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Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets in:

Susanne Freund

Der Topos des profanen Erlösers, page 219 - 310

Simenons Maigret-Konzeption aus literaturwissenschaftlicher und theologischer Perspektive

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4008-9, ISBN online: 978-3-8288-6799-4, https://doi.org/10.5771/9783828867994-219

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Literaturwissenschaft, vol. 47

Tectum, Baden-Baden
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Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets 221 1 Profane Erlösungsdynamik Mittlerweile ist sowohl deutlich geworden, welche Charaktereigenschaften und besonderen Verhaltensmerkmale gemeint sind, wenn Kommissar Maigret als Vertreter des Topos bezeichnet wird, als auch, welche charakterlichen und behavioristischen Besonderheiten den fiktiven Kommissar in der Topos-Kategorie in die Nähe des christlichen Erlösers rücken. Die Betrachtung jeder konkreten Ausformung des profanen Erlösers als Figur kann jedoch nicht isoliert vom Gesamtgeschehen erfolgen, wie die eingangs vorgenommene Klärung der Begrifflichkeiten erwiesen hat, so dass eine rein auf die Figur begrenzte Betrachtung ohne Beachtung der jeweiligen Dynamik eines diesseitig verstandenen Erlösungsgeschehens eine unvollständige bliebe. Geht es im folgenden Hauptkapitel also um die Gegebenheiten und Umstände einer rein diesseitig verstandenen und damit adäquat zum profanen Erlöser als profan bezeichneten Erlösungsdynamik (nämlich um die Fragen wovon und wozu wird erlöst1), legt diese detaillierte Betrachtung auch einen exemplarisch zu verstehenden Grundstein für die pragmatische Relevanz der erarbeiteten Ergebnisse. Der sich an die zweite Hauptuntersuchung anschließende, letzte große Teil der vorliegenden Arbeit beschäftigt sich deshalb damit aufzuzeigen, in welchen konkreten Bereichen die hier geübte interdisziplinäre Perspektive auf säkulare Literatur (auf dem Hintergrund biblischer Metaphern, psychologischer Zusammenhänge und etymologischer Bedeutungskomponenten) ihr dialog- und beziehungsförderndes Potential entfalten kann. Das beinhaltet auch, die Zusammenhänge zwischen einer gegenwartsbezogenen Theologie und dem Potential säkularer Literatur aufzuzeigen sowie die Notwendigkeit dieses Bezugs zu untermauern. 1.1 Die drei semiotischen Hauptaspekte christlich verstandener Erlösung Die bereits im Kapitel „Theologischer Zugang zur Erlösungsbegrifflichkeit“ vorgestellten biblischen Metaphernfelder für die Rede von Erlösung werden hier durch die Verwendung neutestamentlicher Verbalstrukturen und eine psychologisch verankerte Perspektive auf das Phänomen der Erlösung vervollständigt. Dabei verhelfen für die Arbeit an den Maigrets die griechischen Verbformen λύω [lüo], σώζω [sozo] und ρύομαι [rhyomai], die im Neuen Testament hauptsächlich zur Bezeichnung einer Erlösungsdynamik herangezogen werden, zur Betonung verschiedener Bedeutungsnuancen des Phänomens. Die biblischen Metaphernfelder liefern literarisch vergleichbare Bilder im Dialog mit säkularer Literatur, und die psychologische Perspektive verdeutlicht die phänomenologische Dynamik, die interpretationsunabhängig im Erlösungsgeschehen stattfindet. 1 Das Wie? der Erlösungsdynamik ist bereits durch die umfangreiche Betrachtung der Figur Maigrets als profaner Erlöser und seines Verhaltens mitbearbeitet worden. 222 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Das Theologische Begriffslexikon zum Neuen Testament2 leitet den Artikel „Erlösung“ mit folgender Definition ein: Wo immer Menschen durch eigene Schuld oder fremde Übermacht in eine andere Gewalt geraten sind, die Freiheit verloren haben, ihren eigenen Willen und Entschluß auch ausführen zu können oder (…) das sein oder tun zu können, was (…) als Bestimmung über ihrem Leben steht, können sie, wenn ihre eigenen Möglichkeiten jener anderen Macht gegenüber nicht ausreichen, nur durch den Eingriff eines Dritten diese Freiheit wiedererlangen.3 Bereits diese theologische Begriffsbestimmung ebnet einem psychologischen Verständnis von Erlösungsbedürftigkeit den Weg, wie er sich in der Definition von Prägung bei Monika Renz findet. Genau dann, wenn ich von einer Prägung ausgehe, namentlich von Mechanismen, aus denen der Mensch alleine nicht herausfindet, wird für mich das Phänomen Erlösungsbedürftigkeit verständlich. Erlösung geschieht primär aus Prägung (…). (…) Wandlung und Erlösung geschehen nicht ohne das, was ich das Dritte nenne, anthropologisch gesprochen nicht ohne ein Außerhalb, das ins Menschliche eingreift. Theologisch gesprochen nicht ohne die Bewegung Gottes auf den Menschen zu (…).4 Das christlich-protestantische Verständnis von Erlösung basiert auf dem sich auf unterschiedliche Ebenen vollziehenden Handeln Gottes (und Jesu Christi) zum Wohlergehen des Menschen, das im griechischen Ursprungstext mit mehreren Ableitungen der Verben λύω [lüo] (= losmachen, befreien), σώζω [sozo] (= herausreißen, erretten) und ρύομαι [rhyomai] (= bewahren, schützen, abwehren)5 beschrieben wird6. So beinhaltet die Verwendung einer konkreten Vokabel oder einer ihrer Ableitungen zwar die Betonung eines ganz bestimmten Aspektes christlicher Erlösung, keinesfalls aber einen Absolutheitsanspruch über die anderen Bedeutungskomponenten und Realitätsebenen des Bedeutungsausmaßes.7 2 ThBNT (1967). Darin folgende Artikel: Mundle (1967a: 258–260)); ders. (1967b: 260–263); Schneider (1967a: 263–264); ders. (1967b: 264–270). 3 Mundle (1976a: 258). 4 Renz (2008: 15). 5 „Während λύω [lüo] = losmachen, befreien (…) den Freimachungsakt (…) unter dem Aspekt des Aufhebens der Bindung durch eine entflechtende Handlung oder (…) des Auslösens durch Hingabe eines Gegenwertes (…) beschreibt, betont (…) σώζω [sozo] vorwiegend das Herausreißen, Erretten aus einer lebensbedrohenden Gefahr unter Einsatz einer überlegenen Macht, und hebt ρύομαι [rhyomai] (…) den Charakter des Bewahrens und Schützens in, vor oder aus drohender oder akuter Gefahr hervor (abwehren).“ Mundle (1967a: 258). 6 λύω [lüo] = losmachen, befreien; σώζω [sozo] = herausreißen, erretten und ρύομαι [rhyomai] = bewahren, schützen. Vgl. Mundle (1967a: 258–260). 7 Zum Anspruch verschiedener Bedeutungsnuancen des Erlösungsverständnisses vgl. besonders das Interview mit Michael Welker (2009) in der Zeitschrift Zeitzeichen. Darin heißt es zur Vorstellung davon, was Erlösung ist u. a.: „wahr ist, dass es sich bei diesem Prozess des kommenden Reiches Gottes um ein Geschehen handelt, das sowohl immanent als auch transzendent, sowohl innerlich als auch äußerlich, sowohl gegenwärtig als auch zukünftig ist. Denn dieses Geschehen vollzieht sich in emergenten Formen, das heißt hier, es ereignet sich in vielen kleinen und größeren Erfahrungen und Taten der Liebe und Vergebung (…). Die Betonung (…) sagt uns etwas über vorherrschende Erlösungsvorstellungen.“ Welker (2009: 31). 223 1 Profane Erlösungsdynamik Im Gegensatz zu einem Absolutheitsanspruch verweist die Verwendung der einzelnen Verben durch die teilweise identische Übersetzung der griechischen Ableitungen verschiedener Wortgruppen ins Deutsche immer auf den semantischen Gesamtzusammenhang des Bedeutungskomplexes von Erlösung.8 Weiterhin ausschlaggebend ist für das christlich-protestantische Erlösungsverständnis die sich durch alle Bedeutungsaspekte ziehende Universalität des göttlichen Heilsangebotes9 sowie die untrennbare Verbindung zwischen Erlösungsgeschehen und individuellem Glauben als Raum der Beziehung zwischen Gott und Mensch, in dem die Erlösung stattfindet.10 Dem entspricht der auf psychologischer Seite ausgewiesene Zusammenhang zwischen der „Bewegung Gottes auf den Menschen zu“11 und der göttlichen Angewiesenheit auf eine „Einbruchstelle im Menschen“12. Der theologisch konstatierte Beziehungsraum zwischen Gott und Mensch findet eine phänomenologische Entsprechung in psychischer Dynamik: Heilswege sind Prozesse, in die der Mensch seinen Beitrag einzubringen hat, ebenso wie ihm geholfen werden muss (…) Sowohl ist Erlösung primär Gnade, als sie auch der menschlichen Bereitschaft – oder Einsicht in die eigene Erlösungsbedürftigkeit – bedarf. Im Zusammentreffen von menschlicher Bereitschaft und [göttlicher] Gnade geschieht Erlösung.13 Innerhalb der wissenschaftlichen Darstellung des ThBNT14, wie sich die sprachlichen Aspektträger in ihrer etymologischen Entwicklung zur Gesamtbedeutung christlichen Erlösungsverständnisses verhalten, findet sich der wiederholte Hinweis auf die Verschränkung von Gegenwart und Zukunft des göttlichen Erlösungshandelns am Menschen: Die dem Individuum zugesprochene Erlösung beinhaltet zum einen pragmatisch und zum anderen theologisch sowohl eschatologische Zusage (bzw. zukünftige Vollendung des Heils als geschichtliches Endziel) als auch gegenwärtig erfahrbare Rettung oder Bewahrung (z. B. Heilung von Krankheit, Befreiung aus Unterdrückung oder sozialer Isolation, Sündenvergebung).15 Die griechische Vokabel ρύομαι [rhyomai] betont die Präsenz gött- 8 Z. B. λύω [lüo] = lösen, befreien, απολύω [apolüo] = freigeben, entlassen (Mundle 1967a: 258) – λυτρόω [lütroo] = erlösen, befreien (Mundle 1967a: 260) – ρύομαι [rhyomai] = abwehren, bewahren, retten, beschirmen (Mundle (1967b: 263)) – σώζω [sozo] = retten, erlösen, helfen, bewahren (Schneider (1967a: 264)). 9 „Der wahre und lebendige Gott ist der Heiland a l l e r Menschen (…). Der Heilsplan Gottes ist allumfassend, und Gott ist darauf bedacht, ihn auf alle mögliche Weise zu verwirklichen.“ Schneider (1967b: 269). 10 Zur Universalität des göttlichen Heilsangebotes vgl. Schneider (1967b: 266, 269); zur Verbindung von Erlösungsgeschehen und individuellem Glaube vgl. Mundle (1967b: 262) und Schneider (1967b: 265). 11 Renz (2008: 15). 12 Renz (2008: 15). 13 Renz (2008: 127). 14 ThBNT (1967). 15 Zur Gegenwärtigkeit der eschatologischen Heilszusage vgl. Mundle (1967b: 262) und Schneider (1967b: 266f.). Auch die Exodus-Begebenheit aus dem Alten Testament veranschaulicht bereits einprägsam, dass Gottes Erlösungshandeln und sein eschatologischer Heilsplan auch in der jeweiligen Gegenwart schon auf pragmatische Weise erfahrbar sind. Vgl. Mundle (1967a: 260). 224 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets lichen Erlösungshandelns in der augenblicklichen Gegenwart beispielhaft. In der Definition von Schneider16 deutet sie eine große Bandbreite an Möglichkeiten an, einem säkular denkenden Menschen seine eigene konkrete Erlösungsbedürftigkeit vor Augen zu führen. Er definiert ρύομαι [rhyomai] wie folgt: Die Grundbedeutung des Wortes ist abwehren, bewahren, d. h. den unverletzten Zustand von Menschen und Dingen durch machtvoll helfendes Eingreifen oder auch durch magische und technische Mittel erhalten. (…) synonym mit σώζω [sozo] steht es nur in der speziellen Bedeutung retten oder beschirmen. Rettung und Bewahrung gehen von Göttern oder Menschen aus, welche die Möglichkeit haben, sich schützend vor andere zu stellen und ihr Leben zu erhalten.17 Aus der etymologischen Verzahnung der ursprünglichen Bedeutungskomponenten des griechischen Erlösungsbegriffs ergibt sich folgende Übersicht über seine semantischen Bedeutungsaspekte für die christlich-religiöse, aber auch für die säkulare Verwendung: Die Definition, auf die das biblische Erlösungsverständnis zurückgreift bzw. verweist, umfasst demnach grundsätzlich beide Existenzebenen, säkular und sakral, ohne aufgrund des göttlichen Heilshandelns für sein Volk in der Geschichte einer Ebene den Vorzug zu geben. Aus diesem Grund kann die heute vorherrschende Dominanz der sakralen Bedeutungskomponente von Erlösung auch nur im Sinne einer bewusst gewählten Betonung verstanden und darf keinesfalls isoliert für ein christliches Erlösungsverständnis gewählt werden. Auf die Wichtigkeit der Existenz beider Realitätsdimensionen gött- 16 Schneider (1967a: 263f.). 17 Schneider (1967a: 263). Herausreißen aus lebensbedrohlicher Gefahr unter Einsatz einer überlegenen Macht σώζω (herausreißen, erretten) ρύομαι (abwehren) λύω (losmachen, befreien) Erlösen 1) Abwehrendes Schützen/Bewahren vor akut drohender Gefahr 2) Erhalten des unverletzten Zustands von Menschen und Dingen durch machtvoll helfendes Eingreifen (auch magische und technische Mittel) 1) Auslösen durch Hingabe eines Gegenwerts 2) Auflösen einer Bindung durch eine entflechtende Handlung 225 1 Profane Erlösungsdynamik lichen Erlösungshandelns und ihrer Balance verweist bereits Jesus selbst, indem er bei der Aussendung seiner Jünger zu beidem den Auftrag erteilt18 und ihnen die Kinder19 in ihrer Ganzheitlichkeit (die gerade nicht zwischen säkular und sakral trennen) als Vorbild vor Augen stellt. Wenn göttliches Erlösungshandeln also auf ganzheitliche Art erlebt werden soll, darf der Weg zum ganzheitlichen Verständnis dessen bei Menschen aus einem säkular geprägten Umfeld sicherlich zunächst über die greifbare Seite führen. Wohlgemerkt ist damit nur eine chronologische Reihenfolge angedacht und keine qualitative Aussage als Dominanzanspruch vertreten. Darüber hinaus führt die Definition von ρύομαι auf innerbiblischem Hintergrund den Menschen als Retter ein20, der sicherlich für einen säkularen Adressaten ein greifbares Gegenüber darstellt. Dabei ist jedoch zu beachten, dass auch hinter dem Erlösungshandeln der menschlichen Retter Gott selbst als Urheber der Rettung verstanden wird21 und dass jegliche Art äußerlich-situativer Befreiung im Alten Testament (wie z. B. die Befreiung des Volkes Israel aus der babylonischen Knecht- und Gefangenschaft) gleichbedeutend bleibt mit theologisch-geistlicher Erlösung. Zwischen säkularer und sakraler Rettung bzw. Erlösung wird hier kein Unterschied gemacht. Die äußerlich-situative Befreiung wird gleichgesetzt mit göttlichem Heilshandeln und als Erweis göttlicher Liebe zu seinen Kindern verstanden.22 Der Grund dafür liegt beim Urheber des Erlösungshandelns, denn es ist Gott selbst, der nicht zwischen sakralen und säkularen Lebensbereichen derer unterscheidet, denen sein Erlösungswille gilt. Die wechselseitige Übertragung säkularer und sakraler Bedeutungselemente ist demnach auch in biblischem Sinn legitim. 1.2 Übertragung auf die Maigret-Romane Die Maigret-Romane bieten aufgrund der in ihnen geschilderten Ausgangssituationen sowohl ein großes Potential an Identifikationsmöglichkeiten für den impliziten Leser an als auch einen Überblick über die aktuellen Formen von Verlorenheit, Unerlöstheit und damit Erlösungsbedürftigkeit säkular geprägter Zeitgenossen für den praktisch-theolo- 18 Z. B. in Lk 9,1f. (Elberfelder 2001): „Als er aber die Zwölf zusammengerufen hatte, gab er ihnen Kraft und Vollmacht über alle Dämonen und zur Heilung von Krankheiten. Und er sandte sie, das Reich Gottes zu predigen und die Kranken gesund zu machen.“ Vgl. auch Lk 10,8f. (Elberfelder 2001): „Und in welche Stadt ihr kommt, und sie nehmen euch auf, da eßt, was euch vorgesetzt wird, und heilt die Kranken darin und sprecht zu ihnen: Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen.“ 19 Lk 18,17 (Elberfelder 2001): „Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht aufnehmen wird wie ein Kind, wird nicht hineinkommen.“ 20 Z. B. in Ex 2,17.19; 2 Sam 14,16; 19,10; Sir 40,24. Vgl. Schneider (1967a: 263). 21 „Das AT kennt auch menschliche Retter (…). Aber aufs Ganze gesehen überwiegt das theozentrische Verständnis von ρύομαι [rhyomai]: Rettung und Bewahrung im Leben des Volkes und des einzelnen sind vom Willen Gottes abhängig. (…) Rettung bedeutet im AT »Bewahrung vor dem Herausgerissen werden aus dem von Jahwe gesetzten Heilsbereich« (Kasch, S. 1002).“ Schneider (1967a: 263). 22 „Gott bedient sich wohl der Menschen, aber entscheidend ist, was Gott selber tut. Er rettet aus Nöten, Ängsten und → Bedrängnissen, aber auch aus → Sünde und → Schuld. (…) In seinem Dienst haben die starken Helden, Richter und Nasiräer (Ri 13,5), Fürsten und Könige (2 Sam 14,4; 2 Kön 6,26) Hilfe geleistet und Recht geschaffen (Hos 13,10). Jahwe hilft aber auch (…) den einzelnen (…) aus Anfechtungen und Drangsalen, aus Krankheit, Gefangenschaft oder Anfeindung (Ps 107,13ff.; 109,31 u. ö.).“ Schneider (1967a: 264). 226 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets gisch Interessierten. Um nun den potentiellen Aspekten einer diesseitigen und säkular nachvollziehbaren Erlösungsdynamik auf die Spur zu kommen und damit später auch dem Potential für die pragmatische Relevanz der Maigret-Romane, ist zunächst die Frage von größter Wichtigkeit, wovon eigentlich befreit werden muss (Art der Unerlöstheit). Aus den Ergebnissen zur Betrachtung dieser Grundsituationen resultieren die Desiderata nach dem Erlösungsziel (Wozu wird erlöst?) und der Erlösungsmethode (Wie wird erlöst?). Da es sich bei Kommissar Maigret um eine Figur handelt, deren Erlöserpotential vom Autor nicht vorsätzlich als solches angelegt wurde, lassen sich sowohl Erlösungsziel als auch Erlösungsmethode nur indirekt aus dem Umgang Maigrets mit den Schuldigen in ihrer jeweiligen Erlösungsbedürftigkeit ableiten und werden daher unter dem Aspekt des Umgangs mit den jeweiligen Situationen der Erlösungsbedürftigkeit bearbeitet. Es ergibt sich daraus folgende schematische Übersicht über die Aspekte profaner Erlösungsdynamik: 1.2.1 Grundsituationen der Erlösungsbedürftigkeit in den Maigret-Romanen Hans-Ludwig Krechel hat bereits 1982 die semantischen Strukturen des Simenonschen Vokabulars innerhalb der Maigret-Romane untersucht.23 Mit Blick auf die von ihm erarbeitete Vokabularstruktur der dominanten Wortfelder in den Romanen wird deutlich, dass verschiedene Arten von Unerlöstheit bzw. Erlösungsbedürftigkeit feststellbar sind, 23 Vgl. Krechel (1982). Mit dem Ziel, die Diskussion über die Besonderheit des Simenonschen Schreibstils um eine systematische Analyse seines Wortschatzes zu erweitern, bearbeitet er das Vokabular des Raumes, der Zeit, der biologischen und physischen Gegebenheiten, der Sinneswelt, der emotionalen und rationalen Lebensäußerungen, der Technik und des gesellschaftlichen Lebens in zehn ausgewählten Maigret-Romanen. Adressaten (Wer?) Mittel (Wie?) Verhalten des Erlösers gegenüber Situation und Person der Erlösungsbedürftigen (abhängig von der Art der Erlösungsbedürftigkeit) Erlösungsbedürftigkeit (Wovon?) Erlösungsziel (Wozu?) Grundsituationen von Unerlöstheit, Verlorenheit, Erlösungsbedürftigkeit Situation nach dem Handeln und Verhalten des Erlösers 227 1 Profane Erlösungsdynamik die sich im Roman in emergenten Formen einer psychischen Krise (der Betroffenen) manifestieren. Diese psychische Krise zeigt sich in der Präsenz folgender Phänomene24: 1. Versuch, sich aus bestimmten gesellschaftlichen oder privaten Verhältnissen zu lösen 2. Suche nach Selbstbestätigung 3. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit über die Ausweglosigkeit der eigenen Situation 4. private Enttäuschungen 5. berufliches Scheitern 6. zurückgewiesene Liebesgefühle 1.2.2 Angst als vorherrschende Grundstimmung In seiner Arbeit gelangt Krechel zu der Feststellung, dass im Bereich der Bezeichnungen für emotionale Lebensäußerungen die Vokabeln der unangenehmen Gefühle über die der angenehmen dominieren.25 Zwar liegt für ihn die Ursache dafür darin begründet, dass die Maigrets im Milieu der Kriminalpolizei spielen, in dem kein Platz für angenehme Gefühle vorhanden ist, aber die Stellungnahme Simenons selbst dazu, die Krechel als Beleg für die Authentizität auktorialer Wiedergabe realer Stimmungen im Milieu anführt, weist deutlich über die Ebene der Stilistik hinaus. Simenon gibt an, dass die Dominanz unangenehmer Gefühle insofern verständlich sei, als es sich fast immer um Leute handele, die mitten in einem Drama um ihren eigenen Kopf kämpften. Bei der Kriminalpolizei sei man selten unbeschwert heiter, denn die Seite des menschlichen Daseins, mit der diese Menschen in Berührung kommen, habe nichts Tröstliches an sich.26 Das in den Maigret-Romanen grundsätzlich zu verstehende Rätsel um das hinter dem Tatmotiv stehende menschliche Drama beinhaltet das Hauptinteresse für Simenon. Auf der Suche nach dem bloßen Menschen ist es dieses psychologische Drama, welches ein verständliches und nachvollziehbares Tatmotiv liefern kann. Aufgrund der von Krechel herausgearbeiteten Vokabularstrukturen innerhalb der Konkrektionen von Grundsituationen, die für die verzweifelte Lage der Erlösungsbedürftigen als Ursache festgestellt werden können, lässt sich weiterhin erkennen, dass das Begriffsfeld der Angst innerhalb der Bezeichnungen für emotionale Lebensäußerungen in den Maigrets die vorherrschende Atmosphäre fast immer grundlegend beeinflusst und außerdem denjenigen Bereich unangenehmer Gefühle umfasst, in dem die psychische Krise der genauer betrachteten Figuren anzusiedeln ist. Die unerträgliche Stärke der Angst in der konkreten Ausfor- 24 Vgl. Krechel (1982: 142). 25 Vgl. Krechel (1982: 136f.). 26 Das hier sinngemäß wiedergegebene Simenon-Zitat lautet wörtlich: „Quant à la majorité de sentiments désagréables c’est assez compréhensible puisqu’il s’agit presque toujours de gens qui se débattent au milieu d’un drame. J’ai beaucoup fréquenté la police judiciaire. On y est rarement enjoué car l’humanité que ces gens côtoient n’a rien de réconfortant.“ Aus einem Brief Georges Simenons an Hans-Ludwig Krechel vom 05.01.1979, zitiert nach Krechel (1982: 260 Anhang nicht numeriert). 228 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets mung einer solchen psychischen Krise ist der letzte Auslöser für die Verbrechenstat des Mörders, mit der Tat selbst aber keinesfalls beseitigt. Dieser Zusammenhang wird aus postmoderner psychologischer Perspektive bestätigt: Die menschliche Subjektwerdung wird als Abspaltung vom Ganzen begriffen, was eine Urprägung des Abgespaltenseins und Verlorenseins sowie eine Urangst vor einem archaisch erlebten Numinosen nach sich zieht. (…) Beides, das Verlorensein wie das Bedrohtsein durch das Numinose, bedeuten für das werdende Ich (…) eine existenzielle Angst. Ich spreche von Urangst in zwei Gesichtern, fassbar als permanent einwirkende unbewusste Angstbereitschaft.27 Die durch diese existenzielle Urangst ausgelöste psychisch-dynamische Reaktion (der Flucht) manifestiert sich beim heutigen Menschen strukturell auf drei Ebenen. Renz spricht von Angst-, Begehrens- und Machtstruktur, über die das Subjekt versucht, seine Urangst zu bewältigen und seiner Gefühle wieder Herr zu werden. 28 Die drei Ausprägungen sind wie folgt fassbar: a) Angststruktur oder das sich ständig verlierende Vertrauen. = Ebene der Urbefindlichkeiten b) Begehrensstruktur oder das Unfrei-Sein inmitten eigener, schon reflexartig einsetzender Gier. Haben statt Sein. Das Verhältnis des Subjekts zu Sache und Welt. = Sachebene c) Machtstruktur oder die Unfähigkeit, anders auf Beziehung, Verletzung und Ohnmacht zu reagieren als mit Selbstbestimmung, Machtgier, Gewalt, Macht statt Liebe. Das Subjekt in seinem Beziehungsverhalten. = Beziehungsebene29 Der theologisch bemerkenswerte Schluss aus diesen Beobachtungen ergibt sich aus der Tatsache, dass der Mensch in der Konsequenz dieser Zusammenhänge nicht primär aufgrund einer konkreten Schuld bzw. Tat erlösungsbedürftig und auf Gnade angewiesen ist, sondern aufgrund seines existenziellen Zustands.30 Eine umfassend verstandene Erlösung muss sich demnach primär auf den unerlösten, urängstlichen Zustand des Menschen beziehen und nicht (nur) auf seine konkrete Schuld, die als Ausdruck oder Symptom seines Zustandes zu verstehen ist.31 Maigrets Weigerung, ein wertendes Urteil über das Verhalten, Handeln oder charakterliche Zuschreibungen zu seinen Verdächtigen abzugeben, passt zu diesem psychologischen Zusammenhang. Denn auch außerhalb der Urangst in der psychischen Krise zeigt sich das Phänomen der Angst in den Maigrets zwar in verschiedenen Formen, bleibt aber allgegenwärtig: Zuerst haben die Verdächtigen Angst vor dem Kommissar aufgrund seiner Qualitäten als erfolgreicher Ermittler und damit der Täter eigentlich vor dem Gefasst- bzw. Ent- 27 Renz (2008: 19). 28 Vgl. Renz (2008: 19f., 29f.). 29 Renz (2008: 30). 30 Vgl. Renz (2008: 30). Renz spricht von der „condition humaine“, der „Urprägung Mensch und ihren Folgen“. 31 „Umgekehrt wird Erlösung (…) nicht zu einem uns enthobenen jenseitigen Etwas, sondern – wo wir dafür offen sind – zu einem realen, in Seele und Lebenswelt stattfindenden Prozess.“ Renz (2008: 30). 229 1 Profane Erlösungsdynamik larvtwerden, alle anderen vor der Enthüllung der Wahrheit über sie.32 Dann werden die Täter von den möglichen Konsequenzen ihrer Tat in Angst und Schrecken gehalten, die sie wiederum mit der Person des Polizisten in Verbindung bringen, der sie gefangen nehmen kann und so über die Macht verfügt, sie den gefürchteten Konsequenzen auszusetzen (Gefängnis, Tod durch Guillotine). Schließlich haben die Täter häufig auch Angst vor sich selbst: Die Erkenntnis, dass sie eine Tat begangen haben, derer sie sich niemals fähig glaubten, lässt sie an Selbstbild und -kontrolle zweifeln und verursacht die reflexive Angst vor der Möglichkeit, ein weiteres Mal zu dieser Ungeheuerlichkeit imstande zu sein.33 Auch Maigret selbst bleibt nicht von der Angst verschont. Er bewegt sich während seiner Ermittlungen immer wieder innerhalb einer Angst einflößenden Atmosphäre, die von bestimmten Orten, aber auch von der bedrohlichen Wirkung der Tatumstände ausgehen kann und die ihre Wirkung auf dem Kommissar nicht verfehlt.34 Bezüglich der Angst als (Mit-)Ursache für eine psychische Krise muss darüber hinaus darauf hingewiesen werden, dass bei der Fokussierung auf die Grundsituationen von Erlösungsbedürftigkeit der Rahmen einer traditionellen Figurenkonstellation im idealtypischen Krimi verlassen werden muss. Wie bereits verdeutlicht, verwendet Simenon zwar den Spannungsrahmen des Krimis für sein auktoriales Anliegen der Suche nach dem homme nu, aber er folgt in der Schwerpunktsetzung seiner Erzählung nicht dem typischen Genre-Schema. Daraus resultiert die Tatsache, dass es nicht ausschließlich – wenn auch recht häufig – die am Ende erwiesenen Täter des Verbrechens sind, deren Grundangstsituation ihrer psychischen Krise im Mittelpunkt des Verstehensprozesses des Romans steht. Zum Teil sind es andere, in die Katastrophe verstrickte Charaktere, deren Ängste zur Entstehung des Verbrechens beigetragen haben, welche aber nicht selbst die Funktion des Mörders im Krimi tragen. Ihre persönliche Krise wird dann dem impliziten Leser als Haupterzählstrang im Roman nahe gebracht, wenn die emotionalen Verwicklungen dem Fokus des Autors auf den bloßen Menschen dienlicher sind als das Innenleben z. B. eines Täters, aus dessen Waffe sich im Handgemenge aus Versehen ein tödlicher Schuss löst. Für die Betrachtung der Grundsituationen von Erlösungsbedürftigkeit ist es wiederum unwesentlich, ob die zur nach und nach aufgedeckten psychischen Krise gehörende Figur selbst der Mörder ist oder nicht. So folgt die Untersuchung hier dem legitimen Schwerpunkt der auktorialen Perspektive und nimmt in die Analyse der unerlösten Grundsituationen auch die Betrachtung der emotionalen Krisen von zwar dargestellten Hauptfiguren auf, die aber im Roman nicht zu Tätern im Sinne eines Mordes geworden sind.35 1.2.3 Die Bereiche der psychischen Krise Da der Kommissar innerhalb einer von Angst geprägten Atmosphäre in erster Linie die Lebensgeschichten der Verdächtigen untersucht, um die psychischen und/oder sozialen Motive ausfindig zu machen, die Schuldige zu Tätern werden lassen können, liegt auch die Erlösungsbedürftigkeit der Hauptschuldigen in den Maigret-Romanen in den meis- 32 Vgl. Krechel (1982: 141). 33 Vgl. Krechel (1982: 141). 34 Vgl. Krechel (1982: 140f.). 35 Wie z. B. dem Lehrerssohn im Roman In der Schule. 230 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets ten Fällen in ebendiesem Bereich der psychischen Krise beheimatet. Die Mächte, deren Kräfte das Leben der Romanfiguren „in höchstem Maße lähmen und quälen“36 und die Angst vor ihnen übermächtig machen, werden in den fiktiven Texten Simenons u. a. in verschiedene moderne Gesellschaftskrankheiten der westlich orientierten Wirtschaftsnationen übersetzt, die alle in irgendeiner Form eine Art von Unfreiheit bzw. Gefangenschaft37 ausdrücken: 1. Existentielle Bedrohungen (körperlich) 2. Gesellschaftliche und kulturelle Isolation (kommunikativ) 3. Berufliche Missachtung und Ausbeutung (finanziell) 4. Private Unterdrückung, Verachtung und Erpressung (sozial) 5. Psychische Selbstentfremdung und emotionale Wertlosigkeit (emotional) 6. Absolutheitsanspruch der Systeme (gesetzlich) Der Kampf mit den bei Simenon geschilderten „Symptomen“ psychisch existentieller Urangst spiegelt meist nicht nur häufig den Auslöser der für die jeweilige Tatmotivation verantwortlichen seelischen Krise, sondern impliziert gleichzeitig mehrere Identifikationsmöglichkeiten für einen als zeitgenössisch konzipierten impliziten Leser, da sie alle Ebenen des individuellen und gesellschaftlichen Lebens abdecken können: die körperliche, die kommunikative, die finanzielle, die soziale, die emotionale und die gesetzliche/ forensische. Die greifbare Erlösungsbedürftigkeit der einzelnen Figuren, welche durch die oben aufgeführten Mechanismen auslöst wird, liegt bei Simenon hauptsächlich in den Bereichen von: 1. Hoffnungslosigkeit aufgrund von unheilbarer Krankheit oder Tod38 2. Einsamkeit als Folge gesellschaftlicher oder kultureller Isolation39 3. Mangelndem Selbstwertgefühl aufgrund von beruflicher oder privater Unterdrückung, Verachtung, Erpressung und Ausbeutung40 36 Welker (2009: 30). 37 Die biblisch verwendeten Paradigmen (sozial, finanziell, gesetzlich) in der Rede von Erlösung scheinen hier bereits anschlussfähig. 38 Das entspricht einem Erlösungsbegriff nach dem medizinischen Paradigma von Krankheit und Arzt. Diese Grundthematik findet sich z. B. in der Sprachlosigkeit als Folge von Hoffnungslosigkeit für die Figur des Joseph Heurtin (in: Der Kopf eines Mannes), in der Perspektivlosigkeit aufgrund unheilbarer Krankheit bei Johann Radek (in: Der Kopf eines Mannes) und in der Hoffnungslosigkeit infolge des tödlichen Verlustes des eigenen Kindes bei Père Canut (in: Die Neu fundlandfahrer). 39 Hier kommt das kommunikative Paradigma von Erlösung zum Tragen. Einsamkeit als Folge gesellschaftlicher oder kultureller Isolation wird thematisiert im Mord aus Angst vor Vereinsamung in der Fremde und aufgrund gesellschaftlicher Isolation von Anna Peeters (in: Bei den Flamen), im Aufbegehren gegen die erzwungene Separation von der eigenen Familie und dem erzwungenen Exil im Ausland von Raymond Grandmaison (in: Der geheimnisvolle Kapitän), im Wunsch nach Integration in die Klassengemeinschaft von Jean-Paul Gastin, der zum kindlichen Verschweigen der Wahrheit über die Unschuld des Vaters führt (in: In der Schule) und in der selbst gewählten Isolation von der Dorfgemeinschaft des Lehrers Joseph Gastin, die zu Falschanklage wegen Mordes führt (in: In der Schule). 40 Diese Grundsituationen werden durch Aspekte des sozialen, gesetzlichen und finanziellen Paradigmas für Erlösung angesprochen. Beispiele finden sich u. a. in der privaten Unterdrückung, familiären Missachtung, finanziellen Ausbeutung und Erpressung von Paulette Lachaume (in: Die wider- 231 1 Profane Erlösungsdynamik 4. Emotionaler Verzweiflung aus der Verbindung von Hass- und Liebesgefühlen in unglücklichen Liebesbeziehungen41 Bei der Betrachtung der einzelnen Bereiche der psychischen Krise wird darüber hinaus ersichtlich, dass sich letztlich alle aufgeführten Gebiete immer mit dem Grundphänomen von psychischer Selbstentfremdung und emotionaler Wertlosigkeit in Verbindung bringen lassen, was ihrem Ursprung in der psychologisch konstatierten existenziellen Urangst entspricht. Die hier vorgenommene Ausdifferenzierung der verschiedenen Bereiche von Erlösungsbedürftigkeit soll jedoch keinesfalls den Eindruck erwecken, dass sie immer als Einzelphänomen erscheinen. Schon die grundständige und fast durchgängig zu beobachtende Verquickung mit der psychischen Selbstentfremdung legt nahe, dass die konkrete Erlösungsbedürftigkeit einer Figur sich aus mehreren Erlebensebenen speist. Die hier vorgenommene theoretische Separation bleibt legitim, weil literarisch meist eine Ebene als besonders dominant geschildert wird.42 Je deutlicher sich im Handlungsverlauf eines Maigret herausstellt, wie stark die Belastung des Schuldigen in seiner Angst während der Phase bis zur Tat ist, in der sich die lebensfeindlichen Aspekte seiner Lebenssituation weiter verschärfen, desto nachvollziehbarer wird für den impliziten Leser, wie schließlich alle Selbsterhaltungsbestrebungen in der schrecklichen Verbrechenstat gipfeln konnten. Auch wenn möglicherweise der psychische Zustand einer Figur nach der Tat für den impliziten Leser nicht so verständlich erscheint, bietet doch die Entschlüsselung ihrer Lebenssituation vor dem Mord durch Maigret genügend aus dem realen Umfeld des impliziten Lesers bekannte Anknüpfungspunkte, um Parallelen zum eigenen Erleben oder Ähnlichkeiten mit eigenen Erfahrungen zu entdecken. Zusätzlich interessant für die Erlösungsbedürftigkeit der betroffenen Figuren im Maigret- Universum sind außer den Bereichen der psychischen Krise Situationen, in denen ein Verdächtiger/Schuldiger sich dem System seiner Gesellschaft ohnmächtig gegenüber sieht. Zwar gehört dieser bereits als Auslöser für eine seelische Krise aufgeführte Punkt nicht zwangsläufig zu den Ausformungen derselben, aber der Umgang Maigrets mit dem Absolutheitsanspruch der Systeme verdeutlicht einen weiteren wichtigen Aspekt der profanen Erlösungsdynamik in den Maigret-Romanen.43 spenstigen Zeugen), sowie der beruflichen Ausbeutung, öffentlichen und körperlichen Demütigung und persönlichen Bloßstellung von Gilbert Pigou durch seinen Arbeitgeber (in: Der Weinhändler). 41 Hier können Aspekte eines durch das soziale und kommunikative Paradigma verbildlichten Erlösungsverständnisses greifen. Beispiele für die Erlösungsbedürftigkeit auf diesem Gebiet finden sich in der emotionalen Verachtung durch den eigenen Vater und einer persönlichen Herabwürdigung vom besten Freund zum gehörnten Ehemann durch den Freund im Roman L’Ecluse no 1, in der emotionalen Hörigkeit und wirtschaftlich-sozialen Abhängigkeit vom Zwilling, der zum Brudermord von Hans Johannsson führt (in: Pietr der Lette) und in psychologischer Selbstentfremdung (Identitätsverlust) und emotionaler Wertlosigkeit der Mitglieder eines ehemaligen Jugendzirkels durch die existentiell bedrohliche Angst vor eigener ungesühnter Schuld (in: Der Gehängte von St. Pholien). 42 Da der Absolutheitsanspruch der Systeme gegenüber dem Einzelnen im Wesentlichen für die Figur des Maigret von Bedeutung bleibt, der dadurch in seinem persönlichen Handlungsspielraum eingeschränkt ist, wird diesem Punkt unter dem Aspekt der psychischen Krise der Täter nicht gesondert nachgegangen. Der Umgang Maigrets mit dieser Begrenzung wurde bereits in der vorangegangenen Figuren-Analyse aufgezeigt. 43 Vgl. vorhergehende Fußnote. 232 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets 1.2.4 Erlösungsbedürftigkeit vor und nach dem Mord Gerade für die fiktive Täter-Figur muss betont werden, dass die Komplexität seiner Unerlöstheit vor dem Mord eine andere ist als nach der Tat. Durch das Verbrechen selbst kommt in den Maigret-Romanen zu jeder Form der Unterdrückung, Isolation oder sonstiger Unfreiheit vor der Tat direkt danach die juristische Ebene hinzu, die, vertreten durch den Absolutheitsanspruch eines Rechtssystems, zusätzlich zur Bewältigung der psychischen Krise Strafe und Wiedergutmachung für das Begangene einfordert und den Täter dadurch selbst mit einer weiteren Unfreiheit bedroht. Gemäß der Struktur des Kriminalromans beschäftigt sich die Untersuchung des Kommissars während des größten Teils der Romanhandlung mit der Lösung des Gegenstands der mystery-Rätselspannung. Im Fall Simenons findet sich dieser Gegenstand immer im Tatmotiv, so dass sich der Erkenntnisprozess des Verstehens für den Kommissar wie für den impliziten Leser immer zuerst auf die Unerlöstheit des Täters vor seinem Vergehen bezieht. Das Ziel der Maigretschen Ermittlungen liegt demnach im Erfassen der Tatmotive durch das Erkennen der Art von Angst des Täters, die zum Höhepunkt seiner psychischen Krise geführt hat. Hier finden sich dann auch die pragmatischen Umstände, welche für die Entstehung der seelischen Krise gesorgt haben und letztlich für die Unerträglichkeit der Angst des Täters herangezogen werden können. Das Verstehen als Ziel des geistigen Erfassens der Tatmotive und des Verständnisses für ihr Zustandekommen in der Not des Individuums zeigt sich am stärksten in der die mystery-Spannung abschlie- ßenden Lösungsszene, die häufig einer Beichte bei Maigret ähnelt. Sie wird in den meisten Fällen als emotional tiefgehende Begegnung zwischen der Hauptfigur und dem Kommissar geschildert. Erst zu diesem Zeitpunkt wird der durch die Verbrechenstat ausgelöste zusätzliche Aspekt der Unerlöstheit für den Täter aus Sicht des impliziten Lesers akut: Die Bedrohung des Täters durch die absoluten Ansprüche nach Strafe, Vergeltung und Wiedergutmachung eines gesetzlichen Rechtssystems, zu dessen offiziellen Vertretern Maigret als Polizeikommissar unmissverständlich zu zählen ist. Diese Bedrohung äußert sich für den Schuldigen konkret in den rechtlichen Konsequenzen seiner Tat, wie mindestens im äußerlichen Freiheitsentzug einer lebenslangen Gefängnisstrafe, meistens sogar in der Möglichkeit, zum Tod durch die Guillotine verurteilt zu werden, und für den Leser in der Frage, wie der Kommissar nun mit dem Schuldigen verfahren wird. Es zeigt sich also, dass die Erlösungsbedürftigkeit, die in den Maigret-Romanen Simenons geschildert wird, nicht nur auf verschiedenen Ebenen menschlichen Daseins beheimatet liegen kann, sondern dass sich sogar im Laufe des individuellen Kampfes um Erlösung mehrere Arten von Unerlöstheit akkumulieren und so die Erlösungsbedürftigkeit insgesamt noch verstärken können. 233 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten 2.1 Die Grenzen profaner Erlösungsdynamik im existentiellen Paradigma Hinsichtlich einiger Ursachen für die Erlösungsbedürftigkeit von Romanfiguren zeigt sich die Begrenztheit Maigrets als profaner Erlöser am deutlichsten. Da er im Gegensatz zum christlichen kein schöpferischer Erlöser ist, sondern ihm nur rehabilitative Möglichkeiten zur Verfügung stehen, ist er gegenüber solchen Hilfebedürftigen machtlos, deren Grund für die Verlorenheit über das Säkulare hinausreicht, wie z. B. dem Verlust eines geliebten Menschen oder der Unheilbarkeit einer Krankheit. Die von Jesus und seinen Aposteln biblisch erzählten Totenerweckungen als Erlösungsbilder für die Erfahrung, vom Tod ins Leben geholt zu werden, greifen deutlich über die diesseitig reproduzierbaren Aspekte einer profanen Erlösungsdynamik hinaus und umreißen die Grenze für den Einflussbereich eines profanen Erlösers. Maigret ist zwar als Hauptfigur mit vorrangiger Stellung konzipiert, aber ohne jegliche übernatürlichen Attribute: Der Kommissar soll einen Antihelden darstellen, der gewisse Tatbestände eben zunächst nicht kennt, der Fehler begeht, sich irrt und Angst verspürt.1 Dementsprechend beinhaltet das existentielle Paradigma von Tod und Leben den Bereich säkularer Unerlöstheits- Zustände, die seine Fähigkeiten und Einflussmöglichkeit übersteigen. So sind dem Kommissar hinsichtlich aller existentiellen Bedrohungen wie z. B. Krankheit oder Tod dieselben Grenzen gesetzt wie jeder anderen als menschlich konzipierten Figur auch.2 2.1.1 Seelische Sackgassen Wie die moderne Psychologie nachweisen kann, sind seelische Heilungsprozesse immer auch von der Bereitschaft der Betroffenen abhängig, sich auf die emotionalen Prozesse einzulassen, die mit der Erkenntnis eigener Schuldanteile einhergehen.3 Im natürlichen Entwicklungsprozess der Ich-Werdung, das sich in Wollen, Abgrenzen und Durchsetzen äußert und eigentlich auf Selbstverantwortung und Autonomie zielt, gibt es einen nur schwer auszumachenden Übergangspunkt, an dem die gesunde Intensität dieser Entwicklung sich in eine heillose Dynamik verwandeln kann.4 Ungesund und schuldhaft wird diese Dynamik, sobald sie zum Selbstläufer wird, das Ich verabsolutiert und für keine andere Bezogenheit mehr ansprechbar wird. 1 Vgl. Krechel (1982: 216f.). 2 Maigrets abgebrochenes Medizinstudium kommt in Begegnungen mit Kranken niemals zum Tragen. Es ist in diesen Notlagen derart irrelevant, dass es nicht einmal zur Sprache gebracht wird. Dennoch bleibt es ein Verweis auf das Vorhandensein der Symbolik des medizinischen Paradigmas in Form eines Arztes für die Seele. Vgl. Teil IV, Kap. 2.2. 3 Vgl. Renz (2008: 74f., 127–129). 4 Vgl. Renz (2008: 74). 234 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Das zentrale Problem – und Charakteristikum von Erlösungsbedürftigkeit – ist insgesamt nicht das Ich an sich, nicht die Fähigkeit zum Subjektsein, sondern die Dynamik in Richtung eines immer mehr Ich. (…) Bis hin zu einer Verabsolutierung im Ich, wo nichts mehr offen oder berührbar, nichts mehr hineingenommen ist (…). Der solchermaßen zu sich selbst emanzipierte Mensch kann auch Gnade nicht mehr annehmen, denn dies käme einem Eingeständnis von Schwäche und damit einer narzisstischen Kränkung gleich. Sackgasse!5 Auch wissenschaftlich ist kaum feststellbar, ab welchem Zeitpunkt der Einzelne einen Grad an seelischer Verhärtung erreicht hat, der ihn auch nach dem Herausreißen aus einer solch heillosen Dynamik für die Rückführung in gesunde Lebensprozesse unempfänglich macht. Erlösung kann also nur dort ihre heilende Wirkung entfalten, wo sie auf einen Grund fällt, den sie durchdringen kann. Das biblische Gleichnis vom Sämann auf dem Acker6 untermauert auf sehr eindrückliche Weise die psychologisch belegte Tatsache seelisch-emotional vorhandener Blockaden, die das Wachstum von Heilung und Erlösung zu verhindern vermögen. Dass es ein ,Zu spät’ gibt, betonen die Evangelien auf eindrückliche Weise. (…) Es gibt die Sackgasse der Selbstherrlichkeit und der Verweigerung. Es gibt eine schuldhafte Unberührbarkeit und Leid-Unempfindlichkeit (…). Und es gibt die Verblendung im Anspruch auf Wahrheit oder auf Wohlfahrt, Besitz und Macht. (…) Innerseelisch hat unbemerkt Abspaltung und Abkapselung des Ichs weg vom Ganzen, weg von Bezogenheit und Aufeinander-Verwiesensein stattgefunden. (…) Die Frage lautet nicht mehr: Wem diene ich? Sondern: Was dient mir?7 Einem profanen Erlöser sind dementsprechend auch im seelisch-emotionalen Bereich die Grenzen säkularer Möglichkeiten gesetzt. So finden sich auch in den Maigret-Romanen Begegnungen mit Erlösungsbedürftigen geschildert, in denen der Kommissar nicht mehr zum Gegenüber durchdringt. 2.1.1.1 Verstockung: Joseph Heurtin In Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes8 wird diese Begrenztheit Maigrets auch deshalb so deutlich, weil er die betreffende Figur im Handlungsverlauf gleich zwei Mal auf physische Weise vor dem drohenden Tod bewahrt. Die tragische Opfer-Figur des Joseph Heurtin wird als naiver junger Mann eingeführt, der aufgrund der scharfsinnigen Skrupellosigkeit des wirklichen Mörders als faktisch schuldloser Hauptverdächtiger eines undurchsichtigen Doppelmordes an zwei alten Damen tatsächlich offiziell für diesen vom Gericht angeklagt und zum Tode verurteilt wird. Auch als der Junge bereits im Todestrakt auf seine Hinrichtung wartet, ist Maigret trotz erdrückender Beweislast noch überzeugt von Heurtins faktischer Unschuld. Dennoch dringt er aber trotz täglicher Gefängnisbesuche und hartnäckiger Hilfs- und 5 Renz (2008: 74f.). 6 Vgl. Jesu Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld in Mt 13,3–8; parr Mk 4,3–8; Lk 8,5–8. 7 Renz (2008: 74). 8 Der Kopf eines Mannes (2001). 235 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten Gesprächsangebote nicht zu ihm durch. Eingeschüchtert von der psychischen Manipulation des eigentlichen Täters, schweigt Joseph sich aus. Zu guter Letzt setzt der Kommissar gegenüber dem Untersuchungsrichter und dem Gefängnisdirektor einen Fluchtplan für den Jungen aus dem Hochsicherheitstrakt durch, um den Jungen zu retten und über ihn an den (bis dahin nur mutmaßlichen) eigentlichen Drahtzieher des Verbrechens zu gelangen.9 Die profane Erlösungsdynamik Joseph Heurtin gegenüber erreicht hier ihren Höhepunkt. Trotzdem steht Maigret der ganzheitlichen Verlorenheit Josephs machtlos gegen- über, weil der Betroffene ihn weiterhin ausschließt: Er kann ihn nicht davon abhalten, wieder in Freiheit einen Selbstmordversuch zu unternehmen und ist auch nicht in der Lage, ihm in seiner seelischen Verlorenheit die lebensbejahende Zukunftsperspektive nahezubringen, für die er seine Stellung riskiert hat.10 Zwar findet ihn ein zur Überwachung des Jungen abgestellter Inspektor noch in letzter Sekunde, um das Schlimmste zu verhindern11, aber den irreparablen seelischen Schäden gegenüber, die Joseph vom psychischen Missbrauch durch den wahren Täter davonträgt, steht Maigret machtlos gegen- über. Dass Maigret sich selbst als handlungsunfähig erlebt, lässt sich auch daran ablesen, dass er sich den Vorwurf des Dorfarztes an Josephs Krankenbett nach dem Suizidversuch über die vermeintlich gefängnisbedingte Mangelernährung des Jungen gefallen lässt, der schlichtweg unzutreffend ist. Diese Art der körperlich-existentiellen Bedrohung durch Unterernährung ist durch die Entscheidung Josephs, das Essen komplett zu verweigern, ausschließlich auf ihn selbst zurückzuführen. Die Begrenztheit Maigrets als profaner Erlöser auf das menschlich Machbare liegt bezüglich dieser Romanfigur darin, dass er nicht in der Lage ist, eine Hilfestellung zu geben, die über das Verhindern der schlimmsten Konsequenzen hinausgeht, weil man ihn nicht lässt.12 Das Schweigen Josephs und seine Unwilligkeit, den Kommissar an seiner Lage teilhaben zu lassen, verwehren diesem den Zugang zur Ursache der Verlorenheit Josephs und binden Maigret so die Hände. Gegen die lebenszerstörenden Entscheidungen Josephs, nichts mehr zu essen und sich an einem Nagel zu erhängen, bleibt er macht- und hilflos. 9 Diese Fluchthilfe aus der Todeszelle, gepaart mit Maigrets Einsatz zum Erweis der faktischen Unschuld des Jugendlichen ist die erste äußerliche Rettung aus lebensbedrohlicher Gefahr (σώζω- Aspekt profaner Erlösung). 10 Der verzweifelte und überforderte Jugendliche, der wieder in Freiheit vom tatsächlichen Mörder verspottet und sich selbst überlassen wird, sucht Zuflucht bei seinen Eltern, die sie ihm jedoch verweigern, weil sie selbst von der ganzen Situation überfordert sind. Das Familienoberhaupt verstößt Joseph. Der Junge sieht ohne familiären Rückhalt keine Lebensperspektive mehr und unternimmt einen Selbstmordversuch, indem er sich an einem Nagel im Schuppen seines Vaters aufhängt. 11 Diese zweite Rettung aus unmittelbarer lebensbedrohlicher Gefahr im σώζω-Sinn profaner Erlösungsdynamik lässt sich indirekt mit Kommissar Maigret verbinden, auf dessen direkte telefonische Anweisung der Inspektor aktiv wird und Joseph im Schuppen findet. 12 Selbstverständlich gilt diese Aussage auch für Jesus von Nazareth als profanen (wenn nicht sogar auch als christlichen) Erlöser. Dieser erscheint zwar aufgrund seiner göttlicher Attribute und omnipotenten Möglichkeiten aus christlicher Perspektive zunächst keinesfalls als in seinen Kompetenzen begrenzt, bindet sich aber freiwillig aufgrund seines Respekts gegenüber dem freien Willen des Menschen an dessen Zustimmung oder Ablehnung zur Erlösung. Das bedeutet de facto dieselbe Begrenzung wie beim profanen Erlöser. 236 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Denn auch wenn der Grund für diese existentielle Bedrohung zwar nicht selbst bereits Krankheit oder Tod beinhalten, so schlägt im Fall Heurtins die unheilvolle psychischseelische Verstrickung in die Schuld Radeks und den Tod der alten Damen um in die Bindung an sie, um so zur eigenen, tatsächlich existierenden Bedrohung zu werden. Die kann nicht gelöst werden, solange die seelische Komponente nicht im λύω-Sinne aufgehoben wird. Diese Möglichkeit wehrt der Betroffene jedoch nachhaltig ab, so dass die körperlich-existentielle Bedrohung bis zum Schluss bestehen bleibt. Der psychologische Faktor des menschlichen Beitrags zu gnadenhaften Heilungs- und Erlösungsprozessen13 wird an der Figur des jugendlichen Heurtin deutlich. Letztendlich ist es niemand außer Joseph selbst, der bei keinem der täglichen Gefängnisbesuche Maigrets die ihm angebotene Chance nutzt, um die Situation aufzuklären oder den Kommissar in seine Hilflosigkeit einzuweihen.14 Auch wenn sich natürlich ein Zusammenhang zum eigentlichen Mörder als Verursacher der absurden Situation herstellen lässt, dass Joseph faktisch unschuldig, aber juristisch offiziell zum Tode verurteilt im Gefängnis auf seine Hinrichtung wartet, bleibt die Entscheidung, wie er sich in der Endgültigkeit der Situation im Gefängnis verhält, doch seine eigene. Trotz des absolut zutreffenden σώζω- Aspekts des wiederholten Herausreißens aus lebensbedrohlicher Gefahr, erkrankt der Betroffene auf körperliche Weise an sich selbst. Das kommt in seiner Nahrungsverweigerung und dem Selbstmordversuch zum Ausdruck. Maigret nimmt diese äußerlichen Anzeichens ernst und reagiert in der gewohnten Art darauf, bleibt aber letztlich handlungsunfähig, solange er vorsätzlich ausgegrenzt wird. Um den Kopf dieses Mannes kämpft Maigret in diesem Roman in mehr als einer Hinsicht. Dennoch lässt sich trotz des zweimaligen Bewahrens vor dem sicheren Tod aus der Perspektive Josephs keine Wendung zum Besseren wahrnehmen. Heurtin bleibt als seelisch gebrochener, junger Mann die tragische Figur dieses Romans. 13 Vgl. Renz (2008: 127–129). 14 Vgl. Der Kopf eines Mannes (2001: 36ff.). Adressat Joseph Heurtin Mittel • Maigrets Gesprächsangebote • Maigrets Gefängnisbesuche bei ihm (beides abgelehnt) Erlösungsbedürftigkeit • Schuldgefühle • Selbstmordversuch • gesellschaftliche & familiäre Isolation Erlösungsziel • Schuldgefühle bleiben bestehen • zerstörtes Selbstbewusstsein des Jungen für Maigret irreparabel nicht geglückter Aspekt 237 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten 2.1.1.2 Sonderung/Leugnen von Angewiesensein: Anna Peeters Auf die persönliche Bitte von Anna Peeters hin, klärt der Kommissar im Roman Maigret bei den Flamen15 außerhalb seiner offiziellen Zuständigkeit einen Mordfall als privater Ermittler auf. Anna sucht ihn in seinem Büro in Paris auf und berichtet, dass in ihrem Wohnort Givet, nahe der Grenze zu Belgien, eine schwangere junge Frau ermordet wurde, wofür ihr unschuldig verdächtigter Bruder zur Verantwortung gezogen werden soll, da die Einwohner wie die örtlichen Polizeivertreter sich durch starke Fremdenfeindlichkeit auszeichnen. Alle Mitglieder von Annas Familie, die aus dem Flämischen nach Givet übergesiedelt sind, befinden sich durch diese Fremdenfeindlichkeit von Anfang an als gesellschaftliche Außenseiter in einer sozialen Isolationssituation und bilden in ihrem Haus mit Krämerladen etwas außerhalb des Örtchens eine vom Dorfleben abgetrennte familiäre flämische Enklave. Im Gegensatz zum Rest ihrer Familie entwickelt Anna in dieser sozialen Isolationssituation eine ziemlich dominante Arroganz gegenüber ihrer Umwelt, indem sie sich selbst zum Maßstab ihres Umfeldes macht. Annas permanente schlechte Laune, ihre Unzufriedenheit und ihr herrisches Verhalten gegenüber ihren Mitmenschen sind deutliche Anzeichen für den von Renz benannten „Dynamismus der Sonderung“16. Anstelle des Zulassens von Traurigkeit oder Verzweiflung über das ablehnende Verhalten ihrer Nachbarn, das ein Verarbeiten dieser beschwerlichen Gefühle ermöglichen könnte, verfällt Anna in eine Haltung, die alle Abhängigkeit, Ohnmacht, Verletzbarkeit und Minderwertigkeitsgefühle ihrer Familie (und ihrer selbst) leugnet. Psychologisch betrachtet, entwickelt sich Anna in dieser „Fluchtbewegung“17 vor dem schmerzhaften Verhalten ihrer Umwelt in eine Existenzweise ohne tiefere (An-)Bindung und Begegnung, letztlich in Egozentrik, in Emotionslosigkeit oder emotionalen Selbstbetrug, in Egomanie und in die Illusion gottgleicher Allmacht (…).18 In dieser Hybris übersieht sie, dass auch ihr eigenes Verhalten weder schuld- noch fehlerlos ist und sie auf diese Art und Weise die Unannehmlichkeiten ihrer eigenen Lebenssituation nur noch verschärft. In dem Ausmaß, wie der Mensch es nicht mehr aushält, Angewiesener zu sein, ist sein tieferes Verbundensein mit einem Sinnganzen und den Mitmenschen gestört. Der Glanz einer Größeneuphorie umgibt ihn, trennt ihn aber zugleich von wirklicher Begegnung.19 Diese psychische Sackgasse ist Annas seelischer Bodensatz, ihre tief sitzende Erlösungsbedürftigkeit, die letztlich zur fatalen Tat führt: Im Angesicht der Bedrohung ihres Universums (dem Fortbestand der kleinen Familienenklave), über das sie sich selbst zur 15 Bei den Flamen (1998). 16 Vgl. Renz (2008: 57f.). 17 Renz (2008: 58). 18 Renz (2008: 58). 19 Renz (2008: 58). 238 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Herrscherin gekürt hat, nimmt sie das Schicksal in die eigene Hand. Aus Verzweiflung über die Aussicht, den einzigen Bruder aufgrund eines unverbindlichen Techtelmechtels an ein Mädchen aus dem Dorf zu verlieren, und aus Angst davor, sich selbst sogar noch in der eigenen Familie allein zu fühlen, bringt Anna Peeters die junge Frau um, als sie erfährt, dass diese von ihrem Bruder schwanger ist. Natürlich ist für die ortsansässige Polizei Annas Bruder der Hauptverdächtige für diesen Mord, so dass Annas Welt wiederum zu zerbrechen droht, falls der Bruder dafür ins Gefängnis muss. Also reist sie, überzeugt davon, dass die Welt ihr Respekt schuldig ist und auch ein Kommissar Maigret aus Paris ihr nicht das Wasser reichen kann, an den Quai des Orfèvres, um Maigret zu bitten, ihren unter Mordverdacht stehenden Bruder von diesem Verdacht zu befreien. Wie schon zu vermuten ist, hat der Kommissar kein Problem, sich unvoreingenommen mit den des Mordes verdächtigten flämischen Zuwanderern zu beschäftigen, in ihr familiäres Leben einzutauchen, sich von der Dorfgemeinschaft mehrfach dafür anfeinden zu lassen20, den fälschlich verdächtigten Joseph Peeters vom Mordverdacht zu entlasten (wenn auch durch einen anderen falschen Tathergang) und in Anna die tatsächliche Täterin zu erkennen. Da sich auch in diesem Roman das Gerechtigkeitsverständnis Maigrets als Grundlage für seine Entscheidung annehmen lässt, die junge Frau nicht beim offiziell mit dem Fall beauftragten Kollegen anzuzeigen, kann für Anna eine sehr deutliche äußerliche Bewahrung vor einer akuten Bedrohung für Leib und Leben im ρύομαι-Sinn 20 Es werden im Roman mehrere Situationen geschildert, in denen Dorfbewohner ihren Frust auch tätlich an Maigret darüber auslassen, dass er der Flamenfamilie ohne Fremdenfeindlichkeit begegnet und damit die Gepflogenheiten der Dorfgemeinschaft nicht teilt. Das erinnert an den Frust der pharisäischen Schriftgelehrten im Umfeld Jesu von Nazareth, die sich ebenfalls darüber empörten, dass dieser mit Zöllnern und Sündern Umgang und Tischgemeinschaft pflegte. Adressat Anna Peeters Mittel • Nicht-Anzeige Annas beim zuständigen Kollegen • Befürworten eines möglichen, aber falschen Tathergangs, der Annas Bruder entlastet Erlösungsbedürftigkeit • Sichere Verurteilung zu lebenslanger Haftstrafe für Anna • Drohendes Urteil der Todesstrafe für Anna • Angst vor Entdeckung der Tat und Verfolgung durch die Polizei • Verlust des Bruders durch schuldlose Verurteilung an ihrer Stelle Erlösungsziel • Freies Leben außerhalb des Gefängnisses, bei ihrer Familie • Abwenden der Todesstrafe für Anna (potentiell) • Bewahrung vor weiteren polizeilichen Nachforschungen durch Abschluss des Falls • Abwenden des Mordverdachts gegen Annas Bruder geglückter Aspekt 239 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten konstatiert werden: Nach im Roman als geltend dargestelltem Recht würde sie für die Mordtat verhaftet, angeklagt und verurteilt werden, was mindestens zu einer lebenslangen Haftstrafe führen würde, käme Maigret seiner Bürgerpflicht nach, Anna für den Mord anzuzeigen. In Frankreich muss darüber hinaus bei einer Mordanklage immer auch mit der Möglichkeit gerechnet werden, zum Tod durch die Guillotine verurteilt zu werden. Allerdings bezieht sich dieser Erlösungsaspekt auf eine Ebene der Erlösungsbedürftigkeit nach Annas Tat und nicht auf ihre ursprüngliche, die Tat verursachende Verlorenheit in Separation und Leugnen von Angewiesenheit. Bezüglich der ursprünglichen Verlorenheit Annas, die durch ihre innere, psychische Isolation definiert ist, kann Maigret auch durch das Eröffnen im äußeren Lebensraum von frei bestimmbarer Zeit, Gesprächsangeboten, Rettung des Bruders vor der Verurteilung und Präsenz auf ganzer Linie der jungen Flämin keine Erlösung verschaffen. Die fatale Dynamik des Absonderns vom Angewiesensein auf Andere bei der verhärteten, isolierten jungen Frau hat sich längst über einen möglichen Umkehrpunkt hinaus entwickelt, so dass die in anderen Begegnungen mit dem Kommissar auslösenden Rettungsanker von Verständnis, Mitgefühl, Verstehen der Hintergründe und Nicht-Urteilen bei ihr nicht mehr greifen können. Obwohl Maigret der Täterin durch sein Schweigen bezüglich ihrer Tat eine Brücke zurück ins Leben ermöglicht, kann er als Kommissarfigur ihre psychische Verlorenheit nicht heilen. Das heilende Dritte21, das sie psychologisch betrachtet für eine Erlösung von außen aus der Dynamik der Isolationsspirale herausreißen müsste, ist in diesem Roman kein Teil von Maigrets Funktion. Zwar eröffnet Maigrets Verhalten die Möglich- 21 Vgl. Renz (2008: 30, 127–129). Adressat Anna Peeters Mittel • Maigret geht Anna nach, will sie verstehen • Angebot von Gesprächsgelegen heiten und „Beichtmöglichkeiten“ (werden nicht wahr genommen) • Verschweigen der Mordtat eröffnet Anna Freiraum, andere selbst gewählte Möglichkeiten für das Bearbeiten der Tat und Schuld wahrzunehmen (wird nicht wahrgenommen) Erlösungsbedürftigkeit • Leiden unter Fremdenhass • psychisches Leugnen von Angewiesensein auf die Dorfgemeinschaft • Gefangen in sich (heillose Dynamik psychischer Isolation) Erlösungsziel • Integration in die Dorfgemeinschaft • Akzeptanz eigener Fehler- und Schuldhaftigkeit • Gemeinschaft mit ihrer Familie • Herausreißen aus psychischer Dynamik der Sonderung nicht geglückter Aspekt 240 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets keit, dass Anna jemandem begegnet oder sich in die Hände eines Seelsorgers oder Psychologen begibt, der dazu in der Lage wäre, der Schluss der Romanhandlung verdeutlicht aber, dass dies nicht stattfindet. Annas wütende Reaktion auf den Kommissar ganz am Ende des Romans ist Ausdruck dieser Tatsache und verdeutlicht ihre fehlgeleitete Erwartungshaltung an Maigret als nicht geglückten Aspekt der profanen Erlösungsdynamik: Anna wünscht sich Maigret als Retter aus ihrer Situation, weil sie während seiner Nachforschungen erlebt, dass er sie versteht, nimmt ihm aber letztlich übel, dass er sie als Kommissar eben nicht aus ihrer psychischen Isolation retten kann, für deren Ursprung sie selbst verantwortlich ist, obwohl er ihr immerhin Gefängnis und Guillotine erspart. Auch die letzte, wie ein Postscriptum anmutende, zufällige Begegnung zwischen Anna und Maigret untermauert diese Grenze (nicht nur) profaner Erlösungsdynamik.22 Hier zeigt sich, dass Annas psychisches Gefängnis aus Schuld und Einsamkeit stärker ist als je zuvor, denn sie projiziert die Verantwortung für das sich nach der Rückkehr Maigrets nach Paris ereignende unselige Schicksal aller ihrer Familienmitglieder nicht auf ihre eigene unbearbeitete Mordtat und Schuldhaftigkeit, sondern auf Maigrets Fortgang. So präsentiert sich Anna – trotz Straffreiheit – in der letzten Begegnung mit Maigret unerlöster als zu Beginn des Romans, welche die vom Kommissar durch Schweigen gebaute Brücke zurück ins Leben nicht nutzen konnte. 2.1.2 Der Tod als säkulare Endgültigkeit Für einen säkularen Erlöser, dessen Wirkungsbereich auf das Diesseits und das Leben vor dem Tod begrenzt ist und erst recht für eine Figur, die vorsätzlich nicht mit Erlösungsfunktionen versehen wurde, bleibt der physische Tod eine unüberschreitbare Grenze. Die Unumkehrbarkeit des Todes ist auch für Maigret eine nicht zu verändernde Tat sache und in ihrer Endgültigkeit bedrückend. Die in den Romanen geschilderten Hintergründe, die zu einer Situation führen, in der eine Figur – trotz deutlicher Bemühungen des Kommissars für die Ermöglichung eines Neuanfangs – sich gegen das Leben entscheidet und den Freitod wählt, beinhalten zumeist die tragische Zuspitzung der im vorigen Unterkapitel geschilderten psychischen Dynamik. Die Begrenzung Maigrets auf seelisch-psychologischer Ebene akkumuliert sich in diesen Fällen zur existentiellen23, was wiederum die Definition für „Tod“ von der physischen Absenz von Leben auf heillose Verstrickung in lebensunfähige Mechanismen bereits zu Lebzeiten erweitert. Die Beispiele für diese Zuspitzung sind aufgrund der auktorialen Intention der Suche nach dem homme nu vielfältig.24 Wer den bloßen Menschen in seiner ungeschützten Nackt- und Verlorenheit schildert, muss – sofern er ein annähernd realistisches Bild zeichnen will – nicht nur die Möglichkeit der Erlösung, sondern auch die des Untergangs in der Erlösungsbedürftigkeit aussprechen. 22 Vgl. Bei den Flamen (1998: 167). 23 Nämlich als Mensch nicht in der Lage zu sein, den Tod in Leben umzukehren. 24 Deshalb werden hier auch nicht alle im Textgegenstand vorhandenen Situationen bearbeitet, sondern exemplarisch nur diejenigen, die gravierende Unterschiede zueinander aufweisen. 241 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten Dennoch hindert die von den Betroffenen aufgrund der psychischen Zuspitzung empfundene Unausweichlichkeit des Todes den Kommissar als profanen Erlöser nicht daran, bis zur letzten Sekunde – die seine Grenze impliziert – alles daran zu setzen, das Gegen- über doch noch davon zu überzeugen, dass der Tod eben doch nicht unausweichlich ist, wenigstens für diesen Moment.25 2.1.2.1 Verwirktes Leben: Hans Johannson Im Roman Maigret und Pietr-der-Lette26 fördern die Ermittlungen Maigrets nach etlichen Irrwegen die Geschichte eineiiger Zwillingsbrüder, Hans und Pietr Johannson, aus Lettland zutage, deren charakterliche Unterschiedlichkeit zu einer unheilvollen Hörigkeit des vorsichtigen, aber künstlerisch begabten Hans gegenüber seinem charismatischen, aber skrupellosen Bruder Pietr führt. Die kriminelle Energie des charismatischen Älteren und die grenzenlose Bewunderung Hans’ für die Stärke seines Bruders machen aus beiden ein Team, in dem Hans für einen Hungerlohn die Fälscherarbeiten für den international operierenden Wirtschaftsbetrüger-Ring Pietrs ausführt. Aufgrund der romaninternen Schilderungen ist nicht auszumachen, zu welchem Zeitpunkt die anfangs emotionale Verbindung beider Brüder in eine lebensfeindliche Abhängigkeit des unterlegenen umschlägt, die vom Gegenüber schamlos ausgenutzt und gefördert wird. Immerhin lassen sich Anflüge von Gegenwehr des unterlegenen Bruders zeitlich ausmachen: Als Hans, gerade in Fécamp an der Meeresküste arbeitend, sich verliebt und sein Leben ändern will, um mit rechtschaffener Arbeit eine Familie zu gründen, wächst der Leidensdruck durch die Behandlung seines Bruders Pietr.27 Er beginnt, sich gegen den Bruder zur Wehr zu setzen, der ihn seinerseits vollends zu demütigen weiß, indem er die von Hans Angebetete verführt und sich dabei von seinem kleinen Bruder erwischen lässt. Das von Hans erträumte Leben mit Berthe wird für seinen dominanten Bruder Wirklichkeit: Pietr heiratet Berthe, um sich eine legitime Fassade für seine kriminellen Geschäfte zuzulegen, von denen Berthe nichts weiß. Unfähig, sich zu wehren oder von seinem Bruder zu lösen, flüchtet Hans in die Alkoholsucht und arbeitet ihm weiter zu, bleibt aber in Fécamp in der Nähe Berthes. In dem Moment, in dem Maigret ein zu bedenkender Faktor in Hans’ Leben wird, ist die psychisch kranke Abhängigkeit vom Bruder bereits in das fatale Bewältigungsmuster einer Machtstruktur28 umgeschlagen, in der der bisher Unterlegene versucht, sich von Pietr zurückzuholen, was er als ihm zustehend vor Augen hat. Hans lauert seinem Zwilling auf dem Weg nach Paris in einer Zugtoilette auf, erschießt ihn und übernimmt 25 Eine Ausnahme bilden die Situationen, in denen der Tod als Fakt bereits geschaffen oder aufgrund physischer Gegebenheiten tatsächlich unausweichlich ist. Dazu später mehr. 26 Pietr der Lette (1999). 27 Die angebetete Berthe Swaan weiß jedoch nichts von den Absichten Hans’, da er sich ihr gegenüber nicht offenbart. 28 Renz bezeichnet als Machtstruktur die „Unfähigkeit, anders auf Beziehung, Verletzung und Ohnmacht zu reagieren als mit Selbstbestimmung, Machtgier, Gewalt.“ Renz (2008: 30). Sie konstatiert, dass das Negieren des Angewiesenseins auf andere sich in drei Formen manifestiert. Diejenige, die das „Subjekt in seinem Beziehungsverhalten“ (ebd.) als unerlöst geprägt charakterisiert, ist die Machtstruktur, wie sie auch im Roman geschildert wird. 242 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets dessen Leben. Der Mord ruft den Kommissar demnach zu einem Zeitpunkt auf den Plan, an dem Hans aus psychologischer Perspektive bereits heillos in der Dynamik der Machtstruktur gefangen ist. Maigrets Ermittlungen fallen zusammen mit der Erkenntnis Hans’, dass das von außen beneidete Leben Pietr’s nicht seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen entspricht und dass der begangene Mord auch vor seinen eigenen Augen damit keine Rechtfertigung mehr erhält. Aus Hans’ Perspektive ist sein eigenes Leben auf ganzer Linie gescheitert. Der Entschluss, seinem Leben ein Ende zu setzen, fällt bereits mit dieser Erkenntnis, auch wenn der erste Versuch fehlschlägt. Maigret, der während seiner Ermittlungen dem Letten immer wieder nachstellen muss und nach und nach sowohl dessen eigene als auch die von seinem Bruder übernommene Existenz entschlüsselt, bekommt erst im letzten Lebenskapitel Hans’ die Gelegenheit zu einer echten Begegnung. Der Kommissar findet den Letten am Ende seiner seelischen und körperlichen Kräfte im Wattenmeer und erweist sich für diesen nach einem Ringkampf in einem Nordseepril als erster Gesprächspartner seines Lebens, von dem er sich verstanden fühlt. In einer nahe gelegenen Pension kommt es aufgrund des Durchnässtseins auch in körperlicher Blöße beider Männer beim Kleidertrocknen zur Geständnis-Beichte des Letten gegenüber Maigret, in der deutlich wird, wie sehr Hans der Mord an seinem Bruder schmerzt. Aus Sicht profaner Erlösungsdynamik kann der Kommissar dauerhaft nichts tun. Weder kann er Pietr ins Leben zurückholen und ihn für seine Taten wie sein Verhalten dem Bruder gegenüber zur Verantwortung ziehen, noch kann er Hans im λύω-Sinn dauerhaft dazu verhelfen, die Zuspitzung der lebensverhindernden und unheilvollen Bindung an seinen Zwillingsbruder zu durchbrechen, um ein unabhängiges und selbst verantwortetes Leben zu führen. Für die Erlösungsbedürftigkeit Hans’ vor dem Mord ist es längst zu spät. Die Erlösungsbedürftigkeit Hans Johannsons im σώζω-Sinn liegt aber darüber hinaus auch in der akuten Bedrohung durch die strafrechtlich zu erwartende Hinrichtung für die begangene Tat, die zu den bereits vor dem Mord vorhandenen Aspekten seiner psychischen und finanziellen Unfreiheit und zu der nach dem Mord entstandenen und erkannten eigenen Schuldhaftigkeit hinzugerechnet werden muss. Maigrets allererster Hauptverdächtiger und Täter zeichnet sich demnach dadurch aus, dass er zum Zeitpunkt der potentiell erlösenden Begegnung mit dem Kommissar bereits als todgeweiht charakterisiert ist. Der Aspekt des „Zu spät“ profaner Erlösungsdynamik wird so schon im allerersten Maigret-Roman deutlich hervorgehoben. Interessant ist gerade auf dem Hintergrund, dass Pietr der Lette Simenons erster Maigret- Roman ist, die Tatsache, dass der Kommissar dennoch bereits mit allen Attributen des profanen Erlösers auch und gerade Hans Johannson gegenüber auftritt. Es ist die Atmosphäre eines geschützten Raumes, in dem keine gesellschaftlichen Normen existieren und in dem Akzeptanz und Respekt spürbar sind, die dem Letten ermöglicht, restlos alles offen zu legen, was mit dem Zwillingsmord in Verbindung steht. Der Kommissar zeigt Hans gegenüber deutlich, dass sein Hauptanliegen nicht darin besteht, ihn so schnell wie möglich festzunehmen und ins Gefängnis zu bringen oder ein umfassendes Geständnis zu erhalten, sondern darin, ihn zu verstehen. Er bringt ihn nicht zum örtlichen Kommissariat, um ihn dort zu verhören, sondern geht mit ihm in eine Pension, wo er für sie beide ein Zimmer mietet, um trockene Kleider bittet und ihnen Adressat Hans Johannson Erlösungsbedürftigkeit • emotionale und psychische Abhängigkeit vom Zwillings bruder (innerlich, λύω Aspekt) • wirtschaftliche und soziale Abhängigkeit vom Zwilings bruder (äußerlich, ρύομαι Aspekt) • absolute Hörigkeit gegenüber dem Bruder • Verhaftung wegen Mordes und Verurteilung zum Tod (σώζω Aspekt) Erlösungsziel • vom Bruder unabhängiges Selbst und Lebensgefühl • kritische Wahrnehmung des Bruders • selbst bestimmtes Privat und Berufsleben • Freiheit/Möglichkeit auf ein (eigenes) Leben in Freiheit 243 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten dessen Leben. Der Mord ruft den Kommissar demnach zu einem Zeitpunkt auf den Plan, an dem Hans aus psychologischer Perspektive bereits heillos in der Dynamik der Machtstruktur gefangen ist. Maigrets Ermittlungen fallen zusammen mit der Erkenntnis Hans’, dass das von außen beneidete Leben Pietr’s nicht seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen entspricht und dass der begangene Mord auch vor seinen eigenen Augen damit keine Rechtfertigung mehr erhält. Aus Hans’ Perspektive ist sein eigenes Leben auf ganzer Linie gescheitert. Der Entschluss, seinem Leben ein Ende zu setzen, fällt bereits mit dieser Erkenntnis, auch wenn der erste Versuch fehlschlägt. Maigret, der während seiner Ermittlungen dem Letten immer wieder nachstellen muss und nach und nach sowohl dessen eigene als auch die von seinem Bruder übernommene Existenz entschlüsselt, bekommt erst im letzten Lebenskapitel Hans’ die Gelegenheit zu einer echten Begegnung. Der Kommissar findet den Letten am Ende seiner seelischen und körperlichen Kräfte im Wattenmeer und erweist sich für diesen nach einem Ringkampf in einem Nordseepril als erster Gesprächspartner seines Lebens, von dem er sich verstanden fühlt. In einer nahe gelegenen Pension kommt es aufgrund des Durchnässtseins auch in körperlicher Blöße beider Männer beim Kleidertrocknen zur Geständnis-Beichte des Letten gegenüber Maigret, in der deutlich wird, wie sehr Hans der Mord an seinem Bruder schmerzt. Aus Sicht profaner Erlösungsdynamik kann der Kommissar dauerhaft nichts tun. Weder kann er Pietr ins Leben zurückholen und ihn für seine Taten wie sein Verhalten dem Bruder gegenüber zur Verantwortung ziehen, noch kann er Hans im λύω-Sinn dauerhaft dazu verhelfen, die Zuspitzung der lebensverhindernden und unheilvollen Bindung an seinen Zwillingsbruder zu durchbrechen, um ein unabhängiges und selbst verantwortetes Leben zu führen. Für die Erlösungsbedürftigkeit Hans’ vor dem Mord ist es längst zu spät. Die Erlösungsbedürftigkeit Hans Johannsons im σώζω-Sinn liegt aber darüber hinaus auch in der akuten Bedrohung durch die strafrechtlich zu erwartende Hinrichtung für die begangene Tat, die zu den bereits vor dem Mord vorhandenen Aspekten seiner psychischen und finanziellen Unfreiheit und zu der nach dem Mord entstandenen und erkannten eigenen Schuldhaftigkeit hinzugerechnet werden muss. Maigrets allererster Hauptverdächtiger und Täter zeichnet sich demnach dadurch aus, dass er zum Zeitpunkt der potentiell erlösenden Begegnung mit dem Kommissar bereits als todgeweiht charakterisiert ist. Der Aspekt des „Zu spät“ profaner Erlösungsdynamik wird so schon im allerersten Maigret-Roman deutlich hervorgehoben. Interessant ist gerade auf dem Hintergrund, dass Pietr der Lette Simenons erster Maigret- Roman ist, die Tatsache, dass der Kommissar dennoch bereits mit allen Attributen des profanen Erlösers auch und gerade Hans Johannson gegenüber auftritt. Es ist die Atmosphäre eines geschützten Raumes, in dem keine gesellschaftlichen Normen existieren und in dem Akzeptanz und Respekt spürbar sind, die dem Letten ermöglicht, restlos alles offen zu legen, was mit dem Zwillingsmord in Verbindung steht. Der Kommissar zeigt Hans gegenüber deutlich, dass sein Hauptanliegen nicht darin besteht, ihn so schnell wie möglich festzunehmen und ins Gefängnis zu bringen oder ein umfassendes Geständnis zu erhalten, sondern darin, ihn zu verstehen. Er bringt ihn nicht zum örtlichen Kommissariat, um ihn dort zu verhören, sondern geht mit ihm in eine Pension, wo er für sie beide ein Zimmer mietet, um trockene Kleider bittet und ihnen Adressat Hans Johannson Erlösungsbedürftigkeit • emotionale und psychische Abhängigkeit vom Zwillings bruder (innerlich, λύω Aspekt) • wirtschaftliche und soziale Abhängigkeit vom Zwilings bruder (äußerlich, ρύομαι Aspekt) • absolute Hörigkeit gegenüber dem Bruder • Verhaftung wegen Mordes und Verurteilung zum Tod (σώζω Aspekt) Erlösungsziel • vom Bruder unabhängiges Selbst und Lebensgefühl • kritische Wahrnehmung des Bruders • selbst bestimmtes Privat und Berufsleben • Freiheit/Möglichkeit auf ein (eigenes) Leben in Freiheit Rum und Zigaretten bestellt. Dadurch macht der Kommissar deutlich, dass Hans in seinen Augen noch immer das Recht hat als Mensch behandelt zu werden, dass er dieselbe Achtung und Fürsorge verdient wie er selbst und stellt sich so mit ihm menschlich gleich. Maigret verhält sich weder überheblich-arrogant noch offiziell-distanziert ihm gegen- über, sondern empathisch-verständnisvoll. Er reagiert in ganz pragmatischem Sinn mitmenschlich, indem er für ein Dach über dem Kopf, Wärme und etwas zu trinken sorgt. Es ist diese Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse, über die der Lette erlebt, dass der Kommissar nicht sein Feind ist, sondern ihn als gleichwertigen Mitmenschen wahrnimmt und sich für ihn interessiert. Auf dieser Grundlage wird es daher dem Letten möglich, sich zu öffnen und Maigret als Vertrauten an seiner Leidensgeschichte teilhaben zu lassen. Mit beiden Ellbogen auf den Marmorsims des Kamins gestützt, brach er plötzlich in Schluchzen aus, nicht wie ein Mann, sondern wie ein Kind. Immer wieder von Schluckauf unterbrochen, erzählte er weiter: (…)29 Während der Geständnis-Beichte unterlässt der Kommissar wertende oder moralisierende Bemerkungen jeglicher Art. Stattdessen stellt er entweder kurze faktische Nachfragen, um bestimmte Details zum Geschehen in Erfahrung zu bringen, die er noch nicht kennt oder passiv-unterstützende Sachfragen zum Geschehen, die dem Betroffenen zum 29 Pietr der Lette (1999: 184). Dass das Weinen des erwachsenen Mannes, der seinen Bruder getötet hat, mit dem Schluchzen eines Kindes verglichen wird, ist hier als Hinweis darauf zu verstehen, dass die grundständige Erlösungsbedürftigkeit Hans Johannsons bereits im Kindesalter des Mannes zu suchen und anzusiedeln ist. Es ist ein psychisch oft zu beobachtendes Phänomen, dass unbearbeitete seelische Krisen sich in den Möglichkeiten der Ausdrucksformen des Alters äußern, in denen sie entstanden sind. Zeit ist eine abstrakte Größe, keine emotionale Gegebenheit. 244 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Weitererzählen seiner Geschichte verhelfen. Die Hauptaktivität des Gesprächs wird so beim Betroffenen selbst belassen, dem dadurch auch ein gewisses Maß an Kontrollempfinden über die Gegenwart zugesprochen wird. Maigret erscheint fast wie ein unbeteiligter Zuschauer, übernimmt aber ganz praktisch eine (quasi) therapeutische Funktion, indem er die bisherige Fremdbestimmung des Betroffenen durch Verfolgung und die Konsequenzen seiner Tat von einem selbst verantworteten Geständnis ablösen und ihn so zu sich selbst zurückfinden lässt. Es sei an dieser Stelle betont, dass das hier in der Interpretation beschriebene Phänomen keineswegs das intendierte Ziel des Maigretschen Verhaltens im Sinne einer bewusst befolgten Strategie darstellt. Maigret beabsichtigt nicht, den schuldigen Hans durch seinen Umgang mit ihm zu mehr Eigenverantwortung zurückzuführen. Aber die Mitmenschlichkeit, die der Kommissar in Ausübung seines Amtes an den Tag legt, führt dazu, dass der Betroffene aufgrund des Maigretschen Verhaltens wieder mehr in die Eigenverantwortung und zu sich selbst zurück findet. Der in diesem Fall temporär vorliegende Aspekt profaner Erlösungsdynamik liegt also definitiv im λύω-Bereich. Es geht im Beicht-Geständnis im Wesentlichen um die Hassliebe der Abhängigkeit vom dominanten Zwilling, die Hans in die emotionale Verzweiflung und in die Selbstentfremdung führt. Diese lebensverhindernde emotionale Bindung an den Bruder, auch noch nach dessen Ermordung, kann erst in dem Maße aufgebrochen und distanzierter vom Betroffenen betrachtet werden, als Maigret als kompetenter Verstehenspartner zur Verfügung steht. Hans nimmt quasi durch das im Erzählen erneute Durchleiden der verschiedenen emotionalen Stadien seiner Geschichte die vom Bruder entflechtende Handlung selbst vor, die aber ohne Maigrets Präsenz und seine Schaffung Adressat Hans Johannson Mittel • Zuspruch von Annahme und Wert trotz vorhandener Schuldhaftigkeit, Nicht-Verurteilen der Person • Möglichkeit für den Betroffenen, die heillose Dynamik der eigenen Situation und deren Konsequenzen aus der Distanz zu betrachten • Verstehen der Hintergründe eröffnet die Möglichkeit, sich der eigenen Angst zu stellen, ohne das Gesicht zu verlieren Erlösungsbedürftigkeit • Emotionale Abhängigkeit vom Bruder führt zu Ignoranz der Wahrheit über das Verhältnis zueinander (Projektion) • Fremdbestimmt durch Abhängigkeit vom Bruder (auch nach dessen Tod) Erlösungsziel • emotionale Distanz zum Bruder, die das Verhältnis neu bewerten kann • (Zurück-)Finden zu sich selbst und zu selbst verantworteten Entscheidungen geglückter Aspekt 245 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten der Voraussetzungen für diese Geständnis-Beichte innerhalb eines geschützten Raumes unmöglich erscheint. Während des Zusammenseins von Kommissar Maigret und Hans Johannson bleibt dieser Erlösungsaspekt deutlich präsent, was auch nicht dadurch geschmälert wird, dass es für die Figur des Zwillings Hans im Roman keine umfassende Erlösung gibt. Der λύω- Aspekt der profanen Erlösungsdynamik ist also bezeichnenderweise ein temporärer, was wiederum den eindeutigen Charakter des Säkularen/Vorletzten unterstreicht. Auch wenn dieser temporäre Erlösungsaspekt situativ vom Freitod Hans Johannsons abgeschlossen und dadurch interpretativ fast überlagert wird, gehört hier auch und gerade die Begleiterfunktion des profanen Erlösers bis in den Tod als deutliches Kriterium für mitmenschlichen und respektvollen Umgang mit den Grenzen des Säkularen deutlich hervorgehoben. Es ist gerade das kommentarlose Aushalten der Tragik einer Schicksalssituation, das dem Betroffenen seine Würde belässt. Natürlich geht es dabei nicht darum, grundsätzlich und in jeder zunächst als ausweglos erscheinenden Situation sofort und kommentarlos die Hände in den Schoß zu legen und sich hinter der eigenen Begrenztheit zu verschanzen. Es ist vielmehr die Begleitung bei den tatsächlich letzten Schritten eines selbstbestimmten Lebens, das ohne magische oder übernatürliche Wendungen an seine definitive Endlichkeit stößt. Konstitutiv ist dabei für den profanen Erlöser, dass er sich angesichts dieser definitiven Unumstößlichkeit eines verwirkten Lebens nicht in geistlose Plattitüden oder Banalitäten flüchtet, welche die akute Situation des Betroffenen nicht nur nicht realisieren, sondern auch den Betroffenen selbst als nicht ernst zu nehmend klassifizieren, sondern dass er als Begleiter den klaren Blick auf die ausweglose Situation und den Gescheiterten als Mensch aufrecht erhält, den er bisher auch ausgeübt hat, ohne sich abzuwenden. In der abschließenden Beicht-Szene zwischen Maigret und Hans Johannson und dem sich anschließenden Schlusskapitel30 lässt sich ablesen, wie viel Kraft es den Kommissar kostet, die Tragik einer solchen Situation und Entscheidung mitzutragen und auszuhalten. Und gerade das weist ihn als profanen Erlöser aus, der nicht authentischer mitmenschlich sein kann, als sich in solchen Extremsituationen menschlicher Existenz als Beistand zu erweisen, der diesen Grenzen ins Auge sieht und so denjenigen hindurch hilft, die davon betroffen sind. »Sie haben mit meinen Kleidern meinen Revolver mitgenommen!« sagte Hans plötzlich unbeteiligt, emotionslos und schaute sich um. Maigret wurde dunkelrot. Er deutete linkisch auf das Bett, wo seiner lag. (…) Ihre Blicke kreuzten sich. Maigret hatte nicht den Mut, sich abzuwenden. Er erwartete einen Aufschub. (…) Es war noch ein bißchen Rum in der zweiten Flasche. Der Kommissar griff danach. (…) Er trank langsam. (…) Er hielt den Atem an. Endlich ein Knall. Er leerte das Glas mit einem Zug.31 30 Pietr der Lette (1999: 187–189). 31 Pietr der Lette (1999: 185f.). 246 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets 2.1.2.2 Unheilbare Krankheit: Johann Radek Der Gegenpart zum tragischen Opfer Joseph Heurtin in Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes findet in der Figur des sadistisch-genialen Mörders Johann Radek seinen Ausdruck. Der Tscheche begegnet Maigret und dem (impliziten) Leser als überdurchschnittlich intelligente Persönlichkeit, in der sich hoch entwickeltes psychologisches und diagnostisches Feingefühl für die Schwächen seiner Mitmenschen aufs Gefährlichste mit persönlichem Hass auf seine Umwelt paart. Radek wirkt bis zum letzten Romanviertel ausschließlich als Personifizierung von Bosheit und Niedertracht. Erst gegen Ende der Romanhandlung wird die persönliche Geschichte des Tschechen transparent: Der arrogante Sadismus, den Radek an den Tag legt, hat neben dessen Armut seine Ursache in einer überaus seltenen und unheilbaren Krankheit, die für den Betroffenen nicht nur ein langwierig-qualvolles Ende in unmittelbarer zeitlicher Nähe bedeutet, sondern auch seelische und gesellschaftliche Isolation bis dahin.32 Es mag auf den ersten Blick überzogen anmuten, die Gründe für das mörderische Verhalten Radeks durch den Ausbruch seiner unheilbaren Krankheit motiviert zu sehen. Und tatsächlich ist die Angst vor dem eigenen qualvollen Sterben nicht allein und ausschließlich als Tätermotivation zu betrachten. Maigret selbst jedoch verweist darauf, dass alle charakteristischen Aspekte der Haltung und Lebensfeindlichkeit des Tschechen, welche ihn letztendlich zum kaltblütig berechnenden und sadistischen Mörder haben werden lassen, ihren Ausgangspunkt in dessen gesundheitlicher Existenzbedrohung haben.33 Aufgrund seiner Lebensgeschichte ist der Tscheche von Geburt an Außenseiter, was sich durch den Tod seiner Mutter und die ausbrechende Krankheit nur noch verstärkt.34 Natürlich ist Maigret auch hier außerstande, Radek gesundheitlich zu helfen. Die unheilbare Krankheit als Auslöser für das brutale und sadistische Fehlverhalten des Schuldigen bleibt unabänderlich, eine Wunderheilung als Erlösungsmöglichkeit für den Tschechen vor den begangenen Auftragsmorden ausgeschlossen. So erweist sich auch an dieser existentiellen Bedrohung einer Figur durch Krankheit und Tod, dass die natürlichen menschlichen Grenzen auch die eines profanen Erlösers sein müssen. Radek wird nach seiner Festnahme durch Maigret zum Tode verurteilt und am Ende des Romans durch die Guillotine hingerichtet. Bezüglich des Grunds für Radeks Verlorenheit (der Perspektivlosigkeit aufgrund unheilbarer Krankheit) kann Maigret in diesem Fall keine Perspektive auf ein Leben ohne Krankheit ermöglichen. Der Figur des Maigret steht demnach hinsichtlich des Verhaltens bei existentiellen Bedrohungen seiner Verdächtigen lediglich der ρύομαι-Aspekt profaner Erlösungsdynamik des abwehrenden bzw. schützenden Bewahrens vor akut drohender Gefahr zur Verfügung. Da der σώζω-Aspekt des errettenden Herausreißens aus der Lebensbedrohung bezüglich Krankheit und Tod seine menschlichen Fähigkeiten übersteigt, sobald die existentiellen Bedrohungen zu greifen beginnen, und es bei dieser Art von Gefahr für Leib und Leben auch nicht in erster Linie um das Auflösen einer lebenshinderlichen 32 Vgl. Der Kopf eines Mannes (2001: 160, 163). 33 „Schon als Kind hielt er sich für ein Genie… Durch seine Intelligenz reich und berühmt zu werden, das war sein Traum. (…) Ein maßloser, verzehrender Stolz beherrschte ihn. Ein Stolz, gepaart mit Ungeduld, denn als Medizinstudent wußte Radek, daß er an der gleichen Krankheit litt wie seine Mutter und daß er nicht lange zu leben hatte…“ Der Kopf eines Mannes (2001: 162f.). 34 Vgl. Der Kopf eines Mannes (2001: 161–163). Adressat Johann Radek Mittel Langfristige Heilung von unheilbarer Krankheit (nicht möglich) Erlösungsbedürftigkeit • unheilbar krank • unmittelbar bevorstehendes langsames und qualvolles Sterben Erlösungsziel • gesund leben können nicht geglückter Aspekt 247 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten 2.1.2.2 Unheilbare Krankheit: Johann Radek Der Gegenpart zum tragischen Opfer Joseph Heurtin in Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes findet in der Figur des sadistisch-genialen Mörders Johann Radek seinen Ausdruck. Der Tscheche begegnet Maigret und dem (impliziten) Leser als überdurchschnittlich intelligente Persönlichkeit, in der sich hoch entwickeltes psychologisches und diagnostisches Feingefühl für die Schwächen seiner Mitmenschen aufs Gefährlichste mit persönlichem Hass auf seine Umwelt paart. Radek wirkt bis zum letzten Romanviertel ausschließlich als Personifizierung von Bosheit und Niedertracht. Erst gegen Ende der Romanhandlung wird die persönliche Geschichte des Tschechen transparent: Der arrogante Sadismus, den Radek an den Tag legt, hat neben dessen Armut seine Ursache in einer überaus seltenen und unheilbaren Krankheit, die für den Betroffenen nicht nur ein langwierig-qualvolles Ende in unmittelbarer zeitlicher Nähe bedeutet, sondern auch seelische und gesellschaftliche Isolation bis dahin.32 Es mag auf den ersten Blick überzogen anmuten, die Gründe für das mörderische Verhalten Radeks durch den Ausbruch seiner unheilbaren Krankheit motiviert zu sehen. Und tatsächlich ist die Angst vor dem eigenen qualvollen Sterben nicht allein und ausschließlich als Tätermotivation zu betrachten. Maigret selbst jedoch verweist darauf, dass alle charakteristischen Aspekte der Haltung und Lebensfeindlichkeit des Tschechen, welche ihn letztendlich zum kaltblütig berechnenden und sadistischen Mörder haben werden lassen, ihren Ausgangspunkt in dessen gesundheitlicher Existenzbedrohung haben.33 Aufgrund seiner Lebensgeschichte ist der Tscheche von Geburt an Außenseiter, was sich durch den Tod seiner Mutter und die ausbrechende Krankheit nur noch verstärkt.34 Natürlich ist Maigret auch hier außerstande, Radek gesundheitlich zu helfen. Die unheilbare Krankheit als Auslöser für das brutale und sadistische Fehlverhalten des Schuldigen bleibt unabänderlich, eine Wunderheilung als Erlösungsmöglichkeit für den Tschechen vor den begangenen Auftragsmorden ausgeschlossen. So erweist sich auch an dieser existentiellen Bedrohung einer Figur durch Krankheit und Tod, dass die natürlichen menschlichen Grenzen auch die eines profanen Erlösers sein müssen. Radek wird nach seiner Festnahme durch Maigret zum Tode verurteilt und am Ende des Romans durch die Guillotine hingerichtet. Bezüglich des Grunds für Radeks Verlorenheit (der Perspektivlosigkeit aufgrund unheilbarer Krankheit) kann Maigret in diesem Fall keine Perspektive auf ein Leben ohne Krankheit ermöglichen. Der Figur des Maigret steht demnach hinsichtlich des Verhaltens bei existentiellen Bedrohungen seiner Verdächtigen lediglich der ρύομαι-Aspekt profaner Erlösungsdynamik des abwehrenden bzw. schützenden Bewahrens vor akut drohender Gefahr zur Verfügung. Da der σώζω-Aspekt des errettenden Herausreißens aus der Lebensbedrohung bezüglich Krankheit und Tod seine menschlichen Fähigkeiten übersteigt, sobald die existentiellen Bedrohungen zu greifen beginnen, und es bei dieser Art von Gefahr für Leib und Leben auch nicht in erster Linie um das Auflösen einer lebenshinderlichen 32 Vgl. Der Kopf eines Mannes (2001: 160, 163). 33 „Schon als Kind hielt er sich für ein Genie… Durch seine Intelligenz reich und berühmt zu werden, das war sein Traum. (…) Ein maßloser, verzehrender Stolz beherrschte ihn. Ein Stolz, gepaart mit Ungeduld, denn als Medizinstudent wußte Radek, daß er an der gleichen Krankheit litt wie seine Mutter und daß er nicht lange zu leben hatte…“ Der Kopf eines Mannes (2001: 162f.). 34 Vgl. Der Kopf eines Mannes (2001: 161–163). Adressat Johann Radek Mittel Langfristige Heilung von unheilbarer Krankheit (nicht möglich) Erlösungsbedürftigkeit • unheilbar krank • unmittelbar bevorstehendes langsames und qualvolles Sterben Erlösungsziel • gesund leben können nicht geglückter Aspekt seelischen Bindung im Sinne des λύω-Aspektes geht, wird gerade der Umgang des Kommissars mit dieser Beschränkung aus der Perspektive des Gewinns für christlich orientierte Handlungsethik umso interessanter. Denn was Maigret „ungeachtet“ dieser definitiven und unverrückbaren Grenze seines Wirkbereichs dennoch an Verhalten an den Tag legt, beinhaltet für den Betroffenen eine Möglichkeit, angesichts eigener Ohnmacht gegenüber der unabänderlichen Sachlage einen letzten Rest an Menschenwürde zu bewahren und der – wie auch immer gearteten – Gegenwart erhobenen Hauptes ins Auge zu blicken.35 Gerade in der konkreten Situation menschlicher Handlungsunfähigkeit zeigt sich am Verhalten Maigrets die charakterliche Größe im Umgang mit Situationen des Unabänderlichen, die für einen profanen Erlöser charakteristisch scheint. Diese Größe wird konkretisiert, indem sich der Kommissar angesichts der ausweglosen Situation des Mörders nicht in moralische Bewertungen, in die Betonung seiner funktionalen Aufgabe oder in körperliche Abwesenheit flüchtet und so die eigene Ohnmacht als Makel klassifiziert, sondern anstelle dessen die Entscheidung trifft, sich dieser Situation gerade nicht zu entziehen und die eigene Machtlosigkeit als menschliche Grenze zu akzeptieren. Maigret erweist sich in denjenigen Situationen am stärksten als menschlich, in welchen er auf die eigene Unzulänglichkeit verwiesen oder auf seine eigene Endlichkeit zurückgeworfen wird. Sobald der Kommissar Ursache(n) und Auslöser einer psychischen Krise versteht, die bei einem Täter zum Verbrechen geführt haben, ist er davon mittelbar betroffen: Die Situation geht ihn an, ohne dass er Anteil an ihrem Entstehen gehabt hätte. Aber er entzieht sich der Betroffenheit, seiner Art der Beteiligung am status quo, nicht, sondern hält die Untragbarkeit der Tragik eines (gescheiterten) Lebens mit aus. Maigret begleitet und bleibt. Im Falle Radeks konkretisiert sich die Verweigerung einer Flucht aus der psychischen Beteiligung an der Situation des Mörders darin, dass es Maigret in seinem Rapport beim Untersuchungsrichter unterlässt, moralische oder juristische Bewertungen einzuflechten und darin, dass er der Bitte Radeks nachkommt, seiner Hinrichtung beizuwohnen 35 Diese Möglichkeit besteht aber erst ab dem Zeitpunkt, an dem der Betroffene Maigret gegenüber seine Maske fallen lässt. 248 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets bzw. für ihn darum zu bitten, dass es zu einer Hinrichtung kommt und nicht zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe.36 Es ist die menschliche Betroffenheit, welcher der Kommissar sich bewusst aussetzt und die er aus eigener Entscheidung aushält, die aus dem Verstehen der Hintergründe und Begleitumstände einer Tat die emotionale Konsequenz erwachsen lassen, keine zusätzlichen eigenen Ansprüche aus dieser Kenntnis an den Betroffenen zu stellen. Erkenntnis und Verständnis für die unauflösbare Bindung an lebenszerstörerische Elemente und die Einsicht in die eigene Machtlosigkeit angesichts einer solchen Situation befähigen Maigret dazu, die einzig unschädliche Haltung dem Schuldigen gegenüber einzunehmen, die als Begleitung empfunden werden kann. Maigret entzieht sich der belastenden Situation der Schuldigen nicht, er besucht sie im Gefängnis, spricht mit ihnen, übernimmt letzte Botendienste für sie. Er bleibt präsent, geht den schuldig Gewordenen in gewisser Weise nach, ohne sich von der Situation vertreiben oder von ihnen selbst instrumentalisieren oder vereinnahmen zu lassen. Das ist nur möglich, weil er außer seiner Betroffenheit über die tragischen Umstände im Leben des Betroffenen jegliche potentielle eigene Beteiligung an der Situation zurücknimmt. Maigret stellt keine Ansprüche, gibt keine Ratschläge, vermittelt nicht weiter an Therapeuten oder Priester. Die Begleitung Radeks, die aus Maigrets Verstehen seiner Lebenssituation erwächst, besteht praktisch im Dasein des Kommissars, im Aushalten der Situation des Tschechen, im Dasein bei dessen Hinrichtung und darin, dass Maigret nach der Hinrichtung immer noch mit der Betroffenheit über die Lebensumstände des Mörders zu kämpfen hat.37 Die bewusste Akzeptanz der ihm 36 „Jetzt ist er von erstaunlicher Ruhe. Er fragte mich, ob ich glaubte, er würde auf dem Schafott enden. Als ich zögerte, fuhr er grinsend fort: »Tun Sie Ihr möglichstes, Kommissar, damit es dazu kommt. Den kleinen Gefallen sind Sie mir schuldig…“ Der Kopf eines Mannes (2001: 179). 37 „Hinterher wagte er es doch nicht, nach Hause zu gehen. Er wußte selbst nicht, warum. Er kehrte geradewegs an den Quai des Orfèvres zurück, füllte den Ofen in seinem Büro mit Kohle auf und entfachte ein Feuer, das den Rost bis zur Weißglut erhitzte.“ Der Kopf eines Mannes (2001: 183). Im Adressat Johann Radek Mittel • Präsenz & Unnachgiebigkeit in der Verfolgung und späteren Begleitung Radeks • Unbedingtes, wertungsfreies Verstehenwollen • Überführung Radeks als schuldiger Mörder • Sich angesichts der Ausweglosigkeit als Mensch zeigen Erlösungsbedürftigkeit • gesellschaftliche und individuelle Isolation • Angst vor qualvollem Tod • von der Welt missverstanden (intellektuelle Isolation) Erlösungsziel • Platz in der Gesellschaft • Hinrichtung durch die Guillotine • erkannt- und wahrgenommen durch ein Gegenüber geglückter Aspekt 249 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten gesetzten Handlungsgrenzen befähigt Maigret im Falle Radeks, dem vom Tod bereits Beanspruchten die Gelegenheit zu bieten, die ersehnte Souveränität über sein Sterben ansatzweise zurückzugewinnen. Seine Begleitung besteht aus der Perspektive Radeks darin, dass Maigret ihn auch moralisch loslassen kann: Indem er versteht, dass es dem Menschen Radek (hinter allem Haß auf die Welt) für sich selbst um die Angst geht, seiner Krankheit hilflos ausgeliefert zu sein, und der Wunsch nach dem Schafott daher die frei gewählte Alternative einer selbst bestimmten Todesart beinhaltet (ohne das zu bewerten), erweist er sich als einziger Mensch, von dem sich der brutale und sadistische Doppelmörder noch wirklich gesehen und wahrgenommen empfindet. 2.1.2.3 Tödlicher Verlust eines Kindes: Père Canut Ein weiteres Beispiel für die Grenzen Maigrets als profaner Erlöser findet sich im Roman Maigret am Treffen der Neufundlandfahrer38. Die Handlung schildert die Geschichte um die rätselhaften Vorkommnisse an Bord des Fischtrailers Océan aus Fécamp, infolge derer ihr Kapitän als Leiche aus dem Hafenbecken gefischt wird. Die Haupthandlung spinnt sich um die Verwicklung des jungen Funkers Pierre LeClinche in diesen Fall, der zu Beginn der Untersuchung fälschlicherweise für den Mörder des Kapitäns gehalten wird, sich aber unverständlicherweise so verhält, als hätte er seinen Kapitän tatsächlich auf dem Gewissen. Die privaten Ermittlungen Maigrets fördern zu Tage, dass der Kapitänsmord lediglich eine von mehreren Konsequenzen des Hauptdramas auf See beinhaltet, die ihren Grund im ungeklärten Tod des minderjährigen Schiffsjungen Jean-Marie am dritten Tag des letzten Fischfangzuges haben. Der Kommissar findet im Laufe seiner Versuche, die Ursache für das schuldige Verhalten des Funkers zu erkennen, heraus, dass es der Vater des 13-jährigen toten Schiffsjungen war, der den Kapitän an seinem ersten Abend zurück an Land aus verzweifelter Trauer um seinen einzigen Sohn erwürgt und ins Hafen becken gestoßen hat.39 Für die Figur des Père Canut, des Vaters des rotznäsigen Schiffsjungen Jean-Marie, gibt es keine Hoffnung. Maigret ist außerstande, ihm seinen Sohn zurückzugeben oder seinen Schmerz über dessen Verlust zu lindern. Für den Fischer Canut gibt es keine Erlösung in diesem Roman. Da seine Erlösungsbedürftigkeit über das Säkulare hinausreicht, übersteigt sie die Kompetenzen des profanen Erlösers und Maigret bleibt machtlos angesichts der Tragödie im Leben dieses Vaters. Roman stellt sich heraus, dass Radek letztlich gefasst werden will, um sich eine Sterbensart zu ermöglichen, die ihm den eigentlich bevorstehenden langen und qualvollen Krankheitstod erspart: „Seine innere Haltung entzieht sich allen unseren gewohnten Vorstellungen. Und das ist der Grund, warum wir ihn nie verdächtigt hätten, wenn er nicht selbst das unbestimmte Bedürfnis gehabt hätte, sich erwischen zu lassen. Er selbst hat mir die Fingerzeige gegeben, die ich brauchte. Er muß irgendwie gespürt haben, daß er sich damit verriet… Aber er tat es trotzdem… Werden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen sage, daß er in diesem Augenblick vor allem Erleichterung empfindet?“ Der Kopf eines Mannes (2001: 160f.). 38 Neufundlandfahrer (2001). 39 Neufundlandfahrer (2001: 140). 250 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Die Handlungsmöglichkeiten des Kommissars gegenüber dem Fischer Canut sind ähnlich wie bei der Familie Joseph Heurtins sowohl durch die Ablehnung von Seiten der Familie als auch durch die Unfähigkeit Maigrets gekennzeichnet, die emotionale Situation für die Betroffenen greifbar zu verbessern. Das einzige Zusammentreffen zwischen Canut und Maigret findet am Abend des Selbstmordversuchs des Funkers Pierre LeClinche in der Hafenkneipe40 statt. Ohne dass Maigret ihn in irgendeiner Weise anspricht, beginnt der betrunkene Fischer den Kommissar und die restlichen anwesenden Besatzungsmitglieder der Océan41 lautstark zu beschimpfen und zu verunglimpfen.42 Der Kneipenwirt fürchte die Reaktion des Kommissars und bemüht sich zu erklären, welch großen Verlust der Tod Jean-Maries für dessen Vater beinhaltet. Aber an diesem Umstand kann Maigret nichts ändern. So bleibt diese Begegnung von der ablehnenden Streitlust des Vaters Canut geprägt.43 Zu diesem Zeitpunkt hat Maigret den wirklichen Mörder des Kapitäns noch nicht herausgefunden. Als ihm jedoch später klar wird, dass es sich beim tatsächlichen Täter des Falles nur um Canut handeln kann, zieht er es vor so zu tun, als wüsste er nicht mehr als die parallel laufende offizielle Ermittlung. Der fälschlich verdächtigte Funker wird aus Mangel an Beweisen freigelassen und der Fall als ungelöst zu den Akten gelegt. Angesichts seiner eigenen Unfähigkeit, die Situation Canuts zum Guten zu wenden, ist Maigret die Möglichkeit genommen, sich auf aktive Weise positiv zu verhalten. Was ihm jedoch bleibt, ist wiederum eine passive Unterlassung, die zur Akzeptanz seiner eigenen Begrenzung passt: Da Maigret seine eigene Ohnmacht gegenüber der Tragik dieser 40 Die Hafenkneipe heißt Rendezvous des Terre-Neuvas (dt.: Treffen der Neufundländer). Der Titel des Romans leitet sich vom Namen der Hafenkneipe ab. 41 Océan ist der Name des Schiffs, auf dem der Junge Canuts umgekommen ist und dessen Kapitän ermordet wurde. 42 Vgl. Neufundlandfahrer (2001: 121f.). 43 „Ich gehe, wenn alle gehen. Ich bin soviel wert wie jeder andere, oder nicht?« Er starrte Maigret an. Er schien Streit zu suchen. »Genau wie dieser Dicke dort! Was versteht der schon davon!« Er meinte den Kommissar. Léon saß wie auf heißen Kohlen.“ Neufundlandfahrer (2001: 122f.). Adressat Père Canut Mittel Wiedererweckung Jean-Maries vom Tod (nicht möglich) Erlösungsbedürftigkeit Tödlicher Verlust des einzigen Sohnes Erlösungsziel Leben mit Jean-Marie nicht geglückter Aspekt 251 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten Situation erkennt und den wahren Mörder des Kapitäns als lebenslang bestraft genug versteht, unterlässt er eine offizielle Anzeige des Fischers als Mörder. Der Kommissar betont in solchen Situationen, dass er nur inoffiziell auf privater Basis Nachforschungen betreibt und nicht offiziell als Ermittlungsbeamter an der polizeilichen Untersuchung beteiligt ist, aus seiner Perspektive also kein Recht zu offiziellen Schritten besitzt. Damit setzt er alles daran zu verhindern, dass die Situation des durch den unersetzbaren Verlust seines Kindes gezeichneten Vaters darüber hinaus nicht weiter um die zusätzliche Bedrohung der juristisch-gesetzlichen Unerlöstheit verschlimmert wird. Maigret versucht, das bereits vorhandene, über das Säkulare hinausgreifende Leid des Schuldigen nicht durch ein zusätzliches profanes zu vergrößern und erweist sich so als barmherziger Mitmensch, wenn auch auf Distanz. Diese juristisch-gesetzliche Unterlassungssünde des Kommissars, den Fischer nicht als Mörder anzuzeigen, beinhaltet zwar die äußerliche Rettung vor der Verurteilung Canuts unter die Guillotine im σώζω-Sinn, sowie auch eine mitmenschliche Bewahrung vor zusätzlichem Leid für die Familie des Fischers. Aber sie lässt sich dennoch nicht als ganzheitliche Erlösung bezeichnen, da die betroffene Figur dadurch keine Befreiung von der ursprünglichen Verlorenheit erlebt, die durch den Tod des Sohnes ausgelöst wird. Der Kommissar ermöglicht in diesem Fall dem tatsächlichen Mörder des Kapitäns ein Leben in Freiheit, Straffreiheit und unbehelligt von polizeilicher Verfolgung, obwohl er um die faktische Schuldigkeit des Täters weiß. Eine Begnadigung könnte äußerlich keine größere Auswirkung auf das Leben eines Straftäters haben. Und auch Maigrets beruflicher Laufbahn dürfte sicherlich ein definitives Ende gesetzt sein, würden seine faktischen Unterlassungstaten irgendwann offiziell bekannt. Wiederum aber bezieht sich Adressat Père Canut & Familie Mittel • Nicht-Anzeige der Mordtat bei der ermittelnden Behörde • Verschweigen der Überführung Canuts • Nicht-Wehren gegenüber Trauer-Aggression & öffentlichen Beschuldigungen Canuts Erlösungsbedürftigkeit • Verurteilung als Mörder • Gefängnisstrafe & evtl. Hinrichtung • Mittellosigkeit der Familie (ohne Vater) Erlösungsziel • Freiheit von strafrechtlicher Verfolgung durch die Polizei • in Freiheit weiterleben können • Versorgung der Familie gesichert (Vater nicht verdächtigt) geglückter Aspekt 252 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets dieser Aspekt der profanen Erlösungsdynamik dieses Romans ausschließlich auf die Verbesserung äußerer Zustände nach der eigentlichen Tat, also auf die Erlösungsbedürftigkeit nach der Mordtat, nicht aber auf die Behebung der Ursache der Erlösungsbedürftigkeit vor der Tat. Denn diesbezüglich bleibt er als profaner Erlöser machtlos. 2.1.3 Die Grenzen profaner Erlösungsdynamik als Chance Lassen die Betroffenen es zu, eröffnet ihnen Maigret in den Fällen, in denen er an die Grenzen seiner Handlungsfähigkeit stößt, durch seine Begleitung einen Zugang zu einem würdevoll(er)en Umgang mit dem Unabänderlichen. Dies stellt für einen profanen Erlöser die einzig denkbare Möglichkeit dar, angesichts eigener Machtlosigkeit dennoch eine dem Menschen zugewandte Haltung zu leben, auch wenn der fatale Ausgang unausweichlich bleibt. Im biblischen Evangeliums-Text werden die übernatürlichen Lösungsmöglichkeiten angesichts existentieller Bedrohungen wie Krankheit und Tod als Erweise für die Einheit der christlichen Erlöserfigur mit dem göttlichen Willen dokumentiert. Gleichzeitig verleitet diese Tatsache dazu, die vollkommene Menschlichkeit des christlichen Erlösers in eben diesen Situationen zu vernachlässigen und diesbezüglich seine göttliche Natur stärker zu betonen. Dass aber Jesus seine menschliche Begrenztheit ebenso akzeptiert und gelebt hat, lässt sich z. B. an seinem Ringen um den letzten Willen Gottes für sein eigenes Leben im Garten Gethsemane oder an seinem Verhalten am Kreuz gegenüber dem Schächer neben ihm ablesen.44 Was der plakative Leitspruch „Mach’s wie Gott – werd’ Mensch!“ auf saloppe Art vom christlichen Erlöser betont, wird interessanterweise durch die Haltung und Akzeptanz der Handlungsunfähigkeit eines profanen Erlösers verdeutlicht: Erst die restlose Beschränkung auf natürlich menschliche Handlungsmöglichkeiten und ihre vollständige Akzeptanz erlauben dem profanen Erlöser einen wahrhaft menschlichen Umgang mit seiner eigenen Begrenzung und der anderer. In diesem Sinn kann die explizit nicht-übernatürliche Realisierung wahren Menschseins im profanen Erlöser Hilfestellung zum Verständnis des vollkommenen Menschseins des christlichen Erlösers anbieten. 2.2 Erlösungshandeln im medizinischen Paradigma – Maigret als Seelenarzt Da die ursprünglich biblische Übertragung des Metaphernclusters mit Bildern von Krankheit und ärztlicher Hilfe auf die christlich verstandene Erlösungsdynamik auf die heilende Wirkung der sakralen Sündenvergebung gerichtet ist, die von den Zeitgenossen Jesu wie seelische Medizin empfunden wurde, bleibt für die Suche nach säkularen Spuren dieses Paradigmas nur der Aspekt heilender persönlicher Nähe in der Begegnung 44 Vgl. dazu: Lk 22,42.44: „und sprach: Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir weg – doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe! (…) Und als er in Angst war, betete er heftiger. Es wurde aber sein Schweiß wie große Blutstropfen, die auf die Erde hinabfielen.“ (Elberfelder 2001). Zur Perikope des Schächers am Kreuz, dem Jesus das Paradies verspricht, vgl. Lk 23,39–43. 253 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten mit dem Arzt und dem Entfliehen bzw. Entlassen aus einer Isolationssituation. Die meisten Beispiele aus den Maigrets, die für dieses Paradigma herangezogen werden können, belegen daher in emergenten Formen auch die zerstörerische Wirkung von – gewählter oder unverschuldeter – Isolation und Einsamkeit. In den Evangelien wird diesbezüglich davon berichtet, dass Jesus die meisten seiner Heilungswunder mit körperlichen Berührungen wie Handauflegen, Anfassen, Anhauchen oder dem Auftragen eines Speichelbreis verbindet, was die persönliche, unmittelbare Begegnung zwischen ihm und dem zu Heilenden auf einer intimen Ebene betont. Die Folge der körperlichen Heilung war die unmittelbare Wiederaufnahme in die soziale Gemeinschaft. Die positive Wirkung einer intim-persönlichen Begegnung in wohlwollender Absicht ist der heutigen Psychologie nicht fremd45 und lässt sich ebenfalls aus den Maigrets herauslesen, obwohl der Kommissar doch selbst diejenige staatliche Instanz personifiziert, vor der die Betroffenen Angst haben. Ein kleiner Hinweis auf diese Ebene in den Maigret-Romanen findet sich in der Konzeption des den Kommissar umgebenden Universums. Wie bereits erarbeitet existiert außer der Ehefrau Maigrets nur noch das befreundete Ehepaar Pardon als privater Bezugspunkt des Kommissars. Simenon vergibt an den einzigen Freund Maigrets den Beruf des Arztes, der sich darüber hinaus in (fast46) nichts vom Kommissar unterscheidet. Die Ähnlichkeit beider Figuren scheint beabsichtigt, gesteht doch Maigret überdies in seinen Mémoiren, dass er ursprünglich einmal Arzt werden wollte und ein paar Semester Medizinstudium absolviert hat, bevor ihm das Schicksal eine andere Richtung vorgab.47 Die Nähe Maigrets zur Arztfigur bezüglich dieses Paradigmas wird umso deutlicher, je stärker der Aspekt eines „Arztes der Seelen“ betont wird.48 Bearbeitet die biblisch geschilderte Sündenvergebung auch die Bereiche der innerseelischen Zusammenhänge von Schuld, innerseelischer Verfassung und der Sehnsucht nach Vergebung, Begnadigung und Verständnis, bewegt sich Kommissar Maigret durch sein absolutes Verstehenwollen der Handlungsmotive seiner Verdächtigen im selben innerseelischen Zusammenhang. Kommt es aufgrund der Offenheit des Betroffenen zu einer authentischen Begegnung zwischen ihm und dem Kommissar, kann auch in dieser Begegnung dieselbe positiv wirkende Kraft heilender Berührung im emotionalen Bereich entstehen. 2.2.1 Gefangen in depressiver Urangst: Gilbert Pigou Während der Aufklärung des Mordes am Weinhändler Oscar Chabut im Roman Maigret und der Weinhändler49 bekommt es der Kommissar mit einem Täter zu tun, dem es hauptsächlich darum geht, die Wahrheit über den Charakter des Getöteten bekannt zu 45 Vgl. Renz (2008: 148). 46 Nur die Existenz einer Tochter der Pardons, während die Maigrets kinderlos geblieben sind, fällt als Unterschied zwischen den beiden Familien auf. 47 Vgl. Maigrets Memoiren (1978: 64). 48 Auch die literaturwissenschaftliche Sekundärliteratur spricht in diesem Zusammenhang von Maigret als „Seelenarzt“. Vgl. z. B. Moshel (1989: 156f.), Eskin (1999: 245, 392, 394f.). Bei Eskin finden sich für das genannte Phänomen Begrifflichkeiten wie „Seelenkenner“ (1999: 245) und „Menschensammler“ (1999: 393). 49 Der Weinhändler (2006). 254 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets machen. Während Maigret zunächst im Dunkeln tappt, weil der Ermordete es zu Lebzeiten verstanden hat, sich durch unverschämtes und schamloses Verhalten praktisch jeden Zeitgenossen zum Feind zu machen, drucken die Zeitungen einen positiven Nachruf auf den ursprünglich aus ärmlichen Verhältnissen stammenden, nun großbürgerlich reich gewordenen Weinhändler. Der tatsächliche Mörder Gilbert Pigou tritt ins Geschehen, um den Ruf des Ermordeten zu korrigieren, den er als Opfer viel zu freundlich in den Medien dargestellt findet. Er nimmt telefonisch Kontakt zu Maigret auf, schreibt ihm Briefe, ahnt voraus, wo Maigret sich in seiner Ermittlung als nächstes aufhalten wird und folgt dem Kommissar, bis er am Ende des Romans schließlich mit einem heißen Grog im Wohnzimmer der Maigrets sitzt und dem Kommissar ein umfassendes Geständnis ablegt. Die Motivation, die ihn sowohl zur Richtigstellung der öffentlichen Meinung über den Weinhändler als auch zum Mord selbst treibt, liegt im Bekanntmachen des wahren Charakters Chabuts. Dahinter steckt eine ganze Täter-Opfer50-Leidensgeschichte: Als Angestellter Chabuts, der beruflich ausgebeutet, öffentlich körperlich gedemütigt sowie emotional von diesem bloßgestellt wurde, projiziert Pigou die Wurzel seines insgesamt verwirkten Daseins auf den – zugegebenermaßen unsympathischen – Chef. Zu aller verbalen und öffentlichen Demütigung seines Angestellten nimmt Chabut nach der Entlassung Pigous dessen Ehefrau unverhohlen zur Geliebten und verhindert aufgrund seiner weitreichenden Kontakte, dass der ehemalige Buchhalter jemals wieder eingestellt werden kann. Wie sich in den Ermittlungen Maigrets zeigt, stellen diese Geschehnisse um Pigous Entlassung jedoch lediglich den Gipfel der beruflichen Demütigung Pigous durch Chabut dar und können daher nur als Auslöser für den begangenen Mord gewertet werden. Die Wurzel von Pigous Erlösungsbedürftigkeit steckt jedoch im psychischen Verhaftetsein an lebensverhindernden Grundeinstellungen zu sich selbst: Sein Mangel an Selbstwert und die eigene schlechte Meinung über ihn selbst scheinen die Grundübel für leidensträchtige Folgeproblematiken darzustellen.51 Pigou macht sich selbst in seinem Leben so unsichtbar und nebensächlich, dass es nicht verwundert, dass auch seine Umwelt ihn behandelt wie ein Nichts. Diese psychische Unerlöstheit bedarf einer fast therapeutischen Entflechtung des egozentrisch kreisenden Selbstmitleids von einer Interpretation der Wirklichkeit, die zu Lebensunfähigkeit führt. Auch wenn Kommissar Maigret nicht als selbständiger Psychologe mit eigener Praxis auftritt, in der er dem gebeutelten Pigou in therapeutischen Sitzungen die lebensverhindernden Windungen seiner Perspektive52 zu erklären versucht, nimmt der Kommis- 50 Der Begriff des Täter-Opfers soll den kausalen Zusammenhang zwischen Motivation und Tat in dem Sinne betonen, dass ein langfristig sich als Opfer erlebender Mensch irgendwann zur Selbstjustiz greifen und so zum Täter werden kann, um die Unerträglichkeit der eigenen Situation abzuwenden. Der Täter wird deshalb zum Täter, weil er zu lange und zu intensiv Opfer gewesen ist. 51 Pigou heiratet eine Frau, die ihn nicht liebt und von der er weiß, dass sie seine schlechte Meinung über ihn teilt. Aus Angst vor körperlicher Gewalt und sonstiger Art von Konflikten weicht er jeder Konfrontation im privaten sowie im beruflichen Bereich aus. Stattdessen sucht er nach stillen und unentdeckten Möglichkeiten, den nicht zu ignorierenden Forderungen seiner Ehefrau nach höheren finanziellen Mitteln nachzukommen und beginnt so, heimlich geringe Geldbeträge abzuzweigen, was zu seiner unehrenhaften Entlassung führt, als Chabut es bemerkt. 52 Der λύω-Aspekt des Aufhebens der Bindung durch eine entflechtende Handlung an die lebensverhindernde Selbstverleugnung wird vom Buchhalter aufgrund des Krisenauslösers aus dem beruflichen Bereich fälschlicherweise auf die Beseitigung der Person Chabuts übertragen, der in den 255 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten sar für den Buchhalter doch genau diese Funktion ein. Tatsächlich liegt der Bereich möglicher Einflussnahme für Maigret im Bereich der Erlösungsbedürftigkeit Pigous nach der Tat und in der Entflechtung Pigous von seiner lebensverhindernden Fixierung auf Chabut (selbst nach seinem Tod) im λύω-Sinn. In seinem professionellen Bestreben, die Wahrheit über die Umstände der Ermordung des Weinhändlers herauszufinden und damit auch über die Lebensumstände und Verhaltensweisen Chabuts zu dessen Lebzeiten, erweist sich der Kommissar aus Sicht des ehemaligen Buchhalters als Vertrauter und Verbündeter, der ihn verstehen und dem er begegnen möchte.53 Aus diesem Grund nimmt er Kontakt zu ihm auf, ruft ihn an, schreibt ihm Briefe, beschattet ihn, lässt ihm Informationen über den Weinhändler zukommen. Maigret ahnt, dass er es mit einem Täter zu tun hat, der aufgrund seiner weiterhin existenten lebenshinderlichen Bindung an Chabut das Bedürfnis verspürt, über seine Tat zu sprechen, der wahr- und ernst genommen werden will. Er ahnt, dass er es mit einem Täter zu tun hat, der gefasst werden will, um der Isolation durch seine Tat zu entfliehen.54 »Warum haben Sie mich angerufen?« »Ich weiß nicht. Ich fühlte mich allein und sagte mir, niemand würde mich je verstehen. In den Zeitungen habe ich oft Artikel über Sie gelesen. Ich hätte Sie gern kennengelernt. Ich war mehr oder minder entschlossen, mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Da wollte ich noch ein letztes Mal mit jemandem reden, aber ich hatte immer Angst, nicht vor Ihnen, sondern vor Ihren Leuten.«55 Die erste Komponente, die dem Buchhalter Linderung seiner Verlorenheit verschafft, ist die Tatsache, dass der Kommissar ihn als Gegenüber ernst nimmt und ihn nicht in seiner Einsamkeit belässt. Zwar geht es auf dienstlicher Ebene vornehmlich um die Verfolgung eines flüchtigen Straftäters und nicht darum, Pigou aus seiner persönlichen Isolationssituation zu befreien, aber dennoch scheint trotz aller Professionalität bereits hier das psychologische Fingerspitzengefühl Maigrets hindurch, wenn der Kommissar seinen Inspektoren Anweisungen gibt, wie genau sie mit dem Flüchtigen umzugehen haben.56 körperlich-offensiven Konflikt mit ihm eintritt. Pigou glaubt, die Ursache seiner Erlösungsbedürftigkeit liege im beruflichen Umfeld und hofft deshalb unbewusst, mit der Ermordung Chabuts (als Personifizierung seines beruflichen Konflikts) auch Ursprung und Zentrum seiner lebensverhindernden Elemente zu beseitigen. Diese unbewusste Interpretation ist deswegen falsch, weil die eigentliche Ursache der Unerlöstheit Pigous nicht im beruflichen, sondern im psychischen Bereich beheimatet liegt und sich nur aktuell am stärksten im beruflichen Umfeld ausgewirkt hat. Aus diesem Grund kann der Mord an Chabut die Erlösungsbedürftigkeit Pigous nicht lindern, sondern nur um die Erlösungsbedürftigkeit aus den Folgen der Mordtat verstärken. Erst nach der Mordtat erkennt der Betroffene diesen Zusammenhang und beschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen. 53 Vgl. Der Weinhändler (2006: 189f.). 54 „Er hatte das schon mehrfach erlebt, und zumindest in einem Fall hatte der Täter keine Ruhe gegeben, bis er endlich gefaßt war.“ Der Weinhändler (2006: 80). „Oder war er gar der anonyme Anrufer, der zweimal mit dem Kommissar gesprochen hatte, um seinem Herzen Luft zu machen?“ Der Weinhändler (2006: 87). 55 Der Weinhändler (2006: 189f.). 56 „Noch eine wichtige Empfehlung. Keiner von unseren Leuten darf bewaffnet sein. Das gilt auch für euch. Ich will auf keinen Fall und um keinen Preis, daß man auf ihn schießt.« »Und wenn er 256 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Das mitmenschliche Interesse Maigrets an Pigou57 ersetzt für diesen die therapeutische Ausbildung, auch wenn sich der Kommissar seines eigenen Stellenwerts für Pigou zunächst nicht bewusst ist.58 Es ist die plötzliche Präsenz Maigrets in Pigous Existenz, die aus dessen Perspektive letztlich die Einsamkeit und Isolation seines bisherigen Lebens bekämpft und ihn schließlich dazu bringt, sich dem Kommissar zu stellen. Bis zur abschließenden persönlichen Begegnung zwischen Pigou und Maigret, in der es erst dazu kommen kann, dass sich der Kommissar zum Handeln und Fühlen des Buchhalters verhält, erfährt der Leser aufgrund der Vermeidung negativ wertender Bezeichnungen für Pigou und der positiven Betonung bestimmter Eigenschaften, dass Maigrets Interesse am Täter kein abwertendes, sondern ein freundlich gesinntes ist.59 Hinsichtlich der einen persönlichen Begegnung zwischen Maigret und Pigou ist interessant, dass diese wiederum nicht in unpersönlichen Räumen oder an einem öffentlichen Platz stattfindet, sondern in der privaten Umgebung der Maigretschen Wohnung. Das hier abgelegte Geständnis gleicht mehr einer persönlichen Beichte über Beweggründe und intime Gedanken als einem Schuldeingeständnis. Und tatsächlich kommt in dieser Begegnung die psychische Problematik Pigous auch deutlich zur Sprache. Maigret verdeutlicht auf behutsame Weise, dass die psychische Krise des Buchhalters nicht zwangsläufig auf Chabut zurückzuführen ist, dass auch der ermordete Chef selbst durchaus erlösungsbedürftige Züge aufwies und dass die fatale Vorstellung Pigous von einem Ausweg aus seiner Lebenssituation Konsequenzen nach sich zieht, vor denen er ihn nicht bewahren wird.60 Dennoch kommt er Pigous Bedürfnis zu erzählen entgegen, hört ihm aufmerksam zu61 und nimmt ihn in seiner Verzweiflung ernst, ohne ihn aufgrund der eigenen Distanz zum Geschehen zu belächeln.62 Maigrets Verhalten zur Unterdrückungs- und Demütigungs-Situation Pigous beinhaltet auch den Versuch, Pigou klar zu machen, welche Umstände für das Verhalten Chabuts verantwortlich waren und dass die Beweggründe seines Chefs sich kaum von seinen eigenen unterschieden. Die Art und Weise, in der der Kommissar dies tut, ähnelt einer liebevollen Richtigstellung ohne persönliche Beteiligung. Maigret wird in der persönlichen Begegnung so zum Seelenarzt für Pigou zuerst schießt?« fragte der dicke Lourtie. »Ich habe gesagt, ›um keinen Preis‹. (…) Ich möchte ihn lebend und unverletzt haben.“ Der Weinhändler (2006: 155). 57 „Er überlegte, warum der Mann einen solchen Eindruck auf ihn gemacht hatte, und kam zu dem Schluß, daß es dessen bohrender Blick gewesen sein mochte. Es war der schwermütige Blick eines Menschen, der sich einem großen Problem oder einem schweren Leiden gegenübersieht.“ Der Weinhändler (2006: 78). 58 „Er ist sein ganzes Leben gedemütigt worden. Jahrelang hat er sich geduckt. Plötzlich erlebt er ein Gefühl der Befreiung. Der ganze Polizeiapparat beschäftigt sich mit ihm, ohne daß es gelingt, ihn zu fassen. Ist das nicht eine Art Triumph? Er ist plötzlich ein wichtiger Mann.“ Der Weinhändler (2006: 160). 59 Vgl. z. B. Der Weinhändler (2006: 108, 149, 153). 60 „Pigou, ich habe vergessen, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß ich Polizist bleibe, auch wenn wir hier bei mir zu Hause sind und nicht am Quai des Orfèvres, und daß ich mir das Recht vorbehalte, alles gegen Sie zu verwenden, was Sie mir berichten.“ Der Weinhändler (2006: 186). 61 „Er hatte das Bedürfnis, seine Beweggründe darzulegen, und da Maigret ihn gewähren ließ, ihm mit sichtlichem Interesse zuhörte, bemühte er sich, nichts im dunkeln zu lassen.“ Der Weinhändler (2006: 178). 62 „Maigret lächelte nicht über die Naivität seines Gegenübers, im Gegenteil, sein Gesicht war ernst.“ Der Weinhändler (2006: 179). 257 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten bezüglich der Umstände des Mordes und der dazu gehörigen Hintergründe, der ihn für sein Handeln nicht gering schätzt oder verurteilt. »Er war auch gedemütigt«, murmelte Maigret sehr behutsam. Pigou sah ihn an, so überrascht, daß ihm der Mund offenblieb. »Er hat ihnen doch gesagt, daß man ihn nicht ungestraft zum Narren halten könne.« »Das ist wahr. Ich habe nicht begriffen, daß das der tiefere Grund für sein Verhalten war. Glauben Sie, er war gekränkt?« »Mehr als das. (…) Auch er hatte das Bedürfnis, sich zu bestätigen. Deshalb versuchte er sein Glück bei allen Frauen, die ihm begegneten.«63 Pigou empfindet Maigret als Vertrauten, der seiner Wahrheit über den Charakter des Ermordeten zu offizieller Kenntnis verholfen hat, indem er während seiner Untersuchung alle Verhaltensweisen Chabuts ermittelt. Möglicherweise gestattet er dem Kommissar auch deshalb den Hinweis auf die juristischen Konsequenzen seines Handelns, ohne einen Fluchtversuch zu wagen. Dass Pigou Maigret trotz seiner offiziellen Funktion als Fürsprecher betrachtet, wird überdies von der Tatsache getragen, dass der Kommissar bereits während seines Geständnisses für dessen rechtlichen Beistand sorgt.64 Die Erlösungsbedürftigkeit Pigous nach seiner Mordtat beinhaltet jedoch noch den Umgang mit einer ganz anderen Bedrohung: Die Angst vor körperlicher Gewalt oder verbaler Auseinandersetzung mit seiner Frau hat ihn nach dem Mord an Chabut in die Obdachlosigkeit getrieben. Die Entscheidung, sich das Leben zu nehmen, bevor es zu einer Verhaftung kommt, ist auch dieser Phobie geschuldet, so dass der Kommissar Pigou einen Neuanfang ermöglicht, indem er ihm zusagt, persönlich dafür zu sorgen, dass ihm während seiner Verhaftung und Gefängniszeit keine körperliche Gewalt angetan werde.65 Mit dieser Zusage wird die Aussicht auf ein Dasein im Gefängnis, in dem er kostenlos verköstigt und untergebracht wird, für Pigou zu einer (einigermaßen) positiven Perspektive, weil sie ihm weiterhin eine erneute Begegnung mit seiner Ehefrau erspart. Die Aspekte profaner Erlösungsdynamik, die sich im Umgang Maigrets mit Gilbert Pigou zeigen, lassen sich auch in seiner Funktion als Arzt der Seele zweifelsfrei im λύω- Bereich ansiedeln. Wie immer ist dafür Maigrets Weigerung, ein moralisches Urteil abzugeben, die Basis.66 Obwohl der Kommissar die psychischen Nöte und Ängste Pigous nicht nachvollziehen kann, nimmt er ihn dennoch in seiner Not ernst und lässt so die Würde Pigous als Mensch unangetastet. Diese Art des Umgangs mit seinen Ängsten und Nöten ermöglicht dem Betroffenen in einem Rahmen von persönlicher Akzeptanz und grundständiger Wertschätzung einen anderen Zugang zu diesen wahr- und anzunehmen, so dass die empfundene Isolation und Einsamkeit nicht länger ausweglos erscheinen muss.67 Zwar bleibt die Initiative zur Veränderung der Phobien und anderen Ansichten Pigous 63 Der Weinhändler (2006: 177f.). 64 Vgl. Der Weinhändler (2006: 186). 65 „Meine Inspektoren schlagen nicht. (…) Sie können sich Ihre Zigarette anstecken. Und nun, haben Sie noch immer Angst?« »Nein.“ Der Weinhändler (2006: 189f.). 66 „Wir sind alle mehr oder minder zu bedauern. Ich versuche zu verstehen. Ich habe nicht den Ehrgeiz, die moralische Verantwortung der Menschen zu ermessen.“ Der Weinhändler (2006: 179). 67 „Auf der Treppe wandte sich Pigou um. Er hatte Tränen in den Augen. Noch einmal sah er Maigret an, wie um sich Mut zu machen.“ Der Weinhändler (2006: 193). 258 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets nach wie vor in der Verantwortung des Betroffenen und liegt nicht beim Kommissar, aber die Möglichkeit zur Veränderung im Sinne des Freimachens von der Bindung Pigous an seine Ängste und sein Selbstbild wird innerhalb dieses Romanuniversums ausschließlich durch Maigret aufgezeigt und realisiert. 2.2.2 Die Angst, ungeliebt zu bleiben: Jean-Paul Gastin Der Roman Maigret à l’école68 beginnt damit, dass ein schuldlos unter Mordanklage gestellter Dorfschullehrer aus einem kleinen Ort am Meer ins Pariser Kommissariat flüchtet, um Maigret zu bitten, sich seines Falls anzunehmen und den wahren Täter zu finden. Es stellt sich heraus, dass die Dorfgemeinschaft den neuen Lehrer als Schuldigen sehen will, weil er im Gegensatz zu seinem Vorgänger gewisse Gepflogenheiten nicht weiterführt, die den Dörflern bisher dazu verhalfen, sich mittels kleinerer Versicherungsbetrügereien den finanziellen Alltag zu verbessern. Diese prinzipielle Andersartigkeit des Lehrers stellt die Lebensentwürfe der Dorfbewohner in Frage, was wiederum die Ausgrenzung und Isolation der Lehrersfamilie von der Gemeinschaft verursacht und verstärkt, je mehr der 68 In der Schule (1987). Adressat Gilbert Pigou Mittel • Psychologisches Feingefühl • Vermitteln juristischen Beistandes • Zuhören, Verstehen, Nicht-Urteilen • Ermitteln der Wahrheit über Chabut • Zusage körperlicher Unversehrtheit • Aufdecken der wahren Erlösungsbedürftigkeit Pigous • Persönliche Begegnung entflicht aus Isolationsspirale, verhilft zu neuer Sicht auf die eigene Problematik/ Perspektivwechsel Erlösungsbedürftigkeit • gesellschaftliche Isolation (vor der Tat) • soziale Isolation nach der Tat (verkannter Mörder) • Verlust von Realitätsnähe • Angst vor körperlicher und seelischer Auseinandersetzung • Selbstverleugnung • Selbstmordvorsatz Erlösungsziel • Gegenüber auf Augenhöhe • Gelöst von Fixierung auf Chabut • Öffentliche Kenntnisnahme der wahren Tathintergründe (Charakter Chabuts) • realistische Sicht der akuten Situation • Dasein ohne körperliche Schläge • Frei von Ansprüchen der Ehefrau • Möglichkeit zum Eigenen zu finden • Leben in begrenzten Möglichkeiten als Perspektive geglückter Aspekt 259 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten Lehrer an seinen Prinzipien festhält. Am stärksten leidet der Lehrerssohn Jean-Paul unter dieser sozialen Einsamkeit. Weil er sich nichts mehr wünscht als die Freundschaft eines Klassenkameraden, verschweigt er gegenüber Polizei und Kommissar, dass der ersehnte Freund bei seiner Aussage gerade nicht die Wahrheit sagt, sondern flunkert, um einen anderen Freund zu schützen. Er erhofft, dadurch endlich Akzeptanz und Loyalität zur Klassengemeinschaft beweisen zu können. Da aber sonst keine Aussage für die Unschuld des Lehrers spricht (außer dem eigenen verheimlichten Wissen), wird der Vater infolge dieser Falschaussage so sehr belastet, dass er nicht nur der einzige Verdächtige ist, sondern gleich unter Mordanklage gestellt und verhaftet wird. Der deutsche Titel des Romans Maigret à l’école69 als Maigret und die schrecklichen Kinder verleitet bereits im Voraus zu einer irreführenden Interpretation der dargestellten Ereignisse. Die „schrecklichen Kinder“ der Klasse des Dorfschullehrers Joseph Gastin, welche aufgrund eigener sozialer Strukturen im Klassen- und Familiengefüge lediglich das Verhalten der erwachsenen Dorfgemeinschaft spiegeln, sind nicht die widerspenstigen Hindernisse auf Maigrets Weg der Wahrheitsfindung. Vielmehr verhelfen dem Kommissar die Kinder zur Lösung des Falls in dem Moment, in dem er die Isolation des Lehrerssohns und die Abhängigkeit der Dorfjungen von ihren Eltern durchbricht. Das Dilemma der Kinder in der Schule, insbesondere des Lehrersohns, nämlich einerseits den Forderungen der Erwachsenen nachzukommen, andererseits aber für den Schutz ihrer eigenen Freunde zu sorgen oder derer, die sie gern zu Freunden hätten, spiegelt die gesellschaftliche Problematik der Stellung des Lehrers in der Dorfgemeinschaft. Auch wenn in dieser Geschichte die Einsamkeit als Folge gesellschaftlicher Ausgrenzung nicht das Tatmotiv des Mordes beinhaltet (hier wird der untersuchte Mord schließlich als unglücklicher Zufall entlarvt), stellt doch das vorsätzlich-kollektive Schneiden der Lehrersfamilie die Ursache dafür dar, dass der Tod der alten Dame dem Lehrer Joseph Gastin als Mord in die Schuhe geschoben wird. Die Suche Maigrets nach den Gründen für einen Mord am Postfräulein führt immer wieder auf Anzeichen der Nicht-Akzeptanz der Lehrersfamilie durch die Dorfbewohner zurück. In diesem Fall wird die Einsamkeit aufgrund sozialer Isolation zum Motiv für das Verheimlichen der entlastenden Wahrheit und damit zum (Mit)-Grund für die Misere des unschuldig inhaftierten Lehrers: Nur aus Hoffnung auf die Freundschaft eines Jungen, der meint zu wissen, dass sein Freund den tödlichen Schuss abgab, verschweigt der Lehrerssohn Jean-Paul die Wahrheit, die seinen eigenen Vater aus dem Gefängnis holen könnte. Jean-Paul weiß sehr genau, warum die Dorfkinder ihn nicht an ihrer Gemeinschaft teilhaben lassen, und fühlt sich umso ungerechter behandelt, da er selbst für die Ursache dessen nicht verantwortlich ist. Er nimmt seinem Vater übel, den Dörflern nicht entgegenzukommen und seiner Mutter, dass sie den Vater einfach gewähren lässt, ohne imstande zu sein, eine eigenständige und unabhängige Position vor ihm zu vertreten. Der Romantext lässt dar- über hinaus nicht erkennen, ob der Vater um das von ihm verursachte Dilemma seines Sohnes weiß oder nicht und ob bzw. wie er gegebenenfalls darauf reagiert (hat). Maigret, der aus Sicht Jean-Pauls nur ins Dorf gereist kommt, um seinen Vater zu entlasten, gehört daher für Jean-Paul zu denjenigen Erwachsenen, die seine Not nicht verstehen, verstehen wollen oder einfach ignorieren. Das erklärt sein schon fast feindseliges Ver- 69 Die deutsche Übersetzung lautet: Maigret in der Schule und nicht „Maigret und die schrecklichen Kinder“, wie der Diogenes Verlag tituliert. 260 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets halten gegenüber dem Kommissar in den ersten Begegnungen der beiden. Maigret jedoch lässt sich von dieser Haltung nicht einschüchtern oder erliegt der Versuchung, das Verhalten des Jungen persönlich zu nehmen. Aufgrund seines Hauptinteresses an den Ursachen für untypische oder aus dem Rahmen fallende Auffälligkeiten, erkennt Maigret schnell, dass Einsamkeit und ein schlechtes Gewissen die Beweggründe Jean-Pauls beeinflussen. Der Kommissar spürt intuitiv, dass er der Wahrheit näher kommt, sobald er diese negativen Einflüsse auf den Jungen mindern oder beseitigen kann und ist deshalb der erste (und leider auch einzige) Erwachsene in der gesamten Begebenheit, der dem Lehrersohn nachgeht und sich für sein Befinden interessiert. Jean-Pauls Gegenwehr schmilzt in dem Maße, in dem er erkennt, dass Maigrets Interesse kein gespieltes ist, so dass der Kommissar schließlich über den Jungen die soziale Stellung seines Vaters in der Dorfgemeinschaft aus der realistischeren Perspektive stärker gespiegelt bekommt als durch die Aussagen des betroffenen Lehrer-Ehepaars. Maigret erkennt, dass Jean-Paul unter der Ausgrenzung der Erwachsenen leidet, weil die Dorfkinder sich nicht selbständig trauen, Kontakt zu einem Mitglied der gemiedenen Familie herzustellen, das mit der Erwachsenenproblematik nichts zu tun hat. Er fühlt Jean-Pauls Einsamkeit nach, geht ihm im wörtlichen Sinne nach und erzählt ihm, dass es ihm selbst als Junge ähnlich ging. Maigret lässt sich nicht einschüchtern oder verjagen und macht Jean-Paul klar, dass er auch um sein schlechtes Gewissen weiß. In einem weiteren Gespräch verdeutlicht er dem Lehrersohn, dass er mit seinem Schweigen gerade genauso ungerecht handelt wie er sich Adressat Jean-Paul Gastin Mittel • Offenheit für Not der Kinder • Maigrets Solidarisierung mit Jean-Paul • Fragen, Nachgehen, Nicht-Einschüchtern-lassen • Maigrets Verweis auf die Wichtigkeit der Wahrheit • Persönliche Begegnung, in der Maigret von sich erzählt • Maigrets aktive Empfehlung an die Dorfjungen, sich dem unausgesprochenen Verhaltenscodex der Eltern zu widersetzen Erlösungsbedürftigkeit • unverschuldete Isolation, Außenseitertum aufgrund von Elternverhalten • Wunsch nach Freundschaft • Hass auf die eigenen Eltern (verstärkt die Isolationssituation, Einsamkeit) • schlechtes Gewissen wegen Verschweigens der Wahrheit über Tatzeit des Mordes Erlösungszielgeglückter Aspekt • Möglichkeit, Freundschaften aufzubauen • eigene Situation unabhängig von Haltung und Stellung der Eltern innerhalb der Dorfgemeinschaft • Befreiung vom Zwang, die eigenen Eltern hassen zu müssen • Befreiung von schlechtem Gewissen durch Preisgabe der Tatzeit 261 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten selbst als ungerecht behandelt empfindet. Er fragt ihn, ob er glaubt, dass eigenes Leiden dazu berechtigt, darüber hinaus gehendes Unrecht zu befürworten und ob es das eigene Leiden lindert. Auf diese Weise forciert Maigret die Einsicht des Jungen in die Notwendigkeit, sein Gewissen zu erleichtern und den wahren Hergang der Ereignisse im Klassenraum zur Tatzeit des Mordes preiszugeben. Gleichzeitig belässt es der Kommissar aber nicht bei Fragen zu Unrecht und Wahrheit, so sehr er in der Begegnung mit Jean-Paul ihm dadurch die Möglichkeit eröffnet, sich vom schlechten Gewissen gegenüber seinen Eltern zu befreien. Darüber hinaus nimmt Maigret die emotionale Not des Leidens unter der Einsamkeit des Jungen derart ernst, dass er in zwei Folgegesprächen mit verschiedenen Dorfkindern über geschickte Fragestrategien die unausgesprochene Empfehlung an sie gibt, sich doch bezüglich Jean-Pauls über das Verhalten der eigenen Eltern einfach hinwegzusetzen und den Lehrerssohn bei der nächsten Unternehmung mitzunehmen. Der Romantext gibt nicht wieder, wie die Verhältnisse unter den Kindern sich nach der Lösung des Falls und nach Maigrets Rückkehr nach Paris weiterentwickeln. Aber bereits in den letzten Gesprächen der Dorfjungs mit Maigret wird deutlich, dass sie ihn eigentlich ganz nett finden und sich gut vorstellen könnten, Freundschaft mit ihm zu schließen. Eine mögliche Integration Jean-Pauls in die Gemeinschaft der Dorfkinder erscheint auf diesem Hintergrund deshalb nicht nur wahrscheinlich, sondern greifbar, so dass der Kommissar dem Lehrersohn auf diese Weise einen Weg aus Einsamkeit und Isolation eröffnet. Im Fall Jean-Pauls findet die profane Erlösungsdynamik auf der Ebene des Aufhebens der lebenshinderlichen Bindung an den Hass auf die Eltern statt (λύω-Aspekt). Indem Maigret ihm durch sein aktives Nachgehen, sein Verständnis für dessen Situation, aber auch durch die Betonung der Wichtigkeit von Wahrheit und die Diskussion über Unrecht die Möglichkeit gibt, sich von dieser (bisher einzig möglichen) negativ geprägten Hassbindung zu lösen und eine von den Eltern unabhängige Position einzunehmen, gelingt der innerlich-seelische Befreiungsaspekt profanen Erlösungsgeschehens. Auch, ohne dass darüber hinaus Elemente des ρύομαι- oder σώζω-Aspektes für Jean-Pauls äußerliche Situation zum Tragen kommen, ermöglicht das aktive Handeln Maigrets in den Gesprächen mit den Dorfjungen, zu denen Jean-Paul so gern Kontakt hätte, eine zeitnahe Verbesserung der Ausgrenzungssituation des Jungen, so dass man – trotz fehlender Beschreibung des Zustandes nach diesen Gesprächen – durchaus von einer ganzheitlich-profanen Erlösung für Jean-Paul sprechen kann.70 2.3 Erlösungshandeln im sozialen Paradigma – Maigret als Befreier Das biblisch autonom verwendete Metaphernfeld der Befreiung aus Gefangenschaft für die Rede von Erlösung manifestiert sich aufgrund des strukturellen Rahmens von Kriminalliteratur71 in den Maigret-Romanen nicht nur als Einzelphänomen, sondern auch mit 70 In einem weiteren Sinne lässt sich hier von einem σώζω-Aspekt im Sinne des Herausreißens aus der – für Jean-Paul – lebensfeindlichen Isolation sprechen, die durch Kommissar Maigret (für Kinder eindeutig eine höhere Macht) stattfindet. 71 Mit dem strukturellen Rahmen eines Krimis ist hier die Ausgangslage eines oder mehrerer Morde als juristischer Straftat gemeint, die unweigerlich die Fragen nach dem Täter, seiner Schuldhaftigkeit, seinem Motiv und Jäger bzw. Detektiv nach sich ziehen. 262 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Anleihen des gesetzlichen Gerichts-Paradigmas.72 Aus der Perspektive des sozialen Paradigmas beinhaltet in den Maigrets die Befreiung von jeglicher Form der Fremdherrschaft oder Unfreiheit auch solche Aktivitäten, die dafür sorgen, dass es juristisch nicht (weiter) zu Verfolgung und Anklage kommt. Wenn der ermittelnde Kommissar, dem funktionell die Aufgaben der Deduktion des Tathergangs und der Überführung des Täters an die Justiz zufallen, einem Involvierten, Betroffenen oder sogar dem Täter-Opfer aus der Perspektive des sozialen Paradigmas von Erlösung zur Beseitigung jedweder Art von Unfreiheit verhilft, dann ist davon gleichzeitig das gesetzliche Paradigma von Verurteilung und Begnadigung betroffen, da der exekutiv Beauftragte auf diese Weise judikative Funktionen wahrnimmt. Prinzipiell findet sich dabei folgendes Muster: Der Kommissar als profaner Erlöser riskiert seinen Ruf, seine professionell notwendige weiße Weste und seine Karriere auf der Suche nach der Wahrheit über den bloßen Menschen. Sobald diese Wahrheit dem/den Betroffenen einen Neuanfang ermöglicht, wird das eingesetzte Risiko im Bild zum Preis für diesen Neubeginn. Job, Karriere, Disziplinarverfahren, Abmahnungen und die Gefahr, selbst im juristischen Sinn schuldig zu werden (z. B. durch die von offizieller Seite unberechtigte Übernahme judikativer Funktionen) beinhalten den Preis, der die Involvierten letztlich aus ihrer Unfreiheit befreit und den Maigret bezahlt oder riskiert.73 2.3.1 Verhinderung weiterer Mordanschläge auf Paulette Lachaume In Maigret und die widerspenstigen Zeugen74 finden emotionale Unterdrückung, famili- äre Missachtung der Person, finanzielle Ausbeutung und Erpressung zugunsten eines alteingesessenen Familienunternehmens statt. Anlässlich der Ermordung des verwitweten Chef-Patriarchen einer Keksfabrik-Dynastie, Léonard Lachaume, lernt Kommissar Maigret während seiner Ermittlungsarbeit die lebensgefährliche Lage eines angeheirateten Familienmitglieds kennen, dessen Situation an eine lehnsherrliche Leibeigenschaft erinnert. Unfreiheit und Gefangenschaft beziehen sich in diesem Fall zunächst nicht auf die körperliche Ebene (wie das historisch belegt ist), sondern auf die finanziellen Mittel der Betroffenen und deren Verwendung. Im späteren Handlungsverlauf weitet sich der lebenshinderliche Anspruch auch auf die körperliche Ebene aus. Untypisch für einen Maigret, gestalten sich die Ermittlungen des Kommissars zum Täter selbst über einen längeren Zeitraum hinweg als schwierig, da sein übliches Vorgehen bei der Wahrheitssuche durch mehrere äußere Faktoren behindert wird.75 Aufgrund 72 Auch die hier genannten Beispiele sollen lediglich einen strukturellen Überblick über die Diversität der Simenonschen Umsetzung ermöglichen. Eine vollständige Darstellung erfordert eine separate Untersuchung. Der Umfang des Maigret-Materials rechtfertigt daher weitere, separate Analysen, die als ausdrücklich wünschenswert betrachtet werden. 73 Eine wichtige Einschränkung diesbezüglich ist der Mangel an Vorsatz. Während es in den biblischen Metaphernfeldern zur Rede von Erlösung immer auch darum geht, dass eine bildhaft vermittelte Funktion wahrgenommen wird, um explizit einen Neuanfang zu ermöglichen, ist das bei Maigret nicht zwangsläufig der Fall: Manchmal schon, meistens aber indirekt über die Intention, die Wahrheit herauszufinden, was dann zur selben Konsequenz führt. Darin liegt ein nicht zu vernachlässigender Unterschied zum christlichen Erlöser. 74 Die widerspenstigen Zeugen (1999). 75 Diese Faktoren betonen die Art Erlösungsbedürftigkeit, die den Kommissar selbst betrifft. Vgl. dazu Teil III, Kap. 2.1.2.4. Die Erlösungsbedürftigkeit Maigrets. 263 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten dieser Tatsache entwirrt Maigret in dieser Geschichte erst die erlösungsbedürftige Grundsituation des Täters, bevor er ihn bzw. sie benennen kann: Es stellt sich heraus, dass die reiche Erbin Paulette, die angeheiratete Schwägerin des Mordopfers, den Fabrikinhaber Léonard aus Notwehr erschossen hat, als er nachts in ihr Zimmer schleicht, um sie ihres Erbes wegen mit einem Schraubenschlüssel zu erschlagen und das Ganze wie einen Einbruch aussehen zu lassen. Der Kommissar deckt auf, dass für die Keks-Dynastie die Erhaltung des längst bankrotten Familienunternehmens nach wie vor oberste Priorität besitzt. Nachdem die Gründer-Eltern dem Firmenabstieg noch eigenes Kapital entgegensetzen konnten, verfällt das Mordopfer, der älteste Lachaume-Sohn Léonard, als patriarchalischer Nachfolger der Methode, sich der Mitgift reicher Ehefrauen zu bedienen. Da die erste Mitgift nach dem Tod seiner eigenen Frau (acht Jahre zuvor) aufgebraucht ist, nötigt er seinen Bruder Armand zu einer ebensolchen Zweckehe als Beschaffungsmaßnahme für neue Finanzmittel.76 Paulette, die zweite angeheiratete Geldquelle, durchschaut nach einer Weile das berechnende Vorgehen der Lachaume-Familie und bricht aus. Als sie Vorbereitungen für eine Scheidung trifft, greift das Familienoberhaupt zum äußersten Mittel, um ihr Erbe für die Keksfabrik zu erhalten: Die schauerlichen Vorahnungen Paulettes bestätigen sich, als in der Mordnacht der Schwager in ihr Zimmer eindringt und im Dunkeln beginnt, auf ihr Kopfkissen einzuschlagen. Die finanzielle Ausbeutung Paulettes ist die offensichtlichste Form der familiären Unterdrückung in diesem Roman. Durch moralische Verpflichtungen und genügend psychologischen Druck wird sie als Ehefrau eines Mitglieds der Fabrikdynastie dazu genötigt, ihr Erbe dem Ruin des Keksimperiums entgegenzusetzen, anstelle es für ihre eigenen Prioritäten zur Verfügung zu behalten. Darüber hinaus wird sie emotional und psychisch von ihrem Schwager unterdrückt. Zu Beginn der Beziehung zu Armand werden Paulette vorsätzlich falsche Hoffnungen auf ein gesellschaftliches Leben und ihre mögliche Rolle darin vorgegaukelt, die sich schnell als Bauernfängerei entpuppen.77 Als sie nach der Hochzeit (mit Ehevertrag) die Wahrheit erlebt und begreift, wird sie von ihrem Schwager unter Druck gesetzt, sich mit der Situation abzufinden und still zu halten. Auf diese Weise wird sie dazu gezwungen, sowohl ihre Persönlichkeit als auch ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu verstecken und zu unterdrücken. Letztlich gehen der emotionale Missbrauch und die finanzielle Ausbeutung Paulettes von Seiten der Familie so weit, dass sie bereit sind, Paulette umzubringen, um sich ihr Erbe für den Erhalt der Fabrik zu sichern.78 Die Erlösungsbedürftigkeit Paulette Lachaumes lässt sich den Erlösungsaspekten der beiden griechischen Ursprungsvokabeln λύω und σώζω zuordnen. Zum einen ist es für die reiche Erbin emotional und psychologisch notwendig, aus der belastenden Bindung an die intriganten und ausbeuterischen Familienverhältnisse der Lachaume-Dynastie 76 Armand spielt ihr Verliebtheit vor, macht ihr den Hof und überredet sie schließlich zur Hochzeit. Einmal in die Familienvilla eingezogen, kann sie sich der – sonst von allen gebilligten – Diktatur Léonards als Familienoberhaupt nicht mehr entziehen (Vgl. Die widerspenstigen Zeugen (1999: 113)). In Einzelgesprächen, zu denen Léonard sie bitten lässt (Vgl. Die widerspenstigen Zeugen (1999: 183)), wird sie unter moralischem und persönlichem Druck dazu angehalten, immer wieder große Summen ihres Erbes in die Keksfabrik zu investieren. Ihr restliches Leben scheint weder ihren Ehemann noch ein anderes Familienmitglied zu interessieren, solange sie den Schein wahrt. 77 Mit ihrer finanziellen Hilfe sollten Feste und gesellige Empfänge stattfinden. 78 Vgl. Die widerspenstigen Zeugen (1999: 186f.). 264 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets befreit zu werden, die sie ihres rechtmäßigen Erbes berauben. Diesen λύω-Aspekt versucht Paulette durch die heimliche Einleitung ihres Scheidungsverfahrens von Armand Lachaume selbständig zu realisieren, scheitert aber, da die Familie derart besitzergreifend ist, dass sie die juristische Aufhebung dieser Bindung an sie mit allen Mitteln zu verhindern bereit ist. Die Vorstellung einer moderneren Form von Gefangenschaft liegt hier mehr als nah. Durch die vehemente Gegenwehr der Familie, sie aus dieser Gefangenschaft freizugeben, kommt für Paulette zum bereits lange Zeit vorhandenen λύω-Aspekt ihrer Erlösungsbedürftigkeit die akute Bedrohung durch die Nachstellungen der Familie hinzu, die ihr nun nach dem Leben trachtet. Für diese neue Nuance, welche die Situation Paulettes massiv verschärft, greift die Vokabel σώζω als Notwendigkeit des Herausreißens aus lebensbedrohlicher Gefahr unter Einsatz einer überlegenen Macht. Denn die Bedrohung durch die Familie wird zwar zunächst durch den Schuss Paulettes auf Léonard in Notwehr abgeschwächt, aber nicht endgültig aufgehoben. So rettet sich im akut drohenden σώζω- Aspekt ihrer Erlösungsbedürftigkeit Paulette Lachaume kurzfristig selbst, ihre grundsätzliche und juristische Bindung an die lebensverhindernden Familienverhältnisse der Lachaumes aber und damit die Gefahr, das Opfer weiterer Mordversuche zu werden, werden erst dann gelöst und damit eliminiert, als durch die Ermittlungsarbeit Maigrets die wahren Absichten der Familie an Paulette öffentlich bekannt werden.79 79 Auf den ersten Blick wirkt es zwar zunächst so, als habe Maigret keinen eigenen Anteil an der diesbezüglichen neuen Lebenssituation Paulettes, da die Aufhebung der juristischen Bindung an die Lachaume-Familie durch den Selbstmord des Ehegatten Armand unwiderruflich wird. Aber letztendlich sind es die Ergebnisse der Ermittlungsarbeit Maigrets, welche die wahren Handlungsmo- Adressat Paulette Lachaume (geb. Zuber) Mittel • Maigrets Ermittlungen, welche die wahren Absichten der Lachaumes gegenüber Paulette ans Licht bringen, dadurch: • Verunmöglichen weiterer Mordanschläge auf Paulette Erlösungsbedürftigkeit • finanzielle Ausbeutung durch die Familie Lachaume • Unglücklichsein in einer Zweckehe • Bevormundung • Unterdrückung persönlicher Bedürfnisse • Missachtung der Persönlichkeit • drohende Mordanschläge durch die Familie • Bindung an Armand Lachaume Erlösungsziel • freie Verfügung über ihr Vermögen • Freiheit für neue Liebes beziehung • Ausleben eigener Bedürfnisse • Freiheit zur individuellen Lebensgestaltung • Persönliche Wertschätzung • Unbedrohtes Leben • rechtliche Unabhängigkeit von der Familie geglückter Aspekt 265 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten 2.3.2 Abwenden der Verurteilung eines Unschuldigen: Joseph Gastin Auch solche Ermittlungserfolge Maigrets wie hinsichtlich der Lachaume-Familie sind seinem fiktiven Romanumfeld durchaus bekannt. Wenn diese Tatsache auch nicht unmittelbar im Text geschildert wird, spricht doch das Verhalten anderer Figuren dem Kommissar gegenüber eine deutliche Sprache. In Maigret à l’école80 begegnet der Kommissar einem zu Unrecht verdächtigten Dorflehrer, der ihn um Beistand bittet und dabei Vergötterungstendenzen zeigt.81 Die auktoriale Ablehnung einer intendierten Konzeption Maigrets als sakrale Erlöserfigur wird im Text mehr als deutlich. Erst der Verweis des Hilfesuchenden darauf, dass sich die örtliche Polizei aufgrund seiner sozialen Nichtakzeptanz nicht ausschließlich um die Wahrheit bezüglich des Mordes kümmern wird, veranlasst den Kommissar dazu, sich schließlich doch näher mit der Angelegenheit zu befassen.82 Und letztendlich erreicht Maigret, was der Lehrer von ihm erhofft: Er stellt den tive der Lachaumes Paulette gegenüber schon vor dem Selbstmord des Ehegatten enthüllen und der Familie dadurch verunmöglichen, weitere Mordversuche zu unternehmen. Die Vertuschung einer solchen Tat wäre aufgrund des erworbenen Wissens der Polizei um das Motiv nach Maigrets Untersuchungsarbeit so gut wie unmöglich. 80 In der Schule (1987). 81 „Er war ganz in Maigrets Bann. Man merkte ihm an, daß er seit langem von Maigrets großem Ruf wußte und wahrhaft etwas von einem Gottvater in ihm sah.“ In der Schule (1987: 14). „Weshalb haben Sie denn ausgerechnet mich aufgesucht?« »Weil ich Vertrauen zu Ihnen habe. Wenn Ihnen etwas daran liegt, bekommen Sie bestimmt die Wahrheit heraus – das weiß ich.« (…) Aber ich gehöre nun einmal der Pariser Kriminalpolizei an und bin für Vorfälle im Département Charente nicht zuständig…“ In der Schule (1987: 15f.). 82 „[W]enn ich einmal hinter Schloß und Riegel sitze, habe ich keine Möglichkeit mehr, mich zu verteidigen, bin ich von der Außenwelt völlig abgeschnitten. Niemand wird mir Glauben schenken. Sie werden mit mir tun können, was ihnen beliebt. (…) Möglicherweise war es falsch, hierher zu Adressat Joseph Gastin (Lehrer) Mittel • Ermittlungen Maigrets • Entlarvung und Überführung des tatsächlichen Täters Erlösungsbedürftigkeit • Mordanklage • Untersuchungshaft • drohende Gefängnisstrafe • Verurteilung und evtl. Hinrichtung als Mörder • Familie ohne Ernährer Erlösungsziel • Beweis der Unschuld • Leben in körperlicher und juristischer Freiheit • Wiederherstellung der unbescholtenen Reputation • Abwendung von Verurteilung und evtl. Hinrichtung geglückter Aspekt 266 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets wahren Täter und befreit den Dorflehrer auf diese Weise rein körperlich aus der Gefangenschaft der Untersuchungshaft, von einer drohenden Verurteilung wegen Mordes trotz faktischer Unschuld und darüber hinaus von der Möglichkeit einer Guillotinierung, die in Frankreich bei Mordfällen juristisch noch immer ausgesprochen werden kann. Da die eigentliche, psychologisch interessante Geschichte aber mit dem Lehrerssohn Jean-Paul Gastin verknüpft ist, und dem betroffenen Lehrer jegliche Einsicht in die eigenen Anteile an der Situation abgängig ist, fällt diesem Erzählstrang lediglich die Funktion der Rahmenhandlung zu.83 Zwar besteht die Erlösungsbedürftigkeit des Dorflehrers außer der juristischen, unschuldig für einen Mord verantwortlich gemacht zu werden, auch darin, von der Dorfgemeinschaft nicht akzeptiert zu werden und sich mit seiner Familie in einer sozialen Isolationssituation wiederzufinden. Da er selbst sich diesbezüglich aber vollkommen unsensibel zeigt, wird Maigret auch nicht vermittelnd aktiv, obwohl er im Verlauf seiner Nachforschungen hilfreiche Ansatzpunkte dafür kennenlernt. Es finden sich in diesem Roman daher sowohl ein geglückter Aspekt als auch ein nicht geglückter Aspekt, auf die sich eine profane Erlösungsdynamik beziehen kann. Der Erhalt des unverletzten Zustands des Lehrers lässt sich im Sinne des abwehrenden ρύομαι-Aspekts durch Maigrets Ermittlungsarbeit interpretieren. Weiter kann man behaupten, dass er ihn aufgrund des Stellens vom wahren Täter als Gegenwert im λύω-Sinn aus dem Gefängnis kommen. Aber ich habe mir gesagt, wenn ich Ihnen alles erzählte, würde Sie vielleicht bereit sein, hinzukommen und die Wahrheit ans Licht zu bringen.“ In der Schule (1987: 28). 83 Zum Zusammenhang der Geschichte vgl. Teil IV, Kap. 2.2.2. Adressat Joseph Gastin (Lehrer) Mittel • Maigret als Vermittler und Schlichter zwischen Dorfbewohnern und Prinzipientreue des neuen Lehrers (findet nicht statt!) Erlösungsbedürftigkeit • aus der Dorfgemeinschaft ausgegrenzt • kein privater Kontakt zum neuen Lebensumfeld • von allen Dorfbewohnern gemieden • bei den meisten Nachbarn verhasst • verachtet • lebt in Gegnerschaft zum Dorf Erlösungsziel • integriert in die Dorfgemeinschaft • private Kontakte/Freundschaften zu Nachbarn • von Dorfbewohnern akzeptiert und geachtet • genießt Vertrauen und Respekt • lebt in gegenseitigem Miteinander nicht geglückter Aspekt 267 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten auslöst. Diese Elemente jedoch beziehen sich auf die existentielle Bedrohung des Lehrers, welche durch die Lebensumstände im Dorf juristisch fehlgeleitet entstehen konnte, nicht aber auf die Isolationssituation der Familie als Ursache für die Irreführung der Justiz. 2.3.3 Verschweigen der Beweislage: Anna Peeters Auch wenn die Figur der Flamentochter Anna Peeters bereits in Teil IV, Kap. 2.1.1.2. eine seelische Sackgasse und damit die Grenze profaner Erlösungsdynamik verdeutlicht, ist doch Maigrets Verhalten ihr gegenüber als eindeutige Beseitigung von drohender Gefangenschaft zu verstehen. In diesem Fall lässt sich eine sehr deutliche äußerliche Bewahrung vor einer akuten Bedrohung für Leib und Leben im ρύομαι-Sinn ausmachen, für die Maigrets Schweigen gegenüber offizieller Seite verantwortlich ist. Nach im Roman als geltend dargestelltem Recht würde Anna Peeters für die Mordtat verhaftet, angeklagt und verurteilt werden, was mindestens zu einer lebenslangen Haftstrafe führen würde, käme Maigret seiner bürgerlichen und professionellen Pflicht nach, Anna für den Mord anzuzeigen. In Frankreich muss darüber hinaus bei einer Mordanklage immer auch mit der Möglichkeit gerechnet werden, zum Tod durch die Guillotine verurteilt zu werden. Maigret zeigt Anna aber nicht an, ersinnt überdies einen nicht widerlegbaren, aber falschen Tathergang, so dass die örtliche Polizei den Fall offiziell abschließt, Annas Bruder vom fälschlich angenommenen Mordverdacht freisprechen muss und fährt „unverrichteter“ Dinge wieder nach Hause, nachdem er die Täterin in einem offenen Dialog gestellt hat. Er eröffnet Anna also durch sein Schweigen und die vorsätzliche Irreführung der zuständigen offiziellen Behörde ein weiterhin freies Leben, unbehelligt durch polizeiliche Verfolgung und frei von der Angst, eventuell für die Mordtat hingerichtet wer- Adressat Anna Peeters Mittel • Nicht-Anzeige Annas bei der offiziellen Polizeibehörde für die begangene Mordtat • Befürworten eines möglichen, aber falschen Tathergangs, der Annas Bruder entlastet Erlösungsbedürftigkeit • Sichere Verurteilung zu lebenslanger Haftstrafe • evtl. Todesstrafe für Mord • Angst vor Entdeckung der Tat und Verfolgung durch Polizei • Verlust des Bruders durch schuldlose Verurteilung an ihrer Stelle Erlösungsziel • Leben in Freiheit, bei ihrer Familie • Abwendung der Todesstrafe • Keine Verfolgung durch Polizei und Justiz • Widerlegen des falschen Mordverdachts gegen den Bruder geglückter Aspekt 268 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets den zu können. Der „Preis“, den Maigret hier investiert84 und der Anna einen Neuanfang in Freiheit ermöglicht, liegt bei nicht weniger als Maigrets eigenem Schuldigwerden. Bei Offenbarwerdung solcher Zusammenhänge müsste der Kommissar mit unehrenhafter Entlassung aus dem Dienst und Verurteilung rechnen. Aus diesem Grund muss sein Verhalten Anna gegenüber definitiv als Befreiungstat nach dem sozialen Paradigma bezeichnet werden und hat gleichzeitig die „Konsequenz“, dass sowohl Anna als auch ihre Familie nicht weiter juristisch verfolgt werden, auch wenn dieser Aspekt sich wiederum auf die Erlösungsbedürftigkeit nach der Tat bezieht und nicht auf die der Tat zugrunde liegende, ursächliche Erlösungsbedürftigkeit. 2.3.4 Fluchthilfe aus dem Todestrakt: Joseph Heurtin Wie bereits bei den Grenzen profaner Erlösungsdynamik beschrieben (Teil IV, Kap. 2.1.1.1.), kann Kommissar Maigret im Roman Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes für die Figur des Joseph Heurtin aufgrund seiner Weigerung, mit Maigret in Begegnung zu treten, nur äußerliche Veränderungen bewirken. Diese äußerliche Verbesserung seiner Situation besteht aber in nichts weniger als der Bewahrung davor, aufgrund eines Justizirrtums unschuldig für einen Mord hingerichtet zu werden. Zum einzigen Mal innerhalb der Maigret-Serie fungiert die Kommissar-Figur gleich zu Beginn des Romans als Fluchthelfer aus dem Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses, der mit angehaltenem Atem hinter eine Ecke der Gefängnismauer lauert und hofft, dass sein Plan aufgeht. Zwar hat er als Funktionär zuvor Richter und Gefängnisdirektor zur Zustimmung überredet und ihnen sein konkretes Vorhaben erläutert, aber alle sonstigen Gefängniskräfte sind nicht informiert. Joseph flüchtet also tatsächlich mit Maigrets Hilfe aus dem Zellentrakt, in dem die zum Tode Verurteilten auf ihre Hinrichtung warten. Diese Befreiung aus faktisch vorhandener Gefangenschaft wird erreicht durch den Einsatz von Maigrets eigener Karriere und seiner Berufsausführung. Der „Kopf eines Mannes“, um den Maigret in diesem Roman kämpft, ist vielgestalt zu interpretieren und bezieht sich hinsichtlich des Kaufpreises für die Befreiung Heurtins auch auf seinen eigenen, den er durch die Überführung des wahren Täters ebenso „aus der Schlinge“ ziehen muss wie den des fälschlich für die Tat Verurteilten. Was für die Situation Josephs im Todestrakt des Gefängnisses kurz vor seiner Hinrichtung durch Maigrets Einsatz für einen Fluchtplan eindeutig mit der Vokabel σώζω als Herausreißen aus lebensbedrohender Gefahr bezeichnet werden muss, kann mittelfristig jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass die notwendige Entflechtung des Betroffenen von seinen eigenen Schuldgefühlen (der zweite λύω-Aspekt) für eine umfassende Erlösung nicht geglückt ist. Die Kombination aus Verzahnung und Akkumulation verschiedener Arten von Erlösungsbedürftigkeit in der Figur Heurtins sollte andererseits wiederum nicht dazu verleiten, die tatsächlich erbrachten Erlösungsaspekte zu übersehen. Denn Maigret hat in diesem Fall alles in seiner Macht stehende getan, dem Jungen einen Neuanfang zu ermöglichen. Aufgrund seiner unerschütterlichen Verpflichtung zur Wahrheit, setzt der 84 Maigret „investiert“ hier nicht in die Person Annas, sondern in seinen Glauben an die Gerechtigkeit. Zum Verständnis von Gerechtigkeit im Maigret-Universum vgl. Teil IV, Kap. 2.4.3. Im Gegensatz zum christlichen Erlöser ist auch hier der Unterschied im Vorsatz zur Erlösung erkennbar. 269 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten Kommissar sogar freiwillig seine berufliche Zukunft und die eigene untadelige Reputation aufs Spiel, um die Unschuld Heurtins zu beweisen und behält Recht. Äußerlich sind damit alle Hindernisse beseitigt, die Josephs Zukunftsperspektive auf ein freies Leben mit tadelloser Reputation im Weg stehen könnten. Die innere Verstrickung dieses Opfers in seine eigenen Schuldgefühle und den Verlust des Glaubens an die Menschlichkeit der Gesellschaft infolge psychischen Missbrauchs durch den Täter bleiben jedoch außerhalb des Einflussbereichs jedes profanen Erlösers, dem sich der Verlorene nicht anvertraut. 2.3.5 Ignorieren einer schwebenden Haftstrafe: Raymond Grandmaison Das Drama um Kapitän Joris in Maigret und der geheimnisvolle Kapitän85 basiert auf dem Fluchtversuch einer Figur aus der erzwungenen sozialen Isolation von seinem Sohn und der Liebe seines Lebens. In einer Phase jugendlicher Spielsucht veruntreut Raymond Grandmaison Gelder aus der Firma seines Onkels und wird dabei von seinem Cousin Ernest erwischt. Dieser erkennt seine Chance, den (von seiner Angebeteten Hélène bevorzugten) Rivalen endgültig loszuwerden und lässt sich nur unter der Bedingung, dass Raymond Frankreich verlässt und jeden Kontakt zu Hélène abbricht, davon abhalten, ihn bei der Polizei anzuzeigen und ins Gefängnis zu bringen. Raymond flüchtet nach Norwegen, nimmt die dortige Staatsbürgerschaft an und will den Kontakt wieder aufnehmen, als er erfährt, dass Hélène seinen Sohn geboren hat. Ernest droht mit Festnahme bei Grenzübertritt und überredet Hélène, ihn zu heiraten, die nach dem Weggang Raymonds mit einem unehelichen Kind keine freie Partnerwahl mehr hat. Ins norwegische Exil gezwungen entschließt sich Raymond, dort mindestens ebenso reich zu werden wie sein Vetter, um ihm finanziell und sozial ebenbürtig zu sein. Als er das geschafft hat, beschließt der Verbannte mit Hilfe einiger Bekannter aus der Seefahrt – darunter der später ermordete Kapitän 85 Der geheimnisvolle Kapitän (2005). Adressat Joseph Heurtin Mittel • Glaube an Heurtins Unschuld • aktive Fluchthilfe aus dem Gefängnis • Überführen des wahren Doppelmörders Erlösungsbedürftigkeit • Verurteilung als Doppelmörder • Gefangenschaft im Hochsicher heitstrakt • Zum Tod durch Guillotine verurteilt Erlösungsziel • Wiederherstellung der untadeligen Reputation/ Erweis der Unschuld • Befreiung aus Gefängnis • Leben in Freiheit (als unbe scholtener Bürger) geglückter Aspekt 270 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Joris – einen Plan in die Tat umzusetzen, der ihm auf konspirative Weise in seiner Heimat zumindest ein Wiedersehen mit Hélène und seinem Sohn ermöglichen soll.86 Die eigentliche, zu enthüllende Geschichte im Sinne des homme nu liegt in der Beziehung zwischen den beiden entfremdeten Cousins. Im Laufe der Maigretschen Ermittlungen stellt sich die Aufklärung der Erpressungsgeschichte an Raymond Grandmaison durch seinen Cousin (den gegenwärtigen Bürgermeister Grandmaison) als Zentrum dieser (Un-)Beziehung heraus. Dessen Motivation und Beweggründe, Drama und Risiko einer Rückkehr einzugehen, obwohl er ahnt, wozu sein Cousin Ernest in der Lage ist, liegen im Bedürfnis nach einem gemeinsamen Leben mit der Familie begründet, von der er sich gewaltsam hat isolieren lassen. Nachdem die Untersuchungen zum Mordfall Joris für den Kommissar keine Fragen und Handlungsnotwendigkeiten mehr offen lassen (Täter ist Bürgermeister Grandmaison, der sich schließlich selbst erschießt), lässt Maigret den erpressten Cousin Raymond seiner Wege gehen. Obwohl theoretisch die Anzeige wegen Diebstahls und die in Zusammenhang damit ausstehende Haftstrafe noch gegen den ins norwegische Exil Gezwungenen bestehen, lässt er diese juristische Sachlage einfach unter den Tisch fallen und verhilft überdies ihm und der (nun verwitweten) Mutter des gemeinsamen Sohnes mit einer Lüge gegenüber der Presse dazu, endlich ein gemeinsames Leben unbehelligt von Altlasten zu beginnen. Die Isolation Raymonds scheint für Maigret eine Familienangelegenheit zu bedeuten, deren Gewicht in dem Augenblick an Bedeutung verliert, in dem der Ankläger die Bühne verlässt. Auch hier ist es kein aktives Handeln Maigrets, das dem Isolierten die Rückkehr aus dem erzwungenen Exil ermöglicht, sondern vielmehr eine passive Unterlassung, die eine Heimkehr nicht noch zusätzlich erschwert. Als aktive Hilfe für die Eröffnung eines möglichen Neuanfangs lässt sich Maigrets Vorschlag interpretieren, wie er den Mord an Kapitän Joris und den Selbstmord seines Mörders, des Bürgermeisters Ernest Grandmaison, offiziell im polizeilichen Abschlussbericht behandeln könnte.87 Der Kaufpreis für die Befreiung aus dem Exil und den Neubeginn der von der Tragödie überlebenden Betroffenen liegt wiederum im Schuldigwerden des Kommissars: Wenigstens durch eine Falschaussage im offiziellen Bericht, darüber hinaus durch die Unterlassung der Verfolgung und Vollstreckung der noch ausstehenden Haftstrafe an Raymond. 86 Bei der Umsetzung des Plans, in dem der Kapitän für die Ablenkung Ernests verantwortlich ist, geht etwas schief und der verhasste Vetter schießt Joris in einem allgemeinen Handgemenge in den Kopf. Der Kapitän überlebt, verliert aber sein Gedächtnis und wird in Paris von Maigrets Leuten auf der Straße aufgegriffen. Der übliche Fahndungsaufruf verhilft dazu, Kapitän Joris wieder in seinen Heimathafen Ouistreham zurückzubringen, wo er schließlich in seiner ersten Nacht endgültig umgebracht wird. Zwar geschieht der Mord an Joris letztlich aus Angst Ernest Grandmaisons, er könne seine gesellschaftliche Stellung im Ort verlieren, wenn der Kapitän sich doch noch daran erinnert, wer auf ihn geschossen hat. Denn mit einer Anzeige wegen versuchten Totschlags würde nicht nur seine Karriere im Gefängnis enden. Darüber hinaus wäre er dann auch nicht mehr in der Lage zu verhindern, dass Hélène und Raymond wieder zusammenfinden. Aber die eigentliche Geschichte eines homme nu bezieht sich auf das Verhältnis der beiden Cousins. 87 Mit der Version eines ausländischen Seemannes, der einen Rachefeldzug gegen den Bürgermeister und den Kapitän durchgeführt hat, ohne dass die Polizei seiner habhaft werden konnte, ermöglicht Maigret der Witwe des Bürgermeisters Hélène und seinem verbannten Cousin Raymond einen gemeinsamen Neuanfang, unbelastet vom Erbe der Vergangenheit und ohne, dass sie auch nur Teile ihres Familiengeheimnisses in der Öffentlichkeit erläutern müssten. Vgl. Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 216). 271 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten 2.3.6 Nicht-Überführen eines fast verjährten Mordes im Affekt: Jugendzirkel aus Saint-Pholien Ein eklatantes Unterschlagen der Beweislage und Unterbleiben der Überführung der schuldigen Täter von Seiten Maigrets als Befreiung aus Fremdherrschaft und Möglichkeit zum Neuanfang findet sich im Roman Saint Pholien (1998). Maigrets Ermittlungen hängen mit der gemeinsamen Vergangenheit von vier Männern zusammen, die mit allen Mitteln versuchen, seine Suche nach der Wahrheit über einen kürzlich verstorbenen Fünften aus der Runde zu vereiteln (Lecoq d’Arneville). Dabei versuchen die Betroffenen mehrfach, sich des Kommissars zu entledigen.88 Es stellt sich heraus, dass alle vier sich als (mit)schuldig am Unfalltod des früheren siebten Mitglieds des Zirkels empfinden, und darüber hinaus auch indirekt (mit)schuldig am Selbstmord des ehemaligen sechsten Zirkelmitglieds, das mit diesem Unfalltod nicht leben wollte und sich deshalb zwei Monate später am Kirchturm von Saint- Pholien erhängt hat.89 Jedes ehemalige dieser übrigen fünf Mitglieder des Zirkels versucht auf seine eigene Weise, mit dem Trauma dieser Tode zurechtzukommen. Im Zuge der Nachforschungen des Kommissars lässt sich jedoch feststellen, dass das schlechte Gewissen über die empfundene (Mit)Schuld am Tod der beiden anderen jeden einzelnen so sehr belastet, dass dabei durchaus von Selbstentfremdung gesprochen werden darf. Verschärft 88 Maigret wird von einer Klippe gestoßen und einer der Männer schießt im Dunkeln auf den Kommissar. 89 Dieses Element erklärt den Romantitel Le pendu de Saint-Pholien bzw. der Gehängte von Saint- Pholien und das Leitmotiv des Gehängten am Kirchturm. Adressat Raymond Grandmaison (R) Hélène Grandmaison (H) Mittel • Ignorieren der schwebenden Haftstrafe und der Diebstahls-Anzeige • Freilassen aus Untersuchungshaft • Erfinden eines offiziellen Abschlussberichts, der die Wahrheit über Ernest verschweigt Erlösungsbedürftigkeit • Isolation von geliebter Frau und gemeinsamem Sohn (R) • Gefängnisstrafe wegen Veruntreuung von Geldern (R) • Bekanntwerden der Tragödie aus der Vergangenheit (R) • Bekanntwerden, dass ihr Sohn unehelich ist (H) • Bekanntwerden, dass ihr Ehemann gemordet hat (H) Erlösungsziel • Leben mit seinem Sohn und der Liebe seines Lebens (R) • Leben in Freiheit (R) • Möglichkeit zum Neuanfang, unbehelligt von der Vergangenheit (R + H) geglückter Aspekt 272 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets wird diese Situation dadurch, dass das fünfte Mitglied Lecoq es als seine Bußaufgabe empfindet, alle restlichen überlebenden ehemaligen Mitglieder auch finanziell zu ruinieren. Das Bild von Fremdherrschaft, Sklaverei und Leibeigenschaft, wenn auch emotional durch die Angst vor öffentlicher Verfolgung durch die Justiz begründet, mit der Lecoq die anderen unter Druck setzt, ist daher durchaus zutreffend.90 Die vier erpressten Ex-Zirkelmitglieder lassen sich von Lecoq bereitwillig kurz vor den privaten Konkurs treiben und verüben sogar einen bzw. mehrere Mordanschläge auf den Kommissar, als dieser der Wahrheit über diese Erpressungen nahe kommt. Das Leiden an den Erpressungen wird von den vier Männern fälschlicherweise als Buße interpretiert, von der sie hoffen, dass sie ihre Schuld am tragischen Tod der beiden anderen Zirkelmitglieder aufwiegen wird. Alle vier sind aufgrund der Schuld in ihrem Leben so sehr in dieser gefangen und daher von sich selbst entfremdet, dass sie nicht mehr erkennen können, welche psychologische Chance in einer offiziellen Aufklärung der vergangenen Geschehnisse liegen kann. Deshalb wird der Kommissar so lange ausschließlich als massive Bedrohung empfunden, bis die Kapitulation vor der eigenen Schuld und ein Sich-Fügen in die am meisten gefürchtete Angst vor den Konsequenzen eintritt. Am Ende des Romans findet die Handlung in einem beichtartigen Geständnis der Betroffenen ihren Höhepunkt. Anstelle der erwarteten polizeilichen Überführung und Festnahme aber überlässt der Kommissar die ehemaligen Zirkelmitglieder danach sich selbst, indem er sich (fast) kommentarlos zum Gehen wendet. Die abschließenden Worte Maigrets in Gegenwart der Schuldigen beinhalten, dass er in Paris erwartet werde und mehrere Kinder schuldlos unter der Angelegenheit zu leiden hätten. Diese Unterschlagung gegenüber der viele Jahre zurückliegenden Schuldursache ermöglicht den Überlebenden des ehemaligen schwarzromantischen Jugendzirkels die Beseitigung der emotionalen und finanziellen Fremdherrschaft über ihr Leben und damit einen gesellschaftlichen und psychischen Neubeginn. Neben dieser Befreiung aus finanzieller Sklaverei geht es im Fall des ehemaligen Jugendzirkels von Saint-Pholien nicht im Sinne von ρύομαι um den Aspekt des abwehrenden Schützens oder Bewahrens vor einer akut drohenden Gefahr.91 Auch der Aspekt des σώζω als das Herausreißen aus einer lebensbedrohlichen Gefahr kommt für die vier ehemaligen Zirkelmitglieder nicht in Frage. Einzig die λύω-Komponente des Erlösungsbegriffs ist neben der äußerlichen Beseitigung finanzieller Fremdherrschaft die für diese Situation zutreffende, denn alle vier Betroffenen brauchen die externe Hilfe eines Unbeteiligten, um von der lebenshinderlichen Bindung an ihre dahinter liegende Schuld entflochten zu werden. Da Maigret als außenstehende Instanz aufgrund seiner eigenen Nachforschungen um das bereits durchlittene Leid als Folge dieser Schuldverhaftung weiß und durch das umfassende Geständnis aller vier Beteiligten die volle Wahrheit über 90 Obwohl es im Handeln Maigrets, das letztlich einen Neuanfang ermöglicht, nicht um das Erlassen von finanziellen Schulden geht, ist in diesem Roman doch eine Affinität zum Erlösungshandeln im Sinne eines finanziellen Paradigmas gegeben. Vor allem der Druck, der dadurch entsteht, dass Lecoq die anderen ehemaligen Mitglieder des Zirkels mit Beweisstücken für den tödlichen Unfall um immens hohe Geld-Summen erpresst und sie so dazu zwingt, gigantische Schulden auf sich zu nehmen, verdeutlicht zusätzlich die Erleichterung, welche die Betroffenen in dem Moment verspüren, in dem Maigret klar macht, dass er niemanden verhaftet und überführt. 91 Der einzige, der in diesem Sinne beschützt oder bewahrt werden muss, ist Maigret selbst, der die Anschläge der betroffenen Verdächtigen vorausahnen und auf sie vorbereitet sein muss, um sie heil zu überstehen. 273 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten alle Einzelheiten der Ursache für die emotionale Verhaftung an der Schuld kennt, ist er in den Augen der vier Familienväter diesbezüglich ein legitimer Richter, der über ihre Schuldigkeit ein Urteil fällen darf. Nur deshalb können die vier Betroffenen Maigrets letzte Reaktion als rechtmäßige Befreiung erleben. 2.4 Erlösungshandeln im gesetzlichen Paradigma – Maigret als Fürsprecher Während es in der biblisch verwendeten Gerichtssymbolik mit allen Bildgebern von Verurteilung und Begnadigung über die am Gerichtsverfahren Beteiligten bis hin zur geistigen Einsicht in die Zusammenhänge eigener Schuldigkeit vor allem um die Funktion des christlichen Erlösers als Fürsprecher des schuldigen Menschen vor einem apokalyptischen Endzeitgericht geht, lässt sich die Funktion des Parakleten hinsichtlich eines profanen Erlösers nur auf diesseitig greifbare Zusammenhänge anwenden. Zwar impliziert der Umfang Maigrets professioneller Aufgaben, sich immer wieder in persona vor dem Schwurgericht zu den von ihm überführten Tätern zu äußern bzw. als Zeuge zu fungieren, so dass er nicht nur im übertragenen Sinn vor Gericht zu Wort kommt, aber diese Situationen werden textimmanent nur dafür verwendet, Maigrets Abneigung gegen dieses System zu demonstrieren und nicht, ihn juristisch als Fürsprecher in Gerichtsverfahren zu etablieren.92 In der Tat fungiert der Kommissar im Grunde als Zeuge für die 92 Vgl. Vor dem Schwurgericht (1979). Adressaten Jugendzirkel aus Saint-Pholien Mittel • Nicht-Überführung der geständigen Täter • Zurückhalten von Beweismitteln • Zwang, sich der Wahrheit über die Vergangenheit zu stellen • Zwang, den Konsequenzen gegenüber zu treten • Ausbleiben eines moralischen Urteils Erlösungsbedürftigkeit • Flucht vor der Vergangenheit • Erpressung in den privaten Ruin • lebenshinderliche Verhaftung an persönlicher Schuld • drohende Überführung und Verurteilung wegen Mordes im Affekt (o. Totschlags) • Gefängnisstrafe Erlösungsziel • Entflechtung von lebenshinderlicher Bindung an unreflektierte Schuldgefühle (emotional) • Begnadigung von zutreffender Schuldigkeit • Freies Leben, unbedroht durch polizeiliche Verfolgung • Möglichkeit, finanziell wieder Fuß zu fassen geglückter Aspekt 274 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Anklage. Aufgrund seiner Aversion aber gegen vorschnelle Urteile und seines Unbehagens der Tatsache gegenüber, dass vor Gericht nie die „ganze Wahrheit“ zur Sprache kommt, fallen seine Aussagen eher dahingehend aus, dass man ihn als Zeugen für die Verteidigung einsetzen könnte.93 Dies wird durch Maigrets Ruf belegt, der innerhalb der Romane durch Zeitungsausschnitte dokumentiert wird, die seine Menschlichkeit und Empathie gegen- über den Tätern betonen.94 Für Maigret kommt demnach eher eine Fürsprecher-Rolle im übertragenen Sinn in Frage, die sich in der literaturwissenschaftlichen Rezeption in Zuordnungen zu Begriffen wie Menschlichkeit, Beichtvater oder väterlicher Begleiter95 niederschlägt. Da die Rolle des Beichtvaters im Handlungsverlauf eines Maigrets meistens mit dem Spannungs-Klimax des Täter- Geständnisses verbunden ist und daher sehr häufig vorkommt, sollen hier bewusst diejenigen Beispiele beleuchtet werden, die einen anderen Aspekt des Fürsprecher-Daseins des Kommissars verdeutlichen. 2.4.1 Fürsprache als soziale Integration: Die Flamenfamilie Peeters Anders als in Maigret à l’école stellt sich der Umgang Maigrets mit der sozialen Isolationssituation seiner Verdächtigen in Maigret bei den Flamen96 dar. Das ist davon abhängig, ob sich die Betroffenen aufgrund einer freien Entscheidung in einer quasi selbst gewählten Isolation befinden oder ob die Ausgrenzung ihnen von extern aufgebürdet wird, ohne dass sie eine diesbezügliche Wahl hatten oder gehabt hätten.97 Für Maigrets Verhalten der Familie Peeters gegenüber ist es vollkommen irrelevant, ob und wie sie von der Dorfgemeinschaft, an deren Rande sie lebt, ausgegrenzt wird. Um die Wahrheit herauszufinden, muss er die gemiedene Zuwanderer-Familie kennenlernen, ihre Struktur, ihre internen Beziehungen und Mechanismen studieren sowie ihre ganz eigene Atmosphäre und die Art des Umgangs miteinander entdecken. Obwohl ihm diese professionelle Zuwendung zu den Peeters von den Ortsansässigen negativ als Parteinahme für „die Fremden“ ausgelegt wird, lässt sich Maigret nicht davon abhalten, die gesellschaftliche Ächtung der Flamenfamilie so lange zu ignorieren, wie seine Nachforschungen andauern.98 Der Kommissar unternimmt alles, was ihm ein ganzheitliches Bild des internen Familienlebens und ihres Alltags verschafft: Er isst mit ihnen, hört ihren Erzählun- 93 Eine wichtige Einschränkung diesbezüglich ist der Mangel an Vorsatz. Während es in den biblischen Metaphernfeldern zur Rede von Erlösung immer auch darum geht, dass eine bildhaft vermittelte Funktion wahrgenommen wird, um explizit einen Neuanfang zu ermöglichen, ist das bei Maigret nicht zwangsläufig der Fall. Manchmal schon, meistens aber indirekt über die Intention, die Wahrheit herauszufinden, was dann zur selben Konsequenz führt. Darin liegt ein nicht zu vernachlässigender Unterschied zum christlichen Erlöser. 94 Vgl. z. B. Maigrets Revolver (2006: 116f.). 95 Menschlichkeit: Quack (2000: 45), Eskin (1999: 398); Mitgefühl: Eskin (1999: 395–399, 410); Beichtvater: Quack (2000: 45), väterliches Verhalten: Eskin (1999: 391, 409). 96 Originaltitel des Romans Bei den Flamen (1998). 97 Diese Differenzierung ist deshalb erwähnenswert, weil der Kommissar sich zwar nicht um gesellschaftliche Konventionen kümmert, die zur Isolation bestimmter Figuren führen, sehr wohl aber die persönlichen Entscheidungen der Betroffenen respektiert, denen er begegnet. 98 „Maigret zündete seine Pfeife an und legte seinen tropfnassen Hut neben sich auf das braune Kunstleder der Sitzbank. »Ein Bier bitte!« Gérard Piedboeuf setzte ein mokantes, verächtliches Lächeln auf und knurrte halblaut: »Ein Flamenfreund…« Bei den Flamen (1998: 79). 275 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten gen zu, besucht den hauseigenen Laden, besichtigt das Wohnhaus, lässt sich die verschiedenen Verwandtschaftsverhältnisse erläutern und Heimatlieder am Klavier vorsingen. Damit sorgt er auf sehr direkte Weise für Verunsicherung beim zuständigen Dorfpolizisten und baut indirekt eine Brücke für andere, es ihm gleich zu tun bzw. die Isolation der Familie aufzuheben. Diese Möglichkeit wird jedoch von den französischen Dorfbewohnern nicht wahrgenommen. Die Familie bleibt auch nach Maigrets Heimkehr nach Paris von der Ortsgemeinschaft ausgeschlossen, so dass der Aspekt säkularer Erlösungsdynamik ein temporärer ist und auf die Zeit der Anwesenheit Maigrets bei der Familie beschränkt bleibt.99 Dennoch beinhaltet seine vorurteilsfreie Vorbehaltlosigkeit und Ignoranz der rassistischen Dorfgepflogenheiten in diesem Fall eine mittelbare Fürsprache für die soziale Integration der Zuwanderer sowie für die Mitglieder der Flamenfamilie die erfreuliche Komponente willkommener Gesellschaft und sozialer Abwechslung in ihrer Isolation vom Ort. Und das, obwohl Maigret dafür ebenfalls soziale Repressalien von Seiten der Dorfbewohner zu spüren bekommt. Darüber hinaus kommt der Familie Peeters temporär betrachtet so lange in der Wahrnehmung des örtlich ermittelnden Polizisten eine unvoreingenommenere Position zugute, wie Maigret mit ihm und den flämischen Zuwanderern gleichzeitig verkehrt. Der Kommissar nimmt nicht teil an der kollektiven Vorverurteilung der Dorfgemeinschaft und 99 Maigret scheint nicht zuständig für Erlösung aus gesellschaftlicher Isolation, die Teil einer politischen Problematik ist (gemeint ist hier die Problematik des im französischen Nationalstolz verankerten Fremdenhasses gegen Zuwanderer). Dafür müsste er sich gesellschaftskritisch verhalten. Das tut er nicht. Maigret hat keine gesellschaftsrevolutionären Züge in seiner Figuren-Konzeption. Adressat Flamenfamilie Peeters (flämische Zuwanderer) Mittel • Maigrets Unvoreingenommenheit gegenüber der Flamenfamilie • Maigrets vorurteilsfreier Kontakt zu den Flamen • Ignoranz des Verhaltens der frz. Dorfbewohner • Eigenes Verhalten als Vorbild/Brücke zur Nachahmung Erlösungsbedürftigkeit • gesellschaftliche Ausgrenzung aus der französischen Dorf gemeinschaft • Opfer von nationalistischem Ausländerhass französischer Landbevölkerung Erlösungsziel • Integration in die französische Dorfgemeinschaft • Behandlung als gleichwertige Mitglieder des Ortes nicht geglückter Aspekt 276 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets beeinflusst so die mittelfristigen Denkgewohnheiten des Dorfpolizisten. Maigret stellt für diesen nicht nur den ranghöheren Funktionär dar, sondern die Zusammenarbeit mit dem legendären Kriminalkommissar aus Paris ermöglicht auch dem einfachen Dorfpolizisten, für eine Weile anders zu ermitteln und zu denken (vielleicht sogar ein anderer zu sein) als in den gewohnten Bahnen provinzieller Routine. Maigret nimmt ihn mit zu den Peeters, lässt ihn nicht außen vor, wenn er in die Familienatmosphäre eintaucht, die Einzelpersonen kennen lernt oder sich flämische Reistorte servieren lässt. Davon profitiert die ausgegrenzte Familie insofern, als der Kommissar, solange er präsent bleibt, auf diese Art und Weise eine Verbindung zu einem wesentlichen Element der Dorfgemeinschaft in Person des Polizisten herstellt, die für die Aufrechterhaltung ihrer Isolation verantwortlich ist. 2.4.2 Verhinderung eines Mordanschlags von Alain Lagrange Im Fall des jungen Alain Lagrange100 übernimmt der Kommissar die Rolle eines väterlichen Freundes, der ihn – trotz des Diebstahls seiner Dienstwaffe – davor bewahrt, diejenige Dame zu erschießen, die dessen Vater psychisch und gesellschaftlich ruiniert hat. Alain, der als letztes von drei Kindern noch bei seinem Vater François lebt, ignoriert naiv die Verantwortung des eigenen Vaters für dessen gegenwärtige Lebenssituation: Als ehemaliger Geliebter der von Erpressung lebenden Jeanne Debul und ihr emotional immer noch hörig, übernimmt der sog. Baron Lagrange (der Vater Alains) die Rolle des erpressenden Handlangers seiner Angebeteten, der schließlich in einem eskalierenden Handgemenge mit einem nicht ganz so willigen Gegenüber das Erpressungsopfer erschießt. Jeanne Debul distanziert sich sofort, verlässt Frankreich und überlässt den Vater Alains 100 Zur Geschichte vgl. Maigrets Revolver (2006). Adressat Flamenfamilie Peeters Mittel • Maigret beteiligt den Dorfpolizisten an seiner Art, die Wahrheit zu suchen, • bezieht den Dorfpolizisten in seine Suche nach der Wahrheit mit ein und • stellt so eine Verbindung zwischen dem Polizisten und Familie Peeters her/dar Erlösungsbedürftigkeit • Vorverurteilung durch Dorfpolizisten • Kontaktverweigerung des Dorfpolizisten • Desinteresse an der Familie • Isolation vom gesellschaftlichen Leben Erlösungsziel • Vorurteilsfreier Dorfpolizist • Neugier des Dorfpolizisten auf flämische Zuwanderer • Freundlicher Kontakt des Dorfpolizisten zur Flamenfamilie • Gesellschaftliche Anbindung & Abwechslung durch Maigret geglückter Aspekt 277 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten seinem Schicksal. Diese Ereignisse übersteigen die Verarbeitungsfähigkeit des Barons, er verfällt dem Wahnsinn. Alain, der seinen Vater noch immer anhimmelt, projiziert alle Schuld an der Misere seines Vaters auf Jeanne Debul und reist ihr mit dem festen Vorsatz nach, seinen Vater zu rächen.101 Die Erlösungsbedürftigkeit Alains liegt – unabhängig vom Diebstahl der Dienstwaffe Maigrets, den dieser nicht anzeigt – in der emotionalen Verstrickung in väterliche Verantwortung und Zuständigkeit. In der Beziehung zu seinem Vater ist Alain noch nicht unabhängig und deshalb unfähig, sich emotional von diesem zu emanzipieren. Weil er aus diesem Grund nicht in der Lage ist, dessen eigene Schuldanteile an seiner Misere zu sehen, kompensiert Alain seine Verzweiflung und Ohnmachtsgefühle über das plötzliche Alleingelassensein durch Aggression gegen die vermeintlichen Verursacher und durch ein Verantwortlichkeitsgefühl für das Schicksal seines Vaters. Kommissar Maigret begegnet dieser Unerlöstheit des jungen Mannes damit, dass er (aufgrund einer emotional begründeten Zuständigkeit seiner Frau)102 die Rolle eines väterlichen Freundes für Alain übernimmt. Rein äußerlich und am spektakulärsten impliziert dies, dass Maigret Alain letztlich erfolgreich daran hindert, mit seiner Dienstwaffe einen Mordanschlag auf Jeanne Debul zu verüben.103 Der für den jungen Alain viel existentieller erlebte Erlösungsaspekt liegt jedoch – auch aus psychologischer Sicht – darin begründet, dass der Kommissar sich ihm als wohlwollender und fürsorglicher Vertrauter und Begleiter offenbart, der ihm durch diese Funktion ermöglicht, das fatale Vertauschen von Zuständigkeiten wieder fallen zu lassen.104 In Gegenwart Maigrets – der freundlich erklärt105, einfühlsam handelt106, väterlich verköstigt107, wohlwollend beobachtet108, aber auch autoritär schimpft109 – kann Alain wieder zum Kind werden, das seine Trauer, Wut und Enttäuschung einem Erwachsenen anvertrauen darf und das durch Maigrets Übernahme väterlicher Fürsorge auch auf mittel- bis längerfristige Begleitung hoffen darf. Die Fürsprache Maigrets beinhaltet in diesem Roman nicht nur die Unterlassung der Anzeige wegen Diebstahls, sondern die viel grundlegendere und umfassendere Fürsorge für einen Jugendlichen, der – plötzlich allein gelassen – mit der erwachsenen Selbstständigkeit völlig überfordert ist. 101 Vgl. Maigrets Revolver (2006). 102 Vgl. Maigrets Revolver (2006: 18f., 24f., 26, 54f., 90ff.). 103 Vgl. Maigrets Revolver (2006: 163–171). 104 Vgl. Maigrets Revolver (2006: 171–192, 198ff.). 105 Vgl. Maigrets Revolver (2006: 165f., 173, 187, 188, 190). 106 Vgl. Maigrets Revolver (2006: 163–165, 169, 172, 173, 188, 194). 107 Vgl. Maigrets Revolver (2006: 176, 177, 182, 191). 108 Vgl. Maigrets Revolver (2006: 179, 189, 192). 109 Vgl. Maigrets Revolver (2006: 170). 278 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets 2.4.3 Gesetz und Gerechtigkeit als Gegenpole in den Maigret-Romanen Ein säkularer Erlösungsbegriff, der in der gegenwärtig greifbaren Diesseitigkeit darauf ausgerichtet ist, gegen diejenigen gesellschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen, familiären oder politischen Kräfte anzugehen, welche ein Individuum in seinem Lebensvollzug „in hohem Maße“ lähmen oder quälen110, muss unweigerlich mit den gesellschaftlich festgelegten Handlungsrichtlinien in Konflikt geraten, deren erklärtes Ziel darin besteht, das Allgemeinwohl zu erhalten und das reibungslose Funktionieren des status quo zu gewährleisten, dem Gesetz. Da die erlösungsbedürftigen Figuren – jedenfalls die meisten – des Maigret-Universums, mit denen der Kommissar als Täter in Berührung gelangt, aufgrund ihrer Mordtat bereits mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, findet sich also in der profanen Erlösungsdynamik der Maigrets eine ähnliche Oppositionssituation zwischen Gesetz und Gerechtigkeit wie sie die Theologie aus der Rechtfertigungslehre kennt.111 Aber nicht nur aufgrund des Auslösers für einen Kriminalroman (Mord) findet sich diese Opposition, sondern auch die Figur Maigrets selbst verweist immer wieder auf die Unvereinbarkeit von individueller Gerechtigkeit für Einzelpersonen aufgrund der Erkenntnis von Wahrheit (Verstehen) mit institutioneller Rechtsprechung durch die Justiz auf der Basis von allgemeingültigen Rechtsverordnungen, Gesetzen und Bürokratie. Dieser Gegensatz ist nur logisch, sofern ihm der Schutz der 110 Welker (2009: 30). 111 Es soll an dieser Stelle nicht der den Rahmen dieser Untersuchung überschreitende theologische Diskurs um die Zusammenhänge von Gesetz, Gerechtigkeit und Rechtfertigung geführt werden, da sich diese Arbeit auf die säkulare Konkretion der Begriffe Gesetz und Gerechtigkeit in der Maigret-Literatur bezieht. Dennoch bleibt gerade aus der Perspektive der Interdisziplinarität der Verweis auf gewisse Ähnlichkeiten der Oppositionen für beide Seiten interessant und bereichernd. Adressat Alain Lagrange Mittel • Nicht-Anzeige des Dienstwaffen-Diebstahls • Persönliches Einsetzen für mildernde Umstände bei Überfall • Verhindern eines Mordanschlags • Übernahme väterlicher Fürsorge (nimmt ihm die Waffe ab, geht mit ihm essen, spazieren, teilt sich ein Bett mit ihm, eröffnet ihm realistische Zukunftsperspektiven) Erlösungsbedürftigkeit • Anzeige wegen Diebstahls und Überfalls • Vorsatz, einen Mord zu begehen • Verlassensein vom Vater • Überforderung durch Einsamkeit und Selbstständigkeits-Aspruch der Umwelt an ihn Erlösungsziel • Leben als Nicht-Mörder • Unterstützung und Begleitung von führungsfähiger Vaterfigur • Zeit, in die Selbstständigkeit und das Erwachsensein hinein zu wachsen geglückter Aspekt 279 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten Gesellschaft als Ganzes durch das Gesetz einerseits und das Interesse an einem lebensförderlichen Umgang mit einer Einzelperson aufgrund ihres ganz individuellen Schicksals andererseits zugrunde liegen. In Maigrets Welt ist kein Platz für das Prinzip der Justiz: Der Begriff ist ohne Bedeutung, nicht etwa, weil das Gesetz als solches irrig ist, sondern weil die offizielle Rechtsprechung auf einem falschen Wissen basiert (…), und eben nicht auf der zum wahren Verstehen führenden Untersuchung des menschlichen Wesens.112 Gerade der Roman Maigret aux assises113 bebildert diesen inhaltlich als Unwohlsein des Kommissars beschriebenen Gegensatz aufs Anschaulichste.114 Die in diesem Roman immer wieder geschilderten Szenen von Gerichtsverhandlungen im Palais de Justice werden aus der Wahrnehmung Maigrets als ungeeignet beschrieben115, den einzelnen Menschen zu verstehen, der vor Gericht steht, und ihm auf dieser Basis ein gerechtes Urteil zuteil werden zu lassen.116 Selbst heute war ihm bewußt, daß er von der Wirklichkeit nur ein schematisches, lebloses Bild entwarf. Alles, was er gesagt hatte, war wahr, aber er hatte das Gewicht der Dinge, ihre Dichte, ihre Beben, ihren Geruch nicht wahrnehmbar gemacht.117 Im Wissen um diese Überzeugung und Erfahrungen Maigrets lassen sich auch die Alleingänge des Kommissars klarer zuordnen. Egal, ob er im σώζω-Sinn dafür sorgt, dass ein bereits zum Tode verurteilter Häftling aus dem Hochsicherheitstrakt flüchten kann und sich durch die Ermittlungen als tatsächlich schuldlos erweist118, ob er im ρύομαι-Sinn vier erwachsenen Familienvätern die polizeiliche Verfolgung und Inhaftierung erspart, die bereits seit über zehn Jahren für ihre unterlassene Hilfeleistung und ihr schlechtes Gewissen büßen119 oder ob er im λύω-Sinn mit psychologischem Feingefühl dafür sorgt, 112 Eskin (1999: 401). 113 Die deutsche Fassung lautet: Simenon, Georges (1979): Maigret vor dem Schwurgericht. Zürich. Diogenes Verlag. 114 Vgl.: Vor dem Schwurgericht (1979: 7–9, 12f., 22f., 30, 31f., 34f., 41ff., 51, 68, 69f., 134, 140, 167f.). Die für diese Opposition besonders eindrücklichen Stellen finden sich unter den fett angegebenen Seitenzahlen. 115 „Der Untersuchungsrichter, nach mir, (…) sieht die Leute nur noch losgelöst von ihrem persönlichen Leben (…). Was er dort vor sich hat, sind im Grunde bereits schematisierte Menschen. (…) Wenn Menschen ohne Fleisch und Blut aus seiner Amtsstube herauskommen, was bleibt dann dem Schwurgericht, und worauf sollen die Geschworenen ihre Entscheidung über das Schicksal eines einzelnen oder mehrerer ihresgleichen gründen?“ Vor dem Schwurgericht (1979: 70). 116 „Seit mehr als fünfzig Jahren studiert man die Korrespondenz Stendhals, um seine Persönlichkeit klarer herausstellen zu können… Wird ein Verbrechen nicht fast immer von einem ungewöhnlichen Wesen begangen, (…) von einem Menschen, der schwerer zu durchschauen ist als der Mann auf der Straße? Man gibt mir ein paar Wochen oder nur wenige Tage, um mich mit einem neuen Milieu vertraut zu machen (…) und um, sofern das möglich ist, das Wahre vom Falschen zu scheiden.“ Vor dem Schwurgericht (1979: 69). 117 Vor dem Schwurgericht (1979: 32). 118 Wie z. B. in: Der Kopf eines Mannes (2001). 119 Wie z. B. in: Saint-Pholien (1998). 280 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets dass die Betroffenen sich der Wirklichkeit stellen und die Wahrheit sagen (können)120, jedes Mal lässt sich die profane Erlösungsdynamik dieser Beicht-Geständnisse als individuelle, kreative und die jeweilige Einzelsituation berücksichtigende Lösung Maigrets für einen lebensbejahenden Neuanfang bezeichnen. Maigrets offizielle eigene Schuldhaftigkeit, nämlich z. B. überführte Täter-Opfer nicht zu verhaften oder anzuzeigen oder die tatsächlichen Fakten in einem offiziellen Polizeibericht gegen theoretische Möglichkeiten zugunsten der Betroffenen auszutauschen, ist immer der Durchsetzung von Maßnahmen geschuldet, die dafür Sorge tragen, dass einem vom Schicksal gezeichneten Individuum im Rahmen des Möglichen Gerechtigkeit widerfahren kann. Denn – und das ist auch in diesen Fällen durchgängig konstitutiv – das strikte Befolgen gesetzlicher Anforderungen hätte jedes Mal zur Folge, dass am Ende weder die Wahrheit über die Betroffenen erkannt würde noch dass sie gerecht behandelt werden könnten. Maigrets Verständnis von Gerechtigkeit liegt demnach ein umfassender Verstehensbegriff zugrunde, der sich mit nicht weniger als der Wahrheit im ganzheitlichen Sinn zufrieden gibt. Alle abstrakten Begrifflichkeiten, die sich (wie z. B. Gerechtigkeit, Wahrheit, Verständnis/ Verstehen, Erkennen) mit der „Methode“ des Kommissars in Verbindung bringen lassen, umfassen immer sowohl faktische als auch emotionale, situative, psychologische und biographische Komponenten. Seine Weigerung, vorschnelle Schlüsse zu ziehen, erste Einschätzungen oder gar Zwischenwertungen und Beurteilungen zu Personen oder Situationen abzugeben, bleibt ebenfalls seiner Verpflichtung gegenüber der Wahrheit geschuldet, die als ganzheitlich verstandener Handlungsimperativ auch Empathie und die Sorge für Gerechtigkeit impliziert. Eine ähnliche Opposition ist aus den neutestamentlichen Begegnungen zwischen Jesus von Nazareth mit den damaligen den Hütern des Gesetzes bekannt. Nicht nur die geschilderte Begebenheit von Jesus und der Ehebrecherin121 verdeutlicht diesen Konflikt, sondern auch an vielen anderen Stellen des Neuen Testaments ist immer wieder von der theologischen Opposition zwischen dem alten Buchstaben des Gesetzes und der Erlösung durch Jesus Christus als neuer Gerechtigkeit die Rede.122 Darum: aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden; denn durch Gesetz ‹kommt› Erkenntnis der Sünde. Jetzt aber ist ohne Gesetz Gottes Gerechtigkeit geoffenbart worden, (…) Gottes Gerechtigkeit (…) durch Glauben Jesu Christi für alle und auf alle, die glauben. Denn es ist kein Unterschied, (…) alle haben gesündigt (…) und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist. (…) unter der Nachsicht Gottes; zum Erweis seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, daß er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens Jesu ist.123 Der auch in den Maigret-Romanen präsente Gegensatz zwischen der wirklichkeitsfernen Starre des Gesetzes bzw. der Justiz und einer lebensbejahenden Gerechtigkeit für den Einzelnen wird in Maigret aux assises zusätzlich mit der dazu gehörigen Institution verbunden. Innerhalb des ersten Kapitels werden die Institution und die physikalischen 120 Wie z. B. in: In der Schule (1987). 121 Vgl. dazu: Joh 8,4–11. 122 Vgl. dazu: Röm 10,4f.10; 2 Kor 3,6.17; 1 Kor 11,25 (neuer Bund); Röm 2,29; 4,15 (Buchstabe/Gesetz); Röm 7,7; 8,2; Gal 3,21b; 4,4f.7. 123 Röm 3,20–22.24.26 (Elberfelder 2001). 281 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten Gegebenheiten der Örtlichkeit des Pariser Justizpalastes immer wieder mit leblosen, kirchlichen Sakralritualen und -orten assoziiert.124 Es war wie in einer Sakristei. (…) als er noch Meßdiener in der Dorfkirche war, hatte Maigret die gleiche Beklommenheit empfunden, wenn er darauf wartete, dem Pfarrer zu dem von flackernden Kerzen beleuchteten Altar zu folgen. (…) Genauso konnte er jetzt die rituelle Zeremonie verfolgen, die jenseits der Tür vollzogen wurde.125 Die in diesem Roman vorgenommene Parallelisierung der offiziellen Rechtsprechung mit der als leblos und wirklichkeitsfremd beschriebenen Institution Kirche126 stellt einerseits die Verbindung zum unflexiblen und buchstabenverliebten Umgang mit dem schriftgelehrten Gesetzesverständnis zur Zeit Jesu her. Zum anderen aber schlägt diese literarische Parallelisierung Simenons den Bogen zu den gegenwärtig wieder gestellten Fragen der Überlebenschancen des christlichen Glaubens in naher und mittelfristiger Zukunft und der nach einer säkular verständlichen Glaubenssprache des Evangeliums.127 Die literarische Konzeption Kommissar Maigrets stellt in der Gesamtheit seines Verhaltens und Umgangs mit Tätern und Opfern, wie die Ausführungen zu Maigret in Teil III zeigen, einen deutlichen Gegenentwurf zum offiziellen Umgang der Institutionen mit Schuld und Schuldhaftigkeit dar. Dabei geht es weder um eine Diffamierung der Kirche noch der Justiz, sondern darum zu verdeutlichen, dass lebensbejahende Lösungen existentieller Krisen oder solche, die den Einzelnen in der Würde seiner Menschlichkeit respektieren, ausschließlich auf unbürokratischen Wegen gefunden werden können und nur auf der Basis ganzheitlichen Verstehens innerhalb einer aufrichtigen Begegnung möglich werden. Soll also hinsichtlich der Maigretschen Interpretation von Gerechtigkeit und seinem Handeln am Einzelnen jenseits des Gesetzestextes vom Kommissar als Richter gesprochen werden, muss der Begriff des Richters neu definiert und darf keinesfalls im traditionellen Sinn verstanden werden.128 Auch hier fällt eine Ähnlichkeit zum Paradigmenwechsel im 124 „Die meisten nahmen gehorsam Platz, sprachen eingedenk der Ermahnungen des Präsidenten kein Wort und wagten nicht einmal, ihren Nachbarn anzusehen. Angespannt und verschlossen starrten sie vor sich hin und wahrten ihr Geheimnis für den feierlichen Augenblick, in dem sie (…) ihre Aussage machen würden.“ Vor dem Schwurgericht (1979: 8). „Es war heiß, aber es hätte sich nicht gehört, seinen Mantel auszuziehen. Es gab Riten, auf die jeder jenseits der Tür Rücksicht nahm, und es spielte keine Rolle, ob Maigret als Nachbar kam, durch die Flure des dunklen Justizpalastes: wie alle anderen trug er einen Mantel und hielt seinen Hut in der Hand.“ Vor dem Schwurgericht (1979: 9). 125 Vor dem Schwurgericht (1979: 8). 126 „Man brauchte nur (…) ein paar Treppen hochzusteigen, und schon befand man sich (…) in einer anderen Welt, in der die Worte nicht mehr den gleichen Sinn hatten, in einem abstrakten, hierarchisch gegliederten Universum, das feierlich und abgeschmackt zugleich wirkte.“ Vor dem Schwurgericht (1979: 7). „Plötzlich sah man sich in eine unpersönliche Welt getaucht, in der die alltäglichen Worte keine Gültigkeit zu haben schienen, wo die gewöhnlichsten Tatsachen durch unverständliche Formeln ausgedrückt wurden. Die schwarzen Talare der Richter, der Hermelin, die rote Robe des Generalstaatsanwalts bestärkten noch diesen Eindruck von einer Zeremonie mit unveränderlichen Riten, bei der der einzelne nichts bedeutete.“ Vor dem Schwurgericht (1979: 31). 127 Vgl. dazu die Ausführungen in: Halbfas (2013a), Halbfas (2013b), Barth (2013). 128 Vgl. dazu auch Teil III, Kap. 2.1.1.1. 282 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Neuen Testament auf, die aus der Perspektive der christlichen Erlösung des Einzelnen durch Jesus Christus das alttestamentliche Richtertum Gottes völlig neu interpretiert. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn errettet werde. (18) Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet (…) (19) Dies aber ist das Gericht, daß das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen haben die Finsternis mehr geliebt als das Licht (…).129 Ähnlich wie Maigret sich die judikative Freiheit herausnimmt, jenseits des Gesetzes das individuelle Schicksal eines Menschen und die Anforderungen offizieller Rechtsprechung gegeneinander abzuwägen und entsprechend zu handeln, verändert die christliche Erlösungsdynamik im Leben und Sterben Jesu die Gewichtung von Mensch und Schuld. Die neutestamentlichen Texte verdeutlichen, dass die Hauptintention sowohl der alten Gesetzestexte als auch der neuen Gerechtigkeit im Glauben auf dem Erhalt des Menschen als Beziehungspartner Gottes liegt. Auch theologisch geht es nicht (länger) darum, den Schutz eines Systems, einer Institution, des Gesetzesbuchstabens oder der Gesellschaft über das Schicksal eines Einzelnen zu stellen. Vielmehr wird über die Person Jesu die Beziehungsqualität christlicher Erlösung herausgestellt, die konstitutiv in authentischer Begegnung erfolgt und so unabhängig von jedweder Institution stattfinden muss. 130 Die Figur des Maigret übersetzt diese neutestamentliche Vorgabe in säkulare Sprache und ein konkretes Verhaltensethos: Jesus von Nazareth pflegt sowohl mit den Randgruppen der Gesellschaft als auch mit ihren repräsentativeren Vertretern Umgang und kennt in seiner Botschaft keine Unterscheidung nach Status, gesellschaftlicher Anerkennung, begangenen Taten. Er richtet sein Handeln an der Erlösungsbedürftigkeit des präsenten Gegenübers aus und erhält es unabhängig von Gesetzesvorgaben oder allgemeinen Verhaltensrichtlinien aufrecht. Auch das auf das Verstehen des bloßen Menschen hinter seiner öffentlichen Fassade ausgerichtete Vorgehen und Verhalten Maigrets weist alle Merkmale auf, die den Einzelnen in seiner Einzigartigkeit trotz seiner Verfehlungen als Mensch annehmen und respektieren, so dass der Kommissar in einigen Fällen auch Lösungen jenseits der Gesetzesvorgaben als gerechtfertigt empfindet. Hierin liegt das profane, rein diesseitig greifbare Erfahrungspotential der säkularen Seite von (auch christlich verstandener) Erlösungsdynamik und der daraus resultierende Handlungsimperativ für beide Seiten. 129 Joh 3,17–19 (Elberfelder 2001). 130 Demnach bedeutet „Gericht“ vom Evangelium her verstanden, dass sich das frühere/alte – nach dem Gesetz erkennbare – Gut und Böse bzw. das neue Lebensbejahende und Lebenshinderliche daran erkennen lassen, ob sie mit dem Glauben Jesu an den einzelnen Menschen und der Liebe Gottes zu ihm, seinem Leben und Handeln für die Menschen übereinstimmen oder nicht. Jesu Leben und Handeln verdeutlichen, dass der einzelne Mensch Zentrum des göttlichen Interesses bleibt, ist und wird, was er sowohl im alten Gesetz als auch im Bund der neuen Gerechtigkeit verankert. 283 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten 2.5 Erlösungshandeln im kommunikativen Paradigma – Vom Wirkungsbereich authentischer Wertschätzung131 oder Maigret als Beichtvater Diejenigen Elemente, die sich aus dem fiktiven Maigret-Universum dem kommunikativen Paradigma biblischer Rede von Erlösung zuordnen lassen, betreffen im Wesentlichen das Verhalten des Kommissars den Verdächtigen bzw. schuldig Überführten gegen- über. Das Bild eines Erlösers mit Betonung auf der Funktion eines Beichtvaters, der als Mittler zwischen einer (wie auch immer definierten) Öffentlichkeit und dem aus ihr ausgebrochenen Individuum fungiert und (auf der Basis der vom Schuldigen abgelegten Beichte) einen Weg zur Wiedereingliederung bzw. -aufnahme in die soziale Gemeinschaft aufzeigt, lässt sich leicht auf die Figur Maigrets übertragen. Dafür sprechen sowohl die in der Sekundärliteratur bereits vorhandene Betitelung Maigrets als Beichtvater132 als auch allem voran die (bereits vorgestellten)133 charakterlichen Hauptzüge des Kommissars, die sich nahtlos in die psychologische Anforderungsliste für eine solche Funktion einfügen: In diesem Geschehen wird von Menschen als hoch bedeutsam erfahren, ob sie ihr personales Gegenüber als authentisch, zugewandt und wohlwollend erleben. 134 Die Wiedereingliederung eines Betroffenen in die Gemeinschaft kann nur aufgrund vorhandener Reue und Umkehrbereitschaft vorgenommen werden, die sich im (kommunikativen) Schuldbekenntnis spiegeln. Die psychologisch notwendigen Voraussetzungen, einen Betroffenen zu einem solch selbst erkannten Schuldeingeständnis zu führen, finden sich in der Figur Maigrets vereint: Einfühlsamkeit, Authentizität, Wohlwollen, Empathie, Verstehen der Hintergründe, Zuhören, Nicht-Bewerten und Strategie. Zu dem Zeitpunkt, an dem der Kommissar in das Leben der Verdächtigen tritt, liegt deren Auslöser für die psychische Krise bereits in der Vergangenheit. Unterdrückung, Missachtung und Ausbeutung zählen in den meisten Fällen zur Hintergrundsituation des Mörders in der Vergangenheit, die mittlerweile durch den Mord beseitigt werden sollte. Maigret als profaner Erlöser dreht weder die Zeit zurück, um die ehemalige Unterdrückungs-Situation oder die gegenwärtigen Beziehungsverhältnisse zu ändern, noch verwendet er die bereits vergangene Situation moralisch gegen die Verdächtigen. Er verhält sich ihnen gegenüber unaufdringlich, sobald die Verdächtigen ihre Verteidigungshaltung aufgeben. So wird den Betroffenen ermöglicht, sich in der Gegenwart auf eine andere Weise der Unterdrückungs-Situation aus ihrer Vergangenheit zu stellen und sie erhalten die Chance, die Ursprungs-Problematik ihres Krisenauslösers anders zu bewerten. Maigret zeigt Empathie und bleibt in der persönlichen Begegnung aufrichtig mitfühlend, so dass die Verdächtigen sich trotz aller Verfehlungen als ernst genommen erleben und in der Begegnung nicht auf die Täterrolle reduziert werden, sondern Menschen bleiben dürfen. Die säkulare Variante des Beichtvaters in der Figur Maigrets führt jedoch nicht 131 Renz (2008: 147–151). 132 Vgl. Keil (2004: 70). 133 Vgl. Teil III, Kap. 2.1. und 2.2. 134 Sattler (2011: 121). 284 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets zwangsläufig zum Happy End der Wiedereingliederung, auch wenn ein Beicht-Geständnis in allen Romanen als Klimax dem jeweiligen Handlungsende vorausgeht. Die Ausprägung des profanen Erlösers in der Silhouette Maigrets enthält sich revolutionärer Auftritte gegenüber Arbeit- oder Gesetzgebern, Politik und Vorgesetzten. Maigret kümmert sich nicht um eine Systemänderung oder politische Möglichkeiten. Ihn interessiert das einzelne Gegenüber. Wo es ihm möglich ist, erlaubt er sich, auch als Funktionär Mensch zu bleiben, wodurch das Wieder-Mensch-Werden des schuldig gewordenen Gegenübers ermöglicht und die akute Bedrohungssituation des Betroffenen gelindert wird.135 Das übergeordnete Interesse des Kommissars an der Wahrheit führt zu einem persönlichen Interesse an den Betroffenen. Für diese können Maigrets Interesse und Empathie einen Weg in die Verantwortung für ihre Tat und damit zurück in die menschliche Gesellschaft aufweisen (auch wenn das zunächst eine Verurteilung und Gefängnisstrafe nach sich zieht).136 Gleichzeitig bedeutet dieser Weg die einzige Möglichkeit, die Isolation der eigenen Schuld zu durchbrechen und mit der neuen Situation fertig zu werden, auch wenn der Kommissar später nicht in jedem Fall präsent bleibt. 2.5.1 Der schicksalsorientierte Beichtvater außerhalb des Systems Aus der Perspektive des kommunikativen Paradigmas fällt eine starke Ähnlichkeit Maigretscher Eigenheit zur Haltung der christlichen Erlöserfigur hinsichtlich politischer Fragen seiner Zeit und seinem Verhalten dem Einzelnen gegenüber auf: Als Jesus von seinen Widersachern, den Pharisäern, gefragt wird, ob er es für richtig halte, dass die Juden dem römischen Kaiser Steuern zahlen oder nicht, lässt er sich nicht auf eine Positionierung im politischen Streit ein.137 Jesus ist zu seinen Lebzeiten nicht der politische Revolutionär, den das Judentum als Messias erwartet. Er enttäuscht die Erwartungshaltung bezüglich eines spektakulären Helden-Retters für Israel, der jeglicher Form von Unterdrückung ein Ende bereitet, denn er zieht als Wanderprediger mit einer Gruppe von 135 Als Mörder verdächtigt bzw. verfolgt zu werden, um dann angeklagt, verurteilt, ins Gefängnis gesperrt und evtl. sogar hingerichtet zu werden, erscheint hinreichend als akute Bedrohungssituation nach der Tat, sogar wenn die ursprünglichen Auslöser der psychischen Krise mittlerweile eliminiert sind. 136 Auch wenn Renz diesen Zusammenhang aufgrund einer anderen Patienten-Ausgangslage erläutert, bleibt das Prinzip doch gültig. „Menschen brauchen Menschen. Sie brauchen andere, die stellvertretend und grenzensprengend lieben, bevor sie selbst lieben können. (…) Wo sich Liebe (…) auf dem Hintergrund eines größeren Eingebettet-Seins ereignen, können sich gnadenhafte Erfahrungen von Erlösung und Sinn einstellen.“ Renz (2008: 150f.). 137 Vgl. dazu Mt 22,15–22: „Dann gingen die Pharisäer hin und hielten Rat, wie sie ihn bei einem Ausspruch fangen könnten. Und sie senden ihre Jünger mit den Herodianern zu ihm und sagen: Lehrer, wir wissen, daß du wahrhaftig bist und den Weg Gottes in Wahrheit lehrst und dich um niemand kümmerst, denn du siehst nicht auf die Person der Menschen. Sage uns nun, was denkst du: Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu geben, oder nicht? Da aber Jesus ihre Bosheit erkannte, sprach er: Was versucht ihr mich, Heuchler? Zeigt mir die Steuermünze! Sie aber überreichten ihm einen Denar. Und er spricht zu ihnen: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie sagen zu ihm: Des Kaisers. Da spricht er zu ihnen: Gebt denn dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Und als sie das hörten, wunderten sie sich und ließen ihn und gingen weg.“ (Elberfelder 2001). 285 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten Anhängern durchs Land, lässt sich persönlich auf alle Gegenüber ein, die zu ihm kommen, lebt Menschlichkeit und Toleranz und predigt die Liebe Gottes, ohne aktiv gesellschaftspolitisch engagiert zu sein. Jesus etabliert keine neue politische Macht, er stellt kein Heer zusammen, das die Besatzer dem Erdboden gleichmacht und er gründet keine neue Kirche. Seine Aufmerksamkeit richtet sich auf den Einzelnen, auf sein Gegenüber, den einfachen Menschen, vor allem aber auf die Randgruppen der Gesellschaft und die Ungeliebten: die Zöllner, die Prostituierten, auf Frauen und Kinder. Jesus kümmert sich nicht um Politik. Er ändert das System nicht, in dem er lebt, aber er lässt es nicht über ihn selbst bestimmen. Die Anbindung an die Liebe Gottes und der Auftrag, sie an den Menschen zu bringen, stellen sowohl seine Prioritäten als auch seine Maßstäbe auf eine andere Grundlage als auf die des Systems, in dem er sich bewegt. Diese Tatsache macht ihn für das bestehende System gefährlich. Jemand, der sich derart außerhalb der vom System vorgegebenen Werte, Kategorien und Maßstäbe bewegen kann, weil er auf einer anderen Grundlage steht, die ihm dort Stabilität verleiht, wo das eigene System wackelt, bedroht nicht nur die reformbedürftigen Teilbereiche des bestehenden Systems, sondern das ganze.138 Auf ähnliche Weise – mit dem Unterschied, dass bei Maigret kein Vorsatz vorliegt – stellt sich die Situation des Kommissars dar: Maigret ändert das System nicht, die Arbeitsbedingungen nicht, die gesellschaftlichen Verhältnisse gehen ihn nicht an. Ihn interessiert der einzelne Mensch, den er vor sich hat. Nicht, um ihm die Liebe Gottes begreifbar zu machen, sondern um die Wahrheit zu finden und um niemandem Unrecht zu tun, strebt Maigret danach, die individuelle Situation zu verstehen. Die Anbindung, die den Kommissar immer wieder außerhalb des Systems stellt, in dem er sich bewegt, ist seine Verpflichtung der Wahrheit gegenüber. Sie zieht eine Vorstellung von Recht und Unrecht nach sich, die durchaus abseits von Gesetz und juristischer Ordnung liegen kann und die ihn oft genug dazu bringt, die Anforderungen des Systems, in dem er sich als Polizist bewegt, außer Acht zu lassen.139 Ein Indiz dafür findet sich auch darin wieder, dass er oft genug mit dem System (in Form seiner Vorgesetzten z. B.) aneinander gerät, wenn er das Schicksal eines Einzelnen im Blick hat.140 Mit dieser Haltung begegnet er den Verdächtigen, deren äußerliche Situation er manchmal, aber nicht grundsätzlich verbessern kann, deren innere Verlorenheit im Schuld- 138 Hier lässt sich auch der Grund dafür finden, warum die gebildeten geistlichen Amts- und Würdenträger nachdrücklich Jesu Tod fordern, obwohl der Statthalter bei ihm keine konkrete Schuld feststellen kann. Indem sich Jesus auf den Wert und die Wichtigkeit des einzelnen Menschen für die Liebe Gottes als Maßstab für sein Handeln bezieht, und diesen über den Erhalt des bestehenden Systems stellt, bedroht er es. Letztlich wird er dafür hingerichtet. Nur aus diesem Grund kann sein Tod überhaupt anders interpretiert werden als völliges Versagen, denn kirchen- und gesellschaftspolitisch betrachtet, ist die profane Seite des christlichen Erlösers von seinem Ende her gesehen ein Desaster. Jesus wird vom Klerus seiner Zeit hingerichtet und endet missverstanden und geschmäht wie ein Verbrecher am Kreuz. Auch das ist gemeint, wenn Paulus vom Evangelium als Skandalon spricht (vgl. 1 Kor 1,22f.). Die Veränderungen jedoch, die er in der jeweiligen Begegnung mit dem Einzelnen konkret bewirkt hat, bleiben davon unberührt. 139 Indem er gestellte und geständige Täter z. B. nicht zur Anzeige bringt, sie laufen lässt, über die von ihm herausgefundenen Anhaltspunkte schweigt, Geschichten für den offiziellen Bericht einfach erfindet etc. 140 Vgl. Teil III, Kap. 2.1.2.4. 286 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets gefühl aber die Begegnung mit ihm immer wieder lindert, gelegentlich sogar heilt, weil er sich jeglicher moralischen Urteile über die Betroffenen enthält. Dort, wo diese private Begegnung auf menschlicher Ebene trotz inhaltlich offiziellen Geständnisses gelingt, bleibt die Wirkung beim Betroffenen bestehen, egal ob Maigret weiterhin auf irgendeine Weise in dessen Leben präsent ist oder nicht. In Lk 3,10–18 wird berichtet, dass die Menschen Johannes den Täufer fragen, wie sie sich in ihrem Leben verhalten, was sie tun sollen. Johannes empfiehlt keine großen, revolutionären Taten oder Heldenhaftigkeit, sondern lediglich, menschlich zu handeln.141 Genau das spiegelt das Verhalten Maigrets, vor allem aus einer gleichgestellten, kommunikativen Perspektive. 2.5.2 Die Beichtvater-Funktion aus literaturwissenschaftlicher Perspektive Literaturwissenschaftlich beinhaltet die Angst, die für einen einzelnen Menschen die Motivation zu einem Mord darstellt, noch eine ganz andere Funktion. Denn literarische Spannung entsteht dann am stärksten, wenn weder Figur noch Leser sich vorstellen können, wozu sie unter extremen Umständen in der Lage sind. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die von den schuldig gewordenen Tätern empfundene Furcht, die durch den Verlust des Identitätsgefühls entsteht.142 Boileau/Narcejac143 beschreiben die Nicht-Absehbarkeit der Weiterentwicklung eines individuellen Schicksals144, das eine existentielle Grenze überschritten hat, als Basis für den literarischen Spannungsbogen im Detektivroman.145 Davon ausgehend, begriffen wir besser, daß man (…), um aus dem Detektivroman einen wirklich verhexten Roman zu machen, den Roman des Opfers schreiben mußte. (…) Ein Opfer ist man erst, wenn man in Ereignisse verwickelt wird, deren definitive Bedeutung man nicht auszuschöpfen vermag, wenn das Reale eine Falle wird, das Alltägliche aus der Ordnung gerät.146 So ist Maigret auch rein stilistisch betrachtet derjenige, der am Ende des Romans die einzige Möglichkeit für das Täter-Opfer verkörpert, aufgrund des Neu-Ordnens der Realität und der geschehenen Ereignisse in der „Beichte“ ein neues passendes Identitäts gefühl zu entwickeln und der Identität einen neu sichernden Rahmen zu geben. Die Wahrheitsliebe und das keine Widerstände scheuende Verstehenwollen des Kommissars bilden die 141 Vgl. dazu Lk 3,10–18. „Keine großen Taten, die Johannes der Täufer hier von den Menschen verlangt: Wenn man selbst genug zu essen hat, denen abzugeben, die zu wenig haben. Den eigenen Überfluss mit denen zu teilen, die es wirklich brauchen. Keinen übers Ohr hauen. Niemand zu misshandeln. Nicht mehr zu fordern, als einem zusteht. Keine großen Taten. Nichts weiter, als menschlich zu leben.“ Gaab (2009). 142 Nusser (1992). 143 Boileau/Narcejac (1967). 144 „(…) die Verwicklung in Ereignisse, deren definitive Bedeutung für die eigene Person man nicht restlos abschätzen kann, die ahnen lassen, daß man plötzlich ein ganz anderer werden könnte“. Nusser (1992: 149). „eine andere Art von Spannung, die an die Person selbst und nicht mehr an die Episode gebunden war“ Boileau/Narcejac (1967: 156). 145 „Für uns war die Spannung zunächst eine Fühlweise und der Detektivroman ein unersetzliches Ausdrucksmittel.“ Boileau/Narcejac (1967: 157). 146 Boileau/Narcejac (1967: 158). 287 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten Grundlage, die für sein umfassendes Wissen der Hintergründe und Begleitumstände einer Tat verantwortlich sind und in der Begegnung mit dem Täter diesem als Opfer die Chance eröffnen, zu einer neuen eigenen Perspektive bezüglich des Geschehenen zu finden: Kommissar Maigret ist innerhalb der Simenonschen Kriminalromane die Figur, welche die betroffenen Beteiligten durch ihre vehemente und beharrliche Suche nach allen Details der Wahrheit dazu zwingt, eben dieser als Realität ins Auge zu sehen. Seine Nachforschungen nötigen die oder den Betroffenen, sich erneut mit der Ursprungs- Situation als Auslöser der Selbstentfremdung auseinander zu setzen und ermöglichen dadurch eine Neuorientierung und emotionale Neubewertung des Geschehenen, weil die Komponente der Angst von Maigret dabei völlig außer Acht gelassen wird. Das ist die Art und Weise, auf die Maigret sein säkular begrenztes Potential zum Erlösungshandeln als „raccommodeur de destinées“147 (dt. Schicksalsflicker) nach dem motorischen Paradigma umsetzt.148 Ein von Angst vor den Konsequenzen eigener Schuld besetzter Verdächtiger kreist zwar um die unheilvollen Symptome seiner Schuld, aber er setzt sich nicht mit ihr selbst als Ursache seines Leidens auseinander. Maigret wiederum, der diese Angst verständlicherweise nicht teilt, sondern nur an der Ursache des Leidens als Auslöser für die psychische Krise (als Motiv) interessiert ist, ignoriert die Angst des Täters während seiner Ermittlungen völlig. Dadurch wird auch der Schuldige dazu gezwungen, sich trotz seiner Selbstentfremdung durch die Angst mehr mit der Ursache seines eigentlichen Problems zu beschäftigen. Vor der unmittelbaren Begegnung mit dem Kommissar spitzt sich diese Angst zu, die sich jedoch, sobald sie mit der Realität von Maigrets zurückhaltendem, defensivem und verständnisvollem Verhalten konfrontiert wird, in den meisten Fällen in Luft auflöst. Die auslösende Ursache für die Angst-Entfremdung des Betroffenen von sich selbst kann nun mit zeitlichem Abstand des Betroffenen und unter zusätzlicher Außenperspektive durch Maigret präziser und weniger emotional besetzt betrachtet werden, was eine realistische Sichtweise des Geschehenen fördert. Da die psychische Verlorenheit der Verdächtigen noch durch die in der Angst vor den Konsequenzen einer Tat enthaltene Wertung der eigenen Person verstärkt wird, ermöglicht die zugewandte und verständnisvolle Haltung des Kommissars dem Täter gegenüber nicht nur dessen Loslassen seiner Angst, sondern auch die Chance, eine andere Meinung über sich als Person unabhängig von seiner Tat anzunehmen. Der in der Beicht-Begegnung mit Maigret vorhandene Respekt, den der Kommissar jedem Schuldigen gegenüber an den Tag legt, verweist auf den positiven Zuspruch grundsätzlicher Werthaftigkeit, was von den meisten Tätern dankbar anerkannt und übernommen wird. Auf diese Weise spricht er dem Betroffenen den aus seiner Perspektive niemals in Frage stehenden grundsätzlichen Wert als Mensch zu, ohne ihm seelischen Beistand zu leisten wie in einem seelsorgerlichen Gespräch, so dass auch der Schuldige in die Lage versetzt wird, zwischen seinen Taten und seiner Identität zu unterscheiden bzw. seinen Selbstwert nicht länger ausschließlich von seinem Handeln abhängig zu machen. 149 147 Les Mémoires (1950: 797). 148 Zu Maigret als Schicksalsflicker vgl. Teil III, Kap. 2.1.2.1. 149 Die Interpretation Nussers, der Maigret lediglich zuschreibt, „die Gründe des Verbrechens vor- 288 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets 2.5.3 Menschlichkeit und Nächstenliebe als profane Aspekte christlicher Erlösungsdynamik Diese für Kommissar Maigret beschriebene, charakteristische Unterscheidungshaltung erinnert stark an Jesu Grundhaltung dem Menschen gegenüber: Jesus war unnachgiebig gegen Schuld und Sünde an sich, betonte aber gleichzeitig immer den davon unabhängigen Wert des Sünders für Gott, der bereitwillig jeden Preis für das Freikaufen von der Sünde bezahlt. Es scheint, dass sich die profane Seite des christlichen Erlösers darin äußert, dass Jesus dem Menschen zeigt und vorlebt, was Mitmenschlichkeit bzw. Menschlichkeit bedeutet. Wenn Gott in Jesus Mensch wurde, dann bedeutet Jesus nachzufolgen zuerst und vor allem erst einmal, wirklich und wahrhaft Mensch zu werden. Die sakrale Seite des christlichen Erlösers zeigt dem Menschen dann, was Gott für diesen Menschen empfindet und was er mit ihm vorhat bzw. wie Gott die existentiellen Fragen beantwortet, die dafür verantwortlich sind, ob ein Mensch sein Leben als glücklich und gelungen oder als Fehlschlag und gescheitert erlebt. Diese existentiellen Fragen umfassen folgende Bereiche: 1. Wer bin ich und wie stellt sich das dar? Was bedeutet Menschsein ganz praktisch und was gehört in meinen Zuständigkeitsbereich? 2. Wo komme ich her und wie geht es mit mir weiter? Wer bin ich noch, wenn ich nicht schaffe, was ich mir vorgenommen habe? Was passiert mit mir, wenn ich scheitere oder Misserfolg habe? 3. Habe ich Wert, eine Identität, einen Ursprung, der mich unabhängig von meinen Taten definiert und wenn ja, wie? Es ist auch Teil der christlich postulierten Gnade Gottes, dass der Mensch nicht mehr sein muss als er eben ist, Mensch nämlich. Dass er nur für den ersten Teil der existentiellen Grundfragen zuständig ist (s. o.) und sogar dabei Hilfe bekommt: Hilfe in Form eines Vorbilds, eines Menschen, der ganz praktisch zeigt und lebt, wie Menschsein aussieht und was wahrhaftige Menschlichkeit ausmacht. Aus christlicher Sicht ist das in Jesus von Nazareth geschehen. Literarisch findet sich in Kommissar Maigret im Hinblick auf die Mit-Menschlichkeit eine säkulare Entsprechung: Theologisch betrachtet, wird der Mensch vom Zwang befreit, Gott werden zu müssen, Gott zu sein oder wie Gott werden zu wollen. Christus macht deutlich, dass es reicht, Mensch zu sein. Um den Rest wird sich gekümmert! Die Maigrets verdeutlichen, literarisch betrachtet, dass dieser Anspruch, auch rein säkular wahrgenommen, keine Reduktion des theologischen Erlösungsbegriffs impliziert, sondern eine enorme Herausforderung an die Lebenswirklichkeit stellt. Profane Erlösung bzw. der säkulare Teil christlicher Erlösung bedeutet, den Menschen zum Menschseinkönnen zu befreien: Ihm zu ermöglichen, Mensch zu sein und als solcher respektiert zu werden, egal, in welcher Situation. Es bedeutet auch, sich selbst dabei Mensch sein zu lassen und die konstitutiven Grenzen des Menschseins zu akzeptieren. Es bedeutet, eben gerade nicht zuständig zu sein für das Zu- oder Absprechen von Wert, Schuld oder Unschuld, und der Versuchung, sich doch dafür zuständig zu halten, nachhaltig zu widerstehen. Sind Menschen dazu in der Lage, kommt unweigerlich irgendwann die Frage auf, aus welchem Grund sie dazu in der Lage sind, während es gleichzeitig so viele gibt, die es nehmlich aus den Bedingungen des sozialen Milieus heraus zu verstehen“ (Nusser (1992: 106)), ist aus den hier genannten Zusammenhängen zu kurz gegriffen. 289 2 Konkrete Erlösungsbedürftigkeiten nicht sind, obwohl sie es gern wären oder gar behaupten. Darin besteht der Hinweischarakter, die Verweisfunktion der profanen auf die sakrale Seite von Erlösung. Wir müssen als Menschen nicht geistlich erlösen, um auf die göttliche Erlösung aufmerksam zu machen. Es reicht, die säkulare Seite christlicher Erlösung wahrhaftig sichtbar zu machen, Menschlichkeit zu leben und zu vertreten (der christliche Glaube sagt dazu Nächstenliebe). Der Grund für wahre Menschlichkeit liegt deshalb im geistlichen Bereich. Bei Maigret ist es die Verpflichtung der Wahrheit gegenüber, die eine Vorstellung von Recht und Unrecht nach sich zieht, welche zu authentischem und respektvollem Menschsein führt: Einer Wahrheit, die sich nicht aus Berichten, Buchstaben, Fakten und Indizien ableiten lässt, sondern die darüber hinaus der persönlichen, authentischen und ganzheitlichen Begegnung bedarf, um erkannt und begriffen zu werden. Was geschähe, wenn sowohl im christlichen Glauben als auch in explizit für die Unterhaltung geschriebener Literatur ohne missionarische Absichten die Wahrheit plötzlich nicht mehr als abstrakter Begriff definiert würde, sondern eine Person darstellte? Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich.150 150 Joh 14,6 (Elberfelder 2001). 291 3 Adressatenkreis profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Die Frage, ob innerhalb der zahlreichen Maigret-Romane eine bestimmte Personengruppe hervorsticht, die in irgendeiner Weise bevorzugt oder benachteiligt würde, kann an dieser Stelle definitiv verneint werden. In älteren Interpretationsansätzen zu Simenons Werk1 existiert wohl der Ansatz einer kleinbürgerlichen Gesellschaftsutopie, in welcher das literarische Bild der französischen grande bourgeoisie des 20. Jahrhunderts den verachteten Gegenpol zum idealisierten Kleinbürgertum Maigrets darstellt. Diese Interpretationsvariante jedoch wird schon im Jahr 2000 von Thomas Wörtche insofern widerlegt, als er in „Das Versagen der Kategorien – Georges Simenon“2 herausarbeitet, dass es in den Maigret-Romanen keinesfalls um eine Art gesellschaftlichen Klassengegensatz geht, sondern vielmehr um solche zwischenmenschlichen Phänomene, die entstehen, wenn ein Mensch soziale Gruppenzugehörigkeiten überschreitet.3 Auch die im Hauptteil erarbeitete Analyse der Grundsituationen von Unerlöstheit und des Maigretschen Umgangs mit ihnen verdeutlicht, dass sich der Adressatenkreis der profanen Erlösungsdynamik in den Romanen nicht auf eine bestimmte soziale oder andere kulturelle Gruppe begrenzen lässt. Die Erlösungsbedürftigen und damit der Adressatenkreis der profanen Erlösungsdynamik finden sich sowohl in finanziell gehobenen Kreisen als auch unter den am schlechtesten bezahlten Arbeitern. Sie gehören unterschiedlichen Nationalitäten an und ihr Alter reicht vom fast noch pubertierenden jungen Mann4 bis zum kurz vorm Rentenalter stehenden Lebemann5. Sowohl Frauen als auch Männer sowie zum Teil an der Romanhandlung nicht beteiligte, aber von ihr indirekt Betroffene und Kinder6 lassen sich zu diesen Adressaten zählen. Von einer Begrenzung des Adressatenkreises profaner Erlösungsdynamik auf eine ganz konkrete und exklusive Personengruppe in den Maigret-Romanen kann also nicht gesprochen werden. 3.1 Impliziter und potentieller, historisch-realer Leser Die durch die strukturelle Neuerung der Maigret-Romane eingeleitete gattungstheoretische Wende7 jedoch zieht ein rezeptionsästhetisches Phänomen nach sich, das in der Struktur der Maigret-Texte angelegt ist. 1 Dubois (1992: 171–188). 2 Vgl. Wörtche (2000: 215–227). 3 Leider hält sich das Vorurteil der Klassengegensätze in den Maigret-Romanen auch in Dokumentationen über die Maigret-Figur bis ins 21. Jahrhundert, was jedoch auf unzureichende Recherche verweist. Verständlich und nachvollziehbar erscheint dieser Interpretationsansatz ausschließlich aus der Häufung von Textstellen, die belegen, dass der Kommissar sich immer dann unwohl fühlt, wenn er sich in Häusern aufhalten muss, die ihren finanziellen Wohlstand gern öffentlich zur Schau tragen. Vgl. dazu Teil III, Kap. 2.1.1.1. 4 Vgl. Neufundlandfahrer (2001), Der Kopf eines Mannes (2001). 5 Vgl. Maigrets Revolver (2006), Maigret in Nöten (1987). 6 Vgl. In der Schule (1987) und Saint-Pholien (1998). 7 Vgl. Teil II, Kap. 1.3.1. 292 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Die Identifikationsfunktion des Protagonisten in Bezug auf potentielle, historisch- reale Leser ermöglicht es, davon auszugehen, dass der implizit im Text angelegte Leser den Entwicklungsprozess der Hauptfigur nachvollzieht und aufgrund dessen am Ende des Romans erstmalig in die Lage versetzt wird zu entscheiden, ob eine eigene Bewertung des Geschehenen (Gelesenen) und der betrachteten Figuren erfolgen soll oder nicht. Damit wird bezüglich des Adressatenkreises profaner Erlösungsdynamik textimmanent der implizite Leser vom Zwang befreit, am Schluss des Romans mindestens eine Hauptfigur verdammen zu müssen, um die fiktive Realität emotional wieder erträglich zu gestalten. Durch die Darstellung der verschiedenen Arten von Unerlöstheit und des menschenfreundlichen Umgangs Maigrets mit den von ihr Betroffenen (ganz besonders durch die nachhaltige Weigerung des Kommissars, vorschnell Position zu beziehen, Vorurteile aufzubauen und moralische Urteile abzugeben), wird der implizite Leser davon erlöst, ein Urteil über eine Figur fällen zu müssen. Die Konzeption des Kommissars in ihrer Kombination aus Unterlassungen, Verweigerung und ungewöhnlich aufgeschlossenem Verhalten in krisenhaften Situationen sorgt nicht nur für die gattungstheoretische Wende im Hinblick auf das Haupt-Rätselelement des traditionellen Detektivromans, sondern sorgt beim impliziten Leser auch für die Gelegenheit, die Kategorien von gut und böse anders zu definieren als bis dahin im Kriminalroman üblich. Über die Maigrets eröffnet sich dem impliziten Leser die Möglichkeit, am Ende des Romans emotional nicht auf der – völlig unrealistischen – Wiederherstellung der alten Ordnung zu bestehen, sondern stattdessen einem Weg zu folgen, der erlaubt, mit einer teilweise bedrohlichen (wenn auch nur fiktiven) Realität dennoch lebensbejahend umzugehen. Adressat Der implizite Leser Mittel • Identifikation mit Maigret • Nachvollzug der maigretschen Entwicklung Erlösungsbedürftigkeit • am Handlungsende ein Urteil fällen müssen • gut und böse nur in schwarz-weiß-Kategorien denken können • vorschnell Position beziehen, Vorurteile aufbauen • zu moralischen Urteilen genötigt sein • Schuldige nur aus der Außenperspektive wahrnehmen müssen • Zwang, in einer Krisensituation Bewertungen vorzunehmen • evtl. Orientierungslosigkeit im Umgang mit eigener Schuld Erlösungsziel • Möglichkeit, gut und böse anders zu definieren als bisher • Grauzonen zulassen können • lebensförderlichen Krisenumgang lernen • Kennenlernen eines von Verständnis geprägten Umgangs mit Schuld • Widersprüche stehen lassen können • Lernen, lebensverhindernde Verhaltensweisen zu entlarven • Nicht zuständig sein für Urteile und Bewertungen • Verständnis und Empathie lernen 293 3 Adressatenkreis profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Der implizite und damit auch der potentielle, historisch-reale Leser erhalten die Chance, einen nicht von Angst, sondern von Verständnis geprägten Umgang mit Schuld (auch mit eigener) kennen zu lernen, Widersprüche stehen zu lassen und lebenshinderliche Verhaltensweisen als solche zu entlarven. Die Art und Weise, wie die Erlösung des impliziten Lesers textimmanent angelegt ist, wird im Folgenden erläutert. 3.2 Die Struktur der Erlösung des impliziten Lesers Da die Erlösung des impliziten Lesers eine im Text angelegte Struktur darstellen muss, kann auch ein mögliches, daraus resultierendes rezeptionsästhetisches Phänomen anhand von Mechanismen der textimmanenten Leserlenkung angenommen werden. Legt man die bereits erwähnte Identifizierungsfunktion des Protagonisten als Hauptursache für einen Geisteswandel beim impliziten Leser zugrunde, muss eine diesbezügliche Analyse vorerst klären, wann die Hauptfigur aufgrund welcher auktorialen Strukturen ungewöhnlich und dennoch einladend-nachvollziehbar wirken kann. Über die Identifikation mit Maigret muss demnach textimmanent eine emotionale Entlastung des impliziten Lesers stattfinden, die es am Ende des Romans ermöglicht, den im traditionellen Krimi üblichen moralischen Wertungen, ideologischen Zuweisungen und der Notwendigkeit des Zusammenhangs von Schuld und Bestrafung auszuweichen. Das hervorstechendste Merkmal des Kriminalkommissars als Figur ist wie bereits ausgeführt seine Weigerung, Personen oder Situationen zu bewerten. Diese Weigerung als Hauptmerkmal des Figurencharakters kann demnach Hinweise auf die einladende und entlastende Ungewöhnlichkeit der Figur für den impliziten Leser beinhalten und wird aus diesem Grund an dieser Stelle strukturell eingehender betrachtet. 3.2.1 Die durch das Nicht-Urteilen Maigrets entstehenden Vakanzen Aufgrund des prägnanten Charakterzugs des Kommissars, alle moralischen Bewertungen, Kategorisierungen und vorverurteilenden Spekulationen zu vermeiden, entstehen im Text an den Stellen dieser Verweigerungshaltung inhaltliche Vakanzen, die sich für das textimmanente Phänomen der Leserlenkung bestens instrumentalisieren lassen. Es soll anhand der Darstellung der verschiedenen Arten von Vakanzen im Zusammenhang mit der subtilen Steuerung über die (scheinbar) neutrale Erzählperspektive im Text verdeutlicht werden, wie genau diese inhaltlichen Leerstellen entstehen, um anschließend zu untersuchen, womit sie anstelle des Vermiedenen gefüllt werden. 1. Leerstellen aufgrund sprachlichen Schweigens des Kommissars 2. Leerstellen aufgrund sprachlich vorhandener, aber inhaltlich nicht geäußerter Antworten des Kommissars 3. Zielgerichtete Beschreibungen des textimmanenten Erzählers über Maigret Die ersten beiden Mechanismen beschreiben die zwei Haupt-Verhaltenszüge des Kommissars in seiner Reaktion auf die Aufforderung, eine Situation oder Person einzuschät- 294 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets zen bzw. die bis dahin für den Detektiv eines Kriminalromans üblichen (vorläufigen) deduktiven Schlüsse über Tathergang und Hinweise auf den Täter verlauten zu lassen. Der dritte Mechanismus bezieht sich auf die Darstellung des Kommissars im Roman aus der Erzählerperspektive, unabhängig von seinem direkten Verhalten als Figur. Auslöser für eine im Erzähltext entstehende Leerstelle in der Reaktion des Kommissars finden sich in den Maigret-Romanen hauptsächlich in der Aufforderung zum kategorisierenden Einteilen und Beurteilen von Personen,8 in Fragen nach der persönlichen Einschätzung zum Wert neuer Erkenntnisse,9 in Spekulationen über den weiteren Verlauf der Untersuchung,10 Fragen nach einer persönlichen Meinung bzw. Aufforderungen zu allgemeiner Spekulation.11 3.2.1.1 Leerstellen aufgrund sprachlichen Schweigens Mit dem Begriff Leerstelle ist hier die inhaltliche und strukturelle Vakanz innerhalb eines Gedankenaustauschs oder Dialogs im Text gemeint, in welchem eine konkret formulierte Frage tatsächlich verbal unbeantwortet bleibt. Auch wenn der Begriff in diesem Zusammenhang nicht den zentralen Begriff der von Wolfgang Iser entwickelten Theorie der Wirkungsästhetik meint, sondern auf eine von einer Figur bewusst verursachte Kommunikationslücke gegenüber einer Mitfigur im Text verweist, bleibt doch die Analogie zur „unterbrochenen Anschließbarkeit“12 unübersehbar, die eine vom Leser zu vollziehende Kombinationsnotwendigkeit zwischen einzelnen Textsegmenten und Darstellungsperspektiven anzeigt, (…), und die zugleich in kontrollierter Weise diese Vorstellungsaktivität des Lesers steuert.13 Mit Leerstellen aufgrund sprachlichen Schweigens des Kommissars sind hier sowohl Situationen gemeint, in denen der Kommissar auf eine konkret gestellte Frage überhaupt nicht antwortet, als auch die Unterlassungen einer persönlichen Wertung oder Stellungnahme zu einer Person oder Situation in den vom Text transportierten Gedanken Maigrets.14 Sie blieb mitten im Zimmer stehen und hielt Maigret am Ärmel fest. (…) »Werden Sie es ihm sagen?« Maigret antwortete nicht.15 8 Vgl. z. B. Bei den Flamen (1998: 28, 46, 53, 65f.). 9 Vgl. z. B. Pietr der Lette (1999: 15f., 26, 37, 65), Bei den Flamen (1998: 45, 54). 10 Vgl. z. B. Bei den Flamen (1998: 151, 159f.), Pietr der Lette (1999: 103). 11 Vgl. z. B. Bei den Flamen (1998: 89, 124, 127). 12 Nünning (2001: 363). 13 Nünning (2001: 363). 14 Hier ließe sich anmerken, dass bereits die Darstellung der Maigretschen Gedanken als zielgerichtete Beschreibung eines textimmanenten Erzählers interpretiert werden kann. Dennoch hält die Verfasserin es für angemessen, die der Figur konkret zugeschriebenen Gedanken als dem Verhalten des Charakters zugehörig anzusehen und sie deshalb von den anderen Beschreibungen der Verdächtigen aus der Erzählerperspektive zu trennen. 15 Bei den Flamen (1998: 159f.). Vgl. auch Vor dem Schwurgericht (1979: 161). 295 3 Adressatenkreis profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets »Man fragt sich, worauf die Polizei eigentlich noch wartet, um die Peeters zu verhaften. Vielleicht haben sie aber auch zuviel Geld, und deshalb traut man sich nicht …« Maigret ging hinaus (…).16 »Hallo? Hier ist der Geschäftsführer …«, sagte eine andere Stimme. »Gibt es was Neues? … Glauben Sie, daß diese Geschichte in den Zeitungen stehen wird?« Maigret war unverschämt genug, aufzulegen.17 »Immer noch die Geschichte mit den Nordexpreß? Ein Schlag der Mafia, was?« Der Kommissar zog es vor, zu gehen.18 Ganz selten finden sich die Gedanken Maigrets durch Anführungszeichen gekennzeichnet, so dass eine Leerstelle durch die fehlende Beantwortung dieser Gedankenfrage sichtbar wird. Häufiger werden die Gedanken des Kommissars in erzählter Rede ohne Anführungszeichen transportiert. Hier entsteht die an den impliziten Leser vermittelte Leerstelle dadurch, dass die dargestellten Gedanken nicht aus Konstatierungen, sondern selbst aus Fragen bestehen, auf die keine Antworten erfolgen. Maigret blieb noch einen Augenblick stehen und lauschte (…). Da wurde ihm bewußt, ohne daß man hätte sagen können, wie es gekommen war: Die Angst war geboren. Alle, die da auf dem Heimweg waren, hatten Angst, Angst vor etwas, vor allem, vor einer unbestimmten Gefahr (…). »Wenn noch etwas passierte?« Maigret klopfte die Asche aus seiner Pfeife und knöpfte seinen Regenmantel zu.19 Maigret dachte an etwas anderes, an Anna, wie sie vor fünf Jahren mit Gérard Piedboeuf einen Ausflug zu den Grotten von Rochefort machte. Was hatte sie in die Arme ihres Begleiters getrieben? Warum hatte sie sich ihm hingegeben? Was waren ihre Gedanken danach?20 Er würde Gaston Meurant zwischen zwei Gendarmen sitzen sehen und schwören, die Wahrheit zu sagen, die volle Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Würde er wirklich die volle Wahrheit sagen? Hatte er nicht in einem bestimmten Augenblick, während in seinem Büro unaufhörlich das Telefon klingelte, durch das er praktisch alle Fäden der beteiligten Personen in der Hand hielt, eine schwer zu erklärende Verantwortung auf sich genommen? Hätte er nicht …?21 Die unhöfliche Variante des schweigenden Nicht-Beantwortens einer gestellten Frage dadurch, dass der Kommissar einfach geht, ist gegenüber seiner üblichen Methode, zwar verbal zu reagieren, inhaltlich aber nicht zu antworten, relativ selten. Durch das Fehlen expliziter Antworten auf die (situativ oder) konkret gestellten Fragen wird der implizite 16 Bei den Flamen (1998: 41). 17 Pietr der Lette (1999: 37). 18 Pietr der Lette (1999: 65). Vgl. auch Pietr der Lette (1999: 103). 19 Der geheimnisvolle Kapitän (2005: 58f.). 20 Bei den Flamen (1998: 70f.). 21 Vor dem Schwurgericht (1979: 167). 296 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Leser dazu veranlasst, das Ziehen voreiliger Schlüsse zu unterlassen oder sie – falls sie doch stattfinden – zumindest mit einem Fragezeichen zu versehen und lediglich als Hypothese zu betrachten, nicht als gebildete Meinung. Die Vorstellungsrichtung des impliziten Lesers wird auf diese Weise dahingehend gesteuert, dass er – über die Identifikation mit Maigret – in seiner Vorstellung der Beantwortung einer ungeklärten Frage offen bleibt für andere Möglichkeiten und sich so nicht auf eine durch die Hauptfigur vorgegebene Meinung festlegt. 3.2.1.2 Inhaltliche Vakanzen aufgrund sprachlicher Äußerungen Die Umgehungsstrategie Maigrets, auf bestimmte Aufforderungen eine erste persönliche Meinung zu einem Fall, einem Verdächtigen oder den Ermittlungen abzugeben, besteht aber in weit mehr Varianten als einfach darin, die verbale Antwort zu verweigern. Wesentlich häufiger finden sich die verschiedenen Ausformungen der Reaktion, auf eine solche Frage zwar verbal zu antworten, inhaltlich aber dennoch keine Stellungnahme abzugeben. Dieses Fehlen einer inhaltlichen Antwort findet in den Romanen so statt, dass der Kommissar in der Reaktion auf eine konkrete Frage entweder auf verschiedene Weisen das Gesprächsthema wechselt oder durch Betonung von Unwissenheit oder Ablehnen der Fragestellung seine Antwort verweigert, was dem Gesprächspartner immerhin einen Hinweis darauf zugesteht, dass Maigret auf die gestellte Frage womöglich nicht antworten will. Inhaltliche Leerstellen durch Ablehnen der Fragestellung: Die vom Kommissar bevorzugte Methode, einer persönlichen Stellungnahme aus dem Weg zu gehen bzw. eine aus seiner Sicht vorschnelle Beurteilung eines Verdächtigen zu umgehen, liegt darin, die Frage einfach dadurch inhaltlich nicht zu beantworten, indem er sie rundweg ablehnt. In diesen Fällen denkt, meint, glaubt und findet Maigret erst einmal „gar nichts“. »Glauben Sie immer noch, Herr Kommissar …« »Ich glaube überhaupt nichts, mein Lieber! Bis nachher …«22 »Also denken Sie das gleiche wie ich!« »Ich denke überhaupt nichts, Machère. (…)«23 »Sind Sie gegen uns?« »Ich bin für und gegen niemanden! Ich suche die Wahrheit!«24 22 Bei den Flamen (1998: 46). 23 Bei den Flamen (1998: 127). 24 Bei den Flamen (1998: 61). 297 3 Adressatenkreis profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Er verließ den Eisenbahnwagen mit erloschener Pfeife (…). »Sieh an, da ist ja Maigret! … Nun, was halten Sie davon?« »Nichts! Sehen Sie selbst …« 25 »Was hat das zu bedeuten?« fragte er [der Hoteldirektor], während er auf den Portier des Personalausgangs wartete (…). »Nichts, oder fast nichts, wie Sie meinten …«26 »Glauben Sie, daß Meurant unschuldig ist?« »Ich glaube gar nichts.« »Verdächtigen Sie seine Frau?« »Meine Herren, nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich dem nichts hinzuzufügen habe, was ich im Zeugenstand gesagt habe.«27 [Maigret sitzt mit seiner Frau am Esstisch] »Woran denkst du?« »An gar nichts.«28 Antwortverweigerung durch Betonung von Unwissenheit: Eine weitere Variante dieser Verweigerungsform besteht darin, dass sich Maigret auf seine Unwissenheit beruft. Diese Verhaltensweise ist darüber hinaus dafür verantwortlich, dass er im romaninternen Figurengefüge bei ihm unbekannten amtlichen Würdenträgern oder Vorgesetzten immer wieder den Eindruck hervorruft, er sei von seinem Wesen her ein wenig einfältig. »Haben Sie schon etwas herausbekommen?« »Ich weiß es nicht.«29 »Glauben Sie, daß sie unschuldig sind?« »Keine Ahnung. (…) «30 »Darf ich Sie fragen, was Sie von dieser Angelegenheit halten, Herr Kommissar?« »Sie dürfen, aber es fällt mir nicht leicht, Ihnen zu antworten. Um ganz offen zu sprechen: Ich weiß noch nichts. Morgen erst …«31 »Wenn Meurant freigesprochen wird, soll sich Janvier (…) um ihn kümmern.« »Sie glauben, daß …?« »Keine Ahnung, mein Kleiner.«32 »Was Neues, Chef?« »Ja.« Der Inspektor wagte nicht, weiter zu fragen, und nach einem langen Schweigen murmelte der Kommissar mit verdrießlicher Miene: »Nur weiß ich noch nicht genau, was.«33 25 Pietr der Lette (1999: 15f.). 26 Pietr der Lette (1999: 26). 27 Vor dem Schwurgericht (1979: 53). 28 Der Fall Nahour (2007: 35). 29 Bei den Flamen (1998: 54). 30 Bei den Flamen (1998: 28). 31 Bei den Flamen (1998: 124). 32 Vor dem Schwurgericht (1979: 89). 33 Vor dem Schwurgericht (1979: 154). 298 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets »Was guckst du mich so an?« wandte er sich plötzlich an Lucas, als hätte er dessen Anwesenheit eben erst bemerkt. »Ich warte darauf, daß Sie mir sagen, was ich tun soll.« »Wie kommst du darauf, daß ich das weiß?« Er mußte selbst über seine Antwort lächeln.34 Auf dem Hintergrund der vehementen Weigerung Maigrets, vorschnelle Urteile zu fällen oder erste Einschätzungen von Tathergängen abzugeben, erscheint jedoch der Zug, sich freiwillig eher als etwas unterbelichtet einstufen zu lassen als vom Prinzip der Vermeidung jeglicher Vorurteile abzuweichen, mehr als Erweis seiner charakterlichen Größe. Themenwechsel durch Gegenfrage/-rede: Die Ablenkung von einem bestimmten Thema oder vom Interesse an einer konkreten Frage durch einen Themenwechsel ist in der außersprachlichen Welt eine bekannte Gegebenheit und kann daher als sowohl für den impliziten als auch für den potentiellen historisch-realen Leser als gegeben vorausgesetzt werden. Aus diesem Grund ist die Kombination einer Leerstelle mit der Ablenkung auf ein anderes Thema keine derart auffällige Struktur als Methode der Leserlenkung, als dass sie schnell offensichtlich würde. »Haben Sie das getan, um mich zu retten?« Der Kommissar musterte ihn endlich in aller Ruhe von Kopf bis Fuß. »Sie sehen erschöpft aus, Meurant.«35 Am häufigsten wechselt Maigret unvermittelt das Thema, indem er durch eine Gegenfrage seinerseits den Gesprächspartner von seiner Frage abzubringen versucht. [Gespräche zwischen Inspektor Machère – erster Sprecher – und Maigret] »Ich habe ihn ausgelotet. Ich glaube, ich habe alles durchsucht. Und trotzdem habe ich irgendwie das Gefühl, daß die Leiche nicht in die Maas geworfen wurde. Was hatte dieses Damentaschentuch auf dem Dach zu suchen?« »Wissen Sie schon, daß man den Motorradfahrer gefunden hat?« 36 »Aber wie?« »Wie soll ich das wissen? Er wird schon etwas finden …« »Um sich selbst reinzuwaschen?« Aber der Kommissar ließ das Thema fallen und murmelte: »Haben Sie Feuer? Zwanzig Streichhölzer habe ich schon weggeworfen…«37 »Sagen Sie, finden Sie das nicht auch ungewöhnlich? Nicht den Schlag mit dem Hammer. Ich meine die Tatsache, daß die Leiche erst zwei oder drei Tage nach dem Mord ins Wasser geworfen wurde. Ich muß den Flamen noch einmal einen Besuch abstatten …« »Gibt es eine Liste der Kleidungsstücke, die Germaine Piedboeuf trug?«38 34 Der Fall Nahour (2007: 29). 35 Vor dem Schwurgericht (1979: 103). 36 Bei den Flamen (1998: 45). 37 Bei den Flamen (1998: 65f.). 38 Bei den Flamen (1998: 89). 299 3 Adressatenkreis profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets »Selbstmord, nicht wahr?« »Wenn Sie wollen … Haben Sie die Staatsanwaltschaft benachrichtigt?»39 Themenwechsel durch absichtliche Missverständnisse: Eine weitere Variante des Fehlens einer Antwort trotz verbaler Reaktion besteht darin, dass Maigret die Frage absichtlich falsch versteht und auf eine andere Mitteilungsebene reagiert als auf die vom Sender intendierte.40 (Anna will von Maigret wissen, ob er sie wegen Mordes festnehmen wird oder nicht) Sie blieb mitten im Zimmer stehen und hielt Maigret am Ärmel fest. »Was werden Sie tun?« »Ich habe es Ihnen schon dreimal gesagt!« seufzte Maigret verdrossen. »Ich fahre heute abend nach Paris zurück!«41 Und Anna wiederholte: »Was werden Sie tun?« Im gleichen Moment, in dem sie dies sagte, wurden ihre Augen feucht, aber das war so rasch wieder vorüber, daß Maigret nicht sicher war, ob er sich getäuscht hatte. »Und Sie?«42 »Was halten Sie von der Bombe, die Sie eben losgelassen haben, Herr Kommissar?« »Welcher Bombe?« Er stopfte bedächtig seine Pfeife, und er hatte Durst.43 Insgesamt betrachtet, lässt sich die Wichtigkeit des Prinzips, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, für die Figur des Kommissar Maigret überaus deutlich feststellen, auch wenn er diesen Vorsatz hauptsächlich durch Unterlassung und Vermeidung verdeutlicht als durch die explizite Betonung dieses Grundsatzes. Verbale Stellungnahmen wie die folgende sind für den Kommissar mehr als untypisch, auch wenn sie seine Hauptüberzeugung konkret formulieren: »Was ist hervorragend? Denn wenn Piedboeuf dem Schiffer Geld gegeben hat …« »Vorsicht vor Schlussfolgerungen, Machère! Das ist sehr gefährlich, immer gleich Schlüsse zu ziehen.«44 39 Pietr der Lette (1999: 16). 40 Die Kenntnis der vier verschiedenen Mitteilungsebenen nach dem Kommunikationsmodell von Paul Watzlawick bzw. Friedemann Schulz von Thun wird hier vorausgesetzt und nicht weiter erörtert. Für weitere detailliertere Informationen über die Entstehung dieses Modells und seine Besonderheiten, vgl. Bühler (1982), Schulz von Thun (1981), Watzlawick/Beavin/Jackson (1969). 41 Bei den Flamen (1998: 159f.). 42 Bei den Flamen (1998: 151). 43 Vor dem Schwurgericht (1979: 53). 44 Bei den Flamen (1998: 144). 300 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets 3.2.2 Zielgerichtete Beschreibungen des textimmanenten Erzählers Die dritte Komponente, welche in der Lenkung des impliziten Lesers eine entscheidende Rolle spielt, um zu vermeiden, dass dieser während des Romans einer wie im idealtypischen Detektivroman üblichen Kategorisierung in der Zuweisung von gut und böse folgt, beinhaltet die Darstellung des Romangeschehens aus der textimmanenten Erzählerperspektive. In den Maigret-Romanen findet sich ein allwissender, aber nicht alles vermittelnder Erzähler, welcher an keiner Stelle personifiziert wird. Er bleibt als distanziert wirkende Erzählperspektive unauffällig im Hintergrund und wirkt daher zunächst neutral, so dass die Wechsel der Betrachtungsebenen nur mit bewusster Reflexion zu erkennen sind. Diese hintergründige Leserlenkung bleibt dadurch für den impliziten Leser so subtil, dass sie vom Spannungsbogen des Romangegenstandes überlagert und deshalb während des Lesens kaum wahrgenommen wird. Grundsätzlich lässt sich die Art der Leserlenkung auf der Erzählerebene des Textes bezüglich des Maigretschen Charakterzugs in zwei Bereiche unterteilen: Zum einen in den Bereich, in welchem die Verdächtigen bzw. der Hauptschuldige selbst aus scheinbar unbeteiligter, distanzierter Perspektive unabhängig von den Gedanken und Äußerungen der anderen Romanfiguren beschrieben wird. Zum anderen in den Bereich, in welchem dem Leser die Gedanken Maigrets als erzählte Rede aus der Erzählperspektive weitervermittelt werden, ohne dass sie als Gedankenrede gekennzeichnet sind (ohne Anführungszeichen). Auf diese Weise wird die für die Figur des Kommissars typische Grundhaltung dem Schuldigen gegenüber zur überindividuell allgemeingültigen Betrachtung des Täters, in der jegliche moralische Verurteilung oder Bewertung des Täters fehlt. Daneben existiert außerdem eine weitere, der Konzeption Maigrets zuträgliche Ebene der Leserlenkung aus der Erzählperspektive, die aber nicht mehr zur Verdeutlichung des Maigretschen Charakterzugs dient, sich jeglicher Vorverurteilungen und Bewertungen zu enthalten. Dabei handelt es sich um die Art der Beschreibung aus einer scheinbar distanziert übergeordneten Perspektive, wie Maigret selbst auf die Verdächtigen der Untersuchung und ihr Verhalten reagiert.45 3.2.2.1 Die Schilderung der Verdächtigen und Schuldigen Auffällig bei der Schilderung der Verdächtigen eines Falls ist, dass negative Attribute in den Beschreibungen fehlen. Die möglichen Bösewichte werden nicht konnotativ als „Mörder“, „Unmensch“, „Bösewicht“, „Monster“ oder „Bestie“ beschrieben, sondern neutral als Gesprächspartner bezeichnet, mit ihrem eigenen Namen deklariert oder als Vertreter ihres offiziellen Berufsstandes klassifiziert, ganz so wie man unvoreingenommen von einem bisher Unbekannten sprechen würde, für den noch keine psychologische oder moralische Zuweisung vorgenommen wurde. Es finden sich im Text lediglich solche 45 „Und er saß da, zwischen ihnen, wie ein Richter. Ein Richter, der nicht anklagt, dessen Gedanken nicht zu erraten sind. Was wußte er? Warum war er gekommen? Worauf wartete er? Hoffte er auf ein Wort, eine Geste, die seinen Verdacht bestätigen würden? Hatte er längst alles durchschaut, oder war es nur ein Bluff?“ Saint-Pholien (1998: 107). 301 3 Adressatenkreis profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Bezeichnungen, die dem Kenntnisstand des Kommissars über die übrigen sozialen Funktionen des Täters entsprechen. Und dann spielte sich in seinen Zügen so etwas wie ein Kampf ab. Maigret sah im Spiegel bald das Gesicht des Reisenden aus dem Majestic, bald das gequälte Antlitz des Geliebten von Anna Gorskin.46 Insofern wird aus der Erzählerperspektive sowohl eine Gleichstellung zwischen dem Kommissar und den/dem Verdächtigen etabliert wie auch eine moralische Hierarchisierung vermieden. In der Darstellung der Begegnung von Ermittler und Verfolgtem wird keine Abwertung durch eine Bezeichnung vorweggenommen, so dass der implizite Leser in die Lage versetzt wird, den schuldigen Täter weniger unter dem Aspekt seiner Tat wahrzunehmen, sondern vielmehr als nach wie vor gleichwertiges Gegenüber zu Maigret und damit zu sich selbst. Maigret rührte sich nicht. Er fühlte sich so unbehaglich, daß er am liebsten seinem Gegen- über ein Medikament gegeben hätte, um dieser Szene ein Ende zu setzen.47 Dann standen die beiden Männer triefnaß auf dem Kiesstrand. »Hat sie etwas gesagt?« fragte der Lette mit hohler Stimme, die durch nichts mehr beseelt war, jedenfalls durch nichts, das einen Menschen am Leben erhalten kann. Maigret hätte lügen können. Er zog es jedoch vor, zu erklären: (…).48 Zwischen seinem Begleiter und ihm herrschte für einige Minuten die Vertrautheit einer Stubengemeinschaft. Sie kleideten sich voreinander aus.49 Gleichzeitig zur Abwesenheit negativer Konnotationen des Tatverdächtigen aufgrund des Fehlens pejorativer Attribute oder Adjektive, transportiert die Erzählperspektive Mitleid enthaltende, aber auch staunende, faszinierte und zum Teil sogar bewundernde Reaktionen des Kommissars für den/die Verdächtigen, die den impliziten Leser auf diese Weise dazu bringen, den Schuldigen der Romanhandlung unter anderen Aspekten wahrzunehmen als ausschließlich unter der Feststellung der Tatsache, dass er/sie gemordet hat. So erfüllt der schuldige Verdächtige auch auf rein verbaler Ebene keine auf seine Täter-Funktion im Kriminalroman reduzierte Rolle, sondern wird zur komplexeren Figur, die näher zu betrachten sich lohnt. 46 Pietr der Lette (1999: 113). 47 Pietr der Lette (1999: 129). 48 Pietr der Lette (1999: 165). 49 Pietr der Lette (1999: 167). Auch umgekehrt wird Maigret als „Begleiter/Kollege“ des Letten bezeichnet. Das ist leider in der deutschen Übersetzung verloren gegangen: „Au moment où il tendait le vêtement à son compagnon, il aperçut le pansement détrempé et son visage fut agité d’un tic nerveux.“ Pietr le Letton (1929/39: 450). Eine wörtlichere Übersetzung würde lauten: In dem Augenblick, in dem er seinem Begleiter das Kleidungsstück reichte, bemerkte er den nassen Verband, was seinem Gesicht ein nervöses Zucken einbrachte. 302 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Er tat das alles ohne eine Spur von Rachsucht, und mit einer Sanftheit, die man ihm nicht zugetraut hätte, zog er das Kleid über die Knie der Unglücklichen, fühlte ihren Puls, blieb lange an der Pritsche stehen und betrachtete sie.50 Maigret ließ sich nicht aus der Ruhe bringen; er schaute sie neugierig, aber nicht ohne eine gewisse Sympathie an. Denn sie hatte Schneid!51 Die Wirkung war eindrucksvoll. Pietr, der Lette, wurde purpurrot und Sekunden später leichenblaß. Nur ein paar unregelmäßig rote Flecken blieben auf seinen Wangen. Aus seinen Lippen wich das Blut.52 3.2.2.2 Die Darstellung der Reaktion Maigrets auf Verdächtige und Schuldige aus übergeordneter Erzählerperspektive Durch die Schilderung der neugierigen Faszination Maigrets gegenüber den Verdächtigen und Schuldigen im Romangeschehen aus scheinbar distanziert-neutraler Position, wird beim impliziten Leser eine Neugier geweckt, die sich auf die Hintergründigkeiten der/des Verdächtigen bezieht. Da Maigrets Interesse an einer Figur nicht negativ konnotiert wird – was die wertneutralen Bezeichnungen und Betitelungen unterstützen –, kann der implizite Leser diese vom Erzähler vorgegebene Grundhaltung übernehmen und so dem Kommissar auf seiner Suche nach der Wahrheit ohne Vorverurteilungen folgen. Das Verhalten Maigrets im weiteren Verlauf der Untersuchung zeigt dann andere, für einen idealtypischen Detektiv bis dahin ungewöhnliche Charaktereigenschaften, die zum einen zwar der Figurenkonzeption zuzuordnen sind, andererseits aber die emotionale Grundhaltung des impliziten Lesers weiterhin in der Vermeidung moralischer Urteile und Bewertungen unterstützen. So dient die Beschreibung des Umstands, dass Maigret in dienstlicher Weise diskret mit den herausgefundenen Schlüsselinformationen bezüglich der emotionalen Hintergründe eines Mordes oder Mordanschlages umgeht, sowohl der Betonung seines Charakterzugs, dass er als Figur die persönliche Würde aller anderen Mitfiguren zu wahren gedenkt, als auch der subtilen Empfehlung an den impliziten Leser auf der Erzählebene, es dem Kommissar gleich zu tun. Auch das Ausbleiben einer triumphierenden oder schadenfrohen Reaktion des Kommissars gegenüber den Tätern, wenn sie ihr wahres Gesicht zeigen und die Hintergründe ihrer Tat eingestehen müssen, beinhaltet nur einerseits die Verdeutlichung der Mitmenschlichkeit Maigrets. Denn zum anderen erlaubt diese – bis dahin ungewöhnliche – Reaktion dem impliziten Leser einmal mehr, in Anlehnung an die Hauptfigur bis zum Romanende in der nicht verurteilenden, aber neugierigen Grundstimmung dem Täter gegenüber zu verbleiben und so eine moralische Bewertung zu vermeiden. Das ist nur möglich, weil dieses Verhalten aus der Erzählperspektive nicht kommentiert wird. Die Tatsache, dass Maigret und sein Verhalten auch aus der erzählenden Per- 50 Pietr der Lette (1999: 148). 51 Pietr der Lette (1999: 145). 52 Pietr der Lette (1999: 129). 303 3 Adressatenkreis profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets spektive keine Opposition, sondern lediglich Unterstützung erfahren und so einfach als die Realität des Romans gesetzt werden, führt dazu, dass der implizite Leser die subjektive Sicht des Kommissars (der wertneutral bleiben will) als objektive Realität des Textes übernimmt oder sie zumindest in ihrer vom Text vorgeschlagenen Vorbildfunktion respektiert. Es sind die auf diese Weise zusätzlich zur Figurenkonzeption in der Erzählperspektive enthaltenen Aussagen zum Grundgehalt des Romans, die außerhalb der Charaktereigenschaften des Kommissars verdeutlichen, wie profane Erlösungsdynamik im Textuniversum stattfinden kann. Nur in Kombination mit diesen Beispielen für die Grundaussage eines Romans macht die Konzeption Maigrets für das Grundanliegen Simenons, der Suche nach dem homme nu, Sinn. 3.2.3 Die textimmanente Füllung der durch das Verhalten Maigrets entstandenen inhaltlichen Vakanzen Das Gebaren der fiktiven Kommissarfigur verdeutlicht im Zusammenhang mit der Betrachtung der Auslöser für dieses Verhalten unleugbar die gesellschaftlichen Phänomene, von denen sich der Text als Gesamtheit sichtbar distanziert. Stellt man nach der Analyse der Leerstellen dieser Textstruktur die von der Untersuchung grundsätzlich gestellte Frage nach profaner Erlösung dem Text als Ganzes zur Seite, lassen sich die vom Text deutlich abgelehnten Inhalte53 als diejenigen Phänomene zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Auftretens erkennen, von denen die Maigret-Texte unter Zuhilfenahme der Hauptfigur erlösen können. Gerade die Tatsache, dass eben diese sozialen Verhaltensphänomene nicht gänzlich aus dem Text verschwinden, sondern durch die dominante Präsenz des Protagonisten und die subtile Leserlenkung der Erzählperspektive denjenigen Mitfiguren zugeschrieben werden, die sich im Handlungsverlauf als unterlegen oder als der Situation der Romanhandlung nicht gewachsen erweisen, verstärkt und betont die grundsätzliche Ablehnung der Gesamtaussage des Textes gegenüber all den Mechanismen, die dazu führen, vorschnell Position zu beziehen, Vorurteile aufzubauen und Urteile zu fällen. Wovon genau die Maigret-Texte den impliziten Leser erlösen können, ist aufgrund dieser textimmanenten Struktur überaus prägnant. Darüber hinaus beinhaltet die Ablehnung bestimmter Verhaltensweisen durch die Leerstellen gleichzeitig die Frage nach der Refunktionalisierung dieser inhaltlichen Vakanzen: Wenn der Text immanent verdeutlicht, wovon er erlösen will, macht er dann auch deutlich, wozu? Falls die Maigret-Texte eine Füllung dieser inhaltlich intendierten Leerstellen anbietet, muss sie in Zusammenhang mit deren Auftreten erkennbar sein. Das impliziert strukturell die textimmanente Analyse dessen, was genau an die Stelle der eigentlich erwarteten bzw. eingeforderten, aber nicht erfolgten Reaktionen Maigrets tritt: Womit reagiert der Kommissar auf die von ihm abgelehnten Forderungen nach Speku- 53 Die abgelehnten Inhalte sind folgende: kategorisierendes Ein- und Beurteilen von Personen bzw. Figuren, spekulative Interpretation akuter und ungewöhnlicher Situationen, hypothetische Spekulation über die weitere Entwicklung solcher Situationen in der Zukunft und allgemeine persönliche Spekulationen aufgrund emotionaler Befindlichkeiten. 304 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets lation, Interpretation, Kategorisierung oder Bewertung von Personen oder Situationen? Reicht bereits die Aussage über die Figur durch das Nichtgesagte aus, um zu erkennen, welche Alternative der Text anbietet, oder bietet er gar nichts an? So wie die Entstehung der Leerstellen sowohl durch verbales als auch durch nonverbales Verhalten gekennzeichnet ist, lassen sich auch die möglichen textimmanenten Füllungen dieser Vakanzen an verbalen oder nonverbalen Reaktionen ablesen. Dennoch erscheint es effektiver, die Strukturierung der Alternativ-Angebote des Textes zu Spekulationen, Interpretationen, Kategorisierungen und Bewertungen nach inhaltlichen Auffälligkeiten vorzunehmen als nach der Art ihrer Darstellung. 3.2.3.1 Die Rückführung auf die Wirklichkeitsebene Die erste Beobachtung bezüglich des Verhaltens des Kommissars liefert im Wesentlichen eine intellektuell-theoretische Antwort auf die Aufforderung zur Spekulation. Mit Rückführung auf die Wirklichkeitsebene ist hier gemeint, dass der Kommissar den sprachlichen Sender des Appells an ihn, eine Spekulation oder Hypothese aufzustellen, in der Art eines Gegenvorschlags dazu ermutigt, sich aufgrund der vorliegenden, greifbaren Indizien selbst ein Bild von der Situation (oder Person) zu machen. »Sieh an, da ist ja Maigret!… Nun, was halten Sie davon?« »Nichts! Sehen Sie selbst…«54 Mit dieser Gegen-Aufforderung lehnt Maigret inhaltlich die ihm zugeschriebene übergeordnete Position als Denk-Vorreiter ab und betont gleichzeitig die Verantwortung des Fragenden, sich selbst eine unabhängige Meinung von amtsautoritären Vorgaben zu bilden. Auf diese Weise weist er die diesem Verhalten zugrunde liegende Hierarchie zurück, stellt sich mit jedem Fragenden auf dieselbe Stufe und entledigt sich gleichzeitig der Verantwortlichkeit, für eine Hypothese zuständig zu sein, die ohne nachzudenken einfach übernommen wurde, sich aber letzten Endes durchaus als falsch erweisen könnte. Um sich selbst ein Bild von der Situation zu machen, das so wenig spekulativ wie möglich ausfällt, tritt für den Kommissar anstelle einer hypothetischen Spekulation die Kontaktaufnahme mit der Lebenssituation des Opfers, den Hinterbliebenen, allen möglichen Zeugen oder Beteiligten an der Hintergrundsituation der Tat. Maigret flüchtet sich nicht in theoretische Möglichkeiten über die Situation, sondern er begibt sich unmittelbar in die von der Tat betroffene Gemeinschaft der Menschen/Figuren, die er von da an versucht, kennen und verstehen zu lernen. »Glauben Sie immer noch, Herr Kommissar…« »Ich glaube überhaupt nichts, mein Lieber! Bis nachher…« Er betrat ebenfalls den Laden.55 [Gemeint ist hier der Laden der Flamenfamilie, die von den Dorfbewohnern des Mordes beschuldigt wird und die der Kommissar jetzt kennen lernen wird.] 54 Pietr der Lette (1999: 15f.). 55 Bei den Flamen (1998: 46). 305 3 Adressatenkreis profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Ganz eng verbunden mit dem Kennenlernen der Umstände, Hintergründe und der von der Tat betroffenen Personen/Figuren ist das erstmalige Eindringen in die Atmosphäre von Tatorten, für welche die Maigret-Romane berühmt geworden sind. »Was werden Sie machen?« Aber der Kommissar entfernte sich bereits linkisch und ungeschickt und stellte sich mitten in der Halle hin wie die Besucher alter Kirchen, wenn sie ohne die Hilfe des Küsters zu erraten versuchen, was es dort Sehenswertes gibt.56 Maigret hätte fast vorgeschlagen, die Runde mit ihm gemeinsam zu machen, um noch tiefer in das Leben dieses Mannes einzudringen.57 Dieses erste intuitive und emotionale Kennenlernen der Mordumstände ist aus Sicht Kommissar Maigrets für das Verständnis eines Verbrechens unerlässlich und enthält neben den greifbaren Indizien der Spurensicherung und pathologischen Befunde aussagekräftige Hinweise zum Charakter einer Tat. Maigrets Gegenentwurf zur hypothetischen Spekulation besteht also zuerst darin, der Aufforderung zur freien Interpretation zunächst alle realen Möglichkeiten entgegen zu stellen, Hinweise auf Charakter und Umstände einer Verbrechenstat aus den tatsächlich vorhandenen Gegebenheiten und Betroffenen abzuleiten, ohne dass er die von ihm als Indizien empfundenen Hinweise kommunizieren würde und so doch eine Richtung für die Suche anderer vorgäbe. Auch der Wechsel der Kommunikationsebene beim absichtlich herbeigeführten Missverständnis hat diese Rückführung auf die Wirklichkeitsebene zum Hauptziel. »Glauben Sie, daß Cassin…?« »Ich glaube, daß er uns heute abend oder morgen einen neuen Beweis für die Schuld der Peeters anbringen wird…«58 Dadurch wird der Referenzpunkt der Kommunikation bewusst verschoben und so der Themenwechsel mit der Hinführung zu den realen Gegebenheiten forciert. 3.2.3.2 Die Rückkehr zur Alltäglichkeit Angesichts der großen Ungeheuerlichkeit einer Mordtat, die in der Lage ist, jeden Zeugen, Zuschauer oder Leser aus der alltäglichen Routine zu reißen, wird nachvollziehbar, wie es überhaupt zum Bedürfnis nach einer unmittelbaren Erklärung für das Unerklärliche kommen kann. Die Figur oder Person, die in ihrem gewohnten Alltagsgang mit einem Mord oder einem anderen Verbrechen konfrontiert wird, ist dadurch zunächst so in ihrer Grundsicherheit erschüttert, dass automatisch nach einer Begründung für die 56 Pietr der Lette (1999: 103). 57 Bei den Flamen (1998: 76). 58 Die deutsche Übersetzung der hier zitierten Diogenes-Ausgabe liest anstelle vom unterstrichenen Verb glauben eine Form von annehmen, was sich aus der französischen Originalfassung durchaus, aber nicht zwangsläufig ableiten lässt. Der Meinung der Verfasserin dieser Arbeit nach, ist es an dieser Stelle notwendig, gerade das doppelt benutzte Verb penser aus dem Urtext im Frage- und Antwort-Spiel identisch zu übersetzen, um das bewusst herbeigeführte Missverständnis von Seiten Maigrets zu verdeutlichen. Vgl. Bei den Flamen (1998: 65); und Chez les Flamands (1932: 396). 306 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Ausnahmesituation gesucht wird, welche die emotionale Erschütterung auf schnelle Weise wieder beheben kann, um den Anforderungen des eigenen Lebens weiterhin gerecht werden zu können. Kommissar Maigret, der in seinem Berufsleben die Erfahrung gemacht hat, dass nichts zwangsläufig so sein muss wie es auf den ersten Blick scheint, weiß um diese Zusammenhänge und hat im Lauf seiner Ausbildung als Polizist gelernt, sich von der eigenen emotionalen Betroffenheit nicht im Vorgehen bei den Ermittlungen in der Art beeinflussen zu lassen, dass er nach einer schnellen Antwort sucht. Deshalb nimmt er auch – zumindest nicht äußerlich sichtbar – keinen Anstoß an den Bitten um eine schnelle Erklärung, erfüllt sie aber keinesfalls. Für sich selbst hat er Strategien entwickelt, die dem irritierten Gefühl unabhängig von der Lähmung über eine Tat die Gelegenheit bieten, sich sowohl mit den Gegebenheiten der Situation vertraut zu machen als auch sich wieder zu beruhigen und über das routinierte Handeln des Kommissars zu erleben, dass die Welt nicht stehen geblieben ist, ohne das Schockierende des Mordes zu negieren. So „antwortet“ Maigret auf die Suche seiner Kollegen nach emotionaler Beruhigung durch eine erste Theorie überaus häufig durch das routinierte Aufnehmen der standardisierten Abläufe in einer Mordermittlung, was nicht nur am Anfang einer Untersuchung stattfindet, sondern sich durch die gesamte Ermittlung zieht. »Selbstmord, nicht wahr?« »Wenn Sie wollen… Haben Sie die Staatsanwaltschaft benachrichtigt?«59 »(…) Was hatte dieses Damentaschentuch auf dem Dach zu suchen?« »Wissen Sie schon, daß man den Motorradfahrer gefunden hat?«60 »Sagen Sie, finden Sie das nicht auch ungewöhnlich? (…) Ich meine die Tatsache, daß die Leiche erst zwei oder drei Tage nach dem Mord ins Wasser geworfen wurde. (…)« »Gibt es eine Liste der Kleidungsstücke, die Germaine Piedboeuf trug?«61 Häufig geschieht diese Konzentration auf die tatsächlich vorhandenen Fakten als Beruhigung emotionaler Irritation ob der Undenkbarkeit des Geschehenen auch durch die Hinwendung zur alltäglichen Normalität außerhalb der Ermittlungen62: Gern greift der Kommissar zu seiner Pfeife, die er (genüsslich bis zwanghaft) stopft63 und dann so lange raucht, bis er nicht mehr merkt, dass sie ausgegangen ist. Oder er besucht die Kneipen und Brasserien des Viertels, in dem seine Ermittlungen laufen und isst dort das Tagesgericht, noch häufiger jedoch trinkt er die alkoholische Spezialität des Hauses, der Region oder der Saison. Die Marotte des Kommissars, während langer Verhöre am Quai des Orfèvres für sich und die Verhörten Bier und belegte Brote aus der nahe gelegenen Brasserie Dauphin kommen zu lassen zählt ebenfalls zu den Methoden, das verunsicherte Gefühlsleben in der Alltäglichkeit zu verankern und so trotz der Ungeheuerlichkeit des Bearbeiteten die 59 Pietr der Lette (1999: 15). 60 Bei den Flamen (1998: 45). 61 Bei den Flamen (1998: 89). 62 Vgl. z. B. Bei den Flamen (1998: 150f.). 63 Vgl. z. B. Bei den Flamen (1998: 156). 307 3 Adressatenkreis profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Rückkehr oder Positionierung in der gegenwärtigen Alltäglichkeit für alle Beteiligten zu gewährleisten. Aber auch das Aufnehmen kleinbürgerlicher Häuslichkeit als Atmosphäre innerhalb des Verdächtigenkreises verhilft dem Kommissar dazu, das Verbrechen eines Mordes mit der Alltäglichkeit bürgerlichen Lebens in Einklang zu bringen, ohne sich dadurch von seiner professionellen Aufgabe abbringen zu lassen.64 Die Routine beim offiziellen Vorgehen sowie die Bezüge zur Normalität, egal ob sie im Verdächtigenkreis oder in der gewöhnlichen Alltäglichkeit des eigenen Privatlebens Maigrets angesiedelt sind, werden dem impliziten Leser durch das Verhalten des Kommissars als Alternative zu vorschnellen, spekulativen Interpretationen des Mordgeschehens angeboten, so dass auch die emotionale Irritation des potentiellen Lesers über das Verfolgen der routinierten Alltäglichkeit die Möglichkeit erhält, sich zu beruhigen, ohne auf eine schnelle und häufig falsche Theorie angewiesen zu sein. 3.2.3.3 Die Betonung des Nicht-Wissens (der Vorläufigkeit aller Erkenntnis) Die dritte Auffälligkeit in der Füllung der durch Maigrets fehlende Reaktionen entstandenen inhaltlichen Leerstellen im Text findet sich in der wiederholten Betonung des augenblicklichen Nicht-Wissens. Bei konkreten Nachfragen gegenüber Vorgesetzten oder anderen offiziellen Würdenträgern, die sich für den Fortgang der Ermittlungen interessieren, unterstreicht Maigret immer wieder nachdrücklich, dass er zum augenblicklichen Stand der Dinge noch nichts Konkretes verlauten lassen kann. Das weist darauf hin, dass für ihn die Vorläufigkeit und Bruchstückhaftigkeit allen Wissens und Erkennens eine große Rolle spielt. Häufig findet sich der Verweis auf jetziges Nicht-Wissen zusammen mit dem Hinweis auf erst zukünftig mögliches Wissen, was eine gegenwärtige Aussage immer zur Unvollständigkeit verdammt. Gerade dann auf der Vorläufigkeit und Bruchstückhaftigkeit zu insistieren, wenn der Druck nach konkreten Resultaten am stärksten ist, spricht nachhaltig für eine Überzeugung, die auf ein umfassenderes und ganzheitlicheres Verständnis von Wahrheit verweist, als sich anhand von professionellen Methoden beweisen lässt. »Ich werde meine Untersuchung fortsetzen«, sagte Maigret und ging hinaus auf den Treppenabsatz. »Haben Sie schon etwas herausbekommen?« »Ich weiß es nicht.«65 »Darf ich Sie fragen, was Sie von dieser Angelegenheit halten, Herr Kommissar?« »Sie dürfen, aber es fällt mir nicht leicht, Ihnen zu antworten. Um ganz offen zu sprechen: Ich weiß noch nichts. Morgen erst…«66 Auf diese Art und Weise liegt im Nichtgesagten der Antworten des Kommissars eine Aussage, die einen charakteristischen Rückschluss über die Figur Maigrets zulässt: Der permanente Verweis auf die Vorläufigkeit aller professionellen Erkenntnisse legen in 64 Vgl. z. B. Bei den Flamen (1998: 14–17). 65 Bei den Flamen (1998: 54). 66 Bei den Flamen (1998: 124). 308 Teil IV: Aspekte profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Zusammenhang mit der Weigerung des Kommissars, auf ihnen beruhend endgültige Beurteilungen abzugeben, auch wenn er einen Fall abgeschlossen hat, die Vermutung nahe, dass die Größe und Komplexität der Wahrheit über eine Person und Situation sich für Maigret aufgrund der Unvollständigkeit menschlichen Verstehens fast niemals vollständig nachvollziehen lässt. Diese Haltung konsequent beizubehalten, obwohl er allen Tätern und ihren Motiven auf die Schliche kommt, spricht für eine demütige Grundeinstellung des Kommissars seiner großen Verpflichtung der Wahrheit gegenüber, was wiederum dazu führt, dass er sich den Tätern gegenüber nicht als moralisch oder in irgendeiner anderen Weise als überlegen präsentiert. Er ist deshalb in der Lage, sie trotz ihrer Verfehlungen als vollwertige und werthafte Menschen bis zum Schluss respektvoll zu betrachten und zu behandeln. 3.2.3.4 Die Hervorhebung der Gleichwertigkeit aller Figuren Eng verbunden mit der demütigen Grundhaltung des Kommissars in seiner Suche nach der Wahrheit über den homme nu durch die Betonung des eigenen Nicht-Wissens in den textimmanenten Vakanzen liegt auch in der Darstellung der Maigretschen Schwächen anstelle der sonst üblichen Spekulationen über den Charakter der Täter die Grundaussage beheimatet, dass der Selbstanspruch des Kommissars weit entfernt ist von ideologischen oder moralischen Bewertungen der Taten seiner Verdächtigen. Die Schilderungen, wie Maigret anstelle einer Antwort seine Pfeife anzündet, sich einen Schnaps genehmigt, im Laufe einer Ermittlung mit Frust eine Erkältung auskuriert oder sich insgeheim auch mal über den einen oder anderen Beteiligten lustig macht, situieren ihn selbst als Figur mitten im Geschehen und mitten unter den von ihm zu verstehenden Verdächtigen. Maigret wird dadurch nicht ausgenommen von der Fehlerhaftigkeit des menschlichen Daseins, und auch er selbst will sich davon überhaupt nicht ausnehmen. Die Beschreibung dieser fehlerhaften Menschlichkeit an den Stellen zu präsentieren, an denen eine moralische Bewertung gefordert und aus einer intellektuell überlegenen Position notwendig scheint, unterstreicht einmal mehr die Wichtigkeit der Gleichwertigkeit aller Figuren/Menschen unabhängig von ihren Taten im Maigret-Universum. »Glauben Sie, daß sie unschuldig sind?« »Keine Ahnung. Haben Sie Tabak?«67 »Wie soll ich das wissen? Er wird schon etwas finden…« (…) Aber der Kommissar ließ das Thema fallen und murmelte: »Haben Sie Feuer? Zwanzig Streichhölzer habe ich schon weggeworfen…« »Ich rauche nicht.« Machère traute seinen Ohren nicht, als Maigret brummte: »Hätte ich mir gleich denken können…«68 »Also denken Sie das gleiche wie ich!« »Ich denke überhaupt nichts, Machère. Ich schwitze! Und kalt ist mir auch! Ich fürchte, ich habe mir eine schöne Erkältung eingefangen. Ich muß erst einmal in mich hineinhorchen, ob ich etwas essen oder lieber gleich ins Bett gehen soll. Noch eins, Garçon! Moment mal, nein! Einen Grog. Aber mit viel Rum!«69 67 Bei den Flamen (1998: 28). 68 Bei den Flamen (1998: 66). 69 Bei den Flamen (1998: 127). 309 3 Adressatenkreis profaner Erlösungsdynamik in den Maigrets Insgesamt lässt sich feststellen, dass Maigret bei den Aufforderungen zu hypothetischen Spekulationen oder moralischen Bewertungen der sich ihm bietenden Verbrechenssituationen inhaltlich und physisch die Tendenz zeigt, auf profane Alltäglichkeiten und professionelle Routine auszuweichen. Das verdeutlicht aus übergeordneter Perspektive das Fehlen jeglichen Selbstanspruchs Maigrets auf moralische oder ideologische Schuldzuweisungen sowie auf das Recht, über die Zuweisung von Recht, Unrecht und Bestrafung zu befinden. Dieses Verhalten vermittelt sowohl dem textimmanenten Schuldigen als auch dem impliziten Leser Sicherheit, da keinem die Existenzberechtigung abgesprochen wird und erleichtert weiterhin, dem Vorgehen des Protagonisten zu vertrauen. Gleichzeitig findet dadurch eine Entlastung des impliziten Lesers statt, in Konkurrenz zum Hauptkommissar selbst Untersuchungen anzustellen, wer der Mörder gewesen sein und aus welchen Gründen dieser gemordet haben könnte, so dass er automatisch vom Zwang befreit ist, während des Lesens und Verstehens der Tatmotivation moralische Zuweisungen vorzunehmen, Zwischenbeurteilungen auszustellen und am Ende des Romans den Täter ausschließlich als Schuldigen zu bewerten, um der eigenen, inneren emotionalen Irritation entgegen zu wirken.

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Zusammenfassung

Die Literaturwissenschaft bleibt die Antwort auf die Frage schuldig, wie sich der anhaltende literarische Erfolg der Simenonschen Maigret-Kriminalreihe auch in der Gegenwart erklären lässt. Das vorliegende Buch belegt die Attraktivität der Maigrets mit der Gestaltung und dem Verhalten ihrer Hauptfigur, die ihren Lesern einen befreienden und lebensförderlichen Umgang mit Scheitern & Versagen vermittelt: praxisorientiert und jenseits moralischer Zeigefinger.

Kommissar Maigret einmal ganz anders: Als religionsfreie, postmoderne Metapher der rein säkularen Dimension einer christlichen Erlösungsvorstellung des 21. Jahrhunderts. Für vorurteilsfreie Krimi-Liebhaber, die es genau wissen möchten, und für theologisch Interessierte, die den Anschluss an die Gegenwart nicht verpassen wollen. Ein interdisziplinärer Dialog über das religionsunabhängige Erlösungspotential eines säkularen Kriminalromans. Mit Anregungen zur praktischen Umsetzung in einen Religionsunterricht, der sich zeitgenössischer