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Astrid Maria Gerhardt

Ein Leben für die Nächstenliebe

Pater Richard Henkes - Pfleger im KZ Dachau

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3909-0, ISBN online: 978-3-8288-6808-3, https://doi.org/10.5771/9783828868083

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Religionswissenschaften Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Religionswissenschaften Band 10 Astrid Maria Gerhardt Ein Leben für die Nächstenliebe Pater Richard Henkes – Pfleger im KZ Dachau Tectum Verlag Astrid Maria Gerhardt Ein Leben für die Nächstenliebe Pater Richard Henkes – Pfleger im KZ Dachau Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag, Reihe: Religionswissenschaften; Bd. 10 © Tectum Verlag – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2017 ISBN: 978-3-8288-6808-3 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-3909-0 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN: 1867-7711 Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung des Ölbildes „Pater Richard Henkes“ von Andy Givel SAC 2002, Kopie einer Ansichtskarte des Pallotti-Verlages, Friedberg bei Augsburg, sowie des Bildes # 143433930 von Hans-Jörg Nisch, www.fotolia.de Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. 5 Mein Dankeschön gilt allen Mitwirkenden, die mich in der Recherche und Erstellung der Biographie über Pater Richard Henkes unterstützt und ihre Hilfe angeboten haben. Herzlichen Dank sage ich besonders dem Archivar Br. Georg Adams für seine gefällige Handreichung der Quellen und der Gesellschaft der Pallottiner in Limburg für ihre Gastfreundlichkeit. Es war eine schöne Atmosphäre, bei Ihnen im Archiv arbeiten zu dürfen. Um die Gepflogenheiten der Pallottiner besser verstehen zu können, waren die Gespräche mit den Patres und Brüdern aufschlussreich, insbesondere die Kommunikation mit dem Dozenten P. Wolfgang Hering SAC. Einen tieferen Blick in das Seelenleben von Richard Henkes ermöglichten mir die gesammelten Briefe, die mir die Lehrerin Anita Giske, eine entfernte Verwandte von Richard Henkes, freundlicherweise zur Verfügung stellte. Ebenso ergeht ein Dankeschön an den Bürgermeister der Ortsgemeinde Ruppach-Goldhausen, Gerold Sprenger, und an meinen Bruder Franz-Josef Gerhardt für die Bereitstellung einiger Bilder. Ganz besonders gefreut habe ich mich über das bischöfliche Schreiben der tschechischen Bischöfe Mons. František Radkovský, Bischof der Diözese Plzeň, und Mons. František Václav Lobkowicz Opraem, Bischof der Diözese Ostrava und Opava, die das Leben von Richard Henkes in besonderer Weise würdigten und hervorhoben. Für ihre Unterstützung und besonders für ihre Ermutigung zur Veröffentlichung des Buches sage ich ein Dankeschön an die Professoren Linus Hauser und Rudolf Grulich. Für die finanzielle Unterstützung zur Drucklegung danke ich den Bistümern Limburg und Ostrava-Opava, der Westerwaldgemeinde Ruppach-Goldhausen und der tschechischen Gemeinde Strahovice sowie dem Provinzialat der Pallottiner in Friedberg. Mein ganz besonderes Dankeschön möchte ich auf diesem Weg meinem Bruder Walter Gerhardt aussprechen. 7 Vorwort Es ist mir eine große Freude, dass Pater Richard Henkes (SAC), Pfleger und dann Martyrer im KZ Dachau, durch seinen Seligsprechungsprozess etwas weiter bekannt geworden, hier mit einer Biografie gewürdigt wird. Es ist für mich selbst ein schöner biografischer Merkpunkt, dass ich Frau Gerhardt, die nach vielen Untiefen und Stürmen, die das Leben und das Schreiben so bieten, ihr Werk endlich publiziert, bei dessen Abfassung begleiten durfte. Wenn Karl Rahner von den Heiligen sagt, dass sie auf eine für ihre Zeit exemplarische Weise Kirche mit ihrer ganzen Person gelebt haben und so Weg und Weisung sein können, dann trifft dies auf Pater Henkes zu. Auf der einen Seite haben wir heute eine römisch-abendländisch geprägte Kirche, die oft den Charakter der sich selbst verwaltenden in sich ruhenden Heilsanstalt macht, der dabei die ‚Schäflein‘ weglaufen. Papst Benedikt XVI. hat zu Recht darauf aufmerksam gemacht, dass der Weltdienst der Kirche aus ihrer richtig verstandenen „Weltlosigkeit“ erwachsen muss, wenn sie ihren Dienst sachgerecht tun will. Weltlich funktionieren kann man leicht und zum Schluss (so die Finanzen stimmen) auch ohne viel „Glaubensvolk“. Man muss sich nur daran gewöhnen, dass die Pfarreien immer größer, unübersichtlicher und anonymer werden und dies mit den unterschiedlichsten theologischen Sachzwängen begründen. Diese Art von Kirche der beruhigten Endlichkeit scheint nur am Rande wahrzunehmen, dass wir weltweit in einer der ganz großen Epochen von Christenverfolgungen leben1. Ein Blick in die islamischen Staaten genügt. Und auch – um nur eine zweite brisante Region zu nennen – in Indien finden wir zunehmend Christenverfolgungen unter dem Namen „Hindutva“. Hier wird das Programm eines brutalen ‚Hindufaschismus‘ vertreten, der bis in die höchsten Regierungskreise zunehmend an Macht gewinnt. Und gerade in solchen Regionen, wenn ich an meine Reisen in den Nahen und Mittleren Osten denke, kann man ein anderes Christentum erleben. In Städten, die heute großenteils nur noch aus Schutt bestehen, habe ich katholische, protestantische und syrisch-orthodoxe Gottesdienste erleben dürfen, in denen mich in ganz anderer Weise so etwas wie ein gemeinsamer Geist umweht hat. Diese Gottesdienste fanden aus einer tiefen Glaubensfreude heraus statt. Das, was für uns zu selbstverständliches Angebot und außerdem oft schlicht langweilig ist, ist dort ein echter Festtag, in dem sich die Gemeinde trifft und sich bestätigen kann, nicht ganz allein und ausgeliefert zu sein. Wir leben in den wohlhabenden Staaten in einer Situation beunruhigter Endlichkeit, deren Beunruhigungen zu Recht Umweltprobleme und Politik betreffen. Zugleich leben wir aber auch in einer Situation der beruhigten Endlichkeit, in der beispielsweise die Unterschiede zwischen ‹religiös – nicht religiös›, ‹christlich – nicht christlich glaubend› zu sein, leichter in einer Ehe zu integrieren sind, als der Unterschied, ‹Vegetarier/ 1 Vgl. Kirche in Not: http://religious-freedom-report.org/de/home-de/. 8 Vorwort Veganer – Fisch- und Fleischesser› zu sein. Und es kann durchaus sein, dass sich Glaubensfragen in hohem Maße auf die Entscheidung zwischen iPhone7 und Samsung Galaxy S7 beziehen – worüber man dann trefflich streiten kann. Da ist es heilsam durch Gestalten wie Pater Henkes daran erinnert zu werden, dass es letzte verbindliche Entscheidungen gibt, vor denen die ganze Person stehen kann und für die die ganze Person stehen muss und die auch Entscheidungen zwischen Leben und Tod betreffen. Und dass diese Entscheidungen in einer Welt getroffen werden, die gerade für uns Christen nicht nur nicht in Ordnung, sondern gefährlich ist. Christentum wird auf diese Weise selbstverständlich, ein Standpunkt der Entscheidung und damit bietet sich die Perspektive eines Neuaufbruchs. Prof. Dr. Linus Hauser 9 Inhalt Abkürzungsverzeichnis 11 Abbildungsverzeichnis 13 1 Quellenlage und Hinweise zur Biographie 21 1 1 Quellenlage 21 1 2 Hinweise zur Biographie 21 2 Prolegomena 23 3 Einleitung 25 4 Biographie: Pater Richard Henkes SAC (1900–1945) 33 4 1 Hinführung zur Biographie 33 4 2 Kindheitsjahre im Westerwald 37 4 3 Ausbildung zum Missionarpriester in Schönstatt 42 4.3.1 Entwicklung der Pallottiner-Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 4.3.2 Geistesbildung und schulisches Reglement . . . . . . . . . . . . . . . . 43 4.3.3 Spirituelle Einflüsse durch Pater Joseph Kentenich . . . . . . . . . . 47 4.3.4 Lebensideal: „Aut Caesar – aut nihil!“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50 4.3.5 Die Marianische Kongregation und ihre Bindung an die „Mater Ter Admirabilis“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 4.3.6 Sodale der Congregatio major . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 4.3.7 Mediator der Außenorganisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 4.3.8 Konfrontation zwischen Ideal und Wirklichkeit . . . . . . . . . . . . . 58 4 4 Ein steiniger Weg zum Priestertum 63 4.4.1 Spannungen zwischen Richard und der Provinzleitung . . . . . 63 4.4.2 Noviziat und philosophische Studien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 4.4.3 Ganz-Hingabe an Gott? – Richards Seelenkrise . . . . . . . . . . . . . 68 4.4.4 Kreuzträger für andere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 4.4.5 Priesterweihe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 4 5 Lehrjahre – Richard erfährt seine Grenzen 78 4 6 Richards zweite Heimat: Schlesien und Sudetenland 82 4.6.1 Die Domizile Frankenstein und Katscher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 4.6.2 Chancen für Schüler aus armen Verhältnissen . . . . . . . . . . . . . . 85 10 Inhalt 4.6.3 Der „Maßnahmestaat“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 4.6.4 Halt und Stärke durch die Familie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 4.6.5 Aufbau der Seelsorgearbeit nach Vinzenz Pallotti . . . . . . . . . . . 94 4.6.6 Verantwortung in der Kommunität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 4.6.7 Zwischen Frankenstein und Branitz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 4.6.8 Kontroverse mit dem Nationalsozialismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 4.6.9 Im Dienst von Prälat Nathan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 4 7 Administrator in Strandorf 123 4.7.1 Seelsorge im Sinne der Liturgischen Bewegung . . . . . . . . . . . . 124 4.7.2 Verhaftung in Ratibor. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 4.7.3 Opfer seines Berufes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 4 8 Konzentrationslager Dachau 129 4.8.1 Die Reise nach Dachau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 4.8.2 „Gott ist uns hier näher als anderswo“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 5 Die Ereignisse nach seinem Tod 149 6 Übersicht über das Leben von P Richard Henkes im Zusammenhang mit historisch relevanten Daten und Ereignissen 157 7 Zeitgenossen und Bischöfe urteilen 167 8 Literaturverzeichnis 171 Anhänge I 11 Abkürzungsverzeichnis Apg. BA Bl Apostelgeschichte Bundesarchiv Blatt/Blätter Br. Can. Bruder Canon d. Verf. die Verfasserin DAL Diözesanarchiv Limburg Fr. ggfs. Frater gegebenenfalls GTO Geistliche Tagesordnung Hebr HJ Hebräerbrief Hitlerjugend Jg. Jahrgang kath. KL Kor k.v. KZ katholisch Konzentrationslager (vgl. KZ) Korinther kriegsverwendungsfähig Konzentrationslager (vgl. KL) Joh Johannesevangelium Mk MT Markusevangelium Matthäusevangelium MTA Mater Ter Admirabilis n. b. nicht bekannt NL NSDAP NS Nachlass Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (1920–1945), vorher DAP Nationalsozialismus, auch nationalsozialistisch o. D. ohne Datum Offb öfftl. Offenbarung des Johannes öffentlich o. J. ohne Jahreszahl o. S. ohne Seitenangabe OS Ostsudetenland P. Pater PE Partikularexamen Prov. Provinzial PSM Pia Societas Missionum PTHV SA Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar Sturmabteilung der NSDAP ab 1920 SAC Societas Apostolatus Catholici 12 abkürzungsVerzeIchnIs Schön. Schönstatt SJ sog. SS Societas Jesu („Gesellschaft Jesu“) – Namenszusatz der Mitglieder des Jesuitenordens so genannt Schutzstaffel der NSDAP ab 1925 ZAPP Zentralarchiv der Pallottiner-Provinz Weish Das Buch der Weisheit 13 Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Pater Richard Henkes, Ölbild von Andy Givel SAC 2002, mit freundlicher Genehmigung veröffentlicht, Kopie einer Ansichtskarte des Pallotti-Verlages, Friedberg bei Augsburg. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .33 Abbildung 2: Primizbild Teil A, Dokument erhalten von Prof. Dr. Manfred Probst (SAC), PTHV. . . . . . . . . . . . . . . . .35 Abbildung 3: Primizbild Teil B, Dokument erhalten von Prof. Dr. Manfred Probst (SAC), PTHV. . . . . . . . . . . . . . . . .36 Abbildung 4: Geburtshaus von Richard Henkes, heute Hauptstraße 10, Gemeindearchiv Ruppach-Goldhausen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .37 Abbildung 5: Andenken an die heilige Kommunion, ZAPP Limburg, Personalakte Henkes, Richard, P 12-7. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .38 Abbildung 6: Tauf- und Firmzeugnis, ZAPP Limburg, Personalakte Henkes, Richard, P 12-7. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .39 Abbildung 7: Sittenzeugnis, ZAPP Limburg, Personalakte Henkes, Richard, P 12-7. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .40 Abbildung 8: Schulentlassungszeugnis, ZAPP Limburg, Personalakte Henkes, Richard, P 12-7. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .41 Abbildung 9: Allgemeiner Lehrplan, ZAPP Limburg, Lehrplan für das humanistische Studienheim der Kongregation der Pallottiner Kloster Schönstatt in Vallendar, 1912. . . . . . . . . . . . . . .45 Abbildung 10: Klassenraum des Studienheims, veröffentlicht in: Schlickmann, Dorothea; Die Idee von der wahren Freiheit. Eine Studie zur Pädagogik Pater Josef Kentenichs, Vallendar-Schönstatt 2007, 50. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .47 Abbildung 11: Leitwort von Vinzenz Pallotti, „Caritas Christi urget nos“, Aufnahme Br. Georg Adams (SAC), 4.11.2010. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .48 Abbildung 12: Das Bild vom Coenakulum, Seraph Cesaretti nach einem Kupferstichvorbild von Friedrich Overbeck (1789–1869), Rom, Pallotti-Verlag, Friedberg bei Augsburg, Kopie einer Ansichtskarte, Original: Öl auf Leinwand in der Kirche der Pallottiner in Friedberg seit 1962. . . . . . . . . . . . . .52 14 abbIldungsVerzeIchnIs Abbildung 13: Sodalenalbum, Richard Henkes mit der fortlaufenden Nr. 55, Franz-Reinisch-Archiv der Schönstatt-Patres, Vallendar/Schönstatt. . . . . . . . . . . . . . .54 Abbildung 14: „Dreimal wunderbare Mutter“, Königin und Siegerin von Schönstatt, Schönstatt-Verlag, Vallendar/Schönstatt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .57 Abbildung 15: Studienheim in Vallendar/Schönstatt veröffentlicht in: Schlickmann, Dorothea; Die Idee von der wahren Freiheit. Eine Studie zur Pädagogik Pater Josef Kentenichs, Vallendar-Schönstatt 2007, 43. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .59 Abbildung 16: Richard Henkes im Kreise der Abiturienten und anderer Mitschüler (Richard Henkes, letzte Reihe, 5. von rechts), Gemeindearchiv Ruppach-Goldhausen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .62 Abbildung 17: Erklärung von Richard Henkes zum Eintritt in das Noviziat, ZAPP Limburg, Personalakte Henkes, Richard, P 12-7. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .64 Abbildung 18: Vinzenz Pallotti von Oskar Kokoschka, Pallotti-Verlag, Friedberg bei Augsburg, Kopie einer Ansichtskarte. . . . . . . . . . . . . . . .67 Abbildung 19: Missionshaus in Limburg, Ausbildungsstätte der Novizen, Gemeindearchiv Ruppach-Goldhausen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .69 Abbildung 20: Herz-Jesu-Missionshaus in Frankenstein/Schlesien, Gemeindearchiv Ruppach-Goldhausen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .72 Abbildung 21: Weiheversprechen vom 25. September 1924, ZAPP Limburg, Personalakte Henkes, Richard, P 12-7. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .73 Abbildung 22: Pater Richard Henkes PSM, Gemeindearchiv Ruppach-Goldhausen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .76 Abbildung 23: Textteil des Primizbildes, Dokument in Kopie von Prof. Dr. Manfred Probst, PTHV. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .77 Abbildung 24: Richard Henkes im Kreise seiner Familie, Gemeindearchiv Ruppach-Goldhausen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .78 Abbildung 25: Schlesien/OS, veröffentlicht in: Knispel, das Rundangerdorf, http://knispel-os.info/Dorf/rundangerdorf.htm, 20.11.2016. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .82 Abbildung 26: Richard Henkes eingeschlafen in der Küche in Katscher, Gemeindearchiv Ruppach-Goldhausen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .84 15 abbIldungsVerzeIchnIs Abbildung 27: Prälat Joseph Martin Nathan, veröffentlicht in: Grocholl, Wolfgang; Joseph Martin Nathan. Leben und Leiden für eine grenzenlose Caritas im mährisch-schlesischen Land, Eschershausen 1990, Bildteil XV. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .85 Abbildung 28: Schüler und Lehrer des Vinzenz-Pallotti-Kollegs in Katscher, Gemeindearchiv Ruppach-Goldhausen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .86 Abbildung 29: Das Kabinett Hitler nach seiner Ernennung am 30. Januar 1933, veröffentlicht in: Fragen an die deutsche Geschichte. Ideen, Kräfte, Entscheidungen. Von 1800 bis zur Gegenwart, Deutscher Bundestag/Referat für Öffentlichkeitsarbeit (Hrsg.), Bonn 1991, Bildteil V/227. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .88 Abbildung 30: 1. April 1933, Boykott jüdischer Geschäfte, veröffentlicht in: Fragen an die deutsche Geschichte. Ideen, Kräfte, Entscheidungen. Von 1800 bis zur Gegenwart, Deutscher Bundestag/Referat für Öffentlichkeitsarbeit (Hrsg.), Bonn 1991, Bildteil VI/252. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .89 Abbildung 31: Bücherverbrennung vom 10.5.1933, veröffentlicht in: Fragen an die deutsche Geschichte. Ideen, Kräfte, Entscheidungen. Von 1800 bis zur Gegenwart, Deutscher Bundestag/Referat für Öffentlichkeitsarbeit (Hrsg.), Bonn 1991, Bildteil VI/253. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .91 Abbildung 32: Maßnahmen und KZ-Strafen gegen katholische Priester, veröffentlicht in: Hummel, Karl-Josef/Kißener Michael; Die Katholiken und das Dritte Reich, Kontroversen und Debatten, Paderborn 2009, 23. . . . . . . . . . . . . . . .92 Abbildung 33: “Hitler ohne Maske”, Zeichnung von KZ-Häftling J. Wiesenthal, 1945, veröffentlicht in: Lenz, M. Johannes; Christus in Dachau, Wien 1971, 365. . . .93 Abbildung 34: Lehrerkolleg in Katscher, (Richard Henkes 1. von links), Gemeindearchiv Ruppach-Goldhausen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .95 Abbildung 35: Exerzitiensaal im St. Josef-Haus, Gemeindearchiv Ruppach-Goldhausen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .97 Abbildung 36: Künstlerin und Zeitzeugin Cilly Schmidt-Kramny, veröffentlicht in: Grocholl, Wolfgang; Joseph Martin Nathan. Leben und Leiden für eine grenzenlose Caritas im mährisch-schlesischen Land, Eschershausen 1990, Bildteil XV, o. S. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .98 Abbildung 37: Andenken an die Exerzitien 1936, ZAPP Limburg, Personalakte Henkes, Richard, P 12-7. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .99 16 abbIldungsVerzeIchnIs Abbildung 38: Richard Henkes im Kreise der Lehrer in Katscher, Gemeindearchiv Ruppach-Goldhausen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .101 Abbildung 39: Frankenstein in Schlesien, Gemeindearchiv Ruppach-Goldhausen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .102 Abbildung 40: Bischof Clemens August Graf von Galen, veröffentlicht in: Lenz, M. Johannes; Christus in Dachau, Wien 1971, 345. . . . . . . .105 Abbildung 41: Hetzkampagnen gegen die Kirche, veröffentlicht in: Rupp, Walter/Vieregg, Hildegard; Pater Rupert Mayer SJ. Eine Dokumentation in Texten und Bildern, Neuried 1987, 52. . . . . . . . . . . . . . . . . .109 Abbildung 42: Hetzkampagne gegen Geistliche, veröffentlicht in: Rupp, Walter/Hildegard, Vieregg; Pater Rupert Mayer SJ., Neuried 1987, 52. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .110 Abbildung 43: Katholische Kirche in Ruppach, Gemeindearchiv Ruppach-Goldhausen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .112 Abbildung 44: Plakat April 1938: Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs und Wahlen zum Großdeutschen Reichstag, veröffentlicht in: Fragen an die deutsche Geschichte. Ideen, Kräfte, Entscheidungen. Von 1800 bis zur Gegenwart, Deutscher Bundestag/Referat für Öffentlichkeitsarbeit (Hrsg.), Bonn 1991, Bildteil VI/257. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .113 Abbildung 45: Protektorat Böhmen und Mähren/Sudetenland, veröffentlicht in: Landkarte des Sudetenlands, http://www.flaggenlexikon.de/fsudeten.htm, 20.11.2016. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .114 Abbildung 46: Spruchband in Wien zur Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs, veröffentlicht in: Fragen an die deutsche Geschichte. Ideen, Kräft, Entscheidungen. Von 1800 bis zur Gegenwart, Deutscher Bundestag/Referat für Öffentlichkeitsarbeit (Hrsg.), Bonn 1991, Bildteil VI/260. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .115 Abbildung 47: Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, veröffentlicht in: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei: Reichsgesetzblatt_25_Juli_1933.jpg, 20.11.2016. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .116 Abbildung 48: Heil- und Pflegeanstalt in einer Darstellung um 1915, veröffentlicht in: Grocholl, Wolfgang; Joseph Martin Nathan. Leben und Leiden für eine grenzenlose Caritas im mährisch-schlesischen Land, Eschershausen 1990, Bildteil XV, o. S. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 Abbildung 49: Exerzitienhaus „St. Josef “, veröffentlicht in: Grocholl, Wolfgang; Joseph Martin Nathan. Leben und Leiden 17 abbIldungsVerzeIchnIs für eine grenzenlose Caritas im mährisch-schlesischen Land, Eschershausen 1990, Bildteil XV, o. S. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .119 Abbildung 50: Exerzitienkurs, geleitet von Pater Richard Henkes, veröffentlicht in: Grocholl, Wolfgang; Joseph Martin Nathan. Leben und Leiden für eine grenzenlose Caritas im mährisch-schlesischen Land, Eschershausen 1990, Bildteil XV, o. S. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .120 Abbildung 51: Hultschiner Ländchen, veröffentlicht in: Hulcin Region, From Wikipedia, the free encyclopedia, https://en.wikipedia.org/wiki/Hlucin_Region, 20.11.2016. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .123 Abbildung 52: Ortslage von Strahovice (ehemals Strandorf), veröffentlicht in: http://www.bing.com/images/search?q=Strahovice+Map&id, 20.11.2016. . . . . . . . .124 Abbildung 53: Häusersegnung in Strandorf, Gemeindearchiv Ruppach-Goldhausen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .126 Abbildung 54: Wachturm im KZ Dachau, Aufnahme: Franz-Josef Gerhardt vom 18.9.2010. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .130 Abbildung 55: Standorte der Baracken, Aufnahme: Franz-Josef Gerhardt vom 18.9.2010. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .130 Abbildung 56: Verbrennungsöfen im Krematorium, veröffentlicht in: Lenz, M. Johannes; Christus in Dachau, Wien 1971,365. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .131 Abbildung 57: Eingangstor des KZ Dachau, Aufnahme: Franz-Josef Gerhardt vom 18.9.2010. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .132 Abbildung 58: Gedenkstein „Block 26“, Aufnahme: Franz-Josef Gerhardt vom 18.9.2010. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .134 Abbildung 59: Innenraum der Kapelle des Priesterblockes 26, Gemeindearchiv Ruppach-Goldhausen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .135 Abbildung 60: „Unsere Liebe Frau von Dachau“, Aufnahme von Franz-Josef Gerhardt vom 18.9.2010. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .136 Abbildung 61: Gebet von Pater Rupert Mayer SJ, veröffentlicht in: Rupp, Walter/Vieregg, Hildegard; Pater Rupert Mayer SJ. Eine Dokumentation in Texten und Bildern, Neuried 1987, 86. . . . . . . . . . . . . . . . . .137 18 abbIldungsVerzeIchnIs Abbildung 62: Wybert-Dose von Richard Henkes, aufbewahrt bei den Pallottinern in Limburg, ZAPP Limburg. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .138 Abbildung 63: Die Lagerstraße des KZ Dachaus, Aufnahme von Franz-Josef Gerhardt vom 18.9.2010. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .140 Abbildung 64: Restteile der Zugendstation im KZ, Aufnahme von Franz-Josef Gerhardt vom 18.9.2010. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .143 Abbildung 65: Schlaf- und Wohnplatz der Typhuskranken und Invaliden, veröffentlicht in: Lenz, M. Johannes; Christus in Dachau, Wien 1971,362. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144 Abbildung 66: Typhusleichen auf der Blockstraße, 1945, veröffentlicht in: Lenz, M. Johannes; Christus in Dachau, Wien 1971, 363. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .146 Abbildung 67: Gedenkbild von Pater Richard Henkes, 1. November 1990, ZAPP Limburg, Personalakte Henkes, Richard, P 12-7. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .146 Abbildung 68: Mahnmal in verschiedenen Sprachen, Aufnahme von Franz-Josef Gerhardt vom 18.9.2010. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .147 Abbildung 69: Katholische „Todesangst-Christi-Kapelle“, Aufnahme von Franz-Josef Gerhardt vom 18.9.2010. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .148 Abbildung 70: Ehrung von Richard Henkes vom 1.9.1988, von links: Archimandrit Johannes Peters, P. Johannes Kruske und Georg Reitor, Aufnahme von Bert Meyer, ZAPP Limburg. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .151 Abbildung 71: Übertragung der Urne in die Bischofsgruft am 1. November 1990, ZAPP Limburg, U.75-4 27. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .152 Abbildung 72: Die Urne von Richard Henkes, ZAPP Limburg, U.75-4 43. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .153 Abbildung 73: Ölgemälde „Pater Richard Henkes“ von Beate Heinen, mit freundlicher Genehmigung der Künsterin Beate Heinen veröffentlicht, Bild erhalten von Bürgermeister Gerold Sprenger. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .154 Abbildung 74: Szene aus dem Theaterstück über Pater Richard Henkes im Jahre 2000, Gemeindearchiv Ruppach-Goldhausen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .155 Abbildung 75: Die versiegelten Unterlagen des bischöflichen Erhebungsverfahrens, Gemeindearchiv Ruppach-Goldhausen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .156 19 abbIldungsVerzeIchnIs Abbildung 76: Bischof Mons. František Václav Lobkowicz Opraem, Gemeindearchiv Ruppach-Goldhausen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .167 Abbildung 77: Regens Dr. Josef Beran, Kardinal in Rom, veröffentlicht in: Lenz, M. Johannes; Christus in Dachau, Wien 1971, 345. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .168 Abbildung 78: Prof. Dr. Manfred Probst, veröffentlicht in: www.pthv.de/theologie-dozenten/profprobst/20.11.2016. . . . . . . .169 Abbildung 79: KZ Priester Hermann Scheipers, veröffentlicht in: file:///home/adams/websites/pallottiner.org_2015, 14.03.2017. . . .170 Abbildung 80: Gedanken an Richard Henkes von Hubert Lenz, veröffentlicht in: Pallottis Werk, 47. Jg, Heft 1, 1996, 12. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .170 21 1 Quellenlage und Hinweise zur Biographie 1.1 Quellenlage Zur Erschließung zeitgenössischer Quellen über Richard Henkes diente maßgeblich das ZAPP in Limburg, wo die gesammelten Aktenbestände und Materialien wie Korrespondenzen, Nachlässe, Personalakten, Zeugnisse und Urkunden der Pallottiner-Gesellschaft aufbewahrt werden. Eine differenzierte Beurteilung konnte mit Hilfe der Personalakte Henkes, Richard, P 12–7, und mit dem persönlichen Nachlass von P. Wilhelm Schützeichel, gesammelt im Ordner von P.  Ludwig Münz, erzielt werden. Die Akten enthalten vor allem Zeugnisse, Lebensdaten, Zeugenaussagen, erklärende Hinweise zu anderen Aktenbeständen und persönliche Briefe von Richard Henkes. Schützeichel gehörte zu Henkes’ Promotoren. Sehr detailliert und objektiv hat er seine Aufzeichnungen geführt und aufschlussreiche Quellen erschlossen. Darüber hinaus erwiesen sich folgende Akten als hilfreich: C.S.R. 1937–1939, Korrespondenz mit Stationen und mit Mitgliedern; die Akte convolut, Erhebungen, R. Henkes; die Akten Katscher, Bd. 1, A11/50, Bd. 2, A11/51, Bd. 4, A11/53 und Frankenstein A11/24, A11/25 sowie die Aktensammlungen P.-Henkes-Ehrung; Pater-Richard-Henkes-Freundeskreis; Sudetenland-C.S.R-Bischöfliche Behörden; Vallendar: Studienheim Schönstatt 1919–1926, A15c; Allebrod, E. (SAC); Ordner EV3 und die Bände des Provinzials der Limburger Pallottiner-Provinz (Hrsg.); Mitteilungen der Limburger Pallottiner-Provinz, Bd. 1–6, Limburg 1919–1936. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Akten zwar mit Titel versehen, teilweise aber ohne Regis traturnummer, ohne Autor und ohne systematische Seitenangaben. Eine Akte mit einem persönlichen Nachlass von Richard Henkes existiert nicht. Viele seiner Texte, vor allem Predigten und Exerzitienübungen, aber auch seine Briefe, insbesondere aus dem Konzentrationslager Dachau, sind infolge der Wirren des Krieges verloren gegangen. Die Priesterkartei Richard Henkes, die ich im DAL fand, bot eine systematische Gliederung des Lebens von Richard Henkes. 1.2 Hinweise zur Biographie 1. Die von mir studierten Quellen besagen entgegen der in der Literatur vertretenen Meinung, dass die Asche von P. Richard Henkes nicht allein über den Weg der Pallottiner im Jahre 1945 von Dachau nach Limburg gekommen ist, sondern ein Restteil erst 1954 durch Pfarrer Leo Pfanzer nach Limburg gelangt ist. Grundlage dieser Erkenntnis sind eine Urkunde und ein Schreiben von Leo Pfanzer vom 24. November 1954, die im ZAPP Limburg in der Akte P. Henkes Ehrung, Übertragung der Urne 1. Nov. 1990, dokumentiert sind (Anhang I, Urkunde, I und Anhang II, Brief von Leo Pfanzer vom 24.11.1954, II). Die Restasche wurde bis zur Umbettung der Urne im Jahre 1990 im Provinzialat der Pallottiner in Limburg aufbewahrt. Die 22 Quellenlage und hInweIse zur bIographIe Umbettung der Urne in die Bischofsgruft ermöglichte, dass auch die später angekommene Restasche der Urne zugeführt werden konnte. Die in der Literatur kritisch gesehene Zeugenaussage von Pfarrer Richard Schneider, der für die Einzelverbrennung im KZ Dachau sorgte und die Asche an Pfanzer übergab, muss deshalb nun als glaubwürdig und authentisch betrachtet werden. Schneider hat auf diesem Weg auch die Aschenreste von P. Engelmar Unzeitig, Dekan August Wessing und einem polnischen Seelsorger gerettet (Anhang III, Zeugenaussage von Pfarrer Richard Schneider vom 16.8.1982, III). Die Details dazu, wie, wo und wann die Asche in zwei Teile getrennt wurde, bedürfen weiterer Untersuchungen. Angenommen werden darf, dass sowohl die Pallottiner, die einen Teil der Asche nach Kriegsende mit nach Limburg brachten, als auch Pfarrer Schneider davon ausgegangen sind, dass sie die Gesamtasche beförderten. 2. Die Anfrage beim Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen über die Staatsangehörigkeit der Bewohner des Blocks 17 im KZ Dachau ergab, dass dieser im Winter 1944/45 mit Häftlingen aus unterschiedlichen Nationen belegt war. Bei einer stichprobenartigen Prüfung konnte im Block 17 die deutsche, russische, bulgarische, polnische, griechische, italienische, tschechische und französische Staatsangehörigkeit festgestellt werden. Die Zeitgenossen und Mithäftlinge im KZ Dachau, Eduard Allebrod (SAC) und der Archimandrit Josef Johannes Peters, gehen irrtümlich davon aus, dass der Block 17 vorwiegend von Tschechen bewohnt wurde. Deshalb bezeichneten sie den Block 17 als „Tschechenblock“. Bei der Namensrecherche nach Richard Henkes wurden „wöchentliche Geldanforderungslisten“ gefunden, die am 15. Dezember 1944, am 19. Januar 1945 und am 19. Februar 1945 ausgestellt worden waren. Diese Aussage bestätigt, dass Richard Henkes schon sehr früh die Tätigkeit als Krankenpfleger der Invaliden im Block 17 übernommen hatte (Anhang IV, Recherche des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen an die Verfasserin vom 23.11.2010, V). 3. Zitate sind der neuen Rechtschreibung angepasst. 4. Die Biographie beginnt mit der Kindheit, wobei ich mir erlaubt habe, P. Richard Henkes mit dem Vornamen anzusprechen. Damit die Biographie keinen Stilbruch erleidet, habe ich für die weitere Darstellung auch aus ästhetischen Gründen den Vornamen Richard beibehalten. 5. Zitate von Richard Henkes erscheinen in kursiver Schrift. 6. Begriffe, Sachverhalte und historische Begebenheiten werden, wenn sie einer näheren Erläuterung bedürfen, in den Anmerkungen erklärt. Diese ergänzenden Informationen sind mit in die Fußnoten aufgenommen worden, damit sie den Fluss der biographischen Ausführungen nicht stören. 7. Die Lebensdaten der aufgeführten Personen sind aus der in den Fußnoten angegebenen Literatur entnommen, sofern es sich nicht um Personen handelt, die der Gemeinschaft der Pallottiner angehören. Die Daten der Pallottiner sind aus dem Totenbuch der SAC von 2001 (ZAPP Limburg) entnommen. Die Daten der Päpste beziehen sich auf ihre Amtszeit. 23 2 Prolegomena Die Weltanschauung und Selbstinszenierung des Nazi-Regimes, die Menschen gefährlich faszinierten und heute noch faszinieren können, wurde gebrochen durch die Taten und die Worte mutiger Christen, deren religiöser Glaube fundamentale Bedeutung für ihr Handeln hatte. Früher als andere Menschen erkannten diese Widerstandskämpfer die Reichweite der Unrechtshandlungen und der Weltanschauung des Nationalsozialismus mit ihrem unaufhaltsamen Vernichtungswillen gegenüber Rassen, Völkern, politischen Parteien und der Kirche. Etwa 4000 katholische Priester, die getreu den Worten der Bibel „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29) folgten, wurden entweder in ihrer Diözese erschossen oder nach Deportierung durch Misshandlungen, Krankheiten, Lagerhinrichtungen oder medizinische Experimente willkürlich zu Tode gebracht. Einer von ihnen ist Pater Richard Henkes SAC (1900–1945), der sich den Anschauungen des Nationalsozialismus widersetzte, in das Konzentrationslager Dachau deportiert wurde und dort freiwillig die Pflege an Typhus erkrankter Menschen aus unterschiedlichen Nationen Europas leistete. Erst 53 Jahre nach Kriegsende wurde die erste Erinnerung an Richard Henkes 1998 durch seinen ehemaligen Schüler Georg Reitor geweckt. Richard Henkes, ein lange verkannter und spät erwachter Diener Gottes, steht insbesondere als Stellvertreter für die vielen noch unerkannten Glaubenszeugen, deren Lebenswege unterschätzt oder vergessen wurden und deren Vermächtnisse auf diese Weise bis heute oder vielleicht für immer unter Verschluss bleiben. Die Aufmerksamkeit gilt also nicht nur den großen religiösen Persönlichkeiten wie Martin Luther King, Dietrich Bonhoeffer, Edith Stein oder auch Maximilian Kolbe, sondern jenen noch vielen Namenlosen, die zur Lebendigkeit der Ortskirchen wesentlich beigetragen haben. Für viele westliche, säkularisierte Menschen ist die Haltung der Glaubenszeugen, für eine Idee oder religiöse Überzeugung im Ernstfall das Leben zu opfern, eher suspekt oder fragwürdig. Gerade aber die christlichen Kirchen haben immer an der speziellen Bedeutung der Glaubenszeugen festgehalten. Auch Schulen, Kirchen, Straßen, Gemeindehäuser und Gedenkstätten tragen den Namen engagierter Christen, doch die historischen Hintergründe ihres Wirkens und Handelns sind vielen Menschen nicht wirklich bekannt. Umso mehr bedarf es Bemühungen, das Leben der Glaubenszeugen zu skizzieren. Die Biographie soll dazu dienen, Richard Henkes als Vorbild herauszustellen. Seine Opfer- und Liebestat ist kein Produkt des Zufalls, sondern sie ist durch sein ganzes Leben hindurch gewachsen. Gerade deshalb genügen charakteristische Gedenk- und Erinnerungssymbole für sich alleine nicht. Sein Vermächtnis an Opfermut, Glaubensstärke, Nächstenliebe sowie sein menschenwürdiges Verhalten gegenüber fremden Menschen gibt uns ein Beispiel dafür, friedfertig und tolerant gegenüber anderen Völkern und Nationen zu denken und zu handeln. Dieser wichtigen Aufgabe müssen sich die Menschen aller Nationalitäten mehr als je zuvor stellen, besonders heute im Zuge der Globalisierung und der zunehmenden Migrationsbewegungen. Zugleich soll die Biographie einen 24 prolegomena Beitrag dazu leisten, das Gemeinwohl vor Ichbezogenheit und Selbstverherrlichung zu stellen, Menschenwertigkeit vor Besitzliebe zu achten und anstatt gesellschaftliche Apathie zu leben, wieder mehr Interesse für Kirche, Politik und Gemeinschaft zu wecken. 25 3 Einleitung Im Blick auf die vielfältigen Erscheinungen und Darstellungen von historischen Martyrern beschreibt die kirchliche Tradition die Martyrer mit anschaulichen Worten wie „Wolke von Zeugen“ (Hebr 12,1) oder „Große Schar“ (Offb 19).2 Der Begriff „Martyrer“ ist aus dem griechischen Wort „martyrion“ abgeleitet worden; dies bedeutet ein Zeugnis vor Gericht, entstammt also ursprünglich aus dem Rechtsleben. Wer das Zeugnis ablegt, ist der martys, der Zeuge.3 Daneben wird das Wort „Martyrer“ auch für einen Menschen verwendet, der uneingeschränkt für die Wahrheit eintritt, Meinungen und Ansichten vertritt, von denen er überzeugt ist. Dies gilt insbesondere für moralische und religiöse Überzeugungen.4 Dabei ist der Martyrer bereit, bis zur Opferung seines Lebens zu gehen, ohne dieses Opfer „leichtfertig zu riskieren“ oder ohne „sehnsüchtig danach zu streben“. Der Martyrer handelt wahrhaftig und opfert sein Leben für seinen Glauben.5 Die „Ur-Kunde“ des Martyriums ist die Bibel.6 Aus der frühchristlichen Quelle des Martyriums des Polycarp geht hervor, dass die Verbindung von Martyrer, Christus und Kirche das Martyrium gemäß dem Evangelium legitimiert. Dabei, so begründet Meier, sei die aus dem Glauben erwachsene Bereitschaft zum Blutzeugnis in der Nachfolge Jesu entscheidend (Jesus, der „treue Zeuge“, Offb 1,5).7 In der Bergpredigt verkündigt Jesus die Seligpreisungen, die den Christen das Verständnis der christlichen Martyrerexistenz vermitteln: „Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle möglichen Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt“ (Mt 5, 10–12). Die Aussendungsrede (Mt 9,35–11,1) sowie die Rede über die Endzeit (Mt 24,1–25,46) offenbaren das Zeugnis, dass Jesus seinen Jüngern eine schwere Mission aufgetragen hat. „Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Nehmt euch aber vor den Menschen in Acht! Denn sie werden euch vor die Gerichte bringen und in ihren Synagogen auspeitschen. Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt, damit ihr vor ihnen und den Heiden Zeugnis ablegt“ (Mt 10,16–18). Gegen Ende der Aussendungsrede steht der Aufruf zur opferbereiten Nachfolge Jesu, mit dem Hinweis darauf, dass es sich um eine Entscheidung auf Leben und Tod handelt. „Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen“ (Mt 10,39). Martyrer Jesu zu sein, bedeutet, das Leben einsetzen. Dieser Ein- 2 Maier, Hans; Politische Martyrer. Erweiterungen des Martyrerbegriffs in der Gegenwart, in: Stimmen der Zeit, Heft 5, Freiburg, Mai 2004, 291. 3 Meier, 2004, 292. 4 Scheele, Paul-Werner, Zum Zeugnis berufen. Theologie des Martyriums, Würzburg 2008, 20. 5 Meier, 2004, 292. 6 Scheele, 2008, 13. 7 Meier, 2004, 292. 26 eInleItung satz kann bis zum Letzten gefordert sein: „Wer bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet“ (Mt 10,22).8 In der Liturgie feiert die Kirche das Gedächtnis der Glaubenszeugen, die Jesus nachgefolgt sind und ihr „Blut vergossen“ haben, als „Zeugen des Glaubens“, und „dass jedes Martyrium seinen Ursprung hat in diesem einen Opfer Jesus Christi“.9 Zur Darstellung eines realistischen Bildes der Glaubenszeugen gehört die „Erkenntnis ihrer Menschlichkeit und ihrer Sündhaftigkeit“, ohne die man nicht urteilen kann, was die Gnade Gottes in ihnen bewirkt hat. Das, was den Martyrer ehrt, sind der Glaube, die Hoffnung und die Liebe, die jedem Christen als Grundlage bei der Taufe mitgegeben wurden.10 Im Jahre 2000 rief Papst Johannes Paul II. (1978–2005) alle Bischofskonferenzen dazu auf, ein Martyrologium 2000 zu erstellen, um dem „Verdrängen der geschichtlichen Gräueltaten“ Einhalt zu gebieten, aber auch zugleich, um der „eigenen Geschichte vorurteilsfrei begegnen“ zu können. Moll äußert, dass es neben vielfältigem Versagen der Kirche auch heroische Glaubenszeugnisse von Christen gegeben habe, deren Andenken gewahrt werden müsse.11 Im Apostolischen Schreiben „Tertio millennio adveniente“ verkündete Papst Johannes Paul II.: „Am Ende des zweiten Jahrtausends ist die Kirche erneut zur Märtyrerkirche geworden.“ Er betonte, die reiche Saat von Martyrern, ob Priester, Ordensleute oder Laien, sei zum gemeinsamen Erbe von Katholiken, Orthodoxen, Anglikanern und Protestanten geworden, wie bereits Paul VI. in der Homilie bei der Heiligsprechung der Martyrer von Uganda betont habe. Deshalb forderte er alle Ortskirchen dazu auf, die Erinnerungen an diejenigen wach zu halten, die das Martyrium erlitten haben. „Das ist ein Zeugnis“, so Papst Johannes Paul II., „das nicht vergessen werden darf “ (Nr. 37).12 Für Deutschland erstellte Prälat Dr. Helmut Moll das Martyrologium, in dem auch P. Richard Henkes aufgeführt wird.13 Für die Aufnahme der Glaubenszeugen in das deutsche Martyrologium gelten die Grundlagen der Heiligen Schrift, der kirchlichen Überlieferungen und die des Lehramtes. Diese bis heute noch gültigen verbindlichen, theologischen und kanonistischen Kriterien zur Bestimmung des Martyriums hat der italienische Kanonist Prospero Lambertini, der spätere Papst Benedikt XIV. (1740–1758), in seinem vierbändigen lateinischen Werk „Opus de servorum Dei beatificatione, et beatorum canonizatione“ definiert. Neben anderen Kriterien nennt Lambertini drei Hauptmerkmale, die für die Bestimmung des Martyriums gegeben sein müssen: 8 Ebd., 22, 23. 9 Moll, Helmut (Hrsg.), Theologische Einführung, in: Zeugen für Christus: das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, Paderborn 1999, 3. Aufl. 2001, XXXII. 10 Scheele, 2008, 233. 11 Vgl.: Moll, Helmut (Hrsg.), Eine Einführung, in: Die katholischen deutschen Martyrer des 20. Jahrhunderts. Ein Verzeichnis, Paderborn 1999, 3. Aufl. 2001, IX u. X. 12 Apostolisches Schreiben Tertio Millennio Adveniente von Papst Johannes Paul II. an die Bischöfe, Priester und Gläubigen zur Vorbereitung auf das Jubeljahr 2000 vom 10. November 1994, herausgegeben vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, S.33. http://document.kathtube.com/32518.pdf, 20.11.2016. 13 Holzbach, Alexander, Pater Richard Henkes, in: Zeugen für Christus: Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, herausgegeben von Moll, Helmut, im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, Paderborn 1999, 829–831. 27 eInleItung 1. Die Tatsache des gewaltsamen Todes (martyrium materialiter). 2. Das Motiv des Glaubens- und Kirchenhasses bei den Verfolgern (martyrium formaliter ex parte tyranni). 3. Das Zeugnis des Glaubens bzw. die bewusste innere Annahme des Willens Gottes trotz Lebensbedrohung (martyrium formaliter ex parte victimae).14 Eine Präzisierung und Erweiterung der Kriterien für die Bestimmung des Martyriums wurde wegen der heimtückischen Tötungsabsichten, die im 20. Jahrhundert vorkamen, von Papst Paul VI. (1963–1978) durch das Apostolische Schreiben „Motu Proprio Sanctitatis clarior“ (1969) formuliert. Ferner müssen bei der Aufnahme die Neuregelung des Kanonisationsverfahren („Divinus perfectionis Magister“, 1983) durch Papst Johannes Paul II. sowie die Normen der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsverfahren beachtet werden.15 Das deutsche Martyrologium unterscheidet vier Kategorien von Blutzeugen: Martyrer aus der Zeit des Nationalsozialismus, aus der Zeit des Kommunismus, die Reinheitsmartyrien und die deutschen Blutzeugen aus den Missionsgebieten.16 Meier notiert, im Heiligsprechungsverfahren für Maximilian Kolbe habe die Kurie dem polnischen Franziskaner lediglich den Status des Bekenners zuerkennen wollen, weil er nicht „aus Hass auf den Glauben“ ermordet worden sei. Der Papst intervenierte und erreichte, dass der Tod Kolbes im Hungerbunker des Konzentrationslagers Auschwitz zur Rettung eines Familienvaters als Martyrium anerkannt und bestätigt wurde. Die „Neuakzentuierung und Auffüllung“ konnte nun bei der Beurteilung zukünftiger Kanonisationen von Martyrern nicht mehr revidiert werden. Anstelle einer „noetisch-intellektuellen“ Prüfung des Glaubens rückt nunmehr der Blick auf die „ganze Existenz“ des Zeugen und seine „freie Liebestat“ in den Vordergrund.17 Kritisch hinterfragt Meier, ob aufgrund der Aktualisierungen und Ergänzungen das Kriterium, dass der Glaubenszeuge auf keinen Fall das Martyrium aktiv suchen oder herbeiführen dürfe, ins Wanken geraten könnte. Die Option, sich zum Martyrium zu „drängen“, werde abgelehnt, dennoch gebe es Zeugen, die das Martyrium ersehnten, und die Last, man könne dieses „Opfer der Liebe“ versäumen.18 Das Martyrium des 20. Jahrhunderts wird aber weniger als passive Hingabe oder leidende Aufopferung verstanden. Vielmehr bedeutet es für viele eine „beispielhafte Tat“, ein „anfeuerndes Beispiel“, ein „Zeugnis für Wahrheit und Gerechtigkeit“. Oft, so führt Meier aus, trage es ein individuelles Gesicht. Es artikuliere den personalen Protest gegen anonyme Mächte. Die Taten der Glaubenszeugen setzen den Menschen ein Zeichen, die gehört und verstanden werden sollen, damit sie nicht als eine ohnmächtige Verwahrung historisch untergehen.19 Im Zweiten Vatikanischen Konzil wird festgehalten, dass es Martyrer geben müsse, wenn „die Kirche Kirche sein und bleiben solle“. Sie beruft sich dabei auf die Lehre des 14 Moll, 1999, Theologische Einführung, XXXI–XXXII. 15 Ebd., XXXII. 16 Moll, 1999, Eine Einführung, XII–XII. 17 Meier, 2004, 299. Anm.: Meier nennt nicht, welcher Papst sich für die Anerkennung des Martyriums für Maximilian Kolbe einsetzte. Kolbe wurde 1971 von Papst Paul VI. selig gesprochen und 1982 von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen. Schäfer, Joachim: Artikel zu Maximilian Maria (Rajmund) Kolbe, Ökumenisches Heiligenlexikon, o. S., https://www.heiligenlexikon.de/BiographienM/Maximilian_Kolbe.htm, 20. 11. 2016. 18 Ebd. 19 Ebd., 298. 28 eInleItung Hl. Paulus: „Ich lebe. Nein, ich lebe nicht mehr. Christus lebt in mir.“20 Prof. Peter Gumpel SJ führt aus, dass es also Aufgabe der Christen sei, sich der Gnade des Heiligen Geistes zu öffnen, so dass Christus in ihnen leben könne, um sein Leben in ihnen fortzusetzen. Deshalb müsse es in der Kirche Frauen und Männer geben, die die verschiedensten Aspekte und Elemente des Lebens Christi nachvollziehen, neu erleben und fortsetzen, so auch das Element des Erlösungstodes im Leben von Jesus Christus.21 Paul-Werner Scheele, der 1979–2003 als Bischof von Würzburg amtierte, nennt in seinem Buch „Zum Zeugnis berufen“ Richard Henkes (Abb. 1, 33) als Martyrer der Nächstenliebe.22 Scheele meint, dass das Kriterium der hingebenden Liebe weder Gedanken noch Gefühle seien. Gedanken könnten irren und Gefühle täuschen. Vielmehr sei der Maßstab entscheidend, die Bereitschaft zu schenken und so für andere da zu sein. Deshalb habe niemand eine größere Liebe als der, „der sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Joh 15,13). Jesus hat als Vorbild die Liebe bis zum Äußersten gelebt und ruft die Christen auf zu lieben, wie er geliebt hat (Joh 12,15).23 Als herausragendes Beispiel der hingebenden Liebe nennt Scheele P. Maximilian Kolbe. Dem fügt er hinzu, dass im Konzentrationslager (KZ) Dachau Priester, darunter Pallottinerpater Richard Henkes, ähnlich gehandelt hätten, als sie freiwillig die Pflege an Typhus erkrankter Menschen übernahmen. Am Ende [in Dachau, d. Verf.] sei Richard Henkes in besonderem Sinn Opfer seines Berufes geworden, Sacerdos et hostia.24 František Radkovský, Bischof der Diözese Plzeň, bezeichnet Richard Henkes in einem Schreiben an die Verfasserin „als mutigen Zeugen der Kirche für Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit und Liebe“. Er habe sich gegen Lüge, Ungerechtigkeit, Sklaverei und Hass des Naziregimes gestellt. Hier [in Dachau, d. Verf.] habe er außergewöhnlich seine Liebe zu den Nächsten bezeugt und sei als Opfer der Nächstenliebe und gleichzeitig als Martyrer für den Glauben, die Liebe und weitere Tugenden gestorben. Die wahre Annäherung und Einigung der Menschen und der Völker, so Bischof Radkovský, sei von den zwischenmenschlichen Beziehungen, von der Öffnung der Einzelnen und auch der Völker aufeinander abhängig. Es brauche Impulse, vor allem persönliche Beispiele und Vorbilder, die andere mitreißen können. „P. Henkes ist wirklich ein solches Vorbild“, betont Radkovský.25 František Václav Lobkowicz Opraem (Abb. 76, 167), Bischof der Diözese Ostrava und Opava, sagt über die Glaubenszeugen, die sich nach der Wahrheit des Evangeliums richten, dass sie nicht nur Vorbilder und Beispiele seien, sondern „auch ein Licht für bestimmte Situationen des Lebens“. Die Glaubenszeugen sind für Bischof Lobkowicz diejenigen, „die unsere Wertstereotype von den allgemeinen Überzeugungen zur edlen Wahrheit über das Leben, die Würde der Menschen, die Liebe zum Nächsten und die Liebe zum [zu, d. Verf.] Gott aufheben. […]. Ohne ähnliche Blitzten [Blitze, d. Verf.] des Lichtes wäre es für uns schwer zu glauben, dass es möglich ist, bis zum Opfer des eigenen Lebens zu lieben und dass es möglich ist, den anderen in der Liebe auch mit sei- 20 Gumpel, Peter, Theologie und Maryrium heute, in: L’osservatore Romano (Wochenausgabe in deutscher Sprache) vom 28.7.2000, Nummer 30, 12. 21 Ebd. 22 Scheele, 2008, 253. 23 Ebd., 251. 24 Ebd., 252. 25 Anhang VI, Antworten bezüglich der Fragen von P. Richard Henkes an die Verfasserin, VII). 29 eInleItung ner Unterschiedlichkeit anzunehmen.“ P. Richard Henkes sei einer von solchen Zeugen. Sein Leben deute die Richtung des Weges an, der zum Verständnis und zur Annäherung unter den Völkern führe.26 Die Kommunität der Pallottiner hat die rechtlichen Schritte für ein Seligsprechungsverfahren für P. Richard Henkes im Jahre 2001 eingeleitet und überprüfen lassen.27 Am 25. Mai 2003 wurde das bischöfliche Erhebungsverfahren durch Bischof Kamphaus in Limburg eröffnet und im Jahre 2007 zum Abschluss gebracht. Seitdem wird von der Congregazione Delle Cause Dei Santi in Rom eine Seligsprechung von Pater Richard Henkes überprüft.28 Richard Henkes war Pallottiner-Pater und gehörte damit einer Männergemeinschaft an, die ihr Leben Gott weihten und sich gegenseitig versprachen, in Armut, Keuschheit und Brüderlichkeit zu leben und Gott und den Menschen zu dienen.29 Sie verstanden sich [und verstehen sich heute noch, d. Verf.] als Teil eines umfassenden von Vinzenz Pallotti (1795–1850) im Jahre 1835 gegründeten Gesamtwerkes, der Vereinigung des Katholischen Apostolates (Unio). Der Mystiker und sozial engagierte Priester (Abb. 18, 67) hatte die Vision einer Kirche, in der alle berufen sind, „Apostel“ zu sein und für den Glauben Verantwortung zu übernehmen.30 Das Katholische Apostolat ist kein Orden, sondern eine weltliche, religiöse Gesellschaft von Gläubigen, die im Geiste des Eifers und der Liebe mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln an der „Mehrung, Verbreitung und Verteidigung“ der Frömmigkeit und des katholischen Glaubens arbeiten.31 Die Marienverehrung nimmt bei Pallotti eine zentrale Stellung ein. Er sieht Maria als Vorbild. Neben Jesus Christus hegte er für die Gottesmutter Maria die größte Verehrung.32 Pallotti charakterisiert Maria als die „des Vaters gehorsamste Tochter, des Sohnes zärtlichste Mutter, des Geistes treueste Braut von vollkommener Liebe, die reinste und demütigste Mutter und Königin, das geistliche Gefäß“.33 Für Pallotti ist die Gottesmutter Maria diejenige, die „nach Jesus Christus unermesslich über allen Engeln und Heiligen die unendliche Liebe geliebt und dem unaussprechlichen Willen Gottes“ entsprochen hat. Eine besondere Stellung aller genannten Marienbenennungen hat Maria als die Königin der Apostel.34 Zum Apostolat gehört keine hierarchische oder auch priesterliche Gewalt. Deshalb kann Maria als symbolhafte Figur für alle Laien Apostel 26 Ebd. 27 Schüller, Thomas, Voruntersuchung hinsichtlich der geplanten Seligsprechung von P. Henkes, Prüfungsauftrag von Bischof Kamphaus vom 6.4.2001, Akte convolut, Erhebungen, R. Henkes, ZAPP Limburg, 1–5. 28 Priesterkartei Richard Henkes, Karte 12, DAL und Di Ruberto, Michele, Aus dem Vatikan, Brief der Congregazione Delle Cause Dei Santi an die Verfasserin, Prot. N. 2493-7/10. 29 Leugers, Antonia; Eine geistliche Unternehmensgeschichte. Die Limburger Pallottinerprovinz 1892–1932 (Pallottinische Studien zu Kirche und Welt 7), St. Ottilien 2004, 150f, 162f, 174. Vgl.: Frank, Josef, Vinzenz Pallotti. Gründer des Werkes vom Katholischen Apostolat, Bd. 2, Friedberg bei Augsburg 1962, 587–598. 30 Schützeichel, Wilhelm, Zweihundertjahrfeier der Geburt des heiligen Vinzenz Pallotti 179–1995, in: Pallottis Werk, 46. Jg., Heft 3, 1995, 4. 31 Frank, 1962, Bd. 2, 31. 32 Ebd., 565. Vgl. dazu Köster, Heinrich Maria, Die Mutter Jesu bei Vinzenz Pallotti nach seinen gedruckten Schriften, Ein Beitrag zur Theologie- und Frömmigkeitsgeschichte des 19. Jahrhunderts, Kapitel 1: Pallottis Marienbild, Limburg 1964, 15–23. 33 Köster, 1964, 16. 34 Ebd., 21. 30 eInleItung ohne priesterliche Vollmachten sein.35 Beispielhaft lässt sich Pallottis Idee von einem allgemeinen Apostolat in dem von dem Maler Seraph Cesaretti (nach einem Kupferstichvorbild von Friedrich Overbeck) geschaffenen Bild vom Coenaculum erklären (Abb. 12, 52). Maria ist nach der Himmelfahrt Jesu mit den Jüngern, den Brüdern Jesu und den anderen Frauen zusammen im Obergemach. Sie warten auf das Kommen des Heiligen Geistes. Maria ist die Mitte, um die sich jene scharen, die das Liebeswirken Jesu weiterführen wollen. Die Pfingstgemeinde soll nach Pallotti durch weitere Menschen erweitert werden, denn alle sind berufen, Apostel zu sein. Das Leitbild „Maria, Königin der Apostel“ fordert die pallottinischen Gemeinschaften immer wieder neu heraus, dem Heiligen Geist Raum zu geben, missionarische Kirche zu sein und die frohe Botschaft auf verschiedene Weise zu verkündigen.36 Der Gründer wollte mit seiner Vereinigung keine neuen Strukturen in der Kirche schaffen, sondern vielmehr existentielle Strukturen beleben.37 Dabei suchte Pallotti nach neuen Wegen für die Menschen, damit sie Gott kennen und lieben lernen. Er spürte, dass er dieses Liebeswerk nicht alleine vollbringen konnte: er brauchte Helfer, die ihn unterstützten. So konnte jeder Katholik, der von den apostolischen Ideen Pallottis inspiriert war, Mitglied werden. Dazu gehörten Laien und Geistliche, Männer und Frauen, Ordens- und Weltpriester, unabhängig von ihrem Stand, ihrer Stellung, ihrem Beruf und Vermögen.38 Pallottis Bedingung war lediglich, eine Aufgabe innerhalb der festgelegten drei Klassen zu übernehmen: die erste Klasse, die das Apostolat der Tat ausübt, also vorrangig Priester aufnimmt; die zweite Klasse, die das Apostolat des Gebetes und Opfers betreibt; und die dritte Klasse, die die Werke wirtschaftlich unterstützt.39 Die Einbeziehung von Nichtklerikern, also Laien, war ein von Pallotti getätigter revolutionärer Schritt, weil zu dieser Zeit der Begriff des Apostolates eng und ausschließlich mit der Sendung der Bischöfe als Nachfolger der ersten Apostel verbunden war. Erst 100 Jahre später wurden wesentliche Aspekte und Elemente von Pallottis Werk im Zweiten Vatikanischen Konzil einbezogen. Revolutionär war auch der Verzicht auf ein Gelübde als Grundpfeiler einer geistlichen Gemeinschaft. Die Seligsprechung von Vinzenz Pallotti erfolgte im Jahr 1950 durch Papst Pius XII. (1939–1958) und die Heiligsprechung folgte 1963 durch Papst Johannes XXIII (1958–1963).40 Pallotti war sehr geprägt und beglückt durch den Gott der unendlichen Liebe. Die Vereinigung war „in und auf der Liebe gegründet“ und auf sie hingeordnet, denn das Kennzeichen der wahren Jünger sei die Liebe, wie es Jesus selbst kundgetan hat. Die Mitglieder sollten täglich neue Stufen der Liebe erwerben, getragen von der vom Hl. Apostel Paulus beschriebenen vollkommenen Liebe („das Hohelied der Liebe“) im ersten Brief an die Korinther (1 Kor 12,31b–13,13).41 35 Ebd., 22. 36 Nakott, Werner; Zum 75-jährigen Kapellchen-Jubiläum in Schönstatt, in: argumente aktuell, 3/1989, 2. Vgl. dazu Köster, 1964, 22f. 37 Schützeichel, 1995, 4. 38 Vgl.: Frank, 1962, 34–36. 39 Ebd. 40 Beuys, Hinrich E., Die Spiritualität der Schönstattbewegung. Eine historische Studie zur missionarischen Spiritualität neuer kirchlicher Bewegungen, Köln 2007, 55. 41 Frank, 1962, 38. 31 eInleItung Pallotti weist auf diese Liebe immer wieder hin. Als Wahlspruch der Gesellschaft wählte er: „Caritas Christi urget nos“ (Die Liebe Christi drängt uns, 2 Kor 5,14).42 In diesem Leitwort drückt sich alles pallottinische Wirken und Handeln aus (Abb. 11, 48). 42 Ebd., 40. 33 4 Biographie: Pater Richard Henkes SAC (1900–1945) Abbildung 1: Pater Richard Henkes, Ölbild von Andy Givel SAC 2002 4.1 Hinführung zur Biographie Dem Aufruf des Lagerdekans Georg Schelling zum freiwilligen Dienst als Pfleger der im Stich gelassenen Typhuspatienten sind Häftling 49642 und einige polnische Priester bereits mit gutem Beispiel vorangegangen. Die Nummer 49642 ist Pallottiner-Pater Richard Henkes.43 Wesentlich früher als bisher angenommen fasst er im KZ Dachau zur Zeit der Typhusepidemie im Dezember des Jahres 1944 den persönlichen Entschluss, die Pflege zu tätigen.44 Weil er „die Kanzel zur Aufwiegelung des Volkes missbraucht“ habe, wurde er am 8.4.1943 in Ratibor von der Stapostelle Oppeln verhaftet und am 10.7.1943 in das KZ 43 Zeugenaussage Peters, Josef Johannes vom 7.10.1989, NL Schützeichel, Willy: Ordner Henkes, Richard; zusammengestellt von Münz, Ludwig, ZAPP Limburg. Vgl. dazu Grulich, Rudolf, Sudetendeutsche Katholiken als Opfer des Nationalsozialismus, Brannenburg, 1999, 52. 44 Zeugenaussage Peters, Josef Johannes vom 7.10.1989, Akte Münz. Vgl. Anhang IV, Recherche des ISD Bad Arolsen an die Verfasserin vom 23.10.2010, V. 34 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Dachau überführt.45 Letztlich sind es nicht die Predigten, die ihn ins Gefängnis geführt haben, sondern der Hass des Regimes auf die Priester der Kirche. Weil er sein Leiden von vorne herein als Opfergabe versteht, kann er es annehmen. „[I]ch bin nicht hier, weil ich vielleicht zu scharf gewesen bin, sondern ich bin wirklich ein Opfer meines Berufes geworden. Sonst wäre all das hier nicht auszuhalten“, schreibt Richard nach seiner Verhaftung aus Ratibor.46 Er gestaltet sein Leben im Dienst der christlichen Nächstenliebe aus der Kraft seines Glaubens. Kurz bevor er zum Priester geweiht werden soll, schreibt er an seinen Spiritual P. Joseph Kentenich (1885–1968), seine stärkste Seite sei die opferwillige Hingabe aus Liebe. Er wolle in der Hauptsache Opferpriester werden.47 „Gott muss tun, seine Gnade; ich muss auf seine Stimme horchen, seinem Wirken nachfühlen. In der Arbeit an andern: ich kann nichts, Gott wirkt mit seiner Gnade, ich kann nur Seelenopfer sein für andere, Kreuzträger, Blitzableiter von Gottes Zorn; wenn ich anderer Menschen Buße getan, dann ist der Weg frei für Gottes Gnade. Früher wollte ich alles allein tun, jetzt sehe ich, dass ich nichts kann; doch eins kann ich; mich für andere zum Opfer machen.“48 In seiner Liebestätigkeit wirkt er als freiwilliger Pfleger im Block 17, der nicht wie zunächst irrtümlich angenommen ausschließlich Tschechen beherbergt, sondern als Zugangsblock mit an Typhus infizierten Menschen aus unterschiedlichen Ländern Europas belegt ist.49 Zur Zeit der Typhusseuche sind das Ende des Krieges und damit der Untergang eines unmenschlich geführten, totalitären Regimes absehbar. Die Häftlinge sind sich dieser Lage bewusst und hoffen auf baldige Befreiung. Wie die anderen Inhaftierten entwickelt auch Richard Ideen für die Zukunft. Aber im Augenblick seiner Liebestätigkeit denkt er nicht an sich selbst, sondern sein Blick gilt den hilfsbedürftigen Mitmenschen. Dass er sich in dieser Sekunde der Entscheidung an sein Primizbild erinnert, ist Spekulation. Dennoch ist dieses Bild Ausdruck seines Seelenlebens, inspiriert durch die Kraft der Gottesmutter Maria. Seine marianische Spiritualität, geprägt durch seine religiöse Erziehung im Studienheim Schönstatt, begleitet ihn sein ganzes Leben. Die Vorderseite des Primizbildes zeigt die Hl. Theresia von Lisieux50 (1873–1897) kniend vor der sternengekrönten Gottesmutter mit dem Jesu-Knaben, die über dem Petersdom in Rom auf einer Wolke schweben (Abb. 2, 35). 45 Reitor, Georg, Licht in der Finsternis. Richard Henkes, in: Pallottis Werk, 42. Jg., Heft 2, 1991, 10. Vgl.: Priesterkartei Richard Henkes, Karte 8, DAL. 46 Anhang VII, handgeschriebener Brief vom 24.5.1943 aus Ratibor von Henkes an Hedwig Buhl, IX Vgl. dazu Anhang VIII, Abschrift des Briefes vom 24.5.1943 an Hedwig Buhl, XI. 47 Brief vom 3.6.1925 von Henkes an Kentenich, in: Probst, Manfred, Briefe und andere Dokumente von P. Richard P.S.M., Vallendar 2002, 128. 48 Brief vom 4.6.1925 von Henkes an Kentenich, 2002, 130. 49 Anhang IV, Recherche des ISD Bad Arolsen an die Verfasserin vom 23.10.2010, V. 50 Anm.: 1923 wurde Theresia von Papst Pius XI. selig und 1925 von ihm im Beisein von 50.000 Menschen im Petersdom heilig gesprochen. 1927 wurde Theresia zur Patronin aller Missionen erklärt. 1997 hat Papst Johannes Paul II. sie zur Kirchenlehrerin ernannt. Jakel, Michael in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Band XI (1996), Spalten 1090– 1094, www.bbkl.de/lexikon/bbkl-artikel.php?art=./T/Th/therese_v_l.art, 21.11.2016. 35 hInführung zur bIographIe Abbildung 2: Primizbild Teil A 36 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Zudem fügte er folgenden Vers von Sr. M. Regina Most51 hinzu: Abbildung 3: Primizbild Teil B Innerhalb von kurzer Zeit stirbt Richard am 22. Februar 1945, nachdem er sich infiziert hat, 66 Tage vor der Befreiung der KZ-Häftlinge durch die Amerikaner. Die freiwillige Pflege an Typhus erkrankten Häftlingen entspricht Richard Henkes’ Auffassung von Menschenwürde, Nächstenliebe und dem standhaften Festhalten an seinen Lebensgrundsätzen. 51 Anm.: Regina Most war Marienschwester des Klosters Schönstatt. 37 kIndheItsjahre Im westerwald 4.2 Kindheitsjahre im Westerwald Am 26. Mai 1900 wird Richard als neuntes von dreizehn Kindern in Ruppach im Westerwald geboren und nur zwei Tage später getauft (Abb. 6, 39). Seine Eltern, Anna Katharina (1862–1950) und Peter Henkes (1866–1939), betreiben nebenbei einen Krämerladen und, wie es für viele Westerwälder üblich ist, eine kleine Landwirtschaft.52 Deshalb wird die Familie Henkes von den Dorfbewohnern auch die „Krämersch“ genannt.53 Abbildung 4: Geburtshaus von Richard Henkes, heute Hauptstraße 10 Richards Vater ist gelernter Steinmetz, arbeitet zumeist in heimischen Steinbrüchen, zeitweise aber auch am Kölner Dom.54 Später, im eigenen Steinmetz-Geschäft in Ruppach, fertigt er auch Grabsteine für Juden aus den Nachbarhäusern an.55 Richards Mutter, die als sehr fromm beschrieben wird, trägt die Verantwortung für die Kindererziehung. Vier Kinder sterben jedoch bereits sehr früh.56 Richard wächst so im Kreise seiner Eltern, seiner vier Brüder und vier Schwestern im katholischen Milieu des wilhelminischen Kaiserreiches (1888–1914) traditionell und behutsam auf. Wie alle Dorfkinder hilft er in der häuslichen Gemeinschaft, vor allem im Krämerladen und in der Landwirtschaft.57 52 Priesterkartei Richard Henkes, Karte 10a, DAL, Lebensdaten in Akte Münz, ZAPP Limburg. 53 Holzbach, 2005, 44. 54 Kremer, Regina, Erinnerungen an ihren Bruder P. Richard Henkes, ZAPP Limburg, Akte Münz, 3. Vgl.: Anhang IX, Andenken an seinen verstorbenen Vater Peter Henkes und an seinen Bruder Karl, XIII, vgl. Holzbach, 2005, 44. 55 Probst, Manfred, Glaubenszeuge im KZ Dachau. Das Leben und Sterben des Pallottiner-Paters Richard Henkes (1900–1945), Friedberg bei Augsburg 2007, 20. 56 Akte Münz. Vgl. auch Holzbach, 2005, 44. 57 Vgl. ebd., 44f. 38 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Im Alter von sechs Jahren besucht Richard die Volksschule in Ruppach, die 1912 mit dem Schulentlassungszeugnis beendet wird. Richards Leistungen sind insgesamt gut, lassen aber keine außerordentlichen Begabungen erkennen (Abb. 8, 41).58 Sein Heimatdorf liegt in der Nähe von Montabaur und ist eine Filiale der Pfarrei Meudt. Ruppach liegt ca. 4,8 km von Meudt entfernt, ein Dorf mit 321 Katholiken, einer Kapelle, einer Schule mit einem katholischen Lehrer und insgesamt 44 katholischen Kindern.59 Die kirchliche Situation von Ruppach erlaubt nicht, einen eigenen Pfarrer vor Ort zu haben, so dass sonntägliche Gottesdienste nicht immer in der Gemeinde selbst stattfinden können. Bereits seit 1901 wirken jedoch Pallottiner-Patres als Aushilfen in der Nachbargemeinde Goldhausen und ermöglichen hier eigene Sonntagsgottesdienste.60 Später kommen auch Pallottiner-Patres nach Ruppach. Dazu gehören P. Bappert und P. Raible. Bald schon gehören sie zum festen Bestandteil der Gemeinde.61 Am 15. Oktober 1911 wird Richard gefirmt und mit P. Bappert feiert Richard Henkes am 14. April 1912 die Erstkommunion (Abb. 5).62 Abbildung 5: Andenken an die heilige Kommunion 58 Anhang X, Schulentlassungszeugnis, XIV. 59 Schematismus der Diözese Limburg, 1902, 70f, DAL. 60 Blatt, 2009, 125. 61 Probst, 2007, 21. 62 Anm.: Das Andenken an den Tag der Ersten Heiligen Kommunion ist „gewidmet von P. Bappert PSM“ (Abb. 5, 38). 39 kIndheItsjahre Im westerwald Abbildung 6: Tauf- und Firmzeugnis Angesteckt und begeistert von der Missionsidee der Pallottiner entschließt sich Richard, einer von ihnen zu werden.63 Der seit 1906 tätige Pfarrer von Meudt, Wilhelm Grandpré (1869–1940), erteilt Richard schließlich ab Ostern 1912 noch einige Privatstunden und signiert ihm daraufhin ein Sittenzeugnis (Abb. 7, 40), in dem er erwähnt, dass sich Richard bis jetzt sehr gut geführt habe und es nie zu Klagen gekommen sei. Seines Betragens wegen könne er zur Aufnahme in die Studienanstalt der Pallottiner empfohlen werden.64 63 Holzbach, 2005, 45. 64 Vgl.: Blatt, Werner, Von den Cappellengemeinden Ruppach und Goldhausen zur Pfarrei Ruppach-Goldhausen, in: Chronik Ruppach-Goldhausen, Ortsgemeinde Ruppach-Goldhausen, 125, 206. Anm.: Wilhelm Grandpré war der Neffe von Peter Paul Cahensly (1838–1923). Der zur damaligen Zeit als Landtagsabgeordneter tätige Cahensly gehörte mit zu den herausragenden Wohltätern der pallottinischen Gesellschaft. Vgl. dazu Holzbach, 2005, 43. 40 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Abbildung 7: Sittenzeugnis Neben dem Zeugnis des Ortspfarrers über die religiös-sittliche Führung sind weitere formale Kriterien notwendig, die eine Aufnahme ins Internat zulassen. Dazu gehören Impfschein, Taufschein, Schulabschlusszeugnis, eine amtsärztliche Untersuchung, Geburts- und Firmzeugnis, die schriftliche Einwilligung der Eltern, Lebenslauf und ein Aufnahmebogen.65 65 Leugers, 2004, 60. 41 kIndheItsjahre Im westerwald Abbildung 8: Schulentlassungszeugnis Die Frage des Schulgeldes erweist sich zunächst für die Familie als problematisch. Die jährliche Pension von 400 Mark stellt für die Familie eine harte finanzielle Belastung dar.66 Familie Henkes und die Gemeinschaft der Pallottiner einigen sich, dass anstelle von Geld Lebensmittel aus ihrer Landwirtschaft zu zahlen seien.67 Die Schulgeldangelegenheit sowie formale Kriterien sind geklärt, und so steht dem Umzug nach Vallendar ins Studienheim Schönstatt nichts mehr im Wege. Die Pallottiner bevorzugen für die Mission Persönlichkeiten mit „ernsten, aufrichtigen und nüchternen“ Charaktereigenschaften, weniger „zarte und zimperliche Studen- 66 Ebd., 80. 67 Anhang XI, Fragebogen für Studenten, XV. 42 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) ten“.68 Sie erwarten, dass sie mit Eintritt in das Internat sich ihrer Entscheidung bewusst sind und zum Priesteramt berufen fühlen. Glaubt Richard aber auch, „berufen“ zu sein? Das Motiv der Berufung ist ein entscheidendes Kriterium für den Eintritt in die Gemeinschaft.69 Gerade bei den schulpflichtigen Jungen ist der Einfluss der Eltern oder anderer von außen einwirkender Personen erheblich,70 oder, wie es Prov. Laqua (1879–1956) später formuliert: „Nur zu oft muss man die Erfahrung machen, dass die Eltern mehr Beruf zeigen, als der Junge selbst.“71 Henkes löst diese Forderung in ehrlicher Weise. So schreibt er in den Aufnahmebogen zu der Frage, warum er in den Missionsstand eintreten wolle: „Weil ich glaube, Beruf dazu zu haben.“72 Richards Bestreben, den üblichen Werdegang eines Pallottiner-Paters in den Ausbildungsstätten der Missionsgesellschaft durchlaufen zu wollen, wird belohnt. Er wird aufgenommen. Für Richard beginnt nun ein neuer Lebensabschnitt. 4.3 Ausbildung zum Missionarpriester in Schönstatt 4.3.1 Entwicklung der Pallottiner-Gesellschaft Ein Blick zurück auf die Entwicklung der pallottinischen Bewegung in Limburg verdeutlicht die eigentliche Intention zur Errichtung des Studienheims in Vallendar/Schönstatt. Mit Erlaubnis der Kolonial-Abteilung des Auswärtigen Amtes der deutschen Regierung im Jahre 1890 zur Errichtung einer Apostolischen Präfektur in der von Deutschen besetzten Kolonie Kamerun zur Gründung einer Mission folgt schließlich der Bau des Missionshauses in Limburg.73 Bis dahin dient zunächst das Studienkolleg bei Masio in Oberitalien als Niederlassungsstelle für die Kulturarbeit in Afrika.74 Die Studenten aus Italien, Irland, England und Deutschland siedeln ausschließlich nach Rom über, um an der von Jesuiten geführten Universität „Gregoriana“ ihren philosophischen und theologischen Studien nachzugehen.75 Ein größerer Zuzug aus Deutschland wird angestrebt. Durch agile Öffentlichkeitsarbeit der Gesellschaft und das Engagement von P. Faà di Bruno (1815–1889)76 werden größere Kreise in Deutschland erreicht.77 Der Wunsch der Pallottiner, Geistliche und Laien sowie Parlamentarier und Diplomaten, die „Pia Societas Missionum“ (kurz: PSM) nach Deutschland zu verpflanzen, erfüllt sich endgültig im 68 Leugers, 2004, 62. 69 Ebd., 65f. 70 Ebd. 71 Ebd. 72 Anhang XI, Fragebogen für Studenten, XV. 73 Skolaster., P.S.M. in Limburg a. d. Lahn, Limburg 1935, 22, 85f. 74 Ebd., 37. 75 Ebd., 14f. 76 Der Grafensohn Dr. Josef Faà di Bruno empfing von Vinzenz Pallotti im Jahre 1845 „das Kleid der Gesellschaft“ und pastorisierte seit Dezember 1846 die nach London ausgewanderten Italiener. Nachdem er 23 Jahre dort die Pfarrei in London betreut hatte, verließ er London und zog nach Rom, weil er von der Kongregation der Bischöfe zum Generalober der Gesellschaft ernannt wurde. Von allen Aktivitäten, die er für den Aufbau und für die Verbreitung der Gesellschaft unternahm, war die Gründung des Studienkollegs in Masio die bedeutendste. Skolaster, 1935, 13, 14. 77 Ebd., 16f. 43 ausbIldung zum mIssIonarprIester In schönstatt Jahre 1892.78 Im August ziehen die Pallottiner in den angemieteten Walderdorffer Hof in Limburg ein.79 1898 betreten sie ihr eigenes Heim, das Mutterhaus in Limburg.80 Die Pallottiner-Provinz Limburg und ihr seit 1903 ernannter General Pater Max Kugelmann (1857–1935)81 tragen die Verantwortung dafür, Gelder und Missionare zu beschaffen, die für die Missionierung Kameruns notwendig sind.82 Hinzu kommt der Missionsauftrag in Australien, wo die Gesellschaft seit 1901 eine Mission unter den Aborigines leitet.83 Mit den Niederlassungen in Ehrenbreitstein 1892 und in Vallendar 1901 sind bereits dafür Bildungseinrichtungen geschaffen worden, die zukünftige Missionare ausbilden sollen.84 Doch schon bald wird das Gebäude in Vallendar zu eng, zudem weist es Mängel auf, die dazu führen, auf halber Bergeshöhe „auf der Klostermauer“ ein neues Studienheim zu errichten.85 4.3.2 Geistesbildung und schulisches Reglement Die zügige Gründung der pallottinischen Einrichtungen in Limburg, Ehrenbreitstein und Vallendar bieten zunächst kaum Raum für die Verwirklichung eigener pädagogischer Konzepte. So gehen diese für das Studienheim in Vallendar und das Noviziat in Limburg weitgehend auf die Jesuiten zurück.86 Richard Henkes’ Jahrgang ist der jüngste und zugleich der erste, der in das neue Studienheim einziehen darf.87 Hinzu gesellen sich die Oberschüler aus Ehrenbreitstein sowie die Schüler aus dem alten Kloster Schönstatt in Vallendar. Insgesamt 164 Schüler werden sich im neuen Schuljahr auf sieben Klassen verteilen.88 Der 20. September 1912 ist der Tag, an dem sich die neu eintretenden Pallottiner-Schüler in der Aula des Studienheims Schönstatt einfinden. Zur Eröffnungsfeier der Neuankömmlinge begrüßt Rektor Pater Franz Wagner (1879–1953) den neuen Jahrgang.89 Der Rektor trägt die Verantwortung für das Internatsleben, er ist somit „das Zentrum des Hauses“. Den Studenten gegenüber „vertritt er Vater- und Mutterstelle“ und seine „Haupttugend soll Gerechtigkeit“ sein.90 Alle Neu- 78 Skolaster, 1935, 13. 79 Ebd., 57–64. 80 Ebd., 90. 81 Anm.: Max Kugelmann wurde 1892 zum Gründer der ersten deutschen Pallottiner-Provinz. Er zählte zu jener Generation von deutschen Pallottinern, die als Spätberufene nach Italien in das international besetzte Collegio di San Patrizio delle Missioni estere von General Faà di Bruno in Masio kamen, um den Weg zum Priestertum zu gehen. Leugers, 2004, 20. 82 Skolaster, 1935, 91, 102. 83 Holzbach, 2005, 36. 84 Skolaster, 1935, 65–74 u. 93–101. 85 Probst, 2007, 23. 86 Schlickmann, Dorothea M., Die Idee von der wahren Freiheit. Eine Studie zur Pädagogik P. Josef Kentenichs, Vallendar-Schönstatt 2007, 54. Anm.: Auch die Noviziatserziehung ist nach jesuitischem Erziehungsmodell gestaltet. Vgl. Skolaster, 205ff. 87 Probst, 2007, 23. 88 Skolaster, 1935, 101. 89 Neues Leben, Ein Blick in ideales Jugendleben am schönen Rhein, Provinzialat der Pallottiner (Hrsg.), Limburg o. J., 16, 19. 90 Normen für die Leitung des Studienheimes, Kloster Schönstatt/Vallendar 1912, 3, 6. 44 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) ankömmlinge erhalten ein Statutenbuch sowie die wichtigsten Hausgesetze, die nachträglich verbessert und korrigiert worden sind. Geistige Vorträge und kurze Exerzitien in den kommenden Wochen sollen dazu anleiten, sich mit den sittlichen und religiösen Anforderungen anzufreunden.91 Offiziell beginnt der Unterricht am 25. September 1912. Die Sexta, zu der Richard gehört, zählt 39 Schüler; dazu gehören auch Josef Engling (1898–1918), der sich bald tatkräftig für die Marianische Kongregation engagiert, sowie Hans Wormer (1897–1917), Karl Kubisch (1899–1936) und Alexander Menningen, mit denen Richard Freundschaft schließt. Mit Hans schreibt er zusammen „Romane“, den Oberschlesier Karl nimmt er in den Ferien mit nach Hause, oder aber er besucht seinen Freund Alexander, der in Nähe seines Heimatdorfes wohnt.92 Anders als an staatlichen Gymnasien muss der Lernstoff in sieben anstatt in neun Jahren bewältigt werden, so dass dem Schüler neben den Gebetszeiten ein strammes Lernpensum bevorsteht.93 Der Stundenplan zeigt, dass die Fächer Latein, Griechisch, Deutsch und Geschichtserzählung sowie Mathematik Kernfächer für die humanistische Allgemeinbildung sind. Die Gesamtstundenzahl beträgt durchschnittlich 35 Stunden pro Woche, mit Ausnahme der ersten beiden Klassen, die 31 Stunden pro Woche zu bewältigen haben (Abb. 9, 45) Botanik und Zoologie werden bald die Lieblingsfächer der unteren Klassen.94 Daneben bleibt auch Zeit für die Erholung, Wandern, Spaziergänge, Geräteturnen, Musik und Theaterspiel, Chorgesang, regelmäßige Aufführungen und Ausflüge. Sie gehören zum festen Bestandteil des Freizeitprogramms.95 Richards Klasse erweist sich zunächst als schwierig. Grund dafür ist der häufige Lehrerwechsel im ersten Schuljahr. Eine Veränderung tritt erst im folgenden Schuljahr auf, weil ein Priester die Klasse zu motivieren versteht. Er weckt das Interesse der Schüler und fördert ihre Eigentätigkeit, indem er z. B. selbst verfasste Gedichte vortragen lässt. Jeder Schüler hat Gelegenheit, aus freier Wahl etwas Besonderes zu leisten, z. B. einen Vortrag zu halten.96 „Die Klasse hat jenes Jahr immer als die Glanzzeit ihres wissenschaftlichen Strebens betrachtet“, schreibt der Schüler Heinrich Schulte später über diese Zeit.97 91 Neues Leben, o. J., 19. 92 Kremer, Regina, Erinnerungen an ihren Bruder P. Richard Henkes, Akte L. Münz, 1. Vgl. dazu Zeugenaussage P. Kühner, Wilhelm vom 11.8.1990, Akte Münz. 93 Schlickmann, 2007, 51, 52. 94 Neues Leben, o. J., 21. 95 Ebd., 23–27. 96 Vgl. Probst, 2007, 26. 97 Schulte, Heinrich, Omnibus omnia. Lebensbild einer jugendlichen Heldenseele aus Schönstatts Gründungstagen, Limburg 1932, 2. Aufl. Limburg 1937, 44f. 45 ausbIldung zum mIssIonarprIester In schönstatt Abbildung 9: Allgemeiner Lehrplan Richards Zeugnisse von der 2. bis zur 7. Klasse zeigen gute bis befriedigende Leistungen in den Naturwissenschaften und sehr gute bis gute Ergebnisse in Religion; dagegen fällt es ihm schwer, die Sprachen zu erlernen. In Latein und Griechisch zeigt er nur schwache Ergebnisse. Auffallend ist das stetige Abfallen im Fach Deutsch ab der 5. Klasse. Die Schule ist für Richard kein Spaziergang. Er muss sich anstrengen.98 Die erstmals aufgestellten Statuten präsentieren einen Katalog von Verordnungen, der die Tagesordnung, 98 Vgl. Probst, 2007, 26. 46 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) das Verhalten, die Disziplin und das geistliche Leben der Schüler regelt.99 Sie verlangen von den Schülern Disziplin, Gehorsam, Unterwerfung des Willens und des Verstandes, aszetisches Verhalten, Unterordnung, Unterdrückung des Freiheitsdranges und Einengung und Steuerung ihrer Handlungen.100 Parolen an der Tafel wie „Ein Haus, in dem keine Freude herrscht, muss sofort geschlossen werden“ oder das Verteilen von Zetteln101, auf denen zu lesen ist, man wolle frei sein, wie die Väter es waren, zeigen unzweifelhaft kritische Züge der Schüler gegen die große Zahl strenger Einzelregelungen.102 Ein anderes Beispiel ist das revoltierende, öffentliche Klagen des Schülers Julius Ott in einem Artikel der Zeitschrift MTA (= „Mater ter admirabilis“) aus dem Jahre 1915. Er beschreibt die Statuten, die man ihnen in die Hand gedrückt habe, als die erste Kette, die sie fessle, und einigen sei sie schon zu schwer.103 Nicht bei allen stößt die Hausordnung des Internats auf Widerstand. In einem Brief an seine Eltern schreibt Albert Eise, ihm habe die Hausordnung zugesagt. Ebenso akzeptiert Josef Engling die Hausordnung. Er ist stolz, im Studienheim der Pallottiner studieren zu dürfen.104 Die Durchsetzungsform der Statutenforderungen sind Überwachung und Bestrafung.105 „Andauernde Faulheit, Widersetzlichkeit und Trotz“ geben Anlass zu Bestrafungen, die in der Bewertung und Ausführung in der Verantwortung des Rektors liegen.106 Auch körperliche Strafen müssen bei ihm genehmigt werden. Der Lehrer darf sich während des Unterrichts keines Stockes bedienen.107 Neben Strafarbeiten, Entzugsmaßnahmen aller Art wird bei groben Fehlverhalten des Internatsschülers mit Maßnahmestrafen wie „am Klavier ministrieren“ oder „die „Monatskarte“ reagiert.108 Die Erziehungsmethoden des Internats orientieren sich eng am preußischen Bildungswesen und stehen deutlich im Kontext der allgemeinen Erziehungsauffassungen von Eltern und Erziehern. Von den Reformpädagogen als „alte Schule“ bezeichnet, postulieren sie eine autoritäre Grundeinstellung, in der man Körperstrafen als eine Art „Heilmittel“ versteht, die von den Krankheiten „böser Neigungen“ und des „Eigenwillens“ heilen soll.109 99 Schlickmann, 2007, 47. 100 Vgl. Statuten für die Studenten des Studienheims Kloster Schönstatt, Vallendar 1912. 101 Statuten des Studienheims, 1912, Nr. 14 besagt, dass das Zettelschreiben zu unterlassen sei. 102 Vgl. Schlickmann, 2007, 47–51. 103 Julius Ott, Artikel der Zeitschrift MTA vom 30.4.1915, in: Erbe und Aufgabe, 1. Teil: Aus der Jugendzeit der apostolischen Bewegung, 3. 104 Vgl. Schlickmann, 2007, 55. 105 Ebd., 53. 106 Ebd., 54. Anm.: Der Rektor hat insbesondere auch die Aufgabe, die Methodik der Lehrer und deren Auftreten und Behandlungsweise den Studenten gegenüber zu beobachten. Vgl. Normen, 1912, 4. 107 Normen, 1912, 15. 108 Schlickmann, 2007, 53, 54. Anm.: Zur Strafe „am Klavier sitzen“ schreibt Schlickmann, dass der Schüler während der Tischzeit vor der Gemeinschaft vorn neben dem Platz des Pater Präfekten (nahe am Klavier) knien und in dieser Stellung essen musste. Die „Monatskarte“ meint, dass den Eltern negatives Verhalten ihres Sohnes monatlich mitgeteilt wird. Ebd. 109 Schlickmann, 2007, 55–57. 47 ausbIldung zum mIssIonarprIester In schönstatt Abbildung 10: Klassenraum des Studienheims Nur viermal am Tag darf gesprochen werden: von 9:45 bis 10:15 Uhr, von 13 bis 13:45 Uhr, von 16 bis 16:30 Uhr und von 19:45 bis 20:30 Uhr. Der Tag beginnt um 5 Uhr, die Nachtruhe ist ab 21 Uhr einzuhalten.110 Anfangs leidet Richard immer wieder unter Heimweh. Die Trennung von seiner Familie fällt ihm schwer, erinnert sich Schwester Regina (1909–2011). Zwar stellen ihm die Eltern frei, jederzeit wieder nach Hause zu kommen, um einen anderen Berufsweg einzuschlagen, Richard aber zeigt sich willensstark und will bleiben.111 Mit der Zeit wächst auch der Schulstress. Das harte Lernen, die Einhaltung der Tagesordnung, die Gestaltung der Freizeit lassen das Heimweh vergessen. Zudem ersetzen seine Freunde ihm ein wenig die Familie.112 4.3.3 Spirituelle Einflüsse durch Pater Joseph Kentenich Auf Vorschlag des Studienheimrektors Wagner ernennt Prov. P. Kolb (1873–1950) den bis zu diesem Zeitpunkt als Deutsch- und Lateinlehrer tätigen jungen P. Joseph Kentenich zum neuen Spiritual des Internats.113 „Dem Spiritual obliegt das geistliche Wohl“ der Studenten. Er ist Seelenleiter und darum der eigentliche „Confessarius ordinarius“. Er ist ausschließlich für Angelegenheiten des „forum internum“ zuständig. „Verordnungen, Anweisungen, allgemeine Rügen u. dgl., überhaupt alles, was das forum externum 110 Ebd., 53. 111 Erinnerungen von Regina Kremer an ihren Bruder Pater R. Henkes, Akte Münz, 1. 112 Holzbach, 2005, 37, 38. 113 Schlickmann, 2007, 43, 44. 48 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) angeht“, ist Aufgabe des Rektors oder des Vizerektors. Niemals aber solle der Spiritual damit konfrontiert werden, „damit dieser nicht das Vertrauen der Leute quoad forum internum verliere.“114 Neben seiner Rolle als innerer Seelenführer ist es auch seine Aufgabe, die monatlichen Geisteserneuerungen sowie geistliche Konferenzen zu halten. Gegenstand der Konferenzen soll hauptsächlich die Erklärung und Einprägung der Statuten sein.115 Ausgehend vom Wahlspruch des Gründers Vinzenz Pallotti „Caritas Christi urget nos“ (Abb. 11) setzt Kentenich auf Idealismus, den Eifer und die selbstlos dienende apostolische Liebe.116 Abbildung 11: Leitwort von Vinzenz Pallotti: „Caritas Christi urget nos“ (an der Wandseite des ehemaligen Noviziates in Limburg) 114 Normen, 1912, 5, 6, 9. 115 Ebd., 9. 116 Schulte, Heinrich, Omnibus omnia. Lebensbild einer jugendlichen Heldenseele aus Schönstatts Gründungstagen, Limburg 1932, 2. Aufl. Limburg 1937, 67. 49 ausbIldung zum mIssIonarprIester In schönstatt Seine pädagogisch und psychologisch ausgerichtete Erziehung verbindet sich mit spirituellen Impulsen. Es geht ihm um die religiöse Vertiefung im Dienste der Gottesmutter Maria. Er will eine marianische Lerngemeinschaft schaffen. Dies verdeutlicht er in seinem Einführungsvortrag am 27. Oktober 1912.117 Als Grundsatz wählt Kentenich: „Wir wollen lernen, uns unter dem Schutz Mariens selbst zu erziehen zu festen, freien priesterlichen Charakteren.“118 Er inspiriert die Schüler, die Stärke der Heiligen, insbesondere die der Gottesmutter Maria, als Vorbild und Hilfe zur Erfüllung des Erziehungsprogramms zu nutzen und ihre Botschaft zu verinnerlichen.119 Partnerschaftliche Kollegialität, Nähe zum Schüler und ein gleichberechtigtes Miteinander verdeutlicht er mit der Wortwahl „wir“. Er begibt sich auf die Ebene des Schülers. „Wir wollen lernen. Nicht bloß ihr, sondern auch ich. Wir wollen voneinander lernen. […] Wir wollen lernen, nicht nur theoretisch, […] Nein, wir müssen auch praktisch lernen. […] Wir wollen lernen, uns selbst zu erziehen.“120 Die zuletzt genannte Forderung von Kentenich erhebt den Anspruch, die Schüler sollten dem „Drang nach Selbstbetätigung, nach Selbstbestimmung und nach Selbstständigkeit“ folgen.121 Beuys betont, dass Kentenich sich damit in Opposition zum herrschenden Schulmodell stellte.122 Skolaster meint, dass diese Art der „Selbstheilung“ für die Schüler ungewohnt sei, doch je weniger Bindungen die Gesellschaft als solche aufweise (ohne Gelübde), desto erstrebenswerter sei es, den Nachwuchs zur Selbstständigkeit zu erziehen.123 Die individuelle, charakterliche Formung junger Missionare ist dem Spiritual ein besonderes Anliegen.124 So strebt er die Erziehung zu festen und freien Persönlichkeiten an, die nach klaren Grundsätzen handeln. Mit dem Bild der Galeerensklaven, die alle in einem Boot sitzen, formuliert er in seinem Einführungsvortrag motivierend, dass Gott freie Ruderer haben wolle, aber keine Galeerensklaven, die vor ihren Vorgesetzen kröchen, ihre Füße beleckten und dankbar seien, wenn sie getreten würden.125 Kentenich propagiert die Bildung einer inneren Organisation nach Art der Kongregationen, wie sie bereits an verschiedenen Gymnasien und Universitäten bestehen.126 Sie soll die Möglichkeit zu einer geordneten und selbstständigen Tätigkeit eröffnen, ein Ort der Gemeinschaft, wo jeder sein „persönliches Ideal“ wählt und mit dem gemeinschaftlichen Ideal in Verbindung bringt.127 Kentenich erhofft dadurch, das Feuer der Begeisterung für die Weltmis- 117 Kentenich, Joseph, Vorgründungsurkunde vom 27.10.1912, in: Schönstatt. Die Gründungsurkunden, Vallendar-Schönstatt 1967, 7. Aufl. 1995, 9–20. 118 Gründungsurkunden, 1995, 12. Vgl. auch Kastner, Ferdinand, Unter dem Schutz Mariens. Untersuchungen und Dokumente aus der Frühzeit Schönstatts 1912–1914, Paderborn 1939, 4. Aufl. Limburg 1952, 26f. 119 Ebd. 26f. Vgl. Gründungsurkunden, 1995, 18. Anm.: Die Idealgestalt Marias wird in Kentenichs Vortrag vom 19.4.1914 detailliert erläutert. Kerngedanke und Zweck der Kongregationen werden insbesondere mit der Formel „per Mariam ad Jesum“ („durch Maria zu Jesus“) begründet. Kastner, 1952, 166f. 120 Gründungsurkunden, 1995, 12f. 121 Kastner, 1952, 129. 122 Beuys, Hinrich E., Die Spiritualität der Schönstattbewegung. Eine historische Studie zur missionarischen Spiritualität neuer kirchlicher Bewegungen, Köln 2007, 133. 123 Skolaster, 1935, 330. 124 Beuys, 2007, 133. 125 Gründungsurkunden, 1995, 17f. 126 Ebd., 18f. 127 Beuys, 2007, 133. Vgl. Kastner, 1952, 126f. 50 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) sion und insbesondere für die Arbeiten, Leiden und Erfolge der Missionare in Kamerun bei den Schülern zu entflammen.128 4.3.4 Lebensideal: „Aut Caesar – aut nihil!“ Kentenichs Vorstoß, eine freie Schülerorganisation zu gründen, löst zunächst unter den Lehrern Debatten aus. Die Lehrer kritisieren, dass die Erziehungselemente Kentenichs nicht bereits in der Schule, sondern erst im Noviziat verwirklicht werden sollen. Außerdem könne der Schulbetrieb in seinem zeitlichen Ablauf gestört werden.129 Andererseits, so Kastner, äußern die Schüler, dass sie durch den Studienbetrieb und Wissensstoff überlastet seien. Nur schwer seien sie deshalb für eine freie, sittlich-religiöse Betätigung, die über das pflichtmäßige verlangte Maß hinausgehe, zu gewinnen.130 Durch die pädagogische Aufgeschlossenheit des Rektors und des Prov. Kolb für das Unternehmen kommt es im Oktober 1914 zur Gründung.131 Schon bald entfaltet sich Kentenichs Erziehungsprogramm in der Rolle des Missionsvereins als eine „Hochschule der Selbstdisziplin, der Charakterbildung und der Persönlichkeitsstruktur“.132 Die Schüler lernen hier das Vereinswesen kennen, dessen Angelegenheiten strukturiert und organisiert werden müssen. Sogar Referate werden von den Schülern selbst gehalten. Dabei übt Kentenich Zurückhaltung, fungiert als Zuhörer, sorgt für ein relativ gleichberechtigtes Miteinander und erlaubt den Schülern, jederzeit freien Zugang zu ihm haben zu dürfen, ohne sich ihnen aufdrängen zu wollen.133 In den unteren Klassen, in denen sich Richard befindet, führt der Weg der freien Schülerorganisation über religiös-ethische Besprechungen z. B. der Hausstatuten mit ihren darin konstituierten Unterweisungen. Lernziele sollen selbstformulierte gemeinsame Vorsätze zur Selbstüberwindung und Charakterbildung sein. Wichtige Gedanken werden durch illustrierte Erzählungen und Schlagworte festgehalten.134 Der Schüler formuliert sein persönliches Ideal mit Sätzen, die nicht selten ihre Quelle aus dem Lateinunterricht haben.135 Richard wählt sein Ideal: „Aut Caesar – aut nihil!“ 136 (Alles oder nichts) Es soll seinen Eifer nach religiösem Streben anspornen. Richard hat sich hohe Ziele gesetzt. 128 Kastner, 1952, 128–130. 129 Beuys, 2007, 135. 130 Kasnter, 1952, 131f. 131 Skolaster, 1935, 330. 132 Kastner, 1952, 130. 133 Beuys, 2007, 134f. 134 Schulte, 1937, 68. 135 Holzbach, 2005, 39. 136 Schulte, 1937, 70. Vgl. Reitor, 1988, 9. 51 ausbIldung zum mIssIonarprIester In schönstatt 4.3.5 Die Marianische Kongregation und ihre Bindung an die „Mater Ter Admirabilis“ Kentenichs weiterer Vorstoß, die freie Schülerorganisation in eine Marianische Kongregation umzuwandeln, verwirklicht sich am 19. April 1914.137 Mit dieser Gründung er- öffnet sich ein weiterer Schritt sowohl zur Schaffung eines harmonischen Ausgleichs zwischen Freiheit und Autorität als auch der „Durchbruch zu einer liturgischen und apostolischen Werkgemeinschaft“.138 Wegen einer Erkrankung ihres Spirituals erarbeiten die Schüler die Statuten in ihrer Endfassung selbstständig aus.139 Kernelemente bilden die Verehrung der Gottesmutter, das Morgen- und das Abendgebet, gemeinsame Andachten und Kommunionempfang, die Pflege des Sektionswesens, Beteiligung an Veranstaltungen und Versammlungen.140 Reitor vermerkt, dass die Jahre 1912–1919 im Studienheim eine Welle der Begeisterung unter den Studenten ausgelöst hätten.141 Auch Richard schwimmt mit dem Strom der Begeisterung. Der Name Richard Henkes taucht erstmals ab 1915 in den Klassenbüchern der „Congregatio minor“ (für die Mittelstufe) auf. Er beteiligt sich eifrig an den Aktivitäten. So erwirbt er – wie alle anderen Mitglieder – den „Sodalis Marianus“, ein „Officium parvum“, und kauft einige Nummern der Zeitschrift „Mater Ter Admirabilis“ (kurz: MTA).142 Sie erscheint erstmals im März 1916 und trägt den Untertitel „Gegenseitige Anregung im Kampfe für unsere bedrohten Ideale in schwerer Zeit“ und ist in erster Linie für Mitglieder der Kongregation gedacht, die sich im Krieg befinden.143 Der Krieg bestimmt von nun an das Geschehen im Studienheim. Er bedeutet, dass die heranwachsenden jungen Sodalen144 zum Militär eingezogen werden. Die Oberschüler werden aus ihrem behüteten Heim herausgerissen und die Kongregation droht auseinanderzubrechen. Ihr ideales Streben, ihr seelisches Heil, ihre Berufstreue und das Wesen der Kongregation stehen auf dem Spiel.145 Das bis dahin „unbenutzte, alte Michaelskapellchen“146 verschafft den jungen Sodalen einen Versammlungsort, der zugleich Hoffnungsträger sein soll, um den Zusammenbruch der Kongregation zu verhindern.147 Nakott beschreibt die Kapelle als eine Art „geistige Kraftquelle“; sie konkretisiere die 137 Skolaster, 1935, 332. 138 Kastner, 1952, 142f. 139 Beuys, 2007, 135. 140 Kastner, 1952, 160f., Lokalstatuten, Punkte 4 u. 6. 141 Reitor, 1988, 8. 142 Probst, 2007, 31. 143 Beuys, 2007, 142. Vgl. Skolaster, 1935, 338. Anm.: Die Beiträge stammen vom Gründer selbst oder von den Mitgliedern der Kongregation und anderen Pallottinern. Zeitweise ist die Verbreitung der Zeitschrift von der Zentrale der Pallottiner zwischen 1915–1919 untersagt worden. Beuys, 2007,142, Anm. 361. 144 Anm.: Der Begriff „Sodale“ leitet sich aus der lateinischen Sprache ab. „Sodalis“ bedeutet Genosse, Gefährte, Mitglied einer Genossenschaft; pl. auch Priesterkollegium oder Genossenschaft. 145 Klein, Josef M., Albert Eise. Aus der Gründungszeit der Schönstatt-Bewegung, Vallendar 1995, 12. 146 Anm.: Im Juli 1914 stellt Prov. Kolb der Kongregation die „Michaelskapelle“ zur Verfügung. Sie soll Gnadenstätte sein und Heimat symbolisieren, zudem Gebetsstätte für Hilfe in „seelischer Not“ sein. Kastner, 1952, 229. 147 Klein, 1995, 12, 13. 52 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) marianische Bindung, sie übersetze die pallottinische Idee vom Coenaculum ins Leben und verschmelze das Element von Heiligung und Apostolat (Abb. 12).148 Abbildung 12: Das Bild vom Coenaculum, Seraph Cesaretti nach einem Kupferstichvorbild von Friedrich Overbeck (1789–1869), Rom 148 Nakott, Werner, Zum 75-jährigen Kapellchen-Jubiläum in Schönstatt, in: argumente aktuell, Heft 3, 1989, 1. 53 ausbIldung zum mIssIonarprIester In schönstatt Die Mitglieder verehren unter dem Titel „Mater Ter Admirabilis“ („dreimal wunderbare Mutter“) ein Marienbild des Tessiner Malers Luigi Crosio (1835– 1915) mit dem Titel „Refugium peccatorum“ („Zuflucht der Sünder“). Die dreifache Nennung der Gottesmutter bedeutet „Mutter Gottes, als Mutter des Erlösers und Mutter der Erlösten“ (Abb. 14, 57).149 Die Verehrung orientiert sich an die Idee des Jesuitenpaters Jacob Rem (1546–1618).150 4.3.6 Sodale der Congregatio major Am 2. Februar 1916 wird Richard als Mitglied mit der fortlaufenden Nummer 55 in die Gemeinschaft der „Congregatio major“ aufgenommen (Abb. 13, 54).151 Schon bald referiert der 16-jährige Richard über „Die mohammedanische Bevölkerung der Türkei“ und über den Lazaristen und Priester P. Perboyre (1802 –1840).152 Zusammen mit Karl Klement übernimmt er die Aufgabe, die Adressen der im Krieg befindlichen Sodalen zu sammeln und zu ordnen.153 Eine neue Aufgabe erwartet ihn, als er zum Versender der Zeitschrift „Mater Ter Admirabilis“ ernannt wird.154 Diese, zunächst ausschließlich für den gegenseitigen Gedankenaustausch mit den Soldaten-Sodalen veröffentlicht, erweitert schon bald ihren Leserkreis über den ursprünglichen hinaus; dazu gehören Gymnasiasten und Akademiker, die sich auch der Kongregation anschließen.155 Richard wächst in seiner Verantwortung und bereitet im Februar 1917 einen Vortrag über „Die Nebenländer Chinas“ vor.156 149 Beuys, 2007, 140. 150 Anm.: Jacob Rem ist der Gründer der ersten marianischen Kongregation in Deutschland. Ihr Ursprung liegt in Ingolstadt. Die Mitglieder verehrten unter dem Titel „MTA“ eine Kopie des Marienbildes „Salus Populi Romani“ aus der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom. Rem hat die Preisung der Gottesmutter als „Mutter Gottes, als Mutter des Erlösers und als Mutter der Erlösten“ gedeutet. Kentenich hat diese Idee übernommen. Ebd. 151 Anhang XII, marianische Weiheformel vom 2. Februar 1916, XVI. Anm.: Der Inhalt dieser Weihe unterstreicht den Kern der Verehrung der MTA. Vgl. dazu: Anhang XIII, Lateinische Weiheformel in deutscher Übersetzung, XVII. 152 Chronik der Missionssektion des Studienheims, 1. Band (ab Arbeitsjahr 1915/16), Franz-Reinisch-Archiv der Schönstatt-Patres, Provinzhaus Berg Sion, Vallendar/Schönstatt 87f. u. 93f. Anm.: Perboyre, Jean-Gabriel, Heiliger, katholischer Ordenspriester aus der Kongregation der Mission (CM), auch bekannt als Lazaristen oder Vinzentiner. Geboren in Puech/Frankreich, gestorben in Wutschangfu/China (Provinz Hubei). Vgl.: Eric Steinhauer: Perboyre, Jean Gabriel, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. XVIII (2001) Spalte 1140f. http://www.bbkl. de/lexikon/bbkl-artikel.php?art=./P/Pe/perboyre_j_g.art, 30.11.2016. 153 Chronik der Missionssektion, 73. 154 Ebd., 94f. 155 Skolaster, 1935, 338. Vgl. auch Beuys, 2007, 143. 156 Chronik der Missionssektion, 111. 54 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Abbildung 13: Sodalenalbum, Richard Henkes mit der fortlaufenden Nr. 55 55 ausbIldung zum mIssIonarprIester In schönstatt Im Sommer wählen die Mitglieder der Kongregation ihn zum neuen Assistenten. Richard trägt jetzt auch Mitverantwortung für die Sodalen, die sich im Krieg befinden. Erstmals wendet sich Richard in einem langen Brief an die Außenmitglieder. Er teilt ihnen anregende Gedanken der letzten kirchlichen Versammlung mit: Um der Gefahr der Veräußerlichung zu entgehen, schreibt Richard, sei die Bereicherung des innerlichen, geistigen Lebens elementar. Dazu sollen die geistliche Lesung und die Betrachtung dienen. Solche Mittel seien aber für den Soldaten-Sodalen nicht praktisch und man müsse nach einem anderen Mittel suchen. Damit die Sodalen nicht Gefahr liefen, an ihrer Berufung zu zweifeln, hält Richard ihnen den Wortlaut aus der Heiligen Schrift entgegen: „Was nütze es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne, aber an seiner Seele Schaden litte“.157 Ihm ist es wichtig, augenblickliche Vergnügungen, die bald wieder vergingen, nicht hemmungslos hinzunehmen und auszuleben. Richard weist anhand unterschiedlicher Beispiele auf die Pflege und Erneuerung des christlichen Seelenlebens als höchste Priorität immer wieder hin. Er erinnert an das Versprechen zur selbstlos dienenden apostolischen Liebe und das geschaffene Vertrauen auf die „Mater Ter Admirabilis“.158 Sein Engagement in der „Congregatio major“ entfaltet Richard mit einem weiteren Vortrag, der die Darstellung einer „Übersicht über den einheimischen Klerus in Japan“ präsentiert sowie ein Referat über die „Mission auf Neu-Caledonien“.159 Er erkämpft sich Aufmerksamkeit und erhält Anerkennung für seine Aktivitäten. Im November wird er schließlich zum Obmann der Missionssektion ernannt.160 4.3.7 Mediator der Außenorganisation Darüber hinaus hält er regelmäßigen, lebhaften Briefkontakt mit den Soldaten-Sodalen.161 Durch diese Art von Kontakten soll die Möglichkeit geschaffen werden, die im Studienheim gewonnene Spiritualität im Kriegsgeschehen weiterleben zu lassen.162 Als sogenannter Verbindungsmann in der „Congregatio militaris“ hat Richard primär die Aufgabe, die Betreuung und den Zusammenhalt der Soldaten-Sodalen zu gewährleisten. Organisatorisch werden ihm Gruppen zugeordnet, die miteinander kontaktieren. Er korrespondiert mit der Außengruppe Norbert Theele als Gruppenführer, mit Rudolf Groß, Franz Heck, Johannes Lehmler, Wilhelm Witte, seinem Freund Karl Kubisch, Alfred und Rudolf Groß.163 Obwohl gegen Ende des Jahres 1917 im Osten die Front zu Friedensverhandlungen bereit ist, toben die grausamen Kämpfe an der Westfront weiter. In diesen Kämpfen sind zahlreiche Sodalen involviert. Nur noch 14 der insgesamt 84 Kongregationsmitglieder lernen im Studienheim, die anderen sind im Krieg.164 In die- 157 Zehnseitiger Brief vom 1.7.1917 von Henkes an die auswärtigen Mitglieder der Missionssektion, in: Briefe und andere Dokumente, 2002, 11–15. 158 Ebd. 159 Chronik der Missionssektion, 147, 174. 160 Ebd., 147. 161 Vgl. Briefe vom 1.10.1917–25.5.1918, 2002, 16–81. 162 Beuys, 2007, 144. 163 Vgl. Briefe vom 1.10.1917–25.5.1918, 2002, 16 –81. 164 Klein, 1995, 67, 91f. 56 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) ser Zeit zeigt sich eine wachsende Solidarität unter den Sodalen; ihr apostolischer Dienst und ihre Marienliebe gewinnen an Intensität.165 Dem Gruppenführer Theele und seinen Mitsodalen steht Richard in Vallendar zur Seite. Er schreibt in regelmäßigen, nicht zu großen Abständen einen Brief an den Gruppenführer draußen, der wiederum Richards Anregungen als Gruppenbrief bei seinen Leuten rundgehen lässt oder aber aus seinen Anregungen schöpft und einen neuen Gruppenbrief verfasst. Die Gruppenmitglieder selbst teilen ihre Wünsche und Stellungnahmen zu geistlichen Anregungen oder auch Änderungen ihrer Adressen bei Ortswechsel Richard mit. Dieser heftet die erhaltenen Briefe in eine Mappe. Viele Briefe aus Vallendar werden vom Präfekten oder von Kentenich selbst signiert.166 Auf diese Weise sollen die Sodalen wieder enger an Schönstatt gebunden werden. Richard schlägt eine Organisation vor, die eine engere Zusammenarbeit durch häufigeres Briefeschreiben der Gruppe herbeiführen soll. „Jeder allein so viel wie es ihm möglich sei“, schreibt Richard an Theele. Groß gegenüber verdeutlicht er, dass nicht nur der Gruppenführer sich rege zeigen solle, sondern die Einzelnen unter sich mehr tätig werden müssten.167 Vorschläge aus der Gruppe sollen frühzeitig ihm mitgeteilt werden, damit alle anderen rechtzeitig neue Impulse, Aktualitäten und Anregungen erführen und ein lebhafter Meinungsaustausch stattfinden könne. Als vorbildliches Beispiel nennt er die Gruppe Eise für ihre hervorragende organisierte Gruppenarbeit, deren Struktur besser geordnet sei als die der anderen Gruppen.168 Energisch hält er Theele, aber auch die anderen dazu an, dass das Partikularexamen (PE)169 regelmäßig schriftlich anzufertigen und an den Spiritual zu schicken sei.170 Richard erinnert die Sodalen im Feld immer wieder, ihre täglichen Gebete zu verrichten und die Verehrung der Gottesmutter zu hüten. Er bittet sie, öfters ihrer Liebe zu Maria zu gedenken, insbesondere im Marienmonat Mai 1918. Richard erwartet das sorgfältige Erledigen der Sodalenpost, regt zu kleinen geistlichen Lesungen an und erinnert an die tägliche Erneuerung ihrer Ideale und die Einhaltung der „Geistlichen Tagesordnung“ (GTO)171. Richard ist beim Aufbau einer Feldbibliothek beteiligt und verschickt auch die von den Mitsodalen gewünschten Materialien wie Briefbögen oder Kongregationsmedaillen, Postkarten sowie Formulare für die Erneuerung des Weiheversprechens oder Karten mit der M.T.A.172 165 Beuys, 2007, 144. 166 Briefe vom 1.10.1917–25.8.1918, 2002, 16–81. 167 Briefe vom 1.10.1917–21.11.1917, 2002, 16–23. 168 Briefe vom 28.10.1917 und 2.1.1918 von Henkes an Groß, 2002, 20f. u. 37. Anm.: Albert Eise (1896–1942) gehört zum engsten Schüler- und Mitarbeiterkreis Kentenichs; er ist Gründungsmitglied der ersten Marianischen Kongregation und prägender Mitarbeiter der „Congregatio militaris“. Vgl. dazu Quellenbuch: Klein, Josef Maria, Albert Eise. Aus der Gründungszeit der Schönstatt-Bewegung, Vallendar 1995. 169 Beuys schreibt dazu, dass das PE sich als ein psychologisches Instrument verstehe, das die Herausforderung der Selbstwerdung konsequent angehe. Das PE soll dazu dienen, eine Verbindung zwischen den eigenen Seelenkräften und der Zielumschreibung des Lebenskonzeptes („persönliches Ideal“) herzustellen. Beuys, 2007, 157. 170 Briefe vom 21.11.1917 von Henkes an Theele und Groß, 2002, 22f. 171 Die „Geistliche Tagesordnung“ besitzt eine pädagogisch-psychologische Funktion in Bezug auf die Selbstheiligung. Sie enthält selbst gewählte Übungen und Vorhaben, die täglich schriftlich kontrolliert werden und die die Entwicklung des geistlichen Lebens fördern und die Beziehung zu den Mitmenschen vertiefen sollen. Die GTO stammt aus der von der ignatianischen Spiritualität getragenen Marianischen Kongregation (P. Rem SJ). Beuys, 2007,157. 172 Briefe vom 1.10.1917–31.3.1918, 2002, 16–65. 57 ausbIldung zum mIssIonarprIester In schönstatt Abbildung 14: „Dreimal wunderbare Mutter“, Königin und Siegerin von Schönstatt Zur Ermutigung berichtet er aus der Missionssektion: eine Novene soll für die Soldaten gehalten werden. Unter anderem seien jeden Tag drei Ave und jeden Morgen bei der heiligen Kommunion ein Memento für alle Soldaten im Feld zu verrichten. Auch werde in der Sektion der lebendige Rosenkranz gebetet in der Hoffnung, jeder Soldat solle im Felde gute Weihnachten verleben. Das Weihnachtsfest sei ein Familienfest, so Richard. „Wir Sodalen wollen ja alle eine Familie bilden, ein Verein von Brüdern.“ Das Weihnachtsfest bietet Gelegenheit, daran anknüpfen zu wollen. Christus – geboren als Mensch in einer Krippe – habe hier schon den Zweck seines Kommens geben wollen: das Apostolat und den Beweggrund der Liebe. Sein ganzes Leben sei eine Betätigung seiner Liebe, das vollkommenste Apostolat. Jesus, fährt Richard fort, bezeuge seine Liebe gegenüber Gott durch die Unterwerfung seines Willens, gegenüber den Mitmenschen und beson- 58 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) ders gegenüber seiner Mutter, die „plena gratiae“, die reinste unter den Geschöpfen. Wolle man wahrer Apostel sein, so gehe man zur Krippe, betrachte das Jesuskind und folge ihm nach.173 Dieser Brief verdeutlicht – wie viele andere seiner Briefe – die starke Anbindung und das Vertrauen an die Gottesmutter. Richard und die Soldaten-Sodalen zeichnen ihre Briefe mit den lateinischen Anfangsbuchstaben N.c.pr.p.B.V.M (gesprochen: „Nos cum prole pia, benedicat Virgo Maria“), was in Schönstatt mit dem Wortlaut „Maria mit dem Kinde lieb uns allen deinen Segen gib“ übersetzt wird.174 Zwei Gruppenbriefe von Richard behandeln als Arbeitsthema die „Wahrhaftigkeit“. An Lehmler schreibt er am 27. Januar 1918 unter anderem: Wie das Laster der Lüge so viele andere Fehler und Leidenschaften in sich berge, so viele Tugenden ziehe die Wahrheit nach sich. Doch der Weg der Wahrheit sei schwer und steil und erfordere hauptsächlich zweierlei: Verzichten und Leiden. Verzichten müsse der Wahrheitssuchende auf manche Freude des Lebens und seine liebsten Illusionen müsse er auf den Opferaltar legen. Kämpfen müsse er hauptsächlich, seit die Wahrheit selber auf Golgatha ans Kreuz geheftet worden sei. „Und wie herrlich ist es, ihr [der Wahrheit; d. Verf.] zu dienen […].“175 4.3.8 Konfrontation zwischen Ideal und Wirklichkeit Anfang des Monats März 1918 beginnt Richard nun ebenfalls eine GTO aufzuzeichnen, weil er glaubt, sich für den Fall üben zu müssen, dass er zum Militär einberufen wird. Außerdem wolle er den anderen Sodalen-Soldaten nicht rückständig erscheinen.176 Girke gesteht er schon kurze Zeit später, dass die schematische Arbeit, wie sie die GTO verlange, nichts für seinen Charakter sei. Zwar bekomme man einen viel besseren Einblick in sein eigenes Leben, doch seine Sinnlichkeit und sein überstarkes Gefühlsleben, von denen er sich nur schwer befreien könne, mache die Arbeit schwer. Dennoch glaubt Richard, sich daran gewöhnen zu können. Es gehe eben nichts ohne Schwierigkeiten.177 Am 23. März 1918 wird Richard zusammen mit einundzwanzig Studenten des gleichen Jahrganges aus dem Studienheim in Koblenz gemustert.178 „Das ist wahrhaftig nicht schön. Hoffentlich ist zur Einziehung der ganze Schwindel vorbei. Wenns aber nicht ist, muss man es eben hinnehmen, wie´s kommt. Unsere himmlische Mutter wird mich auch beschützen[.]“179 Die Ferien stehen an. Richard verlässt das Studienheim und fährt zu seinen Eltern in den Westerwald nach Ruppach.180 Kentenich wünscht, dass Richard auch in den Ferien Kontakt zu seinen Mitsodalen im Krieg halten möge.181 Diesem Wunsch kommt Richard nach, vergisst dabei aber nicht, sich intensiv in den Ferien im Umgang mit der GTO zu üben. Dies scheint jedoch nicht zu gelingen. „Meine Ferien- 173 Brief vom 16.12.1917 von Henkes an Theele, 2002, 28–33. 174 Probst, 2007, 40. 175 Vgl.: Anhang XIV, Brief vom 27.1.1918 von Henkes an Lehmler, XVIII. Vgl.: Abschrift des Briefes vom 27.1.1918, 2002, 42f. 176 Brief vom 3.3.1918 von Henkes an Lehmler, 2002, 51f. 177 Brief vom 10.3.1918 von Henkes an Witte, 2002, 58f. 178 Feldpostkarte vom 23.3.1918 von Henkes an seinen Freund Kubisch und Brief vom 24.3.1918 von Henkes an Witte, 2002, 60. 179 Brief vom 24.3.1918 von Henkes an Groß, 2002, 62. 180 Ebd. 181 Brief vom 10.3.1918 von Henkes an Theele, 2002, 57. 59 ausbIldung zum mIssIonarprIester In schönstatt pläne glaubte ich anfangs ohne jegliche Mühe ausführen zu können, doch dann war es bald anders. Jetzt stoße ich oft auf den größten Widerstand.“ Motivieren kann ihn auch nicht die gewonnene Erkenntnis, dass ein Priester nur dann Anerkennung erfahre, wenn er in ganz außerordentlicher Weise apostolisch tätig sei. Tue er es nicht, dann gelte er einfach nichts. Dies müsse sie ganz besonders antreiben, noch mehr an sich zu arbeiten, schreibt er an den Mitsodalen Groß. „Wir müssen uns so erziehen, dass wir das Größtmöglichste leisten können, was unsre Kräfte erlauben.“ 182 Hier zeigt sich, dass er immer wieder an sein selbst gewähltes Ideal „aut Caesar – aut nihil“ anknüpft, ein Höchstmaß an idealer Verwirklichung anstrebt, dabei aber auf Widerstand stößt, er sich selber im Weg steht und dadurch seine Grenzen erfahren muss. Zuhause hilft er in der Landwirtschaft und bereitet sich eifrig auf das „Einjährigenexamen“ vor, für das er sich beworben hat. Gerade recht kommt die Entscheidung aus dem Studienheim, dass wegen der baldigen Einberufung die Ferien auf unbestimmte Zeit verlängert werden und Zeit zum Lernen gegeben ist.183 Am 21./22. Mai absolviert er am staatlichen Gymnasium in Montabaur erfolgreich das „Einjährigenexamen“.184 Er nimmt Abschied von Schönstatt sowie von seiner Aufgabe als Verbindungsmann in der „Congregatio militaris“ und zieht am 21. Juni in die Kaserne in Griesheim ein.185 Abbildung 15: Studienheim in Vallendar/Schönstatt 182 Brief vom 31.3.1918 von Henkes an Groß, 2002, 66. 183 Briefe vom 3.4.1918–5.5.1918 von Henkes, 2002, 72. 184 Prüfungsaufsatz in Deutsch vom 21.5.1918 und Feldpostkarte vom 22.5.1918 von Henkes an Kubisch, 2002, 76–79. 185 Feldpost vom 23.6.1918 aus Griesheim von Henkes an Trampert, 2002, 82. Vgl. dazu Anhang XV, Gedächtnistafel im Urheiligtum, XX. 60 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Der anfänglichen Euphorie, „Spaß am Militarismus zu haben“, folgt schon bald die Ernüchterung.186 Erstmals in seinem Leben wird Richard mit der Außenwelt konfrontiert, die sich in Sprache, Denkweise, religiöser Haltung und Ansichten von Richards Welt völlig unterscheidet. Bisher hatte man ihm Geborgenheit in der Familie und im Internat gegeben. Seine Gefühlswelt gerät ins Wanken. Auch das Einhalten der geistlichen Tagesordnung und des Partikularexamens fällt ihm schwer. Die neue Lebenswelt erweist sich als ein großes Hindernis bei seiner Arbeit in der „Congregatio militaris“, bei der er nun einer anderen Gruppe zugeordnet ist.187 Die GTO gehe noch etwas langsam: das Morgengebet verrichte er nur sehr kurz, Messe und Kommunion geschehe während des Stubendienstes, das Abendgebet tue er gewöhnlich und dazu bete er den Rosenkranz. „Man kann viel, wenn man nur will.“, schreibt er an seinen Spiritual. Tischgebete verrichte er auch, aber bisher nur kurz und mit entblößtem Kopf. Das PE bereite viele Sorgen. Dreimal täglich habe er einen Vertrauensakt zur Gottesmutter.188 Richard klagt über die Gefahren, die sich ihm stellen und sein Seelenleben belasten. Die ärztlichen Untersuchungen oder das Baden seien in der Art und Weise, wie es hier geschehe, nicht wohltuend für ein junges Herz. Ihn rege dies immer so furchtbar auf, während die Anderen darüber lachten und spotteten. Theaterbesuche, Kino und Kantinenleben unterlässt Richard so gut es geht. Einmal sei er mit der Kompanie im Kino gewesen und habe das Stück „Es werde Licht“ gesehen. Dies habe ihn sehr aufgeregt.189 Seinem Mitsodalen Johann Tick schlägt er das Arbeitsthema „Auffrischung unserer Marienliebe zum Schutze gegen die vielen sittlichen Gefahren des Militärlebens“ vor. Es sei so schwer, sittlich standzuhalten. „Die Unsittlichkeit ist sozusagen die tägliche Nahrung der Soldaten. Von morgens früh bis abends spät immer dieselbe Rede und derselbe Quatsch.“190 Wie mit tausend Fangarmen strecke sich die moderne verderbte Welt nach ihnen aus, um sie mit ihren verführerischen Reizen der Freude und Lust auf ihre sündhaften Wege zu locken. Schauspiele, Kinos, Theater, Tingeltangels moderner Städte, in denen sie Soldat spielen, lüden sie förmlich ein durch die verheißungsvollen Titel, die nur auf Sinnlichkeit und rohe Sinneslust hindeuteten, erzählt sein Mitsodale Albert Eise (1896– 1942) im Rückblick auf die Militärzeit.191 Eine andere Schwierigkeit belastet Richards Soldatenleben. Eine längst vergessene Schwäche taucht nun wieder auf: das Heimweh. Er sehnt sich nach der Mutter seiner Jugend so sehr, dass er das Weinen nicht zurückhalten kann. Es tut ihm weh, alleine „im Strudel der schlechten Welt“ ziellos herumgeschleudert zu werden. „Ich habe mir alles so leicht vorgestellt. Jetzt erst empfinde ich meine Fehler; meinen Leichtsinn und Oberflächlichkeit in der Eigenerziehung. […], meine Seele ist spröde und trocken geworden.“ 192 Richards Wille verlässt ihn, und er vernachlässigt immer mehr die GTO und das PE. Er bittet seinen Freund Karl Kubisch, ihm Ratschläge dafür zu geben, wie er am besten seine Tagesordnung wieder einhalten könne. Kubisch reagiert und gibt ihm Anwei- 186 Feldpost vom 2.7.1918 aus Griesheim an Kubisch, 2002, 85. 187 Feldpostbriefe vom 23.6.1918–28.7.1918 aus Griesheim an die Sodalen und Kentenich, 2002, 8–87. 188 Feldpost vom 23.6.1918 aus Griesheim von Henkes an Kentenich, 2002, 83f. 189 Feldpost vom 7.7.1918 aus Griesheim von Henkes an Kentenich, 2002, 86f. 190 Feldpost vom 28.7.1918 aus Griesheim von Henkes an Johann Tick, 2002, 88. 191 Schmidt, Eugen, Pater Albert Eise. Ein Herold Mariens, Vallendar-Schönstatt 1981, 64. 192 Feldpost vom 20.8.1918 aus Griesheim von Henkes an Kentenich, 2002, 90. 61 ausbIldung zum mIssIonarprIester In schönstatt sungen, die Richard erfreuen und mutiger in die Zukunft blicken lassen.193 Der geplante Einsatz an der Front bleibt Richard erspart. Genügend Freiwillige melden sich. Richard möchte nicht Kanonenfutter werden. „So ein Rind bin ich natürlich nicht, dass ich freiwillig an die Front gehe“, schreibt Richard an seinen Mitschüler Albert Reusch. Er warnt vor der Torheit, zum Militär gehen zu wollen. Man solle sich vorm preußischen Militär drücken. Der Wahn sei kurz, die Reue lang.194 Richards Wille, sich geistig mehr zu bemühen, ist durch die Ausbildung am Maschinengewehr nochmals erschwert worden.195 Als die Grundausbildung beendet ist und er nach Darmstadt wechselt, erkrankt sein Vater schwer. Er fährt nach Hause und hilft. Nachdem sein ältester Bruder Karl (1894– 1928) beim Militär die Offizierslaufbahn erreichte, hat er durch einen Kriegseinsatz im Westen eine Gasvergiftung erlitten.196 Seitdem leidet er nun schon seit sieben Monaten an Lungenschwindsucht. Ein anderer Bruder muss wieder an die Front.197 Sein Schulfreund Hans Wormer ist gefallen, ebenso Josef Engling.198 Der Waffenstillstand im November schützt Richard vor den gefürchteten Fronteinsätzen und dem weiteren Militärleben. Mit dem Rücktritt Kaiser Wilhelms II. bricht der monarchische Obrigkeitsstaat am 9. November 1918 zusammen.199 Richard hat an Lebenserfahrungen gewonnen, die ihn verunsichern und zugleich auch nachdenklich werden lassen. Er verliert seinen Freund Hans, andere Mitsodalen sind verletzt oder tot und sein Bruder Karl ist kriegsgeschädigt. Er entwickelt eine kritische Sichtweise auf das Militär. Auch Enttäuschungen bleiben zurück. Seine Appelle als Verbindungsmann in der „Congregatio militaris“ haben sich als zu idealistisch erwiesen. Er selbst tat sich schwer, an die in Schönstatt gewonnenen Ideale festzuhalten. Eine Gedächtnistafel mit den Namen aller Mitglieder der Marianischen Kongregation erinnert im Michaelskapellchen an ihr fünfjähriges Bestehen.200 Deshalb soll ein Festakt am 19. April 1919 stattfinden und sowohl den Charakter einer „Wiedersehensfeier“ tragen als auch aller Sodalen gedenken. Für das zukünftige Fortbestehen der Kongregation soll das Jubiläum hoffnungsvoller Wegweiser im Sinne des Apostolates sein. Obwohl eingeladen, erscheinen die Lehrer des Hauses nicht beim Festakt am Weißen Sonntag mit Ausnahmen von Prov. Kolb und einigen Patres. Die Sodalen sind ent- 193 Feldpost vom 22.9.1918, Truppenübungsplatz, Henkes an Kubisch, 2002, 94f. 194 Feldpost vom 26.9.1918, Übungsplatz, von Henkes an Reusch, 2002, 96. 195 Feldpost vom 17.10.1918 aus Darmstadt von Henkes an Kentenich, 2002, 97. 196 Anhang IX, Andenken an seinen verstorbenen Vater Peter Henkes und an seinen Bruder Karl, XIII. 197 Feldpost vom 17.10.1918 aus Darmstadt von Henkes an Kentenich, 2002, 97. 198 Holzbach, 2005, 40 und Brief vom 3.11.1918 von Henkes an Joseph Trampert, 2002, 100. Anm.: Hans Wormer ist einer der ersten Schüler Kentenichs und wird von ihm als Vorbild in charakterlicher Hinsicht dargestellt. So hebt Kentenich besonders seine Konsequenz des Denkens, Wollens und Handelns hervor. Beuys, 2007, 149. Vgl. Artikel von J. Schmiedl in: Brantzen, Schönstattlexikon, 2002, 435f. Joseph Engling stirbt in den letzten Wochen des 1. Weltkrieges am 10.10.1918. Er wird in der Schönstattbewegung mit wichtigen Begriffen wie „Ganz-Hingabe, Inscriptio, Blanko-Vollmacht und Lebensopfer“ verknüpft. Engling repräsentiert die Idealgestalt, weil er die Bereitschaft zeigte, das eigene Leben als Opfer für das Gnadenkapital der Gottesmutter von Schönstatt einzusetzen. Beuys, 2007, 149. 199 Fragen an die deutsche Geschichte: Ideen, Kräfte, Entscheidungen von 1800 bis zur Gegenwart, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, Referat für Öffentlichkeitsarbeit, Katalog, 17. Aufl., Bonn 1991, 236. 200 Anhang XV, Gedächtnistafel im Urheiligtum, XX. 62 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) täuscht. Zum Konflikt zwischen Lehrern und Sodalen zeigen sich zunehmende Differenzen zwischen jüngeren Sodalen und jenen, die im Krieg waren.201 Richard erneuert seine Weihe, nimmt am Festakt und späteren Versammlungen teil, gehört aber nicht mehr zu den großen Wortführern. Er zieht sich zurück und bereitet sich intensiv auf das Abitur vor, das er zusammen mit 19 Kandidaten im Juli 1919 besteht.202 Inzwischen ist das Studienheim in Schönstatt wieder in alter Ordnung hergerichtet. Somit läuft der vorher nur mit Mühe aufrecht gehaltene Internatsbetrieb in gewohnter Weise weiter. Immerhin haben 264 verwundete Soldaten während des Krieges hier Versorgung finden können.203 Mit der Abdankung Kaiser Wilhelms II. am 9. November 1918 bricht der monarchische Obrigkeitsstaat zusammen. Mit Friedrich Ebert (1871–1925) als ersten Reichspräsidenten wird in der Verfassung vom 11. August 1919 das Fundament der Weimarer Republik gelegt. Der Versailler Vertrag zwingt Deutschland zu Gebietsabtretungen, die die Wirtschaftskraft erheblich schwächen. Das trügerische Bild der nun beginnenden „Goldenen Zwanziger Jahre“ wird verbunden sein mit Wiedergutmachungsforderungen, Verschuldung und Inflation.204 Abbildung 16: Richard Henkes im Kreise der Abiturienten und anderer Mitschüler (letzte Reihe, 5. von rechts) 201 Klein, 1995, 143, 144, 146. 202 Probst, 2007, 54. 203 Skolaster, 1935, 135. Vgl. Mitteilungen, 1919–1925, 18f. 204 Fragen an die deutsche Geschichte, 1991, 236 u. 244–253. 63 eIn steInIger weg zum prIestertum 4.4 Ein steiniger Weg zum Priestertum 4.4.1 Spannungen zwischen Richard und der Provinzleitung Das Mutterhaus versorgt nicht nur die Priester in den Missionsländern, sondern ist dazu noch Ausbildungsort der Novizen und Priester (Abb. 19,69). Hier befinden sich auch die Werkstätten für die Ausbildung der Brüder.205 Mit dem Wunsch Richards, das Noviziat im Anschluss an sein Abitur in Limburg beginnen zu dürfen, wäre gleichzeitig ein „Abschiednehmen“ aus dem Studienheim in Schönstatt verbunden. Doch zunächst wird das Vorhaben abgelehnt.206 Gründe dafür werden nicht genannt. Die Entscheidung der Provinzleitung und seiner Konsultoren, ob der Kandidat Richard zur Einkleidung zugelassen werde, führt dann aber in der Sitzung vom 7. September zu einem positiven Ergebnis. „Der in der Konsulta vom 18. Juli 1919 nicht zur Einkleidung zugelassene Student Richard Henkes wird einer neuerlichen Votierung unterzogen und zwar aufgrund von neuen Angaben, die zu seinen Gunsten vorgebracht wurden.“ Einstimmig lässt man ihn zur Probe zu (Abb. 17, 64).207 Probst wertet dieses Verwirrspiel dahingehend, dass die Ablehnung vom Studienheim in Schönstatt initiiert worden sein könnte, denn die formalen Kriterien seien erfüllt gewesen. Dazu gehöre das positive „Testimonium“ des Heimatpfarrers Grandpré?.208 Ebenso hat der Bischof am 25. August die Erlaubnis für Richard Henkes erteilt.209 Leugers vermerkt, dass unter anderem „kindisches Verhalten“ eine Ablehnung zum Noviziat begünstigen.210 Probst vermutet, dass Richards fröhlicher Charakter oder sein Hang zu kleinen Scherzen etwas damit zu tun haben könnten. Auch die Differenzen zwischen Lehrerkollegium und Sodalen im Studienheim spielten für die Beurteilung Henkes eine Rolle. Richard habe vielleicht durch „flapsige Bemerkungen“ und unangebrachtes Verhalten die Lehrer provoziert. Dass die Angelegenheit zu Richards Gunsten ausfällt, sei Pfarrer Grandpré, Neffe des Förderers der Gesellschaft, zu verdanken,211 aber auch zurückzuführen auf sein überaus engagiertes Mitarbeiten in der Marianischen Kongregation.212 205 Holzbach, 2005, 30. 206 Konsultabuch PR II, Sitzungsberichte des Provinzialrates der deutschen Provinz der Pallottiner, 10.12.1914, ZAPP Limburg, 63. 207 Konsultabuch, 1914–1924, Sitzungsbericht vom 7.9.1919. 208 Probst, 2007, 55. 209 Personalakte Henkes, Richard, P 12-7. Vgl.: Bischöfliches Schreiben vom 25.8.1919, Nos Augustinus. Miseratione Divina et Sanctae Sedis Apostolicae gratia. Episcorpus Limburgensis in: Akte convolut, Erhebungen, R. Henkes, ZAPP Limburg. 210 Leugers, 2004, 82. 211 Gerhardt, Astrid Maria, Ein Leben für die Nächstenliebe. Pater Richard Henkes – Pfleger im KZ Dachau, Tectum Verlag, Marburg 2017, Fußnote 64, S. 39, Anmerkung. 212 Probst, 2007, 56. 64 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) 4.4.2 Noviziat und philosophische Studien „Wahr bin ich und will ich sein und wenn die Wahrheit mich vernichtet“213 (Richard Henkes) Der Beginn der Vorbereitungszeit der Studentennovizen und auch der Brüder ist in der Regel im September.214 In diesem Monat nimmt Richard an den Vorübungen, den Exerzitien, im Limburger Mutterhaus teil.215 Vor Beginn des Noviziates müssen Exerzitien absolviert werden sowie ggfs. eine Lebensbeichte. Die Exerzitien dauern in der Regel 10 Tage.216 Der Noviziatskurs 1919 besteht aus 22 Neuankömmlingen, darunter Richard Henkes. Zusammen mit 10 Brüderkandidaten werden sie feierlich am 24. des Monats eingekleidet. Die kirchliche Einführung wird von Pallottiner-Bischof Franz Hennemann (1882–1951) gestaltet.217 Abbildung 17: Erklärung von Richard Henkes zum Eintritt in das Noviziat Der Novizenmeister Pater Anton Wermelskirchen (1884–1961) hat die Aufgabe, Richard und die anderen Studentennovizen in den nächsten zwei Jahren zu begleiten.218 Wermelskirchen gilt als „stürmischer Aszet“. Seine Erziehung wird daher von den Studenten mit dem nicht gerade wohlklingenden Beiwort „rabies ascetica“, aszetische Draufgängerei, bedacht.219 Das erste Jahr des Noviziats gehört uneingeschränkt der „Bildung des religiösen Geistes, dem Studium und der Einübung der Konstitutionen, dem Gebet, der Unterweisung und Übung in den Standestugenden, der Beherrschung der Leiden- 213 Brief vom 17.4.1924 von Henkes an Kentenich, 2002, 115–118. 214 Leugers, 2004, 88. 215 Mitteilungen, 1919–1925, 21. 216 Leugers, 2004, 84. 217 Vgl. dazu Mitteilungen, 1919–1925, 21 und Akte Münz. 218 Leugers, 2004, 88. Vgl. Skolaster, 1935, 206. 219 Probst, 2007, 57. 65 eIn steInIger weg zum prIestertum schaften und der Ablegung der Fehler“. Das Studium der angehenden Kleriker ist deshalb auch auf Fächer beschränkt, die das geistige Wissen wachhalten, aber die religiöse Entwicklung nicht belasten, sondern eher unterstützen und fördern. Dazu gehören Aszetik, Kirchengeschichte der ersten drei Jahrhunderte, Einführung in den römischen Katechismus, Psalmenerklärung, Spätgriechisch, Spätlatein, Choralgesang und Liturgik. Dies alles geschieht unter einer strengen Leitung des Novizenmeisters.220 Außerdem halten die Novizen über die allen gemeinsamen Andachtsübungen hinaus eine halbe Stunde Betrachtung und eine halbe Stunde geistliche Lesung, meist über Heiligenleben. Als Novizenmeister ist Wermelskirchen im Noviziat auch Richards Seelenführer. Besprechungen mit ihm finden einmal im Monat statt.221 Während Richard seinen Willen und Verstand für das Priestertum schult, scheint es, dass er Schönstatt, die MTA und seinen ehemaligen Spiritual nicht vergessen kann. Ähnlich wie ihm geht es einigen anderen Novizen. Die örtliche Trennung führt dazu, dass sie Briefe an Kentenich schicken, der meist nur mit wenigen Worten antwortet.222 Auf Wunsch Kentenichs soll Richard sich mit dem Leben von Joseph Engling auseinandersetzen. Er bemüht sich in seinem Bericht, die Objektivität zu bewahren, denn Engling war als Mitschüler nicht sehr beliebt; auch Richard empfand keine große Sympathie für ihn. Engling zeichneten Charaktereigenschaften wie Fleiß, Gewissenhaftigkeit, Hilfsbereitschaft, Geduld, Selbstbeherrschung und Gutmütigkeit aus, berichtet Richard. Die Bassgeige spiele er famos, sammle Briefmarken und sei allseits ein Freund aller gewesen, obwohl man ihn oft als Spielball und für peinliche Streiche benutzt habe. Bezüglich der Kongregation sei Engling die Triebfeder des ganzen Räderwerkes gewesen. Voller Reue bekennt Richard, dass man ihn verachtet und nicht verstanden habe. Erst jetzt lerne man sein Leben zu würdigen und zu verstehen.223 Im Gegensatz zu Richard stellt Eise, der ebenso Novize ist, seinen Bericht über Engling nicht fertig.224 Am 25. September 1921 legt Richard seine erste Weihe an Gott ab.225 Seit Mai 1904 werden die Versprechen, auch Profess genannt, dreimal auf je ein Jahr, beim vierten Mal auf ewig abgelegt. Kernaussage des Versprechens ist die Hingabe an Gott und die Bindung an die Gemeinschaft, um Christus nachzufolgen.226 Im zweiten Noviziatsjahr beginnt für Richard das Studium der Philosophie. Hierin scheint sich Richard besonders entfalten zu können. In den vier verzeichneten philosophischen Disziplinen zeigt sein Examen dreimal eine 1 und einmal eine 1,5. Seine philosophische Begabung bringt er bei seiner Beteiligung als Arguens an der „Disputatio solemnis“ vom 15. Mai 1922 über das „Menschliche Sein“ zum Ausdruck.227 Probst unterstreicht, dass gewöhnlich nur die Begabtesten und in der Argumentation Geschicktesten mit der Durchführung der Disputation betraut werden.228 220 Skolaster, 1935, 206f. 221 Leugers, 2004, 89. 222 Vgl. Klein, 1995, Briefverkehr Eise–Kentenich, 150–153. 223 Erinnerung an Josef Engling; niedergeschrieben von R. Henkes im Noviziat für Herrn P. Josef Kentenich vom 20. Juni 1920, 2002, 101–106. 224 Klein, 1995, 151. 225 Mitteilungen, 1919–1925, 70. Vgl. Personalakte Henkes, Richard, PR 12-7. 226 Leugers, 2004, 97f. 227 Probst, 2007, 59. 228 Ebd. 66 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Nach dem Noviziat wählt Richard sich P. Voß (1880–1937) zum Seelenführer aus.229 Da es ihm seelisch nicht sehr gut geht, wendet er sich kurz nach Weihnachten im Jahr 1921 vertraulich an Kentenich. Was seine grundsätzliche Stellung zu seinem Seelenführer angehe, erzählt Richard, bemühe er sich in allem zu gehorchen und er handle den Wünschen seines Seelenführers nicht entgegen, ohne es ihm zu sagen. Dabei schränkt er jedoch ein: „Euer Hochwürden wissen ja, dass mir ein blinder Gehorsam nie Ruhe bringen würde auch wenn es ihre Befehle wären. Ob das falsch ist kann ich nicht beurteilen.“230 229 Brief vom 28.12.1921 von Henkes an Kentenich, 2002, 107. 230 Ebd. 67 eIn steInIger weg zum prIestertum Abbildung 18: Vinzenz Pallotti, gemalt von Oskar Kokoschka, Kopie einer Ansichtskarte, Original: Öl auf Leinwand in der Kirche der Pallottiner in Friedberg, 1962 68 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Auf der einen Seite öffnet er sich Kentenich vertraulich, auf der anderen Seite beginnt Richard innerlich standhafter und gefestigter zu erscheinen. Er will das Vertrauen zu seinem ehemaligen Spiritual nicht verlieren, sucht aber eine Lockerung des engen Beziehungsgefüges. Richard will ernst genommen werden.231 In diesem Reifungsprozess drängt sich ihm ein starker Hang zum Grübeln auf. Wenn es auch meistens die alten Schwierigkeiten [das Grübeln; d. Verf.] seien, die ihn bedrängten, so versetzten sie ihn doch sehr oft in Unruhe und Angst und störten seine innere und äußere Arbeit. Richard aber glaubt, sein seelisches Tief recht bald überwinden zu können. „Ich vertraue, dass mich mein lieber Jesus nicht verlassen wird, auch wenn ich es meinen möchte.“232 4.4.3 Ganz-Hingabe an Gott? – Richards Seelenkrise Am 24. September des Jahres 1922 legt Richard die zweite Weihe ab, nur sieben Tage später erhält er die Tonsur.233 Mit ihr ist er nun in den Stand der Kleriker aufgenommen. Leugers vermerkt, dass bezüglich der Studien und des Empfangs der Weihen für die Pallottiner die gleichen Vorschriften gälten wie für die Weltkleriker.234 Die Studien der Philosophie und Theologie sind nach der Lehre des Hl. Thomas (im kirchengeschichtlichen Kontext des Antimodernismus heißt das: neuscholastisch) ausgerichtet.235 Hinzu kommt die religiöse Bildung in Begleitung des Spirituals. Sie umfasst feste Gebetszeiten, geistliche Betrachtungsphasen, die tägliche geistliche Schriftlesung und jährliche Exerzitien.236 Im Theologiestudium muss Richard sich auf neue Fächer konzentrieren wie unter anderem Aszetik, Katechetik, Rhetorik, Pädagogik, Exegese (AT und NT), Kirchenrecht, Liturgik, Soziologie, Naturwissenschaften, Ethik, Moral, Philosophie, Geschichte der Philosophie, vergleichende Religionswissenschaften, Psychologie, Dogmatik, Geschäftskunde, Kirchengeschichte, Patrologie, Pastoral, kirchliche Kunst, Hebräisch, Gregorianischer Gesang, Missionskunde, Koinegriechisch und Vulgärlatein.237 Die vorgeschriebene Tagesordnung ist von den Klerikern einzuhalten, dennoch werden Erholungsphasen und „geeignete Zerstreuungen“ gewährt. Die Studenten dürfen jedoch ohne Erlaubnis des Rektors mit keinem Fremden sprechen.238 231 Ebd. Vgl. dazu Probst, 2007, 61f. 232 Brief vom 28.12.1921 von Henkes an Kentenich, 2002, 107f. 233 Mitteilungen, 1919–1925, 117f. Vgl. Akte Münz. 234 Leugers, 2004, 105. 235 Ebd., 102. 236 Probst, 2007, 61. 237 Mitteilungen, 1919–1925, 75f. 238 Leugers, 2007, 102. 69 eIn steInIger weg zum prIestertum Abbildung 19: Missionshaus in Limburg, Ausbildungsstätte der Novizen Im Januar 1923 unternehmen ca. 25 Fratres, darunter auch Richard, eine „fröhliche“ Fußwanderung zur Wirzenborner Wallfahrtskapelle im Westerwald.239 Auf dem Weg dorthin überraschen Richard und die anderen Fratres die Familie Henkes. Richards Mutter bewirtet die Fratres mit Frühkartoffeln und „Speckgrieben“. Nachmittags lädt die Familie zu Kaffee und Pflaumenkuchen ein. Es sei eine unterhaltsame, angenehme Rast gewesen, berichtet Richards Schwester Regina (1909).240 Die Erscheinungen der „Goldenen Zwanzigerjahre“ bestimmen auch in Ruppach das dörfliche Leben. Viele Feste werden ausgiebig gefeiert. Doch jetzt kündigt die bereits ohnehin schon unterschwellig präsente Inflation ihren ersten Höhepunkt an. Der Entwertung der Reichsmark folgt von Tag zu Tag ein Preisanstieg für alle Bedarfsartikel und Lebensmittel. Geld wird nur noch selten angenommen. Der Tauschhandel blüht.241 Dass Richard sich auf dem Weg in eine schwere Seelenkrise befindet, ahnt bis dahin niemand. Der einzige, den er in sein Vertrauen schließt, ist Kentenich.242 Ende des Monats schreibt Richard seinem ehemaligen Spiritual bezüglich des „Grübelns“: „Im ver- 239 Mitteilungen, 1919–1925, 135. 240 Kremer, Regina, Erinnerungen an ihren Bruder P. Richard Henkes, Akte L. Münz, 2. 241 Hübner, Sabine, Von den Anfängen bis zur Gegenwart, in: Chronik Ruppach-Goldhausen, Ortsgemeinde Ruppach-Goldhausen (Hrsg.), Winningen/Trier 2009, 43f. 242 Anm.: Der Inhalt dieser Aussage bezieht sich auf den Brief vom 17. April 1924 von Henkes an Kentenich. Er äußert, sich noch mit niemand besprochen zu haben, und dass auch niemand ahne, wie schwer er trage. 70 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) gangenen Jahr lag ich einmal in ihren Fesseln. Es war jene Zeit wo ich keinen Gott und nichts mehr vor mir sah.“ Dieser Glaubensschwierigkeiten wegen habe er große Mühe in der Beichte gehabt, aber er sei schließlich wieder aus dem Zustand herausgekommen. Von seinem Glaubensleben werde auch im Wesentlichen sein Kampf gegen seine sinnliche Natur abhängen, doch wolle er auch in dieser Hinsicht alle anderen Mittel anwenden. Allerdings habe er ein zufriedenstellendes Objekt für seine Seele noch nicht gefunden. Richards Zukunft zeigt sich wie ein Rätsel voller Fragen. „[Å]ber gibt es denn eine Antwort? O ja, es muss eine geben, denn ich brenne zu sehr darauf[.]“ Was bedeute Berufung, setzt Richard fort, was bedeute es, wenn er sein Herz an die tausend unglücklichen Seelen hänge, was wäre es, wenn er sich für sie zerfleische, opfere, aber die Glut in seiner Seele weiterreiche, wenn die Liebe nicht gestillt sei? Dieser Durst könne nur durch eine Ewigkeit befriedigt werden, aber da sei er am Ende seiner Philosophie.243 Richard sehnt sich nach Liebe und Geborgenheit und befindet sich in einer Phase, in der der „naive Kindheitsglaube“ durch tiefgreifende theologische Fragen seine Glaubwürdigkeit verliert.244 Er soll nun sein ganzes Leben auf Gott bauen, auf die Liebe zu einem Partner, auf eine Familie, einen sicheren Lebensweg, Eigentum und Besitz verzichten. Die Erfahrungen seines eigenen Körpers, die Sehnsucht nach Zuwendung und der natürliche, biologische Reifungsprozess erschweren den Weg der persönlichen Hingabe an Gott.245 Die Erlebnisse seiner Militärzeit, die ihn verunsichert haben, ebenso aber auch der Ausschluss von P. Bappert, der ihn einstmals motivierte, Pallottinerpater zu werden, könnten Einflüsse auf sein Seelenleben genommen haben, denn Bappert entschloss sich, eine Beziehung einzugehen, und heiratete.246 P. Juritsch äußert zu den Gründen einer Sinnkrise, dass viele junge Theologen Gefahr liefen, den Glauben zu abstrakt aufzunehmen. Juritsch meint, diese glaubten an Lehrsätze, nähmen eine sittlich-religiöse Doktrin an und lehnten sich zu eng an theologische Überlegungen. Der Glaube aber richte sich zunächst auf eine Person. Jesus Christus sei die Mitte ihres Glaubens. Er müsse auch zur Mitte ihres täglichen Lebens werden. Der Glaube vollziehe sich zutiefst im Denken, Anbeten, Bitten, Lobpreisen, im gläubigen Durchmeditieren der Heiligen Schrift, in der regelmäßigen Begegnung mit dem Herrn in der Eucharistie und in der Ausrichtung des täglichen Lebens auf Gott. So nur könne sich der Glaubende mit seinem ganzen Dasein an Gott binden. Das Entscheidende sei der Glaube, die Theologie aber diene zum Nachdenken über religiöse Wahrheiten.247 Richard ringt mit sich und der Frage, ob er sich auf das Wagnis des Glaubens einlassen soll. Verzweifelt schreibt er, dass er den Tod um Hilfe angefleht habe, doch graue es ihm vor seiner Gestalt, denn er mache ja nur einem enggeführten Leben ein Ende. „Ich muss blind in die Dunkelheit hinaus und weiterwandern, solange mir ein Ziel gesetzt ist. Dann kommt vielleicht einmal ein Licht, und ich werde den Weg sehen, den ich gewandert bin.“ 248 Kentenich beantwortet Richards Hilferuf erst am 26.3.1923 mit wenigen Worten und gibt ihm einige Ratschläge bezüglich des PE und der GOT.249 Kentenich, mittler- 243 Brief vom 31.1.1923 von Henkes an Kentenich, 2002, 109–111. 244 Ebd. 245 Vgl. dazu Holzbach, 2005, 32. 246 Konsultabuch, 1919–1924, Sitzungsbericht vom 18.7.1919, 63. 247 Rundbrief von P. Provinzial Juritsch in: argumente aktuell, 2/74, 9–21. 248 Brief vom 31.1.1923 von Henkes an Kentenich, 2002, 109–111. 249 Brief vom 29.4.1923 von Henkes an Kentenich, 2002, 112. 71 eIn steInIger weg zum prIestertum weile vom Amt des Spirituals befreit, entfaltet seinerseits die Verwirklichung seiner pastoral-pädagogischen Tätigkeit zielstrebig in Form von Vortragsreisen quer durch Deutschland, Tagungen, Exerzitien und umfangreichen Korrespondenzen.250 Für seine Ziele und Anschauungen benötigt Kentenich Mitarbeiter, die ihm als väterliche und spirituelle Leitfigur folgen wollen und nicht solche wie Richard, der sich einem „blinden Gehorsam“ nicht beugen will.251 Leugers vermerkt dazu, dass Kentenich nur solche Pallottiner um sich herum geduldet habe, die sich bedingungslos seiner Führung unterstellten. Selbstständige Menschen hätten sich nicht in Kentenichs Umgebung gehalten.252 Richard hofft dennoch auf Kentenichs Hilfe. So wendet er sich erneut am 29. April an ihn und betont gleich zu Beginn des Briefes das Wort „Gewissenssache“. Richard wünscht sich, er könne einmal allen Kummer und alle Sorgen von der Seele schreiben und damit sein Herz frei und weit machen. Er könne es jedoch nicht. Er müsse den Druck aushalten, bis er selber weiche oder ihn zermalme. Im Moment fehle ihm jedes Fundament, um die von Kentenich geforderten Aufzeichnungen bezüglich des PE und der GOT zu erledigen. Er habe Kentenichs Willen nicht entsprochen. Tägliche Aufzeichnungen habe er ja machen können, es ekele ihn jedoch seine eigene Sache an und er bringe es nicht über sich, dies auch noch zu Papier bringen zu müssen. Richard äußert in diesem Brief auch Verlustängste: „Ich weiß nicht, was Sie beginnen, wenn Sie das alles lesen. Ob Sie mich vom Beruf losreißen, ob Sie mir fluchen, mich verdammen?“ Selbstmordgedanken quälen ihn. „Angst habe ich diesbezüglich nicht; denn ich bin ja doch zu feig. Ich kann also nur auf das Strafgericht Gottes warten und dann wird man von mir als ein Schreckensbeispiel dafür reden, dass man auch die kleinste Gnade nicht verscherzen darf.“ Es plagen ihn auch Schuldgefühle. Am Ende des Briefes fragt er sich, ob aus einer solchen Verfassung eine apostolische Tätigkeit entspringen könne, und ob sie, wenn ja, von der Gnade befruchtet sein könne.253 Richard hegt nicht die Absicht, die Gemeinschaft zu verlassen. Im September 1923 legt er das dritte Versprechen ab und empfängt im Oktober die erste sowie im November die zweite „Niedere Weihe“.254 Äußerlich verhält sich Richard unauffällig. In den Semesterferien fährt er mit einigen Fratres als Werkstudent nach Frankenstein in Schlesien, um sich dort am Bau der neuen Schule zu betätigen (Abb. 20, 72).255 250 Schlickmann, 2007, 25. 251 Vgl.: Probst, 2007, 62. Anm.: Ein umfangreicher Briefwechsel herrscht zwischen Kentenich und Eise, der nach dem Theologiestudium als enger Mitarbeiter in Kentenichs Bewegung vorgesehen ist. Auch Eise bewegt sich in einer Seelenkrise, die er aber nicht so deutlich wie Richard zum Ausdruck bringt. Die Briefe von Eise werden regelmäßig von Kentenich beantwortet und mit Ratschlägen untermauert. Außer der Beantwortung des Briefes vom 26.3. 1923 und zwei gesendeten Grüßen lassen sich keine Antwortschreiben von Kentenich an Richard finden. Vgl.: Klein, 1995, 150–154. Vgl.: Henkes Briefe während des Noviziates und Theologiestudiums in: Briefe u. Dokumente, 107–130. 252 Leugers, 2004, 176. 253 Brief vom 29.4.1923 von Henkes an Kentenich, in: Briefe u. Dokumente, 2002, 112–114. Anm.: Probst vermerkt, dass das Wort „Gewissenssache“ Zeichen für die Oberen ist, die die Post kontrollieren dürfen. Probst, 2007, 63. 254 Akte Münz. 255 Mitteilungen, 1919–1925, 159. 72 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Abbildung 20: Herz-Jesu-Missionshaus in Frankenstein/Schlesien Die politische und wirtschaftliche Krisensituation sowie die soziale Not in Deutschland erweisen sich als idealer Nährboden für extremistische Gruppierungen verschiedenster Art. In diesem Herbst sieht sich die Regierung einer akuten Putschgefahr von rechts und links ausgesetzt. Die Gefahr durch die Aufständischen wird gebannt, so auch der Putschversuch Hitlers vom 9. November 1923 in München.256 Trotz des Fehlschlages und der Haftverbüßung sieht Hitler (Abb. 33, 93) sich als der „Dennoch-Sieger“, dessen Triumphgefühl er in seinem Buch „Mein Kampf “ zum Ausdruck bringt.257 Richards seelisches Leiden setzt sich fort und gewinnt an Dramatik. Alles dränge auf seine Seele ein, ein langes verfehltes Leben, eine düstere Ewigkeit und dann die Außenwelt mit allen Bewegungen und Fragen und ein Studium voller Probleme. „[I]ch kann Ihnen nicht sagen, wie dieser Gott mich vernichtet. […] Warum kommt ein geängstigtes Menschenherz, das seit Kindheitstagen nach dem Gotteserlebnis ringt, nicht zur Ruhe? […] Morgen ist Karfreitag, der Tag, da man Gott gemordet. Auch in meiner Seele könnte ein Gott thronen, das Verlangen dazu wäre da, aber eine frevelnde Hand hat ihn erschlagen. Verwaist, gehasst, verfolgt zieht sie nun ihre Wege einer Ewigkeit entgegen[.] […] Nach außen überall dabei, punktum, nach innen gähnende Leere, Verdruss, Ekel.“ Er spüre, dass jede Vernachlässigung ihn wie eine Furie verfolge. Er wolle nicht verschweigen, 256 Fragen an die deutsche Geschichte, 1991, 255, 256. 257 Informationen Zur Politischen Bildung. Der Nationalsozialismus, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, 7. Auflage, Bonn 1986, 6, 10. Anm.: „Mein Kampf “ dokumentiert Hitlers „Weltanschauung in theoretischen Erörterungen und im Entwerfen von Grundlinien zur Realisierung seiner innen- und außenpolitischen Vorstellungen. Es ist eine Mischung aus Autobiographie, Parteigeschichte der NSDAP, Propagandalehre, Auslassungen über einzelne Epochen der deutschen und der Weltgeschichte, Darlegung über Themen wie Goethe und die Juden, Kleidung der Juden, Religion, Boxen und Sterilisation.“ Zitat: Ebd., 6. 73 eIn steInIger weg zum prIestertum dass auch der Dämon Merli seine Finger nach ihm strecke. Es sei entsetzlich, schreibt Richard. Als Kirchendiener würde Kentenich ihm das Anathema der Häresie entgegenschleudern. Dies kenne er jedoch schon. Es habe bisher nur verwundet, aber nicht geheilt. Seit seiner Jugend habe er einen Führer gesucht, der ihm den Weg seiner Herzenssehnsucht leite, aber das Schicksal habe ihm dies bis heute verweigert. Eines tue ihm leid, „dass ich hassen kann so tief, wie meine Seele nach Liebe lechzt. Ich kann Menschen betrüben, beleidigen ja verdammen. Diese Erkenntnis hatte ich bisher nicht an mir. Sie tut mir unsagbar weh. […] Wahr bin ich und will ich sein und wenn die Wahrheit mich vernichtet.“258 Am 25. September 1924 legt er die ewige Weihe an Gott ab und wird Pallottiner (Abb. 21).259 Im Oktober empfängt er die Weihe zum Subdiakon und sieben Tage später die Weihe zum Diakon. Abbildung 21: Weiheversprechen vom 25. September 1924 258 Brief vom 17.4.1924 von Henkes an Kentenich, 2002, 115–118. 259 Anhang XVIII, das handgeschriebene Professformular, XXIII. 74 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Richard hat die Anerkennung der Oberen, denn sie beauftragen ihn, einen Nachruf auf P. Franz Salzhuber (1894–1925) zu schreiben.260 Am 8. Januar des Jahres 1925 stirbt der schwer erkrankte Salzhuber nach einem langen Lungenleiden. Bis zum 5. des Monats ist Richard ständig bei ihm gewesen und hat ihn in der Zeit seiner Krankheit oft gepflegt.261 Probst bewertet den Nachruf auf Salzhuber als ein „Meisterwerk“, das „zugleich tief in das Herz“ von Richard blicken lasse. Der Nachruf, so Probst, offenbare nicht nur wichtige Seiten eines religiösen Menschen, sondern auch einen sprachgewandten, sicher mit Gefühlen umgehenden Studenten der Theologie.262 4.4.4 Kreuzträger für andere Über Ostern verweilt Richard in Schönstatt und hilft dem Spiritual P. Valerius bei einer Tagung der Gymnasiasten.263 Richard äußert sich darüber in einem Brief, den er im Mai an Kentenich sendet. Er habe die Gedanken der Oster-Tagung in zwei Konveniats vorgetragen. „Erfolg: Selbstbesinnung auf die Gemeinschaftsarbeit. Das Leben entwickelt sich so gut.“264 Richard bewegt sich immer noch in einem Gedankenkarussell der Gefühle, dennoch offenbart der Brief, dass auch sein Leben sich wieder gut entwickelt. Seine Sprache äußert eine positive Grundstimmung. Sie ist klarer und wohlklingend, die Gedanken geordnet. Die depressive Stimmung scheint zu weichen. „Ich stehe nun unmittelbar davor Priester zu werden und ich habe die Überzeugung, dass vieler Seelen Kreuz meiner Schultern harren. Gebe Gott, dass ich dabei lerne mein eigenes Kreuz besser zu ertragen. Jedenfalls freue ich mich sehr auf diese Zeiten.“ Was die Beziehung zu seinem Seelenführer anbelangt, hofft Richard nach wie vor auf eine Aussprache.265 Er sieht sich an einem Wendepunkt stehen, an dem es gilt, Vergangenes und Zukünftiges gegeneinander abzuwägen. Er habe nun seine Entwicklung verstanden. Er wünsche sich schon bald in seiner zukünftigen Arbeit Gelegenheit zu finden, die ungeklärten Fragen, die ihn beschäftigt haben, zu lösen, „wenigstens so bald als ich noch die geistige Biegsamkeit zum Forschen besitze.“266 Richard entwickelt klare Vorstellungen über sein kommendes Priestertum. Er will auf Gottes Stimme horchen, seinem Wirken nachfühlen.267 Seine stärkste Seite sei die opferwillige Hingabe aus Liebe. Er wolle in der Hauptsache Opferpriester werden, Kreuzträger für andere. „Die Hingabe muss ich veredeln, damit sie nicht eine Preisgabe zum Geschöpflichen werde. Ich muss sie wegziehen vom schönen Gesicht zur merklichen Not und möchte nur meine Liebe auch auf Verachtung und Vergessensein 260 Henkes, Richard, Deus clemens, deus misericors. Zum Tode des hochw. P. Franz Xaver Salzhuber PSM, in: Stern der Heiden, 1925, Jahrgang 32, 57–59. Anm.: P. Salzhuber, der 1914 in den Krieg zog, entfaltete eine außerordentliche apostolische Tätigkeit. 1919 beginnt sein Noviziat in Limburg. Als Diakon unterbrach er wegen seines Leidens das Studium, wurde aber dennoch 1924 zum Priester geweiht. Sein körperlicher Zustand erlaubte keine seelsorgerische Tätigkeit. Vgl.: Mitteilungen, 1925, 260. 261 Brief vom 1.2.1925 von Henkes an Salzhubers Schwester, 2002, 119. 262 Probst, 2007, 77. 263 Ebd., 69. 264 Brief vom 14.5.1925 von Henkes an Kentenich, 2002, 126f. 265 Ebd. 266 Brief vom 3.6.1925 von Henkes an Kentenich, 2002, 127f. 267 Gerhardt, 2017, 34. 75 eIn steInIger weg zum prIestertum ausdehnen.“268 Richard ist überzeugt, dass seine Leidenschaft ihn viel leisten lasse, wenn er mit ihr nicht auf Irrwege gehe. Eine Schwierigkeit sei noch, dass manchmal sein äu- ßeres Benehmen dem inneren Denken und Empfinden nicht entspreche. So zartfühlend er auch denke, so sei sein Benehmen wirklich grob. Hierin müsse er sich schleifen, damit er sich die Seelsorge nicht verbaue.269 Eine Begegnung und Aussprache mit Kentenich findet nicht statt. Darüber dürfte Richard enttäuscht sein, denn er hat immer wieder auf eine Kommunikation auf Augenhöhe gedrängt und um Hilfe im Kampf seiner Seelenkrise gebeten. Sicher wird Richard im Studienhaus zur Kenntnis genommen haben, dass seine Kurskameraden wie zum Beispiel Albert Eise, Josef Rath und Josef Hagel mit Kentenich Kontakt hatten. Bis auf einen Brief, einige gesendete Grüßen und einem Bild der MTA hat Richard keine sorgfältigen Anweisungen oder Belehrungen seines ihm vertrauten Spirituals erhalten und so seine Krise alleine meistern müssen.270 In der Krise mögen sich auch die vielfältigen Veränderungen des Lebensgefühls und des Verhaltens der Bevölkerung nach dem 1. Weltkrieg widerspiegeln. Die Entfaltung des geistigen und künstlerischen Lebens, das weitgehend geprägt wird vom „Expressionismus“ und der „Neuen Sachlichkeit“, sucht nach neuen tragenden Werten, althergebrachte Normen verlieren ihre Gültigkeit.271 „Verfall, Fäulnis, Wahnsinn“ seien ein Kennzeichen dieser Jahre, aber auch eine neue Suche des Du nach Gott.272 268 Brief vom 3.6.1925 von Henkes an Kentenich, 2002, 128. 269 Ebd., 129. 270 Vgl.: Klein, 1995, Briefverkehr zwischen Eise und Kentenich, 150–153. 271 Fragen an die deutsche Geschichte, 1991, 274f. 272 Hoffmann, Friedrich G./Rösch, Herbert, Grundlagen, Stile, Gestalten der deutschen Literatur. Eine geschichtliche Darstellung. Neue Ausgabe, Berlin 1996, 368. 76 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) 4.4.5 Priesterweihe Abbildung 22: Pater Richard Henkes PSM In Anwesenheit seiner Familie wird Richard am 6. Juni 1925 von Bischof Augustinus Kilian in Limburg zum Priester geweiht (Abb. 22-24, 76–78).273 Sein Primizbild zeigt die heiliggesprochene Theresia von Lisieux (1873–1897) vor Maria mit dem Jesuskind, die über dem Petersdom in Rom auf einer Wolke schweben. Dazu kniet die Heilige in einer Art Apotheose vor der sternengekrönten Gottesmutter und spricht: „O wie ich sie liebe, die Mutter Gottes! Wäre ich ein Priester geworden, wie begeistert würde ich von ihr gesprochen haben (Abb. 2, 35).“274 Die Hl. Theresia von Lisieux gilt als die Patronin der Mission. Die Gottesinnerlichkeit und die Gottsuche der jungen Karmelitin sprechen insbesondere die Jugend der 20er-Jahre an.275 Die gesprochenen Worte Theresias heben die besondere Stellung Marias hervor. Sie spiegeln die marianische Frömmigkeit wider, die Richard im Elternhaus erfahren hat und die im Studienheim Schönstatt dominierend gefestigt wurde. Seine tiefe marianische Spiritualität verdeutlicht er auch in seinem gewählten Primizspruch von Schwester M. Regina Most.276 Maria ist ihm ver- 273 Lebensdaten R. Henkes, Akte Münz. 274 Vgl. auch Gerhardt, 2017, Abb. 2, 35. 275 Holzbach, 2005, 33f. 276 Vgl. auch Gerhardt, 2017, Abb. 3, 36. 77 eIn steInIger weg zum prIestertum traut, und Maria soll ihn auf seinen zukünftigen Weg als Priester begleiten. Sein Primizbild illustriert aber nicht das einst in Schönstatt geprägte Marienbild. Er wählt ein anderes Marienbild, das auf eine Neuorientierung (als Priester) hindeutet. Im Vertrauen auf Gott folgt er seiner Berufung, die ihm in der schwierigen Zeit seiner Seelenkrise bewusst wurde. Dies unterstreicht Richard mit dem von ihm verfassten Wortlaut: Abbildung 23: Textteil des Primizbildes 1926 beendet Richard seine theologischen Studien und wird als Lehrer nach Schönstatt versetzt.277 277 Konsultabuch, 1924–1937, Sitzungsbericht vom 22.4.1926, 34. 78 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Abbildung 24: Richard Henkes im Kreise seiner Familie 4.5 Lehrjahre – Richard erfährt seine Grenzen Richard trifft am 15. Juni als Lehrer in Schönstatt ein und tritt die Nachfolge von P. Clemens Berkenkopf an, dessen Pädagogik mit traditionellen Werten und Vorstellungen verbunden war. Sein Ersatzmann Richard wird aber mit „einem wohlwollendem Lächeln begrüßt, denn er war ein Bekannter aus Jugendtagen und Schüler des Geschiedenen“, berichtet der Chronist.278 Als junger „Newcomer“ unterrichtet er Latein, Deutsch und Religion in der Sexta sowie Geschichte in der Obersekunda.279 Richard engagiert sich und entfaltet dabei pädagogische Kompetenz, indem er Lehrinhalte harmonisch mit Herz, Hand und Verstand präsentiert.280 Sein ehemaliger Schüler Wilhelm Kühner erinnert an Richards persönlich formulierte Gebete. Seine Art zu beten sei „gewinnbringend und überzeugend“ gewesen. Kühner beschreibt ihn als einen sensiblen und freundlichen Lehrer, der auch in Krisensituationen Trost spende, der Lernproblemen durch Nachhilfe entgegenwirke und den Schülern einen anschaulichen Unterricht biete. Kühner äußert, Richards Pädagogik beruhe darauf, den Stoff nicht „trocken“ zu übermitteln, sondern er demonstriere, wie das Gelernte ins praktische Leben umgesetzt werden könne. Die Schüler vermissen Richard sehr, als er für lange Zeit den Schuldienst unterbrechen muss.281 Im Mai 1927 begibt er sich ins St. Maria-Josef-Krankenhaus in Ahrweiler.282 278 Mitteilungen, 1926, 35f. 279 Akte Münz. 280 Zeugenaussage P. Kühner, Wilhelm vom 11.8.1990, Akte Münz. 281 Ebd. 282 Akte Münz. 79 lehrjahre – rIchard erfährt seIne grenzen Dort verweilt auch P. Kugelmann, der die Krankenhausseelsorge tätigt und sein Asthmaleiden kuriert.283 Die erste ärztliche Diagnose sagt aus, Richard leide an einer offenen Tuberkulose beider Lungen, die Tendenz zur Vernarbung zeigten. Zugleich seien vor allem die linke Spitze und die Oberlappen sowie in geringerem Grade die unteren Partien der rechten Lunge befallen. Zur Ausheilung bedürfe es einer halbjährigen Ruhekur, nach Möglichkeit in Höhenluft.284 Scheinbar nimmt Richard die gesundheitliche Situation, in der er sich befindet, nicht an, denn er bezeichnet sich als „Leichtkranken“.285 Richard darf keine Seelsorge ausüben, weder in Ahrweiler noch woanders. Seine Krankheit sei ernstlicher als man zunächst angenommen habe.286 Die Heilung verläuft äußerst träge, wohl auch deshalb, weil er sich zu wenig schont. Kugelmann ermahnt Richard wegen seines fahrlässigen Verhaltens. Er gehe oft zu lange spazieren, besuche Kranke, Waisenkinder und Bekannte. „So wenig, wie ich einem Hund das Bellen verbieten kann, ebenso wenig kann ich P.H. Ruhe, Schonung und Einsamkeit gebieten.“287 Ein langwieriger Heilungsprozess erwartet Richard, den man zur weiteren Behandlung seiner doch weit vorgeschrittenen Lungentuberkulose in das Kurkrankenhaus nach St. Blasien in den Schwarzwald schickt.288 Dort hofft Richard, noch vor Weihnachten entlassen zu werden. Seine Ungeduld entschärft sich, als er eine kleine seelsorgerische Tätigkeit im Erholungsheim Menzenschwand annimmt und dort seine Kur fortsetzt.289 Entmutigt wird Richard, als die Provinzleitung beabsichtigt, Richard als Missionar nach Südafrika zu schicken, weil die klimatischen Verhältnisse für Lungenkranke dort besser seien.290 Richard wehrt sich und äußert gegenüber den Oberen, dass man ihm Unrecht tue, weil er keinen Beruf für die Mission beabsichtige. Er habe sich auf die Schule eingestellt, weil er stets einen Zug zur Schule gehabt hätte.291 Richard äußert klare Vorstellungen über seine Zukunft und seine Leidenschaft als Lehrer. Nach Anfrage des Prov. Laqua im Februar 1928 an den behandelnden Arzt, ob die Missionsarbeit in Afrika für Richard sinnvoll sei, entgegnet dieser mit Ablehnung. Dr. Buck sieht dies als zu riskant und empfiehlt deshalb, dass Richard die Kur bis Ostern fortsetzen solle, um für seine frühere Berufstätigkeit wieder arbeitsfähig gemacht zu werden.292 Dieser Befund verschafft ihm Erleichterung. Durchsetzungsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein zeigt Richard in seinem Engagement für den ebenfalls an Tuberkulose erkrankten Mitbruder Frater Fell. Nach einer ärztlichen Fehlbehandlung setzt er sich für eine bessere Behandlung bei der Provinzleitung ein. Richard darf den mittlerweile Schwerstkranken in das beste und teuerste Sanatorium in St. Blasien begleiten, wo Hoffnung auf eine Hei- 283 Brief vom 15.6.1927 von Henkes an den Prov., Personalakte Henkes, Richard P 12-7. 284 Handgeschriebene, ärztliche Diagnose, Akte Studienheim Schönstatt, ZAPP Limburg. 285 Postkarte vom 15.6.1927 von Henkes, in: Personalakte Henkes, Richard, P 12-7. 286 Postkarte von Kugelmann an den Prov., Personalakte Kugelmann, ZAPP Limburg. 287 Brief vom 4.7.1927 von Kugelmann, in: Personalakte Kugelmann. 288 Brief vom 30.7.1927 von Henkes aus St. Blasien, Personalakte Henkes, Richard P 12-7, 133f. 289 Brief vom 27.10.1927 von Henkes, 2002, 136. 290 Probst, 2007, 83. 291 Anhang, XIX, Brief vom 20.11.1927 von Henkes an den Prov., XXIV. Vgl.: Abschrift des Briefes vom 20.11.1927, 2002, 137. 292 Anhang XX, Briefe vom 7.2.1928 von Prov. Laqua, XXVI, Anhang XXI, Abschrift des Befundes von Medizinalrat Dr. Buck vom 11.2.1928, XXVII. 80 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) lung gegeben ist.293 Richard besucht Fell täglich. Um ihm näher zu sein, entscheidet er, die verbleibende Kurzeit wieder in einer Pension in St. Blasien zu verbringen.294 Nach Ostern des Jahres 1928 nimmt Richard seine Lehrtätigkeit wieder auf, nicht aber wie erhofft in Schönstatt, sondern in Alpen.295 Alpen ist die einzig staatlich genehmigte Schule der Gesellschaft, die aber zu Gunsten des Konviktes in Rheinberg aufgegeben werden soll.296 Diesem Vorhaben versucht Richard entgegenzuwirken. Er entwickelt sowohl Pläne zur Ausgestaltung des Hauses als auch Ideen, wie man einen größeren Schülerkreis gewinnen könne. Dabei wirft er seinem Rektor P. Josef Massmann (1879– 1955) „Arbeitsmüdigkeit“ vor. Es entspinnt sich ein Generationskonflikt zwischen dem kränklichen, älteren Massmann und dem überengagierten Junglehrer Richard.297 So klagt Massmann Richards unsittliches Verhalten während seines Aufenthaltes in Ahrweiler und besonders in Alpen bei den Oberen an. Der Provinzialrat reagiert und hält im Sitzungsbericht vom 5. Juni 1929 fest, „falls die Anklagen gegen P. Henkes auf Wahrheit beruhen, soll ihm das erste kanonische Monitum erteilt werden“. Am 12. September bereits folgt eine erneute Ermahnung, die Richard auffordert „den Briefverkehr, den er seit langem mit einem Fräulein aus Ahrweiler führt, gänzlich aufzugeben. Im Falle erneuter Weigerung, es zu tun, soll er das erste Monitum canonicum erhalten. “298 In Richards persönlichen Briefen finden sich bezüglich der Korrespondenz keine Hinweise und auch keine persönliche Äußerung.299 Richards Bemühungen um den Erhalt der Schule in Alpen sind vergeblich. Die Auflösung zugunsten des Konviktes in Rheinberg erfolgt, und Richard kehrt am 13. September 1929 ins Studienheim Schönstatt zurück, wo er jetzt Deutsch und Erdkunde unterrichtet.300 Seine ehemaligen Schüler kommentieren, er sei ihnen als junger Priester und Lehrer mit einem frohen und offenen Wesen gegenüber getreten. Dazu heben sie seine menschliche, verständnisvolle Art und seinen Humor hervor. Seine Art sei es, zu wecken, wenn nötig zu provozieren, um Fesseln zu sprengen, um damit wiederum Kräfte freizumachen und Fähigkeiten zu wecken.301 Richards innovative Methoden stoßen aber auch bei den Kollegen auf Kritik. Sie sind der Meinung, dass Richards Methoden weder originell noch kreativ seien, sondern „hy- 293 Anm.: Dieses Zugeständnis seitens der Provinzleitung war nicht selbstverständlich, denn zu den Tugenden der Pallottiner gehört die gelebte Anspruchslosigkeit und Sparsamkeit, die besonders nach dem Krieg und der Weltwirtschaftskrise praktiziert werden sollte. In dieser Krisenzeit blieben die Pallottiner dennoch vor wirklicher Armut weitgehend verschont, im Gegensatz zu weiten Kreisen der Bevölkerung. Vgl.: Leugers, 2004, 158–161. 294 Brief vom 7.2.1928 von Henkes an Prov. Laqua, 2002, 142–146. 295 Mitteilungen, 1928, 167. 296 Brief vom 3.7.1928 von Henkes an den Prov., 2002, 149–152. 297 Ebd. 298 Konsultabuch, 1924–1937, Sitzungsberichte des Provinzialrates vom 5.6.1929 und vom 12.9.1929. Anm.: In den Satzungen der Pallottiner fasst man den Punkt des Umgangs mit Frauen zur damaligen Zeit sehr eng. So besagt Nr. 92: „[U]m die Tugend der Keuschheit fleckenlos zu bewahren, sollen die Mitglieder […] der Vertraulichkeit mit Frauen ernstlich aus dem Weg gehen und weder am unrechten Ort noch zu unpassender Zeit allein mit ihnen sprechen.“ Die nach dem II. Vatikanischen Konzile neu gefassten Satzungen enthalten diesen Passus nicht mehr. Vgl.: Probst, 2007, 92. 299 In den Aktenlagen ist ebenfalls keine Korrespondenz zwischen dem „Frl.“ und Henkes vorhanden. Vgl.: Probst, 2007, 91f. 300 Skloaster, 1935, 245–247. Vgl. dazu Leugers, 2004, 293f. und Mitteilungen, 1929, 136. 301 Zeugenaussagen P. Weiand B. vom 15.10.1990 und P. Schell, Walter vom 19.5.1982, Akte Münz. 81 lehrjahre – rIchard erfährt seIne grenzen permodern“ und „unpassend“, notiert der Rektor P. Johannes Baumann (1880–1977).302 Den Kollegen kommt das Gerede über den Briefwechsel wohl deshalb sehr gelegen.303 Richard hat also die Korrespondenz nicht aufgegeben. Am 2. Juli 1931 spricht Prov. Baumann „in Gegenwart der Patres Auer und Weber“ Richard gegenüber eine kanonische Ermahnung aus.304 Der leichtfertige Umgang mit seiner Krankheit und das „ungehorsame“ Verhalten gegenüber den Obern sowie die Auswahl seiner Methoden als Lehrer sind Lehrjahre, in denen Richard Grenzen gesetzt werden. Sie zeigen aber auch, dass Richard sich zu einer reifen Persönlichkeit entwickelt hat, der sich nicht bedingungslos anpassen möchte, als man ihn in die Mission schicken will, Verantwortungsbewusstsein für seine Mitbrüder entwickelt, Eigenständigkeit in seinem Beruf behauptet und Anerkennung der Schüler erfährt. Während seiner Tätigkeit im Studienheim widmet sich Richard der historischen Erforschung des „alten Klosters“ in Schönstatt.305 Die Geschichte wirft zum Abschluss seiner Erörterung einen kritischen Ausblick auf eine ungewisse gesellschaftspolitische Zukunft. So vermerkt er: „Diese Türme erzählen ja so eindringlich, was sie gebaut: religiöses Verstehen, menschliche Eintracht, Gottverbundenheit. Diese Ruinen klagen, was sie zerstört: Hass, Feindschaft, Neid. Ob sie noch lange klagen? Ob sie noch viel erzählen? Sie haben Risse bekommen und neigen sich.“306 Das deutsche Volk ist zu Beginn der 30er-Jahre harten Zeiten ausgesetzt: Das Millionenheer der Arbeitslosen schwillt an, Elend herrscht in weiten Schichten der Bevölkerung und infolge der Weltwirtschaftskrise verschärfen sich die sozialen und politischen Spannungen in der Weimarer Republik.307 Ende der späten Zwanzigerjahre entpuppt sich die NSDAP mit ihrem Aufstieg zu einer Massenpartei als ernsthafter Gegner der Regierung. Eine Ablehnung der NDSAP, die in erster Linie religiös-kirchlich begründet ist, lässt auch die Fuldaer Bischofskonferenz erstmals am 17. August 1931 verlauten. Dies stärkt den Rücken der politischen Parteien, besonders den des Zentrums und den der katholischen Verbände im Kampf gegen die NSDAP.308 302 Vgl.: Probst, 2007, 88. 303 Holzbach, 2005, 29. 304 Konsultabuch, 1924–1937, Sitzungsbericht des Provinzialrates vom 10.8.1931. Anm.: Die Aktenlage zeigt keinen Grund, die zölibatäre Einstellung von Richard Henkes in Frage zu stellen. „Die hinter dem Monitum stehenden Fakten werfen daher eher die Frage nach dem Menschenbild der damaligen Pallottiner und nach der Haltung des Gehorsams in dieser Zeit auf.“ Vgl. dazu Probst, 2007, 95. 305 Henkes, Richard, Die Geschichte des alten Klosters Schönstatt, in: Heimat-Kalender für den Landkreis Koblenz 1931, Koblenz 1930, 52–56. 306 Ebd., 56. 307 Hübner, 2009, 45, 47. Vgl.: Fragen an die deutsche Geschichte, 1991, 296. 308 Stickler, Matthias, Kollaboration oder weltanschauliche Distanz? Katholische Kirche und NS- Staat, in: Hummel, Karl-Joseph/Kißener, Michael (Hrsg.), Die Katholiken und das Dritte Reich. Kontroversen und Debatten, Paderborn 2009, 86. Anm. 1: Die Zentrumspartei gehörte 1919/20 der Weimarer Koalition an und war bis 1930 an fast allen parlamentarischen Regierungen beteiligt Sie präsentierte damit eine nicht unbedeutende politische Kraft im Staat. Das Zentrum wurde überwiegend bis 1933 von Katholiken gewählt. Bis 1933 distanzierte sich die Partei deutlich vom Kommunismus und Nationalsozialismus. Ebd. Anm. 2: Die deutschen Bischöfe äußerten bereits mit ihrem ersten gemeinsamen gefassten Hirtenbrief vom 30.5.1933 ihre grundlegenden Ansichten und meldeten eine Vielzahl von Wünschen sowie Forderungen, die sie bis 1933 noch deutlicher präzisierten, da der Totalitätsanspruch der Nationalsozialisten immer stärker wurde. Stasiewski, Bernhard, Akten Deutscher Bischöfe über die Lage der Kirche 1933–1945, Bd. I, 1933–1945, Mainz 1968, 239f. u. 247. 82 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Schweren Herzens nimmt Richard die Entscheidung hin, als man ihn in den Osten versetzt. Er muss die Nähe zur Familie aufgeben, auch seine gewohnte Umgebung in Schönstatt. Den plötzlichen Wechsel versucht Richard mit einem von Kentenich geführten Exerzitienkurs zu bewältigen, bevor er in Katscher in Oberschlesien in das 1930 eröffnete Vinzenz-Pallotti-Kolleg einzieht.309 4.6 Richards zweite Heimat: Schlesien und Sudetenland Die Zeit in Schlesien und im Sudetenland (Abb. 25) verbringt Richard zunächst als Lehrer und Seelsorger in Katscher; später führt ihn sein weiterer Weg nach Frankenstein, Branitz und Strandorf. Dort zeigt Richard neben seinem Lehrerberuf außerordentliche geistliche Entfaltung als Seelsorger, Exerzitienmeister und Prediger. Zudem führt er eine offene Kontroverse mit dem Nationalsozialismus, dessen totalitärer Staat entscheidend an die Person Adolf Hitlers gebunden ist. Aus diesen Auseinandersetzungen resultiert die Inhaftierung im Konzentrationslager Dachau bei München. Abbildung 25: Schlesien/OS 309 Probst, 2007, 94, 96. 83 rIchards zweIte heImat: schlesIen und sudetenland Historisch hat das Gebiet um Hultschin, Katscher und Troplowitz bis 1924 eine eigenständige Entwicklung geführt. Die Zugehörigkeit des Distriktes Katscher zum Erzbistum Olmütz ist aus „übergeordneten politischen Gründen“ nicht angetastet worden, obwohl in staatlicher Hinsicht der Distrikt Katscher zu den Landkreisen Leobschütz und Ratibor im Regierungsbezirk Oppeln der Provinz Schlesien gehört. Da das Hultschiner Ländchen 1920 ohne Befragung der Bevölkerung von Deutschland abgetrennt und der Tschechoslowakei angegliedert wurde, hat der Distrikt ein Drittel seiner größtenteils katholischen Bevölkerung verloren.310 Infolgedessen ist der Distrikt Katscher 1924 in das Vikariat für den preußischen Anteil (Branitz, Hultschin, Katscher und Leobschütz) unter der Führung von Generalvikar Joseph Martin Nathan (1867–1947) integriert worden.311 Die Sprache der Bevölkerung ist teils deutsch, teils mährisch und zu einem geringen Teil auch polnisch.312 Das soziale Engagement Nathans (Abb. 27, 85) ermöglicht die Ansiedlung von Ordensgemeinschaften und Caritas wie Marienschwestern aus Breslau für die ambulante Betreuung und Pflege der Heil- und Pflegeanstalt in Branitz, mit deren Bau durch die Bemühungen des Generalvikars 1898 begonnen wurde. Darüber hinaus haben Franziskaner und Franziskanermissionarinnen in Leobschütz und Katscher ihren Platz gefunden. Mit der Eröffnung des Schülerinternats in Katscher 1930 sorgen nun auch Pallottiner dort für die Verbreitung des Apostolates im Sinne von Vinzenz Pallotti.313 4.6.1 Die Domizile Frankenstein und Katscher Der zunächst bescheidene Anfang im Jahre 1920 hat schließlich zum Ausbau des „Herz-Jesu“-Missionshauses in Frankenstein geführt. Dort besteht seit 1924 das Privatgymnasium St. Adalbert, das nicht nur von Missionsschülern besucht wird. Die Inflation und die zu hohen Kosten für einen Erweiterungsbau haben die ursprünglichen Pläne zur Fertigstellung der Schule verhindert. Die Problematik des Platzmangels wird durch den Kauf des Schlosses von Graf Edgar Henckel von Donnersmarck in Katscher gelöst.314 Zahlreiche Ausbau- und Umbaumaßnahmen sowie notwendige Reparaturen haben das Schloss zu einer Missionsschule werden lassen.315 In Zukunft aber wird das alte Schloss den Pallottinern immer wieder Anlass für notwendige Renovierungsmaßnahmen geben: „ein Haus ohne Ende“, wie Rektor P. Grote (1884–1907) es formuliert. Die Patres sind gezwungenermaßen auch in den Ferien durch Arbeiten am Haus ge- 310 Erwin Gatz (Hrsg.), Die Bistümer der deutschsprachigen Länder von der Säkularisation bis zur Gegenwart. Ein historisches Lexikon, Freiburg 2005, 116f. 311 Ebd. Vgl. dazu: Handbuch des sudetendeutschen und preußischen Anteiles der Erzdiözese Olmütz 1943, Stand vom 1. Januar 1943, Branitz 1943, Reprint Ulm 1999, Kirchliche Einteilung des Generalvikariates, 19. 312 Gatz, 2005, 117. 313 Ebd., 117, 118. Vgl. dazu: Mitteilungen, 1931, 160. 314 Skolaster, 1935, 177–185. Vgl. dazu: Bericht von Archivar H. Eickmann SAC vom 21.5.1982, Akte Katscher, Bd. 4, A 11/53, ZAPP Limburg. 315 Mitteilungen, 1931, 160. 84 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) fordert.316 In den Wintermonaten durchströmt die Kälte das Schloss so stark, dass die Hausbewohner zum Aufwärmen oft die Küche als Zufluchtsort suchen.317 Abbildung 26: Richard Henkes eingeschlafen in der Küche in Katscher Die Schüler durchlaufen die unteren Klassen (Sexta, Quinta, Quarta) innerhalb von zwei Jahren. Von dort wechseln die Schüler dann nach Frankenstein in die Untertertia.318 Ein kleiner Kreis von Patres und etwa drei bis vier Brüder unterhalten die Schulgemeinschaft in Katscher und tätigen darüber hinaus die außerordentliche Seelsorge in den umliegenden Pfarreien mit Exerzitien, Einkehrtagen und Aushilfsseelsorge.319 Generalvikar Nathan besucht von Zeit zu Zeit die Gemeinschaft und ermuntert sie zur Weiterarbeit. Kirche und Gemeinschaft stehen in einem kollegialen Verhältnis zueinander.320 316 Brief vom 13.1.1933 von Grote an den Prov. Baumann, Akte Katscher, Bd. 2, A 11/51, ZAPP Limburg. 317 Mitteilungen, 1931–1932, 113f. 318 Archivar H. Eickmann, 1982, Akte Katscher, A 11/53. 319 Ebd. 320 Mitteilungen, 1931, 161. 85 rIchards zweIte heImat: schlesIen und sudetenland Abbildung 27: Prälat Joseph Martin Nathan 4.6.2 Chancen für Schüler aus armen Verhältnissen Im August 1931 trifft Richard im Katscherer Haus ein, und mit ihm auch der neue Rektor P. Grote.321 Die Rüge, die er in Vallendar durch die kanonische Ermahnung erhalten hat, belastet ihn schwer. Grote muss wohl ein vertrauliches Gespräch mit Henkes gesucht haben, denn er schreibt noch im gleichen Monat seiner Ankunft an Prov. Baumann, dass Richard schwer leide. Er trage jedoch nicht alleine die Schuld. Unklarheiten dürfen auf keinen Fall auft auchen, aber briefl ich lasse es sich nicht schreiben. Deshalb will Grote bei seinem nächsten Besuch die Einzelheiten mit Baumann besprechen.322 Das Durchschnittsalter für die Klasse Sexta/Quinta beträgt etwa 14 Jahre, jenes für die Klasse Quinta/Quarta beträgt 15 Jahre. Insgesamt sind für das Schuljahr 1930/31 47 Schüler präsent.323 Richard erteilt 25 Stunden Unterricht in der Woche.324 Er und sein Kollege P. Hahn, der zusätzlich als Vizerektor, Präfekt und Prokurator fungiert, verlangen konzentrierte Internatsarbeit. Deshalb sind sie in ihrer Lehrtätigkeit stark gefordert, und mit zunehmenden Seelsorgearbeiten stoßen sie oft an die Grenze ihrer Belastbarkeit.325 Richard und seine Kollegen übernehmen die Seelsorge aus eigener Verantwortung. Gerade die Lehrer seien bestrebt, dass die Gemeinschaft und mit ihr auch die Schule Fortschritte mache, wenn sie in der Seelsorge mitarbeiten. Die Notwendigkeit, die Gesellschaft in Oberschlesien publik zu machen und auch durch Aushilfsarbeiten die Hauskasse zu stützen, sei für jeden der Patres zwingend, da die Anschaff ungen für 321 Ebd. 322 Brief vom 20.8.1931 von Grote an Prov. Baumann, Akte Katscher, Bd. 1, A 11/50, ZAPP Limburg. Anm.: Nähere Einzelheiten lassen sich aus den Quellen nicht erfahren. 323 Akte Katscher, A 11/50. 324 Brief vom 20.8.1931 von Grote an Prov. Baumann, Akte Katscher, A 11/50. 325 Briefe vom 17.1.1932, und 7.3.1934 von P. Hahn sowie vom 26.11.1933 von Grote an den Prov., Akte Katscher, A 11/50 und A 11/51. 86 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Lehrmittel wie Landkarten, Anschauungsmaterial, Bücher für die Fortbildung von Lehrern usw. nur über den Weg der Hauskasse ermöglicht werden könnten. Die Befürchtung seitens des Provinzialats, die Lehrer könnten sich infolge ihrer Mitarbeit in der Seelsorge entfremden, hält Grote entgegen, dass in Schlesien die Umstände und Verhältnisse mit denen der Häuser im Westen nicht vergleichbar seien.326 Abbildung 28: Schüler und Lehrer des Vinzenz-Pallotti-Kollegs in Katscher Richard unterrichtet Deutsch und Latein.327 Ein großer Teil der Schüler verstehe weder die deutsche noch polnische Sprache richtig, berichtet Grote. Es fehle oft an den einfachsten Begriffen. Satzkonstruktionen und Auffassung der Satzteile bereiteten den Schülern enorme Schwierigkeiten. Die Situation verschärfe sich durch die verzögerte geistige und körperliche Entwicklung der Kriegs- und Nachkriegskinder, die in sehr ärmlichen Verhältnissen in Oberschlesien aufgewachsen sind. Aus diesem Grund scheitert nicht selten das Bestreben der Eltern, ihre Kinder studieren zu lassen. Man rät ihnen, die Missionsschule zu besuchen, weil es dort billiger sei.328 Auch die Volksschule leiste nicht das, was man erwartet. Grote spricht von „unfähigen und bequemen Lehrern“, die die Volksschule zur „Spiel- und Tändelschule“ degradieren.329 Richard erteile den Schwächeren jeden Tag Nachhilfeunterricht in Latein, und es zeige sich, dass nicht Talent und Begabung fehle, sondern das schnelle Vorgehen die Schüler hindere.330 Richard und sein Teamkollege Frenzel arbeiten erfolgreich. So berichtet Hahn, 326 Brief vom 26.11.1933 von Grote an den Prov., Akte Katscher, A 11/51. 327 Zeugenaussagen von P. Viezens, Alfred vom 25.4.1985, Akte Münz. 328 Skolaster, 1935, 98. 329 Brief vom 22.11.1931 von Grote an den Prov., Akte Katscher, A 11/50. 330 Ebd. 87 rIchards zweIte heImat: schlesIen und sudetenland dass sie bei der Bewältigung dieser schwierigen Aufgabe fast Heroisches geleistet hätten. Bei den deutschpolnischen Schülern sei die tägliche Korrektur der einzige Weg zum Erfolg.331 Die Urteile der Schüler bestätigen Richards guten Ruf als Lehrer. Schon seine äußerliche imponierende Gestalt sei gewinnbringend, seine Geschicklichkeit, Fantasie und Konsequenz helfe den Schülern, Entscheidungen zu akzeptieren, sich den Forderungen der Hausordnung zu stellen sowie sich mit den Zielen und Idealen der pallottinischen Gemeinschaft zu identifizieren. Richard begegne ihnen wahrheitsliebend und gewissenhaft im täglichen Miteinander. Dabei sei er unkompliziert, taktvoll, feinfühlig und offenherzig. Nie ginge es ihm um seine Person, starre Prinzipienreiterei sei ihm fremd.332 Reitor charakterisiert ihn als unkonventionell, motivierend, bedacht auf Förderung der Schüler und gewissenhaft im Umgang mit Hausarbeiten, Prüfungen und Korrekturen.333 Zum Repertoire des Schulbetriebes gehören auch Ausflüge, Exkursionen und dergleichen. Betreut von Lehrern und Brüdern finden Aktivitäten statt wie beispielsweise eine Wanderung nach Troplowitz an der tschechischen Grenze oder ein Schulausflug zum Wallfahrtsort Sankt Annaberg. Musikalisch begleitet von Flöten und Geigen, einem Nachtlager und einem Konzert für die Kinder im Dorf Lichinia wird dieser Ausflug deshalb auch in Erinnerung bleiben, weil Richard einen Rucksack voll Muschelkalk nach Hause schleppt, um den Berg auf seinen „inneren Gehalt“ zu untersuchen. Der Sankt Annaberg ist für die Bevölkerung bedeutsam und ein Ort für religiöse Versammlungen. Dort gedenken sie der Freiheitskämpfer ihres Reiches. Die Anliegen werden in deutscher und slawischer Sprache geäußert.334 4.6.3 Der „Maßnahmestaat“ Die Welt in Deutschland ändert sich mit dem 30. Januar 1933, als Hitler zum Reichskanzler ernannt wird (Abb. 29, 88).335 331 Brief vom 31.3.1934 von Hahn an den Prov., Akte Katscher, A 11/51. 332 Zeugenaussagen von Regel, Johannes und Zinndorf, Werner, Akte Münz. 333 Reitor, Georg, Meine Erinnerungen an P. Richard Henkes SAC, vom 27.11.1985, Akte Münz. Vgl. dazu Reitor, 1988, 11f. 334 Mitteilungen, 1933–1935, 128f. u. 294. Vgl. dazu Reitor, 1988, 11. Vgl.: Brief von Hahn an den Prov. vom 23. Juni 1934, Akte Katscher, A 11/51. 335 Informationen Zur Politischen Bildung, 1986, 19. Anm.: Wesentliche Funktion des totalitären Staates war die „physische Vernichtung des Judentums“ und „der weltanschauliche Vernichtungskampf um Lebensraum mit dem politischen Hauptfeind, dem sowjetischen Bolschewismus“. Innenpolitisch zielte Hitlers Ideologie auf die vollständige Gleichschaltung der Gesellschaft ab, die jegliche konkurrierende Institution nicht mehr zuließ. Hitlers Politik war „skrupellos“ und missachtete nationales wie internationales Recht. Sein Staatsdenken war das einer Parteidiktatur, die den traditionellen Staat im herkömmlichen Sinne überwucherte. Es war ein „Maßnahmestaat“. Für die Umsetzung seiner Ideologie missbrauchte der Katholik Hitler nicht wenig den „Namen Gottes“ für seine Zwecke. Das Regime wies einen pseudoreligiösen Charakter auf, der gezielt christliche Traditionen und Gemeinschaftsformen kopierte wie z. B. Himmlers Schaffung einer ordensähnlichen Gemeinschaft in der SS. Kißener, Michael, Katholiken im Dritten Reich: eine historische Einführung, in: Hummel/Kißener (Hrsg.), Die Katholiken und das Dritte Reich. Kontroversen und Debatten, Paderborn 2009, 17. Vgl. das Beispiel eines nationalsozialistischen Dichters, der schrieb: „Höher und höher zum hohen Himmel, das Haupt von schimmernden Sternen umkränzt, aufraget die glänzende Wächtergestalt des Führers“ oder das von der NS-Volkswohlfahrt geforderte Kindergebet „Dir danke ich heute mein tägliches Brot. Bleib lange noch bei mir, verlass 88 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Im Dezember schreibt Richard an seine Eltern: „Ihr könnt Euch ja denken, dass ich weiß, wie es in der Welt aussieht und wann ich Gott für alles danken muss, denn dafür, dass ich so gute Eltern habe.“ 336 Abbildung 29: Das Kabinett Hitler nach seiner Ernennung am 30. Januar 1933 Das Reichtagsgebäude wird in Brand gesteckt. Mit dieser Tat rechtfertigen Hitler und die NSDAP die Formulierungen zur „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“ („Reichstagsbrandverordnungen“), die praktisch alle Grundrechte außer Kraft setzen. Kommunisten und andere Oppositionelle werden verfolgt und verhaftet. Bei der Reichstagswahl am 5. März erhält die NSDAP 43,9 % der abgegebenen Stimmen.337 Bereits Ende März beginnt man mit dem Bau des Konzentrationslagers Dachau mit einem Fassungsvermögen von 5000 Menschen.338 Es folgt das „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“ („Ermächtigungsgesetz“) und die restlose Außerkraftsetzung der Verfassung. Nur die SPD stimmt dagegen. Im April erfolgt ein reichsweiter Boykott jüdischer Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte (Abb. 30, 89). Als „Volksverderber, Rassenmich nicht, Führer, mein Führer, mein Glaube, mein Licht! Heil mein Führer!“ Nicht zu vergessen sind die von Hitler eingeführten nationalsozialistischen Feiertage. Informationen Zur Politischen Bildung, 1986, 29f. 336 Brief von Henkes an seine Eltern vom 22.12.1933, Akte Münz. 337 Ebd., 21–23. 338 Zarusky, Jürgen, Die KZ-Gedenkstätte Dachau: Anmerkungen zur Geschichte eines umstrittenen historischen Ortes, in: Danyel, Jürgen (Hrsg.), Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin 1995, 187. Vgl.: Münchner Illustrierte Presse, Bericht vom 16.7.1933. 89 rIchards zweIte heImat: schlesIen und sudetenland schänder, Weltverschwörer“ gebrandmarkt, müssen die Juden in Deutschland von nun an Schlimmstes befürchten. Rechtsgrundlage bietet der sogenannte „Arierparagraph“. Abbildung 30: 1. April 1933, Boykott jüdischer Geschäfte Alle modernen Erscheinungen und Bücher aus Literatur, Kunst und Wissenschaft werden als „undeutsch“ bzw. „entartet“ bezeichnet, verbrannt und verboten (Abb. 31, 91). Mit dem „Gesetz gegen die Neubildung von Parteien“ hat die NSDAP ihren angestrebten Einparteienstaat erreicht. Alle Parteien haben sich selbst aufgelöst.339 Das am 14. Juli 1933 beschlossene Gesetz zur „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ erlaubt Zwangssterilisationen (Abb. 47, 116). Am 19. Oktober folgt der Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund.340 Die Privatsphäre der Bevölkerung ist aufgehoben. „Jeder hat stets eingedenk zu sein, dass er ein Soldat Adolf Hitlers zu sein und nach seinem Reglement zu leben und zu exerzieren hat.“341 Der klare, kritische Blick für die religionsfeindlichen Ziele des Nationalsozialismus, den die katholische Kirche mit ihrer bis dahin ablehnenden Haltung zum Ausdruck gebracht hat, erfährt jetzt einen Kurswechsel.342 Die Gespräche um die Zustimmung des Zentrums zum Ermächtigungsgesetz setzen den ersten Akzent.343 Hitlers Zusicherungen über die ungehinderte Ausübung kirchlicher Tätigkeiten in seiner Regierungserklärung vom 23. März 1933 sowie das Eingehen auf die Wünsche der Katholiken, seine beruhigenden Äußerungen über die Inhalte seiner Politik, aber auch die Stellung sei- 339 Informationen Zur Politischen Bildung, 1986, 22–31. 340 Fragen an die deutsche Geschichte, 1991, 324. 341 Informationen Zur Politischen Bildung, 1986, 30. 342 Ebd., 27. 343 Ebd. 90 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) ner Regierung zum Christentum veranlassen die Fuldaer Bischofskonferenz, einige frühere Vorbehalte dem Nationalsozialismus gegenüber aufzugeben. In einer am 28. März abgegebenen öffentlichen Erklärung heißt es unter anderem: ohne „die in unseren früheren Maßnahmen liegende Verurteilung bestimmter religiös-sittlicher Irrtümer aufzuheben“, seien die früheren „Verbote und Warnungen […] nicht mehr als notwendig“ anzusehen.344 Der Ausschluss von den Sakramenten und das Uniformverbot bei Gottesdiensten werden aufgehoben. Vereinzelt feiern kirchliche Würdenträger „die Größe der Zeit“, bekunden „die aufrichtige und freudige Bereitschaft zur Mitarbeit“ und behaupten, „die Tafeln des nationalsozialistischen Sollens und der katholische Imperative“ zeigten in die gleiche Richtung.345 Der Vorsitzende der Fuldaer Bischofskonferenz, der Breslauer Kardinal Adolf Bertram (1859–1945), hatte die Zeiten der Rechtlosigkeit der Kirche während des Kulturkampfes in den 1870er Jahre miterlebt. So strebt er mehr ein gedeihliches, harmonisches Zusammenspiel zwischen Staat und Kirche an. Sein Amtsverständnis ist patriarchalisch-autoritär geprägt und fordert den Gehorsam der Gläubigen ein.346 Bertrams Ansichten und Haltungen gegenüber dem autoritären Staat werden nicht von allen Würdenträgern akzeptiert. Skeptiker, weniger vom konservativen Geist geprägt, betreiben offensive politische Kritik, wie z. B. der Berliner Bischof Konrad von Preysing (1880– 1950), aber auch eine Reihe Geistlicher, die die Kirche „in einer umfassenderen Weltordnung sehen“. Die Kirche sei auch Hüterin der Menschenrechte. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg. 5,29) verstehen sie als bindenden Auftrag.347 Die kritischen Stimmen können aber nicht verhindern, dass am 20. Juli das Reichskonkordat zwischen Kirche und Staat abgeschlossen wird.348 344 Stickler, 2009, 87. 345 Informationen Zur Politischen Bildung, 1986, 27. 346 Vgl.: Kißener, 2009, 15,16. 347 Ebd. 2009, 16. 348 Wenner, Joseph, Reichskonkordat und Länderkonkordate, 2. Aufl., Paderborn 1934, 26, 28, Artikel 1–34, 15–26. Anm.: Wenner betont, das Konkordat sei ein Friedenskonkordat (Concordato pacis) und Freundschaftskonkordat (Concordata amicitiae). Es habe den Zweck, Schwierigkeiten vorzubeugen und religiöse Kräfte des Volkes zu entfalten, erläutert Wenner. Dieses verheißungsvolle Friedenswerk, fährt Wenner fort, solle der Anfang einer vorbehaltlosen, freudigen und harmonischen Zusammenarbeit von Staat und katholischer Kirche zur Rettung des christlichen Abendlandes sein. Ebd., 11f. Im Versuch einer kritischen Bewertung spricht Stickler von einem Defensivkonkordat (Concordata defensionis iurium et libertatis Ecclesiae) zur „Verteidigung der Rechte“ und der „Freiheit der Kirche“, zur Vermeidung eines „Bruchs“ zwischen Staat und Kirche, und die „Neuordnung“ der Verhältnisse zueinander. Nach Stickler liegen die Gründe des Abschlusses darin, einen neuen Kulturkampf zu vermeiden, das katholische Verbandswesen zu sichern und gegenüber dem Staat eine unabhängige Sphäre zu schaffen. Stickler, 2009, 88, 92f. 91 rIchards zweIte heImat: schlesIen und sudetenland Abbildung 31: Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 Richard hat diese Ereignisse verfolgt und begreift sehr wohl, welche Bedeutung sie für die Entwicklung in Deutschland haben können. Das Arrangement zwischen Kirche und Staat ist für ihn jedenfalls „ein furchtbarer Schlag“.349 Zu kirchlichen Kontroversen teilt er die Ansichten des Bischofs von Preysing.350 Die Schutzbestimmungen und Zugeständnisse der Nationalsozialisten zeigen umfangreiche Freiheiten und Verordnungen, beispielsweise die Zubilligung bedeutender Rechte im Schulbereich, im Ordenswesen und im kirchlichen Vereinsleben.351 Der Preis für die rechtlichen Absicherungen ist aber die völlige Entpolitisierung der Kirche.352 Honoriert wird das Entgegenkommen der katholischen Kirche nicht, sondern eher als Schwäche ausgelegt. Zudem erfordert der Verkündigungsauftrag der Kirche zwangsläufig eine Einwirkung in den politischen Raum. Die Sphären von Kirche und Staat lassen sich nicht einfach trennen.353 Schon bald zeigen sich die ersten Risse. Die Schutzbestimmungen für die Seelsorge- und Jugendarbeit werden von den Nationalsozialisten missbraucht.354 In Richards Heimatdorf Ruppach werden sämtliche katholischen Vereine verboten und das Jugendheim geschlossen.355 Die NSDAP versteht es, die Bevölkerung recht schnell zu indoktrinieren. Am Festtag des neuen Reiches schmücken die Einwohner im „gläubigen Vertrauen auf die Unbestechlichkeit, den Arbeitsmut und Arbeitswillen“ des Volksführers ihre Häuser mit der Reichsfahne. Von nun an werden der 1. Mai und das Erntedankfest nach nationalsozialistischer Art gefeiert: Gedichtvorträge 349 Reitor, 1988, 15. 350 Ebd., 16. 351 Wenner, 1934, Artikel 12–25, 18–23. 352 Kißener, 2009, 20. 353 Stickler, 2009, 93f. 354 Informationen Zur Politischen Bildung, 1986, 27. 355 Blatt, 2009, 153. 92 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) von Kindern, die die Arbeit verherrlichen, Ansprachen, die den „Dank gegen Gott, der die Ernte schenkt und Liebe zum Führer, der den Bauernstand rettet“ ausdrücken, Einführung des Deutschlandliedes und des Horst-Wessel-Liedes.356 Die Jungen treten ins „Jungvolk“ ein, wo sie Schulungs- und Exerzierstunden erhalten. Die Jugend ist in die Hitlerjugend und in die SA eingegliedert. Der Gruß „Heil Hitler“ wird in der Schule eingeführt, in den Lehrplan der Schule werden Familienkunde, Vererbungslehre und Rassenkunde aufgenommen.357 1935 verpflichtet das Reichsflaggengesetz auch die Kirchen, bei feierlichen Anlässen die Hakenkreuzfahne zu hissen.358 Erste kirchenfeindliche Maßnahmen und Deportationen katholischer Priester in das Konzentrationslager werden Realität (Abb. 32). Abbildung 32: Maßnahmen und KZ-Strafen gegen katholische Priester 356 Hübner, 2009, 47–49. 357 Ebd. 358 Rupp, Walter/Vieregg, Hildegard, Eine Dokumentation in Texten und Bildern, Pater Rubert Mayer SJ, Neuried 1987, 49. 93 rIchards zweIte heImat: schlesIen und sudetenland Wie der Nationalsozialismus gegen Geistliche agitiert, verdeutlichen Auszüge der Rede des Gauschulungsleiter Werners auf einer Großkundgebung in Limburg im Jahre 1934: „Die schlimmsten und gefährlichen Reaktionäre sind die katholischen Hetzpfaffen. […] Bei diesen Rosenkranzbrüdern werden sie [die Jugend; d. Verf.] zu Verbrecher herangezogen. […] Ein Junge im Jungvolk […] ist mir tausendmal lieber als die anderen Jungen, denn sie sind Heuchler, nichts als Heuchler. […] Denn die größten Frömmler sind die allergrößten Schweinehunde gewesen. Sie rutschen auf den Steinen herum, küssen die Fliesen in der heißen Erwartung, dieselben Lumpereien morgen begehen zu können.“359 Abbildung 33: „Hitler ohne Maske“, Zeichnung von KZ-Häftling J. Wiesenthal, 1945 In Katscher, vermerkt der Chronist, steht 1933 das Grenzland im Mittelpunkt nationaler Interessen. Man sehe wieder das gefährdete Deutschtum. Aber die Grenzler wüssten es selbst am besten, ihr Volkstum vor allem aus eigener Kraft zu verteidigen. Hier in Katscher, drei Kilometer von der tschechischen und ungefähr 20 km von der polnischen Grenze, stehe man diesen Dingen Aug in Aug gegenüber. Die Bevölkerung lebe unter schwierigen Verhältnissen und müsse mehr um ihre Existenz kämpfen als in der gesicherten Mitte.360 359 NL Allebrod, Eduard, Reden und anderes zur Zeitgeschichte, Kapitel 2, Rede des Gauschulungsleiters Prof. Pg. Werners, ZAPP Limburg. 360 Mitteilungen, 1933–1935, 48. 94 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) 4.6.4 Halt und Stärke durch die Familie „Uns bleibt wohl nicht viel mehr als zu beten, dass der liebe Gott uns führt. Es ist nicht mehr schön, auch für uns Priester nicht und doch muss man gerade jetzt da sein, um Mut zu machen, um aufzumuntern, und der liebe Gott wird uns nicht verlassen“, schreibt Richard an seinen Vater im Jahre 1934. Im Augenblick sind Ferien und Richard erholt sich von den zurückliegenden Strapazen. Er erkundigt sich nach dem Befinden seiner Mutter. Seine Eltern sind mittlerweile Großeltern geworden.361 Richard pflegt den regelmäßigen Kontakt zu seiner Familie. Sein Bruder Hugo lebt nun aus beruflichen Gründen mit seiner Frau Käthe in Breslau. Richard hatte sie am 1. August 1932 getraut.362 Ein besonderes inniges Verhältnis und Vertrautheit bestehen zwischen Richard und seiner Schwester Regina. Ihr gegenüber öffnet er sich und seine Gefühle. „Ich habe mich hier so eingelebt, dass ich meine, ich gehöre hierher. Hier ist meine Arbeit, hier sind meine Sorgen, hier ist auch mein Herz. Hier lässt sich noch viel erreichen. Doch noch mehr als bei euch. Die Leute sind hier religiöser als anderswo.“363 Seine Schwester möchte heiraten. Unsagbar leid tut es ihm, dass er nicht dabei sein kann, „und es kann sein, dass es bei mir alten Kerl sogar ein paar Tränen kostet. Ich schäme mich auch gar nicht, dass ich so weich bin, denn ich habe immer gedacht, dass ich dir einmal eine schöne Predigt halten dürfte. Vielleicht soll es nicht sein, weil ich dich so gerne habe“. Er verrät Regina, wie es ihm gelingt, sich in Dankbarkeit um seine Mutter zu bemühen. Er habe mit dem Herrgott einen Vertrag geschlossen. Er solle ihm seine Mutter solange erhalten, als er als Priester für seine Arbeit einen großen „Opferer und Beter“ brauche. Die Mutter bete, und wenn er erfahre, ihr gehe es nicht gut, dann wisse er wieder, es sei alles für ihn gewesen. Dies sei bei ihr nicht anders.364 Wenn sich Gelegenheit bietet und seine Freizeit es erlaubt, besucht er seine Familie in Ruppach. Öfters verweilt er bei seinem Bruder Hugo in Breslau.365 4.6.5 Aufbau der Seelsorgearbeit nach Vinzenz Pallotti Die Menschen in und um Katscher unterstützen die Gemeinschaft der Pallottiner durch vielerlei Hilfen wie z. B. Spenden. Zudem tragen sie durch ihre rege Teilnahme an Gottesdiensten sowie Andachten zum Gelingen der Seelsorgearbeiten bei. Besonders die Ausgestaltung des Hauses und der Kapelle ist ein Verdienst der Katscherer Bürger.366 Die Aufgaben in der Seelsorge wachsen mehr und mehr. Verwundert zeigen sich selbst die Pallottiner (Abb. 34, 95 und Abb. 38, 101), wenn an Sonn- und Feiertagen die Gottesdienste überfüllt sind, da doch die große Pfarrkirche in unmittelbarer Nähe liegt. Der Andrang ist häufig so groß, dass Sanitäter für eventuelle Unfälle präsent sind.367 Auch 361 Anhang XXII, Brief von Henkes an seinen Vater vom 3.7.1934, XXIX. 362 Ebd. 363 Brief von Henkes an seine Schwester Regina vom 2.5.1935, Akte Münz. 364 Anhang XXIII, Brief von Henkes an seine Schwester Regina und seinen Schwager vom 2.10.1935, XXXI. 365 Brief von Henkes an seine Schwester Regina vom 2.5.1935, Brief an seine Eltern vom 20.9.1937, Akte Münz. 366 Mitteilungen, 1931–1932, 113f. Vgl.: Bericht von Mende, Agnes in: Leobschützer Heimatblatt, 16. Jahrgang, Heft 1, 1983, 29. 367 Mitteilungen, 1931, 161. 95 rIchards zweIte heImat: schlesIen und sudetenland die Anteilnahme an Grotes Beerdigung ist überwältigend.368 Bereits von Todesahnungen begleitet hat Rektor Grote im Januar 1934 seinen letzten Festtag, den 50. Geburtstag, feiern dürfen. Am 8. März ist er im Beisein von Richard und P. Sybon gestorben. Richard hat ihn während der Erkrankung begleitet. Hahn, der nun Rektor des Hauses ist, würdigt Richards Verhalten: Er habe sich richtig aufgeopfert. Die Schwestern hätten ihm gesagt, eine Schwester könne nicht aufmerksamer und feinfühliger sein. Der Todesfall sei Richard recht nahegegangen.369 Richard genießt auch das Vertrauen der Mitbrüder. Nur Richard weiß zunächst, dass Br. Grimm die Gesellschaft verlassen will, weil er die Verantwortung, die er durch die „ewige Profess“ auf sich nähme, nicht tragen kann. Seine Aufgaben werden vorläufig von Hahn und Richard übernommen.370 Im Mai übernimmt Richard Hahns Position als Berater.371 Im Juli wird er zum Vizerektor ernannt.372 Insbesondere Rektor Hahn und Richard treiben die Seelsorgearbeiten voran. Abbildung 34: Lehrerkolleg in Katscher (Richard Henkes 1. von links) 368 Mitteilungen, 1933–1935, 207. 369 Brief von Hahn an den Prov. vom 7.3.1934, Akte Katscher, A 11/51. 370 Brief von Hahn an den Prov. vom 23.3.1934, ebd. 371 Brief von Hahn an den Prov. vom 10.5.1934, ebd. 372 Konsultabuch, PR III u. IV, 171. 96 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Hahn notiert in seinem Bericht an das Provinzialat, er sei überlastet. Von Henkes müsse er dasselbe sagen. Doch jetzt, wo die Gemeinschaft bekannt werde, könne man auf die Seelsorgearbeiten nicht verzichten. In der Folgezeit hält Hahn an Sonntagen bis zu zwei Fastenpredigten, so z. B. in der Katscherer Pfarrkirche oder in Ratibor, dessen Kirche, so Hahn, stets überfüllt sei und bis zu 4000 Menschen fasse. Neben Fastenpredigten habe Henkes zwei Einkehrtage in Leobschütz im Oberlyzeum mit gutem Erfolg abgeschlossen. Diese guten Resultate der Einkehrtage erweiterten den Einzugsbereich für die Gemeinschaft.373 So verwundert es nicht, dass Richard in Zukunft regelmäßige Einkehrtage und Vorträge in der Kreisstadt Leobschütz veranstaltet. Margareta Meier meint, sie habe etwa acht Jahre mit Richard in Leobschütz zusammen gearbeitet.374 P. Arnold Lutzny aus Kreuzendorf, tief beeindruckt von Richard und überzeugt, durch ihn seine Berufung zum Priester gefunden zu haben, berichtet als Zeuge. Zunächst habe nur seine Mutter die Vorträge besucht, aber dann habe Richard alle Mütter aufgefordert, ihre Kinder mitzubringen. So seien er und seine Schwester mitgegangen. Der Saal sei stets voll gewesen. Diese Orte bieten Richard Gelegenheit, den apostolischen Auftrag Pallottis zu verbreiten, den Glauben zu mehren und zur Mithilfe aller Menschen anzuregen, den Weg zu Gott zu finden. Eine Gruppe von Kaplänen des Generalvikariates Branitz trifft sich regelmäßig zu Vorträgen, führt geistliche Gespräche und diskutiert über die gegenwärtige kirchliche Situation im Dritten Reich. Für diese Gebets- und Arbeitsgemeinschaft gestaltet Richard Einkehrtage mit Themen wie „Das marianische Reich Christi“ oder „Die Wachstumsgesetze des Reiches Gottes“. Einer der Kapläne, der spätere Prälat Eduard Beigel, hat mit Richard viele Aktionen geplant und durchgeführt. Er charakterisiert Richard als „geistreich“, umgeben von einer „männlich-tiefen Frömmigkeit“.375 Dass die Seelsorge fruchtbar arbeitet und gedeiht, bestätigen auch die Mitteilungen des Chronisten.376 Das aus den Spenden der Bevölkerung errichtete „Heiligtum der MTA“ erfahre wachsenden Zulauf und sei den Menschen vertraut. Bei den Vorträgen über die Apostolische Bewegung zeige die Bevölkerung großes Interesse.377 Das bekräftigt auch die Aussage von Mende. Trotz aller Zeitströmungen sei ihnen der Glaube erhalten geblieben. Dies hätten sie dem Wirken der Pallottiner und dem besonderen Schutz der MTA zu verdanken.378 1936 schreibt Richard an den Provinzial, die Kommunität habe in Katscher mehr Einfluss als alle anderen Genossenschaften, obwohl sie nur vier Leute seien, die dies leisteten.379 Diese Entwicklung hat schließlich dazu geführt, dass die Pallottiner seit Beginn des Jahres 1936 die Exerzitienkurse in Branitz übernehmen (Abb. 35, 97 und Abb. 49, 119). Generalvikar Nathan hat im Zuge seines pastoralen Engagements den Patres sämtliche Kurse anvertraut. Dies sind insgesamt zwölf, jeweils drei für jeden Stand. Hahn ordert an, dass Richard die drei Kurse für die weibliche Jugend übernehmen solle.380 Die Priesterexerzitien unter dem Motto „Stat crux, dum volvitur orbis terrarum“, an der Richard im Juli 1935 im Bundesheim Schönstatt teilgenommen hat, 373 Brief von Hahn an den Prov. vom 7.3.1934, Akte Katscher, A 11/51. 374 Brief von Meier, Margareta, Leobschütz vom 28.12.1944, Akte Münz. 375 Zeugenaussage von Beigel, Eduard, Akte Münz und Akte Rath, Josef. Vgl.: Probst, 2007, 102. 376 Mitteilungen, 1933–1935, 26, 167, 208, 242, 293f. 377 Ebd. 127, 208. 378 Mende, 1983, 29. 379 Anhang XXV, Brief von Henkes an den Prov. vom 19.10.1936 aus Katscher, XXXV. 380 Anhang XXIV, Abschrift des Briefes von Rektor Hahn an den Provinzial vom 13.3.1936, XXXIII. 97 rIchards zweIte heImat: schlesIen und sudetenland sind vermutlich erste Vorbereitungen und dürfen als Weiterbildungsmaßnahme auf das Kommende in Branitz zu sehen sein.381 Abbildung 35: Exerzitiensaal im St.-Josef-Haus Richards umfangreiches Pensum in der Seelsorge mit Vorträgen, Einkehrtagen, Exerzitien und Predigten, zudem nun die Kurse in Branitz (Abb. 37, 99), veranlassen Hahn, ihn in der Schule weitgehend zu entlasten. Hahn ist überzeugt, dass Richard aufgrund seines „Wissens und Könnens“ in den mittleren und oberen Klassen viel mehr leisten könne als in den unteren. Diese lehre er nun bereits seit fünf Jahren, und dies sei eine Belastung. Da man ihn bisher nicht nach Frankenstein versetzt habe, glaubt Hahn, dass die Arbeit in Branitz Richard mehr befriedigen könne.382 381 Probst, 2007, 104. 382 Anhang XXIV, Abschrift des Briefes von Rektor Hahn an den Provinzial vom 13.3.1936, XXXIII. 98 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Abbildung 36: Künstlerin und Zeitzeugin Cilly Schmidt-Kramny Eine seiner Teilnehmerinnen in den Jahren 1936/37, Cilly Schmidt-Kramny, Angestellte im Büro der Heil- und Pflegeanstalt (Abb. 48, 117), schildert ihre persönlichen Eindrücke: „Seine Vorträge, bei denen Pater Henkes selbst so ergriffen ist, dass er oft Tränen in den Augen hat, beeindrucken mich tief. Pater Henkes verlangt totales ‚Christ-sein‘, Ganzhingabe an Gott.“ 383 Henkes habe als Leitwort immer wieder ausgesprochen: „Du musst dein Leben ändern! Wer Gott liebt, muss seine Gebote halten! In einem Jahr wirst du ein anderer sein, wenn du es ernst nimmst! Woher aber nehme ich die Kraft? Paulus sagt es: Ich vermag alles in dem, der mich stärkt.“384 Als sie später Branitz verlässt, um in Weimar Kunst zu studieren, schenkt sie Richard als Andenken eine von ihr modellierte Madonna mit Kind in Ton.385 Eine „nachhaltige Wirkung“ durch ihr ganzes Leben habe sie erfahren dürfen, bezeugt später ihr Ehemann.386 383 Zeugenaussage von Schmidt-Kramny, Cilly vom 23.2.1989, Akte Münz. 384 Begleitschreiben von Schmidt, Karl an Schützeichel vom 25.8.1989, Akte Münz. 385 Zeugenaussage von Schmidt-Kramny, Cilly vom 23.2.1989, Akte Münz. 386 Begleitschreiben von Schmidt, Karl, Akte Münz. Anm.: Die Bildhauerin Cilly Schmidt-Kramny starb am 21.8.1989. Ihr Vorhaben, ein Relief-Porträt von Henkes zu gestalten, konnte sie nicht mehr verwirklichen. Ebd. 99 rIchards zweIte heImat: schlesIen und sudetenland Abbildung 37: Andenken an die Exerzitien 1936 Die Arbeit drängt. „Morgen und Übermorgen [sic!] habe ich jeden Tag wieder bloß viermal zu reden. Letzten Sonntag waren es fünf Predigten. So geht das andauernd. Ich habe keine Ferien“, schreibt Richard seinem Vater im Jahr 1936.387 Infolge des Arbeitsstresses in der Kommunität erkrankt er im September an einer Lungenentzündung. Um zu vermeiden, dass das alte Lungenleiden wieder aufbricht, verbringt Richard vier Wochen im Krankenhaus und fährt im November zur Genesung ins Gebirge nach Ober-Schreiberhaus zu den „Grauen Schwestern“.388 Im August 1936 siedelt Richard nach Frankenstein über, weil dort ein Mangel an Lehrkräften herrscht.389 Seelsorglich möchte er Katscher von Frankenstein aus unterstützen.390 Dem Resultat der erfolgreichen Seelsorgearbeiten in Katscher begegnet die pallottinische Gesellschaft mit Anerkennung und Respekt.391 4.6.6 Verantwortung in der Kommunität Trotz positiver Resonanzen zeigen sich dennoch auch Phasen von Unstimmigkeiten innerhalb der Kommunität. Richard bringt die Versetzung eines Bruders in Gange, weil dieser zu körperlicher Gewalt neigt. Die Situation der Brüder ist fast unerträglich geworden. Um den bereits gesundheitlich angeschlagenen Hahn zu schonen, schickt 387 Brief von Henkes an seinen Vater vom 27. 6. 1936, Akte Münz. 388 Anhang XXV, Brief von Henkes an den Prov. vom 19.10.1936 aus Katscher, XXXV, und Anhang XXVI, Brief von Henkes vom 19.11.1936 aus Ober-Schreiberhaus, XXXVII. 389 Brief von Henkes an den Prov. vom 18.8.1937, Akte Katscher, A 11/51. 390 Brief von Henkes an den Prov. vom 21.7.1937, ebd. 391 Vgl.: Skolaster, 1935, 187. 100 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Richard diesen für einige Tage zur Erholung und regelt die nicht einfache Aufgabe der Versetzung des Mitbruders in Zusammenarbeit mit dem Provinzial innerhalb kurzer Zeit.392 Dass Richard die Exerzitien für Mädchen in Branitz übernehmen soll, löst beim Provinzialat Unruhen und Empörung aus. Die kanonische Ermahnung, die Richard wegen seines sittlichen Verhaltens gegenüber dem weiblichen Geschlecht in Vallendar erteilt wurde, ist noch nicht vergessen. Diese Situation entlarvt die wohl ausführlichste und einzige Beurteilung über Richard. Hahn meldet energisch den Oberen, dass diese sich in ihrer Meinung über Henkes irren. Ihn empören die übertriebenen Schwätzereien gewisser Leute und er erlaubt sich deshalb zu äußern: „Es wäre ratsamer gewesen, hier einmal den Sachverhalt zu erfragen. Es spricht aus dem Ton solcher Behauptungen eine solche Gehässigkeit, die mit Liebe zur Gesellschaft wenig mehr zu tun hat.“ Henkes halte Einkehrtage, Vorträge und Exerzitien für jeden Stand. Speziell auf einen Stand sei seine Arbeit nicht gerichtet und er habe auch nie Absichten dieser Art geäußert. Psychologisch glaube er, dass es richtig sei, Henkes Arbeit in neue Bahnen zu lenken. Zudem verbringe Richard seine freie Zeit viel in Branitz bei Prälat Nathan, bei dem er sehr angesehen sei. Man tue Unrecht, Henkes nur die Schusterarbeit der unteren Klassen zu überlassen.393 Der Kommentar Hahns dürfte Richard gut getan haben, denn von diesem Zeitpunkt an hat man über die Sache des Monitums wegen des Fräuleins aus Ahrweiler nichts mehr gehört. Wie wenig Richard seine Kräfte schont, zeigt sich, als er einen Rollentausch mit seinem Rektor vornehmen muss. Richard bricht seine Kur bei den Grauen Schwestern ab, weil sein Vorgesetzter schwer erkrankt. Er muss nun die Verantwortung für das Haus übernehmen.394 Die Briefe aus dieser Zeit dokumentieren, dass Richard die vorherrschenden Probleme angeht und zusammen mit dem Provinzial nach Lösungen sucht. Defizite in der Hausführung, Personalfragen und das Sichkümmern um eine harmonische Gemeinschaft bewältigt Richard selbstbewusst. Sein Auftreten den Oberen gegenüber ist offen, dabei stellt er klare Forderungen und scheut nicht die Kritik. Er kämpft für den Erhalt der Seelsorgearbeit im Osten.395 392 Briefe von Henkes an den Prov. vom 26.8. und 30.8.1935 an den Prov., Akte Katscher, A 11/51. 393 Anhang XXIV, Abschrift des Briefes von Rektor Hahn an den Provinzial vom 13.3.1936, XXXIII. 394 Mitteilungen, 1935–1936, 242. 395 Kommunikation zwischen Henkes und dem Prov. zwischen November 1936 und August 1937, Akte Katscher, A 11/51. 101 rIchards zweIte heImat: schlesIen und sudetenland Abbildung 38: Richard Henkes im Kreise der Lehrer in Katscher Seine letzte große Amtshandlung in Katscher vollzieht er als Vertreter des erkrankten Rektors, als er an der Tagung des Provinzkapitels im März 1937 teilnimmt. Richard trägt einen Bericht über die Lage in Katscher vor. Diese Aufgabe ehrt ihn, denn hier finden sich auch internationale Teilnehmer aus den Missionsgebieten wie Queenstown, Zentralkapland oder aus südamerikanischen Niederlassungen ein.396 4.6.7 Zwischen Frankenstein und Branitz Neben dem Umzug im August 1937 nach Frankenstein (Abb. 39, 102) ist Richard nun auch mit der Gestaltung von drei Exerzitienkursen in Kroischwitz beschäftigt. Diese Aufgabe erfüllt er im August und September. In Zukunft verweilt Richard mehr in der Seelsorge und tätigt weniger Unterricht.397 Der Ernennung zum Vizerektor von Frankenstein begegnet er bereits in Katscher mit Distanz. Richard möchte einem älteren Pater den Vortritt lassen.398 Dem Wunsch wird entsprochen.399 Neuer Rektor der Missionsschule in Frankenstein wird P. Josef Hagel (1899–1963), den Richard aus der Studienzeit, dem Noviziat und aus seiner Tätigkeit in Alpen kennt. Richard steht der Ernennung Hagels positiv gegenüber.400 396 Stimmen aus Limburg, Bd. 1, 1937/38, 15–16. 397 Brief von P. Girke an den Prov. vom 12.8.1937, Akte Frankenstein, A 11/25, ZAPP Limburg. Brief von Henkes an seine Eltern vom 20.9.1937, 2002, 193f. 398 Briefe vom 17.7. und 21.7.1937, Kommunikation zwischen Henkes und dem Prov., Akte Katscher, A 11/51. 399 Aus dem Konsultabuch, Akte Münz. 400 Brief von Henkes an den Prov. vom 21.7.1937, Akte Katscher, A 11/51. 102 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Abbildung 39: Frankenstein in Schlesien Hagel, der bis dahin mit Kentenich im Bundesheim für die Schönstattbewegung gearbeitet hat, tritt die Stelle im Osten nur zögerlich an und äußert, er sei nur Hausvater, wolle aber keine Seelsorgearbeiten übernehmen.401 Diese Auffassung widerspricht Richards Vorstellung, denn die Ausbauarbeiten in der Seelsorge in Katscher lassen erkennen, dass Richard sich von diesem Aufgabenfeld immer mehr angezogen fühlt. In der Folgezeit entwickelt sich zwischen Richard und dem Rektor ein nicht gerade freundliches Verhältnis. Bereits nach kurzer Zeit beschwert sich Hagel, Richard verweigere die Teilnahme an einer Mission und er sei zu viel unterwegs.402 Ob Hagel befürchtet, die kritische Auseinandersetzung mit dem NS-Regime könne der Schule in Frankenstein schaden, ist anhand der Quellen nicht eindeutig erkennbar. Besorgnisse lässt Hagel aber in einem Brief vom 6. November 1937 erkennen: „In Ruppach sowohl wie in Vallendar hat man [Gestapo; d. Verf.] sich nach P. Richard erkundigt. Machen Sie ihn darauf aufmerksam. Was steckt wohl dahinter?“ In diesem Jahr gerät Richard zweimal ins Visier der Gestapo und wird angezeigt. Hagel interveniert Richards seelsorgerische Vorstellungen und das Gestalten seiner Exerzitien immer wieder. Besonders kritisiert Hagel, dass er seine priesterlichen Pflichten nicht genügend erfülle und unfromm sei. Er bete zu wenig. Wer nicht bete, sei erledigt.403 Einen anderen Eindruck vom Beten hat die Zeugin Wolf. Richards „inniges Beten“ bei den Andachten käme ihr immer wieder in den Sinn. Nie wieder habe sie einen Menschen andächtiger sprechen hören.404 Die Provinzleitung weiß, was Richard zusammen mit den anderen Patres im Osten geleistet hat. Sie unterstützen die Äußerungen Hagels nicht und lassen sie zum Teil unkommentiert stehen. Vielmehr beziehen sie Richard in ihre Zukunftsplanungen für die Pallottiner im Osten ein.405 Nach Probst beruhen die Vorwürfe Hagels und das angespannte Verhältnis auf unterschiedlichen Auffassungen von Werktagsheiligkeit. Hagel sei ein kompro- 401 Probst, 2007, 123. 402 Brief von Hagel an den Prov. vom 18.8.1938, Akte Frankenstein, A 11/24. 403 Briefe von Hagel an den Prov. vom 18. u. 24.3.1939, Akte Frankenstein, A 11/24. 404 Anhang XXXIII, Zeugenaussage Wolf, Elisabeth, XLVII. 405 Vgl.: Probst, 2007, 124. 103 rIchards zweIte heImat: schlesIen und sudetenland missloser Schönstätter, der die im Osten aufgebaute schlesische Apostolische Bewegung nicht akzeptiere. In dieser Bewegung engagiere sich auch Richard. Neue Regelungen Hagels werden von den Patres widerwillig aufgenommen. Dies betreffe zum einen die Predigt der sonntäglichen Messe in der Hauskapelle, die der Rektor Hagel allein tätige und nicht mehr eine Gemeinschaftsarbeit aller sei. Er spreche dabei immer nur über die schönstättische Auffassung von Werktagsheiligkeit. Hagel habe Schönstätter Marienschwestern in die Niederlassung geholt, wodurch bisherige Mitarbeiterinnen verdrängt worden seien.406 Deshalb habe auch der ehemalige Rektor Röttgen das Haus verlassen. Zeitweise verweilt Richard wochen- und monatelang bei Prälat Nathan, der ihn mit Exerzitien betraut und von seinen Qualitäten überzeugt ist.407 Im Exerzitienhaus in Branitz hält Richard Kurse, die aufgrund der Nachfrage bis zu drei oder vier Fortsetzungen beinhalten.408 Die Differenzen im Hause dürften der Grund sein, warum er nach gehaltenen Exerzitien in Branitz häufig Kontakte zu Familien sucht, bei denen er offen sprechen darf. Anni Eispert kann von solchen Besuchen erzählen. Sie erinnert sich, dass Richard oft geäußert habe: „Hier fühle ich mich wohl, hier kann ich ohne Maulkorb reden!“ 409 Richards seelsorgerische Bestrebungen werden intensiver. So schreibt er im Januar 1938 an seine Schwester: „Es geht mir soweit ganz gut, habe viel zu tun, bin heute hier und morgen dort.“ 410 Im April sendet er seinen Eltern Grüße aus Hindenburg und im Juli aus Beuthen nahe der polnischen Grenze.411 Zum neuen Schuljahr unterrichtet Richard nicht mehr. Gründe dafür lassen sich nicht aus den Quellen erschließen. Probst vermutet, die Oberen befürchteten Nachteile für die Schule, da er sich wegen zwei Anzeigen und eines Prozesses vor dem Sondergericht in Breslau verantworten muss.412 Dagegen spricht aber, dass Richard bereits eingeschränkten Unterricht wegen seiner Exerzitien und seelsorgerischen Bemühungen im Dienste von Prälat Nathan seit längerer Zeit ausübt.413 Die Stimmung im Missionshaus und Richards seelsorgerische Bestrebungen, verbunden mit dem Wunsch, mehr im Dienst von Prälat Nathan stehen zu dürfen, spielen – entgegen der Auffassung von Probst – die wichtigere Rolle. Über Richards letzte Schulstunde vor den Sommerferien 1938 berichtet sein Schüler Georg Reitor, der von Richard in den Fächern Deutsch und Geschichte unterrichtet wird. Zugleich kündigt diese Schulstunde im biographischen Verlauf von Richards Leben thematisch seine kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus an.414 „Es ist erstaunlich, womit man neuerdings bei uns den Unterricht befrachtet. Auf gewisse Weise bin ich froh, in Zukunft nichts mehr damit zu tun zu haben. Das Traurige dabei ist, wie verführerisch unsere Jugend eingesponnen wird. Die Jungs sind ja doch in ihrem Alter noch sehr kritikunfähig. Jedes korrigierende Wort, auch das maßvollste, muss 406 Ebd., 130. 407 Zeugenaussage P. Urban, August vom 31.5.1982, Akte Münz. 408 Zeugenaussage P. Schell, Walter vom 19.5.1982, Akte Münz. 409 Zeugenaussage von Eispert, Anni vom 26.1.1989, Akte Münz. 410 Brief von Henkes an seine Schwester vom 21.1.1938, Akte Münz. 411 Briefe von Henkes an seine Eltern vom 18.4. u. 28.7.1938, Akte Münz. 412 Probst, 2007, 118, 120. 413 Karte von Henkes aus Trebnitz vom 26.10.1937 und Brief von Henkes an seine Eltern vom 20.9.1937, 2002, 193, Akte Münz, siehe auch Fußnote 360. 414 Anm.: Da die Quellen nur wenig über die Inhalte seiner Predigten in der Auseinandersetzung mit dem NS-Regime wiedergeben, sollen hier Auszüge seiner letzten Schulstunde zitiert werden. Vgl.: Reitor, Georg, Licht in der Finsternis. Richard Henkes, in: Pallottis Werk, 42. Jg., Heft 2, 1991, 10f. 104 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) man auf die Goldwaage legen […]. Wir leben in einer Wort-Zeit. Wehe, man versucht diese Worte beim Wort zu nehmen. Diese Wort-Welt bleibt immer nur an der Oberfläche, und wehe man dringt in die Tiefe und tastet nach den Wurzeln. […]. Heute singen die Hitlerjungen Lieder wie folgendes: ‚Unsere Fahne flattert uns voran, unsere Fahne ist die neue Zeit, und die Fahne führt uns in die Ewigkeit. Ja die Fahne ist mehr als der Tod. Ja durch unsere Fäuste fällt wer sich uns entgegenstellt.‘ […] Ahnungslos: Welche Fahne? Die Hakenkreuz Fahne? [sic!] Wichtiger als der Tod? Durch unsere Fäuste fällt, wer sich uns entgegenstellt? […] Und jedes Volk zahlt dafür irgendwann einmal. Wenn es nur bei den Liedern bliebe. Aber da Lieder ein gefährliches Narkotikum sind – Opium für das Volk – und wir dazu neigen, ihre Inhalte heilig ernst zunehmen [sic!]– also beim Wort – fürchte ich mich und warne vor ihnen. Wir sollten uns bemühen, unseren berechtigten Stolz anders zu verstehen, als in Aufmärschen und kraftvollen Demonstrationen, in Uniformen, und in überheblichen Parolen, gesichert in der stumpfen Ballung der Massen.“ Er schweigt; doch dann sagt er leise: „Kein gutes Gespräch zum Abschied. Ich habe versucht, euch auf das Leben vorzubereiten. Ob meine Vorbereitungen auch“ – da bricht er ab, sagt nur noch: „Das Leben ist der Ernstfall.“ – Ende der Schulstunde.415 4.6.8 Kontroverse mit dem Nationalsozialismus Wenn jemand aber leidet, weil er Christ ist, dann soll er sich nicht schämen, sondern Gott verherrlichen, indem er sich zu diesem Namen bekennt. (1 Petr 4,16) Neben seinem Wirken als Lehrer und Seelsorger entwickelt Richard im Zuge der Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens einen klaren, offen geführten Widerstand gegen das totalitäre Regime. Offensiv tritt er für die Erhaltung christlicher Werte ein. Dies popularisiert Richard vornehmlich im Unterricht, in religiösen Wochen, Exerzitien, Vorträgen und besonders in seinen Predigten. Orte seiner Predigten sind Katscher und Umgebung, aber auch extern tritt er in größeren Städten Oberschlesiens wie Ratibor, Hindenburg, Beuthen und Gleiwitz auf (Abb. 25, 82). Wollstein betont, er gelte als Seelsorger mit seinen Predigten als anerkannte Autorität.416 Bildlich gesprochen seien sie „ein Feuerwerk“, so Humbert.417 Reitor vermerkt, dass die Inhalte seiner Predigten besonders die Ideen Papst Pius XI. (1922–1939) z. B. über das Laienapostolat popularisierten. Ferner untermauere Richard die Inhalte der päpstlichen Weltrundschreiben über die Soziale Frage (15. Mai 1931), gegen den Faschismus (29. Juni 1931), gegen den Nationalsozialismus (14. März 1937) und den Kommunismus (19. März 1937).418 Seine Schüler in Frankenstein habe er mit den Worten von Papst Pius XI. getröstet: „Wir haben das Kaisertum Napoleons III. erlebt und fallen se- 415 Reitor, Georg, Licht in der Finsternis. Richard Henkes, in: Pallottis Werk, Heft 2, 42. Jg., 1991, 10f. 416 Zeugenaussage Wollstein, Gertrud, vom 14.7.1987, Akte Münz. 417 Zeugenaussage Humbert, Heinrich vom 21.6.2002, in: Probst, 2007, 125. 418 Reitor, 1988, 13. 105 rIchards zweIte heImat: schlesIen und sudetenland hen. Wir haben das Reich Bismarcks entstehen und vergehen sehen. Und auch dieses Reich wird fallen.“ 419 Vorbild im Kampf um die Bewahrung und Erhaltung christlicher Werte sowie in der Verwirklichung des Widerstandes gegen das Regime fi ndet Richard im Berliner Bischof von Preysing und in den Stellungnahmen des Münsteraner Bischofs Clemens August von Galen (1878–1946).420 Genügend Gelegenheit, die Weltanschauung des Nationalsozialismus zu diskreditieren, fi ndet Richard auch in der täglichen Seelsorgearbeit. Abbildung 40: Bischof Clemens August Graf von Galen 419 Ebd., 17. 420 Anm.: Bischof Graf von Galen gehört neben Preysing jener Gruppe von Bischöfen des Episkopates an, die die offene Resistenz nicht scheuen und einen offensiveren Kurs anstreben im Gegensatz zu Bertram. Stickler, 2009, 94f. Vgl. dazu Kießener, 15f. Weiterführende Literatur: Hummel, Karl-Joseph, Die deutschen Bischöfe, in: K. J. Hummel/M. Kißener (Hrsg.), Die Katholiken und das Dritte Reich, Kontroversen und Debatten, Paderborn 2009, 101–124, hier 106. Bierbaum betont, Galen sei besonders für den Kampf für die Güter des christlichen Glaubens und der christlichen Sitte gegen das Neuheidentum und die von ihnen propagierte Unmoral aufgetreten. Lutz Graf von Krosigk, Reichsfinanzminister und letzter Außenminister, charakterisiert Galens Predigten: „Des Bischofs Predigten und Verlautbarungen sind deshalb so schwer zu packen, weil sie sich der Politik enthalten; sie greifen niemand persönlich an, sie fordern nicht zum Widerstand schlechthin auf, sie nennen nur das Sünde, was nach christlicher Auffassung Sünde ist“ (Es geschah in Deutschland. Menschenbilder unseres Jahrhunderts. Tübingen/Stuttgart 1951, 327). Bierbaum, Max, Nicht Lob, nicht Furcht, 8. Aufl., Regensberg Verlag, Münster 1978, 216f. Hummel führt dagegen in seiner Darstellung „Kritik an einzelnen Bischöfen“ an, man werfe heute unter anderem Galen vor, seine überdehnte nationale Einstellung sei politisch wenig vorbildhaft gewesen. Zudem habe er die Rheinlandbesetzung begrüßt, nach der Pogromnacht 1938 es versäumt, sich mit den Juden von Münster öffentlich zu solidarisieren und sich 1939 aus theologischen Gründen geweigert, gegen das kriegführende Deutsche Reich aufzustehen. Hummel, 2009, 119. 106 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) 4.6.8.1 Die Anfänge seiner Gegnerschaft Erste Züge seiner Gegnerschaft signalisiert Richard bei Exkursionen und Ausflügen. Er verdeutlicht den Schülern, dass er „Schlager und Nazi-Lieder nicht leiden kann“.421 Keiner der Schüler sei in der Hitlerjugend oder anderen politischen Organisationen verstrickt gewesen, berichtet Reitor.422 Die Schüler sollen christlich geprägt werden, erklärt Wollstein. Zu Beginn des totalitären Regimes versucht Richard besonders auf die Hitlerjungen einen heilsamen Einfluss auszuüben. Richard habe die Hoffnung gehegt, eine Veränderung dieser Gruppierung zu bewirken, indem er christlich gefestigte Jugendliche in diese integriere. Die Hoffnung auf eine Veränderung muss er alsbald aufgeben, so Wollstein.423 Richard erteilt auch vertretungsweise Religionsunterricht an der Katscherer Oberschule. In Kenntnis um Richards Einstellung gegenüber den Nationalsozialisten „juckt es bald einen oder mehrere Jungen, P. Henkes aufs Glatteis zu führen“. Richard reagiert schnell und erzählt die Geschichte vom Zinntaler (Mk 12,15), wo Jesus in eine Falle gelockt werden soll. Am Ende der Erzählung habe er fast lachend gesagt: „Und fangen lasse ich mich nicht.“ Ja, er schien sogar Spaß an der Sache zu haben, erinnert sich die Zeugin Wolf.424 4.6.8.2 „Auf der Kanzel ein Löwe, im Beichtstuhl ein Lamm“ Richard predigt gerne. Dies schreibt er seinen Eltern kurz vor Weihnachten im Jahre 1933: „Die (Kirche) ist […] größer als der Dom vom Westerwald. […] Ich freue mich jetzt schon darauf.“425 In den folgenden Jahren bewegt er sich in seinen Predigten in andauernder Konfrontation mit dem Regime. Mit der Ernennung zum obersten Parteiideologen im Januar 1934 wird Alfred Rosenberg mit der weltanschaulichen und geistigen Schulung der Partei betraut. Binnen zwei Wochen setzt die Kirche das Hauptwerk Rosenbergs „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ auf den Index der verbotenen Bücher. Die in Köln von Kardinal Schulte eingerichtete eigene Abwehrstelle verfasst als Gegenantwort „Studien zum Mythus des 20. Jahrhunderts“. Weitere Publikationen und kirchliches Schrifttum verurteilen Rosenbergs „Mythus“.426 Richard gehört zu jener Gruppe 421 Reitor, 1988, 11. Anm.: Artikel 31 des Reichskonkordates erlaubt die Weiterbetätigung katholischer Jugendverbände „rein religiöser“ und „kultureller“ Art. Unter diesem Schutz versucht die katholische Jugend ihre Existenz zu erhalten. Schon vor 1933 hat die HJ versucht, die katholische Jugend durch „Arbeitsbeschränkungen, lokale Verbote, Verbote einzelner Bünde, Verhaftungen, Terrorisierung, Repressalien in den Schulen“ lahm zu legen. „Die katholische Jugendarbeit war eines der größten Ärgernisse, dem sich die HJ in ihrer Entwicklung gegenüber sah.“ Informationen Zur Politischen Bildung, Der Deutsche Widerstand 1933–1945, Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), 4. überarbeitete Auflage, Bonn 1987, 19. 422 Ebd. 423 Zeugenaussage von Wollstein, Gertrud vom 14. Juli 1987, Akte Münz. 424 Anhang XXXIII, Zeugenaussage von Wolf, Elisabeth, XLVII. 425 Brief von Henkes an seine Eltern vom 22.12.1933, Akte Münz. 426 Hummel, 2009, 109. Vgl.: Hehl, Ulrich von (Hrsg.); Priester unter Hitlers Terror. Eine Biographische und Statistische Erhebung (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte: Reihe A, Quellen, Bd. 37), 1984, 4. Aufl., Paderborn/München/Wien/Zürich 1998, Bd. 1, 59. Anm.: Rosenbergs „Mythus“ war neben Hitlers „Mein Kampf “ das Hauptwerk für die Rechtfertigung der NS-Weltanschauung. Es wurde zu Schulungsveranstalten der NSDAP benutzt. Hehl, 1998, Bd. 1, 59. 107 rIchards zweIte heImat: schlesIen und sudetenland von Priestern, die den Weg über die Kanzel zur Verkündigung des Schrifttums nutzen.427 Die Materialien der Abwehrstelle, zu denen auch die Katechismuswahrheiten gehören, macht Richard zur Grundlage seiner Verkündigung.428 1935 hält Richard im Rahmen des 100-jährigen Jubiläums der Gesellschaft des Katholischen Apostolates am Festtag Epiphanias (Dreikönigsfest) die Predigt.429 Das Publikum ist aufmerksam, „weil er zu predigen versteht“, erinnert sich ein ehemaliger Schüler.430 1935 hält er auch die Fastenpredigten in Liebfrauen.431 „Gewicht hat immer nur das, was er zwischen den Zeilen und indirekt anspricht“, betont die Zeugin Wollstein.432 Richards Fastenpredigten sind „Stadtgespräch“ und die Kirche „ist gerammelt voll“. Er wagt zu sagen, „was viele von uns nicht mehr zu sagen wagen“.433 Richard ist bereits im Visier der Gestapo. Ein Spitzel, der sich in der Nähe der Kanzel platziert hat, notiert das Gesagte. „Frei und unerschrocken“ reagiert Richard und provoziert ihn: „Ersparen Sie sich ihr Stenogramm! In der Sakristei können Sie jederzeit eine Kopie abholen.“434 Angetan von seiner Art zu predigen ist auch der Schüler Humbert. Man wisse und spüre, was Richard sage, das lebe er selbst.435 Ein anderer Schüler erinnert sich stets des Ausspruchs „Auf der Kanzel ein Löwe, im Beichtstuhl ein Lamm“ und daran, wie dicht gedrängte Menschenmassen insbesondere vor der österlichen Zeit in die Pfarrkirche zu Katscher strömen, wenn Richard sonntags oft zwei seiner Fastenpredigten hält. Diese legen den Finger deutlich in die Wunden der Zeit, berichtet der Schüler.436 In einer Predigt, die er 1936/37 in Sackisch-Kudowa hält, soll er folgenden Satz formuliert haben: „Wenn sie uns an die Wand stellen, geht es im Eiltempo in den Himmel.“ 437 Eine andere Zeugin gibt den Anfang einer Predigt mit dem Wortlaut wieder: „Die vom Teufel kommen, sollen sich auch zum Teufel zurückscheren. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“438 Das gleiche Bild zeigt sich bald schon bei seinen Predigten in den größeren Städten Oberschlesiens wie Ratibor, Hindenburg, Beuthen und Gleiwitz.439 Richards Predigten finden vielfaches Echo. Am liebsten habe Richard bei den Männerwallfahrten 427 Reitor, Georg, Hoffnung – trotz allem. Unterwegs in Schlesien, Dülmen 1990, 139. 428 Reitor, 1988, 19. Anm.: Die Katechismuswahrheiten beinhalten 35 kurz gefasste Merksätze über die katholische Glaubenslehre, die 1936/37 in allen deutschen Diözesen verteilt wurden. Initiator und Verfasser war der Leiter der Kölner Abwehrstelle, Domvikar Joseph Teusch. Nach Konflikten mit Partei-, Polizei- oder Schulaufsichtsbehörde folgte schließlich die Beschlagnahmung der Katechismuswahrheiten im September 1937. Hehl, 1998, Bd. 1, 57. 429 Mitteilungen, 1935–1936, 19. 430 Zeugenaussage Schell, Walter vom 19.5.1982, Akte Münz. 431 Brief von Hahn an den Prov. vom 11.2.1935, Akte Katscher, A 11/51. 432 Zeugenaussage Wollstein, Gertrud, vom 14. Juli 1987, Akte Münz. 433 Anhang XXXIII, Zeugenaussage von Wolf, Elisabeth, XLVII. 434 Ebd. Anm.: Die Worte „frei und unerschrocken“ sind nach Reitor zitiert, 1990, 90. Anm.: Reitor erzählt dieses Ereignis ähnlich, gibt aber den Wortlaut Henkes anders wieder: „Bitte reichen Sie diesem Herrn da mein Redemanuskript. Anstatt mühsam mitzuschreiben, braucht er nur noch vergleichen, ob ich vom Predigttext abweiche.“ Reitor, 1988, 47. Ob beide Zeugen das gleiche Ereignis meinen oder unterschiedliche Handlungen dokumentieren, ist aus den Quellen nicht erkenntlich. Vgl. dazu Reitor, Georg, Meine Erinnerungen an P. Richard Henkes SAC vom 27.11.1985, Akte Münz. 435 Probst, 2007, 125. 436 Zeugenaussage eines Schülers (Katscher und Frankenstein), Akte Münz. 437 Zeugenaussage Viezens, Alfred vom 25.4.1985, Akte Münz. Vgl.: Reitor, 1988, 44. 438 Zeugenaussage Endlein, Herta, Akte Münz. 439 Ebd. 108 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) auf dem Sankt Annaberg bei Grulich gepredigt, so Reitor.440 Detailliert erzählt Schweer aus Katscher. Nicht selten seien bis zu 12 000 junge Männer zu den Wallfahrten auf den Sankt Annaberg zusammengekommen. Er habe Richard persönlich zweimal predigen gehört. Wegen seiner staatskritischen Predigten sei er sehr bald bekannt gewesen.441 Richards „volkstümliche Sprache“, die „Klarheit im Wort“ überzeugen, seine „kraftvolle Kost und kritischer Streifzug“ durch die gegenwärtigen Ereignisse sprechen an.442 Reitor unterstreicht, Richard habe nie gezögert, die Wahrheit gegen Rassenwahn und Sterilisierung sowie die Konflikte zwischen göttlicher Ordnung und staatlichen Gesetzen auszusprechen.443 Eine Stellungnahme habe er auch bezüglich der Devisen- und Sittlichkeitsprozesse abgegeben.444 Hierzu lassen sich auch private Äußerungen gegenüber seinem Vater finden: „[W]ir werden durch unsere Besteuerung ja bluten müssen. Bei den neuen Steuergesetzen arbeitet man fast nur noch für den Staat. […]. Erstens ist es ja wohl nicht ‚zweihundertundsoviel‘, sondern nur einmal die Hälfte. Von dieser Hälfte sind die meisten seit Jahr und Tag nicht mehr im Kloster, weil sie keinen Beruf haben, werden bei den Prozessen trotzdem mitgezählt.“ Dass es Scheinprozesse sind, sieht er an der Differenz der Strafen. „Dann muss man auch vieles recht lesen. Auf § 175 steht Zuchthaus. Bei den letzten Verhandlungen wurde nur mit Gefängnis bestraft. Also es kann wohl nicht so schlimm sein. Das teuflische [sic!] ist […], dass der Schmutz und die Schande in die Öffentlichkeit gezerrt werden. […] Ich habe mich gefreut, dass ich mithelfen durfte, dass Pappert wieder zurückkehren durfte. Lasst euch nicht hinters Licht führen von Leuten, denen die Kirche ein Dorn im Auge ist.“445 Die Zug um Zug gelenkte antichristliche Propaganda stellt die Glaubwürdigkeit der Kirche in Frage und durchlöchert das Ansehen der Kirche (Abb. 41, 109 und Abb. 42, 110).446 Nach vier Jahren Erfahrung mit dem Nationalsozialismus klagt Pius XI. mit der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ die Rechtsbrüche des Konkordates an.447 Unter Geheimhaltung gedruckt, gelangt sie in die katholischen 440 Reitor, 1988, 13. 441 Schweer, Johannes, in: Leobschützer Heimatblatt, Jahrgang 34, Heft 3, 2001, 20f. 442 Reitor, 1988, 13. 443 Reitor, 1990, 139. Anm.: Die Kirchenleitung reagierte kaum auf die 1935 beschlossenen „Nürnberger Gesetze“, durch die das jüdische Volk menschliche Diskriminierung und Beeinträchtigung ihres öffentlichen Lebens erfuhr. Auch intervenierten die deutschen Bischöfe nicht nach der im Jahre 1938 stattgefunden habenden „Pogromnacht“. Kißener, 2009, 26. 444 Reitor, 1990, 91f. Anm.: Höhepunkte der propagandistischen Ausschlachtungen im Jahre 1935/36 bilden unter anderem die Devisenprozesse gegen katholische Priester, Ordensangehörige sowie kirchliche Mitarbeiter wegen angeblicher oder tatsächlicher Verstöße gegen die komplizierten deutschen Devisenbestimmungen. Einen zweiten Höhepunkt erzielt man durch die ab 1936/37 gegen katholische Ordensangehörige und Priester geführten Sittlichkeitsprozesse. Hehl äußert, dass es sich hierbei um die strafrechtliche Ahndung homosexueller Sittlichkeitsdelikte handele, die vornehmlich in einigen Brüdergemeinschaften vorgekommen seien. Die NS-Propaganda habe die Vorgänge als schlechthin typisch für den katholischen Klerus hingestellt. Hehl, 1998, Bd. 1, 55, 61. 445 Brief von Henkes an seinen Vater vom 27.6.1936, Akte Münz. 446 Hehl, 1998, Bd. 1, 55, 61. 447 Rundschreiben Seiner Heiligkeit Pius XI. Über die Lage der Katholischen Kirche im Deutschen Reich, in: DAL, 561/29/B. Das auf 33 Seiten gefasste Rundschreiben drückt deutlich den weltanschaulichen Dissens zum Nationalsozialismus aus. Das folgende Zitat verdeutlicht die o. a. Aussage: „Wer die Rasse, oder das Volk, oder den Staat, oder die Staatsform, die Träger der Staatsgewalt oder andere Grundwerte menschlicher Gemeinschaftsgestaltung […] zur höchsten Norm aller, auch der religiösen Werte macht und die mit Götzenkult vergöttert, der verkehrt und verfälscht die Gottgeschaffene […] Ordnung der Dinge. […] [H]abt acht, ehrwürdige Brüder, auf den in 109 rIchards zweIte heImat: schlesIen und sudetenland Kirchen und wird am 21. März 1937 verlesen, ohne dass die Gestapo wirksam hätte eingreifen können.448 Nach Reitor hat Richard die Enzyklika an jenem Sonntag dreimal von der Kanzel vorgelesen, einmal in Ratibor und zweimal in Hindenburg.449 Die Aussagen der Enzyklika versteht das Regime als Kampfansage. Zwangsmaßnahmen bis hin zur KZ-Haft werden ein weiteres Mal erhöht (Abb. 32, 92). Abbildung 41: Hetzkampagnen gegen die Kirche Richard greift die an Schärfe zunehmenden kirchenfeindlichen Aktionen wie beispielsweise die Einschränkung des kirchlichen Pressewesens, das Verbot, religiöses Schrifttum oder hektographierte Rundbriefe zu verbreiten, die Behinderung des Religionsunterrichtes durch Schulverbot für Priester, die Entfernung der Kreuze aus den Klassenzimmern und schließlich die Schließung und Enteignung von Klöstern und anderem Kirchengut an.450 Dass viele Gläubige sich nicht von Hitlers Propaganda haben einfangen lassen, zeigen die Massen an Gläubigen, die mit „betonter Frömmigkeit“ an Fronleichnamsprozessionen, Wallfahrten oder Kirchenbesuchen teilnehmen. Kißener erläutert, die Veranstaltungen hätten den Charakter „regelrechter politischer Demonstrationen“.451 Im April 1938 hält Richard in der Kirche zu Hindenburg eine Abendpredigt, an der 6000–7000 Menschen teilnehmen.452 Nach Aussagen der Geschwister Regina und Hugo soll die letzte Predigt ih- Rede und Schrift zunehmenden Missbrauch, […]. Wirkt unter euren Gläubigen dahin, dass sie solcher Verirrung mit der wachsamen Ablehnung begegnen, die sie verdient.“ Ebd., 6. 448 Kißener, 2009, 28. 449 Reitor, 1988, 14. 450 Reitor, 1990, 91f. Reitor, 1988, 18–21. Vgl. dazu Grulich, Rudolf, Sudetendeutsche Katholiken als Opfer des Nationalsozialismus, Brannenburg 1999, 13. Anm.: Bei dem Vorhaben, die Wandkreuze aus den Schulen entfernen zu lassen, konnten die NS-Behörden keinen Erfolg erzielen, weil sich die katholische Bevölkerung zum Teil heftig widersetzte. Grulich, 1999, 13. Vgl. dazu Kißener, 2009, 22. 451 Kißener, 2009, 22. 452 Anhang XXVIII, Brief von Henkes an seine Eltern vom 18.4.1938 aus Hindenburg, XL. 110 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) res Bruders auf dem Sankt Annaberg vor 3000 Menschen stattgefunden haben.453 Nach Reitors Darstellung steht Richard im Visier der Gestapo, aber, so behauptet er, Richard sei von der breiten Bevölkerung geschätzt und beliebt, so dass die Gestapo sich nicht so einfach gezielte Maßnahmen gegen Richard erlauben könne.454 Ob er recht behält? Abbildung 42: Hetzkampagne gegen Geistliche 4.6.8.3 „Einer muss da sein, es zu sagen“ Erste Berührungen mit der Gestapo zeichnen sich im Jahr 1937 ab. Im Anschluss an das Provinzkapitel in Limburg vom 3.-5. März nutzt Richard die Gelegenheit, die Familie zu Hause zu besuchen.455 Am darauffolgenden Sonntag hält Richard in der Kirche zu Ruppach (Abb. 43, 112) eine Predigt mit dem Thema „Was ist in der Welt los?“ und wird anschließend von drei Herren aus Goldhausen angezeigt.456 Vor dem Gottesdienst sollen drei Männer ihn auf dem Weg von der Bahnstation zum Elternhaus auf die politischen Verhältnisse angesprochen haben. Seine Schwester erläutert, Richard habe sich dazu bewegen lassen, in der Sonntagspredigt dazu Stellung zu nehmen. Seine Äußerungen über den Nationalsozialismus habe im Dorf großes Aufsehen erregt, einige Besucher sollen sogar den Gottesdienst verlassen haben.457 Die Karteikarte der Geheimen Staatspolizei spricht von staatsfeindlichen Äußerungen. Weitere Nachforschungen werden aufgrund des Heimtückegesetzes und des § 130a durchgeführt.458 Das Gestapogesetz, das Reichsleistungsgesetz und das Heimtückegesetz bieten dem Regime die rechtliche Grundlage, nationalsozialis- 453 Bericht von Hugo und Regina vom 23.9.1985, Akte Münz. 454 Reitor, 1988, 45. 455 Gerhardt, 2017, 101. 456 Bericht von Bruder Hugo und Schwester Regina vom 2.3.1985, Akte Münz. Vgl. dazu Anhang XXVIII, Brief von Henkes an seine Eltern vom 18.4.1938 aus Hindenburg, XL. Anm.: Das Datum der Predigt, der 7.3.1937, nennt eine Karteikarte der Geheimen Staatspolizei Frankfurt, die im Archiv des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen vorhanden ist, Anhang XXVII, Karteikarte der Geheimen Staatspolizei Frankfurt, XXXIX. 457 Kremer, Regina, Erinnerungen an ihren Bruder P. Richard Henkes, Akte Münz, 3. Anm.: Außer dem Thema existieren keine Erinnerungen an die Inhalte der Predigt. 458 Anhang XXVII, Karteikarte der Geheimen Staatspolizei Frankfurt, XXXIX. Anm.: Das Heimtückegesetz stellt jede Art von Kritik am NS-Regime unter Strafandrohung. Jede „Schädigung des Ansehens“ kann gesetzlich verfolgt werden. Das Gesetz dient als Instrument, um abweichende öffentliche wie private Meinungskundgebungen auszuschalten. Der § 130a (Kanzlerparagraph) aus dem Jahre 1871 diente während des Kulturkampfes der Reglementierung staatskritischer Priester. Bei Verstoß können Priester und Ordensleute mit bis zu zwei Jahren Gefängnis oder Festungshaft bestraft werden. Dieser „Kanzelparagraph“ wurde wegen Unvereinbarkeit mit Art. 5 GG 1953 aufgehoben. Hehl, Ulrich von, 1998, Bd. 1, 57. 111 rIchards zweIte heImat: schlesIen und sudetenland tische Gegner auszuschalten.459 Reitor vermerkt, die Gestapo habe ihn nach jeder „subversiven“ Predigt deshalb erst mit drei- bis vierwöchiger Verzögerung vernommen, um Erinnerungslücken auszunutzen. Auf provokative Fragen wie „Wie viele Kinder?“ habe Richard geantwortet: „Ich bin katholischer Priester und das sollte Ihnen genügen“. Die Frage nach der Kinderzahl sei eine gezielte Provokation im Zusammenhang mit der seinerzeit betriebenen NS-Kampagne gegen den Zölibat katholischer Geistlicher gewesen.460 Die nachfolgenden Briefe, die Richard an seine Familie richtet, bestätigen die Ausführungen von Hugo und Regina, denen zufolge er sich fortan von zu Hause fern hält, um die Eltern keiner unnötigen Gefahr auszusetzen.461 Mit dem Brief vom 18. April 1938 befreit er sie von ihren Sorgen. Im Februar ist er verhört worden. „Selbstverständlich wird aus der ganzen Sache nichts.“ 462 Nun, wo er infolge der offiziellen Verwarnung belastet ist, raten seine Familienmitglieder zur Vorsicht. Diesem gutgemeinten Rat entgegnet Richard mit den Worten: „Einer muss da sein, es zu sagen.“ Am 6. Mai 1937 soll Richard in einem Gespräch mit der Tochter eines Maschinenbaumeisters in Katscher über den Absturz des Zeppelins „Hindenburg“ Folgendes geäu- ßert haben: „Schade, dass das Luftschiff ‚Hindenburg‘ und nicht Hitler geheißen hat, dann könnte man sagen, er sei geplatzt.“ Aufgrund von vier Zeugenaussagen wird gegen Richard Strafverfolgung aufgrund von § 2 des sog. Heimtückegesetzes angeordnet. Man wirft Richard „eine gehässige, hetzerische und böswillige Verunglimpfung der Person des Führers vor“, die geeignet sei, „das Vertrauen des Volkes zur politischen Führung zu untergraben“ (BA, R 51.01 Nr. 21826, Bl. 156–160).463 Im Januar 1938 teilt er seiner Schwester mit, dass es ihm soweit gut gehe. Er hofft auf eine Änderung der Zeiten. „Aber vorläufig heißt es, bloß auf Gott zu vertrauen und die Nerven bewahren.“ Wegen der Anzeige in Ruppach schreibe er im Moment nicht gerne nach Hause. „[D]u kannst dir ja denken warum. Vielleicht schicke ich dir hier und da einmal eine Karte zur Beruhigung. Dann kannst du es ja den anderen sagen. Aber rede sonst nicht darüber. Es geht niemand etwas an. Und dann vergiss nicht, für mich zu beten.“ Richard möchte seine Familie nicht gefährden.464 Er kommt noch einmal davon, denn im Zusammenhang mit dem Amnestiegesetz vom 30. April 1938 erfolgt die Einstellung des Verfahrens.465 459 Grulich, 1999, 13. 460 Reitor, Georg, Meine Erinnerungen an P. Richard Henkes SAC, vom 27.11.1985, Akte Münz. 461 Bericht von Bruder Hugo und Schwester Regina vom 2.3.1985, Akte Münz. Vgl. dazu Briefe von Henkes vom 20.9.1937 sowie 21.1. und 18.4.1938, Akte Münz. 462 Anhang XXVIII, Brief von Henkes an seine Eltern vom 18.4.1938 aus Hindenburg, XL. 463 Rotberg, Joachim, Geplante Seligsprechung von P. Richard Henkes (1900–1945). Bericht über die quellenkritische Voruntersuchung im Provinzarchiv der Pallottiner, Akte convolut, Erhebungen, R. Henkes, ZAPP Limburg, 3. 464 Brief von Henkes an seine Schwester vom 21.1.1938, 2002, 194f. 465 Rotberg, 2001, in: Akte convolut, Erhebungen, R. Henkes, 3. Vgl. dazu Hehl, 1998, Bd. 2, 1725. 112 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Abbildung 43: Katholische Kirche in Ruppach 4.6.8.4 Kritik an Hitlers „Lebensraum-Politik“ Kritik übt Richard auch in Bezug auf Hitlers Außenpolitik und sein Bestreben nach Erweiterung des „Lebensraumes“, besonders im Osten. Mit großer Raffinesse bereitet Hitler militärische Schritte gegenüber der Tschechoslowakei vor. Als Instrument dient ihm die Sudetendeutsche Partei unter der Führung Konrad Henleins (1898–1945) sowie seines Stellvertreters Karl Hermann Frank (1898–1946), die für eine Autonomie des Sudetenlandes plädieren und mit dem Karlsbader Programm den Anschluss an das Deutsche Reich anstreben.466 466 Informationen Zur Politischen Bildung, 1986, 40. Anm.: Grulich erläutert dazu, dass der Volkstumskampf zwischen 1918 und 1938 die Sudetendeutschen näher habe zusammenrücken lassen. 113 rIchards zweIte heImat: schlesIen und sudetenland Abbildung 44: Plakat April 1938: Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs und Wahlen zum Großdeutschen Reichstag Mit Henleins Parole „Wir wollen heim ins Reich“ fordert er gleichzeitig die Auflösung der Tschechoslowakei, wobei er auf den angeblichen „unversöhnlichen Vernichtungswillen“ des tschechischen Staates gegenüber der sudetendeutschen Bevölkerung verweist. Demonstrationen und Sabotageakte auf tschechoslowakische Einrichtungen im September 1938 verursachen alsbald das Verbot der FS und der SdP durch die Tschechoslowakei. Tausende Sudetendeutsche, insbesondere Angehörige des FS und SdP-Funktionäre, fliehen ab Mitte September über die Grenze ins Deutsche Reich.467 Richard hat die politische Die Weltwirtschaftskrise traf vor allem das Sudetenland sehr hart. Diese Faktoren bewirkten, weltanschauliche Gegensätze herunterzuspielen. Viele Deutsche in Böhmen und Mähren seien von der Regierung in Berlin fasziniert gewesen. Dies habe zu einer Annäherung der Katholiken an die Sudetendeutsche Partei Henleins und zur Auflösung der Christlich-Sozialen Partei geführt. Warnende Stimmen, Henlein unterstütze die Weltanschauung Hitlers, seien nicht gehört worden, obwohl die Mehrheit der sudetendeutschen Katholiken „maßvoll national gesinnt“ gewesen seien. Auch im Sudetenland hat es einen organisierten Widerstand gegeben, der „einen hohen Blutzoll“, insbesondere Geistlicher, forderte. Grulich, 1999, 9–14. 467 Informationen Zur Politischen Bildung, Der Nationalsozialismus, 1986, 38–44. Anm.: Die Gründe lagen im verhängten Standrecht und in der Einberufung Sudetendeutscher zur tschechoslowakischen Armee. Die Flüchtlinge wurden nahe der Grenze zur Tschechoslowakei in Sammellagern untergebracht und durch SA sowie die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) betreut. Ebd. 114 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Entwicklung beobachtet. „Es ist ein Jammer für die Leute, die es betrifft. Aber auch ein Verbrechen von denen, die das heraufbeschworen haben. Nichts wie in der Zeitung steht“, schreibt er an seine Eltern. Ihnen möchte er, falls man sich noch einmal sehen wird, die Sache wahrheitsgemäß erzählen. Mittlerweile ist das Heer einmarschiert und mit jeder Stunde wartet man darauf, dass kriegerische Auseinandersetzungen stattfinden.468 Probst erläutert dazu, Richard sei national gesinnt, aber nicht nationalistisch. Höher als die Nation stehe bei ihm die Gerechtigkeit für Menschen.469 Mit Abschluss des Münchner Abkommens folgt die Abtretung der sudetendeutschen Gebiete der Tschechoslowakei an das Deutsche Reich. Hitlers Ziel aber ist die „Zerschlagung der Rest-Tschechei“, die im März 1939 von deutschen Truppen besetzt wird. Das Siedlungsgebiet der Tschechen untersteht jetzt als „Protektorat Böhmen und Mähren“ dem Deutschen Reich (Abb. 45). Mit Hitlers Angriff auf Polen am 1. September 1939 beginnt der 2. Weltkrieg.470 Abbildung 45: Protektorat Böhmen und Mähren/Sudetenland Bei Exerzitienkursen, die Richard im August 1940 bei den Kreuzschwestern in Wien hält, kritisiert er die Haltung des Wiener Erzbischofs Innitzer (1875–1955) nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich (Abb. 44, 113 und Abb. 46, 115).471 In einem Brief fordert der Erzbischof eine Maßregelung von P. Henkes.472 Mit einem Schreiben an den Provinzial aus Burg Branitz, er habe zu diesem Brief seine Antwort an den Kar- 468 Brief von Henkes an seine Eltern vom 24.9.1938, Akte Münz. 469 Probst, 2007, 129. 470 Fragen an die deutsche Geschichte, 1991, 331f. 471 Rotberg, 2001, Akte convolut, Erhebungen, R. Henkes, 3. 472 Personalakte Henkes, Richard, P 12-7, Innitzer an P. Prov. vom 10.9.1940. 115 rIchards zweIte heImat: schlesIen und sudetenland dinal beigelegt und dem Nachsatz: „Ich hoffe, das genügt, um eine kindische Sache beizulegen“, stellt er den Provinzial zufrieden.473 Abbildung 46: Spruchband in Wien zur Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs 4.6.8.5 Der Einsatz für Minderheiten Ein weiterer elementarer Schritt darauf hin, die Eliminierung des jüdischen Volkes zu forcieren, wird 1935 auf dem nationalsozialistischen „Parteitag der Freiheit“ in Nürnberg umgesetzt. Das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ leitet den bisherigen Höhepunkt der antisemitistischen Maßnahmen ein. Parallel zu den Gesetzen und Verordnungskatalogen gegen das jüdische Volk unternimmt die Partei Diskriminierungskampagnen, die in rigorose Verfolgungsaktionen enden.474 Richard hilft der Mutter des jüdischen Chefarztes am Leobschützer Krankenhaus. Diese kann die Strapazen einer Flucht aufgrund ihres Alters nicht mehr verkraften. Richard bringt sie in Branitz in Sicherheit.475 Auch gegen das im Juli 1933 geschaffene Gesetz der NSDAP, das die Zwangssterilisierung erbkranken Nachwuchses erlaubt (Abb. 47, 116), erhebt Richard Einspruch und teilt damit die von den deutschen Bischöfen im Januar 1934 formulierte Ablehnung. Gemäß den Weisungen des Papstes „ist es nicht erlaubt, 473 Brief von Henkes vom 20.9.1940 an den Prov., Akte C. S. R. 1937–1939, Korrespondenz mit Stationen und Mitgliedern, ZAPP Limburg. Anm. Probst führt dazu auf, dass der damalige Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli den Kardinal wegen seines öffentlichen freundlichen Empfangs für Adolf Hitler in den Vatikan bestellte und ihm eine Standpauke hielt. Er ließ Innitzer ein vorbereitetes Dokument unterschreiben, „dass den österreichischen Gläubigen durch die Willkommensgrüße des Episkopates für Hitler keine Gewissenspflicht auferlegt worden sei“. Probst, 2007, 139. 474 Informationen Zur Politischen Bildung, Der Nationalsozialismus, 30–34. Ebenso: Fragen an die deutsche Geschichte, 1991, 319–323. 475 Zeugenaussage Wollstein, Gertrud, Akte Münz. Anm.: Wollstein hatte eine jüdische Freundin, die ihr den Sachverhalt brieflich mitgeteilt hat. Vgl. Probst, 2007, 139, Anm. 425. 116 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) sich selbst zur Sterilisierung zu stellen oder Antrag zu stellen auf Sterilisierung eines anderen Menschen“.476 Trotz der Zurückhaltung des NS-Staates beim Einsatz von katholischen Krankenschwestern, Ärzten und Richtern in der Durchführung des Programms weiten sich die Aktivitäten zu Beginn des Krieges auf die systematische Tötung körperlich behinderter Menschen aus.477 Abbildung 47: Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses Bei Richards Vorträgen in der Kreisstadt Leobschütz erinnert sich Lutzny, dass Richard den Namen Hitler nie genannt habe; man sei sich jedoch im Klaren darüber gewesen, wer und was gemeint gewesen sei mit: „Es gibt Menschen, die Behinderte töten.“478 Urban berichtet in seiner Lebensbeschreibung, dass im Rahmen des Euthanasieprogramms 476 Kißener, 2009, 24. 477 Ebd. 478 Probst, 2007, 103f. 117 rIchards zweIte heImat: schlesIen und sudetenland der größte Teil der Kranken und Behinderten in der Heil- und Pflegeanstalt in Branitz getötet worden sei. Obwohl Nathan Rettung herbeiführt, indem er die Behandelten nach Hause schickt, wird der größte Teil der 2000 Kranken und Behinderten in der Gegend von Passau mittels Spritzen getötet und anschließend verbrannt.479 Wollasch bestärkt diese Äußerung. Es stehe außer Frage, dass Euthanasie an geistig Behinderten der Heil- und Pflegeanstalt in Branitz erzwungen worden sei.480 Abbildung 48: Heil- und Pflegeanstalt in einer Darstellung um 1915 Die Zeugin Wirrer erinnert sich, man habe die Anstalt als Ort für die deutschen Umsiedler aus Bukowina, dem Banat und Bessarabien nutzen wollen. Deshalb hätten die Kranken der Endlösung zugeführt werden sollen. Die nationalsozialistische Propaganda habe Faltblätter verteilt, auf denen links die katholischen Dogmen als verstaubt und völlig nutzlos dargestellt, rechts die „neuen Dogmen“ wie Reinhaltung der Rasse dokumentiert worden seien. Bilder zeigten Behinderte mit Wasserköpfen und verkrüppel- 479 Vgl. Probst, 2007, 140. 480 Wollasch, Hans-Josef, Aus der caritativen Geistigbehindertenarbeit in Ostdeutschland vor 1945, in: Caritas, Jahrbuch 1980, 1979, 331. Anm.: Joseph Martin Nathan hat in Branitz Heil- und Pflegeanstalten errichtet, die im Jahre 1945 rund 2000 Kranke, 120 Ordensfrauen, sieben Ärzte und viele Pfleger umfassten; ein Forschungsinstitut für Gehirn- und Geisteskrankheiten wurde ebenso angegliedert. Mit der Berufung einer Ordensgemeinschaft gelang die Schaffung eines mächtigen, vielverzweigten Caritaswerkes in Branitz. Sein Bemühen um die geistig Behinderten hatte ein sehr modernes Ziel: Die Kranken von Branitz sollten durch eine geschickte Arbeitstherapie gefördert werden. Die weniger stark Erkrankten konnten unter Aufsicht von Pflegern spezielle Arbeiten in Landwirtschaft und Werkstätten verrichten. Nathans Werk umfasste am Ende auf einem zehn Hektar großen Gelände zwölf Pavillons und Sanatorien, dazu viele kleinere Häuser, zusammen 26 Objekte. Grocholl, Wolfgang; in: Kulturportal West Ost, Ostdeutsche Biographie, Nathan, Joseph Martin, http://kulturportal-west-ost.eu/biographien/nathan-joseph-martin-2, 21.11.2016. 118 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) ten Gliedmaßen und klassifizierten sie als Schädlinge am Volksvermögen. „Die überzeugend aufgemachte Broschüre ließ nur den einen Schluss zu; dieses unwerte Leben muss ausgemerzt werden.“ Die Faltblätter sollen von den Lehrern als Unterrichtsstoff behandelt werden. Richard protestiert gegen diese Art der Diskriminierung und nennt es „Mord an Wehrlosen“.481 4.6.9 Im Dienst von Prälat Nathan Durch das Ausscheiden aus dem Schuldienst in Frankenstein hat Richard nun die Möglichkeit, seine seelsorgerischen Tätigkeiten weiter auszubauen, besonders an der ihm bekannten Wirkungsstätte in Branitz bei Prälat Nathan. Seine Zugehörigkeit zur Kommunität in der Niederlassung Frankenstein bleibt unberührt. Neben der Betreuung der großen caritativen Einrichtungen für kranke und geistig behinderte Menschen baut Nathan in erster Linie auf pastorales Engagement für Familien. Dabei nutzt er die zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg entstandene Liturgische Bewegung zusammen mit der Exerzitienbewegung, um die Gläubigkeit im ganzen Land zu fördern.482 Grocholl nennt als pastorale Aktivitäten die „Eucharistischen Familienwochen“, die einen Gegenpol zu der auf dem Gebiet des Familienlebens einsetzenden Zersetzungsarbeit der NS-Gesetzgebung bilden. Grocholl äußert, dass die missionsartig gegliederte Struktur der „Eucharistischen Familienwochen“ geeignet sei, das religiöse Leben zu festigen. Mit dem Ziel „Christusreife“ der ganzen Familie werden unter dem Leitgedanken „Formung und Führung in christlichem Geiste“ Einkehrtage für Mütter und Väter angeboten.483 Hinweise von Stark verdeutlichen, dass Richard die Familienseelsorge als einer der besten Mitarbeiter unterstützt hat, geben aber keinen Hinweis darauf, zu welchem Zeitpunkt diese Aufgabe getätigt wurde.484 Daneben fördert Nathan das Gebetsapostolat und das Laienapostolat. Grocholl betont, dass im Gebetsapostolat neben Jesuiten, Salvatorianern und anderen Orden wiederum die Pallottiner, besonders Pater Richard Henkes, mithülfen.485 Nathans bischöfliches Wappen trägt das Motto: „Caritas Christi urget nos“.486 Unverkennbar zeigen sich hier Parallelen zu Vinzenz Pallottis Idee von der „unendlichen Liebe“. Pallottinische Strukturen weist auch das Laienapostolat auf.487 Unter der Leitung von Kaplan Tenscher und mit Richards Unterstützung organisieren sie zusammen mit anderen pastoralen Mitarbeitern ab 1940 eucharistische und marianische Jugendwochen.488 Einen letzten Schwerpunkt bildet der Bereich der Exerzitienbewegungen, die im „St.-Josef-Haus“ (Abb. 49, 119) in Branitz stattfinden.489 481 Anhang XXXII, Zeugenaussage Wirrer, Edeltrud, o. D., XLV. 482 Grocholl, Wolfgang, Ostdeutsche Biographie, Nathan, Joseph Martin. 483 Grocholl, Wolfgang, Joseph Martin Nathan. Leben und Leiden für eine grenzenlose Caritas im mährisch-schlesischen Land, Eschershausen 1990, Kapitel IX Pastoralziele (93–101), 93f. 484 Stark, Maurus, Millionär aus Liebe. Der Lebensweg Josef Martin Nathans, Eschersleben 1965, 142. 485 Grocholl, 1990, 95. 486 Grocholl, Ostdeutsche Biographie, Nathan, Joseph Martin. 487 Grocholl, 1990, 95f. 488 Zeugenaussage Beigel, Eduard vom 27.1.1968, Akte Münz und Akte Rath, Josef. 489 Grocholl, 1990, 97–101. 119 rIchards zweIte heImat: schlesIen und sudetenland 4.6.9.1 Exerzitienmeister im St.-Josef-Haus Abbildung 49: Exerzitienhaus „St. Josef “ Im Exerzitienhaus „St. Josef “ werden geistliche Übungen für verschiedene Stände angeboten: dazu gehören Jugendliche, Mütter, Klosterschwestern, Väter und Priester, aber auch spezielle Berufe wie Pflegepersonal, Landwirte, Caritasschwestern, Polizeibeamte sowie Lehrer und Handwerker. Nach Grocholl seien die größten Erfolge bei den Exerzitien durch Richard Henkes und dem Jesuiten Paul Rondholz erzielt worden.490 Als Leitgedanken seiner Exerzitien stellt Richard das von Angelus Silesius (1624–1677) gesprochene Wort „Mensch werde wesentlich“ voran.491 Richard hält viele Kurse, teilweise mit drei bis vier Fortsetzungen für die gleichen Teilnehmer (Abb. 50, 120).492 Als Anstoßgedanke zur Durchführung seiner Exerzitien wählt er das Motiv „Du musst dein Leben ändern!“ und schließt damit an Silesius’ Leitgedanken „Mensch werde wesentlich“ an. Das Motiv wird zur Grundregel aller Teilnehmer gemacht.493 Die Teilnehmerin Eispert hebt hervor, Richard verstehe sich in die Nöte und Kümmernisse der Menschen zu versetzen und finde dabei immer die richtigen Worte. Sein Charisma erreiche jeden, der zu hören 490 Grocholl, 1990, 98, 99. 491 Schützeichel, Werner, „Im KZ nicht umsonst gelitten“. Letztes Treffen der Dachauer Priestergemeinschaft im Karmel Heilig Blut, in: Pallottis Werk, Jg. 41, Heft 3, 1990, 12f. Anm.: Angelus Silesius, Epigrammatiker, Lyriker und bedeutendster Dichter der dt. Barockmystik, ursprünglicher Name: Johannes Scheffler, „Bote aus Schlesien“. Der Name Angelus Silesius ist nach dem spanischen Mystiker Johannes des Angelis gewählt. Daten der deutschen Literatur; Angelus Silesius. http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za874/homepage/silesius.htm, 21.11.2016. 492 Zeugenaussage von Schell, Walter vom 19.5.1982, Akte Münz. 493 Schützeichel, 1990, 12f. Vgl. Zeugenaussage Schmidt-Kramny, Cilly vom 23.2.1989, Akte Münz. Vgl. dazu: Probst, 2007, 134f. 120 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) verstehe.494 Schriftlich überliefert ist ein kurzes Gebet von Richard, das er zum Thema „Dreifaltigkeit“, Inhalt: „Heiliger Geist“, gewählt hat: „O Geist mit deinen Flammen, kehr ein in unser Herz. Und mach dir es zu eigen, in Freude und in Schmerz.“ Zum Abschluss der Exerzitien erhalten die Kursteilnehmer ein Gedenkbild als Andenken mit Unterschrift des Exerzitienmeisters und vier konkreten Vorsätzen für die christliche Lebensgestaltung.495 Hinweise gibt es auch, dass Richard ab 1938/39 Exerzitien für Abschlussklassen hält sowie einen Exerzitienkurs für Jungmänner im Januar 1940.496 Abbildung 50: Exerzitienkurs, geleitet von Pater Richard Henkes 4.6.9.2 „Mediator“ der Pallottiner Infolge des Münchner Abkommens vom 29./30. September 1938, wodurch das Sudetenland nun an das Deutsche Reich angeschlossen ist, überträgt der Olmützer Erzbischof die Jurisdiktionsgewalt der unter reichsdeutsche Verwaltung gekommenen Gebiete des Erzbistums Olmütz (mit ca. 600 000 Katholiken) an Joseph Martin Nathan. Damit unterstehen ihm 26 Dekanate, die zu einem Archipresbyterat zusammengefasst sind.497 Zur Bewältigung dieser Aufgabe richtet Nathan Seelsorgestellen ein, die die Versorgung der Dekanate im Sudetenland gewährleisten sollen.498 Parallel dazu lässt sich die 494 Zeugenaussage von Eispert, Anni vom 26.1.1989, Akte Münz. 495 Gebettext und Andenken, Akte Münz. 496 Probst, 2007, 136. 497 Gatz, 2005, 117. Vgl. dazu Handbuch des sudetendeutschen und preußischen Anteiles der Erzdi- özese Olmütz, 1943, 19. Anm.: Nathan wird für seine Verdienste am 17.4.1943 zum Weihbischof für die deutschen Gebiete des Erzbistums Ölmütz und zum Titularbischof von Arycanda ernannt. Am 6. Juni 1943 folgt die Bischofsweihe in Branitz. Vgl.: Grocholl, 1990, 107. 498 Brief von Henkes an den Prov. vom 16.7.1939, ZAPP Limburg, Akte C.S.R. 1937–1939, Korrespondenz mit Stationen und mit Mitgliedern. 121 rIchards zweIte heImat: schlesIen und sudetenland christliche Werksarbeit im Alltag aufgrund nationalsozialistischer Repressalien immer schwieriger gestalten. Im Zuge weiterer Zwangsmaßnahmen muss die pallottinische Gemeinschaft nochmals engere Einschnitte hinnehmen, als im November 1939 deutsche Truppen Katscher durchziehen und die Missionsschule schließen. Die frei gewordenen Räume werden von nun an als Konvikt der städtischen Schule genutzt.499 Ein halbes Jahr später beginnen die Patres in Frankenstein das Haus zu räumen, da hier wie in vielen anderen Klöstern die Räume für „rückwandernde Auslandsdeutsche“ gebraucht werden.500 Richard siedelt nach Branitz über. Dort stellt Nathan ihm eine Wohnmöglichkeit in Burg Branitz, einer Dependance der Anstalt, zur Verfügung.501 Um den Verbleib der Pallottiner in Schlesien zu gewährleisten, besteht die Möglichkeit, freie Seelsorgestellen anzunehmen.502 Die Verhandlungen zwischen Prälat Nathan und dem Prov. Baumann führen mit Hilfe Richards in der Rolle des Mediators zu einer vertraglichen Vereinbarung, die im April 1940 ihren Abschluss findet.503 Die Patres, die als Pfarradministratoren eingesetzt werden sollen, unterstehen in ihrer Tätigkeit dem Generalvikariat in Branitz, bleiben aber im Verband der Gemeinschaft. Die Seelsorgestellen sollen so gewählt werden, dass wenigstens für eine Gruppe von je drei ein monatliches Treffen möglich ist. Zu den Patres, die gemäß Can. 641/642 § 2 pro experimento ad triennium dem Generalvikariat incardiniert werden, gehören Richard Henkes, Walter Schell, August Urban, Oskar Hübl, Dr. Heinrich Köster, Franz Hafeneth, Hermann Homme, Alois Staus und Josef Mutzenbach.504 Die Annahme der Seelsorgestellen als Pfarradministratoren für das Generalvikariat Branitz bietet den Patres auch den Vorteil, dass sie nicht zum Kriegsdienst eingezogen werden. Die Verantwortung und die Betreuung der Patres vor Ort wird Richard anvertraut.505 Die Oberen der Pallottiner-Gemeinschaft schätzen Richard. Diese Aussage bestätigt auch Urban. Bei seiner Arbeit im Dienste Nathans habe er nicht nur an sich selber gedacht, sondern immer die ganze Gesellschaft der Pallottiner gesehen. Zu Einkehrtagen seien sie fast jeden Monat zusammen gekommen; hier habe man den Gemeinschaftsgeist gepflegt.506 Zudem erteilt Prov. Baumann ihm den Auftrag, einen geeigneten Ort zwecks Errichtung einer Niederlassung im Sudentengau zu erforschen, um für alle dort befindlichen Mitbrüder „ein Heim zu schaffen“.507 Die Musterung für den Kriegsdienst im Sommer 1940 beurteilt Richard als kriegsverwendungsfähig. Jetzt, glaubt er, sei auch für ihn der Zeitpunkt gekommen, eine Pfarrei im Sudetenland zu betreuen. Doch Nathan lässt ihn noch nicht gehen, sondern bittet ihn, durch Vorträge und Predigten in den Gemeinden die Tätigkeit als Exerzitienmeis- 499 Leobschützer Heimatbrief 9/1955. Oberschlesiens einziges Vinzenz-Pallotti-Kolleg in Katscher, 4, in: Akte Katscher, A 11/52. 500 Brief von Henkes an den Prov. vom 20.9./18.10.1940, Akte C.S.R. 1937–1939. 501 Ebd., Brief vom 20.9.1940. 502 Brief von Henkes an den Prov. vom 16.7.1939, Akte C.S.R. 1937–1939. 503 Korrespondenz zwischen Baumann und Nathan vom 23. u. 28.6.1939, 11.8.1939, Akte Sudetenland – C.S.R – Bischöfliche Behörden, vertragliche Regelung in: Brief von Baumann vom 24.5.1941 und Brief von Nathan vom 20.6.1941, convolut, Erhebungen, ZAPP Limburg. 504 Ebd. 505 Zeugenaussage P. Urban, August vom 31.5.1982, Akte Münz. 506 Ebd. 507 Brief vom Prov. an Henkes vom 29.4.1940, Akte Sudetenland – C.S.R. – Bischöfliche Behörden. 122 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) ter in Branitz aufrecht zu erhalten.508 Richard gehört damit einem etwa dreißigköpfigen Mitarbeiterteam an, das mit seinen Veranstaltungen auf lokaler Ebene Sorge trägt, den Glauben und die Verantwortung für christliches Gemeindeleben zu stärken.509 In seiner Aufgabe als Obmann beurteilt Richard im März 1941 die Lage der Patres in ihren Pfarreien so: „Unsere Arbeit im ‚Steingarten‘ des Sudetenlandes geht mühsam, hin und wieder mit gewissem Erfolg gekrönt, weiter. Man muss schon außerordentlich viel Willen, Zähigkeit und vor allem Optimismus aufbringen, um hier mit seinem Idealismus standzuhalten. Da wir nach Möglichkeit jeden Monat zusammenkommen, suchen wir diese notwendigen idealen Gedanken gegenseitig hochzuhalten.“510 Als Obmann organisiert er für seine Mitbrüder regelmäßige Einkehrtage, die zur Pflege des Gemeinschaftsgeistes dienen.511 Ein Teil der Heil- und Pflegeanstalt wird infolge des Krieges als Lazarett genutzt. Hier gibt Richard in einer Predigt jungen Mädchen den Rat, „sich nicht jedweden an den Hals zu werfen“. Die verwundeten Soldaten beschweren sich und äußern, „man gönne ihnen nicht einmal diesen Spaß, nachdem sie in der Verteidigung des Vaterlandes ihre Knochen geopfert hätten“. Für Richard wird es ernst und er muss Branitz verlassen.512 Probst hingegen verweist auf einen Brief Richards, der so zu deuten sei, dass dieser die Pfarrstelle angenommen habe, weil ihm im Frühjahr 1941 die Einberufung zur Wehrmacht gedroht habe. In diesem Brief schreibt Richard nach seiner Musterung: „Aber als schon gedienter Mann werde ich wohl zunächst verschont bleiben und wenn, dann werde ich schon einen Ausweg finden.“513 Dennoch darf die Aussage Schells nicht ignoriert werden, denn im Jahre 1941 zeichnet sich die dritte Hochphase von Maßnahmen und KZ-Strafen gegen katholische Priester ab (Abb. 32, 92). 508 Brief von Henkes an den Prov. vom 20.9.1940, Akte C.S.R. 1937–1939, Korrespondenz mit Stationen und mit Mitgliedern. 509 Vgl. Stark, 1965, 143. 510 Henkes, Richard, Generalvikariat Branitz, in: Stimmen aus Limburg, 2. Bd., Heft 4, März 1941, 230. 511 Zeugenaussage P. Urban, August vom 31.5.1982, Akte Münz. 512 Zeugenaussage P. Schell, Walter vom 19.5.1982, Akte Münz. 513 Brief von Henkes an seine Schwester und seinen Schwager vom10.9.1940, Akte Münz. Vgl. dazu Probst, 2007, 141. 123 admInIstrator In strandorf 4.7 Administrator in Strandorf Abbildung 51: Hultschiner Ländchen Nathan übergibt Richard im April 1941 die Pfarrei Strandorf mit 780 Katholiken.514 Strandorf liegt im Hultschiner Ländchen und ist deutsch - tschechisches Grenzland (Abb. 51). Der dort seit 1924 tätige tschechische Pfarrer Dr. Josef Vrchovecky (1879- 1960) ist in das von Nazis geschaff ene Protektorat Böhmen und Mähren ausgewiesen worden (Abb. 45, 114).515 Richard steht Prälat Nathan weiterhin zur Verfügung. Bei Abwesenheit wird er durch Kaplan Johann Obrußnik vertreten. Dieser lebt krankheitsbedingt im Strandorfer Elternhaus.516 514 Handbuch des sudetendeutschen und preußischen Anteiles der Erzdiözese Olmütz 1943, 159, 160. Anm.: Der Ortsname Strandorf wurde nach dem 2. Weltkrieg wieder umgewandelt in den ursprünglichen Ortsnamen Strahovice (Tschechoslowakei). Seit etwa 10 Jahren pflegt die Gemeinde Ruppach-Goldhausen mit der Gemeinde Strahovice freundschaftliche Beziehungen, die urkundlich besiegelt sind. Gemeinsame Ziele sind der Aufbau positiver partnerschaftlicher Zusammenarbeit in Bildung, Sport und Kultur sowie die Kontaktpflege durch gegenseitige Besuche. Für die Realisierung dieser Ziele dient den Gemeinden als Anker die von P. Richard Henkes gelebte Nächstenliebe. Gerold Sprenger, Pratelstvi. Ruppach-Goldhausen/Strahovice. Freundschaft 2009, Fotoband mit Text herausgegeben von der Ortsgemeinde Ruppach-Goldhausen, Ruppach-Goldhausen 2009. 515 Handbuch des sudetendeutschen und preußischen Anteiles der Erzdiözese Olmütz 1943, 159, 160. 516 Probst, 2007, 141. 124 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Abbildung 52: Ortslage von Strahovice (ehemals Strandorf) 150 Kč/m2 4.7.1 Seelsorge im Sinne der Liturgischen Bewegung Hier in Strandorf weiß Richard sehr wohl, dass er keine leichte Aufgabe zu bewältigen hat. Er selbst formuliert es als Obmann treffend: „viel Willen, Zähigkeit, Optimismus und Idealismus“.517 Im März 1942 schreibt er an seinen Bruder Hugo: „Die Aussichten hier sind ja miserabel. Aber Gott wird schon helfen. Ich habe viel zu tun, das kannst Du dir ja denken.“518 In der Seelsorge arbeitet Richard ganz im Sinne der liturgischen Bewegung. Er wünscht sich eine stärkere Beteiligung der Gläubigen am Gottesdienst. Ziel seiner Arbeit in der Gemeinde soll sein, „die Gemeinde dazu zu erziehen, dass sie bewusst den Gedanken der Gemeinschaft lebt. Das ist ja so notwendig in der heutigen Zeit.“519 In der Seelsorge profitiert Richard von den Erfahrungen, die er in Katscher, Frankenstein und Branitz gewonnen hat. Die Kinder bezieht er in den Gottesdienst mit ein, sie dürfen selbst erzählen, er verteilt Lob und Tadel, motiviert durch kleine Präsente, führt einen Kindergottesdienst ein. Im Religionsunterricht versteht er, Sachverhalte einprägsam zu vermitteln, er hält Vorträge für Teenager, junge Erwachsene und Ältere. Seine Predigten behandeln Beispiele aus dem Leben des Pfarrers von Ars und anderer Heiliger des 19. Jahrhunderts, soziale, weltanschauliche und speziell eugenische Fragen.520 Richard pflegt Brauchtum. Mit Freude besucht er um Epiphanias jedes Gehöft und jedes Haus, um sie zu segnen (Abb. 53, 126).521 Damit gewinnt und pflegt er Kontakte. Er lädt die Menschen zum Gottesdienst ein, begeistert die Gläubigen für das pallottinische 517 Henkes, Richard, Generalvikariat Branitz, Stimmen aus Limburg, Bd. 2, Heft 4, März 1941, 230. 518 Brief von Henkes an Bruder Hugo vom 14.3.1942, Akte Münz. 519 Brief von Henkes an den Soldaten Malcharek vom 18.11.1942, 2002, 212. 520 Probst, 2007, 145–149. 521 Holzbach, 2005, 17. 125 admInIstrator In strandorf Apostolat und die Ideen der Apostolischen Bewegung.522 In der Kapelle im Talgrund lässt er ein von ihm in Auftrag gegebenes Gemälde der „Dreimal wunderbaren Mutter“ von Schönstatt anbringen. Seine in Schönstatt gewonnene marianische, pallottinische Spiritualität setzt er als Erziehungsmittel ein.523 Die Charakterisierung des Lehrers Karl Schalk unterstreicht die von Richard gesendete Kraftquelle der Muttergottes. „Er arbeitet für die Christusgestaltung der Welt durch die Verbreitung und Pflege einer tiefen Muttergottesverehrung.“524 Die Situation und das Schicksal der herumgeschubsten Tschechen im Grenzgebiet bewegt Richard sehr. Seine Nichte Agnes Biet erinnert sich, dass er bei seinen Heimatbesuchen geäußert habe, er gehe öfters über die Grenze. Dies sei nicht ungefährlich, er habe sogar einmal Schläge bekommen. Dennoch sagt er: „Ich werde wieder hingehen, dort sind so liebe Menschen, die mich brauchen.“525 Richard verbietet sich jeden Spott. Die Schüler mit tschechischer Herkunft, die in der Schule wegen ihrer Sprachschwierigkeiten gehänselt werden, erhalten seinen Schutz.526 Richard nutzt deshalb die Gelegenheit, sich die tschechische Sprache bei einem im Dorf wohnenden tschechischen Frisör anzueignen.527 522 Zeugenaussage P. Urban, August vom 31.5.1982, Akte Münz. Vgl.: Kremer, Regina, Erinnerungen an ihren Bruder P. Richard Henkes, Akte Münz, 4. 523 Probst, 2007, 149. 524 Schalk, Karl, In Memoriam, Erinnerung an den ersten Schönstattpriester in Leobschütz P. Richard Henkes P. S. M., in: Leobschützer Heimatbrief 1951, Heft 7, 7f. 525 Zeugenaussage von Biet, Agnes vom 30.8.1990, Akte Münz. 526 Holzbach, 2005, 16. 527 Anm.: Diese Aussage beruht auf telefonischer Rücksprache vom 25.10.2010 mit Prof. Probst. Die Erkenntnis habe er erst nach der Veröffentlichung der 2. Auflage seines Buches gewonnen und deshalb als Quelle nicht aufführen können. Mittlerweile ist sie aber dokumentiert (Dokument bei Probst). 126 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Abbildung 53: Häusersegnung in Strandorf Das Gefühl heimatlicher Geborgenheit findet er in der zum Anwesen des Pfarrhauses gehörende Landwirtschaft mit Garten und Viehzucht. Kindheitserinnerungen werden wach. Die Haushälterin und Wirtin Paula Miketta betreibt die Landwirtschaft mit Unterstützung von Viktoria Hlubek und ihren beiden behinderten Brüdern.528 Richard hält Verbindung zu allen Mitgliedern der Pfarrei, auch zu denen, die sich als Soldat im Krieg befinden. Mit ihnen führt er regen Briefverkehr ähnlich wie mit den Sodalen aus Schönstatt im Ersten Weltkrieg. Im April 1943 verzeichnet er infolge des Krieges 24 Tote aus der Gemeinde, darunter befinden sich 14 Soldaten. 54 Menschen sind verschollen.529 528 Probst, 2007, 143. 529 Brief von Henkes an den Soldaten Malcharek vom 18.11.1942, 2002, 212, Brief von Henkes an seine Schwägerin vom 1.4.1943, Akte Münz. 127 admInIstrator In strandorf Als Obmann regelt er den Kommunikationsverkehr zwischen den pallottinischen Patres, manchmal nicht ohne Schwierigkeiten. So beschwert er sich beim Prov. Schulte (1901–1980), dass von ihm die mit dem Generalvikariat getroffenen terminlichen Abmachungen von P. Gauchel nicht eingehalten würden. Solche Art von Verhandlungen führt er nicht gerne, weil er den Ärger ausbaden muss. Er fühlt sich von den Oberen in Limburg im Stich gelassen, behauptet sich aber und betont: „Ich habe meine Stellung in Branitz immer wahren können.“530 Das Vorhaben, seine Familie im Sommer 1943 zu besuchen, kann Richard nicht mehr realisieren.531 4.7.2 Verhaftung in Ratibor Auch in Strandorf bezieht Richard Stellung gegenüber dem totalitären Regime. Antriebskraft bieten ihm die im Sommer des Jahres 1941 verkündeten Predigten des Bischofs von Galen (Abb. 40, 105). Dieser prangert öffentlich die unter dem Tarnnamen T4 laufenden Tötungs- und Ausrottungsmaßnahmen gegen geistig und körperlich behinderte Menschen an (Predigten vom 13. und 20. Juli sowie 20. August 1941).532 Richard, der bereits früher die Tötungsdelikte verurteilt und sie „Mord an Wehrlosen“ nennt (Kapitel 4.6.8.5, 115), sorgt für die Verteilung und Verbreitung der Predigten von Galens. Reitor dokumentiert, Richard habe große Distanzen unternommen, um die Materialien an seine pallottinischen Mitbrüder im Ostsudetenland auszuhändigen. Für die Partei sei er der „Volksaufwiegler“, „Hetzpater“ oder gar „Verräter am Vaterland“.533 Der Zeuge Richtarsky berichtet über „provozierende Äußerungen“, die Richard in Strandorf gepredigt habe. Man habe ihn eindringlich gebeten, mit seinen Äußerungen gegenüber „Henlein-Nationalsozialisten“ vorsichtig zu sein.534 Probst vermutet, dass Richards Wissen über die Zustände in Auschwitz und die Kenntnisse über die Tötungsdelikte in Branitz und Hadamar in der Nähe von Limburg ihn zu der Schärfe seiner Aussagen veranlasst haben.535 Am 12.3.1943 hält Richard in der Pfarrkirche von Branitz eine Predigt, die die Stapostelle über wichtige staatspolizeiliche Ereignisse wie folgt festhält: „Man braucht heute keine intelligenten Menschen mehr, sondern den Herdenmenschen, den Hammel. Am liebsten hätte man für ihn eine Uniform. Im dritten Jahrhundert haben die Leute für ihren christlichen Glauben gekämpft, haben alles hergegeben, haben ihre Existenz aufs Spiel gesetzt, ihre Kinder, ihre Familien, sogar ihr Leben. So wird das auch wieder werden. Wir haben heute bei der Erziehung unserer Kinder in den Schulen nichts mehr zu sagen. Wir haben draußen nichts mehr zu sagen und wir haben bald auch hier nichts mehr zu sagen. Wenn ich in meiner Heimat am Rhein hinausziehe, sieht man Kirchen, die nach römischen Legionsführern benannt sind. Die Männer waren so treu, dass man die Kirche nach ihrem Namen benannte. Ich möchte heute den katholischen Offizier 530 Anhang XXIX, Abschrift des Briefes von Henkes an den Prov. vom 15.1.1943, XLI. 531 Brief von Henkes an seine Schwägerin vom 1.4.1943. 532 Kißener, 2009, 25. Anm.: Weiterführende Literatur zu den drei berühmten Predigten in: Bierbaum, 1978, 346–365. 533 Reitor, 1988, 22, 23. 534 Zeugenaussage von Richtarsky, Eugen, o. D., Akte Münz. Vgl. dazu Zeugenaussage von Wollstein, Gertrud vom 14.7.1987, Akte Münz. 535 Probst, 2007, 154. 128 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) sehen, der so treu ist, dass man auf seinen Namen eine Kirche bauen könnte“ (BA, R 58 Nr. 4244, Bl. 64).536 Richard wird angezeigt und verhaftet, „weil er die Kanzel zur Aufwiegelung des Volkes missbraucht hat“. Deshalb hat „der Chef der Gestapo für ihn auf Kriegsdauer die Schutzhaft angeordnet“.537 Kaplan P. Johann Obrußnik bestätigt, die Gestapo habe Richard am 8. April 1943 in Ratibor vernommen. Er sei nicht wieder zurückgekommen.538 Nach Aussagen des Zeugen Schells sei Richard bei seiner Verhaftung zusammengebrochen und habe geweint.539 In diesem Augenblick des Zusammenbruchs dürfte sich die aufgestaute Spannung der an Kräften zehrenden vergangenen Jahre entladen haben. Nathan ist bestrebt, Richard zu helfen. Trotz seiner Bemühungen bleibt für Richard die Lage aussichtslos.540 Nathan beauftragt P. Wehner, als Vertreter Richards die Administratur der Pfarrei Strandorf zu übernehmen.541 4.7.3 Opfer seines Berufes Nach sechs Wochen Einzelhaft wendet sich Richard vertrauensvoll an Hedwig Buhl, eine Mitarbeiterin der Niederlassung der Pallottiner in Frankenstein: „[D]as reißt sehr an den Nerven, aber trotzdem bin ich seelisch und körperlich gesund. […] Aber ein Kreuzweg bleibt es trotzdem. Am Anfang habe ich noch um meine Freiheit gebetet, jetzt habe ich mich durchgerungen, und wenn ich ins Lager müsste, dann werde ich genauso Deo gratias sagen wie bei meiner Verhaftung. Schließlich muss ich ja wahrmachen können, was ich anderen in Exerzitien gepredigt habe. […] Man ist der Willkür der Menschen ausgeliefert und so hat bloß das eine noch Sinn, sich radikal dem Herrgott zu überantworten. […] Es liegt ja in der Zeit, dass wir Priester heute dem Heiland nach Getsemani folgen und vielleicht auch nach Golgota. […] Das will ich dir noch sagen, ich bin nicht hier, weil ich vielleicht zu scharf gewesen bin, sondern ich bin wirklich ein Opfer meines Berufes geworden.“542 Abgesehen von vielen Belästigungen durch Hausdurchsuchungen und Verhöre aller Art werden insgesamt 56 Pallottiner aus der Provinz Limburg inhaftiert, darunter 24 Patres, 8 Kleriker und 24 Brüder.543 Für die Gründe einer solchen Kette von Verhaftungen spricht das Zitat des Regierungsrates Roth, Leiter der kirchlichen Abteilung der Gestapo Berlin: „Wir haben in ganz Deutschland die Erfahrung gemacht, dass die Menschen, die dem Geist der Pallottiner-Patres erlegen sind, unfähig werden für die nationalsozialistische Weltanschauung.“544 Noch bevor Richard am 2. Juli 1943 den 536 Rotberg, 2001, in: Akte convolut, Erhebungen, 3. 537 Gerhardt 2017, 33. Vgl. dazu Reitor, 1988, 24. Vgl. Diözesanarchiv Limburg (DAL), Priesterkartei Richard Henkes, Karte 8. 538 Bericht von Kaplan P. Obrußnik, Johann vom 17.8.1943, Akte Münz. 539 Zeugenaussage von Schell, Walter vom 19.5.1982, Akte Münz. 540 Brief von Prälat Nathan vom 27.7.1943, in: Akte convolut, Erhebungen. 541 Brief von Prälat Nathan vom 7.8.1943, in: Akte convolut, Erhebungen. 542 Anhang VIII, Abschrift des Briefes Henkes an Hedwig Buhl vom 24.5.1943, XI, Anm.: Hedwig Buhl hat unter anderem die Kapelle der Niederlassung Frankenstein geschmückt, Akte Münz. 543 Schützeichel, Wilhelm, convolut: Dokumentation der seitens des Nationalsozialismus gegen die Norddeutsche Pallottiner-Provinz, Limburg an der Lahn, durchgeführten Maßnahmen, in: ZAPP Limburg, Bestand NL, 2f. 544 Ebd., 27. Zitat aus: Neuhäusler, Johann, Kreuz und Hakenkreuz, München 1946, 335. 129 konzentratIonslager dachau Weg nach Dachau gehen muss, klärt er mit seinem Bruder, wie er den Postverkehr in Dachau führen möchte. Als primäre Kontaktstelle wählt er seine Wirtin Miketta, die ihrerseits mit Klara Surma aus Ratibor, Maria Proske aus Katscher und mit Richards Familie kommuniziert.545 Auch von seiner Mutter nimmt er Abschied. Sei es bisher auf der Kanzel oder im Vortragssaal ein freudiges Priesterwirken gewesen, so soll seine Mutter im Gebet des schmerzhaften Rosenkranzes daran denken, dass er nun diesen Weg mit dem Heiland gehe. Dies sei für einen Priester keine Schande. Ob er den glorreichen Rosenkranz noch auf Erden oder im Himmel erlebe, überlasse er ganz dem lieben Gott.546 4.8 Konzentrationslager Dachau Wie bei allen Konzentrationslagern ist das Arbeitslager in Dachau eine Schutzhaftstätte, die dem Hitlergegner die Freiheit entzieht. Ziel ist die Isolation des Häftlings, der ohne Achtung der Menschenrechte drangsaliert wird. Veröffentlichte Eindrücke über das Arbeitslager in der „Münchner Illustrierten Presse“ über „das Lastende, Bedrückende an der Atmosphäre, die über dem Ganzen liegt“, „die eiserne Faust“, die den Häftlingen im Nacken sitze, vom Lachen, das im Lager selten sei, von der Härte, die über allem laste, und die Ankündigung der Zeitschrift „Der SA-Mann“, der Geist des Konzentrationslagers sei hart, sehr hart, lassen die Wirklichkeit ahnen. Die Existenz dieser Einrichtung lassen Angst und Furcht aufkommen. Hitlers diktatorischer Staatsapparat kann ungehindert aufrechterhalten werden.547 Die harten strapaziösen Lagerarbeiten, die in denkbar ungeeigneter Kleidung und Holzschuhen bei jedem Wetter verrichtet werden müssen, die Mangelernährung, die klägliche Unterbringung, das Ungeziefer und die grassierenden Epidemien wie Tuberkulose, Fleckfieber und Typhus, Mangel an Medikamenten und Verbandsmaterial fordern sehr schnell zahlreiche Opfer.548 Nach Erweiterung im Jahre 1938 ist das Arbeitslager 16,2 Hektar groß. Es ist umgeben von einem drei Meter breiten Streifen, der nicht betreten werden darf, ohne dass geschossen wird. Dazu kommen ein 2,5 Meter breiter Wassergraben und eine mit Stacheldraht umgebenen Mauer. Zur Innenseite befindet sich ebenfalls Stacheldraht, durch den in der Nacht zusätzlich elektrischer Strom fließt. Zwischen Mauer und Stacheldraht patrouillieren bewaffnete Posten, ebenso sind einige Wachtürme mit Maschinenpistolen und Scheinwerfern bestückt. Nachts werden die Baracken angestrahlt.549 545 Briefe von Henkes vom 1.7.1943 an Hugo und vom 9.7.1943 an Klara Surma, Akte Münz. 546 Brief von Henkes an seine Mutter vom 1.7.1943, 2002, 221f. 547 Zitiert nach: Drobisch, Klaus/Günther, Wieland, System der NS-Konzentrationslager: 1933–1939, Berlin 1993, 11, 92. 548 Vgl. dazu Lenz, Johann Maria, Christus in Dachau. Ein kirchengeschichtliches Zeugnis, Wien 1956, 9. Aufl., Wien 1971, 35–37, 39–41, 48, 52, 59–62 u. 79. 549 Drobisch/Wieland, 1993, 111, 271. 130 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Abbildung 54: Wachturm im KZ Dachau Im Inneren des Lagers befinden sich zwei Reihen mit 30 hölzernen Unterkunftsbaracken von 64 m Länge und 9,5 m Breite für je 208 Gefangene, zwei Revier- und weitere Baracken, davor ein großer Appellplatz. Auf dem Terrain des alten Lagers befinden sich Küche, Wäscherei, Wirtschaftsgebäude mit Kammern und Werkstätten sowie ein Zellenbau mit 218 m Länge für 120 Häftlinge und der dazu gehörende Arresthof. Ein anderes Areal beherbergt die SS-Bediensteten mit der SS-Totenkopfeinheit, Küche, Kasernen und Garagen.550 Abbildung 55: Standorte der Baracken Zarusky meint, die im Krematorium eingebaute Gaskammer sei scheinbar nicht benutzt worden, betont aber, dass schwache und nicht mehr arbeitsfähige Häftlinge selektiert und in die Euthanasieanstalt Schloss Hartheim bei Linz in Österreich transportiert 550 Ebd., 271. 131 konzentratIonslager dachau worden seien.551 Lenz nennt neben Linz noch die Invalidentransporte nach Auschwitz und Lublin, wo die Vergasung bevorsteht. Daneben vermerkt Lenz die an Gefangenen vorgenommenen wissenschaftlichen Experimente wie z. B. Malariaversuche, biochemische Versuche und Experimente, die speziell für wehrtechnische Zwecke gedacht sind.552 Das Krematorium dient zur Verbrennung der Toten (Abb. 56). Aber auch Massenhinrichtungen und die Sezierungen von Leichen sollen nicht unerwähnt bleiben. Lenz berichtet, es seien etwa 500 Leichen gehäutet worden. Die getrockneten Häute verwende man für Sättel, Reithosen, Hausschuhe, Handschuhe, Handtaschen und Lampenschirme.553 Abbildung 56: Verbrennungsöfen im Krematorium 4.8.1 Die Reise nach Dachau Nach sieben Wochen Einzelhaft fährt Richard am 2. Juli 1943 mit dem Gefangenenzug Richtung Dachau.554 Die Reise führt zunächst nach Breslau. Dort werden die Häftlinge zu Hundertschaften formiert, anschließend unter Bewachung der SS mit Bluthunden in das Polizeipräsidium befördert und dort in einem Unterkeller, der teilweise überfüllt ist, untergebracht.555 Der Studitenmönch Josef Johannes Peters (1905–1995) erzählt, 551 Zarusky, 1995, 190. 552 Lenz, 1971, 292–295. 553 Ebd., 295f. 554 Vgl. Briefe von Henkes vom 1.7.1943 an Hugo und an seine Mutter, Akte Münz. 555 Zeugenaussage des Archimandrits Peters, Josef Johannes vom 7.10.1989, Akte Münz. Anm.: Pfarrer und Archimandrit Peters erhielt 1985 das Bundesverdienstkreuz. Weil er sich als Fürsprecher 132 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) er habe die ganze Nacht stehen müssen und das Ungeziefer sei von der Decke gefallen. Peters, der seit mehr als sieben Monate keinem vertrauten Menschen mehr begegnet war, spricht wenig später intuitiv bei der Neuformierung der Gefangenen Richard darauf an, ob er Geistlicher sei. „Ja, ich bin Pallottiner-Pater Richard Henkes auf dem Weg nach Dachau“, entgegnet Richard. Sie geben sich die Hand und werden Freunde. Noch ein anderer Pfarrer schließt sich den beiden an.556 Mit dem Gefangenenzug werden sie über die Tschechei weiter transportiert. Die Fahrt muss immer wieder wegen Fliegergefahr unterbrochen werden. Es bleibt unendlich viel Zeit, um über „Gott und die Welt“ zu reden. Am 10. Juli erreichen sie München. Dort steigen sie in einen Lastwagen um. Geschickt versucht man, den Fußtritten und Schlägen der SS möglichst auszuweichen. Auf dem LKW bittet Peters seinen Freund Richard, ihm sein Brevier zu leihen. Innen liegend findet Peters ein Zitat mit den Worten: „Fallen auch Tausende zu Deiner Rechten und Zehntausende zu Deiner Linken, Dir wird es nicht schaden.“ Richard liest den Spruch, sieht Peters an, sagt aber kein Wort. Sehr bald passieren sie möglichst im Laufschritt das Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“ (Abb. 57). Abbildung 57: Eingangstor des KZ Dachau für die Ukrainisch–Katholische Kirche einsetzte, hatte er vier Jahre im KZ Dachau verbracht. Ungebrochen setzte er seinen Dienst an den Menschen nach 1945 fort, unter anderem als Flüchtlingsseelsorger für die Ukrainer, als Gründer und Erbauer des Studitinnenklosters in Krefeld und als Leiter eines kleinen Priesterseminars für ukrainische Flüchtlingstheologen in Paderborn. Bericht des stellvertretenden Generalvikars Prälat Egger, Bernhard vom 20.9.1985, P. Allebrod, E.: Ordner EV3, Kapitel 9: Um die Seligsprechung P.K., ZAPP Limburg. 556 Zeugenaussage des Archimandrits Peters, Josef Johannes vom 7.10.1989, Akte Münz. 133 konzentratIonslager dachau Peters erhält die Registriernummer 49641, Richard die 49642.557 Pfarrer Richard Schneider kann berichten, wie die Neuankömmlinge begrüßt werden: „Ihr habt aufgehört Menschen zu sein. Ihr seid aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen. Ihr seid jetzt nur noch Nummern. Wenn eine Nummer ausfällt, kann sie von einem anderen getragen werden. Wer sich im Lager eine leichte Strafe zuzieht, verlängert seine Haft um Monate; wer eine schwere Strafe bekommt, verlängert seine Haft um Jahre. Abtreten!“ SS-Hauptscharführer Tränkle hat es so formuliert: „Hier hat niemand zu lachen. Der Einzige, der hier lacht, ist der Teufel und der Teufel – das bin ich!“558 Nach Entkleidung werden die Häftlinge nackt über den Appellplatz zum Waschraum getrieben, am ganzen Körper vollständig enthaart und in ätzender Desinfektionslösung gebadet. Schließlich wird der Gefangene mit dem roten Zeichen „KL“ auf dem Rücken der blau-weiß gestreiften Sträflingskleidung und der Registriernummer auf der linken Brustseite sowie an der Hosennaht markiert.559 4.8.2 „Gott ist uns hier näher als anderswo“ In den Augen der Toren sind sie gestorben, ihr Heimgang gilt als Unglück, ihr Scheiden von uns als Vernichtung; sie aber sind in Frieden. In den Augen der Menschen wurden sie gestraft; doch ihre Hoffnung ist voll Unsterblichkeit. (Weish 3,2–4) Zusammen mit Peters verbringt Richard knapp vier Wochen auf dem Zugangsblock 15/ Stube 3. Dort lebt er zunächst auf engstem Raum in Quarantäne. Hier wird nicht gearbeitet oder irgendeiner anderen Beschäftigung nachgegangen.560 Verweilend in Gedanken an seine Gemeinde in Strandorf notiert er, in Dachau wolle er den Weg mit Gott gehen. „Ja, Gott ist uns hier näher als anderswo, weil wir ihn auch mehr brauchen.561 Der Herrgott hat mich den Weg geführt und wird mich nicht verlassen. Es ist eine harte Erziehungsschule, in die einen der Herrgott nimmt, aber es ist doch Gottes Schule und die ist immer gut.“ Menschlich sei manches hart und schwer, aber er habe oft genug vom Opferweg gesprochen. Er habe Mut, auszuführen, was er anderen gesagt habe.562 557 Ebd. 558 Grulich, 1999, 19. 559 Vgl.: Reitor, 1988, 27. 560 Brief von Henkes an Miketta vom 17.7.1943, Akte Münz. Vgl. dazu Zeugenaussage Peters, Josef Johannes vom 7.10.1989, Akte Münz. 561 Anhang XXX, Abschrift des Briefes von Henkes an Miketta vom 17.7.1943, XLII. 562 Brief von Henkes an Miketta vom 31.7.1943, Probst, 2002, 225. 134 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Abbildung 58: Gedenkstein „Block 26“ Zusammen mit Peters sei er in den Priesterblock 26 verlegt worden. Richard habe seinen Platz auf Stube 4, Peters auf 3 gehabt. Dennoch sähen sie sich täglich.563 Die Feldpostbriefe belegen aber eindeutig, dass Richard seine Unterkunft auf Stube 3 hat.564 Im KZ Dachau existieren drei Priesterblöcke: 26, 28 und 30. Nach Lenz zählt der Klerus von Dachau insgesamt 2720 Priester, Laienbrüder und Theologiestudenten; davon sind 2579 katholisch.565 Die polnischen Priester und jene anderer Nationen sind auf die Blöcke 28 und 30 verteilt. Die katholischen und evangelischen Priester aus Deutschland und Österreich beherbergt Block 26, den man auch als Pfaffenblock bezeichnet.566 Im Block 26 gelingt Richard die langersehnte erste Kommunikation mit seinem Freund P. Eduard Allebrod (1906–1985), ehemals Spiritual in der Niederlassung in Frankenstein. Hier trifft er auch seine pallottinischen Mitbrüder, die Patres aus Vallendar Josef Fischer und Joseph Kentenich. Richards Mitsodale Albert Eise ist bereits im September 1942 an Hungertyphus gestorben.567 Später stoßen noch die Patres und Brüder aus Limburg dazu: im Oktober Br. Karl Morper, im Jahre 1944 Br. Franz Edel, P. Karl Jakob Friedrich, P. Johannes Gerharz, P. Wilhelm Poiss, P. Prov. Heinriche Schulte und P. Johann Wimmer.568 Richard steht im engen Kontakt mit Allebrod und später auch mit Schulte, weniger im Kernkreis der Schönstatt-Patres unter der Führung von Kentenich. Eine innere Distanz zwischen Richard und Kentenich bleibt auch in Dachau bestehen.569 Dafür knüpft Richard Kontakt mit dem tschechischen Priester und Regens Josef Beran (1888– 1969). Eine nähere Beziehung baut sich auf, als Richard anstrebt, unter Beistand von Beran (Abb. 77, 168) die tschechische Sprache intensiv zu lernen. Reitor vermutet, dass er in der Nachkriegszeit für die Pastoralarbeit im Osten die tschechische Sprache brau- 563 Zeugenaussage Peters, Josef Johannes vom 7.10.1989, Akte Münz. 564 Vgl.: Anhang XXXI, Feldpost von R. Henkes an Werner Wies aus Block 26/Stube 3, XLIII. 565 Lenz, 1971, 196. 566 Allebrod, Eduard, in: ZAPP Limburg, Ordner EV3, PRH 1943, 6. 567 Akte Convolut, Verfolgte Pallottiner unter NS-Herrschaft, B/1d, ZAPP Limburg. 568 Ebd. 569 Probst, 2007, 191, 196. 135 konzentratIonslager dachau chen werde. Beide sind an einem guten Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen interessiert. Ebenso wie Peters und Allebrod betont Reitor, dass Richard sich um die tschechischen Häftlinge „vorbildlich“ gekümmert habe.570 Eine Bestätigung für die Korrespondenz zwischen Richard und tschechischen Häftlingen findet sich auch in dem 1946 verfassten Buch des tschechischen Priesters Bedrich Hoffmann. Hier wird Richard bereits 1946 mit detaillierten Lebensdaten benannt.571 Der große Gemeinschaftsgeist der Priester beruht vor allem auf dem gemeinsamen Gebet und den gemeinsamen Feiern der Gottesdienste in der Lagerkapelle (Abb. 69, 148). Lenz beschreibt diese als Kraftquelle für die eigene Seele und für die Wege und Opfer der Seelsorge und Caritas. Abbildung 59: Innenraum der Kapelle des Priesterblockes 26 570 Reitor, 1988, 34. Vgl.: Zeugenaussage Peters, Josef Johannes vom 7.10.1989, sowie Allebrod, E., Bericht über das Seligsprechungsverfahren vom 12. Juli 1984, Akte Münz. Anm.: Josef Beran wurde 1911 zum Priester geweiht. Als Religionspädagoge war er am Lehrinstitut der Kongregation der Schulschwestern in Prag tätig, 1932 als Regens am erzbischöflichen Priesterseminar in Prag sowie als Professor an der Theologischen Fakultät der Karls-Universität. 1946 wurde er zum Erzbischof von Prag berufen. Er kritisierte die antikirchlichen Maßnahmen der kommunistischen Regierung. Seit 1950 lebte er unter Hausarrest an wechselnden, geheim gehaltenen Orten. 1965 wurde er von Papst Paul VI. zum Kardinalpriester ernannt. Die vatikanischen Diplomaten ermöglichten seine Ausreise nach Rom. Eine Rückkehr nach Prag war nicht mehr möglich. 1999 wurde für ihn der Seligsprechungsprozess eingeleitet. Biographische Daten von Josef Beran, http://de.wikipedia.org/ wiki/Josef_Beran, 21.11.2016. 571 Hoffmann, Bedrich, Und wer euch tötet…Leben und Leiden der Priester in den Konzentrationslagern, Prerau 1946, 429. 136 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Christus habe hier aus Tausenden von priesterlichen Seelen eine große Einheit der Priester in Dachau geschaffen, betont Lenz.572 Einen ersten Eindruck der Kapelle schildert der Benediktinerpater Gregor Schwake (1892–1962). Der erste Blick durch den freien Raum fiele auf das kleine rote Licht auf dem Altar, auf den Tabernakel. Heilig sei dieser Ort, genauso heilig wie jedes andere Gotteshaus außerhalb des Stacheldrahtes. Anbetung, Danksagung, Freude – trotz allem. Der Raum sei 9 m breit und 20 m lang. Rechts und links vom Altar grüne Sträucher. Rechts eine Anrichtekommode, weiß bedeckt. Links ein Redepult und ein Harmonium. P. Karl Schrammel (1907–1945), Chorleiter der Lagerkapelle im Priesterblock, ist es gelungen, neben liturgischen Geräten und Gewänder eine Marienstatue, bekannt als „Unsere Liebe Frau von Dachau“ (Abb. 60), in das Lager zu bringen. Abbildung 60: „Unsere Liebe Frau von Dachau“ 572 Lenz, 1971, 163, 176. 137 konzentratIonslager dachau Die Madonnenstatue sollte ursprünglich ihren Platz in der Hauskapelle im Salvatorianerkloster in Jägerndorf/Burgberg fi nden. Bischof Nathan hat den Priestern in Dachau zu diesem Marienbild verholfen.573 Richard besucht jeden Tag die heilige Messe. „Das gibt denn auch Kraft alles Ungewohnte auszuhalten.“ Die Hauptsache sei, dass alle beteten, denn schließlich habe der Herrgott das letzte Wort.574 Die Pfl ege seines Glaubenslebens umfasst nicht nur die regelmäßige Teilnahme an Gottesdiensten. Nützlich ist ihm auch sein Brevier. Einen anderen Brevierband fordert er bei Miketta an. Alleine betet er den Kreuzweg.575 Nach Allebrod habe Richard das von Rubert Mayer SJ (1876–1945) niedergeschriebene Lieblingsgebet täglich in Stille verrichtet. Abbildung 61: Gebet von Pater Rupert Mayer SJ Die Seelsorge und seine Liebestätigkeiten betreibt Richard äußerst vorsichtig. Er spendet Sakramente an Laien und Geistliche, steht Sterbenden bei. Die Hostien, die er in einer Wybert-Dose (Abb. 62, 138) versteckt, übergibt er verborgen den Häft lingen.576 573 Grulich, 1999, 37–39. Anm.: Die Madonnenstatue wurde von dem Bildhauer E. Hoepker geschnitzt. Vgl. dazu Zeugenaussage Eispert, Anni vom 26.1.1989, Akte Münz. 574 Brief von Henkes an seine Mutter vom 5.9.1943, Akte Münz. 575 Brief von Henkes an Miketta vom 12.12.1943 und 5.3.1944, Akte Münz. 576 Reitor, 1988, 32. Anm.: Die Wybert-Dose diente auch als Burse, um aus dem Priesterblock in Dachau die hl. Kommunion an P. Henkes im Seuchenblock zu bringen. P. Henkes konnte darum vielen Sterbenden das Viatikum bringen. Die Wybert-Dose wurde zunächst von Richard Schwester, Regina Kremer, in Siershahn verwahrt. Am 23.9.1985 übergab sie sie als Andenken an P. Wilhelm Schützeichel. Schützeichel, W., Beitext zur Wybert-Dose, ZAPP Limburg. 138 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Abbildung 62: Wybert-Dose von Richard Henkes, aufbewahrt bei den Pallottinern in Limburg Lagerdekan Schelling (1906–1981), der für die geistliche und kirchliche Organisation des Lagers zuständig ist, lädt Richard gelegentlich ein, eine Messe zu zelebrieren oder zu predigen.577 Richard spricht Themen an wie „Ein Leben aus dem Glauben führen, auch gerade im KZ Dachau“ oder „Die harte und rauhe Haft zum Gottesdienst aus Gottesliebe gestaltet“.578 Auch einige Briefe von Richard enthalten Hinweise, dass er predigen und zelebrieren darf, insbesondere die Ankündigung der Messe am Palmsonntag 1944. „Ich bin froh, dass ich morgen am Palmsonntag den Hauptgottesdienst halten darf.“579 Schwake erinnert sich: „In vollen Tönen der Wechselgesang des Psalmenhymnus ‚Gloria laus‘, dessen Refrain die Baracke zum Zittern gebracht habe. […] [E]ine herrliche Liturgie.“580 Lenz erwähnt Richard als einen der besten Prediger. Weiter betont er, Pfarrer Frasl und Pfarrer Henkes hätten „zu den stärksten Männern“ des Blocks 26 gehört.581 Da sein Neffe Werner und sein Bruder Hugo Soldaten sind, darf Richard einmal pro Woche mit ihnen brieflich verkehren. Dadurch hat er die Möglichkeit, Näheres über seine Familie zu erfahren, insbesondere über seine Mutter, die tapfer und noch rüstig sei und alles mutig ertrage. Richard verweilt in seinen Gedanken recht oft bei seiner Mutter. Als sie ein Päckchen schickt, meint Richard, dies sei, als wäre der Nikolaus gekommen. Richard hat große Sehnsucht nach seiner Familie und seiner Tätigkeit als Seelsorger. Er möchte seine Mutter noch einmal wiedersehen, auch lebe er in der Hoffnung, dass er in nicht allzu langer Zeit seinen Beruf wieder ausüben dürfe, jedenfalls sehne er sich mit allen Sinnen danach. Wenn man außerhalb des Berufes leben müsse, dann wisse man erst, dass man wirklich berufen sei und dass man dahin gehöre. Er warte nur darauf, dass alles ein- 577 Vgl.: Lenz, 1971, 190. 578 Reitor, 1988, 32. 579 Brief von Henkes an Miketta, o. D. (Samstag vor Palmsonntag), Probst, 2002, 242. Anm.: Einige seiner seelsorglichen Aktivitäten (Predigt und Messe-Lesen) teilt er in verschiedenen Briefen mit (Briefe vom 23.1., 8.2., 5.3. und 19.11.1944). 580 Grulich, 1999, 38. 581 Lenz, 1971, 283. 139 konzentratIonslager dachau mal ein Ende habe.582 Er wolle nicht leugnen, dass er oft Heimweh habe und seine Gedanken bei seiner Familie und bei seiner Gemeinde seien.583 Richard ersehnt, seine Gemeinde in Stranddorf nach seiner Rückkehr wieder seelsorglich begleiten zu dürfen.584 Jeglicher Post- und Paketverkehr in Dachau unterstehen der genauen Zensur.585 Doch wie schon in Ratibor gelingt es Richard, einige Briefe an seine Familie zu schmuggeln, um so offener über das Lagerleben berichten zu können. Als Vermittler fungiert Georg Eberth, ein Angehöriger der Waffen-SS, der aus der Umgebung des Westerwaldes stammt. Richard benutzt den Decknamen „Horhausen“. Eberth übergibt bei seinen Urlaubsfahrten Richards Briefe der Familie und umgekehrt Briefe, ja sogar Pakete der Familie an Richard.586 Auch der Brief an seine Wirtin Miketta dürfte geschmuggelt sein, denn Richard schreibt gleich zu Beginn: „Liebe Tante Paula! Es ist auch ein Weg möglich, aber es ist gefährlich, denn es stehen hohe Strafen darauf, aber ich will doch einmal versuchen, ob Dich die Zeilen erreichen. […].“ Richard berichtet, am schwersten falle ihm das enge „Zueinandergefroscht“-Sein im Wohnen und Schlafen; es kämen auch immer mehr Gefangene dazu. Die Lagerstraße (Abb. 63, 140) sei 600 Meter lang und in der Freizeit bewegten sich dort bis 15 000 Menschen; überall sei man von elektrisch geladenem Stacheldraht umgeben. Dazu stehe noch alle 50 m ein Posten. Man vergesse nie, dass man ein Sträfling sei. Man vergesse es auch durch das Kleid nicht. Er sei schon in der Stadt Dachau und in München gewesen. „Die Leute sind eher für uns als gegen uns, das merkt man immer, wenn man mit Zivilisten zu tun hat. Wenn sie können, stecken sie uns mancherlei zu. Im Lager kann man vieles erhalten, wir sagen durch organisieren. Zahlungsmittel sind Brot und Tabak. Man darf sich allerdings nicht erwischen lassen. Aber man wird ja mit der Zeit rafiniert [sic!]“587 Auf illegalem Weg schreibt er seiner Schwester Maria, man werde gerissen wie ein Fuchs. Es sei und bleibe ein Opferleben. Doch er unterstreicht, dass die Häftlinge unter dem sichtbaren Schutz Gottes stehen. „[U]nd wenn wir auch einen Kreuzweg gehen, dann geht der Heiland doch mit. […] Ich habe auch die feste Überzeugung, dass dies nur eine Vorbereitung ist für neue Aufgaben in der Freiheit. […] Ich mache es deshalb hier so wie draußen, dass ich mich dem lieben Gott überlasse. Das ist immer der beste Weg.“588 582 Briefe von Henkes an seine Mutter, Briefe an Werner Wies, vom 5.9., 26.9., 18.10., 8.11., 7.12.1943 sowie 10.1. und 8.2.1944, Akte Münz. 583 Brief von Henkes an Maria Wies vom 17.2.1944, Probst, 2002, 238–240. 584 Brief von Henkes an Miketta vom 17.7.1943, Akte Münz. 585 Drobisch/Wieland, 1993, 76. 586 Probst, 2007, 209. 587 Brief von Henkes an Miketta vom 22.12.1943, Akte Münz. 588 Brief von Henkes an Maria Wies vom 17.2.1944, Probst, 2002, 239. 140 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Abbildung 63: Die Lagerstraße des KZ Dachaus 4.8.2.1 Die Lagerarbeit Die zahlreichen Arbeitskommandos dienen dazu, Arbeit als Instrument der Vernichtung einzusetzen. Der erste Arbeitsplatz von Richard ist die Tätigkeit in der Plantage und auf dem Trockenboden der Plantage. Dort werden Tee- und Gewürzkräuter gedörrt, sortiert, geschnitten und verpackt. Zu Hunderten rutschen die Häftlinge auf den Knien, jäten bei jeder Witterung und unter ständiger Androhung von Strafen Unkraut. Bis zur Erschöpfung missbraucht, werden die Häftlinge wie Ochsen und Pferde vor Pflüge und Eggen gespannt.589 Zusammen mit Allebrod gehört er zeitweise zum Sonderarbeitskommando „Anstreichen“. Ihre Aufgabe ist es, die Stacheldrahtzäune, die die Gärtnerei umringen, mit Stahlbürsten zu entrosten, zu grundieren und anzustreichen.590 Im Postkommando ist Richard mit dem Sortieren, Abholen und der Ausgabe der Pakete beschäftigt. Kapo des Postkommandos ist Pfarrer Franz Geiger, der mit etwa acht bis zehn Geistlichen zusammen arbeitet.591 Hier bietet sich Richard die Gelegenheit, „gerechte Verteilungspolitik“ zu betreiben. Er sieht, wer viele und wer nie ein Paket bekommt. Die Verteilung seiner Pakete richtet sich nach der Hilfsbedürftigkeit jedes Einzelnen.592 Er selbst erhält viele Pakete aus Strandorf, aus Schlesien und von seiner Fa- 589 Reitor, 1988, 32f. 590 Vgl.: Holzbach, 2005, 13. 591 Zeugenaussage von Pfarrer Geiger, Franz vom 17.6.1985, Akte Münz. 592 Holzbach, 2005, 13f. Vgl. dazu Reitor, 1988, 33. 141 konzentratIonslager dachau milie.593 Der Mitgefangene und spätere Domkapitular Reinhold Friedrichs unterstreicht Richards Hilfsbereitschaft und seine priesterliche Haltung. Für viele hungernde Häftlinge, so Friedrich, seien die Lebensmittelpakete oftmals die letzte Rettung.594 Eine Weile verbringt Richard auch im Transportkommando – ein fast unerträglicher und gefährlicher Arbeitsbereich, der dafür sorgt, die Toten zum Krematorium oder zu einem Sammelplatz in einem Innenhof des Reviers zu bringen, wo an den Leichen medizinische Experimente unternommen werden.595 4.8.2.2 Zugangsblock 17 Ab August 1944 arbeitet Richard im Zugangsblock 17. Dort ist er als Kantineur und Blockschreiber beschäftigt.596 Seine apostolische Einstellung motiviert ihn, Gefangenen aus verschiedenen Nationen zu helfen, die keinen seelsorglichen Beistand haben.597 Für einen Wechsel der Arbeitsstelle nennt Monnerjahn hingegen auch praktische Gründe, denn die Beschäftigung im Block 17 habe Richard mehr Zeit gelassen, die tschechische Sprache zu verbessern [zu vertiefen, d. Verf.].598 Als Kantineur genießt Richard eine relativ große Bewegungsfreiheit, denn als „Verwalter“ des Blocks 17 obliegen ihm die Verrechnungen mit der Kantine, dem Blockpersonal und der ganzen Belegschaft.599 Auch dies dürfte Richard angesprochen haben, denn das Ertragen der räumlichen Enge im Lager fällt ihm besonders schwer.600 Der Zugangsblock 17 ist nicht, wie irrtümlich angenommen, ausschließlich von tschechischen Häftlingen, sondern international belegt.601 Dennoch dürfte Richard hier Gelegenheit gefunden haben, mit tschechischen Häftlingen zu kommunizieren. Dies entspricht seinem Anliegen, einen partnerschaftlichen Austausch zwischen Deutschen und Tschechen aufzubauen. In der Position des Kantineurs gehört Richard zum Kreis der Funktionshäftlinge. Der noch lebende Ehrenprälat Scheipers, der ab 1941 in Dachau inhaftiert war, erwähnt in einem Interview vom 23. Februar 2010 den Missbrauch von Funktionshäftlingen, die den Gefangenen gegenüber mit Brutalität begegnet seien, und wiederum anderen, die zum Schutz der Mithäftlinge gehandelt hätten.602 Zu den Letztgenannten gehört Richard. Im Verlauf des Jahres 1944 gelangen viele Transporte aus westlichen, vor allem aber aus östlichen Ländern nach 593 Briefe von Henkes vom 18.10., 8.11., 7.12.1943 sowie 23.1., 17.2., 5.3. und 19.11.1944, Akte Münz. Anm.: In einigen Briefen bedankt er sich namentlich für die Sendung der Pakete. 594 Friedrich, Reinhold, Ein Priestertod, in: Pallottis Werk, Jg. 36, Heft 1, 1985, 9. 595 Reitor, 1988, 33. Vgl.: Holzbach, 2005, 14f. 596 Allebrod, E., Ordner EV 3, Kapitel 5, 36. Zeugenaussage Peters, Josef Johannes vom 7.10.1989, Akte Münz. Vgl. dazu Reitor, 1988, 34. 597 Zeugenaussage Peters, Josef Johannes vom 7.10.1989, Akte Münz. 598 Monnerjahn, Engelbert, Häftling Nr. 29392. Der Gründer des Schönstatt-Werkes als Gefangener der Gestapo 1941–1945, Vallendar-Schönstatt 1972, 320f. 599 Reitor, 1988, 34. 600 Brief von Henkes vom 22.12.1943, Akte Münz. 601 Anhang IV, Recherche des ISD Bad Arolsen an die Verfasserin vom 23.10.2010, V. 602 Scheipers, Hermann, Interview vom 23.2.2010 mit Volker Niggewöhner, in: Geschichte der Weltkirche. Der Priesterblock in Dachau, München 2010. Anm.: Ehrenprälat Scheipers, geboren 1913 in Ochtrup und von 1941 bis 1945 Häftling im KZ Dachau, galt lange Zeit als der noch einzig überlebende Priester von Dachau. Ebd. Am 2.6.2016 verstarb Scheibers in Ochtrup. 142 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Dachau.603 Im Zugangsblock 17 hat Richard nun die Möglichkeit, fürsorglich, gütig und priesterlich gegenüber den neu eintreffenden Häftlingen zu wirken.604 Währenddessen leitet Kentenich mit der Besiegelung der dritten Gründungsurkunde die Internationalisierung der Schönstattbewegung ein.605 Die Besiegelung der Urkunde findet in drei Vorträgen statt, am 24. September, am 18. Oktober und am 8. Dezember 1944.606 In einer Rückschau auf die Anfänge der Bewegung bilanziert Kentenich die Pallottiner als „Winkelgesellschaft“, die aktiven Mitglieder der Marianischen Kongregation als „kleine Knirpse“, darunter „viel Schutt und Treibholz, nur wenige, die alles trugen“.607 Kentenichs Bilanz dürfte Richard enttäuscht haben. Allebrod äußert, er und Richard hätten dieser Passage nicht zugestimmt. Probst weist auch auf die fehlenden Unterschriften unter dem Weihedokument hin.608 4.8.2.3 Pfleger im KZ Dachau Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. (Joh 15,13) In den Wintermonaten 1944/45 bricht im Lager eine furchtbare Seuche aus. Allebrod, der im Desinfektionskommando tätig ist, berichtet, die durch Kleiderläuse übertragene Infektionserkrankung Flecktyphus habe sich epidemisch im Lager ausgebreitet. Er schildert den aussichtslosen Kampf darum, die Seuche einzudämmen. Desinfektionsmittel und Medikamente sind durch die zahlreichen Kriegsopfer und durch die immer größere Zahl an Häftlingen nahezu erschöpft.609 Lenz berichtet von einer abscheulichen Zugankunft eines Häftlingstransportes mit 2582 politischen Gefangenen aus Compiègne am 5. Juli 1944: 603 Allebrod, E., Ordner EV 3, Kapitel 5, 36. 604 Vgl. Zeugenaussage von Peters, Josef Johannes vom 7.10.1989, Akte Münz. u. Zeugenaussage von der Ehefrau des Feldarztes G. Z., in: Probst, 2007, 234. 605 Gründungsurkunden, 1995, Vortrag vom 18.10.1944, 69. 606 Ebd., 65–87. 607 Ebd., 71f. 608 Probst, 2007, 219. 609 Allebrod, E., Ordner EV 3, Kapitel 5, 31f. Vgl. dazu Lenz, 1971, 263. 143 konzentratIonslager dachau Abbildung 64: Reste der Laderampe im KZ Von den 2582 Franzosen sind 483 tot und noch 952 lebend in Dachau angekommen. Die anderen Toten sind bereits unterwegs ausgeladen worden.610 Richard hilft bei den Bergungsarbeiten. Allebrod sieht durch dieses Erlebnis einen Zusammenhang mit Richards Entschluss, freiwillig Pflege im Block 17 leisten zu wollen.611 Diesen Entschluss teilt Richard seinem Freund Peters mit: „Ich sehe meine Aufgabe darin, diesen dem Tod geweihten Menschen in ihren letzten Stunden zu helfen.“ So habe er sich einschließen lassen, berichtet Peters. Seine Arbeit sei seitdem ausschließlich die Pflege der Kranken und Spendung der Todessakramente gewesen.612 Im Augenblick seines Entschlusses denkt Richard nicht an sich selbst, sondern sein Blick gilt den hilfsbedürftigen Mitmenschen. Dass er sich in dieser Sekunde der Entscheidung an sein Primizbild erinnert, ist Spekulation. Doch die darin ausgedrückte Haltung und die Vorstellung seines Priesterideals, Opferpriester und Kreuzträger für andere zu werden, lebt und erfüllt er jetzt. Getreu folgt er dem Leitspruch von Vinzenz Pallotti „Caritas Christi urget nos“ und handelt damit in höchster priesterlicher Pflicht.613 Die Freiwilligkeit seines Entschlusses betonen auch Pfarrer Richard Schneider, Poieß und Allebrod. Schneider formuliert, dass kein Laie die Unglücklichen habe pflegen wollen. „Eine Laus – ein Tod“ habe man auf vielen Plakaten lesen können. Unter den vielen Geistlichen, die sich Ende 1944 und anfangs 1945 freiwillig gemeldet hätten, sei auch Pater Richard Henkes gewesen.614 Poieß notiert, P. Richard Henkes habe sich in einem Zugangs- und Seuchenblock einsperren lassen, wo Kranke und Krankenpfleger wie die Fliegen stürben.615 Wer sich für diesen Einsatz entscheidet, weiß, dass er nicht mehr zu seinem Wohnblock zurückkehren darf. Mit 610 Lenz, 1971, 299f. 611 Diese Aussage beruht auf Allebrod, in: Probst, 2007, 217. 612 Zeugenaussage Peters, Josef Johannes vom 7.10.1989, Akte Münz. Anm.: Die Wiedergabe des Zitates von Henkes findet sich ebenso bei Scheele, Paul-Werner. Theologie des Martyriums, Würzburg 2008, 252. 613 Gerhardt, 2017, 34f. 614 Zeugenaussage von Schneider, Richard vom 16.8.1982, Akte Münz. 615 Poieß, Wilhelm S.A.C., Gefangener der Gestapo, Limburg/Lahn 1948, 136f. 144 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) neunzig Prozent Gewissheit kann unter den gegebenen Umständen jeder Freiwillige mit seinem Tod rechnen.616 Täglich sind etwa 100 Tote zu verzeichnen (Abb. 66, 146).617 Abbildung 65: Schlaf- und Wohnplatz der Typhuskranken und Invaliden Allebrod vermerkt, dass schon vor Aufruf des Lagerdekans Schelling zur freiwilligen Pflege der Typhuskranken die Priester P. Hubert Unzeitig und P. Richard Henkes gefolgt seien.618 Ebenso dokumentiert Grulich, dass Engelmar Unzeitig und manche anderen Priester schon vor dieser offiziellen Meldung freiwilligen Dienst bei den Seuchen- 616 Scheele, Paul-Werner, Zum Zeugnis berufen. Theologie des Martyriums, Würzburg 2008, 128. 617 Ebd., vgl.: Grulich, 1999, 51. 618 Allebrod, E., Ordner EV 3, Kapitel 5, 77. 145 konzentratIonslager dachau kranken getätigt haben.619 Auch der Biograph von Unzeitig bezeichnet Henkes als einen der Freiwilligen.620 Einen weiteren Beleg für Richards freiwillige Pflege findet sich in einem Schreiben der ehemaligen KZ-Priestergemeinschaft an den Bischof Kamphaus der Diözese Limburg.621 Alle Aussagen der Zeugen und Autoren erhärten sich durch eine offizielle Information des ISD Bad Arolsen, dass R. Henkes am 15. Dezember 1944 zum ersten Mal im Block 17 registriert worden sei.622 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Richard und Unzeitig dem Aufruf des Lagerdekans Schelling zur freiwilligen Pflege bereits mit gutem Beispiel vorangegangen sind. Schelling fordert 20 freiwillige Pfleger. 27 Priester erklären sich bereit, freiwilligen Dienst zu tätigen. Ausgewählt werden zehn Deutsche und zehn Polen, zwei der Ausgewählten überleben. Der Tag des Aufrufs scheint wohl der 11. Februar gewesen zu sein, der Sonntag Septuagesima.623 Keiner ist zur Pflege gezwungen worden.624 Das Bild, das sich den freiwilligen Helfern bietet, wird nach Balling so beschrieben: „Nackt und bloß liegen die Fiebernden auf den Holzbrettern. Von den oberen Brettern der Stellagen fällt der Kot durch die Ritzen auf die unteren und die Gänge, […] es ist die Hölle, mit Worten nicht zu beschreiben. Milliarden von Läusen überschwemmen die Baracken. Die Kranken liegen im Delirium, stöhnen, schreien, brüllen, verfallen dem Wahnsinn. […] sie sind zu schwach, um sich noch zur Latrine schleppen zu können.“ Die Helfer „fegen die Bretter und Pritschen sauber, waschen die verdreckten, schwitzenden, stinkenden, zu Skeletten abgemagerten Leiber, sammeln verlauste Kleider ein, zünden sie an, das Feuer frisst sich hinein in den von Läusen wimmelnden Kleiderberg, vernichten die Kleider, aber das Ungeziefer scheint unsterblich zu sein“.625 Richard schreibt: „Auf der Lagerseite, wo ich arbeite, ist eine Epidemie ausgebrochen und […] sind wir gänzlich isoliert worden. So bin ich von den anderen getrennt und kann nur auf Umwegen mit ihnen verkehren. Die Leute sterben in Massen, weil sie völlig ausgehungert sind. Es sind nur noch Gerippe. Ein grauenhaftes Bild. Ich habe mich gegen Typhus impfen lassen und hoffe, dass mich der Herrgott beschützt. […] Grüße alle daheim, besonders Mutter. Sie soll sich keine Gedanken machen. Ich denke alle Tage an Euch.“626 619 Grulich, 1999, 52. 620 Balling, Adalbert L, Eine Spur der Liebe hinterlassen. Pater Engelmar (Hubert) Unzeitig, 1911– 1945, Marianhiller Missionar, Märtyrer der Nächstenliebe im KZ Dachau, Würzburg 1984, 307. 621 Brief der Dachauer KZ-Priestergemeinschaft vom 19.9.1985 an Bischof Kamphaus, Akte Ehrung von P. Henkes, 1.9.1988, ZAPP Limburg. Original in: DAL, AZ. 261F/85/02/1. 622 Anhang, IV, Recherche des ISD Bad Arolsen an die Verfasserin vom 23.10.2010, V. 623 Grulich, 1999, 52. Anm.: Lenz gibt als Datum auch den 11.2.1945 an. Lenz, 1971, 265. 624 Ebd., 265f. 625 Grulich, 1999, 53. 626 Brief von Henkes an Maria Wies vom 4.2.1945, in: Probst, 2002, 249. Anm.: Monnerjahn vermerkt, alle Priester von Block 26 seien im Dezember 1944 gegen Bauchtyphus geimpft worden. Monnerjahn, 1972, 317f. Dagegen meint Probst, diese Impfung habe P. Henkes nicht gegen den Flecktyphus schützen können. Vgl.: Probst, 2007, 224f., Fußnote 675. 146 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) Abbildung 66: Typhusleichen auf der Blockstraße, 1945 Mitte Februar erkrankt Richard an Flecktyphus.627 Man verlegt ihn in den Block 11/Stube 3. Entgegen früherer Quellenangaben nennt die Blockangabe des Totenbuches von Dachau dies als Sterbeort. Probst vermutet, dass tschechische oder sudetendeutsche Mitbrüder die Verlegung wegen besserer Versorgung organisiert haben. In Betracht komme auch der tschechische Arzt Dr. Blaha.628 Der Jesuitenpater Otto Pies spendet Richard die letzte Ölung und bringt ihm fast täglich die heilige Kommunion.629 Am 22. Februar stirbt Richard, 66 Tage vor der Befreiung der KZ-Häftlinge durch die Amerikaner.630 Richard stirbt nicht als Patient, sondern als Pfleger. Abbildung 67: Gedenkbild von Pater Richard Henkes, 1. November 1990 627 Poieß notiert über seinen Mitbruder Henkes, der am 22.2.1945 stirbt, er sei von der Seuche ergriffen worden und innerhalb von fünf Tagen gestorben. Im Block 26 erwähnt er nach der Einzelverbrennung von Henkes, er habe ihn noch vor 10 Tagen lebend und froh gesehen. Poieß, 1948, 136f. 628 Probst, 2007, 237f. 629 Reitor, 1988, 36. 630 Hehl, 1998, Bd. 2, 1725. Vgl.: Anhang XXXVI, Blockkartei: Konzentrationslager Dachau, LI. 147 konzentratIonslager dachau Die Sterbeurkunde enthält drei gravierende Fehler: erstens die Angabe des Sterbedatums als den 23. Februar, zweitens die Angabe der Todesursache als Enterocolitis und drittens die Angabe, die Mutter seit bereits verstorben, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt noch lebt.631 Die handgeschriebenen Bücher der Totenkammer von Dachau dagegen vermerken Richard als Nr. 17 der Verstorbenen vom 22. Februar 1945. Drei der 95 Verstorbenen vom 22. Februar bleiben zur Aufbewahrung, darunter R. Henkes (Nr. 17).632 P. Kentenich segnet Richards Leiche ein und P. Gerharz (1888–1965) gestaltet ein Requiem im Lager von Dachau.633 Abbildung 68: Mahnmal in verschiedenen Sprachen Im ersten Konzentrationslager des NS-Regimes wurden nach amtlichen Angaben von 1933 bis zur Kapitulation Deutschlands am 7. Mai 1945 200 000 Menschen aus 40 Nationen gefangengehalten. Darunter waren 2800 katholische Priester. Die Mehrzahl, etwa 1700, waren polnische Geistliche, 400 katholische Geistliche stammten aus Deutsch- 631 Anhang XXXIV, Sterbeurkunde mit unkorrekten Angaben, XLIX. 632 Probst, 2007, 237. 633 Die Einsegnung von Richards Leiche beschreibt Poieß ausführlich. Vgl.: Poieß, 1948, 136f. 148 bIographIe: pater rIchard henkes sac (1900–1945) land.634 136 Priester wurden vergast; insgesamt büßten 1034 Diener Gottes ihre Haftzeit mit dem Leben.635 Einer davon ist P. Richard Henkes (SAC) mit der Nummer 49642. Abbildung 69: Katholische „Todesangst-Christi-Kapelle“ 634 Das Beispiel eines im Leid geeinten Europas. Kardinal Wetter dankt KZ-Priestern, Pressestelle des Ordinariates München vom 9. Mai 1990, NL Allebrod, Eduard, Kapitel 5, Reden und anderes zur Zeitgeschichte, o. S, ZAPP Limburg. 635 Scheipers, Hermann, Interview vom 23.2.2010 mit Volker Niggewöhner, in: Geschichte der Weltkirche. Der Priesterblock in Dachau, München 2010. 149 5 Die Ereignisse nach seinem Tod Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. (Joh 12,24) Durch die Vermittlung des Priesterfreundes Pfarrer Richard Schneider mit dem Kapo des Krematoriums, Emil Mahl, gelingt es, Richard Henkes Leiche in einer Nachtaktion einzeln zu verbrennen. Die Asche füllt Schneider in ein Leinensäckchen und markiert es mit der Aufschrift „Vera cinera beati in Domino defuncti P. H. Henkes“.636 Über die Beförderung der Asche aus dem Lager bis nach Limburg besagen eine Urkunde aus dem Jahre 1990 und ein Brief von Leo Pfanzer aus dem Jahre 1954, dass der größere Teil der Asche nach Kriegsende über den Pallottiner-Bruder Karl Morper nach Limburg gekommen sei. Die Restasche sei von Pfanzer aus Dachau nach Strasskirchen bei Straubing mitgenommen und am 24. November 1954 den Pallottinern übergeben worden.637 Die vorhandene Literatur über Richard Henkes erwähnt die Urkunde und Pfanzers Brief aus dem Jahre 1954 nicht. Die in der Literatur vertretenen Meinungen besagen, dass ausschließlich die Pallottiner die Asche von Richard Henkes nach Limburg befördert hätten.638 Der Urkunde entsprechend wäre demnach die von Probst als unglaubwürdig bewertete Zeugenaussage von Schneider ebenfalls korrekt und deshalb auch glaubhaft, dieser habe die Asche über die Plantage nach außen befördert.639 Probst erwähnt, dass die Patres W. Poieß, J. Fischer und J. Peters bezeugen, die Asche bei P. Schulte oder Kentenich gesehen zu haben.640 Das mag zutreffen, rechtfertigt aber nicht den Transport der Asche aus dem Lager. Fraglich ist auch, ob die Patres die Gesamtasche oder nur ein Teil gesehen haben. Wer aber könnte Interesse gehabt haben, die Asche vorsätzlich zu teilen? Die Antwort ist aus den dokumentierten Quellen nicht eindeutig zu finden. Spekulativ könnte angenommen werden, dass der Kapo des Krematoriums offensichtlich einen Teil der Asche an Schneider und einen anderen Teil an die Pallottiner übergeben hat. Somit wäre der Kapo sowohl dem Kreis der Pallottiner als auch Schneider gerecht geworden. Dies ist durchaus denkbar, denn wie Schneider bezeugt, kannte er den Kapo. Grulich vermerkt, Schneider habe auf diesem Weg neben der Richard Henkes‘ auch die Asche von P. Engelmar Unzeitig und zwei anderen Priestern gerettet. Pfanzer habe dabei als Vermittler fungiert.641 Schneider bezeugt, man habe 636 Anhang III, Zeugenaussage Schneider, Richard vom 16.8.1982, III. 637 Anhang I, Urkunde, I und Anhang II, Brief von Pfanzer, Leo vom 24.11.1954, II. 638 Vgl.: Probst, 2007, 240f. sowie Reitor, 1988, 38. Anm.: Holzbach schreibt lediglich, die Asche sei über Freising nach Limburg gekommen. Vgl. Holzbach, 2005, 51. 639 Anhang III, Zeugenaussage Schneider, Richard vom 16.8.1982, III. 640 Vgl.: Probst, 2007, 241. 641 Vgl. dazu Grulich, 1999, 54, Die Sicherung der Asche von Unzeitig durch Schneider. 150 dIe ereIgnIsse nach seInem tod als „Bestechungsmittel“ die Lebensmittel-Pakete [wie viele, wird nicht gesagt; d. Verf.] benötigt. Auch der Mithäftling P. Poieß berichtet, Kentenich habe durch die Vermittlung von Pfarrer Schneider Verhandlungen mit dem Krematoriums-Kapo aufgenommen und es gelang, ihn zu bestechen.642 Der Kreis der Pallottiner stellt also Proviant in Form von Lebensmittel zur Verfügung. Schneider berichtet dazu: „Ich hoffte zu erreichen, dass er [Mahl; d. Verf.] den Leichnam von P. Henkes des Nachts allein auf einem Rost verbrenne und mir die Asche desselben heimlich überbrin [sic!]. Mein Vorhaben konnte ich dem Provinzial der Pallotiner [sic!], P. Dr. Heinrich Schulte vortragen, durfte aber P. Kentenich nicht übergehen, […]. Denn seine Mithilfe brauchte ich mit seinen Paketen, die er so reichlich bekam. Beide Patres waren einverstanden […].“643 P. Fischer behauptet, er habe am 28.2.1945 die Übergabe der Asche in einem kleinen Säckchen über den SS-Verwalter Siegert ins Pfarrheim Dachau besorgt.644 Der Urkunde gemäß ist der größere Teil der Asche dann über Br. Morper nach Limburg transportiert worden.645 Demgegenüber berichtet Schneider: „Nach einigen Tagen brachte mir Mahl am Morgen vor dem Ausrücken in einer Tüte die Asche des Toten. Er versichte [sic!] mir die Echtheit […]. Sogleich tat ich die Asche in ein Leinensäckchen, in dem ich einmal Backobst zugeschickt bekommen hatte, band es mir um den Leib, und brachte es so außerhalb des Lagers zu meinem Arbeitsplatz in der Plantage […]. In ein Holzkästchen tat ich dieses Säckchen. Herr Leo Pfanzer, Leiter des Lagerhauses Dachau, besuchte oft seinen ehemaligen Lehrer, P. Dr. Sales Hess aus Münsterschwarzach. Ihm übergab ich das Kästchen, der es zu sich nahm und weiterleitete […].“646 Gemäß der Urkunde ist der kleinere Teil der Asche 1954 von Pfanzer an die Gemeinschaft der Pallottiner übergeben worden.647 Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sowohl Schneider als auch der Kreis der Pallottiner als Vermittler fungierten und somit ihren Beitrag zur Einzelverbrennung und Sicherung der Asche geleistet haben. Probst hingegen meint, die Aussage Schneiders bezüglich der Beförderung der Asche sei nicht glaubwürdig, ebenso erwähnt Reitor ausschließlich die Pallottiner. Holzbach spricht lediglich von der Sicherung der Asche.648 Am 7. Juni 1945 – dies ist der 20. Jahrestag von Richard Henkes Priesterweihe – findet ein feierliches Requiem mit der Beisetzung des größeren Teiles der Aschenreste auf dem Pallottiner-Friedhof in Limburg statt.649 Wenig später lädt eine Gedenktafel mit einem Bild von Richard in der Totenkapelle in Ruppach die Bewohner ein, die Erinnerung an seine Liebestat wach zu halten.650 In den folgenden Jahren konzentriert sich die Pallottiner-Provinz in Limburg ganz auf den Wiederaufbau. Zugleich ist sie mit den Auseinandersetzungen der Schönstattbewegung beschäftigt. Erst nach der Abtrennung des Schönstattwerkes im Jahre 1964 errin- 642 Poieß, Wilhelm, Gefangener der Gestapo, Lahn-Verlag, Limburg/Lahn 1948, 136-137. 643 Anhang III, Zeugenaussage Schneider, Richard vom 16.8.1982, III. 644 Probst, 2007, 241. 645 Anhang I, Urkunde, I. 646 Anhang III, Zeugenaussage Schneider, Richard vom 16.8.1982, III. 647 Anhang I, Urkunde, I. 648 Probst, 2007, 240f. Vgl. Reitor, 1988, 38, Holzbach, 2005, 51. 649 Anhang XXXV, Verzeichnis der Bestattungen auf dem Hausfriedhof der Pallottiner, L. Vgl.: Fischer, Josef, Predigt zur Beisetzung der Aschenüberreste von R. Henkes, 1. 650 Seligsprechungsverfahren, Akte Münz, o. S. 151 konzentratIonslager dachau gen fast vergessene oder verdrängte Tatsachen eine neue Bedeutung.651 Als motivierende Kraft ist Papst Johannes Paul II. zu nennen, der 1980 bei seinem Besuch in Fulda in einem privaten Gespräch mit der KZ-Priestergemeinschaft den Wunsch äußert, Namen von Priestern zu erfahren, die im KZ im Dienst der Nächstenliebe ihr Leben hingegeben haben.652 1985 bittet die Vereinigung der deutschen Dachau-Priestergemeinschaft Bischof Kamphaus um die Eröffnung des Seligsprechungsprozesses für Richard Henkes.653 Abbildung 70: Ehrung von Richard Henkes vom 1.9.1988, von links: Archimandrit Johannes Peters, P. Johannes Kruske und Georg Reitor Treibende Kräfte aus dem im Oktober 1988 gegründeten „Freundeskreis Pater Richard Henkes“ versuchen, den Spuren des Lebens von Richard Henkes zu folgen, sammeln Material, befragen Zeitzeugen, auch in der Tschechei, und publizieren sein Leben. Dazu gehören P. Schützeichel, P. Allebrod, P. Köster und Georg Reitor.654 Erst das Treffen der Dachau-Priester in Limburg 1988 (Abb. 70) durchbricht die bis dahin zögerliche Haltung der Pallottiner-Gemeinschaft, die besagt: „[E]rst, wenn sich in einer breiteren Strö- 651 Protokoll, Treffen der Profess-Jahrgänge 1940–1950, in: argumente aktuell, 1988, Heft 8, o. S. 652 AK: Spiritualität und Kommunikation, in: argumente aktuell, Jg. 1988, Heft 4, 1. Vgl. dazu Manuskript von Allebrod, E. an Schützeichel vom 12.7.1984, Akte Münz. 653 Seligsprechungsverfahren, Akte Münz, o. S. 654 Gründung PRHK am 26.10.1988, Akte Pater-Richard-Henkes Freundeskreis, ZAPP Limburg. 152 dIe ereIgnIsse nach seInem tod mung der Wunsch nach einer Seligsprechung erhebt, sind die rechtlichen Schritte einzuleiten“.655 Am 1. November 1990 wird Richard Henkes Grab in die Bischofsgruft auf dem Pallottiner–Friedhof in Limburg umgebettet (Abb. 71). In die Urne (Abb. 72, 153) werden die Asche aus dem bisherigen Grab und die Restasche, die Pfanzer im Jahre 1954 den Pallottinern übergeben hat und die bisher im Provinzialat aufbewahrt wurde, gelegt.656 Auf Richard Henkes Grab steht geschrieben: „Opfer der Nächstenliebe im KZ Dachau“.657 Abbildung 71: Übertragung der Urne in die Bischofsgruft am 1. November 1990 655 Gedenkfeier mit Dachau-Priester auf dem Friedhof der Pallottiner in Limburg am 1.9.1988, Akte Henkes-Ehrung sowie Protokoll zur Provinzversammlung vom 2.–5.1.1989, Akte Münz. 656 Anhang I, Urkunde, I und Anhang II, Brief von L. Pfanzer vom 24.11.1954, II sowie Erklärung vom 3.11.1990 von W. Schützeichel, Akte Henkes-Ehrung, ZAPP Limburg. 657 Holzbach, Alexander, Pater Richard Henkes, in: Zeugen für Christus: das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts von Moll, Helmut (Hrsg.). Im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, Paderborn 1999, 831. 153 konzentratIonslager dachau Abbildung 72: Die Urne von Richard Henkes Der Bischof von Plzeň, František Radkovský, würdigt anlässlich einer Gedenkfeier zum 50. Todestag von Richard Henkes sein Leben und Wirken in der Hochschulkirche der Pallottiner in Vallendar. Im Oktober 1995 wird das von der Künstlerin Beate Heinen geschaffene Ölgemälde „Pater Richard Henkes“ fertig gestellt (Abb. 73, 154). Es zeigt Christus in Dachau in der Gestalt von Richard Henkes. Er steht in der Mitte im Zeichen des Kreuzes unter dem Schutz der Muttergottes. Das großformatige Gemälde hängt vor dem nach Richard Henkes benannten Saal des Forums Vinzenz Pallotti.658 Zu diesem Bild wurde von Hubert Lenz ein meditativer Text (Abb. 80, 170) gestaltet.659 658 P. Richard Henkes SAC, in: Pallottis Werk, Jg. 47, Heft 1, März 1996, 12–14. 659 Ebd. 154 dIe ereIgnIsse nach seInem tod Abbildung 73: Ölgemälde „Pater Richard Henkes“ von Beate Heinen Anlässlich des 100. Geburtstags von Richard Henkes im Jahre 2000 hat die Gemeinde Ruppach-Goldhausen ihr Rathaus nach dem Pallottiner-Pater benannt. Die Aufführungen eines Theaterstückes (Abb. 74, 155) mit Szenen aus dem Leben von Richard Henkes unter der Leitung des Diakons Mathias Struth bilden weitere Höhepunkte in Ruppach, Vallendar und Limburg.660 660 Priesterkartei Richard Henkes, Karte 10, DAL. 155 konzentratIonslager dachau Abbildung 74: Szene aus dem Theaterstück über Pater Richard Henkes im Jahre 2000 Im Jahre 2000 spricht sich die Tschechische Bischofskonferenz für die Seligsprechung von Richard Henkes und Josef Beran (Abb. 77, 168) als Vorbilder deutsch-tschechischer Freundschaft aus.661 Am 25. Mai 2003 eröffnet Bischof Kamphaus das bischöfliche Erhebungsverfahren. Dabei werden alle für den in Rom stattfindenden Prozess notwendigen Unterlagen gesichtet, gewürdigt und weiteres Material gesammelt. Zum zweiten Mal wird für das Bistum Limburg ein Seligsprechungsverfahren ersucht, nachdem die Gründerin der Dernbacher Schwestern, Maria Katharina Kasper (1820–1898), von Papst Paul VI. 1978 seliggesprochen wurde.662 Der 23.1.2007 datiert den Ausklang des diözesanen Erhebungsverfahrens in der St. Marienkirche in Limburg (Abb. 75, 156). Die Unterlagen werden versiegelt und nach Rom an die Kommission in das Dikasterium der Congregazione „Delle Cause Dei Santi“ transportiert und überprüft.663 Am 22.2.2010 feiern 661 Biographische Daten von Josef Beran. http://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Beran, 21.11.2016. 662 Priesterkartei Richard Henkes, Karte 12, DAL. 663 Di Ruberto, Michele, Aus dem Vatikan, Brief der Congregazione Delle Cause Dei Santi an die Verfasserin, Prot. N. 2493-7/10. 156 dIe ereIgnIsse nach seInem tod die Pallottiner den 65. Todestag von P. Richard Henkes. Erstmals gedenkt die internationale Pallottiner-Kommunität in Rom öffentlich des Todes von P. Richard Henkes.664 Abbildung 75: Die versiegelten Unterlagen des bischöflichen Erhebungsverfahrens 664 Probst, Manfred, Vizepostulator der Causa P. Richard Henkes SAC, 11. Rundbrief Ostern 2010, Vallendar 2010. 157 6 Übersicht über das Leben von P. Richard Henkes im Zusammenhang mit historisch relevanten Daten und Ereignissen Lebensdaten P. R. Henkes Biographische Ereignisse Historische Daten Historische Ereignisse 1884 Kamerun wird deutsche Kolonie 1888–1914 Kaiserzeit 1890 Erlaubnis zum Missionsauftrag der Pallottiner in Kamerun 1892 Niederlassung in Limburg am Walderdorffer Hof 1893 Gründung einer Niederlassung in Ehrenbreitstein 1898 Einweihung des Missionshauses (Mutterhaus) in Limburg 26.5.1900 Geburt in Ruppach 28.5.1900 Taufe 1901 Eröffnung des Studienheimes in Vallendar 1906 Volksschule 15.10.1911 Firmung 14.4.1912 Erstkommunion 1912 Schulentlassung ab September 1912 Internatsschüler im Studienheim Schönstatt in Vallendar September 1912 Eröffnung des Neubaus für Gymnasiasten in Vallendar/Schön. 1914 Beginn des 1. Weltkrieges 158 übersIcht über das leben Von p. rIchard henkes Im zusammenhang mIt hIstorIsch releVanten daten und ereIgnIssen Lebensdaten P. R. Henkes Biographische Ereignisse Historische Daten Historische Ereignisse 1915 erste Aktivitäten in der „Congregatio minor“ 1915 Sodalen ziehen in den Krieg Februar 1916 Mitglied der Missionssektion „Congregatio major“ 21.–22. Mai 1918 Einjährigenexamen 21.6.1918– 26.11.1918 Militärdienst in Darmstadt 9.11.1918 Ende des monarchischen Obrigkeitsstaates, Rücktritt Wilhelms II. 19.4.1919 Fünfjähriges Jubiläum der „Marianischen Kongregation“ Juli 1919 Abitur 28.6.1919 Friedensvertrag von Versailles 11.8.1919 Verfassung legt Fundament der Weimarer Republik 24.9.1919 Noviziat im Mutterhaus in Limburg 1919/1920 Friedensverträge mit Deutschlands Verbündeten 1920 bescheidene Niederlassung in Frankenstein (Schlesien) 1921 Studium der Philosophie und Theologie „Goldene Zwanziger Jahre“ Aufschwung des geistigen und künstlerischen Lebens, althergebrachte Normen verlieren ihre Wertigkeit 25.9.1921 24.9.1922 1.10.1922 Erste Profess Zweite Profess Tonsur 1923 Krisenjahr, Inflation erreicht Höhepunkt April 1923 Errichtung Internat in Drüpt/Alpen 24.9.1923 Dritte Profess September/ Oktober 1923 Werkstudent in der Niederlassung in Frankenstein 159 übersIcht über das leben Von p. rIchard henkes Im zusammenhang mIt hIstorIsch releVanten daten und ereIgnIssen Lebensdaten P. R. Henkes Biographische Ereignisse Historische Daten Historische Ereignisse 21.10.1923 4.11.1923 1. Niedere Weihe 2. Niedere Weihe 9.11.1923 Hitlers Putschversuch scheitert ab 1924 Hitler verfasst „Mein Kampf“ April 1924 Eröffnung des Gymnasiums St. Adalbert in Frankenstein 25.9.1924 12.10.1924 19.10.1924 Ewige Profess Subdiakon Diakon ab 1925 NSDAP organisiert sich 6.6.1925 7.6.1925 Priesterweihe in Limburg, Primiz in Ruppach 1926 Examen ab Juni 1926 Lehrer in Schönstatt ab Mai 1927 Richard Henkes erkrankt an Tuberkulose Juli 1927 bis April 1928 Kuraufenthalt im Schwarzwald Ende der 20er-Jahre Aufstieg der NSDAP zur Massenpartei April 1928 Lehrer/Seelsorger in Alpen Sommer 1929 Auflösung Konvikt Alpen zugunsten Rheinberg September 1929 Lehrer/Seelsorger in Schönstatt Herbst 1929 Weltwirtschaftskrise 1930 Studien über Kloster Schönstatt 1930 Alfred Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts“ April 1930 Niederlassung Katscher (Oberschlesien) Juli 1931 Monitum Canonicum 160 übersIcht über das leben Von p. rIchard henkes Im zusammenhang mIt hIstorIsch releVanten daten und ereIgnIssen Lebensdaten P. R. Henkes Biographische Ereignisse Historische Daten Historische Ereignisse August 1931 Lehrer und Seelsorger in Katscher August 1931 Fuldaer Bischofskonferenz lehnt erstmals offiziell NSDAP ab ab August 1931 Aufbau und Ausbau in der Seelsorge ab 1933 Richard Henkes führt eine Kontroverse gegen Hitlers Regime, er vertritt öffentlich die Werte des Christentums 30.1.1933 Hitler wird Reichskanzler 27.2.1933 Reichstagsbrand 28.2.1933 Reichstagsbrandverordnung 5.3.1933 Reichstagswahl 21.3.1933 Entstehung KZ Dachau 23.3.1933 Regierungserklärung Hitlers und Ermächtigungsgesetz 28.3.1933 Aufhebung der Warnungen/Verbote der Fuldaer Bischofskonferenz ab 1933 Versuch, „heilsam“ auf die Hitlerjugend einzuwirken 1.4.1933 Boykott gegen Juden 1.5.1933 Tag der nationalen Arbeit 10.5.1933 Bücherverbrennung 14.7.1933 Gesetz gegen Neubildung von Parteien 14.7.1933 Gesetz erlaubt Zwangssterilisation 20.7.1933 Reichskonkordat 19.10.1933 Austritt aus dem Völkerbund ab 1933/34 Entkonfessionalisierung des öfftl. Lebens ab 1933 Ausschaltung kath. Laienarbeit und Jugendverbände 161 übersIcht über das leben Von p. rIchard henkes Im zusammenhang mIt hIstorIsch releVanten daten und ereIgnIssen Lebensdaten P. R. Henkes Biographische Ereignisse Historische Daten Historische Ereignisse ab 1934 Fastenpredigten in Katscher und Ratibor 7.2.1934 Rosenbergs „Mythus“ wird durch das Hl. Offizium indiziert 12.7.1934 Vizerektor in Katscher Herbst 1934 „Studien zum Mythus des 20. Jahrhunderts“, Errichtung einer Abwehrstelle in Köln 7.12.1934 Erlass zur Einschränkung von Wallfahrten und Prozessionen 20.12.1934 Heimtückegesetz, Abschaffung der Meinungsfreiheit ab 1935 zunehmender Druck auf das konfessionelle Schulwesen und allg. Religionsunterricht 1935 Predigt am Dreikönigsfest (Jubiläumsfest), Predigt in Liebfrauen 1935 1. Höhepunkt: Maßnahmen und KZ-Strafen gegen Geistliche 19.3.1935 Hirtenbrief von Galen gegen die heidnische Rassenlehre Rosenbergs 15.9.1935 Beflaggung kirchlicher Gebäude, Nürnberger Gesetze Ende 1935 weitgehendes Verbot der kath. Tagespresse und des Zeitschriftenwesens ab 1936 Exerzitienkurse in Branitz ab 1936/37 Devisen- und Sittlichkeitsprozesse ab 1936/37 Verbreitung der Katechismuswahrheiten Frühjahr 1936 Kardinal von Galen klagt in der Predigt im Dom zu Xanten das NS-Regime an Juni 1936 Stellungnahme gegen Devisen und Sittlichkeitsprozesse 162 übersIcht über das leben Von p. rIchard henkes Im zusammenhang mIt hIstorIsch releVanten daten und ereIgnIssen Lebensdaten P. R. Henkes Biographische Ereignisse Historische Daten Historische Ereignisse September 1936 Lungenentzündung Ende 1936 bis August 1937 Vertreter des Hauses in Katscher ab 1937 Proteste gegen Kreuzentfernung aus Schulen 3.-5.3.1937 Teilnahme am Provinzkapitel 7.3.1937 Predigt in Ruppach n. b. Anzeige gegen Richard Henkes 14.3.1937 Enzyklika von Pius XI.: „Mit brennender Sorge“ ab 1937 2. Höhepunkt: Maßnahmen und KZ-Strafen gegen Geistliche im Mai 1937 staatsfeindliche Äußerung über Hitler 6.5.1937 Luftschiff „Hindenburg“ verunglückt n. b. Anzeige gegen Richard Henkes 28.8.1937 Vernehmung vor dem Sondergericht in Breslau August/September 1937 Exerzitienkurse in Kroischwitz September 1937 Lehrer in Frankenstein 26.11.1937 Anklageerhebung wegen „Verunglimpfung des Führers“ Februar 1938 Verhör bei der Gestapo wegen Predigt in Ruppach 12.3.1938 Einmarsch der Wehrmacht in Österreich April 1938 Predigt in Hindenburg Amnestiegesetz vom 30.4.1938 19.5.1938 Verfahren wegen des Straffreiheitsgesetz vom 30.4.1938 eingestellt 163 übersIcht über das leben Von p. rIchard henkes Im zusammenhang mIt hIstorIsch releVanten daten und ereIgnIssen Lebensdaten P. R. Henkes Biographische Ereignisse Historische Daten Historische Ereignisse Juli 1938 Predigt in Beuthen Schuljahres ende 1938 Abschied vom Lehrerberuf ab September 1938 Exerzitienmeister, pastorale Mitarbeit in Branitz September 1938 Sabotageakte, Krawalle im Sudetenland, Flüchtlingsstrom 29.–30.9.1938 „Münchener Abkommen“ Oktober 1938 Besetzung des Sudetenlandes 9.11.1938 Pogromnacht 14.2.1939 Galen predigt im Dom zu Münster gegen die Weltanschauung des Regimes 15.3.1939 Wehrmacht besetzt Tschechoslowakei Juni 1939 – April 1940 Mediator zwischen Provinzleitung und Prälat Nathan 1.9.1939 Überfall auf Polen, Beginn 2. Weltkrieg November 1939 Enteignung der Schule in Katscher ab April 1940 Obmann des Gebietes Generalvikariat Branitz April 1940 Vertrag zw. Pallottinern und Generalvikariat Branitz August 1940 Kritik an dem Wiener Kardinal Innitzer in Wien September 1940 Beschwerde Innitzers beim Provinzialat ab 1940/41 Raubzug gegen kirchliche Gebäude, Enteignung Juni 1940 Enteignung der Schule in Frankenstein 19.7.1940 Musterung, k. v. geschrieben August 1940 Umzug nach Branitz, pastorale Mitarbeit, Exerzitienmeister Oktober 1940 Enteignungen kirchlicher Gebäude in Branitz ab 1941 3. Höhepunkt der Maßnahmen und KZ-Strafen gegen Geistliche 164 übersIcht über das leben Von p. rIchard henkes Im zusammenhang mIt hIstorIsch releVanten daten und ereIgnIssen Lebensdaten P. R. Henkes Biographische Ereignisse Historische Daten Historische Ereignisse 7.4.1941 Administrator in Strandorf ab Sommer 1941 Verteilung und Verbreitung der Predigten von Galen 13.7.1941 20.7.1941 3.8.1941 Galen prangert in den drei berühmten Predigten die Tötung geistig behinderter Menschen an n. b. Aneignung der tschechischen Sprache in Strandorf 12.3.1943 Predigt in der Pfarrkirche Branitz 8.4.1943 Vorladung bei der Gestapo in Ratibor 8.4.1943 Verhaftung in Ratibor 8.4.1943 Einzelhaft in Ratibor 17.4.1943 Ernennung Nathans zum Titularbischof von Arycanda und zum Weihbischof des Erzbistums Ölmütz (dt. Anteil) 6.6.1943 Nathan wird in Branitz zum Bischof geweiht 2.7.1943 Fahrt nach Dachau, Freundschaft mit Josef Johannes Peters Juli 1943 Studitenmönch Josef J. Peters auf dem Weg nach Dachau ab 10.7.1943 Unterbringung im KZ Dachau, Häftlingsnummer 49642 ab August 1943 Priesterblock 26 seit 1942 Mithäftlinge der pallottinischen Gemeinschaft in Dachau/Block 26 n. b. Freundschaft mit Josef Beran seit 1942 Häftling Regens Josef Beran aus der Tschechoslowakei in Dachau n. b. Vertiefung der tschechischen Sprache unter Beistand Berans August 1943 – August 1944 Häftlingsarbeiten auf der Plantage, im Post- und Transportkommando ab August 1944 Kantineneinkäufer im Block 17 165 übersIcht über das leben Von p. rIchard henkes Im zusammenhang mIt hIstorIsch releVanten daten und ereIgnIssen Lebensdaten P. R. Henkes Biographische Ereignisse Historische Daten Historische Ereignisse Mitte Dezember 1944 freiwillige Pflege von Typhuskranken im Block 17 Winter 1944/45 Ausbruch der Typhusepidemie Mitte Februar Henkes erkrankt an Typhus 22.2.1945 Tod im Block 11/Stube 3 Februar 1945 Einsegnung, Reliquie und Einzelverbrennung des Leichnams in Dachau Februar 1945 Totenmesse in Ruppach 7.5.1945 Deutsche Kapitulation Mai 1945 Befreiung der Häftlinge im KZ Dachau 24.5.1945 Übergabe eines Teiles der Aschenreste durch Br. Morper 7. Juni 1945 Beisetzung der Urne auf dem Pallottiner- Friedhof in Limburg 24.10.1954 Übergabe der Restasche durch Leo Pfanzer November 1980 Treffen der KZ-Priesterschaft mit Papst Johannes Paul II. in Fulda 19.9.1985 KZ-Priesterschaft bittet Bischof Kamphaus um Einleitung des Seligsprechungsprozesses 26.10.1988 Gründung eines Richard-Henkes- Freundeskreis 1.11.1990 Umbettung des Grabes in die Bischofsgruft 10.11.1994 Apostolisches Schreiben „Tertio millenio adveniente“ 1995 50. Todestag 1995 Ehrung durch Bischof Radkovský von Plzeň 166 übersIcht über das leben Von p. rIchard henkes Im zusammenhang mIt hIstorIsch releVanten daten und ereIgnIssen Lebensdaten P. R. Henkes Biographische Ereignisse Historische Daten Historische Ereignisse 1995 Ölgemälde „Richard Henkes“ von Beate Heinen 1999 Richard Henkes ist im deutschen Martyrologium verzeichnet 1999 Zeugen für Christus – Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts von Helmut Moll erscheint 26.5.2000 100. Geburtstag 26.5.2000 Umbenennung des Rathauses von Ruppach-Goldhausen in Richard-Henkes-Haus 27.5.2000 Theaterstück von Michael Struth in Ruppach Oktober 2000 Tschechische Bischofskonferenz unterstützt die Seligsprechung für Richard Henkes 9.1.2001 Beschluss der Pallottiner für den Seligsprechungs prozess von Richard Henkes 25.5.2003 Eröffnung des Prozesses durch Bischof Kamphaus in Limburg 23.1.2007 Abschluss des bischöflichen Erhebungsverfahrens in Limburg seit 2007 Überprüfung der Congregazione „Delle Cause Dei Santi“ in Rom 2008 Paul-Werner Scheele vergleicht Richard Henkes mit Maximilian Kolbe und nennt ihn „Martyrer der Nächstenliebe“ 22.2.2010 65. Todestag 22.2.2010 Der internationale Kreis der Pallottiner gedenkt erstmals öfftl. in Rom des Todes von Richard Henkes 22.2.2015 70. Todestag 22.2.2015 Hochamt und Festakt in Vallendar 167 7 Zeitgenossen und Bischöfe urteilen Mons. František Radkovský, Bischof der Diözese Plzen: „Er war als mutiger Zeuge der Kirche für Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit und Liebe […]. Er stellte sich gegen Lüge, Ungerechtigkeit, Sklaverei und Hass des Naziregimes […]. Hier [Dachau; d. Verf.] bezeugte er außergewöhnlich seine Liebe zu den Nächsten […] und starb als Opfer der Nächstenliebe und gleichzeitig als Märtyrer für den Glauben, die Liebe und weitere Tugenden.“ (September 2010)665 Mons. František Václav Lobkowicz Opraem, Bischof der Diözese Ostrava und Opava: „Obwohl er die deutsche Nationalität hatte, arbeitete er im Geiste des Evangeliums ge- öff net für alle Pfarrkinder. Im Geiste der Worte des Hl. Paulus wollte er für alle seine Pfarrkinder ihr geistlicher Vater werden.“ (September 2010)666 Abbildung 76: Bischof Mons. František Václav Lobkowicz Opraem Prof. Georg Reitor, Schüler von Pater Richard Henkes (Abb. 70, 151): „Ich selbst hüte von Pater Henkes mehr als die Asche. Er ist mir gegenwärtig als lichte Flamme. Er zeigt mir, was Liebe ist: das eigene Leben aufs Spiel setzen, um anderen das eigene Leben erträglich zu machen, vielleicht sogar zu retten […].667 Pater Richard Henkes ist mehr als ein hervorragender und frommer Priester. Er ist in meinen Augen gewissermaßen ein Martyrer. Dieser Titel steht dem zu, der in Ausübung einer christlichen Tugend den Tod fand. Pater Henkes fand diesen Tod zudem in einem Umfeld von Gewalt, die dem Hass gegen die Religion entsprang. So dürft e die Wesensbestimmung des Martyriums auf ihn zutreff en: gewaltsamer Tod, aus Hass gegen die Religion zuge- 665 Anhang VI, Antworten bezüglich der Fragen von P. Richard Henkes SAC, VII. 666 Ebd., XXXVI. 667 Reitor, Georg; Licht in der Finsternis. Richard Henkes, in: Pallottis Werk, 42. Jg., Heft 2, 1991, 11. 168 zeItgenossen und bIschöfe urteIlen fügt und in Ergebung hingenommen – mors ex odio fi dei illata patienter tolerata.“ (September 1988)668 Mithäft ling Archimandrit Josef Johannes Peters: „Pater Richard Henkes hat einen heroischen Weg gewählt und berechtigt uns, ihn unter die Bekenner, ja sogar unter die Martyrer zu zählen, weil er in Gottes- und Nächstenliebe dazu bereit war, seelsorgliche Dienste zu leisten in einer ausweglosen Lage, wo er damit rechnen musste, selbst Opfer dieser grausamen Typhus-Epidemie zu werden. […]. In diesem Sterben hat er sich Gott dargeboten: als ein Mensch und Priester, der zum Letzten bereit war. Darauf kommt es an, dass man Pater Richard Henkes sieht in der großartigen Hochgemutheit seines Strebens nach dem Letzten, nach Gott.“ (November 1989)669 Mithäft ling Kardinal Josef Beran: „Ich habe ihn hoch geschätzt – der gute Freund Richard lernte unsere Sprache und wir wollten zusammen das Reich Gottes in unserer tschechischen Heimat aufb auen. Er wird ein guter Fürsprecher auch für unser Volk sein.“ (Rom, Oktober 1973 [sic!])670 Abbildung 77: Regens Dr. Josef Beran, Kardinal in Rom 668 Reitor, Georg, Glaubenszeuge im KZ in: Pallottis Werk, 39. Jg., Heft 3, 1988. 669 Zeugenaussage von Peters, Josef Johannes vom 7.10.1989, Akte Münz. 670 Brief von Allebrod, E. an Schützeichel, W. vom 25.5.1985, Akte Münz. Anm.: Sic! Beran ist 1969 gestorben, deshalb ist die Angabe des Datums von P. Allebrod nicht korrekt. 169 zeItgenossen und bIschöfe urteIlen Prof. Dr. Manfred Probst SAC (Vizepostulator der Causa P. Richard Henkes): Abbildung 78: Prof. Dr. Manfred Probst „Kritisch prüft e er die offi ziellen Aussagen der nationalsozialistischen Propagandamaschine und entlarvte viele als Lügen. Entschieden vertrat er das christliche Menschenbild gegenüber der NS-Ideologie. Mit den Worten von P. Henkes: ‚Einer muss da sein, der es sagt‘. Für diese mutige und geradlinige Haltung kam er ins KZ Dachau. Dort erfuhr er am eigenen Leib die Verlogenheit und Niedertracht, die Ungerechtigkeit und Grausamkeit des Nationalsozialismus in der Gestalt der SS. P. Henkes lebte furchtlos die christliche Wahrheit und wurde für sie zum Martyrer. Fast prophetisch wirkt in der Rückschau, was Richard Henkes als Th eologiestudent einmal schrieb: ‚Wahr bin ich und will ich sein und wenn die Wahrheit mich vernichtet‘.“ (2007)671 Mithäft ling Domkapitular Reinhold Friedrich: „Wie er in den harten Tagen stark und mutig gewesen war, so lag er jetzt da als Blutzeuge Christi, der von sich sagen konnte: Eine größere Liebe hat niemand, als der sein Leben hingibt für seine Freunde. Er ist ein großer Fürsprecher für uns alle und insbesondere für die, die die Schuld an seinem Tode tragen. Seien Sie stolz auf Ihren Mitbruder. Das Blut der Priester ist ein Same für neue Priester.“672 Mithäft ling Prälat Hermann Scheipers: „Er hat sich als Heiliger im unmenschlichen Umfeld des Konzentrationslagers hervorgetan. Er war die Spitze jener Menschen im Lager gewesen, die trotz allem an ihren christlichen Idealen festgehalten haben.“ (25. Mai 2003)673 671 Probst, 2007, 247. 672 Reitor, 1988, 41f. 673 file:///home/adams/websites/pallottiner.org_2015, 14.03.2017. 170 zeItgenossen und bIschöfe urteIlen Abbildung 79: KZ-Priester Hermann Scheipers (1913–2016) Abbildung 80: Gedanken an Richard Henkes von Hubert Lenz 171 8 Literaturverzeichnis Quellenverzeichnis AK: Spiritualität und Kommunikation, in: argumente aktuell, Jg. 1988, Heft 4, 1f. Akte C.S.R. 1937–1939, Korrespondenz mit Stationen und mit Mitgliedern, ZAPP Limburg. Akte convolut, Erhebungen, R. Henkes, ZAPP Limburg. Akte Frankenstein A 11/24 und A11/25, ZAPP Limburg. Akte Katscher, Bd. 1, A 11/50 und Bd. 2 A11/51, Bd. 4, A 11/53, ZAPP Limburg. Akte P.-Henkes-Ehrung, ZAPP Limburg. Akte Pater-Richard-Henkes-Freundeskreis, ZAPP Limburg. Akte Sudetenland – C.S.R. – Bischöfliche Behörden, ZAPP Limburg. Akte Vallendar: Studienheim Schönstatt 1919–1926, A 15c, ZAPP Limburg. Allebrod, E. (SAC); Ordner, EV3, ZAPP Limburg. 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Henkes vom 19.10.1936 aus Katscher, Akte Katscher A 11/51, ZAPP Limburg. Brief von R. Henkes vom 19.11.1936 aus Ober-Schreiberhaus, Akte Katscher A 11/51, ZAPP Limburg. Brief von R. Henkes vom 18.4.1938 aus Hindenburg, Akte Münz, ZAPP Limburg. Brief von R. Henkes an den Prov. Schulte vom 15.1.1943, Personalakte Henkes, Richard, P 12-7, ZAPP Limburg. Brief von R. Henkes vom 24.5.1943 an Hedwig Buhl, Akte Münz, Abschrift in: Personalakte Henkes, Richard, P 12-7, ZAPP Limburg. Brief von R. Henkes an Paula Miketta vom 17.7.1943, Akte Münz, ZAPP Limburg. Brief der tschechischen Bischofskonferenz an die Verfasserin vom 23.9.2010. Chronik der Missionssektion des Studienheims, 1. Band (ab Arbeitsjahr 1915/16), Franz-Reinisch-Archiv der Schönstattpatres, Provinzhaus Berg Sion. Consecratio ad vitam, das handgeschriebene Professformular vom 25.9.1924, Personalakte Henkes, Richard, P 12-7, ZAPP Limburg. Convolut, Verfolgte Pallottiner unter NS-Herrschaft, B/1d, ZAPP Limburg. 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Zeugenaussage von Schmidt-Kramny, Cilly vom 23.2.1989, Akte L. Münz, ZAPP Limburg. Zeugenaussage von Archimandrit Peters, Josef Johannes; vom 7.10.1989, Akte L. Münz, ZAPP Limburg. Zeugenaussage von P. Kühner, Wilhelm; vom 11.8.1990, Akte L. Münz, ZAPP Limburg. Zeugenaussage von Biet, Agnes; vom 30.8.1990, Akte L. Münz, ZAPP Limburg. Zeugenaussage von P. B. Weiand, P. J. Regel, P. W. Zinndorf; vom 5.10.1990, Akte L. Münz, ZAPP Limburg. 176 lIteraturVerzeIchnIs Sekundärliteratur Balling, Adalbert L.; Eine Spur der Liebe hinterlassen. Pater Engelmar (Hubert) Unzeitig, 1911–1945, Marianhiller Missionar, Märtyrer der Nächstenliebe im KZ Dachau, Würzburg 1984. Beuys, Hinrich E.; Die Spiritualität der Schönstattbewegung. Eine historische Studie zur missionarischen Spiritualität neuer kirchlicher Bewegungen, Köln 2007. Bierbaum, Max; Nicht Lob, nicht Furcht, 8. Aufl., Regensberg Verlag, Münster 1978. 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Lucie Koutová M.A. der Tschechischen Bischofskonferenz an die Verfasserin vom 23.9.2010 Sehr geehrte Frau Gerhardt, ich schreibe Ihnen bezüglich Ihres Briefes in der Angelegenheit der Seligsprechungsverfahren von Pater Richard Henkes SAC. In dem Brief haben Sie die Tschechische Bischofskonferenz um Antworten auf 3 Fragen betreffend der Bedeutung und des Beitrags des Paters Richard Henkes SAC gebeten, weil Sie für Ihre wissenschaftliche Arbeit auf das Thema „Widerstand im 3. Reich am Beispiel des Wirkens und Handelns des Pallottinerpaters, Richard Henkes SAC, aus Limburg“ aus originalen Quellen schöpfen wollten. Antworten auf Ihre Fragen von zwei tschechischen Bischöfen Mons. František Radkovský, Bischof der Diözese Plzeň und Mons. František Václav Lobkowicz, Opraem, Bischof der Diözese Ostrava und Opava, die sich in dem Fall der Seligsprechung des Paters Henkes SAC für die Tschechische Bischofskonferenz engagiert haben, finden Sie im Anhang dieses Briefes. Ich will Sie im Namen von beiden Bischöfen um die Zusendung der digitalen Form ihrer fertigen wissenschaftlichen Arbeit bitten. Ich schicke Ihnen die Antworten auch per Post. Mit freundlichen Grüßen und besten Wünschen für Ihre Arbeit und Ihr Studium. Bc. Lucie Koutová M.A. Pressestelle der Tschechischen Bischofskonferenz Thákurova 3, 160 00 Praha 6, Tschechische Republik Tel.: +420 220 181 431 Handy: +420 731 626 036 E-Mail: koutova@cirkev.cz Quelle: Brief von Presseredakteur Bc. Lucie Koutová M.A. der Tschechischen Bischofskonferenz an die Verfasserin vom 23.9.2010 VII anhänge Anhang VI Antworten auf die Fragen bezüglich P. Richard Henkes SAC 1. Warum Pater Richard Henkes SAC für die Tschechische Bischofskonferenz ein Martyrer ist und einer Seligsprechung würdig ist? Antwort von Mons. František Radkovský, Bischof der Diözese Plzeň Vor dem Krieg und an seinem Anfang war er als mutiger Zeuge der Kirche für Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit und Liebe in Strahovice bei Hlučín in der heutigen Diözese Ostrava-Opava tätig. Er stellte sich gegen Lüge, Ungerechtigkeit, Sklaverei und Hass des Naziregimes und wurde deswegen verhaftet und ins Konzentrationslager in Dachau geschickt. Hier bezeugte er außergewöhnlich seine Liebe zu den Nächsten. Ihr Höhepunkt war, dass er sich freiwillig zur Pflege der tschechischen Priester, die mit dem Typhus infiziert waren, meldete, obwohl er wusste, dass es lebensgefährlich war. Er steckte sich selbst bald an und starb als Opfer der Nächstenliebe und gleichzeitig als Märtyrer für den Glauben, die Liebe und weitere Tugenden. Antwort von Mons. František Václav Lobkowicz Opraem, Bischof der Diözese Ostrava und Opava P. Richard Henkes eintischied [sic!] sich freiwillig in den Block 17 des Konzentrationslagers Dachau zu treten, der als geschlossener Block des Todes bezeichnet war. Er wurde zu diesem Block zugeordnet als Gefangener durch seine „Arbeitseinordnung“ und seinen auf dieser Weise anvertrauten Häftlinge blieb er bis zu seinem Tod im Dienst. Dieser Dienst bedeutete in der Situation des Ausbruches der Typhusinfektion eine reale Lebensgefahr. Richard Henkes musste nicht in der Arbeitseinordnung an diesem Block bleiben, aber er hat sich selbst entschieden und blieb. 2. Warum er für Sie als ein Brückenbauer zwischen Deutschen und Tschechen bezeichnet werden kann? Antwort von Mons. František Radkovský, Bischof der Diözese Plzeň Im Konzentrationslager Dachau lernte er Tschechisch, damit er sich leichter den tschechischen Mitgefangenen annähern könnte und damit er gegeben falls [sic!] später seinen Pastoraldienst auch zwischen den tschechischen Gläubigen ausüben könnte. Er befreundete sich auch mit dem Gefangenen Josef Beran, späteren Prager Erzbischof und Kardinal. Und vor allem ging er freiwillig den mit Typhus angesteckten tschechischen Priester [sic!] dienen. Antwort von Mons. František Václav Lobkowicz Opraem, Bischof der Diözese Ostrava und Opava Er arbeitete als Priester in der Region Hlučín, die in seiner Zeit ein national-verschrobener Gebiet [sic!] war. Es lebten hier Leute, die tschechisch und auch deutsch spra- VIII anhänge chen. Die meisten von denen waren weder Tschechen noch Deutsche in dem genaueren Sinn des Wortes. P. Henkes machte keine Unterschiede unter Nationalitäten und damit er die örtliche Pfarrgemeinschaft im Ort Strahovice besser verstehen und sich den Leuten mehr annähern könnte, lernte er selbst Tschechisch. Obwohl er die deutsche Nationalität hatte, arbeitete er im Geiste des Evangeliums geöffnet für alle Pfarrkinder. Im Geiste der Worte des Hl. Paulus wollte er für alle seine Pfarrkinder ihr geistlicher Vater werden. 3. Warum wir solche Vorbilder brauchen, ganz besonders in der heutigen selbstsüchtigen Zeit, die einen Beitrag zur Völkerverständigung leisten? Antwort von Mons. František Radkovský, Bischof der Diözese Plzeň Heutige technische Mittel ermöglichen die Globalisierung, die Annäherung der Nationalitäten und Kulturen. Das alleine reicht nicht aus. Die wahre Annäherung und Einigung der Menschen und der Völker ist von den zwischenmenschlichen Beziehungen, von der Öffnung der Einzelnen und auch der Völker aufeinander abhängig. Dieses ist aber nicht selbstverständlich, sondern es braucht Impulse, vor allem persönliche Beispiele, Vorbilder, die andere mitreißen können. P. Henkes ist wirklich ein solches Vorbild. Antwort von Mons. František Václav Lobkowicz Opraem, Bischof der Diözese Ostrava und Opava Die Menschen, deren Bemühung war, sich nach der Wahrheit des Evangeliums zu richten, werden für die anderen nicht nur Vorbilder und Beispiele, aber auch ein Licht für bestimmte Situationen des Lebens. Mit ihrem Verhalten haben sie der Einstellung aufstrahlen lassen, die sie selbst überschreitet und die die Bestätigung der Wahrheit, die sie gelebt haben, ist. Es sind sie, die unsere Wertstereotype von den allgemeinen Überzeugungen zur edlen Wahrheit über das Leben, die Würde der Menschen, die Liebe zum Nächsten, die Liebe zum Gott aufheben. Und das im Gebiet, das insbesondere mit ihrem Leben und Tod verbunden ist. Ohne ähnlichen Blitzten [sic!] des Lichtes, die auf bestimter [sic!] Weise provokativ sind, wäre es für uns schwer zu glauben, dass es möglich ist, bis zum Opfer des eigenen Lebens zu lieben, dass es möglich ist, den anderen in der Liebe auch mit seiner Unterschiedlichkeit anzunehmen. P. Richard Henkes ist einer von solchen Zeugen. Sein Leben deutet die Richtung des Weges an, der bis zum Verständnis und zur Annäherung unter den Völker führt. In Prag, Plzeň und Ostrava, am 23. September 2010 Quelle: Brief von Presseredakteur Bc. Lucie Koutová M.A. der Tschechischen Bischofskonferenz an die Verfasserin vom 23.9.2010 IX anhänge Anhang VII Brief von R. Henkes an Hedwig Buhl vom 24.5.1943 aus Ratibor X anhänge Quelle: Akte Münz, ZAPP Limburg XI anhänge Anhang VIII Abschrift des Briefes vom 24.5.1943 an Hedwig Buhl XII anhänge Quelle: Personalakte Henkes, Richard, P 12-7, ZAPP Limburg XIII anhänge Anhang IX Andenken an seinen verstorbenen Vater Peter Henkes und an seinen Bruder Karl Quelle: Akte Münz, ZAPP Limburg XIV anhänge Anhang X Schulentlassungszeugnis Quelle: Personalakte Henkes, Richard, P 12-7, ZAPP Limburg XV anhänge Anhang XI Fragebogen für Studenten Quelle: Personalakte Henkes, Richard, P 12-7, ZAPP Limburg XVI anhänge Anhang XII Marianische Weiheformel vom 2. Februar 1916 Quelle: Franz-Reinisch-Archiv der Schönstatt-Patres, Provinzhaus Berg Sion, Vallendar/Schönstatt XVII anhänge Anhang XIII Die lateinische „Weiheformel“ in deutscher Übersetzung „Heiligste Jungfrau und Mutter Gottes, Maria! Ich, Richard Henkes, der dir – wenn auch ganz unwürdig – dienen möchte, erwähle dich heute, vertrauend auf deine Güte und deine wunderbare Milde, angetrieben von dem Verlangen dir zu dienen, vor meinem Schutzengel und dem gesamten himmlischen Hof zu meiner Herrin, Fürsprecherin und Mutter; ich nehme mir fest vor, dir ewig zu dienen und, soweit es an mir liegt, dafür zu sorgen, dass dir auch von anderen treu gedient wird. Daher erbitte ich demütig von deiner mütterlichen Güte und Milde durch das Blut Jesu, dass du mich in die Schar deiner Sodalen zulässt und als deinen treuen Diener und Sohn auf immer annimmst. Stehe mir bei, o Mutter, in allen meinen Handlungen und erbitte mir die Gnade, dass ich mich im Denken, Reden und Tun so verhalte, dass ich niemals deine Augen und die deines heiligsten Sohnes beleidige. Gedenke meiner und verlass mich nicht in der Stunde des Todes. Amen.“ Kl. Schönstatt, 2. Febr. 1916 Richardus Henkes Quelle: Übersetzung bei Probst, 2007, 32 XVIII anhänge Anhang XIV Brief an die Mitsodalen XIX anhänge Quelle: Franz-Reinisch-Archiv der Schönstatt-Patres, Provinzhaus Berg Sion, Vallendar/Schönstatt XX anhänge Anhang XV Gedächtnistafel im Urheiligtum Quelle: Franz-Reinisch-Archiv der Schönstatt-Patres, Provinzhaus Berg Sion, Vallendar/Schönstatt XXI anhänge Anhang XVI Fragebogen für die Litterae testimoniales Quelle: Personalakte Henkes, Richard, P 12-7, ZAPP Limburg XXII anhänge Anhang XVII Erklärung von Richard Henkes zum Eintritt ins Noviziat Quelle: Personalakte Henkes, Richard, P 12-7, ZAPP Limburg XXIII anhänge Anhang XVIII Weiheversprechen (Ewige Profess) vom 24. September 1924 Quelle: Personalakte Henkes, Richard, P 12-7, ZAPP Limburg XXIV anhänge Anhang XIX Brief vom 20. November 1927 von Henkes an Provinzial XXV anhänge Quelle: Akte Münz, ZAPP Limburg XXVI anhänge Anhang XX Brief von Prov. Laqua an Dr. Buck vom 7.2.1928 Quelle: Personalakte Henkes, Richard, P 12-7, ZAPP Limburg XXVII anhänge Anhang XXI Befund von Medizinalrat Dr. Buck vom 11.2.1928 (Abschrift) XXVIII anhänge Quelle: Personalakte Henkes, Richard, P 12-7, ZAPP Limburg XXIX anhänge Anhang XXII Brief von Richard Henkes an seinen Vater vom 3.7.1934 XXX anhänge Quelle: Akte Münz, ZAPP Limburg XXXI anhänge Anhang XXIII Brief von R. Henkes vom 2.10.1935 aus Katscher an seine Schwester Regina XXXII anhänge Quelle: Akte Münz, ZAPP Limburg XXXIII anhänge Anhang XXIV Abschrift des Briefes von Rektor Hahn an den Provinzial vom 13.3.1936 XXXIV anhänge Quelle: Akte Katscher A 11/25, ZAPP Limburg XXXV anhänge Anhang XXV Brief von R. Henkes vom 19.10.1936 aus Katscher XXXVI anhänge Quelle: Akte Katscher A 11/51, ZAPP Limburg XXXVII anhänge Anhang XXVI Brief von R. Henkes vom 19.11.1936 aus Ober-Schreiberhaus XXXVIII anhänge Quelle: Akte Katscher A 11/51 ZAPP Limburg XXXIX anhänge Anhang XXVII Karteikarte der Geheimen Staatspolizei Frankfurt Quelle: Dokument von Manfred Probst, Original im Archiv des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen XL anhänge Anhang XXVIII Brief von R. Henkes vom 18.4.1938 aus Hindenburg Quelle: Akte Münz, ZAPP Limburg XLI anhänge Anhang XXIX Abschrift des Briefes von R. Henkes an den Prov. Schulte vom 15.1.1943 Quelle: Personalakte Henkes, Richard, ZAPP Limburg XLII anhänge Anhang XXX Abschrift des Briefes von R. Henkes an Paula Miketta vom 17.7.1943 Quelle: Akte Münz, ZAPP Limburg XLIII anhänge Anhang XXXI Feldpost von R. Henkes an Werner Wies aus Block 26/Stube 3 Quelle: Akte Münz, ZAPP Limburg XLIV anhänge Quelle: Akte Münz, ZAPP Limburg XLV anhänge Anhang XXXII Zeugenaussage von Edeltrud Wirrer o.D. XLVI anhänge Quelle: Akte Münz, ZAPP Limburg XLVII anhänge Anhang XXXIII Zeugenaussage von Elisabeth Wolf XLVIII anhänge Quelle: Dokument erhalten von Ralf Büscher SAC XLIX anhänge Anhang XXXIV Sterbeurkunde mit unkorrekten Angaben Quelle: Sterbebuch Standesamt Dachau II 1945, Nr. 1-VI 15 Kopie erhalten von Prof. Dr. Manfred Probst (SAC), Theologische Hochschule, PTHV L anhänge Anhang XXXV Verzeichnis der Bestattungen auf dem Hausfriedhof der Pallottiner Quelle: Convolut, Verfolgte Pallottiner unter NS-Herrschaft, ZAPP Limburg LI anhänge Anhang XXXVI Blockkartei: Konzentrationslager Dachau Quelle: NL Schützeichel, Dokumentation der seitens des Nationalsozialismus gegen die Norddeutsche Pallottiner-Provinz, Limburg an der Lahn, durchgeführten Maßnahmen

Zusammenfassung

Nur wenige Menschen brachten den Mut auf, sich dem unaufhaltsamen Vernichtungswillen des Nazi-Regimes entgegenzustellen. Einer von ihnen war der Pallottiner-Pater Richard Henkes, der selbst im KZ Dachau inhaftiert wurde und sich dort der Pflege von an Typhus erkrankten Menschen annahm.

Henkes Vermächtnis an Nächstenliebe und Opfermut, das würdige Verhalten gegenüber Fremden und das standhafte Festhalten an den eigenen Lebensgrund­sätzen sind beispielhaft. Er war ein Brückenbauer zwischen den Menschen und gilt als jemand, der während des Nazi-Regimes das aussprach, was viele nicht auszusprechen wagten.

Sein Leben ist uns Botschaft, friedfertig und tolerant gegenüber anderen Nationen und Völkern zu handeln – dieser Aufgabe müssen wir uns gerade heute im Zuge der Globalisierung und zunehmender Völkerwanderungen mehr denn je stellen. Das Lesen von Henkes Geschichte leitet dazu an, das eigene Spiegelbild zu suchen und kritisch zu hinterfragen, und es ermutigt dazu, bestehende gesellschaftliche Normen und Werte zu überdenken und mehr Verantwortung für andere zu übernehmen.

References

Zusammenfassung

Nur wenige Menschen brachten den Mut auf, sich dem unaufhaltsamen Vernichtungswillen des Nazi-Regimes entgegenzustellen. Einer von ihnen war der Pallottiner-Pater Richard Henkes, der selbst im KZ Dachau inhaftiert wurde und sich dort der Pflege von an Typhus erkrankten Menschen annahm.

Henkes Vermächtnis an Nächstenliebe und Opfermut, das würdige Verhalten gegenüber Fremden und das standhafte Festhalten an den eigenen Lebensgrund­sätzen sind beispielhaft. Er war ein Brückenbauer zwischen den Menschen und gilt als jemand, der während des Nazi-Regimes das aussprach, was viele nicht auszusprechen wagten.

Sein Leben ist uns Botschaft, friedfertig und tolerant gegenüber anderen Nationen und Völkern zu handeln – dieser Aufgabe müssen wir uns gerade heute im Zuge der Globalisierung und zunehmender Völkerwanderungen mehr denn je stellen. Das Lesen von Henkes Geschichte leitet dazu an, das eigene Spiegelbild zu suchen und kritisch zu hinterfragen, und es ermutigt dazu, bestehende gesellschaftliche Normen und Werte zu überdenken und mehr Verantwortung für andere zu übernehmen.