblicken, dass die so wichtige gesellschaftliche Regulierungsfunktion des ökonomischen Gesamtmechanismus dem Wertgesetz zugewiesen wird. Ein solcher Widerspruch wäre tatsächlich vorhanden, wenn das Wertgesetz, von dem Marx spricht, im Sinne des Tauschwertgesetzes gemeint wäre, 28 Marx, „Kapital“ III/2, S. 417. – Die obigen Ausführungen wollen keine Krisentheorie sein. Sie beabsichtigen bloss – innerhalb der Lehre vom „Wertfetisch“ – schematisch kurz die Richtung anzudeuten, nach welcher der Faktor „Gebrauchsgestalt“ des technologischen Arbeitsprozesses auf den Verlauf der Reproduktion rückwirkt. 167 also ein Wertgesetz, das sich vermittels verdinglichter Werte realisieren soll, wie dies z. B. Rosa Luxemburg faktisch als möglich annimmt. Bei der Analyse des Reproduktionsschemas meint sie: „Die der kapitalistischen Formel des Gesamtprodukts zugrunde liegenden Beziehungen sind von allgemeiner Gültigkeit und werden in jeder planmässig organisierten Wirtschaftsform Gegenstand einer bewussten Regelung seitens der Gesellschaft – der Gesamtheit der Arbeitenden und ihrer demokratischen Organe in einer kommunistischen Gesellschaft … Unter der kapitalistischen Produktionsform besteht eine planmässige Regelung des Ganzen nicht.“29 Die Allgemeingültigkeit, die Marx dem „Wertgesetz“ zuerkennt, wird von Rosa Luxemburg dem Reproduktionsschema zugewiesen, also die Geltung des Schemas, welches ein Abbild der kapitalistischen Produktion mit ihren verdinglichten Tauschwerten ist, soll sich auch auf die kommunistische Produktionsweise ausdehnen, in welcher kein Privateigentum, kein Warenaustausch, daher keine verdinglichten Tauschwerte vorhanden sein werden! Nirgends ist die grobe Verflachung des Marx’schen Gedankens durch Rosa Luxemburg schlagender als in diesem Punkte. Wozu hat Marx seine Kritik der kapitalistischen Produktion geschrieben und ihren wesentlichen Mangel gerade darin gesehen, dass in ihr jeder direkte gesellschaftliche Zusammenhang in der Produktion, zwischen den Produzenten und ihren Arbeitern fehlt, und daher ex post, auf dem Umwege über den Austausch von Waren – also von Sachen – hergestellt werden muss. Das Reproduktionsschema zeigt uns eben, wie dieser Zusammenhang in der Zirkulationssphäre vermittels der verdinglichten Werte zustandekommt. Und dieses Reproduktionsschema, als Ausdruck dieses mangelnden direkten gesellschaftlichen Zusammenhanges der Produzenten, als Ausdruck der spezifisch kapitalistischen Art der nachträglichen Herstellung dieses Zusammenhangs auf dem Umwege über die Austauschsphäre vermittels der Sachen, dieses Schema soll auch in der sozialistischen Gesellschaft seine Gültigkeit besitzen, und die sozialistische Gesellschaft soll ihre Produktion auf Grundlage des Schemas „bewusst regeln“. Rosa Luxemburg übersieht, dass die bewusste Regelung auf Basis eines Wertschemas, mit verdinglichten Werten eine contradictio in adjecto ist, nicht nur, weil es in der sozialistischen Gesellschaft keinen Austausch, daher keine Tauschwerte geben wird, sondern auch deshalb, weil, wie früher gezeigt wurde, eine „proportionelle Regelung“ der Produktivkräfte wohl direkt, durch direkte Zuweisung der Gebrauchsdinge und der lebendigen Arbeit, nicht aber indirekt, auf dem Umweg über die Tauschwerte (das konstante und variable Kapital) möglich ist, dass somit die Aufhebung des Privateigentums und der Warenproduktion, damit 29 R. Luxemburg, „Die Akkumulation des Kapitals“, Berlin 1913, S. 49. 168 auch der verdinglichten Wertformen die fundamentale Voraussetzung für eine „bewusste Regelung“ der Produktion bildet. Die Krisen und Störungen der kapitalistischen Produktionsweise entspringen nicht daraus, dass hier eine Anarchie herrscht, dass keine zentrale Regelung besteht, vielmehr daraus, dass auf der Grundlage des Warenaustausches eine Regelung undurchführbar ist, auch wenn man eine solche Regelung – die so modern gewordene „Planwirtschaft“ – einführen sollte. Dass Marx unter dem „Wertgesetz“ nicht ein Tauschwertgesetz verstanden hat, ist daraus ersichtlich, dass dies Wertgesetz für alle geschichtlichen Epochen bindend ist, also auch für solche z. B. vorkapitalistische Gesellschaften ohne Warenaustausch, wo kein Tauschwert, keine Wertformen überhaupt vorhanden sind. Folglich, das „Wertgesetz“, dem Marx die regulierende Funktion des Produktionsmechanismus zuweist, ist nicht mit den verdinglichten Wertformen, sondern mit dem hinter ihnen verborgenen Inhalt der Wertbestimmung, d. h. mit der Verausgabung der Arbeitszeit in unmittelbarer Form, identisch. Die von der Wissenschaft zu lösende Frage, wie sich das Wertgesetz realisiert, muss daher für zwei, prinzipiell ganz verschiedne Situationen beantwortet werden. 1. Wie setzt sich das Wertgesetz durch in Gesellschaftsformen ohne Warenaustausch, daher ohne Wertformen? 2. Wie realisiert sich das Wertgesetz in Gesellschaftsformen auf Grundlage des Warenaustausches und der verdinglichten Wertformen? A. Innerhalb der Gesellschaften des ersten Typus erfolgt eine proportionelle Verteilung der verfügbaren sachlichen und persönlichen Produktivkräfte nicht wertmässig, durch Verteilung des konstanten und variablen Kapitals. Es existieren keine Werte. Die Verteilung der Produktivgüter erfolgt in Naturalform, gemessen in Stücken, Zentnern, Tonnen, Waggons – nach den technischen Erfordernissen des Arbeitsprozesses, wenn der Umfang der vorzunehmenden Produktion durch die Zentralstelle bestimmt wurde. Und dasselbe gilt von der Zuteilung der Arbeitskräfte. Sie erfolgt nicht wertmässig (als variables Kapital), sondern in natura, durch Zuweisung der nötigen Arbeiterzahl entsprechend den Erfordernissen des technischen Arbeitsprozesses. Das Verfahren der Zuteilung der sachlichen Elemente der Produktion ist analog wie z. B. in den Walzwerken des Phoenix-Konzerns, die ich als Illustration heranziehe. Vorausgesetzt, dass der gesellschaftliche Bedarf an Fertigfabrikaten der Eisenindustrie auf 45.000 t (für Werkzeuge, Maschinen etc.) von der Zen- 169 tralstelle berechnet wird, wird ein Walzwerk entsprechend dieser technischen Stufenleiter errichtet. Damit ist auch schon der Umfang der entsprechenden Kohlen-, Erz- und Roheisenwerke technisch, ohne alle Wertvermittlung bestimmt. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren z. B. in Deutschland, im Phoenix-Konzern, durchschnittlich 2.5 – 3 t Erz (bei 30 – 40 % Eisengehalt) zur Erzeugung einer Tonne Roheisen und zirka 1.5 t Roheisen sowie 3,5 – 4 t Kohlen zur Herstellung einer Tonne Fertigfabrikat erforderlich. Folglich war der Bedarf des Phoenix-Konzerns an Roheisen etwa 69.000 txi, an Erzen zirka 140.000 t und an Kohle zirka 180.000 t. Es bestand zwischen den genannten Werken eine technische Proportionierung, die ohne Rücksicht auf Werte durchgeführt wurde.30 In analoger Weise wird auch die Verteilung der persönlichen Produktivkräfte, der Arbeit, rein technisch, ohne Vermittlung des Wertes, vorgenommen, ähnlich, wie innerhalb der kapitalistischen Betriebe die Verteilung der Arbeit auf einzelne Abteilungen und Unterabteilungen. Zur Illustration soll die Verteilung der Arbeitskräfte innerhalb eines modernen Betriebes der Schuhindustrie herangezogen werden. Die technische Proportionierung ist auf der vollständigen Ausnützung der Leistungsfähigkeit jedes Arbeiters und jeder Maschine aufgebaut. „Die einzelnen Betriebsabteilungen müssen aufeinander abgestimmt sein, d. h. jede Abteilung muss den von ihr verlangten Bedarf des Betriebes decken können, ohne dass überschüssige Kräfte brachliegen. Es darf also nicht vorkommen, dass die Stepperei z. B. nur 400 Paare pro Tag leisten kann, während alle übrigen Abteilungen auf eine Tagesproduktion von 500 Paar eingestellt sind.“31 Dies geschieht in der Weise, dass die Arbeiterzahl, die der einzelnen Abteilung zugewiesen wird, erfahrungsmässig, je nach der Schnelligkeit der Arbeitsverrichtung des betreffenden Teilprozesses, technisch berechnet wird. In dem hier als Beispiel herangezogenen Betrieb mittlerer Grösse, der mit Mac-Kay-Durchnähverfahren arbeitete, war die technische Proportionierung auf einzelne Abteilungen und Unterabteilungen folgendermassen durchgeführt: Von der Gesamt-Arbeiterzahl entfielen: I. Zuschneiderei im Ganzen 13 % der Kräfte II. Stepperei 20 III. Stanzerei 17 IV. Zwickerei 20 V. Bodenbau 5 30 K. Kunze, „Der Aufbau des Phoenix-Konzerns“, 1926, S. 27 ff. 31 H. Groll, „Der Schuhindustriebetrieb und sein Produktionsprozess“, 1926, S. 23 u. 43.xi-a 170 VI. Ausputzerei 18 VII. Fertigmacherei 7 Die Gesamtarbeiterzahl 100 % In analoger Weise erfolgte dann die Verteilung der Arbeitskräfte auf Unterabteilungen. In der Abt. I (Zuschneiderei) entfielen auf: Zuschneider 7.5 % Lederfutterschneider 1.0 Futterschneider 1.5 Garniturenschneider 1.5 Kontrolleur 1.0 Stempler 0.5 Zuschneiderei im Ganzen 13 % In Abt. II: Schärferinxii 1.7 % Buggerinxiii 1.1 Vorzeichnerin 1.2 Stepperinnen 13.0 Schäfte-Fertigmacherin 3.0 Stepperei im Ganzen 20.0 %. In solchen Gesellschaftsformen ohne Warenaustausch und ohne Wertformen kann die proportionelle Verteilung der sachlichen und persönlichen Produktivkräfte ohne Schwierigkeiten, unter rein technischen Gesichtspunkten zustandekommen. Die Realisierung des Wertgesetzes in dem angegebenen Sinn der proportionellen Verteilung der Produktivkräfte begegnet keinen Schwierigkeiten. B. Wie realisiert sich das Wertgesetz in Gesellschaften mit Warenaustausch? Hier kompliziert sich die Frage sofort dadurch, dass einerseits die Produktion innerhalb solcher Gesellschaften, wie in allen anderen Gesellschaftsformationen, ein Arbeitsprozess ist, anderseits zugleich ein Verwertungsprozess, in welchem die Verwertung, der Profit, von dem Absatz der produzierten Waren abhängt. Die proportionelle Verteilung der Produktivkräfte hängt in einer solchen Gesellschaft – wie wir bereits wissen – von der Doppelbedingung ab, dass diese proportionelle Verteilung sowohl technisch als auch wertmässig vorhanden sein muss. Eine solche gegenseitige Abstimmung der einzelnen Industrien aufeinander ist nicht vorhanden. Es besteht kein technologischer, mengenmässiger 171 Zusammenhang einzelner Industrien. Jeder Unternehmer produziert, was er will, und in willkürlichem, zufälligemxiv Umfang.32 Und doch ist eine solche mengenmässige Proportionierung einzelner Industriezweige auch in der kapitalistischen Warenproduktion unentbehrlich, da sonst der Arbeitsprozess nicht stattfinden könnte. Was nützt dem Textilproduzenten, einen Betrieb mit einer Million Spindeln zu besitzen, wenn die vorhandene Baumwolle nur für eine halbe Million Spindeln ausreicht. So überzeugen sich bald die formell, persönlich „unabhängigen“ Produzenten, die Warenbesitzer, dass ihre persönliche Freiheit, zu produzieren, was es ihnen beliebt, ein Schein ist, dass sie sich faktisch in einem System einer allseitigen sachlichen Abhängigkeit voneinander befinden, dass sie auf Maschinen, Rohstoffe und Halbfabrikate anderer Produzenten ebenso angewiesen sind, wie diese wiederum von ihren Produkten abhängen.33 Es genügt somit nicht, dass die Waren wertmässig proportionell so verteilt sind, dass ein Absatzgleichgewicht vorhanden ist; sie müssen auch mengenmässig den Erfordernissen der sozialen und technischen Arbeitsteilung im Arbeitsprozess entsprechen. Sie müssen in den erforderlichen Mengen vorhanden sein. (Produktionsgleichgewicht.) Was nützen alle Wertproportionen, wenn diese Werte nicht die erforderlichen Warenmengen darstellen! Da jedoch in Gesellschaftsformen mit Warenaustausch der unabhängigen Privatproduzenten eine zentrale Regelung des technischen, mengenmässigen Zusammenhangs der einzelnen Industrien, ihre „quantitative Gliederung“ im Produktionsprozess nicht vorhanden ist, kann sie nur indirekt, auf dem Umwege über die Zirkulationssphäre, d. h. durch die Vermittlung des Absatzes, also des Tauschwertes, zustandekommen. Wir haben früher gezeigt, dass die Verwirklichung der Doppelbedingung: des wertmässigen und technischen Gleichgewichts zugleich unmöglich ist. Auf die Frage: wie realisiert sich das Wertgesetz in einer kapitalistischen Warenproduktion, antwortet daher Marx, dass eine vernünftige proportionelle Verteilung der Produktivkräfte – also eine solche Verteilung, dass keine überschüssigen Kräfte brachliegen – undurchführbar ist, dass ein solches vernünftiges Gleichgewicht als dauernde „Regel“ nicht realisierbar ist 32 „Ebenso naturwüchsig zufällig, wie die qualitative, ist auch die quantitative Gliederung des gesellschaftlichen Produktionsorganismus, der seine membra disjecta im System der Teilung der Arbeit darstellt.“ (Marx, „Kapital“ I, S. 78/79.) 33 „Die Warenbesitzer entdecken daher, dass dieselbe Teilung der Arbeit, die sie zu unabhängigen Produzenten macht,xiv-a dass die Unabhängigkeit der Personen von einander sich in einem System allseitiger sachlicher Abhängigkeit ergänzt“. (Marx „Kapital“ I, S. 79.) 172 und diese „Regel“ sich höchstens als ein blinder Zufall aus der allgemeinen Regellosigkeit ergeben kann,34 als momentaner Ruhe- und Durchgangspunkt inmitten der beständigen Fluktuationen und Zerstörung der brachliegenden sachlichen und persönlichen Produktivkräfte inmitten des beständigen Ungleichgewichts. Das Gleichgewicht auf Basis der Warenproduktion ist bloss unsere Abstraktion, eine theoretische Fiktion, abgeleitet aus der „wirklichen Bewegung“, die das direkte Gegenteil dieser Fiktion darstellt und auf der beständigen Fluktuation, auf dem beständigen Ungleichgewicht beruht.35 Die bürgerliche Oekonomie, die Ricardo-Schule, meint Marx, verdreht dieses Verhältnis: Das „Gleichgewicht“, das nur eine momentane Ausnahme aus der Regel der Regellosigkeit bildet, wird von dieser Schule zur Regel selbst erhoben, dagegen die „wirkliche Bewegung“ der Regellosigkeit, des Ungleichgewichts wird zum blossen Akzidens gemacht: „Diese wirkliche Bewegung, wovon jenes Gesetz nur ein abstraktes, zufälliges und einseitiges Moment ist, wird von den neueren Nationalökonomen zum Akzidens gemacht, zum Unwesentlichen. Warum? Weil bei den scharfen und exakten Formeln, worauf sie die Nationalökonomenxv reduzieren, die Grundformel, wollten sie jene Bewegung abstrakt aussprechen, heissen müsste: Das Gesetz ist in der Nationalökonomie durch sein Gegenteil, die Gesetzlosigkeit, bestimmt. Das wahre Gesetz der Nationalökonomie ist der Zufall, aus dessen Bewegung 34 „… da sich die Regel nur als blindwirkendes Durchschnittsgesetz der Regellosigkeit darstellen kann.“xiv-b (Marx, „Kapital“ I, S. 73.) – Die Rolle des Geldes in der kapitalistischen Produktionsweise, nicht nur in seiner Funktion als Zirkulationsmittel, sondern als Geldkapital, „erzeugt gewisse, dieser Produktionsweise eigentümliche Bedingungen des normalen Umsatzes …, sei es auf einfacher, sei es auf erweiterter Stufenleiter, die in ebenso viele Bedingungen des anormalen Verlaufs, Möglichkeiten derxiv-c Krisen umschlagen, da das Gleichgewicht – bei der naturwüchsigen Gestaltung dieser Produktion – selbst ein Zufall ist.“ (Ebenda, II, 496.) 35 „Mill – wie überhaupt die Schule von Ricardo – [begeht] den Fehler, dass sie das abstrakte Gesetz, ohne den Wechsel oder die beständige Aufhebung dieses Gesetzes – wodurch es erst wird – ausspricht. Wenn es ein beständiges Gesetz ist, dass z. B. die Produktionskosten in letzter Instanz – oder vielmehr bei der periodisch, zufällig eintreffenden Deckung von Nachfrage und Zufuhr – den Preis (Wert) bestimmen, so ist es ebenso beständiges Gesetz, dass dies Verhältnis sich nicht deckt, [dass also] Wert und Produktionskosten in keinem notwendigen Verhältnis stehen. Ja, Nachfrage und Zufuhr decken sich immer nur momentan, durch das vorhergegangene Schwanken von Nachfrage und Zufuhr, durch das Missverhältnis zwischen Produktionskosten und Tauschwert, wie diese Schwankungen und dies Missverhältnis […] wieder der momentanen Deckung folgt.“ (Marx, Aus den Exzerptheften, Ges. Ausg., I. Abt., 3. Bd., S. 530/531.) 173 wir, die Wissenschaftlichen, einige Momente willkürlich in der Form von Gesetzen fixieren.“36 So setzt sich in der kapitalistischen Produktionsweise das Wertgesetz durch. 16. Marx’ Verhältnis zu den Klassikern. Die bisherige Analyse war bemüht, aus der inneren Logik des ökonomischen Systems von Marx jenen zentralen Punkt seiner Gedanken herauszukristallisieren, der sie ihrem Inhalt nach von der Lehre der Klassiker prinzipiell unterscheidet und den originellen Beitrag zum Verständnis des ökonomischen Prozesses bedeutet. Es soll nun noch nach der formellen Seite hin der historische Standort bestimmt werden, den Marx in der Entwicklung der politischen Oekonomie und im Verhältnis zu den Klassikern sich selbst zuweist. R. Hilferding, J. Schumpeter und viele andere versichern, dass Marx nur ein „Fortsetzer“ von Ricardo wäre und als solcher sich selbst gefühlt habe. Es ist leicht, das Gegenteil zu beweisen. Schon 1844 macht er der klassischen Oekonomie zum Hauptvorwurf, dass sie durch die abstrakte Wertbetrachtung, durch die Anbetung des Wertfetischs (welche Abstraktion bei Ricardo den Gipfel der Infamie erreiche!) jeden konkreten Inhalt des ökonomischen Prozesses ausser Acht lässt. Nach 15 Jahren – in „Zur Kritik …“ (1859) – betrachtet Marx Ricardo „als Vollender der klassischen politischen Oekonomie“, weil in Ricardo die politische Oekonomie „rücksichtslos ihre letzte Konsequenz zieht und damit abschliesst“.37 Und nach weiteren 15 Jahren (1873) nennt Marx Ricardo den „letzten grossen Repräsentanten“ der politischen Oekonomie, mit welchem „die bürgerliche Wissenschaftxvi bei ihrer unüberschreitbaren Schranke angelangt“ war.38 Vom Standpunkt der theoretischen Grundlagen Ricardos konnte die bürgerliche Oekonomie nach Marx nur noch beschreibend die wirtschaftlichen Zustände oder dogmengeschichtliche Entwicklungen darstellen, aber der theoretischen Lösung der Probleme nichts von Bedeutung mehr hinzufügen. Seitdem die Arbeiterklasse in ihrem Gegensatz zur Bourgeoisie auf die historische Bühne trat, sah sich die bürgerliche politische Oekonomie zur Apologetik getrieben. Es war nach Marx somit kein Zufall, sondern Ausdruck der inneren Zwangsläufigkeit, dass die historische Richtung in der politischen Oekonomie auf die Ricardo-Schule folgte, als man „das 36 Marx, Aus den Exzerptheften, l. c., S. 531. 37 Marx, „Zur Kritik …“, S. 44. 38 [Marx, „Kapital“ I, Nachwort zur 2. Aufl., S. XII.] 174 nicht ganz unterdrückbare Gefühl wissenschaftlicher Ohnmacht … unter dem Prunk literarhistorischer Gelehrsamkeit oder durch Beimischung fremden Stoffs … zu verstehen suchte.xvii“39 Und da sollte Marx, der in Ricardo bereits den „Vollender“ gesehen, welcher die „letzte Konsequenz“ der politischen Oekonomie gezogen hatte und zu ihrer „unübersteigbaren Schranke“, zum „Abschluss“ gelangt war, selber das bereits Vollendete und Abgeschlossene noch weiter vollendet und fortentwickelt haben? Tatsächlich befindet sich Marx nach seiner eigenen Auffassung im schroffsten Gegensatz zur klassischen Lehre, und zwar nicht nur inbezug auf die Spezialtheorien (wie Lohn-, Grundrententheorie etc.), sondern gerade inbezug auf die wesentlichen Grundlagen, auf die prinzipielle Auffassung der ökonomischen Erscheinungen. Er unternimmt einen „wissenschaftlichen Versuch zur Revolutionierung einer Wissenschaftxviii“;40 er will nicht „fortsetzen“, sondern „Grundneues“xix geben.41 Dass diese „Revolutionierung“ nicht einfach etwa darin bestand, aus der Arbeitswertlehre Ricardos Konsequenzen im Interesse der Arbeiterklasse zu ziehen, dass Marx (trotz Lassalle)xx kein „Sozialist gewordener Ricardo“ war, zeigt die Kritik, die Marx an den Egalitären übt, also an jenen Vertretern der proletarischen Interessen, die zwar den „Gegensatz gegen die politische Oekonomie“ Ricardos darstellen, selber aber noch „auf der Basis der Ricardoschen Theorie“ stehen,42 deren „Gegensatz“ eben darin bestand, aus dieser Theorie Konsequenzen zu ziehen, die im proletarischen Interesse lagen.43 Wie begreift Marx also dann die „Revolutionierung“ der klassischen Erbschaft, wie begreift er sein eigenes Verhältnis zur klassischen Theorie? Wir befinden uns in der glücklichen Lage, hierüber einige höchst wichtige – 39 Marx, „Kapital“ I, p. XI. 40 Marx, Brief an Kugelmann vom 28.12.1862. 41 Marx, Brief an Engels vom 8.1.1868. – Dass Marx sich mit der blossen „Fortentwicklung“ der von den Klassikern vermachten Erbschaft nicht begnügen wollte, dafür bietet ein interessantes Zeugnis sein Brief aus einer Zeit, in der er zu seinen grundlegenden neuen ökonomischen Ansichten noch nicht gelangt war und die Idee erwog, eher das Studium der politischen Oekonomie ganz aufzugeben, als sich mit Verbesserungen im Détail zu begnügen. Unterm 2. März 1851 teilt er Engels mit, dass er beabsichtige, „[sich] auf eine andere Wissenschaft [zu] werfen. Ça commence à m’ennuyer. Au fond hat diese Wissenschaft seit Adam Smith und David Ricardo keine Fortschritte mehr gemacht, so viel auch in einzelnen Untersuchungen, oft supradelikaten, geschehen ist.“xix-a 42 Marx, „Mehrwerttheorien“ III, S. 281. 43 Ebenda, S. 309. 175 bisher freilich unbeachtet gebliebene – Anhaltspunkte zu besitzen, nämlich eine Selbstdarstellung von Marx, welche mit ungewöhnlicher Klarheit jenes Verhältnis umreisst und dabei jenes Element besonders unterstreicht, welches er selbst als das ihn von den Klassikern wesentlich Unterscheidende betrachtet: Nachdem M. in „Zur Kritik …“ im Anfangskapitel zuerst den Doppelcharakter der Ware entwickelt hat, gibt er im Abschnitt „Historisches“ zur Analyse der Ware eine Charakteristik seiner theoretischen Position und ihres Verhältnisses zu den Vorgängern. In stolzem Bewusstsein der Tragweite seiner wissenschaftlichen Entdeckung sagt er darüber: „Die Analyse der Ware auf Arbeit in Doppelform, des Gebrauchswerts auf reale Arbeit oder zweckmässig produktive Tätigkeit, des Tauschwerts auf Arbeitszeit oder gleiche gesellschaftliche Arbeit, ist das kritische Endergebnis der mehr als anderthalbhundertjährigen Forschungen der klassischen politischen Oekonomie, die in England mit William Petty, in Frankreich mit Boisguillebert beginnt, in England mit Ricardo, in Frankreich mit Sismondi abschliesst.“ Diese Namen sind von Marx nicht aufs Geratewohl hingeschrieben worden; sie sollen vielmehr zwei verschiedene Entwicklungsreihen der politischen Oekonomie, nämlich der englischen und der französischen, charakterisieren, deren Höhepunkte dort mit Ricardo und hier mit Sismondi gegeben sind, und zugleich den „nationalen Kontrastxxi zwischen englischer und französischer politischer Oekonomie“ darstellen.44 Worin besteht dieser Kontrast der beiden Auffassungen? Folgen wir der Marx’schen Schilderung: Der Engländer Petty beschäftigt sich vornehmlich mit dem Tauschwert, wenn er ihn nur in der Form des Geldes analysiert.45 Anders der Franzose Boisguillebert: „Im Kontrast zu Petty, kämpft er fanatisch an gegen das Geld “. – „Boisguillebert sieht in der Tat nur auf den stofflichen Inhalt des Reichtums, den Gebrauchswert“.46 Und Marx unterstreicht diese Verschiedenheit der Auffassungen: „Hier springtxxii der tiefere prinzipielle Gegensatz hervor, der sich als beständiger Kontrast 44 Marx, „Zur Kritik …“, S. 33. 45 „Den Tauschwert […] nimmt er wie er im Austauschprozess der Waren erscheint, als Geld […].“ (Ebenda, S. 35.) 46 Ebenda, S. 36. – Aehnlich wird von den Physiokraten gesagt, sie fassen den Mehrwert richtig als Produkt der Arbeit des Lohnarbeiters, „obgleich sie diese Arbeit selbst wieder in der konkreten Form fassen, worin sie sich in den Gebrauchswerten darstellt.“ (Marx, „Mehrwerttheorien“ I, S. 55.) – „Sie betrachten also den Gebrauchswert der Arbeit, nicht die allgemein gesellschaftliche Arbeit, nicht die Arbeitszeit“.xxi-a (Ebenda, I, S. 148.) 176 zwischen echt englischer und echt französischer Oekonomie wiederholt.“47 „Derselbe Kontrast wiederholt sich abschliessend in Ricardo und Sismondi.“48 Es handelt sich um den Kontrast zweier Auffassungen, deren eine den Tauschwert, die andere den Gebrauchswert zum Hauptobjekt nimmt, – jede also nur die eine Seite der realen Wirklichkeit erfasst. Erst aus der Perspektive dieses historischen Hintergrundes tritt die eigentliche theoretische Position von Marx in scharfen Umrissen hervor, wird begreifbar, was es bedeuten soll, wenn Marx seine Entdeckung der Doppelform der Arbeit als „das kritische Endergebnis der mehr als anderthalbhundertjährigen Forschungen der politischen Oekonomie“ bezeichnet, die in England mit Ricardo, in Frankreich mit Sismondi „abschliesst“. Jeder dieser Namen bedeutet den Abschluss der betreffenden einseitigen Richtungen, deren weitere Entwicklung in ihrer Einseitigkeit nicht mehr möglich war. Die Marx’sche Lehre ist die kritische Synthese und als solche erst eine Fortentwicklung beider Richtungen. So zeigt die Analyse, dass die Lehre vom Doppelcharakter der Arbeit nicht nur inhaltlich das charakteristische Neue der Marx’schen Oekonomie ist, sondern dass auch formell Marx eben diese Lehre wiederholt als seine originelle „grundneue“ Leistung bezeichnet hat, – so 1859 in „Zur Kritik …“, so 1867 im „Kapital“ I, S. 8xxiii, so endlich 1868 im Brief vom 8.1. an Engels. Es ist auffallend, dass Marx, der sonst seine grossen wissenschaftlichen Leistungen mit ungewöhnlicher Bescheidenheit einfach feststellt, bezüglich der Doppelform der Arbeit immer wieder besonders betont, dass er „zuerst“ diese Entdeckung „kritisch nachgewiesen“ hat, dass diese Entdeckung das „kritische Endergebnis“ einer langen historischen Forschungsarbeit ist, dass sie den „Springpunkt“ darstellt, um den sich das Verständnis der politischen Oekonomie dreht, dass sie „das Grundneue“ gegen- über seinen Vorgängern „ohne Ausnahme“ darstellt und das ganze „Geheimnis der kritischen Auffassung“ bildet, endlich dass man ohne die Unterscheidung dieser Doppelform der Arbeit „überall auf Unerklärliches stossen“ muss.49 47 Marx, „Zur Kritik …“, S. 36. 48 Ebenda, S. 33. 49 In den obigen Wendungen: Ich habe zuerst „kritisch“ nachgewiesen; dies ist das „kritische Endergebnis“; das ist das ganze Geheimnis der „kritischen“ Auffassung etc. wird das Adverbium „kritisch“, ähnlich wie im Untertitel des „Kapital“, das eine „Kritik“ der politischen Oekonomie sein soll, nicht in dem banalen Sinn einer Kritik der bestehenden Gesellschaftsordnung verwendet, wie man- 177 Diese bei Marx ungewöhnliche Häufung von Hinweisen, die das Neue seiner Leistung unterstreichen, erweckt den Eindruck, als wenn Marx geahnt hätte und dem vorbeugen wollte, dass dieser neue und daher ungewohnte Gesichtspunkt missverstanden wird. Nichtsdestoweniger zeigt das Schicksal der Marx’schen Lehre, dass auch der grösste Genius von der Kleinheit seiner Epigonen bewältigt werden kann. Was Marx 1868 „sonderbar“ vorkam, der Umstand, dass Dühring das Grundneue des Buches nicht „herausgefühlt“ hat, nämlich nicht merkte, dass der Faktor der Doppelnatur der Arbeit dem ganzen Marx’schen Gedankengebäude seinen zweigleisigen Stempel aufdrückt, dieses „Sonderbare“ hat sich während der seither vergangenen 70 Jahre stets von Neuem wiederholt; und zwar hat man nicht nur dieses Grundneue nicht herausgefühlt, sondern noch alles getan, um es aus dem Marx’schen Gedankengut auszumerzen. Nicht hier ist der Ort, um die tieferen historischen Ursachen dieses Phänomens darzustellen; wir begnügen uns hier mit der Feststellung der Tatsache: Die praktischen und theoretischen Erscheinungen der Verbürgerlichung machten sich in der Vorkriegssozialdemokratie so stark fühlbar, – man war so sehr in die reine Wertbetrachtung der bürgerlichen Oekonomie hineingewachsen, dass der repräsentativste Theoretiker dieser Sozialdemokratie, R. Hilferding, es sich leisten konnte, durch vergewaltigende Interpretationskunststücke die Lehre von der Doppelnatur der Arbeit aus der Marx’schen Theorie einfach zu verbannen! Hilferding’s Deutung der Marx’schen Lehre vom Gegensatz zwischen Wert und Gebrauchswert ist ein höchst wichtiges und charakteristisches Beispiel für das interessante soziologische Phänomen der Transformation des ursprünglichen Sinnes einer Theorie, die formell übernommen wird, der aber ein direkt entgegengesetzter Sinn unterschoben wird. Nach Marx ist die einzelne Ware – als Zelle der kapitalistischen Warenwelt – eine Toche „revolutionäre“ Schriftsteller wollen, sondern in demselben Sinne, in welchem Marx Ad. Smith und Ricardo „klassische, deshalb kritische Oekonomen“ genannt hat (s. oben)xxiii-a, d. h. Oekonomen, die hinter den verdinglichten Werterscheinungen ihr „Wesen“, ihren „verborgenen Zusammenhang“ suchen, – „kritisch“ in dem Sinne, wie Feuerbach „die Kritik der Religion vollendete“xxiii-b und „zur Kritik […] aller Metaphysik die grossen und meisterhaften Grundzüge entwarf “, indem er den metaphysischen absoluten Geist in den „wirklichen Menschen auf der Grundlage der Natur“ auflöste (Marx, „Heilige Familie“, Gesamtausg., I. Abt., Bd. 3, S. 316), endlich in dem Sinne „kritisch“, wie das die Briefe von Marx an Ruge (1843)xxiii-c und über Proudhon (1865)xxiii-d formulieren, nämlich dass die Theorie keine willkürliche Konstruktion a priori zu sein hat, sondern aus der Analyse der tatsächlichen Bewegung gewonnen werden muss.xxiii-e 178 talität von Wert und Gebrauchswert, welche eine Einheit und zugleich einen „immanenten Gegensatz“50 darstellen: und dieser objektive Gegensatz und Widerspruch kommt dann in den Krisen zum Ausdruck; er potenziert sich mit der Entwicklung des Kapitalismus sogar, weil nämlich die objektiven „Widersprüche von Gebrauchswert und Wertxxiv … um so grössere Dimensionen annehmen, je weiter sich die Produktivkraft entwickelt.“51 Bei Hilferding bleibt von alledem keine Spur. Der „immanente Gegensatz“ wird zu einem scheinbaren: er ist „eine Dichotomie, wo die Setzung des einen Gliedes das andere ausschliesst“! Als Gebrauchswert ist nämlich die Ware ein natürliches Ding und als Wert ein gesellschaftliches Ding.52 So zeige es sich, dass der Gegensatz „nur ein Gegensatz der Betrachtungsweise“ ist. „Als natürliches Ding ist sie (die Ware) Gegenstand der Naturwissenschaft, als gesellschaftliches Ding Gegenstand einer Gesellschaftswissenschaft, der politischen Oekonomie.“ Gegenstand der politischen Oekonomie bildet somit nur die Wertseite der Ware, „während ihre natürliche Seite, der Gebrauchswert, jenseits der Betrachtungsweisexxv der politischen Oekonomie liegt.“53 So ist man denn wieder bei der reinen Wertbetrachtung, bei dem Wertfetisch, angelangt! Es wird von einem Scheingegensatz zwischen der naturwissenschaftlichen und ökonomischen „Betrachtungsweise“ gesprochen, wo Marx einen objektiven, „immanenten Gegensatz“ zwischen Wert und Gebrauchswert innerhalb der politischen Oekonomie – in der Ware, in der Krise etc. – feststellte. Aus einem objektiven Gegensatz, der in der kapitalistischen Wirklichkeit besteht, macht Hilferding einen subjektiven Gegensatz, einen solchen der „Betrachtungsweisen“, womit er ihn aus der kapitalistischen Wirklichkeit wegräsoniert. Dabei wird dieser Gegensatz aber noch aus der Betrachtungsweise ausgemerzt: Indem nämlich Hilferding den Gebrauchswert in die „Betrachtungsweise“ der Naturwissenschaft verbannt, verbleibt für die „Betrachtungsweise“ der politischen Oekonomie allein der Wert; der Gegensatz ist damit überhaupt verschwunden; an Stelle eines „immanenten Gegensatzes“ zweier Elemente ist nur eines dieser Elemente geblieben. Während das Wesen jedes Gegensatzes „nichts anderes ist als die Bewegung seiner beiden Seiten“,54 wird von Hilferding der Gegensatz zweier Elemente in ein einziges Element ohne Gegensatz transformiert. Daher gilt Hilferding gegenüber buchstäblich das, was Marx der 50 Marx, „Kapital“ I, [S. 75]. 51 Marx, „Mehrwerttheorien“ III, S. 55. 52 R. Hilferding, „Böhm-Bawerks Marx-Kritik“, Wien 1904, S. 8/9. 53 Ebenda, S. [9]. 54 Marx, „Heilige Familie“, Gesamtausg., I. Abt., Bd. 3, S. 205. 179 Ricardo-Schule, J. Mill und MacCullochxxvi zum Vorwurf machte: dass sie die „reellen Widersprüche“ nicht reell lösen, sondern mit Worten erledigen. „Es ist hier also keine Lösung in der Sache, sondern nur ein spezifisches Wegräsonieren der Schwierigkeiten, also nur Scholastik.xxvii“ „Wo das ökonomische Verhältnis – also auch der Kategorien, die es ausdrücken – Gegensätze einschliesst, Widerspruch und eben die Einheit von Widersprüchen ist, hebt er (der Apologet) das Moment der Einheit der Gegensätze auf und leugnet die Gegensätze.xxviii“55 – „Es ist immer dieselbe Logik. Wenn ein Verhältnis Gegensätze einschliesst, so ist es also … Einheit von Gegensätzen. Es ist daher Einheit ohne Gegensatz.“56 Auf diese Weise ist es Hilferding gelungen, die Marx’sche Theorie vom Doppelcharakter der Arbeit, vom Illusionismus der reinen Wertbetrachtung wieder in eine Lehre von der reinen Wertbetrachtung im Sinne der Klassiker zurückzuverwandeln, womit selbstverständlich auch das „Grundneue“ und der „Springpunkt“ der Marx’schen Leistung mitbegraben wurden und Marx selbst nicht mehr sein durfte, was er war: ein prinzipieller und unerbittlicher Gegner der Klassiker und der reinen Plusmacherei, sondern nur noch als der „höchste Ausdruck“ der klassischen Theorie gelten durfte! Nach welch herostratischer Grosstat Hilferding dann der Welt verkünden konnte, dass die Wirklichkeit des Kapitalismus zu begreifen nichts anderes heisst, als seine „Erscheinungen in das theoretische System der klassischen Nationalökonomie einzureihen“.57 55 Marx, „Mehrwerttheorien“ III, S. 98/99. 56 Ebenda, S. 114/115. 57 R. Hilferding, „Das Finanzkapital“, Wien 1910, Vorrede, S. VII. – Dass es sich beim Hilferding’schen Leugnungsversuch der Gegensätze nicht bloss um ein isoliertes, individuelles Bemühen handelt, dass er vielmehr ein charakteristisches Symptom einer ganz bestimmten Denkrichtung ist, wird verständlich, wenn man sich an die Geschichte der Dialektik, der Lehre von der Entwicklung in Gegensätzen erinnert. Ihre Anfänge reichen weit in das griechische Altertum hinein, und die Elemente derselben finden sich bereits in der Philosophie des Zeno von Elea sowie des Herakleitos vor. Wenn indess trotzdem die Dialektik nicht weiter entwickelt wurde und die Begriffslehre der formalen aristotelischen Logik sich bis auf Hegel fast unerschüttert erhalten konnte, so ist die Erklärung dafür, nach einer tiefen Bemerkung Croce’s, in der in allen Epochen der Geschichte vorhandenen Furcht der Besitzenden und der mit ihnen verschmolzenen Intellektuellen vor den realen Gegensätzen des wirklichen Lebens zu suchen. „Die Realität dieser Gefahr war der Grund, dass der menschliche Geist von jeher – wenn auch, ohne sich dessen ausdrücklich bewusst zu werden – sich mit dem Problem der Gegensätze abgequält hat. Und eine der Lösungen, an die man sich im Laufe der Jahrhunderte angeklammert hielt, ist diejenige gewesen, die Gegensätze vom philosophischen Begriff auszuschliessen, indem man darauf bestand, dass die gefährliche logische Kategorie der Gegensätze oder Widersprüche 180 Anhang: Konkrete Illustration der Theorie am Beispiel der Berechnung der Profitrate. Die ganze Tiefe und Originalität der oben entwickelten Marx’schen Auffassung wird besonders deutlich bei der Analyse des Reproduktionsprozesses. Hier soll noch der Einfluss des Wertwechsels auf die Profitgrösse und die Profitrate untersucht werden. Es zeigt sich, dass sogar hier, wo wir noch innerhalb der Wertbetrachtung sind, man sie ohne Berücksichtigung der technologischen Zusammensetzung des Kapitals, d. h. der stofflichen Proportionen der Produktionselemente, nicht verstehen und nicht feststellen kann, weil die Wertform für sich allein genommen irreführend ist und den realen Inhalt des Produktionsprozesses nicht widerspiegeln kann. Dieselben Wertausdrücke können ganz verschiedene reale Inhalte ausdrücken, wie umgekehrt derselbe reale ökonomische Inhalt durch ganz verschiedene Wertausdrücke erfasst werden kann. Nichts illustriert besser den originellen Marx’schen Gedanken als die 15 Seiten der „Mehrwerttheorien“,58 die den „Einfluss des Wertwechsels auf die organische Zusammensetzung des Kapitals“ behandeln. Es ist gegeben ein Gesamtkapital von 100 £, und zwar: ein konstantes Kapital von 80 £, ein variables Kapital von 20 £. Bei einer hundertprozentigen Mehrwertrate beträgt der Mehrwert 20 £ und die Profitrate 20 % (Fall I). Es handelt sich nun darum, den Einfluss des Wertwechsels, z. B. der Verteuerung (resp. der Verbilligung) der Produktionselemente auf die Grösse des Profits und der Profitrate zu fixieren, wobei vorausgesetzt ist, dass die Verteuerung entweder nur die Lebensmittel (d. h. die Elemente des variablen Kapitals) (Fall IV) oder nur die Elemente des konstanten Kapitals trifft (Fall III), oder sowohl das konstante als auch das variable Kapital ergreift, und zwar beide gleichmässig proportionell affiziert (Fall II), oder endlich, dass der Wertwechsel zwar gleichzeitig konstantes und variables Kapital, aber nicht gleichmässig proportionell, sondern in verschiedenem Grade ergreift (Fall V). Dabei sind in allen diesen Fällen alle anderen Voraussetzungen stets unverändert, insbesondere wird angenommen, dass der technologische Arbeitsprozess, daher auch die technologische Zusammensetzung des Kapitals, stets dieselben bleiben. Das heisst: „Es wird nach wie vor dieselbe Arbeiterzahl erheischt (‚dieselbe Masse lebendiger Arbeit‘ – H. G.),xxix nicht existiere. Die Tatsache freilich bewies […] direkt das Gegenteil; aber diese Tatsache leugnete man ab und von den beiden Termini nahm man nur einen an, indem man den anderen als Täuschung erklärte“. (Benedetto Croce, „Lebendiges und Totes in Hegels Philosophie“, Heidelberg 1909, S. 10.) 58 Marx, „Mehrwerttheorien“ II/2, S. 218–232. 181 um … dieselbe Masse Maschinerie, Werkzeuge usw. in Bewegung zu setzen.“ (Mwth. II/2, S. 218). Schon der äussere Anblick der fünf Tabellen (S. 224 ff. [bis] 230) zeigt uns ein originelles Bild: Es werden in diesen Tabellen nicht bloss Werte, sondern parallel mit ihnen auch die durch diese Werte dargestellten Gebrauchsdinge fortlaufend notiert; es kommt schon äusserlich der doppelte Gesichtspunkt zum Ausdruck, unter welchem Marx die ökonomischen Prozesse betrachtet. Sehen wir uns den auf Seite 220 behandelten Fall IV an, wo die Verteuerung nur das variable Kapital betrifft: Konstantes Kapital Variables Kapital Profit Mehwertrate Profitrate 80 £ (= 1600 Pfund Baumwolle) 20 £ (= 20 Arbeiter) 20 £ = 100 % = 20 % Wir sehen: Es wird nicht bloss der Wert des konstanten Kapitals c angegeben, sondern zugleich die Menge der Waren (z. B. 1600 Pfund Baumwolle), die dieses Kapital darstellt; nicht nur der Wert des variablen Kapitals v, sondern zugleich die Zahl der Arbeiter, die es repräsentiert, damit also auch die Menge der Arbeit, die es darstellt. Folgt nun eine Steigerung des Lohnes um 10 %, von 20 £ auf 22 £, so könnte die neue Wertzusammensetzung des Kapitals: 80 c + 22 v, wenn wir das Problem lediglich dem Werte nach betrachten, zu der Annahme führen, dass wir im Vergleich zur Ausgangssituation eine arbeitsintensivere Produktion haben, die daher einen grösseren Mehrwert (Profit) als im ursprünglichen Fall liefern wird, und zwar wäre bei einer Mehrwertrate von 100 % – nach der üblichen Profitrechnung – ein Profit von 22 £, d. h. 21.56 %, statt wie bisher 20 % zu erwarten. Diese Annahme muss ausgeschieden werden: Da der technologische Prozess unverändert bleibt, so bedeutet der veränderte Wertausdruck allein keine niedrigere organische Zusammensetzung des Kapitals; dieselbe Arbeiterzahl liefert nach wie vor dieselbe Arbeitsmenge (40) und bewegt dieselbe Masse von Rohstoff und Maschinerie. Steigt somit der bezahlte Teil des Arbeitstages von 20 auf 22, so heisst das, dass der unbezahlte Teil kleiner wird (18 statt 20). Die Mehrwertrate kann somit nicht 100 % betragen. Sie sinkt von 100 % auf 81.81 %. Zweitens könnte angenommen werden, dass die Verteuerung der Arbeitskraft bloss die Wirkung haben wird – da die realen Bedingungen der Produktion nicht geändert wurden, und nun dieselbe Masse von Produkt mit 80 c + 22 v produziert wird –, dass nach wie vor dieselbe Profitmasse von 20 182 erzielt wird, die auf ein gewachsenes Kapital von 102 berechnet, eine Profitrate von nur 19.6 % (statt wie bisher 20 %) ergibt. Die Profitrate würde sinken, weil nach der Verteuerung des Arbeitslohnes das vorgeschossene Kapital von 100 auf 102 gewachsen ist. Trotz der scheinbaren Richtigkeit des obigen Räsonnements ist die berechnete Profitrate von 19.6 % falsch. Denn es zeigt sich, drittens, dass infolge der Verteuerung von v um 10 % pro jede 100 £ vorgeschossenes Kapital nun nicht mehr 80 £ auf das konstante Kapital, sondern bloss 78 22/51 £ verausgabt werden können, da nun auf den Lohn 2129/51 £ entfallen. Da aber die erforderlichen technologischen Proportionen unverändert sind, so zieht die mengenmässige Verminderung eines Produktionsfaktors, hier des konstanten Kapitals (Baumwolle), notwendig eine entsprechende Verminderung der anderen Produktionsfaktoren, hier der Arbeiterzahl, nach sich: Weil weniger Baumwolle als vorher zu verspinnen ist, so sind nun auch weniger als 20 Arbeiter erforderlich.59 Um wieviel weniger Arbeit jetzt neu zugesetzt wird, zeigt sich aus folgendem: 78 22/51 c + 21 29/51 v + 17 33/51 m = Produktwert 117 33/51. Vorher betrug die neu zugesetzte Arbeit 20 v + 20 m = 40; nun bloss: 21 29/51 v + 17 33/51 m = 39 11/51, d. h. 40/51 weniger. Die Profitrate fiel von 20 % nicht auf 19,6 %, sondern tiefer – auf 17.64 %. Das Ergebnis: Die Profitrate fiel nicht nur, weil die notwendige Arbeit teurer bezahlt, daher die Masse der Mehrarbeit kleiner wurde. Vielmehr fiel die Profitrate aus doppeltem Grunde: auch deshalb nämlich, weil im Verhältnis zum ausgelegten Kapital – obwohl die Produktionsweise unveränderlich blieb – nun nach der Verteuerung der Lohnarbeit pro 100 Kapital weniger Arbeiter beschäftigt werden können, wie die Betrachtung der technologischen, stofflichen Seite des Produktionsprozesses zeigt. * * * Typoskript (44 S., aus insges. VII u. 192 S.) / ohne Datierung [1937] / APAN, III– 155: 18 [rekonstruierte Fassung] / Originaltitel: Marx und die Klassische Oekonomie oder Die Lehre vom Wertfetisch. [Auszug: S. 148–192.] i E. Bernstein: Gemeint ist Bernsteins Rezension zu: Marx-Studien. Blätter für Theorie und Politik des wissenschaftlichen Sozialismus. Hrsg. von Max Adler und Rudolf Hilferding. Bd. I. Wien 1904. [Unterzeichnet:] Ed[uard] B[ernstein]. In: Documente des Socialismus. Hefte für Geschichte, Urkunden und Bibliographie 59 Diese geringe Menge der Arbeit wird aber 10 % teurer gezahlt, sodass das variable Kapital statt 20 £ nun 21 29/51 beträgt; es verhalten sich nämlich 18 : 22 wie 17 33/51 : 21 29/51. Dieser grössere Wertausdruck von v repräsentiert somit eine kleinere Arbeitsmenge. (Vgl. „Mehrwerttheorien“ II/2, S. 220.) 183 des Socialismus. Hrsg. von Eduard Bernstein. Stuttgart 1904. Bd. IV. H. 4. S. 153–158. i-a „Die Waren … Wertform.“: Bei Marx im Orig.: „Sie erscheinen daher nur als Waaren oder besitzen nur die Form von Waaren, sofern sie Doppelform besitzen, Naturalform und Werthform.“ [MEGA2 II/8. S. 78.] ii „Verschiedenheit der stofflichen Gestalt“: Bei Marx im Orig.: „Verschiedenheit der stofflichen Gestalten“ [Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. Zweiter Band. Buch II: Der Cirkulationsprocess des Kapitals. Hrsg. von Friedrich Engels. Hamburg 1885. S. 145]. iii „Masse der Lebensmittel“: Bei Marx im Orig.: „Masse dieser Lebensmittel“ [MEGA2 II/8. S. 492]. iv „Wert dieser Masse“: Im Ts.: Wert dieser Masse. v von der Bestimmung: Bei Marx im Orig. (i. e. in der Edition Kautskys): „von der Wichtigkeit der Bestimmung“ [Theorien über den Mehrwert. Aus dem nachgelassenen Manuskript „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ von Karl Marx. Hrsg. von Karl Kautsky. II. David Ricardo. Zweiter Teil. Stuttgart 1905. S. 258]. vi „für die Gesellschaft … Arbeitsprodukt“,: Bei Hilferding im Orig.: „Für die Gesellschaft, die ja nichts eintauscht, ist aber die Ware nichts als Arbeitsprodukt.“ [Hilferding, Rudolf: Böhm-Bawerks Marx-Kritik. In: Marx-Studien. Blätter zur Theorie und Politik des wissenschaftlichen Sozialismus. Hrsg. von Max Adler u. Rudolf Hilferding. Erster Band. Wien 1904. S. 9.] Im Ts.: „für die Gesellschaft, die garnicht austauscht, die Ware nichts als Arbeitsprodukt, … vii … In verschiedenen … ist.: Bei Marx im Orig. (i. e. in der Edition Kautskys): „Übrigens ist in den verschiedenen Produktionssphären, worin dieselbe Akkumulation von Kapital stattfindet (auch dieses ist wieder eine schlechte Voraussetzung, daß das Kapital in den verschiedenen Gewerben in gleichem Verhältnis akkumuliert), die Masse des Produkts, die dieser Vermehrung des angewandten Kapitals entspricht, sehr verschieden, indem die Produktivkraft in den verschiedenen Gewerben oder die Masse der produzierten Gebrauchswerte im Verhältnis zur angewandten Arbeit sehr verschieden ist.“ [Theorien über den Mehrwert. Aus dem nachgelassenen Manuskript „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ von Karl Marx. Hrsg. von Karl Kautsky. III. Von Ricardo zur Vulgärökonomie. Stuttgart 1910. S. 137/138.] viii „Inquiry“ von 1821: An Inquiry into those Principles, respecting the Nature of Demand and the Necessity of Consumption, lately advocated by Mr. Malthus, etc. London 1821. ix C: Im Ts.: V. x „Die Aufgabe … verwirklicht.“: Handschriftliche Notiz am Seitenrand: Rückübersetzung aus dem Englischen / nachsehen das Original. – In der englischen Fassung lautet die Textpassge: „The science consists precisely in working out how the law of value operates.“ [Marx, Karl: Letters to Dr. Kugelmann. New York 1934. S. 74.] In einer zeitgenössischen deutschen Version: „Die Wissenschaft besteht eben darin, zu entwickeln, wie das Wertgesetz sich durchsetzt.“ [Marx, 184 Karl: Briefe an Kugelmann. Mit einer Einleitung von N. Lenin. Berlin 1924. S. 45.] xi 69.000 t: Im Ts.: 68½000 t. Bei Kunze im Orig.: „69.000 t“ [Kunze, Walther: Der Aufbau des Phoenix-Konzerns. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Hohen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt a. Main. [Frankfurt a. M.] 1926. S. 28]. xi-a S. 23 u. 43.: Grossmann zitiert aus: Groll, Heinrich: Der Schuhindustriebetrieb und sein Produktionsprozeß. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der wirtschaftswissenschaftlichen Doktorwürde vorgelegt der hohen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt a. Main. [Frankfurt a. M.] 1926. S. 43; und gibt im folgenden eine Zusammenstellung aus dessen Tabellen auf S. 23/24. xii Schärferin: Berufsbezeichnung in der industriellen Schuhproduktion für die Tätigkeit des Abflachens der Kanten der Obermaterialteile an der Schärfmaschine („schärfen“). Im Ts.: Schäferin xiii Buggerin: Berufsbezeichnung in der industriellen Schuhproduktion für die Tätigkeit des Einschlagens der Kanten des Obermaterials an der Buggmaschine („buggen“). xiv willkürlichem, zufälligem: Im Ts.: willkürlichem zufälligem. xiv-a Die Warenbesitzer … macht,: Bei Marx im Orig.: „Unsre Waarenbesitzer entdecken daher, dass dieselbe Theilung der Arbeit, die sie zu unabhängigen Privatproducenten […] macht, […].“ [MEGA2 II/8. S. 131.] xiv-b „… da sich die … kann.“: Bei Marx im Orig.: „[…] worin sich die Regel nur als blindwirkendes Durchschnittsgesetz der Regellosigkeit durchsetzen kann.“ [MEGA2 II/8. S. 126.] xiv-c der: Bei Marx im Orig.: „von“ [Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. Zweiter Band. Buch II: Der Cirkulationsprocess des Kapitals. Hrsg. von Friedrich Engels. Hamburg 1885. S. 496]. xv Nationalökonomen: Bei Marx im Orig.: „Nationalökonomie“ [Marx, Karl: Aus den Exzerptheften. In: Marx, Karl, Friedrich Engels: Historisch-kritische Gesamtausgabe. Werke/Schriften/Briefe. Im Auftrage des Marx-Engels-Instituts Moskau hrsg. von V. Adoratskij. Erste Abteilung. Band 3: Die heilige Familie und Schriften von Marx von Anfang 1844 bis Anfang 1845. Berlin 1932. S. 531]. xvi die bürgerliche Wissenschaft: Bei Marx im Orig.: „die bürgerliche Wissenschaft der Oekonomie“ [MEGA2 II/8. S. 50]. xvii das nicht ganz … verstehen suchte.: Bei Marx im Orig. (dort auf die Entwicklung der politischen Ökonomie in Deutschland bezogen): „Das nicht ganz unterdrückbare Gefühl wissenschaftlicher Ohnmacht und das unheimliche Gewissen, auf einem in der That fremdartigen Gebiet schulmeistern zu müssen, suchte man zu verstecken unter dem Prunk literarhistorischer Gelehrsamkeit oder durch Beimischung fremden Stoffes, entlehnt den sog. Kameralwissenschaften, einem Mischmasch von Kenntnissen, deren Fegfeuer der hoffnungslose Kandidat deutscher Bureaukratie zu bestehn hat.“ [MEGA2 II/8. S. 49.] 185 xviii wissenschaftlichen Versuch … Wissenschaft: Bei Marx im Orig.: „Wirklich populär können wissenschaftliche Versuche zur Revolutionierung einer Wissenschaft niemals sein.“ [Marx, Karl: Briefe an Kugelmann. Mit einer Einleitung von N. Lenin. Berlin 1924. S. 15.] In der von Grossmann herangezogenen englischen Fassung: „Scientific attempts to revolutionise a science can never be really popular.“ [Marx, Karl: Letters to Dr. Kugelmann. New York 1934. S. 24.] xix nicht „fortsetzen“, sondern „Grundneues“: Als wörtliches Zitat finden sich die beiden Begriffe in dem genannten Brief nicht. Auf Dühring bezogen heißt es dort lediglich: „Sonderbar ist es, daß der Kerl die drei grundneuen Elemente des Buches nicht herausfühlt.“ [Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx. 1844 bis 1883. Hrsg. von A. Bebel u. Ed. Bernstein. Bd. IV. Stuttgart 1913. S. 6.] xix-a Grossmann zitiert nach: Marx, Karl, Friedrich Engels: Historisch-kritische Gesamtausgabe. Werke/Schriften/Briefe. Im Auftrage des Marx-Engels-Instituts Moskau hrsg. von D. Rjazanov. Dritte Abteilung. Band 1: Der Briefwechsel zwischen Marx und Engels 1844–1853. Berlin 1929. S. 180. [MEGA2 III/4. S. 85. Dort unter der korrigierten Datumsangabe: 2. April 1851.] xx (trotz Lassalle): Grossmann hatte auf S. 21 des Ts. die Auffassung kritisiert, nach der Marx als „ein ‚Sozialist gewordener Ricardo‘“ anzusehen sei, und dazu in einer Fußnote notiert: „Es ist F. Lassalle gewesen, der diesen irreleitenden Ausdruck zuerst prägte. In einem Briefe an Marx über dessen in Vorbereitung befindliches Werk schreibt er (12.5.1851): ‚Darum […] verlangt es mich so, das dreibändige Ungeheuer des Sozialist gewordenen Ricardo … zu sehen. Missverstehe mich nicht, wenn ich sage Sozialist gewordener Ricardo. Aber ich halte in der Tat Ricardo für unsern unmittelbaren Vater.‘ (Nachlass, Bd. IV, S. 30 [/31])“. [MEGA2 III/4. S. 377.] xxi Kontrast: Bei Marx im Orig.: „Kontrastes“ [Marx, Karl: Zur Kritik der politischen Ökonomie. Hrsg. von Karl Kautsky. Zweite, vermehrte Neuausgabe. Stuttgart 1907. S. 33]. xxi-a „Sie betrachten … Arbeitszeit“.: Bei Marx im Orig. (i. e. in der Edition Kautskys): „Sie betrachten also den Gebrauchswert der Arbeit, nicht die Arbeitszeit, die allgemein gesellschaftliche Arbeit, die die einzige Quelle des Wertes ist.“ [Theorien über den Mehrwert. Aus dem nachgelassenen Manuskript „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ von Karl Marx. Hrsg. von Karl Kautsky. I. Die Anfänge der Theorie vom Mehrwert bis Adam Smith. Stuttgart 1905. S. 148.] xxii Hier springt: Bei Marx im Orig.: „[…] springt hier jedoch zugleich“ [Marx, Karl: Zur Kritik der politischen Ökonomie. Hrsg. von Karl Kautsky. Zweite, vermehrte Neuausgabe. Stuttgart 1907. S. 36]. xxiii S. 8: Im Ts.: 8. Offenbar gemeint ist Marx’ Bemerkung über den „Doppelcharakter der in den Waaren dargestellten Arbeit“: „Diese zwieschlächtige Natur der in der Waare enthaltenen Arbeit ist zuerst von mir kritisch nachgewiesen worden. Da dieser Punkt der Springpunkt ist, um den sich das Verständniß der politischen Oekonomie dreht, soll er hier näher beleuchtet werden.“ [MEGA2 II/8. S. 73.] 186 xxiii-a (s. oben): Im Ts.: S. 44, Anm. 2. [Dort unter Verweis auf: Theorien über den Mehrwert. Hrsg. von Karl Kautsky. III. S. 575.] xxiii-b „die Kritik der Religion vollendete“: Bei Marx im Orig.: „vollendete die Kritik der Religion“ [Engels, Friedrich, Karl Marx: Die heilige Familie, oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer & Consorten. In: Marx, Karl, Friedrich Engels: Historisch-kritische Gesamtausgabe. Werke/Schriften/Briefe. Im Auftrage des Marx-Engels-Instituts Moskau hrsg. von V. Adoratskij. Erste Abteilung. Band 3: Die heilige Familie und Schriften von Marx von Anfang 1844 bis Anfang 1845. Berlin 1932. S. 316]. xxiii-c Marx an Ruge (1843): Gemeint ist offenbar: Karl Marx an Arnold Ruge, September 1843. In: Deutsch-Französische Jahrbücher. Hrsg. von Arnold Ruge und Karl Marx. Lfg. 1/2. Paris 1844. S. 36–40. [MEGA2 III/1. S. 54–57.] xxiii-d über Proudhon (1865): Gemeint ist: Marx, Karl: Ueber P. J. Proudhon [Brief an Johann Baptist von Schweitzer.] In: Der Social-Demokrat. Organ des Allgemeinen deutschen Arbeiter-Vereins. Berlin. Nr. 16. 1. Februar 1865. S. 2/3; Nr. 17. 3. Februar 1865. S. 2/3; Nr. 18. 5. Februar 1865. S. 2/3. Wiederabgedruckt in: Marx, Karl: Das Elend der Philosophie. Antwort auf Proudhons „Philosophie des Elends“. Deutsch von E. Bernstein und K. Kautsky. Mit Vorwort und Noten von Friedrich Engels. Stuttgart 1885. S. XXVI–XXXVI. [MEGA2 I/20. S. 60–67.] xxiii-e muss.: Im Ts.: muss (S. oben S. ). xxiv Wert: Bei Marx im Orig. (i. e. in der Edition Kautskys): „Tauschwert“ [Theorien über den Mehrwert. Hrsg. von Karl Kautsky. III. S. 55]. xxv der Betrachtungsweise: Bei Hilferding im Orig.: „des Betrachtungskreises“ [Hilferding, Rudolf: Böhm-Bawerks Marx-Kritik. In: Marx-Studien. Blätter zur Theorie und Politik des wissenschaftlichen Sozialismus. Hrsg. von Max Adler u. Rudolf Hilferding. Erster Band. Wien 1904. S. 9]. xxvi MacCulloch: Im Ts.: Mc Culloch. xxvii Es ist hier … Scholastik.: Bei Marx im Orig. (i. e. in der Edition Kautskys): „Es ist hier also keine Lösung in der Sache, sondern nur ein spezifisches Wegräsonieren der Schwierigkeit möglich, also nur Scholastik.“ [Theorien über den Mehrwert. Hrsg. von Karl Kautsky. III. S. 97/98.] xxviii Wo das ökonomische … Gegensätze.: Bei Marx im Orig. (i. e. in der Edition Kautskys): „Wo das ökonomische Verhältnis – also auch die Kategorien, die es ausdrücken – Gegensätze einschliesst, Widerspruch und eben die Einheit von Widersprüchen ist, hebt er das Moment der Einheit der Gegensätze hervor und leugnet die Gegensätze.“ [Ebd. S. 98/99.] xxix (‚dieselbe Masse lebendiger Arbeit‘ – H. G.),: Im Ts.: („dieselbe Masse lebendiger Arbeit“).

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References

Zusammenfassung

Am Vorabend der Weltwirtschaftskrise von 1929 publizierte Henryk Grossmann (1881–1950) mit seinem Hauptwerk, „Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems“, eines der bedeutendsten Werke der marxistischen Krisentheorie. Zugleich war er von 1925 bis 1948 Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung – zunächst in Frankfurt, sodann in der Emigration in Paris, London und New York. Im Zentrum der vorliegenden Auswahl seiner nachgelassenen Schriften stehen politökonomische Arbeiten aus dem Warschauer Archiv der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Sie fokussieren zum überwiegenden Teil auf den Status der Marxschen Werttheorie und insonderheit auf das Problem der Wert-Preis-Transformation bei Marx. Weitere Abhandlungen gelten konzeptionellen Überlegungen zu den ökonomischen Bedingungen des deutschen Faschismus und zu wissenschaftshistorischen Themen. Der Publikation angefügt sind ferner mehrere archivalische und bio-bibliographische Verzeichnisse sowie ein Dokumentenanhang mit Reproduktionen ausgewählter Materialien. In der Gesamtheit ergibt sich ein neuer, bislang in dieser Intensität nicht bekannter Blick auf das Leben und Werk von Henryk Grossmann.