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1. Tourismus in:

Alexander Ell

Wissenstransfer im Community Based Tourism, page 10 - 28

Eine Feldstudie in der Region Yogyakarta, Indonesien

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-3977-9, ISBN online: 978-3-8288-6805-2, https://doi.org/10.5771/9783828868052-10

Tectum, Baden-Baden
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10 1. Tourismus 1.1. Tourismus und Ethnologie Tourismus ist ein relativ junges Thema der Ethnologie, das aber zusehends an Bedeutung gewinnt. Obwohl Ethnologen und Anthropologen die ersten waren, die mit Tourismus und seinen Auswirkungen in ihrem Forschungsfeld in Kontakt kamen, tendierten sie dazu, diese Auswirkungen herunterzuspielen oder zu ignorieren und nicht etwa dazu, sie in ihre Studien zu integrieren oder gar zu einem eigenen Forschungsfeld zu machen (Wallace 2005). Die deutsche Ethnologie war in der Adaption von Tourismus als Forschungsfeld noch langsamer als die fremdsprachige Anthropologie (Schilling/Beyer 2005).3 Für diese anfängliche Zurückhaltung oder auch Verweigerung gibt es verschiedene Erklärungen. Wie Wallace resümiert, fühlten sich Anthropologen als „professionals by definition” (Wallace 2005:4) gerade wegen der Ähnlichkeit von touristischer Reise und ethnologischer Feldforschung genötigt, sich von den gewöhnlichen Touristen abzugrenzen. Anthropologen war es höchst unangenehm, mit Touristen in Verbindung gebracht zu werden und wollten nicht wahrhaben, “that there were tourists who might have as much or more knowledge of local cultures than did anthropologists” (Wallace 2005:5-6, Crick 1985, Buchmann 2006). Außerdem wurde Tourismus als westliches Phänomen gesehen, und damit nicht als Forschungsgegenstand einer Wissenschaft, die sich mit der traditionellen Bevölkerung und ihrer Kultur beschäftigte. „Tourism was thought to be about economics and tourists, not about the local economy or host“ (Burns 2004: 7). So passte Tourismus nicht in die romantische Sicht von Anthropologen, die ethnographische Studien anfertigten (Nuñez 1989:265, Wallace 2005:6). Und obwohl der Artikel von Nuñez über „Weekendismo in a Mexican Village“ von 1963 mit Interesse wahrgenommen wurde, wurde Touris- 3 Zur Vereinfachung werde ich im Folgenden von der 'Anthropologie' und 'Anthropologen' sprechen. 11 mus erst in den späten 70ern ein Forschungsfeld für Anthropologen.4 Touristen und ihr Einfluss auf das Feld der Anthropologie konnte nicht länger ignoriert werden, und mit der Orientierung des Faches hin zu Kulturkontakt und -wandel wurde auch Tourismus zusehends Thema der Anthropologie (Buchmann 2006:54). Autoren und Autorinnen wie Valene Smith (1977), Malcom Crick (1985, 1989), Dennison Nash (1981), Nelson Graburn (1977, 1983), Greenwood (1977), Erik Cohen (1974, 1979a, 1979b, 1984) sorgten dafür, dass Tourismus langsam aber sicher im Fach wahrgenommen wurde (Buchmann 2006: 53-66; Stronza 2001, Wallace 2005:5-6). Das Erscheinen des von Valene Smith herausgegebenen Sammelbandes „Hosts and guests“ im Jahr 1977, welches aus dem ersten Symposium der „American Anthropological Association“ zum Thema Tourismus im Jahren 1974 entstand, war der Stein des Anstoßes für die Anthropologie. In der zweiten Ausgabe von 1989 schrieb Nuñez bereits: „the study of tourism finally has become respectable“ (Nunez 1989:265). Zur Zeit der Veröffentlichung der dritten, komplett überarbeiteten Version im Jahr 2001 machten Anthropologen Tourismus und seine verschiedenen Aspekte bereits vermehrt zum Gegenstand ihrer Forschungen. Dies zeigt sich durch zunehmende Veröffentlichungen auch von Einführungswerken und Bänden wie denen von Chambers (1997, 1999), Nash (1996) and Burns (1999). Zeigten frühe Veröffentlichungen meist nur negative Folgen des Tourismus für die indigenen Gemeinschaften, zu deren Schutz sich Anthroplogen verpflichtet fühlten (siehe Kapitel im 1.2 über Tourismuskritik), verschob sich in den 80er Jahren der Fokus hin zu den Reisenden, deren Motivation und Rollen. So wurden verschiedenen Touristentypen und die Bedeutung der Reise für sie untersucht.5 Allerdings geschah auch dies in der Tradition der Tourismuskritik, bei der der Tourist seiner Welt zu entfliehen versucht, auf der Suchen nach etwas Authentizität (Mc Cannell 1989). Erst in den letzten zwei Jahrzehnten wurden auch die Motive der lokalen Bevölkerung, am Tourismus teilzuhaben, registriert. Aus den Opfern wurden selbstbestimmte Individuen, die auch ihre Vorteile aus touristischer Entwicklung zu ziehen wissen, und deren Welt nicht aus den beiden Polen „Tradition“ und „Tourismus“ besteht. Tourismus ist für sie nur ein Einflussfaktor neben vielen anderen, wie z.B. Migrationsbewegungen, Medien, Industrialisierungs- und Urbanisierungstendenzen. Die Ethnologin Judith Schlehe fordert daher, dass „Tourismus längst als Bestandteil lokaler Realitäten und als mit konstituierender Faktor kultureller Identitäten“ gesehen werden muss, denn: „Touris- 4 Nuñez’ Studie aus dem Jahr 1963 wird allgemein als erste ehtnologische Arbeit zum Thema Tourismus angeführt (Nash 1996:1, Burns 2004:10). 5 Für eine Übersicht siehe Platz 1995:12ff. 12 musinduzierter Kulturwandel ist ein komplexer, dynamischer und beidseitiger Prozess!“ (Schlehe 2003:36).6 Statt also nur auf die Auswirkungen von Tourismus auf die lokale Kultur zu schauen, beschäftigen sich Anthropologen auch mit dem Prozess der Nutzbarmachung und Deutung von Tourismus und der Konstruktion des eigenen Selbstverständnisses und persönlicher wie gemeinschaftlicher Identität in den lokalen Gemeinden (z.B. Yamashita et al 1997 und diverse Beiträge darin).7 In diesem Sinne ist auch meine Arbeit zu verstehen. Es gilt nicht den Einfluss von Tourismus zu ergründen, als etwas, dem die Bewohner der Dörfer ausgeliefert sind. Vielmehr geht es um dynamische Prozesse, die bei der touristischen Entwicklung zu erkennen sind, die emische Sicht der beteiligten Akteure sowie die Deutung und Bedeutung von Tourismus. 1.2. Tourismuskritik 8 Die Kritik am Tourismus ist so alt wie das Phänomen an sich. So wie Tourismus ein Spiegelbild unserer Gesellschaft sowie der Wünsche und Sehnsüchte ihrer Mitglieder ist, so wurde Tourismuskritik auch immer schon von gesellschaftskritischen Strömungen beeinflusst (Backes/Goethe 2003:2, Opaschowski 2001:14f). Mit der starken Zunahme von Reisenden gegen Ende der 50er Jahre, erklang die Kritik am Pauschal- und Massentourismus Seitens einiger Intellektueller, die sich um ihr Privileg des Erlebens der Andersartigkeit durch das Eindringen der Massen und der von ihnen mitgebrachten Gewohnheiten betrogen sahen (Backes 2009:1, Armanski 1978:90ff, Opaschowski 2002:124ff). Die moderne kritische Auseinandersetzung mit dem Tourismus seit dem Ende der 1950er wurde von dem viel zitierten Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger eingeleitet. In den Zeiten der Kritik am bürgerlich-kapitalistischen System der 60er und 70er Jahre wurde seine Theorie erneut rezitiert. Tourismus sei als Flucht vor dem Kapitalismus zu verstehen, der den Tourist aber paradoxerweise wieder in dessen Arme treibe. Der Tourist steht bei Enzensberger als Opfer des Systems da, der dieses durch sein Verhalten aber kritisiert: „Jede Flucht aber, wie töricht, 6 Daher ist unter anderem die Forschung zu interkulturellem Kontakt zwischen Tourist und Einheimischen und dabei besonders auch die Rolle von Guides, als Vermittlern von Kultur und zwischen Kulturen, ein Schwerpunkt der anthropologischen Tourismusforschung (z.B. Chambers 1997, Salazaar 2005, 2006, 2008a). 7 Weitere anthropologische Veröffentlichungen werden in den folgenden Teilen der Arbeit genannt. 8 Für eine Übersicht über die Tourismuskritik siehe Backes u. Goethe 2003, Backes 2009 und Friedl 2007. Exemplarisch für die Entwicklung der Tourismuskritik siehe Armanski 1978, Aktion Dritte Welt 1986, Stock 1997. Für eine Zusammenfassung negativer Effekte von Tourismus siehe Schäfer 1998. 13 wie ohnmächtig sie sein mag, kritisiert das, wovon sie sich abwendet“ (Enzensberger 1962:167). Auch wenn dieser Ansatz weithin rezitiert wurde, so hatte er doch keinen großen Einfluss auf die Entwicklung der Tourismusindustrie und das Verhalten ihrer Kunden, deren Zahl in den folgenden Jahren stetig weiter wuchs. In den 70ern und 80ern galt die Kritik verstärkt dem in der internationalen Politik vorherrschenden Entwicklungs- und Modernisierungsgedanken und den daraus resultierenden Abhängigkeiten. Dem modernisierungstheoretischen Ansatz nach galt es, den „unterentwickelten“ Süden voran zu bringen. Der Tourismus als “elegante Form der Entwicklungshilfe“ schien ein geeignetes Mittel hierfür zu sein (Backes/Goethe 2003:14). Der Tourismus versprach nicht nur Devisen, Beschäftigungs- und damit Einkommensmöglichkeiten, sondern auch Multiplikatoreffekte (Nohlen 2000:737f.). Neben den Einnahmen aus dem Warenhandel und diversen Dienstleistungen, ging man von einer dadurch induzierten Wertschöpfung aus, die in einer erhöhten Kaufkraft besteht und so das Wirtschaftswachstum in einer Region weiter beschleunigen kann (Bütow 1995:14). Die Kritik an dieser Idee ließ nicht lange auf sich warten. Diese bezog sich auf die Abhängigkeiten, die durch den Tourismus entstehen und der angesichts von politischen Instabilitäten, Naturkatastrophen und auch touristischen Trends ein sehr unsicherer Wirtschaftszweig sei. Hohe Investitionen der „Entwicklungsländer“, ermöglicht durch teils hoch verzinste Kredite aus dem Ausland, sowie der Abfluss von Devisen an die ausländischen Reiseunternehmen und Zulieferer, ließen den „Devisenbringer“ Tourismus zur „Schuldenfalle“ werden (Backes/Goethe 2003:6f, Lagger 1995:9-12). Die angebliche Schaffung von Arbeitsplätzen wurde kritisch betrachtet, da von der lokalen Bevölkerung meist nur saisonale, schlecht bezahlte Stellen besetzt wurden. Oftmals wurden auch durch die Aufnahme des touristischen Betriebs andere Einkommensquellen zerstört. Die seitens der „Entwicklungsländer“ und lokaler Akteure vermehrt geäu- ßerte Kritik an den negativen Effekten des Tourismus in ihrer Heimat wurde im Westen nicht sonderlich differenziert wahrgenommen. Sie wurde allenfalls in den vorherrschenden Diskurs über Abhängigkeiten eingegliedert (Backes/Goethe 2003:7f). Trotzdem führte dieser „Aufstand der Bereisten“ (Krippendorf 1988:21) zusammen mit der zunehmenden Kritik kirchlicher Organisationen und Nichtregierungsorganisationen sowie engagierter Bürgervereine zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit dem Thema (Backes 2009:3). Neben den wirtschaftlichen Folgen rückten so auch immer mehr die ökologischen und soziokulturellen Auswirkungen in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Touristen wurden als „Landschaftsfresser“ (Krippendorf 1975) bezeichnet, sowie die Zerstörung und Verschmutzung von Naturlandschaften und Lebensräumen von Mensch und Tier, der hohe Verbrauch von 14 Energie, Wasser und andere Ressourcen angeprangert (siehe z.B. Mäder 1986, Armanski 1978).9 Daneben wurden zunehmend negative soziokulturelle Effekte aufgezeigt: „Tourismus – so lautet die oft wiederholte Kritik – zerrütte intakte Sozialformen und alte Traditionen. Wo die UrlauberInnen hin gelangen, verschwinde die Gastfreundschaft, löse sich das Gemeinschaftsleben auf, trete egoistisches Gewinnstreben an die Stelle ehrwürdiger Bräuche und Gewohnheiten. Vereinzelung bzw. Individualismus, Verelendung, Kriminalität und Werteverfall lauten die pauschal aufgezählten Negativfolgen. Über den Tourismus würden bisher 'unberührte' Kulturen mit Zivilisationskrankheiten angesteckt“ (Backes u. Goethe 2003:8). Die Liste dieser Vorwürfe ist lang. Preiserhöhungen infolge von Tourismus hätten eine stärkere Stratifizierung der Gesellschaft und Armut von Teilen ihrer Mitglieder zur Folge. Familienbande würden z.B. durch Arbeitsmigration zerstört. Durch die Zurschaustellung von westlichen Luxusgütern, sowie den Einstellungen und Lebensstilen der Touristen würden bis dahin unbekannte Begehrlichkeiten geweckt. Zuvor unbekannte kapitalistische Werte, Unzufriedenheit, Neid, Missgunst, Kriminalität, Prostitution etc. seien die Folge (Böhnke 1998:67ff, Hauck 1996:135ff, Iz3w 1986). Weiterhin würden Kultur und Traditionen zu Folklorismus verkommen sowie Bräuche verändert, den Anforderungen des Tourismus angepasst oder gar neu erfunden werden. Tourismus bietet also Kulturkonsum ohne wirklichen Kulturkontakt, Folklore und Klischees statt authentischer Kultur. Somit verweigere sich der Tourismus dem lange von seinen Befürwortern proklamiertem erhofften Beitrag zur Völkerverständigung, und einem wirklichen Verstehen der „Anderen“. Er fördere vielmehr die Festigung und das Entstehen von Klischees und Stereotypen (Cochrane 1996:245, Bruner 2005, Hauser- Schäublin 2000, Ramstedt 2000:132f, Rein 2000, Wahrlich 1984). 1.3. Alternative Ansätze Mit zunehmender Kritik an den negativen Auswirkungen des im Wachstum befindlichen Tourismus, wurden zusehends auch Ideen zu deren Vermeidung, oder Verringerung erdacht. Die wohl radikalste Idee war die eines totalen Verzichts auf Urlaubsreisen in die „dritte Welt“, die sich jedoch als unrealistisch herausstellte. Die Suche nach pragmatischen Lösungen anstelle 9 In den letzten Jahren ist die Umweltbelastung durch Flugreisen zu einem vielbeachteten Punkt geworden. U.a. wird versucht mit Kompensationszahlungen zugunsten von Aufforstungsprojekten unter dem Strich eine positive CO2-Bilanz bei Flugreisen zu erzielen, was Anlass heftiger Kontroverse ist. Siehe z.B. Gößling 1997, Lund-Durlacher et al. 2007:26, Maroscheck 2006, Strasdas 2007, Straßmann 2008a und 2008b, Wein 2007. 15 der Proklamation ideologischer Wunschvorstellungen wurde auch durch die differenzierte Kritik von Akteuren der Zielländer und westlichen Wissenschaftlern vorangebracht. Die Bevölkerung und Regierungen in den Urlaubsländern sahen nicht Tourismus generell als schlecht an. Vielmehr wurde eine touristische Entwicklung teilweise ausdrücklich erwünscht, dabei aber Fehlentwicklungen kritisiert. Besonders die Eliten der bereisten Länder warfen den Tourismuskritikern vor, sie wollten ihre Länder bewusst in sozioökonomischer Rückständigkeit und damit auch in Abhängigkeit halten (Vorlaufer 1990:6). Viele Experten stuften die geäußerten Erwartungen der Bevölkerung an Urlaubsziele oft als unrealistisch ein. Auch könne die Bevölkerung die negativen Folgen des herbeigesehnten Tourismus nicht abschätzen (Kane 1997:215).10 Wie der Geograph Karl Vorlaufer, der sich früh intensiv mit den Auswirkungen von Tourismus auf die damals so bezeichnete „Dritte Welt“ beschäftigt hatte, bemühten sich viele Wissenschaftler um eine differenzierte Darstellung von Gefahren und Chancen von Tourismus in Entwicklungsländern (wie Vorlaufer 1984, 1990, 1996). Spätestens in den 90er Jahren erkannte man, dass die Bevölkerung in den Zielregionen keineswegs ausschließlich Opfer einer ungewollten und unbeeinflussbaren Entwicklung war, sondern aktiv an den touristischen Entwicklungen teilnahm und ihre Vorteile daraus zog, womit „Agency“ zum Schwerpunkt vieler Untersuchungen wurde. Karl Jungk setze sich 1980 in seinem erstmals im GEO-Magazin erschienenen Artikel mit steigenden Touristenzahlen in den Destinationen und deren Tragbarkeit für die bereisten Regionen auseinander. Er machte sich Gedanken darüber, wie man die „herrliche aber durch ihre industrielle Ausformung gefährdete Aktivität des Reisens“ (Jung 1989: 59) erhalten könnte und plädierte für einen „sanften Tourismus“. Damit prägte er einen Begriff, der in der darauf folgenden Zeit wie kaum ein anderes Schlagwort zum Inbegriff einer tourismuspolitischen Alternative wurde (Baumgartner/Röhrer 1998:10).11 Auch wenn die Ideen hinter diesem Begriff im Detail unterschiedliche Ausprägungen erfuhren, betonten sie doch alle grundlegende Gemeinsamkeiten: In erster Linie wurde „Sanfter Tourismus“ als ein umweltfreundlicher Tourismus mit möglichst wenig Eingriffen in die Natur verstanden. Ebenso sollte er ein sozialverträglicher Tourismus sein, also die negativen soziokulturellen Auswirkungen so gering wie möglich halten. Um dies zu erreichen, soll Tourismus „Rücksicht auf die einheimische Kultur 10 Besonders Ethnologen standen Tourismus lange Zeit ablehnend gegenüber, da sie um die Zerstörung und den Verlust von Kultur besorgt waren (s.o.). 11 Haßlacher stellte 1988 eine umfangreiche „Bibliographie zum Thema ,Sanfter Tourismus'“ zusammen. 16 und Lebensweise“ nehmen und den „Bewohnern einer Region ein Höchstmaß an Eigenständigkeit bei der Entscheidung über die zukünftige Entwicklung ihres Lebensraums“ gewähren (Baumgartner/Röhrer 1998:11). Den Bewohnern des bereisten Landes und deren Kultur sollen Toleranz und Interesse entgegengebracht werden. Neben den emanzipatorischen Potentialen für die Bevölkerung in den Zielländern wurde aber auch die der Reisenden besonders betont. Besonders in den Anfangsjahren des „Sanften Tourismus“ hoffte man mit der Sensibilisierung des Einzelnen durch „ein neues Verständnis von Freizeit und Reisen“ (Krippendorf 1984) zu einer Änderung des Reiseverhaltens beizutragen. So plädierte Krippendorf 1988 für einen ganzheitlich orientierten Tourismus und äußerte seinen Glauben an eine „Emanzipierung des Touristen“ (Krippendorf 1988:24f). Diese sollte zu einem System führen, in dem der aufgeklärte Käufer anstelle des Produzenten den Markt bestimmt. Dieser erdachte neue Typ eines Touristen welcher einsichtig, konsumkritisch, rücksichtsvoll, experimentierfreudig, kreativ, lernbereit, genügsam und anpassungswillig ist, beschränkt sich selbst in seinem Reisen zugunsten der Bedürfnisse der Bevölkerung im Urlaubsort (Krippendorf 1988c:66). Doch die Hoffnung Krippendorfs und seiner Mitstreiter auf eine „Humanisierung des Reisens“ und einer Entwicklung „vom fremdbestimmten/manipulierten über den informierten/erfahrenen zum emanzipierten/mündigen Touristen“ (Krippendorf 1988:24), der das System durch ein entsprechendes Verhalten ändert, wurde weitestgehend enttäuscht. Im Jahr 1997 stellte das Büro für Technikfolgen-Abschätzung im deutschen Bundestag fest: „Das Potential an individueller Verhaltensänderung ist spärlicher als vielfach behauptet oder erhofft“ (zitiert nach Opaschowsky 2001:74). Opaschowski kommt 2001 zu dem Schluss, dass im touristischen Umweltdiskurs der letzten Jahre „die Wirkung von Wissen und Einstellung auf das Handeln maßlos überschätzt“ worden sei (ebd.:76). Müller bestätigt dies, indem er auf Grundlage diverser Studien eine „Diskrepanz zwischen Umweltbewusstsein und Umweltverhalten“ feststellt (Müller 2007:41). Ein Teil der Ideen zur „Emanzipierung des Touristen“ (Krippendorf 1988:24f) bestand darin, dem Verbraucher die Möglichkeit zu geben, zwischen den vielen Angeboten die richtigen - also ökologisch und sozial verträglichen auszuwählen. Eine Flut von Gütesiegeln war die Folge. Über die Richtlinien, nach denen diese Siegel vergeben wurden, konnte der Verbraucher kaum den Überblick bewahren (Mies et al. 1991:52). Die aufkommende Menge dieser Siegel ist auch Ergebnis eines neuen Trends der Mitte der 90er Jahre in Deutschland aufkam: „Ökotourismus“ löste den „Sanften Tourismus“ auf der Suche nach einem besseren Reisen ab.12 Unter dem im Englischen be- 12 Allerdings wurde und wird der Begriff des sanften Tourismus im wissenschaftlichen Diskurs auch weiterhin verwendet wie bei Hasse 1990, Kirstges, Moose 1998 oder auch bei Reisean- 17 reits seit den 60er Jahren kursierenden Begriff „Ecotourism“ tummeln sich noch mehr verschiedene Vorstellungen und Angebote als unter seinem Vorgänger (Friedl 1998:50ff, Fennel: 2008:17-46).13 Dem Öko-Trend der Zeit folgend, der von der angefeindeten Industrie für ihre Zwecke vereinnahmt wurde, wird mit dem Begriff „Ökotourismus“ ein neuer, naturnaher und vor allem auch umweltverträglicher Tourismus suggeriert. Natur kann erlebt werden, ohne ein schlechtes Gewissen wegen eventueller negativer Auswirkungen zu haben, denn Ökotourismus steht für eine umwelt- und sozialverträgliche Art des Urlaubs (Friedl 2001:50). Die Expertin für neue Tourismusformen Janet Cochrane bringt auf den Punkt, was es mit dieser Vorstellung auf sich hat „This labeling, however, may bear no relation to reality“ (Cochrane 1996:241). Bei genauer Betrachtung entpuppen sich viele Angebote unter dem Label „Ökotourismus“ als Augenwischerei. „In the wider world, where tour companies and destinations compete for market shares, there is de facto use of 'ecotourism' to describe almost any holiday based on natural attraction” (ebd.:243). 1.3.1. Nachhaltigkeit und Partizipation Das neue Schlagwort im Tourismus heißt „Nachhaltigkeit“. Bekannt wurde der Begriff durch den sogenannten „Brundtland-Bericht“14 von 1987, der sich mit den Perspektiven einer langfristig tragfähigen, umweltschonenden Entwicklung im Tourismus beschäftigt (Baumgartner/Röhrer 1998:16).15 Darin heißt es: „Sustainable development meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs“16 Eingang in die Tourismusdebatte fand der Begriff durch die Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung im Jahr 1992 in Rio de Janeiro und die „World Conference on Sustainable Tourism“ 1995 wo er laut Opachowski endgültig den Begriff des sanften Tourismus ablöste (Baumgartner/Röhrer 1998:17, Opaschowski 2001:43). Wie der Dozent und Berater für Regionalplanung und Tourismusmanagement Matthias Beyer betont, existiert allerdings weiterhin keine allgemeingültige Definition von bietern. 13 David Fennels „Ecotourism“ (2008) ist eine gut gelungene, dichte und inhaltsreiche Einführung in das Thema. 14 Dieser Bericht ist die Veröffentlichung der bereits 1983 eingesetzten unabhängigen UN- Sachverständigenkommission für Umwelt und Entwicklung (WCED = World Commission on Environment and Development). 15 Siehe auch im „Lexikon der Nachhaltigkeit“ unter http://www.nachhaltigkeit.info. Besonders die Beiträge http://www.nachhaltigkeit.info/artikel/brundtland_report_1987_728.htm und http://www.nachhaltigkeit.info/artikel/brundtland-report_563.htm 16 Zitiert nach http://www.nachhaltigkeit.info/artikel/brundtland-report_563.htm. 18 Nachhaltigkeit (Beyer 2006:127ff, Damanik 2001:21-24). Jedoch herrscht Konsens, dass Nachhaltigkeit eine ökologische, eine ökonomische und eine soziale Dimension einschließt. Die häufig zitierte Definition des „Forum Umwelt und Entwicklung“ lautet: „Nachhaltiger Tourismus muss soziale, kulturelle, ökologische und wirtschaftliche Verträglichkeitskriterien erfüllen. Nachhaltiger Tourismus ist langfristig, d.h. in Bezug auf heutige wie auf zukünftige Generationen, ethisch und sozial gerecht und kulturell angepasst, ökologisch tragfähig sowie wirtschaftlich sinnvoll und ergiebig“ (Forum Umwelt und Entwicklung 1998:7). Der entscheidende Fortschritt zum sanften Tourismus ist laut dem Fremdenverkehrsgeograph Christoph Becker der „zeitliche Weitblick, die Berücksichtigung räumlicher Verflechtungen, sowie die stringente, vernetzte Sicht der drei Dimensionen“ (Becker at al.).17 Neben dem Schlagwort Nachhaltigkeit wird die Debatte um alternative Tourismusformen vom Begriff Partizipation geprägt, der aus dem Bereich der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) stammt. In den Entwicklungstheorien bis Ende des Millenniums spielten partizipatorische Ansätze kaum eine Rolle. In den 50er und 60er Jahren, die ganz im Zeichen der Modernisierungstheorien standen, wurde Entwicklung mit Wachstum gleichgesetzt (Beyer 2003:21). Man glaubte, dass der Weg aus der „Unterentwicklung“ nur in einem „Prozeß der Nachahmung und der Angleichung unterentwickelter Gesellschaften an die westlichen Gesellschaften“ (Nohlen 2000:523) bestehen konnte. Die Unterentwicklung wurde auf endogene Ursachen zurückgeführt, die es mit den externen Mitteln der Entwicklungshilfe zu überwinden galt. Der Logik dieser Sicht folgend fand Partizipation der lokalen Bevölkerung nur insofern statt, dass sie an der Umsetzung der extern bzw. von den Gebernationen entworfenen und geplanten Programmen und Projekten beteiligt war (Beyer 2003:22f). Durch die in Gang gesetzte Entwicklung erhoffte man sich ein Durchsickern der Gewinne des einsetzenden Wachstums auch bis zu den ärmsten Bevölkerungsschichten. Leider trat dieser Effekt nicht ein (Beyer 2003:22). Auch der neu aufkommende Ansatz des community development der entgegen der üblichen top-down-Methode davon ausging, dass man Entwicklung von der Basis aus beginnen sollte, kann rückblickend als weitgehend erfolglos beurteilt werden (Beyer 2003:23). Trotz der Absicht, die Eigeninitiative und Beteiligung der Bevölkerung zu fördern, wurden auch hier Ziele, Ablauf und Methoden von ausländischen Experten und der einheimischen Administration festgelegt. Deren Vorstellungen waren allerdings oft nicht deckungsgleich mit den Zielen und Zwecken der Dorfbewohner 17 Diverse Autoren stellen einen Mangel an Untersuchungen fest, welche die zeitliche Dimension betreffen (z.B. Joppe 1996:478, Sandford/Ap 1998:7). 19 (Beckmann 1997:45 aus Beyer).18 Auch die scheinbar gute Idee, einer Dezentralisierung der Entwicklungshilfe, bei der in vielen Ländern des Südens lokalen und kommunalen Ebenen vermehrt Verantwortung zur Lösung ihrer Probleme übertragen wurde, ging nicht auf. Sie bedeutete eine Entlastung des Staates und eine vermehrte Nutzung lokaler Ressourcen und war somit eher kontraproduktiv (Kohl 1999:19ff, Willis 2007:95ff). Auch wenn sich in manchen Regionen mit den bis dato angewandten Methoden enorme wirtschaftliche Erfolge in Form eines erhöhten Wirtschaftswachstums einstellten, konnte der größere Teil der Bevölkerung nicht an diesem teilhaben (Kohl 1999:19). Mit den zahlreichen Misserfolgen von Entwicklungsvorhaben wurde zunehmend auch die Wachstumsorientierung der EZ kritisiert. Mitglieder von Basisorganisationen aus den Ländern des Südens und Vertreter der Dependenztheorien übten vehement Kritik an der ihrer Meinung nach fehlgeleiteten Entwicklungspolitik (ebd.:26ff). Unterentwicklung wurde nicht mehr als Zeichen bloßen Zurückbleibens hinter den Industrieländern und mangelnder Integration in die moderne Welt interpretiert, sondern im Gegenteil als Auswirkung einer „sehr effizienten Integration“ in den kapitalistischen Weltmarkt und dessen ausbeuterischen Abhängigkeitsstrukturen (Nohlen 2000:171). Damit wurden nicht die endogenen Faktoren als Ursache von Unterentwickelung ausgemacht, sondern historische Prozesse und die momentane Art der Einbindung in den Weltmarkt (ebd:ff). In Lateinamerika, wo Dependenztheorien besonders vehement vertreten wurden, rückten die Marginalisierung und „Nicht-Partizipation“ großer Teile der Bevölkerung an gesellschaftlichen Prozessen ins Zentrum des Diskurses. So kam es dort auch zur den ersten Versuchen, Ansätze zu entwickeln, die unter Partizipation der Bevölkerung nicht nur den Einsatz lokaler Arbeitskräfte und Ressourcen zur Durchführung bereits geplanter Projekte verstanden wissen wollten, sondern den Menschen vor Ort Entscheidungsgewalt und Verantwortung zu übertragen suchten. In den 70ern hatte man bereits als Gegenmodell zum gescheiterten Trickle-through-Ansatz auf die grundbedürfnisorientierten Entwicklungsstrategien gesetzt. Diese gingen davon aus, dass man als ersten Schritt zu einer weitergehenden Entwicklung die Grundbedürfnisse19 möglichst vieler Menschen befriedigen müsse, da diese als ökonomische Bedingungsfaktoren der menschlichen Produktivität verstanden wurden (Nohlen 2000:317). Mit der weitergehenden Paradigmenverschiebung vom reinen Wirtschaftswachstum hin zu den 18 In Bezug auf Indonesien siehe Poppe 1994. 19 Zu den Grundbedürfnissen (basic needs) wurden sowohl materielle Bedürfnisse wie z.B. Ernährung, Kleidung und Wohnung als auch immaterielle gezählt. Dazu gehörten neben Bildung auch die „decision-making to provide a real basis for participation“ (Willis 2005:94, Beyer 2003:25). 20 Menschen und deren Emanzipation, wurden in den folgenden Jahrzehnten vermehrt partizipatorische Ansätze entwickelt und umgesetzt. Die Interessen der Bevölkerung sollen im Mittelpunkt stehen. Nach self reliance,20 capacitybuilding21 und active involvement22 ist nun das Schlagwort der Stunde Empowerment. Partizipation wird hier „als Prozess der Stärkung“ gesehen (Kohl 1999:70). Wenn man die Menschen ermutigt und die Möglichkeiten gibt zur Lösung bestimmter Probleme selbst beizutragen, ihre Ideen und Lösungsansätze einzubringen, in der Planung wie auch in der Durchführung, schafft das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Mut sich weiteren Aufgaben zu stellen. Empowerment ist somit gleichzeitig Ergebnis und Voraussetzung für Partizipation (Scheyvens 2002, Cole 2006): „Empowerment is the capacity of individuals or groups to determine their own affairs; it is a process to help people to exert control over factors that affect their lives” (Cole 2007:631). Es geht also nicht um eine passive Annahme einiger partizipatorischer Möglichkeiten, sondern um eine aktive Aneignung der Möglichkeiten zur Teilhabe. Dafür ist es wichtig, dass sich die betroffene bzw. involvierte Bevölkerung für das jeweilige Projekt interessiert und sich damit identifiziert (Laverack/Wallerstein 2001:182). NGOs und andere Institutionen können also nur den Rahmen schaffen, weil aktive Teilnahme und Kontrolle von innen kommen müsse, also nicht verordnet werden können (Willis 2005:102f). Schon 1988 schreibt Walter Sülberg, der Begriff Partizipation sei „weit und diffus“ (Sülberg 1988:7). Wie Eva Kohl gut darstellt gibt es 10 Jahre später nicht weniger Vorstellungen darüber, was Partizipation bedeutet und wie sie eingesetzt und umgesetzt werden soll. „In der Entwicklungszusammenarbeit ist Partizipation zu einem „Sammelbegriff“ für all die Aktivitäten, Programme, Projekte und Initiativen geworden, die die Beteiligung der betroffenen Menschen, in welcher Form auch immer, zu einem wichtigen Teil ihrer Strategien und konkreten Umsetzungsarbeit gemacht haben“ (Kohl 1999:53). Dies liegt auch daran, dass Partizipation ist zu einem „Muss“ für die EZ- Organe geworden ist.23 Allerdings sagt der Begriff für sich genommen noch nichts aus über Umfang, Form, Funktion und Gründe der Partizipation (Sülmann 1988:7). Was sich im Einzelfall dahinter verbirgt, variiert also 20 Im Deutschen oft mit Selbsthilfe oder Hilfe zur Selbsthilfe übersetzt (Beyer 26). 21 „Capacity Building“ hat das Ziel, Fähigkeit für die Planung und Umsetzung von Entwicklungsstrategien zu vermitteln. Weiterbildung ist dabei Bestandteil der Personalentwicklung, die wiederum die Entwicklung von Organisationen beeinflusst (www.inwent.org). 22 Mit Active Involvement war nicht mehr nur eine Mobilisation lokaler Ressourcen gemeint, sondern auch eine aktive und sinnvolle Beteiligung (active involvement) der menschlichen Ressourcen, wobei der Bevölkerung ein gewisses Mitspracherecht eingeräumt wurde. 23 Siehe zum Beispiel www.gtz.de/de/dokumente/de-SVMP-partizipation.pdf, und BMZ 1999 Beyer 2003:30-48. 21 stark. Auch wenn Partizipation nach idealen Ansätzen erdacht wird, ist sie durchaus kritisch zu betrachten. Denn oftmals ist Partizipation von Teilen der Bevölkerung nicht erwünscht. So betrachtet können partizipatorische Ansätze und die damit oft einhergehende Demokratisierung als weiterer neokolonialistischer Akt einer ethnozentristischen EZ gesehen werden. Ebenso können partizipatorische Ansätze gar zu einer stärkeren Anhäufung von Macht bei den vorher bereits Mächtigen führen und damit die Situation für andere Menschen verschlechtern (Laverack/Wallerstein 2001:180). Hanak erwähnt, dass Partizipation für Frauen meist nicht gleichberechtigte Partizipation bedeutet, sondern dass sie „in irgendeiner Weise von den Projekten betroffen sind“ (Hanak 1997:6) 1.3.2. Community Based Tourism (CBT) Community Based Tourism (CBT) wird in zunehmendem Maße als Mittel gesehen, partizipatorische und nachhaltige Ansprüche umzusetzen (Beyer 2006:143). CBT wird als probates Mittel des community development gesehen, das die Entwicklungsvorstellungen der Gemeinden verwirklicht. Auch für CBT gibt es keine einheitliche Definition, es ist jedoch festzustellen, dass sich community based dabei meistens auf zwei Faktoren bezieht. Erstens sollen Planung und Durchführung des Tourismusprojekts weitgehend von der Gemeinde24 übernommen werden und die Gewinne der Bevölkerung zugute kommen, um die kommunale Entwicklung zu fördern. Mit dem Wachsen des Projekts und dem Entstehen neuer Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten soll der allgemeine Wohlstand gesteigert und ein Abwandern, besonders der jungen Bevölkerung, in die Städte verhindert werden (Neudorfer 2007:48). Zweitens impliziert der Begriff auch, dass die Gemeinschaft selbst mit ihrer Lebensweise und Kultur die touristische Attraktion darstellt.25 So wird die Bevölkerung gleichzeitig zum „Subjekt und Objekt“ des Tourismus, wie Dwi (2004:27) und Rharajana (2005: 150) es formulieren. Sie sind handelnde Subjekte in der Vermarktung ihres touristischen Kapitals, das sie selbst verkörpern. CBT kann also als besondere Form von Kulturtourismus oder auch Indigenous Tourism gesehen werden.26 Ein weiterer wesentlicher Bestandteil 24 Zum Begriff der Community im CBT, verschiedenen Perspektiven und Implikationen siehe Singh et al. 2003. Weiterführende Literatur zu Gemeinschaft und Community Mayo 2000, Tönnies 1979, Bell/Newby 1978. 25 Bei Community based Ecotourism ist dies allerdings nicht unbedingt der Fall. Hier wird oftmals versucht die Verantwortung für Naturschutz in die Hände lokaler Gemeinden zu legen, die durch die touristische Vermarktung Nutzen daraus ziehen können (siehe z.B. Elixhauser 2006). 26 Für den Begriff 'Kulturtourismus', wie sein englisches Pendant 'cultural tourism' gibt es keine einheitliche Definition. Unter ihnen können alle Formen von Tourismus gefasst wer- 22 des CBT ist der Kontakt zwischen Touristen und Bevölkerung. Dieser soll möglichst auf Augenhöhe stattfinden, also nicht als ausschließlich monetär motivierte oder neo-kolonialistische Begegnung, sondern als „two-way, interactive relationship in which the hosts are not at the command of the tourists and (…) [the tourists] are not treated as mere instruments of organized consumerism“ (Bartholo et al. 2008: 110). Im Hinblick auf diesen angestrebten Austausch zwischen den Menschen definiert das Responsible Ecological Tours Project (REST) CBT als „managed and owned by the community, for the community, with the purpose of enabling visitors to increase their awareness and learn about the community and local ways of life" (REST 1997).27 Durch das Interesse der Touristen an den Menschen am Urlaubsort und deren alltäglicher Lebensweise soll CBT zu einer positiven Bewertung der eigenen kulturellen Identität beitragen (Neudorfer 1007:45). Neben dem reinen wirtschaftlichen Gewinn kann CBT also als ein bedeutender Faktor von Empowerment wirken und damit weitere Entwicklungen und Partizipation an z.B. politischen Prozessen zum Wohl der Gemeinschaft anstoßen (Cole 2006, Scheyvens 2002). Wie auch in anderen Definitionen liegt der Schwachpunkt im unklaren Begriff der Gemeinschaft. Er bezieht sich meist auf Dörfer oder kleine Städte, die aber keine homogene Gruppe darstellen, sondern aus vielen Parteien und Individuen mit teils divergierenden Interessen bestehen. In der Euphorie um den neuen Ansatz schien man dies vergessen zu haben und so scheiterten viele CBT-Projekte an mangelnder Beachtung der lokalen Machtstrukturen. Besonders Projekte mit relativ starkem Engagement externer Akteure tendieren dazu, schwächere Gruppen zu übersehen oder zumindest in Planung und Durchführung nicht zu berücksichtigen (Blackstock 2005:41ff, Häusler 2004:151, Scheyvens 2002:234). Daher plädieren manche Autoren dafür, dass bei CBT-Projekten Machtstrukturen und verschiedene Interessengruppen, besonders marginale Gruppen, identifiziert und einbezogen werden sollten (Stonich 2005, Cole 2006, Steck et al. 1999:65-67). Eine entsprechende Definition für CBT der Ethnologin und Beraterin für nachhaltige Entwicklung und Regionalentwicklung Nicole Häusler und des Professors für den, bei denen 'Kultur' als wesentlicher Bestandteil der Attraktion gilt (Lindstädt 1994:13). Dabei gibt es Überschneidungen mit vielen anderen Begriffen, die auch ihrerseits unterschiedlich definiert und verwendet werden können, wie heritage tourism, indigenous tourism, ethnic tourism und einigen weiteren (siehe Friedrich 2006: 13-18; Zeppel 2006:3-16). Für eine knappe Übersicht der verschiedenen Definitionsansätze siehe McKercher/ Du Cros 2006:3-6). Zum Begriff indigenous tourism siehe Notzke 2006:1-5; Hinch and Butler 1996:9; Zeppel 2006:3-16. 27 Häusler relativiert aber auch den Punkt des interkulturellen Austausches und stellt in Frage, inwiefern Touristen wirklich an einem interkulturellen Austausch interessiert sind und ob CBT zu einem besseren Verstehen andere Kulturen führt (Häusler 2005). 23 das Gebiet „Nachhaltiger Tourismus“ an der Fachhochschule Eberswalde Wolgang Strasdas lautet: „Community-based Tourism (CBT) is a form of tourism in which a significant number of local people has substantial control over, and involvement in its tourism development and management. The major proportion of the benefits remains within the local economy. Members of the community, even those who are not indirectly [sic] involved in tourism enterprises, gain some form of benefit as well“ (Häusler/ Strasdas 2003 zitiert nach Häusler 2005 und Beyer2006:143). Es sollen also auch die Mitglieder der Gemeinde, die nicht direkt am touristischen Projekt beteiligt sind, etwa durch Gemeinschaftskassen oder Multiplikatoreneffekte vom Projekt profitieren. In der Umsetzung hat sich jedoch an den alten Gruppen der Profiteure nichts geändert. Cochrane stellt zum Beispiel fest, dass bei Tourismusprojekten in Entwicklungsländern ärmere Menschen wie z.B. Bauern und Fischer nur sehr begrenzte Möglichkeiten haben zu partizipieren, da ihnen das Wissen und das zu investierende Kapital fehlen (Cochrane 1996:244). Dass mangelnde Partizipation von großen Teilen einer Gemeinschaft in einem Mangel an touristischer Erfahrung, Fähigkeiten, oder Wissen begründet liegt, wird von vielen Autoren anhand von Fallstudien aus verschiedenen Teilen der Erde gezeigt.28 Stroma Cole, die über einen Zeitraum von mehr als 10 Jahren die Tourismusentwicklung in zwei Dörfern auf Flores beobachtete, beschreibt die Partizipation der dortigen Bevölkerung als „restricted by their lack of knowledge about tourism. They are unable to participate in the planning and management of tourism due to their lack of understanding“ (Cole 2006:638). Dieser Mangel an Wissen kann damit beginnen, dass grundlegende Vorstellungen von Tourismus und Touristen fehlen bzw. falsch sind, wie die Ethnologin Sopie Elixhauser anhand ihrer Studie auf den Philippinen zeigt (Elixhauser 2006). Mit Ausnahme einiger reicher, besser gebildeter Personen können die dortigen Bevölkerungsgruppen weder die Folgen von Tourismus, noch nötige Vorbereitungen einschätzen. Die Ethnie der Akta kann bereits mit dem Begriff Tourismus nichts anfangen.29 Ihre Vorstellung von Tourismus entspricht der von Gästen, die sie grundsätzlich willkommen heißen, solange diese sie nicht in Gefahr bringen oder den Ort stören (ebd.:76). Weitergehende Erwartungen, Befürchtungen oder Hoffnungen wurden aufgrund fehlender Vorstellungen, was die Entwicklung von Tourismus überhaupt bedeutet, nicht artikuliert (Elixhauser 2006:76, Neudorfer 2005:33-35). Verschiedenen Autoren, die sich mit der Einstellung von bestehenden und potenziellen Gastgemeinden 28 Diese Begriffe werden nicht definiert, werden teilweise synonym nebeneinander verwendet. Meistens bezieht sich 'knowledge' eher auf theoretisches Wissen, wohingegen 'skills' allerdings auf anwendungsbezogenes Wissen, also eher 'Fähigkeiten', verweist. 29 In der Sprache der Akta gibt es auch keine genaue Übersetzung des Begriffs. 24 gegenüber Tourismus beschäftigen, kommen zu dem Schluss, dass sich mit der Vermittlung von Basiswissen über Tourismus oft beschriebene, apathische und negative Einstellungen gegenüber Tourismus zumindest teilweise beheben lassen (Lepp 2008, Wang/Pfister 2008).30 Allerdings gehören dazu auch die Information über mögliche Folgen, Gefahren und zu schaffende Bedingungen, auf deren Grundlage die Bevölkerung dann Entscheidungen treffen kann. Die Gemeinschaft soll damit befähigt werden, die eigenen Potentiale zu erkennen, ihre Möglichkeiten der Vermarktung gegenüber einer angestrebten Kundengruppe zu erfassen, aber auch Grenzen zu erkennen und zu hohe Erwartungen zu dämpfen (Suansri 2003: 39-54, Scheyvens 2003). In vielen Fällen sind z.B. einheimische Touristen eine realistischere Zielgruppe als internationale, da sie oft weniger anspruchsvoll sind und nicht derart viel neues Wissen erworben werden muss, um sie zufriedenstellend zu versorgen (Scheyvens 2003:233, Cochrane 1996: 244). Die Ethnologin Corinne Neudorfer stellt fest, dass eine Hürde für die Entwicklung von CBT die erforderliche Spezialisierung der Bevölkerung im Bereich Tourismus ist, die nicht gegeben sei (Neudorfer 2007:42). Neben grundlegendem Wissen und Vorstellungen verlangen CBT-Projekte nach Wissen aus diversen speziellen Arbeitsgebieten wie Organisation und Administration, Rechnungswesen, Marketing, Guiding und Programm-Design sowie Kenntnisse über Erwartungen und Ansprüche im Umgang mit Kunden. Steck et al. stellen bezogen auf gemeindebasierten Ökotourismus fest: „Gerade bei ländlichen Zielgruppen ist die Lücke zwischen autochthonem Wissen und der erforderlichen Professionalität im Tourismus besonders groß“ (Steck et al. 1999:75). Raymond Victurine zählt mögliche Erklärungen für diesen Mangel auf: Kleine Unternehmer und Gemeinden operieren isoliert und sind nicht informiert über Trends und Diskurse der Tourismusindustrie. Sie besitzen nur geringe Erfahrung in der Interaktion mit Fremden und wissen wenig über deren Geschmack, Bräuche, und Erwartungen. Mangelnde Schulbildung und berufliche Ausbildung stellen grundlegende Probleme dar (Victurine 2000:222f). Da viele verantwortliche Akteure wie Regierungen und EZ- Organe dies erkannt haben, wird versucht, die Gemeinden durch Bildungsaktionen und Knüpfung von Netzwerken zu unterstützen.31 Dabei zeigt sich 30 Sowohl Lepp als auch Wang und Pfister weisen aber auch darauf hin, dass Einstellungen und die sie konstituierenden Faktoren von Ort zu Ort variieren. „In the examination of attitudes, researchers recognized that residents’ attitudes toward tourism are not simply the reflections of residents’knowledge about tourism impacts but also influenced by residents’ values and personality.“ Besonders wichtig sind auch bisherige Erfahrungen mit Touristen und Tourismus (Lepp 2008; Wang/Pfister 2008). 31 Siehe zum Beispiel die Veröffentlichung der GTZ „Tourismus in der Technischen Zusammenarbeit - Ein Leitfaden zur Konzeption, Planung und Durchführung von projektbeglei- 25 dass eine langfristige Unterstützung mit Bildungsmaßnahmen unabdingbar ist. Die Anwendung von theoretischem Wissen ist dabei wichtig für den Erfolg von Projekten. Die Kombination von theoretischen Schulungen und „on-the-job-trainings“ also der Wissenserwerb nach Art de „learning by doing“ stellte sich als effektivste Lösung heraus (Palm 2000:118f, Victurine 2000:224ff). Fallbeispiele belegen, dass die Trainings in dauerhaften Trainingsprogrammen institutionalisiert und den jeweiligen Bedürfnissen und dem Wissenstand der Gemeinden angepasst sein sollten. Programme, die für andere Zielgruppen, wie große Hotels entworfen wurden, sind unangebracht (ebd. 228). Die genannten Autoren betonen auch die Wichtigkeit der Bildung von Netzwerken für den Informations- und Erfahrungsaustausch, was ein weiterer wichtiger Punkt bei der Unterstützung von CBT-Projekten von Regierungsseite oder NGOs ist. Zu den gleichen Ergebnissen kommt auch Scheyvens in ihrer Untersuchung, die sie exemplarisch an zwei CBT- Projekten darstellt: „This institutional support from governments, NGOs and / or the private sector, can involve provision of information, networking opportunities and capacity building through skills training. Capacity building must be of high quality and of an ongoing nature, however. Those who are trained need the confidence to put their new skills into practice, the faith of members of the wider community who may be suspicious of new management styles and business practices, and ongoing support from professionals. Sending a few community members on various one week training courses and expecting them to return home and become skilled marketers or business managers virtually overnight, is simply unrealistic“ (Scheyvens 2003:244). Wie Scheyvens erwähnen viele Autoren, dass der Prozess der Bewusstseinsbildung für Tourismus, dem Erlangen des nötigen Wissen und der nötigen Fähigkeiten, Zeit braucht und normalerweise langsam voranschreitet (Victurine 2000:288f, Raharjana 2005:150ff). Zuversicht und Selbstvertrauen wird in der Forschungsliteratur als wesentlicher Punkt bei der Entwicklung von CBT angesehen. Dabei geht es aber nicht nur um Selbstvertrauen Einzelner, sondern der gesamten Gemeinschaft. Wie oben beschrieben, braucht es einerseits Empowerment, damit es zu Partizipation kommen kann. Information und Wissen sind dabei essentielle Elemente, die eine Partizipation im Entscheidungsprozess ermöglichen. So kann der gesamte Prozess der Entwicklung eines CBT-Projekts als fortlaufender Prozess von Empowerment gesehen werden. Die Möglichkeit zu partizipieren generiert neues Wissen und Selbstbewusstsein (Cole 2007:632). Ashley und Garland schreiben dazu: tenden Maßnahmen in der ländlichen Entwicklung und im Naturschutz“ (Steck et al. 1999), oder Palm 2000, Victurine 2000, Dwi 2004, Rharjana 2005. 26 “Tourism development in communal areas, where the poorer majority lives, has potential to not only increase local incomes and jobs, (and support nature conservation), but also to develop skills, institutions, and bring Empowerment of local people“ (Ashley/Garland 1994:S. 2, Cole 2007). Der unmittelbare finanzielle Gewinn für die Gemeinschaft durch Tourismus ist also nur einer der angestrebten Nutzen bei CBT. Häusler zeigt an einem Fallbeispiel aus Bolivien die möglichen positiven Auswirkungen von CBT- Projekten. Neben finanziellen Einnahmen waren dies Kenntnisse über Fremdsprachen, Reiseleitung, Administration, Flora und Fauna sowie der eigenen Kultur. Dies sei ein „Wissenskapital“, das die Bewohner in touristischen Krisenzeiten auch in anderen Arbeitsbereichen einsetzen könnten (Häusler 2004: 161). Ryan schätzt den emotionalen Gewinn, gerade bei kleinen Unternehmern nicht weniger wichtig ein als die monetären Einkünfte (Ryan 2005:70). Empowerment wird besonders auch durch ein neues Selbstbewusstsein, die eigene Kultur betreffend, hervorgerufen. Wie bereits anklang, stellen - neben naturräumlichen Gegebenheiten - vor allem materielle und immaterielle Kultur, und deren menschlichen Träger die Attraktionen im CBT dar (Raharjana 2005 und Dwi 2004:26-30). Oftmals werden bestimmte Aspekte wie beispielsweise Tänze, bestimmte handwerkliche Fähigkeiten, oder Bauwerke als Schwerpunkte vermarktet, wobei das kulturelle Ambiente aber wesentlich zum touristischen Erlebnis beiträgt. Dabei sollen nicht, wie es oftmals an touristischer Kommodifizierung32 kritisiert wurde, einzelne, aus ihrem Kontext heraus gelöste und modifizierte, kulturelle Elemente zur Schau gestellt werden. Vielmehr sollen die Touristen möglichst authentische Eindrücke in das Leben und den Alltag der Gemeinschaft bekommen.33 Zusätzlich können auch Elemente wie Bauwerke, Werkzeuge und Gerätschaften für Kunst und Arbeit oder auch Kleidung Hauptattraktionen sein (Dwi 2004:26). Diese einzelnen Elemente sollen aber in Bezug zur Bevölkerung und ihrem Alltag, ihrer Lebensweise und Weltsicht erlebt werden, die idealerweise im Mittelpunkt der Begegnung stehen oder zumindest den Rahmen bilden, in welchem eingebettet, einzelne Attraktionen erlebt werden (Dwi 2004:26-30, Rharjana 2005:121-127). Idealerweise geht es also um ein Treffen und Austausch innerhalb der gültigen Traditionen und Ordnung und nicht dem Konsum einiger losgelösten 32 Der Prozess der Bewertung von Dingen und Aktivitäten nach ihrem Tauschwert und deren entsprechende Vermarktung wird Kommodifizierung genannt. Dinge werden dabei zu Waren und Aktivitäten zu Dienstleistungen (Cohen 1988:380). 33 Zur Diskussion um „Authentizität“ siehe Cole 2007; Cohen 1988; Glesner 2002. Die Kommodifizierung von Kultur wurde stark angegriffen und man war der Meinung, Authentizität ginge durch sie verloren. Cohen (1988) stellt dies in Frage, indem er argumentiert, dass Authentizität ein sozial konstruiertes Konzept ist, dessen Konnotation also nicht gegeben und starr, sondern verhandelbar sei (Cohen 1988). 27 kulturellen Elemente. Dafür eigenen sich besonders gut ein aktives (Mit-) Erleben, d.h., dass die Besucher selbst an Tätigkeiten und Bräuchen teilnehmen, lokale Gerichte essen, nicht nur zusehen, sondern mittanzen, -arbeiten, oder -basteln. Voraussetzung für die Teilnahme an einem derartigen Angebot ist natürlich das Interesse der Besucher.34 Die prinzipielle Frage im Kontext der Vermarktung von bestimmten Waren und Leistungen, die Erik Cohen bereits 1988 stellte, lautet: „What happens to the other meanings (particularly religious, cultural, and social) of things (and activities) once they become commoditised, particularly under the impact of tourism“ (Cohen 1988:380f). Wie Cohen beschreibt, muss Kommodifizierung nicht Sinnentleerung bedeuten. Auch wenn kulturelle Elemente zu Produkten werden, und vielleicht im Zuge der Kommodifizierung eine Veränderung erfahren, um der Marktnachfrage zu entsprechen, könne sie doch weiterhin für die Gemeinschaft Bedeutung haben, welche aber ebenso wie das kulturelle Element veränderlich ist (Cohen 1988: 381). Die Partizipation am Tourismus kann für die Gemeinden mehr bedeuten, als lediglich finanziellen Gewinn. Das Interesse von Touristen an Teilen ihres Lebens kann die Bewohner mit Stolz erfüllen und identitätsstiftend wirken (Boyd/Singh 2003:24). Viele Autoren beschreiben, dass die an CBT- Projekten teilnehmenden Gemeinschaften anfangs ein eher negatives Selbstbild haben und manchmal nicht wissen und glauben können, dass ihr „normales“ Leben für andere Menschen interessant sein könnte (Cole 2006:634, Victurine 2000:224). Das Erkennen des Alltäglichen und bis dato aus emischer Sicht Normalen als Potential für Tourismus, erzeugt oftmals Stolz auf die eigene Kultur (Cole 2006, 2007). Die mögliche Vermarktung ihrer Kultur trägt zum Erhalt und der Revitalisierung mancher kultureller Elemente bei, die ansonsten vielleicht in Vergessenheit geraten wären (Cohen 1988:381f, Cole 2006, 2007)35. Die Bevölkerung sieht sich und ihre Kultur quasi im „Spiegel des Fremden“ und erhält so Anregungen für eine Reflexion und 34 Das Potential dieses „special interest tourism“ (siehe Webseite der Dinas www.tourismsleman.com, Rharjana 2005:6) wird von manchen Experten im Vergleich zu anderen Tourismusformen nicht sehr groß eingeschätzt (IPip). Den Ausdruck des special interest tourism prägten Hall und Weiler. Er bezieht sich auf Touristen mit „desire for authenticity, immersion in the cultural and/or physical environment, and the pursuit of environmental and experiential quality. These characteristics may be distinguished by educational and cultural motivations, and by a desire to experience novelty and uniqueness as part of the travel experience“ (Hall/Weiler 1992). Im Gespräch mit Experten in Indonesien wurde er erwähnt um die Tourismus in den CBT-Projekten zu charakterisieren. 35 Vielerorts kann eine durch Tourismus motivierte Bewahrung und Revitalisierung von kulturellen Praktiken wie z.B. Tänzen oder bestimmten Handwerken beobachtet werden. Besonders für Bali ist dies gut dokumentiert (Bruner 2005, Hörstmeier 2004, Soliva 2002:374, Wahrlich 1984:147, Yamashita 2003:72-86). 28 Neuinterpretation des bisher Normalen (Ryan 2005:154). Durch den Wert, den Außenstehende bestimmten kulturellen Elementen oder der gesamten lokalen Kultur zurechnen, geben sie ihnen auch Wert in der Gemeinschaft. Boyd und Singh argumentieren, dass manche Gemeinschaften eine gemeinsame Identität entwickeln, weil sie für den touristischen Markt Gemeinschaften darstellen, sich also als solche vermarkten und folglich von außen und innen so wahrgenommen werden (Boyd/Singh 2003:24). Antweiler spricht von einer „touristifizierten, kollektiven Identität“ die ein Forschungsfeld für Ethnologen darstelle (Antweiler 2005:24).

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Von alternativen Konzepten, wie dem des Community Based Tourism, erhofft man sich, die oftmals negativen Auswirkungen von Tourismus auf die lokalen Bevölkerungen und ihre Lebenswelten zu verbessern. Allerdings zeigt sich, dass auch dieser Ansatz in der Praxis oftmals nicht wie erhofft funktioniert. Der Mangel an Wissen und Verständnis für Tourismus der lokalen Akteure wird als grundlegendes Hindernis der Entwicklung nachhaltiger alternativer Projekte gesehen. Beruhend auf einer 10-wöchigen durchgeführten Feldstudie behandelt diese Arbeit den Transfer von Wissen in zwei Community Based Tourism-Projekten auf Java, Indonesien. Dort entstehen in den ländlichen Gebieten der Region Yogyakarta seit einigen Jahren vermehrt desa wisata (Tourismusdörfer). Diese beruhen hauptsächlich auf der Vermarktung von Traditionen und Kultur im weitesten Sinne. In dieser Arbeit werden für die theoretische, aber auch praktische Beschäftigung mit dem Thema relevante Erkenntnisse gewonnen. Es lassen sich auch Handlungsanweisungen für die Praxis der Wissensvermittlung zur Ermächtigung der Durchführung von CBT-Projekten ableiten. Folgende Leitfragen ziehen sich durch die Arbeit: Welche Akteure in den Projekten sind Träger welchen Wissens? Wie wird Wissen vermittelt, und vor allem: welche Faktoren bedingen diesen Prozess?