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9. Zusammenfassung und Ausblick in:

Alexander Ell

Wissenstransfer im Community Based Tourism, page 107 - 110

Eine Feldstudie in der Region Yogyakarta, Indonesien

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-3977-9, ISBN online: 978-3-8288-6805-2, https://doi.org/10.5771/9783828868052-107

Tectum, Baden-Baden
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107 9. Zusammenfassung und Ausblick Der Besitz von Wissen korreliert in den meisten Fällen mit dem ökonomischen und sozialen Status. Träger wie Vermittler von Wissen waren dabei tendenziell wohlhabende, gut gebildete und weltoffene Personen. Eine bessere Anschlussfähigkeit von Wissen besteht, wenn Personen von ähnlichem Habitus und sozialem Status miteinander kommunizieren und wenn von den Akteuren bekannte Kommunikationskanäle genutzt werden (Dudley 1993:17, Mundy/Compton 1995:115f, Wang 1982:3f). Für die Vermittlung sind dabei Soft Skills, wie kommunikative und empathische Fähigkeiten auf den verschiedenen Ebenen des Wissenstransfers von großer Bedeutung. Die Schulungen zeigen, wie mit diesen Fähigkeiten Wissen anschlussfähig gemacht werden kann, indem Art, Form und Menge des Kommunizierten dem Empfänger angemessen päsentiert wird. Zum anderen können Soft Skills maßgeblich den Status einer Person bedingen, der ebenso wesentlich für den Wissenstransfer ist. Dies wurde bei den Trainern und den verschiedenen Schlüsselfiguren deutlich. Der Trainer Pak Suhermann musste erst mittels seiner Soft Skills das „Eis brechen“, um Informationen kommunizieren zu können. Die Zuschreibung des Akademikers und Experten - also einer Person von hohem Status, die zwar Wissen besitzt, welches aber der eigenen Lebenswelt fremd ist - wirkte sich in der Schulungssituation als Barriere aus. Die durch seine Soft Skills ermöglichte Annäherung an die Schulungsteilnehmer schaffte Vertrauen und damit die erste Voraussetzung für eine Einschätzung der von ihm gelieferten Informationen als relevant. Die Zuschreibung eines gesellschaftlichen Status einer Person ist von vielen Faktoren abhängig und geschieht, wie sich an der Kontroverse um die Führung des Desa Wisata Sambi zeigte, keinesfalls einheitlich. Das Alter einer Person ist offensichtlich ein Status konstituierender und damit für den Wissenstransfer relevanter Faktor (Schultze 1998:19f). So wurde, obwohl Ithok Dwi Wissen besitzt, die Weitergabe aufgrund seines geringen Alters behindert. Dies weist auf Hierarchien und Machtstrukturen als wesentliche Ein- 108 flussfaktoren beim Wissenstransfer hin (Schultze 1998:19f), welche in der stark stratifizierten javanischen Gesellschaft besonders ausgeprägt sind (Magnis-Suseno 1981, Markham 1995). Sie spielen auf allen betrachteten Ebenen der Wissensvermittlung eine Rolle: In den Schulungen, die durch schüchternes Verhalten gegenüber den Trainern gehemmt wurde; innerhalb des Dorfes, wo Ithok Dwi sein Wissen aufgrund des niedrigen Status nicht einbringen kann und auf der Ebene der externen Institutionen, als Pak Hasbullah seinen Trainingsplan unter anderem aufgrund der Kritik eines Mächtigeren nicht erhielt. Sein Antrag übte Kritik an einer Person von relativ hohem Status, die erwartete, dass man ihr Respekt entgegenbringt und ihr Kompetenz auf ihrem Gebiet zuschreibt. Da Pak Hasbullah dies nicht tat, nutzte die andere Person ihre Macht, um ihn ‚auf seinen Platz zu verweisen“. Wie in Sambi lassen sich also auch Emotionen und persönliche Motive wie Rache, Neid und Abneigungen gegenüber Personen erkennen. Auch diese entstehen aus dem Wissen der entsprechenden Personen (Barth 2002:1) Sehr deutlich trat an verschiedenen Stellen die moralische Komponente lokalen Wissens zum Vorschein (Dudley 1993, Neubert/Macamo 2004, Schultze 1998:26). Hierbei ist besonders interessant, dass sowohl die Haltung der Tourismusbefürworter als auch -verweigerer unter anderem auf einer moralischen Beurteilung des Sachverhalts beruht. Ebenso wie die Einen denken, das Tourismusprojekt sei etwas Nützliches und gut für die Gemeinschaft, so gibt es auch gegenteilige Meinungen darüber. Dass trotz des Referenzsystems des geteilten lokalen Wissens nicht alle gleicher Meinung sind, verweist auf den jeweils individuellen Wissensfundus und das individuelle Referenzsystem, auf deren Grundlage Informationen interpretiert werden (Barth 2002, Keller 2009:42). Der starke moralische Bezug von lokalem Wissen hob auch die dadurch geprägten Lebenseinstellungen und Weltbilder der Dorfbewohner hervor. Dabei wurde deutlich, dass sich Vorstellungen von Hierarchie und Macht durchaus positiv auf die Diffusion von Innovationen auswirken können, wie es bei Ibu Suryantoro, die mit der Tochters des Sultans und mit der Akzeptanz der Reiher in Ketingan assoziiert wird, der Fall ist. Am Beispiel der Vögel in Ketingan wird deutlich, wie sich die Einstellung der Menschen gegenüber den Vögeln aufgrund der Relevanz, die sie ihnen zusprechen, verändert hat. Wurden sie anfangs als lästige und schädliche Eindringlinge gesehen, erfuhren sie im Laufe der Zeit einen Bedeutungswandel. Ihre Erschliessung als touristisches Potential und die damit möglichen Gewinne trugen ebenso dazu bei wie die Widerlegung einer Krankheitsgefahr und Schädigung der wirtschaftlich wichtigen Melinjo-Bäume. Nachdem man sah, dass die Melinjo-Bäume nicht derart in Mitleidenschaft gezogen wurden wie 109 befürchtet und man Schäden mit einer Aufzuchststation ausgleichen konnte, die man wiederum auch als touristische Attraktion verwerten konnte, legte sich ein erster Widerstand. Der Fokus verlagerte sich in der Folge auf den möglichen Nutzen, der mit dieser Innovation ins Dorf gekommen war (KHAr1+2, KSri, Raharjana 2005). Damit einhergehend wurde die Assoziation der Vögel mit dem Sultan stärker, die letztendlich auch für Skeptiker des Tourismusprojekts zur Akzeptans der Tiere führte. Die Vögel wurden vom Schädling zum Glückssymbol Ketingans. Durch diese neue Bedeutung änderte sich auch die Relevanz der Tiere und sie betreffende Informationen im Wissenssystem der Bewohner (Tänzler et al. 2006:7). Dies zeigt, dass diese Deutung der Innovation einerseits auf der Grundlage des lokalen Weltbildes und somit auf lokalem Wissen beruht und andererseits durch die Aneignung von neuem Wissen aus verschiedenen Quellen und Kommunikationskanälen beeinflusst wurde. Externe und interne Akteure waren ebenso eine Quelle wie die eigene Beobachtung der Dorfbewohner. Dieses Beispiel verdeutlicht die Komplexität von Wissensstrukturen und -produktion sowie die Bedeutung der konstruierten Wirklichkeit für die Gemeinschaft, ihre Individuen und deren weitere Entwicklung (Berger/ Luckmann 2007, Pascale et al. 1998:6, Tänzler et al. 2006:7). Die Ergebnisse dieser Forschung bieten einige Anknüpfungspunkte für Überlegungen zur Praxis der Wissenvermittlung in CBT-Projekten, aber auch darüber hinaus in der Entwicklungszusammenarbeit. Bei Bildungsmaßnahmen zur Befähigung der Durchführung von CBT-Projekten sind die Art der Wissenvermittlug, Umfang, Inhalt und Form der Informationen wesentliche Faktoren für den Erfolg. Sie müssen dem Wissen und damit auch den Gewohnheiten des Publikums entsprechen. Dabei spielen die Fähigkeiten des Senders, d.h. der Schulungsperson, eine wichtige Rolle. Dieser kann nur innerhalb des gegebenen Rahmens positiv auf den Wissenstransfer einwirken. Eine praktische Art der Wissensaneignung nach dem Prinzip learning by doing über einen langen Zeitraum hinweg, scheint die geeignetste Art, Wissen zu vermitteln. Daneben ist die Bildung von Netzwerken zur Verknüpfung verschiedener Akteure entscheidend. Die Forschung hat gezeigt, dass sie nicht nur der Koordination gemeinsamer Aktionen dienen, sondern auch bedeutend zum Austausch von Erfahrungen und anderen Informationen beitragen kann. Die Relevanz für den Empfänger ist grundlegende Vorraussetzung für die Annahme von Innovationen durch den Empfänger. Diese simple Erkenntnis gilt es in Bildungsaktionen zu beherzigen. Denn wie sich herausstellte, wurden die Inhalte einiger Schulungen von den Empfängern als irrelevant für die CBT-Projekte eingeschätzt. Dies deutet auf verschiedene Vorstellungen 110 der beteiligten Parteien über Wissensdefizite der lokalen Bevölkerung und die Art und Weise der Ausformung und Ausführung von CBT hin. Daher ist es wichtig für die vermittlelnde Instanz, die Vorstellungen und Einstellungen, Hoffnungen, Erwartungen, Ängste und damit auch Motivationen der Bevölkerung zu erkennen und sich auf sie einzulassen. Dies stellt ein großes Forschungs- und auch Aktionssfeld für Ethnologen dar, indem sie vermittelnd tätig werden können; nicht nur als Brücke zwischen den Gemeinden und externen Akteuren, sonder auch dorfintern. Denn wie sich zeigte, gibt es auch innerhalb der Gemeinden verschiedene Ansichten und Absichten das Projekt betreffend. Besonders in Sambi wirkten sich die durch das Desa Wisata aufkommenden Konflikte stark auf das gesammte Dorfleben aus und schienen zu vermehrten Problemen zu führen. Wie sich herausstellte, trug das Projekt keineswegs nur zum Empowerment und Wohlstand bei. Vielmehr wurden sozio- ökonomische Ungleichheiten verstärkt, was nicht im Sinne der CBT-Idee ist. Deren zentrale Ansprüche von Nachhaltigkeit und Partizipation wurden in beiden Dörfern kaum erfüllt. Dabei waren die vorhandenen Machtstrukturen von Bedeutung. Es wurde deutlich, dass diese bei der Entwicklung von CBT-Projekten im Allgemeinen und dem Wissenstransfer im Besonderen Beachtung finden müssen. Eine weiterführende Betrachtung lokalen Wissen, seinen Ausformungen und Auswirkungen kann in Zukunft zu befriedigenden Ergebnissen ambitionierter CBT-Projekte beitragen.

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Zusammenfassung

Von alternativen Konzepten, wie dem des Community Based Tourism, erhofft man sich, die oftmals negativen Auswirkungen von Tourismus auf die lokalen Bevölkerungen und ihre Lebenswelten zu verbessern. Allerdings zeigt sich, dass auch dieser Ansatz in der Praxis oftmals nicht wie erhofft funktioniert. Der Mangel an Wissen und Verständnis für Tourismus der lokalen Akteure wird als grundlegendes Hindernis der Entwicklung nachhaltiger alternativer Projekte gesehen. Beruhend auf einer 10-wöchigen durchgeführten Feldstudie behandelt diese Arbeit den Transfer von Wissen in zwei Community Based Tourism-Projekten auf Java, Indonesien. Dort entstehen in den ländlichen Gebieten der Region Yogyakarta seit einigen Jahren vermehrt desa wisata (Tourismusdörfer). Diese beruhen hauptsächlich auf der Vermarktung von Traditionen und Kultur im weitesten Sinne. In dieser Arbeit werden für die theoretische, aber auch praktische Beschäftigung mit dem Thema relevante Erkenntnisse gewonnen. Es lassen sich auch Handlungsanweisungen für die Praxis der Wissensvermittlung zur Ermächtigung der Durchführung von CBT-Projekten ableiten. Folgende Leitfragen ziehen sich durch die Arbeit: Welche Akteure in den Projekten sind Träger welchen Wissens? Wie wird Wissen vermittelt, und vor allem: welche Faktoren bedingen diesen Prozess?