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2. Wissenstheoretische Grundlagen in:

Alexander Ell

Wissenstransfer im Community Based Tourism, page 29 - 39

Eine Feldstudie in der Region Yogyakarta, Indonesien

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-3977-9, ISBN online: 978-3-8288-6805-2, https://doi.org/10.5771/9783828868052-29

Tectum, Baden-Baden
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29 2. Wissenstheoretische Grundlagen Wissen steht in mehrfacher Hinsicht im Fokus der vorliegenden Forschung über CBT. Erstens, weil- die Vermittlung von Wissen für die Entwicklung von CBT-Projekten eine bedeutende Rolle spielt. Bildungsinhalte reichen von der grundsätzlichen Idee des Tourismus bis hin zu spezifischen Fähigkeiten der Vermarktung, Buchhaltung etc. Dabei sind externe Akteure maßgeblich an dem Versuch beteiligt, ein Bewusstsein für Tourismus zu vermitteln und entwicklungshemmende Wissensdefizite zu beheben oder zu verringern. Zweitens, weil Kultur im weiteren Sinne das touristische Hauptpotential der Gemeinschaften darstellt, bei dem naturräumliche Gegebenheiten als Attraktionen dienen. Auch auf die untersuchten Dörfer Sambi und Ketingan trifft dies, wenn auch in unterschiedlichem Maße, zu. Mit Kultur rückt auch Wissen in das Zentrum der Aufmerksamkeit, wenn man davon ausgeht, dass Wissen sich in sämtlichen Elementen von Kultur „als Gesamtheit menschlicher Hervorbringungen auf allen Gebieten des Lebens“ (Fried/Kailer 2003:9) manifestiert (vgl. Schareika 2004). Wissen ist zugleich Medium und Motor gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen und bedingt die gesamte erfahrene Lebenswelt.36 Dwi und Raharjana, die ebenfalls Forschungen in den beiden von uns untersuchten Dörfern durchgeführt haben, identifizieren das lokale Wissen als potentielle touristische Attraktion (Dwi 2004:28, Raharjana 2005:132). Drittens, weil die sinnstiftende Kon- 36 Fried und Kailer (2003) sowie Barth (2000) beschäftigen sich mit dem Verhältnis von 'Kultur' und 'Wissen'. Ein postmodernen Kulturbegriff verwirft die Ideen abgegrenzter und starrer Kulturen sowie eindeutiger Identitäten. Dynamik, kommunikative Prozesse, Vermischung und Neuerfindung von kultureller Identität finden Beachtung (Laviziano 2005:12f). In der Tradition der semiotischen Kulturtheorie von Clifford Geertz definiert die Ethnologin Christine Tuschinsky Kultur als „ein offenes System von Bedeutungen, das sich in direkter Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Bedingungen konstituiert“ (Tuschinsky 2002:24). Durch fortlaufende neue Einflüsse, also neue Informationen in verschiedenen Formen, deren Aufnahmen, Interpretation, und daraus abgeleitete Handlungen, Denkweisen etc. werden Identität und Kultur ständig neu ausgehandelt und dabei neues Wissen erschaffen. 30 struktion der subjektiven Wirklichkeit der Welt auf Wissen basiert, welches die besprochenen Veränderungen im Selbst- und Weltbild der Communtiy erklären kann. 2.1. Wissenssoziologische Grundlagen Um die drei Aspekte näher zu erläutern, möchte ich mich dem Wissensbegriff zunächst aus (wissens-)soziologischer Sicht nähern. Die Neue Wissenssoziologie oder sozialkonstruktivistische Wissenssoziologie nach Berger und Luckmann begreift das Wissen einer Gesellschaft als sozial konstruiert (Berger/Luckmann 2007 Pascale et al. 1998:6). Wissen stellt also keine absolute Wahrheit oder Wirklichkeit dar, sondern ist vielmehr das Produkt „sozial vermittelter Bedeutungen, die mehr von Akzeptanz als von Wahrheit geleitet sind“ (Tänzler et al. 2006:7). Die Bedeutung einer Sache entsteht in der Interpretation durch das Individuum, auf der Grundlage seines bisherigen Wissens, welches als Referenzsystem fungiert (Krais/Gebauer 2002:60ff). Der Anthropologe Frederik Barth definiert Wissen in diesem Sinne als „what a person employs to interpret and act on the world“ (Barth 2002:1). Dies schließt Gefühle und Einstellungen sowie Informationen, körperliche Fähigkeiten (embodied skills) wie auch verbale Taxonomien und Konzepte mit ein: „all the ways of understanding that we use to make our experienced, grasped reality“ (ebd.). Dies wird treffend durch den Begriff Habitus beschrieben, den der französische Soziologe Pierre Félix Bourdieu prägte. Er bezeichnet „Schemata, die der Wahrnehmung der sozialen Wirklichkeit dienen, Denkschemata, mit deren Hilfe diese Wahrnehmung geordnet und interpretiert werden, ethische Ordnungs- und Bewertungsmuster, ästhetische Maßstäbe zur Bewertung kultureller Produkte und Praktiken sowie Schemata, die Hervorbringung von Handlungen ableiten“ (Fuchs-Heinritz/König 2005:114). Aus diesen Schemata leiten sich also Gewohnheiten des Denkens, Fühlens und Handelns ab (Fuchs-Heinritz/König 2005:144ff, Mayerhofer 1998: Rehbein 2006:79-98). Dieses individuelle Wissen speist sich aus dem gesellschaftlichen Wissensvorrat (Keller 2009:42). Individuelle Interpretationen und Auffassungen von Wirklichkeit - also neues Wissen, das auf der Grundlage des vorhandenen gewonnen wird -, werden zu einem Teil des gesellschaftlichen Wissensvorrats.37 Die Gesamtheit des Wissensvorrats ist dabei nicht mit dem Wissensvorrat eines Individuums identisch. Wissen ist niemals gleich auf alle Individuen verteilt, sondern jedes Individuum verfügt nur über einen Teil des gesamten in der Gesellschaft vorhandenen Wissens. 37 Diese zwei Ebenen: die individuell-subjektive Ebene und die gesellschaftlich-objektive Ebene stehen in einem komplexen dialektischen Verhältnis (Keller 39ff). 31 Dies ist durch gesellschaftliche Zuteilungsprozesse und individuelle Erfahrungen bedingt (Barth 2002:1ff, Keller 2008:39ff, Fried 2003:10f). Das schlägt sich in der erweiterten Theorie nieder, in der beispielsweise zwischen Wissensformen, wie Jedermanns- und Experten-Wissen oder Alltags- und Spezialwissen unterschieden wird (Berger/Luckmann 2007:26f, Neubert/Macamo 2004). Das umfassende Verständnis von Wissen in der Neuen Wissenssoziologie bietet die Grundlage für weitere theoretische Überlegungen und Konkretisierungen je nach Forschungsinteresse. Soziologen wie Ethnologen haben sich darum bemüht, sinnvolle, operationalisierbare theoretische Konzepte von Wissensformen zu entwickeln. 2.2. Lokales Wissen Lokales Wissen ist zunächst eine Kategorie für die empirische Erhebung (Neubert/Macamo 2004:94, Schareika 2004:32). Im Kontext von Entwicklungszusammenarbeit und ethnologischen Forschungen ist lokales Wissen zu einem zentralen Begriff und Forschungsgegenstand geworden. Es fungiert dabei als Sammelbegriff für eine Vielzahl von Konzepten, wie einheimisches, autochthones oder traditionelles Wissen, Volkswissen und indigenes Wissen, die teilweise auch synonym verwendet werden (Schultze 1998:4, Neubert/Macamo 2004:94).38 Was sich im Einzelnen dahinter verbirgt, ist unterschiedlich. Im Allgemeinen wird das Wissen einer Ethnie, oder Gemeinschaft verstanden. Die Bezeichnung lokales Wissen betont also die Bezogenheit des Wissens auf einen bestimmen Ort, und damit „spezifische kulturelle und physische Umwelt, ohne zugleich Vorgaben über die Herkunft des Wissens zu machen“ (Neubert/Macamo 2004:94). In diesem Sinne wird der Begriff auch in dieser Arbeit verwendet.39 In der Tradition der Neuen Wissenssoziologie bezeichnet der Begriff also „die Kenntnisse, Fähigkeiten und Weltbilder, die in einer bestimmten natürlichen Umwelt und einem bestimmten kulturellen Rahmen“ (Schultze 1998:3) bestehen und sich verändern. Neben diesem Verständnis gehen Neubert und Macamo in ihrer anschaulichen, erweiterten Definition auch auf die explizite und implizite Dimensionen von lokalem Wissen ein: „Lokales Wissen ist somit mehr als reflektierte und verbalisierte Information und Kenntnis. Zum lokalen Wissen gehören daneben auch nicht reflektierte Kategorien und klassifikatorische Ordnungen, Deutungen der Welt (Kosmologien und Kosmogenien), Wissen über Abläufe und Prozesse, Alltagsdrehbücher über an- 38 Wobei traditionelles Wissen, sich auf die vermeintliche Herkunft des Wissens bezieht und eine gewisse Statik und ein “Veraltet-sein“ suggeriert (Schultze 1998:2). 39 Siebert schlägt vor von lokal relevantem Wissen zu sprechen, um nicht nur lokal entstandenes, sondern auch lokalisiertes externes Wissen zu erfassen (Siebert 2004:271). 32 gemessenes Verhalten in bestimmten Situationen, automatisierte Bewegungsfertigkeiten und Handlungsabläufe, die geübt und nicht erklärt werden, komplexe Entscheidungsmuster, die über Erfahrungen angeeignet und nur bruchstückhaft verbalisiert werden, bewusste und unbewusste Deutungs- und Relevanzstrukturen“ (Neubert/Macamo 2004:95). Wie schon erwähnt, ist lokales Wissen auch eine empirische Kategorie. Dabei kann der Begriff lokal etwas irreführend sein, denn der Einflussbereich lokalen Wissens ist nicht nur auf einen Ort begrenzt, noch ist bestimmtes Wissen zwingend nur an einem Ort zu finden, bzw. muss auch an diesem entstanden sein (Schultze 1998:3f). Wissen ist also offensichtlich nicht statisch, sondern kann „wandern“ und sich verändern. Dies geschieht dauerhaft „durch selbstständige Innovationen, durch Anpassung an ver- änderte Bedingungen und Übernahmen von Wissen, Fähigkeiten und Technologien“ (Neubert/Macamo 2004:95). Der Begriff des lokalen Wissens unterstreicht also den Bezug des Wissens auf die für das Wissenssystem relevante Umwelt eines spezifischen Ortes, zu der die „physische Umwelt, Menschen, Institutionen, das spezifische soziokulturelle Umfeld, spezifische lokal verfügbare Ressourcen Techniken und Geräte“ (Schareika 2004:95f) gehören. Neue Eindrücke, besonders Krisen und Probleme, führen zur Produktion neuen Wissens bzw. dessen spezifischer Bedeutung (Macamo/Neubert 2004:186ff).40 Besonders in Zeiten von Not oder nicht alltäglichen Ereignissen, die an sich schon neues Wissen darstellen und die Produktion neuen Wissens erzwingen, kommt es zu einer Veränderung des vorhandenen Wissenssystems (Fried/Kailer 2003:11f). Die Ungleichverteilung von Wissen fand bereits Erwähnung. Sie resultiert u.a. aus der Einbindung von Wissen in lokale Machtstrukturen. Faktoren, welche die Verteilung von Wissen beeinflussen, sind Position, Geschlecht, Alter, sozialer oder religiöser Status und Arbeitsbereich (ebd., Schultze 1998:19f). So teilen bestimmte Gruppierungen oder Einzelpersonen Wissen, das anderen unbekannt oder nur zu Teilen bekannt ist (Gruppenwissen, Geheimwissen, Experten- und Spezialwissen u.a.) (Schultze 1993:20). Innerhalb der weiten Definition von lokalem Wissen ist der Begriff des Spezialwissens hervorzuheben. Dies kann beispielsweise das Wissen eines Heilers sein. Denn, wie am obigen Zitat deutlich wurde, umfasst lokales Wissen das, was die Soziologie unter Alltagswissen versteht (Berger/Luckmann 2007:16, 26f). Alltagswissen ist größtenteils implizites Wissen, das nicht bewusst 40 Neues Wissen ist dabei nicht 'neu' im Sinne von 'zusammenhanglos' und 'ohne Anknüpfungspunkt', sondern stellt eine Neuinterpretation auf Basis des vorhandene Wissens unter den aktuellen Umständen und damit dem aktuellen Wissens- und Referenzsystems dar. Neue, bis dahin unbekannte Eindrücke werden bei ihrem Auftauchen ebenfalls auf der Grundlage des aktuellen Wissensfundus interpretiert und in das Wissenssystem integriert. 33 wahrgenommen wird, da es selbstverständlich ist und nicht hinterfragt als Basis aller Wahrnehmung und sinnhafter Strukturierung der Gesellschaft dient (Neubert/Macamo 2004:96). Spezialwissen wird herangezogen bei Fragen und Situationen, die über die Alltagsroutine hinausgehen. Dabei ist zu betonen, dass es sich bei beiden Wissensarten um ein strukturell ungleiches Paar handelt, denn Spezialwissen wird mittels des Referenzrahmens, den das Alltagswissen stellt, konstruiert. Im wissenschaftlichen Diskurs wird - vor allem in Bezug auf „Entwicklungsländer“ - lokales Wissen oft wissenschaftlichem Wissen gegenübergestellt. Für die vorliegende Arbeit ist weniger das Verhältnis dieser beiden Wissensarten zueinander interessant, als vielmehr die theoretischen Erkenntnisse bezüglich der Eigenschaften von lokalem Wissen.41 Für eine Übersicht der Charakteristika dieser beiden Wissensarten siehe die unten stehende Tabelle. Wissenschaftliches Wissen Lokales Wissen - Reduktionistisch, fragmentiert - Ganzheitlich - Theoriegeleitet - Handlungsorientiert - Anspruch: neutral, wertfrei, bzw. sich der zugrunde liegenden Wertungen nicht bewusst - Anspruch: bewusst an Werte geknüpft - Anspruch: universell gültig - Anspruch: lokal gültig - Kontrolliertes Experiment - Versuch-Irrtum (unkontrolliertes Experiment) - Gezielte und systematische Wissensproduktion, Erkenntnisgewinn als Eigenzweck - Keine gezielte Wissensproduktion, Erkenntnisgewinn kein Eigenzweck - Systematische Reflexion über Wissensproduktion mit: Erkenntnistheorie, Methodologie, Regeln der Erkenntnisgewinnung - Keine systematische Reflexion über Wissensproduktion Tabelle 1: Gegenüberstellung von wissenschaftlichem Wissen und lokalem Wissen (nach Neubert/Macamo 2004:101 und Schultze 1998:26) Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Hauptunterschied im Kontextbezug des lokalen Wissens zum Anspruch einer universellen Gültigkeit des wissenschaftlichen Wissens liegt.42 Das Anknüpfen an Werte betont 41 Zu den Verhältnisse, in denen lokales und wissenschaftliches Wissen stehen können und ein Überblick über diese kontrovers diskutierten Konzepte siehe Neubert/Macamo (2004), Schultze (1998), Spranz (2010) und Schareika (2004:29ff). 42 Geht man davon aus, dass alles Wissen sozialen Charakter hat, trifft dies auch für wissenschaftlichem Wissen zu. Für die weiterführende Diskussion darüber siehe Neubert/Macamo (2004) und Schultze (1998). 34 zudem die Wichtigkeit von Moral bei lokalem Wissen. Sie bedingt sowohl die Einschätzung genereller Relevanz von Wissen als auch die Bewertung und dadurch den Umgang damit (vgl. Spranz 2010). Die Produktion lokalen Wissens erfolgt weder gezielt noch ist sie durch systematische Reflexion charakterisiert. Wissen wird im Alltag schnell und assoziativ konstruiert, ohne dass dieser Prozess stets reflektiert würde (Schareika 2004:25). Eine weitere Erkenntnis in der Diskussion um wissenschaftliches und lokales Wissen ist wesentlich. Wissen muss anschlussfähig sein, das heißt, es muss vom vorhandenen lokalen bzw. individuellen Referenzsystem wahrgenommen werden, um in das Wissenssystem integriert werden zu können. Dabei muss es als relevant und moralisch akzeptabel interpretiert werden (vgl. Neubert/Macamo 2004:100ff, Spranz 2010). 2.3. Kommunikation von Informationen Hier werden nun einige Grundlagen zur Kommunikation vorgestellt und anhand von empirischen Ergebnissen veranschaulicht. Mundy und Compton beschäftigen sich mit „Indigenous Communication and Indigenous Knowledge“ (1995).43 Sie unterscheiden dabei zwischen Wissen und Information, wobei Wissen „process of knowing, of individual cognition“ bezeichnet. Wissen ruht also im Menschen. Es wird kreiert, und zwar durch die Wahrnehmung der eigenen Umwelt und der Kommunikation mit anderen. Dieses Wissen kann kodiert und kommuniziert werden und wird dann vom Empfänger mittels dessen Wissens dekodiert und analysiert (Mundy/Compton 1995:112). Reaktionen des Empfängers, seien sie verbal oder anderer Art, schaffen wiederum neues Wissen beim Sender, der in diesem Moment ebenso Empfänger ist. Um den Prozess der Kodierung und Dekodierung zu betonen, sprechen die Autoren nicht von der 'Kommunikation von Wissen' sondern von der 'Kommunikation von Informationen' (ebd. 112f). Kommunikation geschieht sowohl bewusst als auch unbewusst durch die Beobachtung von Handlungen ebenso wie unterlassenen Handlungen, Körpersprache, Verhalten in bestimmten Situationen. Dabei wird Information immer dekodiert und interpretiert und so in neues Wissen umgewandelt (Laviziano 2005:6, Mundy/Compton 1995:113ff). Man kann grob zwischen formeller, institutionalisierter Kommunikation und informeller unterscheiden. Lokale Organisationen und Versammlungen sind Dreh- und Angelpunkte von Kommunikation. Dorfversammlungen und manche Zusammenkünfte bestimmter Organisationen haben den expliziten 43 Die beiden Autoren benutzen das Wort indigenious. Ich werde diese für meine Arbeit, wenn angebracht, durch den Begriff lokal ersetzen. 35 Zweck des Informationsaustausches. Diese Organisationen und Zusammenkünfte sind formal nicht primär Institutionen zum Informationsaustausch sondern beispielsweise religiöser Natur, Arbeitsgruppen, Frauen- oder Jugendvereinigungen mit diversen Zielen und Zwecken. Innerhalb dieser werden durch explizite verbale Kommunikation oder Handeln viele Informationen ausgetauscht (Mundy/Compton 1995:115f, Wang 1982:3f). Neben diesen strukturierten, institutionalisierten Kanälen findet Kommunikation von Informationen auch informell und relativ unstrukturiert statt. Dies geschieht bei Gesprächen innerhalb der Familie, auf dem Markt, auf der Stra- ße, also wo immer Menschen sich treffen und spontan kommunizieren. Diese von Mundy und Compton angesprochenen Kategorien sind jedoch nur zwei stereotype Pole, die selten strikt von einander zu trennen sind. Mundy und Compton zeigen auf, dass bedeutende Teile von Informationen zwischen Generationen kommuniziert werden. Die älteren Mitglieder einer Gesellschaft werden dabei als diejenigen angesehen, die einen großen Wissensvorrat an lokalem Wissen aufweisen. Tendenziell haben sie gegenüber jüngeren ein Deutungsmonopol, insbesondere traditionelle Angelegenheiten betreffend. Sie erhalten Autorität unter anderem dadurch, dass sie das Wissen der Ahnen weitergeben. Dabei kann sowohl die Kommunikation von Informationen als auch die Rezeption bewusst oder unbewusst sein. Man denke an erzieherische Maßnahmen, Bildungsinstitutionen, aber auch an das Prinzip der bewussten und unbewussten Nachahmung. Beobachtung ist eine Art der Wissensaneignung, die sich besonders für das Erlangen technischen Wissens eignet, aber auch bei komplexen Zusammenhängen ein Mittel des Wissensgewinns (Mundy/Compton 1995:115ff) darstellt. So werden beispielsweise viele Rituale und Bräuche weniger erklärt, als im Erleben erlernt. Gerade in ländlichen Gebieten von „Entwicklungs-“ und „Schwellenländern“ hat formale Bildung oft weniger Bedeutung für die Lebensgestaltung als es in „westlichen Ländern“ der Fall ist. Lernen ist oftmals in den Alltag integriert, Wissen wird im Handeln weitergegeben und nicht durch eine „theoretische vom Alltag entkoppelte Unterweisung“ (Schultze 1993:13). Wie Schultze (19998:19f) weisen Mundy und Compton nicht nur darauf hin, dass das Wissen in einer Gesellschaft ungleich verteilt ist, sondern dass die Sozial- und Machtstrukturen neben anderen Faktoren auch die Kommunikation von Wissen und damit Neuerungen beeinflussen (Mundy/Compton 1995:117f). Dabei beziehen sie sich auf die Diffusionstheorie nach Everett M. Rogers (Rogers 1969 [1962]), die für meine Forschung eine hilfreiche Perspektive anbietet. Innovationen werden dabei sehr umfassend als neue Idee, Technik oder Praktik definiert (Rogers 1969:13, 2003:5f, Brown 1981:1), also als neues Wissen im Sinne der obigen Definition. 36 Die Diffusionstheorie zeigt, dass viel Kommunikation innerhalb von Cliquen oder Peergroups stattfindet, die eine effiziente Kommunikation unter ihren Mitglieder fördern, aber gleichzeitig als Barriere nach außen wirken. Neues Wissen bringen Mitglieder dieser Gruppen ein, die vermehrt Kontakte nach außen pflegen und so im übertragenen Sinne als Brücke und laut Rogers als Innovator fungieren (Rogers 1969:193-206). Diese sind experimentierfreudig und erschaffen so selbst neues Wissen, oder bringen Ideen ein, die von Erfahrungen außerhalb der Clique oder Gemeinde stammen. Eric Dudley, der lange Jahre Erfahrung in der EZ gesammelt hat, weißt darauf hin, dass Innovatoren oftmals neugierige jüngere Personen sind, die aber oft Kritik erfahren. „Adventurous young innovators are looked on by the rest of the community as gamblers whose opinions cannot be trusted or whose position as people without responsibilities is of little relevance to their own“ (Dudley 1993:65). Trotzdem sind sie laut Mundy und Compton „the major source of the indigenous innovations that enter the society“ (Mundy/Compton 1995:118). Experten und Spezialisten44 schreibt man Kompetenz in bestimmten Wissensbereichen zu, wodurch eine Orientierung an ihnen stattfindet. Sie sind Meinungsführer in ihrer speziellen Disziplin, werden daher von anderen Personen nach ihrem Wissen gefragt und besitzen die Deutungshoheit bestimmte Angelegenheiten betreffend. Dabei ist auch ein „Experte“ ein Resultat sozialer Zuschreibung, also eine Konstruktion und keine objektive Wirklichkeit (Schützeichel 2007:548). Wie die Diffusionsforschung hervorhebt, haben Meinungsführer (opinion leaders) in verschiedenen Bereichen starken Einfluss auf die Kommunikation von Informationen und die Ausbreitung von Innovationen unter ihren followern45 und damit auch im lokalen Wissen. Laut Dudley sind sie „the real trend-setters“ (Dudley 1993:132). Charakteristisch für Meinungsführer ist, dass sie mit sozialen Normen konform gehen, kosmopolitischer sind als ihre Follower und Medien sowie anderen Wissensquellen in höherem Maße ausgesetzt sind. Das dadurch erlangte externe Wissen bringen sie in in ihre Gruppe ein. Zu den Kontakten nach außen gehören auch die Beziehungen zu change agents. Rogers definiert sie diese folgendermaßen: „A change agent is an individual who influences clients' innovattion-decisions in a direction deemed desirable by an change agency“ (Rogers 2003:366). Diese Change Agency stellt beispielsweise eine 44 Schützeichel unterscheidet den Spezialisten, der Spezialist eine bestimmte Sache betreffend ist und daher eng begrenztes und umrissenes Wissen dazu hat, vom Experten, der ein breites Fachwissen bez. eines Problemfeldes besitzt. Er orientiert sich dabei auch an anderen Experten. Ein Experte hat daher ein größeres Deutungsmonopol (Schützeichel 2007:549). 45 Aus Mangel an einer adäquaten deutschen Übersetzung von follower wird in dieser Arbeit der der englische Begriff verwendet. 37 Entwicklungshilfeorganisation oder Regierung dar. Diese Definition geht davon aus, dass die Change Agency eine zielgerichtete Veränderung anstrebt, bei deren Durchführung der Change Agent verschiedene Rollen übernimmt (Rogers 2003: 368-373). Allgemein kann man sagen, dass Change Agents eine Verbindung zwischen einer externen Wissensressource und ihren Klienten darstellen. Der Change Agent ist dabei normalerweise ein externe Person, also nicht Mitglied der Community, wie zum Beispiel ein Berater, Lehrer, Entwicklungsarbeiter, Unternehmer. Sie verfügen über hohe Ausbildung und sind Experten auf dem Gebiet desjenigen Wissens, dass vermittelt werden soll (ebd.:368). Change Agents nutzen Meinungsführer, da sie um deren Einfluss wissen (ebd.:317). Um Innovationen zu verbreiten, haben Meinungsführer extensiven Kontakt zu anderen Mitgliedern der Gemeinschaft. Sie müssen „socially accessible“ (ebd.) sein, was u.a. durch starke Partizipation in Aktivitäten und Strukturen der Gemeinschaft gegeben ist. Tendenziell haben Opinion Leader im Vergleich zu ihren Followern einen relativ hohen sozioökonomischen Status und mehr formale Ausbildung genossen (ebd.318). Interessanterweise sind Opinion Leader zwar innovativer als Follower aber nicht zwingend Innovatoren, wie sie bereits erwähnt wurden. „When a social system's norms favor change, opinion leaders are more innovative, but when the system's norm do not favor change, opinion leaders are not especially innovative“ (Rogers 2003:318). Denn im Gegensatz zu den Innovatoren, deren Ideen man eher mit Misstrauen gegenüber steht, gehen Opinion Leader mit den sozialen Normen konform (Rogers 2003:318). 2.4. Bedingende Faktoren für die Diffusion von Innovationen Rogers beschreibt einige Faktoren, welche die Diffusion von Innovationen beeinflussen können. Dass Change Agents oftmals Kontakt zu Opinion Leadern suchen, liegt zum einen an deren bereits erwähnten, potentiell diffusionsfördernden Eigenschaften. Zum anderen kann der Opinion Leader wie ein Filter wirken, der Informationen übersetzt und damit überhaupt erst verständlich und anschlussfähig macht. Denn gerade das Wissen von Change Agents kann eine angestrebte Kommunikation mit den Klienten erschweren. „Their superior know-how actually poses a barrier, making it difficult for them to communicate directly with clients. Their hetorophily technical competence usually is accompanied by heterophily in subcultural language differences, socioeconomic status, and beliefs and attitudes“ (Rogers 2003:368). In diesem Zitat sind bereits einige wesentliche Faktoren, welche Kommunikation bedingen, enthalten. Verbale Sprache ist das zentrale Kommunikati- 38 onsmittel. Um Informationen kommunizieren zu können, muss die Sprache des Senders verstanden werden. Wendet dieser eine Form von Sprache an, die vom Empfänger nicht oder unzulänglich verstanden wird - sei dies aus aufgrund unbekannten Vokabulars, grammatikalischer Unterschiede oder aus anderen Gründen heraus - stellt dies eine bedeutende Kommunikationsbarriere dar. Rogers spricht auch von einem „Information overload“ durch Change Agents (Rogers 2003:368f), der durch zu viel Innovationen (neue Informationen im Sinne von Mundy und Compton) eintreten und die Empfänger überfordern kann. Die anderen genannten Faktoren (Status, Glaube und Einstellungen) weisen auf zweierlei hin. Zum einen darauf, dass der Sender die Menschen aufgrund seiner Konstruktion der Wirklichkeit - aus derer emischen Sicht - missversteht, deren Bedürfnisse und Sichtweise nicht kennt und daher vielleicht auch unverständliches Verhalten an den Tag legt. Dies führt zum zweiten Punkt: Diese Faktoren weisen nämlich auf die Einschätzung der Klienten über den Change Agent bzw. Sender hin. Genießt er kein Vertrauen und gilt als nicht glaubwürdig in der Gemeinschaft, werden Informationen von ihm keine große Bedeutung beigemessen. Sie werden als irrelevant oder unwichtig eingeschätzt und daher nicht adaptiert. Für die Akzeptanz und Umsetzung von Innovationen ist demnach ihre Einschätzung als nützlich, sinnvoll und relevant und auch moralisch akzeptabel (Hartwig 2004:176, Dudley 1993, Neubert/Macamo 2004:104). Daher ist die Feststellung der Bedürfnisse der Gemeinschaft durch Change Agents und andere Akteure sehr wichtig. Dazu sind Empathie und ein intensiver Austausch mit den Mitgliedern nötig (Rogers 2003:246ff, 376f). Eric Dudley, plädiert dafür, sich bei EZ-Projekten die Sicht der Akteure an zu eignen und sich zu fragen, ob eine Idee aus emischer Sicht sinnvoll und vernünftig ist und ob sie überhaupt wahrgenommen und begriffen werden kann (Dudley 1993). „In order to understand what other people will consider reasonable it is necessary to find ways of learning criteria, knowledge and priorities of the others“ (Dudley 1993:17). Er zeigt auf, dass für die Diffusion von Innovationen vorhandene lokale Institutionen und Strukturen bzw. Kommunikationskanäle (channels) am effektivsten sind. Dazu gehören die schon erwähnten Dorfversammlungen, Opinion Leader usw. (ebd.:34ff). Dudley merkt an, dass die Mehrheit einer Gemeinschaft im allgemeinen relativ konservativ ist und neue Ideen erst annimmt, wenn sie völlig von diesen überzeugt ist, was durch die erfolgreiche Anwendung von wenigen als Vorbild funktionierenden Meinungsführern erreicht wird (Dudley 1993:132). Dabei sind die erwähnten Unterschiede, die Verteilung von Wissen und damit auch Einsichten und Absichten innerhalb der Gesellschaft zu beachten. Vergleichsweise reiche und gut gebildete Personen sind (besonders technischen und wirtschaftlichen) Innovationen oftmals eher zugeneigt, als 39 weniger wohlhabende, da sie in ihnen Möglichkeiten sehen, ihre ökonomische Situation - und somit auch ihre Macht - noch mehr zu vergrößern (Schultze 1998:29). Gerade ärmere Personen, von denen man in der EZ hofft, das sie von Innovationen besonderen Nutzen haben, besitzen oft gar nicht die Ressourcen, um Innovationen umzusetzen bzw. können es sich nicht leisten, zu experimentieren und ihren geringen Besitz zu verlieren, was oftmals zur Verweigerung von Innovationen führt (Dudley 1993:132). Wie die angeführte CBT-Literatur stellt auch er fest, dass die Art des Erlernens neuer Fähigkeiten kompatibel mit den bereits Bekannten - also anschlussfähig - sein muss. Traditionelle, dem lokalen Wissen entsprechende Lernmethoden sind beispielsweise der für manche Personen ungewohnten „classroom Situation“ vorzuziehen (ebd.:47). Personen können sich in Schulungen unwohl fühlen oder erst gar nicht daran teilnehmen, weil diese Art der Wissensvermittlung dem schulischen oder universitären Betrieb zugeschrieben wird und damit nicht den Erwartungen der Zielgruppe entspricht und dem was sie für sich angemessen halten (ebd.:14). Situation und Art des Lernens sollten also möglichst den traditionellen, bekannten, bereits erfahrenen entsprechen und auch mit dem Selbstbild der Personen korrelieren. Wie in der CBT-Literatur weisen verschiedene Autoren darauf hin, dass ein praktisches Erlernen von Innovationen nach dem Prinzip learning by doing am effektivsten ist (Schultze 1998:13, Dudley 1993). Auch die Aufmachung, Darstellung, Logik, Struktur von Bildungsmaterialien aller Art müssen anschlussfähig sein (Dudley 1993:71-108). Dabei gilt für den Inhalt von Schulungen das Gleiche wie für die Diffusion von Innovationen im Allgemeinen: Die Komplexität einer Innovation aus Sicht der Empfänger korreliert negativ mit der Wahrscheinlichkeit der Adaption (Rogers 2003: 257).

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References

Zusammenfassung

Von alternativen Konzepten, wie dem des Community Based Tourism, erhofft man sich, die oftmals negativen Auswirkungen von Tourismus auf die lokalen Bevölkerungen und ihre Lebenswelten zu verbessern. Allerdings zeigt sich, dass auch dieser Ansatz in der Praxis oftmals nicht wie erhofft funktioniert. Der Mangel an Wissen und Verständnis für Tourismus der lokalen Akteure wird als grundlegendes Hindernis der Entwicklung nachhaltiger alternativer Projekte gesehen. Beruhend auf einer 10-wöchigen durchgeführten Feldstudie behandelt diese Arbeit den Transfer von Wissen in zwei Community Based Tourism-Projekten auf Java, Indonesien. Dort entstehen in den ländlichen Gebieten der Region Yogyakarta seit einigen Jahren vermehrt desa wisata (Tourismusdörfer). Diese beruhen hauptsächlich auf der Vermarktung von Traditionen und Kultur im weitesten Sinne. In dieser Arbeit werden für die theoretische, aber auch praktische Beschäftigung mit dem Thema relevante Erkenntnisse gewonnen. Es lassen sich auch Handlungsanweisungen für die Praxis der Wissensvermittlung zur Ermächtigung der Durchführung von CBT-Projekten ableiten. Folgende Leitfragen ziehen sich durch die Arbeit: Welche Akteure in den Projekten sind Träger welchen Wissens? Wie wird Wissen vermittelt, und vor allem: welche Faktoren bedingen diesen Prozess?