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5. Die Feldforschung in:

Alexander Ell

Wissenstransfer im Community Based Tourism, page 56 - 63

Eine Feldstudie in der Region Yogyakarta, Indonesien

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-3977-9, ISBN online: 978-3-8288-6805-2, https://doi.org/10.5771/9783828868052-56

Tectum, Baden-Baden
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56 5. Die Feldforschung In diesem Teil wird die der Arbeit zugrunde liegende Forschung dargestellt und reflektiert, sowie die verwendeten Methoden zur Erhebung und Auswertung beschrieben. 5.1. Der Rahmen der Forschung Der Forschungsaufenthalt in Yogyakarta dauerte von Anfang August bis Ende Oktober 2008 und fand im Rahmen der Forschungskooperation zwischen dem Institut für Völkerkunde der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und dem Anthropologischen Institut der Fakultas Ilmu Budaya (Fakultät für Kulturwissenschaften) der Universitas Gadjah Mada (UGM) in Yogyakarta, Java, Indonesien statt. Ins Leben gerufen wurde sie von Frau Dr. Prof Judith Schlehe (Freiburg) und M.Si PhD Pande Made Kutanegara (Yogyakarta). Seit 2004 wird in jährlichem Wechsel eine Tandemforschung durchgeführt, in deren Rahmen einerseits deutsche Studierende nach Yogyakarta reisen und andererseits indonesische Studierende nach Freiburg kommen, um gemeinsam mit einem Partner aus der jeweils anderen Stadt, eine Forschung durchzuführen. Dieser neuartige interkulturelle Forschungsansatz, versucht die Konstellation von „westlichem Forscher“ und „einheimischem Assistenten“ und gleichzeitig auch das ewige Problem ethnologischer Forschung von Nähe und Distanz zur untersuchten Kultur zu überwinden. Für uns bedeutete dies, dass nicht nur über bestimmte Gegenstände in Indonesien geforscht wurde, sondern auch mit indonesischen Studenten als gleichberechtigte Partner (Schlehe 2005, 2006).67 Die sich ergänzenden 67 Siehe auch Buchmann 2006, Gaiser 2010 Harkort 2006, Kobbe 2007, Müller 2007, Nal 2007, Nertz, 2007 Schreer, 2007, Spranz 2007 und Widmer 2007. Die Forschungsberichte der Teilnehmer der Lehrforschung des Freiburger Institutes von 2007 können unter der Rubrik ‚Ethnologische Arbeitspapiere’ auf www.ethno.uni-freiburg.de eingesehen werden. 57 Sichtweisen und Kompetenzen eines Außenstehenden mit dem „fremden Blick“ sowie eines mit der Kultur vertrauten Einheimischen als Besitzer lokalen Wissens werden so in einem fruchtbaren Team verbunden. Diese Idee hatte in der Praxis großen Erfolg. Leider gehörte für mich bei dieser, meiner zweiten Forschung auch das Kennenlernen sowie das Akzeptieren der eigene Leistungsfähigkeit dazu. Diese Grenze war in dem sowohl klimatisch, wie auch sprachlich und kulturell neuen Umfeld schneller erreicht als erhofft. So stellte sich zeitweise der bei Bruno Illius beschriebene „Stress des Fremdseins“ (Illius 203:89) ein. Die mangelnden Sprachkenntnisse meinerseits behinderten die Forschung und erschwerten auch eine erste Auswertung der aufgenommenen und teilweise transkribierten Interviews. Zwar konnte ich Gesprächen folgen und auch weniger komplexe Fragen stellen, aber der größte Teil der Interview- und Gesprächsführung musste von meiner Forschungspartnerin Aya übernommen werden. Dadurch entgingen mir zweifelsohne einige Details, besonders wenn brisante Themen angesprochen wurden bei denen man “zwischen den Zeilen lesen“ musste. Durch Ayas Übersetzungen und Zusammenfassungen ins Englische konnte dieses Problem abgemildert werden. Teilweise stellte es sich auch als hilfreich heraus, wenn der jeweilige Informant seine von Aya auf Englisch paraphrasierte Aussage mitverfolgte und daraufhin zu Differenzierungen ansetzte. Bei diesen sprachlichen Problemen sowie in Situationen, bei denen tiefere kulturelle oder religiöse Kenntnisse nötig waren, zeigte die Tandemkonstellation ihre Stärken. Allerdings verlief die Zusammenarbeit mit meiner Tandempartnerin nicht immer problemlos. Verschiedenen Vorstellungen über Forschungsansatz und Methoden, unterschiedliche Vorstellungen von Pünktlichkeit, sowie andere kulturell bedingte Meinungsverschiedenheiten beeinflussten unsere Kooperation. Auch nach mehrmaligen Aussprachen konnten einige Differenzen sowie schwer verständliche Verhaltensweisen nicht geklärt werden. So wie ich es als sehr mühsam empfand zwischen den vielen Schattierungen eines „ya“ (von „ja, gerne“ bis zu „auf keinen Fall“) zu unterscheiden, empfand Aya mein Verhalten manchmal als zu direkt und unhöflich. Allerdings war es auch nicht Sinn der Übung, kulturelle Differenzen anzugleichen, sondern ein beidseitiges Verständnis dafür zu entwickeln und trotz der Differenzen erfolgreich zusammen zu arbeiten. Obwohl wir unsere Forschung betreffend einige Probleme hatten, verstanden wir uns privat sehr gut. So erwiesen sich unsere Forschungspartnerschaft und der interkulturelle Ansatz ungeachtet und wahrscheinlich auch gerade wegen der erwähnten Schwierigkeiten als äußerst fruchtbar. Der „doppelte Blick“ ermöglichte es uns, bestimmte Aspekte, z.B. kulturelle Erklärungen für bestimmte Verhaltensweisen der Informanten, aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu reflektie- 58 ren. Nach Beendigung der offiziellen Lehrforschungszeit führte ich die Forschung mit einer ausgebildeten bezahlten Ethnologin weiter. 5.2. Die Suche nach dem Feld und die Rolle der Forscher Die ersten zwei Wochen meines Aufenthaltes galten dem Kennenlernen meiner Forschungspartnerin Aya und der Region. Neben dem Erwerb zusätzlicher Sprach-, Orts- und Kulturkenntnisse verbrachten wir unsere Zeit damit, die bereits über Email-Kontakt besprochene Forschung detaillierter zu planen, uns mit Experten zu treffen und so Möglichkeiten und Grenzen der Forschung auszuloten. Es zeigte sich, dass die Einhaltung der Maxime, offen und flexibel ins Feld zu gehen und wenn nötig auch eine Neuorientierung vorzunehmen, sehr wichtig war (Helfferich 2006, Schlehe 2003, Mayring 2002). Der Zugang zu Gesprächspartnern gestaltete sich sehr einfach, denn die meisten Menschen waren freundlich und aufgeschlossen. Im Dorf besuchten wir die Informanten zu Hause und stellten uns und unser Anliegen vor. Besonders bei unseren Gesprächen mit Angestellten der Behörden und auch im Dorf wurden wir Dank der Beziehungen und Bekanntschaften eines Informanten schnell an viele weitere Interviewpartner verwiesen. Leider konnten wir letztendlich aufgrund mangelnder zeitlicher Kapazitäten sowohl unsererseits, als auch seitens der potenziellen Gesprächspartner nicht mit allen Personen auf unserer Wunschliste Interviews führen. Die beiden Dörfer Sambi und Ketingan als Forschungsgebiete waren schnell gefunden. Meine Partnerin hatte den Ort Sambi aufgrund der hohen Besucherzahlen auf der Homepage der Dinas ausgewählt. Zufälligerweise hatte einige Jahre zuvor ein anderer Ethnologiestudent der Universität Freiburg, Domenique Buchmann im selben Dorf eine Forschung durchgeführt. Die meiste Zeit meines Aufenthaltes wohnte ich in Yogyakarta. Von dort aus konnte ich mit dem Motorrad die beiden Dörfer, in denen auch die meisten Expertengespräche geführt wurden, problemlos erreichen. Zeitweise quartierte ich mich für mehrere Nächte in den Dörfern ein, in Sambi auch einmal mit meiner Forschungspartnerin. Nachdem wir uns vor Ort ein erstes Bild gemacht hatten, erfolgte die telefonische Kontaktaufnahme mit dem Leiter der Komitees des Desa Wisata, der uns ins Dorf einlud und dann vor Ort seine Unterstützung für unsere Forschung zusicherte. Ketingan, unser zweites Dorf, lernten wir durch einen Dozenten der UGM kennen, der bereits dort geforscht hatte und weiterhin aktiv war. So war uns zum einem der Zugang erleichtert und zum anderen kannten wir einen Experten, der sich im Ort wie auch allgemein auf dem Gebiet des Tourismus gut auskannte. Bei der folgenden Beschreibung meines Aufenthalts in den Dörfern wird auch die Rolle des Forschers reflektiert. Hughes stellt dazu fest: „The anthropo- 59 logical fieldworker is neither a disembodied spirit nor an unfeeling and uninvolved machine“ (Hughes 1983: 87). So empfanden auch wir Sympathien oder Abneigungen für die Menschen, denen wir im Laufe der Forschung begegneten. Die Forschung im Team war bei der Reflexion darüber sehr nützlich. Unserer Befürchtungen, in Sambi oder in Ketingan Stellung zu bestimmten Streitthemen, beziehen zu müssen und damit unsere angestrebte Neutralität zu verlieren, erfüllten sich nicht. Vielmehr wurde uns sogar geraten, auch mit bestimmten anderen Personen zu sprechen. In beiden Dörfern wurden wir explizit darauf hingewiesen, dass diese eine andere Meinung zu bestimmten Dingen haben könnten. Als wir nach dem ersten Telefonat nach Sambi kamen, fanden gerade die Zeremonie statt, die den Anfang des Fastenmonats Ramadan kennzeichnet. Der Leiter des Desa Wisata Komitees, saß in der Mitte der Matten neben anderen Personen von hohem Status und forderte uns direkt auf, uns zu ihm zu setzen. Als wir im Verlauf der Forschung entschieden, über Nacht im Dorf zu bleiben, durften wir uns in seinem Haus einquartieren. Mögliche Gründe dafür waren unsere Eigenschaft als Forscher, dass ich als ausländischer Besuch einen Prestigegewinn brachte und die mit unserer Übernachtung verbundene finanzielle Einnahme. Es hatte Vorteile, beim Leiter des Komitees zu wohnen, da es so leichter war, Gesprächstermine zu finden und weil er der einzige Gesprächspartner in Sambi war, der sich auf Englisch ausdrücken konnte. Er wollte uns auch anderen Mitgliedern des Komitees ankündigen. Andererseits wollten wir uns jedoch nicht von einer Seite vereinnahmen lassen, denn schnell zeigte sich, dass es in Sambi Unstimmigkeiten das Desa Wisata betreffend gab.68 Wir befürchteten, dass wir durch unsere Nähe zum Leiter des Komitees Sympathien und Freiheiten einbüßen könnten und dieser uns bewusst an sich binden wolle. Allerdings erwiesen sich diese Befürchtungen als unbegründet, denn ebenso wie es ihm nichts auszumachen schien, dass wir mit den verschiedenen „Parteien“ sprachen, schienen diese auch keinen Anstoß daran zu nehmen, dass wir bei ihm übernachteten. Trotz offensichtlicher Differenzen mit manchen Personen, äußerte sich unser Gastgeber auch positiv über deren Eigenschaften und Errungenschaften. Der Umgang mit seiner Familie war sehr ungezwungen. Jeder ging seinen Tätigkeiten nach, traf man sich im Laufe des Tages wurde ungezwungen miteinander geredet oder Fern mit dem kleinen Sohn geschaut. In Ketingan war dies ähnlich. Ich hatte den Wunsch geäußert, in einem Haus mit den einzigen beiden einigermaßen englischsprachigen „Guides“ des 68 Zum Teil werden diese in der vorliegenden Arbeit erwähnt, sofern es dem Erkenntnisgewinn dient und mit den ethischen Ansprüchen des Autors nicht in Konflikt gerät. Zum Schutz der Individuen und um ihr Vertrauen nicht zu missbrauchen, werden auch manche Erkenntnisse und Zusammenhänge nicht genannt. 60 Dorfes zu übernachten, da ich mich dort zeitweise ohne meine Partnerin aufhalten würde. Die Familie nahm mich sehr freundlich und herzlich auf. Ebenso wie die Familie, bei der ich in Sambi geschlafen hatte, waren sie offensichtlich recht wohlhabend. Beide Kinder hatten studiert und es gab ein Hausmädchen, zu dem ein herzliches Verhältnis bestand. Das Zimmer, in dem ich schlief, war normalerweise das Zimmer einer der Schwestern, das flüchtig von ihr aufgeräumt und mit neuem Bettzeug versehen wurden war. In der Zeit meines Besuches schlief sie zusammen mit ihrer Schwester in ihrem Zimmer. Je nach Anzahl der Übernachtungsgäste in diesem Homestay, wurde dieses oder weitere Räume frei gemacht und benutzt. Offensichtlich wurden in beiden Häusern die Zimmer nicht dauerhaft für Gäste freigehalten, sondern – solange keine Touristen dort waren – von der Familie benutzt. Die Dorfbewohner zeigten sich recht schüchtern. Besonders in der Anfangsphase als noch nicht alle über unsere Forschung informiert waren mag das aber auch an unserem Auftreten gelegen haben: Eine Indonesierin mit einem großen Ausländer im Schlepptau, bewaffnet mit Diktiergerät und Block und eine ganze Reihe neugieriger Fragen stellend. Nach mehrmaligen Treffen und längeren Aufenthalten im Dorf, hatten die Bewohner mehr Vertrauen gefasst, was sich durch weniger Zurückhaltung in den Gesprächen deutlich zeigte. Dass es manchmal einer Art Initiation oder zumindest eines bestimmten Ereignisses bedarf, um mehr als nur akzeptiert zu werden, wurde mir sehr deutlich als ich in Ketingan die Feierlichkeiten zu Idul Fitri69 miterleben und in Sambi dem bis in die Morgenstunden andauernden wayang kulit beiwohnen durfte. Nach diesen Ereignissen kamen die Bewohner beider Dörfer auf mich zu, riefen meinen Namen und luden mich zu sich ein. Durch die Teilnahme an diesen öffentlichen Ereignissen war ich nun auch vielen bekannt, die mich vorher noch nicht getroffen hatten und für alle war mein Interesse an den Dörfern und ihren Bewohner ersichtlich. Leider fanden diese Ereignisse beide wenige Tage vor meiner Abreise statt, so dass ich diese neue sehr angenehme und der Forschung sicherlich zuträgliche Situation nur wenig nutzen konnte. Grundsätzlich war ich allerdings überrascht wie wenige Beachtung uns geschenkt wurde und wie wenig wir als Forscher unfreiwillig in bestimmte Rollen gedrängt wurden. Manche Gesprächspartner machten anfangs Werbung für ihre Dörfer, erkannten aber schnell, dass wir wahrscheinlich nicht viele neue Kunden bringen würden und sahen uns bald weniger als Touristenbringer, sonder unterhielten sich sehr offen über verschiedene Aspekte der Tourismusdörfer mit uns. Auffällig war, dass es uns leichter fiel, mit 69 Feierlichkeiten bei Beendigung des Fastenmonats Ramadan. 61 Personen zu reden, die gebildeter, weltoffener und wohlhabender waren. Besonders auffällig war dies bei Gesprächen, die wir mit Akademikern führten. Die Kommunikation fiel nicht nur mir leichter, da wir auf Englisch sprachen, sondern auch meiner Forschungspartnerin aufgrund der gemeinsamen Basis als Akademiker. Diese vielleicht triviale Erkenntnis gab uns bereits erste Hinweise bezüglich unseres Forschungsvorhabens. Akademiker konnten mit der Idee unserer Forschung meist auf Anhieb etwas anfangen, hinterfragten sie, fragten nach weiteren Details oder differenzierten ihre Antworten auf offene Fragen ausgiebig. Sie reflektierten den Erwerb und die Anwendung von Wissen ausgiebiger als die meisten anderen Dorfbewohner und es fiel uns leichter, spontane Anschlussfragen zu stellen. In Expertengesprächen wurde ich auch nach bestimmten touristischen Aspekten in Deutschland gefragt. Es fand dann eher ein Wissensaustausch als ein Interview statt. In den Dörfern war es leichter über mangelndes Wissen in bestimmten Bereichen zu sprechen. Dieses wurde besonders dann thematisiert, wenn über „die Anderen“ gesprochen wurde. Das eigene Wissen wurde weniger reflektiert. Es wurde uns zwar auch erläutert, was man wo gelernt hatte, aber die genauen Inhalte und deren Anwendungsgebiete waren schwer zu erfassen. Oftmals wurden eher pauschale Aussagen getätigt, die einer beispielsweise einer Schulung Nutzen zusprachen oder diese für wenig effektiv erklärten. Die vermittelten Inhalte, die Art der Vermittlung, sowie deren Anwendung und Nutzen wurden nicht genauer differenziert. 5.3. Methoden der Datenerhebung und Auswertung Bei unserer Forschung bedienten wir uns klassischer ethnologischer Forschungsmethoden, d.h. informellen Gesprächen, strukturierten Interviews sowie der Beobachtung. Diese qualitativen Methoden wendeten wir an, um die emische Sicht der Gesprächspartner, ihre individuelle Konstruktion der Wirklichkeit und Aushandlungsprozesse zu eruieren. Es ging uns also weniger um eine die objektive Wahrheit enthüllende repräsentative Studie, sondern um die Wahrnehmung der von uns Befragten. Neben den Gesprächen und Interviews, die den Hauptteil unserer Forschung ausmachten, flossen in die Auswertung graue Literatur wie diverses Werbematerial, Arbeitsbeschreibungen von Gremien etc. mit ein. Auch hatten wir Gelegenheit, einer Schulung für Desa Wisata und touristische Aktivitäten in Sambi beizuwohnen. Wenige Informanten beantworteten uns auch Fragen per 62 Email. Mit manchen besteht weiterhin Kontakt, was die Klärung von bei der Auswertung aufkommenden Faktenfragen erleichtert.70 Die von uns gesammelten Informationen wurden im Sinne der von den Soziologen Howard, Glaser, Strauss und Corbin ab den 50er Jahren entwickelten 'Grounded Theory' verwertet (Mayring 2002:102). Die deutsche Übersetzung „gegenstandsbezogene Theorie“ deutet bereits an, dass damit ein weitgehend induktives Verfahren gemeint ist, bei dem die Theoriebildung aus der Erhebung der Daten resultiert. Dementsprechend finden Datenerhebung und Auswertung teilweise gleichzeitig statt und beeinflussen sich gegenseitig: der theoretische Bezugsrahmen wird modifiziert, wirkt somit gleichzeitig auf die Datenerhebung zurück und umgekehrt (Mayring 2002: 103f). Diese Vorgehensweise ist besonders geeignet für die Herausarbeitung theoretischer Modelle, die soziale Prozesse erklären sollen (Brüsemeister 2000:190) und somit auch für die ethnologische Forschung. Es muss allerdings betont werden, dass aufgrund der kurzen Forschungsperiode eine Theorieentwicklung im Sinne der Tradition der Grounded Theory nur ansatzweise stattfand. So wurden für diese Arbeit bereits vorhandene Theorien rezipiert, verwendet und mit dem Forschungsgegenstand entsprechend kombiniert. Für die Durchführung der Gespräche mit verschiedenen Informantengruppen benutzten wir unterschiedliche Leitfäden, die vor den meisten Gesprächen noch modifiziert wurden; einerseits aufgrund der neusten Erfahrungen, Erkenntnisse und natürlich der Forschungsausrichtung, andererseits hinsichtlich des zu befragenden Individuums.71 Um die emische Sicht des Individuums zu erfassen, mussten wir unsere Gesprächspartner zu Wort kommen lassen, ihm Freiheiten in seinen Ausführungen schenken und uns nicht zu eng an den Fragekatalog halten. Diesen Spagat zwischen Zentriertheit einerseits, sowie Offenheit und Flexibilität andererseits, versuchten wir zu meistern, indem wir je nach Situation den Leitfaden mehr oder weniger zu Hilfe nahmen und ihn so als Orientierung oder Gedankenstütze nutzten. Neben dem Notizblock, den ich fast immer bei mir trug und der hauptsächlich bei Gesprächen zum Einsatz kam, führte ich ein Forschungstagebuch, in dem ich meine alltäglichen Eindrücke, Gefühle und Gedanken festhielt. Dies erwies sich bei der Auswertung als sehr nützlich. Die Gespräche wurden bis auf wenige Ausnahmen, in denen es das Gegenüber nicht wünschte, mittels eines digitalen Diktiergeräts aufgezeichnet. Das Anfertigen von Notizen und 70 Eine Auflistung aller zur Auswertung herangezogenen Aufzeichnungen findet sich im Quellenverzeichnis. 71 Wenn ich hier das Wort 'Gespräche' benutze und nicht 'Interview', dann deswegen, weil das den Charakter der meisten unserer Treffen mit Informanten besser trifft 63 Gedächtnisprotokollen während der Interviews war aber weiterhin unbedingt notwendig, um ad hoc weitere Gedanken, Gefühle und Fragen etc. zu dokumentieren. Als die Aufnahme eines Interviews durch technische Probleme verloren ging und ein anderes Mal die neu gekauften Batterien schneller leer waren als erwartet, lernten wir unsere Aufzeichnungen zu schätzen. Die Auswertung erfolgte nach dem Verfahren des theoretischen Kodierens nach Mayring (2007).72 Kodierung wird dabei verstanden als „die Vorgehensweise […], durch die Daten aufgebrochen, konzeptionalisiert und auf neue Art zusammen gesetzt werden. Es ist der zentrale Prozess, durch den aus den Daten Theorien entwickelt werden“ (Strauss und Corbin 1996: 39). Beim ersten Kodieren werden dabei die in den Interviews enthaltenen Daten, Aussagen, Phänomene, Begriffe usw. je nach Dichte abschnitts-, zeilenoder satzweise in Codes gefasst. Durch mehrmalige Abstraktion dieser Kodes lassen sich für die Fragestellung relevante Kategorien bilden (Mayring 2002:388). 72 Diese Auswertung der Interviews erfolgte mit dem kostenlos erhältlichen Programm 'Open Code', das zwar ausreichend für die Auswertung war, aber in seinen Möglichkeiten kommerziellen Programmen doch weit unterlegen ist wie sich schnell herausstellte.

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References

Zusammenfassung

Von alternativen Konzepten, wie dem des Community Based Tourism, erhofft man sich, die oftmals negativen Auswirkungen von Tourismus auf die lokalen Bevölkerungen und ihre Lebenswelten zu verbessern. Allerdings zeigt sich, dass auch dieser Ansatz in der Praxis oftmals nicht wie erhofft funktioniert. Der Mangel an Wissen und Verständnis für Tourismus der lokalen Akteure wird als grundlegendes Hindernis der Entwicklung nachhaltiger alternativer Projekte gesehen. Beruhend auf einer 10-wöchigen durchgeführten Feldstudie behandelt diese Arbeit den Transfer von Wissen in zwei Community Based Tourism-Projekten auf Java, Indonesien. Dort entstehen in den ländlichen Gebieten der Region Yogyakarta seit einigen Jahren vermehrt desa wisata (Tourismusdörfer). Diese beruhen hauptsächlich auf der Vermarktung von Traditionen und Kultur im weitesten Sinne. In dieser Arbeit werden für die theoretische, aber auch praktische Beschäftigung mit dem Thema relevante Erkenntnisse gewonnen. Es lassen sich auch Handlungsanweisungen für die Praxis der Wissensvermittlung zur Ermächtigung der Durchführung von CBT-Projekten ableiten. Folgende Leitfragen ziehen sich durch die Arbeit: Welche Akteure in den Projekten sind Träger welchen Wissens? Wie wird Wissen vermittelt, und vor allem: welche Faktoren bedingen diesen Prozess?