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3 Einleitung in:

Astrid Maria Gerhardt

Ein Leben für die Nächstenliebe, page 25 - 32

Pater Richard Henkes - Pfleger im KZ Dachau

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3909-0, ISBN online: 978-3-8288-6808-3, https://doi.org/10.5771/9783828868083-25

Tectum, Baden-Baden
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25 3 Einleitung Im Blick auf die vielfältigen Erscheinungen und Darstellungen von historischen Martyrern beschreibt die kirchliche Tradition die Martyrer mit anschaulichen Worten wie „Wolke von Zeugen“ (Hebr 12,1) oder „Große Schar“ (Offb 19).2 Der Begriff „Martyrer“ ist aus dem griechischen Wort „martyrion“ abgeleitet worden; dies bedeutet ein Zeugnis vor Gericht, entstammt also ursprünglich aus dem Rechtsleben. Wer das Zeugnis ablegt, ist der martys, der Zeuge.3 Daneben wird das Wort „Martyrer“ auch für einen Menschen verwendet, der uneingeschränkt für die Wahrheit eintritt, Meinungen und Ansichten vertritt, von denen er überzeugt ist. Dies gilt insbesondere für moralische und religiöse Überzeugungen.4 Dabei ist der Martyrer bereit, bis zur Opferung seines Lebens zu gehen, ohne dieses Opfer „leichtfertig zu riskieren“ oder ohne „sehnsüchtig danach zu streben“. Der Martyrer handelt wahrhaftig und opfert sein Leben für seinen Glauben.5 Die „Ur-Kunde“ des Martyriums ist die Bibel.6 Aus der frühchristlichen Quelle des Martyriums des Polycarp geht hervor, dass die Verbindung von Martyrer, Christus und Kirche das Martyrium gemäß dem Evangelium legitimiert. Dabei, so begründet Meier, sei die aus dem Glauben erwachsene Bereitschaft zum Blutzeugnis in der Nachfolge Jesu entscheidend (Jesus, der „treue Zeuge“, Offb 1,5).7 In der Bergpredigt verkündigt Jesus die Seligpreisungen, die den Christen das Verständnis der christlichen Martyrerexistenz vermitteln: „Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle möglichen Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt“ (Mt 5, 10–12). Die Aussendungsrede (Mt 9,35–11,1) sowie die Rede über die Endzeit (Mt 24,1–25,46) offenbaren das Zeugnis, dass Jesus seinen Jüngern eine schwere Mission aufgetragen hat. „Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Nehmt euch aber vor den Menschen in Acht! Denn sie werden euch vor die Gerichte bringen und in ihren Synagogen auspeitschen. Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt, damit ihr vor ihnen und den Heiden Zeugnis ablegt“ (Mt 10,16–18). Gegen Ende der Aussendungsrede steht der Aufruf zur opferbereiten Nachfolge Jesu, mit dem Hinweis darauf, dass es sich um eine Entscheidung auf Leben und Tod handelt. „Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen“ (Mt 10,39). Martyrer Jesu zu sein, bedeutet, das Leben einsetzen. Dieser Ein- 2 Maier, Hans; Politische Martyrer. Erweiterungen des Martyrerbegriffs in der Gegenwart, in: Stimmen der Zeit, Heft 5, Freiburg, Mai 2004, 291. 3 Meier, 2004, 292. 4 Scheele, Paul-Werner, Zum Zeugnis berufen. Theologie des Martyriums, Würzburg 2008, 20. 5 Meier, 2004, 292. 6 Scheele, 2008, 13. 7 Meier, 2004, 292. 26 eInleItung satz kann bis zum Letzten gefordert sein: „Wer bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet“ (Mt 10,22).8 In der Liturgie feiert die Kirche das Gedächtnis der Glaubenszeugen, die Jesus nachgefolgt sind und ihr „Blut vergossen“ haben, als „Zeugen des Glaubens“, und „dass jedes Martyrium seinen Ursprung hat in diesem einen Opfer Jesus Christi“.9 Zur Darstellung eines realistischen Bildes der Glaubenszeugen gehört die „Erkenntnis ihrer Menschlichkeit und ihrer Sündhaftigkeit“, ohne die man nicht urteilen kann, was die Gnade Gottes in ihnen bewirkt hat. Das, was den Martyrer ehrt, sind der Glaube, die Hoffnung und die Liebe, die jedem Christen als Grundlage bei der Taufe mitgegeben wurden.10 Im Jahre 2000 rief Papst Johannes Paul II. (1978–2005) alle Bischofskonferenzen dazu auf, ein Martyrologium 2000 zu erstellen, um dem „Verdrängen der geschichtlichen Gräueltaten“ Einhalt zu gebieten, aber auch zugleich, um der „eigenen Geschichte vorurteilsfrei begegnen“ zu können. Moll äußert, dass es neben vielfältigem Versagen der Kirche auch heroische Glaubenszeugnisse von Christen gegeben habe, deren Andenken gewahrt werden müsse.11 Im Apostolischen Schreiben „Tertio millennio adveniente“ verkündete Papst Johannes Paul II.: „Am Ende des zweiten Jahrtausends ist die Kirche erneut zur Märtyrerkirche geworden.“ Er betonte, die reiche Saat von Martyrern, ob Priester, Ordensleute oder Laien, sei zum gemeinsamen Erbe von Katholiken, Orthodoxen, Anglikanern und Protestanten geworden, wie bereits Paul VI. in der Homilie bei der Heiligsprechung der Martyrer von Uganda betont habe. Deshalb forderte er alle Ortskirchen dazu auf, die Erinnerungen an diejenigen wach zu halten, die das Martyrium erlitten haben. „Das ist ein Zeugnis“, so Papst Johannes Paul II., „das nicht vergessen werden darf “ (Nr. 37).12 Für Deutschland erstellte Prälat Dr. Helmut Moll das Martyrologium, in dem auch P. Richard Henkes aufgeführt wird.13 Für die Aufnahme der Glaubenszeugen in das deutsche Martyrologium gelten die Grundlagen der Heiligen Schrift, der kirchlichen Überlieferungen und die des Lehramtes. Diese bis heute noch gültigen verbindlichen, theologischen und kanonistischen Kriterien zur Bestimmung des Martyriums hat der italienische Kanonist Prospero Lambertini, der spätere Papst Benedikt XIV. (1740–1758), in seinem vierbändigen lateinischen Werk „Opus de servorum Dei beatificatione, et beatorum canonizatione“ definiert. Neben anderen Kriterien nennt Lambertini drei Hauptmerkmale, die für die Bestimmung des Martyriums gegeben sein müssen: 8 Ebd., 22, 23. 9 Moll, Helmut (Hrsg.), Theologische Einführung, in: Zeugen für Christus: das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, Paderborn 1999, 3. Aufl. 2001, XXXII. 10 Scheele, 2008, 233. 11 Vgl.: Moll, Helmut (Hrsg.), Eine Einführung, in: Die katholischen deutschen Martyrer des 20. Jahrhunderts. Ein Verzeichnis, Paderborn 1999, 3. Aufl. 2001, IX u. X. 12 Apostolisches Schreiben Tertio Millennio Adveniente von Papst Johannes Paul II. an die Bischöfe, Priester und Gläubigen zur Vorbereitung auf das Jubeljahr 2000 vom 10. November 1994, herausgegeben vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, S.33. http://document.kathtube.com/32518.pdf, 20.11.2016. 13 Holzbach, Alexander, Pater Richard Henkes, in: Zeugen für Christus: Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, herausgegeben von Moll, Helmut, im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, Paderborn 1999, 829–831. 27 eInleItung 1. Die Tatsache des gewaltsamen Todes (martyrium materialiter). 2. Das Motiv des Glaubens- und Kirchenhasses bei den Verfolgern (martyrium formaliter ex parte tyranni). 3. Das Zeugnis des Glaubens bzw. die bewusste innere Annahme des Willens Gottes trotz Lebensbedrohung (martyrium formaliter ex parte victimae).14 Eine Präzisierung und Erweiterung der Kriterien für die Bestimmung des Martyriums wurde wegen der heimtückischen Tötungsabsichten, die im 20. Jahrhundert vorkamen, von Papst Paul VI. (1963–1978) durch das Apostolische Schreiben „Motu Proprio Sanctitatis clarior“ (1969) formuliert. Ferner müssen bei der Aufnahme die Neuregelung des Kanonisationsverfahren („Divinus perfectionis Magister“, 1983) durch Papst Johannes Paul II. sowie die Normen der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsverfahren beachtet werden.15 Das deutsche Martyrologium unterscheidet vier Kategorien von Blutzeugen: Martyrer aus der Zeit des Nationalsozialismus, aus der Zeit des Kommunismus, die Reinheitsmartyrien und die deutschen Blutzeugen aus den Missionsgebieten.16 Meier notiert, im Heiligsprechungsverfahren für Maximilian Kolbe habe die Kurie dem polnischen Franziskaner lediglich den Status des Bekenners zuerkennen wollen, weil er nicht „aus Hass auf den Glauben“ ermordet worden sei. Der Papst intervenierte und erreichte, dass der Tod Kolbes im Hungerbunker des Konzentrationslagers Auschwitz zur Rettung eines Familienvaters als Martyrium anerkannt und bestätigt wurde. Die „Neuakzentuierung und Auffüllung“ konnte nun bei der Beurteilung zukünftiger Kanonisationen von Martyrern nicht mehr revidiert werden. Anstelle einer „noetisch-intellektuellen“ Prüfung des Glaubens rückt nunmehr der Blick auf die „ganze Existenz“ des Zeugen und seine „freie Liebestat“ in den Vordergrund.17 Kritisch hinterfragt Meier, ob aufgrund der Aktualisierungen und Ergänzungen das Kriterium, dass der Glaubenszeuge auf keinen Fall das Martyrium aktiv suchen oder herbeiführen dürfe, ins Wanken geraten könnte. Die Option, sich zum Martyrium zu „drängen“, werde abgelehnt, dennoch gebe es Zeugen, die das Martyrium ersehnten, und die Last, man könne dieses „Opfer der Liebe“ versäumen.18 Das Martyrium des 20. Jahrhunderts wird aber weniger als passive Hingabe oder leidende Aufopferung verstanden. Vielmehr bedeutet es für viele eine „beispielhafte Tat“, ein „anfeuerndes Beispiel“, ein „Zeugnis für Wahrheit und Gerechtigkeit“. Oft, so führt Meier aus, trage es ein individuelles Gesicht. Es artikuliere den personalen Protest gegen anonyme Mächte. Die Taten der Glaubenszeugen setzen den Menschen ein Zeichen, die gehört und verstanden werden sollen, damit sie nicht als eine ohnmächtige Verwahrung historisch untergehen.19 Im Zweiten Vatikanischen Konzil wird festgehalten, dass es Martyrer geben müsse, wenn „die Kirche Kirche sein und bleiben solle“. Sie beruft sich dabei auf die Lehre des 14 Moll, 1999, Theologische Einführung, XXXI–XXXII. 15 Ebd., XXXII. 16 Moll, 1999, Eine Einführung, XII–XII. 17 Meier, 2004, 299. Anm.: Meier nennt nicht, welcher Papst sich für die Anerkennung des Martyriums für Maximilian Kolbe einsetzte. Kolbe wurde 1971 von Papst Paul VI. selig gesprochen und 1982 von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen. Schäfer, Joachim: Artikel zu Maximilian Maria (Rajmund) Kolbe, Ökumenisches Heiligenlexikon, o. S., https://www.heiligenlexikon.de/BiographienM/Maximilian_Kolbe.htm, 20. 11. 2016. 18 Ebd. 19 Ebd., 298. 28 eInleItung Hl. Paulus: „Ich lebe. Nein, ich lebe nicht mehr. Christus lebt in mir.“20 Prof. Peter Gumpel SJ führt aus, dass es also Aufgabe der Christen sei, sich der Gnade des Heiligen Geistes zu öffnen, so dass Christus in ihnen leben könne, um sein Leben in ihnen fortzusetzen. Deshalb müsse es in der Kirche Frauen und Männer geben, die die verschiedensten Aspekte und Elemente des Lebens Christi nachvollziehen, neu erleben und fortsetzen, so auch das Element des Erlösungstodes im Leben von Jesus Christus.21 Paul-Werner Scheele, der 1979–2003 als Bischof von Würzburg amtierte, nennt in seinem Buch „Zum Zeugnis berufen“ Richard Henkes (Abb. 1, 33) als Martyrer der Nächstenliebe.22 Scheele meint, dass das Kriterium der hingebenden Liebe weder Gedanken noch Gefühle seien. Gedanken könnten irren und Gefühle täuschen. Vielmehr sei der Maßstab entscheidend, die Bereitschaft zu schenken und so für andere da zu sein. Deshalb habe niemand eine größere Liebe als der, „der sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Joh 15,13). Jesus hat als Vorbild die Liebe bis zum Äußersten gelebt und ruft die Christen auf zu lieben, wie er geliebt hat (Joh 12,15).23 Als herausragendes Beispiel der hingebenden Liebe nennt Scheele P. Maximilian Kolbe. Dem fügt er hinzu, dass im Konzentrationslager (KZ) Dachau Priester, darunter Pallottinerpater Richard Henkes, ähnlich gehandelt hätten, als sie freiwillig die Pflege an Typhus erkrankter Menschen übernahmen. Am Ende [in Dachau, d. Verf.] sei Richard Henkes in besonderem Sinn Opfer seines Berufes geworden, Sacerdos et hostia.24 František Radkovský, Bischof der Diözese Plzeň, bezeichnet Richard Henkes in einem Schreiben an die Verfasserin „als mutigen Zeugen der Kirche für Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit und Liebe“. Er habe sich gegen Lüge, Ungerechtigkeit, Sklaverei und Hass des Naziregimes gestellt. Hier [in Dachau, d. Verf.] habe er außergewöhnlich seine Liebe zu den Nächsten bezeugt und sei als Opfer der Nächstenliebe und gleichzeitig als Martyrer für den Glauben, die Liebe und weitere Tugenden gestorben. Die wahre Annäherung und Einigung der Menschen und der Völker, so Bischof Radkovský, sei von den zwischenmenschlichen Beziehungen, von der Öffnung der Einzelnen und auch der Völker aufeinander abhängig. Es brauche Impulse, vor allem persönliche Beispiele und Vorbilder, die andere mitreißen können. „P. Henkes ist wirklich ein solches Vorbild“, betont Radkovský.25 František Václav Lobkowicz Opraem (Abb. 76, 167), Bischof der Diözese Ostrava und Opava, sagt über die Glaubenszeugen, die sich nach der Wahrheit des Evangeliums richten, dass sie nicht nur Vorbilder und Beispiele seien, sondern „auch ein Licht für bestimmte Situationen des Lebens“. Die Glaubenszeugen sind für Bischof Lobkowicz diejenigen, „die unsere Wertstereotype von den allgemeinen Überzeugungen zur edlen Wahrheit über das Leben, die Würde der Menschen, die Liebe zum Nächsten und die Liebe zum [zu, d. Verf.] Gott aufheben. […]. Ohne ähnliche Blitzten [Blitze, d. Verf.] des Lichtes wäre es für uns schwer zu glauben, dass es möglich ist, bis zum Opfer des eigenen Lebens zu lieben und dass es möglich ist, den anderen in der Liebe auch mit sei- 20 Gumpel, Peter, Theologie und Maryrium heute, in: L’osservatore Romano (Wochenausgabe in deutscher Sprache) vom 28.7.2000, Nummer 30, 12. 21 Ebd. 22 Scheele, 2008, 253. 23 Ebd., 251. 24 Ebd., 252. 25 Anhang VI, Antworten bezüglich der Fragen von P. Richard Henkes an die Verfasserin, VII). 29 eInleItung ner Unterschiedlichkeit anzunehmen.“ P. Richard Henkes sei einer von solchen Zeugen. Sein Leben deute die Richtung des Weges an, der zum Verständnis und zur Annäherung unter den Völkern führe.26 Die Kommunität der Pallottiner hat die rechtlichen Schritte für ein Seligsprechungsverfahren für P. Richard Henkes im Jahre 2001 eingeleitet und überprüfen lassen.27 Am 25. Mai 2003 wurde das bischöfliche Erhebungsverfahren durch Bischof Kamphaus in Limburg eröffnet und im Jahre 2007 zum Abschluss gebracht. Seitdem wird von der Congregazione Delle Cause Dei Santi in Rom eine Seligsprechung von Pater Richard Henkes überprüft.28 Richard Henkes war Pallottiner-Pater und gehörte damit einer Männergemeinschaft an, die ihr Leben Gott weihten und sich gegenseitig versprachen, in Armut, Keuschheit und Brüderlichkeit zu leben und Gott und den Menschen zu dienen.29 Sie verstanden sich [und verstehen sich heute noch, d. Verf.] als Teil eines umfassenden von Vinzenz Pallotti (1795–1850) im Jahre 1835 gegründeten Gesamtwerkes, der Vereinigung des Katholischen Apostolates (Unio). Der Mystiker und sozial engagierte Priester (Abb. 18, 67) hatte die Vision einer Kirche, in der alle berufen sind, „Apostel“ zu sein und für den Glauben Verantwortung zu übernehmen.30 Das Katholische Apostolat ist kein Orden, sondern eine weltliche, religiöse Gesellschaft von Gläubigen, die im Geiste des Eifers und der Liebe mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln an der „Mehrung, Verbreitung und Verteidigung“ der Frömmigkeit und des katholischen Glaubens arbeiten.31 Die Marienverehrung nimmt bei Pallotti eine zentrale Stellung ein. Er sieht Maria als Vorbild. Neben Jesus Christus hegte er für die Gottesmutter Maria die größte Verehrung.32 Pallotti charakterisiert Maria als die „des Vaters gehorsamste Tochter, des Sohnes zärtlichste Mutter, des Geistes treueste Braut von vollkommener Liebe, die reinste und demütigste Mutter und Königin, das geistliche Gefäß“.33 Für Pallotti ist die Gottesmutter Maria diejenige, die „nach Jesus Christus unermesslich über allen Engeln und Heiligen die unendliche Liebe geliebt und dem unaussprechlichen Willen Gottes“ entsprochen hat. Eine besondere Stellung aller genannten Marienbenennungen hat Maria als die Königin der Apostel.34 Zum Apostolat gehört keine hierarchische oder auch priesterliche Gewalt. Deshalb kann Maria als symbolhafte Figur für alle Laien Apostel 26 Ebd. 27 Schüller, Thomas, Voruntersuchung hinsichtlich der geplanten Seligsprechung von P. Henkes, Prüfungsauftrag von Bischof Kamphaus vom 6.4.2001, Akte convolut, Erhebungen, R. Henkes, ZAPP Limburg, 1–5. 28 Priesterkartei Richard Henkes, Karte 12, DAL und Di Ruberto, Michele, Aus dem Vatikan, Brief der Congregazione Delle Cause Dei Santi an die Verfasserin, Prot. N. 2493-7/10. 29 Leugers, Antonia; Eine geistliche Unternehmensgeschichte. Die Limburger Pallottinerprovinz 1892–1932 (Pallottinische Studien zu Kirche und Welt 7), St. Ottilien 2004, 150f, 162f, 174. Vgl.: Frank, Josef, Vinzenz Pallotti. Gründer des Werkes vom Katholischen Apostolat, Bd. 2, Friedberg bei Augsburg 1962, 587–598. 30 Schützeichel, Wilhelm, Zweihundertjahrfeier der Geburt des heiligen Vinzenz Pallotti 179–1995, in: Pallottis Werk, 46. Jg., Heft 3, 1995, 4. 31 Frank, 1962, Bd. 2, 31. 32 Ebd., 565. Vgl. dazu Köster, Heinrich Maria, Die Mutter Jesu bei Vinzenz Pallotti nach seinen gedruckten Schriften, Ein Beitrag zur Theologie- und Frömmigkeitsgeschichte des 19. Jahrhunderts, Kapitel 1: Pallottis Marienbild, Limburg 1964, 15–23. 33 Köster, 1964, 16. 34 Ebd., 21. 30 eInleItung ohne priesterliche Vollmachten sein.35 Beispielhaft lässt sich Pallottis Idee von einem allgemeinen Apostolat in dem von dem Maler Seraph Cesaretti (nach einem Kupferstichvorbild von Friedrich Overbeck) geschaffenen Bild vom Coenaculum erklären (Abb. 12, 52). Maria ist nach der Himmelfahrt Jesu mit den Jüngern, den Brüdern Jesu und den anderen Frauen zusammen im Obergemach. Sie warten auf das Kommen des Heiligen Geistes. Maria ist die Mitte, um die sich jene scharen, die das Liebeswirken Jesu weiterführen wollen. Die Pfingstgemeinde soll nach Pallotti durch weitere Menschen erweitert werden, denn alle sind berufen, Apostel zu sein. Das Leitbild „Maria, Königin der Apostel“ fordert die pallottinischen Gemeinschaften immer wieder neu heraus, dem Heiligen Geist Raum zu geben, missionarische Kirche zu sein und die frohe Botschaft auf verschiedene Weise zu verkündigen.36 Der Gründer wollte mit seiner Vereinigung keine neuen Strukturen in der Kirche schaffen, sondern vielmehr existentielle Strukturen beleben.37 Dabei suchte Pallotti nach neuen Wegen für die Menschen, damit sie Gott kennen und lieben lernen. Er spürte, dass er dieses Liebeswerk nicht alleine vollbringen konnte: er brauchte Helfer, die ihn unterstützten. So konnte jeder Katholik, der von den apostolischen Ideen Pallottis inspiriert war, Mitglied werden. Dazu gehörten Laien und Geistliche, Männer und Frauen, Ordens- und Weltpriester, unabhängig von ihrem Stand, ihrer Stellung, ihrem Beruf und Vermögen.38 Pallottis Bedingung war lediglich, eine Aufgabe innerhalb der festgelegten drei Klassen zu übernehmen: die erste Klasse, die das Apostolat der Tat ausübt, also vorrangig Priester aufnimmt; die zweite Klasse, die das Apostolat des Gebetes und Opfers betreibt; und die dritte Klasse, die die Werke wirtschaftlich unterstützt.39 Die Einbeziehung von Nichtklerikern, also Laien, war ein von Pallotti getätigter revolutionärer Schritt, weil zu dieser Zeit der Begriff des Apostolates eng und ausschließlich mit der Sendung der Bischöfe als Nachfolger der ersten Apostel verbunden war. Erst 100 Jahre später wurden wesentliche Aspekte und Elemente von Pallottis Werk im Zweiten Vatikanischen Konzil einbezogen. Revolutionär war auch der Verzicht auf ein Gelübde als Grundpfeiler einer geistlichen Gemeinschaft. Die Seligsprechung von Vinzenz Pallotti erfolgte im Jahr 1950 durch Papst Pius XII. (1939–1958) und die Heiligsprechung folgte 1963 durch Papst Johannes XXIII (1958–1963).40 Pallotti war sehr geprägt und beglückt durch den Gott der unendlichen Liebe. Die Vereinigung war „in und auf der Liebe gegründet“ und auf sie hingeordnet, denn das Kennzeichen der wahren Jünger sei die Liebe, wie es Jesus selbst kundgetan hat. Die Mitglieder sollten täglich neue Stufen der Liebe erwerben, getragen von der vom Hl. Apostel Paulus beschriebenen vollkommenen Liebe („das Hohelied der Liebe“) im ersten Brief an die Korinther (1 Kor 12,31b–13,13).41 35 Ebd., 22. 36 Nakott, Werner; Zum 75-jährigen Kapellchen-Jubiläum in Schönstatt, in: argumente aktuell, 3/1989, 2. Vgl. dazu Köster, 1964, 22f. 37 Schützeichel, 1995, 4. 38 Vgl.: Frank, 1962, 34–36. 39 Ebd. 40 Beuys, Hinrich E., Die Spiritualität der Schönstattbewegung. Eine historische Studie zur missionarischen Spiritualität neuer kirchlicher Bewegungen, Köln 2007, 55. 41 Frank, 1962, 38. 31 eInleItung Pallotti weist auf diese Liebe immer wieder hin. Als Wahlspruch der Gesellschaft wählte er: „Caritas Christi urget nos“ (Die Liebe Christi drängt uns, 2 Kor 5,14).42 In diesem Leitwort drückt sich alles pallottinische Wirken und Handeln aus (Abb. 11, 48). 42 Ebd., 40.

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References

Zusammenfassung

Nur wenige Menschen brachten den Mut auf, sich dem unaufhaltsamen Vernichtungswillen des Nazi-Regimes entgegenzustellen. Einer von ihnen war der Pallottiner-Pater Richard Henkes, der selbst im KZ Dachau inhaftiert wurde und sich dort der Pflege von an Typhus erkrankten Menschen annahm.

Henkes Vermächtnis an Nächstenliebe und Opfermut, das würdige Verhalten gegenüber Fremden und das standhafte Festhalten an den eigenen Lebensgrund­sätzen sind beispielhaft. Er war ein Brückenbauer zwischen den Menschen und gilt als jemand, der während des Nazi-Regimes das aussprach, was viele nicht auszusprechen wagten.

Sein Leben ist uns Botschaft, friedfertig und tolerant gegenüber anderen Nationen und Völkern zu handeln – dieser Aufgabe müssen wir uns gerade heute im Zuge der Globalisierung und zunehmender Völkerwanderungen mehr denn je stellen. Das Lesen von Henkes Geschichte leitet dazu an, das eigene Spiegelbild zu suchen und kritisch zu hinterfragen, und es ermutigt dazu, bestehende gesellschaftliche Normen und Werte zu überdenken und mehr Verantwortung für andere zu übernehmen.