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8. Orte und Situationen des Wissenstransfer in:

Alexander Ell

Wissenstransfer im Community Based Tourism, page 82 - 106

Eine Feldstudie in der Region Yogyakarta, Indonesien

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-3977-9, ISBN online: 978-3-8288-6805-2, https://doi.org/10.5771/9783828868052-82

Tectum, Baden-Baden
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82 8. Orte und Situationen des Wissenstransfer Wesentlicher Bestandteil des CBT-Konzeptes ist die Partizipation der Bevölkerung in möglichst allen Bereichen und Phasen. Die Entwicklung eines Verständnisses für Tourismus und das Erlangen von Wissen sowie diversen Fähigkeiten sind dafür nötig (Raharjana 200:150f). Es wurde festgestellt, dass die Dörfer und ihre Bewohner einen gewissen Wissensfundus haben, es aber weiterhin Lücken gibt. Wie wird nun dem Defizit an Tourismuswissen entgegengewirkt und welche Faktoren behindern und begünstigen Transfer und Anwendung von Wissen? 8.1. Schulungen und Trainings für die Tourismusdörfer Die Schulungen verschiedener Behörden, die notwendiges Wissen für eine erfolgreiche Entwicklung der Tourismusdörfer vermitteln sollen, könne in zwei Bereiche eingeteilt werden: Den Bereich des Umweltschutzes, der den Schutz der Vögel und ihres Lebensraumes miteinschließt und den Bereich über Tourismus, in den Kenntnisse über Hygiene, Guiding, Zubereitung von Menüs für die Touristen usw. fallen. 8.1.1. Spezielle Trainings und Schulungen in Ketingan Laut unserer Informanten, schenkte man den Vögeln anfangs Beachtung, weil sie durch Gestank, Schmutz und als vermeintliche Gefahr für die Melinjo-Bäume und damit auch die Ernte auffielen. Folglich versuchten viele Einwohner die Tiere zu vertreiben und zu schießen, wobei Letzteres immer dorfexternen Personen zugeschrieben wird. Erst durch Schulungen der BKSDA wurde ein anderer Umgang mit den Vögeln vermittelt (KIbu, KJum, Khar1, KSri, Raharjana 2005). 83 „The BKSDA, with the mission of conservation, came here. They came to talk with pak dukuh94 and ask him to get the people together. The BKSDA told us that this bird is rare and protected. It is protected not only regionally but nationally and maybe internationally. People here used to poach the eggs. They climbed the bamboo trees. Children liked to boil the eggs. People tried to scare the birds away... After BKSDA gave explanations, the people began to be aware of them and starting at 2002 the committee was established to run the desa wisata“ (KHar1). In mehreren Versammlungen wurden die Bewohner über die Vögel und ihre Gewohnheiten und vor allem auch darüber, dass sie unter Schutz stehen aufgeklärt. Die Gesundheitsbehörde (Dinas Kesehatan) kümmerte sich um die Sorgen der Bevölkerung bezüglich möglicher gesundheitsschädlicher Auswirkungen. Nach Untersuchungen des überall zu findenden Vogelkots stellte sich die Angst vor einer Infektion mit Vogelgrippe als unbegründet heraus. In Hinblick auf das entstehende Tourismusdorf unterrichtete die Gesundheitsbehörde die Bevölkerung auch über allgemeine Maßnahmen einer hygienischen, gesunden Lebensführung (KHAr1+2, KSri, IBud). In Zusammenhang mit der Aufklärung über die Vögel steht auch die von der Landwirtschaftsbehörde Slemans (Dinas Pertanian Kabupaten Sleman) organisierte Schulung der Bevölkerung in der gezielten Vermehrung von Belinjobäumen, die unter dem Einfluss der Vögel litten (KHar2, KJum, Raharjana 2005). Mittlerweile wurde diese Komponente sogar so weit in das Tourismusprojekt integriert, dass Besucher beim Setzen der Samen und Jungbäume helfen, sich so aktiv am Naturschutz beteiligen und den Bewohnern Arbeit abnehmen (KHar2, Raharjana 2005:159f). Außerdem hat man in Ketingan gelernt, Belinjo-Früchte zu Chips zu verarbeiten. Die nötige Ausrüstung und Ausbildung lieferte die Hochschule für landwirtschaftliche Erweiterung, Yogyakarta (Sekolah Tinggi Penyuluh Pertanian Yogyakarta), jedoch nicht speziell in Hinblick auf das Desa Wisata, sondern als landwirtschaftliche Schulung wie sie in Sambi und Ketingan ab und zu stattfinden. In diesem Fall hatte dies allerdings auch direkten Einfluss auf das Tourismusprojekt, weil man das Produkt direkt an Touristen verkaufen und die Herstellung der Chips – ebenso wie die bereits genannte Pflanzung von Belinjobäumen - als Programmpunkt buchen kann. 8.1.2. Inhalte der Tourismusschulungen Das allgemeine und spezielle Tourismuswissen wird in Schulungen von den bereits genannten Ministerien, Bildungsinstitutionen und privaten Akteuren 94 Pak dukuh bezieht sich auf den kepala dukuh, das Dorfoberhaupt. 84 vermittelt. Aus den mir vorliegenden Schulungsmaterialien (siehe Quellenverzeichnis SM 1-7) sowie der Teilnahme an einer Schulung und den Aussagen unserer Gesprächspartner soll eine Übersicht über die Themen gegeben werden. Je nach ausrichtender Behörde, durchführenden Personen und zeitlichem Rahmen variieren Inhalt und Umfang der Schulungen. Es werden also nicht immer alle genannten Punkte der folgenden Übersicht angesprochen. Am Anfang steht eine Art Einführung in den Tourismus in der Region. Motivation der Touristen, Besonderheiten und Potenziale der Dörfer und der gesamten Region mit ihren spezifischen kulturellen und natürlichen Gegebenheiten, Gewinne sowie mögliche negative Nebeneffekte des Tourismus und die Langwierigkeit des Prozesses werden thematisiert. Oft werden die zu hohen Erwartungen an die Regierungen und ihre Behörden, die sich nur als Moderator und Unterstützer verstehen, gedämpft (IBud, Dwi 2004). In Sambi fand die erste allgemeine Schulung dieser Art im Jahre 2001 statt, was die Bevölkerung motivierte ein Desa Wisata zu gründen. In allen Schulungen nehmen Einheiten, die eine erwünschte Einstellung und Verhaltensweise gegenüber den Gästen propagieren, großen Raum ein. Dabei werden viele Soft Skills angesprochen, die sich die Gastgeber aneignen sollen. Eine freundliche, offene, zuvorkommende, höfliche, aufmerksame und respektvolle Grundhaltung wird erwartet, die jedem Besucher gleichermaßen zuteil werden soll. Die Bewohner sollen die Gäste nicht kritisieren oder ihre Fehler korrigieren. Politik, Religion oder andere kontroverse Themen sollen gemieden, oder mit Tolleranz gegenüber den Gästen besprochen werden. Trotz aller Aufmerksamkeit den Gästen gegenüber, soll ein gewisser Abstand gewahrt werden, d.h. ihr Zimmer soll nur zur Erledigung wichtiger Aufgaben betreten werden und man soll keine privaten und geschäftlichen Dinge vor ihnen besprechen. Unschöne Verhaltensweisen wie murmeln, spucken, pfeifen, brüllen, rauchen und sich kratzen sollen vor den Gästen vermieden werden. Zudem sollen die Bewohner unschöne Worte vermeiden und auf angemessene und saubere Kleidung achten, sich in Geduld üben und aus Fehlern lernen. Der Aufforderung, eine positive emotionale Haltung gegenüber Gästen zu entwickeln, gipfelt in der Suggestion: „Besucher machen Sie glücklich, wenn sie bei Ihnen sind“ (SM 7). Für den Fall, dass dies nicht derart einfach funktioniert, wird auch die Sicht eines Dienstleisters erwähnt, aus der man sich in Erinnerung rufen könne, dass Gäste kein Störfaktor sind, sondern Einnahmen bringen.95 95 Viele der eben genannten Punkte sind Inhalt der Konzepte des „Sadar Wisata“-Programms (Tourismus-Bewusstsein), das 1989-1990 vom indonesischen Tourismusministerium erdacht wurde, und bis heute wesentlicher Bestandteil von touristischen Schulungen ist. Kern des 85 Die Ansprüche der Gäste und der angemessene Umgang sind ein zentrales Oberthema bei allen Schulungen. Wie empfängt und bewirtet man Gäste? Wie richtet man ein Schlafzimmer ein und welche Mindestanforderungen sollte ein Badezimmer erfüllen? Dazu gehören besonders auch hygienische Aspekte, vor allem bezüglich der Toiletten und - falls vorhanden - Badezimmer, aber auch der Umgang mit Müll, die Körperhygiene der Bewohner, etc. Die Organisation eines Tourismusdorfes, die Notwenigkeit von Management und Vermarktung, eine Einführung in die Buchhaltung zur realistischen Kosten-Nutzen-Analyse, Beispiele für die Kooperation mit Reiseagenturen o.ä., die Erläuterung der Aufgaben zentraler Positionen in der Verwaltung und Buchhaltung und konkrete Aufgaben, wie die Annahme von Reservierungen, werden besprochen. Auch wird angemerkt, dass je nach Angebot und Besuchergruppe an weitere Notwendigkeiten wie Transportmittel und deren Verfügbarkeit und Kosten gedacht werden sollte. Bei manchen Schulungen werden auch Themen wie Empowerment der Bewohner und Genderaspekte angesprochen. Einerseits, weil es ein logischer Schritt ist, bereits vorhandene Organisationen der Jugend, Nachbarschaft und Frauen in das Projekt zu integrieren, andererseits auch, weil das Desa Wisata über die üblichen „Frauenaufgaben“ hinaus Chancen zur Partizipation und damit Emanzipation der Frauen bietet, wie Hasbullah von Tourista Tours in seinen Ausführungen zum Humankapital betont (IHas). Auch die Zubereitung von Essen und die Bewirtung der Gäste werden bei allen Schulungen angesprochen. Es werden Variationen mit einheimischen Zutaten vorgestellt und bei manchen Schulungen versuchsweise zubereitet, sowie regional untypische oder gar ausländische Gerichte, um möglichst große Vielfalt in den Speiseplan zu bringen und auch auf kulinarisch konservative internationale Gäste vorbereitet zu sein. Seltener gibt es auch eine Einheit für Guides. Diese meist von Personal der HPI gegebenen Schulungen umfassen die Organisation von Transporten, Planung der Route, Umgang mit den Gästen, Sicherheitsmaßnahmen, Kenntnisse über die besuchten Orte und deren Umgebung sowie eine angemessene Sprache und Methode zur Vermittlung dieses Wissens an die Gäste, unter Berücksichtigung von Gruppengröße, Beruf, Alter, Religion, sozialer, politischer sowie kultureller Herkunft. Die moralischen und intellektuellen Programms sind die Sapta Pesona, die „Seven charms“: Sicherheit, Ordnung, Sauberkeit, (kühler) Komfort, natürliche Schönheit, freundliche Menschen und Erinnerungen. Deren Beherzigung durch die Bevölkerung soll eine tourismusfreundliche Atmosphäre schaffen (Q1). 86 Qualitäten eines Guides entsprechen weitestgehend den bereits genannten Anforderungen an das Verhalten gegenüber Gästen und werden durch professionelle Fähigkeiten, vor allem Sprachkenntnisse, ergänzt. 8.1.3. Faktoren des Wissenstransfers durch Tourismusschulungen Bei einer Schulung für Dörfer, die mit dem Gedanken spielten oder sich bereits dazu entschlossen hatten, ein Desa Wisata zu werden, der wir am 7.10.2008 in einem Dorf, ca. eineinhalb Autostunden südlich von Yogyakarta beiwohnten, ließen sich sehr gut einige der Faktoren beobachten, die für Wissenstransfer bedeutend sind. Die Schulung wurde von der Baparda veranstaltet und dem JTTC durchgeführt. Mit einem der dort vortragenden Trainer, Suherman (Jsuh), stellvertretender Leiter des JTTC (JIru), hatten wir bereits zuvor gesprochen. Die Ansichten des Trainers Eddy, der an dieser Schulung nicht teilnahm, werden ebenfalls genannt (JEdd). Beide Trainer fielen als sehr sympathische Personen auf, die sich gut artikulieren und komplexere Sachverhalte verständlich darlegen konnten. Eddy, der auch bei unserem Gespräch viel mit Mind Maps arbeitete, hatte ein großes Talent dafür, Sachverhalte für ein besseres Verständnis an konkreten Beispielen zu erklären. In der Schulung wurde die Wichtigkeit von kommunikativen Fähigkeiten und der Art der Wissensvermittlung ersichtlich. Wie von den drei Mitarbeitern des JTTC beschrieben, sei es zunächst wichtig „das Eis zu brechen“ (JSuh, JEdd, JIru). Diese Aufgabe hatte Hendri an diesem Morgen inne und er tat dies mit erstaunlichem Talent. Nach den formalen und etwas steifen Begrüßungsreden durch anwesende Angehörige diverser Regierungseinrichtungen u.a. der Baparda, schaffte er es schnell, unter anfangs äußerst schüchternen Schulungsteilnehmern eine gute, offene Stimmung zu verbreiten. Er unterhielt sie wie ein Entertainer, wobei er auch von sich erzählte, um gleichzeitig herauszufinden, welche Personen aus welchen Orten welche Fragen, Schwierigkeiten und auch welches Vorwissen hatten. Sein sehr persönlicher, lustiger Zugang zu den Leuten kam gut an und die Teilnehmer versuchten aufmerksam, seinen Ausführungen über grundlegende Ideen und Prinzipien der Desa Wisata zu folgen. Der nachfolgende Trainer sollte grundlegende Züge des Rechnungswesens vermitteln. Er redete sehr schnell, während er an der Tafel vorrechnete, dass man z.B. den Gewinn durch die gleichzeitige Bewirtung mehrerer Gäste steigern könne, weil dann die Ausgaben im Verhältnis zu den Einnahmen geringer würden. Er fragte zwar nach, ob alle die Rechnung verstanden hätten, doch es wirkte eher wie eine rhetorische Frage und aus den Reaktionen der Teilnehmer - Versuche, beim Tischnachbarn zu kopieren, Fragen untereinander, missmutige Gesichter, 87 viele hörten ganz auf mitzuschreiben etc. - ließ sich ablesen, dass dies bei den meisten nicht der Fall war.96 Ein Teilnehmer, der bereits an mehreren Schulungen teilgenommen hatte, sagte uns nach dem Training, dass die Sprache in den Trainings immer sehr schwierig zu verstehen sei, da das Vokabular wie auch die Art des Redens nicht immer verständlich seien (IGuy). Der Trainer Suhermann der auch als Dozent an der UGM arbeitet, war sich dessen bewusst und betont, dass es sehr wichtig sei, in einfachen Worten zu sprechen (JSuh). Er verglich die Unterrichtssituationen miteinander: „The difference is the audience. Teaching students, with their good education, is different from teaching country people, who are more timid, who feel shy to ask questions. When in doubt, students ask. Not the country people. They are shy. […] The difference lies in their educational background. But some administrators of desa wisata are college graduates. It's different, and it varies also at the trainings. So the intellectual background very much influences the run and efficiency of the training“ (JSuh). Ein weiteres Defizit der Schulung liegt darin, dass den Anwesenden, die oft kein Vorwissen die meisten Themen betreffend haben (JSuh), zu viel Stoff auf einmal zugemutet wird. Die ungewohnte Fülle von Informationen, die von morgens bis nachmittags an zwei aufeinanderfolgenden Tagen vermittelt werden, stellt für diejenigen Anwesenden, die derartiges nicht gewohnt sind, schnell eine Überforderung dar. Bereits der Inhalt der ersten PowerPoint- Präsentation war sehr dicht. Den Inhalt mehrerer solcher Präsentationen aufzunehmen, stellt hohe Anforderungen an das Publikum. Gegen Ende des ersten Tages war deutlich zu erkennen, dass die Leute erschöpft und wenig aufmerksam waren. 8.1.4. Meinungen über die Inhalte der Tourismusschulungen Die Schulungen wurden von den meisten Dorfbewohnern als nützlich erachtet (KHar1+2, KSri, KJum, SIth1+2, SSyo, SSmok, SBun, SSup). Allerdings wurde auch Kritik an den Inhalten geäußert. Der Leiter des Komitees in Sambi hatte einer, von der PHRI97 durchgeführten, Schulung beigewohnt und diese als nutzlos empfunden, da sie nicht den Bedingungen und Ansprüchen eines Dorfes gerecht wurde. 96 Gerechterweise muss man erwähnen, dass dieses Thema bestimmt schwieriger gewinnend umzusetzen ist als die Einführungen. 97 Perhimpunan Hotel dan Restoran Indonesia, Verband der indonesischen Hotels und Restaurants 88 „I didn't like it. They gave us training about how to handle guest, how to make dinner and breakfeast and lunch menu. But here we have different food. We're not five star hotel. No need for different, ah, cutlery, we are selling traditional food. 'Here, please: Just use your fingers!' We don't need how to decorate room, how to set table... how to prepare hotel bed. We have different product, diffrent customer. We are selling traditional homestay, how to grow rice... we are selling... culture. We don't need service like five star hotel. We are not talking about international tourist... No, I didn't like it“ (SHar2). Er plädierte dafür Trainings speziell für Desa Wisata anzubieten, weil die von ihm besuchten für das Projekt nutzlos seien (ebd.). Ithok Dwi, der von ihm persönlich besuchte Schulungen für sehr nützlich hielt, differenzierte dies folgendermaßen: „Not everything can be used in every village. Only some things may be useful, depending on each desa wisata“ (SIth2). Bei der Durchsicht einiger Schulungsunterlagen bestätigte sich der von ihm vermittelte Eindruck. Guideschulungen des HPI beziehen sich auf Führungen speziell für Monumente und historische Stätten, für (oftmals ausländische) Besuchergruppen, die in den meisten Fällen nicht denen der Desa Wisata entsprechen. Schulungen von Personal der PHRI beziehen sich auf die Ansprüche in der Hotelbranche (SM 1-7). Ein weiterer Gesprächspartner hatte eine Schulung über das Anfertigen von Batiken besucht. Sein Interesse, dieses Produkt in Sambi einzuführen, war gering. „Not every village can sell batik“ (SMok). Unsere Gesprächspartner aus den Behörden wussten um diese Probleme. Sie erwähnten, dass es ein Problem sei, wenn Attraktionen einfach kopiert würden, da dies zu einem Konkurrenzkampf auf einem zu kleinen Markt führe. Dies versuche man zu vermeiden, indem man – soweit vorhanden - auf die jeweils spezifischen Potentiale aufmerksam mache (IDew, BFit, BPip, IDes, IWeb). Das Problem der unpassenden Trainings versucht die Dinas im Gespräch mit den durchführenden Verbänden zu beheben (DDew). Auch Pak Hasbullah, der Chef des Touranbieters Tourista Tours, der ebenfalls in Kooperation mit der Dinas Schulungen durchgeführt hatte, hielt deren Inhalte teilweise für unangebracht für die Zielgruppe der (angehenden) Touristendörfer. Er führt zum Teil eigene Schulungen durch, wollte seine Erfahrungen aber vor allem in ein Schulungsprogramm einbringen, das er der Dinas vorlegte (IHas, DDew, Q 5). Wie uns unsere Gesprächspartnerin der Dinas versicherte, war dieser Vorschlag angebracht aber leider kaum zu finanzieren. Darüber hinaus habe er mit seinem Antrag und der darin impliziten Kritik an den Schulungen der Dinas die Kompetenz des Leiters der Behörde in Frage gestellt, weswegen dieser sich einer Kooperation nun aus Prinzip verweigere (DDew). 89 8.1.5. Zwischenfazit In den Gesprächen mit den Personen aus dem Bereich des JTTC wurde deutlich, dass in den Trainings die Art, in der das Wissen vermittelt wird, bedeutend für den Erfolg oder Misserfolg des Wissenstransfers ist. Einig waren sich alle Befragten aus dem Bereich der staatlichen Organisationen und des JTTC darüber, dass die Schulungen dem Publikum angemessen sein müssen, da die Teilnehmer aus oftmals ländlichen Gebieten keine hohe Bildung haben und zu großen Teilen Bauern seien, die keinerlei oder nur wenig Verständnis für Tourismus hätten: „We try to make it simple“ (IFit). Trotz dieses guten Vorsatzes war deutlich das zu erkennen, was Rogers „Information Overload“ nennt (Rogers 2003:368f). Wie gut zu sehen ist, beeinflusst der bereits vorhandene Bildungs- und Wissenshintergrund ganz bedeutend die Aufnahme neuen Wissens. Die kommunizierten Informationen müssen in Umfang, Inhalt und Art der Kommunikation anschlussfähig sein. Sie müssen von den Schulungsteilnehmern nach Mundy und Compton auf der Basis ihres Vorwissens dekodiert und interpretiert werden können, was bei dem beobachteten Training nicht der Fall war (Mundy/Compton 1995). Wie in der CBT-Literatur (Palm 2000:118f, Victurine 2000:224ff) dargelegt wurde, scheinen praktische Ansätze für den Wissenserwerb geeignet. „Learning by doing“ als die wiederholte praktische Einübung scheint die präferierte und sinnvollste Art zu sein, Wissen zu erwerben. Dies zeigt sich auch durch die Forderung nach Folgeschulungen und mehr praktischen Trainings von Seiten der befragten Bewohner aus Sambi und Ketingan (SHar1+2, SSuy1+2, SSun, SMoh, KHar2, KJum) sowie der Trainer. „I don't think those trainings are all that's needed. There need to be follow ups, real practice. The trainigs give theorie only. There need to be practical trainings, how to implement trainings in real life. That's most important!“ (JSuh). Bei der von uns besuchten Schulung wurde hingegen ein akademisches Konzept von Wissensvermittlung offensichtlich unpassenderweise angewendet. Die Art der Wissensvermittlung durch den zweiten Trainer auf der oben beschriebenen Schulung lässt auf eine Diskrepanz zwischen den Vorstellungen und gewohnten Arten von Wissenserwerb im Verständnis der ausführenden Kräfte und der Empfänger schließen. Diese liegt im jeweiligen Wissensfundus und den daraus abgeleiteten Gewohnheiten und Handlungen - oder 'Habitus' nach Bourdieu - begründet. Als bedeutend stellten sich die Soft Skills der 'Sender' heraus. Unter Soft Skills verstehe ich Fähigkeiten, die wesentlich die Interaktion mit anderen Menschen beinflussen. Mittels Empathie geht Pak Suherman auf sein Ge- 90 genüber ein, versucht in einfachen Worten zu reden, versucht die Leute 'dort abzuholen wo sie stehen', sich ihrem Bildungsniveau und ihrer Art zu kommunizieren anzupassen, so dass seine Informationen leichter von den Empfängern entschlüsselt und interpretiert werden können. Er macht sich, bzw. die gesendeten Informationen, möglichst anschlussfähig. Dies geschieht vor allem auf einer emotionalen Ebene. Das „Eis brechen“ heißt auch, dass die Personen eventuelle anfängliche Unsicherheiten ablegen oder sie artikulieren, dass sie sich wohl fühlen in der Situation und mit ihrem Gegenüber und ihn als glaub- und vertrauenswürdig einschätzen. Die Einschätzungen und damit Zuschreibungen der Seminarteilnehmer bezüglich des Trainers sind ausschlaggebend für die subjektive Relevanz der von ihm gelieferten Informationen (Schützeichel 2007:548). Aber auch wenn diese, auf ihren Soft Skills basierenden, Fähigkeiten der einzelnen Trainer, Wissen zu vermitteln, wichtig sind, können sie nur innerhalb des gesetzten Rahmens zum Gelingen des Wissenstransfers beitragen. Ein Trainer kann das Beste aus seiner Einheit einer Schulung machen, aber wenn die Anwesenden durch die Informationsdichte und Länge der Veranstaltung überfordert sind, nutzen auch Empathie und Motivationstalent nur begrenzt. Die gilt ebenso im Fall einer Irrelevanz der Inhalte. Selbst wenn die Sender, in diesem Fall der Trainer, als glaubwürdig gelten, wird Wissen nur angenommen, wenn es als relevant erkannt wird (Hartwig 2004:176, Dudley 1993, Neubert/Macamo 2004:104). Wie sich herausstellte, war dies nicht immer der Fall. Dies weist auf verschiedene Verständnisse der Bedeutung von Tourismus und darüber, was für seine Entwicklung gebraucht wird, hin. Hier tritt klar der Bildungs- und Erfahrungshintergrund der unterrichtenden Verbände und Personen zu Tage, wie an den Beispielen der Hotel-Service- Schulung und der Guide-Schulung ersichtlich wurde. Viele Trainings gehen von der Einschätzung aus, dass Sauberkeit für die Desa Wisata-Projekte wesentlich sei und mangelnde Hygiene eines der Hauptprobleme in deren Entwicklung darstellt. Nach Ansicht mancher Dorfbewohner wären aber andere Themen ebenso wichtig (SMok, SHar2). Die Erfahrungen aus den bisherigen Schulungen bedingt die Einschätzung des Nutzens von solchen Schulungen im Allgemeinen und damit auch die Motivation weitere zu besuchen. 8.2. Vergleichsstudien und das Kommunikationsforum der Tourismusdörfer Wie erwähnt wurden die Schulungen nicht nur kritisiert, sondern durchaus auch für nützlich gehalten. Das ehemalige Dorfoberhaupt Ketingans fand sie 91 vor allem deswegen gut, weil man dort Beziehungen knüpfen konnte, nicht nur zu den Behörden und Verbänden sondern besonders auch zu Vertretern anderer Dörfer, mit denen man sich austauschen konnte (KSri). Die Behörden, die möglichst viel Verantwortung abgeben wollen, sind darum bemüht, diesen Austausch der Desa Wisata untereinander und auch mit der Wirtschaft zu fördern. Dies entspricht einerseits der Idee des CBT, zum anderen haben sowohl Dinas als auch Baparda keine Ressourcen, sich intensiver um diese Projekte zu kümmern (Raharjana 2005, Dwi 2004, IBud, DDew). Diesem Denken entsprangen das FKDW und studi banding, Vergleichsstudien, die dieses zusammen mit den Dörfern organisiert. 8.2.1. Vergleichsstudien Die Vergleichsstudien bestehen aus einer Exkursion in andere Desa Wisata, um Ideen zu bekommen und Erfahrungen mit den dortigen Bewohnern und Teilnehmern aus weiteren Dörfern auszutauschen. Manchmal gehören dabei auch kurze Schulungseinheiten zum Programm. „We also had small trip to Batu Raden98 so see what it looks like. We organize this, not that regularly, once in a year or two. It's for the people here so that they get a broader experience. You know, people in this village vary in educational background. Not all graduate from university. Generally they finished Senior high school. Even some only finished junior high. It is great that they learn from outside. Once they learn, they can improve what needs to get improved here“ (KJum). In Sambi hatte ein Mitglied des Managements im August 2006 an einer solchen studi banding teilgenommen und das Desa Wisata Sambi, seine Geschichte, das Management, Potentiale und Angebote vorgestellt (SMok). Zu erwähnen ist dabei, dass besondere Betonung auf eine korrekte und transparente Buchhaltung gelegt wurde, nachdem diese in Sambi gegen Ende der Amtszeit des vorhergehenden Managements zu einem problematischen Thema geworden war (SM 8). Der Teilnehmer selbst hielt diesen Austausch für lehrreich: „It's good because you can talk to others and see how they manage it, use their experience“ (SMok). 8.2.2. Das Kommunikationsforum der Tourismusdörfer (FKDW) Das FKDW wurde vom Amt für Tourismus und Kultur (Dinas) ins Leben gerufen um den Erfahrungs- und Meinungsaustausch sowie die Kooperatio- 98 Batu Raden (oder auch Baturaden) liegt am Rande der Berges Slamet und Zentraljava und ist ein beliebtes Ausflugsziel javanischer Touristen. Die natürlichen Attraktionen sind ein Wasserfall und heiße Quellen. 92 nen zwischen den Desa Wisata zu ermöglichen und darüber hinaus die Kontaktaufnahme, Austausch und Kooperation mit Behörden, Verbänden und Unternehmen zu erleichtern. Am 4. September 2008 wurde das Forum, das bis zu diesem Zeitpunkt die Desa Wisata des Regierungsbezirks Sleman umfasste, auf die Ebene der gesamten Sonderprovinz Yogyakarta erweitert und umfasst jetzt neben Sleman auch die der Bezirke Bantul, Gunung Kidul und Kulon Progo, die sich erhoffen, von den Erfahrungen der Desa Wisata in Sleman profitieren zu können. Daneben verspricht man sich eine effektivere (Re-)Präsentation und Werbung der Desa Wisata. Von diversen Behörden wurden auch einige Schulungen für die Mitglieder des Forums organisiert (IMok). Bei der Gründung des erweiterten Forums wurden von der Baparda bereits weitere Trainings in Aussicht gestellt (FKDW). Dank des Forums haben die Behörden eine zentrale Anlaufstelle, an der Informationen gebündelt und verbreitet werden. Manche Anfragen, die vorher einzeln an sie gerichtet wurden, können nun im Forum geklärt werden, so dass alle Teilnehmer davon profitieren. Der Informationsfluss in die andere Richtung wird ebenfalls begünstigt. Anfragen vom Forum haben mehr Gewicht als von einzelnen Managern der Dörfer, die anwesenden Vertreter der Behörden sind informiert über Situation, Anliegen und Aktionen der Desa Wisata und erweitern durch diesen permanenten Kontakt ihr Wissen (FKDW). Diese Idee wurde angenommen und das FKDW etablierte sich langsam als Knotenpunkt des Austausches und der Kooperation zwischen den verschiedenen Akteuren (DDew, BPip, IDes1+2). Die Vernetzung der Desa Wisata untereinander und deren gemeinsames Auftreten ermutigt die Teilnehmer des Forums zu ihren Projekten (IDes2, ISuj1+2). Fragen können gestellt und Erfahrungen ausgetauscht werden: „You could get information there, and guidance, you know? There were just 15 desa wisata at my time but I know them all. It's good to connect. You can ask easily...“ (SMok). Jedes Desa Wisata ist eingeladen, mit einer oder zwei Personen an den monatlichen Sitzungen teilzunehmen um sich mit anderen Personen auszutauschen. Während früher verschiedene Mitglieder des Managements Sambis teilnahmen, war dies in der gerade zu Ende gegangenen Amtszeit nicht mehr der Fall gewesen. Der Ketua des Desa Wisata Sambi schien die Einrichtung nicht einmal zu kennen (SHar2). Ketingans Ketua hingegen ist sehr engagiert im Forum. 8.2.3. Zwischenfazit Der Austausch von Erfahrungen im Dialog von Personen, mit ähnlichen Problemen und Aufgaben findet großen Anklang bei unseren Gesprächspartnern. Bei den Vergleichsstudien ist der Ansatz praktischer als bei den 93 Schulungen. Hier scheinen weniger habitusbedingte Kommunikationsprobleme aufzutreten. Die Vertreter anderer Dörfer zu fragen, fällt unseren Gesprächspartnern leichter. Man kann hier auf Augenhöhe Erfahrungen austauschen und ohne Hemmungen fragen, wenn man etwas wissen will (SMok). Die Schüchternheit, wie sie auf den Schulungen auffiel und von einem Gesprächspartner (JSuh) benannt wurde, war auf dem von uns besuchten Treffen des FKDW nicht derart stark vorzufinden. Dies lässt Rückschlüsse darauf zu, dass Kommunikation stark durch den sozialen Status der beteiligten Parteien und damit verbundene Hierarchien bedingt wird (Fried 2003:10f, Keller 2008:39ff, Schultze 1998:19f). Die in der CBT-Literatur angegebene Bildung von Foren und Netzwerken zum Wissenstransfer trifft auch auf das untersuchte Fallbeispiel zu (Scheyvens 2003:244). Durch den zentralen Knotenpunkt des Forums wird es allen Beteiligten erleichtert, Informationen zu erhalten und zu vermitteln. Es bewirkt eine Bündelung des Informationsflusses und bietet die Möglichkeit eines Austauschs aller beteiligten Akteure. Die Nichtbeteiligung des Desa Wisata Sambi bewirkt, im Vergleich zu den anderen Tourismusdörfern, ein Informationsdefizit. Mögliche Optionen und Aktionen können nicht wahrgenommen werden. Die Nicht-Partizipation Sambis weist auf weitere Faktoren für den Transfer von Wissen hin. Zum einen darauf, dass der Ketua sich nach schlechten Erfahrungen nichts mehr von Schulungen verspricht und sie als irrelevant einstuft, zum anderen auf den bereits erwähnten Zeitaufwand. 8.3. Der Wissenstransfer innerhalb der Tourismusdörfer Zur Weitergabe von Informationen im Dorf wurden vorhandene Strukturen des Dorfes von den Komitees beider Dörfer genutzt. In Sambi wurde eine Dorfversammlung, in Ketingan eine Versammlung des LPMD, vom Dorfoberhaupt einberufen, um die Bevölkerung über das Potential eines Tourismusdorfes zu informieren und ihre Meinung zur Gründung eines Desa Wisata zu erfahren. In Ketingan wurde die Bevölkerung zuvor auf einer Versammlung des LPMD von der BKSDA über die Vögel und ihren Schutzstatus aufgeklärt und erklärt, wie man sich entsprechend verhalten müsse.99 Wenn es bestimmte Aufgaben oder Schulungen wie z.B. Kochkurse gab, nutzte man die vorhandenen Organisationen wie die PKK oder die Jugendorganisation und deren Kommunikationsstrukturen, um bestimmte Teile der Bevölkerung darüber zu informieren und Teilnehmer zu finden (SSum1+2, SSuy1+2, KHar2, KSri, KIbu). 99 An diesen Dorfversammlungen nehmen normalerweise nur Männer teil. 94 Innerhalb der Organisationsstruktur des Desa Wisata wird manches Wissen aus Schulungen weitergegeben (SIth1, SSyo, LHary1+2). In beiden Dörfern ging zur Schulung wer gerade Zeit erübrigen konnte. Dieser erzählte hinterher dem restlichen Management oder einem Teil davon, was er gelernt hatte. Oft geschah eine Weitergabe auch informell und fragmentarisch. Ein wesentliches Merkmal einer solchen Weitergabe des Erlebten ist dabei die Tatsache, dass nur das weitergegeben wird, was der Wissensträger auch für erwähnenswert hält oder weiterzugeben gewillt ist. Die Darstellung ist dabei natürlich abhängig von seinem Verständnis und der individuellen Interpretation der Informationen. Das Problem liegt in der Fülle der kommunizierten Informationen. Neben den allgemeinen Ideen und Grundlagen zu Tourismus und Desa Wisata beinhalten diese auch Spezialwissen über Buchhaltung, Management, etc. Die Menge der Informationen macht ihre Weitergabe sehr schwierig. Gerade in der Anfangsphase der Desa Wisata ist das eine kaum zu bewältigende Aufgabe, denn „How can you explain something that you hardly understand yourself? You can't teach something that you heard just once in a training“ (JSuh). Im Allgemeinen findet eine Weitergabe von Wissen von oben nach unten innerhalb der Organisationsstrukturen und -hierarchien statt. Besonders der Leiter des Managements wird somit stets einen größeren Wissensfundus haben, als andere Mitglieder des Komitees oder die restlichen Dorfbewohner. Wie sich jedoch am Beispiel der Guides zeigen lässt, gelangen Personen auf andere Weise an touristisches Spezialwissen. In Sambi sagte uns ein Gesprächspartner, dass er die Informationen, die er aus seiner Guide- Schulung für relevant hielt, auch an das Management und an andere Guides weitergegeben habe. Vieles, was er in der Schulung gelernt habe, habe er jedoch auch für sich behalten, da es für andere Positionen nicht so sinnvoll gewesen sei (SIth1). Auch in Ketingan sprach der Ketua stolz von der Guide-Schulung, an der acht junge Leute teilgenommen hatten, aber über die Inhalte der Schulung war er nur oberflächlich informiert. Weder in Sambi noch in Ketingan gab es eine systematische Sammlung der erhaltenen Schulungsmaterialien oder Ambitionen, vorhandene Materialien für andere zugänglich und nutzbar zu machen (KHar1,SHary1). Es zeigte sich in Sambi, dass innerhalb des Komitees und sogar innerhalb bestimmter Arbeitsgruppen ein Mangel an Kommunikation herrschte (SMok). So wusste ein Komitteemitglied nicht, wer sein Partner für seinen Aufgabenbereich war (SSut) und der Leiter des Komitees war sich nicht ganz sicher, wer alles dem Komitee angehörte (SHar2). Dies mag der Tatsache geschuldet sein, dass nach dessen Einschätzung nur die Spitze des Komitees 95 funktioniert und die Personen in den übrigen Positionen, die meistens unterbesetzt waren, geringes Engagement zeigen (SSun, SHAr1+2, SMok). In Sambi, wo es seit der Gründung des Desa Wisata mehrere Managementwechsel gab, kam noch eine andere mögliche Schnittstelle der Wissensweitergabe in Betracht: Die Vermittlung von Wissen zwischen den alten und den neuen Inhabern der Komiteeposten. Es zeigte sich, dass ein derartiger Austausch, obwohl er nahe liegend ist und alle Beteiligten angaben, an einer positiven Entwicklung des Desa Wisata interessiert zu sein, nicht stattfand. Dies ist das Resultat von Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Führung des Desa Wisata. Das 2005 gegründete Komitee sah sich oftmals Kritik ausgesetzt. Nach seinem Rücktritt wurde es 2006 neu besetzt; teilweise mit den Kritikern des Vorherigen Komittees. Die Zurückgetretenen sahen daher keine Veranlassung, mit dem neuen Komitee zusammen zu arbeiten. Ithok Dwi, der durch seine praktischen Erfahrungen aus der Anfangszeit des Desa Wisata und seine akademische Beschäftigung geradezu ideale Kenntnisse für die Mitarbeit im Desa Wisata zu haben scheint, wendete diese wegen der möglichen „sozialen Konsequenzen“ (SIth1) nicht an. Mit Rücksicht auf die, durch die öffentliche Kritik „regelrecht traumatisierten Personen sei es besser, sich nicht einzumischen (ebd.). Darüber hinaus führte er noch einen weiteren Punkt an: Ihtok: „It would be too much if I should be the one who educate them. I'm one of the more junior citizens here. My speech would only fall on the more senior members' deaf ears.” I: „But it's said the youth here are good partners of a discussion.” Itok: „I agree with that. Young people are more open, unlike the more conservative, different thinking older people. Desperately essential is the knowledge of Desa Wisata. It's very lacking here. Worse, these elders don't catch the explanations. Worse still, unable to catch as they are, they often contradict the explainer. [..] You would expect that whoever needs information would be glad to receive explanation; they would even ask questions out of curiosity... but that's not the case here. Once we invited the expert in tourism to enlight those misters, who not listened to the explanation because of curiosity, but because they wanted to contradict the informer. That's outrageous. [..] They won't listen as if they know everything. When in fact they don't. It is the biggest obstacle in my opinion” (SIth2). Bei unserer Forschung zeigte sich, dass man in beiden Dörfern bemüht war, die Jugend für das Projekt zu gewinnen. Zum einen, weil man sie für lernfähiger hält und zum anderen aber auch, weil man sich freut, wenn sie im Dorf bleibt und sich mit den dortigen Traditionen beschäftigt (SSuy1+2, SIth2, KHar1+2, KJum, KIbu). Gleichzeitig haben junge Menschen aber tendenzi- 96 ell aufgrund ihres sozialen Status keine Deutungshoheit (SIth2, SHar2, SMok). Andererseits kann Ithok sein Wissen bei seiner Arbeit in der Gemeindeentwicklung außerhalb des eigenen Dorfes anwenden. Da er dort nicht Mitglied der Gesellschaft ist, akzeptiere man dort seine Meinung (Ith1). „In my village, college knowledge can only be put into minimal practice. As a native, I am often asked to share knowledge I gain from college. But they take me, despite my advantage of knowledge, for granted just because I am a native. I think my knowledge is more accepted in other places, such as workplace. I put my knowledge into practice more often at my workplace. You know: These country people, many of them often don't believe the information their fellow villagers give them. So it's better to let outsiders talk to them, inform them, and they'll believe it even though these outsiders have less knowledge than the locals” (SIth2). Ein anderer Gesprächspartner äußerte sich ähnlich. Er plädiert für dauerhafte Hilfe eines externen Experten für die Entwicklung des Desa.100 Gerade auch weil man diesen als neutralen Experten eher akzeptieren würde. Im Dorf hingegen wolle jeder der Chef sein (SMok). 8.3.1. Zwischenfazit In beiden Dörfern zeigte sich, dass viele Informationen über Desa Wisata, in bereits vorhandenen institutionalisierten Kommunikationskanälen weitergegeben werden (Dudley 1993:34ff, Mundy/Compton 1995:115f). Mit der Entstehung eines Desa Wisata und seiner Organisationsstruktur entstehen aber auch neue Verbindungen innerhalb derer vermehrt Informationen ausgetauscht werden. Allerdings gab es zum Zeitpunkt der Untersuchung kein organisiertes Informationsmanagement. Vielmehr gab die Struktur des Managements die horizontalen (z.B. Guide zu Guide) und vertikalen (z.B. Guide zu Leiter oder umgekehrt) Verknüpfungen vor. Dies ist ein deutlicher Hinweis auf die Relevanz von sozialen Machtstrukturen für den Wissenstransfer. Wissen wird dabei von einzelnen Personen nach Belieben weitergegeben, je nachdem, wie relevant der Träger die Weitergabe des Wissens für den Empfänger einschätzt, oder welchen Nutzen er sich aus der Weitergabe oder Nichtweitergabe verspricht. In diesem Prozess findet eine Neuinterpretation und somit oft eine Reduktion von Wissen statt. Dies kann einerseits wie ein Filter wirken, der irrelevante Informationen aussortiert und gleichzeitig zur besseren Anschlussfähigkeit von Wissen beitragen, wenn der seiner 100 Ein Vorhaben, das aber wie er selbst sagte, bereits aus finanziellen Gründen nicht möglich sei. Interessanterweise werden die Schulungsangebote der Gaia-Stiftung aber auch nicht angenommen. Entweder stimmt die These der Akzeptanz eines neutralen Experten nicht oder die Gaia-Stiftung ist nicht neutral genug. 97 Rolle als Vermittler gerecht wird. Andererseits kann dies aber auch zu einem Verlust von projektrelevanten Informationen führen. Dies ist z.B. dann der Fall, wenn die Kommunikation von eigentlich relevanten Informationen bereits schon im ersten Vermitlungsschritt gestört wird, wie im Fall der Schulungen ersichtlich wurde. Eine andere Möglichkeit des Verlustes von Wissen konnten wir in Sambi feststellen. Vorhandenes Wissen wurde aufgrund von Konflikten im Dorf bewusst nicht geteilt. Das Beispiel Ithoks zeigt, dass vorhandenes Wissen nicht angewendet wurde, weil er die eben genannten Konflikte und damit einhergehenden sozialen Auswirkungen fürchtet. Dieses Verhalten und die oben geschilderten Ereignisse heben die soziokulturelle Einbettung des Wissenstransfers hervor. In einer Gesellschaftsordnung, in der nach Magnis- Suseno und Markham jeder seinen Platz hat, und in der innere und äußere Harmonie, sowie Stratifizierung und Ausrichtung zum Machtzentrum leitende Motive sind, ist es wichtig, zumindest nach außen hin den Frieden zu wahren und eventueller traumatischer Ereignisse, wie öffentlicher Kritik und ihren Konsequenzen zu entgehen. Zwei weitere Faktoren, welche die Vermittlung von Wissen bedingen und auf den gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Kontext von Wissenstransfer hinweisen, werden am Beispiel Ithoks deutlich. Zum einen scheinen das Alter und damit einhergehend der soziale Status und die Deutungshoheit über bestimmte Dinge ein bedeutender Faktor in der Kommunikation von Wissen zu sein. Zum anderen wird die Wissensvermittlung durch die Wahrnehmung der Position des Vermittlers als Gruppenmitglied, oder als externer Berater beeinflusst. Allerdings gibt es hier gegenläufige Tendenzen. Einerseits scheinen externe Personen als neutral zu gelten. Man bringt ihnen Respekt entgegen und schreibt ihnen bestimmte, meist höhere Kompetenzen zu, als den Internen. Andererseits möchte man sich von ihnen nichts sagen lassen. Hieran ist ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren auf gesellschaftlicher und individueller Ebene beim Transfer von Wissen zu erkennen. 8.4. Schlüsselpersonen für die Entwicklung der Tourismusdörfer In beiden untersuchten Dörfern konnten wir feststellen, dass einzelne Personen maßgeblichen Anteil an der Entwicklung der Projekte hatten. Der engagierte Chef des Touranbieters „Tourista Tours“ wurde bereits erwähnt. Eine weitere nennenswerte Person ist Ketingans Ketua, der gleichzeitig Leiter des Kommunikationsforums Slemans und des nun erweiterten FKDW D.I.Y. ist. Er begleidet damit eine zentrale Position im Tourismus- 98 dorf und im Forum. Dadurch ist er auch Ansprechpartner für die Presse, für Organisationen, die an Kooperationen interessiert sind, aber auch für Personen, die in anderen Dörfern oder Regionen ähnliche Projekte entwickeln und von den Erfahrungen in Sleman und D.I.Y. profitieren wollen. Im Laufe unserer Forschung kristallisierten sie sich schnell Träger bestimmter Kenntnisse und Fähigkeiten heraus, die durch die Anwendung und/oder Weitergabe ihres Wissens ganz entscheidend am Entwicklungsprozess der Desa Wisata beteiligt sind. Drei weitere dieser Schlüsselfiguren sollen im folgenden Kapitel beschrieben werden. 8.4.1. Bu Suryantoro, Unternehmerin und Change Agent Diese Person wurde von allen Gesprächspartnern als wichtig für die Entwicklung des Desa Wisata Sambi eingeschätzt. Sie war es, die die Idee ins Dorf brachte, dass ihr lokales Leben für Menschen von außerhalb interessant sein könnte und man dies gewinnbringend nutzen könnte (SM 8). Eine der typischen Aussagen über Bu Suryantoro ist: „Well, Bu Suryantoro is the founder of the tourism village. She was the first who recognized this tourism village. She also is the person who made this village became famous, although she's not here anymore. Without her, there would be no tourism village like this“ (SMok). Auch wenn es noch andere Privatpersonen gab, die in der Vergangenheit Besucher ins Dorf brachten, gilt sie als Gründerfigur des Desa Wisata, die großen Respekt bei unseren Gesprächspartnern genießt (Dwi 2004). In den Erzählungen der Forschungsteilnehmer begann die Geschichte des Desa Wisata fast immer mit dem Erscheinen von Ibu Suryantoro. Sie unterrichtete die Bewohner über die Ansprüche und Erwartungen von Gästen, gab einen Kochkurs für die Frauen des Dorfes und zeigte, wie man Gerichte zubereitet und sie ansprechend präsentiert. Sie zeigte, wie man beim Fernsehen nebenher und ohne viel Aufwand Souvenirs herstellen kann, klärte über erwünschte Sauberkeit auf und vieles mehr. So empfahl sie auch, die Südseite des Dorfes nicht zu bebauen, um den schönen Blick auf die Reisfelder zu erhalten (SSun, SMok, SSum1+2, SIth2, SSyot1+2). Weiterhin sorgte sie für Gelder, mit denen die Hauptstraße asphaltiert werden konnte, was wohl ihren Verbindungen zu Regierungsbehörden zu verdanken war (besonders bei SMok, SSum1+2, SSun, SSup, SSyo1+2, SDuk). Es war bekannt, dass sie auch an der Entwicklung anderer Desa Wisata beteiligt war. Auch wusste man um ihr Wirken als Dozentin an der Universität und als Privatunternehmerin im Batikhandel, sowie um prestigeträchtige Verbindungen zum Sultan und einer seiner Töchter (SSun, SSum1+2, SDuk, SMok). Der 99 quasi mythische Status dieser Frau, wird im Folgenden durch die Art und Weise der Erzählung eines Bewohners unterstrichen: „That's the history: At the time, there was someone who rent a house in this village. She was enjoying the view. And then she had an idea: 'if only Sambi was prepared to be a desa wisata. This would be great'“(SSun). Im Zusammenhang mit der Erzählung über diese Person wurde von den Gesprächspartnern häufig reflektiert, dass man vorher kein Bewusstsein für die Potentiale des Tourismus gehabt habe. Erst sie habe dieses Wissen gebracht, auch wenn vorher bereits verschiedene Personen, die nicht aus Sambi stammten, sich dort eingemietet und Freunde zu Besuch mitgebracht hatten. „So before the formation of the tourism village there were many people who came here. They came here with their friends. And then Bu Suryantoro often brought her friends here for training. 'What is so special about Sambi?' we asked. It turned out that Sambi has attractions… Well as Sambi inhabitants we didn’t know that Sambi has special characteristics compared to other villages. All we knew is that this is just an ordinary village. And then we saw that there was no income for us with the people coming here, so we thought that we can manage this by asking for retribution to develop our own village“ (SSup). Der gleiche Informant sagte an anderer Stelle auch, dass es einer Art Initiation bedurfte, um wirklich zu glauben, dass profitabler Tourismus möglich sei. Er erzählte von einem Seminar über Seide, das von der Tochter des Sultans in Sambi abgehalten wurde und einiger Vorbereitungen bedurfte. „And we thought: why would they come here?“ (SSup). Als danach der Sohn einer angesehenen Person von hohem politischem Rang und sozialem Status seine Hochzeit in Sambi feierte, gab das den Ausschlag. „So from there on we felt that our village is suitable, and then we formed a tourism village straight away. And then we formed a committee […]. The step that we took was to dig the potentials here: The natural potentials, cultural potentials, art and farming potentials, which actually could be commercialized, and then set the tarif and so on. But because we had zero background in tourism, but we haven’t been able to work much at that time. So we asked for help from the outsiders to... let’s say: learn how to manage and so on“ (SSup). Einer dieser Außenseiter war neben den Behörden und einem anderen privaten Unternehmer (Dwi 2004) Frau Suryantoro. Dabei waren Aktionen wie der genannte Kochkurs die Ausnahme. Sie fungierte hauptsächlich als Beraterin für die Bewohner. Vor allem stand sie in Kontakt mit dem Leiter des Komitees, Pak Sumantri und den anderen Funktionären (SSum1+2, SMok). 100 8.4.2. Pak Sumantri, ehemaliges Dorfoberhaupt und Opinion Leader Bei den Gesprächen in Sambi wurde immer wieder der ehemalige Kepala Dukuh erwähnt. Er wurde im Alter von Mitte 30 in dieses Amt gewählt und bekleidete es insgesamt 15 Jahre. Im Laufe seiner Amtszeit wollte er den Posten mehrfach abgeben, was ihm die Bevölkerung jedoch bis zu einer Erkrankung im Jahre 2006 immer wieder verweigerte (SSum1, SSyo, SIth1). Ihm wurde von allen Bewohnern bescheinigt, viel geleistet zu haben für die Entwicklung des Desa Wisata. Seine organisatorischen und sozialen Fähigkeiten, Menschen zu motivieren, zusammenzuhalten und zu führen wurden immer wieder betont. Wie wir auch selbst herausfanden, war er eine sehr charismatische, gewitzte Person mit Unternehmergeist. Da er als Dorfoberhaupt bereits Ansprechpartner für alle externen Akteure war, aber vor allem wegen seiner Fähigkeiten, wurde er der erste Leiter des Tourismusprojekts. I: „Pak Sumantri used to be the Kepala Dusun. There was no election. It was automatic that the Kepala Dusun was assigned the chief of the organisation.” A: „The Kepala Dusun would be automatically become the chief of the desa wisata? There was no election?” I: „Yes, because he was considered the one capable of running it. At that time, we didn’t see anyone else as capable as he was. We didn’t see that there was someone else who was capable... To manage a desa wisata means dealing with many people, ...with people from outside. To do this requires someone who is capable. Therefore, the people here appointed him who was considered having more capabilities than anyone else here” (SIth1). Laut diesem Bewohner wurde also nur ihm zugetraut, das Projekt zu leiten. Bevor ein Komitee gegründet wurde, hatte er in seiner Funktion als Dorfoberhaupt bereits zusammen mit einigen Freunden die ersten touristischen Aktivitäten, das Seidenseminar und die großartige Hochzeit unter Anleitung von Frau Suryantoro vorbereitet. Seine Fähigkeit, mit Menschen von außerhalb umzugehen, war dabei maßgeblich. Zudem hatte er auch nützliche soziale Verbindungen, wie in folgender Passage deutlich wird, in der sich unser Gesprächspartner darüber hinaus beklagt, dass es nun keine respektierte Führungsperson mehr gebe. I: „He was really good. He was a great guy. Others can take him as a role model”. A: „Why?” I: „First, he was creative and willing to spare his time for the organization. He was creative in the organization, willing to spare his time and able to lead in fatherly manner. He was able to encourage the people to participate in the desa wisata, so that the organization relatively ran.” [...] 101 I: „In what sense was he creative? He made so many breakthroughs, innovations. He knew who to contact when he needed to make promotion, so that it generated more... He also promoted to outer regions, to government institutions, and he had a wide range of connections. When we wanted to carry out a… how you call it? an activity... The other day we celebrated the anniversary and we also held a festival. It required fund. He knew how and where to raise fund. That’s how he was. Being so, the people really loved him” (SIth1). Neben seinem Engagement wird hier u.a. seine Kreativität und Innovativität hervorgehoben. Sein Netzwerk und seine Fähigkeit, dieses gewinnbringend einzusetzen, machen einen großen Teil der Bewunderung aus, die ihm zuteil wird (IIth1+2, SMok). Die von unserem Forschungsteilnehmer angesprochene „väterliche Führungsweise“ erwähnte er selbst mehrmals in Gesprächen, als er das Dorf mit einer Familie verglich (s.u.), als dessen Vater er sich als Kepala Dukuh sah. In seinen Gesprächen thematisiert er auch die Wichtigkeit von Verbindungen und er betont, dass im Dorf besonders bei einem großen Projekt wie dem Desa Wisata die Intelligenz und Zusammenarbeit vieler gefragt ist (SSum2). Auch wenn seine sozialen und organisatorischen Fähigkeiten bezüglich der Dorfaktivitäten im Allgemeinen und des Desa Wisata im Speziellen von anderen Gesprächspartnern stets gelobt wurden, hat er, im Gegensatz zum Leiter des Managements in Ketingan, keine spezifische Ausbildung genossen, wie er auch nie eine der angebotenen Schulungen besucht hat. Nach einer abgebrochenen Ausbildung zum Automechaniker hatte er u.a. in verschiedenen Bildungseinrichtungen, Erfahrungen gesammelt (SSum1+2): A: „So you just want to go there and there and there. So, there's no correlation between your study and your job in this tourism village?” C: „Yes, there's no correlation. But I still make a living from automobiles. I'm running my own business. But my brain works for this village. And then I made a responsible board. So everything's on track. Because I'm the guard, and my duty is guard my people. Just like parents. One village, one family, and I'm the parents, although I'm still young. I was still young when I become a head of villages. When we made a meeting, the older people offered me a special place, but I refused it. I just wanted to unite with everyone. But I let the older people took a sit everywhere they want, while I was near the young people. So usually I put myself in the middle of these two groups, the old and the young. So I can talk to both groups. I can be like old people, or young people, depends on the situation. If I'm with a farmer, I can talk about farming. If I'm with youth, I can act like young people. Just like that. I can talk about machine, about plants, everything.” A: „How come? You're an engineer, but how can you jump into many field? Like you concern for desa wisata , what's your motivation? C: „Ya, automotive thing is very personal, it's my hobby. I work for my own interest, and my family. So I make a living from it. But tourism village relates to 102 the community here. It's not something that I fight for my family, but all people in this village. You get it?” A: „Yes I get that. But concretely... I mean you have knowledge about automotive, but in tourism village issues…” C: „I don't have that... [lachend]” A: „So how do you handle it?” C: „Like I said to you before, I relied on this village's potentials. Compare to other tourism villages, we have a better nature. We're better than... I can't mention them. But when I went there and saw what they had, I wondered: They became a tourism village just by showing these ordinary things. Can I make my village be a tourism village? I think I can do that. I have to be able to make it real” (SSum2). Bei seinen Ausführungen trat die Ausbildung ganz in den Hintergrund und die Persönlichkeit, sowie die damit verbundenen sozialen Fähigkeiten, wurden betont. In dieser Passage wird deutlich, dass er stets versuchte, mit möglichst vielen Gruppen im Dorf Kontakt zu halten. Dazu nutzte er seine Fähigkeit, sich seiner jeweiligen Bezugsperson anzupassen, empathisch zu sein und wie seine Gesprächspartner zu reden und zu handeln. Er war sich seiner besonderen Kompetenzen und auch ökonomischen Lage als Mitglied einer recht gut situierten Familie bewusst. Aber er betonte auch, dass das Desa Wisata für alle von Nutzen ist und jeder daran teilhaben kann. Dazu braucht es seiner Auffassung nach nur Kreativität, um sich ein zusätzliches Einkommen zu erwirtschaften, wie z.B. durch den Verkauf von Souvenirs oder von landwirtschaftlichen Produkten (SSum1). 8.4.3. Mas Destha, Wissenschaftler und Change Agent Eine Person stellte sich als Schlüsselfigur für die Entwicklung des Desa Wisata Ketingan und aller anderen Tourismusdörfer in der Region heraus. Destha Raharjana wurde uns bei unserem ersten Expertengespräch mit einem Angestellten des Puspar als Kollege, der sich mit Desa Wisata auskenne, genannt (IAnt). Kurz darauf trafen wir ihn das erste Mal, an einem Informationsstand, an dem er im Rahmen einer Tourismusdorf-Ausstellung ("Pameran Desa Wisata“) an der UGM für das Desa Wisata Ketingan warb. Schnell stellte sich heraus, dass er nicht nur im Puspar arbeitete und dort unter anderem auf Anfrage von Behörden Regionalstudien zum touristischen Potential bestimmter Regionen anfertigte (RM 4), er war auch derjenige Mitarbeiter der Puspar, der das Dorf Ketingan in seiner Anfangsphase unterstützt hatte. Auch wenn dieser Arbeitsauftrag vor langem endete, ist er weiterhin sehr engagiert und steht in engem Kontakt, vor allem mit dem 103 Leiter des Tourismusdorfes, über das er im Anschluss an seine Arbeit dort seine Abschlussarbeit in Umweltwissenschaften an der UGM geschrieben hatte (Raharjana 2005). Er stellte den Kontakt mit den Behörden und dem Anbieter Tourista Tours her, der sowohl Schulungen gab, als auch die ersten Touristen ins Dorf holte. Er war maßgeblich an der Entwicklung des Angebots und Programms des Desa Wisata beteiligt und entwarf den Slogan „Watching the sultan's birds.“ „You know it's because the birds came after the sultan visited. It's the locals people believe. There's a myth that the birds are the pets of the Sultan. It's a myth. But in tourism the story and the imagination is more important“ (IDes1). Ebenso hatte er die Idee der Baumadoption: „Of course you can't adopt a tree. It's an emotional experience. Like that people can do something, can help and experience it and have good memories about it“ (ebd.). So wird er auch weiterhin bei Aktionen und Fragen um das Desa Wisata zu Rate gezogen. Sei es, wenn es um Kontakte zu Behörden geht, oder um das Design und den Kauf eines Schildes, welches das Schießen der Vögel untersagen soll, Raharjana wird zu vielen Gelegenheiten lobend erwähnt. Wie unser erstes Treffen schon zeigte, ist er sehr um die Werbung für das Dorf bemüht. Er organisiert Fotowettbewerbe mit den Reihern als Motiv. Auf nationalen und internationalen Konferenzen präsentiert er das Desa Wisata Ketingan als Beispielprojekt und hielt ein Seminar über ökologischen Dorftourismus mit Teilnehmern aus verschiedenen Teilen Javas in Ketingan ab (KHar1+2, KJum, KIbu, IDes1, RM 4). Aber nicht nur für Ketingan hat Raharjana eine große Bedeutung. Im FKDW ist er als einziges Mitglied, das keinem Dorf angehört, für den Bereich der Produktentwicklung zuständig (IDes3, FKDW). Bei der Gründung des FKDW D.I.Y, moderierte den Abend, dessen Ablauf er auch festgelegt hatte, und sprach von allen Beteiligten am meisten über Aufgaben, Chancen, sowie nötige und mögliche Aktionen. Auch wurde ein Großteil der Fragen an ihn gestellt. Ganz offensichtlich wurde er von den Teilnehmern als wichtigster Experte angesehen. Als es um die Wahl des Leiters für das neue Forum ging, fiel als erstes sein Name. Da er diese Aufgabe jedoch ablehnte, wurde der Leiter des Komitees Ketingans auf diesen Posten gewählt. Raharjana pflegt auch Kontakte zu den Behörden Dinas und Baparda. Wie wir erfuhren, stattet Raharjana auch anderen Desa Wisata Besuche ab, um sich vor Ort einen Gesamteindruck zu verschaffen, oder auch um spezielleren Anliegen nachzugehen, wie z.B., um die Sauberkeit der Toiletten zu beurteilen (ISuj). Auch in Sambi war er manchen Personen bekannt, die im letzten Komitee tätig gewesen waren. Diese kannten ihn entweder aufgrund seiner 104 Besuche im Ort im Rahmen einer „kleinen Forschung“ (SMok, vgl. RM 4), oder als Schulungsleiter des FKDW (SMok, SIth2).101 Offensichtlich ist Raharjana ein Bindeglied zwischen verschiedenen Akteuren und Organisationen. Er ist Dozent an verschiedenen Universitäten in Yogya, Angestellter im Puspar, engagiert in Ketingan und dem FKDW, pflegt Kontakte zu Dinas und Baparda und auch dem JTTC, das als Ableger des PUSPAR im gleichen Gebäude ansässig ist. Entsprechend umfangreich ist auch sein Wissen über Tourismus und die Desa Wisata. Wie er selbst sagt, baut all dies aufeinander auf. Durch sein akademisches Lernen und Wirken besitzt er das wissenschaftliche Wissen über Tourismus und die damit verbundenen Themen. Durch seine Arbeit im Feld kann er dieses in der Praxis umsetzen. Die auf diese Weise erworbene Erkenntnis trägt er wiederum ins akademische Umfeld und kann es in seiner Lehre, seinen Veröffentlichungen und anderweitigen Arbeiten anwenden (IDes1-3). Diese Wechselwirkung führt zu einer fortwährenden Bereicherung seines Wissensschatzes. Er betont, dass auch seine anthropologische Ausbildung (S1, vergleichbar mit dem Bachelor) Teil dieses Prozesses ist (IDes2+3). Nach den Verbindungen seiner verschiedenen Erfahrungen gefragt, schrieb er in einer Email: „Thank god there is a connection and hopefully it still can be developed. Both science of anthropology and environmental science from which I know a little can be applied for a lot of work at the office time, while teaching and in the forkom [FKDW]. Empathy and emic approach, and trying to describe everything in detail are important. For my thesis in Environmental Studies I used this approach but also for the the villagers it's important; for motivating them to keep moving forward. I try to get tourism studies 'down to earth' and give it to the villagers. Hopefully it will leave a trace and provide benefits“ (IDes3). In einem weiteren Gespräch betonte er die Wichtigkeit der anthropologischen Herangehensweise, die versucht, die Dinge aus emischer Sicht zu betrachten. Nur so könne man die Menschen erreichen. Man müsse sich auf sie einstellen, um sein Wissen weitergeben zu können. Dies entspricht der These Rogers (2003:246ff, 376), wonach Empathie wichtig ist, um die Bedürfnisse der Menschen festzustellen, um in einen möglichst intensiven Austausch mit den Klienten treten zu können. 8.4.4. Zwischenfazit In beiden Dörfern lässt sich eine Konstellation feststellen, die Rogers (2003) als zuträglich für die Diffusion von Informationen beschreibt. Raharajana und der Leiter des Komitees in Ketingan, sowie Frau Suryantoro und das ehemalige Dorfoberhaupt in Sambi entsprechen der Konstellation von 101 Bei der Arbeit von Dwi 2004) war er auch einer der befragten Experten. 105 Change Agent und Opinion Leader, wie sie von Rogers dargestellt wird. Die Vermittlung von Innovationen verläuft größtenteils über die genannten Opinion Leader, die ihrerseits das Wissen, oder Teile davon an geeignete Stellen weitergeben, es anwenden und Aufgaben delegieren. Besonders in Sambi wurde dies deutlich. Mehrere Mitglieder des Komitees, die sich über den mangelnden Einsatz des Dorfoberhauptes beschwerten, sagten, dass dieser nicht mitarbeiten, sondern lediglich Aufgaben verteilen müsse (SHar2, SMok). Dies entspreche auch der Mentalität der Dorfbewohner, die es gewohnt seien wenig Initiative zu zeigen. „They are used to follow“ (SMok). Wie man den Ausführungen über Pak Sumantri entnehmen kann, braucht es aber nicht nur das vorhandene Wissen und die angemessenen Kommunikationskanäle, um Informationen weiterzugeben. Essenziell ist die Motivation der Empfänger. In Sambi waren zwei Veranstaltungen nötig, bis eine größere Gruppe Dorfbewohner ein Interesse an der Partizipation am Tourismus entwickelte. Ein Festakt, für den ihr Ort von einem Fremden ausgesucht wurde, hat schließlich viele Bewohner von der Attraktivität ihres Ortes für Touristen überzeugt. Dennoch gab es weiterhin Leute, die dem Tourismus mit Unverständnis und Ablehnung, oder zumindest Skepsis gegenüberstanden. Dies entspricht der These Dudleys, der von einer relativ konservativen Mehrheit ausgeht, die neue Ideen erst annimmt, wenn deren erfolgreiche Anwendung bereits durch Meinungsführer erprobt wurde (Dudley 1993:132). Ein weiterer Aspekt wurde erkenntlich: Viele Bewohner Sambis haben Vertrauen zu Pak Sumantri und sehen ihn als Vorbild an. Er genießt hohes Ansehen, ist stark sozial engagiert und partizipierte u.a. in seiner Rolle als Kepalah Dukuh stark an allen Dorfaktivitäten. Er scheint vergleichsweise weltoffen zu sein, verfügt über transregionale Kontakte, hat in vielen Berufen Erfahrungen gesammelt und einen entsprechenden Wissensfundus. Er entspricht also dem Stereotypen eines Opinion Leaders. Durch seine Position und sein bewusstes strategisches Handeln, das darauf abzielt, mit möglichst vielen Leuten im Dorf Kontakt zu haben, ist er „socially accesible“ (Rogers 2003:317). Auch hält er Traditionen lebendig, wie z.B. das Gamelan und Wayang Kulit in Sambi und kümmerte sich „väterlich“ um das Dorf. Die Rolle als Opinion Leader verdankt er u.a. seinen Soft Skills, seiner Fähigkeit, mit Menschen umzugehen, seiner energetischen, und charismatischen Art. Zu seinen Eigenschaften gehören sowohl Egoismus als auch Altruismus, was auf seine Motivationen zur Partizipation am Projekt hinweist. Allerdings zeigte sich, dass die von Rogers genannten Stereotypen Opinion Leader und Innovator in der Empirie nicht derart klar zu identifizieren sind. 106 Einerseits brachte Pak Sumantris Umtriebigkeit und Innovationslust ihm Respekt und Vertrauen ein, andererseits wurden aber genau diese Eigenschaften, oder manche daraus resultierenden Aktionen negativ bewertet. Unser relativ junger Gesprächspartner Ithok (31 Jahre) sah ihn hingegen sehr positiv und lobte seinen Sinn für Innovationen. Dies kann ein Zeichen für die von Dudley genannte Innovationsfreude gerade junger Menschen sein (Dudley 1993:130). Innovatives Verhalten kann offensichtlich stark polarisierend wirken.

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References

Zusammenfassung

Von alternativen Konzepten, wie dem des Community Based Tourism, erhofft man sich, die oftmals negativen Auswirkungen von Tourismus auf die lokalen Bevölkerungen und ihre Lebenswelten zu verbessern. Allerdings zeigt sich, dass auch dieser Ansatz in der Praxis oftmals nicht wie erhofft funktioniert. Der Mangel an Wissen und Verständnis für Tourismus der lokalen Akteure wird als grundlegendes Hindernis der Entwicklung nachhaltiger alternativer Projekte gesehen. Beruhend auf einer 10-wöchigen durchgeführten Feldstudie behandelt diese Arbeit den Transfer von Wissen in zwei Community Based Tourism-Projekten auf Java, Indonesien. Dort entstehen in den ländlichen Gebieten der Region Yogyakarta seit einigen Jahren vermehrt desa wisata (Tourismusdörfer). Diese beruhen hauptsächlich auf der Vermarktung von Traditionen und Kultur im weitesten Sinne. In dieser Arbeit werden für die theoretische, aber auch praktische Beschäftigung mit dem Thema relevante Erkenntnisse gewonnen. Es lassen sich auch Handlungsanweisungen für die Praxis der Wissensvermittlung zur Ermächtigung der Durchführung von CBT-Projekten ableiten. Folgende Leitfragen ziehen sich durch die Arbeit: Welche Akteure in den Projekten sind Träger welchen Wissens? Wie wird Wissen vermittelt, und vor allem: welche Faktoren bedingen diesen Prozess?