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Geleitwort von Wolfgang Gieler: Die Gleichzeitigkeit des Ungleichen –Theoretischer Rahmen und Begründungszusammenhängevon Entwicklung und Kultur in:

Torben Ehlers

Kultur, Entwicklung und "Cultural Turn", page 13 - 16

Ursprung, Bedeutung und Wandel von euro- und ethnozentristischem Kulturverständnis im Kontext liberaler Entwicklungs- und Modernisierungstheorien

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3933-5, ISBN online: 978-3-8288-6801-4, https://doi.org/10.5771/9783828868014-13

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 78

Tectum, Baden-Baden
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13 Geleitwort von Wolfgang Gieler: Die Gleichzeitigkeit des Ungleichen – Theoretischer Rahmen und Begründungszusammenhänge von Entwicklung und Kultur Die Praxis der Entwicklungszusammenarbeit, die sich in der Bipolarität zwischen westlicher „entwickelten Geberländern“ und „unterentwickelten Nehmerländern“ als Rezipienten abspielt, ist das Produkt kulturellen Vormachtdenkens des Westens. Im Rahmen der Dissertation soll die Eigenständigkeit und Gleichberechtigung der „Entwicklungsländer“ wahrgenommen werden. Die Dominanz dieses Verhältnisses ergibt sich aus der Konzeption, „Entwicklungsländer“ im Rahmen einer nachholenden Entwicklung nach dem Modell der westlichen Industriestaaten zu betrachten, an dessen Ende die Eingebundenheit in Globalstrukturen des kapitalistischen Wirtschaftssystems steht. Dieser Hegemonialanspruch des westlichen Entwicklungspfades führt zu einer Abhängigkeit der peripheren Gebiete zum „Westen“ und widerspricht der grundsätzlichen Zielstellung der Entwicklungszusammenarbeit, da eine „unabhängige“ Entwicklung im Rahmen alternativer Lösungsvorschläge gegenwärtiger Problemlagen als unzulässig interpretiert, oder nicht wahrgenommen, werden. Beabsichtigt wird mit der vorliegenden Arbeit durch einen interdisziplinär und interkulturell orientierten Ansatz zu einem veränderten Verständnis von Entwicklung und Kultur anzuregen. Wesentlicher Beweggrund ist hierbei nicht, zu irgendeiner besonderen Auffassung zu bekehren, sondern vielmehr, einen bis heute zumeist fehlenden, sowohl in entwicklungspolitischer Praxis als auch in Entwicklungstheorien und -strategien gleichwertig bzw. gleichrangig geführten Dialog zwischen europäischer und nichteuropäischer Staatenwelt anzuschieben. Insbesondere im Zeitalter globaler Strukturen und Vernetzungen ist die intensive Einbeziehung außereuropäischer wissenschaftlicher Vorstellungen grundlegend notwendig, um einerseits zu einer wertfreien Wahrnehmung des „Fremden“ zu kommen und zum anderen die Diskussion eines weiterhin primär westlichen akzentuierten Ethnozentrismus aufzubrechen. Die Diskussion von einem künftigen „Kampf der Kulturen“ bedarf der Hinterfragung einer ethnozentrisch geprägten Sichtweise. Die Kulturkampfthese Huntingtons unterstellt ein Kulturkonzept, dass Kultur etwas statisches, Natur gegebenes und unveränderbares wäre. Dem steht jedoch die gesamte historische Erkenntnis sowohl in den europäischen als auch in den außereuropäischen Ländern Wolfgang Gieler: Die Gleichzeitigkeit des Ungleichen 14 gegenüber. Bereits eine rudimentäre Betrachtung lässt erkennen, dass Kultur immer ein äußerst dynamischer und vor allem durch Migrationsbewegungen ein positiv wie innovativ beeinflusstes Element darstellt. Besonders durch die Auseinandersetzung mit dem Fremden, Andersartigen, kommt es zu einem gegenseitig befruchtenden Prozess kultureller Entwicklung. Das Ergebnis dieses Prozesses, die Hinterfragung und Relativierung der eigenen, bis zu jenem Zeitpunkt als absolut verstandenen Kultur, führt schließlich zu einem Abbau ethnozentrischer Denk- und Verhaltensstrukturen. Im Kontrast zu Huntingstons Kulturkampfthese ist auf diese Art und Weise ein dynamischer, dialogischer Austauschprozess unterschiedlicher Kulturen gleichrangig und gleichwertig möglich, so dass ein „geistiger Inzest“, ein sich nach eigener Bestätigung im Kreise drehender nicht innovativer Prozess aufgebrochen werden kann. Die Vorstellung einer westlich geprägten Dominanz findet ihren Ursprung und ihre Legitimation in Denkgebäuden, die sich um den Entwicklungsbegriff im Allgemeinen und Modernisierungstheorien im Besonderen bewegen. Der Entwicklungsbegriff verweist somit auf einen Fortschrittsgedanken, der sich nicht zuletzt in einem evolutionären Fortschrittsglauben im Sinne einer linearen Gleichheit konstituiert. Dieser epochalen Auffassung des Weltprozesses stehen Klassifikationsmuster zur Seite, die zwischen Wilden – Barbaren – und Zivilisierten unterscheiden (Henry Morgan). Mit dieser ideologischen Betrachtung korrespondierte die Praxis im Zuge von Dekolonialisierungsbemühungen im 19. Jahrhundert, die „unterentwickelten“ Gesellschaften zu „entwickeln“. Das macht deutlich, dass es keinen Konsens bezüglich des Entwicklungsbegriffs gab oder gibt, sondern sich jener im Rahmen individueller und kollektiver Wertvorstellungen stets aufs Neue definiert und historisch verwurzelt ist. Der mangelnde Entwicklungsbegriff steht somit synonym für die Gesamtheit der Entwicklungsproblematik. Mit der Dichotomisierung der Welt zwischen „traditional“ und „modern“ legitimiert sich eine Transferpraxis, die Modernisierung als linearen Stufenprozess versteht, der für sich genommen universellen Anspruch erhebt (Walter W. Rostow). Diese Art Moderne zu verstehen, kann als extern induzierte Modernisierung verstanden werden, da sowohl Problemdefinition als auch Transferpolitik aus der dominant westlichen Interpretation hervorgehen. Gegenläufige Tendenzen lassen sich in den Bedürfnistheorien ausmachen. Hier kann von einer intern induzierten Modernisierung gesprochen werden, da die Problemdefinition aus der „Betroffenheitsperspektive“ der „Empfänger“ formuliert wird und sich die Transferpraxis an konkreten Maßnahmen, sowie lokaler und vordergründig dezentraler „Hilfe“ orientiert. Zu betonen ist hier, dass mit diesem Paradigmenwechsel, die staatliche Ebene der Entwicklungszusammenarbeit zugunsten einer lokalen im Sinne der Selbstverantwortung organisierten Zusammenarbeit in konkreten Handlungsfeldern (u.a. Bildung, Fürsorge, Ernährung) aufgegeben wurde. Der Gültigkeit einer universellen Modernisierungstheorie steht ein unhinterfragtes Menschenbild des „Westens“ zur Seite, welches zum einen die Legitima- Torben Ehlers: Kultur, Entwicklung und ‚Cultural Turn‘ 15 tionsfunktion dieser Politik übernimmt, aber gleichsam Ursache von Vermittlungsschwierigkeiten sein kann. Dies besonders dann, wenn sich latente anthropologische Annahmen zu Inkompatibilitäten der Weltsichten festigen. Aus dieser Haltung lassen sich in verkürzter Darstellung zwei Weltbilder gegenüberstellen, deren Antagonismus sich durch die Stellung des Menschen in der Welt auszeichnet. Gehen westlich geprägte Menschenbilder von einem anthropozentrischen Menschen aus, dessen Charakteristikum eine individualistische Zentrierung des selbst zur Welt ist, und sich in der zielgerichteten Einflussnahme der Umwelt und Natur niederschlägt, so kann diesem ein Menschenbild gegenübergestellt werden, das von einem harmonischen Umgang mit der Umwelt getragen wird, sodass die unbelebte Natur im Rahmen persönlicher Beziehungen erlebt und widerfahren wird. So steht dem animistischen Menschenbild „fremder Kulturen“ ein Menschenbild des Anthropozentrismus, welches stellvertretend für die Überlegenheit westlicher Kulturen betrachtet werden kann, gegenüber. Misserfolge der Entwicklungszusammenarbeit basieren so hauptsächlich auf der Unvereinbarkeit zwischen westlichen Wertesystemen und Weltanschauungen und den der nichtwestlichen Kulturen. Mit der hier vorgeschlagenen Relativierung und Dekonstruktion der universell gedachten Begriffe von Entwicklung und Kultur lassen sich Konfliktfelder bestimmen, welche die Kollision der unterschiedlichen „Selbstauffassungen“ in praktischen – das heißt in der Begegnung vor Ort – Handlungszusammenhängen aufzeigen. Dies besonders dann, wenn Entwicklungszusammenarbeit vom Paradigma der paternalistischen „Fürsorge“ sich hin zu einem Verständigungsprozess unter Berücksichtigung soziokultureller Besonderheiten orientiert. Hierbei geht es vordergründig um die Anerkennung der vorherrschenden Weltbilder in Bezug zur Natur, die Berücksichtigung kulturell variabler Wirtschaftsformen (z.B. Subsistenzwirtschaft), des unterschiedlichen Zeitverständnisses, der Kommunikations- und Eigentumsformen. Dies zeigt deutlich, dass der Kulturbegriff und der Entwicklungsbegriff aus entwicklungspolitischer Perspektive zusammengedacht werden müssen, da Entwicklungszusammenarbeit zwangsläufig im Sinne eines Kulturtransfers betrachtet werden kann. Neben der politischen Rhetorik einer „gut gemeinten“ Hilfeleistung an „Entwicklungsländer“, gilt es die Begriffe Kultur und Entwicklung im Kontext wissenschaftlicher Diskussion neu auszutarieren. Gerade diese Betrachtung kann zeigen, dass diesem Begriffspaar ein dezidiert europäischer Diskurs vorausgeht, der zu Allgemeingültigkeiten stilisiert wird. Mit der hier geforderten Dekonstruktion der Begriffe kann ein Diskurs in Gang gesetzt werden, der zum einen die „westliche“ Verengung der Begriffe benennt, und zum anderen die nicht-westliche Entwicklung als gleichrangig anerkennt um zu einem Verständigungsprozess auf „Augenhöhe“ zu gelangen. Dem gegenüber wird der gegenwärtige Diskurs um Entwicklungszusammenarbeit aus einer ethnozentrischen Perspektive geführt, der die zwangsläufige Heterogenität der Kulturen der „Entwicklungsländer“ nicht zur Geltung bringt. In der Konsequenz kann es zu einer Verwechslung von Bedin- Wolfgang Gieler: Die Gleichzeitigkeit des Ungleichen 16 gungen und Folgen von Modernisierung kommen, da Entwicklung mit dem Erreichen eines vorgedachten Entwicklungsniveaus gleichgesetzt wird. Der Dekonstruktion und Relativierung kann hier ein Konzept gegenüber gestellt werden, dass von der Vereinheitlichenden Perspektive des „Westens“ abrückt, indem dem Versuch des vereinheitlichenden Reduktionismus, die Verlagerung der Perspektive auf die Besonderheiten einer konkreten kulturellen Praxis gegenübergestellt wird. Mit der Verschiebung vom Allgemeinen zum Besonderen ist gleichsam die Aufforderung verbunden, die Makroperspektive einer politischen Praxis zugunsten einer Mikroperspektive der konkreten Umgangsformen nachrangig zu betrachten. Eine interkulturelle Kommunikation zwischen unterschiedlichen Kulturen benötigt ein sensibles Messinstrument, um die Eigenheiten zu erkennen. Unter dieser Maßgabe wird vorgeschlagen ein ethnologisches Verfahren in Gang zu setzten, dass die symbolische Interaktion innerhalb der Kulturen zum Ausgangspunkt nimmt und über vorherrschende Wertvorstellungen und -orientierungen Aufschluss gibt. Auf diese Weise kann eine diskursive Annährung erfolgen, die eine Paralyse zugunsten der Analyse aufgibt. Die Möglichkeit der Betroffenen, politische Entscheidungen zu beeinflussen wird durch die zunehmenden Verlagerungen politischer Entscheidungen von der nationalen auf internationale und supranationale Institutionen immer eingeschränkter. Bei politischen Entscheidungen sollte die lokale Heterogenität - die zahlreichen unterschiedlichen sozialen und kulturellen Faktoren einbezogen werden. Das beinhaltet vor allem Strategien und Steuerungskonzepte, die auf die jeweiligen gesellschaftlichen, organisatorischen und institutionellen Faktoren abgestimmt sein müssen. Dies kann durch Partizipationsprozesse gelingen, die lokale Gemeinschaften darin bestärken, mehr Kontrolle/Eigenverantwortung bei Entscheidungen zu übernehmen, die ihr eigenes Leben betreffen. Mit seinem Promotionsthema „Kultur, Entwicklung und 'Cultural Turn' Ursprung, Bedeutung und Wandel des Kulturverständnisses in (neo-)liberalen Entwicklungs- und Modernisierungstheorien aus der Sicht einer genealogischen Diskursanalyse" wendet sich Herr Torben Ehlers einer Frage- und Problemstellung zu, die in dieser Bandbreite in der deutschsprachigen Entwicklungsforschung eine wissenschaftliche Lücke schließt und einen wesentlichen Impuls für weitere wissenschaftliche Diskurse mit diesem Themenbereich gibt. Wolfgang Gieler Jena, den 10. März 2017

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Zusammenfassung

Kultur hat in (neo-)liberalen Entwicklungs- und Modernisierungstheorien zwei wesentliche Dimensionen: einerseits soll sie in den weniger industrialisierten Staaten einen gesellschaftlichen Wertewandel, von vermeintlich rückständigen Wirtschaftsweisen hin zu konkurrenzfähigen, säkularen Volkswirtschaften, bewirken. Zum anderen werden damit angeblich entwicklungshemmende und vergangenheitsorientierte Traditionen und Normen als defizitär diskreditiert. Trotz des offensichtlichen Scheiterns dieser Theorien erlebt die staatliche Entwicklungspolitik seit Verabschiedung der Millennium Development Goals und den darauf aufbauenden Sustainable Development Goals eine sich selbst wieder legitimierende Renaissance. Als Gegenentwurf dazu rücken kritisch-alternative Ansätze die Autonomie sowie die Bewahrung kultureller Identitäten der von Entwicklung „betroffenen“ Gesellschaften in den Fokus. Torben Ehlers verfolgt im vorliegenden Buch zwei wesentliche Absichten: Zum einen untersucht er in Anlehnung an Foucault, wie die Überreste eines kulturellen Rassismus das dominierende, universalistische Kulturverständnis prägen. Andererseits wird aufgezeigt, wie sich auf Nicht-Diskriminierung, Gleichheit, Empathie und Respekt basierende Kulturkonzepte ohne vorbelastende Ideologisierung vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart gebildet haben und neue Lösungswege im Bereich partnerschaftlicher Entwicklungszusammenarbeit als gegenseitigen kulturellen Lernprozess auf Augenhöhe anbieten.