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4 Bewältigung in:

Tabea Lenhard

In between, page 39 - 50

Identität und Zugehörigkeit Deutscher Third Culture Kids im Spannungsfeld der Kulturen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3997-7, ISBN online: 978-3-8288-6804-5, https://doi.org/10.5771/9783828868045-39

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
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39 4 Bewältigung Die Rückkehr von globalen Nomaden in ihr Herkunftsland bedingt für diese, wie bereits in den vorangegangenen Kapiteln dargelegt wurde, eine Vielzahl an Herausforderungen. Wie TCKs dennoch unter diesen Bedingungen Identität und Zugehörigkeit bewahren und entwickeln, ist maßgeblich von der Bewältigung dieser Herausforderungen abhängig. Das vorliegende Kapitel gibt daher einen Einblick in drei grundlegende Konzepte und Modelle aus dem Fachdiskurs, die die Entstehung und Funktion von Bewältigungsprozessen erklären. Da diese Ansätze die theoretische Basis darstellen, auf welche sich die Mehrheit aller Ver- öffentlichungen rund um den Themenbereich Bewältigung beziehen, beschränkt sich auch die folgende Ausführung auf die Darstellung jener zentralen Konzepte. Diese sind hierbei auch als Grundlage für die in Kapitel  7 dargestellten Herausforderungen und Bewältigungsstrategien der interviewten deutschen TCKs anzusehen. 4.1 Transaktionales Stress- und Copingmodell Das von Richard Lazarus entwickelte transaktionale Stress- und Copingmodell stellt derzeit im psychologischen und pädagogischen Fachdiskurs eines der grundlegenden und einflussreichsten Stressmodelle dar (vgl. Schütz, Rüdiger & Rentzsch, 2016, S. 177; Allwinn, 2013, S. 70). Das vorliegende Unterkapitel zeigt auf, wie dieses Modell dazu beiträgt, die Entstehung von Stress sowie Formen und Funktion von Stressbewältigung zu verstehen. 4.1.1 Entstehung von Stress Nach dem transaktionalen Stressmodell ist Stress „das Ergebnis einer Wechselwirkung (Transaktion) zwischen Situation und denkendem Individuum“ (Allwinn, 2013, S. 62). Im Zentrum dieser Wechselwirkung stehen zwei kognitive Bewertungen (vgl. ebd.). 40 BEWÄLTIGUNG In einer primären Bewertung22 schätzt das Individuum die Bedeutung einer aktuellen Transaktion mit der Umwelt für das eigene Wohlbefinden ein (vgl. Lazarus, 1995, S.  212). Dieser Einschätzung zufolge, kann die Transaktion entweder als irrelevant, positiv oder stressreich eingestuft werden (vgl. ebd.). Eine Transaktion wird dann als stressreich beurteilt, wenn es in einem bereits eingetretenen Ereignis zu Schädigung oder Verlust gekommen ist oder wenn ein antizipiertes zukünftiges Ereignis eine Bedrohung oder eine Herausforderung darstellt (vgl. Schütz et al., 2016, S. 177; Lazarus, 1995, S. 212). Obwohl Ereignisse, die als Bedrohung oder als Herausforderung bewertet werden, in beiden Fällen zukunftsbezogen sind, unterscheiden sich diese Bewertungen grundlegend in ihrer Erwartung von Misserfolg bzw. ihrer Zuversicht auf Erfolg (vgl. Tameling, 2014, S. 34). Fühlt sich die betroffene Person aufgrund ihrer Beurteilung eines Ereignisses als Schädigung bzw. Verlust, Bedrohung oder Herausforderung in Gefahr, so wird im Anschluss an die primäre Bewertung ein zweiter Bewertungsvorgang initiiert (vgl. Lazarus, 1995, S. 214). In dieser sekundären Bewertung23 schätzt der Betroffene seine zur Verfügung stehenden Bewältigungsmöglichkeiten sowie seine internen und externen Ressourcen ein (vgl. Tameling, 2014, S. 35; Lazarus, 1995, S. 213 f.). Übersteigen die benötigten Mittel für die Bewältigung des stressreichen Ereignisses die subjektiv empfundenen Möglichkeiten und Ressourcen einer Person, so entsteht Stress (vgl. Schütz et al., 2016, S. 177; Allwinn, 2013, S. 63). Für Lazarus stellt Stress folglich ein „relationales Konzept dar, indem ein Gleichgewicht hergestellt werden muß zwischen Anforderungen und der Fähigkeit, mit diesen Anforderungen ohne zu hohe Kosten oder destruktive Folgen fertigzuwerden.“ (Lazarus, 1995, S. 213) Stress resultiert somit erst aus der Bewertung eines Ereignisses als Bedrohung (primäre Bewertung), bei gleichzeitig geringer Einschätzung eigener Ressourcen (sekundäre Bewertung) (vgl. Schütz et al., 2016, S.  177; Allwinn, 2013, S. 63). Infolgedessen ist Stress nicht in erster Linie auf objektive äußerliche Bedingungen wie einen Umweltreiz, ein Personenmerkmal oder eine Reaktion zurückzuführen (vgl. Allwinn, 22 Engl. „primary appraisal“. 23 Engl. „secondary appraisal“. 41 TRANSAKTIONALES STRESS- UND COPINGMODELL 2013, S.  63; Lazarus, 1995, S.  213). Vielmehr ist Stress das Ergebnis individueller intrapsychischer Verarbeitungsprozesse (vgl. Allwinn, 2013, S. 63). Primäre und sekundäre Bewertung sind als Kernbestandteile dieser Prozesse untrennbar und dynamisch miteinander verbunden (vgl. Lazarus, 1995, S. 215). Beide Bewertungsvorgänge werden hierbei auch von dem individuellen Welt- und Selbstbild der bewältigenden Person geprägt (vgl. Allwinn, 2013, S. 63). Abschließend kann gesagt werden, dass interindividuelle Unterschiede im Stresserleben nach Lazarus darauf zurückgeführt werden, dass Personen die Situation und ihre eigenen Ressourcen unterschiedlich bewerten (vgl. ebd.). 4.1.2 Stressbewältigung Nach dem transaktionalen Stressmodell führt das Erleben von Stress zu unterschiedlichen Bewältigungsversuchen des betroffenen Individuums (vgl. Allwinn, 2013, S. 65). Stressbewältigung wird hierbei von Lazarus als „Prozeß einer Person-Umwelt-Auseinandersetzung dargestellt, deren Handlungen und innerpsychische Vorgänge mit der Absicht verlaufen, streßrelevante Probleme zu minimieren oder zu bewältigen.“ (Tameling, 2014, S. 40) In diesem Zusammenhang ist Bewältigung jedoch nicht als eine einzelne Handlung zu verstehen (vgl. Lazarus, 1995, S. 221). Vielmehr gestaltet sich Bewältigung als kontinuierlicher, dynamischer Prozess, der in besonderem Maße von der Konstellation vieler Handlungen und Gedanken geprägt ist (vgl. ebd., S. 221 ff.). Dieser gesamte Bewältigungsprozess ist zudem abhängig von den dem Individuum zur Verfügung stehenden Bewältigungsstrategien (vgl. Allwinn, 2013, S. 66). 42 BEWÄLTIGUNG Funktionen der Stressbewältigung Lazarus unterscheidet zwischen zwei unterschiedlichen Grundfunktionen von Bewältigungsprozessen (vgl. Lazarus, 1995, S.  216 f.). Ein erstes Ziel von Bewältigung besteht hierbei in der positiven Veränderung der Problemlage. Dies ist entweder möglich, indem sich die von Stress betroffene Person in ihren eigenen Aktionen auf die veränderte Situation einstellt, oder indem sie die bedrohliche Situation selbst ver- ändert (vgl. ebd.). Derartige Veränderungen, die eine Person bei sich selbst und/oder ihrer Umwelt vornimmt, ermöglichen dieser, Stress abzubauen (vgl. Tameling, 2014, S. 43). Neben diesen problemzentrierten Funktionen von Bewältigung kann Bewältigung auch der Selbstregulation von stressbedingten, negativen emotionalen Zuständen dienen (vgl. Lazarus, 1995, S. 216). Eine solche emotionsorientierte Bewältigung bezweckt demnach primär die Verbesserung der emotionalen Befindlichkeit (vgl. Tameling, 2014, S. 47). Obwohl problemzentrierte und emotionszentrierte Funktionen von Bewältigung häufig im Widerspruch zu einander stehen, so stützen und ergänzen sie sich auch gegenseitig (vgl. Lazarus, 1995, S. 217). Im Bewältigungsprozess werden häufig Strategien mit beiden Funktionen kombiniert (vgl. Allwinn, 2013, S. 97). Zirkulärer Bewältigungsprozess Nach der Anwendung von Bewältigungsstrategien kommt es, analog zur primären Bewertung, zu einer Neueinschätzung24 von Gefahr und Ressourcen (vgl. Schütz et al., 2016, S.  177). Der Bewältigungsprozess gestaltet sich demzufolge zirkulär und endet erst mit einem Bewältigungserfolg (vgl. Allwinn, 2013, S. 65 f.). Dieser tritt ein, wenn die betroffene Person entweder keine Gefahr mehr wahrnimmt oder ihre zur Verfügung stehenden internen und externen Ressourcen als ausreichend bewertet (vgl. ebd.). Den gesamte Prozess von Stressentstehung und -bewältigung lässt sich vereinfacht in folgender Grafik darstellen: 24 Engl. „reappraisal“. 43 THEORIE DER RESSOURCENERHALTUNG Abb. 3: Das transaktionale Stressmodell (Eigene Darstellung in Anlehnung an Tameling, 2014, S. 29; Allwinn, 2013, S. 66) 4.2 Theorie der Ressourcenerhaltung Mit seiner Theorie der Ressourcenerhaltung25 entwickelte Hobfoll ein alternatives Stressmodell, welches sich in erster Linie dadurch von Lazarus Modell abgrenzt, dass „sowohl objektive als auch subjektiv wahrgenommene Faktoren in den Stress- und Stressbewältigungsprozess einbezogen werden“ (Hobfoll & Buchwald, 2004, S. 11). 25 Engl. „Conservation of Resources Theory“. 44 BEWÄLTIGUNG 4.2.1 Entstehung von Stress Die Theorie der Ressourcenerhaltung gründet auf der Annahme, dass Menschen für ihr Überleben und den Erhalt ihres Wohlbefindens Ressourcen benötigen (vgl. Allwinn, 2013, S. 93). Infolgedessen geht Hobfoll davon aus, dass Menschen ihre eigenen Ressourcen zu schützen versuchen und gleichzeitig danach streben, neue Ressourcen aufzubauen (vgl. Hobfoll & Buchwald, 2004, S. 13). Da Ressourcen, direkt oder indirekt, das Überleben sichern, wird drohender oder tatsächlicher Ressourcenverlust als stressreich erlebt. Darüber hinaus kann jedoch auch ein Mangel an Ressourcengewinnen nach einer Investition von Ressourcen Stress auslösen (vgl. ebd.). Hobfoll definiert psychischen Stress somit als „eine Reaktion auf die Umwelt, in der (1) der Verlust von Ressourcen droht, (2) der tatsächliche Verlust von Ressourcen eintritt oder (3) der adäquate Zugewinn von Ressourcen nach einer Ressourceninvestition versagt bleibt.“ (ebd.) Ressourcen tragen wesentlich dazu bei, dass Individuen nach stressreichen Episoden wieder in ein Gleichgewicht zurückfinden (vgl. Leipold, 2015, S. 101). Individuen, die im Besitz vieler Ressourcen sind, weisen eine geringere Vulnerabilität gegenüber Verlusten auf und sind darüber hinaus eher befähigt, durch vorhandene Ressourcen weitere Gewinnspiralen zu etablieren. Dem entgegengesetzt sind Personen, die aufgrund geringer Ressourcen verletzlicher für Verluste und weniger prädestiniert für Ressourcengewinne sind (vgl. Hobfoll & Buchwald, 2004, S. 15). „Es entsteht ein Zyklus, bei dem das System mit jedem Verlust anfälliger und verletzlicher wird und das Individuum im Zuge dieser Verlustspirale daran hindert, anstehende stressreiche Probleme zu bewältigen.“ (ebd.) 45 THEORIE DER RESSOURCENERHALTUNG Hierbei sind es insbesondere kritische Lebensereignisse sowie alltägliche, kleinere Stressoren, die Individuen daran hindern, ihre Ressourcen zu schützen oder zu kultivieren (vgl. ebd., S. 13). Stress ist demzufolge als ein „Resultat des wirklichen Lebens, also der objektiven Zustände und nicht nur ein Ergebnis subjektiver Wahrnehmung“ zu werten (vgl. Buchwald, Schwarzer & Hobfoll, 2004, S. 5). 4.2.2 Stressbewältigung Hobfolls Theorie der Ressourcenerhaltung geht davon aus, dass Stress in den meisten Fällen in interpersonalen Kontexten auftritt bzw. interpersonale Lösungen erfordert (vgl. Allwinn, 2013, S. 98). Demzufolge handelt es sich bei Stressbewältigung nie um einen ausschließlich individuellen, vom sozialen Umfeld vollständig losgelösten Prozess. Um die komplexen Dynamiken und Wechselwirkungen innerhalb von Bewältigungsprozessen zu erfassen, müssen somit soziale Dimensionen besondere Berücksichtigung finden (vgl. Allwinn, 2013, S. 98; Hobfoll & Buchwald, 2004, S.  12/  16). Die Theorie der Ressourcenerhaltung bezieht daher „nicht nur individuelle Ressourcen und individuelles Ressourcenmanagement mit ein, sondern auch Überlegungen zu gemeinsamen Ressourcen, Ressourcentransfer und gemeinsamer Stressbewältigung.“ (Hobfoll & Buchwald, 2004, S. 12 f.) Formen der Stressbewältigung Zur Kategorisierung unterschiedlicher Formen von Stressbewältigung entwickelte Hobfoll das mit der Theorie der Ressourcenerhaltung assoziierte multiaxiale Copingmodell (vgl. Hobfoll & Buchwald, 2004, S. 16). Dieses „konzeptualisiert die Bewältigung von Stress im Kontext von objektiven Situationsmerkmalen und zwischenmenschlichen Be ziehungsmustern“ (ebd.). 46 BEWÄLTIGUNG So lässt sich die Art, wie Personen mit Stress umgehen in einem dreidimensionalen Koordinatensystem erfassen: Abb. 4: Das multiaxiale Copingmodell (Hobfoll & Buchwald, 2004, S. 20) Die drei Achsen veranschaulichen hierbei das Kontinuum von aktiver zu passiver, prosozialer zu antisozialer und direkter zu indirekter Bewältigung (vgl. Hobfoll & Buchwald, 2004, S.  16). Das multiaxiale Copingmodell betont dabei stärker Verhaltensaspekte als emotionale Aspekte (vgl. Allwinn, 2013, S. 99; Hobfoll & Buchwald, 2004, S. 17). Gleichzeitig repräsentieren die Achsen jedoch keine spezifischen Verhaltensweisen, sondern generellere „bewältigungsstrategische Ausrichtungen“ (Allwinn, 2013, S. 99). Die aktiv-passiv-Achse gibt das Ausmaß von Bewältigungsaktivitäten an (vgl. Hobfoll & Buchwald, 2004, S. 18). So können Personen auf dem Kontinuum von aktiv bis passiv platziert werden, in Abhängigkeit davon, wie aktiv sie bei ihrer Problembewältigung bzw. dem Aufbau von Ressourcen sind (vgl. ebd.). Hobfolls Verständnis aktiven Copings schließt zudem auch proaktive, vorausschauende Formen ein. Eine solche Stressbewältigung zeichnet sich dadurch aus, dass bereits vor der eigentlichen Stresssituation Maßnahmen getroffen werden, die einen prophylaktischen Ressourcenpool schaffen (vgl. Allwinn, 2013, S.  90; Hobfoll & Buchwald, 2004, S. 18). Dem entgegen sind passivere Formen 47 THEORIE DER RESSOURCENERHALTUNG der Stressbewältigung von vorsichtigem Handeln bis hin zu vollständiger Vermeidung und Unterlassung von Handlungen geprägt (vgl. Hobfoll & Buchwald, 2004, S. 18 f.). Die prosozial-antisozial-Achse des multiaxialen Modells drückt die soziale Dimension von Bewältigung aus (vgl. ebd., S.  19). So lassen sich Copingaktivitäten in Bezug auf das Ausmaß an sozialer Interkation unterscheiden. Prosoziale Bewältigung beschreibt alle adaptiven Handlungen, die Suche nach Hilfe, Bemühen um Andere, Zusammenschluss zu Gruppen oder sonstige positive soziale Interaktionen umfassen. Dabei kann das Aktivitätsniveau von Personen mehr oder weniger aktiv sein. Am anderen Ende der Achse befinden sich antisoziale Bewältigungsstrategien. Derartiges Verhalten ist auf den eigenen Vorteil bedacht und zeichnet sich demnach durch die Intention aus, andere zu verletzen oder die verursachten Verletzungen zu ignorieren. Auf dem Mittelpunkt dieser Achse sich Bewältigungsstrategien angesiedelt, die von isolierten Handlungen und dem Agieren in vollständiger Unabhängigkeit von der sozialen Umgebung geprägt sind (vgl. ebd.). „Platziert man die aktiv-passiv-Achse und die antisozial-prosoziale-Achse in einen Zweidimensionalen Raum, können Individuen je nach Grad der Ausprägung ihrer Aktivität und Soziabilität eingeschätzt werden. Das dualaxiale Copingkonzept wird durch Hinzufügen einer dritten Copingachse mit der Bezeichnung Direktheit [...] ergänzt und als multiaxiales Copingmodell bezeichnet.“ (ebd., S. 20) Die direkt-indirekt-Achse berücksichtigt soziokulturelle Aspekte von Bewältigung. So unterscheiden sich Bewältigungsstrategien aufgrund von kulturellen Unterschieden zwischen verschiedenen Lebensräumen (vgl. ebd.). Indirektes Coping umfasst strategisches, diplomatisches Vorgehen bei welchem nicht direkt, sondern auf indirekte und implizite Weise kommuniziert wird, wie sich der Interaktionspartner verhalten soll. Somit ist dieser dazu befähigt, sein Handeln selbstständig zu korrigieren (vgl. Allwinn, 2013, S. 100). Diesem entgegengesetzt stehen direkte Copingstrategien, die offen und explizit Probleme bewältigen (vgl. Hobfoll & Buchwald, 2004, S. 21). 48 BEWÄLTIGUNG 4.3 Kritische Lebensereignisse und Alltagswidrigkeiten Im Gegensatz zu den Stressmodellen von Lazarus und Hobfoll handelt es sich bei kritischen Lebensereignissen und Alltagswidrigkeiten um keine in sich abgeschlossene, von einer Person entwickelten Theorie. Vielmehr haben eine ganze Reihe von Wissenschaftlern dazu beigetragen, die Bedeutung kritischer Lebensereignisse und alltäglicher Stressoren für die Entstehung von Stress zu beleuchten. Dieses Unterkapitel stellt eine theoretische Grundlage dar, um anschließend im Forschungsteil untersuchen zu können, inwiefern der Rückzug der interviewten Drittkulturkinder ein kritisches Lebensereignis darstellt. 4.3.1 Definitionen und Charakteristika Die Vielfalt an Forschungen, die in den vergangenen Jahrzehnten zu kritischen Lebensereignissen durchgeführt wurden, führen gleichermaßen zu einer großen Spannbreite an Definitionen und Schwerpunktsetzungen bei der Bestimmung von Charakteristika (vgl. Hultsch & Cornelius, 1995, S. 74). Ein Minimalkonsens im Fachdiskurs über die Definition von Lebensereignissen besteht darin, dass es sich hierbei um reale Erfahrungen mit besonderem affektiven Gehalt handelt, die als Einschnitte, Wendepunkte oder Übergänge im Lebenslauf wahrgenommen werden (vgl. Filipp, 1995b, S. 293). Derartige Lebensereignisse führen demzufolge zu einer Veränderung in den üblichen Aktivitäten einer Person (vgl. Hultsch & Cornelius, 1995, S. 74). Wodurch sich solche Lebensereignisse jedoch genau kennzeichnen und was sie schlussendlich zu kritischen Lebensereignissen macht, ist kontrovers diskutiert (vgl. Filipp, 1995b, S. 293.). Filipp sieht das Hauptmerkmal kritischer Lebensereignisse in einer Störung des Passungsgefüges zwischen Person und Umwelt (vgl. Filipp, 1995a, S. 39). „Bei aller Unterschiedlichkeit ist es die grundlegende Eigenschaft kritischer Lebensereignisse, dass sie das Person-Umwelt-Passgefüge attackieren, es in einen Zustand des Ungleichgewichts überführen, das sie subjektive Theorien als die bislang unhinterfragten Gewissheiten erschüttern und dass sie heftige Emotionen auszulösen in der Lage sind [...]. Die Botschaft, die solche 49 KRITISCHE LEBENSEREIGNISSE UND ALLTAGSWIDRIGKEITEN Ereignisse transportieren, lautet in aller Regel, dass die Welt nicht mehr die ist, die sie einmal war und dass auch die Betroffenen nicht mehr die sind die sie einmal waren. Die bisherige Sicht der Dinge greift nicht mehr; die Person und ihre Umwelt – sie passen nicht mehr zueinander.“ (Filipp & Aymanns, 2010, S. 13) Kritische Lebensereignisse führen nach Filipp und Aymanns zu einer grundlegenden Erschütterung der bisherigen Normalität (vgl. ebd.). Sie bringen das „Leben aus dem Takt“ (ebd.), durchkreuzen Pläne und stellen bisherige Überzeugungen auf den Prüfstand (vgl. ebd.). In vielen Fällen gehen kritische Lebensereignisse hierbei auch mit Ressourcenverlusten einher (vgl. Filipp & Aymanns, 2010, S. 26; Hobfoll & Buchwald, 2004, S. 13). Neben Verlusterfahrungen und der Schädigung der Person-Umwelt-Passung zählen Filipp und Aymanns auch mangelnde Kontrollierbarkeit, Auslösung starker Emotionen, fehlende Vorhersehbarkeit sowie Erschütterung von Selbst- und Weltbild zu den typischen Merkmalen kritischer Lebensereignisse (vgl. Filipp & Aymanns, 2010, S. 42 ff.). Derartig belastende Lebensereignisse sind demzufolge in besonderer Weise von normalen Wendepunkten und Übergängen im Lebenslauf abzugrenzen (vgl. ebd., S. 23). Der belastende, meist einschneidende und das Leben gravierend ver- ändernde Charakter von kritischen Lebensereignissen stellt diese konzeptionell in engen Zusammenhang zu Stress (vgl. ebd., S. 16). Gleichzeitig gehen kritische Lebensereignisse im Normalfall weit über das hinaus, was im alltäglichen Sprachgebrauch unter Stress verstanden wird (vgl. ebd.). Zu betonen ist, dass sich kritische Lebensereignisse, je nach gewählter Definition, nicht ausschließlich auf Lebenskrisen beziehen. Vielmehr können auch positiv konnotierte Erfahrungen wie Hochzeit oder familiärer Nachwuchs zu großer Veränderung, mit entsprechender Belastung und Stress, führen (vgl. Leipold, 2015, S. 67 ff.; Allwinn, 2013, S. 53 ff.). Darüber hinaus gelten nicht nur die offensichtlichen, großen, kritischen Lebensereignisse als Auslöser für Stress (vgl. Allwinn, 2013, S. 55). Häufig ist es die Summe kleiner Alltagswidrigkeiten26, die als große Belastung erlebt wird und somit zu einer Beeinträchtigung des psychischen und physischen Wohlbefindens führt (Allwinn, 2013, S. 56; Filipp, 1995b, S. 294 f.). Dennoch können diese Mikrostressoren nicht isoliert von kritischen Lebensereignissen betrachtet werden (vgl. Filipp, 1995b, 26 Engl. „daily hassles“. 50 BEWÄLTIGUNG S. 295). Sie stellen keinen konkurrierenden Belastungstyp zu kritischen Lebensereignissen dar (vgl. ebd.). Vielmehr manifestieren und konkretisieren sich die Folgen und Belastungen kritischer Lebensereignisse häufig erst in der Fülle von begleitenden kleinen, alltäglichen Stressoren (vgl. Filipp & Aymanns, 2010, S. 25; Filipp, 1995b, S. 295). 4.3.2 Bewältigung kritischer Lebensereignisse Nach Filipp und Aymanns umfasst die Bewältigung kritischer Lebensereignisse „alle Versuche, die mangelnde Passung im Person-Umwelt- Gefüge zu überwinden“ (Filipp & Aymanns, 2010, S.  18). Dies ist auf zwei unterschiedliche Weisen möglich. So kann auf der einen Seite die Umwelt wieder stärker den individuellen Handlungsoptionen und Kompetenzen angenähert wer den. Auf der anderen Seite kann sich jedoch auch die Person durch Modifikation ihres Denkens und Handelns der veränderten Umwelt anpassen. In vielen Fällen werden im Rahmen des Bewältigungsprozesses derartige Formen der Assimilation und Akkommodation miteinander kombiniert (vgl. ebd.). Neben der Wiederherstellung der Person-Umwelt-Passung umfasst Bewältigung kritischer Lebensereignisse auch Formen der Affektregulation. Diese dienen vorwiegend der Kontrolle belastender Emotionen und schützen somit das Individuum vor übermäßiger emotionaler Überflutung. Des Weiteren schließt Bewältigung auch kognitive Verarbeitungsprozesse ein. So helfen Prozesse des Verstehens, des Deutens und der Aufmerksamkeitssteuerung, um die erschütterte Lebenswelt neu erfassen und strukturieren zu können (vgl. ebd.). Die Bewältigung kritischer Lebensereignisse ist als ein Prozess anzusehen, der sich über einen mehr oder weniger langen Zeitraum erstreckt. Dabei spielen Bewältigungsvorgänge auf unterschiedlichen Bewusstseinsebenen eine Rolle. Hierbei sind sowohl bewusste Handlungen als auch unwillentliche Reaktionen auf Belastungen Teil des Bewältigungsprozesses (vgl. ebd., S. 132). Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Bewältigungsprozesse aus vielfältigen Wechselwirkungen zwischen beobachtbarem Verhalten, instrumentellem Handeln, kognitiven Prozessen, sowie emotionalen und physiologischen Reaktionen resultieren (vgl. Filipp, 1995a, S. 38). Dabei unterliegt im Laufe der Zeit ein jedes Bewältigungsgeschehen einem kontinuierlichen, dynamischen Wandel (vgl. Filipp & Aymanns, 2010, S. 134/ 148).

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References

Zusammenfassung

Veränderung ist ihre Normalität. Kulturelle Gegensätze der Alltag, mit dem sie aufwachsen. Third Culture Kids sind eine der am schnellsten größer werdenden Bevölkerungsgruppen in Deutschland. Sie wachsen in einem Spannungsfeld zwischen unterschiedlichsten Kulturen, außerhalb der Heimatkultur ihrer Eltern auf. Die Rückkehr nach Deutschland stellt viele dieser Kinder und Jugendlichen vor existentielle Fragen der Zugehörigkeit. Wo ist ihre Heimat? Wo gehören sie hin? Als unsichtbare Einwanderer bleiben Identität, Werte und Weltbilder von Third Culture Kids häufig hinter ihrer äußerlich angepassten Erscheinung verborgen. Anhand mehrerer qualitativer Interviews geht die Autorin der Frage nach, welche Konzepte von Identität und Zugehörigkeit deutsche Third Culture Kids entwickeln und mit welchen Herausforderungen sie bei der Rückkehr und dem Leben in Deutschland konfrontiert werden. Von besonderem Interesse sind hierbei auch die Strategien, die Third Culture Kids nutzen, um trotz dieser erschwerten Bedingungen für sich Identität und Zugehörigkeit sicherstellen zu können.