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6. Akteure und Strukturen des Comunity Based Tourism in Yogyakarta in:

Alexander Ell

Wissenstransfer im Community Based Tourism, page 64 - 68

Eine Feldstudie in der Region Yogyakarta, Indonesien

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-3977-9, ISBN online: 978-3-8288-6805-2, https://doi.org/10.5771/9783828868052-64

Tectum, Baden-Baden
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64 6. Akteure und Strukturen des Comunity Based Tourism in Yogyakarta Wie bereits angedeutet wurden die Dörfer in ihrer Entwicklung von verschiedenen externen Akteuren beeinflusst. Sowohl staatliche Behörden als auch Privatpersonen und –unternehmen, oder im Fall Sambis eine Nichtregierungsorganisation hatten maßgeblichen Anteil an der Entwicklung (Dwi 2005). Die wichtigsten Institutionen und deren Strukturen werden im Folgenden, soweit für die vorliegende Arbeit relevant, vorgestellt. 6.1. Die Organisationsstrukturen in den Tourismusdörfern Die Desa-Wisata-Projekte eines Dorfes oder Dorfteils werden als gemeinschaftliche Projekte angesehen deren Einnahmen allen Bewohner zu Gute kommen sollen. Die Akteure wie die Besitzer von Homestays, Bauern, die Gäste auf das Feld führen, oder Künstler, die Besucher unterrichten, behalten einen Teil ihrer Einnahmen für sich. Der andere Teil, wird an eine Projektkasse abgeführt. Auf die gesammelten Einnahmen wird zurückgegriffen, wenn projektbezogene, oder gemeinnützige Anschaffungen anstehen. In Sambi teilten Dorfbewohner uns mit, dass dadurch teilweise das zuvor übliche Sammeln von Geldern vor einem festlichen Anlass ersetzt oder verringert wurde (SHar1, KHar1). Als Beispiel für geleistete, oder mögliche Investitionen wurden uns die Asphaltierung von Straßen, das Errichten eines Wachhäuschens und der Bau einer Moschee genannt (SHar1+2, SHar1, SDuk, SSum1, SSyo1+2). Auch die Instandhaltung oder -setzung von gemeinschaftlich genutzten Einrichtungen sowie eines kaum noch benutzten Versammlungshauses in Sambi und der Moschee in Ketingan wurden angeführt.73 In Ketingan hatte man zum Beispiel Ferngläser zur Beobachtung der 73 Auffällig war allerdings in Sambi, dass all diese genannten Dinge, mit Ausnahme der Unterstützung des finanziellen gotong royong nur potentiell mögliche Beispiele waren. Bereits vorhandene Anschaffungen wurden uns nicht genannt. Die asphaltierte Dorfstraße, die von den 65 Vögel und neue Geräte für die Bauern angeschafft (KHar1).74 Zudem existierten Pläne, den Vogelbeobachtungsturm wieder zu errichten. Pak Haryono, der Leiter des Komitees in Ketingan, gab an, dass man Teile der großartigen und sehr teuren merti bumi-Prozession75 (über 35 Millionen IDR) aus der Kasse des Desa Wisata gezahlt habe (KHar1). Die Organisationsstrukturen beider von uns untersuchten Desa Wisata sind ähnlich. An oberster Stelle des Komitees steht der Leiter, der für den Kontakt zu Kunden und anderen Akteuren zuständig ist, auf die Einhaltung von Strategien und Leitlinien achtet, bei Besprechungen Entscheidungen trifft und die Verantwortung für Aktivitäten im Desa Wisata trägt. Ihm untergeordnet sind der Sekretär und der Schatzmeister – im Falle Sambis eine Schatzmeisterin. Der Sekretär protokolliert alle Entwicklungen, Entscheidungen und Vorkommnisse, Besucherzahlen, Buchungen etc., übernimmt die Leitung von Besprechungen und vertritt den Leiter in dessen Abwesenheit. Der Schatzmeister ist für die Finanzen und die Buchführung zuständig und dem Leiter gegenüber rechenschaftspflichtig. Darüber hinaus gibt es in Sambi fünf verschiedene Arbeitsgruppen. Die drei bis vier Mitglieder dieser Arbeitsgruppen sind für die Koordination und Durchführung der Programme zuständig. Es gibt eine Gruppe für Produktentwicklung, Finanzierung, Individualprodukte,76 Dorfprodukte77 und Marketing, sowie eine Gruppe für das Monitoring und das Informationsmanagement (SM 8). In Ketingan ist die Gruppierung unterhalb der drei obersten Posten anders aufgeteilt, die Aufgaben und der Ablauf sind aber prinzipiell die gleichen. Alle Aufgaben werden in beiden Dörfern ehrenamtlich ausgeführt. Weiterhin sind bereits existente Institutionen und Organisationen innerhalb der Gemeinde zu erwähnen, die für das Desa Wisata genutzt werden. Einermeisten Interviewpartnern auf die Frage nach dem Nutzen des Desa Wisata genannt wurde, wurde nicht aus dessen Einnahmen, sondern von Regierungsseite bezahlt, was wiederum Frau Suryantoro veranlasst hatte (SSum1). 74 In Sambi wurde uns allerdings von Unregelmäßigkeiten der Finanzen des Projekts berichtet. Obwohl man über einige Jahre viele Einnahmen verbucht hätte, wäre letztendlich kaum noch Geld in der Kasse gewesen (SSun). Dies ist einer der Gründe, für den Zwist um das Desa Wisata in Sambi. Daher wurde in der neuen Aufgabenbeschreibung explizit erwähnt, dass und wie die Finanzen transparent verwaltet werden (SM 8). 75 Ein Renigungs- und Segenszeremonie in Form einer Prozession durch das Dorf. Dem allmächtigen Schöpfer wird Dank für die Ernte ausgesprochen und sein Segen erbeten. 76 Zu den individuellen Produkten gehören alle künstlerischen Aktivitäten, das Pflügen (hauptsächlich von Reisefeldern), der Einkauf von Dorfprodukten, Übernachtungen und weitere (SM 8). 77 Zu den Dorfprodukten gehören Landwirtschaftliche Übungen, Camping, Trekking und weitere Outdooraktivitäten, der „Genuss von Kultur“, Meetings und Workshops und weitere (SM 8). 66 seits dient deren Einbindung zur Informationsweitergabe an die Bevölkerung, andererseits sind diese Organisationen an der Ausführung von Veranstaltungen beteiligt. Die wesentlichen in beiden untersuchten Dörfern gebrauchten Strukturen innerhalb des Dorfes sind die Nachbarschaftsorganisation rukun tetangga (RT), die aus wenigen Haushalten besteht, und rukun warga (RW), die sich aus mehreren RT zusammensetzt. Daneben sind insbesondere die ibu-ibu PKK, die Frauen des Pemberdayaan dan Kesejahteraan Keluarga (Empowerment und Familienwohlstand) in das Desa Wisata involviert. Sie sind hauptsächlich für die Bewirtung der Gäste und die Pflege der Homestays zuständig. In Ketingan wurde außerdem das LPMD (Lembaga Pemberdayaan Masyarakat Desa, Einrichtung für das Empowerment der Dorfbevölkerung) genannt (KHar1+2, KIbu). Das LPMG ist eine Organisation auf Dorfebene, die für die Planung und Ausführung von Entwicklungsaktivitäten zuständig ist, welche die Bewohner eines Dorfes zu gemeinschaftlichen und gemeinnützigen Arbeiten innerhalb des Dorfes (gotong royong) motivieren soll. Sie setzt sich aus Führungspersönlichkeiten des Dorfes zusammen. Kunden melden sich normalerweise telefonisch beim Ketua, dem Vorsitzenden des Komitee-Managements, um eines der angebotenen 'Pakete' zu buchen oder eines zu schnüren, das den eigenen Vorstellungen entspricht (siehe Werbung Ketingans im Anhang). Der Ketua gibt dann die nötigen Informationen an den Sekretär, den Schatzmeister und die entsprechenden Arbeitsgruppen weiter. Letztere sind anschließend dafür zuständig, alles für die Veranstaltung vorzubereiten, d.h. die benötigten Ressourcen zu mobilisieren. Sie kontaktieren zum Beispiel einen Bauern, für einen Rundgang auf dem Feld oder sie organisieren eine Zeremonie oder eine Aufführung. Das Komitee wählt die Homestays, die bei einer Veranstaltung benutzt werden sollen. Die wenigsten Touristen wählen diese selbst vor ihrem Aufenthalt aus, da der Kontakt meist nur telefonisch stattfindet. Dies ist eine konfliktträchtige Praxis. Die Komitees beider Dörfer wurden bezichtigt, jeweils mehr Besucher an sich selbst oder ihnen nahestehende Personen zu vermitteln als an andere Besitzer von Homestays. Die verantwortlichen Komiteemitglieder hingegen erklären, es würden vorzugsweise Homestays gewählt, die gewissen Ansprüchen entsprechen, unabhängig davon, wem sie gehören (SHAr1,SSun, KHAr2, KJum, KLoh). 6.2. Staatliche, universitäre und private Akteure In Indonesien gibt es eine Vielzahl von Behörden, Ämtern und anderen staatlichen Einrichtungen, die in die Entwicklung des Tourismus involviert sind. Einige der Institutionen, die für die von uns untersuchten Projekte wesentlich sind, werden an dieser Stelle vorgestellt. 67 Die Behörden sehen sich selbst lediglich als unterstützende Einrichtung, als Moderator und als Ideengeber. Sie wollen die Desa Wisata mit Ausbildung und ersten Ansätzen zur Bildung von Netzwerken unterstützen. Um die Finanzierung der Projekte müssen die Dörfer sich selbst kümmern (DDew, ISuj1+2, BFit, Dwi 2004). Die Behörde für Tourismus der Provinz D.I.Y, (Badan Pariwisata Propinsi D.I.Y, genannt Baparda) erstellt Marktanalysen, führt Werbe- und Bildungsveranstaltungen durch und versucht Verbindungen zwischen den verschiedenen Tourismusakteuren zu schaffen. Die Entwicklung neuer Produkte und Marketingstrategien gehört ebenso in ihren Aufgabenbereich (BPip, BFit, Homepage der Baparda78). Direkter versucht die Baparda die Entwicklung des Desa Wisata mit Schulungen zu unterstützen, die in Kooperation mit dem Jogyakarte Tourism Training Center ausgeführt werden. Die Dinas Pariwisata ist auf Ebene des Kabupaten Sleman für „Tourismus und Kultur“ zuständig. Ihr Arbeitsfeld ähnelt dem der Baparda. Der Beitrag der Dinas zur Genese der Desa Wisata ist u.a. deren Vermarktung mittels ihrer Internetseite79 auf der alle von der Dinas anerkannten Tourismusdörfer mit einem Profil und Kontaktdaten vertreten sind. Die Dinas kümmert sich nur um Dörfer, die gewisse von ihnen festgelegte Mindeststandards erfüllen: Sie müssen grundlegende touristische Potenziale und ein institutionelles Management aufweisen. Gibt es eine Anfrage, schaut sich ein Vertreter vor Ort um und entscheidet, ob man sich des Ortes annimmt oder nicht. Neben der Präsenz im Internet gehören auch werbewirksame Veranstaltungen, oder Artikel in Zeitungen dazu (Kompas 20.9.2008). Ähnlich der Baparda organisiert auch die Dinas Schulungen. Durchgeführt werden diese vom Personal großer Verbände wie ASITA80, PHRI81 und HPI82 sowie ehemals auch Tourista Tours, einem sehr engagierten Tourveranstalter. Dieser ist eigentlich ein privater Unternehmer, eine Travel Agency, die sich sehr für die Entwicklung der Region einsetzt. Sie bringt Touristen in die Dörfer, berät diese, gab in der Vergangenheit teilweise auch Trainings und betreibt „Monitoring“. Das bedeutet konkret, dass Angestellte der Firma ins Feld gehen, um vor Ort zu schauen, was verbessert werden könnte (IDes1, IHas, KHar2). Die „Aufgaben und Funktionen des BKSDA sind die Formulierung und Umsetzung von Strategien und die technische Normung auf dem Gebiet des 78 http://visitingjogja.com/web 79 http://www.tourismsleman.com (Zugriff: 01.03.2009). 80 Association of the indonesian Tours & Travel Agencies 81 Perhimpunan Hotel dan Restoran Indonesia, Verband der indonesischen Hotels und Restaurants 82 Himpunan Pramuwisata Indonesia, Verband indonesischer Tourguides 68 Forst-und Naturschutz“ (Homepage des BKSDA83) Konkret war sie stark an der Entwicklung des Desa Wisata Ketingan beteiligt, wo ihnen die Beobachtung und der Schutz des Kuhreihers oblag. Um dies zu bewerkstelligen und gemeinsam ein Konzept zu erarbeiten, fragte sie bei der bereits beschriebenen Dinas Pariwisata sowie dem Puspar, dem Zentrum für Tourismusstudien der UGM, an. Das BKSDA ist zuständig für den Naturschutz und insbesondere die Vögel, die Dinas für touristische Fragen und das Puspar wurde als beratende und vermittelnde Instanz für beide Sachgebiete tätig (IBud, IDes1). Das 1994 gegründete Zentrum für Tourismustudien, Pusat Studi Pariwisata, genannt Puspar, ist laut der Selbstdarstellung auf der Internetseite eine Nichtregierungsorganisation, die sich mit der Forschung und Entwicklung des Fremdenverkehrs der Welt im Allgemeinen und dem indonesischen Tourismus im Besonderen beschäftigt. Die Haupttätigkeit des Puspar ist die Beratung der Behörden und das Anfertigen von Regionalstudien über touristische Potenziale (IAnt, IWeb, IDes1). Das Puspar versucht zudem beratend und vermittelnd tätig zu sein. In Ketingan war dies z.B. der Fall. Auch Sambi wurde von Mitarbeitern des Puspar besucht (SHar1, SSuy2). Ein Befragter Mitarbeiter sagte uns, dass man seit dem Jahr 2000 bemüht sei, diese Projekte zu unterstützen und über die Chancen der Entwicklung von Tourismusdörfern etwas zu lernen (IDes2). Aufgrund der mangelhaften touristischen Ausbildungen in Indonesien, hat man die Gründung des Jogja Tourism Trainings Centers (JTTC) in die Wege geleitet (JIru, IAnt). Das JTTC bietet, wie der Name bereits sagt, verschiedene Schulungen für den Tourismusbereich an. Empfangstrainings für Hotels sind ebenso im Programm wie landwirtschaftliche Schulungen oder Schulungen über Hygiene in verschiedenen Bereichen. Derzeit gibt es um die 150 Trainer bei JTTC, die sich aus Personal der PHRI, ASITA und dem Umfeld der UGM sowie einigen Akteuren aus der Tourismusindustrie zusammensetzen (JIru, Q 6). 83 http://bksdadiy.dephut.go.id/

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References

Zusammenfassung

Von alternativen Konzepten, wie dem des Community Based Tourism, erhofft man sich, die oftmals negativen Auswirkungen von Tourismus auf die lokalen Bevölkerungen und ihre Lebenswelten zu verbessern. Allerdings zeigt sich, dass auch dieser Ansatz in der Praxis oftmals nicht wie erhofft funktioniert. Der Mangel an Wissen und Verständnis für Tourismus der lokalen Akteure wird als grundlegendes Hindernis der Entwicklung nachhaltiger alternativer Projekte gesehen. Beruhend auf einer 10-wöchigen durchgeführten Feldstudie behandelt diese Arbeit den Transfer von Wissen in zwei Community Based Tourism-Projekten auf Java, Indonesien. Dort entstehen in den ländlichen Gebieten der Region Yogyakarta seit einigen Jahren vermehrt desa wisata (Tourismusdörfer). Diese beruhen hauptsächlich auf der Vermarktung von Traditionen und Kultur im weitesten Sinne. In dieser Arbeit werden für die theoretische, aber auch praktische Beschäftigung mit dem Thema relevante Erkenntnisse gewonnen. Es lassen sich auch Handlungsanweisungen für die Praxis der Wissensvermittlung zur Ermächtigung der Durchführung von CBT-Projekten ableiten. Folgende Leitfragen ziehen sich durch die Arbeit: Welche Akteure in den Projekten sind Träger welchen Wissens? Wie wird Wissen vermittelt, und vor allem: welche Faktoren bedingen diesen Prozess?