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Susanne Freund

Der Topos des profanen Erlösers

Simenons Maigret-Konzeption aus literaturwissenschaftlicher und theologischer Perspektive

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4008-9, ISBN online: 978-3-8288-6799-4, https://doi.org/10.5771/9783828867994

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Literaturwissenschaft, vol. 47

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Literaturwissenschaft Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Literaturwissenschaft Band 47 Susanne Freund Der Topos des profanen Erlösers Simenons Maigret-Konzeption aus literatur wissenschaftlicher und theologischer Perspektive Tectum Verlag Susanne Freund Der Topos des profanen Erlösers: Simenons Maigret-Konzeption aus literaturwissenschaftlicher und theologischer Perspektive. Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag, Reihe: Literaturwissenschaft; Bd. 47 © Tectum Verlag – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2018 ePDF: 978-3-8288-6799-4 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4008-9 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN: 1867-772X Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung der Bilder # 79074125 von afinocchiaro, # 54341173 von magdal3na und # 85538437 von chrisdorney | www.fotolia.com Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Von der Fakultät Human wissenschaften und Theologie der Technischen Universität Dortmund im Jahr 2017 angenommene Dissertation. V Inhalt Avant-propos XI TEIL I: THEORETISCHE HINTERGRÜNDE 1 1 Einleitung 3 1.1 Herausforderungen 4 1.2 Ziel 4 1.3 Situierung 5 1.4 Begründung der Themenwahl 6 1.5 Methodik 9 2 Der historische Zusammenhang von Theologie, Literatur und Literaturwissenschaft … 15 2.1 … bis zur Aufklärung 15 2.2 … in den Ursprüngen von Aufklärung und Säkularisierung 16 2.3 … während der Aufklärung 17 3 Nachaufklärerische Entwicklungen als Konsequenzen des Säkularisierungsprozesses 19 3.1 Die Bedeutung der Psychologie 19 3.2 Die Sakralisierung der Literatur 20 3.3 Die Ortsverlagerung der Religiosität 22 4 Das Verhältnis von Theologie und Literaturwissenschaft 23 4.1 Problematik 23 4.2 Chancen 25 4.2.1 Literaturwissenschaftliche Chancen 25 4.2.2 Theologische Chancen 26 TEIL II: WISSENSCHAFTLICHE ZUGÄNGE 29 1 Literaturwissenschaftlicher Zugang zu den Maigret-Romanen 31 1.1 Die idealtypische Konzeption des Rätselkrimis 31 1.2 Typisch französische Abweichungen vom Idealtypus 33 VI Inhalt 1.3 Die gattungsspezifische Besonderheit der Maigret-Romane 35 1.3.1 Eine neue Struktur erschließt neue Gehalte 37 1.3.2 Die Fiktion der Wahrscheinlichkeit 40 1.3.3 Ein neuer Kommissar 42 1.4 Die Prädisposition für die Frage nach profaner Erlösungsdynamik 46 1.5 Die Auswahl des Textkorpus 48 2 Theologischer Zugang zur Erlösungsbegrifflichkeit 51 2.1 Metaphernfelder zur biblischen Rede von Erlösung 51 2.1.1 Krankheit und Arzt (das medizinische Paradigma) 52 2.1.2 Freikauf und Gefangenschaft (das soziale Paradigma) 54 2.1.3 Großzügigkeit und Geldschulden (das finanzielle Paradigma) 55 2.1.4 Verurteilung und Begnadigung (das gesetzliche Paradigma) 56 2.1.5 Fleckensymbolik und Reinigung (das rituelle Paradigma) 57 2.1.6 Schuldeingeständnis und Beichte (das kommunikative Paradigma) 58 2.1.7 Irrwege und Umkehr (das fachsprachliche oder motorische Paradigma) 60 2.2 Gemeinsamkeiten aller Metaphernparadigmen 61 3 Theologischer Zugang zur Erlöserbegrifflichkeit 63 3.1 Theologische Legitimation der perspektivischen Begrenzung 63 3.2 Das Besondere an der christlichen Erlöserfigur – die Person Jesu als Mittelpunkt christlichen Glaubens 64 3.3 Das Typische an Jesus als Mensch unter Menschen 66 3.3.1 Ganzheitliche Verkündigung – der Beziehungswille zum Menschen 67 3.3.2 Zuspruch neuer Identität – der neue Gehorsamsbegriff 69 3.3.3 Beziehung zum engsten Vertrautenkreis 70 3.3.4 Beziehung zum Nächsten 71 3.3.5 Beziehung zur (religiösen) Obrigkeit 72 3.3.6 Die Leidenschaft Jesu 76 4 Literaturwissenschaftlicher Zugang zur Erlöserbegrifflichkeit 77 4.1 Die innerliterarische Rezeption Jesu von Nazareth 77 4.2 Diesseitige Aspekte der Jesus-Figuren 78 4.3 Anklänge an transzendente Aspekte der Jesus-Figuren 81 TEIL III: KOMMISSAR MAIGRET ALS PROFANER ERLÖSER? 83 1 Der Topos des profanen Erlösers 85 1.1 Bedeutungskomponenten und -dynamik der Erlöserbegrifflichkeit 85 1.1.1 Aspekte aus mündlich überliefertem sprachlichem Allgemeingut 85 VII Inhalt 1.1.2 Psychologische Aspekte 88 1.1.3 Übergeordnete, religionswissenschaftliche Aspekte 89 1.2 Etablierung des Topos 90 1.2.1 Prototypentheorie und Familienähnlichkeit 91 1.2.2 Übertragung auf den Topos 94 1.2.3 Der Topos des profanen Erlösers als Kategorie 95 1.2.4 Die Merkmale der Kategorie des profanen Erlösers 96 1.2.5 Übersicht der Topos-Merkmale 104 1.3 Prototypische Darstellungen des Topos 106 1.3.1 Persönlichkeits-Merkmale 111 1.3.2 Verhalten gegenüber dem Menschen (als Einzelperson) 113 1.3.3 Verhalten gegenüber der Gesellschaft (Umgang mit Normen und Regeln) 115 1.3.4 Funktionsbezogene Merkmale (Erlösungsdynamik) 116 1.3.5 Topos-Grafiken nach Unterkategorien 117 2 Die literarische Maigret-Figur 121 2.1 Persönlichkeits-Merkmale der Maigret-Konzeption 122 2.1.1 Die Wahrheit über Maigret 122 2.1.2 Die Menschlichkeit Maigrets 134 2.1.3 Das Handwerk Maigrets – die Wahrheitssuche 145 2.2 Maigrets Umgang mit Menschen im persönlichen Kontakt 152 2.2.1 Der Umgang mit den Verdächtigen während einer Untersuchung – Maigret als Psychologe? 152 2.2.2 Der Umgang mit den Schuldigen nach der Untersuchung – Maigret als Freund? 155 2.2.3 Der Umgang mit seinen Inspektoren – Maigret als Vater? 158 2.3 Maigrets Verhalten gegenüber Normen und Regeln der Gesellschaft 160 2.3.1 Der Konflikt mit Vertretern des Großbürgertums 164 2.3.2 Der Konflikt mit der Obrigkeit 171 2.4 Funktionsbezogene Beobachtungen zur Erlösungsdynamik bei Maigret 167 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos 171 3.1 Die religiös-theologische Dimension 171 3.1.1 Buße, Vergebung und Neuanfang oder der Unterschied zwischen Schöpfer und Schicksalsflicker 171 3.1.2 Gesellschaftsutopie versus Neuschöpfung 178 3.1.3 Die explizit religiöse Dimension 182 3.2 Die Grenzen der Persönlichkeits-Konzeption Maigrets 185 3.2.1 Die Grenzen der Geduld 185 3.2.2 Die Legende einer Fiktion 187 3.2.3 Der Beziehungswille zum Menschen 187 VIII Inhalt 3.3 Die Beziehung Maigrets zu den Schuldigen 188 3.3.1 Die Beziehung zu den beruflich Kriminellen 189 3.3.2 Die Beziehung zu den Schuldigen außergewöhnlicher Verbrechen 194 3.3.3 Die Grenzen gesellschaftlich-politischer Sprengkraft 197 3.4 Die grafische Einordnung der Maigret-Figur ins Relationsgefüge des Topos 198 3.4.1 Maigrets Persönlichkeits-Merkmale 203 3.4.2 Verhalten Maigrets gegenüber den Menschen (als Einzelpersonen) 206 3.4.3 Maigrets Verhalten gegenüber Normen und Regeln 209 3.4.4 Toposbezogene Beobachtungen zur profanen Erlösungsdynamik 211 3.5 Fazit zur Verortung Maigrets als profaner Erlöser 213 3.5.1 Schnittmengen und Grenzen 213 3.5.2 Maigrets Legitimation 214 TEIL IV: ASPEKTE PROFANER ERLÖSUNGSDYNAMIK IN DEN MAIGRETS 219 1 Profane Erlösungsdynamik 221 1.1 Die drei semiotischen Hauptaspekte christlich verstandener Erlösung 221 1.2 Übertragung auf die Maigret-Romane 225 1.2.1 Grundsituationen der Erlösungsbedürftigkeit in den Maigret-Romanen 226 1.2.2 Angst als vorherrschende Grundstimmung 227 1.2.3 Die Bereiche der psychischen Krise 229 1.2.4 Erlösungsbedürftigkeit vor und nach dem Mord 232 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten 233 2.1 Die Grenzen profaner Erlösungsdynamik im existentiellen Paradigma 233 2.1.1 Seelische Sackgassen 233 2.1.2 Der Tod als säkulare Endgültigkeit 240 2.1.3 Die Grenzen profaner Erlösungsdynamik als Chance 252 2.2 Erlösungshandeln im medizinischen Paradigma – Maigret als Seelenarzt 252 2.2.1 Gefangen in depressiver Urangst: Gilbert Pigou 253 2.2.2 Die Angst, ungeliebt zu bleiben: Jean-Paul Gastin 258 2.3 Erlösungshandeln im sozialen Paradigma – Maigret als Befreier 261 2.3.1 Verhinderung weiterer Mordanschläge auf Paulette Lachaume 262 2.3.2 Abwenden der Verurteilung eines Unschuldigen: Joseph Gastin 265 2.3.3 Verschweigen der Beweislage: Anna Peeters 267 IX Inhalt 2.4.4 Fluchthilfe aus dem Todestrakt: Joseph Heurtin 268 2.3.5 Ignorieren einer schwebenden Haftstrafe: Raymond Grandmaison 269 2.3.6 Nicht-Überführen eines fast verjährten Mordes im Affekt: Jugendzirkel aus Saint-Pholien 271 2.4 Erlösungshandeln im gesetzlichen Paradigma – Maigret als Fürsprecher 273 2.4.1 Fürsprache als soziale Integration: Die Flamenfamilie Peeters 274 2.4.2 Verhinderung eines Mordanschlags von Alain Lagrange 276 2.4.3 Gesetz und Gerechtigkeit als Gegenpole in den Maigret-Romanen 278 2.5 Erlösungshandeln im kommunikativen Paradigma – Vom Wirkungsbereich authentischer Wertschätzung oder Maigret als Beichtvater 283 2.5.1 Der schicksalsorientierte Beichtvater außerhalb des Systems 284 2.5.2 Die Beichtvater-Funktion aus literaturwissenschaftlicher Perspektive 286 2.5.3 Menschlichkeit und Nächstenliebe als profane Aspekte christlicher Erlösungsdynamik 288 3 Adressatenkreis profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets 291 3.1 Impliziter und potentieller, historisch-realer Leser 291 3.2 Die Struktur der Erlösung des impliziten Lesers 293 3.2.1 Die durch das Nicht-Urteilen Maigrets entstehenden Vakanzen 293 3.2.2 Zielgerichtete Beschreibungen des textimmanenten Erzählers 300 3.2.3 Die textimmanente Füllung der durch das Verhalten Maigrets entstandenen inhaltlichen Vakanzen 303 TEIL V: PRAXISRELEVANZ 311 1 Die pragmatische Relevanz des Topos 313 1.1 Wie heute noch von Erlösung sprechen? 315 1.2 Gegenwartsbezogene Theologie und das Potential fiktiver nicht-religiöser Literatur 318 1.3 Die gegenwärtige Situation christlicher Gemeinden 323 2 Die Verortung des Topos in der Religionspädagogik 329 2.1 Religionspädagogischer Ansatz 330 2.1.1 Das Bildungsmodell der Pilgerreise 330 2.1.2 Das Konzept des narthikalen Lernens 333 2.1.3 Rückbezug auf Gegenstandsbereich und Topos 337 X Inhalt 2.2 Psychotherapeutische Funktionen von Kurztexten und Geschichten 341 2.2.1 Der mentale Standortwechsel 342 2.2.2 Das Verhältnis zu(m Lesen von) fiktiven Texten 349 2.2.3 Rückbezug auf die Ergebnisse zu Maigret 350 2.3 Die therapeutische Wirkung von Geschichten für Kinder 352 2.4 Bibliotherapie – Von der Heilkraft des Lesens 354 2.4.1 Grundlagen 356 2.4.2 Voraussetzungen 357 2.4.3 Adressatenkreis 367 2.4.4 Bibliotherapeutisch ausgerichteter Religionsunterricht 368 2.4.5 Textauswahl für den Unterricht 369 2.4.6 Rückbezug auf Maigret 371 3 Schulpraktische Umsetzungsmöglichkeiten 377 3.1 Integrationsmöglichkeiten ins Curriculum 377 3.1.1 Kompetenzbereiche des Ev. Religionsunterrichts in NRW 377 3.2 Didaktische Anregungen für den Unterricht 382 3.2.1 Leseprojekt: Kommissar Maigret – für ein besseres Leben?! 383 3.2.2 Konkrete Anregungen 388 3.3 Bibliotherapeutisches Resümee zum Projekt 407 3.4 Übersicht zum Kompetenzerwerb 408 3.5 Fazit 413 MATERIALANHANG 415 LITERATURVERZEICHNIS 445 XI Avant-propos Das vorliegende Buch über den profanen Erlöser beinhaltet viele spannende Themen: Die Suche nach den Ursachen für die anhaltende Faszination der Maigret-Figur, die Frage nach einem möglichen Zusammenhang zwischen der Attraktivität der Maigret-Krimis und ontologisch-essentiellen Bedürfnissen auf der Leserseite, das anspruchsvolle Unterfangen, Literaturwissenschaft & Theologie in einer interdisziplinären Perspektive gleichberechtigt und unvereinnahmend zu Wort kommen zu lassen, zeitgenössische Ansätze für eine im Hier und Jetzt greifende Theo- und Soteriologie und die augenblicklich innovativsten religionspädagogischen Möglichkeiten, die erarbeiteten Ergebnisse praxisrelevant umzusetzen (Narthikales Lernen & Bibliotherapie). Es ist aber auch ein Buch, das als interdisziplinäre Dissertation vorgelegt wurde, das also (um es deutlich zu sagen) in seinem Aufbau, seiner Sprache und seiner Vorgehensweise vor allem den zugrunde liegenden wissenschaftlichen Anforderungen der beteiligten Disziplinen entspricht. Falls Sie also ein brennender Maigret-Liebhaber sind (was ich gut verstehe!), der die abstrakte Idee eines profanen Erlösers auch ohne wissenschaftliche Legitimation und Herleitung problemlos akzeptieren kann, müssen Sie dieses Buch nicht chronologisch lesen: Beginnen Sie dort, wo Ihnen die Überschriften des Inhaltsverzeichnisses spontan zusagen! Überspringen Sie die Kapitel zu den wissenschaftlichen Hintergründen und begleiten Sie mich auf meiner Reise durch das Maigret-Universum aus einem ganz neuen Blickwinkel! Das gilt natürlich genauso, wenn Sie primär daran interessiert sind, welches (theologische) Potential eine solchermaßen interdisziplinäre Perspektive aus Literaturwissenschaft und Theologie für die Praxis haben kann: Fühlen Sie sich frei – und lassen Sie sich von den Umsetzungsmöglichkeiten der Idee eines profanen Erlösers als Metapher für die säkulare Seite christlicher Erlösungsvorstellung begeistern! Falls Sie jedoch zu der Gruppe Leser gehören, die sich dafür interessiert, wie sich die Beobachtungen sowohl theologischer als auch literaturwissenschaftlicher Natur (nach einem wissenschaftlich als gescheitert gewerteten Versuch des Dialogs zwischen Literaturwissenschaft und Theologie) eben doch in ein fruchtbares Zusammenspiel bringen lassen, dann freue ich mich besonders! Denn dieses Buch will auch verbinden, was (psychologisch betrachtet) im menschlichen Erleben zusammengehört, oft aber als voneinander getrennt betrachtet oder sogar als miteinander konkurrierend behandelt wird: Theologie mit Literaturwissenschaft, westeuropäische Literatur mit religiös-kultureller Prägung, das ganz normale Verhalten im Alltagsleben mit persönlichem Glauben. Ich wünsche mir, dass die Idee des profanen Erlösers dazu verhilft, der christlichen Theologie das Potential und den eigenständigen Wert säkularer Literatur zu verdeutlichen – und der Literaturwissenschaft die Deutungswelten zu erschließen, die sich durch die Integration christlich-religiöser Bildparadigmen und essentieller Glaubensinhalte eröffnen! Ein afrikanisches Sprichwort sagt: Um ein Kind groß zu ziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Das trifft in abgewandelter Form auch auf Ideen als „geistige Kinder“ zu. So ist natürlich auch der profane Erlöser nicht im luftleeren Raum entstanden. Viele Fragen, Beobachtungen, Theorien, Vorstellungen, Konzepte, Haltungen, Blickwinkel von und Auseinandersetzungen mit Freunden, Bekannten, Familienmitgliedern, Experten wie XII Avant-propos Amateuren, Vordenkern und Befürwortern ebenso wie theoretischen Gegnern professioneller und privater Natur haben auf ganz unterschiedliche Weise dazu beigetragen, dass meine eigene Perspektive und der Topos des profanen Erlösers entstehen konnten. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich Zeit, Gelegenheit und Möglichkeit hatte, im Austausch mit ihnen weiter zu kommen und mein eigenes Profil zu finden. Allen daran Beteiligten und am Projekt Interessierten gilt mein aufrichtiger und herzlichster Dank für Interesse, Offenheit, Unterstützung, Begleitung, Zusammenarbeit, Engagement, Nachsicht, Geduld, praktische Hilfestellung und nicht zuletzt Finanzierung! Jede(r) von ihnen hat einen unverzichtbaren Beitrag zu diesem Buch geleistet, ohne den es sicherlich nicht so vorliegen würde wie es jetzt ist. Danke dafür! Es ist jedoch relativ schwierig, in dieser Form jedem Einzelnen einen angemessenen Dank für seinen Anteil auszusprechen, ohne eine namentliche Liste zu erstellen, in der überdies auch nicht jede(r) öffentlich aufgeführt werden möchte. Einige aber kommen nicht daran vorbei! An vorderster Front sei hier Prof. Dr. Friedhelm Munzel, meinem Doktorvater, ausdrücklich für seine interdisziplinäre Offenheit und seinen unerschütterlichen Glauben an die wissenschaftliche Notwendigkeit meiner Perspektive aufs Herzlichste gedankt. Ohne den theologisch-wissenschaftlichen Raum zum freien Arbeiten, sein feinfühliges Prozessverständnis und seine persönliche Begleitung wäre der profane Erlöser wohl noch immer ein unverwirklichtes Gedankenprojekt und nicht in die Öffentlichkeit gelangt! Mille mercis! Den Grundstein für meine wissenschaftliche und theologische Neugier verdanke ich vor allem meiner Mutter, Frau Hannelore Staib, die mich schon als Kind zum eigenen Denken, Hinterfragen und Nicht-Akzeptieren vorgefertigter Antworten ermuntert und mir bis zuletzt alle Bildungs- und Ausbildungschancen wahrzunehmen ermöglicht hat, von denen Pädagogen in theoretischen Konzepten nur zu träumen wagen. Danke, Mama! Ganz besonders jedoch (und das verzeihen mir sicher alle anderen, die hier nicht mehr namentlich erwähnt werden) möchte ich mich bei den beiden Menschen bedanken, die vom Werden und Entstehen des profanen Erlösers ganz unmittelbar betroffen waren: Bei meiner mitten im Projekt geborenen Tochter Smilla, die in ihrem jungen Leben immer wieder rücksichtsvolles Verständnis dafür aufgebracht hat, dass Mami jetzt am Schreibtisch doch noch etwas arbeiten muss. Du bist ein Schatz! Und, ganz fraglos allen anderen voran, bei meinem Ehemann Jason: Ohne Deine mich durch diese Projektzeit hindurch tragende, liebende und immer wieder erdende Begleitung hätten mir nicht nur die notwendigen Freiräume gefehlt, mein Vorhaben zu verwirklichen. Du hast mir nicht nur praktisch und finanziell in jeder Hinsicht den Rücken frei gehalten, sondern mir auch durch Deinen emotionalen Beistand und die Bestärkung im Glauben an den Wert meiner Perspektive in den schwierigen Schaffensphasen die Kraft gegeben, in all den hinderlichen Steinen auf dem Weg zu diesem Buch die Grund- und Ecksteine seines gedanklichen Fundaments zu erkennen. Damit hast Du nicht nur meine kühnsten Vorstellungen und Wünsche über eine gleichberechtigte Lebenspartnerschaft locker in den Schatten gestellt, sondern in meinen Augen (sogar fachfremd) einen wesentlichen inhaltlichen Beitrag zu diesem Buch geleistet! Ich danke Dir, Du bist einfach der Beste! Dass aus meiner Idee nun ein Buch geworden ist, das Sie in den Händen halten, dafür möchte ich mich zum Abschluss, aber nicht zuletzt, aufrichtig bei meiner Herstellerin im Verlag, Frau Tamara Kuhn, bedanken. Durch ihre persönliche und herzliche Betreu- XIII Avant-propos ung, eine überaus kompetente und zuverlässige Bearbeitung meiner Textgestalt und ihre unermüdliche Geduld bezüglich der Sonderwünsche zu meinen Grafiken hat sie mich nicht nur erleben lassen, was ein „Rundum-Sorglos-Paket“ bedeutet, sondern sich zu einem unentbehrlichen Teil meiner Buch-Familie entwickelt. Das ist ein seltenes Geschenk! Vielen Dank! Ob nun aus meiner Idee tatsächlich ein gutes Buch geworden ist, das dürfen ab sofort Sie, liebe(r) Leser(in), selbst entscheiden! Indem Sie den profanen Erlöser kaufen, lesen und sich ein eigenes Urteil bilden. Ich wünsche Ihnen dabei spannende, herausfordernde, erhellende, nachdenkliche oder wenigstens unterhaltsame Momente! In diesem Sinn – viel Spaß beim Lesen! Darmstadt, Ostern 2018 Susanne Freund Teil I: Theoretische Hintergründe 3 1 Einleitung Die von Georges Simenon zwischen 1929 und 1972 verfassten 77 Maigret-Romane1 stellen den Part seines schriftstellerischen Œuvres dar, der ihrem Verfasser bei der Lancierung des ersten Maigrets sprunghaft zu internationaler Popularität verhilft2 und sind zum großen Teil mit dafür verantwortlich, dass noch zu Lebzeiten des Autors von diesem als Phänomen gesprochen wird.3 Auch heute noch wird der geistige Vater des Kommissar Maigret als „einer der wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts“4 betitelt, was 2003 durch die Entscheidung der Académie Française, den belgischen Schriftsteller in den französischsprachigen Dichter-Olymp der Pléiade5 aufzunehmen, wissenschaftlich untermauert wird.6 Der nicht zu verleugnende und andauernde Erfolg der Maigret- Serie7 bei der internationalen Leserschaft führt verständlicherweise zur Frage nach dem Grund dieser positiven Publikumsreaktion. Noch niemals ist es jedoch bisher bei der Suche nach den Ursachen für deren Faszination unternommen worden, die zugrunde liegenden ontologischen Mechanismen innerhalb der Romanhandlungen zu betrachten. Die dieser Arbeit zugrunde liegende These beinhaltet die Behauptung, dass das Besondere der Maigret-Romane vor allem in 1 Die hier vorliegende Zählung geht zurück auf Arens (1988: 47–57). Über die Zählung der Maigret- Romane herrscht in der Sekundärliteratur gelegentlich Uneinigkeit, da Simenon über die verlegten Romane hinaus auch einige kürzere Novellen und Maigret-Erzählungen in Sammlungen veröffentlicht hat. Die postulierte Gesamtzahl der Romane hängt daher vom Verständnis ab, welche längeren Novellen in der Sekundärliteratur schon und welche nicht mehr als Roman betrachtet werden. 2 Der plötzlich einsetzende Bekanntheitsgrad Simenons wird in der Regel mit der sehr prestigeträchtig inszenierten Vorstellung des ersten Maigret-Romans im Februar 1931 angesetzt: Pietr-le-Letton (Pietr der Lette) wird auf einem bal anthropométrique vorgestellt, zu dem die geladenen Gäste durch Einladungen in Form juristischer Gerichtsvorladungen gebeten und dessen Veranstaltungsort – das Lokal Boule Blanche am Montparnasse in Paris – erst betreten werden darf, nachdem man sich einer Fingerabdruck-Abnahme-Prozedur wie bei der Inhaftierung Verurteilter unterzogen hat. Vgl. Arens (1988: 12); Eskin (1999: 148f.). 3 Vgl. Arens (1988: Titel); Brasillach (1944). „Er ist (…) der erfolgreichste, produktivste und meistgelesene Schriftsteller unserer Zeit. Gemäß einer (…) Statistik der UNESCO erschienen seine Werke in 32 Ländern in einer Auflage von ca. 630 Millionen Exemplaren; sie wurden in 43 Sprachen übersetzt und von etwa 800 Millionen Menschen gelesen. In der Liste der häufigsten Übersetzungen findet sich Simenons Name an vierter Stelle (…) nach Lenin, der Bibel und Karl May.“ Arens (1988: 11). 4 Gabriel García Marquez, zitiert nach Peter Zimmermann auf der Diogenes Umschlaggestaltung von Maigret erlebt eine Niederlage (2009: Rückseite). 5 Zur Aufnahme in die Pléiade vgl. Dubois/Denis (2003: IX–LXXI). 6 Aufnahme in die Pléiade vgl. Fauconnier (2003: 67). 7 „Er schrieb 193 Romane und 51 Erzählungen unter seinem Namen und über 200 Romane unter 18 verschiedenen Pseudonymen, sein Werk wurde weltweit mehr als eine halbe Milliarde mal verkauft und in 200 Sprachen übersetzt. Damit ist er, nach Jules Verne und Shakespeare, der erfolgreichste Schriftsteller aller Zeiten. (…) 56 Kinofilme wurden bisher nach seinen Romanen und Erzählungen gedreht (zu denen u. a. Patricia Highsmith, Jean Anouilh und Marcel Aymé die Drehbücher schrieben) und über 280 Fernsehfilme.“ Patrick Marnham in Maigrets Revolver (2006: 207). Vgl. auch: „ Simenon hat mehr als 300 Romane, mehr als 1200 Erzählungen und Novellen und vier große Autobiographien geschrieben. Seine Bücher sind in mehr als 48 Sprachen übersetzt worden. Er ist neben Lenin und Agatha Christie der meistgelesene Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.“ Keil (1993: 68). 4 Teil I: Theoretische Hintergründe der Konzeption der Maigret-Figur liegt. Durch sie wird das menschliche Grundbedürfnis nach Hilfestellung und Orientierung angesprochen, das sich motivisch und begrifflich in profanen Substraten religiösen Ursprungs niederschlägt. 1.1 Herausforderungen Die grundsätzliche Herausforderung für das Unterfangen mit dem Thema „Der Topos des profanen Erlösers: Simenons Maigret-Konzeption aus literaturwissenschaftlicher und theologischer Perspektive“ besteht zum einen darin, eine neutrale Ebene für die Vergleichbarkeit zweier Gegenstände aus unterschiedlichen Disziplinen zu finden bzw. zu etablieren, die kein Vergleichselement benachteiligt, übervorteilt oder unsachgemäß vereinnahmt. Zum anderen beinhaltet sie, aus dieser distanziert-neutralen neuen Perspektive die tatsächlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der zu betrachtenden Elemente so herauszuarbeiten, dass beides für jede Ursprungsdisziplin klaglos nach vollziehbar und als akzeptables Ergebnis vorliegt. Eine besondere Herausforderung für die angestrebte Etablierung des neuen Topos liegt überdies in der konkreten semantischen Definition der Erlöser-Begrifflichkeit, die schon aus religionswissenschaftlicher Perspektive kaum abstrakt zu fassen ist: Die Definition eines profanen Erlösers8 ist für die vorliegende Untersuchung im Kontext sowohl sakraler als auch säkularer Verwendungen des Erlöser-Begriffs zu verorten, um ihre Anwendbarkeit auf säkular motivierte Literatur auszuweisen, ohne diese theologisch zu vereinnahmen. Außerdem lässt sich bei näherer Betrachtung der Erlöser-Begriff bezüglich seiner zugeschriebenen Wirkung (egal, aus welcher Perspektive) kaum ohne Klärung der dazu gehörigen Erlösungsdynamik nachvollziehbar darstellen, so dass eine Untersuchung, welche die fiktive Figur des Kommissar Maigret als profanen Erlöser anfragt, nicht umhin kommt, auch die profane Erlösungsdynamik in den Maigret-Romanen zu betrachten, wenn sie Maigret als Vertreter des Topos umfassend verstanden wissen will. Da die Begrifflichkeit der Erlösung aus theologischer Perspektive bereits selbst eine Metapher darstellt,9 kommt in diesem Teil weiterhin die Thematik des Schriftverständnisses (der Hermeneutik) im Hintergrund zum Tragen. Überdies bleibt auch die Legitimation der interdisziplinären Verknüpfung aus theologischer und literaturwissenschaftlicher Perspektive eine eigene Herausforderung, sobald sich die Vertreter der beiden Disziplinen nicht wohlwollend gegenüberstehen. 1.2 Ziel Die vorgelegte Untersuchung will die Forschungsbereiche der Disziplinen der Evangelischen Theologie und der Französischen Literaturwissenschaft um eine übergeordnete, 8 Immer, wenn im Folgenden profaner Erlöser in Kursivschrift gedruckt ist, meint der Fließtext den (neu zu etablierenden) Topos des profanen Erlösers. 9 Vgl. Sattler (2011: 33). 5 1 Einleitung interdisziplinäre Perspektive auf eine der erfolgreichsten literarischen Figuren des 20. Jahrhunderts erweitern.10 Das Hauptinteresse der Arbeit beinhaltet zu untersuchen, inwiefern sich die fiktive Konzeption Kommissar Maigrets als postmoderne Metapher für die säkulare Dimension des christlich geglaubten, göttlichen Erlösungshandelns eignet und die pragmatische Relevanz der Etablierung eines solchen neuen Topos nachzuweisen. Es wird demnach geklärt, was unter dem Topos eines profanen Erlösers zu verstehen ist, inwiefern sich die von Simenon als explizit nicht-religiös konzipierte Maigret-Figur als Vertreter eines solchen Topos bezeichnen lässt, worin die säkulare Erlösungsdynamik der Maigret-Romane besteht und aufgezeigt, worin die Anschlussfähigkeit der Ergebnisse an die zeitgenössische Leserwirklichkeit liegen kann. Dabei soll aufgrund der Vorgehensweise der Vorwurf einer theologischen Vereinnahmung nicht-religiöser Literatur ausgeschlossen und der Nutzen einer solchen übergeordnet-interdisziplinären Betrachtungsweise betont werden. So schließt die vorliegende Untersuchung eine Lücke bisheriger Maigretforschung, die das Versagen der literaturwissenschaftlichen Kategorien11 bei den Maigret-Romanen weder inhaltlich begründen konnte noch qualifizierte Analysen zu möglichen theologischen Implikationen bei Simenon vorgelegt hat. Über das bereits Erwähnte hinaus, will sie in ihrer Interdisziplinarität trotz des häufig gescheiterten Dialogs12 zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen von Theologie und Literaturwissenschaft die wechselseitigen Bereicherungsmöglichkeiten für beide Bereiche betonen und zu einem fruchtbaren gegenseitigen Interesse motivieren. 1.3 Situierung Der Titel der vorliegenden Arbeit gibt die zu bearbeitenden Forschungsgebiete des interdisziplinären Ansatzes vor: Aufgrund des originalsprachlich frankophonen Textkorpus von 14 Maigret-Romanen zum einen die französische Literaturwissenschaft, aufgrund des neu zu etablierenden Topos mit dem Schlüsselbegriff Erlöser und der dazugehörigen biblischen Erlösungsmetaphern13 zum anderen die christliche Theologie. Prinzipiell ließe sich die Untersuchung demnach in beiden Wissenschaftszweigen legitimieren. Die Verknüpfung der beiden Perspektiven zu einem interdisziplinären Ansatz jedoch beschränkt sich in der Praxis auf ein theologisches bzw. religionspädagogisches Interesse. Die bisher vorhandenen Ergebnisse der Forschung zu Theologie und Literatur14 verdeutlichen, dass die Interessenrichtung derartiger Fragestellungen fast ausschließlich aus der Theologie kommt und die erarbeiteten Ergebnisse ebenfalls hauptsächlich dort weiter rezipiert werden, so dass auch die Untersuchung der Frage, ob und inwieweit die fiktive Gestalt des Kommissar Maigret als profaner Erlöser bezeichnet werden kann, ein- 10 Die im Titel angegebene Reihenfolge in der Nennung der Disziplinen impliziert kein hierarchisches Gewichtungsverhältnis, sondern spiegelt lediglich die Chronologie der Arbeitsschritte. 11 Vgl. Wörtche (2000: 215Z. B. 227). 12 Die Diskussion zum streitbaren Begriff des „Dialogs“ zwischen Theologie und Literaturwissenschaft findet sich detailliert wiedergegeben bei Langenhorst (2005). Aufgrund ihres Umfangs wird sie in dieser Arbeit nicht wieder aufgenommen, sondern lediglich als Schlagwort auf sie verwiesen. 13 Vgl. Sattler (2011: 83–123), Klauck (1996: 18–52). 14 Vgl. Langenhorst (2005). 6 Teil I: Theoretische Hintergründe deutig in der Theologie verankert werden muss, obwohl es sich um ein nicht-theologisches Textkorpus in französischer Sprache handelt. Auch die vorliegende Analyse befragt die säkulare Literatur aus protestantisch-theologischer Perspektive, legt jedoch großen Wert darauf, sie dabei nicht zu dominieren oder zu vereinnahmen, indem sie eine neutrale Vergleichsebene schafft. Bereits das Ziel, die säkulare Dimension göttlichen Erlösungshandelns am Menschen anhand eines literaturwissenschaftlichen Topos greifbar zu veranschaulichen, positioniert diese Untersuchung im Bereich der Religionspädagogik. Der sich an die textimmanente und theoretische Analyse anschließende Teil, welcher die Praxisrelevanz der erarbeiteten Ergebnisse aufzeigt und exemplarisch didaktische Anregungen für eine schulische Umsetzung vorlegt, verankert die Situierung in der Religionspädagogik unstrittig. 1.4 Begründung der Themenwahl Für die Begründung der Thematik sei zunächst der Verweis auf zeitgenössische theologische Reflexionen über die gegenwärtige Kirchensituation und den von mehreren Konfessionen beobachteten Glaubensrückgang in Europa gestattet. In seiner Monographie „Konfessionslos glücklich. Auf dem Weg zu einem religionstranszendenten Christsein“15 stellt Hans-Martin Barth, emeritierter Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie am Fachbereich Evangelische Theologie der Philipps-Universität Marburg, die Frage, ob der Gehalt des christlichen Glaubens nicht ein weiteres Mal in ein neueres Verhältnis zu seinen bisher überlieferten Formen zu setzen sei, damit er eine soziologische Entwicklung überleben kann16, in der man das Kind mit dem Bade ausschüttet, weil offensichtlich Religion nicht ohne Kirche vorstellbar sei.17 Eine Beobachtung, der auch katholische Kollegen zustimmen. So stellt beispielsweise Hubertus Halbfas, emeritierter katholischer Professor für Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen, im Vorwort seiner ebenfalls im Jahre 2013 erscheinenden Monographie „Glaubensverlust. Warum sich das Christentum neu erfinden muss“18 fest: Das Verdunsten des christlichen Glaubens, wie es in Europa vor sich geht, entzieht sich bis heute der angemessenen Reflexion. (…) Es geht um Herausforderungen, die sich mit Substanz und Selbstverständnis des Christentums verbinden. Eine Neuinterpretation des Glaubens kann nicht mehr umgangen werden. (…) Um diese Glaubensproblematik in ihren Ausmaßen deutlich zu machen und Lösungen zu erörtern, sind dabei Grenzüberschreitungen unumgänglich. Der Ernst der Situation erlaubt es nicht, noch länger zu schweigen. Schon viel zu lange verweilt die Breite der Theologenschaft bei ihren akademischen Themen.19 15 Barth (2013). 16 „Inzwischen haben Konfessionslosigkeit, Areligiosität und Atheismus längst aufgehört, nur akademisch-theoretische Themen zu sein. Etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung gehört keiner Religionsgemeinschaft an. Die kulturelle Situation in Mitteleuropa hat sich radikal gewandelt.“ Barth (2013: 5). 17 Martin Walser, zitiert nach Barth (2013: 16). 18 Halbfas (2013b). 19 Halbfas (2013b: 8f.). 7 1 Einleitung Er expliziert weiter, dass die Sprache des Glaubens für Nichtgläubige, zum Teil aber auch für christlich Glaubende unverständlich geworden und damit ihrer existenziellen Kraft beraubt worden sei20, was auch Barth mit Sorge betrachtet.21 Beide Theologen setzen die besorgniserregende Situation für den christlichen Glauben und seine Konfessionen in Bezug zur Unverständlichkeit der Glaubenssprache für ihre Zeitgenossen. Wie schon Dietrich Bonhoeffer im Bewusstsein des Versagens christlich-kirchlicher Sprache und Dogmatik angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen seiner Zeit eine religionslose Sprache und ein religionsfreies Bekenntnis zu Gott bzw. ein religionsloses Christentum gefordert hat, das auch nach den Verbrechen des Zweiten Weltkrieges in der Lage sei, den Einzelnen zu berühren und ihm die Liebe, Fürsorge und Zuwendung Gottes zugänglich zu machen22, überlegen Barth und Halbfas, was nötig ist, damit das christliche Evangelium und möglicherweise auch die Einrichtung der Kirche ihren Platz in der gegenwärtigen Gesellschaft authentisch und zeitgemäß füllen können. Es [das Christentum] müsste einen Lebensentwurf darstellen, der auch für areligiöse Menschen gedanklich nachvollziehbar und existenziell attraktiv wäre. Die Theologie könnte dabei auf bereits vorliegende Konzeptionen zurückgreifen, die den christlichen Glauben in ein neues Verhältnis zu seinen überlieferten Formen zu setzen versucht haben. Besonders Dietrich Bonhoeffer wäre hier zu nennen.23 Einig sind sich beide Theologen darin, dass vor allem das Evangelium von Jesus Christus, wie er es der Überlieferung der Evangelien nach ausgelebt hat, dafür eine zentrale Rolle spielt.24 Die dieser Arbeit zugrunde liegende Annahme besteht diesbezüglich darin, dass diese anderen, neueren, für rein säkular denkende Menschen verständliche(re)n Ansätze des Evangeliums nicht neu erfunden werden müssen, sondern in säkularer Form 20 Halbfas (2013b: 16): „Es gibt nichts zu beschönigen: Bis ins aktive Zentrum der Kirchen hinein ist die Sprache des überlieferten Glaubens verkalkt, abgestanden, verschlissen. Mit dem Wort »Gott«, über Jahrhunderte im Übermaß für eigene Interessen missbraucht, verbindet sich keine prophetische Kraft mehr. Die Sätze des Apostolischen Glaubensbekenntnisses provozieren Ratlosigkeit. (…) Kein Problem ist zentraler, keines tödlicher als ein Leerlauf der Glaubenssprache – von »Verkündigung« gar nicht zu reden. Wird dieser offensichtliche Tatbestand nicht mit höchster Aufmerksamkeit bedacht, welkt das Christentum dahin.“ 21 Barth (2013: 16f.): „Zwar ist viel von Rückkehr der Religion die Rede. (…) Doch parallel dazu ist unvergleichlich breiter eine Mentalität im Entstehen oder bereits in das allgemeine Bewusstsein eingedrungen, die für die religiöse Sprache mit den für sie charakteristischen Bildern und Symbolen (…) nicht mehr empfänglich ist. (…) Christliche Kirche und Theologie waren in der Regel davon ausgegangen, dass der Mensch ein religiöses Wesen ist, wenn dieser Tatbestand dann auch theologisch höchst unterschiedlich gewertet wurde. Der Blick auf die derzeitigen Ergebnisse empirisch vorgehender Humanwissenschaften zeigt ein teilweise anderes Bild. (…) Jedenfalls ist es für Millionen von Menschen eine reale und selbstverständliche Möglichkeit, ihre Leben ohne Religion zu bewältigen. Faktisch ist für sie damit zugleich der christliche Glaube belanglos und die Zugehörigkeit zu einer christlichen Konfession überflüssig geworden. Muss (…) zusammen mit der Religion auch der christliche Glaube untergehen?“ (Ebd). 22 Vgl. Bonhoeffer (1997: 170–174, 173f.). 23 Barth (2013: 17). 24 Barth (2013: 18f., 22), Halbfas (2013b: 18). 8 Teil I: Theoretische Hintergründe bereits existieren und nur darauf warten, aus theologischer Perspektive wahrgenommen, erkannt und respektiert zu werden. Mit der vorliegenden Analyse der Maigret-Figur aus Simenons bekannter gleichnamiger Kriminalromanreihe und der Etablierung der neuen Topos-Kategorie des profanen Erlösers stellt diese Untersuchung den profanen Erlösungsansatz eines säkular erfolgreichen Textkonzepts vor, der die säkulare Dimension christlich geglaubten Erlösungsgeschehens in postmoderner Form umsetzt und auf diese Weise solchen Zeitgenossen wieder näher bringen kann, die zu gegenwärtiger religiöser Sprache und dogmatischen Aussagen keinen Zugang (mehr) finden. Ein weiterer Schwerpunkt liegt darin, für das genannte Vorhaben die rein profane, diesseitige und gegenwärtig erlebbare Dimension des christlichen Erlösungsgeschehens stärker ins christliche Bewusstsein und die theologische Reflexion zu rücken, damit der Verständigung zwischen christlich Glaubenden und religiös Nichtinteressierten mehr Brücken zur Verfügung stehen: Die vorliegende Arbeit macht sich in ihrer Interdisziplinarität und ihrem bewussten konfessionellen Abstand auf die Suche nach übergeordneten, ontologischen Befreiungserlebnissen, die in nicht-religiösen Texten wie den Maigret- Romanen für Vertreter mehrerer Denkrichtungen gleichermaßen verständlich und zugänglich sind, um so durch den Topos eine inhaltliche und sprachliche Schnittmenge zu schaffen, in der alle Perspektiven miteinander kommunizieren können, ohne ihre Identität aufgeben oder den Respekt vor der Andersartigkeit und dem Andersdenken des Gegenübers verlieren zu müssen.25 Literaturwissenschaftlich betrachtet liegt die Etablierung einer interdisziplinären Doppelperspektive auch im Gegenstand begründet: Der nachweislich hohe wirtschaftliche und anhaltende Publikumserfolg der Maigret-Romane weist zusammen mit der literaturwissenschaftlichen Deklaration der Nicht-Kategorisierbarkeit Simenons26 und dessen nichtsdestotrotz erfolgter Aufnahme in den französischen Dichter-Olymp der Pléiade auf eine Sonderstellung der Maigret-Romane hin, die darauf schließen lässt, dass es dem Autor gelungen ist, ein menschliches Grundbedürfnis ontologischer Natur auf eine literarisch völlig neue Art anzusprechen. Alle menschlichen Grundbedürfnisse nicht- materieller Art können wiederum in einer die Theologie nicht ablehnenden Haltung letztlich nur auf „das, was uns unbedingt angeht“27 zurückgeführt werden und sind damit Gegenstand theologischer Reflexion. Aus diesem Grund ist sowohl die Anfrage an den säkular entstandenen Gegenstand auf aussagekräftige Hinweise für die Möglichkeiten und Grenzen der Transportierbarkeit theologischer Gehalte in verständliche Formen berechtigt als auch der Verweis auf die Nicht-Negierbarkeit theologischer Inhalte als ontologische Gegebenheit in der Literatur des 20. Jahrhunderts. 25 Bereits in diesem Anliegen zeigt sich eine Anlehnung an interreligiöse, interdisziplinäre und die Kommunikation zwischen religiös sozialisierten Menschen und solchen, die mit Religion nichts anfangen können. 26 Zur Nicht-Kategorisierbarkeit Simenons vgl. Wörtche (2000: 215–227). 27 Tillich (1987: 20). 9 1 Einleitung 1.5 Methodik Der Gegenstandstandsbereich der vorliegenden Arbeit ist bezüglich des Textkorpus und seines Autors bereits Gegenstand vielfältiger Untersuchungen und Ausarbeitungen mit anderen Themenstellungen gewesen. Eine wirklich neue Fragestellung kann daher nur durch Interdisziplinarität erlangt werden. Im vorliegenden Fall bedeutet dies die Verknüpfung der literarischen Analyse des Gegenstandes mit der Fragestellung, ob sie die Grundaussage des christlich geglaubten Erlösungshandelns Gottes am Menschen religionsfrei formulieren kann. Diesbezüglich geht diese Untersuchung von der Annahme aus, dass der wirtschaftliche Erfolg zugänglicher Literatur häufig anteilig in der Bearbeitung zeitgenössischer, ontologischer Bedürfnisse begründet liegt, die sich aufgrund des historisch gewachsenen Zusammenhangs von Literatur und Theologie28 auf postmoderne unreligiöse, aber dennoch ursprünglich religiös motivierte Substrate christlicher Grundaussagen zurückführen lassen.29 Der für das anstehende Unterfangen zu etablierende literaturwissenschaftliche Topos des profanen Erlösers gehört dabei zum neu zu definierenden Bereich der säkularen Dimension christlich-soteriologischer Aussagen. Aufgrund der gemeinsamen geschichtlichen Vergangenheit von Literatur, Theologie und Literaturwissenschaft (Teil I, Kap. 2–4) ist es dabei ein besonderes Anliegen, alle beteiligten Disziplinen und Gegenstandsbereiche gleichberechtigt zu Wort kommen zu lassen und eine Vereinnahmung des säkularen Textgegenstandes durch theologische Interpretationsdominanz zu vermeiden. Das geschieht zum einen durch den literaturwissenschaftlichen Nachweis einer textinhärenten Prädisposition der Maigret-Romane für die Frage nach profaner Erlösungsdynamik aufgrund der auktorialen Zielsetzung der Darstellung des ›homme nu‹ (dt. bloßen Menschen; Teil II, Kap. 1). Zum anderen wird dies durch die Begrenzung der theologischen Perspektive auf die rein säkulare Ebene des christlich geglaubten Erlösungsgeschehens im Leben und in der Verkündigung Jesu von Nazareth abseits von dogmatischer Interpretation vorgenommen (Teil II, Kap. 3). Weiterhin findet die Hauptuntersuchung, die sich in triangulatorischer Weise auf die miteinander verwobenen Begrifflichkeiten von Erlöser (Teil II, Kap. 3 – Teil III, Kap. 3), erlösen (Teil IV, Kap. 1–2) und Erlösung (Teil II, Kap. 2 und Teil III, Kap. 2–3) in den untersuchten Erlösungssituationen konzentriert, auf der Basis eines ästhetisch-theologischen Textverständnisses statt (Huizing; Teil II, Kap. 3.3). Das trägt dazu bei, die spezifische literarische Aussageform des säkularen Textes zu würdigen und die zentrale Figur des Kommissar Maigret nicht präfigurativ zu deuten. Die Etablierung des profanen Erlösers als Topos im Sinne einer ersten Näherung an die Erarbeitung des Hauptanliegens stellt eine besondere Herausforderung dar: Erstens lässt sich der Begriff des Erlösers aufgrund seiner semantischen Bandbreite definitorisch nur schwer festlegen. Zweitens kann er nicht unabhängig von dem dazu gehörigen Erlösungsgeschehen konkretisiert werden, um aussagekräftig zu sein. Und drittens muss diese Konkretisierung auf einer für die beteiligten wissenschaftlichen Disziplinen neutralen 28 Zum Zusammenhang zwischen Literatur und Theologie sowie dem Säkularisationsprozess, vgl. Teil I, Kap. 2. 29 Vgl. dazu ebenfalls die Ausführungen unter Teil I, Kap. 3 und Vogler (2007). 10 Teil I: Theoretische Hintergründe Begegnungsebene stattfinden, um die angestrebte Gleichwertigkeit zu gewährleisten (Teil I, Kap. 1.1). Da die Analyse hinreichender und unterscheidender Bedeutungsmerkmale von Begrifflichkeiten in der Disziplin der sprachwissenschaftlichen Semantik beheimatet ist, findet die Näherung an den Begriff des Erlösers über die Etablierung einer neuen Begriffs- Kategorie nach dem Vorbild der Prototypentheorie aus der kognitiven Semantik statt (Teil III, Kap. 1.): In Anlehnung an die sprachwissenschaftlichen Ergebnisse zur kognitiven Organisation von Wissen und die Zuordnung von Bedeutungskomponenten verwandter Begrifflichkeiten wird für den neuen Begriff des profanen Erlösers aus prototypischer Perspektive eine semantische Kategorie eingerichtet, deren konstitutive und distinktive Merkmale von solchen repräsentativen Erlöser-Figuren gespeist werden, deren Ursprungsbereiche mit den zu vereinbarenden wissenschaftlichen Disziplinen zusammenfallen (Literatur und Theologie). Diese Charakteristika bilden damit bereits einen doppelt abgesicherten theoretischen Hintergrund, um das Analyse-Instrument für die Hauptuntersuchung der Arbeit zu etablieren: den Topos des profanen Erlösers. Um eine abstrakte und neutrale Vergleichsgröße für die Betrachtung auch anderer literarischer Figuren zu generieren, fließen überdies auch allgemeinsprachliche und etymologisch-semantische Merkmale in den Topos mit ein. Als Relationsgröße mit Klassifizierungscharakter (Teil III, Kap. 1.2) eröffnet der Topos auf diese Weise die Möglichkeit, die rein säkulare Seite des christlich geglaubten göttlichen Erlösungshandelns am Menschen in Jesus in nicht-religiösen Texten aufzufinden und wieder zu erkennen, ohne im voraus auf bereits vorhandene theologische Interpretationsmuster zurückgreifen zu müssen. Das so entstehende, insgesamt 52 Aspekte umfassende Merkmalscluster des profanen Erlösers (Teil III, Kap. 1.3) berücksichtigt auf diese Weise sowohl literaturwissenschaftlich gesicherte Merkmalstendenzen literarischer Jesus-Figuren (Teil II, Kap. 4 und Teil III, Kap. 1.2.4) als auch allgemeinsprachlich distinktive Bedeutungselemente von Erlöserfiguren aus mündlich überliefertem Kulturgut (z. B. Märchen: Teil III, Kap. 1.1 und 1.2.4) sowie diejenigen biblisch überlieferten Charakteristika Jesu von Nazareth, die für seine Außenwirkung verantwortlich sind (Teil II, Kap. 3 und Teil III, Kap. 1.2.4). Die Topos-Kategorie des profanen Erlösers als sprachwissenschaftliches Begriffsfeld verbindet damit auf neutrale und wertfreie Weise die beiden unterschiedlichen wissenschaftlichen Gegenstandsbereiche miteinander. Sie trägt den semantischen Wechselwirkungen zwischen säkularer und sakraler Verwendung des Erlöserbegriffs Rechnung und setzt die verschiedenen Bedeutungsaspekte auf neutraler Ebene in Relation zueinander, ohne eine präfigurative Deutung vorzunehmen. Aus diesem Grund stellt das Merkmalscluster für den profanen Erlöser (die Topos-Kategorie) die Vergleichsfolie dar, auf deren Hintergrund es möglich wird, die (eigentlich unvergleichbaren) konkreten Figuren Jesus von Nazareth und Kommissar Maigret als literarische Persönlichkeiten aus ästhetisch-theologischer Perspektive einander gegenüber zu stellen und auf ihre Typizität für die Kategorie zu befragen. Chronologisch wird zunächst die Figur des Kommissar Maigret daraufhin untersucht, ob und inwiefern sich in ihrer Konzeption Elemente und Strukturen des zuvor etablierten Topos finden (Teil III, Kap. 2).30 Dabei wird nicht unerwähnt gelassen, worin die 30 Die zentrale Stellung der Kommissar-Figur für die Gesamtaussage der Maigret-Texte rechtfertigt die Betrachtung der Einzelfiguren vor der Gesamt-Untersuchung potentieller profaner Erlösungsdynamik innerhalb der Romane. 11 1 Einleitung Grenzen der Übertragbarkeit der christlichen Begriffe von Erlösung und Erlöser auf die fiktive Figur und die Simenonsche Roman-Konzeption liegen, um den Einzel-Anspruch jeder Grund-Disziplin der interdisziplinären Perspektive zu wahren und zu respektieren (Teil III, Kap. 3). Die aus der inhaltlichen Betrachtung resultierenden prototypischen grafischen Darstellungen, welche die Organisation der Kategorie verdeutlichen und die Positionen ihrer (potentiellen) Vertreter (Jesus von Nazareth: Teil III, Kap. 1.3; Kommissar Maigret: Teil III, Kap. 3.4) veranschaulichen, verschaffen einen Überblick über die Bedeutungskomponenten des neuen Topos und die Typizität einzelner Repräsentanten. Überdies verbildlichen sie die semantischen Familienähnlichkeiten und Beziehungen der (möglichen verschiedenen) Kategorie-Vertreter zueinander. Der zweite Aspekt der triangulatorischen Betrachtung von Erlöserfiguren aus verschiedenen Referenzbereichen erfolgt über die Differenzierung der dem Begriffsfeld des Handelns zugrunde liegenden Bedeutungsaspekte der neutestamentlich verwendeten Verben für den Vorgang des Erlösens (Teil IV, Kap. 1) nach Maßgabe des ThBNT (1967): Die Verben λύω (im Sinne von Losmachen, Befreien, Auslösen durch Hingabe eines Gegenwerts und Auflösen einer Bindung), σώζω (als Herausreißen und Erretten aus lebensbedrohlicher Gefahr) und ρὔομαἰ (im Sinne eines abwehrenden Schützens, Bewahrens vor akuter Gefahr und Erhalten eines unverletzten Zustands) werden auf die profane Erlösungsdynamik vergleichbarer Handlungsrahmen innerhalb der Maigret- Romane angewendet. Um Redundanz zu vermeiden, findet die Betrachtung des Vorkommens dieser Verbalkomponenten in den Handlungsabläufen der 14 bearbeiteten Maigret- Romane als ergänzende Unterstützung zur dritten Untersuchungsperspektive statt (Teil IV, Kap. 2), nicht als eigenständiges Kapitel. Das Ausbleiben theologischer Interpretationsdominanz über den nicht-religiösen Text bleibt auch bei dieser Herangehensweise gewahrt, da sich die semantischen Komponenten der religiös verwendeten Verbalbegriffe selbst ausschließlich auf säkulare Phänomene zurückbeziehen. Bereits die Verfasser biblischer Schriften bedienen sich für die Veranschaulichung und für das Beschreiben der christlich-religiös geglaubten und erlebten Erlösungsphänomene des Rückgriffs auf profan bekannte und säkular nachvollziehbare Vorgänge. Aufgrund der Untrennbarkeit von Erlöserfigur und Erlösungsgeschehen wird in Teil IV der dritte Aspekt der Triangulation auf die Themenstellung, die profane Erlösungs dynamik innerhalb der Maigret-Romane, untersucht, dessen Elemente die Figur des Kommissar Maigret als profanen Erlöser auszuweisen vermögen (Teil IV, Kap. 1–3). Grundlage dieser Perspektive bilden die von Klauck eruierten biblischen Metaphernfelder für die Rede von Erlösung (Teil II, Kap. 2), wie sie die gegenwärtige Soteriologie als unabdingbar für die zeitgenössische Beschäftigung mit diesem Thema festlegt (Sattler) sowie neueste psychologische Erkenntnisse zum gegenwärtigen Erleben von säkularen Erlösungsaspekten in der postmodernen westeuropäischen Gesellschaft (Renz; Teil IV, Kap. 1). Dabei liegt das Hauptaugenmerk bezüglich der Analyse von Elementen profaner Erlösungsdynamik in den Maigret-Romanen auf der Darstellung des textinternen Zusammenhangs zwischen den Ausgangssituationen der betroffenen Schuldigen (wovon wird erlöst?), dem Umgang Maigrets mit ihrer Schuld (wie wird erlöst?) und der sich nach der Begegnung mit dem Kommissar ergebenden neuen Lebenssituation der Täter oder Beteiligten (wozu wird erlöst?). Diese drei Bereiche spiegeln die theologisch zugrunde liegenden Fragen 12 Teil I: Theoretische Hintergründe nach der säkular greifbaren Erlösungsbedürftigkeit des Menschen (wovon?), dem diesseitig bereits erlebbaren (säkularen) Ziel göttlichen Erlösungshandelns (wozu?) und dem Charakter der Dimension christlich geglaubter Erlösungsdynamik, der im Hier und Jetzt nachgeahmt und angewendet werden kann bzw. soll (wie?). Aufgrund der engen Abhängigkeit dieser drei Bereiche voneinander, werden sie inhaltlich gemeinsam aufgearbeitet und dargestellt, was wiederum gleichzeitig die zugrunde liegende, christlich geglaubte und theologisch konstatierte Untrennbarkeit der Elemente von Erlösungsgeschehen betont.31 Die strukturelle Grundlage für diese Betrachtungen findet sich im linguistischen Aktantenmodell nach Julien Greimas32, das auf neutrale und wertungsfreie Weise ermöglicht, systematisch die Handlungsstruktur aller literarischen Texte zu erfassen und zu beschreiben. Auf die konkreten Arbeitsschritte der Fragestellungen des zweiten Hauptteils bezogen, ergibt sich daher in Anlehnung an Greimas das folgende Analyseschema für die Untersuchung einer möglichen profanen Erlösungsdynamik: Da aufgrund der Themenstellung nur die Figur des Kommissar Maigret als mögliche Konkretion des Topos untersucht wird (Wer erlöst?), bleibt diese Größe für den zweiten Teil der Hauptuntersuchung invariabel und wird deshalb im Aktantenmodell nicht mehr extra aufgeführt. Den Kern der literarisch-theologischen Analyse bezüglich profaner Erlösungsdynamik bilden demnach die Punkte a) – d). Dabei ergibt sich die jeweilige Erlösungsmethode d) aus dem Zusammenspiel von a) – c). Auf diese Weise werden die in den Romanen des Gegenstandsbereichs vorhandenen säkularen Befreiungs- und Erlösungserlebnisse erläutert (Teil IV, Kap. 2), die den entsprechenden Paradigmen der biblisch entlehnten Metaphernfelder entstammen: Maigret als Arzt (medizinisches Paradigma), Maigret als Befreier (soziales Paradigma), Maigret als Fürsprecher (gesetzliches Paradigma), Maigret als Beichtvater (kommunikatives Paradigma). Da die Betrachtung der Maigret-Figur aus der Perspektive des motorischen Paradigmas aussagekräftiger für Maigret als profane Erlöserfigur ist als für die Charakteristik profaner Erlösungsdynamik, findet sich das Unterkapitel zu Maigret als „Schicksalsflicker“ und über Irrwege und Umkehr in Teil III, Kap. 2.1.2.1. 31 Vgl. Sattler (2011: 17–19); Härle (2000: 495, 497f.), Renz (2008: 13). 32 Zum linguistischen Aktantenmodell nach Julien Greimas, vgl. Greimas (1966: Kapitel 6). Wer wird erlöst? b) Wovon wird erlöst? c) Wozu wird erlöst? d) Wie wird erlöst? 13 1 Einleitung Überdies belegt die aus rein literaturwissenschaftlicher Perspektive vorgenommene Ausarbeitung zur Erlösung des impliziten Lesers (Teil IV, Kap. 3) zusätzliche, bisher unentdeckte Aspekte einer profanen Erlösungsdynamik der Maigrets, die durch die konzeptuellen Gattungsneuerungen Simenons (Teil II, Kap. 1.3) möglich werden. Die hier explizierte Erlösung des impliziten Lesers vom gattungsinternen Formzwang, am Ende der Handlung (mindestens) eine Figur verurteilen zu müssen, basiert primär auf dem Hauptcharakteristikum des Kommissars, keine Urteile zu fällen und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Der abschließende praxisrelevante Teil V zeigt die pragmatische Relevanz der erarbeiteten theoretischen Ergebnisse zu Maigret als profanem Erlöser und zur profanen Erlösungsdynamik der Maigret-Romane für glaubende Christen innerhalb einer postmodernen multi-religiösen Gesellschaft, die auch den Dialog mit religiös Uninteressierten suchen (Teil V, Kap. 1). Auf der Basis religionspädagogischer und literaturpsychologischer Ansätze, die dieses Grundanliegen mithilfe des Mediums zeitgenössischer nichtreligiöser Literatur unterstützen (Teil V, Kap. 2), liefert der praxisorientierte Teil weiterhin konkrete didaktische Anregungen für eine (erweiterbare) dreitägige Projektwoche zu jeweils vier Zeitstunden zum Thema „Kommissar Maigret – für ein besseres Leben?!“ für die gymnasiale Oberstufe (Teil V, Kap. 3). Diese sich als exemplarische Vorschläge verstehenden Anregungen richten sich in ihrer über mehrere Tage ausgedehnten Form selbständigen Stationenlernens vor allem an bibliotherapeutischen (Teil V, Kap. 2.4) und narthikal-didaktischen (Teil V, Kap. 2.1) Gesichtspunkten aus. 15 2 Der historische Zusammenhang von Theologie, Literatur und Literaturwissenschaft … Die historisch zu begründende Relation zwischen Theologie, Literatur und Literaturwissenschaft1 wird seit dem mit der Aufklärung einsetzenden Säkularisierungsprozess durch intensive Emanzipationsbemühungen auf nicht-religiöser Seite charakterisiert. Diese Tatsache spiegelt eine mögliche Ursache für das Scheitern des Dialogversuchs zwischen Theologie und Literaturwissenschaft im 20. Jahrhundert2 und erhellt die Gründe für das spannungsgeladene Unverständnis beider Disziplinen über das Ansinnen der vorliegenden Untersuchungsperspektive auf Maigret. 2.1 … bis zur Aufklärung Bis zur Epoche der Aufklärung findet sich weder literarisch noch theologisch eine Trennung der Welt in sakrale und säkulare bzw. profane Bereiche. Religiöse und profane Literatur stehen bis zum Ende des 12. Jahrhunderts in einer engen Wechselbeziehung, die sich dadurch erklären lässt, dass im und bis zum Mittelalter beide Bereiche nicht als voneinander unabhängige Ideologien gelebt werden, sondern lediglich zwei Aspekte derselben Lebenswirklichkeit darstellen.3 Das Verhältnis von Theologie und Literatur bis zum Sturz der Metaphysik in der Epoche der Aufklärung ist aufgrund dieser Verquickung geprägt von der mittelalterlichen religiösen Ausrichtung der Literatur und ihrer Durchdringung mit soteriologischen Leitmotiven.4 Die Lehrautorität der Kirche und die damit verbundene Weisungshoheit des Klerus (und der Theologie) bezüglich der gesamten Lebenswelt der damaligen Gesellschaft und des Individuums stehen für die umfassende gesellschaftliche Bedeutung von Religion und Kirche während der damaligen Epoche und finden ihren literarischen Niederschlag bis in die Ausläufer der höfischen Romane.5 Aus geisteswissenschaftlicher Perspektive bedeutet diese Dominanz, dass alle Versuche, den Sinn der eigenen Existenz zu erschließen oder eine Deutung der Welt vorzunehmen, letztlich durch die maßgebende Offenbarung einer Übermacht6 vorgegeben wurden. Diese stets durch Kirche und Klerus offiziell gedeutete Offenbarung schloss die Beantwortung aller Fragen um Schuld, Tod, Sünde, Rettung, Erlösung sowie die Unterscheidung zwischen Gut und Böse ein, alle anderen möglichen Sinndeutungen des 1 Vgl. Langenhorst (2005: 214–222). 2 Vgl. das Fazit zum Dialog von Theologie und Literatur und von Theologie und Literaturwissenschaft bei Langenhorst (2005: 13–76, 214–222). 3 Vgl. Jöckel/Wunderli (1994: 12). 4 Vgl. z. B. das Alexiuslied von Chrétien de Troyes, das Leitmotiv des Adamsspiels, Perceval, den Lancelot-Gral-Zyklus, die arthurische Prosa-Trilogie. 5 Vgl. Mölk (1994: 59). 6 Vgl. Colpe (1980: 23), zitiert nach Rube-Vestweber (1988: 26). 16 Teil I: Theoretische Hintergründe menschlichen Daseins außer der religiösen aus und offerierte dementsprechend einen Verhaltenscodex für das alltägliche Leben.7 2.2 … in den Ursprüngen von Aufklärung und Säkularisierung Die hauptsächlichen Ursprünge für die Ansätze geistiger Bewusstseins-Umorientierung liegen in den tief greifenden gesellschaftlichen Veränderungen für die Lebensumstände der Bevölkerung während des Spätmittelalters aufgrund der nachhaltigen Auswirkungen von Hungersnöten, Pest-Epidemien und Kriegshandlungen.8 Im religiösen Bereich des mittelalterlichen Lebens sorgt die Verweltlichung der Kirche selbst für die Begünstigung von Säkularisierungstendenzen: Als Beispiel dafür lassen sich die üppige Hofhaltung und Verwaltung der Päpste im Exil in Avignon sowie die Einführung vielfältiger Gebühren für kirchliche Dienste (z. B. der Ablass) nennen. Dar- über hinaus sorgt die kirchliche Uneinigkeit bei der Doppelwahl von Urban VI. zum Papst in Rom und von Klemens VII. zum Papst in Avignon (1378 – 1417) für große Verunsicherung bei der religiösen Bevölkerung.9 Das daraus resultierende „Große Schisma“ der Kirche (1378 – 1417) bzw. die religiöse Spaltung Europas begünstigt die Zunahme von Irrlehren (Häresie) und hartnäckigem Aberglaube (Hexenwahn) innerhalb der Bevölkerung. 10 In diesen geschichtlich gewachsenen Gegebenheiten der voraufklärerischen Lebensumstände sind die existenziellen Ursachen beheimatet, die als mentale Voraussetzungen einem Säkularisierungsprozess den Weg ebnen. Literarisch spiegelt sich diese gesellschaftliche Bewusstseinskrise der spätmittelalterlichen Epoche durch den Ausdruck individueller Betroffenheit der Autoren über die Zeitumstände wider. Was seinen vorsichtigen Anfang in der Parodierung der Allegorie nimmt11, die immer noch ein Weltverständnis spiegelt, das durch eine göttliche Ordnung 7 Die Hauptfunktion der voraufklärerischen Literatur beinhaltet daher trotz unterschiedlicher Stoffwahl, Textstruktur und Stile die entweder explizit formulierte oder implizit vorhandene Belehrung des Publikums in „weltlichen (höfischen) oder religiösen Verhaltensweisen, Lebensregeln und Werten“. Mölk (1994: 41). 8 Die Periode des 14./15. Jahrhunderts ist geprägt von unterschiedlichsten Krisensituationen wie Hungersnöten, Epidemien, Umsturzbewegungen, Krieg, sowie innen- und außenpolitischen Bedrohungen. Die Heimsuchung der Bevölkerung durch die Pest, welche sich ab 1347/48 bis ins 18. Jahrhundert ausdehnt, provoziert durch ihre Dauer und Unberechenbarkeit eine grundlegende Irritation des zeitgenössischen Bewusstseins. Auch die wirtschaftlichen Konsequenzen des Hundertjährigen Krieges führen zu einem existentiell notwendigen Auflehnen gegen die bisherigen Gesellschaftsverhältnisse und zum Infragestellen einer gottgewollten Ständeordnung, z. B. in der Jacquerie von 1358, dem Bauernaufstand im 14. Jahrhundert und den Umsturzbewegungen in Paris, angeführt durch Etienne Marcel. Vgl. Zimmermann (1994: 69). 9 Beide Päpste werden beim Konzil von Konstanz (1415) aufgrund der Uneinigkeit zugunsten eines dritten Kandidaten wieder abgesetzt, so dass die Bevölkerung gleichzeitig drei neue Päpste zu verkraften hat. 10 Vgl. Kinder/Hilgemann (2002: 181). 11 Beispiele für die Parodierung der epischen Allegorie: Songe d’Enfer von Raoul de Houdenc und der berühmte Roman de la Rose von Guillaume de Lorris und Jean de Meun. Vgl. Zimmermann (1994: 60). 17 2 Der historische Zusammenhang von Theologie, Literatur und Literaturwissenschaft … geprägt ist12, entwickelt sich ab dem Spätmittelalter parallel zur Entstehung und Entwicklung des (Prosa)Romans zu einer von religiöser Weltsicht unabhängigen Methode, unterschiedliche Realitätswahrnehmungen zu vergleichen und zu bearbeiten: Die neuen Texte, welche sich mit den Reflexionen auf das Zeitgeschehen beschäftigen, kritisieren die gegenwärtigen Umstände durch das Mischen und Aktualisieren traditioneller, antiker und heidnischer Stoffe mit christlichen.13 Zum Teil werden auch Elemente lokaler Sagen und volkstümlicher Märchen in die neue Gattung mit aufgenommen.14 Gerade die spätmittelalterliche Entwicklung des Prosaromans macht deutlich, wie früh sich dieser literarische Bereich auf seine Rezipienten einstellt und wie eng er mit ihren Bedürfnissen verbunden ist: Erstens macht die Benennung der Romane als Volksbücher15 deutlich, wer die Adressaten dieser literarischen Bemühungen sind. Zweitens spiegelt die inhaltliche Darstellung und Deutung von Wirklichkeit eben diejenigen zeitgenössischen Wunschträume genau dieses Rezipientenkreises. Und drittens zeigt sich, dass schon zu diesem Zeitpunkt in der methodischen Verquickung der heterogenen Werte systeme und Erzählhaltungen die Basis für das Vorhandensein religiöser Substrate in volksnaher Literatur gelegt wird. Für den Säkularisierungsprozess bzw. die Ablösung von der alles umfassenden Sinndeutung in religiös vorgegebenen Antworten, ist inhaltlich aus dieser Roman-Entwicklungsphase die bewusste Mischung von heidnischen und christlichen Motiven zu neuen Bildern und Gehalten wichtig, wie auch die stilistische Neuerung des Kommentars aus Erzählerperspektive, die eine explizite und profane Form der Sinngebung des dargestellten Geschehens beinhaltet.16 2.3 … während der Aufklärung Im 16. Jahrhundert leitet die aus Italien stammende Humanismus-Bewegung (Petrarca) das moderne Denken in ganz Europa ein, das auf der Basis der Geisteshaltung der griechisch-römischen Antike die Überzeugung verbreitet, dass der Mensch sich selbst unabhängig von Gott verändern, formen und vervollkommnen kann und demnach auch selbst den Maßstab für sein Handeln darstellt. Die neue gesellschaftliche Verquickung von Literatur mit politischen Interessen17 im Zusammenspiel mit dem Aufkommen nationalstaatlicher und zentralistischer Bestre- 12 Vgl. Zimmermann (1994: 76). 13 Vgl. Zimmermann (1994: 88–90), z. B. in den Romanen Perceforest und Mélusine von Jean d’Arras. 14 Vgl. Zimmermann (1994: 73). 15 Vgl. Zimmermann (1994: 87). 16 Auch die Geschichtsschreibung – welche zu diesem Zeitpunkt mehr eine Mischung aus erzählender Literatur und Geschichtsschreibung darstellt und neben der Legitimierung politischer Machtansprüche für herrscherliche Selbstdarstellungszwecke genutzt wird erfährt durch die Desillusionierung über historische Prozesse eine grundlegende Wandlung hin zu neuen Prämissen, wie z. B. der Präzision politisch-historischer Beobachtung, der grundständigen Kritik an Kirche und Religion als Institution und einer Sensibilisierung für die Schattenseiten kriegerischer Handlungen. 17 Als Beispiel dafür können dienen: Die Entwicklung der Pléiade, die als französischer Lyrik-Olymp des 16. Jahrhunderts gegen Ende nur noch politische oder kosmologische Lyrik hervorbringt; die reine Propaganda-Funktion der Literatur während des Bürgerkriegs im letzten Drittel des 16. Jahr- 18 Teil I: Theoretische Hintergründe bungen in Frankreich18 fördert die Verbreitung der humanistischen Grundüberzeugungen: Ungebrochener Fortschrittsglaube in Bezug auf Wissenschaft, Erkenntnis und Philosophie; die Suche nach der Wahrheit als Weg der Vernunft; die Trennung der Lebenswirklichkeit des Menschen in sakrale und profane/säkulare Bereiche19 und die Autonomisierung der Erziehung auf Vernunfts- (und nicht auf Glaubens-) Basis. Dieses moderne Denken ist für die Autoritätseinbußen der großen mittelalterlichen Institutionen Kirche und Kaisertum verantwortlich und markiert den Beginn des Aufklärungsprozesses, der im 18. Jahrhundert seinen Höhepunkt erreicht.20 Zu Beginn der Aufklärung gehen noch entscheidende Impulse für Philologie, Übersetzungshandwerk und Bildung von religiös inspirierten Persönlichkeiten und protestantischen Theologen aus21, im weiteren Verlauf der Aufklärung etabliert sich jedoch ein immer deutlich werdender Abstand zwischen Theologen und Literaten.22 Für Papsttum, Kirche und Klerus bedeutet die europäische Entwicklung hin zu Humanismus und aufklärerischem Gedankengut eine Abnahme der eigenen gesellschaftlichen Bedeutung. In späteren Stadien des Aufklärungsprozesses verstärkt sich diese Tendenz bis hin zur öffentlichen Geringschätzung des Klerus und einer damit einhergehenden Ablehnung theologischer Inhalte und institutioneller religiöser Handlungen. War vor der Aufklärung die kirchliche Deutung der Welt bezüglich eines endgültigen Sinns durch maßgebende göttliche Offenbarung wegweisend23, verlagert sich nach der Aufklärung das menschliche Bedürfnis nach Sinndeutung und Orientierung weg von der Institution Kirche hin zu neuen Wegen der Weltanschauung und -erklärung, was sich in der weiteren Verselbständigung und Aufwertung der Literatur niederschlägt. hunderts und die autoritären Ziele politischer Staatenbildung, die hinter der zentralen Sprachkontrolle unter Ludwig XIV. ihren Höhepunkt erreichen. Vgl. Hausmann (1994: 104–107). 18 Vgl. Hausmann (1994: 100ff.). 19 Diese Trennung ist zum ersten Mal explizit durch die Attribute „profane“ und „sacré“ in der französischen Literatur bei Marguerite de Navarres L’Heptaméron belegt und beinhaltet die Zerrissenheit des Menschen zwischen „amour sacré“ (der Liebe zu Gott) und „amour profane“ (körperlich-irdischer Liebe und Leidenschaft), welche für diesen einer existentiellen Prüfung gleichkommt, an der er entweder rational und dadurch charakterlich wächst oder seelisch zerbricht. Vgl. Hausmann (1994: 124f.). 20 Vgl. Hausmann (1994: 100ff.). 21 So z. B. Erasmus von Rotterdam, Lefèvre d’Etapes und Jean Calvin. Erasmus von Rotterdam gilt auch heute noch als einer der Universalgelehrten, der als Theologe, Philosoph, Literat, Bibelphilologe und Pädagoge zugleich sein Leben der Aufgabe widmete, das Ideengut von Antike und Christentum miteinander in Einklang zu bringen. Vgl. Hausmann (1994: 102f.). 22 Als Beispiel dafür können dienen: Die Entwicklung der Pléiade, die als französischer Lyrik-Olymp des 16. Jahrhunderts gegen Ende nur noch politische oder kosmologische Lyrik hervorbringt; die reine Propaganda-Funktion der Literatur während des Bürgerkriegs im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts und die autoritären Ziele politischer Staatenbildung, die hinter der zentralen Sprachkontrolle unter Ludwig XIV. ihren Höhepunkt erreichen. Vgl. Hausmann (1994: 104–107). 23 Vgl. Colpe (1980: 23), nach Rube-Vestweber (1988: 26). 19 3 Nachaufklärerische Entwicklungen als Konsequenzen des Säkularisierungsprozesses Die für diese Untersuchung relevanten Konsequenzen des Säkularisierungsprozesses zeigen sich vor allem in dreierlei Auswirkungsbereichen: Zum einen in der neu aufkommenden Bedeutung der Psychologie als Wissenschaftsdisziplin zwischen Theologie und Literatur, zum zweiten in den dem gesellschaftlichen Säkularisierungsprozess entgegenstehenden Sakralisierungstendenzen der Literatur und drittens in der Verlagerung des Ortes individueller Religiosität. 3.1 Die Bedeutung der Psychologie Da das menschliche Bedürfnis nach Sinndeutung und Orientierung die Kritik an der kirchlichen Institution und den Sturz der Metaphysik überstanden hat, muss dafür eine ontologische Verankerung als Grundlage angenommen werden. Während die gesellschaftliche Bedeutungsabnahme der Religion im Säkularisierungsprozess von Anfang an untrennbar mit dem Ort institutionalisierter Ausdrucks- und Interpretationsformen sowie der Deutungshoheit ihrer offiziellen Vertreter verbunden bleibt, wird deutlich, dass das psychologisch-ontologische Bedürfnis, auf das die christliche Botschaft des Evangeliums ursprünglich antworten möchte, davon unabhängig ist und von den Umstürzen unberührt weiter existiert.1 Es verlagert seine Suche nach Lösungsansätzen und Wegweisung bezüglich seiner existentiellen Fragen auf andere, neue Orte, die mit fortschreitendem Säkularisierungsprozess immer stärker durch das Medium Literatur zugänglich werden.2 Auf diese Weise wird die Psychologie als Erfahrungswissenschaft, die sich mit Ursprung und Sitz des ontologischen Bedürfnisses nach Wegweisung und Sinngebung befasst, zum unabhängigen nachaufklärerischen Bindeglied zwischen Theologie und Literatur.3 In letzter Konsequenz zieht die Verlagerung des Ortes der Suche nach Orientierungshilfe auf diese Weise auch eine Umdeutung des grundsätzlichen Verständnisses von Religion nach sich (vgl. Absatz 3.3.) hin zu einem eher phänomenologisch orientierten Begriff des Religiösen, so dass der gesellschaftliche Statusverlust der Kirche im Säkularisierungs- 1 Die nachaufklärerische Theologie unterscheidet in innere und äußere Religiosität und widmet diesem Phänomen des Säkularisierungsprozesses besondere Aufmerksamkeit. Vgl. Simmel (1912: 180), nach Rube-Vestweber (1988: 30). 2 Dabei darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Zugänglichkeit der Literatur erst in einem späteren Stadium durch die Erfindung und Verbreitung der Buchdruckerkunst (Johannes zu Gutenberg) wirklich erreicht wird. 3 Sowohl Dorothee Sattler (Systematikerin) als auch Monika Renz (Psychotherapeutin) weisen auf die wechselseitige Angewiesenheit von Theologie und Psychologie, sowie deren Verquickung mit literarischen Motiven hin. Vgl. Sattler (2011: 22, 25); Renz (2008: 13f.). 20 Teil I: Theoretische Hintergründe prozess letztlich zu einer Erweiterung theologischer Sensibilität für generelle Implikationen und religiös interpretierbare Phänomene im Allgemeinen führt.4 3.2 Die Sakralisierung der Literatur Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive versteht man unter Säkularisierung die „Übertragung eines Wortschatzes religiösen Ursprungs auf weltliche Themen und Gegenstände“5, was seinen Ursprung in der Ortsverlagerung der Fokussierung persönlicher Sinnsuche vom institutionell-religiösen zum wissenschaftlich-literarischen Bereich nimmt. Der psychologisch-seelischen Vakanz, die der „Sturz der Metaphysik“ ontologisch hinterlässt, wird literarisch ein alternatives ideologisches Angebot entgegengestellt, das andere und vielfältige Erklärungs- und Lösungsvorschläge für den Umgang mit oder das Verhalten in Krisen beinhaltet, weil es selbst aus der Suche nach Orientierung und Wegweisung bezüglich der aktuellen und abstrakten Lebensfragen hervorgegangen ist. Die Formulierung dieser literarisch-alternativen Lösungsansätze arbeitet aber weiterhin mit den Vorstellungen und Bildern, die bereits in der durch eine umfassend religiöse Weltsicht geprägten Epoche den existentiell-ontologischen Gehalt zu transportieren in der Lage waren.6 Der Transfer von religiös geprägten Motiven, Symbolen und Vorstellungen für menschliche Grunderfahrungen des Daseins in die Literatur ist auch literaturwissenschaftlich unumstritten. So wird z. B. im 19. und 20. Jahrhundert ein Zustand erreicht, in dem literarisch der religiöse Wort- und Bildschatz (…) bis zu einem Grade verweltlich [ist], daß häufig die religiöse Herkunft des einzelnen Ausdrucks dem Verfasser kaum noch bewußt zu sein scheint.7 Die erwähnten Symbole, Motive und Bilder, die ursprünglich im sakralen Umfeld verwendet wurden, um die metaphysische Welt- und Lebensdeutung zu veranschaulichen, verfallen aufgrund dieser Entwicklung zu unbewussten Mythen und Substraten, so dass infolgedessen auch das moderne areligiöse Leben durchzogen ist von sichtbaren, aber unbewussten Manifestationen ursprünglich religiösen Erlebens und einem Vielfachen an Bildern, die Surrogate sakraler Erfahrungen transportieren.8 Die sichtbarsten und daher eindrücklichsten Beispiele dafür finden sich vor allem in der Bildenden 4 Der Begriff der Religion bzw. dessen Definition und Begrenzung stellt selbst die Religionswissenschaft vor eine nahezu unlösbare Aufgabe. Dieser Diskussion soll hier nicht näher nachgegangen werden, da sie für das Thema nicht zielführend erscheint und den Rahmen der Arbeit überschreiten würde. 5 Vgl. Lange (1964: 24), nach Rube-Vestweber (1988: 11). 6 Sogar in der Gegenwart wird diese Tatsache aus psychologischer Sicht bestätigt. Vgl. Renz (2008: 16f.): „Zwar ist ein Denken in Dimensionen von Fluch, Verwünschung und Erlösung aus der Mode gekommen. Doch die Ausweglosigkeit der Menschen mitsamt dem Gefühl, ausgeliefert zu sein an innere und äußere Mächte, ist dieselbe geblieben.“ (Ebd). 7 Rube-Vestweber (1988: 12). 8 Vgl. Aquaviva, S. S. (1977): Der Untergang des Heiligen in der Industriellen Gesellschaft, in: Colpe (1977: 485), nach Rube-Vestweber (1988: 39). 21 3 Nachaufklärerische Entwicklungen als Konsequenzen des Säkularisierungsprozesses Kunst. Aber diese Spuren religiösen Verhaltens ohne religiöse Bedeutung (ohne die ontologische Dimension) finden sich modern und postmodern auch literarisch in getarnten Mythen, in offensichtlich mythischen Motiven, Erneuerungsritualen9 und in psychologischen Bildern des Unbewussten wieder, die vom institutionellen Bereich der Religion in die funktionalen Bereiche menschlichen Ausdrucks10 übertragen wurden. Damit sind auch dem modernen, areligiösen Menschen diese religiösen Substrate zwar nicht als bewusste Größe, aber als psychologisch unbewusste Strukturen und Mechanismen einer bestimmten Form von Spiritualität zu Eigen.11 Ließ sich also nicht vermeiden, dass religiöse Elemente in Form von Symbolen, mythischen Motiven, Bildern, Ritualen, Verhaltensweisen oder Begrifflichkeiten in die Literatur übertragen wurden, führt der Säkularisierungsprozess auf der einen Seite nicht nur zur Entmystifizierung der religiösen Institutionen, sondern andererseits auch zur Vergeistlichung des Profanen, zu möglichen Tendenzen einer Sakralisierung der Literatur.12 Zumindest dort muss weiterhin von einer gewissen unter- und unbewussten Religiosität ausgegangen werden.13 Für das Verhältnis von Religion und Literatur innerhalb einer Säkularisierungsdynamik bedeutet dies zum einen die Möglichkeit einer gleichzeitig gegenläufigen Bewegung im Sinne eines dialektischen Prozesses: Die Verweltlichung des Religiösen als eine und die Vergeistlichung des Profanen als andere Bewegungsrichtung.14 Zum anderen beinhaltet genau diese Tatsache ein Eingeständnis, das dem klassischen Grundgedanken der Aufklärung und der dort erworbenen Mündigkeit und Unabhängigkeit der Welt entgegen gerichtet scheint, nämlich dass eine scharfe Trennung der Lebenswirklichkeit in profane und sakrale Bereiche eben nicht so eindeutig vorzunehmen ist wie ursprünglich proklamiert.15 9 Z. B. Neujahrsfeiern, Haus-/Wohnungseinweihungen, Prüfungssituationen, Abschlussfeiern, Heldenkampf, Initiationen etc. Vgl. Eliade (1957: 177), in: Rube-Vestweber (1988: 35). 10 Wie z. B. dem Schauspiel, wie in Filmen, bildender Kunst, Romanen oder Krimis mit mythologischen Motiven. 11 Diesbezüglich hilft die Erläuterung zum Begriff der äußeren Religiosität bei Dorothee Sölle. Der Begriff der Spiritualität soll hier nicht weiter verfolgt werden, da er phänomenologisch selbst eine Herausforderung für eine genaue Definition darstellt. Zur Inflation der Verwendung des Begriffs Spiritualität vgl. Steffensky (2005). 12 Vgl. Kahn (1964: 14); und Sölle (1973), nach: Rube-Vestweber (1988: 42, 45f.). M. Walser bemerkt dazu, dass „Literatur die zeitgenössische Erscheinungsform von Religion ist.“ Kuschel (1985: 154), in: Rube-Vestweber (1988: 45). 13 „Es ist gar keine Frage, daß große Bereiche europäischer Kultur auf religiösem Boden gewachsen sind und (…) daß sie ihre religiösen Gehalte umformen und verselbständigen, aber nicht vergessen oder verleugnen können.“ Kahn (1964), nach Rube-Vestweber (1988: 41). Darüber hinaus beziehe ich mich hier auf die Übereinstimmungen in den Beobachtungen von Eliade (1957: 179); Aquaviva (1977: 461–492); Kahn (1964: 14) und Sölle (1973). Aufgegriffen, besprochen und zitiert in: Rube-Vestweber (1988: 33, 38, 41f.). 14 Unter diesem Aspekt ließen sich mannigfache aktuelle Gesellschaftsphänomene betrachten. Man denke z. B. an die sachlich unerklärliche Stellung des Fußballsports im europäischen Lebensstil. 15 Interessant ist in diesem Zusammenhang die Ausgabe Psychologie heute (19/2008), die sich mit dem Phänomen beschäftigt, dass angesichts des momentan großen Zuwachses aller Arten von religiösen, spirituellen und esoterischen Strömungen scheinbar die von Sigmund Freud angestrebte „Erziehung zur Realität“ am ontologischen Bedürfnis vorbeigeht Dort heißt es im Editorial: „Ganz ohne den Glauben an eine wie auch immer geartete höhere Macht, ganz ohne Spiritualität ist das Leben offenbar nur schwer auszuhalten.“ Psychologie heute (19/2008: 3). Diese Sichtweise jedoch wird eher auf Seiten der Psychologen und Theologen geteilt, die literaturwissenschaftliche For- 22 Teil I: Theoretische Hintergründe 3.3 Die Ortsverlagerung der Religiosität Nachaufklärerische Religiosität als psychologisches Phänomen strebt zum einen weiterhin nach innerlicher Erfüllung der ontologischen Vakanz, deren Vollzug sich andererseits an äußerlich sicht- oder greifbaren Handlungen verdeutlicht.16 Trifft nun ein (äußerliches) Religionsverhalten auf eine radikale Gottes- und Theologiekritik (wie dies in der Aufklärung geschehen ist), welche ihr die Erfüllung des psychologischen Bedürfnisses im bisher gewohnten (kirchlichen) Bereich verunmöglicht, findet eine Verlagerung des (äußerlichen) Gegenstandsbereiches statt, auf den sich die (innerlichen) Erwartungen der Bedürfniserfüllung beziehen. An die (äußerliche) Stelle der kirchlichen Institution und ihrer dogmatischen Erklärungsansätze der alten Lebenswirklichkeit treten neue, in der zeitgenössischen Literatur gespiegelte, alternative Orientierungs- und Deutungsmodelle einer neuen veränderten Lebenswirklichkeit, für deren Verbreitung sich die Literatur als neuer Lieferant erweist. Im Gegenzug verschiebt sich die (innerliche) Erwartungshaltung persönlicher Religiosität, welche bis dahin ihre Verortung innerhalb offiziell-religiöser Institutionen fand, nun neu auf das System des Erklärungspotentials der Institution Literatur.17 Auf diese Weise werden Strukturen des ursprünglich Nicht-Religiösen (Literatur) ins Religiöse verschoben, da sie zum neuen Gegenstandsbereich eines (unbewusst) religiösen Bedürfnisses geworden sind.18 Dieser Zusammenhang wird besonders deutlich in der Betrachtung von existentiellen Krisen und Bedrohungen wie schweren Krankheiten, beruflichen oder ethischen Prüfungen, Angstzuständen und Krisen (wie in Kriminalromanen z. B.) und anderer tief greifender Erlebnisse, welche die ursprünglich religiösen Fragen nach Existenz und Sinn wieder ins Bewusstsein rufen19. Sie sind seit jeher die Krisen, die literarische Helden zu durchleben und zu durchleiden haben, um ihren Charakter zu vervollkommnen und ihre Heldenhaftigkeit unter Beweis zu stellen.20 schung scheint diese Thematik zu meiden. Möglicherweise liegt das auch an der Ausklammerung des außersprachlichen Rezipienten aus normativen Theoriediskursen, wohingegen eben dieser reale außersprachliche und textexterne Rezipient expliziter Gegenstand des Forschungsinteresses von Theologie und Psychologie ist. 16 Die Theologie konstatiert für die nachaufklärerische Epoche eine Unterscheidung in innere und äußere Religiosität. Vgl. Simmel (1982: 154–183), in: Rube-Vestweber (1988: 27f.). 17 Erich Fromm und Sigmund Freud haben sich ausgiebig mit dieser Verlagerung beschäftigt und konstatieren dabei die Wichtigkeit des semantischen Aspekts von Religion an sich: Da Religion die Denotate der Begriffe um einen symbolischen Charakter erweitert hat, bedeutet das für die Symbole, Motive, Bilder etc aus dem ursprünglich metaphysischen Bereich, dass mit ihnen jetzt im profanen Bereich innere (gefühlsmäßige oder gedankliche) Erlebnisse so ausgedrückt werden können als wären sie konkrete sinnliche Erfahrungen. Vgl. Rube-Vestweber (1988: 31). Die Bezugnahmen auf Erich Fromm und Sigmund Freud gehen zurück auf Fromm (1982); Freud (2009: 203). 18 Vgl. Rube-Vestweber (1988: 46). „Weltliches wird zum Überweltlichen und Heiligen erhoben (…) immer neues Überweltliches bietet sich (…) als ein Ersatz für das verlorene (in Frage gestellte) Überweltliche.“ Kahn (1964: 16), in Rube-Vestweber (1988: 46). 19 Es ist psychologisch keineswegs verwunderlich, dass die Frage nach Gott am häufigsten aufgrund der Konfrontation mit einer solchen Situation gestellt wird. In archaischen Kulturen wird Existenz immer noch per se als identisch mit dem Sakralen betrachtet. 20 Vgl. Campbell (1999). 23 4 Das Verhältnis von Theologie und Literaturwissenschaft Die beschriebenen Phänomene und Entwicklungsprozesse von Säkularisation verdeutlichen, dass die gesellschaftsverändernden Ideen der Aufklärung in etwa einer geisteswissenschaftlichen Emanzipationsbewegung gleichkommen, in deren letzter Konsequenz sich auch die Literaturwissenschaft in eigenständiger, unabhängiger und unumstrittener Mündigkeit als Hochschuldisziplin etabliert. Besonders der Ablöseprozess hermeneutischer Ansätze für die Literatur von der Dominanz kirchlicher Dogmatik fußt auf der grundständigen Trennung der Lebenswirklichkeit in profane und sakrale Bereiche und lässt bezüglich des Verhältnisses von Theologie und Literaturwissenschaft die eher spannungsgeladene Atmosphäre verständlicher werden. Das Beharren auf dem strikten Einhalten der Trennung in säkular und sakral nicht nur bezüglich der Betrachtungsperspektive, sondern auch hinsichtlich der zu interpretierenden Texte (heilige Schriften, theologische Werke und eindeutig religiös verortete Texte einerseits, laizistische Texte und Schriftwerke ohne intendierte oder anders erkennbare religiöse Verortung andererseits) führt jedoch im 20. Jahrhundert zu einer beiderseitigen Beschneidung der eigenen wissenschaftlichen Möglichkeiten. Neuere Literatur-Preisträger wie z. B. Navid Kermani sind Vertreter einer jüngeren Ent wicklungsrichtung, welche die säkularen und sakralen Bereiche menschlicher Existenz wieder gemeinsam betrachten und so das analytische Potential dieser Kombination für eine Bereicherung der gegenwärtigen Lebenswirklichkeit nutzen. Auch die vorliegende Arbeit versteht sich als Teil dieser Bewegung. 4.1 Problematik Das Theologie und Literaturwissenschaft gemeinsame Ziel der Erschließung einer sinnhaften Aussageintention hinter einer Textgestalt wird aufgrund der geisteswissenschaftlichen Trennung in profane und sakrale Lebensbereiche seitens der Literaturwissenschaft auf die textimmanente Interpretation begrenzt, indem es den außertextlichen/-sprachlichen Referent der realen Welt ausklammert. Diese Abgrenzung wird weitgehend aufrechterhalten, obwohl trotz Säkularisierungsprozess die Teildisziplin der Hermeneutik nach wie vor sowohl in der Theologie als auch in der Literaturwissenschaft beheimatet ist.1 Das negiert die Tatsache, dass auch die Literaturwissenschaft in den hermeneutischen Bereichen auf Theologie angewiesen ist, in denen literarische Texte aufgrund der auktorialen Verwendung von Motiven, Symbolen und anderen religiösen Substraten die „Sprache des Glaubens“2 sprechen. In Konsequenz dessen werden die – historisch berechtigten – Fragen nach der Wirkung religiöser Sprache, nach ihrer Bildlich- oder Begriffl ichkeit 1 Vgl. Beisbart (2005: 80). 2 Sölle (1996: 20). 24 Teil I: Theoretische Hintergründe in profanen Texten und nach dem dabei anzutreffenden Verhältnis von profaner und sakraler Sprache ignoriert oder als unsachgemäß zurückgewiesen.3 Dieser normative Ansatz des ästhetischen Positivismus’ aus der Hochklassik lässt sich in der Gegenwart durchaus als Beschneidung der Texte um einen Teil ihrer möglichen sozialen und politischen Funktionen werten, da die theologische Perspektive auf profane Texte längst keine „Zutat theologischer Moralisten“4 zu einer ansonsten rein literaturwissenschaftlichen Interpretation mehr darstellt wie vor der Aufklärung, sondern einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt, der auf die Notwendigkeit theologisch-politischen Denkens hinweist, um das in der Realität „Unabgegoltene“ 5 auszusprechen, das in literarischen Texten klingt. Allen voran ist hier die Theologin Dorothee Sölle mit ihrem literaturtheologischen Ansatz von Realisation und Konkretion zu nennen.6 Dem zugrunde liegt eine semantische Auffassung des Säkularisierungsprozesses, die betont, dass das nachaufklärerische Herauslösen religiöser Sprache aus dem liturgisch-kirchlichen Kontext nicht nur die Gefahr des Bedeutungsverfalls birgt, sondern auch die Chance bietet, die alten Begriffe für das metaphorische Sprechen nutzbar zu machen. In Anbetracht dieser Zusammenhänge und im Sinne des Respekts für die selbst gezogene Grenze zur theologischen Hermeneutik müsste gerade auch die Literaturwissenschaft nach den Konsequenzen solcher theologischer Implikationen fragen, die mit der Übernahme metaphorisch-religiöser Sprache in die Literatur einhergehen. Die diesbezüglichen Untersuchungen fallen jedoch bisher fast durchgängig in religionspädagogischen, pastoraltheologischen oder homiletischen Studien auf. 7 Die Forschung zum Verhältnis von Theologie und Literatur8 kommt zum Schluss, dass ein gleichberechtigter Dialog auf Augenhöhe im Sinn einer gegenseitigen Herausforderung9 niemals stattgefunden hat und dass die dies begünstigenden Hinderungsgründe noch immer kaum zu überbrücken sind. 10 Die dafür verantwortlichen Gründe liegen in der Skepsis der Literaturwissenschaft gegenüber dem Dialogfähigkeitsanspruch sowie gegenüber dem Wissenschaftlichkeitsanspruch der Theologie beheimatet. Beides wird zurückgeführt auf die historisch gewachsene literaturwissenschaftliche Ablehnung einer unausgesprochenen, aber geschichtlich vorherrschenden und somit implizit gesetz- 3 Sölle (1996: 19). 4 Sölle (1996: 19). 5 Sölle (1996: 19). 6 Diesem Gedanken hat sich besonders Dorothee Sölle unter dem Begriff der Realisation gewidmet, den sie aus dem Französischen entlehnt (réaliser, dt. verwirklichen, ausführen, gestalten, umsetzen, realisieren) und auf Literatur als Konkretion des religiös Gemeinten anwendet: „Realisation ist die weltliche Konkretion dessen, was in der Sprache der Religion „gegeben“ oder versprochen ist.“ Sölle (1996:20). Es „realisiert der Autor die in der religiösen Sprache festliegenden, von den Kirchen als Banken verwalteten Werte; er verflüssigt sie, er bringt sie in Umlauf, er benutzt sie.“ (Ebd.). Es geht im Wesentlichen darum, in profaner Literatur eine nicht-religiöse Interpretation theologischer Begriffe zu entdecken, die in Bezug auf das, „was den Menschen unbedingt angeht“ (Tillich (1987: 20)) die theologischen Formeln konkret und aktuell füllen kann. Vgl. Sölle (1996: 9f.). 7 Sölle (1996: 11). 8 Langenhorst (2005). 9 Vgl. Langenhorst (2005: 217). 10 Vgl. Langenhorst (2005: 219). 25 4 Das Verhältnis von Theologie und Literaturwissenschaft ten Dominanz der Theologie bezüglich eines Wahrheitsanspruchs über die Aussage von Texten.11 4.2 Chancen Eine Perspektive, die Theologie und Literatur gleichermaßen in den Blick nehmen will, kann demnach nicht auf der Basis der Verständigung verschiedener Wissenschaftsbereiche stattfinden, sondern bleibt Einzelnen überlassen. Auf einen konkreten Textgegenstand bezogen, können dann die hinderlichen Unwegbarkeiten überwunden und ausgehend von der Horizontverschmelzung im eigenen Verstehensprozess neue und fruchtbare Erkenntniszugewinne angestrebt und beiden Wissenschaftsdisziplinen zur Verfügung gestellt werden.12 Glücklicherweise finden sich auch unter jüngeren Forschungsveröffentlichungen sowohl Literaturwissenschaftler als auch Theologen, die eine solche interdisziplinäre Perspektive begrüßen.13 4.2.1 Literaturwissenschaftliche Chancen Mit der Akzeptanz der Erweiterung eines literarischen Textes um eine mögliche sakrale Dimension gewänne die Literaturwissenschaft nicht nur eine weitere literarische Textebene, sondern auch das Instrumentarium der theologischen Hermeneutikmethoden. Diese bleiben bisher der rein theologischen Textbetrachtung vorbehalten, da die Trennung in sakrale und profane Methoden der Textuntersuchung für den literaturwissenschaftlichen Begriff der Säkularisierung genauso konstitutiv ist wie die Differenzierung in sakrale und profane Sprache.14 Neue Analysen über die Art der Benutzung religiöser Bezüge würden denkbar, Einblicke in die praktische Produktivität religiöser Praxis oder Lektüre für den auktorial-künstlerischen Schaffensprozess15 sowie der Zugriff auf weitere Maßstäbe und Kriterien zur formalen Textsortenklassifizierung.16 Ein Aufweichen der zementierten Abgrenzung von sakral zu säkular würde auch die Möglichkeit der theologischen Bestätigung literaturwissenschaftlicher Mündigkeit beinhalten: Sobald Literatur unter Beweis stellen kann, dass sie selbst als Fiktion die Lebenswirklichkeit ihrer Leser als „religiös Unmusikalische“17 realistischer darstellen kann, als theologisch-religiöse Perspektiven sie wahrnehmen können, muss die Theologie das wissenschaftliche Gewicht der Literaturwissenschaft bestätigen.18 Die so implizierte Akzeptanz des theologie-unabhängigen Wertes von Literatur würde darüber hinaus auch die Wichtigkeit der Eigenständigkeit von Literaturwissenschaft betonen, die eben gerade die 11 Vgl. Langenhorst (2005: 216). 12 Vgl. Langenhorst (2005: 223). 13 Vgl. Schmid (2016: 19f.). 14 Vgl. Sölle (1996: 20). 15 Vgl. Langenhorst (2005: 232). 16 Als Beispiele werden genannt: Weiterführung, Parodierung, Satire, Chiffrierung von religiöser Sprache und ihrer kultischen Form. Vgl. Langenhorst (2005: 230f.). 17 Barth (2013: 17). 18 Vgl. Beisbart (2005: 86). 26 Teil I: Theoretische Hintergründe Erfahrungshaltigkeit der eigenen Kultur und Gesellschaft ohne religiösen Filter analysiert.19 Der dringendste Grund, aus dem die Literaturwissenschaft auch profanen Texten ein religiöses Potential zugestehen sollte, ist die Tatsache, dass sie damit die Produktivkraft metaphorischer Sprache nicht mehr abschwächen müsste, sondern in ihrer Vielfalt betrachten könnte.20 Durch das aufklärerische Herauslösen religiöser Sprache aus dem liturgisch-kirchlichen Zusammenhang verliert sie die gesamte Bedeutungsebene, die sie mit christlichen Sitten, Gebräuchen und der religiösen Wahrnehmung des eigenen Daseins verbindet, um so dem umgangssprachlichen und metaphorischen Sprechen verfügbar zu werden.21 Die Bibel ist offensichtlich ein wichtiges Element unserer eigenen dichterischen Tradition, ganz gleich, was wir von diesem Buch halten oder glauben.22 4.2.2 Theologische Chancen Für die Theologie wird die Erweiterung der Perspektive um eine rein profane, auf die säkulare Wahrnehmung ihrer aktuellen Zeitgenossen konzentrierte Betrachtungsweise erst dann als positive Ergänzung und Hilfestellung ersichtlich, sobald wachsende Religionsflucht und Areligiosität als neue Ausgangsbedingungen für gesellschaftliches Leben und die Übersetzbarkeit einer Glaubenssprache akzeptiert sind.23 Die Ergänzung um das säkulare Äquivalent zu religiösen Spuren in profaner Literatur verhilft der Theologie dazu, ihren eigenen gegenwärtigen Sitz im Leben24 in einer säkularisierten, aufgeklärten 19 Vgl. Beisbart (2005: 87). Der darüber hinaus reichende Zugewinn für die Literaturwissenschaft liegt nach Langenhorst in der Bereicherung durch den Wahrheitsanspruch normativ-theologischer Zugänge zur Wirklichkeit und dem Kennenlernen eines Transzendenz-Bezuges, der das literarische Sich-Selbst-Überschreiten des Menschen in der fiktiven Andeutung und Gestaltung gelingenden Lebens als Teil eines von Gott gewünschten Entwicklungsprozesses definiert. Vgl. Langenhorst (2005: 232–235). Allerdings scheint es angesichts der grundlegenden Skepsis gegenüber der Wissenschaftlichkeit von Theologie und der tief verwurzelten Angst vor Normierung durch theologische Deutung äußerst fraglich, inwieweit gerade diese beiden inhaltlich historisch zurückgewiesenen Ansprüche der Theologie als literaturwissenschaftliche Bereicherung aufgenommen werden können. 20 Vgl. Sölle (1996: 21f.). 21 Vgl. Sölle (1996: 11). Hans Blumenberg kritisiert in diesem Zusammenhang Sprache selbst als theologieverdächtig: „In nichts ist die Sprache so leistungsfähig wie in der Formulierung von Ansprüchen im Bereich des Nichtgreifbaren (…). Daß mehr ausgesprochen wird, als im Denken vollzogen werden kann, ist der logisch-ärgerliche Sachverhalt, mit dem wir als einem geschichtsbildenden Faktor ersten Ranges zu rechnen haben.“ Blumenberg (1966: 57f.). 22 Frye (2007: 13), zitiert nach Schmid (2016: 20). 23 Vgl. Sölle (1996: 29), Barth (2013), Halbfas (2013b). Auch die in Unterkapitel „Ortsverlagerung der persönlichen Religiosität“ erwähnte Verschiebung des institutionellen Religionsbegriffs hin zum phänomenologischen spricht für die notwendige Anpassung der Theologie an veränderte Lebenswirklichkeiten. 24 D. h. in diesem Fall die Anschlussstellen der tatsächlichen Wirklichkeit an theologische Inhalte. Der Terminus „Sitz im Leben“ stammt aus der neutestamentlich-exegetischen Analyse von Bibeltexten. Er bezeichnet in diesem Zusammenhang die vermutete ursprüngliche Entstehungssituation und/ oder Funktion der untersuchten Perikope/Erzählung/Verseinheit und geht auf den protestantischen 27 4 Das Verhältnis von Theologie und Literaturwissenschaft Welt zu finden und so zu nutzen, dass eine Verständigung mit den nicht-religiös orientierten Zeitgenossen wieder möglich wird. Die fiktive literarische Wirklichkeit ist hierbei gleichzeitig eine Möglichkeit für die Theologie, die tatsächliche Art realer Erlösungsbedürftigkeit neu zu erkennen und nicht nur in einer Sprache, sondern auch in einer Weise auf sie zu reagieren, die verstanden wird.25 Aus fiktiv-säkularer Literatur lässt sich herauslesen, wie der religiös Nicht-Interessierte Hilfsbedürftigkeit, Angewiesenheit auf Gnade und Erbarmen eines machtvolleren Gegenübers und die tatsächliche Erlösung und Befreiung aus den dazu gehörigen Leidens- und Verlorenheits-Situationen erlebt. Diese literarischen Hinweise beinhalten die Möglichkeit, den theologischen Blick für die individuellen, gesellschaftlichen und umwelttechnischen Probleme und Leiden der Gegenwart zu bekommen, ohne sie vorher zu bewerten und ihnen damit ihre Brisanz zu nehmen.26 Weitere Voraussetzung dafür ist jedoch das theologische Eingeständnis der Tatsache, dass die historische Kirchengeschichte mit aller theologischen Reflexion als Geschichte der Menschen mit Gott zu verstehen ist und keinesfalls identisch sein muss mit der Geschichte Gottes mit den Menschen, die durchaus weitere andere und von der Theologie als säkular wahrgenommene Wege nehmen kann.27 Theologen Hermann Gunkel zurück. Da sich die Griffigkeit der Formulierung aber für jede gründliche Erschließung eines Textsinns anbietet, wird die Begrifflichkeit mittlerweile auch außerhalb theologischer Forschung verwendet, z. B. im Bereich der linguistischen Textpragmatik, die Texte auf ihre soziologisch relevanten Aspekte hin untersucht. Auf diesem Hintergrund erscheint es gerechtfertigt, den Terminus auch in einer Arbeit zu verwenden, welche eine interdisziplinäre Perspektive aus Theologie und Literaturwissenschaft anstrebt. Vgl.: Berger (1987) oder Berger (1984). 25 Vgl. Beisbart (2005: 83). „Bevor für Gott zu sprechen, von Gott zu reden ist, ist von der Welt zu reden, so wie die Sprache der Menschen eben die erste ist, der sie begegnen können. Da arbeiten die Schriftsteller, dort beginnen sie.“ (Ebd). 26 Es ist der liebende Blick Gottes auf den bedürftigen, verlorenen, säkularen Menschen, der aus theologischer Sicht durch die Maigret-Romane neu eingeübt werden kann. Gleichzeitig weisen sie den Weg zu pragmatischer Hilfe und einem problembezogenen, individuelleren Erlösungsverständnis jenseits bewertender Schwarz-Weiß-Kategorien, wie man es in den Evangelien vom Handeln Jesu an seinen Mitmenschen nachlesen kann. 27 Jede historisch-theologische Entwicklung bzw. Erkenntnis geht in ihrer Intention vom Menschen aus auf Gott zu. Im menschlichen Willen zu glauben, zu verstehen, zu erklären, weiterzugeben und zu bewahren, was Gott als Erlösung für den Menschen in Jesus getan hat, liegt der Ursprung allen Nachdenkens über Gott und damit letztlich der Theologie und der Kirchengeschichte. Damit gehört jede Entwicklung (hier sind auch alle rituellen Handlungen und theoretischen Reflexionen über Verlorenheit, Schuld und Erlösung oder Befreiung gemeint) der theologischen und kirchlichen Geschichte zum Weg des Menschen mit Gott. Hingegen zeigen sich Gottes Interesse am Menschen und dessen Wohlergehen, sowie seine Liebe und Zuwendung zu jedem Einzelnen immer wieder vorwiegend in seinem Handeln am Einzelnen. Zwar gehört zur konzentriertesten und deutlichsten Form seines Erlösungsangebots, das im Leben und Sterben Jesu von Nazareth offenbart wird, immer auch der geistige Zuspruch in emotionalem, psychologischen oder beziehungstechnischen Sinn, aber niemals geht der verbale Zuspruch Jesu ohne pragmatische Hilfe, Erlösung, Heilung und Befreiung vonstatten Die Tatsache, dass Gottes Zuwendung zum Menschen in der Person Jesu ihren geschichtlich sichtbarsten Höhepunkt beinhaltet, bedeutet nicht, dass sein Interesse bzw. seine Liebe und Zuwendung oder sein Werben um jeden Einzelnen mit Jesu Auferstehung und Himmelfahrt aufhören. Wenn nun ab diesem Zeitpunkt der Geschichte Gottes mit den Menschen die menschliche Geschichte des Christentums beginnt, heißt das keinesfalls, dass die Geschichte der Werbung Gottes um den Menschen von ihr abgelöst oder durch sie ersetzt worden wäre. Beide sind keinesfalls identisch miteinander und dürfen daher nicht verwechselt werden. 28 Teil I: Theoretische Hintergründe Darüber hinaus könnte die Akzeptanz der Tatsache, dass der Literat die Wirklichkeit als Fiktion für „religiös Unmusikalische“28 realistischer abbilden kann als die theologische Theorie, Bonhoeffers Forderung nach einer nicht-religiösen Interpretation theologischer Begriffe zum Grundwortschatz verhelfen.29 Die systematische Diskussion über den theologischen Umgang christlicher Apologetik mit der Mündigkeit der Welt soll hier nicht weiter verfolgt werden. Interessant ist jedoch, dass Bonhoeffer an mehreren Stellen in Widerstand und Ergebung auf die Ohnmacht der religiösen Sprache in ihrem ursprünglichen Kontext hinweist.30 Auch er löst das Sprachproblem nicht, indem er eine solche Interpretation vorlegt, aber er verweist auf die einzige, universell-verständliche Sprache der Mitmenschlichkeit.31 Da die Sprache der Literatur zeichenhaft, evokativ und offen ist, ist sie einerseits durch ihre rein weltliche Intention in der Lage, die nachaufklärerische Mündigkeit der Welt zu respektieren und andererseits, ohne explizit von Gott zu sprechen, den profanen Kosmos des Lesers zu sprengen und so das vorhandene Weltbild auf die Frage nach dem Sinn des eigenen Handelns auszurichten.32 Die zentrale Funktion literarischer Texte als „Erfahrungsverdichtung, Erfahrungsdeutung und Erfahrungsweitergabe“33 mit einer immanenten „diesseitigen Religiosität“34 kann auf individuelle Art die Innensicht religiöser Problemfelder beleuchten und bietet so Anknüpfungspunkte und Identifikationshilfen zur Bestimmung einer eigenen Position, ohne theologische Begrifflichkeiten bemühen zu müssen. Durch solche Literatur findet moralisches und religiöses Identitätswachstum statt, ohne dass es überhaupt in ein Konkurrenzverhältnis zur Theologie gestellt werden muss. Als Chance für die Theologie bedeutet dies, dass Literatur „die Fähigkeit fördern [kann], die Mehrdimensionalität von Wirklichkeit wahrzunehmen“35 und so „ein Mittel gegen den drohenden Wirklichkeitsverlust“36 theologischen Denkens und Sprechens bzw. gegen die Unverständlichkeit der dogmatischen Glaubenssprache darstellt.37 28 Barth (2013: 17). 29 Vgl. Bonhoeffer (1997: 170–173f.). 30 Vgl. Bonhoeffer (1997: 156f., 173f.). 31 „Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.“ Bonhoeffer (1997: 156). 32 Vgl. Beisbart (2005: 86). „Je subtiler und genauer Menschen den Prozess der Wirklichkeit wahrnehmen, an dem sie selbst beteiligt sind, desto offener sind sie für ästhetisch-literarische Texte und deren Welten. Und je mehr sie diese Sprachfähigkeit als eine wahrnehmende und formende ausbilden, desto mehr erkennen sie, dass sie sich auf der Grenze befinden, die ihnen religiöse und theologische Vorstellungen als Teil ihrer Wirklichkeit nicht mehr fremd machen wird.“ Beisbart (2005: 89). 33 Sajak (1998: 160). 34 Sölle (1996: 29). 35 Berg (1991: 31). 36 Cornehl (1983: 57). 37 Vgl. Langenhorst (2005: 234): „Gerade die Kraft solcher Visionen dessen, was sein könnte, zeichnet die besondere Faszination literarischer Texte aus. Diese Möglichkeiten beinhalten Visionen von gelingendem Leben und vorbildhaftem Verhalten, den Entwurf von Modellen im Blick auf gefundene Identität und ersehnte Erfüllung. In einer vergleichbaren ‚Grammatik der Sehnsucht‘ sind auch theologisch alle Aussagen über Gott letztlich beheimatet. Richtig verstanden sind alle Elemente der Glaubenssprache Sehnsuchts- und Hoffnungsaussagen (…).“ (Ebd). Teil II: Wissenschaftliche Zugänge 31 1 Literaturwissenschaftlicher Zugang zu den Maigret-Romanen Die Aufnahme Simenons in die Literatur der „Pléiade“ im Jahr 20031 lässt sich als Fingerzeig daraufhin interpretieren, dass mehr hinter den Kriminalromanen des belgischen Schriftstellers steckt, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Es muss daher gestattet sein zu fragen, wie es zu diesem außergewöhnlichen Erfolg der Maigret-Serie kommt, wie es dazu kommt, dass man nicht (nur) dem hochrangigen Schriftsteller ein Denkmal setzt, sondern tatsächlich der von ihm erfundenen Figur des Kommissar Maigret2, und wie Simenon selbst dazu kommt, sich dem von ihm fiktiv ins Leben gerufenen Chef der Pariser Kriminalpolizei gegenüber zu Dank verpflichtet zu fühlen.3 Neben dem eingangs erwähnten ontologischen Grundbedürfnis nach Hilfestellung und Orientierung, das vor allem durch das charakteristische Verhalten des Kommissars befriedigt wird, liegt ein weiterer Grund für den anhaltenden Erfolg der Krimi-Reihe auch in der inhaltlich-motivischen Struktur der Maigret-Romane, welche eng mit der Konzeption der Maigret-Figur verbunden ist und ein Novum der Gattung beinhaltet.4 Die Art der in den Simenonschen Kriminalromanen geschilderten Grundsituationen menschlicher Verlorenheit der schuldigen und mitschuldigen Beteiligten der Romanhandlung und das dazugehörige und darauf reagierende Handeln des ermittelnden Kommissars Maigret5 sind demnach besonders aussagekräftig. 1.1 Die idealtypische Konzeption des Rätselkrimis Für das Verständnis der Besonderheit der Maigrets6 interessant ist die Tatsache, dass Simenon sich zeitgleich zur Entstehung der ersten Proto-Maigrets und von Pietr-le- Letton (dem offiziell ersten Maigret-Roman) mit dem damals idealtypischen Modell der Rätselkrimis beschäftigt, indem er zwischen 1929 und 1932 eine Reihe kurzer Detektivge- 1 Zur Aufnahme in die Pléiade vgl. Dubois/Denis (2003: IX–LXXI). 2 In Delfzijl in den Niederlanden hat man Kommissar Maigret ein Denkmal errichtet. Dort hat Simenon 1929 an Bord seines Bootes, der Ostrogoth, den Kommissar erdacht, während er im Fluss die Füße baumeln ließ und sich eine alte Schreibmaschine auf einer umgestülpten Kiste zur Komplizin machte. So zumindest die Legende. Vgl. Kommentar zur Maigret-Gesamtausgabe in 75 Bänden des Diogenes-Verlags 2008/09 in Maigret erlebt eine Niederlage (2009: 186). Zur Entstehung Maigrets vgl. Keel/Bauer/von Planta (2002: 497); Eskin (1999: 138f.). 3 „Maigret – ich schulde ihm großen Dank, denn mit seiner Hilfe habe ich aufgehört, ein Anfänger zu sein, und bin für lange Zeit ein Romancier geworden.“ Simenon, Georges auf der Diogenes Umschlaggestaltung von Maigret erlebt eine Niederlage (2009: Rückseite). 4 Zur besonderen strukturellen Konzeption der Maigret-Romane vgl. Teil II, Kap. 1.3.1. 5 Zu einem thematischen Überblick über die geschilderten Grundsituationen als Basis für die Verdeutlichung des Verhaltens von Maigret vgl. Teil II, Kap. 1.4., Teil IV, Kap. 1.2.1. und 2. 6 Im Folgenden wird der Begriff Maigret kursiv gesetzt, um zu verdeutlichen, dass es um den Roman bzw. die Romanserie als Ganzes geht. Für die Bezeichnung der Figur bleibt der Begriff in seinem Schriftbild unverändert. 32 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge schichten veröffentlicht7, welche das zeitgenössische Credo der Whodunit-Frage8 auf schematische Art und Weise bedienen9. Diese Rätselspiele in Kurzgeschichtenform stellen in ihrer Rekurrenz auf das traditionelle Modell des Rätselkrimis den absoluten Gegenpol zum Maigret-Entwurf10 dar. Im Rückblick auf die Tatsache, dass Simenon zeitlebens den Struktur-Entwurf der Maigret-Romane weiterverfolgt und im Hinblick auf die schriftstellerische Gestaltung der beiden einander entgegen gerichteten Modelle wird überdeutlich, dass der Autor dem traditionellen Schema sowie den damals gängigen Detektivkonzeptionen nichts abgewinnen kann.11 7 Diese Detektivgeschichten erschienen in der Zeitschrift Détective als Rätsel bzw. Beschreibung einer Situation, deren Lösung der Leser binnen einer Woche dem Verlag schriftlich mitteilen konnte. Später wurden diese Geschichten als Sammlungen zusammengefasst und unter den Titeln Les treize énigmes und Les treize mystères herausgegeben. Vgl. Eskin (1992: 141, 499). 8 Der Begriff der Whodunit-Frage leitet sich aus der Frage „Who has done it?“ ab und bezieht sich auf die klassischen W-Fragen eines Rätselkrimis. Sie wird im englischen Slang sogar als Gattungsbezeichnung für den Rätselkrimi verwendet: Wer beging den Mord? Wo? Wann? Wie? Warum? Sie klären den Tathergang, die Frage nach dem Mörder und das Tatmotiv. Der Whodunit-Begriff enthält gleichzeitig den Verweis auf die Priorität des intellektuellen Rätsels – wie und von wem wurde der Mord begangen? - innerhalb der Detektivgeschichte. Vgl. Nusser (1992: 29). Um das Verständnis des idealtypischen Detektivs zu erleichtern, sei hier eine Zusammenfassung der wesentlichen Merkmale des idealtypischen Rätselkrimis vorangestellt: „Der traditionelle Kriminalroman präsentiert sich als perfektioniertes „Whodunit-Rätsel“, als (…) Denksportaufgabe; die Arbeit des Detektivs konzentriert sich ausschließlich auf die Ermittlung des Täters (…). U. Schulz-Buschhaus (…) hat (…) die Elemente action, analysis und mystery als typische Kompositionselemente des Kriminalromans herausgestellt. Mit action beschreibt er die Handlungsteile, in denen Verbrechen, Kampf, Flucht, Verfolgung etc. dargestellt werden; mit analysis bezeichnet er die Passagen, dank deren Präsenz der Kriminalroman den vielgepriesenen Charakter einer Denksportaufgabe erhält; mit mystery meint er die planmäßige Verdunkelung des Geschehens, die am Ende des Romans einer völlig unvorbereiteten und unvorhergesehenen Erhellung Platz macht. Unter Zugrundelegung dieser Kategorien läßt sich für den traditionellen Kriminalroman feststellen, daß neben dem analysis-Element das mystery-Element die zentrale Rolle spielt: Der Autor stellt einen unerhörten, mysteriösen Kriminalfall vor; der Leser wird, die Arbeit des Detektivs, also die analysis verfolgend, immer wieder auf die falsche Fährte geführt, so daß am Ende die vom Detektiv gemachte Entdeckung als „Superleistung“ und der Detektiv selbst als (…) „Computer-Mensch“ erscheinen.“ Zitiert nach Arens (1988: 14f.). Mit Schulz-Buschhaus ist folgendes Standardwerk über die Kriminalliteratur gemeint: Schulz-Buschhaus (1975). 9 Über die Verwendung der Begrifflichkeiten und Definitionen von Kriminalliteratur, Rätselkrimi, Detektivgeschichte, Thriller, Verbrechensliteratur etc. existieren verschiedene wissenschaftliche Auffassungen. Vgl. dazu das Theoriekapitel bei Nusser (1992: 1–7). Diese Diskussion ist inzwischen fast überholt; ich verwende im Folgenden den Begriff Kriminalliteratur als Oberbegriff für Verbrechensdichtung und Rätselkrimi als Synonym für das idealtypische Modell des Detektivromans nach Edgar Allan Poe und Sir Arthur Conan Doyle. Die Struktur des Rätselkrimis wird später näher erläutert. 10 Und hier ist sowohl Maigret als Figur als auch die Konzeption des Maigret-Romans an sich gemeint. Die Gründe dafür werden in den Kapiteln über die gattungstechnischen und inhaltlich-motivischen Besonderheiten Maigrets angedeutet. 11 Es gilt zudem als eindeutig belegt, dass sich Simenon auch mit dem Verfassen der Maigret-Romane von seinen literarischen Lehrjahren verabschiedet und dem Vorhaben widmet, Literatur zu schreiben: „Daß „Erzählen“ ein hochgradig vermittelter Vorgang ist und künstliche „Erzählnaivität“ nur um den Preis der Trivialität funktioniert, das weiß auch Simenon. Damit ist er am Anfang der 30er Jahre sozusagen „durch“. Er hat bis dahin knapp einhundertdreißig Groschenromane verfasst, (…) 33 1 Literaturwissenschaftlicher Zugang zu den Maigret-Romanen Um die Abweichungen vom traditionellen Schema der damals üblichen Detektiv literatur besser nachvollziehen zu können, sei an dieser Stelle kurz das idealtypische Modell des Detektivs im Rätselkrimi skizziert: Auf Basis der anglophonen Detektivromane Edgar Allan Poes (Auguste Dupin) und Sir Arthur Conan Doyles (Sherlock Holmes) lässt sich eine idealtypische Detektivfigur des englischsprachigen Raums etablieren, deren Konzept – abgesehen von einer vorhandenen französischen Alter nativentwick lung12 – auch im frankophonen Raum die Gattung des Kriminalromans dominiert: Mit Auguste Dupin und Sherlock Holmes stehen Scharfsinns-Helden Pate für einen über der Gesellschaft stehenden Außenseiter mit brillantem Intellekt von meist adeliger Abstammung, der von seiner Umwelt aufgrund exotischer und kostspieliger Eigenheiten als Exzentriker wahrgenommen wird und dem Lösen von Mordfällen als rationalem Zeitvertreib für Genies nachgeht. Bis auf das Verhältnis zu einem treuen, aber bei weitem nicht so intelligenten Helfer und/oder Diener (der sog. Watson-Figur), unterhält dieser übernatürlich analytisch Begabte keinerlei Beziehungen, weder zum anderen Geschlecht noch zu einer möglichen Familie. Auch Emotionen in der rein analytischen Deduktion der Fälle13 lassen sich bei diesem Typus von Detektiv nicht finden. Die so entstehende Extraposition des idealtypischen Detektivs begünstigt weiterhin dessen Unnahbar- und Unerreichbarkeit, der damit außerhalb jeglichen Engagements für die Gesellschaft anzusiedeln ist. Sein Bestreben, die Mordfälle zu lösen, ist noch am ehesten mit ehrgeizigem Sportsgeist zu vergleichen. Seine Hauptfunktion besteht im Wesentlichen darin, als vergeistigte, vom Alltag isolierte, über allen und allem stehende Verkörperung übernatürlicher Intelligenz am Ende der Geschichte durch die Auflösung eines intellektuellen Rätsels zu brillieren und alle anderen Figuren (inklusive Leser) in ehrfürchtiges Staunen ob seiner unglaublichen intellektuellen Fähigkeiten zu versetzen. 1.2 Typisch französische Abweichungen vom Idealtypus Die davon abweichenden frankophonen Tendenzen und Eigenheiten beziehen sich historisch betrachtet zunächst nicht auf die grundsätzliche Funktion des idealtypischen Detektivs im Rätselkrimi, sondern nur auf die konkretere Ausgestaltung der Detektivfigur. Der französische Detektiv-Idealtypus ist bodenständiger und realistischer als sein englischer Kollege, zwar zieht auch er logische Schlussfolgerungen aufgrund von Indizien, im Gegensatz zum verkopften englischen Typus aber gibt er nichts auf die Theorie an sich. Intuition ersetzt das intellektuelle Spiel. Aufgrund der historisch gewachsenen Nähe zum Schauerroman interessiert sich die französische Version des idealtypischen Detektivs wesentlich mehr für das Umfeld des Mordes und die dazugehörigen biograund macht sich mit der Figur Maigret auf, jetzt endlich „Literatur“ zu verfassen. Fast gleichzeitig konzipiert er seine anderen Romane, (…) ebenfalls explizit als „Literatur“. Wörtche (2000: 221). 12 Die hier angedeutete Alternativentwicklung meint eine nationalphilologische Tendenz französischsprachiger Autoren, ihre Detektivfiguren aufgrund eigener französischer Wurzeln abweichend vom anglophonen idealtypischen Modell zu gestalten. Vgl hierzu die noch folgende tabellarische Übersicht am Ende von Teil II, Kap. 1.2. 13 Hier sind gemeint: Emotionen wie z. B. Mitleid mit dem Opfer, Angst vor dem Täter, Erschrecken über die Brutalität des Mordes. 34 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge phischen Verwicklungen wie Familiengeschichten oder amouröse Abenteuer als für das Mordrätsel der Tat, das eher das Gerüst für die anderen Handlungsschauplätze bietet.14 Der Detektiv des französischen Mord-Geschehens im Rätselkrimi ist eher handwerklich orientiert als intellektuell, eine Figur mit tatkräftigem Ethos, die selbst gern Hand anlegt und sich auch schmutzig macht. Er ist ein Mensch der Tat, auch wenn sein Arbeitsgebiet die Lösung gedanklicher Rätsel zum Inhalt hat. Während die anglophonen Autoren der idealtypischen englischen Konzeption die Sphäre von Exotik und Exzentrik für den eigenen Detektiv erst anlegen müssen, erscheint dieses Attribut auf französischer Seite als selbstverständliche Voraussetzung für die Detektivtätigkeit und wird nicht weiter betont. Dafür ist im Wesentlichen die Nähe der französischen Variante des Idealtypus zur kriminellen Seite verantwortlich.15 Familie ist jedoch auch für die französische Detektiv-Variante nicht denkbar. Die noch zu erläuternde gattungsspezifische Besonderheit der Maigrets kann nur in Zusammenhang mit dem abstrakten Konzept eines idealtypischen Rätselkrimis und auf dem Hintergrund der historischen Entwicklung von anglophoner und frankophoner Kriminalliteratur, ihrer gegenseitigen Einflussnahme und ihren Wechselwirkungen aufeinander deutlich werden. Um diese gemeinsame Entwicklung in übersichtlicher Form darzustellen, sei hier auf die eingefügte Tabelle am Ende des Abschnitts verwiesen, welche die Entwicklungsverläufe beider Nationalitäten schematisch nebeneinander stellt und durch Farben, Pfeile und Erklärungen in Klammern zueinander in Beziehung setzt. Über diese Skizze wird deutlich, zu welchen Grundmustern und -figuren die meisten Bezüge laufen und an welchen Stellen unabhängige Entwicklungen stattfinden. Eine literarische Gegenüberstellung der nationalen Konkretionen des Idealtypus findet sich – allerdings aus französischer Sicht – in Maurice Leblancs Arsène Lupin contre Herlock Sholmès.16 Hier zeigt sich in der Konzeption Lupins17 eine französische Reaktion 14 Diese Tatsache hängt mit der Veröffentlichungsform der ersten Detektivgeschichten zusammen, die im Feuilleton häppchenweise veröffentlicht wurden. In Reminiszenz an diese Form, die den Spannungsbogen bis zur nächsten Ausgabe über die Darstellung von Familienepen und melodramatischen Liebesgeschichten der Verdächtigen halten musste, bleibt dieser Handlungsbereich zunächst erhalten. Die Nähe zum frankophonen Abenteuer- und Schauerroman ist hier unübersehbar. Konkrete Beispiele für anglophone und frankophone Detektivfiguren, sowie Einflussrichtungen und literarische Reaktionen auf die einzelnen Detektive werden in der Tabelle am Ende dieses Abschnitts aufgeführt. 15 Die abenteuerliche und außergewöhnliche Wirkung des französischen Rätseldetektivs rührt davon her, dass er entweder über eine eigene kriminelle Vergangenheit verfügt oder über dieselben Fähigkeiten wie der verfolgte Übeltäter. Lecoq als Detektiv besitzt beispielsweise die Macht unbegrenzter Verwandlungsmöglichkeiten, beherrscht die Kunst der Verkleidung, die ihm ein ebenso konspiratives Flair verleiht wie sie ihn in die Nähe der maskierten Verbrecher rückt, die er jagt. Diese Nähe zur dunklen Seite wird teilweise so eng, dass an dieser Stelle für den Idealtypus nicht festgelegt werden kann, ob er nun eher als Polizist oder als Krimineller seinen Lebensunterhalt verdient. Auch dieses Merkmal lässt sich auf die Wurzeln des frankophonen Rätselkrimis im Abenteuer- und Schauerroman zurückführen, deren Helden häufig selbst Gesetzeslose darstellen. 16 Leblanc, Maurice (1960): Arsène Lupin contre Herlock Sholmès. Paris: Hachette. Natürlich ist der Herlock Sholmès dieses Werkes nicht dem anglophonen Idealtypus entsprechend konzipiert, aber die Figur des Arsène Lupin lehnt sich von ihrer Konzeption als Anti-Figur so sehr an Dupin und Holmes an, dass der anglophone Idealtypus indirekt ebenso erkennbar wird, wie die ablehnende Haltung in der karikierenden Darstellung des anglophonen Helden. 17 Schon die sprachliche Anlehnung des Namens an Poes Auguste Dupin ist auf den ersten Blick mit einem spöttischen Nebenton erkennbar. 35 1 Literaturwissenschaftlicher Zugang zu den Maigret-Romanen und in der Spottfigur Herlock Sholmès eine Contrafaktur auf Auguste Dupin und Sherlock Holmes, die anglophone Variante.18 Bis auf Gaston Leroux19 folgen die französischen Kriminalromanschriftsteller weitestgehend ihrer nationalphilologisch eigenen Variante des idealtypischen Konzepts. Die Einflüsse von Vidocqs Mémoires, der Konzeption Gaboriaus und der Elemente aus der Rocambole-Serie von Ponson du Terrail finden sich z. B. auch noch in der Figur des Fantômas von Marcel Allain und Pierre Souvestre, auch wenn diese Figur nicht mehr ganz eindeutig den Detektivromanen nach dem Begriff zugeordnet werden kann, der bisher verwendet wurde.20 Obwohl nun eindeutig ist, dass auch ein Maigret nicht im luftleeren Raum entstand, wird doch gerade auf dem Hintergrund der beiden nationalphilologischen Varianten des Idealtypus deutlich, inwiefern die Maigrets tatsächlich eine Sonderstellung innerhalb der Gattungsgeschichte einnehmen und wodurch sich der Kommissar selbst – außer den Abweichungen gegenüber dem Idealtypus – von seinen literarischen Vorgängern abhebt. 1.3 Die gattungsspezifische Besonderheit der Maigret-Romane Auch in Frankreich hat sich trotz frankophoner Eigenheiten der idealtypische Detektivroman bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts als Kompositionsschema durchgesetzt, so dass mit dem Erscheinen und dem Erfolg der Maigrets in den 40er Jahren von einem konzeptionellen Wendepunkt21 gesprochen werden kann, der eine eindeutige Gegenbewegung auf der Basis nationalphilologischer Besonderheiten französischer Detektivfiguren beinhaltet. Insbesondere als Figuren-Konzeption entspricht Kommissar Maigret nun keinesfalls den gängigen, in ihrer Entstehungszeit üblichen Aspekten und Merkmalen populärliterarischer Detektive.22 Aber auch in ihrer strukturellen Konzeption beinhalten die Maigret-Romane eine Gegenbewegung zum traditionellen Rätselkrimi, welche die neue Figurenkonzeption überhaupt erst zur Geltung bringen kann. Auf diesem Hintergrund ist auch Simenons Aussage, seine Kriminalromane seien die schlechtesten der Welt23 zu verstehen: Gerade die Nicht-Erfüllung traditioneller und als allgemeingültig verstandener Kompositionsschemata der Gattung macht Maigret und die Maigrets zu etwas Besonderem.24 Bevor 18 Interessant für die Verwirklichung des frankophonen Gegenstücks ist bei Lupin der fließende Übergang vom Ganoven zum Polizisten, der durch sein permanentes Verwandlungsspiel irgendwann selbst zum Chef der Sûreté (der damaligen französischen Polizei) wird. 19 Die Figur des jungen Journalisten Rouletabille, der in Leroux’ Detektivromanen den Detektiv verkörpert, imitiert das englische Vorbild des rein intellektuell betonten Rätselkrimis und des anglophonen Idealtypus. Vgl. Leroux (1960). 20 Zur Verwendung des Begriffs „Detektivroman“, vgl. Nusser (1992: 1–3). 21 Vgl. Arens (1988: 16). 22 Vgl. Teil II, Kap. 1.3.3. 23 „Mes romans policiers sont les plus mal faits du monde.“ Aus einem Vortrag in New York, aufgezeichnet in: The French Review 1946, S. 212–229, hier S. 224. Zitiert nach Arens (1988:12). Die deutsche Übersetzung lautet: Meine Kriminalromane sind die am schlechtesten gemachten der Welt. Auch zu finden bei Schmölders/Strich (1978: 9–39). 24 Die traditionellen Kompositionsschemata des Kriminalromans sind zu finden bei Arens (1988: 13f., 45). 36 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge Mémoires The Murders in The Rue Morgue 37 1 Literaturwissenschaftlicher Zugang zu den Maigret-Romanen wir uns also der Figuren-Konzeption Maigrets zuwenden, sei betrachtet, was an der Simenonschen Version der Detektivgeschichte für ihre Zeit so neu ist.25 1.3.1 Eine neue Struktur erschließt neue Gehalte Zentral ist nach dem traditionellen Kompositionsschema für Kriminalromane die Entschlüsselung der W-Fragen26, bzw. des mystery-Elements27 durch einen personifizierten Intellekt, was gleichzeitig verdeutlicht, dass der kompositorische Schwerpunkt im idealtypischen Rätselkrimi auf der Spannung der Suche nach dem Mörder und der Frage nach der Art und Weise des Mordes liegt, denen gegenüber alle anderen Rätselelemente und Aspekte der Geschichte (analysis und action) deutlich in den Hintergrund treten28. Die Reaktion des Verlegers, dem Simenon seinen ersten Maigret (Pietr-le-Letton) anvertraut, spiegelt deutlich, dass nicht nur die Figur des Kommissars, sondern die gesamte Romankonzeption nicht den üblichen Spielregeln entspricht: [N]ous allons à la catastrophe (…) Vos romans policiers ne sont pas de vrais romans policiers (…) Ils ne jouent pas la règle du jeu.29 Die genaueren Ausführungen Fayards bringen die Abweichungen vom bisher gewohnten Schema für Detektivgeschichten auf den Punkt: [E]rstens sei das keine richtige Detektivgeschichte, in der ein Rätsel mit unbestechlicher Logik gelöst werde, zweitens sei sein Detektiv weder unfehlbar noch jung oder sexy, drittens gebe es keine klare Trennung von gut und böse, viertens komme keine Liebesgeschichte darin vor und überhaupt nehme alles ein trauriges Ende.30 Arens31 bringt die strukturelle, besondere Bedeutung der Maigrets bezüglich der Ablösung von der traditionellen Struktur des Kriminalromans pointiert zum Ausdruck: Simenon hat nun (…) einen gänzlich n e u e n Typ des Kriminalromans geschaffen, indem er sich v o l l k o m m e n von der traditionellen Struktur der Gattung gelöst hat. Die (…) Maigret-Serie muß als „charnière“, als Weichenstellung, in der gattungsgeschichtlichen Entwicklung (…) angesehen werden.32 25 Die nachfolgenden Ausführungen beschränken sich auf die Maigret-Romane. 26 Die W-Fragen sind die deutsche Übersetzung der bereits erwähnten englischen Whodunit-Frage. 27 Vgl. Fußnote 8 in Teil II, Kap. 1.1., welche die W-Fragen und Strukturelemente des idealtypischen Rätselkrimis nach Schulz-Buschhaus (1975) bei Arens (1988) ausführlich vorstellt. 28 Vgl. Nusser (1992: 30, 87f.). 29 The French Review, S. 223f., nach Arens (1988: 12), frei übersetzt: „Das gibt eine Katastrophe (…) Ihre Krimis sind keine richtigen Krimis (…) Sie entsprechen nicht den üblichen Spielregeln.“ Vgl. auch Hebey (2003: 90). 30 Eskin (1992: 146). 31 Arens (1988). 32 Arens (1988: 16). 38 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge Er stellt fest, dass Simenon zum einen die von Schulz-Buschhaus erarbeiteten, typischen Kompositionselemente des Kriminalromans33 action, analysis und mystery in ein neues Verhältnis zueinander setzt und zum anderen darüber hinaus das analysis- Element selbst auf eine völlig neue Art und Weise inhaltlich füllt: War bisher im typischen Kriminalroman das mystery-Element vorherrschend34, legt Simenon in den Maigrets den Schwerpunkt auf den Bereich der analysis35 und lässt die mystery-Spannung fast gänzlich außer Acht. Die inhaltliche Neubestimmung des analysis-Elements bezeichnet Arens zwar Schulz-Buschhaus folgend als „Stilisierung auf das Alltägliche“36 und zeigt in drei Bereichen (Verbrechen, Detektiv, Täter) eine neue Ausrichtung des Simenonschen Kriminalromans auf dem Leser bekannte und alltägliche Situationen, Umgebungen, Personenkonstellationen, charakterliche Merkmale und Eigenschaften. Das aber als „Simenons größtes literarisches Verdienst und zugleich den wesentlichen Grund für seinen Erfolg“37 herauszustellen, erscheint noch etwas zu kurz gefasst.38 Das Hauptproblem der wissenschaftlich-theoretischen Annäherung an die Maigret- Romane Simenons und seinen neuen Kommissar liegt in der Zuordnung zu festgelegten Gattungsmerkmalen, die nur eine Übereinstimmung oder Abweichung zu bestimmten Kategorien (Detektiv/Krimi) konstatieren kann, dadurch aber noch nicht aussagt, was das Spezifische der Konzeption (oder der Geschichte) genuin ausmacht. Wörtche39 hat auf eben diesen Umstand hingewiesen und weiterhin verdeutlicht, dass es bei Simenons Werken um mehr geht als nur um die Zugehörigkeit zum Genre der Kriminalliteratur.40 Die unausgesprochene Übereinkunft, das eine Textkorpus seien „Krimis“, das andere nicht, steuert die Wahrnehmung dessen und den Diskurs über das, was die einen zu leisten imstande sind, die anderen nicht. Die Non-Maigrets sind keine „Krimis“, also müssen sie mit Sinndimensionen versehen sein, die „Krimis“ abgehen müssen. Und in Krimis sucht man a priori nicht nach solchen Dimensionen, weil man sie (…) gar nicht erwartet.41 Die von Wörtche angedeuteten Sinndimensionen der Maigrets sind ohne die strukturelle Verschiebung des Analyse-Schwerpunkts Simenons vom Wie? auf das Warum? undenkbar, impliziert sie doch einen Wechsel des Romangegenstandes und der auktorialen Per- 33 Vgl. Schulz-Buschhaus (1975). 34 Irreführung bezüglich und Verdunkelung der Fragen: Wer ist der Mörder? Wann und wie wurde das Opfer ermordet? 35 Analysis meint hier: Erhellung der Fakten durch Beschreibung und Darstellung der Ermittlung, der Ermittlungsmethoden, der Beteiligten, dem Fortgang der Suche nach Antworten auf die W-Fragen. 36 Arens (1988: 16). 37 Schulz-Buschhaus (1975: 167), nach Arens (1988: 17). 38 Vgl. Arens (1988: 1–31). Zur Kritik an Arens und Schulz-Buschhaus vgl. Wörtche (2000: 219f.). 39 Wörtche (2000: 215–227). 40 „Man diskutiert ästhetisch singuläre Texte (…) zusammen mit dem ganzen Bodensatz trivialer und schlicht unbedeutender Texte (…), weil es (…) ein paar marginale Gemeinsamkeiten gibt. (…) Das ist so, als würde man die Geschichte des Romans im 20. Jahrhundert anhand von Thomas Pynchon und Heinz Konsalik, an Günter Grass und Rosamunde Pilcher, an Franz Kafka und Danielle Steel diskutieren.“ Wörtche (2000: 217). 41 Wörtche (2000: 219). 39 1 Literaturwissenschaftlicher Zugang zu den Maigret-Romanen spektive: Anstelle der Funktion des intellektuellen Rätselspiels tritt bei Simenon die recherche de l’homme nu, die Suche nach dem bloßen Menschen (dt.: wörtl. nackten Menschen), die psychologischen und sozialen Hintergrundzusammenhänge, auf denen sich die geschilderten Dramen und Krisen der Kriminalrahmenhandlung abspielen (bzw. zum Zeitpunkt des Mordes bereits abgespielt haben). Der von Arens bezeichnete Wendepunkt der Gattungsgeschichte des Kriminalromans nimmt zwar seinen Ausgangspunkt in einer strukturellen Veränderung des idealtypischen Schemas, liegt aber inhaltlich in der daraus resultierenden Konsequenz, dass die eigentliche Form des Rätselspiels kein Selbstläufer mehr bleibt, sondern zum Rahmen neu zu erschließender tiefgründiger Romangegenstände wird, die im Fall Simenons größere Verwandtschaft zu Balzac42 als zu Conan Doyle aufweisen. Darin liegt das Verdienst Simenons um den Kriminalroman, ohne den zeitgenössische Figuren wie Brunetti, Bruno (chef de police) oder John Coffin nicht vorstellbar wären.43 Es gibt eine ganze Reihe von Maigret-Romanen, deren Fabel etwas ganz anderes im Sinn hat, als der Begriff „Krimi“ abzudecken vermag. Die Sozio- und Psychologie einer Haus-Gemeinschaft, das Herauspräparieren sozialer Rituale (…), die merkwürdigen Manifestationen sexueller Obsessionen – all das wird in den Maigret-Romanen derart intentional exaltiert, daß eine Qualifikation als „Krimi“ sich nur noch an der Figur Maigret und dem Anfall einer (…) Leiche(n) festmachen ließe (…). (…) Wer der Mörder ist, wird, (…) sekundär im Vergleich zum Porträt eines einsamen Soziopathen, wenngleich die „Enquête“ das Erzählskelett des Romans liefert.44 An die Stelle winziger Staubteilchen und ausbleibenden Hundegebells in der Nacht treten bei Simenon atmosphärische Beschreibungen, Charakterdarstellungen und Milieustudien über die sozialen, intimen und öffentlichen Bereiche des Lebens, in denen die Verdächtigen verkehren und in denen auch Maigret sich daher während seiner Ermittlungen bewegt.45 Simenon geht es – das wird in den Maigrets deutlich – um das Studieren der menschlichen Natur und des menschlichen Schicksals.46 Gattungstheoretisch bedeutet diese Neuerung der Detektivkonzeption in der Figur Maigrets eine Befreiung des traditionellen Detektivromans: Durch die Verlagerung des Haupt-Rätselinteresses im Kriminalroman (weg von der Frage, wer den Mord begangen 42 „Der Balzac des 20. Jahrhunderts“ Keel, Daniel: Simenon auf Deutsch. S. 18f., in: Diogenes-Magazin Nr. 15, Herbst 2014. Zürich: Diogenes. Vgl. auch Keil (2004: 70). 43 Commissario Brunetti ist die venezianische Detektiv-Figur Donna Leons, Gwendolyne Butler hat den Londoner Polizeichef John Coffin erschaffen und Bruno, chef de police, geht auf Martin Walker zurück, der zu Maigret folgendes zu sagen hat: „Simenon ist mein Meister und Maigret der Pate – ohne sie beide wäre mein Bruno, chef de police, undenkbar.“ Nachzulesen auf: www.diogenes.de/ leser/aktuell/newsletter_archiv/alle/1007#n1007. 44 Wörtche (2000: 224f.). 45 Vgl. Schulz-Buschhaus (1975: 168f.). 46 Nach Wörtche können die Maigrets den üblichen Regeln und Strukturen des idealtypischen Detektivromans gar nicht entsprechen, weil Simenon den Rahmen der polizeilichen Untersuchung nur deshalb benutzt, weil er literarisch und wirtschaftlich funktioniert: Über die Figur Maigrets und die (grobe) Form des Krimis verfolgt Simenon der Meinung Wörtches nach sein eigentliches literarisches und wesentlich psychologischeres Anliegen der Suche nach dem bloßen Menschen, weil er weiß, dass er auf diesem Weg seine Erkenntnisse auch verkaufen kann. Vgl. Wörtche (2000: 225, 226). 40 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge hat hin zur Enträtselung der Hintergrund-Motive für eine solche Schreckenstat) und durch die daraufhin ausgerichtete Konzeption des Detektivs, (der nicht mehr außerhalb eines Falls rein deduktiv vorgeht, sondern sich in den Nachvollzug biografischer Traumata, sozialer Missstände und aller anderen Grauzonen menschlichen Lebens begibt), wird die Gattung des Detektivromans von der Notwendigkeit befreit, als schematisch-oberflächliche und phantastisch-unrealistische Enträtselung eines geradezu unglaublichen Tötungs-Mechanismus konzipiert zu werden. Sie erhält dadurch die Möglichkeit, einer tiefgründigeren, detailgetreueren Milieustudie im Sinne eines realistischer anmutenden Romans Platz zu machen. 1.3.2 Die Fiktion der Wahrscheinlichkeit Das bereits durch die neue Grundthematik der recherche de l’homme nu bedingte, recht hohe Wahrscheinlichkeitspotential der geschilderten Grundsituationen in den Maigret- Romanen47, wird durch andere stilistische Elemente von Simenon zusätzlich verstärkt. Schulz-Buschhaus teilen die wirklichkeitsnahe Wirkung der Maigrets auf die drei literarischen Bereiche Struktur, Erzählstil und Figureninventar auf.48 Strukturell kommen nach ihrer Beobachtung zur bereits erwähnten Schwerpunktverschiebung von mystery auf analysis, die Absenz unwahrscheinlicher Elemente49, der (gelegentliche) Verzicht auf ein Happy End50 und die Analyse einer fiktiven Realität wie psychologische Studien als Gegenstand hinzu, welche den sehr realitätsnahen Eindruck erhärten. Bezüglich des Erzählstils wählt Simenon, um auch sprachlich dicht am Leser zu bleiben, vorsätzlich einen einfachen Schreibstil mit kurzen Sätzen und einem begrenzten Vokabular von ca. 2000 Wörtern.51 Krechel52 hat nachgewiesen, dass das von Simenon verwendete Vokabular sich auf eine möglichst gegenständliche Sprachebene bezieht, damit kein Interpretationsspielraum bezüglich des Gemeinten offen bleibt.53 Auf Tropen und sonstige literarische Stilfiguren einer poetischen Sprache wird verzichtet, anstelle 47 Das Wahrscheinlichkeitspotential entspricht der in der Sekundärliteratur zunächst konstatierten „Alltagstauglichkeit“, wie weiter oben erwähnt. 48 Diese von Schulz-Buschhaus als realistisch bezeichnete Wirkung, die vom Figureninventar ausgeht, gehört in den Bereich der inhaltlichen Besonderheit der Maigrets und wird daher dort diskutiert und erläutert. Vgl. Teil II, Kap. 1.3.3. 49 Hier sind die üblichen Stilmittel des idealtypischen Rätselkrimis gemeint wie z. B. der Mord im geschlossenen Raum oder der unveränderlich bestehend bleibende Verdächtigenkreis. 50 Hier muss darauf hingewiesen werden, dass nicht das übliche „Happy End“ im Sinne populärer Liebesromane gemeint ist, in dem alle wieder glücklich werden, sondern dass darauf angespielt wird, dass im idealtypischen Detektivroman Happy End bedeutet, dass der Täter gefasst und die alte Ordnung wiederhergestellt wird. In den Maigrets werden die Täter nicht immer als Mörder verurteilt und eingesperrt. 51 „Der verlässlichste Simenon-Biograph (…) schätzt das Grundvokabular der Maigret-Romane auf ca. zweitausend Worte.“ Marnham (1995: 23), zitiert nach Wörtche (2000: 221f.). 52 Vgl. Krechel (1982: 133, 220). 53 In der Prototypensemantik wird diese Sprachebene als „Prototyp“ bezeichnet und zeichnet sich durch den größten Informationsgehalt zum Begriff gegenüber den anderen Sprachebenen aus. Z. B. „Apfel“ im Vergleich zu „Obst“ oder „Granny Smith“. Vergleiche dazu: Kleiber, Georges (1998: 21) und Sokol (2001: 160–163). Zur Verwendung der Begrifflichkeiten und zur Vermeidung von Abstrakta, vgl. Krechel (1982: 133); Wörtche (2000: 221f.). 41 1 Literaturwissenschaftlicher Zugang zu den Maigret-Romanen dessen finden sich viele Detailbeschreibungen über soziale Milieus, die verschiedenen Wetterlagen und alle Arten sinnlicher Eindrücke (wie Geruch, Geschmack, Geräusche, Farben, die Umgebung usw.). Auf der Basis dieser strukturellen und stilistischen Mittel wird eine Figurenkonzeption, die vom Leser als potentiell wahrscheinlich und real eingestuft werden kann, erst ermöglicht. Dafür sprechen ebenfalls die von Krechel konstatierten Vokabularstrukturen, die belegen, welche sprachlichen Anstrengungen der Autor bereit war zu unternehmen, um dem Leser tatsächlich einen wirklichkeitsnahen Eindruck seiner Romane zu vermitteln.54 Eine Verquickung von Erzählstil und Figureninventar findet sich in der Etablierung einer neuen, textimmanent empathischen Wahrnehmung des Dargestellten (des bloßen, unverstellten Menschen) durch die Konzeption des Kommissars. Auch diese neue Perspektive auf menschliches Versagen, Schuld und Verlorenheit findet durch Simenon Eingang in die Kriminalliteratur. Im Entdecken und Aufdecken der Motive für eine Tat bzw. der emotional-psychischen Hintergründe der Betroffenen durch Maigrets Nachempfinden, Mitfühlen und Verstehen ohne moralische Bewertung etabliert Simenon so eine romaninterne Grundhaltung, die dazu führt, dass der implizite Leser55 sich trotz aller Schonungslosigkeit der geschilderten Schicksale dennoch aufgehoben fühlt.56 Eine zusätzliche Betonung des Wahrscheinlichkeitspotentials der Maigret-Romane findet durch das intime Eintauchen in die Lebenswelt des Opfers statt. Da der Kommissar zu Beginn einer Enquête in der Regel nicht weiß, wer der Täter ist, kommt es zunächst über die Ungereimtheiten und atmosphärischen Spannungen im Umfeld des Ermordeten zu Anhaltspunkten. So werden Wohnung, Arbeit, Hobbies, Familie, Freunde, Kollegen und Vorgesetzte bzw. die sozialen Strukturen und Kontakte des Opfers Ausgangspunkt für die Ermittlungen Maigrets und Gegenstand der Milieu- und Cha rakterbeschreibungen Simenons. Was das Figureninventar der Verdächtigen angeht, weisen nach Schulz-Buschhaus alle solche Zugehörigkeitsmerkmale zu einer gesellschaftlichen Gruppe auf, aufgrund derer sie als realistische Figuren erkannt werden können.57 Auch der Täter selbst bleibt nicht auf seine Funktion reduziert und als Figur von nebensächlichem Interesse, sondern wird plötzlich Gegenstand des Hauptinteresses im Roman. Er wird als wesentlich detailliertere Persönlichkeit dargestellt, um noch wahrhaftiger zu wirken: Seine Geschichte wird aufgerollt, sein Schicksal erläutert, und im Lauf der Ermittlungen treten die für den impliziten Leser alltäglichen und nachvollziehbaren Motive für den Mord ans Tageslicht. Was Schulz-Buschhaus nicht konstatiert ist, dass das Wahrscheinlichkeitspotential der Maigrets – außer der formalen Elemente von Struktur, Stil und Figureninventar – auch in der Entfaltung der geschilderten Grund-Angstsituationen der psychologischen 54 Die Maigret-Romane als realistische Romane zu bezeichnen, wäre allerdings etwas hoch gegriffen. Vgl. Krechel (1982: 220). Dennoch fällt diese Strukturveränderung des Detektivromans zugunsten einer größeren Lesernähe in eine umfassendere literarische Gegenbewegung der zwanziger und dreißiger Jahre, die von Eskin mit dem Stichwort des „Realismus“ versehen wird. Vgl. Eskin (1999: 155–157). 55 Eine genauere rezeptionsästhetische Betrachtung bezüglich der Wirkungen auf den impliziten Leser bei Simenon findet sich in Teil IV, Kap. 3.2. 56 Vgl. Anna von Plantas Aussage über die Maigret- und Non-Maigret-Romane Simenons im Diogenes-Magazin (12/2013: 75f.). 57 „Realismus“ bei Schulz-Buschhaus (1975: 169–172). 42 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge Krise der Täter beheimatet liegt. Auf diese Weise wird auch die Figur des Täters nach und nach nicht mehr ausschließlich in seiner Funktion als Mörder gesehen, sondern vom impliziten Leser immer mehr als Persönlichkeit wahrgenommen und empathisch betrachtet, er verwandelt sich zum Täter-Opfer.58 Diese Grundsituationen sind so gewählt, dass sie dem Leser des 20. und 21. Jahrhunderts als lebensnah erscheinen. Auffällig dabei ist, dass das Begriffsfeld der Angst (im Original: peur)59 innerhalb der Bezeichnungen für emotionale Lebensäußerungen in den Maigrets denjenigen Bereich unangenehmer Gefühle umfasst, in dem die psychologische Krise des Täters angesiedelt ist. Dessen Versuche, diese immer übermächtiger werdende Emotion zu bewältigen, schlagen jedoch fehl und treiben den Täter letztlich zum Äußersten, was Maigret auf den Plan ruft. Alle diese genannten Aspekte verhelfen den Maigret-Romanen zu großer Lesernähe, selbst wenn die geschilderten Ausgangssituationen nicht unbedingt den realen Lebensumständen der konkreten Leser entsprechen.60 1.3.3 Ein neuer Kommissar Wie bei der Frage nach der strukturellen Besonderheit der Maigrets erwähnt, ist sich die Sekundärliteratur darüber einig, dass ein wesentlicher Bestandteil der Außergewöhnlichkeit der Romane in der Konzeption und Gestaltung des Figureninventars liegt. Hier wird die Nähe zum potentiellen und impliziten Leser zwar hauptsächlich von der Besonderheit der Maigret-Figur getragen, die Konzeption des Kommissars bleibt aber (unabhängig von den strukturellen Neuerungen auch inhaltlich) eng mit der Romanstruktur verknüpft, denn seine Außergewöhnlichkeit kommt erst auf dem Hintergrund der auktorialen Intention des l’homme nu besonders zum Tragen. Zum einen sind dafür die Thematiken der Grundsituationen verantwortlich, aus denen eine psychologische Krise entsteht, welche zum Mord führt. Sie lassen besonders die Seiten der Persönlichkeit Maigrets zum Tragen kommen, die auf das ontologische Grundbedürfnis nach Zuwendung, Hilfe, Verständnis und Orientierung antworten. Zum anderen versieht Simenon seinen Kommissar mit für Detektivfiguren völlig untypischen Attribute und Verhaltensweisen, die ihn bis heute unverwechselbar machen. Im folgenden wird Maigret nicht im Sinne einer umfassenden Charakterisierung aller Persönlich- 58 Vgl. Schulz-Buschhaus (1975: 169–172). 59 Dieser Feststellung liegt Krechels Kategorisierung der Vokabularstrukur in den Maigret-Romanen zugrunde, wie er sie in seiner Dissertation etabliert. Die dabei von ihm fürs Französische verwendete Schreibung in Majuskeln für die Bezeichnung eines Wortfeldes, das einem (von der Qualität und Quantität her) zentralen Stellenwert innerhalb Simenonscher Sprache zugeordnet ist, wird hier für die deutschen Begriffe nicht übernommen, weil sie für meine Fragestellung keinen zusätzlichen Erkenntnisgewinn beinhaltet. Vgl. Krechel (1982: 140–142). 60 Die realistische Wirkung der Maigret-Romane ist Gegenstand vielfältiger Diskussionen innerhalb der Literaturwissenschaft. Sie soll hier nicht wiedergegeben werden, weil sie für das Hauptansinnen nicht zielführend erscheint. Der Vollständigkeit halber wird aber in Teil II, Kap. 1.3.1.–1.3.3. kurz auf einige von Schulz-Buschhaus betonte Elemente eingegangen, denn sie erhellen weiterhin hintergrundartig die strukturelle und inhaltliche Besonderheit der Maigret-Romane. In Abgrenzung zu dieser Theorie wird jedoch in dieser Arbeit der Begriff der Lesernähe verwendet. Vgl. Schulz-Buschhaus (1975: 155–181). 43 1 Literaturwissenschaftlicher Zugang zu den Maigret-Romanen keitsmerkmale beschrieben61, sondern hinsichtlich seiner unverwechselbaren Einzigartigkeit, die ihn als Konkretion des neu zu etablierenden Topos prädestiniert. Während das handwerkliche Ethos des Kommissars62 noch als Reminiszenz an die national-philologischen Vorlieben französischer Tradition zu erkennen ist, bleibt der Lerngegenstand seiner professionellen Karriere untypisch psychologisch für Kriminalromane und unverwechselbar für Maigret: Der bloße Mensch. Die Aufdeckung eines Verbrechens besteht für ihn primär nicht darin, die Kniffe und Schliche des Verbrechers zu ergründen, sondern die psychologische Krise, die den Konflikt mit dem Gesetz ausgelöst hat, nachzuvollziehen, (…) nachzuleben (…).63 Für Maigret ist es sekundär zu rekonstruieren, auf welche technische Weise ein Verbrechen vonstatten gehen konnte, obwohl er das sehr schnell weiß und selbst der implizite Leser meist spätestens nach einem Drittel des Romans den Schuldigen nach Indizien überführen könnte. Viel wichtiger ist für ihn zu verstehen, warum es überhaupt zum Mord kommt. Sein Hauptziel bei sowohl dem tage- und nächtelangen Nachschleichen von Verdächtigen, als auch bei den unendlich langen Verhören in seinem Dienstzimmer ist, dem bloßen Menschen hinter der Fassade, den Masken, den Funktionen und Rollen zu begegnen und ihn zu verstehen.64 Das wiederum entspricht der Hauptintention des Autors, der Suche nach dem bloßen Menschen, in der Gesamtkonzeption aller seiner Romane. Er versucht, sich in die Lage des Täters zu versetzen und die psychologische Krise, durch die die kriminelle Handlung verursacht wurde, nachzuvollziehen.65 Also wirft sich der Kommissar mit zwischen die Zähne genieteter Pfeife mitten in jeweils das Leben, das der/die Ermordete geführt hat: Er taucht in die Atmosphäre von Wohnungen ein; spürt den Spannungen, Geheimnissen und fragwürdigen Kapiteln aus Gegenwart und Vergangenheit des Opfers nach; und sobald er einen konkreteren Verdacht hegt, wirkt er fast wie besessen, als vergesse er seine eigene Identität in seinem Bestreben, die psychologische Krise hinter dem Mord ganzheitlich zu erfassen, die er nachvollziehen können muss, um einen Fall abzuschließen. Mehrere Romane belegen jedoch, dass Maigret nicht in jedem Fall die auf diese Weise überführten Täter der Gerichtsbar- 61 Solche Beschreibungen der Persönlichkeit des Kommissars sind bereits vielfach und hervorragend vorhanden. Vgl. z. B. Keil (2004: 66f., 73–77); Eskin (1999: 142–146, 383–395). 62 Maigret bezeichnet seinen eigenen Werdegang in der Police Judiciaire selbst als „Lehrjahre“ auf der Straße, in denen er seinen Beruf erlernt hat: „Deshalb vergeuden wir nicht unsere Zeit, wenn wir jahrein, jahraus die Straßen abklopfen, Stockwerke erklimmen oder Warenhausdiebinnen überwachen. Es sind unsere Lehrjahre, gleich wie beim Schuster, beim Bäcker, mit dem Unterschied, daß sie bei uns nahezu ein Leben lang dauern, weil es eine praktisch unbegrenzte Zahl von verschiedenen Welten gibt.“ Maigrets Memoiren (1978: 165f.). 63 Keil (1993: 70). 64 Eskin spricht hier vom „psychologischen Realismus“. Eskin (1999: 157). 65 Krechel (1982: 16). 44 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge keit übergibt.66 Die Wichtigkeit der Wahrheitserkenntnis über die Hintergründe einer Mordtat wird später ausführlich behandelt.67 Was für Holmes, Dupin und Lupin eine Fußspur, der nicht bellende Hund in der Nacht, ein Bonbonpapier oder ein Häufchen Asche bedeuten, stellen Stimmungen, Atmosphäre, Gesten, Blicke, Mimik oder Schweigen für Maigret dar. Denn auch das, was Maigret herausfindet, ist nicht spektakulär, geheimnisvoll oder phantastisch, sondern vielmehr unterdrückt, verschwiegen, versteckt und verdrängt. Die wesentlichsten Ent deckungen macht Maigret dort, wo die Logik versagt. Und was Maigret herausfindet, ist das, worauf es seinem Autor Simenon ankommt: Das rein Menschliche hinter dem oberflächlich Sichtbaren. Mit diesem Wechsel im Gegenstand des Kriminalromans ist nun auch Maigret nicht einfach nur Kommissar oder Detektiv, sondern auch eine Art Beichtvater68, ein Katalysator – wie z. B. in Pietr-le-Letton – oder ein verständnisvoller „raccommodeur des destins“69 wie Simenon ihn in Les Mémoires de Maigret sich selbst betiteln lässt: Simenon hat also in einem seiner Bücher vom „Schicksalsflicker“ gesprochen. Den Ausdruck hat nicht er erfunden, er ist von mir, ich muß ihn einmal im Gespräch mit ihm verwendet haben.70 Das Hauptanliegen Simenons, das diese zusätzlichen Funktionen Maigrets zu verantworten hat, führt zu einer Nähe zwischen dem Kommissar und dem Hauptverdächtigen bzw. der zweiten Hauptfigur des Geschehens, die an eine Beziehung erinnert. Bezüglich dieser Beziehungen hat es in der Sekundärliteratur verschiedene Interpretationsansätze, vom Sympathisantentum bis hin zur Verschworenheit zwischen Maigret und dem Täter (gegenüber einer als ungerechtfertigt übermächtig definierten Oberschicht der Gesellschaft) gegeben. Aber auch hierzu hält Simenon durch Maigrets Feder in den Memoiren eindeutig fest, wie er diese Nähe gedeutet haben will: Was ich jetzt, da ich dieses Thema behandle, bemerkenswert finde, ist das Band, das sich zwischen dem Polizisten und dem von ihm gehetzten Wild anknüpft. Vom Polizisten aus gesehen ist es, (…) völlig frei von Haß oder auch nur von Zorn. Auch frei von Mitleid oder zumindest dem, was man in der Regel darunter versteht. Unsere Beziehungen sind sozusagen strikt beruflich. (…) Was wir indessen empfinden und was Simenon auszudrücken versucht hat (…), das ist ein gewisses Gefühl der Zusammengehörigkeit, so paradox dies auch scheinen mag. (…) Man unterstelle mir nicht etwas, das ich nicht sage. Wir stehen diesseits und jenseits der Schranke, das steht fest. Aber wir sitzen auch bis zu einem gewissen Grad im gleichen Boot.71 Bei allem Engagement aber und der Tatsache, dass Maigret mehr noch als seine Inspektoren in das Geschehen und die Dynamik seiner Fälle integriert ist, muss andererseits 66 Z. B. Pietr-le-Letton, Der Gehängte von Saint-Pholien, Der geheimnisvolle Kapitän, Maigret am Treffen der Neufundlandfahrer, Maigret bei den Flamen. 67 Vgl. Teil III, Kap. 2.1.1. 68 Vgl. Keil (2004: 70). 69 Maigrets Memoiren (1978: 69). dt. Flickschuster der Schicksale. 70 Maigrets Memoiren (1978: 65). 71 Maigrets Memoiren (1978: 106). 45 1 Literaturwissenschaftlicher Zugang zu den Maigret-Romanen betont werden, dass dieses Engagement nur zum Aufdecken und Verstehen der jeweiligen Motive führt, niemals aber zu einer Bewertung oder Beurteilung derselben.72 Maigret weigert sich in (fast) jedem Fall Außenstehenden oder Dritten gegenüber ausdrücklich, eine Meinung, eine Wertung oder ein Urteil abzugeben, sogar dann, wenn er von seinem Vorgesetzten darum gebeten wird. Dies ist eine seiner spezifischsten und originärsten Eigenschaften und es erklärt, warum er sich gegen einen weiteren Funktionstitel wehrt, indem er auf seinem Beamtenstatus beharrt: Wie manches Mal haben mir meine Kollegen nach dem Erscheinen eines neuen Simenon mit spöttischer Miene entgegengeblickt, wenn ich ins Büro kam! Ich las in ihren Augen, was sie dachten: »Da kommt der Gottvater!« Deshalb bestehe ich so nachdrücklich auf dem Wort ›Beamter‹, mögen andere es auch als abschätzig empfinden.73 Der Kommissar ist auf eine Weise mit seinen Untersuchungen und den Verdächtigen seiner Fälle verknüpft, die einzigartig bleibt. Zwar wirft er sich mitten in die Atmosphäre, den Mief, die Tragik und Banalität eines Menschenlebens hinein, das schon nicht mehr existiert, doch er geht nicht in ihm auf. Maigret übernimmt lediglich einen Teil der Rolle des/der Ermordeten, so dass alle, die mit dem Opfer zu tun gehabt haben, in ihren Reaktionen auf die Situation des Mordes nicht mehr an dem Kommissar vorbeikommen. In diesen Begegnungen ist Maigret in die Umwelt des Verbrechens integriert, bleibt als Person aber lediglich Katalysator. Seine Präsenz im Fall, sein unnachgiebiges Beharren auf unbedingtem Verstehenwollen und sein kompromissloses Bleiben in der Situation wirken auf die durch den Mord (zunächst scheinbar) geklärte Problemsituation wie eine chemische Umkehr-Reaktion: Die Unruhe und Unerträglichkeit eines Problems, die Angst entdeckt bzw. entblößt zu werden usw. – die gesamte ursprüngliche psychologische und soziale Dynamik aus dem Umfeld des Opfers vor dem Mord wird durch Maigrets offenkundiges Beobachten und schamloses Verfolgen neu belebt, an die Oberfläche gelockt und dazu getrieben, ein weiteres Mal in einer Reaktion zu gipfeln, die letztlich die Wahrheit über die Gründe des Verbrechens nicht verbergen kann. Dass dabei der Täter sich in den meisten Fällen von Maigret nicht bloßgestellt fühlt, liegt an Maigrets Durchschnittlichkeit. Es gibt unzählige Beschreibungen der detaillierten Persönlichkeitsnuancen Maigrets als petit bourgeois, als französischer Otto-Normal- Bürger und als Durchschnittsmensch, sowie ausführliche Listen der Nuancen seines alltäglichen Daseins, die persönliche Vorlieben, Stärken, Schwächen, sowie Lieblingsrezepte zusammenstellen.74 Diese Details sind aber für die vorliegende Fragestellung und die generelle Wirkung Maigrets im Einzelnen nicht ausschlaggebend. Wichtig ist daran nur, dass eben die Konzeption Maigrets als menschlich zugängliche Figur in der Ablehnung 72 „Sie kriegen wohl allerhand zu sehen, wie? Allerhand, ja. Männer, Frauen, alle Arten von Männern und Frauen, in allen möglichen Situationen, auf allen Sprossen der Leiter. Wir sehen sie, wir machen uns unsere Gedanken und versuchen zu verstehen.“ Maigrets Memoiren (1978: 132). 73 Maigrets Memoiren (1978: 167). 74 Er verfügt weder über die idealtypisch sensationellen Eigenschaften oder Fähigkeiten eines Gentleman-Cambrioleurs, noch über die Wandlungsfähigkeit eines Vidoq. Er brilliert nicht durch weltmännisches Auftreten und außergewöhnliche Fähigkeiten. Im Gegenteil, Maigret hat – ganz im Stil eines Anti-Helden – keinen Führerschein, leidet an Klaustrophobie und ist auch nicht in der Lage, ein Türschloss zu knacken. 46 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge des über dem normalen Durchschnittsbürger stehenden Genie-Detektivs aus dem idealtypischen Rätselkrimi eine Wirkung der Nähe sowohl zum impliziten Leser als auch zum gestellten Täter verantwortet.75 Letztlich beichtet dieser seine Tat als Erkannter, im Wissen darum, von Maigret gleichberechtigt als Mensch gesehen zu werden, weil er spürt, dass der Kommissar bereits längst mehr verstanden hat als er müsste, dass er im Nachhinein seine Krise ebenfalls durchlebt hat und wesentlich mehr kennt und erkannt hat als die reinen Fakten.76 Am Schluss können der Täter oder die an der psychologischen Krise Beteiligten (meistens) als Ebenbürtige mit Maigret sprechen, denn der stellt sich nicht auf einen moralischen Sockel oder hebt den Zeigefinger, auch wenn er in einigen Fällen die Untiefen der seelischen Abgründe kaum fassen kann. Immer aber ist Maigret am Ende froh, nicht der Richter sein zu müssen. Diese Aussprachen – zu denen es jedoch nicht immer kommt – ähneln in ihrem Charakter eher einer Beichte als einer Überführung. Und das passt zu dem, was der Leser von Maigret kennt und weiß. Es passt zum Charakter dessen, der verstehen will, ohne anmaßend zu sein; zu dem, der bescheiden aufgewachsen ist und sich zufrieden eine respektable Existenz aufgebaut hat, ohne seine Herkunft zu vergessen und andere zu beneiden. So kümmert sich Maigret selbst als Figur nicht in erster Linie darum, einer Rolle zu entsprechen. Er handelt ausgerichtet an der Hauptmaxime der Werkintention Simenons und bleibt als Figur Funktion und Identifizierungsmöglichkeit: Im Mantel des Polizeikommissars Mensch im eigentlichen Sinn, der auf der offiziellen Suche nach dem Täter im anderen Gegenüber Mensch jedes Mal auch ein Stück von sich selbst entdeckt und preisgibt, sobald er beginnt zu verstehen. 1.4 Die Prädisposition für die Frage nach profaner Erlösungsdynamik Der Topos des profanen Erlösers ist ebenso wie sein theologisches Äquivalent nicht unabhängig von einem Erlösungsvorgang zu behandeln.77 Literaturwissenschaftlich müssen demnach bei der Suche nach einem profanen Erlöser nicht nur die Ausgestaltung einer fiktiven Figur, sondern auch Konzeption und Struktur des stofflichen Gehalts untersucht werden. 1. Zur Erlösungsdynamik der Maigret-Romane gehört grundlegend eine inhaltliche Überschreitung der Gattungsgrenzen. Simenon revolutioniert das Krimi-Detektiv-Genre durch das Grundanliegen seines schriftstellerischen Ziels: La recherche de l’homme nu78, die Suche nach dem bloßen Menschen, als psychologisches Interesse am realen, menschlichen Schicksal auf anthropologischer Ebene, übertritt die bis dahin existenten katego- 75 Im Gegensatz zur Konzeption eines Sherlock Holmes, die im besten Fall distanziertes Staunen verursacht, kann sich der potentielle Leser mit dem Auftreten Maigrets identifizieren, und wenn es auch nur den Wunsch danach darstellt, weil es eine alltäglich-menschliche Reaktion auf eine solche Situation spiegelt. Das macht Maigret lebensnaher und entlastet den Leser. Zumal der Kommissar bei aller emotionalen Beteiligung niemals die eigene Maxime überschreitet, nicht zu urteilen. Die Maximen der anderen gelegentlich schon. Vgl. exemplarisch Der Fall Nahour (2007: 88f.). 76 Vgl. Keil (2004: 70). 77 Vgl. Gunton (1999a: 1441) und Gunton (1999b: 1442f.). 78 Vgl. Bertrand (1994: 13), Maigret voyage (1957: 174f.). 47 1 Literaturwissenschaftlicher Zugang zu den Maigret-Romanen rischen Grenzen der Gattung. Das Genre des idealtypischen Rätselromans wird so aus der starren Form rein rationeller Spielereien zur Möglichkeit befreit, Anklänge des realistischen Romans aufzunehmen.79 2. Gleichzeitig ist dieses Autorenanliegen verantwortlich für eine gattungsinterne Verlagerung des Hauptgegenstands der kriminalistischen Untersuchung (analysis80) weg von der Whodunit-Frage81 hin zum Motiv der Tat. Die schriftstellerische Grundfrage nach dem bloßen Menschen lässt die anderen, üblich bearbeiteten W-Fragen82 zur Nebensache werden, weil die Gründe für einen zumindest realistisch erscheinenden Mord bei Simenon immer im psychologischen Bereich angesiedelt werden. Im fiktiven Gespräch zwischen dem (fiktiven) Schriftsteller Simenon und dem (fiktiven) Realreferenten zur Gestalt des Kommissar Maigret heißt es dazu: »Sehen Sie, Herr Kommissar, die Berufsverbrecher interessieren mich nicht. Ihre Psychologie gibt uns keine Rätsel auf. Sie tun ihre Arbeit, Schluß, aus.« »Was interessiert Sie?« »Die anderen. Menschen wie Sie und ich, die eines schönen Tages töten, ohne dass sie darauf vorbereitet gewesen wären.« »Das kommt höchst selten vor.« »Ich weiß.«83 Für Simenon84 typisch ist diesbezüglich die Verwurzelung der Tatmotive in Sinnkrisen und Identitätsfindungs-Problematiken. Durch diese Verschiebung des Hauptinteresses vom Wer? zum Warum?85 findet eine Erweiterung und Vertiefung der Unterhaltungsgattung Kriminal-/ Detektivroman86 durch anthropologisch-psychologische Milieuschilderungen statt, die bei Simenon besonders durch die atmosphärische Dichte persönlicher Lebenskrisen und Umfelder gekennzeichnet sind. 3. Diese gattungstechnische Neuerung wirkt sich auf mehrere Bereiche aus: Bezüglich der Themenstellung dieser Arbeit beinhaltet die Verquickung eines Mordfalles mit anthropologischen Milieustudien und Sinn generierenden Identitätsfragen ein Verschwimmen der traditionellen Kategorien von gut und böse. Die Einsicht in die Erkenntnis, dass 79 Vgl. Teil II, Kap. 1.3. 80 Es wird hier von den strukturellen Begrifflichkeiten der action, analysis und mystery ausgegangen, wie sie auf Ulrich Schulz-Buschhaus und J.-P. Colin zurückgehen. Vgl. Nusser (1992: 33). 81 WHODUNIT = Abkürzung für Who had done it? Gleichbedeutend mit der Frage: Wer hat den Mord begangen? 82 Die typischen W-Fragen eines Rätselkrimis lauten: Wer hat den Mord begangen? Wo, wann und vor allem wie wurde der Mord begangen? Vgl Alewyn, in: Nusser (1992: 29). 83 Maigrets Mémoiren (1978: 18). Zur Erläuterung: Der Roman Maigrets Mémoiren beinhaltet die niedergeschriebenen Gedanken des fiktiven außersprachlichen Referenten zur Figur des Kommissar Maigret, in denen sowohl die Begegnung mit dem fiktiven Autor, als auch die schriftstellerische Einstellung Simenons zur Darstellung der Realität beschrieben werden. 84 Diese Feststellung bezieht sich nicht nur auf die Maigret-Romane, sondern auch auf die anderen fiktiven Romane Simenons, die sogenannten Non-Maigrets, romans durs oder roman romans. Vgl. Keil (20014: 71). 85 Vgl. Keil (2004: 70). 86 Der begrifflichen Unterscheidung und genaueren Definition von Kriminalroman und Detektivroman soll an dieser Stelle nicht näher nachgegangen werden. Die Autorin bezieht sich aber auf die grundlegenden Zuordnungen nach Nusser (1992). 48 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge jeder Mensch unter bestimmten Bedingungen zum Mörder werden kann – diese Bedingungen versteht mit Maigret am Ende des Romans in der Regel auch der implizite Leser –, führt zu einer Relativierung der starren Urteils-Kategorien und Maßstäbe des idealtypischen Detektivromans, die in der Regel auf einem traditionell-bürgerlichen Verhaltensund Moralcodex basieren. 4. Die damit verbundene Verunmöglichung einer eindeutigen Zuordnung ehemals klar umrissener Begriffe wie Verbrechen, Gerechtigkeit, gut, böse, Täter und Opfer sind grundlegende Voraussetzung für die Befreiung des impliziten Lesers vom Zwang, am Ende der Geschichte mindestens eine Figur verurteilen zu müssen.87 Gleichzeitig impliziert die Relativierung des festgelegten bürgerlich-traditionellen Verhaltenscodex eine Abkoppelung und Verschärfung der darunter liegenden, bisher damit verbundenen ethischen Werte.88 5. Im Blick auf das Hauptanliegen Simenons, der Darstellung des homme nu fällt auf, dass die gesamte Breite seiner inhaltlichen Thematiken unter dem Stichwort der Verlorenheit respektive Erlösungsbedürftigkeit zusammengefasst werden kann. Die thematische Vorherrschaft religiöser Schlüsselgehalte rechtfertigt durchaus die Frage nach einer Erlösungsfunktion der zentralen Vermittlungsfigur dieser Gehalte. Religiöse Schüsselgehalte finden sich in den Maigrets z. B. in der Darstellung von Schuld und dem Umgang mit ihr (eigene und die anderer), in der Frage nach Verantwortlichkeit, in der umfangreichen Darstellung der verschiedenen säkularen Arten von Erlösungsbedürftigkeit (Angst, Verzweiflung, Bedrohung, Unfreiheit, Einsamkeit etc.), in der Schilderung der dazu gehörigen Sehnsucht nach Verbesserung der Situation, in der literarischen Allgegenwart des Todes, dem wiederholt auftretenden Motiv des Zusammenhangs und der Opposition von Gesetz und Gerechtigkeit (am Beispiel von offizieller Rechtsprechung und dem Verhalten Maigrets), in der Thematik des Ver- und Beurteilens von Einzelpersonen und Verhaltensweisen, im Vorkommen zentraler Motive aus der religiösen Symbolik (z. B. Licht und Dunkelheit in Verbindung mit der Wahrheitsfindung und -verschleierung)89 und dem indirekten Bearbeiten der Sinnfrage. 1.5 Die Auswahl des Textkorpus Aufgrund des großen Umfangs der Maigret-Serie, ist eine Gesamtschau aller Romane nicht durchführbar. Um einen repräsentativen Querschnitt zu gewährleisten, wurden ca. 20 % der Maigrets nach folgenden Kriterien für die Analyse ausgewählt: 87 Dieser These wird in Teil IV, Kap. 3.2. nachgegangen. 88 An dieser Stelle fällt bereits zu diesem frühen Zeitpunkt eine Ähnlichkeit zur Haltung Jesu von Nazareth gegenüber den Gesetzen/Geboten auf: In der Bergpredigt werden die Codierungen der Werte relativiert, die eigentlichen Werte aber durch Neuformulierung verschärft; auch das Verhalten am Sabbat bezüglich des Ährenausraufens und Heilens mit den dazu gehörenden Erklärungen verweisen immer wieder auf die eigentliche Bedeutung der unter traditionellen Lebensstilgeboten liegenden Werte. Vgl. Mt 4,23–7,29. 89 Diesem Aspekt wird in dieser Arbeit nicht weiter nachgegangen. Aufgrund der auftretenden Häufigkeit dieser Parallelen empfiehlt sich jedoch eine separate Bearbeitung dieses Themas an anderer Stelle. 49 1 Literaturwissenschaftlicher Zugang zu den Maigret-Romanen a) gleichmäßig über den Entstehungszeitraum aller Romane verteilt b) gleich viele „frühe“ und „späte“ Maigrets90 c) sowohl Untersuchungen Maigrets mit „happy end“ als auch ohne (Täter am Romanende in Polizeigewahrsam bzw. noch frei) d) Schauplätze der Handlung im offiziellen Zuständigkeitsbereich Maigrets (Paris) und außerhalb seines Zuständigkeitsbereichs (verschiedene Provinzen Frankreichs, tlw. sogar Ausland, Maigret als Zugereister, Beobachter etc.) e) keine Novellen, ausschließlich Romane Die sich daraus ergebende Auswahl umfasst die nachstehend aufgeführten vierzehn Titel. Die französischen Originaltexte werden zitiert nach der zur Aufnahme Simenons in die Pléiade erfolgten Gesamtausgabe bei Omnibus.91 Die Auswahl der hier zitierten, ins Deutsche übersetzten Maigret-Romane richtet sich nach der wörtlichsten Übersetzung aus dem Originaltext und stammt daher nicht durchgängig aus einer bestimmten Auflage des Diogenes-Verlags. Die genauen Angaben der deutschen Übersetzungen sind im bibliographischen Anhang aufgeführt. Darüber hinaus werden ausschnitthaft andere Maigret-Romane Simenons herangezogen, um bestimmte Tendenzen nachhaltiger zu verdeutlichen. 1. (1929): Pietr-le-Letton. Dt. Maigret und Pietr der Lette. (Erster Maigret-Roman Simenons) 2. (1930): La tête d’un homme. Dt. Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes. 3. (1931): Le pendu de Saint-Pholien. Dt. Maigret und der Gehängte von St-Pholien. 4. (1931): Au rendez-vous des terre-neuvas. Dt. Maigret am Treffen der Neufundlandfahrer. 5. (1932): Chez les Flamands. Dt. Maigret bei den Flamen. 6. (1932): Le port des brumes. Dt. Maigret und der geheimnisvolle Kapitän. 7. (1933): L’écluse no1. Dt. Maigret in Nöten. 8. (1950): Les mémoires de Maigret. Dt. Maigrets Memoiren.92 90 Von „früh“ und „spät“ wird hier gesprochen als Zeiträume vor und nach der Simenonschen Maigret-Pause, während der der Autor keine weiteren Maigrets mehr schreiben wollte, sich dann nach einigen Jahren aber doch anders besann und die Krimi-Reihe zur Freude des Publikums weiterführte. Diese Maigret-Pause hat weiterhin zur Folge, dass die Figur Maigrets in den ersten 19 Maigret-Romanen, die als „frühe“ Maigrets bezeichnet werden, eher grob skizziert und im Vergleich zum „späten“ Maigret noch aufbrausender und härter beschrieben wird. Sowohl Persönlichkeit als auch „Methode“ (sofern man von einer sprechen darf) werden in den späten Romanen psychologisch, soziologisch und kriminologisch verfeinert: Güte und Väterlichkeit z. B. sind Eigenschaften, die in den frühen Romanen bei Maigret noch nicht auftreten. Vgl. Eskin (1992: 145f.). 91 Tout Simenon. Œuvre romanesque. Bd. 1–25 (2003–2005). Paris: Omnibus, Presses de la Cité. 92 Dieser Roman besitzt innerhalb der Untersuchung eine Sonderstellung, da er Simenons Koketterie mit den Vergleichen zwischen seiner eigenen Person und der von ihm geschaffenen Maigret- Figur beinhaltet und so überaus deutlich macht, wie der Autor seinen Protagonisten verstanden haben will: Über die Form der fiktiven Memoiren seiner Hauptfigur inszeniert Simenon eine Begegnung zwischen dem fiktiven Schriftsteller Georges Sim und dem (scheinbar) außersprachlichen Referenten zum Romankommissar, Kommissar Maigret, in Paris. Auf dieser Basis diskutiert der „echte“ Maigret mit dem jungen Schriftsteller das Verhältnis von Wahrheit und Fiktion und ärgert sich über seine eigene Darstellung als fiktive Figur, erläutert seine Familiengeschichte und sein 50 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge 9. (1952): Le revolver de Maigret. Dt. Maigret und sein Revolver. 10. (1953): Maigret à l’école. Dt. Maigret und die schrecklichen Kinder. 11. (1958): Maigret et les témoins réalcitrants. Dt. Maigret und die widerspenstigen Zeugen. 12. (1959): Maigret aux assises. Dt. Maigret vor dem Schwurgericht. 13. (1966): Maigret et l’affaire Nahour. Dt. Maigret und der Fall Nahour. 14. (1969): Maigret et le marchand de vin. Dt. Maigret und der Weinhändler (Letzter Maigret-Roman Simenons). Berufsethos. In mehrerer Hinsicht wird Les mémoires de Maigret so zum Verständnis-Schlüssel für die Maigret-Konzeption und das Gesamtverständnis des dargestellten Maigret-Universums. 51 2 Theologischer Zugang zur Erlösungsbegrifflichkeit Es wird in dieser Arbeit mit den Begrifflichkeiten von Erlösung und Erlöser gearbeitet. Grundlage dafür ist der westeuropäische Sprachgebrauch mit seinen theologisch-christlichen und säkularen Bedeutungskomponenten, die sich auch in der deutschen Sprache deutlich nachweisen lassen.1 Da der Topos des profanen Erlösers sowohl mit den säkularen als auch den sakralen Implikationen des Begriffsfelds Erlösung umgehen will, kommen im Vorfeld der Toposetablierung solche Ansätze aus theologischer Perspektive zu Wort, die zu einem postmodernen Verständnis und Umgang mit den Begrifflichkeiten beitragen können, ohne ihre Bindung an die biblische Referenzgröße aufzukündigen. 2.1 Metaphernfelder zur biblischen Rede von Erlösung In ihrem „Lehrbuch der Soteriologie“2 konstatiert Dorothea Sattler die Notwendigkeit, zeitgemäß verständlich von Erlösung zu sprechen3 und dabei „das offene Gespräch mit nicht-theologischen Wissenschaften (Medizin, Soziologie und Psychologie) als Bereicherung“ auch für die eigene Standortbestimmung zu betrachten.4 Für die Theologie verortet sie diese Haltung zum einen im interreligiösen Gespräch5, zum anderen aber auch in der Aufgabe der Verhältnisbestimmung zwischen Christologie und Soteriologie6, so dass die Rückbindung an die biblischen Grundlagen christlicher Gottesrede nach Jesu Vorbild im Neuen Testament unabdingbar bleibt.7 Ausgehend von der Anschlussnotwendigkeit heutiger theologischer Reflexionen an gegenwärtige Lebensbezüge stellt sie in ihrem Grundlagenkapitel im Rückgriff auf die Kategorisierung biblischer Metaphern für die Rede von Erlösung8 in neun Paradigmen bei Hans-Josef Klauck9 ausgewählte Bildwelten vor, welche jeweils verschiedene Aspekte der biblischen Bedeutungsstruktur betonen. 1 „Eine Untersuchung biblischer (Prä-)Texte im Zusammenhang mit der literaturwissenschaftlichen Untersuchung des Themas Erlösung ist ohnehin sinnvoll: Die Bibel ist die zentrale Quelle für dieses Thema, ohne eine Beziehung zur Bibel lassen sich (…) literarische Texte aus christlichen Kulturkreisen nicht verstehen.“ Schmid (2016: 19). Vgl. Frye (2007: 10, 12f.). 2 Sattler (2011). 3 Sattler (2011: 17–19). 4 Sattler (2011: 18). 5 Sattler (2011: 18). 6 Sattler (2011: 19). 7 Vgl. Sattler (2011: 19). 8 Der literaturwissenschaftlichen Metapherndiskussion soll in dieser Arbeit nicht nachgegangen werden, da sie sich für die Analyse der Topos-Fragestellung als nicht aussagekräftig erweist. Ich folge jedoch in der Haltung der Arbeit den Ausführungen von Klauck und Sattler zu diesem Thema. Vgl. Sattler (2011: 87–91); Klauck (1996: 19–21). 9 Klauck (1996: 18–57). 52 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge Eine an der biblischen Metaphorik orientierte Soteriologie ermöglicht Kontextualisierungen auch in heutigen Lebensbezügen. Jenseits einer Problematisierung der Einteilung der Dogmatik (…) stellt sich an dieser Stelle die Frage, ob die theologische Reflexion nicht besser fächerübergreifend als Reflexion von Erfahrungstatsachen strukturiert wäre, so dass eine intensivere Zusammenarbeit der biblischen, historischen, systematischen und praktischen Disziplinen bezogen auf eine Themenstellung gewährleistet wäre.10 Dass diese Beispielreihe für biblische Erlösungsmetaphorik im wesentlichen im dogmatischen Bereich der „redemptio subjectiva“11 beheimatet ist, findet seinen Grund in ebendiesem Anliegen. Die Vorstellung dieser Paradigmen nach Klauck und Sattler ist deshalb hilfreich für die Untersuchung Maigrets als profaner Erlöser, weil der Ursprung der biblischen Metaphern im säkularen Umfeld der damaligen Zuhörer liegt und aufgrund der ontologischen Verankerung eine Brücke zum heutigen säkularen Umfeld schlagen kann. Diejenigen Metaphernparadigmen, deren bildspendende Elemente selbst im sakralen Kultbereich beheimatet sind, fallen aus demselben Grund für die säkulare Anschlussmöglichkeit und Übertragbarkeit auf zeitgenössische säkulare Erlebnisbereiche aus.12 2.1.1 Krankheit und Arzt (das medizinische Paradigma) Die biblischen Zusammenhänge, in denen die Bilder aus dem medizinischen Lebensbereich für die Betonung der semantischen Nuance von Erlösung als ganzheitliche Heilung Pate stehen, finden sich neutestamentlich vorwiegend im Markusevangelium.13 Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.14 Der Kontext der Heilungswunder Jesu verweist zum einen auf die Position des Arztbildes als Hauptmetapher für Jesus als christlichen Erlöser, der zum anderen die Kranken nicht nur von ihren körperlichen Leiden (= Krankheit, Teil 1) befreit, sondern ihnen auch die Sünden vergibt (= Krankheit, Teil 2) und die göttliche Vergebung zuspricht. Zwar würde der Zuspruch göttlicher Vergebung vor einer Operation im Krankenhaus heutzutage bei den Angehörigen des Patienten sicherlich Irritation auslösen. Die Haltung 10 Sattler (2011: 123). 11 Redemptio subjectiva bezeichnet in der dogmatischen Lehre diejenigen Überlegungen, die sich mit den praktischen und emotionalen, im Alltag abzeichnenden säkularen Folgewirkungen der geglaubten Erlösung in Christus beschäftigen. Vgl. Sattler (2011: 123f.). In der dogmatischen Tradition steht dieser die redemptio objectiva gegenüber, die sich mit den aus den Begründungen des erlösenden Handelns in Gott ergebenden Rückschlüssen befassen. Vgl. Sattler (2011: 124). 12 Darunter fallen das kultische Paradigma (Bildwelten der Reinigung durch Blut bzw. des Opferns), vgl. Klauck (1996: 36–38), Sattler (2011: 126–165) und das existentielle Paradigma (Bildwelten des Übergangs vom Tod ins Leben, Sterben und Auferstehung Jesu), vgl. Sattler (2011: 220–242), Klauck (1996: 44–47). 13 Die Wurzeln für diese neutestamentliche Verwendung liegen aber schon in Ex 15,26: „Denn ich, der Herr, bin dein Arzt“. Auch hier treten zur körperlichen Krankheit, von der erlöst wird, noch andere gesellschaftliche und wirtschaftliche Störungen hinzu. Vgl. Lohfink (1988: 127), Klauck (1996: 23). 14 Mk 2,17b (Einheitsübersetzung). 53 2 Theologischer Zugang zur Erlösungsbegrifflichkeit aber, den Menschen wieder ganzheitlich zu betrachten, als „leibseelische Einheit“15, wird gegenwärtig wieder stärker von der Schulmedizin gefordert. Die so ausgedrückte ganzheitliche Heilung von Krankheit an Leib und Seele durch Jesus als Arzt legt diesen biblisch auch als „Arzt der Seelen“16 an. Dabei ist die Parallelisierung von Krankheit mit Sünde17 kein genuin christlich verorteter Zusammenhang.18 Selbst gegenwärtig widmet sich auf rein religionsfreier Ebene die Psychosomatik den Relationen zwischen seelischen Schäden und deren körperlichen Auswirkungen bzw. Folgen. Das biblische Metaphernfeld vom menschlichen Kranksein und von Jesus als Arzt entfaltet daher die ganzheitlich-therapeutische Dimension der Erlösungsbegrifflichkeit.19 Sattler weitet diese Dimension noch weiter auf den zwischenmenschlichen Bereich aus: Die seelisch-körperlichen Zusammenhänge von Krankheiten und deren Heilungen sind bekannt. Ebenso kennt (…) jeder Beispiele, wie eine Krankheit die sozialen Beziehungen eines Menschen beeinträchtigt. So kann Krankheit wegen der damit verbundenen fehlenden oder zerstörten Sozialkontakte (…) zu schweren seelischen Belastungen führen. Die Heilung des Kranken von der Krankheit bedeutet somit auch eine Heilung im Sozialbereich des Menschen.20 Diese Erweiterung wird getragen von den vielfältigen Darstellungen der Evangelien, in denen Jesus Kranke geheilt hat, die danach wieder in ihre ursprünglichen Lebensgemeinschaften zurückkehren konnten, von denen ihre Krankheit sie getrennt hatte.21 Auch die Besonderheit des Heilens durch eine Berührung Jesu verweist auf den darin zum Ausdruck kommenden Aspekt der Nähe einer persönlichen Begegnung, die den Kranken oft vorenthalten war und um die sie selbst nach biblischem Zeugnis als Form der Heilung bitten.22 Die sekundärliterarische Zuweisung der Arzt- und Beichtvaterfunktion für Maigret verspricht diesbezüglich interessante Beobachtungen.23 15 Klauck (1996: 25f.). 16 Klauck (1996: 22). 17 Vgl. Mk 2,17b.17c: „nicht die Gerechten brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder.“ 18 Sowohl Beicht- und Sühneinschriften aus Kleinasien verweisen darauf, dass das antike Denken – lange vor jüdischem oder christlichem Traditionsgut – einen Zusammenhang zwischen Krankheit und Sünde kennt (vgl. Klauck (1996: 24)) als auch die Stoiker wie Dio Chrysostomus führen als Argument für moralphilosophische Unterweisungen den Vergleich zwischen philosophischer und ärztlicher Tätigkeit an. Vgl. Klauck (1996: 25). 19 Vgl. Klauck (1996: 25f.). 20 Schnider (1984: 65), nach Sattler (2011: 92). 21 Vgl. Mk 5; Mt 8,1–4; Lk 7,1–17, nach Sattler (2011: 98). 22 Vgl. Mk 1,41.43; 3,5; 6,34; 7,34; 8,2; 9,19; Joh 11,33.38, nach Sattler (2011: 100). 23 Vgl. Keil (2004: 70). 54 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge 2.1.2 Freikauf und Gefangenschaft (das soziale Paradigma) Das verwendete Bild der Befreiung eines Menschen aus der Sklaverei durch das Bezahlen eines Kaufpreises ist in biblischen Zeiten eine säkulare Realität.24 Erlösung in der Bedeutungsnuance als Befreiungserfahrung aus lebensverhindernden Umständen geht neutestamentlich zurück auf die Erzählungen vom Auszug Israels aus ägyptischer Sklaverei und nimmt die Bildwelt von Gefangenschaft, Loskauf aus Sklaverei, Unfreiheit und einem Kaufpreis auf. 25 Die Metaphorik des Loskaufs als Erlösungshandeln Gottes findet sich in vielen biblischen Erzählungen26 und bezieht sich auch dort auf ganz unterschiedliche Grund- bzw. Ausgangssituationen von Unfreiheit: Befreiung von einem Todesurteil27, Befreiung aus Kinderlosigkeit28, Befreiung aus politischer, territorialer und religiöser Bevormundung29, Befreiung aus Fremdherrschaft und Sklaverei30 im Sinne von Leibeigenschaft.31 Die biblische Verknüpfung der Freikaufmetaphorik mit einer Konzeption von Sünde, die den Menschen versklavt32, betont die in der Perikope der göttlichen Namensoffenbarung33 enthaltene theologische Zusage: Der in jeder Zeit und an allen Orten mit den Geschöpfen seiende Gott geht an die Orte der Leiden und führt aus diesen heraus.34 Aber sie betont auch die Verdeutlichung der Sünde als eine den Menschen versklavende Macht.35 Die Gefangenschaft ist (…) eine soziale, intersubjektive Situation; indem sie zum Symbol der Sünde wurde, hat diese Chiffre den Entfremdungscharakter der Sünde herausgestellt.36 Geht es also in diesem Metaphernfeld um Erlösung als Befreiungserlebnis aus einer als lebensverhindernd oder -bedrohlich einengend empfundenen Wirklichkeit, bietet gerade sie zeitgenössische Anschlussmöglichkeiten, lebensnah und säkular von Erlösung zu sprechen.37 24 Vgl. Sattler (2011: 85). 25 Vgl. Sattler (2011: 85). 26 Vgl. Sattler (2011: 85). 27 Vgl. Gen 4,15. 28 Vgl. Gen 18,1–15; 21,1–7; Lk 1,5–80. 29 Vgl. Jes 41. 30 Vgl. Ex 13,17–14,31. 31 Vgl. Sattler (2011: 103). 32 Vgl. Ps 129; 130,7f.; Jes 43,3; Jes 52,2f.; Jes 53,10–12; Mk 10,45c; 1 Tim 2,6; 1 Petr 1,18f.; 1 Kor 6,20, nach Klauck (1996: 28). 33 Vgl. Ex 3,14. 34 Sattler (2011: 103). 35 Klauck (1996: 28). 36 Paul Ricoeur, zitiert nach Klauck (1996: 28). 37 Vgl. Sattler (2011: 101). „Wie in vielen Bereichen der erfahrungsnah konzipierten Zugänge zur 55 2 Theologischer Zugang zur Erlösungsbegrifflichkeit Der etwas enger gefasste Sitz im Leben der Freikaufmetaphorik aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. im Schadenersatzrecht bietet überdies weitere säkulare Anschlussmöglichkeiten: Damals konnten sich Betroffene durch ein zu zahlendes Lösegeld (selbst oder von Dritten) von einer „Sündenstrafe“38 freikaufen, die sie bereits ereilt hatte oder noch ereilen würde. Der damals bekannte Zustand eines Menschen im todverfallenen bzw. verwirkten Leben39 bietet sowohl Anschlussmöglichkeiten an die theologische Sündenkonzeption als auch an die Forschungsbereiche der Psychotherapieforschung. 2.1.3 Großzügigkeit und Geldschulden (das finanzielle Paradigma) In diesem Metapherncluster werden Vokabeln aus der Welt des Handels und der Finanzgeschäfte, wie z. B. Schulden, Schuldscheine, Krediterlässe40 mit der Vorstellung moralischer Schulden verknüpft.41 Wer je stark verschuldet war, kann ermessen, was an Erlösung es bedeutet, wenn durch ein Geldgeschenk oder zumindest durch einen annehmbaren Kredit neue Bewegungsmöglichkeiten entstehen.42 Betont wird dadurch zum einen die Tatsache, dass ein Schuldenerlass nur auf der Basis der Akzeptanz von Schuldigkeit erfolgen kann: Die eigene Unterschrift auf einem Schuldschein belegt urkundlich die Annerkennung, dass man etwas (einen Geldbetrag) erhalten hat, wofür man dem Geber/Schuldner etwas schuldig bleibt, das zurückzuzahlen ist.43 Zum anderen soll damit die Fähigkeit, Kompetenz und Legitimation Gottes verdeutlicht werden, unbezahlbare Schulden zu erlassen.44 Erst bei Lukas45 wird die ursprünglich säkulare Vokabel ὀφείλημα (Schuld) durch ἁμαρτία (Sünde) ersetzt.46 Theologisch problematisch wird dieses Metaphernfeld dann, wenn im Zuge der Übertragungen Gott als großer Buchhalter und Gläubiger gedeutet und Sünde und Vergebung im Sinne eines Tauschgeschäfts interpretiert werden. Derartige Aussagen und Rollen passen nicht zum von Jesus beschriebenen Wesen Gottes.47 Soteriologie sind auch unter dem Leitbegriff »Befreiung« Bezüge zur Psychotherapieforschung naheliegend.“ Sattler (2011: 102). 38 Klauck (1996: 26). 39 Vgl. Klauck (1996: 28, Fußnote 40). 40 Die griechischen Ursprungsvokabeln lauten ὀφείλω, ὀφείλημα, ὀφειλέτης (schulden, die Schuld, der Schuldner). Vgl. Klauck (1996: 29). 41 Vgl. Mt 18,21,23–35; Lk 7,36–50; Kol 2,14, nach Sattler (2011: 85); Klauck (1996: 31). 42 Sattler (2011: 85). 43 Vgl. Klauck (1996: 29). Der griechische Wortstamm für finanzielle Schuld ὀφειλήματα (Schulden) findet sich noch im Vaterunser in Mt 5,12. 44 Das lässt sich besondern aus der kühnen Metapher im Gleichnis Jesu aus Lk 7,36–50 ablesen. Vgl. Klauck (1996: 31). 45 Lk 11,4. 46 Die Übersetzung der zu ἁμαρτία gehörigen Verbform ἀφίημι lautet vergeben, eine Summe nachlassen, auf eine Rückzahlung verzichten. Vgl. Klauck (1996: 30). 47 Vgl. Klauck (1996: 31), Sattler (2011: 112–166, 115f.). 56 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge Wie kaum ein anderes soteriologisches Metaphernfeld ist jenes viel verwendete fiskalische in der Erlösungslehre mancher Rückfrage bedürftig.48 Übertragungsfähig sind einerseits diejenigen Erfahrungswerte, welche die Ausweglosigkeit drückender Schuldenlast, eigener Zahlungsunfähigkeit und des Leidens unter hartherzigen Gläubigern verdeutlicht, weil sie nachvollziehen lassen, wie überschwänglich andererseits das Gefühl der Befreiung bzw. Erlösung ausfällt, wenn/weil Gott aus einer ähnlich ausweglosen Situation befreit.49 Die Anschlussmöglichkeiten für eine profane Erlösungsdynamik wie sie in den Maigret-Romanen vorfindlich ist, liegen hier deutlich auf der Hand. 2.1.4 Verurteilung und Begnadigung (das gesetzliche Paradigma) Das Metaphernfeld juristischer Gerichtsbarkeit umfasst die Motive von Verurteilung und Begnadigung im Zusammenhang mit Gesetzesübertretung, Gerichtsverfahren und den daran beteiligten Personen.50 Das Gesetz als zentrale Lebensordnung ist in biblischer Zeit fest im jüdischen Denken verankert, so dass diese Bildgeber vielfach in den biblischen Schriften mit richtigem und falschem religiösen Verhalten kombiniert werden.51 Die Verquickung der bildgebenden Konfiguration einer Gerichtsverhandlung mit dem Begriff der Sünde führt zu einer breiteren und detaillierteren Vorstellung, in welchen Bereichen sie zu lebensbedrohlichen oder -verhindernden Konsequenzen führt, weil sie angeklagt und bestraft wird. Sünde (ἁμαρτία) erweist sich hier als (…) Begriff, der einerseits zu ἀνομία (…) und andererseits zur ἀδικία als einem Sammelbegriff (…) für Verstöße gegen soziale Verpflichtungen in Beziehung gesetzt wird.52 Taten und Haltungen, welche die Beziehung zu Gott (ἀνομία) und/oder zu anderen Menschen (ἀδικία) verletzen, werden als Sünde bezeichnet, die zu verurteilen ist. Schlussendlich geht es dabei um jegliche Form von Beziehungslosigkeit, von deren Konsequenzen göttliche Vergebung erlösen kann.53 Im Metaphernfeld wird diese Art Er lösungserfahrung umschrieben mit einem Gerichtsverfahren, in dem auf der Basis eines erfolgten Schuldspruchs auf die Bestrafung verzichtet wird oder ein Freispruch erfolgt. Auch das Bewahren eines Schuldigen davor, überhaupt einem solchen Gerichtsverfahren ausgesetzt zu sein, ist biblisch belegt. 54 48 Sattler (2011: 116). 49 Vgl. Klauck (1996: 31f.). 50 Vgl. Klauck (1996: 32). „Freigesprochen zu werden vor Gericht, ist eine Erlösungserfahrung. Die Bildwelten des Gerichtswesens (das Gesetz nicht beachten, urteilen, begnadigen und freisprechen) sind (…) vielfach bezeugt.“ Sattler (2011: 85). 51 Z. B. in: 1 Tim 5,24; 1 Joh 2,1; 1 Joh 3,4; 1 Joh 5,17; Joh 3,18; Röm 8,1; Röm 8,33f.; Jak 2,9. Vgl. Klauck (1996: 32f.). 52 Klauck (1996: 32f.). ἀνομία (= Ungesetzlichkeit), ἀδικία (= Ungerechtigkeit). 53 Vgl. Klauck (1996: 33). 54 Z. B. in Joh 3,18 und Röm 8,33f. Vgl. Klauck (1996: 33). 57 2 Theologischer Zugang zur Erlösungsbegrifflichkeit Dabei ist besonders das säkulare Motiv des Fürsprechers vor Gericht (παράκλητος, Paraklet) für die Person Jesu und Aussagen über das Wesen Gottes charakteristisch geworden. Die Idee der Sündenvergebung als Freispruch oder Begnadigung aufgrund der Fürsprache eines Dritten vor Gericht findet sich z. B. in 1 Joh 2,1 und Röm 8,34 und hat ihren säkularen Ursprung in der altjüdischen Praxis der Anwesenheit Dritter vor Gericht, die durch ihr bloßes Zugegensein das Gerichtsverfahren positiv für den Angeklagten beeinflussen können.55 Interessant ist dabei, dass es hier nicht ausschließlich um den heutzutage nahe liegenden Anwalt als Rechtsbeistand ging, sondern darüber hinaus um andere Personen, wie z. B. Frau und Kinder, die Mitleid beim Richter wecken sollten, gekaufte Stimmungsmacher, die den Richter einschüchtern sollten oder auch um einflussreiche Freunde/Patrone des Angeklagten, von denen der Richter eventuell abhängig war.56 Dennoch dürfen auch für dieses Metaphernparadigma die Grenzen der Übertragbarkeit nicht aus dem Blick fallen: [D]as biblisch geleitete Gerichtsmodell [ist] im Wesentlichen auf der Basis eines Wortaustauschs gedacht (…). [Das] bedeutet auch, anzuerkennen, dass die zerstörerischen Folgen der getanen Tat und die neue versöhnende Kraft künftiger Taten weniger im Blick ist. »Gericht« wird stattdessen eher als von Taten losgelöste geistige Erkenntnis verstanden.57 Der damit einhergehende notwendige Perspektivwechsel vom Ankläger zum passiven Prozessbeobachter, der aufgrund seiner Empathie auch durch das Mitgefühl mit dem Leidtragenden bestimmt ist58, findet unmittelbaren Anschluss an Maigrets typischste Verhaltensauffälligkeit, das Nicht-Urteilen.59 Auch die sekundärliterarische Rollenzuweisung Maigrets als „avocat des hommes“60 verspricht deutliche säkulare Anschlussmöglichkeiten. 2.1.5 Fleckensymbolik und Reinigung (das rituelle Paradigma) In diesem biblischen Bildfeld, dessen Grundlage tatsächliche immer wiederkehrend durchgeführte Waschungen im altjüdischen Alltag zum Zweck der Reinigung von Schmutz und Stau waren61, sind die Oppositionen, zwischen denen eine Säuberungshandlung vermittelt, die bedeutungstragenden Pole.62 Da die außersprachliche Wirklichkeit Waschungen sowohl innerhalb als auch außerhalb des kultischen Rahmens kannte, ist 55 Vgl. Klauck (1996: 33). 56 Vgl. Klauck (1996: 33). 57 Sattler (2011: 118). 58 Vgl. Sattler (2011: 117). 59 Vgl. Teil II, Kap. 1.3.3. 60 Ritzen, Quentin (1961): Simenon, avocat des hommes. Paris. Zitiert nach Keil (2004: 70). 61 Vgl. Klauck (1996: 34). 62 Vgl. Klauck (1996: 35f.). Z. B. „dreckig – sauber“, „besudelt – fleckenlos“, „rein – unrein“, „gottgemäß – Greuel“, „verunreinigt – makellos“. (Ebd.) 58 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge die bereits alttestamentliche Übertragung ins Kultische als Kategorisierungshilfe bzw. als Maßstab für die Frage der Kultfähigkeit leicht nachvollziehbar.63 Am bekanntesten ist sicherlich die neutestamentliche Übertragung dieses rituellen Paradigmas auf die Taufe als äußerliches Symbol für das Reingewaschenwerden von aller Sünde.64 Paul Ricoeur deutet dieses Paradigma aus literarischem Blickwinkel folgendermaßen: Der Aufbau eines Vokabulars des Reinen und Unreinen, das alle Ausdrucksmöglichkeiten der Fleckensymbolik einfängt, ist mithin die erste linguistische und semantische Schicht des „Schuldgefühls“ und zuvor des „Sündenbekenntnisses“.65 Darüber hinaus scheint in diesem Zusammenhang auch das Motiv des Bades mit dem Anklang an neutestamentliche Taufsymbolik durchaus als Hintergrundfrage aussagefähig bezüglich literarisch angedeuteter Neuanfänge.66 2.1.6 Schuldeingeständnis und Beichte (das kommunikative Paradigma) Auffällig an diesem bildgebenden Alltagsbereich für die Verdeutlichung einer Erlösungserfahrung ist die Übereinstimmung zwischen biblischen Verbalmetaphern und dem Krimi-Vokabular: Das Verbergen, Verstecken, Verhüllen, Aufdecken und Offenlegen von begangener Schuld ist Grundthema der analysis- und mystery-Spannung67 in Kriminalromanen. Schon alttestamentlich68 werden diese Verbalmetaphern mit dem öffentlichen Sündenbekenntnis verknüpft, das als psychohygienisches Phänomen das Erlösungserlebnis bei der Sündenvergebung begleitet.69 Es scheint einem psychohygienischen Bedürfnis zu entspringen; Sünden und Sündenfolgen werden erst als abgetan empfunden, wenn die Sünden laut ausgesprochen wurden.70 Dass ein solches Sünden- oder Schuldbekenntnis öffentlich stattzufinden hatte, lässt sich nach Klauck über eine soziale Komponente erklären, deren Ursprung sogar im juristi- 63 Die Opposition „rein – unrein“ erlaubt eine Einteilung von Handlungen, Gesinnungen, Gegenständen und Menschen als für kultische Rituale zugelassen oder nicht. Vgl. Klauck (1996: 34). 64 Vgl. Ps 51,4; Jer 2,22; Apg 22,16; 1 Kor 6,11; Tit 3,5; 1 Joh 1,7; Offb 7,14, nach Sattler (2011: 86) und Klauck (1996: 35). 65 Paul Ricoeur, zitiert nach Klauck (1996: 36). 66 Auch in den Maigrets findet sich gelegentlich eine Situation zwischen dem Kommissar und seinem Hauptverdächtigen bzw. Täter beschrieben, in der es um ein – unfreiwilliges oder freiwilliges – gemeinsames „Bad“ beider geht, dem erzähltechnisch eine einschneidende Handlungswende folgt. Vgl. z. B. Pietr der Lette (1999: 164–168). 67 Vgl. Teil II, Kap. 1.3.1. 68 Ps 32,2–5. 69 Vgl. Klauck (1996: 38). „[Man] kann (…) als gemeinsamen Herkunftsbereich für Glaubens- und Sündenbekenntnis an einen forensischen Akt denken, an ein Gestehen oder auch Bekennen vor Gericht.“ Klauck (1996: 41). 70 Klauck (1996: 38). 59 2 Theologischer Zugang zur Erlösungsbegrifflichkeit schen Schuldeingeständnis vor Gericht beheimatet ist.71 Die neutestamentliche Verknüpfung des öffentlichen Sündenbekenntnisses mit der Bereitschaft zur Umkehr vor der Erlösungserfahrung durch Vergebung in der Tauftradition des Johannes72 spricht ebenfalls für die Notwendigkeit des Anschlusses der öffentlichen Beichte an die Aufnahme in eine die Erlösung bzw. Vergebung zusprechende Gemeinschaft. Die Anschlussfähigkeit der Maigrets, die ihren emotionalen Höhepunkt in der Beichte des Täters dem Kommissar gegenüber finden, an säkulare Erlösungsmomente wird hier bereits durch ihre Nähe zum Bildspender des biblischen Metaphernfeldes (säkulares Schuldeingeständnis vor Gericht) deutlich. Besonders aussagekräftig erscheint mir in diesem Zusammenhang die Verlagerung der Beichtvater-Funktion73 von der Priesterschaft auf den literarischen Detektiv. [E]ine Rückfrage geben die biblischen Texte [des öffentlichen Sündenbekenntnisses] samt ihrem religionsgeschichtlichen Kontext uns jedenfalls auf: Auch die völlige Privatisierung von Schuld und Vergebung bleibt in gewisser Weise unbefriedigend und vielleicht auch therapeutisch wirkungslos.74 Gerade dieser Aspekt ist auch für Sattler eine Anschlussmöglichkeit der Erlösungsbotschaft an säkulare Forschung. Sie konstatiert, dass dieses biblische Metaphernfeld des Sündenbekenntnisses als Vermittler einer Erlösungserfahrung für viele Menschen gerade im „lebensgeschichtlichen Erzählen“75 erfahrbar wird, das immer auch von „selbst erkannter Schuldgeschichte“76 durchsetzt ist, womit sich die Bibliographieforschung als wichtig für die gegenwärtige theologische Reflexion erweist.77 Rückblickend auf ihr Leben, suchen Menschen im Gespräch Erlösung zumindest durch eine verstehende Deutung der Einflüsse auf das eigene Handeln, das sich später als mit leidvollen Folgen verbunden erwies.78 Sattler expliziert auf dem Hintergrund der wissenschaftlichen Ergebnisse aus der Biographieforschung weiter die Wichtigkeit des Gesprächspartners für einen solchen biographischen Rückblick. Viele Menschen erfahren Lebenssituationen, in denen es wichtig ist, mit einem Menschen in ein Gespräch zu kommen, der die Gabe hat, in geduldiger und kundiger Weise Einsicht in die unheilstiftenden Lebenszusammenhänge zu vermitteln und Wege der 71 „Die Gemeinschaft, die u. U. von der Sünde mitbetroffen war, bildet auch das Forum für ihre Bewältigung.“ Klauck (1996: 39). 72 Mk 1,14. 73 Vgl. Keil (2004: 70). 74 Klauck (1996: 41). Eine gewisse Wiederaufnahme könnte im bibliotherapeutischen Umgang mit säkularer Literatur erfolgen, wenn auf der Basis von Rollenspielen, szenischen Darstellungen oder freiem Schreiben die psychohygienische Wirkung eines Schuldeingeständnisses modellhaft nacherlebt werden kann. Zur Bibliotherapie vgl. Teil V, Kap. 2.4. 75 Sattler (2011: 119). 76 Sattler (2011: 119). 77 Vgl. Sattler (2011: 119). 78 Sattler (2011: 119). 60 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge Aussöhnung mit dem gewordenen Dasein aufzuzeigen. (…) Erst ein solches einfühlendes Verstehen der Kontexte menschlichen Handelns birgt die Aussicht auf dauerhafte Besserung. (…) In diesem Geschehen wird von Menschen als hoch bedeutsam erfahren, ob sie ihr personales Gegenüber als authentisch, zugewandt und wohlwollend erleben.79 Eine treffendere, unabhängig vom literarischen Kontext getroffene Charakterisierung der Besonderheit Maigrets lässt sich kaum finden. Die säkulare Anschlussmöglichkeit der Maigrets und des neuen Topos an das kommunikative Paradigma der Rede von Erlösung wird hier besonders deutlich. 2.1.7 Irrwege und Umkehr (das fachsprachliche oder motorische Paradigma)80 Die Bildwelten der Wegmetaphorik nehmen aufgrund ihrer säkular völlig unumstrittenen Erlebnisse, sich zu verirren, vom Weg abzukommen oder den falschen Weg eingeschlagen zu haben, zweierlei Erfahrungen auf: Zum einen die Erkenntnis der Notwendigkeit des Innehaltens und Umkehrens, um das ursprünglich anvisierte Ziel dennoch zu erreichen und zum anderen die Erfahrung von Isolation oder angsteinflößender Fremdheit, die sich einstellt, weil man die Umgebung nicht mehr kennt oder merkt, dass man alleine nicht mehr zurück findet.81 Das Neue Testament verknüpft die Folgen verkehrten Handelns mit der Entscheidung für einen falschen oder dem Abkommen vom rechten Weg, so dass die biblischen Metaphern von Irrwegen und Umkehr die lebensgefährliche Isolation von Gott und aus der Gemeinschaft mit anderen Menschen als Folgen der Sünde in den Blick nehmen.82 Die in diesem Kontext bedeutungsvolle Vokabel der μετανοία (Umkehr) beinhaltet sowohl die Komponente des Um-Denkens (nach griechischer Wortbedeutung)83 als auch die Aspekte des Sich-Abwendens vom Bisherigen, der Rückkehr und des Neuanfangs (unter Einbezug semitisch-linguistischer Einflüsse)84. Sie erhellt als Opposition zu ἁμαρτία (Sünde) auch deren semantischen Kern in der Bedeutung als Zielverfehlung im Sinne eines reflektierten und unreflektierten Daneben-Treffens.85 Erst die Relation beider Begriffe zueinander verdeutlicht den Kernbereich neutestamentlicher Begriffsbildung von μετανοία und ἁμαρτία, der sich mit Mk 1,4 außerhalb ethischer Imperative befindet: „βάπτισμα μετανοίας εἰς ἄφεσιν ἁμαρτιῶν (die Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden)“86 und den erlösenden Wendepunkt des säkularen Lebensbezugs beschreibt. 79 Sattler (2011: 121). 80 Klauck bezeichnet dieses Metaphernfeld als „fachsprachlich“, da er auf die theologische Klärung der Begriffe Sünde und Umkehr abzielt (vgl. Klauck (1996: 41)), Sattler bevorzugt die Bezeichnung „motorisch“ mit Schwerpunkt auf der Bewegungsrichtung der Umkehr (vgl. Sattler (2011: 86f.)). 81 Vgl. Sattler (2011: 86f.). 82 Vgl. Lk 1,68–78; Mk 13,5f.; 2 Petr 2,15; Hebr 5,2; Jak 5,19, Sattler (2011: 87). 83 Vgl. Klauck (1996: 42). 84 Vgl. Klauck (1996: 42). 85 Vgl. Klauck (1996: 43). 86 Vgl. Klauck (1996: 41, 43). 61 2 Theologischer Zugang zur Erlösungsbegrifflichkeit 2.2 Gemeinsamkeiten aller Metaphernparadigmen Sattler konstatiert am Ende der ausführlicheren Betrachtung ausgewählter Bildfelder für die biblische Rede von Erlösung drei Merkmale, die sich innerhalb jedes einzelnen Metaphernparadigmas finden lassen. 1. Immer geht es um die Veränderung von lebenszerstörenden, -verhindernden oder behindernden Aspekten persönlichen Lebens, die auf eine Öffnung der verengenden und begrenzenden Elemente abzielt. Sattler bezeichnet dieses Phänomen als „Erfahrungen der Todesnähe“87, reduziert sie aber nicht auf das Ende der irdischen Lebenszeit.88 2. Allen Erlösungserfahrungen, die in biblischer Metaphorik beschrieben werden, wohnt auch das Element der Wiederaufnahme in eine soziale Gemeinschaft inne. Menschliche Verlorenheit, aus welchem bildspendenden Bereich auch immer sie übertragen wird, bedeutet immer auch Isolation.89 3. Die biblischen Erlösungsmetaphern in ihrem Ansinnen, das Ziel eines gelingenden, menschenwürdigen Lebens in Gemeinschaft mit Gott zu vermitteln, nehmen ihren Ausgang in den säkularen Lebensbezügen diesseitiger Wirklichkeit. Denn auch „im Diesseits gibt es Erlösungserfahrungen, von denen sich metaphorisch erzählen lässt“90, da gerade die Realität akuter Todesbedrohung im Diesseits erlebt wird.91 Abschließend soll bezüglich der Sinnhaftigkeit, sich der Erlösungsbegrifflichkeit theologisch auf diesem Weg zu nähern, Klauck selbst zu Wort kommen, der bereits 1996 einen integrativen Ansatz vertrat, ohne andere Disziplinen damit zu vereinnahmen: Die Sorge um das Humanum, um das Wohl des Menschen, um ein gelingendes Leben stellt ein gemeinsames Moment dar, und es ist keineswegs belanglos, wenn sich auf diesem Gebiet Ansätze zu einem Sündenbewußtsein auch in einer rein philosophischen, sozusagen säkularen Weltsicht zeigen. (…) Daß das Sündenbewußtsein (…) heute aufgelöst werde in Tiefenpsychologie, Systemtheorie, Soziobiologie und Verhaltensforschung (…), braucht man nicht unbedingt nur als Verfallserscheinung zu beklagen. Man kann es auch zum Anlaß nehmen, einmal zur notwendigen Selbstbesinnung, (…) aber auch zu einer offensiven, konstruktiven Auseinandersetzung, die von einer gemeinsamen Prämisse ausgehen kann: der Sorge um (…) Heilung und Heil der Menschen.92 87 Sattler (2011: 125). 88 „Es gibt den Tod mitten im Leben, wenn Lebensmöglichkeiten auf immer beschnitten erscheinen. (…) Auch bei Verirrungen lassen sich Erfahrungen der Todesnähe erahnen.“ Sattler (2011: 125). 89 Vgl. Sattler (2011: 125). 90 Sattler (2011: 125). 91 „Im Hintergrund aller Erfahrungen von Unheil lauert der Tod.“ Sattler (2011: 125). 92 Klauck (1996: 52). 63 3 Theologischer Zugang zur Erlöserbegrifflichkeit Da der Topos des profanen Erlösers nicht völlig unabhängig von einem Erlösungsgeschehen betrachtet werden kann, sich aber doch vorwiegend auf die Konzeption einer Figur bezieht, muss die Person Jesu von Nazareth auf ihre Besonderheiten als christlicher Erlöser hin untersucht werden. Aufgrund des Anliegens dieser Arbeit, säkulare Anschlussmöglichkeiten an das christlich geglaubte göttliche Erlösungshandeln am Menschen in Jesus zu gegenwärtigen Lebensbezügen herauszufinden, ergibt sich für den theologischen Zugang zur Erlöserbegrifflichkeit die Anforderung, die Betrachtung des christlichen Erlösers ausschließlich auf diejenigen Wirkungsarten und -bereiche zu konzentrieren, die außerhalb dogmatischer Überhöhung und nachösterlicher Interpretation während der diesseitigen Existenz Jesu in Raum und Zeit stattgefunden haben. Es geht demnach im Folgenden um die Bezugnahme auf die Person und das Werk des profanen Jesus als Christus im Sinne seiner vorösterlichen Existenz bzw. um die Frage, was das Typische und Besondere an Jesus als christlichem Erlöser und menschlichem Zeitgenossen ausmacht.1 Besonders das Textverständnis der Ästhetischen Theologie nach Huizing2 baut hier eine Brücke zwischen literaturwissenschaftlichem Anliegen und theologischem Gegenstand, wie Kapitel 7.3. expliziert. In diesem Zusammenhang ist es weiterhin erforderlich, die sprachliche Differenzierung der Begriffe Jesus und Christus vorzunehmen: Im weiteren Verlauf wird der Name Jesus verwendet, um die vorösterliche, diesseitige Existenz Jesu von Nazareth in Raum und Zeit im Sinne eines Jesus aus säkularer Perspektive zu beleuchten.3 Die Begrifflichkeit des Christus wird dann benutzt, wenn es um den Wert der Person Jesu in Zusammenhang mit und aus der Deutung seiner Auferstehung für christlich Glaubende als kerygmatisch geglaubte, von Gott gesandte Person in der Funktion des christlichen Messias geht. 3.1 Theologische Legitimation der perspektivischen Begrenzung Die auf dem säkularen Hintergrund der Maigret-Romane basierende Einschränkung der Betrachtung von Jesus als dem Christus bzw. Erlöser auf den rein diesseitig geschilderten Jesus von Nazareth als profanen Jesus wird theologisch legitimiert durch die Hervor- 1 Es geht dabei keinesfalls darum, der diesseitigen irdischen Existenz Jesu ihre Transzendenz abzusprechen oder ihre Göttlichkeit, sondern darum zu betonen, dass die Betrachtung der Person und des Werks Jesu zur Zeit seines vorösterlichen Daseins jenseits theologisch-systematischer Zuordnungen und dogmatischer Definitionen erfolgt. 2 Vgl. Huizing (2000a und 2000b). 3 Diese Verwendung geschieht überdies in bewusster Abgrenzung zur theologisch vorhandenen, viel diskutieren Forschung zum „historischen Jesus“, der hier nicht nachgegangen wird, weil sie mit der wissenschaftlich belegbaren und nachprüfbaren Wahrhaftigkeit biblischer Inhalte ein anderes Grundanliegen verfolgt als meine Grundfrage. 64 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge hebung des protestantischen Verständnisses der Einheit des vorösterlichen Jesus mit Gott.4 Der Osterglaube hat das christliche Kerygma begründet, aber er hat ihm seinen Inhalt nicht erst und ausschließlich gegeben. Gerade er wurde vielmehr dessen inne, dass Gott gehandelt hat, ehe wir gläubig wurden, und er bezeugt das, indem er die irdische Geschichte Jesu in seine Verkündigung einbezieht.5 Wenn also der nachösterlich als Christus Verkündigte im diesseitigen Wirken Jesu bereits vollmächtige Wirkung entfaltet, und der vorösterliche Jesus im nachösterlichkerygmatischen Christus erkennbar bleibt6 (Gott also in Jesus Mensch wird, dabei aber nicht aufhört, nach wie vor Gott zu sein), dann müssen auch die diesseitigen irdischen Handlungen und Taten Jesu bereits im christlichen Sinn als Erlösungsgeschehen volle Gültigkeit besitzen. Der protestantisch-christliche Glaube bejaht Jesus von Nazareth als Christus daher nicht erst ab seiner Auferstehung. Mit der Akzeptanz der vollen Göttlichkeit des Menschen Jesus von Nazareth, die der Gläubige erst in bzw. ab der Auferstehung überhaupt erkennen kann, unterstreicht der protestantisch-christliche Glaube die umfassende Erlöserfunktion Jesu bereits zu irdischen Lebzeiten und im Diesseits. Kommt also das nachösterliche Kerygma bereits im diesseitigen Wirken Jesu zum Tragen und besitzen die diesseitigen, irdischen Handlungen Jesu im christlichen Sinn als Erlösungsgeschehen volle Gültigkeit (eben weil bereits transzendente Aspekte enthalten und Hinweise darauf sichtbar sind), dann stellt auch der vorösterliche Jesus in seiner Diesseitigkeit einen christologisch legitimen Repräsentanten des christlichen Erlösungsglaubens dar, auf den ein neutraler Topos wie der des profanen Erlösers verweisen kann. 3.2 Das Besondere an der christlichen Erlöserfigur – die Person Jesu als Mittelpunkt christlichen Glaubens Ein Spezifikum des christlichen Glaubens beinhaltet die Tatsache, dass es im wesentlichen Kern nicht um eine Idee oder einen Sachverhalt geht, sondern um eine Person.7 Aus christlicher Sicht wird essentiell daher nicht gefragt, was geglaubt wird, sondern vielmehr, wer geglaubt wird.8 Christlicher Glaube existiert dementsprechend nicht unab- 4 Vgl. Kühn (2003: 54–63). Diese Sicht teilen seitens protestantischer Theologen des 20. Jahrhunderts z. B. Gerhard Ebeling, Wolfhart Pannenberg, Ingolf U. Dalferth und E. Käsemann in der Nachfolge von Karl Barth und Rudolf Bultmann. 5 Käsemann (1954: 203). 6 Dafür spricht auch die geheimnisvolle Einheit aus voller Göttlichkeit und hundertprozentigem Menschsein der Person Jesu zu jedem Zeitpunkt seiner Existenz, wie sie aus der die „vere deus et vere homo“-Theorie der Zweinaturenlehre aus der Christologie bekannt ist, sowie die Frage nach der Präexistenz des Gottessohnes, die aber an dieser Stelle nicht weiter diskutiert werden, weil sie sich für die Etablierung des Topos als nicht zielführend erweisen. Vgl. dazu: Härle (2000: 339–346, 342, 354–356). 7 Vgl. Eckstein (2000: 112). 8 „Zwar ergibt sich für diejenigen, die (…) die Evangelien lesen, der Eindruck, das erste sei die Aus- 65 3 Theologischer Zugang zur Erlöserbegrifflichkeit hängig und außerhalb von Christus.9 Schon in frühchristlicher Zeit wurde darum die Person Jesu als personifizierter Glaube schlechthin betrachtet10, so dass Jesus Christus als der Glaube in Person an den Heilsweg Gottes für den und mit dem Menschen gleichzeitig die Art und den Inhalt des Erlösungsgeschehens verkörpert.11 Ist inhaltlich demnach der Glaube an Jesus Christus gleichbedeutend mit dem Glauben an Gottes liebende und versöhnende Bewegung auf den Menschen zu, kann dieser von seiner Art her niemals unabhängig von Christus durch historische Beweise herbeigeführt oder als „losgelöster Faktenglauben“12 eingefordert werden. Das Charakteristische christlicher Glaubensweise ist durch seine Entstehung begründet: Die Kontaktaufnahme Gottes mit dem Menschen bewirkt den Glauben, die Begegnung mit Gott holt den Menschen in die Glaubensbeziehung hinein.13 Entscheidend ist, daß der christliche Glaube sich (…) der Begegnung mit einer Person verdankt, von der gesagt werden konnte und kann: In ihr hat Gott sich – als Liebe – erschlossen. Würde dieser Bezug zu einer konkreten Person preisgegeben oder für unwesentlich erklärt, (…) wäre der christliche Glaube schon in struktureller Hinsicht als Illusion (…) zu bezeichnen (…). Er wäre dann nicht konstituiert durch die Begegnung mit einer Person, (…) sondern (…) aus der Sehnsucht nach einer solchen Begegnung heraus konstruiert.14 Aus diesem Grund besteht das wesentlichste Charaktermerkmal der Person Jesu in der liebevollen Zuwendung Gottes zum Menschen. zeichnung der Person, dann und von daher ergebe sich die Bedeutung seines Werks, aber das ist nicht die Erkenntnisordnung der Menschen, die ihm als erste nachfolgten. (…) Vielmehr begegnen sie der Person Jesu, sie hören seine Verkündigung, sie sehen seine Taten, (…) werden Zeugen seines Leidens und Sterbens (…) Und aus alledem gewinnen sie die Überzeugung: Er ist der Kyrios, der Christus, der Sohn Gottes.“ Härle (2000: 307). 9 „Die Gläubigen sind davon überzeugt, dass Gott ist und dass er für sie ist; aber sie können dieses Wissen nicht aus der Geschichte und Erfahrung – unabhängig und außerhalb von Christus (extra Christum) – ableiten.“ Eckstein (2000: 111). 10 „So kann Paulus zur Bezeichnung des mit Christus gekommenen und im Glauben an ihn eröffneten Heilsweges in Gal 3,23.25 personifizierend vom ‚Gekommensein des Glaubens‘ (…) reden (…).“ Eckstein (2000: 106). 11 Zum Zusammenhang von Glaube, Evangelium und der Person Jesu Christi vgl. auch: Härle (2000: 303–307) unter: Das Thema der Christologie: „Christlicher Glaube hat seinen Ursprung und bleibenden Grund in dem (…) Evangelium, das verstanden sein will als Evangelium von Jesus Christus.“ Härle (2000: 303). Dazu auch Eckstein: „Fraglos wird (…) mit „Glaube“ nicht nur der aktuelle Vollzug des Glaubens, der Glaubensakt, bezeichnet – also die sog. fides qua creditur (der Glaube, durch den geglaubt wird) -, sondern darüber hinaus und gerade auch der Glaubensinhalt – also die fides quae creditur (der Glaube, welcher geglaubt wird).“ Eckstein (2000: 107). 12 „Der christliche Glaube schließt somit durchaus ‚Wissen‘, ‚Erkenntnis‘ und ‚Fürwahrhalten‘ ein (…)! Jedoch wird diese ‚Überzeugung‘ weder durch ‚historischen Beweis‘ herbeigeführt noch überhaupt als losgelöster ‚Faktenglauben‘ dem Menschen selbst vorweg abgefordert. (…) Die Offenbarung Gottes in Jesus Christus ist für die ersten Christen (…) sehr wohl ‚historisch‘, d. h. in Zeit und Raum hinein geschehen, aber eben nicht ‚historisch verifizierbar‘.“ Eckstein (2000: 111). 13 „Zum Glauben an Gottes Heilshandeln in Christus kommt es nicht auf Grund von „Beweisen“ und „eigenen Erfahrungen“, sondern vielmehr dadurch, dass der Mensch von Gott angesprochen und das Evangelium von Christus ihm zugesprochen wird. Der Glaubende wird von der Wahrheit des Evangeliums eingeholt (…).“ Eckstein (2000: 111). 14 Härle (2000: 305). 66 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge 3.3 Das Typische an Jesus als Mensch unter Menschen Ich nehme für die Bearbeitung dieses Kapitels15 zum Zwecke der Gleichwertigkeit mit den literaturwissenschaftlichen Betrachtungen eine Haltung gegenüber den Evangelien ein, die der Ästhetischen Theologie entlehnt ist.16 In seinem mit der Grundhaltung dieser Arbeit übereinstimmenden Anliegen der „Übersetzung der Tradition im Horizont des eigenen Lebens, um das Alte weiterhin in seiner Lebensdienlichkeit auszuweisen“17, etabliert Huizing einen spätmodernen Zugang zu biblischen Texten auf der Basis der Wiederentdeckung der Bibel als „literarisches Kunstwerk“18 mit eigener Wirkungsästhetik.19 Dieser postmoderne Zugang beinhaltet die Wahrnehmung der Bibel als Inkarnationstext20, dessen Hauptaufgabe – unabhängig von den historischen Fakten – darin besteht, dem Leser Zugang zur darin enthaltenen Person Jesu zu ermöglichen.21 Der historische Jesus ist (…) eine in Nebel gehüllte Gestalt der Vergangenheit. (…) Bedeutung für das Leben hat primär der im Porträt lebendig gewordene Christus, der evident leibhaft erlebt werden kann. (…) Die Stärke biblischer Texte besteht in der Impressivität einer konkreten Gestalt, die mich berührt und betrifft.22 Dieser Zugang läuft nach dem Verständnis der Ästhetischen Theologie über den Versuch der Evangelien, ein impressives Jesusporträt zu zeichnen, das „die Fleischwerdeung des Lebens im Fleisch des Wortes abbildet und lebendig hält.“23 Zum einen geschieht das durch die von Jesus überlieferten Gleichnisse, die nach Huizing eine „Porträtähnlichkeit mit dem historischen Jesus (…) aufweisen und inkarnatorisch sprechen“24. Zum anderen geschieht es in der „Porträtarbeit“25 der Evangelisten, die dieses Gerüst ausmalten, „weil Jesu Verhalten eine Ratifizierung der in den Texten ausgedrückten Lebensform ist.“26 Bereits in den innerbiblisch den Evangelien nachgeordneten Büchern wird die Wirkungsgeschichte dieses „Vor-Augen-Malens“27 beschrieben, deren Geschichte bis in die gegenwärtige Rezeption biblischer Texte anhält.28 Aufgrund dessen betrachtet die Ästhe- 15 Aus den hier in Teil II, Kap. 3.3.1.–3.3.6. aufgeführten Charakteristika Jesu von Nazareth speisen sich die Topos-Merkmale, die später als aus der christlichen Theologie und Soteriologie entlehnt definiert sind. 16 Eine ausführliche Begründung und Legitimation der Ästhetischen Theologie findet sich bei Huizing (2000b), kurz vorgestellt. Zusammengefasst und mit Beispiel versehen, findet sie sich bei Huizing (2000a). 17 Huizing (2000a: 148). 18 Huizing (2000a: 149). 19 Vgl. Huizing (2000a: 149). 20 Huizing spricht hier von „Inkarnationsdrama“, vgl. Huizing (2000a: 148f.). 21 Vgl. Huizing (2000a: 149). 22 Huizing (2000a: 149). 23 Huizing (2000a: 149). 24 Huizing (2000a: 149). „Jesus selbst malte sich in seinen Gleichnissen vor Augen“ (Ebd). 25 Huizing (2000a: 149). 26 Huizing (2000a: 149). 27 Huizing (2000a: 149). 28 Vgl. Huizing (2000a: 149). 67 3 Theologischer Zugang zur Erlöserbegrifflichkeit tische Theologie auch die „im Leseakt zu vollziehende Wiedergeburt, die eingeleitet wird“29, wenn Leser „auf den im Text inkarnierten Christus (…) treffen.“30 Zugang zur Transzendenz geschieht über die Sinnlichkeit, erst später (wenn überhaupt) über das Denken. Am Anfang steht die affektive Betroffenheit durch die faszinierende Erscheinung des vor-Augen-gemalten Christus (…).31 Im Sinne einer solchen Porträtähnlichkeit werden nachfolgend die typischen Wesenszüge Jesu herausgearbeitet, die dem Leser biblischer Texte sinnliche und affektive Berührungspunkte zum geglaubten Christus anbieten können. Allen anderen Eigenschaften voran steht für Huizing Jesu Ergriffenheit vom Jammer (οἴκτος) für seine Mitmenschen, was heutige Texte mit Empathie, Mitleid und Erbarmen oder Barmherzigkeit wiedergeben würden.32 3.3.1 Ganzheitliche Verkündigung – der Beziehungswille zum Menschen Übereinstimmend mit der Ästhetischen Theologie, betonen auch die klassischen theologischen Disziplinen, dass die biblisch-christologischen Konzepte der synoptischen Evangelien, des Johannesevangeliums und bei Paulus33 ihrerseits bereits den Gehalt der diesseitigen Existenz und des Handelns Jesu von Nazareth34 interpretieren und nuancieren. Synoptisch übereinstimmend werden die Aufgaben und Tätigkeit des vorösterlichen Jesus als „Prediger und Wundertäter“35 wahrgenommen und festgehalten. Im Mittelpunkt seiner Verkündigung steht „die nahe und heilsame Gottesherrschaft“36, die Jesus nicht nur durch Bildworte und Gleichnisse veranschaulicht37, sondern die er durch die 29 Huizing (2000a: 150). 30 Huizing (2000a: 150). 31 Huizing (2000a: 150). 32 Vgl. Huizing (2000a: 152). Anmerkung: Auch für die literarische Betrachtung der Maigrets liefert die Ästhetische Theologie eine interessante Perspektive, der jedoch an anderer Stelle aufgrund ihres Umfangs ausführlich nachgegangen werden sollte: Für den Leseakt als Wiedergeburtsdrama sind u. a. besonders synästhetische Beschreibungen aussagekräftig. Die Erwähnung des atmosphärischen Gesamteindrucks von Texten als Teil ihrer Sinnlichkeit bietet vielfältigen Anschluss an Simenon, den Autor der Maigrets und Non-Maigrets, der in literaturwissenschaftlicher Sekundärliteratur unangefochten als Meister der Atmosphäre gilt. Vgl. Huizing (2000a: 150f.). 33 Kühn gibt überdies als zusätzliche Quellen die Rekonstruktion der Logienquelle Q, das nichtkanonische Thomasevangelium und Hinweise aus nichtchristlichen Zeugnissen an. Vgl. Kühn (2003: 107). 34 Vgl. Kühn (2003: 98–117). 35 Härle (2000: 308); Kühn (2003: 98). 36 Härle (2000: 308); Kühn (2003: 107). Zur Begrifflichkeit der Gottesherrschaft oder des Reichs Gottes ist der Zusammenhang mit der Erlösung durch die Person Jesu anzumerken: „Auch wenn der Inhalt des Evangeliums mit unterschiedlichen Begriffen beschrieben werden kann, z. B. als Gottesherrschaft, Gerechtigkeit Gottes, Heil oder Versöhnung, so ist doch immer ein und dasselbe Heilsgeschehen gemeint, das für das Neue Testament untrennbar verbunden ist mit dem Namen Jesus Christus.“ Härle (2000: 304). Und die weitere Erklärung „ Dabei ist mit „Gottesherrschaft“ nicht ein Herrschaftsgebiet gemeint, wie der Begriff „Reich Gottes“ nachlegen könnte, sondern das (…) Geschehen, durch das und in dem Gott seine Herrschaft über die Erde sichtbar antritt.“ Härle (2000: 308). 37 Kühn (2003: 110). 68 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge ständige Einladung zur Gemeinschaft mit ihm und durch das Ausleben derselben als Beziehungsgröße qualifiziert.38 (…) das Evangelium von Jesus Christus ist untrennbar mit seiner Person und seinem Wirken verknüpft, weil das, was er verkündigt (…), nicht unabhängig von seinem Reden und Wirken existiert, sondern sich darin ereignet und manifestiert.39 Die Verkündigung Jesu ist eingebettet in die von ihm und seinen Jüngern vorgelebte Sozialstruktur der Beziehung zwischen Gleichgestellten mit unterschiedlichen Funktionen: Obwohl die den Lehrer begleitenden Schülerinnen und Schüler (vgl. engerer und weiterer Jüngerkreis40) bezüglich ihrer ethischen und erkenntnistheoretischen Entwicklung weit von dem mit ihnen lebenden Vorbild entfernt sind, ist die Beziehung Jesu zu seinen Jüngern frei von Herrschaftsansprüchen oder Erziehungsmaßnahmen.41 Jesu Begleitung seiner Jünger ist von der ersten Begegnung an geprägt von deren persönlicher Berufung durch ihn und von seinem liebend-geduldigen Vorleben des erlebbaren Verkündigungsinhalts, nämlich der bereits diesseitig erfahrbaren, liebenden und erlösenden Nähe Gottes.42 Jesus als die christliche Erlöserfigur veranschaulicht so, dass der verkündete Glaubensinhalt der bereits profan-alltäglich erfahrbaren Nähe Gottes nicht nur das Ziel menschlicher Bestimmung ist, sondern bereits die Grundlage für menschengerechtes und gelingendes Leben vor dem Ende der Zeit darstellt.43 In diesem Zusammenhang wird mit Jesus Glaube zum doppelten „Beziehungs begriff “44: Die Jünger glauben zunächst nicht vorwiegend an etwas, sondern zuallererst glauben sie jemandem, Jesus. Und sie glauben ihm etwas, nämlich seine Beziehung zu Gott und seine Beziehung zu ihnen, welche er ihnen immer wieder als Inhalt seiner Verkündigung nahe bringt und durch seinen Lebensvollzug ganzheitlich nachvollziehbar werden lässt.45 Indem Jesus innerhalb des Jüngerkreises46 eine Gemeinschaft mit den Jüngern pflegt, die sich durch den Dienst an ihnen auszeichnet47, und ebendies als Beispiel der konkret 38 Die Gottesherrschaft als Beziehungsgröße, in der „die Ordnung der kommenden Gottesherrschaft“ (Kühn (2003: 112) durch Jesu selbst vorgelebten Lebensvollzug vorweggenommen und veranschaulicht wird. 39 Härle (2000: 304). 40 Kühn (2003: 108). 41 Kühn (2003: 111). 42 Härle (2000: 308); Kühn (2003: 108f.); Mk 1,15; Mt 4,17; Lk 21,31. „Die Gemeinschaft derer, die sich dem Ruf der Herrschaft Gottes geöffnet haben, ist ihrerseits gekennzeichnet durch eine spezifische Sozialstruktur. Sie kann als Familie Jesu gekennzeichnet werden (vgl. Mk 3,34f.) und ist als »ein von Herrschafts- und Unterdrückungsstrukturen freier Bereich« beschrieben worden (…), in der die Teilnehmenden einander dienen (Lk 22,26; vgl. Joh 13,14f.) und sich dadurch als eine Gruppe erweisen, die (…) die Ordnung der kommenden Gottesherrschaft vorwegnimmt.“ Kühn (2003: 111f.). 43 Kühn (2003: 109–111). „Diese Gegenwart der Gottesherrschaft hebt freilich in der Verkündigung Jesu ihre Zukünftigkeit nicht auf. (…) Die Gottesherrschaft ist nicht schon verwirklicht, sondern sie bricht sich erst Bahn. Aber als solche ist sie schon im Kommen, sie realisiert sich in Jesu Verkündigung und Wirken schon jetzt.“ Härle (2000: 309). 44 Eckstein (2000: 113). 45 Härle (2000: 307). 46 Hier ist gemeint: Jüngerkreis als Gruppe, die nach außen hin einer offenen Familie ähnelt. 47 Kühn (2003: 112). 69 3 Theologischer Zugang zur Erlöserbegrifflichkeit erlebbaren Nähe Gottes vorlebt, setzt er gleichzeitig den Geltungsbereich des Geglaubten im Sinne erlebbarer Wirkung fest. 3.3.2 Zuspruch neuer Identität – der neue Gehorsamsbegriff Besonders deutlich werden dieser Beziehungswille zum Menschen und die Beziehungsqualität der Erlösungs-Verkündigung an einer neuen Definition des Gehorsams- Begriffs48: Der bei der Begegnung mit dem reichen Jüngling (Mt 19,16–23) von Jesus angesprochene Gehorsam bezieht sich nicht auf das Tun des Verkaufens der Güter und des anschließenden Verschenkens vom Erlös an die Armen, sondern auf das persönliche und konkrete In-Beziehung-zu-Christus-Treten des Jünglings aus seinen bisherigen Identitätsstrukturen heraus.49 Gehorsam wird in der Person Jesu Christi zu einem völlig neuen Begriff, der die erlösende Beziehungsqualität zwischen Gott und Mensch erneut in den Mittelpunkt stellt. Solange Glaube das Geschenk des Erlebens von Gottes Gegenwart im persönlichen Leben bedeutet, das in der Bewegung Gottes auf den Menschen hin angelegt ist und dem Menschen als Angebot gemacht wird, meint der Gehorsam des Glaubens nichts anderes als die pragmatische Zustimmung des Menschen zu diesem Geschenk in einer Reaktion, die sich nur im Aufsuchen dieser Nähe spiegeln kann. Gehorsam ist dann nicht länger das Ausführen eines Befehls oder das Befolgen einer Anweisung als Tat, er ist vielmehr vergleichbar mit dem Zustand bei Verliebten, der in Konsequenz des Erlebens alles in Bewegung setzt, um Nähe und Gemeinschaft zu ermöglichen.50 In Kombination mit der Frage nach Erlösung impliziert der neue Gehorsamsbegriff dann kein rechtfertigendes oder erlösendes Handeln, sondern das bereits erlöste Sein als Identität begründendes In- Beziehung-zu- Gott-Stehen, dessen praktische freiheitliche Konsequenzen und Auswirkungen nicht unab- 48 Nach Gal 3,2.5 und Röm 10,8.17 gründet der Gehorsam, der in „zustimmendem Glauben besteht“, in der „Verkündigung des Evangeliums, die den Glauben weckt“ (Eckstein (2000: 112), aber „nicht etwa so, dass der „Gehorsam“ als ein zweites zum Glauben erst hinzutreten müsste, sondern in dem Sinne, dass der Glaube selbst den intendierten zustimmenden Gehorsam darstellt.“ (Eckstein 2000: 112) Auf diesem Hintergrund lässt sich bei der Begegnung Jesu mit dem reichen Jüngling (Mt 19,16– 23) die Antwort Christi im Beziehungs-Sinn verstehen: Auf die Frage, was er noch tun kann, um ewiges Leben zu bekommen, folgt die Erklärung Jesu in Vers 21: „Wenn Du vollkommen sein willst, so geh hin, verkaufe deine Habe und gib ‹den Erlös› den Armen! (…) Und komm, folge mir nach!“ (Mt 19,21) Die wesentliche Aussage dieser Antwort ist die Radikalität der Abschlussaufforderung Jesu „komm, folge mir nach!“ Es ist der Ruf in die erlösende Beziehung zu Jesus, die Einladung, die eigene Identität nicht mehr von Status, Leistung, Taten oder Verhalten und damit von sich selbst abhängig zu machen, sondern sich ausschließlich der erlösenden Meinung Gottes über das Ich anzuvertrauen. 49 „Indem das Moment des „Vertrauens“, des „Sich-Anvertrauens“ und des „Sich-Verlassens“ auf ein Gegenüber in den Vordergrund tritt, erweist sich das Wort „Glaube“ als ein Beziehungsbegriff (…). So wie der Begriff der „Liebe“ eine personale Relation voraussetzt, so wird hier mit „Glaube“ nicht nur die individuelle Haltung, Überzeugung und Zustimmung bezeichnet, sondern das „Sich-Verhalten“ und „Sich-bestimmen-Lassen“ hinsichtlich eines personalen Gegenübers.“ Eckstein (2000: 113). 50 Innerbiblisch zeigt sich diese Dynamik am Beispiel der Jünger, die – einmal auf dieser identitätsstiftenden Ebene angesprochen – ihr bisheriges Leben links liegen lassen und Jesus (auch geographisch) folgen. „Umgeben von einer Schar von Menschen, die ihm auf seinen Ruf hin nachfolgen, zieht er durch Palästina (…).“ Härle (2000: 308). 70 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge hängig von dieser Beziehung und autonom in sich Struktur und Logik aufweisen, sondern ausschließlich im Sich-zu-Gott-gestellt-Wissen ihren Ursprung haben.51 Erst diese neue Definition von Gehorsam lässt weiterhin nachvollziehen, wie Jesus als streng gläubiger Judenmensch überhaupt in der Lage ist, sich über Sabbatgebote hinwegzusetzen.52 Die in der Bergpredigt von Jesus verdeutlichte „Radikalisierung der überlieferten Tora mit dem Mittelpunkt des Doppelgebots der Liebe“53 lässt sich ebenfalls nur auf diesem Beziehungshintergrund verstehen. Anderenfalls bedeutete sie „eine neue, wenn auch fein-sinnigere Form der „Leistungsüberforderung“ [und] „Bedingung“ (…), die der Mensch (…) zu erfüllen hat54 und indizierte darüber hinaus eine völlige Überforderung menschlicher Möglichkeiten.55 3.3.3 Beziehung zum engsten Vertrautenkreis Es lässt sich folglich als charakteristisch für den christlichen Erlöser festhalten, dass er als personifizierte Gottesoffenbarung der Nähe Gottes zum Menschen an erster Stelle seinen erlösenden Beziehungswillen ihnen gegenüber manifestiert.56 Dieser Beziehungswille äußert sich säkular seinem engsten Vertrautenkreis gegenüber in umfassender Gemeinschaft, die alle Bereiche des Lebens umfasst wie Mahl-, Wander-, Arbeitsgemeinschaft, Freizeit, Gebetsleben etc., in welcher er die Jünger an sich selbst und seinem Gottesverhältnis teilhaben lässt. Diese Teilhabe wird ermöglicht, indem Jesus den ihm in ethischer und erkenntnistheoretischer Entwicklung völlig unterlegenen Jüngern dient.57 So wird der Kyrios- Status Christi58 von Jesus selbst eingebettet in eine brüderliche Gleichwertigkeit zu seinen Jüngern angesichts des Beziehungswillens Gottes, ohne dabei seine Lehrfunktion zu negieren (Joh 13,16f.). Pragmatisch betrachtet und auf den Gehalt für den Topos hin befragt, 51 Von dort beziehen sie auch ihre einzige Legitimation. 52 Vgl. Mk 2,23–28, besonders Vers 27: „Der Sabbat ist um des Menschen willen geschaffen worden und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ (Elberfelder 2001). 53 Kühn (2003: 111). 54 Eckstein (2000: 114). 55 „[W]enn wir so sprechen, dann erfahren viele diese (…) Forderung (…) als eine lediglich sublimere Form der religiösen Überforderung. Das Ritualgesetz kann man studieren und zu „guten Werken“ kann man sich überwinden, aber wie bringt man sich selbst dazu, das Unglaubliche zu glauben und aus Notwendigkeit freiwillig zu lieben?“ Eckstein (2000: 114). 56 „Ziel der Verkündigung und des Wirkens Jesu ist es, (…) allen, die an der Gemeinschaft mit Gott nicht teilhaben, die heilsame Nähe und die Anteilhabe an der Gottesherrschaft ohne Vorbedingungen zuzusprechen (…).“ Härle (2000: 310). 57 Vgl. Joh 13,1–17, besonders 12b–16: „Wißt ihr, was ich euch getan habe? Ihr nennt mich Lehrer und Herr, und ihr sagt recht, denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und der Lehrer, eure Füße gewaschen haben, so seid auch ihr schuldig, einander die Füße zu waschen. Denn ich habe euch ein Beispiel gegeben, daß auch ihr tut, wie ich euch getan habe. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ein Sklave ist nicht größer als sein Herr, auch ein Gesandter nicht größer als der, der ihn gesandt hat.“ (Elberfelder 2001). 58 Kyrios bezeichnet den Status als Sohn Gottes, als Christus oder als den von den Juden erwarteten Messias. Vgl. dazu: „Und aus alledem gewinnen sie die Überzeugung: Er ist der Kyrios, der Christus, der Sohn Gottes.“ Härle (2000: 307) 71 3 Theologischer Zugang zur Erlöserbegrifflichkeit bedeutet das im Wesentlichen: Christus sucht die Gemeinschaft mit ihm unterlegenen, vollkommen unebenbürtigen Menschen und bezieht sie gleichgestellt und gleichwertig in sein Leben ein. Vielmehr noch, er teilt sein gesamtes Leben mit ihnen, ohne sich ihnen in irgendeiner Weise vorzuenthalten oder von ihnen zu separieren, bis dahin, dass er das Wohlergehen seiner Mitmenschen über sein eigenes setzt und sich letztlich für seine Lebensweise ans Kreuz nageln lässt. Die Gemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern, die er als „Familie“59 bezeichnet, setzt sich aus Vertretern unterschiedlicher sozialer Herkunft zusammen (Handwerker, Ärzte, Händler, Fischer). Durch diese Gemeinschaft – als Raum der Teilhabe an seinem eigenen Lebensvollzug – lehrt Christus seine Jünger sowohl den Inhalt als auch die Art seiner Verkündigung, welche beide hauptsächlich die Erlösung des Menschen durch und in der heilsamen und lebensförderlichen Nähe Gottes veranschaulichen und zu ihr einladen. Es ist nachvollziehbar, aus welchen Gründen diese Gemeinschaft ideologisch immer wieder mit der Utopie einer klassenlosen Gesellschaft verbunden wurde.60 3.3.4 Beziehung zum Nächsten Aber die Grundhaltung und das Hauptziel Christi bei der Vermittlung und Verdeutlichung des erlösenden Beziehungswillens Gottes zum Menschen bleiben aus biblischer Perspektive nicht auf den Jüngerkreis als einzige Adressaten beschränkt. Die Begegnung mit Gott in Jesus als in Raum und Zeit greifbar gilt allen, mit denen Christus zu tun bekommt.61 Seine Wundertäterschaft62 während des Wanderpredigerdaseins gegenüber allen Kranken, Besessenen und in Not Geratenen unterstreicht und verdeutlicht auf konkrete und schon im diesseitigen Jetzt erlebbare Weise die heilsame Nähe und Hinwendung Gottes zum Menschen.63 Interessant an den Wunderheilungen und Dämonenaustreibungen als eindeutig äußerlich-situative Befreiung aus einer lebensbedrohlichen Situation ist der häufig ans Ende der Wunderhandlung gestellte Zuspruch Christi: Fast durchgängig stellt Jesus zum äußerlichen Wunder der Rettung aus einer lebensbedrohlichen Situation durch eine eigene, sich anschließende Deutung den Zusammenhang zum Glauben des Geheilten bzw. des um Rettung Bittenden her oder zu einer dazugehörigen Sündenvergebung.64 Auf diese 59 Vgl. Lk 8,20f.; Mt 12,46–50: „Und es sprach einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und suchen dich zu sprechen. Er aber antwortete und sprach zu dem, der es ihm sagte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er streckte seine Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ (Elberfelder 2001). 60 Vgl. dazu die marxistischen Deutungen Jesu z. B. bei V. Gardavsky oder L. Kolakowski in: Pröpper (1976); Rolfes (1974: 34–58) oder die Deutung nach Ernst Bloch und Milan Machovec: „In und durch Jesus werde die Theokratie, die Herrschaft Gottes aufgehoben – und damit zugleich aller menschlichen Herrschaft der Kampf angesagt.“ Kühn (2003: 36). 61 Nach Auffassung der Ästhetischen Theologie sogar darüber hinaus in inkarnierter Form im biblischen Text jedem, der sich auf den Text einlässt. Vgl. Huizing (2000a: 149–151). 62 In Anlehnung an Kühn (2003: 98). 63 Jesus selbst liefert diese Deutung in Mt 12,28: „Wenn ich aber durch den Geist Gottes die Dämonen austreibe, so ist also das Reich Gottes zu euch gekommen.“ (Elberfelder 2001). 64 Textstellen zur Verbindung des Wunders mit einer Sündenvergebung z. B. in: Lk 5,20; Lk 7,47f.; 72 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge Weise macht Christus selbst deutlich, dass christliche Erlösung nur umfassend als ganzheitlicher Begriff verstanden werden kann, dass sie nicht losgelöst von der inneren Verfassung des Erlösten stattfindet und dass sie nicht ausschließlich äußerlich-situativ interpretiert werden darf. Besonders beim Evangelisten Lukas erscheint Christus als Retter65, der ganz pragmatisch in der „Zuwendung zu den sozial Deklassierten“66 die bereits angebrochene „Heilszeit“67 der Gottesherrschaft auslebt: Die (Tisch-)Gemeinschaft mit Zöllnern68 und anderen ausgewiesenen Sündern69, die Wunderheilungen von Kranken und Ausgestoßenen70, die Auferweckungen vom Tode71 und die Dämonen- und Geisteraustreibungen72 werden als Zeichen der „gegenwärtigen Gottesherrschaft unter den Menschen“73 verstanden und „sollen das Ende einer alten und den Beginn einer neuen Welt anzeigen“74. Die Hinwendung Jesu zu den sozial Deklassierten zeigt sich besonders anschaulich und für seine Umgebung unleugbar in seinem Verhalten Frauen, Kindern und gering geschätzten Ausländern gegenüber75, die er in Gleichnissen sogar als Vorbilder einsetzt.76 Ziel der Verkündigung und des Wirkens Jesu ist es, den Verlorenen, den Gesetzesbrechern und den vom Kult Ausgeschlossenen (…) die heilsame Nähe und die Anteilhabe an der Gottesherrschaft ohne Vorbedingungen zuzusprechen (…).77 3.3.5 Beziehung zur (religiösen) Obrigkeit Gleichzeitig ruft dieses Verhalten Jesu nicht nur die Begeisterung seiner Mitmenschen hervor. Die Überschreitung gesellschaftlicher Grenzen wie der Hinwendung zu bestimmten Gesellschaftsgruppen, die eben aufgrund religiöser Tabus in die soziale Benachteiligung rutschen, löst zusammen mit seiner inhaltlichen „Kritik an den Kompromissen der Tora-Kasuistik“78 bei der Auslegung der Tora sabbats in der Synagoge insbesondere bei der religiös verantwortlichen Obrigkeit heftige emotionale Negativ-Reaktionen aus. Jesu eigenmächtige Tora-Auslegung79 beinhaltet für die repräsentativ Religiösen einen Herr- Joh 8,10f.; Mt 9, 2.6; Textstellen zur Verbindung von Wundertaten mit dem Glauben des Bittenden z. B. in: Mt 8,10.13; 9,22.28f.; 15,28; 17,19f.; Mk 10,52; 9,23f.; Lk 5,20.23.; 7,7–9.50; 8,24f.48.50; 18,42. 65 Kühn (2003: 99). 66 Kühn (2003: 99). 67 Kühn (2003: 99). 68 Vgl. Die Begebenheit der Begegnung Jesu mit Zachhäus in Lk 19,1–10. 69 Vgl. Mk 2,15–17; Lk 7,36–50. 70 Z. B. in Lk 6,17–19; Mt 9,1–8; Lk 17,11–19; 9,37–43; Mk 2,1–12; Lk 8,43–48. 71 Z. B. in Lk 8,40–42.49–56; 7,11–17. 72 Wie in Lk 11,20; Mk 1,21–28; Lk 8,2; Mt 8,28–34; Mk 3,22–30. 73 Kühn (2003: 113). 74 Kühn (2003: 113). 75 Vgl. z. B. Joh 4,7–30; 8,3–11. 76 Der barmherzige Samariter vgl. Mt 22,34–40; Mk 12,28–34, Lk 10,25–37 par.; Jesus und die Kinder vgl. Lk 18,15–17, Jesus und die Sünderin beim Pharisäer vgl. Lk 7, 36–50, bes. 44–46. 77 Härle (2000: 310). 78 Kühn (2003: 113). 79 Z. B. sein Zuspruch der Sündenvergebung an Geheilte und das Sich-Hinwegsetzen über die jüdische Auslegungs-Tradition in seinen „Ich aber sage euch“-Aussagen. 73 3 Theologischer Zugang zur Erlöserbegrifflichkeit schaftsanspruch, den sie – völlig rechtmäßig – nur Gott zusprechen. Die eigenmächtige Selbst-Gleichstellung Jesu mit Gott, (die de facto keine ist, weil er als Christus Gott selbst ist,) wird trotz wiederholter Vollmachtsbeweise nicht als Göttlichkeit Jesu erkannt, sondern als Blasphemie erlebt und stößt so auf heftigste Gegenwehr, die schließlich in dem politisch-religiösen Komplott endet, der Jesus ans Kreuz bringt. In den Konfrontationen zwischen Jesus und den Pharisäern bzw. Schriftgelehrten ist charakteristisch für einen weiteren Aspekt der Freiheit Jesu von jeglicher Art Herrschaftsoder Machtansprüchen seinen Mitmenschen gegenüber das Verhalten des Nazareners in Situationen, in denen von Seiten der religiösen Repräsentanten eine öffentlich-wertende Stellungnahme zu verschiedenen Konflikten mit dem Gesetz eingefordert wird.80 In diesen Begebenheiten ist alles daraufhin ausgerichtet, dass Jesus sich durch eine Stellungnahme auf der einen oder anderen als oppositionell einander gegenüber gestellten Seite positioniert und so eine Bewertung bzw. ein Urteil zu Recht und Unrecht oder richtig und falsch abgibt. Die zeitgenössische religiöse Obrigkeit versucht so, die von ihr erwartete theologische Wertschätzung der bisherigen religiösen Traditionen und Maßstäbe zu erzwingen und gleichzeitig das dahinter (be)stehende Bewertungs-System durch eine – wie auch immer ausfallende – Positionierung Jesu bestätigen zu lassen. Eine ebensolche Reaktion bleibt jedoch in jedem Fall bei Jesus aus. Gerade dadurch veranschaulicht er umso deutlicher die Nutzlosigkeit menschlich-gesetzlicher Bewertungs- und Urteilssysteme für die Erlebbarkeit der heilsamen Gottesnähe und sein Desinteresse an jeder bestehenden Form von Machtausübung auf der Basis von gesetzlichem Recht oder abstrakt-theoretischen Zuordnungen.81 Am deutlichsten zeigt Jesus seine Ablehnung gegenüber wertenden Beurteilungen in der Begegnung mit einer Ehebrecherin, die durch die Pharisäer konspirativ herbeigeführt und sorgfältig als politisch-religiöse Falle präpariert wird.82 In dieser Begebenheit wird Jesus zu einer Positionierung regelrecht genötigt, aber er verurteilt die Ehebrecherin nicht. Obwohl er nach seinem selbst vorgegebenen Maßstab „Wer von euch ohne Sünde ist“ (Vers 7b) nach theoretisch-gesetzlichen Kriterien das Recht dazu gehabt hätte, bleibt die Bewertung – das Urteil – und damit auch die strafrechtliche Konsequenz der Verfehlung – die Steinigung – aus. Die Begründung dafür gibt Jesus selbst in Joh 3,17: 80 Vgl. dazu: Joh 8,2–11 (Jesus und die Ehebrecherin); Mk 12,13–17 (Frage nach der Steuer). 81 Zu diesem Aspekt lohnt sich in jedem Fall ein vergleichender Exkurs zum psychotherapeutischen Zugang zu Erlösung als Botschaft Jesu hinsichtlich der Überwindung menschlicher Angst-, Begehrens- und Machtstrukturen bei Renz (2008: 97–125, 189–244), die diese Beobachtung stützt und darauf basierend eine bibeltheologische Auslegung zur „Erlösung aus Prägung“ in der Person Jesu vorlegt. Vgl Renz (2008: Titel). 82 Vgl. Joh 8,2–11, hier 4–11: „Lehrer, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. In dem Gesetz aber hat uns Mose geboten, solche zu steinigen. Du nun, was sagst du? Dies aber sagten sie, ihn zu versuchen, damit sie etwas hätten, um ihn anzuklagen. (…) Als sie aber fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie. Und wieder bückte er sich nieder und schrieb auf die Erde. Als sie aber ‹dies› hörten, gingen sie einer nach dem anderen hinaus (…). Jesus aber richtete sich auf und sprach zu ihr: Frau, wo sind sie? Hat niemand dich verurteilt? Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Elberfelder 2001). 74 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn errettet werde.83 Dass diese Erlösung dennoch keiner „Vergleichgültigung des im Gesetz geoffenbarten Gotteswillens (s. Mk 10,19; Mt 5,17 ff.; Lk 10,26 ff.) oder einer Bagatellisierung der Sünde (s. Mk 2,9 f.; Lk 19,7–10)“84 gleichkommt, bleibt das große Missverständnis der religiösen Obrigkeit, die Gottes Wissen um das Richtige für den Menschen dadurch in Frage gestellt sieht. Säkular betrachtet bedeutet Erlösung in dieser Begebenheit, verdeutlicht durch das Verhalten Jesu, außer der offensichtlichen Abwendung der drohenden Steinigung für die Ehebrecherin das Ausbleiben einer moralischen Verurteilung nach den klassisch-traditionellen und gesetzlichen Bewertungskriterien von abstrakt festgelegten Größen für gut und böse. Der gestaltliche, vorösterliche Jesus von Nazareth urteilt nicht! Er bewegt sich außerhalb des durch Recht und Gesetz gestützten Herrschaftssystems trennender Zuordnungen in oppositionelle Kategorien und kann auch nur deshalb die bekannten Machtverhältnisse umkehren. Dass dies von Seiten der Pharisäer und Schriftgelehrten als Bedrohung der bestehenden religiösen Ordnung wahrgenommen wird, geschieht zu Recht, denn genau das ist es aus menschlicher Perspektive: Das Außerkraftsetzen der gesetzlichen Ordnung zugunsten eines Sünders, zu dem Gott in Beziehung tritt.85 Da das Nicht-Urteilen und Aussetzen der gesetzlichen Bestimmungen aber von Gott aus geschieht, verdeutlicht es nur umso mehr das Wesen Gottes, das sich in Jesus offenbart: Weil die Verlorenen so unter der Macht des Bösen stehen, daß sie sich selbst nicht helfen können, darum brauchen sie Hilfe von außerhalb ihrer selbst, und zwar von Gott her (Mk 2,7 u. 17; Mt 9,12; Lk 5,21. Vgl. auch Mk 15,31b par.). (…) der entscheidende Inhalt der Verkündigung und des Wirkens Jesu, (…) läßt sich so ausdrücken: Es macht das Wesen, ja die Vollkommenheit Gottes aus, die Verlorenen zu suchen und auch die zu lieben, die als die „Ungerechten“ und Gesetzesübertreter seine „Feinde“ sind (Mt 5,44f.; Lk 15). Weil das so ist, (..) kann Jesus ihnen bedingungslos die heilsame Nähe und die Anteilhabe an der Gottesherrschaft zusagen und durch gewährte (Tisch-)Gemeinschaft zeichenhaft erlebbar machen.86 Auch bei der Frage nach der „Rangordnung“, die unter den Jüngern als seinen engsten Vertrauten aufkommt, weist Jesus auf die Nutzlosigkeit menschlich-gesetzlicher Maßstäbe in der Beziehung Gottes zum Menschen hin (Mk 10,43f.): 83 Weitere Belege für diese Begründung finden sich in: Joh 13,47: „und wenn jemand meine Worte hört und nicht befolgt, so richte ich ihn nicht, denn ich bin nicht gekommen, daß ich die Welt richte, sondern daß ich die Welt errette.“ (Elberfelder 2001); in Joh 8,15: „Ihr richtet nach dem Fleisch, ich richte niemand.“ (Elberfelder 2001); in 1 Tim 1,15: „daß Christus Jesus in die Welt gekommen ist, Sünder zu erretten (…)“ (Elberfelder 2001); 1. Tim 2,3f.: „Dies ist gut und angenehm von unserem Retter-Gott, welcher will, daß alle Menschen errettet werden (…).“ (Elberfelder 2001), sowie inhaltlich im Gleichnis vom verlorenen Sohn, vgl. Lk 15,4–7. 84 Härle (2000: 310). 85 Joh 3,18: „Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet (…).“ (Elberfelder 2001). 86 Härle (2000: 310f.). 75 3 Theologischer Zugang zur Erlöserbegrifflichkeit (…) wer unter euch groß werden will, soll euer Diener sein; und wer von euch der Erste sein will, soll aller Sklave sein.87 Darüber hinaus steht Jesu Verweigerung zu urteilen in Zusammenhang mit seinem Auftrag „Sünder zu erretten“88 bzw. „alle Menschen“.89 Auch hier steht der göttliche Beziehungswille zum Menschen im Mittelpunkt: Die inhaltliche Botschaft der erlösenden Nähe Gottes für den Menschen ist nicht nur Dreh- und Angelpunkt der Verkündigung Jesu, sondern beinhaltet darüber hinaus auch das Mittel für die Erlösung des Menschen, nämlich das Aussetzen menschlicher Kategorien und Maßstäbe für Identitäts- und Wert-Bestimmung des Individuums und sein bedingungsloses Hineinnehmen in den liebenden Wert-Zuspruch göttlichen Beziehungswillens. Diese Art und Weise, in der Gott seine Nähe zum Menschen und seinen Beziehungswunsch zum Individuum im und mit dem greifbaren Handeln Jesu verwirklicht, ist bereits selbst erlösend, indem in der liebenden Zuwendung nur noch der göttliche Beziehungswille ausschlaggebend ist, der als einziger rechtmäßig imstande ist, gesetzliche Rechts-, Macht- und Herrschaftsansprüche auszusetzen.90 Möglicherweise lässt sich aus dieser Perspektive die mangelnde emotionale Scheu des vorösterlichen Jesus nachvollziehen, mit Sündern, Aussätzigen, Verbrechern, Betrügern, Prostituierten, Kranken, Ausgestoßenen und Deklassierten Gemeinschaft zu pflegen und sogar ihre Gemeinschaft derjenigen mit angesehenen, respektablen, erfolgreichen und rechtschaffenen Bürgern vorzuziehen.91 Der göttlich-liebende Beziehungswunsch zum Menschen findet seine Gestalt in der Person Jesu, der in den biblischen Berichten keinerlei Berührungsängste zum gefallenen, verlorenen, falschen, missachteten, unterdrückten, unverstandenen, abstoßenden und Angst machenden Menschen zeigt, sondern sich im Gegenteil umfassend und unter Einsatz seines Lebens auf ihn einlässt. Es ist der ungebrochen liebende Beziehungswille92, der Gott zum Menschen werden lässt, der ihn sein Leben mit ihnen, aber auch ihre menschlichen Erfahrungen teilen lässt: Nur so ist der Erlösungsweg Jesu eine aus freien Stücken gewählte Entscheidung Gottes für den Menschen. Ausschlaggebend ist die Reihenfolge: Nicht weil Jesus alle Menschen retten will, urteilt er nicht; sondern weil Jesus jenseits aller Urteils- und Bewertungs-Systeme liebt (= nicht urteilt), ist er überhaupt in der Lage, alle Sünder retten zu wollen und die Gemeinschaft mit ihnen durch die menschlichen Konsequenzerscheinungen der Sünde hindurch aufrecht zu erhalten, ohne selbst schuldig zu werden. 87 (Elberfelder 2001). Vgl. auch Lk 9,48: „(…) denn wer der Kleinste ist unter euch allen, der ist groß.“ (Elberfelder 2001). 88 1 Tim 1,15 (Elberfelder 2001). 89 1 Tim 2,4 (Elberfelder 2001). 90 Röm 8,2: „Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat dich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und desTodes.“ (Elberfelder 2001). 91 Vgl. Härle (2000: 304): „Von daher ergibt sich ein weiterer, wirklich gravierender Unterschied (…): (…)Das Evangelium von Jesus Christus ist ein mögliches Skandalon, dessen man sich schämen kann (Röm 1,16; 1 Kor 1,18–2,5). (…) Es ist Heilszusage für Verlorene, Erwählung derer, die vor der Welt nichts gelten (Lk 15; 1 Kor 1,26–29).“ (Ebd). 92 Joh 13,34f.: „Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr einander liebt, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebt. Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ (Elberfelder 2001). 76 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge Egal, was aus menschlicher Perspektive von der Gemeinschaft mit Gott abhalten kann93, in Jesus lebt Gott seinen eigenen Weg94, die Beziehung zum Menschen von sich aus durch die von ihm trennende Sünde hindurch aufrecht zu erhalten: Jesus hält die Gemeinschaft zum Menschen durch Not, Ausgrenzung, Krankheit, Alter, Rollenverständnisse, politische und soziale Anschauungen, sozialen Status, Leid, Verzweiflung und am Ende sogar durch den Tod hindurch aufrecht95 und ermöglicht so dem Menschen die erlösende Nähe Gottes, die Gemeinschaft mit Gott.96 3.3.6 Die Leidenschaft Jesu Als besonders an Jesu Verhalten hebt die Christologie abschließend das Maß hervor, in dem Jesus während seines Daseins in Raum und Zeit seinen Glauben und seine Verkündigung lebt, weitergibt und bezeugt.97 Im profanen Sinne würde man hier von Leidenschaft für das eigene Anliegen sprechen, um die ganzheitliche und umfassende Intensität der Hingabe an seine Berufung zu betonen. Für den Topos des profanen Erlösers ist dabei nicht nur die Intensität und das umfassende Durchdrungensein des Beziehungswillens zum Menschen das Besondere, sondern darüber hinaus die Kombination dieser Intensität mit dem gleichzeitigen völligen Verzicht auf jede Form der Selbstdarstellung: Was auch aus christologischer Perspektive nicht im Neuen Testament von Jesus zu finden ist98, sind von ihm selbst öffentlich verwendete sogenannte christologische Titel oder Hoheitsprädikate. Außer der Funktionsbezeichnung seinen Jünger gegenüber („Lehrer und Herr“, Joh 13,12–16) macht Jesus keine ausdrücklichen Aussagen über seine eigene Person. Wichtig sind nur die greifbare Gottesbeziehung und deren für andere erlebbare Verdeutlichung.99 Wo Jesus, der Repräsentant der Gottesherrschaft auftritt, da ist die Gottesherrschaft mit ihrer verändernden Kraft schon am Werk.100 93 Hier sind sowohl die Gründe gemeint, die Menschen davon abhalten, zu anderen Menschen eine Beziehung zu pflegen oder deren Gemeinschaft zu „ertragen“ als auch die theologischen Gründe, mit denen die Unmöglichkeit eines Zusammenkommens von Gott und Mensch zu erklären versucht wird (Sündenfall). 94 Joh 14,6: „Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich.“ (Elberfelder 2001). 95 Joh 8,51: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn jemand mein Wort bewahren wird, so wird er den Tod nicht sehen in Ewigkeit.“ (Elberfelder 2001). 96 Joh 5,24: „(…) Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, ‹der› hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist aus dem Tod in das Leben übergegangen.“ Joh 11,25: „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist; und jeder, der da lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben in Ewigkeit.“ (Elberfelder 2001) 97 Vgl. Kühn (2003: 114). 98 Kühn (2003: 114). 99 Vgl. Kühn (2003: 114). 100 Roloff (2000: 89). 77 4 Literaturwissenschaftlicher Zugang zur Erlöserbegrifflichkeit 4.1 Die innerliterarische Rezeption Jesu von Nazareth Als weitere Möglichkeit, typische Spezifika des christlichen Erlösers auszumachen, bietet die außerchristliche Rezeption Jesu von Nazareth interessante Verweise auf die Wahrnehmung seiner profanen Einzigartigkeit. Sowohl in anderen Religionen, wie z. B. dem Judentum und dem Islam,1 als auch in philosophischen Schriften oder der zeitgenössischen Literatur des 20. Jahrhunderts zeigen sich Spuren der Wirkung dieses außergewöhnlichen Mannes.2 Allen diesen dort auffindbaren Hinweisen auf die Einzigartigkeit Jesu ist aufgrund ihrer außerchristlichen Verortung gemeinsam, dass ihnen die religiöse Interpretation des Wahrgenommenen gänzlich fehlt. Christus als der himmlische Richter oder das Ostermotiv des Auferstandenen fehlen hier verständlicherweise völlig.3 Es ist nicht der Jesus der christlichen Verkündigung und Dogmatik, der uns in diesen Zeugnissen entgegentritt. (…) es ist im Extremfall ein Jesus, der im Namen von Befreiung und Lebenshoffnung auch einmal kräftig und phantasiereich retouchiert wird. (…) Es ist vor allem die menschliche Gestalt und Wirklichkeit Jesu, die zur Identifikation einlädt.4 Aus diesem Grund treten an die Stelle der christlichen Deutung jeweils Zuordnungen zu oder Einbettungen des Handelns Jesu in ideologische, literarische oder philosophische Konzepte, die aus ihrer nichtchristlichen Deutungsperspektive real wahrnehmbare Züge an ihm deutlich werden lassen können, die in theologischer und kirchlicher Praxis aufgrund des religiös deutenden Blickwinkels kaum wahrgenommen werden. Es ist wichtig, diese Tatsache nicht als Negativ-Bewertung oder Vorwurf zu interpretieren, sondern als Feststellung eines – immerhin menschlichen – status quo zu begreifen, welche durchaus neue Chancen und Perspektiven eröffnen kann. Vielmehr erschließt sich gerade auf dem Wege historischen [literarischen, philosophischen oder sozialpolitischen] Fragens (…) eine Fülle an Einsichten (…), die unberücksichtigt zu lassen um des Christusglaubens selbst willen unverantwortlich wäre.5 1 Aber auch im Hinduismus und Buddhismus lassen sich Sichtweisen über Jesus von Nazareth finden. Vgl. dazu: Kühn (2003: 17–29); Filoramo (1999: 1441). 2 Zu den literarischen Echos vgl. Kuschel (1997); Kuschel (1999) und Kuschel (1978). 3 Nur das „Ostermotiv erscheint allenfalls im Sinne der Hoffnung auf Auferstehung ‚mitten am Tage‘ (…).“ (Kuschel (1987: 291)), nach Kühn (2003: 45). So z. B. bei Marie-Luise Kaschnitz. 4 Kühn (2003: 45). 5 Kühn (2003: 52). 78 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge Aus christologischer Sicht ist die Wahrnehmung außerchristlicher Deutungen Jesu und die Beschäftigung mit der Entdeckung Jesu von Nazareth außerhalb der Kirche vor allem für die religiöse und theologische Praxis relevant. Über sie wird verdeutlicht, in welchem geistesgeschichtlichen Rahmen „eine theologische Christologie“6 ihren Weg zu finden und „das christliche Bekenntnis zu Jesus als dem Christus“7 zu verantworten hat. Nur, wer die Sprache seiner Mitmenschen spricht, ihre Bedürfnisse und konkreten Ängste kennt und weiß, was „nachdenkliche Menschen, die nicht auf dem Boden des christlichen Bekenntnisses stehen“8 in ihrem Leben „unbedingt angeht“9, nur derjenige ist in der Lage herauszufinden, wie ein bekennendes Christuszeugnis heutzutage noch zur Sprache gebracht werden kann, um seinerseits heilsame Wirkung zu entfalten. Es muss für dogmatisches Nachdenken und für die Verkündigung von Jesus dem Christus entscheidend sein, in welcher Weise diese Gestalt außerhalb der Kirche und des christlichen Glaubens in unserer Zeit faszinieren, trösten, Hoffnung entbinden und zum Handeln (…) aufrufen kann (…).10 Da die Untersuchung der Maigret-Romane ein literarisches Textkorpus zum Gegenstand hat, wird hier der Schwerpunkt der Betrachtung außerchristlicher Wahrnehmungen auf die innerliterarische Rezeption Jesu gelegt. Eine detaillierte Untersuchung der großen Fülle und Diversität an literarischen Jesus-Figuren aus unterschiedlichen literarischen Genres sowie der großen Bandbreite an Funktionen, die diesen Figuren zukommen, bietet jedoch genug Material für eigenständige wissenschaftliche Arbeiten. Aus diesem Grund begrenze ich die hier berücksichtigten charakteristischen Tendenzen literarischer Jesus-Figuren auf die für die nicht-religiöse, literarische Rezeption bereits gesicherten Forschungsergebnisse, die von der Christologie (als dem theologischen Fachgebiet zur Figur/Person Jesu und seiner Rezeption) anerkannt und vorgelegt worden sind.11 Wie aber wird nun „die menschliche Gestalt und Wirklichkeit Jesu, die zur Identifikation einlädt“12 literarisch gezeichnet? 4.2 Diesseitige Aspekte der Jesus-Figuren Den meisten dieser dort betrachteten Beispiele nach scheint Jesus aus literarischer Sicht der „Repräsentant einer Wirklichkeit“13 zu sein, der „im Namen von Befreiung und Lebenshoffnung“14 seine Leser zur Nachahmung anregt, zu gesunder Skepsis mahnt und dennoch zur Identifikation mit seinen Werten und Zielen einlädt. 6 Kühn (2003: 46). 7 Kühn (2003: 46). 8 Kühn (2003: 46). 9 Tillich (1987: 20). 10 Kühn (2003: 45). 11 Im Wesentlichen folge ich dabei den bei Kühn (2003: 39–46) zusammengefassten Ergebnissen von Lüthi (1970), Kuschel (1978; 1997; 1999), Schaber (2001), Chojecka (2001) und Langenhorst (1998). 12 Kühn (2003: 45). 13 Kühn (2003: 45). 14 Kühn (2003: 45). 79 4 Literaturwissenschaftlicher Zugang zr Erlöserbegrifflichkeit Zunächst zeigt sich in der nichtkirchlichen Literatur in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die Tendenz, Jesus als Medium zur Verarbeitung von Kriegsverbrechen und -erfahrungen wahrzunehmen:15 Borchert z. B. beschreibt Jesus als denjenigen, der „nicht mehr mit“16 macht, Böll lässt ihn sich von der Truppe entfernen17 und bei Huchel ist Jesus derjenige, der den ihm Anvertrauten auch in deren Untergang beisteht (indem er selbst brennend vom Kreuz sinkt18). Bei Frisch klingt in der Konzeption einer toten Christusgestalt „die Wünschbarkeit einer anderen und nicht vorhandenen Welt“19 an, der für Vergebung und Versöhnung „inmitten aller Schuld“20 steht, und Dürrenmatt (mit „Pilatus“ 1952) 21 thematisiert durch das Gegenkonzept des machtvollen Pilatus den „leidenden, gemarterten, geschundenen und am Kreuz verendenden Gott, der durch das Leid hindurchgeht“22 als eigentlichen Sieger. Tatsächlich verbindet diese Funktion die Jesus-Figuren nichtkirchlicher Literatur mit den sog. Jesusromanen aus christlich-kirchlicher Grundhaltung, die bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem den „Christus der Armen und Schwachen“23 hervorheben, der mit seinem Sterben zu ihnen und für sie einsteht und so das Motiv der „Macht der Ohnmacht“24 verkörpert. Diese Funktion wird in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wiederum in der nicht-kirchlichen Literatur durch die Tendenz erweitert, Jesus als Träger einer radikalen Kirchen- und Gesellschaftskritik zu präsentieren.25 Das Leiden und die Kreuzigung Jesu werden auf diesem Hintergrund gedeutet als Konsequenz seiner Kritik, welche die „Kriterien für verantwortliches Handeln“26 umkehrt, indem er sich „dem Handeln in Ungerechtigkeit“27 verweigert, „angesichts der Unwägbarkeiten des Lebens“28 schweigt und „an der Seite von Menschen, die leiden müssen“29 steht. Hochwälder z. B. betont unter Bezug auf Heinrich Böll das radikale Eintreten zugunsten leidender oder unterdrückter Menschen und gegen „die Reichen und Herrschenden“30. Bei ihm steht Jesus für die Umkehrung der Kriterien, die nach den gängigen Maßstäben Moral und menschliche Werte bemessen, indem er sowohl durch sein Verhalten als auch durch die Reaktionen auf ihn darauf hinweist, dass die eindeutigen Kategorien von schuldig oder unschuldig, 15 Vgl. Kühn (2003: 42). 16 Kühn (2003: 42). 17 Vgl. Böll (1965: 199–261). 18 Vgl. Huchel (1963: 60f.). 19 Frisch (1976: 345). 20 Kühn (2003: 42). 21 Vgl. Kühn (2003: 42). 22 Kühn (2003: 42f.) 23 Kühn (2003: 41). 24 Kühn (2003: 42). 25 Vgl. Kühn (2003: 43). Als Beispiele für diese Tendenz in der Weiterführung einer Tradition, wie sie bereits im 19. Jahrhundert in Dostojewskis Erzählung „Der Großinquisitor“ zu finden ist, werden aufgeführt: Rolf Hochhuth „Der Stellvertreter“ (1964), Heinrich Böll „Und sagte kein einziges Wort“ (1953), Wolfgang Koeppen „Der Tod in Rom“ (1954), Friedrich Dürrenmatt „Essay über Israel“ (1976), W. Hildesheimer „Monolog“ (1964) und F. Hochwälder „Das Heilige Experiment“ (1963), Walter Jens „Der Fall Judas“ (1975) und G. Herburger „Jesus in Osaka“ (1970). 26 Kühn (2003: 47). 27 Kühn (2003: 47). 28 Kühn (2003: 47). 29 Kühn (2003: 47). 30 Kühn (2003: 43). 80 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge gut oder böse neu zu überdenken sind.31 Auf dem Hintergrund dieser Funktion erscheinen die literarischen Jesus-Figuren immer wieder im Sinne eines Mahners, „der weithin vergeblich ruft und doch die Utopie eines neuen Menschseins in Erinnerung hält.“32 Auch die von Kuschel am Ende des 20. Jahrhunderts vorgenommene Ausweitung der Betrachtung von literarischen Jesus-Figuren auf außerdeutsche Schriftsteller wie Ilja Ehrenburg, Tschingis Aitmatow (Die Richtstatt), Boris Pasternak (Doktor Schiwago), William Faulkner (Eine Legende), Toni Morrison (Beloved), August Roa Bastos, Ignatio Silone, Nagib Machfus und N. Kazantzakis belegt, dass trotz aller Unterschiedlichkeit der konkreten Storys Jesus als Vorlage für literarische Jesus-Figuren ein „unverwechselbares eigenes Profil erkennen läßt“.33 Die literarische Unverfügbarkeit der Jesus-Konkretionen resultiert in den meisten literarischen Darstellungen aus dem Widerspruch, gleichzeitig „der Fremde, der Unheimliche, der Unverstehbare, der Geheimnishafte – und zugleich unser Bruder, unsere Identifikations- und Solidaritätsgestalt“34 zu sein. Es ist abstrakt betrachtet folglich die Art des Menschseins Jesu, die literarisch fasziniert: Das ganz Mensch-Sein dieses einen Besonderen, der es geschafft hat, Mitgefühl zu empfinden und gleichzeitig Verantwortung zu übernehmen; eines Menschen, der seine profane Erfolglosigkeit durchaus wahrgenommen und dennoch nicht aufgegeben hat.35 Das Verhalten literarischer Jesus-Figuren „im Sinne einer Zuwendung zu den Armen und Deklassierten“36 weist auch diese Umsetzungen als empathisch, aber initiativ aus, und das leidvolle Ende am Kreuz (wenn es literarisch thematisiert wird) rückt sie als geschundene Menschen noch näher an alle Benachteiligten und Leidenden. Gleichzeitig sind die literarischen Jesus-Konkretionen im Falle ihres vehementen Eintretens „für Gerechtigkeit den Armen und Benachteiligten gegenüber“37 nicht nur „Bruder und Revolutionär der Moral“38, die durch ihr Handeln die „Wünschbarkeit einer anderen und nicht vorhandenen Welt“39 andeuten und „Hoffnung auf ein Reich der Gerechtigkeit“40 entfachen, sondern auch unbequeme Persönlichkeiten, Ärgernisse, deren Umwertung der traditionell religiösen und gesellschaftlichen Maßstäbe und Werte- Richtlinien für sozialen und politischen Aufruhr sorgen.41 31 Vgl. Kühn (2003: 43). 32 Kühn (2003: 44). 33 Kühn (2003: 40). 34 Kuschel (1978: 17). 35 „(…) der weithin vergeblich ruft und doch die Utopie eines neuen Menschseins in Erinnerung hält.“ Kühn (2003: 44). 36 Kühn (2003: 45). 37 Kühn (2003: 47). 38 Kühn (2003: 44). 39 Kühn (2003: 42). 40 Kühn (2003: 47). 41 Am Lebenslauf der evangelischen Theologie-Professorin Dorothee Steffensky-Sölle kann man erahnen, dass sie „geprägt von dem Bewusstsein (…) nach Auschwitz zu leben“ diesen Aspekt der christlichen Theologie zu einem ihrer Hauptanliegen gemacht hat. Sie plädierte sowohl mit ihrer für die Landeskirchen provokanten Theologie als auch mit ihrem sozialen und politischen Engagement dafür, dass man sich – spätestens seit dem 2. Weltkrieg – als Christ seiner politischen Verantwortung zu stellen hat. Vgl. dazu http://de.wikipedia. org/wiki/Dorothee_S%C3%B6lle, vom 28.07.2007, S. 1. 81 4 Literaturwissenschaftlicher Zugang zr Erlöserbegrifflichkeit 4.3 Anklänge an transzendente Aspekte der Jesus-Figuren In seinen Untersuchungen und Analysen konstatiert Karl-Josef Kuschel42 über die bereits dargelegten diesseitigen Aspekte der Existenz Jesu hinaus einen Aspekt der profanen Jesus-Gestalt für den literarischen Bereich, die besonders in den fiktiven Stellvertreterfiguren des christlichen Erlösers in der Literatur des 20. Jahrhunderts zum Tragen kommt und welche als Verweis auf die transzendente Seite Jesu gelten kann. Interkulturell sozusagen fällt bei der Untersuchung verschiedenster Literaturgattungen die durchgängige Unverfügbarkeit der Person Jesu auf, durch die er sich immer wieder den literarischen Beschreibungs- oder Darstellungsversuchen entzieht: Jesus begegnet als ein nicht in Begriffe zu fassendes Geheimnis. Jesus entzieht sich aller direkten Darstellbarkeit, - wer zugreift, vergreift sich, wer begriffen zu haben meint, hat sich vergriffen.43 Trotz aller greifbaren, diesseitigen Aspekte der Person Jesu bleibt ein unaussprechlicher Rest faszinierend, der sich – nicht nur dem Glaubenden, sondern auch dem Literaten – entzieht. Der Jesus der Literatur ist nicht eine Gestalt, die man schulterklopfend vereinnahmen kann, mit der man Arm in Arm durchs Leben kommt, die man „schon verstanden“ hat, von der man somit genau weiß, wie sie einzuordnen ist.44 So lässt sich als Äquivalent zum exegetisch-theologisch festgestellten Messiasgeheimnis und zur Schwierigkeit, die theologische Lehre der unio personalis45 gedanklich ganz zu erfassen literarisch die Betonung der Unverfügbarkeit der Person Jesu festhalten, welche als „bleibendes Geheimnis“ einen Widerstand zu umschreiben versucht, den die Gestalt Jesu jedem literarischen Versuch entgegensetzt, ihre Einzigartigkeit festzuschreiben.46 Die literarischen Jesus-Figuren haben mit allen anderen literarischen großen Leitfiguren der Weltliteratur gemeinsam, dass sie Grundsituationen menschlicher Existenz deuten, die jeder Leser nachvollziehen kann. Diese Grundsituationen, die von der „Verführbarkeit des Menschen“47 erzählen, bringen die „Angewiesenheit auf Liebe und Hoffnung“48, die „unablässige Sinnsuche“49 und das rastlose Streben des Menschen nach Heimat50 zur Sprache und betonen ihre „das Selbstopfer nicht scheuende Widerstandsbereitschaft“.51 42 Kuschel (1978); Kuschel (1997); Kuschel (1999). 43 Kuschel (1997: 446). 44 Kuschel (1999: 17). 45 Vgl. Härle (2000: 306f.). 46 Vgl. Kühn (2003: 44). 47 Kühn (2003: 40). 48 Kühn (2003: 40). 49 Kühn (2003: 40f.). 50 Vgl. Kühn (2003: 41). 51 Kühn (2003: 41). 82 Teil II: Wissenschaftliche Zugänge Demgegenüber zeichnet sich die Jesus-Figur dadurch aus, dass die bereits angesprochene Intensität seiner Hingabe, seine Leidenschaft, hier durchaus im Sinne einer Radikalität verstanden, immer gepaart auftritt mit der übermenschlichen Toleranz gegenüber seinen Gegnern. Niemand verkörpert wie er das Faktum, dass man für eine Idee gekreuzigt wird und dies den Menschen für immer verzeiht (…).52 Die literarische Rezeption Jesu von Nazareth sieht also als charakteristisch für die profane Seite Christi an, dass er als Einziger in der Lage ist, dialektische, sich gegenseitig widersprechende Oppositionen in seiner Person zu vereinen, ohne dass sie sich gegenseitig bedrohen oder nivellieren würden. Diese „funktionierende Ehe“ gegenpoliger Eigenschaften zeigt sich auch literarisch in der Verbindung von „Hinrichtung und Aufrichtung; von Hoffnung, Ausrottung und unausrottbarer Hoffnung“53, im Zusammenspiel von „Ohnmacht und Macht, Scheitern und Sieg, Niederlage und Größe“54, die den zentralen Stellvertreter-Figuren in Anlehnung an Jesus zugesprochen werden. Nur indirekt kann säkular die transzendente Seite Jesu angedeutet werden: In der Beschreibung der „Tiefe seines Menschseins“55, der „Art des Leidens“56, in der „Hoffnung auf eine wünschbare, aber noch nicht vorhandene Welt“57 und des in Jesus wahrgenommenen einzigartigen Zusammenklingen(s) von Utopie, Untergang und neuer Utopie, von Liebesbotschaft, Hinrichtung und Aufrichtung58 klingt das Unbegreifliche an, dessen Wirkung auch aus literarischer Perspektive zumindest nicht geleugnet werden kann. 52 Kuschel (1997: 457); Kuschel (1999: 20). 53 Kuschel (1997: 456); Kuschel (1999: 20). 54 Kühn (2003: 41). 55 Kühn (2003: 48). 56 Kühn (2003: 48). 57 Kühn (2003: 48). 58 Kühn (2003: 48). Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? 85 1 Der Topos des profanen Erlösers 1.1 Bedeutungskomponenten und -dynamik der Erlöserbegrifflichkeit Nachdem der literaturwissenschaftliche, der literarische und der theologische Zugang zur Erlöser- und Erlösungsbegrifflichkeit erläutert und auch ihr historisch bedingter Zusammenhang aufgrund des Säkularisierungsprozesses verständlich wurden, darf für die Vollständigkeit eines Topos, der die Begrifflichkeit führt, auch das Wechselspiel der Bedeutunsdynamik zwischen sakraler und säkularer Ausprägung nicht vernachlässigt werden. Erste Hinweise auf die allgemeinsprachliche Verquickung von säkularem und sakralem Gebrauch der Begriffe finden sich in den bereits vorgestellten biblischen Metaphernfeldern (mit säkularen Bildspendern), die für die Rede von Erlösung im Neuen Testament verwendet werden.1 Im Folgenden soll daher die Etymologie der Begriffe Erlösung und Erlöser aus allgemeinsprachlicher Perspektive näher betrachtet werden, bevor der Topos des profanen Erlösers konkret definiert wird. Aufgrund der Tatsache, dass eine Untersuchung der umgangssprachlichen Verwendung der Erlöserbegrifflichkeit den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde und der Einschätzung, dass sie weiterhin höchstwahrscheinlich keine über die Ergebnisse aus Religionswissenschaft, Psychologie und Märchenforschung hinausgehenden Erkenntniszugewinne verspricht,2 speist sich diese allgemeinsprachliche Perspektive als Referenzgebiet für den neuen Topos aus Forschungsergebnissen zu den mündlich überlieferten Volksmärchen als sprachlichem Allgemeingut, zur Psychologie und zur Religionswissenschaft. 1.1.1 Aspekte aus mündlich überliefertem sprachlichem Allgemeingut Vor allem in den mündlich überlieferten Volksmärchen spielt der Begriff der Erlösung eine wesentliche Rolle.3 Zunächst ist damit ein äußerlich situativer Aspekt der Befrei- 1 Vgl. Teil II, Kap. 2.1. 2 Ich ziehe diesen Schluss aus der 2016 von Björn Schmid vorgelegten Dissertation „Erlösung in der Literatur“. Auch er beschäftigt sich in seinem Grundlagenkapitel mit Etymologie, Verwendung und Bedeutung des Erlösungsbegriffs. Abgesehen davon, dass er sich für die literaturwissenschaftlichen Ausarbeitungen der Hauptuntersuchungen im Wesentlichen auf Vergleichsaspekte aus der christlichen Soteriologie bezieht, ergibt seine Untersuchung zur umgangssprachlichen Verwendung des Begriffs keine Aspekte, die dem von mir zu etablierenden Topos aufgrund der Ausklammerung dieses Verwendungsbereichs fehlen würden, da sie identisch sind mit denjenigen, die in meiner Arbeit bereits aufgrund der Ausarbeitungen zur theologischen und literaturwissenschaftlichen Perspektive als charakteristisch ausgewiesen wurden. Vgl. Schmid (2016: 51–58). 3 Der Begriff des Märchens wird hier verwendet, wie er bei Lüthi (1997) etabliert und gebraucht wird. Die Diskussion um die Märchen-Gattung soll hier nicht weiter verfolgt werden. Die Relevanz religiöser Vorstellungen in der Literaturgattung der Märchen wird behandelt von: Bettelheim (2008: 18–27, 20). Die hier dargestellten Inhalte für die Suche nach Merkmalstendenzen eines profanen Erlösers beziehen sich auf die Untersuchungsergebnisse bei Lüthi (1997) und Lütge (2002) zu den von ihnen behandelten Märchenstoffen. 86 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? ung im Diesseits bezeichnet: Die Prinzessin muss gerettet werden.4 Dieses Erretten/ Befreien im Märchen geschieht durch einen Freikauf5 in übertragenem Sinn: Der Preis für die Befreiung der zu Erlösenden (die schon in der Bedürftigkeit auf eine Erlösung hin dargestellt wird) ist nicht mit Geld oder anderem Materiellen zu begleichen, sondern der Held des Märchens muss Leben und Liebe einsetzen, um die Prinzessin zu retten.6 Als gattungsspezifischer Bestandteil des Märchens beinhaltet Erlösung jedoch auch über den aktionalen, situativen Vorgang des Befreiens hinaus einen weiteren Aspekt, der nicht mehr ausschließlich äußerlich gedeutet werden kann: Wird z. B. ein Mensch dazu verwünscht, als äußerliches Erscheinungsbild eine Tiergestalt zu tragen, aber keinen erkennbaren Menschen mehr darzustellen7, soll dies von Seiten des Verwünschers als metaphorisch sichtbarer Ausdruck eine innere Haltung verdeutlichen, die unmenschlich ist oder war. Erlösung kann sich in einem solchen Fall dann nicht nur auf die Wiederherstellung der (äußeren) menschlichen Erscheinungsform beziehen, sondern muss auch die Behebung der Ursache für die Verwünschung integrieren. Der Erlösung davon geht (…) eine existentielle Wandlung der Geisteshaltung, ein Reifeprozess voraus, welche die äußere Befreiung/Verwandlung erst nach sich ziehen kann. Die Befreiung aus der Tiergestalt ist erst die Konsequenz der (Ver)wandlung einer Gesinnung8 und erst beides gemeinsam macht die Erlösung komplett.9 4 Meistens wird die Bedrohung der Prinzessin durch das Ausgeliefertsein an eine böse Stiefmutter, die Gewalt einer Hexe, eines Drachen, eines bösen Zauberers versinnbildlicht, aber auch durch eine Verwünschung oder einen Todesschlaf, aus dem sie gerettet werden muss. 5 Die Metapher des Frei-/Loskaufs wird bereits in den Schriften der Bibel (auch des AT, vgl. Ruth 4,3– 10) mit der sakralen Vorstellung von Erlösung verbunden und im genannten theologischen Zugang zur Erlösungsbegrifflichkeit behandelt. 6 Vgl. dazu die Märcheninhalte von Dornröschen, Schneewittchen oder König Drosselbart. 7 Wie z. B. in den Märchen vom Froschkönig oder von Schneeweißchen und Rosenrot. 8 Lüthi (1997: 26). Vgl. dazu auch die Gründe für die Verwandlung in ein Tier, z. B. beim Froschkönig. 9 Vgl. dazu die Wandlung der hochnäsigen Prinzessin im König Drosselbart, die erst ein Leben in Armut führen und Demütigung am eigenen Leib erfahren muss, um diese innere Gesinnungswandlung zu vollziehen und um anschließend tatsächlich einen König zum Mann nehmen zu können. Auch die ursprüngliche Version des Froschkönig-Märchens nach den Brüdern Grimm verdeutlicht den umfassenden, ganzheitlichen Erlösungsansatz vom „kalten Lustfrosch“ zum reifen Mann, der häufig in zeitgenössischen Überlieferungen dieses Märchens fehlt, auch wenn hier die Befreiung aus der Tiergestalt nicht als Konsequenz einer Gesinnungswandlung erscheint, sondern die Befreiung zur Menschengestalt durch die daran geknüpfte Liebe des Gegenübers erst zur vollständigen Erlösung führt: In der Urfassung heißt das Märchen bereits „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“. So wird im Titel schon auf den erklärenden Epilog zur Froschkönig-Begebenheit verwiesen, in welcher der bereits von der Froschgestalt befreite König während der Kutschfahrt zu seiner Hochzeit mit der Prinzessin sieben Mal einen lauten Schlag hört und zunächst den Kutscher anruft, weil er meint, dass „der Wagen bricht“. Dennoch begreift er nach der 7. Wiederholung, dass die sieben eisernen Bande, die das Herz des Kutschers aufgrund der Erlösung des Königs vor Erleichterung gesprengt hat, sinnbildich auch für die Erlösung seines eigenen Herzens stehen, da er selbst durch die Liebe der Prinzessin erst jetzt tatsächlich in der Lage ist, als Mensch zu fühlen und ganz Mensch (auch in Beziehung) zu sein – und eben kein gefühlskalter Frosch ohne Herz mehr, der nur Forderungen stellt („von deinem Tellerchen essen“, „von deinem Becherchen 87 1 Der Topos des profanen Erlösers Märchenhaft-säkulare Erlösung beinhaltet demnach nicht nur die äußere Befreiung und Rettung aus einer (teilweise lebens-) bedrohlichen Situation, sondern auch die konstitutive Bedeutungskomponente der inneren, existentiellen Gesinnungswandlung.10 Überdies wird in der rein säkularen Gattung der Märchen großer Wert auf die Existenz einer diesseitigen und einer jenseitigen Welt gelegt. Für den Erlösungsvorgang selbst kann daher gelegentlich auf Hilfe aus Begegnungen mit dem Numinosen zurückgegriffen werden, die Erlösung selbst findet aber ausschließlich im Diesseitig-Profanen statt.11 Auf diese Weise kommt ein weiterer Aspekt in der Märchenrezeption zum Tragen, der auf die Zusammenhänge der Erlösungsbegrifflichkeit mit tiefenpsychologischen Aspekten verweist: Erlösung setzt (…) ein Erlösungsbedürfnis voraus, und der Erlösung bedürftig sein bedeutet, daß der Mensch mit sich selber nicht fertig wird, daß er in sich gerade nicht die Möglichkeit hat, um den als Notlage empfundenen Zustand zu überwinden.12 Aus dem ursprünglich äußerlichen Umgebungskontext eines Subjekts wird der unerträgliche Zustand einer Persönlichkeit. Nach diesem volkstümlichen Verständnis wird Erlösung aus einer Notlage durch einen anderen Menschen realisiert und damit rein diesseitig situiert, ohne dass daran Erwartungen an jenseitige oder transzendente Auswirkungen geknüpft wären. Die entsprechenden Auswirkungen der diesseitigen Erlösung zeigen sich dann folgendermaßen: Unendlichkeitsoffenheit, Freiheit und ungehemmte Produktivität (…) [sind] charakteristisch für den Zustand des Erlöstseins.13 Da der Ausgangspunkt für diesen Erlösungs-Begriff jedoch eine individuell-subjektive Notlage beinhaltet, sind die konkreten Erlösungsvorgänge im Märchen wiederum entsprechend breit gefächert.14 Bemerkenswert ist weiterhin bezüglich der in der Märchenforschung vorgefundenen Erlösungsbegrifflichkeit, dass sie – wie J. Lütge nachweist15 – in den meisten Fällen im Rahmen (oder im Rahmen sich anbahnender) zwi schengeschlechtlicher Partnerschaft stattfindet und mit dem Phänomen der Liebe einhergeht. Dieser Zusammenhang wird folgendermaßen gedeutet: trinken“, „in deinem Bettchen schlafen“) und auch noch meint, dazu das Recht zu haben, weil er einmal zu Gefallen war (die goldene Kugel im Brunnen). Vgl. z. B. Grimms Märchen (2015) : Der Froschkönig. Nacherzählt und illustriert von Eleni Livanios. Hamburg: ellermann im Dressler Verlag GmbH. 10 Auch über diese zweite Bedeutungskomponente wird im rein säkularen Begriff die Nähe zum christlich-theologischen Erlösungs-Veständnis sichtbar. 11 Vgl. Lüthi (1997: 8–12); Lütge (2002: 93). 12 Schär (1950: 96); vgl. Renz (2008: 26, 30, 75). 13 Daim (1954: 50). 14 „[D]a Erlösung sowohl die Befreiung von bedrückenden Umständen wie in „Aschenputtel“ (KHM 21) und lebensgefährlichen Situationen wie die Bedrohung der Jungfrau in „Die zwei Brüder“ (KHM 60) bedeuten kann als auch die Entzauberung und Wiederherstellung der menschlichen Gestalt.“ Lütge (2002: 93). 15 Vgl. Lütge (2002: 93–129). 88 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Auf symbolischer Ebene kann man die Verzauberung und Erlösungshandlung als Entwicklung zur Partnerschaftsreife verstehen. Die Verzauberung stellt dann den noch unentwickelten Aspekt der Figur dar, während die Erlösung einerseits die Reifung zur Partnerschaft, andererseits auch die Ganzwerdung darstellt.16 Ob dieser Zusammenhang für den profanen Bereich nur im Märchen vorherrscht und ob er dann ausschließlich dergestalt interpretiert werden darf, bliebe noch nachzuweisen. Da selbst hier der Zusammenhang zwischen Erlösungsgeschehen und Erlöserfigur unauflöslich bleibt, haben dementsprechend die semantischen Aspekte der Erlösungsbegrifflichkeit auch Aussagecharakter über die jeweils zugehörige Erlöserfigur. Immer reift an der Erlösung auch der Erlöser selbst.17 Dieses Phänomen wird gemeinhin mit dem Begriff des „geretteten Retters“ bezeichnet.18 Die Tatsache, dass eine menschlich-diesseitige Erlöserfigur ebenso ihre persönlichen Schwächen, subjektiven Ängste und psychologischen Begrenzungen hat wie der zu Erlösende, führt dazu, dass eben auch der Erlöser selbst in seiner Rolle und Funktion als Erlöser einem anderen gegenüber durchaus Lebensbereiche aufweist, in denen er auf dessen Hilfe angewiesen ist (oder war), damit er seine Funktion als Erlöser wahrnehmen kann.19 1.1.2 Psychologische Aspekte Da sich die moderne Psychologie den Ursachen, Mechanismen und Strukturen menschlichen Innenlebens, Leidens und seelischen Genesens verschrieben hat, spielt gerade auch der Begriff der Erlösung, der kaum von seiner Mittlerperson abgekoppelt werden kann, in psychologischen Analysen und Entwürfen eine tragende Rolle. Erlösung bedeutet hier20: Trennung, Lockerung zweier gewaltsam, zwanghaft verbundener Dinge. Erlöst wird man von etwas, das der Lösung Widerstand entgegensetzt (…), das das Verhaftetsein-an weiter zu fördern geneigt ist. Damit erweist sich das Erlösungsbedürfnis als ein Unruhigsein, Unerfülltsein, Unbefriedigtsein infolge einer zwanghaften Verhaftung (…), die einer Trennung Widerstände entgegensetzt, die von selbst nicht aufgehoben werden können.21 Das hier erwähnte Verhaftetsein-an-etwas wird psychoanalytisch auf verschiedene Triebobjekte bezogen, auf die der zu Erlösende fixiert bleibt, weil er sie als absolut bzw. allmächtig setzt.22 Eine solche Fixierung verhindert die progressive Entfaltung der eigenen 16 Lütge (2002: 128f.). 17 Lütge (2002: 129). 18 Zum „erlösten Erlöser“ vgl. Rudolph (1999: 1434). 19 Vgl. z. B. die Figur des Harry Potter als „geretteter Retter“ bei Cornelius (2003). 20 Daim (1954). 21 Daim (1954: 33). 22 Vgl. Renz (2008: 18, 74f.). 89 1 Der Topos des profanen Erlösers Persönlichkeit und ist damit auch der Grund für das quasi statische Verharren einer Persönlichkeitsentwicklung in der Erlösungsbedürftigkeit.23 Der Mensch erscheint – zumindest in einem bestimmten Lebensbereich – gehemmt und unfrei, er kommt ohne Hilfe von außen nicht weiter. Psychologisch ist mit dieser Unfreiheit ein gewisser Leidensfaktor für den zu Erlösenden verbunden, der sich – je nach Entwicklung der Umstände, in denen er sich befindet und je nach Bewusstsein der eigenen Erlösungsbedürftigkeit – verstärken oder verringern kann. Der Erlösung bringende Impuls als Hilfe von außen vermag aber auch nur dann zu ganzheitlicher bzw. psychologischer Erlösung führen, wenn die eigene Erlösungsbedürftigkeit als leidvoller Zustand „bereitwillig auf sich genommen“24 und akzeptiert wird. Ohne das Leiden am eigenen Zustand als Voraussetzung für innere Heilung, das die Bereitschaft generiert, eine Änderung am unerlösten Zustand überhaupt wahrzunehmen und zuzulassen, wird psychologisch verstandene Erlösung nicht erfolgen können.25 Damit beinhaltet die psychologische Definitionskomponente von Erlösung also den Aspekt einer inneren Wandlung der Geisteshaltung, zumindest in der Annahme und Akzeptanz des status quo bei Bewusstwerdung der eigenen Erlösungsbedürftigkeit, ohne die es nicht zur umfassenden, ganzheitlichen Befreiung und Heilung, der Erlösung, kommen kann.26 1.1.3 Übergeordnete, religionswissenschaftliche Aspekte Nun wird die Erlöserbegrifflichkeit auch in der Religionswissenschaft verwendet, z. B. um Unterscheidungen zwischen den verschiedenen Religionen aufgrund objektiv feststellbarer Kriterien zu ermöglichen.27 In diesem Zusammenhang impliziert der Erlöserbegriff nicht obligatorischerweise eine theologisch-christliche Ausrichtung, sondern beschreibt dessen Funktion und Aufgabe im Geschehen einer jeden Erlösungsreligion. Dabei zeigt sich, dass sowohl die Mittel als auch das Verhalten und die Botschaft von Erlöserfiguren sehr vielfältig sind und dass diese Bandbreite definitorische Unschärfen nach sich zieht. Andererseits jedoch lässt sich eine erstaunliche Eindeutigkeit bezüglich des Erscheinungszwecks der Erlöser erkennen. Dabei sorgt gerade die Ursache der Anwendungsunschärfe beim Erlöserbegriff für eine weitere deutliche Gemeinsamkeit28: In den meisten Fällen finden sich Erlösergestalten im historischen Kontext ideologischer Endzeiterwartungen, weil Erlösung als Geschehen ein humanes Grundbedürfnis darstellt.29 Daher ist der Zweck ihres Erscheinens zunächst eng an den Ort und die Zeit ihrer Erscheinung geknüpft und entsprechend vielfältig, beinhaltet aber immer gleich 23 Vgl. Renz (2008: 74). 24 Daim (1954: 100). 25 Vgl. Daim (1954: 100). 26 Vgl. Renz (2008: 127, 194–199). 27 Die sogenannten Erlöserreligionen, für die der Glaube an eine Erlöserfigur von zentraler Bedeutung ist. Vgl. dazu: Theißen (2003: 133–138). 28 Vgl. Rudolph (1999: 1432–1435). 29 Vgl. Rudolph (1999: 1432–1435). 90 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? das Erretten der Gläubigen, Richten der Ungläubigen und Vorbereiten eines paradiesischen Zustands.30 Wenn dabei die jeweiligen konkreten Aufgaben und Botschaften der verschiedenen Erlöserfiguren deutlich voneinander differieren31, wird in diesem Zusammenhang dennoch augenscheinlich, dass die Botschaft des Erlösers (welche eng mit seinem Verhalten verbunden ist) nicht ohne den Bezug zur Person stehen kann. Die untrennbare Einheit von Botschaft und Persönlichkeit, bzw. von Person und Werk, manifestiert sich durchweg unabhängig von Zielgruppe, Mittel und Botschaftsgehalt bzw. Aufgabe der Erlöserfigur.32 Schon aus diesem Grund muss in der christlich-theologischen Verwendung des Erlösungs-Begriffs Jesus Christus als personaler Erlöser von zentraler Bedeutung sein. 1.2 Etablierung des Topos Aufgrund der Prämisse, innerhalb der interdisziplinären Perspektive auf den Textgegenstand keine beteiligte Disziplin durch die Sichtweise der jeweils anderen zu vereinnahmen, wird für die Betrachtung der Maigret-Romane – trotz bereits deutlich sichtbarer Parallelen – ein dritter neutraler Zugang nötig, zu dem beide Wissenschaftsparadigmen eigenständigen und unabhängigen Zugang herstellen können. Denn eine gleichberechtigte, interdisziplinäre Betrachtung von Theologischem und Literarischem ist nur auf der Basis einer beide verbindenden Gemeinsamkeit möglich, die im Interesse am Gehalt von Texten begründet liegt. Wenn also letztlich der Gegenstand einer theologischen und einer literarischen Betrachtung miteinander identisch ist, muss die beiden Disziplinen zugrunde liegende Basis eine sprachliche und damit sprachwissenschaftlich zu betrachtende sein, zumal davon auszugehen ist, dass in interpretatorischer Hinsicht aufgrund der theologisch postulierten Deutungshoheit grundsätzlich keine Versöhnung erzielt werden kann. Aus diesem Grund wird für die Etablierung des Topos ein von Literaturwissenschaft und Theologie unabhängiger Wissenschaftszweig bemüht, der sich der Kategorisierung von Begrifflichkeiten und der Zuordnung bedeutungstragender und -unterscheidender Einheiten der Sprache widmet, die kognitive Semantik. Infolge der Forschungsarbeiten zur Prototypentheorie von Eleanor Rosch (Psychologin) und in deren Weiterentwicklung durch die Theorie der Familienähnlichkeiten nach Ludwig Wittgenstein hat die kognitive Semantik verschiedene Verfahren entwickelt, semantische Verwandtschaftsverhältnisse aufgrund gemeinsamer und ungeteilter Eigenschaften zwischen Begriffen eines Wortfeldes graphisch darzustellen, sowie einem Begriff typische und untypische Vertreter zuzuordnen.33 Nach dem Modell der Prototypen theorie 30 Vgl. Rudolph (1999: 1432–1435). 31 Was sie auch müssen, weil sie unmittelbar auf die geschichtlichen und ideologischen Herausforderungen einer bestimmten Situation reagieren sollen. 32 Vgl. Rudolph (1999: 1432–1435). 33 Die Verwendung der verschiedenen Darstellungsschemata aus der Prototypentheorie nach Eleanor Rosch oder der Theorie der Familienähnlichkeiten nach Ludwig Wittgenstein beinhaltet keinesfalls eine linguistisch verwertbare, kognitive Auswertung des Wortfeldes. In den vorliegenden Abbildungen geht es nur um die Möglichkeit, die potentiellen Verwandtschaftsbeziehungen der einzelnen Merkmalstendenzen zueinander darzustellen. Darüber hinaus ist anzumerken, dass sich die Diskussion um die Prototypentheorie, sowie deren Weiterentwicklung für die in dieser Arbeit 91 1 Der Topos des profanen Erlösers wird der profane Erlöser als Begriffsfeld34 etabliert, das sich aus den semantischen Komponenten35 theologischer, literaturwissenschaftlicher und etymologischer Provenienz zu diesseitig erlebbaren Aspekten ganzheitlicher Erlösungserlebnisse zusammensetzt. Innerhalb dieses prototypischen Wortfeldes lassen sich dann die verschiedenen Vertreter auf ihre Typizität (in Relation zum Prototyp) und auf ihr Verhältnis zu anderen Vertretern des Prototyps untersuchen und miteinander vergleichen, ohne sie der Gefahr der Vereinnahmung auszusetzen. Nur auf dem Hintergrund eines solchen Topos lässt sich gefahrlos die Frage stellen, inwiefern die als profan konzipierte Maigret-Figur Simenons in Bezug auf das, „was den Menschen unbedingt angeht“36 als nicht-religiöse Interpretation eines christlich verstandenen Erlöserbegriffs zu verstehen ist. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist unabdingbar, in diesem Zusammenhang zu betonen, dass die hier außer Jesus von Nazareth und Kommissar Maigret in den Grafiken aufgeführten Erlöser-Konkretionen (wie z. B. der religionswissenschaftliche Erlöser, die Märchen-Erlöser und literarische Jesus-Figuren) nicht als konkrete Vertreter ihres Referenzbereichs betrachtet werden dürfen, sondern lediglich als aus den Merkmalstendenzen ihres Ursprungsbereichs abstrahierte Platzhalter für mögliche (aber nicht eruierte) konkrete Figuren. Sie dienen dem Wortfeld (der späteren Topos-Kategorie) dazu, den theoretischen Hintergrund für die Betrachtung von Jesus von Nazareth und Kommissar Maigret an charakteristischen Punkten ihrer Referenzbereiche zu pointieren. Ihre Merkmalszuordnung in den (den Grafiken zugehörigen) Merkmalstabellen ist aber für die Ergebnisse zu den beiden verglichenen Erlöser-Figuren sekundär und daher zu vernachlässigen. Die theologische Leistung des Hauptteils besteht im Anschluss an diese Betrachtung darin, den Gehalt des für heutige Zeitgenossen erstarrten theologischen Erlöser-Begriffs über seine nicht-religiöse, gegenwärtige Konkrektion der literarischen Maigret-Figur zu entdecken und sowohl der Literaturwissenschaft als auch der Theologie neu zugänglich zu machen.37 Bevor nun die semantischen Komponenten bzw. Eigenschaften für den profanen Erlöser aus dem theologischen, dem literaturwissenschaftlichen und dem etymologischen Referenzbereich aufgeführt werden, soll das für den Topos so zentrale Modell der Prototypensemantik kurz vorgestellt werden. 1.2.1 Prototypentheorie und Familienähnlichkeit Der Bereich der kognitiven Semantik mit seinen verschiedenen Ausprägungen beschäftigt sich auf der Basis sprachlicher Äußerungen damit, auf welche Art der Mensch die angestrebten Untersuchungen als nicht zielführend erweisen und ihnen deshalb nicht weiter nachgegangen wird. Zum dezidierten Verständnis und zur Vertiefung der Theorie der Prototypensemantik vgl. Kleiber (1998); Sokol (2001); Rosch/Lloyd (1978). 34 Die Prototypentheorie würde den profanen Erlöser als Wortfeld bezeichnen. 35 Die Prototypentheorie spricht hier von „notwendigen und hinreichenden Merkmalen“. Vgl. Sokol (2001: 163). 36 Tillich (1987: 20). 37 Vgl. Sölle (1996: 9). 92 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? ihn umgebende wahrnehmbare Welt verarbeitet.38 Die Grundfrage für die Ergebnisse der kognitiven Semantik stammt ursprünglich aus der Psychologie, die sich in den 1970er Jahren aufgrund der Forschungen der amerikanischen Psychologin Eleanor Rosch mit den psychischen Vorgängen beschäftigt, wie Kinder die auf sie einstürmende Umweltwahrnehmung kognitiv bewältigen können, ohne sich in den mannigfaltigen Eindrücken zu verlieren. Sehr vereinfacht lautet die Antwort auf diese Frage: Kategorisierung. Die Fähigkeit, Erfahrung, Eindrücke und Erlebnisse in Gruppen zusammenzufassen und zu organisieren, schafft Überblick und Transparenz. Dabei läuft die psychologische Bildung von Kategorien über sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg durch Gruppierung um beste Exemplare (sog. Prototypen) herum.39 Die Zugehörigkeit zu einer Kategorie wird über einen Abgleich mit dem jeweiligen Prototyp bestimmt. Prototypen (…) sind kognitive Orientierungsmarken (…); sie werden schneller wahrgenommen und man kann sie sich besser merken (…). Alles, was ihnen stärker oder auch weniger stark ähnelt, gehört zur selben Kategorie, alles was stark davon abweicht, nicht. Die Übergänge sind fließend, es gibt ein „Mehr“ oder „Weniger“ an Zugehörigkeit.40 Ein Merkmal ist dann typisch für eine Kategorie, wenn möglichst viele Vertreter es haben und es möglichst selten in anderen Kategorien auftaucht. Aus den beiden Werten kann man seine (…) einordnende Kraft im Bezug auf eine Kategorie errechnen.41 Die in der Folge dieser psychologischen Erkenntnisse entstandenen linguistischen Theorien42 beschreiben die Organisation der semantisch distinktiven (bedeutungsunterscheidenden) Bedeutungsaspekte einer Begrifflichkeit43 bzw. die Verhältnisbestimmung der verschiedenen Vertreter eines Wortfeldes (einer Kategorie) zum Prototyp und untereinander.44 In der sog. Prototypensemantik wird die Zugehörigkeit von Kandidaten zu einer Kategorie (zu einem Wortfeld z. B.) (…) über sog. Familienähnlichkeiten [beschrieben]. Der Grad der Ähnlichkeit, den sprachliche Ausdrücke mit dem ,besten‘ Repräsentanten, dem Prototyp eines Begriffsfeldes oder einer Kategorie aufweisen, determiniert den Grad der Zugehörigkeit. Wenn es (wie z. B. auf der Ebene der Oberbegriffe) keinen Prototyp gibt, wird eine Kategorie über globale Vergleichbarkeit der Inhalte zusammengehalten. Jedes Mitglied muß nach dieser Methode eine Ähnlichkeit mit einem anderen Mitglied haben, 38 Vgl. Sokol (2001: 160–177). 39 Vgl. Sokol (2001: 160f.). 40 Sokol (2001: 161). 41 Sokol (2001: 162). 42 Nicht nur die Prototypentheorie, sondern auch die übergeordnete Theorie des Erfahrungsrealismus und der Familienähnlichkeit haben eigene Diskurse entwickelt, denen hier aber nicht weiter nachgegangen wird. Vgl. dazu Sokol (2001: 160–177); zum Erfahrungsrealismus vgl. Kleiber (1998: 3); zum linguistischen Objektivismus vgl. Lakoff (1987: XI–XIII); Lakoff (1986); Lakoff (1984). Zur Prototypensemantik und den daraus entstandenen Diskursen vgl. Kleiber (1998); Sokol (2001: 160– 165); Rosch/Lloyd (1978: 27–48). 43 Dafür ist die strukturelle Semantik zuständig. 44 Dieser Verhältnisbestimmung widmet sich vorwiegend die Prototypensemantik. 93 1 Der Topos des profanen Erlösers aber eben nicht mit allen. In den meisten Kategorien gibt es allerdings Eigenschaften (Merkmale), die typischer für die Kategorie sind als andere.45 Die in der Prototypensemantik entwickelte grafische Darstellungsweise von Kategorien eröffnet jeder Untersuchung, die sich mit verschiedenen Vertretern einer Kategorie beschäftigt oder Einzelexemplare auf deren Zugehörigkeit zu einer Kategorie befragen möchte, eine Möglichkeit, die Verzahnung der einzelnen Vertreter über ihre Merkmale mit dem Prototyp und untereinander zu verbildlichen.46 Zur grafischen Illustration der Prototypensemantik sei auf das eindrückliche Beispiel verwiesen, das Kleiber47 für den Begriff Vogel verwendet. Die Merkmale [+kann fliegen] und [+hat Federn] haben eine hohe cue validity [Typizität] und deshalb werden bestimmte Vertreter der Kategorie ,Vogel’, wie z. B. Strauß oder Pinguin als weniger ,vogelhaft’, d. h. als randständiger eingestuft als z. B. Spatz (…).48 Weil mit dem Begriff (der Kategorie) ,Vogel’ bestimmte prototypische Eigenschaften (z. B. [+kann fliegen]) verbunden werden, antwortet ein Prozentsatz von nahezu 80 % aller Befragten auf die Bitte, einen Vogel zu nennen, nicht mit Pinguin, sondern mit Spatz.49 Eine solche Darstellung semantischer Verwandtschaftsverhältnisse von verschiedenen Vertretern (Kiwi, Spatz, Pinguin, Küken, Strauß) eines Wortfeldes (Vogel) aufgrund ihrer distinktiven Komponenten (1 – 6) verdeutlicht, welche Merkmale/Vertreter den prototypischen Kern einer Kategorie bilden und welche Vertreter/Merkmale deshalb als eher randständig für eine Kategorie empfunden werden, weil die prototypischen Merkmale fehlen. In der strukturellen Semantik wird die Zugehörigkeit zu einer Kategorie über ein allen Vertretern inhärentes Merkmalsbündel (notwendige Seme) definiert. Die Prototy- 45 Sokol (2001: 162). 46 „Kategorisierung und Kategorien sind (…) die fundamentalen Elemente bei der (meist unbewußten) Organisation unserer Erfahrung: Ohne sie, d. h. ohne die Fähigkeit, über individuelle (konkrete wie abstrakte) Entitäten hinauszugehen, um zu einer begrifflichen Strukturierung zu kommen, wäre „unsere wahrgenommene Umwelt (…) chaotisch und ständig neu“ (Cauzinille- Marmèche/ Dubois/Mathieu 1990: 93).“ Kleiber (1993: 4). 47 Grafische Darstellung nach: Kleiber (1998: 21). Dieses Beispiel ist zwar für die neueren Ausrichtungen der Prototypensemantik nicht mehr repräsentativ, wird hier aber dennoch verwendet, da es a) überaus eindrücklich veranschaulicht, wie die Prototypensemantik arbeitet und b) dem Topos zugrunde gelegt wird, der keinen neueren linguistischen Diskursen folgen muss. 48 Sokol (2001: 162). Mit cue validity ist gemeint: „seine einordnende Kraft in Bezug auf eine Kategorie“ (Sokol (2001: 162) bzw. die Typizität für eine Kategorie. 49 Sokol (2001: 162). 95 gorien gibt es allerdings Eigenschaften (Merkmale), die typischer für die Kategorie sind als andere.45 Die in der Prototypensemantik entwickelte grafische Darstellungsweise von Kategorien eröffnet jeder Untersuchung, die sich mit verschiedenen Vertretern einer Kategorie beschäftigt oder Einzelexemplare auf deren Zugehörigkeit zu einer Kategorie befragen möchte, eine Möglichkeit, d e V rzahnung der einzelnen Vertr ter über ihre Merkmale mit dem Prototyp und untereinander zu verbildlichen.46 Zur grafischen Illustration der Proto-typensemantik sei auf das eindrückliche Beispiel verwiesen, das Kleiber47 für den Begriff Vogel verwendet. 1 kann fliegen 2 hat Federn 3 3 hat die Form S̨ Kiwi 1 Spatz Küken 4 hat Flügel (und andere Vögel) Strauß 5 legt Eier 2 6 hat einen Schnabel Pinguin 4 5 6 Die Merkmale [+kann fliegen] und [+hat Federn] haben eine hohe cue validity [Typizität] und deshalb werden bestimmte Vertreter der Kategorie ,Vogel’, wie z. B. Strauß oder Pinguin als weniger ,vogelhaft’, d. h. als randständiger eingestuft als z. B. Spatz (…).48 Weil mit dem Begriff (der Kategorie) ,Vogel’ bestimmte prototypische Eigenschaften (z. B. [+kann fliegen]) verbunden werden, antwortet ein Prozentsatz von nahezu 80 % aller Befragten auf die Bitte, einen Vogel zu nennen, nicht mit Pinguin, sondern mit Spatz.49 Eine solche Darstellung semantischer Verwandtschaftsverhältnisse von verschiedenen Vertretern (Kiwi, Spatz, Pinguin, Küken, Strauß) eines Wortfelde (V gel) aufgrund ihrer distinktiven Komponenten (1 – 6) verdeutlicht, welche Merkmale/Vertreter den prototypischen Kern einer Kategorie bilden und welche Vertreter/Merkmale deshalb als eher r dig für eine Kategorie mpfunden werden, weil d e prototypischen Merkmale fehlen. In der strukturellen Semantik wird die Zugehörigkeit zu einer Kategorie über ein allen Vertretern inhärentes Merkmalsbündel (notwendige Seme) definiert. Die Prototypensemantik hat hier den Vorteil, dass ein Kategorievertreter lediglich mindestens ein einziges Merkmal mit einem anderen Vertreter t ilen muss, um zur Kateg rie zu gehören. Die Menge d r geteilten 45 Sokol (2001: 162). 46 „Kategorisierung und Kategorien sind (...) die fundamentalen Elemente bei der (meist unbewußten) Organisation unser r Erfahrung: Ohne sie, d. h. ohne die Fähigkeit, über individuelle (konkrete wie abstrakte) Entitäten hinauszugehen, um zu einer begrifflichen Strukturierung zu kommen, wäre "unsere wahrgenommene Umwelt (...) chaotisch und ständig neu" (Cauzinille-Marmèche/Dubois/Mathieu 1990: 93).“ Kleiber (1993: 4). 47 Grafische Darstellung nach: Kleiber (1998: 21). Dieses Beispiel ist zwar für die neueren Ausrichtungen der Prototypensemantik nicht mehr repräsentativ, wird hier aber dennoch verwendet, da es a) überaus eindrücklich veranschaulicht, wie die Prototypensemantik arbeitet und b) dem Topos zugrunde gelegt wird, der keinen neueren linguistischen Diskursen folgen muss. 48 Sokol (2001: 162). Mit cue validity ist gemeint: „seine einordnende Kraft in Bezug auf eine Kategorie“ (Sokol (2001: 162) bzw. die Typizität für eine Kategorie. 49 Sokol (2001: 162). 94 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? pensemantik hat hier den Vorteil, dass ein Kategorievertreter lediglich mindestens ein einziges Merkmal mit einem anderen Vertreter teilen muss, um zur Kategorie zu gehören. Die Menge der geteilten Merkmale mit dem Prototyp entscheidet dann über seine Typizität für die Kategorie, schließt untypische Vertreter aber nicht von der Familien- ähnlichkeit mit allen anderen Kategoriemitgliedern aus.50 Weiterhin hat die grafische Darstellung einer Kategorie nach dem Modell der Prototypensemantik den Vorteil, dass sie in ein bereits bestehendes Gefüge der Relationen mehrerer ähnlicher Begriffe/Kategorievertreter zueinander zusätzlich problemlos eine oder mehrere neue Größen integrieren kann, ohne die bereits etablierten Relationen zu nivellieren oder neu ordnen zu müssen. Sie eignet sich deshalb hervorragend für die Übertragung der Struktur des Topos als Kategorie. 1.2.2 Übertragung auf den Topos Die Übertragung dieser (für einen Begriff gedachten) Darstellung auf den Topos als Bündelung typischer Merkmale für (zum Teil abstrahierte) Erlöserfiguren aus unterschiedlichen Referenzbereichen darf jedoch keinesfalls als für linguistische Diskurse verwertbare kognitive Auswertung des Wortfeldes gelten.51 In der Regel umfassen die in der prototypischen Darstellungsweise zueinander in Beziehung gesetzten Merkmale52 maximal 10–15 Eigenschaften. Die für den Topos zu erwartende Merkmalsanzahl fällt jedoch um ein Vielfaches höher aus, da der profane Erlöser zum einen der vertikalen Dimension der Oberbegriffe53 (und nicht der Basisebene) entstammt und zum anderen selbst bereits drei verschiedenen Referenzbereiche in Beziehung zueinander setzt (nicht wie die semantischen Kategorien nur einen einzigen Begriff). 50 Vgl. Sokol (2001: 163). 51 In den vorliegenden Abbildungen geht es nur um die Möglichkeit, die potentiellen Verwandtschaftsbeziehungen der einzelnen Merkmale/ Kategorien zueinander darzustellen. Darüber hinaus ist anzumerken, dass sich die Diskussion um die Prototypentheorie, sowie deren Weiterentwicklung für die in dieser Arbeit angestrebten Untersuchungen als nicht zielführend erweisen und ihnen deshalb nicht weiter nachgegangen wird. 52 Die Prototypensemantik spricht dabei von „notwendigen und hinreichenden“ Merkmalen. Vgl. Sokol (2001: 163). 53 Man unterscheidet nach der Standard-Version der Prototypentheorie 3 vertikale Ebenen, welche die Struktur der Kategorien untereinander hierarchisch gliedern. Dabei spricht man von a) der übergeordneten Ebene (die Begriffe wie: Tier, Obst, Möbel abdeckt), b) der Basisebene (der Begriffe wie: Hund, Apfel, Stuhl zugeordnet werden) und c) der untergeordneten Ebene (welche die individuellen Konkretionen umfasst, wie z. B. Boxer, Golden Delicious und Klappstuhl). Linguistisch wird in der Regel für einen Begriff der Basisebene (z. B. Hund) nach dem typischsten Exemplar unter verschiedenen Konkretionen der untergeordneten Ebene gesucht (z. B. Dackel, Bernhardiner, Chihuahua, Golden Retriever, Husky, Wolf). So erhält man die Information, welches Exemplar am typischsten ist und welche Exemplare typischer für die Kategorie Hund sind als andere. Für den Begriff des Erlösers, der der Basisebene zugeordnet werden muss, wurden bereits mehrere Referenzbereiche betrachtet. Diese jedoch entstammen z. T. selbst der Basisebene als auch der untergeordneten Ebene: So sind der christliche Erlöser (Jesus Christus) oder die literarische Jesus-Figur eindeutig der untergeordneten Ebene, die religionswissenschaftlichen, allgemeinen oder etymologischen Merkmale für den Begriff definitiv der Basisebene zuzuordnen. 95 1 Der Topos des profanen Erlösers Ich teile daher die aus den unterschiedlichen Referenzbereichen stammenden Merkmale in vier Gruppen ein, um eine bessere Übersichtlichkeit für den Topos zu gewährleisten. Die vier Merkmalsgruppen für den Topos lauten: 1. Persönlichkeits-Merkmale, 2. Verhalten gegenüber dem Menschen (als Einzelperson), 3. Verhalten gegenüber der Gesellschaft (Umgang mit Normen und Regeln), 4. Funktionsbezogene Merkmale (Erlösungsdynamik). Die Darstellung des profanen Erlösers nach dem Modell der Prototypentheorie ist dennoch gewinnbringend, da sie auf diese Weise nicht nur den Hintergrund für die Betrachtung der Maigret-Figur bildet, sondern überdies jeder weiteren Untersuchung als Analyseinstrument zur Verfügung stehen kann, die eine Figur auf ihre Tauglichkeit als profaner Erlöser befragen möchte.54 Da es sich beim profanen Erlöser nicht nur um eine abstrakte Größe, sondern aufgrund der unterschiedlichen und unabhängig voneinander existierenden, außertextlichen Referenzbereiche seines Bedeutungsspektrums vielmehr um ein Relationsgefüge verschiedener bedeutungstragender Komponenten55 unterschiedlichen Ursprungs handelt, kann die Darstellung des Topos nach dem Modell der Prototypensemantik auch dieser Verhältnisstruktur Rechnung tragen. 1.2.3 Der Topos des profanen Erlösers als Kategorie In Anlehnung an diese Darstellungsweise der Prototypentheorie werden im Folgenden zunächst die aus den drei genannten Referenzbereichen stammenden, sich auf die diesseitige Erlebbarkeit konzentrierenden Merkmale von Erlöser-Figuren aufgestellt und in vier Gruppen eingeteilt. Im Anschluss daran werden abstrakte Platzhalter für die verschiedenen Referenzbereiche gebildet, deren Merkmale in die Kategoriebildung eingeschlossen wurden, und aufgrund ihrer übereinstimmenden und divergierenden Merkmale bildlich zueinander positioniert, so dass anhand der Grafik die Mitte der Kategorie (die am häufigsten geteilten Merkmale) die typischsten Eigenschaften und Vertreter eines profanen Erlösers ausweist. Das geschieht zunächst unabhängig von der Maigret-Figur, die im ersten Abschnitt des Hauptteils dann daraufhin untersucht wird, welche Familienähnlichkeiten sie zu den etablierenden Vertretern der Topos-Kategorie aufweist und wie hoch der Grad der Zugehörigkeit zur Kategorie des profanen Erlösers ausfällt. Die so erarbeiteten Ergebnisse der Maigret-Betrachtung brauchen dann nur noch im Relationsgefüge der Kategorie verortet zu werden, ohne weitere Definitionen zu erfordern. Die so ausgearbeitete grafische Darstellung der Topos-Kategorie weist auch nach der Integration der Maigret-Figur genügend Kapazität auf, um weitere potentielle (profane) Erlöserfiguren innerhalb des Wortfeldes zu situieren und genau zu umreißen. Überdies gewährleistet sie die Wertneutralität bzw. Gleichberechtigung aller betrachteten Referenzbereiche sowie aller Merkmale der Kategorie und potentiellen Vertreter. 54 Die Übertragung des Modells auf die Bedürfnisse des Topos ist auch deshalb legitim, da sie selbst in der kognitiven Semantik infolge ihrer eigenen Diskurse später theoretisch neu unterfüttert und auf andere sprachliche Phänomene, wie z. B. Polysemie, Zusammensetzung grammatischer Kategorien u. a. ausgeweitet wurde. Vgl. Sokol (2001: 163). 55 Im Fall von Figuren oder Personen sind Eigenschaften oder Charakteristika gemeint. 96 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? 1.2.4 Die Merkmale der Kategorie des profanen Erlösers … Rein semantisch wäre der Zusatz profan für die Kategorie unnötig (wie die Etymologie noch ausweisen wird), weil der Begriff Erlöser auch nach den etymologisch feststellbaren, außerchristlichen Bedeutungskomponenten den Verursacher einer ganzheitlichen Befreiung aus lebensbedrohlichen Umständen bezeichnet, die mit einer Heilung auf Basis grundständiger Gesinnungswandlung einhergeht.56 Damit beinhaltet die Erlöserbegrifflichkeit rein semantisch betrachtet keine zwangsläufig christliche, noch überhaupt religiöse Bedeutungskomponente.57 Da der umgangssprachliche Gebrauch des Erlöser begriffs jedoch in den meisten Fällen religiöse Assoziationen hervorruft, impliziert der Zusatz profan vor allem die Konzentration auf die säkularen Aspekte betrachteter Figuren und Vorgänge. Die Frage nach einer Figur als Erlöser ohne weitere Spezifizierung oder Begrenzung bleibt zu allgemein, um detaillierte Ergebnisse zu erhalten. Deshalb verweist der notwendige Zusatz, wie z. B. christliche, buddhistische, literarische Erlöserfigur(en) im Sinn einer Begrenzung überdies auf die Dringlichkeit der Zuordnung der Erlöserfigur in den Kontext einer Erlösungshandlung, die einen konkreten Wirkungsrahmen besitzt. Die Frage, welche Merkmale die Kategorie des Topos impliziert, ist daher auch abhängig vom Gegenstand und dem Hintergrund der Untersuchung, in welcher er als Topos etabliert werden soll. Die vorliegende Arbeitshypothese, dass ein säkularer außerchristlicher Text (nämlich die Maigret-Romane) indirekt auf die Relevanz christlicher Erlösung für die außerkirchliche/-christliche Realität hinweisen und durch die fiktive literarische Figur des Kommissar Maigret den christlichen Erlöser auf profane Weise ins säkulare Bewusstsein bringen kann, wird als Fragestellung aus protestantisch-theologischer Perspektive an den Untersuchungsgegenstand herangetragen. Aus diesem Grund ist der protestantisch-theologische Erlöserbegriff für die theologischen Aspekte als Grundlage anzunehmen. Profan bedeutet dann in diesem Zusammenhang den Hinweis auf eine Beschränkung der Untersuchung der textexternen Bezugsgröße aus dem theologischen Referenzbereich, nämlich den ausschließlichen Bezug auf die Wirkungsarten und -bereiche des christlichen Erlösers, die außerhalb von dogmatischer Überhöhung und nachösterlicher Interpretation während der diesseitigen Existenz Jesu in Raum und Zeit stattgefunden haben, also die ausschließliche Bezugnahme auf Person und Werk des profanen Jesus als Christus im Sinne seiner vorösterlichen Existenz. Für diese Begrenzung ist wichtig, dass es dabei keinesfalls darum geht, der diesseitigen irdischen Existenz Jesu ihre Transzendenz abzusprechen, sondern zu betonen, dass die Betrachtung der Person und des Werks Jesu zur Zeit seines vorösterlichen Daseins außerhalb theologisch-systematischer Zuordnungen und dogmatischer Definitionen zu unternehmen ist. Die neu zu etablierende Kategorie des profanen Erlösers braucht demnach aus den drei Referenzbereichen, für die sie aussagekräftig sein will, diejenigen Merkmale, die sich diesseitig und pragmatisch erleben und wiederholen bzw. nachahmen lassen. Denn das entspricht dem intendierten Untersuchungsrahmen der Analyse. Dementsprechend kommen hier zum Tragen: a) aus der Theologie diejenigen Besonderheiten Jesu, die aus soteriologischen Aussagen über den christlichen Erlöser für die 56 Wie im Unterabschnitt „… aus Etymologie und Bedeutungsdynamik“ deutlich werden wird. 57 Vgl. Teil III, Kap. 1.1.3. 97 1 Der Topos des profanen Erlösers säkulare Dimension abgeleitet werden können, b) aus der Literaturwissenschaft diejenigen Merkmale literarischer Erlöserfiguren, die aus literarischen Entwürfen als Konzept von Erlösung außertheologisch zu verorten sind und c) aus der Geschichte der Bedeutungsentwicklung (Etymologie) diejenigen allgemeinsprachlichen Merkmale für Erlöser und Erlösung, die dem vermischten Sprachgebrauch der Sprecher aus profaner und sakraler Provenienz geläufig sind. Schematisch betrachtet, setzt sich demnach der Topos des profanen Erlösers aus den spezifischen und distinktiven Merkmalen dreier Bereiche zusammen, die jeweils einen eigenen Zugang zur Begrifflichkeit der Erlösung und des Erlösers innehaben: … aus der christlichen Theologie: Die aus diesem Referenzbereich des Topos stammenden Merkmale werden in Anlehnung an die Ausführungen in Teil II, Kap. 3.3. Das Typische an Jesus als Mensch unter Menschen zusammenfassend aufgeführt, um die schlagwortartigen Merkmale dorthin zu verknüpfen. Textexterne, christliche Referenzgröße für diese hinreichenden Merkmale der Kategorie des profanen Erlösers ist die innerweltliche Existenz des vorösterlichen Jesus in Raum und Zeit, der in den Evangelien als diesseitig beschriebener, profaner Jesus als christologisch legitimer Repräsentant für den christlichen Kulturhintergrund zugrunde gelegt wird.58 Das deutlichste Wesensmerkmal des vorösterlichen Jesus ist aus christlich-theologischer Perspektive der unbeugsame Wille zur Beziehung mit seinen Mitmenschen, der sich in liebender Hinwendung zum Nächsten zeigt. In seiner Tätigkeit als Wanderprediger und Wundertäter zeigen sich sowohl die Überzeugungen Jesu als auch deren Ver- 58 Unberührt davon bleibt, dass für Jesus Christus als religiösen Erlöser die vorösterliche Existenz und das nachösterliche Kerygma eine untrennbare Einheit bilden. Literarische Rezeption des christl. Erlösers: „Jesus-Figuren“ & literarische Erlöserfiguren (literaturwissenschaftliche Seite) Christlicher Erlöser: Vorösterliche, diesseitige Existenz Jesu von Nazareth unter Aussparung des geglaubten Kerygmas (theologische Seite) Allgemeinsprachliche Aspekte der Begrifflichkeiten Erlösung & Erlöser (Etymologie und Bedeutungsdynamik aus dem vermischten Sprachgebrauch der Sprecher) profaner Erlöser 98 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? deutlichung, ihre Umsetzung und die Konsequenzen seiner Botschaft. Der Inhalt seiner Verkündigung als Wanderprediger hat zum Mittelpunkt die Offenbarung eines Gottes, der Gemeinschaft mit den Menschen haben und ermöglichen will und einen (Gottes) Herrschaftsbegriff, der als Beziehungsgröße von liebvoller Zuwendung zum Menschen geprägt ist.59 Die Art der Gemeinschaft, die Gott mit dem Menschen nach Jesu Verkündigung sucht und pflegen möchte, wird an Jesu Lebensgemeinschaft mit seinen Jüngern exemplarisch veranschaulicht. Die Beispielfunktion dieser Gemeinschaft aus Freiwilligen und einander völlig gleichberechtigten Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft, die gemeinsam mit Jesus durch Galiläa ziehen, wird unterstützt durch Jesu häufig ausgesprochene Einladung an andere, Teil seines als Familie bezeichneten Vertrautenkreises zu werden, der sich frei von jeglicher Art herkömmlicher Herrschafts- und Hierarchiestrukturen vorzustellen ist. Darüber hinaus beinhaltet diese Neudefinition von Familie auch die Methode Jesu, seine Nachfolger zum Inhalt seiner Verkündigung zu schulen: Durch die umfassende Teilhabe an allen Facetten des Lebens Jesu lernen die Jünger den Gehalt seiner Verkündigung verstehen und begreifen. Überdies erkennen die Jünger auf diese Weise, dass die Art der Gemeinschaft und aufrichtiger Zuwendung zum Nächsten nicht nur unabdingbarer Teil der Botschaft Jesu sind, sondern gleichzeitig Jesu Weg, diese zu verbreiten. Jesu Wundertäterschaft beinhaltet – was die Heilungswunder, Dämonenaustreibungen und Totenerweckungen betrifft – die praktische und sichtbare Umsetzung der inhaltlich verkündigten Erlösungsbotschaft vom nahen und heilbringenden Reich Gottes für alle diejenigen, die ihm unvoreingenommen begegnen (wollen). In diesem Zusammenhang ist aussagekräftig für die Persönlichkeit des vorösterlichen Jesus, dass dieser keinerlei Furcht, Ekel oder Berührungsängste den Dämonen- oder Geisterbesessenen, Kranken, Notleidenden, Hilfebedürftigen und Ausgestoßenen gegenüber empfindet, sondern im Gegenteil die Gemeinschaft der gesellschaftlichen Randgruppen sucht und pflegt. Diese praktische Rettung aus Krankheit, Tod, Leid und Befreiung von Isolation veranschaulicht und vergegenwärtigt den äußerlich-situativen Befreiungsakt der Erlösungsbotschaft Jesu in der Gegenwart seiner Zeitgenossen. Die Konsequenz, mit welcher der vorösterliche Jesus die Erlösungsbotschaft umsetzt, führt dazu, dass er mit den meisten gesellschaftlichen, vor allem religiösen Maßstäben und Tabus bricht. Die liebende Zuwendung zu den Erlösungsbedürftigen und -willigen und die Gemeinschaft mit ihnen spricht den Verachteten und Verstoßenen neuen gesellschaftlichen Wert zu, da diese in der Regel aufgrund religiöser Tabus ausgegrenzt wurden. So stellt Jesus die gängige Gesellschaftshierarchie auf den Kopf. Gleichzeitig setzt er sich mit seiner eigenen, neuen Gesetzes-Auslegung als Lehrer in der Synagoge und mit seinen „Ich aber sage euch“-Aussagen auch inhaltlich-theoretisch über die jüdische traditionelle Tora-Kasuistik hinweg. Die religiöse Obrigkeit als Schlangen- und Otterngezücht zu bezeichnen60, sowie Jesu Weigerung eine Ehebrecherin nach den gängigen 59 Die Bezifferung in Klammern bezieht sich auf die Auflistung der Charakteristika in der abschlie- ßenden graphischen Darstellung, für welche die notwendigen bedeutungstragenden Erläuterungen zu den einzelnen Merkmalen zu ausführlich sind. 60 Vgl. Mt 23,13–36, 29–33: „29 Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr baut die Gräber der Propheten und schmückt die Grabmäler der Gerechten 30 und sagt: Wären wir in den Tagen unserer Väter gewesen, so würden wir uns nicht an dem Blut der Propheten schuldig 99 1 Der Topos des profanen Erlösers rechtlichen Orientierungslinien zu be- und verurteilen oder seine Angewohnheit, den um Hilfe Bittenden häufig Glauben und Sündenvergebung zuzusprechen, verdeutlichen nachhaltig, dass die konsequente Umsetzung der von Jesus verkündigten Gottesherrschaft jedes menschliche Kriterium oder Gesetz sowie die herkömmlichen rechtlichen und gesellschaftlichen Maßstäbe und Kategorien außer Kraft setzt und somit in der Gegenwart grundsätzlich in Frage stellt. Weiterhin lässt sich bezüglich der einzigartig festzuhaltenden Merkmale der Persönlichkeit des vorösterlichen Jesus für den Topos das auffällig hohe Maß seiner Hingabe an seine Aufgabe hervorheben, ohne dass diese Haltung gleichzeitig zu einer Selbstdarstellung oder Überhöhung geführt hätte. Als Hinweise auf die transzendente Seite des vorösterlichen Jesus steht ein Rest an Unbegreiflichkeiten, die Jesu Handlungen und Verhalten begleiten und für die keine logischen Erklärungsansätze verfügbar sind: Die Tatsache, dass Jesus Menschen kennt und versteht, die er noch nie zuvor gesehen oder getroffen hat; dass er menschliche Fassaden sofort durchschaut, ohne hierfür auf erkennbare Erfahrung oder Übung darin zurückgreifen zu müssen; seine einzigartig kraftvolle und gleichzeitig beruhigende Ausstrahlung, die besonders in Krisensituationen zum Tragen kommt und dann auch andere beruhigt und entwaffnet; sowie die Fähigkeit, um den Verrat an seiner Person im Vorhinein zu wissen, aber sowohl den Vertrauensbruch als auch seine eigene Hinrichtung nicht persönlich zu nehmen. Gerade das Festhalten am Beziehungswillen zum Menschen – trotz Verrats, bis in den Tod – und seine ungebrochen liebevolle Zuwendung zu denen, die ihn ans Kreuz nageln61 deuten auf einen übermenschlich anmutenden, unbegreiflichen Rest der Persönlichkeit Jesu, der als bleibendes Geheimnis weiterhin charakteristisch für den christlichen Erlöser bleibt. Auf dem Hintergrund der angesprochenen Beschreibungen, Begebenheiten und Gleichnisse ergeben sich aufgrund der postulierten Porträtähnlichkeit der Texte mit der Person folgende Tendenzen zur Charakterisierung: • hat Mitleid bzw. ist mitfühlend/empathisch • teilt sein Leben (restlos) mit seinem Vertrautenkreis • (ver)urteilt nicht • ist ganz Mensch • zeigt keine Berührungsängste/Ekel vor Erlösungsbedürftigen • bleibt geheimnisvoll, ein Rest Unbegreifliches bleibt • lebt absolutes Gottvertrauen/ist gottesfürchtig • handelt gewaltlos/bleibt friedfertig • sieht hinter die menschlichen Äußerlichkeiten/Fassaden • versteht die Menschen • lässt Gnade vor Recht ergehen • lebt in einer außergewöhnlichen Sozialform • lässt sich vom Tod nicht beirren • spricht Glauben zu gemacht haben. 31 So gebt ihr euch selbst Zeugnis, daß ihr Söhne derer seid, welche die Propheten ermordet haben. 32 Und ihr, macht ‹nur› das Maß eurer Väter voll! 33 Schlangen! Otternbrut! Wie solltet ihr dem Gericht der Hölle entfliehen?“ (Elberfelder 2001). Die Unterstreichungen wurden meinerseits zur Betonung vorgenommen. 61 Lk 23,34b: „Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Elberfelder 2001). 100 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? • vergibt Sünden • geht den zu Erlösenden nach • behandelt alle gleich (Kinder, Frauen, Männer, Klassen) • wendet sich Benachteiligten zu • unterrichtet seine Nachfolger durch praktisches Vorleben & Begleiten • unterrichtet seine Nachfolger theoretisch-inhaltlich • will Beziehung zu den Menschen • geht liebevoll mit zu Erlösenden um • dient den Menschen/ist demütig • heilt Kranke • treibt Dämonen aus • erweckt Tote zum Leben • verkündigt eine Erlösungsbotschaft • ist Erlöser für alle (die wollen) • gerät in Konflikt mit der Obrigkeit • stellt gesellschaftliche Maßstäbe in Frage • stellt religiöse Kategorien in Frage • übertritt gesellschaftliche Klassengrenzen, Konventionen und Verhaltensregeln • übertritt das Gesetz … aus der Literaturwissenschaft: Als zweite Maigret-textexterne Bezugsgröße kann die Rezeption der Gestalt Jesu von Nazareth in seiner Funktion als Erlöserfigur innerhalb der Literatur gelten62. Hier sind säkular verwendete Bedeutungskomponenten des Erlöserbegriffs und Glaubensinhalte auf fiktive Weise pragmatisch verbunden. Auch wenn die literarische Rezeption Jesu in zeitgenössischer Literatur für den theologischen Aussagegehalt des christlichen Erlösers nicht zwangsläufig relevant ist, bleibt sie zumindest ein Verweis auf die nicht zu leugnende Einzigartigkeit Christi, deren Wahrnehmung in ihrer fiktiven Umsetzung Rückschlüsse auf Spezifika literarischer Erlöserfiguren zulässt. Damit liefert sie als zweite Bezugsgröße weitere hinreichende Merkmale für den Topos des profanen Erlösers. Aus der hier vorgezeichneten literaturwissenschaftlichen Perspektive63 zeichnet sich der Topos durch diesseitige und transzendente64 Aspekte der literarischen Jesus-Figuren aus, die vor allem als repräsentativ für einen die eigene Verantwortung gegenüber der Realität umfassend bejahenden und nachhaltig positiven Wirklichkeitsentwurf gelten, aber auch in der Funktion von Vertretern einer radikalen Kirchen- und Gesellschaftskritik auf- 62 Vgl. Kuschel (1997); Kuschel (1999); Chojecka (2001). 63 Vgl. Teil II, Kap. 4: Literaturwissenschaftlicher Zugang zur Erlöserbegrifflichkeit. 64 Interessant ist hier, dass die vorsätzlich vorgenommene Begrenzung der christlichen Perspektive auf die diesseitige vorösterliche Existenz Jesu (ohne das geglaubte Kerygma) gerade von der Literatur selbst wieder durch die Betonung des Transzendenzbezugs seiner Person durchbrochen wird. Die hinreichenden Merkmale des profanen Erlösers, die sich auf Jesu Transzendenz beziehen, stammen hier bezeichnenderweise aus literaturwissenschaftlicher – und wie sich später zeigen wird auch aus etymologischer – Provenienz, nicht aus theologischer und sind daher auch für die Kategorie des profanen Erlösers legitimiert. 101 1 Der Topos des profanen Erlösers fallen. Ihr Handeln und Ergehen weist sie als empathische und initiative Persönlichkeiten aus, die als Symbol für Leiderfahrungen und dennoch begründete Hoffnung in ihrem Einflussbereich Zuversicht auf die Möglichkeit eines gerechte(re)n Lebens machen. Die stärkste Merkmalstendenz literarisch begegnender Jesus-Figuren ist die umfassende Zuwendung zu den sozial Deklassierten,65 die sich sowohl im radikalen Eintreten für sie gegenüber ihren Ausbeutern und Unterdrückern äußert als auch im schweigenden Begleiten menschlicher Schicksalsschläge oder deren solidarischen Mittragens. Diejenigen Jesus-Figuren, die aufgrund ihrer literarischen Gestalt symbolisch für friedfertige Vergebung und Versöhnung in Situationen auswegloser Schuldverstrickungen stehen, eignen sich aufgrund ihres Auf-den-Kopf-Stellens der gängigen moralischen und ethischen Wertmaßstäbe als Stimmen sozialpolitischer Gesellschaftskritik der Gegenwartsliteratur. Durch die Frage nach dem, was verantwortliches Handeln in der jeweiligen Gegenwart bedeutet und durch ein konsequentes Sich-Verweigern gegenüber jeglichen Handlungs- oder Beziehungsstrukturen, die soziale Ungerechtigkeit fördern, werden auch Begriffe wie Schuld und Recht neu infrage gestellt. Darüber hinaus weisen auch einige literarische Jesus-Figuren durch die Darstellung der immensen Intensität ihrer Hingabe an ihre Lebensaufgabe und die Vereinigung scheinbar unvereinbarer Gegensätze in ihrer Figurenkonzeption auf unmöglich zu beschreibendes Übermenschliches hin. Die literarischen Umsetzungen der Fragen, wie Radikalität und Toleranz harmonisch miteinander gelebt werden können, was „radikale Vergebung“66 bedeutet und inwiefern ein Mensch sowohl bereit ist „für eine Idee gekreuzigt“67 zu werden, als auch gleichzeitig in der Lage „dies den Menschen für immer“68 zu verzeihen, verweisen auf die Tendenz, das bleibende, transzendente Geheimnis der Person Jesu auch in seinen literarischen Entsprechungen zu verankern. Aus der hier aufgeführten Zusammenfassung der betrachteten literarischen Richtungen zur Jesus-Rezeption im vorangegangenen Kapitel ergeben sich folgende Merkmals-Tendenzen für die Topos-Kategorie: • hat Mitleid bzw. ist mitfühlend/empathisch • ist ganz Mensch • kennt Schwäche, Angst, Leid, Not • zeigt absolute Hingabe für seinen Auftrag (Erlösung des/der Menschen) • handelt gewaltlos/bleibt friedfertig • nennt die Probleme direkt beim Namen • repräsentiert neuen, lebensbejahenden Wirklichkeitsentwurf • symbolisiert Vergebung in auswegloser Schuldverstrickung • symbolisert Versöhnung unter schwersten Bedingungen • macht Hoffnung auf gerechte(re)s Leben • symbolisiert Hoffnung trotz Leiderfahrung • hat keine Angst vor dem Tod • vertritt radikale Gesellschafts- und Kirchenkritik 65 Vgl. die Darstellung bei Kuschel (2003: 45) und die konkreten Bezüge in Teil II, Kap. 4.1. und 4.2. 66 Kuschel (1997: 457). 67 Kuschel (1999: 20). 68 Kuschel (1999: 20). 102 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? • ist eine initiative Persönlichkeit • wendet sich den sozial Deklassierten zu • stellt gesellschaftliche Maßstäbe in Frage • stellt moralische Wertmaßstäbe in Frage • tritt für Benachteiligte ein • verweigert sich sozial ungerechtem Handeln • übertritt gesellschaftliche Klassengrenzen, Konventionen und Verhaltensregeln • stellt die Frage nach verantwortlichem Handeln … aus Etymologie und Bedeutungsdynamik: Der etymologische Merkmalsbereich für den Topos trägt der allgemeinsprachlichen säkularen Übertragung und Entlehnung von Bedeutungskomponenten aus dem sakralen Bereich im vermischten Sprachgebrauch der Sprecher Rechnung. In Teil III, Kap. 1.1. Bedeutungskomponenten und -dynamik der Erlöserbegrifflichkeit wurde danach gefragt, was das Spezifische an den Begrifflichkeiten von Erlösung und Erlöser ist, das sich aufgrund der Verwendung in der Märchenforschung, der Psychologie und der Religionswissenschaft dem Sprachgebrauch nach als essentiell erwiesen hat. Mit der Integration dieser Tendenzen in den Topos soll gewährleistet werden, dass auch solche Aspekte eines profanen Erlösers erkannt werden können, die weder als Merkmale des christlichprotestantischen Erlösers gelten noch durch literarische Jesus-Figuren zur Sprache kommen. Da sie aber aus der Lebenswirklichkeit der Sprecher hervorgetreten sind, bereichern sie die Diskussion um die Greifbarkeit profaner Erlösungsdynamik und Erlöserfiguren mindestens aus der Perspektive der Praxisrelevanz des Themas. So repräsentiert die begriffliche Eigendynamik des Sprachgebrauchs von Erlösung und Erlöser die dritte, Maigret-textexterne Referenzgröße für die Topos-Kategorie, die ihm weitere Merkmalskriterien zur Verfügung stellt. Zusammenfassend betrachtet bewegt sich dieser abstrakte Merkmalsbereich der Topos-Kategorie im Kontext eines sprachhistorischen Erlösungsverständnisses, das auf der Seite des Erlösers den Aspekt einer rechtmäßigen, situativen Befreiung aus einer Unterdrückungssituation beinhaltet, dem auf der Seite des zu Erlösenden eine existentielle, innere Gesinnungsänderung entspricht. Beide Komponenten, die äußerlich-situative und die innerlich-existentielle, sind konstitutiv für die Ganzheitlichkeit eines allgemeinsprachlich wahrgenommenen69 Erlösungsvorgangs und bedingen sich zum Teil gegenseitig. Dabei wird der äußerliche Aspekt des situativen Befreiungsaktes legitimiert durch das zu erwerbende Recht des Erlösers, mit dem zu Erlösenden nach seinem Gutdünken zu verfahren. Der jeweilige Preis der Erlösung, dessen Bezahlung erst dazu legitimiert zu befreien oder zu beherrschen, wird von der Erlöser-Figur beglichen und kann sowohl materiellen Aufwand wie z. B. Schätze, Geld, Land etc. als auch den Einsatz anderer ideeller Werte wie Leben oder Liebe kosten. Voraussetzung für eine derart verstandene, diesseitig bezogene Erlösung ist eine vom Leidenden selbst erlebte Erlösungsbedürftigkeit, die als schicksalhaft zur Person gehörig betrachtet wird und sich im Leiden 69 Hierfür sind sowohl die Erkenntnisse aus dem tradierten Märchengut als auch aus der Psychologie die Basis. Vgl. Teil III, Kap. 1.1.1. und 1.1.2. 103 1 Der Topos des profanen Erlösers an der durch „zwanghafte Verhaftung“70 verursachten Unfreiheit ausdrückt. Nur wer sich als erlösungsbedürftig erlebt, kann auch erlöst werden. Deutlich zu betonen ist in diesem Zusammenhang, dass die sprachhistorisch geprägte Erlösungsvorstellung sich immer auf konkrete Situationen und Problematiken bezieht, aber nicht universell und ein für allemal aufzufassen ist. Die allumfassende und das Leben nach dem Tod einbeziehende Erlösung bleibt dem theologischen Begriff eigen. Erlöst wird demzufolge aus psychologischer, religionswissenschaftlicher und märchen-sprachlicher Perspektive im Kontext des Topos von Zuständen zwanghafter (neurotischer?) Fixierung auf Situationen, Personen oder Gefühle, die auf lebenshinderliche Weise z. B. die Persönlichkeitsentwicklung hemmen, auf keinen Fall aber von selbst überwunden werden können. Profaner Erlöser ist daher meist ein Mensch, der in der Lage und Willens ist, die Widerstände des zu Erlösenden gegen eine Trennung von der zwanghaften Fixierung zu überwinden und so sowohl die äußerliche Situation als auch die innere Grundhaltung des Erlösungsbedürftigen zu ändern. Auf diese Weise ist das Geschehen profaner Erlösung immer als zwischenmenschliches zu betrachten und häufig mit einer Form von Empathie verknüpft, ohne die jegliche Art positiver Zwischenmenschlichkeit undenkbar wird. Der profane Erlöser selbst ist, entsprechend der auf konkrete Situationen und Probleme beschränkten profanen Erlösung, eine Figur, die nur situativ begrenzt ihre Funktion erfüllen kann. Darüber hinaus kann sie sich als in anderen Lebensbereichen selbst als auf Erlösung angewiesen erweisen, was im literarischen Motiv des „geretteten Retters“71 aufgegriffen wird. Erlöst wird als Folge der Trennung vom Zustand des Fixiertseins auf das Lebenshinderliche zu einer neuen, das Leben positiv bejahenden Grundhaltung, die sich in „Unendlichkeitsoffenheit, Freiheit und ungehemmte(r) Produktivität“72 äußert. Dass eine solch zusammenfassende Aussage eher abstrakt beschrieben werden muss, liegt darin begründet, dass die jeweiligen Konkretionen des Erlöstseins sich genauso vielfältig äußern wie die dazugehörigen Ursachen der Erlösungsbedürftigkeit. Diese Besonderheit teilt der profane Erlösungsbegriff mit dem religiös-christlichen.73 Die sich so ergebenden Tendenzen für den Topos des profanen Erlösers finden Niederschlag in folgenden Formulierungen: • hat Mitleid bzw. ist mitfühlend/empathisch • ist ganz Mensch • ist selbst auf Erlösung angewiesen • repräsentiert neuen, lebensbejahenden Wirklichkeitsentwurf • hat keine Angst vor dem Tod • erlöst aus einer konkreten Problemsituation (punktuell) • ermöglicht einen Neuanfang • befreit äußerlich-situativ 70 Daim (1954: 33). 71 Zum geretteten Retter vgl. Cornelius (2003) und Rudolph (1999). 72 Daim (1954: 50). 73 Es ist hier an das Motiv „Leben die Fülle“ (Joh 10,10b) gedacht oder auch an die Vorstellung, zu einem Leben mit Gott erlöst zu werden, welche ähnlich abstrakt erscheinen wie „Unendlichkeitsoffenheit, Freiheit und ungehemmte Produktivität“ (vgl. vorhergehende Anmerkung) und deren Konkretion der Hermeneutik überlassen bleiben. 104 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? • erlöst im psychologischen Sinn (seelisch-innere Geisteshaltung) • erlöst diesseitsbezogen • besitzt Legitimation zur Erlösungshandlung 1.2.5 Übersicht der Topos-Merkmale Abzüglich aller bereits sichtbaren Überschneidungen der Merkmalstendenzen aus den drei Referenzbereichen, ergibt sich für die Topos-Kategorie folgende Zusammenstellung: 1) hat Mitleid bzw. ist mitfühlend/empathisch 2) teilt sein Leben (restlos) mit seinem Vertrautenkreis 3) (ver)urteilt nicht 4) ist ganz Mensch 5) zeigt keine Berührungsängste/Ekel vor Erlösungsbedürftigen 6) bleibt geheimnisvoll, ein Rest Unbegreifliches bleibt 7) kennt Schwäche, Angst, Leid, Not 8) lebt absolutes Gottvertrauen bzw. ist gottesfürchtig 9) lebt absolute Hingabe für seinen Auftrag (Erlösung des/der Menschen) 10) handelt gewaltlos/bleibt friedfertig 11) sieht hinter menschliche Äußerlichkeiten/Fassaden 12) nennt die Probleme konkret beim Namen 13) versteht die Menschen 14) ist selbst auf Erlösung angewiesen 15) repräsentiert neuen, lebensbejahenden Wirklichkeitsentwurf 16) symbolisiert Vergebung in auswegloser Schuldverstrickung 17) lässt Gnade vor Recht ergehen 18) symbolisiert Versöhnung unter schwersten Bedingungen 19) macht Hoffnung auf ein gerechte(re)s Leben 20) symbolisiert Hoffnung trotz Leiderfahrung 21) lebt in einer außergewöhnlichen Sozialform 22) vertritt radikale Kirchenkritik 23) lässt sich vom Tod nicht beirren 24) spricht Glauben zu 25) vergibt Sünden 26) zeigt initiatives Handeln 27) behandelt alle gleich (Kinder, Frauen, Männer, Klassen) 28) wendet sich den Benachteiligten/Deklassierten zu 29) unterrichtet seine Nachfolger durch praktisches Vorleben & Begleiten 30) unterrichtet seine Nachfolger theoretisch-inhaltlich 31) will Beziehung zu den Menschen 32) geht liebevoll mit zu Erlösenden um 33) dient den Menschen, ist demütig 34) ermöglicht einen Neuanfang 35) heilt Kranke 105 1 Der Topos des profanen Erlösers 36) treibt Dämonen aus 37) erweckt Tote zum Leben 38) erlöst aus einer konkreten Problemsituation (punktuell) 39) verkündigt eine Erlösungsbotschaft 40) ist Erlöser für alle (die wollen) 41) befreit äußerlich-situativ 42) erlöst im psychologischen Sinn (seelisch-innerliche Geisteshaltung) 43) erlöst diesseitsbezogen 44) besitzt Legitimation zur Erlösungshandlung 45) gerät mit der Obrigkeit in Konflikt 46) stellt gesellschaftliche Maßstäbe in Frage 47) stellt religiöse Kategorien und moralische Wertmaßstäbe in Frage 48) tritt für Benachteiligte ein 49) verweigert sich sozial ungerechtem Handeln 50) übertritt gesellschaftliche Klassengrenzen, Konventionen und Verhaltensregeln 51) übertritt das Gesetz 52) stellt die Frage nach verantwortlichem Handeln Diese 52 als Merkmale dargestellten Tendenzen stellen in ihrer Gesamtheit die Topos- Kategorie für die Untersuchung des Potentials konkreter möglicher Vertreter des profanen Erlösers dar. Um eine prototypische Darstellung zu ermöglichen, braucht es jedoch nach linguistischen Kriterien außer der im Folgenden untersuchten Figur des Kommissar Maigret weitere gleichwertige, potentielle Vertreter für die Kategorie. Da eine dezidierte Untersuchung mehrerer weiterer konkreter Figuren für die prototypische Darstellung aufgrund des Umfangs an dieser Stelle nicht geleistet werden soll, greife ich für die Möglichkeit der grafischen Umsetzung auf stellvertretende Platzhalter zurück. Diese Platzhalter benenne ich nach den Ursprungsbereichen der Merkmale, aus denen sich die Topos-Kategorie speist, sie stellen also semantisch übergeordnete Abstrakta dar, die normalerweise nach prototypischer Vorgehensweise nicht mit konkreten Figuren gemischt innerhalb einer Kategorie auftauchen. Da sie jedoch lediglich als Hilfsgrößen für die Sichtbarmachung der Vernetzung der in dieser Arbeit untersuchten beiden Erlöser-Konkretionen dienen und als eigenständige Kategorie-Vertreter an dieser Stelle explizit ausgeschlossen werden, ist ihrer Verwendung zur Veranschaulichung der Position des noch zu betrachtenden Kommissar Maigret begründet zuzustimmen.74 Als prototypisch aussagekräftig versteht sich die Grafik daher unangefochten nur für den christlichen Erlöser und die Figur Maigrets. 74 Nach semantischen Kriterien ist es unabdingbar, dass die zueinander in Bezug gesetzten Vertreter der Kategorie aus derselben Sprachebene stammen: Spatz, Kiwi, Pinguin, Strauß, Küken etc. Die für diese Arbeit ausschlaggebende Vergleichbarkeit zweier konkreter Vertreter der neu etablierten Kategorie, nämlich die des christlichen Erlösers und Kommissar Maigrets (aufgrund der Dialogfähigkeit von Literatur-(wissenschaft) und Theologie), können deshalb als Kern der prototypischen Darstellung angesehen werden und erfüllen die Legitimation ihrer Anwendbarkeit. Ich halte es für überaus wünschenswert, dass diese neu etablierte Kategorie mit ihren hier untersuchten zwei konkreten Vertretern auch auf andere Konkretionen (egal aus welchem Bereich) angewendet wird und so den Wirkungsrahmen erweitert. Semantisch aussagekräftig ist die hier aufgeführte prototypische Darstellung demnach nur bezüglich der Figur des christlichen Erlösers und Kommissar Maigrets. Wünschens- 106 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Im einzelnen werden die Platzhalter für andere konkrete Vertreter wie folgt benannt: Literarische Jesus-Figuren, Märchen-Erlöser, Erlöser RW75 für die religionswissenschaftlich übergeordneten abstrakten Aspekte einer Erlösungsdynamik und Erlöser etym./allg.76 für die sprachgeschichtlich entstandene Misch-Verwendung der Begrifflichkeit im allgemeinen Sprachgebrauch.77 Da auch eine prototypische Grafik bei 52 Einzelmerkmalen an die Grenzen ihrer Darstellbarkeit gerät, erlaube ich mir, die Topos-Kategorie der Übersichtlichkeit halber in Unterkategorien aufzuteilen, deren Merkmalszusammenstellung sich in ihrem Aussagegehalt auf 1. die Persönlichkeit des potentiellen Vertreters, 2. sein Verhalten gegenüber dem Menschen (als Einzelperson), 3. sein Verhalten gegenüber der Gesellschaft (den Umgang mit Normen und Regeln) und 4. seine Funktion als potentieller Erlöser im Erlösungsgeschehen auf abstrakter Ebene beziehen. 1.3 Prototypische Darstellungen des Topos Da bestimmte Merkmale der Topos-Kategorie78 sowohl eine Aussage über die Persönlichkeit des profanen Erlösers beinhalten als auch Hinweise darauf, wie sich diese Persönlichkeit ihren Mitmenschen oder der Gesellschaft bzw. Obrigkeit gegenüber konkret verhält, werden diese Merkmale z. T. mehrfach genannt. Die nuancierte Betonung des jeweiligen Aspekts ergibt sich dabei aus der Zuordnung zur Unterkategorie. Für die prototypische Auswertung der Merkmale und die Positionierung der betrachteten Kategorie-Vertreter des Topos, ist es zunächst notwendig, eine Übersicht über alle geteilten und ungeteilten Merkmale aufzustellen, die dann in die Unterkategorien gruppiert und mithilfe der Grafiken verbildlicht werden können. wert ist aus kategorialer Sicht ein Vergleich verschiedener potentieller Erlöserfiguren im Topos, wie z. B. die christliche Erlöserfigur, Kommissar Maigret, die Figur des Neo aus der Matrix-Trilogie, der Löwe aus der Narnia-Reihe von C.S. Lewis, Buddha, Harry Potter u. a. Die Vergleichbarkeit von Konkretionen aus unterschiedlichster Provenienz wird durch die Merkmal- Ursprungsbereiche der bereits etablierten Topos-Kategorie gewährleistet. Sollte eine Konkretion durch diese Ursprungsbereiche des Topos nicht abgedeckt sein, müsste die Kategorie erweitert werden. 75 RW = religionswissenschaftlich. 76 etym./allg. = etymologisch/allgemein. 77 Es versteht sich daher, dass die allgemeiner definierten Platzhalter in der Grafik eher randständige Positionen einnehmen. Einzige Ausnahme davon ist die literarische Jesus-Figur als Abstraktum für die verschiedenen in säkularer Literatur vorfindlichen Jesus-Figuren, die sich auch als Überbegriff immer noch explizit konkret auf die literarische Rezeption der christlich geglaubten Erlöserfigur in ihrer Umsetzung bezieht. 78 Hier sind die folgenden Merkmale gemeint: 1) hat Mitleid bzw. ist mitfühlend/empathisch, 3) (ver) urteilt nicht, 10) handelt gewaltlos bzw. bleibt friedfertig, 28) wendet sich den Benachteiligten/ Deklassierten zu, 48) tritt für Benachteiligte ein, 49) verweigert sich sozial ungerechtem Handeln. Die Merkmale 28), 48) und 49) finden sich in den Unterkategorien Persönlichkeits-Merkmale, Verhalten gegenüber dem Menschen und Verhalten gegenüber der Gesellschaft (Umgang mit Regeln und Normen) wieder, die Merkmale 1), 3) und 10) finden sich in den Unterkategorien Persönlichkeits-Merkmale und Verhalten gegenüber dem Menschen wieder. 107 1 Der Topos des profanen Erlösers Merkmal christlicher Erlöser literarische Jesusfiguren Märchen- Erlöser Erlöser RW Erlöser etym./ allg. 1) hat Mitleid bzw. ist mitfühlend/ empathisch x x – – – 2) teilt sein Leben (restlos) mit seinem Vertrautenkreis x – – – – 3) (ver)urteilt nicht x – – – – 4) ist ganz Mensch x x – x x 5) zeigt keine Berührungsängste/ Ekel vor Erlösungs bedürftigen x x x – x 6) bleibt geheim nisvoll, ein Rest Unbe greifliches bleibt x x – x – 7)) kennt Schwä che, Angst, Leid, Not x x – x – 8) lebt absolutes Gottvertrauen, ist gottesfürchtig x – – x – 9) lebt absolute Hingabe für seine Berufung (= Er lösung des/der Menschen) x x – x – 10) handelt gewaltlos, bleibt friedfertig x x – – – 11) sieht hinter menschliche Äußerlichkeiten/ Fassaden x x – x x 12) nennt Prob leme konkret beim Namen x x – – – 13) versteht die Menschen x x – – – 14) ist selbst auf Erlösung angewiesen x x x x x 108 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Merkmal christlicher Erlöser literarische Jesusfiguren Märchen- Erlöser Erlöser RW Erlöser etym./ allg. 15) repräsentiert neuen, lebens bejahenden Wirklichkeits entwurf x x – x x 16) symbolisiert Vergebung in auswegloser Schuldverstrickung x x – – – 17) lässt Gnade vor Recht ergehen x – – – – 18) symbolisiert Versöhnung unter schwersten Bedingungen x x – – – 19) macht Hof fnung auf ein gerechte(re)s Leben x x – – x 20) symbolisiert Hoffnung trotz Leiderfahrung x x – x x 21) lebt in einer außer ge wöhnlichen Sozialform x – – x – 22) vertritt radikale Kirchenkritik – x – – – 23) lässt sich vom Tod nicht beirren x x x – – 24) spricht Glauben zu x – – – – 25) vergibt Sünden x – – – – 26) zeigt initiatives Handeln x x – – – 27) behandelt alle gleich (Kinder, Frauen, Männer, Klassen) x – – x x 28) wendet sich den Benach teiligten/Deklas sierten zu x x – – x 109 1 Der Topos des profanen Erlösers Merkmal christlicher Erlöser literarische Jesusfiguren Märchen- Erlöser Erlöser RW Erlöser etym./ allg. 29) unterrichtet seine Nachfolger durch praktisches Vorleben & Begleiten x – – x – 30) unterrichtet seine Nachfolger theoretisch inhaltlich x – – x – 31) will Beziehung zu den Menschen x – – – – 32) geht liebevoll mit zu Erlösenden um x x – – – 33) dient den Menschen, ist demütig x x – – – 34) ermöglicht einen Neuanfang x x x x x 35) heilt Kranke x – – – – 36) treibt Dämonen aus x – – – – 37) erweckt Tote zum Leben x – – – – 38) erlöst aus einer konkreten Problemsituation (punktuell) x x x x x 39) verkündigt eine Erlösungsbotschaft x – – x x 40) ist Erlöser für alle (die wollen) x – – – x 41) befreit äußerlich situativ x x x – – 42) erlöst im psychologischen Sinn (seelisch innerlich) x – x x x 43) erlöst dies seitsbezogen x x x x x 44) besitzt Legi timation zur Erlö sungshandlung x x x x 110 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Merkmal christlicher Erlöser literarische Jesusfiguren Märchen- Erlöser Erlöser RW Erlöser etym./ allg. 45) gerät in Konflikt mit der Obrigkeit x x – – – 46) stellt gesell schaftliche Maß stäbe in Frage x x – x – 47) stellt religiöse Kategorien und moralische Wertmaßstäbe in Frage x x – x – 48) tritt für Benach teiligte ein x x – – – 49) verweigert sich sozial ungerechtem Handeln x x x x – 50) übertritt gesellschaftliche Klassen, Grenzen, Konventionen und Verhaltens regeln x x – – – 51) übertritt das Gesetz x x – – – 52) stellt die Frage nach verantwort lichem Handeln x x – – – Zur Lesart der Grafiken: Die Numerierung der einzelnen Merkmale in der Tabelle des Topos entspricht den Ziffern, die in der Grafik einen Merkmalsrahmen bezeichnen. Die den Ziffern in der Grafik zugeordneten Topos-Merkmale der jeweiligen Unterkategorie werden entweder direkt neben bzw. unter der Grafik nochmals aufgeführt oder lassen sich (bei umfangreicher ausfallenden Grafiken) aus der hier aufgeführten tabellarischen Übersicht aller Merkmale ablesen. Die mit Ziffern versehenen Merkmalsrahmen umschlie- ßen alle diejenigen Vertreter der Kategorie, die das dem Rahmen zugeordnete Merkmal teilen. Alle anderen Vertreter, die das Merkmal des Rahmens nicht teilen, bleiben in ihrer Position außerhalb des (bezifferten) Rahmens. Führt ein Merkmalsrahmen mehrere Ziffern, teilen alle umschlossenen Topos-Vertreter alle Merkmale, die dem Rahmen zugeordnet sind. Die verschiedenen Farben der Merkmalsrahmen dienen dazu, sofort zu erkennen, von wie vielen Topos-Vertretern das/die zugeordnete(n) Merkmal(e) geteilt wird. Die Zuordnung der Farben geht aus der Legende der Grafiken hervor. Insgesamt wird die prototypische Kategorie-Grafik von außen nach innen gelesen: Je weiter ein Kategorie-Vertreter vom Zentrum des Topos entfernt ist, das alle Merkmale 111 1 Der Topos des profanen Erlösers umfasst, als desto weniger typisch wird er als Vertreter des profanen Erlöser erkannt. Je zentraler ein Vertreter in der Grafik positioniert werden kann – je mehr Merkmalsrahmen ihn also beinhalten –, als desto typischer für die Kategorie ist er zu betrachten. Unabhängig von ihrer jeweils eigenen Entfernung zur typischen Mitte der Kategorie, sind aber alle ihre Vertreter untereinander durch das Teilen verschiedener Merkmalsrahmen miteinander verbunden. 1.3.1 Persönlichkeits-Merkmale Die für die Topos-Kategorie essentiellen Aussagen über die Wesenszüge eines profanen Erlösers beziehen sich auf die nachfolgend aufgeführten achtzehn Merkmale. Merkmal christ licher Erlöser litera rische Jesusfigur Märchen- Erlöser Erlöser RW Erlöser etym./ allg. 1) hat Mitleid bzw. ist mitfühlend/ empathisch x x – – – 3) (ver)urteilt nicht x – – – – 4) ist ganz Mensch x x x x 5) zeigt keine Berührungsängste/ Ekel vor Erlösungs bedürftigen x x x – x 6) bleibt geheim nis voll, ein Rest Unbegreifliches bleibt x x – x – 7) kennt Schwäche, Angst, Leid, Not x x – x – 8) lebt absolutes Gottvertrauen, ist gottesfürchtig x – – x – 9) lebt absolute Hingabe für seine Berufung (Erlösung des/der Menschen) x x – x – 10) handelt gewalt los, bleibt friedfertig x x – – – 14) ist selbst auf Erlösung angewiesen x x x x x 112 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Merkmal christ licher Erlöser litera rische Jesusfigur Märchen- Erlöser Erlöser RW Erlöser etym./ allg. 21) lebt in einer außergewöhn lichen Sozialform x – – x – 23) lässt sich vom Tod nicht beirren x x x – – 26) zeigt initiatives Handeln x x – – – 28) wendet sich den Benach tei ligten/ Deklas sierten zu x x – – x 31) will Beziehung zu den Menschen x – – – – 33) dient den Menschen, ist demütig x x – – – 48) tritt für Benach teiligte ein x x – – – 49) verweigert sich sozial ungerechtem Handeln x x x x – Bereits in dieser tabellarischen Übersicht lässt sich ablesen, dass die säkular greifbaren Persönlichkeits-Merkmale des christlichen Erlösers auch als zentral typisch für einen profanen Erlöser kategorisiert werden können: Der christliche Erlöser teilt alle Merkmale und befindet sich demnach im Zentrum der Kategorie. Hinsichtlich der über die konkrete Figur des christlichen Erlösers hinaus als Platzhalter für andere konkrete Vertreter bemühten Stellvertreter lässt sich vor allem für die literarischen Jesus-Figuren (als Konglomerat) sowohl eine starke Nähe zur typischen Mitte der Kategorie als auch zur konkreten christlichen Erlöserfigur ablesen. Aufgrund der Tatsache, dass erstere sich aus der literarischen Rezeption des christlich geglaubten Erlösers ableiten, ist das jedoch nicht verwunderlich. Interessant wird in diesem Zusammenhang die Positionierung einer fiktiven literarischen Figur, die explizit nicht als Rezeption christlicher Werte intendiert ist.79 79 Vgl. Merkmals-Übersicht und prototypische Grafik, welche die Maigret-Figur auf dem hier etablierten neutralen Vergleichsgrund in Bezug zur typischen Kategorie-Mitte und zum christlichen Erlöser setzt, in Teil III, Kap. 3.4. 113 1 Der Topos des profanen Erlösers 1.3.2 Verhalten gegenüber dem Menschen (als Einzelperson) Die nachfolgend aufgeführten zweiundzwanzig Merkmale beschreiben die charakteristischen Aussagen zum profanen Erlöser bezüglich seines Umgangs mit den ihm einzeln begegnenden Menschen bzw. Personen im direkten Kontakt. Merkmal christlicher Erlöser literarische Jesusfiguren Märchen- Erlöser Erlöser RW Erlöser etym./ allg. 1) hat Mitleid bzw. ist mitfühlend/ empathisch x x – – – 2) teilt sein Leben (restlos) mit seinem Vertrautenkreis x – – – – 3) (ver)urteilt nicht x – – – – 10) handelt gewalt los, bleibt friedfertig x x – – – 11) sieht hinter menschliche Äußerlichkeiten/ Fassaden x x – x x 12) nennt Prob leme konkret beim Namen x x – – – 13) versteht die Menschen x x – – – 17) lässt Gnade vor Recht ergehen x – – – – 19) macht Hoff nung auf ein gerechte(re)s Leben x x – – x 24) spricht Glauben zu x – – – – 25) vergibt Sünden x – – – – 27) behandelt alle gleich (Kinder, Frauen, Männer, Klassen) x – – x x 28) wendet sich den Benach teiligten/Deklas sierten zu x x – – x 114 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Merkmal christlicher Erlöser literarische Jesusfiguren Märchen- Erlöser Erlöser RW Erlöser etym./ allg. 29) unterrichtet seine Nachfolger durch praktisches Vorleben & Begleiten x – – x – 30) unterrichtet seine Nachfolger theoretisch inhaltlich x – – x – 32) geht liebevoll mit zu Erlösenden um x x – – – 34) ermöglicht einen Neuanfang x x x x x 35) heilt Kranke x – – – – 36) treibt Dämonen aus x – – – – 37) erweckt Tote zum Leben x – – – – 48) tritt für Benach teiligte ein x x – – – 49) verweigert sich sozial ungerechtem Handeln x x x x – Die hier sichtbare große Anzahl an Einzelmerkmalen, die nur bei der konkreten christlichen Erlöserfigur vorkommen (2, 3, 17, 24, 25, 35, 36, 37), sowie die Menge der Merkmale, die die christliche Erlöserfigur mit dem Platzhalter der literarischen teilt (1, 19, 12, 13, 32, 48) verweisen wiederum auf eine hohe Typizität beider Vertreter für die prototypische Mitte der Kategorie. Bereits in dieser Unterkategorie verdeutlicht die angefügte Grafik aber auch die Nähe des (als Platzhalter allgemein gehaltenen) religionswissenschaftlichen Erlösers80 zur Kategorie-Mitte, der nur mit der christlichen Erlöserfigur zwei Merkmale teilt (29, 30), denen offensichtlich für die Erkennbarkeit als profaner Erlöser zentrale Bedeutung zukommt. 80 In der Grafik bezeichnet als Erlöser RW. 115 1 Der Topos des profanen Erlösers 1.3.3 Verhalten gegenüber der Gesellschaft (Umgang mit Normen und Regeln) Diese Unterkategorie umfasst diejenigen Topos-Merkmale, die eine Figur bzw. Person bezüglich ihres Verhaltens gegenüber der Gesellschaft bzw. gegenüber gesellschaftlich gängigen Werten, Normen, Regeln und Gesetzlichkeiten als profanen Erlöser ausweisen. Merkmal christlicher Erlöser literarische Jesusfiguren Märchen- Erlöser Erlöser RW Erlöser etym./ allg. 22) vertritt radikale Kirchenkritik – x – – – 28) wendet sich den Benach teiligten/Deklas sierten zu x x – – x 45) gerät in Konflikt mit der Obrigkeit x x – – – 46) stellt gesell schaftliche Maß stäbe in Frage x x – x – 47) stellt religiöse Kategorien und moralische Wertmaßstäbe in Frage x x – x – 48) tritt für Benach teiligte ein x x – – – 49) verweigert sich sozial ungerechtem Handeln x x x x – 50) übertritt gesellschaftliche Klassengrenzen, Konventionen und Verhaltensregeln x x – – – 51) übertritt das Gesetz x x – – – 52) stellt die Frage nach verantwort lichem Handeln x x – – – 116 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? 1.3.4 Funktionsbezogene Merkmale (Erlösungsdynamik) Die folgenden elf Merkmale beziehen sich auf diejenigen säkularen Aussagen, welche die Topos-Kategorie als bereits reflektierte Außenrezeption zur wahrgenommenen Funktion des profanen Erlösers als Erlöserfigur machen kann. Merkmal christlicher Erlöser literarische Jesusfigur Märchen- Erlöser Erlöser RW Erlöser etym./ allg. 15) repräsentiert neuen, lebensbe jahenden Wirklich keits entwurf x x – x – 16) symbolisiert Vergebung in auswegloser Schuldverstrickung x x – – – 18) symbolisiert Versöhnung unter schwersten Bedingungen x x – – – 20) symbolisiert Hoffnung trotz Leiderfahrung x x – x x 38) erlöst aus einer konkreten Problemsituation (punktuell) x x x x x 39) verkündigt eine Erlösungsbotschaft x – – x x 40) ist Erlöser für alle (die wollen) x – – – x 41) befreit äußerlich situativ x x x – x 42) erlöst im psy cho logischen Sinn (seelisch innerlich) x – x x x 43) erlöst dies seitsbezogen x x x x x 44) besitzt Legi timation zur Erlö sungshandlung x x x – x Die Verteilung der Merkmalsrahmen in dieser Unterkategorie verweist bereits darauf, dass der Wiedererkennungsfaktor der einzelnen Merkmale bzw. ihre cue validity eng beieinander liegen. Die hier separat betrachteten Merkmale, die bereits säkular reflektiert für die Einordnung zu einer diesseitig als Erlöser wahrgenommenen Figur aufgeführt sind, lassen die hohe Gleichberechtigung erkennen, mit der die verschiedenen außerkategoriellen Referenzbereiche vertreten sind, aus denen sich der Topos speist. 117 1 Der Topos des profanen Erlösers 1.3.5 Topos-Grafiken nach Unterkategorien 117 — b ei 1 V er tre te r v or ha nd en — be i 4 V er tre te rn v or ha nd en — b ei 2 V er tre te rn v or ha nd en — be i 5 V er tre te rn v or ha nd en — b ei 3 V er tre te rn v or ha nd en Pe rs ön lic hk ei ts -M er km al e 1) h at M itl ei d, is t m itf üh le nd b zw . e m pa th is ch 3) (v er )u rte ilt n ic ht 4) is t g an z M en sc h 5) z ei gt k ei ne B er üh ru ng sä ng st e, Ek el v or E rlö su ng sb ed ür fti ge n 6) b le ib t g eh ei m ni sv ol l, ei n R es t U nb eg re ifl ic he s b le ib t 7) k en nt S ch w äc he , A ng st , L ei d, N ot 8) le bt a bs ol ut es G ot tv er tra ue n, is t g ot te sf ür ch tig 9) le bt a bs ol ut e H in ga be fü r se in e B er uf un g (E rlö su ng v on M en sc he n) 10 ) h an de lt ge w al tlo s, bl ei bt fri ed fe rti g 14 ) i st se lb st a uf E rlö su ng an ge w ie se n 21 ) l eb t i n ei ne r a uß er ge w öh nl ic he n So zi al fo rm 23 ) l äs st si ch v om T od n ic ht b ei rre n 26 ) z ei gt in iti at iv es H an de ln 28 ) w en de t s ic h de n B en ac ht ei lig te n, D ek la ss ie rte n zu 31 ) w ill B ez ie hu ng z u de n M en sc he n 33 ) d ie nt d en M en sc he n, is t d em üt ig 48 ) t rit t f ür B en ac ht ei lig te e in 49 ) v er w ei ge rt si ch so zi al u ng er ec ht em H an de ln Pe rs ön lic hk ei ts -M er km al e 1) ha t M itl ei d, is t m itf üh le nd b zw . em pa th is ch 3) (v er )u rt ei lt ni ch t 4) is t g an z M en sc h 5) ze ig t k ei ne B er üh ru ng sä ng st e, Ek el v or E rlö su ng sb ed ür ft ig en 6) bl ei bt g eh ei m ni sv ol l, ei n Re st U nb eg re ifl ic he s bl ei bt 7) ke nn t S ch w äc he , A ng st , L ei d, N ot 8) le bt a bs ol ut es G ot tv er tr au en , is t g ot te sf ür ch tig 9) le bt a bs ol ut e H in ga be fü r se in e Be ru fu ng (E rlö su ng v on M en sc he n) 10 ) ha nd el t g ew al tlo s, bl ei bt fr ie df er tig 14 ) is t s el bs t a uf E rlö su ng a ng ew ie se n 21 ) le bt in e in er a uß er ge w öh nl ic he n So zi al fo rm 23 ) lä ss t s ic h vo m To d ni ch t b ei rr en 26 ) ze ig t i ni tia tiv es H an de ln 28 ) w en de t s ic h de n Be na ch te ili gt en , D ek la ss ie rt en z u 31 ) w ill B ez ie hu ng z u de n M en sc he n 33 ) di en t d en M en sc he n, is t d em üt ig 48 ) t rit t f ür B en ac ht ei lig te e in 49 ) v er w ei ge rt s ic h so zi al u ng er ec ht em H an de ln 118 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? 118 — b ei 1 V er tre te r v or ha nd en — be i 4 V er tre te rn v or ha nd en — b ei 2 V er tre te rn v or ha nd en — be i 5 V er tre te rn v or ha nd en — b ei 3 V er tre te rn v or ha nd en V er ha lte n ge ge nü be r d em M en sc he n (a ls E in ze lp er so n) 1) h at M itl ei d, i st m itf üh le nd b zw . e m pa th is ch 2) te ilt se in L eb en (r es tlo s) m it se in em V er tra ut en kr ei s 3) (v er )u rte ilt n ic ht 10 ) h an de lt ge w al tlo s, bl ei bt fr ie df er tig 11 ) s ie ht h in te r m en sc hl ic he Ä uß er lic hk ei te n/ Fa ss ad en 12 ) n en nt P ro bl em e ko nk re t b ei m N am en 13 ) v er st eh t d ie M en sc he n 17 ) l äs st G na de v or R ec ht e rg eh en 19 ) m ac ht H of fn un g au f e in g er ec ht e( re )s L eb en 24 ) s pr ic ht G la ub en z u 25 ) v er gi bt S ün de n 27 ) b eh an de lt al le g le ic h (K in de r, Fr au en , M än ne r, K la ss en ) 28 ) w en de t s ic h de n B en ac ht ei lig te n/ D ek la ss ie rte n zu 29 ) u nt er ric ht et se in e N ac hf ol ge r d ur ch pr ak tis ch es V or le be n & B eg le ite n 30 ) u nt er ric ht et se in e N ac hf ol ge r th eo re tis ch -in ha ltl ic h 32 ) g eh t l ie be vo ll m it zu E rlö se nd en u m 34 ) e rm ög lic ht e in en N eu an fa ng 35 ) h ei lt K ra nk e 36 ) t re ib t D äm on en a us 37 ) e rw ec kt T ot e zu m L eb en 48 ) t rit t f ür B en ac ht ei lig te e in 49 ) v er w ei ge rt si ch so zi al u ng er ec ht em H an de ln Ve rh al te n ge ge nü be r d em M en sc he n (a ls E in ze lp er so n) 1) ha t M itl ei d, is t m itf üh le nd b zw . em pa th is ch 2) te ilt s ei n Le be n (re st lo s) m it se in em Ve rt ra ut en kr ei s 3) (v er )u rt ei lt ni ch t 10 ) ha nd el t g ew al tlo s, bl ei bt fr ie df er tig 11 ) si eh t h in te r m en sc hl ic he Ä uß er lic hk ei te n/ Fa ss ad en 12 ) ne nn t P ro bl em e ko nk re t b ei m N am en 13 ) ve rs te ht d ie M en sc he n 17 ) lä ss t G na de v or R ec ht e rg eh en 19 ) m ac ht H off nu ng a uf e in g er ec ht e( re )s Le be n 24 ) sp ric ht G la ub en z u 25 ) ve rg ib t S ün de n 27 ) be ha nd el t a lle g le ic h (K in de r, Fr au en , M än ne r, Kl as se n) 28 ) w en de t s ic h de n Be na ch te ili gt en / D ek la ss ie rt en z u 29 ) un te rr ic ht et s ei ne N ac hf ol ge r d ur ch pr ak tis ch es V or le be n & B eg le ite n 30 ) un te rr ic ht et s ei ne N ac hf ol ge r th eo re tis ch in ha ltl ic h 32 ) ge ht li eb ev ol l m it zu E rlö se nd en u m 34 ) er m ög lic ht e in en N eu an fa ng 35 ) he ilt K ra nk e 36 ) tr ei bt D äm on en a us 37 ) er w ec kt To te z um L eb en 48 ) t rit t f ür B en ac ht ei lig te e in 49 ) v er w ei ge rt s ic h so zi al u ng er ec ht em H an de ln 119 1 Der Topos des profanen Erlösers 119 — b ei 1 V er tre te r v or ha nd en — b ei 2 V er tre te rn v or ha nd en — b ei 3 V er tre te rn v or ha nd en — b ei 4 V er tre te rn v or ha nd en V er ha lte n ge ge nü be r d er G es el ls ch af t ( U m ga ng m it R eg el n un d N or m en ) 22 ) v er tri tt ra di ka le K irc he nk rit ik 28 ) w en de t s ic h de n B en ac ht ei lig te n u nd D ek la ss ie rte n zu 45 ) g er ät in K on fli kt m it de r O br ig ke it 46 ) s te llt re lig iö se K at eg or ie n un d m or al is ch e W er tm aß st äb e in F ra ge 48 ) t rit t f ür B en ac ht ei lig te e in 49 ) v er w ei ge rt si ch so zi al u ng er ec ht em H an de ln 50 ) ü be rtr itt g es el ls ch af tli ch e K la ss en gr en ze n, K on ve nt io ne n un d V er ha lte ns re ge ln 51 ) ü be rtr itt d as G es et z 52 ) s te llt d ie F ra ge n ac h ve ra nt w or tli ch em H an de ln V er ha lte n ge ge nü be r d er G es el lsc ha ft (U m ga ng m it Re ge ln u nd N or m en ) 22 ) ve rt rit t r ad ik al e Ki rc he nk rit ik 28 ) w en de t s ic h de n Be na ch te ili gt en un d D ek la ss ie rt en z u 45 ) ge rä t i n Ko nfl ik t m it de r O br ig ke it 46 ) s te llt re lig iö se K at eg or ie n un d m or al is ch e W er tm aß st äb e in F ra ge 48 ) t rit t f ür B en ac ht ei lig te e in 49 ) v er w ei ge rt s ic h so zi al u ng er ec h te m H an de ln 50 ) üb er tr itt g es el ls ch af tli ch e Kl as se ng re nz en , K on ve nt io ne n un d Ve rh al te ns re ge ln 51 ) üb er tr itt d as G es et z 52 ) st el lt di e Fr ag e na ch v er an tw or tli ch em H an de ln 120 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? 120 — b ei 2 V er tre te rn v or ha nd en — b ei 3 V er tre te rn v or ha nd en — b ei 4 V er tre te rn v or ha nd en — b ei 5 V er tre te rn v or ha nd en Fu nk tio ns be zo ge ne M er km al e (E rlö su ng sd yn am ik ) 15 ) r ep rä se nt ie rt ei ne n ne ue n, le be ns be ja he nd en W irk lic hk ei ts en tw ur f 16 ) s ym bo lis ie rt V er ge bu ng in a us w eg lo se r Sc hu ld ve rs tri ck un g 18 ) s ym bo lis ie rt V er sö hn un g un te r sc hw er st en B ed in gu ng en 20 ) s ym bo lis ie rt H of fn un g tro tz L ei de rf ah ru ng 38 ) e rlö st a us e in er k on kr et en Pr ob le m si tu at io n (p un kt ue ll) 39 ) v er kü nd ig t e in e Er lö su ng sb ot sc ha ft 40 ) i st E rlö se r f ür a lle (d ie w ol le n) 41 ) b ef re it äu ße rli ch -s itu at iv 42 ) e rlö st im p sy ch ol og . S in ne (s ee lis ch -in ne rli ch ) 43 ) e rlö st d ie ss ei ts be zo ge n Fu nk tio ns be zo ge ne M er km al e (E rl ös un gs dy na m ik ) 15 ) re pr äs en tie rt e in en n eu en , le be ns be ja he nd en W irk lic hk ei ts en tw ur f 16 ) sy m bo lis ie rt V er ge bu ng in au sw eg lo se r S ch ul dv er st ric ku ng 18 ) sy m bo lis ie rt V er sö hn un g un te r sc hw er st en B ed in gu ng en 20 ) s ym bo lis ie rt H off nu ng tr ot z Le id er fa hr un g 38 ) er lö st a us e in er k on kr et en Pr ob le m si tu at io n (p un kt ue ll) 39 ) ve rk ün di gt e in e Er lö su ng sb ot sc ha ft 40 ) i st E rlö se r f ür a lle (d ie w ol le n) 41 ) be fr ei t ä uß er lic h si tu at iv 42 ) er lö st im p sy ch ol og . S in ne (s ee lis ch in ne rli ch ) 43 ) e rlö st d ie ss ei ts be zo ge n 121 2 Die literarische Maigret-Figur Die in der Vorstellung des literarischen Gegenstands dargelegten Besonderheiten der Simenonschen Hauptfigur ermöglichen bisher nur zu konstatieren, dass Maigret sich deutlich von den bis zu seiner Entstehung bekannten Detektivfiguren und seinen zeitgenössischen, fiktiven Kollegen absetzt. Aber was bedeutet dies konkret und wie genau kann man sich die Konzeption als Persönlichkeitsbild vorstellen, wenn man für eine Detailbetrachtung des Kommissars nun nicht alle Romane lesen möchte? Wer ist der Kommissar, wie verhält er sich im Hinblick auf die Merkmale, die für das Relations gefüge des profanen Erlösers etabliert wurden und hat Maigret möglicherweise darüber hinaus selbst noch notwendige Merkmale hinzuzufügen? Da die Konzeption einer fiktiven Figur immer mehr ist, als eine Interpretation oder Analyse unter einem bestimmten Erkenntnisinteresse herauszuarbeiten vermag, werden in diesem Teil die für das Topos-Gefüge erarbeiteten Merkmale im Kontext einer Gesamt-Betrachtung der Persönlichkeit Maigrets bearbeitet und nicht sukzessive einzeln abgefragt, damit die für die Konzeption Maigrets besonders typischen Charakteristika ausreichend zur Geltung kommen. Die deutlichsten Hinweise darauf, wie der Autor selbst seine Figur verstanden wissen möchte, finden sich im 1950 veröffentlichen Roman Les Mémoires de Maigret.1 In diesen fiktiven Memoiren lässt der tatsächliche Autor Simenon den Kommissar selbst seine Legende etablieren, indem er ihn schildern lässt, wie eines Tages ein junger Schriftsteller namens Sim in den Büros am Quai des Orfèvres auftaucht, um Recherchen für eine Kriminalserie durchzuführen, wie er sich eines Tages verfälscht als Figur in einem Kriminalroman dieses Sim entdeckt und was ihm diesbezüglich am Ende seiner beruflichen Laufbahn wichtig ist, den Lesern und dem Schriftsteller dieser Krimis dazu mitzuteilen. Warum ›Memoiren‹? (…) Es geht ganz einfach darum, eine Person mit einer Person, eine Wahrheit mit einer Wahrheit zu konfrontieren.2 Im Verlauf der Memoiren geht es immer wieder um die Diskrepanzen zwischen der vom romaninternen Schriftsteller Simenon dargestellten und der vom Memoiren schreibenden Kommissar erlebten Realität. Der Ich-Erzähler des Romans stellt klar, an welchen Stellen der Maigret-Romane sein Universum seiner Ansicht nach unzutreffend, weil unzureichend dargestellt wird, versucht zu erläutern, wie seine Wirklichkeit tatsächlich aussieht und versieht so textintern die textexterne Maigret-Legende mit psychologischen Details aus Biographie und Berufsleben sowie mit verschiedenen Elementen einer unverwechselbaren Persönlichkeit. 1 Les Mémoires (1950: 769–848) bzw. Maigrets Memoiren (1978). Hier lässt Simenon Maigret selbst zur Feder greifen und persönlich Stellung zu verschiedenen Themen beziehen, die bereits Gegenstand unterschiedlicher Literaturdiskussionen sind oder über die er als Autor in Interviews immer wieder befragt worden ist, wie z. B. die Nähe des Autors zu seiner Figur, das Verhältnis zwischen Maigret und den Tätern und andere Themengebiete. Vgl. dazu Eskin (1999: 245, 391, 393, 397– 399). 2 Maigrets Memoiren (1978: 34). 122 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Was ich möchte, ist im Grund nicht mehr und nicht weniger, als ein Bild mit einem anderen Bild, einen Menschen nicht mit seinem Schatten, aber mit seinem Doppelgänger in Einklang zu bringen.3 Da auch diese Legendenbildung in fiktiver Weise vorgenommen wird und in diesem Roman die Interpretationsrichtung der Metaebene der gesamten Maigret-Serie vorgegeben wird, kommt kein Interpret, der ein möglichst umfassendes Bild des Kommissars zeichnen möchte, umhin, diese vom Autor selbst inszenierte Charakterisierung Maigrets zu berücksichtigen. 2.1 Persönlichkeits-Merkmale der Maigret-Konzeption 2.1.1 Die Wahrheit über Maigret Am interessantesten aus der vom Autor inszenierten Selbstdarstellung seines Protagonisten sind diejenigen Aussagen, die sich aus den Memoiren zu Maigrets Grundhaltungen finden lassen. Gleich zu Beginn erfährt der Leser, dass die Wahrheit für Maigret eine sehr wichtige Größe darstellt. Auf der Suche nach ihr nimmt der Kommissar jedes Detail sehr genau und tut sich schwer, das Erlebte und Beobachtete in den schriftlich notwendigen Berichten zu vereinfachen oder zu kategorisieren.4 Vielleicht weil ich zu viel erklären, weil ich alles erklären will, ist für mich nie etwas einfach oder endgültig.5 Sich der Wahrheit verpflichtet fühlend, entwickelt Maigret sehr sensible Antennen für Ungenauigkeiten und Unstimmigkeiten. Auch deshalb sind ihm einfache Übertreibungen oder pragmatische Vereinfachungen zuwider, fühlt er sich irritiert, wenn der fiktive Schriftsteller Sim, von dem er in seinen Memoiren berichtet, seine neue Romanfigur an ihn anlehnt.6 Es widerstrebt dem Kommissar, seine Person in den Mittelpunkt gerückt zu sehen und er gibt auch nicht viel auf seinen Ruf. Maigret hat keine Angst davor, in einem falschen Licht dargestellt zu werden,7 denn er definiert sich nicht über die Meinungen Außenstehender. Aus demselben Grund sind ihm auch Belobigungen, Aufmerksamkeitshascherei, Verleumdungen, Lobhudelei sowie zur Schau getragene Statussymbole und Besitztümer ziemlich gleichgültig.8 Dennoch eröffnen ihm gelegentlich das Ansehen seiner Person und die damit verbundenen Möglichkeiten, der Wahrheit hinter dem Offensichtlichen auf die Spur zu kommen, hilfreiche Kontakte und Wege, die ihm gerade dafür sehr willkommen sind. 3 Maigrets Memoiren (1978: 51). 4 Vgl. Maigrets Memoiren (1978: 30). 5 Maigrets Memoiren (1978: 30). 6 Vgl. Maigrets Memoiren (1978: 32). 7 Vgl. Maigrets Memoiren (1978: 27, 167). 8 Vgl. Maigrets Memoiren (1978: 32). 123 2 Die literarische Maigret-Figur Die adäquate Darstellung der Wahrheit9 bleibt in den Memoiren ein Leitmotiv der Diskussion zwischen Maigret und Simenon und bietet so die Grundlage, auf der Maigret im Verlauf seiner biographischen Schilderungen sein eigenes Wahrheitsverständnis über die Einblicke in seine Überzeugungen in indirekter Weise skizzenhaft umreißt. Wahrheit lässt sich für Maigret in ihrer Ganzheitlichkeit nicht als Summe aus objektiven Fakten gewinnen, die auf einen minimalen gemeinsamen Nenner reduziert werden könnte, sondern sie erschließt sich nur demjenigen in einem komplexen Zusammenspiel aus subjektiver Wahrnehmung, persönlichen Umständen und vorfindlichen Möglichkeiten, der bereit ist, keine vorschnellen Schlüsse zu ziehen. Zusätzlich dazu bleibt sie dennoch schwer fassbar, fast eine flüchtige Größe, die eben deshalb auch nur in ausufernden Berichten annähernd beschrieben werden kann, weil sie eigentlich schon nicht mehr die umfassende Wahrheit reflektiert, sobald sie in Form einer offiziellen Berichterstattung zu viel des komplexen Zusammenspiels vernachlässigt. Nur im akuten Geschehen, wenn sie sich als Erklärung für eine Tat in einer wirklichen Begegnung mit dem Schuldigen zeigt, dann ereignet sie sich einfach und zwingend nachvollziehbar. Die höchste, die wesentlichste Eigenschaft einer Wahrheit ist die Einfachheit.10 Es bleiben Maigrets beständiger Kampf und seine individuelle Berufung bei der Aufklärung der ihm übertragenen Fälle, auf dem Boden dieser Grundhaltung den Menschen hinter der Fassade aufzuspüren11 und dessen individuelles Schicksal zu verstehen, um der alle Lebensumstände umfassenden Wahrheit des Geschehens auf die Spur zu kommen. Das berufliche Pflichtgefühl eines gewissenhaften Polizisten wandelt sich hier zur persönlichen Verpflichtung, die ganze Wahrheit eines Falls bzw. eines Schicksals zu erkennen. Ein Mensch ohne Vergangenheit ist für mich kein ganzer Mensch. Im Lauf meiner Untersuchungen konnte es immer wieder geschehen, dass ich der Familie und der Umgebung eines Verdächtigen mehr Zeit widmete als dem Verdächtigen selbst, und oft habe ich auf diesem Weg den Schlüssel zu einem Geheimnis entdeckt, das sonst ebenso gut ein Geheimnis hätte bleiben können.12 So existentiell einschneidend wie die Tat, die Maigret auf den Plan ruft, so existentiell umfassend muss für den Kommissar die dahinter stehende Wahrheit sein. Er weiß, die Überführung eines Mörders hat genauso existentielle und weit reichende Folgen, wie die Tat Gründe haben muss, sonst wäre der Schuldige dieses Risiko nicht eingegangen. Und Maigret betont immer wieder, dass die von Simenon beschriebenen Fälle im Wesentli- 9 In der fiktiven Begegnung zwischen dem jungen Schriftsteller und dem Kommissar wird diese Wahrheit mit „Wahrhaftigkeit des Beschriebenen“ bezeichnet. Maigrets Memoiren (1978: 22, 35). 10 Maigrets Memoiren (1978: 37). 11 Hier findet sich das Hauptanliegen des Autors gespiegelt, die recherche de l’homme nu (die Suche nach dem bloßen Menschen). Vgl. dazu Eskin (1999: 299, 341, 406). Das beantwortet die Fragen nach Merkmal 13 versteht die Menschen, 11 sieht hinter menschliche Äußerlichkeiten/Fassaden. 12 Maigrets Memoiren (1978: 52f.). 124 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? chen die dramatischen Ausnahmen des Polizeialltags darstellen, in denen eben derart tief greifende Beweggründe, Krisen und Schicksalsschläge zur Geltung kommen.13 Um die Wahrheit hinter solchen Geschehnissen zu finden, braucht es mehr als Routinemethoden. Zusätzlich sind Einfühlungsvermögen, Empathie, Intuition, Geduld und handwerkliches Geschick vonnöten.14 Wissen um alltägliche Lebenszusammenhänge, abwartende Beobachtung ohne vorschnelle Schlüsse und das Sich-Auskennen in unterschiedlichsten Lebensmilieus sind Maigrets Handwerkszeug bei der Wahrheitssuche. Alle gemeinsam dienen dem Ziel des Verstehens.15 Die Notwendigkeit, den gesamten Motivationshintergrund einer Verbrechenstat zu kennen, nachzuvollziehen und zu verstehen, lässt Maigret weder vor einer gesellschaftlichen Grenze Halt machen noch bestimmte soziale Schichten bevorzugt behandeln.16 Es geht darum, den Menschen ungeschminkt zu sehen, unverstellt hinter seiner Rolle und seinem Selbstverständnis. Darum, nicht nur sowohl seine wahr gewordenen Wünsche und Träume als auch seine unerfüllten Bedürfnisse zu kennen, sondern überdies auch die bare Realität seiner Lebensumstände zur ungünstigsten Zeit, zusammen mit allem anderen, als Gesamtheit zu begreifen und so das Schicksalsgewebe eines individuellen Lebens zu erkennen,17 um eine Orientierungsrichtung für das Zutreffen oder Nicht-Zutreffen möglicher Hinweise bei der Suche nach Wahrheit erarbeiten zu können. Nach Maigrets eigener Aussage18 ist es fast unmöglich, diese Wahrheitssuche, diesen Blick auf den unverstellten Menschen wieder abzulegen oder auf den professionellen Bereich des Lebens zu beschränken. Eine solche Haltung vereinnahmt, verändert, und wer sich dieser Aufgabe einmal verschrieben hat, kommt nicht mehr davon los. Das Bild, das der Autor Maigret für diese Beschreibung in die Feder legt, lässt aus der Suche fast eine Sucht werden.19 (…) selbst wenn (…) ich mit meiner Frau in den Urlaub fahre, gleitet mein Blick prüfend über die Gesichter (…). (…) Ich habe mich schon dabei ertappt, wie ich ihr seufzend gefolgt bin, nachdem ich mich ein letztes Mal nach einem rätselhaften Gesicht umge- 13 Vgl. dazu: Maigrets Memoiren (1978: 18). 14 Hier finden sich bereits erste Hinweise auf die Beantwortung der Frage nach Merkmal 1 hat Mitleid, ist mitfühlend/empathisch. 15 „Wenn ich an den (…) Brasserie-Mädchen (…) vorbeigehe, wissen sie, daß ich ihre Sprache und den Sinn ihres Tuns verstehe. Der Gauner, der sich vor mir durch die Menge schlängelt, weiß es auch. Und alle anderen, denen ich jemals begegnet bin, denen ich Tag für Tag in ihrer intimsten Sphäre begegne, wissen es ebenfalls.“ Maigrets Memoiren (1978: 168f.). 16 »Sind Sie gegen uns?« »Ich bin für und gegen niemanden! Ich suche die Wahrheit!« Bei den Flamen (1998: 61). 17 Ein wenig fühlt man sich bei dieser Definition des Sehens an das biblische Erkennen erinnert, das besonders in der Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau synonym für den ehelichen Beischlaf gerade auch die innere Bedeutungskomponente des gegenseitigen, umfassenden und ganzheitlichen Sich-Öffnens füreinander und den psychologischen Aspekt des ganzheitlich-wechselseitigen Verstehens enthält. Vgl. dazu Mt 1,24f.: „Josef aber (…) tat, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich; und er erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn geboren hatte (…).“ (Elberfelder 2001); oder Mt 13,14: „Und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die da sagt: »Mit den Ohren werden ihr hören und werdet es nicht verstehen; und mit sehenden Augen werdet ihr sehen und werdet es nicht erkennen.«“ (Lutherbibel 1984). 18 Vgl. Maigrets Memoiren (1978: 122). 19 Vgl. Maigrets Memoiren (1978: 122f.). 125 2 Die literarische Maigret-Figur dreht und es dann in der Menge aus den Augen verloren habe. Immer mit einem Gefühl des Bedauerns.20 So ist die Wahrheit über Maigret eine der wesentlichsten Aussagen, die man in einer Beschreibung des Kommissars treffen kann: Maigret als Persönlichkeit ist auf der Suche nach der Wahrheit, die über ihm steht, nach einer Wahrheit, die mehr ist als das, was er auf den ersten und zweiten Blick erkennen kann und die sich nur schwer in institutionelle Formen und Berichte zwängen lässt. Es ist die über dem Kommissar stehende Wahrheit, der er sich verpflichtet fühlt, für deren Verständnis er bereit ist, seine Karriere aufs Spiel zu setzen21 oder in seiner Freizeit zu ermitteln22. Es ist auch die über ihm stehende Wahrheit, die er in der juristischen Rechtsprechung nicht wahrheitsgemäß gespiegelt findet, was ihm großes Unbehagen bereitet, wenn er in Ausübung seines Amtes beispielsweise für die forensische Rechtsprechung in Anspruch genommen wird.23 Es ist die Wahrheit über ihm, die ihn immer wieder neu motiviert, die ihn dazu bringt, sich von nichts abhalten zu lassen und die ihn persönliche Rückschläge und Widrigkeiten als nebensächlich empfinden lässt, sobald er auch nur einen Zipfel von ihr in der laufenden Untersuchung entdeckt. Und es ist diese Wahrheit über dem Kommissar, die in ihm selbst immer wieder die Hoffnung auf Gerechtigkeit am Leben erhält.24 Das ist die Wahrheit über Maigret. 2.1.1.1 Maigret als Richter?25 Eine damit in Zusammenhang stehende Eigenschaft Maigrets, mit sein hervorstechendstes Charakter- und Verhaltensmerkmal, ist seine konsequente Weigerung, ein Urteil oder eine Stellungnahme über Situationen, Personen oder unerklärliche Vorfindlichkeiten abzugeben.26 »Glauben Sie, daß sie…?« »Vergiß nicht, daß ich vor Abschluß eines Falles nie etwas glaube.« Und mit skeptischem Lächeln fügte er hinzu: »Und selbst dann…«27 20 Maigrets Memoiren (1978: 122). 21 Vgl. Der Kopf eines Mannes (2001). Hier finden sich erste Hinweise zur Beantwortung der Fragen nach Merkmal 48 stellt gesellschaftliche Maßstäbe in Frage, 45 gerät in Konflikt mit der Obrigkeit, 48 tritt für Benachteiligte ein, 49 verweigert sich sozial ungerechtem Handeln, 50 übertritt gesellschaftliche Klassengrenzen, Konventionen und Verhaltensregeln, 51 übertritt das Gesetz. 22 Vgl. Saint-Pholien (1998) und In der Schule (1987). 23 Vgl. Vor dem Schwurgericht (1979). 24 Vgl. Maigrets Revolver (2006: 188). 25 In diesem Kapitel werden unter anderem die Merkmale 3 (ver)urteilt nicht und 2 teilt sein Leben (restlos) mit seinem Vertrautenkreis bearbeitet. 26 »Darf ich Sie fragen, was Sie von dieser Angelegenheit halten, Herr Kommissar?« »Sie dürfen, aber es fällt mir nicht leicht, Ihnen zu antworten. Um ganz offen zu sprechen: Ich weiß noch nichts. Morgen erst…« »Glauben Sie, morgen mehr zu wissen?« »Ich kann Ihnen nur noch einmal danken (…) und mich wegen meines Besuchs entschuldigen…« Bei den Flamen (1998: 124). Eindeutiger Hinweis zur Einordnung des Topos-Merkmals 3 (ver)urteilt nicht. 27 Der Fall Nahour (2007: 101). 126 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Es ist ihm zuwider, ohne alle notwendigen Informationen und Hintergründe, eine explizite, subjektive Meinung auch nur als Eindruck verbal zu äußern.28 Maigret versuchte nicht, sich ein Bild von dem Ort zu machen. Er wußte, daß man sich dabei stets täuschte.29 Dieses auf der Verpflichtung der noch unbekannten Wahrheit gegenüber basierende Verhalten wird in den Interpretationsansätzen der Literaturwissenschaft häufig seiner kriminalistischen Methode30 zugeordnet. Der Kommissar weigert sich diesbezüglich so dermaßen umfassend und nachdrücklich, dass sich sogar eine Betrachtung der Art, des Umfangs und der Häufigkeit dieser Weigerung anfertigen lässt.31 Häufig folgt auf die Frage, was er denn zu einer Angelegenheit denke, eine relativ kategorische Erwiderung, die seine ablehnende Haltung diesbezüglich mehr als deutlich transportiert: »Sieh an, da ist ja Maigret!…Nun, was halten Sie davon?« »Nichts! Sehen Sie selbst…«32 »Glauben Sie immer noch, Herr Kommissar…« »Ich glaube überhaupt nichts, mein Lieber! Bis nachher…«33 »Also denken Sie das gleiche wie ich!« »Ich denke überhaupt nichts, Machère! [Mir ist heiß! Mir ist kalt! Ich glaube, ich habe mir eine ordentliche Erkältung eingefangen.]34 28 „Maigret nahm diese Information zur Kenntnis, ohne sie einzuordnen oder Schlüsse daraus zu ziehen.“ Die widerspenstigen Zeugen (1999: 100). Vgl. auch Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 33): „Langsam… Beruhigen Sie sich. Die Untersuchung hat gerade erst begonnen. Ich unterstelle Ihnen nichts. Ich informiere mich lediglich.“ Die hier vorliegende deutsche Übersetzung interpretiert auf die Gesprächspartnerin bezogen Ich unterstelle Ihnen nichts. Im französischsprachigen Originaltext heißt es deutlich allgemeiner „Je n’insinue rien.“ Ich unterstelle nichts. 29 Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 12). 30 Die literaturwissenschaftliche Diskussion um die Existenz einer kriminalistischen Methode bei Maigret, welche Elemente zu ihr gehören, wie sie aussehen könnte und ob wirklich von Methode gesprochen werden darf, ist für die Erörterung der Frage, ob Maigret als profaner Erlöser bezeichnet werden kann, nicht von Bedeutung und wird daher nicht weiter verfolgt. Diejenigen Elemente seiner „Methode“, welche mit der Konzeption der Persönlichkeit Maigrets in Zusammenhang stehen, werden unter den Merkmalen 1, 11 und 13 behandelt. 31 Vgl. Kap. 3.2. zur Füllung der Leerstellen und der Leerstellen-Analyse in Teil IV. 32 Pietr der Lette (1999: 15f.). Vgl. Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 111). Oder: »Glauben Sie, daß sie unschuldig sind?« »Keine Ahnung.« Bei den Flamen (1998: 28). Oder: »Was hat das zu bedeuten?« fragte er (…). »Nichts, oder fast nichts, wie Sie meinten…«. Pietr der Lette (1999: 26). 33 Bei den Flamen (1998: 46). 34 Bei den Flamen (1998: 127). Die in Klammern wiedergegebene deutsche Übersetzung ist eine wörtlich an die französische Originalversion angelehnte, die – anders als die bei Diogenes verwendete literarische Übersetzung Ich schwitze! Und kalt ist mir auch! Ich fürchte, ich habe mir eine schöne Erkältung eingefangen – den Gehalt des Glaubens eindeutig in den körperlich-biologischen Bereich transferiert und so die im Französischen vorhandene Verbindung zur eingeforderten Spekulation verdeutlicht. 127 2 Die literarische Maigret-Figur Aber es passiert ebenso häufig, dass Maigret auf eine solche Frage überhaupt nicht mehr reagiert, den Fragenden einfach wortlos stehen lässt, sich umdreht und geht.35 Die höflichste Form der Nichtreaktion Maigrets auf eine solche Einschätzungsfrage ist noch der Themenwechsel, den er häufig mit einer Gegenfrage abrupt herbeiführt.36 »Aber wie?« »[Weiß ich das?]… Er wird schon etwas finden…« »Um sich selbst reinzuwaschen?« Aber der Kommissar ließ das Thema fallen und murmelte: »Haben Sie Feuer?37 Maigret hegt eine Aversion gegen das Urteilen. Zwar macht er sich seine Gedanken, sammelt Eindrücke und wägt Möglichkeit gegen Möglichkeit ab, jedoch immer unter der Maxime, so lange wie irgend möglich unvoreingenommen und vorurteilsfrei zu bleiben, egal wann, egal wem gegenüber.38 Vorsicht vor Schlussfolgerungen, Machère! Das ist sehr gefährlich, immer gleich Schlüsse zu ziehen.39 Interessanterweise impliziert diese Grundhaltung auch, dass er seine Gedanken und Überlegungen zu einer laufenden Ermittlung nicht einmal mit seiner engsten Vertrauten, seiner Frau, bespricht.40 Auch die Freundschaft zu den Pardons, dem einzig bekannten Ehepaar, mit denen die Maigrets privat freundschaftliche Beziehungen pflegen, ist dadurch gekennzeichnet, dass sowohl Maigret als auch Pardon peinlichst vermeiden, ihr kameradschaftliches Gegenüber auf eine berufliche Aktivität anzusprechen.41 Nur in Ausnahmefällen42 wird der über gemeinschaftlich gegenseitiges Bekochen bekannte Arzt oder Kommissar als Fachexperte hinzugezogen. Auch wenn man einerseits die jeweilige Verschwiegenheitspflicht gegenüber dem Berufsgeheimnis als Grund dafür ins Feld führen könnte, wäre doch andererseits zumindest das Einweihen Maigrets seiner Kollegen und Inspektoren gelegentlich hilfreich oder wenigstens als professionelle Schulungsmaßnahme für diese nachvollziehbar. Aber das 35 Z. B. Bei den Flamen (1998: 159f.): „»Werden Sie es ihm sagen?« Maigret antwortete nicht. Er war schon auf dem Treppenabsatz (…).“ (Ebd). 36 Z. B. Bei den Flamen (1998: 89): »Sagen Sie, finden Sie das nicht auch ungewöhnlich? (…) Ich meine (…), daß die Leiche erst zwei oder drei Tage nach dem Mord ins Wasser geworfen wurde. (…)« »Gibt es eine Liste der Kleidungsstücke, die Germaine (…) trug?« 37 Bei den Flamen (1998: 66). Die Übersetzung in eckigen Klammern ist meine eigene, um dichter an der französischen Originalfassung zu bleiben. 38 „Er ging einfach seinen Weg, dem Zufall gehorchend und vor allem darauf bedacht, sich keine feste Meinung zu bilden.“ Der Fall Nahour (2007: 89). 39 Bei den Flamen (1998: 144). 40 Vgl. Maigrets Memoiren (1978: 133). Auch: „Es lohnt sich wirklich nicht, die Frau eines Kriminalkommissars zu sein!« Doch sie sagte das lächelnd. »Wenn irgend etwas geschieht«, fügte sie hinzu, »dann erfahre ich es von der Concierge… Sie hat einen Neffen, der Journalist ist!…« Maigret lächelte ebenfalls.“ Pietr der Lette (1999: 188). 41 Betrifft die Einordnung des Topos-Merkmals 2 teilt sein Leben (restlos) mit seinem Vertrautenkreis. 42 Wie z. B. in: Der Fall Nahour (2007) oder Maigrets Revolver (2006). 128 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Prinzip, vorurteilsfrei und unvoreingenommen zu bleiben, führt bei Maigret – anders als bei Jesus von Nazareth, der die Ablehnung des Urteilens bespricht und die Hintergründe mit denen teilt, die sich dafür interessieren – dazu, den Teil seines Lebens, der mit seinem Beruf in Zusammenhang steht, mit niemandem zu teilen.43 Worin diese Aversion begründet liegt, lässt sich nachvollziehen, sobald man die Motivation Maigrets betrachtet, sich auch außerhalb seiner dienstlichen Pflicht zu engagieren. Stellt der Kommissar fest, dass seine Amtskollegen (nicht seine Mitarbeiter) vorschnelle Schuldzuweisungen oder definitive Schlüsse ziehen, lässt er sich immer wieder hinreißen, auch außerhalb seiner offiziellen Zuständigkeit aktiv zu werden und nach den wirklichen Hintergründen und Umständen einer Tat zu suchen, der Wahrheit hinter den Indizien. Hier zeigt sich, dass dieses Verhalten Maigrets nicht nur eine typische Handlungsweise impliziert, sondern in seiner persönlichen Verpflichtung der Wahrheits suche gegenüber verwurzelt ist, einer Wahrheit, die nur durch umfassendes Verständnis des individuellen Schicksals zugänglich wird. Maigret hatte (…) die kategorische Antwort erhalten: PEETERS EINDEUTIG SCHUL- DIG STOP VERHAFTUNG IN KUERZE Das hatte für Maigret den Ausschlag gegeben. Er war ohne dienstlichen Auftrag und ohne jede offizielle Befugnis nach Givet gefahren.44 Häufig wird in Dokumentationen über Simenon oder in Maigret-Auslegungen die persönliche Abscheu des Kommissars gegenüber jedweder Art der Zurschaustellung oder der sozialen Produktion als Urteil interpretiert, das er vor allem über die gesellschaftliche Schicht des Großbürgertums zu fällen scheint. Die großbürgerliche Gesellschaft ihrerseits empfindet die Person Maigrets meistens als Störfaktor, sobald der Kommissar auf den Plan tritt und auf seine ganz eigene Weise ermittelt.45 Man versuchte nicht, ihn zurückzuhalten. Im Grunde legte man auf seine Anwesenheit ebenso wenig Wert, wie er Wert darauf legte, hier zu sein.46 Anhand seines Verhaltens diesen Menschen gegenüber während der Enquêtes47 lässt sich jedoch belegen, dass diese Abscheu lediglich eine emotionale Befindlichkeit des Kommissars spiegelt, Maigret aber auch bei Ermittlungen innerhalb dieser sozialen Klasse keine voreiligen Schlüsse zieht oder Vorverurteilungen fällt.48 Wie auch das folgende Beispiel zeigt, zählt es zu Maigrets Stärken, dass seine persönlichen Vorlieben und Abneigungen seine berufliche Unvoreingenommenheit und die Verpflichtung der Wahrheit gegenüber, die er ja noch nicht kennt, nicht trüben. Auf diese Weise kann Maigret auch seine persönliche Meinung über die Beteiligten im Verlauf der Ermittlungen ändern und 43 Einzige Ausnahme davon bildet die Identifikation des impliziten Lesers mit dem fiktiven Protagonisten, welche textimmanent durch die Anlage der Erzählperspektive forciert wird. Mehr dazu vgl. Kap. 3.1. und 3.2. zur Erlösung des impliziten Lesers in Teil IV. 44 Bei den Flamen (1998: 11). 45 Vgl. Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 49, 97). 46 Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 51). 47 dt. laufende Ermittlungen. 48 Merkmal 3 (ver)urteilt nicht. [Dt. ?] 129 2 Die literarische Maigret-Figur sich dann bei der Lösung der Fälle und ihrer möglichen sozialen Komplikationen für die Beteiligten gegenüber einer zu Beginn der Untersuchungen als unsympathisch geschilderten Person überraschend zuvorkommend und kooperativ zeigen.49 Ein seltsames Gefühl der Achtung, der Sympathie dieser Frau gegenüber war in ihm aufgekommen. Dabei war sie ihm, als er sie das erste Mal getroffen hatte, wie eine nichtssagende Dame der Gesellschaft erschienen.50 Der Kommissar zieht keinen persönlichen Seelenfrieden und keine Genugtuung daraus, den ihm unsympathischen Zeitgenossen beim Abschließen eines Falls Schwierigkeiten zu bereiten oder sie in individueller Bedrängnis zurückzulassen und kann sich so vorbehalten, seine eigenen ersten Eindrücke und Gefühle zu einem/zu einer Unbekannten genauso wenig ernst zu nehmen wie die vorschnelle Meinung oder Bewertung anderer. Dieser besonderen Verhaltenseigenschaft Maigrets weiterhin zuträglich mag die eigene Zufriedenheit mit seiner Aufgabe und Stellung sein, welche er bereits bei seinem Vater und Großvater erleben konnte, sowie dem Mangel an Notwendigkeit, sich mit anderen zu messen oder zu vergleichen. Der Kommissar hat derlei schlichtweg nicht nötig.51 Maigrets Suche nach Wahrheit veranlasst ihn also dazu, die Hintergründe, Informationen, Hinweise und Indizien nicht zu bewerten, sondern zunächst neutral nebeneinander stehen zu lassen. Es erfolgt (trotz durchaus vorhandener persönlicher Sym- und Antipathien) keine für den Leser sichtbare Zuordnung zu gut oder böse, so dass die Rolle eines Hinweises – wie z. B. der Eigenschaft oder Handlung einer bestimmten Person – nicht in eine bestimmte Richtung festgelegt wird. Diese beschreibende, abwartende und beobachtende Grundhaltung ermöglicht dem Kommissar Zutritt zu den unterschiedlichsten Interpretationen, sowohl eigenen theoretischen als auch denen der am Fall Beteiligten. Gleichzeitig wird auf diese Weise auch darauf verzichtet, die bereits vergangenen Geschehnisse aus einem moralischen Blickwinkel zu bewerten, so dass das gesamte Potential theoretischer Möglichkeiten auf das Verstehen eines individuellen Schicksals ausgerichtet bleiben kann.52 49 Erste Hinweise zur Einordnung des Merkmals 34 ermöglicht einen Neuanfang. 50 Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 205). Vgl. auch etwas weiter im Text, als Maigret dem Hausarzt angesichts des Bürgermeisters, der Selbstmord begangen hat, erklärt: „»Monsieur Grandmaison hat Selbstmord begangen«, sagte Maigret bestimmt. »Es ist an Ihnen, festzustellen, welcher Krankheit er erlegen ist. Sie verstehen mich? (…)« Er verbeugte sich vor Madame Grandmaison, die ihn zögernd ansah“. (Ebd). Im Vergleich dazu fallen die ersten Begegnungen mit der Familie der Bürgermeistergattin unangenehm auf. Vgl. Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 48–51, 40, 184–186, 188f.). 51 Gerade hier lässt sich eine Überschneidung zwischen der Maigret-Figur und einem Merkmal des Topos ziehen, das außertextlich aus dem Referenzbereich der Betrachtung des Verhaltens von Jesus von Nazareth stammt, der, aus völligem Mangel an Notwendigkeit, sich über ein menschlich etabliertes Normen- und Wertesystem mit anderen Zeitgenossen zu vergleichen, um seine Identität zu bestätigen, über einen eleganten Themenwechsel durch: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe als Erster einen Stein auf sie“ (Joh 8,4–11 (Elberfelder 2001)) den angefragten bzw. eingeforderten Urteilsspruch umgeht und sich so außerhalb des Systems positioniert. Merkmal 47 stellt religiöse Kategorien und moralische Wertmaßstäbe in Frage und 46 stellt gesellschaftliche Maßstäbe in Frage. 52 Betrifft Merkmal 27 behandelt alle gleich (Kinder, Frauen, Männer, Klassen), 47 stellt religiöse Kategorien und moralische Wertmaßstäbe in Frage und 13 versteht die Menschen. 130 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Wie das nachfolgend zitierte Beispiel zeigt, findet sich textintern gelegentlich der Vergleich zwischen dem Kommissar und einem Richter, was jedoch im Endeffekt das Gegenteil seines Verhaltens betont: Das vom Kommissar gezeigte untypische Verhalten fällt auf dem Hintergrund des Wissens über seine grundsätzliche Abneigung kategorischen Gebarens umso mehr auf, dient aber romanintern nicht einer tatsächlichen richterlichen Funktion, sondern wird (sowohl vom Autor als auch) von Maigret vorsätzlich als probates Mittel zum Vorantreiben der Dynamik eines Falls bewusst eingesetzt. Menschen, die Angst hatten. Denn sie hatten Angst! Alle! (…) Da sprach Maigret wie ein Richter in langsamem, feierlichem Ton: »Ich bin von der Staatsanwaltschaft mit dem Aufspüren und der Festnahme des Mörders von Kapitän Joris beauftragt. (…) Hat einer von Ihnen hierzu eine Erklärung abzugeben?« Niemand hatte bis dahin gemerkt, daß das Zimmer nicht geheizt war. Aber plötzlich froren alle. Jede Silbe Maigrets hatte wie in einer Kirche gehallt und es war, als vibrierten die Worte noch in der Luft.53 In solchen Textstellen setzt Maigret in betont zur Schau gestellter Emotionslosigkeit seinen Funktionärsstatus und die Endgültigkeit eines drohenden Schuldurteils bewusst als Druckmittel ein, um die Erstarrtheit der Beteiligten zu durchbrechen.54 Das Ziel der Funktionalisierung einer urteilenden Haltung beinhaltet auch in diesen Beispielen, der ganzheitlichen Wahrheit einer dramatischen Grundsituation näher zu kommen, als es bis zu diesem Punkt durch das vehemente Schweigen der Verdächtigen möglich war. Dass derartiges Gebaren Maigrets für ihn ungewöhnlich und im Ganzen betrachtet eher selten ist, belegt der jeweilige Handlungsfortgang, in dem deutlich wird, dass der Kommissar sich grundsätzlich anders versteht, auch wenn er gelegentlich seine berufliche Affinität zum Gesetz funktionalisiert, um eine bestimmte Reaktion hervorzurufen.55 Ließe sich die Richterrolle tatsächlich auf Maigret anwenden, müsste das wertende Urteilsverhalten konsequent durchgehalten werden. Das jedoch ist nicht der Fall. Sobald die von Maigret erwünschte Kumulation einer Situation erfolgt ist, die er durch das Institutionalisieren seiner beruflichen Position herbeigeführt hat, lässt er die Maske des Richters wieder fallen und verhält sich gewohnt empathisch und mitmenschlich.56 Selbst in den expliziten Vergleichen, in denen die Richter-Rolle herangezogen wird, deutet sich eine Neudefinition an, die das Nicht-Anklagen Maigrets hervorhebt. Und er saß da, zwischen ihnen, wie ein Richter. Ein Richter, der nicht anklagt, dessen Gedanken nicht zu erraten sind. Was wußte er? Warum war er gekommen?57 53 Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 187f.). Vgl. auch: „Und wieder Maigrets Stimme, absichtlich kühl und bar jeden Gefühls: „Im Namen des Gesetzes, Jean Martineau, Sie sind verhaftet!“ aus: Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 188). 54 Merkmal 26 zeigt initiatives Handeln. 55 Vgl. dazu die weitere Handlungsentwicklung in Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 188) von „Der Aufschrei einer Frau (…)“ bis „(…) nach dem Wasserkrug umsah.“ (Ebd). 56 Vgl. Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 189, 216). Hier zahlt Maigret die Schulden eines Verdächtigen aus eigener Tasche und überlegt gemeinsam mit den hinterbliebenen, in den Mordfall verwickelten Figuren eine offizielle Version für den Selbstmord des Täters, die seine Frau nicht belastet. Vgl. auch: „Maigret wirkte nicht wie ein Richter, nicht einmal wie ein Polizist. Immer noch der herzliche Tonfall, der amüsierte Blick. Als säße er mit Freunden bei einem Ratespiel.“ Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 157). 57 Saint-Pholien (1998: 107). Gerade dieses Beispiel zeigt in seiner Infragestellung der üblichen Funk- 131 2 Die literarische Maigret-Figur 2.1.1.2 Maigret als Seelsorger? Viel eher als mit einem Richter ließe sich Maigret mit einem Priester vergleichen. Den meisten der Verdächtigen bietet er im Laufe seiner Ermittlungen mindestens einmal an, ihr Gewissen zu erleichtern. Tatsächlich findet die Auflösung der kriminalistischen Untersuchungen häufig in einer Art Beichte der Betroffenen statt, die dem Kommissar gegen- über abgelegt wird.58 Auch in der Beschreibung der Vorbereitungen für den Maigret’schen Ruhestand finden sich Andeutungen an eine priesterliche Funktion, wenn das für den Lebensabend erworbene Häuschen der Maigrets mit einem ehemaligen Pfarrhaus verglichen wird, das die Atmosphäre eines alten Klosters verströmt.59 Maigret gelangt durch sein hartnäckiges Suchen nach Wahrheit immer dichter an die tatsächlichen Motive und Beweggründe des Täters, indem er sich durch dessen Existenz, Geschichte, Schicksalsschläge, Ängste und Sehnsüchte arbeitet. So wird er auch für den zu stellenden Täter anstelle eines gegnerischen Detektivs mehr zu einem vertrauenswürdigen Gegenüber, der eben deshalb vertrauenswürdig ist, weil er nicht wertet und die wirklichen Hintergründe einer Tat bereits kennt, bevor der Schuldige sie gesteht.60 Die Tatsache, dass es dem Kommissar nicht um Schuldzuweisungen geht, um die sprichwörtliche Wiederherstellung der Ordnung oder den Schutz eines Systems, das durch einen Mord aus dem Gleichgewicht gebracht ist, sondern um das Verstehen der Wahrheit, diese Tatsache ermöglicht auch dem fiktiven Täter, sich Maigret gegenüber zu öffnen. Längst hätte der Kommissar genug Gelegenheiten und Indizien gehabt, um den Schuldigen auch ohne Geständnis festzunehmen. Das hat der Täter im Lauf der Untersuchung erfahren und lernt so, dass Maigret in erster Linie als Mensch handelt und dass es dem Kommissar um die Wahrheit geht, nicht um Schuldzuweisungen.61 tion eines Richters eine große Ähnlichkeit zur biblischen Verwendung der Gläubigerfunktion im finanziellen Metaphern-Paradigma für die Rede von Erlösung: Gott bzw. der Erlöser wird im Bild bezeichnet als Gläubiger bzw. Kreditgeber, der seinem Schuldner die geliehende Summe nicht aufrechnet, sondern großzügig erlässt. (Das Erlebnis des Schuldenerlasses aus der Perspektive des Schuldners soll dabei die Befreiung durch göttliche Erlösung für den Menschen verdeutlichen) Die Affinität zum Richter, der zwar das Recht zu urteilen besitzt, aber keine Strafe verhängt, liegt auf der Hand: Auch hier bewirkt die Verweigerung der Erfüllung üblicher Funktionen erlösendes Aufatmen von Seiten der offensichtlich Schuldigen. Daraus ergibt sich die Frage, inwiefern durch Jesu Leben und Verkündigung die Richterrolle im biblischen Gottesbild neu definiert wird und welche Auswirkungen eine solche Neudefinition evtl. auf die Rechtfertigungslehre impliziert. Diese Zusammenhänge gehen jedoch über die Fragestellung dieser Arbeit hinaus. 58 Vgl. dazu: Der geheimnisvolle Kapitän (2005); Maigrets Revolver (2006); Saint-Pholien (1998); Der Kopf eines Mannes (2001); Bei den Flamen (1998); Maigret in Nöten (1987)); Pietr der Lette (1999). Auf die letzte große Begegnung zwischen dem Kommissar und den Schuldigen wird in Teil III, Kap. 2.2. detaillierter eingegangen. 59 Vor dem Schwurgericht (1979: 10). 60 Vgl. z. B. Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 207, 212f.), Pietr der Lette (1999: 165). Hinweise zu Merkmal 13 versteht die Menschen. 61 Vgl. dazu besonders die Beschreibung der Atmosphäre zwischen Maigret und dem Täter Johannson in Pietr der Lette (1999: 167, 170): „Zwischen seinem Begleiter und ihm herrschte für einige Minuten die Vertrautheit einer Stubengemeinschaft. Sie kleideten sich voreinander aus. (…) Sie hatten alles Wachsame, Kasernenhafte aufgegeben und legten jene Lässigkeit an den Tag, die es nur zwischen Menschen gibt, für die soziale Gegebenheiten gegenwärtig nicht zählen.“ Weitere Belege 132 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Die Weigerung Maigrets, die Handlungen seiner Mitmenschen moralisch zu bewerten, zeichnet ihn vor allen anderen Eigenschaften als profanen Erlöser aus. Sein Umgang mit Schuldhaftigkeit, existentiellem Scheitern und persönlichem Versagen als Notwendigkeit, die Wahrheit eines Schicksals ganzheitlich zu verstehen, ermöglicht den Betroffenen, sich nach dem Tiefpunkt ihres Absturzes selbst wieder als Menschen zu betrachten und nicht nur als Gescheiterte zu erleben.62 Es geht mir nicht darum, sie zu entschuldigen (…), sie reinzuwaschen. (…) Es geht darum, daß man sie als eine Tatsache hinnimmt, daß man sie mit dem Blick eines Menschen betrachtet, der sich auskennt. Ohne Neugier (…). Ohne Haß natürlich.63 Indem Maigret das gesamte Ausmaß einer zwischenmenschlichen Tragödie zu verstehen sucht, indem er fragt, wie es insgesamt überhaupt zu einem Mord kommen konnte, betrachtet er den Mörder nicht als objektiv zu eliminierenden Störfaktor der gesellschaftlichen Sicherheit, sondern als gescheitertes Individuum, das gerade deshalb Mensch bleibt. Das empathische Verstehen des Gesamtzusammenhangs in Verbindung mit dem Fehlen einer moralischen Bewertung der Tat ermöglichen erst dem Täter-Opfer den eigenen unverstellten Blick auf die Realität, der den ersten Schritt zurück ins Leben bedeuten kann.64 Noch deutlicher war ein Artikel, der (…) keinen einzelnen Fall behandelte, sondern die Schuldfrage im allgemeinen, unter der Überschrift: Die Menschlichkeit Maigrets. (…) Einzelne Wörter waren blau unterstrichen, unter anderen die Wörter Nachsicht und Verständnis.65 Möchte man dem Kommissar die Rolle einer moralischen Instanz zuordnen, muss sie an seinem Umgang mit der Wahrheit, der er sich verpflichtet hat, ausgerichtet werden. Dann bietet sich ein Bild, das geprägt ist von der Verantwortung für eine ausgleichende Gerechtigkeit denen gegenüber, über die Maigret die Wahrheit verstanden hat. Maigret hat nicht die Anklage im Blick, keine Schuldzuweisung. Vielmehr sucht er im Rahmen seiner beruflichen Gegebenheiten nach Möglichkeiten, lebensförderliche Perspektiven zu eröffnen.66 dazu unter Pietr der Lette (1999: 184, 185). Hinweis auf Merkmal 4 ist ganz Mensch, 34 ermöglicht einen Neuanfang, 11 sieht hinter menschliche Äußerlichkeiten/Fassaden. 62 Vgl. auch Maigrets Memoiren (1978: 59): „mein Vater verzweifelte nie an den Menschen. Ich habe ihn nie ein endgültiges Urteil fällen hören, nicht einmal an dem Tag, da (…) ein großmäuliger Kerl, meinen Vater irgendwelcher unsauberer Machenschaften bezichtigte (…).“ Betrifft auch Merkmal 42 erlöst im psychologischen Sinn (seelisch-innerliche Geisteshaltung). 63 Maigrets Memoiren (1978: 168f.). Merkmal 34 ermöglicht einen Neuanfang, 16 symbolisiert Vergebung in auswegloser Schuldverstrickung. 64 Dass dieser unverstellte Blick auf die Realität jedoch nicht den ersten Schritt zurück ins Leben bedeuten muss, sondern auch die Entscheidung für den Freitod beinhalten kann, zeigt sich an verschiedenen Romanen wie z. B. an Pietr-der-Lette (1999) oder Der geheimnisvolle Kapitän (2005). Vgl. auch Renz (2008: 18). 65 Maigrets Revolver (2006: 117). 66 Betrifft Merkmal 34 ermöglicht einen Neuanfang, 38 erlöst aus einer konkreten Problemsituation (punktuell), 43 erlöst diesseitsbezogen, 48 tritt für Benachteiligte ein. 133 2 Die literarische Maigret-Figur 2.1.1.3 Maigrets Umgang mit der Wahrheit Auch bezüglich des Umgangs mit der Wahrheit sucht er nach einer ausgeglichenen Mischung aus notwendiger Konfrontation und hilfreichem Unwissen.67 »Warum sagen Sie das?« »Weil man der Wahrheit ins Auge sehen muß.«68 Es war unnötig, das Bild zu zerstören, das er sich von seinem Vater noch bewahrt hatte.69 Dass er diese lebensförderlichen Perspektiven für in die Untersuchung verwickelte Verdächtige oder sogar Schuldige gelegentlich auf halblegalen Wegen ermöglicht, entfernt ihn vom unter dem Gesetz stehenden Polizistenstatus und stellt ihn zum Teil über das Gesetz, ähnlich einem Richter, der auf der Grundlage juristisch erwiesener Schuld eine mildere Bewährungsstrafe verhängen kann. Da in den Maigret-Romanen Gerechtigkeit und Gesetz – wie im christlichen Glauben übrigens – für den Schuldigen nicht zwangsläufig miteinander identisch sein müssen, schlägt die höhere Verpflichtung zu Wahrheit und Gerechtigkeit diejenige gegenüber dem Gesetz.70 Wie die Wahrheit über den Ablauf und die Motive einer Mordtat in den Ermittlungen des Pariser Kommissars wird die Schuldhaftigkeit des Menschen im christlichen Glauben aufgrund verletzter Gesetze bzw. Gottesordnungen keinesfalls geleugnet. Aber gerade auf dieser Basis wird im christlichen Glauben die immense Bedeutung göttlicher Erlösung als Gnade bzw. profaner Erlösung als über dem Gesetz stehender Gerechtigkeit verdeutlicht.71 Es ist der Umgang mit der Wahrheit, welche die Schuldigkeit des Menschen erweist, die an diesem Punkt den himmlischen Richter, dem als göttliche Gerechtigkeit zugeordnet wird, dass er Gnade vor Recht ergehen lässt, in der Figur Maigrets aufscheinen lässt.72 67 Ein besonders eklatantes Beispiel für den Umgang Maigrets mit der Wahrheit findet sich im Roman Maigrets Revolver: „Maigret kannte diese Sorte Mensch sehr gut! Aber konnte er seinem Sohn wirklich die Augen öffnen? Wozu auch? Die beiden anderen (…) hatten seit langem die Wahrheit herausgefunden, und sie waren gegangen, ohne das geringste Gefühl von Dankbarkeit für den dicken, schwachen und feigen Mann, der sie immerhin großgezogen hatte.“ Maigrets Revolver (2006: 179f.). „War es notwendig, die ganze Wahrheit ans Licht zu bringen? (…) Maigret verfolgte das Thema nicht weiter. Es machte ihn betroffen. Er brauchte dem Sohn nicht zu erklären, welchen Schluß er daraus zog.“ Maigrets Revolver (2006: 192). 68 Maigrets Revolver (2006: 190). 69 Maigrets Revolver (2006: 194). 70 Betrifft die Einordnung der Merkmale 51 übertritt das Gesetz, 50 übertritt gesellschaftliche Klassengrenzen, Konventionen und Verhaltensregeln, 47 stellt religiöse Kategorien und moralische Wertmaßstäbe in Frage, 46 stellt gesellschaftliche Maßstäbe in Frage. 71 Zur Opposition von Gesetz und Gerechtigkeit vgl. Teil IV, Kap. 2.4.3. Zur Rolle Maigrets als Richter vgl. Teil III, Kap. 2.1.1.1. 72 Maigret selbst sagt dazu: „Noch zehn solche Fälle, und ich lasse mich pensionieren. Weil das nämlich der Beweis dafür wäre, daß der gute, alte liebe Gott da oben die Arbeit der Polizei höchstpersönlich übernommen hat…“ Saint-Pholien (1998: 174). Zum Nachweis des christlichen Verständnisses von Wahrheit als Person vgl. Joh 1,17: „Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.“ (Elberfelder 2001) und Röm 3,21–26. 134 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? 2.1.2 Die Menschlichkeit Maigrets73 Auf den ersten Blick ist das Charakteristikum der Menschlichkeit für die Figur des Pariser Kommissars eindeutig zu bejahen. Maigret ist weder als Superheld konzipiert noch mit magischen oder übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet. Von göttlichen oder göttlich anmutenden Eigenschaften kann unter keinen Umständen die Rede sein.74 Im Gegenteil, er trägt sehr realistisch anmutende Züge: Er hat eine Familiengeschichte, eine Vergangenheit, soziale Kontakte, einen gutbürgerlichen Job und führt eine stabile Ehe. Auch lebt er keinesfalls in einer irgendwie außergewöhnlichen Sozialform, wie es beispielsweise bei Jesus der Fall ist, der mit seinem Jüngerkreis durch das Land zieht und diesen auch seinen leiblichen Verwandten gegenüber als seine Familie bezeichnet.75 Als fiktive Persönlichkeit verfügt der Kommissar sowohl über Schwächen als auch über Stärken und unterliegt allen menschlichen Grenzen, mit denen ein Mensch in Raum und Zeit eben realistischerweise zu tun bekommt.76 Maigret hegt Groll, empfindet Genugtuung und will sich nicht lächerlich gemacht sehen, in dem aufrichtigen Bemühen, seiner als Aufgabe empfundenen Berufung nach bestem Wissen und Gewissen nachzugehen.77 Der unrealistischste Aspekt an Maigret betrifft sein Altern. Denn während der gesamten Untersuchungen, die Simenon ihn führen lässt, ändert er kaum nennenswert sein Alter.78 An dieser Stelle zeigt sich jedoch nur die Fiktion der Figur, die zumindest insgesamt betrachtet am real menschlichen Durchschnitt orientiert ist. Die Frage, ob Maigret ganz Mensch ist, lässt sich darüber hinaus noch auf eine zweite, tiefere Weise verstehen, welche auch die literaturwissenschaftlichen Interpreten bereits zu mannigfachen Überlegungen veranlasst hat. Sie impliziert die Suche nach dem, was Menschsein grundständig ausmacht. In diesem Sinne zu fragen, ob Maigret sich als wahrhaft menschlich erweist, wie auch von Jesus explizit als zweitem Adam sinnbildhaft für das Menschliche an sich gesprochen wird, entspricht der Gesamtfragestellung der Ausarbeitung. Ihre Beantwortung ergibt sich auch aus den Darstellungen des Verhaltens der Maigret-Figur gegenüber den Verdächtigen und Schuldigen und wird daher auch im praxisrelevanten Teil noch einmal aufgegriffen.79 73 In diesem Kapitel findet sich Antwort auf die Frage, inwieweit die Merkmale 4 ist ganz Mensch und 21 lebt in einer außergewöhnlichen Sozialform auf Maigret zutreffen. 74 Betrifft Merkmal 4 ist ganz Mensch. 75 Mt 12,46–50 (Elberfelder 2001): „Als er aber noch zu den Volksmengen redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen und suchten ihn zu sprechen. Und es sprach einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und suchen dich zu sprechen. Er aber antwortete und sprach zu dem, der es ihm sagte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er streckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ Betrifft Merkmal 21 lebt in einer außergewöhnlichen Sozialform. 76 Maigret verspürt Angst und Schrecken z. B. in Der Fall Nahour (2007: 49). Er wird krank, fühlt sich unwohl und ist durcheinander, z. B. in Der Fall Nahour (2007: 34), Der Weinhändler (2006: 68, 72). Erste Hinweise auf Merkmal 14 ist selbst auf Erlösung angewiesen. 77 Z. B. in Maigrets Memoiren (1978: 44, 47, 48). Betrifft auch die Einordnung des Merkmals 7 kennt Schwäche, Angst, Leid, Not. 78 Vgl. Eskin (1999: 143). 79 Vgl. Teil V, Kap. 2.4.5.2. Maigret als „Mensch Gottes“? 135 2 Die literarische Maigret-Figur 2.1.2.1 Maigrets Bestimmung als Schicksalsflicker – Erlösungshandeln im motorischen Paradigma Die Funktionsbezeichnung Maigrets als „Schicksalsflicker“80 stammt aus der Feder seines Autors und beinhaltet ein Charakteristikum des Kommissars, das sich als Lebensthema bezeichnen lässt: Aufgrund einer privaten Tragödie in seiner Kindheit wird die Frage, ob es eine besonders passende Aufgabe für jeden einzelnen Menschen gibt, die er nur finden muss, zu einem Hauptthema der Identität Maigrets. Der Tod meiner Mutter erschien mir als eine so sinnlose, so nutzlose Tragödie! Und alle anderen menschlichen Dramen, (…) all das Scheitern und Versagen erfüllten mich mit zorniger Verzweiflung. Konnte denn niemand etwas dagegen tun? Mußte man sich damit abfinden, daß es nirgends einen Menschen gab, (…) der fähig gewesen wäre, seinem Mitmenschen sanft, aber bestimmt zu sagen: »Du bist auf dem falschen Weg. Wenn du so weitermachst, gibt es unweigerlich eine Katastrophe. Dein Platz ist hier, nicht dort!« Das war es (…): Ich hatte das dumpfe Gefühl, zu viele Menschen seien nicht an ihrem Platz, sie bemühten sich, eine Rolle zu spielen, der sie nicht gewachsen waren, und deshalb sei die Partie für sie von vornherein verloren.81 Der Begriff des Schicksals wird auf diesem Hintergrund Aufgabe und Ruhepunkt zugleich für den erwachsenen Maigret und taucht daher im Verlauf der meisten polizeilichen Untersuchungen auch wieder auf. Die von Simenon selbst gewählte Funktionszuweisung des Schicksalsflickers ist von größter Aussagekraft für die Charakterisierung der Persönlichkeit Maigrets und auch bezüglich seiner Qualitäten als profaner Erlöser. Hier findet sich eine große Ähnlichkeit zwischen dem christlichen Erlöser-Verständnis nach dem motorischen Paradigma der biblischen Metaphernfelder für die Rede von Erlösung, dem die Opposition der griechischen Begriffe ἁμαρτία (als Zielverfehlung, Schicksalsverfehlung, Vom Weg abkommen und Sich Verirren) und μετανοία (als Umkehr, Sich Abwenden vom Bisherigen, Richtungsänderung und Neuanfang) zugrunde liegen: Wird der christliche Erlöser durch dieses fachsprachliche Paradigma verkündet, hebt die Betonung dieses Aspekts Jesus als denjenigen hervor, der den rechten Weg weist.82 Die Bildsymbolik des guten Hirten, der die verlorenen bzw. in die Irre gegangenen Schafe aus (lebensbedrohlicher) Isolation und Einsamkeit wieder zurück auf den richtigen Weg und in die Herde holt, indem er ihnen nachgeht, sie sucht und auf den Schultern nach Hause trägt, spiegelt das Zusammenspiel der beiden opponierenden Begriffe auf der Basis der jedem zugänglichen ontologischen Erfahrung des Fremd- und Alleinseins in der Welt aufs unmittelbarste und etabliert ein Erlösungsverständnis auf der säkularen Erfahrung des Gefundenwerdens in der Fremdheit vor anderen und sich selbst.83 Das Bild von 80 Maigrets Memoiren (1978: 65): „Simenon hat also in einem seiner Bücher vom ›Schicksalsflicker‹ gesprochen. Den Ausdruck hat nicht er erfunden, er ist von mir, ich muß ihn einmal im Gespräch mit ihm verwendet haben.“ 81 Maigrets Memoiren (1978: 66). 82 Vgl. dazu auch das „Ich bin“- Wort Jesu: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“. Joh 14,6. (Elberfelder 2001). 83 Zum Gleichnis vom guten Hirten bzw. verlorenen Schaf vgl. Mt 18,12–13; Mk 15,3–7. Zum Verständnis von Kommissar Maigret als Schicksalsflicker aus literaturwissenschaftlicher Perspektive vgl. Teil IV, Kap. 2.5.2. 136 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Kommissar Maigret als Schicksalsflicker greift diese Grunderfahrung auf. Daher ist es an dieser Stelle unerlässlich, die Herkunft der französischen Originalbezeichnung für diesen Begriff genauer zu beleuchten. Die als Schicksalsflicker ins Deutsche übersetzte, vom Autor eingeführte Bezeichnung, raccommodeur de destinées84, leitet sich aus dem Bereich des Nähens vom handwerklich abstammenden Verb raccommoder ab, das wörtlich übersetzt flicken, ausbessern, stopfen, instand setzen, in Ordnung bringen bedeutet.85 Die Affinität zum handwerklichen Gewerbe ist auf dem Hintergrund der Arbeitshaltung Maigrets sicherlich vom Autor bewusst gewählt. Zum einen betont sie auf diese Weise die nachhaltige Bodenständigkeit des Kommissars ungeachtet seiner (fiktiven) Popularität. Und zum anderen enthält sie deutliche Hinweise auf den Gehalt der Berufung Maigrets. Mit dem Begriff des raccommodeur de destinées wird das Leben in diesem Bild zum stofflichen Gewebe86, das – ebenso stabil und fragil wie echte Texturen – aufgrund falscher Handhabung oder zu großer Belastungen Risse, Löcher und andere grundlegende Schädigungen erleiden kann. Ein Schicksalsflicker oder Bestimmungsinstandsetzer (als alternative wörtliche Übersetzung) hat demnach die Aufgabe, diese Beschädigungen derart auszubessern, in Ordnung zu bringen oder notfalls wieder instand zu setzen, dass das Gewebe wieder seiner ursprünglich zugedachten Bestimmung dienen kann. Das impliziert sowohl kleinere Ausbesserungsarbeiten, die nur einiger weniger Nadelstiche bedürfen, wie auch umfassende und langwierige Reparaturen, die vielfältige Instandsetzungsmaßnahmen erfordern. Handwerkliche Voraussetzung dafür ist, Kenntnis davon zu haben, welches Lebensgewebe welcher Bestimmung zugedacht werden kann87 bzw. welche Aufgaben die Textur eines bestimmten Schicksalsgewebes deutlich übersteigen und so unweigerlich zum Drama führen müssen.88 Es sind im übertragenen Sinne demnach positiv auf die Zukunft ausgerichtete Reparatur- und Wartungs-Arbeiten eines Außenstehenden, die einen an seinem Schicksal gescheiterten Menschen neu dazu befähigen sollen, sein existentiell gestörtes Leben als eigenes wieder in Besitz zu nehmen und dem ihm eigenen Ziel zuzuführen, notfalls auch mit der Korrektur eines falschen Bestimmungsverständnisses.89 Leider ist die deutsche Übersetzung des raccommodeur de destinées nicht imstande, die positive Konnotation dieser Tätigkeit zu transportieren, wie es der französische Ausdruck tut, sondern asso- 84 Les Mémoires (1950: 797). 85 Vgl. zur Übersetzung: Art. „raccommoder“, in: PONS Großwörterbuch (1996). 86 la destinée = Schicksal, Bestimmung, Los heute eher gebräuchlich: le destin = das Schicksal, Geschick, Los, abgeleitet vom Verb destiner à = ausersehen, bestimmen (à = für, zu). Vgl. PONS (1994: 167). 87 Maigrets Memoiren (1978: 134): „Wenn ich als junger Polizeibeamter (…) die Menschen im Schlaf, in ihrer äußersten Intimität überraschte und ihre Papiere kontrollierte, hätte ich beinahe voraussagen können, was aus jedem werden würde.“ (Ebd.). 88 In diesem Bild besteht die vom Schicksalsflicker ausgelöste Richtungsänderung aus dem biblisch-fachsprachlichen Paradigma (im ursprünglich motorischen Sinne) darin, das „geflickte“ Lebenskleid seiner zugedachten Aufgabe und Funktion zuzuführen bzw. deren Übernahme zu ermöglichen. 89 Vgl. Maigrets Memoiren (1978: 66). Betrifft die Einordnung der Merkmale 34 ermöglicht einen Neuanfang, 38 erlöst aus einer konkreten Problemsituation (punktuell), 41 befreit äußerlich-situativ, 42 erlöst im psychologischen Sinn, 43 erlöst diesseitsbezogen, 12 nennt Probleme konkret beim Namen, 11 sieht hinter menschliche Äußerlichkeiten/Fassaden, 13 versteht die Menschen, 1 ist mitfühlend/empathisch, 32 geht liebevoll mit zu Erlösenden um. 137 2 Die literarische Maigret-Figur ziiert paradigmatisch über die Ableitung des Verbs flicken heutzutage eher noch gegenteilige Unzulänglichkeit im Vergleich zum Adjektiv neu(wertig), die vom Original keinesfalls abgeleitet werden kann. Möglicherweise liegt auch hierin der Schlüssel zu Maigrets Fähigkeit, andere Lebensentwürfe, andere gesellschaftliche Schichten, beruflich höhergestellte Positionen sowie Existenzen am Rande der Gesellschaft weder als Bedrohung noch als erstrebenswerte Möglichkeiten zu betrachten, sondern vielmehr als fremde Welten, zwischen denen er sich bewegt.90 Die Zufriedenheit mit der eigenen Aufgabe und seinem Platz in der Gesellschaft lässt ihn jeglichen Vergleich mit potentiellen Alternativen meiden und darüber hinaus sogar als überflüssig erscheinen. (…) auf der einen Seite dieser Reichtum, auf der anderen die Armut; und ich gehörte zu der anderen Seite. (…) Trotzdem bin ich keinen Augenblick versucht gewesen, mich dagegen aufzulehnen. Ich beneidete diese Leute nicht. Ich träumte nicht davon, eines Tages so zu sein wie sie. Ich verglich mein Schicksal nicht mit dem ihren. Für mich gehörten sie einer Welt an, die sich genauso gut auf einem anderen Planeten befinden konnte.91 Das Ansammeln von Wissen, die Kenntnis der verschiedenen Lebensarten und -stile, das Sich-Auskennen in den verschiedenen Welten hat weiter Auswirkungen auf Maigrets Menschenbild, das sich nicht von Äußerlichkeiten leiten lässt. Aufgrund seiner Erfahrung mit der Relativität von Prinzipien und Grundhaltungen in Extremsituationen bezeichnet er kaum einen Menschen als absolut oder restlos schlecht. Auch keinen der Verdächtigen oder Schuldiggewordenen, mit denen er beruflich zu tun bekommt, am wenigsten noch diejenigen, die von den so genannten Gutsituierten dafür gehalten werden. Wenig Wissen entfernt uns vom Menschen, viel Wissen führt uns zu ihm zurück. Gerade weil ich jede Art von Schmutz gesehen habe, ist mir klar geworden, wie viel schlichte Tapferkeit, guter Wille oder Ergebung das Unsaubere aufwiegen. Durch und durch verkommene Menschen gibt es selten (…).92 2.1.2.2 Maigrets Stärke93 Maigret zeigt grundsätzlich keine Berührungsängste, Ekel oder Furcht vor irgendeinem Menschen.94 Da innerhalb der Maigret-Romane so gut wie jeder Verdächtige als erlösungsbedürftig beschrieben wird, lässt sich dieses Merkmal auf die Gesamtheit der beruflichen Begegnungen Maigrets ausweiten. Es gibt Eigenschaften wie Sensationslust oder Arroganz, die er verabscheut, auch eine zur Schau getragene Fassade kann seine Abscheu wecken. All das würde ihn jedoch niemals daran hindern, Kontakt aufzunehmen oder dazu bringen, ein Gespräch zu unterlassen. 90 Betrifft Merkmal 27 behandelt alle gleich. 91 Maigrets Memoiren (1978: 76). 92 Maigrets Memoiren (1978: 169f.). 93 Dieses Kapitel behandelt unter anderem das Merkmal 5 zeigt keine Berührungsängste/Ekel vor den Erlösungsbedürftigen. 94 Merkmal 5. 138 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? »Ekelt es Sie nicht manchmal an?« Fast immer sind es redliche Bürger, die so fragen, und ich weiß, was dieses Zucken um ihre Lippen bedeutet (…).95 »Ekelt es Sie nicht manchmal an?« Nein! Das ist es eben!96 In den meisten Maigret-Romanen fungiert jedoch diese Eigenschaft als Unterscheidungskriterium zum normalen Verhalten seiner Zeitgenossen im Kontakt mit gesellschaftlichen Randexistenzen. Da für Maigret soziale Konventionen nicht zählen, tritt er im Verlauf einer Untersuchung sowohl mit den Gutbürgerlichen als auch mit den sozial Erfolglosen in Kontakt. Unter Letzteren wird gesellschaftlich gern der Schuldige vermutet, so dass die meisten im bürgerlichen Milieu angesiedelten Figuren ganz im Gegensatz zu Maigret im direkten Kontakt mit ihnen recht gehemmt agieren bzw. versuchen, den Kontakt gänzlich zu vermeiden.97 Den großbürgerlichen Gruppen selbst gegenüber fällt Maigrets emotionale Haltung deutlich kühler aus, was auf seine Abneigung zurückzuführen ist, Geld, Status oder Macht als Teil menschlicher Identität zu betrachten.98 Auch dazu lässt sich eine Analogie im Verhalten Jesu den Pharisäern und Schriftgelehrten gegenüber finden, vor denen dieser zwar keine Furcht zeigt oder zu vermeiden sucht, ihnen zu begegnen, denen gegenüber er seine emotionale Haltung jedoch sogar öffentlich sehr deutlich macht.99 2.1.2.3 Maigrets Verletzlichkeit100 Dieser schwierige Aspekt des Menschseins ist eines der Spezifika, die für die Nähe eines Erlösers zu seinen Zeitgenossen ausschlaggebend sind. Die eigene Verletzlichkeit, die sich in Angst oder Schwäche ausdrückt, stellt die Träger verschiedenster Funktionen auf eine Ebene. Die Tatsache, dass unterschiedliche Persönlichkeiten dieselbe existentielle Not kennen und gegenseitig darum wissen, führt unweigerlich zu empathischer Nähe.101 Maigret hat als Kind bereits tief greifendes, persönliches Leid102 und auch zu Beginn seiner Selbständigkeit in Paris finanziell-existentielle Not erfahren.103 Möglicherweise wer- 95 Maigrets Memoiren (1978: 125f.). 96 Maigrets Memoiren (1978: 169). 97 Das Gleiche trifft in ähnlicher Weise auch auf das Verhalten Jesu zu, der während seines Wanderpredigerdaseins auch nicht ausschließlich auf Aussätzige und Ausgestoßene trifft, sondern auch auf normale und wohlangesehene Bürger, Schriftgelehrte und Pharisäer. 98 Vgl. Maigrets Reaktion z. B. in Der Fall Nahour (2007: 35), Maigrets Memoiren (1978: 144). 99 „Schlangen! Otternbrut! Wie solltet ihr dem Gericht der Hölle entfliehen?“ Mt 23,33 (Elberfelder 2001); vgl. auch Mt 3,7. 100 In diesem Kapitel werden unter anderem die Merkmale 7 kennt Schwäche, Angst, Leid, Not, 14 ist selbst auf Erlösung angewiesen bearbeitet. 101 Betrifft Merkmal 7 kennt Schwäche, Angst, Leid, Not und 4 ist ganz Mensch. 102 Hier wird auf den frühen Tod seiner Mutter angespielt, der für Maigret einschneidende Folgen hat. Vgl. Maigrets Memoiren (1978: 56–64). 103 Nachzulesen in Maigrets Memoiren (1978: 77): „Ich verdiente sehr wenig, und meine Hauptsorge galt diesem Hungergefühl in mir, das gestillt werden wollte. Den höchsten Luxus sah ich nicht auf den berühmten Kaffeehausterrassen (…), sondern ganz prosaisch in den Auslagen der Metzgereien.“ Weiter: Maigrets Memoiren (1978: 101, 101f.). 139 2 Die literarische Maigret-Figur den seine Bodenhaftung und seine Ablehnung gegenüber Hochmut oder Besitzerstolz auch aus dieser Richtung begreiflich. Aber selbst wenn man als Leser diese Details aus Maigrets Vergangenheit nicht kennt, zeigt sich in nahezu jedem Roman, dass der Kommissar nicht gefeit ist vor all den Widrigkeiten, mit denen auch der Normalsterbliche zu kämpfen hat. Maigret wird von seinen Vorgesetzten oder anderen Justizpersonen gegängelt, vorgeführt, zurechtgewiesen und von oben herab behandelt.104 Auch seine körperliche Verletzlichkeit kommt zum Tragen, denn der Kommissar wird immer wieder angeschossen oder es werden im Verauf einer Untersuchung von den Verdächtigen Attentate auf ihn verübt105 und immer wieder gelangt er an einen Punkt, an dem ihm seine eigene Ohnmacht derart übermächtig gegenüber steht, dass er fast handlungsunfähig wird.106 Der Kommissar stößt an die Grenzen seiner Entscheidungsgewalt, seiner Handlungsfähigkeit, seiner offiziellen und physischen Kompetenzen und leidet darunter. Vielleicht war ein salzigerer Tropfen unter den flüssigen Perlen, die über das Gesicht des Kommissars rannen. Ein großer und starker Mann, ein Mann in den besten Jahren, der 104 Vgl. dazu die beruflichen Spannungen zwischen Maigret und einem neuen, jungen Untersuchungsrichter im Fall Die widerspenstigen Zeugen (1999): „Wäre der Untersuchungsrichter nicht so aufdringlich gewesen, wüßte er jetzt wahrscheinlich mehr. Er hatte insbesondere den Eindruck, daß er Armand Lachaume zum Sprechen gebracht hätte, wenn er ihm eine Zeitlang auf den Zahn hätte fühlen können.“ Die widerspenstigen Zeugen (1999: 91). »Glauben Sie immer noch [nicht], Monsieur Maigret, daß man die gleichen Ergebnisse wie am Quai des Orfèvres […] auch im Büro eines Untersuchungsrichters ohne Lärm, Stimmenaufwand und ohne großes Theater erzielen kann?« Wozu sollte er ihm antworten, da er ja nur die vom Kommissar vorbereiteten Fragen abgelesen hatte?“ Die widerspenstigen Zeugen (1999: 180). Zusätzlich aussagekräftig sind der Fortgang und das Ende dieser Untersuchung, in welcher der Richter darauf besteht, dass seine Anweisungen befolgt werden und alles ordnungsgemäß verläuft, was einer Anklage Maigret gegenüber gleichkommt, er arbeite nicht ordnungsgemäß und zur Folge hat, dass sich einer der Beteiligten im Richterzimmer erschießt: „Seit kurzem hörte Maigret nicht mehr zu, sondern lauschte auf ein leises Kratzen an der Tür. Und als Paulette Lachaume in ihrem Bericht fortfahren wollte, ertönte ein plötzlicher Knall, dem hastige Schritte und Stimmengemurmel folgten. (…) Wäre vielleicht alles anders verlaufen, wenn das Verhör hier drüben stattgefunden hätte? Paulette Lachaume hatte ein ordnungsgemäßes Geständnis abgelegt. Ihr Mann hatte sich ordnungsgemäß erschossen.“ Die widerspenstigen Zeugen (1999: 189). 105 „Man hörte den trockenen Knall eines Schusses, und Maigret faßte sich an die Brust (…). Er lief noch ein paar Meter, als würde er von dem Stoß, den er erhalten hatte, fortgerissen. (…) Das Fleisch an seiner Brust war zerfetzt. Die Kugel hatte eine Rippe gestreift und war nahe am Schulterblatt wieder ausgetreten.“ Pietr der Lette (1999: 76ff.). „Ich bin mit den anderen dortgeblieben, habe mich nach Mitternacht draußen im Nebel von ihnen verabschiedet, und kurz darauf ist ein Schuß auf mich abgefeuert worden.“ Saint-Pholien (1998: 113). „Sie standen keinen halben Meter vom Wasser entfernt, als Maigret plötzlich einen Stoß in den Rücken erhielt, das Gleichgewicht verlor, taumelte und sich abrutschend mit beiden Händen ans Gras der Böschung klammerte, die Füße im Wasser, während sein Hut schon über das Wehr trieb.“ Saint-Pholien (1998: 72). Hier kommt Merkmal 23 lässt sich vom Tod nicht beirren zum Tragen. 106 Vgl. auch Der Fall Nahour (2007: 189); sowie: »Drecksarbeit!« hatte er geknurrt, (…) »Ich habe nicht das Recht, mir Augen und Ohren zuzuhalten, und tue ich es nicht, so laufe ich Gefahr, das Leben von Menschen zu ruinieren, die es nicht verdienen.« Der Fall Nahour (2007: 174). Betrifft Merkmal 14 ist selbst auf Erlösung angewiesen. 140 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? energischste und bedeutendste Mann vielleicht bei der Kriminalpolizei, lag dort verlassen bis zum Tagesanbruch am Ende des Hafendamms neben einem Poller.107 Ganz deutlich ist an diesem Beispiel abzulesen, dass die Konzeption Maigrets auch als selbst auf Erlösung angewiesen angelegt ist.108 Als den Grenzen menschlicher Natur unterworfener Kommissar ist auch Maigret eine Figur, die Schwäche, persönliches Leid und seelische wie körperliche Not aus eigener Erfahrung kennt. Die für ihn nötige Hilfe, im konkreten Beispiel die frühmorgendliche Befreiung von Knebel und Fesseln aus einer Regenpfütze auf dem Hafendamm109, kommt meist in Gestalt unscheinbarer Durchschnittsfiguren, wie z. B. einem misstrauischen alten Fischer, daher. Aber nicht nur äußerlich bedarf Maigret immer wieder der befreienden Hilfe anderer, sondern auch im psychologischen Sinne zeigt er sich als erlösungsbedürftig. Seine unter den Inspektoren schon sprichwörtlich gewordene schlechte Laune im Zuge laufender Ermittlungen ist eine Folgeerscheinung seiner Orientierungslosigkeit, solange der Kommissar keine glaubwürdigen Hinweise auf die umfassende Wahrheit einer Untersuchung findet. Darunter leidet Maigret persönlich, weil ihm die Verantwortung der professionellen Schuldzuweisung dennoch auferlegt bleibt. Nur die Kenntnis über die Wahrheit der Tatmotive versetzt den Kommissar in die Lage, diese Verantwortung zu tragen, so dass er erst dann einen Täter ruhigen Gewissens an die Justiz übergeben kann, wenn er die dem bloßen Menschen zugehörige Wahrheit mit übergeben kann. Maigret ging hinaus, stieg nachdenklich die Treppe hinab, durchquerte die Büros. Ihm war, als trüge er eine Last auf den Schultern, und Übelkeit stieg in ihm auf.110 Maigret wartete besorgt und konzentriert. (…) Es war nicht das erste Mal, daß der Kommissar in diesem Zeugenstand eine gewisse Entmutigung spürte.111 Maigrets Weigerung, ein endgültiges Urteil über seine Mitmenschen zu fällen, ist nicht nur eine große Chance für die jeweiligen Gegenüber, sondern auch für seine persönliche Angst vor der Verantwortung über die Konsequenzen eines Urteils. Nur die Wahrheit selbst, die Kenntnis und das Verstehen aller Beweg- und Hintergründe einer Tat, versetzt Maigret in die Lage, die Verantwortung für die Konsequenzen eines möglichen Urteils (das der Justizapparat auf jeden Fall fällen wird) zumindest zum größten Teil abzugeben. Diese Art der Erlösung ist zum Teil als schlichtes Ansammeln von Daten und Fakten selbst erarbeitet, findet aber immer dann auch emotional für Maigret statt, wenn die Verdächtigen am Ende einer Untersuchung in einer Art Beichte die Tat gestehen, indem sie den Fall aus ihrer Sicht schildern. Die erlösende Beichte ist also zum einen nur deshalb möglich, weil Maigret nicht vorverurteilt, sondern verstehen will und daher für den Schuldigen erlösend, zum anderen aber auch deshalb erlösend, weil sie dem wahrheits- 107 Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 164). 108 Merkmal 14. 109 Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 167). 110 Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 206). 111 Vor dem Schwurgericht (1979: 31). 141 2 Die literarische Maigret-Figur suchenden Maigret ermöglicht, seiner beruflichen Verantwortung in nicht selbstzerstörerischer Weise nachzukommen.112 Nur in diesem Zusammenhang ist auch das Merkmal 23 (lässt sich vom Tod nicht beirren) zu verstehen. Dem Kommissar die menschliche Angst vor dem Tod oder Verletzwerden abzusprechen erscheint ebenso unnötig wie die angstbesetzte Gebetsstunde Jesu in Gethsemane zu unterschlagen, in der er mit der letzten Konsequenz seines Lebensentwurfs hadert.113 Dass beide sich dennoch auch in ihrer endgültigen körperlichen Begrenztheit nicht vom Ziel ihres Tuns abbringen lassen, spricht für ihre unabdingbare Hingabe an ihre Berufung.114 2.1.2.4 Die Erlösungsbedürftigkeit Maigrets Im Roman Maigret und die widerspenstigen Zeugen115 wird deutlich herausgestellt, dass der Fortgang der Ermittlungen und die Art der Untersuchung des Falles dem Kommissar sehr zuwider laufen. Dabei geht es um das Nebenthema des Romans, einen Generationenkonflikt, in dem die Schlüsselpositionen in Polizei und Justiz neu besetzt werden. Dem alten Kommissar mit seiner ganzheitlichen Suche nach der intimen Wahrheit eines menschlichen Dramas wird ein junger Richter (Angelot) gegenübergestellt, für den als Vorgesetzter die Polizei nur den verlängerten Arm gesetzlicher Vorschriften und Verordnungen darstellt und der die Wahrheit eines Falles nur in der neutralen und abstrakten Verwaltung der Fakten ohne Kontakt zu den realen Betroffenen sucht. Der junge Richter Angelot überwacht, kontrolliert und maßregelt den erfahrenen Kommissar in solchem Ausmaß, dass dieser in diesem Roman nicht ungestört auf seine gewohnte Weise ermitteln kann, um der Wahrheit über die Lachaume-Familie nahe zu kommen, sondern immer wieder gezwungen ist, als offizieller Funktionär aufzutreten und nicht vornehmlich als Mensch in Erscheinung treten kann. Das wird durch diverse Anspielungen auf Unverständnis, Unerfahrenheit und Arroganz des jungen Richters im Handlungsverlauf unterstrichen, über die Maigret sich so maßlos ärgert, dass er sich sogar zu renitenten Reaktionen hinreißen lässt.116 Besonders die Schilderung des Verhör-Ausgangs im Richterzimmer unterstreicht die Vermutung, dass Maigrets Potential als profaner Erlöser möglicherweise deutlich stärker hätte zum Tragen kommen können, wäre die Unter- 112 Ein Erweis für das ganzheitlich vollkommene Menschsein Christi liegt auch in seiner Verletzlichkeit begründet: Die Begrenzung seiner Person auf das rein Menschliche wird deutlich in Gethsemane, als Jesus in der dreimaligen Wiederholung der Bitte „wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber!“ (Mt 26,39; Elberfelder 2001) unter Schweiß groß wie Blutstropfen (Lk 22,44) offen legt, was er meint, wenn er zu seinen Jüngern sagt: „Meine Seele ist sehr betrübt, bis zum Tod“ (Mt 26,38; vgl. auch Mt 26,37b; par. Mk 14.33ff., Elberfelder 2001) und seine eigene Verletzlichkeit und Ohnmacht bis zum Tod im Durchleiden seiner Passion akzeptiert. 113 Vgl. Mt 26,37–39. „Und er ging ein wenig weiter und fiel auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber! Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Mt 26,39 (Elberfelder 2001). 114 Merkmal 9 lebt absolute Hingabe für seine Berufung (Erlösung der/der Menschen). 115 Die widerspenstigen Zeugen (1999). 116 Zur Situation Maigrets unter Richter Angelot vgl. Die widerspenstigen Zeugen (1999: 78f., 91, 95,  100, 104, 110, 114f., 128, 142f., 153). Zur renitenten Reaktion Maigrets: Die widerspenstigen Zeugen (1999: 143, 154–157, 159f.). 142 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? suchung auf eine von Maigret bestimmte Art verlaufen. Maigrets Möglichkeiten, den Ausgang des Familiendramas menschlich zu gestalten, werden in dieser Ermittlung durch den neuen jungen Richter Angelot in seinem Beharren auf Rechtsverordnungen und Gesetzesregelungen von Anfang an unterbunden. Wäre vielleicht alles anders verlaufen, wenn das Verhör hier drüben stattgefunden hätte? Paulette Lachaume hatte ein ordnungsgemäßes Geständnis abgelegt. Ihr Mann hatte sich ordnungsgemäß erschossen.117 Wie Maigret als profaner Erlöser bezüglich der Familie Lachaume hätte handeln können, bleibt spekulativ, da er hier durch seine menschliche Begrenzung als Untergebener auf die Funktion als Polizist reduziert wird. Zwar erscheint der Kommissar in der Schilderung seiner Befragungen und Begegnungen durchaus nicht fremd, das erlösende Potential Maigrets für die Lachaumes aber, das sich im Regelfall beim Abschluss eines Falles im Umgang mit den Verfehlungen und der Schuld der Betroffenen zeigt, wird hier durch die Buchstabenverliebtheit und Kontrollsucht des jungen Richters massiv verhindert.118 2.1.2.5 Die Bodenständigkeit Maigrets119 Zwar ist Maigret innerhalb des fiktiven Universums, in dem er sich bewegt, eine für polizeiliche Verhältnisse recht bekannte Größe, wie seine Präsenz in den Zeitungen und die Reaktionen seiner Zeitgenossen120 nachhaltig belegen, aber er zeigt keine Anzeichen von Stolz darüber. Auch sein Umgang mit denjenigen Kollegen, die ihm aus Neid seinen Status etwas anklagend unter die Nase reiben, liefert keine Hinweise auf Profilsucht oder Standesdünkel.121 Im Gegenteil wäre es ein Leichtes für Maigret, im Laufe der Ermittlungen deutlich weniger unbequeme Aufgaben selbst zu erfüllen oder am Ort des Verbrechens präsent zu sein, indem er seine Inspektoren vorschickte. Aber der Kommissar zieht es vor, Beschattungen persönlich vorzunehmen, bei Verfolgungen und Ortsbegehungen zugegen zu sein und gerät entsprechend häufig in sehr unangenehme und gefährliche Situationen.122 Das geschieht jedoch nicht, weil er sich seines Ranges oder seiner Position nicht bewusst wäre, sondern aus freiwilliger Entscheidung für ein bestimmtes Berufsethos. Der Wahrheit auf die Spur zu kommen, den bloßen Menschen mitten im Drama zu finden und so zu verstehen, wie es zum aufzuklärenden Mord kommen konnte, ist nach 117 Die widerspenstigen Zeugen (1999: 189). 118 Die Art der Erlösungsbedürftigkeit des Kommissars in diesem Roman spiegelt gleichzeitig den Widerstreit opponierender Kräfte innerhalb des Maigret-Universums. Vgl. Teil IV, Kap. 2.4.3. 119 Hier werden u. a. die Merkmale 9 lebt absolute Hingabe für seine Berufung, 21 lebt in einer außergewöhnlichen Sozialform, 33 dient den Menschen beantwortet. 120 „[E]ine Frau (…) raunte einer anderen zu: »Das ist der berühmte Maigret.«“ Die widerspenstigen Zeugen (1999: 66). „Was treibst du die ganze Zeit? Aber was frage ich dich, ich Trottel, wo ich es seit langem aus den Zeitungen weiß! Wie geht es Louise?“ Maigrets Memoiren (1978: 95). 121 Vgl. die Stelle, in der sich Maigret über einen Kollegen ärgert, der sich immer mit vollem Titel am Telefon meldet in Der Fall Nahour (2007: 30). Betrifft Merkmal 33 dient den Menschen/ist demütig. 122 Beispiele dafür finden sich u. a. in Saint-Pholien (1998: 136f.) und Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 162–164). 143 2 Die literarische Maigret-Figur Maigrets Meinung nicht möglich, indem man lediglich am Schreibtisch sitzt und Akten liest.123 Dass er sich dabei die Hände genauso schmutzig macht oder sich die Nächte um die Ohren schlägt wie seine Inspektoren, macht ihn zum sympathischen Chef.124 Möglicherweise ist auch seine Vorliebe für gute Hausmannskost mit dafür verantwortlich, dass Maigret nicht bei Kaviar und Champagner die Lösungen seiner Fälle als persönlichen Erfolg feiert, sondern dass er sich im Lauf eines lang andauernden Verhörs Bier und belegte Brote aus der nahe gelegenen Brasserie mit den Verdächtigen teilt.125 Zeitlebens bleibt er mit seiner Frau Louise in derselben Mietswohnung am Boulevard Richard Lenoir wohnen, ungeachtet seines beruflichen Aufstiegs und ohne Intention, sich irgendwie „verbessern“ zu wollen. Maigret ist zufrieden mit dem Status quo, zufrieden in seiner kleinbürgerlichen Existenz und verspürt keinerlei Bedürfnis, sich zu messen oder zu vergleichen. Maigret positioniert sich in der Normalität, er weiß um seine Fähigkeiten, hegt aber einen Horror vor jeglicher Art der Zurschaustellung und bevorzugt auch in gehobener beruflicher Position eine bodenständige und bescheidene kleinbürgerliche Existenz.126 Ich lebe in einer bürgerlichen Wohnung, wo leckere Düfte aus brutzelnden Töpfen mich abends erwarten, wo alles einfach ist und klar, sauber und gemütlich. Von meinen Fenstern aus sehe ich lauter Wohnungen, die so sind wie meine (…). (…) Ich gehöre zu diesem Milieu, ja, zu diesen Leuten, die man die braven nennt.127 Am nettesten wird Maigrets Abneigung gegen den großbürgerlichen Habitus, die Zurschaustellung des eigenen Besitzes oder die Betonung einer erreichten beruflichen Position in der Schilderung verdeutlicht, die Simenon in die Memoiren einschiebt, um die erste Begegnung zwischen Maigret und seiner Ehefrau nachzureichen.128 Auch als der Ruhestand in greifbare Nähe rückt, träumt der berühmte Kommissar nicht von Prunk, Pomp und Popularität, sondern von Ruhe, vom Angeln gehen, Kaffee trinken und einem kleinen Steinhäuschen zwischen Meung und Tours.129 Und obwohl der Ruhestand Maig- 123 Vgl. dazu die Beschreibungen von jungen Kollegen, die Jura studiert haben oder den jungen Untersuchungsrichter und seine Haltung zur Rolle der Polizei in Die widerspenstigen Zeugen (1999: 27, 125). 124 Im Roman Maigret und Monsieur Charles wird dem Kommissar die Beförderung zum höchsten Leiter der Kriminalpolizei angeboten. Er schlägt sie jedoch aus, weil er auf dieser Position nicht mehr in der Lage wäre, in die konkreten Ermittlungen einzugreifen und selbst vor Ort zu sein. Vgl. Maigret und Monsieur Charles (2009: 5–7, 120). 125 Sogar in den ungewöhnlichen Verhören bleibt sich Maigret dem legendären Bier im Zusammenhang damit treu. „Es war nicht so sehr das Bier, sondern die Atmosphäre in einem Pub, die Maigret suchte.“ Maigrets Revolver (2006: 198). Vgl. auch Maigrets Revolver (2006: 79). 126 Vgl. Maigrets Memoiren (1978: 42f.). 127 Maigrets Memoiren (1978: 168). 128 „Mir war nicht sehr wohl in meiner Haut. Ich bereute, daß ich mich zum Mitkommen hatte überreden lassen. Der Hemdkragen (…) störte mich; ich hatte das Gefühl, meine Krawatte verrutsche fortwährend und einer meiner Frackschöße sei ständig im Begriff (…) emporzuschnellen.“ Maigrets Memoiren (1978: 83). „Als man mich ihr vorstellte, wagte ich nicht, ihr ins Gesicht zu sehen, so sehr verwirrte mich das Gefühl, überhaupt hier zu sein und nicht zu wissen, was ich sagen oder wie ich mich verhalten sollte.“ Maigrets Memoiren (1978: 85). „Die jungen Ingenieure (…) bildeten einen geschlossenen Klüngel (…). Fand ich sie unausstehlich? Wahrscheinlich ja. Es gefiel mir auch nicht, daß sie mich beharrlich mit ›Polizeikommissar‹ anredeten.“ Maigrets Memoiren (1978: 91). 129 Vgl. Maigret in Nöten (1987: 100) für die Ortsangabe. Weiter: „Maigret freute sich wirklich aufs 144 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? ret nicht nur offiziell, sondern sogar persönlich von all seinen Kollegen und Vorgesetzten als wohlverdient zugestanden wird, fühlt sich Maigret allein beim Gedanken ans Aufhören wie ein Verräter. Maigret hatte weder Janvier noch Lucas oder sonst jemandem etwas davon erzählt, als schäme er sich, bereits für die Zukunft vorzusorgen, als sei es ein Verrat dem Quai des Orfèvres gegenüber. Gestern hatte er den Eindruck, sein Büro sei nicht mehr genauso wie früher, und (…) heute (…) war er sich wie ein Fremdling vorgekommen.130 Maigrets Demut im Sinne seines Dienstes am Menschen lässt sich literarisch mit der Akzeptanz seines Schicksals und der Fügung in seine Berufung beschreiben. Der Kommissar wehrt sich nicht lautstark gegen unhöfliche Behandlung, benutzt seine Stellung nicht dafür, sich Respekt zu verschaffen oder eine gesellschaftlich bedeutende Rolle unter Prominenten zu spielen.131 Kurz, er vermeidet alles, was ihn nicht selbst authentisch Mensch sein lässt. Für seine Berufung in der Wahrheitsfindung, die spezifisch-konkrete Situation eines Menschen inmitten aller seiner Lebensumstände zu erkennen und zu verstehen, wäre das Ansinnen, eine eigene makellose Fassade zu bauen und aufrechtzuerhalten, mehr kontraproduktiv als hilfreich. So resultiert aus der Entscheidung Maigrets für die eigene Bestimmung des raccommodeur de destinées seine persönliche Verhaftung in der kleinbürgerlichen Polizistenexistenz, die ihm Zugang und Einsicht in die Lebensrealitäten des größten Teils der Bevölkerung verschafft. Die damit verbundenen Unannehmlichkeiten, wie z. B. die Unterordnung unter Amtsautorität oder seine Weisungsgebundenheit, erträgt Maigret weder märtyrerhaft noch freudig, aber die Tatsache, dass er diese alltäglichen Ärgernisse dauerhaft in Kauf nimmt, verweist darauf, dass er sie als zu seinem Schicksal und seiner Aufgabe zugehörig akzeptiert.132 Dass diese demütige Bescheidenheit Maigrets aus einer religiösen oder spirituellen Berufung hervorginge, lässt sich am Text nicht belegen. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass der Kommissar in der Ausübung seines Berufes oder mit seiner Lebensart Gott dienen will.133 Den Menschen dagegen schon umso deutlicher. In diesem Zusammenhang bleibt also theologisch die Frage offen, ob für den Kommissar dann eher Mk 9,40 oder Mt 12,30 zutrifft: „wer nicht gegen uns ist, ist für uns“134 oder „Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich“.135 Land, auf die Ruhe, aufs Lesen. Er war müde.“ Maigret in Nöten (1987: 93). „In zwei Jahren würde er angeln gehen und an Winternachmittagen sicherlich in der Ecke eines Cafés, in dem er sich heimisch zu fühlen begann, mit anderen Stammgästen Karten spielen.“ Vor dem Schwurgericht (1979: 11). 130 Vor dem Schwurgericht (1979: 11). 131 „Ich weiß, was andere an meiner Stelle getan hätten. (…) Das Exempel hätte genügt, und ich wäre wahrscheinlich mit einem gewissen Respekt behandelt worden. Ich habe es nicht getan. Nicht unbedingt aus Gerechtigkeitsempfinden. Auch nicht aus Mitleid. Vielleicht, weil es ein Spiel war, das ich nicht mitspielen wollte.“ Maigrets Memoiren (1978: 117). Betrifft Merkmal 33 dient den Menschen/ ist demütig. 132 Er kümmert sich einfach nicht weiter darum. Vgl. Der Fall Nahour (2007: 53). 133 Betrifft Merkmal 8 lebt absolutes Gottvertrauen bzw. ist gottesfürchtig. 134 Mk 9,40 (Elberfelder 2001). 135 Mt 12,30, vgl. dazu auch: Lk 9,50 und Lk 11,23 (Elberfelder 2001). 145 2 Die literarische Maigret-Figur 2.1.3 Das Handwerk Maigrets – die Wahrheitssuche136 Ein weiterer Grund für die nachhaltige Bodenständigkeit Maigrets kann in den Wurzeln seines Arbeitsethos liegen, die der Autor des Kommissars in seiner Erziehung und der traditionellen Haltung seiner Familie verankert. In den Memoiren Maigrets erfindet Simenon für seinen Kommissar einen Vater und Großvater, für die es eine Frage der persönlichen Ehre bedeutet, die einem anvertraute berufliche Aufgabe mit Stolz und Pflichtbewusstsein auszufüllen.137 Als Verwalter eines Schlossguts138 besitzt bereits der Vater eine Mittlerposition zwischen dem Schlossherrn und den als Pächtern ansässigen „Handwerkern, Pferdeknechten (…) [und] Flurwächtern“139 und trägt damit auch die Verantwortung für das Auskommen miteinander auf dem Gut. Die notwendigen kommunikativen Fähigkeiten, um sowohl mit den Handwerkern und Bauern als auch mit den Schlossbesitzern zusammenarbeiten und auszukommen, stammen nach der von Simenon vorgegebenen Legende aus dem traditionell weitergegebenen Familienwissen, das Maigrets Vater vom Großvater vorgelebt wurde, als dieser selbst Pächter auf demselben Schlossgut war.140 Dieses familieninterne Feingefühl für Menschenkenntnis und -einschätzung wird in Maigrets Ausbildung auf alle städtisch vorfindlichen Lebensstile erweitert. Ich habe im Streifendienst viel gelernt. Ich habe auf den Jahrmärkten gelernt, in den Warenhäusern, überall, wo Massen sich ansammeln.141 Wenn jemand von der Spürnase eines Polizisten spricht, von seinen Methoden, von seiner Intuition, dann möchte ich immer entgegnen: »Und was ist mit der Spürnase Ihres Schusters, Ihres Bäckers?« Der eine wie der andere hat eine lange Lehrzeit hinter sich. Er kennt sich aus in seinem Beruf, mit allem, was dazugehört.142 Die Position Maigrets zeigt demnach eine deutliche Ähnlichkeit mit der Position seines Vaters als Schlossverwalter. Die Mittlerfunktion zwischen Handwerkern und Schlossbesitzern wird eins zu eins übertragen auf die Mittlerrolle des Kommissars zwischen den Taschendieben, Einbrechern, Prostituierten einerseits und dem Justizapparat andererseits. Dabei ist sowohl beim Vater als auch beim Sohn eine stärkere Nähe und Verbun- 136 In diesem Kapitel werden ebenfalls die Merkmale 9 lebt absolute Hingabe für seine Berufung, 13 versteht die Menschen abgefragt. 137 „Und doch (…) zweifle ich nicht daran, daß er [= der Großvater] die Dinge, so wie sie waren, nicht einfach passiv billigte; (…) es hing vielmehr mit einem gewissen Stolz und insbesondere mit einem ausgeprägten Pflichtgefühl zusammen. In Männern vom Schlag meines Vaters lebte dieses Gefühl weiter.“ Maigrets Memoiren (1978: 54). 138 Maigrets Memoiren (1978: 53). 139 Maigrets Memoiren (1978: 55). „In diesem Hof war mein Vater so etwas wie ein Souverän. Die Männer nahmen respektvoll die Mütze ab, wenn er mit ihnen sprach. (…) Gegen zehn Uhr überquerte er den Hof und betrat eine andere Welt. Er schritt um die letzten Vorbauten herum, erreichte die große Freitreppe, auf die kein Bauer jemals den Fuß setzte, und verschwand danach für längere Zeit hinter den dicken Schlossmauern.“ (Ebd). 140 „Einer der Pächter war mein Großvater, (…) aber schon vor ihm hatten mindestens drei Generationen von Maigrets das gleiche Stück Land bewirtschaftet.“ Maigrets Memoiren (1978: 53). 141 Maigrets Memoiren (1978: 126). 142 Maigrets Memoiren (1978: 158). 146 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? denheit – wenn auch nur beruflicher Natur – zur Seite der Handwerker gegeben. Dass Maigret den Berufsstand der professionellen Diebe, Einbrecher etc. ähnlich einem Handwerk empfindet, zeigt sich auch in der Beschreibung der Parallelen zwischen den Polizisten und den von ihm Überwachten.143 Die Hure vom Boulevard (…) und der Inspektor, der sie überwacht, haben beide zerrissene Schuhe an, und beiden tun die Füße weh von all den Asphaltkilometern. Sie müssen den gleichen Regen, den gleichen eisigen Nordwind über sich ergehen lassen (…) und beide sehen fast mit den gleichen Augen die Kehrseite der an ihnen vorbeidrängenden Massen.144 Ebenso verhält es sich mit dem (…) Taschendieb (…). Jahrmarkt bedeutet für ihn (…) eine bestimmte Anzahl Geldbeutel in den Taschen von Naiven. Für den Polizisten auch. Und dieser wie jener erkennt auf den ersten Blick, welcher unter den selbstzufriedenen Provinzlern das ideale Opfer abgeben wird.145 Maigret stammt aus einer Familie, die sich mit handwerklichen Fähigkeiten, diplomatischem Geschick und dem Willen zur Weiterbildung den Mittelstand erarbeitet hat, ihre Arbeitshaltung aber beibehält.146 Um auf sein Ideal der Wahrheitsfindung hinzuarbeiten, muss der Kommissar seinen Blick auf den Menschen beständig schulen und ein großes Repertoire an Lebensentwürfen kennen lernen. Auch die Begründung für die handwerkliche Arbeitsauffassung Maigrets basiert auf dieser Maxime, die ihn immer wieder dazu treibt, selbst nachzusehen, persönlich zu observieren, die Atmosphäre wichtiger Orte in sich aufzunehmen und sich – auch als hochrangiger Kommissar – eben nicht in einem Büro hinter einem Aktenstapel zu verkriechen und zu glauben, der Wahrheit auf diese Weise objektiv nahe kommen zu können.147 Bequemlichkeit gehört für Maigret keinesfalls zur Arbeitshaltung. Es ist ihm wichtig, seine Aufgaben gewissenhaft und vollständig zu erledigen und er scheut sich nicht vor Überstunden oder Zusatzaufgaben, obwohl er grundsätzlich weder der Bequemlichkeit noch den Freuden des Daseins und vor allem den kulinarischen Genüssen keinesfalls abgeneigt ist.148 Denn jedes neue Gesicht, jede unbekannte Situation vergrößert den beruflichen Erfahrungsschatz, auf den der Kriminalist zurückgreift, wenn er gefordert ist. 143 „Was wir indessen empfinden und was Simenon auszudrücken versucht hat (…), das ist ein gewisses Gefühl der Zusammengehörigkeit, so paradox dies auch scheinen mag. (…) Wir stehen diesseits und jenseits der Schranke, das steht fest. Aber wir sitzen auch bis zu einem gewissen Grad im gleichen Boot.“ Maigrets Memoiren (1978: 106). 144 Maigrets Memoiren (1978: 106f.). 145 Maigrets Memoiren (1978: 107). 146 „Deshalb bestehe ich so nachdrücklich auf dem Wort ›Beamter‹, mögen andere es auch als abschätzig empfinden. Ich bin fast mein ganzes Leben lang Beamter gewesen (…). So wie mein Vater seinerzeit Schlossverwalter geworden ist. Mit dem gleichen Stolz. Mit dem gleichen Willen, meinen Beruf in- und auswendig zu kennen und meine Pflicht gewissenhaft zu erfüllen.“ Maigrets Memoiren (1978: 167). 147 Vgl. Maigrets Memoiren (1978: 119, 167f.). 148 „Ich tat meine Arbeit gewissenhaft. Jede Aufgabe nahm ich ernst, mochte sie noch so unbedeutend sein. Und das Wort Überstunden war mir fremd. Ich empfand es als selbstverständlich, daß meine ganze Zeit der Polizei gehörte, und als durchaus natürlich, daß man mich vierzehn oder fünfzehn Stunden ununterbrochen in Trab hielt.“ Maigrets Memoiren (1978: 77). 147 2 Die literarische Maigret-Figur Nach Monaten, Jahren in diesem Beruf hat man eine beachtliche Sammlung von Gestalten und Gesichtern im Kopf, die sich dort für immer eingeprägt haben.149 Deshalb vergeuden wir nicht unsere Zeit, wenn wir jahrein, jahraus die Straßen abklopfen, Stockwerke erklimmen oder Warenhausdiebinnen überwachen. Es sind unsere Lehrjahre, gleichwie beim Schuster (…), mit dem Unterschied, daß sie bei uns nahezu ein Leben lang dauern, weil es eine praktisch unbegrenzte Zahl von verschiedenen Welten gibt.150 Auf das Verhältnis zwischen dem Kommissar und denjenigen, die er beruflich zu überwachen hat, wird im Bereich des Verhaltens gegenüber anderen im direkten Kontakt detailliert eingegangen.151 2.1.3.1 Das Einfühlungsvermögen Maigrets – die Methode152 Anders als in den biblischen Berichten Jesus von Nazareth dadurch fasziniert, dass er sofort und unmittelbar den wahren Menschen hinter seiner nach außen getragenen Fassade wahrnehmen und verstehen kann, beeindruckt Maigret mit seiner Methode, die Motive einer Verbrechenstat zu erspüren. Der Begriff Methode ist zwar irreführend, weil er ein schematisch feststehendes, immer gleich ablaufendes Abarbeiten derselben fest definierten Handlungsabläufe suggeriert, das unabhängig vom Durchführenden zum gleichen Ergebnis führt, er wird in diesem Zusammenhang aber bewusst verwendet, um das Missverständnis zu verdeutlichen, das den meisten sekundärliterarischen Ausarbeitungen zugrunde liegt, die dem Kommissar eine kriminalistische Methode zuzuordnen versuchen.153 Denn die Methode, welche Kommissar Maigret in die Lage versetzt, hinter der Maske der jeweiligen Verdächtigen den wahren/bloßen Menschen zu erkennen, gehört nicht in den Bereich einer Technik, die erlernbar wäre. Maigrets Art, den bloßen Menschen im Drama zu finden, beinhaltet eine prozesshafte Dynamik, die in seiner Berufung der Wahrheitssuche und in dem ihm als Person eigenen Verstehenwollen ihren Ursprung hat. Die konkreten Aktivitäten, die sich auf der 149 Maigrets Memoiren (1978: 105). 150 Maigrets Memoiren (1978: 165f.). 151 Vgl. Teil III, Kap. 2.2. Maigrets Umgang mit Menschen im persönlichen Kontakt. Dieser Bereich betrifft auch das Merkmal 28 wendet sich den Benachteiligten/Deklassierten zu und 48 tritt für Benachteiligte ein. 152 Das Kapitel zur Methode beinhaltet auch die Bearbeitung der Merkmale 11 sieht hinter die Fassade der Menschen, 13 versteht die Menschen, 1 hat Mitgefühl, ist mitfühlend/empathisch, 12 nennt die Probleme konkret beim Namen. 153 Interessant dabei ist, dass sich alle derartigen Aufsätze bereits zu Beginn darin einig sind, dass die Methode Maigrets den bereits bekannten nicht eindeutig zuzuordnen ist. Die Methoden Maigrets sind bereits zu Lebzeiten Simenons derart Thema der Rezension seiner Romane, dass sie motivisch in die Romane aufgenommen werden: „Ein gewisser Inspektor Pyke von Scotland Yard hatte die Erlaubnis erhalten, an einer seiner Ermittlungen teilzunehmen, um sich mit seinen Methoden vertraut zu machen, und Maigret hatte sich selten in seinem Leben so unbehaglich gefühlt. Zu viele Leute bildeten sich ein, diese berühmten Methoden seien so etwas wie ein Kochrezept, das ein für allemal erprobt, nun nur noch haargenau befolgt werden müsse.“ Die widerspenstigen Zeugen (1999: 53). 148 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Basis dieser beiden Charaktermerkmale im Laufe einer Ermittlung ergeben, dienen immer diesem Ziel, auch wenn der Auslöser für Wahrheitssuche und Verstehenwollen auf handwerklich erarbeiteter Erfahrung beruht. Der Auslöser, Maigrets Fähigkeit, am Gesicht eines Menschen zu erkennen, dass etwas nicht passt154, hat seinen Ursprung in den Lehrjahren des Polizisten, der dienstlich in die verschiedensten gesellschaftlichen Milieus geschickt wird. Wir befassen uns mit Menschen. Wir beobachten ihr Verhalten. Wir registrieren Tatsachen und versuchen immer noch mehr Tatsachen festzustellen. Unsere Kenntnisse sind sozusagen technischer Natur.155 Es gibt in Paris wenige Straßen, in denen ich mir als stets wachsames Auge des Gesetzes nicht die Sohlen abgelaufen und dabei das ganze Straßenvölkchen kennengelernt hätte (…).156 Wie der Polizist diese Jahre seinerseits nutzt, ist wiederum eine individuelle Frage, die verdeutlicht, an welcher Stelle die Persönlichkeit Maigrets zu seiner Methode beiträgt. Der Kommissar hat sie genutzt, um die Lebensumstände der verschiedenen Welten kennen und verstehen zu lernen, um sich in jedem Milieu auszukennen.157 Nur deshalb kann er sich in die Lage eines Verdächtigen versetzen. Nur so kann er überhaupt erkennen, in welchem Gesicht sich außergewöhnliche Unstimmigkeiten abzeichnen. Vor allem muß man sich auskennen. Sich auskennen im Milieu, in dem ein Verbrechen verübt worden ist. Sich auskennen in der Lebensweise, den Gewohnheiten, Sitten, Reaktionen der Beteiligten, der Opfer, Täter und gewöhnlichen Zeugen. Ihre Welt unbeirrt und festen Schrittes betreten und natürlich ihre Sprache sprechen.158 So ist auch nachvollziehbar, warum der Kommissar seine Ermittlungen nicht immer erfolgreich abschließen kann, warum er während einer Enquête häufig brummig oder verstimmt ist, warum es Zeit braucht, bis er Ergebnisse liefern kann und warum er genau diese so ungern als solche bezeichnet. Maigrets Fähigkeit, hinter die Fassade der Menschen zu sehen, beruht zwar sowohl auf charakterlicher als auch auf professionell geschulter Intuition, gleichwohl ist sie aber immer auch das Produkt eines von ihm vorangetriebenen dynamischen Prozesses, im Laufe dessen das zu erkennende Bild des wahren Menschen nur Stück für Stück freigelegt wird, das sich auch nicht ohne empathisches Mitfühlen als ganzheitlich wahr erschließt. Auf diese Weise wird auch das Verstehen der Verdächtigen, mit denen der Kommissar zu tun bekommt, sowohl zum Ziel seiner Wahrheitssuche, dem das Verstehenwollen 154 „[G]leitet mein Blick prüfend über die Gesichter, und es passiert selten, daß er nicht an jemandem hängen bleibt, der Angst hat, wie immer er sie auch zu verbergen trachtet.“ Maigrets Memoiren (1978: 122). 155 Maigrets Memoiren (1978: 134). 156 Maigrets Memoiren (1978: 104f.). 157 »Wenn man bei der Polizei ist, sollte man nicht verheiratet sein.« »Um nicht nach Hause kommen und Sauerkraut essen zu müssen?« gab seine Frau schlagfertig zurück. »Nein, sondern weil man eigentlich in jedem Milieu daheim sein müßte.« Der Fall Nahour (2007: 82). 158 Maigrets Memoiren (1978: 165). 149 2 Die literarische Maigret-Figur auf charakterlicher Ebene entspricht, als auch zum sich permanent erweiternden Ergebnis seiner professionellen Erfahrung.159 Mitgefühl und Empathie als persönliche Fähigkeiten, das Lebensgefühl und die -umstände einer Existenz in den verschiedenen Milieus realistisch nachvollziehen zu können, sind dabei Instrumente des Verstehens und nicht mit Mitleid oder Sympathie zu verwechseln. Was ich klarstellen möchte, ist, daß sich in unsere Reaktion auf die Personen, mit denen wir uns befassen, weder Empfindlichkeit noch Härte, weder Haß noch Mitleid im üblichen Sinn mischen.160 Es geht darum, daß man sie als eine Tatsache hinnimmt, daß man sie mit dem Blick eines Menschen betrachtet, der sich auskennt. Ohne Neugier (…). Ohne Haß natürlich.161 Der Zusammenhang zwischen Maigrets Methode und der Wichtigkeit von Wahrheit wird bei Eskin als Philosophie bzw. Psychologie bezeichnet.162 Das von ihm abschließend angeführte Zitat aus Maigret et les vieillards fasst Maigrets Methode als Charaktereigenschaft eindrücklich zusammen: Er hielt sich nicht für einen Übermenschen, betrachtete sich auch nicht als unfehlbar. Im Gegenteil, jede seiner Untersuchungen nahm er mit einer gewissen Demut auf, selbst die einfachste. Er mißtraute dem Schein, dem schnellen Urteil. Geduldig versuchte er zu verstehen, im Bewußtsein, daß die offenkundigen Motive nicht immer die echten waren. Wenn er auch keine große Vorstellung von den Menschen und ihren Möglichkeiten hatte, hielt er doch daran fest, an den Menschen zu glauben. Er suchte seine wunden Punkte herauszufinden, und wenn er schließlich den Finger darauf legte, triumphierte er nicht, sondern empfand eher eine gewisse Niedergeschlagenheit.163 Auch wenn der Kommissar durchaus als direkte Persönlichkeit zu bezeichnen ist, erweist sich sein Umgang mit den Problemen der Verdächtigen als äußerst strategisch und auf das Ziel der Tatmotivfindung hin ausgerichtet: Erfährt Maigret von einer Problematik, kommt es häufig vor, dass er diese zunächst für sich behält, um eine Situation herbeizuführen, in der er den Ahnungslosen spielend das für den Verdächtigen unangenehme Dilemma subtil verstärkt, um noch mehr von dessen wahrem Gesicht an die Oberfläche zu locken. 159 „Unsere Beziehungen sind sozusagen strikt beruflich.“ Maigrets Memoiren (1978: 106). 160 Maigrets Memoiren (1978: 134). 161 Maigrets Memoiren (1978:  169). 162 Vgl. Eskin (1999: 394): „Wie jede andere Psychologie ist auch Maigrets Psychologie epistemologisch: Sie hat mit der wahren Kenntnis der Menschen zu tun, mit der Entdeckung der Substanz hinter dem äußeren Schein. Seine Philosophie hat mit Gerechtigkeit zu tun, einer Gerechtigkeit, die überzeugender und auch menschlicher ist als die offizielle Justiz. Sowohl Psychologie als auch Philosophie laufen auf ein Zusammengehörigkeitsgefühl, eine menschliche Sympathie, hinaus, die wiederum der Kern der berühmten Maigretschen Methode ist.“ 163 Die alten Leute (1984: 169f.). 150 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? 2.1.3.2 Die Schwäche des Polizeibeamten164 Tatsächlich gibt es in den Maigret-Romanen immer wieder Situationen, in denen man dem Kommissar professionelle Unterlassung vorwerfen könnte. In Saint-Pholien165 beispielsweise klärt er ein Verbrechen auf, dessen Verjährungsfrist noch nicht abgelaufen ist und deren Täter sich nach ihrem Geständnis, das fast einer kollektiven Beichte gleichkommt, sogar willig in ihre Bestrafung fügen würden. Maigret jedoch unternimmt nichts, was sie einer offiziellen Bestrafung zuführt, lässt sie laufen, mit dem fast unverständlich gemurmelten Hinweis, dass er in Paris erwartet werde und unschuldige Kinder in die Sache verwickelt seien.166 Auf die Rückfragen seines treuesten Mitarbeiters Lucas bezeichnet er, zurück in Paris, die Tatschuldigen als dumme Jungen und lässt ein registriertes Beweisstück der deutschen Untersuchung im Wandschrank seines Büros auf Nimmerwiedersehen verschwinden.167 Auch in Maigret bei den Flamen168 wird der Täter, dem Maigret auf die Schliche gekommen ist, am Ende von ihm nicht den zuständigen Behörden überstellt.169 Selten jedoch passiert dergleichen ohne einen Hinweis auf Gerechtigkeit. Der Begriff der Gerechtigkeit erscheint zwar sehr selten explizit in den Maigret-Romanen und wenn, dann eher als Hinweis, dass keine existiere. Die Tatsache, dass er aber dennoch in diesen auffälligen Ausnahme-Situationen zu finden ist, lässt darauf schließen, dass das Maigretsche Verständnis von Gerechtigkeit einen Gegenpol zur institutionalisierten Justiz bildet, der die Schuldigen dann in letzter Konsequenz dieses Verständnisses eben gerade nicht übergeben werden.170 Wenn Maigret also auf seine ordnungsgemäße Nicht-Zuständigkeit verweist oder durch berufliche Unterlassung bewusst selbst Straftaten wie Verschleierung oder Behinderung der Justiz begeht, um Gnade vor Recht ergehen zu lassen, dann meistens deshalb, weil in Maigrets Augen die Gerechtigkeit bereits ihren eigenen, vom Staatsapparat unabhängigen Weg gefunden hat, für Ausgleich zu sorgen. Immerhin finden diese beruflichen Unterlassungs-Sünden Maigrets nicht in Aus- übung seines Dienstes statt171, sondern immer außerhalb seines Zuständigkeitsbereiches, so dass auch Maigret bei diesen privaten Ermittlungen vollkommen auf sich gestellt bleibt und weitestgehend auf die Inanspruchnahme der polizeilichen Hilfsmittel oder die Unterstützung durch seine Kollegen verzichtet. Zwar kann er nicht verhindern, dass der jeweils zuständige Kommissar vor Ort, der offiziell mit der Untersuchung betraut ist, von seiner Anwesenheit weiß und ihn gern um Rat bittet, aber diesbezüglich bleibt Maigret verschlossener denn je mit dem ausschließlichen Verweis auf das Ablehnen jeglicher Verantwortung, weil er nur als Privatmann zugegen ist. Seinen Dienstkollegen gegenüber 164 In diesem Kapitel wird auch beantwortet, inwiefern die Merkmale 17 lässt Gnade vor Recht ergehen, 19 macht Hoffnung auf ein gerecht-(er)es Leben, 18 symbolisiert Versöhnung unter schwierigsten Bedingungen auf Maigret zutreffen. 165 Saint-Pholien (1998). 166 Saint-Pholien (1998: 173). Betrifft Merkmale 17 lässt Gnade vor Recht ergeben, 34 ermöglicht einen Neuanfang und 51 übertritt das Gesetz. 167 Saint-Pholien (1998: 174). 168 Bei den Flamen (1998). 169 Vgl. Bei den Flamen (1998: 151, 159f.). 170 In diesem Sinne betrifft die geschilderte Tatsache Merkmal 47 stellt religiöse Kategorien und moralische Wertmaßstäbe in Frage, genauso wie Merkmal 46 stellt gesellschaftliche Maßstäbe in Frage. 171 Vgl. Bei den Flamen (1998: 168). 151 2 Die literarische Maigret-Figur lässt sich Maigret also unterlassene Hilfeleistung, Nicht-Weitergabe von Informationen und ähnliches mehr vorwerfen, was den Kommissar einmal mehr in die Nähe der Schuldigen rückt, die er täglich ausfindig zu machen hat. Diese Unterlassungs-Sünden sind aus literaturwissenschaftlicher Sicht der Grund, aus dem Maigret immer wieder unterstellt wird, er sympathisiere mit den Schuldigen und Tätern. Dieser Zusammenhang jedoch verweist nicht auf ein Sympathisantentum des Kommissars zu den von ihm Verfolgten,172 sondern vielmehr auf eine andere Definition von Gerechtigkeit als sie gewöhnlich einem Kriminalroman zugrunde gelegt wird. Üblicherweise wird in einem Krimi die durch einen Mord bedrohte Gesellschaftsordnung durch die Aufklärung der Tat neu bestätigt und die dadurch verschreckte Gesellschaft mit der Überführung des Mörders beruhigt. Die Bestrafung des Schuldigen entspricht einer Entschädigung des durch den Mord geschehenen Unrechts an der Gesellschaft, der dadurch Wiedergutmachung angeboten und die so wieder ins Recht gesetzt wird. Grundlage dafür ist ein Rechtsverständnis, das Taten eindeutig den Kategorien von gut und böse zuordnen kann und das eine Gerechtigkeitsvorstellung beinhaltet, der durch das Befolgen der juristischen Vorgaben Genüge getan wird. Die Maigret-Romane wenden sich gegen diese für Rätselkrimis typische Gerechtigkeitsauffassung, indem sie deutlich machen, dass die von ihnen gemeinte wahre Gerechtigkeit unabhängig von der juristischen Rechtsprechung ihren eigenen Weg findet, der durchaus auch gegenläufig zu dieser ausfallen kann. So enden z. B. die an der Mordtat Beteiligten aus Bei den Flamen ein Jahr später entweder im Selbstmord, wahnsinnig, dem Alkohol verfallen oder kreuzunglücklich, weil schuldbelastet und ohne Möglichkeit der Wiedergutmachung.173 Auch der Hinweis verschiedener Täter-Opfer, dass Gerechtigkeit nicht existiere, verweist in den Romanen auf die Ablehnung der Akzeptanz staatlicher Rechtsprechung als Gerechtigkeit und die Existenz einer anders gelagerten Gerechtigkeitsauffassung, die jedoch nicht explizit konkretisiert wird. Einzige Konkretion dieses für Kriminalgeschichten untypischen Gerechtigkeitsverständnisses ist das Verhalten Maigrets im Umgang mit den Schuldigen. Gerade dadurch wird der Kommissar zu einer Figur, die angesichts des Versagens institutioneller Justiz Hoffnungsträger für mehr Gerechtigkeit wird, welche in Zusammenhang mit persönlichem Schuldempfinden und emotionaler Sühne steht. So haben z. B. die Schuldigen aus Saint-Pholien bereits fast fünfundzwanzig Jahre in Angst, Schuld und Schrecken hinter sich seit ihrer Tat, mit dem schlechten Gewissen über den Selbstmord eines Mitbeteiligten leben müssen und sich von einem weiteren Beteiligten bis in den existentiell-finanziellen Ruin erpressen lassen, um eine irgendwie gearteten Buße zu leisten. Erst die Geständnis-Beichte über die Tat bei Maigret und dessen „Freispruch“ verhilft ihnen dazu, ihr Leben neu ordnen zu können und verhindert, dass die unschuldig in Mitleidenschaft gezogenen Familien weiter für die Tat mitbezahlen müssen.174 In diesem Kontext wird Maigret zur Schlüsselfigur eines Neuanfangs. Dennoch lässt er sich kaum dergestalt als Symbol für Versöhnung unter schwersten Bedingungen betrachten wie es bei Jesus der Fall ist.175 172 Zur Beziehung des Kommissars zu den von ihm verfolgten Schuldigen vgl. Teil III, Kap. 3.3. Die Beziehung Maigrets zu den Schuldigen. 173 Vgl. Bei den Flamen (1998: 164–168). 174 Vgl. Saint-Pholien (1998: 154–173). 175 Betrifft Merkmal 18 symbolisiert Versöhnung unter schwersten Bedingungen. 152 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? 2.2 Maigrets Umgang mit Menschen im persönlichen Kontakt Die nachfolgenden Beobachtungen beziehen sich auf die in den Romanen überwiegend geschilderten Begegnungsbereiche des Kommissars, d. h. auf den Kontakt mit den beteiligten oder unbeteiligten Verdächtigen einer Untersuchung und mit seinen Inspektoren. Der Vollständigkeit halber gehört zu den Kontaktbereichen Maigrets des Weiteren der Umgang mit seiner Frau und seinen persönlichen Freunden, den Pardons, dazu. Da sich seine Prädisposition zum profanen Erlöser aber hauptsächlich in der Berufsausübung spiegelt und die Schilderungen der privaten Begegnungen Maigrets auch nur einen verschwindend geringen Anteil an den Romanhandlungen ausmachen, werden die privaten Kontakte des Kommissars im Folgenden außer Acht gelassen. 2.2.1 Der Umgang mit den Verdächtigen während einer Untersuchung – Maigret als Psychologe? Am deutlichsten fällt auf, dass Kommissar Maigret keine Unterschiede im direkten Umgang mit Menschen an den Tag legt, die auf Klassenzugehörigkeit, Geschlecht, Alter, Reichtum oder andere Statussymbole zurückzuführen sind.176 Er ermittelt unbeeindruckt von der Zurschaustellung von Macht, Besitz oder gesellschaftlichem Ansehen.177 Ob sein Ton gereizt, gelangweilt, geschäftlich, freundlich oder väterlich klingt, liegt nicht immer daran, wie sympathisch er persönlich sein Gegenüber findet, sondern hängt mitunter auch von der strategischen Überlegung ab, mit welcher Tonlage der Kommissar entsprechend der Gemütsverfassung des Verdächtigen am ehesten die gewünschten Informationen erhält, die er zur Klärung der Wahrheit noch benötigt.178 Die Beispiele dafür sind vielfältig.179 Für Maigret sind zunächst alle Beteiligten, die irgendwie in Zusammenhang mit der Ausgangstat stehen, vornehmlich Menschen, deren persönliche und meistens versteckte Verlorenheit er erst noch erkennen muss. Und obwohl sie am jeweiligen Fall beteiligte Verdächtige darstellen, sieht der Kommissar sie nicht per se als Verdächtige, sondern zuerst als Menschen an, unter denen er diejenigen am intensivsten weiter beobachten muss, welche die auffälligsten Risse180 in ihrer Persönlichkeit aufweisen, um zu verste- 176 Merkmal 27 behandelt alle gleich (Kinder, Frauen, Männer, Klassen). 177 Vgl. Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 40, 43). Betrifft Merkmal 27 behandelt alle gleich. 178 Dieses Verhalten, eine Art zielgerichteter Klugheit, die sich selbst nicht an die erste Stelle rückt, erinnert an die Taktik, die Jesus seinen Jüngern empfiehlt, um in einer misstrauischen Umgebung Erfolg bei ihrem Vorhaben der Verbreitung des Evangeliums zu haben: „(…) so seid nun klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben.“ Mt 10,16b (Elberfelder 2001). 179 „Er bemerkte das Funkeln in den Augen seines Begleiters. Der Bürgermeister (…) hoffte, seine Frau zu finden und mit ihr sprechen zu können, ohne daß der Kommissar dabei war. »Gut«, antwortete er mit gespielter Gleichgültigkeit.“ Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 182). Vgl. auch: Maigrets Revolver (2006: 163), Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 188). 180 Vgl. die „Theorie vom Riß“ in Pietr der Lette (1999: 50): „In jedem Missetäter, in jedem Banditen steckte ein Mensch, aber auch und vor allem ein Spieler, ein Gegner (…) Maigret verfuhr wie die anderen auch. (…) Aber er suchte, erwartete, belauerte vor allem den Riß. Mit anderen Worten: den Augenblick, in dem hinter dem Spieler der Mensch zum Vorschein kommt.“ 153 2 Die literarische Maigret-Figur hen, welche wahrhaftige Verzweiflung und Angst letztendlich tatsächlich zur Tragödie eines Mordes geführt haben. Maigret verschwand erneut im Regen und in der Dunkelheit. Dies waren keine Ermittlungen. (…) Bisher war er nur einer Handvoll Menschen begegnet (…). Vielleicht waren sie alle grundehrliche Leute? Vielleicht verbarg sich unter ihnen aber auch eine verzweifelte Seele, schlotternd vor Angst bei dem Gedanken an die tiefschwarze Silhouette, die in dieser Nacht durch die Straßen geisterte.181 Denn wie stark eine verdächtige Figur in einen Mordfall verwickelt ist, lässt sich – zumindest im Maigret-Universum – am Grad ihrer persönlichen Verlorenheit ablesen.182 Zugleich stellt der Grad der persönlichen Erlösungsbedürftigkeit ein Indiz für den Kommissar und den impliziten Leser auf dessen Schuldigkeit an der Tat dar, sogar wenn der Betroffene selbst seine eigene Unerlöstheit nicht wahrnimmt oder nicht wahrhaben will. Hinweis auf die Stärke persönlicher Erlösungsbedürftigkeit ist wiederum die jeweilige Intensität der Angst einzelner Betroffener, deren Spur Maigret aufgrund seiner langjährig erworbenen Menschenkenntnis folgt. Auf diese Weise zwingt der Kommissar die betroffenen Beteiligten, sich an seiner Person erneut ihrer Angst und den durch sie geschaffenen Fakten zu stellen, welche die Betroffenen durch ihre Tat eigentlich beseitigen wollten. Der Umgang Maigrets mit den Verdächtigen einer Untersuchung ist also zunächst dadurch gekennzeichnet, dass er die Spur ihrer existentiellen Angst verfolgt,183 die sie zum Täter haben werden lassen, ohne dass dadurch die Grundangst beseitigt worden wäre. Er erreicht auf diese Weise, dass die Betroffenen sich nicht nur den durch die Tat neu geschaffenen Fakten, sondern letztlich wieder dem ursprünglichen Grund ihrer Angst stellen müssen, was eine unabdingbare Voraussetzung für einen potentiellen Neuanfang darstellt.184 Seit (…) Ouistreham (…) war Monsieur Grandmaison nicht mehr der gleiche Mensch. Dort hatte er seine Nerven immer unter Kontrolle gehabt, selbst in den erbärmlichsten 181 Bei den Flamen (1998: 78). 182 Ein sehr sympathisches Beispiel dafür ist die Figur des Grand-Louis in Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 163): „Grand-Louis stieg ihm nach, beugte sich über jede der Fesseln und überzeugte sich, daß sie fest saßen. Für eine Sekunde war das Gesicht des ehemaligen Sträflings dem des Kommissars sehr nah, und er glaubte, eine schmerzliche Miene zu erkennen, als täte ihm das alles sehr leid. »Sagen Sie meiner Schwester …«, begann er. (…) »Sagen Sie ihr, daß ich sie eines Tages wiedersehen werde… Und wir beide uns vielleicht auch …« 183 Vgl. Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 58f., 187). 184 Neuere Strömungen der Psychotherapie benennen die Notwendigkeit, sich den eigenen Abgründen und seelischen Ängsten in einer Krise zu stellen, um eine neue Perspektive zu gewinnen: „Die Alternative lautet: zugrunde gehen oder den Nöten auf den Grund gehen. Die Antworten (…) sind entstanden über Wege des Auf-den-Grund-Gehens. Sie sprechen von Menschen, die sich bruchstückhaft – im Rahmen etwa von Krankheit und Krise – auf ihre Abgründe einließen, bildlich gesprochen also den Gang in die Unterwelt wagten und sich dabei in großer Tiefe veränderten. Wandlung kann nicht gemacht werden. (…) Und doch stellen sich Erfahrungen von Heil-Werden immer wieder ein, wo Menschen sich durch große Ängste hindurch in ein Tieferes einlassen.“ Renz (2009: 28). Betrifft Merkmal 34 ermöglicht einen Neuanfang. 154 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Situationen. Aus war’s damit! Er war von einer geradezu panischen Angst ergriffen. Und sein zerschundenes Gesicht, sein rastloser Blick (…) machten dies um so deutlicher.185 Im Gegensatz zur biblischen Jesus-Figur, der von vornherein eine umfassende Kenntnis über die tiefer liegenden Grundproblematiken jedes Einzelnen zugeschrieben wird, muss Maigret zuvor über die Fährte der Angst herausfinden, wem er hauptsächlich nachgehen, wen er stellen muss, um überhaupt eine Situation herbeizuführen, in der eine echte Begegnung stattfinden kann. Dann jedoch findet diese in doppelter Hinsicht statt: Durch Maigret als Auslöser für die Angst einmal die Begegnung zwischen ihm und dem Täter und darüber hinaus zwischen dem Täter und seiner Angst. Dabei steht außer Frage, dass das Verfolgen eines Verdächtigen nicht mit Jesu Haltung gleichgesetzt werden soll, den zu Erlösenden nachzugehen, um deretwillen er seinen Auftrag wahrnimmt. Jesu Erkennen des Menschen auf den ersten Blick reicht tiefer als die entsprechende Erkenntnisfähigkeit des Kommissars. Der christliche Erlöser weiß um das Wesen einer Person186, während der Pariser Kriminalist sich dieses Wissen erst erarbeiten muss. Dennoch ist das Ziel bei beiden Figuren dasselbe. Maigrets Nachgehen besteht nunmehr darin, in der konkreten Umsetzung des beruflich geforderten Verfolgens ganz in die Lebenswelt des/der Verdächtigen einzutauchen,187 um darüber hinaus am Ende wirklich zu verstehen und nicht nur oberflächlich zuzuordnen. 188 Es macht die Besonderheit Maigrets als Detektivfigur aus, dass die Verdächtigen nicht mehr nur eine Ansammlung von faktischen Verdachtsmomenten verkörpern, sondern individuelle Schicksale verdeutlichen, denen nur durch tiefer gehenden, (fast) therapeutischen Verständniswillen eine Möglichkeit eröffnet werden kann, mit ihrer Krise fertig zu werden. In diesem Sinn wird das Verfolgen der Verdächtigen als genretypischer Handlungsrahmen in der Figur Maigrets gefüllt mit einem den Gescheiterten aufrichtig zugewandten Interesse, das ihnen letztlich den Umgang mit der eigenen Schuldhaftigkeit ermöglicht, weil Maigret verstehen will und nicht urteilt. In dem Augenblick, in dem genau das vom Schuldigen in Kommissar Maigret erkannt wird, sieht er sich in die Lage versetzt, seine aggressive innere Abwehr fallen zu lassen und so sowohl eigene Einsicht und eigenes Verständnis zuzulassen als auch die Möglichkeit wahrzunehmen, sich mit den Alternativen zu beschäftigen, die partielle Erlösung anbieten können. Damit es dazu kommen kann, muss Maigret die Initiative übernehmen189 und auf den Verdächtigen zu- bzw. ihm hinterher gehen. Gerade die eine große Begegnung zwischen Kommissar und Täter am Ende der Romanhandlung kommt überwiegend deshalb zustande, weil Maigret diese persönliche Begegnung herbeiführt bzw. anstrebt. Im literarischen Rahmen des Kriminalro- 185 Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 180). 186 Vgl. die Erzählungen zur Samariterin am Jakobsbrunnen (Joh 4), Zachhäus (Lk 19,1–10) oder der Witwe am Opferstock (Mk 12,41–44; Lk 21,1–4 parr.). 187 „Maigret hätte fast vorgeschlagen, die Runde mit ihm gemeinsam zu machen, um noch tiefer in das Leben dieses Mannes einzudringen.“ Bei den Flamen (1998: 76). „Im Grunde (…) kam Maigret, wenn er mitten in einer Ermittlung steckte, nicht deshalb so selten zu den Mahlzeiten nach Hause, weil er sich Zeit sparen mußte, sondern weil er sich gleichsam einigeln wollte (…). Kurz, es war die Intimität der anderen, die Maigret schnupperte (…).“Die widerspenstigen Zeugen (1999: 96). 188 „Er versucht, sich in die Lage des Täters zu versetzen und die psychologische Krise, durch die die kriminelle Handlung verursacht wurde, nachzuvollziehen.“ Krechel (1982: 16). 189 Merkmal 26 zeigt initiatives Handeln. 155 2 Die literarische Maigret-Figur mans ist es ebenso möglich, den Kommissar die Wahrheit in einem Lehnstuhl rein theoretisch, für sich, ohne Kontakt zur Außenwelt finden zu lassen190, so dass der Täter von Maigrets Inspektoren verhaftet werden könnte, ohne Maigret zu begegnen. Die Fälle des Kommissars sind im Gegensatz dazu jedoch so angelegt, dass nur in einer persönlichen Begegnung, in der alle Lebensumstände, Hintergründe und Motive bereits bekannt sind, die umfassende Wahrheit als Gesamtsituation verständlich werden kann, zu der dann eben auch die innere Haltung des Täters zu seiner Tat deutlich wird wie z. B. Reue, Verzweiflung etc. Daher muss die Figur Maigrets auf eine solche Begegnung hinarbeiten und sie zum Ende der Romanhandlung initiativ herbeiführen, denn der verfolgte Schuldige setzt dieser wahrhaftigen Begegnung so lange vehemente Gegenwehr entgegen, wie die Angst vor der Offenlegung seiner Tat durch Maigret noch nicht überwunden ist.191 Wenn also eine formale Überschneidung im Verhalten Maigrets zu Jesu Umgang mit den zu Erlösenden liegen kann, ist es das initiative Zugehen auf den Erlösungsbedürftigen, das bei Maigret zwar zunächst allen Verdächtigen gilt und sich als exklusiv für den Täter gedachte Zuwendung erst herauskristallisieren muss, wohingegen Jesus die jeweiligen Erlösungsbedürftigen direkt ansteuert.192 Die Richtung der Kontaktaufnahme und der Ausgangspunkt der Begegnung bleiben aber in beiden Fällen vergleichbar. 2.2.2 Der Umgang mit den Schuldigen nach der Untersuchung – Maigret als Freund? Der Mensch ist derart schlecht für das Leben ausgerüstet, daß man fast einen Übermenschen aus ihm machen müsste, wenn man in ihm einen Schuldigen – statt eines Opfers – sähe.193 Wie aus den bisherigen Beobachtungen deutlich wird, ist zwischen dem Verhalten Maigrets während einer laufenden Untersuchung und seinem Verhalten nach einem Geständnis bzw. bei einer Beichte in der letzten großen Begegnung mit dem Täter zu unterscheiden. Sobald der schuldige Täter in der die Wahrheit ans Licht bringenden Unterhaltung (Verhör, Beichte oder Geständnis) seine krampfhaft aufrecht erhaltene Fassade fallen lässt und aus Resignation, Kraftlosigkeit oder dem Wunsch nach Verständnis vorbehaltlos mit Maigret über das Vorgefallene spricht, ist auch der Kommissar nicht länger gezwungen, den Schuldigen in irgendeiner Weise unter Druck zu setzen, um diesen Widerstand zu brechen. In diesen Situationen erweist sich Maigret den Tätern gegenüber als vertrauenswürdiger, brüderlicher, fast väterlicher Begleiter, der in der Lage scheint, trotz seiner offizi- 190 Eine Untergruppe von Rätselkrimis ist nach den sogenannten „Lehnstuhldetektiven“, nach dieser Art der rein abstrakten Lösungsfindung ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt, benannt worden. Vgl. Eskin (1999: 154f.). Auch Maigret hat im Roman Le fou de Bergerac (1932) ausnahmsweise die Rolle eines Lehnstuhldetektivs inne, da er gleich im ersten Kapitel verletzt wird und deshalb seine Ermittlungen nur vom Hotelbett aus führen kann. Vgl. dazu: Der Verrückte von Bergerac (1986). 191 Besonders im Roman Maigrets Revolver muss Kommissar Maigret hartnäckig an der Gegenwehr des fast noch jugendlichen Diebs seiner Waffe arbeiten. Vgl. Maigrets Revolver (2006: 165, 169f.). 192 Vgl. dazu die Begegnung Jesu mit der Samariterin am Brunnen; Joh 4,7–26 (Elberfelder 2001). Betrifft Merkmal 26 zeigt initiatives Handeln und 32 geht liebevoll mit zu Erlösenden um. 193 Buchrücken-Kommentar von Georges Simenon selbst auf: Maigrets Revolver (2006: Rückseite). 156 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? ellen Funktion dem Schuldigen als verständnisvoller Mensch an die Seite zu treten. Dieses Phänomen findet sich in jedem einzelnen Roman.194 Im Moment der Erkenntnis des Ausmaßes selbst verantworteter Schuld ein Gegenüber zu erleben, das sich nicht angewidert und entsetzt abwendet, sondern das ungeachtet aller eigenen Funktionen und Aufgaben, ungeachtet aller gesellschaftlichen und sozialen Unterschiede das Gemeinsame und Verbindende des Menschseins durch Aushalten und Mittragen dieser Erkenntnis wieder in den Fokus des Bewusstseins bringt, bedeutet einen therapeutischen Ansatz.195 Ich will dir auch nichts tun. Du hast André Delteil nicht getötet. Die Sache mit meinem Revolver ist nicht so schlimm. Wer weiß, in deinem Alter und in der Lage, in der du warst, hätte ich vielleicht dasselbe getan. Das ist eigentlich meine Schuld. Doch, doch! Wäre ich an dem Tag mittags keinen Aperitif trinken gegangen, dann wäre ich eine halbe Stunde früher zu Hause eingetroffen, als du noch dort warst. (…) Denn du bist ja zu mir gekommen, um mit mir zu reden. Du konntest nicht wissen, daß gerade ein Revolver auf dem Kaminsims lag. Du wolltest mir die Wahrheit sagen und mich bitten, deinem Vater beizustehen.« Er schwieg etwas länger, damit seine Worte ins Bewußtsein des jungen Mannes dringen konnten.196 Der Dienst, den Maigret kraft seines Amtes gehalten ist, der Gesellschaft zu erweisen, indem er die Täter von Kapitalverbrechen stellt und überführt, wird durch diese Komponente der Figuren-Konzeption um einen brüderlichen Dienst am Menschen erweitert: Um den Dienst am gescheiterten, gefallenen Menschen, der durch Maigret nicht seiner Funktion und Stigmatisierung als Mörder überlassen wird, sondern der über das Verstehen aller Faktoren und Hintergründe, die zur Tat geführt haben, aus den schwarzweiß Kategorien von gut und böse wieder in die diesseitige allgegenwärtige Grauzone einer alle Menschen betreffenden Fehlbarkeit integriert wird197, egal für welche persönliche Konsequenz sich der Betroffene entscheidet.198 Dass dieses Verhalten nicht als zweckgebunden an die Unterstützung eines Geständnisses interpretiert werden kann, zeigt das Verhalten Maigrets gegenüber den anderen involvierten, teilweise mitschuldigen Beteiligten am jeweiligen Fall. Der Kommissar ist nicht nachtragend, nimmt Angriffe, die seiner Funktion gelten und als funktionaler 194 Um nur ein Beispiel zu nennen, sei hier der Beginn der Beichte von Raymond Grandmaison aus Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 207f.) zitiert: „Nun, Sie können mir jetzt also die Wahrheit sagen, Raymond Grandmaison … Übrigens kenne ich sie in groben Zügen (…) Kommen Sie hier entlang, da sind weniger Leute. (…) Sind Sie damals tatsächlich mit der Kasse auf und davon?« »Hat Hélène Ihnen erzählt …?« Seine Stimme wurde schneidend. »Ja. Ernest muß ihr die Geschichte auf seine Weise erzählt haben“. Ein weiteres Beispiel für die Art der Begleitung Maigrets während eines umfassenden Geständnisses bietet Kapitel 12 im gleichnamigen Roman. Zu Beginn verhilft der Kommissar dem zweiten Hauptverdächtigen durch Erfragen von Fakten ins Geständnis, das er über knapp fünf Romanseiten (S. 208–212) nicht mehr unterbricht. Auch beschränken sich seine verbalen Einschübe gegen Ende des Geständnisses lediglich auf die Vervollständigung der Details des Geschehens, eine Stellungnahme, moralische Einordnung oder Kategorisierung in richtig oder falsch findet nicht statt. Für ein Zitat wäre dieses Beispiel jedoch zu umfangreich. 195 Betrifft Merkmal 42 erlöst im psychologischen Sinn (seelisch-innerliche Geisteshaltung). 196 Maigrets Revolver (2006: 166). 197 Merkmal 33 dient den Menschen, ist demütig. 198 Als Beleg dafür mag u. a. gelten: Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 212f., 214). 157 2 Die literarische Maigret-Figur Widerstand zu deuten sind, nicht persönlich,199 informiert von der Lösung des Falls betroffene Angehörige über die jeweils notwendigen Folgeschritte und Konsequenzen, und organisiert sogar gelegentlich einen Anwalt für den gestellten Täter.200 Am wohlsten fühlt sich der Kommissar nach Abschluss einer Untersuchung dort, wo ihm außerhalb seiner offiziellen Funktion und Aufgabe auch ebendiese brüderliche Gleichwertigkeit von den Verdächtigten entgegen gebracht wird. Häufig sind das im Maigret-Universum Seeleute,201 was daran liegen kann, dass auch auf See keine Statussymbole, Geld oder Macht für das gemeinsame Überleben ausschlaggebend sind. [Grand-Louis] fühlte sich nicht ganz wohl in seiner Haut, wegen Maigret. Er dachte an die nächtlichen Ereignisse und wußte noch nicht, ob er darüber lächeln durfte. »War es Ihnen wenigstens nicht zu kalt?« Er stand am Rand des Hafenbeckens. Maigret versetzte ihm einen Puff, und er fiel ins Wasser.202 Manche Abschlussbeschreibungen in den Maigrets wecken den Eindruck, unter anderen Umständen hätten der Kommissar und sein Verdächtigenkreis gute Freunde werden können, z. B. wenn alle gemeinsam im Kreis eines Stammtischs, eines Wohnzimmers oder einer anderen kleinen Versammlung beisammen sitzen. 203 Als eine Viertelstunde später Lucas (…) sich nach Maigret erkundigte, zeigte man auf die Seemannskneipe, wo eben die Lampen angingen. Er entdeckte den Kommissar hinter den beschlagenen Fenstern. Ein gemütlich in einem Korbstuhl sitzender Maigret mit der Pfeife zwischen den Zähnen und einem Glas Bier vor sich, den Geschichten lauschend, die Männer in Gummistiefeln und Matrosenmützen um ihn herum erzählten.204 Aber auch zu den Tätern, die Maigret der Justiz übergibt, nachdem er sie überführt hat, pflegt der Kommissar ein freundschaftliches Verhältnis, indem er sie im Gefängnis besucht,205 Botengänge für sie erledigt (z. B. Abschiedsbriefe überbringt), für gute Verpflegung oder zusätzliche Decken sorgt.206 In einem Roman wünscht sich der überführte Mörder Maigrets Anwesenheit zu seiner Hinrichtung, bei der ihm der Kommissar sogar 199 Vgl. dazu sein Verständnis für die Seeleute in Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 216): „Die haben mir mit ihren ausweichenden Antworten ganz schön zugesetzt«, seufzte Maigret. Raymond lächelte. »Es sind Seeleute!« »Ich weiß. Und Seeleute mögen es nicht, wenn eine Landratte wie ich sich in ihre Angelegenheiten mischt!“ (Ebd). 200 Maigret gibt dem Täter Adressen von Anwälten in: Der Weinhändler (2006: 186). Betrifft Merkmal 48 tritt für Benachteiligte ein. 201 Aber auch Handwerker und Ausländer, was eine interessante Parallele zu Jesus von Nazareth beinhaltet, der die Gemeinschaft mit und Gesellschaft von Vertretern sog. gesellschaftlicher Randgruppen wie Prostituierten, Zöllnern, Fischern und Samaritern schätzt. Merkmal 28 wendet sich den Benachteiligten/Deklassierten zu. 202 Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 217). 203 Vgl. Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 218). 204 Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 218). 205 Vgl. Pietr der Lette (1999: 188). 206 Vgl. Pietr der Lette (1999: 149). 158 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? auf dem letzten Lebensweg noch einmal nach einem Sturz die Hand zum Aufstehen reicht.207 Ich könnte sogar mehrere aufzählen, die mich anflehten, dabei zu sein, wenn sie hingerichtet würden. Ihr letzter Blick galt mir. (…) Ich nahm ihre letzten Briefe mit und sorgte dafür, daß diese mit ein paar Worten aus meiner Feder ihre Bestimmung erreichten.208 2.2.3 Der Umgang mit seinen Inspektoren – Maigret als Vater? Auch wenn sich Kommissar Maigret zumindest verbal immer wieder dagegen ausspricht, einer gewissen Methode bei der Untersuchung seiner Fälle zu folgen, die man erlernen kann wie ein Rezept, lässt sich doch mit Sicherheit festhalten, dass diesbezüglich seine Inspektoren die umfassendsten Einblicke in sein Vorgehen bekommen, obwohl Maigret vorläufige, theoretische Schlussfolgerungen so gut wie niemals verlautbaren lässt. 209 Die Inspektoren der Mordkommission am Quai des Orfèvres sind bereits fertig ausgebildete Polizisten mit mehrjähriger Berufserfahrung, sobald sie der Abteilung des Kommissars zugewiesen werden. Ihre Ausbildung gehört demnach faktisch nicht zu den Aufgaben Maigrets. Dennoch lehrt der tägliche Umgang mit Maigret dessen Einstellung zu seinem Beruf in indirekter Weise, so dass die Inspektoren die Haltung Maigrets der Obrigkeit gegenüber, seinen Umgang mit den Verdächtigen und sein Vertrauen auf die Wahrheit über die Zusammenarbeit mit ihrem Vorgesetzten genauso ansammeln wie praktische Erfahrung. Geht man von den literarisch beschriebenen vielsagenden Blicken aus oder dem reibungslosen Zusammenspiel zwischen den einzelnen Inspektoren und ihrem Chef während einer Untersuchung,210 übernehmen die Inspektoren Maigrets Arbeitshaltung gern. Wenn man aus biblisch-literarischer Sicht von Jesus von Nazareth sagen kann, dass er seine Jünger in der Nachfolge nicht nur theoretisch-inhaltlich durch Bibelauslegung und Predigt lehrte, sondern auch durch das praktische Vorleben der Umsetzung seiner Überzeugung und durch das vorbehaltlose Teilen seines Lebensvollzuges mit ihnen, lässt sich von Kommissar Maigret durchaus behaupten, dass auch er durch die praktische Aus- übung seiner beruflichen Tätigkeit die dazugehörigen Werte und Grundeinstellungen an seine Inspektoren weitergibt, ohne dass das jedoch als intendierte Nachfolge-Ausbildung gedeutet werden kann.211 Noch deutlicher wird diese Tatsache dadurch, dass im Falle Kommissar Maigrets keine theoretisch-inhaltliche Schulung stattfindet, was sicher- 207 Vgl. das Ende des Romans Der Kopf eines Mannes (2001). 208 Maigrets Memoiren (1978: 146). 209 Betrifft Merkmale 29 unterrichtet seine Nachfolger durch praktisches Vorleben und Begleiten und 30 unterrichtet seine Nachfolger theoretisch-inhaltlich. 210 Im Gegensatz dazu sind jüngere Kommissarfiguren, wie z. B. Donna Leons Commissario Brunetti, Jean-Luc Bannalecs George Dupin (Bretagne-Krimis) oder Pierre Martins Isabelle Bonnet immer wieder durch den Widerstand einzelner Untergebener gehandicapt, die in ihrer Berufsauffassung den Ansichten des Kommissars zuwider laufen und den Opponenten der Protagonisten in die Hände spielen. Das ist bei Maigret nicht der Fall. 211 Merkmal 29 unterrichtet seine Nachfolger durch praktisches Vorleben und Begleiten. 159 2 Die literarische Maigret-Figur lich zu einer angestrebten Fortbildung im Sinne der Weitergabe einer Methode gehören würde.212 Dennoch bleibt der Einfluss Maigrets auf seine Inspektoren unübersehbar, der sich umso mehr verstärkt, je intensiver sie mit ihm zusammenarbeiten. Das wenigstens wird im ersten Maigret-Roman angedeutet: Die Betonung der äußerlichen Ähnlichkeit zwischen Maigret und seinem Inspektor Torrence verweist auf das Sich-Ähnlichwerden innerhalb der Zusammenarbeit mit dem Kommissar, das auf persönlicher Sympathie und gegenseitiger Zugewandtheit basiert. Der Kommissar war fünfundvierzig Jahre alt, Torrence erst dreißig. Aber er machte bereits einen so massiven Eindruck, daß er fast ein Abbild Maigrets war. Sie hatten so manche Untersuchung gemeinsam durchgeführt, ohne ein überflüssiges Wort zu verlieren.213 Torrence, dem er nur ein Wort zu sagen, ein Zeichen zu geben brauchte, um sich verständlich zu machen.214 Das wortlose Verstehen beider215 kann mithin exemplarisch für die unausgesprochene Verbindung Maigrets zu seinen Inspektoren gedeutet werden, die er gelegentlich liebevoll mes enfants (Kinder) nennt und mit denen er nicht nur die meiste Lebenszeit verbringt, sondern überdies auch gern – biblisch gesprochen – Mahlgemeinschaft hält. Dafür finden sich nicht nur im ersten Maigret immer wieder Belegstellen.216 Maigret hat zwei Familien, (…) in deren (…) vertrauter Atmosphäre er sich geborgen fühlt: sein Zuhause und sein Büro.217 Maigrets zweite Familie ist die Police Judiciaire, wo das Fehlen von Nachkommen durch seine Inspektoren kompensiert wird, die er ständig »mes enfants« oder »les enfants« nennt (…).218 Die Bezeichnung mes enfants ist überdies auch deshalb interessant, da das Ehepaar Maigret kinderlos geblieben ist, obwohl es gern Kinder gehabt hätte. Sie verdeutlicht weiter die Verantwortlichkeit, die der Kommissar für seine Inspektoren verspürt und die Teil der respektvollen Haltung ihnen gegenüber ist. Wenn Maigret eine private Seite von sich zeigt, dann findet dies in den Romanen nur innerhalb dreier Beziehungsrahmen statt: Zuerst in der Beziehung zu seiner Frau, dann in den Begegnungen mit seinem einzigen außerberuflichen Freund Dr. Pardon, der als alternative Lesart (stereotype Entsprechung) des Kommissars betrachtet werden kann, und schließlich in der Beziehung zu seinen 212 Merkmal 30 unterrichtet seine Nachfolger theoretisch-inhaltlich. 213 Pietr der Lette (1999: 30). Vgl. auch Pietr der Lette (1999: 84). 214 Pietr der Lette (1999: 84). Vgl. auch Pietr der Lette (1999: 81). 215 Vgl. „Maigret wischte sich die Lippen ab, nahm seinen Lieblingsplatz vor dem Ofen ein und streckte eine Hand aus, in die Torrence reflexhaft seinen Tabak hineinlegte.“ Pietr der Lette (1999: 33). Weiter: Pietr der Lette (1999: 30, 38). 216 Die erste Bezeichnung, die in Pietr der Lette an den Kriminalobermeister Torrence gerichtet wird lautet „mein Lieber“; „mes enfants“/ “Kinder“ ist die Kollektivbezeichnung für mehrere Inspektoren. Vgl. Pietr der Lette (1999: 38); Maigrets Revolver (2006: 155); Eskin (1999: 387). 217 Eskin (1999: 386). 218 Eskin (1999: 387). 160 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Inspektoren, deren Vorgesetzter er zwar aufgrund der gegebenen Polizeihierarchie ist, die er aber immer als gleichwertig behandelt und denen gegenüber er sich gelegentlich auch eine private Bemerkung erlaubt.219 Da die Beziehung zu seiner Frau kategorisch auf häusliche Organisation begrenzt beschrieben wird220 und die Begegnungen mit dem befreundeten Arzt Pardon recht spärlich ausfallen, ist gerade dem Umgang Maigrets mit seinen Inspektoren als „zweiter Familie“221 stärkeres Gewicht zuzumessen als lediglich dem des Verhaltens gegenüber Arbeitskollegen. Die Rolle des väterlichen Begleiters wird dem Kommissar aber auch im Umgang mit Verdächtigen oder anderen in den jeweiligen Fall verwickelten Figuren zugeschrieben. Immer dann, wenn Maigrets Bemühungen, eine Person zu verstehen, von Erfolg gekrönt sind und sich dabei herausstellt, dass die Betroffenen aufgrund ihrer Schuldgefühle bereits einen harten Leidensweg hinter sich haben, lässt sich der polizeiliche Funktionär dazu hinreißen, seine Pflichten zu vergessen und aus rein empathischen Motiven zu handeln. Häufig findet er dann unorthodoxe Möglichkeiten, eine drohende Gefängnisstrafe zu umgehen, den angerichteten Schaden auf das Minimum zu reduzieren und potentielle negative Folgewirkungen zu vermeiden.222 Sind die betreffenden Figuren noch im jugendlichen oder jungen Erwachsenenalter (auch gegenüber weiblichen Figuren lässt sich dieses Phänomen beobachten), ähnelt Maigrets Verhalten in besonderer Weise dem eines väterlichen Begleiters, da er aufgrund seiner empathischen Grundhaltung versucht, den noch lebensunerfahrenen Figuren Hilfestellung und Beistand im alltäglichen, den Konflikt umgebenden Leben zu bieten.223 2.3 Maigrets Verhalten gegenüber Normen und Regeln der Gesellschaft Ganz eindeutig muss diesem Kapitel vorangestellt werden, dass Maigret unbestreitbarer Teil der Gesellschaft ist, in der er sich bewegt. Als hochrangiger Staatsbeamter der Polizei nimmt er sogar eine gesellschaftliche Schutzfunktion wahr, wenn er in Ausübung sei- 219 Vgl. das Ende des Romans Saint-Pholien: Hier lädt Maigret Inspektor Lucas nach der Überführung des Jugendzirkels von Saint-Pholien in die Brasserie Dauphine auf ein Bier ein und lässt sich beim Zusammensitzen zur Bemerkung hinreißen: „Weißt du, was, alter Junger? Noch zehn solche Fälle, und ich lasse mich pensionieren. Weil das nämlich der Beweis dafür wäre, dass der gute, alte liebe Gott da oben die Arbeit der Polizei höchstpersönlich übernommen hat…“. Saint-Pholien (1998: 173f.). 220 Einzige, sehr charmante und unterhaltende Ausnahme davon ist die Maigret-Novelle L’Amoureux de Mme Maigret, in der Madame Maigret für die Aufklärung eines Mordes in der Nachbarschaft in Konkurrenz zu ihrem berühmten Gatten tritt. Vgl. L’Amoureux (1993). Sonst tritt Mme Maigret nur als treusorgende Gattin in Erscheinung, die geduldig gutbürgerliche Hausmannskost kocht und warm hält, Absagen und Krankheiten demütig und fürsorglich hinnimmt, ohne ihrem Mann zu grollen und so den „Inbegriff friedvoller Integration und Geborgenheit“ (Eskin (1999: 386)) personifiziert, der den Gegenpol zu Maigrets professionellem Alltag bildet. 221 Eskin (1999: 387). 222 Vgl. z. B. die Romanhandlungen in Der geheimnisvolle Kapitän (2005), Bei den Flamen (1998), In der Schule (1987), Maigrets Revolver (2006), Neufundlandfahrer (2001). 223 Besonders deutlich wird das z. B. in den Romanen Neufundlandfahrer (2001) und Maigrets Revolver (2006). Diesem Aspekt wird auch unter dem Begriff des „Fürsprechers“ in Teil IV, Kap. 2.4.2. intensiver nachgegangen. 161 2 Die literarische Maigret-Figur nes Dienstes letztlich diejenigen aus dem Verkehr zieht, die durch regelwidriges und gesellschaftsschädigendes Verhalten den Fortbestand des etablierten Systems bedrohen. Auch sein privates Gebaren gegenüber der ihn umgebenden Gesellschaft außerhalb seines Dienstes lässt sich nur als regelkonform und unauffällig beschreiben, maximal noch als etwas altmodisch und eigenbrötlerisch. Maigret benimmt sich als Privatmann wie jeder andere genügsame und zufriedene Kleinbürger, unterlässt jedwedes Verhalten, das zu öffentlicher Aufmerksamkeit führen könnte und vermeidet größere Veränderungen seines privaten Umfeldes. Aus dieser Perspektive erscheint der Kommissar als ein vollkommen in die Gesellschaftsstruktur integrierter Funktionär, der übereinstimmend mit den herrschenden Regeln, Normen und Gesetzen seine kleinbürgerliche Existenz durch Schutz und Stabilisierung des bestehenden Gesellschaftssystems sichert. Begleitet man den Kommissar in seinem beruflichen Alltag, fallen jedoch immer wiederkehrende Konfliktherde auf, die sein rebellisches Potential entgegen den gängigen Normen und Gesellschaftsregeln erahnen lassen.224 2.3.1 Der Konflikt mit Vertretern des Großbürgertums Eine Ursache für immer wiederkehrendes Konfliktpotential mit der Figur Maigrets in den Romanhandlungen liegt in der Affinität des Kommissars zu den einfachen Arbeitergruppen.225 Selbstredend liegt der Grund der Kontaktaufnahme zu diesen ausschließlich in der beruflichen Motivation, den jeweils aktuellen Mord aufzuklären, begründet, denn in seinem Privatleben finden sich keine Freunde, die Fischer oder Handwerker anderer Zunft wären.226 Dennoch bleibt die freie Wahl der ersten Kontaktaufnahme eine persönliche Präferenz Maigrets, die zusammen mit seiner Vorliebe fürs Einfache, Direkte und Ungekünstelte dafür sorgt, dass der Kommissar im Verlauf einer Enquête eher in einer Seemannskneipe anzutreffen ist als im Salon des zuständigen Bürgermeisters oder Stadtrats.227 224 Betrifft Merkmal 45 gerät mit der Obrigkeit in Konflikt, 46 stellt gesellschaftliche Maßstäbe in Frage, 47 stellt religiöse Kategorien und moralische Wertmaßstäbe in Frage, 50 übertritt gesellschaftliche Klassengrenzen, Konventionen und Verhaltensregeln, 51 übertritt das Gesetz. 225 „Maigret war ein Mann des Volkes, der sich dennoch nicht ohne weiteres einordnen ließ.“ Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 97). 226 Die einzigen im Maigret-Universum erwähnten Freunde der Maigrets, Doktor Pardon und seine Frau, mit denen der Kommissar regelmäßigen, privaten Umgang pflegt, gehören ebenfalls der Gesellschaftsebene des Kleinbürgertums an und stellen eine literarische Variante des Maigret-Ehepaars dar. Für die Figur des Maigret ist Dr. Pardon fast ein alter ego: „Außer seinen allerengsten Mitarbeitern wie Lucas, Janvier, Torrence und – neuerdings – dem jungen Lapointe, mit denen Maigret ein kameradschaftliches Verhältnis verband, war Dr. Pardon sein einziger Freund. Zwischen ihnen lag nur ein Jahr Altersunterschied, und sie befaßten sich beide tagtäglich mit den Krankheiten der Menschen und der Gesellschaft – mit der Folge, daß sie eine recht ähnliche Lebensanschauung vertraten.“ aus: Der Fall Nahour (2007: 21). 227 »Sie haben übrigens Glück, auf einen Bürgermeister wie den von Ouistreham zu treffen, der Ihnen Ihre Aufgabe erleichtern wird… Nicht wahr, mein lieber Freund? Ich sagte dem Kommissar…« »Wenn er will, kann er dieses Haus als das seine betrachten. Ich nehme an, Sie wohnen im Hotel?« »Ja. Ich danke für Ihre Einladung, aber dort bin ich näher am Hafen.« Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 51). 162 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Maigret trank mit den Schleusenarbeitern und Fischern in der Seemannskneipe. Der Bürgermeister empfing die Herren von der Staatsanwaltschaft mit Tee, Likör und Gebäck.228 Dieses, von einem offiziell-staatlich für den Schutz der Gesellschaft extra angestellten Beamten an den Tag gelegte Verhalten läuft der Erwartungshaltung an einen solchen von Seiten der höher gestellten Gesellschaftsschichten zu hundert Prozent zuwider. Die Maigret aufgrund seiner Aufgabe zugestandene Möglichkeit, als Person die bestehenden Grenzen zwischen den verschiedenen Gesellschaftsebenen zu übertreten und sich in ihnen zu bewegen als gehörte er dazu, wird vom Großbürgertum nur so lange geduldet, wie Maigret den Anschein zu erwecken vermag, dass er ihre Verhaltensnormen als relevant und auch für sich selbst als bindend respektiert.229 Da der Kommissar jedoch von der Notwendigkeit, sich überall genauestens umzusehen, als dienstliches Recht Gebrauch macht, ohne auf erwartete konventionelle Sensibilitäten einzugehen und die entsprechenden Verhaltensregeln als für sich in Ausübung seiner Aufgabe eben nicht bindend oder überhaupt relevant betrachtet, fühlen sich die Vertreter des Großbürgertums um ihr Ansehen beim Kommissar beraubt und wehren sich gegen Maigret wie gegen einen unwillkommenen Eindringling.230 Es ist eine ganz bestimmte Grundhaltung in der Arbeitsauffassung Maigrets, die die jeweilige Lokalprominenz missversteht: Der Kommissar übertritt keine gesellschaftlichen Klassengrenzen, er ignoriert sie schlechthin.231 Auf der Suche nach den Hintergründen, Motiven und Umständen eines Mordes geht es für Maigret darum, persönliche Befindlichkeiten und individuelle Krisen aufzudecken, die einen Menschen in letzter Konsequenz dazu getrieben haben, das Ungeheuerliche zu vollstrecken. Diese Beweggründe finden sich ausschließlich in der intimen, absolut persönlichen und sehr subjektiven Realitätswahrnehmung und auch nur unterhalb der Konventionen gesellschaftlicher Etikette. Daher ist es für die Aufklärung eines Falles in den Maigret-Romanen zunächst völlig unwesentlich für den Kommissar, ob ein möglicher Verdächtiger nun Fischer oder Großindustrieller ist, da die der Tat zugrunde liegende Motivation wie Verzweiflung oder existentielle Angst vollständig von den Konventionen gesellschaftlicher Zugehörigkeit abgekoppelt auftreten. Maigret war sehr ernst und tief bewegt, denn hier fügte sich ein ganzes Leben vor ihm zusammen. Mehr als ein Leben, das Leben eines Hauses, einer Familie!232 228 Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 97). 229 „Der Kommissar hatte oft mit solchen Leuten zu tun gehabt, (…) die so etwas wie einen internationalen Geheimbund bilden – eine Sache nicht allein des Geldes, sondern auch eines bestimmten Lebensstils, eines bestimmten Verhaltens und selbst einer bestimmten Moral, die sich von der gewöhnlicher Sterblicher unterscheidet. Maigret hatte sich ihnen gegenüber nie so recht wohlgefühlt.“ Der Fall Nahour (2007: 35). 230 „Man versuchte nicht, ihn zurückzuhalten. Im Grunde legte man auf seine Anwesenheit ebenso wenig Wert, wie er Wert darauf legte, hier zu sein.“ Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 51). Vgl. weiter Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 49). 231 Merkmal 50 übertritt gesellschaftliche Klassengrenzen, Konventionen und Verhaltensregeln. 232 Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 204). 163 2 Die literarische Maigret-Figur Wenn Jesus von Nazareth die Menschen, mit denen er lebte und denen er begegnete, grundsätzlich unabhängig von gesellschaftlichen Konventionen betrachtete und behandelte, trifft das – wenigstens in Ausübung seines Berufs – auch auf Maigret zu. Dass sein Umgang genauso freundlich gegenüber Vertretern des Großbürgertums ausfällt wie gegenüber den Vertretern der einfacheren Gesellschaftsschichten, zeigt sich in solchen Situationen, in denen auch Angehörige der lokalen Prominenz dies zulassen, weil sie sich Maigret als Menschen und nicht ausschließlich in einer gesellschaftlichen Rolle zeigen.233 Weil das aber von den großbürgerlichen Vertretern nur selten ausgeht, erscheint es innerhalb der Gesamtheit der Romane so, als würde sich der Kommissar im Wesentlichen für die einfachen Leute einsetzen. Keine Frage, Maigret verwendet sich für sie, versucht ihnen Hilfestellung und Zukunftsperspektiven anzubieten. Aber genau betrachtet, bietet er dies jedem an, der sich ihm in menschlich offener Weise zeigt, nicht nur Handwerkern, Gewohnheitskleinkriminellen oder einfachen Arbeitern. Der Unterschied bei Merkmal 48 tritt für Benachteiligte ein, liegt im direkten Vergleich zur literarischen Jesus-Figur nicht darin, dass Maigret zielgerichtet der Förderung sozial Benachteiligter als politischer Konkretion seiner Hauptaufgabe nachkommt oder eine solche politische Benachteiligung den anderen Gesellschaftsschichten gegenüber explizit anprangern würde, sondern darin, dass er sich für vom Leben aufgrund eigener Schicksalsverfehlung Benachteiligte aller Schichten einsetzen würde, wenn man ihn ließe – was im Übrigen auch für die biblische Schilderung Jesu von Nazareth gilt. Durch dieses Verhalten Kommissar Maigrets während seiner Untersuchungen und auch durch sein Verhalten dem schuldigen Täter gegenüber im letzten klärenden Gespräch mit ihm, stellt die Figur die Frage nach verantwortlichem Handeln.234 Wie bei allen Merkmalen, die auf den Vergleich mit einer politisch zugespitzten literarischen Jesus-Figur zurückgehen, wird auch diese Ebene nur latent, indirekt angelegt und nicht als explizites Motiv ausgebaut. Dennoch wird anhand der Wahrheitssuche Maigrets und anhand seines Umgangs mit entblößter Schuldhaftigkeit die Frage nach verantwortlichem Umgang mit ihr in zweifacher Hinsicht gestellt: Einerseits bildet Maigrets Verhalten einen Kontrast zum konventionellen, unpersönlichen und unbetroffenen Umgang mit dem Schuldigen, der im idealtypischen Kriminalroman zum Erwartungshorizont des impliziten Lesers gehört.235 Durch das pertinente Suchen Maigrets nach dem Riß in der Fassade, der das persönliche Drama hinter einer existentiellen Krise, die in einer Verzweiflungstat gipfelt, aufscheinen lässt, wird der implizite Leser dazu genötigt, ein üblicherweise aufgrund eindeutiger Zugehörigkeit zu Schwarz-Weiß-Kategorien einfach zu fällendes Urteil über den Täter zu unterlassen und die so entstehende gedankliche Leerstelle und Verwirrung auszuhalten, die gepaart mit Maigrets Umgang mit dem Schuldigen die grundsätzliche Frage nach angemessenem eigenen Verhalten aufwerfen können. Andererseits bildet die 233 Vgl. das Verhalten Maigrets gegenüber Madame Grandmaison in Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 188, 202, 205). 234 Merkmal 52 stellt die Frage nach verantwortlichem Handeln. 235 Der Schuldige wird überführt, indem ihm mit lückenloser Beweiskette nachgewiesen wird, dass, wann und wie er die Tat begangen hat. Das Tatmotiv wird zwar ebenfalls geklärt, gehört aber in den meisten Fällen in den Bereich niederträchtiger Boshaftigkeit oder in die Kategorie unglaublicher Zufälle, so dass die Festnahme die Beweggründe eigenen Handelns nicht in Frage stellt. 164 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Vorlage Maigretschen Verhaltens natürlich auch den Figuren im Roman gegenüber einen weiteren Kontrast, die für die Einhaltung gesellschaftlicher Konventionen ungeachtet aller individuellen Umstände stehen, so dass auch textimmanent auf subtiler Ebene die Frage nach einem angemesseneren Verhalten als dem reinen Befolgen eines Regelwerks angedeutet wird. Im Endeffekt liegt Maigrets Konflikt mit dem Großbürgertum in der Opposition unterschiedlicher Anforderungen an seine Vertreter begründet, nämlich der zwischen Authentizität (Forderung Maigrets) und oberflächlich angestrebter Öffentlichkeitswirkung (Forderung der gesellschaftlichen Rolle), und nicht in einer sozialen Zugehörigkeit. So wie auch Jesus von Nazareth kein grundsätzliches Problem mit Pharisäern und Schriftgelehrten nachgesagt werden kann, weil er sich gegen ihre Haltung buchstabengetreuer Gesetzlichkeit und des kategorisierenden Verurteilens wandte und diese mehrfach vehement bekämpfte, so wenig lässt sich Maigret als Gegner des Großbürgertums betrachten, weil er gegen einen Lebensvollzug arbeitet und ankämpft, der im Wesentlichen auf eine oberflächlich nach außen wirkende Fassade angelegt ist.236 Inwiefern eine offiziell zur Schau getragene, gesellschaftliche Fassade der beruflichen Suche Maigrets nach authentischer Wahrheit zuwider läuft, dürfte mittlerweile hinreichend erläutert sein. Die Schilderungen des Umgangs mit den am Fall Beteiligten nach der Aufklärung in den Maigrets widerlegen die Möglichkeit einer vom sozialen Status abhängigen Präferenz Maigrets und belegen, dass der Kommissar sich auch persönlich unabhängig vom gesellschaftlichen Status dort am liebsten aufhält, wo ihm Authentizität entgegenschlägt. Draußen sah er, wie der Schiffer zu seinem Kahn zurückkehrte. Er drehte sich noch einmal nach dem Haus um. Mit seinem erleuchteten Schaufenster sah es wie eine Theaterkulisse aus, vor allem wegen der Musik, die noch immer weich und sentimental herausströmte. (…) Maigret stapfte durch den Dreck, und der Regen war so stark, daß ihm die Pfeife ausging. Ganz Givet kam ihm nun wie eine Theaterkulisse vor.237 2.3.2 Der Konflikt mit der Obrigkeit238 Der zweite potentielle Konfliktherd für den Kommissar, der sich im Laufe der Ermittlungen immer wieder abzeichnet, liegt in den Berührungspunkten seines Aufgabenbereichs mit den Vertretern der institutionalisierten Justiz. Häufig ist es die Figur des sog. Untersuchungsrichters, der im Maigret-Universum die Institution der offiziellen Rechtsprechung personifiziert und zudem auch in letzter Instanz dem Kommissar gegen- 236 Dafür sprechen die jeweiligen Ausnahmen, in denen eine persönliche Begegnung mit den Vertretern der „bekämpften“ Gesellschaftsklasse stattfindet. Für den Fall Jesu findet diese Begegnung mit dem Pharisäer Nikodemus statt, der bezeichnenderweise mit dem Attribut „Es war aber ein Mensch aus den Pharisäern“ eingeführt wird. Vgl. dazu Joh 3,1–21. Für Maigret finden sich in den bereits erfolgten Zitaten die Belege. 237 Bei den Flamen (1998: 72f.). Dieses Zitat zeigt, dass Maigret sich auch im kleinbürgerlichen oder Arbeitermilieu unwohl fühlt, sobald er den Eindruck von gespielten Rollen oder zur Schau getragener Fassade erhält. 238 Merkmal 45 gerät in Konflikt mit der Obrigkeit. 165 2 Die literarische Maigret-Figur über weisungsbefugt ist. Maigrets Schwierigkeiten mit den Untersuchungsrichtern sind insofern ähnlich funktionsbedingt wie die mit Bürgermeistern oder Fabrikbesitzern, wie die Richter nur als Verkörperung des hinter ihrer beruflichen Aufgabe stehenden unpersönlichen Gesetzesapparates in Erscheinung treten. Die Unpersönlichkeit eines übergeordneten, abstrakten Regelwerks, das aufgrund seines Umfangs und seiner Komplexität im Laufe der Zeit dermaßen unübersichtlich geworden ist, dass es – in Simenons Vergleich wie die Institution Kirche – jeglichen Bezug zur Realität verloren hat239, kollidiert notwendigerweise mit dem persönlichen Rechts- und Gerechtigkeitsempfinden Maigrets, das als alleinige Basis für die Wahrheit eine umfassende und vollständige Kenntnis aller Umstände, persönlicher Motive und individueller Hintergründe voraussetzt.240 Man brauchte nur durch ein paar Flure zu gehen, ein paar Treppen hochzusteigen, und schon befand man sich in einer anderen Kulisse, in einer anderen Welt, in der die Worte nicht mehr den gleichen Sinn hatten, in einem abstrakten, hierarchisch gegliederten Universum, das feierlich und abgeschmackt zugleich wirkte.241 So widersetzt sich Maigret immer dann dem jeweiligen Untersuchungsrichter, wenn dessen Forderungen die Realitätsferne der von ihm verkörperten Rechtssituation spiegeln und in einer konkreten Situation mit der Maigretschen Notwendigkeit kollidieren, bei der Suche nach der Wahrheit hinter einer Tat flexibel, intuitiv und spontan vorgehen zu können.242 Ohne den Eifer und die Beharrlichkeit des Richters Angelot, der ihn daran gehindert hatte, die Familie so zu verhören, wie er es gerne getan hätte, würde Maigret es zweifellos wissen.243 Die Art von Maigrets Aufbegehren gegen die Unflexibilität richterlicher Sichtweisen impliziert – wiederum typisch für ihn – eine leise, dezente, inoffizielle Version latenter Rebellion. Maigret beschwert sich nicht lautstark, er streitet sich nicht mit seinem Vorgesetzten, aber er versucht alles, um möglichen Anweisungen aus dem Weg zu gehen, 239 „In seinem Büro am Quai des Orfèvres rang er noch mit der Wirklichkeit, und selbst wenn er seinen Bericht abfaßte, konnte er glauben, daß seine Sätze mit der Wahrheit übereinstimmten. Dann vergingen Monate, manchmal dauerte es ein Jahr oder auch zwei, und eines schönen Tages sah (…) man sich in eine unpersönliche Welt getaucht, in der die alltäglichen Worte keine Gültigkeit zu haben schienen, wo die gewöhnlichsten Tatsachen durch unverständliche Formeln ausgedrückt wurden.“ Vor dem Schwurgericht (1979: 31). 240 Bereits innerhalb der frühen Maigrets wird der Untersuchungsrichter als „ideologischer Gegenspieler“ (Eskin 1999: 144)) etabliert. Die Härte der Konfrontation zwischen den beiden prinzipiellen Haltungen steigert sich aber erst mit dem immer größer werdenden Altersabstand zu neuen, jüngeren Untersuchungsrichtern im Laufe der späteren Maigrets. Vgl. Eskin (1999: 145, 157). 241 Vor dem Schwurgericht (1979: 7). 242 „Ohne die Anwesenheit des Untersuchungsrichters und des Rechtsanwalts wäre er länger am Quai de la Gare geblieben und hätte selbst unumwunden bestimmte Fragen gestellt. Er hätte auch gern (…) einen Blick in Armand Lachaumes Schlafzimmer und vor allem in das seiner Frau geworfen.“ Die widerspenstigen Zeugen (1999: 78f.). Vgl. weiter: Die widerspenstigen Zeugen (1999: 39, 53, 152f.). 243 Die widerspenstigen Zeugen (1999: 106). 166 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? die ihn einengen könnten: Er ruft nicht zurück, er vergisst Informationen weiterzuleiten, weil er sie für noch nicht endgültig hält, er bleibt über den Dienstweg telefonisch und persönlich unerreichbar oder kommuniziert ausschließlich mit seinen Inspektoren, sobald er während eines Außeneinsatzes selbst Kontakt zum Präsidium benötigt.244 Den Richter reizte die ironische Ruhe des Kommissars. Es war offensichtlich, (…) daß Maigret absichtlich eine Haltung einnahm, die zwar nicht feindselig und auch nicht klar herausfordernd war, aber doch herzliches Entgegenkommen vermissen ließ.245 Erhält der Kommissar eine direkte Dienstanweisung seines Vorgesetzten, wird sie insoweit befolgt, wie es als Minimalanforderung ausgelegt werden kann. In einigen Fällen der Maigret-Serie bekommt der berühmte Kommissar einen Untersuchungsrichter an die Seite gestellt, der um seine Fähigkeiten und beruflichen Erfolge weiß und der ihm infolgedessen weitestgehend freie Hand bei den Ermittlungen lässt, ohne sich als Vorgesetzter einzumischen.246 In einigen wenigen Fällen jedoch hat der chef de la brigade criminelle247 mit einem Vorgesetzten zu kämpfen, der z. B. aufgrund jugendlichen Ehrgeizes meint, ihn als veraltetes Relikt modernisieren zu müssen248 oder der einfach nur eine besonders bornierte Personifizierung der Unflexibilität des abstrakten Rechtssystems darstellen soll.249 Richter Angelot gegenüber stellte er sich unwillkürlich zur Schau und spielte sozusagen den Kommissar Maigret, wie sich manche ihn vorstellten. Er war nicht stolz darauf, aber es war stärker als er. Zwei Generationen standen sich hier gegenüber, und er war nicht böse darüber, es diesem Grünschnabel zeigen zu können…250 Diese Romane beinhalten die Fälle, in denen Maigret ganz besonders intensiv nach halblegalen und inoffiziellen Hintertüren und Grauzonen innerhalb des Systems sucht, das ihn in Form eines penetranten Untersuchungsrichters überwacht. In ihnen wird deutlich, inwiefern Maigret als Figur in der individuellen Umsetzung seiner beruflichen und literarischen Aufgabe an die Grenzen seiner Möglichkeiten innerhalb eines bestehenden Obrigkeitssystems stößt und dass er dort in Konflikt mit diesem gerät, wo er dessen Grenzen zugunsten der Menschlichkeit nicht länger respektieren kann. Denn für die Aufdeckung der Wahrheit ignoriert der Kommissar gelegentlich auch (mehr oder weniger deut- 244 Vgl. Der Kopf eines Mannes (2001: 86, 92), Die widerspenstigen Zeugen (1999: 156). 245 Die widerspenstigen Zeugen (1999: 157). 246 „Mit dem armen Coméliau, der so lange sein persönlicher Feind gewesen war, hatte er sich jeweils eine offene Schlacht geliefert (…). Andere Richter zogen es vor, ihn nach Belieben verfahren zu lassen und geduldig abzuwarten, bis er ihnen eine vollständige Akte brachte und am besten obendrein das Geständnis eines Schuldigen.“ Die widerspenstigen Zeugen (1999: 159). 247 Eskin (1999: 143). 248 Innerhalb des hier untersuchten Textkorpus fällt der Roman Maigret und die widerspenstigen Zeugen in diese Kategorie. 249 „Wäre der Untersuchungsrichter nicht so aufdringlich gewesen, wüßte er jetzt wahrscheinlich mehr. Er hatte insbesondere den Eindruck, daß er Armand Lachaume zum Sprechen gebracht hätte, wenn er ihm eine Zeitlang auf den Zahn hätte fühlen können.“ Die widerspenstigen Zeugen (1999: 91). 250 Die widerspenstigen Zeugen (1999: 159). 167 2 Die literarische Maigret-Figur liche) Anweisungen seines Vorgesetzten, indem er so tut, als habe er sie nicht erhalten.251 Bisweilen beugt er sogar bestehendes Recht zugunsten einer Gerechtigkeit, die sich außerhalb des wirklichkeitsfernen Systems im wahren Leben auf natürliche Weise ereignet.252 »Ich werde in Paris erwartet«, sagte Maigret plötzlich und blieb stehen. Und während die drei Männer ihn noch anstarrten, (…) und kein Wort zu sprechen wagten, vergrub Maigret beide Hände tief in den Taschen seines Mantels. »Fünf Kinder sind in die Sache verwickelt…« Sie waren sich nicht sicher, richtig gehört zu haben (…). Und schon hatte er sich abgewandt, war nur noch sein breiter Rücken und sein schwarzer Mantel mit dem Samtkragen zu sehen.253 Was war das denn nun für ‚ne Bande? Anarchisten? Falschmünzer? Internationale Gangster?« »Dumme Jungen!« knurrte Maigret und warf das Köfferchen mit dem, was ein deutscher Fachmann in langen und gewissenhaften Ausführungen als Anzug B bezeichnet hatte, in den Wandschrank seines Büros. »Komm mit auf ein Bierchen, Lucas!«254 Zwar gipfelt der Konflikt Maigrets mit der gesellschaftlichen und politischen Obrigkeit nicht in einer Hinrichtung wie in der biblischen Schilderung bei Jesus von Nazareth, dennoch ist auch im fiktiven Universum die Gegensätzlichkeit der beiden miteinander in Widerstreit stehenden Grundanliegen deutlich: Die Erhaltung und Nichtveränderung eines bestehenden Bestrafungssystems gegen einen an individuellen Lebenssituationen angepassten und auf positive Veränderung hin ausgelegten mitmenschlichen Umgang mit Schuld. 2.4 Funktionsbezogene Beobachtungen zur Erlösungsdynamik bei Maigret Während das Verhalten Jesu von Nazareth offen legt, dass er so umfassend, vielfältig und andauernd wie nur möglich für die Rettung, Befreiung und Erlösung aller Menschen im Diesseits lebt und wirkt, muss dieses grundständige Sendungsbewusstsein bei Maigret fehlen. Alle Wunderheilungen, Dämonenaustreibungen und Totenerweckungen dienen Jesus zur Verdeutlichung seines göttlichen Auftrags und zur Betonung seiner Legitimation für dieses Handeln. Der wiederholte und immer wieder nachdrücklich betonte Verweis auf die Parallelität seines Handelns zum Willen Gottes soll den Zusammenhang zwischen konkret diesseitig erlebter Rettung oder Befreiung und der noch ausstehenden, zu glaubenden Vollendung der Erlösung des Menschen durch Gott am Ende der Zeit vorstellbar machen. Es ist eindeutig, dass sich jegliches diesseitige, auf Heilung, Rettung und Erlösung des Menschen bezogene Verhalten Jesu auf sein Sendungsbewusstsein und seinen Auftrag als Erlöser zurückführen lässt.255 Ein solches Sendungsbewusst- 251 „Maigret setzte sich mit der erloschenen Pfeife in der Hand und dem Gefühl, daß Richter Angelot sein Verhalten streng mißbilligt hätte.“ Die widerspenstigen Zeugen (1999: 128). 252 Merkmal 50 übertritt gesellschaftliche Klassengrenzen, Konventionen und Verhaltensregeln, 47 stellt religiöse Kategorien und moralische Wertmaßstäbe in Frage und Merkmal 51 übertritt das Gesetz. 253 Saint Pholien (1998: 173). 254 Saint Pholien (1998: 174). 255 Auch die Tatsache, dass Jesus von Nazareth sich selbst eben nicht als Messias bezeichnet oder die- 168 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? sein muss bei Maigret fehlen, denn er ist nicht als Erlöserfigur konzipiert, sondern als fiktiver Detektiv. All das, was bei Jesus von Nazareth zur Verdeutlichung seiner Botschaft, seines Auftrags als Erlöser und als Hinweis auf die verkündigte Vollendung der Erlösung des Menschen durch Gott zeichenhaft zu verorten ist, muss notwendigerweise in den nicht-religiös intendierten Unterhaltungsromanen wegfallen.256 Wenn sich eine (profane) Erlösungsdynamik dennoch finden lässt, ist sie demnach keinesfalls beabsichtigt, sondern ereignet sich quasi nebenbei, während eigentlich ein anderes Handlungsziel verfolgt wird. Aus diesem Grund kann auch beim Kommissar nicht von einer offiziell-staatlichen Legitimation für das Erlösungshandeln gesprochen werden,257 im Gegenteil: Häufig missachtet Maigret gerade dann die offiziellen Anforderungen und Pflichten seines Berufsstandes, wenn er einen Sachverhalt auf sich beruhen lässt, weil er außerhalb seines Zuständigkeitsbereichs aus privatem Interesse ermittelt hat, wenn er die Meldepflicht für ein Verbrechen ignoriert oder „vergisst“, belastende Unterlagen an die zuständigen offiziellen Stellen weiterzuleiten. So ist Maigret nicht nur offiziell nicht legitimiert für die in seinem Wirkungskreis auftretende Form von Erlösung, sondern meistens ist die Erlösungsdynamik, die sich durch seine Figur ereignet, durch den Grund ihres Zustandeskommens gekennzeichnet: Profane Erlösungsdynamik findet in den Maigret-Romanen dann statt, wenn der Kommissar aus seiner beruflichen Funktion als Detektiv herausfällt, die Legitimationen seiner Profession deutlich übertritt und aus Mitmenschlichkeit gewisse Vorschriften der geltenden Gesetzeslage ignoriert. 258 Wie jede andere Psychologie ist auch Maigrets Psychologie epistemologisch: Sie hat mit der wahren Kenntnis der Menschen zu tun, mit der Entdeckung der Substanz hinter dem äußeren Schein.259 Er sucht das »wahre Ich« hinter dem äußeren Schein und insbesondere in Maigret voyage bezeichnet er wie Simenon seine Nachforschungen als Suche nach »l’homme tout nu«, sen Anspruch durch Verwendung von derartigen Hoheitstiteln unterstreicht, spricht ebenfalls für sein Sendungsbewusstsein und das Vorhaben, den göttlichen Auftrag so umfassend wie möglich in die Tat umzusetzen. Jeder durch ihn selbst verwendete Titel oder ausgesprochene Messias- Anspruch hätte sofort kultische und politische Konsequenzen verursacht, die ein weiteres Wirken unmittelbar verunmöglicht hätten. Der beste Beweis dafür ist Jesu Einzug nach Jerusalem, der den für die Öffentlichkeit einzig sichtbaren, selbst inszenierten Hinweis für Jesu Eigenanspruch auf göttliche Sendung darstellt und infolge dessen die kultische Obrigkeit begann, ihr politisches Komplott zu schmieden, an dessen Ende Jesus als Staatsverbrecher gekreuzigt wird. Vgl. dazu Mt 21,1– 11; Mk 11,1–10; Lk 19,28–40; Joh 12,12–19. 256 Darunter fallen die Merkmale 35 heilt Kranke, 36 treibt Dämonen aus, 37 erweckt Tote zum Leben, 39 verkündigt eine Erlösungsbotschaft, 40 ist Erlöserfigur für alle (die wollen), die daher für die Maigret-Figur zu verneinen sind. 257 Merkmal 44 besitzt Legitimation zur Erlösungshandlung. 258 „Nicht nur, daß Maigret einen beharrlichen Guerillakrieg gegen die höheren Ränge führt, einen großen Teil seiner Zeit ist er in der Tat als Privatdetektiv tätig: zum einen formal, sobald er sich »dienstlich« außerhalb der Pariser Stadtgrenze befindet, was sehr oft der Fall ist, zum anderen, wenn er die offizielle Untersuchung ignoriert und parallel oder sogar ihr entgegen private Nachforschungen betreibt. (…) Die Romane, in denen Maigret wirklich Polizeibeamter ist und sich wie ein solcher verhält, sind selten.“ Eskin (1999: 409f). Vgl. Teil IV, Kap. 2.4.2. 259 Eskin (1999: 394). 169 2 Die literarische Maigret-Figur was in diesem Fall bedeutet, daß er hinter die Kulissen der reichen Müßiggänger schaut, um herauszufinden, was sie bewegt.260 Trotz aller Diversität seiner Konkretionen zeigt sich in den Maigrets der auktorial anvisierte homme nu durchgängig als punktuell in mindestens eine existentielle Problemsituation verstrickt, weil er seine persönliche Bestimmung – selbst verschuldet oder nicht – verfehlt hat. Der bloße Mensch zeigt sich gleichbleibend als verlorener und er lö sungsbedürftiger Mensch261, so dass jeglicher umstandsmildernde Umgang, der ihm außerhalb verurteilender und bewertender Systeme mit empathischer Zuwendung auf persönlicher Ebene entgegen gebracht wird, auf das erlösende Potential profaner Mitmenschlichkeit verweist. Gemäß den Begrenzungen auf das rein Diesseitige und sein fiktives Roman-Universum kann Maigret eben nicht universell-umfassend262 erlösen, sondern nur diesseitsbezogen aus einer punktuellen Problemsituation.263 Häufig wird die durch den Kommissar eingeleitete äußerliche Erleichterung der unerträglichen Situation begleitet durch eine psychologische Linderung von Wut, Verzweiflung oder persönlicher Existenzangst, die durch Maigrets Haltung den Schuldigen gegenüber in Gang gesetzt wird.264 Das passiert aber nicht immer, denn es gibt auch Fälle, in denen Verdächtige nur äußerlich-situativ befreit werden können, eine seelisch-innerliche Heilung aber nicht erreicht oder zumindest eingeleitet werden kann.265 Genauso können auch Verdächtige im rein psychologischen Sinne durch die Hilfe Maigrets partielle Erlösung auf der Ebene ihres Seelenfriedens erfahren, weil der Kommissar ihnen z. B. nach der Aufklärung eines Mordes eine Möglichkeit aufzeigt, unbelastet vom vergangenen Drama ein neues Leben aufzubauen.266 Je nach Komplexität des bearbeiteten Falles ergibt sich eine Erlösungs- 260 Eskin (1999: 406). 261 Auf diese Tatsache geht auch die missverständliche Aussage zurück, die Maigret-Romane gingen immer schlecht aus, vgl. Rückseiten-Kommentar von Georg Hensel/Frankfurter Allgemeine Zeitung auf Simenon, Georges (2000): Maigret und der Spitzel. Zürich: Diogenes Verlag: „Wichtig war nicht Simenons Verständnis für Probleme, sondern für Menschen, die unfähig sind, ihre Probleme zu lösen. Simenons erstaunlicher Welterfolg ist der erstaunliche Welterfolg des Unhappy-End.“ 262 Merkmal 38 erlöst aus einer konkreten Problemsituation (punktuell) und Merkmal 43 erlöst diesseitsbezogen. 263 Zu den Grundsituationen, aus denen erlöst werden kann vgl den Folgeteil zur profanen Erlösungsdynamik in den Maigret-Romanen. Hier sei als Beispiel genannt: Die Angst, nach knapp zehn Jahren durchlittener Mitschuld doch noch gesetzlich zur Verantwortung gezogen zu werden und so den Rest des Lebens auch noch zu verlieren, der einem geblieben ist von der Bedrohung, ins Gefängnis zu müssen oder aus der verzweifelten Wut darüber, von einem Mitwisser mutwillig ins Elend getrieben zu werden. Vgl. Saint-Pholien (1998: 149, 170). 264 Merkmal 42 erlöst im psychologischen Sinn (seelisch-innerliche Geisteshaltung). 265 Merkmal 41 befreit äußerlich-situativ. Als Beispiel dafür kann die Figur des Joseph Heurtin in Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes dienen, dem zu Beginn von Maigret höchstpersönlich zur Flucht aus dem Hochsicherheitsgefängnis verholfen und der am Ende des Romans vom Vorwurf des kaltblütigen, vorsätzlichen Mordes freigesprochen wird, dessen seelische Verfassung aber durch den geistigen Missbrauch vom eigentlichen Täter so in Mitleidenschaft gezogen ist, dass sie im Romanverlauf nicht heilen kann: „Der Junge lehnte in einer sonderbaren Haltung an der Mauer, und man mußte schon sehr genau hinsehen, um zu erkennen, daß er sich an einem Nagel aufgehängt hatte.“ Der Kopf eines Mannes (2001: 107). 266 Merkmal 34 ermöglicht einen Neuanfang. In Maigret und der geheimnisvolle Kapitän beispielsweise erschießt sich Bürgermeister Grandmaison, sobald ihm klar wird, dass seine Beweggründe für das 170 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? dynamik, die mal eine einzelne Figur, mal mehrere in den Fall verwickelte Verdächtige betrifft. Die Funktion der Figuren im Roman ist dafür nebensächlich, einzige Voraussetzung für das Greifen der Erlösungsdynamik im Umfeld Maigrets ist die individuelle Einsicht in die eigene Schuldhaftig- und Erlösungsbedürftigkeit. Soweit beides beim Täter vorhanden ist, kann zumindest mit einer seelisch-innerlichen Erlösung im psychologischen Sinn auch bei ihm durch Maigrets Umgang mit ihm am Handlungsende gerechnet werden, selbst wenn sie einem klassischen Happy End nicht entspricht. Handeln an seinem Cousin, seiner Frau und für den Mord an Kapitän Joris für Maigret nicht länger ein Geheimnis sind. Der Kommissar unterschlägt im Anschluss an die restlose Klärung aller Hintergründe mit den Beteiligten, Madame Grandmaison und dem Cousin, gegenüber der lokalen Öffentlichkeit die frappierenden Details, welche den beiden verbleibenden Verwandten einen unbelasteten Neuanfang verunmöglichen würden und lässt auch die strafrechtliche Verfolgung eines Jahre zurückliegenden Diebstahls des Cousins ruhen. Vgl. Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 201–218). 171 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos 3.1 Die religiös-theologische Dimension 3.1.1 Buße, Vergebung und Neuanfang oder der Unterschied zwischen Schöpfer und Schicksalsflicker Der Adressat sowohl säkularer als auch sakraler Erlösungsdynamik ist der in der ἁμαρτία (Hamartia), der Zielverfehlung seines Lebens, der Sünde, gefangene Mensch. Profan ausgedrückt: Der Mensch, der von dem Weg abgekommen ist, der für ihn vorgesehen war, ist sowohl das Gegenüber Maigrets als auch das Gegenüber Jesu von Nazareth. Beide Erlöser, Schöpfer und Schicksalsflicker, gehen davon aus, dass der Mensch ein Schicksal hat, eine Bestimmung, die ihn erfüllt, wenn sie umgesetzt wird: Entweder als erfülltes Leben in harmonischer Gemeinschaft mit Gott oder (profan ausgedrückt) als Leben im Einklang mit sich selbst und seiner Umwelt. Man mag diese Überzeugung teilen oder nicht, beiden Erlöserkonzeptionen ist gemein, dass sie eine Tendenz beim Menschen konstatieren, gegen seine Bestimmung zu steuern und so sein Schicksal zu verfehlen und Dramen zu provozieren. Biblisch findet sich dafür eines der anschaulichsten Beispiele im Gleichnis vom verlorenen Sohn.1 Deshalb wenden sich beide, Schöpfer und Schicksalsflicker, dem Gefallenen, dem Verirrten zu, indem sie in seinen Weg treten, das Weitergehen auf dem eingeschlagenen Pfad versperren und das Individuum dazu nötigen, sich auf sich selbst zurückzubesinnen. Weder bei Maigret noch bei Jesus von Nazareth wird die betrachtete Schicksalsverfehlung durch Schönfärberei verharmlost oder heruntergespielt. Jesus sieht zwar den Menschen hinter allem, tief unter der Sünde, aber nicht über die Sünde hinweg. Auch Maigret verschließt die Augen nicht vor den unschönen Details der Wahrheit. Gerade weil die Verfehlung so genau wahrgenommen und als lebensbedrohlich enttarnt wird, muss Vergebung stattfinden, um eine Situationsveränderung und Neuorientierung zu ermöglichen. Theologisch betrachtet tritt Gott dafür (in Jesus) in die Zeit und Bestimmung des Menschen hinein, damit dieser zur Besinnung kommt, eine Kehrtwende in seinem Verhalten einschlägt und Buße tut. Buße bedeutet theologisch, sich seiner Verlorenheit, Schuld und Sündhaftigkeit bewusst zu werden, sich ihnen zu stellen und sie zu akzeptieren, um sie bereuen, für sie um Vergebung bitten und danach eine andere Richtung einschlagen zu können.2 Auch die Richtung, die der büßende Mensch nach seiner Katharsis im diesseitigen Leben zu seinem eigenen Besten einschlagen soll, wird an Jesu eigenem Lebensvollzug verdeutlicht.3 1 Vgl. dazu Lk 15,11–32. 2 Vgl. das Konzept der μετανοία als Umkehr, Sich Abwenden vom Bösen, Neu anfangen bzw. die Richtung ändern. Z. B. bei Klauck (1996: 42), erläutert in Teil II, Kap. 2.1.7. 3 Vgl. Lk 10,27f.: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst. Er aber sprach zu ihm: (…) tu das, so wirst du leben.“ (Rev. Lutherbibel 1984). Oder Joh 13,34: „Ein neues Gebot 172 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Im übertragenen Sinn beinhaltet die profane Seite der Buße nichts anderes als, genau wie in der christlichen Buße gefordert, sich auf sich selbst zu besinnen und darüber nachzudenken, was konkret mit einem selbst nicht in Ordnung ist. Genau an dieser Stelle liegt der Ansatzpunkt Maigrets, der sich auf die Spur der menschlichen Verfehlungen begibt, die Verzweiflung und Unstimmigkeiten innerhalb eines Schicksals sucht, weil seine professionelle Aufgabe ebendies zur Klärung der Wahrheit erfordert. Die Art, dies zu tun, nämlich indem er sich völlig und ausschließlich auf eine Person konzentriert, sich in ihr Leben und Schicksal versenkt, um zu erforschen, was mit ihr an welcher Stelle nicht in Ordnung ist, verdeutlicht im Grunde die diesseitig-säkulare Komponente, die während eines Bußgangs innerlich beim Umkehrwilligen abläuft. Maigrets Nachdrücklichkeit zwingt den potentiellen (und impliziten) Leser als Mitläufer durch die Bindung an ihn förmlich dazu, einer solch rückwärts gewandten Innensicht des Schuldigen zu folgen und so den für den Betroffenen notwendigen Bußweg mitzugehen. Dadurch kann detailliert nachvollzogen werden, an welcher Stelle die persönliche Schicksalsverfehlung liegt und welche Art von Kurswechsel nötig wäre, um wieder in Einklang mit der eigenen Bestimmung zu stehen bzw. um anders oder besser weiterleben zu können. So lässt sich Maigrets Schicksalsflickerei als profaner Bußruf sogar in doppelter Hinsicht betrachten, durch welche die Einsicht in die Notwendigkeit eines Kurswechsels herbeigeführt wird: Zum einen als Bußruf für den impliziten Leser des Romans, der mit Maigret zusammen der Spur der Wahrheit folgt und so unweigerlich auf die Einsicht in die notwendige Umkehr trifft. Zum anderen wandelt sich Maigrets Wahrheitssuche auch für den jeweils betroffenen Schuldigen im fiktiven Romanuniversum zum säkularen Bußruf, was sich literarisch an der Reaktion der Täter ablesen lässt, die in der Regel aufrichtige Reue über ihre Tat zeigen, sobald Maigret in der letzten großen Begegnung mit ihnen gemeinsam alle Fakten und Hintergründe ans Tageslicht bringt. Der große Unterschied zwischen der christlichen und der profanen Konzeption von Buße, Umkehr und Neuanfang oder auch Katharsis liegt in der Ausdehnung des Wirkungsbereichs: Ausgehend von zugewandter Annahme des Gescheiterten ist es dem christlich geglaubten Schöpfer möglich, bei Rückbesinnung seines Geschöpfs auf dessen eigentliche Bestimmung (sichtbar durch das Bereuen der Sünde) nicht nur einem von Wertlosigkeit und Schuldgefühlen geprägten Dasein durch Vergebung überhaupt wieder einen lebenswerten Status zuzusprechen, der dem positiven Lebensgefühl von vor dem Scheitern in nichts nachsteht, sondern göttliche Vergebung und Annahme eröffnen darüber hinaus auch einen vollständigen Lebens-Neubeginn unter ausschließlich glücksfördernden Vorzeichen. Was aus christlicher Sicht in Jesus als Erlöser geschieht, ist keine Instandsetzung, keine Reparatur, sondern eine komplette Neuschöpfung seines Werks und bedeutet neues Leben.4 Schon im Alten Testament wird auf die Neuschöpfung Gottes in seinem Erlösungshandeln hingewiesen.5 Im Maigretschen Bild des Schicksalsflickers hat ausschließgebe ich euch, daß ihr einander liebt, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebt.“ (Rev. Elberfelder 1993). 4 Joh 11,25f.: „Jesus sprach (…): Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist; und jeder, der da lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben in Ewigkeit.“ (Elberfelder 2001). Weiter: 2. Kor 5,17: „Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (Rev. Elberfelder 1993). 5 Vgl. Hes 36,26: „Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will 173 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos lich der Schöpfer – Schneider oder Weber – als Urheber des Lebens-Gewebes die Kompetenz und Möglichkeit, aus demselben Material ein neues Schicksalsgewebe herzustellen, das durch nichts an das Alte, Kaputte, Gescheiterte erinnert. Nur er kann einen wahrhaftigen Neubeginn in einem neuen Leben ermöglichen, der durch keinerlei negative Wirkungen aus dem alten Leben eingeschränkt wird.6 Im Gegensatz dazu ist es dem Schicksalsflicker selbst nur bis zu einem bestimmten Grad der Verfehlung möglich, Instandsetzungsmaßnahmen vorzunehmen. Aufgrund der Begrenzung auf das rein menschlich Diesseitige kann der profane Schicksalsflicker kein neues Gewebe schaffen, kein grundständig neues Leben eröffnen. Seine Bemühungen stoßen dort an ihre Grenzen, wo das vorhandene Lebensgewebe durch Schicksalsverfehlung für die Existenz im Diesseits bereits unwiderruflich zerstört ist.7 Maigret kann weder schwere körperliche Krankheiten noch geistige Gebrechen heilen, geschweige denn Tote auferstehen lassen, wie es in den Evangelien von Jesus berichtet wird.8 Er kann zerstörte Vertrauensverhältnisse und zerbrochene Beziehungen nicht neu beleben. Das tut übrigens auch Jesus nicht. Was Maigret jedoch kann, ist um Verständnis ringen, nicht nur um das eigene, sondern durch sein Verhalten auch um das anderer. Wovon er durchgängig immer wieder Gebrauch macht, ist eine säkular interpretierte Version von Vergebung, die auf die christliche verweist. Sie befähigt das gefallene Gegenüber dazu, sich zumindest selbst wieder in die Augen zu schauen und eventuell einen Neubeginn im oder mit dem alten Leben zu wagen.9 So ist die Aufgabe der Simenonschen Konkretion des profanen Erlösers ähnlich derjenigen des christlichen Erlösers: den Menschen das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“ (Rev. Lutherbibel 1984). 6 Vgl. Jes 25,8: „Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichten abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen.“ (Rev. Lutherbibel 1984). Weiter: Offb 7,17: „denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen des lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“ (Rev. Lutherbibel 1984). 7 Wie z. B. bei der Figur des Jungen Joseph Heurtin in Der Kopf eines Mannes. 8 Der Gehalt der Totenerweckungsbegebenheiten wird theologisch durchaus kontrovers diskutiert. Die Grundopposition liegt in der Frage der Historizität des berichteten Geschehens, also in der Frage, ob Jesus von Nazareth zu Lebzeiten tatsächlich medizinischen Exitus in neues Leben umkehren konnte oder ob diese Berichte von Seiten der Evangelisten in übertragenem Sinn niedergeschrieben wurden. Unabhängig von der Frage der Historizität dieser Auferweckungsperikopen lässt sich daher aufgrund der vorhandenen theologischen Positionen für die Figur des Maigret eine Parallelisierung vornehmen, die die Fähigkeit des Tote-Auferstehen-Lassens im übertragenen Sinne thematisiert. Denn der Kommissar verhilft immer wieder schuldig gewordenen Persönlichkeiten zu einer Art Neubelebung ihres ausweglosen Daseins: Die Täter, die zunächst vom Kommissar verfolgt und festgenommen werden, fühlen sich paradoxerweise durch Maigrets respektvolles Verhalten und sein Verständnis für ihre Situation neu belebt, angenommen. Maigrets versöhnender Umgang mit ihnen löst die lebensnegierenden Konsequenzen, das Starre, Lähmende aus Angst und Schuld. Das führt sogar gelegentlich dazu, dass die gestellten und verurteilten Schuldigen Maigrets Besuch im Gefängnis erbitten. Liegt, theologisch betrachtet, der Hauptimpuls des Auferstehens in der Geste des Vergebens und Versöhnens, lässt sich diese Komponente auch auf das Handeln der Maigret-Figur übertragen. 9 Merkmal 16 symbolisiert Vergebung in auswegloser Schuldverstrickung wird hier vom Moralischen ins Pragmatische transferiert. Gestellte Mörder nicht als Abschaum zu betrachten und sie aufgrund der im Weiteren ausgeführten Haltung fernerhin als gleichwertige Menschen zu behandeln, wie es bei Kommissar Maigret durchgängig der Fall ist, lässt sich durchaus, aber nicht ganz 174 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? wahrhaftiges Leben zu ermöglichen.10 Nur der Zielrahmen beinhaltet unterschiedliche Ausmaße. Dem christlichen Verständnis nach geht es dabei um ewiges Leben, das neben der quantitativen Ausdehnung vor allem eine qualitative Aussage und nicht ausschließlich eine zeitliche Dauer beinhaltet, das jedoch chronologisch betrachtet im Glauben bereits im Diesseits beginnt. Aus säkularer Sicht kann es beim Aufgabenbereich des profanen Erlösers nur um die qualitativen Aspekte diesseitigen Lebens gehen, die umso lebenswerter ausfallen, je intensiver der Mensch mit sich selbst, seiner Umwelt und seinem Schicksal in Einklang steht. Die Sinnsuche wird unter der Voraussetzung des Ausschlusses einer religiösen Lösung notwendigerweise zu einem existentialistischen Umgang mit der Sinnlosigkeit des Leidens am Leben und an sich selbst.11 Der Schlüssel für den individuellen Zugang zum Ziel dennoch wahrhaftigen Lebens liegt bei beiden Sichtweisen zunächst in der Akzeptanz des persönlichen Scheiterns an ihm. Die Erkenntnis des status quo, sich aufgrund der eigenen Fehler- oder Schuldhaftigkeit eher weiter vom Ziel eines wahrhaft glücklichen Lebens zu entfernen, als ihm näher zu kommen, kann der Mensch – sei er nun theologisch oder säkular betrachtet – erst dann offen zulassen, wenn er sich in einer dafür nicht bedrohlichen Situation wiederfindet. Einsicht und Neuorientierung in der Krise werden erst dann möglich, wenn sicher zu sein scheint, dass das Eingestehen von Schuld und das Betrachten aller zur Tat führenden Fakten und Hintergründe nicht zu einer unmittelbaren Verschlimmerung der Situation führen. Beide Vertreter der Topos-Kategorie als Erlöserfiguren, die christliche wie die profane, zeigen in ihrem direkten Verhalten Schuldigen bzw. Sündern gegenüber eine Haltung, die geprägt ist von verstehen-wollendem Interesse an der Person hinter der Tat, ohne beim Betrachten der ans Tageslicht gebrachten ganzen Wahrheit sofort auf irgendeine Art zu be- oder verurteilen. Es ist diese Haltung, die christlich als Vergebung bezeichnet wird, wenn eine Begegnung stattfindet, in der ein schuldig Gewordener nicht aufgrund seiner Tat verworfen und verurteilt, sondern aufgrund des Verständnisses der Tathintergründe trotz seiner Schuld als werthafter Mensch angenommen und respektiert wird.12 Vergebung überbrückt die durch Schuld entstehende, aus eigener Kraft nicht zu überwindende Distanz zwischen zwei Gegenübern. Der Unterschied zwischen göttlicher und säkularer Vergebung liegt im Ausgangspunkt des Verhältnisses der Gegenüber: Während bei der göttlichen Vergebung eine intakte Beziehung zwischen sündhaftem Menschen und sündlosem Gott das Ziel göttlichen Handelns als Basis für das ewige Leben beinhaltet, liegt das Hauptaugenmerk bei der vom schuldigen Menschen ausgehenden säkulaohne Erklärung, als säkulare Interpretation von Vergebung in auswegloser Schuldverstrickung betrachten. 10 Joh 12,49f.: „der Vater, der mich gesandt hat, der hat mir ein Gebot gegeben, was ich tun und reden soll. Und ich weiß: sein Gebot ist das ewige Leben.“ (Rev. Lutherbibel 1984). 11 „Die Hintergrundsideologie des Existenzialismus präsentiert sich bei Simenon ohne Schnörkel und heideggerisierenden Überbau (…).“ von Festenberg, Nikolaus/Der Spiegel, Hamburg, in: Der geheimnisvolle Kapitän (2005: Umschlagrückseite). 12 In diesem Zusammenhang ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass bei dieser Aussage nur von der Art von Schuldigen ausgegangen wird, die im Maigret-Universum als intendierte Täter geschildert werden: „Menschen wie Sie und ich, die eines schönen Tages töten, ohne daß sie darauf vorbereitet gewesen wären.“ (Maigrets Memoiren (1978: 18)). Der Umgang Maigrets mit Pädophilen, Sexualstraftätern oder Päderasten wie sie die heutige Gefängnisarbeit als größten Bereich ihrer täglichen Aufgaben kennt, wird in der fiktiven Realität ausgeblendet. 175 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos ren Vergebung darauf, Menschen miteinander zu versöhnen, die alle in gleichem Maße aneinander schuldig sind und werden, um ein glücklich(er)es Leben im Diesseits zu ermöglichen.13 Lebenseröffnende Vergebung, die nur auf der Basis aufrichtiger Reue überhaupt erfolgen kann, wird so aber im säkularen Fall nicht deshalb überflüssig, weil alle Menschen gleichermaßen schuldig sind oder werden, sondern im Gegenteil deshalb gerade notwendig, weil die Konsequenz des Scheiterns aneinander und an sich selbst in jedem einzelnen Fall Wunden in das gesamte menschliche Zusammenleben schlagen, die ohne Vergebung unüberbrückbar würden und wahrhafte Beziehungen verunmöglichten.14 Göttliche Vergebung geht unbestreitbar weit über ihren säkularen Anteil hinaus, der für den schuldhaften Menschen diesseitig erfahrbar wird, aber er schließt ihn dennoch ein. Der profane Anteil christlich-religiöser Vergebung verdeutlicht daher umso mehr, wie sehr der Mensch – nicht nur als Geschöpf, sondern auch als gleichberechtigt Existierender – sogar unter hypothetischem Ausschluss weitergehender religiöser Vergebung schon allein auf ihren rein säkularen Teil und dessen praktische Auswirkungen angewiesen ist, um in Frieden mit anderen Menschen (weiter) zu leben.15 Wenn also, auf Maigret bezogen, von Vergebung gesprochen werden soll16, muss das in einer Weise geschehen, die ganz pragmatisch auf eine diesseitige Instandsetzung menschlicher Beziehungsfähigkeit hin ausgerichtet ist, auf ein Verhalten, das ohne die tatsächliche Schuld eines Gescheiterten zu leugnen, ihm gleichzeitig eine Möglichkeit anbietet, werthaften Status innerhalb eines gesellschaftlichen Umfeldes zu behalten bzw. sich dessen neu bewusst zu werden und die durch die Tat entstandene Distanz zur menschlichen Gemeinschaft zumindest teilweise zu überbrücken, wenn das gewünscht wird. Innerhalb der Maigret-Romane findet sich dieser Ansatz in der Darstellung des Verhaltens von Maigret. Häufig wird in der Situation der großen Endbegegnung zwischen ihm und den Tätern eine Atmosphäre verbindender Gleichberechtigung zwischen dem Kommissar und den von ihm Gestellten geschildert, die auf Maigrets unprätentiöses Verhalten zurückzuführen ist.17 Maigret konzentriert sich im auktorialen Zielpunkt der einen umfassend wahrhaftigen Begegnung mit dem Schuldigen zur Motivationsklärung des Mordes auf die Fakten, Hintergründe und Umstände der Lebenssituation des Täters, 13 Auch sind natürlich der menschlich-diesseitigen Fähigkeit, die Motive und Hintergründe einer Tat zu verstehen, deutlich engere Grenzen gesetzt als einem Gott, der in der Lage ist, seine Feinde zu lieben. In Bezug auf die Definition von vergebender Haltung, die auf dem Verstehenwollen des Gegenübers basiert, liegt hier der Hauptunterschied zwischen göttlicher und menschlicher Vergebungsfähigkeit außerhalb eines fiktiven Universums. Für die vorliegende Untersuchung ist es jedoch wichtig, sich auf die fiktive Maigret-Realität zu begrenzen. 14 Zur psychologischen Bedeutung von Vergebung vgl. Renz (2008: 79, 90, 140f., 259). Hier wird von Verzeihen auch im Kontext des Willens zum Verzeihen gesprochen. 15 Oder zu sterben. Vgl. Renz (2008: 90). 16 , um die Brücke zurück zu Merkmal 16 symbolisiert Vergebung in auswegloser Schuldverstrickung zu schlagen, 17 Vgl. Pietr der Lette (1999: 167): „Zwischen seinem Begleiter und ihm herrschte für einige Minuten die Vertrautheit einer Stubengemeinschaft. Sie kleideten sich voreinander aus.“ Weiter: Pietr der Lette (1999: 170): „Sie hatten alles Wachsame, Kasernenhafte aufgegeben und legten jene Lässigkeit an den Tag, die es nur zwischen Menschen gibt, für die soziale Gegebenheiten gegenwärtig nicht zählen.“ Und: Pietr der Lette (1999: 185): „Reichen Sie mir die Flasche, Mann!…« Und in diesem ›Mann‹ lag eine kameradschaftliche Zuneigung.“ 176 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? ohne während des Gesprächs (das einer Beichte ähnlich geschildert wird) moralische Positionen ein- oder Schuldzuweisungen vorzunehmen.18 Selbstverständlich sind dieser säkularen Version von Vergebung wesentlich engere Grenzen gesetzt als der religiösen Definition. Auch bleibt sie profan völlig unberührt von dogmatisch-moralischen Fragen und Gefühlen, die gerade bei selbstverschuldetem Scheitern für eklatanten Leidensdruck sorgen. Dennoch bleibt die erfahrbare Kraft der Konsequenz von Vergebung diesseitig schon in der rein profanen Dimension unvermindert spürbar. Literarisch wird das allerdings eher auf indirekte Weise geschildert, was zur diskreten Seite Maigrets passt.19 Und während die drei Männer ihn noch anstarrten, unsicher, ob sie sich über diese Feststellung freuen oder alle Hoffnung aufgeben sollten, und kein Wort zu sprechen wagten, vergrub Maigret beide Hände tief in den Taschen seines Mantels. »Fünf Kinder sind in die Sache verwickelt…« Sie waren nicht sicher, richtig gehört zu haben, denn der Kommissar hatte die Worte so undeutlich wie im Selbstgespräch gemurmelt. Und schon hatte er sich abgewandt, war nur noch sein breiter Rücken und sein schwarzer Mantel mit dem Samtkragen zu sehen. »Eins in der Rue Picpus, drei in der Rue Hors-Château, eins in Reims…«20 Eine weitere Konsequenz der konstitutiven Begrenzung eines Schicksalsflickers auf die Möglichkeiten des Diesseits im Gegensatz zu den Optionen eines Schöpfers beinhaltet die Akzeptanz der Tatsache, dass die Konkretion eines profanen Erlösers nicht in der Lage ist, die letztgültigen Negativ-Konsequenzen diesseitiger Zerstörung und Verfehlung wieder zum Guten zu wenden. Ebenso unwiderruflich gehören damit auch der verantwortungsvolle Umgang mit dieser Begrenzung und das Wissen um die diesbezüglichen Konsequenzen zu den Aufgaben eines profanen Erlösers.21 Literarisch finden sich in den Maigrets die Hinweise auf das Wissen um diese Verantwortung und den Respekt vor der eigenen Begrenzung in der Beschreibung der erdrückenden Last polizeilicher Ermittlungen, sowie in verschiedenen Erwähnungen, in denen Maigret trotz professionell erfolgreich abgeschlossener Fallakte sich des Gefühls von persönlichem Versagen nicht erwehren kann.22 18 „Hast Du den Passepartout noch, den du im Flur hast mitgehen lassen? Gib ihn mir!« Er reichte ihn Maigret über den Tisch. »Ist die Torte gut?« »Ja - «, sagte Alain mit vollem Mund.“ Maigrets Revolver (2006: 191). 19 Vgl. Der Kopf eines Mannes (2001: 182), Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 216–218). 20 Saint-Pholien (1998: 173). 21 „Der Arzt traf ein. Er war ein Freund der Familie. Entsetzt sah er auf den Leichnam. »Monsieur Grandmaison hat Selbstmord begangen«, sagte Maigret bestimmt. »Es ist an Ihnen, festzustellen, welcher Krankheit er erlegen ist. Sie verstehen mich?“ Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 205). 22 „Trotz seiner äußeren Ruhe war er nervös und plötzlich beunruhigt, als müsse er sich vorwerfen, eine zu schwere Verantwortung auf sich genommen zu haben. Als das Telefon in seinem Büro klingelte, stürzte er hinüber.“ Vor dem Schwurgericht (1979: 90). Vgl. weiter Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 206): „Maigret ging hinaus, stieg nachdenklich die Treppe hinab, durchquerte die Büros. Ihm war, als trüge er eine Last auf den Schultern, und Übelkeit stieg in ihm auf. Draußen atmete er tief ein, blieb eine Weile ohne Hut im Regen stehen, wie um sich zu erfrischen (…). Ein letzter Blick zu den Fenstern hinauf. (…) Ein Seufzer.“ (Ebd). 177 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos Am nächsten Abend wurde Fouad Ouéni zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, während Lina und Alvaredo (…) in ihren Alfa Romeo stiegen und mit unbekanntem Ziel davonfuhren. Maigret hörte nie wieder etwas von ihnen. »Ich habe versagt«, gestand er Dr. Pardon am Dienstag darauf, als er bei ihm zu Abend aß.23 Wenn profan verstandene Buße als Einsicht in die Notwendigkeit eines Lebenskurswechsels zum Werkzeug Maigrets gehört, bedeutet das in Konsequenz für den säkular motivierten Umgang mit den Gescheiterten, dass ein Schicksalsflicker durch profane Vergebung – verdeutlicht durch eine von Verstehen und Nicht-Urteilen geprägte Haltung – und mit einem unverstellten Blick auf den Ist-Zustand des verletzten Schicksals zwar auf einen positiven Situationsausgang hinarbeitet, aber eben mit zwei möglichen, gegensätzlichen Konfliktausgängen als letzter Konsequenz zu rechnen hat. »Sie haben mit meinen Kleidern meinen Revolver mitgenommen!« sagte Hans plötzlich unbeteiligt, emotionslos und schaute sich um. Maigret wurde dunkelrot. Er deutete linkisch auf das Bett, wo seiner lag. (…) Ihre Blicke kreuzten sich. Maigret hatte nicht den Mut, sich abzuwenden. Er erwartete einen Aufschub. (…) Es war noch ein bisschen Rum in der zweiten Flasche. Der Kommissar griff danach. (…) Oder tat er nur so, als trinke er? Er hielt den Atem an. Endlich ein Knall. Er leerte das Glas mit einem Zug.24 Ist das Schicksalsgewebe nur bis zu einem Grad verletzt, der eine Instandsetzung ermöglicht, bedeutet profane Erlösung, eine Möglichkeit zu eröffnen, sinnvoll oder in Übereinstimmung mit dem eigenen Schicksal weiterzuleben. Das wäre die säkulare Interpretation von μετανοία als Richtungsänderung, Umkehr, dem Sich-Abwenden vom Bisherigen bzw. eines Neuanfangs. Übersteigt jedoch das Maß der Schicksalsverletzung die Kompetenz des Instandsetzens, sind also die lebenszerstörenden Wirkungen der Verfehlungen bereits diesseitig irreparabel, muss ein profaner Erlöser – sofern er sich seiner Begrenzung bewusst ist und nicht als allmächtig parodiert wird – auch damit rechnen, dass der Gescheiterte die Option wählt, sich gegen sein Schicksal zu entscheiden und sein Leben zu beenden.25 So ergeben sich aus der konstitutiven Begrenzung des profanen Erlösers auf das Diesseitige zwei gegensätzliche, mögliche Konsequenzen profanen Erlösungshandelns: Auf der Basis der Tatsache, dass auch – für den gläubigen Christen zumindest vorläufig – zerstörende und lebenshinderliche Erfahrungen zum Leben in der Welt gehören und darüber hinaus Mitverantwortung dafür tragen, was die Persönlichkeit eines Menschen in jedem Augenblick seines Lebens ausmacht, auf dieser Basis bedeutet profane Erlösung im Diesseits nicht ausschließlich, Möglichkeiten aufzuzeigen, sinnvoll weiter zu leben, sondern kann auch die Option beinhalten, die Freiheit zuzugestehen, sich gegen ein Weiterleiden an untragbaren Umständen zu entscheiden.26 23 Der Fall Nahour (2007: 189). 24 Pietr der Lette (1999: 185f.). 25 Vgl. Maigrets Memoiren (1978: 121). 26 Eskin schreibt zu diesem Aspekt der Maigret-Figur: „Gut möglich, daß das Aufspüren eines Verbrechers eine Art Wettkampf ist, dann jedoch einer, dem er nicht viel Vergnügen abgewinnen kann, wie er einmal trübsinnig überlegt, während er einigen Boulespielern zusieht, die er um ihre Freude 178 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Zur Diesseitigkeit menschlichen Lebens gehört unwiderruflich die definitive Endlichkeit des Daseins, so dass der Tod als Begrenzung für diesseitiges Leben konstitutiv mit in Betracht gezogen werden muss. Auch wenn dieser zweite Ausgang der Bemühungen eines Schicksalsflickers nicht der intendierte und gewünschte ist, bleibt dennoch die Frage, wie Erlösung diesseitig aussieht, wenn sich herausstellt, dass man nicht nur an ein jenseitiges Leben nach dem Tod glauben kann, sondern sogar mit einer diesseitigen Hölle vor dem Tod zu rechnen hat. 3.1.2 Gesellschaftsutopie versus Neuschöpfung Der Begrenzung eines Schicksalsflickers entsprechend, ausschließlich im Diesseits arbeiten und handeln zu können, sind auch die Möglichkeiten Maigrets, einen neuen, lebensbejahenden Wirklichkeitsentwurf zu repräsentieren27, begrenzt bzw. keinesfalls derart umfassend wie die Aussicht auf eine komplette Neuschöpfung auf der Basis biblischer Aussagen verspricht.28 Dabei ist zu betonen, dass die biblisch beschriebene Vollendung des durch Vergebung und die Möglichkeit zur Umkehr eingeleiteten, göttlichen Erlösungshandelns am Menschen im christlichen Glauben mit der noch ausstehenden Parusie Christi verknüpft wird, so dass die christliche Hoffnung auf ein besseres Leben trotz Leiderfahrung29 hauptsächlich auf einen zukünftigen Zeitpunkt fixiert bleibt. Eine damit in Zusammenhang stehende, aber nicht durch das Handeln Christi zu rechtfertigende Konsequenz der auf die zukünftige Vollendung hin ausgerichteten christlichen Erlösungshoffnung ist die reell häufig anzutreffende Projektion allen erlösenden Handelns auf das Jenseits bzw. das damit in direktem Bezug stehende vernachlässigende Übersehen der im Diesseits beginnenden, partiellen Erlösungsansätze als profane Verweise auf die Realität christlicher Erlösung. Da die umfassend-universelle und für immer andauernde Erlösung der Menschen aus Schuld, Krankheit und Not, von Trauer, Leid und Tod nur in der Gegenwart Gottes vollständig Wirklichkeit werden kann, behält eine diesseitig partiell eintretende Heilung oder Erlösung aus Leid im christlichen Kontext zwar hinweisenden, aber doch immer vorläufigen Charakter ohne Garantieanspruch, was emotional dazu verführt, nur den vollendeten und irreversiblen Heilszustand als Erlösung gelten zu lassen. Denn auch die von Jesus Christus während seiner Existenz in Raum und Zeit sowohl körperlich als auch geistig-geistlich Geheilten und Erlösten sind inzwischen alle verstorben. Auf die Vollendung ihrer Erlösung warten bisher die Christen aller Generationen, tot wie lebendig. Allein die Hoffnung auf und der feste Glaube an die Vervollständigung christlicher Erlösung durch Christus bei seiner Parusie macht aus ihr eine umfassende, die Grenzen des menschlichen Daseins überschreitende. Da die Vollendung nach einem gelungenen Wurf beneidet: »Bei uns hingegen, wenn wir eine Untersuchung zu Ende bringen, dann bedeutet das für einen Menschen Gefängnis, manchmal Tod.“ Eskin (1999: 397). 27 Merkmal 26 repräsentiert einen neuen, lebensbejahenden Wirklichkeitsentwurf. 28 Offb 21,3–5: „Und ich hörte eine laute Stimme vom Thron her sagen: Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott. Und er wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der, welcher auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu.“ (Elberfelder 2001). 29 Merkmal 20 symbolisiert Hoffnung trotz Leiderfahrung. 179 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos christlicher Erlösung noch aussteht, bedarf also die christliche Definition von ganzheitlicher Erlösung noch ihrer Bestätigung durch das erwartete, letzte göttliche Eingreifen in die menschliche Existenz. Die Feststellung dieser Tatsache wird im realen Glaubensvollzug leider häufig mit Unglauben gleichgesetzt. Möglicherweise rührt aus diesem Zusammenhang die Scheu etlicher gläubiger Christen vor einer Perspektive, die sich angstfrei, weil vom Glauben an die Vollendung getragen, auf die rein diesseitig erfahrbaren Auswirkungen der Guten Nachricht konzentriert, um deren, im Profanen einer partiellen Erlösung unleugbar vorhandenen, diesseitigen Verweisen auf göttliche Vollendung konkret auf die Spur zu kommen. Dass dabei die christliche Perspektive zunächst auf das begrenzt wird, was aus säkularer Sicht problemlos geteilt werden kann, bedeutet nicht, dass eine solche Haltung den christlich-dogmatischen Überbau leugnet oder ablehnt. Es bedeutet ganz pragmatisch, eine Arbeitshaltung einzunehmen, die sich auf die Vorstellungen und die Gedankenwelt der ursprünglichen Adressaten des Evangeliums zurückbesinnt und sie ernst nimmt, um auf diesem Weg herauszufinden, in welcher Weise christlicher Glaube im helfenden Handeln für sie aktuell erlösende Wirkung entfalten kann. Die in den Maigret-Romanen zu findende Dimension eines neuen, lebensbejahenden Wirklichkeitsentwurfs betont entsprechend ihrer säkularen Grundausrichtung nicht nur ebendiesen Aspekt der Vorläufigkeit aller diesseitigen Hoffnung, sondern schildert auch ganz konkret das Gesicht der verschiedenartigen, diesseitig sichtbaren Erlösungsvariationen, die aus christlicher Perspektive den unleugbaren Hinweischarakter auf ihre Vollendung enthalten und darüber hinaus zumindest die Sehnsucht nach vollständiger Erlösung anklingen lassen. Innerhalb der profanen Möglichkeiten eines Staatsangestellten, der sich der Wahrheit und der Menschlichkeit verpflichtet fühlt, muss Maigret als profaner Erlöser mit den Begrenzungen menschlichen Daseins und den Umständen unvollendeter Schicksale umgehen, ohne sie zu nivellieren. Dazu gehört auch, dass er sich ganz pragmatisch persönlicher und gesellschaftlicher Hoffnungslosigkeit sowie dem Umgang mit hoffnungslosen Fällen stellen muss. Dubois30 stellt in den Maigret-Romanen eine Gesellschaftsutopie fest, die sich um die Konzeption des Kommissars herum etabliert. Er beschreibt diese von Simenon durch das Verhalten Maigrets veranschaulichte Gesellschaftsutopie als Idealvorstellung funktionierender und harmonischer Alltäglichkeit. Er nennt sie „l’utopie de Maigret“31 und deutet sie als theoretisches Ideal einer Klassengesellschaft, deren unterschiedliche Gesellschaftsschichten sich gegenseitig akzeptieren und helfen, in der aber die Zugehörigkeitsgrenzen zwischen den gesellschaftlichen Ebenen respektiert werden und unpassierbar bleiben. Dieser Interpretationsansatz weist jeder gesellschaftlichen Ebene Aspekte und Besonderheiten zu, die einzigartig sind und aufgrund derer jeder Mensch mit dem Gesellschaftsstand zufrieden sein kann, dem er angehört. Abgesehen von dieser konkreten literaturwissenschaftlichen Interpretation als Maigretsche Gesellschaftsutopie, wird in den Maigret-Romanen jedoch im Gegensatz zum christlichen Erwartungshorizont eines neuen Lebens im Angesicht und in der Liebe Got- 30 Dubois (1992: 171–188). 31 Dubois (1992: 171). 180 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? tes kein neues, vollständig befreites Leben außerhalb eines menschlich etablierten Systems zur Identifikation und Wertbestimmung angeboten. Der Vorschlag, den das Maigret-Universum aus der Gesamtheit der Romane dem Leser unterbreitet, die tatsächliche Gesellschaftsfiktion also, bezieht sich auf erlösendes Verhalten innerhalb der Unmenschlichkeit diesseitiger Systeme, mit denen – theologisch gesprochen – bis zur erwarteten Vollendung christlicher Erlösung gearbeitet werden muss, und zwar ausschließlich darauf. Kommissar Maigret versucht zwar niemals, das Gesellschafts- oder Rechtsprechungssystem zu ändern, in dem er sich bewegt, selbst wenn er darin immer wieder an seine persönlichen Grenzen stößt. Aber dass er mit eben diesem ihn umgebenden System nicht zufrieden ist und es als unvollkommen erlebt und betrachtet, zeigt sich immer wieder dann im Text, wenn Maigrets Wahrheitsliebe mit bürokratischen Anforderungen kollidiert.32 Denn die Suche nach der Wahrheit ist in den Maigrets untrennbar mit der Wahrheit über den bloßen Menschen verknüpft. So lässt sich die von Dubois veranschlagte Basis für die Gesellschaftsutopie der Maigrets, nämlich die der absoluten Zufriedenheit mit der Art seiner eigenen Existenz, letztlich am Text nicht aufrechterhalten. Es gehört nicht nur zur Roman-Konzeption der Maigrets, sondern eben auch als Charaktermerkmal zur Figur des Kommissars, dass sowohl in seinem grundsätzlichen als auch in seinem Handeln dem individuellen Schuldigen gegenüber Werte wie Wahrheit und Gerechtigkeit eine stärkere Gewichtung erfahren als Gesetz und professionelle Pflichtausübung. Genau diese Charaktereigenschaft rückt ihn sehr zentral in den Topos des profanen Erlösers und überdies dicht an die Vorstellung eines christlichen Erlösers heran. Als Beleg dafür lässt sich anführen, dass Maigret immer wieder die rechtlich vorhandenen Hintertüren, Nischen und Grauzonen des etablierten Systems nutzt, um innerhalb dessen eine Schutzzone zu schaffen, die wie eine Luftblase unter Wasser Raum für freies Atmen auf der Suche nach und in der Begegnung mit den Gescheiterten bietet. Das zeigt beispielsweise ein Gesprächsauszug zwischen ihm und dem zuständigen Untersuchungsrichter Coméliau bezüglich der gewagten Aktion, einem zur Guillotine verurteilten Dreifachmörder zur Flucht aus dem Todestrakt zu verhelfen. Maigret ist von dessen Unschuld überzeugt, der Richter nicht: »Das sage ich Ihnen heute abend… Es ist alles in Ordnung, Monsieur Coméliau!« »Glauben Sie wirklich? Und wenn alle anderen Zeitungen diese Meldung übernehmen?« »Dann gibt’s einen Skandal.« »Na, sehen Sie!« »Ist der Kopf eines Mannes nicht einen Skandal wert?«33 32 „Bei anderen, strengeren Richtern hatte Maigret zuweilen vor Zorn und Ohnmacht die Fäuste geballt. Selbst heute war ihm bewußt, daß er von der Wirklichkeit nur ein schematisches, lebloses Bild entwarf. Alles, was er gesagt hatte, war wahr, aber er hatte das Gewicht der Dinge, ihre Dichte, ihr Beben, ihren Geruch nicht wahrnehmbar gemacht.“ Vor dem Schwurgericht (1979: 32). 33 Der Kopf eines Mannes (2001: 29f.). Hier riskiert der Kommissar seine Anstellung, weil er den Untersuchungsrichter davon überzeugt hat, einem (nach Maigrets Überzeugung fälschlicherweise) zum Tode verurteilten Gefangenen einen Fluchtplan zukommen zu lassen, um dem wahren Täter auf die Spur zu kommen. 181 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos In dieser Schutzblase verhält er sich den gestellten Verdächtigen34 gegenüber ähnlich, wie Jesus nach biblischer Schilderung während seines Wirkens in Raum und Zeit den Menschen entgegen tritt: Er ist überaus klar und deutlich, was die harten, lebenszerstörenden Fakten angeht, gleichzeitig aber auf persönlicher Ebene mitfühlend und verstehend. Er hält sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf, sondern formuliert gezielt auf die Offenlegung der Wahrheit. Er stellt sich nicht auf einen moralischen Sockel, bewertet oder verurteilt Einstellungen und vergangene Geschehnisse nicht, sondern er behandelt seine Gegenüber als ihm gleichwertig und lässt deren Wahrnehmung der Umstände und ihre Schilderung der Ereignisse als ernst zu nehmend in neutraler Weise bestehen. Und er leidet darunter, dass er die so gewonnenen Einsichten in die Wahrheit über die einzelnen Schuldigen dem Teil des Systems, für das er arbeitet, nicht ebenso verständlich machen kann wie sie ihm in der Begegnung mit den Tätern zuteil werden, obwohl es doch offiziell um nichts anderes als die Wahrheit geht. Das Schwurgericht hatte für ihn immer den mühseligsten und trübsten Teil seiner Tätigkeit dargestellt, und er spürte dort jedes Mal die gleiche Benommenheit. War da nicht alles verfälscht? Nicht durch die Schuld der Richter, der Geschworenen, der Zeugen, (…) sondern weil hier menschliche Wesen sich plötzlich auf wenige Sätze, ein paar Urteile reduziert sahen, wenn man so sagen darf.35 Nein, Maigret sagt nicht „deine Sünden sind dir vergeben“, aber er verzichtet explizit und unter allen Umständen darauf, eine (moralische) Schuldzuweisung außerhalb des Offensichtlichen vorzunehmen und betont dadurch den von der Tat unabhängigen Wert der Person. Maigret vergibt keine moralische oder ethische Schuld. Das steht ihm nach eigenem Ermessen überhaupt nicht zu.36 Da sitzt so einer vor mir und wirkt ganz normal. Ist ihm zuzutrauen, daß er einen Menschen umbringt? Verstehen Sie, was ich meine, Pardon? Zugegeben, es liegt nicht an mir zu entscheiden, ob er schuldig ist oder nicht. Das ist nicht Sache der Kriminalpolizei. Aber wir müssen uns zumindest fragen, ob es überhaupt möglich ist, daß… Und das kommt bereits einem Urteil gleich! Und das ist es, wovor mir graut! Hätte ich mir all das überlegt, als ich Polizist wurde, ich glaube, ich …37 Indem er jedoch die überführten schuldig Gewordenen nicht anders behandelt als die restlichen, offiziell gerade nicht zur Rechenschaft gezogenen, aber dennoch schuldig Gewordenen, stellt er die Ebenbürtigkeit aller Menschen heraus, von denen im Maig- 34 „Gestellte“ deshalb, weil es hier um die Begegnung zwischen Kommissar und Schuldigem geht, in der es häufig einer Beichte ähnlich um die Offenlegung aller Tatmotivationen und Hintergründe geht. Das Verhalten des Kommissars bis zu diesem Punkt ist vorwiegend geprägt vom Ziel, der Wahrheit so nah wie möglich zu kommen und weist deutlich strategischere Merkmale auf. In der End-Begegnung der Beichte bzw. dem letzten „Verhör“ zeigt Maigret wesentlich deutlicher diejenigen Verhaltensweisen, die dem Gestellen helfen, sein Gewissen zu erleichtern und die ganze Wahrheit zu offenbaren. 35 Vor dem Schwurgericht (1979: 68). 36 »Hältst du ihn für unzurechnungsfähig?« »Das haben die Richter zu entscheiden, nicht ich. Zum Glück!« Der Weinhändler (2006: 32). 37 Maigrets Geständnis (1982: 14f.). 182 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? ret-Universum keiner als unschuldig gezeichnet wird, auch der Kommissar nicht. Auch das grundsätzliche Gewahrsein eigener Schuldhaftigkeit, einer konstitutiven Komponente von Menschlichkeit im Diesseits, führt bei Maigret dazu, niemanden zu verurteilen, dessen Schuldigkeit lediglich offensichtlich geworden ist. Die Mitmenschlichkeit des Kommissars besteht zum einen darin, angesichts der unübersehbaren Schuld anderer die eigene Schuldhaftigkeit nicht herunterzuspielen, um sich so über den Fall seines Gegenübers selbst aufzuwerten, und zum anderen darin, dem an der eigenen Schuldhaftigkeit Gescheiterten dessen dennoch vorhandene Menschlichkeit dadurch wieder in Erinnerung zu rufen, dass Maigret ihm in verständnisvoller und ebenbürtiger Begegnung verdeutlicht, er besitze als gefasster Schuldiger nicht weniger persönlichen Wert als alle anderen.38 Die Basis für dieses Verhalten, die Akzeptanz der gleich gearteten Schuldhaftigkeit aller Menschen, ohne diese weiter in schlimmere oder weniger schlimme Unterkategorien einzuteilen und die Fähigkeit, ihnen dennoch unverminderten menschlichen Wert zuzusprechen, erinnert an die Haltung Christi, der keinen grundständigen Unterschied in der Behandlung einer Prostituierten und einem Rabbiner zeigte. Dennoch sind die Grenzen Maigretscher Zuspruchs-Optionen für die von ihm angesprochenen Gescheiterten im Vergleich mit den Möglichkeiten des christlichen Erlösers mehr als offensichtlich: Maigret kann weder neues Leben anbieten noch die Hoffnung auf eines nach dem Tod. Nicht einmal ein neues, möglicherweise verbessertes System kann er in Aussicht stellen, in dem die am bestehenden System Gescheiterten Zuflucht suchen könnten. Ausschließlich auf das Diesseitige zurückgeworfen, bleibt dem Kommissar nur der Freiraum im persönlichen Umgang mit den verfolgten Schuldigen. Interessant ist, dass die Konkretisierung dieses Freiraums bar jeglicher religiösen Intention gerade diejenigen Spezifika spiegelt, welche der christliche Glaube unter dem Begriff der Nächstenliebe subsumiert, der auf das biblisch geschilderte Verhalten Jesu zurückgeführt wird. 3.1.3 Die explizit religiöse Dimension Eine intentional christlich-religiöse Dimension der Maigret-Romane ist nicht vorhanden. Da die Maigrets in einem Kulturkreis entstanden sind, der vom christlichen Glauben geprägt ist, lässt sich zwar berechtigterweise nach unbeabsichtigten Implikationen oder profanen Reflexionen des christlichen Glaubens fahnden, diese jedoch als theologische oder religiöse Intention auszulegen, wäre unangemessen. Der Vergleich von Äpfeln mit Birnen stößt hier an eine seiner zu Beginn als gegeben akzeptierten Grenzen. Eine explizit für den säkularen Unterhaltungsbereich geschriebene Romanserie beschränkt sich fast zwangsläufig auf diejenigen Bereiche, über welche die Unterhaltung der impliziten Leser nachweisbar funktioniert. Eine explizit religi- öse Dimension, die sich mit den Spezifika eines in die Tat umgesetzten Glaubens beschäftigt, wie z. B. Merkmal 24 spricht Glauben zu oder Merkmal 25 vergibt Sünden, spräche für Intention und würde das literarische Ziel der Unterhaltungsfunktion abän- 38 Vgl. Der Weinhändler (2006: 192f.). 183 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos dern.39 Aus diesem Grund lassen sich Merkmale wie 8 lebt absolutes Gottvertrauen, ist gottesfürchtig im Grunde gar nicht beantworten. Über einen religiösen Lebensbereich des Kommissars – falls er einen hat – wird literarisch nichts ausgesagt. Am ehesten ließe sich aus der Gesamt-Konzeption Maigrets noch ableiten, dass das Fehlen jeglicher Aussagen oder Anspielungen auf diesen Bereich bedeutet, dass er in den Romanen nicht existiert. Ob das jedoch deswegen der Fall ist, weil Maigret als Persönlichkeit so konzipiert ist, dass er kein Interesse am christlichen Glauben hegt oder weil dieser Bereich dem Autor Simenon als für die Umsetzung des auktorialen Vorhabens der Suche nach dem bloßen Menschen ungeeignet erschien, lässt sich allein durch den Text nicht beantworten. Die einzigen textimmanenten Hinweise darauf, dass Maigret als Figur ohne Interesse am christlichen Glauben gemeint sein mag, finden sich im dem christlichen Glauben nahe stehenden, aber nicht mit ihm identischen Bereich institutionalisierter Religion, welche ausschließlich etwas ausführlicher in Maigret vor dem Schwurgericht thematisiert werden.40 In diesem Maigret-Roman finden sich Vergleiche, welche die Räumlichkeiten institutionalisierter Justiz und deren Atmosphäre zu Beschreibungen kirchlicher Örtlichkeiten und Rituale parallelisieren.41 Als durchgängig vorhandene Charakteristika dieser Beschreibungen fallen die Wirklichkeitsferne beider in Bezug zueinander gesetzter Institutionen auf sowie die darin vorherrschende Absenz menschlicher Verbundenheit.42 Präsident Bernerie und Maigret kannten sich auch, (…) es war heute das dreißigste Verhör, dem der eine den anderen unterzog. Doch davon war nichts zu spüren. Jeder spielte seine Rolle, als hätten sie sich nie gekannt, als seien sie Offizianten einer Zeremonie, die so alt und rituell war wie die Messe.43 Funktion dieser Parallelisierung ist, das Unbehagen Maigrets gegenüber dem gesellschaftlich etablierten Rechtsprechungssystem zu verdeutlichen. Auf der Basis dieser zwar etwas weiter gefassten, aber doch textimmanent vorhandenen Bezüge lässt sich in Verbindung mit der säkular häufig begegnenden Gleichsetzung von Kirche als Einrichtung und per- 39 Gerade deshalb ist so interessant, dass die literarische, rein säkulare Hauptintention, den Leser zu unterhalten, indem die Wahrheit über den gescheiterten Menschen gesucht wird, dennoch nicht ohne die diesseitigen Aspekte von Erlösung auskommt. 40 An dieser Stelle sei betont, dass diese Aussage für die Non-Maigrets nicht zwangsläufig ebenfalls zutrifft. Da diese Untersuchung sich jedoch ausschließlich mit den Maigret-Romanen beschäftigt, bleibt die Aussage für die Maigrets zutreffend. 41 „Es war wie in einer Sakristei. In seiner Kindheit (…) hatte Maigret die gleiche Beklommenheit empfunden (…). (…) Er kannte die Stimme (…) des pedantischsten und kleinlichsten aller Richter, der vielleicht aber auch am gewissenhaftesten und leidenschaftlichsten um die Auffindung der Wahrheit bemüht war. Er war mager und etwas kränklich, und (…) glich (…) einem Heiligen auf einem Kirchenfenster.“ Vor dem Schwurgericht (1979: 8). Ferner: „Durch die unerreichbaren Fenster, die so hoch angebracht waren, daß man sie mit Hilfe einer Schnur öffnen und schließen mußte, erblickte man ein Stück des farblosen Himmels, und das elektrische Licht modellierte Gesichter mit leeren Augen. Es war heiß, aber es hätte sich nicht gehört, seinen Mantel auszuziehen. Es gab Riten, auf die jeder (…) Rücksicht nahm (…).“ Vor dem Schwurgericht (1979: 9). 42 Vgl. Vor dem Schwurgericht (1979: 7). 43 Vor dem Schwurgericht (1979: 13). Zum Verständnis: Präsident Bernerie ist der Richter. 184 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? sönlichem Glauben für die Konzeption Maigrets mit gewisser Wahrscheinlichkeit wenigstens das Unbehagen der Figur auf den Bereich der christlichen Glaubens praxis übertragen, so dass die Figur des Kommissars bestenfalls als desinteressiert an einem christlichen Lebensvollzug zu charakterisieren wäre. In Verbindung mit seiner unverbrüchlichen Treue zur Wahrheit und seiner umfassenden freiwilligen Verpflichtung ihr gegenüber, lässt sich wiederum bei Maigret andererseits eine Art Glaube an gewisse Wertvorstellungen feststellen, die zu einem moralisch-ethischen Verhaltenscodex führen. Das den Gescheiterten gegenüber gezeigte, positive und lebensförderliche Verhalten basiert zwar nicht auf persönlichem Beziehungswillen wie bei Jesus, resultiert aber als Handlungsimperativ aus dem Festhalten an der Wahrheit seiner Überzeugungen. Aus diesem Blickwinkel lässt sich ein – zwar nicht christlich motivierter, aber zumindest – ethisch positiv einzustufender Glaube bei Maigret feststellen, den er zu hundert Prozent auslebt, ohne dass hierfür der christliche Glaube mit einer Konkretion des profanen Erlösers in Konkurrenz treten müsste. Das ethische Qualitätsniveau des Maigretschen Verhaltenscodex könnte jedoch – wiederum völlig unbeabsichtigt – im pragmatischen Bezug zum christlich-religiösen Denken eine explizit religiöse Dimension aufweisen, indem es durch seine Existenz unabhängig von einer christlichen Motivation die Notwendigkeit religiöser Grundmotivation für moralisches Verhalten in Frage stellt.44 Wenn es einem Nicht-Christen gelingt, christliche Nächstenliebe und Vergebung ohne religiöse Motivation auf einem derart hohen Niveau im alltäglichen Leben umzusetzen, inwieweit ist dann die religiöse Motivation für die Praktizierung eines christlichen Lebensstils, an dem man die Jünger Jesu erkennen soll, wirklich zwingend? Auf dem Hintergrund der neu aufgenommenen, gegenwärtigen Diskussion um die Realitätstauglichkeit45 und der Frage nach der Legitimation christlichen Glaubens innerhalb zeitgenössischer Lebenskonzepte46, sollte die gestellte Frage besser nicht als unwesentlich für die christliche Theologie unterschätzt werden. Bezüglich des Merkmals 47 stellt religiöse Kategorien und moralische Maßstäbe in Frage lässt sich also keine explizite Bezugnahme auf einen religiös motivierten Lebensstil bei Kommissar Maigret feststellen, zumal auch eine dezidierte Infragestellung theologisch gängiger Überzeugungen durch eine kontrovers-theologische Haltung bei ihm gänzlich fehlt. Der einzige Anklang daran, dass die Figur Maigrets durchaus für eine Infragestellung christlichen Lebensstils verwendet werden kann, liegt wiederum auf indirekte Weise in ihrem potentiellen Vorbildcharakter verborgen und bietet sowohl eine Herausforderung als auch eine Chance: die Chance für eine angstfreie, christliche Kontaktaufnahme mit betont nicht-religiösen Mitmenschen bietet über das Medium der Maigret-Romane die Möglichkeit der Wertschätzung eines säkular verantwortlichen Umgangs mit Schuld und der säkularen Umsetzung von Nächstenliebe als Mitmenschlichkeit. Die aufrichtige und freimütige Anerkennung eines ethisch hohen Verhaltens- und Umgangsniveaus im säkularen Bereich von Seiten christlich-theologisch Glaubender kann erst den Freiraum für eine wahrhaftige Begegnung beider Gegenüber eröffnen, in dem jenseits vorurteilsbehafteter Bilder vom Anderen tatsächliche Gemeinsamkeiten und auch Verschiedenheiten wahrgenommen werden können. 44 Merkmal 47 stellt religiöse Kategorien und moralische Wertmaßstäbe in Frage. 45 Vgl. Halbfas (2013b); Halbfas (2013a); Halbfas (2012); Steffensky (2006). 46 Vgl. Barth (2013). 185 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos Das Wahrnehmen säkular vorhandener Anknüpfungspunkte würde eine ähnliche Chance ermöglichen wie sie Paulus in Athen ergreift47, indem er angesichts eines Altars für einen unbekannten Gott einen direkten Bezug zur ihn fragenden Volksmenge herstellt: Männer von Athen, ich sehe, daß ihr den Göttern sehr ergeben seid. Denn als ich umherging und eure Heiligtümer betrachtete, fand ich auch einen Altar, an dem die Aufschrift war: Einem unbekannten Gott. Was ihr nun, ohne es zu kennen, verehrt, das verkündige ich euch.48 Die Herausforderung der Existenz eines säkular-ethischen Vorbildpotentials für eine christlich-religiös motivierte Verhaltensethik liegt darin, dass sie gefordert ist, unter Beweis zu stellen, dass die christliche Motivation für den verantwortlichen Umgang mit Schuld und für eine praktische Umsetzung der Nächstenliebe noch über das säkular Bekannte hinausgehen und auch aus profaner Perspektive als erstrebenswert anerkannt werden kann. 3.2 Die Grenzen der Persönlichkeits-Konzeption Maigrets 3.2.1 Die Grenzen der Geduld So eindeutig das Merkmal 10 handelt gewaltlos/bleibt friedfertig auf das Verhalten Jesu anzuwenden ist, so eindeutig ist es das auch für die Konzeption Maigrets. Beide Erlöserfiguren werden durchgängig als friedfertig, gesprächsbereit, verständnisvoll und aufrichtig interessiert an ihren jeweiligen Gegenübern geschildert. In Konfliktsituationen geht die aggressive Eröffnung in fast allen Fällen von den Erlösungsbedürftigen aus und nur selten wird es überhaupt für notwendig erachtet, tatsächlich selbst in die Defensive zu gehen. Einen Menschen, der aus freien Stücken sein Leben zum Wohl aller opfert, der sich nicht gegen falsche Verleumdungen wehrt, der bei seiner Verhaftung noch die körperlichen Verletzungen der gegnerischen Einsatztruppe heilt und der gleichzeitig seine eigenen Anhänger dazu aufruft, die Waffen schweigen zu lassen, nicht als gewaltlos und friedfertig zu bezeichnen, grenzte an Ignoranz. Dennoch bliebe das Bild unvollständig, überginge man die gelegentlich irritierenden Abweichungen von dieser grundsätzlichen Haltung, welche wiederum beide Erlöserfiguren betreffen. Da bereits hinreichend erläutert wurde, inwiefern die beiden Charaktere der Erlöserfiguren übereinstimmen, lässt sich darauf schließen, dass diese Abweichungen bei keinem von beiden die Grundeinstellung zum Menschen oder eine durchgängige Problemlösungsstrategie spiegeln, sondern Ausnahmesituationen darstellen, in denen die umfassende Menschlichkeit beider Persönlichkeiten nachvollziehbar wird. Im Fall des christlichen Erlösers wird das Bild des friedfertigen und gewaltlos handelnden Jesus durch die Schilderung der Tempelreinigung49 vervollständigt. Genauso spricht der sich verschärfende Ton der fortwähren- 47 Vgl. dazu Apg 17,16–34, als Paulus in Athen den Altar für einen unbekannten Gott entdeckt. 48 Apg 17,22f. (Elberfelder 2001). 49 Die Perikope der Tempelreinigung findet sich in Mt 21,12–17; Mk 11,15–19; Lk 19,45–48 und Joh 2,13–17. 186 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? den Auseinandersetzungen mit den Pharisäern und Schriftgelehrten nicht dafür, dass die Friedfertigkeit Jesu implizierte, verbalen Konfrontationen aus dem Weg zu gehen. Wehe aber euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr verschließt das Reich der Himmel vor den Menschen; denn ihr geht nicht hinein, und die, die hineingehen wollen, laßt ihr ‹auch› nicht hineingehen. Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr durchzieht das trockene ‹Land›, um einen Proselyten zu machen; und wenn er es geworden ist, so macht ihr ihn zu einem Sohn der Hölle, doppelt so schlimm wie ihr.50 Auch Maigret ist nicht gleichbleibend gutmütig und nachsichtig. Es gibt Grenzen, deren Überschreitung er persönlich nimmt, was ihn wirklichkeitsgetreuer erscheinen lässt und noch authentischer als Identifikationsfigur anbietet.51 Darüber hinaus ist er während der Untersuchungen seiner Fälle professionell dazu genötigt, sich gelegentlich mit deutlicher Machtausübung die Informationen zu beschaffen, die ihm bewusst vorenthalten werden, indem er z. B. droht, verhaftet, in Untersuchungshaft schmoren lässt oder mit anderen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln Druck ausübt.52 Interessant dabei ist, dass sich sowohl bei den Ausnahmesituationen für den christlichen als auch bei denen für Maigret als profanen Erlöser eine Gemeinsamkeit feststellen lässt: Nur zur Verteidigung des großen Ziels, an das der jeweilige Erlöser glaubt, wird notfalls gegen die grundsätzlich befürwortete Gewaltlosigkeit gehandelt. Wer sich Jesu Auftrag der Verbreitung des Erlösungswillens Gottes für die Erlösungsbedürftigen entgegenstellt oder das Bild des Gottes, den er verkündigt, dahingehend ins Negative verfälscht, dass sein Erlösungswille für den Menschen geschmälert wird, der zählt als eindeutig definierter Gegner nicht seiner selbst, sondern des göttlichen Auftrags, den er erfüllen will. So ist das ganz und gar nicht friedfertige Verhalten Jesu nicht als grundständige Gewaltbereitschaft gegen eine bestimmte Gesellschaftsgruppe, sondern vielmehr als Einsatz für seinen Auftrag zu deuten, der sogar über sein friedfertiges Wesen und seine persönlichen Charakterzüge hinausgeht. Nicht ganz so eindeutig, aber doch tendenziell erkennbar, weil durch professionelle Berufsausübung ein wenig ins Strategische verlagert, finden sich die Verhaltens-Ausnahmen für Maigret unter ganz bestimmten Umständen. Der Kommissar handelt nur in solchen Situationen derart untypisch, in denen er nicht nur bewusst und vorsätzlich, sondern auch gewaltsam daran gehindert wird, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, die für ihn als Person nicht nur oberstes Gebot und gleichsam Überzeugung bedeutet, sondern die gleichzeitig auch die einzige Möglichkeit für ihn als menschliche Figur darstellt, von der erdrückenden Last der Verantwortung befreit zu werden, die sein Beruf mit sich bringt. 50 Mt 23,13.15 (Elberfelder 2001). Vgl. weiter Mt 23,23: „Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr verzehntet die Minze und den Dill und den Kümmel und habt die wichtigeren Dinge des Gesetzes beiseite gelassen: das Recht und die Barmherzigkeit und den Glauben; diese hättet ihr tun und jene nicht lassen sollen.“ (Elberfelder 2001). 51 Vgl. Pietr der Lette (1999: 82, 87). 52 Vgl. Pietr der Lette (1999: 146): „Maigret spielte seine letzte Karte aus. »Man hat mir gemeldet, daß der Lette in Fécamp ist…« Dieses Mal saß der Schlag. Anna Gorskin zitterte.“ 187 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos 3.2.2 Die Legende einer Fiktion An ihre Grenzen bezüglich der grundsätzlichen Vergleichbarkeit beider Erlöser-Konzeptionen stößt diese Untersuchung bei der Betrachtung von Merkmal 6 bleibt geheimnisvoll/ein Rest Unbegreifliches bleibt. Im Unterschied zur Person des Jesus von Nazareth bleibt die Persönlichkeit Maigrets eine fiktive Figuren-Konzeption, die innerhalb eines Literaturgenres funktionieren soll, zu dessen Grundvoraussetzungen das Spiel mit dem Geheimnisvollen als konstitutiv zählt. Für das Leben und Handeln Jesu im Diesseits ist ein gewisses Maß an letztem Unbegreiflichen keine Voraussetzung für sein erfolgreiches Wirken. Auf die Figur Maigrets bezogen, ist für einen spannenden Unterhaltungsroman jedoch wesentlich, dass dem impliziten Leser gewisse Zusammenhänge verschleiert werden, damit ein intendiertes Erstaunen desselben bei der Auflösung des – wie auch immer gearteten – Geheimnisses am Ende des Handlungsverlaufs erzielt werden kann. Grundsätzlich folgt der implizite Leser beim Lesevorgang dem Protagonisten als angebotener Identifikationsfigur. Da im Sinne eines auktorialen Fair-plays zwar dem impliziten Leser alle zum umfassenden Verständnis der Handlung notwendigen Hinweise genauso zugänglich gemacht werden müssen wie dem Protagonisten,53 er aber dennoch am Ende überrascht werden soll, ist es in der konkreten Ausarbeitung des Romans unabdingbar, dass nicht alle gedanklichen Schlussfolgerungen des Detektivs dem impliziten Leser im Handlungsverlauf chronologisch mitgeteilt werden. Das Kommissar Maigret in diesem Fall umgebende Geheimnisvolle – was de facto nichts wahrhaft Geheimnisvolles an sich hat, sondern nur so erscheint – ist also nicht auf die Konzeption seiner Persönlichkeit als Figur zurückzuführen, sondern auf den technisch bedingten Spannungsaufbau der Erzählstruktur, die dem Rahmen der Maigrets als Kriminalromane zugrunde liegen. Für die Tatsache, dass die Figurenkonzeption Maigrets transzendente Merkmale eher ausschließt als begünstigt, spricht auch die literarisch wiederholte Betonung aller anderen, bodenständigen und menschlich nachvollziehbar geschilderten Charakteristika des Kommissars, der ja gerade deshalb überhaupt den literaturgeschichtlichen Wendepunkt in der Konzeption von Detektivfiguren markiert, die bis zu seinem Erscheinen die Rätselspannung der Erzählstruktur durch personale Charakterzüge unterstützten, die den Detektiv selbst als Figur im Phantastischen positionierten. Das Maigret umgebende, scheinbar Unbegreifliche lässt sich hingegen ausschließlich auf die Erzählstruktur des Romans zurückführen und ist deshalb nicht als zur Personen-Konzeption zugehörig zu betrachten.54 3.2.3 Der Beziehungswille zum Menschen Ein derart ausgeprägter Beziehungswille zum Menschen55 wie er sich in Jesus von Nazareth als personifizierter Ausdruck göttlicher Zugewandtheit zum Menschen zeigt, lässt 53 Nicht alle Kriminalromane können ein solches fair-play für sich beanspruchen. Zum fair-play vgl. Nusser (1992: 28). 54 Vgl. Eskin (1999: 154f.). 55 Merkmal 31 will Beziehung zu den Menschen. 188 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? sich in den Maigret-Romanen nicht finden. Auch der Wille, den Menschen nahe zu sein, indem er sein Leben vorbehaltlos mit ihnen teilt, jegliche Gemeinschaft mit ihnen pflegt, nicht nur als Ziel christlicher Erlösung, sondern auch als Weg dorthin für den Menschen, lässt sich so nicht einfach übertragen. Denn die Motivation für das Handeln beider Figuren zeigt sich als grundverschieden. Während in den Maigret-Romanen wiederkehrend die Priorität des Kommissars für das Eintauchen, Sich-Versenken in die jeweilige Privatsphäre und Lebensatmosphäre eines Opfers, eines Angehörigenkreises und mehrerer Verdächtiger begegnet, um für ein umfassendes Verständnis der Tatumstände genügend Kenntnis und Gespür für die Authentizität der widersprüchlichen Aussagen zu entwickeln, teilt Jesus von Nazareth als christlicher Erlöser sein Leben vollständig mit seinen Jüngern, damit sie die umfassende Wahrheit seiner eigenen Existenz verstehen und begreifen. Im Verlauf seiner kriminalpolizeilichen Ermittlungen stürzt sich Maigret kopfüber in das Leben der anderen. Dem Leser scheint es bisweilen, als vergesse der Kommissar dar- über gelegentlich seine eigene Existenz, was sich an den vielen von Maigret verpassten und ausgelassenen Mittags- und Abendmahlzeiten der Madame Maigret ablesen lässt, welche die Fixpunkte für den Rahmen seines eigenen Lebensrhythmus’ bedeuten. Maigret vernachlässigt sein eigenes Leben, um durch das restlose Eintauchen die Welt des Opfers und der Verdächtigen besser zu verstehen. In diesem Sinne will er den Verdächtigen nahe sein, ihnen auf diese Weise vor allem erst einmal nahe kommen, gibt dabei aber von sich selbst als Privatperson nichts preis. Die Beziehung, die der Kommissar zu den Verdächtigen tatsächlich sucht, entsteht aus einem anderen Grund und dementsprechend mit einem anderen Ziel, als diese Beziehung um ihrer selbst willen zu etablieren und zu erhalten. Wenn man also davon sprechen kann, dass Maigret die Beziehung zu den Verdächtigen und ihre Nähe sucht, muss diese Art der Beziehung eine völlig anders gelagerte sein als bei Jesus von Nazareth, obwohl der Pariser Polizist bereit ist, einen hohen Preis in die Nähe zum Verdächtigen zu investieren. 3.3 Die Beziehung Maigrets zu den Schuldigen Vielleicht wäre es übertrieben, zu behaupten, daß bei vielen Verhören herzliche Beziehungen zwischen der Polizei und demjenigen entstehen, den sie zu einem Geständnis bringen soll. Aber fast immer stellt sich, sofern es sich nicht gerade um einen üblen und brutalen Menschen handelt, eine gewisse Vertrautheit ein. Das hängt sicher damit zusammen, daß sich Polizist und Täter über Wochen, manchmal Monate miteinander beschäftigen.56 Der Adressatenkreis des hier zitierten Beziehungswillens des Kommissars bezieht sich auf den rein beruflichen Bereich und auch dort auf diejenigen Verdächtigten, die als harmlose Gewohnheits-Kleinkriminelle oder als Ausnahme-Täter gelten, wie vom Autor selbst festgelegt,57 so dass das kaum beschriebene Privatleben Maigrets wiederum außerhalb der Betrachtung bleibt. Das berufliche Verhalten Maigrets legt eine letztlich zu ihnen 56 Pietr der Lette (1999: 169). 57 Maigrets Memoiren (1978: 18). 189 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos intendierte Nähe des Kommissars zwar an, sorgt aber gleichzeitig dafür, dass die praktische Tragweite des beruflichen Miteinanders niemals über ein reines Verhältnis im Sinne des Sich-Zueinander-Verhaltens hinausgeht. Es geht dem Kommissar nicht darum, mit den Verdächtigen zusammenzuleben, um sein eigenes Leben mit ihnen zu teilen, sondern darum, in ihrer Nähe Kenntnisse zu erwerben, die ihm erlauben, für das jeweilige Leben der Verdächtigen authentisch Wahrscheinliches und unpassend Unmögliches als Tatmotiv auseinander zu halten. Auch wenn die gelegentlich so entstandene Beziehung dahin führen kann, dass Maigret am Ende den Täter im Gefängnis besucht oder ihm sogar während seiner Hinrichtung beisteht, lässt sich nicht leugnen, dass diese Beziehungen beruflich motivierte bleiben. Da in Maigrets Memoiren58 die Figur Maigrets eine bestimmte Art von Verbrechen als besonders außergewöhnliche Kategorie beschreibt, muss bezüglich der Beziehung des Kommissars zu den Schuldigen insgesamt zwischen der Beziehung zu den Tätern solcher unvermuteter Verbrechen und seiner Beziehung zu Gewohnheits-Tätern unterschieden werden. Gelegentlich wird innerhalb eines Romans der Haupthandlung mit komplexerer Motivationsstruktur eine derart alltägliche Untersuchung als Nebenhandlung an die Seite gestellt.59 3.3.1 Die Beziehung zu den beruflich Kriminellen60 Der Verhaltensbereich des Kommissars, in dem es um seine Beziehung zu den von ihm verfolgten Tätern, Verdächtigen oder Schuldigen geht, stellt eines der wichtigsten Betrachtungsgebiete für eine Analyse der Persönlichkeits-Konzeption Maigrets dar, wenn es um die Beantwortung der Frage geht, ob sich diese Figur als profaner Erlöser bezeichnen lässt oder nicht. Die Gegenüber, mit denen der Kommissar sowohl bei den beruflich Kriminellen als auch bei den Schuldigen außergewöhnlicher Fälle zu tun hat, lassen sich nach dem klassischen Muster des Detektivromans als die Feinde der Gesellschaft bezeichnen; sind sie doch unwiderruflich diejenigen, welche Ordnung, Recht und Ruhe stören und 58 Maigrets Memoiren (1978). 59 Im Textkorpus ist dies z. B. der Fall im Roman Die widerspenstigen Zeugen. Maigret äußert sich zum statistischen Verhältnis beider Phänomene folgendermaßen: „Die anderen sind, auch wenn sie die Romanschriftsteller und sogenannten Psychologen am meisten interessieren, doch eher selten und nehmen deshalb einen unbedeutenden Platz in unserem Arbeitspensum ein. Nun weiß aber das Publikum gerade über diesen Teil unserer Tätigkeit am besten Bescheid. Es sind vor allem diese Fälle, von denen Simenon berichtet hat und wohl auch in Zukunft berichten wird. Ich meine die Verbrechen, die unversehens in Milieus begangen werden, wo man sie am wenigsten erwartet hätte, und die wie das Ende eines langen und heimlichen Gärungsprozesses anmuten.“ Maigrets Memoiren (1978: 143). 60 Die Unterscheidung zwischen Personen, die aus finanzieller Motivation durch illegale Tätigkeiten wie z. B. Diebstahl, Einbrüche, Trickbetrug und ähnliches ihren Lebensunterhalt bestreiten (hier „berufliche Kriminelle“ oder „Berufsverbrecher“ genannt) und solchen Personen, die einer legalen Tätigkeit zur Finanzierung ihrer Existenz nachgehen, aber aus sozialen oder emotionalen Gründen kriminell werden (hier „Schuldige außergewöhnlicher Verbrechen“ genannt), geht zurück auf die Zuordnung der Personenkreise, die Simenon seinen Kommissar in Maigrets Memoiren (1978: 39) durchgängig treffen lässt: „Wir befassen uns schlicht und einfach mit Übeltätern jeder Kategorie (…).“ (Ebd.); vgl. auch die Zuordnung von Fällen zu Berufsverbrechen und „anderen Verbrechen“ in Maigrets Memoiren (1978: 138–147). 190 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? andere in ihrem verzweifelten Scheitern mit in den Abgrund reißen. Daher liegt aufgrund der Hypothese von Maigret als profanem Erlöser an dieser Stelle der Verweis auf die psychologische Komponente des jesuanischen Gebots der Feindesliebe nah. Was der christliche Erlöser in biblischer Schilderung verdeutlicht ist, dass das Gebot in Lk 6,2761 auf eine klare Unterscheidung von Person und Sache abzielt, bei welcher der persönliche Wert eines schuldigen Menschen – trotz lebensbedrohlicher Konsequenzen seines falschen Handelns oder seiner falschen Haltung für andere – von der Schuld unberührt bleibt. Feindesliebe meint anhand des Beispiels Jesu, die Sünde bzw. Schuld zu verurteilen, nicht aber den Sünder bzw. Schuldigen.62 Es geht psychologisch darum zu verstehen, dass Böses (personifiziert durch den Feind an sich)63 nicht mit Bösem vergolten, sondern nur durch Gutes überwunden werden kann.64 Überträgt man diesen Gehalt auf die zwischenmenschliche Beziehungsebene und dabei besonders auf einen pragmatischen Umgang mit Verfehlung und Schuld, geht es nach diesem Vorverständnis nicht um eine emotionale Beziehung im Sinne eines liebenden Gefühls, sondern um eine bewusst gefasste Haltung gegenüber einem Schuldigen, die diesem gestattet zu finden, was er zur Selbstannahme im Angesicht seiner eigenen Schuld überlebensnotwendig braucht, das wohlwollende Verstehen eines Dritten.65 Dieses Verständnis beinhaltet das Wissen sowohl um die eigene Schuldhaftigkeit als auch das Wissen darum, dass Bestrafung oder Verurteilen niemals wahrhaft Gutes generiert. Dieses Wissen ermöglicht letztlich erst lebensstiftende Vergebung. Die christlich geforderte Haltung der Feindesliebe ist letztlich ein Ausdruck des Guten, durch welches feindlich gesinnter Hass überhaupt überwunden werden kann.66 Auf der Basis von gewaltfreier Zugewandtheit, die emotionaler Aggression aufgrund persönlicher Ablehnung als treibender Kraft den Nährboden entzieht, stellt sie dem Feind in Aussicht, dass eine (liebevolle) Beziehung trotz Verfehlung und Schuld immer noch möglich sein kann.67 61 Lk 6,27f.: „Aber euch, die ihr hört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch fluchen; betet für die, die euch beleidigen!“ (Elberfelder 2001). Vgl. auch: Lk 6,35. 62 Wie sonst wäre er in der Lage, dem Knecht des Hohepriesters, der ihn im Garten Gethsemane festnimmt, dessen Ohr wieder anzusetzen und zu heilen, nachdem er denjenigen zurechtgewiesen hat, der es abschlug, um sich für Jesus einzusetzen und ihn zu schützen? Vgl. dazu: Mt 26,47–56; Mk 14,43–50; Lk 22,47–53; Joh 18,2–12. 63 Und welcher Feind wäre literarisch besser geeignet, um das Böse zu verkörpern als ein Mörder? 64 Vgl. Renz (2008: 247f.). 65 Zur Funktionalität des Dritten in Erlösungsdynamik aus psychologischer Sicht vgl. Renz (2008: 147– 150). 66 „Jesu Liebesprogramm des Nicht-Zurückschlagens ist vorerst tödlich (!). Als Dynamik formuliert, geht es hier um ein solches Ausmaß an Liebe, das selbst den Tod in Kauf nimmt, um einer Sache willen, um der Weitergabe von Leben willen.“ Renz (2008: 247). 67 Anselm Grün schreibt zum Zusammenhang von Kreuz und Vergebung: „Das Kreuz bewirkt nicht die Vergebung unserer Schuld, sondern es stellt sie sichtbar dar. Es vermittelt uns Gottes vergebende Liebe. (…) der Blick auf Jesus, der am Kreuz selbst seinen Mördern vergibt, [ist] hilfreich, um den Mechanismus des Sich-Entschuldigens und Sich-Beschuldigens aufzugeben und an die Vergebung zu glauben.“ Grün (2001: 183). Grundlage dieses Verständnisses ist ein gesellschaftspolitisches Verständnis des Kreuzestodes: „Jesu Blut ist Bild seiner Liebe. Jesus hält seine Liebe zu uns durch bis zu seinem Tod am Kreuz. Jesus hat den Tod nicht gesucht. Er hat einen barmherzigen Gott verkündet. (…) So wird Jesus zum Opfer, (…) reagiert nicht bitter auf das schuldhafte Verhalten derer, die ihn ans Kreuz bringen. Er läßt sich seine Liebe nicht durch die Bosheit von 191 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos Maigrets Verhältnis zu den professionellen Kleinkriminellen wird zunächst durch die Absenz jeglicher Affekte von Seiten des Kommissars beschrieben. Gern würde ich unsere Beziehungen zu dieser ›Kundschaft‹, auch zu den Individuen, die wir in regelmäßigen Abständen einbuchten, genauer beschreiben; doch das wird schwierig sein.68 Was ich jetzt, da ich dieses Thema behandle, bemerkenswert finde, ist das Band, das sich zwischen dem Polizisten und dem von ihm gehetzten Wild anknüpft. Vom Polizisten aus gesehen ist es, außer in ganz seltenen Fällen, völlig frei von Haß oder auch nur von Zorn. Auch frei von Mitleid oder zumindest dem, was man in der Regel darunter versteht. Unsere Beziehungen sind sozusagen strikt beruflich.69 Die berufliche Basis, auf der eine Begegnung mit Gewohnheits-Kleinkriminellen stattfindet, sorgt dafür, dass es nicht um eine persönliche Empfindung zum fast als Stammkunden betrachteten Täter geht, sondern um eine professionelle Einstellung. Es geht darum, sich auszukennen, verstehen zu lernen, um die richtigen beruflichen Schlüsse in einer Situation ziehen oder Schritte planen zu können.70 Die persönliche Haltung des Mitleids und Erbarmens, die sich bei Jesus von Nazareth seinen Mitmenschen gegenüber ausdrückt, wenn ihm Kranke und Hilfebedürftige entgegenkommen, lässt sich demnach nicht mit der beruflich bedingten Neugier Maigrets auf die von ihm Festzunehmenden übertragen. Obwohl der Kommissar von seiner Persönlichkeits-Struktur her als empathisch, verständnisvoll und mitfühlend konzipiert ist, muss also Merkmal 1 hat Mitleid, ist mitfühlend/empathisch für den alltäglichen Umgang mit gewohnheitsmäßigen Wiederholungstätern verneint werden. Ich habe gesagt, daß sich zwischen den Polizeibeamten und denen, die sie zu überwachen haben, allmählich wie von selbst eine vertrauliche Beziehung entwickelt.71 Was wir indessen empfinden und was Simenon auszudrücken versucht hat, ohne daß es ihm gelungen wäre, das ist ein gewisses Gefühl der Zusammengehörigkeit, so paradox dies auch scheinen mag. Man unterstelle mir nicht etwas, das ich nicht sage. Wir stehen diesseits und jenseits der Schranke, das steht fest. Aber wir sitzen auch bis zu einem gewissen Grad im gleichen Boot.72 Menschen nehmen (…) er steht zu der Verkündigung des barmherzigen und vergebenden Gottes.“ Grün (2001: 182f.). 68 Maigrets Memoiren (1978: 105). 69 Maigrets Memoiren (1978: 106). 70 „Manchen Schuldigen bekommt man erst nach Jahren zu fassen, bisweilen durch reinen Zufall. In allen oder fast allen Fällen ist das Verfahren das gleiche. Vor allem muß man sich auskennen. Sich auskennen im Milieu, in dem ein Verbrechen verübt worden ist. Sich auskennen in der Lebensweise, den Gewohnheiten, Sitten, Reaktionen der Beteiligten, der Opfer, Täter und gewöhnlichen Zeugen. Ihre Welt unbeirrt und festen Schrittes betreten und natürlich ihre Sprache sprechen.“ Maigrets Memoiren (1978: 165). 71 Maigrets Memoiren (1978: 115). 72 Maigrets Memoiren (1978: 106). 192 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? In diesem Zusammenhang muss die „vertrauliche Beziehung“73, von der Maigret spricht, hier als ein gesellschaftlich engeres Verhältnis betrachtet werden, das den Kerngehalt des Beziehungsbegriffs nach dem Vorbild Jesu nicht trifft, weil es um das Sich-Verhalten zweier gesellschaftlicher Funktionen zueinander geht – der des Polizisten und der des Kleinkriminellen – und nicht um die intendierte persönlich-emotionale Bindung eines Individuums an ein anderes. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, von der im o. g. Zitat gesprochen wird, beschreibt zum einen die Tatsache, dass Polizist und Taschendieb sich z. B. dieselben Arbeitsbedingungen bezüglich Örtlichkeiten, Wetter etc. teilen, sowie zum anderen den unbestreitbaren Fakt, dass beide Berufsgruppen auf Dauer unwiderruflich miteinander Umgang pflegen müssen. Daran lässt sich überdies ablesen, wie sehr die Figur Maigrets für die Fälle der Berufsverbrecher in die gesellschaftliche Struktur ihres Universums integriert und wie weit sie davon entfernt ist, diese Struktur zu bekämpfen. Die Ursache für die Verwendung der Begriffe Zusammengehörigkeit und Vertraulichkeit mag damit in Zusammenhang zu bringen sein, dass auch die kriminelle Gegenseite die Arbeit der Polizei nicht als persönlichen Affront betrachtet, sondern ebenso professionell wie Maigret dies von Seiten des Polizisten schildert. Auf diese Art und Weise können Taschendieb und Straßenpolizist einander im Vollzug ihres jeweiligen „Berufs“ kennen und schätzen lernen, ohne dass dies gleichbedeutend mit einer persönlichen Beziehung wäre. Wie oft bin ich stundenlang einem notorischen Taschendieb gefolgt. (…) Er wußte, daß ich ihm auf den Fersen war (…). Und ich wußte, daß er wußte, daß ich da war. Es gehörte zu seinem Metier, daß er sich trotzdem eine Brieftasche oder eine Uhr aneignete, und es gehörte zu meinem Beruf, daß ich ihn daran hinderte oder auf frischer Tat ertappte. Da konnte es bisweilen passieren, daß der ›Schnapper‹ sich umwandte und mir zulächelte. Und ich lächelte zurück.74 Von einem liebevollen Umgang miteinander75 kann also auch nur in einem sehr weiten Sinn gesprochen werden. Wenn jedoch Simenon seinen Kommissar explizit von einer „persönlichen Beziehung“76 sprechen lässt, die im Laufe der Zeit zwischen Maigret und den randständischen Berufsgruppen der Gesellschaft gewachsen ist, kann damit nur noch eine Tatsache gemeint sein, die den Kommissar als Persönlichkeit bereits grundsätzlich charakterisiert: Nämlich, dass er diejenigen, mit denen er berufsmäßig immer wieder zu tun bekommt, nicht wie die meisten anderen Mitglieder der wohlsituierten Schichten als Abschaum, Feind oder Abfall der Gesellschaft betrachtet, sondern als gleichwertigen Bestandteil ebendieser Gesellschaft, der lediglich eine andere Funktion bedient.77 73 Maigrets Memoiren (1978: 115). 74 Maigrets Memoiren (1978: 107). Vgl. weiter: „Ich wußte, er war total abgebrannt und wenn er abends überhaupt essen wollte, würde er vorher unbedingt einen Coup landen müssen. (…) Ich habe den Burschen mindestens zehnmal festgenommen, ganz friedlich (…). Und er war fast so erleichtert wie ich. Es bedeutete, daß er auf der Polizeiwache Essen bekommen und nachts ein Dach überm Kopf haben würde.“ Maigrets Memoiren (1978: 107f.). 75 Merkmal 32 geht liebevoll mit den zu Erlösenden um. 76 Maigrets Memoiren (1978: 168). 77 Vgl. Maigrets Memoiren (1978: 168f.). Weiter: „Sie also eigentlich als Menschen zu betrachten, die nun einmal existieren und die man um der Gesundheit der Gesellschaft, um der bestehenden Ordnung willen in bestimmten Schranken halten und bestrafen muß, wenn sie die Schranken über- 193 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos Was die (…) Übeltäter betrifft, so habe ich mich bemüht zu verhindern, daß sie zu viel Unheil anrichten, und irgendwie dafür gesorgt, daß sie für das, was sie angerichtet hatten, auch bezahlten. Damit, scheint mir, geht die Rechnung auf.78 Zumindest aber sorgt dieses gesellschaftlich enge Verhältnis von Gaunern und Polizisten dafür, dass die Handlungen von der jeweils anderen Seite nicht persönlich genommen werden, sondern als zum Berufsrisiko gezählt werden. So trägt im Maigret-Universum der gewohnheitsmäßige Kleinverbrecher dem Inspektor nichts nach, wenn er gefasst wird.79 Mitunter erkennt ein Berufsverbrecher nach verlorener Partie, dass ebendiese Grundhaltung Maigrets nicht ausschließlich seiner professionellen Einstellung zuzuschreiben ist und bedankt sich dafür mit dem Ansatz eines persönlich-emotionalen Bezugs zu dem Kommissar, der ihn so sehr einschätzen und kennen gelernt hat, dass er ihn fassen konnte. Äquivalent dazu stellt Maigret mit fortschreitender beruflicher Erfahrung fest, dass das Handwerk am Rand des gesellschaftlichen Ansehens nicht zwangsläufig mit Schlechtigkeit einhergehen muss.80 Die Schilderung, dass Maigret einige seiner gestellten Verbrecher im Gefängnis besucht, ihm die letzte Ehre erweist81 gelegentlich noch letzten Bitten nachkommt82 und häufig auch vor ihrer Festnahme noch einmal in einem Restaurant ausgiebig mit ihnen essen geht, weckt paradigmatische Assoziationen an Mt 25,35–40: Denn mich hungerte, und ihr gabt mir zu essen; mich dürstete, und ihr gabt mir zu trinken; ich war Fremdling, und ihr nahmt mich auf; nackt, und ihr bekleidetet mich; ich war krank, und ihr besuchtet mich; ich war im Gefängnis, und ihr kamt zu mir. Dann werden die Gerechten ihm antworten und sagen: Herr, wann sahen wir dich hungrig und speisten dich? (…) Wann aber sahen wir dich krank oder im Gefängnis und kamen zu dir? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch, was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan. Christliche Nächstenliebe in ihrer säkular erlebbaren Form ereignet sich ergo durch die Figur des Kommissars bereits auf beruflicher Ebene. In Pietr der Lette sorgt Maigret für neue, trockene Kleider für den gefassten und durchnässten Letten83, in Maigret und sein Revolver besucht der Kommissar einen erkrankten Mann, der zuvor um eine Unterreschreiten. Sie wissen das selber genau. Sie nehmen es uns nicht übel. »Es ist schließlich Ihr Beruf«, pflegen sie uns zu sagen.“ Maigrets Memoiren (1978: 169). 78 Maigrets Memoiren (1978: 170). 79 „Sie spielten ihre Partie und verloren. Fast alle legten Wert darauf, als gute Verlierer zu gelten, und einige baten mich nach ihrer Verurteilung, sie im Gefängnis zu besuchen, wo wir wie Freunde miteinander plauderten.“ Maigrets Memoiren (1978: 146). 80 „Gerade weil ich jede Art von Schmutz gesehen habe, ist mir klar geworden, wie viel schlichte Tapferkeit, guter Wille oder Ergebung das Unsaubere aufwiegen. Durch und durch verkommene Menschen gibt es selten (…).“Maigrets Memoiren (1978: 170). Vgl. weiter Maigrets Memoiren (1978: 123). 81 „Am Ende einer Passage war ein ganzer Absatz eingerahmt, in dem ein Journalist über den letzten Morgen eines zum Tode Verurteilten berichtete und ausplauderte, daß der Verurteilte, nachdem er einen Priester abgelehnt hatte, darum gebeten hatte, noch ein letztes Mal mit Kommissar Maigret sprechen zu dürfen.“ Maigrets Revolver (2006: 117). 82 Vgl. Maigrets Memoiren (1978: 146). 83 Pietr der Lette (1999: 167); Maigrets Revolver (2006: 172). 194 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? dung mit ihm gebeten hatte, obwohl er sich selbst lächerlich dabei vorkommt84 und geht am Ende des Romans, nachdem er denjenigen gestellt hat, der seinen Revolver gestohlen hat, mit diesem essen und spazieren85. Positives, vom Verhalten des Einzelnen abgekoppeltes und das Individuum als Person dennoch wertschätzendes Verhalten muss in der profanen Version der Nächstenliebe nicht zwangsläufig mit einer bestehenden Beziehung einhergehen. Dennoch muss, falls sich im Zusammenhang mit der beruflich bedingten, gesellschaftlichen Nähe Maigrets tatsächlich von einer persönlichen Beziehung zu einigen Einzelpersonen unter den Berufsverbrechern sprechen lassen soll, ergänzt werden, dass dies erst nach einem professionellen Sich-Zueinander-Verhalten erfolgen kann, und auch nur, wenn der Gewohnheitskriminelle von sich aus in der Lage ist, den Persönlichkeits-Anteil Maigrets an seiner Funktion und professionellen Haltung wahrzunehmen. Das findet in der Regel eher nicht statt. 3.3.2 Die Beziehung zu den Schuldigen außergewöhnlicher Verbrechen Immer wieder finden sich in den Maigrets Verweise darauf, dass der Kommissar unter Umständen eine gewisse Sympathie für die von ihm gestellten Täter empfindet. Diese Verweise sind jedoch indirekt und werden dem Kommissar von außen zugeschrieben, er selbst äußert sich dazu nicht. Einer der Artikel trug sogar die Überschrift: Der Kommissar ist ein gutmütiger Kerl. Ein anderer war einer Zeugenaussage Maigrets vorm Schwurgericht gewidmet, in deren Verlauf all seine Antworten seine Sympathie für den jungen Mann offenbarten, der vor Gericht stand.86 Überdies fällt auf, dass auch bezüglich der Schuldigen außergewöhnlicher Verbrechen nicht durchgängig von einer Beziehung oder Sympathie zwischen Maigret und dem Täter gesprochen werden kann. Eine zwangsläufig nachhaltige Beschäftigung mit einem Schicksal erhöht zwar das Potential, persönliche Emotionen für einen entlarvten Menschen zu entwickeln, ist aber nicht dafür verantwortlich. Die Schilderungen der Romane lassen indessen nicht darauf schließen, dass der Kommissar am Handlungsende zu jedem dieser Täter eine positive persönliche Beziehung entwickelt hat. Maigrets persönliche Haltung zu seinen Hauptverdächtigen dieser sog. außergewöhnlichen Fälle verdeutlicht im Enquête-Verlauf lediglich, dass auch er emotionale Präferenzen hinsichtlich seiner Gegenüber verspürt. Je stärker eine Figur sich ausschließlich über Status, Besitz oder Macht identifiziert und dementsprechend ihr nacktes (bzw. blo- ßes) Menschsein vernachlässigt, verleugnet und bekämpft, desto unsympathischer wird sie für die persönliche Wahrnehmung Maigrets. Erweist sich eine Figur als reuig, einsichtig, zugänglich für ihre eigene Verletzlich- und Abhängigkeit bezüglich anderer, kann sie sich der Sympathie des Kommissars meist gewiss sein. Textimmanente Hinweise auf 84 Maigrets Revolver (2006: 30ff.). 85 Maigrets Revolver (2006: 116f., 171, 177, 191, 197). 86 Maigrets Revolver (2006: 116f.). 195 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos eine grundsätzlich nachsichtige und empathische Haltung des Kommissars Mördern gegenüber lassen sich dementsprechend genregerecht nur als fausses pistes (dt. falsche Fährten) deuten.87 Die Schilderungen ermittlungstechnischen Vorgehens innerhalb von Untersuchungen in gehobenen Gesellschaftsschichten verdeutlichen diese persönliche Präferenz eindrücklich.88 Eine ganze Lackschicht von Respektabilität muß nach und nach zum Zersplittern gebracht werden. Mehr oder weniger abstoßende Familiengeheimnisse, die jeder wie auf Verabredung vor uns verbirgt, müssen unbekümmert um Proteste und Drohungen ans Tageslicht befördert werden. Manchmal tischen uns fünf, sechs und mehr Personen die gleichen Lügen auf, wobei sie heimtückisch versuchen, die anderen Mitwisser hereinzulegen.89 In dem Augenblick, in dem die Schuldigen ihre krampfhaft aufrecht erhaltene Fassade fallen lassen und anfangen, sich als authentisch menschlich in ihrer Situation zu zeigen, erst in diesem Augenblick beginnt Maigret, sein Gegenüber als Mensch ernst zu nehmen, denn erst dann endet seine berufliche Aufgabe. Solange das nicht der Fall ist, verhält auch Maigret sich seiner Rolle entsprechend primär als Kommissar und nicht als Mensch.90 Das Verhältnis Maigrets zu den als schuldig überführten Tätern außergewöhnlicher Verbrechen hängt im Wesentlichen davon ab, wie ungekünstelt sich die Entlarvten ihm gegenüber verhalten: Erhalten sie ihre Fassade aufrecht, bleiben das Aufkeimen einer persönlichen Ebene zum Kommissar und die damit zusammenhängende Möglichkeit, Verständnis für die eigene Situation zu erleben, ausgeschlossen. Lassen sie ihre Maske fallen, kann es aufgrund des dann greifenden menschlichen Verstehens des Kommissars dazu kommen, dass sich Maigret um persönliche Fragen oder Probleme kümmert, denen die Schuldigen später etwa aufgrund einer Gefängnisstrafe nicht mehr nachgehen können. Dieses Entgegenkommen ist gleichzusetzen mit dem, das Maigret auch den Gewohnheitskriminellen entgegen bringt, was nicht weiter erstaunt, da die grundsätzlichen menschlichen Unterschiede für den Kommissar nicht im Bereich des gesellschaftlichen Status begründet liegen. Eine Brücke lässt sich hier wieder zum Verhältnis zwischen den Pharisäern und Jesus von Nazareth schlagen, der diesen auch erst dann in der freundlichen und zugewandten Weise entgegentritt, sobald sie die gesellschaftliche Fassade der Gerechten fallen lassen 87 Zum Legen der falschen Fährten im Kriminalroman vgl. Nusser (1992: 29). 88 „Hier haben wir die gleichen wohlanständigen Herrschaften vor uns, die uns zu einem anderen Zeitpunkt fragen würden: »Ekelt es Sie nicht manchmal an?« Maigrets Memoiren (1978: 144). „Wenn man die Herrschaften endlich soweit hat, daß sie gestehen, dann kommen die widerlichsten Dinge zum Vorschein, noch mehr aber, und eigentlich fast immer, die Angst vor den Folgen.“ Maigrets Memoiren (1978: 145). 89 Maigrets Memoiren (1978: 144f.). 90 Vgl. die Textstelle in Der Kopf eines Mannes (2001: 97f.), in der Maigret seinen Hauptverdächtigen barsch angeht: „Maigret blieb sitzen, musterte Radek von Kopf bis Fuß und zog lange an seiner Pfeife. (…) Dann erst erhob er sich, so bedächtig, daß die Züge des Tschechen sich verzerrten. Er streckte die Hand aus, berührte Radeks Schulter mit zwei Fingern. »Hör zu, du Gartenzwerg…« (…) Maigret hatte dem Tschechen zwanzig Jahre voraus, und das ließ er ihn spüren. »Hör zu, du Gartenzwerg…« Janvier bemühte sich krampfhaft, nicht laut herauszulachen vor Freude, seinen Chef endlich wieder in Hochform zu sehen.“ (Ebd). 196 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? und sich in ihren eigenen Fragen und Zweifeln menschlich zeigen.91 Trotzdem ist auch dann das Verhältnis Jesu zu seinem Gegenüber von einer anderen Grundmotivation geprägt als das Maigrets. Insgesamt muss also in Bezug auf die Beziehungen der beiden Erlöser festgestellt werden, dass zwar das äußere Verhalten sich in beiden Konkretionen ähnelt, denn auch Jesus von Nazareth hat nicht mit allen, die er heilte, sofort eine persönliche Beziehung geführt, dass aber auch die Unterschiede der Grundmotivationen äußerlich sichtbar werden, indem Jesus sich z. B. im Gegensatz zu Maigret vom grundsätzlichen Leid des Menschen (bei Maigret: der Schuldigen) persönlich betroffen fühlt.92 Diese grundständige Situation des Menschen an sich, welche die innere Befindlichkeit Jesu von Nazareth zutiefst anrührt, bedeutet dem Kommissar hingegen zunächst gar nichts. Sie lässt ihn deshalb persönlich völlig unberührt, da es bei dieser Situation um einen globalen Zustand geht, der auch ihn betrifft, den er aber nicht modifizieren kann, denn im Maigret-Universum ist niemand unschuldig, ebenso wenig wie im theologischen Sinn. Der Ansatz seines persönlichen Verhaltens zu einem Schuldigen oder Verdächtigen ist eine situative Reaktion, die auf einer konkreten Begegnung beruht, vom Verhalten des Gegen- übers abhängig ist und nicht persönlich-emotionaler Betroffenheit entspringt. Auf diese Weise wird eine weitere Begrenzung des profanen Erlösers deutlich, da die christlich-theologische Erlösung sich nicht als vom Verhalten der Menschen abhängig definieren lässt.93 Während der göttliche Beziehungswille zum Schuldigen grundständig und unverhandelbar vorhanden ist und das Verhalten des christlichen Erlösers in jedem Fall – auch in zielgerichteter Anklage – nur darauf ausgelegt bleibt, eine persönlich-emotionale Beziehung zum schuldigen Gegenüber zu ermöglichen, sind die Ansätze einer persönlichen Beziehung zum Schuldigen in der säkularen Variante zwar ein ebenfalls grundständiges, aber nicht voraussetzungslos vorhandenes Angebot gegenüber jedem Einzelnen, sondern ergeben sich primär auf das konkret-authentische Verhalten der Schuldigen als potentielle Reaktion des profanen Erlösers. Dies resultiert jedoch gleichermaßen aus dem funktionellen Unterschied beider Erlöser-Erscheinungen, der Jesus von Nazareth die Erlösung als Hauptaufgabe zuordnet, während im Fall Kommissar Maigrets die profane Erlösung nicht die primäre Intention bei der Durchführung seiner eigentlichen Aufgabe, die Wahrheit über einen Menschen zu offenbaren, beinhaltet. Hinweise dafür lassen sich aus den Beweggründen Maigrets ableiten, sich außerhalb seiner offiziellen Zuständigkeit auf privater Ebene mit einem Fall zu beschäftigen.94 Dabei geht es eben nicht darum, eine konkrete Person aus ungerechten Umständen zu befreien oder aufgrund persönlicher Betroffenheit von ihrem individuellen Leid aktiv zu erlösen, sondern hauptsächlich darum, die ganze Wahrheit über eine Situation und eine Person herauszufinden. Nicht das Elend oder die persönliche Not von Menschen bewegen Maigret zum Handeln, sondern seine eigene Abneigung gegen vorschnell gezogene Schlüsse oder gefällte Schuldurteile, was nicht bedeutet, dass der Kommissar im Verlauf seiner Untersuchun- 91 Vgl. dazu die Begegnung Jesu mit Nikodemus in Joh 3,1–21. 92 Mt 9,35f.: „Und Jesus ging ringsum in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.“ (Rev. Lutherbibel 1984). Vgl. dazu auch Mt 20,34; Mk 1,41 und Lk 7,13. 93 Anders wäre auch das Gebot der Feindesliebe nicht ansatzweise erklärbar. 94 Vgl. Bei den Flamen (1998: 11), Saint-Pholien (1998: 15–18). 197 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos gen keine Empathie zeigt oder kein Mitleid empfindet. Die diesbezüglichen Missverständnisse des zeitgenössischen Publikums der Maigret-Romane werden von Simenon im Roman Maigret und die schrecklichen Kinder95 aufgenommen und dort von Seiten des Kommissar deutlich zurückgewiesen. Er war ganz in Maigrets Bann. Man merkte ihm an, daß er seit langem von Maigrets gro- ßem Ruf wußte und wahrhaft etwas von einem Gottvater in ihm sah. (…) »Weshalb haben Sie denn ausgerechnet mich aufgesucht?« »Weil ich Vertrauen zu Ihnen habe. Wenn Ihnen etwas daran liegt, bekommen Sie bestimmt die Wahrheit heraus – das weiß ich.« (…) »(…) Aber ich gehöre nun einmal der Pariser Kriminalpolizei an und bin für Vorfälle im Département Charente nicht zuständig …« (…) »Es war natürlich völlig verfehlt … Ich weiß nicht mehr … Ich hatte mir das ganz einfach vorgestellt …« »Was?« »Hierherzukommen und mich in ihren Schutz zu begeben …« »In meinen Schutz?« wiederholte Maigret überrascht.96 In diesem Roman liegt die Motivation Maigrets, eigene Ermittlungen aufzunehmen, schon fast im willkürlichen Bereich, weil der Gedanke an die Charente ihm Lust auf Austern und Weißwein macht und er seit längerer Zeit keinen Urlaub nehmen konnte.97 Zwar liegt der Willkür in diesem Beispiel schon fast eine hämisch-auktoriale Gegendarstellung der Figur zum Gottvater zugrunde, dennoch lässt sich nur über die sonst vorherrschende Grundmotivation des Kommissars98 das Phänomen erklären, warum Maigret, der als empathische, verständnisvolle Figur konzipiert ist, gleichzeitig allem anderen ihm begegnenden sozialen und gesellschaftlichen Leid und der dort vorherrschenden Ungerechtigkeit völlig unbetroffen gegenüber stehen kann.99 3.3.3 Die Grenzen gesellschaftlich-politischer Sprengkraft Äquivalent dazu beinhaltet die bei Maigret allem übergeordnete Priorität der Wahrheitssuche den Grund für seine mangelnde revolutionäre Sprengkraft im politisch-gesellschaftlichen Sinn, die der literarischen Jesus-Figur als literaturwissenschaftliche Reflexion Jesu von Nazareth zugeordnet wird. Maigrets Gleichbehandlung aller Verdächtigen basiert auf der Aussagelosigkeit des sozialen Status für oder gegen die Wahrscheinlichkeit, ein Verbrechen begangen zu haben. Die bei Jesus zu findende tatsächliche Gleichbehandlung aller Menschen geht im Gegen- 95 Der französische Orignaltitel des Romans lautet übersetzt In der Schule und nicht Maigret und die schrecklichen Kinder. Aufgrund der inhaltlichen Irreführung des offiziellen Titels für den Romaninhalt wird im Folgenden die wörtliche Titelübersetzung verwendet, nicht der vom Diogenes- Verlag verwendete. Transparenz und Wiederauffindbarkeit der Textstellen werden jedoch aufgrund der vollständigen bibliographischen Angaben dadurch nicht vermindert. 96 In der Schule (1987: 14–17). 97 Zur Motivation in diesem Fall vgl. In der Schule (1978: 30–32). 98 Vgl. In der Schule (1987: 28f.): „Aber ich bin unschuldig, Kommissar, ich schwöre es Ihnen!« Maigret streckte zögernd die Hand zum Telefon aus und nahm schließlich den Hörer von der Gabel. »Wie heißt Ihr Gendarmerieleutnant?“ (Ebd). 99 Merkmal 49 verweigert sich sozial ungerechtem Handeln kann für Maigret in diesem Sinne nicht bejaht werden. 198 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? satz zu Maigrets Verhalten auf den persönlichen Wert des Menschen zurück, der diesem ausschließlich durch den göttlichen Beziehungswillen zugesprochen wird. Dieser göttliche Wertzuspruch an das schuldige Individuum kann nur deshalb erfolgen, weil Gott gleichzeitig die Verantwortlichkeit für eine Änderung der Konstitution des wertzuschreibenden Systems übernimmt. Dem entgegen steht die Gleichwertigkeit aller Individuen vor der Wahrheitsfrage unabhängig von Status und Besitz bei Maigret in der Weise, dass der Zuspruch des dennoch existenten menschlichen Werts an einen geständigen und gefassten Täter zwar sehr wohl im Sinn zugewandter Nächstenliebe und ebenbürtigen Respekts erfolgen kann, aber für den Zustand des Systems, innerhalb dessen die Wahrheitsfrage gestellt wird, keine Verantwortung übernommen wird. Die christlich geglaubte, dem Verhalten Jesu zugeschriebene Infragestellung gesellschaftlicher Maßstäbe geht also ein Stück weiter als die literarisch beschriebene. Aber auch, wenn Maigrets Gleichbehandlung aller Verdächtigen keine Verantwortlichkeit für eine Revolutionierung des wertzuschreibenden Systems im politischen Sinn zugesprochen werden kann, bleibt doch sein konkretes Verhalten im sozialen Umgang provokativ und bedrohlich für alle Mitfiguren, welche die geltenden Gesellschaftsnormen als Verhaltensmaßstab anerkennen und daran auch nichts zu ändern gewillt sind.100 Es lässt sich also an dieser Stelle mit Recht die Frage aufwerfen, ob das revolutionäre Potential eines bestimmten Handelns allein auf die Motivation dahinter zurückzuführen ist oder ob nicht der tatsächliche Vollzug der praktizierten Gleichbehandlung aller Menschen, ob nun schuldig geworden oder nicht, die Provokation darstellt, die als Denkanstoß oder Motivation zum Nachmachen anregen kann. 3.4 Die grafische Einordnung der Maigret-Figur ins Relationsgefüge des Topos Bevor die profane Erlösungsdynamik in den Maigret-Romanen betrachtet wird, sollen die bis hierhin erarbeiteten Merkmale des Kommissars in das Merkmals-Gefüge des Topos integriert werden. Zum einen lässt sich so übersichtlich nachvollziehen, mit welcher cue validity bzw. Typizität sich die Figur Maigrets in den Topos des profanen Erlösers eingliedert und zum anderen wie sie sich zu den anderen Konkretionen des Topos positioniert. Diese grafische Einordnung findet wie bei der Etablierung des Topos in den vier vorgenommenen Unterkategorien getrennt statt, um bei der Menge der Merkmale die Übersichtlichkeit zu gewährleisten. Für die Gesamtschau der Topos-Merkmale ergibt sich unter Einbezug der Maigretschen Charakteristika folgende Übersicht: 100 Merkmal 46 stellt gesellschaftliche Maßstäbe in Frage wird hier für Kommissar Maigret bejaht. 199 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos Merkmal Maigret christl.Erlöser lit. Jesus- Figuren Märchen- Erlöser Erlöser RW Erlöser etym./ allg. 1) hat Mitleid bzw. ist mitfühlend/ empathisch x x x – – – 2) teilt sein Leben (restlos) mit seinem Ver trautenkreis – x – – – – 3) (ver)urteilt nicht x x – – – – 4) ist ganz Mensch x x x – x x 5) zeigt keine Berüh rungsängste/ Ekel vor Erlösungs bedürftigen x x x x – x 6) bleibt geheim nisvoll, ein Rest Unbegreifliches bleibt x x x – x – 7)) kennt Schwä che, Angst, Leid, Not x x x – x – 8) lebt absolutes Gottvertrauen, ist gottesfürchtig – x – – x – 9) lebt absolute Hingabe für seine Berufung (= Erlö sung des/der Menschen) x x x – x – 10) handelt gewalt los, bleibt friedfertig x x x – – – 11) sieht hinter menschliche Äußerlichkeiten/ Fassaden x x x – x x 12) nennt Prob leme konkret beim Namen x x x – – – 13) versteht die Menschen x x x – – – 14) ist selbst auf Erlösung angewiesen x x x x x x 15) repräsentiert neuen, lebens bejahenden Wirklichkeits entwurf x x x – x x 200 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Merkmal Maigret christl.Erlöser lit. Jesus- Figuren Märchen- Erlöser Erlöser RW Erlöser etym./ allg. 16) symbolisiert Vergebung in auswegloser Schuldverstrickung x x x – – – 17) lässt Gnade vor Recht ergehen x x – – – – 18) symbolisiert Versöhnung unter schwersten Bedingungen – x x – – – 19) macht Hoffnung auf ein gerecht(er)es Leben x x x – – x 20) symbolisiert Hoffnung trotz Leiderfahrung x x x – x x 21) lebt in einer außer gewöhnlichen Sozialform – x – – x – 22) vertritt radikale Kirchenkritik – – x – – – 23) lässt sich vom Tod nicht beirren x x x x – – 24) spricht Glauben zu – x – – – – 25) vergibt Sünden – x – – – – 26) zeigt initiatives Handeln x x x – – 27) behandelt alle gleich (Kinder, Frauen, Männer, Klassen) x x – – x x 28) wendet sich den Benach teiligten/Deklas sierten zu x x x – – x 29) unterrichtet seine Nachfolger durch praktisches Vorleben & Begleiten – x – – x – 30) unterrichtet seine Nachfolger theoretisch inhaltlich – x – – x – 201 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos Merkmal Maigret christl.Erlöser lit. Jesus- Figuren Märchen- Erlöser Erlöser RW Erlöser etym./ allg. 31) will Beziehung zu den Menschen – x – – – – 32) geht liebevoll mit zu Erlösenden um x x x – – – 33) dient den Menschen, ist demütig x x x – – – 34) ermöglicht einen Neuanfang x x x x x x 35) heilt Kranke – x – – – – 36) treibt Dämonen aus – x – – – – 37) erweckt Tote zum Leben – x – – – – 38) erlöst aus einer konkreten Problem situation (punktuell) x x x x x x 39) verkündigt eine Erlösungs botschaft – x – – x x 40) ist Erlöser für alle (die wollen) – x – – – x 41) befreit äußerlich situativ x x x x – x 42) erlöst im psychologischen Sinn (seelisch innerlich) x x – x x x 43) erlöst dies seitsbezogen x x x x x x 44) besitzt Legitimation zur Erlösungs handlung x x x x x 45) gerät in Konflikt mit der Obrigkeit x x x – – – 46) stellt gesell schaftliche Maß stäbe in Frage x x x – x – 47) stellt religiöse Kategorien und moralische Wertmaßstäbe in Frage x x x – x – 202 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Merkmal Maigret christl.Erlöser lit. Jesus- Figuren Märchen- Erlöser Erlöser RW Erlöser etym./ allg. 48) tritt für Benach teiligte ein x x x – – – 49) verweigert sich sozial ungerechtem Handeln x x x x x – 50) übertritt gesellschaftliche Klassengrenzen, Konventionen und Verhaltensregeln x x x – – – 51) übertritt das Gesetz x x x – – – 52) stellt die Frage nach verantwortlichem Handeln x x x – – – Die Übersicht zeigt eine große Dichte an Merkmalsvorkommen der Topos-Kategorie für die Maigret-Konzeption (71,15 %). Einzig übertroffen von der christlichen Erlöser figur, die tatsächlich alle 52 Merkmale aufweist, finden sich insgesamt 37 Merkmale, welche die Maigret-Figur mit der biblischen Beschreibung des christlichen Erlösers teilt. Die vorsätzlich nicht als Erlöser konzipierte Maigretfigur weist als Topos-Vertreter interessanterweise dennoch alle allgemein-etymologischen Merkmale des Topos auf, die das Relationsgefüge beherbergt (1, 4, 5, 11, 14, 15, 19, 20, 23, 34, 38, 41, 42, 43, 44). Auch aus religionswissenschaftlicher funktionsbezogener Perspektive weist Maigret bis auf wenige Aspekte (8, 21, 29, 30, 39) alle anderen Erlösermerkmale auf (6, 7, 9, 11, 14, 15, 20, 27, 33, 34, 42, 43, 46, 47, 49 im Umfang persönlicher Betroffenheit, nicht gesellschaftlich). Bezüglich der Eingliederung Maigrets in das Topos-Relationsgefüge kann also betreffend der Persönlichkeitsmerkmale festgestellt werden, dass Simenons Kommissar-Figur eindeutig als profaner Erlöser betrachtet werden darf, da sie 71,15 % aller Merkmale dieser Kategorie aufweist. Weiterhin spricht die Nähe dieses literarischen Vertreters zu den charakteristischen Besonderheiten des Prototyps ebenfalls dafür, dass – zumindest was die Ausformung der fiktiven Persönlichkeit angeht – Maigret als Figur bezeichnet werden darf, die, obwohl sie sich in einem völlig anderen Umfeld bewegt und mit einem völlig anderen Auftrag ausgestattet wird, auf rein pragmatische Weise an die säkular sichtbaren Merkmale des christlichen Erlösers erinnert. Diese Überschneidungen und Ähnlichkeiten lassen darauf schließen, dass sich in der grafischen Darstellung der Situierung Maigretscher Persönlichkeits-Merkmale im Topos-Gefüge die Figur von Simenons Kommissar dicht am Zentrum des Topos-Relationsgefüges und in der Nähe des christlichen Erlösers befindet. Ich weise an dieser Stelle nochmals explizit darauf hin, dass die Merkmalsaufstellung und die prototypischen Grafiken, die den Topos sichtbar umreißen wollen, außer dem 203 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos christlichen Erlöser und der Maigret-Konzeption keine konkreten Figuren beinhalten, sondern nur stellvertretende Platzhalter, die sich als abstrakte übergeordnete Größen aus den jeweiligen Referenzbereichen des Topos verstehen, um die Beziehung(en), Parallelen und Grenzen der beiden konkreten Erlöser-Vertreter deutlicher hervorzuheben. Semantisch aussagefähig bleibt die prototypische Darstellung der Topos-Kategorie ausschließlich hinsichtlich des christlichen Erlösers und der Maigret-Figur Simenons. 3.4.1 Maigrets Persönlichkeits-Merkmale Merkmal Maigret christl.Erlöser lit. Jesus- Figuren Märchen- Erlöser Erlöser RW Erlöser etym./ allg. 1) hat Mitleid bzw. ist mitfühlend/ empathisch x x x – – – 3) (ver)urteilt nicht x x – – – – 4) ist ganz Mensch x x x x x 5) zeigt keine Berührungsängste/ Ekel vor Erlösungs bedürftigen x x x x – x 6) bleibt geheim nisvoll, ein Rest Unbe greifliches bleibt x x x – x – 7)) kennt Schwäche, Angst, Leid, Not x x x – x – 8) lebt absolutes Gottvertrauen, ist gottesfürch tig – x – – x – 9) lebt absolute Hingabe für seine Berufung (Erlösung des/der Menschen) x x x – x – 10) handelt gewalt los, bleibt friedfertig x x x – – – 14) ist selbst auf Erlösung angewiesen x x x x x x 21) lebt in einer außergewöhn lichen Sozial form – x – – x – 204 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Merkmal Maigret christl.Erlöser lit. Jesus- Figuren Märchen- Erlöser Erlöser RW Erlöser etym./ allg. 23) lässt sich vom Tod nicht beirren x x x x – – 26) zeigt initiatives Handeln x x x – – – 28) wendet sich den Benachteilig ten/Deklassier ten zu x x x – – x 31) will Beziehung zu den Menschen – x – – – – 33) dient den Menschen, ist demütig x x x – – – 48) tritt für Benach teiligte ein x x x – – – 49) verweigert sich sozial ungerechtem Handeln x x x x x – Da Merkmal 49 (verweigert sich sozial ungerechtem Handeln) in allen Unterkategorien außer der vierten aufgeführt wird, ist es für dieses Merkmal möglich, es unterschiedlich nuanciert einzuordnen. Bezüglich der Persönlichkeitsmerkmale Maigrets lässt sich eine deutliche Abneigung gegen jedwede Art von Ungerechtigkeit ablesen und auch der Umgang des Kommissars mit Einzelpersonen im direkten Kontakt lässt auf eine solche Ablehnung schließen. Demgegenüber wird der Abgrenzung zu den anderen Kategorie-Vertretern, die stärker gesellschaftskritisch ausgerichtet sind, in der Unterkategorie 3 Rechnung getragen, in der diese gesellschaftskritische Nuancierung für Maigret ausgeschlossen wird. 205 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos G ra fik z u M ai gr et s Pe rs ön lic hk ei ts -M er km al en 1) ha t M itl ei d, is t m itf üh le nd b zw . e m pa th is ch 3) (v er )u rt ei lt ni ch t 4) is t g an z M en sc h 5) ze ig t k ei ne B er üh ru ng sä ng st e, E ke l v or Er lö su ng sb ed ür ft ig en 6) bl ei bt g eh ei m ni sv ol l, ei n Re st U nb eg re ifl ic he s bl ei bt 7) ke nn t S ch w äc he , A ng st , L ei d, N ot 8) le bt a bs ol ut es G ot tv er tr au en , is t g ot te sf ür ch tig 9) le bt a bs ol ut e H in ga be fü r s ei ne B er uf un g (E rlö su ng v on M en sc he n) 10 ) ha nd el t g ew al tlo s, bl ei bt fr ie df er tig 14 ) is t s el bs t a uf E rlö su ng a ng ew ie se n 21 ) le bt in e in er a uß er ge w öh nl ic he n So zi al fo rm 23 ) lä ss t s ic h vo m To d ni ch t b ei rr en 26 ) ze ig t i ni tia tiv es H an de ln 28 ) w en de t s ic h de n Be na ch te ili gt en D ek la ss ie rt en z u 31 ) w ill B ez ie hu ng z u de n M en sc he n 33 ) di en t d en M en sc he n, is t d em üt ig 48 ) t rit t f ür B en ac ht ei lig te e in 49 ) v er w ei ge rt s ic h so zi al u ng er ec ht em H an de ln 205 — b ei 1 V er tre te rn v or ha nd en — be i 4 V er tre te rn v or ha nd en — b ei 2 V er tre te rn v or ha nd en — be i 5 V er tre te rn v or ha nd en — b ei 3 V er tre te rn v or ha nd en — b ei 6 V er tre te rn v or ha nd en G ra fik z u M ai gr et s P er sö nl ic hk ei ts -M er km al en 1) h at M itl ei d, is t m itf üh le nd b zw . e m pa th is ch 3) (v er )u rte ilt n ic ht 4) is t g an z M en sc h 5) z ei gt k ei ne B er üh ru ng sä ng st e, E ke l v or E rlö su ng sb ed ür fti ge n 6) b le ib t g eh ei m ni sv ol l, ei n R es t U nb eg re ifl ic he s b le ib t 7) k en nt S ch w äc he , A ng st , L ei d, N ot 8) le bt a bs ol ut es G ot tv er tra ue n, is t g ot te sf ür ch tig 9) le bt a bs ol ut e H in ga be fü r s ei ne B er uf un g (E rlö su ng v on M en sc he n) 10 ) h an de lt ge w al tlo s, bl ei bt fr ie df er tig 14 ) i st se lb st a uf E rlö su ng a ng ew ie se n 21 ) l eb t i n ei ne r a uß er ge w öh nl ic he n So zi al fo rm 23 ) l äs st si ch v om T od n ic ht b ei rre n 26 ) z ei gt in iti at iv es H an de ln 28 ) w en de t s ic h de n B en ac ht ei lig te n D ek la ss ie rte n zu 31 ) w ill B ez ie hu ng z u de n M en sc he n 33 ) d ie nt d en M en sc he n, is t d em üt ig 48 ) t rit t f ür B en ac ht ei lig te e in 49 ) v er w ei ge rt si ch so zi al u ng er ec ht em H an de ln 3) 207 — b ei 1 V er tre te rn v or ha nd en — be i 4 V er tre te rn v or ha nd en — b ei 2 V er tre te rn v or ha nd en — be i 5 V er tre te rn v or ha nd en — b ei 3 V er tre te rn v or ha nd en — b ei 6 V er tre te rn v or ha nd en G ra fik zu m V er ha lte n M ai gr et s ge ge nü be r de n M en sc he n (a ls E in ze lp er so ne n) 1) h at M itl ei d, i st m itf üh le nd b zw . e m pa th is ch 2) te ilt se in L eb en (r es tlo s) m it se in em V er tra ut en kr ei s 3) (v er )u rte ilt n ic ht 10 ) h an de lt ge w al tlo s, bl ei bt fr ie df er tig 11 ) s ie ht h in te r m en sc hl ic he Ä uß er lic hk ei te n/ Fa ss ad en 12 ) n en nt P ro bl em e ko nk re t b ei m N am en 13 ) v er ste ht d ie M en sc he n 17 ) l äs st G na de v or R ec ht e rg eh en 19 ) m ac ht H of fn un g au f e in ge re ch te (r e) s L eb en 24 ) s pr ic ht G la ub en z u 25 ) v er gi bt S ün de n 27 ) b eh an de lt al le g le ic h ( K in de r, Fr au en , M än ne r, K la ss en ) 28 ) w en de t s ic h de n Be na ch te ili gt en /D ek la ss ie rte n zu 29 ) u nt er ric ht et se in e N ac hf ol ge r d ur ch pr ak tis ch es V or le be n & B eg le ite n 30 ) u nt er ric ht et se in e N ac hf ol ge r th eo re tis ch -in ha ltl ic h 32 ) g eh t l ie be vo ll m it zu E rlö se nd en u m 34 ) e rm ög lic ht e in en N eu an fa ng 35 ) h ei lt K ra nk e 36 ) t re ib t D äm on en a us 37 ) e rw ec kt T ot e zu m L eb en 48 ) t rit t f ür B en ac ht ei lig te e in 49 ) v er w ei ge rt sic h so zi al u ng er ec ht em H an de ln 206 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? 3.4.2 Verhalten Maigrets gegenüber den Menschen (als Einzelpersonen) Merkmal Maigret christl.Erlöser lit. Jesus- Figuren Märchen- Erlöser Erlöser RW Erlöser etym./ allg. 1) hat Mitleid bzw. ist mitfühlend/ empathisch x x x – – – 2) teilt sein Leben (restlos) mit seinem Vertrautenkreis – x – – – – 3) (ver)urteilt nicht x x – – – – 10) handelt gewalt los, bleibt friedfertig x x x – – – 11) sieht hinter menschliche Äußer lichkeiten/ Fassaden x x x – x x 12) nennt Probleme konkret beim Namen x x x – – – 13) versteht die Menschen x x x – – – 17) lässt Gnade vor Recht ergehen x x – – – – 19) macht Hoffnung auf ein gerech t(er)es Leben x x x – – x 24) spricht Glauben zu – x – – – – 25) vergibt Sünden – x – – – – 27) behandelt alle gleich (Kinder, Frauen, Männer, Klassen) x x – – x x 28) wendet sich den Benachteiligten/ Deklassierten zu x x x – – x 29) unterrichtet seine Nachfolger durch praktisches Vorleben & Begleiten – x – – x – 207 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos Merkmal Maigret christl.Erlöser lit. Jesus- Figuren Märchen- Erlöser Erlöser RW Erlöser etym./ allg. 30) unterrichtet seine Nachfolger theoretisch inhaltlich – x – – x – 32) geht liebevoll mit zu Erlösenden um x x x – – – 34) ermöglicht einen Neuanfang x x x x x x 35) heilt Kranke – x – – – – 36) treibt Dämonen aus – x – – – – 37) erweckt Tote zum Leben – x – – – – 48) tritt für Benachteiligte ein x x x – – – 49) verweigert sich sozial ungerechtem Handeln x x x x x – 208 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? 207 — b ei 1 V er tre te rn v or ha nd en — be i 4 V er tre te rn v or ha nd en — b ei 2 V er tre te rn v or ha nd en — be i 5 V er tre te rn v or ha nd en — b ei 3 V er tre te rn v or ha nd en — b ei 6 V er tre te rn v or ha nd en G ra fik zu m V er ha lte n M ai gr et s ge ge nü be r de n M en sc he n (a ls E in ze lp er so ne n) 1) h at M itl ei d, i st m itf üh le nd b zw . e m pa th is ch 2) te ilt se in L eb en (r es tlo s) m it se in em V er tra ut en kr ei s 3) (v er )u rte ilt n ic ht 10 ) h an de lt ge w al tlo s, bl ei bt fr ie df er tig 11 ) s ie ht h in te r m en sc hl ic he Ä uß er lic hk ei te n/ Fa ss ad en 12 ) n en nt P ro bl em e ko nk re t b ei m N am en 13 ) v er ste ht d ie M en sc he n 17 ) l äs st G na de v or R ec ht e rg eh en 19 ) m ac ht H of fn un g au f e in ge re ch te (r e) s L eb en 24 ) s pr ic ht G la ub en z u 25 ) v er gi bt S ün de n 27 ) b eh an de lt al le g le ic h ( K in de r, Fr au en , M än ne r, K la ss en ) 28 ) w en de t s ic h de n Be na ch te ili gt en /D ek la ss ie rte n zu 29 ) u nt er ric ht et se in e N ac hf ol ge r d ur ch pr ak tis ch es V or le be n & B eg le ite n 30 ) u nt er ric ht et se in e N ac hf ol ge r th eo re tis ch -in ha ltl ic h 32 ) g eh t l ie be vo ll m it zu E rlö se nd en u m 34 ) e rm ög lic ht e in en N eu an fa ng 35 ) h ei lt K ra nk e 36 ) t re ib t D äm on en a us 37 ) e rw ec kt T ot e zu m L eb en 48 ) t rit t f ür B en ac ht ei lig te e in 49 ) v er w ei ge rt sic h so zi al u ng er ec ht em H an de ln G ra fik z um V er ha lte n M ai gr et s ge ge nü be r de n M en sc he n (a ls E in ze lp er so ne n) 1) ha t M itl ei d, is t m itf üh le nd b zw . e m pa th is ch 2) te ilt s ei n Le be n (re st lo s) m it se in em Ve rt ra ut en kr ei s 3) (v er )u rt ei lt ni ch t 10 ) ha nd el t g ew al tlo s, bl ei bt fr ie df er tig 11 ) si eh t h in te r m en sc hl ic he Äu ße rli ch ke ite n/ Fa ss ad en 12 ) ne nn t P ro bl em e ko nk re t b ei m N am en 13 ) ve rs te ht d ie M en sc he n 17 ) lä ss t G na de v or R ec ht e rg eh en 19 ) m ac ht H off nu ng a uf e in ge re ch te (re )s L eb en 24 ) sp ric ht G la ub en z u 25 ) ve rg ib t S ün de n 27 ) be ha nd el t a lle g le ic h (K in de r, Fr au en , M än ne r, Kl as se n) 28 ) w en de t s ic h de n Be na ch te ili gt en / D ek la ss ie rt en z u 29 ) un te rr ic ht et s ei ne N ac hf ol ge r d ur ch pr ak tis ch es V or le be n & B eg le ite n 30 ) un te rr ic ht et s ei ne N ac hf ol ge r th eo re tis ch in ha ltl ic h 32 ) ge ht li eb ev ol l m it zu E rlö se nd en u m 34 ) er m ög lic ht e in en N eu an fa ng 35 ) he ilt K ra nk e 36 ) tr ei bt D äm on en a us 37 ) er w ec kt To te z um L eb en 48 ) t rit t f ür B en ac ht ei lig te e in 49 ) v er w ei ge rt s ic h so zi al u ng er ec ht em H an de ln 209 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos 3.4.3 Maigrets Verhalten gegenüber Normen und Regeln Merkmal Maigret christl.Erlöser lit. Jesus- Figuren Märchen- Erlöser Erlöser RW Erlöser etym./ allg. 22) vertritt radikale Kirchenkritik – – x – – – 28) wendet sich den Benachteiligten/ Deklassierten zu x x x – – x 45) gerät in Konflikt mit der Obrigkeit x x x – – – 46) stellt gesellschaft liche Maßstäbe in Frage x x x – x – 47) stellt religiöse Kategorien und moralische Wertmaßstäbe in Frage x x x – x – 48) tritt für Benach tei ligte ein x x x – – – 49) verweigert sich sozial ungerechtem Handeln – x x x x – 50) übertritt gesell schaftliche Klassengrenzen, Konventionen und Verhaltensregeln x x x – – – 51) übertritt das Gesetz x x x – – – 52) stellt die Frage nach verant wort lichem Handeln x x x – – – Interessant in dieser Unterkategorie ist das Nicht-Teilen des Merkmals 22 (vertritt radikale Kirchenkritik) von seiten des christlichen Erlösers und der Maigret-Figur. In der literarischen Instrumentalisierung des christlich geglaubten Erlösers für gesellschaftspolitische Ziele spiegelt sich auch die literaturwissenschaftliche Nichtakzeptanz der christlich geglaubten Göttlichkeit Jesu, der sich aus religiöser Perspektive durch sein Verhalten zwar jenseits aller menschlichen Systeme positioniert, aber nicht versucht sie zu verändern. Da die revolutionierende Kraft des Lebens und der Botschaft Jesu jedoch einer neuen Richtung bedarf, wenn die theologische Intention der Erlösung abzulehnen ist, wird sie in der literarischen Umsetzung innerhalb der menschlichen Machtsysteme zugunsten der Benachteiligten positioniert. 210 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? Glücklicherweise instrumentalisiert Simenon seinen Protagonisten nicht, weder für eine gesellschaftspolitische, ideologische oder philosophische noch für eine ekklesiale Intention, so dass gerade das Fehlen dieses Merkmals eine sehr starke Parallele zum christlichen Erlöser verdeutlichen kann: Beiden Vertretern der Topos-Kategorie geht es um den einzelnen Menschen, den Nächsten, das Gegenüber. Übergeordnete Systeme interessieren sie dabei nicht. Aber sie lassen sich von ihnen in diesem Anliegen auch keine Schranken oder Begrenzungen auferlegen. 209 — b ei 1 V er tre te rn v or ha nd en — b ei 3 V er tre te rn v or ha nd en — b ei 4 V er tre te rn v or ha nd en G ra fik z u M ai gr et s V er ha lte n ge ge nü be r N or m en u nd R eg el n 22 ) v er tri tt ra di ka le K irc he nk rit ik 28 ) w en de t s ic h de n B en ac ht ei lig te n u nd D ek la ss ie rte n zu 45 ) g er ät in K on fli kt m it de r O br ig ke it 46 ) s te llt re lig iö se K at eg or ie n un d m or al is ch e W er tm aß st äb e in F ra ge 48 ) t rit t f ür B en ac ht ei lig te e in 49 ) v er w ei ge rt si ch so zi al u ng er ec ht em H an de ln 50 ) ü be rtr itt g es el ls ch af tli ch e K la ss en gr en ze n, K on ve nt io ne n un d V er ha lte ns re ge ln 51 ) ü be rtr itt d as G es et z 52 ) s te llt d ie F ra ge n ac h ve ra nt w or tli ch em H an de ln G ra fik z u M ai gr et s V er ha lte n ge ge nü be r N or m en u nd R eg el n 22 ) ve rt rit t r ad ik al e Ki rc he nk rit ik 28 ) w en de t s ic h de n Be na ch te ili gt en un d D ek la ss ie rt en z u 45 ) ge rä t i n Ko nfl ik t m it de r O br ig ke it 46 ) s te llt re lig iö se K at eg or ie n un d m or al is ch e W er tm aß st äb e in F ra ge 48 ) t rit t f ür B en ac ht ei lig te e in 49 ) v er w ei ge rt s ic h so zi al un ge re ch te m H an de ln 50 ) üb er tr itt g es el ls ch af tli ch e Kl as se ng re nz en , K on ve nt io ne n un d Ve rh al te ns re ge ln 51 ) üb er tr itt d as G es et z 52 ) st el lt di e Fr ag e na ch v er an tw or t lic he m H an de ln 211 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos 3.4.4 Toposbezogene Beobachtungen zur profanen Erlösungsdynamik Merkmal Maigret christl.Erlöser lit. Jesus- Figuren Märchen- Erlöser Erlöser RW Erlöser etym./ allg. 15) repräsentiert neuen, lebensbe jah enden Wirklichkeits entwurf x x x – x x 16) symbolisiert Vergebung in aus wegloser Schuld verstrickung x x x – – – 18) symbolisiert Versöhnung unter schwersten Bedingungen – x x – – – 20) symbolisiert Hoffnung trotz Leiderfahrung x x x – x x 38) erlöst aus einer konkreten Problemsituation (punktuell) x x x x x x 39) verkündigt eine Erlösungsbotschaft – x – – x x 40) ist Erlöser für alle (die wollen) – x – – – x 41) befreit äußerlich situativ x x x x – x 42) erlöst im psycho logischen Sinn (seelisch innerlich) x x – x x x 43) erlöst diesseits bezogen x x x x x x 44) besitzt Legitimation zur Erlösungshandlung* x x x x – x Diese Unterkategorie verdeutlicht einmal mehr, dass Kommissar Maigret nicht als (literarische) Erlöserfigur konzipiert wurde. Das Teilen der Merkmale 39 und 40 wäre dafür unabdingbar. Dennoch erscheint es außerordentlich bemerkenswert, dass 83,3 % aller funktionsbezogenen Merkmale einer religionswissenschaftlich definierten Erlösungs- * Merkmal 44 besitzt Legitimation zur Erlösungshandlung wird hier für die Grafik vorweggenommen. Die Bearbeitung des Merkmals findet sich in Teil III, Kap. 3.5.2. Maigrets Legitimation. 212 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? dynamik vorhanden sind, 77,8 % aller allgemein etymologischen Wiedererkennungsmerkmale und dass die Maigret-Figur – unabhängig von persönlichen Verhaltensmerkmalen – auch in dieser abstrakten Unterkategorie immerhin 72,7 % aller Charakteristika mit Jesus als der abendländischen Erlöserfigur schlechthin teilt. 211 — b ei 2 V er tre te rn v or ha nd en — be i 5 V er tre te rn v or ha nd en — b ei 3 V er tre te rn v or ha nd en — be i 6 V er tre te rn v or ha nd en G ra fik z u de n to po sb ez og en en B eo ba ch tu ng en zu r p ro fa ne n Er lö su ng sd yn am ik 15 ) r ep rä se nt ie rt ei ne n ne ue n, le be ns be ja he nd en W irk lic hk ei ts en tw ur f 16 ) s ym bo lis ie rt V er ge bu ng in a us w eg lo se r Sc hu ld ve rs tri ck un g 18 ) s ym bo lis ie rt V er sö hn un g un te r sc hw er st en B ed in gu ng en 20 ) s ym bo lis ie rt H of fn un g tro tz L ei de rf ah ru ng 38 ) e rlö st a us e in er k on kr et en Pr ob le m si tu at io n (p un kt ue ll) 39 ) v er kü nd ig t e in e Er lö su ng sb ot sc ha ft 40 ) i st E rlö se r f ür a lle (d ie w ol le n) 41 ) b ef re it äu ße rli ch -s itu at iv 42 ) e rlö st im p sy ch ol og . S in ne ( se el is ch in ne rli ch ) 43 ) e rlö st d ie ss ei ts be zo ge n 44 ) b es itz t L eg iti m at io n zu r Er lö su ng sh an dl un g G ra fik z u de n to po sb ez og en en Be ob ac ht un ge n zu r p ro fa ne n Er lö su ng sd yn am ik 15 ) re pr äs en tie rt e in en n eu en , le be ns be ja he nd en W irk lic h ke its en tw ur f 16 ) sy m bo lis ie rt V er ge bu ng in au sw eg lo se r S ch ul dv er st ric ku ng 18 ) sy m bo lis ie rt V er sö hn un g un te r sc hw er st en B ed in gu ng en 20 ) s ym bo lis ie rt H off nu ng tr ot z Le id er fa hr un g 38 ) er lö st a us e in er k on kr et en Pr ob le m si tu at io n (p un kt ue ll) 39 ) ve rk ün di gt e in e Er lö su ng sb ot sc ha ft 40 ) i st E rlö se r f ür a lle (d ie w ol le n) 41 ) be fr ei t ä uß er lic h si tu at iv 42 ) er lö st im p sy ch ol og . S in ne (s ee lis ch in ne rli ch ) 43 ) er lö st d ie ss ei ts be zo ge n 44 ) b es itz t L eg iti m at io n zu r Er lö su ng sh an dl un g 213 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos 3.5 Fazit zur Verortung Maigrets als profaner Erlöser Die Verortung der charakteristischen Merkmale des französischen Kriminalkommissars im Topos des profanen Erlösers verdeutlicht eine große Nähe zur Wahrnehmung der Besonderheiten des christlichen Erlösers. Gerade die neutrale Ebene des Topos aus der kognitiven Semantik erlaubt einen unvoreingenommenen und wertungsfreien, aber detaillierten Blick auf Ähnlichkeiten, Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider konkreter Vertreter. 3.5.1 Schnittmengen und Grenzen Maigret lebt einen Verstehens-Begriff, der stark an die biblische Ganzheitlichkeit umfassenden Erkennens erinnert. Sowohl im Alten101 als auch im Neuen Testament durch Jesus102 bezeichnet das griechische Verb γιγνώσκω mehr als faktisches Wissen, das auf rein rationalem Begreifen basiert. Die biblische Verwendung des Verbs betont, dass das gemeinte ganzheitliche Erkennen (einer Wahrheit) nicht außerhalb einer persönlich-emotionalen Relation stattfindet und stellt klar, dass dem Akt des Erkennens bereits ein Beziehungsangebot zugrunde liegt, das mit dem Erkennen selbst besiegelt werden kann. Zwar ist die Zielausrichtung Jesu für seine Beziehung zu und mit dem Menschen eine andere als bei Maigret,103 dennoch sorgt das Verhalten des Kommissars dafür, dass diejenigen, denen er auf diese Weise begegnet, sich zumindest für eine zeitlang in einer Relation zu ihm befinden, in der sie sich auf menschlicher Ebene vollkommen verstanden und aufgehoben fühlen. Die Begegnung Jesu mit dem Schächer am Kreuz104 während seiner eigenen letzten Stunden lässt sich am ehesten mit Maigrets Situation vergleichen: Jesus ignoriert keinesfalls die Konsequenz der Taten seines Gegenübers, denn auch dieser hängt zum Tode verurteilt am Kreuz wie er selbst. Er verspricht ihm nicht, ihn vom Kreuz zu holen, damit er weiterleben kann, auch nicht, dass er dessen Tod irgendwie verhindern oder wenigstens seine Schmerzen lindern wird. Jesus begegnet ihm unter größten eigenen Schmerzen und in Todesqual auf rein mitmenschlicher Ebene, indem er ihm sein Interesse an dessen Person und einer Beziehung zu ihm signalisiert, obwohl er selbst bereits dem Tod geweiht ist und ohne sich auch nur ansatzweise zu seinem Vergehen zu äußern. Im Grunde ist diese biblisch geschilderte Szene in den wichtigen Grundzügen durchaus auf die Grundsituation Maigrets übertragbar: Auch Maigret kann die (ausstehenden) Konsequenzen verbrecherischer Handlungen nicht vom Schuldigen abwenden, aber er verzichtet in der Begegnung mit ihm wie Jesus vollkommen darauf, diesen auf die moralische Verwerflichkeit seines Handelns hinzuweisen. Auch in der großen letzten Begegnung des Kommissars mit dem überführten Schuldigen (in welcher der Leser über eine Beichte, ein Geständnis oder ein Verhör die Lösung aller Rätselspannung präsentiert 101 Vgl. Jer 22,16 und Jer 31,14. 102 Vgl. Joh 17,3. 103 Jesus strebt an, eine ewig anhaltende Beziehung zu leben, während Maigret über die Etablierung einer beruflichen Beziehung ein umfassendes Verstehen des Gesamtschicksals des Verdächtigen anstrebt, um der Wahrheit über die Vergangenheit nahe zu kommen. 104 Vgl. Lk 23,39–43. 214 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? bekommt) ist es für diesen nur deshalb möglich, sich trotz seiner Verfehlungen bei Maigret verstanden und sicher zu fühlen, weil die Haltung des Kommissars als ebenso positiv dem Schuldigen zugewandt erkannt wird wie es biblisch von Jesus beschrieben wird. Unterscheidend bleibt, dass das Handlungsziel (und damit die Motivation) beider Erlöserfiguren unterschiedlicher Natur ist. Und auch Maigret hängt – im Vergleich mit der biblischen Szene – nicht selbst am Kreuz wie es bei Jesus der Fall ist, so dass die Beziehung zwischen dem Kommissar und seinem Schuldigen deutlich früher stattfindet als bei deren Hinrichtung. Dass aber in diesen letzten aufrichtigen Berufs-Begegnungen des Kommissars sich dennoch eine persönliche Relation zum Schuldigen einstellt, wenn sie auch aus beruflichen Gründen geboren wurde, verdeutlicht die Tatsache, dass Maigret für seine Schuldigen teilweise auch nach dem Urteilsspruch noch Ansprechpartner und Vertrauter (bis in den Tod) bleibt. Was die Evangelien-Berichte an alltäglicher Umsetzung der grundlegenden, großen Hauptaussagen der Botschaft und der irdischen Existenz Jesu andeuten, konkretisiert das Maigret-Universum mannigfach und realitäts getreu in wirklichkeitsnaher Fiktion: Durch sein mitmenschliches Handeln am Einzelnen riskiert der Kommissar politische Skandale, seine eigene Karriere und mehrfach sowohl Leben als auch Gesundheit. Seine säkular motivierte, aber unbestreitbar ausgelebte Nächstenliebe hat zur Konsequenz, dass er sich wiederholt im öffentlich-juristischen Bereich seiner beruflichen Existenz persönlich schuldig macht, um der Wahrheit über einen Menschen auf die Spur zu kommen und seiner Sicht von Gerechtigkeit zu ihrem Recht zu verhelfen. 3.5.2 Maigrets Legitimation Was für den christlichen Erlöser aus seiner göttlichen Natur und Präexistenz als Legitimation abgeleitet werden kann, muss folglich für jeden Vertreter des Topos als profaner Erlöser säkular begründet werden können.105 Es zeigt sich, dass im Fall institutioneller, offizieller oder staatlicher Handlungsbereiche die Legitimation von der jeweils betroffenen Einrichtung als von ihnen anerkannte Handlungsautorität an solche Personen verliehen wird, die aufgrund des erfolgreichen Abschlusses eines entsprechenden Ausbildungsprogramms bei der betreffenden Institution ihre diesbezügliche Sach- und Fachkompetenz unter Beweis gestellt haben. Da Maigret erwiesenermaßen über keinerlei offizielle Legitimation für seine Art des Umgangs mit Schuldigen verfügt – eher im Gegenteil die professionelle Vorgabe von unnachgiebiger Verfolgung erwiesener Täter zu erfüllen hat –, liegt der Schluss nahe, dass dem Kommissar in den Geständnis-Begegnungen von seinem jeweiligen Gegenüber eine Legitimation auf privater Ebene erteilt wird. Wenn in literaturwissenschaftlichen Interpretationen von Maigret als Priester oder 105 Gilt es, die Frage der Legitimation zu klären, geht es im Wesentlichen um die Klärung der Berechtigung für ein bestimmtes Handeln oder Verhalten. Zum einen will eine in diese Richtung zielende Nachfrage sichern, dass aufgrund offizieller Zuständigkeit eine für das bestehende Problem zu erringende Lösung dauerhaft bestehen bleiben kann. Zum anderen soll eine Legitimation sicherstellen, dass der Klärungsprozess für ein bestehendes Problem auch mit der notwendigen Kompetenz unternommen wird, welche letztlich eine gute und endgültige Lösung zu garantieren vermag. 215 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos Beichtvater gesprochen wird106, weisen diese Titulierungen auf eine psychologische (!) Grundlage für diese Autoritätsebene hin. Die Situation, in der ein flüchtiger, aber frisch gestellter Täter dem stellenden Ermittlungsbeamten tatsächlich alle Umstände und Hintergründe seines Tuns eröffnet, beinhaltet nicht nur die Akzeptanz des Unausweichlichen (dafür würde es ausreichen, sich widerstandslos festnehmen zu lassen), sondern darüber hinaus ein freiwilliges emotionales Ausliefern an Maigret. Die Legitimation für das Erlösungshandeln des Pariser Kommissars wird ihm daher auf persönlicher Ebene vom individuellen Gegenüber im rein privaten, zwischenmenschlichen Bereich zugesprochen und umfasst deshalb auch ausschließlich den privat-emotionalen Bereich.107 Der Schlüssel für den Zuspruch der Maigretschen Autorität liegt in der Anerkennung seiner psychologischen Kompetenz, die der Kommissar im Verlauf einer Untersuchung immer wieder unter Beweis stellt. Die Kompetenz, die Maigret aus Sicht der Verdächtigten während seiner Ermittlungen stetig beweist, umfasst die Fähigkeit und den Willen, sich in die Schicksale seiner Verdächtigen hineinzuversenken als wären sie seine eigenen, ohne sich dabei in ihnen zu verlieren und ohne das Handeln der Verdächtigen zu verurteilen. 108 Damit beweist der Kommissar psychologisches Geschick in zweierlei Hinsicht: Zum einen positioniert er sich selbst auf diese Weise außerhalb eines Wertsystems, in dem die Wichtigkeit des Einzelnen ausschließlich über Leistung und Funktion erfolgt, und deren Maßstäbe und Vertreter aus der Perspektive des Täters sowieso nicht mehr ernst genommen werden können.109 Zum anderen kann er die so aufgedeckten Lebensumstände und Schicksale der Täter und/oder Verdächtigen an den grundständigen und leistungsunabhängigen Wert menschlichen Lebens zurückbinden, von dessen Teilhabe der Täter sich durch seine Tat ausgeschlossen hat. Dieses Verhalten spiegelt den säkular sichtbaren Teil des biblisch-christlichen Menschenbilds, das im Evangelium durch Jesu Handeln verdeutlicht wird: Im christlichen System beruhen Wert und Würde des Menschen nicht auf seiner Leistungsfähigkeit, seiner Effektivität oder seinem Erfolg innerhalb einer ethischen, moralischen, biologischen 106 Vgl. z. B. Keil (1993: 70); Kesting (1993: 134). 107 Die Fälle, in denen Maigret die Täter am Ende nicht der offiziellen Justiz übergibt, sind allesamt aus persönlicher (= privater) Neugier hervorgegangen und spielen sich deshalb hauptsächlich außerhalb seiner offiziellen Zuständigkeit als Polizeibeamter ab. Vgl. Saint-Pholien, Bei den Flamen oder Der geheimnisvolle Kapitän. 108 „Er hielt sich nicht für einen Übermenschen, betrachtete sich auch nicht als unfehlbar. Im Gegenteil, jede seiner Untersuchungen nahm er mit einer gewissen Demut auf, selbst die einfachste. Er mißtraute dem Schein, dem schnellen Urteil. Geduldig versuchte er zu verstehen, im Bewußtsein, daß die offenkundigen Motive nicht immer die echten waren. Wenn er auch keine große Vorstellung von den Menschen und ihren Möglichkeiten hatte, hielt er doch daran fest, an den Menschen zu glauben. Er suchte seine wunden Punkte herauszufinden, und wenn er schließlich seinen Finger darauf legte, triumphierte er nicht, sondern empfand eher eine gewisse Niedergeschlagenheit.“ Die alten Leute (1984: 169f.). Die deutsche Übersetzung entspricht der Zitation bei Eskin (1999: 394). 109 „Maigrets Sozialphilosophie spiegelt seine Psychologie wieder und dreht sich um ein und das gleiche zentrale Prinzip: Richte nicht. Seine spontanen Sympathien und Antipathien sind subjektive, im Grunde ästhetische Reaktionen auf das Verhalten oder den Charakter der Menschen, keine moralischen Beurteilungen ihrer Handlungen. Sein hartnäckigster Widerwille gilt dementsprechend all denen, die sich das Recht zu urteilen anmaßen: den Richtern und dem ganzen Justizapparat.“ Eskin (1999: 400). 216 Teil III: Kommissar Maigret als profaner Erlöser? oder anders gearteten pragmatischen Werteskala, sondern ausschließlich darauf, dass ihm aufgrund der Liebe Gottes und dessen Beziehungswillen zu ihm Wert zugesprochen wird.110 Nur aus dieser Haltung können einem Mörder derselbe Wert und dieselbe Menschenwürde zugestanden werden wie seinem Opfer. Die säkulare Variation bei Maigret zielt zwar nicht auf die Beziehung zwischen Gott und Geschöpf ab, die dem Menschen seine leistungsunabhängige Würde erst ermöglicht, dennoch steht der Wert des Menschen an sich auch für den Kommissar außerhalb jeglicher gesellschaftlichen oder privaten Funktionstüchtigkeit des Einzelnen. Auch wenn der Ursprung dieser parallelen, säkularen „fremden Würde“ nicht in der Liebe Gottes zum Individuum gründet, eröffnet doch die so entstehende grundsätzliche und unangreifbare Gleichheit aller Menschen die Möglichkeit ebenbürtiger Begegnungen, aus denen Beziehung entstehen kann. Diese grundsätzliche und unangreifbare Gleichheit aller Menschen bei Maigret lässt sich meiner Ansicht nach aus seiner Verpflichtung der Wahrheit gegenüber ableiten. So tritt an die Stelle Gottes in den Maigret-Romanen ein Wahrheitsbegriff, der gleichermaßen auf jeden Einzelnen anwendbar bleiben muss und auf den jedes Individuum dasselbe Anrecht besitzt. Eine solche Wahrheit bzw. die Suche nach derselben kann sich nicht mit bloßen Fakten, Indizien oder einem Fallbericht von eineinhalb DIN A 4-Seiten begnügen. Sie muss alles in Betracht ziehen, jeden Motivationsanteil kennen, allen Details, Hintergründen und Umständen ihren adäquaten Stellenwerten zuweisen können und darf nur die vollständige Beachtung ihrer eigenen Anforderungen als Maßstab gelten lassen, was alle sonstigen gesellschaftlichen, sozialen, politischen, ethischen oder religiösen Maßstäbe außer Kraft setzt.111 Auf dieser Basis ist der Mensch zwar nicht so grundständig geliebt wie in der Annahme Gottes, aber er bleibt im existentiellen Sinn jeglicher Beachtung wert. Es ist daher Maigrets Verpflichtung gegenüber der Wahrheit, welche die Grundlage für seine Funktion als profaner Erlöser bildet. Sie nötigt ihn dazu, nichts außer Acht zu lassen, weder nichtige Ereignisse noch scheinbar lächerliche Emotionen des Täters als potentielle Auslöser zu übergehen und sich so vollständig in Leben und Existenz des Verdächtigen hineinzuversetzen. Genau dadurch erwirbt sich Maigret die aus Sicht der Schuldigen notwendige Kompetenz, die seine außerberufliche Legitimation und Autorität als profaner Erlöser begründen: Der Kommissar kennt bereits vor der expliziten Offenlegung aller Verbrechenseinzelheiten im Gespräch mit dem Täter die tatsächlichen Beweggründe. Er weiß um die Geschehnisse, die dem Einzelnen widerfahren sind und hat nachvollzogen, auf welche Weise sein Gegenüber zu dem geworden ist, den er verfolgen musste, ohne ihn zu verurteilen. Ein Mensch gesteht einem Gegenüber dann die Kompetenz zu, eine emotionale Krisensituation richtig einzuschätzen oder einen hilfreichen Rat geben zu können, wenn 110 Vgl. Thielicke (1980b: 183–189). „Sie haben keinen immanenten Funktionswert, aber sie haben das, was Luther „die fremde Würde“ nennt: daß sie in einer Geschichte mit Gott stehen und daß die Opfer Gottes auch sie heiligen und sakrosankt sein lassen. Nur in dieser „fremden Würde“ gibt es wirkliche Geborgenheit.“ Westphal (2008: 63). 111 Als interessante Parallele sei hier nur auf das Bibelwort Jesu verwiesen, der den Begriff einer personalen Wahrheit einführt, indem er sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ Vgl. Joh 14,6 (Elberfelder 2001). 217 3 Abgrenzungen und Positionierung im Topos das Gegenüber die Art der Situation kennt und der Bedrängte nicht befürchten muss, unzutreffend kategorisiert zu werden oder sich Dummheiten anhören zu müssen. Das geschieht entweder, wenn derjenige, dem die Kompetenz zugesprochen wird, selbst eine ähnliche emotionale Krisensituation durchstanden hat oder dann, wenn er daran beteiligt war, sie erfolgreich beizulegen. Ähnlich der Situation von Geistlichen – die zwar selbst nicht alle Verfehlungen begangen haben (müssen), aber aufgrund ihrer Funktion als Beichtväter über ein großes Spektrum an Wissen um Komplexität und Diversität von Verfehlungs-Situationen wissen und durch das Beichtgeheimnis daran gebunden sind, kein Urteil über die gebeichtete Sünde zu fällen (nicht einmal rechtliche Schritte einzuleiten)112 – ähnlich verfügt auch Kommissar Maigret über die Disposition, dass er aus beruflichen Gründen die komplette Bandbreite menschlicher Abgründe kennt. Im Gegensatz zum christlichen Erlöser wird ihm jedoch nicht im Vorhinein eine allwissende Kompetenz im allgemeinen zugesprochen, eine konkrete Verfehlungs-Situation zu verstehen und den darin verwickelten Menschen deshalb nicht gleich zu verurteilen, sondern Maigret verdient sich den jeweiligen Einzelzuspruch dadurch, dass er in den Ermittlungen den Willen dazu mehrfach unter Beweis stellt. Hier illustrieren das absolute Eintauchen des fiktiven Kommissars in die Widrigkeiten, Probleme, Ärgernisse und in die Atmosphäre eines einzelnen Schicksals, ohne den dazugehörigen Menschen für seine Taten oder Unterlassungen in der einen oder anderen Situation zu verurteilen und die persönliche Begegnung mit ihm als Gleichgestellter, auf sehr konkrete Art und Weise, inwiefern profane Erlösung als Teilaspekt christlicher Erlösung gegenwärtig auch von Vertretern des christlichen Glaubens vollzogen werden könnte. 112 Auf diesem Hintergrund erklärt sich auch die Motivation zur Parallelisierung Maigrets mit einem Priester oder Beichtvater in der literaturwissenschaftlichen Sekundärliteratur. Z. B. bei Eskin (1999: 245, 400), Quack (2000: 45). Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets 221 1 Profane Erlösungsdynamik Mittlerweile ist sowohl deutlich geworden, welche Charaktereigenschaften und besonderen Verhaltensmerkmale gemeint sind, wenn Kommissar Maigret als Vertreter des Topos bezeichnet wird, als auch, welche charakterlichen und behavioristischen Besonderheiten den fiktiven Kommissar in der Topos-Kategorie in die Nähe des christlichen Erlösers rücken. Die Betrachtung jeder konkreten Ausformung des profanen Erlösers als Figur kann jedoch nicht isoliert vom Gesamtgeschehen erfolgen, wie die eingangs vorgenommene Klärung der Begrifflichkeiten erwiesen hat, so dass eine rein auf die Figur begrenzte Betrachtung ohne Beachtung der jeweiligen Dynamik eines diesseitig verstandenen Erlösungsgeschehens eine unvollständige bliebe. Geht es im folgenden Hauptkapitel also um die Gegebenheiten und Umstände einer rein diesseitig verstandenen und damit adäquat zum profanen Erlöser als profan bezeichneten Erlösungsdynamik (nämlich um die Fragen wovon und wozu wird erlöst1), legt diese detaillierte Betrachtung auch einen exemplarisch zu verstehenden Grundstein für die pragmatische Relevanz der erarbeiteten Ergebnisse. Der sich an die zweite Hauptuntersuchung anschließende, letzte große Teil der vorliegenden Arbeit beschäftigt sich deshalb damit aufzuzeigen, in welchen konkreten Bereichen die hier geübte interdisziplinäre Perspektive auf säkulare Literatur (auf dem Hintergrund biblischer Metaphern, psychologischer Zusammenhänge und etymologischer Bedeutungskomponenten) ihr dialog- und beziehungsförderndes Potential entfalten kann. Das beinhaltet auch, die Zusammenhänge zwischen einer gegenwartsbezogenen Theologie und dem Potential säkularer Literatur aufzuzeigen sowie die Notwendigkeit dieses Bezugs zu untermauern. 1.1 Die drei semiotischen Hauptaspekte christlich verstandener Erlösung Die bereits im Kapitel „Theologischer Zugang zur Erlösungsbegrifflichkeit“ vorgestellten biblischen Metaphernfelder für die Rede von Erlösung werden hier durch die Verwendung neutestamentlicher Verbalstrukturen und eine psychologisch verankerte Perspektive auf das Phänomen der Erlösung vervollständigt. Dabei verhelfen für die Arbeit an den Maigrets die griechischen Verbformen λύω [lüo], σώζω [sozo] und ρύομαι [rhyomai], die im Neuen Testament hauptsächlich zur Bezeichnung einer Erlösungsdynamik herangezogen werden, zur Betonung verschiedener Bedeutungsnuancen des Phänomens. Die biblischen Metaphernfelder liefern literarisch vergleichbare Bilder im Dialog mit säkularer Literatur, und die psychologische Perspektive verdeutlicht die phänomenologische Dynamik, die interpretationsunabhängig im Erlösungsgeschehen stattfindet. 1 Das Wie? der Erlösungsdynamik ist bereits durch die umfangreiche Betrachtung der Figur Maigrets als profaner Erlöser und seines Verhaltens mitbearbeitet worden. 222 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Das Theologische Begriffslexikon zum Neuen Testament2 leitet den Artikel „Erlösung“ mit folgender Definition ein: Wo immer Menschen durch eigene Schuld oder fremde Übermacht in eine andere Gewalt geraten sind, die Freiheit verloren haben, ihren eigenen Willen und Entschluß auch ausführen zu können oder (…) das sein oder tun zu können, was (…) als Bestimmung über ihrem Leben steht, können sie, wenn ihre eigenen Möglichkeiten jener anderen Macht gegenüber nicht ausreichen, nur durch den Eingriff eines Dritten diese Freiheit wiedererlangen.3 Bereits diese theologische Begriffsbestimmung ebnet einem psychologischen Verständnis von Erlösungsbedürftigkeit den Weg, wie er sich in der Definition von Prägung bei Monika Renz findet. Genau dann, wenn ich von einer Prägung ausgehe, namentlich von Mechanismen, aus denen der Mensch alleine nicht herausfindet, wird für mich das Phänomen Erlösungsbedürftigkeit verständlich. Erlösung geschieht primär aus Prägung (…). (…) Wandlung und Erlösung geschehen nicht ohne das, was ich das Dritte nenne, anthropologisch gesprochen nicht ohne ein Außerhalb, das ins Menschliche eingreift. Theologisch gesprochen nicht ohne die Bewegung Gottes auf den Menschen zu (…).4 Das christlich-protestantische Verständnis von Erlösung basiert auf dem sich auf unterschiedliche Ebenen vollziehenden Handeln Gottes (und Jesu Christi) zum Wohlergehen des Menschen, das im griechischen Ursprungstext mit mehreren Ableitungen der Verben λύω [lüo] (= losmachen, befreien), σώζω [sozo] (= herausreißen, erretten) und ρύομαι [rhyomai] (= bewahren, schützen, abwehren)5 beschrieben wird6. So beinhaltet die Verwendung einer konkreten Vokabel oder einer ihrer Ableitungen zwar die Betonung eines ganz bestimmten Aspektes christlicher Erlösung, keinesfalls aber einen Absolutheitsanspruch über die anderen Bedeutungskomponenten und Realitätsebenen des Bedeutungsausmaßes.7 2 ThBNT (1967). Darin folgende Artikel: Mundle (1967a: 258–260)); ders. (1967b: 260–263); Schneider (1967a: 263–264); ders. (1967b: 264–270). 3 Mundle (1976a: 258). 4 Renz (2008: 15). 5 „Während λύω [lüo] = losmachen, befreien (…) den Freimachungsakt (…) unter dem Aspekt des Aufhebens der Bindung durch eine entflechtende Handlung oder (…) des Auslösens durch Hingabe eines Gegenwertes (…) beschreibt, betont (…) σώζω [sozo] vorwiegend das Herausreißen, Erretten aus einer lebensbedrohenden Gefahr unter Einsatz einer überlegenen Macht, und hebt ρύομαι [rhyomai] (…) den Charakter des Bewahrens und Schützens in, vor oder aus drohender oder akuter Gefahr hervor (abwehren).“ Mundle (1967a: 258). 6 λύω [lüo] = losmachen, befreien; σώζω [sozo] = herausreißen, erretten und ρύομαι [rhyomai] = bewahren, schützen. Vgl. Mundle (1967a: 258–260). 7 Zum Anspruch verschiedener Bedeutungsnuancen des Erlösungsverständnisses vgl. besonders das Interview mit Michael Welker (2009) in der Zeitschrift Zeitzeichen. Darin heißt es zur Vorstellung davon, was Erlösung ist u. a.: „wahr ist, dass es sich bei diesem Prozess des kommenden Reiches Gottes um ein Geschehen handelt, das sowohl immanent als auch transzendent, sowohl innerlich als auch äußerlich, sowohl gegenwärtig als auch zukünftig ist. Denn dieses Geschehen vollzieht sich in emergenten Formen, das heißt hier, es ereignet sich in vielen kleinen und größeren Erfahrungen und Taten der Liebe und Vergebung (…). Die Betonung (…) sagt uns etwas über vorherrschende Erlösungsvorstellungen.“ Welker (2009: 31). 223 1 Profane Erlösungsdynamik Im Gegensatz zu einem Absolutheitsanspruch verweist die Verwendung der einzelnen Verben durch die teilweise identische Übersetzung der griechischen Ableitungen verschiedener Wortgruppen ins Deutsche immer auf den semantischen Gesamtzusammenhang des Bedeutungskomplexes von Erlösung.8 Weiterhin ausschlaggebend ist für das christlich-protestantische Erlösungsverständnis die sich durch alle Bedeutungsaspekte ziehende Universalität des göttlichen Heilsangebotes9 sowie die untrennbare Verbindung zwischen Erlösungsgeschehen und individuellem Glauben als Raum der Beziehung zwischen Gott und Mensch, in dem die Erlösung stattfindet.10 Dem entspricht der auf psychologischer Seite ausgewiesene Zusammenhang zwischen der „Bewegung Gottes auf den Menschen zu“11 und der göttlichen Angewiesenheit auf eine „Einbruchstelle im Menschen“12. Der theologisch konstatierte Beziehungsraum zwischen Gott und Mensch findet eine phänomenologische Entsprechung in psychischer Dynamik: Heilswege sind Prozesse, in die der Mensch seinen Beitrag einzubringen hat, ebenso wie ihm geholfen werden muss (…) Sowohl ist Erlösung primär Gnade, als sie auch der menschlichen Bereitschaft – oder Einsicht in die eigene Erlösungsbedürftigkeit – bedarf. Im Zusammentreffen von menschlicher Bereitschaft und [göttlicher] Gnade geschieht Erlösung.13 Innerhalb der wissenschaftlichen Darstellung des ThBNT14, wie sich die sprachlichen Aspektträger in ihrer etymologischen Entwicklung zur Gesamtbedeutung christlichen Erlösungsverständnisses verhalten, findet sich der wiederholte Hinweis auf die Verschränkung von Gegenwart und Zukunft des göttlichen Erlösungshandelns am Menschen: Die dem Individuum zugesprochene Erlösung beinhaltet zum einen pragmatisch und zum anderen theologisch sowohl eschatologische Zusage (bzw. zukünftige Vollendung des Heils als geschichtliches Endziel) als auch gegenwärtig erfahrbare Rettung oder Bewahrung (z. B. Heilung von Krankheit, Befreiung aus Unterdrückung oder sozialer Isolation, Sündenvergebung).15 Die griechische Vokabel ρύομαι [rhyomai] betont die Präsenz gött- 8 Z. B. λύω [lüo] = lösen, befreien, απολύω [apolüo] = freigeben, entlassen (Mundle 1967a: 258) – λυτρόω [lütroo] = erlösen, befreien (Mundle 1967a: 260) – ρύομαι [rhyomai] = abwehren, bewahren, retten, beschirmen (Mundle (1967b: 263)) – σώζω [sozo] = retten, erlösen, helfen, bewahren (Schneider (1967a: 264)). 9 „Der wahre und lebendige Gott ist der Heiland a l l e r Menschen (…). Der Heilsplan Gottes ist allumfassend, und Gott ist darauf bedacht, ihn auf alle mögliche Weise zu verwirklichen.“ Schneider (1967b: 269). 10 Zur Universalität des göttlichen Heilsangebotes vgl. Schneider (1967b: 266, 269); zur Verbindung von Erlösungsgeschehen und individuellem Glaube vgl. Mundle (1967b: 262) und Schneider (1967b: 265). 11 Renz (2008: 15). 12 Renz (2008: 15). 13 Renz (2008: 127). 14 ThBNT (1967). 15 Zur Gegenwärtigkeit der eschatologischen Heilszusage vgl. Mundle (1967b: 262) und Schneider (1967b: 266f.). Auch die Exodus-Begebenheit aus dem Alten Testament veranschaulicht bereits einprägsam, dass Gottes Erlösungshandeln und sein eschatologischer Heilsplan auch in der jeweiligen Gegenwart schon auf pragmatische Weise erfahrbar sind. Vgl. Mundle (1967a: 260). 224 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets lichen Erlösungshandelns in der augenblicklichen Gegenwart beispielhaft. In der Definition von Schneider16 deutet sie eine große Bandbreite an Möglichkeiten an, einem säkular denkenden Menschen seine eigene konkrete Erlösungsbedürftigkeit vor Augen zu führen. Er definiert ρύομαι [rhyomai] wie folgt: Die Grundbedeutung des Wortes ist abwehren, bewahren, d. h. den unverletzten Zustand von Menschen und Dingen durch machtvoll helfendes Eingreifen oder auch durch magische und technische Mittel erhalten. (…) synonym mit σώζω [sozo] steht es nur in der speziellen Bedeutung retten oder beschirmen. Rettung und Bewahrung gehen von Göttern oder Menschen aus, welche die Möglichkeit haben, sich schützend vor andere zu stellen und ihr Leben zu erhalten.17 Aus der etymologischen Verzahnung der ursprünglichen Bedeutungskomponenten des griechischen Erlösungsbegriffs ergibt sich folgende Übersicht über seine semantischen Bedeutungsaspekte für die christlich-religiöse, aber auch für die säkulare Verwendung: Die Definition, auf die das biblische Erlösungsverständnis zurückgreift bzw. verweist, umfasst demnach grundsätzlich beide Existenzebenen, säkular und sakral, ohne aufgrund des göttlichen Heilshandelns für sein Volk in der Geschichte einer Ebene den Vorzug zu geben. Aus diesem Grund kann die heute vorherrschende Dominanz der sakralen Bedeutungskomponente von Erlösung auch nur im Sinne einer bewusst gewählten Betonung verstanden und darf keinesfalls isoliert für ein christliches Erlösungsverständnis gewählt werden. Auf die Wichtigkeit der Existenz beider Realitätsdimensionen gött- 16 Schneider (1967a: 263f.). 17 Schneider (1967a: 263). Herausreißen aus lebensbedrohlicher Gefahr unter Einsatz einer überlegenen Macht σώζω (herausreißen, erretten) ρύομαι (abwehren) λύω (losmachen, befreien) Erlösen 1) Abwehrendes Schützen/Bewahren vor akut drohender Gefahr 2) Erhalten des unverletzten Zustands von Menschen und Dingen durch machtvoll helfendes Eingreifen (auch magische und technische Mittel) 1) Auslösen durch Hingabe eines Gegenwerts 2) Auflösen einer Bindung durch eine entflechtende Handlung 225 1 Profane Erlösungsdynamik lichen Erlösungshandelns und ihrer Balance verweist bereits Jesus selbst, indem er bei der Aussendung seiner Jünger zu beidem den Auftrag erteilt18 und ihnen die Kinder19 in ihrer Ganzheitlichkeit (die gerade nicht zwischen säkular und sakral trennen) als Vorbild vor Augen stellt. Wenn göttliches Erlösungshandeln also auf ganzheitliche Art erlebt werden soll, darf der Weg zum ganzheitlichen Verständnis dessen bei Menschen aus einem säkular geprägten Umfeld sicherlich zunächst über die greifbare Seite führen. Wohlgemerkt ist damit nur eine chronologische Reihenfolge angedacht und keine qualitative Aussage als Dominanzanspruch vertreten. Darüber hinaus führt die Definition von ρύομαι auf innerbiblischem Hintergrund den Menschen als Retter ein20, der sicherlich für einen säkularen Adressaten ein greifbares Gegenüber darstellt. Dabei ist jedoch zu beachten, dass auch hinter dem Erlösungshandeln der menschlichen Retter Gott selbst als Urheber der Rettung verstanden wird21 und dass jegliche Art äußerlich-situativer Befreiung im Alten Testament (wie z. B. die Befreiung des Volkes Israel aus der babylonischen Knecht- und Gefangenschaft) gleichbedeutend bleibt mit theologisch-geistlicher Erlösung. Zwischen säkularer und sakraler Rettung bzw. Erlösung wird hier kein Unterschied gemacht. Die äußerlich-situative Befreiung wird gleichgesetzt mit göttlichem Heilshandeln und als Erweis göttlicher Liebe zu seinen Kindern verstanden.22 Der Grund dafür liegt beim Urheber des Erlösungshandelns, denn es ist Gott selbst, der nicht zwischen sakralen und säkularen Lebensbereichen derer unterscheidet, denen sein Erlösungswille gilt. Die wechselseitige Übertragung säkularer und sakraler Bedeutungselemente ist demnach auch in biblischem Sinn legitim. 1.2 Übertragung auf die Maigret-Romane Die Maigret-Romane bieten aufgrund der in ihnen geschilderten Ausgangssituationen sowohl ein großes Potential an Identifikationsmöglichkeiten für den impliziten Leser an als auch einen Überblick über die aktuellen Formen von Verlorenheit, Unerlöstheit und damit Erlösungsbedürftigkeit säkular geprägter Zeitgenossen für den praktisch-theolo- 18 Z. B. in Lk 9,1f. (Elberfelder 2001): „Als er aber die Zwölf zusammengerufen hatte, gab er ihnen Kraft und Vollmacht über alle Dämonen und zur Heilung von Krankheiten. Und er sandte sie, das Reich Gottes zu predigen und die Kranken gesund zu machen.“ Vgl. auch Lk 10,8f. (Elberfelder 2001): „Und in welche Stadt ihr kommt, und sie nehmen euch auf, da eßt, was euch vorgesetzt wird, und heilt die Kranken darin und sprecht zu ihnen: Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen.“ 19 Lk 18,17 (Elberfelder 2001): „Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht aufnehmen wird wie ein Kind, wird nicht hineinkommen.“ 20 Z. B. in Ex 2,17.19; 2 Sam 14,16; 19,10; Sir 40,24. Vgl. Schneider (1967a: 263). 21 „Das AT kennt auch menschliche Retter (…). Aber aufs Ganze gesehen überwiegt das theozentrische Verständnis von ρύομαι [rhyomai]: Rettung und Bewahrung im Leben des Volkes und des einzelnen sind vom Willen Gottes abhängig. (…) Rettung bedeutet im AT »Bewahrung vor dem Herausgerissen werden aus dem von Jahwe gesetzten Heilsbereich« (Kasch, S. 1002).“ Schneider (1967a: 263). 22 „Gott bedient sich wohl der Menschen, aber entscheidend ist, was Gott selber tut. Er rettet aus Nöten, Ängsten und → Bedrängnissen, aber auch aus → Sünde und → Schuld. (…) In seinem Dienst haben die starken Helden, Richter und Nasiräer (Ri 13,5), Fürsten und Könige (2 Sam 14,4; 2 Kön 6,26) Hilfe geleistet und Recht geschaffen (Hos 13,10). Jahwe hilft aber auch (…) den einzelnen (…) aus Anfechtungen und Drangsalen, aus Krankheit, Gefangenschaft oder Anfeindung (Ps 107,13ff.; 109,31 u. ö.).“ Schneider (1967a: 264). 226 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets gisch Interessierten. Um nun den potentiellen Aspekten einer diesseitigen und säkular nachvollziehbaren Erlösungsdynamik auf die Spur zu kommen und damit später auch dem Potential für die pragmatische Relevanz der Maigret-Romane, ist zunächst die Frage von größter Wichtigkeit, wovon eigentlich befreit werden muss (Art der Unerlöstheit). Aus den Ergebnissen zur Betrachtung dieser Grundsituationen resultieren die Desiderata nach dem Erlösungsziel (Wozu wird erlöst?) und der Erlösungsmethode (Wie wird erlöst?). Da es sich bei Kommissar Maigret um eine Figur handelt, deren Erlöserpotential vom Autor nicht vorsätzlich als solches angelegt wurde, lassen sich sowohl Erlösungsziel als auch Erlösungsmethode nur indirekt aus dem Umgang Maigrets mit den Schuldigen in ihrer jeweiligen Erlösungsbedürftigkeit ableiten und werden daher unter dem Aspekt des Umgangs mit den jeweiligen Situationen der Erlösungsbedürftigkeit bearbeitet. Es ergibt sich daraus folgende schematische Übersicht über die Aspekte profaner Erlösungsdynamik: 1.2.1 Grundsituationen der Erlösungsbedürftigkeit in den Maigret-Romanen Hans-Ludwig Krechel hat bereits 1982 die semantischen Strukturen des Simenonschen Vokabulars innerhalb der Maigret-Romane untersucht.23 Mit Blick auf die von ihm erarbeitete Vokabularstruktur der dominanten Wortfelder in den Romanen wird deutlich, dass verschiedene Arten von Unerlöstheit bzw. Erlösungsbedürftigkeit feststellbar sind, 23 Vgl. Krechel (1982). Mit dem Ziel, die Diskussion über die Besonderheit des Simenonschen Schreibstils um eine systematische Analyse seines Wortschatzes zu erweitern, bearbeitet er das Vokabular des Raumes, der Zeit, der biologischen und physischen Gegebenheiten, der Sinneswelt, der emotionalen und rationalen Lebensäußerungen, der Technik und des gesellschaftlichen Lebens in zehn ausgewählten Maigret-Romanen. Adressaten (Wer?) Mittel (Wie?) Verhalten des Erlösers gegenüber Situation und Person der Erlösungsbedürftigen (abhängig von der Art der Erlösungsbedürftigkeit) Erlösungsbedürftigkeit (Wovon?) Erlösungsziel (Wozu?) Grundsituationen von Unerlöstheit, Verlorenheit, Erlösungsbedürftigkeit Situation nach dem Handeln und Verhalten des Erlösers 227 1 Profane Erlösungsdynamik die sich im Roman in emergenten Formen einer psychischen Krise (der Betroffenen) manifestieren. Diese psychische Krise zeigt sich in der Präsenz folgender Phänomene24: 1. Versuch, sich aus bestimmten gesellschaftlichen oder privaten Verhältnissen zu lösen 2. Suche nach Selbstbestätigung 3. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit über die Ausweglosigkeit der eigenen Situation 4. private Enttäuschungen 5. berufliches Scheitern 6. zurückgewiesene Liebesgefühle 1.2.2 Angst als vorherrschende Grundstimmung In seiner Arbeit gelangt Krechel zu der Feststellung, dass im Bereich der Bezeichnungen für emotionale Lebensäußerungen die Vokabeln der unangenehmen Gefühle über die der angenehmen dominieren.25 Zwar liegt für ihn die Ursache dafür darin begründet, dass die Maigrets im Milieu der Kriminalpolizei spielen, in dem kein Platz für angenehme Gefühle vorhanden ist, aber die Stellungnahme Simenons selbst dazu, die Krechel als Beleg für die Authentizität auktorialer Wiedergabe realer Stimmungen im Milieu anführt, weist deutlich über die Ebene der Stilistik hinaus. Simenon gibt an, dass die Dominanz unangenehmer Gefühle insofern verständlich sei, als es sich fast immer um Leute handele, die mitten in einem Drama um ihren eigenen Kopf kämpften. Bei der Kriminalpolizei sei man selten unbeschwert heiter, denn die Seite des menschlichen Daseins, mit der diese Menschen in Berührung kommen, habe nichts Tröstliches an sich.26 Das in den Maigret-Romanen grundsätzlich zu verstehende Rätsel um das hinter dem Tatmotiv stehende menschliche Drama beinhaltet das Hauptinteresse für Simenon. Auf der Suche nach dem bloßen Menschen ist es dieses psychologische Drama, welches ein verständliches und nachvollziehbares Tatmotiv liefern kann. Aufgrund der von Krechel herausgearbeiteten Vokabularstrukturen innerhalb der Konkrektionen von Grundsituationen, die für die verzweifelte Lage der Erlösungsbedürftigen als Ursache festgestellt werden können, lässt sich weiterhin erkennen, dass das Begriffsfeld der Angst innerhalb der Bezeichnungen für emotionale Lebensäußerungen in den Maigrets die vorherrschende Atmosphäre fast immer grundlegend beeinflusst und außerdem denjenigen Bereich unangenehmer Gefühle umfasst, in dem die psychische Krise der genauer betrachteten Figuren anzusiedeln ist. Die unerträgliche Stärke der Angst in der konkreten Ausfor- 24 Vgl. Krechel (1982: 142). 25 Vgl. Krechel (1982: 136f.). 26 Das hier sinngemäß wiedergegebene Simenon-Zitat lautet wörtlich: „Quant à la majorité de sentiments désagréables c’est assez compréhensible puisqu’il s’agit presque toujours de gens qui se débattent au milieu d’un drame. J’ai beaucoup fréquenté la police judiciaire. On y est rarement enjoué car l’humanité que ces gens côtoient n’a rien de réconfortant.“ Aus einem Brief Georges Simenons an Hans-Ludwig Krechel vom 05.01.1979, zitiert nach Krechel (1982: 260 Anhang nicht numeriert). 228 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets mung einer solchen psychischen Krise ist der letzte Auslöser für die Verbrechenstat des Mörders, mit der Tat selbst aber keinesfalls beseitigt. Dieser Zusammenhang wird aus postmoderner psychologischer Perspektive bestätigt: Die menschliche Subjektwerdung wird als Abspaltung vom Ganzen begriffen, was eine Urprägung des Abgespaltenseins und Verlorenseins sowie eine Urangst vor einem archaisch erlebten Numinosen nach sich zieht. (…) Beides, das Verlorensein wie das Bedrohtsein durch das Numinose, bedeuten für das werdende Ich (…) eine existenzielle Angst. Ich spreche von Urangst in zwei Gesichtern, fassbar als permanent einwirkende unbewusste Angstbereitschaft.27 Die durch diese existenzielle Urangst ausgelöste psychisch-dynamische Reaktion (der Flucht) manifestiert sich beim heutigen Menschen strukturell auf drei Ebenen. Renz spricht von Angst-, Begehrens- und Machtstruktur, über die das Subjekt versucht, seine Urangst zu bewältigen und seiner Gefühle wieder Herr zu werden. 28 Die drei Ausprägungen sind wie folgt fassbar: a) Angststruktur oder das sich ständig verlierende Vertrauen. = Ebene der Urbefindlichkeiten b) Begehrensstruktur oder das Unfrei-Sein inmitten eigener, schon reflexartig einsetzender Gier. Haben statt Sein. Das Verhältnis des Subjekts zu Sache und Welt. = Sachebene c) Machtstruktur oder die Unfähigkeit, anders auf Beziehung, Verletzung und Ohnmacht zu reagieren als mit Selbstbestimmung, Machtgier, Gewalt, Macht statt Liebe. Das Subjekt in seinem Beziehungsverhalten. = Beziehungsebene29 Der theologisch bemerkenswerte Schluss aus diesen Beobachtungen ergibt sich aus der Tatsache, dass der Mensch in der Konsequenz dieser Zusammenhänge nicht primär aufgrund einer konkreten Schuld bzw. Tat erlösungsbedürftig und auf Gnade angewiesen ist, sondern aufgrund seines existenziellen Zustands.30 Eine umfassend verstandene Erlösung muss sich demnach primär auf den unerlösten, urängstlichen Zustand des Menschen beziehen und nicht (nur) auf seine konkrete Schuld, die als Ausdruck oder Symptom seines Zustandes zu verstehen ist.31 Maigrets Weigerung, ein wertendes Urteil über das Verhalten, Handeln oder charakterliche Zuschreibungen zu seinen Verdächtigen abzugeben, passt zu diesem psychologischen Zusammenhang. Denn auch außerhalb der Urangst in der psychischen Krise zeigt sich das Phänomen der Angst in den Maigrets zwar in verschiedenen Formen, bleibt aber allgegenwärtig: Zuerst haben die Verdächtigen Angst vor dem Kommissar aufgrund seiner Qualitäten als erfolgreicher Ermittler und damit der Täter eigentlich vor dem Gefasst- bzw. Ent- 27 Renz (2008: 19). 28 Vgl. Renz (2008: 19f., 29f.). 29 Renz (2008: 30). 30 Vgl. Renz (2008: 30). Renz spricht von der „condition humaine“, der „Urprägung Mensch und ihren Folgen“. 31 „Umgekehrt wird Erlösung (…) nicht zu einem uns enthobenen jenseitigen Etwas, sondern – wo wir dafür offen sind – zu einem realen, in Seele und Lebenswelt stattfindenden Prozess.“ Renz (2008: 30). 229 1 Profane Erlösungsdynamik larvtwerden, alle anderen vor der Enthüllung der Wahrheit über sie.32 Dann werden die Täter von den möglichen Konsequenzen ihrer Tat in Angst und Schrecken gehalten, die sie wiederum mit der Person des Polizisten in Verbindung bringen, der sie gefangen nehmen kann und so über die Macht verfügt, sie den gefürchteten Konsequenzen auszusetzen (Gefängnis, Tod durch Guillotine). Schließlich haben die Täter häufig auch Angst vor sich selbst: Die Erkenntnis, dass sie eine Tat begangen haben, derer sie sich niemals fähig glaubten, lässt sie an Selbstbild und -kontrolle zweifeln und verursacht die reflexive Angst vor der Möglichkeit, ein weiteres Mal zu dieser Ungeheuerlichkeit imstande zu sein.33 Auch Maigret selbst bleibt nicht von der Angst verschont. Er bewegt sich während seiner Ermittlungen immer wieder innerhalb einer Angst einflößenden Atmosphäre, die von bestimmten Orten, aber auch von der bedrohlichen Wirkung der Tatumstände ausgehen kann und die ihre Wirkung auf dem Kommissar nicht verfehlt.34 Bezüglich der Angst als (Mit-)Ursache für eine psychische Krise muss darüber hinaus darauf hingewiesen werden, dass bei der Fokussierung auf die Grundsituationen von Erlösungsbedürftigkeit der Rahmen einer traditionellen Figurenkonstellation im idealtypischen Krimi verlassen werden muss. Wie bereits verdeutlicht, verwendet Simenon zwar den Spannungsrahmen des Krimis für sein auktoriales Anliegen der Suche nach dem homme nu, aber er folgt in der Schwerpunktsetzung seiner Erzählung nicht dem typischen Genre-Schema. Daraus resultiert die Tatsache, dass es nicht ausschließlich – wenn auch recht häufig – die am Ende erwiesenen Täter des Verbrechens sind, deren Grundangstsituation ihrer psychischen Krise im Mittelpunkt des Verstehensprozesses des Romans steht. Zum Teil sind es andere, in die Katastrophe verstrickte Charaktere, deren Ängste zur Entstehung des Verbrechens beigetragen haben, welche aber nicht selbst die Funktion des Mörders im Krimi tragen. Ihre persönliche Krise wird dann dem impliziten Leser als Haupterzählstrang im Roman nahe gebracht, wenn die emotionalen Verwicklungen dem Fokus des Autors auf den bloßen Menschen dienlicher sind als das Innenleben z. B. eines Täters, aus dessen Waffe sich im Handgemenge aus Versehen ein tödlicher Schuss löst. Für die Betrachtung der Grundsituationen von Erlösungsbedürftigkeit ist es wiederum unwesentlich, ob die zur nach und nach aufgedeckten psychischen Krise gehörende Figur selbst der Mörder ist oder nicht. So folgt die Untersuchung hier dem legitimen Schwerpunkt der auktorialen Perspektive und nimmt in die Analyse der unerlösten Grundsituationen auch die Betrachtung der emotionalen Krisen von zwar dargestellten Hauptfiguren auf, die aber im Roman nicht zu Tätern im Sinne eines Mordes geworden sind.35 1.2.3 Die Bereiche der psychischen Krise Da der Kommissar innerhalb einer von Angst geprägten Atmosphäre in erster Linie die Lebensgeschichten der Verdächtigen untersucht, um die psychischen und/oder sozialen Motive ausfindig zu machen, die Schuldige zu Tätern werden lassen können, liegt auch die Erlösungsbedürftigkeit der Hauptschuldigen in den Maigret-Romanen in den meis- 32 Vgl. Krechel (1982: 141). 33 Vgl. Krechel (1982: 141). 34 Vgl. Krechel (1982: 140f.). 35 Wie z. B. dem Lehrerssohn im Roman In der Schule. 230 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets ten Fällen in ebendiesem Bereich der psychischen Krise beheimatet. Die Mächte, deren Kräfte das Leben der Romanfiguren „in höchstem Maße lähmen und quälen“36 und die Angst vor ihnen übermächtig machen, werden in den fiktiven Texten Simenons u. a. in verschiedene moderne Gesellschaftskrankheiten der westlich orientierten Wirtschaftsnationen übersetzt, die alle in irgendeiner Form eine Art von Unfreiheit bzw. Gefangenschaft37 ausdrücken: 1. Existentielle Bedrohungen (körperlich) 2. Gesellschaftliche und kulturelle Isolation (kommunikativ) 3. Berufliche Missachtung und Ausbeutung (finanziell) 4. Private Unterdrückung, Verachtung und Erpressung (sozial) 5. Psychische Selbstentfremdung und emotionale Wertlosigkeit (emotional) 6. Absolutheitsanspruch der Systeme (gesetzlich) Der Kampf mit den bei Simenon geschilderten „Symptomen“ psychisch existentieller Urangst spiegelt meist nicht nur häufig den Auslöser der für die jeweilige Tatmotivation verantwortlichen seelischen Krise, sondern impliziert gleichzeitig mehrere Identifikationsmöglichkeiten für einen als zeitgenössisch konzipierten impliziten Leser, da sie alle Ebenen des individuellen und gesellschaftlichen Lebens abdecken können: die körperliche, die kommunikative, die finanzielle, die soziale, die emotionale und die gesetzliche/ forensische. Die greifbare Erlösungsbedürftigkeit der einzelnen Figuren, welche durch die oben aufgeführten Mechanismen auslöst wird, liegt bei Simenon hauptsächlich in den Bereichen von: 1. Hoffnungslosigkeit aufgrund von unheilbarer Krankheit oder Tod38 2. Einsamkeit als Folge gesellschaftlicher oder kultureller Isolation39 3. Mangelndem Selbstwertgefühl aufgrund von beruflicher oder privater Unterdrückung, Verachtung, Erpressung und Ausbeutung40 36 Welker (2009: 30). 37 Die biblisch verwendeten Paradigmen (sozial, finanziell, gesetzlich) in der Rede von Erlösung scheinen hier bereits anschlussfähig. 38 Das entspricht einem Erlösungsbegriff nach dem medizinischen Paradigma von Krankheit und Arzt. Diese Grundthematik findet sich z. B. in der Sprachlosigkeit als Folge von Hoffnungslosigkeit für die Figur des Joseph Heurtin (in: Der Kopf eines Mannes), in der Perspektivlosigkeit aufgrund unheilbarer Krankheit bei Johann Radek (in: Der Kopf eines Mannes) und in der Hoffnungslosigkeit infolge des tödlichen Verlustes des eigenen Kindes bei Père Canut (in: Die Neu fundlandfahrer). 39 Hier kommt das kommunikative Paradigma von Erlösung zum Tragen. Einsamkeit als Folge gesellschaftlicher oder kultureller Isolation wird thematisiert im Mord aus Angst vor Vereinsamung in der Fremde und aufgrund gesellschaftlicher Isolation von Anna Peeters (in: Bei den Flamen), im Aufbegehren gegen die erzwungene Separation von der eigenen Familie und dem erzwungenen Exil im Ausland von Raymond Grandmaison (in: Der geheimnisvolle Kapitän), im Wunsch nach Integration in die Klassengemeinschaft von Jean-Paul Gastin, der zum kindlichen Verschweigen der Wahrheit über die Unschuld des Vaters führt (in: In der Schule) und in der selbst gewählten Isolation von der Dorfgemeinschaft des Lehrers Joseph Gastin, die zu Falschanklage wegen Mordes führt (in: In der Schule). 40 Diese Grundsituationen werden durch Aspekte des sozialen, gesetzlichen und finanziellen Paradigmas für Erlösung angesprochen. Beispiele finden sich u. a. in der privaten Unterdrückung, familiären Missachtung, finanziellen Ausbeutung und Erpressung von Paulette Lachaume (in: Die wider- 231 1 Profane Erlösungsdynamik 4. Emotionaler Verzweiflung aus der Verbindung von Hass- und Liebesgefühlen in unglücklichen Liebesbeziehungen41 Bei der Betrachtung der einzelnen Bereiche der psychischen Krise wird darüber hinaus ersichtlich, dass sich letztlich alle aufgeführten Gebiete immer mit dem Grundphänomen von psychischer Selbstentfremdung und emotionaler Wertlosigkeit in Verbindung bringen lassen, was ihrem Ursprung in der psychologisch konstatierten existenziellen Urangst entspricht. Die hier vorgenommene Ausdifferenzierung der verschiedenen Bereiche von Erlösungsbedürftigkeit soll jedoch keinesfalls den Eindruck erwecken, dass sie immer als Einzelphänomen erscheinen. Schon die grundständige und fast durchgängig zu beobachtende Verquickung mit der psychischen Selbstentfremdung legt nahe, dass die konkrete Erlösungsbedürftigkeit einer Figur sich aus mehreren Erlebensebenen speist. Die hier vorgenommene theoretische Separation bleibt legitim, weil literarisch meist eine Ebene als besonders dominant geschildert wird.42 Je deutlicher sich im Handlungsverlauf eines Maigret herausstellt, wie stark die Belastung des Schuldigen in seiner Angst während der Phase bis zur Tat ist, in der sich die lebensfeindlichen Aspekte seiner Lebenssituation weiter verschärfen, desto nachvollziehbarer wird für den impliziten Leser, wie schließlich alle Selbsterhaltungsbestrebungen in der schrecklichen Verbrechenstat gipfeln konnten. Auch wenn möglicherweise der psychische Zustand einer Figur nach der Tat für den impliziten Leser nicht so verständlich erscheint, bietet doch die Entschlüsselung ihrer Lebenssituation vor dem Mord durch Maigret genügend aus dem realen Umfeld des impliziten Lesers bekannte Anknüpfungspunkte, um Parallelen zum eigenen Erleben oder Ähnlichkeiten mit eigenen Erfahrungen zu entdecken. Zusätzlich interessant für die Erlösungsbedürftigkeit der betroffenen Figuren im Maigret- Universum sind außer den Bereichen der psychischen Krise Situationen, in denen ein Verdächtiger/Schuldiger sich dem System seiner Gesellschaft ohnmächtig gegenüber sieht. Zwar gehört dieser bereits als Auslöser für eine seelische Krise aufgeführte Punkt nicht zwangsläufig zu den Ausformungen derselben, aber der Umgang Maigrets mit dem Absolutheitsanspruch der Systeme verdeutlicht einen weiteren wichtigen Aspekt der profanen Erlösungsdynamik in den Maigret-Romanen.43 spenstigen Zeugen), sowie der beruflichen Ausbeutung, öffentlichen und körperlichen Demütigung und persönlichen Bloßstellung von Gilbert Pigou durch seinen Arbeitgeber (in: Der Weinhändler). 41 Hier können Aspekte eines durch das soziale und kommunikative Paradigma verbildlichten Erlösungsverständnisses greifen. Beispiele für die Erlösungsbedürftigkeit auf diesem Gebiet finden sich in der emotionalen Verachtung durch den eigenen Vater und einer persönlichen Herabwürdigung vom besten Freund zum gehörnten Ehemann durch den Freund im Roman L’Ecluse no 1, in der emotionalen Hörigkeit und wirtschaftlich-sozialen Abhängigkeit vom Zwilling, der zum Brudermord von Hans Johannsson führt (in: Pietr der Lette) und in psychologischer Selbstentfremdung (Identitätsverlust) und emotionaler Wertlosigkeit der Mitglieder eines ehemaligen Jugendzirkels durch die existentiell bedrohliche Angst vor eigener ungesühnter Schuld (in: Der Gehängte von St. Pholien). 42 Da der Absolutheitsanspruch der Systeme gegenüber dem Einzelnen im Wesentlichen für die Figur des Maigret von Bedeutung bleibt, der dadurch in seinem persönlichen Handlungsspielraum eingeschränkt ist, wird diesem Punkt unter dem Aspekt der psychischen Krise der Täter nicht gesondert nachgegangen. Der Umgang Maigrets mit dieser Begrenzung wurde bereits in der vorangegangenen Figuren-Analyse aufgezeigt. 43 Vgl. vorhergehende Fußnote. 232 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets 1.2.4 Erlösungsbedürftigkeit vor und nach dem Mord Gerade für die fiktive Täter-Figur muss betont werden, dass die Komplexität seiner Unerlöstheit vor dem Mord eine andere ist als nach der Tat. Durch das Verbrechen selbst kommt in den Maigret-Romanen zu jeder Form der Unterdrückung, Isolation oder sonstiger Unfreiheit vor der Tat direkt danach die juristische Ebene hinzu, die, vertreten durch den Absolutheitsanspruch eines Rechtssystems, zusätzlich zur Bewältigung der psychischen Krise Strafe und Wiedergutmachung für das Begangene einfordert und den Täter dadurch selbst mit einer weiteren Unfreiheit bedroht. Gemäß der Struktur des Kriminalromans beschäftigt sich die Untersuchung des Kommissars während des größten Teils der Romanhandlung mit der Lösung des Gegenstands der mystery-Rätselspannung. Im Fall Simenons findet sich dieser Gegenstand immer im Tatmotiv, so dass sich der Erkenntnisprozess des Verstehens für den Kommissar wie für den impliziten Leser immer zuerst auf die Unerlöstheit des Täters vor seinem Vergehen bezieht. Das Ziel der Maigretschen Ermittlungen liegt demnach im Erfassen der Tatmotive durch das Erkennen der Art von Angst des Täters, die zum Höhepunkt seiner psychischen Krise geführt hat. Hier finden sich dann auch die pragmatischen Umstände, welche für die Entstehung der seelischen Krise gesorgt haben und letztlich für die Unerträglichkeit der Angst des Täters herangezogen werden können. Das Verstehen als Ziel des geistigen Erfassens der Tatmotive und des Verständnisses für ihr Zustandekommen in der Not des Individuums zeigt sich am stärksten in der die mystery-Spannung abschlie- ßenden Lösungsszene, die häufig einer Beichte bei Maigret ähnelt. Sie wird in den meisten Fällen als emotional tiefgehende Begegnung zwischen der Hauptfigur und dem Kommissar geschildert. Erst zu diesem Zeitpunkt wird der durch die Verbrechenstat ausgelöste zusätzliche Aspekt der Unerlöstheit für den Täter aus Sicht des impliziten Lesers akut: Die Bedrohung des Täters durch die absoluten Ansprüche nach Strafe, Vergeltung und Wiedergutmachung eines gesetzlichen Rechtssystems, zu dessen offiziellen Vertretern Maigret als Polizeikommissar unmissverständlich zu zählen ist. Diese Bedrohung äußert sich für den Schuldigen konkret in den rechtlichen Konsequenzen seiner Tat, wie mindestens im äußerlichen Freiheitsentzug einer lebenslangen Gefängnisstrafe, meistens sogar in der Möglichkeit, zum Tod durch die Guillotine verurteilt zu werden, und für den Leser in der Frage, wie der Kommissar nun mit dem Schuldigen verfahren wird. Es zeigt sich also, dass die Erlösungsbedürftigkeit, die in den Maigret-Romanen Simenons geschildert wird, nicht nur auf verschiedenen Ebenen menschlichen Daseins beheimatet liegen kann, sondern dass sich sogar im Laufe des individuellen Kampfes um Erlösung mehrere Arten von Unerlöstheit akkumulieren und so die Erlösungsbedürftigkeit insgesamt noch verstärken können. 233 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten 2.1 Die Grenzen profaner Erlösungsdynamik im existentiellen Paradigma Hinsichtlich einiger Ursachen für die Erlösungsbedürftigkeit von Romanfiguren zeigt sich die Begrenztheit Maigrets als profaner Erlöser am deutlichsten. Da er im Gegensatz zum christlichen kein schöpferischer Erlöser ist, sondern ihm nur rehabilitative Möglichkeiten zur Verfügung stehen, ist er gegenüber solchen Hilfebedürftigen machtlos, deren Grund für die Verlorenheit über das Säkulare hinausreicht, wie z. B. dem Verlust eines geliebten Menschen oder der Unheilbarkeit einer Krankheit. Die von Jesus und seinen Aposteln biblisch erzählten Totenerweckungen als Erlösungsbilder für die Erfahrung, vom Tod ins Leben geholt zu werden, greifen deutlich über die diesseitig reproduzierbaren Aspekte einer profanen Erlösungsdynamik hinaus und umreißen die Grenze für den Einflussbereich eines profanen Erlösers. Maigret ist zwar als Hauptfigur mit vorrangiger Stellung konzipiert, aber ohne jegliche übernatürlichen Attribute: Der Kommissar soll einen Antihelden darstellen, der gewisse Tatbestände eben zunächst nicht kennt, der Fehler begeht, sich irrt und Angst verspürt.1 Dementsprechend beinhaltet das existentielle Paradigma von Tod und Leben den Bereich säkularer Unerlöstheits- Zustände, die seine Fähigkeiten und Einflussmöglichkeit übersteigen. So sind dem Kommissar hinsichtlich aller existentiellen Bedrohungen wie z. B. Krankheit oder Tod dieselben Grenzen gesetzt wie jeder anderen als menschlich konzipierten Figur auch.2 2.1.1 Seelische Sackgassen Wie die moderne Psychologie nachweisen kann, sind seelische Heilungsprozesse immer auch von der Bereitschaft der Betroffenen abhängig, sich auf die emotionalen Prozesse einzulassen, die mit der Erkenntnis eigener Schuldanteile einhergehen.3 Im natürlichen Entwicklungsprozess der Ich-Werdung, das sich in Wollen, Abgrenzen und Durchsetzen äußert und eigentlich auf Selbstverantwortung und Autonomie zielt, gibt es einen nur schwer auszumachenden Übergangspunkt, an dem die gesunde Intensität dieser Entwicklung sich in eine heillose Dynamik verwandeln kann.4 Ungesund und schuldhaft wird diese Dynamik, sobald sie zum Selbstläufer wird, das Ich verabsolutiert und für keine andere Bezogenheit mehr ansprechbar wird. 1 Vgl. Krechel (1982: 216f.). 2 Maigrets abgebrochenes Medizinstudium kommt in Begegnungen mit Kranken niemals zum Tragen. Es ist in diesen Notlagen derart irrelevant, dass es nicht einmal zur Sprache gebracht wird. Dennoch bleibt es ein Verweis auf das Vorhandensein der Symbolik des medizinischen Paradigmas in Form eines Arztes für die Seele. Vgl. Teil IV, Kap. 2.2. 3 Vgl. Renz (2008: 74f., 127–129). 4 Vgl. Renz (2008: 74). 234 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Das zentrale Problem – und Charakteristikum von Erlösungsbedürftigkeit – ist insgesamt nicht das Ich an sich, nicht die Fähigkeit zum Subjektsein, sondern die Dynamik in Richtung eines immer mehr Ich. (…) Bis hin zu einer Verabsolutierung im Ich, wo nichts mehr offen oder berührbar, nichts mehr hineingenommen ist (…). Der solchermaßen zu sich selbst emanzipierte Mensch kann auch Gnade nicht mehr annehmen, denn dies käme einem Eingeständnis von Schwäche und damit einer narzisstischen Kränkung gleich. Sackgasse!5 Auch wissenschaftlich ist kaum feststellbar, ab welchem Zeitpunkt der Einzelne einen Grad an seelischer Verhärtung erreicht hat, der ihn auch nach dem Herausreißen aus einer solch heillosen Dynamik für die Rückführung in gesunde Lebensprozesse unempfänglich macht. Erlösung kann also nur dort ihre heilende Wirkung entfalten, wo sie auf einen Grund fällt, den sie durchdringen kann. Das biblische Gleichnis vom Sämann auf dem Acker6 untermauert auf sehr eindrückliche Weise die psychologisch belegte Tatsache seelisch-emotional vorhandener Blockaden, die das Wachstum von Heilung und Erlösung zu verhindern vermögen. Dass es ein ,Zu spät’ gibt, betonen die Evangelien auf eindrückliche Weise. (…) Es gibt die Sackgasse der Selbstherrlichkeit und der Verweigerung. Es gibt eine schuldhafte Unberührbarkeit und Leid-Unempfindlichkeit (…). Und es gibt die Verblendung im Anspruch auf Wahrheit oder auf Wohlfahrt, Besitz und Macht. (…) Innerseelisch hat unbemerkt Abspaltung und Abkapselung des Ichs weg vom Ganzen, weg von Bezogenheit und Aufeinander-Verwiesensein stattgefunden. (…) Die Frage lautet nicht mehr: Wem diene ich? Sondern: Was dient mir?7 Einem profanen Erlöser sind dementsprechend auch im seelisch-emotionalen Bereich die Grenzen säkularer Möglichkeiten gesetzt. So finden sich auch in den Maigret-Romanen Begegnungen mit Erlösungsbedürftigen geschildert, in denen der Kommissar nicht mehr zum Gegenüber durchdringt. 2.1.1.1 Verstockung: Joseph Heurtin In Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes8 wird diese Begrenztheit Maigrets auch deshalb so deutlich, weil er die betreffende Figur im Handlungsverlauf gleich zwei Mal auf physische Weise vor dem drohenden Tod bewahrt. Die tragische Opfer-Figur des Joseph Heurtin wird als naiver junger Mann eingeführt, der aufgrund der scharfsinnigen Skrupellosigkeit des wirklichen Mörders als faktisch schuldloser Hauptverdächtiger eines undurchsichtigen Doppelmordes an zwei alten Damen tatsächlich offiziell für diesen vom Gericht angeklagt und zum Tode verurteilt wird. Auch als der Junge bereits im Todestrakt auf seine Hinrichtung wartet, ist Maigret trotz erdrückender Beweislast noch überzeugt von Heurtins faktischer Unschuld. Dennoch dringt er aber trotz täglicher Gefängnisbesuche und hartnäckiger Hilfs- und 5 Renz (2008: 74f.). 6 Vgl. Jesu Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld in Mt 13,3–8; parr Mk 4,3–8; Lk 8,5–8. 7 Renz (2008: 74). 8 Der Kopf eines Mannes (2001). 235 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten Gesprächsangebote nicht zu ihm durch. Eingeschüchtert von der psychischen Manipulation des eigentlichen Täters, schweigt Joseph sich aus. Zu guter Letzt setzt der Kommissar gegenüber dem Untersuchungsrichter und dem Gefängnisdirektor einen Fluchtplan für den Jungen aus dem Hochsicherheitstrakt durch, um den Jungen zu retten und über ihn an den (bis dahin nur mutmaßlichen) eigentlichen Drahtzieher des Verbrechens zu gelangen.9 Die profane Erlösungsdynamik Joseph Heurtin gegenüber erreicht hier ihren Höhepunkt. Trotzdem steht Maigret der ganzheitlichen Verlorenheit Josephs machtlos gegen- über, weil der Betroffene ihn weiterhin ausschließt: Er kann ihn nicht davon abhalten, wieder in Freiheit einen Selbstmordversuch zu unternehmen und ist auch nicht in der Lage, ihm in seiner seelischen Verlorenheit die lebensbejahende Zukunftsperspektive nahezubringen, für die er seine Stellung riskiert hat.10 Zwar findet ihn ein zur Überwachung des Jungen abgestellter Inspektor noch in letzter Sekunde, um das Schlimmste zu verhindern11, aber den irreparablen seelischen Schäden gegenüber, die Joseph vom psychischen Missbrauch durch den wahren Täter davonträgt, steht Maigret machtlos gegen- über. Dass Maigret sich selbst als handlungsunfähig erlebt, lässt sich auch daran ablesen, dass er sich den Vorwurf des Dorfarztes an Josephs Krankenbett nach dem Suizidversuch über die vermeintlich gefängnisbedingte Mangelernährung des Jungen gefallen lässt, der schlichtweg unzutreffend ist. Diese Art der körperlich-existentiellen Bedrohung durch Unterernährung ist durch die Entscheidung Josephs, das Essen komplett zu verweigern, ausschließlich auf ihn selbst zurückzuführen. Die Begrenztheit Maigrets als profaner Erlöser auf das menschlich Machbare liegt bezüglich dieser Romanfigur darin, dass er nicht in der Lage ist, eine Hilfestellung zu geben, die über das Verhindern der schlimmsten Konsequenzen hinausgeht, weil man ihn nicht lässt.12 Das Schweigen Josephs und seine Unwilligkeit, den Kommissar an seiner Lage teilhaben zu lassen, verwehren diesem den Zugang zur Ursache der Verlorenheit Josephs und binden Maigret so die Hände. Gegen die lebenszerstörenden Entscheidungen Josephs, nichts mehr zu essen und sich an einem Nagel zu erhängen, bleibt er macht- und hilflos. 9 Diese Fluchthilfe aus der Todeszelle, gepaart mit Maigrets Einsatz zum Erweis der faktischen Unschuld des Jugendlichen ist die erste äußerliche Rettung aus lebensbedrohlicher Gefahr (σώζω- Aspekt profaner Erlösung). 10 Der verzweifelte und überforderte Jugendliche, der wieder in Freiheit vom tatsächlichen Mörder verspottet und sich selbst überlassen wird, sucht Zuflucht bei seinen Eltern, die sie ihm jedoch verweigern, weil sie selbst von der ganzen Situation überfordert sind. Das Familienoberhaupt verstößt Joseph. Der Junge sieht ohne familiären Rückhalt keine Lebensperspektive mehr und unternimmt einen Selbstmordversuch, indem er sich an einem Nagel im Schuppen seines Vaters aufhängt. 11 Diese zweite Rettung aus unmittelbarer lebensbedrohlicher Gefahr im σώζω-Sinn profaner Erlösungsdynamik lässt sich indirekt mit Kommissar Maigret verbinden, auf dessen direkte telefonische Anweisung der Inspektor aktiv wird und Joseph im Schuppen findet. 12 Selbstverständlich gilt diese Aussage auch für Jesus von Nazareth als profanen (wenn nicht sogar auch als christlichen) Erlöser. Dieser erscheint zwar aufgrund seiner göttlicher Attribute und omnipotenten Möglichkeiten aus christlicher Perspektive zunächst keinesfalls als in seinen Kompetenzen begrenzt, bindet sich aber freiwillig aufgrund seines Respekts gegenüber dem freien Willen des Menschen an dessen Zustimmung oder Ablehnung zur Erlösung. Das bedeutet de facto dieselbe Begrenzung wie beim profanen Erlöser. 236 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Denn auch wenn der Grund für diese existentielle Bedrohung zwar nicht selbst bereits Krankheit oder Tod beinhalten, so schlägt im Fall Heurtins die unheilvolle psychischseelische Verstrickung in die Schuld Radeks und den Tod der alten Damen um in die Bindung an sie, um so zur eigenen, tatsächlich existierenden Bedrohung zu werden. Die kann nicht gelöst werden, solange die seelische Komponente nicht im λύω-Sinne aufgehoben wird. Diese Möglichkeit wehrt der Betroffene jedoch nachhaltig ab, so dass die körperlich-existentielle Bedrohung bis zum Schluss bestehen bleibt. Der psychologische Faktor des menschlichen Beitrags zu gnadenhaften Heilungs- und Erlösungsprozessen13 wird an der Figur des jugendlichen Heurtin deutlich. Letztendlich ist es niemand außer Joseph selbst, der bei keinem der täglichen Gefängnisbesuche Maigrets die ihm angebotene Chance nutzt, um die Situation aufzuklären oder den Kommissar in seine Hilflosigkeit einzuweihen.14 Auch wenn sich natürlich ein Zusammenhang zum eigentlichen Mörder als Verursacher der absurden Situation herstellen lässt, dass Joseph faktisch unschuldig, aber juristisch offiziell zum Tode verurteilt im Gefängnis auf seine Hinrichtung wartet, bleibt die Entscheidung, wie er sich in der Endgültigkeit der Situation im Gefängnis verhält, doch seine eigene. Trotz des absolut zutreffenden σώζω- Aspekts des wiederholten Herausreißens aus lebensbedrohlicher Gefahr, erkrankt der Betroffene auf körperliche Weise an sich selbst. Das kommt in seiner Nahrungsverweigerung und dem Selbstmordversuch zum Ausdruck. Maigret nimmt diese äußerlichen Anzeichens ernst und reagiert in der gewohnten Art darauf, bleibt aber letztlich handlungsunfähig, solange er vorsätzlich ausgegrenzt wird. Um den Kopf dieses Mannes kämpft Maigret in diesem Roman in mehr als einer Hinsicht. Dennoch lässt sich trotz des zweimaligen Bewahrens vor dem sicheren Tod aus der Perspektive Josephs keine Wendung zum Besseren wahrnehmen. Heurtin bleibt als seelisch gebrochener, junger Mann die tragische Figur dieses Romans. 13 Vgl. Renz (2008: 127–129). 14 Vgl. Der Kopf eines Mannes (2001: 36ff.). Adressat Joseph Heurtin Mittel • Maigrets Gesprächsangebote • Maigrets Gefängnisbesuche bei ihm (beides abgelehnt) Erlösungsbedürftigkeit • Schuldgefühle • Selbstmordversuch • gesellschaftliche & familiäre Isolation Erlösungsziel • Schuldgefühle bleiben bestehen • zerstörtes Selbstbewusstsein des Jungen für Maigret irreparabel nicht geglückter Aspekt 237 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten 2.1.1.2 Sonderung/Leugnen von Angewiesensein: Anna Peeters Auf die persönliche Bitte von Anna Peeters hin, klärt der Kommissar im Roman Maigret bei den Flamen15 außerhalb seiner offiziellen Zuständigkeit einen Mordfall als privater Ermittler auf. Anna sucht ihn in seinem Büro in Paris auf und berichtet, dass in ihrem Wohnort Givet, nahe der Grenze zu Belgien, eine schwangere junge Frau ermordet wurde, wofür ihr unschuldig verdächtigter Bruder zur Verantwortung gezogen werden soll, da die Einwohner wie die örtlichen Polizeivertreter sich durch starke Fremdenfeindlichkeit auszeichnen. Alle Mitglieder von Annas Familie, die aus dem Flämischen nach Givet übergesiedelt sind, befinden sich durch diese Fremdenfeindlichkeit von Anfang an als gesellschaftliche Außenseiter in einer sozialen Isolationssituation und bilden in ihrem Haus mit Krämerladen etwas außerhalb des Örtchens eine vom Dorfleben abgetrennte familiäre flämische Enklave. Im Gegensatz zum Rest ihrer Familie entwickelt Anna in dieser sozialen Isolationssituation eine ziemlich dominante Arroganz gegenüber ihrer Umwelt, indem sie sich selbst zum Maßstab ihres Umfeldes macht. Annas permanente schlechte Laune, ihre Unzufriedenheit und ihr herrisches Verhalten gegenüber ihren Mitmenschen sind deutliche Anzeichen für den von Renz benannten „Dynamismus der Sonderung“16. Anstelle des Zulassens von Traurigkeit oder Verzweiflung über das ablehnende Verhalten ihrer Nachbarn, das ein Verarbeiten dieser beschwerlichen Gefühle ermöglichen könnte, verfällt Anna in eine Haltung, die alle Abhängigkeit, Ohnmacht, Verletzbarkeit und Minderwertigkeitsgefühle ihrer Familie (und ihrer selbst) leugnet. Psychologisch betrachtet, entwickelt sich Anna in dieser „Fluchtbewegung“17 vor dem schmerzhaften Verhalten ihrer Umwelt in eine Existenzweise ohne tiefere (An-)Bindung und Begegnung, letztlich in Egozentrik, in Emotionslosigkeit oder emotionalen Selbstbetrug, in Egomanie und in die Illusion gottgleicher Allmacht (…).18 In dieser Hybris übersieht sie, dass auch ihr eigenes Verhalten weder schuld- noch fehlerlos ist und sie auf diese Art und Weise die Unannehmlichkeiten ihrer eigenen Lebenssituation nur noch verschärft. In dem Ausmaß, wie der Mensch es nicht mehr aushält, Angewiesener zu sein, ist sein tieferes Verbundensein mit einem Sinnganzen und den Mitmenschen gestört. Der Glanz einer Größeneuphorie umgibt ihn, trennt ihn aber zugleich von wirklicher Begegnung.19 Diese psychische Sackgasse ist Annas seelischer Bodensatz, ihre tief sitzende Erlösungsbedürftigkeit, die letztlich zur fatalen Tat führt: Im Angesicht der Bedrohung ihres Universums (dem Fortbestand der kleinen Familienenklave), über das sie sich selbst zur 15 Bei den Flamen (1998). 16 Vgl. Renz (2008: 57f.). 17 Renz (2008: 58). 18 Renz (2008: 58). 19 Renz (2008: 58). 238 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Herrscherin gekürt hat, nimmt sie das Schicksal in die eigene Hand. Aus Verzweiflung über die Aussicht, den einzigen Bruder aufgrund eines unverbindlichen Techtelmechtels an ein Mädchen aus dem Dorf zu verlieren, und aus Angst davor, sich selbst sogar noch in der eigenen Familie allein zu fühlen, bringt Anna Peeters die junge Frau um, als sie erfährt, dass diese von ihrem Bruder schwanger ist. Natürlich ist für die ortsansässige Polizei Annas Bruder der Hauptverdächtige für diesen Mord, so dass Annas Welt wiederum zu zerbrechen droht, falls der Bruder dafür ins Gefängnis muss. Also reist sie, überzeugt davon, dass die Welt ihr Respekt schuldig ist und auch ein Kommissar Maigret aus Paris ihr nicht das Wasser reichen kann, an den Quai des Orfèvres, um Maigret zu bitten, ihren unter Mordverdacht stehenden Bruder von diesem Verdacht zu befreien. Wie schon zu vermuten ist, hat der Kommissar kein Problem, sich unvoreingenommen mit den des Mordes verdächtigten flämischen Zuwanderern zu beschäftigen, in ihr familiäres Leben einzutauchen, sich von der Dorfgemeinschaft mehrfach dafür anfeinden zu lassen20, den fälschlich verdächtigten Joseph Peeters vom Mordverdacht zu entlasten (wenn auch durch einen anderen falschen Tathergang) und in Anna die tatsächliche Täterin zu erkennen. Da sich auch in diesem Roman das Gerechtigkeitsverständnis Maigrets als Grundlage für seine Entscheidung annehmen lässt, die junge Frau nicht beim offiziell mit dem Fall beauftragten Kollegen anzuzeigen, kann für Anna eine sehr deutliche äußerliche Bewahrung vor einer akuten Bedrohung für Leib und Leben im ρύομαι-Sinn 20 Es werden im Roman mehrere Situationen geschildert, in denen Dorfbewohner ihren Frust auch tätlich an Maigret darüber auslassen, dass er der Flamenfamilie ohne Fremdenfeindlichkeit begegnet und damit die Gepflogenheiten der Dorfgemeinschaft nicht teilt. Das erinnert an den Frust der pharisäischen Schriftgelehrten im Umfeld Jesu von Nazareth, die sich ebenfalls darüber empörten, dass dieser mit Zöllnern und Sündern Umgang und Tischgemeinschaft pflegte. Adressat Anna Peeters Mittel • Nicht-Anzeige Annas beim zuständigen Kollegen • Befürworten eines möglichen, aber falschen Tathergangs, der Annas Bruder entlastet Erlösungsbedürftigkeit • Sichere Verurteilung zu lebenslanger Haftstrafe für Anna • Drohendes Urteil der Todesstrafe für Anna • Angst vor Entdeckung der Tat und Verfolgung durch die Polizei • Verlust des Bruders durch schuldlose Verurteilung an ihrer Stelle Erlösungsziel • Freies Leben außerhalb des Gefängnisses, bei ihrer Familie • Abwenden der Todesstrafe für Anna (potentiell) • Bewahrung vor weiteren polizeilichen Nachforschungen durch Abschluss des Falls • Abwenden des Mordverdachts gegen Annas Bruder geglückter Aspekt 239 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten konstatiert werden: Nach im Roman als geltend dargestelltem Recht würde sie für die Mordtat verhaftet, angeklagt und verurteilt werden, was mindestens zu einer lebenslangen Haftstrafe führen würde, käme Maigret seiner Bürgerpflicht nach, Anna für den Mord anzuzeigen. In Frankreich muss darüber hinaus bei einer Mordanklage immer auch mit der Möglichkeit gerechnet werden, zum Tod durch die Guillotine verurteilt zu werden. Allerdings bezieht sich dieser Erlösungsaspekt auf eine Ebene der Erlösungsbedürftigkeit nach Annas Tat und nicht auf ihre ursprüngliche, die Tat verursachende Verlorenheit in Separation und Leugnen von Angewiesenheit. Bezüglich der ursprünglichen Verlorenheit Annas, die durch ihre innere, psychische Isolation definiert ist, kann Maigret auch durch das Eröffnen im äußeren Lebensraum von frei bestimmbarer Zeit, Gesprächsangeboten, Rettung des Bruders vor der Verurteilung und Präsenz auf ganzer Linie der jungen Flämin keine Erlösung verschaffen. Die fatale Dynamik des Absonderns vom Angewiesensein auf Andere bei der verhärteten, isolierten jungen Frau hat sich längst über einen möglichen Umkehrpunkt hinaus entwickelt, so dass die in anderen Begegnungen mit dem Kommissar auslösenden Rettungsanker von Verständnis, Mitgefühl, Verstehen der Hintergründe und Nicht-Urteilen bei ihr nicht mehr greifen können. Obwohl Maigret der Täterin durch sein Schweigen bezüglich ihrer Tat eine Brücke zurück ins Leben ermöglicht, kann er als Kommissarfigur ihre psychische Verlorenheit nicht heilen. Das heilende Dritte21, das sie psychologisch betrachtet für eine Erlösung von außen aus der Dynamik der Isolationsspirale herausreißen müsste, ist in diesem Roman kein Teil von Maigrets Funktion. Zwar eröffnet Maigrets Verhalten die Möglich- 21 Vgl. Renz (2008: 30, 127–129). Adressat Anna Peeters Mittel • Maigret geht Anna nach, will sie verstehen • Angebot von Gesprächsgelegen heiten und „Beichtmöglichkeiten“ (werden nicht wahr genommen) • Verschweigen der Mordtat eröffnet Anna Freiraum, andere selbst gewählte Möglichkeiten für das Bearbeiten der Tat und Schuld wahrzunehmen (wird nicht wahrgenommen) Erlösungsbedürftigkeit • Leiden unter Fremdenhass • psychisches Leugnen von Angewiesensein auf die Dorfgemeinschaft • Gefangen in sich (heillose Dynamik psychischer Isolation) Erlösungsziel • Integration in die Dorfgemeinschaft • Akzeptanz eigener Fehler- und Schuldhaftigkeit • Gemeinschaft mit ihrer Familie • Herausreißen aus psychischer Dynamik der Sonderung nicht geglückter Aspekt 240 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets keit, dass Anna jemandem begegnet oder sich in die Hände eines Seelsorgers oder Psychologen begibt, der dazu in der Lage wäre, der Schluss der Romanhandlung verdeutlicht aber, dass dies nicht stattfindet. Annas wütende Reaktion auf den Kommissar ganz am Ende des Romans ist Ausdruck dieser Tatsache und verdeutlicht ihre fehlgeleitete Erwartungshaltung an Maigret als nicht geglückten Aspekt der profanen Erlösungsdynamik: Anna wünscht sich Maigret als Retter aus ihrer Situation, weil sie während seiner Nachforschungen erlebt, dass er sie versteht, nimmt ihm aber letztlich übel, dass er sie als Kommissar eben nicht aus ihrer psychischen Isolation retten kann, für deren Ursprung sie selbst verantwortlich ist, obwohl er ihr immerhin Gefängnis und Guillotine erspart. Auch die letzte, wie ein Postscriptum anmutende, zufällige Begegnung zwischen Anna und Maigret untermauert diese Grenze (nicht nur) profaner Erlösungsdynamik.22 Hier zeigt sich, dass Annas psychisches Gefängnis aus Schuld und Einsamkeit stärker ist als je zuvor, denn sie projiziert die Verantwortung für das sich nach der Rückkehr Maigrets nach Paris ereignende unselige Schicksal aller ihrer Familienmitglieder nicht auf ihre eigene unbearbeitete Mordtat und Schuldhaftigkeit, sondern auf Maigrets Fortgang. So präsentiert sich Anna – trotz Straffreiheit – in der letzten Begegnung mit Maigret unerlöster als zu Beginn des Romans, welche die vom Kommissar durch Schweigen gebaute Brücke zurück ins Leben nicht nutzen konnte. 2.1.2 Der Tod als säkulare Endgültigkeit Für einen säkularen Erlöser, dessen Wirkungsbereich auf das Diesseits und das Leben vor dem Tod begrenzt ist und erst recht für eine Figur, die vorsätzlich nicht mit Erlösungsfunktionen versehen wurde, bleibt der physische Tod eine unüberschreitbare Grenze. Die Unumkehrbarkeit des Todes ist auch für Maigret eine nicht zu verändernde Tat sache und in ihrer Endgültigkeit bedrückend. Die in den Romanen geschilderten Hintergründe, die zu einer Situation führen, in der eine Figur – trotz deutlicher Bemühungen des Kommissars für die Ermöglichung eines Neuanfangs – sich gegen das Leben entscheidet und den Freitod wählt, beinhalten zumeist die tragische Zuspitzung der im vorigen Unterkapitel geschilderten psychischen Dynamik. Die Begrenzung Maigrets auf seelisch-psychologischer Ebene akkumuliert sich in diesen Fällen zur existentiellen23, was wiederum die Definition für „Tod“ von der physischen Absenz von Leben auf heillose Verstrickung in lebensunfähige Mechanismen bereits zu Lebzeiten erweitert. Die Beispiele für diese Zuspitzung sind aufgrund der auktorialen Intention der Suche nach dem homme nu vielfältig.24 Wer den bloßen Menschen in seiner ungeschützten Nackt- und Verlorenheit schildert, muss – sofern er ein annähernd realistisches Bild zeichnen will – nicht nur die Möglichkeit der Erlösung, sondern auch die des Untergangs in der Erlösungsbedürftigkeit aussprechen. 22 Vgl. Bei den Flamen (1998: 167). 23 Nämlich als Mensch nicht in der Lage zu sein, den Tod in Leben umzukehren. 24 Deshalb werden hier auch nicht alle im Textgegenstand vorhandenen Situationen bearbeitet, sondern exemplarisch nur diejenigen, die gravierende Unterschiede zueinander aufweisen. 241 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten Dennoch hindert die von den Betroffenen aufgrund der psychischen Zuspitzung empfundene Unausweichlichkeit des Todes den Kommissar als profanen Erlöser nicht daran, bis zur letzten Sekunde – die seine Grenze impliziert – alles daran zu setzen, das Gegen- über doch noch davon zu überzeugen, dass der Tod eben doch nicht unausweichlich ist, wenigstens für diesen Moment.25 2.1.2.1 Verwirktes Leben: Hans Johannson Im Roman Maigret und Pietr-der-Lette26 fördern die Ermittlungen Maigrets nach etlichen Irrwegen die Geschichte eineiiger Zwillingsbrüder, Hans und Pietr Johannson, aus Lettland zutage, deren charakterliche Unterschiedlichkeit zu einer unheilvollen Hörigkeit des vorsichtigen, aber künstlerisch begabten Hans gegenüber seinem charismatischen, aber skrupellosen Bruder Pietr führt. Die kriminelle Energie des charismatischen Älteren und die grenzenlose Bewunderung Hans’ für die Stärke seines Bruders machen aus beiden ein Team, in dem Hans für einen Hungerlohn die Fälscherarbeiten für den international operierenden Wirtschaftsbetrüger-Ring Pietrs ausführt. Aufgrund der romaninternen Schilderungen ist nicht auszumachen, zu welchem Zeitpunkt die anfangs emotionale Verbindung beider Brüder in eine lebensfeindliche Abhängigkeit des unterlegenen umschlägt, die vom Gegenüber schamlos ausgenutzt und gefördert wird. Immerhin lassen sich Anflüge von Gegenwehr des unterlegenen Bruders zeitlich ausmachen: Als Hans, gerade in Fécamp an der Meeresküste arbeitend, sich verliebt und sein Leben ändern will, um mit rechtschaffener Arbeit eine Familie zu gründen, wächst der Leidensdruck durch die Behandlung seines Bruders Pietr.27 Er beginnt, sich gegen den Bruder zur Wehr zu setzen, der ihn seinerseits vollends zu demütigen weiß, indem er die von Hans Angebetete verführt und sich dabei von seinem kleinen Bruder erwischen lässt. Das von Hans erträumte Leben mit Berthe wird für seinen dominanten Bruder Wirklichkeit: Pietr heiratet Berthe, um sich eine legitime Fassade für seine kriminellen Geschäfte zuzulegen, von denen Berthe nichts weiß. Unfähig, sich zu wehren oder von seinem Bruder zu lösen, flüchtet Hans in die Alkoholsucht und arbeitet ihm weiter zu, bleibt aber in Fécamp in der Nähe Berthes. In dem Moment, in dem Maigret ein zu bedenkender Faktor in Hans’ Leben wird, ist die psychisch kranke Abhängigkeit vom Bruder bereits in das fatale Bewältigungsmuster einer Machtstruktur28 umgeschlagen, in der der bisher Unterlegene versucht, sich von Pietr zurückzuholen, was er als ihm zustehend vor Augen hat. Hans lauert seinem Zwilling auf dem Weg nach Paris in einer Zugtoilette auf, erschießt ihn und übernimmt 25 Eine Ausnahme bilden die Situationen, in denen der Tod als Fakt bereits geschaffen oder aufgrund physischer Gegebenheiten tatsächlich unausweichlich ist. Dazu später mehr. 26 Pietr der Lette (1999). 27 Die angebetete Berthe Swaan weiß jedoch nichts von den Absichten Hans’, da er sich ihr gegenüber nicht offenbart. 28 Renz bezeichnet als Machtstruktur die „Unfähigkeit, anders auf Beziehung, Verletzung und Ohnmacht zu reagieren als mit Selbstbestimmung, Machtgier, Gewalt.“ Renz (2008: 30). Sie konstatiert, dass das Negieren des Angewiesenseins auf andere sich in drei Formen manifestiert. Diejenige, die das „Subjekt in seinem Beziehungsverhalten“ (ebd.) als unerlöst geprägt charakterisiert, ist die Machtstruktur, wie sie auch im Roman geschildert wird. 242 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets dessen Leben. Der Mord ruft den Kommissar demnach zu einem Zeitpunkt auf den Plan, an dem Hans aus psychologischer Perspektive bereits heillos in der Dynamik der Machtstruktur gefangen ist. Maigrets Ermittlungen fallen zusammen mit der Erkenntnis Hans’, dass das von außen beneidete Leben Pietr’s nicht seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen entspricht und dass der begangene Mord auch vor seinen eigenen Augen damit keine Rechtfertigung mehr erhält. Aus Hans’ Perspektive ist sein eigenes Leben auf ganzer Linie gescheitert. Der Entschluss, seinem Leben ein Ende zu setzen, fällt bereits mit dieser Erkenntnis, auch wenn der erste Versuch fehlschlägt. Maigret, der während seiner Ermittlungen dem Letten immer wieder nachstellen muss und nach und nach sowohl dessen eigene als auch die von seinem Bruder übernommene Existenz entschlüsselt, bekommt erst im letzten Lebenskapitel Hans’ die Gelegenheit zu einer echten Begegnung. Der Kommissar findet den Letten am Ende seiner seelischen und körperlichen Kräfte im Wattenmeer und erweist sich für diesen nach einem Ringkampf in einem Nordseepril als erster Gesprächspartner seines Lebens, von dem er sich verstanden fühlt. In einer nahe gelegenen Pension kommt es aufgrund des Durchnässtseins auch in körperlicher Blöße beider Männer beim Kleidertrocknen zur Geständnis-Beichte des Letten gegenüber Maigret, in der deutlich wird, wie sehr Hans der Mord an seinem Bruder schmerzt. Aus Sicht profaner Erlösungsdynamik kann der Kommissar dauerhaft nichts tun. Weder kann er Pietr ins Leben zurückholen und ihn für seine Taten wie sein Verhalten dem Bruder gegenüber zur Verantwortung ziehen, noch kann er Hans im λύω-Sinn dauerhaft dazu verhelfen, die Zuspitzung der lebensverhindernden und unheilvollen Bindung an seinen Zwillingsbruder zu durchbrechen, um ein unabhängiges und selbst verantwortetes Leben zu führen. Für die Erlösungsbedürftigkeit Hans’ vor dem Mord ist es längst zu spät. Die Erlösungsbedürftigkeit Hans Johannsons im σώζω-Sinn liegt aber darüber hinaus auch in der akuten Bedrohung durch die strafrechtlich zu erwartende Hinrichtung für die begangene Tat, die zu den bereits vor dem Mord vorhandenen Aspekten seiner psychischen und finanziellen Unfreiheit und zu der nach dem Mord entstandenen und erkannten eigenen Schuldhaftigkeit hinzugerechnet werden muss. Maigrets allererster Hauptverdächtiger und Täter zeichnet sich demnach dadurch aus, dass er zum Zeitpunkt der potentiell erlösenden Begegnung mit dem Kommissar bereits als todgeweiht charakterisiert ist. Der Aspekt des „Zu spät“ profaner Erlösungsdynamik wird so schon im allerersten Maigret-Roman deutlich hervorgehoben. Interessant ist gerade auf dem Hintergrund, dass Pietr der Lette Simenons erster Maigret- Roman ist, die Tatsache, dass der Kommissar dennoch bereits mit allen Attributen des profanen Erlösers auch und gerade Hans Johannson gegenüber auftritt. Es ist die Atmosphäre eines geschützten Raumes, in dem keine gesellschaftlichen Normen existieren und in dem Akzeptanz und Respekt spürbar sind, die dem Letten ermöglicht, restlos alles offen zu legen, was mit dem Zwillingsmord in Verbindung steht. Der Kommissar zeigt Hans gegenüber deutlich, dass sein Hauptanliegen nicht darin besteht, ihn so schnell wie möglich festzunehmen und ins Gefängnis zu bringen oder ein umfassendes Geständnis zu erhalten, sondern darin, ihn zu verstehen. Er bringt ihn nicht zum örtlichen Kommissariat, um ihn dort zu verhören, sondern geht mit ihm in eine Pension, wo er für sie beide ein Zimmer mietet, um trockene Kleider bittet und ihnen Adressat Hans Johannson Erlösungsbedürftigkeit • emotionale und psychische Abhängigkeit vom Zwillings bruder (innerlich, λύω Aspekt) • wirtschaftliche und soziale Abhängigkeit vom Zwilings bruder (äußerlich, ρύομαι Aspekt) • absolute Hörigkeit gegenüber dem Bruder • Verhaftung wegen Mordes und Verurteilung zum Tod (σώζω Aspekt) Erlösungsziel • vom Bruder unabhängiges Selbst und Lebensgefühl • kritische Wahrnehmung des Bruders • selbst bestimmtes Privat und Berufsleben • Freiheit/Möglichkeit auf ein (eigenes) Leben in Freiheit 243 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten dessen Leben. Der Mord ruft den Kommissar demnach zu einem Zeitpunkt auf den Plan, an dem Hans aus psychologischer Perspektive bereits heillos in der Dynamik der Machtstruktur gefangen ist. Maigrets Ermittlungen fallen zusammen mit der Erkenntnis Hans’, dass das von außen beneidete Leben Pietr’s nicht seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen entspricht und dass der begangene Mord auch vor seinen eigenen Augen damit keine Rechtfertigung mehr erhält. Aus Hans’ Perspektive ist sein eigenes Leben auf ganzer Linie gescheitert. Der Entschluss, seinem Leben ein Ende zu setzen, fällt bereits mit dieser Erkenntnis, auch wenn der erste Versuch fehlschlägt. Maigret, der während seiner Ermittlungen dem Letten immer wieder nachstellen muss und nach und nach sowohl dessen eigene als auch die von seinem Bruder übernommene Existenz entschlüsselt, bekommt erst im letzten Lebenskapitel Hans’ die Gelegenheit zu einer echten Begegnung. Der Kommissar findet den Letten am Ende seiner seelischen und körperlichen Kräfte im Wattenmeer und erweist sich für diesen nach einem Ringkampf in einem Nordseepril als erster Gesprächspartner seines Lebens, von dem er sich verstanden fühlt. In einer nahe gelegenen Pension kommt es aufgrund des Durchnässtseins auch in körperlicher Blöße beider Männer beim Kleidertrocknen zur Geständnis-Beichte des Letten gegenüber Maigret, in der deutlich wird, wie sehr Hans der Mord an seinem Bruder schmerzt. Aus Sicht profaner Erlösungsdynamik kann der Kommissar dauerhaft nichts tun. Weder kann er Pietr ins Leben zurückholen und ihn für seine Taten wie sein Verhalten dem Bruder gegenüber zur Verantwortung ziehen, noch kann er Hans im λύω-Sinn dauerhaft dazu verhelfen, die Zuspitzung der lebensverhindernden und unheilvollen Bindung an seinen Zwillingsbruder zu durchbrechen, um ein unabhängiges und selbst verantwortetes Leben zu führen. Für die Erlösungsbedürftigkeit Hans’ vor dem Mord ist es längst zu spät. Die Erlösungsbedürftigkeit Hans Johannsons im σώζω-Sinn liegt aber darüber hinaus auch in der akuten Bedrohung durch die strafrechtlich zu erwartende Hinrichtung für die begangene Tat, die zu den bereits vor dem Mord vorhandenen Aspekten seiner psychischen und finanziellen Unfreiheit und zu der nach dem Mord entstandenen und erkannten eigenen Schuldhaftigkeit hinzugerechnet werden muss. Maigrets allererster Hauptverdächtiger und Täter zeichnet sich demnach dadurch aus, dass er zum Zeitpunkt der potentiell erlösenden Begegnung mit dem Kommissar bereits als todgeweiht charakterisiert ist. Der Aspekt des „Zu spät“ profaner Erlösungsdynamik wird so schon im allerersten Maigret-Roman deutlich hervorgehoben. Interessant ist gerade auf dem Hintergrund, dass Pietr der Lette Simenons erster Maigret- Roman ist, die Tatsache, dass der Kommissar dennoch bereits mit allen Attributen des profanen Erlösers auch und gerade Hans Johannson gegenüber auftritt. Es ist die Atmosphäre eines geschützten Raumes, in dem keine gesellschaftlichen Normen existieren und in dem Akzeptanz und Respekt spürbar sind, die dem Letten ermöglicht, restlos alles offen zu legen, was mit dem Zwillingsmord in Verbindung steht. Der Kommissar zeigt Hans gegenüber deutlich, dass sein Hauptanliegen nicht darin besteht, ihn so schnell wie möglich festzunehmen und ins Gefängnis zu bringen oder ein umfassendes Geständnis zu erhalten, sondern darin, ihn zu verstehen. Er bringt ihn nicht zum örtlichen Kommissariat, um ihn dort zu verhören, sondern geht mit ihm in eine Pension, wo er für sie beide ein Zimmer mietet, um trockene Kleider bittet und ihnen Adressat Hans Johannson Erlösungsbedürftigkeit • emotionale und psychische Abhängigkeit vom Zwillings bruder (innerlich, λύω Aspekt) • wirtschaftliche und soziale Abhängigkeit vom Zwilings bruder (äußerlich, ρύομαι Aspekt) • absolute Hörigkeit gegenüber dem Bruder • Verhaftung wegen Mordes und Verurteilung zum Tod (σώζω Aspekt) Erlösungsziel • vom Bruder unabhängiges Selbst und Lebensgefühl • kritische Wahrnehmung des Bruders • selbst bestimmtes Privat und Berufsleben • Freiheit/Möglichkeit auf ein (eigenes) Leben in Freiheit Rum und Zigaretten bestellt. Dadurch macht der Kommissar deutlich, dass Hans in seinen Augen noch immer das Recht hat als Mensch behandelt zu werden, dass er dieselbe Achtung und Fürsorge verdient wie er selbst und stellt sich so mit ihm menschlich gleich. Maigret verhält sich weder überheblich-arrogant noch offiziell-distanziert ihm gegen- über, sondern empathisch-verständnisvoll. Er reagiert in ganz pragmatischem Sinn mitmenschlich, indem er für ein Dach über dem Kopf, Wärme und etwas zu trinken sorgt. Es ist diese Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse, über die der Lette erlebt, dass der Kommissar nicht sein Feind ist, sondern ihn als gleichwertigen Mitmenschen wahrnimmt und sich für ihn interessiert. Auf dieser Grundlage wird es daher dem Letten möglich, sich zu öffnen und Maigret als Vertrauten an seiner Leidensgeschichte teilhaben zu lassen. Mit beiden Ellbogen auf den Marmorsims des Kamins gestützt, brach er plötzlich in Schluchzen aus, nicht wie ein Mann, sondern wie ein Kind. Immer wieder von Schluckauf unterbrochen, erzählte er weiter: (…)29 Während der Geständnis-Beichte unterlässt der Kommissar wertende oder moralisierende Bemerkungen jeglicher Art. Stattdessen stellt er entweder kurze faktische Nachfragen, um bestimmte Details zum Geschehen in Erfahrung zu bringen, die er noch nicht kennt oder passiv-unterstützende Sachfragen zum Geschehen, die dem Betroffenen zum 29 Pietr der Lette (1999: 184). Dass das Weinen des erwachsenen Mannes, der seinen Bruder getötet hat, mit dem Schluchzen eines Kindes verglichen wird, ist hier als Hinweis darauf zu verstehen, dass die grundständige Erlösungsbedürftigkeit Hans Johannsons bereits im Kindesalter des Mannes zu suchen und anzusiedeln ist. Es ist ein psychisch oft zu beobachtendes Phänomen, dass unbearbeitete seelische Krisen sich in den Möglichkeiten der Ausdrucksformen des Alters äußern, in denen sie entstanden sind. Zeit ist eine abstrakte Größe, keine emotionale Gegebenheit. 244 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Weitererzählen seiner Geschichte verhelfen. Die Hauptaktivität des Gesprächs wird so beim Betroffenen selbst belassen, dem dadurch auch ein gewisses Maß an Kontrollempfinden über die Gegenwart zugesprochen wird. Maigret erscheint fast wie ein unbeteiligter Zuschauer, übernimmt aber ganz praktisch eine (quasi) therapeutische Funktion, indem er die bisherige Fremdbestimmung des Betroffenen durch Verfolgung und die Konsequenzen seiner Tat von einem selbst verantworteten Geständnis ablösen und ihn so zu sich selbst zurückfinden lässt. Es sei an dieser Stelle betont, dass das hier in der Interpretation beschriebene Phänomen keineswegs das intendierte Ziel des Maigretschen Verhaltens im Sinne einer bewusst befolgten Strategie darstellt. Maigret beabsichtigt nicht, den schuldigen Hans durch seinen Umgang mit ihm zu mehr Eigenverantwortung zurückzuführen. Aber die Mitmenschlichkeit, die der Kommissar in Ausübung seines Amtes an den Tag legt, führt dazu, dass der Betroffene aufgrund des Maigretschen Verhaltens wieder mehr in die Eigenverantwortung und zu sich selbst zurück findet. Der in diesem Fall temporär vorliegende Aspekt profaner Erlösungsdynamik liegt also definitiv im λύω-Bereich. Es geht im Beicht-Geständnis im Wesentlichen um die Hassliebe der Abhängigkeit vom dominanten Zwilling, die Hans in die emotionale Verzweiflung und in die Selbstentfremdung führt. Diese lebensverhindernde emotionale Bindung an den Bruder, auch noch nach dessen Ermordung, kann erst in dem Maße aufgebrochen und distanzierter vom Betroffenen betrachtet werden, als Maigret als kompetenter Verstehenspartner zur Verfügung steht. Hans nimmt quasi durch das im Erzählen erneute Durchleiden der verschiedenen emotionalen Stadien seiner Geschichte die vom Bruder entflechtende Handlung selbst vor, die aber ohne Maigrets Präsenz und seine Schaffung Adressat Hans Johannson Mittel • Zuspruch von Annahme und Wert trotz vorhandener Schuldhaftigkeit, Nicht-Verurteilen der Person • Möglichkeit für den Betroffenen, die heillose Dynamik der eigenen Situation und deren Konsequenzen aus der Distanz zu betrachten • Verstehen der Hintergründe eröffnet die Möglichkeit, sich der eigenen Angst zu stellen, ohne das Gesicht zu verlieren Erlösungsbedürftigkeit • Emotionale Abhängigkeit vom Bruder führt zu Ignoranz der Wahrheit über das Verhältnis zueinander (Projektion) • Fremdbestimmt durch Abhängigkeit vom Bruder (auch nach dessen Tod) Erlösungsziel • emotionale Distanz zum Bruder, die das Verhältnis neu bewerten kann • (Zurück-)Finden zu sich selbst und zu selbst verantworteten Entscheidungen geglückter Aspekt 245 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten der Voraussetzungen für diese Geständnis-Beichte innerhalb eines geschützten Raumes unmöglich erscheint. Während des Zusammenseins von Kommissar Maigret und Hans Johannson bleibt dieser Erlösungsaspekt deutlich präsent, was auch nicht dadurch geschmälert wird, dass es für die Figur des Zwillings Hans im Roman keine umfassende Erlösung gibt. Der λύω- Aspekt der profanen Erlösungsdynamik ist also bezeichnenderweise ein temporärer, was wiederum den eindeutigen Charakter des Säkularen/Vorletzten unterstreicht. Auch wenn dieser temporäre Erlösungsaspekt situativ vom Freitod Hans Johannsons abgeschlossen und dadurch interpretativ fast überlagert wird, gehört hier auch und gerade die Begleiterfunktion des profanen Erlösers bis in den Tod als deutliches Kriterium für mitmenschlichen und respektvollen Umgang mit den Grenzen des Säkularen deutlich hervorgehoben. Es ist gerade das kommentarlose Aushalten der Tragik einer Schicksalssituation, das dem Betroffenen seine Würde belässt. Natürlich geht es dabei nicht darum, grundsätzlich und in jeder zunächst als ausweglos erscheinenden Situation sofort und kommentarlos die Hände in den Schoß zu legen und sich hinter der eigenen Begrenztheit zu verschanzen. Es ist vielmehr die Begleitung bei den tatsächlich letzten Schritten eines selbstbestimmten Lebens, das ohne magische oder übernatürliche Wendungen an seine definitive Endlichkeit stößt. Konstitutiv ist dabei für den profanen Erlöser, dass er sich angesichts dieser definitiven Unumstößlichkeit eines verwirkten Lebens nicht in geistlose Plattitüden oder Banalitäten flüchtet, welche die akute Situation des Betroffenen nicht nur nicht realisieren, sondern auch den Betroffenen selbst als nicht ernst zu nehmend klassifizieren, sondern dass er als Begleiter den klaren Blick auf die ausweglose Situation und den Gescheiterten als Mensch aufrecht erhält, den er bisher auch ausgeübt hat, ohne sich abzuwenden. In der abschließenden Beicht-Szene zwischen Maigret und Hans Johannson und dem sich anschließenden Schlusskapitel30 lässt sich ablesen, wie viel Kraft es den Kommissar kostet, die Tragik einer solchen Situation und Entscheidung mitzutragen und auszuhalten. Und gerade das weist ihn als profanen Erlöser aus, der nicht authentischer mitmenschlich sein kann, als sich in solchen Extremsituationen menschlicher Existenz als Beistand zu erweisen, der diesen Grenzen ins Auge sieht und so denjenigen hindurch hilft, die davon betroffen sind. »Sie haben mit meinen Kleidern meinen Revolver mitgenommen!« sagte Hans plötzlich unbeteiligt, emotionslos und schaute sich um. Maigret wurde dunkelrot. Er deutete linkisch auf das Bett, wo seiner lag. (…) Ihre Blicke kreuzten sich. Maigret hatte nicht den Mut, sich abzuwenden. Er erwartete einen Aufschub. (…) Es war noch ein bißchen Rum in der zweiten Flasche. Der Kommissar griff danach. (…) Er trank langsam. (…) Er hielt den Atem an. Endlich ein Knall. Er leerte das Glas mit einem Zug.31 30 Pietr der Lette (1999: 187–189). 31 Pietr der Lette (1999: 185f.). 246 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets 2.1.2.2 Unheilbare Krankheit: Johann Radek Der Gegenpart zum tragischen Opfer Joseph Heurtin in Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes findet in der Figur des sadistisch-genialen Mörders Johann Radek seinen Ausdruck. Der Tscheche begegnet Maigret und dem (impliziten) Leser als überdurchschnittlich intelligente Persönlichkeit, in der sich hoch entwickeltes psychologisches und diagnostisches Feingefühl für die Schwächen seiner Mitmenschen aufs Gefährlichste mit persönlichem Hass auf seine Umwelt paart. Radek wirkt bis zum letzten Romanviertel ausschließlich als Personifizierung von Bosheit und Niedertracht. Erst gegen Ende der Romanhandlung wird die persönliche Geschichte des Tschechen transparent: Der arrogante Sadismus, den Radek an den Tag legt, hat neben dessen Armut seine Ursache in einer überaus seltenen und unheilbaren Krankheit, die für den Betroffenen nicht nur ein langwierig-qualvolles Ende in unmittelbarer zeitlicher Nähe bedeutet, sondern auch seelische und gesellschaftliche Isolation bis dahin.32 Es mag auf den ersten Blick überzogen anmuten, die Gründe für das mörderische Verhalten Radeks durch den Ausbruch seiner unheilbaren Krankheit motiviert zu sehen. Und tatsächlich ist die Angst vor dem eigenen qualvollen Sterben nicht allein und ausschließlich als Tätermotivation zu betrachten. Maigret selbst jedoch verweist darauf, dass alle charakteristischen Aspekte der Haltung und Lebensfeindlichkeit des Tschechen, welche ihn letztendlich zum kaltblütig berechnenden und sadistischen Mörder haben werden lassen, ihren Ausgangspunkt in dessen gesundheitlicher Existenzbedrohung haben.33 Aufgrund seiner Lebensgeschichte ist der Tscheche von Geburt an Außenseiter, was sich durch den Tod seiner Mutter und die ausbrechende Krankheit nur noch verstärkt.34 Natürlich ist Maigret auch hier außerstande, Radek gesundheitlich zu helfen. Die unheilbare Krankheit als Auslöser für das brutale und sadistische Fehlverhalten des Schuldigen bleibt unabänderlich, eine Wunderheilung als Erlösungsmöglichkeit für den Tschechen vor den begangenen Auftragsmorden ausgeschlossen. So erweist sich auch an dieser existentiellen Bedrohung einer Figur durch Krankheit und Tod, dass die natürlichen menschlichen Grenzen auch die eines profanen Erlösers sein müssen. Radek wird nach seiner Festnahme durch Maigret zum Tode verurteilt und am Ende des Romans durch die Guillotine hingerichtet. Bezüglich des Grunds für Radeks Verlorenheit (der Perspektivlosigkeit aufgrund unheilbarer Krankheit) kann Maigret in diesem Fall keine Perspektive auf ein Leben ohne Krankheit ermöglichen. Der Figur des Maigret steht demnach hinsichtlich des Verhaltens bei existentiellen Bedrohungen seiner Verdächtigen lediglich der ρύομαι-Aspekt profaner Erlösungsdynamik des abwehrenden bzw. schützenden Bewahrens vor akut drohender Gefahr zur Verfügung. Da der σώζω-Aspekt des errettenden Herausreißens aus der Lebensbedrohung bezüglich Krankheit und Tod seine menschlichen Fähigkeiten übersteigt, sobald die existentiellen Bedrohungen zu greifen beginnen, und es bei dieser Art von Gefahr für Leib und Leben auch nicht in erster Linie um das Auflösen einer lebenshinderlichen 32 Vgl. Der Kopf eines Mannes (2001: 160, 163). 33 „Schon als Kind hielt er sich für ein Genie… Durch seine Intelligenz reich und berühmt zu werden, das war sein Traum. (…) Ein maßloser, verzehrender Stolz beherrschte ihn. Ein Stolz, gepaart mit Ungeduld, denn als Medizinstudent wußte Radek, daß er an der gleichen Krankheit litt wie seine Mutter und daß er nicht lange zu leben hatte…“ Der Kopf eines Mannes (2001: 162f.). 34 Vgl. Der Kopf eines Mannes (2001: 161–163). Adressat Johann Radek Mittel Langfristige Heilung von unheilbarer Krankheit (nicht möglich) Erlösungsbedürftigkeit • unheilbar krank • unmittelbar bevorstehendes langsames und qualvolles Sterben Erlösungsziel • gesund leben können nicht geglückter Aspekt 247 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten 2.1.2.2 Unheilbare Krankheit: Johann Radek Der Gegenpart zum tragischen Opfer Joseph Heurtin in Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes findet in der Figur des sadistisch-genialen Mörders Johann Radek seinen Ausdruck. Der Tscheche begegnet Maigret und dem (impliziten) Leser als überdurchschnittlich intelligente Persönlichkeit, in der sich hoch entwickeltes psychologisches und diagnostisches Feingefühl für die Schwächen seiner Mitmenschen aufs Gefährlichste mit persönlichem Hass auf seine Umwelt paart. Radek wirkt bis zum letzten Romanviertel ausschließlich als Personifizierung von Bosheit und Niedertracht. Erst gegen Ende der Romanhandlung wird die persönliche Geschichte des Tschechen transparent: Der arrogante Sadismus, den Radek an den Tag legt, hat neben dessen Armut seine Ursache in einer überaus seltenen und unheilbaren Krankheit, die für den Betroffenen nicht nur ein langwierig-qualvolles Ende in unmittelbarer zeitlicher Nähe bedeutet, sondern auch seelische und gesellschaftliche Isolation bis dahin.32 Es mag auf den ersten Blick überzogen anmuten, die Gründe für das mörderische Verhalten Radeks durch den Ausbruch seiner unheilbaren Krankheit motiviert zu sehen. Und tatsächlich ist die Angst vor dem eigenen qualvollen Sterben nicht allein und ausschließlich als Tätermotivation zu betrachten. Maigret selbst jedoch verweist darauf, dass alle charakteristischen Aspekte der Haltung und Lebensfeindlichkeit des Tschechen, welche ihn letztendlich zum kaltblütig berechnenden und sadistischen Mörder haben werden lassen, ihren Ausgangspunkt in dessen gesundheitlicher Existenzbedrohung haben.33 Aufgrund seiner Lebensgeschichte ist der Tscheche von Geburt an Außenseiter, was sich durch den Tod seiner Mutter und die ausbrechende Krankheit nur noch verstärkt.34 Natürlich ist Maigret auch hier außerstande, Radek gesundheitlich zu helfen. Die unheilbare Krankheit als Auslöser für das brutale und sadistische Fehlverhalten des Schuldigen bleibt unabänderlich, eine Wunderheilung als Erlösungsmöglichkeit für den Tschechen vor den begangenen Auftragsmorden ausgeschlossen. So erweist sich auch an dieser existentiellen Bedrohung einer Figur durch Krankheit und Tod, dass die natürlichen menschlichen Grenzen auch die eines profanen Erlösers sein müssen. Radek wird nach seiner Festnahme durch Maigret zum Tode verurteilt und am Ende des Romans durch die Guillotine hingerichtet. Bezüglich des Grunds für Radeks Verlorenheit (der Perspektivlosigkeit aufgrund unheilbarer Krankheit) kann Maigret in diesem Fall keine Perspektive auf ein Leben ohne Krankheit ermöglichen. Der Figur des Maigret steht demnach hinsichtlich des Verhaltens bei existentiellen Bedrohungen seiner Verdächtigen lediglich der ρύομαι-Aspekt profaner Erlösungsdynamik des abwehrenden bzw. schützenden Bewahrens vor akut drohender Gefahr zur Verfügung. Da der σώζω-Aspekt des errettenden Herausreißens aus der Lebensbedrohung bezüglich Krankheit und Tod seine menschlichen Fähigkeiten übersteigt, sobald die existentiellen Bedrohungen zu greifen beginnen, und es bei dieser Art von Gefahr für Leib und Leben auch nicht in erster Linie um das Auflösen einer lebenshinderlichen 32 Vgl. Der Kopf eines Mannes (2001: 160, 163). 33 „Schon als Kind hielt er sich für ein Genie… Durch seine Intelligenz reich und berühmt zu werden, das war sein Traum. (…) Ein maßloser, verzehrender Stolz beherrschte ihn. Ein Stolz, gepaart mit Ungeduld, denn als Medizinstudent wußte Radek, daß er an der gleichen Krankheit litt wie seine Mutter und daß er nicht lange zu leben hatte…“ Der Kopf eines Mannes (2001: 162f.). 34 Vgl. Der Kopf eines Mannes (2001: 161–163). Adressat Johann Radek Mittel Langfristige Heilung von unheilbarer Krankheit (nicht möglich) Erlösungsbedürftigkeit • unheilbar krank • unmittelbar bevorstehendes langsames und qualvolles Sterben Erlösungsziel • gesund leben können nicht geglückter Aspekt seelischen Bindung im Sinne des λύω-Aspektes geht, wird gerade der Umgang des Kommissars mit dieser Beschränkung aus der Perspektive des Gewinns für christlich orientierte Handlungsethik umso interessanter. Denn was Maigret „ungeachtet“ dieser definitiven und unverrückbaren Grenze seines Wirkbereichs dennoch an Verhalten an den Tag legt, beinhaltet für den Betroffenen eine Möglichkeit, angesichts eigener Ohnmacht gegenüber der unabänderlichen Sachlage einen letzten Rest an Menschenwürde zu bewahren und der – wie auch immer gearteten – Gegenwart erhobenen Hauptes ins Auge zu blicken.35 Gerade in der konkreten Situation menschlicher Handlungsunfähigkeit zeigt sich am Verhalten Maigrets die charakterliche Größe im Umgang mit Situationen des Unabänderlichen, die für einen profanen Erlöser charakteristisch scheint. Diese Größe wird konkretisiert, indem sich der Kommissar angesichts der ausweglosen Situation des Mörders nicht in moralische Bewertungen, in die Betonung seiner funktionalen Aufgabe oder in körperliche Abwesenheit flüchtet und so die eigene Ohnmacht als Makel klassifiziert, sondern anstelle dessen die Entscheidung trifft, sich dieser Situation gerade nicht zu entziehen und die eigene Machtlosigkeit als menschliche Grenze zu akzeptieren. Maigret erweist sich in denjenigen Situationen am stärksten als menschlich, in welchen er auf die eigene Unzulänglichkeit verwiesen oder auf seine eigene Endlichkeit zurückgeworfen wird. Sobald der Kommissar Ursache(n) und Auslöser einer psychischen Krise versteht, die bei einem Täter zum Verbrechen geführt haben, ist er davon mittelbar betroffen: Die Situation geht ihn an, ohne dass er Anteil an ihrem Entstehen gehabt hätte. Aber er entzieht sich der Betroffenheit, seiner Art der Beteiligung am status quo, nicht, sondern hält die Untragbarkeit der Tragik eines (gescheiterten) Lebens mit aus. Maigret begleitet und bleibt. Im Falle Radeks konkretisiert sich die Verweigerung einer Flucht aus der psychischen Beteiligung an der Situation des Mörders darin, dass es Maigret in seinem Rapport beim Untersuchungsrichter unterlässt, moralische oder juristische Bewertungen einzuflechten und darin, dass er der Bitte Radeks nachkommt, seiner Hinrichtung beizuwohnen 35 Diese Möglichkeit besteht aber erst ab dem Zeitpunkt, an dem der Betroffene Maigret gegenüber seine Maske fallen lässt. 248 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets bzw. für ihn darum zu bitten, dass es zu einer Hinrichtung kommt und nicht zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe.36 Es ist die menschliche Betroffenheit, welcher der Kommissar sich bewusst aussetzt und die er aus eigener Entscheidung aushält, die aus dem Verstehen der Hintergründe und Begleitumstände einer Tat die emotionale Konsequenz erwachsen lassen, keine zusätzlichen eigenen Ansprüche aus dieser Kenntnis an den Betroffenen zu stellen. Erkenntnis und Verständnis für die unauflösbare Bindung an lebenszerstörerische Elemente und die Einsicht in die eigene Machtlosigkeit angesichts einer solchen Situation befähigen Maigret dazu, die einzig unschädliche Haltung dem Schuldigen gegenüber einzunehmen, die als Begleitung empfunden werden kann. Maigret entzieht sich der belastenden Situation der Schuldigen nicht, er besucht sie im Gefängnis, spricht mit ihnen, übernimmt letzte Botendienste für sie. Er bleibt präsent, geht den schuldig Gewordenen in gewisser Weise nach, ohne sich von der Situation vertreiben oder von ihnen selbst instrumentalisieren oder vereinnahmen zu lassen. Das ist nur möglich, weil er außer seiner Betroffenheit über die tragischen Umstände im Leben des Betroffenen jegliche potentielle eigene Beteiligung an der Situation zurücknimmt. Maigret stellt keine Ansprüche, gibt keine Ratschläge, vermittelt nicht weiter an Therapeuten oder Priester. Die Begleitung Radeks, die aus Maigrets Verstehen seiner Lebenssituation erwächst, besteht praktisch im Dasein des Kommissars, im Aushalten der Situation des Tschechen, im Dasein bei dessen Hinrichtung und darin, dass Maigret nach der Hinrichtung immer noch mit der Betroffenheit über die Lebensumstände des Mörders zu kämpfen hat.37 Die bewusste Akzeptanz der ihm 36 „Jetzt ist er von erstaunlicher Ruhe. Er fragte mich, ob ich glaubte, er würde auf dem Schafott enden. Als ich zögerte, fuhr er grinsend fort: »Tun Sie Ihr möglichstes, Kommissar, damit es dazu kommt. Den kleinen Gefallen sind Sie mir schuldig…“ Der Kopf eines Mannes (2001: 179). 37 „Hinterher wagte er es doch nicht, nach Hause zu gehen. Er wußte selbst nicht, warum. Er kehrte geradewegs an den Quai des Orfèvres zurück, füllte den Ofen in seinem Büro mit Kohle auf und entfachte ein Feuer, das den Rost bis zur Weißglut erhitzte.“ Der Kopf eines Mannes (2001: 183). Im Adressat Johann Radek Mittel • Präsenz & Unnachgiebigkeit in der Verfolgung und späteren Begleitung Radeks • Unbedingtes, wertungsfreies Verstehenwollen • Überführung Radeks als schuldiger Mörder • Sich angesichts der Ausweglosigkeit als Mensch zeigen Erlösungsbedürftigkeit • gesellschaftliche und individuelle Isolation • Angst vor qualvollem Tod • von der Welt missverstanden (intellektuelle Isolation) Erlösungsziel • Platz in der Gesellschaft • Hinrichtung durch die Guillotine • erkannt- und wahrgenommen durch ein Gegenüber geglückter Aspekt 249 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten gesetzten Handlungsgrenzen befähigt Maigret im Falle Radeks, dem vom Tod bereits Beanspruchten die Gelegenheit zu bieten, die ersehnte Souveränität über sein Sterben ansatzweise zurückzugewinnen. Seine Begleitung besteht aus der Perspektive Radeks darin, dass Maigret ihn auch moralisch loslassen kann: Indem er versteht, dass es dem Menschen Radek (hinter allem Haß auf die Welt) für sich selbst um die Angst geht, seiner Krankheit hilflos ausgeliefert zu sein, und der Wunsch nach dem Schafott daher die frei gewählte Alternative einer selbst bestimmten Todesart beinhaltet (ohne das zu bewerten), erweist er sich als einziger Mensch, von dem sich der brutale und sadistische Doppelmörder noch wirklich gesehen und wahrgenommen empfindet. 2.1.2.3 Tödlicher Verlust eines Kindes: Père Canut Ein weiteres Beispiel für die Grenzen Maigrets als profaner Erlöser findet sich im Roman Maigret am Treffen der Neufundlandfahrer38. Die Handlung schildert die Geschichte um die rätselhaften Vorkommnisse an Bord des Fischtrailers Océan aus Fécamp, infolge derer ihr Kapitän als Leiche aus dem Hafenbecken gefischt wird. Die Haupthandlung spinnt sich um die Verwicklung des jungen Funkers Pierre LeClinche in diesen Fall, der zu Beginn der Untersuchung fälschlicherweise für den Mörder des Kapitäns gehalten wird, sich aber unverständlicherweise so verhält, als hätte er seinen Kapitän tatsächlich auf dem Gewissen. Die privaten Ermittlungen Maigrets fördern zu Tage, dass der Kapitänsmord lediglich eine von mehreren Konsequenzen des Hauptdramas auf See beinhaltet, die ihren Grund im ungeklärten Tod des minderjährigen Schiffsjungen Jean-Marie am dritten Tag des letzten Fischfangzuges haben. Der Kommissar findet im Laufe seiner Versuche, die Ursache für das schuldige Verhalten des Funkers zu erkennen, heraus, dass es der Vater des 13-jährigen toten Schiffsjungen war, der den Kapitän an seinem ersten Abend zurück an Land aus verzweifelter Trauer um seinen einzigen Sohn erwürgt und ins Hafen becken gestoßen hat.39 Für die Figur des Père Canut, des Vaters des rotznäsigen Schiffsjungen Jean-Marie, gibt es keine Hoffnung. Maigret ist außerstande, ihm seinen Sohn zurückzugeben oder seinen Schmerz über dessen Verlust zu lindern. Für den Fischer Canut gibt es keine Erlösung in diesem Roman. Da seine Erlösungsbedürftigkeit über das Säkulare hinausreicht, übersteigt sie die Kompetenzen des profanen Erlösers und Maigret bleibt machtlos angesichts der Tragödie im Leben dieses Vaters. Roman stellt sich heraus, dass Radek letztlich gefasst werden will, um sich eine Sterbensart zu ermöglichen, die ihm den eigentlich bevorstehenden langen und qualvollen Krankheitstod erspart: „Seine innere Haltung entzieht sich allen unseren gewohnten Vorstellungen. Und das ist der Grund, warum wir ihn nie verdächtigt hätten, wenn er nicht selbst das unbestimmte Bedürfnis gehabt hätte, sich erwischen zu lassen. Er selbst hat mir die Fingerzeige gegeben, die ich brauchte. Er muß irgendwie gespürt haben, daß er sich damit verriet… Aber er tat es trotzdem… Werden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen sage, daß er in diesem Augenblick vor allem Erleichterung empfindet?“ Der Kopf eines Mannes (2001: 160f.). 38 Neufundlandfahrer (2001). 39 Neufundlandfahrer (2001: 140). 250 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Die Handlungsmöglichkeiten des Kommissars gegenüber dem Fischer Canut sind ähnlich wie bei der Familie Joseph Heurtins sowohl durch die Ablehnung von Seiten der Familie als auch durch die Unfähigkeit Maigrets gekennzeichnet, die emotionale Situation für die Betroffenen greifbar zu verbessern. Das einzige Zusammentreffen zwischen Canut und Maigret findet am Abend des Selbstmordversuchs des Funkers Pierre LeClinche in der Hafenkneipe40 statt. Ohne dass Maigret ihn in irgendeiner Weise anspricht, beginnt der betrunkene Fischer den Kommissar und die restlichen anwesenden Besatzungsmitglieder der Océan41 lautstark zu beschimpfen und zu verunglimpfen.42 Der Kneipenwirt fürchte die Reaktion des Kommissars und bemüht sich zu erklären, welch großen Verlust der Tod Jean-Maries für dessen Vater beinhaltet. Aber an diesem Umstand kann Maigret nichts ändern. So bleibt diese Begegnung von der ablehnenden Streitlust des Vaters Canut geprägt.43 Zu diesem Zeitpunkt hat Maigret den wirklichen Mörder des Kapitäns noch nicht herausgefunden. Als ihm jedoch später klar wird, dass es sich beim tatsächlichen Täter des Falles nur um Canut handeln kann, zieht er es vor so zu tun, als wüsste er nicht mehr als die parallel laufende offizielle Ermittlung. Der fälschlich verdächtigte Funker wird aus Mangel an Beweisen freigelassen und der Fall als ungelöst zu den Akten gelegt. Angesichts seiner eigenen Unfähigkeit, die Situation Canuts zum Guten zu wenden, ist Maigret die Möglichkeit genommen, sich auf aktive Weise positiv zu verhalten. Was ihm jedoch bleibt, ist wiederum eine passive Unterlassung, die zur Akzeptanz seiner eigenen Begrenzung passt: Da Maigret seine eigene Ohnmacht gegenüber der Tragik dieser 40 Die Hafenkneipe heißt Rendezvous des Terre-Neuvas (dt.: Treffen der Neufundländer). Der Titel des Romans leitet sich vom Namen der Hafenkneipe ab. 41 Océan ist der Name des Schiffs, auf dem der Junge Canuts umgekommen ist und dessen Kapitän ermordet wurde. 42 Vgl. Neufundlandfahrer (2001: 121f.). 43 „Ich gehe, wenn alle gehen. Ich bin soviel wert wie jeder andere, oder nicht?« Er starrte Maigret an. Er schien Streit zu suchen. »Genau wie dieser Dicke dort! Was versteht der schon davon!« Er meinte den Kommissar. Léon saß wie auf heißen Kohlen.“ Neufundlandfahrer (2001: 122f.). Adressat Père Canut Mittel Wiedererweckung Jean-Maries vom Tod (nicht möglich) Erlösungsbedürftigkeit Tödlicher Verlust des einzigen Sohnes Erlösungsziel Leben mit Jean-Marie nicht geglückter Aspekt 251 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten Situation erkennt und den wahren Mörder des Kapitäns als lebenslang bestraft genug versteht, unterlässt er eine offizielle Anzeige des Fischers als Mörder. Der Kommissar betont in solchen Situationen, dass er nur inoffiziell auf privater Basis Nachforschungen betreibt und nicht offiziell als Ermittlungsbeamter an der polizeilichen Untersuchung beteiligt ist, aus seiner Perspektive also kein Recht zu offiziellen Schritten besitzt. Damit setzt er alles daran zu verhindern, dass die Situation des durch den unersetzbaren Verlust seines Kindes gezeichneten Vaters darüber hinaus nicht weiter um die zusätzliche Bedrohung der juristisch-gesetzlichen Unerlöstheit verschlimmert wird. Maigret versucht, das bereits vorhandene, über das Säkulare hinausgreifende Leid des Schuldigen nicht durch ein zusätzliches profanes zu vergrößern und erweist sich so als barmherziger Mitmensch, wenn auch auf Distanz. Diese juristisch-gesetzliche Unterlassungssünde des Kommissars, den Fischer nicht als Mörder anzuzeigen, beinhaltet zwar die äußerliche Rettung vor der Verurteilung Canuts unter die Guillotine im σώζω-Sinn, sowie auch eine mitmenschliche Bewahrung vor zusätzlichem Leid für die Familie des Fischers. Aber sie lässt sich dennoch nicht als ganzheitliche Erlösung bezeichnen, da die betroffene Figur dadurch keine Befreiung von der ursprünglichen Verlorenheit erlebt, die durch den Tod des Sohnes ausgelöst wird. Der Kommissar ermöglicht in diesem Fall dem tatsächlichen Mörder des Kapitäns ein Leben in Freiheit, Straffreiheit und unbehelligt von polizeilicher Verfolgung, obwohl er um die faktische Schuldigkeit des Täters weiß. Eine Begnadigung könnte äußerlich keine größere Auswirkung auf das Leben eines Straftäters haben. Und auch Maigrets beruflicher Laufbahn dürfte sicherlich ein definitives Ende gesetzt sein, würden seine faktischen Unterlassungstaten irgendwann offiziell bekannt. Wiederum aber bezieht sich Adressat Père Canut & Familie Mittel • Nicht-Anzeige der Mordtat bei der ermittelnden Behörde • Verschweigen der Überführung Canuts • Nicht-Wehren gegenüber Trauer-Aggression & öffentlichen Beschuldigungen Canuts Erlösungsbedürftigkeit • Verurteilung als Mörder • Gefängnisstrafe & evtl. Hinrichtung • Mittellosigkeit der Familie (ohne Vater) Erlösungsziel • Freiheit von strafrechtlicher Verfolgung durch die Polizei • in Freiheit weiterleben können • Versorgung der Familie gesichert (Vater nicht verdächtigt) geglückter Aspekt 252 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets dieser Aspekt der profanen Erlösungsdynamik dieses Romans ausschließlich auf die Verbesserung äußerer Zustände nach der eigentlichen Tat, also auf die Erlösungsbedürftigkeit nach der Mordtat, nicht aber auf die Behebung der Ursache der Erlösungsbedürftigkeit vor der Tat. Denn diesbezüglich bleibt er als profaner Erlöser machtlos. 2.1.3 Die Grenzen profaner Erlösungsdynamik als Chance Lassen die Betroffenen es zu, eröffnet ihnen Maigret in den Fällen, in denen er an die Grenzen seiner Handlungsfähigkeit stößt, durch seine Begleitung einen Zugang zu einem würdevoll(er)en Umgang mit dem Unabänderlichen. Dies stellt für einen profanen Erlöser die einzig denkbare Möglichkeit dar, angesichts eigener Machtlosigkeit dennoch eine dem Menschen zugewandte Haltung zu leben, auch wenn der fatale Ausgang unausweichlich bleibt. Im biblischen Evangeliums-Text werden die übernatürlichen Lösungsmöglichkeiten angesichts existentieller Bedrohungen wie Krankheit und Tod als Erweise für die Einheit der christlichen Erlöserfigur mit dem göttlichen Willen dokumentiert. Gleichzeitig verleitet diese Tatsache dazu, die vollkommene Menschlichkeit des christlichen Erlösers in eben diesen Situationen zu vernachlässigen und diesbezüglich seine göttliche Natur stärker zu betonen. Dass aber Jesus seine menschliche Begrenztheit ebenso akzeptiert und gelebt hat, lässt sich z. B. an seinem Ringen um den letzten Willen Gottes für sein eigenes Leben im Garten Gethsemane oder an seinem Verhalten am Kreuz gegenüber dem Schächer neben ihm ablesen.44 Was der plakative Leitspruch „Mach’s wie Gott – werd’ Mensch!“ auf saloppe Art vom christlichen Erlöser betont, wird interessanterweise durch die Haltung und Akzeptanz der Handlungsunfähigkeit eines profanen Erlösers verdeutlicht: Erst die restlose Beschränkung auf natürlich menschliche Handlungsmöglichkeiten und ihre vollständige Akzeptanz erlauben dem profanen Erlöser einen wahrhaft menschlichen Umgang mit seiner eigenen Begrenzung und der anderer. In diesem Sinn kann die explizit nicht-übernatürliche Realisierung wahren Menschseins im profanen Erlöser Hilfestellung zum Verständnis des vollkommenen Menschseins des christlichen Erlösers anbieten. 2.2 Erlösungshandeln im medizinischen Paradigma – Maigret als Seelenarzt Da die ursprünglich biblische Übertragung des Metaphernclusters mit Bildern von Krankheit und ärztlicher Hilfe auf die christlich verstandene Erlösungsdynamik auf die heilende Wirkung der sakralen Sündenvergebung gerichtet ist, die von den Zeitgenossen Jesu wie seelische Medizin empfunden wurde, bleibt für die Suche nach säkularen Spuren dieses Paradigmas nur der Aspekt heilender persönlicher Nähe in der Begegnung 44 Vgl. dazu: Lk 22,42.44: „und sprach: Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir weg – doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe! (…) Und als er in Angst war, betete er heftiger. Es wurde aber sein Schweiß wie große Blutstropfen, die auf die Erde hinabfielen.“ (Elberfelder 2001). Zur Perikope des Schächers am Kreuz, dem Jesus das Paradies verspricht, vgl. Lk 23,39–43. 253 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten mit dem Arzt und dem Entfliehen bzw. Entlassen aus einer Isolationssituation. Die meisten Beispiele aus den Maigrets, die für dieses Paradigma herangezogen werden können, belegen daher in emergenten Formen auch die zerstörerische Wirkung von – gewählter oder unverschuldeter – Isolation und Einsamkeit. In den Evangelien wird diesbezüglich davon berichtet, dass Jesus die meisten seiner Heilungswunder mit körperlichen Berührungen wie Handauflegen, Anfassen, Anhauchen oder dem Auftragen eines Speichelbreis verbindet, was die persönliche, unmittelbare Begegnung zwischen ihm und dem zu Heilenden auf einer intimen Ebene betont. Die Folge der körperlichen Heilung war die unmittelbare Wiederaufnahme in die soziale Gemeinschaft. Die positive Wirkung einer intim-persönlichen Begegnung in wohlwollender Absicht ist der heutigen Psychologie nicht fremd45 und lässt sich ebenfalls aus den Maigrets herauslesen, obwohl der Kommissar doch selbst diejenige staatliche Instanz personifiziert, vor der die Betroffenen Angst haben. Ein kleiner Hinweis auf diese Ebene in den Maigret-Romanen findet sich in der Konzeption des den Kommissar umgebenden Universums. Wie bereits erarbeitet existiert außer der Ehefrau Maigrets nur noch das befreundete Ehepaar Pardon als privater Bezugspunkt des Kommissars. Simenon vergibt an den einzigen Freund Maigrets den Beruf des Arztes, der sich darüber hinaus in (fast46) nichts vom Kommissar unterscheidet. Die Ähnlichkeit beider Figuren scheint beabsichtigt, gesteht doch Maigret überdies in seinen Mémoiren, dass er ursprünglich einmal Arzt werden wollte und ein paar Semester Medizinstudium absolviert hat, bevor ihm das Schicksal eine andere Richtung vorgab.47 Die Nähe Maigrets zur Arztfigur bezüglich dieses Paradigmas wird umso deutlicher, je stärker der Aspekt eines „Arztes der Seelen“ betont wird.48 Bearbeitet die biblisch geschilderte Sündenvergebung auch die Bereiche der innerseelischen Zusammenhänge von Schuld, innerseelischer Verfassung und der Sehnsucht nach Vergebung, Begnadigung und Verständnis, bewegt sich Kommissar Maigret durch sein absolutes Verstehenwollen der Handlungsmotive seiner Verdächtigen im selben innerseelischen Zusammenhang. Kommt es aufgrund der Offenheit des Betroffenen zu einer authentischen Begegnung zwischen ihm und dem Kommissar, kann auch in dieser Begegnung dieselbe positiv wirkende Kraft heilender Berührung im emotionalen Bereich entstehen. 2.2.1 Gefangen in depressiver Urangst: Gilbert Pigou Während der Aufklärung des Mordes am Weinhändler Oscar Chabut im Roman Maigret und der Weinhändler49 bekommt es der Kommissar mit einem Täter zu tun, dem es hauptsächlich darum geht, die Wahrheit über den Charakter des Getöteten bekannt zu 45 Vgl. Renz (2008: 148). 46 Nur die Existenz einer Tochter der Pardons, während die Maigrets kinderlos geblieben sind, fällt als Unterschied zwischen den beiden Familien auf. 47 Vgl. Maigrets Memoiren (1978: 64). 48 Auch die literaturwissenschaftliche Sekundärliteratur spricht in diesem Zusammenhang von Maigret als „Seelenarzt“. Vgl. z. B. Moshel (1989: 156f.), Eskin (1999: 245, 392, 394f.). Bei Eskin finden sich für das genannte Phänomen Begrifflichkeiten wie „Seelenkenner“ (1999: 245) und „Menschensammler“ (1999: 393). 49 Der Weinhändler (2006). 254 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets machen. Während Maigret zunächst im Dunkeln tappt, weil der Ermordete es zu Lebzeiten verstanden hat, sich durch unverschämtes und schamloses Verhalten praktisch jeden Zeitgenossen zum Feind zu machen, drucken die Zeitungen einen positiven Nachruf auf den ursprünglich aus ärmlichen Verhältnissen stammenden, nun großbürgerlich reich gewordenen Weinhändler. Der tatsächliche Mörder Gilbert Pigou tritt ins Geschehen, um den Ruf des Ermordeten zu korrigieren, den er als Opfer viel zu freundlich in den Medien dargestellt findet. Er nimmt telefonisch Kontakt zu Maigret auf, schreibt ihm Briefe, ahnt voraus, wo Maigret sich in seiner Ermittlung als nächstes aufhalten wird und folgt dem Kommissar, bis er am Ende des Romans schließlich mit einem heißen Grog im Wohnzimmer der Maigrets sitzt und dem Kommissar ein umfassendes Geständnis ablegt. Die Motivation, die ihn sowohl zur Richtigstellung der öffentlichen Meinung über den Weinhändler als auch zum Mord selbst treibt, liegt im Bekanntmachen des wahren Charakters Chabuts. Dahinter steckt eine ganze Täter-Opfer50-Leidensgeschichte: Als Angestellter Chabuts, der beruflich ausgebeutet, öffentlich körperlich gedemütigt sowie emotional von diesem bloßgestellt wurde, projiziert Pigou die Wurzel seines insgesamt verwirkten Daseins auf den – zugegebenermaßen unsympathischen – Chef. Zu aller verbalen und öffentlichen Demütigung seines Angestellten nimmt Chabut nach der Entlassung Pigous dessen Ehefrau unverhohlen zur Geliebten und verhindert aufgrund seiner weitreichenden Kontakte, dass der ehemalige Buchhalter jemals wieder eingestellt werden kann. Wie sich in den Ermittlungen Maigrets zeigt, stellen diese Geschehnisse um Pigous Entlassung jedoch lediglich den Gipfel der beruflichen Demütigung Pigous durch Chabut dar und können daher nur als Auslöser für den begangenen Mord gewertet werden. Die Wurzel von Pigous Erlösungsbedürftigkeit steckt jedoch im psychischen Verhaftetsein an lebensverhindernden Grundeinstellungen zu sich selbst: Sein Mangel an Selbstwert und die eigene schlechte Meinung über ihn selbst scheinen die Grundübel für leidensträchtige Folgeproblematiken darzustellen.51 Pigou macht sich selbst in seinem Leben so unsichtbar und nebensächlich, dass es nicht verwundert, dass auch seine Umwelt ihn behandelt wie ein Nichts. Diese psychische Unerlöstheit bedarf einer fast therapeutischen Entflechtung des egozentrisch kreisenden Selbstmitleids von einer Interpretation der Wirklichkeit, die zu Lebensunfähigkeit führt. Auch wenn Kommissar Maigret nicht als selbständiger Psychologe mit eigener Praxis auftritt, in der er dem gebeutelten Pigou in therapeutischen Sitzungen die lebensverhindernden Windungen seiner Perspektive52 zu erklären versucht, nimmt der Kommis- 50 Der Begriff des Täter-Opfers soll den kausalen Zusammenhang zwischen Motivation und Tat in dem Sinne betonen, dass ein langfristig sich als Opfer erlebender Mensch irgendwann zur Selbstjustiz greifen und so zum Täter werden kann, um die Unerträglichkeit der eigenen Situation abzuwenden. Der Täter wird deshalb zum Täter, weil er zu lange und zu intensiv Opfer gewesen ist. 51 Pigou heiratet eine Frau, die ihn nicht liebt und von der er weiß, dass sie seine schlechte Meinung über ihn teilt. Aus Angst vor körperlicher Gewalt und sonstiger Art von Konflikten weicht er jeder Konfrontation im privaten sowie im beruflichen Bereich aus. Stattdessen sucht er nach stillen und unentdeckten Möglichkeiten, den nicht zu ignorierenden Forderungen seiner Ehefrau nach höheren finanziellen Mitteln nachzukommen und beginnt so, heimlich geringe Geldbeträge abzuzweigen, was zu seiner unehrenhaften Entlassung führt, als Chabut es bemerkt. 52 Der λύω-Aspekt des Aufhebens der Bindung durch eine entflechtende Handlung an die lebensverhindernde Selbstverleugnung wird vom Buchhalter aufgrund des Krisenauslösers aus dem beruflichen Bereich fälschlicherweise auf die Beseitigung der Person Chabuts übertragen, der in den 255 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten sar für den Buchhalter doch genau diese Funktion ein. Tatsächlich liegt der Bereich möglicher Einflussnahme für Maigret im Bereich der Erlösungsbedürftigkeit Pigous nach der Tat und in der Entflechtung Pigous von seiner lebensverhindernden Fixierung auf Chabut (selbst nach seinem Tod) im λύω-Sinn. In seinem professionellen Bestreben, die Wahrheit über die Umstände der Ermordung des Weinhändlers herauszufinden und damit auch über die Lebensumstände und Verhaltensweisen Chabuts zu dessen Lebzeiten, erweist sich der Kommissar aus Sicht des ehemaligen Buchhalters als Vertrauter und Verbündeter, der ihn verstehen und dem er begegnen möchte.53 Aus diesem Grund nimmt er Kontakt zu ihm auf, ruft ihn an, schreibt ihm Briefe, beschattet ihn, lässt ihm Informationen über den Weinhändler zukommen. Maigret ahnt, dass er es mit einem Täter zu tun hat, der aufgrund seiner weiterhin existenten lebenshinderlichen Bindung an Chabut das Bedürfnis verspürt, über seine Tat zu sprechen, der wahr- und ernst genommen werden will. Er ahnt, dass er es mit einem Täter zu tun hat, der gefasst werden will, um der Isolation durch seine Tat zu entfliehen.54 »Warum haben Sie mich angerufen?« »Ich weiß nicht. Ich fühlte mich allein und sagte mir, niemand würde mich je verstehen. In den Zeitungen habe ich oft Artikel über Sie gelesen. Ich hätte Sie gern kennengelernt. Ich war mehr oder minder entschlossen, mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Da wollte ich noch ein letztes Mal mit jemandem reden, aber ich hatte immer Angst, nicht vor Ihnen, sondern vor Ihren Leuten.«55 Die erste Komponente, die dem Buchhalter Linderung seiner Verlorenheit verschafft, ist die Tatsache, dass der Kommissar ihn als Gegenüber ernst nimmt und ihn nicht in seiner Einsamkeit belässt. Zwar geht es auf dienstlicher Ebene vornehmlich um die Verfolgung eines flüchtigen Straftäters und nicht darum, Pigou aus seiner persönlichen Isolationssituation zu befreien, aber dennoch scheint trotz aller Professionalität bereits hier das psychologische Fingerspitzengefühl Maigrets hindurch, wenn der Kommissar seinen Inspektoren Anweisungen gibt, wie genau sie mit dem Flüchtigen umzugehen haben.56 körperlich-offensiven Konflikt mit ihm eintritt. Pigou glaubt, die Ursache seiner Erlösungsbedürftigkeit liege im beruflichen Umfeld und hofft deshalb unbewusst, mit der Ermordung Chabuts (als Personifizierung seines beruflichen Konflikts) auch Ursprung und Zentrum seiner lebensverhindernden Elemente zu beseitigen. Diese unbewusste Interpretation ist deswegen falsch, weil die eigentliche Ursache der Unerlöstheit Pigous nicht im beruflichen, sondern im psychischen Bereich beheimatet liegt und sich nur aktuell am stärksten im beruflichen Umfeld ausgewirkt hat. Aus diesem Grund kann der Mord an Chabut die Erlösungsbedürftigkeit Pigous nicht lindern, sondern nur um die Erlösungsbedürftigkeit aus den Folgen der Mordtat verstärken. Erst nach der Mordtat erkennt der Betroffene diesen Zusammenhang und beschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen. 53 Vgl. Der Weinhändler (2006: 189f.). 54 „Er hatte das schon mehrfach erlebt, und zumindest in einem Fall hatte der Täter keine Ruhe gegeben, bis er endlich gefaßt war.“ Der Weinhändler (2006: 80). „Oder war er gar der anonyme Anrufer, der zweimal mit dem Kommissar gesprochen hatte, um seinem Herzen Luft zu machen?“ Der Weinhändler (2006: 87). 55 Der Weinhändler (2006: 189f.). 56 „Noch eine wichtige Empfehlung. Keiner von unseren Leuten darf bewaffnet sein. Das gilt auch für euch. Ich will auf keinen Fall und um keinen Preis, daß man auf ihn schießt.« »Und wenn er 256 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Das mitmenschliche Interesse Maigrets an Pigou57 ersetzt für diesen die therapeutische Ausbildung, auch wenn sich der Kommissar seines eigenen Stellenwerts für Pigou zunächst nicht bewusst ist.58 Es ist die plötzliche Präsenz Maigrets in Pigous Existenz, die aus dessen Perspektive letztlich die Einsamkeit und Isolation seines bisherigen Lebens bekämpft und ihn schließlich dazu bringt, sich dem Kommissar zu stellen. Bis zur abschließenden persönlichen Begegnung zwischen Pigou und Maigret, in der es erst dazu kommen kann, dass sich der Kommissar zum Handeln und Fühlen des Buchhalters verhält, erfährt der Leser aufgrund der Vermeidung negativ wertender Bezeichnungen für Pigou und der positiven Betonung bestimmter Eigenschaften, dass Maigrets Interesse am Täter kein abwertendes, sondern ein freundlich gesinntes ist.59 Hinsichtlich der einen persönlichen Begegnung zwischen Maigret und Pigou ist interessant, dass diese wiederum nicht in unpersönlichen Räumen oder an einem öffentlichen Platz stattfindet, sondern in der privaten Umgebung der Maigretschen Wohnung. Das hier abgelegte Geständnis gleicht mehr einer persönlichen Beichte über Beweggründe und intime Gedanken als einem Schuldeingeständnis. Und tatsächlich kommt in dieser Begegnung die psychische Problematik Pigous auch deutlich zur Sprache. Maigret verdeutlicht auf behutsame Weise, dass die psychische Krise des Buchhalters nicht zwangsläufig auf Chabut zurückzuführen ist, dass auch der ermordete Chef selbst durchaus erlösungsbedürftige Züge aufwies und dass die fatale Vorstellung Pigous von einem Ausweg aus seiner Lebenssituation Konsequenzen nach sich zieht, vor denen er ihn nicht bewahren wird.60 Dennoch kommt er Pigous Bedürfnis zu erzählen entgegen, hört ihm aufmerksam zu61 und nimmt ihn in seiner Verzweiflung ernst, ohne ihn aufgrund der eigenen Distanz zum Geschehen zu belächeln.62 Maigrets Verhalten zur Unterdrückungs- und Demütigungs-Situation Pigous beinhaltet auch den Versuch, Pigou klar zu machen, welche Umstände für das Verhalten Chabuts verantwortlich waren und dass die Beweggründe seines Chefs sich kaum von seinen eigenen unterschieden. Die Art und Weise, in der der Kommissar dies tut, ähnelt einer liebevollen Richtigstellung ohne persönliche Beteiligung. Maigret wird in der persönlichen Begegnung so zum Seelenarzt für Pigou zuerst schießt?« fragte der dicke Lourtie. »Ich habe gesagt, ›um keinen Preis‹. (…) Ich möchte ihn lebend und unverletzt haben.“ Der Weinhändler (2006: 155). 57 „Er überlegte, warum der Mann einen solchen Eindruck auf ihn gemacht hatte, und kam zu dem Schluß, daß es dessen bohrender Blick gewesen sein mochte. Es war der schwermütige Blick eines Menschen, der sich einem großen Problem oder einem schweren Leiden gegenübersieht.“ Der Weinhändler (2006: 78). 58 „Er ist sein ganzes Leben gedemütigt worden. Jahrelang hat er sich geduckt. Plötzlich erlebt er ein Gefühl der Befreiung. Der ganze Polizeiapparat beschäftigt sich mit ihm, ohne daß es gelingt, ihn zu fassen. Ist das nicht eine Art Triumph? Er ist plötzlich ein wichtiger Mann.“ Der Weinhändler (2006: 160). 59 Vgl. z. B. Der Weinhändler (2006: 108, 149, 153). 60 „Pigou, ich habe vergessen, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß ich Polizist bleibe, auch wenn wir hier bei mir zu Hause sind und nicht am Quai des Orfèvres, und daß ich mir das Recht vorbehalte, alles gegen Sie zu verwenden, was Sie mir berichten.“ Der Weinhändler (2006: 186). 61 „Er hatte das Bedürfnis, seine Beweggründe darzulegen, und da Maigret ihn gewähren ließ, ihm mit sichtlichem Interesse zuhörte, bemühte er sich, nichts im dunkeln zu lassen.“ Der Weinhändler (2006: 178). 62 „Maigret lächelte nicht über die Naivität seines Gegenübers, im Gegenteil, sein Gesicht war ernst.“ Der Weinhändler (2006: 179). 257 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten bezüglich der Umstände des Mordes und der dazu gehörigen Hintergründe, der ihn für sein Handeln nicht gering schätzt oder verurteilt. »Er war auch gedemütigt«, murmelte Maigret sehr behutsam. Pigou sah ihn an, so überrascht, daß ihm der Mund offenblieb. »Er hat ihnen doch gesagt, daß man ihn nicht ungestraft zum Narren halten könne.« »Das ist wahr. Ich habe nicht begriffen, daß das der tiefere Grund für sein Verhalten war. Glauben Sie, er war gekränkt?« »Mehr als das. (…) Auch er hatte das Bedürfnis, sich zu bestätigen. Deshalb versuchte er sein Glück bei allen Frauen, die ihm begegneten.«63 Pigou empfindet Maigret als Vertrauten, der seiner Wahrheit über den Charakter des Ermordeten zu offizieller Kenntnis verholfen hat, indem er während seiner Untersuchung alle Verhaltensweisen Chabuts ermittelt. Möglicherweise gestattet er dem Kommissar auch deshalb den Hinweis auf die juristischen Konsequenzen seines Handelns, ohne einen Fluchtversuch zu wagen. Dass Pigou Maigret trotz seiner offiziellen Funktion als Fürsprecher betrachtet, wird überdies von der Tatsache getragen, dass der Kommissar bereits während seines Geständnisses für dessen rechtlichen Beistand sorgt.64 Die Erlösungsbedürftigkeit Pigous nach seiner Mordtat beinhaltet jedoch noch den Umgang mit einer ganz anderen Bedrohung: Die Angst vor körperlicher Gewalt oder verbaler Auseinandersetzung mit seiner Frau hat ihn nach dem Mord an Chabut in die Obdachlosigkeit getrieben. Die Entscheidung, sich das Leben zu nehmen, bevor es zu einer Verhaftung kommt, ist auch dieser Phobie geschuldet, so dass der Kommissar Pigou einen Neuanfang ermöglicht, indem er ihm zusagt, persönlich dafür zu sorgen, dass ihm während seiner Verhaftung und Gefängniszeit keine körperliche Gewalt angetan werde.65 Mit dieser Zusage wird die Aussicht auf ein Dasein im Gefängnis, in dem er kostenlos verköstigt und untergebracht wird, für Pigou zu einer (einigermaßen) positiven Perspektive, weil sie ihm weiterhin eine erneute Begegnung mit seiner Ehefrau erspart. Die Aspekte profaner Erlösungsdynamik, die sich im Umgang Maigrets mit Gilbert Pigou zeigen, lassen sich auch in seiner Funktion als Arzt der Seele zweifelsfrei im λύω- Bereich ansiedeln. Wie immer ist dafür Maigrets Weigerung, ein moralisches Urteil abzugeben, die Basis.66 Obwohl der Kommissar die psychischen Nöte und Ängste Pigous nicht nachvollziehen kann, nimmt er ihn dennoch in seiner Not ernst und lässt so die Würde Pigous als Mensch unangetastet. Diese Art des Umgangs mit seinen Ängsten und Nöten ermöglicht dem Betroffenen in einem Rahmen von persönlicher Akzeptanz und grundständiger Wertschätzung einen anderen Zugang zu diesen wahr- und anzunehmen, so dass die empfundene Isolation und Einsamkeit nicht länger ausweglos erscheinen muss.67 Zwar bleibt die Initiative zur Veränderung der Phobien und anderen Ansichten Pigous 63 Der Weinhändler (2006: 177f.). 64 Vgl. Der Weinhändler (2006: 186). 65 „Meine Inspektoren schlagen nicht. (…) Sie können sich Ihre Zigarette anstecken. Und nun, haben Sie noch immer Angst?« »Nein.“ Der Weinhändler (2006: 189f.). 66 „Wir sind alle mehr oder minder zu bedauern. Ich versuche zu verstehen. Ich habe nicht den Ehrgeiz, die moralische Verantwortung der Menschen zu ermessen.“ Der Weinhändler (2006: 179). 67 „Auf der Treppe wandte sich Pigou um. Er hatte Tränen in den Augen. Noch einmal sah er Maigret an, wie um sich Mut zu machen.“ Der Weinhändler (2006: 193). 258 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets nach wie vor in der Verantwortung des Betroffenen und liegt nicht beim Kommissar, aber die Möglichkeit zur Veränderung im Sinne des Freimachens von der Bindung Pigous an seine Ängste und sein Selbstbild wird innerhalb dieses Romanuniversums ausschließlich durch Maigret aufgezeigt und realisiert. 2.2.2 Die Angst, ungeliebt zu bleiben: Jean-Paul Gastin Der Roman Maigret à l’école68 beginnt damit, dass ein schuldlos unter Mordanklage gestellter Dorfschullehrer aus einem kleinen Ort am Meer ins Pariser Kommissariat flüchtet, um Maigret zu bitten, sich seines Falls anzunehmen und den wahren Täter zu finden. Es stellt sich heraus, dass die Dorfgemeinschaft den neuen Lehrer als Schuldigen sehen will, weil er im Gegensatz zu seinem Vorgänger gewisse Gepflogenheiten nicht weiterführt, die den Dörflern bisher dazu verhalfen, sich mittels kleinerer Versicherungsbetrügereien den finanziellen Alltag zu verbessern. Diese prinzipielle Andersartigkeit des Lehrers stellt die Lebensentwürfe der Dorfbewohner in Frage, was wiederum die Ausgrenzung und Isolation der Lehrersfamilie von der Gemeinschaft verursacht und verstärkt, je mehr der 68 In der Schule (1987). Adressat Gilbert Pigou Mittel • Psychologisches Feingefühl • Vermitteln juristischen Beistandes • Zuhören, Verstehen, Nicht-Urteilen • Ermitteln der Wahrheit über Chabut • Zusage körperlicher Unversehrtheit • Aufdecken der wahren Erlösungsbedürftigkeit Pigous • Persönliche Begegnung entflicht aus Isolationsspirale, verhilft zu neuer Sicht auf die eigene Problematik/ Perspektivwechsel Erlösungsbedürftigkeit • gesellschaftliche Isolation (vor der Tat) • soziale Isolation nach der Tat (verkannter Mörder) • Verlust von Realitätsnähe • Angst vor körperlicher und seelischer Auseinandersetzung • Selbstverleugnung • Selbstmordvorsatz Erlösungsziel • Gegenüber auf Augenhöhe • Gelöst von Fixierung auf Chabut • Öffentliche Kenntnisnahme der wahren Tathintergründe (Charakter Chabuts) • realistische Sicht der akuten Situation • Dasein ohne körperliche Schläge • Frei von Ansprüchen der Ehefrau • Möglichkeit zum Eigenen zu finden • Leben in begrenzten Möglichkeiten als Perspektive geglückter Aspekt 259 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten Lehrer an seinen Prinzipien festhält. Am stärksten leidet der Lehrerssohn Jean-Paul unter dieser sozialen Einsamkeit. Weil er sich nichts mehr wünscht als die Freundschaft eines Klassenkameraden, verschweigt er gegenüber Polizei und Kommissar, dass der ersehnte Freund bei seiner Aussage gerade nicht die Wahrheit sagt, sondern flunkert, um einen anderen Freund zu schützen. Er erhofft, dadurch endlich Akzeptanz und Loyalität zur Klassengemeinschaft beweisen zu können. Da aber sonst keine Aussage für die Unschuld des Lehrers spricht (außer dem eigenen verheimlichten Wissen), wird der Vater infolge dieser Falschaussage so sehr belastet, dass er nicht nur der einzige Verdächtige ist, sondern gleich unter Mordanklage gestellt und verhaftet wird. Der deutsche Titel des Romans Maigret à l’école69 als Maigret und die schrecklichen Kinder verleitet bereits im Voraus zu einer irreführenden Interpretation der dargestellten Ereignisse. Die „schrecklichen Kinder“ der Klasse des Dorfschullehrers Joseph Gastin, welche aufgrund eigener sozialer Strukturen im Klassen- und Familiengefüge lediglich das Verhalten der erwachsenen Dorfgemeinschaft spiegeln, sind nicht die widerspenstigen Hindernisse auf Maigrets Weg der Wahrheitsfindung. Vielmehr verhelfen dem Kommissar die Kinder zur Lösung des Falls in dem Moment, in dem er die Isolation des Lehrerssohns und die Abhängigkeit der Dorfjungen von ihren Eltern durchbricht. Das Dilemma der Kinder in der Schule, insbesondere des Lehrersohns, nämlich einerseits den Forderungen der Erwachsenen nachzukommen, andererseits aber für den Schutz ihrer eigenen Freunde zu sorgen oder derer, die sie gern zu Freunden hätten, spiegelt die gesellschaftliche Problematik der Stellung des Lehrers in der Dorfgemeinschaft. Auch wenn in dieser Geschichte die Einsamkeit als Folge gesellschaftlicher Ausgrenzung nicht das Tatmotiv des Mordes beinhaltet (hier wird der untersuchte Mord schließlich als unglücklicher Zufall entlarvt), stellt doch das vorsätzlich-kollektive Schneiden der Lehrersfamilie die Ursache dafür dar, dass der Tod der alten Dame dem Lehrer Joseph Gastin als Mord in die Schuhe geschoben wird. Die Suche Maigrets nach den Gründen für einen Mord am Postfräulein führt immer wieder auf Anzeichen der Nicht-Akzeptanz der Lehrersfamilie durch die Dorfbewohner zurück. In diesem Fall wird die Einsamkeit aufgrund sozialer Isolation zum Motiv für das Verheimlichen der entlastenden Wahrheit und damit zum (Mit)-Grund für die Misere des unschuldig inhaftierten Lehrers: Nur aus Hoffnung auf die Freundschaft eines Jungen, der meint zu wissen, dass sein Freund den tödlichen Schuss abgab, verschweigt der Lehrerssohn Jean-Paul die Wahrheit, die seinen eigenen Vater aus dem Gefängnis holen könnte. Jean-Paul weiß sehr genau, warum die Dorfkinder ihn nicht an ihrer Gemeinschaft teilhaben lassen, und fühlt sich umso ungerechter behandelt, da er selbst für die Ursache dessen nicht verantwortlich ist. Er nimmt seinem Vater übel, den Dörflern nicht entgegenzukommen und seiner Mutter, dass sie den Vater einfach gewähren lässt, ohne imstande zu sein, eine eigenständige und unabhängige Position vor ihm zu vertreten. Der Romantext lässt dar- über hinaus nicht erkennen, ob der Vater um das von ihm verursachte Dilemma seines Sohnes weiß oder nicht und ob bzw. wie er gegebenenfalls darauf reagiert (hat). Maigret, der aus Sicht Jean-Pauls nur ins Dorf gereist kommt, um seinen Vater zu entlasten, gehört daher für Jean-Paul zu denjenigen Erwachsenen, die seine Not nicht verstehen, verstehen wollen oder einfach ignorieren. Das erklärt sein schon fast feindseliges Ver- 69 Die deutsche Übersetzung lautet: Maigret in der Schule und nicht „Maigret und die schrecklichen Kinder“, wie der Diogenes Verlag tituliert. 260 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets halten gegenüber dem Kommissar in den ersten Begegnungen der beiden. Maigret jedoch lässt sich von dieser Haltung nicht einschüchtern oder erliegt der Versuchung, das Verhalten des Jungen persönlich zu nehmen. Aufgrund seines Hauptinteresses an den Ursachen für untypische oder aus dem Rahmen fallende Auffälligkeiten, erkennt Maigret schnell, dass Einsamkeit und ein schlechtes Gewissen die Beweggründe Jean-Pauls beeinflussen. Der Kommissar spürt intuitiv, dass er der Wahrheit näher kommt, sobald er diese negativen Einflüsse auf den Jungen mindern oder beseitigen kann und ist deshalb der erste (und leider auch einzige) Erwachsene in der gesamten Begebenheit, der dem Lehrersohn nachgeht und sich für sein Befinden interessiert. Jean-Pauls Gegenwehr schmilzt in dem Maße, in dem er erkennt, dass Maigrets Interesse kein gespieltes ist, so dass der Kommissar schließlich über den Jungen die soziale Stellung seines Vaters in der Dorfgemeinschaft aus der realistischeren Perspektive stärker gespiegelt bekommt als durch die Aussagen des betroffenen Lehrer-Ehepaars. Maigret erkennt, dass Jean-Paul unter der Ausgrenzung der Erwachsenen leidet, weil die Dorfkinder sich nicht selbständig trauen, Kontakt zu einem Mitglied der gemiedenen Familie herzustellen, das mit der Erwachsenenproblematik nichts zu tun hat. Er fühlt Jean-Pauls Einsamkeit nach, geht ihm im wörtlichen Sinne nach und erzählt ihm, dass es ihm selbst als Junge ähnlich ging. Maigret lässt sich nicht einschüchtern oder verjagen und macht Jean-Paul klar, dass er auch um sein schlechtes Gewissen weiß. In einem weiteren Gespräch verdeutlicht er dem Lehrersohn, dass er mit seinem Schweigen gerade genauso ungerecht handelt wie er sich Adressat Jean-Paul Gastin Mittel • Offenheit für Not der Kinder • Maigrets Solidarisierung mit Jean-Paul • Fragen, Nachgehen, Nicht-Einschüchtern-lassen • Maigrets Verweis auf die Wichtigkeit der Wahrheit • Persönliche Begegnung, in der Maigret von sich erzählt • Maigrets aktive Empfehlung an die Dorfjungen, sich dem unausgesprochenen Verhaltenscodex der Eltern zu widersetzen Erlösungsbedürftigkeit • unverschuldete Isolation, Außenseitertum aufgrund von Elternverhalten • Wunsch nach Freundschaft • Hass auf die eigenen Eltern (verstärkt die Isolationssituation, Einsamkeit) • schlechtes Gewissen wegen Verschweigens der Wahrheit über Tatzeit des Mordes Erlösungszielgeglückter Aspekt • Möglichkeit, Freundschaften aufzubauen • eigene Situation unabhängig von Haltung und Stellung der Eltern innerhalb der Dorfgemeinschaft • Befreiung vom Zwang, die eigenen Eltern hassen zu müssen • Befreiung von schlechtem Gewissen durch Preisgabe der Tatzeit 261 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten selbst als ungerecht behandelt empfindet. Er fragt ihn, ob er glaubt, dass eigenes Leiden dazu berechtigt, darüber hinaus gehendes Unrecht zu befürworten und ob es das eigene Leiden lindert. Auf diese Weise forciert Maigret die Einsicht des Jungen in die Notwendigkeit, sein Gewissen zu erleichtern und den wahren Hergang der Ereignisse im Klassenraum zur Tatzeit des Mordes preiszugeben. Gleichzeitig belässt es der Kommissar aber nicht bei Fragen zu Unrecht und Wahrheit, so sehr er in der Begegnung mit Jean-Paul ihm dadurch die Möglichkeit eröffnet, sich vom schlechten Gewissen gegenüber seinen Eltern zu befreien. Darüber hinaus nimmt Maigret die emotionale Not des Leidens unter der Einsamkeit des Jungen derart ernst, dass er in zwei Folgegesprächen mit verschiedenen Dorfkindern über geschickte Fragestrategien die unausgesprochene Empfehlung an sie gibt, sich doch bezüglich Jean-Pauls über das Verhalten der eigenen Eltern einfach hinwegzusetzen und den Lehrerssohn bei der nächsten Unternehmung mitzunehmen. Der Romantext gibt nicht wieder, wie die Verhältnisse unter den Kindern sich nach der Lösung des Falls und nach Maigrets Rückkehr nach Paris weiterentwickeln. Aber bereits in den letzten Gesprächen der Dorfjungs mit Maigret wird deutlich, dass sie ihn eigentlich ganz nett finden und sich gut vorstellen könnten, Freundschaft mit ihm zu schließen. Eine mögliche Integration Jean-Pauls in die Gemeinschaft der Dorfkinder erscheint auf diesem Hintergrund deshalb nicht nur wahrscheinlich, sondern greifbar, so dass der Kommissar dem Lehrersohn auf diese Weise einen Weg aus Einsamkeit und Isolation eröffnet. Im Fall Jean-Pauls findet die profane Erlösungsdynamik auf der Ebene des Aufhebens der lebenshinderlichen Bindung an den Hass auf die Eltern statt (λύω-Aspekt). Indem Maigret ihm durch sein aktives Nachgehen, sein Verständnis für dessen Situation, aber auch durch die Betonung der Wichtigkeit von Wahrheit und die Diskussion über Unrecht die Möglichkeit gibt, sich von dieser (bisher einzig möglichen) negativ geprägten Hassbindung zu lösen und eine von den Eltern unabhängige Position einzunehmen, gelingt der innerlich-seelische Befreiungsaspekt profanen Erlösungsgeschehens. Auch, ohne dass darüber hinaus Elemente des ρύομαι- oder σώζω-Aspektes für Jean-Pauls äußerliche Situation zum Tragen kommen, ermöglicht das aktive Handeln Maigrets in den Gesprächen mit den Dorfjungen, zu denen Jean-Paul so gern Kontakt hätte, eine zeitnahe Verbesserung der Ausgrenzungssituation des Jungen, so dass man – trotz fehlender Beschreibung des Zustandes nach diesen Gesprächen – durchaus von einer ganzheitlich-profanen Erlösung für Jean-Paul sprechen kann.70 2.3 Erlösungshandeln im sozialen Paradigma – Maigret als Befreier Das biblisch autonom verwendete Metaphernfeld der Befreiung aus Gefangenschaft für die Rede von Erlösung manifestiert sich aufgrund des strukturellen Rahmens von Kriminalliteratur71 in den Maigret-Romanen nicht nur als Einzelphänomen, sondern auch mit 70 In einem weiteren Sinne lässt sich hier von einem σώζω-Aspekt im Sinne des Herausreißens aus der – für Jean-Paul – lebensfeindlichen Isolation sprechen, die durch Kommissar Maigret (für Kinder eindeutig eine höhere Macht) stattfindet. 71 Mit dem strukturellen Rahmen eines Krimis ist hier die Ausgangslage eines oder mehrerer Morde als juristischer Straftat gemeint, die unweigerlich die Fragen nach dem Täter, seiner Schuldhaftigkeit, seinem Motiv und Jäger bzw. Detektiv nach sich ziehen. 262 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Anleihen des gesetzlichen Gerichts-Paradigmas.72 Aus der Perspektive des sozialen Paradigmas beinhaltet in den Maigrets die Befreiung von jeglicher Form der Fremdherrschaft oder Unfreiheit auch solche Aktivitäten, die dafür sorgen, dass es juristisch nicht (weiter) zu Verfolgung und Anklage kommt. Wenn der ermittelnde Kommissar, dem funktionell die Aufgaben der Deduktion des Tathergangs und der Überführung des Täters an die Justiz zufallen, einem Involvierten, Betroffenen oder sogar dem Täter-Opfer aus der Perspektive des sozialen Paradigmas von Erlösung zur Beseitigung jedweder Art von Unfreiheit verhilft, dann ist davon gleichzeitig das gesetzliche Paradigma von Verurteilung und Begnadigung betroffen, da der exekutiv Beauftragte auf diese Weise judikative Funktionen wahrnimmt. Prinzipiell findet sich dabei folgendes Muster: Der Kommissar als profaner Erlöser riskiert seinen Ruf, seine professionell notwendige weiße Weste und seine Karriere auf der Suche nach der Wahrheit über den bloßen Menschen. Sobald diese Wahrheit dem/den Betroffenen einen Neuanfang ermöglicht, wird das eingesetzte Risiko im Bild zum Preis für diesen Neubeginn. Job, Karriere, Disziplinarverfahren, Abmahnungen und die Gefahr, selbst im juristischen Sinn schuldig zu werden (z. B. durch die von offizieller Seite unberechtigte Übernahme judikativer Funktionen) beinhalten den Preis, der die Involvierten letztlich aus ihrer Unfreiheit befreit und den Maigret bezahlt oder riskiert.73 2.3.1 Verhinderung weiterer Mordanschläge auf Paulette Lachaume In Maigret und die widerspenstigen Zeugen74 finden emotionale Unterdrückung, famili- äre Missachtung der Person, finanzielle Ausbeutung und Erpressung zugunsten eines alteingesessenen Familienunternehmens statt. Anlässlich der Ermordung des verwitweten Chef-Patriarchen einer Keksfabrik-Dynastie, Léonard Lachaume, lernt Kommissar Maigret während seiner Ermittlungsarbeit die lebensgefährliche Lage eines angeheirateten Familienmitglieds kennen, dessen Situation an eine lehnsherrliche Leibeigenschaft erinnert. Unfreiheit und Gefangenschaft beziehen sich in diesem Fall zunächst nicht auf die körperliche Ebene (wie das historisch belegt ist), sondern auf die finanziellen Mittel der Betroffenen und deren Verwendung. Im späteren Handlungsverlauf weitet sich der lebenshinderliche Anspruch auch auf die körperliche Ebene aus. Untypisch für einen Maigret, gestalten sich die Ermittlungen des Kommissars zum Täter selbst über einen längeren Zeitraum hinweg als schwierig, da sein übliches Vorgehen bei der Wahrheitssuche durch mehrere äußere Faktoren behindert wird.75 Aufgrund 72 Auch die hier genannten Beispiele sollen lediglich einen strukturellen Überblick über die Diversität der Simenonschen Umsetzung ermöglichen. Eine vollständige Darstellung erfordert eine separate Untersuchung. Der Umfang des Maigret-Materials rechtfertigt daher weitere, separate Analysen, die als ausdrücklich wünschenswert betrachtet werden. 73 Eine wichtige Einschränkung diesbezüglich ist der Mangel an Vorsatz. Während es in den biblischen Metaphernfeldern zur Rede von Erlösung immer auch darum geht, dass eine bildhaft vermittelte Funktion wahrgenommen wird, um explizit einen Neuanfang zu ermöglichen, ist das bei Maigret nicht zwangsläufig der Fall: Manchmal schon, meistens aber indirekt über die Intention, die Wahrheit herauszufinden, was dann zur selben Konsequenz führt. Darin liegt ein nicht zu vernachlässigender Unterschied zum christlichen Erlöser. 74 Die widerspenstigen Zeugen (1999). 75 Diese Faktoren betonen die Art Erlösungsbedürftigkeit, die den Kommissar selbst betrifft. Vgl. dazu Teil III, Kap. 2.1.2.4. Die Erlösungsbedürftigkeit Maigrets. 263 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten dieser Tatsache entwirrt Maigret in dieser Geschichte erst die erlösungsbedürftige Grundsituation des Täters, bevor er ihn bzw. sie benennen kann: Es stellt sich heraus, dass die reiche Erbin Paulette, die angeheiratete Schwägerin des Mordopfers, den Fabrikinhaber Léonard aus Notwehr erschossen hat, als er nachts in ihr Zimmer schleicht, um sie ihres Erbes wegen mit einem Schraubenschlüssel zu erschlagen und das Ganze wie einen Einbruch aussehen zu lassen. Der Kommissar deckt auf, dass für die Keks-Dynastie die Erhaltung des längst bankrotten Familienunternehmens nach wie vor oberste Priorität besitzt. Nachdem die Gründer-Eltern dem Firmenabstieg noch eigenes Kapital entgegensetzen konnten, verfällt das Mordopfer, der älteste Lachaume-Sohn Léonard, als patriarchalischer Nachfolger der Methode, sich der Mitgift reicher Ehefrauen zu bedienen. Da die erste Mitgift nach dem Tod seiner eigenen Frau (acht Jahre zuvor) aufgebraucht ist, nötigt er seinen Bruder Armand zu einer ebensolchen Zweckehe als Beschaffungsmaßnahme für neue Finanzmittel.76 Paulette, die zweite angeheiratete Geldquelle, durchschaut nach einer Weile das berechnende Vorgehen der Lachaume-Familie und bricht aus. Als sie Vorbereitungen für eine Scheidung trifft, greift das Familienoberhaupt zum äußersten Mittel, um ihr Erbe für die Keksfabrik zu erhalten: Die schauerlichen Vorahnungen Paulettes bestätigen sich, als in der Mordnacht der Schwager in ihr Zimmer eindringt und im Dunkeln beginnt, auf ihr Kopfkissen einzuschlagen. Die finanzielle Ausbeutung Paulettes ist die offensichtlichste Form der familiären Unterdrückung in diesem Roman. Durch moralische Verpflichtungen und genügend psychologischen Druck wird sie als Ehefrau eines Mitglieds der Fabrikdynastie dazu genötigt, ihr Erbe dem Ruin des Keksimperiums entgegenzusetzen, anstelle es für ihre eigenen Prioritäten zur Verfügung zu behalten. Darüber hinaus wird sie emotional und psychisch von ihrem Schwager unterdrückt. Zu Beginn der Beziehung zu Armand werden Paulette vorsätzlich falsche Hoffnungen auf ein gesellschaftliches Leben und ihre mögliche Rolle darin vorgegaukelt, die sich schnell als Bauernfängerei entpuppen.77 Als sie nach der Hochzeit (mit Ehevertrag) die Wahrheit erlebt und begreift, wird sie von ihrem Schwager unter Druck gesetzt, sich mit der Situation abzufinden und still zu halten. Auf diese Weise wird sie dazu gezwungen, sowohl ihre Persönlichkeit als auch ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu verstecken und zu unterdrücken. Letztlich gehen der emotionale Missbrauch und die finanzielle Ausbeutung Paulettes von Seiten der Familie so weit, dass sie bereit sind, Paulette umzubringen, um sich ihr Erbe für den Erhalt der Fabrik zu sichern.78 Die Erlösungsbedürftigkeit Paulette Lachaumes lässt sich den Erlösungsaspekten der beiden griechischen Ursprungsvokabeln λύω und σώζω zuordnen. Zum einen ist es für die reiche Erbin emotional und psychologisch notwendig, aus der belastenden Bindung an die intriganten und ausbeuterischen Familienverhältnisse der Lachaume-Dynastie 76 Armand spielt ihr Verliebtheit vor, macht ihr den Hof und überredet sie schließlich zur Hochzeit. Einmal in die Familienvilla eingezogen, kann sie sich der – sonst von allen gebilligten – Diktatur Léonards als Familienoberhaupt nicht mehr entziehen (Vgl. Die widerspenstigen Zeugen (1999: 113)). In Einzelgesprächen, zu denen Léonard sie bitten lässt (Vgl. Die widerspenstigen Zeugen (1999: 183)), wird sie unter moralischem und persönlichem Druck dazu angehalten, immer wieder große Summen ihres Erbes in die Keksfabrik zu investieren. Ihr restliches Leben scheint weder ihren Ehemann noch ein anderes Familienmitglied zu interessieren, solange sie den Schein wahrt. 77 Mit ihrer finanziellen Hilfe sollten Feste und gesellige Empfänge stattfinden. 78 Vgl. Die widerspenstigen Zeugen (1999: 186f.). 264 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets befreit zu werden, die sie ihres rechtmäßigen Erbes berauben. Diesen λύω-Aspekt versucht Paulette durch die heimliche Einleitung ihres Scheidungsverfahrens von Armand Lachaume selbständig zu realisieren, scheitert aber, da die Familie derart besitzergreifend ist, dass sie die juristische Aufhebung dieser Bindung an sie mit allen Mitteln zu verhindern bereit ist. Die Vorstellung einer moderneren Form von Gefangenschaft liegt hier mehr als nah. Durch die vehemente Gegenwehr der Familie, sie aus dieser Gefangenschaft freizugeben, kommt für Paulette zum bereits lange Zeit vorhandenen λύω-Aspekt ihrer Erlösungsbedürftigkeit die akute Bedrohung durch die Nachstellungen der Familie hinzu, die ihr nun nach dem Leben trachtet. Für diese neue Nuance, welche die Situation Paulettes massiv verschärft, greift die Vokabel σώζω als Notwendigkeit des Herausreißens aus lebensbedrohlicher Gefahr unter Einsatz einer überlegenen Macht. Denn die Bedrohung durch die Familie wird zwar zunächst durch den Schuss Paulettes auf Léonard in Notwehr abgeschwächt, aber nicht endgültig aufgehoben. So rettet sich im akut drohenden σώζω- Aspekt ihrer Erlösungsbedürftigkeit Paulette Lachaume kurzfristig selbst, ihre grundsätzliche und juristische Bindung an die lebensverhindernden Familienverhältnisse der Lachaumes aber und damit die Gefahr, das Opfer weiterer Mordversuche zu werden, werden erst dann gelöst und damit eliminiert, als durch die Ermittlungsarbeit Maigrets die wahren Absichten der Familie an Paulette öffentlich bekannt werden.79 79 Auf den ersten Blick wirkt es zwar zunächst so, als habe Maigret keinen eigenen Anteil an der diesbezüglichen neuen Lebenssituation Paulettes, da die Aufhebung der juristischen Bindung an die Lachaume-Familie durch den Selbstmord des Ehegatten Armand unwiderruflich wird. Aber letztendlich sind es die Ergebnisse der Ermittlungsarbeit Maigrets, welche die wahren Handlungsmo- Adressat Paulette Lachaume (geb. Zuber) Mittel • Maigrets Ermittlungen, welche die wahren Absichten der Lachaumes gegenüber Paulette ans Licht bringen, dadurch: • Verunmöglichen weiterer Mordanschläge auf Paulette Erlösungsbedürftigkeit • finanzielle Ausbeutung durch die Familie Lachaume • Unglücklichsein in einer Zweckehe • Bevormundung • Unterdrückung persönlicher Bedürfnisse • Missachtung der Persönlichkeit • drohende Mordanschläge durch die Familie • Bindung an Armand Lachaume Erlösungsziel • freie Verfügung über ihr Vermögen • Freiheit für neue Liebes beziehung • Ausleben eigener Bedürfnisse • Freiheit zur individuellen Lebensgestaltung • Persönliche Wertschätzung • Unbedrohtes Leben • rechtliche Unabhängigkeit von der Familie geglückter Aspekt 265 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten 2.3.2 Abwenden der Verurteilung eines Unschuldigen: Joseph Gastin Auch solche Ermittlungserfolge Maigrets wie hinsichtlich der Lachaume-Familie sind seinem fiktiven Romanumfeld durchaus bekannt. Wenn diese Tatsache auch nicht unmittelbar im Text geschildert wird, spricht doch das Verhalten anderer Figuren dem Kommissar gegenüber eine deutliche Sprache. In Maigret à l’école80 begegnet der Kommissar einem zu Unrecht verdächtigten Dorflehrer, der ihn um Beistand bittet und dabei Vergötterungstendenzen zeigt.81 Die auktoriale Ablehnung einer intendierten Konzeption Maigrets als sakrale Erlöserfigur wird im Text mehr als deutlich. Erst der Verweis des Hilfesuchenden darauf, dass sich die örtliche Polizei aufgrund seiner sozialen Nichtakzeptanz nicht ausschließlich um die Wahrheit bezüglich des Mordes kümmern wird, veranlasst den Kommissar dazu, sich schließlich doch näher mit der Angelegenheit zu befassen.82 Und letztendlich erreicht Maigret, was der Lehrer von ihm erhofft: Er stellt den tive der Lachaumes Paulette gegenüber schon vor dem Selbstmord des Ehegatten enthüllen und der Familie dadurch verunmöglichen, weitere Mordversuche zu unternehmen. Die Vertuschung einer solchen Tat wäre aufgrund des erworbenen Wissens der Polizei um das Motiv nach Maigrets Untersuchungsarbeit so gut wie unmöglich. 80 In der Schule (1987). 81 „Er war ganz in Maigrets Bann. Man merkte ihm an, daß er seit langem von Maigrets großem Ruf wußte und wahrhaft etwas von einem Gottvater in ihm sah.“ In der Schule (1987: 14). „Weshalb haben Sie denn ausgerechnet mich aufgesucht?« »Weil ich Vertrauen zu Ihnen habe. Wenn Ihnen etwas daran liegt, bekommen Sie bestimmt die Wahrheit heraus – das weiß ich.« (…) Aber ich gehöre nun einmal der Pariser Kriminalpolizei an und bin für Vorfälle im Département Charente nicht zuständig…“ In der Schule (1987: 15f.). 82 „[W]enn ich einmal hinter Schloß und Riegel sitze, habe ich keine Möglichkeit mehr, mich zu verteidigen, bin ich von der Außenwelt völlig abgeschnitten. Niemand wird mir Glauben schenken. Sie werden mit mir tun können, was ihnen beliebt. (…) Möglicherweise war es falsch, hierher zu Adressat Joseph Gastin (Lehrer) Mittel • Ermittlungen Maigrets • Entlarvung und Überführung des tatsächlichen Täters Erlösungsbedürftigkeit • Mordanklage • Untersuchungshaft • drohende Gefängnisstrafe • Verurteilung und evtl. Hinrichtung als Mörder • Familie ohne Ernährer Erlösungsziel • Beweis der Unschuld • Leben in körperlicher und juristischer Freiheit • Wiederherstellung der unbescholtenen Reputation • Abwendung von Verurteilung und evtl. Hinrichtung geglückter Aspekt 266 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets wahren Täter und befreit den Dorflehrer auf diese Weise rein körperlich aus der Gefangenschaft der Untersuchungshaft, von einer drohenden Verurteilung wegen Mordes trotz faktischer Unschuld und darüber hinaus von der Möglichkeit einer Guillotinierung, die in Frankreich bei Mordfällen juristisch noch immer ausgesprochen werden kann. Da die eigentliche, psychologisch interessante Geschichte aber mit dem Lehrerssohn Jean-Paul Gastin verknüpft ist, und dem betroffenen Lehrer jegliche Einsicht in die eigenen Anteile an der Situation abgängig ist, fällt diesem Erzählstrang lediglich die Funktion der Rahmenhandlung zu.83 Zwar besteht die Erlösungsbedürftigkeit des Dorflehrers außer der juristischen, unschuldig für einen Mord verantwortlich gemacht zu werden, auch darin, von der Dorfgemeinschaft nicht akzeptiert zu werden und sich mit seiner Familie in einer sozialen Isolationssituation wiederzufinden. Da er selbst sich diesbezüglich aber vollkommen unsensibel zeigt, wird Maigret auch nicht vermittelnd aktiv, obwohl er im Verlauf seiner Nachforschungen hilfreiche Ansatzpunkte dafür kennenlernt. Es finden sich in diesem Roman daher sowohl ein geglückter Aspekt als auch ein nicht geglückter Aspekt, auf die sich eine profane Erlösungsdynamik beziehen kann. Der Erhalt des unverletzten Zustands des Lehrers lässt sich im Sinne des abwehrenden ρύομαι-Aspekts durch Maigrets Ermittlungsarbeit interpretieren. Weiter kann man behaupten, dass er ihn aufgrund des Stellens vom wahren Täter als Gegenwert im λύω-Sinn aus dem Gefängnis kommen. Aber ich habe mir gesagt, wenn ich Ihnen alles erzählte, würde Sie vielleicht bereit sein, hinzukommen und die Wahrheit ans Licht zu bringen.“ In der Schule (1987: 28). 83 Zum Zusammenhang der Geschichte vgl. Teil IV, Kap. 2.2.2. Adressat Joseph Gastin (Lehrer) Mittel • Maigret als Vermittler und Schlichter zwischen Dorfbewohnern und Prinzipientreue des neuen Lehrers (findet nicht statt!) Erlösungsbedürftigkeit • aus der Dorfgemeinschaft ausgegrenzt • kein privater Kontakt zum neuen Lebensumfeld • von allen Dorfbewohnern gemieden • bei den meisten Nachbarn verhasst • verachtet • lebt in Gegnerschaft zum Dorf Erlösungsziel • integriert in die Dorfgemeinschaft • private Kontakte/Freundschaften zu Nachbarn • von Dorfbewohnern akzeptiert und geachtet • genießt Vertrauen und Respekt • lebt in gegenseitigem Miteinander nicht geglückter Aspekt 267 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten auslöst. Diese Elemente jedoch beziehen sich auf die existentielle Bedrohung des Lehrers, welche durch die Lebensumstände im Dorf juristisch fehlgeleitet entstehen konnte, nicht aber auf die Isolationssituation der Familie als Ursache für die Irreführung der Justiz. 2.3.3 Verschweigen der Beweislage: Anna Peeters Auch wenn die Figur der Flamentochter Anna Peeters bereits in Teil IV, Kap. 2.1.1.2. eine seelische Sackgasse und damit die Grenze profaner Erlösungsdynamik verdeutlicht, ist doch Maigrets Verhalten ihr gegenüber als eindeutige Beseitigung von drohender Gefangenschaft zu verstehen. In diesem Fall lässt sich eine sehr deutliche äußerliche Bewahrung vor einer akuten Bedrohung für Leib und Leben im ρύομαι-Sinn ausmachen, für die Maigrets Schweigen gegenüber offizieller Seite verantwortlich ist. Nach im Roman als geltend dargestelltem Recht würde Anna Peeters für die Mordtat verhaftet, angeklagt und verurteilt werden, was mindestens zu einer lebenslangen Haftstrafe führen würde, käme Maigret seiner bürgerlichen und professionellen Pflicht nach, Anna für den Mord anzuzeigen. In Frankreich muss darüber hinaus bei einer Mordanklage immer auch mit der Möglichkeit gerechnet werden, zum Tod durch die Guillotine verurteilt zu werden. Maigret zeigt Anna aber nicht an, ersinnt überdies einen nicht widerlegbaren, aber falschen Tathergang, so dass die örtliche Polizei den Fall offiziell abschließt, Annas Bruder vom fälschlich angenommenen Mordverdacht freisprechen muss und fährt „unverrichteter“ Dinge wieder nach Hause, nachdem er die Täterin in einem offenen Dialog gestellt hat. Er eröffnet Anna also durch sein Schweigen und die vorsätzliche Irreführung der zuständigen offiziellen Behörde ein weiterhin freies Leben, unbehelligt durch polizeiliche Verfolgung und frei von der Angst, eventuell für die Mordtat hingerichtet wer- Adressat Anna Peeters Mittel • Nicht-Anzeige Annas bei der offiziellen Polizeibehörde für die begangene Mordtat • Befürworten eines möglichen, aber falschen Tathergangs, der Annas Bruder entlastet Erlösungsbedürftigkeit • Sichere Verurteilung zu lebenslanger Haftstrafe • evtl. Todesstrafe für Mord • Angst vor Entdeckung der Tat und Verfolgung durch Polizei • Verlust des Bruders durch schuldlose Verurteilung an ihrer Stelle Erlösungsziel • Leben in Freiheit, bei ihrer Familie • Abwendung der Todesstrafe • Keine Verfolgung durch Polizei und Justiz • Widerlegen des falschen Mordverdachts gegen den Bruder geglückter Aspekt 268 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets den zu können. Der „Preis“, den Maigret hier investiert84 und der Anna einen Neuanfang in Freiheit ermöglicht, liegt bei nicht weniger als Maigrets eigenem Schuldigwerden. Bei Offenbarwerdung solcher Zusammenhänge müsste der Kommissar mit unehrenhafter Entlassung aus dem Dienst und Verurteilung rechnen. Aus diesem Grund muss sein Verhalten Anna gegenüber definitiv als Befreiungstat nach dem sozialen Paradigma bezeichnet werden und hat gleichzeitig die „Konsequenz“, dass sowohl Anna als auch ihre Familie nicht weiter juristisch verfolgt werden, auch wenn dieser Aspekt sich wiederum auf die Erlösungsbedürftigkeit nach der Tat bezieht und nicht auf die der Tat zugrunde liegende, ursächliche Erlösungsbedürftigkeit. 2.3.4 Fluchthilfe aus dem Todestrakt: Joseph Heurtin Wie bereits bei den Grenzen profaner Erlösungsdynamik beschrieben (Teil IV, Kap. 2.1.1.1.), kann Kommissar Maigret im Roman Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes für die Figur des Joseph Heurtin aufgrund seiner Weigerung, mit Maigret in Begegnung zu treten, nur äußerliche Veränderungen bewirken. Diese äußerliche Verbesserung seiner Situation besteht aber in nichts weniger als der Bewahrung davor, aufgrund eines Justizirrtums unschuldig für einen Mord hingerichtet zu werden. Zum einzigen Mal innerhalb der Maigret-Serie fungiert die Kommissar-Figur gleich zu Beginn des Romans als Fluchthelfer aus dem Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses, der mit angehaltenem Atem hinter eine Ecke der Gefängnismauer lauert und hofft, dass sein Plan aufgeht. Zwar hat er als Funktionär zuvor Richter und Gefängnisdirektor zur Zustimmung überredet und ihnen sein konkretes Vorhaben erläutert, aber alle sonstigen Gefängniskräfte sind nicht informiert. Joseph flüchtet also tatsächlich mit Maigrets Hilfe aus dem Zellentrakt, in dem die zum Tode Verurteilten auf ihre Hinrichtung warten. Diese Befreiung aus faktisch vorhandener Gefangenschaft wird erreicht durch den Einsatz von Maigrets eigener Karriere und seiner Berufsausführung. Der „Kopf eines Mannes“, um den Maigret in diesem Roman kämpft, ist vielgestalt zu interpretieren und bezieht sich hinsichtlich des Kaufpreises für die Befreiung Heurtins auch auf seinen eigenen, den er durch die Überführung des wahren Täters ebenso „aus der Schlinge“ ziehen muss wie den des fälschlich für die Tat Verurteilten. Was für die Situation Josephs im Todestrakt des Gefängnisses kurz vor seiner Hinrichtung durch Maigrets Einsatz für einen Fluchtplan eindeutig mit der Vokabel σώζω als Herausreißen aus lebensbedrohender Gefahr bezeichnet werden muss, kann mittelfristig jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass die notwendige Entflechtung des Betroffenen von seinen eigenen Schuldgefühlen (der zweite λύω-Aspekt) für eine umfassende Erlösung nicht geglückt ist. Die Kombination aus Verzahnung und Akkumulation verschiedener Arten von Erlösungsbedürftigkeit in der Figur Heurtins sollte andererseits wiederum nicht dazu verleiten, die tatsächlich erbrachten Erlösungsaspekte zu übersehen. Denn Maigret hat in diesem Fall alles in seiner Macht stehende getan, dem Jungen einen Neuanfang zu ermöglichen. Aufgrund seiner unerschütterlichen Verpflichtung zur Wahrheit, setzt der 84 Maigret „investiert“ hier nicht in die Person Annas, sondern in seinen Glauben an die Gerechtigkeit. Zum Verständnis von Gerechtigkeit im Maigret-Universum vgl. Teil IV, Kap. 2.4.3. Im Gegensatz zum christlichen Erlöser ist auch hier der Unterschied im Vorsatz zur Erlösung erkennbar. 269 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten Kommissar sogar freiwillig seine berufliche Zukunft und die eigene untadelige Reputation aufs Spiel, um die Unschuld Heurtins zu beweisen und behält Recht. Äußerlich sind damit alle Hindernisse beseitigt, die Josephs Zukunftsperspektive auf ein freies Leben mit tadelloser Reputation im Weg stehen könnten. Die innere Verstrickung dieses Opfers in seine eigenen Schuldgefühle und den Verlust des Glaubens an die Menschlichkeit der Gesellschaft infolge psychischen Missbrauchs durch den Täter bleiben jedoch außerhalb des Einflussbereichs jedes profanen Erlösers, dem sich der Verlorene nicht anvertraut. 2.3.5 Ignorieren einer schwebenden Haftstrafe: Raymond Grandmaison Das Drama um Kapitän Joris in Maigret und der geheimnisvolle Kapitän85 basiert auf dem Fluchtversuch einer Figur aus der erzwungenen sozialen Isolation von seinem Sohn und der Liebe seines Lebens. In einer Phase jugendlicher Spielsucht veruntreut Raymond Grandmaison Gelder aus der Firma seines Onkels und wird dabei von seinem Cousin Ernest erwischt. Dieser erkennt seine Chance, den (von seiner Angebeteten Hélène bevorzugten) Rivalen endgültig loszuwerden und lässt sich nur unter der Bedingung, dass Raymond Frankreich verlässt und jeden Kontakt zu Hélène abbricht, davon abhalten, ihn bei der Polizei anzuzeigen und ins Gefängnis zu bringen. Raymond flüchtet nach Norwegen, nimmt die dortige Staatsbürgerschaft an und will den Kontakt wieder aufnehmen, als er erfährt, dass Hélène seinen Sohn geboren hat. Ernest droht mit Festnahme bei Grenzübertritt und überredet Hélène, ihn zu heiraten, die nach dem Weggang Raymonds mit einem unehelichen Kind keine freie Partnerwahl mehr hat. Ins norwegische Exil gezwungen entschließt sich Raymond, dort mindestens ebenso reich zu werden wie sein Vetter, um ihm finanziell und sozial ebenbürtig zu sein. Als er das geschafft hat, beschließt der Verbannte mit Hilfe einiger Bekannter aus der Seefahrt – darunter der später ermordete Kapitän 85 Der geheimnisvolle Kapitän (2005). Adressat Joseph Heurtin Mittel • Glaube an Heurtins Unschuld • aktive Fluchthilfe aus dem Gefängnis • Überführen des wahren Doppelmörders Erlösungsbedürftigkeit • Verurteilung als Doppelmörder • Gefangenschaft im Hochsicher heitstrakt • Zum Tod durch Guillotine verurteilt Erlösungsziel • Wiederherstellung der untadeligen Reputation/ Erweis der Unschuld • Befreiung aus Gefängnis • Leben in Freiheit (als unbe scholtener Bürger) geglückter Aspekt 270 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Joris – einen Plan in die Tat umzusetzen, der ihm auf konspirative Weise in seiner Heimat zumindest ein Wiedersehen mit Hélène und seinem Sohn ermöglichen soll.86 Die eigentliche, zu enthüllende Geschichte im Sinne des homme nu liegt in der Beziehung zwischen den beiden entfremdeten Cousins. Im Laufe der Maigretschen Ermittlungen stellt sich die Aufklärung der Erpressungsgeschichte an Raymond Grandmaison durch seinen Cousin (den gegenwärtigen Bürgermeister Grandmaison) als Zentrum dieser (Un-)Beziehung heraus. Dessen Motivation und Beweggründe, Drama und Risiko einer Rückkehr einzugehen, obwohl er ahnt, wozu sein Cousin Ernest in der Lage ist, liegen im Bedürfnis nach einem gemeinsamen Leben mit der Familie begründet, von der er sich gewaltsam hat isolieren lassen. Nachdem die Untersuchungen zum Mordfall Joris für den Kommissar keine Fragen und Handlungsnotwendigkeiten mehr offen lassen (Täter ist Bürgermeister Grandmaison, der sich schließlich selbst erschießt), lässt Maigret den erpressten Cousin Raymond seiner Wege gehen. Obwohl theoretisch die Anzeige wegen Diebstahls und die in Zusammenhang damit ausstehende Haftstrafe noch gegen den ins norwegische Exil Gezwungenen bestehen, lässt er diese juristische Sachlage einfach unter den Tisch fallen und verhilft überdies ihm und der (nun verwitweten) Mutter des gemeinsamen Sohnes mit einer Lüge gegenüber der Presse dazu, endlich ein gemeinsames Leben unbehelligt von Altlasten zu beginnen. Die Isolation Raymonds scheint für Maigret eine Familienangelegenheit zu bedeuten, deren Gewicht in dem Augenblick an Bedeutung verliert, in dem der Ankläger die Bühne verlässt. Auch hier ist es kein aktives Handeln Maigrets, das dem Isolierten die Rückkehr aus dem erzwungenen Exil ermöglicht, sondern vielmehr eine passive Unterlassung, die eine Heimkehr nicht noch zusätzlich erschwert. Als aktive Hilfe für die Eröffnung eines möglichen Neuanfangs lässt sich Maigrets Vorschlag interpretieren, wie er den Mord an Kapitän Joris und den Selbstmord seines Mörders, des Bürgermeisters Ernest Grandmaison, offiziell im polizeilichen Abschlussbericht behandeln könnte.87 Der Kaufpreis für die Befreiung aus dem Exil und den Neubeginn der von der Tragödie überlebenden Betroffenen liegt wiederum im Schuldigwerden des Kommissars: Wenigstens durch eine Falschaussage im offiziellen Bericht, darüber hinaus durch die Unterlassung der Verfolgung und Vollstreckung der noch ausstehenden Haftstrafe an Raymond. 86 Bei der Umsetzung des Plans, in dem der Kapitän für die Ablenkung Ernests verantwortlich ist, geht etwas schief und der verhasste Vetter schießt Joris in einem allgemeinen Handgemenge in den Kopf. Der Kapitän überlebt, verliert aber sein Gedächtnis und wird in Paris von Maigrets Leuten auf der Straße aufgegriffen. Der übliche Fahndungsaufruf verhilft dazu, Kapitän Joris wieder in seinen Heimathafen Ouistreham zurückzubringen, wo er schließlich in seiner ersten Nacht endgültig umgebracht wird. Zwar geschieht der Mord an Joris letztlich aus Angst Ernest Grandmaisons, er könne seine gesellschaftliche Stellung im Ort verlieren, wenn der Kapitän sich doch noch daran erinnert, wer auf ihn geschossen hat. Denn mit einer Anzeige wegen versuchten Totschlags würde nicht nur seine Karriere im Gefängnis enden. Darüber hinaus wäre er dann auch nicht mehr in der Lage zu verhindern, dass Hélène und Raymond wieder zusammenfinden. Aber die eigentliche Geschichte eines homme nu bezieht sich auf das Verhältnis der beiden Cousins. 87 Mit der Version eines ausländischen Seemannes, der einen Rachefeldzug gegen den Bürgermeister und den Kapitän durchgeführt hat, ohne dass die Polizei seiner habhaft werden konnte, ermöglicht Maigret der Witwe des Bürgermeisters Hélène und seinem verbannten Cousin Raymond einen gemeinsamen Neuanfang, unbelastet vom Erbe der Vergangenheit und ohne, dass sie auch nur Teile ihres Familiengeheimnisses in der Öffentlichkeit erläutern müssten. Vgl. Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 216). 271 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten 2.3.6 Nicht-Überführen eines fast verjährten Mordes im Affekt: Jugendzirkel aus Saint-Pholien Ein eklatantes Unterschlagen der Beweislage und Unterbleiben der Überführung der schuldigen Täter von Seiten Maigrets als Befreiung aus Fremdherrschaft und Möglichkeit zum Neuanfang findet sich im Roman Saint Pholien (1998). Maigrets Ermittlungen hängen mit der gemeinsamen Vergangenheit von vier Männern zusammen, die mit allen Mitteln versuchen, seine Suche nach der Wahrheit über einen kürzlich verstorbenen Fünften aus der Runde zu vereiteln (Lecoq d’Arneville). Dabei versuchen die Betroffenen mehrfach, sich des Kommissars zu entledigen.88 Es stellt sich heraus, dass alle vier sich als (mit)schuldig am Unfalltod des früheren siebten Mitglieds des Zirkels empfinden, und darüber hinaus auch indirekt (mit)schuldig am Selbstmord des ehemaligen sechsten Zirkelmitglieds, das mit diesem Unfalltod nicht leben wollte und sich deshalb zwei Monate später am Kirchturm von Saint- Pholien erhängt hat.89 Jedes ehemalige dieser übrigen fünf Mitglieder des Zirkels versucht auf seine eigene Weise, mit dem Trauma dieser Tode zurechtzukommen. Im Zuge der Nachforschungen des Kommissars lässt sich jedoch feststellen, dass das schlechte Gewissen über die empfundene (Mit)Schuld am Tod der beiden anderen jeden einzelnen so sehr belastet, dass dabei durchaus von Selbstentfremdung gesprochen werden darf. Verschärft 88 Maigret wird von einer Klippe gestoßen und einer der Männer schießt im Dunkeln auf den Kommissar. 89 Dieses Element erklärt den Romantitel Le pendu de Saint-Pholien bzw. der Gehängte von Saint- Pholien und das Leitmotiv des Gehängten am Kirchturm. Adressat Raymond Grandmaison (R) Hélène Grandmaison (H) Mittel • Ignorieren der schwebenden Haftstrafe und der Diebstahls-Anzeige • Freilassen aus Untersuchungshaft • Erfinden eines offiziellen Abschlussberichts, der die Wahrheit über Ernest verschweigt Erlösungsbedürftigkeit • Isolation von geliebter Frau und gemeinsamem Sohn (R) • Gefängnisstrafe wegen Veruntreuung von Geldern (R) • Bekanntwerden der Tragödie aus der Vergangenheit (R) • Bekanntwerden, dass ihr Sohn unehelich ist (H) • Bekanntwerden, dass ihr Ehemann gemordet hat (H) Erlösungsziel • Leben mit seinem Sohn und der Liebe seines Lebens (R) • Leben in Freiheit (R) • Möglichkeit zum Neuanfang, unbehelligt von der Vergangenheit (R + H) geglückter Aspekt 272 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets wird diese Situation dadurch, dass das fünfte Mitglied Lecoq es als seine Bußaufgabe empfindet, alle restlichen überlebenden ehemaligen Mitglieder auch finanziell zu ruinieren. Das Bild von Fremdherrschaft, Sklaverei und Leibeigenschaft, wenn auch emotional durch die Angst vor öffentlicher Verfolgung durch die Justiz begründet, mit der Lecoq die anderen unter Druck setzt, ist daher durchaus zutreffend.90 Die vier erpressten Ex-Zirkelmitglieder lassen sich von Lecoq bereitwillig kurz vor den privaten Konkurs treiben und verüben sogar einen bzw. mehrere Mordanschläge auf den Kommissar, als dieser der Wahrheit über diese Erpressungen nahe kommt. Das Leiden an den Erpressungen wird von den vier Männern fälschlicherweise als Buße interpretiert, von der sie hoffen, dass sie ihre Schuld am tragischen Tod der beiden anderen Zirkelmitglieder aufwiegen wird. Alle vier sind aufgrund der Schuld in ihrem Leben so sehr in dieser gefangen und daher von sich selbst entfremdet, dass sie nicht mehr erkennen können, welche psychologische Chance in einer offiziellen Aufklärung der vergangenen Geschehnisse liegen kann. Deshalb wird der Kommissar so lange ausschließlich als massive Bedrohung empfunden, bis die Kapitulation vor der eigenen Schuld und ein Sich-Fügen in die am meisten gefürchtete Angst vor den Konsequenzen eintritt. Am Ende des Romans findet die Handlung in einem beichtartigen Geständnis der Betroffenen ihren Höhepunkt. Anstelle der erwarteten polizeilichen Überführung und Festnahme aber überlässt der Kommissar die ehemaligen Zirkelmitglieder danach sich selbst, indem er sich (fast) kommentarlos zum Gehen wendet. Die abschließenden Worte Maigrets in Gegenwart der Schuldigen beinhalten, dass er in Paris erwartet werde und mehrere Kinder schuldlos unter der Angelegenheit zu leiden hätten. Diese Unterschlagung gegenüber der viele Jahre zurückliegenden Schuldursache ermöglicht den Überlebenden des ehemaligen schwarzromantischen Jugendzirkels die Beseitigung der emotionalen und finanziellen Fremdherrschaft über ihr Leben und damit einen gesellschaftlichen und psychischen Neubeginn. Neben dieser Befreiung aus finanzieller Sklaverei geht es im Fall des ehemaligen Jugendzirkels von Saint-Pholien nicht im Sinne von ρύομαι um den Aspekt des abwehrenden Schützens oder Bewahrens vor einer akut drohenden Gefahr.91 Auch der Aspekt des σώζω als das Herausreißen aus einer lebensbedrohlichen Gefahr kommt für die vier ehemaligen Zirkelmitglieder nicht in Frage. Einzig die λύω-Komponente des Erlösungsbegriffs ist neben der äußerlichen Beseitigung finanzieller Fremdherrschaft die für diese Situation zutreffende, denn alle vier Betroffenen brauchen die externe Hilfe eines Unbeteiligten, um von der lebenshinderlichen Bindung an ihre dahinter liegende Schuld entflochten zu werden. Da Maigret als außenstehende Instanz aufgrund seiner eigenen Nachforschungen um das bereits durchlittene Leid als Folge dieser Schuldverhaftung weiß und durch das umfassende Geständnis aller vier Beteiligten die volle Wahrheit über 90 Obwohl es im Handeln Maigrets, das letztlich einen Neuanfang ermöglicht, nicht um das Erlassen von finanziellen Schulden geht, ist in diesem Roman doch eine Affinität zum Erlösungshandeln im Sinne eines finanziellen Paradigmas gegeben. Vor allem der Druck, der dadurch entsteht, dass Lecoq die anderen ehemaligen Mitglieder des Zirkels mit Beweisstücken für den tödlichen Unfall um immens hohe Geld-Summen erpresst und sie so dazu zwingt, gigantische Schulden auf sich zu nehmen, verdeutlicht zusätzlich die Erleichterung, welche die Betroffenen in dem Moment verspüren, in dem Maigret klar macht, dass er niemanden verhaftet und überführt. 91 Der einzige, der in diesem Sinne beschützt oder bewahrt werden muss, ist Maigret selbst, der die Anschläge der betroffenen Verdächtigen vorausahnen und auf sie vorbereitet sein muss, um sie heil zu überstehen. 273 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten alle Einzelheiten der Ursache für die emotionale Verhaftung an der Schuld kennt, ist er in den Augen der vier Familienväter diesbezüglich ein legitimer Richter, der über ihre Schuldigkeit ein Urteil fällen darf. Nur deshalb können die vier Betroffenen Maigrets letzte Reaktion als rechtmäßige Befreiung erleben. 2.4 Erlösungshandeln im gesetzlichen Paradigma – Maigret als Fürsprecher Während es in der biblisch verwendeten Gerichtssymbolik mit allen Bildgebern von Verurteilung und Begnadigung über die am Gerichtsverfahren Beteiligten bis hin zur geistigen Einsicht in die Zusammenhänge eigener Schuldigkeit vor allem um die Funktion des christlichen Erlösers als Fürsprecher des schuldigen Menschen vor einem apokalyptischen Endzeitgericht geht, lässt sich die Funktion des Parakleten hinsichtlich eines profanen Erlösers nur auf diesseitig greifbare Zusammenhänge anwenden. Zwar impliziert der Umfang Maigrets professioneller Aufgaben, sich immer wieder in persona vor dem Schwurgericht zu den von ihm überführten Tätern zu äußern bzw. als Zeuge zu fungieren, so dass er nicht nur im übertragenen Sinn vor Gericht zu Wort kommt, aber diese Situationen werden textimmanent nur dafür verwendet, Maigrets Abneigung gegen dieses System zu demonstrieren und nicht, ihn juristisch als Fürsprecher in Gerichtsverfahren zu etablieren.92 In der Tat fungiert der Kommissar im Grunde als Zeuge für die 92 Vgl. Vor dem Schwurgericht (1979). Adressaten Jugendzirkel aus Saint-Pholien Mittel • Nicht-Überführung der geständigen Täter • Zurückhalten von Beweismitteln • Zwang, sich der Wahrheit über die Vergangenheit zu stellen • Zwang, den Konsequenzen gegenüber zu treten • Ausbleiben eines moralischen Urteils Erlösungsbedürftigkeit • Flucht vor der Vergangenheit • Erpressung in den privaten Ruin • lebenshinderliche Verhaftung an persönlicher Schuld • drohende Überführung und Verurteilung wegen Mordes im Affekt (o. Totschlags) • Gefängnisstrafe Erlösungsziel • Entflechtung von lebenshinderlicher Bindung an unreflektierte Schuldgefühle (emotional) • Begnadigung von zutreffender Schuldigkeit • Freies Leben, unbedroht durch polizeiliche Verfolgung • Möglichkeit, finanziell wieder Fuß zu fassen geglückter Aspekt 274 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Anklage. Aufgrund seiner Aversion aber gegen vorschnelle Urteile und seines Unbehagens der Tatsache gegenüber, dass vor Gericht nie die „ganze Wahrheit“ zur Sprache kommt, fallen seine Aussagen eher dahingehend aus, dass man ihn als Zeugen für die Verteidigung einsetzen könnte.93 Dies wird durch Maigrets Ruf belegt, der innerhalb der Romane durch Zeitungsausschnitte dokumentiert wird, die seine Menschlichkeit und Empathie gegen- über den Tätern betonen.94 Für Maigret kommt demnach eher eine Fürsprecher-Rolle im übertragenen Sinn in Frage, die sich in der literaturwissenschaftlichen Rezeption in Zuordnungen zu Begriffen wie Menschlichkeit, Beichtvater oder väterlicher Begleiter95 niederschlägt. Da die Rolle des Beichtvaters im Handlungsverlauf eines Maigrets meistens mit dem Spannungs-Klimax des Täter- Geständnisses verbunden ist und daher sehr häufig vorkommt, sollen hier bewusst diejenigen Beispiele beleuchtet werden, die einen anderen Aspekt des Fürsprecher-Daseins des Kommissars verdeutlichen. 2.4.1 Fürsprache als soziale Integration: Die Flamenfamilie Peeters Anders als in Maigret à l’école stellt sich der Umgang Maigrets mit der sozialen Isolationssituation seiner Verdächtigen in Maigret bei den Flamen96 dar. Das ist davon abhängig, ob sich die Betroffenen aufgrund einer freien Entscheidung in einer quasi selbst gewählten Isolation befinden oder ob die Ausgrenzung ihnen von extern aufgebürdet wird, ohne dass sie eine diesbezügliche Wahl hatten oder gehabt hätten.97 Für Maigrets Verhalten der Familie Peeters gegenüber ist es vollkommen irrelevant, ob und wie sie von der Dorfgemeinschaft, an deren Rande sie lebt, ausgegrenzt wird. Um die Wahrheit herauszufinden, muss er die gemiedene Zuwanderer-Familie kennenlernen, ihre Struktur, ihre internen Beziehungen und Mechanismen studieren sowie ihre ganz eigene Atmosphäre und die Art des Umgangs miteinander entdecken. Obwohl ihm diese professionelle Zuwendung zu den Peeters von den Ortsansässigen negativ als Parteinahme für „die Fremden“ ausgelegt wird, lässt sich Maigret nicht davon abhalten, die gesellschaftliche Ächtung der Flamenfamilie so lange zu ignorieren, wie seine Nachforschungen andauern.98 Der Kommissar unternimmt alles, was ihm ein ganzheitliches Bild des internen Familienlebens und ihres Alltags verschafft: Er isst mit ihnen, hört ihren Erzählun- 93 Eine wichtige Einschränkung diesbezüglich ist der Mangel an Vorsatz. Während es in den biblischen Metaphernfeldern zur Rede von Erlösung immer auch darum geht, dass eine bildhaft vermittelte Funktion wahrgenommen wird, um explizit einen Neuanfang zu ermöglichen, ist das bei Maigret nicht zwangsläufig der Fall. Manchmal schon, meistens aber indirekt über die Intention, die Wahrheit herauszufinden, was dann zur selben Konsequenz führt. Darin liegt ein nicht zu vernachlässigender Unterschied zum christlichen Erlöser. 94 Vgl. z. B. Maigrets Revolver (2006: 116f.). 95 Menschlichkeit: Quack (2000: 45), Eskin (1999: 398); Mitgefühl: Eskin (1999: 395–399, 410); Beichtvater: Quack (2000: 45), väterliches Verhalten: Eskin (1999: 391, 409). 96 Originaltitel des Romans Bei den Flamen (1998). 97 Diese Differenzierung ist deshalb erwähnenswert, weil der Kommissar sich zwar nicht um gesellschaftliche Konventionen kümmert, die zur Isolation bestimmter Figuren führen, sehr wohl aber die persönlichen Entscheidungen der Betroffenen respektiert, denen er begegnet. 98 „Maigret zündete seine Pfeife an und legte seinen tropfnassen Hut neben sich auf das braune Kunstleder der Sitzbank. »Ein Bier bitte!« Gérard Piedboeuf setzte ein mokantes, verächtliches Lächeln auf und knurrte halblaut: »Ein Flamenfreund…« Bei den Flamen (1998: 79). 275 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten gen zu, besucht den hauseigenen Laden, besichtigt das Wohnhaus, lässt sich die verschiedenen Verwandtschaftsverhältnisse erläutern und Heimatlieder am Klavier vorsingen. Damit sorgt er auf sehr direkte Weise für Verunsicherung beim zuständigen Dorfpolizisten und baut indirekt eine Brücke für andere, es ihm gleich zu tun bzw. die Isolation der Familie aufzuheben. Diese Möglichkeit wird jedoch von den französischen Dorfbewohnern nicht wahrgenommen. Die Familie bleibt auch nach Maigrets Heimkehr nach Paris von der Ortsgemeinschaft ausgeschlossen, so dass der Aspekt säkularer Erlösungsdynamik ein temporärer ist und auf die Zeit der Anwesenheit Maigrets bei der Familie beschränkt bleibt.99 Dennoch beinhaltet seine vorurteilsfreie Vorbehaltlosigkeit und Ignoranz der rassistischen Dorfgepflogenheiten in diesem Fall eine mittelbare Fürsprache für die soziale Integration der Zuwanderer sowie für die Mitglieder der Flamenfamilie die erfreuliche Komponente willkommener Gesellschaft und sozialer Abwechslung in ihrer Isolation vom Ort. Und das, obwohl Maigret dafür ebenfalls soziale Repressalien von Seiten der Dorfbewohner zu spüren bekommt. Darüber hinaus kommt der Familie Peeters temporär betrachtet so lange in der Wahrnehmung des örtlich ermittelnden Polizisten eine unvoreingenommenere Position zugute, wie Maigret mit ihm und den flämischen Zuwanderern gleichzeitig verkehrt. Der Kommissar nimmt nicht teil an der kollektiven Vorverurteilung der Dorfgemeinschaft und 99 Maigret scheint nicht zuständig für Erlösung aus gesellschaftlicher Isolation, die Teil einer politischen Problematik ist (gemeint ist hier die Problematik des im französischen Nationalstolz verankerten Fremdenhasses gegen Zuwanderer). Dafür müsste er sich gesellschaftskritisch verhalten. Das tut er nicht. Maigret hat keine gesellschaftsrevolutionären Züge in seiner Figuren-Konzeption. Adressat Flamenfamilie Peeters (flämische Zuwanderer) Mittel • Maigrets Unvoreingenommenheit gegenüber der Flamenfamilie • Maigrets vorurteilsfreier Kontakt zu den Flamen • Ignoranz des Verhaltens der frz. Dorfbewohner • Eigenes Verhalten als Vorbild/Brücke zur Nachahmung Erlösungsbedürftigkeit • gesellschaftliche Ausgrenzung aus der französischen Dorf gemeinschaft • Opfer von nationalistischem Ausländerhass französischer Landbevölkerung Erlösungsziel • Integration in die französische Dorfgemeinschaft • Behandlung als gleichwertige Mitglieder des Ortes nicht geglückter Aspekt 276 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets beeinflusst so die mittelfristigen Denkgewohnheiten des Dorfpolizisten. Maigret stellt für diesen nicht nur den ranghöheren Funktionär dar, sondern die Zusammenarbeit mit dem legendären Kriminalkommissar aus Paris ermöglicht auch dem einfachen Dorfpolizisten, für eine Weile anders zu ermitteln und zu denken (vielleicht sogar ein anderer zu sein) als in den gewohnten Bahnen provinzieller Routine. Maigret nimmt ihn mit zu den Peeters, lässt ihn nicht außen vor, wenn er in die Familienatmosphäre eintaucht, die Einzelpersonen kennen lernt oder sich flämische Reistorte servieren lässt. Davon profitiert die ausgegrenzte Familie insofern, als der Kommissar, solange er präsent bleibt, auf diese Art und Weise eine Verbindung zu einem wesentlichen Element der Dorfgemeinschaft in Person des Polizisten herstellt, die für die Aufrechterhaltung ihrer Isolation verantwortlich ist. 2.4.2 Verhinderung eines Mordanschlags von Alain Lagrange Im Fall des jungen Alain Lagrange100 übernimmt der Kommissar die Rolle eines väterlichen Freundes, der ihn – trotz des Diebstahls seiner Dienstwaffe – davor bewahrt, diejenige Dame zu erschießen, die dessen Vater psychisch und gesellschaftlich ruiniert hat. Alain, der als letztes von drei Kindern noch bei seinem Vater François lebt, ignoriert naiv die Verantwortung des eigenen Vaters für dessen gegenwärtige Lebenssituation: Als ehemaliger Geliebter der von Erpressung lebenden Jeanne Debul und ihr emotional immer noch hörig, übernimmt der sog. Baron Lagrange (der Vater Alains) die Rolle des erpressenden Handlangers seiner Angebeteten, der schließlich in einem eskalierenden Handgemenge mit einem nicht ganz so willigen Gegenüber das Erpressungsopfer erschießt. Jeanne Debul distanziert sich sofort, verlässt Frankreich und überlässt den Vater Alains 100 Zur Geschichte vgl. Maigrets Revolver (2006). Adressat Flamenfamilie Peeters Mittel • Maigret beteiligt den Dorfpolizisten an seiner Art, die Wahrheit zu suchen, • bezieht den Dorfpolizisten in seine Suche nach der Wahrheit mit ein und • stellt so eine Verbindung zwischen dem Polizisten und Familie Peeters her/dar Erlösungsbedürftigkeit • Vorverurteilung durch Dorfpolizisten • Kontaktverweigerung des Dorfpolizisten • Desinteresse an der Familie • Isolation vom gesellschaftlichen Leben Erlösungsziel • Vorurteilsfreier Dorfpolizist • Neugier des Dorfpolizisten auf flämische Zuwanderer • Freundlicher Kontakt des Dorfpolizisten zur Flamenfamilie • Gesellschaftliche Anbindung & Abwechslung durch Maigret geglückter Aspekt 277 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten seinem Schicksal. Diese Ereignisse übersteigen die Verarbeitungsfähigkeit des Barons, er verfällt dem Wahnsinn. Alain, der seinen Vater noch immer anhimmelt, projiziert alle Schuld an der Misere seines Vaters auf Jeanne Debul und reist ihr mit dem festen Vorsatz nach, seinen Vater zu rächen.101 Die Erlösungsbedürftigkeit Alains liegt – unabhängig vom Diebstahl der Dienstwaffe Maigrets, den dieser nicht anzeigt – in der emotionalen Verstrickung in väterliche Verantwortung und Zuständigkeit. In der Beziehung zu seinem Vater ist Alain noch nicht unabhängig und deshalb unfähig, sich emotional von diesem zu emanzipieren. Weil er aus diesem Grund nicht in der Lage ist, dessen eigene Schuldanteile an seiner Misere zu sehen, kompensiert Alain seine Verzweiflung und Ohnmachtsgefühle über das plötzliche Alleingelassensein durch Aggression gegen die vermeintlichen Verursacher und durch ein Verantwortlichkeitsgefühl für das Schicksal seines Vaters. Kommissar Maigret begegnet dieser Unerlöstheit des jungen Mannes damit, dass er (aufgrund einer emotional begründeten Zuständigkeit seiner Frau)102 die Rolle eines väterlichen Freundes für Alain übernimmt. Rein äußerlich und am spektakulärsten impliziert dies, dass Maigret Alain letztlich erfolgreich daran hindert, mit seiner Dienstwaffe einen Mordanschlag auf Jeanne Debul zu verüben.103 Der für den jungen Alain viel existentieller erlebte Erlösungsaspekt liegt jedoch – auch aus psychologischer Sicht – darin begründet, dass der Kommissar sich ihm als wohlwollender und fürsorglicher Vertrauter und Begleiter offenbart, der ihm durch diese Funktion ermöglicht, das fatale Vertauschen von Zuständigkeiten wieder fallen zu lassen.104 In Gegenwart Maigrets – der freundlich erklärt105, einfühlsam handelt106, väterlich verköstigt107, wohlwollend beobachtet108, aber auch autoritär schimpft109 – kann Alain wieder zum Kind werden, das seine Trauer, Wut und Enttäuschung einem Erwachsenen anvertrauen darf und das durch Maigrets Übernahme väterlicher Fürsorge auch auf mittel- bis längerfristige Begleitung hoffen darf. Die Fürsprache Maigrets beinhaltet in diesem Roman nicht nur die Unterlassung der Anzeige wegen Diebstahls, sondern die viel grundlegendere und umfassendere Fürsorge für einen Jugendlichen, der – plötzlich allein gelassen – mit der erwachsenen Selbstständigkeit völlig überfordert ist. 101 Vgl. Maigrets Revolver (2006). 102 Vgl. Maigrets Revolver (2006: 18f., 24f., 26, 54f., 90ff.). 103 Vgl. Maigrets Revolver (2006: 163–171). 104 Vgl. Maigrets Revolver (2006: 171–192, 198ff.). 105 Vgl. Maigrets Revolver (2006: 165f., 173, 187, 188, 190). 106 Vgl. Maigrets Revolver (2006: 163–165, 169, 172, 173, 188, 194). 107 Vgl. Maigrets Revolver (2006: 176, 177, 182, 191). 108 Vgl. Maigrets Revolver (2006: 179, 189, 192). 109 Vgl. Maigrets Revolver (2006: 170). 278 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets 2.4.3 Gesetz und Gerechtigkeit als Gegenpole in den Maigret-Romanen Ein säkularer Erlösungsbegriff, der in der gegenwärtig greifbaren Diesseitigkeit darauf ausgerichtet ist, gegen diejenigen gesellschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen, familiären oder politischen Kräfte anzugehen, welche ein Individuum in seinem Lebensvollzug „in hohem Maße“ lähmen oder quälen110, muss unweigerlich mit den gesellschaftlich festgelegten Handlungsrichtlinien in Konflikt geraten, deren erklärtes Ziel darin besteht, das Allgemeinwohl zu erhalten und das reibungslose Funktionieren des status quo zu gewährleisten, dem Gesetz. Da die erlösungsbedürftigen Figuren – jedenfalls die meisten – des Maigret-Universums, mit denen der Kommissar als Täter in Berührung gelangt, aufgrund ihrer Mordtat bereits mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, findet sich also in der profanen Erlösungsdynamik der Maigrets eine ähnliche Oppositionssituation zwischen Gesetz und Gerechtigkeit wie sie die Theologie aus der Rechtfertigungslehre kennt.111 Aber nicht nur aufgrund des Auslösers für einen Kriminalroman (Mord) findet sich diese Opposition, sondern auch die Figur Maigrets selbst verweist immer wieder auf die Unvereinbarkeit von individueller Gerechtigkeit für Einzelpersonen aufgrund der Erkenntnis von Wahrheit (Verstehen) mit institutioneller Rechtsprechung durch die Justiz auf der Basis von allgemeingültigen Rechtsverordnungen, Gesetzen und Bürokratie. Dieser Gegensatz ist nur logisch, sofern ihm der Schutz der 110 Welker (2009: 30). 111 Es soll an dieser Stelle nicht der den Rahmen dieser Untersuchung überschreitende theologische Diskurs um die Zusammenhänge von Gesetz, Gerechtigkeit und Rechtfertigung geführt werden, da sich diese Arbeit auf die säkulare Konkretion der Begriffe Gesetz und Gerechtigkeit in der Maigret-Literatur bezieht. Dennoch bleibt gerade aus der Perspektive der Interdisziplinarität der Verweis auf gewisse Ähnlichkeiten der Oppositionen für beide Seiten interessant und bereichernd. Adressat Alain Lagrange Mittel • Nicht-Anzeige des Dienstwaffen-Diebstahls • Persönliches Einsetzen für mildernde Umstände bei Überfall • Verhindern eines Mordanschlags • Übernahme väterlicher Fürsorge (nimmt ihm die Waffe ab, geht mit ihm essen, spazieren, teilt sich ein Bett mit ihm, eröffnet ihm realistische Zukunftsperspektiven) Erlösungsbedürftigkeit • Anzeige wegen Diebstahls und Überfalls • Vorsatz, einen Mord zu begehen • Verlassensein vom Vater • Überforderung durch Einsamkeit und Selbstständigkeits-Aspruch der Umwelt an ihn Erlösungsziel • Leben als Nicht-Mörder • Unterstützung und Begleitung von führungsfähiger Vaterfigur • Zeit, in die Selbstständigkeit und das Erwachsensein hinein zu wachsen geglückter Aspekt 279 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten Gesellschaft als Ganzes durch das Gesetz einerseits und das Interesse an einem lebensförderlichen Umgang mit einer Einzelperson aufgrund ihres ganz individuellen Schicksals andererseits zugrunde liegen. In Maigrets Welt ist kein Platz für das Prinzip der Justiz: Der Begriff ist ohne Bedeutung, nicht etwa, weil das Gesetz als solches irrig ist, sondern weil die offizielle Rechtsprechung auf einem falschen Wissen basiert (…), und eben nicht auf der zum wahren Verstehen führenden Untersuchung des menschlichen Wesens.112 Gerade der Roman Maigret aux assises113 bebildert diesen inhaltlich als Unwohlsein des Kommissars beschriebenen Gegensatz aufs Anschaulichste.114 Die in diesem Roman immer wieder geschilderten Szenen von Gerichtsverhandlungen im Palais de Justice werden aus der Wahrnehmung Maigrets als ungeeignet beschrieben115, den einzelnen Menschen zu verstehen, der vor Gericht steht, und ihm auf dieser Basis ein gerechtes Urteil zuteil werden zu lassen.116 Selbst heute war ihm bewußt, daß er von der Wirklichkeit nur ein schematisches, lebloses Bild entwarf. Alles, was er gesagt hatte, war wahr, aber er hatte das Gewicht der Dinge, ihre Dichte, ihre Beben, ihren Geruch nicht wahrnehmbar gemacht.117 Im Wissen um diese Überzeugung und Erfahrungen Maigrets lassen sich auch die Alleingänge des Kommissars klarer zuordnen. Egal, ob er im σώζω-Sinn dafür sorgt, dass ein bereits zum Tode verurteilter Häftling aus dem Hochsicherheitstrakt flüchten kann und sich durch die Ermittlungen als tatsächlich schuldlos erweist118, ob er im ρύομαι-Sinn vier erwachsenen Familienvätern die polizeiliche Verfolgung und Inhaftierung erspart, die bereits seit über zehn Jahren für ihre unterlassene Hilfeleistung und ihr schlechtes Gewissen büßen119 oder ob er im λύω-Sinn mit psychologischem Feingefühl dafür sorgt, 112 Eskin (1999: 401). 113 Die deutsche Fassung lautet: Simenon, Georges (1979): Maigret vor dem Schwurgericht. Zürich. Diogenes Verlag. 114 Vgl.: Vor dem Schwurgericht (1979: 7–9, 12f., 22f., 30, 31f., 34f., 41ff., 51, 68, 69f., 134, 140, 167f.). Die für diese Opposition besonders eindrücklichen Stellen finden sich unter den fett angegebenen Seitenzahlen. 115 „Der Untersuchungsrichter, nach mir, (…) sieht die Leute nur noch losgelöst von ihrem persönlichen Leben (…). Was er dort vor sich hat, sind im Grunde bereits schematisierte Menschen. (…) Wenn Menschen ohne Fleisch und Blut aus seiner Amtsstube herauskommen, was bleibt dann dem Schwurgericht, und worauf sollen die Geschworenen ihre Entscheidung über das Schicksal eines einzelnen oder mehrerer ihresgleichen gründen?“ Vor dem Schwurgericht (1979: 70). 116 „Seit mehr als fünfzig Jahren studiert man die Korrespondenz Stendhals, um seine Persönlichkeit klarer herausstellen zu können… Wird ein Verbrechen nicht fast immer von einem ungewöhnlichen Wesen begangen, (…) von einem Menschen, der schwerer zu durchschauen ist als der Mann auf der Straße? Man gibt mir ein paar Wochen oder nur wenige Tage, um mich mit einem neuen Milieu vertraut zu machen (…) und um, sofern das möglich ist, das Wahre vom Falschen zu scheiden.“ Vor dem Schwurgericht (1979: 69). 117 Vor dem Schwurgericht (1979: 32). 118 Wie z. B. in: Der Kopf eines Mannes (2001). 119 Wie z. B. in: Saint-Pholien (1998). 280 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets dass die Betroffenen sich der Wirklichkeit stellen und die Wahrheit sagen (können)120, jedes Mal lässt sich die profane Erlösungsdynamik dieser Beicht-Geständnisse als individuelle, kreative und die jeweilige Einzelsituation berücksichtigende Lösung Maigrets für einen lebensbejahenden Neuanfang bezeichnen. Maigrets offizielle eigene Schuldhaftigkeit, nämlich z. B. überführte Täter-Opfer nicht zu verhaften oder anzuzeigen oder die tatsächlichen Fakten in einem offiziellen Polizeibericht gegen theoretische Möglichkeiten zugunsten der Betroffenen auszutauschen, ist immer der Durchsetzung von Maßnahmen geschuldet, die dafür Sorge tragen, dass einem vom Schicksal gezeichneten Individuum im Rahmen des Möglichen Gerechtigkeit widerfahren kann. Denn – und das ist auch in diesen Fällen durchgängig konstitutiv – das strikte Befolgen gesetzlicher Anforderungen hätte jedes Mal zur Folge, dass am Ende weder die Wahrheit über die Betroffenen erkannt würde noch dass sie gerecht behandelt werden könnten. Maigrets Verständnis von Gerechtigkeit liegt demnach ein umfassender Verstehensbegriff zugrunde, der sich mit nicht weniger als der Wahrheit im ganzheitlichen Sinn zufrieden gibt. Alle abstrakten Begrifflichkeiten, die sich (wie z. B. Gerechtigkeit, Wahrheit, Verständnis/ Verstehen, Erkennen) mit der „Methode“ des Kommissars in Verbindung bringen lassen, umfassen immer sowohl faktische als auch emotionale, situative, psychologische und biographische Komponenten. Seine Weigerung, vorschnelle Schlüsse zu ziehen, erste Einschätzungen oder gar Zwischenwertungen und Beurteilungen zu Personen oder Situationen abzugeben, bleibt ebenfalls seiner Verpflichtung gegenüber der Wahrheit geschuldet, die als ganzheitlich verstandener Handlungsimperativ auch Empathie und die Sorge für Gerechtigkeit impliziert. Eine ähnliche Opposition ist aus den neutestamentlichen Begegnungen zwischen Jesus von Nazareth mit den damaligen den Hütern des Gesetzes bekannt. Nicht nur die geschilderte Begebenheit von Jesus und der Ehebrecherin121 verdeutlicht diesen Konflikt, sondern auch an vielen anderen Stellen des Neuen Testaments ist immer wieder von der theologischen Opposition zwischen dem alten Buchstaben des Gesetzes und der Erlösung durch Jesus Christus als neuer Gerechtigkeit die Rede.122 Darum: aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden; denn durch Gesetz ‹kommt› Erkenntnis der Sünde. Jetzt aber ist ohne Gesetz Gottes Gerechtigkeit geoffenbart worden, (…) Gottes Gerechtigkeit (…) durch Glauben Jesu Christi für alle und auf alle, die glauben. Denn es ist kein Unterschied, (…) alle haben gesündigt (…) und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist. (…) unter der Nachsicht Gottes; zum Erweis seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, daß er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens Jesu ist.123 Der auch in den Maigret-Romanen präsente Gegensatz zwischen der wirklichkeitsfernen Starre des Gesetzes bzw. der Justiz und einer lebensbejahenden Gerechtigkeit für den Einzelnen wird in Maigret aux assises zusätzlich mit der dazu gehörigen Institution verbunden. Innerhalb des ersten Kapitels werden die Institution und die physikalischen 120 Wie z. B. in: In der Schule (1987). 121 Vgl. dazu: Joh 8,4–11. 122 Vgl. dazu: Röm 10,4f.10; 2 Kor 3,6.17; 1 Kor 11,25 (neuer Bund); Röm 2,29; 4,15 (Buchstabe/Gesetz); Röm 7,7; 8,2; Gal 3,21b; 4,4f.7. 123 Röm 3,20–22.24.26 (Elberfelder 2001). 281 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten Gegebenheiten der Örtlichkeit des Pariser Justizpalastes immer wieder mit leblosen, kirchlichen Sakralritualen und -orten assoziiert.124 Es war wie in einer Sakristei. (…) als er noch Meßdiener in der Dorfkirche war, hatte Maigret die gleiche Beklommenheit empfunden, wenn er darauf wartete, dem Pfarrer zu dem von flackernden Kerzen beleuchteten Altar zu folgen. (…) Genauso konnte er jetzt die rituelle Zeremonie verfolgen, die jenseits der Tür vollzogen wurde.125 Die in diesem Roman vorgenommene Parallelisierung der offiziellen Rechtsprechung mit der als leblos und wirklichkeitsfremd beschriebenen Institution Kirche126 stellt einerseits die Verbindung zum unflexiblen und buchstabenverliebten Umgang mit dem schriftgelehrten Gesetzesverständnis zur Zeit Jesu her. Zum anderen aber schlägt diese literarische Parallelisierung Simenons den Bogen zu den gegenwärtig wieder gestellten Fragen der Überlebenschancen des christlichen Glaubens in naher und mittelfristiger Zukunft und der nach einer säkular verständlichen Glaubenssprache des Evangeliums.127 Die literarische Konzeption Kommissar Maigrets stellt in der Gesamtheit seines Verhaltens und Umgangs mit Tätern und Opfern, wie die Ausführungen zu Maigret in Teil III zeigen, einen deutlichen Gegenentwurf zum offiziellen Umgang der Institutionen mit Schuld und Schuldhaftigkeit dar. Dabei geht es weder um eine Diffamierung der Kirche noch der Justiz, sondern darum zu verdeutlichen, dass lebensbejahende Lösungen existentieller Krisen oder solche, die den Einzelnen in der Würde seiner Menschlichkeit respektieren, ausschließlich auf unbürokratischen Wegen gefunden werden können und nur auf der Basis ganzheitlichen Verstehens innerhalb einer aufrichtigen Begegnung möglich werden. Soll also hinsichtlich der Maigretschen Interpretation von Gerechtigkeit und seinem Handeln am Einzelnen jenseits des Gesetzestextes vom Kommissar als Richter gesprochen werden, muss der Begriff des Richters neu definiert und darf keinesfalls im traditionellen Sinn verstanden werden.128 Auch hier fällt eine Ähnlichkeit zum Paradigmenwechsel im 124 „Die meisten nahmen gehorsam Platz, sprachen eingedenk der Ermahnungen des Präsidenten kein Wort und wagten nicht einmal, ihren Nachbarn anzusehen. Angespannt und verschlossen starrten sie vor sich hin und wahrten ihr Geheimnis für den feierlichen Augenblick, in dem sie (…) ihre Aussage machen würden.“ Vor dem Schwurgericht (1979: 8). „Es war heiß, aber es hätte sich nicht gehört, seinen Mantel auszuziehen. Es gab Riten, auf die jeder jenseits der Tür Rücksicht nahm, und es spielte keine Rolle, ob Maigret als Nachbar kam, durch die Flure des dunklen Justizpalastes: wie alle anderen trug er einen Mantel und hielt seinen Hut in der Hand.“ Vor dem Schwurgericht (1979: 9). 125 Vor dem Schwurgericht (1979: 8). 126 „Man brauchte nur (…) ein paar Treppen hochzusteigen, und schon befand man sich (…) in einer anderen Welt, in der die Worte nicht mehr den gleichen Sinn hatten, in einem abstrakten, hierarchisch gegliederten Universum, das feierlich und abgeschmackt zugleich wirkte.“ Vor dem Schwurgericht (1979: 7). „Plötzlich sah man sich in eine unpersönliche Welt getaucht, in der die alltäglichen Worte keine Gültigkeit zu haben schienen, wo die gewöhnlichsten Tatsachen durch unverständliche Formeln ausgedrückt wurden. Die schwarzen Talare der Richter, der Hermelin, die rote Robe des Generalstaatsanwalts bestärkten noch diesen Eindruck von einer Zeremonie mit unveränderlichen Riten, bei der der einzelne nichts bedeutete.“ Vor dem Schwurgericht (1979: 31). 127 Vgl. dazu die Ausführungen in: Halbfas (2013a), Halbfas (2013b), Barth (2013). 128 Vgl. dazu auch Teil III, Kap. 2.1.1.1. 282 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Neuen Testament auf, die aus der Perspektive der christlichen Erlösung des Einzelnen durch Jesus Christus das alttestamentliche Richtertum Gottes völlig neu interpretiert. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn errettet werde. (18) Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet (…) (19) Dies aber ist das Gericht, daß das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen haben die Finsternis mehr geliebt als das Licht (…).129 Ähnlich wie Maigret sich die judikative Freiheit herausnimmt, jenseits des Gesetzes das individuelle Schicksal eines Menschen und die Anforderungen offizieller Rechtsprechung gegeneinander abzuwägen und entsprechend zu handeln, verändert die christliche Erlösungsdynamik im Leben und Sterben Jesu die Gewichtung von Mensch und Schuld. Die neutestamentlichen Texte verdeutlichen, dass die Hauptintention sowohl der alten Gesetzestexte als auch der neuen Gerechtigkeit im Glauben auf dem Erhalt des Menschen als Beziehungspartner Gottes liegt. Auch theologisch geht es nicht (länger) darum, den Schutz eines Systems, einer Institution, des Gesetzesbuchstabens oder der Gesellschaft über das Schicksal eines Einzelnen zu stellen. Vielmehr wird über die Person Jesu die Beziehungsqualität christlicher Erlösung herausgestellt, die konstitutiv in authentischer Begegnung erfolgt und so unabhängig von jedweder Institution stattfinden muss. 130 Die Figur des Maigret übersetzt diese neutestamentliche Vorgabe in säkulare Sprache und ein konkretes Verhaltensethos: Jesus von Nazareth pflegt sowohl mit den Randgruppen der Gesellschaft als auch mit ihren repräsentativeren Vertretern Umgang und kennt in seiner Botschaft keine Unterscheidung nach Status, gesellschaftlicher Anerkennung, begangenen Taten. Er richtet sein Handeln an der Erlösungsbedürftigkeit des präsenten Gegenübers aus und erhält es unabhängig von Gesetzesvorgaben oder allgemeinen Verhaltensrichtlinien aufrecht. Auch das auf das Verstehen des bloßen Menschen hinter seiner öffentlichen Fassade ausgerichtete Vorgehen und Verhalten Maigrets weist alle Merkmale auf, die den Einzelnen in seiner Einzigartigkeit trotz seiner Verfehlungen als Mensch annehmen und respektieren, so dass der Kommissar in einigen Fällen auch Lösungen jenseits der Gesetzesvorgaben als gerechtfertigt empfindet. Hierin liegt das profane, rein diesseitig greifbare Erfahrungspotential der säkularen Seite von (auch christlich verstandener) Erlösungsdynamik und der daraus resultierende Handlungsimperativ für beide Seiten. 129 Joh 3,17–19 (Elberfelder 2001). 130 Demnach bedeutet „Gericht“ vom Evangelium her verstanden, dass sich das frühere/alte – nach dem Gesetz erkennbare – Gut und Böse bzw. das neue Lebensbejahende und Lebenshinderliche daran erkennen lassen, ob sie mit dem Glauben Jesu an den einzelnen Menschen und der Liebe Gottes zu ihm, seinem Leben und Handeln für die Menschen übereinstimmen oder nicht. Jesu Leben und Handeln verdeutlichen, dass der einzelne Mensch Zentrum des göttlichen Interesses bleibt, ist und wird, was er sowohl im alten Gesetz als auch im Bund der neuen Gerechtigkeit verankert. 283 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten 2.5 Erlösungshandeln im kommunikativen Paradigma – Vom Wirkungsbereich authentischer Wertschätzung131 oder Maigret als Beichtvater Diejenigen Elemente, die sich aus dem fiktiven Maigret-Universum dem kommunikativen Paradigma biblischer Rede von Erlösung zuordnen lassen, betreffen im Wesentlichen das Verhalten des Kommissars den Verdächtigen bzw. schuldig Überführten gegen- über. Das Bild eines Erlösers mit Betonung auf der Funktion eines Beichtvaters, der als Mittler zwischen einer (wie auch immer definierten) Öffentlichkeit und dem aus ihr ausgebrochenen Individuum fungiert und (auf der Basis der vom Schuldigen abgelegten Beichte) einen Weg zur Wiedereingliederung bzw. -aufnahme in die soziale Gemeinschaft aufzeigt, lässt sich leicht auf die Figur Maigrets übertragen. Dafür sprechen sowohl die in der Sekundärliteratur bereits vorhandene Betitelung Maigrets als Beichtvater132 als auch allem voran die (bereits vorgestellten)133 charakterlichen Hauptzüge des Kommissars, die sich nahtlos in die psychologische Anforderungsliste für eine solche Funktion einfügen: In diesem Geschehen wird von Menschen als hoch bedeutsam erfahren, ob sie ihr personales Gegenüber als authentisch, zugewandt und wohlwollend erleben. 134 Die Wiedereingliederung eines Betroffenen in die Gemeinschaft kann nur aufgrund vorhandener Reue und Umkehrbereitschaft vorgenommen werden, die sich im (kommunikativen) Schuldbekenntnis spiegeln. Die psychologisch notwendigen Voraussetzungen, einen Betroffenen zu einem solch selbst erkannten Schuldeingeständnis zu führen, finden sich in der Figur Maigrets vereint: Einfühlsamkeit, Authentizität, Wohlwollen, Empathie, Verstehen der Hintergründe, Zuhören, Nicht-Bewerten und Strategie. Zu dem Zeitpunkt, an dem der Kommissar in das Leben der Verdächtigen tritt, liegt deren Auslöser für die psychische Krise bereits in der Vergangenheit. Unterdrückung, Missachtung und Ausbeutung zählen in den meisten Fällen zur Hintergrundsituation des Mörders in der Vergangenheit, die mittlerweile durch den Mord beseitigt werden sollte. Maigret als profaner Erlöser dreht weder die Zeit zurück, um die ehemalige Unterdrückungs-Situation oder die gegenwärtigen Beziehungsverhältnisse zu ändern, noch verwendet er die bereits vergangene Situation moralisch gegen die Verdächtigen. Er verhält sich ihnen gegenüber unaufdringlich, sobald die Verdächtigen ihre Verteidigungshaltung aufgeben. So wird den Betroffenen ermöglicht, sich in der Gegenwart auf eine andere Weise der Unterdrückungs-Situation aus ihrer Vergangenheit zu stellen und sie erhalten die Chance, die Ursprungs-Problematik ihres Krisenauslösers anders zu bewerten. Maigret zeigt Empathie und bleibt in der persönlichen Begegnung aufrichtig mitfühlend, so dass die Verdächtigen sich trotz aller Verfehlungen als ernst genommen erleben und in der Begegnung nicht auf die Täterrolle reduziert werden, sondern Menschen bleiben dürfen. Die säkulare Variante des Beichtvaters in der Figur Maigrets führt jedoch nicht 131 Renz (2008: 147–151). 132 Vgl. Keil (2004: 70). 133 Vgl. Teil III, Kap. 2.1. und 2.2. 134 Sattler (2011: 121). 284 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets zwangsläufig zum Happy End der Wiedereingliederung, auch wenn ein Beicht-Geständnis in allen Romanen als Klimax dem jeweiligen Handlungsende vorausgeht. Die Ausprägung des profanen Erlösers in der Silhouette Maigrets enthält sich revolutionärer Auftritte gegenüber Arbeit- oder Gesetzgebern, Politik und Vorgesetzten. Maigret kümmert sich nicht um eine Systemänderung oder politische Möglichkeiten. Ihn interessiert das einzelne Gegenüber. Wo es ihm möglich ist, erlaubt er sich, auch als Funktionär Mensch zu bleiben, wodurch das Wieder-Mensch-Werden des schuldig gewordenen Gegenübers ermöglicht und die akute Bedrohungssituation des Betroffenen gelindert wird.135 Das übergeordnete Interesse des Kommissars an der Wahrheit führt zu einem persönlichen Interesse an den Betroffenen. Für diese können Maigrets Interesse und Empathie einen Weg in die Verantwortung für ihre Tat und damit zurück in die menschliche Gesellschaft aufweisen (auch wenn das zunächst eine Verurteilung und Gefängnisstrafe nach sich zieht).136 Gleichzeitig bedeutet dieser Weg die einzige Möglichkeit, die Isolation der eigenen Schuld zu durchbrechen und mit der neuen Situation fertig zu werden, auch wenn der Kommissar später nicht in jedem Fall präsent bleibt. 2.5.1 Der schicksalsorientierte Beichtvater außerhalb des Systems Aus der Perspektive des kommunikativen Paradigmas fällt eine starke Ähnlichkeit Maigretscher Eigenheit zur Haltung der christlichen Erlöserfigur hinsichtlich politischer Fragen seiner Zeit und seinem Verhalten dem Einzelnen gegenüber auf: Als Jesus von seinen Widersachern, den Pharisäern, gefragt wird, ob er es für richtig halte, dass die Juden dem römischen Kaiser Steuern zahlen oder nicht, lässt er sich nicht auf eine Positionierung im politischen Streit ein.137 Jesus ist zu seinen Lebzeiten nicht der politische Revolutionär, den das Judentum als Messias erwartet. Er enttäuscht die Erwartungshaltung bezüglich eines spektakulären Helden-Retters für Israel, der jeglicher Form von Unterdrückung ein Ende bereitet, denn er zieht als Wanderprediger mit einer Gruppe von 135 Als Mörder verdächtigt bzw. verfolgt zu werden, um dann angeklagt, verurteilt, ins Gefängnis gesperrt und evtl. sogar hingerichtet zu werden, erscheint hinreichend als akute Bedrohungssituation nach der Tat, sogar wenn die ursprünglichen Auslöser der psychischen Krise mittlerweile eliminiert sind. 136 Auch wenn Renz diesen Zusammenhang aufgrund einer anderen Patienten-Ausgangslage erläutert, bleibt das Prinzip doch gültig. „Menschen brauchen Menschen. Sie brauchen andere, die stellvertretend und grenzensprengend lieben, bevor sie selbst lieben können. (…) Wo sich Liebe (…) auf dem Hintergrund eines größeren Eingebettet-Seins ereignen, können sich gnadenhafte Erfahrungen von Erlösung und Sinn einstellen.“ Renz (2008: 150f.). 137 Vgl. dazu Mt 22,15–22: „Dann gingen die Pharisäer hin und hielten Rat, wie sie ihn bei einem Ausspruch fangen könnten. Und sie senden ihre Jünger mit den Herodianern zu ihm und sagen: Lehrer, wir wissen, daß du wahrhaftig bist und den Weg Gottes in Wahrheit lehrst und dich um niemand kümmerst, denn du siehst nicht auf die Person der Menschen. Sage uns nun, was denkst du: Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu geben, oder nicht? Da aber Jesus ihre Bosheit erkannte, sprach er: Was versucht ihr mich, Heuchler? Zeigt mir die Steuermünze! Sie aber überreichten ihm einen Denar. Und er spricht zu ihnen: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie sagen zu ihm: Des Kaisers. Da spricht er zu ihnen: Gebt denn dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Und als sie das hörten, wunderten sie sich und ließen ihn und gingen weg.“ (Elberfelder 2001). 285 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten Anhängern durchs Land, lässt sich persönlich auf alle Gegenüber ein, die zu ihm kommen, lebt Menschlichkeit und Toleranz und predigt die Liebe Gottes, ohne aktiv gesellschaftspolitisch engagiert zu sein. Jesus etabliert keine neue politische Macht, er stellt kein Heer zusammen, das die Besatzer dem Erdboden gleichmacht und er gründet keine neue Kirche. Seine Aufmerksamkeit richtet sich auf den Einzelnen, auf sein Gegenüber, den einfachen Menschen, vor allem aber auf die Randgruppen der Gesellschaft und die Ungeliebten: die Zöllner, die Prostituierten, auf Frauen und Kinder. Jesus kümmert sich nicht um Politik. Er ändert das System nicht, in dem er lebt, aber er lässt es nicht über ihn selbst bestimmen. Die Anbindung an die Liebe Gottes und der Auftrag, sie an den Menschen zu bringen, stellen sowohl seine Prioritäten als auch seine Maßstäbe auf eine andere Grundlage als auf die des Systems, in dem er sich bewegt. Diese Tatsache macht ihn für das bestehende System gefährlich. Jemand, der sich derart außerhalb der vom System vorgegebenen Werte, Kategorien und Maßstäbe bewegen kann, weil er auf einer anderen Grundlage steht, die ihm dort Stabilität verleiht, wo das eigene System wackelt, bedroht nicht nur die reformbedürftigen Teilbereiche des bestehenden Systems, sondern das ganze.138 Auf ähnliche Weise – mit dem Unterschied, dass bei Maigret kein Vorsatz vorliegt – stellt sich die Situation des Kommissars dar: Maigret ändert das System nicht, die Arbeitsbedingungen nicht, die gesellschaftlichen Verhältnisse gehen ihn nicht an. Ihn interessiert der einzelne Mensch, den er vor sich hat. Nicht, um ihm die Liebe Gottes begreifbar zu machen, sondern um die Wahrheit zu finden und um niemandem Unrecht zu tun, strebt Maigret danach, die individuelle Situation zu verstehen. Die Anbindung, die den Kommissar immer wieder außerhalb des Systems stellt, in dem er sich bewegt, ist seine Verpflichtung der Wahrheit gegenüber. Sie zieht eine Vorstellung von Recht und Unrecht nach sich, die durchaus abseits von Gesetz und juristischer Ordnung liegen kann und die ihn oft genug dazu bringt, die Anforderungen des Systems, in dem er sich als Polizist bewegt, außer Acht zu lassen.139 Ein Indiz dafür findet sich auch darin wieder, dass er oft genug mit dem System (in Form seiner Vorgesetzten z. B.) aneinander gerät, wenn er das Schicksal eines Einzelnen im Blick hat.140 Mit dieser Haltung begegnet er den Verdächtigen, deren äußerliche Situation er manchmal, aber nicht grundsätzlich verbessern kann, deren innere Verlorenheit im Schuld- 138 Hier lässt sich auch der Grund dafür finden, warum die gebildeten geistlichen Amts- und Würdenträger nachdrücklich Jesu Tod fordern, obwohl der Statthalter bei ihm keine konkrete Schuld feststellen kann. Indem sich Jesus auf den Wert und die Wichtigkeit des einzelnen Menschen für die Liebe Gottes als Maßstab für sein Handeln bezieht, und diesen über den Erhalt des bestehenden Systems stellt, bedroht er es. Letztlich wird er dafür hingerichtet. Nur aus diesem Grund kann sein Tod überhaupt anders interpretiert werden als völliges Versagen, denn kirchen- und gesellschaftspolitisch betrachtet, ist die profane Seite des christlichen Erlösers von seinem Ende her gesehen ein Desaster. Jesus wird vom Klerus seiner Zeit hingerichtet und endet missverstanden und geschmäht wie ein Verbrecher am Kreuz. Auch das ist gemeint, wenn Paulus vom Evangelium als Skandalon spricht (vgl. 1 Kor 1,22f.). Die Veränderungen jedoch, die er in der jeweiligen Begegnung mit dem Einzelnen konkret bewirkt hat, bleiben davon unberührt. 139 Indem er gestellte und geständige Täter z. B. nicht zur Anzeige bringt, sie laufen lässt, über die von ihm herausgefundenen Anhaltspunkte schweigt, Geschichten für den offiziellen Bericht einfach erfindet etc. 140 Vgl. Teil III, Kap. 2.1.2.4. 286 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets gefühl aber die Begegnung mit ihm immer wieder lindert, gelegentlich sogar heilt, weil er sich jeglicher moralischen Urteile über die Betroffenen enthält. Dort, wo diese private Begegnung auf menschlicher Ebene trotz inhaltlich offiziellen Geständnisses gelingt, bleibt die Wirkung beim Betroffenen bestehen, egal ob Maigret weiterhin auf irgendeine Weise in dessen Leben präsent ist oder nicht. In Lk 3,10–18 wird berichtet, dass die Menschen Johannes den Täufer fragen, wie sie sich in ihrem Leben verhalten, was sie tun sollen. Johannes empfiehlt keine großen, revolutionären Taten oder Heldenhaftigkeit, sondern lediglich, menschlich zu handeln.141 Genau das spiegelt das Verhalten Maigrets, vor allem aus einer gleichgestellten, kommunikativen Perspektive. 2.5.2 Die Beichtvater-Funktion aus literaturwissenschaftlicher Perspektive Literaturwissenschaftlich beinhaltet die Angst, die für einen einzelnen Menschen die Motivation zu einem Mord darstellt, noch eine ganz andere Funktion. Denn literarische Spannung entsteht dann am stärksten, wenn weder Figur noch Leser sich vorstellen können, wozu sie unter extremen Umständen in der Lage sind. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die von den schuldig gewordenen Tätern empfundene Furcht, die durch den Verlust des Identitätsgefühls entsteht.142 Boileau/Narcejac143 beschreiben die Nicht-Absehbarkeit der Weiterentwicklung eines individuellen Schicksals144, das eine existentielle Grenze überschritten hat, als Basis für den literarischen Spannungsbogen im Detektivroman.145 Davon ausgehend, begriffen wir besser, daß man (…), um aus dem Detektivroman einen wirklich verhexten Roman zu machen, den Roman des Opfers schreiben mußte. (…) Ein Opfer ist man erst, wenn man in Ereignisse verwickelt wird, deren definitive Bedeutung man nicht auszuschöpfen vermag, wenn das Reale eine Falle wird, das Alltägliche aus der Ordnung gerät.146 So ist Maigret auch rein stilistisch betrachtet derjenige, der am Ende des Romans die einzige Möglichkeit für das Täter-Opfer verkörpert, aufgrund des Neu-Ordnens der Realität und der geschehenen Ereignisse in der „Beichte“ ein neues passendes Identitäts gefühl zu entwickeln und der Identität einen neu sichernden Rahmen zu geben. Die Wahrheitsliebe und das keine Widerstände scheuende Verstehenwollen des Kommissars bilden die 141 Vgl. dazu Lk 3,10–18. „Keine großen Taten, die Johannes der Täufer hier von den Menschen verlangt: Wenn man selbst genug zu essen hat, denen abzugeben, die zu wenig haben. Den eigenen Überfluss mit denen zu teilen, die es wirklich brauchen. Keinen übers Ohr hauen. Niemand zu misshandeln. Nicht mehr zu fordern, als einem zusteht. Keine großen Taten. Nichts weiter, als menschlich zu leben.“ Gaab (2009). 142 Nusser (1992). 143 Boileau/Narcejac (1967). 144 „(…) die Verwicklung in Ereignisse, deren definitive Bedeutung für die eigene Person man nicht restlos abschätzen kann, die ahnen lassen, daß man plötzlich ein ganz anderer werden könnte“. Nusser (1992: 149). „eine andere Art von Spannung, die an die Person selbst und nicht mehr an die Episode gebunden war“ Boileau/Narcejac (1967: 156). 145 „Für uns war die Spannung zunächst eine Fühlweise und der Detektivroman ein unersetzliches Ausdrucksmittel.“ Boileau/Narcejac (1967: 157). 146 Boileau/Narcejac (1967: 158). 287 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten Grundlage, die für sein umfassendes Wissen der Hintergründe und Begleitumstände einer Tat verantwortlich sind und in der Begegnung mit dem Täter diesem als Opfer die Chance eröffnen, zu einer neuen eigenen Perspektive bezüglich des Geschehenen zu finden: Kommissar Maigret ist innerhalb der Simenonschen Kriminalromane die Figur, welche die betroffenen Beteiligten durch ihre vehemente und beharrliche Suche nach allen Details der Wahrheit dazu zwingt, eben dieser als Realität ins Auge zu sehen. Seine Nachforschungen nötigen die oder den Betroffenen, sich erneut mit der Ursprungs- Situation als Auslöser der Selbstentfremdung auseinander zu setzen und ermöglichen dadurch eine Neuorientierung und emotionale Neubewertung des Geschehenen, weil die Komponente der Angst von Maigret dabei völlig außer Acht gelassen wird. Das ist die Art und Weise, auf die Maigret sein säkular begrenztes Potential zum Erlösungshandeln als „raccommodeur de destinées“147 (dt. Schicksalsflicker) nach dem motorischen Paradigma umsetzt.148 Ein von Angst vor den Konsequenzen eigener Schuld besetzter Verdächtiger kreist zwar um die unheilvollen Symptome seiner Schuld, aber er setzt sich nicht mit ihr selbst als Ursache seines Leidens auseinander. Maigret wiederum, der diese Angst verständlicherweise nicht teilt, sondern nur an der Ursache des Leidens als Auslöser für die psychische Krise (als Motiv) interessiert ist, ignoriert die Angst des Täters während seiner Ermittlungen völlig. Dadurch wird auch der Schuldige dazu gezwungen, sich trotz seiner Selbstentfremdung durch die Angst mehr mit der Ursache seines eigentlichen Problems zu beschäftigen. Vor der unmittelbaren Begegnung mit dem Kommissar spitzt sich diese Angst zu, die sich jedoch, sobald sie mit der Realität von Maigrets zurückhaltendem, defensivem und verständnisvollem Verhalten konfrontiert wird, in den meisten Fällen in Luft auflöst. Die auslösende Ursache für die Angst-Entfremdung des Betroffenen von sich selbst kann nun mit zeitlichem Abstand des Betroffenen und unter zusätzlicher Außenperspektive durch Maigret präziser und weniger emotional besetzt betrachtet werden, was eine realistische Sichtweise des Geschehenen fördert. Da die psychische Verlorenheit der Verdächtigen noch durch die in der Angst vor den Konsequenzen einer Tat enthaltene Wertung der eigenen Person verstärkt wird, ermöglicht die zugewandte und verständnisvolle Haltung des Kommissars dem Täter gegenüber nicht nur dessen Loslassen seiner Angst, sondern auch die Chance, eine andere Meinung über sich als Person unabhängig von seiner Tat anzunehmen. Der in der Beicht-Begegnung mit Maigret vorhandene Respekt, den der Kommissar jedem Schuldigen gegenüber an den Tag legt, verweist auf den positiven Zuspruch grundsätzlicher Werthaftigkeit, was von den meisten Tätern dankbar anerkannt und übernommen wird. Auf diese Weise spricht er dem Betroffenen den aus seiner Perspektive niemals in Frage stehenden grundsätzlichen Wert als Mensch zu, ohne ihm seelischen Beistand zu leisten wie in einem seelsorgerlichen Gespräch, so dass auch der Schuldige in die Lage versetzt wird, zwischen seinen Taten und seiner Identität zu unterscheiden bzw. seinen Selbstwert nicht länger ausschließlich von seinem Handeln abhängig zu machen. 149 147 Les Mémoires (1950: 797). 148 Zu Maigret als Schicksalsflicker vgl. Teil III, Kap. 2.1.2.1. 149 Die Interpretation Nussers, der Maigret lediglich zuschreibt, „die Gründe des Verbrechens vor- 288 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets 2.5.3 Menschlichkeit und Nächstenliebe als profane Aspekte christlicher Erlösungsdynamik Diese für Kommissar Maigret beschriebene, charakteristische Unterscheidungshaltung erinnert stark an Jesu Grundhaltung dem Menschen gegenüber: Jesus war unnachgiebig gegen Schuld und Sünde an sich, betonte aber gleichzeitig immer den davon unabhängigen Wert des Sünders für Gott, der bereitwillig jeden Preis für das Freikaufen von der Sünde bezahlt. Es scheint, dass sich die profane Seite des christlichen Erlösers darin äußert, dass Jesus dem Menschen zeigt und vorlebt, was Mitmenschlichkeit bzw. Menschlichkeit bedeutet. Wenn Gott in Jesus Mensch wurde, dann bedeutet Jesus nachzufolgen zuerst und vor allem erst einmal, wirklich und wahrhaft Mensch zu werden. Die sakrale Seite des christlichen Erlösers zeigt dem Menschen dann, was Gott für diesen Menschen empfindet und was er mit ihm vorhat bzw. wie Gott die existentiellen Fragen beantwortet, die dafür verantwortlich sind, ob ein Mensch sein Leben als glücklich und gelungen oder als Fehlschlag und gescheitert erlebt. Diese existentiellen Fragen umfassen folgende Bereiche: 1. Wer bin ich und wie stellt sich das dar? Was bedeutet Menschsein ganz praktisch und was gehört in meinen Zuständigkeitsbereich? 2. Wo komme ich her und wie geht es mit mir weiter? Wer bin ich noch, wenn ich nicht schaffe, was ich mir vorgenommen habe? Was passiert mit mir, wenn ich scheitere oder Misserfolg habe? 3. Habe ich Wert, eine Identität, einen Ursprung, der mich unabhängig von meinen Taten definiert und wenn ja, wie? Es ist auch Teil der christlich postulierten Gnade Gottes, dass der Mensch nicht mehr sein muss als er eben ist, Mensch nämlich. Dass er nur für den ersten Teil der existentiellen Grundfragen zuständig ist (s. o.) und sogar dabei Hilfe bekommt: Hilfe in Form eines Vorbilds, eines Menschen, der ganz praktisch zeigt und lebt, wie Menschsein aussieht und was wahrhaftige Menschlichkeit ausmacht. Aus christlicher Sicht ist das in Jesus von Nazareth geschehen. Literarisch findet sich in Kommissar Maigret im Hinblick auf die Mit-Menschlichkeit eine säkulare Entsprechung: Theologisch betrachtet, wird der Mensch vom Zwang befreit, Gott werden zu müssen, Gott zu sein oder wie Gott werden zu wollen. Christus macht deutlich, dass es reicht, Mensch zu sein. Um den Rest wird sich gekümmert! Die Maigrets verdeutlichen, literarisch betrachtet, dass dieser Anspruch, auch rein säkular wahrgenommen, keine Reduktion des theologischen Erlösungsbegriffs impliziert, sondern eine enorme Herausforderung an die Lebenswirklichkeit stellt. Profane Erlösung bzw. der säkulare Teil christlicher Erlösung bedeutet, den Menschen zum Menschseinkönnen zu befreien: Ihm zu ermöglichen, Mensch zu sein und als solcher respektiert zu werden, egal, in welcher Situation. Es bedeutet auch, sich selbst dabei Mensch sein zu lassen und die konstitutiven Grenzen des Menschseins zu akzeptieren. Es bedeutet, eben gerade nicht zuständig zu sein für das Zu- oder Absprechen von Wert, Schuld oder Unschuld, und der Versuchung, sich doch dafür zuständig zu halten, nachhaltig zu widerstehen. Sind Menschen dazu in der Lage, kommt unweigerlich irgendwann die Frage auf, aus welchem Grund sie dazu in der Lage sind, während es gleichzeitig so viele gibt, die es nehmlich aus den Bedingungen des sozialen Milieus heraus zu verstehen“ (Nusser (1992: 106)), ist aus den hier genannten Zusammenhängen zu kurz gegriffen. 289 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten nicht sind, obwohl sie es gern wären oder gar behaupten. Darin besteht der Hinweischarakter, die Verweisfunktion der profanen auf die sakrale Seite von Erlösung. Wir müssen als Menschen nicht geistlich erlösen, um auf die göttliche Erlösung aufmerksam zu machen. Es reicht, die säkulare Seite christlicher Erlösung wahrhaftig sichtbar zu machen, Menschlichkeit zu leben und zu vertreten (der christliche Glaube sagt dazu Nächstenliebe). Der Grund für wahre Menschlichkeit liegt deshalb im geistlichen Bereich. Bei Maigret ist es die Verpflichtung der Wahrheit gegenüber, die eine Vorstellung von Recht und Unrecht nach sich zieht, welche zu authentischem und respektvollem Menschsein führt: Einer Wahrheit, die sich nicht aus Berichten, Buchstaben, Fakten und Indizien ableiten lässt, sondern die darüber hinaus der persönlichen, authentischen und ganzheitlichen Begegnung bedarf, um erkannt und begriffen zu werden. Was geschähe, wenn sowohl im christlichen Glauben als auch in explizit für die Unterhaltung geschriebener Literatur ohne missionarische Absichten die Wahrheit plötzlich nicht mehr als abstrakter Begriff definiert würde, sondern eine Person darstellte? Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich.150 150 Joh 14,6 (Elberfelder 2001). 291 3 Adressatenkreis profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Die Frage, ob innerhalb der zahlreichen Maigret-Romane eine bestimmte Personengruppe hervorsticht, die in irgendeiner Weise bevorzugt oder benachteiligt würde, kann an dieser Stelle definitiv verneint werden. In älteren Interpretationsansätzen zu Simenons Werk1 existiert wohl der Ansatz einer kleinbürgerlichen Gesellschaftsutopie, in welcher das literarische Bild der französischen grande bourgeoisie des 20. Jahrhunderts den verachteten Gegenpol zum idealisierten Kleinbürgertum Maigrets darstellt. Diese Interpretationsvariante jedoch wird schon im Jahr 2000 von Thomas Wörtche insofern widerlegt, als er in „Das Versagen der Kategorien – Georges Simenon“2 herausarbeitet, dass es in den Maigret-Romanen keinesfalls um eine Art gesellschaftlichen Klassengegensatz geht, sondern vielmehr um solche zwischenmenschlichen Phänomene, die entstehen, wenn ein Mensch soziale Gruppenzugehörigkeiten überschreitet.3 Auch die im Hauptteil erarbeitete Analyse der Grundsituationen von Unerlöstheit und des Maigretschen Umgangs mit ihnen verdeutlicht, dass sich der Adressatenkreis der profanen Erlösungsdynamik in den Romanen nicht auf eine bestimmte soziale oder andere kulturelle Gruppe begrenzen lässt. Die Erlösungsbedürftigen und damit der Adressatenkreis der profanen Erlösungsdynamik finden sich sowohl in finanziell gehobenen Kreisen als auch unter den am schlechtesten bezahlten Arbeitern. Sie gehören unterschiedlichen Nationalitäten an und ihr Alter reicht vom fast noch pubertierenden jungen Mann4 bis zum kurz vorm Rentenalter stehenden Lebemann5. Sowohl Frauen als auch Männer sowie zum Teil an der Romanhandlung nicht beteiligte, aber von ihr indirekt Betroffene und Kinder6 lassen sich zu diesen Adressaten zählen. Von einer Begrenzung des Adressatenkreises profaner Erlösungsdynamik auf eine ganz konkrete und exklusive Personengruppe in den Maigret-Romanen kann also nicht gesprochen werden. 3.1 Impliziter und potentieller, historisch-realer Leser Die durch die strukturelle Neuerung der Maigret-Romane eingeleitete gattungstheoretische Wende7 jedoch zieht ein rezeptionsästhetisches Phänomen nach sich, das in der Struktur der Maigret-Texte angelegt ist. 1 Dubois (1992: 171–188). 2 Vgl. Wörtche (2000: 215–227). 3 Leider hält sich das Vorurteil der Klassengegensätze in den Maigret-Romanen auch in Dokumentationen über die Maigret-Figur bis ins 21. Jahrhundert, was jedoch auf unzureichende Recherche verweist. Verständlich und nachvollziehbar erscheint dieser Interpretationsansatz ausschließlich aus der Häufung von Textstellen, die belegen, dass der Kommissar sich immer dann unwohl fühlt, wenn er sich in Häusern aufhalten muss, die ihren finanziellen Wohlstand gern öffentlich zur Schau tragen. Vgl. dazu Teil III, Kap. 2.1.1.1. 4 Vgl. Neufundlandfahrer (2001), Der Kopf eines Mannes (2001). 5 Vgl. Maigrets Revolver (2006), Maigret in Nöten (1987). 6 Vgl. In der Schule (1987) und Saint-Pholien (1998). 7 Vgl. Teil II, Kap. 1.3.1. 292 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Die Identifikationsfunktion des Protagonisten in Bezug auf potentielle, historisch- reale Leser ermöglicht es, davon auszugehen, dass der implizit im Text angelegte Leser den Entwicklungsprozess der Hauptfigur nachvollzieht und aufgrund dessen am Ende des Romans erstmalig in die Lage versetzt wird zu entscheiden, ob eine eigene Bewertung des Geschehenen (Gelesenen) und der betrachteten Figuren erfolgen soll oder nicht. Damit wird bezüglich des Adressatenkreises profaner Erlösungsdynamik textimmanent der implizite Leser vom Zwang befreit, am Schluss des Romans mindestens eine Hauptfigur verdammen zu müssen, um die fiktive Realität emotional wieder erträglich zu gestalten. Durch die Darstellung der verschiedenen Arten von Unerlöstheit und des menschenfreundlichen Umgangs Maigrets mit den von ihr Betroffenen (ganz besonders durch die nachhaltige Weigerung des Kommissars, vorschnell Position zu beziehen, Vorurteile aufzubauen und moralische Urteile abzugeben), wird der implizite Leser davon erlöst, ein Urteil über eine Figur fällen zu müssen. Die Konzeption des Kommissars in ihrer Kombination aus Unterlassungen, Verweigerung und ungewöhnlich aufgeschlossenem Verhalten in krisenhaften Situationen sorgt nicht nur für die gattungstheoretische Wende im Hinblick auf das Haupt-Rätselelement des traditionellen Detektivromans, sondern sorgt beim impliziten Leser auch für die Gelegenheit, die Kategorien von gut und böse anders zu definieren als bis dahin im Kriminalroman üblich. Über die Maigrets eröffnet sich dem impliziten Leser die Möglichkeit, am Ende des Romans emotional nicht auf der – völlig unrealistischen – Wiederherstellung der alten Ordnung zu bestehen, sondern stattdessen einem Weg zu folgen, der erlaubt, mit einer teilweise bedrohlichen (wenn auch nur fiktiven) Realität dennoch lebensbejahend umzugehen. Adressat Der implizite Leser Mittel • Identifikation mit Maigret • Nachvollzug der maigretschen Entwicklung Erlösungsbedürftigkeit • am Handlungsende ein Urteil fällen müssen • gut und böse nur in schwarz-weiß-Kategorien denken können • vorschnell Position beziehen, Vorurteile aufbauen • zu moralischen Urteilen genötigt sein • Schuldige nur aus der Außenperspektive wahrnehmen müssen • Zwang, in einer Krisensituation Bewertungen vorzunehmen • evtl. Orientierungslosigkeit im Umgang mit eigener Schuld Erlösungsziel • Möglichkeit, gut und böse anders zu definieren als bisher • Grauzonen zulassen können • lebensförderlichen Krisenumgang lernen • Kennenlernen eines von Verständnis geprägten Umgangs mit Schuld • Widersprüche stehen lassen können • Lernen, lebensverhindernde Verhaltensweisen zu entlarven • Nicht zuständig sein für Urteile und Bewertungen • Verständnis und Empathie lernen 293 3 Adressatenkreis profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Der implizite und damit auch der potentielle, historisch-reale Leser erhalten die Chance, einen nicht von Angst, sondern von Verständnis geprägten Umgang mit Schuld (auch mit eigener) kennen zu lernen, Widersprüche stehen zu lassen und lebenshinderliche Verhaltensweisen als solche zu entlarven. Die Art und Weise, wie die Erlösung des impliziten Lesers textimmanent angelegt ist, wird im Folgenden erläutert. 3.2 Die Struktur der Erlösung des impliziten Lesers Da die Erlösung des impliziten Lesers eine im Text angelegte Struktur darstellen muss, kann auch ein mögliches, daraus resultierendes rezeptionsästhetisches Phänomen anhand von Mechanismen der textimmanenten Leserlenkung angenommen werden. Legt man die bereits erwähnte Identifizierungsfunktion des Protagonisten als Hauptursache für einen Geisteswandel beim impliziten Leser zugrunde, muss eine diesbezügliche Analyse vorerst klären, wann die Hauptfigur aufgrund welcher auktorialen Strukturen ungewöhnlich und dennoch einladend-nachvollziehbar wirken kann. Über die Identifikation mit Maigret muss demnach textimmanent eine emotionale Entlastung des impliziten Lesers stattfinden, die es am Ende des Romans ermöglicht, den im traditionellen Krimi üblichen moralischen Wertungen, ideologischen Zuweisungen und der Notwendigkeit des Zusammenhangs von Schuld und Bestrafung auszuweichen. Das hervorstechendste Merkmal des Kriminalkommissars als Figur ist wie bereits ausgeführt seine Weigerung, Personen oder Situationen zu bewerten. Diese Weigerung als Hauptmerkmal des Figurencharakters kann demnach Hinweise auf die einladende und entlastende Ungewöhnlichkeit der Figur für den impliziten Leser beinhalten und wird aus diesem Grund an dieser Stelle strukturell eingehender betrachtet. 3.2.1 Die durch das Nicht-Urteilen Maigrets entstehenden Vakanzen Aufgrund des prägnanten Charakterzugs des Kommissars, alle moralischen Bewertungen, Kategorisierungen und vorverurteilenden Spekulationen zu vermeiden, entstehen im Text an den Stellen dieser Verweigerungshaltung inhaltliche Vakanzen, die sich für das textimmanente Phänomen der Leserlenkung bestens instrumentalisieren lassen. Es soll anhand der Darstellung der verschiedenen Arten von Vakanzen im Zusammenhang mit der subtilen Steuerung über die (scheinbar) neutrale Erzählperspektive im Text verdeutlicht werden, wie genau diese inhaltlichen Leerstellen entstehen, um anschließend zu untersuchen, womit sie anstelle des Vermiedenen gefüllt werden. 1. Leerstellen aufgrund sprachlichen Schweigens des Kommissars 2. Leerstellen aufgrund sprachlich vorhandener, aber inhaltlich nicht geäußerter Antworten des Kommissars 3. Zielgerichtete Beschreibungen des textimmanenten Erzählers über Maigret Die ersten beiden Mechanismen beschreiben die zwei Haupt-Verhaltenszüge des Kommissars in seiner Reaktion auf die Aufforderung, eine Situation oder Person einzuschät- 294 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets zen bzw. die bis dahin für den Detektiv eines Kriminalromans üblichen (vorläufigen) deduktiven Schlüsse über Tathergang und Hinweise auf den Täter verlauten zu lassen. Der dritte Mechanismus bezieht sich auf die Darstellung des Kommissars im Roman aus der Erzählerperspektive, unabhängig von seinem direkten Verhalten als Figur. Auslöser für eine im Erzähltext entstehende Leerstelle in der Reaktion des Kommissars finden sich in den Maigret-Romanen hauptsächlich in der Aufforderung zum kategorisierenden Einteilen und Beurteilen von Personen,8 in Fragen nach der persönlichen Einschätzung zum Wert neuer Erkenntnisse,9 in Spekulationen über den weiteren Verlauf der Untersuchung,10 Fragen nach einer persönlichen Meinung bzw. Aufforderungen zu allgemeiner Spekulation.11 3.2.1.1 Leerstellen aufgrund sprachlichen Schweigens Mit dem Begriff Leerstelle ist hier die inhaltliche und strukturelle Vakanz innerhalb eines Gedankenaustauschs oder Dialogs im Text gemeint, in welchem eine konkret formulierte Frage tatsächlich verbal unbeantwortet bleibt. Auch wenn der Begriff in diesem Zusammenhang nicht den zentralen Begriff der von Wolfgang Iser entwickelten Theorie der Wirkungsästhetik meint, sondern auf eine von einer Figur bewusst verursachte Kommunikationslücke gegenüber einer Mitfigur im Text verweist, bleibt doch die Analogie zur „unterbrochenen Anschließbarkeit“12 unübersehbar, die eine vom Leser zu vollziehende Kombinationsnotwendigkeit zwischen einzelnen Textsegmenten und Darstellungsperspektiven anzeigt, (…), und die zugleich in kontrollierter Weise diese Vorstellungsaktivität des Lesers steuert.13 Mit Leerstellen aufgrund sprachlichen Schweigens des Kommissars sind hier sowohl Situationen gemeint, in denen der Kommissar auf eine konkret gestellte Frage überhaupt nicht antwortet, als auch die Unterlassungen einer persönlichen Wertung oder Stellungnahme zu einer Person oder Situation in den vom Text transportierten Gedanken Maigrets.14 Sie blieb mitten im Zimmer stehen und hielt Maigret am Ärmel fest. (…) »Werden Sie es ihm sagen?« Maigret antwortete nicht.15 8 Vgl. z. B. Bei den Flamen (1998: 28, 46, 53, 65f.). 9 Vgl. z. B. Pietr der Lette (1999: 15f., 26, 37, 65), Bei den Flamen (1998: 45, 54). 10 Vgl. z. B. Bei den Flamen (1998: 151, 159f.), Pietr der Lette (1999: 103). 11 Vgl. z. B. Bei den Flamen (1998: 89, 124, 127). 12 Nünning (2001: 363). 13 Nünning (2001: 363). 14 Hier ließe sich anmerken, dass bereits die Darstellung der Maigretschen Gedanken als zielgerichtete Beschreibung eines textimmanenten Erzählers interpretiert werden kann. Dennoch hält die Verfasserin es für angemessen, die der Figur konkret zugeschriebenen Gedanken als dem Verhalten des Charakters zugehörig anzusehen und sie deshalb von den anderen Beschreibungen der Verdächtigen aus der Erzählerperspektive zu trennen. 15 Bei den Flamen (1998: 159f.). Vgl. auch Vor dem Schwurgericht (1979: 161). 295 3 Adressatenkreis profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets »Man fragt sich, worauf die Polizei eigentlich noch wartet, um die Peeters zu verhaften. Vielleicht haben sie aber auch zuviel Geld, und deshalb traut man sich nicht …« Maigret ging hinaus (…).16 »Hallo? Hier ist der Geschäftsführer …«, sagte eine andere Stimme. »Gibt es was Neues? … Glauben Sie, daß diese Geschichte in den Zeitungen stehen wird?« Maigret war unverschämt genug, aufzulegen.17 »Immer noch die Geschichte mit den Nordexpreß? Ein Schlag der Mafia, was?« Der Kommissar zog es vor, zu gehen.18 Ganz selten finden sich die Gedanken Maigrets durch Anführungszeichen gekennzeichnet, so dass eine Leerstelle durch die fehlende Beantwortung dieser Gedankenfrage sichtbar wird. Häufiger werden die Gedanken des Kommissars in erzählter Rede ohne Anführungszeichen transportiert. Hier entsteht die an den impliziten Leser vermittelte Leerstelle dadurch, dass die dargestellten Gedanken nicht aus Konstatierungen, sondern selbst aus Fragen bestehen, auf die keine Antworten erfolgen. Maigret blieb noch einen Augenblick stehen und lauschte (…). Da wurde ihm bewußt, ohne daß man hätte sagen können, wie es gekommen war: Die Angst war geboren. Alle, die da auf dem Heimweg waren, hatten Angst, Angst vor etwas, vor allem, vor einer unbestimmten Gefahr (…). »Wenn noch etwas passierte?« Maigret klopfte die Asche aus seiner Pfeife und knöpfte seinen Regenmantel zu.19 Maigret dachte an etwas anderes, an Anna, wie sie vor fünf Jahren mit Gérard Piedboeuf einen Ausflug zu den Grotten von Rochefort machte. Was hatte sie in die Arme ihres Begleiters getrieben? Warum hatte sie sich ihm hingegeben? Was waren ihre Gedanken danach?20 Er würde Gaston Meurant zwischen zwei Gendarmen sitzen sehen und schwören, die Wahrheit zu sagen, die volle Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Würde er wirklich die volle Wahrheit sagen? Hatte er nicht in einem bestimmten Augenblick, während in seinem Büro unaufhörlich das Telefon klingelte, durch das er praktisch alle Fäden der beteiligten Personen in der Hand hielt, eine schwer zu erklärende Verantwortung auf sich genommen? Hätte er nicht …?21 Die unhöfliche Variante des schweigenden Nicht-Beantwortens einer gestellten Frage dadurch, dass der Kommissar einfach geht, ist gegenüber seiner üblichen Methode, zwar verbal zu reagieren, inhaltlich aber nicht zu antworten, relativ selten. Durch das Fehlen expliziter Antworten auf die (situativ oder) konkret gestellten Fragen wird der implizite 16 Bei den Flamen (1998: 41). 17 Pietr der Lette (1999: 37). 18 Pietr der Lette (1999: 65). Vgl. auch Pietr der Lette (1999: 103). 19 Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 58f.). 20 Bei den Flamen (1998: 70f.). 21 Vor dem Schwurgericht (1979: 167). 296 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Leser dazu veranlasst, das Ziehen voreiliger Schlüsse zu unterlassen oder sie – falls sie doch stattfinden – zumindest mit einem Fragezeichen zu versehen und lediglich als Hypothese zu betrachten, nicht als gebildete Meinung. Die Vorstellungsrichtung des impliziten Lesers wird auf diese Weise dahingehend gesteuert, dass er – über die Identifikation mit Maigret – in seiner Vorstellung der Beantwortung einer ungeklärten Frage offen bleibt für andere Möglichkeiten und sich so nicht auf eine durch die Hauptfigur vorgegebene Meinung festlegt. 3.2.1.2 Inhaltliche Vakanzen aufgrund sprachlicher Äußerungen Die Umgehungsstrategie Maigrets, auf bestimmte Aufforderungen eine erste persönliche Meinung zu einem Fall, einem Verdächtigen oder den Ermittlungen abzugeben, besteht aber in weit mehr Varianten als einfach darin, die verbale Antwort zu verweigern. Wesentlich häufiger finden sich die verschiedenen Ausformungen der Reaktion, auf eine solche Frage zwar verbal zu antworten, inhaltlich aber dennoch keine Stellungnahme abzugeben. Dieses Fehlen einer inhaltlichen Antwort findet in den Romanen so statt, dass der Kommissar in der Reaktion auf eine konkrete Frage entweder auf verschiedene Weisen das Gesprächsthema wechselt oder durch Betonung von Unwissenheit oder Ablehnen der Fragestellung seine Antwort verweigert, was dem Gesprächspartner immerhin einen Hinweis darauf zugesteht, dass Maigret auf die gestellte Frage womöglich nicht antworten will. Inhaltliche Leerstellen durch Ablehnen der Fragestellung: Die vom Kommissar bevorzugte Methode, einer persönlichen Stellungnahme aus dem Weg zu gehen bzw. eine aus seiner Sicht vorschnelle Beurteilung eines Verdächtigen zu umgehen, liegt darin, die Frage einfach dadurch inhaltlich nicht zu beantworten, indem er sie rundweg ablehnt. In diesen Fällen denkt, meint, glaubt und findet Maigret erst einmal „gar nichts“. »Glauben Sie immer noch, Herr Kommissar …« »Ich glaube überhaupt nichts, mein Lieber! Bis nachher …«22 »Also denken Sie das gleiche wie ich!« »Ich denke überhaupt nichts, Machère. (…)«23 »Sind Sie gegen uns?« »Ich bin für und gegen niemanden! Ich suche die Wahrheit!«24 22 Bei den Flamen (1998: 46). 23 Bei den Flamen (1998: 127). 24 Bei den Flamen (1998: 61). 297 3 Adressatenkreis profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Er verließ den Eisenbahnwagen mit erloschener Pfeife (…). »Sieh an, da ist ja Maigret! … Nun, was halten Sie davon?« »Nichts! Sehen Sie selbst …« 25 »Was hat das zu bedeuten?« fragte er [der Hoteldirektor], während er auf den Portier des Personalausgangs wartete (…). »Nichts, oder fast nichts, wie Sie meinten …«26 »Glauben Sie, daß Meurant unschuldig ist?« »Ich glaube gar nichts.« »Verdächtigen Sie seine Frau?« »Meine Herren, nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich dem nichts hinzuzufügen habe, was ich im Zeugenstand gesagt habe.«27 [Maigret sitzt mit seiner Frau am Esstisch] »Woran denkst du?« »An gar nichts.«28 Antwortverweigerung durch Betonung von Unwissenheit: Eine weitere Variante dieser Verweigerungsform besteht darin, dass sich Maigret auf seine Unwissenheit beruft. Diese Verhaltensweise ist darüber hinaus dafür verantwortlich, dass er im romaninternen Figurengefüge bei ihm unbekannten amtlichen Würdenträgern oder Vorgesetzten immer wieder den Eindruck hervorruft, er sei von seinem Wesen her ein wenig einfältig. »Haben Sie schon etwas herausbekommen?« »Ich weiß es nicht.«29 »Glauben Sie, daß sie unschuldig sind?« »Keine Ahnung. (…) «30 »Darf ich Sie fragen, was Sie von dieser Angelegenheit halten, Herr Kommissar?« »Sie dürfen, aber es fällt mir nicht leicht, Ihnen zu antworten. Um ganz offen zu sprechen: Ich weiß noch nichts. Morgen erst …«31 »Wenn Meurant freigesprochen wird, soll sich Janvier (…) um ihn kümmern.« »Sie glauben, daß …?« »Keine Ahnung, mein Kleiner.«32 »Was Neues, Chef?« »Ja.« Der Inspektor wagte nicht, weiter zu fragen, und nach einem langen Schweigen murmelte der Kommissar mit verdrießlicher Miene: »Nur weiß ich noch nicht genau, was.«33 25 Pietr der Lette (1999: 15f.). 26 Pietr der Lette (1999: 26). 27 Vor dem Schwurgericht (1979: 53). 28 Der Fall Nahour (2007: 35). 29 Bei den Flamen (1998: 54). 30 Bei den Flamen (1998: 28). 31 Bei den Flamen (1998: 124). 32 Vor dem Schwurgericht (1979: 89). 33 Vor dem Schwurgericht (1979: 154). 298 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets »Was guckst du mich so an?« wandte er sich plötzlich an Lucas, als hätte er dessen Anwesenheit eben erst bemerkt. »Ich warte darauf, daß Sie mir sagen, was ich tun soll.« »Wie kommst du darauf, daß ich das weiß?« Er mußte selbst über seine Antwort lächeln.34 Auf dem Hintergrund der vehementen Weigerung Maigrets, vorschnelle Urteile zu fällen oder erste Einschätzungen von Tathergängen abzugeben, erscheint jedoch der Zug, sich freiwillig eher als etwas unterbelichtet einstufen zu lassen als vom Prinzip der Vermeidung jeglicher Vorurteile abzuweichen, mehr als Erweis seiner charakterlichen Größe. Themenwechsel durch Gegenfrage/-rede: Die Ablenkung von einem bestimmten Thema oder vom Interesse an einer konkreten Frage durch einen Themenwechsel ist in der außersprachlichen Welt eine bekannte Gegebenheit und kann daher als sowohl für den impliziten als auch für den potentiellen historisch-realen Leser als gegeben vorausgesetzt werden. Aus diesem Grund ist die Kombination einer Leerstelle mit der Ablenkung auf ein anderes Thema keine derart auffällige Struktur als Methode der Leserlenkung, als dass sie schnell offensichtlich würde. »Haben Sie das getan, um mich zu retten?« Der Kommissar musterte ihn endlich in aller Ruhe von Kopf bis Fuß. »Sie sehen erschöpft aus, Meurant.«35 Am häufigsten wechselt Maigret unvermittelt das Thema, indem er durch eine Gegenfrage seinerseits den Gesprächspartner von seiner Frage abzubringen versucht. [Gespräche zwischen Inspektor Machère – erster Sprecher – und Maigret] »Ich habe ihn ausgelotet. Ich glaube, ich habe alles durchsucht. Und trotzdem habe ich irgendwie das Gefühl, daß die Leiche nicht in die Maas geworfen wurde. Was hatte dieses Damentaschentuch auf dem Dach zu suchen?« »Wissen Sie schon, daß man den Motorradfahrer gefunden hat?« 36 »Aber wie?« »Wie soll ich das wissen? Er wird schon etwas finden …« »Um sich selbst reinzuwaschen?« Aber der Kommissar ließ das Thema fallen und murmelte: »Haben Sie Feuer? Zwanzig Streichhölzer habe ich schon weggeworfen…«37 »Sagen Sie, finden Sie das nicht auch ungewöhnlich? Nicht den Schlag mit dem Hammer. Ich meine die Tatsache, daß die Leiche erst zwei oder drei Tage nach dem Mord ins Wasser geworfen wurde. Ich muß den Flamen noch einmal einen Besuch abstatten …« »Gibt es eine Liste der Kleidungsstücke, die Germaine Piedboeuf trug?«38 34 Der Fall Nahour (2007: 29). 35 Vor dem Schwurgericht (1979: 103). 36 Bei den Flamen (1998: 45). 37 Bei den Flamen (1998: 65f.). 38 Bei den Flamen (1998: 89). 299 3 Adressatenkreis profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets »Selbstmord, nicht wahr?« »Wenn Sie wollen … Haben Sie die Staatsanwaltschaft benachrichtigt?»39 Themenwechsel durch absichtliche Missverständnisse: Eine weitere Variante des Fehlens einer Antwort trotz verbaler Reaktion besteht darin, dass Maigret die Frage absichtlich falsch versteht und auf eine andere Mitteilungsebene reagiert als auf die vom Sender intendierte.40 (Anna will von Maigret wissen, ob er sie wegen Mordes festnehmen wird oder nicht) Sie blieb mitten im Zimmer stehen und hielt Maigret am Ärmel fest. »Was werden Sie tun?« »Ich habe es Ihnen schon dreimal gesagt!« seufzte Maigret verdrossen. »Ich fahre heute abend nach Paris zurück!«41 Und Anna wiederholte: »Was werden Sie tun?« Im gleichen Moment, in dem sie dies sagte, wurden ihre Augen feucht, aber das war so rasch wieder vorüber, daß Maigret nicht sicher war, ob er sich getäuscht hatte. »Und Sie?«42 »Was halten Sie von der Bombe, die Sie eben losgelassen haben, Herr Kommissar?« »Welcher Bombe?« Er stopfte bedächtig seine Pfeife, und er hatte Durst.43 Insgesamt betrachtet, lässt sich die Wichtigkeit des Prinzips, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, für die Figur des Kommissar Maigret überaus deutlich feststellen, auch wenn er diesen Vorsatz hauptsächlich durch Unterlassung und Vermeidung verdeutlicht als durch die explizite Betonung dieses Grundsatzes. Verbale Stellungnahmen wie die folgende sind für den Kommissar mehr als untypisch, auch wenn sie seine Hauptüberzeugung konkret formulieren: »Was ist hervorragend? Denn wenn Piedboeuf dem Schiffer Geld gegeben hat …« »Vorsicht vor Schlussfolgerungen, Machère! Das ist sehr gefährlich, immer gleich Schlüsse zu ziehen.«44 39 Pietr der Lette (1999: 16). 40 Die Kenntnis der vier verschiedenen Mitteilungsebenen nach dem Kommunikationsmodell von Paul Watzlawick bzw. Friedemann Schulz von Thun wird hier vorausgesetzt und nicht weiter erörtert. Für weitere detailliertere Informationen über die Entstehung dieses Modells und seine Besonderheiten, vgl. Bühler (1982), Schulz von Thun (1981), Watzlawick/Beavin/Jackson (1969). 41 Bei den Flamen (1998: 159f.). 42 Bei den Flamen (1998: 151). 43 Vor dem Schwurgericht (1979: 53). 44 Bei den Flamen (1998: 144). 300 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets 3.2.2 Zielgerichtete Beschreibungen des textimmanenten Erzählers Die dritte Komponente, welche in der Lenkung des impliziten Lesers eine entscheidende Rolle spielt, um zu vermeiden, dass dieser während des Romans einer wie im idealtypischen Detektivroman üblichen Kategorisierung in der Zuweisung von gut und böse folgt, beinhaltet die Darstellung des Romangeschehens aus der textimmanenten Erzählerperspektive. In den Maigret-Romanen findet sich ein allwissender, aber nicht alles vermittelnder Erzähler, welcher an keiner Stelle personifiziert wird. Er bleibt als distanziert wirkende Erzählperspektive unauffällig im Hintergrund und wirkt daher zunächst neutral, so dass die Wechsel der Betrachtungsebenen nur mit bewusster Reflexion zu erkennen sind. Diese hintergründige Leserlenkung bleibt dadurch für den impliziten Leser so subtil, dass sie vom Spannungsbogen des Romangegenstandes überlagert und deshalb während des Lesens kaum wahrgenommen wird. Grundsätzlich lässt sich die Art der Leserlenkung auf der Erzählerebene des Textes bezüglich des Maigretschen Charakterzugs in zwei Bereiche unterteilen: Zum einen in den Bereich, in welchem die Verdächtigen bzw. der Hauptschuldige selbst aus scheinbar unbeteiligter, distanzierter Perspektive unabhängig von den Gedanken und Äußerungen der anderen Romanfiguren beschrieben wird. Zum anderen in den Bereich, in welchem dem Leser die Gedanken Maigrets als erzählte Rede aus der Erzählperspektive weitervermittelt werden, ohne dass sie als Gedankenrede gekennzeichnet sind (ohne Anführungszeichen). Auf diese Weise wird die für die Figur des Kommissars typische Grundhaltung dem Schuldigen gegenüber zur überindividuell allgemeingültigen Betrachtung des Täters, in der jegliche moralische Verurteilung oder Bewertung des Täters fehlt. Daneben existiert außerdem eine weitere, der Konzeption Maigrets zuträgliche Ebene der Leserlenkung aus der Erzählperspektive, die aber nicht mehr zur Verdeutlichung des Maigretschen Charakterzugs dient, sich jeglicher Vorverurteilungen und Bewertungen zu enthalten. Dabei handelt es sich um die Art der Beschreibung aus einer scheinbar distanziert übergeordneten Perspektive, wie Maigret selbst auf die Verdächtigen der Untersuchung und ihr Verhalten reagiert.45 3.2.2.1 Die Schilderung der Verdächtigen und Schuldigen Auffällig bei der Schilderung der Verdächtigen eines Falls ist, dass negative Attribute in den Beschreibungen fehlen. Die möglichen Bösewichte werden nicht konnotativ als „Mörder“, „Unmensch“, „Bösewicht“, „Monster“ oder „Bestie“ beschrieben, sondern neutral als Gesprächspartner bezeichnet, mit ihrem eigenen Namen deklariert oder als Vertreter ihres offiziellen Berufsstandes klassifiziert, ganz so wie man unvoreingenommen von einem bisher Unbekannten sprechen würde, für den noch keine psychologische oder moralische Zuweisung vorgenommen wurde. Es finden sich im Text lediglich solche 45 „Und er saß da, zwischen ihnen, wie ein Richter. Ein Richter, der nicht anklagt, dessen Gedanken nicht zu erraten sind. Was wußte er? Warum war er gekommen? Worauf wartete er? Hoffte er auf ein Wort, eine Geste, die seinen Verdacht bestätigen würden? Hatte er längst alles durchschaut, oder war es nur ein Bluff?“ Saint-Pholien (1998: 107). 301 3 Adressatenkreis profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Bezeichnungen, die dem Kenntnisstand des Kommissars über die übrigen sozialen Funktionen des Täters entsprechen. Und dann spielte sich in seinen Zügen so etwas wie ein Kampf ab. Maigret sah im Spiegel bald das Gesicht des Reisenden aus dem Majestic, bald das gequälte Antlitz des Geliebten von Anna Gorskin.46 Insofern wird aus der Erzählerperspektive sowohl eine Gleichstellung zwischen dem Kommissar und den/dem Verdächtigen etabliert wie auch eine moralische Hierarchisierung vermieden. In der Darstellung der Begegnung von Ermittler und Verfolgtem wird keine Abwertung durch eine Bezeichnung vorweggenommen, so dass der implizite Leser in die Lage versetzt wird, den schuldigen Täter weniger unter dem Aspekt seiner Tat wahrzunehmen, sondern vielmehr als nach wie vor gleichwertiges Gegenüber zu Maigret und damit zu sich selbst. Maigret rührte sich nicht. Er fühlte sich so unbehaglich, daß er am liebsten seinem Gegen- über ein Medikament gegeben hätte, um dieser Szene ein Ende zu setzen.47 Dann standen die beiden Männer triefnaß auf dem Kiesstrand. »Hat sie etwas gesagt?« fragte der Lette mit hohler Stimme, die durch nichts mehr beseelt war, jedenfalls durch nichts, das einen Menschen am Leben erhalten kann. Maigret hätte lügen können. Er zog es jedoch vor, zu erklären: (…).48 Zwischen seinem Begleiter und ihm herrschte für einige Minuten die Vertrautheit einer Stubengemeinschaft. Sie kleideten sich voreinander aus.49 Gleichzeitig zur Abwesenheit negativer Konnotationen des Tatverdächtigen aufgrund des Fehlens pejorativer Attribute oder Adjektive, transportiert die Erzählperspektive Mitleid enthaltende, aber auch staunende, faszinierte und zum Teil sogar bewundernde Reaktionen des Kommissars für den/die Verdächtigen, die den impliziten Leser auf diese Weise dazu bringen, den Schuldigen der Romanhandlung unter anderen Aspekten wahrzunehmen als ausschließlich unter der Feststellung der Tatsache, dass er/sie gemordet hat. So erfüllt der schuldige Verdächtige auch auf rein verbaler Ebene keine auf seine Täter-Funktion im Kriminalroman reduzierte Rolle, sondern wird zur komplexeren Figur, die näher zu betrachten sich lohnt. 46 Pietr der Lette (1999: 113). 47 Pietr der Lette (1999: 129). 48 Pietr der Lette (1999: 165). 49 Pietr der Lette (1999: 167). Auch umgekehrt wird Maigret als „Begleiter/Kollege“ des Letten bezeichnet. Das ist leider in der deutschen Übersetzung verloren gegangen: „Au moment où il tendait le vêtement à son compagnon, il aperçut le pansement détrempé et son visage fut agité d’un tic nerveux.“ Pietr le Letton (1929/39: 450). Eine wörtlichere Übersetzung würde lauten: In dem Augenblick, in dem er seinem Begleiter das Kleidungsstück reichte, bemerkte er den nassen Verband, was seinem Gesicht ein nervöses Zucken einbrachte. 302 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Er tat das alles ohne eine Spur von Rachsucht, und mit einer Sanftheit, die man ihm nicht zugetraut hätte, zog er das Kleid über die Knie der Unglücklichen, fühlte ihren Puls, blieb lange an der Pritsche stehen und betrachtete sie.50 Maigret ließ sich nicht aus der Ruhe bringen; er schaute sie neugierig, aber nicht ohne eine gewisse Sympathie an. Denn sie hatte Schneid!51 Die Wirkung war eindrucksvoll. Pietr, der Lette, wurde purpurrot und Sekunden später leichenblaß. Nur ein paar unregelmäßig rote Flecken blieben auf seinen Wangen. Aus seinen Lippen wich das Blut.52 3.2.2.2 Die Darstellung der Reaktion Maigrets auf Verdächtige und Schuldige aus übergeordneter Erzählerperspektive Durch die Schilderung der neugierigen Faszination Maigrets gegenüber den Verdächtigen und Schuldigen im Romangeschehen aus scheinbar distanziert-neutraler Position, wird beim impliziten Leser eine Neugier geweckt, die sich auf die Hintergründigkeiten der/des Verdächtigen bezieht. Da Maigrets Interesse an einer Figur nicht negativ konnotiert wird – was die wertneutralen Bezeichnungen und Betitelungen unterstützen –, kann der implizite Leser diese vom Erzähler vorgegebene Grundhaltung übernehmen und so dem Kommissar auf seiner Suche nach der Wahrheit ohne Vorverurteilungen folgen. Das Verhalten Maigrets im weiteren Verlauf der Untersuchung zeigt dann andere, für einen idealtypischen Detektiv bis dahin ungewöhnliche Charaktereigenschaften, die zum einen zwar der Figurenkonzeption zuzuordnen sind, andererseits aber die emotionale Grundhaltung des impliziten Lesers weiterhin in der Vermeidung moralischer Urteile und Bewertungen unterstützen. So dient die Beschreibung des Umstands, dass Maigret in dienstlicher Weise diskret mit den herausgefundenen Schlüsselinformationen bezüglich der emotionalen Hintergründe eines Mordes oder Mordanschlages umgeht, sowohl der Betonung seines Charakterzugs, dass er als Figur die persönliche Würde aller anderen Mitfiguren zu wahren gedenkt, als auch der subtilen Empfehlung an den impliziten Leser auf der Erzählebene, es dem Kommissar gleich zu tun. Auch das Ausbleiben einer triumphierenden oder schadenfrohen Reaktion des Kommissars gegenüber den Tätern, wenn sie ihr wahres Gesicht zeigen und die Hintergründe ihrer Tat eingestehen müssen, beinhaltet nur einerseits die Verdeutlichung der Mitmenschlichkeit Maigrets. Denn zum anderen erlaubt diese – bis dahin ungewöhnliche – Reaktion dem impliziten Leser einmal mehr, in Anlehnung an die Hauptfigur bis zum Romanende in der nicht verurteilenden, aber neugierigen Grundstimmung dem Täter gegenüber zu verbleiben und so eine moralische Bewertung zu vermeiden. Das ist nur möglich, weil dieses Verhalten aus der Erzählperspektive nicht kommentiert wird. Die Tatsache, dass Maigret und sein Verhalten auch aus der erzählenden Per- 50 Pietr der Lette (1999: 148). 51 Pietr der Lette (1999: 145). 52 Pietr der Lette (1999: 129). 303 3 Adressatenkreis profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets spektive keine Opposition, sondern lediglich Unterstützung erfahren und so einfach als die Realität des Romans gesetzt werden, führt dazu, dass der implizite Leser die subjektive Sicht des Kommissars (der wertneutral bleiben will) als objektive Realität des Textes übernimmt oder sie zumindest in ihrer vom Text vorgeschlagenen Vorbildfunktion respektiert. Es sind die auf diese Weise zusätzlich zur Figurenkonzeption in der Erzählperspektive enthaltenen Aussagen zum Grundgehalt des Romans, die außerhalb der Charaktereigenschaften des Kommissars verdeutlichen, wie profane Erlösungsdynamik im Textuniversum stattfinden kann. Nur in Kombination mit diesen Beispielen für die Grundaussage eines Romans macht die Konzeption Maigrets für das Grundanliegen Simenons, der Suche nach dem homme nu, Sinn. 3.2.3 Die textimmanente Füllung der durch das Verhalten Maigrets entstandenen inhaltlichen Vakanzen Das Gebaren der fiktiven Kommissarfigur verdeutlicht im Zusammenhang mit der Betrachtung der Auslöser für dieses Verhalten unleugbar die gesellschaftlichen Phänomene, von denen sich der Text als Gesamtheit sichtbar distanziert. Stellt man nach der Analyse der Leerstellen dieser Textstruktur die von der Untersuchung grundsätzlich gestellte Frage nach profaner Erlösung dem Text als Ganzes zur Seite, lassen sich die vom Text deutlich abgelehnten Inhalte53 als diejenigen Phänomene zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Auftretens erkennen, von denen die Maigret-Texte unter Zuhilfenahme der Hauptfigur erlösen können. Gerade die Tatsache, dass eben diese sozialen Verhaltensphänomene nicht gänzlich aus dem Text verschwinden, sondern durch die dominante Präsenz des Protagonisten und die subtile Leserlenkung der Erzählperspektive denjenigen Mitfiguren zugeschrieben werden, die sich im Handlungsverlauf als unterlegen oder als der Situation der Romanhandlung nicht gewachsen erweisen, verstärkt und betont die grundsätzliche Ablehnung der Gesamtaussage des Textes gegenüber all den Mechanismen, die dazu führen, vorschnell Position zu beziehen, Vorurteile aufzubauen und Urteile zu fällen. Wovon genau die Maigret-Texte den impliziten Leser erlösen können, ist aufgrund dieser textimmanenten Struktur überaus prägnant. Darüber hinaus beinhaltet die Ablehnung bestimmter Verhaltensweisen durch die Leerstellen gleichzeitig die Frage nach der Refunktionalisierung dieser inhaltlichen Vakanzen: Wenn der Text immanent verdeutlicht, wovon er erlösen will, macht er dann auch deutlich, wozu? Falls die Maigret-Texte eine Füllung dieser inhaltlich intendierten Leerstellen anbietet, muss sie in Zusammenhang mit deren Auftreten erkennbar sein. Das impliziert strukturell die textimmanente Analyse dessen, was genau an die Stelle der eigentlich erwarteten bzw. eingeforderten, aber nicht erfolgten Reaktionen Maigrets tritt: Womit reagiert der Kommissar auf die von ihm abgelehnten Forderungen nach Speku- 53 Die abgelehnten Inhalte sind folgende: kategorisierendes Ein- und Beurteilen von Personen bzw. Figuren, spekulative Interpretation akuter und ungewöhnlicher Situationen, hypothetische Spekulation über die weitere Entwicklung solcher Situationen in der Zukunft und allgemeine persönliche Spekulationen aufgrund emotionaler Befindlichkeiten. 304 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets lation, Interpretation, Kategorisierung oder Bewertung von Personen oder Situationen? Reicht bereits die Aussage über die Figur durch das Nichtgesagte aus, um zu erkennen, welche Alternative der Text anbietet, oder bietet er gar nichts an? So wie die Entstehung der Leerstellen sowohl durch verbales als auch durch nonverbales Verhalten gekennzeichnet ist, lassen sich auch die möglichen textimmanenten Füllungen dieser Vakanzen an verbalen oder nonverbalen Reaktionen ablesen. Dennoch erscheint es effektiver, die Strukturierung der Alternativ-Angebote des Textes zu Spekulationen, Interpretationen, Kategorisierungen und Bewertungen nach inhaltlichen Auffälligkeiten vorzunehmen als nach der Art ihrer Darstellung. 3.2.3.1 Die Rückführung auf die Wirklichkeitsebene Die erste Beobachtung bezüglich des Verhaltens des Kommissars liefert im Wesentlichen eine intellektuell-theoretische Antwort auf die Aufforderung zur Spekulation. Mit Rückführung auf die Wirklichkeitsebene ist hier gemeint, dass der Kommissar den sprachlichen Sender des Appells an ihn, eine Spekulation oder Hypothese aufzustellen, in der Art eines Gegenvorschlags dazu ermutigt, sich aufgrund der vorliegenden, greifbaren Indizien selbst ein Bild von der Situation (oder Person) zu machen. »Sieh an, da ist ja Maigret!… Nun, was halten Sie davon?« »Nichts! Sehen Sie selbst…«54 Mit dieser Gegen-Aufforderung lehnt Maigret inhaltlich die ihm zugeschriebene übergeordnete Position als Denk-Vorreiter ab und betont gleichzeitig die Verantwortung des Fragenden, sich selbst eine unabhängige Meinung von amtsautoritären Vorgaben zu bilden. Auf diese Weise weist er die diesem Verhalten zugrunde liegende Hierarchie zurück, stellt sich mit jedem Fragenden auf dieselbe Stufe und entledigt sich gleichzeitig der Verantwortlichkeit, für eine Hypothese zuständig zu sein, die ohne nachzudenken einfach übernommen wurde, sich aber letzten Endes durchaus als falsch erweisen könnte. Um sich selbst ein Bild von der Situation zu machen, das so wenig spekulativ wie möglich ausfällt, tritt für den Kommissar anstelle einer hypothetischen Spekulation die Kontaktaufnahme mit der Lebenssituation des Opfers, den Hinterbliebenen, allen möglichen Zeugen oder Beteiligten an der Hintergrundsituation der Tat. Maigret flüchtet sich nicht in theoretische Möglichkeiten über die Situation, sondern er begibt sich unmittelbar in die von der Tat betroffene Gemeinschaft der Menschen/Figuren, die er von da an versucht, kennen und verstehen zu lernen. »Glauben Sie immer noch, Herr Kommissar…« »Ich glaube überhaupt nichts, mein Lieber! Bis nachher…« Er betrat ebenfalls den Laden.55 [Gemeint ist hier der Laden der Flamenfamilie, die von den Dorfbewohnern des Mordes beschuldigt wird und die der Kommissar jetzt kennen lernen wird.] 54 Pietr der Lette (1999: 15f.). 55 Bei den Flamen (1998: 46). 305 3 Adressatenkreis profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Ganz eng verbunden mit dem Kennenlernen der Umstände, Hintergründe und der von der Tat betroffenen Personen/Figuren ist das erstmalige Eindringen in die Atmosphäre von Tatorten, für welche die Maigret-Romane berühmt geworden sind. »Was werden Sie machen?« Aber der Kommissar entfernte sich bereits linkisch und ungeschickt und stellte sich mitten in der Halle hin wie die Besucher alter Kirchen, wenn sie ohne die Hilfe des Küsters zu erraten versuchen, was es dort Sehenswertes gibt.56 Maigret hätte fast vorgeschlagen, die Runde mit ihm gemeinsam zu machen, um noch tiefer in das Leben dieses Mannes einzudringen.57 Dieses erste intuitive und emotionale Kennenlernen der Mordumstände ist aus Sicht Kommissar Maigrets für das Verständnis eines Verbrechens unerlässlich und enthält neben den greifbaren Indizien der Spurensicherung und pathologischen Befunde aussagekräftige Hinweise zum Charakter einer Tat. Maigrets Gegenentwurf zur hypothetischen Spekulation besteht also zuerst darin, der Aufforderung zur freien Interpretation zunächst alle realen Möglichkeiten entgegen zu stellen, Hinweise auf Charakter und Umstände einer Verbrechenstat aus den tatsächlich vorhandenen Gegebenheiten und Betroffenen abzuleiten, ohne dass er die von ihm als Indizien empf