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Die Anfänge des Kapitalismus und die neue Massenmoral in:

Henryk Grossmann

Schriften aus dem Nachlass, page 141 - 154

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3892-5, ISBN online: 978-3-8288-6811-3, https://doi.org/10.5771/9783828868113-141

Tectum, Baden-Baden
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141 Die Anfänge des Kapitalismus und die neue Massenmoral I. Worin besteht nach B.i „das Problem einer neuen Massenmoral“ (S. 152), das mit dem Entstehen des Kapitalismus akut wird, und welches „das Grundproblem des entstehenden Kapitalismus“ bildet? (S. 169.) Die Antwort auf diese Frage ist nicht leicht. Die Begriffskategorien Borkenaus sind so weit und unbestimmt gefasst, dass sich darin die widersprechendsten Merkmale unterbringen lassen, die von B. denn auch je nach dem augenblicklichen Bedürfnis hervorgeholt werden. Dies zwingt uns, aus dem Durcheinander der Borkenau’schen Begriffsbestimmung seinen eigentlichen Gedanken erst durch nähere Analyse herauszukristallisieren. Zunächst ist man geneigt, das Problem der Massenmoral im Sinne einer allgemein geltenden Norm aufzufassen. „Normen aufzustellen, um das gesellschaftliche Leben und das individuelle Verhalten zu regeln, ist aber das zwingende Bedürfnis des Kapitalismus, sobald er sich als allgemeine Lebensform der Gesellschaft proklamieren will“, sagt B. (S. 96). Hiernach müsste die neue Moral eine allgemeine Norm, eine Massenmoral sein. Mit der Auflösung und dem Verschwinden der „natürlichen“, d. h. der ständisch-traditionalistischen Gesellschaftsordnung, wird es für den Kapitalismus notwendig, die moralischen Anforderungen, die das Individuum an sich selbst stellen soll, auf das Maximum zu steigern. Denn, „wie Max Weber gezeigt hat“, erfordert das Funktionieren des Kapitalismus „eine ganz neue asketische Einstellung der Massen zum Arbeitsprozess“, die „durch einen rechtlichen Arbeitszwang nach Art der Leibeigenschaft“ nicht erzielbar ist. Deshalb „wird esii notwendig, das rechtlich festgelegte moralische Minimum durch ein religiös oder sonstwie (! G.) normiertes moralisches Maximum zu ergänzen“ (S. 152). Diese Aufgabe nun erfülle der Calvinismus, der die Massen zur Arbeitsdisziplin erziehe. Welche „Massen“ meint B., wenn er von der neuen „Massenmoral“ und von einer „ganz neuen asketischen Einstellung der Massen zum Arbeitsprozess“ spricht? Man denkt an die Arbeitermassen. Gelegentlich spricht B. davon, dass „der Calvinismus […] für die Bourgeoisie […] ein Instrument der Massendomestikation“ sei (S. 169), dass die „Religion […] ein unentbehrliches Mittel der Massendomestikation“ sei (S. 208); er spricht vom „Zwang für arbeitende Schichten zur Anpassung an das Kapitaliii“ (S. 161), er spricht davon, dass die „neue asketische Einstellung“ „durch einen rechtlichen Arbeitszwang nach Art der Leibeigenschaft“ (S. 152)iv nicht erzielbar ist, wes- 142 halb eben das rechtlich nicht Erzielbare durch ein religiös normiertes Maximum an Arbeitsleistung ersetzt werden solle, und er spricht von einer „ins Unbegrenzte gehende[n] Anstrengung“. Bei näherem Zusehen zeigt sich, dass eine solche Deutung des mit dem Calvinismus verknüpften Problems der „Massenmoral“ unrichtig ist. Tatsächlich hat B. das eigentliche Problem der „Massenmoral“, nämlich das mit dem Entstehen des Kapitalismus verknüpfte Problem der kapitalistischen „Erziehung“ der Arbeitermassen zur Arbeitsdisziplin gar nicht berührt. Zwar spricht er von der neuen asketischen Einstellung der Massen zum Arbeitsprozess, meint dabei aber tatsächlich die „kleinen Leute“, die „heraufkommenden Handwerker“, die durch eine ins Unbegrenzte gehende Anstrengung sich zu Kapitalisten emporgearbeitet haben. Er spricht vom Werden einer neuen „Massenmoral“ und meint damit in Wirklichkeit die Entstehung „eine[r] kapitalistische[n] Moral“ (S. 160). Bei ihrer Anwendung auf die Arbeiterklasse verliert die von B. gegebene Charakterisierung des Calvinismus jeden Sinn, so dessen Lehre von der „Zufälligkeit des Erfolges gegenüber dem Handeln“ (S. 155), so der Bewährungsgedanke, d. i. die Lehre vom „Sieg im Konkurrenzkampf durch rationalisierte, ins Unbegrenzte gehende Anstrengung“ (S. 161), so endlich die Lehre von der „innerweltlichen Askese“, – soll heissen: der Berufsaskese. Diese Charakterisierung passt aber auf die Lage der Handwerker, die – wie B. sagt – die Hauptträger des Calvinismus waren. Obwohl B. von der Entstehung der kapitalistischen Moral spricht, zeigt sein ganzer Abschnitt über Calvinismus, dass bei ihm das Problem der neuen Moral auf diese Handwerkerschicht zugeschnitten ist (S. 153–170). Diese Problematik der neuen „Massen“-Moral – durch B. restlos von M. Weber entlehnt – ist nur die logische und selbstverständliche Konsequenz der gleichfalls von M. Weber übernommenen Theorie vom handwerklichen Ursprung des Kapitalismus. In dieser auf die Handwerkerschicht zugeschnittenen Formulierung der moralischen Problematik der Zeit – als des Grundproblems des entstehenden Kapitalismus – zeigt sich die völlige geistige Abhängigkeit Borkenaus von M. Weber. Sein Gegensatz zu diesem betrifft nur Details, – zwar wichtige Details, aber doch innerhalb der Weber’schen Problemstellung. – B. polemisiert gegen M. Webers Versuch „eine[r] positive[n] Widerlegung der materialistischen Geschichtsauffassung“ (S. 154) und dessen Auffassung, „[dass] der Kapitalismus wesentlich religiös bedingt“ sei (S. 158); die Weber’sche Auffassung bezeichnet B. „als typisch für die Art […], in welcher Umformung marxistische Einsichten in die nichtmarxistische Wissenschaft eindringen“ (S. 154). Aber bei aller Richtigkeit der Einwände, die B. gegen das methodologische Verfahren Webers erhebt (S. 158), erscheinen seine inhalt- 143 lichen Ausführungen typisch für die Art, wie die kleinbürgerliche Ideologie M. Webers ohne Umformung in die marxistische Wissenschaft eindringt. Worin besteht die Differenz zwischen Weber und Borkenau? Beide gehen von der vorgegebenen, als Tatsache angenommenen Behauptung aus, dass der Kapitalismus aus den heraufkommenden Handwerkern entsteht, und dass – neben dem Kleinadel – vor allem diese „in ihrem Zunftleben erschütterte[n] Handwerker die Hauptträger“ der calvinischen Religion in Frankreich, Holland und England gewesen seien (S. 156). Der Fehler der Weber’schen Theorie besteht nach B. bloss darin, dass Weber schon mit der Feststellung dieser „Tatsache“ die materialistische Geschichtsauffassung widerlegt zu haben meine. Nach dem „mechanistischen Denken“ Max Webers müsse für ihn „Träger einer konsequent[en] kapitalistischen Religion die kapitalistisch vorgeschrittenste Schicht der Zeit gewesen sein“ (S. 158/159). Ist das nicht der Fall, so sei für ihn die materialistische Geschichtsauffassung widerlegt. Denn indem die erschütterten kleinen Handwerker die calvinische Arbeitsmoral annahmen, um sich „im Konkurrenzkampf durch rationalisierte, ins Unbegrenzte gehende Anstrengung“ siegreich zu behaupten, wäre erwiesen, dass „die[se] calvinische Arbeitsmoral der Anwendung dieser Moral im kapitalistischen Arbeitsprozess voraus[ging]“, dass also „der Kapitalismus wesentlich religiös bedingt“ sei (S. 158). Borkenau akzeptiert die Behauptungen Webers über die tatsächlichen Vorgänge: „Die M. Weber’sche These, dass die kapitalistische Denkform dieser Schichten ihrer kapitalistischen Lebensform vorausgegangen sei, ist also richtig“ (S. 157). Weber habe „zum erstenmal[e] einen konkreten, unbestreitbaren Nachweis des Zusammenhangs zwischen religiösen Lehren und wirtschaftlichem Handeln gegeben“ (S. 154). Trotzdem seien die Schlussfolgerungen Webers unrichtig. Die Tatsache allein, dass nichtkapitalistische Schichten die Träger kapitalistischer Ideologie sind, sei noch keine Widerlegung der marxistischen Geschichtsauffassung, vielmehr bestehe das Problem gerade in der Untersuchung, „warum diese noch nicht kapitalistischen Schichten eine kapitalistische Ideologie angenommen haben“ (S. 157). Borkenau gelangt zu dem folgenden Ergebnis: „Das Verhältnis zwischen einer Religion und der sie tragenden Klasse ist fast nie so, dass die Religion die wirklichen Lebensbedingungen dieser Klasse ausspricht.“ (S. 159.)v Als blosser Reflex wäre ja die Religion sinnlos. Besteht ja doch die Funktion neuer Religionen, wie aller ideologischen Prozesse darin, schwierige Anpassungsvorgänge zu ermöglichen. „Der Calvinismus ist zunächst die Konfession nichtkapitalistischer Gruppen, die auf den kapitalistischen Zersetzungsprozess mit einer Anpassungsbewegung rea- 144 gieren“ (S. 157), und aus dem Bestreben „sich innerhalb einer sich verändernden Gesamtgesellschaft zu behaupten“, richten diese Gruppen „die Energien auf eine Lebensform, die noch nicht vorhanden ist“ (S. 159)vi, d. h. dass sie „immer mehr verbürgerlichen“ (S. 157). Wo die kapitalistische Gesellschaft noch nicht „automatisch“ funktioniert, wo die unbegrenzte Anstrengung in der Konkurrenz noch nicht zum Selbsterhaltungstrieb geworden ist, „erscheint sie dem Individuum als gänzlich irrational“. In einer solchen Gesellschaft kann „die Norm des kapitalistischen Arbeitsprozesses […] nur irrationalistisch-religiös sein“ (S. 162/ 163). Schon diese Zusammenfassung von Borkenaus Darstellung zeigt, dass bei ihm ein grobes Missverständnis, oder vielmehr eine ganze Kette von Missverständnissen vorliegt. Wie richtig seine Polemik gegen M. Weber und dessen vermeintliche Widerlegung der materialistischen Geschichtsauffassung auch sein mag, zeigt sie doch, dass es sich dabei bei weitem nicht um „das Grundproblem des entstehenden Kapitalismus“ und dessen Bedingtheit durch Religion handelt, sondern dass es bei ihm um die ausserhalb des Kapitalverhältnisses (Kapitalisten/Arbeiter) stehenden Überreste früherer Wirtschaftsformationen geht. Es handelt sich, wie B. an anderer Stelle selbst sagt, um die „Anpassung der Mittelschichten“ (S. 168) an die neue Produktionsform. Es handelt sich beim Calvinismus also weder um die Moral der Kapitalisten, noch um die Massenmoral, sondern um die Probleme der Kleinbürgermoral! Nur in diesem Zusammenhang erhaltenvii der Calvinismus als die Religion der bedrängten Mittelschichten und seine Bewährungslehre, d. i. das Bestreben, sich innerhalb einer sich verändernden Gesellschaft durch „ins Unbegrenzte gehende Anstrengung“ zu behaupten, eine sinnvolle Bedeutung. Nur in diesem Zusammenhange wird verständlich, warum diese nichtkapitalistischen Schichten die typisch kleinbürgerliche (und nicht – wie B. meint – „kapitalistische“) Ideologie von dem Emporkommen durch ins Unbegrenzte gehende Anstrengung akzeptieren. Mit der Frage der Entstehung und der Durchsetzung des Kapitalismus hat der Calvinismus nichts zu tun. Historisch ist dies schon dadurch erwiesen, dass die Entstehung des Kapitalismus viel weiter zurückliegt, als der Calvinismus und die Reformation überhaupt. Wie wir bereits gezeigt haben, waren die Träger der kapitalistischen Produktionsweise nicht die „calvinischen aufstrebenden kleinen Leute“ (S. 90), nicht die „hinaufkommenden Handwerker“, sondern das durch Handel und Wucher akkumulierte Grosskapital, das die aus der Zersetzung der mittelalterlichen Organisation herausgedrängten proletarischen Elemente in den Städten und auf dem Lande beschäftigte und sich im Verlags-System, später in der Manufaktur, eine überlegene, wenn auch technisch auf handwerklicher Grundlage aufgebaute Wirtschaftsform 145 schuf. Unter dem Drucke dieser massenhaften, von keinen Zunftvorschriften gehemmten kapitalistischen Produktionsform konnte sich die rückständige, an Kapitalmangelviii leidende handwerkliche Kleinproduktion nur „durch […] [eine] ins Unbegrenzte gehende Anstrengung“, d. h. durch eine grenzenlose, seither für das Handwerk typisch gewordene Ausbeutung der beschäftigten Arbeiter erhalten. Mit der „rationalisierten“ Anstrengung (S. 161) hat das nichts zu tun; vielmehr muss man von einer irrationalen, ins Unbegrenzte gehenden Verschwendung der Arbeit sprechen, die für die Kleinbürgermoral charakteristisch ist. Dass der Calvinismus oder eine ihm verwandte religiöse Strömung keine notwendige Voraussetzung für das Entstehen des Kapitalismus bildet, und dass die „Schaffung einer kapitalistischen Massenmoral […] nur auf der Basis des religiösen Irrationalismus erfolgen [kann]“ (S. 200), ist historisch schon dadurch widerlegt, dass der Kapitalismus in Italien sich ohne Hilfe eines religiösen Irrationalismus, ohne Hilfe des Calvinismus und zwei Jahrhunderte vor diesem, durchgesetzt hatte! Borkenau selber nennt Italien das Land „des religiösen Indifferentismus“, des „radikalst[en] Bruch[es] mit der religiösen Tradition“ (S. 101). Der klare, rationale, nüchtern denkende Geist der Florentiner im 14. und 15.ix Jahrhundert wird allgemein festgestellt. Und der italienische Kapitalismus konnte sich ohne Hilfe einer religiösen Erziehung durchsetzen, weil dem Kapitalismus in seiner Entstehungszeit in Italien wie anderswo noch ganz andere „Erziehungsmittel“ zur Arbeitsdisziplin zur Verfügung stehen! Damit kommen wir zur zweiten charakteristischen Seite der Theorie Borkenaus. Indem er, Max Weber folgend, diesen übertriebenen Akzent auf die Bedeutung des Calvinismus für die Erziehung der Massen zur Arbeitsdisziplin legt, und die neue Massenmoral als eine notwendige Voraussetzung (S. 169) für die Entstehung des Kapitalismus bezeichnet, – indem er davon spricht, dass das Funktionieren des Kapitalismus eine „neue asketische Einstellung der Massen zum Arbeitsprozess“ erforderlich machtx, die nicht durch einen „rechtlichen Arbeitszwang nach Art der Leibeigenschaft […] erzielbar“ sei (S. 152), stellt er sich ganz auf den Boden der kleinbürgerlichen Ideologie Max Webers, in der die Geschichte des entstehenden Kapitalismus eine Idylle ist. Aber schon Marx hat gezeigt, dass in der „wirklichen Geschichte“ die Erziehungsmethoden zur Arbeitsdisziplin „alles andere, nur nicht idyllisch“ waren, dass vielmehr die brutale, unmittelbare Gewalt, der Arbeitszwang, Hauptmittel war. Wie Marx auf dem Gebiete der Akkumulation von der „normalen“ fortlaufenden – d. h. im Fortgang des Kapitalismus stattfindenden – noch eine „ursprüngliche“ Akkumulation unterscheidet, die die Voraussetzung für 146 die Entstehung des Kapitalismus bildet („Kapital“ I, 737), so muss auch inbezug auf die Erziehung der Arbeitermassen zur kapitalistischen Arbeitsdisziplin der „normale“ Vorgang im Fortgang des bereits funktionierenden Kapitalismus von den ursprünglichen Erziehungsmitteln in der Periode der Entstehung des Kapitalismus unterschieden werden. „Im Fortgang der kapitalistischen Produktion entwickelt sich eine Arbeiterklasse, die aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit, die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt“ (K. I, 763). Die religiöse Erziehung, von der M. Weber und Borkenau sprechen, ist nur ein Teil jener allgemeinen kapitalistischen Erziehung, von der Marx spricht. Neben dieser Erziehung wirken „im Fortgang“ der kapitalistischen Produktion noch das Gesetz der relativen Übervölkerung und „der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse“. Die vereinte Wirkung aller dieser Kräfte – und nicht allein die durch Weber und Borkenau einseitig betonte religiöse Erziehung – besiegeln die Herrschaft der Kapitalisten über den Arbeiter. „Für den gewöhnlichen Gang der Dinge“ im bereits „ausgebildeten kapitalistischen Produktionsprozessxi“ (K. I, 763), genügen diese „sanften“ Mittel, um jeden Widerstand der Arbeiterklasse zu brechen. Sie sind jedoch in der Entstehungsperiode des Kapitalismus unzureichend, und die aufkommende Bourgeoisie bedient sich zur Erzwingung der Arbeitsdisziplin auch noch der „ausserökonomische[n], unmittelbare[n] Gewalt“ (l. c.). Es ist nicht so – wie B. meint –, dass mit dem Verschwinden der ständischtraditionalistischen Gesellschaftsordnung ein „von Rechtsordnungen entleerter Raum“ entsteht (S. 152), der durch die neue religiöse Moral gefüllt werden muss. Überall – in Italien, wie später in England und Frankreich – „wirdxii das von Grund und Boden gewaltsam expropriierte, verjagte und zum Vagabunden gemachte Landvolk durch grotesk-terroristische Gesetze in eine dem System der Lohnarbeit notwendige Disziplin hineingepeitscht, -gebrandmarkt, -gefoltert“ (K. I, 763). Nicht durch die „innerweltliche Askese“, nicht durch die calvinische Moral, sondern durch die seit Marx berühmt gewordene „Blutgesetzgebung gegen die Vagabundage“ seit dem Ende des 15. und während des ganzen 16. Jahrhunderts wurden „in ganz Westeuropa“ die vom Grund und Boden Verjagten, in Bettler und Vagabunden verwandelten vogelfreien Proletarier zur Arbeitsdisziplin „erzogen“. „Die Gesetzgebung behandelte sie als ‚freiwillige‘ Verbrecher und unterstellte, dass es von ihrem guten Willen abhänge, in den nicht mehr existierenden alten Verhältnissen fortzuarbeiten“ (K. I, 760). – Statt diese wirklichen historischen Zusammenhänge zu schildern, reproduziert B. die von Max Weber erfundene, auf dem Standpunkt der Kinderfibel stehende Idylle. 147 Im Lichte der historischen Tatsachen verflüchtigt sich diese kleinbürgerliche Idylle spurlos. Borkenau begnügt sich charakteristischerweise hier wie sonst mit der „Betonung der strukturellen Momente“, wobei er auf die „beschreibende geschichtlichexiii Darstellung“ (S. XII) verzichtet. Da er seine Hauptaufmerksamkeit gerade den französischen Verhältnissen gewidmet hat, ist es geboten, das konkrete historische Material bezüglich Frankreichs hier vorzulegen, um zu zeigen, wie die religiöse Erziehung zur Massenmoral durch die „innerweltliche Askese“ in Wirklichkeit beschaffen war. II. Die Blutgesetzgebung in England ist seit dem „Kapital“ von Marx bekannt. Auch in Frankreich wurden mit der Zersetzung der alten feudalen Gesellschaftsorganisation und dem Einbruch der Geldwirtschaft die Massen des Landvolkes enteignet und zur „Faulenzerei“ gezwungen. Das Königtum bemüht sich schon seit Ludwig XI.xiv um die Durchsetzung einer neuen Arbeitsdisziplin und unternimmt gegen das „Faulenzen“ „une sorte de croisade, dont les appels retentissent dans chacune de ses ordonnances … C’est le refrain qu’on entend depuis Louis XI. et dont l’écho incessant se répercute de l’époque d’Henry IV à celle de Colbert.“ (Boissonnadexv, S. 158.) Nach vier Jahrzehnten der Religionskriege ist der Zersetzungsprozess noch fortgeschritten, das Wirtschaftsleben zerrüttet, die Dörfer von den umherziehenden Truppen geplündert, die Keime der Industrie zerstört und Frankreich fast „à l’état de cadavre“ reduziert (Boissonnade, l. c., S. 157). Überall herrschte die Arbeitslosigkeit, die Massenbettelei; Krankheiten zermürbten die Volksmassen. Viel gefährlicher jedoch als diese materiellen Schäden war für die herrschenden Klassen die Lockerung der Klassendisziplin und die drohende soziale Anarchie. „Toute discipline – sagt Boissonnade – a disparu parmi les classes ouvrières, perverties par nos discordes civiles, libérées de tout contrôle, livrées aux pires suggestions des instincts de désordre déchaînés. Le sentiment de l’autorité et de l’honneur professionnel s’est perdu chez les maîtres, celui de l’obéissance chez les serviteurs et compagnons“ (l. c., S. 157/158). Diese Lockerung der Klassendisziplin – die Rebellion der bisher gehorsam untergebenen Volksmassen – beschreiben alle Zeitdokumente. So sagt Barthélemy Laffemasxvi: „Les guerres civilesxvii sont cause que tous serviteurs, ouvriers et autres ne rendent point l’honneur et l’obéissance qu’ils doivent à leurs maîtres“ (Règlement général, p. 13, zit. bei Hauserxviii, p. 167). 148 Das Préambule des Edikts Heinrichs IV. vom August 1603, welches der Förderung der Manufakturen gewidmet ist, gibt als Motivierung an, dass ihre Gründung erfolge „tantxix pour l’espérance qu’elles donnent d’enrichir […] ce royaume … que pour estre, aussi, un facile et doux remède de purger nostre […] royaume de tant de vices que produit l’oisiveté.“ (Zit. bei Alfr. Des Cilleuls, „Histoire et régime de la grande industrie en France aux XVIIe et XVIIIe siècles.“ Paris 1898, p. 14.) Oder wie Cilleuls es kommentiert: Man sollte „occuper des bras qui devenaient dangereux, quand ils restaient sans travail […] régulier.“xx Das Edikt von 1601 stellt die Existenz „d’un nombre incroyable de pauvres vagabonds“ fest (Hauser, Les Débuts, S. 172). 15 Jahre später spricht Montchrétien von der „‚million de pauvre peuple‘ formé de vagabonds, de mendiants, de batteurs de pavés, de coupeurs de bourse, de filles, de femmes, d’enfants, d’ouvriers chômeurs qui languissent et prennent l’habitude de tous les vices […] de l’oisiveté“. (Boissonnade, l. c., S. 158.) Nur die Arbeit versichert Montchrétien, kann das Volk zur Arbeitspflicht erziehen und verhindern „les seditions et les factions“, welche aus dem Elend der Handwerker entstehen. Bereits 1604 hat B. de Laffemas Vorschläge zur „Erziehung“ der Arbeitslosen und der Jugendlichen zur Arbeit in öffentlichen Arbeitshäusern gemacht. „Das Mittel, das er gegen die Arbeitslosigkeit vorschlägt – sagt Hauser – ist nicht der öffentliche Beistand, sondern die Repression der Vagabondage. Er spricht vom ‚Bestrafen‘, vergessend, dass die Arbeitslosigkeit nicht immer ein Verbrechen ist“xxi (l. c., S. 177). Laffemas’ Vorschläge gehen dahin, in jeder Stadt zwei öffentliche Arbeitshäuser (workhouse) für Männer und Frauen gesondert, zu errichten. „Ce seront des travaux forcés: les pensionnaires des ateliers de charité seront contraints par chaînes et prisons ‚de travailler‘.“ (L. c., S. 178.) Zusammen mit den Arbeitslosen, Verbrechern und öffentlichen Dirnen sollten in diesen Häusern auch die „enfants abandonnés“ erzogen werden. Der bereits bestehenden Praxis der Grande Aumône von Lyon und der „Enfants rouges“ von Paris folgend, wünscht Laffemas, dass das Arbeitshaus „emploiera ses pupilles à fournir les patrons de cette denrée précieuse et rare, des apprentis“ (Hauser, l. c., S. 178). „Il prononce déjà le mot terrible: ‚Prenez les enfants‘“ (L. c., S. 12). Zehn Jahre später wurden diese Vorschläge von Montchrétien in seinem bereits zitierten Buchxxii von 1615 systematisch entwickelt. M. sieht klar, dass die hereinbrechende Geldwirtschaft die feudale Gesellschaft mit ihrer alten Klassengliederung und ihrer traditionellen Moral restlos zersetzt hat, und dass nun „le profit particulier“ das treibende Motiv der neuen Gesellschaft geworden ist. „Le gain: à ce centre se reduit le cercle des affaires“ (39). Mit Bedauern konstatiert er, „qu’en matière de profit il n’y a guères 149 de gens qui gardent fidelité“ (90). Besorgt wegen der überhandnehmenden Anarchie, wendet er sich an den König mit der Aufforderung, dem drohenden Unglück der „corruption des nostre ancienne discipline“ vorzubeugen. „Quelle obeissance pour l’advenir aux superieurs? Qui prendra plus à gloire l’honneur d’estre commandé? Si Vos Majestez ne nous retirent de ceste confusion et indifférence, c’en est fait! Tous generalement vont faire banqueroute à la vraye et solide vertu … La discipline sera banie des troupes, et l’ordre des Armées … L’insolence croistra dans les villes, la tirannie dans les champs“ (Montchrétien, S. 60/61). Als die grösste Gefahr erscheint ihm die „Faulenzerei“, denn es sei klar „que les hommes reduits à ne rien faire sont induits à mal faire … que l’oysiveté corrompt la vigueur des (hommes) et la chasteté des femmesxxiii“ (65). Demgegenüber betont er die Pflicht zur unaufhörlichen Arbeit: „L’homme est né pour vivre en continuel exercise et occupation“ (21). Daraus ergibt sich als die wichtigste praktische Aufgabe für den Staat, „de ne souffrir qu’il en demeure aucune partie oisive“ (22). In diesem Sinne macht er Vorschläge, wie die Bevölkerung zu beschäftigen sei. Es ist für die Stellung von M. charakteristisch, dass er – so sehr er auch über die bedauerlichen Wirkungen der Geldwirtschaft klagt – durchaus nicht zur „alten guten Zeit“ zurückkehren will. Im Gegenteil. Aus jeder Seite seiner Ausführungen ersieht man, wie stark er in der Geldwirtschaft verwurzelt ist und als Sprecher der kapitalistischen Profitwirtschaft hervortritt. Er will sie keineswegs abschaffen, sich ihrer vielmehr im „allgemeinen Interesse“, d. h. im Interesse der herrschenden Klassen bedienen. In früheren Zeiten – das ist sein Gedankengang – konnte man die Menschen zur Arbeit zwingen. Nun aber ist die Sklaverei in Frankreich abgeschafft. M. will jetzt aber nicht, wie man etwa schliessen könnte, auf die Mittel des Zwanges verzichten, sie vielmehr den neuen auf dem Gewinntrieb beruhenden Verhältnissen anpassen. Vorwegnehmend die später von Ad. Smith formulierte Lehre, dass indem jeder sein eigenes Interesse verfolgt, das Interesse der Gesellschaft daraus profitiert, lehrt er, dass die neue Aufgabe darin bestehe, „d’employer les hommes à des artifices et travaux qui joignent le profit particulier à son utilité commune“ (S. 27). Bei dieser Pflicht zur Anstrengung seien die Menschen durchaus nicht gleich: „Il y a bien souvent autant de distance d’un homme à l’autre que de l’homme à la beste“ (S. 37). Die Leitung falle den oberen Klassen zu, während die Armen arbeiten müssten. „Le tout ne peut consister sans ses parties: il y en a qui commandent et remuent, et d’autres qui sont commandées et remuées. Les mains qui font et les pieds qui portent sont aussi nécessaires au ministère de l’âme, comme les yeux qui voyent et les 150 oreilles qui oyent“ (S. 138). – Mit pathetischer Brutalität apostrophiert er die „Nichtstuer“ und schlägt Massnahmen vor, wie die Armen zur Arbeit zu zwingen wären, ohne den Staat zu belasten: „Ventres paresseux, charges inutiles de la terre, hommes nés seulement au monde pour consommer sans fruict! … c’est proprement contre vous que l’authorité du magistrat se doit déployer! c’est contre vous qu’il doit armer sa juste severité; pour vous sont les foüets et les carquans. C’est de vous que se provignent les coupe-bourses, les faux tesmoins et les voleurs! A telle sorte de gens on peut apporter une juste violence; on les doit faire travailler par tasche, comme font les Flamans en la ville d’Amsterdam, les hommes débauchez rebelles à leurs parens et faineans, à scier et couper du (bois) de Brésil et autre bois de teinture, en une certaine maison qu’ils appellent Fechtus (Werkhuis), où le labeur fait tous les jours quelque nouveau miracle …“ (S. 106/107). Man müsse mit dieser Erziehung durch Zwangsarbeit schon im Kindesalter beginnen, also auch die Kinder der Armen schon in Zwangsarbeitshäusern einsperren. „S’il s’y (en France) trouve de pauvres enfans – mais il n’y en a que trop à cause du mauvais ordre […], – on peut à l’imitation des Hollandois y remédier … [et] les ramasser et […] renfermer en des maisons publiques, les garçons à part et les filles à part, y faire travailler les uns et les autres en toutes sortes des manufactures, draperie, fillace, toille, lingerie etc.“ (S. 103.)xxiv Sie sollen Spezialkleidung tragen, damit man sie im Falle eines Fluchtversuches leicht fassen kann. „Ces maisons – sagt er zynisch – […] sont apellées par les Hollandois escholes et à bon droict puisque l’on y apprend à vivre … Ces […] methodes sont […] bons pour employer ceux qui sont nés pauvres, sans être à charge à l’Estat“ (S. 103– 105). Und es blieb nicht bei den Vorschlägen. Zu Anfang der Regierungszeit Ludwigs XIII. wurde (1612) ein „Hôpital des mendiants renfermés“ gegründet. „Mais le labeur des prisonniers était imposé moins comme tâche utile à remplir que comme châtiment pénible à subir“ (Des Cilleuls, S. 25). Seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts wurden die sogenannten „Hôpitaux généraux“ errichtet, so – um nur die wichtigsten zu nennen – in Lyon (1613), Troyes (1630), Reims (1632), Marseille (1639), Dijon (1643), Montpellier (1646), Toulouse und Béziers (1647), Nantes und Rennes (1650), endlich in Paris (1656) und Bordeaux (1662). Das Edikt von 1662 forderte ihre Gründung in jeder Stadt und jedem Marktflecken. Eine Reihe dieser Häuser führte den bezeichnenden Namen „hôpital général de manufacture“. Tatsächlich hatten sie nichts mit Spitälern im heutigen Sinne zu tun. „Ces sortes d’établissements – sagt Des Cilleuls – avaient pour but immédiat de réprimer la mendicité, en corrigeant, par le travail forcé, des habitudes de paresse“. (S. 25.)xxv 151 Die Wirkung dieser Methode sollte nicht bloss auf die zwangsweise eingepressten Insassen der Anstalten beschränkt bleiben. Auch die übrigen „Faulenzer“ sollten durch die abschreckende Wirkung dieser Zwangsarbeitshäuser bewogen werden, freiwillig Arbeit aufzunehmen. (L. c., S. 25). Die bekannteste dieser Anstalten war das von dem ersten Präsidenten des Parlaments von Paris Pomponne de Bellièvre gegründete Hôpital von Paris, das Armen-, Arbeits-, Zucht- und Waisenhaus zugleich war. Die Handwerker und Bürgersleute der Stadt wandten sich an die Anstalt, wenn sie Knaben im jüngsten Alter als Lehrlinge oder zur Verrichtung von häuslichen Arbeiten brauchten. 1690 hatte die Salpêtrière, eine zum Hôpital gehörige Anstalt, über 3000 Insassen, darunter 103 Knaben im Alter von 6 bis 10 Jahren, die mit Stricken beschäftigt wurden und 286 Mädchen von 8 bis 10 Jahren, die in der Wäscheanfertigung und Teppichwirkerei verwandt wurden. Nach einem Bericht von 1665 sind auch Greise und Krüppel beschäftigt gewesen. Seitdem die Arbeit, heisst es in einem Bericht, als allgemeine Pflicht eingeführt worden ist, herrscht unter den Armen strengere Zucht und grössere Frömmigkeit. (Kulischer, IIxxvi, S. 153.) Unter Colbert ergingen wiederholt Erlasse gegen die Faulenzerei als die Quelle aller Übel. Die Religionsgesellschaften wurden aufgefordert, die Armen zur Arbeit zu erziehen, indem sie die „Faulenzerei“ nicht mehr durch Almosen unterstützen sollten. (Des Cilleuls, S. 288, Anm. 48.)xxvii Ein Pater berichtet 1687, dass er bloss in der Diözese de Coutances mehr als 100 Dörfer von der „fainéantise“ (Faulenzerei) gesäubert habe. (S. 290, Anm. 75.)xxviii Zuchthaus, Zwangsarbeit in Ketten, Raubbau an Kinderarbeit, kurz brutaler Missbrauch und Verschwendung von Menschenleben – das waren die Mittel, die den Weg zur „strengsten Rationalität der Arbeit“ (Borkenau, S. 157) in der Periode der aufkommenden Manufaktur kennzeichnen. Auch in den Städten Englands, Hollands, Belgiens gab es ähnliche „Manufakturen“. Das Kopenhagener Zuchthaus führte den bezeichnenden Namen Spinhuis. Anlässlich einer solchen im Genter Zuchthaus eröffneten „Manufaktur“ bemerkte John Howard, es seien diejenigen im Irrtum, die behaupten, keine gewerbliche Unternehmung könne gedeihen und nutzbringend sein, die auf Arbeitskräften beruhe, „die in Ketten geschmiedet und zur Arbeit gezwungen werden“. (J. Howard, Etat des prisons, des hôpitaux et des maisons de force, I, p. 339, – 1797xxix. Zit. bei Kulischer, II, 154.) III. Wenn es sich zeigt, dass der Calvinismusxxx bei der Entstehung des Kapitalismus nicht die Funktion gehabt hat, die ihm M. Weber und Borkenau 152 zuschreiben, wenn es sich auch zeigt, dass er kein „Grundproblem“ des entstehenden Kapitalismus ist, so bleibt doch noch die Frage, ob er jene besondere wichtige Rolle nicht im Fortgang des Kapitalismus spielt, nachdem doch erst durch die „asketische Einstellung der Massen zum Arbeitsprozess“ sein Funktionieren ermöglicht wird. Auch für die so formulierte These hat jedoch Borkenau in seinem Buche weder eine historische Dokumentation geliefert, noch sonst gezeigt, worin die „asketische Einstellung der Massen zum Arbeitsprozess“ bestehen soll. Die auf das Kleinbürgertum zugeschnittene Lehre von der „unbegrenzte[n] Anstrengung bei Ungewissheit des Erfolges im kapitalistischen Konkurrenzkampf“ (S. 176) kann auf die Arbeiterklasse keine Anwendung finden. Es sind eben nicht die spezifischen Lehren des Calvinismus, die ihn geeignet machen, „die Massen im Gehorsam zu halten“ (S. 214), sondern seine allgemeinen irrationalistischen Voraussetzungen, seine ihm und dem Luthertum gemeinsame Lehre von der prädestinierten Erlösung durch den Glauben. Denn „der Calvinische Mensch akzeptiert das kapitalistische Lebensschicksal als Gegebenheit. Also braucht, ja darf er darüber nicht räsonnieren“ (S. 190). Insofern ist der Calvinismus, ebenso wie jede andere Religion, ein Instrument der Ablenkung der Massen von dem Kampf um rationales Gestalten ihres Lebensschicksals, – ein Instrument der Massendomestikation. Im Lichte dieser Feststellung erscheint die Weber’sche, von Borkenau akzeptierte These von der besonderen Rolle der protestantischen Ethik für die Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus, als die Legende, die sie in Wahrheit ist. Gewisse religiöse Strömungen im Katholizismus, nicht nur der Jesuitismus in Gestalt des Molinismus, der direkt auf den Gehorsam der Massen eingestellt war, sondern auch der Jansenismus, waren prinzipiell besser als der Protestantismus geeignet, zum Instrument der Massendomestikation zu werden. Das in jeder Religion enthaltene Prinzip des Irrationalismus hat der Jansenismus in schärfster Formulierung ausdrücklich ausgesprochen, zugleich jedoch diesem Irrationalismus den Schein der Rationalität gegeben, indem er ein rationales Verhältnis zwischen den diesseitigen guten Werken und ihrer jenseitigen Belohnung – der Erlösung – annahm (S. 253). Verzicht, Gehorsam, Unterwerfung lohnen sich, weil sie den Weg zur Erlösung im Jenseits ebnen. Gerade in dieser Erziehung der Massen zum Gehorsam, in ihrer Ablenkung vom Diesseits, vom Kampf um die Besserung des irdischen Schicksals, vom Kampf gegen die korrupte Übermacht der Herrschenden kommt die den Kapitalismus begünstigende Rolle der Religionen zum Ausdruck, – mehr als in ihren unmittelbar wirtschaftspolitischen Anschauungen in Wucher-, Zins-, Handelsund Lohnfragen. Dies ist der sichtbare kapitalistische Geist nicht nur der protestantischen Ethik, sondern jeder auf Domestizierung der Massen ein- 153 gestellten Religion. Besser als alle rein abstrakt gehaltenen, nur „strukturelle Momente“ betonenden Ausführungen Borkenaus über die mit dem Kapitalismus entstehenden, auf die Schöpfung einer neuen „Massenmoral“ zielenden Strömungen, beleuchtet ein einziges konkretes Zeitdokument das innerste Wesen dieser Massenmoral. Nach dem Jansenistenschüler Pater Nicole soll die Hauptsorge des Menschen nicht das Leben sein, sondern der Tod: „Tout consiste à bien mourir […]. Les maux longs ou courts, grands ou petits, s’évanouissent et se perdent dans l’éternité … Tâchons d’avoir l’éternité dans le cœur, et tout nous paraîtra égal: richesse, pauvreté, santé, maladie, grandeurs, bassesse, gloire, ignominie“. Wenn ein Jansenist heiratet, so soll das Leben des Ehepaares werden „une vie chrétienne qui est par elle-même une vie sérieuse, une vie de travail et non de divertissement, de jeu et de plaisir“. Deshalb wird der Jansenist nicht nach Aufstieg streben „sachant que chaque degré de fortune, d’honneur, de grandeur augmente nos dangers, et nous rend le salut plus difficile. Aussi ne jalousera-t-il pas les grands.“ (B. Groethuysen, Origines de l’esprit bourgeois en France. I. L’Église et la Bourgeoisie. Paris 1927. S. 195–198.) * * * Typoskript (20 S.) / ohne Datierung [1934] / APAN, III–155: 38 / Originaltitel: Die Anfänge des Kapitalismus und die neue Massenmoral. i B.: Borkenau, Franz: Der Übergang vom feudalen zum bürgerlichen Weltbild. Studien zur Geschichte der Philosophie der Manufakturperiode. (Schriften des Instituts für Sozialforschung. Herausgegeben von Max Horkheimer. Vierter Band.) Paris 1934. ii wird es: Bei Borkenau im Orig.: „es wird“. iii Kapital: Bei Borkenau im Orig.: „Geldkapital“. iv Leibeigenschaft“ (S. 152): Im Ts.: Leibeigenschaft“. v dieser Klasse ausspricht.“ (S. 159.): Im Ts.: einer Klasse ausspricht. vi „sich innerhalb … ist“ (S. 159): Im Ts.: „sich innerhalb einer sich verändernden Gesamtgesellschaft zu behaupten, richten diese Gruppen die Energie auf eine Lebensform, die noch nicht vorhanden ist“ (S. 159) … vii erhalten: Im Ts.: erhält. viii Kapitalmangel: Im Ts. handschriftlich unterstrichen und am Seitenrand mit einem Fragezeichen versehen. ix rationale, nüchtern … 14. und 15.: Im Ts. handschriftliche Notiz am Seitenrand: Arbeiter? x erforderlich macht: Im Ts. Zeile am Seitenrand mit einem Fragezeichen versehen, darüber handschriftliche Einfügung: zur Voraussetzung hat. xi Produktionsprozess: Bei Marx im Orig.: „Produktionsprocesses“ [MEGA2 II/8. S. 690]. 154 xii wird: Bei Marx im Orig.: „wurde“ [ebd.]. xiii beschreibende geschichtliche: Bei Borkenau im Orig.: „beschreibender geschichtlicher“. xiv Ludwig XI.: Im Ts.: Ludwig XI. ( ). xv Boissonnade: Boissonnade, P[ierre]: Le Socialime d’État. L’Industrie et les Classes Industrielles en France pendant les deux premiers Siècles de l’Ère Moderne (1453–1661). Paris 1927. xvi Laffemas: Im Ts. durchgängig: Laffennas. xvii Les guerres civiles: Bei Hauser im Orig.: „Les guerres civiles en partie …“ xviii Hauser: Hauser, Henri: Les Débuts du capitalisme. Paris 1927. xix tant: Im Ts. hier und im folgenden: tout. xx Das Préambule … régulier.“: Im Ts. Absatz am Seitenrand markiert und mit Deleatur- und Fragezeichen versehen. xxi „Das Mittel … ist“: Bei Hauser im Orig.: „Le vrai nom du régime qu’il inflige aux sans-travail, c’est moins assistance publique que répression du vagabondage. Il parle de les «punir», oubliant qu’oisiveté n’est pas toujours crime.” xxii Buch: Montchrétien, Antoyne de: Traicté de l'Œconomie Politique. Dedié en 1615 au Roy et à la Reyne mère du Roy. Avec introduction et notes par Th. Funck-Brentano. Paris 1889. xxiii la vigueur des (hommes) et la chasteté des femmes: Bei Montchrétien im Original: „la vigueur des uns et la chasteté des autres”. xxiv lingerie etc.“ (S. 103.): Im Ts.: lingerie etc.“ xxv paresse“. (S. 25.): Im Ts.: paresse“. xxvi Kulischer, II: Kulischer, Josef: Allgemeine Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters und der Neuzeit. Zweiter Band: Die Neuzeit. Mit Register zu Band I–II. (Handbuch der mittelalterlichen und neueren Geschichte. Hrsg. von G. von Below und F. Meinecke. Abteilung III: Verfassung, Recht, Wirtschaft.) München, Berlin 1929. xxvii (Des Cilleuls, S. 288, Anm. 48.): Im Ts.: (Des Cilleuls, S. 228.) xxviii gesäubert habe. (S. 290, Anm. 75.): Im Ts.: gesäubert habe. xxix 1797: So auch bei Kulischer [a. a. O. Bd. II. S. 151, Anm. 3] im Orig.; gemeint aber ist offenbar die Ausgabe von 1791. xxx der Calvinismus: Im Ts. handschriftlich abgeändert in: die calvinistische Moral.

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Zusammenfassung

Am Vorabend der Weltwirtschaftskrise von 1929 publizierte Henryk Grossmann (1881–1950) mit seinem Hauptwerk, „Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems“, eines der bedeutendsten Werke der marxistischen Krisentheorie. Zugleich war er von 1925 bis 1948 Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung – zunächst in Frankfurt, sodann in der Emigration in Paris, London und New York. Im Zentrum der vorliegenden Auswahl seiner nachgelassenen Schriften stehen politökonomische Arbeiten aus dem Warschauer Archiv der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Sie fokussieren zum überwiegenden Teil auf den Status der Marxschen Werttheorie und insonderheit auf das Problem der Wert-Preis-Transformation bei Marx. Weitere Abhandlungen gelten konzeptionellen Überlegungen zu den ökonomischen Bedingungen des deutschen Faschismus und zu wissenschaftshistorischen Themen. Der Publikation angefügt sind ferner mehrere archivalische und bio-bibliographische Verzeichnisse sowie ein Dokumentenanhang mit Reproduktionen ausgewählter Materialien. In der Gesamtheit ergibt sich ein neuer, bislang in dieser Intensität nicht bekannter Blick auf das Leben und Werk von Henryk Grossmann.