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8 Plädoyer für regulationstheoretische Akteurszentrierung in:

Torben Ehlers

Kultur, Entwicklung und "Cultural Turn", page 371 - 394

Ursprung, Bedeutung und Wandel von euro- und ethnozentristischem Kulturverständnis im Kontext liberaler Entwicklungs- und Modernisierungstheorien

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3933-5, ISBN online: 978-3-8288-6801-4, https://doi.org/10.5771/9783828868014-371

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 78

Tectum, Baden-Baden
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371 8 Plädoyer für regulationstheoretische Akteurszentrierung „Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“ (Berthold Brecht) Die Analyse des universalistischen und rassistischen Kulturverständnisses im Kontext (neo-)liberaler Entwicklungstheorien hat, wie ich finde, ausreichend gezeigt, wie Ziele, Erklärungen und Auswirkungen für „sozialen Wandel“ von eurozentristischem Wissen dominiert werden. Indem sich fortgeschrittene kapitalistische Handlungsstrategien durch dieses Wissen in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit vergegenständlichen, kann hier m.E. von einem Dispositiv im Sinne Foucaults gesprochen werden. Dieses Dispositiv wird in der Entwicklungsforschung und -zusammenarbeit durch ein Ensemble aus Unterdiskursen, Institutionen, Organisationen, Einrichtungen, reglementierenden Entscheidungen, Gesetzen, Experten, normativen und administrativen Maßnahmen abgesichert. Nur als „rational“ umschriebene Denk-, Rede- und Handlungsweisen, die zugleich als Selektionsmechanismen dienen, regeln, wer in und über „Entwicklung“ sprechen darf: „Economic growth strategies have been based on the culture of economism. Structural adjustment programmes reflect a culture of economic globalism. These positions reflect different inflections of the ethnocentrism of western developmentarism“ (Nederveen Pieterse 2010: 72). Entwicklungsdiskurse haben dabei die Funktion, „qualifizierungswürdige“ Aussagen klar von nonkonformen bzw. unerwünschten abzugrenzen. Kritisch differenzierende Betrachtungsweisen liegen damit schon außerhalb der diskursiven Formation, meist werden sie dann erst gar nicht beachtet. Damit wird das Sagbare, dass im Sinne einer Befürwortung unterschiedlicher Lebensführungen nicht deckungsgleich mit modernisierungstheoretischen Entwicklungsvorstellungen einhergeht, aus den etablierten Diskursen herausgefiltert oder als subordinierte Gegendiskurse an den Rand gedrängt. So erklären die Entwicklungsdiskurse die kapitalistische Organisationsweise gegenüber vermeintlich traditionellen, unwirtschaftlichen Lebensweisen als strategisch einzig richtige Wahl und für alternativlos (vgl. Ziai 2004b: 7ff). Plädoyer für regulationstheoretische Akteurszentrierung 372 Die Disqualifikation des Lokalen und Besonderen als Gegenüber zur globalen Annäherung unterschiedlicher Sozialverhältnisse rückt damit in den Vordergrund. Das Prinzip der gesellschaftlichen Arbeitsteilung als kultureller Prozess, über den die soziale Platzierung und Rollenverteilung in Staat und Markt gebildet wird, wird immer weiter aufgekündigt (vgl. Wolf 1986: 529f). So sieht Goetze (2002: 86ff) ungleiche Verteilung als zentralen Prozess von Globalisierung an, weil durch sie die Art und Weise von gesellschaftlicher Arbeitsteilung neu geordnet wird (z.B. in multiethnischen Gesellschaften, bei den Geschlechterverhältnissen, geostrategisch zwischen der „ersten“ und der „dritten“ Welt etc.). Und Naef (2014: 153) merkt an, dass es eines jener „eigentümlichen Charakteristika“ von Entwicklungs- und Modernisierungstheorien (liberaler Prägung) ist, dass ethische und moralische Werte in stärkerem Maße abnehmen, je intensiver sich die liberalen Entwicklungsparadigmen in der Tat realisieren. Er wirft den Theorien vor, dass sie faktisch zu keinem Ende kommen können (durch die Vision vom grenzenlosen Wachstum) und deshalb die Sinnhaftigkeit von Selbstbeschränkung im Dasein mit der Zunahme von Eingriffen in das Leben von Akteuren abnimmt. Resultat ist eine „unsoziale Zügellosigkeit“ und Moralverlust durch Befolgung der Maxime von Eigennutz- Maximierung. „Widerständige“ Identitäten, die kontraproduktiv sind für Homogenisierungsprozesse hin zu Konsumgesellschaften, werden – ähnlich wie bei konservativen Betrachtungsweisen über Ethnizität – als monolithische Überbleibsel der Vergangenheit primordial (Geertz) und als rückständig deklassiert. Diese Deklassierung in „rückständige Identitäten“ dient als negative Projektionsfläche und ist dementsprechend blind für den Blick auf Kultur als strategische Praktik des sozialen Protests und als Kritik an Herrschaftsbeziehungen in der Arbeits- und Wohnsphäre, die sich explizit auf ökonomische Auseinandersetzungen um Macht über Ressourcen beziehen. Die unter der wirtschaftlichen und politischen Dynamik des Neoliberalismus stattfindende Restrukturierung von Lebenswelt durch gesellschaftliche Mobilisierungsbewegungen verläuft aber gerade nicht (mehr) entlang der klassischen Vorstellung diffus gewachsener Solidaritäten „traditioneller“ Vergemeinschaftung, sondern entlang sozialer Identitätskonstruktionen heterogener Gruppen wie z.B. in sozialen Bewegungen (vgl. Kastner 2004: 266). Kulturelle Identität als strategische Formation ist „nicht ‚immer schon da‘, sondern sie muß erst ‚gemacht‘ bzw. ‚erfunden‘ werden, wobei (...) durchaus ‚altes Material‘ verwendet werden kann“. Die Grundlagen, auf denen kulturelle Identitäten konstruiert werden, „mögen subjektiv zugeschriebene oder objektiv vorhandene Merkmale oder Symbole sein, wie etwa gemeinsame Sprache, Geschichte, Rituale“ usw. (Kreile 1997: 12). Sofern sie internalisiert werden und nach ihnen gehandelt wird, sind sie soziale Tatsachen: „(...) culture is a multiply authored invention, a historical formation, an enactment, a political construct, a shifting paradox, an ongoing translation, an emblem, a trademark, a non-consensual negotitation of contrastive identity (...) as strategy, device, ruse“ (Nederveen Pieterse 2010: 68). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 373 Identitätskonstruktionen dienen dazu, einen sozialen Zusammenhang bei der Artikulation von Ansprüchen, Rechten und Begründungen zu anderen Gruppen und Netzwerken als auch gegenüber anderen Parteien, staatlichen Organen und Organisationen von „Zivilgesellschaft“ herzustellen und umfasst häufig strategisch platzierte (Diskurs-)Kriterien wie ethnische Zugehörigkeit, regionale Herkunft, „race“, „gender“ oder religiöse Zugehörigkeit. Zudem sind diese identitätsbezogenen Konstruktionen in der Auseinandersetzung gegenüber institutionalisierten Terrains wie dem Staat, auf denen Ressourcen und Rechte bewegt werden, als soziokulturelle Gegenstrategien im Hinblick auf ungleiche Machtrelationen einer politischen Ordnung ökonomischer Markt- und Wettbewerbsprozesse zu verstehen. Sie unterliegen der ständigen sozialen Anpassung, Produktion und Konstruktion von Solidarität (vgl. Ehlers 2013: 16f; Kastner/Waibel 2009: 7). Im Sinne Spivaks (1990) bedarf es, so meine Meinung, eines „strategischen Essentialismus“, der Diskursordnungen der Entwicklungs- und Modernisierungstheorien sowie das darin transportierte Kulturverständis kritisch reflektiert, dekonstruiert und anschließend mit einer Neudeutung als reformierte und des Absolutheitsanspruchs enthobene Gegendiskurse neu positioniert. Dieser strategische Essentialismus erfordert – neben einer grundlegend sozialpolitischen und -ökonomischen Kritik an Strukturanpassungsprozessen unter dem Deckmantel von Entwicklung – einen klaren gegenideologischen Standpunkt, der allerdings nicht als neuer dogmatischer Überbau dieselben Diskursordnungen der Vergangenheit lediglich kopiert und neu beschreibt. Daran scheiterten in den 1970er und 1980er Jahren schon die Dependenzkonzepte und die vom klassischen Marxismus abweichenden Debatten über die „richtige Produktionsweise“, die die modernisierungstheoretische Diskursstruktur beibehielten und die „top-down“-Perspektive von Industrialisierungsprozessen und universaler Lebensweise lediglich in die Peripherie verschoben, ohne soziale Akteure kulturell zu emanzipieren, zu differenzieren und zu subjektivieren (vgl. Booth 1985: 773). Eine „strategisch-essentialistische Gegenideologisierung“ kann m.E. auf makropolitischer Ebene dazu dienen, nicht erneut von den bestehenden Entwicklungstheorien vereinnahmt zu werden, wie dies bei den „Theorien mittlerer Reichweite“ und den Ansätzen über „alternative Entwicklung“ der Fall gewesen ist. Zudem kann sie den Blick auf akteurszentrierte Selbstbestimmung lebensweltlicher Eigenmacht kollektiv geteilter Interessen und der dafür erforderlichen Ressourcennutzung richten. Als „Akteure“ können in dieser neuen Diskursordnung dann die in gängigen Entwicklungsdebatten stets passiv platzierten, verobjektivierten, als defizitär und fortschrittsrückständig abgewerteten „Betroffenen“ definiert werden. Während in den dominierenden Diskursordnungen internationale Institutionen und staatliche Organe, halbstaatliche oder diesen nahe stehende Organisationen, Banken und Unternehmen, Privatfinanziers und Großbetriebe politisch und wirtschaftlich aktive Akteure sind, könnten dann vormals deklassierte Gruppen zu sozialen Akteuren „ermächtigt“ werden, was einem wirklichen „Empowerment“ Plädoyer für regulationstheoretische Akteurszentrierung 374 schon recht nahe kommt. Bis heute werden sog. „Unterentwickelte“, die in gemeinschaftlichen Produktions- und Beziehungsgeflechten unter widrigen Umständen an der von expansiven Kapitalisierungsbestrebungen bedrohten geopolitischen und innergesellschaftlichen Peripherie leben, der kulturellen Deutung ihres Alltags, ihrer Arbeits- und Lebenswelt enthoben. Ihnen gilt es, in neuen Diskursformationen Legitimitäten des Sprechens, des Gehört Werdens und des selbstdefinierten sozialen Handelns gegenüber „Experten“ einzuräumen, an denen sich Handlungsoptionen im Kontext von Entwicklung ausrichten müssen. In soziokultureller Hinsicht am vielversprechendsten stellen sich für mich, im Sinne Aram Ziais (2014: 19f), Verknüpfungen von sog. akteursorientierten mit kritisch-regulationstheoretischen Ansätzen heraus, die zu neuen theoretischen und flexibel gestalteten Gegendiskursen und -konzepten beitragen können: Einerseits stellen diese mikrosoziologischen und sozialanthropologischen Ansätze die „Handlungsfähigkeit von Akteuren und die Eigenlogik lokaler Konstellationen“ als „Ausgangspunkt von Forschung in sozialen Konstruktionen, den Weltbildern und Problemdefinitionen der Betroffenen“ jenseits des Wirkungsanspruchs universeller Strukturen in den Vordergrund. Andererseits vollzieht sich die qualitativ orientierte Erforschung kultureller Phänomene vor dem Analysehintergrund politisch- ökonomischer Strukturen. Die Rekonstituierung politischer Ökonomie auf nichtessentieller und nicht-teleologischer Grundlage und die „Dekonstruktion bestehender Strukturkategorien (...) als Vorarbeit zur Generierung neuer Kategorien, die sowohl die Weltbilder der Akteure als auch z.B. ihre objektive Stellung im Produktionsprozess berücksichtigen“, ermöglichen eine klarere Benennung auch immateriell-ethischer Grundbedürfnisse wie Würde, Identität, Respekt und Selbstbestimmung bzw. Autonomie. Die auch mit dem Neomarxismus in Verbindung gebrauchten akteursorientierten Ansätze verbleiben damit, aus meiner Sicht, innerhalb des entwicklungstheoretischen Gegenstandsbereichs zur Bestimmung aktueller Formen von sozialer Ungleichheit. Sie nehmen aber eine gegendiskursive Haltung zu neoklassischmonetaristischen Standpunkten ein, die sozialstrukturelle Unterschiede (Ungerechtigkeiten) als unverzichtbare Voraussetzung für die Sicherung von Konkurrenz- und Leistungsprinzipien einer gesellschaftsökonomischen Eigendynamik betrachten, in der materielle (z.B. Einkommen) und immaterielle (z.B. Macht, politischer Einfluss) Güter als wichtige Anreize und Belohnungen für Leistungsträger funktionalisiert werden. Demgegenüber wird hier dafür plädiert, soziale Ungleichheit in einem erweiterten klassisch marxistischen Verständnis als asymmetrische „Verteilung von Lebenschancen und ungleichen Verfügungsrechten über materielle und immaterielle Güter“ zu verstehen, die gemeinschaftlich „als notwendig, wertvoll oder erstrebenswert erachtet werden“ und die aus soziologischer Perspektive auf Machtbeziehungen und mobile Herrschaftsprozesse analysiert werden müssen (Isidoro Losada/Ernst 2010: 10). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 375 Solidarität und Vertrauen sind Voraussetzungen für die Bildung von Koalitionen auf der sozioökonomischen Suche nach Sicherheiten, zur aktiven Bewältigung von Krisen durch externe Einflussfaktoren (wie Ressourcenausbeutung durch Großkonzerne oder Landenteignungen durch den Staat) und zur Abgrenzung zu Individualisierungsprozessen, wodurch soziale Probleme nicht mehr als Gemeinschaftsaufgabe angesehen werden. Die Bewältigungsstrategien müssen auf die Anerkennung rechtlicher Statuten gegen ethnisch oder kulturell Alterität segregierende Zuschreibungen von Subjekten zu Minderheiten abzielen, um Legitimität, Souveränität, eine selbstbewusste Artikulation rechtmäßiger Ansprüche und Unterstützung geltend zu machen bzw. einzufordern, die in anderen sozialen Konstruktionsgefügen des Wettbewerbs um den Zugang zu Deutungs- und Anerkennungsszenarien verwehrt wird. Ungleichheiten werden aber erst durch spezifische Kontextualisierung von lokalen und regionalen Fallsituationen mit nationalen Faktoren der internationalen Arbeitsteilung erklärbar (vgl. Long 1982). „Regulationstheoretisch“ wird Ungleichheit vertikal als sozioökonomische Benachteiligung in Einkommens- und Vermögensverteilung verstanden, wie z.B. in ungerechten Arten der Besteuerung, in fehlendem Zugang zu Landbesitz, zu Produktionsmitteln und Krediten, dem Ausschluss vom formalen Arbeitsmarkt und von staatlichen Leistungen der Daseinsfürsorge (Bildung, Gesundheit, Basisinfrastruktur und soziale Sicherungssysteme). „Akteurszentriert“ wird sie horizontal als „eingeschränkte gesellschaftliche und politische Teilhabe oder verringerte Zugangschancen [verstanden], die über symbolische sowie institutionalisierte Benachteiligungen und Ausschlüsse durchgesetzt werden, welche sich aus (...) dem Geschlecht, der Hautfarbe, der Religionszugehörigkeit, der Kultur, dem Alter, Behinderungen, räumlichen Disparitäten oder negativen Klima- und Umweltbedingungen ergeben“ (Isidoro Losada/Ernst 2010: 11). Zur Überwindung solcher Ungleichheitsstrukturen bedarf es demnach einer Steigerung selbstbestimmter Handlungsfähigkeit sozialer Akteure, die nicht den konventionellen „trickle down“-Modellen folgen. Diese unkonventionellen Wege sollten nach Nuscheler (1996a: 7) Raum für spontane Veränderungen bieten und durch gemeinschaftliche Erarbeitung eines Konsens in reflexiven Diskussionen und zirkulatorischen Austauschrunden gemäß eigenen Vorstellungen, Kapazitäten, Wegen und Möglichkeiten zur Problemlösung von den sozialen Akteuren erfolgen. Dafür ist gerade eine hohe Kommunikationsdichte in netzwerkartigen Kooperationen zur Schaffung von Vertrauen zu stärken. Solche Entscheidungsfindungsprozesse werden bis dato systematisch vernachlässigt, z.B. in den etablierten Konzepten von „Partizipation“ und „Ermächtigung“, weil sie zeitlich (und finanziell) weitaus aufwendiger sind, unterschiedliche interne Kalküle und Nutzenerwägungen berücksichtigen, eines höheren Informationsflusses bedürfen und sich nicht nur an vorgegebenen Normen und exogen entwickelten Projektzielen orientieren. Zudem basieren die Prozesse nicht ausschließlich auf Intelligibilität, sondern sie richten sich durchaus nach mentalen und sinnlichen Gesichtspunk- Plädoyer für regulationstheoretische Akteurszentrierung 376 ten der Entscheidungsfindung zur Herstellung wechselseitiger Deutungssicherheit aus. Neomarxistisch-akteursorientierte Ansätze positionieren sich auf Grundlage qualitativ zu erhebender Empirie insofern als Gegenforschung zu pragmatischmarktwirtschaftlich umrahmten Studien aus dem Fundus der Theorien mittlerer Reichweite, deren Parameter der Praktikabilität aktueller Trends bestimmter staatlich finanzierter Institutionen und deren Beschränkungen entsprechen. Sie verfolgen bewusst gesellschaftlich und politisch vernachlässigte Faktoren, die sich nicht einfach aus dem Determinismus marktförmiger Beziehungsansprüche aktueller Fortschrittsinnovationen ableiten lassen, sondern legen besonderen Wert auf historische, geographische und kulturelle Besonderheiten und den daraus resultierenden Eigenarten sozialer Prozesshaftigkeit durch Aufzeigen der Negativaspekte von Kapitalisierung und (Agro-)Industrialisierung. Die Akteure sind sozial zwischen Markt und Staat am Rand von Gesellschaft zu verorten, mobilisieren aber als Träger von sozialen Initiativen und als Gestalter von Freiheitsräumen praktische Demokratisierungspotentiale, der Gemeinschaft dienliche Ressourcen und engagieren sich durch „partizipatorische Reorganisation von Herrschaftsprozessen“ unter „der Klammer einer Distanzierung von i.e.S. staatlichen Vorgaben bzw. marktförmigen Abläufen in Entwicklungssituationen“ (Goetze 2002: 97f). Zu diesen netzwerkartigen Strukturbildungsprozessen zählen ökonomische, soziale, politische und kulturelle Praktiken, die das Ziel verfolgen, Sozialkapital für autonome Handlungsfähigkeit zu schaffen. Durch Freundschaft, Familie, freiwillige Vereinigungen, freie Assoziationen, gewerkschaftliche und kirchliche Gruppierungen, Berufs- und Wohlfahrtsverbände, NGOs, kulturell auch vertrauenswürdige marktorientierte oder ortsverbundene Organe wie Kleinbetriebe, sozialpolitisch engagiertes Unternehmertum, Kooperativen und Genossenschaften soll Druck gegen staatliche und ökonomistische Abhängigkeiten aufgebaut werden (ebd.). Entgegen den klassischen modernisierungstheoretischen Paradigmen, die generell wirtschaftliche Prozesse der Rationalisierung postulieren, betonen neomarxistisch-akteurszentrierte Ansätze den diversifizierenden Einfluss von „kollektiven Identitäten und kulturellen Einflüssen, die sich in verschiedenen Regionen der Welt als Ergebnis der Auseinandersetzungen mit dem kulturellen Programm der europäischen Moderne herausbilden“ und erkennen „explizit die Kontext- und Zeitgebundenheit, Kontingenz, Widersprüchlichkeit und Konfliktivität gesellschaftlicher Wandlungsprozesse an“ (Wehr 2014: 50f). Damit ignorieren sie eurozentristische Paradigmen nicht, konfrontieren sie aber zur Generierung von Erkenntnissen mit der Benennung konzeptionell bewusst ausgelassener Leerstellen mit ihren eigenen sich oft widersprechenden Gegenstandsbereichen. Das Ziel ist die (Wieder-)Aneignung und Umdefinition von Konzepten und Begriffen aus eigener Initiativleistung, um Potentiale für Gegendiskurse aufzubauen, die andere Entwicklungsentwürfe und -realisierungen ermögli- Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 377 chen als staatlich vorgegebene oder globalisierte (Entwicklungs-)Ökonomie- Diskurse suggerieren wollen. Im Gegensatz zu technokratischer Gesellschaftssteuerung versuchen diese Ansätze durch alternative Methoden der Informationsverarbeitung (direkter Austausch über Diskussions- und Konsensfindung) selbstregulierten sozialen Wandel zu ermöglichen und dadurch die gesellschaftliche Situation der Akteure neu zu definieren (vgl. Neubert 1997: 13ff). Um sich zu einem wirklichen Alternativparadigma auszubilden, bedarf es, aus meiner Sicht, einer eindeutig strukturierten Theorie der Dezentralisation von Entscheidungsbefugnissen mit ausformulierter Gegenpositionierung zu assistenzialistischen Entwicklungsansätzen, die sich von deren monetaristischer Ideologie durch eine klare emanzipative Gegenstandsbestimmung – einem spezifisch zu verändernden Objekt: dem sozialen Akteur als Subjekt – unterscheidet. Entsprechend der „Entpositivierung“ der Sozialwissenschaften im Zuge der Hinwendung zu interpretativ ausgerichteten Ansätzen, die auf stärkere Einbeziehungen von Phänomenologie und Hermeneutik ausgerichtet sind, sind breit gefächerte, kleinformatige Methodenwerkzeuge erkenntnistheoretisch reflexiver Untersuchungsfelder notwendig. In Verbindung mit makrosoziologischem, z.B. globalisierungskritischem Kontext können sie sensible Forschungsaspekte in unterschiedlichen soziopolitischen Situationen flexibel reflektieren. So können alternative Theorien und Diskurse durch praktische Anwendbarkeitsüberprüfung aus kritisch-induktiv konzipierten empirischen Studien der reflexiven Soziologie kontinuierlich modifiziert, umformuliert, erweitert und angepasst werden. Da sich die Notwendigkeiten gemeinschaftlicher Intervention entsprechend differenter Bedürfnisse, Motivationen, Entscheidungen und deren Findungsprozessen je nach Örtlichkeit und Region unterschiedlich darstellen, sollte zudem die Fokussierung auf das Lokale, mit interkontextuellen Bezügen zur Makro-Ebene für eine mögliche Vergleichbarkeit, integraler Bestandteil alternativparadigmatischer Neudefinitionen sein. Nur so kann auf durch sozialpolitische und -ökonomische Notwendigkeiten und Zwänge sich wandelnde Situationen angemessen eingegangen werden (vgl. Elwert 1997). Die folgende Tabelle lässt als bewusst antagonistisch konzipierte Diskursgenerierung Rückschlüsse über die sozialwissenschaftlich ausgerichteten Parameter regulationstheoretisch-akteurszentrierter Handlungsstrategien zu. Die Strategien, Diskursstrukturen und -ordnungen werden durch Gegenüberstellung zum neoklassisch-ökonomistischen bzw. -monetaristischen Entwicklungsparadigma dadurch besonders kontrastreich. Plädoyer für regulationstheoretische Akteurszentrierung 378 Der Antagonismus neoklassisch-ökonomistischer versus regulationstheoretischakteurszentrierter Entwicklung:133 133 Zusammengestellt aus: Ziai 2014, 2007, 2004; Wehr 2014; Nederveen Pieterse 2010; Menzel 2010, 1992; Gieler 2009, 2006; Long 2001, 1985; Goetze 2001; Hall 1994; Sachs 1992; Williams 1981, 1958. Neoklassisch- ökonomistisches Entwicklungsparadigma (Euro-/Ethnozentrismus) Regulationstheoretischakteurszentrierte Handlungsstrategien (politischer Cultural Turn) normativ-idealistische Dimension Entwicklungsprozesse als (Agro-) Industrialisierung mit kontinuierlichem Wirtschaftswachstum, grundsätzlich positiv empirisch-analytische Dimension grundsätzlich wertneutral, Entwicklung positiv und negativ möglich deduktive Datenerhebungsmethode quantitativ-verallgemeinernde Skalierung induktive Datenerhebungsmethode qualitativ-spezifizierende Empirie eurozentristisch, entpolitisierend, autoritär, konform, positivistischer Empirismus politisch dezentral, impliziert Faktoren des sozialen Protests, egalitär, hermeneutisch optimistische Ausrichtung Weltmarktstellung definiert Entwicklungsmöglichkeit und Industrialisierungsgrad realistische Ausrichtung blockierte bzw. fehlgeleitete Entwicklung in steigenden Abhängigkeiten Ungleichheit als funktionalistischnotwendiger Anreiz für Leistungsträger Ungleichheit als ideologisch produzierter und reproduzierter gesellschaftlicher Zustand strukturalistisch, generalisierend, kategorisierend Zentrum/Peripherie, Stadt/Land, traditionell/modern, unterentwickelt/industrialisiert poststrukturalistischer Dekonstruktivismus, Einzelfallbetrachtung ideologiekritisch, Fokus auf lokalem Wissen, Direktkommunikation unhistorisch/universalistisch auf die Zukunft ausgerichtet, unilineare Geschichtsauffassung: Geschichtsverlauf orientiert sich an evolutionärer „Entwicklungsdynamik“ diskontinuierlich historisch vergleichend, vergangene und gegenwärtig stattfindende Prozesse beschreibend und einbindend, Geschichte als kontingenter Prozess, historische Dynamik ist zyklisch antagonistische Trennlinie zwischen Tradition und Moderne in sich geschlossene Kulturkonzepte des Innen und Außen integrative, symbiotische, reziproke und fluktuierende Prozessvorstellung offene Konzepte ohne voreingenommene Kulturdefinition Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 379 Entwicklung als dauerhafter Prozess planerisch, zielorientiertes Leitbild eines zu erreichenden Zustands (Marktkonformität) „Betroffene“ haben Objektstatus, Zielorientierung unabhängig von der Meinung bzw. der Sichtweise der „Betroffenen“ Entwicklung als fluktuierender Zustand keine im Vorfeld festgelegte Zielorientierung, offene Prozesse sozialen Wandels, Akteure sind ehem. „Betroffene“ als aktiv handelnde Subjekte, Ziele können sich ändern Zielvision abgeleitet aus eurozentristischen Entwicklungsprozessen Absolutheitsanspruch, Privatisierung, Vermarktwirtschaftlichung, (Agro-)Industrialisierung, Rationalisierung, Säkularisierung, Individualisierung, Massenkonsum spezifizierte Inhalte werden lokal/regional entwickelt, kein Meta-Ziel Erkämpfung des demokratischen „Rechts auf Rechte“, Pluralismus, Entwicklung anhand lokaler Kapazitäten politisch klar definierbare Größen, staatlich abgegrenzte Gesellschaften, geographisch definierte Größen Kontinente, geopolitische Räume, Ländergruppen, Nationalstaaten, Regionen setzt bei kleinen Einheiten an, z.B. bei Lokalitäten, Distrikten, Bezirken oder sozialen Gruppierungen Dörfer, Kommunen, Frauen, berufsspezifische Gruppierungen wie z.B. Kleinbauern kategorientheoretisch volkswirtschaftliche Analyse: Kultur als monolithischer Block, statisch, objektiv messbare Korrelationen von „Kultur“ kaum im Signifikanzbereich BSP/BNE, Kaufkraft und Konsum, Agrarsektor vs. Stadtbevölkerung, absolut Arme (1$/Tag- Kategorisierung) analytische Subjekt- und Objektdiversität bzw. -vielfalt: Kultur ist dynamisch, reflexiv, dialektisch, konstruktivistisch flexible Ethnizitäten und kollektive Identitäten, pluralistisch-heterogenes Feld sozialer Minderheiten Immanenz/Evolutionstheorie Entwicklung ist Resultat einer externen Initiierung für gesellschaftsimmanente Eigendynamik Intentionalität gezielte Entwicklung für intentionale Eingriffe durch externes und internes Zusammenwirken Transitivität Subjekt und Objekt der kulturellen Entwicklung sind verschieden: jemand muss jemand anderen (kulturell) entwickeln Intransitivität/Reflexivität Subjekt und Objekt der kulturellen Entwicklung sind identisch: jemand entwickelt sich (kulturell) selbst essentialistisch strategischer Essentialismus univariates, einheitliches Fortschrittsbewusstsein multivariates, dezentralisiertes Geschichts- und Menschenbild univariates, einheitliches Fortschrittsbewusstsein multivariates, dezentralisiertes Geschichts- und Menschenbild Plädoyer für regulationstheoretische Akteurszentrierung 380 volkswirtschaftliche Bemessungsgrundlagen formeller Sektoren Korrelationen, deren Signifikanz in absoluten Zahlen wiedergegeben wird informelle Lebenswelten selten durch Datensätze erforsch- und quantifizierbar, hohe Dynamik, teilnehmende Feldforschung, „Oral History“-Analysen teleologische Zielsetzung, Fokus auf homogenen Struktureinheiten, Ganzheitlichkeit als monolithischer Holismus heterogene Zielsetzungen, Fokus auf vielschichtigen Teilaspekten, Ganzheitlichkeit als Vielzahl von unterschiedlichen Einzelelementen regulationstheoretischer Neoliberalismus verobjektivierende bzw. versachlichende Strukturanpassungen nach entfremdenden Rentabilitäts- und Rationalisierungskriterien; Privatisierung und Individualisierung sozialer Sicherungssysteme regulationstheoretischer Neomarxismus akteurszentrierte und subjektorientierte Strukturausrichtung zur Stärkung bzw. zum Erhalt sozialer Sicherungssysteme, gemeinschaftliche Arbeitsteilungskriterien zur Überwindung sozialer Ungleichheiten exogenes „trickle down“- bzw. „top down“-Erklärungsmodell endogenes „bottom up“- bzw. „from below“-Erklärungsmodell unpolitisches, unökonomisches, bürgerlich-elitäres Kulturverständnis kulturelle Sphäre getrennt von Machtverhältnissen, Wirtschaftskreisläufen und dem Alltäglichen, Kultur als Kunst, Ästhetik und herausragender schöpferischer Kreativität politisches, soziales und ökonomisches Kulturverständnis, Kulturverständnis von Alltags- und Lebenswelten kulturelle Sphäre als Terrain mit widerstreitenden Interessenauslotungen, konsensorientierte Entscheidungsfindungsprozesse attributiv Ursache und Wirkung von Handlungen und Vorgängen und die daraus resultierenden Konsequenzen für das Erleben und Verhalten von Menschen sind im Voraus festgeschrieben aspirativ selbstidentifikatorisch-eigendynamisches Bestreben, rückbezüglich und von mehreren Standpunkten aus reflektierend, gemeinschaftliche Bestrebung mit offenem Ausgang eindimensional, pragmatisch, logozentrisch politisch-ökonomisch, technokratisch interdisziplinär, kritisch politisch, soziologisch, ethnologisch, ökonomisch, psychologisch externe Akteure: eurozentristische Wissenschaftler, staatliche Ministerien und Organe, halbstaatliche Agenturen, Institute, Organisationen und Verbände, Banken , Unternehmen Akteure sind Experten und mindestens gleichberechtigt, in Partnerschaft mit Sozialwissenschaftlern und Ethnologen, NGOs, Kooperativen und Kommunalverbänden kooperierend exogen, etisch endogen, emisch Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 381 Die hier beschriebenen regulationstheoretisch-akteurszentrierten Handlungsstrategien stehen nicht in einem klassisch antagonistischen Verhältnis zu den etablierten Systemstrukturen wie z.B. kommunistische Ansätze. Definitionen des kulturellen Verständnisses sollen innerhalb der etablierten Entwicklungsdebatten durch Veränderung der Wissensproduktion und der -apparate nachhaltig beeinflusst werden, um dadurch das Denk- und Sagbare in historisch-sozialen Zusammenhängen jenseits eurozentristischer Voreingenommenheit zu diskutieren und neu zu verhandeln. Ansätze der Cultural Studies und Cultural Politics, des Postkolonialismus, der Post-Development-Kritik und der Subaltern Studies können – für mein Dafürhalten – die etablierten Entwicklungsdiskurse dekonstruieren, z.B. durch ein prinzipiell anderes Kulturverständnis, und den Absolutheitsanspruch der Entwicklungsund Modernisierungstheorien von Fortschritt, Wachstum, Produktivität und Industrialisierung durch neue Inhalte in der Debatte deplatzieren. „Alte“ Begrifflichkeiten können so ihres ursprünglichen Inhalts enthoben und durch Neudeutungen zu neuen Diskursen ohne eurozentristische Ideologie verändert werden. Beinhalten die alten Begriffsdefinitionen keine Möglichkeiten grundlegender Veränderungen, denn „Kultur“ im eurozentristischen Sinne und „Kulturen“ im ethnozentristischen Sinne sind als historisch-ideologische Wissensarchive klar umrahmt – Sprache und Begriffe haben sich im Laufe der Zeit gewandelt, der Inhalt ist trotz Diskontinuitäten relativ gleich geblieben –, zielt der politische Cultural Turn auf eine Veränderung der strukturellen Formationsregeln über das Denk- und Sagbare ab: Neue Verknüpfungen verschiedener nicht so ideologischer Aussagen und Ideen können neue diskursive Formationen mit offenen Konzeptualisierungen entstehen lassen, die gerade nicht von einer bereits vorgegebenen allumfassenden Gegenutopie vereinnahmt werden. Auf der Grundlage zwischenmenschlicher Arbeitsteilung kann eine neue Kulturbegrifflichkeit weitaus differenzierter Relevanzstrukturen selbstreferentieller Deutungssysteme, Abgrenzungen und Selbstcharakterisierungen als organisierende und selegierende Orientierungsmuster zur Strukturierung der spezifischen Realitäten von Akteuren analysieren. Zudem kann sie im Sinne gesellschaftkonvergenztheoretisch/ programmatisch unilinear homologisch multilinear staatliche und staatsnahe Akteure, halb- und staatliche Organisationen, Privatwirtschaft, NROs mit staatlichen Aufträgen Entwicklungsinstitutionen, Parteien, Stiftungen, Unternehmen, Industrieund Handwerksverbände nichtstaatliche Akteure selbstorganisierte Vereinigungen wie z.B. berufsspezifische Interessengruppierungen und bzw. oder Gewerkschaften, Stadtteil-Komitees, Kommunen, Netzwerke, Vereine, soziale Bewegungen und solidargemeinschaftliche Gruppen, kleine und mittlere Betriebe Plädoyer für regulationstheoretische Akteurszentrierung 382 lich organisierter Produktionsprozesse soziale Neuerungen gestaltungsoffen und in kommunikativ nicht-normativen Ausdrucksformen erklären (vgl. Elwert 1997: 263ff). Durch kontinuierliche Verelendungsprozesse sind die klassischen Kulturdefinitionen der Entwicklungs- und Modernisierungstheorien, aus meiner Sicht, nur noch eine hierarchische, überholte und in eine permanente Krise geratene Wissensordnung eurozentristisch ausgerichteter Gesellschaftsvorstellungen, die dynamische Innovationen flexibel gestalteter Konzeptualisierungen von kulturell nichtwestlichen Akteuren in sich ständig wandelnden sozialen Verhältnissen nicht erklären können. Strategische, erfinderische und kreative Identitätswechsel, trotz Verständlichkeit, Verlässlichkeit oder Berechenbarkeit im Handeln von sich zugleich ihren Traditionen und ihrer Geschichte bewusst seienden Akteuren laufen dem erzieherischen Impetus des klassischen Entwicklungsdispositivs zuwider, dessen Diskursformationen stagnierende Orientierungsmuster von nahezu unveränderlichen Normen, Werten, Haltungen und Identitäten in sich kaum wandelnden sozialen Handlungsrahmen annimmt. In den klassischen und neoliberalen Entwicklungs- und Modernisierungstheorien werden weniger „objektive“ Erkenntnisse gesammelt, die den Umfang der Wissensbestände über die soziale Gesellschaftsentwicklung der Akteure mit Einbeziehung ihrer Vergangenheit erweitern, als vielmehr statische Diskursformationen stabilisiert, die begriffliche Koordinaten vorgeben, was ausschließlich gegenwartsorientiert verstehbar, sagbar und damit wahr oder falsch ist. Dezentral organisierte Diskurse basieren hingegen auf der Grundlage kollektiv geteilter Wissensfundamente und auf kontingenten Wechseln gemeinschaftlicher Strukturen, in denen sog. „Fortschritt“ als integraler Bestandteil von kooperativer Selbstständigkeit und Unabhängigkeit sozial umdefiniert wird. Sie können modernisierungstheoretische Irrtümer aufdecken, durch Neukonstruktionen und den Erhalt sinnvoll bestehender sozialer Wissenscodes (die den realen Verhältnissen entsprechen) ökonomistische Unwahrheiten widerlegen oder umdeuten. Die Diskurse fokussieren dann akteurszentrierte Aussageformationen als prinzipiell nichtformale, diskontinuierliche Sozialkonstruktionen und Handlungsstrategien durch Abtragen bestehender geschichtlicher Evidenzen in Form von vorgegebenen, selektiv platzierten Texturen und durch die Etablierung neuer Sichtweisen auf „Kultur“. Die bestehenden ontologischen Wahrheiten scheinbar natürlicher Wesensbestimmungen sollten, wie ich finde, in dezentral organisierten Diskursen ihrer Bedeutungsmacht enthoben und Normativitäten dechiffriert werden. Sich angeblich selbst erfüllende Prophezeiungen abendländischer Absolutheitsansprüche sollten durch akteursorientierte Ordnungsvorstellungen ersetzen werden, die nicht die fiktiven, sondern die realen sozialen Konstitutionsprozesse von sog. „rückständigen“ Gesellschaften in den Mittelpunkt stellen. Dieses neuere politische Kulturverständnis beinhaltet dann ein Paradigma des sozialen Protests, das aber die gesellschaftlichen Regeln und die standardisierten Wissensformen sozialen Verhaltens demokra- Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 383 tisch und nicht klassisch-revolutionär im Marxschen Sinne verändern will. Es gilt, aufoktroyierte Regeln eurozentristischer Normen so zu ändern, dass mehr Einfluss für sog. „Abweichler“ geltend gemacht werden kann, die dann rückwirken sollen auf die Mechanismen entwicklungs- und modernisierungstheoretisch orientierter Vergesellschaftung. Als Abweichung gelten Wissenscodes und Praktiken selbstreflektorischer und selbstbestimmter Arbeits- und Lebensweisen von Akteuren in einer Alltagswelt, die sich nicht oder nur schwer in eine fordistische Marktkonformität einbinden lassen. Die hier zusammengefassten Ansätze des politischen Cultural Turn müssten versuchen, Diskurse über lokale kollektive Identitäten, in denen sich klassischelitäres Wissen über Kultur konzentriert hat, aufzubrechen und die Ideen des historisch-bürgerlichen Apriori, das die eurozentristischen Wissenschaften in den Entwicklungs- und Modernisierungstheorien dominiert, umzudeuten. Dadurch könnten sich andere geschichtliche und gegenwärtige Realitäten über „Kultur“ und kulturelle Entwicklung ausbilden und etablieren (vgl. Mürle 1997: 64ff). Teil dieser anderen Realitäten sind z.B. strategische kollektive Identitäten, die Ausdruck soziopolitischer Auseinandersetzungen um die Relevanz von kultureller Bedeutung und Sinngebung sind und auf Veränderung der Bedingungen von Selbst- und Fremdidentifikation als soziale Organisationsweise insistieren. Der monotonen Kantschen Finalität vom nie erreichbaren „ewigen Frieden“ versucht neomarxistisches Kulturverständnis eine alternative, akteursorientierte Sichtweise ohne Hintergrund klassisch-normativistischer Permanenz entgegen zu setzen, die als „Übersetzung des Prozesses des Erkennens und des Identifizierens der Besonderheit in eine Spezifizierung der (kulturellen) Identität“ umgewandelt wird (Goetze 2002: 104). „Der akteurszentrierte Blick stellt notwendigerweise die kognitiven Dimensionen der Handlungsfähigkeit der Akteure in Rechnung, ihre Weltsicht. Ihre Problembestimmung und dementsprechend ihr Handeln in konkreten Zusammenhängen erfolgt in dichter Wechselwirkung mit ihren Wissensbeständen und ihren Einschätzungen der Situation. Die Diskursanalyse in der Entwicklungssoziologie hat stark dazu beigetragen, dass der ‚Blick von unten‘, die Sichtweise von Betroffenen und ihre divergierenden kognitiven Zugänge ernst genommen werden“ (Goetze 2002: 110). Neue Wissenscodes, die das klassische Entwicklungsparadigma ablehnen, sehen Marginalisierte (oder auch „Subordinierte“ bzw. „Subalterne“) – also unterdrückte, missachtete und ausgegrenzte Akteure – als relevante Träger von Wissen, als legitime Sprecher und als handelnde Subjekte an, die die Diskurse aktiv gestalten können, während sie in den eurozentristischen Wissensordnungen lediglich als unbefragte und nicht gehörte Objekte exogener Interessen definiert werden, die die Diskurse prinzipiell nicht beeinflussen können. In diesen alten Vorstellungen dominieren Doktrinen, in denen ganz klassisch Kulturelles von Politischem und Plädoyer für regulationstheoretische Akteurszentrierung 384 Kultur von alltäglicher Arbeit getrennt werden, wohingegen sich die Theorieansätze des politischen Cultural Turns genau auf diese Aspekte konzentrieren. Abgezielt wird auf eine Dekonstruktion dieser Doktrinen, durch die das Wissen der sozialen Akteure in einem weiter gefassten, gerade politisch verstandenen Kulturverständnis neu definiert werden kann. In politischer Hinsicht wird eine klarere Position als bei populären Standpunkten sog. „alternativer Entwicklung“ vertreten, die lediglich bestrebt ist, progressiv und innovativ wirkende Aussagen in der entwicklungs- und modernisierungstheoretischen Debatte öffentlichkeitswirksam zu platzieren, ohne ideologiekritische Fragen, z.B. im Kontext der negativen Auswirkungen des globalen Freihandels, zu stellen. Die ins diskursive Feld eingebrachten alternativen Entwicklungsvorstellungen, wie „Nachhaltigkeit“ ab den 1970er Jahren (erstmals offiziell auf der UN- Konferenz in Stockholm 1972 debattiert), die Aufgabe der Entwicklungshilfe für eine „globale Armenfürsorge“ bzw. „Sozialhilfe“ in den 1980er und 1990er Jahren (vgl. Menzel 1992; Myrdal 1981) oder „Empowerment“ und „Zivilgesellschaft“ verstärkt seit 2000 (vgl. Ziai 2007: 83ff), beinhalten weder einen kritischen noch einen reflexiven Macht-, Arbeits- oder Kapitalbegriff. Die alternativen Entwicklungsansätze sehen Entwicklungshindernisse nur in den soziokulturellen und -politischen Umständen der „unterentwickelten“ Gesellschaften in Verbindung mit einem „unfairen“ Kapitalismus der Industriestaaten begründet, weshalb exogen gesteuerte Entwicklungsprozesse nicht zur Geltung kommen können. Bei einer reibungslosen Produktion in einem sozial und ökologisch „gerechten Kapitalismus“ würden folglich alle Menschen dieselbe Entwicklung durchlaufen können. Sie bleiben damit im Wirkungsbereich konservativer Sprach- und Sinnregelung verhaftet. Diese „alternativen“ Diskurse beinhalten „post-ideologische“ (Ziai) Ansichten, die sich in jede Diskursordnung beliebig einbinden lassen. Ihre unklaren Forderungen decken sich mit gängigen und längst etablierten Entwicklungsvorstellungen aus den Grundbedürfnisstrategien der 1970er Jahre, aus den Armutsbekämpfungsstrategien der 1980er Jahre und der neoliberalen, wachstumsparadigmatischen Nachhaltigkeitsdebatte seit den 1990er Jahren. Der Machtgehalt der alten, von den Entwicklungs- und Modernisierungstheorien dominierten Diskurse liegt aber gerade in dem Impetus, dass sie politisch kritisch verstandenes, nicht-konformes Wissen ausschließen. Die alten Diskurse zielen auf eine Regulierung ab, was durch exogen gesteuerte Differenzierungsprozesse der „nachhaltigen“, „zivilgesellschaftlichen“ oder „ermächtigenden“ Entwicklung bedarf, womit gesellschaftliche Hierarchisierung und Separierung einhergeht (ebd.). Der prinzipielle Diskursgegenstand kritischer Entwicklungstheorie (wie beim politischen Cultural Turn) zielt für mich auf die Betonung dieser sozialen Fragmentierungsmechanismen gesellschaftlicher Einordnungs- und Klassifizierungs- Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 385 praktiken ab und kann gegenparadigmatische Handlungsoptionen formulieren. Grundlegendes Charakteristikum sind wissenschaftliche Analysen mit einem unvoreingenommenen „Blick von unten“, als eine Art diskursive „Gegenmacht“. Neue Wissensfelder und Erkenntnisse von deklassierten „Normabweichlern“ sollten die Differenzierungsprozesse der etablierten entwicklungs- und modernisierungstheoretischen Wissensarchive, die ideologisch über die Zeit den jeweiligen gesellschaftlichen Umständen entsprechend erweitert und angepasst wurden, aufbrechen. Damit geht zwangsläufig auch ein Bruch mit Konventionen einher, die zu einer neuen paradigmatischen Sicht der Dinge beitragen können. Entgegen normativem Kulturverständnis würden Akteure in Entwicklungsdiskursen des politischen Cultural Turns dann nicht „domestiziert“ werden, um sie bestehenden Gouvernementalitäten entsprechend gefügig zu machen. „Kultur“ könnte dann als sich aus der Geschichte heraus ständig wandelnde Wahrnehmung über diskontinuierlich entstehende Entwürfe der sozialen Wirklichkeit von Gegenwart und Zukunft verstanden werden. Unterschiedliche Ausprägungen kultureller Charakteristika sind nämlich keine Besonderheiten, sondern Erklärungsmuster fluktuierender menschlicher Handlungsweisen. Die Charakteristika spiegeln lediglich Anpassungsleistungen notwendiger gemeinschaftlicher Arbeitsteilung von Akteuren an die Verhältnisse ihrer Umwelt wider (Marx 1970b: 27ff). „Liberale Ideale“ von Fleiß, Maßhalten, Moralität und Intelligenz existieren in allen Kulturen; ohne diese unterschiedlich organisierten Eigenschaften ist keine Gemeinschaft überlebensfähig. Entscheidend sind deren soziale Reglementierung, gesellschaftliche Strukturierung und politische Institutionalisierung. Dementsprechend entwickeln sich die Theoriestränge des politischen Cultural Turns erst im Nachhinein aus den bereits bestehenden und der Theorie vorausgehenden Praxistypen. Denn nur mit der Einbeziehung von Praxistypen können wirklich praxisorientierte Theorien entwickelt werden, ansonsten verbleiben sie im Bereich des Ideologischen. Das Ausblenden von Praxistypen in unterschiedlichen soziopolitischen, -ökonomischen und -kulturellen Gesellschaftsverhältnissen in den etablierten Entwicklungstheorien offenbart den Widerspruch und die Kluft zwischen dem, wie die Menschen wirklich sind und dem, wie sie von den Modernisierungstheorien ideologisch gesehen werden (vgl. Weber 1999). Die Ansätze des politischen Cultural Turns beziehen m.E. sowohl materielle als auch symbolische Faktoren in kulturelle Analysen ein, wobei der Fokus sowohl auf innergesellschaftliche als auch globale Interdependenzen und Konkurrenzverhältnisse gerichtet ist und nicht auf ideengeschichtliche Methoden eurozentristischer Herkunft, die sich als unzureichend herausgestellt haben. Die Ansätze arbeiten mit klaren Macht-, Arbeits- und Kapitalbegriffen und einem Bezug auf untere Gesellschaftsschichten, die aus dem klassischen Marxismus resultieren. Diese Verfahrensweisen betonen aus emischer Perspektive, wie sich die Stellung der Akteure in wachsenden Bevölkerungen immer gewichtiger auf die gesamtgesellschaftliche, sozioökonomische Entwicklung bei zunehmenden Verarmungs- Plädoyer für regulationstheoretische Akteurszentrierung 386 und Verelendungsprozessen auswirkt und tragen der Tatsache Rechnung, dass sich diese unteren Gesellschaftsschichten im Kontrast zu den oberen und nur wenig entfalteten Mittelschichten in viel dynamischerer Weise diversifizieren. Damit verabschieden sich die Ansätze nicht von den die Entwicklungs- und Modernisierungsdiskurse dominierenden Begriffen wie Entwicklung, Demokratie, Fortschritt oder Wohlstand. Sie unterminieren aber deren Kernannahmen durch Umdeutungen und Neudefinitionen. Die umdefinierten Begriffe können dann, ganz im Sinne eines strategischen Essentialismus, für unvoreingenommene und ideologisch nonkonforme Untersuchungen von sozialen Verhältnissen und den daraus resultierenden Machtkämpfen weiter verwendet werden (vgl. Spivak 1988; Spivak/Guha 1990). Sozialtheorien müssen in ihrer Textur so umgeschrieben werden, dass ihnen die realen Reproduktionsprozesse von gemeinschaftlichem Leben zugrunde liegen und die mit diesen Lebensweisen zusammenhängenden und von ihnen erzeugten kulturellen Verkehrsformen des sozialen Handelns, der religiösen Anschauungen, der philosophischen Erkenntnisse und der moralischen bzw. der ethischen Werte. Dem erweiterten Bereich des Neomarxismus zuzurechnen sind die politischen Strömungen der Ansätze des politischen Cultural Turns auch deshalb, weil sie sich zum einen vom auch im Marxismus enthaltenen eurozentristischen Kulturverständnis distanziert haben und zum anderen das emanzipatorische Subjekt nicht im für klassenspezifischen Umsturz stehenden Proletariat sehen, das von einer sozial gut situierten, akademisch-intellektuellen Avantgarde zu einem einheitlichen Klassenbewusstsein und zu Revolutionen geführt wird. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass es im Zeitalter des Neoliberalismus an der Peripherie ohnehin kein einheitliches Proletariat (mehr) gibt bzw. in Entwicklungsländern mangels (Agro-)Industrialisierung und klassenspezifischer Gesellschaftsstrukturen nie ein solches im Sinne fortgeschrittener Produktionsgesellschaften gegeben hat. Aus meiner Sicht heißt das jedoch nicht, dass die Marxsche Kapitalanalyse als überholt gilt, sondern vielmehr, dass sich die erkenntnistheoretisch neomarxistische Wissensgenerierung angesichts zunehmender gesellschaftlicher Diversifizierung von unteren sozialen Schichten und abgekoppelt von staatssozialistischer Vereinnahmung progressiv emanzipiert hat (vgl. Kim 1993). Das emanzipatorische Subjekt wird in kollektiven Akteuren verortet, die politisch für Selbstbestimmung, Identität und Eigenmacht eintreten wie z.B. in Netzwerken, sozialen Bewegungen, Aktionsgemeinschaften, Vereinen, Kooperativen und sonstigen demokratischen Interessensvereinigungen. Das bedeutet auch ein klares Bekenntnis zu demokratischen Strukturen, trotz aller damit verbundenen Widrigkeiten aufgrund bestehender etablierter ungleicher Gesellschaftsordnungen, das aber gerade in Hinsicht auf post-diktatorische Erfahrungswerte in den meisten Entwicklungsländern als Vorbedingung und Bestandteil von Selbstbestimmung und sozialem Protest beibehalten werden muss (vgl. Ziai 2014). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 387 Die Zerstörung bestehender Evidenzen modernisierungstheoretischer Geschichtsanschauung über das Verhältnis von Industriestaaten und Entwicklungsländern in Form von vorgegebenen „Texturen“ ist ein weiteres Hauptanliegen der Ansätze des politischen Cultural Turns, die als Konstruktionen eurozentristischer Diskurse entkräftet werden müssen. Dabei werden scheinbare Universalien über den vorgegebenen Verlauf von „Entwicklung“ als bloße Singularitäten Europas dechiffriert, d.h., dass abendländische Rationalitätsansprüche relativiert und neben andere, mindestens gleichberechtigte Geschichts- und Kulturordnungen gestellt werden. Die „demokratische Frage“ als Eingrenzung des Kapitalismus muss in diesem Zusammenhang besonders an die westlichen Industriegesellschaften gerichtet werden und als Aufgabe für neue Entwicklungstheorien ausformuliert werden. Die Ansätze des politischen Cultural Turns erklären Entwicklung nicht aus einer idealistischen Geschichtsauffassung, z.B. im Sinne von „geistigem“ oder technologischem Fortschritt, sondern verbleiben auf einem wirklichen Geschichtsboden, der die Praxis nicht aus einer Idee erklärt, sondern die Ideenformation aus der materiellen Praxis (vgl. Chakrabarty 2000a). Eine an den materiellen und immateriellen Bedürfnissen und Notwendigkeiten entwickelte Konzeptualisierung von Kultur durch die Akteure selbst ist eingebettet in deren Meinungs-, Lebens und Weltbild, wodurch ihre Vorstellung von Entwicklung als soziale Gruppe „transflektiv“ analysiert und „transmissiv“ untersucht werden kann. Als erkenntnistheoretisch am produktivsten, so mein abschlie- ßendes Plädoyer, haben sich die im Kapitel des politisch verstandenen Cultural Turns erläuterten Verfahrensweisen des Postkolonialismus, der Subaltern Studies, des Post-Development und besonders der Cultural Studies und Politics deshalb erwiesen, weil sie das Potential für kritische Entwicklungsanalysen besitzen, um Akteuren am Rand von internationalen Kapitalströmen, Produktionsprozessen und nationalen Gesellschaften in ihrer Stellung als Unterdrückte, Missachtete oder Ausgegrenzte in paradigmatischen Gegendiskursen politisch Geltung zu verschaffen. Die Stärke der Ansätze liegt im Analysepotential von Metaphern, dem Symbolischen und den sozialen „Texturen“ von Akteuren, z.B. spezifische Äußerungsmodalitäten des Politischen, über die eine unkonventionelle Verortung kollektiver Identitäten erfolgen kann. Das sind Chancen zur Überwindung von Ausgrenzungsund damit von Inklusions-/Exklusionsmustern. Exogen gesteuerte Ökonomieeinflüsse, verstanden nicht nur als soziale und politische Einflussnahme, sondern als kulturelle und in dieser Hinsicht ideologisch nicht-neutrale Beeinflussung der Werte und Normen von zwischenmenschlichen Sicherungssystemen, können dann analytisch entindividualisiert und -doktriniert und in den Gegendiskursen angepasst werden. Durch Herstellung sich wechselseitig bestätigender Sicherheiten in Arrangements der sozioökonomischen Solidarität, die die aktive Bewältigung von Krisen in neuen Koalitionen und gegenseitig akzeptierten Bedeutungskontexten gewährleisten, erhöhen sich die Chancen der Akteure, sich im Wettbewerb um Deutungs- Plädoyer für regulationstheoretische Akteurszentrierung 388 und Anerkennungsszenarien zu bewähren und an bestimmten Sachverhalten festgemachte Grenzziehungsprozesse zu überwinden. Wie Marx bereits 1845/46 betont, gehen „Individuen, die auf bestimmte Weise produktiv tätig sind“ bestimmte gesellschaftliche und politische Verhältnisse ein. „Die empirische Beobachtung muß in jedem einzelnen Fall den Zusammenhang der gesellschaftlichen und politischen Gliederung mit der Produktion empirisch und ohne alle Mystifikation und Spekulation aufweisen. (...) Die Produktion der Ideen, Vorstellungen, des Bewußtseins ist zunächst unmittelbar verflochten in die materielle Tätigkeit und den materiellen Verkehr der Menschen, Sprache des wirklichen Lebens. Das Vorstellen, Denken, der geistige Verkehr der Menschen erscheinen hier noch als direkter Ausfluss ihres materiellen Verhaltens. Von der geistigen Produktion, wie sie sich in der Sprache, der Politik, der Gesetze, der Moral, der Religion, Metaphysik“ darstellt, gilt dasselbe (Marx/Engels 1970b: 15). Kultur als dynamische Lebensweise von Gemeinschaft dienlicher, arbeitsteiliger Selbstorganisation bildet die Basis für einen wirklich als nachhaltig zu bezeichnenden Entwicklungsbegriff, der sich an endogenem Verständnis soziopolitischer und -ökonomischer Bedürfnisse, Interessen und Möglichkeiten geteilter Ideen und Verhaltensweisen in lokalen und regionalen Verhältnissen orientiert und auf die nationale Ebene rückwirkt. Das impliziert wie bei allen sozialen Prozessen die Einbeziehung von bestehenden Interessenantagonismen, von Konkurrenzverhältnissen, wechselnden Strategien und Koalitionen. Technisierung, Fortschritt und Innovation werden gemäß des Eigensinns der Akteure in ihrem sozialen Kontext affirmativ in die Analysen einbezogen, wodurch ein kritischer Standpunkt gegen den Dualismus von Rückständigkeit/Tradition vs. Moderne eingenommen und verdeutlicht werden kann. Gegendiskursive Entwicklungsstandpunkte positionieren sich innerhalb demokratischer Strukturen, aber in Verweigerungshaltungen zu exogenen Steuerungsprozessen. Die darin dominierende entwicklungspolitische Projektkultur beliebig interpretier- und kooptierbarer Self-Reliance-, Resilienz-, Partizipationsund Ermächtigungsstrategien folgt in ihrer Matrix grundlegend den Wachstums-, Kapitalisierungs- und Produktivitätszwängen, bei denen Akteure lediglich Meinungsäußerungen zu strukturell schon im Vorfeld festgelegten Abläufen anmerken können und die ein inhärentes Moment technokratischer Überwachung implizieren. Sie sind prinzipiell auf taylorisierte Arbeitsteilung ausgerichtet, d.h. dass betriebswirtschaftlich geschulte Experten in „katalogischen“ Auftragsmanagement- Verfahren externe Konzeptualisierungen ergebnisorientiert leiten, deduktiv kontrollieren und kostenrationalisierend delegieren (vgl. GTZ 2011, 2003). Hier können die Ansätze des politischen Cultural Turns gegen eine nur durch externe Experten und Finanziers gesteuerte und auf den Markt ausgerichtete Vereinnahmung von Steuerungsprozessen argumentieren, an denen Akteure lediglich passiv „partizipieren“ dürfen, indem sie „ermächtigt“ werden, ausgelagerte Arbeitsbereiche kostengünstig in Eigenverantwortung, aber ohne Gestaltungsmacht durchzuführen. Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 389 Akteursorientierte Methoden der Ansätze könnten interdisziplinär sozialanthropologische, entwicklungsethnologische und mikrosoziologische Arbeitsverfahren integrieren, um Alternativen zu den etablierten Verfahrensweisen wie „Participatory Action Research“, „Rapid Rural Appraisal“, „Goal Orientated Project Planning“, „Conscientization“, „Farming System Research“, „Sondeo Method“ oder „Beneficiary Assessments of Projects“ durch umfassende Ex-ante-Evaluationen direkt vor Ort nicht über, sondern mit und für die Akteure erstellen. „Partizipation“ ist in den gängigen Projektstrukturen eine höchst problematische und ideologische Konzeption, „an improvement on top-down mobilization, (...) it remains paternalistic, unless the idea of participation is radically turned around, so that governments, international institutions or NGOs would be considered as participating in people’s local development. (...) Alternative development in this sense claims a ‚Copernican Revolution‘ in understanding development“ (Nederveen Pieterse 2010: 99). Im politischen Cultural Turn wären die Akteure schon im Vorfeld die aktiven Konzeptgestalter einer entstehenden Projektstruktur, an deren materiellen wie auch immateriellen Interessen, Bedürfnissen, Zielen und Arbeitsweisen überhaupt erst gegenstandsadäquat der weitere Aufgabenverlauf konstruiert und konstituiert werden könnte. Entwicklung als Ziel der Überwindung sozialer Ungleichheit durch Mobilisierung von im näheren Umfeld bereits vorhandenen kollektiv geteilten Ressourcen zur Stärkung der gemeinschaftlichen Eigenwirtschaftlichkeit würde so notwendigerweise eine primäre Gewichtung erfahren. Dabei würden, entgegen klassischen Modernisierungsbestrebungen, Wege nonkonformistischer Verfahrensweisen in Verbindung mit Konsensfindungen mit anderen Akteuren verfolgt werden, die dann auf das „soziale Feld“ rückwirken können, d.h. im Sinne Bourdieus: auf das ökonomische, soziale, und kulturelle Kapital und auf die Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschema der Akteure (vgl. Bourdieu 1992: 49ff). In solch anzustoßenden Prozessen verändern sich zwangsläufig die Positionen etablierter „broker“, „agents“ und „experts“ als Träger besseren Wissens zu Zuhörenden, Lernenden und Verstehenden. Interdisziplinär erweiterte Methodenansprüche können die Versachlichung der Wertestruktur der zu Objekten „degradierten“ Akteure aus der „top down“-Perspektive zugunsten einer Subjektivierung und aktiver Gestaltungskraft mit „from below“-Fokussierung verändern. Dazu zählen neben der Ex-ante- insbesondere auch Verfahren der Ex-post-Evaluation nicht nur über die Akteurssituation, sondern auch über die mit ihnen kooperierenden Partner, die im Kontext der sozialen Verhältnisse reflektiert werden müssen. So kann z.B. „Partizipation“ – als Begriff mit assistenzialistischem Inhalt – in strategischer Essentialisierung umgedeutet und in Diskursen neu positioniert werden, um von der instrumentellen Bedeutungsebene der Bevormundung die „Resurrektion“ unterworfenen Wissens zu betonen. Die Wiederbelebung dieses Wissens verändert so auch nachhaltig mit Partizipation in Zusammenhang stehende Begriff- Plädoyer für regulationstheoretische Akteurszentrierung 390 lichkeiten wie Souveränität, Partnerschaft, Kooperation und Selbstbestimmung zu gegenseitiger und einvernehmlicher Entwicklung. Im Sinne orthodoxer Post-Developmentalisten ist es, meiner Meinung nach, keine Frage, ob Entwicklung nur in Enklaven oder unbeeinflussten „Zeit-Raum- Inseln“ stattfinden soll bzw. wie Alternativen zu Entwicklung aussehen können, denn Entwicklung findet zu jeder Zeit in jeder Kultur im Zusammenleben von Menschen in Arbeitsprozessen statt. Die kulturelle Sphäre unterliegt einer ständigen Dynamik, fluktuiert und ist durchzogen von Differenzen entlang sozialer „Linien“ von Geschlecht, Klassen, der Milieus und der Schichten, Religion, Ideologien und sich überlagernden bzw. überschneidenden „hybriden“ Zwischenräumen der Identitätskonstruktion, die immer von Macht durchzogen sind und Interessenantagonismen aufweisen. Konzepte gemeinschaftlicher Arbeitsorganisation müssen diese Faktoren in ihre Analysen einbeziehen, um eine räumliche und zeitliche Homogenisierung von „Kultur“ wie in den etablierten entwicklungstheoretischen Diskursen zu vermeiden. Die gemeinsame Frage der Ansätze ist, mit welcher Ethik und welcher Zielsetzung „Entwicklung“ von welchen Handelnden nach welchen moralischen Kriterien umgesetzt werden kann und soll. „Modernisierung“ und „Fortschritt“ sind dann nichts anderes als Bezeichnungen für Erneuerungs- und Veränderungsprozesse ohne vereinheitlichende, blickverengende, komplexitätsverweigernde Adaptionsvorgaben. Eine solche kritische Entwicklungstheorie gegen ökonomische Vereinnahmung durch externe Kräfte impliziert notwendigerweise ein diskursives Protestmaß politisch-demokratischer Konfrontation, indem sie akteurszentrierte Fragen mit Betonung des Antagonismus von Kapital und Arbeit in Kontrast zu den entpolitisierenden oder politisch bewusst polarisierenden Diskursen neoliberaler Vereinheitlichung formuliert. Hier zeigt sich die Notwendigkeit einer Einbeziehung von makrosoziologischen Analysen, um die Alltags-, Arbeit- und Lebenswelten von Akteuren in einen Kontext mit ihrer Stellung im internationalen Produktionsprozess zu stellen. Da alle Gemeinschaften ständigen sozialen Wandlungsprozessen unterliegen, müssen sich vor allem kritische Theorieansätze an den jeweiligen mikropolitischen Veränderungsdynamiken vor dem Hintergrund meso- und makropolitischer Einflüsse ausrichten, um nicht in bestehende konformierende „cul-de-sacs“ des orthodoxen Post-Development eingeordnet zu werden, der keine über kommunale Nischenökonomien hinausgehenden Entwicklungsalternativen für Gesellschaft konstruiert. Auch die reformorientierte Dependenz-Theorie erweist sich als wenig geeignet, weil sie lediglich eurozentristische Modernisierungsbestrebungen für die kapitalistisch weniger fortgeschrittene Peripherie in entwicklungstheoretischen Kontexten dupliziert. Der Antagonismus von Kapital und Arbeit wird auf gesamtwirtschaftlicher Ebene geopolitisch nur verschoben und in seiner Abhängigkeitsausrichtung umgedeutet, nicht aber grundsätzlich in Frage gestellt. Reformistische Argumente kritisieren zwar den global ungezügelten Liberalismus, setzen ihm aber einen die Kapitalströme regulierenden Nationalstaat entgegen, innerhalb dessen Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 391 Grenzen dieselben fordistischen, jedoch importsubstituierenden Industrialisierungskonzepte gefordert werden. Die Frage, wie die notwendige Kapitalakkumulation für Investitionen erwirtschaftet werden soll oder woher nötiges Investitionskapital kommen kann, bleibt unbeantwortet. An diesem Punkt scheitert auch der Neokeynesianismus, der lediglich von einem unvollständigen Neoliberalismus ausgeht, der durch Nachbesserungen aber grundsätzlich erhalten werden soll (vgl. Straubhaar/Wohlgemuth/Zweynert 2009: 19ff). Möglichkeiten jenseits neoklassisch-monetaristischer Rationalisierungsbestrebungen werden in den alternativen Diskursen nicht erwogen, sondern nur „sozialliberal“ umgedeutet (Falk 2008: 17). Die Diskursordnung zu Entwicklung bleibt insofern gemäß der etablierten kapitalistischen Wirtschaftsstrukturen mit nur marginal veränderten Parametern innerhalb einer lediglich modifizierten Trickledown-Theorie bestehen. Parallele Problemkonstellationen ergeben sich für die unzusammenhängenden „alternative development“-Ansätze, deren struktureller Reformismus zwar für sozialen Wandel durch Stärkung lokaler Kapazitäten im Sinne von Armutsbekämpfungs- und Grundbedürfnisstrategien plädiert, aber die makroökonomische Ebene durch Fehlen klarer Analysewerkzeuge pejorativ ausklammert und auch die Handlungsmacht und -kompetenz auf der mikroökonomischen Ebene weiterhin „agency brokers“ und zuungunsten der Initiativleistung von Akteuren zuschreibt. Diese „alternativen“ Ansätze sind insgesamt so diffus, dass sie sich aufgrund gleichzeitig stattfindender Kritik- und Anpassungsstrategien nicht zu einem gegendiskursiven Paradigma weiterbilden konnten und manchmal auch, wie im Falle der Dependenz-Theorie, fundamental gegenläufige Prinzipien einbinden. Da auch sie in den strukturellen Diskursmustern etablierter Rollenverhältnisse verbleiben, sind ihre begrifflichen Schlagwörter (z.B. appropriate development, human-scale development, holistic development) problemlos durch flexible Kapitalisierungsstrategien kooptiert worden. Nederveen Pieterse (2010: 92) konstatiert den „alternativen“ Ansätzen dementsprechend „a consumerist view of development, in which people are passive recipients of growth (...). This refers to a set of normative orientations rather than to a different explanatory framework. Such elements add up to a distinctive alternative development profile, but not to a paradigm. The distinctive element of alternative development should be found in the redefinition of development and not merely in its agency, modalities, procedures or aspirations“. Als überholt und ungenügend gelten für mich in diesem Zusammenhang auch die in den letzten Jahren populär gewordenen „post-kapitalistischen“ Meinungsbilder eines sozialromantischen Ökologismus für besseres Leben, der „Demodernisation“ in selbstgenügsamer Autarkie proklamiert und in dem soziale Anpassung und Leben im Einklang mit einer Natur im Urzustand angestrebt wird (vgl. Steurer 2002: 144ff, 235ff; Fatheuer 2011: 9ff). Das Kulturverständnis im Sinne des politischen Cultural Turns – als gemeinschaftliche, in ihrer Ausprägung aber unterschiedliche Arbeits- und Lebensweise – Plädoyer für regulationstheoretische Akteurszentrierung 392 ist unvereinbar mit Identitätskonstruktivismen wie z.B. des liberal-konservativen „rational choice“-Paradigmas (vgl. Jenkins 1983; Olson 1968), das „argues that identity is a matter of individual choice and it is up to individuals to decide which of their identities matters most, which (...) ignores the fact that most people live their lives as part of communities. Besides, dominant discourses and structures of power often reinforce and perpetuate particular interests“ (Nederveen Pieterse 2010: 78). Das rationalisierende Entwicklungsverständnis separiert das Politische mittels einer individualisierenden Freiheitsdialektik aus dem kulturellen und identitären Entscheidungsbereich von Gemeinschaft und macht letztere zu einer Art „Privatangelegenheit“. Dadurch wird den Akteuren die Möglichkeit genommen, kollektiv zu entscheiden, wie sie opportun leben wollen. Dahinter verbirgt sich ein Inklusionszwang, der kulturelle Entwicklung nicht als soziales, sondern individualisierendes Projekt versteht, dass durch diffus umschriebene, verklausulierte und kaum zu bestimmende „Container-Begriffe“ wie „Freiheit“ oder „Gerechtigkeit“ verdeckt wird. Eine solche normative Interpretation von „Kultur“, die Freiheit als Individualismus definiert, übergeht aber soziale, politische und ökonomische Exklusion entlang ethnischer, sprachlicher oder religiöser Diskriminierungen. Zudem werden Abweichungen von diesem liberalen Subjektivismus als fortschrittfeindlicher Traditionalismus nicht anpassungswilliger Minderheiten oder als „unterlegene Kultur“ stigmatisiert (Ziai 2007: 63). Kulturelle Identitäten oder deren Konstruktionen können situationsspezifisch erst durch Handlungsstrategien spezifiziert und in Interaktionen mit anderen sozialen Akteuren fixiert werden und innerhalb der eigenen Gruppierungen auch fragmentiert erfolgen, um als Synergiemechanismen von pluralistisch, flexibel und mobil ausgerichtetem Handeln zu fungieren; sie sind aber trotz heterogener Meinungsbilder und nicht erforderlichem Ideologiekonsens auf kollektiv geteilte Nodalpunkte sozialer Interessen ausgerichtet, die weit entfernt sind vom theoretischen Nutzenverständnis atomisierter Subjektzusammenschlüsse des postfordistischen „rational-choice“-Liberalismus. Gemäß dem Kulturverständnis des politischen Cultural Turns erfolgt Identitätsbildung anhand endogener Parameter, z.B. durch symbolische Codes, die unmittelbaren Bezug auf bestehende kollektive soziale, politische und ökonomische Sicherungsstrukturen nehmen und sich damit gerade gegen die adaptive Inwertsetzung sämtlicher Arbeits- und Lebensbereiche zur Wehr setzen. Ein flexibles Paradigma, das sowohl mit offener Kultur- und unfixierter Entwicklungsbegrifflichkeit arbeitet und synergetische Schnittstellen pluralistisch agierender Akteure und lernbereiten externen Kräften ohne Antagonismen und Dualismen herstellt, steht bisher noch aus. Dazu würden auch Aspekte gehören, wie z.B. die Gründung lokaler Institutionen, in denen sogenannte Entwicklungsexperten sich mindestens eine gewisse Zeit lang Methoden der Wissensvermittlung und der Lern- und Entscheidungsfindungsprozesse von Akteuren außerhalb restriktiver Projektstrukturen aneignen müssen, um sich ihrerseits zu qualifizieren. Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 393 Um es mit den Worten des verstorbenen äthiopischen Politikwissenschaftlers Dr. Paulos Daffa abschließend auf den Punkt zu bringen: „Schicken Sie uns Menschen, die selber ausreichend entwickelt sind, um ihre Fähigkeiten und Schwächen zu kennen, ausreichend entwickelt sind um zu wissen, was sie von uns lernen können...“

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Zusammenfassung

Kultur hat in (neo-)liberalen Entwicklungs- und Modernisierungstheorien zwei wesentliche Dimensionen: einerseits soll sie in den weniger industrialisierten Staaten einen gesellschaftlichen Wertewandel, von vermeintlich rückständigen Wirtschaftsweisen hin zu konkurrenzfähigen, säkularen Volkswirtschaften, bewirken. Zum anderen werden damit angeblich entwicklungshemmende und vergangenheitsorientierte Traditionen und Normen als defizitär diskreditiert. Trotz des offensichtlichen Scheiterns dieser Theorien erlebt die staatliche Entwicklungspolitik seit Verabschiedung der Millennium Development Goals und den darauf aufbauenden Sustainable Development Goals eine sich selbst wieder legitimierende Renaissance. Als Gegenentwurf dazu rücken kritisch-alternative Ansätze die Autonomie sowie die Bewahrung kultureller Identitäten der von Entwicklung „betroffenen“ Gesellschaften in den Fokus. Torben Ehlers verfolgt im vorliegenden Buch zwei wesentliche Absichten: Zum einen untersucht er in Anlehnung an Foucault, wie die Überreste eines kulturellen Rassismus das dominierende, universalistische Kulturverständnis prägen. Andererseits wird aufgezeigt, wie sich auf Nicht-Diskriminierung, Gleichheit, Empathie und Respekt basierende Kulturkonzepte ohne vorbelastende Ideologisierung vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart gebildet haben und neue Lösungswege im Bereich partnerschaftlicher Entwicklungszusammenarbeit als gegenseitigen kulturellen Lernprozess auf Augenhöhe anbieten.