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4 Ideologisches Kulturverständnis in (neo-)liberalen Entwicklungs- und Modernisierungstheorien in:

Torben Ehlers

Kultur, Entwicklung und "Cultural Turn", page 161 - 272

Ursprung, Bedeutung und Wandel von euro- und ethnozentristischem Kulturverständnis im Kontext liberaler Entwicklungs- und Modernisierungstheorien

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3933-5, ISBN online: 978-3-8288-6801-4, https://doi.org/10.5771/9783828868014-161

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 78

Tectum, Baden-Baden
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161 4 Ideologisches Kulturverständnis in (neo-)liberalen Entwicklungs- und Modernisierungstheorien 4.1 Einleitung „Das Wissen von der ‚Entwicklung’ ist Wissen über die Falschheit anderer Lebensweisen und ihrer notwendigen Veränderung.“ (Aram Ziai) Nach dem zweiten Weltkrieg und der nationalsozialistischen Erfahrung werden rassistisch-koloniale Diskurse über einen „fortgeschrittenen, überlegenen Teil und einen zurückgebliebenen minderwertigen Teil“ (Ziai) der Menschheit tabuisiert und in diplomatische und in der politischen Umgangssprache weniger anstößige Entwicklungstheorien transformiert. Aus ethnozentristischen Ideologien der Kolonialzeit werden neoklassische Modernisierungsansätze, nun ohne rassistischen Impetus, um in der Folgezeit die neu entstehenden Staaten binnen einer Generation (etwa 30 Jahre) in marktwirtschaftlich orientierte Gesellschaften mit Wohlstand (Konsumfähigkeit durch Anstieg der Pro-Kopf-Produktion) und „Demokratie“ zu verwandeln (vgl. Almond/Coleman 1960). Grundlage der postkolonialen Fortschrittstheorien ist der Liberalismus (z.B. Reinicke 2010: 98). Unterschiede in den Klassenstrukturen werden im Sinne des Gleichgewichtsmodells politischer Ökonomie als irrelevant eingestuft, insofern sich wirtschaftliches Wachstum auf alle Lebensbereiche positiv auswirken und ein allgemeiner soziokultureller Anstieg der Lebensqualität erwartet wird (z.B. Knoblich 2001: 7ff; Hoffmann 1979; Glaser/Stahl 1974). Kulturell abweichende Lebensweisen (ohne Ausrichtung auf Warenkonsum) werden bei Ablehnung marginalisiert oder als notwendige und schmerzhafte Übergangsphase selbstverschuldeter Benachteiligung im Produktionsprozess angesehen. Ziel sind Gouvernementalitäten, die auf marktwirtschaftliches Wachstum ausgerichtet sind (vgl. Woll 1994). Aus den vormals willkürlich konstruierten Kolonien werden in den folgenden Jahrzehnten „Entwicklungsländer“ mit quer durch kulturelle Räume, ethnische Zugehörigkeiten und sprachliche Gemeinschaften verlaufenden Grenzen. Aus den ursprünglich als „unzivilisiert“ verstandenen Völkern, Sprachgemeinschaften, sozialen und ethnischen Gruppen etc. sollen potentiell konsumfähige Massen werden (Rokkan 1970: 229). Basis ist die auf dem geschichtsphilosophischen Evolutionismus des späten 18. und 19. Jahrhunderts basierende Vorstellung eines einheitlichen Entwicklungswegs der Einleitung 162 Menschheit mit den westlichen Industrienationen als fortschrittlichste Gesellschaften (vgl. Lepenies 2010: 299; Eisenstadt 1970). Terminologisch werden aus zivilisierungsbedürftigen Rassen entwicklungsbedürftige Gesellschaften. Wissenschaftliche Auseinandersetzungen über die meist gleich schlechten Lebensbedingungen in den Kolonien und Treuhandgebieten existieren vor dem zweiten Weltkrieg nur kolonial- und damit pseudowissenschaftlich. Die kolonialen Theorieansätze konzentrieren sich ausschließlich darauf, Sachverhalte wirtschaftlicher „Rückständigkeit“ endogen zu erklären (entweder durch ungenügend ausgebildete Gehirnstrukturen und einer daraus nicht auszubildenden Reife für komplexe Vorgänge oder in monokausalen Annahmen über die Auswirkung des Klimas als Industrialisierungsblockade ohne Berücksichtigung sozioökonomischer, -politischer und -kultureller Faktoren). Theorien über Sozialverträglichkeit wirtschaftlicher Entwicklung in den neu entstehenden Staaten gibt es zu Beginn der Entwicklungsdiskurse nicht. Der Kolonialismus als Ursache für soziale Fragmentierung, kulturelle Entwurzelung, Verelendung und Schaffung künstlicher Hierarchien durch indirekte Herrschaftsprinzipien wird aus den Entwicklungs- und Modernisierungstheorien komplett ausgeklammert. Die Diskurse über die Entwicklung vermeintlich „rückständiger“ Regionen außerhalb Europas übergehen die nachhaltige und tiefgreifende Veränderung in autochthonen Sozialstrukturen durch europäische Einflussnahme, die zu anomischen Verhältnissen geführt haben (Ziai 2007: 38ff). Auch der Stalinismus beschäftigt sich in der Spätphase lediglich mit dem kontinentalimperialistischen Aufbau sozialistischer Industrialisierung in seinen Hoheitsterritorien durch Kollektivierung und Enteignung (z.B. Dahrendorf 1970: 119ff). Die Theoriebeiträge aus den Wirtschafts- und Agrarwissenschaften, der Geschichte, der Ethnologie, den Staatswissenschaften und der Geographie haben bis Anfang der 1950er Jahre Fragen im Kontext und im Auftrag etablierter Kolonialwissenschaften behandelt, weshalb auf der Grundlage verzerrter Erfahrungswerte lediglich neue Sprachregelungen in Distanz zum Nationalsozialismus und Kolonialismus entwickelt werden können. Sozialistische Theorieansätze haben sich ebenfalls kaum mit sogenannten „unterentwickelten“, nicht-industrialisierten Regionen jenseits marxistischer oder leninistischer Argumentationen beschäftigt (vgl. Marx 1960; Lenin 1940). Sozialtechnologisch werden anstelle von anonymen, hierarchischen Kolonialbürokratien (mit Zucht und Missionierung als „kulturelle Erziehungsaufgabe“) Umwandlungsprozesse der Bevölkerung in (leistungsbewusste) Individuen nach europäisch-angelsächsischem Muster durch gesellschaftliche Disziplinierungsinstitutionen angestrebt. Grundsätzlich ist dieser Weg auch für die neuen sozialistischen Entwicklungsländer und Staaten des Ostblocks gedacht, allerdings ohne Individualisierung und Erzeugung von Privateigentum an Produktionsmitteln, sondern über zentralistisch gesteuerte Jahrespläne und Massenkollektivierung (z.B. Gieler 2012). Nicht zuletzt durch das Aufkommen von Protest- bzw. Befreiungsbewegungen bei den „Kolonialvölkern“ vor und in den Übergangsphasen zur Unabhängigkeit Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 163 sowie dem wachsenden Anreiz sozialistischer Alternativprogramme müssen sich liberale Theorien des herablassenden und rassistischen Impetus der Kolonialwissenschaften entledigen (Myrdal 1974: 161). Dazu gehört die umgehende Leugnung der Existenz bestimmter kultureller Lebens- und Arbeitsunterschiede als Grund für Kapitalisierungs- und Industrialisierungshemmnisse, die Tabuisierung von grundlegenden und zuvor für natürlich erklärten Differenzen in den gesellschaftlichen Strukturen, bei Verhaltensmustern und Institutionen bei den „eingeborenen“ Bevölkerungen. Insofern sind Debatten über „Traditionalität“ dichotomisierende Strategien systematisch platzierter Modernisierungsbegründungen. Das „neue Entwicklungsparadigma“ ist nichts anderes als die Ausweitung der Smithschen, Sayschen und Ricardoschen Wirtschaftslehren des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts auf Entwicklungsländer. Derweil ist die (post-)stalinistische Sowjetunion bemüht, sich als sozialistisches Zentrum zu behaupten und ihren Einfluss in der Peripherie auszuweiten und zu festigen. Es ist m.E. zu konstatieren, dass es in beiden Lagern eher aus Opportunitätsgründen zu einem Wandel in entwicklungsökonomisches Denken kommt, das die gesellschaftspolitischen Hierarchien der Kolonialzeit geistig aber nicht überwindet (ebd.: 160). Industrienationen wie die USA, aber auch die Sowjetunion, versprechen sich über das GATT-Abkommen bzw. über den Rat gegenseitiger Wirtschaftshilfe neue Absatzmärkte für ihre Produkte und eine Absicherung von für die einheimische Industrie benötigten Ressourcen. So ist eines der Hauptmerkmale der kapitalistischen und sozialistischen Entwicklungstheorien, dass es bis heute keine allgemeingültige Definition von Entwicklung gibt, die über die fordistische Industrialisierungsdoktrin hinausgeht. Anzumerken ist, dass beide Paradigmen auf demselben Modernisierungsverständnis basieren (Wohlstand durch industrielles Wachstum, arbeitsteilende Technik bzw. Maschinisierung bedeutet Fortschritt, Konsum wird positiv gewertet, Agroindustrialisierung). Bis Ende der 1970er Jahre beanspruchen beide politischen Weltökonomien, die alleinige Erklärung für sämtliche Probleme in Entwicklungsländern sowie die zu verfolgenden Strategien zur Lösung dieser Probleme liefern zu können. Dass sich universalistische Erklärungsansätze in den Folgejahrzehnten fortwährend etablieren, liegt nicht zuletzt daran, dass bei der Theorienentstehung ab Ende der 1940er Jahre von Seiten der nicht-positivistischen Soziologie und der nicht-evolutionären Kulturanthropologie keine Ansätze zur Verfügung stehen, Verhältnisse in „unterentwickelten“ Gesellschaften jenseits kapitalistischer oder sozialistischer Argumente von Tradition und Moderne anzubieten. Erst in den letzten Jahrzehnten, verstärkt durch den sich abzeichnenden Zusammenbruch des sozialistischen Überbaus und neoliberaler Forcierung von gesellschaftsverändernden Strukturanpassungen, hat sich ein Aufbrechen des Entwicklungsparadigmas durch Rückbesinnung auf die Relevanz des Faktors Kultur herauskristallisiert. Dabei spalten sich die Argumente entwicklungstheoretischer Diskurse in zwei Lager: Auf der einen Seite werden post-bipolare Entwicklungsdiskurse Geistesgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 164 mittels einer durch kulturelle Wertvorstellungen geprägten konformistischen Gestaltung politischen Handelns zur Erreichung der neoliberalen Ziele den aktuellen Verhältnissen angepasst (kulturelle Pluralität als integraler Bestandteil von flexiblen Kapitalisierungs- und Industrialisierungsstrategien; vgl. Tetzlaff 2000: 18; Hafez 2000: 105ff; Aderinwale 2000: 244ff; Senghaas 1997a: 215). Dabei geht es unterschwellig (immer noch) um den Streit, ob Entwicklung durch bürgerlichkapitalistisches Wachstum zu Demokratie oder durch „nationale kulturelle und soziale Besonderheiten“ (Menzel) zu bürokratisch-despotischen Systemen ohne immanent kapitalistische Eigendynamik führt (vgl. Caglar 2002; Mokre 2000; Metzinger 2000; Seebacher-Brandt/Walter 1997; Huntington 1996; Tibi 1995). Auf der anderen Seite wird Kultur mittlerweile als ein Terrain definiert, in dem verschiedene Akteure um (Bedeutungs-)Macht über das ringen, was als politisch gilt. Insbesondere außereuropäische Gegner der Entwicklungs- und Modernisierungstheorien, z.B. soziale Bewegungen und Kooperativen, streben durch Umdeutung der klassischen Kultur- und Entwicklungsbegriffe inhaltliche Schwerpunktverlagerungen an, um sozialverträglichere Gewichtungen in der Ressourcen- und Güterallokation zu erwirken. Es geht in diesen Diskurssträngen nicht (mehr) um den Dualismus von Tradition und Moderne respektive Unterentwicklung und Zivilisation (Entwicklung), sondern es wird anerkannt, dass Schnittmengen, Überschneidungen, Parallelen, teilweise Ambivalenzen existieren, die nicht notwendigerweise in antagonistischen Konflikten zueinander stehen müssen (z.B. Kastner 2011; ders. 2009; Boris 1998; Ströbele-Gregor 1994). Als Gegendiskurse versuchen sie neue kulturpolitische Räume der Einflussnahme innerhalb des Entwicklungsdispositivs zu schaffen, um dessen hegemonialen Anspruch mit neueren sozialwissenschaftlichen Methoden zu dekonstruieren. 4.2 Geistesgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs „Es gibt keine entwicklungsgeschichtliche Stunde null, sondern ein Kontinuum bis ins 16. Jahrhundert, als sich zum ersten Mal im Bewusstsein der Zeitgenossen Entwicklungsunterschiede zwischen Vorreitern und Nachzüglern offenbarten, die als Problem erkannt wurden.“ (Gilbert Rist) Der Entwicklungsbegriff steht, ebenso wie sein Gegenbegriff „Unterentwicklung“ in untrennbarem Verhältnis zum kulturellen, politischen und ökonomischen Selbstverständnis von Bürgertum. Seit dem 16. Jahrhundert hat sich die jeweils gängige Vorstellung, wie bürgerliche Entwicklung umgesetzt werden soll, in unterschiedlichen Diskursordnungen den je vorherrschenden Machtkonstellationen und Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 165 Wissensordnungen angepasst und neu ausgerichtet. Im Sinne Foucaults kommt es im Laufe der Geschichte zu Diskontinuitäten und Brüchen, Verschiebungen der Verständnisgrenzen, Positionsveränderungen und Neuformierungen des Begriffsinhalts (vgl. Weber 1999: 22f). Das ist einer der Gründe, warum – ähnlich wie beim Kulturbegriff – eine einheitliche Definition schwer fällt. Im Folgenden möchte ich durch eine begriffsgeschichtliche Rekapitulation aufzeigen, wie sich der Begriffsinhalt in den letzten Jahrhunderten gewandelt hat und damit eine Lücke in der Lektüre über Entwicklungstheorien schließen. Als eigenständiger Begriff ist „Entwicklung“ verhältnismäßig jung und wird erst ab der säkularisierenden neuzeitlichen Phase europäischer Geistes- und Wirtschaftsgeschichte um 1770 (vgl. Smith 2005) bedeutsam.60 Bis in das 18. Jahrhundert ist das abendländische Denken im wesentlichen nicht an der Untersuchung von gesellschaftlichem Wandel in der Zeit interessiert, sondern an metaphysischen Erkenntnissen unwandelbarer, ewiger Wahrheiten, allgemeiner und zeitlos gültiger Gesetze der Natur sowie der Vernunft im Einklang mit christlichen Weltbildern und dogmatischen, spätscholastischen Wertvorstellungen. Obwohl heutige Elemente des Inhalts des Entwicklungsbegriffs älter sind als die Subsumierung unter ein neuzeitliches Schlagwort, dauert es einige Jahrhunderte, bis sich „Entwicklung“ ohne Primärbezüge auf Religion durchsetzen kann. Die Geschichte des Entwicklungsbegriffs weist dabei signifikante Parallelen zum historischen Verlauf der Bedeutungen des Kulturbegriffs auf, was, wie ich finde, auf eine Reziprozität schließen lässt (vgl. auch Gieler 2006: 15ff). Denn während der universalistische Kulturdiskurs die Ausgestaltung einer anzustrebenden Lebensweise höherer moralischer und ethischer Seinszustände beinhaltet, ist der Entwicklungsbegriff geprägt von der kollektiven Suche nach dem richtigen Weg zu diesen Zuständen. Beide Begriffe beziehen sich aufeinander. Auch hier ist die westliche Sicht maßgeblich beeinflusst von der klassisch-antiken Philosophie. Schon bei den attischen Griechen sind Elemente des „modernen“ Entwicklungsdenkens enthalten. Trotz des zyklischen Weltbilds – Geburt, Wachstum, Reife, Verfall, Tod – basiert die Vorstellung auf einem auf ein bestimmtes Ziel ausgerichteten, „natürlichen“ Wachstum, das durch kumulative und immanente Veränderungen mit fortschreitender Zeit erreicht 60 Das Wort taucht in der deutschen Sprache nachweislich erst 1645 auf und ist eine Übersetzung des lateinischen „evolutio“ (entfalten) bildet mit dem Verb „volvere“ ([aus-]wickeln) die semantische Grundlage für Entfaltung und Hervorbringung von etwas verborgenem, was aber in „eingewickelten Zustand“ bereits vorhanden und einer Sache inhärent ist (einem assoziierten Potential, einer philosophischen Idee; vgl. Nohlen/Nuscheler 1998: 58). Der Begriff verweist ursprünglich auf das Auseinanderwickeln von Schriftrollen. Durch die Schriften von Leibniz verweist „entwickeln“ antizipatorisch auch auf das französische „développement“ (Wurzel: „developper“), was auf das Abnehmen der „enveloppe“, der Umwicklung und inhaltlich schon allgemein auf eine positive Entwicklung verweist. Das so übersetzte „ent-wickeln“ bezieht sich auf ein Hervorbringen bzw. auf eine Entfaltung (von lateinisch „explicatio“) eines bereits vorhandenen, eingewickelten Zustands. Geistesgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 166 werden kann. Bei Aristoteles sind die Familie, das Dorf und der Staat die entscheidenden Entwicklungsmerkmale, aus denen eine notwenige Stadienabfolge erwächst: das Dorf aus der Familie und der Staat aus den Dörfern. Der funktionierende Staat gilt als höchste entwickelte Stufe, durch dessen Politik (in den Grenzen und unter den Bedingungen der Polis) kulturelle Existenz erst möglich wird und in welcher sich die gesellschaftliche Reife einer Zivilisation bzw. einer Kultur ausdrückt (im Grunde behandelt Aristoteles gesamtes erstes Buch dieses Thema; siehe: Aristoteles 1978: VIIff). Bei Cicero (1986, erstes und zweites Buch) und Seneca (2002, de tranquillitate animi 4–5; siehe auch: Seneca 1976ff; vgl. Abel 1967) finden sich nahezu identische Vorstellungen (die sie von der griechischen Philosophie übernehmen und latinisieren) am Ende der römischen Republik. Allerdings sehen Großbürgertum bzw. Großgrundbesitzer, wie schon im Kapitel über das universalistische Kulturverständnis erläutert, im Aufkommen des Cesarentums eine Determinierung ihrer bisher durch den Senat abgesicherten Lebensweise (die sich bspw. in den Steuererlassen Caligulas [12–41n.Chr.] oder Neros [37–68n.Chr.] bewahrheiten). Ähnlich wie der Begriff „cultura“ wird auch die wirtschaftliche Vorstellung vom Fortschreiten der römisch-bürgerlichen Lebensweise von Augustinus (vgl. Augustinus: Confessiones lib. 11)61 im Zuge der konstantinischen Wende entsprechend den sich gewandelten religiösen Vorstellungen im zerfallenden, sich zunehmend christianisierenden römischen Imperium angepasst (oder verfällt in spätrömischer Dekadenz): Der in Stadien verlaufende, natürliche, zielgerichtete, kumulative Wandel wird beibehalten, angesichts der Einmaligkeit der Christusgeschichte wird jedoch die Vorstellung sich stetig wiederholender Zyklen verworfen. Als Ende von Geschichte steht für Jahrhunderte die Apokalypse (Tag des jüngsten Gerichts) und damit die Erlösung im Gottesreich oder die ewige Verdammnis. Erstmalig wird der Menschen aber als vereinheitlichtes Subjekt gesehen, dass sich durch den Willen Gottes in der Geschichte handlungsfähig zu entfalten hat und damit die Vorstellung eines für die gesamte Menschheit geltenden, gemeinsamen und erstrebenswerten Ziels benannt: selbstbestimmtes Handeln des christlichen Subjekts im Namen Gottes (im Kontext von Erlösungsrechtfertigungen). Ähnlich dem Kultur- erfährt auch Entwicklungsverständnis im Mittelalter eine Periode scholastischer Stagnation, obwohl durch die Verbindung der griechischen Idee natürlichen und notwendigen Wachstums mit der jüdisch-christlichen Vorstellung einer göttlich geleiteten, einheitlichen Menschheitsgeschichte die Grundlage einer „historischen Notwendigkeit“ von linear aufsteigender Entwicklung gelegt wird. Diese aufsteigende Sichtweise vom Niederen zum Höheren bildet heute den zentralen Aspekt von westlichem Entwicklungsdenken (vgl. Ziai 2004a: 86f). 61 Auf: http://www.augustiner.de/files/augustiner/downloads/Bekenntnisse.pdf (zuletzt abgerufen: 08.02.2016). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 167 Mit der den Entwicklungsbegriff ebenfalls entscheidend beeinflussenden kopernikanischen Wende wandelt sich das Verhältnis zu Natur und Zeit grundlegend. Natur wird als vom Subjekt Mensch (wieder) getrenntes und von ihm zu gestaltendes und beherrschendes Objekt angesehen: Bei Bacon wird wissenschaftliche Methode als Kumulation von Wissen (nicht als Selbstweck, sondern) in praktischer Beherrschung der Natur zum Leitgedanken von Fortschritt (vgl. „De dignitate et augmentis scientiarum“ [„Über die Würde und den Fortgang der Wissenschaften“] von 1605)62. Bei Descartes werden die Grundlagen des Baconschen Fortschrittsdenkens auf die Philosophie als System einer rationalen und der Logik gehorchenden Wissenschaft übertragen (Abstraktion, Analyse, Synthese, Kontrolle; vgl. Descartes 1994: II. 7–10 [bzw. die Meditationen 1 bis 4]). „Er [Descartes] begründete die ‚Erkenntnistheorie und die Metaphysik dessen, was letztlich als Projekt der Moderne bekannt wurde: Ein universalistisches System des Wissens, das vom Vernunft begabten Subjekt ausgeht (‚cogito ergo sum‘), welches durch die Trennung von Glauben und Vernunft, transzendenter und materieller Sphäre, einer geistlosen Welt gegenübersteht, die auf ihre geometrischen Maße reduziert und als Objekt verfügbar und veränderbar ist. Erst mit der kartesianischen Rationalität konnte sich das heute übliche ‚entzauberte’ Weltbild durchsetzen“ (Rich 1998: 214; in: Ziai 2004a: 88f). Mit dem zunehmenden Wandel von einer agrarisch-feudalen zu einer industriekapitalistischen Gesellschaft wandelt sich auch das temporale Bewusstsein grundlegend. Die bis dahin weltlich durchaus noch zyklisch erachtete Zeitvorstellung des alltäglichen Seins (in Abhängigkeit zur agrarischen Bewirtschaftung des Landes) wird vom systemisch bedingten Zwang zur stetigen Akkumulation prinzipiell grenzenlosen Wachstums auf der Grundlage technischer Innovationen (Maschinisierung) ersetzt, unter dessen Ausrichtung sich nun fortlaufend sozialer Wandel vollzieht (Produktionsmaximierung erst durch Ausbau des Manufakturwesens, später durch Industrialisierung und Urbanisierung). Die moderne Zeiterfahrung vollzieht sich zwar vor dem kulturellen Hintergrund jüdisch-christlicher Eschatologie (dem Verständnis, dass die Welt auf ein Ziel zustrebt), findet aber erst in der protestantischen Ethik das entscheidende Bindeglied zur Säkularisation des neuzeitlichindividuellen Zeitrationalismus (Weber 1988: 17ff , besonders: 19f). Aus „bete und arbeite“ wird das Beten gestrichen bzw. privatisiert. Das grenzenlose Streben nach Gott transformiert sich in einer „entzauberten Welt“ des Baconschen Naturverständnisses und der kartesianischen Rationalität in grenzenloses Streben nach Wachstum, Profit und Warenkonsum (Marx 1962a: 85ff). 62 Auf: http://archive.org/stream/franciscibaconi01mayegoog#page/n4/mode/2up (besonders Kapitel 9; zuletzt abgerufen: 09.02.2016); vgl. „Essays oder Praktische und Moralische Ratschläge“ von 1597, siehe dazu Bacon 1993; vgl. auch (im Original): „Novum organum“ von 1620, in: Bacon 1990. Geistesgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 168 Grundlage dieses fundamentalen Gesellschaftsbruchs ist Hobbes (1588–1679) Vorstellung vom neuen Paradigma des „homo oeconomicus“ (ohne jedoch diesen Begriff zu benutzen) und die daraus resultierende Idee von Staatsgewalt als Grundlage bürgerlicher Staatsphilosophie (1651; hier: 1966). Gesellschaft als ökonomische Ansammlung von Individuen ansehend, vereinheitlicht und abstrahiert Hobbes die Natur des Menschen in einer bürgerlichen Vertragsgesellschaft. Die Natur aller Menschen besteht aus Streben nach individueller Glückseligkeit, das in der universellen Befriedigung ständig fortschreitender Bedürfnisse gefunden wird. Ziel ist ein „angenehmes Leben“, „sinnliches Vergnügen“, „Wissen“ und „friedliche Künste“ (also Bestrebungen im Sinne des universellen Kulturverständnisses). Hobbes erkennt, dass sich das wachsende Triebverlangen nach Ruhm, Ehre und Reichtum durch Gegenstände und Waren in Machtbeziehungen ausdrückt und ohne regulative Staatsgewalt zwangsläufig zu gewaltsamen Konflikten führt (dem „Kampf aller gegen alle“). Hobbes schreibt im Leviathan: „Glückseligkeit ist ein ständiges Fortschreiten des Verlangens von einem Gegenstand zum anderen, wobei jedoch das Erlangen des einen Gegenstandes nur der Weg ist, der zum nächsten Gegenstand führt. (...) So halte ich an erster Stelle ein fortwährendes und rastloses Verlangen nach immer neuer Macht für einen allgemeinen Trieb der gesamten Menschheit, der nur mit dem Tode endet. (...) Wetteifer und Reichtum, Ehre, Befehlsgewalt oder eine andere Macht führt zu Streit, Feindschaft und Krieg, da der Weg des einen Bewerbers zur Erlangung eines Wunsches dazu führt, den anderen zu töten, zu unterwerfen, zu verdrängen oder zurückzuwerfen. (...) Das Verlangen nach angenehmen Leben und sinnlichem Vergnügen veranlasst die Menschen, einer allgemeinen Gewalt zu gehorchen, denn durch dieses Verlangen gibt man den Schutz auf, den man von eigener Anstrengung und Arbeit hätte erhoffen können. (...) Das Verlangen nach Wissen und friedlichen Künsten [Kultur] macht die Menschen dazu geneigt, einer allgemeinen Gewalt zu gehorchen, denn ein solcher Wunsch enthält das Verlangen nach Muße und folglich nach Schutz durch eine andere Macht als die eigene“ (Hobbes 1966: 75f; siehe ebd.: 95ff). Sowohl in den späteren kapitalistisch- wie auch sozialistisch-orientierten Modernisierungstheorien spielt die eingreifende Funktion des Staates als „neutrale“ Gewalt zur Triebregulierung der Bedürfnisstruktur eine wichtige Rolle: entweder durch eine verbindliche Rechtsordnung in der Marktkonkurrenz oder in der Kollektivierung von Produktionseigentum und der Abschaffung individueller Konkurrenzbeziehungen. Ende des 18. Jahrhunderts wird der Begriff „Entwicklung“ im Zuge der Aufklärung auf Sachverhalte der geschichtlich-sozialen Welt angewendet. Das Wort wird zur komprimierenden Beschreibung für komplexe gedankliche Zusammenhänge benutzt, z.B. eine philosophische Idee (Geiger/Mansilla 1983: 33). Herder metaphorisiert geschichtsphilosophisch noch biologistisch, indem Völker Entwicklungsperioden des Wachstums, der Blüte und der Abnahme bzw. gemäß körperlicher Wachstumsstadien vom Kind bis zum hohen Alter durchlaufen müssen (vgl. Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 169 Gieler 2006: 15f). Er geht „von einer Menschheit aus, die sich über eine ‚Kette der Kulturen’ von Osten nach Westen in einem Entwicklungsprozess in Richtung Vernunft befindet, betont aber mit Nachdruck den Eigenwert jeder ‚Kultur’ oder ‚Nation’“ (Ziai 2004a: 94). Kant ist gegenüber der biologistischen Argumentationsweise des „keimhaft“ angelegten Kulturpluralismus seines Schülers Herder einen Gedankenschritt weiter im Erreichen eines nicht den Naturwissenschaften entlehnten, wünschenswerten und ethisch-moralischen Seinszustands. Zwar gesteht Kant „auszuwickelnde“ Naturanlagen eines Geschöpfes ein, die Entwicklung aller Anlagen des Menschen sind jedoch nicht direkt im, sondern nur durch das Individuum möglich. Gemäß seiner kulturellen Vorstellungen eines niemals endenden Fortschreitens auf dem Weg zu einer absoluten Seins-Stufe der Vernunft ist dieser Entwicklungsprozess einzig in der vollendeten Bürgergesellschaft durch eine „vollkommene Rechtsverfassung zu Stand zu bringen, als den einzigen Zustand, in welchem (...) alle Anlagen in der Menschheit völlig“ entfaltet werden können (Kant 1784: 27). Kant betont jedoch immer wieder, dass auch die „letztendliche Stufe“ (die höchstmögliche Entwicklung) einen Zeitkern in sich trägt und somit dem Wandel unterliegt. Ein Ende von Entwicklung kann es daher aus kultureller bzw. ethisch-moralischer Sicht nicht geben, sondern lediglich einen nie endenden Prozess. Philosophen des deutschen Idealismus wie Hegel (1770–1831) oder Schelling (1775–1854) interpretieren die geschichtliche Welt ebenfalls nicht mehr nach Analogien der Natur, sondern beeinflussen die Diskurse phänomenologisch. Für Hegel ist Geschichte der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit, wobei die Entwicklung des Geists, anders als das ruhige Vorgehen von Entwicklung in der Natur, ein harter unendlicher Kampf gegen sich selbst darstellt. Für Schelling ist alles, was in der Wirklichkeit vorkommt, nur Entwicklung einer absoluten, in sich geschlossenen Vernunft (vgl. Wieland 1975: 218; Ottmann 2001: 131ff). Am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts spaltet sich die diskursive Auseinandersetzung um Entwicklungsfaktoren mit Diversifizierung der Wissenschaften in geistig und ökonomisch dominierende Vorstellungen. Spielen in den Geisteswissenschaften ökonomische Faktoren eine untergeordnete Rolle, verhält es sich in den sich spezialisierenden Wirtschaftswissenschaften umgekehrt. Kultur wird zum Ausdruck selbstreferenzieller wirtschaftlicher Vorgehensweise des Bürgertums in Rechtfertigung des Besitzes von Produktionsmitteln. In den politischen Wirren der postnapoleonischen Zeit während der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert erfährt der Entwicklungsbegriff im deutschsprachigen Gebiet vor allem durch den Rechtsgelehrten von Savigny (1779–1861) eine entscheidende Deutung: Nach seinem Verständnis (nicht zuletzt bedingt durch die postnapoleonische Zeit) folgt die in der Geschichte sich vollziehende Entwicklung nicht der Verwirklichung eines keimhaft bereits angelegten Ziels, sondern ist ihrem Wesen nach ein organisches Wachsen nach eigener, innerer Notwendigkeit, wobei jede Phase ihren Wert und ihre Größe in sich selbst hat. Dabei muss jede Phase in Geistesgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 170 ihrer Eigentümlichkeit verstanden werden und in ihrer zeitspezifischen Geltung anerkannt werden, als lebendiger Ausdruck des jeweils in ihr wirkenden „Volksgeists“. Äußere Eingriffe in die organische Entwicklung wirken schädigend. Um 1848 wird der Entwicklungsbegriff als reaktionärer Gegensatz zu „Revolution“ retransformiert (Evolution statt Revolution) und wendet sich gegen jede planende Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse außerhalb gültiger rechtlicher Statuten, die durch aristokratische, christliche und zunehmend bürgerlich-liberale Legitimierung für dauerhaften Frieden kontinuierlich weiter „entwickelt“ werden müssen. Ganz anders fasst Marx „Entwicklung“ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf: Er sieht im Sinne des Historischen Materialismus als Geschichte von Klassenkämpfen keinen Widerspruch in Entwicklung und Revolution. Während „Entwicklung“ im Historismus einen reflexiven Sinn hat, Völker sich aus sich selbst heraus entwickeln und eine steuernde exogene „Entwicklungspolitik“ folglich ad absurdum führt, erhält Entwicklung in der marxistischen Analyse transitive Bedeutung: Eine bewusste und geplante Intervention in die Geschichte der Produktionsprozesse ist nicht nur möglich, sondern in dem Maße aussichtsreich, in dem es von Einsicht in die Befreiung von kapitalistischer Einbindung der abhängigen und unselbstständigen Produktionskräfte getragen wird. Marx meint dazu: „In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein. Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein politischer und juristischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen geistigen Lebensprozeß überhaupt. (...) Auf einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen, oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb derer sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um“ (Marx 1959: 8f). Neben einer Reihe universalgeschichtlicher Gesellschaftstheorien des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts (beispielhaft seien hier Henri de Saint-Simon [1760–1825: „frühsozialistischer“ Saint-Simonismus], Herbert Spencer [1820–1903: gesellschaftspolitischer Evolutionismus], Oswald Spengler [1880–1936: Zyklentheoretiker] und Arnold Joseph Toynbee [1898–1875: Universalhistoriker] genannt), die versuchen, mehr oder weniger lineare Entwicklungsstufen in unterschiedlicher Graduierung von Gesellschaften, Staaten und Kulturen zu bestimmen, hat besonders die Abgleichung ökonomischer Standpunkte mit den Ansichten des Sozialdarwi- Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 171 nismus nachhaltigen Einfluss auf die Vorstellung gesellschaftlichen Fortschreitens ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Gesellschaft und ihre kulturelle wie wirtschaftliche Entwicklung werden analog zur selektiven Evolution der Natur als ein permanenter Kampf ums Dasein interpretiert. Gesellschaftliche Entwicklung wird zu einem völkisch-nationalistischen Ausleseprozess, indem sich das tüchtigere (wirtschaftlich produktivere und ethisch rigorosere) Gemeinwesen durchsetzt (vgl. Weber 1999: 42). Auf das Verhältnis verschiedener Gesellschaften angewendet, führt dies zu der unausweichlichen rassistischen Betrachtungsweise des Imperialismus, dass fähigere Rassen die minderwertigen zwecks eigener Vorteilsnahme unterwerfen. Der Entwicklungsbegriff erfährt eine Totalisierung des Politischen durch das Biologische. Untermalt wird dieser völkisch-naturalistische Nationalismus durch den wissenschaftlich-technischen „Fortschritt“ im Zuge der industriellen Revolution und des sich dadurch verschärfenden Konkurrenzkampfs zwischen den Handelsnationen (England und den Niederlanden, später auch Frankreich, die USA, Deutschland und Japan). Entwicklung wird zum Synonym für den menschlichen Fortschritt durch eine ökonomische Beherrschung von Natur, in der jede Verschärfung bestehender Verhältnisse als „natürlicher“ Lauf der Dinge gerechtfertigt wird. Dazu zählen auch die „naturverbundenen Völker“, durch deren Arbeitskraftausbeutung ein Maximum an Profit erzielt werden kann, um eine bessere Stellung im nachmerkantilen Konkurrenzkampf auf den Weltmärkten einzunehmen. Aus Entwicklung wird ein pseudo-naturwissenschaftliches Verständnis mit zwanghaft vorwärtsgerichteter Bewegung (vgl. Meleghy 2000: 107ff). Selbst in den zwei Jahrzehnten der großen Deflation in den 1920er, vor allem aber in den 1930er Jahren („New Deal“ in den USA, vorkeynesianische Wirtschaftselemente in Großbritannien, zentralistisch gesteuerte Nachfragepolitik unter den Nationalsozialisten in Deutschland) ändert sich an diesen Grundprinzipien wenig. Ein Bewusstsein für generelles soziales Fortschreiten bzw. für eine soziale Entwicklung jenseits von ethno- und eurozentristischer Wirtschaftsweise, die besonderer begrifflicher und praktischer Anstrengungen bedarf, existiert nicht. Methoden und Inhalte prokapitalistischer und -sozialistischer Untersuchungen konstruieren Muster auf der Basis präanalytischer Vorstellungen von Gesellschaft und Wirtschaft, die „ihrerseits eine spezifische Konkretisierung der herrschenden gesellschaftlichen Ideologie darstellt, welche selbst wiederum ein Spiegelbild des allgemeinen ‚Zeitgeistes’ ist und stark vom Grad der Perfektion abhängt, mit dem das sozioökonomische System im gegebenen Moment funktioniert“ (Weber 1999: 19). Makrostrukturell lässt sich die Transformation des Entwicklungsverständnisses entsprechend den periodischen Anpassungen ökonomischer Notwendigkeiten für Europa und Nordamerika (nach Menzel 1992) wie folgt darstellen: Geistesgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 172 Kategorisierung klassisch-ökonomischer Modernisierungsdiskurse (nach Menzel 2010: 12). Entwicklung ist, so verstanden, ein elitärer Begriff. Er symbolisiert eine „sakralisierte“, hegemoniale und materialistische Wissensordnung sozialistisch- bzw. liberalen abendländischen Denkens. Der jeweils gegenwärtige Stand gilt in der evolutionären Geschichtsschreibung hochtechnisierter Staaten immer als höchst erreichbarer auf der ganzen Welt. Diese denk- und sprachstrategische Auswahl, heute subsumiert in Modernisierungs- und Fortschrittstheorien, überträgt und verallgemeinert einmalige historische Erfahrungen Westeuropas und der Sowjetunion als selbstverständliche Norm auf Gesellschaften, deren eigene, unter spezifischen Bedingungen verlaufende Entwicklung höchstens als das antieuropäische Gegenteil (deklassiert) Beachtung findet (Geiger/Mansilla 1983: 57). Ökonomische Bedeutungswandel, -anpassungen und -innovationen werden als zivilisatorische Erfolge in das eigene Kulturbild eingebunden und als absolut für den Werdegang aller Gesellschaften beurteilt. Jede Strukturanpassungsphase wird als „vernünftig“ gerechtfertigt, womit in den Fortschrittsdiskursen Voraussetzungen geschaffen werden, nach denen moderner Gouvernementalität entsprechend Institutionen, Verhaltensmuster und Produktionsformen zur Disziplinierung von Subjekten geschaffen werden können. Die sogenannten fortgeschrittenen, zivilisierten Wertesysteme universalisieren, transformieren, formalisieren und „programmieren“ Realitätswahrnehmung in hierarchisierten, als wahr deklarierten Lehrsätzen. Industrialisierung, Demokratie und westliche Gesellschaftsordnung werden im Begriff Periode Paradigma Verständnis von Entwicklung 16.–18. Jhd. Merkantilismus • Staatenbildung • Machtentfaltung • Steigerung des Edelmetallvorrats durch Bergbau 18. Jhd. (2.Hälfte) Physiokratie • Maximierung der Rentenökonomie 19. Jhd. Klassik (industrielle Modernisierungsökonomie) und rassistischer Imperialismus • Steigerung der Arbeitsproduktivität • Industrialisierung • Steigerung der produktiven Kräfte • Wirtschaftswachstum • Rationalisierung und Arbeitsteilung • Klassen- und Rassengesellschaft ab 1920er Jahre Sowjetischer bzw. stalinistischer Sozialismus in der UDSSR • Nachholende Industrialisierung • Kollektivierung und Gleichschaltung der Klassen 1930er–40er Jahre Keynesianismus • bescheidenes Wirtschaftswachstum • Importsubstitutionsindustrialisierung Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 173 „Moderne“ gleichgeschaltet, nicht als Ergebnis von ideologiehistorischer Analyse, sondern als Ausgangspunkt aller Überlegungen von Geschichte. 4.3 Wirtschaftsgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“ (Karl Marx) Neben den diversen geistesgeschichtlichen Wandlungen, die in den Entwicklungsbegriff – wie im vorigen Abschnitt beschrieben– eingeschrieben werden, erfährt der Begriff auch diverse inhaltliche Veränderungen in der zunehmend an Bedeutung gewinnenden politischen Ökonomie ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (Übergang vom Merkantilismus zum neuzeitlichen Kapitalismus). Im Folgenden zeige ich die klassischen, „historischen“, wirtschaftsliberalen „Grundpfeiler“ der heutigen Entwicklungs- und Modernisierungstheorien auf. Dabei ist mir in den heutigen Zeiten eines globalen Neoliberalismus das Verhältnis von Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik (des Staats) besonders wichtig. Teils ergänzen sich wirtschaftsliberale Standpunkte in ihrer Argumentation für einen zurückhaltenden Staat und starke Märkte (so vor allem Smith, Say, Ricardo einerseits; diese Autoren spielen auch für den heutigen Neoliberalismus eine wichtige Rolle) oder dieser Einstellung widersprechen neomerkantile und sozialistische bzw. der „sozialen Marktwirtschaft“ zuzuordnende Gegenstandpunkte mit der Forderung nach die Märkte regulierenden Staatseingriffen bis hin zur völligen Marktabschaffung (List für den Neomerkantilismus, Marx für den Sozialismus und Keynes ([in Teilen auch Comte] für die „soziale Marktwirtschaft“). Letztere Autoren haben einen entscheidenden Einfluss auf die späteren Dependenztheorie-Ansätze. Ich lege dabei besonderes Augenmerk auf die Herausarbeitung moral-ethischer Aspekte in den jeweiligen Theorieansätzen (soweit diese formuliert worden sind), um einerseits das damit einhergehende Menschenbild herauszuarbeiten, andererseits fehlt in der entwicklungstheoretischen Debatte von heute bislang der Fokus auf Kultur in den klassischen Vorläufern. Damit möchte ich den normativ-universalistischen Anspruch der ökonomistischen Theorien verdeutlichen. Aus diesen klassischen Entwicklungsund Modernisierungstheorien resultieren nicht zuletzt die im nachfolgenden Abschnitt dargelegten, sich in der Nachkriegszeit ausbildenden Vorstellungen über „Entwicklung“, denen die sog. „Entwicklungsländer“ bis heute unterliegen. Wirtschaftsgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 174 Ab Ende des 18. Jahrhunderts weiten sich Industrialisierung, Urbanisierung und Handel rapide aus. Aufgrund ständig wachsender Güterbedürfnisse und einer zunehmenden Maschinisierung setzen ungeahnte industrielle Wachstumsprozesse ein. In der Zeit des Umbruchs der Produktionsverhältnisse (vom Manufakturwesen des Merkantilismus zur neuzeitlichen Industrieproduktion des „Manchester- Kapitalismus“) entstehen die ersten Modernisierungstheorien, denn die Begrifflichkeit wirtschaftlicher Entwicklung erfährt in dieser Zeit gesellschaftlicher Umbrüche (Herausbildung der Klassengesellschaft, Entstehung von Proletariat) eine immer wichtigere Bedeutung. Für die Modernisierungstheorien und „Moderne“63 relevante Vorbedingungen sind für Weber (1999: 22) und Hall (1994c), erstens, die europäische Eroberung Amerikas ab dem 16. Jahrhundert; zweitens, Thomas Hobbes Fixierung der bürgerlichen Vertragsgesellschaft Mitte des 17. Jahrhunderts im Leviathan (1651); drittens John Lockes wirtschaftspolitische Philosophie des Liberalismus am Ende des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts (1690; hier: 1952); viertens die Revision des Commonwealth-Rechts (1688) in Großbritannien am Ende des 17. Jahrhunderts (vgl. Rostow 1970); fünftens, der Beginn der Industrialisierung (ab etwa 1760-1780) am Ende des 18. Jahrhunderts (vgl. auch Marx 1962a). Die Begrifflichkeit von wirtschaftlicher Entwicklung impliziert schon damals ein technokratisches Verständnis, da es in erster Hinsicht „nur“ auf die Befriedigung von unterschiedlichen Warenbedürfnissen mittels „rationeller“, effizienzsteigernder Beherrschung der Natur als Rohstofflieferant definiert wird (und sich meiner Meinung nach bis heute auch nicht geändert hat) und auf Profit ausgerichtet ist. Im Nachhinein kann dieser Umbruchphase allerdings eine grundlegende Veränderung in der Wahrnehmung von Zeit zugesprochen werden, mit der eine neuzeitliche, chronologische und säkulare Geschichtsschreibung einhergeht (vgl. Buchheim 1994: 11ff). Natur wird zunehmend als kalkulierbare, wenn auch risikoreiche Ressourcenansammlung definiert, die (nur noch) naturgesetzlicher, in Teilen kontrollierbarer anstelle göttlicher Systematik unterliegt. Ökonomischer Zwang zur Produktivitäts- und Effektivitätsmaximierung durch steigende Konkurrenz auf den Warenmärkten verdichtet sich in einer bisher unbekannten Form von Wachstumszwang, auch mittels neuer Wissenstechniken (Ausweitung der wirtschaftlich nutzbaren Wissenschaften für Maschinenbau), institutioneller Zentralisierungen (Bil- 63 „Moderne“ ist eher eine deskriptive als eine klar definierte analytische Kategorie. Es gibt die unterschiedlichsten Deutungen, Definitionen und Interpretationen, je nach wissenschaftlicher Disziplin und Kontext (Kultur/Gesellschaft, Politik, Kunst, Wirtschaft). So wird der Beginn von „Moderne“ geistesgeschichtlich, wie bereits beschrieben, mit der Hoch-Renaissance etwa ab dem 16. Jahrhundert, politisch mit der Französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts (Aufklärung), dem Nationalismus und der „ästhetischen Moderne“ in der Literatur- und der Kunstgeschichte mit dem beginnenden 19. Jahrhundert angesetzt. In diesem Abschnitt ist mit „Moderne“ der Zeitraum nach der industriellen Revolution mit all ihren gesellschaftlichen Konsequenzen aus den ökonomischen Umwälzungsprozessen ab ca. 1760–1780 gemeint (vgl. Osterhammel 2009: 1282). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 175 dung von privaten bzw. halbstaatlichen Handelsorganisationen) und Intensivierung gouvernementaler Effekte auf politischer Grundlage bürgerlicher Gesellschaften (republikanische in den Niederlande, konstitutionell-monarchische in England; vgl. Magnusson 2014: 38ff). Mit den über das nationale Territorium expandierenden Wirtschaftszweigen müssen auch neue Techniken der Absicherung entwickelt werden, die die Rolle des Staates in seiner sich verändernden Funktion als intermediärem Regulator zwischen aufstrebenden liberalen Ökonomien und Machtsicherung der innerstaatlichen (partiell aristokratischen) Souveränität neu definieren (vgl. Gömmel 1998: 12ff, 41ff). Hobbes staatsphilosophische und besonders John Lockes (1632-1704) wirtschaftsliberalistische Annahmen basieren zwar hauptsächlich auf merkantilen Erfahrungen vor dem Hintergrund absolutistischer Machtstrukturen, doch bildet das wirtschaftspolitische Geflecht des Merkantilismus die Grundlage für die darauf später aufbauende politische Ökonomie (ebd.: 118ff, vgl. Locke 2007: 7ff; Elbe 2009a: 13ff ; ders. 2009b: 70ff; Waldron 2002: 151ff; siehe auch: Euchner 2001: 15ff). Malik (1996: 75) bringt die neue, individualistische Ausrichtung des Liberalismus auf den Punkt: „In the classical liberal outlook, drawn from Locke, human beings were seen as selfcontained atoms with certain built-in passions and drives, each seeking above all to maximise his satisfactions and minimise his dissatisfactions. In the course of pursuing this selfinterest, each individual finds its advantageous to enter into certain relations with other individuals. Society is born out of a multitude of such individual contracts”. Im Vergleich zur Scholastik des Mittelalters, in der kirchliche Dogmen des Katholizismus mit philosophischen Mitteln begründet werden, steht im neu aufkommenden Liberalismus das Individuum und sein Streben nach persönlichem Glück im Mittelpunkt der Betrachtung. Die Gesellschaft setzt sich aus einzelnen Individuen zusammen, die sich zur besseren Erreichung der eigenen Ziele auf Vertragsbasis zusammenschließen. Der Staat und der Markt als zwei ambivalente gouvernementale Beziehungselemente zur Steuerung von sich teils ergänzenden, teils abstoßenden Herrschaftstechniken bilden in der Folgezeit die aus Merkantilismus und ablösendem Liberalismus erwachsende widersprüchliche Grundlage der kapitalistischen Wirtschaftsstruktur (vgl. Wallerstein 1998: 81ff, 283ff). Die politische Ökonomie des Liberalismus steht in direktem Kontext zum späten Merkantilismus, weil letzterer als wirtschaftspolitische Reaktion gegenüber der Herausbildung erster liberaler Nationalstaaten in Nordwest-Europa gilt. Der Merkantilismus ist weniger eine einheitliche ökonomische Theorie, als vielmehr die Summe praktischer Maßnahmen im Bereich von Finanz-, Industrie-, Außenhandels- und Gesellschaftspolitik, die darauf abzielen, politische und militärische Machtentfaltung sich ökonomisch neu strukturierender Gesellschaften nach dem Mittelalter auf eine solide Basis zu stellen (gegen produktivere Konkurrenz; vgl. Garner 2014: 288). Die Wirtschaftsgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 176 merkantile Blütezeit ist das vorindustrielle 16. bis 18. Jahrhundert. Wohlstand eines Lands drückt sich im Vorrat an Edelmetallen und der Möglichkeit billiger Rohstoffimporte für das heimische manufakturelle Gewerbe aus (vgl. Westermann 2009: 9ff). Die Verwertung industrieller Arbeitskraft zur Akkumulation von Kapital durch Mehrwert ist noch nicht Bestandteil dieser Ökonomie.64 Drei Vorgehensweisen sichern den Vorrat an Edelmetallen und Rohstoffen: (1) die Eroberung und Plünderung anderer Länder, (2) die Ausbeutung von Gold- und Silberminen sowie die Errichtung von Plantagenwirtschaft durch Sklavenarbeit in dafür geschaffenen Kolonien, (3) ein nationaler Außenhandelsüberschuss, der mittels Zöllen und Einfuhrverboten für Importwaren die eigene nationale manufakturelle Produktion absichern soll (weshalb koloniale Manufakturgründungen zur Unterwanderung des national erwirtschafteten Überschusses untersagt sind; vgl. Menzel 1992: 79). Mit der merkantilen Politik von Kolonieerwerb, Gründung von Kolonialgesellschaften und Erlassung von Navigationsakten zur Sicherung eigener Handelsrouten schafft Großbritannien den deutlichsten wirtschaftlichen Aufschwung (nach Spanien, Portugal, Frankreich und zuletzt den Niederlanden). Aus dieser vorindustriellen politischen Ökonomie entstehen die ersten klassischen Stränge des liberalen Entwicklungsbegriffs britischer Prägung am Ende des 18. Jahrhunderts (Arbeitsteilung, Rohstoffabsicherung und Handelsüberschuss; vgl. Menzel 2010: 32, 78). Die sog. „liberale Revolution“65 (politisch von Frankreich, industriell von England ausgehend) verfolgt eine Teilung der wissenschaftlichen Befugnisbereiche 64 Sowohl Max Weber (1988: 6) liegt richtig in der Annahme, dass es Kapitalismus als Wirtschaftsweise seit Beginn schriftlicher Aufzeichnungen „immer schon“ gegeben hat, aber nicht in Verbindung mit einem industriellen Produktionsprinzip. Auch die Klarstellung von Ziai (2007: 26) ist korrekt, dass niemand den Kapitalismus und die Diskurse über ihn erfunden hat, allerdings konzentriert sich ab Ende des 18. Jahrhunderts durch die Maschinisierung (besonders durch die Dampfmaschine) eine neue Qualität an Produktionskraft von Waren, so dass dieser Zeitraum als Beginn des industriellen Kapitalismus angegeben werden kann. Allgemein ist das wichtigste Kennzeichen des „Kapitalismus die Warenproduktion, d.h., daß die Mehrzahl der Produzenten nicht für ihren persönlichen Eigenverbrauch, sondern für den Verkauf auf dem anonymen Markt produziert. Da zugleich auch die meisten Inputs vom Markt bezogen werden, ist die kapitalistische Ökonomie ein System der Warenproduktion mittels Waren, wobei zu den auf dem Markt eingekauften Inputfaktoren auch die menschliche Arbeitskraft gehört. (...) Lohnarbeit ist die vorherrschende Form der produktiven Tätigkeit im Kapitalismus. Die notwendige Voraussetzung für Lohnarbeit ist die eigentumsrechtliche Trennung von Arbeit und Produktionsmitteln, wobei die Leitung des kapitalistischen Wirtschaftsprozesses in der Kompetenz der Eigentümer der Produktionsmittel bzw. der von ihnen bestellten Agenten, dem Management, liegt. Den Lohnarbeitern bleibt nichts anderes übrig, als sich der ihnen vertraglich auferlegten Arbeitsdisziplin unterzuordnen (...). Der Zugang zum Eigentum bestimmt die Stellung und Funktion des Individuums im gesellschaftlichen Produktionsprozeß und damit seine Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse“ (Weber 1999: 23). 65 Die nachfolgende Darstellung charakteristischer Diskurselemente der politischer Ökonomie zeigt, dass die nach dem zweiten Weltkrieg aufkommenden Entwicklungsdiskurse Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 177 in einzelne isolierte Teildisziplinen. In dieser Ökonomie wird eine nicht-empirische Gesetzmäßigkeit angeblich stets mehr oder weniger konstanter Kräftegleichgewichte von Angebot und Nachfrage auf Märkten im Sinne synchroner Ereigniszyklen konstruiert. Dieser Gesetzmäßigkeit wird statisches Funktionieren unterstellt, wenn alle erdachten Faktoren idealtypisch wie ein Rädchen in einem Getriebe harmonisch miteinander interagieren. Dynamische und unvorhergesehene wirtschaftliche Entwicklung wird kategorisch ausgeschlossen und eine fast religiöse, „dogmengeschichtliche“ Forschung „im Sinne einer bewußten und zielgerichteten Erschaffung von für die menschlichen Ziele und Bedürfnisse geeigneten Form aus einer abstrakten Vorstellung, aus der menschlichen Phantasie“ kreiert, das Gleichgewichtsmodell (vgl. Varian 2011: 7ff, 323ff; Mas-Colell/Whinston/Green 1995: 511ff ; Arrow/Hahn 1971: 263ff). Mit dem Beginn der Industrialisierung um 1780 setzt in England ein substantieller Vorsprung in technologischer und arbeitsorganisatorischer Hinsicht ein, aus der sich eine wirtschaftliche, militärische und politische Überlegenheit gegen die anderen Handelsmächte Europas ausbildet. England lässt als erstes Land durch die klassische Moralökonomie im Zuge der industriellen Revolution vom merkantilen System ab: Es entwickelt eine neue politische Wirtschaftsideologie von freier Konkurrenz der Produktionsmittelbesitzer und der Produktivkräfte auf nationalen und internationalen Märkten, um die heimische Produktivität zu steigern.66 Produzenten erlangen Zugang zu enormen, bis dahin nicht an Kapitalkreisläufe gebundene Finanzmittel aus der feudalen Rentenökonomie, die Industriearbeiterschaft beginnt im Zuge von Verstädterung und Konzentration von Produktionsstätten galoppierend zu wachsen. Kapitalistische Klassenverhältnisse bilden sich aus. Es entsteht die bürgerlich-liberale Vision von Wirtschaft und einer von ihr abhängigen Gesellschaft (Buchheim 1994: 45ff, 73ff). Adam Smith‘ (1723-1790) „Wealth of Nations“ (1776; hier 2005) und die weniger bekannte „Theory of Moral Sentiments“ (1759; hier: 1985) manifestieren das ökonomische und kulturalistische Axiom für den klassischen Wirtschaftsliberalismus, obwohl es in noch vorkapitalistischer Zeit begründet wird (weshalb sich keine Neuerung gewesen sind, als sie zur Basis der kapitalistisch-orientierten Entwicklungspolitik gegen sozialistische Strategien erklärt wurde. Vielmehr entwickeln sich über mehr als drei Jahrhunderte unterschiedliche Theorie- und Diskursstränge. Auf diese angesammelten Wissenstechniken wird in aktuellen Krisen immer wieder zurückgegriffen, um entsprechende Strategien zu konstruieren, z.B. zuletzt den Neoliberalismus gemäß dem Washingtoner Konsens. 66 Die Reaktion der Nachzügler ist ein theoretisch reflektierter Neomerkantilismus, um wirtschaftliche Überlegenheit mit staatlicher Intervention zu kompensieren. Schon zu dieser Zeit geht es um die Frage, ob Freihandel oder Schutz- und sog. „Erziehungszölle“, internationale Spezialisierung nach Ricardoscher Maßgabe komparativer Vorteile oder vorrangige Erschließung des Binnenmarktes größtmöglichen Fortschritt durch Industrialisierung und Wohlstand bringen werden. Wirtschaftsgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 178 Herleitungen epigonisch in Bezug auf die Vorteile kapitalistischer Wirtschaft mit Verschweigen der Nachteile häufig auf ihn beziehen). Bei Smith sind die für die späteren Entwicklungs- und Modernisierungstheorien (der Nachkriegszeit) strategisch zentralen Äußerungen von „Wohlstand und Verbesserung“ durch „materiellen Fortschritt“ verbunden mit dem Gedanken, dass Gesellschaften verschiedene kulturelle Stadien bis zur ökonomischen Reife (heute: fortgeschritten industrialisierter und kapitalisierter Staaten) durchlaufen müssen. Der Mensch als Subjekt ist bei Smith in einem noch in Anfängen begriffenen Individualisierungs- und irdischen Vergesellschaftungsprozess gegenüber der Religion, in dem er sich eigene materielle und immaterielle Werte erschafft (vgl. Smith 1993: 227). „Smith sieht die Gemeinschaft als ein wichtiges Erziehungsmittel, die Menschen vermitteln sich gegenseitig die gesellschaftlichen Normen. Sie bilden sich über das Gefühl und durch das ständige Einüben. Dadurch merkt der Mensch in einem sehr langen Prozeß, was Vorteile für ihn bringt. Der Mensch kann die Gefühlsnorm kontrollieren durch einen unparteiischen Zuschauer in seiner Brust. Dieses Quasiwissen sagt ihm objektiver, ob sein Handeln richtig war. Die gelernten Normen können zu allgemeinen Regeln, zu Gesetzen ausformuliert werden“ (Woll 1994: 26). Ökonomischer Fortschritt ist Smith‘ Äquivalent zu Produktivitätssteigerung, die nicht mehr aus einer mittelalterlichen organischen Ganzheit resultiert, sondern über Abhängigkeitsverhältnisse aus vier gesellschaftlichen Kulturtypen entsteht und einer nichtgöttlichen Ordnung von der Jagd, über das Hirtenleben, zum Ackerbau, bis zum Handel und zu bürgerlicher Freiheit folgt (vgl. Bachinger/Matis 2009: 204ff). Je mehr sich der gesellschaftliche in Folge des ökonomischen Sektors durch Arbeitsteilung ausdifferenziert, desto stärker werden Wertbeziehungen durch Arbeit und die Stellung im Produktionsprozess reglementiert (vgl. Kromphardt 2015: 69ff). Dafür muss es nach Smith einerseits eine Einkommensumschichtung von jenen geben, die Geld nicht produktiv verwenden und sparen bzw. nur verleihen (dem Adel als Großgrundbesitzer und „Schatzhüter“) zugunsten derer, die das Geld als mehrwertsteigernde Kapitalinvestition nutzen (den bürgerlichen Unternehmern in neu aufkommenden Industriebranchen; vgl. Rostow 1970: 298), wobei er Sparsamkeit als Ausdruck sittlichen Maßhaltens eine eigene ethische Gewichtung beimisst. Wohlwollen, Klugheit und Gerechtigkeit, verbunden mit Nützlichkeitsüberlegungen und christlich-biblisch (nicht-kirchlich) abgeleiteten Moralvorstellungen sind die Basis kulturellen Verhaltens, aber ebenso Eitelkeit, Selbstbezogenheit und das Streben nach materiellem Glück. Smith Methode ist eklektizistisch und versucht einen Spagat zwischen religiösen Tugenden und wirtschaftlichem Eigennutz. Armut wird als individuelle Schmach beurteilt, in die sich der betroffene Mensch im Sinne göttlicher Bestimmung zu fügen hat, sofern er aus eigenem Antrieb nicht über die Mittel und Möglichkeiten verfügt, seine Situation zu ändern (vgl. Weberbauer 2014: 149ff). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 179 Das entscheidende neue Charakteristikum seiner Überlegungen gegenüber dem merkantilen Wirtschaftsdiskurs und dessen Plädoyer für die Anhäufung von Edelmetallen ist die sich selbst reproduzierende Arbeitskraft in geschickt kooperierender Arbeitsteilung neben natürlichen Rohstoffen als Energieträger zur Akkumulation von Wohlstand (Mehrwert, Kapital und dessen Reinvestition tauchen bei Smith nur unterschwellig auf). Diese beiden Merkmale sind bis heute die entscheidenden Quellen des „modernen“ bürgerlichen Wohlstands (vgl. Kurz 2013: 83ff). Durch Investition in „freie“ Lohnarbeit mit (maschineller) Arbeitsteilung kann eine nachfrageorientierte Produktivität im Unterschied zur einseitig auf direkte Ausbeutung abzielenden Sklavenarbeit oder zum begrenzten und restriktiven Gilde-, Zunft- und Manufakturwesen deutlich gesteigert werden, da die Masse an Lohnarbeitern zur Reproduktion der Arbeitskraft eigenverantwortlich durch flächendeckenden Konsum sorgen muss (im Unterschied zu Sklaven; vgl. ebd. 104ff; siehe auch: Marx 1962a: 591ff). Jedoch benennt Smith die Arbeitskraft als Ware noch nicht als Problem der kapitalistischen Produktion, da in seiner Zeit die primäre und (weniger produktive) Ausbeutungsform immer noch die Sklavenwirtschaft darstellt. Kulturell identifiziert Smith noch keine evolutionstheoretischen, sondern „natürliche“ Mechanismen „natürlicher“ Entwicklungsprozesse (nature of the wealth of nations). „Die klassisch-neoklassische Theorie basiert auf dem Gleichgewichtsmodell. Sie geht davon aus, daß unter vollkommenen Marktbedingungen die wirtschaftlichen Akteure sich jeweils optimal austauschen, daß dabei im Wirtschaftsganzen stets ein gegenseitiger Ausgleich der Aktionen und Reaktionen stattfindet, der zugleich den maximal möglichen wirtschaftlichen Gesamtertrag hervorbringt. (...) Die bürgerliche Wirtschaftswissenschaft hatte mit zunehmender fachlicher Verfeinerung ihrer Denkmodelle sich angewöhnt, von ‚außerökonomischen’ Faktoren zu abstrahieren“ (Geiger/Mansilla 1983: 49). Ziel und Funktion des Staats sind die Schaffung soziokultureller, ethischmoralischer und rechtlich-politischer Voraussetzungen für stetiges Wirtschaftswachstum als Bedingung der Möglichkeit gesamtgesellschaftlicher Entwicklung, die Erhaltung und Absicherung von Rahmenbedingungen für ausgeglichene Marktkonkurrenz als natürliche Ordnung und die Beseitigung von Hindernissen dieses natürlichen Wegs (Menzel 1992: 80). Vorausgesetzt wird, dass für alle Teilnehmer am Wettbewerb die gleichen Chancen und Regeln gelten, wobei „Gleichheit“ proportional gewertet wird. Wer mit guten Voraussetzungen in eine Konkurrenz eintritt, hat unter „gleichen“ Bedingungen ungleich höhere Chancen, die Auseinandersetzung für sich zu entscheiden. Die Zuversicht in dieses Reglement resultiert aus dem Glauben, dass alle Marktteilnehmer in einem freiwilligen, privatrechtlichen, autarken und autonomen Verhältnis zueinander auftreten und nur dann miteinander interagieren, wenn für alle Partizipierenden ein Gewinn übrig bleibt („Nicht- Null-Summen-Prinzip“; vgl. Petersen 2012: 180ff). Smith unterscheidet die Ordnung der Gesellschaft noch in Ständen und noch nicht in Klassen: Wirtschaftsgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 180 „Die niederen Stände werden von ihm durchaus geachtet. Sie verkörpern positive Werte: Redligkeit, Klugheit, Edelmut, Offenherzigkeit, Eifer etc. Der Mann der niederen Stände macht sich bei der Nachahmung der Großen lächerlich. Er hat nur die Arbeit seines Körpers und die Regsamkeit seines Geistes. ‚Er muß deshalb diese kultivieren: er muß sich ein höheres Wissen in seinem Beruf aneignen und eine höhere Betriebsamkeit in dessen Aus- übung. Er muß geduldig in der Arbeit, entschlossen in der Gefahr und standhaft in der Not sein’“ (Smith 1975: 79; in: Woll 1994: 27). Smith argumentiert auf Grundlage der schottischen Moralphilosophie, die am Ende des 18. Jahrhunderts beginnt, ein ökonomisches Subjekt aus dem mittelalterlichen religiösen Gruppenmenschen zu konstruieren. Bei ihm existiert noch kein bewusst eingesetzter Klassenbegriff, da sich die Klassen mit der aufkommenden Industriearbeiterschaft gerade erst aus der Ständegesellschaft ausbilden. Dementsprechend charakterisiert sein stark durch das Großgrundbesitzer- und Manufakturwesen geprägter Arbeitsbegriff z.B. noch nicht das Marxsche Prinzip von Entfremdung und Verdinglichung. In Smith‘ Überlegungen spielt auch der Mehrwert nur eine unausgereifte Rolle, da sich die Waren-Kapitalstrukturen erst gegen die Rentenökonomie ausbilden (vgl. Arrighi 2008: 59ff). Dennoch zeigen sich schon Elemente der vorkapitalistischen Neuzeit in seiner Wohlstandsdefinition, die nicht mehr übersinnlich und kontemplativ, sondern weltlich arbeitsteilig angelegt ist. Prinzipiell sollen rational und im Eigeninteresse handelnde Individuen zusammenwirken, und dies auch zur Maximierung des gesellschaftlichen Nutzens. Insofern unterscheidet sich Smith‘ Vorstellung vom Merkantilismus, indem die Selbstregulierung des Markts und die wirtschaftliche Konkurrenz die besten Garantien für den Wohlstand der Nationen darstellen, wobei der Staat, seine Zuständigkeiten und Eingriffsmöglichkeiten so zurückhaltend wie möglich ausgestaltet sein sollen: „An die Stelle der sichtbaren staatlichen habe also die unsichtbare Hand des Marktes zu treten“, so Menzel (1992: 80) zusammenfassend. Auch wenn die christliche Religion (noch) das Fundament seiner Ethik begründet, bilden die säkularisierte Gesellschaft und die mit ihr verzahnte Wirtschaft(-sprosperität) die entscheidende Einheit. Der kulturelle Mensch Smithscher Prägung ist ein durch Arbeitsteilung und nicht durch göttliche Fügung sich ausbildendes soziales Wesen. Dessen weltliche Basis ist zwar nicht die Vernunft, z.B. im Kantschen Sinne, sondern Sympathie („Edelmut“), Empathie („Pflichtgefühl“) und Güte, aber auch Eigennutz als irdische Gefühle. Der Mensch richtet über sich selbst und erarbeitet sich in der Arbeitsgemeinschaft eigene Handlungsregeln nichtgöttlicher, sondern menschlicher Natur, aus der sich Gesetze entwickeln. Die kapitalistische Entwicklung ist für Smith in ihrer expansiven Kraft noch nicht absehbar, weshalb sein Menschenbild „gemüthaft und naiv“ erscheint (Woll 1999: 33f). Der Antagonismus von Kapital und Arbeit spielt bei ihm wegen den unausgereiften Kapital- und Industriestrukturen keine Rolle. Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 181 Naef (2014: 29) wirft Smith allerdings vor, die eigentlichen Antriebe menschlichen Handelns im Liberalismus lediglich verschleiern zu wollen: So werden Gerechtigkeit, Frieden und gesellschaftlicher Wohlstand nicht durch Barmherzigkeit, Bescheidenheit und Verzicht erreicht, sondern aus Gründen der persönlichen Habgier, die unter dem Begriff „Eigeninteresse“ in Verbindung mit „Sympathie“, „Mitgefühl“ und „Mitleid“ gesellschaftsfähig gemacht werden. Generell gilt für den Liberalismus (ebd.: 55), dass er von einer „natürlichen“ Arbeitslosenquote durch die Idee der Deregulierung ausgeht, d.h. ein Abbau bzw. eine Minimierung von Sozialstaat und dessen Kosten, extreme Steuersenkungen für die Privatwirtschaft, größtmögliche Privatisierung von Staatsbetrieben etc. (vgl. Ziegler 2008: 126; Kolb 2004: 159). Armut wird nicht über staatliche Maßnahmen, sondern über private (freiwillige) Wohltätigkeit bekämpft, die aber erst nach Erlangung von Wohlstand und Freiheit Geltung erlangen kann (weshalb sie bis heute für die Ökonomie keine Rolle spielt und fast schon einer widerständigen Haltung gleichkommt; vgl. Naef 2014: 57). Der französische Nationalökonom Jean-Babtiste Say (1767-1832) gilt (1803; hier: 2005) als Vorbereiter der in den Entwicklungstheorien gängigen Vorstellung einer Angebotstheorie (im Gegensatz dazu steht bspw. die Nachfragepolitik in Form des späteren Keynesianismus), die er – beeinflusst von Smith Ansätzen, diese jedoch weiterentwickelnd – ebenfalls als unbestreitbare, allgemeine und fundamentale Naturgesetze wirken sieht. Er verfeinert die wissenstechnischen Grundlagen der liberalen Fortschrittstheorie durch Forderungen nach einer Remodulierung staatspolitischer Ausrichtung gemäß wirtschaftlicher Notwendigkeiten: Dementsprechend fordert Say einen Abbau zentraler Verwaltungseinheiten, eine generelle Deregulierung der Märkte, eine größtmögliche Verringerung von Herstellungskosten einer Ware durch geringe Lohnkosten, ein einfaches Steuersystem, die Vermeidung bzw. den Abbau von Staatsverschuldung, rechtliche Absicherungen des Wettbewerbs, den flächendeckenden Abbau von Subventionen und Schutzzöllen und eine Sicherung der Geldwertstabilität durch Orientierung der Geldmengenentwicklung am Wirtschaftspotential. Kulturell beschäftigt sich Say, nachdem er durch mehrere Englandaufenthalte die dortige Kultur kennengelernt hat, mit für Industrialisierung notwendigem gesellschaftlichen Mentalitätswandel, der aus einer Mischung hugenottischer und protestantischer Ethik, den Einflüssen der französischen Revolution und der schottischen Moralphilosophie gemäß Smithscher Prägung hergeleitet werden kann (Nieding 1990: 140f). Mentale, politische und soziale Krisen können, nach Say, am besten bewältigt werden, wenn eine ausgeglichene ökonomische „Harmonie“ (das Saysche Harmoniemodell) durch ein Gleichgewicht der am Markt partizipierenden wirtschaftlichen Kräfte vorherrscht. Dadurch, dass sich Produkte ihren eigenen Absatzmarkt schaffen, schließt Say Überproduktionskrisen, Armut, Arbeitslosigkeit und Elend aus. Beschäftigung als Bedingung für ökonomisches Wachstum und Wohlstand einer Volkswirtschaft sind nur in Folge von kalkulierbaren Gewinn- Wirtschaftsgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 182 und Renditeerwartungen zu erlangen, wofür ein Mindestmaß an Sicherheit für spekulative Kapitalinvestitionen gewährleistet sein muss (vgl. Jäger 1999: 178ff, 186ff). Dafür bedarf es einer klaren Angebotsstrategie, die die Nachfrage reguliert und nicht umgekehrt. Dieses „Saysche Theorem“ verneint per se Phasen geringer Nachfrage nach einem Gut durch die Argumentation, dass mit der angebotsorientierten Warenproduktion Einkommen durch Beschäftigung geschaffen und Nachfrage überhaupt erst möglich wird. Für die Gewährleistung bestmöglicher privater Investitionsbedingungen soll sich der Staat als nachfrageorientierter Wirtschaftsregulator (wie dies im Merkantilismus/Keynesianismus der Fall ist) enthalten und höchstens die angebotsorientierten Investitionen durch Schaffung künstlicher Nachfrage unterstützen. Say dreht die Grundlagen der bisherigen Wirtschaftslogik von einer konstant größeren Bedarfsmenge gegenüber der Angebotsmenge um: Das Angebot erzeugt nach seiner Auffassung überhaupt erst Nachfrage, der Staat dient als dessen mitsteuerndes Werkzeug (durch selektierende Machttechniken, z.B. in Form von zielgerichteten Subventionen für die Entwicklung innovativer Produkte). Der Antagonismus von Kapital und Arbeit wird bei Say klar zu Gunsten des Kapitals gewichtet, da Kapital Arbeit erst ermöglicht, so Say (und nicht umgekehrt wie bei Marx; vgl. Henderson/Davis/Samuels 1997: 432ff). Kultur wird nirgendwo explizit erwähnt, da er ihr keine signifikante wirtschaftliche Bedeutung zuspricht. Insofern spielt sie in seinen Überlegungen eine eher untergeordnete Rolle. Für ihn zählt allein das reibungslose Ineindergreifen funktionierender Marktstrukturen. Kultur produziert, so gesehen, nichts und erzeugt auch keinen nachweisbaren ökonomischen Mehrwert. Über ethisch-moralische Grundbedingungen als Notwendigkeit, damit sich marktwirtschaftliche Ökonomien überhaupt gemäß eines liberalen Ethos etablieren, ausbreiten und wachsen, können, schweigt sich Say insgesamt aus. Auch beeinflusst von Smith entwickelt David Ricardo (1772-1823) in den „Grundsätzen der Politischen Ökonomie und Besteuerung“ Anfang des 19. Jahrhunderts (1817; hier: 1972) das bis heute vorherrschende wirtschaftsparadigmatische Tauschmodell der „komparativen Kosten“, wodurch die kapitalorientierte Theorie des Liberalismus um die Dimension von internationalem Freihandel erweitert wird. Meiner Meinung nach hat Ricardo die Entwicklungs- und Modernisierungstheorien am stärksten beeinflusst, denn auch heute wird staatliche „Entwicklungshilfe“ über das Prinzip der komparativen Kostenvorteile abgewickelt, d.h., dass die „Geberländer“ immer auch auf ihren eigenen Vorteil in der Entwicklungszusammenarbeit bedacht sind und besonders jene Wirtschaftszweige fördern, für die im Geberland eine Nachfrage besteht (z.B. spezifische Agroindustrieprodukte; vgl. Ehlers 2010c: 19ff). Spielen bei Smith Ethik und Moral im arbeitsteiligen Wirtschaftskreislauf eine diesen bedingende Rolle, legt Ricardo eine Arbeitswertlehre vor, die den rein ökonomisch handelnden Menschen ins Zentrum lebensweltlicher Betrachtung stellt. Bei Ricardo besteht der Sinn menschlicher Existenz in einer widersprüchlich vorge- Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 183 gebenen, sich selbst erklärenden Wirtschaftlichkeit als menschlich-kulturelle Ureigenschaft, die automatisch zu Rechtschaffenheit führt (was später heftig von Marx kritisiert wird). Arbeitsteilung besteht in der Ricardoschen Perspektive nur national durch länderspezifische Spezialisierung industrieller Herstellungsweisen oder bzw. und in agrarwirtschaftlicher „Monokulturalisierung“ auf bestimmte Produkte. Der Mensch als Subjekt spielt keine Rolle, ist nur Masse, Objekt und Produktionsfaktor komparativer Kosten. Insofern kennt dieses Tauschkonstrukt keinen Antagonismus von Kapital und Arbeit und auch kein Null-Summen-Prinzip (vgl. Hoff 2009: 109ff). „Unter einem System vollständig freiem Handel widmet natürlicherweise jedes Land sein Kapital und seine Arbeit solchen Verwendungen, die für es am vorteilhaftesten sind. Dieses Verfolgen individuellen Nutzens ist wunderbar mit der allgemeinen Wohlfahrt verbunden. Indem es den Fleiß anregt, die Erfindungsgabe belohnt und am erfolgreichsten die besonderen Kräfte, die von der Natur verliehen sind, ausnutzt, verteilt es die Arbeit am wirksamsten und wirtschaftlichsten; während es durch die Vermehrung der allgemeinen Masse der Produktionen allgemeinen Nutzen verbreitet und die Universalgesellschaft der Nationen der zivilisierten Welt durch ein gemeinsames Band des Interesses und Verkehrs miteinander verbindet“ (Ricardo 1972: 111). Mit Ricardos Lehre wird erstmals eine Universaltheorie des internationalen Warenaustausches formuliert, die globale Gültigkeit beansprucht (weil sie auf jedes Land anwendbar sein soll; vgl. Krüger 2000: 143ff). Gemäß dem komparativen Kostenmodell liegt der größtmögliche volkswirtschaftliche Nutzen der am marktwirtschaftlichen Warenhandel partizipierenden Wirtschaftsräume in der Produktion derjenigen Güter, für die wegen natürlicher Faktoren die niedrigsten Arbeits- und Lohnkosten aufzubringen sind. Diese Universalregel soll auch dann gelten, wenn die Arbeitsproduktivität eines Landes in allen Marktbereichen niedriger ist als bei den Konkurrenten, denn eine Spezialisierung auf solche Bereiche erbringt den Vorteil, dass der relative Nachteil immer noch am geringsten ist.67 Ricardo spricht 67 Über das Modell komparativer Kostenvorteile schreibt Ricardo: „Ist in einem Lande A die Produktion des Gutes X doppelt so teuer wie die Produktion des Gutes Y, im Lande B aber nur eineinhalbmal so teuer, so lohnt es sich für das Land A, das Produkt X aus B zu importieren und dafür mit Produkt Y zu bezahlen (es nach B zu exportieren). Im eigenen Land A erhält man nämlich – gemessen an den Produktionskosten – für eine Einheit von Y nur eine halbe Einheit von X, in B aber, wo die Kostenrelation X/Y geringer ist, zwei Drittel Einheiten X. Aus Sicht des Landes B ist dieser Handel ebenfalls vorteilhaft: In B enthält man entsprechend den relativen Produktionskosten für eine Einheit des Gutes X nur eineinhalb Einheiten Y, exportiert man es nach Land A, so kann man dafür zwei Einheiten Y erhalten. Land A hat einen sogenannten komparativen Kostenvorteil bei der Herstellung des Gutes Y, Land B bei Gut X. Zur Begründung derartiger komparativer Kostenvorteile kommt es nicht auf die absolute Kostenhöhe an, sondern nur auf Unterschiede in den Kostenrelationen: A hat einen komparativen Kostenvorteil bei der Produk- Wirtschaftsgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 184 sich nicht für eine generelle Entwicklung der Produktivkräfte durch Aufbau einer Gesamtwirtschaft in nationalen Räumen aus, sondern tritt für Produktionsauslagerungen und „Inselökonomien“ gemäß größtmöglicher Kapitalvorteile ein: Teilung von Produktion im Sinne von Kostenreduktion, aber keine Verlagerung in Gänze (vgl. Dmitriev 1986: 63ff). „Indessen zeigt die Erfahrung, daß die eingebildete oder tatsächliche Unsicherheit des Kapitals, wenn es nicht unter der unmittelbaren Aufsicht eines Eigentümers steht, zusammen mit der natürlichen Abneigung, die jeder Mensch hat, das Land seiner Geburt und seiner Erziehung zu verlassen, um sich mit all seinen eingewurzelten Gewohnheiten einer fremden Regierung und neuen Gesetzen anzuvertrauen, die Auswanderung des Kapitals hemmen. Diese Gefühle, deren Schwinden ich nur bedauern würde, bestimmen die meisten Menschen von Vermögen, die sich lieber mit einer niedrigeren Profitrate in ihrer Heimat begnügen, als nach einer vorteilhaften Verwendung ihres Vermögens bei fremden Nationen zu suchen“ (Ricardo 1972: 113). Der komparative Kostenvorteil ist für Ricardo überhaupt die Erklärung, warum es zu internationalem Handel kommt und warum Freihandel die bevorzugte Organisationsform von Arbeit darstellt (Ricardo 1986: 15ff). Kritiker wie Marx (1962a: 49ff), Rose (1965: 13ff) oder Hiemenez (1976: 74) verweisen auf den Umstand, dass sich die Wertschöpfungskette durch die technische Fortentwicklung hochwertiger Waren kontinuierlich zugunsten der sowieso schon fortgeschritten industrialisierten Ökonomien mit höherer Produktivität und weniger Arbeitskraftaufwand und damit geringeren Lohnkosten verschiebt und das komparative Tauschmodell ohne technischen Austausch und Industrieaufbau für auf den Märkten benachteiligte Ökonomien einer „Milchmädchenrechnung“ gleicht, denn früher oder später werden die technisch bzw. industriell fortgeschrittenen Volkswirtschaften die Preise auf den Märkten zu ihren Gunsten bestimmen können. Diese Preisbestimmung wird dann zu Lasten der benachteiligten Länder in Form einer schrittweisen Verarmung führen. Von England aus setzt sich der politische Liberalismus Smithscher, Sayscher und besonders Ricardoscher Prägung in den 1830er und 1840er Jahren als führendes Wirtschaftsparadigma durch und wird zum tonangebenden Vorreiter aller folgenden kapitalistischen Theorien. Die Überlegenheit von freier Wettbewerbsfähigkeit nach dem Prinzip weltweiter Durchsetzung des Meistbegünstigten (bei Bedarf auch gewaltsam durch „Kanonenbootdiplomatie“) unter der Forderung nach Freihandel wird als Voraussetzung für erfolgreiche Industrialisierung in allen Nachfolgeländern des 19. Jahrhunderts bis zur Weltwirtschaftskrise in den 1920er Jahren tion von Y selbst dann, wenn es sowohl X als auch Y nur teurer herstellen könnte, als dies bei beiden Produkten in B der Fall ist. Internationaler Handel, der mit einer Produktionsspezialisierung verbunden ist (Internationaler Arbeitsteilung), lohnt sich auch in diesem Falle für die beteiligten Länder“ (Ricardo 1972; in: Hiemenz/Schatz 1976: 74). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 185 das neue Entwicklungs- und Modernisierungsparadigma gemäß Wissenschaft, Fortschritt, Liberalismus, Positivismus und Rationalismus (ökonomisches Kosten- Nutzen-Kalkül; insbesondere Says und Ricardos Ansätze erleben seit Beginn der 1980er Jahre unter dem Begriff Neoliberalismus eine „Renaissance“). Eine „Ausnahme“ bzw. eine besondere Meinung bildet Friedrich Lists (1789- 1846) theoretische Begründung des Neomerkantilismus in „Das nationale System der Politischen Ökonomie“ (1841), die später als Ideengeber des Prinzips „nachholender Entwicklung“ (Industrialisierung) und partiell als Gedankengeber von Importsubstitutionsstrategien (Stärkung nationaler Industriezweige) und der Dependenztheorie gilt. Trotz einiger von Smith übernommener Grundgedanken basiert seine „Theorie der produktiven Kräfte“ (ebd.; hier auch: 1930) auf noch nicht zu England aufgeschlossenen Wirtschaftsräumen, vor allem des deutschen Gebiets, dass in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchaus ein industriell unterentwickeltes Kleinstaatengebilde ist. Er setzt dem offenen Marktprinzip des Liberalismus ein geschlossenes Konzept nationaler Ökonomien entgegen, die industriell noch nicht so weit fortgeschritten sind, wie z.B. England es ist. Im Gegensatz zu Say weist List dem Staat (soweit vorhanden) die Rolle zu, Voraussetzungen für funktionierende Märkte zum Aufbau wettbewerbsfähiger heimischer Industrien zu schaffen (Seidel 1971: 2, ebd. FN 2; vgl. Gerlach 2009)68. Der Staat besitzt nach Lists Theorieansatz die Legitimität für Marktregulierungen zu intervenieren (vgl. Bachinger/Matis 2009: 255ff; vgl. Szporluk 1991). „Das gilt zunächst für den methodologischen Nationalismus, den List mit dem Programm der ‚Nationalökonomie‘ in expliziter und offensiver Frontstellung gegen die freihändlerische, am Weltmarkt orientierte politische Ökonomie propagiert hat. Die in einem Staat organisierte, oder erst noch zu organisierende Nation wird hier zum zentralen Referenzpunkt aller auf Veränderung zielenden Prozesse und Strategien. Sie dienen dem beherrschenden Ziel zur Stärkung der Nation. Mit Lists methodologischem Nationalismus verbunden sind (...) insbesondere die Forderung nach einer umfassenden Mobilisierung der produktiven Kräfte der Nation, was ausdrücklich die Kultivierung der Arbeitskraft nicht zuletzt in Form der Volksbildung einschließen soll. (...) Solche Planungen nahmen wenig Rücksicht auf regionale oder auch sprachliche Eigenheiten“ (Kößler 2014: 72f). Eine weitere Besonderheit im Listschen Ansatz ist, dass sich seiner Meinung nach die Wirtschaft den Lebensweisen der Bürger anzupassen hat und nicht umgekehrt (Seidel 1971: 11). Trotzdem soll der Bürger die „bestmögliche Lebensweise“ entwickeln, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein (wie bei Smith, Say und Ricardo).69 68 Zur Zeit von List sind damit Kolonien nicht Teil der Überlegungen. Für das deutsche Gebiet fordert er seit dem Wiener Kongress (1815) vehement eine zumindest wirtschaftspolitische Vereinigung. 69 Auf den ersten Blick erscheint es als Widerspruch, dass sich die Wirtschaft der Lebensweise der Bürger anzupassen hat, dieser seine Lebensweise aber auf wirtschaftlichen Erfolg Wirtschaftsgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 186 Dafür müssen die nationalen Ausprägungen des jeweiligen gesellschaftlichen Handelns herausgearbeitet werden, anhand derer die Arbeit aufgeteilt und an den gemeinsamen Zweck gebunden wird. Mittels staatlicher Zölle („Erziehungszölle“), Investitionen in nationale Infrastrukturmaßnahmen, handlungsanleitenden Geisteswissenschaften und die Gemeinschaft fördernden Gewerbesubventionen sollen trotz des Paradigmas des Freihandelsregimes (noch) nicht konkurrenzfähige Wirtschaftsräume gesichert werden. Deren langfristig angesetzte Gewinnerwartung soll nicht dem privaten Sektor überlassen werden, sondern der Gesellschaft zugutekommen (Daastøl 2011: 100ff). „Die produktiven Kräfte der Völker sind nicht allein durch Fleiß, Sparsamkeit, Moralität und Intelligenz der Individuen oder durch den Besitz von Naturfonds und materiellen Kapitalien bedingt, sondern auch durch die gesellschaftlichen, politischen und bürgerlichen Institutionen und Gesetze, vor allem aber durch die Garantie der Fortdauer, Selbstständigkeit und Macht ihrer Nationalität. Wie fleißig, sparsam, erfinderisch, unternehmend, moralisch und intelligent die Individuen seien, ohne Nationaleinheit und ohne nationale Teilung der Arbeit und nationale Konföderation der produktiven Kräfte wird die Nation nie einen hohen Grad von Wohlstand und Macht erlangen oder sich den fortdauernden Besitz ihrer geistigen, gesellschaftlichen und materiellen Güter sichern“ (List 1841: 4). Ist bei Smith eine abstrakte Form der Sympathie frühsäkulare Form religiös abgeschwächter Nächstenliebe, fußt Lists gesellschaftliches Solidaritätsband auf einem Kantschen Prinzip der Vernunft (wobei auch List nicht der christlichen Werte entsagt). Wirkliches Vermögen resultiert nicht aus gegenwärtigem materiellen Besitz, sondern aus dem intergenerationalen geistigen Reichtum, auch zukünftig „innovativ“ (Tausch-)Werte (in Gegenstandsformen) erschaffen zu können. ausrichten soll. List löst das Problem wie folgt (zugleich zeigt sich im folgenden Zitat der Ansatz seines kulturellen bzw. moralisch-ethischen Weltbilds): „Je mehr der Mensch einsieht, daß er für die Zukunft sorgen müsse, je mehr seine Einsichten und Gefühle ihn antreiben, die Zukunft der ihm zunächst Angehörigen sicherzustellen und ihr Glück zu befördern, je mehr er von Jugend auf an Nachdenken und Tätigkeit gewöhnt worden ist, je mehr seine edleren Gefühle gepflegt und Körper und Geist gebildet worden sind, je schönere Beispiele ihm von Jugend auf vor Augen stehen, je mehr er Gelegenheit hat, seine geistigen und körperlichen Kräfte zum Behuf der Verbesserung seiner Lage zu verwenden, je weniger er in seiner legitimen Tätigkeit beschränkt ist, je erfolgreicher seine Anstrengungen und je mehr ihm die Früchte derselben gesichert sind, je mehr er durch Ordnung und Tätigkeit sich öffentliche Anerkennung und Achtung zu schaffen vermag, je weniger sein Geist an Vorurteilen, an Aberglauben, an falschen Ansichten und Unwissenheit leidet, desto mehr wird er Kopf und Gliedmaßen zum Behuf der Produktion anstrengen, desto mehr wird er zu leisten vermögen, desto besser wird er mit den Früchten seiner Arbeit haushalten“ (List 1930: 175f). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 187 „Lists Menschenbild beruht sowohl auf den körperlichen als auch auf den geistigen Faktoren des Menschseins. Der Mensch trägt Sorge für seine Zukunft. Nachdenken und Tätigkeit, Pflege von Körper und Geist, Herausbildung edler Gefühle, Vermittlung edler Ideale sind Merkmale des ökonomischen Menschen. (...) Wissenschaft und Künste, Sicherheit der Person und des Eigentums, Freiheit und Recht sind quasi Produktionsvoraussetzungen“ (Woll 1994: 40f). Quellen dieses Reichtums sind für List die christliche Religion, Monogamie, sklavenfreie Gesellschaften, freies Presse- und Postwesen, Sicherheit durch Polizei, freier Bodenbesitz und Mobilität für Waren und Menschen. Der Mensch ist kein statisches, beharrendes Wesen, sondern durchläuft wie im klassischen Liberalismus gesellschaftliche Entwicklungen über verschiedene Stadien der Arbeitsteilung (die er über Smith herleitet) von ursprünglicher Wildheit, über den Hirtenstand, den Agrikulturstand, zum Agrikultur-Manufakturstand hin zum Agrikultur-Manu-faktur- Handelsstand (die Industriegesellschaft deutet sich bei ihm nur zukünftig an). Eine Generation baut auf den geistigen Errungenschaften der Vorgängergeneration auf. Dadurch bildet sich geistiges Kapital, das der eigentliche Grundstock für andere Kapitalformen ist (hier unterscheidet sich List deutlich von Smith). Ohne nationale Souveränität über das geistige Kapital, kann das ökonomische Gefälle nicht ausgeglichen werden (Henderson 1990: 105ff; Daastøl 2011: 149; vgl. HfVFLD 1990). Die „Länder der zweiten Stufe“ (noch nicht industrialisierte Staaten) sind im internationalen Handel durch eine anders geleitete Entwicklungskonzeption gegen- über fortgeschrittener industrialisierter Konkurrenz eingeschränkt, in der internen Steigerung der Produktivität gehemmt und damit volkswirtschaftlich auf den nationalen Markt reduziert. List sieht hohe Schutzzölle, die Förderung nationaler Gewerbeproduktivkräfte, den Ausbau der Infrastruktur (besonders der Eisenbahn), den Abbau exportorientierter Ökonomie nach außen, die Mobilisierung eigener Ressourcen und die Reduzierung administrativer Hemmnisse nach innen vor, um sie für nationale Wirtschaftsziele entsprechend nutzbar zu machen, ferner den Aufbau kohärenter Akkumulationsstrukturen, den Aufbau eines eigenen industriellen Sektors für die Produktion von Kapital- und Zwischengütern sowie die Erfindung passender Technologien und industrieller Produktionsweisen von Massenkonsumgütern (zur Befriedigung der Grundbedürfnisse; vgl. Braeuer 1985: 694ff; Menzel 1992: 83). Für diese Umwandlungsprozesse kann es auch zeitweilig zu gesellschaftlichen Wohlstandseinbußen kommen. Erst nach Aufbau einer eigenen Schwerindustrie und einem entsprechenden Konsumverhalten der zu Massen umtransferierten Menschenmengen in einer Klassengesellschaft kann wieder eine Handelsbeziehung auf gleichem Niveau mit wirtschaftlich noch stärkeren Staaten aufgenommen werden (Geiger/Mansilla 1983: 119f; vgl. Brinkmann 1949). Lists Prinzip der nachholenden Industrialisierung zeichnet sich durch die Besonderheit in der marktorientierten Konkurrenzwirtschaft deshalb aus, weil er alle für eine spezifische Zeit an einem spezifischen Ort als Entwicklungsfaktoren in Frage kommenden nationalen Produktivkräfte in Strategien zur Überwindung zentraler Wirtschaftsgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 188 Grundprobleme bei den Übergängen zu einer Industriegesellschaft umdeutet (Besters 1990: 47ff, 120ff, 181ff).70 Auch bei List ist der Klassenbegriff eingeschränkt, jedoch schon entwickelter als bei Smith. Die klassenspezifische Teilung verläuft bei ihm klar zwischen geistiger Produktion und körperlicher Herstellung materieller Tauschwerte, wobei sich beide wechselseitig bedingen. Arbeitsentfremdung als Problem einer sich verdinglichenden (Waren-)Welt ist wenig ausgereift, durch Kritik in der Betonung rein materieller Wertschöpfungskonzentration aber bereits im Ansatz vorhanden (in Form einer Tauschwertkritik). List verneint das Saysche Theorem einer angebotsorientierten zugunsten einer nachfrageorientierten Wirtschaftsweise (Woll 1994: 43). Nicht zum Paradigma klassisch-politischer Ökonomie zuzuordnen ist Auguste Comte (1798-1857), dessen frühsoziologische Unterscheidung von wissenschaftlich-technischem Fortschritt und dem Einfordern sozialverträglicher gesellschaftlicher Entwicklung (Ordnung) aber ein Differenzgefälle offenbart, das zuvor mit anderem („frühsozialistischen“) Impetus höchstens von Henri de Saint-Simon nennenswert und kritisch angeregt worden ist (Comte 1851ff; hier: 2012). Seine Vorstellung von Fortschritt und Entwicklung gehen neben Lists Überlegungen ebenfalls auf partielle Distanz zu liberalistischen Freihandelstheorien, indem er das Prinzip der Treuhandschaft zur „Bändigung“ eines moralisch zügellosen Kapitalismus einführen will (vgl. Brock/Junge/Krähnke 2002: 43f). Das Prinzip der Treuhandschaft ist bis heute ein integraler Bestandteil der Entwicklungs- und Modernisierungstheorien, allerdings in abgewandelter Form: So wird den meisten Entwicklungsländern ein eigenständiger und verantwortungsbewusster Umgang mit Entwicklungsgeldern und -vorhaben abgesprochen, weshalb die Geberländer „treuhänderisch“ das gewichtigere Mitsprache- und Bestimmungsrecht bei der Vergabe und Verteilung von Entwicklungsgeldern geltend machen. Bei Comte ist das Treuhänderprinzip vielmehr eine moralische und ethische Reaktion auf den unkontrollierten Wirtschaftsliberalismus Mitte des 19. Jahrhunderts (Pickering 2009: 453ff). Ökonomischen, der Allgemeinheit dienlichen „Fortschritt“ (im Allgemeinen) versteht Comte als „Steuerung gesellschaftlicher Entwicklung in den Händen einer verantwortungsbewussten, kompetenten und der neueren wissenschaftlich- 70 Anziehungskraft für Lists Überlegungen resultiert auch aus den sozial und politisch unruhigen Jahrzehnten zwischen französischer Revolution, napoleonischen Kriegen, postnapoleonischen Neuordnungen der Märkte mit England in der kapitalistischen Vorreiterrolle und dem Scheitern der diversen Revolutionsversuche um 1848. Die im Ganzen missglückten bürgerlichen Umsturzbestrebungen entpolitisieren das Bürgertum, das sich in der Folge mehr aufs Geldverdienen beschränkt und die Politik der Aristokratie überlässt. Unbegrenzter Fortschrittglaube, rasante ökonomische und technische Entwicklungen (Gaswerke, Eisenbahnen, Schifffahrt etc.) und die mit der internationalen Marktdominanz wachsende Gewissheit rassischer Überlegenheit prägen die folgende Zeit am Vorabend des Imperialismus. Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 189 industriellen Ordnung verpflichteten Gruppe, die im allgemeinen Interesse handelt: generell in den Händen des Staats, speziell in denen der Banken und Bankiers, die vorher jedoch reformiert (verstaatlicht und zentralisiert) bzw. moralisiert werden müssten“, so Ziai (2005: 100). Eine Ordnung über kapitalistischen Fortschritt als sozialverträgliche Gesellschaftsentwicklung kann, nach Comte, nur durch eine generelle Treuhänderschaft funktionieren. Wird dieses Wachstum nicht gemäß moralischen und ethischen Standards reglementiert, wirkt es sich zu Lasten einer allgemeinen gesellschaftlichen Prosperität aus. Fortschritt und Entwicklung sind damit nicht mehr deckungsgleich. Entwicklung muss einer zielstrebigen, ordnenden Politik des Staats unterliegen, der die sich schon zu dieser Zeit krass auswirkenden Negativitäten des technokratisch-industriellen Fortschritts eindämmen, abmildern und kalkulierbar machen soll (vgl. Bernart 2003: 40ff). Comte versucht (vergeblich) das Theorem des Liberalismus zu mäßigen. Er sieht die „höchste Entfaltung“ in der „natürliche Persönlichkeit“, die aus eigener Kraft ein moralisch-ethisch sinnerfülltes und glückliches Leben führen kann. Für ihn ist diese Entfaltung der letzte „Sinn des menschlichen Daseins“ und das „Synonym für persönliches Glück“ (Weber), das aber von frühzeitigen Erwerbszwängen durch gesellschaftliche Verarmungsprozesse, Ausbeutung durch übermäßige Arbeitszeiten und niedrige Entlohnung wegen der Profitgier der Kapitaleigner behindert wird. „Zu dessen Verwirklichung ist das autonome und autarke Individuum nicht auf die Gesellschaft angewiesen – im Gegenteil: jegliche Autorität, die nicht in der individuellen Autonomie wurzelt, behindert nur sein persönliches Streben nach Erfüllung. Allein eine möglichst weitgehende Gewissens- und Handlungsfreiheit (...) garantiert die ungehinderte Entfaltung aller Individuen nach ihren eigenen Vorstellungen und Zielen“ (Weber 1999: 31). Der technokratische Fortschrittsglaube des individualistischen Bürgertums wird in den Klassenauseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts zwar schwer erschüttert, behält aber seine Wirkungskraft. In der zweiten Hälfte desselben Jahrhunderts formieren sich als Reaktion auf die sozial unverträglichen Verteilungssysteme der liberalen Wirtschaftslogik sozialistische Gegentheorien. Auslöser sind sowohl die wachsende Kluft zwischen fortschreitender Industrialisierung in einigen wenigen Ländern gegenüber der Wirtschaftssituation in nicht-fortgeschrittenen industrialisierten, handelsabhängigen Regionen als auch die immer asymmetrischer werdende Verteilung des Wohlstands innerhalb der kapitalistisch fortgeschrittenen Industriesysteme durch zunehmende Ausbeutungs- und Verelendungsprozesse der (Land-) ArbeiterInnen und des Subproletariats. Karl Marx (1818-1883) konstruiert in „ Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ (1859; hier: 1970a) ein entwicklungs- und modernisierungstheoretisches Gegenkonzept aus den angeblich universellen Gesetzen folgenden Geschichts- und Wachstumsverläufen kapitalistisch-liberalistischer Gesellschaften zur Überwindung Wirtschaftsgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 190 der wirtschaftlichen Klassenhegemonie des (Groß-)Bürgertums. Die Marxsche Kapitalanalyse (ab 1867; hier 1962) ist eine Reaktion auf die entstandene industrielle Massengesellschaft und die aus ihr resultierenden Verarmungsprozesse des Proletariats. Nach Marx ist der Mensch (bzw. der Arbeiter) im industriellen Produktionsprozess nur noch ein entfremdetes Wesen, dass auf einen wirtschaftlichen Rationalismus entgegen seiner Natur reduziert wird. Die Natur des Menschen ist zwar die Arbeit und das Herstellen (worin er sich vom Tier unterscheidet), damit setzt er sich mit der Natur auseinander und wird sich seiner selbst als Geschichte machendes Wesen bewusst. Zum Verhältnis vom Menschen (und seiner „Kultur“) und der Natur schreibt Marx: „Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigene Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eigenen Botmäßigkeit“ (Marx 1962a: 192). Durch die Verwandlung der Arbeitskraft in eine Ware und damit in Eigentum eines anderen, hat der Mensch aber keinen direkten Bezug mehr zu sich selbst, zur Natur und den unmittelbar relevanten Gegenständen für eine wahrhaftige Existenz (die Marx potentiell jedem Gesellschaftsmitglied zuspricht, im Unterschied zu Kants rein bürgerlichen Zuweisungen). Zum Verhältnis des Menschen (als „Kulturwesen“) und dem Tier an sich fährt er fort: „Das Tier formiert nur nach Maß und dem Bedürfnis einer species, der es angehört, während der Mensch nach dem Maß jeder species zu produzieren weiß und überall das inhärente Maß dem Gegenstand anzulegen weiß; der Mensch formiert daher auch nach den Gesetzen der Schönheit. Eben in der Bearbeitung der gegenständlichen Welt bewährt sich der Mensch daher erst wirklich als ein Gattungswesen. Diese Produktion ist sein werktätiges Gattungsleben. Durch sie erscheint die Natur als sein Werk und seine Wirklichkeit. Der Gegenstand der Arbeit ist daher die Vergegenständlichung des Gattungslebens des Menschen. Indem er sich nicht nur wie im Bewußtsein intellektuell, sondern werktätig wirklich verdoppelt und sich daher in einer von ihm geschaffenen Welt anschaut. Indem daher die entfremdete Arbeit des Menschen den Gegenstand seiner Produktion entreißt, entreißt sie ihm sein Gattungsleben, seine wirkliche Gattungsgegenständlichkeit und verwandelt seinen Vorzug vor dem Tier in einen Nachteil, daß sein unorganischer Leib, die Natur ihm entzogen wird“ (Marx 1968a: 57f). Zum Herstellen benutzt der Mensch zwar Werkzeuge, erdenkt neue Arbeitsmittel bis zur Maschinenkonstruktion, er formt und nutzt mechanische, physikalische, Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 191 natürlich vorkommende und chemische Eigenschaften zu seinen dienlichen Zwecken. Diese Eigenschaften werden ihm aber in den gesellschaftlichen Verhältnissen einer fremdbestimmten kapitalistischen Warenwelt entzogen. Er ist sich über seine Tätigkeit im Produktionsprozess nicht mehr bewusst. Basis ist die „Arbeitskraft, die als einzige den Waren Wert zusetzen kann. Die Arbeitskraft ist selbst eine Ware mit einem Gebrauchswert und einem Tauschwert. Der Kapitalist kauft die Arbeitskraft (...). Die Entlohnung geschieht nach den Reproduktionskosten der Arbeit. Aus dieser Differenz von Tauschwert und Arbeit und ihrem Gebrauchswert entspringt der Mehrwert. Werden alle Waren zu ihren Werten getauscht, tritt trotzdem der Mehrwert auf. D.h. die Arbeitskraft wird unter kapitalistischen Verhältnissen ausgebeutet. Es entsteht eine permanente Entfremdung. Der Arbeiter verfügt nicht über sein ganzes Produkt, der Arbeitsprozeß wird ihm vorgeschrieben, er ist lediglich eine Ware. Er wird von der Natur entfremdet“ (Woll 1994: 49f). Kleeberg und Langenohl bezeichnen diesen Prozess als soziokulturelle Degeneration und Verkümmerung bzw. als gesellschaftliche „Dekulturalisierung“, weil „Kulturalisierung als soziale und politische (...) Strategie der Regulierung von Beziehungen zwischen Personen, sozialen Gruppen und Makrokollektiven“, essentialisiert und hierarchisiert, nur einem spezifischen Personenkreis, dem (Groß-)Bürgertum, zugesprochen wird und untere Klassen bzw. Schichten von „Kultur“ ausgeschlossen werden (vgl. Kleeberg/Langenohl 2011: 289). Das elitäre Kulturbild des Wirtschaftsliberalismus übernimmt die Tradition des vorkapitalistischen normativuniversalistischen Kulturverständnisses. Vor dem Hintergrund von Industrialisierung und Klassengesellschaft verschärft sich die soziale Separation sogar noch. Marx‘ Vorstellung zu einer sozialistischen Entwicklung basiert zwar ebenfalls auf einer notwendigen kapitalistischen Industrialisierung von Gesellschaft, nur führen sie bei ihm über das wirtschaftsliberale Stadium Smithscher, vor allem aber Sayscher und Ricardoscher Prägung hinaus zu einer „klassenlosen“ Gesellschaft (bzw. zur Herrschaft der Klasse des Proletariats). Insofern übernimmt er Entwicklungsgedanken des Liberalismus (der Kapitalismus wird sich weltweit durchsetzen), sieht in ihm aber nicht das Ende von (Hegelianischer Geistes-)Geschichte, sondern nur gesellschaftlich wirkende Gesetze der zu überwindenden exekutiven Kapitalakkumulationslogik (vgl. über das Ende der Geschichte durch den Liberalismus: Fukuyama 1992, 1989).71 Im Kapitalismus sieht Marx aber umgekehrt ein not- 71 Hierzu führt Marx in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ (1968: 536) an: „Der Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen; darum als vollständige, bewußt und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordne Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d.h. menschlichen Menschen. Dieser Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus Humanismus, als vollendeter Humanismus Naturalismus, er ist die wahrhafte Wirtschaftsgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 192 wendiges Übel zu flächendeckender Industrialisierung.72 Dessen einhergehende Verarmungsprozesse klassenspezifischer Ungleichheiten können in sozialen Revolutionen überwunden werden. Gemäß seiner Lehre wird es ab einem bestimmten Punkt der konzentrierten Kapitalakkumulation in den industriell fortgeschrittensten Staaten zu einer Erhebung der werktätigen Klasse kommen, die den Antagonismus von Kapital und Arbeit zugunsten letzterer überwinden wird. Gesellschaften durchlaufen bis dahin allerdings alternativlos und in eine Richtung verschiedene Stadien unter „ehernen Notwendigkeiten“ sich immer „durchsetzender Tendenzen“ der „Naturgesetze kapitalistischer Produktionsweise“ (Marx 1962a: 12). Diese entwicklungstheoretischen Notwendigkeiten beginnen beim prähistorischen Urkommunismus, gehen über Sklavenhaltergesellschaften und Feudalismus hin zur bürgerlichen Gesellschaft, enden aber emanzipatorisch im Sozialismus als „Reich der Freiheit“ (Marx 1974a: 828).73 Während Smith selbstständige und ebenbürtige Individuen Arbeitsteilung zu gegenseitigem Nutzen eingehen sieht, versteht Marx Arbeitsteilung im kapitalistisch-industriellen Produktionsprozess als erzwungene und „enthauptete“ Arbeitsteilung: Während der Arbeiter die notwendige, schmutzige, körperlich anstrengende und „hässliche“ Handarbeit verrichtet, werden die geistigen Potenzen vom Kapital in Form einer „Armee“ von Überwachern, Aufsehern, Verwaltern (Manager, Dirigenten), Arbeitsgruppen gleich einer spezifischen Form von „Ober-„ und „Unteroffizieren“ als eigenständige Gruppe von Lohnarbeitern bestimmt (Marx Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen, die wahre Auflösung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung. Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung“. 72 Die durch die Briten ausgelöste „soziale Revolution“ in Indien habe, so Kalmring und Novak (2011), nicht nur den „orientalischen Despotismus“ (das Kastensystem),“ den religiösen Fanatismus und „dieses menschenunwürdige, stagnierende Dahinvegetieren (...) unterhöhlt, sondern eben auch Indien auf den Weg einer industriell-kapitalistischen Entwicklung geführt und somit auch die Voraussetzungen für eine spätere sozialistische Gesellschaft geschaffen. Marx findet starke Worte, die ins geschichtsphilosophische abgleiten. Welche Verbrechen England auch immer begangen haben mag, nach Marx sei es nicht weniger als ‚das unbewusste Werkzeug der Geschichte‘“ gewesen, „indem es diese Revolution zuwege brachte“ (vgl. Avineri 1969; Marx 1960: 132f). 73 Zwar versucht sich Marx entschieden von „dem Universalschlüssel einer allgemeinen geschichtsphilosophischen Theorie“ zu distanzieren, „deren größter Vorzug darin besteht, übergeschichtlich zu sein“, wenn aber Geschichtsphilosophie, so Heinrich (1999: 127ff), Anreiz zum Nachdenken über den Verlauf und das Ziel der Geschichte bietet, über das Vorhandensein und die Nachweisbarkeit allgemeiner Gesetzmäßigkeiten ihrer Entwicklung und über einen eventuell ihr innewohnenden Sinn, dann hat Marx in und über sein Werk durchaus Aussagen bezüglich des Anspruch einer allgemeinen Geschichtsphilosophie gemacht (vgl. Marx 1987b: 112). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 193 1962a: 351).74 Sind, im Sinne Foucaults, Selbstdisziplinierung und „Biomacht“ bei Smith noch souverän in der Hand der am arbeitsteiligen Prozess beteiligten Handwerker und Manufaktur-Arbeiter, erfahren sie bei Marx durch stärkere Hierarchisierung der Arbeitsorganisation in den Fabriken (Kapitaleigner, Verwalter, Aufseher, Vorarbeiter und zuletzt der einfache Arbeiter) und durch die Teilung der Produktion in simple, monotone, maschinell basierte Tätigkeiten (von denen der einzelne Arbeiter nur noch einen kleinen Teil der Produktherstellung übernimmt) ihre offensichtlichste und dualistischste Ausformulierung als ein soziales „Gewaltverhältnis“. Zur Aufrechterhaltung dieser industriellen Verhältnisse bedarf es einer permanent in Bereitschaft stehenden „Reservearmee“ von Arbeitswilligen, die in direkte Konkurrenz zu den beschäftigten Lohnarbeitern treten können (z. B. im Streikfall oder bei geplanten Lohnreduzierungen). Um einen, die Gewalt- und Ausbeutungsverhältnisse verdeckenden Tauschwert der Ware erzielen zu können, muss die Art und Weise der in ihr enthaltenen Arbeit zum Erhalt des Gebrauchswerts verschleiert werden. Andere, außermenschliche Faktoren als die Arbeit müssen als Wertbildungsprozess in den Vordergrund treten und den Fokus vom Menschen als reinen ökonomischen Rollenträger ablenken. Während der Mensch im Arbeitsprozess verdinglicht, werden seine hergestellten Gebrauchsgegenstände „rätselhaft“ mystifiziert; Marx spricht hier vom Fetischcharakter der Ware. „Woher entstammt also der rätselhafte Charakter des Arbeitsprodukts, sobald es Warenform annimmt? Offenbar aus dieser Form selbst. (...) Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. Durch dies Quidproquo werden Arbeitsprodukte Waren, sinnlich übersinnliche oder gesellschaftliche Dinge. (...) Hier scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbstständige Gestalten. So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand. Dies nenne ich den Fetischismus“ (Marx 1962a: 86f). Was bei Foucault als Dispositiv der Macht gilt, ist bei Marx im Sinne des Historischen Materialismus (1970: 822ff) die trinitarische Formel des Verdinglichungsprozesses: Der Kapitalist „sei der eigentliche Schöpfer der Produktion und seine 74 „Oder wie kommt es, dass der Handel, der doch weiter nichts ist als der Austausch der Produkte verschiedener Individuen und Länder, durch das Verhältnis von Nachfrage und Zufuhr die ganze Welt beherrscht – ein Verhältnis, das, wie ein englischer Ökonom sagt, gleich dem antiken Schicksal über der Erde schwebt und mit unsichtbarer Hand Glück und Unglück an die Menschen verteilt, Reiche stiftet und Reiche zertrümmert, Völker entstehen und verschwinden macht ... ?“ (Marx 1978: 35). Wirtschaftsgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 194 Macht und Herrschaft sei berechtigt. Der Arbeiter akzeptiert den Lohnfetisch und seine abhängige Rolle. Die Wissenschaft bildet unter kapitalistischen Bedingungen keine eigene Denkkraft aus, sondern verdolmetscht die sozialen Verhältnisse“ (Woll 1994: 52). Diese „Vermachtung“ kapitalistischer Wertgesetzmäßigkeit in der entfremdeten Arbeit ist für Marx die Ursache für entfremdetes Denken und Handeln. Gleichgültigkeit und Äußerlichkeit spiegeln lediglich die inneren Verhältnisse emotionaler Versachlichung der Gesellschaft und der in ihr wirkenden Beziehungen wider. Waren- und Denkform bedingen einander. An die Stelle eines übersinnlichen Gotts bzw. von überirdischer Göttlichkeit treten die neuen Götzen des Geld- und Warenfetischs. Auch im Sozialismus sieht Marx kein romantisches Reich fern der Notwendigkeiten, sondern Freiheit ebenfalls erst dann wirkend, wenn die notwendige Arbeit vollzogen ist. Entscheidend ist das Verhältnis des Menschen zu seiner Arbeit sowie die Art und Weise der Aufteilung, die nicht in vergegenständlichter Entfremdung zu einer Entkoppelung des emotionalen Bezugs im Herstellungsprozess und damit zu einer entweltlichten Identifikationslosigkeit führen darf. Marx will den Nachweis erbringen, dass bürgerlich-kapitalistische Entwicklung nicht das Ende bedeutet, sondern zu ihrer eigenen Überwindung führt. Damit verbleibt er in der Hegelschen Tradition von Dialektik als historischem Antrieb (vgl. Hegel 1952) und deklassiert zugleich den Kapitalismus als ein zeitlich begrenztes ökonomisches System. Dieses wird aufgrund interner Widersprüche die subjektiven und objektiven Voraussetzungen zu seiner eigenen Überwindung hervorbringen. Die klassisch marxistische Annahme versteht Entwicklung dialektisch, sowohl als Prozess wie als Zustand: Da das Kapital einem auf Reinvestition basierendem Wachstumszwang unterliegt, ist es ein Prozess der stetigen und steigenden Mehrwertakkumulation, um daraus Profit zu erzeugen. Dadurch ist es zugleich ein konstanter Zustand ständiger Weiterentwicklung von Notwendigkeit zur Reinvestition. Der Gegenstandbereich erfasst (noch) staatlich abgegrenzte, bereits industrialisierte (nordwest-europäische und US-amerikanische) Gesellschaften. Der Prozess ist zielorientiert und Entwicklung ist normativ positiv konnotiert. Der Prozess einer spezifischen Entwicklung ist der industriellen Gesellschaft insofern sogar immanent, indem die Produktivkräfte zwangsläufig in Widerspruch zu den Produktionsverhältnissen geraten werden. Der Marxsche Entwicklungsbegriff impliziert eine vollständige Erklärung der Vergangenheit und prognostiziert universell zukünftige Prozesse: Fortgeschrittene Gesellschaften werden transitiv (sie entwickeln sich), rückständige Kolonialgebiete werden intransitiv gesehen (sie müssen von außen entwickelt werden). Für die damaligen Gebiete unter kolonialer Herrschaft (die kapitalistische Peripherie) haben Marx und Friedrich Engels (1820-1895) nach der Revolution im kapitalistischen Zentrum zwar keine theoretischen Annahmen ausgearbeitet, einen Weg abgekürzter Industrialisierungsprozesse aber als möglich erachtet. Kim (1993: 6, 90) merkt richtig an, dass Marx‘ Vorstellung von der „Zivilisierung des Kapitals“ (Aus- Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 195 weitung der Arbeitsteilung auf unentwickelte Regionen) „ein unilineares, eurozentristisches Evolutionsschema der historischen Entwicklung“ verfolgt (nahezu identisch dem liberalistischen), dass letztlich deterministisch und auch rassistisch ist (z.B. Marx 1981: 372ff; ders. 1974b: 257, 259; ders. 1960: 220f), weil es davon ausgeht, dass westliche Entwicklungsvorstellungen ohne größere gesellschaftliche Umwälzungen übertragbar sind.75 „Für das auf dem Boden des Marxismus sich bewegende entwicklungstheoretische Denken war die Ausgangslage (...) ähnlich derjenigen, die für die entsprechenden Bemühungen im Bereich der ‚bürgerlichen’ Wissenschaften bestand. Auch im Marxismus gab es bis dahin noch keine spezifische Theorie über die Bedingungen einer Entwicklung in den nichtkommunistischen rückständigen Ländern, und es gab im Grunde ebenso wenig eine ausgeführte Theorie zur Erklärung dieser Rückständigkeit (...). Der Marxismus hatte sich, außer mit den Fragen des Aufbaus des Sozialismus (...), im Wesentlichen mit der Untersuchung der ökonomischen und gesellschaftlichen Dynamik in den Kernländern des Kapitalismus befasst. Er hatte jedoch die kapitalistischen Metropolen und die von ihnen in unmittelbare oder mittelbare Abhängigkeit gebrachten Gebiete und Länder der Peripherie grundsätzlich als ein Gesamtsystem betrachtet, in dem den letzteren ganz bestimmte Funktionen zukommen. Dieses System war (...) der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus’“ (Geiger/Mansilla 1983: 52). Marx argumentiert, dass der Imperialismus noch nicht (wie später bei Lenin) auf den Niedergang des Kapitalismus hinweist. Dessen historische Rolle geht damit nicht dem Ende entgegen. Der Kapitalismus bedarf vielmehr des Imperialismus als Vehikel zur weltweiten Durchsetzung seiner Produktivkraftentfaltung (vgl. Marx 1853; hier: 1960). Bei Marx macht eine strukturalistische Unterscheidung in metropolitanen und peripheren Kapitalismus wenig Sinn, da er den Kapitalismus letztlich als absolut einschätzt (der Kapitalismus breitet sich mit gleicher Intensität überall, auch im Subsistenzbereich, aus). In Kolonialismus und Imperialismus sieht er zwar schmerzhafte Übel, die jedoch notwendig sind zur Überwindung dieses Wirtschaftsystems.76 Seine Analyse 75 Marx geht davon aus, dass sich mit fortschreitender Kapitalisierung und durch die Herrschaft der Europäer auch gesellschaftliche Strukturen nach westlichem Vorbild in den Kolonien ausbilden werden und dies zu sozialer Entwicklung führen wird (Institutionenausbildung, Ausbau der Gesundheits- und Bildungswesens, der Infrastruktur etc.). Er meint weiter, dass die Kolonialpolitik nicht auf die Durchsetzung von Gewalt und Brutalität verzichten kann, da sie Teil des Kapitalismus ist, der grundsätzlich nicht konfliktfrei und problemlos verläuft. Die Ausbildung kapitalistischer Verhältnisse sind für Marx aber eher eine Prognose, die nicht automatisch bzw. zwangsläufig auch in demokratischen Strukturen münden müssen, sondern abhängig ist von den sozialen Kräfteverhältnissen, die die Form der Demokratie erst legitmieren (Kim 1993: 85ff; vgl. Wehler 1962: 13). 76 Bereits in den 1850er Jahren hat Marx die Transformation traditioneller in kapitalistische Produktionsweise in den englischen Kolonien Asiens kritisch analysiert, besonders in In- Wirtschaftsgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 196 der Funktions- und Machtwirkungen des Kapitals ist der fundamentalste Bruch der liberalen Entwicklungsdiskurse. Das politisch-ökonomische Dispositiv Smithscher und Ricardoscher Prägung gerät in den krisenhaftesten Erklärungsnotstand seit Aufkommen des neuzeitlichen Kapitalismus und kann sich nur mittels Zugeständnissen an die Industriearbeiterschaft durch Etablierung sozialer Sicherungssysteme neu formieren. Damit geht ein signifikanter Machtverlust einher, der zu einer anders strukturierten Ausformen der hegemonialen Wirtschaftsweise in den kapitalistischen Zentren führt (z.B. Regulierung der Arbeitszeit, Verbot von Kinderarbeit, Legitimierung von Gewerkschaften, Ausweitung von Arbeitsschutzmaßnahmen). Lenin hingegen versucht unter dem Eindruck des ersten Weltkriegs nachzuweisen, dass dem Kapitalismus durch die Einbeziehung der nicht-industrialisierten Welt in das Weltmarkt-System des Imperialismus als höchstes kapitalistisches Stadium zwar eine Gnadenfrist vor seinem endgültigen Zusammenbruch eingeräumt wird, dies an der historischen Notwendigkeit von dessen Überwindung jedoch nichts ändert. Die theoretischen Überlegungen zu diesem Schluss stammen selbst nicht von Lenin (1916; hier 1955), sondern sind von marxistischen Denker- Innen wie Rudolf Hilferding (besonders dessen Kritik am Finanzkapital; vgl. Hilferding 1910: VII; hier: 1971), Nicolai Bucharin (1915), besonders aber durch Rosa Luxemburg (1913; hier: 1970) erdacht und erbracht worden (Lenin übernimmt fast wortgetreu Luxemburgs [1970] Kapitalismuskritik über die Kapitalflucht in „rückständige Länder“ zwecks Steigerung der Profitrate, anstatt es im eigenen Land zu reinvestieren; vgl. Lenin 1940: 59), teilweise übernimmt er sie aber auch aus dem linksliberalen Lager wie z.B. von John A. Hobson (1902). Nach Lenin ist das neue monopolistische Stadium, in das der Kapitalismus durch den Imperialismus eingetreten ist, durch fünf Entwicklungsstufen vor dem Zusammenbruch gekennzeichnet (Lenin 1940: 85): Die Akkumulation an Produktionsmitteln und Kapital hat sich konzentrisch so stark verdichtet, dass sich Monopole gebildet haben, die die Ökonomie beherrschen (1); durch Symbiose von Industrie- und Bankenkapital zu Finanzkapital ist eine Finanzoligarchie entstanden (2); gegenüber dem Warenexport gewinnt der Kapitalexport an Einfluss (3); die monopolistischen Kapitalverbände teilen die Welt unter sich auf (4); die Welt wird von wenigen kapitalistischen Großmächten beherrscht (5). Nach anfänglich kolonialen Bestrebungen entfaltet die finanzkapitalistische Expansionskraft eine solche Dynamik, dass selbst Staaten mit „vollster politischer Unabhängigkeit“ unterworfen werden, sofern sie nicht über eigene Kolonien verfügen und Teil des Finanzkapitalmonopols sind (ebd.: 78). Das gilt besonders für nur formell selbstständige Staaten ohne Kolonien. Diese nennt er „halbkoloniale Staadien: Während der englische Staat Teil der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ist, ist er in den asiatischen Ökonomien Teil der Produktionsverhältnisse. Die organisatorische Funktion der dortigen Bürokratien bildet eine entscheidende und stabilisierende Produktivkraft, die durch den Imperialismus zerstört wird (vgl. Marx 1960). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 197 ten“ (ebd.: 81f). Schlussendlich existiert die internationale Staatenwelt nur noch aus einer kleinen Anzahl von „Wucherstaaten“ und einer „ungeheuren Mehrheit von Schuldnerstaaten“ (ebd.: 90). Für Lenin spielen die Kolonien, die halbkolonialen Staaten und technisch „rückständige“, der Ausbeutung des Finanzkapitals unterworfene Völker im internationalen Klassenkampf eine Schlüsselrolle, da sie potentielle proletariatsorientierte Bündnispartner der Sowjetunion darstellen (Stalin bedient sich später dieser Argumentationslogik; vgl. Stalin, in Mommsen 1977: 44). Der imperialistische Kapitalismus lagert die inneren Krisen in (halb-)koloniale Gebiete aus, wo sich die Widersprüche wiederholen werden, bis das an seine Grenzen geratene Kapital durch Weltkriege versuchen wird, die letzten verbliebenen Vormachtstellungen im Zentrum für sich zu vereinnahmen. Das führt schließlich zum endgültigen Zusammenbruch der Kapitalakkumulationslogik. In diesem Punkt ist sich Lenin theoretisch mit Marx einig. Gemäß Marx findet aber die Revolution in Gebieten mit der höchsten Kapitalzirkulationsdichte statt (in den industrialisierten Staaten). Demgegenüber muss Lenin eine ideologische Rechtfertigung für die erzwungene Revolution der Bolschewisten in der industriell völlig unterentwickelten postzaristischen Sowjetunion kreieren: Daraus resultiert seine „These der ungleichen Entwicklung“, wonach das imperialistische System an seinem schwächsten Kettenglied zerbrechen werde, womit die Marxsche Revolutionsprognose des Klassenumsturzes in den kapitalistisch am weitesten industrialisierten Staaten notgedrungen und opportun auf den Kopf gestellt wird (Lenin 1955ff: 134). Demnach muss der Imperialismus fallen, „sobald der revolutionäre Ansturm der ausgebeuteten und unterdrückten Arbeiter in jedem Lande (...) sich mit dem revolutionären Ansturm von Hunderten von Millionen Menschen vereinigt, die bisher außerhalb der Geschichte standen und nur als ihr Objekt betrachtet wurden“ (ebd.: 220). Lenins Aussagen bewahrheiten sich, wo sie nicht reine Analyse Marx, Luxemburgs, Hilferdings oder Bucharins sind, nicht. Der Export von Kapital in die Peripherie ist zu gering und spielt sich hauptsächlich zwischen den fortgeschrittenen kapitalistischen Industriestaaten ab. Vielmehr vollzieht die Sowjetunion schon unmittelbar nach Lenins Tod eine nachholende industrielle Entwicklung unter stalinistisch-totalitären Vorzeichen in nur einem Land (und in assimilierten bzw. „autonomen“ Teilrepubliken). Die Popularität und Resonanz von Lenins Imperialismustheorie in den postkolonialen Staaten resultieren hauptsächlich aus der anklagenden Haltung gegen die kolonialistischen Mutterländer, die sich als ideologische Waffe im Emanzipationskampf der sich konstituierenden Staaten Afrikas und Asiens nutzen lässt. Ihr Impetus, dass Verarmungsprozesse in vermeintlich „rückständigen“ Gebieten eine direkte Folge kapitalistisch-imperialistischer Ausbeutungsverhältnisse der Industrieländer ist, ändert aber erstmals die entwicklungspolitische Perspektive: Die westlichen Entwicklungstheorien (dazu zählt auch Marx imperialismustheoretische Abhandlung über die asiatische Produktionsweise) erklä- Wirtschaftsgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 198 ren Unterentwicklung in der kapitalistischen Peripherie vorwiegend über endogene, innere Ursachen, während Lenins Theorieansatz der Beginn exogen ausgerichteter, von außen auf die vermeintlich „rückständigen“ Gesellschaften einwirkender Diskursstrategien von Unterentwicklung ist (z.B. van Laak 2005b: 33ff, 37ff; Schöllgen 2000: 142ff; Gallagher/Robinson 1979: 183ff; Césaire 1968: 6ff, 23ff).77 Eine einschränkende Modifizierung des liberalen Wirtschaftsparadigmas erlebt das bürgerlich-kapitalistische Lager durch die Folgen der Weltwirtschaftskrise und den zweiten Weltkrieg in den 1930er und 1940er Jahren. Die anhaltende Depression zeigt, dass Selbstregulierung des Markts keine Lösung gegen Wirtschaftskrisen darstellt, das Gegenteil ist der Fall. Bis in die 1950er Jahre findet ein Umschwenken auf nachfrageorientierte Wirtschaft statt, womit das angebotsorientierte Saysche Theorem ausgeklammert wird. Der Keynesianismus ist für die kommenden Jahrzehnte, auch bedingt durch die Systemkonkurrenz in Zeiten des kalten Kriegs, das vorherrschende Wirtschaftsparadigma des Westens (Menzel 1992: 93f). John Maynard Keynes entwickelt in der „Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ (1936) ein Gegenkonzept zum Sayschen Theorem innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise.78 Er erklärt die Annahme, dass sich jedes Angebot seine Nachfrage schafft, sogar für ungültig und bezeichnet die komplette Umkehrung der klassischen politischen Ökonomie als „revolutionär“ (Keynes in einem Brief an George Bernard Shaw vom 1. Januar 1935; in: Pasinetti 2007: 3ff). Angesichts massiv steigender Arbeitslosenzahlen, Einkommenseinbußen, allgemeiner Kaufkraftminderung, daraus resultierendem Konsumrückgang, verringerter Nachfrage und stillgelegten Industriesektoren sucht er durch ein antizyklisches Konjunktursteuerungsinstrument wirtschaftliches Gleichgewicht in der Krise zu schaffen. Entgegen Say hält Keynes die gesamtgesellschaftliche Nachfrage, basierend auf wirklichen (Grund-)Bedürfnissen für die entscheidende Größe in der Produktion und der Beschäftigung, worauf Konsumpotential überhaupt erst aufbauen kann (Keynes 1936: 305f). Durch eine finanziell gesteuerte (staatliche bzw. treuhänderische) Unterstützung der Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen durch expansive Geldpolitik – vermehrte Staatsausgaben – kann die nationale Wirtschaft in Zeiten der Rezension revitalisiert werden. Die Staatsausgaben werden durch kurzfristiges Aufbrauchen von Rücklagen oder Kreditaufnahmen (deficit 77 Lenins Imperialismustheorie bleibt die Richtschnur für die sowjetische Umgangsweise mit Staaten der „Dritten Welt“, die ideologisch durch den COMECON-Verband gebunden werden. Nationale Befreiungs- bzw. Unabhängigkeitsbewegungen werden als ernst zu nehmende Pfeiler für die Ausweitung des antikapitalistischen Systems gesehen. Die nichtsozialistisch gewordenen postkolonialen Staaten gelten demgegenüber zwar als selbständige, aber letztlich doch nur halbkoloniale Gebilde, die weiterhin von den Metropolen des kapitalistischen Zentrums abhängig sind. 78 Zwar basiert sein Kulturverständnis auf dem wirtschaftlichen Verhalten des Menschen unter englischen Verhältnissen, seine Theorie ist aber als Universaltheorie formuliert und verallgemeinert dementsprechend. Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 199 spending) über die Zentralbank finanziert. Das bedeutet ein Auseinanderfallen von gesamtwirtschaftlicher Spar- und Investitionsquote zur Ausbalancierung von bzw. zum Gegensteuern bei zyklischen Auf- und Abschwüngen: Während die klassische Theorie des Wirtschaftsliberalismus in Krisenzeiten generelle Lohnkürzungen, Entlassungen und Sparsamkeit im staatlichen Haushalt einfordert, setzt der Keynesianismus auf temporäre Staatsverschuldung zur Investition in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, zur sektoralen Subvention zeitlich unproduktiver Wirtschaftszweige für Beschäftigungssicherheit und zugunsten von Preisgarantien ausgewählter Güter (z.B. Grundnahrungsmittel). In Zeiten der Konjunktur und vermehrtem Steuereinkommen kann bzw. muss die Diskrepanz zwischen Investitions- und Sparquote bei einer positiven Haushaltsbilanz wieder geschlossen und der Haushalt saniert werden. In der neoklassischen Tradition wird für die freie Entfaltung der Kräfte des Markts durch eine liberale und im Außenwirtschaftsbereich für eine an komparativen Kosten und internationaler Arbeitsteilung orientierte Politik argumentiert. Keynes (1936) empfiehlt explizit staatliche Eingriffe zur sozialverträglichen Regulierung der Märkte und eine verstärkte binnenorientierte Wachstumsstrategie, die außenwirtschaftlich durch importvermindernde zollpolitische Maßnahmen abgesichert werden soll, ohne jedoch die Weltmarktorientierung und -ordnung insgesamt zu hinterfragen. Im Sinne keynesianischer Entwicklung bedarf es speziell zu identifizierender Institutionen als staatliche Regulierung mit gezielten Eingriffen in die Ökonomie (hier ist eine Anlehnung an List und Comte deutlich). In Zeiten starker Schwankungen auf den Märkten werden Investitionen aufgrund wenig planbarer Renditeerwartungen unsicher und gehen zurück. Werden die Auswirkungen dieser Schwankungen durch zusätzliche Mittel seitens des Staats ausgeglichen, wirkt sich dieses Eingreifen letztlich durch steigende Investitionen, Vollbeschäftigung und Kapazitätsauslastung positiv auf die Fiskalpolitik aus (vgl. Beckmann 2014: 93ff). In der klassischen Theorie ist der einzige Fluchtpunkt hingegen ein Außenhandels- überschuss durch Konzentration auf den Export (durch geringere Entlohnung sinken die Preise der Waren). Diese Vorgehensweise löst aber nicht ein rezensionsbedingtes Beschäftigungsproblem, verringerte Inlandskaufkraft oder den Rückgang der Produktion durch fehlende Binnennachfrage. Zudem kann ein kurzfristiger Außenhandelsüberschuss nur solange ausbilanzieren, wie Nachfrage im Ausland besteht; bei einer Weltwirtschaftskrise und globalem Rückgang der Nachfrage versagt das klassische Exportargument. Bei hoher Arbeitslosigkeit ist eine Senkung der Löhne keine Strategie zur Steigerung der Nachfrage, sondern der Staat muss als „künstlicher“ Nachfrager von Arbeit in die Lücke des Markts zwischen Angebot und Nachfrage einspringen und Löhne selbst für verhältnismäßig unproduktive Arbeit zahlen. Diese Arbeit soll sich langfristig und rückwirkend durch sinnvolle Stimuli auf die Investitionsbereitschaft in Form von bspw. Häuserbau oder Infrastrukturmaßnahmen auswirken (vgl. Köhn/Priddat 2014: 69ff; Engel 2014: 100ff; Balling 2013: 171ff). Wirtschaftsgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 200 Das Menschen- und Kulturbild des Keynesianismus ist ein anderes als bei den Freihandelsökonomen. Bei Keynes ist der Mensch kein „aufstrebendes“ Wesen, das historische Stadien bis zur endgültig sich durchsetzenden Marktkonkurrenz durchlaufen muss, sondern ein universelles, dass aufgrund einer generellen Instabilität in seiner sozialen Handlungsweise stabiler Ordnung in Form einer starken staatlichen Führung bedarf, die wirtschaftliche Sicherheit gegenüber spekulativer Interessenverwirklichung herstellt. Sozioökonomisch sinnvolle Aktivitäten der gesellschaftlichen Prosperität (Wohlstand) müssen von einer starken staatlichen Führung selektiv unterstützt und damit bewusst eingreifend geleitet werden. „Die Stärke all dieser Beweggründe wird nun gewaltig schwanken, je nach den Einrichtungen und dem Aufbau der vorausgesetzten wirtschaftlichen Gesellschaft, gemäß den durch Rasse, Erziehung, Übereinkunft, Religion und jeweils geltende Moral gebildeten Gebräuchen, gemäß den Hoffnungen der Gegenwart und den Erfahrungen der Vergangenheit, gemäß dem Grad und der Technik der Kapitalausrüstung, der bestehenden Verteilung von Reichtum und den gegebenen Stufen der Lebenserhaltung“ (Keynes 1936: 94). Vorsicht, Voraussicht, Berechnung, Verbesserung, Unabhängigkeit und Unternehmerlust stehen Genuss, Kurzsichtigkeit, Freigiebigkeit, Fehlrechnung, Prahlerei und Verschwendung gegenüber. Der Mensch reagiert interessengeleitet, daher bedarf er aufgrund seiner spekulativ abwägenden Interessenausrichtung eines starken, sich gegen die politische Ökonomie durchsetzenden (Sozial-)Staats, der das Gleichgewicht zwischen den Subjekten gemäß ethischen und sozialen Normen in der Gesellschaft gewährleistet und damit „impulsbegrenzend“ wirkt. „Kulturell ist Keynes nicht so optimistisch, er sieht Probleme beim Umgang mit Reichtum, Kultur und Muße. (...) Keynes kritisiert die herrschende Klasse, die nicht verantwortungsbewußt mit dem Reichtum umgehen kann. Das gleiche Problem sieht er für die Zukunft der Gesellschaft. Ein ökonomisches Wachstum stellt die Menschheit vor schwierige Probleme (die Sittengesetze müssen sich wandeln). Die Liebe zum Geld wird als etwas krankhaftes angesehen werden. Der zweckhafte Mensch wird abgelöst durch einen neuen Typus. Dieser muß jenseits der Ökonomie seine Freiheit neu definieren. (...) Bis dahin soll nach dem Ökonomieprinzip gearbeitet werden“ (Woll 1994: 119f). Keynes Ansatz, der Forderung eines starken Staats gegen den „laissez-faire- Kapitalismus“, wird das Gegenparadigma zum uneingeschränkten Freihandelsliberalismus innerhalb der marktorientierten Wirtschaftsweise, der sich neben Englands ökonomischer Neuausrichtung auch in US-amerikanischer Staatsintervention des „New Deal“ der Roosevelt-Ära widerspiegelt, aber auch in zentralistischen Staaten mit faschistischer (Italien, Spanien) oder nationalsozialistischer Regierung (wobei Grundzüge schon in Zeiten der Weimarer Republik unter dem Synonym des Ordo-Liberalismus entwickelt werden und später das westliche Nachkriegsdeutsch- Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 201 land als „soziale Marktwirtschaft“ bestimmen; vgl. Balling 2013: 152ff). Keynes Wirtschaftsparadigma erfährt nach dem zweiten Weltkrieg auch in den Anfängen der Entwicklungspolitik ab 1949 eine Hochphase. Die Umstellung von der kriegsbedingt eingeschränkten Produktion schafft eine große Nachfrage nach Konsumgütern und eine zeitweilig relativ stabile wirtschaftliche Ordnung. Der Keynesianismus versteht „Unterentwicklung“ nicht eindimensional als Fehlen ausreichender industrieller Produktionsweise, sondern als Summe innergesellschaftlicher Defizite sozialer und politischer Art. Insofern kritisiert dieser Ansatz später auch das selbstläuferische „take-off“-Prinzip von Rostow als Illusion. Die wenig industrialisierten Staaten bedürfen gerade nicht der wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeit durch bi- und multilaterale Beziehungen mit den Industriestaaten, um über die Ausweitung von Handel und Marktwirtschaft, gesellschaftlicher Modernisierung und Wirtschaftswachstum kulturellen Einfluss zur Auflösung traditioneller Strukturen ausüben zu können. Vielmehr muss im Rahmen der örtlichen (nationalen) Rahmenbedingungen eine sich selbsttragende Wirtschaft mit begrenzter Abhängigkeit zu ausländischen Handelsfaktoren unter Anleitung eines starken Staats aufgebaut werden (vgl. Willke 2012: 110ff). „Die große Kunst, ein Land glücklich und, was wir florierend nennen, zu machen, besteht darin, jedem eine Gelegenheit zu geben, beschäftigt zu werden. Um dies zustande zu bringen, sei die erste Sorge der Regierung, eine möglichst große Zahl verschiedener Fabrikationen, Künste und Handwerke zu fördern, die der menschliche Geist erdenken kann; und die zweite, Landwirtschaft und Fischerei in allen ihren Zweigen zu unterstützen, daß sowohl die ganze Erde wie auch der Mensch gezwungen wird, sich anzustrengen. Größe und Glück der Nationen müssen von dieser Politik erwartet werden, und nicht von den kleinlichen Verfügungen über Verschwendung und Sparsamkeit“ (Keynes 1936: 305). Ab den 1950er Jahren beginnt der Keynesianismus in den kapitalistischen Zentren, bedingt durch erneutes Wirtschaftswachstum, bis in die 1970er Jahre an Unterstützung zu verlieren. Bis dahin prägt er aber in weiten Teilen die aufkommenden außereuropäischen Wirtschaftspartnerschaften mit den sich gründenden Entwicklungsländern. Zugleich kommen ab der zweiten Hälfte der 1940er Jahren neue Ansätze der angebotsorientierten neoklassischen Liberalismustheorien im Sayschen Sinne als „monetaristische Gegenrevolution“ auf, die (wieder) für eine Verschärfung der Marktkonkurrenz und damit für ökonomistische Gesellschaftsanpassungen eintreten (Willke 2012: 123ff, 130ff). Das Problem der technologischen Arbeitslosigkeit (Reduktion benötigter Arbeitskraft aufgrund maschineller Innovationen) bei steigender Produktion kann der Keynesianismus nicht lösen, ebenso wenig die ständig steigenden Staatsverschuldungen durch mangelnde Haushaltssanierungen und ausbleibende Konjunkturphasen aufgrund von mehreren Weltwirtschaftskrisen (z.B. von 1973, 1979, 1982 etc.; vgl. Woll 1997: 107). Durch immense Verschuldungen müssen immer mehr Staaten neoliberale Strukturanpassungen ihrer Staats- Wirtschaftsgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 202 haushalte gemäß den Vorgaben der USA (als größter Gläubiger), des IWF und der Weltbank vornehmen und wenden sich von keynesianischer Politik ab (vgl. z.B. Ehlers 2009a: 53ff; ders. 2013: 9ff). Die Wirkungskraft des „neuen“ Liberalismus kann sich allerdings erst mit dem Ende des eintretenden Ost-West-Konflikts voll entfalten (als Monetarismus; vgl. Reuter 2007: 45ff, 55ff). Industriell wenig bis gar nicht eingebundene Lebensweisen auf einer zivilisatorischen Entwicklungsskala als (kapitalistisch und industriell) „rückständig“ zu bezeichnen, geht auf die religionsanalytischen Vorarbeiten Max Webers (1988), besonders aber auf dessen strukturfunktionalistische Weiterentwicklung durch Talcott Parsons evolutionäre Universalien von Gesellschaft (1970a) zurück. Weber zufolge zeichnet sich der westeuropäische Geschichtsverlauf ökonomischen Kulturbewusstseins durch stetige Zunahme einer spezifischen Form menschlicher Tätigkeit aus, dem sog. „zweckrationalen Handeln“. Das zweckrationale Handeln ist charakterisiert durch Zielgerichtetheit, Planmäßigkeit und Nachvollziehbarkeit, ergibt eine vernunftbasierte Denk- und Handlungsweise durch Orientierung an wissenschaftlichen Erkenntnisprinzipien und deren technologischen Anwendungen. Zweckrationales Handeln ist, gesellschaftlich wie individuell, ausschließlich erfolgsorientiert (was sich durch Bilanzen und Kalkulationen darstellen lässt), wofür natürliche Ressourcen planmäßig als Mittel eingesetzt werden. Es geht einher mit der Verbreitung von Fachmenschentum (beruflicher Spezialisierung) und der Ausbreitung eines von protestantischer Ethik beeinflussten Kapitalismus (Weber 1988: 1ff, 207ff; Parsons 1970a: 57ff). Die „okzidentale Rationalität“ erfasst Gesellschaft als Objekte durch Quantifizierung und Formalisierung wie die Mathematik und die Erfahrungswissenschaften (Parsons Strukturfunktionalismus). Durch Anwendung statistischer Methoden und wissenschaftlicher Betriebsführungstechniken werden standardisierte Verfahrensweisen auf die Wirtschaftsorganisation (Rentabilität, Effizienz), den Staat (Fachbürokratie) und die Lebensführung (zweckrationale Werte und Verhaltensweisen) übertragen. „Moderne“ ist summa sumarum rationell funktionierende, elitäre Wirtschaftstätigkeit (Kapitalinvestition), getragen von einer effizient konstruierten bürgerlichen Bürokratie (Verwaltungsherrschaft) und „freier“ Lohnarbeit in Betrieben und Unternehmen (Proletariat als Klasse), die sich durch die Berechenbarkeit exakter wissenschaftlicher Methoden von allen bisherigen Organisationsformen menschlichen Zusammenlebens unterscheidet (Weber 1988: 9f). Als „traditionell“ deklassierte (triebhafte bzw. emotionale) Bewusstseins- und Gesellschaftsstrukturen stehen demnach einer auf „Rationalität“ basierenden wirtschaftlichen, sozialen, politischen und mentalen Modernisierung im Weg. Mittels dieser dualistischen Begriffspolarisierung von „Moderne“ kontra „Traditionalität“ baut der US-amerikanische Strukturfunktionalismus die Ordnung der Welt in gesellschaftlich-hierarchische Sozialsysteme auf, als sozialpsychologisches Werkzeug der liberalen politisch-ökonomischen Systemtheorie: Modernisierungsprozesse sind ein kombiniertes Zusammenspiel voneinander abhängiger, miteinan- Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 203 der korrelierender Faktoren und strukturierter Kategorien, die durch universalistische Normen des westeuropäisch-angelsächsischen Kulturraums in Diskursen konstruiert werden (Schneider 2002: 99ff, 110ff). An oberster Stelle des Parsonsschen Handlungssystems fortgeschrittener Gesellschaften steht das westliche Kultursystem, das Sinn und kollektive Handlungsweisen durch institutionalisierte Normen und Werte legitimiert. Das Kultursystem steuert soziale Handlungsmuster, indem es den Subjekten vorgibt, wie Ziele erreicht und verwirklicht werden können und dürfen. Diese institutionalisierten Muster an Normen und Werte strukturieren, konditionieren und regulieren das Verhalten passiv durch interpretative Internalisierung der Subjekte und spiegeln sich in der sozialen Persönlichkeit wider (sog. „patterns“).79 Nach Parsons lässt sich menschliches Verhalten weder nach utilitaristischen, grundsätzlich allen Menschen gemeinsamen Gesetzmäßigkeiten (im Sinne Hobbes, Lockes oder Smith‘) erklären, weshalb es einer voluntaristischen Handlungstheorie bedarf, die die subjektiven Bezugsrahmen – wie sie in der Sichtweise des Handelnden erscheinen – betrachtet und analysiert (Parsons 1949: 43ff; vgl. Inkeles 1999: 233ff). Ausdruck dieser universalistisch-normativ institutionalisierten Kulturerrungenschaften sind das neuzeitliche Rechtssystem der angelsächsischen Welt, Kapitalverkehr, auf Effizienz, Überschaubarkeit, Nachvollziehbarkeit und Zuverlässigkeit ausgerichtete Verhaltensmuster, soziale Evolution von subjektiven Selbststeuerungsmechanismen (Disziplinierung des Selbst), Urbanisierung und Industrialisierung (Parsons 1970a: 66ff; ders. 1970b: 43). Dieses Normensystem der „pattern variables“ wird als Subdiskurs in das modernisierungsökonomische Dispositiv eingebunden und übt als Steuerungswerkzeug Kontrolle und Einfluss auf das im Produktionsprozess „atomisierte“ bzw. vereinzelte Subjekt aus (vgl. Meleghy 2000: 107ff). Parsons Strukturfunktionalismus modifiziert die bis dahin gängigen ökonomischen Evolutionstheorien des 19. Jahrhunderts, indem ein Denken in Funktionen (wonach die Ökonomie im Kontext, im Vergleich und in Relation zu spezifisch ausgebildeten Marktstrukturen aus dem unmittelbaren Umfeld abgeleitet werden müssen) das bisherige in Substanzen (wonach die Ökonomie in Bezug auf Marktstrukturen eine Art „Eigenständigkeit“ bzw. metaphysische Selbstregulation besitzt) ablöst. Ein auf Funktionen aufgebautes universelles Normen- und Wertesystem durchbricht jede „substantielle“ Traditionalität, indem alle politischen und ökonomischen Bereiche der übergeordneten Wandlung im Sinne der „evolutionären 79 Nach Parsons entsteht Realität in kapitalistisch fortgeschrittenen Gesellschaften durch zweckrationale kontra traditionell gefühlsbestimmte Handlungen auf drei unterschiedlichen Ebenen: dem sozialen System (der Normen), dem Persönlichkeitssystem (der Motivation) und dem System der allgemeinen kulturellen Werte (Ethik). Die kulturellen Werte bilden die höchste Ebene. Je höher die sozialen Ausdifferenzierungen dieser Ebenen sind, desto fortgeschrittener ist das Gesellschaftsgefüge (vgl. Parsons 1977b: 38f, 44f). Wirtschaftsgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 204 Universalien“ untergeordnet werden (Parsons 1970a: 55ff). Die äußere Welt stellt dabei ein objektives Faktum dar, dass nur durch wissenschaftliche Kategorisierung und daraus resultierender Theorieentwicklung erklärt werden kann. Seine auf Webers protestantischer Ethik aufbauenden Theorieelemente resultieren aus einer kontinuierlichen „Vermischung von historischen und empirischen Beschreibungen, funktionalevolutionistischer Deutung und kausaler Erklärung sozialer Sachverhalte“ und schaffen damit das Bindeglied zwischen klassisch-europäischer Soziologie und der in der Folgezeit die Entwicklungsdiskurse dominierenden amerikanischpragmatischen Soziologie (Haller 2000: 227). Parsons theoretisches Fundament dient mit Rostows Stufentheorie nach der ökonomischen Krise der 1930er Jahre und dem zweiten Weltkrieg als neues, antikommunistisches (und anti-keynesianisches) Paradigma gesellschaftlichen Wandels. Auf der Grundlage von Parsons‘ Verlagerung der politischen Ökonomie auf sozialpsychologische und kulturell normativistische Faktoren entwickelt Rostow die deutlichste Sprachregelung für kapitalistisches Fortschrittsdenken durch Umwandlung eines Gemeinwesens nach „zweckrationalen“ Kriterien des Wirtschaftswachstums. Rostow konstruiert 1952 (bzw. 1955; vgl. ders. 1970: 308, Anm. 2) anhand von 13 ausgewählten Staaten (darunter u.a. die kemalistische Türkei, das maoistische China, das zaristische Russland, das vorwilhelminische Deutschland, die USA vor dem Bürgerkrieg; vgl. Rostow 1970: 251) spezifische kapitalistische Aufstiegsphasen von selbsttragender Industrialisierung („take-off“) als entscheidenden Zeitraum von zwei bis drei Jahrzehnten bedingungslosen Wirtschaftswachstums. Dieser Phase galoppierender Veränderungen in der Produktionsfunktion gehen Zeiträume längerer Vorbereitung voraus, die die politische und soziale Struktur sowie das kulturelle Wertesystem einer Gesellschaft fundamental verändern: „(...) daß es kein Problem der Überwindung traditionaler, dem Wirtschaftswachstum feindlicher Werte und keine entsprechenden Widerstände traditionaler Institutionen gibt“ (ebd.: 288f). Diese Veränderungen sollen die „Neigungen“, das sozioökonomische und -kulturelle Verhalten, konsumkonform ausrichten (eine Nachfrage gemäß von Angeboten entwickeln), „die zu einer massiven und fortschreitenden strukturellen Umformung von Wirtschaft und Gesellschaft“ führen, als totale „Wesensänderung“ (ebd.: 293). Rostow führt dafür 6 Grundvoraussetzungen an: „1. Die Neigung theoretische Grundwissenschaften zu entwickeln; 2. Die Neigung, die Wissenschaft für wirtschaftliche Zwecke einzusetzen; 3. Die Neigung, Innovationen zu akzeptieren; 4. Die Neigung, materiellen Fortschritt zu erzielen; 5. Die Konsumneigung; 6. Die Neigung, Kinder zu haben“ (Rostow 1970: 308f, Anm. 3). Kapitalinvestitionen zur Anregung industrieller Produktionsumstellung kommen, bis auf wenige Ausnahmen, von außen (Fremdkapital). Wie schon Adam Smith in seiner Moralökonomie betont, liegt ein entscheidender Faktor für rasanten ökonomischen Aufstieg und weitere produktivitätssteigernde Innovationen in der Reinvestition von Kapitalerträgen in die länderspezifische Wirtschaft, wodurch Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 205 angeblich andere Sektoren „mächtig“ (Rostow) stimuliert werden. Ein allgemeiner Anstieg der Effizienz ist demnach unweigerliche Folge. Steuern soll diesen Prozess „eine Gruppe unternehmerischer Persönlichkeiten, (...) des Profits wegen Risiko“ übernehmend und als „ausgebildete Elite“ erfolgreich die Investitionen kontrollieren (ebd.: 289). Das Gros an Arbeitenden im Produktionsprozess soll zur Unterstützung der Aufschwungsphase auf Teile des Einkommens verzichten, um neues Investitionskapital zu schaffen, gleichzeitig „Konsum zugunsten der Gewinne“ einschränken (ebd.: 299). „In nichtökonomischer Sprache formuliert, heißt es, daß der wirtschaftliche Aufstieg gewöhnlich ein entscheidender politischer, sozialer und kultureller Sieg derjenigen ist, die die Wirtschaft modernisieren wollen, über diejenigen, die an der traditionellen Gesellschaft hängen oder andere Ziele verfolgen“ (ebd.: 307). Rostow räumt ein, dass diese vorbedingenden Vorgänge des kapitalistischen Aufstiegs nur in „schwachen“ traditionellen Gesellschaften funktionieren, in denen die Mitglieder „flexibel“ genug für fordistisch-tayloristische Arbeit, für generellen, anfangs aber beschränkten Warenkonsum und für Konformität extremer Pro-Kopf- Produktivität sind (ebd.: 302, 307).80 „Folglich sei ein von außen zu fördernder institutioneller Wandel durch einschlägige Reformen einzuleiten, um den modernisierungswilligen Kräften freie Bahn zu verschaffen. Modernisierung war in diesem Verständnis ein welthistorisch zwangsläufiger und eindimensionaler Prozeß, von dem alle Gesellschaften, wenn auch zu unterschiedlichen Zeitpunkten, erfasst werden. Unterstellt wurde, daß wirtschaftlicher und technologischer Wandel sich Hand in Hand mit sozialem und politischem Wandel vollziehen würde. Entwicklung wurde gleichgesetzt mit Produktivitätssteigerung, Wirtschaftswachstum, insbesondere 80 Rostows ökonomisches „Take-off“ bewahrheitet sich außerhalb Europas und Nordamerikas nur in den vom Westen stark subventionierten „Tigerstaaten“, die ihrerseits nach einer Phase als Niedrigstlohnproduzenten für simple Fertigwaren zu höherwertiger Verarbeitung hinderliche Wirtschaftssektoren mit geringer Mehrwertsteigerung nach China, Vietnam, Malaysia etc. auslagern. Im gesamten afrikanischen und lateinamerikanischen Raum versagt das Rostowsche Konstrukt, da es abgesehen von Investitionen in Wirtschaftszweige zur Ausbeutung von mineralischen Rohstoffen und monokultureller Agro- Industrialisierung keinen Kapitaltransfer gibt, der bspw. zu nennenswerter High-Tech- Industrie führt (dieser verläuft weiter zwischen den Industriestaaten). Partiell bewahrheitet sich jedoch Rostows Forderung nach Kapitalisierung von kulturellen Werte- und Normenbereichen in Gesellschaften, die durch Hinwendung zu marktorientiertem Wirtschaften in Abhängigkeit zu internationalem Warentransfer geraten, ohne sich in einer starken Verhandlungsposition zu befinden. Hier sind „Zersplitterungs- und Pulverisierungstendenzen“ (Boris 1998: 24) und ein anomischer „Zusammenbruch des Normensystems“ (Gabbert 2013: 6) der Gesellschaften durch Wegfall bisheriger und ohne Aufbau alternativer sozialer Sicherungssysteme zu konstatieren. Wirtschaftsgeschichtliche Herleitung des Entwicklungsbegriffs 206 Industrialisierung, damit einhergehend Urbanisierung, Alphabetisierung, sozialer Mobilisierung und schließlich Partizipation und Demokratisierung im Sinne westlicher parlamentarischer Systeme. Die politischen Systeme sollten durch schrittweise Reformen transformiert werden, wobei autoritäre Systeme in der Anfangsphase durchaus als notwendig akzeptiert wurden“ (Menzel 1992: 17). Allen klassischen Modernisierungstheorien, den liberalistischen wie den sozialistischen, ist das universelle, linear verlaufende, evolutionäre und als „natürlich“ dargestellte Fortschrittsdenken in Stadien stufenförmiger Entwicklung der Menschheit vom einfachen Jäger und Sammler bis zum höchsten Stadium der (europäischangelsächsischen) Zivilisation gemeinsam (vgl. Kim 1993: 138f). Die Aussagen der Theorien werden mal als apodiktische Behauptung über vermeintlich „objektive“ Realitäten und Gesetzmäßigkeiten formuliert, mal als Postulate und programmatische Forderungen. Immer werden in Gang befindliche Entwicklungsprozesse einer angeblich alternativlosen Notwendigkeit unterstellt, die durch richtiges politisches Handeln zur Reduzierung von Hunger, zu Armutsverringerung bis zu allgemeinem Wohlstand, bei falschem Handeln von gesellschaftlichen Verelendungsprozessen bis zu Kriegen führen. Jeder Schritt wird als Ultima Ratio etabliert. Der Erfolg ist nie gesichert, sondern hängt von der Lenkbarkeit des Willens der Massen ab. In Entwicklungs- und Modernisierungstheorien der Nachkriegszeit spiegeln sich permanent die frühen klassisch-westlichen Konstruktionen von Moderne ohne Finalität (Kapitalisierung als Prozess und Zustand zugleich) wider, andere Völker und postkoloniale Staaten auf einer Vergleichsskala als weniger fortschrittlich zu deklassieren. Die Entwicklungsstufen abstrahieren sämtliche kulturelle Eigenheiten unterschiedlicher Lebensweisen als naturgesetzlich vorbestimmten Weg in die Industrialisierung der Massenkonsumgesellschaft. Methodische Grundstruktur ist eine ethno- und eurozentrische Erforschung menschlicher „Evolution“ in klar definierten Phasen zu einem Zeitpunkt. Die imperiale Expansion auf koloniale Gesellschaften wird eher als theoretische Randnotiz abgehandelt (was perspektivisch erst durch die Dependenztheorie innerhalb des kapitalistischen Paradigmas verändert und in den postkolonialen Wissenschaften zum zentralen Anliegen akademischer Forschung wird, so Ziai (2004a: 102). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 207 4.4 Exkurs I: Kulturelle Überschneidungen kapitalistischer und sozialistischer Modernisierungsdiskurse „Ewige Gerechtigkeit ist ein schöner Traum, aber mit Moral baut man keine Eisenbahnen.“ (Rudolf Hilferding) Entwicklungspolitische Modernisierungsdiskurse, obwohl schon in kolonialistischkapitalistischen wie auch kollektivistisch-sozialistischen Ansätzen in der Zwischenkriegszeit erdacht, entstehen als Reaktion auf die bipolare Weltordnung nach dem zweiten Weltkrieg, meint Menzel (2010: 37). Die Diskurse lesen sich „zwischen den Zeilen“ wie eine Neuauflage des Ökonomismus aus dem 19. Jahrhundert, jedoch mit einer postkolonialen und postnationalsozialistischen bzw. sozialistischen Sprache, die bemüht ist, die Hegemonialansprüche der industriellen Zentren im ideologischen Systemstreit zu verkleiden: Sinngrundlage über den Ideologien sind nun universal gedachte „Verbesserungen der Lebensbedingungen“ von Menschen in weniger bis gar nicht industrialisierten Gebieten durch eine globale Ausweitung internationaler Arbeitsteilung (unter dem Paradigma des verbesserten Zugangs zum Güterhandel). Die Diskurse verstehen unter „Modernisierung“ (weiterhin) eine Kombination von Industrialisierung, Urbanisierung, Überwindung sog. „rückständiger“ Verhaltensweisen (kultureller Traditionen), die Schaffung politischer Ökonomie entsprechender Strukturen, die Etablierung diesen Strukturen dienlicher Massengesellschaften, gesellschaftliche Rollendifferenzierung durch steigende Arbeitsteilung und die Bildung eines nationalstaatlichen Rahmens zur klassenspezifischen Homogenisierung unterschiedlicher Volksgruppen. Aber sowohl die westliche wie auch die östlichen Diskurse verwenden Sprachregelungen wie den Aufbau einer sozial gerechten Gesellschaft, Menschenrechte, Bildung, Selbstverwirklichung, Wohlstand der Massen, Gesundheitsversorgung, gesellschaftlicher Wandel durch neoklassischindividualisierende (West) versus sozialistisch-kollektivierende (Ost) Demokratisierung etc. Hauptanliegen bleiben – neben den Darstellungen der eigenen System- überlegenheit – alte Rezepturen der Technifizierung (Maschinisierung), des Wirtschaftswachstums durch Produktivitätssteigerung, die Intensivierung des Außenhandels, Diversität bei der Entlohnung sowie die Schaffung verfassungsrechtlicher und wirtschaftspolitischer Instrumentarien (Aufbau von Gouvernementalität; vgl. Krüger 2000: 165ff). Über den Paradigmenstreit hinweg dominiert von den 1950er bis in die 1970er Jahre die Ansicht, dass die konträren Theorien und die aus ihnen abgeleiteten Strategien eine je eigene universale Erklärungskraft zur Erreichung desselben Ziels – „Freiheit“ – besitzen. Konsequent werden exogene, also „von außen“ entwi- Kulturelle Überschneidungen kapitalistischer und sozialistischer Modernisierungsdiskurse 208 ckelte und nicht an die Lebensbedingungen „der Menschen vor Ort“ angepasste Strategien forciert (Investitionskredite zum Kauf von Technik im Westen, Bereitstellung von Technik im Produktaustausch im Osten), die an die Übernahme europäischer Arbeits- und Lebensweisen gebunden sind. Für Ferdowski (1992: 648) ist es daher auch nicht verwunderlich, dass „bei aller Unterschiedlichkeit ‚bürgerlicher’ und ‚sozialistischer’ Fortschrittsideologien –, deren Protagonisten doch darin übereinstimmten, daß Europa der fortschrittlichste Teil der Welt sei, und die dort vollzogenen Entwicklungen das Maß aller Dinge darstellten, an dem sich die anderen Teile der Welt zu orientieren und das Vorbild, nach dem sie sich zu ‚entwickeln’ hätten“. Außereuropäische Sichtweisen werden kategorisch abgelehnt und eine Beseitigung traditioneller soziokultureller und sozioökonomischer Strukturen angestrebt, die den Wertvorstellungen einer Industriegesellschaft zuwider laufen. Alle Indikatoren werden unter das Ziel gestellt, die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaften zu steigern, die sich in einer einzigen Zahl widerspiegeln, um einen Vergleich über die Wachstumsraten der verschiedenen Länder zu ermöglichen: im Bruttosozialprodukt (seit 1999: Bruttonationaleinkommen; vgl. für das BSP- Problem von Ost und West: Greskovits 2002: 463). Dass in den postkolonialen Entwicklungsländern keine Strukturen existieren, die eine arbeitsteilige Volkswirtschaft möglich machen, wird nicht berücksichtigt. Der „aggregierende“ Ansatz dieser Messart für ökonomische Prosperität täuscht darüber hinweg, dass nahezu keine wirtschaftlichen Grundlagen vorhanden sind, die eine sektorale Ausdifferenzierung bzw. eine wechselseitige Ergänzung vorhandener Sektoren zu einem kohärenten System befördern können (Seers 1974: 47). Fatal wirkt sich aus, dass beide Entwicklungsdiskurse eine illusorischhistorische Interpretation wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung von kapitalistischen Industrieländern und stalinistischem Sozialismusaufbau der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf die Gebilde der Entwicklungsstaaten anwenden: Elementare Probleme von Armut, Arbeitslosigkeit und Ungleichheit gelten trotz der Weltwirtschaftskrise ab 1929 und dem zweiten Weltkrieg in beiden Systemen als nahezu bewältigt (Geiger/Mansilla 1983: 48). Diese, meiner Meinung nach, selbstverherrlichenden und generalisierenden Ansichten werden auf die neuen postkolonialen Staaten in der Annahme übertragen, die heterogenen Gesellschaftskonstrukte über entsprechende Transformationsprozesse vereinheitlichen zu können. Die kapitalistischen und sozialistischen Entwicklungsdiskurse unterstellen letztlich eine prinzipielle Wiederholbarkeit an Erfahrungen des einmaligen raschen Wiederaufbaus der kriegszerstörten, aber bereits fortgeschritten industrialisierten Volkswirtschaften Europas nach 1945. Aus ihnen resultieren die grundlegenden Überzeugungen, dass nachholende Entwicklung analog zum europäischen Vorbild in den im Laufe der Dekolonisierung neuentstandenen, jedoch unterentwickelten Staaten auf prinzipiell gleichartige Weise möglich und machbar ist (vgl. Kim 1993: 139). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 209 Die Diskurse über „rückständige“ oder „traditionelle“ Kulturen stellen sich als kapitalistisches wie sozialistisches Konstrukt fortschrittsfeindlicher und modernisierungsunwilliger Elemente wie folgt dar: Gemäß Levy (1966) zeichnen sich soziokulturelle Charakteristika von traditionellen Gesellschaften, die Wert auf überlieferte, intergenerationelle Lebensweise legen, generell durch die große Bedeutsamkeit religiöser und sakraler Werte für den gesellschaftlichen Alltag aus, ohne Abtrennung gegenüber einer weltlichen Sphäre. Primäre Gruppen wie Familie, Verwandtschaft und „Klans“ haben großen Einfluss und Ansehen, was durch die Geltung mündlich überlieferter Verhaltensnormen verfestigt wird. Nicht die eigene Leistung als Subjekt in der Gesellschaft stellt einen Status als Individuum her, sondern die Entsprechung einer Rolle durch sozialen Ursprung und Verwandtschaft in einer Gemeinschaft. Schichtstrukturen sind gekennzeichnet durch Immobilität und Rigidität: Der Wechsel aus einer sozialen Gruppierung stellt die Mehrheit der Menschen vor große Schwierigkeiten, da diese durch Schranken fest umrahmt sind. Soziale Ungleichheit geht auf Verwandtschaftsbeziehungen, ererbte Privilegien und althergebrachte Herrschaftsstrukturen zurück, wobei die soziale und berufsmäßige Hierarchie nicht durch Funktionsleistung, sondern ererbte Positionen gekennzeichnet ist. Mit Traditionalität werden demnach Gesellschaften beschrieben, deren Produktionsweise vorwiegend agrarisch ausgerichtet ist und technologisch stagniert. Die Einwohner traditioneller Gesellschaften sind hauptsächlich von in der Natur bereits vorhandenen Energiequellen (Sonne, Wasser, Wind etc.) abhängig. Komplexe von Menschenhand hergestellte Energiequellen (Erdöl, Kohle, Gas etc.) stehen entweder begrenzt zur Verfügung oder sind gering entfaltet. Werkzeuge können kaum durch technische Innovation verbessert und dadurch nur begrenzt zur Erleichterung menschlichen Arbeitsaufwands eingesetzt werden. Nach von Beyme (1972: 307) herrschen politisch diffuse, kaum ausdifferenzierte Strukturen ohne Interaktion von Parteien oder Interessenverbänden vor. Regierung, Streitkräfte und Bürokratien besitzen eine Überfunktion, die politischen Grundrechte der Individuen sind kaum ausgebildet bzw. werden kaum in Anspruch genommen. Nationales Bewusstsein ist nicht entfaltet und wird durch lokale oder regionale Treueverpflichtungen behindert. Demgegenüber wird in Fortschrittsdiskursen „modern“ als positiv konnotierter Antibegriff, als Norm, verstanden. In ihm sind Lebensweisen subsummiert, deren soziökonomische Ausprägung anhand von Produktions- und Konsumindikatoren durch hohe Durchschnittswerte statistische Signifikanz erzeugen (vgl. Coleman 1960: 540). Moderne Gesellschaften verfügen über eine differenzierte, hochtechnifizierte Produktionsweise, der landwirtschaftliche Bereich (primäre Sektor) ist untergeordnet, maßgebend ist die Industrie (sekundärer Sektor). Weitere Merkmale sind ein hoher Grad an Verstädterung, ein ausgebautes Kommunikationsnetz, eine verhältnismäßig hohe Arbeitsproduktivität, ausgeprägter Massenkonsum, eine hohe Alphabetisierungsrate, geographische und soziale Mobilität und Partizipation an wirtschaftlichen und sozialen Vorgängen (Levy 1966: 38ff). Nichtlebendige Energiequellen werden fast vollständig zur Energieversorgung genutzt, Werkzeuge bzw. Kulturelle Überschneidungen kapitalistischer und sozialistischer Modernisierungsdiskurse 210 Maschinen vervielfältigen den menschlichen Kraftaufwand in hohem Maße, werden laufend erneuert und effizienter gemacht. Vorbild ist ein System mit etabliertem Wettbewerb wie in den angelsächsischen respektive westeuropäischen Nationen oder gegenseitigem Waren- und Güteraustausch sozialistischer Ausprägung. Das Gesamtsystem wird von einer breiten, nicht-ideologischen und interessenorientierten „Treue der Massen“ (Eisenstadt) getragen und erhalten. Die Ethik des Systems besitzt universelle Gültigkeit und verdrängt damit jene überlieferter Primärgruppen (Familie, Verwandtschaft). Modernistische Ethik diszipliniert zu Verhaltensmustern ohne einschränkende Geltungsreichweite oder speziellen Begründungszusammenhang, denn Inhalt und Reichweite gesellschaftlicher Beziehungen ist klar auf funktionale Spezifität ausgerichtet (vgl. Kim 1993: 89). Eine sozialverträgliche Strategie der Integration von sog. „Traditionalität“ existiert in Modernisierungsdiskursen nicht (Almond 1960: 17ff). Nicht umsonst wird seit den 1950er Jahren auch von Überwindungsstrategien gesprochen, womit Tradition und Armut gleichgesetzt werden. Modernistische Denker argumentieren ausschließlich vom Standpunkt einer als gelungen interpretierten Demokratisierung Westeuropas und Nordamerikas im Sinne eines nahezu vollendeten gesellschaftlichen Zustands (bis Anfang der 1980er Jahre gilt dies auch für die sozialistischen Diskurse). Sämtliche für die Erreichung dieses Ziels erforderlichen Maßnahmen werden positiv bewertet (innerhalb des liberal-konservativen oder zentralistischsozialistischen Diskursrahmens). Die gemeinsame Schnittmenge beider Entwicklungsdualismen wird anhand Parsons‘ Begriffspaares von Traditionalität und Moderne auf der Meta-Ebene (dem Überbau) deutlich: Parsons‘ gefilterte „pattern variables“ von Tradition und Moderne (Parsons/Shils 1965: 48ff) Traditionalität (Unterentwicklung) Modernität (Zivilisationsgrundlage) • Affektivität (Gefühlsbezogenheit) in den Grundeinstellungen • Affektive Neutralität (Zunahme der sachlich bestimmten Entscheidungen) • Festhalten an partikularistischen Normen und Kriterien (Normen ändern sich von Fall zu Fall) • Ausdehnung der allgemeinen universalistischen Standards (allgemeingültige Normen, Verbreitung wissenschaftlicher Kriterien) • Diffusität (Unbestimmtheit) der Funktionen, Erwartungen und Tätigkeiten • Ausweitung der Spezifität (Abgrenzung und Spezialiserung von Funktionen) • Vorgegebene (oder ererbte) Qualitäten als Bezugs- und Beurteilungskriterien (adskriptive Statusmerkmale) • Leistungs- und Ausführungskriterien als Beurteilungsmerkmale Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 211 In Interpretation dieser Meta-Struktur basieren beide Ideologien auf der Meso- (nationale Gesellschaften) und Mikroebene (lokal) gemäß folgender Orientierung (nach Geiger/Mansilla 1983: 77): Variablen Traditionalität Modernität Analphabetismus gering hoch Berufslage einfache, stabile Tätigkeiten ausdifferenzierte Berufe Beweglichkeit stabil flexibel Einkommen niedriger Durchschnitt, große Unterschiede hohe tendenzielle Angleichung Familie Großfamilie Kernfamilie Herrschaft lokal, persönlich zentralisiert, anonym Soziale Kontrolle direkt, persönlich indirekt, bürokratisch Organisation der Gesellschaft relativ niedrig, diffuse Funktionen relativ hoch, spezifizierte Funktionen Politische Partizipation niedrig, gefühlsbetont hoch, geistig rational orientiert Rekrutierung für höhere Posten nicht öffentlich, Postenvergabe nach Klassenzugehörigkeit öffentlich, Postenvergabe nach Leistung Produktivität niedrig hoch Recht religiös beeinflusst, fallgebundene Normen weltlich, abstrakt, formelle Verträge Sozialstruktur stabile lokale Gruppen, wenige Unterschiede im Berufsleben hohe Mobilität, Schichtung basiert auf Berufsleistung Anwendung technologischer Innovation gering hoch Wirtschaftsverfassung Primärsektor (Landwirtschaft) dominierend sekundärer Sektor (Industrie vorherrschend) Das Dualismus-Konzept von Tradition und Moderne 212 Sozialpsychologisch werden Subjektivierungs- oder Kollektivierungsstrategien angewendet, die die heterogenen kulturellen Lebensweisen in der Sicht auf ihre Umwelt säkularisieren, in der Denk- und Fühlweise rationalisieren, in der Arbeitsweise differenzieren und in der Wahrheitsbemessung verwissenschaftlichen sollen. Individualpsychologisch wird durch erzieherische bzw. angeleitete Einbindung in Entwicklungsprojekte (sog. „Partizipation“) auf Empathiesteigerung für Leistungsmotivation hingewirkt (Menzel 1992: 99f). Das Ziel der Modernisierungstheoretiker sind perfektionierte Methoden, um Menschen disziplinarisch als Objekte in Wirtschaftsabläufe zu integrieren. Fragen der Wirtschaftsethik besitzen in den neoklassisch und staatssozialistisch ausgerichteten Theorien keine Signifikanz und daher auch keine übergeordnete Gewichtung. Für Gieler (2006: 21) basiert dieser Prozess sogar auf der Idee eines gesellschaftlichen Darwinismus – der Glaube an die innewohnende Überlegenheit einiger kultureller Gruppen – und der Annahme eines unilinearen, ethnozentrischen Entwicklungswegs, demzufolge alle Gesellschaften den gleichen Entwicklungsweg in Richtung der Industriegesellschaften (westlich, modern) beschreiten müssen“. 4.5 Das Dualismus-Konzept von Tradition und Moderne als Zivilisationsdiskurs von Unterentwicklung und Fortschritt „Produktion und Verbrauch werden so programmiert, daß die Menschen auch in ihren Konsumbedürfnissen manipuliert und eingeplant sind. Nicht mehr die Menschen, sondern die Maschinen, die alles regeln, bestimmen die Geschichte.“ (Jeanne Hersch) Sind die kapitalistischen und staatssozialistischen Überbauten (die Signifikanten) beider Ideologiediskurse deckungsgleich in ihrem Anspruch, über das alleinige Wissen zum Erreichen modernen gesellschaftlichen Wohlstands zu verfügen, wirken die bipolaren Signifikate (die Bedeutungen und Inhalte) in internationalen Politikdiskursen der 1950er und 1960er Jahre antagonistisch. Sozialistische Interpretationen konstruieren aufgrund ihrer Nicht-Involviertheit in Kolonialismus und Imperialismus wirkungsvolle Gegendiskurse zur rassistischen Herrschaftsperiode Europas um hegemoniale Einflussnahme auf die neuen unabhängigen Staaten ausüben zu können. Die strategische Relevanz dieser industriell unerschlossenen Gebiete liegt in der möglichen Verbindung von zahlreichen Unabhängigkeitsbewegungen mit einer ordnungspolitischen Orientierung an die Sowjetunion, die ihrerseits als Konterfei zum Kapitalismus behauptet, leistungsfä- Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 213 higer zu sein und dieses System wirtschaftlich nicht nur ein- sondern auch überholen zu können. Der Imperialismus und die ihm implizite „Helotisierung“ von Arbeitskraft auf Grundlage rassischer Klassifizierung gilt sozialistischen Diskursstrategien als historische Zwangsläufigkeit kapitalistischer Gouvernementalität.81 Gemäß offiziellen sozialistischen Entwicklungsdiskursen sollen sich demgegenüber „klassenlose“ Gesellschaften, frei von Ausbeutung und Unterdrückung, nach sowjetischem Vorbild ausbilden, die durch Ablehnung der bürgerlichen Klassengesellschaft auch frei von Rassismus sein werden (Menzel 1993: 92). Kapitalistisch ausgerichtete Diskurse müssen dieser vielversprechenden Perspektive für die sich dekolonialisierenden und neubildenden Nationen entgegenwirken. Im Gegensatz zu den bisherigen rassistischen Bezeichnungen und Beschreibungen über „die Primitivität“ in den Kolonien sollen nun Begriffe wie „Entwicklung“, „Fortschritt“, „Industrialisierung“ und „Modernisierung“ die hierarchische Sprachordnung aus den bis dahin vorherrschenden ethnozentristischen Kulturdiskursen über das bisher nur als außereuropäisches, rückständig wahrgenommene „fremdartig Andere“ ersetzen (ebd.: 98). Alle diese Begriffe verdecken die fortbestehenden ökonomischen Abhängigkeitsverhältnisse, da sie weniger anstößig, weniger vorbelastet und aufgrund ihrer Unbestimmtheit politisch am wenigstens umstritten sind. Denn eine Industrialisierung ist für die neuen Länder aus eigener Kraft nicht möglich. Zudem liegen die einzigen Exportmärkte in Europa und Nordamerika, die den Weltmarkt dominieren. Die Diskurse suggerieren aber eine hoffnungsvolle Zukunftsperspektive, die für die kapitalistische Seite auch von der katholischen Lehre unterstützt wird.82 Aus der Forschung über „rückständige Gebiete mit kultu- 81 Während die staatssozialistische Fortschrittsideologie den kontinentalimperialistischen Nationalsozialismus lediglich als „Perversion“ des kapitalistischen Konkurrenzsystems herunterspielt, orientieren sich kapitalistische Entwicklungsdiskurse nach 1945 „an der Fortentwicklung der klassischen Soziologie durch den Strukturfunktionalismus und an den Theorien von Nationalstaatenbildung und Demokratisierung, die aus den angelsächsischen Reeducation-Programmen und Demokratisierungsbestrebungen bei den Kriegsgegnern Deutschland, Italien und Japan entlehnt waren. Diese hatten Modernisierung unter autoritären Vorzeichen betrieben, die von der gleichzeitig entstehenden Totalitarismustheorie als pathologische Abweichung vom angelsächsischen Weg in die Moderne bezeichnet worden sind“ (Menzel 2010: 37). 82 Selbst für Papst Paul VI. und damit auch für die Katholische Kirche wird Entwicklung (in der fünften Enzyklika „Populorum Progressio“ [1967: Punkte 37 und 42]) symbolisch zum „neuen Namen für Frieden“: „Entwicklung wurde für viele, nicht nur in der dritten Welt geradezu zu einer religiösen Kategorie, zu einem Brennpunkt von Erlösungshoffnungen und -erwartungen. (...) Selbst für diejenigen, die am höchst brüchigen Rand der Existenz leben, ist Entwicklung nicht einfach eine Frage verbesserter materieller Bedingungen, sie ist zumindest auch eine Vision eines erlösenden Wandels“ (Berger 1976: 33f). „Die christliche Auffassung von Welt als Heilsgeschichte wird durch einen (...) Entwicklungsbegriff ersetzt, der allen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Nachzüglern eine nachholende Entwicklung und damit Teilhabe am westlichen Konsum- und Wohlstandsmodell verspricht“ (Stockmann 2010: 1). Das Dualismus-Konzept von Tradition und Moderne 214 rell primitiven Völkern“ wird eine offiziell geduldige, betont optimistische und „diplomatische Komponente“ (vgl. Girschner 2004: 133ff). Durch diese Veränderung in der politischen Umgangssprache erhöht sich die allgemeine Akzeptanz einer Fortführung auf weltweite Kapitalisierung oder Kollektivierung ausgerichteten interventionistischen Politik. Gleichzeitig verfestigen die Diskurse die fortbestehenden Ansichten über die eigene (europäische, US-amerikanische oder sowjetische) Hegemonialstellung und die Zweitrangigkeit der nichtindustriellen Staaten. Die auf eurozentristisch-angelsächsischen Annahmen basierenden entwicklungspolitischen Fortschrittsdiskursen machen sich eine sprachliche Strategie zu nutze, vormals negativ konstruierte rassistische Differenzsysteme von europäischer Zivilisation gegen nicht-europäische Tradition in positiv konnotierte politisch- ökonomische Diskurssegmente von Unterentwicklung zu industrieller Entwicklung zu transformieren. Behauptet wird nun, dass sich in der Vergangenheit alle fortgeschrittenen industrialisierten Staaten aus derselben Ausgangslage heraus wie die nun klassifizierten Entwicklungsländer industrialisiert haben. Letztlich resultiert aus den Entwicklungstheorien eine von Wunschdenken geprägte und an westlichen Entwicklungsverhältnissen orientierte Einstellung bei den Regierungen von Empfängerländern gegenüber den eigenen Traditionen und den eigenen Geschichtssträngen. Maßgeblichen Anteil daran haben die Entwicklungsagenturen westlicher Industrieländer, „die mehr an der Machbarkeit und technischer Umsetzung interessiert sind, um Erfolge zu erreichen, als an Kulturwerten, Traditionen und ethnologischen Befunden, die man nicht bewahren oder für neue Entwicklungen mobilisieren, sondern überwinden will“ (Bohnet/Simonis 1986: 5). Die vormals rassistisch verurteilten traditionellen Kulturen (sofern ihnen der Kulturstatus überhaupt zugesprochen wurde) werden in lediglich unterentwickelte Gesellschaften bzw. „Entwicklungsländer“ umgedeutet, die durch Entwicklung an der jeweiligen „Moderne“ – kapitalistisch oder sozialistisch – prinzipiell partizipieren können (Draude 2007: 14). An der von beiden Seiten geteilten Ansicht, dass die Menschen in postkolonialen Staaten prinzipiell primitiv und rückständig sind, ändert sich nichts, allerdings wird es jetzt im Termini der „Unterentwicklung“ und „traditionell“ ausgedrückt. Der Entwicklungsbegriff beinhaltet auch schon die Antwort auf eine erst zu stellende Frage, nämlich ob und wie sich ein Land überhaupt entwickeln soll. Im Westen sind die Schaffung von Märkten, Kapitalisierung und die „Erziehung“ zur noch zu entwickelnden (agro-)industriellen Arbeitsteilung relevant, im Osten werden die Befreiung aus kolonialer Unterjochung, Kollektivierung und ebenfalls (agro-)industrielle Arbeitsteilung in Anlehnung an das sowjetische Modell als wichtigste Ziele erachtet. Beide ideologische Diskursstrategien unterstellen einen historisch-universellen Willen zum industriellen Fortschritt, nämlichen den Willen zum Sozialismus oder Kapitalismus „seit dem Neolithikum bis heute“ (Hauck 2003: 8). Problematisch zeigt sich die Konstruktion von „Unterentwicklung“ allerdings schon in der kernbegrifflichen Unklarheit (vgl. Gieler 2006: 18): Weder ist Unter- Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 215 entwicklung ausreichend fundiert (die Definitionen ändern sich kontinuierlich, je nach Diskursstrategie und Entwicklungsdekade), noch lässt der Begriff eine begrenzte Anzahl an Entwicklungshindernissen in Form einer Rangfolge erkennen. Unterentwicklung suggeriert identische wirtschaftliche und Strukturen in nicht fortgeschrittenen Industriegesellschaften, gemeinsame Interessen und einheitliche Lösungsstrategien scheinbar global und kollektiv wahrgenommener Entwicklungsprobleme (vgl. Weber 1999: 45). Wandel der wirtschaftlich ausgerichteten Entwicklungsdebatten (nach Menzel 2010: 12) Es werden Vorurteile von zeitlichem Stehenbleiben auf einer Entwicklungsskala subsummiert, die über ökonomische Reduktionismen hergeleitet werden. Die Interpretationsversuche politisch-ökonomischer Paradigmen reagieren lediglich mit Periode Paradigma Verständnis von Entwicklung 1950er Jahre Dekolonialisierende Entwicklungstheorien/ Ausweitung des sozialistischen Einflussbereiches • Globales Wachstum • Postkoloniale Staatenbildung • Sozioökonomischer (mentaler) Wandel • Massenkonsumindustrie • (Westen) 1960er Jahre Dependenztheorie und bipolare Entwicklungshilfe • Autozentrierte Kapitalakkumulation • Ideologische Mittelvergabe • Kollektivierung (Osten) 1970er Jahre Scheitern des Entwicklungsparadigmas/ „alternative“ Entwicklung • Stärkung menschlicher Kapazitäten • Grundbedürfnisstrategie • Nachhaltigkeit 1980er Jahre Forcierung kapitalistischer Strukturanpassungen durch neoliberales Paradigma/ Niedergang der sozialistischen Ökonomien • Ökonomische Strukturanpassung und Exportorientierung • Auslagerung sozialstaatlicher Verantwortung • Aufgabe globaler Wachstumsziele 1990er– 2000er Kapitalisierung post-sozialistischer Ökonomien und Post- Development/ Institutionenökonomie • Rückkehr zur Subsistenzorientierung traditioneller Gemeinschaften • Institutionenbildung • Gute Regierungsführung 2000– heute Privatisierung staatlicher Entwicklungspolitik und Armutsbekämpfung • Private-Public-Partnership • Millennium-Development- Goals Das Dualismus-Konzept von Tradition und Moderne 216 einer pauschalisierten Begründung von „irrationalen Verhaltensstrukturen“, die durch Unterentwicklung bedingt sind (Gieler 2011: 13f; Weber 1999: 46). Diese als unrentabel abgewerteten Verhaltensweisen werden vor allem deshalb als irrational deklassiert, weil sich mit ihnen keine auf den Export ausgerichteten Überschussproduktionen aufbauen lassen (vgl. Chossudovsky 2002). Ihnen wird unterstellt und vorgeworfen, nur Merkmale der Diskontinuität, der Substistenz oder den Charakter der Gelegenheit innezuhaben. Eine der entwicklungspolitischen Ökonomien adäquate Verhaltensstruktur hat aber mit dem Bewusstsein für ein regelmäßiges Reproduktionsverhalten durch abhängige Beschäftigung einherzugehen. Resultat sind in der Regel exogen gesteuerte ökonomische Strukturanpassungen, die sich als soziale, politische und kulturelle Veränderungen langfristig äußerst negativ auf sowieso schon zerrüttete postkoloniale Gesellschaftssubsysteme auswirken (vgl. Wolff 2014). Anstelle von kolonialer Primitivität durch eine kulturell rückständige Ausprägung von Sitte unterstellen die Entwicklungsdiskurse nun ein minderwertiges Bewusstsein in der Wahrnehmung materieller Bedürfnisstrukturen und dadurch einen begrenzten Umsetzungswillen zur Anhebung des eigenen sozialen Status (z.B. Sylvestre 1997: 16ff; Boeke 1953: 81). Zu einer endogenen Selbsteinschätzung nicht hochindustrialisierter Staaten und deren Protagonisten, selbstdefinierter Entwicklungsstrategien und der Umsetzung solcher Planungen kommt es in den dominanten Diskursen folglich nicht, da der Weg terminologisch schon vorbestimmt ist (vgl. Holz 1997: 11ff). Je mehr Länder in der internationalen Markt- und Austauschwirtschaft trotz aller zu überwindender Hindernisse versuchen, die arbeitsteiligen Entwicklungsvorlagen der Industriestaaten zu erfüllen, desto schwieriger werden Industrialisierungsprozesse, die zu generellem sozialem Wohlstand führen sollen. Dass jedes Land seine Entwicklung unter einer Reihe ganz spezifischer Bedingungen vollziehen muss, um die per definitionem unterstellte Unterentwicklung zu überwinden, wird sowohl in sozialistischen wie in kapitalistischen Diskursen annulliert. Die Erfüllung der Entwicklungskriterien wird noch dadurch erschwert, dass diese mit der Zeit ausgeweitet werden und immer mehr (private) Lebensbereiche, die vormals nicht zu den Kriterien gehörten, von den Entwicklungsdiskursen eingebunden werden. Die globale Antithese von Traditionalität als Gegenbegriff zur Moderne wird in den sprachlich geglätteten Entwicklungsdiskursen somit Schritt für Schritt ausgebaut. Die Disziplinartechniken werden verfeinert. Unterentwicklung gilt demnach als Resultat von Widerstand, der dem „modernen“ (agro-)industriellen Sektor entgegengestellt wird.83 83 Damit umgeht der Modernisierungsansatz die Notwendigkeit, postkoloniale Gebiete im Kontext geschichtlicher Prozesse zu sehen, die die Gesellschaften jeweils als Ganzes erfassten und entscheidend beeinflussten. Auch leugnet er das Fortbestehen traditioneller Lebensweisen in den fortgeschrittenen Industriekulturen. Die Etablierung eines kapitalistischen Wirtschaftssektors, und das hat bereits Marx (1974, 1970a) erkannt, wird vielmehr Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 217 Auf Grundlage dieser Überwindungsstrategien werden mikrotechnologische Ansätze sozialpsychologischer Verhaltenstheorien in die Entwicklungsforschung einbezogen, um neue Disziplinartechniken für konforme Selbststeuerung zu erarbeiten (vgl. Garz 2006). „Entwicklungstheorien und Kultur“ (übersetzt nach Nederveen Pieterse 2010: 76) Die Ansätze sollen der qualitativen Analyse kollektiver Einstellungen, Lebensweisen und Gratifikationsmuster (Belohnungssysteme) dienen, die durch quantitative Empirie schwer zu fassen sind. Gemäß der Annahme einer gemeinsamen Sozialstruktur werden gemeinschaftliche Verhaltensnormen in allen rückständigen Gebieten als ähnlich angenommen (analog zur Annahme gleich geltender Normen und Werte in modernen Gesellschaften). Lerner (1970: 362ff) sieht nicht fortgeschritten-industrialisierte und -kapitalisierte Gebiete als „schwer zu verändernde und unkontrollierbare Eigenwelten“ an, in denen das Weltbild von Kontinuität gegenüber der Natur und der Gemeindurch einen traditionellen bzw. informellen bedingt (z.B. die Familie) und funktioniert erst durch die soziale Absicherung von diesem (umgekehrt in nicht unbedingter Weise). Der moderne Sektor „zehrt“ bei fortschreitender Ausbreitung und Etablierung durchaus von den „originären Zügen“ des traditionellen Unterbaus hinsichtlich seiner Qualität (Anpassungsfähigkeit, Konfliktbewältigung, soziale Ordnung, Ethik, soziopolitische Impulse etc.; vgl. Hohn 2010; Hauck 1997: 72f; Meillassoux 1988: 89f). Theorien Bezug zu „Kultur“ Leitmotiv Klassik „neutral“ (impliziert aber Protestantische Ethik) Industrialisierung (z.B. England) Modernisierung hinderlich (Tradition als Verweigerungshaltung zu gesellschaftlichem Wandel) Verwestlichung durch Leistungs- und Erfolgsorientierung (z.B. die USA) Dependenz als politische Ressource: „Nationalkultur“ Anti-Imperialismus, Dissoziation kultureller Abhängigkeitsverhältnisse, „Indigenisierung“ alternative Entwicklung als Ressource: lokal und national indigenes Wissen, Dezentralisierung von Wissen Neoliberalismus instrumentell; Kultur als Innovationsressource zur Vermarktung Marktkultur (Individualismus, Wettbewerbsfähigkeit, Konsumismus und Materialismus) Human Development ökonomische Ressource (Humankapital, kulturelles Kapital) z.B. Südost-Asien Post- Development als Ressource: lokal kosmopolitisch, widerständig (z.B. die Zapatisten) Das Dualismus-Konzept von Tradition und Moderne 218 schaft beherrscht wird. Für den modernisierungstheoretischen Glauben, beides verändern und steuern zu können, ist die „Begrenztheit des Erfahrungshorizonts“ (Lerner) durch Konzentration auf lokale Angelegenheiten nicht empfangsfähig. Entscheidungen reichen demnach kaum über die unmittelbare Nachbarschaft in ähnlichen Lebensweisen hinaus. Das Muster der sozialen Abhängigkeitsbeziehungen wird als einfach wahrgenommen, was sich in einer nicht fortgeschrittenen Arbeitsteilung widerspiegelt. Entwickelte Industriekulturen sind im Kontrast dazu, so Lerner (ebd.) weitestgehend urban strukturiert, haben ein flächendeckendes Schulsystem, vielfältige Weisen der Kommunikation und politische Wahlverfahren. M.E. zeigt sich hier besonders deutlich die koloniale Fortsetzung im dualen Denken der Entwicklungs- und Modernisierungsansätze, bei denen ein essentialistischer Kulturalismus als „Traditionalismus“ verdeckt werden soll.84 Lerners Grundlage ist die Ricardosche marktorientierte, flexible Arbeitnehmerpersönlichkeit in einer mobilen Gesellschaft ohne große Energieverluste in neuen Umgebungen, die für „Gewinnchancen“ im Gegensatz zu lokal gebundenen Menschen aus unterentwickelten Gebieten nicht mehr an einen bestimmten Ort oder an eine spezifische Beschäftigung gebunden ist. „Eine moderne Gesellschaft muß die Rationalität fördern, denn rationale Wahlentscheidungen formen das individuelle Verhalten und seine Belohnungen. Die Menschen beginnen, die soziale Zukunft als manipulierbar und nicht als prädestiniert zu betrachten; sie begreifen, daß ihre persönlichen Chancen eher von ihrer Leistung als von ihrer Herrschaft abhängen. Die Rationalität ist zweckbestimmt: Denk- und Handlungsweisen sind Werkzeuge von Zwecken (nicht von Glaubensartikeln); die Menschen haben Erfolg oder versagen gemäß ihren Leistungen (und nicht aufgrund dessen, was sie für heilig halten). Während der traditionale Mensch jede Neuerung mit dem Argument zurückwies, daß ‚es niemals so gewesen ist’, fragt der moderne westliche Mensch. ‚Wird es funktionieren?’ Und er wird diesen Weg ohne Umstände einschlagen“ (Lerner 1970: 363). Nicht Menschen in geschlossenen sozialen Gruppen, sondern Massen vereinzelter leistungswilliger und sich selbstverwirklichender Individuen sind für Lerner das anzustrebende Menschenbild der Zukunft. Als ergänzende Disziplinartechniken schlagen Modernisierungstheoretiker vor, die Motivationsstruktur der zu Entwi- 84 Allerdings werfe ich Lerner nicht explizit einen latenten Rassismus im Denken vor, denn er selbst war zum einen Sohn jüdischer Emigranten, Chefeditor der Psychological Warfare Division des SHAEF/USA der Alliierten im Kampf gegen Nazi-Deutschland und verfasste, zum anderen, mit „Sykewar. Psychological Warfare against Germany, from D-Day to VE-Day” (1949, New York/ zusammen mit Richard Crossman) und „The Nazi Elite“ (1951, Stanford) als Propagandaforscher zwei bedeutende Schriften der frühen Faschismusforschung. Vielmehr zeigt sich in Lerners Ansätzen (die er nach einem Fachwechsel in die „Drittwelt“-Forschung ans MIT in Cambridge entwickelte) das allgemein noch stark vom Kolonialismus durchzogene, rassistische Denken (schließlich herrschte auch in den USA noch „Rassentrennung“ vor). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 219 ckelnden durch Konkurrenz in der Arbeitsteilung mit Einführung ökonomischer und technischer „Innovationen“ zu beeinflussen, d.h., die Produktivität von Arbeit durch Maschinisierung zu steigern (was letztlich eine Freisetzung von Arbeitskraft bedeutet); oder die Motivationsstruktur soll über Vermittlung von Bildung und Erziehung frühzeitig in Richtung Erfolgsmotive und ökonomische Rationalität gelenkt werden, um Identitätsbildung in Verbindung mit ökonomische Leistungsbereitschaft zu setzen (Hagen 1970: 351ff).85 Paradoxerweise werden die Diskurse in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten um sozialpolitische Themenkomplexe modifiziert, die sich aber gerade immer weiter von den eigentlichen Zielen entfernen: Wohlstand durch Sicherung eines minimalen Status Quo. Heute geht es nur noch um „Armutsbekämpfung“, von dem Anspruch, das Menschenbild der Zukunft umzusetzen ist man abgerückt. Heute zählen die Sicherung von Ernährungsgrundlagen, die Reduzierung von Kindersterblichkeit, die Vorbeugung von Krankheiten und Seuchen, Sicherung eines Minimaleinkommens, sexuelle Aufklärung gegen HIV, Alphabetisierung, Bildung und Ausbildung, Korruptionsbekämpfung, Demokratisierungsprozesse nach dem Prinzip des „Good Governance“ und Umweltschutz. Aber weil das universelle Versprechen auf weltweite Entwicklung – und das bedeutet die Aufkündigung einer Aussicht auf wenigstens einen kleinstwenig anwachsenden Wohlstand für alle – durch die Weltwirtschaftskrisen seit 1982, dem Wegfall sozialistischer Alternativen und erneute Strukturanpassungsvorgaben des Neoliberalismus aufgegeben worden sind, begnügen sich Geberländer mit der Armennothilfe (zuletzt im September 2015 mit den „Sustainable Development Goals/SDG“).86 Die ursprünglichen Entwicklungstheorien gelten eigentlich schon in den 1970er Jahren, spätestens aber durch den Zusammenbruch des sozialistischen Systems, durch die immensen Staatsverschuldungen und der zunehmenden Verarmung der Bevölkerungen in den sog. Entwicklungsländern als gescheitert. Durch den Wegfall des sozialistischen Theoriependants bleibt die kapitalistische Entwicklungstheorie in Form des Neoliberalismus als alleiniges Paradigma bestehen. Zwar bestehen weiterhin dependenztheoretische Ansätze, mit denen ich mich im folgenden Abschnitt auseinandersetze, aber auch sie basieren prinzipiell auf marktwirtschaftlicher Ausrichtung der Volkswirtschaften. 85 Die bis heute andauernden Studentenstipendien für ausländische Jungakademiker in der Bundesrepublik gehen im Kern auf diese Überlegungen zurück. Überwindung von Unterentwicklung soll durch die Veränderung der Wert- und Verhaltensmuster leitender sozialer Gruppen (Eliten und Ausbau von Mittelschicht) zugunsten politischer Verschiebung zu den leistungsorientierten Gruppen in den Entwicklungsländern erfolgen. Angelegt sind sie insgesamt auf eine langfristige Transformation der Erziehungsarbeit in allen Lebensbereichen in Richtung Wahrnehmung von Gewinnchancen. 86 Vgl. für die SDGs (komplett als PDF): http://www.un.org/pga/wp-content/uploads/sites /3/2015/08/120815_outcome-document-of-Summit-for-adoption-of-the-post-2015development-agenda.pdf (zuletzt abgerufen: 07.03.2016). Dependenztheoretische Diskurse und neoliberale „Konterrevolution“ 220 4.6 Dependenztheoretische Diskurse und neoliberale „Konterrevolution“ „Kritische Entwicklungstheorie sollte demzufolge auch immer dekonstruktivistisch verfahren, indem sie Ideologiekritik betreibt.“ (Ulrich Menzel) Ab den 1950er Jahren werden sowohl US-amerikanische als auch sowjetische Fallstudien über die neu entstehenden Entwicklungsländer durchgeführt, die aber lediglich die Vorteile eines pro-kapitalistischen oder pro-sozialistischen Wandels für eine möglichst schnelle Überwindung von „Rückständigkeit“ in den neu entstehenden sog. Entwicklungsländern ideologisch adäquat untermauern sollen. Den auf außerindustrielle Lebensweisen kaum Rücksicht nehmenden Indikatoren liegen in beiden politischen Lagern keine kulturellen, geographischen oder historischen Spezifizierungen der unterschiedlichen Regionen zugrunde, weshalb diese Untersuchungen auch nur die gewünschten Ergebnisse – das „Allheilmittel“ ist Wirtschaftswachstum – liefern (ähnlich argumentiert auch der erste Bericht der Vereinten Nationen von 1951). Die Untersuchungen sollen lediglich die politische Überlegenheit der jeweiligen Entwicklungsökonomie nachweisen. Westlichen Untersuchungen sehen endogene Faktoren und den Mangel an Kapital als zu behebende Hauptmängel in den postkolonialen Staaten an, die östlichen machen exogene Ursachen durch die koloniale und imperiale Herrschaft, Unterdrückung und Ausbeutung der Bevölkerungen als Grund für Strukturmängel verantwortlich. Von Primitivität und Rückständigkeit in postkolonialen Staaten gehen beide Lager in diesen Untersuchungen aus. Beide Seiten favorisieren eine „nachholende Industrialisierung, aber auf unterschiedlichen Wegen (vgl. hierfür z.B. den „Kuznets-Lewis- Prozess“; in: Kuznets 1955: 1ff; und: Lewis 1958: 400ff; siehe auch: Dunn/Ghose/Kneesch 1997: 1f). Hancock wirft in diesem Zusammenhang auch beiden Lagern vor, dass sie „die Initiative, die Kreativität und den Unternehmensgeist der einfachen Menschen erstickt und durch oberflächliche unzweckmäßige Beratung ersetzt“ haben, einen „Club von notorischen Schmarotzern und Mitläufern“ unterstützten und damit überhaupt erst hervorbrachten, die „in puncto Eigennutz, Arroganz, Bevormundung, moralischer Feigheit und Heuchelei neue Maßstäbe“ setzten. Die politische Entwicklungsökonomie beider Ideologien hat, so Hancock „brutale Tyrannen unterstützt und legitimiert“. Sie hat ferner „das Entstehen absurder byzantinischer Bürokratien gefördert, die ganze Legionen selbstsüchtiger, heuchlerischer Mitarbeiter beschäftigt“. „Sie hat Regierungen, die sich durch Ignoranz gegenüber der Geschichte, durch Habgier und Verantwortungslosigkeit auszeichneten, die Möglichkeit geboten, sich zu bereichern“ (Hancock 1989: 281f, 287; in: Kesselring 2003: 211). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 221 Im Laufe der 1960er bzw. zu Beginn der 1970er Jahre entwickeln sich daraufhin alternative Diskursansätze, die als „dritter Weg“ zwischen den beiden Systemparadigmen von Liberalismus und Etatismus kritisch hinterfragen, ob die von den Modernisierungstheorien proklamierte Wohlfahrtssteigerung durch Eingliederungsprozesse in die jeweilige internationale Arbeitsteilung wirklich bei den Primärgüterproduzenten ankommt. Kultur spielt, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle, denn primär geht es am Weltmarkt benachteiligten Länder einerseits um ihre handelspolitische Besserstellung oder den Abbau von Abhängigkeiten durch Aufbau eigener Industrien (z.B. durch Importsubstitutionsstrategien; vgl. Bhagwati 2004: 51ff). Anfänglich sind diese Diskurse, die später unter dem Namen „Dependenz- Theorie“ Eingang in die Debatten über eigenständige Entwicklungswege erfahren, noch von positiven Beispielen keynesianischer und staatsinterventionistischer Wirtschaftslogik beeinflusst: Vorbilder sind die Modelle nachholender Industrialisierung von Deutschland und Japan, die sich mittels Zollprotektionismus und gezielten Eingriffen des Staats in die Wirtschaftsförderung zu fortgeschrittenen Industrieund Wohlfahrtsstaaten entwickelt haben.87 Anhand dieser beiden erfolgreichen Beispiele formiert sich eine grundsätzliche Kritik am Laissez-faire-Liberalismus, in dem das Ricardosche Prinzip der länderspezifischen Produktspezialisierung entsprechend niedrigster Arbeitsentlohnung für den Freihandel als eigentliche Ursache von Rückständigkeit verantwortlich gemacht wird.88 Demnach „weist die Struktur des durch den Weltmarkt vermittelten Außenhandels starke Ungleichgewichte auf: Entgegen der Theorie der komparativen Kostenvorteile [von Ricardo; Anm.d.Verf.] treten die Handelspartner keineswegs als prinzipiell gleichgestellte Teilnehmer am Weltmarkt auf, sondern als Bevorzugte bzw. Benachteiligte. Die Spezialisierung in bestimmte Produktionszweige und die weltweite Arbeitsteilung haben hauptsächlich den bereits industrialisierten Nationen des Nordens ökonomische Vorteile gebracht, während sich die Entwicklungsländer mit der Erzeugung und Ausfuhr von immer unergiebiger werdenden Rohstoffen und landwirtschaftlichen Produkten begnügen müssen. Diese Ländergruppe bleibt Rohstofflieferant der Industrieländer, d.h. sie übernimmt eine abgeleitete und dienende Funktion gegenüber den Industrienationen“ (Geiger/Mansilla 1983: 62). 87 Besonders die Weltwirtschaftskrise um 1930 hat einigen Staaten in Asien und Lateinamerika gezeigt, dass durch Zollschranken geschützte Industrialisierungskonzepte Erfolg versprechen können. Diese Länder brechen mit dem Modell, nach dem allein der Export von Rohstoffen und die Konzentration auf wenige tropische Agrarerzeugnisse größtmöglichen Freihandelsnutzen bedeuten und forcieren eine importsubsituierende Industrialisierung (z.B. Mexiko; vgl. Schmidt-Eule 2002). 88 Aber auch am (post-)stalinistischen Zentralismus, dem alternativlosen Kollektivierungszwang und der (Meinungs- und Entscheidungs-)Unfreiheit in der Sowjetunion wird massive Kritik geübt. Dependenztheoretische Diskurse und neoliberale „Konterrevolution“ 222 Aus dem offensichtlichen Ungleichgewicht auf dem Weltmarkt, in dem sich die ökonomische Dominanz der Industrienationen und die Subordination der Entwicklungsländer widerspiegeln, werden zuerst Theoreme über ungleiche Tauschverhältnisse entwickelt, später formieren sich aussagekräftige Gegendiskurse, aus denen schließlich die Dependenztheorie hervorgehen wird: Ab der zweiten Hälfte der 1920er Jahre beginnt der französische Wirtschaftswissenschaftler Francois Perroux (1961,1971) die ungleichen zwischenstaatlichen Handelsstrukturen zu erforschen, die sich eindeutig zugunsten der rohstoffimportierenden, hochtechnisierten und am Ende der Wertschöpfungskette stehenden Staaten auswirken und langfristig zu irreversiblen Missständen und zu Dysfunktionalitäten in den ausschließlich Rohstoffe exportierenden Gesellschaften führen. Perroux leitet eine direkte Kausalität aus der Stagnation von Kolonial- bzw. den späteren Entwicklungsländern und der Prosperität von Industriestaaten ab, die sich anhand der Außenhandelsstruktur seit der Renaissance und der einhergehenden europäischen Eroberungs- und ökonomischen Expansionspolitik nachweisen lässt. Perroux bemängelt, dass weder die länder- und gesellschaftsspezifischen Besonderheiten wie Kultur und „Originalität“ bzw. Einzigartigkeit in Form von eigener Geschichte, geographische Besonderheiten noch die konkreten (sozialen, politischen, ökonomischen) Verhältnisse der Menschen vor Ort eine Rolle für die liberalen und staatsozialistischen Diskurse modernisierungstheoretischer Entwicklungsvorstellungen spielen. Deren Konzepte sind perspektivisch in einem Teufelskreis eigener Interessensumsetzung zur Sicherung der für die eigenen Industrien benötigten Rohstoffe und der politischen Absicherung durch eigene Wohlfahrtssteigerung gefangen. Die von Ungleichheiten in den Handelsverhältnissen betroffenen Staaten sollen entsprechend eigener kultureller Werte und Lebensweisen, den daraus hervorgegangenen sozialen Organisationsstrukturen und den ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen versuchen, ihre Volkswirtschaften durch Ausweitung von Regionalökonomien zu verbessern. Zugleich müssen sich diese Länder aus ihrer Außenseiterrolle durch Angleichen der Input-Output-Verhältnisse (Einfuhr- Ausfuhr-Bilanzen) lösen und die Auswirkungen hegemonialer Herrschaft durch Industriezentren minimieren. Auf dieser Kritik am Prinzip ungleicher Tauschverhältnisse auf dem Weltmarkt, die in Teilen von Marx und Schumpeter entlehnt ist, basiert die Dependenztheorie. Parallel zu Perroux legen Hans Singer (1949, 1950) und Raúl Prebisch (1950, 1967, 1971) mit der Prebisch-Singer-These und empirischer Grundlagenforschung über statistische Zeitreihenuntersuchungen die Theorie von der „säkularen Verschlechterung der Austauschverhältnisse (Terms of Trade)“ für Primärgüterproduzenten zugrunde. Die These prognostiziert eine langfristig fallende Tendenz für die Rohstoffpreise aus den (Post-)Kolonial- bzw. Entwicklungsländern und eine ansteigende für die Preise der exportorientierten, hochtechnisierten Produkte aus den Industrienationen. Wie zu sehen ist, ist Ricardos komparatives Austauschmodell eine „Milchmädchen-Rechnung“, denn langfristig verschieben sich die Handelsvor- Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 223 teile in Richtung hochtechnisierter und damit produktiverer Staaten (vgl. Ehlers 2013: 10ff). Die wirklichen Austauschverhältnisse verlagern sich so zuungunsten der lateinamerikanischen, asiatischen, afrikanischen und ozeanischen Staaten. Für die Industrienationen resultiert aus diesem Ungleichgewicht ein zweifacher Vorteil: einerseits eine positive Handelsbilanz durch niedrige Rohstoffpreise, andererseits eine Erhöhung des Nationaleinkommens durch steigende Preise ihrer Fertigprodukte. Der technische Vorsprung garantiert höhere Gewinne auf dem Weltmarkt durch geringe Konkurrenz, gleichzeitig gewährt er durch Förderungsverbesserungen der Rohstoffe deren Preissenkung. Das Resultat ist ein permanenter Fluss finanzieller Ressourcen von der wirtschaftsschwachen Peripherie ins industriestarke Zentrum und die dortige Konzentration von Reichtum bei gleichzeitig wachsender Ungleichverteilung zwischen den Handelsstaaten (vgl. Gieler 2006: 11). Prebisch macht diese ungleiche Verteilung für die überall entstandenen politischen Konflikte verantwortlich und leitet dieser Tendenz entsprechend einen Anspruch auf eine Neuordnung des Weltwirtschaftssystems ab. Deren Ziel sollen verstärkte Hilfeleistungen von den Industrienationen zugunsten der Entwicklungsländer sein. Seine Theorie wird sowohl von der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen wie auch von der UNCTAD aufgenommen, dessen Analysen in Programmen und Empfehlungen, zumindest willentlich, befolgt und in nachfolgenden Richtlinien weiterentwickelt, was erklärt, warum seine Grundsätze weltweite Bedeutung erfahren haben (vgl. Prebisch 1950: 8ff). Sein Theorem basiert auf keiner bestimmten Ideologie, sondern schlägt die Errichtung hoher Schutzzölle und die Verringerung des Exporthandels vor. Die Entwicklungsländer sollen sich von einer nach außen gerichteten Wirtschaftsentwicklung distanzieren und ein eigenes Industrialisierungsprogramm aufbauen, dass durch indikative Entwicklungsplanungen, Steuerreformen und entsprechenden Gesetzesänderungen ergänzt werden muss (Ocampo/Parra 2007: 3ff).89 Von dem faktischen Ergebnis sich verschlechternder Terms of Trades angeregt, entwickeln sich in der Folgezeit kritische Debatten über Ricardos komparatives Tauschmodell, die asymmetrischen Tauschbeziehungen auf dem Weltmarkt und über strukturelle Dualismen von peripherem und metropolitanem Kapitalismus, woraus schließlich die Dependenztheorie als dessen Gegendiskurs hervorgeht. Entgegen (neo-)klassischer Ökonomie, die innergesellschaftliche oder mentale (geistige oder kulturelle) Faktoren für Unterentwicklung verantwortlich macht, sehen „Dependenzler“ gerade in der Einbindung von Primärgüter produzierenden, unterentwickelten Staaten in die Weltmarktstrukturen eine Blockade und strukturelle Benachteiligung für Industrialisierung. Sie sprechen daher bewusst von Unter- 89 Mit indikativer Entwicklungsplanung ist die Förderung spezifischer Entwicklungsindikatoren gemäß den wirklichen Verhältnissen vor Ort gemeint: z.B. die Förderung der Infrastruktur (Straßenbau, Gesundheitsfürsorge, Fernmeldenetz), die Begünstigung einer nationalen Unternehmerschicht, die Verstaatlichung ausländischer Konzerne in strategisch wichtigen Wirtschaftszweigen und Agrarreformen (vgl. Prebisch 1970). Dependenztheoretische Diskurse und neoliberale „Konterrevolution“ 224 entwicklung und nicht von Rückständigkeit. Damit machen sie auf den prozessualen Charakter dieses Zustands als Fortführung postkolonialer Ausbeutungs- und Abhängigkeitsverhältnisse mittels subtilerer Mechanismen der indirekten Beherrschung deutlich. Dementsprechend müssen die Außenbeziehungen als Wurzel des Elends einer radikalen Modifikation unterzogen werden, deren Resultat nach Möglichkeit die weitmöglichste Abkoppelung der Entwicklungsländer vom Weltmarkt zum Ziel haben muss (vgl. Galtung 1970; Sunkel/Paz 1970; Cardoso/Faletto 1969; Baran 1957). „Die Kernthese der Dependenztheorie lautet deshalb, daß (...) die Jahrhunderte währende und auf den Beginn der spanischen Kolonisierung zurückgehende Einbindung in das sich ausbreitende kapitalistische Weltsystem nicht nur einen permanenten Ressourcenabfluß, sei es durch Plünderung oder ungleiche Handelsbeziehungen bewirkt hat, der sich nach der Unabhängigkeit nahtlos fortsetzte, auch wenn die Akteure sich von Spanien über England in die USA verlagert hatten, sondern auch, daß diese Beziehungen eine strukturelle Transformation im Innern dieser Gesellschaften herbeigeführt haben, die das System externer Ausbeutung und Abhängigkeit nach innen verlängert. Eine Lösung des Problems der Unterentwicklung sei deshalb nur in einer radikalen Transformation des internationalen Systems wie der innergesellschaftlichen Strukturen zu finden“ (Menzel 1992: 107).90 Nach André Gunder Frank (1969: 12, 21f; 1974) ist eine nachholende Entwicklung in Form von kapitalistischer Industrialisierung unter den Bedingungen von Metropolen und ihnen vorgeschalteten Satellitenmärkten als Zulieferer nicht möglich. Die Peripherisierung von partieller Warenfertigung bedingt vielmehr Entwicklung zur Unterentwicklung. Frank macht eine zentrale Unterscheidung zwischen der „Unentwicklung“ eines Staats bzw. einer Region, die in keiner Abhängigkeit zu der Entwicklungsvorgabe einer anderen Region bzw. anderer Staaten steht, und „Unterentwickelung“, die eine Region bzw. einen Staat als ungenügend oder nicht ausreichend entwickelt im Kontext bereits vollzogener Entwicklungsprozesse einer anderen Region bzw. anderer Saaten deklassiert: 90 Allerdings, so Kalmring und Nowak (2011), liefert schon Marx „erste Ansätze einer Theorie des ungleichen Tauschs auf dem Weltmarkt“ (Marx 1962a 23: 247ff.) „und betont den Reichtums- und Ressourcentransfer im Rahmen der sogenannten ursprünglichen Akkumulation“ (ebd.: 781). „Damit entwickelt er Sichtweisen, die der späteren Dependenzschule vorgreifen (...). Er streicht heraus, dass die Verbreitung kapitalistischer Produktion zu einer für die Kolonialländer nachteiligen internationalen Arbeitsteilung führen kann. ‚Es wird eine neue, den Hauptsitzen des Maschinenbetriebs entsprechende internationale Teilung der Arbeit geschaffen, die einen Teil des Erdballs in vorzugsweis agrikoles Produktionsfeld für den anderen vorzugsweis industrielles Produktionsfeld umwandelt‘“ (ebd.: 475). „Externe Ursachen, nicht interne Entwicklungsblockaden, wie die sogenannte asiatische Produktionsweise, werden als entwicklungshemmend“ hervorgehoben (vgl. Franke 2004: 193ff). Ein Punkt, der allerdings von Frank widerlegt wird. Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 225 „Selbst eine bescheidene Kenntnis der Geschichte zeigt (...), dass die Unterentwicklung nicht ursprünglich oder traditionell ist, und dass weder die Vergangenheit noch die Gegenwart der unterentwickelten Länder in irgendeiner Hinsicht der Vergangenheit der jetzt entwickelten Länder entspricht. Die jetzt entwickelten Länder waren niemals unterentwickelt, auch wenn sie unentwickelt gewesen sein mögen. Ebenso wird oft angenommen, dass die derzeitige Unterentwicklung eines Landes als das Produkt oder die Reflexion seiner eigenen ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Besonderheiten oder Strukturen verstanden werden könne. Die historische Erfahrung zeigt jedoch, dass die zur Zeit stattfindende Unterentwicklung zum großen Teil das historische Produkt der vergangenen und andauernden wirtschaftlichen und anderen Beziehungen zwischen Satelliten und den jetzt entwickelten Metropolen ist. Weiterhin sind diese Beziehungen ein wesentlicher Teil der Struktur und Entwicklung des kapitalistischen Systems in seinem gesamten Weltumfang“ (Frank 1969: 31f).91 Demnach seien fortgeschritten industrialisierte Länder überhaupt nicht an einer Angleichung der Produktions- und Lebensbeziehungen vermeintlich rückständiger Staaten interessiert, um weiterhin ihre Waren zur Steigerung der heimischen Produktion exportieren zu können, um Extraprofite in der Peripherie durch den zusätzlichen Export wegen höherer Produktivität in den Metropolen zu erzielen, um – damit verbunden – weiterhin Waren zur Senkung der Kosten des konstanten Kapitals (Rohstoffe und Halberzeugnisse zu günstigen Konditionen) aus der Peripherie importieren zu können, damit zugleich die Lohnkosten in der heimischen Industrie zu senken oder niedrig zu halten (durch Preissenkung der Lebensmittel, Kleidung etc., die in den Konsum der Lohnarbeiter eingehen) und letztlich Kapital, das profitablere Anlagemöglichkeiten sucht, exportieren zu können (Marx/Engels 1970a: 30ff; Marx 1968c: 462; ders. 1970a: 247f). „Länder des Südens“ werden also, so Frank (1969: 12, 31f), bewusst in einem Zustand der Unterentwicklung gehalten, damit sie weiterhin als billige Waren- und Rohstofflieferanten für fortgeschrittene Industriestaaten produzieren. Zugleich können Überschüsse der Industriestaaten in die Länder der Peripherie exportiert werden. Ihnen wird nur so viel „Entwicklung“ zuteil, wie sie zur Aufrechterhaltung dieser Wirtschaftsbeziehungen 91 Ich widerspreche Frank allerdings in dem Punkt, dass „Europa“ (vor allem das deutsche Gebiet) nie unterentwickelt gewesen ist. Im Vergleich zu arabischen Ländern waren die europäischen Gebiete im Mittelalter durchaus unterentwickelt (in Bezug auf die Philosophie, Wissenschaften wie Astronomie oder Medizin, Gesetzgebung und „Toleranz“ gegenüber Andersgläubigen wie Kopten, Aramäer und Juden). Immerhin verstanden sich sowohl das karolingische Frankenreich als auch das sog. „Heilige römische Reich deutscher Nation“ als Nachfolger des antiken römischen Reichs. Der Nodalpunkte nachholender Entwicklungen für dieses „Europa“ waren zum einen frühe „Schnittstellen von Wissenstransfers“ aus dem Osten in den Westen (insbesondere über Cordoba, Toledo, Palermo und Konstantinopel) im Mittelalter und zum anderen spätere Plünderungen Mittel- und Südamerikas sowie die Eroberungen der arabischer Handelswege zu den Gewürzquellen in Ostasien durch die sog. „Seefahrernationen“. Dependenztheoretische Diskurse und neoliberale „Konterrevolution“ 226 brauchen. Eine Entwicklung nach westlichem Vorbild ist nicht wirklich vorgehsehen, weil sie sonst zu ernsten Konkurrenten der Industrieländer werden würden (wie beispielsweise China in heutiger Zeit). Periphere Gesellschaften besitzen zwar Dynamik, aber sie verläuft in eine entgegengesetzte Richtung. Entwicklung in Zentren geht auf Kosten und zu Lasten der Peripherie. Zentrum und Peripherie sind dabei zwei Seiten derselben Medaille. Der Unterschied zwischen metropolitanem und peripherem Kapitalismus beruht darin, dass ersterer einen weitestgehenden Ausgleich im Verhältnis von Kapitalgüter- und Massenkonsumgütersektoren besitzt, während letzterer auf der Dynamik von Prim- ärgüterexport und Luxusgüterimport beruht. Die Peripherie basiert hauptsächlich auf einer exportorientierten Entwicklung und muss durch eine autozentrierte Dissoziation vom Weltmarkt abgelöst werden. Nach erfolgter Restrukturierung der nationalen Ökonomie soll ein vergleichbares Maß an Wachstum von Kapital- und Massenkonsumgütern erfolgen. Eine Kooperation regionaler Peripherieökonomien begünstigt diesen Prozess. Senghaas (1974) nennt diesen Vorgang die drei entwicklungspolitischen Imperative: Dissoziation, interne Restrukturierung und regionale Kooperation gegen säkulare Verschlechterungen von Austauschverhältnissen mit besonderem Fokus auf die „Außengerichtetheit“ peripherer Gesellschaften. Mit Außengerichtetheit wird der Prozess bezeichnet, wenn ausländisches Kapital in eng begrenzten Sektoren investiert wird, es nur dort zu einer Industrialisierung kommt und sich die fordistische Arbeitsteilung nicht flächendeckend etabliert (vgl. Amin 1974). Entsprechend dem Metropolen-Satelliten-Modell herrscht ein deformierter Agrarkapitalismus wegen einer einseitigen Spezialisierung auf den ungleichen Au- ßenhandel vor, dessen Produktion nicht im Sinne der herstellenden Bevölkerung liegt, sondern einem Dominierer-Dominierter-Verhältnis entspricht. Die Dominanz der kapitalistischen Zentren mit ungleich höherer Wertschöpfung stellt sich durch eine höhere Kapitalmobilität in den Industrieländern dar, demgegenüber die Entwicklungsländer mit der Anhäufung relativ unbeweglicher Arbeitskräfte stehen. Daraus resultiert „anti-komparativ“ ein Tausch von mehr Arbeit gegen weniger Arbeit, woraus eine permanente Wertübertragung zugunsten der hochtechnisierten, produktiver wertschöpfenden Zentren entsteht und höher ausfällt (vgl. Senghaas 1972, 1979). Frank setzt an die Stelle eines evolutionär-zeitlichen Schemas (Tradition vs. Moderne) ein räumliches Prinzip (unterentwickelte Peripherie und entwickelte Metropole). Aber er kritisiert an dieser Sichtweise (und damit indirekt auch Marx), dass sie nur exogene Faktoren (wie Kolonialismus, Imperialismus oder schlechte Terms-of-Trade-Verhältnisse) für Unterentwicklung in der Peripherie verantwortlich macht. Relevant sei aber auch der Blick auf endogene Ursachen. So betont er unter anderem, dass sich die Eliten der auf dem Weltmarkt schlechter aufgestellten Länder, gut mit den asymmetrischen Wirtschaftsbeziehungen zu Lasten der heimischen Bevölkerung arrangieren würden. Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 227 Die Argumentation von Anhängern der Dependenz-Theorie als Weg zwischen freihändlerischem Liberalismus und zentralistisch-kollektivistischem Staatssozialismus geht insgesamt in Richtung einer Listschen nachholenden Entwicklung. Die kapitalistische Produktion muss nicht grundsätzlich bzw. notwendigerweise aufgegeben werden. Im Unterschied zu späteren Post-Development-Ansätzen widersprechen sie nicht dem westlichen Industrialisierungsparadigma des wirtschaftlichen Wachstums und der Produktivitätssteigerung, sie halten aber den klassisch-liberalen Weg für unkorrekt. Ziel von Industrialisierung muss vielmehr eine wirtschaftliche Entwicklung sein, die die Abhängigkeit von Arbeitsteilung minimiert und anstelle peripherer Ökonomisierung eine metropolitane Industriegesellschaft schafft (Ocampo/Parra 2003). Kamps (2000: 31) nennt die Dependenztheorie, gerade wegen ihren unterschiedlichen Teiltheorien, daher auch eher eine „Problemperspektive“, als eine eigenständige Theorie. Es fehlt ihr eine eigenständige Entwicklungsperspektive. Den unterschiedlichen dependenztheoretischen Ansätzen ist der Bruch mit dem Dogma Ricardoscher Vorteile komparativer Kostenmodelle gemeinsam. Sie gelten in den 1960er und 1970er Jahren als der wichtigste, nichtsowjetische Gegendiskurs zu klassisch-liberalen Entwicklungstheorien. Während „reformerische“ Dependenzler in der Abkoppelung vom Weltmarkt bereits das Ziel und nicht erst das Instrument von nachholender Entwicklung sehen, stellt dieser Vorgang bei den „konsequenten“ Theorievertretern erst den Anfang für darauf folgende Gesellschaftsumwälzungen dar (vgl. Kevenhörster/van den Boom 2009: 19ff; Dos Santos 1991, 1972). So schlagen manche Theoretiker wie Frank (1969) eine sozialistische Wachstumsstrategie als Alternative vor. Die Vorschläge knüpfen im Wesentlichen an sozialistische Modernisierungstheorien an, wenn auch ohne leninistischen bzw. sowjetischen Impetus. Sie hinterfragen allerdings die Notwendigkeit revolutionärer Umwälzungen. Die liberalistischen Modernisierungstheorien neigen in Entwicklungsdiskursen zu einer Strategie negativer Schwerpunktsetzung gegen kulturelle Normen und Verhaltensweisen, die nicht auf Konsum und unselbstständige Arbeitsteilung ausgerichtet sind. Dependenzler betonen hingegen ausschließlich von außen einwirkende ökonomische Triebkräfte wie Weltmarkt, das Eindringen des Kapitalismus oder ausländische Investitionen als Hauptursache von Unterentwicklung (hauptsächlich die Kolonisierung und gewaltsamen Einbindung in die internationale Arbeitsteilung; vgl. Krüger 2000: 165ff, 221ff). Aber auch bei ihnen spielen kulturelle Normen und Verhaltensweisen höchstens als „Unterkategorien“ eine Rolle. Die Kritik am dualistischen Ansatz der Modernisierungskonzepte übergeht außerökonomische Faktoren genauso wie liberale Standpunkte (Nuscheler 1993: 359). Zudem sind die Vorwürfe recht einseitig: Systematisch niedrig gehaltene Rohstoffpreise als einzige Argumentationsgrundlage eines epochenübergreifenden Kapitaltransfers von den Peripherien in die Kapitalzentren zu benutzen, stellt die politische Funktion einer binären Wahrnehmung in den Vordergrund: Ein Freund- Dependenztheoretische Diskurse und neoliberale „Konterrevolution“ 228 Feind-Bild wird erzeugt, das auf den dichotomen Gegenüberstellungen von Ausbeuter und Ausgebeuteten beruht, jedoch innergesellschaftliche Ursachen weitestgehend ausklammert. Die Kritik ist zwar berechtigt, reflektiert aber nur eindimensional bzw. monokausal. Die dependenztheoretischen Gegendiskurse arbeiten zudem in gleicher Weise mit unklaren Begriffen, indem sie dieselben wie die liberalen Modernisierungsdiskurse benutzen, ohne deren Inhalte kritisch zu hinterfragen und dann umzudeuten (Boeckh 1993: 165): Industrialisierung, starke Position des Staats nach innen und außen, Homogenität etc. Sie bedienen sich dabei desselben Strukturalismus wie das eurozentristische Lager und produzieren auf dieselbe Weise ideologischen Gehalt, weil die Verallgemeinerungen für alle Entwicklungsländer unabhängig historischer Zeitabläufe gleich gelten sollen. Als alternative „Industrialisierungsideologie“ aus der Peripherie besteht der Kern der Theorie in der Legitimierung eigener Industrialisierung mit den gleichen Negativauswirkungen wie in den fortgeschrittenen Industriestaaten (Umweltzerstörung, Urbanisierung, antagonistischen Ausdifferenzierung der Klassengesellschaft, Proletarisierung, Agroindustrialiserung, etc.), d.h., dass sie keine neue Art und Weise von Industrialisierung vorschlägt, die den Menschen und soziale Aspekte in den Mittelpunkt stellt. Die prinzipielle Reproduktion von Industrialisierung nach westlichem Vorbild bleibt durch zentrale Dualismen und Zielsetzungen wie Fortschritt, Dynamik, Homogenität, Autonomie, Integration, Zentrum gegen Rückständigkeit, Stagnation, Heterogenität, Abhängigkeit, Marginalität, Peripherie, usw. bestehen (vgl. Quijano 2010: 29ff). Die Theorie verbleibt sprachlich und gedanklich folglich innerhalb des Modernisierungsparadigmas und beansprucht deren normativ-verpflichtenden Mehrwert im Umkehrschluss für die Entwicklungsländer, „as the political economy of third world nationalism – (...) streched to apply to culture: protectionism, dissociation, endogenous development are prescribed for national culture as they have been for national economy. What ensues is cultural dependency theory“ (Nederveen Pieterse 2010: 66). Offen bleibt die Frage, wo die neue kapitalistisch zuliefernde Peripherie für die Staaten, die der Dependenz-Theorie folgen, entstehen soll. Geschichtlich ist die Perspektive nahezu monokausal auf den Weltmarkt ausgerichtet: Fehler in der vergangenen Entwicklung werden fast ausschließlich über kapitalistisch-imperialistische Eroberung und die westliche Beherrschung des Welthandels interpretiert. Interne Entwicklungshemmnisse, z.B. ein nicht von Menschen verursachter Mangel an natürlichen Ressourcen, werden ungenügend einbezogen. Die Annahme von kultureller Identität wird statisch wahrgenommen und ist in den Grundzügen den mit den dependenztheoretischen Diskursen einhergehenden Self-Reliance-Strategien entlehnt.92 Damit werden lediglich Vorwürfe aus der 92 Unter Self-Reliance-Strategien werden ab den 1960er Jahren eigenständige Binnenentwicklungen eines Landes verstanden: Rohstoffe werden im eigenen Land verarbeitet und verbraucht und nicht exportiert. Die inländische Landwirtschaft soll gefördert werden und deren Produkte dem Binnenmarkt zugutekommen (Selbstversorgung, Ernährungs- Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 229 marxistischen und besonders leninistischen Imperialismuskritik aufgegriffen (vgl. Dos Santos 1968). Meiner Meinung nach haben dependenztheoretische Diskurse das wissenschaftlich lange Zeit übergangene Problem von Machtgefällen zwischen Industriestaaten im nördlichen Wirtschaftszentrum und den Entwicklungsländern als südliche Kapitalperipherie in die politisch-ökonomischen Debatten nachhaltig, wenn auch mit eingeschränkter Erklärungskraft, integriert. Das Terms of Trade-Problem als asymmetrisches Organisationsprinzip internationaler Handelsstrukturen mit (post-)imperialistischen Wurzeln ist dadurch Gegenstand akademischer Auseinandersetzungen geworden, ohne vom Duktus sowjetischer Diskursstrategien eingenommen zu werden. Zudem resultiert ein Großteil der dependenztheoretischen Diskursstränge von Wissenschaftlern aus lateinamerikanischen und anderen nicht fortgeschritten industrialisierten Staaten, womit erstmals nicht-eurozentristische Argumentationen Eingang in die entwicklungstheoretische und -politische Debatten finden, auch wenn sie sich insgesamt innerhalb der Vorstellungen klassischer entwicklungs- und modernisierungstheoretischer Diskurse positionieren (vgl. Hellmund 2013: 56ff). Zwischen den 1950er und 1970er Jahren finden die dependenztheoretischen Ansätze auch aus einem anderen Grund breite Rezeption: Viele der entwicklungsökonomischen Pioniere im kapitalistischen System sind Befürworter von der zu dieser Zeit noch einflussreichen keynesianischen Wirtschaftsweise. Im Zuge der Ölkrise von 1973 und dem Beginn rasanter Verschuldung der Entwicklungsländer, bedingt durch freizügige Kreditvergaben der Industrienationen, verschärfen sich aber ab Mitte der 1970er Jahre bzw. Anfang der 1980er Jahre liberale Standpunkte, die nun darauf abzielen, sowohl den Keynesianismus aufgrund der veränderten Finanz- und Wirtschaftsverhältnisse abzulösen als auch die Dependenz-Theorie zu widerlegen. Gleichzeitig scheitern in Folge dieser Krise eine Reihe von staatlichen Importsubstitutionsstrategien (Hirschmann 1981: 40ff). Die bisherige staatsinterventionistische Entwicklungspolitik gerät in Erklärungsnot und in eine erkenntnistheoretische „Sinnkrise“ (vgl. die Nairobi-Rede McNamaras von 1973 oder den Bericht der Brandt-Kommission von 1980). Gezielte, systematisch vom Westen initiierte Industrialisierungs- und agrarische Modernisierungsprozesse von Ost- und Südostasien (den Tigerstaaten Hongkong, Singapur, Südkorea und Taiwan) werden von Neoliberalisten als Beispiele herangezogen, um die dependenztheoretische Dichotomie von kapitalistischem souveränität). Eine eigene Industrie soll aufgebaut werden, die eigene Güter für den täglichen Bedarf breiter Bevölkerungsschichten herstellen und die Grundbedürfnisse (Basisgesundheitsdienst, Versorgung mit sauberem Trinkwasser) befriedigen kann (keine Luxusgüter oder Exportprodukte). Importe und Exporte werden minimiert. Der Landwirtschaftssektor konzentriert sich auf eine unabhängige ländliche Entwicklung. Der Aufbau von Schwerindustrien ist zu vernachlässigen und das Land koppelt sich so lange vom internationalen Handel ab, wie es zu keinen gleichberechtigten Austauschverhältnissen kommt. Dependenztheoretische Diskurse und neoliberale „Konterrevolution“ 230 Zentrum und Peripherie zu widerlegen (vgl. Kirchberg 2007). Verschuldung, Handelsbilanzüberschüsse und Nettokapitalexport sind bei diesen Staaten durch Subventionen, Technologietransfers, Marktöffnungen für die Produkte dieser Länder und Ankäufe von Staatsanleihen gerade der USA und Großbritanniens der dependenztheoretischen Argumentation künstlich enthoben (vgl. Castells 2003: 176ff). Dahinter steht die Strategie, den wachsenden Wohlstand von 70 Mio. Menschen als erfolgreichen Versuch des Neoliberalismus darzustellen und die Verelendung von 970 Mio. Menschen zu übergehen (Menzel 1992: 28f). Hinzu kommt das Wachstumsargument von einigen wenigen anderen Ländern wie der Volksrepublik China in den 1980er, Mexiko und Indien in den 1990er Jahren oder von Brasilien ab der Milleniumswende, die als Gegenargumente herangezogen werden, obwohl der Rostowsche Ausbreitungs- und Durchsickerungseffekt aus Sicht eines volkswirtschaftlichen Gemeinnutzens nicht stattfindet und es zu keiner Überwindung struktureller Ungleichheit kommt (vgl. Wolter 2007). Mit dem Zusammenbruch des Sowjetsystems und dem Ende der gegenseitigen Wirtschaftshilfe staatssozialistischer Staaten ist der Neoliberalismus die neue großtheoretische „Meistererzählung“. Im Rückzug des Staats aus der Wirtschaft und der sozialen Verantwortung für die allgemeine Grundversorgung wird ein Allheilmittel gegen die zunehmende globale Schuldenlast gesehen (Haushaltskürzungen). In den Entwicklungstheorien wird von „Konterrevolution“ gesprochen (vgl. Toyle 1987). Das neoliberale Strukturanpassungsparadigma bricht mit der Vorstellung eines besonderen Theoriebedarfs für nicht fortgeschritten industrialisierte Staaten und leugnet die Vorzüge einer (keynesianisch ausgerichteten) besonderen Entwicklungsökonomie. Der neuen strategischen Ausrichtung entsprechend gibt es nur eine wirtschaftswissenschaftliche Grundannahme und damit auch nur eine universell geltende Entwicklungspolitik, gleich welchen Entwicklungsstand Staaten einnehmen (vgl. Friedman 1962). Ähnlich wie der klassische Liberalismus basiert auch der Neoliberalismus auf drei Säulen (vgl. Naef 2014: 61ff): 1.) Eigennutzen-Maximierung: • Wirtschaftspolitik setzt monetäre Anreize, um die Menschen in Bezug auf bestimmte wirtschaftspolitische Ziele zu beeinflussen (im Sinne der Eigennutzen-Maximierung zur Förderung des gesamtgesellschaftlichen Wohlstands); • moralisch-ethische Werte werden zugunsten entwicklungs- und modernisierungstheoretischer Ziele zurückgestellt; • demokratische Gesetze stehen hinter ökonomischem Kalkül; • Selbstverantwortung der Wirtschaftsakteure nimmt durch extrem kurzfristiges Denken ab. Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 231 2.) Selbstregulationsprinzip der Märkte: • Bildung, Gesundheitswesen, Wissenschaft und Produkte zur militärischen Verteidigung werden dem Markt und dem Wettbewerb überlassen; • Überführung von großen Teilen öffentlichen Eigentums (z.B. der Wasserversorgung) in private Eigentumsverhältnisse; • Förderung der Entfaltung von Selbstregulation und Eigennutzen-Maximierung. 3.) Gleichgewichtsautomatismus: • Effizientere Zuteilung von Gütern und Dienstleistungen nach dem Prinzip der „Kostenrationalisierung“; • Maximale Freiheit für Handel im Sinne von Tauschprozessen in der Wirtschaft. Spätestens Anfang der 1990er Jahre wird mit Umsetzung der Strategien des Washingtoner Konsenses „Entwicklungspolitik“ ausschließlich als Ausrichtung auf exportorientierte Produktion in den Entwicklungsländern gemäß der Nachfrage aus den Industrieländern forciert. Zugleich werden arbeitsintensive Herstellungsprozesse der weiterverarbeitenden Industrie mit hohem Anteil gering qualifizierter Arbeit im Niedriglohnbereich in Entwicklungs- und Schwellenländer ausgelagert. Diese Ricardosche Renaissance der komparativen Tauschstrategie nennt Senghaas in Anlehnung an Marx „die Indienstellung billiger Arbeitskräfte von peripheren Ökonomien für rohstoff- und arbeitsintensive Anlagerungsproduktionen des metropolitanen Kapitals als eine Verschärfung der überkommenen asymmetrischen Struktur zwischen Metropolen und Peripherien“ (Senghaas 1977:183f). Die ungleiche Arbeitsteilung wird auf einem gesteigerten Arbeits- gleich Produktionsniveau fortgesetzt und ist lediglich Instrument der alten Weltwirtschaftsordnung. Neoliberale Industrialisierung versteht sich als Auslagerungsproduktion unrentabler Herstellungsprozesse von transnationalen Konzernen, womit „Entwicklung“ weiterhin substantiell von konjunktureller Dynamik der Metropolen abhängt. Oberstes Diktum ist, die Schuldendienstfähigkeit der Entwicklungsländer um jeden Preis zu gewährleisten. Die Strategien der Strukturanpassung verfolgen Kürzungen von Staatsausgaben, Währungsabwertungen und Einschränkung der Geldmengen, die Ausrichtung auf exportorientierte Industrialisierung, einen effizienteren Ressourcenverbrauch, Rationalisierungen, Liberalisierung und Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen (Entlassungen, Einsparungen etc.) unter dem Diktum der Kosten- ökonomie, eine nahezu schrankenlose Freihandelspolitik durch Abbau von Handelsbeschränkungen (Außenzölle) und Handelskontrollen (Öffnung für ausländisches Kapital), die Beschneidung von Arbeitnehmerrechten, eine Deregulierung der Märkte und der Preisstabilisierungen (Abschaffung von Preissubventionen für Dependenztheoretische Diskurse und neoliberale „Konterrevolution“ 232 Grundbedarfsartikel), die Privatisierung öffentlicher Unternehmen und Einrichtungen, die Reduzierung öffentlich-sozialer Sicherungs-, Gesundheits- und Bildungssysteme und Abbau von Subventionen für die heimische Wirtschaft (Ehlers 2013: 10; Tittor 2005: 47; Ziai 2004b: 8). Die Krise bzw. das Ende verschiedener Modernisierungstheorien betrifft aber nicht nur die nicht fortgeschrittene industrialisierte Staatenwelt. Schon seit den in den 1950er Jahren einsetzenden Deindustrialisierungsprozessen und der Krise des Fordismus geraten auch die Industrienationen durch steigende Sockelarbeitslosigkeit, Prekarisierung, Abbau von gesicherten Vollzeit-Beschäftigungsverhältnissen und eigener Staatsverschuldung in Rechtfertigungsnöte. Das aus der eigenen Geschichte abgeleitete Leitbild, rückständige, traditionelle und vormoderne Agrargesellschaften zu beseitigen, führt die sogenannten „nachindustriellen Gesellschaften“ selbst zu der Frage, wie es entwicklungstheoretisch in den eigenen Ländern angesichts wirtschaftlicher Destrukturierung weitergehen soll. Postmoderne Begriffe wie Dienstleistungsgesellschaft, Informationsgesellschaft oder Wissensgesellschaft als dritte Stufe des globalen kapitalistischen Stadienmodells haben während der selbstverursachten Sinnkrise der 1980er Jahre Hochkonjunktur in wissenschaftlichen Diskursen, überdecken damit aber nur das Problem der Deregulierung und Privatisierung des gesellschaftlich Sozialen (Dunn/Ghose/Kneesch 1997: 3ff). Es entstehen „Theorien mittlerer Reichweite“, die eine Reaktion auf das offenkundige Scheitern des Versprechens auf universelle Wohlstandsentwicklung der klassischen Großtheorien sind. Sie fokussieren angesichts sich weltweit zuspitzender Verelendungsprozesse notgedrungen Grundbedürfnisstrategien als minimalstes zu erreichendes Ziel (Armutsbekämpfung im Sinne von Hilfe zur grundlegenden Ernährungs- und Gesundheitsversorgung). In den diskursiven Auseinandersetzungen der entwicklungstheoretischen Erkenntniskrise wird eingeräumt, dass kapitalistisches Wirtschaftswachstum nicht automatisch zu Demokratisierung oder Beseitigung von Armut führt (West) und dass der sozialistische Anspruch von Entwicklung zugunsten werktätiger Massen auf Dauer nicht eingehalten werden kann (Ost). Zudem wird eingestanden, dass eine in die breite gehende Industrialisierung der Entwicklungsländer auf Grundlage von auf Industrieländer ausgerichteter Exportproduktion nicht umsetzbar ist. Die Durchsetzung des neoliberalen Paradigmas zielt mit Implementierung von „Good Governance“-Diskursen in Verbindung mit „Public Private Partnerships“ auf die Durchsetzung neu definierter politischer Stabilitäten ab, womit in erster Linie die Gewährleistung des staatlichen Gewaltmonopols sowie funktionierende und leistungsfähige staatliche Institutionen zur Absicherung kapitalintensiven Eigentums gemeint sind (Menzel 2010: 84; Ziai 2007: 78ff, 92ff; Senghaas 1985). Dadurch soll Wirtschaftswachstum als Grundmotor von Entwicklung zur Befriedigung ständig wachsender Bedürfnisse in den Industriestaaten abgesichert werden, weshalb die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und damit die Arbeitsproduktivität in den Entwicklungsländern permanent erhöht werden muss. Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 233 Historische, politische und kulturelle Besonderheiten werden nur zum Ausgangspunkt von entwicklungspolitischen Überlegungen genommen, um zu fragen, welche Chancen der Weltmarkt und damit verbundene politische Abhängigkeiten bieten. Das heißt, dass Kultur nur in Verbindung der Steigerung von Arbeitsproduktivität gesehen wird und somit dem Prinzip von effizienzsteigernder Arbeitsteilung im Kapitalkreislauf zwischen Zentrum und Peripherie unterliegt. In der entwicklungspolitischen Debatte wird dementsprechend nur noch gefragt, ob kulturelle Faktoren förderlich oder hinderlich für die Einbindung in Markt- und Kapitalkreisläufe sind. Als positive Faktoren gelten weiterhin jene, die die Empathie für Leistungsfähigkeit steigern können und jene, die offen sind für Konsumorientierung (z.B. „konfuzianische Werte“; vgl. Rüland 1997: 100; Teo 1997:191ff; Masson 1997: 19ff; Huntington 1996: 156ff). Als negative, vergangenheitsorientierte und „modernisierungsunwillige“ Faktoren gelten jene, die die kapitalistischer Produktion hemmen und zu politischen Konflikten führen (z.B. die Islam-Debatten; vgl. Flatz 2000: 57; Gärtner 2000: 67ff; Weiss 1995: 6f; Tibi 1995: 67ff, 165ff). „Ein wichtiges Kriterium für die Annahme oder Abwehr von Elementen der Modernität ist auch hier deren Vereinbarkeit mit dem weltanschaulichen Kern, d.h. mit den jeweiligen kulturellen Grundüberzeugungen, Gefühlen, Werten. Bekannte und immer wieder angeführte Beispiele hierfür sind konfuzianisch geprägte Gesellschaften wie China oder Japan. Ähnlich wie die protestantische Ethik (Max Weber) mit ihrer Betonung von Arbeit, Nüchternheit und Sparsamkeit im Westen den Siegeszug des modernen Kapitalismus geprägt hat, so haben konfuzianische Werte in Ostasien die Modernisierungsprozesse beflügelt. Als konfuzianische Werte gelten u.a. Ordnung, Autorität, Disziplin, Pflichterfüllung, Respekt und Gehorsam gegenüber Vorgesetzten, Sparsamkeit, Enthaltsamkeit, Leistung, Gelehrsamkeit, Lerneifer, Treue, soziale Harmonie (...). China oder Japan verstehen ihre Modernisierung nicht als Verwestlichung, sondern als Produkt ihrer eigenen Kulturen“ (Peter 2000: 241). Der Faktor „Kultur“ erlebt seit der Krise der antagonistischen klassischen Großtheorien deshalb eine Renaissance, weil er als stereotypes und phraseologisches Platzhalterargument anstelle harter und schwer vermittelbarer politisch-ökonomischer Analysen des Neoliberalismus populistisch platziert werden kann. Nachdem sich herausgestellt hat, dass es nicht zu einem weltweiten wirtschaftlichen, sozialen und politischen Annähern der Entwicklungsländer an die Industriestaaten gekommen ist, die Abstände haben sich sogar noch vergrößert, ist mit „Kultur“ als Entwicklungshindernis ein neues diskursives Paradigma gefunden, dessen Vieldeutigkeit als Ursache für Unterentwicklung funktioniert, ohne direkte Verbindungen zu den realen Folgen von neoliberalen Strukturanpassungen herstellen zu müssen. Aus dem alten Dualismus von „Tradition und Moderne“ ist der Begriff der Tradition als Gegenbild zu fortgeschritten industrialisierter Kapitalisierung gestrichen und durch „Kultur“ ersetzt worden. Am Dualismus ändert sich nichts. Dependenztheoretische Diskurse und neoliberale „Konterrevolution“ 234 „Der niedrige Entwicklungsstand, die Defizite bei der Humankapitalbildung, die politischen Rahmenbedingungen und das soziokulturelle Normengefüge bedingen sich wechselseitig, wobei entscheidende Steuereffekte vom Wertesystem ausgehen. Individuen passen sich solchen Normen an (...), wenn sie kreatives Denken, kritisches Hinterfragen und innovatives, vorwärtsdrängendes Handeln tunlichst vermeiden und eher tradierte Verhaltensmustern der von Hagen beschriebenen autoritären Persönlichkeit folgen.93 Im Überlebenskampf unter extrem schwierigen Bedingungen reagieren Menschen sensitiv auf politische und soziale Rahmenbedingungen, die ihnen von außen vorgegeben werden. So kommen Strukturanpassungsprogramme nicht rasch genug voran, wenn trotz des proklamierten Übergangs zu marktfreundlichen Regimen die Defizite (...) fortbestehen“ (Weiss 1996: 13). Für die zwei großen „ungelösten“ Fragen – wie es einerseits in vielen Entwicklungsländern trotz jahrzehntewährender „Entwicklungspolitik“ zu massiven Armuts- und Verelendungsprozessen und Misserfolgen bei Demokratisierungsbestrebungen kommt und andererseits Wohlstand und industrielles Wachstum in einigen wenigen Staaten ohne einhergehende Demokratisierung erfolgt – ist Kultur wegen seiner gering ausgearbeiteten begrifflichen Trennschärfe sehr gut geeignet: Ohne Einbeziehung eines kritischen Arbeits-, Klassen, Kapital- und Machtkontextes lässt sich der Terminus „Kultur“ nahezu beliebig auf alle möglichen soziopolitischen und -ökonomischen Bereiche gesellschaftlich unsozialer Veränderungen ideologisch anwenden. Zudem muss das eigene politische Vorgehen des Westens durch den Einsatz ideologisch neoliberaler Kulturdiskurse nicht reflektiert werden. Sonst müssen sich die Industriestaaten eingestehen, dass viele autoritäre Regime in Nicht- Industriestaaten nur durch die ökonomischen und politischen Verflechtungen mit dem Westen am Leben gehalten werden. Stattdessen werden Scheindebatten über angebliche geokulturelle Wesenhaftigkeiten bemüht, um das Fortbestehen autoritärer Regime trotz Wirtschaftswachstum in Ost- und Südostasien zu erklären oder islamische Glaubensrichtungen in Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens herangezogen, um fortdauernde Feudal- und Oligarchiesysteme in dieser durch Erdöl zu neuem Wohlstand gekommenen Region populistisch erklären zu können 93 „Nach Hagen erfordert Kreativität Offenheit für neue Erfahrungen, konstruktive Phantasie, Vertrauen in die eigene Urteilskraft und Problemlösungsfähigkeit, Verantwortungsgefühl und Erfolgsorientierung sowie einen offenen neugierigen Geist. Anders der nichtkreative Persönlichkeitstypus: ‚Entschlossene Mächte, die viel stärker sind..., dienen ihren eigenen Zielen und übergehen die seinen, wenn er sich nicht ihrem Willen unterwirft. Diese Wahrnehmungen nähren in ihm die eigene Furcht vor dem Gebrauch seiner Initiative, Unsicherheit bezüglich seiner eigenen Urteilsfähigkeit und eine Neigung, anderen die Bewertung einer Situation zu überlassen, um Frustration und Angst zu vermeiden... Anstatt sich auf seine eigene Urteilskraft bei der Lösung von Problemen in der Außenwelt oder bei seinen Beziehungen zu anderen zu verlassen, vermeidet er Schmerz durch den Rückfall auf traditionelle Verhaltensmuster, die ihn seine Eltern und andere frühe Autoritäten gelehrt haben, und durch Annahme des Urteils oder des Willens von Höhergestellten... Er findet es sicherer, sich auf traditionelle Regeln oder das Urteil älterer, weiserer und ranghöherer Personen zu verlassen‘“ (Hagen 1962: 97f; in: Weiss 1996: 13). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 235 (vgl. Weiss 1996: 15f). In diesem Sinne ist Witte (1988: 69) zuzustimmen, dass Kulturpolitik „die modernste Form der Außenpolitik“ ist, und Außenpolitik findet stets im Rahmen eigener wirtschaftlicher und politischer Interessen statt. 4.7 Exkurs II: Dekadenspezifische Diskontinuitäten in der internationalen Entwicklungspolitik „The old imperialism – exploitation for foreign profits – has no place in our plans. What we envisage is a program for development based on the concepts of democratic fair dealing“ (Harry S. Truman) Der Beginn der internationalen Entwicklungspolitik wird in der gängigen Literatur offiziell auf die zweite Antrittsrede des US-amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman (1884-1972) vom 20. Januar 1949 datiert (Büschel 2010), worin er eine Zweiteilung der Welt in wenige entwickelte und viele unterentwickelte Regionen vornimmt. Meiner Meinung nach wird fälschlicherweise von einem „Strukturbruch“ in der Weltordnung nach dem zweiten Weltkrieg gesprochen, mit dem eine postkoloniale „Stunde Null“ konstruiert wird. Bei genauer Betrachtung ist dies ein eurozentristischer Standpunkt, denn für den Großteil der damaligen Kolonien und späteren Entwicklungsländer ändert sich nichts. Die Lebensbedingungen für die Bevölkerungsmehrheiten in „rückständigen“ Kolonialgebieten sind schon vor dem Krieg schlecht, bleiben es während und nach dem Krieg bzw. verschlechtern sich in den folgenden Jahrzehnten noch erheblich (Césaire 1968: 13ff). Entwicklungspolitik nach heutigem Verständnis beginnt m.E. aufgrund staatsinterner und -externer Faktoren schon viel früher (vgl. Schubert 2010): Intern setzt bei den Kolonialmächten um 1900 die Einsicht ein, dass Kolonien mehr Profite erwirtschaften können, wenn ein Minimum an „Entwicklung“ wie Eisenbahnen, Wegenetze, Stadtgründungen und andere Infrastrukturmaßnahmen von staatlicher Seite erfolgen. Extern wird unter dem Einfluss der wenige Jahre später erfolgenden Gründung des Völkerbunds und des Artikels 22, Absatz 1 des Versailler Vertrags vom 28. Juni 1919 festgehalten, dass es die „heilige Aufgabe der Zivilisation“ (hier noch Europa) ist, die Entwicklung von nicht selbstbestimmten Völkern zu übernehmen, wozu in erster Linie Mandatsübernahmen von den vormals deutschen und osmanischen Gebieten durch Frankreich und England gemeint sind und es in Osteuropa zur ersten Entkolonialisierungswelle auf dem Gebiet der ehemaligen Dekadenspezifische Diskontinuitäten in der internationalen Entwicklungspolitik 236 Habsburger Monarchie kommt.94 In den 1920er Jahren veröffentlicht der Völkerbund erstmals Auffassungen, in denen die Entwicklung von Ressourcenverwertung in „Treuhandgebieten“ zusammen mit der Verbesserung von Lebensbedingungen der lokalen Bevölkerung als ein einheitlicher Prozess verstanden werden. Sog. „Entwicklung“ wird neben wirtschaftlicher nun auch erstmals um soziale Entwicklung erweitert. Zudem wird die potentielle Gleichheit von Völkern anerkannt, auch wenn rückständige der Führung von fortgeschrittenen („zivilisierten“ bzw. industrialisierten) bedürfen. Kultureller und biologischer Rassismus bleiben aber weiter bestehen. Bis Ende der 1940er Jahre wird das Wort „entwickeln“ vor allem von der britischen Kolonialverwaltung genutzt, meint die Ausbeutung von Bodenschätzen und sonstigen natürlichen Ressourcen und hat mit Ausnahme der Nutzung durch den Völkerbund eine durchweg koloniale Bedeutung, die immer mehr auf die in den Kolonien lebenden Menschen ausgeweitet wird. Jemand ist dort „unterentwickelt“, der nicht im Sinne der Kolonialverwaltung auf Plantagen oder in Bergwerken arbeitet (Lepenies 2009). Cooper (2012: 383) nennt die Anstrengungen jener Zeit einen „entwicklungsorientierten Kolonialismus“, der einerseits darauf abzielt, die Legitimität der Kolonialherrschaft angesichts wachsender Widerstände in den Kolonialbevölkerungen neu zu legitimieren; andererseits sind die Bestrebungen de facto nur darauf ausgerichtet, die Produktivität in den Kolonien effizienter zu regeln. Cooper bescheinigt diesen „Entwicklungsanstrengungen“, dass sie mehr Konflikte auslösten, als sie zu verhindern vermochten und eine Überforderung der Kolonialmächte mit den sich mehrenden Forderungen von afrikanischen Arbeitern, Bauern, Marktfrauen und anderen Gruppen (aus denen später Befreiungsbewegungen hervorgehen werden). In Anlehnung an Cooper (2000: 16), der auch von einem „Projekt des reformierten Imperialismus“ spricht, führt Eckert (2012) an, dass in dieser Zeit „die kolonialen Versuche, Afrika neu zu modellieren, weitgehend gescheitert [sind]. Die Frustration darüber mündete in ein Bild von Afrika als einem Kontinent der Stämme und Traditionen, der nur langsam einem Wandel unterworfen werden könnte. Das partielle Scheitern der europäischen Kolonialherren, die Bewohner Afrikas wie gewünscht dienstbar zu machen und deren Arbeitskraft umfassend auszubeuten, spiegelte sich nicht zuletzt darin, dass immer wieder die vermeintliche ‚Faulheit‘ der Afrikaner hervorgehoben wurde. Das äußerst zählebige rassistische 94 „Auf die Kolonien und Gebiete, die infolge des Krieges aufgehört haben, unter der Souveränität der Staaten zu stehen, die sie vorher beherrschten, und die von solchen Völkern bewohnt sind, die noch nicht imstande sind, sich unter den besonders schwierigen Bedingungen der heutigen Welt selbst zu leiten, finden die nachstehenden Grundsätze Anwendung: Das Wohlergehen und die Entwicklung dieser Völker bilden eine heilige Aufgabe der Zivilisation, und es ist geboten, in die gegenwärtige Satzung Bürgschaften für die Erfüllung dieser Aufgabe aufzunehmen“ (Artikel 22, Absatz 1 des Versailler Vertrags vom 28.6.1919). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 237 Stereotyp des ‚faulen Eingeborenen‘ gibt einen Hinweis darauf, dass die europäische Kolonialherrschaft selbst auf dem Höhepunkt der kolonialen Durchdringung Afrikas keineswegs allmächtig war. Denn die Charakterisierung afrikanischer Arbeiterinnen und Arbeiter als ‚faul‘ implizierte letztlich die Anerkennung der Grenzen kolonialer Dominanz – die Grenzen wurden freilich umstandslos der ‚Primitivität‘ der zu Beherrschenden, keineswegs den Widersprüchlichkeiten der kolonialen Herrschaftspraxis zugeschrieben“. In den 1920er Jahren werden diverse Anstöße einer noch völlig unerfahrenen Entwicklungspolitik für die britischen und französischen Kolonialgebiete erprobt, die bis in die 1940er Jahre ausgebildet werden und die Grundlage der späteren „Entwicklungshilfe“ (gemäß keynesianischer Ausrichtung) bilden: In Frankreich beginnen 1921 Programme für öffentliche Projekte durch staatliche Anleihen, initiiert vom sozialistischen Kolonialminister Albert Sarraut, die ab 1931 umgesetzt werden. 1929 wird in England der „Colonial Development Act“ durch das Parlament verabschiedet, in dessen Folge jährlich eine Millionen Pfund in Agrarentwicklung, Gesundheit, Ausbildung und Infrastruktur investiert werden.95 Damit etabliert England als erstes Land das Prinzip der Wirtschaftshilfe aus dem Norden für die Entwicklung des Südens (vgl. Maxon 1991: 259ff). Auch hier kritisiert Cooper (2010: 161), dass sich diese Programme hauptsächlich nicht auf den „Einsatz von Ressourcen aus den Metropolen zum Aufbau einer verbesserten Infrastruktur und zur Erhöhung des Lebensstandards in den afrikanischen Kolonien [beziehen] und (...) sich mit einer weniger dynamischen Vision kolonialer Ökonomien, kolonialer Arbeit und Herrschaft über ‚traditionelle‘ Gesellschaften zufrieden“ geben. Insgesamt sind diese Anstrengungen allerdings nur vor dem wachsenden und nicht mehr zu unterdrückenden Unmut der Bevölkerungen angesichts der andauernden ausbeuterischen Verhältnisse in den Kolonien zu sehen. Die de jure- Gleichstellung durch den Völkerbund und dessen Forderungen nach Beendigung der vor Ort immer noch stattfindenden sklavenartigen „Haltung“ einheimischer Arbeitskräfte (z.B. in – jetzt– Französisch-Togo), die Abschaffung von Zwangsarbeit, der Respekt vor dem Grundbesitz der einheimischen Bevölkerung und die Entwicklung der Kolonien in Richtung Selbstverwaltung oder Unabhängigkeit, sind immer wieder Forderungen des Völkerbunds an die Kolonialmächte in der Zwischenkriegszeit (vgl. Martineau 2012). 1940 wird das „Fabian Colonial Bureau“ gegründet, das in Zusammenarbeit mit der Labour-Party Entwicklungskonzepte ausarbeitet. Grundlage dieser Konzepte ist ein „kolonialer Humanismus“, der zwar prinzipiell Kultur und Wünsche der Betroffenen berücksichtigen soll (es entsteht der Ansatz der „Hilfe zur Selbsthilfe“), mit dem „Community Development and Animation“- Ansatz aber weiterhin auf 95 Vgl. im Original hierfür: American Anthropologist 51 (1) von 1949: : 167–169, auf: http://onlinelibrary. wiley. com/doi/10.1525/aa.1949.51.1.02a00310/pdf (zuletzt abgerufen: 09.03.2016). Dekadenspezifische Diskontinuitäten in der internationalen Entwicklungspolitik 238 rassistischer Grundlage basiert. So beinhaltet der Begriff „Animation“ die Vorstellung, dass Entwicklungsexperten (sogenannte „Animateure“) die Menschen vor Ort aus ihrer angeblichen Lethargie befreien müssen, um sie stärker in „Entwicklungsprojekte“ integrieren zu können. Nochmals in den Worten Coopers (2010: 161f) umfasste diese „Animation“ eine „systematische Anstrengung zur Entwicklung produktiver Ressourcen, ein umfassendes Programm zur Heranführung von Arbeiter- Innen an regelmäßige Arbeit und das Leben in der Stadt, und ein stärker zukunftsorientiertes Erscheinungsbild der Kolonialpolitik. (...) In den 1950er Jahren fürchteten Kolonialbeamte, dass es einem Afrikaner, der die technischen Fähigkeiten für bestimmte Tätigkeiten erworben hatte, immer noch an der Motivation und der sozialen Verstärkung fehlen könnte, um sich alle Aspekte einer industriellen oder urbanen Situation anzupassen und dass er (...) rückfällig werden könnte [in traditionelle Verhaltensweisen und mystische Religion]. Zahlreiche Beamte gingen derart in ihrer Modernisierungsrolle auf, dass sie AfrikanerInnen, die diesem Drehbuch nicht folgten, als vorsätzlich fortschrittsfeindlich (…) betrachteten, wodurch sich die heftige Brutalität der Repression gegen angeblich antimoderne Bewegungen (...) besser erklären lässt“. Ab den 1920er Jahren löst zugleich der Keynesianismus die Neoklassik als herrschende Lehre ab, während in der Sowjetunion planwirtschaftliche Ziele und Verstaatlichung der Produktionsmittel verfolgt werden. Die Finanzierung zum Aufbau einer Schwerindustrie wird dort als „Aufbau des Sozialismus in einem Land“ durch Kollektivierung der Landwirtschaft erreicht. Während des zweiten Weltkriegs ruhen notgedrungen viele der „entwicklungspolitischen“ Maßnahmen. Weltpolitische Faktoren zur Formulierung von Entwicklungsideen (der Arbeitsmoral zur Steigerung der Produktivität) für „rückständige“ Gebiete sind in erster Linie den Erfahrungen des ersten Weltkriegs geschuldet, der die Wichtigkeit an Verbesserungen von Ressourcennutzung aus den Kolonien durch die steigende Nachfrage nach Rohstoffen in Europa aufzeigt. Mit der russischen Oktoberrevolution von 1917 stehen die Kolonialmächte nun auch realpolitisch vor einer systembedingten Legitimationskrise, denn die bolschewistische Machtübernahme stellt das klassische kapitalistische Paradigma wirtschaftlichen Wachstums in Frage und stößt bei antiimperialistischen Bewegungen auf propagandistischen Nährboden. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 schafft selbst in den liberalistischen Ökonomien ein Klima für Staatsinterventionen: keynesianistisch orientierte Sozialprogramme in England und staatliche Planungen des „New Deal“ in den USA. Zwar versucht England die sozialen Auswirkungen der Krise mit sog „colonial welfare programs“ zu schwächen, dahinter steht aber hauptsächlich die ökonomische Stärkung im Mutterland durch Handel und Kapitalverkehr mit den südlichen Kolonialgebieten. Vor diesem kolonialen Hintergrund stellt Truman, wie erwähnt, 1949 sein bekanntes 4-Punkte-Programm vor, in welchem er die Welt in „entwickelte“ und „unterentwickelte“ Staaten bzw. „unerschlossene“ Gebiete aufteilt (die bei den Kolonialmächten eigentlich als „zivilisierte“ und „unzivilisierte“ Gebiete gelten), und Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 239 fordert die Industriestaaten auf, unterentwickelte Länder mit technischer Hilfe und Krediten zu unterstützen, um sich selbst durch Etablierung marktwirtschaftlicher Prinzipien zu helfen (Truman 1949: 123).96 Damit untermauert Truman die weltweite Führungsrolle der USA nicht nur in militärischen, sondern auch in wirtschaftlichen Belangen, denn die USA brauchen dringend Absatzmärkte für ihre Produkte. Dadurch drückt sich die neue geostrategische, machtpolitische und politisch-ökonomische Interessenausrichtung einer neuen Weltordnung in der Nachkriegszeit unter Führung der USA (gegen die Sowjetunion) aus. Truman geht es aber weniger um die „Entwicklung“ der „Unzivilisierten“ als um die Verhinderung einer Ausbreitung des sowjetischen Kommunismus, auch wenn er bewusst koloniale Sprache ausklammert. In der Literatur über neuere Entwicklungs- und Modernisierungstheorien wird allerdings selten erwähnt, dass mit dieser Rede zugleich die Gründung der „Nord Atlantic Treaty Organisation“, der NATO, angekündigt wurde und sie eine Fortsetzung der sog. Truman-Doktrin vom 12. März 1947 ist (vgl. Charar 2013: 17). Grundlage für Trumans Rede ist zum einen Eugene Staleys Programm des staatspolitisch abgesicherten „Expansionismus“ (1935) für Privatinvestitionen einer „Weltwirtschaftsordnung, die auf freiem Handel und der Integration weniger entwickelter Länder in die Weltwirtschaft beruhte, aber auch wohlfahrtsstaatliche Elemente enthielt und eben jenes Weltentwicklungsprogramm, zu dem eine Bank gehörte [die heutige Weltbank], die für den Transfer von Geld, Wissen und Technologien zuständig war“ (Ziai 2004a: 103). Sein Programm basiert damit auf der bereits beschlossenen entwicklungspolitischen Nachkriegsordnung der „United Nations Monetary and Financial Conference“ von Bretton Woods im Sommer 1944. Ziel der USA ist die Verankerung einer auf Freihandel basierenden Weltwirtschaftsordnung auf Grundlage der 1941 verabschiedeten Atlantic Charter, die ohne koloniale Bindungen und Handelspräferenzen funktioniert (vgl. Tibi 1979: 12). Prinzipien der multilateralen Kooperation, des nationalen Selbstbestimmungsrechts der Völker und der ungehinderten Kapital- und Warenzirkulation auf Grundlage kapitalistischer Ordnung werden die neue Ausrichtung internationaler Beziehungen der nichtsozialistischen Staatenwelt (ebd.: 108). Damit, wie auch mit der Ausgestaltung internationaler Institutionen (1945/46 mit der Weltbank und ein Jahr später durch das „General Agreement on Tarifs and Trade“/GATT, später der IWF), werden hauptsächlich außenpolitische US-Interessen durchgesetzt. Ziel bleibt die Sicherung von Rohstoffquellen und nun aber auch explizit die Erschließung neuer 96 In Entwicklungsdiskursen wird von 4 Dekolonisationswellen gesprochen: In der ersten Welle sagen sich die lateinamerikanischen Kolonien von Spanien (und Haiti von Frankreich) im 19. Jahrhundert los, in der zweiten Welle werden die ehemaligen österreichischhabsburgischen Gebiete Osteuropas nach dem ersten Weltkrieg unabhängig, in der dritten Welle nach dem zweiten Weltkrieg und in den 1950er Jahren erklären sich Länder aus Asien für selbstständig (z.B. Indien, Indochina), schließlich werden in den 1960er Jahren zahlreiche afrikanische Staaten in einer vierten Welle souverän. Dekadenspezifische Diskontinuitäten in der internationalen Entwicklungspolitik 240 Absatzmärkte. Zudem sollen Wirtschaftswachstum und Weltmarktintegration zu Frieden und Sicherheit beitragen, um nicht wieder chaotische Weltwirtschaftszustände wie in der Zwischenkriegszeit zu wiederholen. Basis dieser nicht neuen, nun aber unter „Entwicklung“ subsummierten Theorien bleibt die klassisch-liberalistische Annahme, dass der freie Markt bei einer „normalen“ Entwicklung aller industriell nachholenden Staaten mittels Weltmarktintegration und Wirtschaftswachstum automatisch zu ökonomischem Fortschritt und sozialem Wohlstand führen wird. Diesem Automatismus entsprechend muss nicht extra finanziell in „Entwicklung“ investiert werden, vielmehr ist sie der freien Marktwirtschaft phänomenalistisch inhärent. Aus Trumans Rede werden die charakteristischen Konsequenzen der Entwicklungsdiskurse deutlich (Ziai 2007: 41ff): (1) Zahlreiche Gebiete (hauptsächlich Kolonien) sind im Vergleich zum Westen unterentwickelt. (2) Deren Entwicklungsprobleme sind rein wirtschaftlicher Natur. (3) Die Lösung dieser Entwicklungsprobleme sind technische Hilfe und Kredite nach dem Vorbild des Marshall-Plans. Wie West-Europa nach dem zweiten Weltkrieg können auch unterentwickelte Gebiete eine wirtschaftliche Prosperität erfahren, deren politische Stabilität zur Eindämmung des Staatssozialismus führt. Diese Entwicklungsprozesse sind von außen unterstütz- und regulierbar. (4) Die Entwicklung soll nach dem US-amerikanischen Wachstums- und Industrialisierungsmodell erfolgen. (5) Die Ursachen für Unterentwicklung liegen in den Gesellschaften selbst. (6) Das sozialistische Modell wird als ernstzunehmende, attraktive Alternative angesehen. (7) Nach der Dekolonisierungsphase kommt es zu neuen Staatsgründungen, in deren Zuge sich zahlreiche Staaten an der Sowjetunion orientieren. Dies führt zur Veränderung der Machtverhältnisse im internationalen System zu Ungunsten der kapitalistischen Industriestaaten. (8) Die unterentwickelten Gebiete lassen sich trotz aller Unterschiede untereinander anhand gemeinsamer Merkmale vom Westen wie vom Osten unterscheiden (womit der Vorgedanke der „Dritten Welt“ formuliert wird).97 (9) Fortschritt als Entwicklungskonzept entsteht durch die Verbindung von wirtschaftlicher Produktivität und Anhebung des sozialen Lebensstandards. (10) Das Wohlergehen der Bevölkerung, politische Stabilität und demokratische Verhältnisse sind „natürliche“ Konsequenz von Wirtschaftswachstum, Auslandsinvestitionen und Eingliederung in die kapitalistische Weltwirtschaft. (11) Die Welt lässt sich einteilen in „moderne“, industrialisierte westliche Staaten, denen traditionelle, agrarisch geprägte nicht-westliche Staaten gegenüber stehen. 97 Die Begrifflichkeit der Dritten Welt entsteht in den 1950er Jahren in Frankreich und dient als Ableitung des „dritten Stands“ der französischen Revolution in bewusster Abgrenzung zur Ersten und zur Zweiten Welt. Als erster Indikator zur Einteilung der Welt dient das rein auf quantitativer Basis erhobene Einkommensniveau (Pro-Kopf- Einkommen). 1961 wird die Zuschreibung durch Franz Fanon’s Buch „Schwarze Haut, Weiße Masken“ zum Synonym für Entwicklungsländer als dritte Kraft in den internationalen Beziehungen. Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 241 „Den Modernisierungstheorien liegt der Gedanke zugrunde, dass Unterentwicklung das Resultat endogener Unzulänglichkeiten sei. Beispielhaft sind das Verharren in traditionellen Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen, die geringe private Investitionstätigkeit sowie Mängel in der Infrastruktur und im Bildungswesen. Eine zentrale Bedeutung besitzt die Dichotomie von Tradition und Modernität. Tradition wird als hinderlich für den Entwicklungsprozess angesehen. Die Modernisierungsstrategien konzentrieren sich – und das wurde ihnen später zum Vorwurf gemacht – allein auf interne Hemmfaktoren für Entwicklung. Sämtlichen Modernisierungsstrategien ist gemein, dass die Zielsetzung des Transformationsprozesses – Entwicklung mittels Brechen mit traditionellen Bezügen – durch die Imitation des westlichen Entwicklungsweges realisiert werden soll. Die Industrieländer besitzen bezüglich ihres Gesellschafts- und Wirtschaftssystems Modellcharakter für die Entwicklungsländer“ (Winter 2004). Die Freiheit der Märkte wird mangels Alternativen und dem Druck sowjetischer Expansionsbestrebungen von zahlreichen Regierungen sowohl der Industriestaaten als auch der zu entwickelnden Länder des Südens als neues Politikziel übernommen. Insgesamt haben sich die Diskurse – auch unter dem Einfluss der allgemeinen Erklärung über die Menschenrechte der UN(O) – von „unzivilisierten“ und „zivilisierten“ Gebieten in den Terminus von „unterentwickelten“ und industriell fortgeschrittenen Regionen gewandelt. Gegenüber dem kollektivistischen Menschenbild des Staatssozialismus muss das westliche Konzept theoretische Zugeständnisse machen, die Menschen im Süden nicht mehr als kulturell Rückständige, sondern als lediglich unterentwickelte Gleiche zu behandeln, die auf der Entwicklungsbahn den Rückstand zu den Fortgeschrittenen noch nicht aufgeholt haben. Der sich abzeichnende Ost-West-Konflikt hat von Anfang an eine Nord-Süd-Dimension, weil er außerhalb Europas auf dem Rücken ehemaliger Kolonien ausgetragen wird. Nicht wenige koloniale Befreiungsbewegungen sehen im Anspruch der Sowjetunion eine Alternative, den Aufbau des Sozialismus als Modell für die Entwicklung nichtindustrialisierter Territorien zu propagieren, womit der sowjetische Einflussbereich ausgedehnt werden kann. Das Jahrzehnt nach Trumans Rede ist weniger von aktiven Entwicklungsbemühungen geprägt, als von deren Instrumentalisierung im Zusammenhang mit der Verfestigung von Blockbildung und kaltem Krieg. Der Großteil sogenannter „Entwicklungshilfe“ der USA geht Anfang der 1950er Jahre an Südkorea (hauptsächlich Waffen und militärberatende Unterstützung). In der Bundesrepublik bestimmt die Hallstein-Doktrin die außenpolitische und somit auch entwicklungspolitische Ausrichtung ab 1955.98 Die Jahre von 1947-1960 stehen im Westen insgesamt 98 Die Hallstein-Doktrin beherrscht von 1955 bis 1969 (Beginn der osteuropäischen Entspannungspolitik durch Willy Brandt) bundesrepublikanische Diplomatie. Sie besagt, dass diplomatische Beziehungen zur DDR als „unfreundlicher Akt“ angesehen werden, auf die die BRD mit wirtschaftlichen Sanktion bis hin zum Abbruch diplomatischer Beziehungen reagiert, um die DDR außenpolitisch zu isolieren. Dekadenspezifische Diskontinuitäten in der internationalen Entwicklungspolitik 242 unter der Ausrichtung von Containment-Politik: Ziel ist die Eindämmung des Einflussbereichs der Sowjetunion mittels keynesianischer Entwicklungsökonomie. Ehemalige Kolonien werden systematisch daran gehindert, politisches Interesse gegenüber dem sowjetischen Industrialisierungsmodell zu äußern und werden bei Zuwiderhandlungen mit Sanktionen bestraft. Unter diesem Dualismus muss Trumans Rede verstanden werden: Befürwortet werden wirtschaftliches Wachstum und Industrialisierung selbst unter gemäßigtem Staatsinterventionismus, aber nur nach den Regeln des freien Marktprinzips und gemäß den Interessen der westlichen Geberländer (vgl. Kennan 1987). Einen ähnlichen Dualismus versucht auch die Sowjetunion durch Waffenlieferungen an China, Nordkorea und Nordvietnam zu implementieren. Staaten wie Nordkorea, Nordvietnam, Angola, Mosambik oder Äthiopien, in Abweichung China oder die syrisch-ägyptische Personalunion schließen sich dem staatssozialistischen Modell an (vgl. Spanger/Brock 1987: 276ff). Aufgrund der systembedingten und auf wenige Staaten konzentrierten Politikstrategien taucht diese Zeitspanne nicht als offizielle Dekade der Vereinten Nationen mit einer eigenständigen politischen Zielsetzung auf. Erst mit Antritt der Kennedy-Administration 1961 wird „Entwicklungshilfe“ systematisch institutionell strukturiert und ausgeformt. Seit der Bandung-Konferenz von 1955 versucht eine Ansammlung unterschiedlichster Staaten einen dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus als sogenannte „Blockfreie“ in Reaktion auf den sich zuspitzenden Systemstreit einzuschlagen. Geladen sind jedoch nur wenige eigenständige Staaten aus Asien und Afrika. Ein Großteil Lateinamerikas, Afrikas und Asiens folgt auch später den westlichen Modernisierungsstrategien. Dennoch gründet sich auf der Konferenz von Belgrad 1961 die Blockfreien-Bewegung (noch ohne lateinamerikanische Staaten, die aufgrund ihrer politischen Anlehnung an die USA trotz wirtschaftlicher Rückständigkeit zu dieser Zeit zur „Ersten Welt“ gezählt werden). Staaten wie Jugoslawien, das aus der Personalunion mit Syrien ausgetretene Ägypten, später Algerien oder Tansania versuchen eigene, recht erfolglose Entwicklungswege einzuschlagen.99 Faktisch wird die Blockfreiheit dazu eingesetzt, möglichst viele Transferleistungen aus einem der beiden Lager zu erhalten bei gleichzeitiger Absicherung des eigenen Regimes (Dinkel 2015: 59ff). Die erste Dekade (1961-1970) wird als „Phase globaler ökonomischer Modernisierungsbestrebungen“ bezeichnet. Gemäß den bereits dargelegten Entwicklungs- 99 Die 6 Hauptpunkte der Belgrad-Konferenz sind: (1) das Selbstbestimmungsrecht der Völker und der Kampf gegen Imperialismus, Kolonialismus und Neokolonialismus; (2) Respektierung von Souveränität und Integrität bei Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten; (3) Abschaffung von Rassendiskriminierung und Apartheid; (4) allgemeine Abrüstung, Einstellung der Kernwaffenversuche und Reduzierung von Auslandsstützpunkten der Großmächte; (5) eine friedliche Koexistenz aller Staaten; (6) eine Stärkung der Rolle der Vereinten Nationen, ihrer Zusammensetzung und die Respektierung ihrer Resolutionen (Mates 1982: 49ff). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 243 und Modernisierungstheorien (z.B. Rostow) herrscht die Annahme vor, dass wirtschaftliches Wachstum durch Industrialisierung nach westlichem Vorbild automatisch zu „Entwicklung“ führt. Es bedarf lediglich einer von außen angeregten Kapitalisierung, die unweigerlich Wohlstand für alle bringt. Dicke (1994: 247) nennt die verabschiedeten Dokumente dieser Zeit daher auch „utopisch“. Der Trickledown-Effekt gilt als idealer Mechanismus, eingesetzte Mittel (hauptsächlich Kapital und Produktionstechnik) von oben nach unten „durchsickern“ zu lassen. Durch Wachstumsprozesse in modernen Sektoren und Einkommensgewinnen in den Oberschichten sollen mittelfristig positive Wohlstandseffekte auch für die breite Bevölkerungsmasse erreicht und die Entwicklungsländer auf dem Weltmarkt integriert werden. Die finanzielle Ausstattung der Oberschichten als potentielle Unternehmer hat Vorrang, allgemeine Wohlstandseffekte sind sekundär gewichtet. Beide Maßnahmen sollen sich günstig auf das lokale Wachstum auswirken. Mit der 1964 auf der ersten Welthandelskonferenz gegründeten „Gruppe der 77“ wollen die Entwicklungsländer innerhalb der diversen und gemäß den gemeinsamen Interessen der Dritten Welt geschaffenen Foren des UNCTAD einerseits in ihrer Position auf dem Weltmarkt gestärkt werden, gleichzeitig soll verhindert werden, dass diese Staaten zum „Spielball“ der Supermächte degradiert werden. Als kleinster gemeinsamer Nenner setzen diese Staaten (trotz aller divergierenden Systemunterschiede) auf eine Veränderung weltwirtschaftlicher Rahmenbedingungen unter Heranziehung der staatsinterventionistischen Grundlage von Dependenztheorie und keynesianistischer Argumentation. Beide Intentionen scheitern: Einerseits kann sich diese heterogene Ansammlung von Staaten selten auf gemeinsame Standpunkte einigen und hat somit keine ausreichend gestärkte Verhandlungsbasis gegenüber den Wirtschaftsblöcken der damaligen NATO- und RGW-Staaten. Andererseits sind die meisten Mitgliedsstaaten durchaus der Interessenpolitik mächtiger Geberländer aus beiden Blöcken zugeneigt (vgl. Nuscheler 1996b: 191f). „‚Entwicklung’ wurde demnach bei der Formulierung des neuen Politikfeldes rein wirtschaftlich im Sinne von Wachstum verstanden (...). Dass damit komplexe gesellschaftliche und kulturelle Zusammenhänge angesprochen waren, wurde noch nicht wahrgenommen. Ein Entwicklungsland wurde behandelt wie ein Unternehmen, dem man Geld leiht, um Investitionen in moderne technische Ausrüstungen zu finanzieren, und dessen Mitarbeiter man einer Fortbildung unterzieht, damit sie sachgerecht mit diesen Ausrüstungen umgehen können. Politische und soziale Entwicklung geriet anfänglich kaum ins Blickfeld oder wurde als zwangsläufige Folge der Industrialisierung angesehen. Soweit Bildungs- und Ausbildungsfragen angesprochen waren, wurden diese nur instrumentell als Voraussetzung für Industrialisierung und nicht mehr um ihrer selbst Willen verstanden“ (Menzel 2010: 25). 1969 veröffentlicht der kanadische Ökonom und Diplomat Lester Pearson als Vorsitzender der Kommission für Internationale Entwicklung, die hauptsächlich aus westlichen Fachleuten und Bankiers besteht, eine Bestandsaufname bisheriger Entwicklungsanstrengungen. Der „Pearson-Bericht“ beurteilt die Bemühungen Dekadenspezifische Diskontinuitäten in der internationalen Entwicklungspolitik 244 weitestgehend als gescheitert. Dem ökonomischen Fortschrittsoptimismus wird vorgeworfen, dass Wachstum trotz beachtlichen Kapitaltransfers ausbleibt und Kapital wirkungslos in staatlichen bzw. elitären Kanälen verschwindet. Dort wo Wachstum stattfindet, ist es regional uneinheitlich verteilt wobei der Gewinn nicht reinvestiert wird, sondern an die Eliten der Entwicklungsländer fließt. Die Armut wächst sogar in vielen Regionen (Kommission für Internationale Entwicklung 1969: 21ff, 204ff). Aus dem Pearson-Bericht resultierende UN-Dokumente für eine Neuausrichtung der Entwicklungsstrategien behalten dieselben Strategien trotz aller Fehlschläge bei: ökonomisches Wachstum, ausgerichtet auf die Schaffung moderner Industriegesellschaften, die „irgendwie“ zu gesellschaftlichem Wandel führen sollen.100 Es verwundert meiner Meinung nach nicht, dass „Kultur“ als eigenständiger Faktor in diesem Bericht nur indirekt, nämlich unter „Wachstum“ (bzw. „Wandel) vorkommt: „Unter dem Begriff des Wandels verstand man Veränderungen in den Wertsystemen und Verhaltensweisen der Bevölkerung, eine politisch-institutionelle westliche Modernisierung in Richtung auf eine größere Leistungsfähigkeit der politischen und administrativen Systeme, umfangreichere Investitionen im sozialen Bereich (Ernährung, Gesundheit, Bildung etc.) und eine gerechtere Verteilung z.B. in Bezug auf das Einkommen. Die Gleichsetzung des Indikators Wachstum mit Wandel impliziert, dass Wachstum als ‚qualitatives Korrektiv’ aufgefasst wurde“ (Gieler 2006: 19). Neben der von Seiten der Dependenztheorie aufkommenden Kritik am Glauben, dass die Verbesserung von Lebensumständen notwendigerweise mit Wirtschaftswachstum um jeden Preis einhergeht, werden erneut Stimmen nach einer neuen Weltwirtschaftsordnung und alternativer Wachstumsorientierung laut. Untersuchungen, die schließlich belegen, dass Armut, Arbeitslosigkeit und Ungleichheit durch extrem unsoziale Wohlstandsverteilung trotz steigendem Bruttosozialprodukt in vielen Entwicklungsländern zunehmen, untermauern die Distanzierung vom Rostowschen Trickle-down-Effekt sowie eine notwendige Modifikation vom Konzept „Entwicklung durch Wachstum“. 100 Die Willkür zeigt unter anderem die Fußnote auf S. 44 des Berichts. Dort heißt es: „Es wurde nicht versucht, eine neue Definition für Entwicklungsländer zu finden, da eine solche wohl immer willkürlich wäre. Länder mit einem Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 500 Dollar werden zweifellos allgemein als unterentwickelt eingestuft werden. Es gibt jedoch (...) Länder, die auf einer Zwischenstufe zwischen den hochentwickelten und sich entwickelnden Ländern stehen. Wir haben diese Länder in unserer Studie über die in der Entwicklungshilfe gemachten Erfahrungen zu den Entwicklungsländern gezählt, sind uns jedoch bewusst, daß man nicht alle diese Länder für die Anwendung unserer Empfehlungen als ‚weniger entwickelt’ einstufen kann“ (Kommission für Internationale Entwicklung 1969: 44, FN). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 245 Geht es den Entwicklungsländern in erster Linie immer noch um die politische Aushandlung einer neuen Weltwirtschaftsordnung, die Verbesserung der Position ihrer Länder auf dem Weltmarkt und um die Erhöhung ihres Anteils am Wachstum in der internationalen Wirtschaft, ist in den führenden internationalen Organisationen eine andere entwicklungsstrategische Konzeption herangereift, die bei den Konsumdefiziten (Armutsproblemen) der Entwicklungsländer ansetzt, bei den „Grundbedürfnissen“. Die Industriestaaten sind bestrebt, Auseinandersetzungen über die Neuausrichtung der Weltmarktstrukturen in Verbindung mit einem heimischen Abbau von Schutzzöllen und Subventionen aus dem Weg zu gehen.101 Die zweite Dekade (1971-1980) ist dementsprechend gekennzeichnet von „Grundbedürfnisstrategien“. Inhaltlich umfasst der Begriff kleinste physiologische Bedürfnisse bis hin zu universalistischen Freiheitsbedürfnissen, die allesamt normativ und „objektiv“ vorbestimmt sind, unabhängig variierender kultureller Komponenten in unterschiedlichen Gesellschaften mit voneinander abweichenden Wertstrukturen. Honecker (1995: 517) stellt dementsprechend fest, dass die bisherigen Entwicklungs- und Modernisierungsstrategien (lediglich die Entsendung von Fachkräften für „technische Hilfe“ und Kredite bzw. Entwicklungsgelder) einer Fehleinschätzung gleichkommen. Die Strategien übersehen aufgrund ihres ahistorischen Ansatzes die aus dem Kolonialismus resultierende und „strukturell verfestigte Arbeitsteilung in der Weltwirtschaft“. Zudem nehmen diese Ansätze in keiner Weise Rücksicht auf die „sozio-kulturelle Situation, die jeweiligen kulturellen, sozialen, ethischen und religiösen Traditionen dieser Länder“. 1970 beschließt die UN-Generalversammlung, dass die OECD-Länder 0,7 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für entwicklungspolitische Maßnahmen zur Verfügung stellen sollen (ein 2016 immer noch nicht erreichtes Ziel). Zwar wird eingestanden, dass das Konzept „Entwicklung durch Wachstum“ bzw. „Wachstum zuerst, Verteilung später“ im Ganzen gescheitert ist. Zugleich wird aber darauf verwiesen, dass mit genau diesem gescheiterten Wachstumsansatz wenigstens die Befriedigung minimaler Bedürfnisse (Nahrung, Bildung, Gesundheit, Freiheit und Selbstbestimmung) erreicht werden soll (vgl. List/Behrens/Reichardt/Simonis 1995: 217f; Steinberg 1985; Mahbub ul Haq; in: Schwefel 1978: 23). Auch die Grundbedürfnisstrategien sind nicht neu, sondern resultieren aus der Kolonialzeit (damals jedoch noch mit dem Ziel, Konflikten vorzubeugen und die Dekolonisierung hinauszuzögern). Unter den Bedingungen der neuen Nachkriegsordnung und der nicht zu kaschierenden Misere der Entwicklungsstrategien werden diese Ansätze lediglich reaktiviert und den neuen Verhältnissen angepasst. 1974 untermauert die Weltbank diese „Neuausrichtung“ von Entwicklungspolitik mit der von ihr herausgegebenen Studie „Redistribution with Growth“ 101 Der Streit um eine neue Weltwirtschaftsordnung wird hauptsächlich von den kapitalistischen Ländern der Ersten und Dritten Welt geführt. Der Ausdruck bezieht sich insofern auf den marktwirtschaftlichen Sektor, nicht auf den politischen oder sozialen. Dekadenspezifische Diskontinuitäten in der internationalen Entwicklungspolitik 246 (Chenery 1974). Hauptforderungspunkt der Studie ist die Umorientierung von Entwicklungspolitik in Richtung zielgruppenspezifische Konsumbedürfnisse, womit Kleinbauern in den Fokus von Entwicklungsmaßnahmen rücken. Deren Produktivitätssteigerung (ökonomisches Wachstum) soll durch Technologisierung, verbesserten Zugang zu Krediten, Land und Wasser, neue Verfahren aus der Agroindustrie und verbessertes Saatgut in einer „Strategie der ländlichen Entwicklung“ erreicht werden. In den Städten soll Kleinproduzenten und Selbstständigen im informellen Sektor durch verbesserte Marktzugänge bei der Effizienzsteigerung geholfen werden (vgl. Jolly 1976: 46ff). Seit einer Vollversammlung der UN im Jahre 1971 werden Entwicklungsländer noch stärker diversifiziert. Sie heißen nun „Last Least Developed Countries“ (LLDC: die letzten, am wenigsten entwickelten Staaten) und „Less Developed Countries (LDC: wenig entwickelte Staaten). Die Wechsel von Staaten innerhalb dieser Kategorienzuordnung zeigt, dass sich seit dem zweiten Weltkrieg durchaus einige Staaten entwickeln, sofern sie einen adäquaten Zugang zu den relevanten Industriemärkten erhalten. So gehören heute insbesondere jene Länder aus Afrika, Asien und Lateinamerika zu den „Unterentwickelten“, die keine gesicherten Marktpositionen einnehmen. Im Gegensatz dazu entfalten sich ehemalige „Entwicklungsländer“ (in der Definition der unmittelbaren Nachkriegszeit) wie Finnland, Portugal, Slowenien oder die Türkei durchaus prosperierend. Andererseits nehmen die kategorialen Unterteilungen immer groteskere Züge an. Mittlerweile wird in Schwellenländer oder „New Industrializing Countries“, „Least Developed Countries“, „Most serious Affected Countries“, Länder mit hohem oder niedrigem Einkommen, ölex- oder ölimportierende Länder, „Landlocked“- oder Küstenstaaten, Kleinst-, Insel- und Flächenstaaten oder diverse regionale Kennzeichnungen wie Sahel- oder Golfstaaten differenziert (vgl. Theer 1995: 70ff). Bigman (2007: 48) merkt an, dass es – unabhängig von der Kategorisierung – in allen diesen und zudem in den industrialisierten Staaten intern zu einer Zunahme der Ungleichheit bei der Einkommensverteilung gekommen ist. Daher ist die Unterteilung, zumindest vom Standpunkt der Wohlstandsverteilung eher sekundär. Besonders durch die 1973er Ölpreiskrise in hohe Staatsverschuldung abgerutschte Entwicklungsländer fordern 1974 in der „Erklärung von Cocoyoc“ eine Beseitigung der strukturellen Benachteiligung im internationalen System (u.a. Benachteiligungen im Abstimmungsverhältnis der Weltbank und den Vereinten Nationen und Abänderungen der Strukturvorgaben des IMF). Vorbild soll eine globale Interventionspolitik gemäß der erfolgreich vollzogenen OPEC-Politik sein: eine Erhöhung (mindestens aber eine Stabilisierung) der Rohstoffpreise, darauf folgend ein Ressourcentransfer von der ersten in die Dritte Welt und Abbau des Protektionismus der Industrieländer, um bessere Absatzkonditionen auf den Agrarund Rohstoffmärkten der Industriestaaten zu erzielen. Das von der OPEC durchgeführte Ölembargo führt binnen dreier Monate zu einem Anstieg des Rohölpreises (je Barrel) um fast das Vierfache (vgl. Hohensee 1996: 249). Auslöser ist die prois- Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 247 raelische Haltung der westlichen Staaten beim 4. Nahost-Krieg. Es zeigt sich aber rasch, dass sich die Industrieländer nun mit den wirtschaftspolitischen Forderungen von Entwicklungsländern auseinander setzen müssen. Es ist das erste Mal, dass Entwicklungsländer die Kontrolle auf dem Weltmarkt für einen Teilbereich übernehmen, aber auch nur, weil dies mit den Interessen der großen Erdölkonzerne einhergeht. Angesichts knapper werdender Ölvorkommen plädieren die Konzerne ohnehin für eine Anpassung der Weltmarktpreise, wenn auch nicht in diesem kartellartigen Sinne. Die Forderungen beinhalten jedoch kein neues Entwicklungsverständnis, sondern behalten vielmehr das klassische Wachstumsparadigma, modifiziert durch Mechanismen sozialer Umverteilung in Verbindung mit mehr Mitbestimmung und staatlicher Unabhängigkeit, bei. Nicht nur wegen der Interessenheterogenität der Entwicklungsländer scheitert dieser Vorstoß, sondern besonders aufgrund des Widerstands der Industrieländer, ihre Märkte gemäß den selbst vorgegebenen Entwicklungszielen zu öffnen. Im Zuge der Ölpreiskrise von 1973 und steigenden Ölpreisen verteuern sich auch Waren einer niedrigen Verarbeitungsintensität. Dies begünstigt die Ausweitung multinationaler Konzerne, indem bis dato national gebundene Verarbeitungsstufen in Länder mit geringer Arbeitsentlohnung ausgelagert werden (besonders in die vom Westen geförderten und oligarchisch geführten „Tigerstaaten“). Indem weltweit Teilfertigungen ehemals betrieblicher Produktionsvorgänge zu konzerninternen Verrechnungspreisen in einigermaßen stabile und geopolitisch wichtige Staaten mit einer niedrigeren Entlohnung übertragen werden, können Mechanismen des ungleichen Tauschs von nationaler Gesetzgebung auf unternehmenswirtschaftliche Strukturen übertragen werden (was zur Folge hat, dass wirtschaftspolitische Handlungsautonomie untergraben wird). Zudem können diese Konzerne durch Sonderkonditionen in den industriell unterentwickelten Staaten Monopolstellungen ausbauen (neben der Textil- und Bekleidungsindustrie sowie der Unterhaltungselektronik in Asien auch im Agrar- oder Minenbereich der politisch schwächeren lateinamerikanischen und afrikanischen Staaten), die auch direkt für politisch genehme Regime intervenieren oder gegenteilig diese stürzen (Overbeek 2008: 108ff). An die Stelle der in Kritik geratenden harten politökonomischen Analysen treten zunehmend „weiche“ Diskurse aus soziokulturellen und -ökonomischen Gesellschaftsbereichen mit „mittlerer Reichweite“ wie Feminismus, Ökologie oder Fordismusdiskussionen. Die grundsätzliche Struktur (Zugang zum Weltmarkt) bzw. die allgemeine Ausrichtung (Kapitalisierung und Wachstum) von Entwicklung tritt als Diskussionspunkt in den Hintergrund, nicht aber als weiterhin hegemonial wirkendes Prinzip. Vier Unterdiskurse lassen sich innerhalb der Entwicklungsdebatte für die siebziger und achtziger Jahre zusammenfassen, die sich allesamt nur mit Teilsegmenten beschäftigen: (1) der Transitionsdiskurs über Umstände des Übergangs von autoritären zu demokratischen Systemen; (2) der Staatsableitungsdiskurs über die Frage, ob Staaten der „Dritten Welt“ einen besonderen Charakter im Dekadenspezifische Diskontinuitäten in der internationalen Entwicklungspolitik 248 Vergleich zu Industrieländern aufweisen (vgl. u. a. den Bielefelder Verflechtungsansatz bei Evers 1979/1981, Hg.; ders. 1987); (3) der Staatsdiskurs stark liberaler Prägung über die besondere Struktur postkolonialer Staaten bei noch unterentwickeltem Unternehmertum; (4) der sowjetisch beeinflusste Diskurs über nichtkapitalistische Entwicklungswege, die trotz einer unvollendeten Kapitalisierung in den Entwicklungsländern über nationale Revolutionen dennoch zu sozialistischen Umwälzungen führen sollen. In diesem Sinne lässt sich durchaus eine von Jürgen Habermas (1985b) konstatierte „neue Unübersichtlichkeit“ feststellen, denn anstelle bisher ungelöster Grundsatzfragen über Entwicklung wird von der allgemeinen Erklärungsnot durch Aufwerfen von neuen Teilfragen auf Nebenschauplätze abgelenkt. 1980 veröffentlicht die „Nord-Süd-Kommission“ ihren Bericht „Das Überleben sichern. Gemeinsame Interessen der Industrie- und Entwicklungsländer“, in dem (wieder) die Forderung aufgestellt wird, die Entwicklungsländer durch Unterstützung der Industriestaaten als gleichberechtigte Partner anzuerkennen (vgl. Brandt 1983). Insgesamt kommt die Kommission zwar zu einem vernichtenden Urteil in ihrer „Analyse der Menschheitskrise“, indem sie der „Entwicklungshilfe“ sogar eine „dramatische Verschlechterung“ in manchen der vorgeschlagenen Bereichen bescheinigt (vgl. Braun 1980: 95ff). Kritisiert wird besonders die Kluft von wachsender Armut im Kontext stetiger militärischer Aufrüstung und die mangelnde Reformbereitschaft der Industriestaaten, bestehende Machtverhältnisse in der Weltpolitik und -wirtschaft ernsthaft verändern zu wollen. Das internationale Beziehungssystem wird aber nur angeprangert, nicht jedoch der Führungsstil der westlichen Einzelstaaten. Der Bericht wird letztlich in seinem Umsetzungspotential von den Regierungsapparaten vernachlässigt.102 Bis auf wenige Sätze in der Einleitung ist auch dieser Bericht vollständig frei von soziokulturellen Kontexten (vgl. Nord-Süd-Kommission 1980).103 Am ökonomischen Wachstumsmodell will die 102 So wird der Kommissionsvorsitzende Willy Brandt nicht einmal zum Nord-Süd-Gipfel im Oktober 1981 nach Cancun eingeladen, obwohl dieser auf seine Empfehlungen hin überhaupt organisiert wird: „(...) die Bundesregierung hatte bereits sehr früh entschieden, sich nicht für eine Teilnahme Brandts stark zu machen. Schmidt und Genscher teilen ohnehin nicht das Engagement des SPD-Chefs, der höhere Opfer der Industrieländer für die armen Staaten und eine stärkere Beteiligung der Dritten Welt an internationalen Organisationen wie Währungsfonds und Weltbank fordert. In einer Vorbereitungskonferenz hatte der österreichische Außenminister Willibald Pahr eine algerische Mahnung, in Cancun nicht nur über den Brandt-Bericht, sondern auch über die Forderungen der in der ‚Gruppe 77‘ zusammengefaßten Entwicklungsländer zu reden, (...) so weitgehend interpretiert, daß er Brandt von der weiteren Cancun-Vorbereitung ausschloß. Bonns Außenamt akzeptierte die Wiener Entscheidung. Brandt in der vorigen Woche: ‚Ich passe nicht in das Denken der Außenämter hinein. Peinlich ist nur, daß es vor allem in der Dritten Welt Leute gibt, die glauben, ich sei näher an der Regierung, als ich bin’“ (Der Spiegel: „Nord- Süd-Gipfel ohne Brandt“, Nr. 42 vom Oktober 1981). 103 So heißt es in der Einleitung immerhin: „Ein Volk, das sich seiner kulturellen Identität bewußt ist, kann Elemente, die seinem eigenen Wertesystem entsprechen, übernehmen Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 249 Kommission grundsätzlich nichts ändern. Braun (1985: 290) merkt dementsprechend an, dass dieses ökonomische Modell ausschließlich sozioökonomische und nicht -kulturelle Ungleichheit fokussiert. Sämtliche Ungleichheit kann demnach durch Überwindung der Produktions- gleich Einkommensungleichheit überwunden werden. Essenz ist eine Kombination aus „Wachstum und Hilfe“ deren Ergebnis dann „Frieden und Entwicklung“ bringen. Wie ein Ressourcentransfer in einer Privat- und Konkurrenzwirtschaft aussehen soll, in der die Konkurrenten um ihre vorteilhafte Marktstellung bemüht sind, bleibt offen. Zudem werden keine Fragen nicht-ökonomischer Ungleichheit (Unterdrückung, Ausgrenzung, Diskriminierung) im Bericht erwähnt. In eine endgültige „legitimatorische Sackgasse“ geraten die Entwicklungstheorien und die -politik durch die Weltwirtschaftskrise zu Beginn der 1980er Jahre, die die ohnehin schon beträchtliche Verschuldung in vielen Entwicklungsländern durch Einbruch der Weltmarktpreise für Rohstoffe nochmals explodieren lässt. Staaten wie Brasilien, Nigeria oder das zahlungsunfähige Mexiko werden dadurch in schwere politische, wirtschaftliche und soziale Krisen gestürzt (Glebe 2008: 147ff). Zahlreiche Staaten müssen sich den Statuten des Internationalen Währungsfonds unterwerfen, der in den folgenden Jahren eine Politik der neoliberalen Strukturanpassung verfolgt. An die Stelle von Fragen über „adäquate“ Entwicklung treten nun Strategien, die nur noch Schuldenreduktion zum Ziel haben. Das Entwicklungsversprechen wird aufgelöst. Im Zuge der Renaissance neo-klassischer Entwicklungsökonomie, nun Monetarismus genannt, wird statt des Wachstums von Binnenmärkten auf Ausweitung der Weltmarktproduktion gesetzt, was schlicht bedeutet: mehr Markt, weniger Staat (vgl. Czada/Tolksdorf/Yenal 1988: 125ff, 175ff). Es erfolgt die endgültige Abkehr von keynesianischer Wirtschaftsausrichtung und die Etablierung neoliberaler, monetaristischer Strukturen. Damit einher gehen Privatisierungsmaßnahmen staatlicher Unternehmen und Betriebe (wie der Verkauf von Strom-, Wasser-, Eisenbahnunternehmen oder Flughäfen an private Investoren), ein Rückzug der verschuldeten Staaten aus sozialer Verantwortung für gesellschaftliche Grundversorgung (Preisgarantien bei Grundnahrungsmittel für Konsumenten und Produzenten, Medikamentensubventionen und Bereitstellung öffentlicher Gesundheitsdienste, Verkleinerung des Bildungswesens), Marktöffnungen und Abbau von Schutzzöllen (Einfuhr preisgünstigerer Importwaren), Ausrichtung der oder anpassen und auf diese Weise eine eigenständige wirtschaftliche Entwicklung fördern. Einheitliche Modelle, die für alle gültig sein könnten, gibt es nicht. Die unterschiedlichen und angemessenen Antworten hängen ab vom geschichtlichen und kulturellen Erbe, von religiösen Traditionen, menschlichen und wirtschaftlichen Ressourcen, klimatischen und geographischen Bedingungen, natürlich auch von politischen Grundstrukturen, die sich in den Völkern herausgebildet haben. Doch über all diese Unterschiedlichkeiten hinweg kann festgestellt werden, daß es die kulturelle Identität ist, die dem Menschen Würde verleiht“ (Nord-Süd-Kommission 1980: 33f). Dekadenspezifische Diskontinuitäten in der internationalen Entwicklungspolitik 250 einheimischen Produktionen auf die Bedürfnisse ausländischer Nachfrage (Produktion von Exportwaren zuungunsten der Grundnahrungsversorgung), Lohnkürzungen für öffentliche Angestellten- und Beamtenverhältnisse, Massenentlassungen aus staatlichen Beschäftigungsverhältnissen und Veräußerungen staatlicher Rücklagen für Krisenzeiten. An der Schuldenlage ändert dies nur wenig bzw. der Negativtrend setzt sich in vielen Entwicklungsländern sogar noch fort. Die dritte Dekade (1980- 1990) gilt daher als „verlorenes Jahrzehnt“, da viele Entwicklungsprojekte in zahlreichen Regionen ohne Wirkung bleiben bzw. wegen der sich wandelnden äußeren Umstände eingestellt werden müssen (Ziai 2004a: 113; Nohlen/Nuscheler 1993, Hg.: 80f). Naef (2014: 59) nennt diese „Sozialmaßnahmen“ nicht ohne Zynismus Prozesse eines „diabolischen Egoismus“, der angeblich der Allgemeinheit dient (denn vordergründig wird er mit einem Willen zum Fördern des Gemeinwohls begründet; nur in egoistischer Freiheit kann sich der Mensch selbst von Hunger, Elend, Krankheit und Arbeitslosigkeit befreien), im Grunde aber gerade soziale und ethisch-moralische Werte in den Hintergrund stellt. Letztlich geht die Neoklassik von einem „Gleichgewicht durch Selbstregulierung mithilfe der Eigennutzen- Maximierung“ einher, in der die Idee der sozialen Gerechtigkeit als nicht mehr zeitgemäß, weil nicht marktgemäß betrachtet wird (ebd.: 58f; vgl. Skidelsky 2013: 64). Die Dekade wird in der Literatur und selbst in der UN-Resolution (vgl. A/RES/35/36) uneinheitlich betitelt. Angesichts der Auswirkungen von Weltwirtschaftskrise und Schuldenlast der Entwicklungsländer steht nun der „Kampf gegen (Kinder-)Armut“ (Verbesserung der Grund- und Ausbildung, Verringerung der Kindersterblichkeit und Bekämpfung der Unterernährung) im Vordergrund. Im Nachhinein spricht mancher Autor im Kontext einer klar zu datierenden Manifestation des Neoliberalismus durch den Washingtoner Konsens erst eine Dekade später von einem „verlorenen Jahrzehnt“ (Menzel 2007a; ders. 2007b: 7; ders. 2005: 101f). Die Beseitigung von Armut wird zunehmend als private Wohltätigkeit verstanden (z.B. durch das Private-Public-Partnership) und nicht als moralischethische, politisch-gesellschaftliche und soziale Gemeinschaftsverpflichtung (vgl. Friedman 2005: 227; Sedlácek 2012: 264). Meiner Meinung nach geht mit der Aufgabe staatlich regulierender, sozial ausgerichteter Interventionen in Marktmechanismen und der Zurückweisung entwicklungsfördernder Eingriffe in jegliche Wirtschaftsbereiche eine reduktionistische und essentialistische Ablehnung jedweder Theorie von besonders ausgerichteter Entwicklungspolitik einher: Entwicklung lässt sich nur noch über die „natürliche“ Eigendynamik von freier Marktwirtschaft herleiten. Damit werden evolutionistische Wachstumstheorien des 19. Jahrhunderts reaktiviert und gleichzeitig Konzepte der sozialen Umverteilung für Grundbedürfnisbefriedigung fallen gelassen (vgl. Dore 1972; in: Jolly 2012, Hg.: 20ff). Aus den Erfahrungen mit der Wirtschaftskrise der 1970er Jahre resultiert die Grundüberzeugung, dass kommende Krisen mit den Mitteln des Keynesianismus Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 251 nicht mehr zu bewältigen sind. „Strukturanpassung“ wird zum Sammelbegriff gesellschaftlicher Transformations- bzw. Privatisierungsprozesse ab den 1980er Jahren, deren Resultat eine immer noch anhaltende Krise in den regulativen Entwicklungstheorien ist. Bis heute gibt es kein Alternativparadigma, auch wenn der Neoliberalismus aus entwicklungstheoretischer Sicht als Sackgasse bezeichnet wird. Diese Sackgasse ist von erkenntnistheoretisch wenig aussagekräftigen Rückschlüssen für die Zukunft gekennzeichnet (vgl. Ziai 2007: 74ff): (1) Die klassischen Vorstellungen eines „realen“ Sozialismus sind gescheitert. An ihre Stelle treten Öffnungsund Reformkonzepte nach neoliberalem Vorbild. (2) Unabhängig der jeweiligen Entwicklungsstrategie wird der Abstand zwischen entwickelten und unterentwickelten Staaten von Jahr zu Jahr immer größer. Dies lässt den Schluss zu, dass der Großteil von Entwicklungsländern den Abstand nicht aufholen wird. (3) Differenzierungsprozesse in der „Dritten Welt“ werden zugunsten der beibehaltenden Vorstellung einheitlicher Tiefenstrukturen weiterhin ignoriert. Da Wirtschaftswachstum nicht automatisch zu Demokratisierung führt, lässt sich aus diesem Ansatz auch keine universelle menschliche Entwicklung ableiten bzw. konstatieren. (4) Langfristige Wachstumsstrategien werden durch krisenbedingtes Reagieren auf die eigene Schuldenlast und kurzfristige Überlebensnotwendigkeiten der Bevölkerung verhindert. (5) Klassische Entwicklungsziele, wie Wirtschaftswachstum und Industrialisierung, ziehen fatale ökologische Konsequenzen nach sich und können keine allgemeinen Entwicklungsziele mehr sein. (6) Nationalstaatliche Entwicklungskonzepte werden zwangsläufig mit den Interessen eines schrankenlosen Weltmarkts kollidieren. (7) Die Ausdifferenzierung innerhalb der Entwicklungsländer in Schwellenländer, Erdöl produzierende Länder, am wenigsten entwickelte Länder usw. wird komplett übergangen, da sie im Neoliberalismus keine Rolle mehr spielt. (8) Ebenfalls ignoriert wird die Kritik an der Bildung von begrenzten Theorien mittlerer Reichweite, die angesichts der verbliebenen Metatheorie keine Alternativen anbieten (vgl. Naef 2014: 61f; Schips 2005: 11f; Tittor 2005: 45f). Dass der Neoliberalismus wenige bis gar keine Antworten für die Probleme der Zukunft hat, zeigt sich besonders in der „Nachhaltigkeitsdebatte“. Als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise seit Beginn 1980er Jahre, auf die generelle „Krise des Fordismus“, auf neoliberale Forderungskataloge an Schuldnerstaaten sowie auf wachsende Umweltzerstörung durch sich falsch entwickelnde Agroindustrialisierung wird Mitte der 1980er Jahre eine „Weltkommission für Umwelt und Entwicklung“ unter dem norwegischen Ministerpräsidenten Gro Harlem Brundtland mit einem weiteren Report beauftragt. Die Kommission veröffentlicht 1987 den „Brundtland-Bericht“ mit Forderungen für eine „nachhaltige Entwicklung“ (Brundtland 1987; vgl. Hauff 1987, Hg.). Unter Nachhaltigkeit soll Wirtschaften als dauerhafter Prozess mit dem Bewusstsein des Konsums von Ressourcen auch zukünftiger Generationen verstanden werden. Die Nutzung von Ressourcen soll im Einklang mit technologischer Entwicklung, institutionellem Wandel und Umweltverträglichkeit stehen. Was damit allerdings unter einem freien Weltmarkt mit Bedingungen der Konkurrenzwirtschaft genau gemeint ist, ist nicht geklärt (vgl. Dekadenspezifische Diskontinuitäten in der internationalen Entwicklungspolitik 252 Luks 2007: 27ff; Kastenholz/Erdmann/Wolff 1996: 1ff). Zum Brundtland-Bericht meint Hauff (2014: 10), dass er nur deshalb so breite Zustimmung fand, weil er wenig Konkretes zur Lösung entwicklungstheoretischer Probleme beisteuerte. Hauptsächlich ging es in dem Bericht darum, „ökologische, ökonomische und soziale Entwicklungsaspekte einzubeziehen und zwischen verschiedenen Einschätzungen der Bedeutungen des Wirtschaftswachstums und des technischen Fortschritts zu vermitteln“ (vgl. Burschel/Losen/Wiendl 2004: 20ff). Dieser Bericht, wie auch der drei Jahre später erscheinende Bericht des „Club of Rome“ behalten das Entwicklungsmodell unregulierter Marktverhältnisse und von grundsätzlichem ökonomischen Wachstum prinzipiell bei und versuchen lediglich Empfehlungen für eine ökologische Modifikation neoliberaler Verhältnisse in der Rohstoffverarbeitung (Umweltfreundlichkeit) zu geben. Damit hat der Bericht wenigstens einen Impuls für den 1992 in Rio de Janeiro stattfindenden Weltgipfel über „Nachhaltigkeit“ gegeben. Parallel zum Brundlandt-Bericht wird bei den Vereinten Nationen ein höchst fragwürdiger „Human Development Index“ (HDI, Index der menschlichen Entwicklung) eingeführt, der „menschliche Entwicklung“ unter neoliberalen Gesichtspunkten (mathematisch) messen soll (vgl. McGillivray 1991: 1461ff). Dabei werden nicht mehr nur Armut, Arbeitslosigkeit und Wirtschaftswachstum als signifikant erachtet, sondern auch „individuelle Selbstverwirklichung“ und „Persönlichkeitsentfaltung“ als Maß für Entwicklung herangezogen (vgl. Hicks 1997: 1283ff): Es soll ein Umfeld geschaffen werden, indem das „gesamte produktive Potential“ eines Menschen voll zur Geltung kommen kann, um „ein produktives Leben“ gemäß der „Befriedigung der Interessen und Bedürfnisse“ zu führen. Berücksichtigt wird aber hauptsächlich die jeweilige Kaufkraft in Korrelation mit der BSP-/Pro Kopf-Größe. Die Operationalisierung dieser Umdeutung verläuft traditionell wie bei Datensatzerhebungen seit den 1950er Jahren: Gemessen werden Lebenserwartung, Bildungsstand (Alphabetisierung und Gesamteinschulung) und Pro-Kopf- Einkommen.104 Neben dem quantitativen Wirtschaftswachstum als zentrales Mittel auf dem Weg zur Erreichung dieses Ziels bleibt die Quintessenz, dass Probleme von „Unterentwicklung“ und Umweltzerstörung nur über nachholende Entwicklung, also nachholende Industrialisierung zu lösen sind, obwohl gleichzeitig eingeräumt wird, dass die generelle Übernahme kapitalistischer Produktions- und vor allem Konsummodelle globale ökologische Katastrophen nach sich ziehen (vgl. Noorbakhsh 1998: 589ff). Das wachstumsorientierte Paradigma der Industriestaaten bleibt in dem Wissen bestehen, dass es nur einer Minderheit in der Staatenwelt 104 Zentrale Sammelindikatoren sind daneben Lebenserwartung (worunter zusätzlich Variablen wie medizinische Versorgung, Seuchenbekämpfung, Ernährungslage fallen), Bevölkerungswachstum, Urbanisierungsgrad und eine Investitionsquote. Am Beispiel China zeigt sich, dass die Indikatoren keine positiven Korrelationen aufzuweisen brauchen: einer Lebenserwartung von 70 Jahren steht in den 1990er Jahren ein Pro-Kopf-Einkommen von nur 350 US-Dollar gegenüber (vgl. Sagar 1998: 249ff; Goldberg 2004: 66). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 253 zugutekommen kann (vgl. Club of Rome 1990). Damit hat sich eine Methodendiskussion jenseits westlicher Variablendefinitionen erübrigt. Die Entwicklungsländer können über den HDI weiterhin mit althergebrachten Indikatoren vermessen werden. Zugleich werden ab 1989 die Entwicklungsprojekte der sozialistischen Staaten schrittweise „abgewickelt“. Mit dem Wegfall politischer Motive stellt die zerfallende Sowjetunion und der RGW gegenseitige Hilfe ein, während der Westen massiv seine ideologisch eingesetzten Mittel reduziert.105 „Nachhaltigkeit“ bestimmt die vierte UN-Dekade (1991-2000).106 Auf der Umweltkonferenz von Rio de Janeiro (1992) wird die „Agenda 21“ verabschiedet, deren Schlagworte die Krise in der Entwicklungstheorie durch den Neoliberalismus verdeutlichen: „Nachhaltigkeit“ und begrenzter „Ressourcenverbrauch“ (als Absage an klassische Industrialisierung durch ökologische Grenzen des Wirtschaftswachstums), „Hilfe zur Selbsthilfe“ und „Eigenständigkeit“ (die nicht umgesetzte Dekade der Grundbedürfnisstrategien wird erneuert, nun allerdings ohne Unterstützungsgarantien der Industriestaaten; vgl. Kaden 2012: 384ff). In der Dekade dominiert ein angepasster und reduktionistischer Fortschrittsoptimismus der industriell fortgeschrittenen Staaten, mit ihrer Technik ökologische Katastrophen, die durch unkontrollierte Produktionsweisen ausgelöst werden, durch weltweitem Export entgegen zu wirken. Die Krise auch der entwicklungstheoretischen Unterdiskurse macht sich dadurch bemerkbar, dass generelle Industrialisierung, allgemeiner Wohlstand und globale Entwicklung durch das neue Nachhaltigkeitsprinzip für die meisten Entwicklungsländer aufgekündigt werden und es außer selektiven Kom- 105 Wobei die „Entwicklungshilfe“ der Sowjetunion nur in einem begrenzten Rahmen und auf bescheidenem Niveau verlief. Über die sowjetische Entwicklungszusammenarbeit schreibt der Spiegel in einem Artikel 1981: „Die Sowjetunion brachte 1980 nicht mehr als 0,14 Prozent ihres Bruttosozialprodukts auf (Bundesrepublik immerhin 0,43 Prozent). Dabei fungierte die sowjetische Entwicklungshilfe wie die US-amerikanische als ein pures Instrument der Politik: Der Großteil der Kreml-Hilfe geht an die 20 Drittwelt-Staaten mit ‚sozialistischer Orientierung‘ oder an direkte Nachbarn wie Afghanistan. Der Handel, wohl wirksamste Form der Entwicklungshilfe, erreicht zwischen Sowjetblock und Dritter Welt nur marginale Werte. Die Staatshändler des Ostens nahmen 1979 nur 3,2 Prozent der Exporte der Dritten Welt ab, die OECD-Mitglieder immerhin 72,3 Prozent. Und auch dabei machte die Sowjet-Union noch Kasse: Sie lieferte doppelt so viel in Entwicklungsländer, als sie von dort bezog“ (Der Spiegel: „Volles Verständnis. Die Sowjet-Union ist beim Nord-Süd-Gipfel in Cancun aus eigenem Willen nicht dabei – und ärgert sich darüber“, Nr. 44 vom Oktober 1981). 106 Der Begriff wird von Richter (1996: 265) als „Weltordnungs-Problematik“ einer „räumlich nicht mehr eingrenzbaren Interdependenz“ globaler Strukturveränderungen im Sinne eines „neoliberalen Holismus“ deklassiert: „Diskurse über Nachhaltigkeit sind eng verbunden mit den Überlegungen zu einer globalen Umwelt- und Entwicklungspolitik, die das hierarchische Wechselspiel zwischen Verursacherländern und betroffenen Ländern, zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen hoch industrialisierten Staaten und nachholenden Entwicklungsländern überdeutlich vor Augen führt“. Dekadenspezifische Diskontinuitäten in der internationalen Entwicklungspolitik 254 promissen für ausgesuchte Staaten keine allgemeingültigen Lösungen jenseits struktureller Konkurrenzwirtschaft geben wird (vgl. Kürzinger 1997: 385ff). Richter (1996: 257ff) kritisiert den Begriff „Nachhaltigkeit“ lediglich als strategische Leerformel im „Fahrwasser einer diffusen Globalisierungsdebatte“ mit extremer begrifflicher Unschärfe, inhaltlichen Unabschätzbarkeiten und widerstreitenden Bewertungen, die vom individuellen Lebensstil über das Völkerrecht bis hin zu militärischen Strategiefragen reichen, ohne über Ursachen, Wege, Ziele und Probleme informieren zu können. Demnach verweist der Begriff zu wenig auf die „Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Generationen, die einen generationen- übergreifenden Austausch über Bedürfnisse, Interessen und Präferenzen“ erforderlich machen. Zudem wird im Nachhaltigkeitsdiskurs zu wenig auf die grundsätzliche Struktur tendenzieller Fragmentierung, Marginalisierung und Partikularisierung eingegangen. In vielerlei Hinsicht ist der Begriff als Konzept zu spekulativ und deshalb ein diskursives Konstrukt, weil er „über die Bedürfnisse der künftigen Lebenden, über künftige Rahmenbedingungen, über die eigene Lebensform im Rückblick kommender Generationen“ kaum reflektiert. Pearce (hier: 1992 [org. 1989/90]) zählt z.B. schon zwei Jahre nach Veröffentlichung des „Brundtland- Berichts“, 1989, 24 voneinander abweichende Bedeutungen von „Nachhaltiger Entwicklung“ auf, Hajer (1997: 1ff [org. 1991]) 1991 über 40 und von Kastenholz u.a. (1996: 1f) über 60. Nach Steurer (2001: 241f) liegt die Zahl 2001 bei weit über 100 Definitionen. „Denn einerseits sollen die Ausbeutung von Ressourcen und der Umgang mit der Natur so gestaltet werden, dass die nachfolgenden Generationen weltweit größtmögliche Chancen zur Selbstentfaltung erlangen. Deshalb proklamiert der [Brundtland-] Bericht die verringerte Ausschöpfung von gegenwärtigen Handlungsoptionen zugunsten der künftigen Egalisierung von Lebensformen, was sich am Leitbild einer globalen Homogenisierung orientiert. Andererseits schlägt der Bericht vor, die Lage der Armen in der Welt durch gezielte Förderung zu verbessern – daher das Plädoyer zu weltumspannender Ungleichbehandlung von Lebensformen (...). Doch paradoxerweise soll die industrialisierte Welt an ihrer Wachstumsorientierung und an den Maximen des gesteigerten Lebensstandards festhalten – ein klarer Gegensatz zum argumentativen Duktus der Studien des Club of Rome. Nachhaltigkeit kann aber nicht ihre ökologischen und entwicklungspolitischen Implikationen erfüllen, wenn sie nicht auf die offenkundige Diskrepanz zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen ‚low‘ und ‚high consumption societies‘ eingeht“ (Richter 1996: 266). In der Nachhaltigkeitsdekade etablieren sich auch die schon in den Jahren vor der Rio-Konferenz schrittweise entwickelten sog. „Theorien mittlerer Reichweite“, die jedoch eher als „theoretisches Vakuum“ (Ziai) innerhalb des neoliberalen Paradigmas verortet werden können, da sie nur begrenzte Ansprüche geltend machen. Nach Mürle (1997: 17) sollen die Theorien „auf Ländergruppen beschränkte Erklängen von gesamtgesellschaftlichen Modernisierungsprozessen und auf Teilaspekte von Entwicklung bezogene“ Fragestellungen behandeln. Insgesamt werden sie als Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 255 „neue Bescheidenheit“ tituliert. Vage Ziele sind etwa „ökosoziale“ Industrialisierung („Nachhaltigkeit“), „menschliche“ Entwicklung eines das Selbst entfaltenden Konsumverhaltens (orientiert am HDI), Partizipation und Empowerment (Ermächtigung) im Sinne einer stärkeren Bindung von Betroffenen an Projektvorgaben von Entwicklungsexperten, Good Governance als Grundprinzip wirtschaftsliberaler Regierungsausrichtung, Wettbewerbsfähigkeit für spezifische (Agro-)Industriesektoren mit weltmarktspezifischer Exportrelevanz, Beteiligung an Global Governance als Durchsetzung der neoliberalen Strukturpolitik und Eingliederung in dessen Weltordnungspolitik, stärkere Berücksichtigung von Frauen im marktwirtschaftlichen Produktionskreislauf und Public-Private-Partnerships als Übertragung und Auslagerung von Entwicklungsprojekten an die Privatwirtschaft und deren Interessen (Ziai 2014: 17ff; ders. 2007: 116ff). „Insgesamt dominiert heute (...) eine Sichtweise, die der Entwicklungspolitik und Entwicklungshilfe ein Scheitern attestiert. (...) Als ein wichtiger Grund für dieses Scheitern wird der über alle ideologischen Unterschiede der Geberländer hinweg verbreitete, gleichermaßen unerbittliche fatale Glaube an die Vorteile der Industrialisierung angesehen, den die Geber mit der Überzeugung von den je eigenen zivilisatorischen Fähigkeiten und der Geringschätzung des Wissens der Empfänger verbanden“ (Büschel 2010). De facto verabschiedet sich das neoliberale Paradigma damit von den ursprünglichen Vorstellungen und Ansprüchen einer universellen Entwicklung der Menschheit zugunsten einer grundsätzlich marktorientierten Konkurrenzwirtschaft. Sämtliche Lebensbereiche werden diesem Paradigma untergeordnet. Nuscheler (1996a: 3) führt an, dass mit Etablierung der (neoliberalen) Theorien mittlerer Reichweite und der damit einhergehenden Fokussierung der Entwicklungszusammenarbeit nur auf „Erfolgsländer“ (jene, die den Entwicklungsvorgaben der „neuen“ Theorieausrichtung folgen) die Zusammenarbeit mit übrigen Ländern schlicht „überflüssig“ geworden ist. Der Neuausrichtung von Entwicklungszusammenarbeit gemäß neoliberaler Ausrichtung attestiert er, sich über alle ethischen Imperative hinwegzusetzen, wie sie im Sozialpakt über soziale Menschenrechte formuliert wurden. Und Goldberg (2004: 65) mahnt an, dass das „den modernen Armutsbekämpfungsstrategien zugrunde liegende Bild von Armut (…) nur arbeitsfähige Menschen und Gruppen [kennt], in denen alte, kranke und andere abhängige Personen eine Randerscheinung bilden (...). Es soll hier aber darauf aufmerksam gemacht werden, dass das dogmatische Verständnis des Selbsthilfegedankens in der Entwicklungspolitik dazu geführt hat, dass ein relevanter und wachsender Teil der armen Bevölkerung faktisch ausgegrenzt wird. Haushalte ohne arbeitsfähige Mitglieder“ werden nicht zur Kenntnis genommen. Der sich bis heute auftuenden Leerstelle in den Entwicklungstheorien steht kein neues Konzept entgegen, weshalb die Theorieansätze „mittlerer Reichweite“ auch nur als neoliberale Modifikationen anzusehen sind (vgl. Ehlers 2009b, 2010a, 2010b, 2010c). Dekadenspezifische Diskontinuitäten in der internationalen Entwicklungspolitik 256 Gerade das Fehlen einer grundlegenden strategischen Alternative und die „neue Orientierungslosigkeit“ zeigen sich in empirischen Forschungen, die sich nur mit begrenzten Fragestellungen beschäftigen (Gieler 2009a: 52). Dass es keinen Ersatz zum neoklassischen Modell gibt, ist vor allem innerwissenschaftlichen Blockaden zuzuschreiben. So bestimmen weiterhin ausschließlich Vorstellungen westlicher Wirtschaftsnormen gegenwärtige Entwicklungsdefinitionen. Das sind die Formationsregeln der Diskurse. Im Funktionalismus wird die notwendige Folge aus zunehmender Kapitalisierung und technifizierender Effizienzsteigerung marktspezifischer Produktion gesehen, deren Logik sich in eigendynamischen Institutionalisierungsprozessen niederschlagen soll. Es wird an Dogmatismen festgehalten, worin empirische Ergebnisse losgelöst von der Theorie oder ihr nachgeordnet vor Widerlegung geschützt sind. Wandlungsprozesse in gesellschaftsspezifischen Sozialstrukturen werden allgemein ignoriert (z.B. in Schwellenländern, bei der Transformation post-sozialistischer Ökonomien, bei länderspezifischen Verarmungs- und Verelendungsprozessen und ihren politischen Reaktionen). Seit dem Jahr 2000 folgt keine klassische Entwicklungsdekade mehr.107 Die Staaten einigen sich vielmehr auf ein visionäres und unklares Themenkonglomerat bis 2015. Es stellt keine Entwicklungsagenda mehr dar, da wesentliche Kernforderungen mangelhaft oder gar nicht berücksichtigt werden. Im Herbst 2000 findet zur Themenfindung ein „Millenniums-Gipfel“ der Vereinten Nationen (die 55. Generalvollversammlung) statt, an dessen Ende die Mitglieder eine unverbindliche „Erklärung“ ratifizieren und parallel dazu Millenniumsentwicklungsziele (MEZ/ MDG) mit acht Hauptzielen, 21 Zielvorgaben und 60 Indikatoren unter Aspekten ökonomischer, ökologischer und sozialer Entwicklung aufzählen.108 Sie decken sich weitestgehend mit den Überlegungen der Nord-Süd-Kommission von 1980 und stellen insofern keine Neuerungen, sondern nur eine Anpassung dar: (1) Beseitigung von extremer Armut und Hunger; (2) Verwirklichung allgemeiner Grundschulbildung; (3) Förderung der Geschlechtergleichstellung mit Stärkung von Macht und Einfluss der Frauen; (4) Senkung der Kindersterblichkeit; (5) Verbesserung der Gesundheit von Müttern; (6) Bekämpfung von Malaria, HIV/Aids und anderen Krankheiten; (7) Sicherung ökologischer Nachhaltigkeit; (8) Aufbau einer weltweiten Entwicklungspartnerschaft. Holtz (2010: 4f) konstatiert resignativ, dass die Industrieländer generell zu wenig für die Ziele tun und sich die Entwicklungsländer „auf Abwegen oder bestenfalls auf der Kriechspur“ befinden: Die Zahl der Hungernden und Unterernährten ist auf einem Rekordniveau; es gibt kaum Daten zur Beschäftigung und zur Arbeitslosigkeit; (Grundschul-)Bildung für alle wird verhindert aufgrund des Geschlechts, 107 In dieser Zeit wird so massive Kritik an der Entwicklungszusammenarbeit geübt, dass teilweise sogar ihr baldiges Ende gefordert und prognostiziert wird (Moyo 2009; Neubert 2009; Kabou 2001). 108 Die Millenniums-Entwicklungsziele sind auf Deutsch einzusehen auf: http://www.unric.org /html/german/mdg/index.html (zuletzt abgerufen: 31.3.2016). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 257 von Volksgruppenzugehörigkeit, Einkommen, Sprache oder Behinderung. Geschlechterparität ist nicht erreicht; die Kindersterblichkeit ist zu hoch; die Gesundheit bei Müttern macht die geringsten Fortschritte; der Kampf gegen Krankheiten verläuft nicht in befriedigender Weise; bei ökologischer Nachhaltigkeit überwiegt das Soll durch Anstieg der Treibhausgasemissionen, der Bodenerosion, der Desertifikation, durch geringer werdender Biodiversität und durch Waldverlust. Weiter bezeichnet Holtz (ebd.: 7) die Ziele als eine „defekte Version“. Ihnen fehlen vor allem die Grundvoraussetzung zur Umsetzung; das sind Frieden und Demokratie. Er bezeichnet es als paradox, dass in der Millenniumserklärung einerseits Frieden, Sicherheit, Abrüstung, Menschenrechte, Demokratie, gutes Regierungs- und Verwaltungshandeln (Good Governance) aufgeführt werden, die grundlegenden Ziele aber in den sog. „Millenniumszielen“ nicht auftauchen. Kerkow (2013) bemängelt, dass in den Millenniumszielen vor allem nur Ziele des Nordens für den Süden enthalten sind, die Entwicklungsländer nicht ausreichend in den Formulierungsprozess einbezogen wurden und für den Norden gar keine messbaren Ziele vereinbart wurden. Zudem fehlt eine Differenzierung nach Ländern. Letztlich sind die sog. MDGs „blind“ gegenüber Verteilungsfragen. Als Ursachen gelten zum einen die stärkere Gewichtung militärischer und sicherheitspolitischer Aspekte gegenüber zivilgesellschaftlichen und entwicklungspolitischen im Zuge des Antiterrorkampfs seit den Septemberanschlägen von 2001, die Zunahme staatszersetzender kriegerischer Konflikte (besonders in afrikanischen und muslimisch geprägten Staaten), der sich verschärfende Klimawandel, Nahrungsund Energiekrisen, Finanz- und Wirtschaftskrisen. Zum anderen haben schon vorher bestehende Problemlagen weiter zugenommen, wie das weltweit steigende Bevölkerungswachstum, wirtschaftliche Korruption und politisches Desinteresse in Industrie- und Entwicklungsländern, die Vernachlässigung von für den Weltmarkt uninteressanten ländlichen Regionen, Landwirtschaft jenseits agroindustrieller Produktionsweisen und eine extreme Zunahme des informellen Sektors durch sich vergrößernde Verelendungsprozesse. Visy (2012: 39ff) nennt das eigene Fazit der Vereinten Nationen „sehr nüchtern und negativ“, das nur im Kleinen Erfolge aufzuweisen hat. Die Hauptpunkte – Armuts- und Hungerreduzierung, Primärschulbildung, Geschlechtergerechtigkeit, Beschäftigung und Gesundheitsversorgung – sind nicht umgesetzt worden. Visy ist der Ansicht, dass Herausforderungen formuliert worden sind, die unmöglich in den gesetzten Fristen umzusetzen sind. Dazu zählen der Klimawandel, Finanz- und Wirtschaftskrisen, eine allgemeine weltweite Ernährungssicherheit, grundsätzliche Freiheit von Gewalt und humanitäre Katastrophen. Nur in einer Randnotiz wird angemerkt, dass „tolerante, auch für den Wandel offene Kulturen (...) immer noch nicht als wesentlicher Schlüsselfaktor für die persönliche wie auch allgemeine Entwicklung anerkannt und gefördert“ werden (Holtz 2010: 7). In den Millenniumsentwicklungszielen werden überhaupt keine Anstrengungen formuliert, das Bevölkerungswachstum, soziale Ungleichheit, ar- Entwicklung aus diskursanalytischer Perspektive (nach Aram Ziai) 258 mutsbeseitigendes Wirtschaftswachstum, eine Stärkung der Macht und des Einflusses von Frauen auch außerhalb der ökonomischen Sphäre oder Nachhaltigkeit jenseits von Wachstumsstrategien ursachenspezifisch anzugehen. Gänzlich fehlen Ziele kultureller Freiheit und kulturelle Entwicklungsfaktoren jeglicher Art. Für die Post-2015-Agenda, die „Sustainable Development Goals“ (SDGs) sind die Aussichten daher äußerst bescheiden zu bewerten.109 4.8 Entwicklung aus diskursanalytischer Perspektive (nach Aram Ziai) „Abgesehen von Ausnahmefällen, außerordentlicher Gaben oder ungewöhnlicher Schicksalsfälle ist die Klassenzugehörigkeit in der kapitalistischen Gesellschaft durch die Geburt entschieden...“ (Hannah Arendt) Das aus dem Kolonialismus resultierende Verständnis über außereuropäische Kulturen erfährt nach dem 2. Weltkrieg keine inhaltliche, sondern nur sprachliche Veränderungen (vgl. Draude 2007: 13f). Die binäre Grundstruktur bleibt bestehen: Die Perspektive auf die Welt ist zweigeteilt (bzw. wird durch die Expansionspolitik der Sowjetunion dreigeteilt). Es existieren entwickelte und „moderne“ Staaten mit „zivilisierter“ Bevölkerung, und es existieren gesellschaftlich unterentwickelte und traditionsverbundene Regionen, die von ethnischer Pluralität geprägt sind. Sprachlich wird aus „dem“ Eingeborenen nun „der“ Unterentwickelte (anstelle der alten Terminologie vom „Herrenvolk“ und den „Untermenschen“). „Dementsprechend werden ‚die Eingeborenen’, die im Kolonialdiskurs das ‚Andere’ des weißen Mannes darstellen, anhand dieses Maßstabs im besten Fall als naturverbundene Kinder, im schlechtesten Fall als tierhafte Wilde dargestellt. Irrational, unzivilisiert und regierungsunfähig sind sie in jedem Fall. Die Differenz des ‚Anderen’ wird dabei gleichzeitig (universalistisch) geleugnet und (essentialistisch) verfestigt. Geleugnet wird sie, da in der ethnozentrischen Bewertung der Eingeborene nur als minderwertiges und unvollkommenes Abbild der eigenen Norm menschlicher Existenz erscheint, das im Hinblick auf diese Norm zu erziehen und zu assimilieren ist. Das Unbekannte, Fremde erscheint so als defizitäre Version des Bekannten, eigenen“ (Ziai 2006: 36). 109 Für die „Nachhaltigen Entwicklungsziele“ der Post-2015-Erklärung der Vereinten Nationen, siehe: https://sustainabledevelopment.un.org/topics/sustainabledevelopmentgoals (zuletzt abgerufen: 17.06.2015) Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 259 Da die Entwicklungs- und Modernisierungstheorien grundsätzlich ahistorisch und nur zukunftsorientiert ausgerichtet sind, gehen sie, einerseits, auf den Umstand, dass die meisten „traditionellen“ Gesellschaften während des Kolonialismus bzw. Imperialismus entweder zerstört oder tiefgreifend verändert wurden, nicht ein (vgl. Nederveen Pieterse 2010: 18; Hauck 2003: 87). Wie bereits erwähnt, kann mit der Aufteilung in „moderne“ und „traditionelle“ Gesellschaften, andererseits, über die Tatsache hinweggetäuscht werden, dass in nahezu allen sogenannten „modernen“ und industriell entwickelten Staaten selbst noch Rassismus und „Rassentrennung“ vorherrschende Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens sind. Zudem sind die Industriestaaten aufgrund der drohenden Zuwendung der aus den ehemaligen Kolonien sich bildenden Entwicklungsländer zur Sowjetunion gezwungen, eine neue Sprachregelung zu finden (vgl. Ziai 2007: 50f). Und letztlich entstehen in den neuen Staaten auch neue Märkte, in die exportiert werden kann, abgesehen von der Tatsache, dass viele Entwicklungsländer Rohstofflieferanten für die Industriestaaten sind (vgl. Goncalves 2003: 14f). Ab 1947 (Indien) werden die meisten Kolonien in den folgenden Jahrzehnten in den Grenzen von 1884 in die Unabhängigkeit entlassen. Für eine auf ethnischer bzw. kultureller Zugehörigkeit basierenden Neuausrichtung nationalstaatlicher Prägung ist es für die sich in langer Kolonialzeit verfestigten Verwaltungseinheiten vielerorts auch zu spät. Die „neuen“ multikulturellen bzw. multiethnischen „Staatskonstruktionen“ haben als offizielle Amts- und Verwaltungseinheiten sowieso längst die Regelungen der ehemaligen Kolonialherren übernommen. Vielfach sind autarke, traditionelle bzw. autochtone Kultursysteme zerstört, verändert oder deren Grenzen verwischt. Die neuen Eliten, mit Kapital entsprechend gefördert und mit Waffen und politischer Macht ausgestattet, lassen sich die Kontrolle auch nicht mehr nehmen, sofern sie westlichen Staaten Zugang zu benötigten Rohstoffen garantieren. Resultat sind innerstaatliche Kämpfe um Ressourcen entlang ethnischer, kultureller und religiöser Konfliktlinien, bei denen es sich in Wirklichkeit um ökonomische Ursachen asymmetrischer Verteilungsmechanismen handelt. Jansen/Osterhammel (2013: 8) nennen diesen historischen Prozess „einen der dramatischsten Vorgänge der neueren Geschichte“. „Auf der diskursiven Ebene konnten sie [die neuen Eliten] das Ziel nationaler Entwicklung als mobilisierenden Mythos wie auch als Herrschaftslegitimation einsetzen: Im Namen dieses Ziels konnten die entsprechenden Eliten den nationalen Zusammenhalt beschwören, eine blühende gemeinsame Zukunft ausmalen, Opfer einfordern und im Zweifelsfall wirtschaftliche und politische Maßnahmen auch autoritär durchsetzen. Für die Menschen in den industrialisierten Ländern bot der Entwicklungsdiskurs weiterhin die Möglichkeit, sich als Teil einer überlegenen (modernen, aufgeklärten, technologisierten) Kultur zu fühlen. Die durch das Dispositiv der Entwicklung gewährleistete Aufrechterhaltung ökonomischer Beziehungen mit den ehemaligen Kolonien sicherte die Versorgung mit für die vorherrschende Lebensweise notwendigen Rohstoffen (Öl, Kaffee, Bananen usw.)“ (Ziai 2007: 54f). Entwicklung aus diskursanalytischer Perspektive (nach Aram Ziai) 260 Unter dem Druck antikolonialer Befreiungsbewegungen und den Expansionsbestrebungen staatssozialistischer Herrschaftsansprüche, vor allem in Osteuropa, Südund Ostasien, formulieren die westlichen Industrienationen die Diskurse der postkolonialen Nord-Süd-Beziehungen neu (vgl. Albertini 1966: 34ff). Für diese Neuformulierung muss eine neue sprachliche Symbolik gefunden werden, die mit der Geburtsstunde der heutigen Entwicklungsdiskurse eingeleitet wird. Die sogenannte neue „Gleichheit der Völker“ kann besonders in handelspolitischer Hinsicht nicht in der terminologischen Fortführung der Diskurse auf traditioneller Sprachregelung des kolonialen Rassismus erfolgen (vgl. Altmann 2005: 51ff, 61ff). Symbole der neuen diskursiven Äußerungsmodalitäten sind Schlagwörter wie Freiheit, Selbstbestimmung in innerstaatlichen Angelegenheiten, Partnerschaft, Wohlstand, Demokratie, Entwicklung von Infrastruktur und Wirtschaftswachstum. Offiziell werden zudem völkische Ungleichheit und offener Rassismus in der Charta der Vereinten Nationen mit dem Recht auf Selbstbestimmung annulliert (besonders in den Artikeln 1, Abs. 2; Art. 73; Art. 74; Art. 76).110 Die neue Diskursordnung klammert aber nur den sprachlichen Rassismus aus, nicht z.B. den ökonomischen mit fortbestehender ungleicher internationaler Arbeitsverteilung. So wird die grundsätzlich zugesprochene Selbstbestimmung durch neue Eliteneinbindungen in „neokoloniale“ Abhängigkeiten unmittelbar wieder eingeschränkt (vgl. Helming 2007: 31ff; Kost 1986: 14ff; Ante 1981). Geokulturelle Differenzen werden in historische Stadien verwandelt und ein räumliches Nebeneinander universell verzeitlicht, d.h., dass alle Staaten auf einer universellen Entwicklungsskala des (industriellen) Fortschritts nebeneinander gereiht werden und Vergleiche gemacht werden, wie weit entwickelt ein Land ist. Die kulturellen Stereotype, rassistischen Zuschreibungen und hierarchischen Wertungen bleiben in dieser Skala hintergründig durch Wertung mit dualen Attributen bestehen: höherwertig/minderwertig, zivilisiert/unzivilisiert, rational/emotional, vernunftgeleitet/ instinktgeleitet, herrschaftsfähig/herrschaftsunfähig. souverän/abhängig, entwickelt/ unterentwickelt. Es sind dieselben Attribute, die den universellen Kulturdiskurs gegen das urwüchsig Barbarische seit der Antike dominieren, die allerdings dem neuzeitlichen Organisationsdenken in nationalstaatlichen Einheiten entsprechend angepasst werden. Charakteristisch ist, dass alle Elemente untrennbar als Äquivalenzketten miteinander verbunden sind (vgl. Vester 2009: 40): Hochwertig sind die Zivilisierten, die rational handeln, insofern als entwickelt gelten und deshalb zum Regieren fähig sind (vgl. Hein 2005: 6). Im Hegelschen Sinne wird das Eigene aufgewertet, indem das Andere gleichzeitig eine Abwertung erfährt und als negative Projektionsfläche dient. 110 Die Charta der Vereinten Nationen ist einzusehen auf: https://www.unric.org/html/german /pdf/charta.pdf (zuletzt abgerufen: 31.3.2016). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 261 „Sichtbar wird die Annahme einer eingeschränkten Gleichwertigkeit der Völker: Alle sind gleich, nur einige sind nicht so weit fortgeschritten auf der universellen Entwicklungsbahn der Menschheit: Sie sind ‚unterentwickelt’. Nach dem Wegfall des rassischen Elements wird jedoch kaum von unterentwickelten Völkern oder Menschen gesprochen, sondern in der Regel von unterentwickelten Ländern oder Regionen: Der Gegenstandsbereich wird sozialgeographisch statt biologisch erfasst. Die Zweitteilung ‚zivilisiert/unzivilisiert’ wird durch den Dualismus ‚entwickelt/unterentwickelt’ ersetzt. Das daran anknüpfende Ensemble der Differenzen lässt sich wie folgt skizzieren: industrieller und wissenschaftlicher Fortschritt/Stagnation, Wirtschaftswachstum/Stagnation, Technologie/Handarbeit, Modernität/Tradition, hohe Produktivität/niedrige Produktivität, materieller Wohlstand/Armut, besseres Leben/schlechteres Leben, Freihandel und Demokratie/alter Imperialismus, Entwicklungshilfe leistende Nationen/Entwicklungshilfe empfangende Nationen usw. Wieder sind die einzelnen Elemente untrennbar verknüpft“ (Ziai 2006: 36f). Aus einem rassistisch-biologischen Imperialismusdiskurs werden sozialgeographische Diskurse mit ökonomisch entwickelten und unterentwickelten Regionen. In der Nachkriegszeit stellt die höchste und erstrebenswerteste Kulturstufe nicht mehr das zerstörte Europa dar, sondern die auf schrankenlosen Freihandel ausgerichteten USA (vgl. Bussmann 2009: 18). Das Tragische an dieser „kulturellen Pille“ ist ihr „Entweder-oder“-Anreiz binärer kultureller Aufwertung: Mit der Übernahme modernistischer Denk-, Lebens- und Herrschaftsweisen durch sich dementsprechend mit „Entwicklungshilfe“ herausbildenden und militärisch absichernden neuen Herrschaftsklassen, sehen sich diese Eliten als gleichberechtigte Partner, die bald auf derselben konsumtiven Entwicklungsstufe stehen wie die ehemaligen imperialen „Herrenvölker“, gemessen an der Kapitalakkumulation (vgl. Risse/Lehmkuhl 2007: 4ff). Kim (1993: 7f) verdeutlicht den in den Entwicklungs- und Modernisierungstheorien (weiterhin) enthaltenen Euro- bzw. Anglozentrismus treffend als ein „theoretisches Konstrukt, indem er • ein theoretischer Komplex ist, der im Kern auf einer geschichtsphilosophischen Konstruktion nach Max Weber, Walt W. Rostow, Talcott Parsons u.a. basiert; • auf der Grundannahme fußt, dass der Entwicklungsgang der europäischen Gesellschaften sowohl für West und Ost als auch für Nord und Süd gilt; • Europa und die USA auf die höchste Stufe des Entwicklungsgangs der Geschichte der Menschheit stellt, wobei sie eine Vorbildfunktion einnehmen, nach der sich auch nichteuropäisch-angelsächsische Gesellschaften richten sollen; • alle nicht europäisch-angelsächsischen Länder auf eine niedrigeren Stufe des Entwicklungsgangs der Geschichte verweist. Entwicklung aus diskursanalytischer Perspektive (nach Aram Ziai) 262 Daraus resultiert, dass sich Europa (inkl. Nordamerika) und „Nichteuropa“ als Polaritäten des Entwicklungsgangs der Geschichte gegenüberstehen, wobei Europa ableitungslogisch den zentralen Bezugspunkt darstellt. Kapitalistische Entwicklungsdiskurse produzieren permanent „eine Identität der ‚Unterentwickelten’ als rückständig und Teil einer unterlegenen Kultur (...), deren Defizite nur durch Übernahme der entsprechenden Ideale [Rationalität, Produktivität/Effektivität, ‚Modernität‘] und ständiges Streben nach Angleichung an die Norm auszugleichen sind“ (Ziai 2006: 37). Den industriell fortgeschrittenen Staaten kommt die Rolle des paternalistischen Samariters zu. Noch nicht ausreichend zivilisierten Staaten wird durch extern verordnete und umzusetzende Strukturhilfe „Entwicklung“ ihrer rückständigen Gesellschaften zuteil (vgl. Klemp/Poeschke 2005: 18f). Insofern sind auch die zentralen sozialtechnologischen, moral-, ideal- und geschichtsphilosophischen Strukturen der aus den kolonialen Diskursen hervorgegangenen Entwicklungsdiskurse dieselben geblieben: Euro- und Anglozentrismus bleiben Grundlagen für die Teilung der Welt in wenige fortgeschrittene und viele, diese bedrohende unterentwickelte Länder. Die identitätsorientierten entwicklungstheoretischen Diskurse behalten die tradierten Grundstrukturen bei, wonach metropolitane Interessen in der Peripherie durch Treuhänderschaft durchgesetzt werden, allerdings nicht mehr durch Kolonialherren, sondern durch Entwicklungshelfer, gestützt auf entwicklungspolitische Organisationen und staatliche Institutionen (vgl. Bliss 2009: 20ff). Die eigene (kapitalistische) Fortschrittlichkeit stellt dabei die Norm, anhand derer „die Minderwertigkeit des Fremden objektiv nachgewiesen werden wird. (...) Das Differenzsystem der Entwicklungsära schließt dabei unmittelbar an das der Kolonialperiode an, seine Zweiteilungen erscheinen durch die umfangreichen Vorarbeiten des Vorgängerdiskurses geradezu als selbstverständlich“ (Ziai 2006: 39). Seit der Entstehung evolutionistischer Theorien im Zuge modernistischer Kapitalisierungsstrukturen hat sich an einer notwendigen Entwicklung der Menschheit in Richtung des westlichen Industrialisierungsmodells wenig geändert. Nahezu jede Lebensweise soll früher oder später nach sozialpsychologisch und volkswirtschaftlich „rationalen“ Gesichtspunkten im kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Sinne transformiert werden. Brunkhorst (2008: 5) resümiert, dass heute „aus-nahmslos alle menschlichen Individuen von Schul- und Markterfolg abhängig sind“. Und es ändert trotz aller sozialer, kultureller, politischer und regionaler Unterschiede nichts daran, dass die (ungleich verteilten) Lebenschancen „spätestens seit Vernichtung der letzten Hauswirtschaft, überall der hohen Selektivität dieser beiden Systeme unterworfen“ sind (ebd.). Sozialtechnologisch werden immer neue Institutionen gegründet, die Experten-Wissen über die Dritte Welt und ihre rückständigen und entwicklungsbedürftigen Subjekte produzieren, sie auf eine spezifische Art sichtbar, messbar und damit zum Objekt machen. So werden permanent rückständige Identitäten konstruiert und reproduziert, die suggerieren, dass unterentwickelte Subjekte im Süden Prob- Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 263 leme haben, die sie nicht eigenständig lösen und nur mit Hilfe des Nordens überwinden können (DuBois 1991: 25). Eine umgekehrte Diskursrichtung ist undenkbar und kommt einem Affront gleich: Außer für Rohstoffe und Billigproduktionen sowie tradierte (Urlaubs-)Exotik hält der Süden keine kulturellen/intellektuellen, ökonomischen, sozialen oder politischen Lösungen für den Norden bereit (vgl. Splitter 1997: 314). „Die Mission der ‚Zivilisierung der Unzivilisierten’ wurde ersetzt durch die weltweite Etablierung gesellschaftlicher Institutionen nach europäisch-angelsächsischem Muster und die Umwandlung der Bevölkerung in diesen Institutionen in angepasste, ‚leistungsbewußte’ Individuen, aber gänzlich innovativ erscheinen diese Darstellungen nicht. Die Experten aus dem Norden wissen immer noch, wie der Süden umgestaltet werden muss: nach ihrem Vorbild und ihren Wertvorstellungen“ (Ziai 2006: 41). Eine große Gefahr für die Expansion der neoliberalen Wirtschaftsordnung zur Sicherung lokaler Rohstoffquellen wird dabei im inadäquaten Festhalten an hinderlichen alternativen Sozialstrukturen gesehen, die Lebensweisen schwerer zugänglich machen für arbeitsteilige, marktorientierte Produktionsweisen. Traditionen im Sinne solidarischer sozialer Beziehungs- und Sicherungssysteme oder das Festhalten an nicht-entwicklungskonformen Verhalten stellt eine schwierigere Verfügungsmöglichkeit für die Interessen des Weltmarkts und eine generelle Unrentabilität für Direktinvestitionen dar (Gebre-Wold 2004: 63f). Zudem werfen sie Zweifel an der Übernahme westlicher Wertemuster auf. Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, werden an industriellem Wachstum orientierte Studien entsprechend den jeweils aktuellen Entwicklungszielen erhoben. Sie untermauern eine „Prägung von (afrikanischen, asiatischen, lateinamerikanischen) Subjekten, die aus freien Stücken eine Weltordnung unterstützen, die den Interessen der Metropolen“ entsprechen (Ziai 2006: 38). (Neue wie alte) liberale Formationsregeln der Entwicklungsdiskurse sind die Schaffung eines „sozialen“ Umfelds für die Konstruktion von Subjekten in der Peripherie, die der Marktwirtschaft der industriell fortgeschrittenen Zentren entsprechend produktiv zuarbeiten sollen (vgl. Taussig 1980). Dabei weisen aber alle Objekte Defizite auf, deren Beseitigung nur mittels westlichen Expertenwissens behoben werden können. Z.B. betont Bliss (2009: 21), dass eine „Mitwirkung oder gar Mitbestimmung“ (geschweige denn eine „Selbstbestimmung“) in Projekten der Entwicklungsarbeit „ernüchternd“ ist und sich kaum eine Geberorganisation an das selbstgesetzte Ziel einer „Partizipation“ der Betroffenen hält (gefragt, ob die Betroffenen das Projekt überhaupt wollen, werden sie schon gar nicht). Dadurch werden die Betroffenen auch von „Eigenverantwortung und Zueignung“ abgeschnitten. Nur die meist weißen, männlichen Entwicklungsexperten sind legitimiert und kompetent genug, sich in Entwicklungsdiskursen zu äußern. Die Orte dafür sind Entwicklungsorganisationen, Universitäten oder spezielle staatliche Institutionen Entwicklung aus diskursanalytischer Perspektive (nach Aram Ziai) 264 und Organe wie Ministerien und Ausschüsse. Überhaupt ist der Experte das einzig relativ klar zu positionierende Subjekt in Entwicklungsdiskursen, obwohl es durch seine Aussagen (inwieweit es Entwicklung definieren kann und wie diese dann erreicht werden soll) ebenfalls wieder bedingt wird. Denn die Aussagen müssen eine spezifische Wissenskonstruktion bedienen, um Teil der diskursiven Formation zu sein. Ansonsten erfüllen sie in Diskursen keinen gewünschten bzw. erwarteten Zweck. Brunkhorst (2008: 5) nennt solch‘ ein Subjekt in Anlehnung an Foucault das „moderne Disziplinarindividuum“. Andersherum unterstützt aber auch das Subjekt die Sinnhaftigkeit der platzierten Aussagen durch seine Position in Diskursen. In beiden Fällen werden jedoch zugunsten des Opportunismus keine Aussagen für wirkliche gesellschaftliche Veränderungen getätigt. In der Ordnung der Experten werden nur jene gesellschaftlichen Zielvorstellungen und die damit verbundenen Maßnahmen ergriffen, die nicht im Einklang mit Forderungen nach mehr gerechter Umverteilung und Selbstbestimmung von sozialen Gruppen stehen. Diese Vorgehensweise würde einen Diskursbruch darstellen (vgl. Zapf 1997: 33f; ders. 1994: 187ff; ders. 1992: 181ff). Entwicklung ist, was externe Experten als solche definieren. So konstruiert das Subjekt zwar innerhalb eines formativen Rahmens gewisse Aussagemodalitäten, die Diskurse konstruieren währenddessen die Subjektposition des wissenden und vorschreibenden Experten und beinhaltet damit strukturell ein autoritäres Element. Der Wahrheitsanspruch wird also durch die diskursive Ordnung in der Wissensproduktion der Institutionen, Gremien, Organe etc. selbst legitimiert, ein erkenntnistheoretischer Teufelskreis (vgl. Ziai 2003: 414f). Aus diskursanalytischer Sicht werden hier Systemstrukturen einer spezifisch euro- und anglozentristischen Wissensproduktion und Identitätskonstruktion deutlich: Der Westen gilt als am weitesten entwickelt. Westliche Gesellschaften gelten allgemein in sämtlichen sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Bereichen als Idealnorm, andere Gesellschaften gelten in sämtlichen Bereichen als unterentwickelt, rückständig und weniger ausgereift. Nur „die“ westliche Zivilisation steht für Freiheit, Normalität, Wohlstand, Moderne, Fortschritt, Gerechtigkeit und Frieden nach den Prinzipien des „Good Governance“ (Shohat/Stam1994: 1ff). Außer den Europäern hat noch niemand diese oder eine annähernd vergleichbare Stufe je erreicht. Während die prinzipielle Unterschiedlichkeit der Menschen universell geleugnet wird, wird sie durch soziale Unterscheidungen essentialisiert. Im Sinne Herders, allerdings in verschärft ideologisierender Weise, werden nach individualpsychologischen Entwicklungsstufen eines Menschen ganze Gesellschaften verzeitlicht nebeneinander gestellt, um Ungleichheiten einheitlich und dauerhaft zu bewerten. Damit soll suggeriert werden, dass es nicht um außenwirtschaftliche und geostrategische Interessen industriell fortgeschrittener Länder geht. Insofern wird der Gegenstandsbereich von (Unter-)Entwicklung auf sehr lange Sicht nicht vollständig beseitigt werden, denn dieser, in Hinblick auf eine westliche Norm zu erreichende Zustand legitimiert permanente Intervention von außen für das eigentliche Ziel: Kapitalisierung und (Agro-)Industrialisierung der Welt als globales Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 265 Projekt von „Moderne“ (vgl. Senghaas 1997b: 60f). Dafür werden in Diskursen auch die gut ausgebildeten Oberschichten in Entwicklungsländern verschwiegen, die die „Kultur“ westlicher Industriestaaten durchaus leben. Informalität z.B., die m.E. quantitativ gar nicht messbar ist, weil sie abseits der offiziellen Arbeitsmärkte stattfindet, fällt einfach aus Studien zu länderspezifischen Sozialstrukturen heraus, obwohl gerade sie einen Großteil der Arbeitskräfte in Entwicklungsländern ausmacht (vgl. Dore 1972; in: Jolly 2012, Hg.: 20ff). Zudem werden alle gesellschaftlichen Schichten und Milieus weniger industrialisierter Staaten ausschließlich mit einem westlichen Vereinheitlichungsraster klassifiziert: Das Fazit lautet dann oft, dass sie weniger rational, weniger demokratisch, und insgesamt einer Industrialisierung weniger zugänglich sind (vgl. Nuscheler 2007: 4f). Dass oft ganz andere Mechanismen greifen, wird bei der Indikatoren- Definition nicht berücksichtigt, weil sie grundsätzlich aus der Perspektive sogenannter „entwickelter“, also fortgeschritten industrialisierter und kapitalisierter Staaten resultieren (vgl. Leisering 2008: 26). So kritisiert Neubert (2010), dass Evaluierungen mit nicht „nachvollziehbaren Werturteilen von Experten“ versehen sind, die dann, erstens, nicht brauchbar sind („crisis of utilization“), zweitens, in ihrer Validität und Bedeutsamkeit zweifelhaft sind („crisis of vertification“) und, drittens, dass jene Werturteile, die Eingang in die Forschung finden, zu wenig beachtet und expliziert werden („crisis of accreditation“; vgl. Guba/Lincoln 2001, 1989, 1985; Salmen 1987; Kamla 1985; Chambers u.a. 1981a: 160ff; ders. 1981b: 95ff). Partizipation von Zielgruppen soll, trotz manch‘ gegenläufigen Konzepts (vgl. Baharona/Levy 2005), aufgrund des hohen Zeit- gleich Kostenaufwands ausgeklammert werden, auch weil diesen Probanden unterstellt wird, dass sie die Ergebnisse verzerren und die Wirkungszusammenhänge moderner Entwicklungszusammenhänge nicht beurteilen können (Neubert 2010: 141). Angeblich notwendigerweise noch zu entwickelnde Sozialbereiche werden in Diskursen im Kontrast dazu kontinuierlich ausgeweitet (vgl. Grill 2007): anfänglich war nur vom Ausbau der Infrastruktur und „Wachstum“ die Rede (vgl. Seers 1963: 77ff), es folgte die Befriedigung von Grundbedürfnissen nach den ersten großen Hungerskatastrophen ab den 1970er Jahren (z.B. in Äthiopien; vgl. Dore 1972; in: Jolly 2012,Hg.: 20ff), gefolgt von der Armutsbekämpfung durch Verschuldungsund Verelendungsprozessen im Zuge der Weltwirtschaftskrisen ab Anfang der frühen 1980er Jahre (vgl. Chambers 1995: 173ff; Lipton 1977), dann Frauenrechte und die Stärkung ländlicher Bevölkerungen nach dem Abzusehen war, dass es zu Diskrepanzen zwischen den Peripherien und den urbanen Zentren in Entwicklungsländern in den 1990er Jahren gekommen ist (vgl. Kabeer/Humphrey 1991: 78ff; Chambers 1991: 260ff), bis zu ökologischer Wirtschaftsweise, „Nachhaltigkeit“, „Good Governance“ im Spiegel zunehmender ökologischer Katastrophen (z.B. Dürren und gleichzeitiger Überschwemmungen in diversen Weltteilen) und auch wieder „State-Building-Processes“ um die Jahrtausendwende (vgl. Debiel/Lambach/ Pech 2007: 10ff). Entwicklung aus diskursanalytischer Perspektive (nach Aram Ziai) 266 „Bemerkenswert hierbei ist, dass die Entwicklungstheorie nacheinander und teilweise sogar gleichzeitig völlig gegensätzliche Strategien in der Verfolgung des Ziels ‚Entwicklung‘ vorgeschrieben hat: umweltzerstörende Infrastrukturprojekte und ökologische Gegenmaßnahmen, armutsverschärfende Strukturanpassungsprogramme und soziale Gegenmaßnahmen. Dies ist nach Foucault eine Bedingung für das Vorhandensein einer diskursiven Formation“ (Ziai 2007: 49). „Entwicklung“ steht folglich für eine widersprüchliche Bezeichnung sozialen Wandels nach universellem Muster, die einerseits als linearer, kontinuierlicher Reifeprozess ausgelegt wird und die in ihren Konnotationen mit positiven Attributen untermalt ist, andererseits allerdings nur aus dem Stadium prinzipiell negativ interpretierter Unterentwicklung vollzogen werden kann (vgl. Ashoff 2007: 17f; Shikwati 2006: 6ff). Durch diese Formationsregeln wird eine Diskursordnung gebildet, die mit entsprechenden Machtstrukturen der Industrie- über die Entwicklungsländer verbunden ist. In den Entwicklungs- und Modernisierungstheorien wird „Kultur“ daher als eigenständiger emanzipatorischer und positiver Begriff lokalen Wissens systematisch übergangen und nur als negative Unterkategorie im Sinne von Fortschrittsresistenz mit politisch-ökonomischen Diskurselementen verbunden. Die Rhetorik ändert sich im Austausch von Begrifflichkeiten, aber die Inhalte bleiben prinzipiell immer dieselben (Gebre-Wold 2004: 62). Gemäß Foucaults Charakterisierung eines Dispositivs (DM 1978: 119f) und aus diskursanalytischer Perspektive nach Aram Ziai (2003, 2007) werden diese „neuen“, scheinbar akulturell strukturierten Diskurse mit einem Netz von diskursiven wie nicht-diskursiven Praktiken verbunden, wozu „unzählige Projekte, Banken und Kreditinstitute, Ministerien und Ämter, wissenschaftliche Institute, Disziplinen und Studiengänge, Regierungs- und Nicht-Regierungsorganisationen, Programme der Vereinten Nationen, Gipfelkonferenzen, Kongresse, Fortbildungen usw. kurz: ein ganzer Entwicklungsapparat“ zählen (Moss/Gelander/Van de Walle 2006: 1ff). Sie sorgen für Tabuisierung oder selektive Wiederholung ausgewählter Eigenschaften und Attribute in (neo-)liberalen Entwicklungsdiskursen. Die Faktizität bzw. die eigentlich notwendige Gegenständlichkeit von sozialer Entwicklung wird durch Reduktion der Diskurse auf ausschließlich weltmarktorientierte Konkurrenzverhältnisse umgangen. Alle Gesellschaften, die sich „entwickeln“ wollen, müssen den emanzipatorisch marktwirtschaftlichen Reifeprozess des Westens durchlaufen. Der universelle Moralcode westlich-liberalistischer „Zivilisation“ ist in internationalen Beziehungen allgegenwärtig. Er wird aber durch verobjektivierende Betonung von Modernisierung durch (Agro-)Industrialisierung und notwendige Kapitalisierung „unsichtbar“ gemacht. Soziale Differenzen werden durch ökonomische ersetzt: Prinzipiell sind alle gleich, der Großteil der Menschheit ist insgesamt (ökonomisch, politisch, kulturell) nur weniger entwickelt (vgl. Streiffeler 1997: 291ff). Diese Unterentwicklung spiegelt sich in ungleichen Bildungs- Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 267 chancen, Arbeitsverhältnissen, Marktzugängen, Gesundheitsversorgungsmöglichkeiten und Informationsvermittlungen wider. Menzel (1992: 49) benennt mehrere über die Zeit aufgebaute Mythen in Entwicklungsdiskursen, hinter denen die großen inhaltlichen Leerstellen der Illusion „Entwicklung“ versteckt sind: Tabus, „an die sich in Wirklichkeit niemand so richtig heranwagt, weil dadurch Kettenreaktionen ausgelöst werden könnten, die das gesamte Gebäude aus Theorie und Projektion zum Einsturz bringen“ (vgl. Jolly 2012, Hg.). So herrscht z.B. keine Einigkeit über die inhaltliche Ausgestaltung in Bezug auf diverse Vorstellungen von Fortschritt. Einerseits wird in Empfehlungskatalogen und „road maps“ nur auf materielle Entwicklungsziele rekurriert, wie die Befriedigung von Grundbedürfnissen (Ernährung, Wohnung, medizinische Versorgung; vgl. Clover 2003: 5ff), andererseits nur auf immaterielle Forderungen wie die Einhaltung der Menschenrechte, Bildung oder politische Partizipation verwiesen. An deren Schnittstelle taucht der Nachhaltigkeitsbegriff als „Erhaltung der Umwelt“ auf (vgl. Kürzinger 1997: 385ff). Dem Paradigma ökologischer Nachhaltigkeit widerspricht aber das Paradigma von marktwirtschaftlicher Konkurrenz und generellem Wirtschaftswachstum (vgl. Leach/Leach/Scoones 1999: 225ff). Weitere Forderungen reichen von allgemeiner „Rationalisierung, Differenzierung und Mobilisierung“ von genereller Arbeitsteilung und Ausweitung des komparativen Au- ßenhandels bis zur allgemeinen Steigerung der Produktivkräfte (vgl. Messner/Scholz 2010: 71ff). In den staatlichen Entwicklungsdiskursen wird geleugnet, dass keine Gewissheiten bestehen, wie westliche Modernisierungsaspekte im Querschnitt übertragen und diese Prozesse adäquat begleitet werden können. Nahezu alle Strategien laufen auf (agro-)industrielle Modernisierung (Technifizierung), Wachstum, Export und allgemeine Vorherrschaft von Marktwirtschaft bei einer Minimierung staatlicher Ein- und Zugriffsmöglichkeiten hinaus. Unterstellt wird, dass sich soziale und politische Verbesserungen unter diesen Bedingungen automatisch ergeben werden, auch weil die Entwicklungs- und Modernisierungstheorien, wie auch die Entwicklungspolitik von einheitlichen bzw. identischen Sozialstrukturen in nahezu allen Entwicklungsländern ausgehen (vgl. Ashoff 2010: 33ff). Die Implementierung neoliberaler Ökonomie hat aber neben sich langfristig auswirkenden strukturellen Gesellschaftsdeformationen gerade dazu geführt, dass entwicklungsrelevante Kapitalbeiträge stärker als zuvor als Surplustransfer aus den Entwicklungsländern in die industriellen Mutterländer fließen, weil die wenigen Kapitaleigner in den Entwicklungsländern dort sicherere Anlagemöglichkeiten ausmachen. An die Stelle asymmetrischer Entwicklungsbeziehungen ist heute die von Entwicklungstheorie befreite Stellung auf dem Weltmarkt getreten. Die industrielle Staatenwelt richtet dabei ihre generelle Kritik an Entwicklungsländern auf endogene Blockaden für freie Marktzugänge, anstatt die Folgen der Vermarktwirtschaftlichung als exogene Langzeitursachen für gesellschaftliche Konflikte mit einzubeziehen (vgl. Stanford 2001: 3ff). Mit dem Fokus auf endogene Blockaden sind vor allem systematische Formen des vermeintlichen Traditionalismus, Bürokratismus, Entwicklung aus diskursanalytischer Perspektive (nach Aram Ziai) 268 der Korruption, des Rassismus, des Nationalismus, der Ignoranz und Arroganz gegenüber innergesellschaftlichen Machtkämpfen, religiöser Phlegma und Fundamentalismen gemeint, die permanent kriegerische Auseinandersetzungen um Ressourcenkontrolle provozieren (Menzel 1992: 54). Das soll meiner Meinung nach darüber hinweg täuschen, dass industrialisierte Gesellschaften alle genannten Probleme ebenfalls aufweisen. Privilegierung eigener politischer Fraktionen, aufgeblähte Verwaltungen, persönliche Bereicherung, lobbyistischer Zugang zum Staatsapparat, Korruption, Gewinn sozialen Prestiges, um die eigene Machtbasis zu sichern, Wachstum um jeden Preis, geringe Wachstumskritik, Verschuldung, Kapitalflucht, gesellschaftliche Verarmungsprozesse der unteren Schichten und Ressourcenverschwendung sind alles Argumente für Unterentwicklung. Bei genauerer Betrachtung sind m.E. diese Beschuldigungen aber auch für die Industriestaaten zutreffend, weshalb die Vorwürfe folglich nicht als entwicklungsoder wachstumshemmende Faktoren geltend gemacht werden können, sondern als strategisches Werkzeug in der Debatte platziert werden (als diskursive Formation; vgl. Goetze 1997: 429f). Gerade die Aufrechterhaltung des in den meisten Entwicklungsländern nur rudimentär ausgebildeten Kapitalismus stabilisiert den Surplustransfer der rohstoffproduzierenden in die verwertenden Staaten, weil die Reinvestitionsmöglichkeit in industriell fortgeschrittenen Staaten mehr Sicherheit, wenn auch weniger Gewinn bieten. Anstelle von Proletarisierung findet eine Diversifizierung informeller Prekarisierung statt, die die Konkurrenzverhältnisse auf den Arbeitsmärkten der Entwicklungsländer ansteigen lässt und so das Lohnniveau wie auch soziale Absicherungen und Arbeitnehmer-Interessenvertretungen (z.B. Gewerkschaften) insgesamt niedrig und die Arbeits- und Leistungsbereitschaft durch massenhafte Austauschbarkeit hoch hält (vgl. Ghura 1995: 759ff). Kritik in Hinblick auf eine ökologisch bedenkliche Nachindustrialisierung der Entwicklungsländer untermauert dann noch die Beibehaltung von marktwirtschaftlichen Abhängigkeitsstrukturen, anstelle einer selbstkritischen Analyse der eigenen politischen Ökonomie im „Westen“ (vgl. Lipton 1999: 26ff). Überhaupt ist eine allgemeine Kritik an der politischen Ökonomie in Entwicklungsdiskursen seit dem Aufkommen neuer Konkurrenten auf dem Weltmarkt (z.B. den BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China) ein Tabu. Alternative Perspektiven auf Geschichte in Form des Postkolonialismus werden verschwiegen; Kritik wie in Form der Post-Development-Ansätze oder Formen kooperativer und genossenschaftlicher Solidarökonomie werden übergangen oder als vergangenheitsorientiert, nicht konkurrenzfähig, fortschrittsfeindlich oder als subjektive Wahrnehmung aus den Diskursen als „unobjektiv“ ausgeschlossen, da sie gegen die Formationsregeln verstoßen (vgl. Kiely 2013: 122ff, 153ff).111 111 Bäuerliche, ländliche und indigene Bewegungen nehmen angeblich eine für die Entwicklungspolitik nicht förderliche, „wertekonservative“ Orientierung ein, weil sie dem neolibe- Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 269 Die Vereinheitlichung marktwirtschaftlicher Ausrichtung auf globale Verhältnisse hat aber immerhin dem Irrglauben den Nährboden entzogen, dass der Kapitalismus in der Peripherie weniger entfaltet wäre als im Zentrum (vgl. IMF 2011: 3ff). Richtig ist, dass er in der Peripherie anders, durch zwangsmäßig durchgeführte Strukturanpassungen und vielerorts durch das Fehlen von sozialen und stabilen oppositionellen Interessenvereinigungen wie z.B. Gewerkschaften und sozialen Sicherungssystemen sogar direkter und extremer wirkt als im Zentrum (vgl. Schütz 1994: 226). Selbst in vorwiegend recht unproduktiv erscheinenden kleinwirtschaftlichen Agrarsektoren hat sich Strukturanpassung weitestgehend, z.B. durch die Monopolstellung von Hybridsaatgut, durchgesetzt (vgl. Kälber 2011: 114ff). Die Peripherie hat durch diese Anpassungsmaßnahmen sehr fortgeschrittene Strukturgleichheiten des Zentrums in Hinblick auf Marktkonformität und Kapitalisierung angenommen (Coclough 1991: 5ff).112 Mittlerweile wird von einer Rückkehr des Keynesianismus in Form eines Neokeynesianismus gesprochen, der – wie sein Vorgänger – auf eine von der Regierung gelenkte Geldpolitik, eine Steuerung des Konjunkturverlaufs durch Kooperation von Notenbank, Regierung und Tarifpartnern, eine staatliche Industriepolitik, die Schaffung von Zugangsmöglichkeiten für neue Kredite und (dadurch) auf eine Beeinflussung des Wirtschaftswachstums durch effektive (d.h. steuernde) und Einfluss nehmende Finanzpolitik setzt. Über eine staatlich gesteuerte Geld- und Wirtschaftspolitik soll verunsicherten Investoren wieder Sicherheit vermittelt werden (Straubhaar/Wohlgemuth/Zweynert 2009: 20f). Unterschiede zum klassischen Keynesianismus sind allerdings die Beibehaltung verstärkter Förderung von angebotsorientierter Wirtschaftspolitik und -programmen, freie deregulierte und privatisierte Märkte, eine Geldpolitik, die sich ausschließlich an der Preisniveaustabilität orientiert, die Akzeptanz, dass die verfolgte nachfrageorientierte Investitionspolitik nicht dauerhaft zu einem höheren Beschäftigungsniveau führt, ein Stopp expansiver Geldpolitik, eine Selbstregulationslogik bzw. ein Vorherrschen der Märkte und klare transparente Marktordnungsrahmen (von Seiten des Staates), innerhalb derer sich die Wirtschaft frei entfalten und walten darf (ebd. 25f). Diese neokeynesianische Tendenz ändert jedoch nichts an dem eklatanten Widerspruch, der weiterhin in der kapitalistisch fortschreitenden Transformation sog. „unterentwickelter“ Staaten und ihrer Stellung auf dem Weltmarkt besteht. Über drei Jahrzehnte neoliberale Strukturanpassungsprogramme werden von Ziai (2004: 7f) summa summarum als „armutsverschärfende Katastrophenprogramme“ äußerst negativ bewertet: ralen Modernisierungsparadigma oppositionell gegenüberstehen (Menzel 1992: 61). Das die Mär vom „ewig Gestrigen“ ein Konstrukt oft nationalistisch eingestellter Kräfte ist, zeigen z.B. Bestrebungen der politischen und wirtschaftlichen Selbstorganisation der zapatistische Landbewegung in Chiapas, Südmexiko (vgl. Ehlers 2009a). 112 Was Marx (2007) schon klar analysiert hat, die Abschaffung des frei produzierenden Bauernstands, findet nun weltweit unter neoliberaler Ausrichtung auf Konzernebene statt. Entwicklung aus diskursanalytischer Perspektive (nach Aram Ziai) 270 (1) Handels- und Kapitalliberalisierung wirken sich neben massenhaften Entlassungswellen besonders destruktiv auf lokale, kleine und mittelständische Betriebe aus (vgl. Shizha 2014: 55ff). Durch neue Vergabemechanismen wird der Zugang zu Krediten, z.B. für Frauen, Kleinbauern oder ethnische Minderheiten wie Indigene, sehr erschwert. (2) (Agro-)Industrielle Exportausrichtungen haben keine signifikante Anzahl an neuen Arbeitsplätzen geschaffen, das Gegenteil ist durch flächendeckende Maschinisierung der Fall: Soziale Ungleichheiten verstärken sich besonders auf dem Land, wo lokale und kleinbäuerliche Produktion durch großflächige, monokulturelle Plantagenwirtschaft und Exportausrichtung weiterhin zerstört wird. Sowohl Umweltzerstörung als auch Ernährungsunsicherheit nehmen bedrohlich zu (Little 2014: 1ff). Steigende Importkosten werden nicht durch wirtschaftliche Exportausrichtung kompensiert. (3) Privatisierung und Rationalisierung im ersten und zweiten Beschäftigungssektor (Industrie und Landwirtschaft) sowie Einkommenspolarisierung in Verbindung mit Lohnsenkungen für mittlere und untere Gehaltsklassen treiben eine Vielzahl von Menschen in unsichere Beschäftigungsverhältnisse des rasant wachsenden informellen Sektors unter insgesamt verschlechterten Arbeitsbedingungen (vgl. Sandbrook 1993: 5ff). Die ungleiche Einkommensverteilung bedingt wachsende Kinderarbeit.113 (4) Einsparungen und Rückzug des Staats bei öffentlicher Gesundheitsversorgung und beim Bildungsangebot führen durch Privatanbieter zu Preis- und Gebührenanstieg ohne Nachweis einer Verbesserung der Qualität. Dadurch wird ärmeren Bevölkerungsschichten der Zugang erschwert, wodurch sich allgemein die gesellschaftlichen Lebensbedingungen verschlechtern (vgl. Harrison 2005b: 1303ff). (5) Anstelle flächendeckender Prosperitäts- durch Produktivitätssteigerung führen die Strukturanpassungen zu Deindustrialisierungsprozessen, wachsenden Handels- und Zahlungsdefiziten und massivem Anstieg von Arbeitslosigkeit, Armut und Ungleichheit, wovon besonders Frauen und Kinder betroffen sind (vgl. Harrison 2005a: 1ff). 113 Die ausgelagerten Produktionsabläufe billig produzierter Waren in Entwicklungs- ergo Niedriglohnländern, die ehemals in den Industriestaaten zu verorten waren (ursprünglich leichtindustrielle und zunehmend Produkte aus der „alten“ Schwerindustrie), sind durch das Fehlen sozialer Standards und Arbeitnehmervertretungen, einer geringen Gratifikation und ökologisch fragwürdiger Herstellung nicht auf Nachhaltigkeit angelegter Verfahren extrem entwicklungsschädigend. Diese Waren bedürfen, dem neoliberalen Paradigma folgend, eigentlich der Öffnung der westlichen Märkte. Die westlichen Märkte werden dann aber von einem mehr als konkurrenzfähigen neuen Wettbewerb niedriger Preise aus der Dritten Welt getroffen (vgl. Kielmannsegg 1997 :79, 81; Pradetto 1994 : 307). Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 271 Die Diskurse über eine generelle Liberalisierung der Märkte, wie sie immer wieder von Handelsregimen, z.B. der EU oder dem IWF gefordert wird, ist reines Eigeninteresse. Lachmann (2010: 10) betont, dass die Interessen der Geberländer ganz klar bei den „Beschaffungsmärkten“ für Rohstoffe in den Entwicklungsländern liegen. Über die Entwicklungshilfe wollen die Industrieländer eine dauerhafte Abhängigkeitsbeziehung der Entwicklungsländer aufbauen oder erhalten, um langfristig deren Rohstoffe ausbeuten zu können (Haberl 2015: 202). Auch stellen Entwicklungsländer „Zusatzmärkte“ für den Export heimischer Industrieprodukte aus den fortgeschritten industrialisierten Ländern dar. Deshalb werden Entwicklungsländer bei der sog. „Entwicklungshilfe“ auch verpflichtet, Güter und Dienste direkt aus dem Geberland zu beziehen (auch, wenn diese im Nehmerland viel billiger zu herzustellen sind); so können Arbeitsplätze in der Industrie über die „Entwicklungszusammenarbeit“ gesichert werden. Lachmann (2010: 10f) macht in diesem Zusammenhang auf die Grundlinien der Entwicklungspolitik der Bundesregierung vom 19.03.1986, Punkt 34 (vgl. BMZE 1986), aufmerksam, in dem es heißt: „Die Entwicklungspolitik der Bundesregierung unterliegt ebenso wie die anderen Politikbereiche dem grundgesetzlichen Auftrag, dem deutschen Volk zu nützen und Schaden von ihm abzuwenden. Entwicklungspolitik ist daher auf Interessenausgleich ausgerichtet. In der staatlichen EZ (...) erwartet [die Bundesregierung] aber ebenso das Respektieren ihrer eigenen entwicklungspolitischen, wirtschaftlichen und außenpolitischen Ziele und Interessen“ (vgl. BMZE 1991; vgl. El-Shagi 1982: 115ff). Weiter heißt es in Punkt 75: „In allen entwicklungspolitisch geeigneten Fällen achtet die Bundesregierung auf die Beschäftigungswirksamkeit in der Bundesrepublik Deutschland“ (vgl. Bodemer 1981: 278ff). Das heißt: deutsche Produkte abnehmen oder keine Entwicklungshilfe. Ein Großteil des Kapitals aus der Entwicklungszusammenarbeit verlässt so gar nicht den nationalen Kreislauf, sondern verbleibt im Industrieland (vgl. Athenstaedt 2011: 10f). Ein weiterer Punkt, den Lachmann anführt (2010: 11) ist die Abwehr von Wirtschaftsflüchtlingen durch künstliches Stimulieren der verarbeitenden Gewerbe in Entwicklungsländern, um die Menschen so in ihren Ländern davon abzubringen, sich auf den Weg in die Europäische Union zu machen. Auch spielen Abstimmungsverhältnisse in internationalen Gremien (z.B. der UN) eine Rolle bei der Vergabe von Entwicklungsgeldern (so stieg die Entwicklungshilfe für Länder, die in den Sicherheitsrat gewählt worden sind, für diese zwei Jahre seitens der USA und der UN enorm). Entwicklungshilfe wird damit zum „verlängerten Arm“ der Au- ßenpolitik. Seit 2001 ist auch die Terrorgefahr ein Aspekt bei der Vergabe von Entwicklungsgeldern. Für Großbritannien, die Niederlande und Frankreich spielen die ehemaligen Kolonien zudem noch eine Sonderrolle (ebd.: 12). Es bleibt kritisch zu hinterfragen, ob und wie die vermeintlich unterentwickelten Staaten unter diesen wirtschaftlichen Bedingungen das Ziel fortgeschritten Entwicklung aus diskursanalytischer Perspektive (nach Aram Ziai) 272 industrialisierter Gesellschaften erreichen sollen. Abschließend fasst Kim (1993: 89, 138ff) zusammen, dass die Entwicklungs- und Modernisierungstheorien • ahistorisch sind (in ihnen wird keine historische Selbstkritik über den Kolonialismus bzw. Imperialismus seitens der Industriestaaten geübt und die Entwicklung dieser Staaten verlief ohne gesellschaftspolitische Krisen); • Geschichte höchstens als „lineare Entfaltung einer deduktiven Logik“ ansehen, indem fiktive, historische Notwendigkeiten von Entwicklung konstruiert werden; • den Entstehungsprozess des Kapitalismus als kausalen und kontinuierlichhomogenen Entwicklungsgang mit notwendiger Abfolge verschiedener Phasen ansehen, anstatt als eine Möglichkeit von vielen. • durch ihre unilineare Geschichtsentwicklung mit Europa und den USA an deren Spitze im „eurozentristischen Evolutionismus“ eingebunden sind; • wie im Kolonialismus nicht die gänzliche Beseitigung von traditionellen Strukturen anstreben (erhalt „billiger“ nichtstaatlicher sozialer Sicherungssysteme wie trad. Familienstrukturen, Gesundheitswesen, Schiedsbarkeit), sondern nur jene, die einer kapitalistischen Produktionsweise in internationaler Arbeitsteilung hinderlich sind (dasselbe gilt für die Etablierung westlicher Institutionen). Sonst würde der Wert der Arbeit durch steigende Nebenkosten angehoben werden müssen (Versicherungen, Institutionen etc.).

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Zusammenfassung

Kultur hat in (neo-)liberalen Entwicklungs- und Modernisierungstheorien zwei wesentliche Dimensionen: einerseits soll sie in den weniger industrialisierten Staaten einen gesellschaftlichen Wertewandel, von vermeintlich rückständigen Wirtschaftsweisen hin zu konkurrenzfähigen, säkularen Volkswirtschaften, bewirken. Zum anderen werden damit angeblich entwicklungshemmende und vergangenheitsorientierte Traditionen und Normen als defizitär diskreditiert. Trotz des offensichtlichen Scheiterns dieser Theorien erlebt die staatliche Entwicklungspolitik seit Verabschiedung der Millennium Development Goals und den darauf aufbauenden Sustainable Development Goals eine sich selbst wieder legitimierende Renaissance. Als Gegenentwurf dazu rücken kritisch-alternative Ansätze die Autonomie sowie die Bewahrung kultureller Identitäten der von Entwicklung „betroffenen“ Gesellschaften in den Fokus. Torben Ehlers verfolgt im vorliegenden Buch zwei wesentliche Absichten: Zum einen untersucht er in Anlehnung an Foucault, wie die Überreste eines kulturellen Rassismus das dominierende, universalistische Kulturverständnis prägen. Andererseits wird aufgezeigt, wie sich auf Nicht-Diskriminierung, Gleichheit, Empathie und Respekt basierende Kulturkonzepte ohne vorbelastende Ideologisierung vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart gebildet haben und neue Lösungswege im Bereich partnerschaftlicher Entwicklungszusammenarbeit als gegenseitigen kulturellen Lernprozess auf Augenhöhe anbieten.