Fünfter Band. in:

Ulf Debelius (Ed.)

Ralph Norwood, page 733 - 882

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-2705-9, ISBN online: 978-3-8288-6796-3, https://doi.org/10.5771/9783828867963-733

Series: Armands Werke. Marburger Ausgabe, vol. 5

Tectum, Baden-Baden
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Fünfter Band. 735 5 10 15 20 Capitel 41. Veränderter Wohnort. – Die glückliche Familie. – Der Hausfreund. – Die Leibeigene. – Der verwüstete Urwald. – Die Anhöhe. – Ueberraschende Erscheinung. – Die beglückende Bekanntschaft. – Die Künstlerin. – Der Pedlar. – Die Blume. – Der alte Gefährte. I n dem fernen Südwesten Amerika’s an einem kleinen Neben-fluß eines jener gewaltigen Ströme, die ihre Gewässer in den Golf von Mexiko ergießen, stand auf einer beträchtlichen Anhöhe ein großes, zweistöckiges Gebäude, welches, obgleich nur aus Holz aufgeführt, dem Geschmack seines Erbauers Ehre machte. Die hohen Wände desselben waren aus übereinanderliegenden, sauber geglätteten Dielen errichtet und mit einem unbestimmten, ins Gelbliche spielenden Oelfarbeanstrich versehen worden, auf welchem sich die frisch grünen Jalousien an den Fenstern recht freundlich und lebhaft hervorhoben. Vor der vordern Seite des Hauses zogen sich zwei übereinander gebaute, zwölf Fuß breite, mit zierlichem Geländer versehene Verandas hin, die, während die Sonne hoch stand, deren Strahlen von dem Gebäude abhielten, da dasselbe mit dieser Seite nach Süden zeigte. An den Pfeilern der Veranda waren Rankenrosen bis unter deren Dach hinauf geklettert und ließen in reichen Traubendolden ihre zarten Blüthen herabhangen. Riesenhafte immergrüne Eichen überschatteten das Haus und vor demselben lag ein Blumengarten ausgebreitet, der durch seine saubern Anlagen bekundete, daß er seine sorgsame Pflege hauptsächlich durch eine weibliche Hand erhielt. An dem Fuße der Anhöhe, auf welcher die Wohnung stand, senkte sich ein steiles Ufer in den nicht bedeutenden, aber gewaltig strömenden 736 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Fluß hinab, dessen schäumende Wogen sich hier brausend gegen ein großes Mühlrad warfen und dasselbe rasch um seine Axe trieben. Diese setzte eine Schneidemühle in Bewegung, deren ungeheuere Zirkelsäge die ihr durch die Maschine zugeschobenen kolossalen Baumstämme mit einer unglaublichen Schnelligkeit zu Brettern zerschnitt, und zugleich trieb das Rad eine Maismühle mit großer Geschwindigkeit. Viele wohlgekleidete Neger von frischem, gesundem Aussehen und heiterer Miene besorgten die Arbeiten bei diesen beiden Mühlwerken, während ein schöner, kräftiger, blondgelockter Jüngling von sechszehn Jahren die Aufsicht führte und den Sclaven, die ihn ihren jungen Herrn nannten, die nöthigen Anweisungen bei ihren Anstrengungen gab. Von der Anhöhe aus schweifte der Blick nach Norden über den Urwald, der sich jenseits des Flusses erhob, diesem folgend, wanderte das Auge nach Westen über ein weites Prairiethal, welches, wie ein von Menschenhand angelegter Park mit einzelnen Waldstrichen und dunkeln Baumgruppen geschmückt, sich bis zu den felsigen Ufern des gewaltigen Stromes hinzog, in welchen der brausende Fluß sich ergoß. Weiter hin in dem duftigen Purpur der Ferne stiegen mächtige Gebirgszüge auf, deren eisgekrönte Häupter unter dem durchsichtig blauen Aether in der Sonne erglänzten, während nach Süden eine offene Grasflur meilenweit ausgedehnt lag und ihre prächtige Blumenflor in den buntesten Farben zur Schau trug. Unter der Veranda des Hauses saß eine Frau von hoher, edeler Gestalt, auf deren Zügen man noch immer die seltene Schönheit, die sie einst geschmückt hatte, erkennen konnte. Sie war Eleanor Arnold. Ihre goldigen Locken fielen noch eben so reich und glänzend neben ihren Wangen herab, wie vor so vielen Jahren, doch ihr edeles Antlitz hatte an Fülle verloren und die Rosen ihrer Wangen waren verblichen. Ihre schönen dunkeln Augen dagegen hatten sich nicht verändert, sie waren in diesem Augenblick auf ein liebliches dreijähriges Mädchen gerichtet, welches Eleanor zu sich rief, um ihm einen Leinenhut aufzusetzen, damit die Sonne seinen blendend weißen Nacken nicht bräunen sollte. Helen, diese Kleine, war ihr jüngstes Kind und ihr Liebling, ohne daß jedoch dessen eilf Geschwister sich über die mindeste Zurücksetzung von Seiten der Mutter hätten beklagen können. 5 10 15 20 25 30 35 737FüNFtER BaNd • EiNuNdViERZigstEs KapitEl »Geh nicht zu weit, Helen, und nicht nach dem Wasser hin. Bald wird der Vater kommen und Du weißt wohl, er fragt gleich nach Dir«, sagte Eleanor, als die Kleine auf der Treppe von der Veranda hinab in den Garten sprang. »Du süßer, lieber Engel; der gütige Gott erhalte Dich mir!« setzte die Mutter halblaut hinzu, indem sie dem davoneilenden Kinde mit einem Ausdruck höchsten Glückes nachblickte. Dann ergriff sie den groben Baumwollenstoff wieder, an dem sie genäht hatte und sah nur von Zeit zu Zeit nach der kleinen Helen hin, die unter den prächtigen Blumen des Gartens umhersprang und einige von denselben zu einem Strauß auswählte. Nach einer Weile kam ein Reiter durch die Prairie nach dem Hügel hin herangetrabt und lenkte sein Pferd seitwärts um den Garten den Negerwohnungen zu, nicht aber, ohne im Vorüberreiten mit der Hand wiederholt nach Eleanor hinzuwinken und dagegen ihren freudigen Willkommen durch Wehen mit einem Tuche zu erhalten, denn der Reiter war Frank Arnold, der seinen Stuten und Füllen eine Meile von seinem Hause in der Prairie einen Besuch abgestattet hatte. Eleanor war aufgesprungen und eilte Frank entgegen, während die kleine Helen durch den Garten hinter ihr hergesaust kam, um ihren Vater mit der Mutter zugleich zu begrüßen. Frank schloß seine Gattin mit jugendlicher Liebe in seine Arme und neigte sich dann zu Helen nieder, die ihre Aermchen nach ihm ausstreckte und ihm die für ihn gesammelten Blumen entgegenhielt. Er hob das Kind auf seinen Arm, küßte es mit Zärtlichkeit und ging mit ihm, von Eleanor umfaßt, nach dem Hause, wo sie sich an dem westlichen Ende der Veranda niedersetzten. Frank war das Bild eines schönen Mannes in seiner vollsten Lebenskraft. Er war ziemlich stark geworden, ohne schwerfällig zu sein, wenn auch in allen seinen Bewegungen eine eiserne Festigkeit lag. »Es ist doch schöner hier, als in den Fichtenwäldern Florida’s«, sagte er, indem er Helen auf seinem Knie wiegte und, mit dem Arm auf dem Geländer der Gallerie ruhend, über die, schon mit den Farben des Herbstes geschmückten Wald- und Baumgruppen nach den fernen Gebirgen hinüberschaute, denen sich die Sonne näherte und deren eisige Höhen sich zu vergolden begannen. 738 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Und unser Glück wächst mit unsern Kindern von Tag zu Tag. Der Himmel hat uns reich gesegnet, Frank, und hat uns vor Tausenden bevorzugt«, entgegnete Eleanor, indem sie ihre Hand in die ihres Gatten legte und dieser sie an seine Lippen drückte. »Wohl hat er dies gethan und thut es noch in jeder Secunde. Wie hat er uns während des letzten Sommers gnadenreich behütet, als das böse Fieber unter unsern Nachbarn so furchtbare Verheerungen anrichtete. Wir haben doch kein Leben, weder in unserer Familie, noch unter unsern Negern verloren, obgleich wir fast sämmtlich erkrankten.« »Du weißt, Frank, wem wir dies nächst Gott zu danken haben. Hätte Farland sich unserer nicht mit so großer Liebe und Aufopferung angenommen und wären wir den andern Aerzten in die Hände gefallen, so würden wir auch Thränen genug zu weinen gehabt haben«, erwiederte Eleanor. »Gottlob, daß es uns gelang, ihn nach seiner eigenen Vorschrift richtig zu behandeln, als er selbst von dem Fieber ergriffen ward, wir haben ihm wenigstens einen kleinen Theil von unserer sehr großen Schuld zurückgezahlt«, sagte Frank und setzte, indem er seinen Kopf nach der Prairie umwandte, freudig hinzu: »Sieh, dort kommt er selbst. Wo sind denn aber unsere Kinder alle?« »Die großen Jungen sind noch an der Arbeit und die kleinen spielen vor der Küche, sie hatten einen Deiner Hunde in einen Wagen gespannt und fuhren damit in dem Hofe herum. Amelia ist zu Randels geritten, sie hatte diese Freundinnen lange nicht besucht, Charles ist noch bei der Mühle, und Edward, so wie die Andern, sind mit den Negern im Felde und sammeln trockene Bohnen«, antwortete Eleanor. »Ist James nicht hier gewesen?« fragte Frank. »Noch nicht, er baut ja an seinem Hause und wird so früh nicht kommen«, erwiederte Eleanor. »Der Junge macht mir Freude. Er hat etwas Tüchtiges gelernt, arbeitet trotz seines besten Negers, und welch braver, ehrlicher Kerl ist er!« »Dein Ebenbild, Frank!« entgegnete Eleanor mit zärtlichem Blick, indem sie aufstand und ihn küßte. 5 10 15 20 25 30 35 739FüNFtER BaNd • EiNuNdViERZigstEs KapitEl Auch er erhob sich jetzt und schritt, mit Helen an der Hand, dem Freunde und Nachbarn Farland entgegen, der seinen Schimmelhengst einem Neger übergeben hatte und mit einem sehr gro- ßen Hunde hinter sich durch den Garten herankam. Farland, ein Deutscher von Geburt, war der erste Ansiedler in dieser Gegend gewesen, zu jener Zeit als dieselbe sich noch weit und breit in dem Besitz der Indianer befand. Er war Arzt, hatte aber seine wissenschaftlichen medizinischen Kenntnisse seit seinem hiesigen Aufenthalt nie anders benutzt, als um unentgeltlich seinen, sich täglich mit jedem Jahr beträchtlicher mehrenden wei- ßen Nachbarn und auch den ihm befreundeten Indianern beizustehen, wenn sie seiner Hülfe bedurften. Er war ein Mann im kräftigsten Alter, von ungewöhnlicher geistiger und körperlicher Ausdauer, der mit vielen schweren Schicksalen gekämpft, herbe Leiden getragen und sich dennoch Antheil an den Freuden des Lebens und Theilnahme für das Wohl und Wehe seiner Mitmenschen erhalten hatte. »Herzlich willkommen, Farland, wir haben Sie lange nicht bei uns gesehen«, sagte Frank zu Jenem, indem er ihm die Hand schüttelte und dann mit ihm nach dem Hause ging, von woher Eleanor auf sie zuschritt. Auch sie begrüßte Farland mit einer Herzlichkeit und Vertraulichkeit, die deutlich verrieth, wie nahe der Freund ihrem Herzen stand. »Sie kommen so selten zu uns, wenn wir Ihrer Hülfe nicht bedürfen«, sagte Eleanor mit einem freundlichen Blick des Vorwurfs zu Farland. »Doch komme ich, wenn ich Hülfe bei Ihnen suchen will. Sie wissen, daß Sie mir vor nicht langer Zeit durch Ihre Pflege das Leben gerettet haben. Damals sind Sie wochenlang nicht von meinem Hause weggekommen«, erwiederte Farland. »Nachdem Sie unsere Kinder und Neger, die von der Krankheit befallen waren, dem Tode entrissen hatten. Wie viele hundert Menschen starben in der Umgegend unter den Händen anderer Aerzte!« fiel Eleanor lebhaft ein, während sie die Veranda erreichten und sich dort nun in vertraulicher Unterhaltung niederließen. Kaum hatten sie Platz genommen, als Amelia, die älteste, siebzehnjährige Tochter Arnolds, vor der Einzäunung des Gartens 740 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 vorübergeritten kam, ihr Pferd an die Sclaven abgab und dann nach der Veranda eilte, wo sie von Allen freudig empfangen wurde. Sie war eine schöne, kräftige Jungfrau mit dunkelbraunem Haar, tief schwarzen Augen, prächtigen Zähnen und frischem Roth auf Lippen und Wangen, welche letzteren mit tiefen Grübchen geziert waren. Die Zartheit und Weiße ihrer Haut hatte sie von ihrer Mutter geerbt, während ihre Gestalt mehr an die Kraft ihres Vaters erinnerte. Gleich nach der Ankunft Amelias kam ihr älterer Bruder James, ein bildschöner Bursche von athletischem Körperbau, herangesprengt und trat nach wenigen Minuten gleichfalls unter die Veranda. Glänzend schwarze Locken umwogten sein Haupt und in seinen hellblauen Augen, die unter schwarzen Wimpern offen und unbesorgt hervorblickten, konnte man lesen, daß ihr Besitzer sich Nichts bewußt war, worüber er sie hätte niederschlagen müssen, und daß es Nichts für ihn gab, vor dem er zurückschrecken würde. Er kam von seiner eigenen Farm, die ihm Frank ganz in der Nähe angelegt hatte und wo er jetzt beschäftigt war, sich ein schönes Blockhaus zu erbauen. »Nun, James, zeige mir einmal Deine Hände, haben sie wieder geblutet? Du sollst Dich nicht so abarbeiten, Du wirst noch krank«, sagte Eleanor, indem sie mit einem wonnigen Blick auf den schönen jungen Mann schaute. »Du hast mir ja immer gesagt, Mutter, vom Arbeiten würde man groß, ich möchte noch ein wenig wachsen, und wenn ich krank werde, dann macht mich unser Freund Farland auch wieder gesund«, antwortete James und schüttelte diesem tüchtig die Hand. »Bald ist Dein ganzes Regiment zusammen, dort kommen die Jungen«, sagte Frank zu Eleanor, indem er nach dem Ende der Veranda zeigte, von wo Charles, der die Mühle beaufsichtigt hatte, und hinter ihm seine fünf jüngeren Brüder, die in dem Bohnenfeld thätig gewesen waren, heranschritten. »Charles – Edward!« rief es jetzt von der andern Seite des Hauses von dem Hofe her und gleich darauf sprangen die drei jüngsten Knaben auch noch herbei, so daß nun sämmtliche Kinder, zehn Söhne und zwei Töchter, um die glücklichen Eltern versammelt waren. Es war ein wirklich wohlthuend ergreifender Anblick, 5 10 15 20 25 30 35 741FüNFtER BaNd • EiNuNdViERZigstEs KapitEl diese zwölf schönen, in frischer Gesundheit blühenden Kinder sich um die zarte Gestalt ihrer Mutter drängen und sie mit Liebkosungen bestürmen zu sehen, während diese ihre Mutterliebe Allen in gleichem Maße und mit gleicher Zärtlichkeit zu erkennen gab. »Charles, es ist gerade noch Zeit, vor dem Abendessen einen Bienenstock zu berauben, geh und hole uns frischen Honig, Herr Farland ist ein großer Freund davon. Suche aber einen jungen Stock aus«, sagte Frank zu diesem seinem Sohne, worauf derselbe fortsprang und seine sämmtlichen jüngeren Brüder ihm nacheilten. Amelia und James hatten sich zu den Eltern und dem Freunde gesetzt und Eleanor hielt die kleine Helen auf ihrem Schooße im Arm. »Nun weiß ich auch, für wen der Kaufmann Pinkney in C.... so viel Holz von mir gekauft hat«, sagte Frank im Laufe der Unterhaltung. »Es war für Ralph Norwood bestimmt, der sich ein prächtiges Haus auf dieser Seite des Stromes baut, während er die Plantage jenseits desselben anlegt. Dadurch, daß er die verschiedenen Handwerker unter seinen eignen Negern besitzt, wird ihm das Bauen leicht.« »Er muß ein außerordentlich reicher Mann sein und thut sich, wie ich höre, Viel darauf zu gute«, bemerkte Farland. »Ich traf ihn vor einigen Tagen in C.... in dem Gasthaus bei Tisch, wo er auch einen sehr hohen, anmaßenden Ton anstimmte. Er wird aber bald genug ausfinden, daß hier, wo im Allgemeinen noch nicht viele vermögende Leute wohnen, man weniger auf Reichthum giebt, als in den alten Staaten.« »Zumal, wenn es bekannt wird, daß an jedem seiner vielen Dollar eine Thräne hängt«, sagte Frank. »Laß ihn, Frank,« fiel Eleanor ein, »wenn ihm auch sein Gold Glück bringen sollte, wir wollen ihn sicher nicht darum beneiden.« »Nein, wahrlich nicht, Eleanor, im Gegentheil, ich gönne es ihm um seiner herrlichen Frau willen,« antwortete Frank und fügte zu Farland gewandt hinzu: »Haben Sie Norwoods Tochter schon gesehen? sie soll ein ganz ungewöhnliches, ein ausgezeichnetes Mädchen geworden sein. Wir haben sie nur als kleines Kind gekannt.« 742 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Noch nicht,« erwiederte Farland, »doch auch ich habe schon viel von ihr gehört, sie ist ja der Gegenstand der Unterhaltung, wo man auch hinkommt. Wie man sagt, so ist sie leidend.« »Man wird Sie bald genug um Ihren Rath bitten, denn der Name, den Sie sich auch als Arzt in diesem Lande erworben haben, kann Norwood nicht unbekannt bleiben,« sagte Eleanor. »Du irrst Dich in Norwood, Beste, er wird auch erfahren, wie Farland mit uns steht, und lieber sieht er seine Tochter sterben, ehe er u n s e r n Freund um Hülfe anruft. Uebrigens soll es sich mit der Gesundheit Berenicens sehr gebessert haben, das Klima scheint ihr wohlzuthun,« entgegnete Frank. »Gott mag es geben, daß sie sich erholt. Auf ihrer Durchreise durch New Orleans hat aber der erste dortige Arzt, der Professor Stone, erklärt, daß es für das arme Mädchen keine Hoffnung gäbe. Norwood hat es selbst an verschiedenen Orten erzählt,« sagte Eleanor. »Ich kam vor einigen Tagen an seinem Platz vorüber geritten,« nahm James das Wort, »er hat das Wäldchen auf der Anhöhe zu einem Park aushauen lassen. Ihr erinnert Euch, es stehen dort die prächtigsten Magnolien, Cypressen und immergrüne Eichen, so daß das Haus, welches in der Mitte des Parkes in unglaublicher Schnelligkeit erstanden ist, auch im Winter im Grünen stehen wird. An arbeitenden Händen fehlt es Norwood nicht, er hat über zweihundert Sclaven.« »Wie er aber dazu kommt, die Plantage an der andern Seite des Flusses anzulegen, ist mir unbegreiflich, denn wenn er sie selbst beaufsichtigen will, so wird er oft lange Zeit von seiner Familie getrennt werden. Der Strom überschwemmt den ebenen Wald, der sich von seinem Ufer bis zu der drei Meilen weit entfernten Plantage hinzieht und dann kann man ihn oftmals wochenlang nicht durchreiten,« bemerkte Farland. »Mit seiner Frau und Tochter lebt er in bösen Verhältnissen und nur vor der Welt erscheinen sie einig. Darum wird ihm diese Trennung wohl erwünscht sein,« sagte Frank. Die Sonne war versunken, die Spitzen der Gebirge im Westen glühten wie durchsichtige Rubinen und die Landschaft hatte sich in das duftige Purpurblau des Abends gehüllt; die Heerden 5 10 15 20 25 30 35 743FüNFtER BaNd • EiNuNdViERZigstEs KapitEl Arnolds näherten sich der Plantage unter dem traulichen hellen Geläute der Metallglocken, welche die Kühe und Stuten um den Nacken trugen und die Neger beschlossen ihr Tagewerk, um sich zu ruhen, zu pflegen und sich mit den Ihrigen des sorgenlosen guten Lebens zu erfreuen, welches ihre Herrschaft ihnen in so reichem Maße bereitete. Eleanor und Amelia hatten sich in das Haus begeben, um die Vorbereitungen zu dem Abendessen zu machen und Erstere kam bald unter die Veranda zurück und zeigte an, daß dasselbe bereit stehe. Frank nahm Farlands Hand und führte ihn in das Speisezimmer, wo dieser zwischen Eleanor und Amelia an der langen Tafel Platz nahm, zu ihren Seiten Frank und James sich niederließen und die andern Kinder sich nach ihrem Alter anreihten. Mehrere Negerinnen besorgten die Aufwartung und hinter der kleinen Helen stand deren Dienerin, ein Mulattenmädchen von zwölf Jahren, die der Kleinen bei ihrer Geburt als Eigenthum gegeben war, und wartete ihrer jungen Herrin auf. Vor Farland stand eine große Schüssel mit blendendweißen Wachszellen, die mit wasserhellem Honig angefüllt waren. Frank sprach ein kurzes Gebet und dann erfreuten sich Alle unter Heiterkeit und Scherzen des einfachen reichlichen guten Mahles. Zum Nachtisch ward der Honigberg, der vor Farland stand, herumgereicht, ganz verzehrt, und als die letzten Scheiben unter die Kinder vertheilt wurden, sagte Eleanor lächelnd zu ihrem Nachbar: »Meine Knaben schämen sich weder ihres Appetits noch der Arbeit und sie gedeihen Gottlob dabei. Nun laßt uns aber in die Wohnstube gehen, Amelia soll uns auf dem Piano einen hübschen Tanz spielen.« Alle erhoben sich, reihten sich in jenem Zimmer um das flakkernde Kaminfeuer, die Männer zündeten ihre Pfeifen an und die schöne Amelia erfreute sie mit Spiel und Gesang. Der Mond stand schon hoch am Himmel, als Farland von seinen Freunden Abschied nahm, seinen Hund, Guard, der auf seinen Wink unter der Veranda liegen geblieben war, zu sich rief und sein Pferd bestieg, welches für ihn vor den Eingang in den Garten geführt wurde. Die sämmtliche Familie Arnold gab ihm bis hierher 744 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 das Geleit und bald verschwand er in den dunkeln Schatten der nächsten Baumgruppen vor ihren Blicken. Farland schlug den kürzesten Pfad durch die offene Prairie nach seinem Wohnsitz ein, welcher von der Niederlassung Arnolds drei Meilen entfernt lag. An sonnigen heißen Tagen, wenn er zu diesen Freunden ritt, näherte er sich mehr dem Strome, weil dort ein Weg durch den hohen Wald führte, wo er den Strahlen der Sonne weniger ausgesetzt war. In kaum einer halben Stunde hatte er den kleinen Fluß erreicht, an dessen anderer Seite er wohnte, hielt in dessen schäumenden, im Mondlicht blitzenden Wellen seinen Hengst an, um ihn zu tränken und gelangte wenige Minuten später zu der zierlichen Einzäunung, die sein, von dichten hohen Bäumen überschattetes einsam gelegenes Haus umgab. Ein schlanker Negerbursch harrte seiner dort, öffnete den Eingang und nahm ihm das Pferd ab, nachdem sein Herr dasselbe durch einige Handschläge auf dessen breiten steinfesten Hals geliebkost hatte. Als Farlands Tritt unter der Veranda des Hauses ertönte, öffnete sich die Thür desselben und eine hohe schlanke Mädchengestalt trat mit einem Armleuchter in der Hand aus dem Zimmer hervor. »Willkommen, Herr!« sagte sie, indem sie zur Seite schritt, um ihn in das hellerleuchtete Gemach zuerst eintreten zu lassen. »Guten Abend, Neone. Du hast vergebens mit dem Abendessen auf mich gewartet, ich war bei Arnolds drüben,« sagte Farland, indem er dem Mädchen die Hand reichte und in die Stube voranging. Neone war Quadrone und eine von Farlands Sclavinnen. Nur der gelbliche Ton ihrer Hautfarbe verrieth, daß ihre Vorfahren schwarz gewesen waren und deutete den Grund an, warum sie zu den verkäuflichen Artikeln dieses Landes gehöre. Aber nur ihr eigener Wille machte sie zur Sclavin, denn Farland hatte ihr oftmals die Freiheit angeboten, die sie unwiderruflich von sich gewiesen und ihn angefleht hatte, seine Sclavin bleiben zu dürfen. Schon seit mehreren Jahren stand sie seinem Haushalt vor und hatte sich in dieser Zeit eine Bildung angeeignet, die sie mit mancher wei- ßen Dame auf gleiche Stufe stellte. Dennoch war sie Dienerin und wollte es bleiben, ja sie fühlte sich unglücklich, wenn ihr Herr Ar- 5 10 15 20 25 30 35 745FüNFtER BaNd • EiNuNdViERZigstEs KapitEl beiten, die sie bisher besorgt hatte, Andern übertrug, um ihr den Dienst zu erleichtern. Kaum war Farland in das Zimmer eingetreten, als Neone den Schlafrock für ihn in den Schaukelstuhl legte, der vor dem Kaminfeuer stand, und ein Paar leichte rothe Saffianschuhe vor demselben niedersetzte. Während ihr Herr es sich bequem machte und dann in dem Stuhl Platz nahm, schob die Sclavin das Feuer zurecht, legte noch einige Stücke Holz darauf und fragte Farland, ob er sonst noch Etwas befehle. Da dieses nicht der Fall war, wünschte sie ihm eine gute Nachtruhe, küßte in gewohnter Weise seine Hand, klopfte seinem alten großen Hunde, der vor dem Kaminfeuer lag, den Kopf und glitt leise aus dem Zimmer. Frühzeitig am folgenden Morgen bestieg Farland sein Pferd, um einen seiner drei Gefährten zu besuchen, die mit ihm in dies Land gekommen waren und während einer Reihe von Jahren mit ihm hier gelebt hatten, als es noch weit und breit eine Wildniß war. Er hatte diesem Mann fünfzehn Meilen weiter nördlich an dem Hauptstrome ein sehr reiches Stück Land als Eigenthum gegeben, hatte ihm dort eine kleine Farm eingerichtet, ihm Vieh und einige Pferde geschenkt und ihn mit allem Handwerkszeug und Hausgeräth versorgt, dessen der Ansiedler bedarf. Fürstenstein, so war der Name dieses Deutschen, hatte eine Amerikanerin zur Frau genommen, die ihn bereits mit einigen lieben Kindern beschenkt hatte, durch Fleiß und Sparsamkeit war es ihm schon möglich gewesen, sich eine Negerin zu kaufen, sein Vieh hatte sich sehr vermehrt und er besaß Alles, was dem Pflanzer zu einem angenehmen sorgenlosen Leben wünschenswerth sein kann. Fürstenstein war Farlands treuester Gefährte gewesen und er hatte in manchem ernsten Augenblick seine Liebe und Anhänglichkeit gegen ihn erprobt, weshalb derselbe ihn gern von Zeit zu Zeit besuchte, um der vergangenen zusammen verlebten, an gar manchen schönen Erinnerungen reichen Jahre zu gedenken, in denen sie die unumschränkten Herren dieser Länder waren und ihre Büchsen die Gesetze darin vorschrieben. Farland wandte sein Pferd dem Strome zu, weil an demselben hinauf ein Fahrweg durch den Wald bis zu Fürstensteins Nieder- 746 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 lassung führte und er und sein Roß auf diesem Wege am wenigsten von der Sonne zu leiden hatten. Derselbe führte ihn unweit des Platzes vorüber, wo Ralph Norwood das prächtige Haus baute, und wenn er auch desselben nicht ansichtig wurde, so fand er doch, sobald er den geschlossenen Wald in dessen Nähe erreichte, die Anzeigen, daß man in dieser Gegend eine neue Niederlassung gründe. Mit einem wehmüthigen Gefühl sah Farland nach allen Richtungen hin die Verwüstungen, welche die Axt der neuen Ankömmlinge in diesem majestätischen Urwald angerichtet hatte; die prächtigsten Bäume, die Zeugen seiner sorgenlosen glücklichsten Jahre, in deren kühlen Schatten er so oft geruht, waren gefällt, hatten ihre nahestehenden Kameraden in ihrem Sturz mit sich niedergerissen und große Oeffnungen in das dichte Laubdach gebrochen, durch welche die Sonnenstrahlen jetzt gierig hereindrangen und das feierliche Dunkel unter ihm verdrängten. Oft war von dem herrlichsten Stamm nur ein kleines Stück benutzt und der Rest dem Zahn der Zeit übergeben, kolossale immergrüne Bäume ließen trauernd ihr verwelktes Laub herabhangen, weil mit der Axt in ihre Rinde rund um den Stamm bis in das Holz eingehauen worden und ihnen dadurch die Ernährung entzogen war, und hin und wieder zeigten abgebrannte schwarze Blößen, daß auch das Feuer zum Untergang des Waldes benutzt wurde. Bald aber befand sich Farland wieder außer dem Bereiche der verwüstenden Ansiedler im dunkeln Schatten der Riesenbäume und ließ seine Erinnerung an ihnen vorüberschweifen, die bald hier, bald dort gefesselt wurde, und ihm aus der Vergangenheit Augenblicke glücklichster Ruhe, verzweifelten Kampfes, oder einer glorreichen Jagd vorführten. Jetzt leitete ihn sein Weg einen steilen Berg hinan, der sich hoch über den endlosen Wald erhob und von dessen Höhe man einen wundervoll schönen Blick auf die felsigen Ufer des Stromes und darüber hin in die weite Landschaft bis zu den fernen Gebirgszügen frei hatte, deren eisige Höhen den Himmel zu tragen schienen. Farland freute sich darauf, die obere Fläche des Berges zu erreichen, indem sie stets ein Lieblingsaufenthalt von ihm gewesen war, den er früher so oft auf seinen Jagden zum Ausruhen benutzt hatte. 5 10 15 20 25 30 35 747FüNFtER BaNd • EiNuNdViERZigstEs KapitEl Dort oben stand ein alter prächtiger wilder Pflaumenbaum, der seine kräftigen Aeste weit über den Weg streckte und durch dessen herrliche Früchte Farland oftmals gelabt worden war. Dieser hatte unter demselben schwere Steinblöcke zu einem bequemen Sitz zusammengerollt, weil man gerade von diesem Platze aus die freieste prachtvollste Aussicht genoß. Er war aber wohl in länger als Jahresfrist nicht hier gewesen, und während sein Hengst langsam mit ihm den Berg hinanschritt und Guard, sein treuer Hund, voraustrabte, als eile er dem wohlbekannten Ruheorte zu, überließ sich Farland dem Andenken an die vielen schönen einsamen Stunden, die er dort oben verlebt hatte. Plötzlich weckte ihn die tiefe Baßstimme Guards aus seinen Gedanken, er blickte nach dem Hunde hinauf, der bereits die Höhe erreicht hatte und gewahrte etwas weiterhin unter dem Pflaumenbaum zwei weibliche Gestalten. Mit einem gellenden Pfiff auf seiner Faust rief Farland den folgsamen Hund sofort zu sich zurück; mit Spannung und Erstaunen nach den Frauenzimmern schauend, trieb er den Hengst zu rascherem Schritt an und erreichte das Plateau. Hier erblickte er eine junge Dame, die von der Steinbank aufgestanden war und eine Zeichenmappe in der Hand hielt, während eine schwarze Dienerin ihr zur Seite stand und einen großen Regenschirm über sie hielt, um die einzelnen Sonnenstrahlen, die durch das Laub des Baumes fielen, von ihr abzuwehren. Farland hatte sich bis auf dreißig Schritt der ihm unbekannten Dame genähert, als ihre Augen den seinigen begegneten und er, von der Macht ihres Blicks getroffen, sein Roß gänzlich anhielt. Ein ahnungsvolles Gefühl, wie wenn er in den Spiegel seiner Zukunft gesehen hätte, überkam ihn, unverwandt schaute er nach der schönen bleichen Fremden hinüber, als suche er sich zu enträthseln, was es sei, das seine Seele mit ihr in Beziehung bringe, und die Unbekannte hielt eben so unbeweglich ihre großen dunkeln Augen auf ihn geheftet, als habe sich ein ähnliches Gefühl auch ihrer bemächtigt. Farland entwand sich zuerst seiner Ueberraschung, sprang von dem Pferde und ging, das Thier sich selbst überlassend, mit einer Verbeugung auf die Fremde zu, indem er sagte: 748 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Ein armer Sterblicher, bin ich unbefugt in einen Himmel eingetreten und mein alter treuer Wächter hat dessen Göttin durch seine Stimme gestört, ich unterziehe mich in Demuth der Strafe, der ich verfallen bin.« »Die Herrscherin dieses Himmels hat sich gleich schwer gegen den Sterblichen versündigt, da sie ihr Reich auf dessen irdischen Weg niederließ und ihn vielleicht aufhielt, ein Werk der Liebe, der Barmherzigkeit zu vollbringen. Sie hat ihm kein Unrecht zu vergeben,« erwiederte Berenice und senkte die Augen. »O, so möge sie, wie Gottheiten es thun, sich seiner erbarmen, und ihm vergönnen, in dem Zauber, in der Herrlichkeit ihres himmlischen Lichtes sich zu beseligen,« sagte Farland, hingerissen von der wunderbar reizenden Erscheinung Berenicens, und preßte beide Hände fest gegen seine Brust. »Wenn nicht ein Leidender sehnsüchtig nach Ihrer Hülfe verlangt, Herr Farland, so wird die Göttin dem Sterblichen, der so vielen Anspruch auf den Himmel hat, den Aufenthalt in demselben mit Freuden gewähren,« entgegnete Berenice und ließ nun ihre glänzenden dunkeln Augen auf Farland ruhen. »So hat mich mein Gefühl doch nicht betrogen, wenn es mir sagte, daß wir uns nicht ganz fremd wären. Sie kennen mich, Fräulein?« »Ein jeder Ansiedler in diesem schönen Lande möchte Sie wohl kennen, Herr Farland, war doch der gute Klang Ihres Namens bis zu uns nach Florida gedrungen,« erwiederte Berenice, und wie die weiße Rose mitunter einen Anflug von Roth zeigt, so erschien in diesem Augenblick ein leichter Hauch von Karmin auf ihren Wangen. »Das Wort, Fräulein, klang zu süß in meiner Seele wieder, als daß ich nicht fragen sollte, wessen schönen Lippen ich es zu verdanken habe,« sagte Farland bittend und neigte sich abermals vor Berenice. Diese schien einen Augenblick mit der Antwort zu zaudern und das wenige Roth ihrer Wangen war plötzlich wieder verschwunden, dann aber sagte sie mit sichtbarer Ueberwindung: »Berenice Norwood ist mein Name. Wir sind Nachbarn von Ihnen; verzeihen Sie es meiner Mutter und mir, daß man Ihnen noch keinen Besuch gemacht hat.« 5 10 15 20 25 30 35 749FüNFtER BaNd • EiNuNdViERZigstEs KapitEl Berenice sagte die letzten Worte mit einem Ton, worin Entschuldigung und Verurtheilung zugleich enthalten war, und heftete ihren Zauberblick mit so unwiderstehlicher Gewalt auf Farland, daß Dieser von ihm überwältigt vor sich niedersah und sagte: »Wie kann der Mensch einer Göttin verzeihen? Vergeben Sie es mir, Fräulein, daß ich nicht schon längst meine Aufwartung bei Ihnen gemacht habe.« Berenice erschrack. »Nein, nein, Herr Farland, thun Sie das nicht, man würde es mißverstehen, Sie sind Arzt, wenn auch ein uneigennütziger. Lassen Sie dies zufällige Zusammentreffen als unsern gegenseitigen Nachbarbesuch gelten.« »Sollen wir denn auch gute Nachbarn bleiben?« fragte Farland mit leidenschaftlicher Wärme. »Recht gute, das hoffe ich, Herr Farland,« erwiederte Berenice mit einem seelenvollen Blick. »So wird mir auch das Glück zu Theil werden, Sie bald wiederzusehen?« sagte Farland bittend. »Der Zufall ist uns vielleicht bald wieder günstig,« entgegnete Berenice verlegen, was Jener bemerkte und sofort dem Gespräch eine andere Wendung gab, indem er sagte: »Zum Zeichen aber, daß Sie mir mein unachtsames Erscheinen vergeben haben, müssen Sie Ihre Beschäftigung fortsetzen, in der ich Sie störte. Ich bitte Sie, Fräulein, nehmen Sie Ihren Platz wieder auf der Bank ein, die ich vor Jahren hier unter dem Pflaumenbaum errichtete. Jetzt ist mir das Räthsel gelöst, weshalb sie mir immer so lieb war.« »D e n Wunsch will ich gern erfüllen. Ich habe eine Skizze von der Landschaft gezeichnet und wollte so eben die Farben leicht andeuten; sie geben dem Bilde erst das Leben,« erwiederte Berenice, indem sie sich auf der Bank niederließ und die Mappe auf ihrem Schooß öffnete. Erstaunt blickte Farland auf die herrliche naturgetreue Zeichnung, welche Jene von der Gegend entworfen und deren Ferne sie schon mit einem durchsichtigen Purpur colorirt hatte. »Das ist eine Meisterarbeit, Fräulein Berenice,« sagte Farland begeistert, »wie hat sich so großes Talent, so hohe Kunst hierher verirren können!« 750 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Sie benennen es mit dem unrechten Namen, es ist Spielerei und Liebe für eine schöne Natur, die mich die unbedeutenden Erinnerungen an dieselbe schaffen läßt,« erwiederte Berenice, indem sie den Pinsel in das Glas mit Wasser tauchte, welches Farland der Negerin abgenommen hatte und der Künstlerin hinhielt. Er sah aber nicht mehr auf das Bild, seine Blicke waren auf die anmuthvolle geistreiche Erscheinung Berenicens geheftet, an die ihn eine unsichtbare Macht mit unwiderstehlicher Gewalt zu fesseln schien, er lauschte der einzelnen Worte, die sie, bald in die fernen Berge, bald auf die Zeichnung sehend, zu ihm sagte, und wenn sie für einen Augenblick ihre tief gefühlvollen Augen nach ihm hinrichtete, war es ihm, als ob seine Seele mit der ihrigen in e i n e verschmelze. Auch Berenice schien nicht ganz unbefangen zu bleiben, die unmittelbare Nähe Farlands, sein Schweigen und die Bewegung, die sich in seinem Blick verrieth, berührten ihr Inneres, sie wurde still, schaute nur noch auf das Papier vor sich, trug einige falsche Farben auf dasselbe auf und sagte nach einer Weile, indem sie den Pinsel neben sich auf die Bank fallen ließ und das Buch zusammenlegte: »Ich bin ein Kind der Laune, ich kann in Ihrer Gegenwart nicht malen, Herr Farland, Sie ziehen meine Gedanken von der Arbeit ab, und wenn ich nicht mit ganzer Seele dabei bin, so gedeiht sie niemals.« »Es scheint mein böses Geschick zu sein, Ihnen nur störend in den Weg treten zu sollen, Fräulein Berenice, und das ist mir schmerzlich,« sagte Farland, dem die Bemerkung derselben jedoch nicht unangenehm gewesen war. »Verstehen Sie mich nicht unrecht; Ihre Gegenwart regt ein höheres geistiges Interesse in mir an, dem diese einseitige Unterhaltung mit Zeichnen weichen muß. Ich habe viel Wunderbares und Abenteuerliches über Ihr Leben in diesem Lande gehört und immer gewünscht, durch Sie selbst Etwas darüber zu vernehmen; es war ein Leben voller Mühseligkeiten und Gefahren, doch fehlte es ihm weder an Reizen, noch an Romantischem,« sagte Berenice und lenkte die Unterhaltung auf die Zeit, in der Farland hier die erste Ansiedelung gründete. 5 10 15 20 25 30 35 751FüNFtER BaNd • EiNuNdViERZigstEs KapitEl Dieser erzählte nun mit glühender Anschaulichkeit, Berenice fragte mit lebhaftem Interesse dazwischen, und so verstrichen ihnen einige Stunden, ohne daß sie an deren schnelles Dahineilen gedacht hätten, bis Eva ihre junge Herrin daran erinnerte, daß es Zeit sei, nach Hause zu reiten, wollte sie nicht zum Mittagsessen zu spät kommen. Dann rief die Sclavin einen Negerburschen herbei, der in der Nähe die Pferde in dem hohen Grase weiden ließ und mit diesem kam auch Farlands Roß herangeschritten, welches deren Gesellschaft aufgesucht hatte. »Sie sollten morgen die Zeichnung beendigen, es ist nicht gut, eine solche Arbeit lange zu unterbrechen,« sagte Farland, nachdem er Berenice auf ihre Isabelle gehoben hatte, doch statt der Antwort sah sie ihn einen Augenblick gedankenvoll an, grüßte ihn dann mit einem lieblichen Neigen des Hauptes und trieb ihr Pferd nach dem Bergabhang, von wo aus sie sich jedoch nochmals nach Farland umsah und ihm einen glänzenden Abschiedsblick zusandte. Dieser stand, wie angezaubert auf der Stelle und sah der Reiterin nach, bis sie am Fuße des Berges in dem dichten Wald verschwand. Die ganze Begebenheit schien ihm jetzt ein Traum gewesen zu sein, aus welchem Berenicens himmlische Engelsgestalt in seiner Erinnerung zurückgeblieben war. Er ließ sich auf dem Platz nieder, wo sie gesessen hatte, seine glühende Phantasie brachte sie lebendig vor seine Seele, er hörte ihre süße Stimme, er sah ihr freundliches Lächeln, er fühlte den Zauber und die Macht ihres seelenvollen melancholischen Blicks und versank so sehr in seine Träumereien, daß er seine Reise zu Fürstenstein ganz darüber vergaß. Das dumpfe Knurren des Hundes, der zu seinen Füßen lag, weckte ihn aus seinen Gedanken, er blickte um sich und gewahrte einen Reiter mit einem schwer beladenen Packthier hinter sich, der von der andern Seite her auf der Straße die Höhe erreichte und auf ihn zukam. Es war ein Pedlar oder Hausirer, deren man nirgends mehr antrifft, als in den neu angebauten Ländern Amerikas, wo sie von Ansiedler zu Ansiedler ziehen und ihre Waaren zu enormen Preisen an dieselben verkaufen. Die Liste der Artikel, die sie mit sich 752 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 führen, ist außerordentlich groß, und hauptsächlich enthält sie Gegenstände für den Bedarf des weiblichen Geschlechts, weshalb diese reisenden Krämer auch stets bei ihren Besuchen auf den Farmen von den Frauen freundlich aufgenommen und behandelt werden. Der Pedlar begrüßte Farland, erkundigte sich bei ihm nach dem Wege zu der nächsten Niederlassung, und dieser hatte ihm die des Generals Norwood bezeichnet, auch bereits gute Reise gewünscht, als sein Blick auf ein herrliches Vergißmeinnicht fiel, welches in dem Schatten der Steinbank emporgesproßt war. »Heda, Freund!« rief er dem Pedlar nach und winkte ihm, zurückzukommen, »wollt Ihr einen Dollar leicht verdienen?« »Je leichter, je lieber, was kann ich für Euch thun?« entgegnete der Hausirer, indem er zurückkehrte. »Ihr werdet in der Ansiedelung, die ich Euch bezeichnete, eine sehr schöne junge Dame sehen, deren Name Berenice ist. Gebt Ihr dies Vergißmeinnicht und sagt ihr, es sei neben der Bank auf diesem Berge gewachsen, von wo Ihr es mitgenommen hättet. Verrathet aber nicht, daß ich es Euch gegeben habe,« sagte Farland und reichte dem Fremden die Blume hin, die er abgebrochen hatte. »Der Auftrag soll bestens ausgeführt werden; Ihr wißt wohl, daß solche Bestellungen zu unserm Geschäft gehören. Ich brächte Euch gern eine Antwort, wenn ich wüßte, wo Ihr wohntet. Vielleicht machten wir sonst wohl auch noch ein Geschäft, die Auswahl meiner Waaren ist eine reiche, wie sie selten in diesem Lande geboten wird.« »Ich danke Euch, vor Morgen Abend komme ich aber nicht wieder nach Hause, führt Euch Euer Weg jedoch später bei meiner Wohnung vorüber, so sprecht bei mir vor,« antwortete Farland, reichte dem Hausirer einen Dollar und beschrieb ihm den Weg, auf welchem er zu seiner Besitzung gelangen könne. »Ihr sagt, bis zu General Norwood sei es nicht ganz zwei Meilen?« fragte der Fremde. »Das ist ungefähr die Entfernung,« erwiederte Farland. »So will ich mich eilen, dann komme ich noch zur Tischzeit dorthin,« sagte der Pedlar und trieb sein Thier zum Trabe an. 5 10 15 20 25 30 35 753FüNFtER BaNd • EiNuNdViERZigstEs KapitEl Farland bestieg nun schnell seinen Hengst und ließ ihn auf dem Wege zu seinem frühern Gefährten tüchtig ausgreifen, um die versäumte Zeit theilweise wieder einzubringen. Mit Jubel wurde er von dem alten Kameraden empfangen und verbrachte die Nacht mit ihm in glücklicher Erinnerung an die miteinander verlebten gefahrvollen Zeiten. Beide gönnten sich kaum Schlaf, weil Farland die Nothwendigkeit ausgesprochen hatte, sich mit dem ersten Grauen des Tages wieder auf den Heimweg begeben zu müssen. 754 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 42. Die Erwartung. – Freudiges Erwachen. – Bewunderung. – Zuneigung. – Schmähung. – Die beiden Hunde. – Wuth. – Schreck. – Die Freundin. – Das Billet. – Mütterlicher Rath. Der Thau hing am folgenden Morgen in den Niederungen des Waldes noch auf Laub und Gras, als Farland schon den langen Ritt von Fürstensteins Farm zurück bis zu dem Fuße des Berges, auf dem der Pflaumenbaum stand, vollbracht hatte und er sein Pferd aus den Schatten der Bäume hervor die steile Anhöhe hinauflenkte. Heute ließ er den Hund hinter sich zurückbleiben und hielt seinen verlangenden Blick den Berg hinaufgerichtet, bis er die Bank erspähen konnte. Dieselbe war leer und kein lebendes Wesen war in deren Umgebung zu sehen. Farland ließ den Hengst jetzt langsam die Höhe vollends erklimmen und nahm ihm, als er die Bank erreichte, Sattel und Zeug ab, damit das Thier sich kühlen und in dem hohen frischen Grase sich erholen könne. Er selbst setzte sich unter dem Pflaumenbaum nieder und überließ sich seiner trüben Stimmung, welche die getäuschte Hoffnung, Berenice hier zu finden, über ihn gebracht hatte. Es war aber noch früh, ja wohl noch eine Stunde früher, als gestern, da er diesen Platz erreichte, er sah wiederholt auf die Uhr, stand auf und ging bis zu der Stelle, von wo er in den Wald am Fuße des Berges blicken konnte, er lauschte in das Thal hinab, doch kein ferner Hufschlag verrieth ihm das Nahen von Rossen. 5 10 15 20 25 30 35 755FüNFtER BaNd • ZwEiuNdViERZigstEs KapitEl Abermals hatte er sich auf der Bank niedergelassen und war gegen den Baumstamm zurückgesunken. Die Luft zog erquickend über ihn hin und das Laub des Baumes, in dessen Schatten er saß, rauschte leise, er dachte nur an die schöne Berenice, deutlicher und lebendiger trat sie vor seinen Geist und mit geschlossenen Augen, halb wachend, halb in wonnigem Traum an sie versunken, wurde er nicht gewahr, daß jetzt Berenice wirklich bei ihm erschien und sich leisen Schrittes der Bank näherte. Sie war an dem Abhang abgestiegen, winkte dem Negerburschen zu, mit den Pferden im Grase weiter zu ziehen, und ergriff dann Evas Hand und deutete ihr lächelnd an, kein Geräusch zu machen. Noch standen die Beiden unschlüssig, was sie thun sollten und blickten lächelnd auf den, in sich versunkenen Farland, als dieser tief Athem holte und halblaut und undeutlich einige Worte sagte. Berenice fuhr, wie erschrocken zusammen, sie glaubte ihren Namen verstanden zu haben, und drängte Eva aus der Nähe der Bank hinweg, doch ihr glänzender Blick verrieth, daß es ein freudiger Schreck gewesen war, der ihr das Blut nach den Wangen trieb. In diesem Augenblick fiel ein blendender Sonnenstrahl durch das Laub des Baumes auf Farlands Gesicht und weckte ihn aus seinen Träumereien. Er richtete sich rasch auf und sein erster Blick fiel auf Berenice. »Ist es möglich Fräulein,« rief er in seiner Ueberraschung aus, »Sie in Wirklichkeit hier und, in das Andenken an Sie versunken, fühlte ich Ihre beseligende Nähe nicht! Das werde ich mir nie vergeben.« »Sein Sie nicht allzuhart gegen sich selbst, Herr Farland. Ich muß Ihnen dankbar für den scharfen ermüdenden Ritt sein, den Sie bereits gemacht haben, sonst wäre mir die Freude entgangen, Ihnen für das zarte Geschenk danken zu können, welches Sie mir gestern zugesandt haben.« Bei diesen Worten sah Berenice mit süßem Lächeln nach Farland, und setzte schnell noch hinzu: »Nun muß ich aber meine Arbeit beenden, die Beleuchtung ist in der That fast genau dieselbe, wie sie gestern war.« 756 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »So haben die kleinen blauen Blümchen Sie erreicht, die für mich um Ihr Andenken bitten sollten?« fragte Farland in glücklicher Begeisterung. »Sie sollen mir liebe Zeugen unseres gestrigen zufälligen Zusammentreffens bleiben. Ich nenne es zufällig, obgleich ich nicht an einen Zufall glaube. Alles in unserm Leben ist unabänderliche Bestimmung,« sagte Berenice mit Ernst, indem sie zu der Bank trat, und ihre Zeichenmappe dort niederlegte. »Auch ich glaube nicht an Zufall; für unabänderliche Bestimmung aber möchte ich ein milderes Wort wählen: sagen Sie Fügung und lassen Sie Alles im Leben einer höheren Lenkung unterworfen sein, dann bleibt Ihnen Ihr freier Wille, Sie haben selbst einen Antheil in den Wendungen Ihres Schicksals und können dem Lenker desselben für seine unzähligen Wohlthaten danken. Beides wird Ihnen, wenn Sie an unabänderliche Bestimmung glauben, vorenthalten,« sagte Farland, während Berenice sinnend nach ihm hinschaute. Nach einiger Zeit sagte sie: »Herr Farland, von einem Manne, dessen Leben ein so sturmbewegtes gewesen ist, wie das Ihrige, habe ich diese Antwort am wenigsten erwartet. Ich habe wirklich gedacht, der Glaube an ein unabänderliches, vorausbestimmtes Schicksal müsse Sie auf Ihrem oft gefahrvollen Weg geleitet haben. Wir berühren aber eine Saite, deren Ton mit dem Zweck meines Rittes nicht in Einklang steht, ich kam hierher, mich freudig zu stimmen. Erzählen Sie mir Etwas aus Ihrer alten Heimath, während ich versuchen will, ob es mir heute glückt, die Farben zu treffen.« Hiermit ließ sich Berenice auf der Bank nieder und ergriff die Palette, während Farland ihre Fragen in Bezug auf die Zustände und Verhältnisse in Europa beantwortete und ihr Erläuterungen darüber gab, die sie mit lebhaftem Interesse erfüllten. Farland war in seinem Wanderleben viel weiblicher Hoheit, Schönheit, Anmuth und Liebenswürdigkeit begegnet, doch vergebens ließ er während der Unterhaltung die Gedanken über den weiten Spiegel seiner Erinnerung gleiten und spähete dort nach einem Ideal des Weibes, wie er jetzt in höchster Vollkommenheit vor sich sah. Nach einer eingetretenen Pause, während welcher Farland im Anschauen seiner reizenden Gefährtin versank und diese sich 5 10 15 20 25 30 35 757FüNFtER BaNd • ZwEiuNdViERZigstEs KapitEl umsonst bemühte, einen Theil ihrer Aufmerksamkeit auf die Landschaft vor sich zu richten, um die Farben genau zu erkennen, bemerkte Berenice, den Pinsel aus der Hand legend, daß das Land an der andern Seite des Stromes, wie es schien, noch sehr spärlich angesiedelt sei. »Es sind auch erst wenige Jahre her, daß ein Frontiermann es wagte, sich jenseits des Stromes eine Hütte zu bauen,« antwortete Farland, »die Indianer haben jenes Land mit viel größerer Hartnäckigkeit vertheidigt, als das, auf dem wir leben. Schon waren an dieser Seite zahlreiche gedeihende Farmen gegründet und C.... hatte sich bereits zu einem blühenden Städtchen emporgeschwungen, als jenes Ufer noch immer von den Wilden beherrscht wurde und es zu einem gefahrvollen Unternehmen gehörte, wenn ein Weißer sich hinüber wagte.« »Welche Indianerstämme lebten denn dort?« fragte Berenice. »Die Lepans, ein entschlossenes kriegerisches Volk. Doch kamen von je her in der Winterzeit viele andere Stämme vom Norden herab bis in diese Gegend gezogen, um den Büffel zu jagen, der in endlosen Heerden vor ihnen her nach Süden wanderte,« erwiederte Farland. »Wo wohnen denn die Seminolen, die man aus Florida vertrieben hat?« fragte Berenice mit sichtbarem Interesse. »Sie haben sich eine Heimath an dem Canadienfluß über achthundert Meilen von hier gegründet, ihre Jäger folgen demohngeachtet sicher auch im Winter den Büffelheerden bis zu dem Fuße der fernen Gebirge dort, denn die Niederlassungen der Weißen an jener Seite des Stromes liegen bis jetzt sämmtlich noch in der Nähe desselben, weiterhin ist das Land noch eine Wildniß und wird von den Indianern durchstreift, wenn dieselben es auch nicht mehr als ihr Eigenthum beanspruchen.« »So kommen die Seminolen wirklich in unsere Nähe?« fragte Berenice mit gesteigertem Interesse. »Sehr wahrscheinlich, denn ihre Nachbarn, die Creeks und Choctaws besuchen alljährlich das Handelshaus, welches die Regierung vierzig Meilen von hier nördlich an jener Seite des Stromes angelegt hat, damit die Indianer dort ihre Bedürfnisse erhalten können und nicht dieserhalb in die Ansiedelungen der Weißen zu 758 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 kommen brauchen. Wenn Sie es wünschen, Etwas über die Seminolen zu erfahren, so kann ich leicht Erkundigung über dieselben einziehen.« »Sie würden mir dadurch eine Gefälligkeit erzeigen. Es beunruhigt mich, weil dieses Volk jeden Floridaner haßt und wir unsere Plantage jenseits des Stromes anlegen,« entgegnete Berenice. »Darüber können Sie sich beruhigen, denn die Indianer betrachten jetzt ihre Jagdzüge in diese Gegenden als Eingriffe in die Rechte der Weißen, und sind zufrieden, wenn diese sie unbehelligt lassen,« bemerkte Farland und Berenice lenkte das Gespräch wieder auf die Schönheit der Landschaft, die im Halbzirkel vor den Blicken ausgebreitet lag. Die Unterhaltung zwischen ihr und Farland bewegte sich heute fast nur außerhalb des Kreises ihrer Persönlichkeit, während ihre Gedanken sich ausschließlich n u r mit dieser beschäftigten. Farlands Blicke hingen wie angezaubert an der schönen anmuthigen Jungfrau, er erhaschte ihre Worte, folgte mit Spannung und gefesselter Aufmerksamkeit ihrer einfach natürlichen, geistreichen Sprache und überwachte jede ihrer ungezwungenen graziösen Bewegungen. Dabei suchte er ihren Augen zu begegnen und Berenice vermied die Gelegenheit hierzu nicht; sein inniger, an sie festgebannter Blick that ihr wohl und gegenseitig ahneten sie eine rasche Annäherung ihrer Seelen. Die Stunden verstrichen ihnen heute mit fliegender Eile, Berenice hatte schon einigemale nach der Uhr und dann nach Eva gesehen, die sich in nicht großer Entfernung in dem Schatten eines Baumes niedergelassen hatte; es war die allerhöchste Zeit für Berenice, sich auf den Heimweg zu begeben, um beim Mittagsessen erscheinen zu können, doch immer entschloß sie sich nicht, aufzubrechen, und beruhigte sich mit dem Gedanken an die Schnelligkeit ihres Pferdes. Jetzt aber war wirklich die Zeit erschienen, in der bei Ralph zur Tafel gegangen wurde und Berenice sprang rasch auf, rief Eva sowie den Reitknecht herbei und sagte freundlich lächelnd zu Farland: »Wenn man mir zu Hause über mein langes Ausbleiben zürnt, so haben Sie es zu verantworten, Herr Farland, und Sie müssen 5 10 15 20 25 30 35 759FüNFtER BaNd • ZwEiuNdViERZigstEs KapitEl mich, wenn wir uns wiedersehen, durch offene Mittheilung über Ereignisse aus Ihrem Leben, die ich Ihnen selbst bezeichnen werde, schadlos halten.« »Mein vergangenes Leben, Fräulein Berenice, soll sich klar und deutlich vor Ihnen entfalten, wie vor dem anbrechenden Tage sichtbar wird, was der Schleier der Nacht bedeckte; schiene doch Ihr himmlisches Licht immer in dessen Zukunft, dann wäre die Nacht für ewig daraus verbannt,« entgegnete Farland, von seinem Gefühl für Berenicen hingerissen, und ergriff, wenn auch nicht ohne Zögern, die Finger ihrer kleinen zarten Hand. Berenice zog dieselben aber nicht zurück, und sagte, indem sie den tiefen Blick ihrer prächtigen Augen auf Farland richtete: »Das himmlische Licht kann auch lästig werden. Leben Sie wohl, Herr Farland, denken Sie an Ihr Versprechen.« »Geben Sie mir die Gelegenheit, es halten zu können, himmlisches Wesen!« antwortete Farland leidenschaftlich, als der Negerbursche mit den Pferden erschien und Jener Berenicen die Hand lieh, ihr Roß zu besteigen. »Dem Lenker unseres Geschicks wollen wir es überlassen,« entgegnete Berenice mit strahlendem Blick, winkte Farland noch einen Gruß zu und trieb ihr Pferd zu möglichster Eile an, während dieser ihr noch ein inniges Lebewohl nachrief. ∗    ∗    ∗ Einige Tage später war es frühzeitig am Morgen in der nur wenige Meilen von Farlands Niederlassung entfernten Stadt C.... sehr lebhaft, denn es sollten heute mehrere Beamte für die County gewählt werden, zu welchem Zweck sich die Bewohner der Umgegend dort einfanden. Das Trinkhaus an dem Platz, der das Gerichtsgebäude umgab, war mit Gästen gefüllt und vor demselben standen viele Männer in lebhafter Unterhaltung begriffen. »Dies Herrschen der wenigen Herrn, die es sich zu einem so hohen Verdienste anrechnen, zuerst in dieses Land gezogen zu sein, muß aufhören, sie selbst haben den Nutzen davon gehabt, indem sie den Nachkommen die besten Ländereien wegnahmen, und nun sollen Diese ihnen auch noch dankbar dafür sein und sich von ih- 760 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 nen Gesetze vorschreiben lassen,« sagte Ralph Norwood, der vor der Thür des Trinkhauses viele Männer um sich gesammelt hatte und so laut sprach, daß man auch innerhalb desselben jedes Wort verstehen konnte. Mehrere der Versammelten gaben ihre Beistimmung zu Ralph’s Aeußerung zu erkennen, während Andere sich stumm verhielten, und dieser fortfuhr: »Da ist der Arnold, der weiß gar nicht mehr, wie hoch er die Nase tragen soll, für einen unvermögenden Mann hat er keine Augen, und dabei zieht er aus den Bewohnern des Landes weit und breit seinen Nutzen. Mit seiner Mühle verdient er ein ungeheueres Geld, will ein armer Mann eine Diele haben, so muß er dem Herrn Arnold einen unerhörten Preis dafür bezahlen; läßt sich ein neuer Ansiedler in der Gegend nieder, so ist der Herr Arnold der Mann, der ihm für schlechte Kühe, Schweine und Hühner, so wie für Mais die letzten Zehrpfennige abnimmt, und warum ist er aus Georgien fortgegangen? Weil sein Wucher dort nicht länger geduldet wurde.« Nach diesen Worten rief er mit lauter Stimme: »Gentlemen, ich bitte mir von Ihnen sämmtlich die Ehre aus, ein Glas mit Ihnen zu leeren; bitte, treten Sie mit mir an den Schenktisch.« Dabei winkte er mit seinem Hute allen vor dem Hause und in dessen Nähe auf der Straße stehenden Männern zu, ihm zu folgen. Man drängte sich in das Trinkhaus und dort zu dem Tische, doch es war dem Wirth nicht möglich, allen Gästen sogleich aufzuwarten. Da wandte sich Ralph an die Versammlung und sagte: »Gentlemen, ich trinke hiermit auf Ihre Gesundheit und bitte, sich nun selbst zu bedienen. Herr Wirth, Alles für meine Rechnung!« Darauf schritt er wieder hinaus unter die Veranda, wo sich seine Gäste nach und nach abermals um ihn sammelten. »Dort kommt auch Einer von jenen klugen Herren, die sich zeitig in dies Land begaben und deren ganze Vortrefflichkeit darin besteht, daß sie ihre Taschen gefüllt haben,« sagte Ralph mit lauter Stimme, indem er nach einem Reiter hinzeigte, der so eben aus einer der Straßen nach dem Wirthshause einbog, welches an der andern Seite des Platzes lag. 5 10 15 20 25 30 35 761FüNFtER BaNd • ZwEiuNdViERZigstEs KapitEl »Das ist eine verdammte Lüge,« rief ein junger Bursche von der Straße her, indem er die geballte Faust nach Norwood ausstreckte. »Jener Reiter ist Herr Farland, dem die Bewohner dieses Landes zu tausend Dank verpflichtet sind, und wer dies abläugnet, ist ein Schurke!« »Er wird Dir wohl einmal einen Almosen gegeben haben,« erwiederte Ralph, indem er lächelnd nach dem Redner hinüberschaute. »Er hat mir Wohlthaten erzeigt, wie er sie Jedermann in der ganzen Umgegend erwiesen hat, und Hunderte von unsern Nachbarn danken ihm ihr Leben. Warten Sie nur den Sommer ab, wenn die Fieber kommen, Herr General Großmaul, und Sie werden nicht der Letzte sein, der ihn um Hülfe ansieht.« Ralph war vor Zorn bleich geworden und schoß einen wüthenden Blick nach dem Sprecher hin, dessen ruhige Haltung, mit der rechten Hand in der Brusttasche seines Rockes, ihm doch zu gefahrdrohend erschien, als daß er weitere Notiz von ihm hätte nehmen sollen. Auch hatten sich jetzt mehrere andere kräftige Burschen zu Jenem gesellt, die Ralph sehr ernste Blicke zuwarfen, weshalb dieser die Unterhaltung mit den ihm nahestehenden Personen wieder aufgriff, zugleich aber einen sehr großen schweren Hund mit Namen Dash, der bis jetzt unter einer Bank vor dem Hause gelegen hatte, an seine Seite rief. Farland war von seinem Hengst abgestiegen, hatte denselben an einen Baum auf dem Platze vor dem Gasthaus angebunden und Guard, seinen alten Hund, bei dem Pferd sich niederlegen lassen. Dann schritt er nach dem Trinkhause, wo er von allen Seiten mit auffallender Herzlichkeit begrüßt wurde. Er reichte Diesem und Jenem die Hand und erfaßte auch die des jungen Mannes, der sich so eben für ihn als Ritter aufgeworfen hatte. »Schade, daß Sie nicht einige Augenblicke früher kamen, dann hätten Sie eine saubere Rede auf sich selbst und auf Frank Arnold mit anhören können, die jener aufgeblasene Kerl, der sich General nennt, so eben hier öffentlich gehalten hat. Er ließ Ihnen darin nichts Gutes, als daß Sie sich die besten Ländereien in diesem Lande ausgesucht hätten,« sagte der junge stämmige Bursch sehr 762 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 laut, indem er verächtlich nach Norwood hinsah und mit der Hand nach ihm zeigte. Wie ein Blitz fuhr Farlands Blick nach Ralph hinüber, der ihm jedoch, als ob er die laute Mittheilung des jungen Mannes nicht vernommen hätte, den Rücken zukehrte und sich eifrig mit den Leuten in seiner Nähe unterhielt. Im nächsten Augenblick aber wandte sich Farland wieder zu dem jungen Manne und sagte: »Lassen Sie einem Jeden seine Meinung, lieber Swarton, vielleicht ändert der Herr General die seinige mit der Zeit.« »Seine Meinung mag er behalten, aber sie öffentlich aussprechen soll er nicht oder ich zeige ihm, daß ich der Sohn eines Frontiermanns bin. So ein Lump, von dem man noch nicht einmal weiß, ob er nicht unter dem Galgen fortgelaufen ist,« antwortete der junge Mann mit noch lauterer Stimme nach Norwood hingewandt. »Ich bitte Sie, Swarton, bei Ihrer Freundschaft, lassen Sie die Sache beruhen,« fiel ihm Farland in die Rede und zog ihn mit sich in das Trinkhaus. Dort, bei einem Glase Wein, bat er ihn nochmals, den General Norwood nicht weiter zu belästigen, weil ihm daran gelegen sei, denselben nicht noch mehr gegen sich zu stimmen, dankte ihm für den neuen Beweis seiner schon oft erprobten Freundschaft und eilte dann über den Platz nach dem Gerichtsgebäude, vor welchem gleichfalls viele Männer in Gruppen zusammen standen. Unter ihnen befanden sich Mehrere, die mit Farland theils wegen der bevorstehenden Wahl, theils in eigenen Angelegenheiten sich zu berathen wünschten, wie denn überhaupt die Erledigung vieler Geschäfte auf einen Tag, wie der heutige, oder auf einen Gerichtstag aufgeschoben wurde, weil man da sicher war, Leute von weit und breit aus dem Lande hier zusammen zu finden. Wohl eine Stunde war vergangen, ehe Farland seine Geschäfte beendigt hatte und nach dem Gasthaus zurückging, um sich dort zu erkundigen, ob man Frank Arnold gesehen habe, den er zu sprechen wünschte. Ehe er sich jedoch in das Haus begab, trat er zu seinen beiden Thieren, klopfte den Hals des Hengstes und strich den Kopf des alten Hundes, der seine Freude und Erkenntlichkeit dafür mit Hinund Herschlagen seiner mächtigen Ruthe zu erkennen gab. Dann deutete ihm Farland an, bei dem Hengst zu bleiben und ging in das Wirthshaus, wo ihm Frank Arnold entgegenkam. 5 10 15 20 25 30 35 763FüNFtER BaNd • ZwEiuNdViERZigstEs KapitEl Sie ließen sich in dem Gastzimmer hinter einem Fenster nieder und schauten, in ihr Gespräch vertieft, nur von Zeit zu Zeit durch die Glasscheiben hinaus auf den Platz, wo sich immer mehr Menschen sammelten. »Dort kommt der General Norwood,« sagte Frank, auf den Platz blickend, wo in einer Entfernung von etwa vierzig Schritt von Farlands Hengst Ralph mit vielen Männern stehen blieb, und, wie die Bewegungen seiner Arme und seines Kopfes andeuteten, laut und lebhaft zu ihnen sprach. Dabei schwang er in seiner Rechten einen schweren Stock durch die Luft und brach mitunter in ein heftiges Gelächter aus, in welches seine Umgebung mit einstimmte. »Er ist einmal wieder stark im Schwadroniren; wahrscheinlich giebt er eine seiner Heldenthaten zum Besten,« sagte Frank, indem er seinen Blick auf Ralph heftete. »Bei Gott, ich glaube, er will seinen Hund an Ihren Guard hetzen,« fuhr er fort und setzte noch hinzu: »Ei, dann soll ja den Kerl!« wobei er aufsprang, während Farland, sich gleichfalls rasch erhebend, durch das Fenster blickte. Beide sahen jetzt, wie Ralph seinem Hund wiederholt mit der Hand ein Zeichen nach Guard hin gab, worauf derselbe mit lautem Gebell auf diesen einsprang. Farland und Frank stürzten aus dem Zimmer, durch den Corridor und aus dem Hause, wo ihnen schon die wüthenden Töne der beiden kämpfenden Thiere entgegenschallten, um welche die Zuschauer einen weiten Kreis bildeten. Im Herabspringen von der Treppe des Gasthauses sah Farland, daß Ralph Norwood zu den Hunden hin eilte und Guard einen heftigen Hieb mit seinem Stock versetzte. Mit wenigen Sprüngen hatte Farland das Gedränge erreicht, warf links und rechts die Leute, die ihm im Wege standen, zur Seite und stürzte mit gespanntem Revolver in der Hand mit den Worten auf Ralph zu: »Berühren Sie meinen Hund noch einmal, so erschieße ich Sie auf der Stelle!« Norwood fuhr zurück und senkte seinen Stock, während Farland seinem alten Hunde den wohlbekannten gellenden Jagdruf ertönen erließ, und dieser sich nun mit rasender Wuth auf seinen 764 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 kräftigen jungen Gegner warf. Einige Augenblicke schien der Sieg sehr zweifelhaft, doch plötzlich hatte der alte Hund seinen Feind an der Kehle ergriffen und schloß nun sein, wenn auch schon sehr mangelhaftes Gebiß mit so eiserner Kraft, daß sein Widersacher die verzweifeltsten Anstrengungen machte, sich von ihm loszuwinden. Er hob sich hoch auf die Hintertatzen, beide Hunde überschlugen sich zu wiederholten Malen, doch Guard ließ nicht los und fing jetzt an, den unter ihm liegenden Hund hin und her zu zerren. »Bei Gott, er bringt meinen Hund um!« schrie Ralph wüthend und hob seinen Stock wieder. »Nehmen Sie sich in Acht, Herr General, ich halte mein Wort,« sagte aber Farland, indem er den Revolver auf Jenen richtete, und hinter Norwood sprang Alles zur Seite, um aus der Schußlinie zu kommen. Norwood blieb, vor Zorn bebend, stehen und blickte bald auf seinen verendenden Hund, bald in die Oeffnung von Farlands Waffe. »So nehmen Sie Ihren Hund ab, er tödtet den meinigen!« schrie er mit zitternder Stimme. »Er s o l l ihn tödten. Sie haben ihn an meinen alten Hund gehetzt, der kaum noch einige Zähne besitzt, und scheuten sich nicht, diesen sogar zu schlagen. Danken Sie es mir, daß ich Ihnen für den Schlag nicht eine Kugel durch den Kopf jagte.« Die größere Mehrzahl der Zuschauer war auf Farlands Seite getreten, Ralph aber wandte sich mit wüthender Stimme an die Leute, die sich noch in seiner Nähe befanden und rief: »Sind das gesetzliche Zustände? Bei Gott, wir sind an der Frontier, wo ein Jeder das Recht in seinem Revolver mit sich führt. Verdammt sei ein solches Land mit seinen Gesetzen!« »Sein Sie ruhig, Herr Norwood! und schmähen Sie das Land nicht, welches Sie aufsuchten, um Ihre Sünden zu verbergen. Denken Sie an Baltimore und an die Herren B.... & Co. daselbst!« rief ihm Frank Arnold jetzt zu, worauf Ralph verstummte und bleich wurde. Er schoß noch einen giftigen Blick nach Frank und Farland hin, stieß einige gräuliche Flüche aus und ging dann, von lauten Verhöhnungen aus der versammelten Menge gefolgt, eiligen Schrittes nach seinem Pferd, welches in einiger Entfernung an einer Ein- 5 10 15 20 25 30 35 765FüNFtER BaNd • ZwEiuNdViERZigstEs KapitEl zäunung befestigt war. Nach wenigen Augenblicken sprengte er zur Stadt hinaus. Der alte Guard stand hechzend über seinem todten Feinde und blickte, die erhobene Ruthe schwingend, zu seinem Herrn auf, als erwarte er dessen Lob für seinen Sieg. Dasselbe wurde ihm auch reichlich zu Theil, nicht allein von Farland und Frank, sondern von allen Zuschauern, denn die meisten derselben kannten das alte treue Thier seit vielen Jahren und erblickten in ihm einen der Vorfechter, denen sie dies Land zu verdanken hatten. ∗    ∗    ∗ Zu dieser Zeit saß Eloise in einem von den Blockhäusern, in welchen die beiden Familien Norwood lebten, bis das neue prächtige Haus, welches ganz in der Nähe erbaut war, zu ihrem Empfang bereit sein würde, bei ihrer Tochter, die so eben von einem Spazierritt nach dem Pflaumenbaum zurückgekehrt war, und lauschte deren Beschreibung von der herrlichen Aussicht, die man dort oben genoß und die kein Maler der Welt treu wieder geben könne. Eloisens Blick hing mit Entzücken an der geliebten theuern Tochter, deren lebendige heitere Sprache die neu in ihr erwachte Lebenskraft bezeugte, deren bleiche Wangen wieder mit einem Anhauch von zartem Roth geschmückt waren und deren Augen ihren Seelenzustand als einen freudigen und hoffnungsvollen spiegelten. Berenice hatte sich sehr erholt; die Veränderung des Klimas, die reine gesunde Luft und die Bewegung im Freien hatten außerordentlich wohlthätig auf sie gewirkt, sie war wieder stärker geworden und fühlte sich weit kräftiger, als seit vielen Monaten. Die glückliche Mutter sah kein böses Zeichen darin, wenn von Zeit zu Zeit sich auf den Wangen ihrer Tochter ein scharf begrenztes ungewöhnlich blühendes Roth zeigte, und wenn zugleich der wunderbare Glanz ihrer schönen Augen sich noch erhöhte, es beunruhigte sie nicht mehr, daß Berenice oft unbedeutend hustete, was sie mehr für eine Angewohnheit derselben hielt, und ihre Sorge über deren Herzklopfen, welches sich noch fast täglich einstellte, war verschwunden. 766 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Berenice hatte ihre Mutter von ihrem Zusammentreffen und Bekanntwerden mit Farland unterrichtet und das günstige Bild von ihm, welches Jene schon durch die Mittheilungen Anderer sich entworfen, noch sehr zu seinem Vortheil ausgeschmückt, wobei Eloisen das lebhafte Interesse, welches die Worte ihrer Tochter begleitete, nicht entgangen war. Auch hatte sie es wohl bemerkt, daß Berenice seit ihrer zweiten Zusammenkunft, die sie gleichfalls ihrer Mutter mitgetheilt hatte, viel heiterer, viel reger und lebendiger erschien, als früher, und daß seitdem ihre Wangen ein schöneres Roth trugen. »Ich werde dieser Tage mit Dir nach Deinem Pflaumenbaume reiten, ich muß doch auch einmal die herrliche Aussicht genießen, von der Du mir so viel erzählst«, sagte sie lächelnd zu Berenice. »Ach, wenn es sich doch träfe, daß Herr Farland auch gerade dort wäre, Du würdest ihn sicher lieb gewinnen«, fiel ihr Berenice lebhaft in das Wort. »Ich läugne es nicht, daß ich wünsche, seine Bekanntschaft zu machen. Es ist mir ein großer Trost, ihn in unserer Nähe zu wissen; denn sollte, wofür uns der Himmel gnädig bewahren möge, Krankheit uns abermals heimsuchen, so bin ich überzeugt, daß er sich auch unserer annehmen würde, wie er es bisher so vielfach mit wahrer Aufopferung bei fast allen Familien in dieser Gegend gethan hat.« »Es ist nur sehr ungewiß, ob er bald wieder nach der Höhe kommen wird; wenn er hinaufreitet, so wählt er gewiß dieselbe Zeit wieder dazu, in der wir uns dort trafen«, bemerkte Berenice rasch, hielt aber plötzlich inne, da sie in dem ruhig beobachtenden Blick ihrer Mutter las, daß derselben ihre Lebhaftigkeit, mit der sie die letzten Worte gesprochen hatte, nicht entgangen war. »Bist Du Deiner Sache so gewiß?« fragte Eloise lächelnd. »Du bist recht bös, liebe gute Mutter, es macht Dir immer Freude, mich erröthen zu sehen und Du weißt es ganz gut, daß mich eine solche Frage mit einem solchen Blick in Verlegenheit bringt«, sagte Berenice, indem sie aufsprang, sich ihrer Mutter in die Arme warf und ihren Mund mit Küssen bedeckte. In diesem Augenblick wurden sie zu Tisch gerufen und folgten gleich darauf der Aufforderung, indem sie sich nach dem nahen 5 10 15 20 25 30 35 767FüNFtER BaNd • ZwEiuNdViERZigstEs KapitEl Blockhaus begaben, welches die Stelle des Speisesaals vertreten mußte. Tom mit seiner Frau befanden sich bereits dort und empfingen sie mit einer höflichen Begrüßung. Ralph wurde heute nicht zum Essen erwartet, indem er voraussichtlich bis gegen Abend in der Stadt bleiben würde. Man hatte sich an dem Tisch niedergelassen, als plötzlich Ralph durch den Park herangesprengt kam und sein schweißtriefendes Pferd mit einem ausgestoßenen Fluch an einen Neger gab. Alle sprangen vom Tisch auf, um zu erfahren, was geschehen, denn daß es nichts Gutes sei, was ihm begegnet sein mußte, hatten sie in seinem Aeußeren schon erkannt. Tom ging ihm bis an die Thür entgegen und die Damen harrten in ängstlicher Spannung seiner Mittheilung. »Wir leben an der Frontier, wo man nicht ohne Waffen gehen darf. Der Revolver giebt hier das Gesetz«, rief Ralph seinem Sohne zu, indem er das Haus erreichte und in dasselbe eintrat. Er warf seinen Stock und Hut in die Ecke auf den Fußboden und setzte sich in den Armstuhl nieder, den ihm eine Negerin zuschob. »Sie haben mir meinen Dash umgebracht«, rief er nach einer augenblicklichen Pause. »Dash, ist es möglich?« fragte Tom empört. »Nicht allein möglich, sondern wirklich wahr. Die Bestie des verdammten Deutschen hat ihn todtgebissen!« »Welchen Deutschen meinst Du?« fragte Tom. »Denselben, der hier den Herrn spielt, den Farland meine ich«, entgegnete Ralph mit vor Zorn verzerrtem Gesicht. »Dash kam mit seinem Hunde aneinander, wie Hunde es zu thun pflegen, das alte Ungeheuer des verdammten Ausländers faßte ihn bei der Kehle, ich wollte ihm helfen und hieb den andern Hund über den Kopf, als jener Herr Farland den Revolver zog und mir erklärte, er werde mich über den Haufen schießen, wenn ich mich in den Streit der Thiere mische, und so mußte ich es mit ansehen, daß mein Dash erwürgt wurde. Dabei hatten wir einige hundert Zuschauer, die auch sogleich Platz um mich machten, damit der Herr Farland freien Schuß nach mir habe. Nicht wieder aus dieser Thür gehe ich, ohne bis an die Zähne bewaffnet 768 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 zu sein; ich werde ja hoffentlich diesem Farland nochmals im Leben begegnen!« Berenice war während dieser Erzählung leichenblaß geworden und Eloise, die es bemerkte, nahm schnell ihren Arm und führte sie aus dem Speisezimmer nach ihrem eigenen Blockhause. Dort sank das tief erschütterte Mädchen auf dem Sopha nieder und verhüllte ihr Gesicht mit ihren Händen. Lange Zeit hatte ihre Mutter schweigend neben ihr gesessen und ihre Hand in der ihrigen gehalten, als sie endlich sagte: »Das hatten wir von Farland nicht erwartet.« »Der Hund hat ihm oft das Leben gerettet, konnte er ihn nun schlagen lassen?« erwiederte Berenice mit theilnehmendem Ton und setzte dann noch hinzu: »Man wird wohl Dash auf den alten Hund gehetzt haben.« »Wir werden durch unsere Nachbarn die Wahrheit erfahren, wahrscheinlich auch schon morgen einen Artikel über den Vorfall in der Zeitung finden; ich kann es mir auch nicht denken, daß Farland ohne dringende Ursache so ernst aufgetreten wäre«, sagte Eloise beruhigend und strich der Tochter die bleiche Wange. »Wenn Herr Farland nur nicht mit General Norwood zusammentrifft; Du hast gehört, Mutter, was dieser sagte!« fuhr Berenice fort, indem sie die Hand ihrer Mutter an ihre Lippen drückte. »Das mag der Himmel verhüten!« antwortete Eloise, wobei Bilder aus der Vergangenheit durch ihre Gedanken zogen, und sie einen flehenden Blick nach Oben warf. »Man sollte ihn warnen«, flüsterte Berenice und küßte abermals die Hand ihrer Mutter. »Das könnte auffallen, mein Kind, auch möchte Farland es unrecht deuten«, erwiederte Eloise, und Berenice schwieg; die plötzliche Veränderung in ihrem Blick aber verrieth deutlich, daß ein Gedanke in ihr aufgekeimt sei, der sie zu einem Entschluß geführt hatte. Bald darauf erhob sie sich von ihrem Lager, zeigte ihrer Mutter wieder eine heitere Stirn und rief Eva herbei, damit dieselbe sie auf einem Spaziergang begleiten möge. Mit einem, zu beiden Seiten ihres lieblichen Gesichts herabhängenden, leinenen Sonnenhut bedeckt, wandelte Berenice mit der vertrauten, treuen Dienerin unter den immergrünen, schatti- 5 10 15 20 25 30 35 769FüNFtER BaNd • ZwEiuNdViERZigstEs KapitEl gen Bäumen des Parkes hin nach dessen fernem Ende, wo sich ein starkes Ouellwasser unter dichtbelaubten Magnolien über einige Felsstücke herabstürzte und den einsamen stillen Platz durch sein Rauschen belebte. »Höre, Eva, Du sollst mir einen Freundschaftsdienst erweisen«, sagte Berenice im Fortschreiten, ohne nach der Sclavin umzublicken. »Mit Freuden will ich das thun, beste Herrin«, entgegnete die Dienerin. »Du hast gehört, daß der alte Hund des Herrn Farland unsern Dash todtgebissen hat. Man hat ihm dafür den Tod geschworen. Herr Farland wird aber das alte treue Thier beschützen, ja er wird sein Leben für dasselbe einsetzen. Verstehst Du mich, Eva?« »Ja, Herrin, dabei könnte das Leben des Herrn Farland selbst in Gefahr kommen«, erwiederte die Sclavin. »Er müßte deshalb auf seiner Hut sein«, sagte Berenice, ohne aufzublicken. »Wenn ich ihn nun zu sprechen suchte und ihn warnte?« fragte die Negerin. »Ja, Eva, wenn Du d a s thun wolltest, ich wüßte nicht, wie ich es Dir danken sollte«, antwortete Berenice, rasch sich nach der Sclavin wendend, und preßte ihre kleinen Hände um deren schwarzen Arm. »Gern, gern thue ich es. Ich kann ja zum Vorwand irgend Etwas aus dem Kaufladen in seiner Nähe für Dich holen, und von da reite ich in wenigen Minuten nach seiner Wohnung hinüber«, antwortete Eva. »Mutter soll es aber nicht wissen, sie meint, Farland würde es unrecht deuten«, fuhr Berenice fort. »Trage mir in deren Gegenwart auf, Seide oder sonst Etwas für Dich in jenem Laden zu holen, und dann lasse mich für das Uebrige sorgen. Herrn Farland muß Nachricht gegeben werden, Du kennst General Norwood nicht so wie ich«, sagte die Sclavin mit einem Schauder, der Berenicens Bangigkeit noch vermehrte. »Du mußt ihm sagen, daß er auch für sich selbst auf der Hut sein soll. Was meinst Du, wenn ich ein paar Worte an ihn schrieb?« bemerkte Berenice, indem sie die Hand in die Tasche ihres Kleides steckte und zu einem großen Stein an der Seite des Wasserfalls trat. 770 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Das würde er Dir niemals vergessen, Herrin. Du weißt, er ist der einzige wirkliche Arzt in der ganzen Umgegend!« antwortete Eva schnell. »Und wenn er auch nicht Arzt wäre, so würde ich ihm doch schreiben«, sagte Berenice jetzt mit entschlossenem Tone, zog ein Taschenbuch aus ihrem Kleide hervor und ließ sich auf dem Stein nieder. »Ihr Hund ist in Gefahr. Seien Sie selbst auf Ihrer Hut«, schrieb sie schnell auf ein Blatt des Buches, riß es heraus, faltete es zusammen und gab es der Sclavin. Kaum hatte diese es aber erfaßt, als Berenice es nochmals zurücknahm, es wieder öffnete und ein B. darunter zeichnete. »So, nun mußt Du es ihm aber selbst geben, weshalb Du erst spät reiten darfst, denn Herr Farland ist in der Stadt und wird so früh nicht nach Hause kommen«, sagte Berenice, indem sie Eva das Blatt zurückgab. »Ertheile mir nur den Auftrag, ich will dann schon zögern, damit es spät genug wird. Wir haben ja Mondschein«, antwortete die Negerin und Beide begaben sich nun nach dem Blockhaus zurück. Berenice hatte sich mit ihrer Arbeit zu ihrer Mutter vor die Thür gesetzt, als die Schatten der Bäume sich schon lang über die Erde dehnten, da ging Eva zum Drittenmale an ihnen vorüber und machte sich im Hause Etwas zu schaffen. Berenice hatte schon einigemale das Wort auf der Zunge gehabt, um der Sclavin den Auftrag zu ertheilen, doch es war ihr immer auf den Lippen erstorben; jetzt aber sagte sie mit halblauter Stimme zu derselben: »Eva, Du könntest mir etwas Seide besorgen, rothe und schwarze.« Mehr konnte sie nicht hervorbringen, die Sprache blieb ihr aus. »Ja wohl, recht gern, Herrin, ich wollte Dich schon um die Erlaubniß bitten, nach Sonnenuntergang nach dem Laden hinüberreiten zu dürfen, um Mehreres für mich selbst zu holen. Dann will ich Dir die Seide mitbringen.« »Thue das«, sagte Berenice und neigte sich tiefer über ihre Arbeit, denn sie fühlte, daß ihr das Blut in die Wangen getreten war. 5 10 15 20 25 30 35 771FüNFtER BaNd • ZwEiuNdViERZigstEs KapitEl Dabei pochte ihr das Herz hörbar und sie konnte kaum den Augenblick erwarten, bis Eva sich entfernt hatte. Nun stand sie auf, ging in das Haus, trank etwas Wasser und warf einen Blick in den Spiegel, um die Röthe ihrer Wangen zu ermessen. Die Sonne war schon lange versunken und die Dämmerung war bereits eingebrochen, als Eva vor Eloisen und ihrer Tochter vor- überritt und Erstere ihr zurief: »Mein Gott, Eva, reitest Du erst jetzt?« »Es ist viel angenehmer, in der Dämmerung zu reiten, und auf dem Rückweg habe ich Mondschein«, antwortete die Sclavin und senkte die Gerte mit aller Kraft auf ihr Maulthier, damit sie nicht durch ihre Herrin zurückgehalten werden möchte. »Ich begreife gar nicht, warum Eva so spät reitet, es könnte ihr unterwegs ja etwas zustoßen«, sagte Eloise und blickte der davonjagenden Sclavin nach. In diesem Augenblick aber sprang Berenice auf und warf sich ihrer Mutter um den Hals, indem sie stammelnd zu ihr sagte: »Beste Mutter, ich habe Dich hintergangen.« Eloise fuhr zusammen; die beiden Unwahrheiten, die sie selbst einst gesagt hatte, traten vor ihre Erinnerung, und schweigend drückte sie Berenice an ihr Herz. »Vergieb mir, liebe gute Mutter!« flehte Berenice leise und küßte die Thränen von deren Augen. »Sage nie wieder eine Unwahrheit, meine Berenice, sie brennt wie unauslöschliches Feuer in der Seele des Menschen. Es giebt Nichts in der Welt, was Du mir nicht sagen dürftest, ich bin nicht nur Deine Mutter, ich bin auch Deine wahre Freundin. Du hast Eva zu Farland geschickt?« sagte Eloise dann leise und schaute der Tochter fragend in die überströmenden schönen Augen. »Ich habe ihm geschrieben,« flüsterte Berenice und verbarg ihr Gesicht in dem Nacken ihrer Mutter. »Siehe, Berenice, hiervon würde ich Dir, als Deine treue Freundin abgerathen haben, wenn ich auch nicht unbedingt dagegen gestimmt haben würde, Herrn Farland zu warnen. Ehe ich Dir gerathen hätte, ihm zu schreiben, würde ich gewünscht haben, persönlich mit ihm bekannt geworden zu sein. Die Welt und die Menschen sind Dir noch zu fremd, als daß Du Dich ihnen gegen- 772 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 über Deinem eigenen Urtheil anvertrauen dürftest. Was hast Du ihm geschrieben?« »Ihr Hund ist in Gefahr. Seien Sie selbst auf Ihrer Hut; und ich habe B. darunter gesetzt,« antwortete Berenice. »Nun, daß hast Du besser gemacht, als ich fürchtete,« sagte Eloise lächelnd, legte ihre beiden Hände an die glühenden Wangen ihrer Tochter und preßte ihren Mund auf deren Lippen. Dann fuhr sie fort, indem sie die Locken Berenicens zurückstrich: »Jetzt aber versprich mir, Berenice, daß Du nie wieder ein Geheimniß vor mir haben willst. Ich verspreche Dir ein Gleiches für meine künftige Lebenszeit, wenn Dir auch Manches aus meiner Vergangenheit verschwiegen bleiben muß.« Mehr mit Freudenthränen und Küssen, als mit Worten gab Berenice ihrer Mutter das verlangte Versprechen und Beide erwarteten nun mit gleicher Sehnsucht die Rückkehr der Sclavin, um das Resultat ihrer Sendung zu erfahren. 773 5 10 15 20 Capitel 43. Besorgniß. – Die Botschaft. – Entzücken. – Mutter und Tochter. – Die neue Wohnung. – Die Gesellschaft. – Unwohlsein. – Selbstsucht. – Herzlosigkeit. – Schreckliche Botschaft. – Der Arzt. – Willenskraft. – Das wiederkehrende Leben. – Das Wohnzimmer. – Frohe Hoffnung. Mit einem Unheil verkündenden Gefühl und beklom-menen Herzen hatte Farland dem General Norwood nachgeblickt, als derselbe aus der Stadt gesprengt war, denn in Gedanken sah er ihn schon vor Berenice stehen und ihr verkünden, was geschehen sei. Die freundliche Zuneigung, mit der das liebliche, wonnige Mädchen ihn so grenzenlos beglückt hatte, mußte sich nun in Abscheu gegen ihn verwandeln, und er hätte jetzt den Revolver gegen sein eigenes Herz kehren mögen, das sich krampfhaft und schmerzlich zusammenzog. Frank Arnold bemerkte seine auffallend trübe Stimmung und drang in ihn, ihm zu sagen, was ihn drücke; denn daß der Vorfall mit dem Hund die Ursache davon sei, konnte er sich nicht denken. Er nahm ihn mit sich in das Trinkhaus, wo auch James Arnold, so wie Bill Swarton und dessen Bruder Charles zu ihnen kamen und mit ihnen tranken; die Gewitterwolke aber, die über Farlands Geist schwebte, konnten sie nicht verscheuchen. Bei dem Mittagsessen sammelten sich, außer Arnolds und Swartons, noch viele Freunde um Farland, es wurde reichlich Wein getrunken, und der alte Sorgenbrecher, die feine Havannah-Cigarre, wurde nach Tisch beim Kaffee angezündet. Farland aber blieb nachdenkend und in sich gekehrt, obgleich Heiterkeit und Frohsinn herrschten und die beiden Swartons, um ihn aufzumuntern, das Gespräch auf die Zeit 774 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 seines Frontierlebens in diesem Lande lenkten, aus dem er sonst so gern erzählte. Die Sonne neigte sich schon, als Farland mit seinen Freunden die Stadt verließ und sie auf der staubigen Straße ihre Rosse in scharfen Paß setzten, um den Heimweg schnell zurückzulegen. Die Gebrüder Swarton waren die Ersten, die ihren Ritt vollbrachten, denn die prächtigen Plantagen derselben, die, einander gegenüberliegend, zu beiden Seiten der Straße sich ausbreiteten, waren nicht weit von C.... entfernt. Unter herzlichen Grüßen schieden die beiden jungen Männer hier von Farland und Arnolds, und diese setzten ihre Reise fort. Bald kam aber auch für sie der Augenblick der Trennung herbei, da ihre Wege sich theilten, und Frank reichte Farland die Hand mit den Worten: »Auf baldiges Wiedersehn, bester Freund. Sollten Sie meine Hülfe gebrauchen können, um den Ernst von Ihrer Stirn zu verscheuchen, oder sollte es überhaupt in meinen Kräften stehen, Ihnen einen Dienst zu erzeigen, so rechne ich darauf, daß Sie über mich verfügen. Jedenfalls hoffe ich, Sie recht bald bei mir zu sehen.« Auch James Arnold nahm herzlichen Abschied von Farland und dieser folgte nun allein dem einsamen Wege nach seiner Wohnung. Der alte Guard, als freue er sich, daß er wieder mit seinem Herrn allein sei, sprang wiederholt an dem Pferd in die Höhe und ließ seine Baßstimme ertönen, wobei Farland halblaut zu ihm sagte: »Alter Freund, ich habe heute einen Theil meiner großen Schuld an Dich abgetragen.« Dann winkte er ihm, vorauszueilen, und überließ sich seinen trüben Betrachtungen über die Folgen seiner Verfeindung mit Norwood. Er suchte sich Vorwürfe über seine Niedergeschlagenheit zu machen, nannte seine leidenschaftliche Zuneigung für Berenice, die er nur zweimal gesehen hatte, eine Thorheit, sein Herz aber kümmerte sich wenig um seine Vernunftgründe, es pochte heftig bei der Erinnerung an die Stunden, die er in der Nähe des reizenden Mädchens zugebracht hatte, und zog sich schmerzhaft zusammen, wenn er daran dachte, daß er Berenicens Huld nun wohl für immer verloren habe. So erreichte er seine Wohnung, übergab schweigend dem Neger seinen Hengst und setzte sich, nachdem er Hut und Reitgamaschcn im Hause abgelegt 5 10 15 20 25 30 35 775FüNFtER BaNd • dREiuNdViERZigstEs KapitEl hatte, vor dasselbe unter die Veranda, um ferner dem Gedanken an die Härte seines Geschickes nachzuhängen. Die Dunkelheit der Nacht lag schon auf der Gegend und des Mondes glühende Scheibe stieg vor Farlands Blicken über dem fernen Walde auf, als seine Aufmerksamkeit auf einen herannahenden Reiter fiel. Bald darauf erkannte er, daß es eine Reiterin sei, die sich rasch seinem Hause näherte und nun vor der Einzäunung von ihrem Maulthier sprang, wo sie dasselbe befestigte. Es war eine Negerin. Sie trat zu Farland unter die Veranda, und dieser, in der Voraussetzung, daß sie von einem Kranken geschickt sei, um ihn um Hülfe anzusprechen, fragte sie, von wem sie komme. Wie ein Blitzstrahl fuhr es durch Farlands Herz, als die Negerin Berenicens Namen nannte. »Von Fräulein Berenice – ist es möglich, Eva – hat Dich Deine Herrin zu mir geschickt?« rief er mit seliger Ueberraschung und ergriff die Hand der Sclavin. »Ja Herr, sie hat mir auch ein Papier für Dich gegeben«, antwortete dieselbe und reichte Farland das Blatt hin. Er flog in das Zimmer zu der Lampe, entfaltete mit bebender Hand das Billet und las die Worte, die Berenice ihm geschrieben hatte. Wiederholt drückte er das Blatt an seine Lippen und las die theuere Schrift wieder und wieder. »Ich habe keine Worte, Eva, Deiner Herrin für die Gunst zu danken, womit sie mich durch diese Zeilen so hoch beglückt, ja schmerzlichem Leid entreißt. Ich fühlte mich sehr unglücklich bei dem Gedanken, ihre Freundlichkeit zu verlieren. Es war ja aber nicht meine Schuld, daß ich mit General Norwood zerfiel; er hatte seinen jungen, starken Hund an meinen alten treuen Guard gehetzt, dem ich so oft mein Leben verdankte, wie konnte ich ihn mißhandeln lassen?« sagte Farland im Drange seiner Wonne, indem er zu Eva hingetreten war, und drückte abermals das Papier gegen seine Lippen. Dann erzählte er der Sclavin umständlich den Hergang der unglücklichen Begebenheit und bat sie dringend, ihre Herrinnen beide von seiner Unschuld zu unterrichten. Zugleich theilte er ihr seinen Entschluß mit, Guard zu Hause an der Kette zu halten, da- 776 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 mit jede Gelegenheit zu fernern Streitigkeiten vermieden werden möchte, und sprach zuletzt noch seine Hoffnung aus, Berenice noch einmal zu sehen, um auch ihr in voller Wahrheit seine Aussage wiederholen und sie davon überzeugen zu können. »Ich werde von morgen an jeden Tag nach dem Pflaumenbaume reiten, bis mir das Glück zu Theil wird, Deine junge Herrin dort wiederzusehn. Ein kaum bemerkbarer, alter Indianerpfad führt durch den Wald zu der Höhe hinauf, auf dem ich dort hin gelangen kann, ohne irgend Jemandem zu begegnen, so daß mein häufiges Besuchen jenes Platzes Niemandem auffällt.« Bei diesen Worten drückte Farland der Negerin ein Goldstück in die Hand, welches anzunehmen sich dieselbe weigerte, er aber bestand darauf und bat sie schließlich noch, bei ihrer Herrin zu seinen Gunsten zu reden. Dann bestieg Eva ihr Maulthier wieder und eilte über die hell vom Mondlicht beschienene Prairie davon. Farland brachte nun jeden Morgen auf dem Berge unter dem Pflaumenbaume zu, ließ aber sein Pferd und seinen Hund in dem Dickicht des Waldes zurück und gab durch die Büchse und die Kugeltasche, die er trug, Jedem der wenigen Vorüberziehenden zu erkennen, daß er auf der Jagd sei. Ueber eine Woche hatte er diese Besuche ununterbrochen fortgesetzt, ohne daß Berenice erschienen wäre; dennoch war er wieder hinaufgeritten und hatte wohl schon eine Stunde auf der Bank zugebracht, als plötzlich die Hufschläge mehrerer Pferde vom Fuße des Berges her zu seinem Ohr drangen und er, nach dem Abhang eilend, Berenice erkannte, die mit noch einer zweiten Dame und mit Eva eilig heraufgeritten kam. Er sprang ihnen freudig entgegen, begrüßte sie höflich und dankte Berenice mit glühenden Worten für die Huld, womit sie ihn beglücke. Er geleitete sie zu der Bank, war ihnen dort behülflich, abzusteigen, Eva führte die Pferde zur Seite und Berenice stellte Farland in ihrer Begleiterin ihre Mutter vor. »Herr Farland, da mir die unglückliche Begebenheit in C.... die Hoffnung geraubt hat, Sie bald bei uns zu sehen, so mußte ich diese Gelegenheit ergreifen, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, wonach ich mich seit langer Zeit gesehnt habe. Ihr Name wird weit und breit in diesem Land mit so viel Achtung und Liebe 5 10 15 20 25 30 35 777FüNFtER BaNd • dREiuNdViERZigstEs KapitEl genannt, daß man es gar nicht laut werden lassen darf, Monate lang hier gelebt zu haben und noch nicht persönlich mit Ihnen bekannt zu sein«, sagte Eloise, indem sie ihre immer noch schönen Augen freundlich auf Farland richtete und ihm ihre Hand zum Gruß entgegenhielt. Dieser ergriff sie, verneigte sich mit Höflichkeit und sagte: »Ich danke es der Vorsehung, die mich bei Ihnen von einem schweren Verdachte befreite und mir nun auch noch die unverhoffte Freude zu Theil werden läßt, Ihre persönliche Bekanntschaft in einer für mich so schmeichelhaften, so wahrhaft beglückenden Weise zu machen. Sein Sie überzeugt, Madame Norwood, daß die Freundlichkeit, die Sie mir jetzt erzeigen, auf einen fruchtbaren Boden der Dankbarkeit fällt und daß Sie mich dadurch zu Ihrem ewigen Schuldner machen.« Während Farland die letzten Worte sprach, sah er Berenice an, die mit einem freudestrahlenden Blick dem seinigen begegnete. »Sie geben mir einen unaussprechlichen Trost, Herr Farland«, entgegnete Eloise. »Mit Bangen habe ich dem Sommer entgegengesehen; die neuen Ansiedler sind namentlich im zweiten Jahre immer mehr durch die Krankheiten gefährdet, die das Klima erzeugt, als Leute, die schon mehrere Jahre darin gelebt haben, und Berenice hat sich kaum wieder von einem schweren Leiden erholt. Nun aber, da Sie uns befreundet sind, ist meine Sorge verschwunden.« »Wenn meine Kräfte Ihnen Trost geben können, Madame Norwood, dann dürfen Sie sich freilich beruhigen, denn mit Leib und Seele sind sie Ihr Eigenthum«, erwiederte Farland mit einem glänzenden Seitenblick nach Berenice und lenkte dann das Gespräch auf sein Zerwürfniß mit General Norwood, um den Hergang des unglücklichen Ereignisses nun selbst den Damen mitzutheilen, die mittlerweile auf der Bank unter dem Pflaumenbaum Platz genommen hatten. »Wir haben Beide es uns von Anfang an gerade so erklärt, wie es sich wirklich zugetragen hat, und von unserer Seite hat Sie kein Vorwurf getroffen. Möge es der Himmel fügen, daß auch Andere Ihre Unschuld einsehen und anerkennen«, sagte Eloise mit einem schweren Athemzug, als Farland seine Mittheilung beendet hatte und fügte, um dem Gespräch eine andere Richtung zu geben, hinzu: 778 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Wir müssen es der Zeit überlassen.« Berenice lenkte nun die Aufmerksamkeit ihrer Mutter auf die reizende Landschaft, die sich vor ihnen mit den prächtigsten buntesten Farben ausbreitete, denn der Spätherbst hatte alle Schattirungen des Goldes und des Carmins über die Laubwälder ausgegossen, während die immergrünen Holzarten sich frisch und saftig durch sie hinschlängelten. Farland bezeichnete ihnen einzelne schöne Punkte und gab dabei Erinnerungen aus vergangenen Zeiten zum Besten, die sich hier an einen Fels, dort an eine Baumgruppe, an einen glänzenden Bach knüpften. Berenice lauschte mit regem Interesse seinen Erzählungen, welche er hauptsächlich an sie richtete, während Eloise Beide im Stillen beobachtete. Sie überzeugte sich von deren warmer, gegenseitiger Zuneigung mit inniger Freude, da sie darin eine Sicherstellung für die Gesundheit, für das Leben ihrer Tochter, für ihr eigenes ganzes Lebensglück erkannte. »Berenice, Du plagst Herrn Farland sehr mit Deinen Fragen, Du weißt ja nicht, ob er sie gern beantwortet,« fiel Eloise ihrer Tochter in die Rede. »Du kennst unsere Uebereinkunft nicht, liebe Mutter. Herr Farland hat die Verpflichtung gegen mich eingegangen, mir Alles aus seinem Leben zu erzählen, was ich zu wissen wünsche. Ich werde ihn gelegentlich ganz andere Dinge fragen,« antwortete Berenice mit heiter glänzenden Augen und einem süßen schalkhaften, doch bedeutungsvollen Lächeln. »Sie haben das Recht dazu, Fräulein Berenice, und ich bewillkommne gern jede Gelegenheit, meiner Verpflichtung nachzukommen. Dadurch, daß ich Ihnen meine Schicksale, meine guten und bösen Lebenserfahrungen mittheile, erhalten dieselben erst für mich selbst einen höhern Werth, bisher lagen sie fest wie ein todtes Kapital in meiner Brust,« erwiederte Farland halb im Scherz halb im Ernst, und Eloise benutzte den Augenblick, um die Rede auf Berenicens Krankheit zu führen. »Dann ist es aber auch Deine Pflicht, Herrn Farland D e i n e früheren Schicksale mitzutheilen, die gleichfalls nicht ganz gewöhnlich sind; oder erlaube mir, daß ich es für Dich thue, wenn es Herr Farland mir erlauben will,« nahm Eloise das Wort und gab 5 10 15 20 25 30 35 779FüNFtER BaNd • dREiuNdViERZigstEs KapitEl Diesem nun einen kurzen Bericht über den unglücklichen Zufall und dessen Folgen, der ihrer Tochter nach dem Balle bei Herrn Trescott begegnet war. Farland hörte aufmerksam zu und ließ dabei wiederholt seinen Blick auf Berenice ruhen, ohne daß jedoch der Eindruck, den die Erzählung auf ihn machte, sich auch nur einen Augenblick auf seinen Zügen verrathen hätte. »Ein guter Geist hat Sie von Florida weg in dies offene Land geführt, wären Sie dort geblieben, so würden Sie schwerlich so vollständig Ihre Gesundheit wieder erlangt haben, als es jetzt der Fall ist. Demohngeachtet würde ich Ihnen noch eine Zeit lang Vorsicht in Ihrer Lebensweise anrathen,« sagte Farland zu Berenice, als Madame Norwood ausgeredet hatte, und machte halb scherzweise einige Andeutungen, was er unter Vorsicht verstehe. Eloisens scharfem Blick aber entging nicht, daß er durch die leichte Art, mit der er über ihrer Tochter Zustand sprach, den ernsten Eindruck verbergen wollte, den ihre Mittheilung auf ihn gemacht hatte, sie dankte ihm mit sichtbarer Bewegung für seinen Rath, drückte ihm die Hand und sagte: »Unser guter Schutzgeist hat auch Sie uns zugeführt, damit die soweit wieder hergestellte Gesundheit meines Kindes überwacht und beschützt werde.« Die Zeit war gekommen, daß die Damen ihren Heimweg antreten mußten, Eloise erhob sich zuerst und winkte Eva, die Pferde herbeizuführen, dann nahm sie, sowie Berenice einen herzlich freundlichen Abschied von Farland, dieser half ihnen, ihre Pferde besteigen und nach einigen Minuten ritten sie den Berg hinab, nachdem sie ihrem Freund noch wiederholt Lebewohl zugewinkt hatten. Dieser stand ernsten Blicks da und schaute ihnen gedankenvoll nach, denn die Mittheilung Eloisens über die frühere Krankheit ihrer Tochter hatte ihn tief erschüttert und Besorgnisse in ihm zur Wahrheit gemacht, die schon bei seinem früheren Zusammensein mit Berenice über ihre Gesundheit in ihm rege geworden waren. Seit vielen Jahren aber war er gewohnt, einem jeden drohenden Mißgeschick die Stirn zu zeigen und seine Kräfte gegen dasselbe zu sammeln, so auch diesmal; er rief alle Momente vor sein Ge- 780 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 dächtniß, die ihm Hoffnung für Berenice geben konnten und war entschlossen, mit aller Macht und Umsicht über ihr zu wachen und sie womöglich der noch nicht ganz beseitigten Gefahr vollständig zu entreißen. ∗    ∗    ∗ Ralph Norwood, seit er in dieses Land eingewandert war, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, schnellmöglichst unter den Bewohnern desselben eine Partei für sich zu bilden, und zwar gegenüber den Anhängern der einflußreichsten Männer, an deren Spitze Farland und Frank Arnold standen. Er mußte sehr natürlicherweise seine Leute unter der ärmern Klasse wählen, auf welche sein Geld einwirken konnte und die schon vermöge ihrer Armuth leicht gegen reiche Männer einzunehmen waren. An Geldspenden ließ er es nicht fehlen, er besuchte sehr oft die Stadt und hielt dort in den Trink- und Wirthshäusern in einer verschwenderischen Weise Jedermann frei, dessen er habhaft werden konnte. In den Kaufläden im Lande, wo man gleichfalls geistige Getränke verschenkte, war er noch freigebiger, da dort die Zahl der Gäste beschränkter blieb, und manchem kleinen Pflanzer, dem es an einem Pflug, an Aussaat, an Lebensmitteln, oder an einem Pferde fehlte, half er aus der Noth, schoß ihm Geld vor und versäumte alsdann nicht, allenthalben an öffentlichen Orten von diesem armen rechtlichen Manne laut zu reden und zu erzählen, daß er ihm mit Freuden unter die Arme gegriffen habe. Dabei benutzte er jede Gelegenheit, gegen die einflußreichen Männer zu Felde zu ziehen, und ihre Fehler und Schwächen aufzudecken, oder ihnen solche anzudichten. An jenem Wahltag glaubte er Parteimänner genug auf seiner Seite zu haben, um offener gegen den ihm verhaßten Frank Arnold und dessen Freund Farland etwas wagen zu können, fand aber nur gar zu bald, daß er umsonst auf die erkauften Freunde gerechnet habe und es war seine unerwartete schmähliche Niederlage in der öffentlichen Meinung, nicht aber der Verlust des Hundes, was ihn so gewaltig ergriffen hatte. Demohngeachtet blieb er weit davon entfernt, seine ehrsüchtigen herrschbegierigen Pläne aufzugeben, nach wenigen Tagen schon zeigte er sich wieder in der Stadt und 5 10 15 20 25 30 35 781FüNFtER BaNd • dREiuNdViERZigstEs KapitEl verfolgte abermals seinen früher eingeschlagenen Weg mit noch mehr Nachdruck und Entschlossenheit. Er sprach und scherzte laut über die Geschichte mit dem Hunde, sagte, daß Farlands Guard ebenso, wie sein Herr es verstehe, hinterlistig einen Vortheil über seinen Gegner zu gewinnen und bemerkte, daß überhaupt nur hierin die Tugenden der Frontierleute beständen. Auch ritt er im Lande umher und sammelte bei irgend einem Trinkhaus oder Kaufladen die Leute um sich, traktirte sie, hielt Reden und forderte sie auf, sich gelegentlich in der Noth an ihn und an Niemanden anders zu wenden. Namentlich deutete er an, daß er auch gern einem Freunde gegen Sicherheit ein Kapital borgen würde, wodurch er am schnellsten seinen Zweck zu erreichen hoffte, indem dann die Leute von ihm abhängig wurden und er nebenbei noch ein schönes Geschäft erzielte, denn zwanzig bis dreißig Procent Zinsen waren in solchen Fällen die gebräuchlichen. Er hatte bei allen den besseren Familien in der Stadt sowohl, als auch auf dem Lande, seine Gegner ausgenommen, mit seinen Damen Besuche abgestattet und in seiner Wohnung Jedermann mit Gastfreundschaft überhäuft. Seine größte Hoffnung aber, auf die er seinen Sieg gründen wollte, war Berenice, sobald sie sich in dem Salon des neuen Wohnhauses würde zeigen können. Er betrieb dessen Beendigung mit allen ihm zu Gebote stehenden Kräften und richtete dasselbe mit einer Pracht ein, wie sie in diesem Lande noch nicht gesehen worden war. Zugleich erstand eine schöne Einzäunung um den weiten Park, der das neue Haus umgab und die Anlagen in demselben führte Ralph mit größter Eile aus. Saubere Wege, Gebüschgruppen, Blummenbeete wurden angelegt, die herrlichsten blüthenbringenden Bäume wurden in möglichster Größe mit schwerem Kostenaufwand herbeigeschafft und gepflanzt und über dem Einfahrtsthor in der Einzäunung ward eine große Laterne angebracht. In den letzten Tagen des Jahres war endlich die Hauptarbeit beendet und die beiden Familien Norwood bezogen die neue Wohnung. Das von Holz erbaute Haus stand auf vier Fuß hohen Pfeilern, so daß die Luft frei darunter durchziehen konnte. Es hatte nur e i n 782 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Stockwerk und auf jeder der vier Seiten einen Eingang, zu welchem eine Treppe hinaufführte, auf deren Höhe vor der Thür ein geräumiger, mit zierlichem Geländer versehener Platz zum Sitzen hergerichtet war. Durch das Haus führten zwei breite Gänge, die in der Mitte sich kreuzten und das Innere des Gebäudes in vier gleiche Theile theilten. Eins dieser Viertel enthielt die Zimmer Eloisens und ihrer Tochter, in einem andern wohnte Tom mit seiner Frau und seinem Kind; denn dieselbe hatte ihn mit einer Tochter beschenkt, die Blanche genannt wurde. Zugleich war dort ein Zimmer für Ralph eingerichtet, der dies Haus nur als Absteigequartier benutzte, da er eigentlich auf der Plantage wohnte; im dritten Viertel befanden sich der Speisesaal und die Fremdenstuben und das vierte endlich war in einen sehr großen Saal und ein Kabinet abgetheilt. Die Wände und Decken der Zimmer waren sämmtlich mit blendend weißem Gyps überzogen und so blank polirt, daß man sich darin spiegeln konnte, die Fußböden waren sauber getäfelt und die geräumigen Kamine aus weißem Marmor erbaut. Kostbare Möbel und große Wandspiegel zierten die Räume, schwere seidene Vorhänge umgaben die hohen Fenster und zierlich gearbeitete Jalousien schützten diese gegen die einzelnen Sonnenstrahlen, die sich durch das dichte Laub der kolossalen immergrünen Bäume, welche das Haus umstanden, zu stehlen vermochten. Sein Hauptaugenmerk hatte Ralph auf den Saal verwandt und hier war aller Glanz und Luxus vereinigt. Ein prächtiger Kronleuchter paradirte unter der hohen Decke, silberne Armleuchter prangten an den glatten Wänden, die roth damastenen Vorhänge wurden durch schwere goldene Litzen und Troddeln zurückgehalten, eine kostbare Uhr mit bronzenen Figuren, und zu ihren Seiten reiche Alabastervasen zierten das marmorne Gesimse über dem Kamin, und ein prachtvoller Wiener Flügel nebst der herrlichen Harfe Berenicens stand an der langen Wand, gegenüber dem schön geschwungenen roth seidenen Sopha. Ueber diesem hing ein gro- ßes, von Meisterhand geschaffenes Oelbild in breitem wundervoll verziertem goldenem Rahmen, welches Berenice in Lebensgröße zeigte. Wohl hatte es der Künstler verstanden, bei der Darstellung dieses Meisterwerks der Schöpfung mehr den Ausdruck der geistigen Schönheit als den des reizenden Körpers hervorzuheben, und 5 10 15 20 25 30 35 783FüNFtER BaNd • dREiuNdViERZigstEs KapitEl er hatte treulich die seelenvolle Hoheit, die Anmuth und Bescheidenheit in Berenicens Blick gelegt, durch welche derselbe einen so mächtigen Zauber über Jedermann ausübte. Das weiße luftige Gewand, das sie umwogte, verschwamm mit dem dunkeln Hintergrund wie ein Nebelhauch und gab ihrer Gestalt etwas Feenähnliches, während alles Licht, alle Kraft, alle Bestimmtheit des Bildes in ihren Augen zusammenströmte. Der so lange von Ralph ersehnte Tag, an welchem Berenice zum Erstenmale Abends in dem Salon erscheinen und die Freunde des Hauses dort mit ihrer Gegenwart beglücken sollte, war endlich gekommen, und noch hatte die Dunkelheit der einbrechenden Nacht die Dämmerung nicht ganz verdrängt, als schon der Kronleuchter und die Chandeliers des Saales im Scheine ihrer Lichter zu blitzen begannen, vor der Treppe des Hauses, zu welcher der breite Fahrweg durch den Park führte, zwei ungeheuere Fackeln ihr rothes Licht weithin auf die Umgebung des Hauses warfen und die gro- ße hellerleuchtete Laterne über dem Einfahrtsthor am Ende des Parkes den eingeladenen herannahenden Gästen »Willkommen« zuwinkte. Auch der mit Teppichen belegte breite Kreuzgang im Hause war glänzend beleuchtet, mit weichen Divans versehen und der offenen Saalthür gegenüber war der Eingang zu dem Speisesaal geöffnet, wo die köstlichsten Erfrischungen aufgestellt waren. Die Räume füllten sich schnell mit Gästen, Ralph bewillkommnete dieselben beim Eintritt in den Saal und Eloise mit Berenice harrten ihrer in der Mitte desselben, um sie auf ’s Freundlichste zu empfangen und zu begrüßen. Berenice war genau so gekleidet, wie sie auf dem Bild erschien und auch die weiße Rose fehlte nicht in ihrem Haar. Es war ihre Lieblingsblume, welche schon in Florida allgemein den Namen Berenice-Rose getragen und wovon sie mit großer Sorgsamkeit mehrere kräftige Pflanzen mit hierhergebracht hatte. Zwischen der großen Zahl junger Mädchen, die sich unter den, nahe an zweihundert anwesenden Gästen befanden, sah man viele ausgezeichnete Schönheiten, neben Berenice aber verblichen sie, wie die Sterne vor dem rosigen heitern Morgen. Eine Königin in ihrem Reiche, bewegte sie sich in der sehr gemischten Menge, war freundlich und huldreich gegen Jedermann und zog alle Aufmerksamkeit, alle Herzen zu sich hin. Man drängte sich in 784 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ihre Nähe, man wollte selbst, wenn auch nur wenige Worte mit ihr reden, um den Zauber ihrer Augen einen Augenblick auf sich zu lenken, um ihr süßes Lächeln zu empfangen und dem lieblichen melodischen Klang ihrer Stimme zu lauschen. Zum Erstenmale seit langer Zeit sah sich Berenice wieder von einer so großen Gesellschaft bewundert, verehrt, ja angebetet, deren Freude und glückspendende Sonne sie war, und ihre glänzende strahlende Erscheinung zeigte deutlich, daß sie das Festliche des Augenblicks fühlte und sich ihm hingab. Dennoch aber fehlte ihr Etwas, was zu ihr gehörte, sie versank wiederholt in Gedanken und man mußte sie zweimal Etwas fragen, ehe sie die richtige Antwort gab. In solchen Augenblicken war sie im Geist unter jenem Pflaumenbaum auf der Höhe und Farland sprach zu ihr. Ward sie dann zu der Gegenwart zurückgerufen und wieder in den Strom der Unterhaltung gezogen, so fühlte sie sich beengt und unruhig, sie mußte oft tief Athem holen, sie fand es so heiß im Zimmer und auf ihren Wangen erglühte ein scharf begrenztes blühendes Roth. Die glänzende Umgebung und die große Auszeichnung, die ihr von allen Seiten gezollt wurde, gab sie immer bald dem Feste wieder, ihre Unruhe aber und Beklommenheit nahm zu, und wiederholt hatte sie schon diese und jene junge Dame gefragt, ob sie es nicht sehr warm finde, man hatte ihr aber versichert, daß dies keineswegs der Fall sei. Ralph stand, ein triumphirender stiller Beobachter, neben dem Kamin und hielt während der Unterhaltung, die er mit einigen Nachbarn pflog, seinen Blick auf die Menge gerichtet, die sich um Berenice drängte. Jetzt bat man sie dringend, Etwas auf dem Flügel, oder auf der Harfe vorzutragen. Sie suchte es abzulehnen und entschuldigte sich damit, daß der Arzt es ihr untersagt habe, wobei Eloise ihr zu Hülfe kam, ihre Aussage bestätigte und bat, diesmal nicht weiter darauf bestehen zu wollen. Ralph aber hatte schon lange darauf gewartet, diesen Wunsch laut werden zu hören, denn in Berenicens Spiel und Gesang sah er eine seiner mächtigsten Waffen. Rasch drängte er sich zu ihr hin, sagte ihr im Vorübergehen, er hoffe, sie werde sich doch so vielen Bitten nicht widersetzen wollen und trug die Harfe zu ihrem Sessel. 5 10 15 20 25 30 35 785FüNFtER BaNd • dREiuNdViERZigstEs KapitEl »Spiele, aber singe nicht, Berenice,« flüsterte ihr Eloise mit angstvoller Stimme zu, während Jene die Harfe zu sich heranzog und deren Saiten einige volle rauschende Accorde entlockte. Dann spielte sie zum Entzücken der Gesellschaft mehrere Nationalmelodien mit größter Meisterschaft und empfing dagegen den allerstürmischsten Beifall. »Nur e i n kleines Lied, theuerste Berenice!« sagte Ralph mit lauter Stimme, nachdem sie das Spiel beendigt hatte, und Alles stimmte in die Bitte mit ein. Eloise eiferte dagegen und Berenice zögerte, doch Ralph bat wieder mit einem Ton, in welchem mehr Befehl, als Bitte lag. Berenice sang und erntete abermals den unbegrenztesten Beifall. Ralph selbst dankte ihr mit artigen schmeichelnden Worten und trug das Instrument wieder an seinen Platz zurück. Jetzt führten die jungen Männer die Damen nach dem Speisesaal, nicht, um mit ihnen zugleich sich dort zu erquicken, sondern nur, um sie zu bedienen. Berenice benutzte diesen Augenblick, sich aus dem Gedränge zu entfernen, denn es schien ihr, als müsse sie zwischen den vielen Menschen ersticken. Sie schlich sich in ihr Zimmer und sank dort auf das Sopha nieder, Eloise jedoch folgte ihr auf dem Fuße nach. »Du fühlst Dich doch nicht unwohl, Berenice?« fragte sie dieselbe mit augenscheinlicher Besorgniß. »Nein, beste Mutter, es ist mir aber nicht möglich, länger unter den vielen Leuten zu verweilen, es war mir, als erdrückten sie mich. Ich fühlte mich so beklommen, so heiß – jetzt wird es mir besser,« antwortete Berenice und senkte ihre Lippen auf die Hand ihrer Mutter. »Du hättest nicht singen sollen, es greift Dich zu sehr an und Derjenige, der Dich dazu zwang, hat wieder eine schwere Verantwortlichkeit auf sich genommen. Du weißt, Doctor Stone in New- Orleans hat es Dir ausdrücklich verboten,« sagte Eloise mit leiser unsicherer Stimme und hielt ihren Blick auf ihre Tochter geheftet, als zähle sie deren Athemzüge. »Und Farland warnte mich vor großen Gesellschaften, in denen man mir viel Aufmerksamkeit schenke, er sagte, sie übten einen so 786 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 heftigen magnetischen Einfluß auf mich aus, der mich in eine, mir nachtheilige Aufregung versetze. Ich glaube er hat Recht gehabt,« flüsterte Berenice mit einem tiefen Athemzug, und bat dann Eva, die leise in das Zimmer getreten war, ihr ein Glas Limonade zu bringen. Die Damen waren aus dem Speisezimmer in den Saal zurückgekehrt und die Herren hatten an den reich besetzten Tafeln deren Stellen eingenommen, um sich nun gleichfalls an den köstlichen Speisen und Getränken zu laben, die ihr freigebiger Wirth ihnen hier zur Verfügung gestellt hatte. Während dieser Zeit herrschte nur e i n e Unterhaltung, und zwar die über Berenicens Spiel und Gesang. Ihr Lob ging von Mund zu Mund, es wurden ihr Toaste gebracht und laut wünschte man Ralph Glück zu dem beneidenswerthen Besitz einer solchen Tochter. Das Wort Tochter erklang in Ralph’s Ohr fast wie Spott, die freundlichen Gesinnungen aber, die ihm Berenice unter seinen Gästen erworben hatte, erstickten den gährenden Gifttropfen, der wieder in seinem Herzen zu brennen begann. In dem Saal, wo man sich nach und nach wieder versammelte, wurde Berenice vermißt und Ralph sandte einen der Diener nach ihrem Zimmer und ließ ihr sagen, daß man ihre Gegenwart wünsche. Eloise erschien statt ihrer und bemerkte, daß ihre Tochter starkes Herzklopfen bekommen habe und sich entschuldigen lasse, Ralph aber warf ihr einen finstern Blick zu und sagte laut zu ihr: »Es war etwas warm hier im Saal, jetzt aber hat es sich abgekühlt; sage Berenice, daß es angenehm hier sei und daß man mit Verlangen auf sie warte.« Dabei blitzten seine Augen und jenes Lächeln schwebte um seine Lippen, welches Eloisen so oftmals in Schrecken und Furcht versetzt hatte. Sie verließ den Saal und kam bald darauf, von ihrer Tochter begleitet, in denselben zurück. Berenicens Wangen glühten und auf ihren Augen lag ein unnatürlicher Glanz, denn es fehlte ihnen der Ausdruck der Freude, der glücklichen Begeisterung, die jenes Leuchten in ihnen hervorzurufen pflegte. Wie ein Opfer, das zum Altar geführt wird, nahm sie im Sopha Platz und begegnete wiederholt mit einem Blick des Vorwurfs dem General Norwood, auf dessen Befehl sie wieder erschienen war. 5 10 15 20 25 30 35 787FüNFtER BaNd • dREiuNdViERZigstEs KapitEl Die Heiterkeit verschwand aus dem Saal, denn Berenicens freundlicher Blick, der sie erzeugte, hatte sich umwölkt und seine Gluth schien eine nahende Gefahr zu verkünden. Man brach auf, dankte für den wundervollen Abend, empfahl sich Eloisen und Berenicen und versicherte Ralph Freundschaft und Anhänglichkeit. Die Lichter erloschen, man hatte sich zur Ruhe begeben und einige Stunden lang war die Stille der Nacht durch Nichts gestört, als es plötzlich in Berenicens Gemach hell wurde und Eloise und Eva zu deren Lager eilten. Berenicens altes Leiden hatte sich wieder eingestellt, ein Blutsturz hatte sie befallen. Die Hülferufe der unglücklichen Mutter und der Sclavin weckten alle Schläfer im Hause und auch Ralph erschien vor der Thür der Kranken. Eloise stürzte auf ihn zu und flehte ihn an, Farland zur Hülfe zu rufen. Ralph aber schwur, daß er lieber den Tod, als Diesen in seinem Hause sehen werde und sandte schnell Eilboten nach zwei Aerzten ab, die in C.... wohnten. Die früher angewandten Mittel wurden benutzt und für kurze Zeit schienen sie dem Uebel Einhalt zu thun, dann aber trat dasselbe um so heftiger wieder auf und Berenicens Kräfte sanken immer mehr. Mit dem anbrechenden Tag erschienen endlich die sehnlichst erwarteten Aerzte. Sie erklärten Berenicens Leben in der größten Gefahr, ließen sie sogar, um die Blutung zu stillen, noch zur Ader, wandten Mittel über Mittel an, alle aber halfen nur für kurze Zeit. So verstrich der Morgen und der Tag, ja die Sonne senkte sich schon nach den westlichen Gebirgen hinab, als die beiden Aerzte der unglücklichen Mutter erklärten, daß es keine Rettung für Berenice gäbe und daß dieselbe in wenigen Stunden ausgelitten haben werde. Ralph hatte Zeit gehabt, über die Größe des ihm drohenden Verlustes nachzudenken und sein selbstsüchtiges Interesse gewann mehr und mehr die Oberhand über seine Abneigung gegen Farland; dennoch konnte er sich nicht entschließen, ihn um Hülfe anzusprechen. Da trat Eloise mit den Aerzten zu ihm in sein Zimmer, theilte ihm mit, daß beide Herren ihre Tochter für unrettbar ver- 788 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 loren hielten und sagte ihm mit einer Ruhe, die nur Verzweiflung ihr eingab, daß sie Eva zu Farland geschickt habe und dieser ihre Tochter behandeln solle, wenn er sie noch am Leben träfe. Ralph’s Schweigen galt für seine zustimmende Antwort, Eloise war aber entschlossen gewesen, auch gegen seinen Willen, koste es, was es wolle, Farland zu ihrer Tochter zu führen. Dieser saß eben tief in Gedanken versunken unter der Veranda vor seinem Hause und ließ seinen Blick ziellos über die weite Prairie schweifen, die in dem rothglühenden Lichte der sinkenden Sonne vor ihm ausgebreitet lag. Heute war sein Geburtstag und er hatte sich in seiner Erinnerung zu seinen Freunden nach Deutschland versetzt, mit denen er diesen Tag in nun schon lange vergangenen Jahren oft so froh und freudig begangen hatte. Er gedachte der unverwüstlich heiteren Laune, des sorglosen, mit Jugendkraft übersprudelnden Geistes, der ihn damals beseelt hatte und warf dann einen Blick auf den Ernst, der jetzt fast stets sein Begleiter war. Plötzlich wurde seine Aufmerksamkeit von diesen Gedanken durch einen Punkt abgezogen, der sich aus der Ferne der Prairie schnell näherte. Es war Jemand zu Pferd, der in fliegender Carriere seinem Hause zueilte. Farland sprang auf, holte das Fernglas aus dem Hause und hob es vor sein Auge. Er schreckte zusammen, blickte nochmals durch das Glas und rannte dann in das Haus nach dessen hinterer Thür, von wo er dem Negerburschen zuschrie, seinen Hengst sofort zu satteln. Er hatte die Isabelle Berenicens und auf ihrem Rücken die treue Eva erkannt. Was geschehen war, lag wie in einem Spiegel vor seinem Geiste, er eilte in das Zimmer, in welchem sich seine Apotheke befand, füllte seine Pistolenholftern mit Phiolen, Schachteln mit Pulver und Kräutern und trat dann wieder hinaus unter die Veranda, denn Eva konnte jetzt nicht mehr fern sein. In diesem Augenblick sprengte dieselbe auf dem schaumbedeckten edeln Roß mit dem Ausruf vor die Einzäunung: »Herr, eile – Berenice liegt im Sterben!« warf sich von dem Pferd, hing dessen Zügel über das Spalier und stürzte im Augenblick nachher zu Farland’s Füßen nieder. 5 10 15 20 25 30 35 789FüNFtER BaNd • dREiuNdViERZigstEs KapitEl »Rette, – rette meine junge Herrin, rette sie vom Tode, ihr Leben gehörte Dir, Herr!« schrie die Sclavin in ihrer Verzweiflung und umklammerte die Knie Farlands. »Sie hat einen Blutsturz gehabt?« fragte Dieser mit bebender Stimme, indem er Eva aufrichtete. »Ja, Herr, wiederholt, und das Leben schien sie verlassen zu wollen, als ich ihr Pferd bestieg. Eile, sonst kommst Du zu spät,« antwortete die Dienerin flehend, als Farlands Roß im Trabe vorgeführt ward. Er warf die Pistolenholftern und die gewirkte mexicanische wollene Decke über dessen Sattel, schwang sich in denselben hinein und sprengte der Prairie zu, während Eva, die auch ihr Pferd bestiegen hatte, ihm in fliegendem Laufe folgte. Seit der Zeit, wo ihn der Hengst oftmals vor feindlichen Indianerschaaren rettend davon getragen, hatte derselbe so weit nicht auszugreifen brauchen, er fühlte die scharfen Sporen seines Herrn fest in seine Flanken gedrückt und es schien, als wüßte er, daß es sich bei diesem Lauf um ein Leben handele. Kaum berührte das edele alte Thier den Boden, seine Nüstern glühten und Schweif und Mähne wehten, wie im Sturmwind. Meile auf Meile blieb zurück, die Bauminseln der Prairie schienen an Farland vorüberzufliegen, und in kaum einer Viertelstunde hatte derselbe die vier Meilen bis zu der neuen rohen Straße zurückgelegt, die zu Ralph’s Niederlassung führte. Sie hielt aber den Hengst nicht in seinem Sturmlauf auf, kein Baumstumpf, kein Stein, kein Graben war ein Hinderniß für des Thieres sichere Hufe und nach wenigen Minuten sah sein Reiter das große prächtige Gebäude Norwoods zwischen den immergrünen Bäumen des Parks hervorglänzen. Das Einfahrtsthor war weit geöffnet, die Hufschläge des flüchtigen Hengstes schallten zu dem Hause hinan und Eloise erschien auf der hohen Treppe und ließ, die Hände ringend, ihr Tuch Farland entgegenwehen. »Einen Neger für mein Pferd!« rief er Eloisen zu, indem er, von demselben abspringend, die Pistolenholftern über seinen Arm warf und die zusammengefaltete Decke über das schweißtriefende Thier ausbreitete. Ein schwarzer Diener sprang herzu, Farland übergab ihm den Hengst, befahl ihm, denselben eine Stunde lang um das Haus herum zn führen, und sprang nun die Treppe hinauf 790 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 zu Eloisen, die schluchzend, aber ohne Worte, mit beiden Händen seine Rechte ergriff und ihn in den Corridor führte. In der Mitte des Kreuzganges stand Ralph mit den beiden Aerzten und Ersterer trat mit den Worten auf Farland zu: »In der Noth lernt man Ehrenmänner kennen, Herr Farland, Sie haben mir an Ihnen begangenes großes Unrecht vergeben.« Hiermit reichte er ihm die Hand, die Dieser in der seinigen empfing, ohne darauf eine Antwort zu ertheilen. Auch gegen die beiden Aerzte verneigte er sich nur in dem Augenblick, als er mit Eloisen an ihnen vorüber nach dem Krankenzimmer schritt, da dieselben indessen ihm auf dem Fuße folgten, so blieb er vor der Thür stehen und sagte zu ihnen, indem er Eloisen mit einem Blick zur Zeugin aufforderte: »Meine Herren, wie ich höre, haben Sie die Erklärung abgegeben, daß die Kranke nicht gerettet werden kann, weshalb ich glaube, daß Ihre Dienste bei derselben ihr Ende erreicht haben. Erlauben Sie mir, daß ich ungestört und allein bei ihr sein darf, um meine Ansicht über ihren Zustand festzustellen.« Mit diesen Worten verbeugte er sich nochmals nach den Aerzten hin, trat mit Eloisen in das Zimmer und schloß die Thür. Die Sonne warf ihren letzten Blick auf die großen Fenster des Gemaches, und in dem Augenblick, in welchem Farland sich nach dem Lager der Kranken wandte, fiel ein goldener Lichtstrahl über ihr Lager und beleuchtete die Züge Berenicens. Wie ein entschlafener Engel ruhte sie, die Hände auf ihrer Brust gefaltet, die langbewimperten gewölbten Augenlider geschlossen, die bleichen Lippen wenig geöffnet und die reiche Lockenfülle ihres Haares zu beiden Seiten auf dem blendend weißen Kissen ausgebreitet. Farland hielt, von dem schönen traurigen Bild gefesselt, seinen Schritt einen Augenblick an, und die Frage warf sich ihm unwillkürlich auf, ob er ein Recht dazu habe, diesen Engel aus seiner himmlischen Heimath wieder in dies Leben voll Mängel zurückzurufen. Dann fiel ihm sein Geburtstag ein, es überkam ihn ein Gefühl, als sei ihm heute eine Bitte mehr an sein Geschick vergönnt, als gewöhnlich. Berenice zog ihn zu sich hin, er wußte, er fühlte es, 5 10 15 20 25 30 35 791FüNFtER BaNd • dREiuNdViERZigstEs KapitEl er könne ihr helfen; rasch schritt er auf dem weichen Teppich zu ihrem Lager und legte seine Finger an ihren Arm. Er fand keinen Puls, ihre Hand war kalt und ihr Busen ohne Regung. Schnell trat er an das Fenster, legte die mitgebrachten Medicamente aus dem Holfter auf den Tisch und kehrte mit einer Phiole in der Hand zu Berenicen zurück. Er flößte ihr einige Tropfen von deren Inhalt in den Mund und blieb dann, mit ihrer Hand in der seinigen, seine Augen auf ihr Antlitz geheftet, unbeweglich neben ihr stehen. Die ganze Kraft seines Willens, seine ganze Seele lag in seinem Blick, es war ihm, als müsse sein eigenes Leben die engelsschöne Hülle wieder beleben, als müsse er ihren Geist gewaltsam der Ewigkeit entreißen. Er zählte die Secunden, die Minuten und eine Viertelstunde war verstrichen, Berenice blieb regungslos. Dennoch verließ ihn das Gefühl nicht, daß sie aus ihrem Todesschlummer erwachen müsse. Jetzt bemerkte er eine leise Bewegung unter seinem Finger, es war ihr Puls, noch einmal und wieder zuckte derselbe deutlich, schnell flößte Farland ihr abermals einige Tropfen aus der Phiole ein, wusch mit dem Inhalt eines andern Glases ihre Schläfe und ihre Stirn, der Puls wurde stärker, dessen Schläge wurden häufiger und Berenice begann wieder zu athmen. Mit einem innig dankbaren Blick nach Oben begrüßte er das wiederkehrende Leben des ihm theuern Mädchens und traf nun Anordnungen, deren Ausführung er Eloisen und Eva überließ, welche Letztere sich bald nach ihm im Zimmer eingefunden hatte. Dann ergriff er seinen Hut und verließ das Gemach, um nach seinem Pferde zu sehen. Dasselbe wieherte ihm von Weitem entgegen, und er verdoppelte seine Schritte, um dem treuen Thier durch Liebkosungen seinen Dank für den werthvollen Dienst zu bezeugen, den es ihm heute geleistet hatte. Er nahm ihm selbst Sattel und Zeug ab, welches er unter die Veranda legte, breitete seine eigene Decke wieder über des Pferdes Rücken und ging ihm nun nach dem Stalle voran, wo er ihm Maisblätter vorlegte und dann dem Neger die Weisung gab, daß er sein Roß selbst mit Allem zu versorgen wünsche. Bei seiner Rückkehr in das Krankenzimmer fand er Berenicens Lebensthätigkeit im Zunehmen, ihr Puls hatte sich gehoben und 792 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ihr Athmen wurde freier; erwacht war sie aber noch nicht wieder, der Schlaf schien sie umarmt zu halten, um sie neue Kräfte sammeln zu lassen. In ihrem an dies Gemach anstoßenden Wohnzimmer hatte Eva für Farland ein Abendessen aufgetragen und bat ihn, sich mit ihr dorthin zu begeben, während Eloise bei der Kranken verweilen wollte. Farland folgte der Aufforderung, um Berenice nun einer ganz ungestörten Ruhe zu überlassen. Ein heiliger Schauer umwehte ihn bei dem Eintritt in das, durch zwei, auf einem silbernen Armleuchter brennende Kerzen erleuchtete Zimmer, es war ihm, als sei Berenicens Geist mit ihm hier eingekehrt, als umschwebe derselbe ihn und heiße ihn willkommen; denn wohin er auch blickte, erkannte er den Schönheitssinn des geistreichen edeln Mädchens. Alles war wohlüberlegt und geschmackvoll geordnet, und jedes Einzelne stand mit dem Ganzen in einer wohlthuenden Harmonie. An den Wänden prangten mehrere vortreffliche Qelgemälde, auf der Console unter dem Spiegel standen einige reizende kleine Marmorstatuen, und dem prächtigen, reich gefüllten Bücherschrank gegenüber waren meisterhafte Zeichnungen und Aquarelle über dem Sopha aufgehangen. Farland sah in diesen augenblicklich die schaffende Hand Berenicens und trat ihnen näher, um sie genauer zu betrachten, als er in deren Mitte, in einem kleinen goldenen Rahmen unter Glas, ein getrocknetes Vergißmeinnicht gewahrte und in ihm dasselbe erkannte, welches er Berenicen durch den Hausirer zugesandt hatte. Der Anblick der Blume ergriff ihn tief, die zarte Aufmerksamkeit, womit das holde Mädchen diesen unbedeutenden Beweis seiner Zuneigung bewahrt hatte, berührte das Innerste seiner Seele und schloß die Banden noch fester um ihn, die ihn schon so unwiderstehlich an Berenicen fesselten. Der Tod aber drohte, dieselben zu zerreißen. Ein entsetzliches Angstgefühl übermannte ihn für einen Augenblick, er eilte zu der Schlummernden zurück, erfaßte ihre kraftlose Hand, und senkte, die Gegenwart Eloisens vergessend, seine Lippen auf sie nieder. Der vollere Puls, der jetzt in regelmäßigen Schlägen seinen Finger berührte, gab ihm die Hoffnung und das Vertrauen auf sich selbst zurück, Berenice mußte leben, ein ah- 5 10 15 20 25 30 35 793FüNFtER BaNd • dREiuNdViERZigstEs KapitEl nungsvolles Gefühl sagte ihm, daß er ihr von seiner eigenen Lebenskraft abgeben konnte. Er hielt ihre Hand fest in seiner Linken, hatte seine Rechte auf ihre Stirn gelegt und heftete seinen Blick eine Zeit lang unbeweglich auf ihre Augen, als könne er seine Seele durch dieselben mit der ihrigen vereinigen. Da hob Berenice die schweren Augenlider und, wie aus einem Traum erwachend, war ihr matter Blick auf Farland gerichtet, als besinne sie sich, wer er sei. Von Secunde zu Secunde aber belebten sich ihre dunkeln Augen mehr, ein Ausdruck seelenvoller Innigkeit zeigte sich in ihnen und ein wehmüthiges Lächeln umspielte die Lippen der Wiedererwachten. Sie hatte Farland erkannt und mit einem tiefen Athemzug und leisem Druck ihrer Hand dankte sie ihm für seine Hülfe. »Reden Sie nicht, Theuerste, geben Sie sich möglichster Ruhe hin, die Gefahr ist vorüber und recht bald werden Sie sich erholen,« sagte Farland mit seligem Entzücken und trat von dem Lager zurück, um der glücklichen Mutter Raum zu geben, die Berenicens Hand jetzt mit Küssen und Freudenthränen bedeckte. Farland reichte nun der Kranken Arznei, wies Eloisen an, ihr kühlende Umschläge zu machen und sagte zu Berenice: »Ein sanfter Schlummer möge Sie nun erquicken, ich werde für Sie wachen.« Dann kehrte er in Berenicens Wohnzimmer zurück. Mit dem Ablauf jeder Stunde trat er zu dem Lager der Kranken, um sich von ihrem Zustand zu überzeugen und ihr selbst die Arznei zu geben; Eva hatte während der ganzen Nacht nicht einmal nöthig, ihn zu erinnern, daß die Stunde verstrichen sei. Die Zwischenzeit brachte er auf Berenicens Sopha zu, nicht wachend und auch nicht schlafend, aber träumend, träumend von dem himmlisch süßen Wesen, in dessen Heiligthum er sich befand, und mit dem er sein eigenes Leben zu theilen vom Grund seiner Seele bereit war. Der milde Schein einer Ampel hatte den der Kerzen ersetzt und das matte Licht, welches durch das Gemach zitterte, war den Phantasiebildern Farlands günstig, bald sah er Berenice, an ihrem Nähtischchen sitzend, vor sich, bald erblickte er sie, mit Pinsel und Palette in der Hand über einer Zeichnung niedergebeugt, und dann 794 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 erschien sie neben ihm im Sopha und hielt ihren Zauberblick auf ihn geheftet. Immer sah er sie in dem prächtig dunkelrothen chinesischen seidenen Shawl, der damals um ihre Schultern hing, als er ihr zum erstenmal begegnet war. Das neidische Licht des nahenden Morgens raubte ihm diese süßen Träumereien seiner regen Einbildungskraft, doch um so schöner zeigte es ihm die Göttin, die sie hervorgezaubert hatte. Berenice schlummerte sanft, ihr Puls war voll, doch blieb er ruhig und mit jubelndem Herzen begrüßte Farland den neuen Tag. Er eilte hinaus, in die frische Morgenluft, das Glück, welches ihn beseelte, war zu groß, zu unbegrenzt für den engen Raum eines Zimmers, er mußte es der erwachenden Natur mittheilen, er mußte dem Walde, dem er so manches Leid geklagt hatte, seine Freude, seine Seligkeit verkünden. Mit überströmendem Herzen wandelte er durch die zum Himmel aufstrebenden immergrünen Bäume und sah mit dankbarem, Hoffnung strahlendem Blick in das Morgenroth hinein. Die Vögel sangen lauter und fröhlicher, die Perlen des Thaues blitzten heller als sonst, und die ganze Schöpfung schien ihm Theil an seinem Glück zu nehmen. Den Tag verbrachte Berenice gleichfalls größtentheils schlafend und sie schien nur zu erwachen, um Farland in einem Blick die Gefühle lesen zu lassen, die in ihrer Brust für ihn lebten und das Glück ihrer Mutter noch durch ein wonniges Lächeln zu erhöhen. Auch die treue Eva ging dabei nicht leer aus, Berenice winkte derselben mit den Augen, ihr die Hand zu geben, welche die Sclavin dann immer noch an ihre Lippen gedrückt hielt, wenn ihre junge Herrin schon lange wieder in Schlaf gesunken war. Die nächste Nacht verbrachte Farland abermals auf Berenicens Sopha und an dem darauf folgenden Tag fand er sie so sehr gekräftigt und ihren Zustand so beruhigend, daß er sie um die Erlaubniß bat, sich auf einige Stunden nach seinem Wohnsitz zu begeben, um zu sehen, ob seine Gegenwart dort nöthig sei. Mit einem bittenden süßen Lächeln und einem Händedruck beantwortete sie seine Anfrage, und ehe er es verhindern konnte, küßte ihm Eloise unter Freudenthränen die Hand. Er ließ die genauesten Bestimmungen für Berenicens Behandlung zurück, untersagte ihr ausdrücklich, zu reden, versprach, noch 5 10 15 20 25 30 35 795FüNFtER BaNd • dREiuNdViERZigstEs KapitEl vor Sonnenuntergang zurückzukehren, und eilte dann nach seiner Wohnung, wo ihn vielerlei Geschäfte erwarteten. Tagtäglich mußte ihn sein Pferd nun Morgens nach seiner eigenen Behausung und Abends zurück zu Norwoods Wohnsitz tragen, bis nach einigen Wochen Berenice sich so sehr erholt hatte, daß er sie Nachts der Pflege ihrer Mutter überlassen konnte, indem sich auch zu dieser Zeit kein fieberhafter Zustand mehr einstellte. Demohngeachtet besuchte sie Farland täglich, in der Regel des Morgens, oft aber auch Abends, wie es gerade seine Zeit am besten gestattete und sein Glück steigerte sich von Tag zu Tag mit der rasch fortschreitenden Genesung des theuern Mädchens. 796 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 44. Die Plantage. – Der herzlose Bruder. – Die Ahnung. – Die Reconvalescentin. – Die Liebe. – Hohes Glück. – Der Segen. – Der Pflaumenbaum. – Die Somnambüle. – Die Bitte. – Eigennutz. – Die Genesene. – Der Brillant. – Das Fest. – Die Ueberreichung. Ralph war Farland während der ganzen Zeit nur einmal be-gegnet, wie es schien, absichtlich, um ihm für die Rettung Berenicens zu danken. Er hielt sich jetzt größtentheils an der andern Seite des Stromes auf, wo er die Baumwollenplantage anlegte und wohin sein Sohn Tom nebst Frau und Kind übergesiedelt war, um die Arbeiten der Sclaven zu überwachen. Der Riesenwald fiel dort von den Aexten der vielen Neger, ungeheuere Felder erstanden, und die Negerhütten waren in einem Halbzirkel aufgeschlagen, vor dessen Oeffnung Ralph die Blockhäuser, die ihm zur Wohnung dienen sollten, erbaut hatte. Eine hohe Einzäunung umgab sämmtliche Gebäude, innerhalb welcher des Nachts böse Wachthunde von ihren Ketten gelöst wurden. Tom kam beinahe gar nicht mehr herüber zu seiner Mutter und Schwester; das große Kapital, welches in den Negern lag und welches durch deren Arbeit verzinst werden mußte, hielt ihn in deren Nähe; er erblickte darin sein alleiniges Eigenthum, denn daß Berenice einst Miterbin werden würde, machte ihm keine Sorge mehr, er sah sie als dem Tode verfallen an. Ralph jedoch kam beinahe jeden Morgen herüber geritten, begab sich dann auch häufig in die Stadt und kehrte regelmäßig Abends wieder nach der Plantage zurück. Dennoch sah ihn Farland selten bei seinen Besuchen 5 10 15 20 25 30 35 797FüNFtER BaNd • ViERuNdViERZigstEs KapitEl und dann nur auf Augenblicke, das Zusammentreffen mit ihm war Ralph augenscheinlich peinigend und er suchte sich stets in einer höflichen Weise bald von ihm zu entfernen. Berenice hatte immer noch das Bett nicht verlassen dürfen, so sehr sie auch danach verlangte, doch hatte Farland ihr das Versprechen gegeben, daß es bald geschehen solle. »Berenice hat mir wieder, wie schon früher mehrere Male, lange Zeit, ehe Sie unsern neuen Weg erreicht haben konnten, gesagt, daß Sie nun bald hier sein würden. Sie weiß es allemal vorher,« sagte Eloise eines Morgens, als Farland in das Zimmer trat, und zeigte lächelnd auf ihre Tochter, die Jenem ihre schöne Hand zum Gruß entgegenhielt. »Sie wissen recht wohl, theuere Berenice, daß der Gedanke an Sie mir Morgens nicht lange Ruhe zu Hause läßt und daß nur eine nicht zu vermeidende Abhaltung mein Erscheinen bei Ihnen über diese Stunde hinaus verschieben kann,« sagte Farland in Antwort auf Eloisens Bemerkung, indem er zu Berenicen trat und ihre Hand in die seinige nahm. »Nein, auch wenn Sie zu einer andern ungewöhnlichen Zeit kamen, hat es Berenice lange vorher gewußt; sie sagt, sie sähe Sie kommen und sie fühle es deutlich,« bemerkte Eloise und strich mit glücklichem Lächeln das schöne Haar von ihrer Tochter Stirn zurück. Farland schien der Bemerkung keine Aufmerksamkeit schenken zu wollen, dennoch hatte er sie ernst aufgefaßt und sah Berenice einen Augenblick forschend an. Dieser aber war sein sinnender Blick nicht entgangen, sie schaute mit einem Ausdruck unnennbarer Innigkeit zu ihm auf und sagte: »Kann es denn wohl anders sein, ist mein Leben nicht ein Theil des Ihrigen?« Farland brach das Gespräch ab, obgleich er an der Wahrheit nicht zweifelte, daß Berenicens vorherrschender innerer Sinn sein Annäheren erkannt hatte. Es war ihm auch oft aufgefallen, daß sie, in Zeiten, wo sie sich sehr krank, sehr leidend fühlte, sobald er ihre Hand erfaßte, ja, schon wenn er zu ihr in das Zimmer trat und ihrem Blick begegnete, einen heiteren Ausdruck annahm und erklärte, daß jetzt alles Unwohlfühlen von ihr gewichen sei. 798 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Farland mußte ihr heute zugestehen, daß sie am folgenden Tage ihr Lager verlassen und sich in ihr Wohnzimmer begeben dürfe. Er stellte aber die Bedingung, daß sie selbst bei dem Umzuge in keiner Weise, weder geistig noch körperlich thätig sein wolle, und daß außer ihrer Mutter und Eva Niemand, wer es auch sei, zu ihr eingelassen werde. Am nächsten Tage wurde Farland durch mehrere Nachbarn, die sich seinen Rath erbaten, in seiner Wohnung lange aufgehalten, so daß die Sonne schon niedrig stand, als er Norwoods Haus erreichte. Er schritt wie gewöhnlich, nicht von der Hauptallee, sondern von dem schmalen Weg her, der durch den Park nach dem Seiteneingang des Gebäudes führte, in den Corridor und ging nach der Thür von Berenicens Schlafzimmer, als Eloise mit freudestrahlendem Antlitz aus demselben hervortrat, seine Hand ergriff und zu ihm sagte: »Dem allmächtigen Gott und, nächst ihm, Ihnen sei es gedankt! Berenice hat das Krankenbett verlassen; sie ruht in ihrem Wohnzimmer auf dem Sopha. Ich glaube, daß sie wieder von Ihrem Kommen unterrichtet war, denn vor etwa zehn Minuten blickte sie auf die Uhr und ich konnte es auf ihren Zügen lesen, daß sie an Sie dachte. Gesehen und gehört kann dieselbe Sie nicht haben, da die Fenster ihres Zimmers nach der, Ihrem Weg entgegengesetzten Seite zeigen. Gehen Sie leise hinein und überzeugen Sie sich, ob sie gewußt, daß Sie kämen.« Hiermit deutete Eloise auf die Thür und ging dann nach dem andern Ende des Corridors. Farland war in das Schlafzimmer eingetreten und warf einen beseligten Blick auf das leere Lager Berenicens. Wie manche heiße inbrünstige Bitte hatte er an dessen Seite für das Leben der Theuern zum Himmel gesandt, wie manche Stunde der Nacht hatte er dort mit angsterfüllter Brust und schwerem Herzen gestanden und welch unbegrenztes Glück war ihm hier zu Theil geworden, als die Krankheit wich und Berenice sich erholte. Lautlosen Trittes erreichte Farland auf dem weichen Teppich die Thür von deren Wohnzimmer, er hatte den Griff derselben erfaßt und zögerte einen Augenblick, sie zu öffnen. Hatte es Berenice gewußt, daß er sich ihr nähere, oder nicht? das war die Frage, die ihn noch zurückhielt. 5 10 15 20 25 30 35 799FüNFtER BaNd • ViERuNdViERZigstEs KapitEl Leise drehte er den glänzenden Metallgriff, öffnete die Thür und, wie ein Engel aus den ewigen Gefilden der Vollkommenheit, stand Berenice vor ihm und hielt ihm mit einem himmlischen Lächeln ihre geöffneten Arme entgegen. Unbewußt und in seliger Wonne dieser Welt entrückt, sanken sie sich in die Arme, ihre Herzen schlugen zusammen, ihre Freudenthränen mischten sich und ihre Seelen waren in e i n e vereinigt. Lange Zeit hielt Farland, von der unverhofften Seligkeit überwältigt, regunglos das theuere Mädchen fest umschlossen an seiner Brust, ehe ein ausgesprochenes Wort sie Beide dieser Welt wiedergab. Berenice, ihrer unbegrenzten Liebe hingegeben, fühlte, sie habe ihren höchsten irdischen Wunsch erreicht und Farland konnte das himmlische Wesen, welches er umschlungen hielt, nicht von sich lassen. »Meine ewig, einzig geliebte Berenice, wie endlos glücklich machst Du mich!« brach Farland zuerst das beseligende Schweigen und begegnete wonnetrunken dem in Liebe ersterbenden Blick des angebeteten Mädchens. »Mein Leben, Farland, ist Dein Eigenthum, ich athme, ich fühle, ich denke nur durch Dich, unsere Seelen sind Eins und der irdische Raum, der sich zwischen unsere Körper drängen mag, kann sie nicht von einander trennen. Ich bin bei Dir gewesen, wo Du auch weiltest, und habe Dich auch eben auf Deinem Wege hierher begleitet. Dir gehöre ich an, mit Leib und Seele.« Mit diesen Worten sank Berenice abermals an Farlands Brust und in langem innigem Kusse vergaßen Beide, daß solch ein Gipfel des Glücks in dieser Welt nicht dauernd sein dürfe. »O, Du mein Alles!« sagte Farland im Uebermaße seiner Gefühle, »wird meine Liebe, mein Wille, mein Leben hinreichen, Dich glücklich zu machen?« »Bin ich es nicht schon vollkommen – ist jemals ein Erdenkind glücklicher gewesen?« antwortete Berenice und schmiegte sich fester an Farland, der sie in seinem Arm langsam nach dem Sopha geleitete und sich mit ihr in demselben niederließ. Hier gaben sie den Gefühlen ihrer, in inniger Liebe erglühten Herzen Ausdruck, sie gedachten nicht allein der Gegenwart, sie be- 800 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 redeten auch ihre Zukunft und tauschten die Versicherungen ewiger unwandelbarer Liebe und Treue aus. Berenice übernahm es, ihr beiderseitiges Glück ihrer Mutter mitzutheilen, doch Ralphs Name ward nicht genannt. Die Sonne warf ihren letzten Blick, wie zum Glückwunsch für die beiden Liebenden durch die klaren Fensterscheiben und ihr Strahl fiel auf das Vergißmeinnicht an der Wand über dem Sopha. »Bei diesem Blümchen hatten wir uns schon Liebe geschworen,« sagte Berenice zu Farland, als dieser zugleich mit ihr dem Sonnenstrahl folgte und den Blick auf das Vergißmeinnicht heftete, und fügte dann noch mit wehmüthiger Betonung hinzu: »Das arme Blümchen, es hat für seinen Liebesdienst sterben müssen; für immer soll es aber ein stummer Zeuge unseres Bundes bleiben.« Jetzt stieg die Sonne in ihr Gluthenbett hinab, der wolkenlose, in Feuerlicht schwimmende westliche Himmel färbte sich tiefer und röther, bis nur noch ein blutrother Streif über dem dunkeln Purpur der fernen Gebirge den Fleck bezeichnete, wo das Gestirn versunken war. In dem Gemach der beiden Glücklichen war es düster geworden, doch ihre Worte bedurften der Wärme der Sonne nicht und ihre Blicke konnten deren Glanz entbehren. Die Nacht brach ein, als der überglückliche Farland sich von der heiß geliebten, der angebeteten süßen Berenice losriß und zum Abschied noch in der Thür des Zimmers ihre schönen Lippen mit den seinigen berührte. »Komm Morgen gegen Abend, Geliebter, dann triffst Du mich mit der Mutter allein,« sagte sie beim Scheiden. Farland trat, wie in einem Traume aus dem Corridor in die Dunkelheit hinaus und bestieg sein Pferd. Das Glück, das ihm an diesen Abend zu Theil geworden war, machte ihn trunken, es war zu groß, zu unübersehbar, als daß seine Gedanken es hätten fassen können, er glaubte, Berenice im Arm zu halten, so lebhaft hielt seine glühende Phantasie ihr Engelsbild fest, er meinte, er drückte sie an sein Herz, er sah in ihre wunderbar schönen Augen, er hörte ihre süße Stimme und gewahrte nicht, daß er einsam und langsam durch die weite nachtbedeckte Prairie zog. 5 10 15 20 25 30 35 801FüNFtER BaNd • ViERuNdViERZigstEs KapitEl Der laute Willkommen Guards weckte ihn aus seinem seligen Traume, das Roß ward ihm abgenommen, der alte Hund sprang jubelnd an ihm in die Höhe und die Quadrone leuchtete ihm in das Zimmer. Farland hatte keine Worte. Er dankte für das Abendbrod, welches die Sclavin ihm bot, verabschiedete diese aus seinem Gemach und verschloß die Thür. Er mußte allein sein, um sich sammeln, um das Geschehene in seinen Gedanken aufnehmen und ordnen zu können. Bald schritt er mit verschränkten Armen in dem großen Zimmer auf und ab, bald blieb er gedankenvoll stehen und schaute vor sich nieder, bald setzte er sich in den Armstuhl vor das lustig flackernde Kaminfeuer, seinem Glück aber konnte er keine Grenzen abgewinnen, um dessen Tragweite zu erkennen. Nur e i n bestimmter Gedanke drängte sich stärker und gewaltsamer in seine wonnetrunkene Seele und um denselben her wurde es ernster. Es war der Gedanke an den Gesundheitszustand der Geliebten, und an die Frage, ob sie sich jemals so vollkommen wieder erholen würde, daß er sie zu seiner Gattin machen dürfe? Herbe Schicksale und Leiden hatten die beglückende Schwäche, Luftschlösser zu bauen, sich leichten Sinnes rasch eitelen Hoffnungen hinzugeben und sich in ihnen glücklich zu fühlen, lange schon aus Farlands Charakter entfernt und die Lebensfrage, die er jetzt an sich that, konnte er nicht mit Bestimmtheit beantworten. Sie verdrängte sein Glück nicht, sie mischte aber eine Thräne hinein, und von dem Gipfel seiner Seligkeit blickte er in einen bodenlosen Abgrund der Verzweiflung. Ueber ihn selbst hatte von seiner frühesten Kindheit an eine unsichtbare schützende Hand gewacht und ihn so oft vom nahen Untergang hinweggerissen, d a s aber, was er oftmals für das einzige Glück seines Lebens erkannt hatte, war nicht durch sie beschützt worden und mit Zagen blickte er auf die bleiche schöne Berenice, die lebendig, wie in Wirklichkeit, vor seiner Phantasie stand. Sein Wille, sein unbeugsamer eiserner Wille aber, mit dem er so oft gewaltsam in das wirbelnde Rad seines Geschicks eingegriffen und es in seinem Laufe von einem Abgrund zurückgehalten hatte, gab ihm Hoffnung und mit seiner eigenen Lebenskraft glaubte er, Berenicen an diese Welt fesseln zu können. Sein ganzes Wissen, 802 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 seine ganze vielseitige langjährige Erfahrung sammelte er vor seinem Geiste, erwog die Mittel, die Behandlung, mit denen er der Krankheit der Geliebten begegnen müsse, und mit dieser Waffe in der Hand und mit seinem Willen, ja, mit seinem eigenen Leben wollte er jenem Feinde trotzen. Der Tag graute, ehe er auf sein Lager sank, und das Bild Berenicens mit hinüber in seine Träume nahm. Wie ein Frühlingshauch wirbelnd mit dem Blüthenregen spielt, so umgaukelten ihn die Bilder seiner wonnigen Zukunft im süßen Schlummer, und beglückt, das Herz mit Hoffnung erfüllt, begrüßte er den neuen Tag. Niemals in seinem Leben war Farland ein Sonnenschein so endlos vorgekommen als heute. Er unternahm Tausenderlei, um die Zeit hinzubringen, gern hatte er seine alten Freunde, seine Waffen genommen und den Hengst bestiegen, um mit Guard in wilder Jagd durch die Prairie zu stürmen, die blutige Unterhaltung paßte aber nicht für seine Stimmung, er hätte heute nicht nach dem Herzen eines Thieres zielen können und wäre es auch ein Raubthier gewesen; denn auch das Raubthier konnte lieben. Endlich verlängerten sich die Schatten, der Tag neigte sich und Farland eilte s e i n e r aufgehenden Sonne entgegen. Eva empfing ihn in dem Corridor mit freudigem Antlitz und Thränen in den Augen, sie ergriff mit zitternden Händen schweigend seine Rechte und preßte ihre vollen Lippen darauf. Dann öffnete sie die Thür von Berenicens Wohnzimmer und Farland trat wonnedurchbebt in dasselbe ein. Eloise hielt ihre Tochter mit ihrem Arm umschlungen, sie führte dieselbe Farland entgegen, indem sie ihm ihre Rechte darbot und die Gewalt des Augenblicks raubte allen Dreien die Worte. Farland empfing Berenice aus der treuen Mutterhand an seinem Herzen und Eloise segnete ihren Bund. Dann schloß Farland auch die Mutter der Geliebten in seine Arme, gelobte Treue und ewige Liebe für Berenice und versprach, Beiden eine feste Stütze durchs Leben zu sein. Abermals blickte die untergehende Sonne in das Gemach und gab heute dreien Beseligten ihren freundlichen Abschiedsgruß, denn Eloisens Glück stand nicht hinter dem der beiden Lieben- 5 10 15 20 25 30 35 803FüNFtER BaNd • ViERuNdViERZigstEs KapitEl den zurück; nur in Berenice lebte sie, was diese betraf, wiederfuhr auch ihr. Sie hatte dies köstlichste Kleinod bisher mit Bangen und Zagen überwacht, jetzt sicherte ihr eine mächtige Stütze diesen Schatz. Kaum hatte sich die Nacht über die Erde gelegt, als Farland die Theuere seines Herzens verließ, um ihr keinen Augenblick der ihr noch so nöthigen Ruhe zu rauben; heute aber eilte er mehr seines Glückes bewußt und mit festerer Hoffnung für seine Zukunft der Heimath zu, denn Berenice war ihm noch nicht wieder so wohl und so natürlich blühend erschienen, als an diesem Abend. Von jetzt an besuchte Farland Berenice zweimal täglich, sein Morgenbesuch galt mehr der Patientin, der während des Abends mehr der Geliebten. Dieselbe erholte sich gegen alles Erwarten schnell, ihre Kräfte nahmen rasch zu, ihre frühere reizende Fülle stellte sich wieder ein, und die natürliche leichte Röthe ihrer zarten Wangen verkündete ihre zurückkehrende Gesundheit. Nur blieb immer noch ein Mißverhältniß zwischen ihrem innern Seelenleben und ihren Sinnen zu der Außenwelt. Zu Zeiten konnte sie in Unterredung mit Farland sich in höchster Begeisterung einem wilden Gedankenfluge hingeben und plötzlich, wie ermüdet, verstummen und mit geschlossenen Augen an seine Brust sinken, ohne, wenn sie nach wenigen Minuten das Gespräch wieder aufgriff, sich ermattet, oder abgespannt zu fühlen. Farland hielt sein ganzes Augenmerk darauf gerichtet, diese unnatürlich erhöhte Thätigkeit ihres geistigen Lebens zu beschränken und Berenice mehr an das materielle zu fesseln. Er veranlaßte sie, die Pflege der Blumen, die durch den ganzen Park verbreitet waren, von ihrer Mutter zu übernehmen, brachte selbst stundenlang des Morgens mit ihr dort zu und half ihr, neue Anlagen schaffen. Die seltene Triebkraft der Erde dieses Landes, welche Rosenbüsche oft in einem Jahre Schüsse von zwölf Fuß Länge machen läßt, unterstützte Farlands Vorhaben, in Berenice Liebhaberei für die Gartenpflege anzufachen und das herrliche Gedeihen ihrer Pflanzungen zog sie täglich mehr zu diesen hin. Berenice konnte nun auch wieder ihre edele Isabelle besteigen und Farland war ihr steter Begleiter bei ihren Ritten. Er führte sie 804 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 auf ihm bekannten alten Indianerpfaden durch die Berge und Wälder, manche schöne Blume wurde von dort mit der Pflanze, an der sie erblüht war, nach Berenicens Anlagen in den Park getragen und ihr dort eine neue Heimath angewiesen. An einem prächtigen Sommerabend, nachdem Farland mit der Heißgeliebten mehrere Stunden lang in den tiefen Schatten der Urwälder umhergeritten war, erreichten sie bei Sonnenuntergang die Höhe, auf welcher der wilde Pflaumenbaum stand. Es war ein reizender wundervoller Abend, die Luft zog frisch und kühlend über die Höhe und der Himmel im Westen war in ein Gluthmeer verwandelt. Berenice wünschte auf der Bank unter dem Pflaumenbaum zu ruhen, Farland hob sie von ihrem Pferde, führte sie zu dem Sitz, und ließ sich mit ihr auf der Bank nieder. Von seinem Arm umschlungen, hielt Berenice ihren schwärmerischen Blick auf ihn geheftet und gab sich seinen Liebkosungen, seinen Küssen hin. »Höre, mein Geliebter,« sagte sie mit seelenvollem Ton, »sollte ich Dich einst allein in dieser Welt, die mir durch Dich zum Himmel geworden ist, zurücklassen, und Du willst meinem Geiste nahe sein, dann komm unter diesen Baum, hier wirst Du mich finden; ich fühle es, daß dieser Ort, an dem wir uns zuerst begegneten, für unsere Seelen ewig von Bedeutung und stets ein Punkt für ihre Vereinigung bleiben wird.« Sie hatte diese Worte in so vollem Ernste gesagt und ihr Blick zeugte so deutlich, sie habe ihre innerste Ueberzeugung ausgesprochen, daß Farland sie einige Augenblicke überrascht und verwundert anschaute, dann aber sagte er schnell: »Unsere Seelen, theuerste Berenice, werden sich immer und allenthalben nahe sein, freilich werden unsere Gedanken häufig und gern zu diesem Orte eilen, da hier unser Glück zuerst aufsproßte. Auch mir ist er darum so lieb und werth.« »Nein, nein, Farland, dieser Baum ist von größerer Bedeutung für mich«, fiel Berenice noch ernster ein, doch Farland gab dem Gespräch schnell eine andere Richtung und erinnerte an den Heimweg. Absichtlich vermied er von nun an, Berenice hierher zu führen, da augenscheinlich dieser Ort etwas unerklärlich Aufregendes für sie gehabt hatte. 5 10 15 20 25 30 35 805FüNFtER BaNd • ViERuNdViERZigstEs KapitEl Am folgenden Morgen traf er sie nicht in ihrem Zimmer, sondern in dem Saal, wo sie beschäftigt war, etwas Staub von ihrem Bild zu entfernen. »Du findest mich mit mir selbst in Unterhaltung und wirst mir meine Eitelkeit vorwerfen. Es ist aber nicht die Schönheit, die man mir auf dem Bilde unverdienter Weise gab, wonach ich mich sehne, es ist der Geist, der damals in mir wohnte, welchen ich mir wieder wünsche. Ich war zu jener Zeit nie krank gewesen,« sagte Berenice, indem sie ihren schönen Arm um Farlands Schulter legte und ihm zum Morgengruß ihren süßen Mund hinhielt. »Um die Schönheit brauchst Du wahrlich das Bild nicht zu beneiden, welcher Künstler kann solche Lieblichkeit malen!« entgegnete Farland, die Geliebte an sein Herz drückend. »Und was Deine Gesundheit anbetrifft, so wirst Du Dich bald noch wohler und kräftiger fühlen, als zu jener Zeit, da sich Dein Körper von seinem Ausbilden noch nicht ganz erholt hatte.« Farland hatte Berenice über ihr Befinden gefragt, die zufriedenstellendste Antwort darauf erhalten und schlug nun vor, den Blumen einen Besuch abzustatten. Zugleich bemerkte er, Berenice möge ihm in diesen Tagen Etwas auf dem Flügel vorspielen; er erhob sich und trat mit den Worten zu dem Instrument: »Er wird aber wohl ganz verstimmt sein.« Er hatte sich auf dem Sessel vor dem Instrument niedergelassen, griff einige Accorde und begann eine Bethovensche Composition zu spielen, die ihm noch aus frühern Jahren im Gedächtniß geblieben war. Dann brach er aber plötzlich mit den Worten ab: »Es geht nicht mehr, die Hände sind andere Arbeit gewohnt worden«, und wandte sich im Aufstehen nach Berenicen um. Ueberrascht und halb erschrocken fiel sein Blick auf die Geliebte, denn sie schien zu schlafen; sie war zurück in das Sopha gesunken, ihr Arm ruhte auf dessen Seitenpolster und ihre Augenlider waren herabgesunken. Farland schritt rasch, aber leise zu ihr hin, sie bemerkte sein Nahen nicht. Ihre Augen waren nicht vollkommen geschlossen, deren Sterne waren nach Oben gerichtet, und auf ihrem Antlitz lag ein Ausdruck von Heiterkeit. 806 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Farland vermuthete, daß die wenigen schwermüthigen Töne des Flügels Berenice in einen magnetischen Schlaf versenkt hätten, und bald überzeugte er sich von der Richtigkeit seiner Ansicht; denn als er leise die Hand ihrer Herzgrube näherte und sie dagegendrückte, begann die Schlafende den Mund krampfhaft zu bewegen, ihre Finger zuckten und ein Ausdruck des Schmerzes überflog ihre Züge. Bald darauf aber schlug sie die Augen auf, blickte erstaunt nach Farland, der zu ihr niedergebeugt vor ihr stand, und sagte: »Mein Gott, habe ich geschlafen?« »Ich bemerkte, daß sich ein wohlthuender Schlummer Dir nahete, süße Berenice, und wollte ihn absichtlich nicht stören. Schlaf ist Gesundheit für Dich«, entgegnete Farland mit heiterem Ton und ließ sich neben der Geliebten nieder. Berenice erinnerte sich nicht, daß Farland auf dem Flügel gespielt habe. Sie fühlte sich ganz wohl, nahm bald darauf den Arm ihres Geliebten, ergriff im Hinausgehen aus dem Hause ihren Sonnenhut, der im Eingange auf einem Stuhl lag, hing ihn über ihr Lockenhaar und wandelte nun mit Farland unter den dichten, schattigen Bäumen hin zu den Blumenbeeten, die in allen Richtungen durch den Park angebracht waren. Eloise, die sich ihnen zugesellt hatte, leistete ihnen auf der Wanderung Gesellschaft, und als Farland im Begriff war, Beide zu verlassen, sagte sie zu ihm: »Ich habe eine Bitte zu Ihnen, wobei Berenice gleichfalls interessirt ist.« Farland erklärte sich mit Freuden bereit, Alles für sie zu thun, was in seinen Kräften stände, worauf Eloise fortfuhr: »Ich bin im Besitz eines sehr werthvollen Ringes, der das Eigenthum Berenicens ist. Ich wünsche, daß sie ihn trage, und doch darf dies nicht geschehen, wenn der Ring ihr nicht durch eine dritte Person in Gegenwart meines Gatten zum Geschenk gemacht wird, da gerade dieser es nicht wissen darf, daß der Ring von mir kommt.« »Wollen Sie den Stein aus dem Golde nehmen und denselben für Berenice in der Stadt neu fassen lassen, so werden Sie uns Beide verpflichten, und bitte ich Sie, dann noch den Ring einige Zeit selbst an Ihrem kleinen Finger zu tragen, so daß General Norwood 5 10 15 20 25 30 35 807FüNFtER BaNd • ViERuNdViERZigstEs KapitEl denselben in Ihrem Besitz weiß, ehe Sie ihn in dessen Gegenwart Berenicen zum Geschenk machen. Dies kann dann hiernächst bei einer passenden Gelegenheit geschehen.« Mit Freude übernahm es Farland, die Aufgabe aufs Beste zu lösen, worauf Eloise in das Haus eilte und bald mit dem Ring in der Hand zurückkehrte. Es war derselbe Ring, den Montclard ihr einst gegeben hatte. Der Mutter und der Tochter traten Thränen in die Augen, als die Hülle, die den Ring verbarg, geöffnet ward und dessen Stein ihnen mit blendenden Strahlen entgegenblitzte. Ueberrascht erblickte Farland das kostbare Kleinod, dessen eigenthümlicher höchster Werth ihm aber in dem Geheimniß zu liegen schien, welches über seiner Geschichte ruhte. Er erkannte die Bewegung, die der Anblick des Ringes bei Eloisen, sowie auch bei ihrer Tochter hervorbrachte, nahm ihn schnell in seinen Besitz, zog Berenicen einen ihrer Ringe von dem Finger, um sich dessen Größe zu merken, und entfernte sich dann mit dem Versprechen, baldmöglichst den Auftrag auszuführen. ∗    ∗    ∗ Mit dem Eintritt des Herbstes war Norwoods Plantage an der andern Seite des Stromes vollständig eingerichtet, es war eine sehr bedeutende Maisernte dort erzielt worden und die ungeheuern Felder wurden jetzt vorbereitet, um im kommenden Frühjahr Baumwolle darauf zu pflanzen. Zugleich hatte Ralph den Weg von dem Flusse bis zu der Plantage, der theilweise über sehr niedrige sumpfige Stellen des Urwaldes führte, die im Frühjahr der Ueberschwemmung ausgesetzt waren, durch Auffüllen beträchtlich erhöhen lassen; er hatte die feuchtesten Plätze mit Brücken versehen und, so viel als thunlich, Abzugskanäle angelegt, um das stehende Wasser zu entfernen. Durch diese Verbesserung des Weges waren die Uebelstände, welche die Abgelegenheit der Plantage mit sich führte, sehr vermindert und die Verbindung mit der Stadt C.... wesentlich erleichtert worden. Ralph war jetzt der bedeutendste Pflanzer im ganzen Lande und sein Einkommen mußte im folgenden Jahre enorm gesteigert werden. 808 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Sein Einfluß unter dem Volke hatte sich sehr gehoben, denn man konnte ihm seit seines Hierseins keine unrechte Handlung vorwerfen, im Gegentheil, er hatte sich vielseitig hülfsbedürftiger Leute angenommen und ihnen mit baaren Geldvorschüssen geholfen, wenngleich dies auch gegen sehr schwere Zinsen geschehen war. Die Gerüchte über sein früheres Leben verloren täglich mehr an Glaubwürdigkeit und statt der Verachtung, die ihn wohl früher deshalb getroffen hatte, wurde ihm der Name eines smart man (gewandten Mannes) beigelegt. Zu seiner höchsten Genugthuung sah nun Ralph auch, daß Berenicens Gesundheit vollkommen erstarkte, und mit Verlangen erwartete er den Augenblick, wo sie wieder Abends in dem Salon erscheinen würde, da er durch ihren Zauber auch die besten und wohlhabendsten Familien des Landes, die sich bis jetzt noch fern von ihm gehalten hatten, für sich zu gewinnen hoffte. Sie spielte wieder häufig auf dem Flügel, begleitete ihren Gesang mit der Harfe, und in ihrer Unterhaltung sprach sich das neue, kräftige Leben aus, welches ihre frische, blühende Erscheinung täglich mehr kund that. Wohl hatte Ralph das Einverständniß zwischen Berenice und Farland bemerkt und es war ihm nicht entgangen, daß Eloise dasselbe begünstigte; ohne Farlands Hülfe aber, das wußte er recht gut, würde er Berenice verloren haben, und so beschloß er, ihn vorläufig in seinen Bemühungen für dieselbe nicht zu stören, da sie seinen eigenen Interessen so sehr förderlich waren. Das Glück der beiden Liebenden kannte jetzt keine Grenzen; jeder neue Tag brachte ihnen neue Wonne, neue Seligkeit und jeder Gedanke an eine mögliche Störung des Himmels, der sie umgab, war aus ihren Herzen verschwunden. Berenice war heiter und froh, sie verfiel nicht mehr in ihre frühere krankhaft gereizte Aufregung, es schien ihre Seele sich vollständig mit der ihres Geliebten vereinigt zu haben, und dieser gebrauchte all seinen Einfluß auf Berenice, um ihren Geist immer fester an das Irdische zu binden. Oftmals Abends, wenn sich Freunde um sie reihten, sang und spielte sie wieder, wie früher, mit allem Gefühl und leidenschaftlichem Ausdruck, doch ihre Begeisterung wurde stets von dem Gedanken an Farland beherrscht. 5 10 15 20 25 30 35 809FüNFtER BaNd • ViERuNdViERZigstEs KapitEl Mit glückseliger Zufriedenheit sah Eloise ihre Tochter einem frischen, freudigen Leben wiedergegeben, mit dankerfülltem Herzen bemerkte sie, wie deren Glück mit dem ihres Retters sich von Tag zu Tag mehrte und fester gründete, und machte sich manchen stillen Vorwurf über frühere Bitterkeit gegen ihr Geschick, welches sich nun so beseligend für sie gestaltet hatte. An einem heitern Octobertag war Ralph erst Nachmittags von der Plantage nach seinem Wohnsitz herübergekommen und hatte trotz der Brücken und Verbesserungen des Weges an mehreren sehr tief liegenden Stellen desselben hohes Wasser angetroffen, so daß sein Pferd genöthigt worden war, zu schwimmen. Heftige Regen weiter nördlich in den Bergen hatten den Strom angeschwellt und dessen Wasser war in den Vertiefungen durch den Wald gedrungen. Aus diesem Grunde beschloß Ralph, während der Nacht hier zu bleiben und erst am folgenden Morgen nach der Plantage zurückzureiten. Der Zufall wollte, daß kurz, nachdem er mit Eloisen und Berenice zu Nacht gespeist hatte, sich zahlreicher Besuch aus der Nachbarschaft in seinem Hause einfand und auch mehrere Bekannte aus der Stadt geritten kamen, um den Abend hier hinzubringen. Man versammelte sich in dem hell erleuchteten Saal, und Berenice versetzte die Gesellschaft durch ihre lebhafte, heitere Unterhaltung und liebenswürdige Zuvorkommenheit in eine überaus frohe, vergnügte Stimmung. Dabei war aber ihre Aufmerksamkeit unausgesetzt zugleich nach der offenen Thür gerichtet, die in den erleuchteten Corridor führte, denn sie hoffte Farland noch zu sehen, obgleich es schon spät war. Geschäfte hatten diesen länger als gewöhnlich zu Hause aufgehalten, um so rascher mußte ihn sein Roß dem Quell seines unbegrenzten Glücks zutragen. Als er durch die Seitenthür von Norwoods Haus in den Corridor eintrat, harrte Eva seiner dort und theilte ihm mit, daß General Norwood und viele Fremde sich in dem Saal befänden und daß Berenice ihn bitten lasse, dorthin zu kommen. Farland folgte der Aufforderung und wurde von allen den anwesenden Gästen aufs Herzlichste begrüßt, denn fast sämmtlich waren sie ihm aus einem oder dem andern Grunde verpflichtet. Auch Ralph kam ihm mit großer Höflichkeit entgegen, drückte ihm 810 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 die Hand und versicherte ihm, er freue sich unendlich, ihn hier zu sehen. Farland hatte neben dem Sopha Platz genommen, in welchem Eloise saß, und unterhielt sich mit derselben, während seine Hand, an deren kleinem Finger der Brillantring blitzte, auf dem Seitenpolster ruhte und die Lichter des Kronleuchters sich in tausend Farben auf dem kostbaren Stein spiegelten. Die Augen Ralph’s, der an der andern Seite des Saals, Farland gegenüber, saß, waren schon mehrmals durch die Blitze des Steins getroffen und er stand plötzlich, von dem herrlichen Feuer desselben angezogen, auf und schritt mit den Worten auf Farland zu: »Ei, ei, Herr Farland, welch einen prächtigen Stein tragen Sie an Ihrer Hand, erlauben Sie, daß ich ihn näher besehe.« »O ja, es ist ein schöner Solitair«, erwiederte dieser, indem er die Hand zu dem General aufhob und ihm den Stein zum Betrachten hinhielt. Wie wenn Ralph in seinen augenblicklichen Tod geschaut hätte, so schreckte er zusammen, sein Haar schien sich zu sträuben, seine Lippen bebten, jeder Blutstropfen war aus seinem Gesicht verschwunden und seine Augen, deren stieren Blick er auf den Stein heftete, schienen aus ihren Höhlen hervorbrechen zu wollen. Mit zitternder Hand hielt er einige Augenblicke den fest zusammengebogenen Finger Farlands, an welchem der Ring funkelte, ohne nur ein Wort hervorbringen zu können. Dann plötzlich ließ er ihn los, warf einen wuthsprühenden Blick auf Eloise und verließ rasch das Zimmer. Ralph hatte den Stein wiedererkannt, der durch seine ovale Form und seine ungewöhnliche Höhe etwas ganz Eigenthümliches besaß und den Jener, als er noch an Montclards Finger saß, seinem Gedächtniß zu genau eingeprägt hatte, als daß er ihn nicht unter tausenden hätte herausfinden können. Ralph’s auffallendes, rätselhaftes Betragen und sein Verschwinden hatte eine Störung in der Gesellschaft hervorgebracht, die Farland sich bemühte, durch eine lebhafte, scherzende Unterhaltung, so viel es möglich war, zu beseitigen und dadurch die Aufmerksamkeit von Eloisen und ihrer Tochter abzulenken, welche Beide bleich und stumm geworden waren. 5 10 15 20 25 30 35 811FüNFtER BaNd • ViERuNdViERZigstEs KapitEl Nach einer Weile jedoch kehrte Ralph in den Saal zurück, griff in das Gespräch wieder ein und that, als ob nichts Ungewöhnliches vorgefallen sei. Seinen Blick aber hielt er von dem furchtbaren Zeugen gegen Eloisen, von dem Stein, abgewandt, der seine Eifersucht, den Scorpion, der seit so vielen Jahren seine Brust zernagt, mit aller Gluth wieder belebt hatte. War es wirklich derselbe Stein? es wäre ja möglich gewesen, daß ein zweiter, ihm ganz ähnlicher, vorhanden war, und wenn dies der Fall, wie kam er in Farlands Besitz? Das waren die Fragen, die das Hirn Ralph’s durchzuckten und es mit folternden Erinnerungen aus vergangener Zeit bestürmten. Mit Tagesanbruch verließ er am folgenden Morgen das Haus und kehrte in länger als einer Woche nicht dahin von der Plantage zurück. Er kam von nun an überhaupt noch seltener, als früher, und ritt regelmäßig, ehe er sich dem Wohngebäude näherte, nach der Einzäunung hin, wo die Reitpferde sich befanden; erblickte er dort Farlands Hengst, so schlug er sicher schnell den Weg an dem Park vorüber ein und kehrte erst nach einigen Stunden zurück, wenn er glaubte annehmen zu können, Farland habe sich entfernt. ∗    ∗    ∗ Der Dezember war herangekommen und Ralph hatte beschlossen, in diesem Monat die Festlichkeiten zu eröffnen, die er während dieses Winters in seinem Hause zu geben beabsichtigte. Mit einer großen glänzenden Soirée sollte der Anfang gemacht werden. Eine Woche vor dem dazu bestimmten Tage wurden einige hundert Einladungen in das Land und in die Stadt gesandt, und in Norwoods Park, wie Ralph diese seine Besitzung nannte, machte man während dieser Zeit alle Anstrengungen, um das Fest möglichst glänzend werden zu lassen. Eine Anzahl der hübschesten Mulattenund Quadronenmädchen, deren Ralph eine große Menge auf der Plantage besaß, ließ er herüberkommen und feine weiße Anzüge für sie anfertigen, gewandte Negerburschen wurden schwarz gekleidet, um mit Jenen die Aufwartung im Haus zu besorgen, und in der Küche war man eifrig beschäftigt, die Speisen und vielfältigen Erfrischungen, wie Crêmes, Gelées und dergleichen, zu bereiten. 812 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Während früher bei ähnlichen Gelegenheiten Berenice schon mehrere Tage vorher in eine fieberhafte Aufregung gerieth, die sich bis zu dem Augenblicke steigerte, in dem die Festlichkeit er- öffnet wurde, so blieb sie jetzt nicht allein vollkommen ruhig und gelassen, nein, sie legte selbst Hand mit an, ihrer Mutter bei den Vorbereitungen behülflich zu sein und ihr Theil dazu beizutragen, daß Alles wenn möglich über Erwartung vortrefflich ausfallen möge. Sie wußte, daß sie dadurch in Farlands Sinne handele, und dieser versäumte nicht, ihr täglich bei seinen Besuchen seine Freude darüber auszusprechen. Der Festabend erschien; das Haus und der Park erglänzten in Lichter- und Feuerschein und die herrlich geschmückten Räume füllten sich mit Gästen, die von weit und breit sich eingefunden hatten. Die reichsten, angesehensten Familien des Landes befanden sich unter ihnen, nur Arnolds und deren nähere Freunde fehlten. Farland jedoch war auf den ausdrücklichen Wunsch Eloisens erschienen und hatte ihr das Versprechen geben müssen, bis zum folgenden Morgen bei ihnen im Hause zu verweilen. Er selbst führte Berenice an diesem Abend zu dem Flügel, sie spielte mit einer Meisterschaft, wie sie solche kaum jemals früher entwickelt, und nachdem sie alle ihre Zuhörer mit Bewunderung und Begeisterung erfüllt hatte, reichte Farland ihr die Harfe, damit nun ihr Gesang alle Herzen vollends bezaubere. Mit einem heiteren, freudigen Lächeln empfing Berenice, nachdem die, dem Liede nachrauschenden Harfenklänge verweht waren, das Lob und die Dankbezeugungen der entzückten Menge, während Ralph mit Stolz an ihrer Seite stand und an dem Triumph, den sie feierte, selbst sich betheiligte. Jetzt aber nahmen Berenicens Augen einen andern, einen gefühlvollern Ausdruck an, das zarte Roth ihrer Wangen wurde zum glühenden Incarnat und ein wonniges Lächeln belebte ihre edeln, schönen Züge, denn sie gewahrte Farland, wie er sich rasch durch die Menge zu ihr herandrängte und erkannte in seinem Blick das Lob, welches er ihr zollen wollte. Er trat vor sie hin, verneigte sich vor ihr und sagte: »Sie haben meine Lippen arm gemacht, Fräulein Berenice, nach solchen Zauberklängen schallt das Wort der Rede wie ein Mißton. 5 10 15 20 25 30 35 813FüNFtER BaNd • ViERuNdViERZigstEs KapitEl Erlauben Sie mir, daß ich diesem Ringe es übertrage, Ihnen die wonnigen Gefühle auszusprechen, mit denen Sie meine Brust erfüllt haben, und möge er Ihnen ein steter Zeuge meiner ewigen Dankbarkeit und unbegrenzten treuen Ergebenheit bleiben.« Mit diesen Worten ergriff Farland die schneeige Hand Berenicens und schob ihr den kostbaren Brillantring an den Finger. Dann verneigte er sich abermals und trat rasch durch die erstaunte Menge zurück, die ihre verwunderten Blicke auf den Brillant heftete, der nun an Berenicens Alabasterhand blitzte. Auch Ralph war in den Hintergrund getreten, seine buschigen Brauen hatten sich finster zusammengezogen, er hatte die Fäuste geballt und seinen Augen war ein giftiger Seitenblick nach Farland entsprüht. Das graue Haar seines Hauptes stand borstig nach Oben gerichtet und sein aschfarbenes Gesicht gab ihm bei der Regungslosigkeit, womit er neben dem Marmorgesimse des Kamins stand, das Ansehen einer Steinfigur. Niemand aber, außer Farland, der seinen beobachtenden Blick wiederholt nach ihm hinüberrichtete, bemerkte ihn, Aller Aufmerksamkeit war auf die Göttin des Festes, auf Berenice gerichtet, zu der man sich drängte, um ihr Huldigung zu spenden. Ralph blieb stumm und theilnahmlos während des Verlaufs des Abends, es war eine kaum verharrschte Wunde in seiner Brust, für deren Vernarbung er vergebens einen Meuchelmord begangen hatte, wieder aufgerissen, und blutige Gedanken zogen, im Verein mit einem Hinblick auf seine Stellung vor der Welt und auf sein Vermögen, durch sein Gehirn. Kaum waren die Räume leer geworden und der letzte Gast, bis auf Farland, hatte sich entfernt, als auch Ralph verschwand und sich in sein Zimmer einschloß. Die schöne, glückliche Berenice aber empfing nun erst den Dank ihres Geliebten von dessen Lippen für die Wonne, für den Zauber, den sie in so reicher Fülle am heutigen Abend nur um seinetwillen ausgestrahlt hatte. Die Lichter des Saales erloschen, Eloise und Berenice geleiteten Farland zu der Thür des für ihn bestimmten Gemachs, und bald darauf gaben sich alle Dreie in süßen Träumen dem Glücke hin, welches ihr Leben jetzt in so hohem Grade beseligte. 814 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 45. Der Jäger. – Erinnerungen. – Die vermauerte Höhle. – Der einsame Reiter. – Das Lager im Schnee. – Der Büffel. – Das Obdach. – Haß. – Tallihadjo. – Unbarmherzigkeit. – Gift. – Der herzlose Vater. – Trauerbotschaft. V iele hundert Meilen weiter nördlich, wo der Canadienfluß seine kristallhellen Fluthen brausend durch die einzelnen hohen, dichten Waldstriche hinjagt, welche die wellenförmigen unabsehbaren Prairien durchziehen, bis er seine Wogen mit den klaren Gewässern des Arkansasflusses vereinigt, dort fiel um diese Zeit der erste Schnee und seine leichten Flocken wehten bei einem scharfen Nordwind wirbelnd über die endlosen Flächen. Aus den weiten Ebenen sah man hier und dort einzelne Felskuppen emporstreben, auf denen der wenige Schnee sich schon dichter gesammelt hatte und ihre Spitzen auf weithin, wie einen weißen Punkt, über der Prairie erkennen ließ, deren Grün dem Winterkleide noch widerstrebte. Mehrere Meilen von dem Canadienfluß entfernt, an einem seiner Arme, hob sich eine solche Steinmasse über sechzig Fuß hoch aus der Grasfläche empor und schützte eine dichte Baum- und Gebüschgruppe, die sich an ihre südliche Seite dicht anlehnte, gegen den schneidenden Zug der Nordluft. Diese Bäume, mit Ausnahme einiger Cedern und Lebenseichen, waren bereits entblättert, wogegen das immergrüne Gebüsch, welches unter ihnen stand, ein fünfzehn Fuß hohes, undurchdringliches Dickicht bildete. In diesem, hart an die Felswand angelehnt, befand sich ein kleiner, freier Platz, auf welchem ein Mann beschäftigt war, getrocknete Thierhäute in 5 10 15 20 25 30 35 815FüNFtER BaNd • FüNFuNdViERZigstEs KapitEl Ballen zusammenzubinden und sie durch eine in dem Felsen befindliche breite Spalte in das Innere desselben zu bringen. Dort wölbte sich eine ziemlich geräumige, dunkele Höhle, die wohl früher den hier einheimischen grauen Bären oft zur Wohnung gedient haben mochte. Sie war vollkommen gegen Nässe geschützt und schien dem Manne, der jetzt die Ballen in dieselbe hineinrollte, seit längerer Zeit zum Aufenthalt gedient zu haben, wie ein aus Laub bereitetes Lager, ein alter, mit Asche und Kohlen bedeckter Feuerplatz und mehrere zerbrochene, auf dem Boden liegende Kürbisflaschen andeuteten. Der Mann war von über sechs Fuß hohem, herkulischem Körperbau und mußte in seiner Jugend schön gewesen sein, wie seine jetzt scharf ausgeprägten, sonnverbrannten Züge noch immer bezeugten. Das ursprünglich schwarze, lange Lockenhaar, welches über seine mächtigen Schultern fiel, war bereits mit einem grauen Schein gefärbt, so auch der bis auf seine Brust herabhangende, gekräuselte Bart; doch seine dunkeln Augen blitzten noch lebendig und seine schön geformte Adlernase gab seinem Gesicht einen entschlossenen, gebieterischen Ausdruck. Er trug ein rothes, wollenes Hemd, aus dem seine gebräunte kolossale Brust hervorsah, ein hirschledernes, eng anschließendes Beinkleid, welches die kräftigen Formen seiner Glieder zeigte, und Schuhe von gleichem Material, welche beiden letzteren Gegenstände von ihm selbst angefertigt zu sein schienen. Er hatte die Häute aus dem großen Vorrath, der sich in der Höhle befand, auf den Platz vor derselben getragen, legte eine Anzahl derselben sauber aufeinander, drückte sie wiederholt mit dem ganzen Gewicht seines Körpers nieder und schnürte sie dann mittelst Lederstreifen mit einer außerordentlichen Kraft zu einem Ballen zusammen, den er in die Höhle rollte. Es lag etwas Graziöses, etwas Anständiges in allen seinen Bewegungen, welches er sich in der weiten Wildniß, in der er sich befand, sicher nicht angeeignet hatte, und trotz der rohen Kleidung, die er trug, erinnerte seine Erscheinung an die civilisirten Länder Amerikas. Der fliegende Schnee konnte ihn hier nicht treffen, da der scharfe Wind denselben über ihn hinwegwehte; dennoch blickte er wiederholt über sich und schien dann seine Anstrengung zu verdoppeln. Um die Mittagszeit hielt er mit seiner Arbeit inne, bedeck- 816 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 te sich in der Höhle mit einem breitrandigen, grauen Filz, ergriff eine lange, einfache Büchse und schritt längs des Felsens durch das Dickicht in die Prairie, wo in nicht großer Entfernung von dem Gehölz ein mächtiger Rappe im Kreis um einen in die Erde geschlagenen starken Pflock graste, an welchen derselbe mittelst eines sehr langen, aus Leder geflochtenen Strickes befestigt war. Der Mann löste diesen, führte das Roß zu dem nahen klaren Bache, wo er es tränkte, und leitete es dann wieder in die Nähe seines früheren Weideplatzes, wo er es an ein anderes dort eingeschlagenes Holz befestigte. Einige Augenblicke blieb er stehen und ließ seinen spähenden Blick über die weite Umgegend schweifen, dann legte er die Büchse über die Schulter und begab sich zu seiner Wohnung zurück. Dort erzeugte er in der Höhle mit Hülfe einer Zunderbüchse ein Feuer, bereitete in einem Blechtopf Kaffee, röstete über der Kohlengluth einige Stücke Bärenfleisch und legte sich dann auf einer großen Büffelhaut nieder, um dies einfache Mittagsmahl zu verzehren. Bald darauf aber ging er wieder an seine Arbeit, packte rastlos, bis die Sonne sich neigte und hatte, noch ehe dieselbe am fernen flachen Horizont versank, sein Werk vollbracht. Sämmtliche Häute waren verpackt und in der Höhle aufgestapelt. Dann begann er, von der Seite der Felskuppe her schwere Steine herbeizutragen, und fuhr damit fort, bis die Nacht einbrach, worauf er sein Roß zur Höhle führte, es nahe an deren Eingang an einem Baum befestigte und dann für sich ein ähnliches Mahl bereitete, wie zu Mittag. Die Flamme des Feuers warf ihren rothen Schein auf die Steinwände der Höhle und beleuchtete die gigantische Gestalt des einsamen Jägers, der vor der Gluth saß und, in Gedanken versunken, in dieselbe hineinblickte. Es schienen die allerverschiedenartigsten Erinnerungen an seiner Seele vorüberzuziehen, die sich auf seinen Zügen und in seinen Augen spiegelten. Bald sah er finster und sinnend in das Feuer hinein, als brüte er über einer entsetzlichen Unternehmung, bald klärten sich seine Züge auf und sein Auge blitzte kühn und entschlossen, als habe er etwas Gewagtes begonnen; dann wieder legte sich ein schwärme- 5 10 15 20 25 30 35 817FüNFtER BaNd • FüNFuNdViERZigstEs KapitEl rischer, gefühlvoller, leidenschaftlicher Ausdruck über sein Antlitz und die plötzliche Gluth seiner dunkeln Augen ließ errathen, daß sein Herz einst heiß und feurig geliebt haben mußte. Mit einem leichten Lächeln verschwand aber bald dies Spiegelbild seiner Seele wieder von seinen Zügen und Haß, Rache, Wuth und Verzweiflung nahmen dessen Stelle ein, wobei der Mann plötzlich eine schwere, neben ihm liegende Holzaxt ergriff und sie mit einer solchen Gewalt durch die Höhle schleuderte, daß sie mit der Schärfe ihres Stahls zwischen dem Gestein der Wand stecken blieb. »Verdammt!« murmelte er dabei durch die Zähne und hob seine geballte Rechte empor, »das große Spiel habe ich verloren und dieses Lumpenspiel muß ich gewinnen!« Dann blickte er noch einige Minuten lang in das Feuer, fuhr mit der Hand über die Stirn, als wolle er jene Erinnerungen aus seinem Gedächtniß verwischen, und warf sich nun auf sein Lager, um im Schlaf Ruhe vor ihnen zu finden. Bei dem neuen Schnee und der eingetretenen Kälte ließen die Schaaren der Wölfe, die diese Gegenden allnächtlich durchziehen, ihr Geheul lauter und klagender ertönen, als sonst, und die Eulen, die das Geklüft bewohnten, in dessen Innerem der Mann mit dem rothen Hemde schlief, wimmerten ihren schauerlichen Ruf durch die wilde, stürmische Nacht. Kaum graute der Morgen, als der Jäger sein Pferd wieder in das beschneite, hohe Gras führte, sein Frühstück bereitete und genoß, dann seine wenigen Habseligkeiten, die in einigen wollenen Dekken, in gemahlenem und in Blasen eingestampftem Kaffee, Salz, Pulver und Blei und mehreren eisernen Fallen bestanden, vor die Höhle trug und nun begann, den Eingang zu derselben zu vermauern. Er brachte hiermit die größte Hälfte des Tages hin und hatte den Verschluß so künstlich ausgeführt, daß Niemand auf den Gedanken gekommen sein würde, hier wäre jemals eine Oeffnung gewesen. Dann schaffte er allen Schutt und loses Gestein sorgfältig hinweg, trug eine Menge schweres, trockenes Holz vor die Stelle, welche er vermauert hatte, und zündete dasselbe an, so daß das Feuer und der Rauch seinem Bau das neue und künstliche Aussehen benahm. 818 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Nachdem dasselbe niedergebrannt, besserte er seine Arbeit noch einmal aus, packte dann seine Sachen auf sein Roß, schwang sich selbst in dessen Sattel und folgte nun dem Bache durch die Prairie, während er von Zeit zu Zeit noch einen Blick nach dem von ihm verlassenen Aufenthaltsort zurücksandte. Der Nordwind trieb die Schneeflocken hinter ihm her und diese hatten bald der feuerrothen, wollenen Decke, die er über die Schulter gehangen hatte, ihre Farbe genommen. Die Prairie lag jetzt wie ein weites, endloses Schneefeld rings um den Reiter ausgedehnt, und vor dem Tritt des gewaltigen Rappen, der ihn trug, staubte der Schnee von dem hohen Grase hinweg. Der Mann hatte den Filz tiefer in den Nacken gedrückt, die lange Büchse lag quer vor ihm auf dem Sattel und rund um denselben hingen Blechtöpfe, eine kleine eiserne Pfanne, die Axt, die Fallen und verschiedene lederne Beutel. Alles war mit Riemen befestigt, schlug bei der Bewegung des Rosses gegeneinander und unterhielt ein monotones Klappern. Der Rappe schritt kräftig aus, als ob er das Nachtquartier bald zu erreichen wünsche, denn das Düster des Abends legte sich schon über die öde Gegend und hier und dort begann schon das Geheul der Wölfe aus der Ferne zu ertönen. Der Reiter schien aber seiner Umgebung wenig Aufmerksamkeit zu schenken, er war in Gedanken versunken und stieß nur von Zeit zu Zeit, wie aus Gewohnheit, das Pferd in die Seiten. Hügel auf, Hügel ab, ohne Weg, ohne Steg ritt er weiter, bis die Nacht vollends eingebrochen war und er plötzlich den Rappen seitwärts nach einem laublosen Gebüschstreifen lenkte, aus dem hier und dort ein einzelner hoher Baum hervorsah, der das Ufer eines Baches bezeichnete. Dort stieg er ab, nahm das Gepäck und Reitzeug von dem Roß, befestigte dieses mit dem Lederstrick, welches dasselbe um den Hals trug, an einen Busch und sammelte nun unter dem Strauchwerk trockenes Reisig. Er zündete dasselbe an und bereitete über dem Feuer sein Abendmahl. Nachdem er es genossen, schritt er mit der Axt durch den Schnee längs des Buschwerks hin, bis er einen umgefallenen Baumstamm fand, den er in mehrere Stücke zerhieb, diese auf seine mächtigen 5 10 15 20 25 30 35 819FüNFtER BaNd • FüNFuNdViERZigstEs KapitEl Schultern hob und nun mit dem schweren Gewicht zu dem Feuer zurückging. Er legte das Holz aufeinander an die Flamme, fachte dieselbe noch mehr mit dem Reisholz an, räumte den Schnee von dem Boden weg und legte sich, in seine Decken eingehüllt, so vor dem Feuer nieder, daß der Wind dessen Gluth über ihn hintrieb. Der Rappe hatte sich während dieser Zeit an dem Gras unter dem von ihm weggescharrten Schnee gesättigt und sich dann, so wie sein Herr, niedergelegt, um sich zu ruhen. Als der Tag graute, war das Feuer ziemlich erloschen, die schweren Stücke Holz rauchten nur noch und die Gestalt des Jägers war unter einer Schneedecke begraben. Das Schnauben des Rappen, der sich erhob, weckte seinen Herrn aus seinem festen Schlaf; dieser sprang auf, schüttelte den Schnee ab, fachte das Feuer wieder an und bereitete sein Frühstück. Während er hiermit beschäftigt war und von Zeit zu Zeit in die Gegend hinausspähete, traf sein Blick plötzlich auf einen schwarzen Streif, der im Norden über dem flachen Horizont sichtbar wurde. Nach wenigen Augenblicken schien er sich überzeugt zu haben, was sich dort nahe, er nahm seine Büchse aus der wollenen Decke hervor, in der er geschlafen hatte, untersuchte den Feuerstein, goß frisches Pulver auf die Pfanne und legte das Gewehr dann wieder neben sich nieder, worauf er begann, sein Frühstück zu verzehren. Der dunkele Streif kam rasch näher und zeigte sich bald deutlich als eine Heerde nach Süden wandernder Büffel, deren Zahl sich auf mehr als tausend Stück belaufen mußte. Der Jäger hatte sein Mahl beendigt, hing die Kugeltasche um, schob den Stiel der schweren Holzaxt durch seinen ledernen Gürtel, ergriff seine Büchse und schritt nun in den Büschen an dem Bache hinauf, um den Büffeln den Weg abzuschneiden, die der Richtung ihres Zuges nach etwa eine halbe Meile oberhalb seines Lagers das Wasser überschreiten mußten. In einer dichten Masse kamen diese kolossalen Bewohner der Wildniß herangezogen und hatten sich bis auf fünfzig Schritt dem Gestripp genähert, in welchem der Jäger verborgen lag, als dieser feuerte, und ein alter mächtiger Bulle aus der Heerde sich hoch bäumte und dann zusammenbrach. 820 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Der Jäger war schnell aus dem Busch hervorgesprungen und die ganze Heerde ergriff, als sie ihn gewahrte, im schwerfälligen Galopp die Flucht. Kaum aber erblickte der verwundete Büffel den Mann, als er sich emporraffte und mit tief gesenkten Hörnern auf ihn eindrang. Der Jäger sprang mit wenigen Sätzen in das Dickicht zurück, doch das wüthende, ungeheuere Thier stürzte ihm nach, trat die hohen Büsche vor sich nieder und würde den Schützen unter seinem Tritt zermalmt haben, wenn dieser ihm nicht mit einem gewandten Sprunge ausgewichen wäre. Der angeschossene Bulle aber wandte sich nach kurzem Laufe und kam abermals in dem Dickicht auf den Jäger zugebraust, daß der Schnee und das trockene Laub und Reisholz um ihn hinstob. Jetzt zeigte der Mann ihm die Stirn, seine Augen funkelten dem Ungeheuer entgegen, er hielt die schwere Holzaxt hoch über sich gehoben und erwartete den Angriff. Kaum lagen noch zwei Schritte zwischen ihm und dem heranstürzenden Büffel, er that einen Satz zur Seite und schlug dem an ihm vorübersausenden Thier die Holzaxt mit solcher Bärenkraft vor die Stirn, daß es zusammenbrach und sich im Sturze überrollte. Im nächsten Augenblick hieb der Jäger mit der Schärfe der Axt auf den Kopf des Büffels und spaltete ihn mit einem Schlag. Nun trennte er mit der Axt die gewaltigen Rippen von dem Rückgrad des Thieres, riß aus dessen geöffneter Seite die Eingeweide heraus und eignete sich mit Hülfe seines schweren Jagdmessers die Lendenbraten zu. Dann nahm er noch die Zunge des Büffels, steckte die Holzaxt wieder in den Gürtel, ergriff seine Büchse und schritt mit der Beute nach seinem Lager zurück. Ein zweites Frühstück wurde jetzt von dem mitgebrachten Fleisch bereitet, und nachdem der Jäger auch dies verzehrt hatte, machte er sich zur Weiterreise fertig. Während des ganzen Tages folgte er, ohne zu rasten, seinem Cours nach Süden, und die Dämmerung war schon eingebrochen, als er in der Ferne vor einem Waldstrich mehrere Rauchsäulen aufsteigen sah. Er hielt einen Augenblick seinen Rappen an und blickte bald links, bald rechts, und wieder nach dem Rauch hin, als wolle er sich über die Gegend unterrichten, in der er sich befinde. Dann aber schien er den Waldstrich vor sich erkannt zu haben, trieb sein 5 10 15 20 25 30 35 821FüNFtER BaNd • FüNFuNdViERZigstEs KapitEl Roß zu größerer Eile an und erreichte mit eintretender Dunkelheit das Gehölz, in dessen Schutz eine Menge kleiner Blockhäuser und Hütten von Reisig sichtbar wurde. Der Reiter war hier bekannt, denn er richtete den Schritt seines Pferdes augenscheinlich einem bestimmten Blockhaus zu, aus dessen offenem Eingang der helle Schein eines Feuers hervordrang. In kurzer Entfernung von demselben stieg er ab, leitete sein Pferd nach der Thür des Hauses und sagte, indem er in dieselbe eintrat: »Guten Abend, Tallihadjo, kann ich bei Deinem Feuer schlafen?« »Komm herein, Dunkan, Du befindest Dich unter Tallihadjo’s Dach und bist darum willkommen«, antwortete der Häuptling, der mit seiner Frau und seinen Kindern in der Hütte um das Feuer saß, indem er zugleich einer seiner Töchter andeutete, das Pferd des Fremden zu besorgen. Dunkan hatte dasselbe seiner Bürde entledigt und trat mit ihr in das Haus ein. »Was bringst Du Neues, Dunkan, hast Du Büffel gesehen?« fragte Tallihadjo und gab dem Gaste ein Zeichen, sich auf einer Haut neben ihm niederzulassen. »Der Büffel zieht nach Süden. Ich habe heute früh eine Heerde von über tausend Stück angetroffen,« antwortete Dunkan. »Meine Jäger wollten Morgen gleichfalls nach Süden aufbrechen, doch ich rieth ihnen, noch einige Wochen zu warten, bis ihnen mehr Büffel vorausgezogen sein würden. Wohin geht Euer Weg, Dunkan?« sagte der Häuptling. »Auch ich will ein sonnigeres Land aufsuchen. Unser Eins hat kein Obdach, wie Ihr wißt, und dieser Schnee ist eine schlechte Schlafdecke.« »Ich dächte Ihr solltet die Kälte wohl gewohnt sein. Habt Ihr doch, wie Ihr mir sagtet, viele Jahre in den Felsengebirgen zugebracht.« »Das ist freilich wahr, doch bin ich von Jahr zu Jahr weiter südlich gezogen. Ein warmes Land, in dem der Sommer nie endet, ist halbes Leben,« sagte Dunkan. »Und ein Land, in dem Schnee fällt, ist für den Südländer halber Tod,« entgegnete Tallihadjo mit einem finstern Blick und tiefem Athemzug. »Mein Volk war in einem Lande der Sonne geboren, in 822 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 dem Lande der Blumen. Dort war es einst ein großes, ein mächtiges Volk. Die Zweizüngigkeit, der Betrug, das Feuerwasser Deiner wei- ßen Brüder, Dunkan, hat die Seminolen unter sich entzweiet, ihnen das Land ihrer Väter geraubt und sie in dem Schnee dieser Prairien gebrochenen Herzens sterben lassen. O, Ralph Norwood! – und Deine Mutter war eine Seminolin!« »Ralph Norwood?« wiederholte Dunkan fragend und nachdenkend, »Ralph Norwood war mein Freund, lebte er nicht in Georgien an der Grenze von Florida?« »Dort ward er von einer Seminolin geboren und sein Vater war mein treuester Freund,« antwortete der Häuptling mit schmerzlichem Ausdruck auf seinen Zügen. »Wie ich Dir sage, Tallihadjo, Ralph war mein lieber Freund; weißt Du, was aus ihm geworden ist?« »Ein Raubthier, das ganze Stämme der Seminolen vernichtete, um ihre Habe an sich zu reißen, ein Ungeheuer, das seinen treuesten Freund, seinen Wohlthäter, sein eignes Volk um des Geldes willen dem Untergang zuführte. Und Tallihadjo muß in die ewigen Jagdgründe zu seinen Vätern gehen, ohne Ralph Norwoods Scalp mitzubringen!« sagte der Häuptling mit einem Blick, in dem Wuth und Verzweiflung lag. Dunkan sah, daß er einen Irrthum begangen hatte, indem er Ralph seinen Freund genannt und wollte den Fehler dadurch wieder gut machen, daß er sagte: »Er mag sich geändert haben, ich kannte ihn als ganz jungen Mann.« »Ich habe ihn als Kind geliebt und ihm als Mann meine Brust geöffnet, er hat mir zum Dank dafür das Herz zerrissen,« entgegnete der Häuptling mit bitterem, doch wehmüthigem Tone und setzte dann beruhigend hinzu: »Doch wenn Ihr auch ein Freund von Ralph Norwood und ein Bleichgesicht seid, so braucht Ihr nicht an Tallihadjo’s Gastfreundschaft zu zweifeln, sein Feuer ist eine Freistätte selbst für seinen Todfeind.« Die Frauen Tallihadjo’s hatten das Abendbrod bereitet und trugen es auf eine getrocknete Hirschhaut, die sie zwischen diesem und seinem Gaste ausgebreitet hatten. 5 10 15 20 25 30 35 823FüNFtER BaNd • FüNFuNdViERZigstEs KapitEl Der Häuptling winkte Dunkan, mit ihm zu speisen, dieser entledigte sich der hirschledernen Jacke, streifte sein rothes wollenes Hemd von seinen Armen zurück und nahm dann wieder bei dem Häuptling Platz, um dessen Einladung Folge zu leisten. Er hatte sein Jagdmesser aus der Scheide gezogen und eine geröstete Bärenrippe ergriffen, als Tallihadjo auf die kolossalen Muskeln seines Armes blickte und dort das Bild einer weiblichen Gestalt und darunter einen Anker mit bunten Farben eingeätzt bemerkte, wie man es häufig auf den Armen von Seefahrern findet. »Was stellt das Bild auf Deinem Arm vor?« fragte der Häuptling, dem die richtige Zeichnung gefiel. »Es stammt aus meinen jungen Jahren, da ich Seemann war, und stellt die Schutzgöttin der Matrosen vor«, antwortete Dunkan und sprach nun dem köstlichen Fleisch mit großem Appetit zu, denn er hatte seit dem Frühstück Nichts genossen. Tallihadjo hatte sich nicht auffallend verändert, sein Haar war noch reich und glänzend schwarz, seine Zähne waren noch vollständig und weiß wie Elfenbein. Er war aber hagerer geworden und seine Haut schien trocken und zeigte viele Falten. Das ganze Volk der Seminolen bestand kaum noch aus vierhundert Köpfen. Das ungewohnte Klima und die Sehnsucht nach dem Geburtslande hatte eine große Zahl derselben dem Tode übergeben, und die sehr blutigen Fehden, die sie mit den, seit früheren Zeiten in diesen Ländern wohnenden Indianerstämmen in den ersten Jahren ihres Hierseins zu bestehen gehabt hatten, waren die andere Ursache ihrer so verminderten Seelenzahl. Jetzt aber standen sie unter ihren wilden Brüdern in sehr hohem Ansehen und selbst die Comantschen, das mächtigste Volk der südwestlichen Länder Amerika’s, wagten es nicht mehr, einem Seminolen zu nahe zu treten. Tallihadjo war erster Friedenshäuptling, oder erster Rathgeber der Nation, während Tomorho zum wirklichen ersten Häuptling derselben gewählt worden war. Dieser hatte sich bei ihrer Ankunft hier in den vielen Kämpfen gegen die feindlichen Nachbarn ruhmvoll als Krieger ausgezeichnet und war wegen seiner Rechtlichkeit und Herzensgüte unter dem Volke allgemein beliebt. Mit Olviana seiner Gattin und seinen Kindern fühlte er sich glücklich 824 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 und trug Viel dazu bei, seinem Vater das Andenken an die herben Schicksale, die ihn und sein Volk betroffen, zu erleichtern. Die Seminolen lebten in Blockhäusern, zogen Mais und Gemüse und trieben bedeutende Vieh- und Pferdezucht. Die jungen Männer jedoch folgten mehr der Jagd und durchstreiften zusammen während acht Monaten des Jahres die ungemessenen Ebenen, die zwischen dem Plattefluß und den St. Sabagebirgen liegen. In Büffelzungen, Bärenschinken, Hirschkeulen, die sie in getrocknetem Zustand mit sich führten, so wie in Talg, Häuten, Wachs und Honig bestand die reiche Ausbeute, die ihnen diese Streifzüge lieferten und die sie theilweise an die Handelshäuser der Regierung verkauften oder vertauschten. Nach einer ungestörten Nachtruhe und zeitigem Frühstück dankte Dunkan seinem Wirth für die ihm erwiesene Gastfreundschaft und setzte seine Reise nach Süden fort. Die Wildniß war schon seit vielen Jahren seine Heimath, die er Jahr aus, Jahr ein als Jäger allein unter unzähligen Gefahren, Mühseligkeiten und Entbehrungen durchzogen hatte. Die verkäuflichen Gegenstände, die er auf seinen Jagden erbeutete, hatte er, wie die Indianer, in den Kaufläden der Regierung für sehr unbedeutende Preise verhandelt, so daß ihm kein Gewinn übrig geblieben war. Den Häutevorrath, den er eingemauert hatte, wollte er nun während des bevorstehenden Jahres noch vermehren und dann versuchen, ob er in den Grenzstädten des Südens bei den Kaufleuten bessere Preise dafür erzielen könne, als in den Handelshäusern des Gouvernements. ∗    ∗    ∗ Auf Ralph’s Plantage herrschte jetzt die größte Thätigkeit. Mit dem ersten Grauen des Tages waren schon sämmtliche Sclaven an der Arbeit und Tom Norwood, mit einer schweren Peitsche bewaffnet, ritt auf einem Pony von einem zum andern und trieb sie alle zum möglichsten Kraftaufwand an. Keiner konnte Tom zufriedenstellen, keiner konnte genug schaffen und die Spitze seiner Peitsche färbte sich täglich mit dem Blut der armen Neger. Mit der größten Kaltblütigkeit, ja mit einem wollüstigem Gefühl ließ er 5 10 15 20 25 30 35 825FüNFtER BaNd • FüNFuNdViERZigstEs KapitEl ohne Unterschied des Geschlechts einen, oder eine der Unglücklichen ergreifen, aller Kleidung beraubt an einen Baum binden und übte sich dann an ihm, von seinem Pferd herab, dessen Haut so mit der Spitze der Peitsche zu treffen, daß jeder Schlag dieselbe spaltete und ihr Blut entlockte. Ralph Norwood besaß einige zwanzig junge schöne Mulattenund Quadronenmädchen, die er vor den übrigen Sclaven bevorzugte. Sie waren besser gekleidet, ja einige derselben gingen in Seide, hielten sich fortwährend in der Nähe seiner Wohnung auf und waren durch ihn von aller Arbeit frei gesprochen. Dies hatte schon häufig zu Wortwechseln und sogar zu ernsten Auftritten zwischen Tom und seinem Vater geführt, da Ersterer verlangte, diese unnützen Geschöpfe sollten gleichfalls zur Arbeit angehalten werden, und nicht, wie er sich ausdrückte, ihr Brod mit Lächeln und Süßthun verdienen. Ralph hatte sie aber gegen Tom in Schutz genommen und ihm endlich in deren Gegenwart erklärt, daß er selbst der alleinige unumschränkte Herr über sie sei und ihm ein für allemal untersage, sich in ihr Thun und Lassen zu mischen, da er ihnen hiermit den Befehl ertheile, sich um seine Anordnungen nicht zu kümmern und denselben keine Folge zu leisten. Im Monat März wurde der Anfang gemacht, die Felder mit Baumwolle zu besaamen, wobei alle Sclavenkinder, die im Stande waren, eine Hacke zu führen, mit zur Arbeit gezogen wurden, um hinter dem Pflug her die Furche, in welche der Samen gelegt war, durch die Hacke mit Erde zu bedecken. Eines Morgens sehr frühzeitig verließ Ralph die Plantage und theilte zugleich seinem Sohne mit, er werde erst am folgenden Tage zurückkehren, weil er Geschäfte halber bis zum Abend in der Stadt verweilen und es dann zu spät werden würde, noch zurückzureiten. Tom war diese Mittheilung sehr erwünscht, um jetzt, da er die drängende Arbeit vorschützen konnte, einmal seinen Willen gegen die müßigen Lieblinge seines Vaters, die Mulattinnen und Quadronen durchzusetzen. Kaum war Ralph fortgeritten, als Tom dieselben herbeirief, ihnen befahl, die Hacken zu nehmen und ihm in das Feld zu folgen. Die Mädchen zögerten, und als er sie zornig nochmals aufforderte, seinem Befehl Folge zu leisten, weigerten 826 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 sie sich und beriefen sich auf die Weisung, die General Norwood ihnen gegeben habe. In höchster Wuth peitschte Tom sie aus und zwang sie, sich seinem Willen zu fügen. Sie mußten vor ihm her nach dem Felde wandern, er selbst blieb während des ganzen Vormittags bei ihnen und trieb sie mit der Peitsche zur Arbeit an. Als die Tischglocke zum Mittagsessen rief, nahm er die Mädchen mit sich nach den Wohnungen und versicherte ihnen, daß sie Nachmittags noch besser arbeiten sollten. Er hatte mit seiner Frau und Tochter die Mahlzeit eingenommen, worauf er sich nach seiner Gewohnheit vor das Haus unter die Veranda setzte, um dort bei einer Cigarre eine Tasse Kaffee zu trinken, die man stets besonders für ihn bereitete, indem ihm der Kaffee, der gewöhnlich bei Tisch gereicht wurde, nicht stark genug war. Die alte Negerin, welche die Aufwartung in seiner Familie hatte, brachte ihm die Tasse mit dem Lieblingstrank und setzte sie neben ihn auf ein Tischchen. Tom hatte in diesem Augenblick einen der Sclaven, einen ausgezeichneten Hufschmied, zu sich kommen lassen und warf ihm vor, er habe seinen Pony zu schwer beschlagen, wobei er hoch und theuer schwur, daß wenn es wieder geschehe, er ihm dieselben Eisen eigenhändig unter die nackten Füße nageln würde. Zugleich hob er die geballte Faust gegen ihn auf und stieß einen fürchterlichen Fluch aus. Dann legte er die Cigarre auf den Tisch, trank in seinem Zorn die Tasse Kaffee fast aus und winkte dem Neger zu, sich zu entfernen. Kurze Zeit nachher sprang Tom plötzlich auf, und wollte über die Veranda nach der Thür des Hauses gehen, seine Füße aber versagten ihm den Dienst, er wankte hin und her und stürzte mit einem durchdringenden Schrei zu Boden. Arabella, seine Frau, hatte seine Stimme gehört, eilte aus dem Hause herbei und fiel mit einem Hülferuf neben ihm nieder. Sie hob seinen Kopf empor, sah ihm, zu Tode erschreckt, in die stieren Augen und fragte ihn, was ihm fehle; Tom aber konnte ihr nicht antworten, sein Gesicht nahm nach und nach eine Bleifarbe an, sein Athem wurde mit jeder Minute schwerer und seine Glieder steifer, so daß bald deren Ge- 5 10 15 20 25 30 35 827FüNFtER BaNd • FüNFuNdViERZigstEs KapitEl lenke vollständig unbiegsam waren. Er wurde in das Haus getragen, auf das Bett gelegt und seine Frau versuchte Mittel über Mittel, um ihm zu helfen, er konnte aber Nichts mehr verschlucken und das Waschen mit belebenden Essenzen, so wie alles Reiben und Bürsten blieb erfolglos. Die trostlose Gattin hatte einen Neger zu Pferd nach dem nächst wohnenden Arzte und einen andern an General Norwood abgeschickt und Beide von der großen Gefahr unterrichtet, in der Toms Leben schwebe. Der Bote an General Norwood erreichte Diesen nach Verlauf von kaum einer Stunde in der Stadt, wo derselbe vor dem Gasthause eine große Zahl Männer um sich versammelt hatte und über die Verhältnisse des Landes zu ihnen sprach. Die Nachricht von dem gefährlichen Erkranken seines Sohnes traf ihn wie ein Blitz aus heiterm Himmel. Zum ersten Male in seinem Leben sah er in einem drohenden Verluste Alles auf dem Spiele stehen, und er erbebte bei dem Gedanken, seinen einzigen Sohn, ja wie es ihm oftmals schien, sein einziges Kind zu verlieren. Doch nur für einen Augenblick gab er sich der Schwäche hin, vor dem Schicksal zu zittern, mit lauter fester Stimme rief er dem Hausknecht zu, ihm sein Pferd vorzuführen, befahl dann dem Boten, der ihm die Nachricht gebracht hatte, zu Farland zu reiten und denselben in seinem Namen eiligst nach der Plantage zu holen und sprengte wenige Minuten später zur Stadt hinaus. Mit Sporn und Peitsche trieb er sein Roß zu fliegender Eile an und erreichte in unglaublich kurzer Zeit das Ziel seines Rittes. Toms Gattin kam ihm händeringend und schluchzend aus dem Hause entgegengewankt und konnte kaum die Worte hervorbringen: »Es ist vorbei, Tom stirbt!« Ralph trat festen Schrittes, die Fäuste geballt und die feinen Lippen, wie im Zorn aufeinandergepreßt, zu dem Lager seines Sohnes und heftete seinen finstern Blick auf denselben, dann ergriff er dessen Hand und suchte nach dem Puls, der kaum noch zu fühlen war. Er sprach zu Tom, rüttelte ihn an der Schulter und versuchte, ihn aufrecht zu setzen, es war aber nicht möglich, derselbe war steif, wie ein Stück Holz und sein stierer Blick unbeweglich. Noch war kein Arzt erschienen. Ralph ließ Tom abermals bürsten, 828 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ihm heiße Decken auflegen und versuchte es, ihm warmen Thee einzuflößen, Alles blieb aber ohne Erfolg. Mit den geballten Händen in den Taschen seines Rocks und zusammengezogenen Brauen ging Ralph nun aus dem Zimmer unter die Veranda und ließ die trostlose Gattin Toms mit demselben allein. Langsam schritt er auf und nieder und schaute von Zeit zu Zeit nach dem Weg, von woher er Farland erwartete, denn in ihm sah er noch einen Hoffnungsstrahl für die Rettung seines Sohnes. Er ging aber nicht gebeugt, wie ein Vater, dem der Tod sein Kind nehmen will, aufrecht und mit trotziger zorniger Haltung maß er die Veranda mit seinen Schritten und trat mitunter so heftig auf den Fußboden, daß das Haus zitterte. Plötzlich erblickte er an dem Ende der meilenlangen Einzäunung des Feldes, zwischen welcher und dem Walde der Weg zum Hause führte, den Schimmel Farlands, der Diesen in Galopp herantrug. Ralph schritt von der Veranda über den Platz vor dem Hause zu dem Thor in der Einzäunung, öffnete es und erwartete dort den Kommenden. »Ich glaube es ist zu spät, Herr Farland, Tom ist verloren,« sagte er zu Diesem, während derselbe vom Pferd sprang und mit ihm dem Hause zueilte. Kaum trat Farland zu dem Kranken und hatte dessen Arm erfaßt, als er entsetzt zu Ralph sagte: »Herr General, Ihr Sohn ist vergiftet und zwar, dem Anschein nach, mit Strychnin. Hülfe ist hier nicht mehr möglich.« »Vergiftet? – Himmel und Hölle – das soll Blut kosten,« schrie Ralph mit gräßlicher Stimme und rannte in das Zimmer gegenüber, von wo er nach wenigen Augenblicken mit einem verstopften Glase in der Hand zu Farland zurückkehrte. »Hier ist das Glas mit Strychnin, dessen Inhalt wahrscheinlich zu dem Mord benutzt ist. Ich hielt es stets im Hause, um die Wölfe und Schwarzvögel damit zu vergiften. Wer aber kann die That begangen haben?« schrie er in höchster Wuth. »Niemand anders, als Tony, die Mulattin, sie widersetzte sich, mit an die Arbeit zu gehen und da hat sie Tom gestraft,« sagte dessen Gattin weinend und schluchzend, indem sie sich von dem Lager erhob, an dem sie niedergesunken war. 5 10 15 20 25 30 35 829FüNFtER BaNd • FüNFuNdViERZigstEs KapitEl Tony war der Liebling Ralph’s, und da sie schon so oft die Ursache von heftigen Auftritten zwischen ihm und seinem Sohne gewesen war, so sah er in der Behauptung Arabella’s die alte Abneigung gegen die Mulattin. »Tony, schon wieder Tony?« entgegnete Ralph mit barscher Stimme und warf der Frau einen wilden Blick zu. Dann schritt er rasch zu den Negerhütten, rief die schwarzen Aufseher derselben zu sich und ließ sich nun von diesen berichten, was heute in der Frühe mit Tony vorgefallen sei. Als er wieder in das Krankenzimmer zurückkehrte, war Tom eine Leiche. Ohne eine Thräne im Auge blickte Ralph einige Minuten auf seinen todten Sohn, dann schritt er hinaus auf den Hof vor den Negerhütten und schwur mit den gräßlichsten Verwünschungen, daß er den Mörder zu Tode martern würde. Farland war der Anblick des herz- und gefühllosen Mannes schauerlich und entsetzlich, er sagte ihm wenige Worte des Bedauerns und verließ ihn dann mit der tiefsten Verachtung gegen ihn im Herzen. Und nun bestieg er sein Pferd, um dessen braver, engelsguten Gattin und deren heißgeliebten Tochter den Verlust des Sohnes, des Bruders mitzutheilen. Es war die schwerste Botschaft, die er jemals im Leben auszurichten hatte. Berenice erwartete ihn und erkannte bei dem matten Mondlicht sein weißes Pferd von Weitem. Sie eilte ihm entgegen, schmiegte sich in seine Arme und reichte ihm ihre zarten Lippen zum Willkommen, als aber Farland schweigend mit ihr dem Hause zuschritt, erschrack sie und fragte ihn nach der Ursache seines Ernstes. So sehr Berenice auch durch Toms Betragen gegen sie und ihre Mutter von ihm entfernt und abgestoßen worden war, so traf sie doch die Nachricht von dessen Tode unendlich schwer. Sie weinte bitterlich und würde gern noch viel mehr von ihm erduldet haben, hätte sie ihn ins Leben zurückrufen können. Noch härter aber ergriff die Schreckensbotschaft das Mutterherz. Eloise sank bei der Mittheilung Farlands zu Boden, und er mußte sie halb tragen, um sie nach dem Sopha zu führen. Tröstend und beruhigend verweilte er bis spät in die Nacht bei den Trauernden und kehrte zeitig am folgenden Morgen wieder zu ihnen zurück, um ihnen durch seine Theilnahme an ihrem Geschick ihren Schmerz zu erleichtern. 830 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Tom ward unfern der Plantagengebäude im Walde zur Erde bestattet und das Grab mit einer hölzernen Einzäunung umgeben. Es gingen bald darauf viele schauerliche Gerüchte durch das Land über unerhörtes Foltern und Martern, welches Ralph gegen die beim Morde seines Sohnes verdächtigen Mädchen angewandt habe; gewiß war es aber, daß keines derselben bekannte und daß auch keinem derselben das Leben genommen wurde. Mit eiserner Unbeugsamkeit gegen das Schicksal trug Ralph den Verlust seines Sohnes, und als wolle er jenem Trotz bieten, verwandte er nun seine ganze Aufmerksamkeit auf die dreijährige Tochter Toms, auf die kleine Blanche. Das Gefühl seiner Schuld sagte ihm, daß Eloise und Berenice in dem ihn betroffenen gro- ßen Unglück eine gerechte Strafe für seine vielen Sünden erkennen würden, und um ihnen dies zu widerlegen, erschien er vor ihnen mit heiterem Gesicht, that gar nicht, als ob ihn besonderes Leid betroffen habe und redete über gleichgültige Dinge. Blanche war jetzt seine fortwährende Begleiterin; er nahm sie vor sich auf den Sattel, ritt mit ihr nach Norwoods Park, hielt sie dort bei Tisch auf seinem Schooß, überhäufte sie mit Liebkosungen und scherzte und spielte mit ihr. Häufig nahm er sie auch auf seinem Pferd mit sich nach der Stadt, hielt stundenlang dort vor dem Trinkhaus und zeigte das hübsche Kind einem Jeden, der in seine Nähe kam. Er spaßte und lachte wie früher, und wenn auf Tom die Rede kam, so bemerkte er, daß derselbe seinen Tod selbst veranlaßt habe. Niemand aber sah ihn nur einen Augenblick traurig, oder niedergeschlagen, im Gegentheil, er schien in besserer Laune zu sein, als früher. Er nannte Blanche oftmals bei Fremden sowohl, als auch in Eloisens Gegenwart, seine kleine reiche Erbin und bemerkte scherzend, daß sich viele junge Männer um ihretwillen die Hälse brechen würden, wenn sie einmal sechzehn Jahre alt sein würde. Je mehr Ralphs Betragen seine Gattin, so wie auch Berenicen von sich entfernte, um desso enger schlossen diese ihren Bund mit Farland und fanden immermehr ihr Lebensglück darin. Er war ihr täglicher Gesellschafter, ihr Rathgeber, ihre Stütze, und im Stillen erblickten sie vertrauensvoll auch für den Nothfall einen Schutz in ihm gegen Ralph selbst. Dieser aber hatte sehr viele Gründe, nicht 5 10 15 20 25 30 35 831FüNFtER BaNd • FüNFuNdViERZigstEs KapitEl wieder mit Farland zu brechen, dessen großen Einfluß unter den Bewohnern des Landes, namentlich in den besseren Familien, er kannte. Hegte er auch keine große Hoffnung, ihn für seine Partei zu gewinnen, so war es doch schon von großer Wichtigkeit, ihn nicht zum Feinde zu haben, und dafür bürgte ihm der Einfluß, den seine Gattin und namentlich, wie Ralph sehr gut wußte, Berenice über ihn ausübte. Außerdem sah er in Farland eine Sicherstellung seines Hauptcapitals, seiner Sclaven, die in dem sumpfigen Walde, in welchem die Plantage lag, im Sommer und Herbst höchst gefährlichen Krankheiten ausgesetzt waren; auch kam ihm bisweilen der Gedanke, daß er selbst einmal erkranken könne, und ins Besondere hing das Leben Berenicens von ihm ab, in der er das stärkste Band zwischen sich und der gebildeten Gesellschaft der Gegend erblickte. Freilich beunruhigte es ihn oftmals sehr, wenn er sich dachte, daß Farland Berenicen zur Gattin nehmen möchte; verhindern konnte er denselben aber nicht daran, da das Gesetz ihn in solchem Falle in Schutz nehmen würde. Ralph’s einzige sichere Waffe gegen diese Verbindung war, wie er glaubte, Berenicens Enterbung, und fest war er entschlossen, diese eintreten zu lassen, sobald von der ersteren die Rede sein würde. Er kam in dieser Zeit selten nach Norwoods Park, da die Hoffnung, eine sehr reiche Ernte zu erzielen, ihn bei der Arbeit der Sclaven hielt; wenn er aber bei seinen einzelnen flüchtigen Besuchen auf dieser Seite des Stromes Farland begegnete, so war er sehr freundlich und höflich gegen ihn, dankte ihm für die Sorge, die er auf Berenice verwende und lud ihn ein, ihn doch bald einmal auf der Plantage zu besuchen, damit er ihm die bisherigen Resultate seiner Anstrengungen zeigen könne. 832 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 46. Gesundheitsfülle. – Der Unbekannte. – Das Wiedererkennen. – Der Seeräuber. – Große Unruhe. – Beabsichtigte Reise. – Enterbung. – Gestörtes Glück. – Vorstellung. – Lebewohl. – Keine Nachricht. – Schreckenstunde. – Trauriges Wiedersehen. – Vergebener Trostversuch. – Der Wunsch. Das Frühjahr erschien mit aller Pracht, aller Herrlichkeit, die es alljahrlich über diese gesegneten Länder ausgießt, die Wälder schmückten sich mit frischem Laub und Blüthen, die tausendfältige Blumensaat der üppigen Grasfluren sproßte reich empor und die Ströme und Bäche klärten ihre Fluth. Die ganze Schöpfung war neu und jugendlich belebt und ihr frischer Athem wehte süß duftend über Berg und Thal. Auch in Berenice schien das Frühjahr sich geltend machen zu wollen; in jugendlicher Gesundheitsfülle prangte wieder ihre ganze Erscheinung, ihre Bewegungen waren leicht und elastisch und ihr Blick strahlte wie die Natur, die sie umgab, in Hoffnung und reger Lebenskraft. Jedes, auch das leichteste Gefühl von Unwohlsein hatte sie verlassen, froh und heiter begrüßte sie jeden neuen frühen Morgen, in genialer Thätigkeit verbrachte sie den Tag und süß, ungestört und erquickend war ihr Schlaf. Mit wachsender Hoffnung für das Glück seiner eigenen Zukunft sah Farland das geliebte, angebetete Mädchen so kräftig wieder erblühen und die bangen Zweifel über die Dauer ihrer wiedererlangten Gesundheit, die ihn bisher immer noch gequält hatten, waren fast gänzlich verschwunden. Es stand nun seiner vollständigen irdischen Seligkeit, seiner ehelichen Verbindung mit Berenice, Nichts mehr im Wege und die Zeit, in der sie vollzogen 5 10 15 20 25 30 35 833FüNFtER BaNd • sEchsuNdViERZigstEs KapitEl werden sollte, wurde von den Verlobten und von Eloisen auf den nächsten Winter festgesetzt. Mit jedem Tag, dem die beiden Liebenden diesem Endziel ihrer Hoffnungen, ihrer Wünsche näher rückten, steigerte sich ihr Glück, und in gleichem Maße mehrte sich die Freude und Wonne, womit Eloise den aufsteigenden Stern an dem Lebenshimmel ihrer Tochter verfolgte. Beseligende Zufriedenheit lebte in ihr und mit stillem Dankgebet zu dem gütigen Lenker des Schicksals sah sie Berenice Arm in Arm mit Farland durch die kühlen Schatten der kolossalen Blüthenbäume des Parkes wandeln, oder sich mit ihm an dem silbergrauen Stamm einer der vielen prächtigen, dunkelbelaubten Magnolien niederlassen, die jetzt ihre blendend weißen Riesenblumen geöffnet hatten, deren wundervoller, lieblicher Duft in der unbewegten Atmosphäre sich bis zur Erde hinabsenkte. Sie trat oftmals mit glücklichem Lächeln zu ihnen, wenn sie vor der Mittagsgluth sich in die kühlen Räume des Hauses zurückgezogen hatten und dort zusammen lasen oder zeichneten, und mit einer Thräne der Freude im Auge lauschte sie Berenicens silberreiner Stimme, wenn dieselbe bei stiller Mondscheinnacht in dem trauten Dunkel des Parks ihren Geliebten mit ihrem Lied entzückte und die süßen Klänge der Harfe ihren Gesang umwogten. Ungestört und in einer ununterbrochenen Kette glücklicher Tage schwanden den Liebenden und Eloisen Wochen und Monate und der Herbst hatte abermals seine Farbenpracht über die Wälder ergossen, als eines Abends Ralph aus der Stadt nach Norwoods Park zurückkehrte, um dort den kommenden Morgen abzuwarten, weil auf dem Wege von der Plantage bis zum Strome viel Wasser erschienen war. Er hatte sich auf die Treppe des Hauses vor der Hauptallee niedergesetzt, blies den Rauch aus seiner kleinen Pfeife gedankenvoll vor sich hin und berechnete, auf welche Weise er die dreißigtausend Dollar am vortheilhaftesten anlegen sollte, die ihm ungefähr seine erzeugte Baumwollenernte einbringen mußte. Die Nacht war schon eingebrochen, als Ralph’s Aufmerksamkeit auf den dunkeln Schatten eines Reiters fiel, der in der Allee auf das Haus zugeritten kam. Nach wenigen Augenblicken hatte der Fremde die Treppe erreicht und hielt sein Pferd mit den Worten an: 834 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Guten Abend, Herr, kann ich die Nacht hier zubringen? Ich komme von der andern Seite des Flusses und bin durch den schlechten nassen Weg sehr aufgehalten worden. Auch ist mein Pferd müde, denn es hat heute mit mir über fünfzig Meilen zurückgelegt.« »Steigen Sie ab und sein Sie willkommen«, erwiederte Ralph, von seinem Sitz aufstehend, und rief durch einen Pfiff auf der Faust einen Neger herbei, der das Roß des Reisenden hinwegführen mußte. Dieser hatte Sattel und Zeug und sein ganzes Gepäck auf den Arm genommen und legte es oben auf der Treppe nieder, dann reichte er Ralph die Hand und sagte: »Mein Name ist Dunkan und mein Geschäft, dem ich seit vielen Jahren gefolgt bin, das eines Jägers der Wildniß. Bis jetzt habe ich nur für die Eigener der Handelshäuser gearbeitet, die von der Regierung das Monopol haben, mit den Indianern zu verkehren, sie haben den Nutzen gezogen und ich bin arm geblieben. Nun will ich einmal versuchen, ob ich bei den Kaufleuten in der Stadt C.... nicht bessere Preise für die Vorräthe von Häuten bekommen kann, die ich seit zwei Jahren wieder zusammengebracht habe.« Die Stimme des Fremden berührte Ralph’s Ohr, wie ein Klang aus vergangenen Zeiten, doch vergebens besann er sich auf den Namen Dunkan. Er bat ihn, sich bei ihm niederzulassen mit dem Bemerken, daß das Abendessen bald bereit sein werde und sagte dann: »Ich sollte denken, daß Sie in C.... recht gute Preise für Ihre Häute erhalten müßten. Morgen werde ich Ihnen einige Kaufleute angeben, an welche Sie sich wenden können. Was bringen Sie Neues von den Indianern, sind sie friedlich gegen die Ansiedler gesinnt?« »Die Gewalt hält sie zurück, sonst möchten die Grenzbewohner nicht viel Ruhe vor ihnen haben«, erwiederte Dunkan. »Wenn Sie wollen, so bin auch ich noch Frontiermann durch meine Plantage, an welcher Sie jenseits des Flusses vorübergekommen sind. Es liegt keine andere Niederlassung weiter westlich,« sagte Norwood und setzte noch hinzu: »aber die Rothhäute wagen sich doch nicht mehr so nahe heran, sie streifen weiter nach den Gebirgen hinüber.« 5 10 15 20 25 30 35 835FüNFtER BaNd • sEchsuNdViERZigstEs KapitEl »Es befinden sich im Augenblick sehr viele Indianer in jener Gegend, da ungewöhnlich zahlreiche Büffelheerden weit nach Süden vorgedrungen sind. Noch gestern traf ich einen Stamm Creekindianer und auch Seminolen an, die auf der Jagd waren.« »Seminolen?« fiel Ralph dem Fremden in die Rede, »kommen die so weit nach Süden herab? sie wohnen ja an dem Canadienfluß.« »Ganz recht, dort wohnen sie, ihre Jäger aber streifen acht Monate im Jahre auf der Jagd umher und ziehen so weit südlich, als es ihnen die Ansiedelungen der Weißen gestatten.« Ralph schwieg und war augenscheinlich in Nachdenken versunken, als ein Neger aus dem Hause trat und anzeigte, daß das Abendessen bereit sei. »Wenn es gefällig ist,« sagte Ralph zu seinem Gaste, indem er sich erhob und ihn in den Corridor vorangehen ließ. Mit Verwunderung sah er auf die kolossale Gestalt des Fremden, während er neben ihm der offenen Thür des Speisesaals zuschritt. Beim Eintreten in dies hellerleuchtete Gemach hatte Ralph einige Schritte nach dem Tische hingethan, wandte dann, indem er mit der Hand auf einen Stuhl zeigte, seinen Blick auf das vom Kerzenlicht beschienene Gesicht des Fremden und fuhr entsetzt vor ihm zurück. Auch auf Dunkans wettergebräunten Zügen war eine Ueberraschung nicht zu verkennen, seine dunkeln Augen hatten sich weit geöffnet und begegneten dem stieren Blick Ralph’s, der auf ihn geheftet war, als stände ein dem Grabe Entstiegener vor ihm. »Großer Gott, sei uns gnädig!« schrie in diesem Augenblick Eloise, die von der andern Seite mit Berenice in den Saal getreten war und streckte abwehrend ihre Hände gegen Dunkan aus. Dieser aber war allein Herr des Augenblicks. »Ein Mißverständniß waltet hier ob, ich sehe, meine Erscheinung erinnert hier an eine andere Person, an die sich nicht die angenehmsten Erinnerungen zu knüpfen scheinen. Dürfte ich vielleicht nach der Ursache dieses auffallenden Erstaunens fragen?« sagte Dunkan, indem er einen leuchtenden Blick auf Eloise warf, und sich dann vor ihr verneigte. Berenice aber hatte ihren Arm um ihre zitternde, entsetzte Mutter geschlungen und führte sie aus dem Saal. 836 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Mein Herr!« sagte Ralph jetzt mit entschlossener Stimme und erhob sich zu seiner vollen Größe. »Ein Mißverständniß, oder besser eine unerklärliche Aehnlichkeit zwischen Ihnen und einem längst verstorbenen Manne waltet hier ob, und wüßte ich es nicht so gut, wie tausend Andere, die Zeuge seines Todes waren, daß er nicht mehr unter den Lebenden ist, so würde ich jetzt eine alte Schuld von Ihnen fordern.« »Sonderbar, die Aehnlichkeit muß allerdings auffallend sein. Wer war denn jener Doppelgänger von mir und wie war sein Tod, daß denselben Tausende bezeugen können?« erwiederte Dunkan, indem er gleichfalls sein Haupt entschlossen erhob und seine blitzenden Augen auf Ralph richtete. »Flournoy war sein Name und seinen Tod fand er am Galgen. Er war Pirat und wurde in Baltimore gehangen,« entgegnete Ralph, noch immer mit einer gewissen Scheu auf den Fremden blickend. Flournoy aber, denn dieser war es wirklich, der unter dem Namen Dunkan vor Ralph stand, lachte höhnisch und sagte: »Wenn Tausende dem tragischen Ende jenes Herrn Flournoy beiwohnten, so muß er wohl todt sein und für seinen Geist besitze ich zu viel Fleisch und Blut. Sie dürfen sich deshalb beruhigen und auch Ihren Damen Trost einsprechen, der todte Flournoy kehrt nicht wieder in’s Leben zurück.« Von der Unmöglichkeit überzeugt, daß der Fremde der Pirat Flournoy sein könne, war Ralph dennoch nicht im Stande, das Gefühl dessen augenblicklicher Gegenwart von sich abzuwehren, welches ihm jedes Wort, jeder Blick, jede Bewegung seines Gastes aufdrängte, er schickte zwar einen Diener zu Eloisen und ließ sie bitten, zu Tisch zu kommen, doch dieselbe ließ sich entschuldigen. Darauf nahmen Ralph und Flournoy gegeneinanderüber am Tisch Platz und Letzterer, dem seit Jahren eine solche Kost nicht geboten war, ließ sich nicht zum Essen nöthigen, während Ralph wenig genoß und die Unterhaltung führte, ohne seinen Blick von dem Ebenbild des Piraten abwenden zu können. Nach eingenommenem Mahl reichte Ralph seinem Gast eine Cigarre und Beide nahmen vor dem Kamin Platz, in welchem ein kleines Holzfeuer flackerte. 5 10 15 20 25 30 35 837FüNFtER BaNd • sEchsuNdViERZigstEs KapitEl »Ich habe mir den Namen meines gastfreien Wirthes noch nicht einmal erbeten. In den Prairien vergißt man leicht die Höflichkeit des civilisirten Lebens,« sagte Flournoy mit einer artigen Verneigung gegen Ralph. »Ralph Norwood ist mein Name, Herr Dunkan, ich bin von Florida hierher übergesiedelt,« antwortete der General. »Ich bedauere, daß ich Ihnen nicht auch mein Haus anbieten und Sie dort stets einer gastfreien Aufnahme versichern kann. Mein Haus ist der gewölbte Himmel über mir und mein Lager das Gras der Prairie, ein hohler Baum, eine Felsschlucht. Dankbar werde ich Ihnen jedoch stets für die freundliche Bewirthung unter Ihrem Dache bleiben,« sagte Flournoy und setzte lächelnd noch hinzu: »trotz meiner Aehnlichkeit mit jenem, noch im Tode gefürchteten Piraten.« Je länger Ralph mit Flournoy zusammensaß, desto unheimlicher ward ihm dessen Nähe, desto deutlicher spiegelte sich das frühere jugendlich schöne Bild dieses Mannes auf dessen Zügen. Endlich erhob sich der Letztere und bat, ihm den Platz für seine Nachtruhe anzuweisen. Ralph geleitete ihn in ein reich meublirtes Fremdenzimmer und wünschte ihm einen ruhigen Schlaf. Flournoy aber war es zu eng und zu beklommen in dem kleinen Gemach, er öffnete die Thür und das Fenster, breitete seine wollene Decke auf dem weichen Teppich aus und legte sich, anstatt in das Bett, auf den Fußboden nieder. Bei dem sehr zeitigen Frühstück am folgenden Morgen fehlte Eloise mit ihrer Tochter abermals und Ralph’s Erstaunen steigerte sich nun beim Tageslicht noch mehr über die auffallende Aehnlichkeit seines Gastes mit dem seiner Meinung nach längst todten Seeräuber. Flournoy entgingen die Zweifel nicht, die sich seinem Wirthe immer lebendiger aufdrängten und er beschloß, seinen beabsichtigten Besuch in der Stadt C.... auf ein anderes Grenzstädtchen weiter südlich zu übertragen, da ihm die rege Erinnerung Ralph’s anfing gefährlich zu erscheinen. Er ließ sich nach beendigtem Frühstück von ihm die Namen der Kaufleute in C.... nennen und verließ ihn dann unter vielen höflichen Danksagungen mit dem Bemerken, er wolle nun sein Glück in der Stadt versuchen. Kaum aber hatte er Norwoods Park aus dem Gesicht verloren, als er von der Straße abritt und auf 838 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 weitem Umweg durch Wald und Prairie wieder zu der Fähre zurückkehrte und von da den Weg bei Norwoods Plantage vorüber einschlug. Flournoy war damals in Baltimore wirklich durch die Methodisten vom Galgen gerettet und heimlich durch sie fortgebracht worden. Nur in der Wildniß hatte er sich vor aller Gefahr sicher geglaubt, er war Jäger geworden und hatte nun die vielen Jahre entfernt von aller Civilisation in den westlichen Prairien zugebracht. Nach Flournoys Abreise trat Eloise tief erschüttert zu Ralph auf die Treppe vor dem Hause und betheuerte, daß der Fremde kein Anderer gewesen sei, als der Pirat. Ralph hielt ihr die Unmöglichkeit hiervon vor, da derselbe ja in Gegenwart vieler tausend Menschen in Baltimore gerichtet worden wäre, Eloise ließ sich aber nicht von ihrer Ueberzeugung abbringen, bis Ralph ihr zuletzt auch seine eigenen Zweifel verrieth und beschloß, dem Herrn Dunkan nach der Stadt zu folgen. Schnell bestieg er sein Pferd und eilte nach C...., wie groß aber war seine Verwunderung, als dort Niemand den Jäger gesehen haben wollte. In Folge dessen eilte er nach dem Park zurück, seine Mittheilung über das Verschwinden des unheimlichen Mannes setzte Eloisen in Angst und Schrecken und Ralph trat selbst sehr besorgt seinen Rückweg nach der Plantage an. Seine Aufregung steigerte sich, als ihm der Fährmann auf dem Strome, einer von Ralphs Sclaven, benachrichtigte, daß er heute früh denselben Fremden mit seinem schwarzen Pferd nach dem andern Ufer übergesetzt, den er gestern Abend herüber gefahren habe. Ralph erkannte nun auch den unbeschlagenen Huf des Rosses in dem weichen Boden und zwar in der Richtung nach der Plantage zu. Er beeilte seinen Ritt, erreichte seine Niederlassung, von dem Fremden hatte aber dort Niemand Etwas gesehen. Die geheimnißvolle Erscheinung, wie auch das ebenso geheimnißvolle Verschwinden desselben setzte Ralph sowohl, als auch Eloisen und ihre Tochter in große Besorgniß und Ralph beunruhigte insbesondere der Gedanke sehr, daß durch diesen Mann sein Name und sein jetziger Wohnort den Seminolen möglicherweise verrathen werden könnte. Oftmals, wenn er allein in der Nähe seiner Plantage durch den Wald ging, oder umherritt, dachte er: wenn 5 10 15 20 25 30 35 839FüNFtER BaNd • sEchsuNdViERZigstEs KapitEl hinter jenem Baum plötzlich Tallihadjo, oder Tomorho hervorträte und ihn, mit der Büchse in der Hand, zur Rechenschaft zöge? Solche Gedanken bemächtigten sich seiner immer häufiger; er ging nicht mehr so weit in den Wald hinein als früher, und schlief nicht mehr bei offener Thür. Die geerntete Baumwolle war jetzt von den Samenkörnern gereinigt und in Ballen gepackt und Ralph ließ sie nach dem, nur wenige Meilen am Flusse hinab gelegenen Landungsplatz der Dampfboote fahren, und sie von dort nach New-Orleans verschiffen. Er selbst wollte nach dieser Stadt reisen, um seine Baumwolle zu verkaufen und hatte schon während des ganzen Sommers den Plan gehabt, Berenice mit sich zu nehmen, um dort mit ihr zu glänzen. New-Orleans war im Winter der Sammelplatz für zahllose Geschäftsleute aus allen Theilen der Vereinigten Staaten und der Aufenthalt vieler reichen Plantagebesitzer am Mississippi, worunter namentlich die Französischen Creolen, die an feiner Bildung und vornehmer prächtiger Lebensweise wohl allen andern Amerikanern voranstehen. Die glänzendsten Gesellschaften, Bälle, Concerte, Theater, Circusse, kurz alle derartige Vergnügungen drängen sich um diese Zeit in New-Orleans ununterbrochen und das Rasseln von Carrossen und Güterwagen, der Gesang der Matrosen, das Summen der wogenden Menschenmassen auf den Trottoirs und Musik aller Art verhallen während der Nächte nicht. In dem gesellschaftlichen Gewühl dieser Weltstadt wollte General Norwood Berenice zeigen, um die weit und breit berühmten Schönheiten der dortigen Creolinnen neben ihr verbleichen zu sehen, und für sich selbst durch sie den Zutritt in die ersten Gesellschaften zu gewinnen. Im November, nur wenige Wochen vor der, zu seiner Abreise bestimmten Zeit, gab er Eloisen seinen Wunsch zu erkennen, daß sie sowohl, als auch Berenice ihn nach New-Orleans begleiten möchten. Eloise erschrack und machte Einwendungen, Ralph aber hörte nicht darauf und bat, schnell alle Vorbereitungen zur Reise zu treffen. 840 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Am selbigen Abend theilten die geängstigten beiden Damen ihrem Freund Farland die Verlegenheit mit, in die Ralph’s Befehl sie versetzt habe, und baten ihn um seine Ansicht, um seinen Rath. Farland war bestürzt und erklärte, daß Berenice unter keiner Bedingung nach New-Orleans reisen dürfe. Die Räume in den Dampfbooten, sagte er, wären immer noch mit dem Krankheitszunder aus der Fieberzeit des Herbstes gefüllt, und die giftige Ausdünstung der endlosen Sümpfe in der Umgebung von New- Orleans könnte in Berenicen leicht das alte, kaum besiegte Uebel wieder hervorrufen. Er beschwor diese, so wie auch Eloisen, sich dem Willen Ralph’s zu widersetzen und weder auf dessen Bitten, noch auf seinen Befehl zu hören. Dieses geschah. Eloise erklärte ihrem Gatten, daß ihre Tochter ihn nicht begleiten sollte, indem Farland den Aufenthalt in jener Stadt für Berenice als höchst gefährlich bezeichnet habe. Ralph gerieth in Zorn und Wuth und schwor, Berenice zu enterben, wenn sie seinem Willen nicht Folge leiste, ein Wort, welches ihm schon seit langer Zeit auf der Zunge geschwebt hatte. Eloise war untröstlich, die angedrohte Handlung sprach mehr aus, als nur den Verlust des väterlichen Vermögens, denn Niemand würde glauben, daß die verweigerte Mitreise nach New-Orleans die alleinige Ursache dazu gewesen sei. Zugleich aber hatte sie im Stillen die Hoffnung gehegt, daß Ralph seine Zustimmung zu Berenicens Verbindung mit Farland geben möchte, welche Aussicht gleichfalls durch ein so ernstes Zerwürfniß mit ihrem Gatten vernichtet werden mußte. Eloise sprach abermals mit Farland darüber, theilte ihm die Drohung Ralph’s mit und stellte ihm vor, wie viele böse Folgen eine solche Verfeindung mit Ralph für sie alle Drei haben würde. Farland aber blieb bei seiner Ansicht und erklärte, daß er Berenice lieber von Ralph enterbt zu seiner Gattin nehmen, als sie der Gefahr ausgesetzt sehen wolle, abermals zu erkranken. Zum ersten Male war das Glück der Liebenden gestört und Farland wurde bei seinen Besuchen von Berenicen sowie von ihrer Mutter mit Thränen empfangen und entlassen. Ralph blieb unbeugsam bei seinem Ausspruch und wiederholte seine Drohungen gegen Jene mit jedem Zusammentreffen mit ihnen. 5 10 15 20 25 30 35 841FüNFtER BaNd • sEchsuNdViERZigstEs KapitEl Dabei tobte und fluchte er mit solcher Wuth, daß er sie Beide täglich mehr einschüchterte und ihnen zuletzt alle Kraft ihres Willens nahm. Farland bestürmte sie dagegen, fest bei ihrer Weigerung zu beharren, er theilte ihnen seinen Entschluß mit, selbst mit Ralph zu reden und ihm das Unrecht seines Verlangens vorzuhalten, Eloise aber bat ihn bei Allem, was ihm heilig, dies nicht zu thun, da er das Uebel dadurch nur noch verschlimmern würde. Die Tage verstrichen und der Vorsatz der Damen erlag dem Befehl Ralph’s, sie willigten ein, ihn zu begleiten. Die Mittheilung hiervon versetzte Farland in Verzweiflung und er beschloß, trotz der Gegenvorstellungen Eloisens, mit dem General darüber zu reden und ihm das Unverantwortliche seiner Handlung vorzuhalten. Er ritt frühzeitig nach der Plantage und traf Ralph unweit seiner Wohnung bei der Presse, mittelst welcher durch eine ungeheuere Holzschraube Baumwolle in Ballen zusammengedrückt wurde. »Herr General, es ist meine Pflicht mit Ihnen über die beabsichtigte Reise der Fräulein Berenice zu reden und Sie auf die große Gefahr aufmerksam zu machen, welcher dieselbe dadurch ausgesetzt werden wird,« sagte Farland nach gegenseitiger Begrüßung. »Die giftige Ausdünstung sumpfiger Gegenden ist häufig hinreichend, auch bei den kräftigsten gesundesten Menschen Geschwürbildung in den Lungen zu erzeugen, wie viel mehr bei Fräulein Berenice, die kaum von diesem höchst gefährlichen Uebel wieder genesen ist. Die Aufregung in großen Gesellschaften, der Aufenthalt zwischen vielen Menschen in verschlossenen Räumen, die gestörte Nachtruhe und die veränderte, weniger natürliche Lebensweise, Alles wird dazu beitragen, die kaum besiegte Krankheit wieder hervorzurufen, und dann, Herr General, wird keine menschliche Hülfe hinreichen, sie abermals zu heilen. Bedenken Sie die schrecklichen Vorwürfe, die Sie treffen würden.« »Sie sind zu besorgt, Herr Farland«, erwiederte Ralph gelassen und freundlich, »New-Orleans ist in Winterzeit der gesundeste Aufenthaltsort der Welt. Ich bin überzeugt, daß die Tour Berenicen außerordentlich gut bekommen wird und es soll mir bei unserer Rückkehr große Freude machen, Ihnen durch das erhöhte Wohlbefinden derselben zu beweisen, daß meine Ansicht die richtige war.« 842 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Sie irren sich, Herr General, hören Sie auf meine Warnung und laden Sie nicht eine solche Verantwortung auf sich, die Ihr und Ihrer Gattin Lebensglück vernichten kann. Ich beschwöre Sie, stehen Sie von Ihrem Vorhaben ab!« »Das geht nicht, Herr Farland, und es ist auch keine Nothwendigkeit dafür vorhanden. Berenice wird mich begleiten,« entgegnete Ralph fest. »Ich muß Ihnen bemerken, daß es eine unverzeihliche Rücksichtslosigkeit gegen mich sein würde, da es Ihnen bekannt ist, daß ich Viel zu der Herstellung Ihrer Tochter beigetragen habe. Es steht mir ein Recht zu, über deren Gesundheit zu wachen; einen Theil ihres neuen Lebens empfing sie von mir,« sagte Farland mit ernster Betonung. »Bis jetzt, Herr Farland, habe i c h noch über daß Thun und Lassen Berenicens zu bestimmen; sie wird mit mir reisen,« antwortete Ralph heftig und setzte schnell und gelassener hinzu, »lassen Sie uns nicht über Sachen streiten, die doch nicht geändert werden. In allem Uebrigen bin ich gern bereit, Ihnen irgendwie gefällig zu sein.« »Herr General, ist es möglich, können Sie für leidige Selbstinteressen die Gesundheit, das Leben eines edeln Wesens, wie Berenice, auf das Spiel setzen, fürchten Sie sich nicht eine schwere Sünde auf Ihr Gewissen zu laden, haben Sie denn kein Mitleid, keine Barmherzigkeit mit Ihrer Gattin, glauben Sie nicht an eine Vergeltung in jenem Leben?« rief Farland außer sich in höchster Entrüstung. »Scherz, Scherz, Herr Farland, Sie werden Berenice wohler zurückkehren sehen, als sie von hier abreist. Geben Sie sich weiter keine Mühe, meinen Entschluß zu ändern,« entgegnete Ralph mit unterdrückter Heftigkeit. »So nehmen Sie zwei Morde auf Ihre Seele, denn die Mutter wird Berenice nicht überleben,« rief Farland jetzt von Zorn übermannt, sprang nach seinem Pferde, warf sich in den Sattel und jagte davon. Der Abend vor der festgesetzten Abreise erschien und Farland sagte Berenicen mit einem Gefühl Lebewohl, als ob er von seinem eigenen Leben Abschied nähme. Schlaf kam während der Nacht nicht in seine Augen, mit dem ersten Grauen des Tages bestieg 5 10 15 20 25 30 35 843FüNFtER BaNd • sEchsuNdViERZigstEs KapitEl er sein Pferd und begab sich nach einem schroffen Abhang über dem Strome, etwa eine Meile unterhalb des Landungsplatzes, wo das Dampfboot lag. Dort ließ er sich unter einer einzeln stehenden himmelhohen Fichte nieder, um der Geliebten beim Vorüberfahren noch ein letztes Lebewohl zuzuwinken, die frühzeitig mit ihrer Mutter und Eva von Ralph nach dem Dampfschiff hin gefahren war. Unglück ahnend, hielt Farland seinen Blick auf die nahe Biegung des Flusses geheftet, von wo das Boot kommen mußte. Nicht wie früher in Augenblicken des Erwartens schlug sein Herz der Geliebten froh und freudig entgegen, es hatte sich bang zusammengezogen und erbebte, wenn er das Rauschen des Dampfbootes zu hören glaubte. Plötzlich brauste es durch den Wald, bald darauf stieg hinter der Biegung des Stromes eine dichte weiße Dampfwolke zwischen den Bäumen auf und dann schnaubte das Schiff dem Abhange zu, auf dessen Rande Farland stand. Er erkannte Berenice und ihre Mutter auf dem oberen Verdeck, er ließ sein Tuch wehen, die Geliebte sah ihn, riß ihren roth seidenen Shawl von der Schulter und beantwortete Farlands Abschiedsgrüße, indem sie das Tuch, so lange ihre Augen ihn erreichen konnten, nach ihm hin durch die Luft schwang. Lange noch stand Farland an dem Abhang und schaute auf die Stelle, wo Berenice seinem Blick entschwand. Es war ihm, als habe er sie zum Letztenmale gesehen. In banger Sorge und mit schwerem Herzen ließ er jetzt die Tage an sich vorüberschleichen, er suchte in der Jagd Zerstreuung und wartete sehnsüchtig auf den ersten Brief von der Geliebten, der ihm endlich nach Verlauf mehrerer Wochen zu Händen kam. Jede Zeile, jedes Wort darin sprach ihre Liebe, ihre Sehnsucht nach Farland aus, sie schilderte ihm das gewühlvolle glänzende Treiben, in welches Ralph sie geführt habe, beklagte sich, daß sie Nacht für Nacht in Gesellschaften erscheinen müsse und daß die Besuche bei ihr während des Tages gar nicht abbrächen. Zugleich sprach sie ihre Furcht aus, daß sie wahrscheinlich den ganzen Winter hier werde zubringen müssen, da Ralph’s Einrichtungen darauf hindeuteten. Sie sagte, derselbe habe Equipage angeschafft, Logen in den 844 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 verschiedenen Theatern gemiethet und die Kosten ihres Aufenthalts in dem Hotel monatsweise bedungen. Dieser Brief machte Farland noch niedergeschlagener, als er es schon war, er sah daraus deutlich, daß seine Befürchtungen zur Wahrheit werden würden und daß Berenice und mit ihr sein Lebensglück den selbstsüchtigen Zwecken Ralph’s als Opfer fallen müßten. Er schrieb an die Geliebte, und beschwor sie, bei ihrer Liebe, bei ihrem beiderseitigen Glück, vorsichtig zu sein und sich den Gefahren, die sie umgaben und die er ihr wiederholt aufzählte, möglichst zu entziehen. In jeder Woche sandte er einen, auch zwei Briefe an sie ab und Berenice schrieb häufig an Farland, wenn auch ihre Nachrichten, in Folge der noch ungeregelten Postverbindung oftmals zwei auch drei zusammen in seine Hände kamen und er dadurch mitunter während längerer Zeit nicht eine Zeile von ihr erhielt. Die erste Hälfte des Januars war verstrichen, ohne daß Farland von Berenice gehört hätte, er suchte sich aber hierüber mit dem Gedanken zu beruhigen, daß die Briefe abermals unterwegs liegen geblieben wären. Täglich ritt er selbst nach der Stadt, um sich zu erkundigen, ob solche für ihn eingetroffen seien, aber umsonst, die letzten Tage des Monats erschienen und er hatte noch immer kein weiteres Lebenszeichen von der Geliebten erhalten. Seine Angst steigerte sich stündlich, er war mehreremale im Begriff, mit dem ersten Dampfboot selbst nach New-Orleans zu eilen, immer aber hielt ihn die Hoffnung zurück, daß er vielleicht schon am folgenden Morgen einen Brief erhalten würde. Am letzten Januar langte er abermals vor der Post in C .... an und der Posthalter rief ihm schon aus dem Fenster entgegen, er habe einen Brief für ihn. Farland sprang vom Pferde und in das Haus hinein, empfing mit bebender Hand das Schreiben und erkannte zu seinem Schrecken in der Aufschrift nicht Berenicens, sondern ihrer Mutter Hand. Nur zu gegründet war die Angst, die ihn ergriffen hatte, denn Eloise theilte ihm in herzzerreißenden Klageworten mit, daß Berenice abermals einen heftigen Blutsturz gehabt habe und daß sie, wenn es möglich wäre, mit ihr auf dem nächsten Dampfschiff nach Norwoods Park zurückreisen würde. Zugleich 5 10 15 20 25 30 35 845FüNFtER BaNd • sEchsuNdViERZigstEs KapitEl sagte sie, daß ihr Gatte sie abgehalten habe, ihm früher Nachricht von ihrem Schicksal zu geben. Ein jeder Buchstabe in dem Briefe zeugte von der Verzweiflung, in der die unglückliche Frau denselben geschrieben hatte. Wie vernichtet stand Farland vor dem Hause und hielt das Unglücksschreiben in der Hand, er hatte keinen Gedanken mehr, als den, daß sein Leben fortan in Nacht und Trauer gehüllt sein würde, er dachte nicht daran, sein Pferd zu besteigen und den Heimweg anzutreten, bis der Posthalter, der ihn einige Zeit aus dem Fenster beobachtet hatte, zu ihm trat, und ihn theilnehmend fragte, ob er eine traurige Nachricht erhalten habe? In jener gänzlichen Abgespanntheit, welche den Menschen in schweren unerwarteten Leiden erfaßt, erreichte Farland seine Wohnung, die er während mehrerer Tage nun gar nicht verließ. Er hatte nach dem Landungsplatz des Dampfbootes geschickt und sich dort bei dessen Agenten erkundigen lassen, wann das nächste Schiff erwartet würde, man hatte ihm aber keine Gewißheit darüber geben können. Plötzlich erschien eines Morgens Eva bei Farland und brachte ihm die Kunde, daß ihre junge Herrin vor einer halben Stunde in Norwoods Park angelangt sei. Farland fragte die Sclavin nicht nach Berenicens Befinden, er hatte es schon auf dem Gesicht der treuen Dienerin gelesen. Der Hengst trug ihn wieder flüchtig nach der Wohnung der Geliebten, Farland fühlte aber, daß seine Kenntnisse, seine Kräfte ihr keine Hülfe mehr bringen könnten. Dennoch, als er den Eingang in den Park erreichte, den er so oft mit jubelndem Herzen durchschritten, und die Treppe wieder vor sich sah, auf der ihn die gesunde blühende Berenice stets freudig empfangen hatte, schoß ein Hoffnungsstrahl durch seine Brust, er flog in den Corridor, öffnete die Thür, die ihn so häufig zu seinem Glücke eingelassen hatte und stand vor Berenice. Wie dem Grabe entstiegen, bleich, abgezehrt und machtlos wankte sie Farland entgegen und schmiegte sich an seine Brust; kein Wort der Freude, kein Ton der Klage kam über ihre farblosen Lippen, nur die Thräne, die ihren, zu dem Geliebten erhobenen, noch immer wunderbar schönen Augen entquoll, schien Vergebung von ihm erbitten zu wollen. Der erste Blick auf Berenice hatte Farland gesagt, daß sie rettungslos für ihn verloren 846 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 sei; er suchte sich zu ermannen, sie sollte Hoffnung auf seinen Zügen lesen, er wollte ihr sagen, daß er sie abermals dem frischen Leben wieder geben könne, aber seine Kraft, sein Wille erlag vor dem Bilde schneller Vergänglichkeit, welches vor ihm stand. Mit aller ihr zu Gebote stehenden Macht hatte Berenice sich aus dem Sopha erhoben und war Farland entgegengegangen, um ihm stärker zu erscheinen, als sie war, jetzt aber verließen sie ihre Kräfte und sie sank matt in seinen Arm, in dem er sie halb tragend nach dem Sopha brachte. Sie hatte ihre nächste Zukunft deutlich auf Farlands Zügen erkannt, sie fühlte es, daß er keine Hoffnung für sie hatte, und sank mit den Worten gegen seine Brust: »Laß mich wenigstens in Deinem Arm sterben.« Jetzt kam Farland zu sich selbst, er suchte Berenicen Trost einzureden, erinnerte sie daran, daß sie früher noch viel kränker gewesen sei und daß sie guten Muthes sein müsse. Berenice jedoch schüttelte ihr schönes Haupt und sagte mit einem wehmüthigen Lächeln: »Gedenke des Pflaumenbaums.« Eloise war absichtlich fern geblieben, sie wollte durch ihre Thränen ihrem Kinde nicht das Herz noch schwerer machen, als aber Farland aus dem Zimmer trat, um nach seiner Wohnung zu reiten und Arznei für Berenicen zu holen, harrte sie seiner vor der Thür und führte ihn in den Saal, um Tod oder Leben von seinem Munde aussprechen zu hören. Farland machte ihr einige Hoffnung, doch nur so viel, daß sie langsam auf das Schlimmste vorbereitet wurde. Eloise wollte in Thränen vergehen, sie schluchzte und jammerte und klagte sich selbst an, daß sie durch ihre Zustimmung zu der Reise das trostlose Schicksal ihrer Tochter herbeigeführt habe. Wie gern hätte sie Berenice jetzt enterbt gesehen und hätte arm mit ihr Haus und Hof verlassen, hätte sie ihr die Gesundheit dadurch zurückgeben können! Farland eilte nach Hause, bereitete die nöthige Arznei für Berenice und kehrte damit eilig zu derselben zurück. In rastloser Thätigkeit bot er all sein Wissen, alle seine Erfahrung auf, um der rasch vorwärts schreitenden Krankheit eine Grenze zu setzen, umsonst, die Kräfte Berenicens sanken zusehends und rasch nahete sie ihrem Ende. Sie war nicht an ihr Lager 5 10 15 20 25 30 35 847FüNFtER BaNd • sEchsuNdViERZigstEs KapitEl gebunden, sie ging von einem Zimmer zum andern, begab sich an milden Abenden auf die Treppenhöhe vor das Haus, um dort den letzten Liedern der Vögel zu lauschen und ihren gedankenvollen sinnenden Blick auf die scheidende Sonne zu heften, und täglich fuhr sie langsam im Wagen in dem nahen Wald umher, um dem unwiderstehlichen Drange nach der freien Luft zu genügen. Eines Morgens gab sie Farland den Wunsch zu erkennen, gegen Abend über den Strom und nach der Plantage zu fahren, da sie sich darnach sehne, die prächtigen Bäume des Urwaldes, durch welchen der Weg führe, wiederzusehen, und fragte ihn, ob er ein Bedenken dabei habe, wenn sie während der Nacht auf der Plantage verweile und erst am folgenden Morgen nach dem Park zurückkehre. Noch einmal, sagte sie, wünsche sie den Scheideblick der Sonne durch den hohen Wald funkeln und diesen dann in Nacht versinken zu sehen. Farland wandte Nichts dagegen ein, er erfüllte so gern jeden von Berenicens Wünschen, und die Fahrt konnte die, ihr nur noch knapp zugemessene Lebenszeit nicht noch mehr verkürzen. Er selbst kehrte Nachmittags nach dem Park zurück, um Berenice noch vor dem Antritt der Fahrt zu sehen, auf welche dieselbe sich so ungemein freute. Eloise und Eva begleiteten sie, Farland gab ihnen das Geleit bis zu dem Strome, und sah sie glücklich an dessen jenseitigem Ufer landen. Dann lenkte er sein Roß am Fluß hinunter zu einer ihm befreundeten Pflanzerfamilie, die seine Hülfe für ein schwer erkranktes Kind angerufen hatte. Diese Farm lag acht Meilen von Farlands Wohnung entfernt, so daß er erst noch spät Abends dorthin zurückkehrte. 848 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 47. Der nächtliche Ritt. – Das Krankenzimmer. – Sehnsucht. – Das Hellsehen. – Das nahende Ende. – Gefühllosigkeit. – Trostlosigkeit. – Grausamkeit. – Wiedererwachen. – Verzweiflung. – Das Gewölbe. – Das Begräbniß. – Freundschaft. – Das geängstigte Roß. – Die Grabstätte. – Die Trauernde. – Das gebrochene Herz. Ermüdet und vom Schicksal niedergebeugt, saß Farland vor dem Kaminfeuer und schaute, in trübe Gedanken versun-ken, in die Flamme, während die Quadrone das Abendbrod auf den Tisch trug und ihren theilnehmenden wehmüthigen Blick nach ihrem traurigen Herrn richtete. Plötzlich erschallte ein lautes »Hallo!« vor dem Hause, Farland sprang erschrocken auf, Berenice, die seine Gedanken beschäftigt hatte, stand nach ihm verlangend vor seinem Geiste, er rannte aus der Thür unter die Veranda und fragte in die Dunkelheit hinaus: Wer da sei? »Fräulein Berenice ist sehr krank geworden, Herr Farland, sie läßt Sie bitten, eiligst zu ihr nach der Plantage zu kommen,« rief der Eilbote und trat durch die Einzäunung auf Farland zu. »Reite zurück nach dem Strome und sorge, daß der Fährmann sich bereit halte, mich überzusetzen,« befahl Farland dem Boten und rief dann seinem Negerburschen zu, ihm schnell den Hengst zu satteln. Nach zehn Minuten schon trieb er sein Roß in fliegendem Lauf über die Prairie und dann auf der rohen Straße der Fähre zu, die seiner am Flusse harrte. Bald hatte er dessen anderes Ufer erreicht, wo ihn in dem, zum dunkeln Himmel aufstrebenden Walde die tiefste Finsterniß umfing. Er konnte kaum einen Weg erkennen, de- 5 10 15 20 25 30 35 849FüNFtER BaNd • siEBENuNdViERZigstEs KapitEl mohngeachtet drückte er dem braven Pferd die Sporn in die Seiten und überließ sich seinen flüchtigen sichern Hufen. Das Gebäude auf der Plantage, in welchem Ralph lebte, bestand aus zwei Theilen, das heißt aus zwei, zehn Fuß von einander entfernt stehenden Blockhäusern, welche durch ein gemeinsames Dach und durch eine Veranda mit einander verbunden waren, so daß der offene Raum zwischen ihnen weder von den Sonnenstrahlen noch durch Regen erreicht werden konnte. Die Thüren dieser beiden Häuser, deren ein jedes nur aus e i n e m Zimmer bestand, führten in den Durchgang zwischen, ihnen, während ihre kleinen Fenster nach Vorn unter die Veranda zeigten. Beide Zimmer waren durch Kaminfeuer erleuchtet, deren Lichtschein durch die offenen Thüren in die Passage fiel und auch die kleinen Glasscheiben der Fenster erhellte. In der Mitte des einen Zimmers ruhte Berenice auf einem Bett, welches so niedrig war, daß man es, um Raum zu gewinnen, unter ein anderes in der Ecke der Stube stehendes schieben konnte. Auf ihren eingefallenen Wangen lag ein scharf begrenztes frisches Roth, zwischen ihren dünnen geöffneten Lippen sahen ihre wundervollen weißen Zähne hervor, und in ihren großen dunkeln Augen war eine auffallende Gluth, Unruhe und Angst nicht zu verkennen. Die Fülle ihres gelösten Haares ruhte in schweren Locken zu beiden Seiten ihrer Gestalt auf dem weißen Ueberzug ihres Lagers und wurde ihr bei ihren rastlosen Bewegungen oftmals hinderlich. Eloise saß an ihrer Seite auf dem Bett und war bemüht, sie bei den häufigen Veränderungen ihrer Lage zu unterstützen, während sie sich Gewalt anthat, die Thränen vor ihr zu verbergen, die sich ununterbrochen nach ihren Augen drängten. An dem obern Ende des Bettes stand Arabella, die Wittwe Toms, legte das Kopfkissen immer wieder zurecht, wenn Berenice es in ihrer Unruhe verschoben hatte und war ihr schnell behülflich, wenn sie sich aufsetzen wollte. Ralph stand unbeweglich neben dem Kamin an die Wand gelehnt, wo ihn der Lichtschein nicht treffen konnte und hielt seinen finstern Blick auf Berenice geheftet, als zähle er die schnellen kurzen Athemzüge, die ihre Brust noch bewegten. Nur, wenn deren 850 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ungewöhnlich glänzende Augen sich seitwärts nach ihm hinrichteten und das Feuerlicht den dunkeln Schatten, der sie umgab, noch deutlicher zeigte, sah er schnell anderswo hin, denn ihr Blick enthielt eine furchtbare Anklage gegen ihn. Dennoch wich er nicht von seinem Platz und schien jedes Wort, welches Berenice mit matter Stimme zu ihrer Mutter sagte, mit größter Aufmerksamkeit und Spannung zu überwachen. Arabella begab sich von Zeit zu Zeit in das Zimmer an der andern Seite des Durchganges, um nach ihrer schlafenden Tochter zu sehen, dann trat aber sogleich Eva an ihre Stelle und zeigte ihrer jungen Herrin durch ein leises Wort, oder durch einen Strich mit der Hand über deren Haupt ihre Nähe an. Plötzlich, wie wenn ihre Lebensflamme neue Nahrung erhalten hätte, richtete sich Berenice auf und sagte mit bewegter Stimme und einem Blick, nach ihrer Mutter gerichtet, aus dem Freude, Glück und auch Hoffnung schimmerte: »Farland kommt, jetzt wird es mir besser!« »Er wird sicher kommen, meine Berenice, Du weißt es, für Dich würde er die ganze Welt verlassen,« antwortete Eloise und neigte ihren Mund auf die Hand ihrer Tochter, um die Thränen zu verheimlichen, die ihren Augen entquollen. »Geh, Eva, und trage unserm Kutscher auf, Farland das Pferd abzunehmen und es gut zu verpflegen, er reitet jetzt sehr rasch durch den Wald daher,« sagte Berenice zu der Sclavin und winkte ihr mit einer leisen Bewegung der Hand. »Herr Farland ist noch nicht unterwegs, kaum kann unser Bote sein Haus erreicht haben,« fiel Ralph zu Berenicen gewandt ein. »Er jagt jetzt über die zweite Brücke im Walde, sein Pferd erkennt den Weg. Geh, Eva,« sagte Berenice ungeduldig und warf einen Blick des Vorwurfs auf Ralph. »So will ich selbst gehen und einen Wärter für sein Pferd herbeirufen,« erwiederte Jener und schritt hinaus unter die Veranda, nur um Berenicen den Willen zu thun, deren Worte er für Erzeugnisse ihrer Fieberbewegungen hielt. Es war eine sehr dunkele Nacht, obgleich die Sterne hell funkelten, Ralph stand mit verschränkten Armen, horchte einen Augenblick nach dem Walde hin, von woher Farland kommen sollte, 5 10 15 20 25 30 35 851FüNFtER BaNd • siEBENuNdViERZigstEs KapitEl versank aber im nächsten Moment in Gedanken, die sich um die Interessen seiner eigenen Person bewegten. Nach einer Weile hörte er Eloisen zu ihrer Tochter reden und schritt nun rasch wieder in das Zimmer an das Kamin. »Will denn Niemand das Thor für Farland öffnen? jetzt sprengt er an dem Feld herauf und wird in wenigen Minuten hier sein. Eva, sorge für das Pferd«, sagte Berenice, indem sie sich mit Anstrengung auf ihren Arm stützte und Ralph einen zürnenden Blick zuwarf. »Ich hörte keinen Ton eines jagenden Pferdes, und die Nacht ist todtstill. Doch wenn es Dir Freude macht – – « entgegnete Ralph, indem er abermals der Thür zuschritt. »Jetzt reitet Farland zu dem Thor heran,« hörte er noch im Hinausgehen Berenice sagen und that kaum den ersten Schritt in den Durchgang des Hauses, als die eiligen Hufschläge eines Pferdes von der Straße her zu seinen Ohren drangen. Ueberrascht lief er nach dem Thor, öffnete es und Farland sprang vor ihm von seinem Hengste ab. Dann warf er die Holftern über seinen Arm, breitete seine Satteldecke über das dampfende Thier und gab dessen Zügel mit der Weisung an Eva, sie solle das Roß herumführen lassen. »Sonderbar, Berenice hat Sie kommen sehen, Herr Farland,« sagte Ralph zu ihm, doch Jener hörte ihn nicht und eilte in das Zimmer. »Gottlob!« sagte Berenice mit einem aufstrahlenden Blick und hielt Farland ihre Hand entgegen; Eloise war aufgestanden und ihre Tochter gab ihm durch den Druck ihrer Hand zu verstehen, er möge sich an deren Stelle niederlassen. »Gottlob!« wiederholte Berenice, indem sie auf das Kissen zurücksank, »jetzt erhole ich mich wieder.« Farland hatte seine Finger an ihren kalten feuchten Arm gelegt und erkannte in dem kaum noch fühlbaren Zittern ihres Pulses, daß derselbe bald ganz aufhören würde zu schlagen. Berenice aber sagte leise zu ihm: »Du fehltest mir, Farland, ohne Dich wäre mein Leben bald erloschen. Schon athme ich freier und meine Kräfte kehren wieder.« In diesem Augenblick trat Ralph ein und Farland ging zu dem Tisch, auf welchem er die Holftern mit den Medicamenten nieder- 852 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 gelegt hatte. Er träufelte belebende Tincturen in einen Theelöffel und reichte sie Berenicen, während Ralph verwundert nach derselben hinblickte; denn sie schien ihm neu belebt. Farland mußte sich wieder bei ihr niederlassen, er hielt ihre Hand in der seinigen und überwachte ihren Puls und ihr Athmen. Die Arznei verfehlte die gehoffte Wirkung nicht, der Lebensfunken in Berenice flammte noch einmal auf, ihr Puls begann wieder kräftiger zu schlagen und die beängstigende Unruhe hatte sie verlassen. Es war aber nur ein Aufflackern ihres fliehenden Lebens, bald begannen die künstlich hervorgerufenen Kräfte wieder zu sinken und Farland mußte die Gabe wiederholen. Nach Verlauf von einigen Stunden erhob er sich und ging hinaus, um nach seinem Pferde zu sehen, da schritt Ralph rasch hinter ihm her unter die Veranda und sagte zu ihm: »Herr Farland, ich bin erstaunt, Berenice erholt sich wieder.« »Geben Sie keiner Hoffnung Raum, ihre Lebensfrist ist nach Stunden abgemessen,« erwiederte Farland tief ergriffen. »Sind Sie dessen gewiß?« »Leider ganz zweifellos gewiß, Berenice wird nie wieder die Sonne aufgehen sehen.« »Ist das der Fall, so sollten Sie Barmherzigkeit an ihr üben und ihr das Ende erleichtern. Geben Sie ihr eine tüchtige Dosis Opium, damit sie in Schlaf verfällt und träumend in die Ewigkeit geht,« sagte Ralph mit dringendem Ton und augenscheinlichem Interesse. »Herr General Norwood!« – antwortete ihm Farland, mit Abscheu sich von ihm abwendend. »Wenn sie doch sterben muß, so wäre es ja besser – « fuhr Ralph fort. »Jede Secunde, um die ich das Bewußtsein Berenicens verlängern kann, ist mir heilig,« fiel ihm Farland in die Rede, rief dem Wärter seines Pferdes zu, dasselbe in den Stall zu führen und eilte dann rasch zu Berenicen zurück. Eloise suchte Farlands Blick zu begegnen, um die Hoffnung zu bestätigen, welche das augenblicklich so auffallend belebte Aeußere ihrer Tochter in ihr Herz goß. Farland hatte es bemerkt und ver- 5 10 15 20 25 30 35 853FüNFtER BaNd • siEBENuNdViERZigstEs KapitEl mied, Eloisen anzusehen, als er aber wieder nach dem Tische ging, um durch Arznei die Lebensgeister Berenicens von Neuem anzufachen, trat sie an seine Seite, sah thränenschweren Blicks und ihre gefalteten Hände vor ihrer Brust ringend, zu ihm auf und flehte ihn schweigend an, sie die Wahrheit über Berenicens Lage wissen zu lassen. Farland wollte das Herz brechen, er durfte der Mutter keine Hoffnung geben, und konnte es auch nicht über sich gewinnen, ihr das nahe Ende ihrer Tochter zu verkünden. Er schwieg, suchte unter den vielen Gläsern, die sich in den Holftern befanden, und las bei dem matten unstäten Lichte, welches von dem Kamin bis zu dem Tische drang, die Aufschriften auf denselben. In diesem Augenblicke trat Ralph in das Zimmer, sah schnell nach Farland und seiner Gattin hinüber, welche Beide ihm den Rücken zuwandten, richtete seine unheimlich bewegten Augen auf Berenice, die ermattet auf das Kissen zurückgesunken war und trat dann, wie zu raschem Entschluß gekommen, schnell an ihr Lager. Er beugte sich nahe über sie nieder, weckte sie durch plötzliches Ergreifen ihrer Schulter aus ihrem Schlummer und sagte mit ernster mahnender Stimme zu ihr: »Berenice, Du bist im Sterben, – keine menschliche Hülfe rettet Dich vom Grabe – bete zu Gott, auf daß er Deiner Seele gnädig sein möge!« Berenice fuhr bei diesen Worten Ralph’s, mit denen er ihr den Brillantring vom Finger zog, entsetzt zusammen, statt Farlands tröstendem Blick, sah sie die fürchterlich stieren Augen Ralph’s auf sich gerichtet, ihr Athem stockte, ihre Glieder zuckten und der Ausdruck des Todes legte sich über ihre Züge. Mit einem Schrei der Verzweiflung stürzte in demselben Moment Eloise nach dem Lager hin, riß Ralph von demselben zurück und fiel regungslos über Berenice nieder. Die Gewalt, die Farland dieser zur Hülfe trieb, war stärker, als die Entrüstung, die das Ungeheuere von Ralph’s That in ihm erzeugte, er hob Eloisen auf, überließ sie den Armen Evas und ergriff die Hand der regungslosen Berenice. Ihr Puls hatte aufgehört zu schlagen, kein Athemzug bewegte mehr ihre Brust und ihre Augen waren gebrochen. Alle Mittel, alle Versuche, sie ins Leben zu- 854 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 rückzurufen, blieben diesmal vergebens, Berenice hatte diese Welt gegen eine bessere vertauscht. Farland schloß die Lider der theuern Verblichenen und wankte von dem Lager hinweg der Thür zu, ohne zu wissen, wohin er ging, oder was er that, während Eloise sich den Armen der Sclavin entwand, neben ihrem entschlummerten Kinde niederfiel und das Haus mit ihren Jammertönen, mit ihren Wehklagen erfüllte. Farland hatte die Veranda erreicht, dort erkannte er in dem wenigen Licht, welches durch das Fenster drang, seine gewirkte rothe Decke, die der Neger mit dem Sattel von seinem Pferd genommen und hierher getragen hatte, er konnte sich nicht länger aufrecht erhalten, seine Glieder verloren alle Macht, seine Gedanken verwirrten sich, wie bei eintretendem Schlaf und er sank bewußtlos auf die Decke nieder. Nur ein dumpfes Gefühl seines grenzenlosen Unglücks war ihm geblieben und schreckte ihn von Zeit zu Zeit für einen Moment aus seiner Abspannung auf, dann aber umgab seinen Geist abermals tiefe Nacht und verschlang jeden lichten Gedanken. Mehrere Stunden lang hatte er hier gelegen, als er plötzlich auffuhr und die Erinnerung in ihm wiederkehrte. Berenice war todt, das war das Schreckenswort, welches sein Herz zerriß und seine Nerven wie mit eisiger Kälte lähmte. Er wankte zu dem Sterbegemach zurück. Nicht ohne einen letzten Abschied von Berenice konnte er scheiden, noch einmal mußte er ihre theuern Züge sehen, noch einmal bei ihr niedersinken und ihre Hand mit seinen Thränen benetzen. Er wankte der Thür zu, aus der jetzt ein blendend heller Lichtschein hervordrang, die Neger, die sich hier gesammelt hatten, wichen zur Seite aus, er trat in den Eingang und fuhr, bis in das tiefste Innere seiner Seele erschüttert, zurück. Berenice lag schon auf dem Paradebett, das weiße Tuch, das ihren Körper bedeckte, war mit Rosen überstreut, eine weiße Centifolie sah aus den glänzenden Locken ihres Haares hervor und eine ebensolche lag zwischen ihren gefalteten Händen auf ihrer Brust. Zwölf Negerinnen in weißen Kleidern umstanden, wie Bildsäulen im Kreis das Lager ihrer jungen Herrin und hatten bei dem hellen Schein der Kerzen, die sie unbeweglich in der 5 10 15 20 25 30 35 855FüNFtER BaNd • siEBENuNdViERZigstEs KapitEl Hand hielten, ihre dunkeln, in Thränen überströmenden Augen auf die Verblichene geheftet. Erbebend und wie selbst von dem Tode erfaßt, schaute Farland auf sein Lebensglück, das erstorben hier vor ihm lag und erkannte dann erst die am Fuße des Lagers in Gram zusammengesunkene Eloise in den Armen der tröstenden treuen Eva. Er trat nun zu der Geliebten hin, hatte ihre kalte Hand ergriffen und hielt eine lange Zeit seinen Blick auf Berenicens Marmorbild geheftet. Auch im Tode war sie noch wunderbar schön, der Ausdruck milder Ergebung hatte sich über ihre Züge verbreitet und gab ihr das Ansehen eines schlafenden Engels. Noch einen Kuß mußte Farland der Geliebten seines Herzens zum Abschied reichen: er neigte sich zu ihr nieder, seine Lippen berührten die ihrigen und plötzlich hoben sich langsam die festgeschlossenen langbewimperten Lider ihrer Augen. Entsetzt schreckte Farland auf, denn er hielt eine Todtenhand in der seinigen, der Blick Berenicens aber folgte seiner Bewegung, er belebte sich mehr und mehr und nahm bald seinen natürlichen seelenvollen innigen Ausdruck an. »Berenice, meine einzige, meine theuere Berenice!« schrie Farland der anscheinend ins Leben zurückkehrenden Geliebten zu und senkte abermals seine Lippen auf die ihrigen. Ihr Mund aber blieb starr und kalt und gab ihm den Kuß nicht zurück. Eloise war bei dem Ausruf Farlands aus ihrer Abgespanntheit erwacht und ergriff in ihrer Seligkeit, als sie die geöffneten Augen Berenicens erblickte, deren Hand, die Marmorkälte aber, die sie berührte, durchschauerte sie und sie trat zitternd zurück, während ihre Augen an dem Blick ihres Kindes hingen. Auch Farland durchrieselte es eisig; die Seele Berenicens spiegelte sich klar und wie im Leben auf deren dunkeln weitgeöffneten Augen, doch ihr Körper blieb starr und eisig kalt und trug die Farbe des Todes. In der nächsten Minute aber begann ihr Blick wieder zu ermatten, langsam senkten sich ihre Lider und bald waren ihre Augen abermals fest geschlossen. Vergebens suchte Farland nach einem Lebenszeichen in der Entschlafenen, er brachte einen Spiegel nahe vor ihren Mund, um 856 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 zu sehen, ob dessen reine Fläche durch einen Hauch getrübt würde, er wandte alle ihm zu Gebote stehenden Lebensmittel an, umsonst, der unerbittliche unzweifelhafte Tod hielt sie umfaßt. Der Schmerz trieb ihn fort von hier, er ergriff seine Holftern, warf noch einen letzten innigen Blick auf die theuere Hülle, mit deren Geist sein Lebensglück entflohen war und stürzte aus dem Zimmer in die Nacht hinaus und nach seinem Pferde. Auf flüchtigen Füßen trug ihn dasselbe von der Plantage in den Wald, als der erste helle Streif am östlichen Himmel den nahenden Morgen verrieth und die erwachenden Vögel leise zu zwitschern begannen. Kaum dämmerte der Tag, als er in der Fähre das jenseitige Ufer des Stromes erreichte und nun sein Pferd der Farm zulenkte, wo man für das kranke Kind auf seine Hülfe sehnsüchtig wartete. Farland fand jedoch dasselbe, wenn auch noch nicht ganz außer Gefahr, doch sehr gebessert. Er machte neue Verordnungen und bat dann den Pflanzer um ein Lager, wo er einige Stunden ungestört ruhen könne. Er war geistig und körperlich so völlig abgespannt, daß seine Kräfte ihn jetzt plötzlich verließen und er keines Gedankens mehr mächtig war. Er warf sich auf das Lager nieder, versank in einen betäubten Zustand zwischen Schlafen und Wachen und konnte sich erst wieder daraus ermannen, als die Sonne schon versunken war. Nun gab er dem Vater der Kranken Arzneien und Vorschriften für mehrere Tage, bestieg sein Pferd und überließ es demselben, den Heimweg zu finden. ∗    ∗    ∗ Am frühen Morgen dieses selbigen Tages ritt General Norwood von einigen zwanzig Negern begleitet nach dem Park, um dort ein Grabgewölbe über der Erde erbauen zu lassen, in welches er die irdischen Reste Berenicens beisetzen wollte. Auch selbst im Tode sollte sie noch für ihn glänzen. Das Gebäude wurde aus rohem Sandstein mit starken Mauern aufgeführt, es wuchs während des Tages rasch über der Erde empor und stand schon in der folgenden Nacht zum Empfang der Verblichenen bereit. Ralph beabsichtigte über diese rohe formlose 5 10 15 20 25 30 35 857FüNFtER BaNd • siEBENuNdViERZigstEs KapitEl Arbeit ein Denkmal erbauen zu lassen, welches auf weithin in der Umgegend sichtbar sein sollte. Am nächsten Tage bewegte sich ein langer Zug von der Plantage her, voran ritt General Norwood, ihm folgte der Wagen, auf dem Berenice im Sarge ruhte, ihm schlossen sich die vielen Neger Norwoods zwei und zwei an. Eine große Menschenzahl sowohl aus der Umgegend, als auch aus der Stadt war bereits in Norwoods Park versammelt, um der gefeierten, allgemein geliebten Berenice die letzte Ehre zu erweisen. Der Sarg wurde vor dem Gewölbe geöffnet, so daß Jedermann der Geschiedenen Lebewohl sagen konnte, der Geistliche hielt eine ergreifende Rede und dann wurde Berenice mit offenem Sarge in die Gruft geschoben. Sofort begaben sich die Neger daran, das Gewölbe zu vermauern und Ralph führte die hier versammelte Menge in sein Haus und bewirthete sie dort aufs Freigebigste. Er sprach laut zu der Versammlung über die beiden schweren Verluste, die ihn in einem so kurzen Zeitraum betroffen hätten und bemerkte, daß er, wenn er es aufrichtig sagen solle, eigentlich mehr durch den Tod Berenicens, als durch den seines Sohnes ergriffen worden sei. Dabei nöthigte er seine Gäste, sich zu den guten Getränken zu verhelfen, die er ihnen bot und fuhr sich häufig mit der Hand, an deren kleinem Finger der Brillantring Berenicens blitzte, durch das Haar. Eloise war nicht bei der Beisetzung ihrer Tochter zugegen, sie lag bewußtlos auf deren Sopha und Eva war weinend jammernd bemüht, sie aus ihrer Betäubung zu erwecken. Farland war auch nicht zugegen, er befand sich in seinem Hause bei geschlossenen Jalousien; das Licht des Tages war ihm unerträglich, es schien ihm, die Nacht, die seine Seele umgab, noch mehr zu verdunkeln. Bald versank er in dumpfes Hinbrüten, glaubte die äußerste Grenze menschlichen Unglücks und Elends erreicht zu haben und ergab sich macht- und willenlos seinem Schicksal, dann wieder mußte er seinem Schmerze Luft machen, er jammerte und wehklagte laut und rang die Hände, kein Seufzer aber und keine Sehnsuchtsthräne konnte ihm die Geliebte zurückbringen. Der Tag schwand und die Abenddämmerung war eingebrochen, als Farland die Fenster und Thüren öffnete, um die kühlere 858 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Luft einzulassen. Da erschien Frank Arnold, der väterliche Freund, bei ihm, um Theil an seinem Schmerz zu nehmen und ihn zu trösten, denn auch er hatte von Berenicens Schicksal gehört und kannte das Verhältniß Farlands zu derselben genau, wenngleich er sowohl, wie Dieser, es stets vermieden hatte, darüber zu reden. Jetzt aber bedurfte der Freund seines Beistandes, seiner und der Seinigen Theilnahme und er war gekommen, um ihm Beides zuzusichern. Er drang in Farland, auf einige Wochen zu ihm zu ziehen und ausschließlich in seiner Familie zu leben, da deren häusliches Glück nicht verfehlen könne, Ruhe und Friede in sein Herz zu gie- ßen, Farland aber sah darin das Bild der unbegrenzten Seligkeit, die ihm mit Berenice geraubt war. Er dankte Arnold herzinnig für seine Freundschaft, weigerte sich aber, mit ihm zu reiten. Rastlos und sich seinem Schmerz überlassend, verbrachte er auch die Nacht und der Morgen fand ihn auf- und niederschreitend unter der Veranda. Da sprengte Fürstenstein, sein alter bewährter Gefährte, zu dem Hause heran und bat ihn aufs Dringendste, sofort mit ihm zu reiten, weil sein ältester Knabe schwer erkrankt sei. Fürstenstein war ihm stets ein treuer Freund gewesen und hatte ihn einst bei einem Angriff durch Indianer mit seinem eigenen Körper gegen deren Pfeile geschützt, er hatte allen Anspruch auf Farlands Freundschaft und weckte ihn durch seine Bitte schnell aus seiner willenlosen Abgespanntheit. Neone mußte Frühstück auftragen, der Hengst wurde gesattelt und ehe eine Stunde vergangen war, folgten die beiden Freunde einem alten Indianerpfad, der in gerader Richtung zu Fürstensteins Niederlassung führte. Das Kind desselben war von einem heftigen Wechselfieber befallen worden, sein Zustand aber beunruhigte Farland nicht, da der Verlauf dieser Krankheit hier zu Lande ziemlich gleichförmig und bei zeitig angewandten richtigen Mitteln nicht gefahrbringend ist. Er gab Fürstenstein die nöthige Arznei nebst Vorschriften für die nachhaltige Behandlung des Kindes und verweilte bei ihm, bis die Sonne sich zu neigen begann. Dann aber, trotz aller Gegenvorstellungen, bestieg er sein Pferd wieder, um den Heimweg anzutreten, weil die Tochter jenes Pflanzers, die er in der Behandlung hatte, möglicherweise seiner Hülfe bedurfte. Er 5 10 15 20 25 30 35 859FüNFtER BaNd • siEBENuNdViERZigstEs KapitEl beeilte den Lauf seines Hengstes, um noch das matte Licht des neuerschienenen Mondes bei seinem Ritt durch den hohen Wald zu benutzen, und die offene Straße zu erreichen, weil in der Dunkelheit der Fußpfad zu schwer zu erkennen war. Die Sichel des Mondes senkte sich schon zu dem dunkeln Kamme der Gebirge im Westen hinab, als er den Fuß des Berges erreichte, auf dem der Pflaumenbaum stand. Mit der Höhe, die jetzt sein Pferd erklommen, erschienen vor Farlands Seele alle die glücklichen Erinnerungen, die an diese Stelle sich knüpften, und um so tiefer fühlte er den unnennbaren, grenzenlos schmerzlichen Verlust, der ihn betroffen, sein blutendes Herz zog sich krampfhaft zusammen und sein trauernder Blick spähte durch das matte Mondlicht nach dem Pflaumenbaum, dem Zeugen seiner verlornen Seligkeit. Er hatte die Zügel auf den Nacken des Rosses fallen lassen und war langsam dem Baum, auf dessen Stamme der Schein des Mondes lag, bis auf vierzig Schritt nahe gekommen, als der Hengst plötzlich einen weiten Satz seitwärts that, sich umwandte und davonjagen wollte. Farland, durch das ganz ungewöhnliche Betragen des braven, sonst vor Nichts scheuem Thieres überrascht, verkürzte die Zügel, riß es herum und trieb es durch die Sporen abermals dem Pflaumenbaum zu. Schnaubend und widerstrebend sprang der Hengst in kurzen Sätzen vorwärts, fuhr aber, seine Ohren nach dem Baume hin spitzend, abermals zurück und weigerte sich hartnäckig, dem Willen seines Reiters zu folgen. Farland wurde heftig, er nahm das Roß fest zwischen Schenkel und Zügel, stach ihm die Sporen in die Flanken und hieb es mit der Peitsche über den Rücken. Das Thier, wie zur Verzweiflung gebracht, hob sich wiederholt steil empor und als Farland es noch schärfer antrieb, senkte es, zitternd sich zurücklegend, das Hintertheil bis nahe auf die Erde und hielt seinen Kopf nach dem Pflaumenbaum gerichtet. Die Peitsche seines Reiters brachte es wieder hoch, nun aber, allen Gehorsam verweigernd, setzte es mit wilden Sprüngen seitswärts dem Walde zu und jagte in so rasender Flucht in weitem Bogen um dem Pflaumenbaum, daß Farland sich kaum im Sattel zu erhalten im Stande war. Erst als er an dem Abhang des Berges die Straße abermals 860 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 erreichte, wurde er Herr des geängstigten Pferdes und die Worte Berenicens, in Bezug auf den Baum, klangen ihm jetzt wieder hell durch die Seele. Er erreichte in tiefer Dunkelheit seine Wohnung, das unerklärliche Ereigniß aber, welches ihm auf der Höhe begegnet war, hielt die Ruhe trotz seiner großen Müdigkeit noch lange von ihm fern, und erst gegen Morgen erbarmte sich seiner ein tiefer langer Schlaf. Frank Arnold versäumte jetzt keinen Tag, bei Farland vorzusprechen und stundenlang bei ihm zu verweilen, ja er veranlaßte ihn endlich, mit ihm nach seiner Besitzung zu reiten und die Abende bei ihm und den Seinigen zuzubringen. Der Mond hatte seine Scheibe wieder gefüllt, als Farland eines Abends von Arnold nach Hause zurückkehrte, und die Sehnsucht nach Berenicen ihn so überwältigte, daß er bei seiner Wohnung vorüberritt und sein Pferd durch die Prairie nach Norwoods Park lenkte. Unweit desselben stieg er unter einer dunkeln Baumgruppe ab, befestigte den Hengst im hohen dichten Gebüsch und ging nun gesenkten Hauptes nach der Einzäunung des Parkes hin. Er überstieg dieselbe und erkannte bald in der Ferne die vom Mond hellbeschienene Steinmasse, die sein Glück in sich verbarg. Seine Glieder bebten, die Füße wollten ihn kaum weiter tragen, von Baum zu Baum wankte er vorwärts durch deren zitternde Schatten und erreichte die Grabstätte der Geliebten bis auf wenige Schritte. Er war in das Dunkel des letzten Baumes getreten, als sein Blick auf eine schwarze Gestalt fiel, die vor dem vermauerten Eingang des Gewölbes zusammengekauert saß. Sie regte sich nicht, nur der schwarze Flor, welcher über ihr niedergebeugtes Haupt hing, erbebte in dem kühlen Wind, der zugleich durch das dunkele Laub der ringsum befindlichen immergrünen Bäume rauschte. Farland blieb bewegungslos stehen, er sah Eloise vor sich und die Größe ihres Unglücks ließ ihn in diesem Augenblick sein eigenes vergessen. Ein tiefes inniges schmerzliches Mitleid für die Frau ergriff ihn und er war auf dem Punkt, aus dem Schatten des Baumes zu ihr hinzutreten, als Eloise die Arme bittend über sich erhob, ihr bleiches Antlitz nach dem Himmel richtete und mit matter schluchzender Stimme den Geist Berenicens anflehte, ihre Seele zu 5 10 15 20 25 30 35 861FüNFtER BaNd • siEBENuNdViERZigstEs KapitEl sich in das Jenseits zu ziehen. Dann sank sie vor dem Eingang des Gewölbes nieder und weinte laut. Jetzt trat Farland zu ihr hin, hob sie auf und suchte ihr Worte des Trostes zu sagen, ja er sprach über sein eigenes Unglück, um die Schwere ihres Schicksals zu mindern. Eloise hatte statt der Antwort nur Thränen, sie ließ sich von ihm nach dem Hause zurückführen, sprach, als er sie bat, sich nicht so gänzlich ihrem Schmerz hinzugeben und sich nicht in dieser Weise der Nachtluft auszusetzen, ihren Dank für seine Theilnahme durch einen zitternden Händedruck aus und zeigte, auf der Höhe der Treppe angelangt, beim Abschied mit einem thränenschweren Blick nach dem Himmel über sich. Farland ging zu dem Gewölbe zurück und suchte in der Nähe der verblichenen Theuern dadurch Linderung für seinen Schmerz, daß er sich demselben ganz überließ, seine Augen wurden feucht und es schien ihm, als erfreue die Thräne, die ihnen entfiel, Berenicens Geist, der ihn umschwebte. Das Morgenroth mahnte ihn, seinen Heimweg anzutreten. Schon nach wenigen Tagen wurde er zu Eloisen gerufen, um ihr seinen ärztlichen Beistand angedeihen zu lassen. Ohne Schmerz, ohne Fieber, ja ohne ein bestimmtes Unwohlbefinden war sie auf das Krankenlager gesunken und Farland sah in dem auffallend raschen Schwinden ihrer Kräfte die untrügliche Anzeige ihres nahen Endes. Sie hatte ihr Lager in dem Saal, dem Bilde Berenicens gegen- über, herrichten lassen und hielt fortwährend ihren Blick auf dasselbe geheftet. Ihre Hände ruhten, wie zum Gebet gefaltet, auf ihrer Brust und jeder Antheil an der Welt, außer an dem Bilde vor ihr, schien sie verlassen zu haben. Sie sprach nicht, nur mit gro- ßer Ueberredung konnte man sie dazu vermögen, Etwas zu genie- ßen, und wenn sie Farland Arznei abnahm, so that sie es mit einem wehmüthigen Lächeln. Nur wenige Wochen reichten hin, um die schwachen Banden, die Eloisen an diese Welt noch fesselten, zu lösen, sie starb gebrochenen Herzens. Abermals versammelte sich eine große Menschenzahl in Norwoods Park, um nun Eloisens Begräbniß beizuwohnen. An der Seite des Gewölbes, in dem ihre Tochter ruhte, wurde sie zur Erde bestattet. 862 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Ralph war in dem Augenblick, als der Sarg versank, sichtlich erschüttert, er war bleich geworden und seine Kniee wankten, sein Trotz gegen das Schicksal aber siegte wieder über die Schwäche, die ihn zu übermannen drohte, und nachdem die Feierlichkeit beendet war, versammelte er abermals die Anwesenden in dem Speisesaal um sich und bewirthete sie aufs Freigebigste. Das Wohngebäude in Norwoods Park war nun verlassen, Thüren und Jalousien geschlossen und nur in einer der Negerwohnungen lebte ein alter Sclave, der die Aufsicht über den Park führte. Ralph kam jetzt selten über den Fluß herüber und zwar nur dann, wenn ihn Geschäfte dazu nöthigten. Seine stete Begleiterin war Blanche, in der er sich selbst sein Glück erbauen und damit dem Schicksal Trotz bieten zu wollen schien. Nur, wenn der Weg durch den Wald sehr schlecht zu passiren war, ließ er sie bei ihrer Mutter zurück. 863 5 10 15 20 Capitel 48. Gewissensbisse. – Lebendig begraben. – Der Jagdzug. – Das Gesuch. – Rachedurst. – Vorsicht. – Bangigkeit. – Die glücklichen Redlichen. – Der abgestorbene Baum. – Die beiden Indianer. – Die Gefangennehmung. – Die beiden Bösewichte. – Der Ritt. – Dem Schicksal verfallen. – Peinigende Betrachtungen. – Ende der Reise. – Der Jubel. – Der gefangene Verräther. – Todesangst. – Der Scalp. – Der Scheiterhaufen. Eines Morgens nach dem Frühstück trat Farland unter die Veranda seines Hauses und gab seinem Gärtner Anwei-sung, auf welche Art er einige Rankengewächse, die er aus dem Walde mitgebracht hatte, an den Fuß der Pfeiler der Gallerie pflanzen solle. Zu seinem großen Erstaunen sah er plötzlich General Norwood auf sein Haus zureiten und vor der Einzäunung vom Pferde steigen. Bei dem Anblick dieses, im tiefsten Grund seines Herzens von ihm verachteten und ihm verhaßten Mannes, kochte Farlands Blut, und während Jener den Zügel seines Pferdes an die Einzäunung schlang, hielt er seinen Blick mit Abscheu auf denselben geheftet. Ralph hatte augenscheinlich heute wenig Aufmerksamkeit auf seine Kleidung verwandt: der Busenstreif seines Hemdes, so wie auch dessen Kragen waren verdrückt, das schwarze seidene Halstuch, welches er zu tragen pflegte, fehlte ganz, und das eine Ende seines Beinkleides war in den Stiefel versenkt. Er hatte sich seit einigen Tagen nicht rasirt, sein Haupthaar stand, als er den Hut vor Farland abnahm, unordentlich nach allen Richtungen hin und in seinem Blick lag etwas Verstörtes, etwas Unheimliches. Er trat mit einem Morgengruß zu Farland und sagte: »Herr Farland, wurde Ihnen selbst wohl einmal ein Beispiel bekannt, daß Jemand lebendig begraben worden war?« 864 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Farland schauderte zusammen, sowohl vor dem Gedanken, den Norwood aussprach, als auch vor dem Ausdruck und dem Blick, womit derselbe die Worte begleitete. Als Farland nicht gleich antwortete, fuhr Ralph fort: »Die Frage mag Ihnen sonderbar erscheinen, ja Sie zweifeln vielleicht schon, ob es in meinem Gehirn ganz richtig sei. Manchmal zweifle ich selbst daran. Sagen Sie mir, glauben Sie, daß ein Biß von einem wüthenden Hunde noch nach dreißig Jahren toll machen kann?« »Herr General, ich muß Sie bitten, daß Sie sich künftig bei einem andern Arzte Raths erholen, von mir können Sie keinen mehr erhalten,« nahm Farland jetzt mit sehr entschiedenem Tone das Wort. »Und warum nicht? möchte ich fragen,« erwiederte Ralph mit einem trotzigen Blick. »Weder hierüber noch darüber, daß ich Sie jetzt ersuche, mein Eigenthum sofort zu verlassen und es niemals wieder zu betreten, bin ich Ihnen Rechenschaft schuldig. Wir werden uns von nun an ewig fremd bleiben,« antwortete Farland heftig und machte eine Bewegung mit der Hand nach dem Ausgang in der Einzäunung. »Sie haben, wie früher, dafür gesorgt, daß Sie sich im Vortheil mir gegenüber befinden, ich bin auf Ihrem Grund und Eigenthum, das Hausrecht schützt Sie!« rief Ralph in verbissener Wuth, ging, seinen Stock durch die Luft schwingend, rasch nach seinem Pferde und warf sich in den Sattel. »Wir begegnen uns vielleicht einmal auf neutralem Boden. – Bei Gott!« schrie er im Davonsprengen und hob seine Rechte mit dem Stock drohend nach Farland hin. Dieser aber wandte sich mit Verachtung von ihm ab und trat zu dem Gärtner, um seinen Zorn bei der Pflege der Blumen zu vergessen. Ralph jagte ohne Unterbrechung in Galopp bis zu dem Park, wo mehrere der Sclaven, die das Gewölbe für Berenice erbaut hatten, auf ihn warteten. Einer derselben nahm ihm das Pferd ab und folgte ihm mit den übrigen nach der Gruft. »Ihr sollt mir den Eingang noch einmal öffnen; ich will sehen, ob es durchgeregnet hat,« sagte Ralph dort mit erzwungen barscher Stimme zu den Negern und diese legten sofort Hand an, seinem Befehle Folge zu leisten. 5 10 15 20 25 30 35 865FüNFtER BaNd • achtuNdViERZigstEs KapitEl Das Mauerwerk fiel schnell, nach wenigen Minuten war der Eingang in die Gruft frei und Ralph erhob sich von dem Stein, auf dem er saß, um einen Blick in dieselbe zu thun, als einer der Arbeiter erschreckt ausrief: »Die junge Herrin ist aus dem Sarge gefallen, sie liegt auf dem Boden!« Ralph fuhr, wie von einem Blitzstrahl getroffen, zusammen, seine Knie schlotterten, er bebte am ganzen Körper und kaum hatte er Kraft genug, das offene Gewölbe zu erreichen, an welchem er sich aufrecht erhielt. Er stierte in dasselbe hinein, sein Haar sträubte sich und die Farbe des Todes hatte sein Gesicht überzogen. Neben dem Sarge auf dem nackten Steinboden lag Berenice hingestreckt mit dem Haupt nach dem Eingang zu und eine Hand in dem reichen Schmuck ihres Haares verborgen. Ralph wandte sich ab von dem schrecklichen Bilde und sagte mit stotternder Stimme zu den Negern: »Legt sie wieder in den Sarg, vorwärts, worauf wartet Ihr?« Die Sclaven hatten in wenigen Augenblicken seinen Befehl vollzogen; dann rief er ihnen zu, die Oeffnung schnell wieder zu vermauern und wankte nach dem Hause, um sich dort durch einen starken Trank seine Festigkeit wieder zu verschaffen. Mit hochgeröthetem Gesicht und wildfunkelnden Augen trat er nach Verlauf von einer Stunde wieder aus dem Haus hervor, verschloß dessen Thür hinter sich und ging raschen Schrittes zu den Negern, welche ihre Arbeit bereits vollbracht hatten. »Daß Keiner von Euch ein Wort darüber je laut werden läßt, was Ihr hier gethan, oder gesehen habt. Verdammt, es würde ihm das Leben kosten,« sagte er mit drohender Geberde zu den Sclaven und bestieg dann sein Pferd. ∗    ∗    ∗ Der Frühling kam von Süden gezogen und streute auf seinem Wege über die westlichen Prairien Amerikas junge Gräser, Knospen und Blüthen aus, während der Winter vor ihm floh, und die weiße Decke, die er über die Erde gebreitet hatte, eilig hinter ihm verschwand. Das frische Grün und die warme, neu belebende 866 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Frühlingsluft war schon bis zu dem Canadienfluß vorgedrungen, die weiten unabsehbaren Grasfluren hatten sich mit bunter Blumenflor geschmückt und tausende von Büffeln wanderten in gro- ßen Heerden über die Flächen hin dem fernen Norden zu. Auch die zahlreichen Indianerstämme, die diesen Thieren Jahr aus Jahr ein folgen und durch sie fast Alles erhalten, was sie zu ihrem Lebensunterhalt und zu ihrer Bequemlichkeit bedürfen, fanden sich dort mit ihnen ein und die Jäger der Seminolen, von Tomorho geführt, kehrten mit reicher Beute wieder zu den Ihrigen zurück. Mit großer Freude wurden sie in dem Lager Tallihadjos empfangen und die nächsten Tage brachte man ihnen zu Ehren mit Festlichkeiten, mit Spiel und Tanz hin. Ihr Aufenthalt hier war nur für eine kurze Dauer bestimmt, denn sobald die mitgebrachten Vorräthe vertheilt und die nöthigen Vorbereitungen zur Fortsetzung der Jagd nach den nördlichen Prairien gemacht sein würden, beabsichtigten die Jäger wieder fort zu ziehen. In einer dunkeln Nacht brannten die Feuer vor den Hütten der Seminolen hell und lustig und warfen ihren rothen Schein weithin durch den hohen Wald, in welchem jene Wohnungen standen. Die einzelnen Familien lagen auf weichen Häuten um die Feuer hingestreckt und lauschten den Erzählungen ihrer Jäger. Auch vor Tallihadjos Hütte unterhielt man sich über die Begebenheiten des letzten Jagdzugs, denn Tomorho hatte sich mit den Seinigen bei dem Feuer seines Vaters eingefunden und berichtete Diesem, was den Jägern Ungewöhnliches begegnet war. Die Nacht war sehr still, so daß man jeden Laut in der Umgebung des Lagers leicht wahrnehmen konnte. Tallihadjo winkte Tomorho zu, einen Augenblick zu schweigen, legte sich mit dem Ohr an die Erde nieder und lauschte dann, sich wieder aufrichtend, nach der Prairie hin. »Ein Reiter nahet sich uns,« sagte er und setzte, zu Tomorho gewandt, lächelnd hinzu: »Das Ohr des Vaters ist noch schärfer, als das seines Sohnes.« Jetzt vernahmen seine Gefährten gleichfalls den Hufschlag eines Rosses und nach wenigen Minuten wurde in einiger Entfernung bei dem Scheine des nächsten Lagerfeuers eine hohe Reitergestalt sichtbar. 5 10 15 20 25 30 35 867FüNFtER BaNd • achtuNdViERZigstEs KapitEl »Dort kommt ein Bleichgesicht, um bei uns Gastfreundschaft zu fordern, bei uns, den Brüdern der vielen Tausende, die durch die Weißen vernichtet wurden. Es ist der Jäger Dunkan, ein Freund Ralph Norwoods, wie er selbst sagte, und dennoch wird er bei Tallihadjos Feuer ruhig schlafen dürfen. Wenn er auch der Freund jenes Ungeheuers war, so kann er selbst doch brav und ohne Falsch sein – auch ich war ja einst Ralph’s Freund,« sagte Tallihadjo und heftete seinen Blick auf Flournoy, der jetzt in der Nähe des Feuers von seinem Pferde stieg und dem alten Häuptling seinen Gruß zurief. »Du bist bei Tallihadjos Feuer willkommen, Dunkan, meine Frauen sollen Dein Pferd pflegen. Setze Dich zu mir, ich will Deinen Hunger und Deinen Durst stillen,« sagte Tallihadjo und reichte dem Gaste seine sehnige Hand hin. Flournoy streckte sich, vom langen Ritt ermüdet, auf eine große lockige Büffelhaut neben dem alten Häuptling nieder und wurde durch dessen Frauen mit Speise und Trank versehen. »Du hast auch im Süden gejagt, waren die Bären fett, die Du erlegtest?« fragte Tallihadjo seinen Gast. «Die Bären im Süden sind im Winter feister, als die im Norden, sie haben mehr Nahrung«, erwiederte Flournoy. »Warest Du mit Deiner Jagd zufrieden und hast Du viele Häute getrocknet und verkauft?« fuhr der Häuptling fort. »Ich habe während des verflossenen Jahres zwei Caches (Verstecke der Jäger für die gesammelte Jagdbeute) gemacht, doch weder diese Vorräthe, noch die, welche ich unweit von hier vergrub, habe ich verkauft. Ich besuchte die Ansiedelungen der Amerikaner im Süden, dort wurden mir sehr gute Preise von den Kaufleuten geboten; wenn nur der Transport bis dorthin nicht so kostspielig wäre, der nimmt den besten Nutzen weg. Vor einigen Jahren half mir ein Stamm der Delawaren, meine Jagdbeute nach dem Handelshaus der Regierung dort oben am Kansasfluß befördern, ich mußte sie aber dafür gut bezahlen,« sagte Flournoy und setzte nach einigen Augenblicken noch hinzu: »Du könntest mir einen großen Dienst erweisen, wenn Du mir einige Deiner Leute und einige Dutzend Packthiere mitgeben wolltest, die meine Vorräthe nach den Ansiedelungen im Süden brächten. Ich würde erkenntlich dafür sein.« 868 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Meine jungen Männer werden in wenigen Tagen wieder zur Jagd aufbrechen, und die alten Krieger verlassen nicht gern ihr Feuer,« erwiederte Tallihadjo ablehnend, während Flournoy seine Lederjacke ablegte, die Aermel seines feuerrothen Hemdes aufwickelte und sich, auf seinen muskulösen Arm sich stützend, niederlegte. »Und doch könnte ich Tallihadjo einen Preis bieten, für den er seine sämmtlichen jungen Männer mit mir senden würde,« sagte Flournoy, seine im Lichtschein des Feuers funkelnden Augen auf den Häuptling heftend. »Mir einen Preis bieten – Du, Dunkan? d e n Preis möchte ich doch kennen,« entgegnete Tallihadjo und schüttelte lächelnd sein Haupt. »Giebt es Nichts mehr in dieser Welt, was Dein Herz erfreuen könnte, oder wonach es sich sehnte?« fragte Flournoy mit bedeutungsvollem Ton. »Nichts!« antwortete der Häuptling mit entschiedener Bestimmtheit. »Ich meine, ich hätte Dich bei meinem letzten Hiersein einen Wunsch aussprechen hören,« fuhr Flournoy fort. »Dein Ohr hat doppelt gehört, ich habe keinen Wunsch mehr,« sagte Tallihadjo ernst. »Auch nicht, wenn ich Dir den Namen Ralph Norwood nenne?« »Ralph Norwood?« wiederholte der Häuptling mit unterdrückter Stimme, indem er von seinem Sitz in die Höhe fuhr und seine Augen mit wildem glühenden Feuer auf Flournoy heftete. »Ja, Tallihadjo hat noch einen Wunsch, weite Länder und Meere liegen aber zwischen dessen Erfüllung und ihm. Warum reißest Du an meinem Feuer die kaum verharschte Wunde meines Herzens wieder auf?« »Um sie zu heilen; es steht in meiner Macht, Dich zu Ralph Norwood zu führen!« entgegnete Flournoy mit blitzenden Augen und einem ihn durchzuckenden Gedanken an die immer noch schöne Eloise. Der wilde leidenschaftliche Ausdruck, der so eben Tallihadjos Züge belebt hatte, war verschwunden und Ueberraschung, in der sich zugleich tiefe Verachtung aussprach, war auf seinem braunen Antlitz zu lesen. 5 10 15 20 25 30 35 869FüNFtER BaNd • achtuNdViERZigstEs KapitEl »Sagtest Du mir früher nicht, Ralph Norwood sei Dein Freund?« antwortete der Häuptling nach einer kurzen Pause mit zusammengezogenen Brauen. »Du zeigtest mir, daß seine Verbrechen gegen die Seminolen ihn meiner Freundschaft unwerth machten,« entgegnete Flournoy, betroffen über Tallihadjos veränderten Ton, doch Dieser nahm wieder mit wachsender Bewegung das Wort und sagte: »Kannst Du mich zu Ralph Norwood führen und mir behülflich sein, ihn lebendig bis hier an dies Feuer zu bringen, so sollen meine besten Packthiere Deine Häute nach dem Orte tragen, den Du bestimmen wirst und sie selbst sollen Dein Eigenthum bleiben. Tallihadjo hält sein Wort, merke Dir, was er gesagt hat.« »Ich bin damit zufrieden und bereit, Dich und Deine Leute zu führen, Ralph wohnt im Süden an der äußersten Grenze der Indianer,« antwortete Flournoy. Während die lebendig erwachte Erinnerung an die früher glühende Leidenschaft für Eloisen und die Sucht Geld zu erwerben, Flournoy vermochten, Ralph an seinen Todfeind zu verhandeln, ließ Ralph eine hohe Pallisadenwand um die Wohngebäude auf seiner Plantage errichten. Er hatte in letzterer Zeit sehr beunruhigende Träume gehabt. Bald war ihm Tallihadjo erschienen, wie er auf den Trümmern des in die Luft gesprengten Dampfschiffes in jener Nacht auf dunkeler Fluth an ihm vorübertrieb, bald erkannte er Flournoy unter den Seminolen, wie derselbe ihnen seinen Aufenthalt verrieth, dann sah er Berenice in dem vermauerten Gewölbe die Hände ringen und sich das Haar zerraufen und Lacoste, Milroy mit Soublett zeigten sich ihm häufig im Schlafe. Diese nächtlichen Störungen verfehlten nicht, auf seinen Geist auch im wachenden Zustande zu wirken, ja die Bilder seiner aufgeregten Phantasie übertrugen sich aus seinen Träumen auf diesen. Er versank häufig in Gedanken und fuhr dann plötzlich auf, indem er sich umblickte, als suche er nach dem Gegenstand, der ihn erschreckt habe. Er ritt nicht mehr allein aus und nahm Blanche nie mehr als Begleiterin mit sich. Wenn ihn Geschäfte nöthigten, sich nach der Stadt zu begeben, so mußten stets viele bewaffnete Neger mit ihm bis an den Strom reiten, wo sie seiner Rückkehr zu war- 870 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ten hatten, um ihn wieder nach der Plantage zu begleiten. Häufig schickte er Sclaven auf die Jagd in die, westlich vor der Plantage gelegenen Prairien und trug ihnen auf, sich nach Indianerspuren umzusehen, sowie er auch alle Jäger und Nachbarn, welche an seiner Wohnung vorüber kamen, anhielt und sich nach Neuigkeiten über die Wilden erkundigte. ∗    ∗    ∗ Ein ganz anderer Geist herrschte um diese Zeit in dem Bereiche der Familie Arnold. Das Glück, welches die Vorsehung derselben seit vielen Jahren so überreich und fast ununterbrochen gespendet hatte, sollte abermals durch zwei frohe Ereignisse erhöht werden: der älteste Bruder Eleanors, Max Forney, war unverhofft bei Arnolds angekommen, um einige Monate bei ihnen zuzubringen und ihr ältester Sohn, James, stand im Begriff, sich mit einer liebenswürdigen Jungfrau, der Tochter eines hochangesehenen reichen Pflanzers aus der Nachbarschaft zu vermählen. Max Forney befehligte schon seit mehreren Jahren ein amerikanisches Geschwader, welches ohnlängst von Ostindien zurückkehrte, er war ein Mann von großem Gewicht in der Marine und sein Name ein hochgeehrter unter dem amerikanischen Volke. Die Sehnsucht nach seiner einzigen Schwester, die er seit vielen Jahren nicht gesehen hatte, vermochte ihn, die lange mühselige Reise hierher zu unternehmen, um einen Theil der Zeit, die ihm vergönnt war in der Heimath zuzubringen, seiner geliebten Eleanor und den Ihrigen zu widmen. Ihr Wiedersehen war ein beseligendes gewesen, da Beider Lebenshorizont wolkenlos war und Beiden die Sonne des Glückes lachte. Unter ihre Freudenthränen mischte sich nur e i n e der Wehmuth, die, welche dem Andenken an den geliebten Vater, den Präsidenten Forney, geweihet wurde. Mit Stolz und Entzücken sah Max die Schaar der prächtigen blühenden Kinder seiner braven Schwester und diese bewillkommneten jubelnd den schönen kräftigen Offizier als ihren Onkel. Frank, dessen Freundschaftsbund mit Max schon bei ihrem frühern Zusammensein geschlossen worden war, betheiligte sich an 5 10 15 20 25 30 35 871FüNFtER BaNd • achtuNdViERZigstEs KapitEl dem Glück des Wiedersehens und Freude und Fröhlichkeit belebte die ganze Ansiedelung, denn auch die Sclaven hatten Festtage. Die Verheirathung von James Arnold gab dem Glück der Familie abermals einen neuen Aufschwung, Festlichkeiten bei den Eltern der jungen Frau, so wie in Franks Haus folgten einander rasch und die bescheidene Wohnung der jungen Eheleute wurde dann häufig der Sammelplatz für die Vielen, denen sie lieb und theuer waren. Frank Arnold, so wie Eleanor hatten es bei Farland durchzusetzen vermocht, daß er oftmals zu ihren heiteren Zusammenkünften erschien, obgleich ihre Fröhlichkeit seinen Seelenschmerz nicht zu heilen im Stande war. Dennoch that ihm die Theilnahme der Freunde wohl und die Herzlichkeit, so wie die Zartheit, womit sie dieselbe fortwährend an den Tag zu legen suchten, gab seinem kranken Herzen einige Erleichterung. Eines Tages bei Tisch, als Farland zugegen war, schlug Eleanor vor, gegen Abend zu James zu reiten, um mit ihm und seiner jungen Frau der Höhe des Berges, auf welcher der Pflaumenbaum stand, einen Besuch abzustatten. Farland wollte sich entschuldigen und schützte Geschäfte vor, die ihn nach Hause zögen, Eleanor aber berief sich auf seine frühere Zusage, den Abend bei ihnen zuzubringen und ließ keine Entschuldigung gelten. Als der Tag sich neigte, bestiegen sie sämmtlich ihre Pferde, holten James und dessen Frau ab, und langten kurz vor Sonnenuntergang auf der Höhe an. Mit beklommener Brust richtete Farland seinen Blick schon von Weitem auf den Pflaumenbaum, doch wie groß war seine Ueberraschung, als er denselben ohne Laub dastehen sah. Der Baum war abgestorben und trocken bis in sein Inneres, bis in seine Wurzeln. Niemand von der Gesellschaft bemerkte, daß Farland tief ergriffen ward. Alle richteten ihre Blicke auf die scheidende Sonne und das sie umgebende prächtige Roth des Himmels, er aber ließ sich auf der Bank nieder und gab sich dem Andenken an das geliebte theuere Wesen hin, von dessen Geist er sich umschwebt glaubte. Eleanoren fiel aber bald seine Theilnahmlosigkeit an seiner Umgebung auf, sie setzte sich zu ihm nieder und suchte seine trübe 872 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Stimmung durch Worte der Freundschaft zu verscheuchen. Ehe sie sich erhoben, gab sie ihr Erstaunen und Bedauern zu erkennen, daß der herrliche, noch im vergangenen Herbst so kräftige Pflaumenbaum abgestorben sei und betrachtete den Stamm rundum, ob sie eine Verletzung an demselben gewahren könne, nirgend aber war eine Beschädigung sichtbar. ∗    ∗    ∗ Während Arnolds und ihre Freunde die Pferde bestiegen, der düster werdenden Abendlandschaft Lebewohl sagten und ihren Heimweg antraten, lauerten zwei dunkele halbnackte Männer unweit Norwoods Plantage im Walde unter dichten Büschen und hielten ihre glühenden Blicke auf Ralph’s Wohngebäude gerichtet, denn der Platz, wo sie sich befanden, lag auf einem Hügel. Jeder von ihnen führte eine Streitaxt und ein Messer im Gürtel und hielt einen Lasso in der Hand. Innerhalb der hohen Pallisaden, welche die Wohngebäude umgaben, stand Ralph in der Mitte des Hofes mit entblößtem Haupte und er war der Punkt, auf den sich die dunkeln Augen jener beiden braunen Männer hefteten. Ralph beobachtete mit finsterm Blick die Neger, die, von der Arbeit kommend, durch das Thor in den Pallisaden eintraten und nach ihren Hütten hingingen. Vielen rief er im Vorüberschreiten Etwas zu, doch Keinem ein freundliches Wort. Er schien auf die Letzten zu warten, um das Thor schließen zu lassen, denn das Abendroth am Himmel war verglüht und die Eulen in dem nahen dunkeln Walde ließen ihren klagenden Ruf hören. Ralph fragte jetzt einen vorübergehenden Neger nach zwei Sclaven, die noch nicht eingetreten waren und erhielt die Antwort, daß dieselben auch bald kommen müßten, sie wären die letzten gewesen, die das Feld verlassen hätten. Ralph stieß einen heftigen Fluch aus und schwor, daß ihr blutiger Rücken sie Morgen an zeitiges Nachhausekommen erinnern solle. Während er diese Drohung ausstieß, schritt er durch das Thor hinaus vor die Pallisaden und ging langsam an denselben hinab bis an die Ecke, um welche sich der Weg am Walde hin dem 5 10 15 20 25 30 35 873FüNFtER BaNd • achtuNdViERZigstEs KapitEl Felde zuwandte. Er blieb stehen und schaute ungeduldig auf der Straße hin, von woher er die beiden noch fehlenden Neger erwartete, dann drehte er sich plötzlich mit einem Fluch um und ging eilig wieder dem Thor zu. Kaum aber hatte er einige Schritte gethan, als hinter ihm jene zwei Männer aus dem Wald hervorsprangen, wie Panther auf ihren nackten Füßen in lautlosen Sätzen ihm nacheilten und ihre Lassos im Kreis fliegend über sich durch die Luft schwangen. Noch einen Sprung und sie hatten Ralph bis auf zwanzig Schritt erreicht, die Schlingen ihrer Lassos fielen in ein und demselben Moment über dessen Kopf und die beiden Männer rissen ihn rücklings zu Boden. Zwei Raubthieren gleich fielen sie über ihre Beute her, Tallihadjo, der Eine der Männer, kniete sich auf seine Brust und hielt seine Kehle umklammert, während Tomorho, der Andere, mit Blitzesschnelle erst seine Hände und dann die Füße mit den Stricken fing und sie zusammenschnürte. »Ralph Norwood, Du bist in Tallihadjos Gewalt!« war Alles, was Dieser zu dem Gefangenen sagte, indem er, über demselben kauernd, ihm in die entsetzten stieren Augen blickte. In wenigen Secunden war Ralph regungslos geknebelt, der Mund war ihm verstopft, die Schlingen, die um seinen Hals saßen, gelöst und die beiden Indianer trugen ihn in fliegender Eile in den Wald hinein, in dem Augenblick, als die beiden erwarteten Neger sich den Pallisaden näherten. Sie sahen die Wilden mit dem Gefangenen, erkannten in ihm ihren Herrn und stürzten mit lautem Hülferufen durch das Thor der Einzäunung. Nur einige hundert Schritt weiter in dem Dickicht harrten zehn bewaffnete Indianer und gaben durch wilde Geberden ihre ungestüme Freude zu erkennen, als sie ihre Häuptlinge mit Ralph herankommen sahen. Ohne ein Wort zu reden ergriffen jetzt Viere derselben den Gefangenen und im schnellen Lauf ging es nun vorwärts mit ihm auf dem nahen schmalen Pfade durch den Wald, während die Uebrigen ihnen folgten. Von Zeit zu Zeit traten Vier Andere für die Träger ein und mit unverminderter Eile bewegte sich der Zug Hügel auf, Hügel ab mehrere Meilen weit vorwärts, bis er das Ende des Waldes erreichte, wo dieser sich an die offene Prairie anlehnte. 874 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Hier leuchtete den Wilden hinter den letzten dichten Büschen unter einer uralten Lebenseiche, von deren weitausgestreckten Armen graues Moos bis auf die Erde herabhing und den Stamm in weitem Kreise, wie eine Zeltwand umgab, ein kleines Feuer entgegen, nach welchem sie den Gefangenen hintrugen. Innerhalb dieses natürlichen Zeltes lagen einige dreißig Indianer um die Kohlengluth hingestreckt und zwischen ihnen ruhte Flournoys kolossale Gestalt auf den Arm gestützt vor der flackernden Flamme, die ihr Licht auf seinem feuerrothen Hemd spielen ließ. Als sie die eiligen Tritte der Nahenden hörten, richteten sie sich von ihren Lagern auf und ein lauter Jubelruf klang von Aller Lippen, als die Mooswände sich theilten und Ralph mit dem Kopf voran hereingetragen wurde. Alle waren aufgesprungen, um sich an dem Anblick des Gefangenen zu ergötzen. Ralph, obgleich sein Mund wieder befreit war, gab keinen Laut von sich. Man wandte ihn, mit den Füßen dem Feuer zu und setzte ihn auf die Erde nieder. In diesem Moment fiel sein Blick auf Flournoy, der mit untergeschlagenen Armen ihm gegenüber am Feuer stand und seine blitzenden Augen auf ihn gerichtet hielt. Wuth und Entsetzen erfaßten Norwood, sein Gesicht verzerrte sich, wie ein wüthendes Thier fletschte er die Zähne und seine Augen sahen wie Dolchspitzen aus ihren Höhlen hervor. »Schurke, Ungeheuer, dem Galgen entronnener Seeräuber!« schrie er Flournoy zu und riß an den Stricken, die seine Hände auf seinem Rücken festhielten. Flournoy aber blickte mit einem schadenfrohen Lächeln auf ihn nieder und sagte: »Herr General Norwood, nicht mir, Ihren Gräuelthaten gegen meine Freunde, die Seminolen, haben Sie Ihr Schicksal zuzuschreiben; die Gerechtigkeit hat Sie ereilt.« Tallihadjo stand seitwärts und beobachtete aufmerksam das Wiedersehen und das Gebahren dieser beiden Männer zu einander. Ralph’s Blick suchte ihn. In seiner Noth, in seiner Verzweiflung fiel ihm der edele hochherzige Charakter des Häuptlings ein und der Gedanke hieran war der einzige Lichtstrahl, der in seine nacht- 5 10 15 20 25 30 35 875FüNFtER BaNd • achtuNdViERZigstEs KapitEl umhüllte Seele drang, er blickte sich um, sah Tallihadjo zwischen den herabhängenden Moosfahnen stehen und sagte mit stammelnder Stimme zu ihm: »Tallihadjo, mein Vater war Dein bester Freund und auch ich bin es Dir treulich gewesen, man hat mich bei Dir verläumdet. Glaube jenem Schurken nicht, er ist der Pirat Flournoy, der Eloisen, meine Frau, bis dahin verfolgte, wo sie Schiffbruch litt. Du kamest ihr zu Hülfe, als die Flammen sie in dem Leuchthaus zu verzehren drohten und entrissest sie einem martervollen Tode. Nochmals, glaube dem Manne dort nicht, der sich Dunkan nennt, er ist der Seeräuber Flournoy, er ist eine Schlange, die Dich vergiften wird, nachdem Du ihr Gutes gethan hast.« Tallihadjo aber gab Ralph keine Antwort, die Wollust langersehnter, endlich naher Rache lag lebendig auf seinem Antlitz und die Gluth seiner dunkeln Augen sagte Ralph, daß er umsonst Gnade von ihm zu erhalten hoffe. Der Häuptling befahl, die Hände des Gefangenen von den Fesseln zu befreien und ihm Speise und Trank zu reichen, während Tomorho und mehrere der Indianer unter der Eiche hervor in die Dunkelheit hinaus traten, um die Pferde herbeizuholen und die Vorbereitungen zur Abreise zu treffen. Nach einer Stunde Rast wurde Ralph auf ein kräftiges Roß gehoben, auf dessen Sattel man ihn fest band, dann ritten Tallihadjo und Tomorho an seine Seiten und ergriffen die Zügel seines Pferdes. Flournoy auf seinem Rappen begab sich neben den alten Häuptling, eine Abtheilung der Krieger ritt ihnen voran und der Zug setzte sich, von den übrigen Indianern gefolgt, auf der dunkeln Prairie nach Norden hin in Bewegung. Sie hielten ihre Pferde während der ganzen Nacht in eiligem Schritt und erreichten mit Tagesanbruch das bewaldete Ufer eines Baches, wo sie rasteten, ihre Pferde grasen ließen und sich selbst an Speise und Trank labten. Ralph wurde gut verpflegt, man machte es ihm so bequem als möglich, sorgte dafür, daß seine Fesseln ihn nicht beschädigten, gab ihm aber auf keine Frage eine Antwort. Nach wenigen Stunden der Ruhe wurden die Pferde wieder bestiegen und die Reise ward mit nur kurzen Unterbrechungen fortgesetzt. 876 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Ralph war gänzlich seinen eigenen Gedanken, seinen Betrachtungen überlassen. Sein vergangenes Leben zog an seinem Geiste vorüber, er sah sich wieder als Knabe bei seinem Vater, empfing von dessen damals jungem Freunde, Tallihadjo, Liebkosungen und Geschenke, er gedachte seines zügellosen Lebens in Columbus, erinnerte sich der Nacht bei der Leiche seines Vaters, und rief die kurze Zeit seiner Besserung in sein Gedächtniß zurück, die er den Ermahnungen und dem Beispiel der biedern alten Arnolds verdankte. Von da an aber umschwirrten ihn seine Erinnerungen wie ein Heer von Schreckbildern und drängten ihn immer dichter an den Rand der Verzweiflung heran. Er wußte, welches Schicksal seiner harrte und war mit den furchtbaren Grausamkeiten und Qualen bekannt, die von der Rache eines Indianers ersonnen werden. Er bebte und zitterte, wenn er Tallihadjo, der jetzt schweigend und ruhig neben ihm herritt, als Richter und dessen Volk, die Seminolen, als Ankläger und Vollstrecker dessen Urtheils über ihn im Geiste vor sich sah; wie gern hätte er selbst seinem Leben rasch ein Ende gemacht, aber die Barmherzigkeit, ihm dies zu gestatten, konnte er, im Gefühl aller der namenlosen Schlechtigkeiten, die er so vorsätzlich begangen, nicht erwarten, und mußte sich in sein Schicksal fügen, dem er früher so oft Hohn und Trotz geboten hatte. Wie auf dem Ocean im weiten Kreis von dem flachen Horizont umgeben, zogen die Reiter über das wogende wellenförmige Grasmeer hin, auf dem nur hier und dort eine einzelne Mimose, oder eine Ulme dem Auge zum Anhaltspunkt diente und in welchem nur selten ein schmaler Waldstreif die Gegenwart von Wasser andeutete. Die Einförmigkeit der Landschaft, so wie das fast ununterbrochene Schweigen der Indianer steigerte Ralph’s Verzweiflung von Tag zu Tag, und mit immer größerer Angst sah er dem Augenblick entgegen, wo er das schreckliche Ziel seiner Reise erreicht haben würde. Zwei Wochen waren in dieser Weise verstrichen, als er eines Abends bei Sonnenuntergang aus den lebhaften Bewegungen seiner wilden Begleiter erkannte, daß in dem fernen, über dem Rande der Prairie aufsteigenden Hochwald der Tagesmarsch, ja vielleicht auch das Ende der Reise erreicht werden würde. 5 10 15 20 25 30 35 877FüNFtER BaNd • achtuNdViERZigstEs KapitEl Er hielt ängstlich seine Blicke fest auf jenen Punkt geheftet und bemerkte zu seinem großen Schrecken bald darauf viele Rauchsäulen, die sich über dem Gehölz erhoben. Die Nacht legte sich über die weite Ebene, der westliche Himmel verblich, die Sterne begannen zu funkeln und in dem Walde vor den Reitern wurden viele Feuer sichtbar. Jetzt ward es Ralph zur vollen Gewißheit, daß er sich dem Lager der Indianer nahe und daß er dort viele der Seminolen wiedersehen würde, die er in New-Orleans einem wohlberechneten Untergange hatte übergeben wollen. Mit jedem Schritte, den sein Pferd that, vermehrte sich seine Angst und als er das Jauchzen und den Jubel vernahm, womit die voranreitenden Krieger in dem nahen Gehölz empfangen wurden, überfiel ihn ein eisiges Frösteln, denn er fühlte, daß jene Reiter seine Gefangennehmung verkündet und daß jene Freudentöne dieser galten. Der Wald war erreicht, Männer, Weiber und Kinder drängten sich zu beiden Seiten des Gefangenen an den Zug heran und mit Triumphgeschrei ward er nach der Wohnung Tallihadjos geführt. In kurzer Entfernung von dem Lagerfeuer, welches vor derselben brannte, hielten die Reiter an. Tallihadjo und Tomorho selbst hoben Ralph von dem Pferde und Flournoy hatte, von seinem Rappen steigend, kaum den Boden betreten, als mehrere Schlingen ihm um den Hals fielen und er von den Kriegern, die den Zug beschlossen hatten, zu Boden gerissen wurde. Wie ein gefangener Büffel wehrte er sich gegen einige zwanzig Seminolen, die ihn zu überwältigen suchten, er schleuderte sie nach allen Richtungen von sich und schlug sie mit seinen Fäusten nieder, bis ihm die Schlingen den Athem raubten und er seinen Gegnern unterlag. Bald waren nun seine Riesenarme auf seinem Rücken zusammen gebunden, seine Füße gefesselt und als die Lassos von seinem Hals entfernt waren, erfüllte er die Luft mit seinem Wuthgebrüll. Tallihadjo ließ ihn nach seinem Feuer tragen und ihn dort neben Ralph niedersetzen. Nach und nach sammelten sich alle Männer aus dem Lager um das Feuer des Häuptlings, der mit Tomorho gegenüber den beiden Gefangenen Platz genommen hatte. Tallihadjo rief nun die ältesten Krieger aus den Umstehenden zu sich und winkte ihnen, sich bei ihm niederzulassen. 878 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Dann hub er mit lauter Stimme an: »Ralph Norwood, Deine Vergehen gegen mein Volk, gegen das Volk Deiner Mutter brauche ich nicht einzeln zu nennen, sie sind Dir und allen Seminolen hinreichlich bekannt. Der große Geist hat meine heiße flehentlichste Bitte erhört, mich nicht ohne Deinen Scalp in die ewigen Jagdgründe zu meinen Vätern gehen zu lassen und er ist den Seminolen gnädig gewesen, daß er Dich in ihre Hände lieferte, um an Dir den Untergang von Tausenden ihrer Brüder rächen zu können. Du wirst morgen sterben, in welcher Weise, überlasse ich dem Volk, zu berathen und zu bestimmen; ich selbst fordere Nichts von Dir, als Deinen Scalp.« Darauf wandte er sich zu den alten Kriegern und trug ihnen auf, sich morgen bei Tagesanbruch mit den übrigen Männern zu bereden, auf welche Weise Ralph getödtet werden solle. Ralph zitterte am ganzen Körper, seine Augen schienen in ihre dunkeln Höhlen zurückzusinken und sein Gesicht hatte eine Leichenfarbe angenommen. Er war keines Wortes mächtig. Jetzt richtete Tallihadjo sich nach Flournoy hin und sagte: »Der Seeräuber Flournoy hatte schon damals zehnfach den Tod verdient, als er das Schiff, auf welchem die schöne Eloise sich befand, verfolgte und es zwischen die Klippen der Küste von Florida jagte. Jetzt aber, da er auch noch seinen Freund Norwood um eines kleinen Nutzens willen verrieth und ihn an mich verkaufte, hat er ein gleiches Verbrechen an ihm begangen, wie Jener an mir und an meinem Volke, und soll deshalb auch gleichen Tod wie er erleiden. Du bist als Gefangener an mein Feuer gebracht worden und hast darum kein Recht auf meine Gastfreundschaft. Deine Häute und Pelze schaffe ich, wie ich es versprochen habe, auf meinen besten Maulthieren dahin, wohin Du es bestimmen wirst und auch Deine Verfügung über die Maulthiere werde ich vollziehen. Sage mir, wo Du Deine Vorräthe vergraben hast, an Wen ich sie überliefern und was nach Deinem Tode mit den Maulthieren geschehen soll?« Flournoy gab keine Antwort, er war zu lange Jahre mit dem Charakter der Indianer bekannt gewesen, als daß er hätte auf eine Aenderung in Tallihadjos Beschluß hoffen können. Er stierte vor sich in die Kohlengluth und machte zuckende Bewegungen, als suche er seine Fesseln zu sprengen. 5 10 15 20 25 30 35 879FüNFtER BaNd • achtuNdViERZigstEs KapitEl Schlaf kam während der Nacht nicht in die Augen der beiden Verurtheilten, bald stierten sie sich gegenseitig an, als wollten sie einander mit den Blicken zerfleischen, bald sahen sie nach der Schreckensgestalt Tallihadjos hin, der, von dem Feuer hell beschienen, unbeweglich in kurzer Entfernung von ihnen saß und seinen fürchterlich ernsten Blick auf sie geheftet hielt. Der bleiche Schimmer am östlichen Himmel und das Verschwinden der Sterne trieb ihnen das Blut noch mehr nach dem Herzen zurück, sie sahen ihren letzten Tag herrannahen und wußten, daß jetzt die Seminolen zusammentreten würden, um die Qualen, die ihren Tod begleiten sollten, zu bestimmen. Es wurde heller, das Lager belebte sich und Alt und Jung eilte durch den Wald dem Platze zu, wo die Berathung gehalten werden sollte. Nur Tallihadjo wich nicht von der Stelle, wo er saß, und sein Blick blieb auf die Gefangenen geheftet. Seine Frauen reichten Diesen Speise, aber weder der Eine noch der Andere wollte Theil an dem Frühstück nehmen. Die Ruhe, die bald darauf im Lager herrschte und die Erwartung, mit der die beiden weißen Männer dem Ende der Berathung entgegensahen, folterte sie von Minute zu Minute mehr, ihr Entsetzen erreichte aber seinen Höhepunkt, als sie plötzlich die Indianer wieder aus dem Walde zurückkommen und schwere Trachten trockenen Holzes mit sich führen sahen, welche dieselben nun in geringer Entfernung um einen einzeln stehenden Baum aufthürmten. Jetzt trat Tomorho mit den alten Kriegern zu Tallihadjo und zeigte ihm an, daß beschlossen sei, die Gefangenen dem Feuertode zu übergeben. Ralph zitterte und bebte, als er den Beschluß vernahm, und ließ seinen Kopf auf seine Kniee sinken, Flournoy aber knirschte mit den Zähnen, seine glühenden Blicke schossen nach den Indianern auf und wuthschäumend machte er die verzweifeltsten Anstrengungen, sich seiner Fesseln zu entledigen. Diese aber trotzten seiner Riesenkraft und erschöpft warf er sich auf die Seite und verbarg sein Gesicht unter seinem Arm. Der Holzstoß wuchs rasch empor und wurde von den Frauen mit trockener Baumrinde und Reisig so durchwirkt, daß er, entzündet, schnell in vollen Flammen stehen mußte. 880 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 An Tallihadjos Stelle übernahm Tomorho jetzt die Wache bei den Gefangenen und Jener sank vom Schlaf überwältigt auf sein Lager nieder. Diese aber hielt der Gedanke an die furchtbaren Todesqualen, die ihnen nahe bevorstanden, wach und mit Schaudern begegneten ihre Blicke dem hohen Scheiterhaufen, der für sie errichtet war. Von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute sahen sie dem Schreckensaugenblick entgegen, wo man sie den Flammen übergeben würde, doch der Tag verstrich und die Sonne stand noch wie eine glühende Kugel über dem schon dunkeln flachen Rand der Prairie, ohne daß man sich weiter um die Verurtheilten gekümmert hätte. Kaum aber breitete sich die Nacht über die Gegend, als die Seminolen sich um den Holzstoß sammelten und Tallihadjo sich von seinem Lager erhob. Auf seinen Wink wurden die Gefangenen nach dem Holzstoß hingetragen und vor demselben niedergelegt, während viele Frauen mit brennenden Fackeln erschienen. Die alten Krieger hatten sich in weitem Kreis um den Scheiterhaufen aufgestellt und hinter ihnen drängte sich das frohlockende Volk, um das Rachewerk vollziehen zu sehen. Jetzt schritt Tallihadjo in den, hell vom Fackellicht erleuchteten Kreis und trat finstern Blicks vor Ralph hin. »Ralph Norwood, mache Dich für m e i n e Rache bereit, bevor ich Dich den Seminolen übergebe, denen Du so schwere Schuld zu zahlen hast.« Bei diesen Worten warf er die Pantherhaut, die seinen Oberkörper verhüllte, von sich, zog ein blinkendes Messer aus seinem Gürtel hervor und sah gleich seinem Rachegeist einen Augenblick starr in die angsterfüllten Augen Ralph’s. Dann stürzte er sich auf ihn, faßte mit der Linken in dessen borstiges Haar, führte mit Blitzesschnelle den scharfen Stahl um Ralph’s Kopf und riß ihm den Scalp von dem Schädel. Mit einem Triumphschrei richtete er sich dann in seiner vollen Größe auf, hielt die blutige Trophäe hoch über sich empor und zeigte sie dem Volke. Das Zetergeschrei des Scalpirten verhallte in den ungestümen Jubelrufen der Seminolen, denen der Häuptling jetzt die beiden Verurtheilten überwies. 5 10 15 20 25 30 35 881FüNFtER BaNd • achtuNdViERZigstEs KapitEl Sie wurden auf den Holzstoß gehoben, dort mit dem Rücken gegeneinander an dem, in dessen Mitte aufstrebenden Baum gebunden und nun warfen die Frauen ihre Fackeln in den Scheiterhaufen. Die emporsteigenden Rauchwolken verhüllten bald die beiden Männer vor den Blicken der wildjauchzenden Menge, die Lohe wirbelte hoch über ihnen auf und ihre Schmerzensschreie, ihre Wehklagen erstarben in dem Geprassel der emporschlagenden Flammen und in dem stürmischen Jubel der gerächten Seminolen.

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References

Zusammenfassung

Mit Ralph Norwood legte Fredéric Armand Strubberg im Jahr 1860 den umfangreichsten Roman seiner Karriere vor und schuf mit dem Titelhelden eine seiner düstersten und gleichzeitig gelungensten Figuren. Mit einer Mischung aus Abscheu, Bangen und Hoffen verfolgt der Leser den Lebensweg eines sich immer weiter in Schuld und Verbrechen verstrickenden Antihelden, den er am Todestage des Vaters als charakterschwachen, wiewohl mit guten Anlagen versehenen jungen Mann kennenlernt. Ralph Norwood, Sohn eines Ansiedlers an der Indianergrenze und einer Seminolenfrau, war von seinem Vater im Alter von sechs Jahren auf eine Schule in Columbus geschickt worden, um ihm eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Schon bald war Ralph dort an die falschen Freunde geraten, dem Spiel und dem Alkohol verfallen, und so versäumt er trotz rechtzeitiger Benachrichtigung von dessen schwerer Erkrankung den Tod seines Vaters, dem er zur Tilgung seiner Spielschulden sogar das Vieh gestohlen hat. Zwar bereut Ralph in der unmittelbaren Trauer um den Verlust des Vaters seine Jugendsünden, die ihm dieser noch auf dem Sterbebett vergeben hat, doch verfällt er schon bald wieder den Verlockungen seines früheren Lebens... Vor dem historischen Hintergrund der Seminolenkriege in Florida entwarf Strubberg mit Ralph Norwood eine facettenreiche Abenteuererzählung, die mit Seeräubern, Familienintrigen und politischen Verschwörungen Elemente des zeitgenössischen Sensationsromans zitiert und damit die Grenzen des eigentlichen Wildwestromans sprengt. Thematisch ging der Autor damit erstmals weit über seine eigenen Erfahrungen während seiner Amerikaaufenthalte hinaus. Auch deshalb stellt der Roman eine deutliche Zäsur in Strubbergs literarischem Schaffen dar und ist wegweisend für nachfolgende Werke aus der mittleren Periode wie Saat und Ernte (AW-MA X) und In Süd-Carolina und auf dem Schlachtfelde von Langensalza (AW-MA XIII). Der Band enthält neben dem zeichengetreuen Text auch das Frontispiz aus der Erstausgabe von 1860.