Vierter Band. in:

Ulf Debelius (Ed.)

Ralph Norwood, page 555 - 732

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-2705-9, ISBN online: 978-3-8288-6796-3, https://doi.org/10.5771/9783828867963-555

Series: Armands Werke. Marburger Ausgabe, vol. 5

Tectum, Baden-Baden
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Vierter Band. 557 5 10 15 20 Capitel 32. Bosheit. – Die Rüge. – Rache. – Der erste April. – Todesnachricht – Die Liebenden. – Spaziergang im Walde. – Die Zither. – Die Mondscheinnacht. – Der Lauscher. – Falschheit. – Die Passagiere. – Die Unterhaltung. – Das Kriegsgeschrei. – Der Ausfall. – Im Kahn. – Erschöpfung. – Der treue Freund. – Mitleid. – Geheimer Gram. Noch ein anderer Störer von Eloisens Zufriedenheit war Soublett, der regelmäßig mit der vom Norden oder vom Süden kommenden Post in ihrem Hause einkehrte und übernachtete. Er war ihr von jeher im Grund ihres Herzens verhaßt gewesen und seine Gegenwart hatte sie stets mit Widerwillen und Abscheu erfüllt; seit der Zeit aber, daß Montclard bei ihr an der Wirthstafel speis’te, steigerte sich diese Abneigung gegen Soublett jedesmal, wenn er ihr Haus betrat. Es war ihr nicht entgangen, daß Dieser bei Tisch listige verhöhnende Blicke bald auf sie, bald auf Montclard warf und oft erlaubte er sich auch leise Anspielungen, die wie Dolchstiche in Eloisens Herz niederfielen. Auch Montclard hatte den bösen Sinn erkannt, der in Soublett lebte, und oft hatte sein ernster gebietender Blick einen Scherz, eine Andeutung auf dessen Zunge erstickt, wogegen dann des Kutschers boshafte Augen um so lebendiger von ihm zu Eloisen wanderten. Eines Morgens im Monat März beim Frühstück, als Soublett Platz genommen hatte, schien er besonders aufgelegt, seinem Witz auf Rechnung der Wirthin die Zügel schießen zu lassen. Er hatte schon mehrere Fragen an sie gerichtet, die ihr das Blut in die Wangen trieben und vergebens hatte Montclard ihn zurechtweisend angesehen, er fuhr fort, seine schnöden Bemerkungen zu machen und brach wiederholt dabei in ein schallendes Gelächter aus. Zu- 558 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 letzt ergriff er seine Kaffeetasse und leerte sie auf die Gesundheit aller Strohwittwen, die sich über die Abwesenheit ihres Gemahls mit Anstand zu trösten wüßten. In diesem Augenblick war Montclard aufgesprungen und rief, indem er eine Pistole unter seinem Rocke hervorzog und sie auf Soublett richtete: »Du hast den Tod verdient, elender gemeiner Wicht, fort aus diesem Hause, oder ich zerschmettere Dir den Schädel!« Soubletts wüthender Blick heftete sich an Montclards zornglühende Augen, seine Fäuste ballten sich krampfhaft zusammen, er erkannte aber den Vortheil, den sein Gegner über ihn hatte, und wußte, daß die leiseste Bewegung, eine Waffe zu ziehen, ihm das Leben kosten würde. Er erhob sich und verließ mit halbausgesto- ßenen Drohungen das Zimmer, während Montclards Tod verkündender Blick ihm folgte. Alle Gäste waren vom Tisch aufgesprungen und gaben ihre Entrüstung über den Kutscher laut zu erkennen, während Eva ihrer Herrin zu Hülfe gesprungen war und sie, der Ohnmacht nahe, aus dem Zimmer geleitete. Montclard begab sich in sein Gemach, bald darauf war der Postwagen zur Abreise bereit, die Passagiere stiegen ein, und Soublett sprengte auf der Straße nach D.... davon. Tödtlicher Haß und Wuth gegen Montclard füllten seine Brust mit Mordgedanken, er sann und überlegte, auf welche Weise er sich auf ’s Grimmigste an ihm rächen könne; Tod allein schien ihm zu wenig, er mußte ihn zuerst unglücklich machen, ihn foltern und dann erst tödten. Die Fahrt bis D.... gab ihm Muße, Rachepläne zu schmieden, hunderte wurden von ihm ersonnen und wieder verworfen, und in seiner Ungeduld, immer noch nicht den grausamsten gefunden zu haben, stieß er manchmal einen lauten, gräulichen Fluch aus und hieb mit der Peitsche die Pferde um die Köpfe, daß die Thiere wie rasend mit der Kutsche über Stock und Stein dahinjagten. Endlich glaubte er den Weg gefunden zu haben, auf welchem er Montclard sowohl als auch Eloisen seine Rache am schwersten fühlen lassen würde. Sehr richtig hatte er die gegenseitige liebevolle Zuneigung zwischen Beiden erkannt, wenn er auch die lautere, edele Grundlage, auf der sie beruhte, nicht zu würdi- 5 10 15 20 25 30 35 559ViERtER BaNd • ZwEiuNddREissigstEs KapitEl gen im Stande war. Diese Zuneigung, beschloß er, sollte ihm als Waffe dienen und Beide verderben. Sobald er D.... erreichte, ließ er sich von dem Wirth Dennis, bei welchem er anhielt, Schreibmaterial geben und setzte eine Anzeige auf, die er dann dem Redacteur der dort erscheinenden Zeitung überbrachte. Sie lautete, wie folgt: »Sicher eingegangenen Nachrichten zufolge wurde vor Kurzem der Indianer-Agent der Regierung, Ralph Norwood, in Ausübung seiner Unterhandlungen mit den Seminolen von diesen auf die grausamste Weise ermordet und kurze Zeit darauf sein Leichnam durch Soldaten nach Tampabay gebracht, wo er zur Erde bestattet wurde.« Der Redacteur, welchem Soublett diese Anzeige als eine verbürgte Nachricht übergab, die er von Tallahassee mitgebracht habe, nahm sie mit Vergnügen auf und versprach, sie baldigst in seinem, jede Woche zweimal erscheinenden Blatte zu veröffentlichen, von welchem Soublett wußte, daß es von Eloisen gehalten wurde. Es war am ersten April Morgens, gleich nach dem Frühstück, als Guy von der Postoffice zurückkehrte und seiner Herrin ein in Leinen eingepacktes, großes Packet übergab, auf welchem ihr Name geschrieben stand. Verwundert, was darin verborgen sein könne, öffnete sie dasselbe und fand zu ihrem großen Erstaunen, daß der Inhalt in sehr werthvollen Stoffen zu Damenkleidern, in einem kostbaren Shawl, in Spitzen und Bändern und in einigen Anzügen für ein jähriges Kind bestand. Noch größer aber war ihre Ueberraschung, als sie darin einen Brief vorfand, den sie beim Eröffnen mit der Unterschrift »Ihr alter Freund und Diener Jeremias Sukop« versehen sah. Nun brach sie in ein lautes Gelächter aus, welches Eva und auch Montclard zu ihr in’s Zimmer rief, um die Ursache von Eloisens heiterer Stimmung zu erfahren. Diese aber konnte vor Lachen keine Worte finden, zeigte nur auf die auf dem Tisch entfalteten Kostbarkeiten, sowie auf den Brief, und stammelte zuletzt »mein Freund Sukop« heraus. Montclard sowohl als auch Eva stimmten nun in das Gelächter ein, denn Eloise hatte Beiden oft von dem drolligen alten Ehepaar erzählt, und erst nach einer Weile war sie im Stande, den Brief zu lesen. Der angebliche Freund Sukop schrieb darin, daß er sich die 560 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Freiheit nähme, ihr zum ersten April ein Zeichen seiner alten, unwandelbaren Freundschaft zu geben, und bat sie, ihm auch ferner die ihrige zu erhalten. Jetzt traten Eloisen die Thränen in die Augen und mit einem seelenvollen Blick des Dankes reichte sie Montclard ihre kleine Hand hin, denn sie erkannte nun, daß er der Freund war, der sie so freudig überrascht hatte. Montclard wollte es freilich nicht mit Worten eingestehen, seine glückliche Bewegung aber war Beweis genug. Die schönen Sachen wurden nun einzeln von Eloisen entfaltet und bewundert und ihr Dank dafür mit Innigkeit wiederholt. Montclard hatte sein Pferd bestiegen, um vor Tisch einen Pflanzer in der Nähe zu besuchen, mit dem er einen Contract auf Lieferung von Schlachtvieh für das Gasthaus abgeschlossen hatte. Eloise packte die schönen Geschenke sorgfältig ein und ging dann mit Heiterkeit ihren häuslichen Arbeiten nach. Kurz vor dem Mittagsessen saß sie mit der heute zugleich angekommenen neuen Zeitung von D.... in der Hand am Fenster, um zu sehen, was dieselbe Neues bringe. Plötzlich fielen ihre Blicke auf den Namen Ralph Norwood; sie las den Artikel, den Soublett hatte einrücken lassen, stieß einen Schrei aus, wankte durch das Zimmer und sank bleich und bebend in dem Sopha nieder. Die verschiedensten allerwidersprechendsten Gefühle durchzuckten ihre Brust, sie sah mit Wehmuth auf ihr vaterloses Kind, welches sorglos und lächelnd vor ihr auf dem Teppich saß und seine kleinen Händchen ihr entgegenstreckte, sie erinnerte sich ihres Gatten in Augenblicken, in denen er ihr noch werth gewesen war; der Gedanke aber, daß sie von einem Manne befreit sei, der ihr Lebensglück auf das Ruchloseste mit Füßen getreten hatte, war der mächtigere, der herrschende. Das drohende schwarze Gewölk war von ihrem Lebenshimmel verschwunden, sie athmete tief auf, preßte ihre Hände mit der Zeitung krampfhaft gegen ihr Herz und hob ihre thränenvollen Augen wie zum Danke nach Oben. »Frei – noch einmal frei!« dachte sie, ohne sich verlassen zu fühlen, denn der Freund stand zugleich vor ihrem Geiste; da öffnete sich die Thür und Montclard trat in das Zimmer. 5 10 15 20 25 30 35 561ViERtER BaNd • ZwEiuNddREissigstEs KapitEl Ueberrascht und erschreckt fiel sein Blick auf die bleichen Züge Eloisens, er sah die Thränen von ihren langen Wimpern fallen, eilte, von Theilnahme bewegt, auf sie zu und ergriff erstaunt die Zeitung, die sie ihm entgegenhielt. Im Augenblick hatte er die Anzeige über Ralph’s Tod durchlesen, ein Ausdruck beseligender Hoffnung strahlte über sein Antlitz, seine Augen erglühten in Leidenschaft und mit den Worten: »Eloise, Sie sind frei!« warf er sich zu deren Füßen nieder und preßte seine Lippen auf ihre Hand, die er in der seinigen hielt. »Stehen Sie auf, Herr Montclard«, flehte Eloise mit leiser, zitternder Stimme; doch dieser drückte ihre Hand abermals gegen seine Lippen und sagte in stürmischer Bewegung: »Mein Leben gehört Ihnen, Eloise, erkennen Sie es als Ihr ewiges Eigenthum an und machen Sie mich zum Glücklichsten aller Sterblichen.« Vergebens suchte Eloise nach Gedanken, um zu erwägen, was sie thun solle, ihr Gefühl, ihr Herz riß sie fort. »Stehen Sie auf, Montclard, und nehmen Sie auch die Hülle, deren Seele Sie schon längst besessen haben«, rief sie mit stammelnder, halblauter Stimme und sank in die Arme des Mannes, dessen Bild schon ihre Jugendträume als Ideal bezauberte. Beiden hatte sich ein Himmel voll Seligkeit geöffnet, sie dachten der Vergangenheit nicht mehr, nur das Paradies ihrer Zukunft lag vor ihnen und in der Wonne der Gegenwart erhoben sich ihre vereinigten Seelen über irdisches Glück. Ihrer gänzlich hoffnungslosen verborgenen Liebe war so plötzlich, so unverhofft die Freiheit gegeben, daß Beiden lange Zeit die Worte fehlten, sie auszusprechen, in langer seliger Umarmung aber erkannten sie, was ihre Herzen so stürmisch bewegte. Als die Gewalt des Augenblicks verwogte und Montclard zuerst seinen Gefühlen Worte gab, hob Eloise ihr Kind auf ihre Arme, reichte es unter Thränen dem Geliebten, dem künftigen Gatten hin und flehte ihn an, Vaterstelle an dem Liebling zu vertreten. Mit heiliger, inniger Aufrichtigkeit sagte Montclard es ihr zu und drückte den Knaben freudig an seine Brust. Kein Fremder störte heute die Glücklichen in ihrer unverhofften Wonne, die sie beschlossen vor der Welt geheim zu halten, bis 562 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Montclard sich die gerichtliche Bescheinigung von Ralph’s Tod verschafft haben würde. Dann sollte das Schild des Gasthauses entfernt, die Wirthschaft aufgegeben und nur eigenem, stillem, ehelichem Glück gelebt werden. Nur der treuen Eva konnte Eloise ihre Seligkeit nicht verheimlichen, sie theilte ihr Alles, was sich zugetragen, in dem Uebermaß ihrer Gefühle mit und die Sclavin betheiligte sich mit hochschlagendem Herzen an dem Glücke ihrer Herrin. Während der Hitze des Tages weilten die Liebenden in traulicher Unterhaltung über ihre Zukunft in den kühlen, luftigen Räumen des Hauses, und als der Tag sich neigte, suchten sie die dunkeln Schatten des Waldes, in denen sie Arm in Arm auf dem Lieblingspfad an dem brausenden Wasser hinwandelten. Die Natur prangte in ihrem reichsten Schmuck; das hohe Laubdach, welches die kolossalen Bäume über dem Bache wölbten, war mit prächtigen Blüthen durchsäet, an dem tausendfach verschlungenen Rankengeflecht, welches, von Ast zu Ast geschwungen, in langen Guirlanden aus der grünen Kuppel herabhing, glänzte und leuchtete in den hier und dort durchbrechenden Sonnenstrahlen die bunteste Blumenflor, und die Riesenpflanzen, die den Boden bedeckten, waren mit Blüthenkelchen geziert. Reich und süß gewürzt durchzog die frische Abendluft diese schattigen Räume und umwogte mit dem Gesang der Vögel die beiden Wandelnden. So wie die Natur neu und wonnig belebt erschien, so war auch Frühling in den Herzen der Liebenden eingezogen und ihre Gefühle standen mit dem heiligen Frieden, der sie umgab, in Einklang. So schön hatten sie den Wald nie gesehen, so süß hatte die Luft nie geduftet, so lieblich hatten die Vögel nie gesungen und so prächtig war die Sonne nie in ihr glühendes Bett hinabgestiegen. Der Mond hatte sein mildes Licht über die Erde verbreitet, als Eloise, von Montclard umfangen, das Dunkel des Waldes verließ und, beseligt, mit ihm dem Hause zuschritt. »Ich habe eine Bitte an Dich, mein Alfons«, sagte sie zu dem Geliebten. »Möchte doch mein ganzes Leben nur e i n e Gewährung für Deine Wünsche sein, theuerste Eloise. Was ist es, das Dich erfreuen könnte?« erwiederte Montclard mit Zärtlichkeit. 5 10 15 20 25 30 35 563ViERtER BaNd • ZwEiuNddREissigstEs KapitEl »Du sollst Dein, mir noch unbekanntes, geheimnißvolles Instrument, dessen Zaubertönen ich so oft gelauscht habe, zu mir unter die Veranda bringen und ihm dort jene wunderbar lieblichen Weisen entlocken; willst Du es thun?« »Von Herzen gern, süße Eloise, ich fürchte nur, daß es meinem armen Instrument gehen wird, wie der Fantasie, wenn sie mit der Wirklichkeit in Berührung kommt; das Unbekannte, das Räthselhafte hat viel mehr Reiz für uns Menschen, als das, was wir offen vor uns sehen und vollständig erkennen. Mein Instrument ist eine Zither, die ich während meines Aufenthaltes in Italien spielen lernte. Ich gehe und hole sie«, erwiederte Montclard und wollte nach seinem Zimmer eilen, doch Eloise hielt ihn zurück und sagte: »So laß uns zuerst Thee trinken, Eva wird schon damit auf uns warten.« Die Sclavin öffnete auch eben die Thür, um die Herrschaft zum Abendbrod, welches bereits aufgetragen war, hereinzurufen, worauf Montclard die Hand Eloisens ergriff und sie zu Tisch geleitete. Nach dem Essen brachte dieselbe ihr Kind zur Ruhe und fand dann, als sie unter die beschattete Veranda trat, Montclard hier ihrer harrend. Die Natur war in Schlaf gesunken, lautlos und still lag Wald und Flur um das einsame Haus, das Silberlicht des Mondes zeigte auf den schwarzen Massen der Orangen- und Citronenbäume die goldenen Früchte, die auf ihnen glänzten, und ließ die brennendfarbigen Granatblüthen in mattem Roth erkennen, doch die beiden Glücklichen konnte es nicht erreichen, sie saßen im traulichen Dunkel an dem Ende der Veranda, begeistert von ihrer Liebe und von dem Reiz der Tropennacht, deren kühlender, mit Blüthenduft gewürzter Wind sie wohlthuend umfächelte und deren funkelnde Diamanten vom Himmelszelt freundlich zu ihnen niederglänzten. Die Zither ertönte, süß und melodisch bebten ihre Accorde durch die stille Nacht und klangen wie Aeolsharfentöne im nahen Walde wieder; Eloise hielt deren Schöpfer mit ihrem zarten Arm umschlungen und ruhte mit ihrer glühenden Wange an seiner Schulter. Es war eine so selige Nacht für Beide, wie sie Sterblichen nur selten geboten wird, sie fühlten sich der Erde und dem Neid 564 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 der Menschen entrückt und ahneten nicht, daß die Schlange, die ihr Gift in ihr Glück mischen wollte, in der Nähe auf sie lauere. Nur wenige Schritte von ihnen entfernt lag unter dem dichten Laub eines Granatbusches Soublett auf dem Boden hingestreckt und hielt sein Ohr und seinen giftigen Blick nach den Liebenden hin gerichtet; die süßen Klänge der Zither hatten ihm den Weg zu dem Ziele seiner Rache gezeigt, und mit boshafter Wollust verschlang er jedes Wort, jede Bewegung Montclards und Eloisens. Die Stunden hatten Flügel, die Nacht eilte dahin und ein leichtes Rosenroth am östlichen Himmel, so wie das leise Zwitschern des Blauvogels verkündete den neuen Tag, ehe die Verlobten sich trennten und Soublett aus seinem Versteck entschlüpfte und ungesehen, unbemerkt den Wald erreichte. Seit jenem Morgen, als Montclard ihn aus dem Speisezimmer trieb, war er nur noch ein Mal auf seiner Rückfahrt von D.... hier gewesen, hatte aber das Haus nicht betreten, sondern in der Postkutsche übernachtet, und als er nach Tallahassee zurückgekehrt war, hatte der Postmeister ihn in Folge eines Briefes von Montclard seines Dienstes entsetzt. Sein Nachfolger war ein stiller, bescheidener Mann, dessen Gegenwart im Concordia-Hôtel stets willkommen geheißen wurde, da er immer zuverlässige Nachrichten mitbrachte und sich gegen Jedermann höflich und anständig benahm. Montclard hatte einen Kaufmann in Tallahassee beauftragt, ihm die Bescheinigung über Ralph’s Tod zu verschaffen, da Jener mit Tampabay in Geschäftsverbindung stand und ein kleines Küstenfahrzeug von der Mündung des Ocklockneyflusses nach jenem Platze hin in der Fahrt hielt; denn eine Verbindung zu Lande mit dem südlichen Theile Florida’s bestand nicht. ∗    ∗    ∗ Ralph befand sich während dieser Zeit im Innern des Landes, wohin er von Tampabay aus sich begeben hatte, um die einzelnen Stämme der Seminolen zu besuchen und sie für seine Zwecke zu gewinnen. So war er nun schon seit einigen Monaten von Häuptling zu Häuptling geritten und war als Halb-Seminole von allen freundlich 5 10 15 20 25 30 35 565ViERtER BaNd • ZwEiuNddREissigstEs KapitEl und gastfrei empfangen worden, zumal, da er ihnen die frohe Kunde brachte, daß der große Vater der Weißen, der Präsident der Vereinigten Staaten, ihn zu ihnen sende, um ihnen die Versicherung zu bringen, daß er nicht nach ihrem Lande trachte und eine feste Grenze bestimmen wolle, welche niemals von einem Weißen überschritten werden solle. Allenthalben, wo er erschien, fand er die Indianer in großer Aufregung und bemerkte, daß sie sich zu einem allgemeinen verzweifelten Kampf gegen die Weißen rüsteten. Seine Friedensbotschaften waren denselben daher sehr willkommen, da die weit von den Weißen wohnenden Stämme noch wenig von denselben erduldet hatten und gern einen Krieg vermieden, der die verhaßten Fremden möglicher Weise in ihre, bis jetzt noch nicht beunruhigten Jagdgründe bringen konnte. Ganz besonders machte Ralph sie aufmerksam darauf, daß Tallihadjo nur aus Eigennutz den Krieg wünsche, da er selbst an der Grenze der Weißen wohne und besorge, daß diese ihm gelegentlich ein Stück Land streitig machen würden. Namentlich aber, sagte er, strebe Tallihadjo danach, die Regierung und die Gewalt über sämmtliche Seminolen allein zu bekommen und alle andere Häuptlinge ihrer Rechte zu entsetzen. Er sei ein Verräther, denn er habe zu besagtem Zwecke der Regierung in Washington Anträge gemacht und derselben versprochen, ihr die Hälfte des Landes, welches die Seminolen noch inne hätten, abzutreten, wenn man ihn als alleinigen Herrscher der Nation anerkennen wolle. Zugleich legte Ralph den verschiedenen Häuptlingen tiefstes Stillschweigen auf, versprach ihnen, Alles zur Vereitelung von Tallihadjo’s Plänen zu thun und bewies ihnen, daß dies am sichersten geschehen würde, wenn man denselben zum Beginnen des Krieges aufmuntere und ihm Beistand zusage, indem er dann sicher von den Weißen gefangen oder getödtet werden würde. Diese Winke und Auseinandersetzungen fanden bei den Häuptlingen im Innern des Landes willig Gehör, und Ralph, der diese seine Bemühungen als Ergüsse seiner Liebe für die Seminolen zu erkennen gab, wurde mit Auszeichnung und Freundschaft behandelt. Ganz in entgegengesetzter Weise redete er zu den Häuptlingen an der Grenze der Weißen, er zeigte sich ihnen als geheimer Verbündeter, sowie als Freund Tallihadjo’s, rieth ihnen, nichts ohne dessen Rath gegen die Amerikaner zu unternehmen, und versprach 566 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ihnen, alle Schritte und alle Absichten der Fremden jenem Häuptling zu verrathen. Er sagte ihnen, daß er sich in der Kürze zu Tallihadjo begeben würde, um mit ihm den Tag zu bestimmen, wann die große Rache an den Bleichgesichtern ihren Anfang nehmen solle, und gelobte bei dem großen Geiste, der ja auch s e i n Gott sei, selbst mit den Seminolen für ihr gutes Recht zu kämpfen. Auch ihnen legte er tiefste Verschwiegenheit auf und schied unter den heiligsten Versicherungen treuester Freundschaft aus ihren Lagern. Wirklich schiffte sich Ralph in der zweiten Hälfte des April von Tampabay nach der Mündung des Ocklockneyflusses ein, um von da zu Lande über Tallahassee, wo er gleichfalls Geschäfte für die Regierung hatte, zu Tallihadjo zu reisen und dann auch zu Hause einen Besuch abzustatten. ∗    ∗    ∗ Schwere Gewitter hatten sich in den letzten Tagen an der südlichen Grenze Georgiens und weiter nördlich in den Bergen entleert, so daß die Gewässer im Lande bedeutend gewachsen waren und der Bach hinter dem Concordia-Hôtel als reißender Strom durch den Wald brauste. Es war schon spät am Abend, als die Postkutsche von Tallahassee, mit acht Passagieren beladen, das Gasthaus erreichte und diese Alle dem geschickten, vorsichtigen Kutscher ihren Dank dafür abstatteten, daß er sie glücklich bis hierher geführt habe, denn die Brücken auf der Straße waren von den angeschwollenen Gewässern mit fortgerissen und mit großer Gefahr hatte der Kutscher diese auf den tiefen Furthen durchfahren. Dabei hatte es während des ganzen Tages geregnet und geweht und die Nacht versprach eine wilde, stürmische zu werden. Durchnäßt und durchkältet flüchteten sich die Passagiere in das gastliche Haus zu dem traulichen Kaminfeuer, wo sie sich von ihren Strapazen erholten und über die unangenehmen Begebenheiten des Tages scherzten und lachten. Das gute Abendessen, was ihnen bald darauf geboten wurde, stellte ihre Laune vollends wieder her und mit Wohlbehagen suchten sie zeitig die bequemen Nachtlager, deren man sich in diesem Hause erfreute. 5 10 15 20 25 30 35 567ViERtER BaNd • ZwEiuNddREissigstEs KapitEl Alles war zur Ruhe gegangen, nur Eloise saß noch, mit ihrem Kinde auf dem Schooße, in einem Armstuhl vor dem flackernden Kaminfeuer ihres Zimmers und lauschte aufmerksam der Stimme Montclards, der neben ihr saß und ihr aus einem schön gebundenen Buche vorlas. Oft hielt er inne und erklärte ihr das Gelesene; denn es waren Begebenheiten aus der französischen Revolution, in welcher Viele seiner Verwandten unter der Guillotine Robespierre’s ihr Leben hatten hingeben müssen. Je heftiger der Sturm und Regen draußen gegen die geschlossenen Jalousien der Fenster schlug, desto traulicher und heimlicher war es hier in dem warmen Zimmer, und wiederholt fielen Eloisen Augenblicke aus vergangener Zeit ein, in denen sie bei ähnlichem Wetter nicht so zufrieden und ruhig hier gesessen hatte. Dann warf sie einen wonnestrahlenden Blick auf den geliebten Mann neben sich und dankte im Stillen der Vorsehung, die ihr Schicksal zu ihrem Glück gelenkt hatte. »Es wird wohl Zeit sein, theuerste Eloise, daß Du Dich zur Ruhe begiebst, Du warest während des Tages sehr beschäftigt; es ist schon spät«, sagte Montclard, indem er das Buch zuschlug und seiner Verlobten die Hand reichte. In diesem Augenblick fielen dröhnende Schläge gegen die verschlossene Hausthür, daß das ganze Gebäude unter ihrer Wucht erzitterte, und zugleich ertönte ein so übermenschliches Geheul vor demselben, als habe die Hölle ihren Geistern die Freiheit gegeben. »Indianer!« war Alles, was Eloise hervorbringen konnte; ihren Knaben im Arm, war sie aufgesprungen und stierte bleich und entsetzt nach der Thür hin, durch welche Montclard mit den Worten: »Warte hier, Eloise!« verschwand. Ihre Kniee bebten, das Haar schien sich ihr emporzurichten; doch ein Blick auf ihr Kind gab ihr Geistesgegenwart und Kraft wieder, sie öffnete das Secretair, nahm den Brillantring und die noch vorräthigen Banknoten daraus hervor, hüllte Beides in den Umschlag von dem ihr entwendeten Schmuck und versenkte das Packet in die Tasche ihres Kleides. Zitternd und bebend stürzte Eva jetzt zu ihr in das Zimmer und Montclard, schwer bewaffnet, folgte derselben auf dem Fuße. Mit 568 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ihm traten René und Guy ein, die er gleichfalls mit Waffen versehen hatte, und wenige Minuten später drängten sich die Passagiere und der Kutscher in das Zimmer, der Eine mit Pistolen, der Andere mit einem Gewehr oder einer Axt in der Hand. Alle blickten mit Schrecken einander an und rannten in wilder Verwirrung durcheinander, während die Schläge gegen die starke eichene Thür immer wüthender und das Kriegsgeschrei der Wilden immer gräulicher ertönte; Montclard aber, fest und entschlossen, forderte die entsetzten Passagiere mit donnernder Stimme auf, sich als Männer zu zeigen und, wenn es sein müßte, als solche zu sterben; ihre einzige Rettung, sagte er, bestehe in einem Ausfall und in der Flucht, wobei sie die Dunkelheit der Nacht beschützen werde. Eloisen wies er an, während des Ausfalls mit Eva und Guy nach dem Nachen an dem Bache zu fliehen, um womöglich darin das jenseitige Ufer zu erreichen. Der Hauptangriff schien auf die vordere Seite des Hauses gemacht zu werden, obgleich auch an der hintern Thür heftige Axtschläge ertönten. In wenigen Minuten wurde Montclards Vorschlag ausgeführt, die Belagerten drängten sich nach dem hintern Ausgang, Montclard selbst öffnete das Schloß, zog den Riegel zurück, riß die Thüre auf und streckte mit zwei Pistolenschüssen zwei Wilde nieder, die mit geschwungener Axt ihm entgegentraten. Von den andern Männern gefolgt, stürzte er sich in die Finsterniß hinaus auf die dunkeln Gestalten, deren Bewegungen kaum zu erkennen waren und feuerte sein, mit Schrot geladenes Gewehr nach ihnen ab. Blitz auf Blitz und Krach auf Krach folgten sich von allen Seiten und Kriegsgeheul und Sterbeschreie mischten sich mit dem Brausen des Sturmes. Die Wilden waren bei diesem verzweifelten Angriff zurückgewichen, Eloise mit ihrem Kind auf dem Arme und von der Dunkelheit beschirmt floh dem Wald zu und erreichte mit Eva und Guy den Fußpfad, der zu dem Wasser führte. Der Neger sprang nun voran, um seine Herrin zu dem Nachen zu leiten, welchen er noch heute vor eintretender Nacht aufgesucht und sich von dessen sicherer Befestigung überzeugt hatte. Es war so dunkel, daß Guy oft mit den Händen nach dem Wege fühlen mußte, um nicht irre zu gehen, während der wilde Lärm 5 10 15 20 25 30 35 569ViERtER BaNd • ZwEiuNddREissigstEs KapitEl des Kampfes, die Tritte der Fliehenden mit Ungestüm und Angst vorwärts drängte. Endlich hatte Guy den Kahn erreicht; Eloise und Eva warfen sich hinein, der Neger sprang ihnen nach und löste den Strick, an dem derselbe befestigt war. Einen Augenblick nachher erfaßte der Strom das kleine Fahrzeug, und riß es auf seiner weiß schäumenden Fluth wirbelnd mit sich fort durch den finstern Wald, als plötzlich ein durch Mark und Bein dringender Schrei von dem Haus her zu Eloisens Ohr drang. Es war die Stimme Montclards, Eloise würde sie unter tausenden erkannt haben. Ein leiser Schmerzensruf erstickte auf den Lippen der unglücklichen Frau, sie sank regungslos auf den Boden des Kahns nieder und Eva schlang ihre Arme um ihre Herrin und deren Kind. Fort trieb der Nachen durch die Finsterniß ohne Lenkung, ohne Ziel, denn Guy suchte nur mit den Rudern denselben von dem Ufer abzuhalten und ihn vor Umschlagen zu behüten. Plötzlich aber jagten sie zwischen Baumstämmen und Büschen hin, hier war der Strom aus den Ufern getreten und schoß seitwärts durch den Wald. Ein Busch und dann ein starker Baum hemmte bald darauf den Lauf des Schiffchens, eingeklemmt zwischen Aesten und Reisig stand es still und ließ die Fluth an seinen Seiten vor- überschießen. Eva hatte ihre Herrin gegen ihre Brust gehoben und knieete neben ihr in dem schwankenden Nachen, während sie zugleich das Kind mit ihrem Arm umschlang und es durch Liebkosungen zu beruhigen suchte. Weder den Knaben noch Eloisen konnte sie sehen, und durch das Gefühl ihrer Hände konnte sie in Dieser noch immer kein Lebenszeichen erkennen; die Herrin blieb regungslos, kalt und stumm. Mit dem Regen, den der Wind auf Eloisen herabtrieb, fielen auch die Thränen der Sclavin auf sie nieder und deren Klage- und Jammerlaute mischten sich mit den schauerlichen Accorden der stürmischen Nacht. Endlich jedoch ward ihr Flehen, welches sie zum Himmel sandte, erhört, ihre Gebieterin bewegte sich in ihren Armen und das Leben kehrte wieder in ihr zurück. »Ich bin bei Dir, Herrin, und hier ist auch Tom,« sagte Eva mit freudig bebender Stimme, doch Eloise antwortete nur durch lautes Weinen und Schluchzen. 570 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Endlich graute der Tag, rundum traten die mächtigen Baumstämme aus der Dunkelheit hervor und die Schiffer erkannten, daß sie der Strom in ein Dickicht des Waldes getrieben hatte, aus dem sie das Schiff weder vorwärts noch rückwärts bewegen konnten. Der Fluß war aber bereits sehr gefallen und das trockene Land konnte man schon von dem Nachen aus gewahren. Da Guy fand, daß das Wasser ihm kaum noch über die Kniee reichte, so erbot er sich, seine Herrin auf das Trockene zu tragen, was sich Eloise auf das Zureden Evas gefallen ließ, während Diese mit dem Kind im Arm durch das Wasser nachfolgte. Bald hatten sie das höher liegende Land erreicht und schritten auf einem Fußpfad vorwärts, den das nach dem Bache zum Tränken ziehende Vieh gebahnt hatte, und der sie nach kurzer Zeit aus dem Walde führte. Guy erkannte nun die Gegend, in der sie sich befanden, und deutete die Richtung an, in welcher an einem Landweg ein einzelner Kaufladen stand, wohin er seine Herrin geleiten wollte. Eloisen gebrach es aber an Kräften, weiter zu wandern, kaum konnte sie sich noch aufrecht erhalten und ihr Geist schien der Gewalt des Unglücks zu erliegen. Eva aber übergab Guy den Knaben, schlang ihren Arm um ihre Herrin und zog sie, sie unterstützend, mit sich fort, indem sie dieselbe an ihr Kind erinnerte, welches vor ihr her getragen wurde. Oft mußten sie ruhen, um Eloisen Zeit zu geben, sich zu erholen, und gänzlich erschöpft erreichten sie endlich das ersehnte Haus, dessen Eigenthümer sie mit großer Theilnahme in seiner beschränkten Behausung aufnahm und ihnen jede Hülfe und Bequemlichkeit bot, die er zu geben im Stande war. Von allen den Männern, die mit Montclard das Haus verlassen hatten, war es nur dem Kutscher geglückt, den Indianern zu entkommen; er hatte die Straße erreicht und floh in verzweifeltem Laufe auf dem Wege nach D.... davon, da er wußte, daß die Wilden nach vollbrachter That in der entgegengesetzten Richtung nach Florida zurückkehren würden und daß er auf dem eingeschlagenen Wege vor deren Verfolgung sicher sei. Ohne zu rasten, stürmte er fort, bis er mit dem Grauen des Tages den Weg erreichte, der zu der Niederlassung der alten Arnolds führte. Er schlug ihn ein und überbrachte bald darauf den biedern Leuten die Schreckensnachricht, welche dieselben mit dem tiefsten Mitleid erfüllte. Der Kutscher wurde 5 10 15 20 25 30 35 571ViERtER BaNd • ZwEiuNddREissigstEs KapitEl verpflegt, der alte Arnold aber ließ sofort sein Cabriolet anspannen, bestieg dasselbe, mit seiner Büchse bewaffnet, und jagte dann in fliegendem Trabe nach dem Platz der Verwüstung. Schon, als er von der Straße in die Allee einbog, die nach dem Gasthaus führte, erblickte er statt dessen einen rauchenden Schutthaufen, um den bereits eine Anzahl bewaffneter Männer aus der Nachbarschaft versammelt waren, und die Zerstörung in Augenschein nahmen. Tief ergriffen verließ Arnold seinen Wagen und trat zu den Männern, indem er mit leiderfülltem Blick bald auf die Trümmer des neuen prächtigen Gebäudes, bald auf das in einiger Entfernung stehende Blockhaus schaute, in welchem er mit seinem alten Freunde Tom, der unter jenem mächtigen Baume schlief, so manche glückliche zufriedene Stunde verlebt hatte. Rund um den Schutthaufen lagen die scalpirten Gemordeten zerstreut umher und boten mit ihren blutigen Köpfen einen schaudererregenden Anblick. Montclard jedoch war nicht unter ihnen zu erkennen. Auch befand sich kein Leichnam eines Indianers darunter, wie dies zu erwarten stand, da dieselben ihre Todten mit sich fortzuführen pflegten. Während Arnold sich unter den Versammelten nach dem Schicksal Eloisens und ihres Kindes erkundigte, worüber ihm Keiner Auskunft zu geben vermochte, erschien deren Neger Guy und brachte die Nachricht von der wunderbaren Rettung seiner Herrin. Er hatte kaum den Bericht abgestattet, als Arnold ihn anwies, hier zu bleiben, um über das Eigenthum seiner Herrschaft zu wachen, und ihm anzeigte, daß er seine Gebieterin zu sich nach seinem Hause holen wolle. Dann bestieg er seinen Wagen und eilte nach dem jetzigen Aufenthalte Eloisens. Er fand sie in einem Zustand stiller und stummer Verzweiflung. Seine Erscheinung aber schien sie mächtig zu erschüttern und sie aus ihrer dumpfen Abgespanntheit zu wecken. Anfangs weigerte sie sich, der Aufforderung Arnolds sich mit ihm nach seinem Hause zu begeben, Folge zu leisten, seine ehrlichen theilnehmenden Worte aber und die Herzlichkeit, mit der er ihr Kind behandelte, überredeten sie endlich, und sie ließ sich von ihm in sein Cabriolet geleiten. Dann reichte er ihr den Knaben hin, stieg selbst ein und 572 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 trat, von Eva gefolgt, die von dem Kaufmann mit einem Maulthier versehen war, den Heimweg an. Unter heißen Thränen empfing Madame Arnold die unglückliche Wittwe; denn auch sie war durch die Zeitung von dem Tode ihres Gatten unterrichtet worden. Alles Unrecht, welches sie von Ralph und von Eloisen erduldet zu haben glaubten, hatten die beiden braven Leute vergeben und vergessen, und so wie sie damals das verlassene, vom Schicksal bedrängte Mädchen liebevoll und wie ihr eignes Kind bei sich aufgenommen hatten, so empfingen sie jetzt die tiefgebeugte Frau, um ihr durch Liebe und Freundschaft ihr Unglück, ihren Schmerz zu erleichtern. Die Sorge und Wartung für das Kind ließ sich Madame Arnold vorerst nicht nehmen, da die Mutter selbst zur Zeit der Schonung und der Pflege so sehr bedürfe. Für Eloisen bereitete sie sofort ein Lager in ihrem eigenen Zimmer und Eva mußte gleichfalls hier verweilen, um jedes Winkes ihrer Herrin gewärtig zu sein und über deren Knaben zu wachen, wenn häusliche Geschäfte Madame Arnold nöthigten, das Zimmer zu verlassen. Arnold sandte sofort einen Boten an seinen Sohn und ließ ihn von dem gräßlichen Unglück der Wittwe unterrichten, worauf Frank und Eleanor herbeieilten, um gleichfalls das Ihrige zum Trost und zur Hülfe der armen Frau beizutragen. Niemand aber ahnete die wahre Ursache des unheilbaren Schmerzes, der das Innere Eloisens zerriß, der wie ein Raubthier an ihrem Herzen nagte, und ihren Geist durch die furchtbarsten Schreckbilder marterte; wohin sich ihre Gedanken auch lenkten, fuhren sie mit Entsetzen zurück, und ihre Zukunft erschien ihr womöglich noch qualvoller, als ihre Vergangenheit. Die herzlichen innigen Trostworte der alten und jungen Arnolds erreichten die Ursache ihrer Verzweiflung nicht; denn sie waren gegen den Verlust ihres Gatten und ihres Vermögens gerichtet, über den Verlust aber, der ihr Lebensglück in seinem tiefsten Grunde vernichtet hatte, konnte sie Niemand trösten. Dennoch that ihr die Liebe und Teilnahme, womit man sie und namentlich auch ihr Kind behandelte, wohl, und mit Thränen dankte sie den guten Menschen und bereute tausendmal im Stillen, sie früher verkannt zu haben. 573 5 10 15 20 Capitel 33. Die zerstörte Wohnung. – Eifersucht. – Der Todtgeglaubte. – Die Gattin. – Das Wirthshaus. – Die Angst. – Das Tuch. – Die erste Unwahrheit. – Schmerz. – Der Frühling. – In der Stadt. – Der Verdacht. – Der Redakteur. – Der wilde Freund. – Abschied. – Letztes Lebewohl. E s war am letzten April, als ein Reiter in fliegender Eile auf der Straße von Tallahassee her, dem Concordia-Hotel zu-jagte und vor dem Schutthaufen desselben von seinem schweißtriefenden Pferde sprang. Ralph Norwood war es, der nun vor seinem eingeäscherten noch rauchenden Wohngebäude stand. Eine Grabesstille lag auf der Umgebung, kein lebendes Wesen zeigte sich in dem mitverwüsteten Garten, nur die Todesvögel, die Geyer, kreisten zu Hunderten lautlos über dem Schreckensplatz. Ralph stand da mit untergeschlagenen Armen und fest aufeinandergebissenen Zähnen und stieß wiederholt gräßliche Flüche und Verwünschungen aus. Weit davon entfernt, in diesem Anblick eine gerechte Strafe für das viele Unrecht, welches er begangen hatte, zu erkennen, lehnte sich sein ungebeugter harter Sinn gegen das Schicksal auf, sprach ihm Hohn, und schwur blutige Rache für den ihm zugefügten Schaden. Wild und wüthend blickte er um sich, als er plötzlich Guy gewahrte, der auf dem Fußpfad aus dem Walde trat. Mit barscher Stimme rief er ihn herbei und fragte ihn, wo seine Herrin sich befinde. Die Auskunft des Negers, daß sie bei den alten Arnolds sei, beantwortete er mit einem Fluch und stampfte dabei mit dem Fuße 574 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 auf die Erde. Dann mußte Guy ihm die einzelnen Begebenheiten aus jener Schreckensnacht erzählen, wobei Ralph ihn häufig durch ausgestoßene Verwünschungen unterbrach. Mit bebender Stimme hatte der Sclave seinen Bericht beendet, als er noch hinzufügte: »Ich wollte so eben versuchen, ob ich den Kahn auffinden könnte, als ich nicht weit von hier an dem Bache den Herrn Montclard und einen Indianer todt im Walde liegen sah und mir Hülfe in der Nachbarschaft holen wollte, um dieselben zu begraben, wie wir es mit den andern Todten gethan haben.« »Führe mich hin, ich will sie sehen,« sagte Ralph und stieß den Neger, indem er ihm andeutete, voranzuschreiten. Bald erreichten sie im Walde zwischen hohen Pflanzen einen Platz, wo diese umgerissen und niedergetreten waren und in dessen Mitte Montclard und ein Indianer todt neben einander hingestreckt auf dem Boden lagen. »Osmakohee!« rief Ralph, indem er zurücktrat und seinen finstern Blick auf die verzerrten Züge des Häuptlings heftete. Der Mord, den er ihn bewogen hatte, an Hallemico und seinem Stamm zu begehen, trat vor seine Seele, er schauderte zusammen und sagte mit dumpfer Stimme zu dem Neger: »Schleife ihn nach dem Bache und wirf ihn in das Wasser,« welchem Befehl Guy sofort nachkam, indem er den Indianer bei dem Arm ergriff und ihn nach dem Ufer hinzog. Nun richtete Ralph seinen Blick auf Montclard und zwar auf dessen linke Hand, an welcher derselbe den Brillantring zu tragen pflegte. Der Todte hielt in ihr ein Batisttuch, welches er gegen die Wunde in der linken Seite seiner Brust gepreßt hatte. Ralph öffnete die Hand, an der er den Ring vermißte, und betrachtete dann das Tuch, in welchem er den Namen Eloisens eingenäht erkannte. Wie ein Blitzstrahl schoß es bei diesem Anblick durch Ralph’s Brust, bald sah er auf das Tuch, bald auf den vor ihm liegenden Mann, den er noch im Tode schön nennen mußte. Ein platschender Schlag in das Wasser verkündete in diesem Augenblick, daß Guy den Befehl seines Herrn ausgeführt hatte und brachte Diesem Osmakohee und Hallemico wieder vor die Erinnerung. »Verdammt!« sagte er und fuhr sich mit der Hand durch sein borstiges Haar, dann steckte er das Tuch in seinen Rock und beug- 5 10 15 20 25 30 35 575ViERtER BaNd • dREiuNddREissigstEs KapitEl te sich zu Montclard nieder, um dessen Taschen zu durchsuchen. Mit glänzendem Blick zog er eine gefüllte Brieftasche daraus hervor, in der er zu seiner Freude ein Packet mit Banknoten vorfand, von denen einige in Fünfhundertdollarnoten bestanden. Wie wenn der Anblick des Geldes die aufklimmende Eifersucht erstickt hätte, brach er in ein höhnisches Gelächter aus und rief: »Werth empfangen!« Dann befahl er dem zurückkommenden Neger, die Leiche Montclards zu begraben, verbarg die Brieftasche in seinem Rock, eilte zu seinem Pferde zurück und ritt von dannen. ∗    ∗    ∗ Auf vieles Zureden der alten so wie der jungen Arnolds hatte sich heute Eloise dazu verstanden, das Mittagsessen mit ihnen gemeinsam einzunehmen; denn Frank und Eleanor waren an diesem Morgen schon frühzeitig in der Wohnung ihrer Eltern eingetroffen, um sich von dem Befinden der trostlosen Wittwe zu unterrichten. Eleanor hatte Eloisen in ihrem Arm zu dem Tisch geführt und neben ihr Platz genommen, der alte Arnold hatte ein kurzes Gebet gesprochen und Frank war mit dem Zerlegen eines Bratens beschäftigt, als sich die Thür öffnete und Ralph in das Zimmer trat. Mit einem Schrei des Entsetzens stierte Eloise einen Augenblick nach ihm hin und sank dann Eleanor ohnmächtig in die Arme, während die Andern, erschrocken seinen Namen ausrufend, aufgesprungen waren und ihn anstarrten als ob ein, aus dem Grabe Hervorgestiegener vor ihnen stände. Madame Arnold mit ihrer Schwiegertochter und Eva trugen die regungslose Eloise auf ihr Lager, während Frank und dessen Vater vor Ralph einen Schritt zurückgetreten waren und ihn schweigend und fragend anblickten. »Ich sehe, auch hier hat man jener boshaften Nachricht von meinem Tode willig Gehör gegeben. Es thut mir leid, Ihnen die augenblickliche unangenehme Ueberraschung bereiten zu müssen, bin aber wohl hinlänglich entschuldigt, da gegen meinen Wunsch meine Frau sich unter Ihnen befindet,« sagte Ralph mit verächtlichem Tone und frechem Blick zu den beiden Männern. 576 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Elender – « begann Frank, doch der alte Arnold winkte ihm Schweigen zu und sagte zu Ralph: »Herr Norwood, ich bin weit davon entfernt, Ihr Thun und Lassen zu kritisiren, Ihr Betragen aber in meinen vier Wänden muß anständig und höflich sein, wenn ich nicht von meinem Hausrecht Gebrauch machen und Sie daraus entfernen soll. Merken Sie sich Dies Ein- für Allemal. Die Menschlichkeit hat es mir befohlen, Ihre, von Ihnen und von allem Glück verlassene Frau in mein Haus aufzunehmen, wofür ich weder Ihren Dank, noch aber Ihren beleidigenden Undank empfangen will. Ich ersuche Sie, meinen Grund und Boden baldmöglichst zu verlassen, während ich es Ihnen freistelle, Ihre Frau ferner meiner Fürsorge zu vertrauen, oder dieselbe mit sich fortzunehmen. Sie ist sehr leidend und bedarf der sorgfältigsten Pflege.« Arnold sagte diese Worte mit so fester Entschiedenheit und Franks Erscheinung hatte einen so entschlossen feindlichen Ausdruck angenommen, daß Ralph wohl fühlte, es sei an der Zeit, eine andere Sprache anzustimmen. »Ich wünsche, meine Frau mit mir zu nehmen«, erwiederte Ralph mit ruhigerem Tone und setzte noch halb verlegen hinzu: »nur wird es ihr, wie es scheint, schwer werden, zu Pferde zu reisen; wenn ich einen Wagen geborgt bekommen könnte, so würde ich denselben mit Dank und unversehrt wieder zurückliefern. Der meinige ist ein Raub der Flammen geworden und meine Pferde sind mir von den Indianern gestohlen.« »Ihrer Frau zu Liebe will ich Ihnen mein Fuhrwerk anvertrauen, doch würde ich Ihnen rathen, dieselbe noch einige Tage zu ihrer Erholung hier zu lassen; sie ist sehr angegriffen«, sagte Arnold und warf einen Blick nach Eloisen, die wieder zu sich gekommen war und ihr Gesicht in ihrem Tuch verhüllt hielt. »Aprilsschauer, – wird bald wieder Sonnenschein geben. Ich nehme Ihr Anerbieten an und wünsche bald abzureisen. Eva kann mein Pferd reiten. Wenn Sie anspannen lassen wollten, so würde es mir angenehm sein«, antwortete Ralph, indem er zugleich das Schluchzen seiner Gattin vernahm und den entrüsteten, verächtlichen Blicken der Madame Arnold und Eleanors begegnete. 5 10 15 20 25 30 35 577ViERtER BaNd • dREiuNddREissigstEs KapitEl »Herr Norwood, wie Sie diese Grausamkeit gegen eine so liebe Gattin dereinst vor Gottes Thron verantworten wollen, weiß ich nicht, vor den Menschen verdient sie die tiefste Verachtung«, sagte Eleanor mit lauter, fester Stimme und hielt ihren strafenden Blick auf Ralph geheftet, als erwarte sie seine Antwort. Da erhob sich Eloise, reichte Eleanor die Hand hin und sagte mit bittendem Ton: »Dank, ewigen Dank; ich werde aber meinem Gatten folgen.« Ralph verließ nun das Zimmer und ging in den Hof hinaus, um dort den Wagen zu erwarten, den anzuspannen und vorzuführen, Arnold einem Neger aufgetragen hatte. Unter Thränen waren Madame Arnold und Eleanor nun beschäftigt, Eloisen bei ihrer Vorbereitung zur Abreise behülflich zu sein, und als diese dieselbe beendigt und ermattet in den Armstuhl sank, sagte Madame Arnold zu ihr: »Eloise, vergessen Sie niemals, daß Sie zu jeder Zeit in unserm Hause eine Freistätte finden werden, und gedenken Sie gelegentlich des Rechtes, welches das Gesetz dieses Landes uns Frauen giebt; – es nimmt uns gegen Mißhandlungen eines Mannes unbedingt in Schutz und löst die Banden, die uns Grausamkeiten aussetzen.« »Auch bei uns, Eloise, sind Sie jeden Augenblick willkommen und Sie dürfen fest darauf rechnen, eine bleibende Heimath bei uns zu finden, wann Sie einer solchen bedürftig sein sollten«, sagte Eleanor mit warmer Theilnahme und legte ihren Arm um Eloisens Nacken. Jetzt zeigte der alte Arnold an, daß der Wagen vor dem Hause stehe, versicherte Eloisen, als dieselbe sich erhob, daß sie stets auf ihn vertrauen könne und bat sie, ihn anzurufen, wenn ihr die Hülfe eines Mannes nöthig werde. Madame Arnold und Eleanor geleiteten Eloisen dann hinaus zu dem Wagen, halfen ihr, denselben zu besteigen, und reichten ihr dann ihr Kind hin. Ralph war während dieser Zeit von der andern Seite eingestiegen, lenkte mit einem kurzen »Guten Tag« das Pferd von dem Hause ab, dem Walde zu, und Eva folgte, auf ihres Herrn Pferd, dem Fuhrwerk langsam nach. Schweigend zogen sie auf der Straße hin, Ralph sowohl, als auch Eloise, in sich selbst versunken. Ralph’s Gedanken waren wil- 578 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 der, stürmischer Natur, so daß er oft, um seiner Aufregung Luft zu machen, die Peitsche unbarmherzig auf den Rücken des Pferdes schlug. Er dachte an das blutige Tuch seiner Frau und an den schönen Mann, in dessen erstarrter Hand er es gefunden, Osmakohee und Hallemico traten ihm vor die Erinnerung, der große Verlust, den er durch die Verwüstung seines Wohnorts erlitten, stand vor seinen Augen, und dann erschienen die Banknoten in der Brieftasche vor ihm, die über zweitausend Dollar betrugen. Auch sann er über den Ring nach, den er vergebens an Montclards Finger gesucht hatte, und beschloß, später bei dem Hinwegräumen der Trümmer seines Hauses nach demselben zu suchen, da der kostbare Stein nicht von dem Feuer beschädigt sein konnte. Eloisens Gedanken waren ganz anderer Art, sie zogen wie schwere, verhängnißvolle Gewitterwolken durch ihre Seele und ließen Schmerz, Zerwürfniß mit sich selbst und Verzweiflung in ihr blutendes Herz fallen. Aus der Liebe zu Montclard, die sie als eine himmlische, vor ihrem Gewissen und vor der Welt gerechtfertigte, so unendlich beseligt hatte, stiegen Zweifel und Vorwürfe in ihrem Geiste auf, und aus so reinem Herzen sie auch entsprossen war, so füllte sie Eloisens Gedanken jetzt doch mit Angst und einem Gefühl von Schuld. Zwar rief sie alles Unrecht, alle Vergehen Ralph’s für sich in die Schranken, führte ihrer Erinnerung die Glaubwürdigkeit von dessen Todesnachricht vor; demohngeachtet konnte sie sich nicht ganz frei sprechen und die Ruhe nicht gewinnen, die ihrem zerrissenen Gemüth so nöthig war. Diese Zweifel mischten sich mit denen über das Schicksal Montclards, sie wußte es, daß derselbe sich nicht mehr unter den Lebenden befinde, denn sie hatte in jenem entsetzlichen Todesschrei zu deutlich seine Stimme erkannt, und dennoch hätte Eloise jetzt Alles darum gegeben, Gewißheit über ihn zu erhalten. Vergebens suchte sie Trost in ihrem Kinde, welches sorglos und ruhig in ihren Armen schlief; es erinnerte sie nur daran, daß es niemals vaterlos gewesen sei. Ihr Schmerz, ihre Unruhe steigerte sich noch mehr, als Ralph von der Straße in die Allee nach den Trümmern seines Hauses einlenkte; jeder Baum, jede zertretene Blume erinnerte sie an ihren Glückstraum, an ihr wiedergekehrtes, zum nagenden Ungeheuer herangewachsenes Elend. 5 10 15 20 25 30 35 579ViERtER BaNd • dREiuNddREissigstEs KapitEl Guy eilte seinem Herrn entgegen, und dieser gab ihm den Befehl, den Platz nicht zu verlassen und nicht zu erlauben, daß irgend Jemand den Schutthaufen antaste. Alles solle so verbleiben, bis er selbst zurückkehre. Dann wandte er das Pferd zu der Straße zurück und erreichte auf dem Wege nach Tallahassee ein einsam gelegenes Wirthshaus, in dem er beschloß, die Nacht zuzubringen. Es war schon ziemlich düster, als er der Sclavin Eva sein Kind aus dem Wagen reichte, dann selbst ausstieg und Eloisen half, ein Gleiches zu thun. Mit dem Wirth war er bekannt und derselbe versprach sein Möglichstes, um ihm und seiner Frau Bequemlichkeit zu verschaffen. Er stellte ihnen das Zimmer unter dem Dache zur Verfügung, das einzige in dem Hause, welches er ihm allein überlassen konnte, denn die andern Fremdenstuben waren für eine größere Zahl von Gästen bestimmt und ein jedes mit sechs Betten versehen. Die Einrichtung der Dachstube war allerdings sehr einfach, die Möbel derselben bestanden in einem großen, mit einem alten Mosquitonetz versehenen Bett, einem hölzernen Armstuhl, einigen Schemeln und einem Waschtisch; das Schindeldach bildete die Decke und die Wände waren von übereinandergenagelten Brettern aufgeführt. Während die Wirthin dieses Privatzimmer zum Empfang Ralph’s und dessen Familie herrichtete und Feuer in das Kamin machte, verweilte derselbe mit Eloisen und dem Kinde in der Gaststube gleicher Erde und erwartete dort das Abendessen. Außer ihnen befanden sich noch mehrere Reisende in diesem Zimmer, die bei dem Eintreten Eloisens derselben vor dem Kaminfeuer Platz machten, wo diese sich mit ihrem Knaben auf dem Schooß niederließ. So unangenehm der Aufenthalt unter diesen fremden Leuten Eloisen auch sonst wohl gewesen sein würde, so waren dieselben ihr gegenwärtig ein Trost, denn ein banges Vorgefühl vor dem Augenblick, wo sie mit Ralph ganz ohne Zeugen sein würde, hatte sich ihrer bemeistert. Er war während der Fahrt so wortkarg, so barsch gewesen, augenscheinlich hatte irgend eine Sache von Interesse seine Gedanken in Anspruch genommen und eine innere Stimme sagte Eloisen, daß sie der Gegenstand seiner finstern Betrachtungen gewesen sei. Sie schrak zusammen, als der Wirth eintrat und zum Abendessen rief, und er mußte sie noch besonders auffordern, in das andere Zimmer zu treten, ehe sie sich erhob. Sie 580 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 gab Eva ihr Kind, wies sie an, demselben Milch und Brod zu reichen, und wankte dann in die angrenzende Stube zu dem Tisch. Ralph war in Unterhaltung mit einem der Fremden schon vorangegangen und schien sich nicht um seine Frau zu kümmern; doch als der Wirth ihr einen Platz bezeichnete, setzte ihr Gatte sich an ihre Seite. Eloise nippte an einer Tasse Thee und versuchte, Etwas zu essen; es war ihr aber nicht möglich, es ward ihr immer enger um das Herz und verlegen spielte sie mit Brodkrumen. Jetzt erhob sich Ralph und richtete sich nach Eloisen hin, wie mit einer Aufforderung, ihn zu begleiten. Sie folgte und winkte im andern Zimmer ihrer Sclavin, damit dieselbe ihr mit dem Kinde nachkomme. Die Treppe zu ersteigen, ward Eloisen sehr schwer, ihre Füße schienen ihr den Dienst versagen zu wollen und sie mußte mehrere Male stehen bleiben, um Athem zu schöpfen. Ralph trat ihr in die Dachstube voran und schritt zu dem Kaminfeuer, indem er den Armstuhl Eloisen entgegenschob, worauf er sich zu dem Feuer niederbeugte und dasselbe auffrischte. Noch während er damit beschäftigt war, wandte er sich zu Eva um und sagte: »Lege das Kind auf das Bett und gehe hinunter, bis ich Dich rufe.« Eloisen wurde eiskalt, als sie diesen Befehl vernahm, sie fühlte, wie das Zimmer sich mit ihr zu drehen begann, und indem sie ihren Arm auf die Lehne des Stuhles stützte und die Stirn in die Hand senkte, sagte sie mit Anstrengung zu der Sclavin: »Reiche mir erst ein Glas Wasser, Eva.« Die Dienerin that, wie ihr befohlen war; Eloise ergriff das Glas und nickte leise mit dem Kopf, zum Zeichen, daß Eva sich nun entfernen möge. Ralph war während dieser Zeit mit den Händen auf dem Rükken im Zimmer auf und ab geschritten, blieb, nachdem die Tritte der Negerin auf der Treppe verhallt waren, neben dem Kamin stehen und heftete seine Augen auf Eloisen. Ohne zu ihm aufzusehen, fühlte sie, daß Ralph’s Blicke auf ihr lasteten, sie erbebte und ließ die Hand mit dem Glas auf ihr Knie sinken. 5 10 15 20 25 30 35 581ViERtER BaNd • dREiuNddREissigstEs KapitEl »Kennst Du dies Tuch?« fragte Ralph plötzlich mit Unheil verkündender Stimme, indem er das blutige Batisttuch aus der Brusttasche zog und es Eloisen vorhielt. Das Tuch, sowie das Blut, womit es befleckt war, nannten sich ihr beim ersten Anblick, sie zuckte zusammen, das Glas entfiel ihrer Hand und zersplitterte auf dem Kaminstein vor ihr, ihre Augen stierten, ihre Lippen bewegten sich, wie zum Reden, und der letzte Blutstropfen war aus ihrem Gesicht gewichen. So wie aber das Recht in den verzweifeltsten Augenblicken dem Menschen Kraft giebt, so verleiht auch oft der Gedanke an heimlich begangenes Unrecht den Nerven Spannkraft, um dasselbe ferner verborgen zu halten; Eloise klammerte ihre kleinen Hände um die Arme des Stuhls, drückte sich gegen die Lehne und traf nun mit Ralph’s Blick zusammen, den sie jetzt zu ertragen entschlossen war, und wenn es ihr das Leben gekostet hätte. Beide hatten sich schweigend einige Augenblicke unverwandt angesehen und Ralph’s Augen waren die ersten, die wankten. Eloise fühlte, daß sie, wenn sie gefehlt, es ohne Vorsatz gethan, sie fühlte, daß sie das gräßliche Unglück, welches sie fast ununterbrochen verfolgt, nicht verschuldet hatte, und alles Leid, welches Ralph über sie gebracht, stand in diesem Augenblick vor ihr. Der unstäte Blick Ralph’s gab ihr Muth und schärfer und fester sah sie ihm in die Augen. »Dein Name steht in dem Tuche und ich fand es in der Hand des todten Montclard«, sagte Ralph, indem er von Neuem das Tuch nach Eloisen hinstreckte. »Des todten Montclard!« hallte es in Eloisens Seele wieder und schnürte ihr die Brust zusammen; sie glaubte das Blut von ihrem Herzen tropfen zu fühlen, doch wenn es sich auch verblutet hätte, sie würde noch sterbend ihren Blick auf Ralph geheftet haben. Sie gab keine Antwort. »Wie kam das Tuch in Montclard’s Hand? ich will es wissen!« rief Ralph jetzt und stampfte mit dem Fuß auf den Boden. »Zu oft schon habe ich Dir Dein rohes, unverzeihliches Benehmen gegen mich nachgesehen und Dich nicht an das Recht erinnert, welches die Natur und die Gesetze dieses Landes dem Weibe geben. Rede mich nie wieder in diesem Tone an, wenn ich nicht 582 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 aufhören soll, Deine Gattin zu sein«, antwortete Eloise entschlossen und holte, um Vieles erleichtert, tief Athem. Ralph war betroffen; die dem Amerikaner eingeimpfte Achtung vor dem weiblichen Geschlecht machte sich geltend und er sagte: »Nun, das Tuch ist dem Kerl doch nicht zugeflogen!« »In der Nacht, als er mit den andern Gästen unsers Hauses mir einen Weg durch jene Unmenschen bahnte, hatte ich das Tuch über das Haar geknüpft und Herr Montclard nahm es mir vom Kopf, damit seine weiße Farbe mich den Wilden nicht verrathen sollte. Das ist die einfache Geschichte des Tuches«, antwortete Eloise und senkte ihre Stirn wieder in ihre Hand. Sie fühlte, wie dieselbe brannte, wie ihr das Blut in die Wangen gestiegen war und wie ihre Pulse heftig klopften. Es war die erste Unwahrheit, die sie in ihrem Leben wissentlich gesagt hatte, eine Unwahrheit aber, die ihr das Unglück abgenöthigt und wodurch sie glaubte, ein noch größeres Elend von sich und von ihrem Gatten abzuwehren. Es war geschehen, und sie hatte über Ralph gesiegt. »Das hättest Du mir auch gleich sagen können«, sagte Ralph verlegen und schritt langsam im Zimmer auf und nieder. Nach einer Weile sagte er im Gehen: »Hast Du vielleicht gehört, ob er den kostbaren Ring etwa verkauft hat? Ich fand ihn an seiner Hand nicht.« »Von einem Verkauf des Ringes habe ich nie gehört; der Mann war zu reich, als daß er denselben hätte verkaufen sollen«, erwiederte Eloise, ohne aufzublicken. »So muß er unter dem Schutthaufen liegen und ich werde ihn finden. Der Stein war von sehr großem Werthe.« Noch einige Male ging Ralph im Zimmer auf und ab, dann trat er zu Eloisen hin, nahm ihre Hand und sagte mit freundlichem Tone: »Gehe zur Ruhe, Eloise. Ich habe den Mann, der neben mir am Tische saß, noch einen Augenblick zu sprechen. Ich komme aber bald, recht bald zurück.« Dann klopfte er Eloisen noch, wie zur Aussöhnung, auf die Schulter und eilte aus der Thür, die Stiege hinab. Kaum hatte Ralph die Treppe erreicht, als Eloise in stürmischer Aufregung aufsprang, sich in der Mitte der Stube auf die Kniee warf und ihre Blicke und gefalteten Hände flehend nach Oben 5 10 15 20 25 30 35 583ViERtER BaNd • dREiuNddREissigstEs KapitEl richtete. Sie flehte Gott um Beistand, um Gnade und Vergebung an, denn jetzt hatte sie mit vollem Bewußtsein das erste Unrecht begangen, sie rang die Hände und weinte laut, als sie plötzlich Fußtritte auf der Treppe vernahm. Sie raffte sich schnell auf, trocknete ihre Thränen und trat zu ihrem Kinde an das Bett, während welcher Zeit die Thür sich öffnete und Eva herein kam. Die treue Dienerin schritt an Eloisens Seite und sagte mit weicher Stimme: »Der Herr hat mir ein Tuch von Dir gegeben, Herrin; es ist dasselbe Tuch, welches Du dem Herrn Montclard, als er so krank war, mit belebenden Tropfen auf das Herz legtest. Ich soll es auswaschen, es ist blutig.« «Nein, nein, beste Eva, gieb es mir. Hier, nimm dieses dafür, eile hinunter, wasche es aus und hänge es dort auf dem Stuhle vor dem Kaminfeuer zum Trocknen auf. Eile, ehe mein Mann zurückkommt!« rief Eloise mit halblauter Stimme, ergriff mit zitternder Hand das blutige Tuch und winkte der Sclavin nach der Thür hin. Dann knieete sie vor dem Bett nieder, preßte das Tuch gegen ihr Herz und sah mit überströmenden Augen schluchzend gegen das Dach empor. »Alphons, Alphons!« stammelte sie mit zitternder Stimme, verhüllte ihr Gesicht mit dem Tuche und sank gegen das Bett. Die zurückkehrende Eva fand Eloisen noch in ihrem Schmerz, in ihrem Jammer. »Komm, gute Herrin, geh’ zur Ruhe, der Herr wird bald kommen«, sagte sie theilnehmend zu ihr und mahnte sie, aufzustehen. Dann entfaltete sie das gewaschene Tuch, hing es über die Stuhllehne vor dem Feuer auf und Eloise verbarg das dagegen eingetauschte in der Tasche ihres Kleides. Ralph hielt Wort; noch ehe eine halbe Stunde verging, kehrte er zurück, bedeckte das Feuer in dem Kamin mit Asche, und bald darauf schwebte der Engel der Ruhe durch das Zimmer. Der erste Maitag schien golden durch das kleine Fenster der Dachstube und weckte Ralph und Eloisen aus ihrem festen Schlafe. Eva hatte das Fenster geöffnet und war dann mit Tom auf dem Arm, den sie leise von der Seite der ruhenden Mutter weggenommen hatte, hinaus in das Freie gegangen. 584 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Mit dem Erwachen Eloisens kehrte auch ihre letzte Vergangenheit wieder in ihre Gedanken zurück, und wie ein vom Schiffbruch Geretteter, der auf einer wüsten Insel einem langsamen Untergang entgegensieht, blickte sie schweren Herzens um sich. Ralph war freundlich und weniger barsch, als sonst, er sagte sogar, als er das Zimmer verließ, er würde heraufkommen und Eloisen herunter zu dem Frühstück geleiten; diese aber blickte ihm traurig nach und trocknete, als sie ihn die Treppe hinuntergehen hörte, ihre Thränen mit dem Tuche, welches mit dem Herzblut Montclards gefärbt war. Bald nach dem Frühstück setzte Ralph in gleicher Weise, wie er gekommen war, seine Reise nach Tallahassee fort und bemühte sich, Eloisen zu unterhalten, indem er ihr von seinen Zusammenkünften mit den verschiedenen Stämmen der Seminolen erzählte und sich Viel darauf zu Gute that, daß er sie sämmtlich hinter das Licht geführt habe. Eloise blieb stumm und in sich versunken. Die Sonne schien herrlich und belebend, die Wälder und Fluren prangten in frischem Grün, die Vögel sangen fröhlich und ließen ihr buntes Gefieder in dem goldenen Lichte erglänzen, und die milde Mailuft zog wohlthuend dem rasch dahinrollenden, offenen Wagen entgegen; Eloise aber blickte nicht um sich, der Frühling stand mit ihrer Seelenstimmung nicht in Einklang. Nachmittags erreichten sie Tallahassee, wo sie von dem Gastwirth mit Auszeichnung empfangen wurden. Ralph hatte bei seinen früheren Besuchen hier stets viel Geld verzehrt und war augenblicklich, wo der bevorstehende Krieg mit den Wilden wie ein schweres drohendes Gewitter über der Stadt hing, als Indianeragent und als Halbseminole eine gesuchte und hervorragende Persönlichkeit. Es wurde ihm und seiner Familie ein kleines, alleinstehendes Nebengebäude, welches aus zwei Zimmern bestand und für diese Gegend hübsch eingerichtet war, zur Wohnung angewiesen, was Eloisen angenehm berührte, indem sie dadurch dem Fremdengewühl in dem Gasthaus selbst entzogen ward. Auch fand sich der Wirth bereit, ihr die Speisen hierher zu senden, während Ralph es vorzog, an der Wirthstafel seine Mahlzeiten einzunehmen. 5 10 15 20 25 30 35 585ViERtER BaNd • dREiuNddREissigstEs KapitEl Schon am zweiten Tage theilte er Eloisen mit, daß ihn seine Dienstgeschäfte nöthigten, sie zu verlassen, indem er die im nördlichen Theile Florida’s wohnenden Indianer und namentlich Tallihadjo besuchen müsse. Er ritt nach einem kurzen Abschied davon, nachdem er einen Mann gedungen hatte, der das Cabriolet wieder nach Arnolds zurückfahren sollte. Wenn auch die Auskunft, die Eloise ihm über das Batisttuch gegeben, seiner auflodernden Eifersucht Einhalt gethan hatte, so war deren Keim doch in seiner Brust zurückgeblieben, und wo er ging, wo er stand, waren seine Gedanken mit Montclard und Eloisen beschäftigt. Namentlich aber wurde ihm die Anzeige von seinem Tode immer wichtiger. Unbezweifelt hatte sie Jemand einrücken lassen, der irgend einen Vortheil daran knüpfte und einen Zweck dadurch erreichen wollte. Wer konnte die Person sein, die damals ein Interesse an seinem Tode oder an dem Gerücht davon gehabt hätte? Diese Frage durchkreuzte Ralph’s Gedanken nach allen Richtungen, und besonders jetzt, wo er zu Pferd allein der einsamen Straße folgte, gab er sich dieser Betrachtung mit aller Schärfe seines mißtrauischen Geistes hin. Immer kam er wieder darauf zurück, Montclard müsse es gethan haben, um, wie er muthmaßte, Eloisen für seine Bewerbung zu stimmen. Es lag dies so nahe, und je mehr er darüber nachdachte, desto mehr ward er in seiner Meinung bestärkt. Da fiel ihm ein, daß er ja durch den Redakteur sich Gewißheit dar- über verschaffen könne, und er beschloß, anstatt direkt zu Tallihadjo zu reiten, vorher dem Redakteur in D.... einen Besuch abzustatten. Gedacht, gethan; er zog an dem Weg, der zu Tallihadjo führte, vorüber und erreichte am zweiten Tage vor Sonnenuntergang das Städtchen. Nachdem er in dem Stalle des Herrn Dennis sein Pferd untergebracht und diesen für dasselbe verantwortlich gemacht hatte, begab er sich zu dem Herausgeber der Zeitung und traf ihn in seinem Arbeitszimmer allein. »Herr Skinner,« sagte er zu ihm beim Eintreten, denn dies war der Name des Redakteurs, »Sie haben sich den Spaß erlaubt, mich durch einen Artikel in Ihrem Blatt aus der Welt zu befördern, ich komme, um von Ihnen zu erfahren, ob dieser Scherz Ihrem eige- 586 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 nen Schädel, oder dem eines andern Spaßvogels entsprossen ist. Ich bitte, mir kurz weg die Wahrheit zu sagen.« Der Redakteur war überrascht, denn er hatte selbst an den Tod Ralph’s geglaubt, doch faßte er sich und sagte: »Der Artikel ist mir von einem Herrn schriftlich eingehändigt worden und somit ruht keine Schuld auf mir.« »Durchaus nicht, sobald Sie jenen Herrn genannt haben werden, bis dahin bleiben Sie mir verantwortlich. Ich verlange den Namen jenes Herrn jetzt von Ihnen zu hören,« sagte Ralph mit großer Bestimmtheit. »Sie wollen gefälligst bedenken, daß wir Verschwiegenheit zu beobachten haben, wenn uns solche aufgelegt wird, und dies war mit jenem Artikel der Fall. Ich darf den Namen des Herrn nicht nennen,« erwiederte der Redakteur ausweichend. »Den Namen, Herr Skinner, und zwar in diesem Augenblick, oder ich schicke Sie zur Hölle, wo Sie so viele Artikel erfinden mögen, als es Ihnen beliebt,« sagte Ralph, indem er eine Pistole zog und sie gespannt auf den Redakteur richtete. Dieser erblaßte, da er in dem Blick und in dem Tone Ralph’s wohl erkannte, daß er im vollsten Ernste sprach. »Nun denn, ich will Ihnen den Namen nennen, bitte aber, mich nicht zu verrathen, er ist ein Mann, mit dem ich nicht gern ausfallen möchte. Der Herr Soublett, der frühere Kutscher, hat mir den Artikel gebracht und mir die strengste Verschwiegenheit auferlegt,« sagte Skinner sehr erschrocken. »Soublett?« rief Ralph in höchstem Erstaunen. »Ja, der Herr Soublett; er hat die Anzeige im Hause des Herrn Dennis geschrieben, denn Dieser fragte mich später, ob der Artikel vielleicht von dem Kutscher herstamme, indem derselbe bei ihm einen Aufsatz gemacht habe, ehe er zu mir gegangen sei.« »Sonderbar!« sagte Ralph sinnend, reichte dann dem Redakteur die Hand zur Versöhnung und begab sich in das Gasthaus zurück. Dort suchte er sofort den Wirth auf und fragte ihn, wann Soublett mit dem Postwagen hier erwartet würde. »Soublett?« rief Dennis verwundert, »der ist ja schon vor langer Zeit aus dem Dienst gejagt. Ich dächte, Sie sollten dies am Besten wissen, denn in Ihrem Hause gab er ja die Veranlassung zu seiner 5 10 15 20 25 30 35 587ViERtER BaNd • dREiuNddREissigstEs KapitEl Entlassung. Die Passagiere, die derzeit mit ihm hier eintrafen, haben mir die Sache umständlich erzählt.« Ralph erklärte nun, daß er von alledem nichts wisse und ließ sich von dem Wirth den Hergang ausführlich berichten. Jetzt wurde Ralph der Zusammenhang klar, insoweit, als Soublett die Anzeige angefertigt hätte, um Eloisen ein Leid zuzufügen, denn er erinnerte sich jenes Abends, an welchem er selbst dem Kutscher mitgetheilt hatte, daß seine Frau ihn nicht leiden könne und ihm untersage, so laut zu lachen und zu scherzen. Dessen eigentlichen Racheplan gegen Montclard aber durchschaute er nicht und die ganze Angelegenheit erschien ihm als eine Bosheit gegen Eloisen, wofür er sich vornahm, Soublett gelegentlich zu züchtigen. ∗    ∗    ∗ An diesem Abend, als das Dämmerlicht bereits den Tag verdrängt hatte und der alte Arnold mit seiner Frau bei offener Thür im Zimmer beim Abendbrod saß, trat plötzlich eine dunkele Gestalt in den Eingang und sagte: »Euer Freund Tallihadjo.« »Komm herein, Tallihadjo, und sei herzlich bei unserm Mahl willkommen«, rief Arnold freudig aus, sprang auf und reichte dem Indianer die Hand. Auch die alte Frau hatte sich erhoben, schnell einen Stuhl für den wilden Freund zu dem Tische geschoben und Teller so wie auch Messer und Gabel für ihn hingelegt. »Komm, guter Tallihadjo,« sagte sie dann, indem sie ihm freundlich die Hand bot, »setze Dich zu uns, wir haben lange Deine Gesellschaft entbehren müssen.« »Die Tage, wo unsere Herzen ruhig und glücklich schlugen, sind vorüber, die Sonne ist untergegangen und die darauf folgende Nacht wird stürmisch werden. Wer weiß, ob es für die Seminolen jemals wieder Tag werden wird und ob sie dann ihre alten Freunde in diesem Lande noch begrüßen können!« sagte Tallihadjo mit ernster trauriger Stimme. »Es wird hoffentlich nochmals ohne Krieg abgehen, die Weißen scheuen sich, Euch in das Innere Eueres Landes zu folgen. Wir wollen das Beste hoffen,« sagte Arnold mit verzagtem Ton, der 588 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 deutlich zeigte, wie wenig Hoffnung er selbst für den ausgesprochenen Wunsch hege. Dabei führte er den Häuptling zu dem für ihn bereitgestellten Stuhl und fuhr fort: »Wie es auch kommen mag, Tallihadjo, auf meinem und meines Sohnes Land wirst Du immer mit den Deinigen eine Heimath finden, wo der Präsident der Vereinigten Staaten selbst Dich nicht beunruhigen darf, wenn meine Kugel ihm nicht durchs Herz fliegen soll. Sei frischen Muths, es wird sich alles noch zum Guten wenden.« »Von Dir und Deinem Sohne würde ich ein Stück Brod annehmen, wenn ich hungrig wäre und wenn ich so frei zwischen meinen rothen Brüdern stände, wie Du zwischen Deinen weißen. Tallihadjo aber gehört seinem Volk, er muß mit ihm leben und mit ihm sterben. Die Weißen haben den Seminolen den Lasso über den Kopf geworfen und ziehen die Schlinge jetzt zu. Du weißt es so gut, wie ich, daß wir in unserm Vaterland den letzten Kampf kämpfen müssen und deshalb komme ich zu Dir, um Dir zu sagen, daß die Seminolen auch während desselben Deine und Deines Sohnes Freunde bleiben werden. Ich will noch Einmal mit Dir essen und noch Einmal bei Dir schlafen. Laß mir ein Feuer vor Deinem Hause bereiten, der Schlaf des Seminolen ist süßer, wenn die Sterne über ihm stehen, als in Euern engen Häusern.« »Es wird nicht das Letztemal sein, Tallihadjo, glaube mir, die Weißen werden wieder Friede machen,« erwiederte Arnold. »Um ihn wieder zu brechen und abermals unser Land zu verkleinern. Mit ihrer doppelten Zunge haben sie schon die Hälfte unseres Volkes getödtet, das Ohr desselben ist jetzt taub für sie,« sagte der Häuptling mit finsterm Blick und setzte gleich darauf mit freundlichem Tone hinzu: »Weder auf Deinem, noch auf Deines Sohnes Land wird der Kriegsruf der Seminolen ertönen.« Während des Abendessens bediente Madame Arnold den Häuptling mit gewohnter Herzlichkeit und Dieser schien heute besonders darthun zu wollen, daß er sich des Mahles erfreue, denn er aß von Allem, was ihm geboten wurde. Nach Tisch zündete er seine Pfeife an und setzte sich mit den alten Leuten hinaus unter die Veranda, wo sie in traulicher Unterhaltung die Kühlung des Abends genossen. 5 10 15 20 25 30 35 589ViERtER BaNd • dREiuNddREissigstEs KapitEl »Hast Du Ralph gesehen? Er ist Agent für die Regierung und soll mit Euch unterhandeln,« fragte Arnold. »Ich habe ihn noch nicht gesehen, habe aber von ihm gehört. Das Blut seiner Mutter ist jetzt das stärkste in seinem Herzen. Er ist unser Freund,« antwortete Tallihadjo mit Zufriedenheit. »Und doch haben die Seminolen seinen Wohnort verwüstet und die Männer erschlagen, die sie in seinem Hause fanden,« sagte Arnold zweifelnd. »Osmakohee hat es gethan und hat auch seine Strafe dabei gefunden, er hielt ihn für einen Verräther. Hätte er ihn gekannt wie ich, so würde er sein Leben für ihn gelassen haben,« entgegnete der Häuptling mit Bestimmtheit. »Hast Du Beweise über seinen Charakter?« begann Arnold, als dessen Frau ihn beim Rock zupfte und ihn dadurch in seiner Rede unterbrach. »Er ist nur halb Weißer und hat darum nur eine Zunge,« sagte Tallihadjo und lenkte die Unterhaltung auf andere Gegenstände. Noch spät saßen die Alten mit ihrem Freunde unter der Veranda, während welcher Zeit Bob ein tüchtiges Feuer vor dem Hause bereitet hatte, dann ließ Arnold durch ihn mehrere Bärenhäute bei demselben ausbreiten, führte seinen Gast zu denselben hin und wünschte ihm einen sanften ruhigen Schlaf. Tallihadjo schied am folgenden Morgen sichtbarlich tief bewegt von Arnold und dessen Frau, er kehrte sogar in einiger Entfernung vom Hause nochmals zu ihnen zurück, um ihnen abermals die Hände zu drücken, und ehe er vor ihren Blicken im Walde verschwand, winkte er ihnen noch einen letzten Gruß zu. Von hier begab er sich nach dem Wohnsitz Frank Arnolds, um auch ihm Lebewohl zu sagen und wurde dort mit gleicher Herzlichkeit empfangen. Eleanor, die von jeher für die stolzen ungezähmten, edelen Charaktere der Indianer Amerika’s geschwärmt, hatte in Tallihadjo das Ideal verwirklicht gefunden, welches ihre Fantasie ihr so oft früher vorgeführt hatte. Es machte ihr immer große Freude, wenn der Häuptling ihr Haus besuchte, sie konnte sich stundenlang mit ihm unterhalten, that Alles, wodurch sie glaubte ihm eine Freude zu bereiten und hatte sich eine hohe Stellung in seiner Gunst erworben. 590 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Auch heute empfing sie ihn mit ihrer liebenswürdigen Herzlichkeit, holte ihm selbst einen Trunk frischen Wassers und setzte sich mit ihm unter die Veranda, denn Frank war in das Feld zu den Arbeitern gegangen. Gleich sandte sie einen Boten an ihn ab und ließ ihm den Besuch des Häuptlings melden, worauf er sich denn auch bald einfand. Tallihadjo blieb zum Mittagsessen und erst, nachdem sie sich zusammen wieder unter die Veranda begeben hatten, verkündete er Frank und Eleanor, daß dies sein Abschiedsbesuch und wahrscheinlich sein letzter wäre. Diese Erklärung überraschte die beiden jungen Leute sehr schmerzlich, zumal da Tallihadjo keiner Hoffnung für eine Wendung des Schicksals seiner Nation Gehör geben wollte. Er war auch hier sehr bewegt, als er sich zum Scheiden erhob, und Eleanor konnte die Thränen nicht zurückhalten, die ihren schönen Augen entquollen, indem sie ihm die Hand gab. Während der Indianer von Frank Abschied nahm, eilte Eleanor in das Haus und kam mit einem langen buntseidenen Shawl in der Hand zurück, den sie Tallihadjo über Schulter und Brust legte, unter seinem linken Arm verknüpfte, und ihn bat, denselben ihr zum Andenken zu tragen. Der Häuptling blickte mit Stolz auf den Schmuck, dankte Eleanor mit rührender Bewegung und gelobte, daß dies Andenken ihm in die ewigen Jagdgründe seiner Väter folgen solle, damit dieselben sich überzeugten, daß er gute Freunde auch unter den Bleichgesichtern gehabt habe. Recht ernstlich betrübt waren Frank und Eleanor, als der biedere Freund in weiter Ferne aus der offenen Prairie, die sich vor ihrem Hause ausbreitete, in den Wald schritt, und ihren Blicken entschwand. 591 5 10 15 20 Capitel 34. Der Heuchler. – Mißtrauen. – Vorbereitungen zum Kriege. – Der General. – Die beiden Advokaten. – Der Zeuge. – Der Mord. – Der Meineid. – Gerichtsverhandlung. – Das Urtheil. – Der befreite Mörder. – Die dankbare Gattin. – Der Verdienst. Mit Sonnenuntergang erreichte Tallihadjo auf kaum sicht-barem, nur einem Indianer vertrautem Pfade sein Lager und war angenehm überrascht, Ralph dort zu finden. Er bewillkommnete ihn und gab ihm seine Freude darüber zu erkennen, daß, wie er sagte, das Indianerblut über das weiße in ihm gesiegt habe. Nach Indianerbrauch wurde, ehe man eine ernste Beredung begann, gegessen, darauf geraucht und dann forderte Tallihadjo seinen Gast auf, ihm zu sagen, weshalb er gekommen sei? Ralph theilte ihm nun mit, daß die Regierung der Amerikaner ihn zum Agenten gewählt habe, um mit den Seminolen Friedensunterhandlungen anzuknüpfen, und zwar, wie er ausgefunden habe, nur um noch ein oder zwei Jahre Zeit zu gewinnen, währenddem sie rund um das Indianergebiet Festungen bauen, und in denselben Truppen zusammenziehen wollten. Hätten die Weißen dies einmal erreicht, dann sei es um die Seminolen geschehen, denn alsdann würden sie von allen Seiten zugleich angegriffen und schließlich in die Moräste eingeschlossen werden. Ralph rieth darum, noch in diesem Jahre und namentlich im Herbst, wenn die Krankheiten unter den Weißen heftiger wären, den Krieg zu eröffnen und sich jetzt mit aller Kraft dafür zu rüsten. Er selbst, sagte er, wolle Tallihadjo von Allem unterrichten, was die 592 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Weißen gegen die Seminolen zu unternehmen beschließen würden, und erklärte sich zuletzt bereit, selbst für seine rothen Brüder mitzukämpfen. Der Häuptling hatte aufmerksam seiner Rede zugehört und benachrichtigte ihn, nachdem er geendet hatte, daß er bereits durch mehrere Häuptlinge, die an der Grenze der Weißen wohnten, von Ralph’s Stellung und Absichten unterrichtet worden sei, und daß er von ihm, als Halbseminolen nichts Anderes erwartet habe. Dann theilte er ihm mit, daß er, an dem Ahapopkasee eine Berathung mit sämmtlichen Häuptlingen der Nation abgehalten habe, in welcher einstimmig beschlossen worden sei, die Weißen vereint anzugreifen, und daß alle Häuptlinge sich bereit erklärt hätten, mit ihren sämmtlichen Kriegern sich dabei zu betheiligen. Der Angriff sei schon für das Frühjahr festgesetzt gewesen, viele Stämme aus dem Innern hätten jedoch kürzlich längere Zeit verlangt, um sich zu rüsten, namentlich aber, um erst ihre Ernte einzubringen, wogegen Tallihadjo auch Nichts habe einwenden können. Er vertraute ihm nun auch an, daß er die Insel in dem See befestigt habe, auf welche er damals die Familien der beiden Pflanzer Bodin und Shaklefoot hatte bringen lassen, um sie dem Feuertode zu übergeben. Er sagte, er habe mit seinen Leuten rund um dieselbe auf deren Ufer schwere Bäume übereinander gefällt, so daß dieselben eine dichte Schutzwehr bildeten, hinter welcher seine Leute sicher gegen die Kugeln der Weißen sein würden, während Diese, um an der Insel zu landen, sich ihrem Feuer aussetzen müßten. Lebensmittel und Munition habe er bereits reichlich dorthin geschafft, um lange dort aushalten zu können, und er glaube nicht, daß alle Krieger der Weißen zusammen ihm dort gefährlich werden würden. Außerdem deutete er Ralph an, er halte eine große Zahl von Kanoes in dem Röhricht an der Insel versteckt, so daß er mit einigen Hunderten seiner Krieger in dunkeler Nacht unbemerkt das Festland erreichen und über seine Feinde herfallen könne. Diese Insel solle nur seinen Weibern und Kindern und ihm im äußersten Nothfall als sicherer Zufluchtsort dienen, bis sämmtliche Stämme der Seminolen gewaltsam in den Kampf verwickelt sein, und sie sich Alle zum Auswandern nach dem Westen entschlossen haben würden. Denn, sagte er, er wisse es sehr gut, daß das Herz jener 5 10 15 20 25 30 35 593ViERtER BaNd • ViERuNddREissigstEs KapitEl Häuptlinge, die im Innern Floridas wohnten, immer noch mit gro- ßer Vorliebe, wenn auch zugleich mit Bangen und Zagen, an dem Land ihrer Väter hing und sich daran festklammern würde, bis die äußerste Noth sie daraus vertriebe. Er selbst wolle den Krieg mit den kampfbereiten Häuptlingen eröffnen und ihn durch langsames Zurückziehen in das Innere des Landes tragen, um die dort lebenden Stämme zur Betheiligung daran zu zwingen. Ralph lauschte mit großer Aufmerksamkeit den Mittheilungen des Häuptlings und bestärkte ihn durch Beistimmen in seinen Plänen. Nur rieth er ihm, keinenfalls den Kampf früher zu beginnen, bis Ralph ihm den günstigen Augenblick dazu angezeigt habe, wozu ihm die Weißen durch ihr blindes Vertrauen in ihn die Gelegenheit geben würden. Er theilte Tallihadjo mit, daß er seinen Aufenthalt in Tallahassee wählen wolle, um jederzeit in seiner Nähe zu sein und ihm von allen Bewegungen der Bleichgesichter Nachricht geben zu können, worüber der Häuptling sehr erfreut war und ihm versicherte, daß der große Geist, der die Seminolen noch liebe und sie als freies, unbesiegtes Volk nach den schönen Ländern des Westens führen wolle, ihn dafür belohnen würde. Während Tallihadjo mit Ralph ernst und feierlich sich an dem Feuer berieth, saßen die Frauen in nicht großer Entfernung von ihnen vor der Hütte des Häuptlings und lauschten aufmerksam nach Jenen hin, um einzelne Worte von ihnen aufzufangen. Auch Tomorho, der neben Olviana saß und deren Hand in der seinigen hielt, heftete seine Aufmerksamkeit auf die Berathung seines Vaters, während Onahee sich an der entgegengesetzten Seite des Feuers in das Gras gelegt hatte und ihren Kopf, mit dem Ohr nach Tallihadjo hin gerichtet, auf ihren Arm stützte. Sie hatte diesen Platz gewählt, weil hier der Luftzug von den Redenden zu ihr her- überwehte und sie deren Worte deutlicher vernehmen ließ, als es mit Denen der Fall war, die vor der Hütte saßen. Tallihadjo’s Scharfsinn war die Absicht Onahee’s nicht entgangen, er vereitelte sie aber deshalb nicht, weil ihre unbegrenzte Liebe und Treue für ihr Volk jedes Geheimniß zwischen ihm und der Indianerin verbannte. Von Zeit zu Zeit sah er nach ihr hin und begegnete ihrem ernsten bedeutungsvollen Blick, der ihm Vorsicht zuzurufen schien. 594 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Nachdem die Berathung beendigt war, winkte Tallihadjo seinem Sohn und den Frauen, zu dem Feuer heranzukommen um sich gleichfalls des Besuches Ralph’s zu erfreuen. Olviana folgte der Aufforderung mit Widerwillen, indem der Fremde sie an das schreckliche Schicksal erinnerte, welches sie bald nach dessen Besuch bei ihrem Vater betroffen hatte. Auch Tomorho war Ralph zuwider, doch ehrte er das Gefühl seines Vaters für denselben und noch mehr die Pflichten, die ihm die Gastfreundschaft auflegte. Er setzte sich mit Olviana bei ihm nieder, betheiligte sich aber bei der Unterhaltung, die Ralph absichtlich oft zu ihm hinüber leitete, nur wenig. Onahee aber erschien nicht bei dem Feuer. Tallihadjo war in ungewohnt heiterer Stimmung, er versetzte sich in vergangene glückliche Zeiten zurück, erzählte aus den Tagen, da er als ganz junger Mann Ralph auf seinem Knie habe reiten lassen und dessen Vater geweissagt habe, daß der Knabe einst ein besserer Seminole als ein Weißer werden würde; er beschrieb, wie er mit seinen Kriegern zu verschiedenen Malen seinem alten Freunde Tom zu Hülfe geeilt sei, als derselbe hart von Creek-Indianern bedrängt ward und zeigte zwei von Schußwunden herrührende Narben, eine in der Schulter und eine in der Brust, die ihm bei jenen Gelegenheiten zu Theil geworden waren. Auch erwähnte er eines Augenblicks, wo er und Ralph’s Vater von einer mächtigen alten Bärin bei deren Jungen angegriffen worden seien und dieselbe, nachdem Tallihadjo sie durch einen Schuß verwundet, seinen Freund Tom ergriffen und ihn niedergeworfen habe: »Doch dies Messer rettete meinen guten Tom, ich sprang von hinten auf die Bärin und stach ihr die Klinge durch das Herz,« schloß der Häuptling diese Erzählung, indem er mit freudiger Erinnerung an den Griff seines Messers schlug. Während des Redens spielte er mit seinen kleinen Kindern, die ihm bald auf den Knieen, bald auf dem Rücken saßen, und dann wieder, ihn neckend, um ihn hersprangen. Als die Zeit zur Ruhe gekommen war, ließ er für Ralph die besten Häute beim Feuer ausbreiten und ging, nachdem Derselbe sich niedergelegt hatte, nach der Hütte, um seiner Gewohnheit gemäß, die Büchse zu holen und mit auf sein Ruhelager zu nehmen. 5 10 15 20 25 30 35 595ViERtER BaNd • ViERuNddREissigstEs KapitEl Sobald er die Thür erreichte, trat Onahee aus derselben hervor, ergriff schweigend seine Hand und leitete ihn von dem Lager ab dem Ufer des Flusses zu. »Du hast jenem Ralph Dein Herz geöffnet und das Geschick Deines Volkes in seine Hand gelegt, ohne selbst einen klaren Blick in seine Brust gethan zu haben. Eine Schlange in Deiner Hütte ist gefährlicher, als tausend im Walde, sie vergiftet Dich, wenn Du schläfst,« sagte Onahee, indem sie stehen blieb und ihre großen Augen, deren Gluth die Dunkelheit der Nacht bewältigte, auf den Häuptling heftete. »Ralph ist der Sohn meines alten Freundes Tom,« erwiederte Dieser mit voller Ruhe. »Der junge Panther würgt, wenn er die Kraft dazu hat, bei der Beute seinen eigenen Vater!« sagte Onahee warnend. »Ralph ist halb Indianer, seine Mutter war Seminolin«, antwortete Tallihadjo mit aller Gelassenheit. »Würdest Du Dein Leben dem guten Willen eines Maulthiers anvertrauen? Die weißen Menschen hassen die rothen, und Ralph haßt diese doppelt, weil sie die Schuld tragen, daß seine Hautfarbe nicht so bleich ist, wie die des Volkes, zu dem er sich zählt. Das Maulthier ist falsch und Ralph ist ein Bastard«, sagte die Indianerin mit zunehmender Leidenschaftlichkeit. »Ralph zählt sich nicht zu den Weißen, er dient ihnen nur zum Schein, um sie an uns zu verrathen; denn mehrere unserer Häuptlinge haben mir es selbst mitgetheilt, daß er sie zum Krieg aufgefordert und ihnen gesagt hat, ich sei der Einzige, der sie siegreich führen könne«, entgegnete Tallihadjo mit fester Zuversicht. »Und wenn er Dir nur zum Scheine diente, Dich an die Bleichgesichter verrieth? Hat er nicht seinen eigenen Vater beraubt und ihn in dessen letzter Stunde allein gelassen, um beim Feuerwasser, beim Spiel und bei schönen Weibern fröhlich zu sein? Und Du vertraust dem doppeltgefärbten Herzen das Schicksal Deines Volkes an?« sagte Onahee mit Unheil verkündender Stimme. »In Deinem Herzen ist es finster, wie in der Nacht, wo uns Alles schwarz erscheint; beruhige Dich, Onahee, Ralph ist meines Vertrauens werth, der Sohn meines alten Freundes, dem ich so oft beistand, dem ich hier eine Heimath sicherte, kann nicht zum 596 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Verräther an mir und dem Volke werden, dem er halb sein Dasein verdankt«, antwortete der Häuptling mit Bestimmtheit und reichte Onahee die Hand, um mit ihr zum Lager zurückzugehen. Diese folgte schweigend, da sie wußte, daß Widerrede jetzt umsonst sei, schüttelte aber bedenklich ihr Haupt. Am folgenden Morgen verließ Ralph unter den wärmsten Versicherungen der Freundschaft das Lager, um die an der Grenze Georgiens bis zum Ocean hin wohnenden Stämme zu besuchen und sie für den Krieg und für Tallihadjo zu stimmen. Sie waren sämmtlich unbedeutend an Streiterzahl und durch die Nachbarschaft der Weißen und deren Laster schon sehr demoralisirt, so daß dieselben Tallihadjo’s Macht in dem bevorstehenden Kampfe eher nachtheilig, als nützlich werden mußten. Nur der Stamm Osmakohee’s, der einen neuen Häuptling gewählt hatte, war noch von gutem Geiste für die Seminolen beseelt und Tallihadjo treu ergeben, doch wagte Ralph nicht, ihn demselben abspänstig zu machen. Dagegen hoffte er, Homathlan, der nach dem Angriff auf das Leuchthaus von Tallihadjo den Weißen als Gefangener übergeben und von diesen begnadigt worden war, gegen ihn aufzubringen, indem jener Häuptling sicher die ihm widerfahrene Schmach noch nicht vergessen hatte. ∗    ∗    ∗ Die Regierung der Vereinigten Staaten war mittlerweile eifrig beschäftigt, Vorbereitungen zu dem Kriege zu machen; sie sandte zu Schiffe noch mehr Truppen nach Tampabay, ließ einige Regimenter Infanterie und eine Abtheilung Dragoner zu Lande an die Grenze Florida’s vorrücken und forderte Volontaire auf, sich zu dem Kriege zu stellen und sich zu organisiren. Zugleich schloß sie bedeutende Contrakte für Lieferungen von Lebensmitteln ab und ließ dieselben theils zu Wasser, theils zu Lande nach Florida bringen. In Alabama, und namentlich in Georgien wurde der kriegerische Geist sehr rege, eine große Zahl junger Männer trat zusammen, sie bildeten einzelne Compagnien und wählten ihre Offiziere, um sich unter den Befehl des kommandirenden Generals der Regierung zu begeben. Sie bestanden sämmtlich aus Büchsenschützen, von denen die Mehrzahl beritten war. 5 10 15 20 25 30 35 597ViERtER BaNd • ViERuNddREissigstEs KapitEl Frank Arnold hatte man sehr bestürmt, die Stellung als Capitain bei einer Compagnie anzunehmen; er hatte es aber auf das Entschiedenste abgelehnt und dabei öffentlich erklärt, daß er diesen Krieg für einen Mord- und Raubzug halte, an welchem Theil zu nehmen, er sich schämen würde. Die ruhigeren, verständigern Bewohner Georgiens traten seiner Ansicht bei, doch der große mordlustige Haufen schrie »Krieg gegen die Rothhäute!« Ralph hatte fortwährend die Regierung von den Ergebnissen seiner Bemühungen in Kenntniß gesetzt und ihr mit aller Zuversicht die glänzendsten Resultate von dem Feldzuge geweissagt. Auf seiner jetzigen Reise sprach er im Rückweg nochmals bei Tallihadjo vor, berichtete, nachdem er nach Tallahassee zurückgekehrt war, sofort Alles, was er von dem Häuptling erfahren hatte, an die Regierung in Washington, sowie an den Befehlshaber in Tampabay und zeigte Beiden an, daß er Tallahassee zu seinem vorläufigen Standquartier wählen würde, damit er dem Haupt der Seminolen möglichst nahe bleiben, seine Bewegungen überwachen und ihn zur rechten Zeit seinem Untergange entgegenjagen könne. Auch in Florida bildeten sich allenthalben unter den Weißen Compagnien von Büchsenschützen, die sich zusammen zum Felddienst vorbereiteten, und namentlich in Tallahassee traten alle waffenfähigen Männer zusammen und bildeten ein Freicorps. Man wollte Ralph zum Commandeur desselben ernennen, da seine Stellung in dem Dienst der Regierung es ihm weder unmöglich machte, noch untersagte, diesen Posten zu begleiten; er lehnte es aber ab, weil er fürchtete, sich dadurch bei Tallihadjo zu verdächtigen. Die Bewohner der Stadt und Umgegend wünschten ihm jedoch, als augenblicklich wichtiger Person, eine Ehre zu erzeigen und machten ihn zum General, mit der Bitte, gelegentlich, wenn es sein Dienst ihm erlaube, die Truppen zu mustern und ihnen seinen Rath zukommen zu lassen. Ralph fühlte sich dadurch sehr geehrt und hörte es gern, daß man ihn nun nie mehr anders anredete, als mit »General«, oder »General Norwood.« Oeffentliche und politische Aufregungen gehen stets mehr oder weniger in das Privatleben über, was auch hier in Tallahassee der 598 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Fall war. Die Trinkhäuser insbesondere wurden viel häufiger als sonst besucht, sie wurden selbst in der Nacht nicht mehr geschlossen, in den Gasthäusern ging es gewühlvoll und wild her und die Spielzimmer waren fortwährend mit Gästen angefüllt. Ralph war in Besitz von baarem Geld und namentlich hatte er Credit, so daß er seinen alten Leidenschaften keinen Zwang anzuthun brauchte, bei allen lustigen Gesellschaften war er zugegen, veranstaltete selbst Wettrennen und Hahnengefechte und an dem grünen Tische fehlte er keine Nacht. Zwei der angesehensten Familien in Tallahassee waren die der Advocaten Lacoste und Milroy, beide ausgezeichnete Redner und wohlhabende Männer von gründlicher Bildung. Lacoste war hierher gezogen, als die Stadt noch wenig Bedeutung hatte, und seine Praxis, sein Ruf war mit ihr emporgewachsen; Milroy dagegen war von Alabama erst vor einem Jahr hierher übergesiedelt und hatte Lacoste in der Praxis großen Abbruch gethan, was eine gegenseitige Abneigung zwischen ihnen erzeugte, die schon bei verschiedenen Gelegenheiten deutlich hervorgetreten war. Dazu kam, daß sie in ihren politischen Ansichten einander feindlich gegenüberstanden, indem Lacoste sich zu den Whigs, Milroy aber zu den Demokraten bekannte. Ersterer war ein kräftiger Fünfziger, Gatte einer vortrefflichen Frau, die einer der höchststehenden Familien Georgiens angehörte und die ihn mit fünf lieben Kindern beglückt hatte. Er war ein besonnener, ruhiger, doch bestimmter und energischer Mann, der allgemein als streng rechtlich und bieder galt. Milroy dagegen war erst seit einigen Jahren verheirathet und besaß nur ein Kind. Er war leidenschaftlich und heftig, gab nie eine einmal ausgesprochene Ansicht auf und galt für einen ausgezeichneten Advocaten, der gewöhnlich vor Gericht die Sache, der er diente, glücklich durchführte, einerlei, ob sie gut oder schlecht war. Während Lacoste außer seinem Geschäfte nur seiner Familie und seinem häuslichen Glück lebte, war Milroy bei allen öffentlichen Vergnügungen zugegen und traf dabei sehr häufig mit Ralph zusammen, an den er sich ganz besonders angeschlossen hatte. Er spielte leidenschaftlich, hoch und glücklich, so daß sein Erscheinen an dem grünen Tisch von den Spielern stets ungern gesehen wur- 5 10 15 20 25 30 35 599ViERtER BaNd • ViERuNddREissigstEs KapitEl de, und da Ralph gewöhnlich dabei vom Unglück verfolgt wurde, so hatte derselbe häufig von Milroy nicht unbedeutende Summen zum Weiterspielen geborgt und auch große Beträge an ihn selbst verloren. Er schuldete ihm sechstausend Dollar, wegen deren Zahlung Milroy ihn nicht drängte, da sie in gewonnenem Gelde bestanden und weil Ralph augenblicklich ein Mann von Gewicht war, der ihm versprochen hatte, ihm nach beendigtem Kriege behülflich zu sein, das beste Stück Land aus dem eroberten Indianergebiet an sich zu bringen. Beide Advocaten waren Candidaten bei der Wahl des Capitain für die Compagnie, die in Tallahassee selbst errichtet worden war, und Beide suchten eine Ehre darin, gewählt zu werden, zumal da dieselbe nur dazu bestimmt war, die Stadt selbst zu vertheidigen. Von beiden Seiten hatte man alle Freunde und alle Mittel in Bewegung gesetzt, um die Wahl für sich zu entscheiden, und es ging dabei sehr stürmisch her. Milroy aber siegte durch den Einfluß Ralph’s und wurde zum Capitain ernannt. Wenn Lacoste sich auch durch diese Zurücksetzung gekränkt fühlte, so fügte er sich doch ruhig der Nothwendigkeit, obgleich er gelegentlich mit scharfen, treffenden Worten die Untauglichkeit Milroy’s für diesen Posten öffentlich aussprach. Die schon bestandene Abneigung zwischen beiden Männern wurde durch diese Begebenheit sehr verstärkt, und namentlich in Milroy’s Brust, dem die Bemerkungen Lacoste’s über seine Persönlichkeit stets überbracht wurden, steigerte sie sich zu einem bittern Haß. Er versäumte deshalb keine Gelegenheit, demselben Luft zu machen, und suchte, wo er konnte, den Charakter Lacoste’s in der öffentlichen Meinung herunterzusetzen. Dabei war Ralph stets sein Verbündeter und trug nicht wenig dazu bei, den Grimm, den Milroy gegen Jenen im Herzen trug, noch mehr anzufachen. Die sechstausend Dollar, die er dem Advocaten schuldete, drückten ihn, wenngleich derselbe ihn noch nicht darum mahnte, und er hatte schon lange überlegt und darüber nachgesonnen, auf welche Weise er sich der Schuld, ohne Zahlung zu leisten, entledigen könne. Eines Abends suchte er Milroy in einem Trinkhause auf und führte ihn mit dem Bemerken, ihm etwas Wichtiges mittheilen zu müssen, in die Dunkelheit auf die Straße hinaus. 600 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Sie müssen sich vor Lacoste in Acht nehmen, Milroy«, sagte er mit warmem Interesse, »derselbe trachtet Ihnen nach dem Leben.« »Ho, ho! dann muß er früher aufstehen, als gewöhnlich, sonst möchte er das seinige los werden, ehe er es vermuthete«, erwiederte der Advocat leidenschaftlich. »Man sollte glauben, daß ihm seine Kenntniß unserer Gesetze so unvorsichtige Aeußerungen, wie er sie in meiner und eines zweiten Zeugen Gegenwart gethan hat, untersagten«, bemerkte Ralph zögernd. »Nur heraus damit, wenn der Bursche wirklich die Zähne zeigt, so soll es an mir nicht fehlen, ihm seinen Gegner zu stellen. Er ist aber ein feiger Kerl, der stets im Trüben fischt«, sagte Milroy dringend. »Da liegt gerade der Hund begraben, und deshalb halte ich es als Ihr Freund für meine Schuldigkeit, Sie zu warnen«, entgegnete Ralph, noch immer zurückhaltend. »Nun, zum Teufel, heraus, Sie machen mich wirklich neugierig«, sagte der Advocat jetzt mit großer Ungeduld. »Beruhigen Sie sich, ich eröffne es Ihnen nur, damit Sie auf Ihrer Hut sein können. Er sagte, er würde Sie wie einen tollen Hund niederschießen, wo er Sie fände«, antwortete Ralph vertraulich, und setzte dann noch eilig hinzu: »aber machen Sie nur vorsichtig Gebrauch hiervon und lassen Sie sich nicht durch Leidenschaft verführen, unüberlegte Schritte zu thun.« »Hat der Kerl dies in Ihrer Gegenwart gesagt?« rief Milroy mit unterdrückter Wuth, indem er einen Schritt zurücktrat und seine, im Lichte des Trinkhauses funkelnden Augen auf Ralph heftete. »Dies waren seine eignen Worte, die er zu mir und Soublett sprach; Sie kennen ja den früheren Kutscher.« »So hat der Schurke seine letzten Stiefeln an. – Bei Gott!« rief Milroy jetzt mit losbrechender Wuth und hob die geballte Faust gegen den sternbedeckten Himmel empor. »Keine Uebereilung, Milroy, ich bitte Sie«, sagte Ralph mit erheuchelter Besorgniß. »Der Schuft ist ein eben so großer Feigling, als er ein schlechter Advocat ist, sonst wüßte er, daß er durch jene Worte sein Leben un- 5 10 15 20 25 30 35 601ViERtER BaNd • ViERuNddREissigstEs KapitEl bedingt in meine Hand giebt. Sie sowohl, wie auch Soublett, können dieselben doch beschwören?« »Mit zehn Eiden«, antwortete Ralph rasch. »So schlafen Sie wohl, Norwood«, sagte Milroy, indem er in die Dunkelheit davon eilte, ohne darauf zu hören, daß Ralph ihm nachrief: »Warten Sie, so hören Sie doch!« Dieser blieb mit den Worten stehen: »Richtig, so hatte ich es mir gedacht – bei Gott, er geht in die Falle!« und versank dann in Gedanken, während er seine Unterlippe zwischen den Fingern seiner rechten Hand gefaßt hielt. Nach einer Weile, wie zu einem Entschluß gekommen, schritt er in der staubigen, dunkeln Straße hin nach einem entlegenen Trinkhaus zweiter Klasse und blickte durch die offene Thür hinein, als suche er Jemanden. Es schien aber, daß die gewünschte Person sich nicht in dem Zimmer befand, denn er wandte sich in die Straße zurück, in welcher er nur einige Schritte gethan hatte, als Soublett ihm begegnete. »Ihr seid der Mann, den ich suche; ich habe einen Zeugen nöthig – es ist etwas dabei zu verdienen«, sagte Ralph zu Soublett, indem er ihn noch weiter in die Dunkelheit führte. »Stehe zu Diensten, meine Taschen sind leer«, antwortete dieser kurz und entschlossen. »Es betrifft eine Drohung, die der Advocat Lacoste gegen Milroy heute Nachmittag in meiner Gegenwart ausgestoßen hat, und da Letzterem im Fall einer Klage zwei Zeugen nöthig sind, so dachte ich an Euch, um Euch einen Verdienst zuzuwenden«, sagte Ralph vertraulich. »Sehr verbunden, was ist es denn, das ich beschwören soll?« »Lacoste sagte, er wolle Milroy wie einen tollen Hund niederschießen, wo er ihn träfe«, entgegnete Ralph. »Weiter Nichts? Das kann man schon in Acht behalten; wo aber, war der Platz, auf dem er es sagte, und wie kamen wir zusammen?« »Zwischen dem Gerichtsgebäude und dem Trinkhaus. Ihr müßt gerade in dem Augenblick zu uns getreten sein, als Lacoste jene Worte sprach; dann hat uns derselbe verlassen und ist in das Gerichtshaus gegangen.« 602 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Verstehe. Um welche Zeit geschah es? Man muß übereinstimmen.« »Kurz vor vier Uhr«, antwortete Ralph und fügte dann noch hinzu: »So kann ich mich auf Euch verlassen?« »Wie auf den Tod«, entgegnete Soublett, während Ralph seine Brieftasche hervorzog und ihm eine Banknote von fünfundzwanzig Dollar einhändigte. »Zeugniß ablegen ist immer mein Lieblingsgeschäft gewesen, es ist kurz abgemacht, und nach altem Gebrauch erhält man die Hälfte des Honorars dafür vorher und die andere Hälfte gleich nach abgemachter Sache«, sagte Soublett, indem er die Note, deren Betrag Ralph ihm genannt hatte, in seine Tasche steckte. »Die zweite Gabe soll hundert Dollar betragen, wenn das Zeugniß richtig abgelegt ist«, bemerkte Ralph und wünschte Soublett, indem er ihn verließ, einen vergnügten Abend, worauf dieser sich in das Trinkhaus begab. Ralph hatte es immer noch aufgeschoben, Soublett über den Zeitungsartikel zur Rede zu stellen, da er in ihm eine gar zu nützliche und zu allen Diensten stets bereitwillige Person erblickte, und Soublett, dessen Hauptrachedurst gegen Montclard gestillt, war es erwünscht, daß Ralph noch nichts über den Verfasser jener Anzeige erfahren hatte. Gegen Eloisen war sein Haß weniger groß und Ralph’s Einfluß konnte ihm hier am Platze vielleicht von Nutzen sein. Darum schwieg auch er und sparte es für spätere Zeiten auf, sich an Eloisen zu rächen. Am andern Morgen belebten sich die Straßen schon sehr zeitig, denn es war Gerichtstag, zu welchem viele Leute vom Lande in die Stadt kamen. Die Trinkhäuser füllten sich bald und auf dem Platze um das Gerichtsgebäude sammelten sich die Männer in Gruppen. Zwischen einer solchen stand Milroy, mit einem Jagdranzen um die Schulter und einer schweren Doppelflinte in der Hand und unterhielt sich anscheinend eifrig, sah sich jedoch zugleich häufig nach allen Richtungen hin um, als erwarte er Jemanden. Gegen zehn Uhr ertönte die Stimme des Scheriffs in der Thür des Gerichtshauses und verkündete, daß die Sitzung ihren Anfang genommen habe. Jetzt begab sich eine große Zahl der versammel- 5 10 15 20 25 30 35 603ViERtER BaNd • ViERuNddREissigstEs KapitEl ten Männer nach der Thür, in welcher der Scheriff stand; doch Jene, die sich mit Milroy unterhielten, schienen kein Interesse an den Gerichtsverhandlungen zu haben, ebensowenig, wie Ralph, der vor dem nahen Trinkhaus mit mehreren Bekannten unter der Veranda saß und eine Cigarre rauchte. Jetzt kam aus einer Seitenstraße Lacoste mit einem Packen Papieren unter dem Arm dem Platz zugeschritten in der Richtung nach der Thür des Gerichtsgebäudes, und zugleich verließ Milroy seine Gesellschaft, indem er Jenem entgegentrat. Lacoste sah ihn kommen und mäßigte seine Schritte, während er seine Blicke auf ihn geheftet hielt. Sie hatten sich bis auf fünfzehn Schritte erreicht, als Milroy seinem Nebenbuhler mit lauter Stimme zurief: »Sie haben erklärt, Sie würden mich wie einen tollen Hund niederschießen, wo Sie mich träfen, was ich nicht gern abwarten möchte und Ihnen deßhalb zuvorkommen muß, Herr!« »Es ist unwahr!« rief Lacoste, indem er einige Schritte zurückthat, doch Milroy hatte die Flinte in demselben Augenblick an die Schulter geworfen, gab Feuer und Lacoste stürzte zusammen. Der Krach des Gewehres hatte aller Blicke auf die Schreckensscene gelenkt und Alles drängte sich um den mit dem Tode ringenden Verwundeten, der sich in seinem Blute von einer Seite zur andern warf. Auch ein Arzt sprang herzu, erklärte aber sogleich, daß menschliche Hülfe hier Nichts mehr nützen könne, was sich auch nach wenigen Minuten bestätigte, denn der Geschossene gab seinen Geist auf. Rasch sammelte sich die bestürzte Menge um den Mörder, der zu seinem Opfer hingetreten war und mit lauter Stimme verkündete, was ihn zu dieser That nicht allein berechtigt, sondern auch gezwungen habe. Er berief sich dabei auf das Zeugniß des Generals Norwood und Soubletts, von welchen Beiden sich jedoch augenblicklich Keiner sehen ließ, obschon Mehrere der Anwesenden bemerkten, daß Ralph noch so eben vor dem Trinkhaus gesessen habe. – Milroy überlieferte sich dem Sheriff als Gefangener und ließ sich von ihm in das, an dem Ende der Straße gelegene Gefängniß abführen. Die Aufregung unter den Bewohnern der Stadt war außerordentlich groß, weniger wegen des Ungeheueren der That selbst, als in 604 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Folge der Sympathien, welche der Ermordete sowohl, wie auch der Mörder bei ihnen besaß, und es bildeten sich sofort zwei Parteien, wovon die eine Rache gegen Milroy schrie, die andere ihm aber den lautesten Beifall zollte und ihn nach dem Gesetz für vollkommen unschuldig erklärte. Zu Letzterer gehörte Ralph, der die Drohung Lacoste’s allenthalben laut bezeugte und behauptete, daß Milroy auf das Vollständigste berechtigt gewesen sei, die That zu begehen, um sein eigenes Leben dadurch zu schützen. Soublett hatte er aber, als er Lacoste fallen sah, eiligst aufgesucht und ihm gesagt, er solle sich sogleich aus der Stadt entfernen, weil er erst den Verlauf der Vorbereitungen zu dem Prozeß abwarten wolle, ehe jener eine Aeußerung über sein Zeugniß laut werden ließ, denn jetzt schon durchkreuzten Ralph’s Gedanken andere Pläne, in welcher Weise er die Handlung Milroy’s zu seinem Nutzen ausbeuten könne. Die unglückliche Frau des Getödteten rief ihre reiche Familie in Georgien um Hülfe an und ihr Onkel kam mit dem besten Advocaten aus Charlestown in Nord-Carolina und mit bedeutenden Geldmitteln nach Tallahassee, um den Mörder seiner verdienten Strafe zuzuführen, während Milroy’s Gattin ihre Verwandten in Alabama um Schutz ansprach, welche den ersten Advocaten jenes Landes mit ebenwohl bedeutenden Mitteln hierherschickten, um den Mörder zu vertheidigen, und womöglich durch die Geschworenen das »Unschuldig« über ihn aussprechen zu lassen. Jedermann nahm Partei in der Angelegenheit, und von weit und breit aus dem Lande strömten die Leute an dem Tage herbei, an welchem die Gerichtsverhandlungen darüber beginnen sollten, denn Jeder wollte seinen Einfluß geltend machen. Auch Soublett war wieder erschienen, doch äußerte er gegen Niemanden ein Wort über Das, was er von Lacoste gehört habe, sondern verwies auf den Augenblick, wo er sich vor Gericht dar- über aussprechen werde. Ralph hatte nach reiflicher Ueberlegung beschlossen, das Zeugniß Soubletts als ungültig erscheinen zu lassen, damit Milroy verurtheilt werde, indem er glaubte, von dessen Verwandten einen höheren Preis zu erschwingen, wenn er ihn erst später dem Galgen entrisse. 5 10 15 20 25 30 35 605ViERtER BaNd • ViERuNddREissigstEs KapitEl Kopf an Kopf war das Gerichtshaus und seine nahe Umgebung mit Zuhörern besetzt, als das Zeugenverhör begann, in welchem Ralph feierlich einen M e i n e i d dahin ablegte, daß Lacoste die Drohung in seiner Gegenwart ausgesprochen habe; denn er hatte mit demselben an besagtem Nachmittag gar nicht geredet. Nun erschien Soublett vor den Schranken und ward aufgefordert, auszusagen, was Lacoste in seiner und Ralph’s Gegenwart in Bezug auf Milroy geäußert habe. Nach geleistetem Eide sagte er: »Ob dessen Worte sich auf den Herrn Milroy bezogen, kann ich nicht behaupten, indem ich diesen Namen nicht nennen hörte. Auch vernahm ich nur wenig von der Aeußerung des Herrn Lacoste, da ich erst zu ihm und dem General Norwood hintrat, als deren Unterhaltung beendet schien. Ich erinnere mich, etwas wie »wenn wir uns treffen«, oder »wo ich ihn treffe« von ihm gehört zu haben, doch kann ich mit Gewißheit keine Angabe darüber machen.« Mit dieser Erklärung verneigte sich Soublett höflich gegen den Richter und dann gegen die Geschworenen, worauf er als unwichtige Person in dem Proceß entlassen wurde. Diese Aussage brachte eine gewaltige Veränderung in der Lage der Dinge hervor, sie traf die Freunde Milroy’s wie ein Donnerschlag, denn auf das Zeugniß Soubletts war ihre ganze Hoffnung gestützt. Schreck und Niedergeschlagenheit zeigte sich auf ihren Mienen und die bleichen entsetzten Züge Milroy’s selbst verriethen, daß er an den Galgen dachte. Ralph trat abermals vor und behauptete fest, Soublett müsse die ganze Drohung Lacoste’s mit angehört haben und er sei bereit zu beschwören, daß derselbe von Anfang an zugegen gewesen sei, als jener Herr sie ausgesprochen. Zugleich deutete er auf Bestechung Seitens der Feinde Milroy’s hin und fragte, ob das Gesetz denn keine Macht habe, einen widerspenstigen Zeugen zum Geständniß zu bringen? Ralph wurde zur Ruhe verwiesen und die Verhandlung nahm ihren Fortgang. Am Tage darauf traten die Advocaten Lacoste’s und Milroy’s vor die Geschworenen und boten all ihre Beredsamkeit auf, dieselben von dem Recht ihrer Partei zu überzeugen, als Letzterer aber seine 606 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Vertheidigung beendet hatte, fühlte Jedermann, daß die allgemeine Stimmung gegen den Angeklagten war. Da drängte es sich vor der Thür des Gerichtsgebäudes, man machte gewaltsam Platz: Milroy’s Frau mit ihrem Kind auf dem Arm stürzte herein und warf sich vor den Geschworenen auf die Kniee nieder. Sie war eine wunderschöne junge Frau, ihr langes glänzend schwarzes Haar hing ihr gelöst über Schultern und Busen herab, auf ihren edeln bleichen Zügen lag Entsetzen und Verzweiflung und ihren großen dunkeln Augen entquoll ein Thränenstrom, als sie flehend und schluchzend den Geschworenen ihr weinendes Kind entgegenhielt. Ihre Erscheinung brachte einen gewaltigen Eindruck auf die Versammlung hervor, der Advocat Lacoste’s aber rief dem Richter mit lauter Stimme zu, daß er gegen solche Bestechungsmittel feierlichst protestire und verlange, daß die Frau sofort von hier entfernt werde. Dieser Einsprache wurde sogleich Gehör gegeben und die unglückliche Gattin ward, wenn auch unter lautem Murren des Publicums, hinweggeführt. Noch in der folgenden Nacht sprachen die Geschworenen das »Schuldig« über Milroy aus, und am nächsten Tage ward er zum Galgen verurtheilt. In einer Berathung, welche Ralph mit den Verwandten und der Frau des Verurtheilten veranlaßte, stellte er die Möglichkeit in Aussicht, denselben mit Gewalt zu befreien, bemerkte aber zugleich, daß es ohne bedeutenden Kostenaufwand nicht auszuführen sei. Man drang in ihn, Mittel und Wege anzugeben und erklärte ihm, daß die nöthigen Summen dazu angeschafft werden sollten, worauf er endlich sich bereit zeigte, die Rettung Milroy’s für die runde Summe von zehntausend Dollar zu übernehmen. Es war dies ein hoher Preis, doch was war den Angehörigen des Verurtheilten wohl von höherem Werth, als dessen Leben? Man nahm den Vorschlag an und versprach, Ralph die verlangte Summe baar zu zahlen, sobald Milroy auf freien Füßen sei. Einige Tage darauf erschien Ralph Morgens nach dem Frühstück zu Pferd auf dem Platz vor dem Gerichtshaus und verabschiedete sich von seinen vielen Bekannten, die aus den Hotels und verschiedenen Privat-Gasthäusern kamen, um ihren Geschäften 5 10 15 20 25 30 35 607ViERtER BaNd • ViERuNddREissigstEs KapitEl nachzugehen. Er zeigte ihnen an, daß ihn sein Dienst zu einer Reise auf unbestimmte Zeit in das Indianergebiet rufe, ritt auch vor das Trinkhaus, um mit einigen seiner Freunde ein Glas zu leeren, und eilte dann unter den freundlichsten Begrüßungen davon. Frühzeitig am Morgen vor dem Tage, welcher zur Hinrichtung Milroy’s bestimmt war, versetzte die Nachricht, daß das Gefangenhaus in verflossener Nacht erbrochen und der Verurtheilte daraus verschwunden sei, die Bewohner Tallahassees in großen Aufruhr. Die beiden bewaffneten Männer, die als Wachen bei dem Gefängniß gestanden hatten, waren von einer Anzahl Unbekannter überwältigt und geknebelt worden und hatten sich glücklich geschätzt, mit dem Leben davon gekommen zu sein. Auskunft über die Gewaltthäter konnten sie nicht geben. Alles strömte hinaus zu dem leeren Käfig, um die mit Aexten zerschlagene Thür anzuschauen, der Vogel war jedoch fort, um sich aller Wahrscheinlichkeit nach sobald nicht wieder hier blicken zu lassen. Tausend Vermuthungen, wer die That begangen haben könnte, wurden rege und ausgesprochen, an Ralph aber dachte Niemand, der war ja unter den Indianern. Und dies war er auch in der Wirklichkeit, und zwar mit Milroy bei seinem Freunde Tallihadjo, welchem er Jenen auf das Allerdringendste empfahl und ihn bat, denselben bis auf weitere Nachricht verborgen zu halten. Er theilte ihm mit, Milroy sei ein Freund von ihm, den die doppelzüngigen Amerikaner ungerechter Weise verfolgten und den er ihren Händen entrissen habe. Gefahr war hier für den Flüchtling überhaupt nicht, indem sich beinahe kein Weißer mehr in das Land der Wilden wagte und unter dem Schutz Tallihadjo’s war er unbedingt sicher. Ralph hielt zugleich eine lange Beredung mit dem Häuptling über das Beginnen des Krieges und sagte ihm, daß der günstige Zeitpunkt dazu nicht mehr fern sei, er solle sich bereit halten, um auf seinen ersten Wink loszubrechen. Tallihadjo theilte ihm mit, daß er schlagfertig wäre, daß die benachbarten Stämme seines Rufes harrten, so wie, daß er bereits sämmtliches Vieh und die Pferde seines Stammes in das Innere des Landes gebracht habe, wo sie vor den Weißen sicher wären. Nur seinen Schimmel, sagte er, habe er bei sich behalten, um ihn zu rei- 608 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ten, im Fall er mit den Weißen in offener Gegend zusammenträfe, damit die Seminolen seinen Ruf besser hören und die Bleichgesichter ihn besser sehen könnten. ∗    ∗    ∗ Während Ralph’s Abwesenheit saß Eloise eines Abends, als die Sonne versunken war und der Seewind die Gluth des Tages verwehte, im Dämmerlicht in ihrem Zimmer und blickte mit feuchten Augen bald auf ihr Kind, welches vor ihr an einem Stuhl stand und sich mit den Händchen an demselben aufrecht hielt, bald aber auf den Ring Montclard’s und dessen blutiges Tuch, welche beiden Gegenstände in ihrer Hand ruhten. Da hörte sie nahende Tritte, verbarg schnell die theuern Andenken in ihrem Kleide und einen Augenblick nachher trat Eva ein, um eine Dame anzumelden, die sie zu sprechen wünsche. Eloise begab sich an die Thür, wo eine in Schwarz gekleidete junge Frau mit einem Kind auf dem Arm ihr entgegentrat und sich als die Gattin Milroy’s bei ihr einführte. Eloise empfing sie mit großer, inniger Theilnahme und geleitete sie nach dem Sopha hin. Beiden waren Thränen in die Augen getreten und einige Minuten waren in Schweigen verstrichen, da ergriff Madame Milroy die Hand Eloisens, drückte sie mit großer Bewegung und sagte: »Ihr edler, hochherziger Gatte hat mir den meinigen und meinem Kinde den Vater erhalten; mein Herz drängt mich, Ihnen diese That der Liebe und Barmherzigkeit zu verrathen, damit Sie stolz auf Ihren Ehrenmann sein mögen und mir die Erlaubniß werde, gegen Sie das Dankgefühl auszusprechen, welches mich ewig für ihn beseelen wird. Sagen Sie ihm nichts von dieser meiner Mittheilung, denn leider muß die edele That ein tiefes Geheimniß bleiben.« Hierbei sah die Frau unter Freudenthränen Eloisen in die Augen und Wonne und Seligkeit lächelte auf ihren Zügen. Eloise wurde roth und konnte keine Antwort finden, sie dachte an den Ring, den sie so eben in ihrem Kleide verborgen hatte und an die Hartherzigkeit Ralph’s. 5 10 15 20 25 30 35 609ViERtER BaNd • ViERuNddREissigstEs KapitEl Sie drückte der glücklichen Frau die Hand und bemühte sich, den tiefen Athemzug, der ihre Brust beengte, derselben zu verheimlichen. Madame Milroy aber fuhr fort, ihrem von Dank überströmenden Herzen Luft zu machen, nannte sie hochbeglückt, die Gattin eines solchen Mannes zu sein, und weissagte ihr und ihm als Belohnung für seine Herzensgüte eine leidenlose, heitere und beneidenswerthe Zukunft. Es war schon spät, als die Frau Eloisen unter heißen Segenswünschen verließ. Zugleich hatte sie den Wunsch zu erkennen gegeben, sie bei sich in ihrem Hause zu sehen, doch Eloisen wäre es nicht möglich gewesen, der Einladung zu folgen. Am Tage darauf kehrte Ralph zurück, und that allenthalben sehr erstaunt über den frechen Streich, den man der Gerechtigkeit gespielt habe. Als aber der Abend kam, wurden ihm im Hause der Madame Milroy von deren Verwandten zehntausend Dollar in Banknoten ausgezahlt. 610 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 35. Der lästige Gefährte. – Das Gewissen. – Doppelter Gewinnst. – Unverhoffte Freude. – Die Reise nach dem Norden. – Ländliches Glück. Ralph war nun wieder allenthalben zugegen, musterte die Truppen der Stadt, so wie die der nahen Umgegend und wußte es dem Anscheine nach zufällig herbeizuführen, daß er in den ersten Tagen mit den Verwandten Lacoste’s in Unterredung kam. Er äußerte sich, daß er als Freund von Milroy allerdings auf dessen Seite gewesen wäre und Alles gethan habe, um ihn durch das Gesetz frei zu machen. Da aber nun einmal das Urtheil gefällt gewesen sei, so gereiche es einem civilisirten Volke zur Schande, daß man mit der Gerechtigkeit so ruchlos umspringe. »Uebrigens«, sagte er, »begreife ich nicht, daß man gar keine Anstalten macht, den Mörder zu verfolgen und seiner habhaft zu werden. Bei Gott, wenn ich ihn suchen wollte, ich würde ihn ausfinden und selbst meinen Kopf dagegen verwetten.« Der Onkel der Madame Lacoste, zu welchem Ralph dies sagte, wurde aufmerksam und antwortete nach einer Weile, da Ralph nicht weiter sprechen wollte: »Wer das möglich machen könnte und das Ungeheuer der Justiz wieder in die Hände lieferte, der könnte auf eine hohe Belohnung rechnen.« »Nun, aus einem Scherz ist schon oftmals verdammter Ernst geworden; wenn die Unternehmung der Mühe werth wäre, so könnte 5 10 15 20 25 30 35 611ViERtER BaNd • FüNFuNddREissigstEs KapitEl man einmal darüber sprechen. Man darf dem Flüchtling nur nicht zu lange Zeit geben, weit zu entkommen.« »Was nennen Sie der Mühe werth? Wir haben jenes Schurken halber schon Viel angewandt und würden es uns gern noch mehr kosten lassen, ihn seiner gerechten Strafe zu überliefern«, erwiederte der alte Herr mit einem fragenden Blick. »Für zehntausend Dollar müßte der Kerl baumeln, oder ich verzichte auf den Namen eines Spürers«, sagte Ralph mit entschiedenster Bestimmtheit. »Das ist ein großer Betrag«, entgegnete der Onkel der Madame Lacoste überrascht. »Es würde auch ein großes Kunststück sein, den Vogel wieder einzufangen. Außer mir möchte es wohl Niemand unternehmen. Uebrigens steht es ja bei Ihnen, darauf einzugehen, oder nicht; das Geld, welches Sie bereits gespendet haben, ist in letzterem Falle unnöthig ausgegeben«, bemerkte Ralph mit gleichgültigem Tone. »Wenn man nun die Belohnung auf fünftausend Dollar festsetzte?« »Nicht einen Cent weniger, als ich gesagt habe«, erwiederte Ralph und fügte noch einen gräßlichen Schwur hinzu. »Ich will die Sache in Ueberlegung ziehen«, sagte der Alte unschlüssig. »Doch nicht zu lange, sonst erkaltet die Fährte und aus unserm Handel wird Nichts. Bis zum Abend müßte ich bestimmte Antwort haben«, entgegnete Ralph jetzt mit bedeutsamem Tone. »Wenn es möglich ist; ich habe mit Einigen deshalb Rücksprache zu nehmen. Wo kann ich Sie finden?« »Dort in dem Trinkhaus, gegen acht Uhr«, sagte Ralph mit einer leichten Kopfverbeugung und verließ den Herrn. Auf dem Wege nach seinem Gasthaus begegnete er Soublett, der, wie es schien, auf ihn gewartet hatte. »Ich wünsche fünfhundert Dollar von Euch zn borgen, General«, redete Dieser ihn an, indem er Kautaback aus der Tasche hervorzog und ein großes Stück davon abbiß. »Fünfhundert Dollar?« entgegnete Ralph erstaunt, »auf Euer schönes, oder auf Euer ehrliches Gesicht? Seid Ihr toll geworden? 612 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Ich habe Euch ja erst vor wenigen Tagen Eure Zeugengebühren mit hundert Dollar ausgezahlt.« »Ich habe gespielt und verloren, und muß fünfhundert Dollar haben. Wollt Ihr sie mir nicht auf mein ehrliches Gesicht borgen, so leiht Ihr sie mir wohl auf die Verschwiegenheit meines Mundes. Ich glaube, Ihr habt schon manches Kapital schlechter angelegt«, sagte Soublett mit großer Gleichgültigkeit. Ralph biß sich auf die Lippe, das Blut schoß ihm nach dem Kopfe und mit einem zornigen Blick sah er den Sprecher an. Soublett aber begegnete diesem mit einem boshaften Lächeln und sagte dann: »Ich sollte denken, dem General Norwood würde es nicht auf diese Kleinigkeit ankommen, da er weiß, wie unbedingt er sich auf mich verlassen kann.« »Gut, Ihr sollt sie haben, aber damit ist zwischen uns abgerechnet,« erwiederte Ralph, indem er sich zur Ruhe zwang und fügte dann noch hinzu: »Kommt mit, ich will Euch gleich das Geld geben; spielt aber nicht wieder.« Soublett begleitete ihn nach seiner Wohnung, empfing die verlangte Summe und sagte beim Weggehen zu Ralph: »Wenn wieder Etwas zu verdienen ist, so denkt an mich.« Mit dem einbrechenden Dämmerlicht begab sich Ralph in gro- ßer Spannung nach dem bezeichneten Trinkhaus, um dort den Onkel der Madame Lacoste zu erwarten und dessen Entschluß über sein Anerbieten zu vernehmen. Er hatte schon das dritte Glas Grog getrunken und immer noch wollte der Erwartete nicht erscheinen. Ralph’s Ungeduld steigerte sich von Minute zu Minute, er trat hinaus an einen Pfeiler der Veranda und schnitzelte daran mit seinem Messer, während er bald in der Straße hinauf, bald in derselben hinunter sah und in jeder nahenden Person den Ersehnten zu erkennen hoffte. Endlich kam Dieser wirklich mit sehr eiligen Schritten auf das Trinkhaus zu und Ralph, der in dieser Eile die Erfüllung seiner Hoffnung erkannte, ging ihm in der Straße entgegen. »Nun, haben Sie sich die Sache überlegt?« redete er ihn mit gezwungener Gleichgültigkeit an. 5 10 15 20 25 30 35 613ViERtER BaNd • FüNFuNddREissigstEs KapitEl »Der Preis war meinen Freunden zu hoch, denn er würde neben deren Zubuse auch meiner Nichte den Rest ihres Vermögens nehmen und auch dann noch nicht gedeckt sein. Ich habe mich jedoch entschlossen, selbst das Fehlende dazu herzugeben. Liefern Sie den Verbrecher in unsern Besitz, so zahlen wir Ihnen die verlangten zehntausend Dollar,« erwiederte der alte Herr und ballte bei dem Gedanken an Milroy seine Hände in den Rocktaschen. »Schön, halten Sie das Geld bereit, ich werde mich Morgen zeitig auf den Weg machen. Es bleibt natürlich auf das Strengste verschwiegen, wenn ich Ihnen den Aufenthalt Milroy’s verrathe,« sagte Ralph und reichte dem Manne, wie zum Handschlag, seine Rechte hin. »Darauf dürfen Sie sich unbedingt verlassen,« entgegnete Jener, indem er die gebotene Hand ergriff und schüttelte. Dann trennten sie sich, der Onkel der Madame Lacoste eilte in der Straße zurück und Ralph begab sich abermals in das Trinkhaus, um auf das gelungene Unternehmen noch ein Glas zu leeren. Am folgenden Morgen nach dem Frühstück verließ er die Stadt und lenkte sein Pferd dem Lager Tallihadjo’s zu, welches er lange vor Sonnenuntergang erreichte. Milroy hatte ihn schon von Weitem erkannt und war ihm freudig, doch auch besorgt entgegengeeilt, indem er voraussetzte, daß der unerwartete Besuch ihm gelte. »Doch keine böse Nachricht?« fragte er Ralph, indem er ihm die Hand reichte und neben dessen Pferd dem Lager zuschritt. »Im Gegentheil, recht gute Kunde bringe ich Ihnen mit«, antwortete Ralph mit fröhlichem Ausdruck. »Denken Sie sich, dieser schändliche Kerl, dieser Soublett, hat es mir jetzt gestanden, daß er von Ihren Gegnern erkauft war, um mit seinem Zeugniß zurückzuhalten. Wir wollen nun die Sache nochmals vor Gericht bringen, und dann werden Sie unfehlbar frei gesprochen. Bis dahin müssen Sie sich freilich noch verborgen halten, was hier nicht mehr rathsam sein dürfte, denn erster Tages werden unsere Truppen in dies Gebiet einbrechen und Sie könnten möglicher Weise in deren Hände fallen. In der Nähe müssen Sie aber bleiben, damit ich während der Gerichtsverhandlungen Sie schnell erreichen kann und da giebt 614 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 es keinen sichereren Ort, als das alte Blockhaus neben meinem abgebrannten Wohngebäude. Es ist abgelegen von der Straße und Niemand kommt in seine Nähe. Des Tages über mögen Sie sich mit Fischen unterhalten, da der Bach von dichtem Wald begrenzt ist und mein Neger Guy, auf den Sie sich unbedingt verlassen dürfen, wird Sie auf ’s Beste bedienen und Ihnen Alles besorgen, was Sie wünschen.« »Es könnte aber der Zufall doch Jemanden dort hinführen, dem ich bekannt wäre,« entgegnete Milroy ängstlich. »Wenn Sie im Hause sind, so halten Sie dessen Thüren verschlossen, dann sind Sie von jedem Besuche verschont. Niemand wird sich lange bei einem verlassenen und verschlossenen Blockhaus aufhalten. Sie sind dort so sicher, wie in Abrahams Schooß. Wir reiten, wenn die Dämmerung eingebrochen ist, hinüber, dann kann Sie unterwegs Niemand erkennen und ich werde Ihnen behülflich sein, dort Ihre Einrichtungen zu treffen,« erwiederte Ralph, indem sie das Lager Tallihadjo’s erreichten und Dieser ihm entgegenkam, um ihn willkommen zu heißen. »Heute gilt mein Besuch nur meinem Freunde hier, Tallihadjo; ich komme, um ihn mit mir zu nehmen. Für Dich habe ich noch keine Neuigkeit, sie wird aber bald folgen,« sagte Ralph mit bedeutungsvollem Blick zu dem Häuptling, stieg ab und übergab sein Pferd einer Indianerin zur Pflege. Dann legte er sich neben Tallihadjo beim Feuer nieder, unterhielt sich mit ihm und ließ sich mittheilen, was derselbe neuerdings für Vorbereitungen zum Kriege gemacht habe, und als die Sonne unterging, genoß er mit ihm das gastfrei dargebotene einfache Mahl. Bei dem matten Licht der Mondessichel nahm er, sowie auch Milroy Abschied von dem Häuptling, Beide bestiegen ihre Rosse und eilten dann dem verwüsteten Wohnsitz Ralph’s zu. Der Morgen graute, als sie vor dem alten Blockhaus, der ehemaligen Wohnung des alten Tom Norwood, anlangten, an dessen Thür sie eine geraume Zeit klopfen mußten, ehe der Neger Guy aus seinem festen Schlaf erwachte und dieselbe öffnete. Der Sclave ward dann auf Milroy’s Pferd nach dem nicht sehr entfernt gelegenen Kaufmannsladen geschickt, um verschiedene Bedürfnisse 5 10 15 20 25 30 35 615ViERtER BaNd • FüNFuNddREissigstEs KapitEl herbeizuschaffen, Ralph führte sein Roß in die Weide und er, so wie der Advocat legten sich dann nieder, um noch einige Stunden zu ruhen. Die Sonne schien schon heiter durch die kleinen Fenster in das freundliche Zimmer, als sie erwachten. Ralph erkannte im Umherblicken die Zeugen seines kurzen Glückstraumes in den Armen seiner jungen Frau, und sie führten ihm jene Stunden der Wonne vor die Seele, von denen er damals glaubte, daß sie nie enden würden. Es war aber nur ein verworrenes flüchtiges Bild, welches zunächst vor einem finstern Gedanken an Montclard verblich und dann im Hinblick auf Milroy gänzlich verschwand, denn mit Diesem traten die zehntausend Dollar vor seinen Geist, die er durch ihn gewinnen wollte. »Gut geschlafen?« sagte er zu ihm, indem er sich erhob und die Thür öffnete, damit er die Morgenluft athmen könne, denn es kam ihm hier sehr beengend vor. »Vortrefflich, die Einrichtung ist hier ja sehr nett, man sieht es dem Hause von Außen gar nicht an; haben Sie es vielleicht früher selbst bewohnt?« erwiederte Milroy, um sich blickend. »Ja wohl, zu Anfang, als ich mich hier niederließ,« antwortete Ralph kurz. »Hat denn Ihr Vater nicht diesen Platz angelegt? ich meine ich hätte so gehört.« »Er hat in diesem Haus gewohnt, ich ließ es später, als ich heirathete und hierherzog, ausbessern. Da kommt Guy zurück mit den Lebensmitteln«, sagte Ralph und ging hinaus zu dem Neger, der abstieg und die verschiedenen eingekauften Gegenstände, welche er in Säcken an dem Sattel hängen hatte, von demselben abnahm und in das Haus trug. Ein Feuer in dem Kamin ward bald angezündet, Kaffee gekocht, Maisbrod gebacken, einige Stück Speck gebraten und dann dies Frühstück verzehrt, auf welches noch ein Trunk von dem Cognac gesetzt wurde, den Guy mitgebracht hatte. Dem Pferd Ralph’s war unterdessen ein Futter Mais gegeben, der Neger hatte es getränkt und gesattelt, worauf Ralph seinem Schutzbefohlenen wünschte, daß ihm die Zeit nicht zu lang werden möchte, ihm versprach, sein Interesse bei der bevorstehenden 616 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 erneuten Gerichtsverhandlung bestens zu wahren, einen freundlichen Abschied von ihm nahm und dann hinweg ritt. In den letzten Strahlen der sinkenden Sonne lenkte er sein müdes Pferd in die Straßen von Tallahassee und übergab es bald darauf dem Stallknecht des Hotels, das er bewohnte. Gern wäre er sogleich nach Lacoste’s Haus geeilt, um dem Onkel der Wittwe die Botschaft zu bringen, daß ihm der Fang gelungen sei, er mußte aber die Nacht abwarten, um keinen Verdacht auf sich fallen zu lassen. In seiner Wohnung angekommen, hatte er sich in einen Armstuhl niedergelassen und gab seinen Gedanken Freiheit, mit dem Kapital, welches er nun bald besitzen würde, vortheilhafte Speculationen zu machen, während Eloise ihr Kind auf ihrem Schooße in den Schlaf wiegte. Es war schon ziemlich düster im Zimmer geworden, als eine Dame leise hereintrat, in welcher Eloise sogleich Madame Milroy erkannte, ihr entgegen ging und sie auf ’s Freundlichste begrüßte. Dann wandte sie sich zu Ralph mit den Worten: »Madame Milroy kommt, mich zu besuchen.« Ralph war so in Gedanken versunken gewesen, daß er die Fremde nicht bemerkt hatte, der Name Milroy schreckte ihn aber aus seinen Träumen, er fuhr aus dem Stuhle auf, verbeugte sich und wollte das Zimmer verlassen. Die Frau jedoch trat ihm in den Weg und sagte: »General Norwood, den Freunden meines Mannes habe ich seine Rettung zu danken und Sie sind sein bester Freund. Worte habe ich nicht, Ihnen meine Gefühle auszusprechen, noch weniger steht es in meiner Macht, Ihnen meinen Dank durch die That zu beweisen, in meinem Gebet aber, das ich täglich zum Himmel sende, flehe ich Gott an, Ihr Leben zu beglücken, zu beseligen.« »Ich bitte, Madame Milroy, ich weiß nichts Näheres über die Befreiung Ihres Mannes, es war eine gesetzwidrige Handlung«, antwortete Ralph verlegen. »Sie hochherziger Ehrenmann, nein, Sie wissen Nichts von dessen Befreiung, Sie nehmen aber Theil an dem Glück, welches mir und meinem Kinde dadurch geworden ist, und hierfür lassen Sie mich Ihnen danken«, sagte Madame Milroy, ergriff Ralph’s 5 10 15 20 25 30 35 617ViERtER BaNd • FüNFuNddREissigstEs KapitEl Hand, preßte ihre Lippen darauf und benetzte sie mit ihren Thränen. »Sie thun mir zu viel, Madame Milroy, ich versichere Sie, bitte, nehmen Sie doch Platz, meine Frau ist sehr erfreut, Sie hier zu sehen, Sie müssen mich entschuldigen – ich habe noch einen Weg«, sagte Ralph mit bewegter Stimme, verbeugte sich nochmals und eilte aus dem Hause. Der Athem war ihm beklemmt, als ob ihm der Alp auf der Brust läge, er stürzte durch den Garten hinaus in die Straße und es kam ihm vor, als ob das Weib mit ihrem Dank ihm auf dem Rücken säße und sich in eine Furie verwandelt hätte. Sein Weg ging nach dem Trinkhause, wo er ein Wasserglas voll Cognac mit einem Zuge leerte. Es war ein starker Trank und er half augenblicklich. Ralph hustete einige Male, strich sich mit der Hand durch das Haar und belachte dann seine Schwäche. Die Nacht hatte sich über die Stadt gelegt, als er das Trinkhaus verließ und sich nach der Wohnung Lacoste’s begab. An der Thür fragte er einen Neger, ob der Onkel der Wittwe zu Hause sei, und als der Sclave es bejahte, trug er ihm auf, den Herrn heraus auf die Straße zu schicken, wo er denselben erwarten wolle. Wenige Minuten später erschien der Verlangte und eilte mit den Worten auf Ralph zu: »Sie sind schon wieder zurück – bringen Sie gute Botschaft?« »Die beste«, antwortete Ralph, »Milroy ist in meinen Händen.« »Ist es möglich! – und wo ist er?« rief der Alte triumphirend. »Das werden Sie nach Zahlung des Fanggeldes erfahren«, entgegnete Ralph mit größter Ruhe. »Wir können doch nicht erst zahlen, als bis wir des Verbrechers gewiß sind.« »Verlangen Sie von mir mehr Vertrauen, als Sie mir selbst schenken? Bei Händeln, auf die man nicht klagen kann, gibt man keinen Credit. Milroy ist so fest gefangen, wie eine Fliege in dem Netz einer Kreuzspinne«, entgegnete Ralph. »Bis wann sollen wir seiner habhaft werden?« fragte der Alte eifrig. »Morgen Nacht. Es bleibt Ihnen darum noch heute und morgen in der Frühe Zeit, die Zahlung zu leisten, denn Sie haben einen langen Weg zu reiten, um zu dem Flüchtling zu gelangen.« 618 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Kommen Sie in einer Stunde zurück und zu mir in das Haus; ich will mit meinen Freunden reden und hoffe Ihnen das Geld noch heute auszahlen zu können«, antwortete der Onkel der Madame Lacoste und ging mit großer Eile in seine Wohnung, während Ralph sich wieder in das Trinkhaus begab. Dort fand er es sehr lebhaft, eine große Zahl von Gästen war in dem Zimmer und unter der Veranda versammelt, und Milroy war der Gegenstand, um den sich die laute Unterhaltung drehte. »Da kommt er selbst, der General, er kann uns am besten Auskunft geben,« rief einer der Anwesenden Ralph entgegen. »Es wird hier behauptet und bestritten, Milroy hätte Ihnen seine Freiheit zu danken,« sagte ein Anderer. »Mir? Freilich, wenn ihn meine Wünsche frei gemacht haben, dann hat er alle Ursache dazu. Meiner Meinung nach ist er ungerechter Weise verurtheilt,« antwortete Ralph, indem er vor den Schenktisch trat und für sich ein Glas mit Branntwein und Wasser füllte. Er leerte es auf einen Zug und sagte dann: »Uebrigens, obgleich ich ein Freund Milroy’s bin, so halte ich doch seine Befreiung für nicht zu rechtfertigen, es war eine Gewaltthat, die in einem civilisirten Staate nicht vorkommen sollte; hätte ich sie verhindern können, so würde ich es sicher gethan haben.« »Wo mag der Kerl hin sein?« bemerkte einer der Umstehenden. »Das ist leicht begreiflich. Er wird die nahe Küste erreicht und von dort mit einem Fischerboote über die grüne Fluth seinen Weg genommen haben, wo er keine Fährte hinter sich zurückläßt. Jetzt belustigt er sich vielleicht in New-Orleans,« sagte Ralph und sah dann nach seiner Uhr. Die Zeit schwand ihm sehr langsam, er trank wiederholt, sprach hier in einer Unterredung mit ein und gab dort eine flüchtige Antwort, ohne eigentlich darauf zu achten, was um ihn vorging; denn seine Gedanken waren bei den zehntausend Dollar, die er hoffte, nun bald zu erhalten. Endlich hatte der Minutenzeiger auf seiner Uhr den Kreis auf dem Zifferblatt durchlaufen, die Stunde des Harrens war vorüber, Ralph stürzte noch ein Glas Grog hinunter, eilte dann hinaus in die Straße und nach der Wohnung der Wittwe Lacoste. Vor der Thür 5 10 15 20 25 30 35 619ViERtER BaNd • FüNFuNddREissigstEs KapitEl blieb er einen Augenblick stehen, sah sich um, ob Niemand in der Nähe sei, der ihn beobachten möchte, und schritt dann rasch in das Haus. Der Onkel der Wittwe trat ihm entgegen und führte ihn in das Empfangszimmer, wo er ihn bat, sich mit ihm auf dem Sopha niederzulassen und dann zu ihm sagte: »Ich habe die verlangte Summe für Sie bereit, das heißt, wenn Sie die Zahlung theils in meinen eigenen Wechseln auf ein gutes Haus in Charlestown und von hiesigen soliden Leuten indossirt annehmen wollen. Den ganzen Betrag in Banknoten anzuschaffen, war unmöglich.« »Warum nicht? Wenn es einfache Wechsel sind, in denen nicht bemerkt ist, wofür sie gezahlt werden, so sind sie mir recht,« erwiederte Ralph zuvorkommend. »So wollen wir unser Geschäft abmachen,« sagte der alte Herr, indem er aufstand und, an den Tisch tretend, eine Brieftasche aus dem Rock hervorzog. Hierauf legte er sechstausend Dollar in Banknoten auf der Tafel nieder und reichte Ralph dann zwei Wechsel, jeden zum Belauf von zweitausend Dollar, zur Ansicht hin. Dieser durchlas dieselben, nickte dabei einige Male mit dem Kopfe und sagte, indem er sie zusammenfaltete und in seine Brieftasche legte: »Die beiden Papiere sind gut für viertausend Dollar.« »Und die übrigen sechstausend liegen hier in Banknoten für Sie bereit,« fiel der alte Herr ein und zeigte auf den Tisch. Ralph sah auch diese durch, steckte sie ein und wandte sich dann zu Jenem mit den Worten: »Milroy gehört nun Ihnen, Sie haben ihn gekauft und für ihn bezahlt. Er wohnt auf meinem verwüsteten frühern Wohnsitz in dem alten Blockhaus, welches von dem Feuer, das mein Wohngebäude in Asche legte, verschont blieb. Während des Tages hält er sich in dem nahen Walde auf, die Nacht aber bringt er in jenem Hause zu, und es ist ein Leichtes, ihn dort gefangen zu nehmen. Mir selbst werden Sie es wohl erlassen, mich bei der Verhaftung zu betheiligen, indem es Ihnen in keiner Weise einen Vortheil bringen würde. Nehmen Sie den Scheriff und Männer genug mit, 620 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 um ihn im Nothfall zu überwältigen, doch besser wird es sein, wenn Sie ihn durch List in Ihre Hände zu bekommen suchen. Umstellen Sie spät in der Nacht mit ihren Leuten das Haus, klopfen Sie selbst an dessen Thür und rufen Sie ihm zu, Sie brächten ihm eilige Botschaft von General Norwood. Er wird sogleich öffnen, Ihre Leute dringen ein und bemächtigen sich seiner ohne Mühe und ohne Blutvergießen. Dem Scheriff ist mein Platz und jenes Blockhaus wohl bekannt, er wird Sie führen, doch nochmals erinnere ich Sie an unsere fest verabredete Uebereinkunft, daß ich von der ganzen Unternehmung Nichts weiß und Sie den Aufenthalt Milroy’s auf irgend eine beliebige Weise erfahren haben müssen.« »Dafür haben Sie mein Wort. Ich werde mich sogleich nach der Wohnung des Scheriffs begeben und ihn von meiner Entdeckung benachrichtigen, damit er sich morgen zeitig die nöthige Hülfe verschaffen kann, um sich des Verbrechers zu bemächtigen,« sagte der Onkel der Wittwe Lacoste mit fieberhafter Lebendigkeit und griff nach seinem Hut und Stock. »Erlauben Sie, daß ich mich zuerst allein von hier entferne, es möchte Verdacht erregen, wenn man uns zusammen gehen sähe,« bemerkte Ralph, reichte dem Alten zum Abschied die Hand und schritt an die Thür des Hauses, die er leise öffnete und seinen Kopf hinaus steckte, um sich zu überzeugen, daß Niemand sich in der Nähe befände. Dann sprang er rasch in die Straße und verschwand in der Dunkelheit. Am zweitfolgenden Morgen versetzte die Erscheinung des gefangenen Advocaten Milroy die Stadt in große Aufregung, denn er wurde, mit Ketten belastet, auf einem offenen Wagen gegen zehn Uhr durch die staubigen Straßen nach dem Gerichtsgebäude hingefahren. Der Scheriff saß neben ihm und zwölf bewaffnete Männer begleiteten ihn zu Pferde. Der größere Theil der Einwohnerschaft Tallahassees hatte sich bald um das Gerichtshaus versammelt, das Urtheil ward dem Gefangenen nochmals vorgelesen, dann wurde er hinaus unter eine alte Lebenseiche geführt und bald darauf hing er, eine Leiche, an dem Strick von deren stärkstem Ast herab zwischen Himmel und Erde. 5 10 15 20 25 30 35 621ViERtER BaNd • FüNFuNddREissigstEs KapitEl Ralph hatte sich der Schuld an ihn von sechstausend Dollar entledigt und war durch ihn in den wirklichen Besitz von zwanzigtausend Dollar gekommen. ∗    ∗    ∗ Friede, Glück und große Freude herrschte in dem Hause Frank Arnold’s, denn der Präsident Forney war ganz unverhofft dort erschienen, um seinen Kindern den langversprochenen Besuch abzustatten und nun durch eigenes Anschauen seines Enkels den Stolz, Großvater zu sein, inniger zu empfinden. Ein zweiter Grund hatte seinen Besuch gerade jetzt veranlaßt und seine Reise hierher beschleunigt, nämlich die ernstlichen Anstalten der Regierung, den Feldzug gegen die Florida-Indianer zu beginnen. Eleanor mit ihrem Gatten und ihrem Kind den Gefahren und Zufälligkeiten des Krieges und einem racheschnaubenden, wilden Volke so nahe zu wissen, würde ihm in Baltimore keine ruhige Stunde gelassen haben, darum entschloß er sich schnell, hierher zu eilen und seine Lieben von hier fort nach dem Norden zu führen. Frank für seine Person wollte Anfangs nicht in den Vorschlag einwilligen, indem er einestheils seine Eltern nicht allein hier zurücklassen wollte, dann aber auch nicht gern während der Erntezeit abwesend sein mochte. Eleanor erklärte aber auf das Allerbestimmteste, dann werde auch sie hier bleiben, denn die Gefahr, die dem Gatten drohe, müsse ein braves Weib mit ihm theilen. Der Präsident machte nun den beiden Eltern Frank’s den Vorschlag, gleichfalls mit ihm zu reisen und für beide Besitzungen einen zuverlässigen Aufseher zu bestellen. Madame Arnold aber erklärte, daß sie gerade während der Unruhen, die ihnen selbst in keiner Weise mit Gefahr drohen könnten, sich nicht der Aufsicht ihres Haus- und Wirthschaftswesens entziehen werde, so gern sie zu jeder andern Zeit eine Reise nach dem Norden machen würde, und der alte Arnold lehnte die Einladung auf das Bestimmteste ab, indem er sagte, es sei seine Schuldigkeit, während solcher unruhigen Zeiten die Heimath nicht zu verlassen, 622 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 sondern mit Rath und That seinen Nachbarn beizustehen; auch hielten ihn Freundschaftspflichten gegen Tallihadjo hier zurück, die er nicht aus den Augen lassen würde. Er aber, so wie seine Frau, drangen um so stärker in Frank, mit Eleanor und seinem Kinde die Reise zu machen und versicherten, daß in Bezug auf seine Ernte ihm dadurch kein Nachtheil erwachsen solle; im Uebrigen die Gefahr anbelangend, die ihnen selbst hier etwa drohe, so sei er ja zur Genüge davon überzeugt, daß ihnen die Indianer keinerlei Leid zufügen würden. Frank gab endlich den gemeinsamen Bitten der Seinigen nach und entschloß sich zu der Reise. Mit großer Umsicht traf er alle Vorkehrungen und Bestimmungen in Bezug auf seine Plantage, er wies seine Neger an, wie sie während seiner Abwesenheit Dies und Jenes zu behandeln hätten, und mit Liebe und Anhänglichkeit versprachen dieselben, Alles aufzubieten, um seine Zufriedenheit bei seiner Rückkehr zu erlangen. Eleanor dagegen ertheilte ihrer treuen Hausnegerin alle möglichen Anordnungen und machte zugleich die nöthigen Reisevorbereitungen für sich, so wie für ihr Kind. Die alten Arnolds gingen ihr und Frank bei Allem zur Hand, um sich selbst zugleich von den Wünschen ihrer Kinder zu unterrichten. Mit wahrhaft glücklicher Zufriedenheit sah der Präsident dem geschäftigen, liebevollen und einigen Treiben der alten und jungen Arnolds als stummer Beobachter zu und verglich dagegen die gekünstelten, unwahren und zerrissenen Verhältnisse des Lebens in der großen Welt. Er erkannte, daß wahres Glück nur in dem anspruchslosen, natürlichen Landleben zu finden sei und dankte dem Himmel im Stillen für die große Gnade, womit er seine geliebte Eleanor so überreich gesegnet hatte. Bald war er beobachtend im Haus, bald im Felde, bald im Walde, und wo er den geschäftigen Gliedern dieser beiden Familien begegnete, stieß er auf Heiterkeit und Frohsinn. Bei dem Frühstück und Mittagsessen ging es stets recht eilig zu, denn die Zeit des Tages war werthvoll und der Präsident fand sich bald wieder sich selbst überlassen, nachdem man ihm tausend Entschuldigungen darüber gesagt hatte, daß man ihm so wenig Gesellschaft leisten könne. Während der Abende aber hatte er seine Lieben um so trauter um sich versammelt und er war dann der Mittelpunkt, auf den alle Aufmerksamkeit, alle Herzlich- 5 10 15 20 25 30 35 623ViERtER BaNd • FüNFuNddREissigstEs KapitEl keit und alle Scherze einströmten. Die alte Madame Arnold, die sich den Platz neben dem Präsidenten nicht streitig machen ließ, überbot dabei die Andern an Fröhlichkeit, und oft wurde es sehr spät in der Nacht, ehe sie mit ihrem Mann den Heimweg antrat, wobei sie immer das Versprechen hinterließ, sich zeitig am folgenden Morgen wieder einzufinden. Zu früh für Alle erschien der zur Abreise bestimmte Tag. Bis D...., wo die Reisenden die Post besteigen wollten, gaben die beiden alten Leute ihren Kindern und dem Präsidenten das Geleite, verbrachten mit denselben dort die Nacht und empfahlen sie am folgenden Morgen dem Beistand des Himmels. In tiefster Rührung und unter Thränen schieden sie von einander. 624 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 36. Der Hudsonfluß. – Die Pallisaden. – Der Tapansee. – Westpoint. – Albany. – Die deutschen Einwanderer. – Der Trentonfall. – Der Indianerfürst. – Der Rochesterfall. – Der Niagarafall. Der Frühling hatte sein junges frisches Grün, seine Blu-men und Blüthen, so wie die ersten Früchte des Jahres mit reicher Fülle über den Norden Amerikas ausgebreitet und der lichtblaue Himmel wölbte sich wolkenlos und heiter über der Stadt New-York und der Bay, auf deren smaragdgrüner Zirkelfläche tausende von großen und kleinen Segeln im hellen Sonnenscheine blinkten, als der Präsident Forney mit Frank Arnold, Eleanor und deren Kind, welches von ihrer treuen Sclavin getragen wurde, dem prächtigen ungeheuern Dampfboot Nord- Amerika zuschritt, welches an dem Werfte auf dem Hudsonfluß lag und schon zum zweitenmale die Glocke zur Abfahrt hatte ertönen lassen. Ein schwarzer Bediente aus dem Gasthof folgte den Reisenden mit einem Koffer und einigen Nachtsäcken und hielt sich ganz dicht hinter ihnen, denn der Andrang nach dem Schiffe war so groß, daß er, einmal von den Herrschaften getrennt, sie schwerlich wieder vor der Abfahrt hätte erreichen können. Viele tausend Menschen schoben sich auf dem Werfte vor dem schmalen Uebergang auf das Schiff in einer dichten Masse hin und her, theils, um selbst die Fahrt mitzumachen, theils, um Freunden das Geleit bis an Bord zu geben, theils auch, um deren Gepäck auf das Verdeck des Schiffes zu befördern. Immer noch rollten Wagen mit Passagieren für das Dampfboot im Galopp herbei, und die 5 10 15 20 25 30 35 625ViERtER BaNd • sEchsuNddREissigstEs KapitEl ganze Liste abgekürzter Negernamen hörte man in dem Gewühle erklingen, denn diese schwarzen Diener wurden allenthalben von den vorwärtsdrängenden Weißen zur Seite gestoßen und dann von ihren Herren mit den zornigsten Worten wieder herbeigerufen, da ein Jeder besorgte, nicht mehr zeitig auf das Dampfschiff zu gelangen. Die Menge des Gepäcks, welches man auf den Schultern der Neger über der Menschenmasse hin und her wogen sah, war so groß, daß Niemand an die Möglichkeit geglaubt haben würde, dasselbe könne in wenigen Minuten sämmtlich auf das Verdeck des Dampfers geschafft werden, und doch ward dieses vollbracht; denn als nach Verlauf kurzer Frist die Glocke zum drittenmale erschallte und das Schiff sich zu bewegen anfing, sprangen und stürzten hunderte von weißen und schwarzen Männern von demselben weg auf das Werft und hier war weder ein Koffer noch ein Nachtsack mehr zu sehen. Gegen achthundert Passagiere beiderlei Geschlechts stießen jetzt von der Stadt ab, um eine Spazierfahrt von hundert ein und sechzig Meilen auf dem Hudsonfluß hinauf nach Albany zu machen, wo sie hofften, noch bei hellem Tage einzutreffen. Das Gewühl und die Verwirrung auf dem Dampfboot war außerordentlich. Man hatte sich in so wilder Unordnung auf das Schiff gedrängt, um nicht zurückbleiben zu müssen, daß die meisten der Passagiere jetzt das Eine oder Andere vermißten: Der suchte nach seinem Gepäck, Jener nach seiner Frau, seinem Kinde, seinem Freunde oder Diener, und laut ertönte die Schelle eines Negers und dessen Worte: »Die welche noch nicht bezahlt haben, wollen jetzt an die Office des Capitains treten, und ihre Schuld berichtigen.« Vor der Damenkajüte, über deren Eingang mit großen Buchstaben zu lesen war: »Herren ist es nicht erlaubt einzutreten,« hatte sich eine Anzahl von Männern aufgestellt und lauerte, mit langem Halse übereinander und nebeneinander hinsehend, auf den Augenblick, wo sich die Thür einmal öffnen würde, um dann einen Blick in das Heiligthum zu thun und zu erspähen, ob ihre vermißten Lieben sich dort befänden. Die fein gekleidete kolossale Negerin, welcher die Bedienung in der Damenkajüte oblag, wurde, sobald sie sich in der Thür blicken ließ, mit hundert Fragen bestürmt, es wurden ihr die Toiletten, die 626 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Gestalten, die Gesichtszüge der gesuchten Frauenzimmer genannt, doch Keiner bekam die ersehnte Auskunft. Bei dem Gepäck, welches durch einander auf dem Verdeck aufgethürmt lag, ging es besonders wild und ungestüm her, bis ein Jeder sein Eigenthum herausgefunden und sich in dessen Besitz gebracht hatte. Nach und nach verwogte jedoch der Sturm, die Passagiere wählten sich Ruheplätze, und als das, gegen den gewaltigen Strom mit einer Schnelligkeit von achtzehn Meilen in einer Stunde anschnaubende Dampfboot die Pallisaden erreicht hatte, füllten sich die Verdecke mit Herren und Damen, die ihre staunenden Blicke auf dies Wunderwerk der Natur hefteten. Auf eine Strecke von zwanzig Meilen steigen an der westlichen Seite des gewaltigen Hudsons riesenhafte Basaltsäulen, dicht nebeneinander gereiht senkrecht aus der Fluth auf, heben ihre Spitzen von fünfzig bis zu zweihundert Fuß hoch gegen den Himmel empor, und tragen so mit Recht den Namen der Pallissaden. Unter den vielen Bewunderern, die von dem höchsten Verdeck, oder Sturmdach, sich an diesem wunderbar großartigen Anblick weideten, befand sich auch der Präsident Forney mit Frank Arnold und Eleanor. Ersterer hatte schon oft diesen schönsten Fluß der Welt befahren, seinen Kindern aber war er neu und mit inniger Wonne beobachtete der alte Herr deren in Ueberraschung freudestrahlenden Blicke. Es war ein solcher Morgen, an dem die Natur frische Lebenskraft durch die ganze Schöpfung strömen läßt, an dem der Mensch fühlt, daß er zum Herrn dieser Erde bestimmt ist, und an welchem sein Herz vor der Allmacht des Schöpfers in Demuth erbebt. Alles schien zu leben: die Wogen stürzten sich schäumend und zischend an dem Schiffe vorüber und schlugen, ihren Gischt hoch über sich spritzend, an den Riesensäulen der Pallisaden hinauf. Hunderte von Schiffen zogen, bis in die Spitzen ihrer Masten mit Segeln umwölkt, hin und her auf dem gewaltigen Strome, Schaaren von Vögeln umschwärmten die schwarzen Basaltfelsen und schwebten von Ufer zu Ufer über die grüne Fluth, und der mit Frühlingsduft gewürzte Wind strich wohlthuend und labend über das dahinbrausende Schiff. 5 10 15 20 25 30 35 627ViERtER BaNd • sEchsuNddREissigstEs KapitEl Stumm und in andächtigem Staunen versunken, standen Frank und Eleanor Arm in Arm und ließen ihre Blicke über die wundervollen Naturbilder wandern, die sich fortwährend vor ihnen entfalteten, und nur von Zeit zu Zeit unterbrach der Präsident sie in ihren stillen Betrachtungen, indem er ihre Aufmerksamkeit von einem zum andern Ufer hinlenkte, um ihnen hier oder dort einen neuen malerisch schönen Punkt zu zeigen. Meile auf Meile ließ das dahinjagende Schiff hinter sich zurück und links und rechts flogen die felsigen Gestade an ihm vorüber. Da öffneten sich plötzlich die Ufer des zusammengedrängt zwischen ihnen hinwogenden Stromes, und die unabsehbare Spiegelfläche des Tapansees breitete sich vor den Blicken der Reisenden aus. In Purpurduft gehüllt hoben sich die fernen Gebirge um die durchsichtig grüne Fluth, auf der das Sonnenlicht bebte, hier und dort an ihren Ufern glänzten die Dächer und Thürme eines Städtchens aus dem durchsichtigen Schleier der Ferne hervor und ein heiliger Friede ruhte auf dem See und auf der Landschaft. Da legte der Präsident seine Hand auf Franks Schulter und zeigte nach der östlichen Küste hin, indem er sagte: »Dort hauchte der unglückliche brave Major André unter den Händen seiner Britischen Henker sein edeles Leben für unsere Freiheit aus. Selbst von unsern Feinden wurde ihm aber im Tode noch Anerkennung für seine Hochherzigkeit gezollt: seine Gebeine sind von dort weg über den Ocean nach England geführt und ruhen jetzt in der Westminster Abtey.« Wehmüthig und schweigend hielten alle Drei ihre Blicke lange Zeit auf den weißen Punkt, das Monument des braven Mannes, geheftet, bis der Präsident abermals die Aufmerksamkeit seiner Kinder in Anspruch nahm und sie weiterhin auf eine dichte schattige Baumgruppe lenkte, aus deren Dunkel ein kleines zierliches Haus friedlich hervorsah. »Das ist Sleepy Hollow (die Höhle des Schlafes) der Ruhesitz unseres großen gefeierten Schriftstellers Washington Irving«, sagte Forney; »wie deutlich spricht sich diese paradiesische Umgebung in seinen Werken aus!« Weiter zog das Dampfschiff, wie an seinen Seiten von zwei wei- ßen schäumenden Rossen gezogen, über den spiegelglatten See; 628 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Sing Sing, das weltberühmte Staatsgefängniß Americas, blieb bald in der Ferne zurück und Westpoint, die große ausgezeichnete Militairschule, wo die Officiere für die amerikanische Armee herangebildet werden, stieg vor den Blicken der Reisenden auf. Die gebirgigen Ufer drängen sich hier nahe zusammen, zwängen den ungeheuern Strom in ein unnatürlich enges Bett ein und heben ihre felsigen Kuppen fünfzehnhundert Fuß hoch über das dunkelgrüne Wasser empor, dessen Wogen, wie im Zorn über die Gewalt, die ihnen hier angethan wird, sich schäumend durch den engen Paß stürzen und ihr wildes Rauschen weit durch die Berge ertönen lassen. Auf der westlichen Seite dieser Flußenge stehen auf hohem Berge die herrlichen Gebäude der Militairschule, von dem sternbedeckten Banner Amerikas überweht, und beherrschen den Blick weithin Strom hinauf und hinab. An dem schroffen Abhang über der Fluth hebt sich die marmorne Säule über dem Grabe des edeln Patrioten Kosciusko. Jetzt nahete sich das Dampfschiff der engen Schlucht, hoch thürmten sich die Wogen vor seiner scharfen Spitze, sie stürzten sich zischend an ihm vorüber und auf und niedersteigend kämpfte es schnaubend gegen dieselben an. Zugleich mit ihm erreichte eine Flotte von elegant gebauten Segelschiffen, über fünfzig an der Zahl, den Engpaß, sie neigten ihre blendend weißen Schwingen in graziöser Bewegung unter dem Druck des hier zusammengepreßten Windes, indem sie gruppenweise bald links, bald rechts bis dicht unter die steilen Felswände lavirten und sich bäumend über die heranrollenden Wellen schwangen. Nun traten die Ufer wieder weiter zurück, Westpoint gegenüber stieg der kolossale Basaltberg »das Krähennest«, mit seinen Sagen und Legenden ein anderer deutscher Brocken, vor den Blicken der Reisenden auf; er hob sein frischgrünes Haupt in die Region der Wolken, und in weiter Ferne, wo der Strom wie ein silbernes Band zwischen den Bergen lag, tauchten aus dem duftig blauen Nebel die Kattskillgebirge hervor. Frank Arnold sowohl, wie Eleanor, konnten sich kaum überwinden das Verdeck zu verlassen, um der Einladung zur Mittagstafel zu folgen, welche durch die Schelle eines Negers den Passagieren verkündet wurde und bald nach flüchtig eingenommenem Mahl 5 10 15 20 25 30 35 629ViERtER BaNd • sEchsuNddREissigstEs KapitEl kehrten sie mit dem Präsidenten auf das Sturmdach zurück und ließen die wunderbar schönen Landschaften im ununterbrochenen Wechsel an sich vorüberziehen. Hier hoben sich die schroffen Felsen steil aus dem Strome empor und wie Terrassen thürmten sich die Berge in nackten Kuppen, oder in waldbedeckten Höhen über einander auf, dort breitete sich ein reiches grünes Thal, von einem freundlichen Städtchen oder mit einzelnen friedlichen Ansiedelungen belebt, an dem Ufer aus, und manchmal sah man zwischen enger Gebirgsschlucht über einem schäumenden Sturzbach ein einsames Blockhaus, das an die Frontierzeit dieses Landes erinnerte, in welcher noch das Jagd- und Kriegsgeschrei der Indianer durch diese Berge schallte. Es war Abend und die Sonne blitzte im Scheiden über den purpurblauen Kuppen der westlichen Gebirge, als das Ziel des Dampfers, die Stadt Albany mit ihren Kuppeln, Spitzen und Thürmen auf dem Berge den Reisenden sichtbar wurde und das prächtige Staatshaus auf der Höhe derselben im röthlichen Abendlichte erglänzte. Die Ruhe und Ordnung, welche bisher auf dem Schiffe geherrscht hatte, machte jetzt wieder allenthalben einem geschäftigen Gewühl Platz, Familien und Freunde bereiteten sich gruppenweise vor, das Boot zu verlassen, sie erschienen, mit ihrem Gepäck beladen, auf dem Verdeck, oder ließen es durch Diener dorthinschaffen, um selbst Wache dabei zu stehen, die Arbeiter rollten Ballen, Fässer und Kisten herbei, um sie an das Land zu bringen und der breite Steg ward über die Seite des Schiffes hinausgeschoben, um beim Landen die Verbindung mit dem Werfte sogleich herzustellen. Die achthundert Passagiere, die bis jetzt in den Kajüten, Schlafzimmern und auf den beiden oberen Verdecken vertheilt gewesen waren, drängten sich nun wieder auf das untere Deck, denn ein Jeder wollte unter den Ersten sein, die das Land betraten. Der Platz, welchem das Schiff sich rasch näherte, war mit Menschen, Carrossen, Güterwagen und Schiebkarren angefüllt, und kaum hatte es das Werft erreicht und der Steg war auf dasselbe niedergelassen, als die Volksmassen auf einander eindrangen und sich gewaltsam den Weg zu und von dem Dampfboot bahnten. Das Gewühl und die Verwirrung war grenzenlos, die Fuhrleute, die Gasthausbe- 630 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 dienten, die Karrenschieber, alle stürzten auf das Verdeck, um den Passagieren ihre Dienste anzubieten und schleppten ohne Weiteres alles Gepäck, welches für einen Augenblick unbewacht war, mit sich fort. Hier schrie ein alter Herr einem Neger nach, der mit seinem Nachtsack davoneilte, dort rief mit krächzender Stimme eine Dame ihrem Gatten zu, von dem sie getrennt war, Kinder, die ihre Eltern verloren, ließen ihr Angstgeschrei ertönen, und unter die Füße gerathene Schooßhündchen klagten ihre Schmerzen; Alles stürmte durcheinander und drängte sich in einem wild verworrenen Knäuel über den schmalen Steg. Unter den Passagieren, die bereit waren, das Boot zu verlassen, sah man auch eine Familie, die ihrem Aeußern nach fremd in diesem Lande war. Der Mann, ein wohlgenährter Fünfziger mit unbeholfenen schwerfälligen Bewegungen, trug einen altmodischen langen hellblauen Rock von grobem Tuch, dessen Kragen ihm über die Hälfte des Hinterkopfs bis unter den ungewöhnlich hohen schwarzen schmalberandeten Hut reichte und dem langen strohgelben Haar des Eigenthümers nur neben dessen stark gerötheten rauhen Backen einen Ausweg an die Luft gestattete. Die Frau, eine schwere knochige Gestalt mit sonnverbranntem Gesicht, hatte ein buntes baumwollenes Tuch über den Kopf gebunden und zog bald an der einen, bald an der andern Seite ihrer vielen dicken Röcke, wie Jemand, dem in seinem Anzug zu warm wird. Sie waren eingewanderte deutsche Bauersleute, die erst vor Kurzem in New-York die amerikanische Erde betreten hatten und sich jetzt auf der Reise zu ihren Freunden in das Innere des Landes befanden. Mit ihren vier Kindern, von denen das älteste, ein Mädchen, etwa vierzehn, das jüngste fünf Jahre alt sein mochte, standen sie, bei einem Haufen Gepäck, aus dem hier ein Spinnrad, dort eine alte verwitterte Bettstelle, ein zerbrochener Spiegel, eine Holzsäge und verschiedenes gebrauchtes Handwerkszeug zwischen Kisten, Kasten und Packen mit Bettzeug hervorsah, und blickten bald nach dem Gewühl auf dem Werfte, bald nach dem vordern Theile des Verdecks, wo die Arbeiter des Schiffes beschäftigt waren, noch einen zweiten Steg auf das Werft hinunter zu lassen. Sobald die starken Eichenbohlen aber das Land erreicht hatten und nebeneinander einen festen Uebergang bildeten, sprangen mehrere der Ar- 5 10 15 20 25 30 35 631ViERtER BaNd • sEchsuNddREissigstEs KapitEl beiter, wie in Folge eines Versprechens, zu der fremden Familie hin, legten rasch Hand an deren Gepäck und hatten es nach wenigen Minuten von dem Schiffe auf das Werft befördert, wofür sie von dem Manne mit dem blauen Rock ein Stück Geld erhielten. Kaum hatte dieser sich auf einem der Kasten niedergelassen, als aus dem Gedränge, welches ihn und seine Familie umwogte, mehrere Männer hervorsprangen, ihnen in gebrochenem Deutsch und mit Zeichen zu verstehen gaben, daß es die höchste Zeit zur Abreise sei, ihnen sagten, es würde Alles richtig besorgt werden, und rasch Hand an das Gepäck legten. Der Strom der Menge drängte sich zwischen die erstaunten Deutschen, die mit offenem Munde da standen und nicht begriffen, wie man bereits von ihrer beabsichtigten Weiterreise unterrichtet sein könnte, der Mann folgte dieser, die Frau der andern Kiste, die Kinder rannten dem verschiedenen Gepäck durch das Gewühl nach und Alle hatten sich bald aus den Augen verloren. Beide Eltern kehrten schweißtriefend, nachdem sie die Kasten richtig hatten auf verschiedene Güterwagen aufladen sehen, zu dem Rest ihres Gepäcks zurück, worauf ihre Aufmerksamkeit durch die wohlbekannte gellende Stimme ihrer ältesten Tochter angezogen wurde, die sich mit dem Oberkörper aus einem, in Galopp davonjagenden Omnibus heraushing und durch ihr Schreien dem Kutscher zu verstehen geben wollte, daß hier ein Mißverständniß obwalte, während zugleich ein ähnliches Zetergeschrei von dem Fluß her ertönte und die beiden Deutschen ihren ältesten Sohn auf dem Verdeck eines kleinen Dampfschiffes erblickten, welches das Werft verließ, um Güter und Passagiere weiter den Fluß hinauf zu befördern. Umsonst ließ der Bauer jetzt mit aller Gewalt seiner kolossalen Lunge ein donnerndes »Halt« erschallen, der Wagen mit seiner Tochter und einem Ballen Bettzeug, welcher oben auf dem Verdeck hin und her schaukelte, verschwand in der nächsten Straße und der Dampfer mit dem Sohne des deutschen Landmanns und einer seiner großen Kisten fuhr auf dem Flusse davon. Die Menge auf dem Werfte zerstreute sich und bald gewahrten die entsetzten Eltern ihre beiden jüngsten Kinder, welche in kurzer Entfernung von ihnen beieinanderstanden und heftig weinten und 632 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 schluchzten. Die Mutter eilte fliegenden Schrittes zu ihnen hin und führte sie zurück zu der Bettstelle und dem verschiedenen alten Plunder, dem Ueberrest ihrer Habe, der des Stehlens nicht werth war. Hier begannen nun alle vier zu jammern und zu weinen, es sammelten sich viele Leute um sie, die die Ursache ihrer Noth sich vergebens bemühten zu enträthseln, bis endlich auch ein Deutscher hinzutrat und ihnen Trost und Hoffnung dadurch einsprach, daß er ihnen wenigstens ihre Kinder, vielleicht aber auch einen Theil ihres Gepäcks wiederschaffen wolle. Der Präsident hatte mit seinen Lieben während dieser Zeit in den prächtigen Räumen des ersten Gasthofs auf der Höhe des Berges ein Unterkommen gefunden, sie wurden mit einem Abendessen bewirthet, wie es nicht besser in New-York zu haben sein konnte und dann setzten sie sich hinaus auf den luftigen Balkon vor ihren Zimmern, welcher die Aussicht auf den Fluß und weithin in die Gebirge bot. Der Abendwind zog frisch und labend über den Balkon, der noch nicht volle Mond zeigte die weite Gebirgslandschaft in unbestimmten verschwimmenden düstern Massen, aus denen nur die höchsten Bergkuppen und hier und dort der Spiegel des Stromes zu erkennen war, und das dumpfe monotone Rauschen der Wogen stand mit dem nächtlichen Bilde in trautem Einklang. Glücklich und zufrieden verbrachten unsere Reisenden die späten Abendstunden in traulicher Unterhaltung auf diesem, von dem Gewühl der Welt abgesonderten luftigen Ruhesitz, besprachen nochmals die vielen Herrlichkeiten, deren sie sich während des Tages erfreut hatten und gedachten auch in ihrer Unterredung der theuern Eltern Franks, sowie des treuen Tallihadjo’s und seines unglücklichen Volkes. Vor sechs Uhr am folgenden Morgen waren sie schon wieder reisefertig, denn Albany war nicht das Ziel ihres Ausflugs, dem Niagarafall waren sie Willens einen Besuch abzustatten. Der Riesenbau des Eriecanals, der den Staat von New-York in seiner westlichen Ausdehnung durchzieht und bis zum Eriesee, in welchen er ausmündet, dreihundert und sechzig Meilen mißt, war noch nicht beendet und die Fahrt auf demselben, wenngleich reizend und durch die prächtigsten Naturschönheiten verherrlicht, 5 10 15 20 25 30 35 633ViERtER BaNd • sEchsuNddREissigstEs KapitEl ging für unsere Reisenden zu langsam von Statten, weshalb sie sich entschlossen hatten, ihren Weg mit der Post fortzusetzen. Mit dem Glockenschlag sechs Uhr fuhr die, mit vier edeln Rossen bespannte elegante Postkutsche vor das Gasthaus, Forney und Arnolds stiegen ein, Eleanor nahm ihr Kind auf den Schooß, die Dienerin setzte sich zu dem Kutscher auf den Bock und in sausendem Galopp ging es aus Albany hinaus. In keinem Lande werden die Posten wohl so rasch gefahren, als in Amerika und nirgends sind sie mit so ausgezeichnet schönen und guten Pferden bespannt, als dort. Wo es nur einigermaßen die Oertlichkeit erlaubte, fuhren unsere Reisenden während des ganzen Tages in gestrecktem Trab, oder in Galopp von Station zu Station und erreichten am Abend die schöne reiche Stadt Utika. Hier verbrachten sie den folgenden Tag, nahmen die Stadt in Augenschein und ruheten sich von den Anstrengungen der Reise aus. Am nächsten Morgen aber schon bestiegen sie einen Miethwagen, der sie nach dem dreizehn Meilen nördlich von Utica gelegenen Städtchen Trenton führte, von wo sie beabsichtigten, die wild romantischen Trenton-Wasserfälle zu besuchen. Einige Stunden Ruhe hatte die Pferde wieder gekräftigt und die Weiterfahrt wurde in frohster Stimmung angetreten. Die Berge thaten hier zwar der bisherigen Eile großen Abbruch, so daß Eleanor oft vorzog, zu Fuß zu gehen, in welchen Wunsch ihre beiden Begleiter sehr gern einwilligten und bei welchen Wanderungen dann oftmals Halt gemacht wurde, um einem schönen Blick durch die wilden Felsenpartien einige Minuten zu spenden, oder eine schöne Baumgruppe oder eine Blume des Waldes zu betrachten. Der Abend war bereits eingebrochen, als sie das bescheidene, einsamgelegene Gasthaus in der Nähe der Wasserfälle erreichten, dessen Gäste in der Regel nur durch deren Schönheit hierhergelockt werden. Ein einfaches doch gutes Abendbrod wurde aufgetischt und nach eingenommenem Mahl begaben sich unsere Wanderer hinaus in das Freie, um die Frische des Abends zu genießen. Der Mond verkündete schon durch ein glänzend helles Licht am klaren Himmel sein baldiges Erscheinen und die Dunkelheit gestattete immer noch, auch selbst im Walde einen Pfad zu erken- 634 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 nen, da schlug der Präsident vor, sofort zu dem nicht fernen Wasserfall zu gehen und dort das Aufsteigen des Mondes zu erwarten. Frank und Eleanor stimmten freudig in den Vorschlag ein, ein Führer war sogleich zur Stelle und die Wanderung wurde angetreten. Der Weg führte sie auf schmalem Steig durch den hohen Wald, in welchem das Vorwärtsschreiten mit der rasch zunehmenden Dunkelheit immer schwieriger wurde; doch Frank folgte dem Führer und lieh Eleanor, wo es nöthig war, die Hand, während der Präsident mit seinem Stock den Pfad vor sich untersuchte. In dem Augenblick, als sie aus dem Walde traten und die tiefe Felsschlucht erreichten, in welcher der Bergstrom brausend hinjagte, zeigte sich das erste rothglühende Pünktchen des heraufziehenden Mondes, dessen feurige Scheibe nun bald über dem fernen Gebirgsrande erschien und dessen Licht von Minute zu Minute heller zwischen die zu beiden Seiten der nächtlichen Gäste aufgethürmten Felswände eindrang. Der Führer machte Halt an einer leiterartigen hölzernen Stiege, die tief hinunter in die noch finstere Schlucht zu dem Flusse führte, und bezeichnete dieselbe als den Weg zu dem großen Wasserfall. Der Präsident äußerte einiges Bedenken, auf derselben hinabzusteigen, doch Eleanor war sogleich entschlossen, es zu unternehmen, Frank mußte vor ihr hergehen und ihr Vater folgte ihr dann nach. Mit jedem Schritt hinab wurde es dunkeler, und als sie endlich das schmale, steinige Ufer des Stromes erreichten, waren sie von tiefer Finsterniß umgeben. Der Führer bezeichnete aber eine eiserne Kette, die längs der Felswand als Handhabe angebracht war, an welcher die Wanderer sich nun vorsichtig hinleiteten und den Biegungen der Schlucht folgten. Das Rauschen des Stromes wurde jetzt durch ein donnerähnliches Getöse übertönt, welches mit jedem Tritt, den der Führer und seine Schutzbefohlenen vorwärts thaten, lauter und heftiger zu ihnen hindrang, bis sie plötzlich nach einer kurzen Biegung ihres Pfades aus der Schlucht hervortraten und über dem Abgrund standen, in den die Wogen donnernd hinabstürmten. Auf einem vom Mondlicht beschienenen Seitenweg leitete der Führer die Gäste zwischen Felsen und Baumgruppen in die Tiefe hinab und führte sie zu dem Fuße dieses ersten Falles, von wo in kurzer 5 10 15 20 25 30 35 635ViERtER BaNd • sEchsuNddREissigstEs KapitEl Entfernung die tobende Fluth abermals in einen Abgrund hinabschäumte. Jetzt richteten sie ihre erstaunten Blicke auf die, von einer Höhe von sechzig Fuß herabstürzenden, ungeheueren Wassermassen, die sich in unzähligen einzelnen Cascaden brachen, auf vorspringenden Felsstücken auseinander sprühten und, in Schaum verwandelt, das neue Flußbett erreichten. Hell und klar lag das Mondlicht auf dem fallenden Strome, wie silberne Fluthen sanken die Wassermassen auf die schwarzen Klippen und sprühten von ihnen wie Brillantenschauer in die Tiefe hinab. Zum Himmel aufsteigende, dunkele Felswände umgaben das glänzende Bild, während ihm gegenüber nach dem Monde zu die Schlucht sich öffnete und der Blick weithin über das tiefe Gebirgsthal schweifte, in welches der tobende Fluß in unzähligen Cascaden hinabeilte. Staunend und bewundernd standen Arnolds und Forney lange Zeit, ehe sie Worte finden konnten, ihre Gefühle auszusprechen, und dann lenkten sie gegenseitig ihre Blicke von einem reizenden Punkt zum andern, ohne entscheiden zu können, welchem der Preis gebühre. Der Präsident war der Erste, der an die Zeit mahnte und aufforderte, den Rückweg anzutreten, der jetzt bei dem hellen Mondschein viel weniger Hindernisse bot. Begeistert und entzückt langten Alle wohlbehalten wieder in dem Gasthaus an und sanken dort bald darauf mit Sehnsucht nach dem Morgen in süßen Schlaf. Die Trenton-Wasserfälle werden durch den West-Canadafluß erzeugt, der in seinem dreihundert Meilen langen Laufe durch Gebirge und Wälder eine ununterbrochene Kette der reizendsten großen und kleinen Cascaden beschreibt, die an malerischer wilder Schönheit wohl nicht ihres Gleichen finden. Den ganzen folgenden Tag blieb Forney mit seinen Kindern von dem Gasthaus fern, denn sie hatten außer dem Führer noch einen Negerbuben mit sich genommen, der Lebensmittel für sie tragen mußte. Auf Meilen weit suchten sie die schönsten Plätze auf, ruhten und kühlten sich in der Nähe der schäumenden Gewässer im Schatten dichter Baumgruppen oder überhängender Felsstücke, 636 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 und weideten ihre Blicke an den unzähligen schönen Natur-Bildern, die ihnen allenthalben entgegentraten. Auf dem Heimweg, während das Düster des Abends schon über der Erde bebte, führte sie ihr Weg durch wild umherliegendes Gestein und einzelne Eichengruppen, als plötzlich hinter einem nicht fernen Felsblock die dunkele halbnackte Gestalt eines Indianers hervortrat und derselbe mit seiner langen Büchse, die auf seiner linken Schulter ruhte und über deren Kolben er seinen braunen Arm geschlungen hielt, ruhigen, gemessenen Ganges auf sie zuschritt. Beinahe einstimmig riefen alle Drei: »ein Indianer!« und Frank trat, wie zum Schutz, vor Eleanor und ihren Vater, der Wilde aber würdigte sie nicht eines Blickes, sondern ging kaum hörbaren Trittes schweigend und mit melancholischem Ernst auf seinen Zügen an ihnen vorüber und verschwand bald zwischen dem Gestein hinter ihnen. Der Führer theilte ihnen mit, daß dieser Mann der letzte Häuptling des noch vor nicht vielen Jahren so mächtigen Volkes der Oneidas sei, einer der fünf Stämme der Iroquois, welche die Mohawks aus diesem Lande verdrängt hatten. Er lebte jetzt in den Gebirgen in einer einsamen Hütte und kam weder mit den Weißen, noch aber mit den noch wenigen Leuten seines Stammes in Berührung, die oft von den Passagieren der Canalboote gesehen wurden, wenn sie auf dem Ufer nebenher liefen und um einen Almosen baten. Ihr stolzer, armer Fürst aber betrachtete sich immer noch als den König und rechtmäßigen Eigenthümer dieses Landes, wenn er auch keine Macht mehr hatte und es kein Gericht gab, vor dem er sein Recht hätte geltend machen können. »Armer Tallihadjo! Dort geht das Bild Deiner Zukunft«, sagte Eleanor mit wehmüthiger Stimme, indem sie mit der Hand nach der dunkeln Stelle hinzeigte, wo der Indianerhäuptling zwischen dem Geklüfte vor ihrem traurigen Blick verschwunden war. Wenige Tage später standen unsere Reisenden bei Rochester vor dem Sturze des Genesseeflusses, wo derselbe sich in der Breite von einer halben Meile zuerst siebenundneunzig Fuß und dann wenige Ruthen weiter hundert und sechs Fuß herabstürzt und die tiefe Felsschlucht, die seine tobenden Wasser aufnimmt, mit einem Schaummeer ausfüllt. Hart über dem Sturzrande hoben sich die 5 10 15 20 25 30 35 637ViERtER BaNd • sEchsuNddREissigstEs KapitEl prächtigen Fabrikgebäude der Stadt Rochester mit ihren unzähligen Räderwerken empor und das Pochen und Tosen der Eisenhämmer, der Nagelmaschinen, der Mühlen und Baumwollenkratzen mischte sich mit dem Donnerdröhnen der herabschäumenden Fluthen, von denen die Kraft eines jeden Tropfens benutzt war, die Eigenthümer jener Werke zu bereichern. Dabei spielte das Sonnenlicht blitzend und schillernd über die weißen Schaumsäulen und funkelte auf dem fliegenden Wasserstaub. Alle die prächtigen Naturschönheiten aber, die der Präsident mit seinen Lieben bis jetzt gesehen hatte, waren nur ein kleines unbedeutendes Vorspiel zu einem der größten Wunderwerke der Schöpfung, dem Niagarafall, zu dem sie von hier aus ihren Weg richteten. Nach einem heißen Tage, ermüdet von langer Fahrt, naheten sie sich gegen Abend dem ersehnten Ziele ihrer Reise und vernahmen mit Freude die Mittheilung des Kutschers, daß die bewaldeten Höhen in der Nähe des Niagarafalls aus der Ferne auftauchten. Die beiden jungen Eheleute sowohl, wie auch der Präsident, legten sich wiederholt aus dem Wagen hervor und blickten mit Verlangen nach den bezeichneten wolkenartigen, blauen Massen, die sich an dem Horizont erhoben und hinter welchen der Abendhimmel mit einem glühenden Roth gefärbt war. Noch lange sechs Meilen lagen zwischen den ungeduldigen Reisenden und dem Gasthaus an den Ufern des Niagara’s, welches sie noch heute erreichen wollten, und die Pferde bedurften mehr und mehr der Aufmunterung, um im Trabe zu bleiben. Da drang ein anhaltender Ton, wie das Rollen fernen Donners, zu ihren Ohren und der Kutscher bezeichnete denselben als das Rauschen des Wasserfalles. Mit jeder Meile, die sie zurücklegten, nahm das Brausen zu, bis es endlich wie ein ununterbrochener Donner die Luft erfüllte und der Wagen dem blinkenden Lichte des Gasthauses zurollte, denn die Nacht war eingebrochen und ließ nur die Außenlinien der schwarzen Waldpartien erkennen, die sich in der Nähe des hölzernen Hotels erhoben. Alle Müdigkeit war von den Reisenden gewichen, Frank sprang aus dem Wagen und nahm seiner Frau das Kind ab, Eleanor hüpfte leichten Fußes zu ihm hinab und auch der Präsident stieg eiliger, 638 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 als sonst, aus dem Schlage. Nur die Pferde ließen die Köpfe hängen, denn sie hatten heute dreißig Meilen in großer Sonnenhitze zurückgelegt. Jetzt war es im Gasthaus bemerkt, daß Fremde angekommen waren, es kamen Diener mit Lichtern aus demselben hervor, das Gepäck ward hineingetragen und den Gästen wurden Zimmer angewiesen. Der Präsident hatte sich im Sopha niedergelassen, Eleanor jedoch legte sich in das offene Fenster und lauschte dem erschütternden Donner des Wasserfalls, der die Fensterbank, auf der ihre Arme ruhten, in einem fortwährenden Zittern und Beben erhielt. »Nicht wahr, Frank, wenn der Mond aufgestiegen ist, gehen wir zu dem Falle?« sagte Eleanor bittend zu ihrem Gatten, der neben ihrem Vater auf einem Stuhl Platz genommen hatte. »Wenn Du es wünschest, sehr gern, beste Eleanor, fühlst Du Dich denn nicht von der Reise angegriffen?« erwiederte Frank auf ’s Liebevollste. »Auch nicht im Mindesten; ich könnte die ganze Nacht hindurch gehen, ohne müde zu werden«, sagte Eleanor mit Lebhaftigkeit. »Mir möget Ihr es jedoch nicht übel nehmen, wenn ich Euch diesmal nicht begleite, denn ich gestehe es offen, ich bin ermüdet von der Fahrt. In Gedanken werde ich bei Euch sein und das prächtige Schauspiel mit Euch bewundern, das mich schon zu verschiedenen Malen in meinem Leben so hoch entzückt hat«, fiel der Präsident ein, und wenige Minuten nachher ertönte die Glocke, die zum Abendessen rief, durch das Haus. Die Tafel war von einigen zwanzig Fremden besetzt, welche sich während des Essens gleichfalls verabredeten, den Fall zu besuchen, sobald der Mond aufgegangen sein würde, und Eleanor wandte sich an eine ihr gegenübersitzende Dame und bat um die Erlaubniß, sich mit ihrem Gatten ihrer Gesellschaft anschließen zu dürfen. Mit großer Artigkeit wurde ihr Vorschlag angenommen und die ganze Tischgesellschaft, außer Forney, kam überein, sich beim Erscheinen des Mondes unter der Veranda vor dem Hause zu versammeln. In das Wohnzimmer zurückgekehrt, nahm Eleanor ihren Platz wieder im Fenster ein und hielt ihren Blick auf den Lichtstreif am 5 10 15 20 25 30 35 639ViERtER BaNd • sEchsuNddREissigstEs KapitEl östlichen dunkeln Himmel geheftet, bis die glühende Kugel des vollen Mondes über dem schwarzen Horizont heraufzog und einen matten Schein über die Erde warf. Dann griff sie schnell nach Hut und Shawl, Frank bewaffnete sich mit einem starken Stock, sie nahmen Beide einen zärtlichen Abschied von dem Präsidenten, der ihnen Vorsicht während des Hinabsteigens zu dem Flusse empfahl, und eilten hinunter unter die Veranda, wo sich die übrigen Fremden sämmtlich auch bald einfanden. Zwei und zwei setzte der Zug sich nun in Bewegung und folgte bei dem noch düstern Licht dem Pfad nach der Felswand, die sich über zweihundert Fuß tief zu dem gewaltigen Flusse senkrecht hinabsenkt. Dort gelangten sie zu einem runden Bretterhäuschen, dem Eingang zu der Wendeltreppe, die an dem steilen Abhang hinunterführte, ohne daß sie einen Blick nach den Wasserfällen frei bekommen hätten, denn der dichte Wald zog sich bis zu der Felswand hin. Vorsichtig und langsam betraten die Wanderer die rundum verschlossene Treppe, auf welche nur von Zeit zu Zeit durch ein kleines Loch in der Bretterwand ein matter Lichtschein fiel. Der Dunkelheit ungeachtet langte endlich die ganze Gesellschaft wohlbehalten an dem Fuß der Treppe in einem Häuschen an, in dem dieselbe ausmündete und aus welchem die Thür in das Freie an das Ufer des Flusses führte. Eleanor und Frank waren die Letzten, die aus der Dunkelheit des Bretterverschlags hinaustraten. Welch ein riesenhaftes Bild stand in diesem Augenblick vor ihnen! Ein wogend stürmisches Meer tobte der beinahe meilenbreite Strom zu ihren Füßen vorüber und warf den Gischt seiner dunkeln Wellen haushoch empor. Ueber den Schaumwolken, aus denen er in kurzer Entfernung hervorbrach, stand eine Fluthenwand zweihundert Fuß hoch in der Form eines Hufeisens und links, nur wenige Ruthen oberhalb der Wendeltreppe, stürzte sich von der Höhe des Felsabhangs ein Arm des Niagara’s fünfhundert Schritte breit in sein neues Bett, um sich wieder mit den Wogen zu vereinigen, von denen er an dem Sturze durch eine Insel getrennt wurde. Das Mondlicht traf bis jetzt nur die westliche Hälfte des in einem Halbzirkel ausgeschweif- 640 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ten großen oder »Hufeisenfalles«, dessen herabstürzende Wasserschichten wie Atlasmassen perlenweiß und silbergrau erglänzten, während sie hier und dort auf, dem Auge verborgenen, vorstehenden Felsen zerstoben und als einzelne Cascaden von Diamanten in das rollende Schaummeer hinabsprühten. Eine Wolkensäule von Wasserstaub stieg aus der ausgeschweiften Mitte des Falles auf, wirbelte sich gegen den sternbedeckten Himmel empor und spiegelte auf ihren glänzend durchsichtigen, luftigen Massen das Licht des Mondes in drei prächtig farbigen Regenbogen. Der Arm des Stromes, der ganz in der Nähe der Zuschauer neben der Wendeltreppe von der zweihundert Fuß hohen Felswand herabstürmte, lag noch, sowie die östliche Hälfte des großen Falles, in tiefem Schatten, seine dunkelgrünen, mit weißem Schaum durchstrahlten Fluthen schossen wie ein stürzendes Meer in das Strombett hinab und begruben in ihrem fliegenden Gischt die wild aufschlagenden Wellen, die von dem großen Fall zu diesem Ufer heranrollten. Ein dröhnend erschütternder, ununterbrochener Donner erfüllte die Luft und verschlang jeden andern Ton, ja selbst den Krach eines abgefeuerten Geschützes würde hier unten kein menschliches Ohr vernommen haben. Dabei wirbelte ein Sturmwind über die Wogen und trieb den Sprühregen bald nach diesem, bald nach dem jenseitigen Ufer hin. Eleanor, von der Gewalt des Schauspiels überwältigt und von der Größe der Allmacht, die sich in diesem Riesenwerk der Schöpfung kund that, durchbebt, hatte den Arm ihres Gatten ergriffen und schmiegte sich verzagt an seine Seite. »Es ist furchtbar schön, Frank«, sagte sie mit aller Kraft ihrer Stimme, indem sie ihre Lippen dicht an sein Ohr hielt, und er preßte das geliebte Weib im Uebermaß seines Entzückens an sein Herz. Höher und höher stieg der Mond und heller und größer wurde das glänzende Wunderbild, bis das Licht sich über beide Fälle verbreitet hatte und die zweihundert Fuß hohen Wasserwände den ungeheuern Kessel mit den drei Regenbogen wie fallende Schichten von Silber, Perlen und Edelsteinen umgaben. Die Kälte ihrer, vom fliegenden Wasserstaub durchnäßten Kleidungsstücke mahnte endlich die Bewunderer dieses nächtlichen 5 10 15 20 25 30 35 641ViERtER BaNd • sEchsuNddREissigstEs KapitEl Schauspiels an den Heimweg, und mit wiederholten Abschiedsblikken auf das Zauberbild kehrten sie zu der Wendeltreppe zurück. Der Präsident hatte sich noch nicht zur Ruhe begeben, er mußte erst das Entzücken seiner Kinder sehen und mit freudestrahlendem Blick ging er ihnen entgegen, als sie das Zimmer betraten. Eleanor war ganz außer sich, sie konnte ihren Gefühlen keine Worte geben, küßte in ihrer Freude bald ihren Vater, bald ihren Gatten und weigerte sich, zu sagen, was von dem Gesehenen sie am tiefsten ergriffen habe, indem sie erklärte, daß Alles weit über jeder Beschreibung durch die menschliche Sprache erhaben stände. Mit dem Brausen und Dröhnen des Falles umfing sie bald darauf ein süßer Schlaf und die herabsinkenden silbernen Gewässer mit ihren Brillanten umgaukelten ihre Träume. Kaum blitzte am andern Morgen das erste goldene Licht der Sonne auf der reichen Perlensaat, die der schwere Thau auf Pflanze und Blüthe gelegt hatte, und es hoben sich die Geyer in weiten Kreisen zu dem blauen Aether auf, um ihr Gefieder in dem Morgenlicht zu trocknen, als Eleanor schon mit ihrem Kind auf dem Arm und von ihrer Dienerin begleitet in der nahen Umgebung des Gasthauses umherwandelte und in ihrer Fantasie Bild auf Bild schuf, wie das Wunderwerk, welches sie bei dem trügerischen Lichte des Mondes geschaut, ihr nun bei hellem Tage erscheinen würde. Als sie ihre Schritte zu dem Hotel zurücklenkte, kam ihr Vater frisch und heiter mit Frank ihr entgegen und der Präsident gab ihr mit den Worten den Morgenkuß: »Wie freue ich mich, meine Eleanor, Dich nach der kurzen Ruhe so rege und wohl zu sehen. Auch ich fühle mich recht gekräftigt und werde Euch heute nicht abtrünnig werden. Ich freue mich unendlich darauf, mit Euch einen Genuß zu erneuern, der mir einst an der Seite Deiner guten Mutter hier zu Theil ward.« Bei dem Frühstück wurde die flüchtige Bekanntschaft von vergangener Nacht mit den andern Gästen des Hauses erneuert und die Art und Weise besprochen, wie man heute die Zeit zum Besuche der schönsten Plätze an den Fällen benutzen wolle. Da aber die andern Fremden schon einige Tage hier gelebt hatten, so nahmen ihre Pläne für den heutigen Tag andere Richtungen, als die des Prä- 642 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 sidenten, und so kam es, daß er seine Wanderung mit seinen Lieben und einem Führer allein antrat. Zunächst beschloß er, die große, dicht bewaldete Insel zwischen den beiden Fällen zu besuchen, zu welchem Ende er mit den Seinen sich nach der langen, auf hölzernen Säulen errichteten Brücke begab, die über den Arm des Niagara führte. Dieselbe stand nur einige tausend Schritte oberhalb dem Sturze dieses Stromes, dessen Wogen hier mit rasender Schnelligkeit über ungeheuere Felsstücke hintobten und ihren Schaum hoch über sich spritzten. Die Brücke war bald überschritten, die Insel erreicht und nun leitete der Führer unsere Reisenden auf schmalem, sich windendem Wege durch den üppigen Urwald, bis sie plötzlich aus seinen tiefen Schatten hervortraten und unmittelbar an dem rechten Ende des großen »Hufeisenfalls« standen, wo derselbe sich in einer Wasserdicke von vierzig Fuß und in der Breite von beinahe einer Meile in den Abgrund hinunterstürzt. Unzählige riesenhafte Felsblöcke hoben sich hier aus der schäumenden Fluth empor, die sich zornig an ihnen bricht und um so wilder dem Sturze zujagt. Doch in einiger Entfernung von dem Abhange, wie sich zu dem Sturze vorbereitend, beruhigt sich das gewaltige Element, schießt mit geglätteter Oberfläche weit über die schwindelnde Tiefe hinaus und sinkt donnernd und krachend in das aufsteigende Gischtgewölk hinab. Gegen dreitausend Fuß weit zieht der Blick über die wilden Wogen, bis er das jenseitige steile hohe Ufer erreicht, und auf dem Strome hinauf kann das Auge in der Ferne die Grenzen seiner, zu einem Meere ausgedehnten Fläche kaum noch erkennen. Es sind auch nicht die Fluthen eines Stromes, die sich hier in den Abgrund stürzen, es ist der Eriesee selbst, dessen Wogen, durch hohe Ufer gewaltsam zusammengedrängt, hier den zweihundert Fuß hohen Abhang erreichen und brausend über ihn hinjagen, als wälze sich der Ocean von ihm hinab. Demüthigend und überwältigend ergreift der Anblick dieses furchtbar großartigen Naturbildes den Menschen und ruft ihm seine Unbedeutendheit in Vergleich zu dessen Schöpfer in sein hochstrebendes, anmaßendes Herz zurück. Der Präsident lenkte die Blicke seiner Kinder nach der rechten Seite auf dem Strom hinab, wo an dem Ende der Insel, auf der sie 5 10 15 20 25 30 35 643ViERtER BaNd • sEchsuNddREissigstEs KapitEl standen, der Arm des Flusses, den sie auf der Brücke überschritten hatten, von der Felswand schäumt und sich mit den Wogen des großen Falles in dem neuen Flußbett wieder vereinigt. Weithin an diesem Falle vorüber folgten Forney und Arnolds mit den Augen dem pfeilschnellen Laufe des Stromes, bis er in den üppig bewaldeten Bergen, die sich an seinen beiden Seiten erheben, verschwand. Da erblickte Eleanor in der Ferne auf den tobenden Wellen einen kleinen schwarzen Punkt, den der Führer als das Boot bezeichnete, in welchem die Reisenden sich nach dem jenseitigen Ufer übersetzen lassen. Mit Vorsicht naheten sich unsere drei Freunde auch dem äußersten Rande der Insel. Hier konnte man von einer senkrechten Felswand herab das Ufer zwischen den beiden Wasserfällen erblicken, auf dem sich jedoch nur einzelne kolossale Felsstücke und die Spitzen von wenigen Fichten erkennen ließen, die aus dem wogenden Wasserstaub hervorsahen. Wohl über eine Stunde hatten sie in höchster Bewunderung ihre Blicke von Fall zu Fall, von Cascade zu Cascade, von Welle zu Welle wandern lassen, ehe sie den Rückweg antraten, um sich nun nach der andern Seite des Niagara übersetzen zu lassen. In dem Gasthaus angekommen, verfügten sie, daß ihre Effecten ihnen im Laufe des Tages über den Strom nachgesandt würden, und stiegen dann in der Wendeltreppe zu dem Ufer desselben hinab, wo sie in kurzer Entfernung einen kleinen Nachen, von einem alten sonnverbrannten Manne gerudert, landen sahen. Mit einigem Bedenken naheten sie sich dem Schiffchen, denn es kam ihnen wie ein frevelhaftes Wagniß vor, sich in einem so leichten Fahrzeug den wilden Wogen anzuvertrauen, die zwischen diesem und dem jenseitigen Ufer vorüberjagten; der alte Fährmann aber erkannte ihre Besorgniß und theilte ihnen lächelnd mit, wie er nun schon seit vielen Jahren täglich diese Fahrt vollbracht habe, ohne daß ihm jemals ein Unfall zugestoßen sei. Der Präsident nahm zuerst Platz in dem Nachen, ihm folgte Eleanor, und Frank, der der Sclavin sein Kind abgenommen hatte, ließ sich zuletzt nieder. Mit wenigen Ruderschlägen führte der alte Charon das Boot in die Wogen hinaus, zwischen denen es hinabsank, als wollten sie sich über ihm schließen, und auf deren Spitzen es dann emporschoß, als würde es von einer unsichtbaren 644 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 gewaltigen Hand über dieselben emporgehoben. Trotz des Aufund Niedersteigens hielten die Reisenden während der Ueberfahrt ihre Blicke auf die beiden Fälle gerichtet, die den Strom bildeten und deren betäubendes Brausen mit ihrem fliegenden Schaum das Boot umgab. Glücklich und wohlbehalten landeten sie auf canadischem Boden, denn der Niagara trennt hier Canada von den Vereinigten Staaten; der Präsident überraschte den alten Fährmann mit einem goldenen Fünfdollarstück als Belohnung für seine Mühe und erstieg dann mit seinen Gefährten auf einer ähnlichen Wendeltreppe, wie die am jenseitigen Ufer, die zweihundert Fuß hohe, schroffe Felswand. Ein schmaler Strich Waldes nahm sie nun in seinen Schatten auf und schützte sie gegen die Sonnengluth beim Erklimmen des Berges, auf dessen kahler Höhe das große zweistöckige, hölzerne Hotel des Herrn Forsight stand. Hier fanden sie alle Bequemlichkeit und Annehmlichkeit, die sie nach ihrer anstrengenden Wanderung wünschen konnten, und ein köstliches Mittagsessen, so wie alter reiner Madeira und Portwein machten sie in wenigen Stunden wieder zu der neuen Unternehmung tüchtig, die sie auf den Nachmittag festgesetzt hatten. Es war nämlich unter ihnen beschlossen worden, einen Gang unter den Sturz des großen Falles zu machen, wo zwischen den herabströmenden Wasserschichten und der Felswand, über die sie stürzen, ein leerer Raum bleibt. Auch der Präsident, der es bei seinen früheren Besuchen nicht hatte wagen wollen, diesen, von der Welt abgeschlossenen Raum zu betreten, erklärte, daß er Frank und Eleanor begleiten würde, und nach Tisch brachen sie auf, um ihr Vorhaben auszuführen. In der Wendeltreppe stiegen sie wieder an der schroffen grauen Felswand hinab zu der kaum dreißig Schritt breiten Uferbank, die bis zu dem großen Fall hin mit mächtigen Felsstücken bedeckt war, zwischen denen nur ein schmaler Pfad nach dem Wassersturze hinführte. Nahe an dem Fuße der Wendeltreppe, hart an die hohe Steinwand gelehnt, stand ein kleines hölzernes Gebäude in Form einer Eremitage, in welchem ein alter Irländer sich während des Tages 5 10 15 20 25 30 35 645ViERtER BaNd • sEchsuNddREissigstEs KapitEl aufhielt und die Fremden, die sich unter den Fall begeben wollten, mit Mänteln, Kleidern und Kapuzen von Oelleinwand versorgte, um sie gegen den ewigen Regen, der in jenem unterirdischen Gemach fiel, zu schützen. Zugleich hielt er in dem kleinen Hause ein Fremdenbuch, welches auf einem Pulte unter einem hohen Crucifix für jeden Gast zum Einschreiben seines Namens offen lag, und Denen, die wirklich den Gang unter den Sturz ausgeführt hatten, ertheilte er eine mit seinem Siegel versehene Bescheinigung hierüber. Er empfing den Präsidenten und Arnolds mit großer Höflichkeit und erbat sich für sein Fremdenbuch deren Einzeichnung. Dieser Bitte wurde gern Folge geleistet, und sobald Forney ihm mittheilte, daß er und seine Gesellschaft wünschten, unter den Fall zu gehen, holte er aus einem Schranke eine Menge Anzüge hervor und war seinen Gästen behülflich, für sie passende daraus zu wählen. Die Umwandlung war bald vollendet und zwar zu der größten Erheiterung Eleanors, die in lautes Lachen ausbrach, als sie Frank und ihren Vater in den gelbbraunen, langen, bis auf die Füße reichenden Ueberzügen und mit der Kapuze auf dem Kopfe erblickte; noch mehr aber lachte sie dann über sich selbst, als Jene sie vor den Spiegel führten und ihr darin ihr eigenes Bild zeigten. Sie traten hinaus, wo der Führer ihrer harrte, und begrüßten nochmals den alten Irländer, der ihnen durch Zeichen auf ’s Freundlichste eine glückliche Rückkehr wünschte. Sie folgten nun taub und stumm dem Führer bis auf kurze Entfernung von dem Cataract und blieben, von der Gewalt des furchtbar herrlichen Schauspiels gefesselt, stehen. Ein Blick hinauf gegen den blauen Himmel über sich zeigte ihnen, daß sie unter dem Tafelfelsen standen, einer kolossalen, schwarzen Steinplatte, die auf der Höhe der nach vorn überhängenden Felswand gegen vierzig Fuß hervorsprang und jeden Augenblick drohte, in die Tiefe herabzustürzen. Dicht neben diesem ungeheuern Stein brauste der Strom hervor, schoß in weitem Bogen in den Abgrund hinein, der noch tief unter dem Standpunkt unserer Reisenden gähnte, während aus dessen Mitte sich der Schaum in weißen Wolken zum Himmel aufwirbelte und als leichtes Gewölk an ihm dahinzog. Der feste Wasserstrahl, wo er vor Forney und Arnolds hinunter- 646 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 donnerte, war über fünfzig Fuß dick und seine fallenden hellgrünen Schichten, sowie der Schaum, den er im Sturze von sich warf, glänzten in den goldenen Strahlen der Sonne. Der ganze Halbzirkel des Hufeisenfalles war unmittelbar vor den erstaunten Blicken unserer Freunde ausgebreitet; hier stürzte er seine Ströme weiter hervor, dort trat er wieder in dunkelgrüne Wasserspalten zurück und sprudelte tausend einzelne Cascaden aus, die wie fallende Schneemassen auf der grünen Fluth in den wogenden Gischtwolken des Abgrunds versanken. Unwillkürlich bemeisterte sich der Reisenden ein augenblickliches Zagen bei dem Gedanken, unter dieses furchtbare Element vorzudringen, zumal, da kein eigentlicher Eingang zwischen dem Sturze und der vornüberhängenden Felswand zu erkennen war. Doch der Führer winkte mit Zutrauen erweckendem Blick, ihm zu folgen und Frank schritt ihm entschlossen nach, indem er Eleanor an der Hand hinter sich herführte. Auch der Präsident blieb nicht zurück und bald umfing sie ein dichter Regen, der ihnen von dem Sturz her mit einem heftigen Wind entgegenwehte. Allen wurde der Athem kurz, sie bückten sich tief, um das Wasser von dem Gesicht abzuhalten, doch schritten sie rasch drauf los, bis sie plötzlich von dichten Wasserstrahlen erschreckt wurden, die mit großer Gewalt auf sie niederschlugen. In diesem Augenblick war ihnen das Athmen beinahe unmöglich, sie sahen nur den vier Fuß breiten, mit schlüpfrigem Steingeröll bedeckten Pfad vor sich, sie blickten neben ihm hinunter in den bodenlosen Abgrund und fühlten, wie ihr Tritt in dem heftiger werdenden Luftzug unsicher und wankend wurde. Da erinnerten sie sich des Rathes, den ihnen der freundliche Irländer gegeben hatte, sie neigten sich tief, hielten den Mund dicht gegen die Felsen und leiteten sich so an denselben vorwärts. Noch wenige Schritte, im Kampf mit den Elementen, waren zu thun, und dann fühlten sie, daß sie das Schwierigste ihrer Unternehmung überstanden hatten. Sie richteten sich auf, sie öffneten die Augen weit, und wo sind Worte zu finden, um die Wunderbilder zu beschreiben, die jetzt ihre Blicke bezauberten! Hoch wölbte sich über ihnen der natürliche Bogen der vorn- überhängenden schwarzen, zweihundert Fuß hohen Felswand und 5 10 15 20 25 30 35 647ViERtER BaNd • sEchsuNddREissigstEs KapitEl bildete den unterirdischen Palast, der durch den vor ihm herabstürzenden Eriesee von der Außenwelt abgeschieden ward. Wie ein Strom von Smaragden sanken die krystallklaren, durchsichtig grünen Fluthen schichtenweise vor dem hohen Gewölbe herab und blitzten und funkelten in den prächtigsten Farben des Regenbogens, sowie des Diamants in dem blinkenden Sonnenlichte, das sie zu durchdringen suchte, während unzählige Cascaden und feine Wasserstrahlen sich von dem Cataract lösten und wie silberne Sprühfeuer, wie Schauern von Brillanten und wie blitzende Kronleuchter in die ungeheuere Höhle herabrieselten. Jeder Tropfen, wo er hing, wo er fiel, war ein Edelstein, und das glänzend bunte Zauberlicht, welches diesen Najadenpalast mit unnennbarer Glorie durchbebte, war kein irdisches zu nennen. So wunderbar prächtig und feenhaft der Aufenthalt hier aber auch erschien, so war er doch für menschliche Wesen nicht geschaffen, denn der sausende Luftzug, der durch die Höhle blies, erschwerte auch hier das Athmen sehr. Unsere Reisenden hielten sich fest gegen die Felswand gepreßt und konnten sich lange nicht entschließen, diese Zauberwelt wieder zu verlassen, bis endlich der Präsident das Zeichen zum Aufbruch gab und selbst voran dem Ausgang zuschritt. Die Wasserströme, die den Zutritt in diese Unterwelt erschwerten, wurden jetzt leichter durcheilt und nach wenigen Minuten athmeten unsere hochentzückten Freunde wieder in freier frischer Luft. Nochmals lenkten sie ihre Blicke zurück zu dem Eingang in den geheimnißvollen Raum, ließen sie dann abermals vor dem weitausgeschweiften Bogen des ungeheuern Cataracts bis zu seinem jenseitigen Ende hinüberwandern, wo die hochbewaldete frisch grüne Insel sich auf steiler Felswand erhob und an deren anderer Seite der Strom, der sie umgab, in das tiefe Flußbett hinabschäumte. Die Sonne hatte die westliche Hälfte des Himmels erreicht und warf ihre glühenden Strahlen auf die Insel und die beiden Wasserfälle, die diese von einander trennte, und deren fliegender Wasserstaub den Fuß derselben in ein dichtes weißes Gewölk einhüllte. Ein prächtiger vollkommener Regenbogen stieg aus dem Kessel des Hufeisenfalls auf, wölbte sich vor der Insel und vor dem zweiten 648 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Fall vorüber und sank mit seinem andern Ende in den Strom hinab, dort wo in diesem Augenblick der kleine Nachen vom Lande stieß und, mit Reisenden beladen, dem diesseitigen Ufer zuschaukelte. In stummes Staunen versunken, hielten Forney und seine Kinder ihre Blicke auf dies Prachtwerk der Schöpfung geheftet, als der Irländer ihnen nahete und sie freundlichst bewillkommnete. Er geleitete sie in seine Klause, half ihnen, sich der geborgten Kleider zu entledigen und ertheilte ihnen mit einem feierlichen Ernst die Bescheinigungen darüber, daß sie unter dem großen Falle gewesen seien. Forney belohnte ihn freigebig für seine Mühe und Aufmerksamkeit und erstieg dann mit den Seinigen die hohe Treppe, um bei Sonnenuntergang von dem Tafelfelsen aus noch einen Blick nach dem endlosen Eriesee zu senden, der hinter der Insel in weiter Ferne mit dem Himmel verschwamm. 649 5 10 15 20 Capitel 37. Rüstung der Seminolen. – Die Schlacht. – Der Sieg. – Mißglückter Ueberfall. – Der Rückzug. – Vertheidigung. – Auf der Insel. – Der Ersehnte. – Vertrauen. – Hoffnung. – Ergebung. Während täglich mehr Reisende sich nach den unzähligen großartigen Naturschönheiten des Nordens von Ame-rika wandten, nahmen die kriegerischen Aussichten in Florida von Tag zu Tag einen ernsteren Charakter an. Von Tampabay aus landeten amerikanische Truppen an der Mündung des Ocklocknyflusses und setzten sich auf dem Weg nach Tallahassee in Marsch, während zugleich die Streitkräfte, die an der nördlichen Grenze Floridas standen, dieselbe überschritten, um sich mit Jenen zu vereinigen. Auch die Compagnien der Freiwilligen, die sich in Georgien formirt hatten, machten sich marschfertig und aus dem westlichen, nur noch von Weißen bewohnten Theile Floridas zogen viele Kampflustige nach Tallahassee, um sich an dem Kriege zu betheiligen. Tallihadjo hatte immer noch vergebens auf das Zeichen seines Freundes Ralph gewartet, um den Kampf zu beginnen, derselbe hatte sich gar nicht mehr bei ihm blicken lassen und ihm stand kein Mittel zu Gebote, sich Nachricht von ihm zu verschaffen. Keineswegs aber war er unthätig gewesen; er hatte seine Kundschafter an alle Grenzen des Landes vertheilt und war durch sie von jeder Bewegung der Weißen aufs Vollständigste unterrichtet worden. Die Nachricht, daß die Truppen von Tampabay auf Tallahassee marschirten, war ihm zugekommen und sehr richtig hatte er er- 650 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 kannt, daß ihm diese Bewegung gelte. Zugleich hatte er erfahren, daß die amerikanischen Soldaten vom Norden her in Florida eingedrungen waren und er setzte voraus, daß dieselben mit Jenen zusammentreffen wollten, um ihn gemeinschaftlich anzugreifen. Schon bei der ersten Nachricht von der Landung der Amerikaner am Ocklocknyfluß hatte er Eilboten in allen Richtungen durch das Land gesandt und alle Häuptlinge aufgerufen, mit ihren Kriegern zu ihm heranzueilen; doch nur einzeln waren sie seinem Rufe gefolgt, namentlich hatten sich aus dem Innern des Landes noch keine Streiter eingefunden. Demohngeachtet war seine Macht auf tausend Mann angewachsen und täglich trafen noch einzelne Krieger bei ihm ein. Ein großer Rath war gehalten worden, in dem man beschlossen hatte, die Vereinigung der Amerikaner zu verhindern und sie einzeln zu gleicher Zeit anzugreifen. Eine der kräftigsten Stützen Tallihadjo’s war ihm Kajukee, ein Häuptling der Creek- Indianer, deren Haß gegen die Bleichgesichter womöglich noch blutiger war, als der der Seminolen. Diesem Häuptling wurde die Führung von der Hälfte der Streiterzahl anvertraut, um damit in Tallahassee einzufallen, während Tallihadjo mit der andern Hälfte die vom Norden heranziehenden Truppen angreifen wollte. Meist alle Weiber und sämmtliche kampfunfähigen Männer seines Stammes hatte er auf die befestigte Insel gebracht, und er selbst stand mit seinen Kriegern in seinem alten Lager. Es war eine helle Mondscheinnacht, der Kriegszug unter Kajukee hatte bei aufsteigendem Lichte Tallihadjo’s Lager verlassen, um sich in die Nähe von Tallahassee zu begeben und in der folgenden Nacht in die Stadt einzufallen. Tallihadjo hatte zur selben Zeit abermals verschiedene Eilboten an die mächtigsten Stämme im Lande abgeschickt, um sie nochmals dringend und eiligst zum Kampfe herbeizurufen. Da traf ein Kundschafter im Lager ein und meldete, daß eine Truppenabtheilung der Feinde kaum vier Meilen von hier entfernt bei Sonnenuntergang Halt gemacht und Feuer angezündet habe. Er gab deren Zahl auf sieben bis achthundert Mann Fußvolk und etwa hundert Reiter an. Diese Nachricht wurde mit stürmischem Jubel begrüßt, und laut und dringend verlangten die Krieger, daß Tallihadjo sie sofort gegen diesen Feind 5 10 15 20 25 30 35 651ViERtER BaNd • siEBENuNddREissigstEs KapitEl führe. Der Häuptling aber wußte zu gut, daß sich Viele unter ihnen befanden, die ihren Häuptlingen zwar hierher gefolgt waren, die aber weder Vaterlandsliebe noch Seminolenstolz genug besa- ßen, um mit Entschlossenheit zu siegen oder zu sterben; er wußte, daß Diese die Schatten der Nacht benutzen würden, um sich ungesehen vor dem Kampfe wegzustehlen, während sie bei dem Licht des Tages sich hierdurch der Rache ihrer eigenen Kameraden aussetzen würden. Er bestand darauf, den Morgen abzuwarten und bei hellem Tageslichte dem Feind zu begegnen, indem er sagte, daß Dieser einen Ueberfall bei Nacht den Seminolen für Feigheit auslegen würde. Sein Vorschlag fand Gehör und der Angriff wurde auf den Anbruch des Tages verschoben. Bald darauf lagen sämmtliche Krieger mit ihren Waffen neben sich um die Feuer hingestreckt, diese erloschen und kein Laut ward während der Nacht mehr im Lager gehört. Kaum aber graute der Tag, als auch die Feuer wieder brannten, die Indianer ihr Morgenbrod verzehrten und dann ein Jeder sich zum Kampfe rüstete. Nur wenige Indianerinnen waren im Lager zurückgeblieben und unter ihnen befand sich Onahee und Olviana, welche Letztere trotz aller Vorstellungen des Häuptlings sich geweigert hatte, Tomorho zu verlassen. Sie schmückten bei dem ersten Erscheinen des Morgens den Schimmel des Häuptlings zum Kampfe und bewaffneten sich dann selbst mit Bogen und Pfeilen, Messer und Streitaxt. Bald waren sämmtliche fünfhundert Krieger zum Abmarsch gerüstet. Tallihadjo, mit der Schärpe geschmückt, die ihm Eleanor beim Abschied zum Andenken gegeben hatte, bestieg sein Roß, die Streiter sammelten sich um ihre verschiedenen Häuptlinge und der Zug setzte sich mit Tallihadjo an der Spitze in Bewegung. Mit einer Todtenstille wanderte die Schaar auf schmalen Pfaden in eiligem Marsche bergauf bergab durch die dichten Wälder und erreichte nach Verlauf von einer Stunde einen Punkt, von wo man das Lager der Amerikaner übersehen konnte. Tallihadjo war vom Pferde gestiegen und erklomm die Höhe, während seine Leute hinter derselben zurückbleiben mußten. Mit der Hand seine Augen gegen das aufsteigende Sonnenlicht schützend, spähete er nach 652 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 dem Feind hinüber, der, um die Lagerfeuer hingestreckt, das Morgenbrod bereitete. Der Häuptling schätzte die Stärke seines Gegners und fand, daß sein Kundschafter dieselbe richtig angegeben hatte; er sah zu seiner Freude, daß die Pferde der Reiterei in einiger Entfernung von den Soldaten frei in dem Grase gingen und bemerkte, daß das Lager sich ganz in der Nähe einer tiefen Schlucht befand, von der er wußte, daß er auf einem Umwege mit seinen Leuten ungesehen in dieselbe gelangen konnte. Rasch ging er zu seinen Kriegern zurück, theilte ihnen mit, was er gesehen hatte, und setzte dann an ihrer Spitze den Marsch in einer Seitenrichtung fort. Auf einem weiten Umweg erreichte er wirklich, ohne gesehen zu werden, die Vertiefung, an deren einer Seite auf einer großen Blöße der Feind lagerte, während rundum diese ein unabsehbarer Wald von einzelstehenden Fichten zum Himmel aufstrebte. Tallihadjo stieg ab, leitete sein Pferd in den tiefen Grund und band es dort fest, da es nicht möglich war, in dem darin umherliegenden Gestein zu reiten. Es war sein Plan, in der Schlucht dem Feinde möglichst nahe zu kommen und dann aus derselben so plötzlich über ihn herzufallen, daß er nicht die Zeit habe, sich zur Vertheidigung zu ordnen, seine Absicht war jedoch durch den Allarmschuß eines Vorpostens vereitelt, welchen die Amerikaner an der Schlucht hinter einer Fichte aufgestellt hatten. Im Augenblick rief die Trommel die Soldaten unter das Gewehr und alle stürzten mit den Waffen in der Hand ihren Sammelplätzen zu, während die Reiterei nach ihren Pferden rannte. Tallihadjo aber stieß ein wildes gellendes Kriegsgeschrei aus, sprang aus der Vertiefung hervor und führte seine Schaar im Sturmlauf auf den Feind ein. Ein dichter Kugelregen von beiden Seiten kreuzte sich schon auf weite Entfernung, und dann schwieg das Feuer. Der Commandcur des Regiments, Major D.... ließ die bestürzten Soldaten schnell ein Quarré formiren, um sich mit dem Bajonett zu vertheidigen, und ihre Reiterei, welche einsah, daß es zu spät war, die Pferde zu besteigen, flüchtete sich in dessen Mitte. 5 10 15 20 25 30 35 653ViERtER BaNd • siEBENuNddREissigstEs KapitEl Wie der Sturm durch die Wälder braust, so stürzten die Wilden mit übermenschlichem Geheul der dichten Masse des Feindes entgegen und hatten ihn bis auf kurze Entfernung erreicht, als Major D.... Feuer commandirte und die wohlgerichtete Gewehrsalve eine furchtbare Zerstörung unter den Stürmenden anrichtete. Sie fuhren auseinander, zogen sich zurück und ließen gegen vierzig schwergetroffene Kameraden auf dem Platze liegen. Tallihadjo’s Donnerstimme jedoch brachte die zurückweichenden Krieger wieder zum Stehen, abermals führte er sie den blitzenden Bajonetten des Feindes entgegen und wieder wurden sie mit ähnlichem Verlust zurückgeworfen. Die Wuth der Wilden steigerte sich durch den Widerstand und durch die Todesschreie ihrer getroffenen Brüder zur Raserei, noch dreimal warfen sie sich dem feuersprühenden Viereck entgegen und jedesmal mußten sie der Gewalt des Kugelregens weichen. Da sammelte sie Tallihadjo nochmals um sich, er ließ sie sämmtlich ihre Büchsen wieder laden, ließ sie in einer langen Linie im Halbzirkel sich aufstellen und gab nun das Zeichen zum Angriff, indem er selbst in der Mitte seiner Streiter voranstürzte. Mit der Eile des Sturmwinds hatte die ganze Linie das Quarré bis auf fünfzig Schritt erreicht, wieder prasselte das Gewehrfeuer der Amerikaner den Wilden entgegen, doch diesmal mit weniger Erfolg; die Seminolen hielten einen Augenblick in ihrem Laufe an, ihre Büchsen knallten auf der ganzen Linie und nicht eine ihrer Kugeln fehlte die Brust eines Feindes. Die Reihen der Soldaten wurden durch das Niederstürzen der Verwundeten und Todten gebrochen, doch auch ebenso schnell die Lücken durch eiliges Zusammentreten wieder ausgefüllt und geschlossen, und es wurde abermals Feuer unter die Angreifer gegeben. In diesem Augenblick sprang Onahee hinter Tallihadjo hervor, stieß einen gellenden Kampfruf aus, stürzte sich mit hochgeschwungener Streitaxt gegen die Bajonette der Feinde und sank, von ihnen durchbohrt, zusammen. Mit Wuthgeheul folgten die Krieger ihres Stammes, mit Tallihadjo an der Spitze, der Indianerin auf dem Fuße, in einer dichten Masse brachen sie in das Quarré ein, ihre Streitäxte fielen, Tod und Verderben bringend, auf die Soldaten nieder, in wenigen Augenblicken hatten sämmtliche Semino- 654 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 len deren Reihen getrennt, und Mann gegen Mann begann nun ein Kampf, ein Schlachten und Würgen, wie wenn wilde Raubthiere sich zerfleischten. Das Siegesgeheul der Seminolen und das Todesgeschrei der Sterbenden hallte durch die nahen und fernen Wälder, und nur drei Amerikaner retteten ihr Leben dadurch, daß sie Pferde erreichten und, auf deren nackten Rücken gelangt, dieselben zur wilden richtungslosen Flucht antrieben. Der Sieg der Seminolen war vollständig; sie hatten ihn aber mit dem Leben von einigen hundert ihrer Krieger hoch bezahlt. Tallihadjo war durch zwei Bajonettstiche getroffen, Tomorho hatte einen Streifschuß erhalten und beinahe ein Jeder der Krieger war verwundet worden. Das schauerliche Siegesfest des Scalpirens nahm jetzt seinen Anfang, unter den schrecklichsten Triumphtönen wurde nun den todten, so wie den noch lebenden Amerikanern die Kopfhaut abgerissen, und die Klage und Schmerzensschreie der Letzteren erfüllten die Luft. Tallihadjo stand in der Mitte dieser blutigen Scene und ließ seinen Blick über die Gefallenen wandern, denn außer der treuen Onahee lag mancher seiner bravsten Krieger zwischen denselben vom Tode umarmt. Da fiel seine Aufmerksamkeit auf einen verwundeten Amerikaner, der in seiner Verzweiflung mit einem Seminolen rang und dessen Messer von seinem Haupte abzuwehren suchte, während Dieser ihm lebendig den Scalp rauben wollte. Der Häuptling war herzugetreten und erkannte Mc. Dower, den Händler, der ihm den gestohlenen Schimmel verkauft hatte. »Du hast mich betrogen und durch Dich kam mein Sohn Tomorho in Gefahr, einen unehrlichen Tod zu sterben. Ich will barmherzig gegen Dich sein und Dir Deine Schmerzen verkürzen«, sagte Tallihadjo, schwang seine Streitaxt über Mc. Dower und spaltete ihm den Schädel. Das Rache- und Siegeswerk war vollbracht und die Seminolen begannen nun Vorrichtungen zu machen, um ihre Todten zu begraben und ihre verwundeten Brüder von hier fort nach der befestigten Insel zu schaffen. Nachdem sie Erstere der Erde übergeben hatten, verfertigten sie aus jungen Stämmen und Reisholz Bahren, legten die Ver- 5 10 15 20 25 30 35 655ViERtER BaNd • siEBENuNddREissigstEs KapitEl wundeten darauf und setzten sich mit ihnen in einem langen Zug schweigend in Bewegung, während sie die erbeuteten Waffen auf die eingefangenen Pferde der Amerikaner packten und dieselben hinter sich her leiteten. Tallihadjo hatte den Leichnam der treuen Onahee vor sich auf sein Pferd heben lassen und hielt ihn mit seinem Arm gegen seine Brust gedrückt. Er ritt mit feuchten Augen und blutendem Herzen seinen Kriegern voran und erreichte mit ihnen das Ufer des Sees, als schon das Mondlicht auf dessen Spiegel glänzte. Freude und Leid, gleich groß, zog mit der Siegesnachricht unter den Bewohnern der Insel ein, denn Viele derselben hatten Gatten, Verwandte und Freunde zu beweinen. Der Tod Onahee’s erzeugte allgemeine tiefe Trauer und ihr Verlust für die Sache der Seminolen ward von den Weisen des Stammes als unersetzlich beklagt. Nur eine kurze Ruhe ward den Siegern hier zu Theil, denn schon am frühen folgenden Morgen sammelte sie Tallihadjo wieder um sich und zog mit ihnen Tallahassee zu, um sich über den Erfolg des Angriffs auf die Stadt Gewißheit zu verschaffen und sich mit seinen Brüdern unter Kajukee zu vereinigen. Auf halbem Wege kamen ihm diese schon entgegen, und zwar sehr niedergeschlagen, denn die Hälfte ihrer Streiterzahl hatten sie in der Stadt todt und verwundet zurückgelassen. Auch Kajukee war geblieben. Um Mitternacht waren sie mit Fackeln in die Straßen eingedrungen, hatten den Ort an verschiedenen Punkten in Brand gesteckt und ein schreckliches Blutbad in den außerhalb der Stadt gelegenen Häusern angerichtet, das Militair aber, welches ganz in der Nähe gelagert war, hatte ihnen den Rückweg aus Tallahassee abgeschnitten und auf dem Platz vor dem Gerichtsgebäude von allen Straßen her ein mörderisches Kreuzfeuer auf sie gerichtet. Es war ihnen endlich gelungen, sich durchzuschlagen und die ihnen entgegenstehende Militairabtheilung dabei fast gänzlich aufzureiben; ihr Verlust aber war zu groß für den geringen Schaden, den sie den amerikanischen Truppen zugefügt hatten. Sehr Viele von ihnen waren schwer verwundet und wurden von ihren Kameraden theils geführt, theils getragen, so daß sich kaum noch 656 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 zweihundert Männer unter ihnen befanden, die noch kampffähig waren. Dieser Verlust traf Tallihadjo sehr schwer, er beschloß, sich nach dem See zurückzuziehen und die Verwundeten auf die Insel zu bringen; ehe er jedoch den Rückmarsch antrat, wählte er unter den rüstigsten Leuten welche aus der Schaar und schickte sie als Eilboten in das Land ab, um den dortigen Stämmen die Nachricht von seinem Sieg zu überbringen und ihnen mitzutheilen, daß die Seminolen an neunhundert Scalpe erbeutet hätten. Von der Niederlage in Tallahassee aber das Mindeste verlauten zu lassen, untersagte er ihnen auf ’s Strengste. Spät in der Nacht erreichten sie den See und fuhren die Verwundeten nach der Insel, während die streitbaren Männer an dem Ufer auf dem Festlande ihr Lager aufschlugen. Mehrere Tage verstrichen hier, ohne besondere Störung, die Krieger setzten ihre Waffen wieder in vollkommenen Stand, gossen Kugeln und schärften ihre Messer und Aexte, und die Weiber verfertigten neue Pfeile; denn der Seminole führte zum Kampfe nicht allein die Büchse, sondern auch den Bogen mit sich. Die Kundschafter brachten Tallihadjo täglich Nachricht über die Bewegungen der Amerikaner; es lief die Kunde ein, daß mehrere tausend Soldaten vom Norden her in das Land gerückt seien und in der Gegend lagerten, wo Major D.... mit seinem Regiment seinen Untergang gefunden habe. Von Tallahassee her wurde zu gleicher Zeit berichtet, daß die dortigen Truppen die Straße herauf Jenen entgegenrückten. Tallihadjo’s augenblickliche Macht war zu schwach, um die Vereinigung derselben zu verhindern, er hoffte aber von Stunde zu Stunde, Verstärkung zu erhalten und die Stämme aus dem Innern des Landes erscheinen zu sehen. Hier in diesem Waldversteck, zu dem nur unwegsame Pfade führten, war er jedenfalls sicher vor einem Angriff durch die Weißen, denn außer Ralph war ja Keinem derselben dieser Ort bekannt. Große Bestürzung erfaßte deshalb den Häuptling und seine kleine Schaar, als eines Mittags ein Kundschafter in’s Lager gestürzt kam und verkündete, daß die Weißen in großer Zahl in der 5 10 15 20 25 30 35 657ViERtER BaNd • siEBENuNddREissigstEs KapitEl Richtung hierher marschirten und in einigen Stunden hier eintreffen müßten. Tallihadjo sah, daß er verrathen war, sein Herz aber dachte nicht daran, daß Ralph selbst die Feinde hierherführte. Die Frauen, die alten Männer und die Verwundeten konnte er nicht verlassen, denn so gut, wie die Weißen seinen Aufenthalt kannten, wußten sie sicher auch von dem Zufluchtsort Jener. Er beschloß deshalb, den Feind hier zu erwarten und sich im höchsten Nothfall auf die Insel zu flüchten, bis die Verstärkungen aus dem Innern, auf deren Kommen er mit unbezweifelter Gewißheit rechnete, eintreffen würden. Rasch sammelte er seine Krieger um sich und zog von dem Ufer des Sees in den dichten Wald hinein, dem Feind entgegen, da er dort unter dem Schutze der Bäume und der Büsche sich in großem Vortheil über denselben befand. Er wählte eine morastige Ebene, durch welche nur e i n Pfad nach dem See führte, und vertheilte seine Leute zu beiden Seiten desselben in dem hohen, schilfartigen Gras, unter Büschen, hinter starken Stämmen und in den Kronen dichtbelaubter Bäume, von wo aus die Schützen einen freien Blick von Oben herab auf die Angreifer haben würden. Zugleich schickte er einige Kundschafter voraus, damit sie ihm das Herannahen des Feindes verkünden sollten. Wie die lauernden Panther lagen die Indianer lautlos und unbemerkbar in ihren Verstecken und lauschten jedem leisesten Ton, der in der Richtung von dem erwarteten Gegner herkam. Plötzlich vernahmen sie eilige Tritte und wenige Minuten später erschienen die Kundschafter mit der Nachricht, daß die Bleichgesichter im Anmarsch wären. Ringsum hörte man den klingenden Metallton, den das Spannen der Büchsen hervorbrachte, dann war Alles wieder todtstill. Bald kamen viele Vögel des Waldes, namentlich unzählige der schönen purpurblaugefiederten Häher, mit lautem Krächzen von Baum zu Baum geflogen und verriethen die herannahenden Truppen. Jetzt wurden diese selbst in der Ferne in einer endlosen Reihe sichtbar, denn der schmale Pfad erlaubte kaum drei Männern neben einander zu gehen. Einige hundert Büchsenschützen marschirten voran und hielten, vor sich hinspähend, ihre Waffen zum 658 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Schuß bereit. Vorsichtig kamen sie näher und näher und ihr ganzer Zug befand sich schon in dem Schußbereich der lauernden Indianer, als plötzlich Tallihadjo hinter einer alten Platane hervor Feuer gab und den Vordersten, einen Offizier, zu Boden streckte. Im nächsten Augenblick krachte es hinter allen Bäumen und aus den laubigen Höhen, und jede Kugel der Seminolen hatte ihr Ziel getroffen. Ueber hundert der amerikanischen Schützen wälzten sich in ihrem Blute und ein Triumphgeheul, als käme es aus den Tiefen der Hölle, schallte durch den Wald. Die Amerikaner erwiederten das Feuer, aber nur Wenige von ihnen hatten einen Indianer zum Ziel, denn diese waren vor ihren Blicken verschwunden. Da rasselten die Trommeln Sturmmarsch, im Laufschritt kamen die Musketiere auf dem schmalen Pfad herangeeilt, stürmten über die Leichen ihrer Kameraden hinweg und sprangen nun seitwärts in dem sumpfigen Wald den Stellen zu, von woher die Indianer auf sie schossen. Viele mußten den Angriff mit dem Leben bezahlen, doch die Menge der Nachkommenden war so groß, daß die Seminolen nicht Zeit genug hatten, gegen Alle zu laden und zu feuern. Der Kampf war verzweifelt, die Uebermacht der Amerikaner aber siegte und die gellende Stimme Tallihadjo’s rief seine Krieger zum Rückzug. Wie die Thiere des Waldes setzten Diese über Büsche und umgefallene Baumstämme hin, feuerten im Fliehen noch ihre Kugeln nach dem mit lautem Hurrah folgenden Feind und waren bald vor dessen Blicken verschwunden. Tallihadjo erreichte mit seinen Leuten den See, sie sprangen in die vielen bereitliegenden Nachen und landeten auf der Insel, ehe die Amerikaner aus dem Wald hervorbrachen. Diese sammelten sich nun an dem Ufer des Sees, welches sich außer Schußweite von der Insel befand, bald erschienen auch über hundert schwer beladene Maulthiere, welche die Lebensmittel für die Truppen trugen, und Tallihadjo erkannte von der Insel aus, daß man einen Rath hielt. Kurze Zeit nachher theilten sich die Amerikaner in vier Colonnen, die sich auf vier Seiten des Sees begaben und dort einzeln Lager bezogen. Einer jeden dieser Abtheilungen folgte eine 5 10 15 20 25 30 35 659ViERtER BaNd • siEBENuNddREissigstEs KapitEl Zahl Maulthiere, denen man auf der Lagerstelle das Gepäck abnahm, ihnen die Füße zusammenband und sie grasen ließ. Bald darauf sah Tallihadjo nach allen Richtungen an den Ufern des Sees Feuer aufsteigen und erkannte noch bei dem Lichte des scheidenden Tages, daß die Feinde in Ruhe ihr Abendbrod bereiteten. Jetzt kam ihm der Aufenthalt auf dieser Insel doch ganz anders vor, als er ihn sich so oft im Belagerungsfall gedacht hatte; die vier Truppenabtheilungen des Feindes waren schon eine jede einzelne seiner Macht bei Weitem überlegen, sie konnten selbst in der dunkelsten Nacht ein Boot auf dem glänzenden Spiegel des Wassers erkennen und konnten schneller am Ufer hin und her eilen, als ein Kahn im Stande war, über den See zu fahren. Wie viel leichter war es mithin, das Landen zu verhindern, als es auszuführen! Die Lebensmittel, die er auf der Insel hatte, konnten für die vielen Menschen, die sich hier befanden, höchstens zwei Monate ausreichen, und dann mußten sie sich ergeben, oder verhungern. Der Gedanke, daß er jetzt schon Gefangener sei, war dem Häuptling furchtbar, doch kam es ihm keinen Augenblick in den Sinn, sich zu ergeben, stand ihm ja doch die Gelegenheit offen, im Kampfe zu sterben. Auch hatte ihn die Hoffnung noch nicht verlassen, es konnten ja in jedem Augenblick die vielen mächtigen Stämme aus dem Innern des Landes eintreffen; während dieselben dann den Feind angriffen, wollte er eine Landung ausführen und er und die Seinigen waren dann frei! So sehr seine Ueberzeugung auch gegen diese Hoffnung stritt, so hielt er doch daran fest und sprach diesen Glauben auf das Bestimmteste vor seinen Leuten aus. Die Nacht verbrachten die Belagerten in großer Unruhe, denn mehr oder weniger erkannte doch ein Jeder die verzweifelte Lage, in der er sich befand. Tallihadjo wanderte viele Stunden lang in Gedanken versunken an dem Ufer der Insel und richtete dabei seinen finstern Blick oftmals nach den Feuern des Feindes hinüber. Erst gegen Morgen suchte er sein Nachtlager auf und fiel in einen unruhigen Schlaf, aus dem ihn die Sonne erweckte. Sein erster Gedanke war, daß er 660 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 gefangen sei, und unwillkürlich legte er die Hand an sein Messer, als ob dieses der Freund wäre, der ihn befreien könne. Die Sonne stand schon ziemlich hoch, und Tallihadjo saß unweit des Lagerfeuers und schaute in dessen Flamme, als einer der Krieger zu ihm trat und ihm anzeigte, daß in dem Lager des Feindes ein Fremder zu Pferd angekommen sei, der, wie es schien, eine Person von Wichtigkeit sein müsse. Tallihadjo erhob sich schnell und schritt an das Ufer an einen Platz, von wo ihm ein offener Blick über den See nach den Amerikanern hin frei stand, dort, wo dieselben am Tage vorher aus dem Wald hervorgekommen waren. Auf den ersten Blick erkannte er seinen Freund Ralph, der immer noch zu Pferd an dem Ufer hielt und sich dem Anschein nach mit einer Anzahl Offizieren, die sich um ihn gesammelt hatte, lebhaft unterhielt. Ein freudiges Gefühl fuhr Tallihadjo durch die Seele, Ralph kam, um ihm zu helfen, darüber hegte er keinen Zweifel; hätte er ihn nur sprechen können, – sollte er nicht auf die Insel kommen? – doch das war ja nicht möglich, er hatte ja kein Boot – jetzt stieg er vom Pferde – er trat zwischen seinen Gefährten hervor, schritt unmittelbar an das Wasser und winkte mit einem weißen Tuche nach der Insel, indem er laut den Namen Tallihadjo rief. Kaum hatte die Luft den Schall herüber zu dem Häuptling getragen, als dieser in das Lager zurückrannte und zwei Indianerinnen befahl, in einem Boote hinüber nach dem Festland zu rudern und den großen Mann, der am Strande stand, auf die Insel zu bringen. Der Befehl ward sofort ausgeführt, schnell strich der Nachen über die klare Fluth, erreichte den bezeichneten Fleck, Ralph stieg zu den Indianerinnen in den Kahn hinein und in noch größerer Eile kehrten diese mit dem Gaste zurück. Tallihadjo trat Ralph mit einem ernsten, traurigen Blick entgegen und reichte ihm die Hand hin, die dieser mit den Worten ergriff: »Aber, Tallihadjo, um des großen Geistes Willen, warum bist Du nicht in das Innere des Landes geflohen? Ich habe Dir zwei Boten gesandt und Dir sagen lassen, daß Dein Aufenthalt auf dieser Insel durch einen Indianer an die Bleichgesichter verrathen worden sei.« 5 10 15 20 25 30 35 661ViERtER BaNd • siEBENuNddREissigstEs KapitEl »Meine Augen haben keinen Boten von Dir erblickt und zu meinen Ohren ist keins Deiner Worte gedrungen«, antwortete der Häuptling. »Es waren beide Männer aus dem Stamme Homathlans, die ich zu Dir schickte«, sagte Ralph mit einem Tone, der Glaubwürdigkeit für seine Aussage in Anspruch nahm. »Homathlan hört lieber das Zischen der giftigsten Schlange bei seinem Lagerfeuer, als den Namen Tallihadjo; Du weißt es, er ist mein Feind und seine Krieger sind ihm ergeben. Du hättest andere Boten wählen sollen«, erwiederte der Häuptling, indem er den Kopf schüttelte. »Du bist leider gefangen, Tallihadjo, und selbst der große Geist könnte Dich jetzt den Händen der Bleichgesichter nicht entreißen«, fuhr Ralph mit erheuchelter Theilnahme fort. »Der große Geist ist mächtiger, als die Bleichgesichter, er hat Sturm und Blitz«, entgegnete Tallihadjo feierlich. »Ich hörte von dem Marsch der Truppen hierher und folgte ihnen eilig, um sie irre zu leiten und sie einen falschen Weg zu führen, doch ich kam zu Deinem Unglück zu spät. Was hast Du beschlossen, zu thun?« »Zu siegen oder zu meinen Vätern zu gehen«, antwortete der Häuptling mit einem glühenden Blick. »Du bist ja schon besiegt, Tallihadjo, denn Du bist gefangen«, fiel Ralph ein. »Noch sind meine Hände frei und meine Waffen gut, Tallihadjo wird sich nie gefangen geben«, erwiederte der Häuptling stolz. »Und was wird aus den Deinen werden, wenn Du zu Deinen Vätern gegangen bist, willst Du sie von den Weißen morden lassen? Stehen Dir nicht die herrlichsten Länder der Welt, die ewig grünen Prairien des Westens noch offen, Tallihadjo? Ziehe mit Deinem Stamme und allen den Kriegern, die hier um Dich versammelt sind, dorthin, ich will die Regierung der Amerikaner dazu bestimmen, Euch Alle auf herrlichen Dampfschiffen nach jenen Ländern bringen zu lassen. Bist Du vorangegangen, so folgen alle andern Stämme unseres Volkes, der Seminolen, bald nach, und die, welche sich weigern, sollen von den Amerikanern dazu gezwungen werden. Auch ich ziehe mit Dir, und bald werden wir wieder eine 662 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 große, gefürchtete Nation sein. Gehe freiwillig voran, Tallihadjo, der große Vater der Weißen wird Dein Freund werden.« Während Ralph diese Worte sprach, hielt der Häuptling seine Augen fest auf ihn gerichtet, und Ersterer bemerkte, wie deren finsterer Blick milder und heiterer ward. »Der große Geist hat es beschlossen, wir sollen dies Land an die Weißen abtreten und er will uns die viel schönern Länder des Westens dafür geben«, fuhr Ralph noch dringender fort, »wollen wir uns gegen seinen Beschluß auflehnen und hier nach und nach besiegt und elend untergehen? Noch sind Deine Hände frei, Tallihadjo, ziehe als unbesiegter Häuptling aus Florida, um der Deinen und um unseres Volkes willen; Du wirst die Seminolen vom Untergange retten!« »Das Blut Deiner Mutter hat aus Dir geredet, Ralph!« rief jetzt der Häuptling mit Begeisterung aus und ergriff dessen Hand. »Es giebt nur eine Rettung für unser Volk, sie liegt in jenen westlichen Ländern, nach denen mein Herz sich längst schon gesehnt hat. Ich bin bereit, dorthin zu ziehen, und überlasse es Dir, für uns mit den Weißen zu unterhandeln.« »Lasse mich sorgen, Tallihadjo«, entgegnete Ralph, sichtbarlich erfreut über den Entschluß des Häuptlings. »Du mußt aber mit Allen, die sich hier befinden, auf der Insel verweilen, bis ich die nöthigen Dampfschiffe zu unserer Beförderung an die Küste Florida’s gebracht habe, denn, gelangen die Krieger, die nicht zu Deinem Stamme gehören, an das Festland, so flüchten sie sich nach Hause zu ihren Weibern, zwingst Du sie aber, mit Dir vorauszugehen, so folgen ihnen ihre ganzen Stämme freiwillig nach. Du weißt es ja selbst zu gut, daß die Seminolen mit Blindheit geschlagen sind und zu ihrem eigenen Besten gezwungen werden müssen. Die Amerikaner sollen die Ufer des Sees bewachen, damit keiner jener Krieger entrinne. Alles, was Du von Lebensmitteln bedarfst, soll hierher geschafft werden, und während der Zeit, in welcher Du noch hier wohnst, will ich Dein Vieh und Deine Pferde für Dich an die Weißen verkaufen und Dir dann das Geld dafür einhändigen. Dort an der Grenze unserer neuen Heimath haben die Weißen noch schöneres Vieh und noch edlere Rosse und Du kannst sie für die Hälfte des Geldes, was Du hier 5 10 15 20 25 30 35 663ViERtER BaNd • siEBENuNddREissigstEs KapitEl bekommst, dort wieder kaufen. Wo hast Du Deine Heerden hingebracht?« »Ich will Dir einen meiner Neger mitgeben, er soll Dich zu dem Weideplatz führen«, erwiederte Tallihadjo einwilligend. »Jetzt nicht, wenn ich zurückkehre, ich muß zuerst den Amerikanern Deinen Entschluß melden und die Regierung veranlassen, die nöthigen Dampfschiffe für Euch an die Küste zu senden. Laß während meiner Abwesenheit keinen Deiner Leute an das Festland gehen und bleibe Du selbst auch hier, damit Mißverständnisse vermieden werden. Ich komme bald zu Dir zurück,« sagte Ralph, beredete dann noch viele Dinge in Bezug auf die Auswanderung mit dem Häuptling, erhielt von ihm noch Aufträge verschiedener Art und schied nach einigen Stunden mit der Versicherung, das Interesse der Seminolen nach allen Kräften zu fördern und seine Rückkehr möglichst zu beschleunigen. Auf dem Festlande angekommen, empfahl er den dort lagernden Truppen, strenge Wache zu halten, daß keiner der Indianer von der Insel entweiche, damit keine Nachricht über die Lage derselben zu ihren Brüdern in das Innere des Landes dringe. Dann eilte er nach Tallahassee, sandte von dort aus einen Bericht über den Fang des gefährlichsten Häuptlings der Seminolen durch einen Courier nach Washington, und erbat sich Vollmacht und die nöthigen Mittel, um denselben mit seinen Gefährten nach dem Westen schaffen zu können. Zugleich schickte er ein Segelboot nach Tampabay und veranlaßte die Befehlshaber der dort vor Anker liegenden Fahrzeuge der Regierung, nach der Mündung des Ocklocknyflusses zu kommen, um die Wilden nach New-Orleans zu befördern. Alles ging nach Wunsch: von Tampabay erhielt Ralph die Nachricht, daß die dort stationirten Truppen gleichfalls einige hundert Seminolen gefangen genommen hätten, und daß dieselben mit den Schiffen nach dem bestimmten Platz segeln sollten. Von Washington wurde ihm ein, seine Verdienste anerkennendes Belobungsschreiben zugesandt und ihm zugleich Vollmacht ertheilt, so wie auch zur Fortschaffung der Indianer die nöthigen Credite auf New-Orleans angewiesen. Während dieser Zeit hatte Ralph Tallihadjo verschiedene Besuche abgestattet, hatte dessen Vieh und Pferde an die Truppen 664 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 der Regierung verkauft und dagegen Wechsel zum Betrage von dreitausend Dollar auf Letztere erhalten, die er sofort in Geld umsetzte, dem Häuptling aber sagte, daß er dasselbe erst zu der Zeit erheben könne, wenn sie zusammen in New-Orleans landen würden. Bei seinem letzten Besuch eröffnete er Tallihadjo, daß er sich nun eiligst nach jener Stadt begeben würde, um dort die nöthigen Dampfer zu dingen, die den Häuptling mit seinen Gefährten auf dem Mississippi und dann auf dem Arkansas bis in die ersehnten wundervollen Prairien führen sollten. Er selbst, sagte er, würde mit ihm ziehen und ganz Seminole werden. Tallihadjo erblickte in der Auswanderung die einzige Rettung für sein Volk, obgleich er wußte, daß dasselbe sich freiwillig niemals dazu entschließen würde. Sein Plan, alle Stämme der Seminolen in den Krieg zu verwickeln, sich mit ihnen in die, für Weiße unzugänglichen Sümpfe Floridas zurückzuziehen und sie in ihrer Verzweiflung dazu zu vermögen, sich mit Gewalt eine Bahn nach dem Westen zu brechen, war gescheitert, und deshalb hieß er den Vorschlag Ralph’s willkommen, da er die Hoffnung hegte, auch auf diesem Wege die große Aufgabe zu lösen, die ihm die Liebe für seine Nation zur heiligsten Pflicht machte. Er sammelte die ältesten Männer seines Stammes und die fremden Häuptlinge um sich, erklärte ihnen ihre Lage, bewies ihnen deutlich, daß ihnen kein anderer Weg, als der der Auswanderung offen stehe, und beschrieb ihnen mit aller Gluth seiner Phantasie die Reize und Vorzüge jener wunderbar schönen Länder. Er nannte Ralph ihren Retter, ohne den sie sämmtlich hier auf der Insel verschmachten, oder bei einem Fluchtversuch unter den Kugeln der Weißen sterben müßten, sagte ihnen, daß derselbe sie von hier aus bis in ihre neue Heimath begleiten und dort bei ihnen für immer wohnen und mit ihnen leben wolle. Dann setzte er ihnen auseinander, daß ihre ganze Nation bald nachfolgen müsse, da der große Geist es einmal so bestimmt habe und gegen dessen Willen die Seminolen keine Macht hätten. Diese Mittheilung Tallihadjo’s, die nach aufgehobenem Rath dem Volke eröffnet wurde, brachte eine schreckliche Wirkung auf die Indianer hervor. Viele der Krieger machten ihrer Wuth in Schmähungen und Verwünschungen gegen die Weißen Luft und 5 10 15 20 25 30 35 665ViERtER BaNd • siEBENuNddREissigstEs KapitEl wollten mit den Waffen in der Hand sterben, Andere, die von ihren Familien getrennt waren, brachen in lautes Klagegeschrei aus und nur die Wenigsten ergaben sich geduldig in ihr Unglück. Tallihadjo aber gebrauchte all seine Rednergabe, um die Leute zu beruhigen und ihnen Hoffnung für eine glückliche Zukunft zu geben, und nach und nach fügten sich dieselben in die eiserne Nothwendigkeit ihres Schicksals. 666 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 38. Der Jugendfreund. – Das alte Dampfschiff. – Verabredung. – Vorspiegelungen. – Der Marsch. – Die Seeküste. – Das Vaterland. – Letzter Abschied. – New-Orleans. – Das schöne Dampfschiff. – Der Raub. – Der geehrte Mann. – Auf dem Golf. – Verlangen. – Mitternacht. – Der Maschinenmeister. – Die heimliche Flucht. – Die Explosion – Das Wrack. – Aufklärung. – Schreckliche Ueberzeugung. Nach einem glühenden Julitage saß Ralph auf der ho-hen Treppe hinter der kolossalen Säulenreihe vor dem St. Charles Hotel in New-Orleans in eifrigem Gespräch mit einem Mann, den er Capitain Blout nannte. Derselbe war ein alter Bekannter Ralph’s, denn er hatte mit ihm in Columbus die Schulen besucht und später waren sie häufig in jener Stadt bei lustigen Gelagen, beim Spiel und Wettrennen zusammengetroffen. Seit einer Reihe von Jahren jedoch hatten sie sich nicht gesehen und nur ein Zufall führte Ralph auf das alte Dampfschiff, von welchem Blout nicht allein Capitain, sondern auch Eigenthümer war. Ralph suchte einige Dampfer für den Transport der Wilden zu miethen und war nicht wenig erfreut gewesen, in dem Capitain des »Star of the West«, wie dessen Schiff hieß, seinen alten Cameraden Blout zu erkennen, mit dem er so manches lustige Stückchen ausgeführt hatte. »Ist denn das Schiff in so schlechtem Zustande? Es sah ja doch gar nicht so übel aus, als ich heute bei Euch an Bord war,« fragte Ralph, indem er, das Kinn auf seine Hand gesenkt, den Ellbogen auf sein übergeschlagenes Knie stützte und den Capitain anschaute, auf dessen hageres Gesicht der helle Schein der Laternen vor dem Hause fiel. 5 10 15 20 25 30 35 667ViERtER BaNd • achtuNddREissigstEs KapitEl »Kleider machen Leute, sagt das alte Sprichwort, doch meinen alten vermoderten Kasten, meinen Star, mag ich noch so schön herausputzen, die Passagiere und Güterverschiffer werden täglich scheuer vor ihm; auf den Landungsplätzen am Mississippi verhöhnt man mich bei meinen Besuchen, und man sagte mir schon oft, es sei Zeit das alte Gerippe zu begraben. Wie gesagt, ich habe das Schiff oft neu anstreichen lassen, habe die Cajüten hübsch sauber gehalten, bunte Teppiche gelegt und die Messingbeschläge recht blank geputzt, damit die Agenten der nordischen Assecuranzcompagnie dahier dem Fahrzeug gute Zeugnisse geben und ich darauf hin eine Versicherung erhalten konnte. Wer aber das alte Gerülle kennt, und hört, wie es stromauf ächzt und stöhnt, der wagt keinen Dollar darauf. Hätte ich einmal einen hohen Betrag darauf versichern können, so würde ich es schon längst in die Luft gesprengt haben; denn es bringt mir schlechte Rechnung und wird mich am Ende noch bankerott machen.« Bei diesen Worten hob der Capitain die Hand in die Höhe und schnappte mit den Fingern. »In die Luft gesprengt?« fiel Ralph ein, »und Euch dabei. Das wäre doch Schade für Euer Leben.« »Mit Nichten, Norwood, haltet Ihr mich für so grün? Es würde nicht das erste Boot sein, dem ich eine solche Himmelfahrt bereitet hätte. Tüchtig Feuer unter den Kessel, das Ventil zugedreht und dann im Kahn Lebewohl gesagt. Versteht sich, in der Nacht, wenn Alles schläft. Der wachthabende Maschinenmeister muß nur mit in’s Geheimniß gezogen werden; das ist allerdings ein Uebelstand.« »Nun dazu fände sich wohl ein tüchtiger Kerl. Er muß ja um seiner selbst willen das Maul halten.« »Ich habe im Augenblick einen solchen Burschen im Dienst; für einige hundert Dollar jagt er das schönste Schiff zur Hölle.« »Hört, Blout, ich glaube wir könnten ein Geschäft zusammen machen. Ich würde Euch das Geld dazu geben, dem alten Star noch einmal ein neues Kleid anzuziehen, als Agent der Regierung könnte ich es bewirken, daß man auf denselben eine hohe Versicherung annähme, und nachdem Ihr ihn in die Luft gejagt hättet, würde ich Euch noch eine besondere Vergütung erwirken. Ich will nämlich eine Ladung Rothhäute aus Florida darauf verschiffen, die 668 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 von unsern Truppen gefangen genommen sind. Werden dieselben an der Grenze von Arkansas ausgesetzt, so sengen und morden sie in den Ansiedelungen der Weißen, wo sie können, deshalb ist es für das allgemeine Wohl besser, wenn sie aus der Welt geschafft werden. Nachdem sie aufgeflogen sind, beschwert Ihr Euch in Washington, daß die Indianer in der Nacht revoltirt hätten, daß der Maschinenmeister von seinem Posten vor ihnen hätte fliehen müssen, und daß in Folge hiervon der Kessel gesprungen wäre. Dann wird Euch die Regierung einen Schadenersatz bewilligen, wenigstens kommt Ihr durch den Spaß zu einem neuen guten Dampfboot. Was meint Ihr dazu?« »Das Ding läßt sich hören,« erwiederte Blout nachdenkend. »Ihr müßtet aber auch für den Maschinenmeister sorgen, mit vierhundert Dollar würde er, glaube ich, zufrieden sein.« »Versteht sich von selbst, das Geld will ich zahlen. Ueberlegt Euch die Sache, Blout, ich weise Euch lieber einen Verdienst zu, als einem Andern; denn daß ich Liebhaber genug zu der Unternehmung finden würde, wißt Ihr selbst.« »Zehn für Einen. Bei Gott, die Hälfte der Capitains, die auf dem Mississippi fahren, würden darauf eingehen. Da ist nicht viel zu überlegen, wir machen die Sache jetzt unter uns ab, und morgen fangen wir an zu arbeiten. In acht Tagen soll der Star aussehen, als ob er so eben seine erste Fahrt antreten wollte.« Die beiden Freunde saßen noch eine geraume Zeit in Beredung über das beabsichtigte Geschäft, und begaben sich dann in eine nahe Restauration, wo sie sich in die früher zusammen verlebten lustigen Zeiten versetzten. Außer dem Star of the West miethete Ralph noch ein zweites Dampfboot, da jenes die gefangenen Indianer nicht alle fassen konnte; er kaufte die, für die Reise derselben nöthigen Lebensmittel ein und wies den beiden Fahrzeugen einen, von der Stadt entfernt gelegenen Platz an, wohin er die Wilden auf den Regierungsschiffen bringen und sie dort auf die gemietheten Dampfer überladen wollte, ohne große Aufmerksamkeit dadurch zu erregen. Ralph wurde als General, als Agent der Regierung und als glücklicher Vermittler zwischen den Amerikanern und den Seminolen von den Bewohnern der Stadt mit großer Auszeichnung behandelt und 5 10 15 20 25 30 35 669ViERtER BaNd • achtuNddREissigstEs KapitEl es schmeichelte seinem Stolz nicht wenig, daß die angesehensten Männer ihm Besuche machten und ihn in ihre Gesellschaften zogen. Alles war zur Beförderung der Wilden in Bereitschaft und Ralph begab sich nach Florida zurück, um dort die Einschiffung derselben zu bewerkstelligen. Mit großer Ungeduld hatte Tallihadjo auf Ralph’s Rückkehr gewartet und seine Freude war außerordentlich, als er ihn eines Abends an dem Ufer des See’s erscheinen sah. Er selbst bestieg den Nachen und holte ihn zu sich auf die Insel. Ralph theilte ihm nun mit, wie vortrefflich er alles zu der Reise der Seminolen eingerichtet habe, beschrieb ihm, wie bequem und rasch die Fahrt bis zu ihrem Ziel vollbracht werden würde, und nahm an seiner Seite in der Berathung Platz, zu welcher Tallihadjo sämmtliche Männer auf der Insel um sich versammelte. Hier berichtete der Häuptling nun die Einrichtungen, die Ralph für sie getroffen habe, beschrieb das herrliche bequeme Reisen auf einem Dampfboote und schilderte dann nochmals die reichen Prairien mit den zahllosen Büffeln, wilden Pferden, Hirschen, Antilopen und Bären, so daß sämmtliche Leute seines Stammes in Jubel ausbrachen. Die Krieger der fremden Stämme freilich stimmten nicht mit ein, doch auch sie fanden Trost in den Worten Tallihadjo’s, da er ihnen versicherte, daß Ralph Vorkehrungen getroffen habe, um ihre sämmtlichen Angehörigen bald nachfolgen zu lassen. Am zweitfolgenden Morgen begann die Ueberfahrt der Indianer von der Insel nach dem Festlande, wo sie bei ihrer Ankunft ihre Büchsen abfeuern und allen Vorrath von Kugeln und Pulver an die Amerikaner abliefern mußten. Ihre Waffen erlaubte man ihnen, zu behalten, da man fürchtete, daß sie sich der Abgabe derselben widersetzen würden. Gegen Mittag war die Landung vollbracht und man rüstete sich zum Abmarsch. Sämmtliche Habe der unglücklichen Indianer mußten sie selbst tragen. Männer, Weiber und Kinder beluden sich jetzt mit d e m Theil ihres Eigenthums, welches ihnen das Liebste war. Die Wahl ward ihnen sichtbarlich schwer, man sah sie schön gegerbte Häute, künstlich verfertigte lederne Kleidungsstücke, Fischnetze und viele dergleichen Gegenstände niederwerfen und andere dafür auswäh- 670 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 len und die Ladung, die sie zu tragen beschlossen, wurde immer größer. Endlich rief die Trommel zum Abmarsch. Tallihadjo auf seinem Schimmel, der neben dem Boote schwimmend ihm an das Festland gefolgt war, ritt voran, und schwer bepackt folgten ihm seine Gefährten einzeln hintereinander nach, während zu beiden Seiten ihres langen Zuges die Truppen Mann hinter Mann sie geleiteten. Mit feuchten Augen nahmen sie stummen Abschied von dem schönen See und mit wehmütigem Blick sahen sie im Vorüberschreiten die stolzen Bäume des Waldes an, die Zeugen ihres vergangenen Glückes. Auf der sumpfigen Ebene, wo die Indianer die Weißen zuletzt bekämpft hatten, versuchten es mehrere junge Krieger zu flüchten, und sprangen seitwärts in das Dickicht; sie wurden aber von den Kugeln der Amerikaner erreicht und niedergestreckt. Noch wälzten sie sich in ihrem Blute, während der Zug ohne Aufenthalt an ihnen vorüberschritt und Niemand sich weiter um sie bemühte. Dies Beispiel benahm allen Uebrigen den Muth, einen Fluchtversuch zu machen, und bei Sonnenuntergang erreichten die Wanderer einen offenen Platz in der Nähe von Tallihadjo’s früherem Wohnsitz. Hier verbrachten sie, rund um von den Soldaten bewacht, die Nacht und mit Tagesanbruch setzten sie ihren beschwerlichen Marsch fort. Tallihadjo’s Hoffnung einflößende tröstende Worte hielt sie in ihren Anstrengungen aufrecht, er selbst war abgestiegen und hatte sein Pferd mit Gepäck seiner Brüder beladen, seine vielen Neger mußten den schwerbelasteten Seminolen theilweise die Bürde abnehmen und unermüdlich ging er von Einem zum Andern und schilderte ihnen die Schönheit und den Reichthum des Landes, dem sie zuwanderten. Erschöpft und ermattet langten sie nach Verlauf einer Woche mit Sonnenuntergang an der Mündung des Ocklocknyflusses an, wo zwei Dampfschiffe sich in kurzer Entfernung auf dem spiegelglatten Golf schaukelten. Es waren die Schiffe der Regierung, welche die Indianer nach New-Orleans bringen sollten, und auf denen sich zu gleichem Zweck schon zweihundert Seminolen befanden, die durch die, in Tampabay stationirten Truppen gefangen genommen waren. 5 10 15 20 25 30 35 671ViERtER BaNd • achtuNddREissigstEs KapitEl Ohne Laut, ohne Klage hatten die unglücklichen Gefährten Tallihadjo’s den langen mühseligen Weg in stumpfer Ergebung zurückgelegt und schweigend von den blauen Bergen, von den dunkeln Wäldern, von den klaren Gewässern ihres Vaterlandes Abschied genommen, jetzt aber, da sie den Fuß von ihm heben sollten, um es nimmer wieder zu betreten, da wollten ihnen die Herzen brechen und eine wilde rasende Verzweiflung bemeisterte sich ihrer. Sie warfen sich an dem Strand nieder und küßten die Erde, ihre Hände ringend blickten sie zu dem klaren azurblauen Himmel auf und flehten den großen Geist um Barmherzigkeit an, laut schluchzend und weinend fielen sie sich in die Arme und ihr Jammergeschrei, ihr Wehklagen zog über Land und Meer. Die Sonne tauchte sich blutroth in die schwarzgrüne Fluth des Golfs, die hellen silbernen Sterne zitterten an dem dunkeln Himmel und die Nacht breitete ihre finstern Schwingen über die Erde aus. Die Klagen der Wilden waren verhallt und nur ein tiefes Schluchzen wurde noch unter ihnen vernommen. Kein Feuer brannte in ihrer Nähe und Speise kam heute Abend nicht über ihre Lippen. Ueberwältigt von der Anstrengung des Marsches und von den verzweifelten Ausbrüchen ihres Schmerzes erschöpft, sanken sie auf die heimathliche Erde nieder, um zum Letztenmale auf ihr zu ruhen. Der mitleidige Schlaf erbarmte sich ihrer und der neue Tag schreckte sie mit dem Gedanken an den nahen Abschied von ihrem Vaterlande aus ihren verworrenen Träumen. Die Einschiffung begann. Sechs große Boote naheten sich von den Dampfschiffen aus dem Ufer, sie wurden mit Indianern befrachtet und kehrten dann zu jenen zurück, um ihre Ladung dort abzusetzen. Im stummen Hinbrüten saßen die Heimathlosen in der glühenden Sonnenhitze auf dem heißen sandigen Ufer und warteten auf den Wink ihrer Tyrannen, in das Boot zu steigen. Tallihadjo war mit seiner Familie und einigen siebzig Negern, die er und Olviana besaß, bis zuletzt zurückgeblieben und es war Nachmittag geworden, als man anfing, diese Sclaven an Bord zu bringen. Wahrend Ralph sich beim Ein- und Ausladen der Indianer in keiner Weise betheiligt hatte, so empfahl er jetzt doch den Matrosen Vorsicht an und bestand darauf, daß nicht zu viele Neger auf 672 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 einmal eingeschifft würden. Auch sie waren endlich Alle glücklich auf dem einen Dampfer angelangt und nun kam die Reihe an Tallihadjo’s Schimmel, denn dessen Begleitung hatte der Häuptling sich ausdrücklich bei Ralph ausbedungen. Alle Vorrichtungen, um Pferde an Bord zu bringen, befanden sich auf dem Dampfer, dem Schimmel wurden breite Gurten um den Leib geschnallt, er mußte neben dem Boot her bis an das Schiff schwimmen, dort wurden Taue an die Gurten befestigt und nach wenigen Minuten war er auf das Verdeck hinauf gehoben. Ihm folgte Tallihadjo selbst nebst seiner Familie und Ralph nach, und als die Sonne mit ihrem Scheideblick die hohen Wälder Floridas.vergoldete, nahmen auch die Indianer den letzten herzzerreißenden Abschied von dem Lande ihrer Väter. Die Anker waren gelichtet, die Schiffe brausten über die dunkelwerdende Fluth und Florida verschwamm bald in einem Nebelstreif in dem Horizont über der See. Schreck, Angst und Erstaunen hatte die Wilden befallen, sobald die Dampfschiffe sich in Bewegung setzten, die große Menge, die niemals ein solches gesehen hatte, drängte sich schreiend und heulend zusammen und es bedurfte Tallihadjo’s ganzer Beredsamkeit, um sie zu beruhigen und sie zu überzeugen, daß keine Gefahr vorhanden sei. Ralph that während der Reise sein Möglichstes, um die Indianer mit ihrem Schicksal zu befreunden, er pries ihnen die unendlichen Vorzüge der Länder, die sie in Besitz nehmen sollten, und stellte seinen eigenen freiwilligen Entschluß, mit ihnen zu ziehen und mit ihnen zu leben, als Beweis für seine Worte hin. Tallihadjo hörte ihm dabei mit inniger Freude zu, mit jeder Meile, die sie hinter sich zurückließen, erheiterten sich seine Züge mehr und freier und tiefer hob sich seine Brust; denn er sah schon im Geiste das Ziel seines langjährigen Strebens, das Glück seines Volkes, gegründet. Mit ihm unterhielt sich Ralph sehr eifrig, er stellte es ihm frei, die Leute zu wählen, die von New-Orleans aus mit ihm auf dem Star of the West fahren sollten, denn dieses Schiff bezeichnete er ihm als das größte und beste, weshalb er es auch für ihn zur Reise bestimmt habe. In Bezug auf die Neger bemerkte er ihm, daß dieselben nicht auf den beiden Schiffen mitfahren könnten, welche für die Indianer bestimmt seien, und welche kaum genug Raum für dieselben böten, 5 10 15 20 25 30 35 673ViERtER BaNd • achtuNddREissigstEs KapitEl denn diese dürfte man nicht trennen; er habe aber noch ein kleines, sehr schnelles Dampfboot gemiethet, auf welchem er die Reise machen wolle, damit er sich immer rasch von einem zum andern Schiffe fahren lassen könne, dahin, wo gerade seine Gegenwart nöthig werden würde. Auf diesem kleinen Dampfboot sollten die Neger die Reise machen, so daß sie fortwährend unter seiner Aufsicht ständen. Tallihadjo war diese Einrichtung sehr erwünscht, indem er die Indianer gern so wenig als möglich von einander trennte, um keine Unzufriedenheit oder Besorgniß unter ihnen zu erzeugen. Die heitere Stimmung des Häuptlings nahm mit der Annäherung nach dem Ziele dieser Fahrt zu, er spielte mit seinen kleinen Kindern, liebkos’te seine Frau, redete zu Tomorho und Olviana, deutete diesen an, daß nun bald ihr sehnlicher Wunsch, Mann und Weib zu sein, erfüllt werden würde, und trat oft zu seinem Schimmel, um dessen Haar zu glätten und seine zierlichen Glieder mit den Händen zu reiben. Am zweiten Morgen nach der Abfahrt von der Küste Florida’s zogen die beiden Schiffe an der Stadt New-Orleans vorüber und die Wilden hefteten in höchstem Erstaunen ihre überraschten Blikke auf die Riesengebäude, auf die Kuppeln und Thürme des Ortes. Mit Verwunderung zogen sie an dem Mastenwald der an den meilenlangen Werften liegenden Fahrzeuge vorüber und hielten ihre Augen noch immer auf die Stadt gerichtet, als sie eine Meile oberhalb derselben die beiden, zu ihrer Aufnahme nebeneinander bereit liegenden Dampfer erreichten. Der Star of the West glänzte in seinem neuen Anstrich den Augen Tallihadjo’s vorzugsweise entgegen und er war sehr erfreut, als Ralph ihm verkündete, daß dieses das Schiff sei, auf welchem er fahren würde. Das andere Dampfboot, die Mayflower, war nicht viel kleiner, doch sah es weniger neu aus, als Ersteres. Der Umzug auf diese beiden Dampfer war bald ausgeführt, die Indianer begaben sich mit ihrem Gepäck über starke Bohlen auf die Verdecke derselben und sammelten sich dort familienweise, oder, wie sie nach den verschiedenen Stämmen zu einander gehörten. Ralph gab nun Tallihadjo die Zahl der Köpfe an, die auf dem Star of the West fahren sollten und bat ihn, mit Berücksichtigung 674 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 dieser Angabe die Indianer auf die beiden Schiffe nach eigenem Gutdünken zu vertheilen. Zugleich zeigte er ihm an, daß die Neger ihn jetzt nach New-Orleans begleiten sollten, um dort mit ihm sich an Bord des kleinen Dampfschiffes zu begeben, welches er, wie er ihm bereits gesagt, für seine eigene Ueberfahrt gemiethet habe. Auf diese Weise würden weder auf dem Star of the West, noch auf der Mayflower Streitigkeiten wegen des Raumes entstehen, denn diese Fahrzeuge waren beide bedeutend kleiner, als die, welche die Auswanderer bis hierher befördert hatten. Gegen Abend, sagte er, wollte er mit jenem Fahrzeuge an ihrer Seite anlegen und morgen in der Frühe würden sie zusammen die Reise antreten. Während des Tages habe er noch viele Geschäfte in der Stadt zu besorgen, unter andern auch das Geld für Tallihadjo’s verkauftes Vieh und Pferde einzuziehen, welches er ihm bei seiner Rückkehr einhändigen würde. Der Häuptling war guter Dinge und freute sich über das schöne Dampfschiff, welches ihn nach dem ersehnten Ziele tragen sollte, er versprach Ralph, die Vertheilung der Indianer auf die Schiffe während dessen Abwesenheit nach Ermessen auszuführen, und befahl den sämmtlichen Negern, dem General Norwood zu folgen. Dieser begab sich nun mit den Sclaven an das Land und schritt eilig der Stadt zu, nicht aber nach einem, an deren Werften seiner harrenden Dampfboote, sondern nach der Esplanadestraße, wo die großen Sclavenhändler wohnten. Dort an dem Eingang eines prächtigen Wohngebäudes zog er die Schelle, die Thür öffnete sich und der Eigenthümer desselben, Herr Woodcock, begrüßte ihn auf ’s Freundlichste. Derselbe schien schon von den Wünschen Ralph’s unterrichtet zu sein und bat ihn, die Neger durch das Haus in den Hof zu führen. Auf den Ruf Woodcocks erschienen mehrere kräftige Schwarze, denen die mitgebrachten Sclaven in Abtheilungen von fünf Mann mit dem Wink übergeben wurden, dieselben in die großen Hintergebäude abzuführen. Die Sclaven sahen sich betroffen und bestürzt an, Ralph sagte ihnen aber, daß sie den Tag hier zubringen müßten, indem er sie erst gegen Abend auf das Dampfschiff geleiten könne und seinem Freunde Tallihadjo verantwortlich für sie sei. Bald waren sie sämmtlich, und zwar in einzelne Zellen, abgeführt und darin eingeschlossen. 5 10 15 20 25 30 35 675ViERtER BaNd • achtuNddREissigstEs KapitEl Ralph hatte schon bei seinem ersten Hiersein dem Sclavenhändler mitgetheilt, daß er eine bedeutende Anzahl Neger von einem Seminolenhäuptling kaufen werde, die er selbst auf seiner Plantage so nahe bei der Wildniß, in der sie gelebt hätten, nicht zur Arbeit gebrauchen könne, indem sie ihm sofort weglaufen würden. Deshalb wolle er diese Sclaven hierher bringen und an den Herrn Woodcock verkaufen, der ihn theils mit Geld, theils mit andern Negern dafür bezahlen solle. Der Sclavenhändler gab nun seinen Dienern den Befehl, die angekommenen Neger einzeln aus ihren Zellen in einen entlegenen Raum zu führen und ihnen dort Ketten anzulegen, so daß dieselben sich dieser Operation nicht widersetzen könnten. Zugleich versprach er Ralph, die Neger, sobald sie gefesselt wären, einzeln zu untersuchen, zu schätzen und ihm dann nach Tisch den höchsten Preis zu nennen, den er für sie anlegen könne. Ralph ersuchte nun den Herrn Woodcock, die Neger nicht zu niedrig zu taxiren, widrigenfalls er sich genöthigt sehen würde, mit einem andern Sclavenhändler den Handel zu machen, und verließ das Haus, um noch verschiedene Geschäfte zu besorgen. Er besuchte während des Vormittags auch die vornehmsten Restaurationen und Trinkhäuser, wurde dort von einigen angesehenen Männern bewillkommnet, deren Bekanntschaft er bei seinem früheren Aufenthalt hier gemacht hatte, und fand sich zum Mittagsessen an der reich besetzten Tafel im St. Charles Hotel ein. Er hatte einige Gäste zu Tisch geladen, spendete den theuersten Madeirawein und Champagner, und beim Kaffee ließ er die feinsten Cigarren herumreichen. Dann verabschiedete er sich auf kurze Zeit von seinen Bekannten, versprach ihnen, den Abend mit ihnen zuzubringen und bestieg einen Fiacre, der ihn hinaus zu den Indianern fahren mußte. Tallihadjo war verwundert, ihn nicht auf seinem gemietheten Schiffe erscheinen zu sehen, Ralph aber erklärte ihm mit wenigen Worten, daß er erst morgen frühzeitig das Geld für das Vieh und die Pferde erheben könne und daß er den Star of the West und die Mayflower bald einholen würde, da das Schiff, auf dem er ihnen zu folgen beabsichtige, bedeutend schneller fahre. 676 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Tallihadjo stellte sich mit dieser Erklärung vollkommen zufrieden und sagte, daß er sehnlichst der Abfahrt entgegensehe, um den offenen Prairien näher zu kommen. Nach langer Unterredung mit dem Häuptling begab sich Ralph zu dem Capitain Blout in die Cajüte und schloß sich dort mit demselben ein. »Wir sind nun ganz einverstanden, Blout«, sagte er zu diesem. »Mit dem frühsten Morgen fahrt Ihr ab und thut Euer Möglichstes, um während des Tages eine tüchtige Entfernung von hier zurückzulegen. In der nachfolgenden Nacht spät, wenn Alles schläft, fahrt Ihr das Schiff in die Mitte des Stromes, schraubt das Ventil an dem Dampfkessel zu, macht Euch mit dem Maschinenmeister vorsichtig im Boote aus dem Staube, und wenn der alte Kasten aufgeflogen ist, rudert Ihr an das Land, werft das Boot um und taucht Euch Beide in das Wasser, als ob Ihr Euch schwimmend gerettet hättet. Ich habe Tallihadjo und seinen Lieben den Platz über dem Kessel als den angenehmsten bezeichnet, von dort aus wird er die schnellste Reise nach seiner herrlichen neuen Heimath machen.« »Alles ist vorbereitet und an Feuer unter dem Kessel soll es nicht fehlen. Derselbe ist gewaltig stark, denn er hat bei manchem Wettlauf die Probe bestanden. Ich sage Euch, wenn der auseinanderfliegt, dann wird von dem alten Star und seiner Ladung nicht Viel übrig bleiben. Ich verlasse mich aber auf Euch wegen der Entschädigung von Seiten der Regierung«, antwortete Blout. »Die soll Euch werden, ich stehe Euch dafür«, erwiederte Ralph. »Nun noch Eins: sollten unglücklicherweise einige der Rothhäute lebendig das Land erreichen, denn das Volk hat Katzenleben, so sorgt Ihr dafür, daß sie gleich auf die Mayflower gepackt werden. Die Agenten, die ich für Rechnung der Regierung mitgesandt habe, sind angewiesen, sich durch Nichts aufhalten zu lassen und die Wilden an der äußersten Grenze von Arkansas bei Fort Smith auszusetzen. Von dort aus mögen sie sich ihren Weg nach dem Westen suchen und den daselbst wohnenden Indianern einige ihrer Scalpe abtreten. Wir sind sie los.« Capitain Blout hatte eine Bouteille mit Cognac, Gläser und eine Kanne Wasser auf den Tisch gestellt, er trank mit Ralph auf glück- 5 10 15 20 25 30 35 677ViERtER BaNd • achtuNddREissigstEs KapitEl lichen Erfolg ihres Unternehmens, und dann ging dieser zu Tallihadjo zurück, um sich bei ihm zu verabschieden. Der Häuptling bat ihn beim Weggehen, er möge morgen so zeitig als möglich ihm nachkommen, da, wie er behauptete, sein Herz nicht so frei und froh schlüge, wenn er Ralph nicht sehen könne. Dieser sagte ihm die Erfüllung seiner Bitte zu, bestieg dann seinen Wagen und fuhr nach New-Orleans zurück, wo er den Kutscher anwies, ihn bei dem Herrn Woodcock aussteigen zu lassen. Der Sclavenhändler hatte schon einige Zeit auf ihn gewartet und machte ihm gleich die Eröffnung, daß er ihm vierzigtausend Dollar für die sämmtlichen Neger geben wolle, welchen Betrag Ralph in baarem Gelde oder in andern Sclaven empfangen könne. Ralph meinte, der Preis sei zu gering, er versuchte, den Händler zu höherem Gebot zu stimmen, doch als er fand, daß dieser lieber auf das Geschäft verzichtete, schloß er mit ihm den Handel ab und ließ sich vorläufig von ihm den Betrag auf eine Bank anweisen. Ralph war jetzt in dem Besitz eines sehr bedeutenden Kapitals, welches ihn aller Sorgen für seine Zukunft überhob. Während er früher auf kleinere, wenn auch nicht unbedeutende Beträge keinen Werth gelegt und sie leichtsinnig vergeudet hatte, so war die Summe, die er jetzt in Händen hatte, so groß, daß er fest und unwiderruflich beschloß, sie nicht allein zu behalten, sondern mit ihr eine noch viel bedeutendere zu gewinnen, wozu ihm das freigewordene Land der fortgeschafften Indianer die herrlichste Gelegenheit bot. Heute ging er in kein Spielhaus, er ging nicht zu dem Hahnengefecht, wozu er eingeladen wurde, nur trank er viel und gut mit seinen Bekannten und begab sich gegen seine Gewohnheit früh nach Haus. Am folgenden Morgen bei Tagesanbruch verließ er zu Fuß das Hotel und wanderte an dem Flusse hin dem Platze zu, wo die Dampfschiffe mit den Indianern lagen, bis er deren Schornsteine erblickte, aus welchen schon Funken hervorsprühten. Hier setzte er sich mit einer brennenden Cigarre unter einem Baume nieder, um selbst Zeuge von der Abfahrt der Wilden zu sein. Kaum zeigte sich das neue Tageslicht am östlichen Himmel, als die Rauchwolken dichter aus den Schornsteinen der Schiffe aufstiegen, diese sich zu bewegen begannen und bald darauf der Star 678 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 of the West voran und die Mayflower ihm nach in der Mitte des Stromes gegen denselben ansteuerten. »Recht angenehme Reise!« sagte Ralph, indem er lachend aufstand und den davonbrausenden Schiffen noch einen Blick nachschickte; dann wandte er sich zur Stadt zurück, wo ihm bald die Frühstücksglocke in seinem Hotel entgegentönte. Den Tag verbrachte er an dem reizenden Pontchartrainsee, wohin ihn mehrere angesehene Männer zum Mittagsessen eingeladen hatten, und Abends folgte er der Einladung eines der ersten Banquiers der Stadt und wohnte einer Gesellschaft in dessen Hause bei. Es war dieses ein ungewöhnlich glückliches Jahr für die Bewohner von New-Orleans; denn bis jetzt hatten sich nur einzelne leichte Fälle vom gelben Fieber gezeigt, weshalb auch sehr viele Familien hier verblieben waren, die sonst stets während des Sommers sich von der Stadt entfernten. Ralph war heute Abend in der Gesellschaft ein sehr gesuchter Mann, man drängte sich, um seine Bekanntschaft zu machen, er mußte von Florida und namentlich von den Seminolen erzählen, und es war schon Mitternacht, als er immer noch in dem hell erleuchteten, prächtigen Salon saß und die schönen Creolinnen, die in strahlender Toilette sich um ihn gesammelt hatten, über die Indianer unterhielt. ∗    ∗    ∗ Um diese Zeit schnaubte und stöhnte der Star of the West unter der Gewalt seiner Maschine gegen die rasende Strömung des Mississippi-Flusses an, und über ihm sprühten die Funken aus seinen Schornsteinen, wie Cometenschweife, durch die rabenschwarze Nacht. Kaum waren von seinem Verdeck aus zu beiden Seiten die hochbewaldeten Ufer zu erkennen, denn er steuerte in der Mitte des meilenbreiten ungeheuern Stromes, und nur hier und dort bezeichnete ein matter Lichtpunkt ein Farmerhaus, eine Plantage. Die pfeilschnellen Wogen, die sich unter der Spitze des Dampfers brachen, stürzten sich schäumend gegen dessen Räder, und hoch warfen diese den weißen Gischt über die schwarze Fluth hinter sich. 5 10 15 20 25 30 35 679ViERtER BaNd • achtuNddREissigstEs KapitEl In weiter Ferne hinter dem Star of the West erkannte man auf dem finstern Strome zwei große glühende Punkte, die wie die Augen eines schwarzen Ungeheuers auf dem Wasser schwammen und den Star of the West zu verfolgen schienen. Es waren die Oeffnungen in den Oefen der Mayflower, welche alle Kraft aufbot, um jenem davonstürmenden Schiffe nachzukommen. Während des ganzen Tages hatte Tallihadjo seine Falkenaugen angestrengt, um in der Ferne das Schiff zu erspähen, auf dem Ralph ihm versprochen hatte, zu folgen. Es war nicht erschienen. Als die Nacht sich über den Fluß legte und die Feuer der Mayflower durch die Dunkelheit zu glühen begannen, war der Häuptling, trotz der Gegenvorstellungen des Capitains Blout mit seiner ganzen Familie auf das hinterste Ende des obersten Verdecks gegangen, um dort die Nacht zuzubringen, indem er von da aus den Blick auf dem Fluß hinab frei hatte und von Augenblick zu Augenblick hoffte, noch zwei glühende Augen zu sehen, die dem Schiffe Ralphs angehören möchten. Doch Stunden waren verflossen und Mitternacht war gekommen, ohne daß das ersehnte Fahrzeug erschienen wäre. Tallihadjo allein von allen Indianern war noch bis jetzt wach geblieben und hatte seine Blicke auf die Feuer der Mayflower geheftet, doch nun sank auch er zurück auf seine Pantherhaut und ließ die kühle Nachtluft über seine nackte Brust hinziehen. Alles an Bord des Star of the West war in tiefen Schlaf gesunken, nur die Arbeiter vor den Oefen, die unaufhörlich Holz in die furchtbare Gluth warfen, waren noch thätig und hörten wiederholt den Ruf des Maschinenmeisters: »Fire up!« Außer ihnen wachte noch der Lootse, der auf dem obersten Verdeck an dem Steuer stand, bald durch die Dunkelheit nach den fernen Ufern hinsah, bald auf den hell erleuchteten Compaß vor sich blickte und das Schiff in seinem tollen Laufe lenkte, während er von Zeit zu Zeit bedenklich den Kopf schüttelte. Der Capitain Blout jedoch war auch noch wach und sogar emsig beschäftigt. Er befand sich an dem äußersten Ende des Schiffes und hatte das dort in Flaschenzügen hängende Boot vorsichtig bis auf das Wasser hinabgelassen, so daß es sich in der Furche hinter 680 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 dem Schiffe schaukelte. Nachdem er dies vollbracht, hob er den Kopf in die Höhe, als lauschte er nach irgend einem Tone. Alles war still und stumm, außer dem Brausen der Räder und dem Stöhnen der Maschine. Jetzt sprang Blout rasch durch den untern Raum des Schiffes nach der Maschine hin und flüsterte dem Ingenieur zu: «Ich bin fertig, das Boot ist im Wasser, wie weit seid Ihr?« »Fertig!« antwortete der Maschinenmeister, rief dann laut nach den Feuerleuten hinaus: »Fire up!« und ließ noch einen fürchterlichen Fluch nachfolgen. Im nächsten Augenblick hörte man die schweren Stücke Kienholz in die Oefen fliegen und der Maschinenmeister faßte Blout beim Arm und flüsterte ihm zu: »Verdammt, jetzt haben wir nicht viel Zeit zu verlieren, wenn wir die Himmelfahrt nicht mitmachen wollen. Vorwärts – bei Gott – in fünf Minuten holt der Teufel den Star mit Mann und Maus.« »Das Ventil doch richtig zu?« fragte Blout. »Wenn die Himmelspforte vor Euch so fest geschlossen wird, dann könnt Ihr Euch ein Stockwerk tiefer ein Quartier suchen. Vorwärts, sage ich Euch, ich höre den Kessel sich schon dehnen!« Mit diesen Worten erfaßte der Ingenieur die Hand des Capitains, riß ihn mit sich fort nach dem Ende des Schiffes, Beide ließen sich an den Stricken in das Boot hinab, Blout durchschnitt die Taue und im nächsten Augenblick schwankte der Nachen mit den beiden Flüchtlingen auf den hochgethürmten Wellen der Furche, die der davonjagende Dampfer hinter sich zurückließ. Beide hatten die Ruder ergriffen und lenkten den Kahn dem Lande zu, indem sie ihre stieren Blicke auf das fliehende Dampfboot hefteten. »Bei Gott, das nenne ich einen Kessel«, sagte der Maschinenmeister. »Wenn nur das Ventil gut geschlossen ist«, bemerkte Blout, nach dem Schiffe stierend. »Werdet’s gleich sehen«, sagte der Ingenieur, und in demselben Augenblick verwandelte sich die schwarze schwere Masse des Dampfers in einen glühenden Feuerball, der seine Strahlen, seine Leuchtkugeln und Raketen nach allen Richtungen von sich sprühte und in dessen Licht man Hunderte von Menschen, Ballen, Kisten 5 10 15 20 25 30 35 681ViERtER BaNd • achtuNddREissigstEs KapitEl und Fässern und ein weißes Pferd hoch durch die Luft fliegen sah. Ein Donner, als ob der Himmel eingestürzt sei, begleitete die Explosion und die Wogen in deren Nähe wurden mit solcher Gewalt zur Seite geworfen, daß die Fluth sich im Kreis um den Feuerberg haushoch aufthürmte. Die schwarze Nacht verschlang das glühende Lichtbild im nächsten Augenblick und eine furchtbare Stille legte sich über den Fluß. »Hallo, Capitain Blout, was meint Ihr nun, war das Ventil wohl fest zu?« rief der Maschinenmeister. »Es scheint so! Ich kann Euch sagen, wenn uns der Balken getroffen hätte, der hier neben uns in’s Wasser schlug, dann wären wir in unserer eigenen Falle gefangen gewesen. Gute Nacht, Star – Du hast mir Sorge genug gemacht«, antwortete der Capitain. Plötzlich erschallten Stimmen auf dem Strom und an den Ufern, die keinen menschlichen Wesen anzugehören schienen; es war ein Zetergeschrei, ein Wuthgeheul, ein Klagen, ein Wimmern, das durch die Finsterniß klang, als ob es der Unterwelt entströme. Die schrecklichsten Töne aber kamen von der Mitte des Flusses, von dem Wrack des zersprengten Dampfers her, welches, wie eine schwarze Ruine, in der Strömung hinabtrieb und auf dessen Höhe eine Anzahl dunkeler Gestalten gegen den Himmel zu erkennen waren. Tallihadjo mit den Seinigen stand dort auf dem letzten Ende des Schiffes, welcher Theil unversehrt geblieben, während der vordere bis auf den Wasserspiegel zertrümmert war. »Nur rasch nach dem Lande, wir müssen jetzt ein kaltes Bad nehmen, damit es aussieht, als hätten wir geschwommen«, sagte Blout, und er, sowie sein Gefährte legten sich mit Gewalt in die Ruder und ließen das Boot über die Fluth schießen. Bald hatten sie das Ufer erreicht, Blout stieß den Kahn mit den Worten in den Strom zurück: »Kannst auch so fortschwimmen, Niemand wird es Dir ansehen, daß Du zu dem alten Star gehört hast,« und erfaßte dann einen Weidenbusch, an dem er sich in das Wasser hinabließ und sich mit dem Kopfe untertauchte. Dasselbe that der Maschinenmeister, und Beide hoben sich durchnäßt auf das Ufer hinauf, von wo aus sie ihre Augen durch die Dunkelheit auf die Trümmer des vor- 682 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 übertreibenden Dampfers richteten, von denen her die Stimme des Häuptlings immer fürchterlicher und entsetzlicher ertönte. »Verdamme meine Augen, wenn das nicht der König der Rothhäute ist, der dort seine Löwenstimme hören läßt, der Kerl hatte sich auf das hintere Theil des Sturmdaches gebettet, um sich nach dem erwarteten Boote des Generals umschauen zu können, und gerade der Theil des Schiffes ist verschont geblieben. Jetzt ruft er seinen Brüdern auf der Mayflower zu und sie antworten ihm, hört nur das Geheul – als ob es von wilden Bestien ausgestoßen würde.« Während Capitain Blout diese Wortc sagte und auf das zerstörte Dampfschiff zeigte, kam die Mayflower den Strom heraufgeschnaubt, wandte sich vor dem Wrack und fuhr an dessen Seite. Der Capitain der Ersteren ließ den zerstörten Star mit Tauen an sein Schiff befestigen und ging dann selbst mit dem Agenten der Regierung und mit mehreren seiner Mannschaft an Bord desselben, um die noch lebenden Indianer auf sein Fahrzeug zu holen. Außer Tallihadjo und seiner Familie, die gänzlich unversehrt geblieben waren, befanden sich noch einige hundert Wilde auf den verschiedenen Verdecken im hintern Theile des Dampfers, von denen nur Einige durch Holzsplittern leicht verwundet waren. Sie wurden sämmtlich auf die Mayflower gebracht, deren Capitain überließ den Star of the West seinem Schicksal und steuerte bis in die Gegend, wo die Explosion stattgefunden hatte, um dort den Tag zu erwarten und zu sehen, ob sich vielleicht noch einige der Passagiere durch Schwimmen gerettet hätten. Der Anker wurde ausgeworfen und das Schiff bäumte sich an seiner Fessel hoch gegen den gewaltigen Strom, der Capitain wollte es aber nicht wagen, sich in das ruhigere Wasser an das Ufer zu begeben, aus Besorgniß, die Wilden möchten sich auf das Land flüchten und nicht leicht wieder an Bord zurückgebracht werden können. Die Angst, die Verzweiflung derselben überstieg alle Grenzen, denn so sehr die Agenten sich auch bemühten, sie zu beruhigen und ihnen einzureden, daß sie auf diesem Schiffe vollkommen sicher wären; so glaubten sie doch, daß sie demselben Schicksal entgegen gingen, welches ihre unglücklichen Brüder betroffen hatte. 5 10 15 20 25 30 35 683ViERtER BaNd • achtuNddREissigstEs KapitEl Tallihadjo war der Erste, der seiner Lage wieder Herr ward, und der in der Zerstörung des Dampfschiffes ein zufälliges unglückliches Ereigniß erkannte. Seine Pflichten gegen den Ueberrest seiner armen Gefährten erschienen ihm im Augenblick noch größer, als früher, und sie zu einem glücklichen Ziele zu führen, oder mit ihnen unterzugehen, war er jetzt fester entschlossen, als jemals. Mit seiner angeborenen Ruhe ging er von einer Gruppe zur andern, suchte seinen Leidensgenossen Trost und Muth einzusprechen und berief sich dabei immer wieder auf ihren treuen Freund und Bruder Ralph, der ja entschlossen sei, alle Schicksale mit ihnen zu theilen und der ihnen Rath und Hülfe bringen werde. Er war zu den wenigen Kriegern hingetreten, welche noch von dem Stamme Osmakohee’s übergeblieben waren und hatte auch sie mit dem baldigen Erscheinen Ralph’s trösten wollen, als Einer derselben das Wort nahm und dem Häuptling mittheilte, daß Ralph der weiße Mann gewesen sei, der, um die Neger Hallemico’s zu erhalten, Osmakohee gesagt habe, Jener sei der Mörder seines Sohnes. Deshalb habe Osmakohee nach Ralph’s Leben getrachtet und dessen Wohnung zerstört, wobei er selbst den Tod gefunden habe. »Umsonst wartest Du auf den zweifarbigen Mann,« schloß der Indianer seine Rede, »er ist nun in dem Besitz der Neger Hallemico’s und auch der Deinigen und Deine Augen werden ihn niemals wiedersehen.« Wie vom Blitz getroffen stand der Häuptling da und stierte den Sprecher an, seine Hände ballten sich krampfhaft zusammen, seine Lippen bebten und seine Augen glühten in dem Scheine der nahen Laterne. Nach einigen Minuten des Kampfes mit sich selbst sagte er mit hohler Stimme: »Warum hat Deine Zunge nicht früher geredet?« »Weil Osmakohee, unser Häuptling, uns befohlen hatte, zu schweigen. Jetzt aber, da wir in jenem Doppelzüngigen unsern Retter sehen sollen, muß ich Dir sagen, daß er weder unser, noch Dein Freund jemals gewesen ist«, antwortete der Indianer auf das Bestimmteste. Tallihadjo wandte sich schweigend ab und begab sich auf das oberste Verdeck, an dessen Ende er sich niedersetzte, seine Hän- 684 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 de faltete und zu dem dunkeln Himmel aufblickte, als flehe er den großen Geist um Mitleid an. Es waren Thränen in seine Augen getreten, deren er sich vor seinen Brüdern schämte und die jetzt über seine braunen Wangen rollten. Sein Zorn war dem Schmerz gewichen, den der Gedanke an seine betrogene innige Freundschaft in sein Herz goß. Jetzt fiel ihm die Warnung der treuen Onahee ein, der Verrath Ralph’s ward ihm mit jedem Augenblick klarer und über dessen Raub an ihm und an Olviana blieb ihm kein Zweifel mehr. Doch das Vergehen war zu ungeheuer, als daß er sich in diesem Augenblick nach Rache an dem Sünder gesehnt hätte, er kannte keine Strafe, die groß genug für denselben gewesen wäre. Das Gefühl, daß e r es ehrlich mit diesem Bösewicht und mit den Seminolen gemeint hatte, tröstete ihn und er erkannte in dem Schicksal, welches Ralph über ihn und sein Volk gebracht, den Zorn des gro- ßen Geistes. Deshalb flehete er diesen um Mitleid an und bat ihn um Beistand, seine Gefährten dem neuen Vaterland zuzuführen. Am folgenden Morgen begaben sich die Agenten der Regierung in Booten an das Land, um dort nach Indianern zu suchen, die sich durch Schwimmen etwa gerettet haben möchten, und wirklich brachten sie Mehrere mit zurück an Bord der Mayflower, dann wurden deren Anker gehoben und die Seminolen setzten ihre Reise nach der westlichen Grenze von Arkansas fort. 685 5 10 15 20 Capitel 39. Eitelkeit. – Das Schreckbild. – Das Geheimniß. – Fassung. – Zweite Unwahrheit. – Das Kind. – Glühende Eifersucht. – Mordplan. – Der Todfeind. – Der Beschluß. – Der Alligator. – Der Erwartete. – Die Aussage. – Gesteigerte Rastlosigkeit. – Die treue Sclavin. – Der Friedensschluß. – Die Tochter. – Glückwunsch. – Finstere Betrachtung. – Die Taufe. Einige Tage darauf erschien in den Zeitungen von New-Orleans der Bericht über den accident (Zufall) der sich mit dem Star of the West, Capitain Blout, auf dem Mississippi ereignet habe, wobei bemerkt wurde, daß es den Anstrengungen des Capitains der Mayflower gelungen sei, die größte Zahl der Indianer zu retten, wenn auch, außer dem Capitain Blout und dem Maschinenmeister, die sich durch Schwimmen das Leben erhalten hätten, sämmtliche Weiße durch die Explosion getödtet worden wären. Zugleich wurde aber dieser Zufall als eine höhere Fügung angedeutet, wodurch manchem Frontiermann in Arkansas der Scalp gerettet worden sei. Auch wurde dem General Norwood darin volle Anerkennung seiner Verdienste für Florida gezollt und der Regierung Glück gewünscht, einen solchen Mann zu ihrem Agenten erwählt zu haben. Ralph eilte bald wieder nach Florida zurück, mit der Absicht, die werthvollsten Striche des Landes, welches durch das Wegschaffen der Indianer der Regierung zugefallen war, zu dem festgesetzten geringen Preis an sich zu bringen und darin einen Theil seines Vermögens anzulegen. In Tallahassee wurde er mit Ehrenbezeugungen empfangen. Man sah in ihm den Mann, der die großen Gefahren, womit die Stadt bedroht gewesen war, von ihr abgewendet hatte, sein listi- 686 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ges Verfahren gegen den mächtigsten Häuptling der wilden Feinde fand die allgemeinste Belobung und ihm zu Ehren ließ man die Miliz paradiren, es wurden öffentliche Reden zu seinem Ruhm gehalten und Festessen und Bankets gegeben, bei denen er die gefeierte Person war. Bei diesen erschien auch Eloise, die während Ralph’s Abwesenheit, ohne ihre Bemühung darum, mit allen den bessern Familien der Stadt bekannt geworden war und sich durch ihr feines, tactvolles und liebliches Benehmen nicht allein allgemeine Liebe, sondern auch die höchste Achtung erworben hatte. Ralph’s Eitelkeit und Stolz, welche beiden Eigenschaften sich durch seine Stellung und durch den Besitz eines jetzt bedeutenden Vermögens in ihm in einem hohen Grade herangebildet hatte, wurden durch die Ehre, die man seiner Frau erwies, noch mehr geschmeichelt, und er that Alles, um Eloisen stets in dem vortheilhaftesten Lichte erscheinen zu lassen. Sie war unbestritten die schönste Frau in der Stadt, ihre Bildung und ihr Benehmen gaben ihr gleichfalls den ersten Rang unter den Damen, und ihre Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit erhob sie über Alle. Auf den Wunsch Ralph’s war ihre Toilette immer die eleganteste, die geschmackvollste, und mit Verschwendung sorgte er dafür, daß keine Dame der Stadt so reich gekleidet ging, als Eloise. Doch nur um seine Eitelkeit zu befriedigen und seinen Wünschen nachzukommen, erschien sie auf den Promenaden zu Fuß, zu Pferd und zu Wagen und besuchte Gesellschaften, denn ihre Seele nahm keinen wahren Antheil mehr an diesen Freuden, ihr Herz bebte vor ihnen zurück und schloß die Erinnerung an die Vergangenheit krampfhaft in sich ein. Sie versank oft in der heitersten Umgebung tief in Gedanken, die sich auf ihren Zügen als sehr ernste kundthaten, und erschrack sichtbarlich, wenn man sie daraus erweckte. Ralph war Eloisens Versunkensein in sich selbst oft aufgefallen, wiederholt hatte er sie gefragt, woran sie denke und warum sie nicht fröhlich sei wie andere Frauen? er hatte ihr gesagt, daß ihre öftere Wortkargheit wie Schüchternheit und Befangenheit aussehe und zu seiner Stellung nicht passe, sie müsse in Gegenwart der andern Damen sich freier und entschlossener bewegen und dadurch zeigen, daß sie sich ihres Ranges bewußt wäre. 5 10 15 20 25 30 35 687ViERtER BaNd • NEuNuNddREissigstEs KapitEl Eloise that ihr Möglichstes, um auch hierin Ralph’s Wunsch zu erfüllen, dennoch blieb ihr Verhalten weit hinter demselben zurück, und sie zahlte jeden Versuch, den sie dazu machte, sobald sie sich allein befand, mit Thränen. Bei allen ihren Unterhaltungen vermied sie, über ihre Vergangenheit zu reden und lenkte das Gespräch in augenscheinlicher Bewegung auf einen andern Gegenstand, sobald dasselbe jene berührte. Es gab aber e i n Schreckbild in Tallahassee für sie, welches ihr d i e Zeit ihres Lebens, vor der sie so sehr zurückschreckte, mit furchtbarer Treue vor die Seele brachte, und wo es ihren Blicken erschien, erbebten ihre Nerven und das Blut schien in ihren Adern zu stocken. Es war Soublett, den sie zwar nur wenige Male in einiger Entfernung gesehen hatte, dessen höhnischer lächelnder Blick ihr aber jedesmal wie ein Dolchstich tief in’s Herz gedrungen war und sie mit eisiger Kälte überrieselt hatte. Eines Abends, nachdem die sengende Sonne in ihrem Purpurbett versunken war und die Bewohner Tallahassee’s aus ihren Häusern hervorkamen, sich vor deren Thüren niedersetzten, oder die Spaziergänge in der Nähe der Stadt aufsuchten, um sich in dem kühlen Seewind von der Gluth des Tages zu erholen, forderte Ralph seine Gattin auf, mit ihm eine Promenade zu machen, da heute Abend sicher viele Bekannte in der frischen Luft sich ergehen würden. Eloise war bald bereit, seinem Wunsch zu genügen, sie hing ihren besten seidenen Shawl leicht um ihre Schultern, ergriff einen prächtigen, kostbaren großen Fächer und schritt an dem Arm ihres Gatten in die Straße hinaus. Es war ein wundervoller Abend, die Luft von dem Golf her zog kräftig und belebend durch Tallahassee, und wo der General Norwood mit seiner schönen Gattin vor einem Haus vorüberging, erhoben sich dessen Bewohner von ihren Sitzen, um ihm, namentlich aber ihr, ein Compliment zu machen. Ralph, der früher nie anders gegrüßt hatte, als mit einem leichten Kopfnicken, machte sich jetzt zur Regel, stets seinen Hut abzunehmen, wozu ihm heute Abend besonders vielseitige Gelegenheit geboten wurde. Die auffallenden Höflichkeiten, die ihnen erwiesen wurden, das wußte er recht gut, 688 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 galten vorzugsweise Eloisen, dennoch thaten sie ihm wohl und er erwiederte sie mit großer Artigkeit. Sie hatten den Platz vor dem Gerichtsgebäude erreicht, als plötzlich Soublett neben demselben hervorkam und, seiner Richtung nach, in kurzer Entfernung vor Ralph und dessen Gattin vor- überschreiten mußte. Eloise schreckte zusammen, denn der Blick des ihr so fürchterlichen Menschen hatte den ihrigen getroffen; sie fühlte, wie sie erbebte, es war ihr, als wolle der Athem ihr stocken, sie senkte das Haupt und hing sich fester und schwerer an den Arm ihres Gatten. Soublett hatte sie jetzt beinahe erreicht, Eloise wußte, daß sein entsetzlicher Blick auf sie geheftet war, und ohne aufzuschauen, sah sie im Geiste ein Lächeln um den Mund ihres Schreckbildes spielen. »Guten Abend, General, – die Abendluft genießen? – geht nichts über eine helle Mondscheinnacht mit etwas Musik – viel Vergnügen!« sagte Soublett, indem er nur wenige Schritte vor den Beiden vorüberging und seinen Hut lüftete. Eloise zitterte heftig, die Hand, in der sie den Fächer hielt, sank machtlos an ihrer Seite nieder, sie fühlte, wie alle Kraft ihrer Glieder schwand, ihre Kniee bebten, sie that noch ein paar Schritte, und sank ohnmächtig zusammen. Ralph erschrack heftig, er hatte gefühlt, daß seine Gattin sich schwerer an seinen Arm hing, es war ihm aber nicht eingefallen, daß ein augenblickliches Unwohlsein dies veranlaßt habe, er richtete sie auf, sie war aber gänzlich regungslos und er mußte sie auf seinen Armen nach dem nächsten Hause tragen. Die Frau des Eigenthümers dieser Wohnung nahm sich der Ohnmächtigen mit aller Herzlichkeit und Sorgfalt an und bald darauf kam Eloise wieder zu sich. Mit einem Thränenstrom kehrte sie in das Leben zurück, konnte aber Ralph die Frage nicht beantworten, was die Ursache dieses Unwohlseins gewesen sei. Sie blieb bei der hülfreichen Frau, bis die Dunkelheit eingetreten war und leitete sich dann an dem Arm ihres Gatten nach ihrer Wohnung zurück. Ralph verließ Eloisen dort, um sich nach dem Trinkhaus zu begeben, wo er gewohnt war, Abends viel Gesellschaft zu treffen und wo die Neuigkeiten des Tages besprochen wurden. 5 10 15 20 25 30 35 689ViERtER BaNd • NEuNuNddREissigstEs KapitEl Er nahete sich dem Platz vor dem Gerichtsgebäude, als Soublett ihm entgegen kam und ihn begrüßte. Ralph war diesem Mann in letzterer Zeit ausgewichen, ja er hatte ihn augenscheinlich vermieden, wo er konnte, und wenn der Zufall ihn mit demselben zusammenführte, so hatte er ihn kalt und kurz behandelt, und ihn fühlen lassen, daß seine Gesellschaft ihm nicht angenehm sei. Auf Soublett schien diese Behandlung nicht in der gewünschten Weise zu wirken, denn er versäumte keine Gelegenheit, seine frühere Vertraulichkeit mit Ralph geltend zu machen, wenn er auch gerade nicht zudringlich wurde. »Wie geht es, General? wo wollt Ihr hin?« redete Soublett diesen an. »Ich habe noch einen Gang zu thun,« antwortete Ralph und wollte an ihm vorüberschreiten, doch Jener trat ihm in den Weg und sagte: »Was fehlt denn Euerer Frau? sie wurde ja ohnmächtig.« »Nun, was weiß ich – sie fühlte sich nicht wohl,« erwiederte Ralph, und machte abermals einen Versuch, Soublett zu verlassen. »Die Ursache davon zu wissen, dürfte Euch viel Geld werth sein. Was gebt Ihr mir, wenn ich sie Euch verrathe?« sagte Soublett jetzt und trat einen Schritt zurück. »Wie so – was meint Ihr damit?« entgegnete Ralph rasch. »Ich meine die Ursache, weshalb Euere Frau ohnmächtig wurde. Ich kenne sie und will sie Euch mittheilen, wenn Ihr mir das Geheinmiß abkaufen wollt.« »Geheimniß? Verdammt, vergeßt nicht, daß Ihr von meiner Frau sprecht,« rief Ralph jetzt heftig, doch war ihm das Wort Geheimniß eiskalt durch die Glieder gelaufen. »Was wißt Ihr mir zu sagen? Heraus damit, ich will es wissen,« fuhr er mit gesteigerter Aufregung fort. »Für zweihundert Dollar könnt Ihr es erfahren; ich habe gerade Geld nöthig,« entgegnete Soublett mit kalter Ruhe. »Geht zum Satan und laßt mich künftig ungeschoren, Ihr wißt, unsere Rechnung ist geschlossen,« sagte Ralph, sich von Soublett abwendend, da er dessen Absicht, Geld von ihm zu erpressen, nun zu erkennen glaubte. Er hatte sich schon einige Schritte von ihm entfernt, als dieser ihm nachrief: 690 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Euere Rechnung mit mir ist abgemacht, doch Euere Rechnung mit einem gewissen Herrn Montclard hängt noch in der Schwebe.« »Himmel und Hölle, Kerl, ich durchhaue Dir den Schädel!« schrie Ralph, indem er ein schweres Messer unter dem Rock hervorzog und auf Soublett eindrang. »Hallo, Freund, nicht näher, oder, bei Gott!« erwiederte Soublett, indem er Ralph eine Pistole entgegen hielt und einen Schritt zurückthat. »Wie zum Teufel könnt Ihr mir darüber zürnen? Wenn Ihr das Geheimniß nicht wissen wollt, so sucht den Gedanken daran zu vergessen, fangt aber mit mir keinen Streit an, Ihr wißt, ich bin Euch immer ein guter Freund gewesen.« Ralph war das Blut nach dem Kopf gestiegen, seine Pulse schlugen im Sturm und sein Herz schien sich zusammen zu ziehen. »Soublett, beim Himmel, macht mich nicht rasend, heraus, was wißt Ihr?« rief Ralph, indem er sein Messer wieder unter dem Rock verbarg. »Zweihundert Dollar zahlt Ihr mir, und dann sollt Ihr Alles erfahren. Ihr könnt einem armen Freunde doch auch manchmal Etwas zukommen lassen. Zehntausend Dollar von dem Galgen weg und zehntausend an den Galgen, macht zwanzigtausend Dollar, da könnt Ihr schon ein paar Hundert springen lassen,« entgegnete Soublett mit großer Kaltblütigkeit. Ralph biß die Zähne aufeinander und verschluckte einen Fluch, der ihm auf der Zunge lag, doch die Ruhe Soubletts gab auch ihm die Fassung wieder und er sagte: »Zum Teufel – ja – was liegt mir an ein paar hundert Dollar! Morgen früh sollt Ihr sie haben.« »Gut, also bis Morgen, schlaft wohl,« antwortete Soublett. »Bin ich Euch nicht für zweihundert Dollar gut?« »Es ist Grundsatz bei mir, Niemandem zu borgen. Geht hin und holt das Geld, ich erwarte Euch hier,« sagte Soublett mit unveränderter Ruhe, worauf Ralph einige heftige unverständliche Worte vor sich hinsagte und eilig nach seinem Hause zurückschritt. »Du bist ein großer Mann geworden, Herr General,« sagte Soublett, indem er Ralph mit boshaftem Lächeln nachblickte. »Du denkst, mich nicht mehr nöthig zu haben; so schnell schüttelt man aber einen Blutegel nicht ab, wenn er sich einmal festgebissen hat. 5 10 15 20 25 30 35 691ViERtER BaNd • NEuNuNddREissigstEs KapitEl Dein Hochmuth soll mir noch schöne Rechnung tragen, oder ich zeige der Welt die kolossalen Hörner, die Du auf dem Kopfe trägst.« Die Hände in seine Rocktaschen versenkt, schritt Soublett nun auf dem Platze auf und nieder, bis er nach einiger Zeit Ralph wieder erscheinen sah und ihm entgegen ging. »Hier ist das Geld, nun das Geheimniß!« sagte Ralph, indem er Soublett ein Packet Banknoten einhändigte. »Gewöhnlich sucht man für hohe Beträge sich angenehme Dinge zu erkaufen, das ist aber diesmal mit Euch nicht der Fall, General, die Waare, die Ihr für Euer Geld erhaltet, wird Euch nicht viel Vergnügen machen,« sagte Soublett, indem er die Banknoten in die Tasche steckte, alsbald aber auch seine Hand an dem Griff seiner Pistole ruhen ließ. »Einerlei, nur heraus damit, was es auch sei. Sagt aber die Wahrheit,« entgegnete Ralph mit bebender Stimme. »Euer Weib hat Euch betrogen,« sagte Soublett zurücktretend und hielt seine stechenden Augen auf Ralph geheftet. »Du lügst, Schurke!« raunte Dieser ihn an und trat auf Soublett zu. »Seid ruhig, Norwood, die Häuser haben Ohren, zwingt mich nicht, die Ursache Eueres Aergers laut auszusprechen, es möchte dem General an seiner Ehre schaden. Ihr wißt, ich bin verschwiegen, wie das Grab, und bin Euer Freund, deshalb brecht nicht mit mir. Ich halte es für meine Pflicht, Euch mit dem bestandenen Verhältniß Euerer Frau zu jenem Montclard bekannt zu machen, damit es keine Fehler in Euern Haushaltsrechnungen geben möge. Hört mich ruhig an, ich sage Euch die Wahrheit. Erinnert Ihr Euch, daß ich heute Abend im Vorübergehen Euch zurief: es geht nichts über eine helle Mondscheinnacht mit etwas Musik, und daß nach diesen Worten Euere Frau ohnmächtig wurde? Es war eine helle Mondscheinnacht, als mich der Ton eines Saiteninstruments von der Straße nach Euerm damaligen Hause lockte und ich ungesehen und ungehört in den dichten Granatbusch gelangte, der nahe vor der Veranda stand. In dem Schatten derselben saß der Musikant, und ließ so klagend süße, schwärmerisch melancholische Melodien auf seinem Instrument ertönen, daß Euere Frau in ihrer Begei- 692 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 sterung den schönen Schöpfer derselben mit ihren zarten Armen umschlungen hielt und ihm ihren Dank dafür mit ihren Lippen auf seinem Munde abtrug. Das war ein Schnäbeln und ein Flüstern, als ob ein Paar Turteltäubchen im dunkeln Schatten einer Cypresse in Liebesweh und Lust schwelgten und der Mond und die Sterne wurden zu Zeugen der Liebe aufgerufen. Es hieß damals, Ihr wäret von den Indianern scalpirt, ich hatte aber das zarte Verhältniß der beiden Liebenden schon lange vorher bemerkt, darum brachte mich der Herr Montclard auch aus meinem Dienst.« Ralph stand während dieser Rede Soubletts mit zusammengepreßten Lippen vor ihm und hielt mit seinen geschlossenen Fäusten die Seiten seines Rockes gefaßt, als hielt er sich selbst von dem Sprecher zurück. Seine Glieder zitterten, sein Mund bebte vor Wuth und das Haar auf seinem Kopfe schien ihm sich zu sträuben. »Hattet I h r nicht die Anzeige von meinem Tode in die Zeitung einrücken lassen?« fragte Ralph mit zitternder Stimme und that sich Gewalt an, ruhig zu erscheinen. »Die Nachricht wurde mir hier von einem Reisenden, der von Tampabay kam, als verbürgt mitgetheilt, und Euern vielen Freunden zu Liebe ließ ich sie veröffentlichen«, erwiederte Soublett mit vollkommenster Ruhe. »Warum untersagtet Ihr dem Redakteur der Zeitung, Euern Namen dabei zu nennen?« stotterte Ralph mit gesteigerter Wuth. »Weil der Artikel dadurch an Glaubwürdigkeit verloren haben könnte. Ihr wißt, wir standen damals in dem Geruch der Spaßvögel«, sagte Soublett lachend, hielt aber seine scharfen Blicke auf jede, die leiseste Bewegung Ralph’s geheftet. Dieser wankte jetzt, sichtbarlich zu einem Entschluß gekommen, einige Schritte zurück und holte tief Athem. Während einiger Augenblicke schien er einen schweren Kampf mit sich selbst zu bestehen, er blickte vor sich nieder und stand regungslos, wie eine Bildsäule. Dann holte er abermals tief Athem und sagte: »Weiß außer Euch noch Jemand ein Wort über das, was Ihr mir gesagt habt?« »Kein menschliches Wesen, außer Euerer Frau. Ich bin Euer Freund, Norwood«, antwortete Soublett. 5 10 15 20 25 30 35 693ViERtER BaNd • NEuNuNddREissigstEs KapitEl »So denkt niemals wieder daran, denn, bei dem Himmel über uns, verriethet Ihr auch nur durch eine Miene, daß Ihr daran dächtet, so müßte Einer von uns Beiden sterben. Gute Nacht, Soublett«, sagte Ralph und schritt über den Platz dahin. Eloise hatte, mit ihrem Sohne auf dem Schooße, vor der Thür ihrer Wohnung gesessen, als Ralph bei ihr vorüber in das Haus geeilt war, um das Geld zu holen. Das Ungestüm und der laute Tritt, womit er ein- und ausgegangen war, hatte Eloisen Unheil verkündet, denn sie kannte die Ausbrüche seiner Leidenschaften zu gut, als daß es mehr bedurft hätte, sie in seiner Seele lesen zu lassen. Das Zusammentreffen mit Soublett, dessen schreckliche geheimnißvollen Worte, das Ohnmächtigwerden, Ralph’s spätere heftige Aufregung stellte Eloise in ihrer Angst zusammen und kam zu der Besorgniß, daß ihr Mann eine Unterredung über sie mit Soublett gehabt haben möchte. Sie fuhr bei diesem Gedanken bebend zusammen und sah schon im Geiste Ralph in seiner Wuth vor sich; doch derselbe erschien nicht. Eloise war in ihr Zimmer gegangen, behielt aber, anstatt ihr Kind zu Bett zu bringen, dasselbe auf ihrem Schooß, mit einem Gefühl, als könne es ihr Schutz gewähren. Mit banger Erwartung lauschte sie auf jeden Ton außerhalb des Hauses, doch die Uhr über dem Kamin hatte schon eilf geschlagen und Ralph war noch nicht zurückgekehrt. Diese Zögerung gab Eloisen Zeit, sich zu sammeln und zu beschließen, was sie thun wolle, für den Fall, daß ihre Befürchtungen gegründet sein sollten. Schon Einmal hatte sie eine Unwahrheit gerettet und sie war entschlossen, ihre Schuld abzuleugnen, und wenn es ihr das Leben kosten sollte. Jetzt hörte sie den Tritt Ralph’s, wie er sich dem Hause nahete, und gleich darauf schritt er in das Zimmer. Kaum war es Eloisen möglich, ihm entgegenzublicken, doch sie gewann es über sich und hob ihre Augen zu ihm auf. Ein Bild des Entsetzens stand vor ihr. Bleich und verstört, mit unheimlich glänzendem Blick, sah Ralph sie schweigend an, als suche er auf seine wortlose Frage eine Antwort in ihrem Auge. »Nun?« sagte Eloise nach einer kurzen Pause. 694 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Was wollte Soublett mit den Worten sagen: ›eine helle Mondscheinnacht und etwas Musik‹, worauf Du ohnmächtig wurdest?« fragte Ralph mit hohler Stimme und sah Eloisen unverwandt in die Augen. »Ich habe geglaubt, daß deren Sinn Dir bekannt wäre, mir ist er es nicht«, erwiederte Eloise, seinen Blick fest erwiedernd. »Ich will Deinem Gedächtniß zu Hülfe kommen; vielleicht erinnerst Du Dich einer Musik bei Mondschein unter der Veranda meines Hauses«, sagte Ralph zwar in heftiger Bewegung, suchte jedoch seine Ruhe zu behalten. Das Wort Veranda traf wie ein Blitzstrahl Eloisens Ohr und unwillkürlich preßte sie ihr Kind fester gegen ihre Brust. »Allerdings erinnere ich mich, es gehört zu haben, wenn Herr Montclard dort spielte, doch konnte ich nicht denken, daß jener Niederträchtige, der schon früher unsern Frieden störte, auf diese Musik hindeutete, die er wahrscheinlich oftmals vernommen hat«, entgegnete Eloise, ohne dem Blick Ralph’s auszuweichen. »Gestehe es, Weib!« schrie dieser plötzlich mit entfesselter Wuth und ergriff die Frau gewaltig bei der Schulter. »Ehrloser!« rief Eloise jetzt, indem sie aufsprang, an ihr Secretair trat und aus einer der Schiebladen ein Papier hervornahm, welches sie ihm mit den Worten hinhielt: »Sieh hier, elender Dieb, kennst Du dies Papier?« Ralph fuhr erschrocken zurück, denn auf den ersten Blick erkannte er den Umschlag, in welchem Eloise ihren Schmuck verwahrt gehalten hatte; die Last seines eigenen Verbrechens erdrückte die Anklage gegen seine Frau, an deren Schuld er immer noch gezweifelt hatte. Der Haß Soublett’s gegen Eloisen war ihm ja bekannt, dessen Gewissenlosigkeit im Wählen der Mittel, um sich Geld zu verschaffen, war ihm nichts Neues, und daß Soublett die Todesanzeige selbst erfunden hatte, davon war er überzeugt. »Herr Norwood«, unterbrach Eloise zuerst die eingetretene lange Pause mit entschlossener Haltung, »haben Sie die Güte und verlassen Sie mich jetzt ohne Zögern, wenn Sie nicht wünschen, daß ich sofort anderswo ein Unterkommen suchen soll. Morgen werde ich das Gesetz anrufen, mich von einem Mann zu befreien, der sich so sehr herabwürdigt, daß er eine wehrlose Frau mißhandelt.« 5 10 15 20 25 30 35 695ViERtER BaNd • NEuNuNddREissigstEs KapitEl »Es ist ein Mißverständniß, Eloise, der Schurke, der Soublett, haßt Dich noch von früher, und wollte Geld von mir erpressen; er hat mich belogen«, antwortete Ralph in seiner Verlegenheit. »Und einem solchen gemeinen Bösewicht konnten Sie mich opfern und scheuten sich nicht, sich an Ihrer Gattin zu vergreifen! Nochmals, ich ersuche Sie, mich sofort zu verlassen, oder ich entferne mich selbst von hier«, sagte Eloise mit größter Bestimmtheit, denn sie erblickte in ihrer Trennung von Ralph auch eine Erleichterung für ihr eigenes Gewissen. »Treibe es nicht auf das Aeußerste, Eloise, denke an unsere Stellung, was würde die Welt sagen?« fiel Ralph beschwichtigend ein, doch Eloise blieb bei ihrem Entschluß, und da Ralph sich nicht entfernen wollte, so legte sie ihr Kind auf das Sopha, nahm dann aus ihrem Secretair mehrere Gegenstände hervor und steckte sie in die Tasche ihres Kleides. In diesem Augenblick ergriff Ralph den Knaben, hob ihn auf seinen Arm und sagte, indem er die Thür erreichte: »Das Kind gehört mir!« »Halt, Ralph, tödte mich, nimm mir aber mein Kind nicht!« schrie jetzt Eloise, stürzte ihrem Gatten nach, hielt ihn mit Angst und Verzweiflung zurück und schlang ihren Arm um das weinende Kind, das seine Händchen nach der Mutter ausstreckte. »Wie Du willst, Eloise, dann laß uns aber das Geschehene vergessen«, erwiederte Ralph mit mildem Tone und gab ihr den Knaben zurück. Eloise drückte Tom an ihr Herz, sie brach in heftiges Weinen und Schluchzen aus und ihre Thränen fielen auf den kleinen Liebling nieder. Abermals hatte Noth und Verzweiflung Eloisen durch eine Unwahrheit über Ralph siegen lassen und dieser hatte wieder einen Theil seiner despotischen Herrschaft über sie eingebüßt. Er hatte sich mit ihrer Aussage für den Augenblick zufriedengestellt, der Gifttropfen des Verdachtes aber, den Soublett in sein Herz gegossen hatte, war in demselben zurückgeblieben und ließ ihm, wo er ging, wo er stand, ja selbst in seinen Träumen keine Ruhe. Die vielen Schlechtigkeiten und Gräuelthaten, die er vollbracht, hatten ihm niemals einen Augenblick verbittert, sein Gewissen hatte sich noch nie ernstlich in ihm geregt, die 696 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Eifersucht aber, die in ihm erzeugt war, nagte in seinem bösen Herzen und ließ ihm keinen ungetrübten Augenblick mehr zu Theil werden. Neben Soublett’s Aussage drängte sich ihm auch wieder das blutige Tuch, welches er in Montclards starrer Hand, auf dessen Herzen gefunden hatte, vor die Seele, und als Beweis, daß Beides nur Zufall und Eloise dabei unschuldig sei, besaß er Nichts, als deren eigenes Läugnen. Der Ingrimm, der in seiner Brust kochte, steigerte sich von Tag zu Tag und richtete sich mehr und mehr gegen Soublett. Hatte derselbe ihm eine Lüge gesagt, so konnte sein Blut kaum solches Verbrechen sühnen, hatte er die Wahrheit berichtet, so war er Ralph als Zeuge seiner Schande womöglich noch verhaßter, und der Gedanke, daß Soublett jemals im Leben ein Wort darüber laut werden lassen könnte, brachte Ralph fast zur Raserei. Dabei sah er ihn beinahe täglich und immer mit demselben Lächeln um seine feinen Lippen, in welchem Ralph Spott und Hohn gegen sich erblickte. Sein Haß gegen Soublett beherrschte ihn so sehr, daß er keinen Gedanken mehr hatte, in dem derselbe sich nicht geltend gemacht hätte, und er beschloß, diesen Störer seiner Ruhe, diesen Todfeind Soublett, zu tödten. Wie, wo und wann? das waren die Fragen, über die Ralph, wo er auch weilte, jetzt brütete; tausend Pläne durchkreuzten seine Gedanken und unermüdlich, spät und früh, überwachte er die Schritte jenes Mannes. Es mußte geschehen, ohne daß auf Ralph ein Verdacht fiel und ohne daß Soublett vorher seine Absicht ahnete, denn er kannte dessen Entschlossenheit und Furchtlosigkeit zu gut, als daß er dann noch mit Sicherheit auf die Ausführung seiner Absicht hätte hoffen dürfen. Nach Verlauf von einigen Wochen hatte Ralph bemerkt, daß Soublett von Zeit zu Zeit einen Farmer besuchte, der mehrere Meilen von der Stadt wohnte und zu dem der Weg an einem Nebenarm des Ocklocknyflusses vorüberführte. Dieser Weg wurde wenig benutzt und namentlich Abends fast nur von Leuten, die auf jene Farm gehörten. Soublett erwartete dort in der Regel den Sonnenuntergang, um in der Kühlung nach Hause zu wandern. 5 10 15 20 25 30 35 697ViERtER BaNd • NEuNuNddREissigstEs KapitEl Eines Morgens, gleich nach dem Frühstück, hatte Ralph sich nach dem Trinkhaus gegenüber dem Gerichtsgebäude begeben, um einen Frühtrunk zu sich zu nehmen, und begrüßte einen Bekannten vor dem Eingang, als er jenen Farmer gewahrte, der zu Pferd mit einem bepackten Maulthier an der Hand über den Platz ritt und an dessen anderer Seite vor einem Kaufladen abstieg. Ralph trat schnell in das Trinkhaus, leerte ein Glas mit Branntwein und Wasser, zündete eine Cigarre an und setzte sich dann vor die Thür auf die Bank, von wo er jenen Kaufladen überwachen konnte. Der Farmer hatte dem Maulthier das Gepäck abgenommen und solches in das Haus getragen, wahrscheinlich, um mit dem Kaufmann einen Handel abzuschließen, während seine beiden Thiere vor dem Hause in der Sonne verweilten. Bald darauf sah Ralph seinen Feind Soublett, der über den Platz schritt, plötzlich seinen Blick nach jenen beiden Thieren richtete, dieselben erkannte und nun nach dem Kaufladen ging. Wohl eine halbe Stunde verstrich, ehe der Farmer oder Soublett sich wieder blicken ließ, dann traten sie mit dem Kaufmann aus dem Laden hervor, der Farmer legte mehrere leere Säcke über den hölzernen Packsattel, den das Maulthier trug, half dem Soublett dasselbe besteigen, schwang sich auf seinen Fuchs und dann ritten Beide mit einem Gruß nach dem Kaufmann zur Stadt hinaus auf dem Wege, der zu der Wohnung des Farmers führte. Ralph hatte bis jetzt anscheinend ruhig da gesessen; wer aber den blitzenden Glanz seiner Augen gesehen hätte, als Soublett das Maulthier bestieg, würde erkannt haben, daß ihn eine sehr große Aufregung befallen hatte. Er stand auf, grüßte die Leute, die in seiner Nähe saßen und schritt, die Hände in den Taschen, über den Platz seiner Wohnung zu. »Nun bist Du mein, Hund!« sagte er halblaut vor sich hin und ging an mehreren genauen Bekannten vorüber, ohne sie zu bemerken. »Nun, General, woran denken Sie? Guten Morgen!« rief ihm Einer derselben zu. »General Norwood, so in Gedanken? Ei, ei, ich glaube gar, Ihr wollt mich nicht kennen«, rief ein Zweiter mit einem freundlichen 698 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Gruß; doch Ralph hatte keine Antwort für sie, er zog seinen Hut ungewöhnlich tief ab und verdoppelte seine Schritte. Er mußte allein sein; der Geist, der über Mord aus Haß brütet, paßt nicht in das gesellige Leben, deshalb ging Ralph auch nicht nach Hause, sondern zur Stadt hinaus, wo dieselbe an den Wald grenzte, und schritt ohne Ziel, ohne bestimmte Richtung in dessen Dunkel hinein. Er sann nach und überlegte, auf welchem Platz er Soublett erwarten wollte, denn der geeigneten Orte zur Ausführung seines Vorhabens gab es mehrere auf dem Wege von der Farm bis nach Tallahassee. Da fiel ihm ein, daß der Pfad an einer Stelle sich dem Fluß sehr nähere, wo dessen Ufer mit hohen Bäumen und immergrünen Büschen bedeckt war; das mußte der Platz sein, wo Soublett sterben sollte, einen bessern gab es zu solcher That nicht. Dort konnte Ralph sich unmittelbar neben dem Pfad verborgen halten, und das ganz nahe Wasser war sehr tief. Der Entschluß war gefaßt, mit Ungeduld blickte Ralph auf die Uhr, denn bis zum Abend war es noch eine lange Zeit und nach dem gewählten Versteck hatte er kaum eine halbe Stunde von seiner Wohnung aus zu gehen. Es war beinahe Mittag, als er nach Hause zurückkehrte, wo ihn dann bald die Tischglocke in den Speisesaal des Hotels rief, während Eva die Tafel für ihre Herrin in deren Zimmer deckte. Ralph ließ sich eine Flasche von dem schwersten Madeira geben und leerte sie während der Mahlzeit; demohngeachtet blieb er wortkarg und gab seinen Tischnachbarn nur kurze Antworten auf ihre Fragen. Nach Tisch begab er sich in seine im Garten gelegene Wohnung, hing seinen Jagdranzen und eine schwere, mit starkem Schrot geladene Doppelflinte über die Schulter, sagte Eloisen, er wolle auf die Jagd gehen, und verließ die Stadt auf der entgegengesetzten Seite von der, an welcher der Weg von der Farm her ausmündete. In einem weiten Bogen durch den Wald und zwischen Feldern hin umging er Tallahassee und gelangte so auf den Fußpfad, der ihn zu dem erwählten Versteck führte. Die Sonne stand noch hoch, als er von dem Pfad in die immergrünen Büsche trat, die unter hohen dichten Lebenseichen und Magnolien in ewigem Schatten lagen. 5 10 15 20 25 30 35 699ViERtER BaNd • NEuNuNddREissigstEs KapitEl Er bahnte sich einen Weg zu dem steilen hohen Ufer des Wassers und blickte eine Zeitlang in Gedanken versunken in die dunkelgrüne Fluth hinab, die hier, wo der Fluß eine kleine Bucht bildete, sich wenig und nur wie in einem Kreis bewegte. Da erhob sich langsam Etwas, wie ein Stück von einem Baumstamme aus der Oberfläche des Wassers hervor und blieb regungslos auf derselben liegen. Es war ein alter Alligator von riesenhafter Größe. Ralph blickte einigemale nach dem scheußlichen Thier hinab und schlich sich dann leise zurück bis an den Pfad. Hinter dichten Büschen setzte er sich an dem Stamm einer Eiche nieder, von wo aus er durch einige schmale Oeffnungen den Fußsteig bis zu einer bedeutenden Entfernung hin übersehen konnte. Die Sonne neigte sich, die leichten Wölkchen, die über dem westlichen Horizont schwebten, vergoldeten sich nach und nach und glühten bald in hellen, feurigen Farben über dem sinkenden Gestirn. Der Wald wurde düster, das Abendlied der Vögel verhallte und der Ruf der Eulen verkündete die nahende Nacht. Ralph’s Herz klopfte so laut, daß er dessen Schläge selbst hörte, sein scharfer Blick war auf das fernste sichtbare Ende des Pfades geheftet und die Doppelflinte hielt er mit beiden Händen. Schon verschwammen die Außenlinien der einzelnen Laubmassen in dem rasch zunehmenden Dunkel, als er in der Ferne auf dem Fußpfade einen dunkeln Punkt gewahrte, der unter hohen Bäumen hervorkam und sich rasch näherte. Ralph strengte seinen Blick an, um die nahende Gestalt zu erkennen; es war ein Mann, es mußte Soublett sein, die stürmischen Schläge seiner Pulse verriethen es ihm; er war es, der Verhaßte, der Todfeind, jetzt war kein Zweifel mehr darüber. Ralph spannte das Gewehr, sprang bis unter den äußersten Busch an den Pfad, warf sich auf ein Knie nieder und hielt die Flinte zum Gebrauch bereit. Soublett kam eiligen Schrittes näher, unter seinem linken Arm trug er eine große Wassermelone und aus dem Brusttheil seines offenstehenden Rockes blinkte der Metallbeschlag einer Pistole hervor. Nur noch dreißig Schritt lagen zwischen ihm und Ralph, als dieser das Gewehr an die Schulter hob und es auf den Feind richtete. Der Busch, unter welchem Ralph kniete, bewegte sich, 700 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Soublett’s scharfes Auge hatte es bemerkt, er stutzte, doch in demselben Augenblick blitzte und krachte es unter dem dunkeln Laube hervor und Soublett stürzte, einen Fluch ausstoßend, zusammen. »Du hast mich belogen, Schurke!« rief Ralph, indem er zu dem Gefallenen hinsprang und ihn bei dem machtlosen Arm in das Dikkicht hineinzog. »Die Wahrheit – habe ich – gesagt – bei Gott, – der mir – helfen mag!« stöhnte Soublett mit der letzten Kraft seiner Stimme hervor, während Ralph ihn durch die Büsche nach der kleinen Bucht des Flusses schleifte und ihn von dem steilen Ufer in die dunkele Fluth stürzte. Ralph blieb stehen und blickte auf die Ringe, die sich auf der Oberfläche des Wassers gebildet hatten, sich immer mehr erweiterten und bald den ruhigen Spiegel wieder zurückließen. Plötzlich aber bewegte sich die Fluth von unten herauf und der Schwanz eines mächtigen Alligatoren schlug aus ihr hervor. Abermals folgten Ralph’s Blicke den Wasserringen, wieder sah er das bewegte Element sich glätten, als berge es Ruhe und Friede in seiner Tiefe, und dann schritt er zurück nach dem staubigen Platz, wo Soublett gefallen war. Auf der hellen Farbe des Pfades zeigten sich die Blutspuren wie schwarze Flecke, Ralph trat sie aus, warf mit dem Fuße Staub darüber, richtete das Gras wieder auf, durch welches er den Gemordeten geschleift hatte, und schleuderte die Wassermelone, die in dem Wege lag, weit in das Dickicht hinein. Dann ergriff er rasch sein Gewehr und sprang in den Wald, ohne zu wissen, welcher Richtung er folgte. Eine geraume Zeit war er umhergeirrt und die Dunkelheit der Nacht hatte sich um ihn ausgebreitet, als er die Hauptstraße erreichte und nun überlegte, auf welchem Wege er am sichersten zur Stadt zurückgelangen könne, ohne gesehen zu werden. Er wählte einen Fußsteig, der ihn nach der andern Seite von Tallahassee führte, auf welcher auch seine Wohnung lag, und als er sich derselben näherte, ertönte die Glocke der Kirche, welche die Mitglieder derselben zum Gottesdienst rief. Auf Ralph machten die feierlichen Klänge keinen Eindruck, ja er hörte sie kaum, seine Gedanken waren bei seiner frühern Wohnung und im Geiste sah er Montclard, von Eloisen umschlungen, 5 10 15 20 25 30 35 701ViERtER BaNd • NEuNuNddREissigstEs KapitEl unter der schattigen Verenda sitzen und die Zither spielen. Er hatte Soublett getödtet, um mit dessen Leben zugleich die Erinnerung an seine Aussage auszulöschen, lebendiger und glühender aber stand dieselbe nun vor seiner Seele, denn der Gemordete hatte sterbend noch Gott zum Zeugen aufgerufen, daß er die Wahrheit geredet habe. Der Verdacht gegen Eloisen war in Ralph wieder mit aller Gluth erwacht; den einzigen Zeugen gegen sie hatte er aber selbst aus dem Wege geräumt, und fast hätte er aus diesem Grunde seine entsetzliche That bereuen mögen, wäre ihm der Gedanke nicht zugleich zu tröstend gewesen, daß dieser Zeuge auf ewig verstummt sei. Gegen seine Gattin Etwas zu unternehmen, um sie zum Eingeständniß zu zwingen, war unmöglich, da er wußte, daß sie ihn sofort verlassen und daß das Gesetz sie gegen ihn in Schutz nehmen würde. Noch gab es e i n Wesen, welches möglicher Weise um das Geheimniß Eloisens wußte; es war Eva, deren treue Sclavin. Ralph würde sie zu Tode gepeitscht haben, um sie zum Geständniß zu bringen, theils aber wußte er zu gut, daß Eva eher ihr Leben opfern, als ihre Herrin verrathen würde, anderntheils aber traf ein Angriff auf die Dienerin zugleich Eloisen, deren Eigenthum dieselbe war. Noch e i n Hoffnungsstrahl blieb Ralph, um die Negerin zum Zeugen gegen seine Frau zu gewinnen: die Macht des Goldes, und er war entschlossen, einen Versuch damit zu machen, und wenn es ihm sein halbes Vermögen kosten sollte. Eloise ging jetzt wenig aus, und wenn sie einmal Abends eine Freundin in der Nachbarschaft besuchte, mußte Eva sie mit dem Knaben begleiten, den sie nicht einen Augenblick aus ihrer Nähe ließ. Darum mangelte es Ralph an Gelegenheit, die Sclavin allein zu sprechen und er wollte warten bis seine Gattin dieselbe nach einer kleinen Farm ganz in der Nähe von Tallahassee senden würde, um Apfelsinen und Bananen für sie zu kaufen, die dort ganz besonders schmackhaft zu haben waren. Auf diesem Wege konnte er Eva dann begegnen und versuchen, ob und in wie weit deren Herz für Gold zugänglich sei. Unter diesen und vielen andern Betrachtungen, zu welchen die, durch Soublett in ihm auf ’s Neue erzeugten Zweifel ihn veranlaß- 702 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ten, erreichte Ralph seine Wohnung, entledigte sich dort seines Jagdgeräths und begab sich dann nach dem Trinkhaus, um zu versuchen, ob er durch starke Getränke und durch die Scherze und Unterhaltungen seiner Bekannten den bösen Geist verscheuchen könne, der ihm keinen Augenblick Ruhe gönnte. Von schwerem Wein erhitzt, kehrte er erst spät in der Nacht nach Hause zurück, doch der Schlaf überfiel ihn mit Schreckensträumen erst beim Erscheinen des Tages, nachdem er sich stundenlang wachend auf seinem Lager hin und hergeworfen hatte. Der Zufall wollte, daß schon am folgenden Morgen beim Frühstück Eloise ihrer Sclavin den Auftrag ertheilte, nach jener Farm zu gehen und Obst für sie zu holen, indem es sie nach einer recht süßen Apfelsine gelüste. Ralph vernahm diesen Befehl mit Freuden und folgte der Negerin langsam nach. Diese eilte mit dem Körbchen am Arm raschen Schrittes der Farm zu, pflückte dort mit Erlaubniß des Eigenthümers die reifsten Früchte für ihre Herrin und wollte diesem das Geld dafür einhändigen; doch derselbe weigerte sich eine Zahlung für die Kleinigkeit anzunehmen und bat die Negerin, der Madame Norwood mit seiner Empfehlung auch seine Bitte zu überbringen, sie möge nur recht oft Früchte bei ihm holen lassen und überzeugt sein, daß sie ihm sowohl, wie den Seinigen eine große Freude dadurch bereite. Eva drang in den Farmer, das Geld anzunehmen, da ihr die Herrin ausdrücklich aufgetragen habe, das Obst zu bezahlen; doch umsonst, er wollte sich nicht dazu verstehen. Die Sclavin dankte nun in Eloisens Namen dem artigen Manne und trat ungesäumt den Heimweg wieder an, auf welchem sie kaum einige tausend Schritte gegangen war, als plötzlich Ralph seitwärts hinter einem Baume hervorschritt und mit freundlichem Tone zu der Dienerin sagte: »Sieh da, Eva, hast Du Früchte geholt?« »Ja, Herr, und sie sind recht reif und schön,« erwiederte die Sclavin, indem sie den Schreck zu verbergen suchte, den das unerwartete Erscheinen Ralph’s in ihr hervorgebracht hatte. »Höre, Eva, ich habe einige Worte mit Dir im Vertrauen zu reden, wozu mir zu Hause die Gelegenheit fehlt; deshalb kam ich 5 10 15 20 25 30 35 703ViERtER BaNd • NEuNuNddREissigstEs KapitEl hierher. Tritt mit mir in die Büsche, ich wünsche nicht, daß man uns zusammen stehen sieht,« fuhr Ralph fort, winkte der Negerin zu, ihm zu folgen, und schritt durch das dichte Myrthengesträuch, welches zu beiden Seiten des Fußsteigs stand. Eva erbebte vor der Aufforderung Ralph’s, die Negerin hatte aber in diesem Lande keinen eigenen Willen, darum folgte die Sclavin, wenn auch mit Bangen und Zagen, bis Ralph auf einer kleinen Blöße im Walde stehen blieb und sich dann auf einen umgefallenen Baumstamm niedersetzte. »Möchtest Du wohl frei sein, Eva?« begann er und blickte die Sclavin so freundlich dabei an, wie sie sich kaum erinnerte, ihn jemals gesehen zu haben. »Frei, Herr? Ach nein, warum sollte ich das wünschen, und wenn ich noch so frei wäre, so würde ich meine gute Herrin ja doch niemals verlassen,« erwiederte die Sclavin, indem sie den Herrn überrascht anschaute. Ein finsterer Ausdruck zog bei den Worten Eva’s über Ralph’s Stirn, doch im nächsten Augenblick heiterte sich dieselbe wieder auf und er sagte: »Wenn Du aber frei sein und eigenes baares Vermögen genug erhalten könntest, um ganz zu leben, wie Du Lust hättest, dann würdest Du es doch nicht vorziehen, Sclavin zu bleiben?« sagte Ralph, indem seine Augen den Eindruck beobachteten, den seine Worte auf die Negerin machten. »Und wenn ich frei wäre und alles Gold der Welt besäße, so würde ich doch meiner Herrin dienen; ich kenne kein größeres Glück,« antwortete Eva mit einem freudigen Blick. Ralph’s Brauen zogen sich zusammen und er sah einen Augenblick sinnend vor sich nieder, dann sagte er: »Eva, Du weißt nicht, was Du redest, denke Dir, daß ich Dir zehntausend Dollar baares Geld für ein Geheimniß geben würde, welches Du besitzest.« »Ein Geheimniß, Herr?« erwiederte die Sclavin mit sichtbarer Verlegenheit, doch kam ihr ihre schwarze Hautfarbe zu Hülfe, sonst würde sie sehr bleich erschienen sein. »Ein Geheimniß, ja!« fuhr Ralph mit heftig werdender Stimme fort, »ein Geheimniß, welches Deine Herrin betrifft.« 704 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Ach Herr, ich weiß von keinem Geheimniß meiner Herrin, was brauchte sie wohl geheim zu halten?« antwortete Eva mit Festigkeit, denn jetzt ward es ihr klar, was Ralph von ihr zu erfahren wünschte und das Glück ihrer geliebten guten Herrin stand auf dem Spiele. »Du läugnest, infame Hündin – Du weißt recht gut, was sich zugetragen hat, während ich in Tampabay war«, sagte Ralph jetzt mit unterdrückter wüthender Stimme. »Ich weiß Alles, was sich in der Zeit begeben hat, nur von einem Geheimniß weiß ich Nichts,« entgegnete Eva, entschlossen, Alles für ihre Herrin zu wagen, und blickte dem zornigen Manne frei und offen in die Augen. »Willst Du gestehen?« rief Dieser nun mit entfesselter Wuth, warf die Negerin mit einem Griff um deren Hals zu Boden und setzte seinen Fuß auf ihre Seite. »Gestehe, oder ich zertrete Dich, schwarzer Teufel!« Die Sclavin klammerte ihre Hände bittend um das Knie des Wütherichs und flehete: »Erbarmen, Herr, ich weiß von keinem Geheimniß; willst Du die Sclavin Deiner Gattin tödten, so magst Du es thun, sie wird nie eine Unwahrheit über ihre Herrin sagen.« Ralph stieß einen Fluch aus, der deutlich die Vereitelung seiner Hoffnung aussprach, er trat von der Negerin zurück, winkte ihr aufzustehen und sagte: »Geh nach Hause; bemerke ich aber jemals, daß Du ein Wort über unser Zusammentreffen hier verlauten lässest, so bist Du ein Kind des Todes.« Mit diesen Worten verschwand Ralph in den Büschen, Eva suchte das aus ihrem Körbchen gefallene Obst zusammen, legte es vom Staub gereinigt wieder hinein und eilte, noch einen Angstblick nach der Gegend werfend, wo sie Ralph zuletzt gesehen hatte, nach dem Fußsteig zurück. Im raschen Davonschreiten trocknete sie ihre Thränen, wischte die Erde von ihrer Kleidung und blickte sich wiederholt um, als fürchte sie, der entsetzliche Mann würde sie nochmals zur Rede stellen. Sie brachte Eloisen das Obst so wie die Grüße des Farmers, von ihrem Zusammentreffen mit Ralph aber sagte sie Nichts. 5 10 15 20 25 30 35 705ViERtER BaNd • NEuNuNddREissigstEs KapitEl Wenige Tage nachher machte der Freund Soubletts, bei dem er gewesen war, als Ralph ihn tödtete, die Anzeige bei Gericht, daß Jener ermordet wäre, brachte zum Beweis die Wassermelone, in welche mehrere Schrote eingedrungen waren, und Soublett’s Pistole, welche der Farmer in dem Gras auf der Uferbank gefunden hatte, von wo die blutige Spur in das Wasser hinabzeigte. Der Platz, wo die That vollbracht worden war, wurde in Augenschein genommen, dabei mußte aber die Sache beruhen, denn es war noch gegen Niemanden ein Verdacht, den Mord begangen zu haben, rege geworden. ∗    ∗    ∗ Die Truppen der Amerikaner hatten nach und nach wieder gegen fünfhundert Seminolen gefangen genommen, theils kleine Stämme, theils einzelne Familien, einzelne Männer oder Weiber, und hatten sie sämmtlich nach Tampabay geschafft, von wo aus sie mit einem Schiffe der Regierung nach New-Orleans und von da weiter nach der westlichen Grenze von Arkansas geschickt werden sollten, obgleich der Monat October bereits erschienen war und in jener Gegend häufig schon gegen das Ende des Jahres hoher Schnee fällt. Halbnackt und unter einer glühenden Sonne geboren, mußten diese Unglücklichen, ihrer Heimath Beraubten die Reise nach jenen, im Winter rauhen Ländern antreten und Ralph eilte ihnen voraus nach New-Orleans, um sie von dort zu verschiffen. Er miethete für Rechnung der Regierung ein Schiff zu einem sehr hohen Preise, traf aber zugleich mit dem Eigenthümer desselben die Uebereinkunft, daß ihm dagegen als Privatvergütung für sich selbst einige tausend Dollar ausgezahlt würden. Mitte October, als in der zukünftigen Heimath der Indianer die Wälder sich schon gelb färbten und vor den heftigen Winden, die von den Felsengebirgen her über das Land zogen, ihr Laub begann auf die Erde herab zu rieseln, verließ bei einer beklemmenden Hitze das mit den gefangenen Seminolen beladene Dampfboot New-Orleans, während Ralph auf dem hohen Ufer stand und die Banknoten nachzählte, die ihm der Capitain so eben als Vergütung ausgezahlt hatte. 706 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Das Gebiet der Indianer in Florida war durch diesen Feldzug wieder um ein Bedeutendes verkleinert worden, die Amerikaner hatten sofort in den eroberten Landstrichen Ansiedelungen gegründet und diese Pioniere riefen laut nach einem Friedensschluß mit den Seminolen, damit sie sich auf dem in Besitz genommenen Regierungsland halten könnten. In Washington war man vorläufig mit den Resultaten des Krieges zufrieden; die Indianer hatten sich von allen Küsten in das Innere zurückgezogen und das Gouvernement wollte seinen Unterthanen Zeit gewähren, in diesen von den Wilden geräumten Ländern festen Fuß zu fassen; deshalb ertheilte es Ralph den Befehl, Friedensunterhandlungen mit den Seminolen anzuknüpfen. Gleich nach seiner Rückkehr von New-Orleans begab sich Dieser zu den, an der neuen Grenze wohnenden Stämmen, auf die nun die Belästigungen durch die weißen Nachbarn übertragen waren, und wurde von ihnen als Friedensbote mit großer Freude bewillkommnet. Sie waren glücklich, als Ralph ihnen versprach, daß sie von ihrem Lande nichts verlieren sollten und daß die Amerikaner sie in keiner Weise mehr beunruhigen würden, wenn sie selbst keine Veranlassung dazu geben wollten. Von hier besuchte er die Häuptlinge im Innern Floridas, die durch den Krieg nicht im Mindesten behelligt worden waren und die Ralph auf das Freundlichste empfingen, weil er sie von dem nach der Oberherrschaft strebenden Tallihadjo befreit hatte. Wo er hinkam nahmen ihn die Wilden gastfrei auf und erklärten sich gern bereit, diesmal einen Frieden mit den Amerikanern für die Ewigkeit abzuschließen. Ralph versicherte sie, daß es der innigste Wunsch der Regierung sei, um den Streitigkeiten ein Ende zu machen, die, so lange Tallihadjo im Lande gelebt hätte, nicht aufgehört haben würden. Derselbe, sagte er, wäre die alleinige Ursache von dem Kriege gewesen und Ralph selbst, als guter Seminole, habe ihn dazu angefeuert, um seine rothen Brüder von diesem eigennützigen Manne zu befreien, der sie sämmtlich in’s Elend gebracht haben würde. Alle Vorbereitungen zu einem feierlichen Friedensschluß wurden gemacht, der Tag dazu ward bestimmt und Ende Dezember trafen sämmtliche Häuptlinge der Seminolen, von ihren ältesten Kriegern begleitet, mit den Abgeordneten der Regierung der Verei- 5 10 15 20 25 30 35 707ViERtER BaNd • NEuNuNddREissigstEs KapitEl nigten Staaten am Ahapopkosee zusammen, wo die Friedens- und Freundschaftsverträge für ewige Zeiten von beiden Parteien unterzeichnet wurden. ∗    ∗    ∗ In der Sylvesternacht, mit dem Ablauf der letzten Stunde des Jahres, schenkte der Himmel Eloisen eine Tochter. Es war eine wilde stürmische Nacht, der Regen schlug prasselnd gegen die Fenster von Eloisens Gemach, der Wind schüttelte die Bäume, die das Haus umstanden und beugte deren Aeste bis auf dessen Dach nieder. Durch das Brausen und Pfeifen des Sturmes wurde mitunter ein matter ferner Ton jubelnder Stimmen von dem Gasthaus her hörbar und von Zeit zu Zeit schallte der dumpfe Knall eines Feuergewehrs dazwischen, womit man das neue Jahr begrüßte. Eloise war sehr schwach, sie war in sanften Schlummer gesunken und vor ihrem Lager saß die sorgsame treue Eva und hielt das neugeborene Kind auf ihrem Schooße. Das glühende Stück von einem Baumstamme, welches in dem Kamin verkohlte, gab dem Zimmer nur wenig Helligkeit, und der Schein des kleinen Nachtlichts, welches seitwärts auf dem Tische stand, wurde durch einen Lichtschirm von dem Ruhelager Eloisens abgehalten. Nur der monotone Pendelschlag der Uhr über dem Kamin, das leise Knarren des Schaukelstuhls, in dem Eva sich langsam wiegte und das geheimnißvolle Zirpen eines Heimchens unterbrach die feierliche Stille innerhalb des Gemaches. Eva hielt ihre großen Augen unverwandt auf das kleine liebliche Gesichtchen des Kindes geheftet und in ihrem sinnenden Blick konnte man lesen, daß Erinnerungen und Vergleiche ihre Gedanken sehr lebhaft beschäftigten. Nur wenn ihre Herrin sich bewegte, richtete sich ihre Aufmerksamkeit schnell nach derselben hin und sorgsam hob sie sich dann mit dem kleinen Mädchen im Arm leise aus dem Stuhle empor, um zu sehen, ob Eloise erwacht sei und ob sie Etwas wünsche. Diese aber war von erquickendem süßem Schlaf umarmt und erwachte während der Nacht nur wenige Male. Wenn sich dann ihre langen schwarzen Wimpern theilten, ruhte ihr Blick einige Secunden mit unbeschreiblicher Seligkeit auf dem 708 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Kinde, das ihr Eva hinhielt, bald aber schlossen sich ihre müden Augen wieder und das süße Lächeln, welches um ihren Mund spielte, zeigte, wie wonnig sie abermals der Schlummer umfing. Der Neujahrsmorgen brach an, der Sturm war verweht, der Himmel klar und das heitere Tageslicht stahl sich in Eloisens Gemach, als dieselbe erquickt und gestärkt erwachte und von ihrem Lager seitwärts auf ihr Kind blickte, welches auf dem Schooß der treuen Sclavin ruhte. Eva war gegen die hohe Lehne des Stuhls zurückgesunken, ihr Kopf hatte sich nach ihrer Schulter niedergebeugt, und von Müdigkeit überwältigt, war sie eingeschlummert. Es war der erste Schlaf, der der treuen Seele seit zwei Tagen und zwei Nächten zu Theil wurde, doch kaum rauschte die seidene Decke ihrer Herrin, als sie den Kopf schnell nach derselben umwandte, das Kind auf den Arm hob und sich nach Eloisen hin mit den Worten aufrichtete: »Wünschest Du Etwas, gute Herrin?« »Nein Eva, es thut mir leid, daß ich Dich in Deiner Ruhe störte. Du Gute – Du hast so treulich, so unermüdlich für mich gesorgt. Jetzt gieb mir mein Kind und mach Dir Dein Lager vor mein Bett; Du mußt nothwendig schlafen,« sagte Eloise mit innig dankbarem Ausdruck und lüftete die Decke, um die Tochter bei sich zu empfangen. »Ich bin nicht müde, Herrin. Ich schlafe in dem Stuhle ebensogut, wie in einem Bett,« erwiederte Eva, als das Kind die großen dunkeln Augen aufschlug, Beide, Mutter und Sclavin, sichtbarlich überrascht in dieselben schauten und sich dann mit Blicken begegneten, die deutlich verriethen, daß sie ein und denselben Gedanken gehabt hatten. Niemals hat wohl ein lieblicheres, ein reizenderes Kind seiner Mutter gelächelt, sein kleines Köpfchen war mit glänzend schwarzen seidenreichen Löckchen bedeckt, die feinen schwarzen Striche, welche die Brauen andeuteten, waren in ihrer Mitte fast vereinigt, und das Näschen wölbte sich in zierlichem Bogen zart und grazi- ös geschnitten. Die weiße durchsichtige Haut, das schwarze Haar und die granatrothen frischen Lippen des schönen Kindes hoben gegenseitig ihre makellose Farbe, und der helle Glanz seiner lebendigen verständigen Augen weckten in Eloise sowohl, als auch in 5 10 15 20 25 30 35 709ViERtER BaNd • NEuNuNddREissigstEs KapitEl der Sclavin eine Erinnerung, der weder die Eine, noch die Andere Worte gab. Dennoch hatten sie sich verstanden, wie die Thräne bekundete, die in Beider Augen erschien, und das schmerzlich süße Lächeln verrieth, welches Beider Züge überflog. Eloise öffnete schweigend ihre Arme, schweigend reichte die Sclavin ihr das Kind, die Mutter drückte es an ihr Herz und verbarg ihre Thränen an dem blendend weißen Nacken des kleinen Engels. Ralph befand sich immer noch in der Nähe der Indianer. Er hatte den Feldmesser der County von Tallahassee her zu sich hinaus kommen lassen und dieser mußte die Grenzen der von ihm für sich selbst ausgewählten Landstriche an Bäumen bezeichnen, damit er sie auf Ralph’s Namen in die Landkarten des Staates eintragen konnte. Ralph hatte für diese bedeutenden Stücke Landes nur einen sehr geringen Preis der Regierung zu zahlen und mußte daran voraussichtlich nach wenigen Jahren ein ungeheueres Capital gewinnen. Ihm war die erste Gelegenheit geboten, sich das beste Land auszuwählen, da er die Gegend schon kannte und die Weißen sich noch nicht in kleiner Zahl in die Nähe der Indianer wagten, um auf Landschau auszugehen. Dies Geschäft nahm jetzt Ralph’s ganze Tätigkeit in Anspruch und es schien, als ob es ihm gelungen wäre, in der Sucht, großes Vermögen zu erwerben, alle übrigen Gedanken zu ersticken. Erst Anfangs Februar kehrte er gegen Abend nach Tallahassee zurück, hielt im Vorüberreiten vor dem Trinkhaus in der Nähe des Platzes an, um mehrere Bekannte zu begrüßen, und einen Labetrunk zu nehmen, ehe er nach seiner Wohnung ritt. Hier wurde ihm von verschiedenen Bekannten zu der neugeborenen Tochter Glück gewünscht, womit ihn während seiner Abwesenheit seine Frau beschenkt habe, und einer der Gratulanten sagte: »Die Frauen Tallahassee’s können nicht Wunder genug von dem Mädchen berichten, sie wollen seines Gleichen an Lieblichkeit nie früher gesehen haben. Am Ende ist Euch eine Fee zur Tochter beschert, denn sie wurde mit dem Glockenschlag Zwölf in der Sylvesternacht geboren und von solchen Kindern sagt man ja, daß sie 710 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 der Geisterwelt näher ständen, als andere Menschen. Ich fürchte, wenn sie einmal sechzehn Jahre alt ist, wird sie Euch Viel zu schaffen machen.« »Wann ist sie geboren?« fragte Ralph rasch. «In der letzten Minute des alten Jahres, wie mir gesagt wurde, und wahr muß es sein, denn man hat sich allenthalben darüber unterhalten,« antwortete der Andere. »Auf Sylvester?« sagte Ralph halblaut und sinnend vor sich hin, und seine Brauen zogen sich finster zusammen. »Ich muß mich doch nach Haus begeben. Guten Abend,« sagte er nach einigen Augenblicken zu seinen Freunden, lenkte sein Pferd von dem Trinkhaus ab und ritt, augenscheinlich wenig Aufmerksamkeit demselben schenkend, in langsamem Schritt in der staubigen Straße weiter, ohne daß er die Grüße bemerkte, oder erwiederte, die ihm beim Vorüberreiten von den Häusern her zugewinkt wurden. Er hatte vor dem Gasthaus sein Pferd abgegeben und nahete sich seiner Wohnung, als Eloise, die mit ihrer Tochter auf dem Schooße vor dem Kaminfeuer saß, seinen Tritt erkannte und unwillkürlich zusammenschreckte. Sie hatte sich eben an den schönen Augen der Kleinen ergötzt, nun aber drückte sie schnell deren Gesichtchen gegen ihren Busen und wandte sich dann nach Ralph um, der in diesem Augenblick in das Zimmer trat. Derselbe grüßte Eloisen mit einem kalten »Guten Abend«, welchen Gruß diese mit nicht viel mehr Wärme erwiederte, und dann sagte er, indem er dicht vor sie trat: »Nun, laß denn doch einmal das Kind sehen, welches noch im alten Jahre geboren ist.« Mit einer entschlossenen Bewegung, als hätte sie in diesem Augenblick eine Lebensfrage für den kleinen Liebling zu wahren, hob sie den Säugling auf ihren Arm und richtete dessen weit geöffnete Augen nach Ralph hin. Dieser heftete seinen unheimlichen, stieren Blick auf das Kind, dessen liebliche Erscheinung seine finsteren Züge nicht aufzuheitern vermochte; im Gegentheil, seine Stirn furchte sich noch mehr und um seinen Mund zuckte es, wie ein nahender Sturm. 5 10 15 20 25 30 35 711ViERtER BaNd • NEuNuNddREissigstEs KapitEl Eloise aber sah ihn fest an, indem sie die Tochter wieder in ihre Arme schloß, bis Ralph bleich und mit bebenden Lippen, doch ohne ein Wort zu reden, sich von ihr abwandte und das Zimmer verließ. Wenige Tage darauf fanden sich in dem sauber decorirten Zimmer Eloisens ein Geistlicher und mehrere hoch angesehene Leute der Stadt ein, denn das Kind sollte getauft werden. Ralph zwang sich, in Gegenwart der Fremden heiter zu erscheinen, vermied aber augenscheinlich, mit seinem Blick dem Kinde zu begegnen. Der heilige Akt ward vollzogen und Berenice war der Name, den man der Tochter gab. 712 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 40. Große Veränderung. – Der widerspenstige Sohn. – Seltene Schönheit. – Zwiespalt. – Weiblicher Zauber. – Der Ball auf dem Lande. – Der Unfall. – Krankheit. – Im Salon. – Der Blutsturz. – Verzweiflung. – Aerztlicher Rath. – Besserung. Sechszehn Jahre später ward der Krieg gegen die Seminolen in Florida beendet und die letzten gewaltsamen Uebersiedelun-gen dieser Indianer nach dem Westen von Arkansas wurden ausgeführt. Nur wenige Hundert derselben, unter dem Häuptling oder König Billy Bowleys, blieben noch in den undurchdringlichen Sumpfgegenden ihres Vaterlandes zurück, ohne weiter verfolgt zu werden, weil man sie in keiner Weise mehr als gefährlich erachtete und die Gegend, die sie bewohnten, den Weißen nicht zusagte. Obgleich von den Amerikanern überwältigt, verließen die letzten gefangenen Seminolen ihr Vaterland mit ungebeugtem Stolz und mit tiefer Geringschätzung gegen ihre weißen Unterdrücker. Außer Billy Bowleys verblieb auch der hundertjährige, früher so mächtige Häuptling Samuel Jones mit wenigen alten Kriegern und seinen Weibern in Florida wohnen, indem er erklärte, er würde sich tödten, wenn man ihn gewaltsam von hier entfernen wollte. Florida hatte nach Verlauf dieser sechszehn Jahre ein ganz anderes Ansehn gewonnen, es war mit Städten, mit reichen Plantagen, mit kleinen, herrlichen Farmen bedeckt; vortreffliche Wege durchschnitten das Land in allen Richtungen und die Flüsse und Seen wurden von Segelschiffen und Dampfern belebt. Handel und Gewerbe blühten, die Erzeugnisse des reichen Bodens verschiffte man von Meer zu Meer und die gesellschaftlichen Verhält- 5 10 15 20 25 30 35 713ViERtER BaNd • ViERZigstEs KapitEl nisse in Florida standen nicht mehr gegen die der älteren Staaten zurück. So war es auch mit dem südlichen Theile von Georgien, die Bevölkerung dort hatte außerordentlich zugenommen und Wohlhabenheit, ja großer Reichthum hatte sich eingefunden. Die stille Behausung unserer lieben Freunde, der beiden alten Arnolds, welche in Segen häuslichen Glücks, im Vollgenuß all der vielen Freuden, die ihnen durch die Familie ihres Sohnes, so wie durch treue Freunde geboten wurden, ihre Tage verlebt hatten, war verschwunden, und in der Nähe, wo sie gestanden hatte, verkündete ein mit eisernem Geländer umgebener Denkstein, daß unter demselben das biedere Ehepaar ruhe, dem einst dieses Land gehörte. An der Stelle der bescheidenen Blockhäuser, in welchen Frank Arnold so glückliche Jahre verlebt hatte, stand jetzt ein großes, prächtiges Gebäude, der Wohnsitz des gegenwärtigen Eigenthümers der umfangreichen Plantage, die sich um dasselbe ausbreitete. Frank Arnold hatte vor sechs Jahren seine beiden geliebten Eltern im Verlaufe von nur einer Woche verloren, die alte Frau war vorangegangen und ihr Mann konnte, wie es geschienen, nicht ohne sie leben, denn nur wenige Tage später war er ohne vorausgegangenes Kranksein eingeschlummert, um nicht wieder zu erwachen. In dem darauf folgenden Jahre war auch der Präsident Forney vom Tode abgerufen worden. Eleanor, die mit ihrem treuen Gatten ihn tief betrauerte, hatte von ihm, außer einem bedeutenden Kapitalvermögen, auch noch eine große Anzahl Sclaven geerbt, so daß der Grund und Boden Franks nicht hinreichend war, diesen Negern und denen, die er von sich und aus der Hinterlassenschaft seines Vaters schon besaß, genugsam Beschäftigung darauf zu geben. Zu derselben Zeit hatten die vortrefflichen Länder im fernen Westen viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen und die Auswanderungen dorthin aus den östlichen Staaten gehörten nicht mehr zu den Seltenheiten. Frank Arnold war damals bereits durch seine geliebte Eleanor mit neun Kindern beschenkt worden. Es war immer ein Lieblingsgedanke von ihm gewesen, seine Söhne sämmtlich zu Landleuten 714 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 heranzubilden; doch um dereinst einem Jeden von ihnen eine eigene Farm gründen zu können, dazu reichte sein eigener, wenn auch bedeutender Länderbesitz nicht aus. Der Erwerb fremden Landes in dortiger Gegend war aber äußerst schwierig und kostspielig, wenn nicht unmöglich geworden. Ueberdies konnte Frank, wie auch seine Gattin, den Verlust der ihnen im Leben so theuer und werth gewesenen beiden Alten nicht ganz verschmerzen und Alles, was sie hier umgab, erinnerte sie täglich, ja stündlich an die ihnen jetzt fehlenden Gründer ihres beiderseitigen hohen Glücks, dem nur Jene mangelten, um es so vollkommen erscheinen zu lassen, wie sie es früher genossen hatten. Frank entschloß sich deshalb mit der vollsten Zustimmung Eleanors, nach dem Westen auszuwandern. Ein Jahr nach des Präsidenten Tode verkaufte Frank zu sehr hohen Preisen alles Eigenthum, bis auf einige dreißig Stück sehr edeles Rindvieh, einige zwanzig Pferde und Maulthiere, und trat mit diesem Viehbestand, seinen Sclaven und seiner sämmtlichen Familie die weite Wanderung an. Ralph dagegen lebte noch in Florida, und zwar auf dem ehemaligen Gebiet, sogar auf dem Lande Tallihadjo’s, wo sein Aufenthalt als die Besitzung des ungeheuer reichen Generals Norwood weit und breit bekannt war. Eloisen mußte man immer noch eine sehr schöne Frau nennen. Freilich waren Leid und Gram, deren sie so viel getragen, nicht spurlos an ihr vorübergegangen, sie hatten ihren Wangen die Fülle und den leichten Anhauch von Röthe genommen, hatten ihre Lippen gebleicht und ihrem Auge einen tief melancholischen Ausdruck gegeben; doch standen diese äußern Veränderungen mit ihrer Seelenstimmung in Einklang und erhöhten noch den angenehmen Eindruck, den ihre liebliche Erscheinung machte. Tom und Berenice waren ihre einzigen Kinder geblieben; ersterer sah seinem Vater sehr ähnlich, war groß und schlank, doch nicht so kräftig aufgewachsen, hatte, wie Jener, schwarzes, borstiges Haar, einen verhältnißmäßig kleinen Kopf und kleine graue Augen, mit denen er sich angewöhnt hatte, häufig zu blinzen. Ralph hatte ihn nach und nach, so wie er heranwuchs, von Eloisen entfernt und ihn in seiner eigenen Nähe gehalten, während 5 10 15 20 25 30 35 715ViERtER BaNd • ViERZigstEs KapitEl Berenice der Mutter diesen Verlust ersetzte und ihr nicht von der Seite wich. Tom war hochmüthig, anmaßend und habgierig im höchsten Grade, welche Eigenschaften ihm im Hinblick auf das große Vermögen seines Vaters und durch dessen Beispiel zu Theil geworden waren. Er war schlau, voller Ränke und Unwahrheiten und jedes weichere Gefühl ging ihm ab, selbst die Thräne war seinem Auge fremd, und oft hatte er als Knabe harte Züchtigungen von seinem Vater hingenommen, ohne eine Thräne zu vergießen, ja er hatte oft unter der Peitsche Ralph’s gelacht. Diesem machte der unbeugsame Wille des Jungen stets große Freude, und häufig hatte er in dessen Gegenwart sich darüber gegen seine Bekannten mit Stolz ausgesprochen. Ralph glaubte frühzeitig in seinem Sohne alle Anlagen zu einem Rechtsgelehrten zu erblicken und hatte ihn zu seiner Ausbildung einem berühmten Advocaten übergeben. Tom aber hatte kaum ein Jahr bei ihm ausgehalten, als er seinem Vater erklärte, das Studium sage ihm nicht zu und er wolle lieber Pflanzer werden. Ralph machte ihm Vorstellungen dagegen und wollte ihn zwingen, zu dem Advocaten zurückzukehren, Tom aber lachte dazu und blieb bei seinem Beschluß. Vor einem Jahr hatte Ralph seinem Sohne eine Frau ausgesucht und zwar die einzige Tochter eines damals hochangesehenen Kaufmanns in Tallahassee, Namens Hind, welcher für einen Millionair galt. Tom und Arabella Hind wurden vermählt und ein halbes Jahr später hatte der alte Hind fallirt und war zum armen Manne geworden. Toms Vorwürfe gegen seinen Vater blieben nicht aus, da er das Mädchen nur des Geldes halber genommen hatte, und die arme Arabella mußte den Unmuth Beider häufig ertragen. Gern hätte sie bei Eloisen und bei Berenice Trost gesucht; obgleich sie aber Alle unter einem Dache wohnten, so hielt sie Tom sowohl wie auch Ralph von Jenen so viel als möglich fern und suchten eine jede Vertraulichkeit mit ihnen zu verhindern. Berenice war etwas über sechszehn Jahre alt. Die Natur schien bei dem Erschaffen derselben beabsichtigt zu haben, allen Adel, allen Zauber, alle Lieblichkeit und Anmuth des Weibes in ihr zu vereinigen und der Welt ein Bild der vollendetsten Schönheit zu schenken. 716 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Sie war groß, schlank und biegsam, von wunderbar edelgeformter, reizender Fülle; kein Meister des alten Griechenlands hat jemals eine Gestalt von schönerem Ebenmaß geschaffen, und der cararische Marmor, aus dem Jene ihre unsterblichen Kunstwerke bildeten, würde gegen Berenicens blendend durchsichtige Alabasterhaut in Schatten gestellt worden sein. Hoch wölbte sich ihre freie Stirn unter dem üppigen glänzend schwarzen Lockenschmuck, der ihr schönes Haupt umwogte und dessen ungewöhnlich reiche Fülle an ihre berühmte Namensschwester erinnerte. Schwarz, und in reinem Bogen scharf geschnitten, vereinigten sich ihre vollen Brauen über ihrer leicht gebogenen, fein und zart geformten Nase, die ihrem edelen Profil erhöhte Bedeutung gab. Vergebens aber würde man nach einem vergleichenden Bilde für ihre großen, tief braunen, von langen Wimpern überschatteten Augen suchen, deren Glanz den der Sterne an einem Tropenhimmel beschämen konnte. Ihr seelenvoller Blick ließ wie in einem klaren Spiegel den tiefen Geist, das reiche Gemüth, die edeln Gefühle erkennen, die Berenicens Brust erfüllten, ein jeder Gedanke, der ihre Seele bewegte, war in ihnen zu lesen, und dem Zauber, der Gewalt ihres Blickes vermochte Niemand zu widerstehen. Ihre frischen vollen Lippen mußte die Granatblüthe um ihr Roth beneiden, und wenn sie sich zum süßen, holdseligen Lächeln öffneten, wetteiferten die zwischen ihnen sichtbar werdenden, wundervoll gebildeten Zähne mit dem blendend weißen Schnee der Hochgebirge. Der leichte Schatten unter Berenicens Augen würde bei der ungewöhnlichen Weiße ihrer Haut den Eindruck von Blässe hervorgebracht haben, wenn nicht ein Hauch vom reinsten Karmin ihre zarten Wangen gefärbt hätte. Ein makelloses, edles Oval, blickte ihr Antlitz aus der glänzenden natürlichen Lockenfülle hervor, die zu seinen beiden Seiten über ihren schlanken Nacken bis auf den vollen Busen herabfiel, während die Wucht ihrer schweren Flechten tief an ihrem Hinterkopf aufgerollt befestigt hing. Ihr Arm war voll und rund, ihre zarte kleine Hand trug hinter jedem Finger ein Grübchen und ihr zierlicher Fuß war schon in seiner Form allein eine vollkommene Schönheit. 5 10 15 20 25 30 35 717ViERtER BaNd • ViERZigstEs KapitEl Berenice konnte sich nicht anders bewegen, als mit Hoheit und Grazie, und dennoch trug ihre Erscheinung das Gepräge größter Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit. Drei Jahre hatte sie in den Erziehungsanstalten ersten Ranges in Alabama zugebracht und dort ihre seltenen geistigen Anlagen ausgebildet, welche vorher unter der Leitung ihrer sorgsamen Mutter durch die besten Privatlehrer zu Hause entwickelt worden waren; sie war vieler lebender Sprachen vollkommen mächtig, zeichnete mit Talent und jeder Strich von ihrer Hand verrieth ihre Meisterschaft; Musik aber schien mit ihrem Leben eng verbunden zu sein, und mit Leidenschaft hatte sie sich deren Studium hingegeben. Sie spielte Harfe und Clavier, Beides mit Vollendung, ihre bezaubernde, metallreiche Stimme hatte sie zum Gesang im hohen Grade ausgebildet, und die vielen reizenden Lieder, die sie selbst componirt hatte, zeugten von dem tiefen musikalischen Gefühl, welches ihr bei ihrer Erschaffung zu Theil geworden war. Während ihres Aufenthalts in Alabama hatte sie mit den ersten Familien des Staates Umgang gepflogen und sich unter ihnen eine große Zahl von Freundinnen erworben, mit denen sie einen fleißigen Briefwechsel unterhielt. Eloise hatte sich mit schwerem Herzen dem Entschluß gefügt, ihre Tochter während dieser Jahre aus ihrer Nähe zu lassen, für des Kindes Wohl hatte sie jedoch gern dieses Opfer gebracht und war nun seit einem halben Jahre durch die Rückkehr Berenicens beglückt, deren Ausbildung vollendet genannt werden durfte. In Ralph’s Hause waren zwei Parteien erstanden, die sich daheim von einander abgeschlossen hielten, wenn sie auch vor der Welt vereinigt und in freundlichem Vernehmen erschienen. Ralph selbst mit seinem Sohne Tom und dessen Frau Arabella standen auf der einen, und Eloise mit ihrer Tochter und der treuen Sclavin Eva auf der andern Seite. Es war unter ihnen nicht erörtert worden, warum man sich mied, man kam zum Mittagstisch und Abends in dem Salon zusammen, man unterhielt sich, freilich nur, um Etwas zu reden, und wahrte die Formen der Höflichkeit, doch fühlte ein Jedes der beiden Parteien die Kluft, die zwischen ihnen lag. 718 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Die Ursachen dieser Abneigung waren sehr verschieden. Die von Ralph und Eloisen ist uns bereits zur Genüge bekannt, in Tom war sie eine andere. Er war durch Ralph von früher Jugend an gegen seine Mutter eingenommen worden und die wärmere Liebe derselben, die sie gegen Berenicen an den Tag legte, hatte die eingesogenen Vorurtheile gegen sie bei ihrem Sohne noch gesteigert. In seiner Schwester erblickte er aber die Erbin der Hälfte von seines Vaters so beträchtlichem Vermögen, welche, wie er sich dachte, nicht sie, sondern ein Fremder, ihr künftiger Gatte, erhalten würde. Arabella, seine Frau, hatte selbst keine Abneigung gegen Toms Mutter, noch gegen dessen Schwester, und es fügte sich so gegen ihren eigentlichen Willen, daß sie nicht freundschaftlicher mit ihnen lebte. Eva kannte nur ein Gefühl, in dem alle andern verschwanden: das der Liebe zu ihrer Herrin und jetzt auch zu deren Tochter, denn Beide waren ja nur Eins in ihrem Herzen. Mit Recht befürchtete Ralph bei dem innig freundschaftlichen Bunde, welcher sich zwischen Eloisen und ihrer Tochter gebildet hatte, daß Letztere über manche früheren Verhältnisse Aufklärung erhalten würde, und mit derselben Besorgniß blickte er auf Eva, da diese die Vertraute von Berenicen war und mehr von ihm und der früheren Zeit wußte, als ihm lieb sein konnte. Sein Gefühl gegen Berenice war wunderbar gemischt. Mit sein Inneres zerreißendem Mißtrauen blickte er auf ihr Profil und auf die über ihrer schönen Nase dicht vereinigten starken Brauen; Haß und Zerknirschung bemeisterte sich seiner in solchen Augenblikken oft so sehr, daß er Berenice hätte tödten mögen. Gleich darauf aber hingen seine Augen wieder mit einer so leidenschaftlichen Zuneigung an der schönen lieblichen Jungfrau, daß er Alles darum hingegeben haben würde, wenn sie dieselbe Zärtlichkeit auf ihn verwandt hätte, womit sie ihre Mutter behandelte. Dann glaubte er wieder in Berenicens Blick eine Scheu gegen sich, sogar einen Zweifel in ihm zu erkennen, der sein Innerstes wie Dolchstiche durchzuckte. Demungeachtet war sein Stolz ungemessen darüber, daß seine Tochter die gefeierte Schönheit Floridas, ja der ganzen südlichen Staaten Amerikas war, denn der Ruf von Berenicens geistigen und körperlichen Vollkommenheiten war weit und breit 5 10 15 20 25 30 35 719ViERtER BaNd • ViERZigstEs KapitEl durch das Land gedrungen. Er versäumte selten eine Gelegenheit, öffentlich mit ihr zu erscheinen und hatte, um sie oft dazu zu veranlassen, für einen enormen Preis ein edeles Reitpferd, eine Isabelle, für sie gekauft. Sein Haus war jeden Abend Freunden und Fremden geöffnet und selten verstrich ein Abend, ohne daß dessen Salon sich mit Gästen gefüllt hätte. Berenice war dann die Sonne, um die man sich bewegte und deren Strahlen man so nahe als möglich zu kommen suchte. Ein Jeder wollte in ihre Augen blicken, einige Worte von ihr erhaschen, ihr etwas Verbindliches sagen, oder auch nur von ferne sich an ihrem Anblick weiden. Sie war freundlich und aufmerksam gegen Jedermann, ohne irgend einen Vorzug oder eine Auszeichnung bemerkbar werden zu lassen. Wenn man sie darum bat, spielte sie und sang mit Freuden und riß dann alle, die alten, so wie die jungen Herzen mit sich fort. Neben dem Ruf von Berenicens Persönlichkeit hatte sich aber auch der, daß sie eine reiche Erbin sei, verbreitet, und die Zahl der jungen Männer, die um ihre Gunst warben, wuchs von Tag zu Tag. Mit einer Art von Eifersucht, wie wenn man ihm den Besitz eines kostbaren Kleinods streitig mache, bemerkte Ralph die Bemühungen der Freier, und daß Berenice sie sämmtlich mit vollkommen gleicher Artigkeit fern von sich hielt, erregte in ihm ein triumphirendes Gefühl. So zahlreich Ralph’s Haus aber auch besucht wurde, so vermißte er doch gerade die angesehensten, die geachtetsten Familien der Umgegend unter seinen Gästen, und zwar um so empfindlicher, da diese Leute Alles aufboten, Berenice und ihre Mutter bei sich zu sehen, keine Gelegenheit versäumten, auswärts mit denselben zusammenzutreffen und sie mit Herzlichkeit und Freundlichkeit zu überhäufen. Mit Ralph aber wollten sie nicht verkehren. Trotz seines großen Vermögens war er allgemein verachtet und Jedermann begegnete ihm mit einer gewissen Scheu. Sein Raub an den unglücklichen Indianern war allgemein bekannt, den Mord an Lacoste legte man ihm zur Last, sein dreifacher Verdienst an Milroy war ruchbar geworden und über Soublett’s Tod raunte man sich Allerlei in Verbindung mit Ralph’s Namen in die Ohren. Tausend große und kleine Verbrechen lasteten auf 720 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ihm, ohne daß er jemals wegen eines derselben vor Gericht gestellt worden wäre. Demohngeachtet verschaffte ihm sein ungeheueres Vermögen sehr bedeutenden Einfluß unter dem Volke, den Viele der Besucher seines Hauses zu berücksichtigen hatten, und dann gab es auch eine große Zahl Derer, die ihn fürchteten und es vorzogen, mit ihm auf gutem Fuß zu bleiben. Ralph wußte dies Alles recht gut, und deshalb war ihm Berenicens Zauber, mit dem sie Freund und Feind, Alt und Jung in sein Haus zog, so sehr willkommen. Er hatte in diesem Winter häufig glänzende Gesellschaften und Bälle in seinem Haus gegeben, wozu die Gäste von weit und breit, selbst von Tallahassee, hergekommen waren, und viele seiner reichen Nachbarn hatten Berenice und ihrer Mutter zu Liebe ähnliche Festlichkeiten veranstaltet. Eine prächtige, dicht verschlossene Kutsche, von einigen Reitknechten begleitet, trug bei solchen Gelegenheiten die beiden Familien Norwood zusammen nach dem Ort, wohin sie eingeladen waren und führte sie oftmals erst mit dem Grauen des Tages wieder in ihre eigene Behausung zurück. Warme Tücher, Mäntel und Decken schützten die Damen dabei gegen Erkältung, und gewöhnlich wurde die Zeit während der Nachhausefahrt schlafend, wenigstens schweigend hingebracht. Auf einen der letzten Tage im Februar war auch wieder bei Norwoods eine Einladung zu einem Ball eingetroffen und zwar von einer der geachtetsten Familien Floridas, der des hohen Richters Trescott. Es war das Erstemal, daß dieser Mann sich entschloß, Ralph eine Einladung in seine Familie zuzusenden, obgleich Dieser sich alle erdenkliche Mühe gegeben hatte, ihn dazu zu veranlassen. Ralph hatte während dieses Winters nicht eine große Gesellschaft gegeben, ohne Trescott und dessen Familie dazu zu bitten, ohngeachtet dieselben sich stets entschuldigt und niemals einen Dankbesuch bei ihm gemacht hatten. Abgesehen davon, daß Ralph nach dem Umgang mit Trescott strebte, weil derselbe in der allgemeinen Achtung so hoch stand, so sah er darum noch ein ganz besonderes Interesse in der Befreundung mit diesem Manne, weil er hoher Richter war und bei unzähligen Processen, in die Ralph 5 10 15 20 25 30 35 721ViERtER BaNd • ViERZigstEs KapitEl fortwährend verwickelt war, nach seiner Ansicht ihm von großem Nutzen oder Nachtheil sein konnte. Die Einladung war mehrere Tage vor dem zum Balle bestimmten abgegeben worden und Ralph hatte sehr erfreut die feste Zusicherung gegeben, daß er und die Seinigen derselben mit Vergnügen folgen würden. Trescotts Wohnsitz lag vier Meilen von Norwoods Haus entfernt und der Weg war zum großen Theil noch neu und roh, so daß er selbst bei ganz trockenem Wetter kaum mit einer Kutsche befahren werden konnte. Heftige Regengüsse hatten denselben aber in den letzten Tagen grundlos gemacht und mehrere kleine Gewässer, durch die er führte, so sehr angeschwellt, daß keine Möglichkeit vorhanden war, denselben im Wagen zu passiren. Der Tag des Festes war ein stürmischer, kalter Regentag und Eloise, sowie Berenice erklärten, daß sie auf den Ball verzichten müßten, wenn sie sich nicht in der Kutsche zu Trescotts Wohnung begeben könnten. Ralph erwiederte, daß man den Weg bequem in einer guten halben Stunde zu Pferde zurück lege, daß ja den meisten Gästen kein anderes Mittel zu Gebote stehe, und daß Trescotts sicher ein Zimmer bereit halten würden, wo die Damen ihre Toilette machen könnten. Eloise brachte Einwendungen vor, wies namentlich auf den Heimweg hin, der Berenicen Nachtheil für ihre Gesundheit bringen könne, doch Ralph wollte von keinen Entschuldigungen etwas wissen und bestand unwiderruflich darauf, daß man zum Balle reiten solle. Diesem seinem so festen Beschluß wagte Niemand sich zu widersetzen, die Balltoilette wurde sorgfältig eingepackt, damit sie Eva mit sich auf ihr Pferd nehme und warme Kleider wurden für den Ritt hervorgesucht. Der Tag neigte sich, als die Pferde vor dem Hause erschienen und sämmtliche Mitglieder der Norwood’schen Familie dieselben bestiegen. Der Sattel Evas ward mit großen Schachteln behangen, ihr selbst ein wohlverwahrtes Packet in die Arme gegeben und nun setzte sich der Zug, von zwei Reitknechten gefolgt, in Bewegung. Letztere trugen große Bündel mit Kienholzspänen, welche auf dem Rückweg als Fackeln dienen sollten. Der Wind war stärker und kälter geworden und trieb den feinen Regen seitwärts hinter den Reisenden her, die sich dicht in ihre 722 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Mäntel und Kapuzen hüllten und ihre Pferde antrieben, den Ritt so schnell als möglich zu beenden. Nachdem sie den halben Weg zurückgelegt, hatten sie ein Wasser zu durchreiten, welches sehr angeschwollen war und den Rossen, denen es bis unter den Leib reichte, den Durchgang beschwerlich machte. Doch ohne Unfall erklommen diese mit ihren Bürden das jenseitige Ufer und Norwoods langten bald nachher wohlbehalten, wenn auch sehr durchkältet, bei Trescotts an. Im Allgemeinen kannte man auf dem Lande keine andere Art zu reisen, als die zu Pferd, weshalb auch heute sämmtliche Ballgäste in dieser Weise erschienen. Die nöthige Bequemlichkeit zum Ordnen der Toilette wurde den Damen in verschiedenen Zimmern geboten und Madame Trescott nebst ihren Töchtern thaten Alles, Berenicen und ihrer Mutter dabei behülflich zu sein, um denselben ihren Dank für deren Kommen bei so stürmischem Wetter zu erkennen zu geben. Bald füllte sich der Tanzsaal, die Violine eines Negers erklang und die Tänzer und Tänzerinnen hörten in ihrer Heiterkeit nicht mehr den heftigen Wind, der durch die geschlossenen Jalousien der Fenster pfiff. Es wurde bald so warm in den Zimmern, daß man die Kaminfeuer auslöschen und die Thüren öffnen mußte, denn manche der Tänzerinnen sah man die brennende Wange gegen die kalte Scheibe eines Fensters lehnen, um sich zu kühlen. Berenice war der Brennpunkt, um den sich Alles bewegte. Die Abneigung, mit der sie hierher geritten war, hatte sie kein Vergnügen erwarten lassen, weshalb ihre Heiterkeit sich um so höher steigerte, als sie viele liebe Freundinnen um sich versammelt fand, und Jedermann seine Freude darüber äußerte, daß sie sich durch das Wetter nicht hatte abhalten lassen, den Ball mit ihrer Gegenwart zu krönen. Obgleich ihre Toilette auch in Folge der Nothwendigkeit sehr einfach war, so überstrahlte sie doch alle ihre vielen hier versammelten schönen Schwestern, und mit einer wahren Seligkeit hing der Blick Eloisens an dem zauberisch schönen Kinde, auf dessen Wangen ein glühendes Incarnat die reichste Fülle von Gesundheit und Lebenskraft verkündete. Die besondere Aufmerksamkeit und Verehrung, die Berenicen von allen Seiten gezollt wurde, hatte sie so freudig aufge- 5 10 15 20 25 30 35 723ViERtER BaNd • ViERZigstEs KapitEl regt, daß der sinnende Ernst und die Ruhe, die sie gewöhnlich umgab, von ihren schönen Zügen ganz verscheucht wurde. Freudestrahlend glänzten ihre großen Augen wie schwarze Diamanten und die Lichter des Saales schienen vor ihrem Feuer zu verbleichen. Ralph sah mit Entzücken, wie Alt und Jung sich zu Berenicen drängte, um ein Wort, einen Blick von ihr zu erlangen, und seinem Ehrgeiz ward nicht wenig geschmeichelt, als er die lange Unterredung beobachtete, die der Richter Trescott selbst, wie es schien in höchster Begeisterung, mit ihr pflog. Kaum hatte dieser allgemein hochgeehrte Mann Berenice verlassen, so trat Ralph zu ihm hin, um dessen Stimmung für sich selbst zu benutzen, und womöglich einen Theil der Sympathie Trescotts für seine Tochter auf sich übertragen zu lassen. Es herrschte eine so allgemein glückliche Stimmung, daß Niemand an die Zeit dachte und es war längst Mitternacht vorüber, ehe sich Stimmen zum Aufbruch erhoben. In den warmen Garderobezimmern wurden nun schnell die Ballkleider gegen solidere Anzüge vertauscht, die Pferde wurden bestiegen, die Fackeln angezündet, und unter tausend Begrüßungen und Wünschen für eine glückliche Heimkehr zogen die Gäste nach allen Richtungen hin von dannen. Norwoods ritten allein, denn außer ihnen hatte Niemand diesen Weg einzuschlagen. Ein Neger begab sich mit einer hellleuchtenden Fackel vor den Zug und der andere folgte demselben mit einem gleichen Lichte. Der Wind bließ den Heimziehenden sehr heftig und schneidend kalt entgegen, so daß es namentlich Berenice, die bis zuletzt getanzt hatte, eisig kalt überlief, Eva nahm die wollene Decke, die über ihren Sattel lag, hing dieselbe ihrer jungen Herrin über die Schultern und befestigte sie mit einer großen Stecknadel vor deren Brust. Demohngeachtet aber fror Berenice und bat wiederholt, schärfer zu reiten, was nicht geschehen konnte, indem sonst die Fackeln erloschen wären, deren Flamme der Wind jeden Augenblick von dem Holz wegzublasen drohte. Die Hälfte des Weges war zurückgelegt und der Führer hielt auf der Uferbank des ungestüm brausenden Wassers an. Ralph und 724 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Tom hatten ihn erreicht und Ersterer befahl ihm, voraus durch den Bach zu reiten. Auf dem jenseitigen Ufer angelangt blieb er halten, um den Nachfolgenden zu leuchten. Tom ritt nun seiner Frau voran und ihnen folgte Ralph, um Eloisen und ihrer Tochter den Weg zu zeigen. Berenicens Pferd war das kleinste von allen, und als es die Mitte des Stromes erreichte, faßte derselbe es plötzlich bis über die Hälfte des Sattels, wodurch der Fuß der Reiterin in das Wasser sank. Mit einem Schrei zuckte Berenice denselben in die Höhe, bekam das Uebergewicht nach hinten und stürzte in die Fluth. Die große wollene Decke, in welche sie gehüllt war, verhinderte sie, sich gleich zu erheben und der Strom nahm sie mit sich fort. Schreck und Entsetzen ergriff die Andern so sehr, daß sie in dem ersten Augenblick wie erstarrt waren, nur Eva, die hinter ihrer jungen Herrin ritt, flog von ihrem Pferde fast ehe jene in dem Wasser versank und ward mit ihr von dem Strome fortgerissen. Die Sclavin aber ergriff die wollene Decke mit der einen Hand und streckte die andere nach dem Ufer aus, bis sie einen Busch faßte und sich und zugleich ihre junge Gebieterin an das Land zog. In dieser Zeit war Ralph durch das Wasser gesprungen, kam Eva zu Hülfe und Berenice ward halb ohnmächtig auf das Trockene gebracht. Weinend und jammernd schloß Eloise die Tochter in ihre Arme, bis dieselbe selbst ihr Wehklagen hörte und sich ermannte, um ihrer Mutter Leid zu verscheuchen. Berenice scherzte und versuchte zu lachen, obschon ihr war, als ob der Tod sie berührt habe. »Es ist gar Nichts, liebe, gute Mutter, ein kaltes Bad wird Deinem starken Mädchen ja nichts schaden,« sagte sie mit Anstrengung und bebenden Lippen und bat dann, sie auf ihr Pferd zu heben, um schnellmöglichst nach Hause zu kommen. Von hier aus begann der bessere Theil des Weges und kaum hatte Berenice den Sitz in ihrem Sattel gewonnen, als sie davon jagte und Eva gleichfalls bei dem Fackelträger vorüber ihr nachsprengte. Nur wenige hundert Schritt aber hatten sie zurückgelegt, als Ralph sie einholte und Berenice beschwur, langsam zu reiten, ehe ihr noch ein zweites Unglück zustieße. Diese aber gab ihm keine 5 10 15 20 25 30 35 725ViERtER BaNd • ViERZigstEs KapitEl Antwort, preßte ihre durchnäßte eiskalte Kleidung fester um ihren zitternden Körper und hielt sich mit einer Hand an dem Knopf des Sattels, während sie mit der andern an den Zügeln zuckte, um das Pferd schneller gegen den Sturm anzutreiben. Das Gewölk hatte sich gebrochen, auch war es heller geworden, so daß man den Weg erkennen konnte, dennoch verdankte es Berenice nur der Güte ihres Pferdes, daß sie glücklich ihre Wohnung erreichte; denn von Führung des Thieres war bei ihr keine Rede, sie bedurfte aller ihrer Kräfte, um sich nur in dem Sattel zu erhalten. Ralph hob sie von ihrem Roß, dann aber schlang sie ihren Arm um Eva und ließ sich durch diese in ihr Zimmer führen. Schnell wurden ihre Kleider gewechselt, die Sclavin brachte sie zu Bett, und dann erschien ihre verzweifelnde Mutter, um sie zu pflegen und an ihrem Lager zu weinen. Ralph betrat niemals die Gemächer Eloisens, noch die ihrer Tochter und machte auch heute keine Ausnahme hiervon; er schickte aber von Zeit zu Zeit eine Sclavin dorthin ab, um zu hören, wie Berenice sich befände. Diese war bald in Schlaf gesunken, während ihre Mutter an der einen Seite ihres, in der Mitte der Stube stehenden Bettes auf einem Stuhl saß, Eva aber auf der andern Seite stand und Beide ihre besorgten Blicke auf das jetzt mit brennendem Purpur überflogene schöne Gesicht der Schlummernden hefteten. So wachten sie über jeden Athemzug, über jede, auch die leiseste Bewegung derselben, bis der Tag durch die Fenster drang und die Ruhe, deren Berenice noch immer ungestört genoß, die bangen Sorgen der beiden Wachenden mehr und mehr beseitigte. Eloise legte sich nun, von Müdigkeit überwältigt, auf das Sopha nieder, um eine Stunde zu ruhen, während Eva für diese Zeit es übernahm allein zu wachen. Erst kurz vor Mittag schlug Berenice die Augen wieder auf und fühlte sich durch den langen festen Schlaf sehr erquickt, so daß ihre Mutter, als sie deren heiterem Blick begegnete, unter Freudenthränen zu ihr auf das Lager sank und sie an ihr Herz drückte. Berenice erhob sich nun, machte Morgentoilette und als Eva die Locken ihrer jungen Herrin in Flechten einzwängte, kam ihre Mutter mit einer prächtigen rothen Rose in der Hand in das Zimmer, 726 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 fügte dieselbe in das glänzende Haar ihrer Tochter und küßte diese in ihrer Freude auf Stirn und Mund. Der Unfall von vergangener Nacht schien keine bösen Folgen haben zu wollen, denn Berenice befand sich vollkommen wohl und heiter, ihrer Mutter zu Gefallen verließ sie aber heute das Zimmer nicht, obgleich der Himmel sich aufgeklärt hatte und die Sonne warm und freundlich schien. Am darauf folgenden Tag jedoch war sie sehr heiser, hatte Kopfweh und fühlte sich matt und müde. Sie hatte keine Lust, etwas zu essen, und als der Abend kam klagte sie über große Hitze und Brennen in den Händen. In der Nacht überfiel sie heftiges Fieber, am folgenden Morgen frühzeitig wurde ein Arzt herbei geholt, dessen Bemühungen es aber nicht gelang, dasselbe zu beschwichtigen, noch weniger den Schmerz zu lindern, der sich in Berenicens Brust beim Athmen eingestellt hatte. Eloise war trostlos und Eva theilte ihren Schmerz. Beide verlie- ßen weder Tag noch Nacht das Krankenbett und eine Woche war bereits verstrichen, ehe das Fieber seine Macht verlor, wenigstens blieb es nun nicht mehr so gleichmäßig heftig und anhaltend. Es verstärkte sich nur gegen Abend und verließ die Kranke während des Morgens gänzlich. Mit inbrünstigem Dankgebet zu Gott sah Eloise die Besserung ihrer Tochter fortschreiten, bald schien die Krankheit ganz gehoben, und Berenice konnte das Bett wieder verlassen, obgleich sie sich noch sehr schwach fühlte und der Schmerz in ihrer Brust noch nicht verschwunden war. Der Arzt erblickte darin jedoch gar keine Gefahr und sah in dem Husten, der sich bei der Reconvalescentin eingestellt hatte, kein böses Zeichen. Eloise lieh diesen tröstenden Worten nur zu gern ihr Ohr und gab sich der Hoffnung hin, ihr so innig geliebtes Kind, ihre Freundin, bald wieder in ihrer früheren Gesundheitsfülle zu sehen. Die Nachricht von dem Unfall, der Berenicen begegnet war, so wie von der darauf folgenden Krankheit verbreitete sich durch das Land und die vielen Erkundigungen, die von allen Seiten her über ihr Befinden eingezogen wurden, bezeugten den großen Antheil, den man an ihr nahm. Wiederholt hatten ihre Bekanntinnen, ja auch ihre näheren Freundinnen, wenn sie selbst gekommen waren, 5 10 15 20 25 30 35 727ViERtER BaNd • ViERZigstEs KapitEl um zu hören, wie es ihr gehe, sich wieder entfernen müssen, ohne Berenice gesehen zu haben, denn Eloise war zu sehr besorgt, die Aufregung, die ein Besuch bei Jener erzeugen mögte, könne nachtheilig auf sie wirken. Jetzt aber ließ sie die Freundinnen zu ihrer Tochter ein und selten verstrich eine Stunde des Tages, wo diese sich allein befunden hätte. Insbesondere theilnehmend zeigte sich die Familie Trescott, die, wenn auch ohne ihre Schuld, die Veranlassung zu dem Unfall gegeben hatte und auch der Richter selbst versäumte es nicht, Berenicen seinen Besuch abzustatten. Bis jetzt war diese noch nicht wieder in dem Salon erschienen, weshalb die vielen Gäste, welche sonst regelmäßig Ralph’s Haus Abends besucht hatten, sich nicht mehr einfanden und diesem die Gelegenheit dadurch entging, den Einen oder Andern derselben bei sich im Hause zu sprechen, woran ihm zuweilen sehr gelegen war. Er hatte schon wiederholt bei Tisch den Wunsch geäußert, Berenice möge Abends wieder in den Saal kommen, denn sie sei ja vollkommen hergestellt und ihr Aufenthalt dort könne ihr in keiner Weise Nachtheil bringen; ob sie mit ihren Freundinnen in ihrem eigenen Zimmer sich unterhalte, oder ob dies in jenem geschehe, wäre wohl einerlei. Eloise hatte es aber immer noch durch mancherlei Entschuldigungen zu verhindern und aufzuschieben gewußt, bis endlich Ralph auf Berenicens Erscheinen bestand, und verkündete, daß an diesem Abend sich viele Gäste einstellen würden, die ihr zu ihrer Wiedergenesung Glück wünschen wollten. Sein Wille mußte befolgt werden, und Berenice erschien Abends, wie früher, in reichem Gewand und geschmückt in der zahlreichen Gesellschaft, die sich in dem Saal eingefunden hatte. Das schöne Roth war aber von ihren Wangen, gewichen und auf ihrer ganzen, zauberisch reizenden Erscheinung lag ein leidender Ausdruck. Die herzliche, aufrichtige Theilnahme und Freude, womit man sie empfing, ließ sie jedoch bald das unbestimmte Gefühl von Unwohlsein vergessen und weckte wieder ihre frühere Heiterkeit; ihre Unterhaltung wurde immer lebendiger, sie scherzte hier, lächelte dort und gab endlich den vielen Bitten der Gäste und Ralph’s nach, zu singen, obgleich Eloise Einwendungen dagegen machte. 728 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Ralph selbst hob den Ueberzug von der reichen, prächtig vergoldeten Harfe und trug sie vor den sammetnen Sessel, auf dem Berenice saß. Wie eine Erscheinung aus einer schönern Welt, hielt diese die Harfe einige Augenblicke in ihrem blendend weißen Arm und neigte sinnend ihr schwarzumlocktes Haupt, dann ließ sie ihre Alabasterfinger leicht über die Saiten gleiten, als frage sie dieselben um Rath, was sie singen solle, und leise, schwermüthige Accorde waren deren Antwort. Sie wogten stärker, sie wurden voller und mächtiger, sie verbanden sich zu einer süßen, melodischen Weise, und jetzt erklang Berenicens wunderbar reine Stimme im Gesang. Die Saiten rauschten gewaltiger und stürmischer, feuriger und leidenschaftlicher ertönte das Lied, die Augen der schönen Sängerin strahlten wie Gluth erster Liebe, die sie besang, ein tiefer Sturmaccord schallte plötzlich durch den Saal, mit lautem, gellendem Pfiff sprang eine Saite und Berenice sank kraftlos vornüber gegen das Instrument. Entsetzt, und wie von der Hand des Todes berührt, stürzte ihre Mutter ihr zu Hülfe, richtete sie in ihren Armen auf und Berenicens bleiches Antlitz sank zurück gegen Eloisens Brust. Helles purpurrothes Blut färbte jetzt der Sängerin schönen Mund und die reichen Falten des weißen Atlasgewandes, welches ihre edele Gestalt umgab, ihre Augen waren halb geschlossen und ihre Arme hingen machtlos neben ihr herab. Es war ein Blutgefäß in Berenicens Brust gesprungen. Die Verzweiflung ihrer Mutter war herzzerreißend, bebend und zitternd hielt dieselbe ihre Tochter in ihren Armen und küßte das warme Blut von deren bleichen Lippen, als Ralph ihr behülflich sein wollte, Berenice nach ihrem Zimmer zu tragen; doch Eloise wies ihn schaudernd und mit einem furchtbaren Blick von derselben zurück, da sie in ihm den Mörder ihres Kindes vor sich sah. Eva war herbeigeeilt, hob ihre junge Herrin auf ihre kräftigen schwarzen Arme und trug sie, von der weinenden Mutter begleitet, nach ihrem Gemach. Ralph war sehr ergriffen; nie in seinem Leben hatte ihm ein drohender Verlust so groß geschienen, als der augenblickliche; er rief Tom an und bat ihn, zu dem Arzt zu jagen, doch derselbe lehnte 5 10 15 20 25 30 35 729ViERtER BaNd • ViERZigstEs KapitEl es ab, weil die Nacht zu dunkel sei. Ralph stürzte aus dem Hause, schrie den Negern zu, ihm sein Pferd zu bringen und nach wenigen Minuten saß er selbst auf dessen Rücken und stob auf der Stra- ße dahin, daß die Funken unter den Hufen des flüchtigen Rosses sprühten. Die Verwirrung in Ralph’s Haus war groß; die Gäste suchten in ihrer Bestürzung nach ihren Mänteln und Hüten, begaben sich zu ihren, unweit des Hauses angebundenen Pferden und ritten von dannen; nur die Familie Trescott blieb zurück, um vor ihrem Abschied Gewißheit über Berenicens Schicksal zu erlangen. Diese lag regungslos, ohne Lebenszeichen, auf ihrem Lager; Eloise hatte sich schluchzend und weinend zu ihr niedergeworfen und preßte ihre Lippen bald auf die kalte Stirn, bald auf die schneeige Hand der Tochter, während Eva neben dem Bett stand und ihre Thränen in ihren Händen verbarg. Das Leben siegte in dem Kampfe mit dem Tode und Berenice athmete wieder. Ein Hoffnungsstrahl erhellte die finstere Nacht, die Eloisens Seele umgab, mit Bangen und Zagen hingen ihre Blicke an der schwachen Bewegung, mit der sich die Brust der theuern Todtgeglaubten wieder hob, und zitternd hielt sie deren Arm in ihren Händen, um den sich wieder belebenden Pulsschlag zu überwachen. So war eine Stunde verstrichen, als plötzlich die Hufschläge eines heranjagenden Pferdes vor dem Hause erschallten und wenige Augenblicke später der Arzt in das Zimmer trat. Ralph hatte denselben in dessen Wohnung angetroffen, ihn sofort seinen eigenen Renner besteigen lassen, um hierher zu eilen, und wollte auf des Doctors Pony nachkommen. Der Arzt war augenscheinlich sehr beunruhigt, als er Berenice erblickte und ihren kaum fühlbaren Puls untersuchte. Aus der mitgebrachten Satteltasche reichte er ihr Medizin, er befeuchtete ihre Stirn und ihre Schläfe mit belebenden Essenzen, ließ ihr verschiedene kalte Umschläge machen und ihre Füße erwärmen. Nur sehr langsam kehrte die Lebenskraft in Berenice wieder und erst gegen Morgen begegnete ihr matter Blick ihrer theuern geängstigten Mutter. Der Arzt untersagte der Kranken zu reden oder sich zu bewegen, und kaum hatte dieselbe Kraft genug, ihre Hand zu erheben 730 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 und sie Eloisen hinzureichen, die sie mit Küssen und Thränen bedeckte. Ralph war in der Nacht zurückgekehrt und sandte von Viertelstunde zu Viertelstunde eine Dienerin in das Krankenzimmer, um zu hören, ob Berenice sich erhole, und als der Arzt zu der Frühstückszeit in den Speisesaal trat, bestürmte er ihn mit Fragen über den Zustand der Leidenden. Der Doctor erklärte denselben für sehr bedenklich und rieth, wenn Berenice sich wieder erholen sollte, sie sobald als möglich nach den westlichen Prairien zu bringen, da die hier mit verwesten vegetabilischen Stoffen geschwängerte Luft ihrer Krankheit Nahrung geben und ihrem Leben sicher ein frühes Ende bereiten werde. Der Rath des Arztes blitzte wie ein Sonnenstrahl durch Ralph’s Seele. Die Verachtung, die, wie er wohl fühlte, hier auf ihm lastete, hatte er bis jetzt nur durch sein großes Vermögen und durch die Zaubergewalt Berenicens bekämpft. Diese letztere mächtige Waffe war er auf dem Punkte zu verlieren, und ohne sie, das wußte er nur zu gut, würde die bessere Klasse seiner Mitbürger sich wieder von ihm abwenden. Dort in den reichen Ländern des Westens war sein vergangenes Leben unbekannt, sein Geld mußte ihn dort, wo im Allgemeinen noch wenig Reichthum vorhanden war, zum bedeutend hervorragenden Manne machen, dort war auch Hoffnung vorhanden, sich Berenicen zu erhalten, die sein Ansehen noch erhöhen würde, und außerdem konnte er dort mit seinem Vermögen ungemessene Schätze erwerben. Er beschloß, auszuwandern. Berenice erholte sich nach und nach wieder soweit, daß sie bei gutem Wetter das Haus verlassen konnte. Abends, wenn die Sonne ihre Gewalt verlor, bestieg sie auch wieder ihr schönes, sanftgehendes Pferd und besuchte in Begleitung ihrer Mutter und der treuen Eva ihre Freundinnen in der Nachbarschaft, oder diese verbrachten die Abende bei ihr, wo sie dann zusammen wandelnd die Schatten des herrlichen Gartens und nahen Waldes aufsuchten. Die Harfe und das Piano ertönten nicht mehr, deren Klang griff erschütternd in das Nervenleben der Kranken ein und stimmte sie traurig und schläfrig. 5 10 15 20 25 30 35 731ViERtER BaNd • ViERZigstEs KapitEl Der Verlust voller Gesundheit drückte schwer auf den früher so lebenskräftigen Geist Berenicens, traurig und niedergeschlagen erblickte sie ihre bleichen, eingefallenen Wangen im Spiegel, und ihre Zukunft, die ihr früher immer als eine unabsehbare Kette von Freude und Glück erschienen war, kam ihr jetzt abgemessen und ernst vor. Unwillkürlich richteten sich ihre stillen Vorwürfe gegen Ralph, dessen Eigenliebe und Eigennutz die Ursache zu ihrem unersetzlichen Verlust, dem Untergang ihres ganzen Lebensglücks, gewesen war, und die vertraulichen Mittheilungen über vergangene Zeiten, die Eva ihr in gleichem Gefühl der Abneigung gegen Jenen machte, entfernten sie täglich mehr von demselben. Ralph veranlaßte den Arzt, seiner Gattin die Ansicht mitzutheilen, daß nur eine Uebersiedelung nach dem Westen Rettung für Berenice bringen könne, während er im Stillen schon alle Vorbereitungen dazu machte. Eloise drang nun bald selbst auf baldigste Auswanderung, da sie jetzt in jedem Athemzug ihres geliebten Kindes Gefahr für dessen Leben befürchtete. Die Einwanderung in das nun von den Wilden gesäuberte, schöne Florida nahm von Tag zu Tag zu und Ralph wurde vielfache Gelegenheit geboten, seine herrlichen Besitzungen hier unter sehr günstigen Bedingungen zu veräußern. Während nun Anstalten zur Auswanderung gemacht wurden, ließ Eloise die bedeutendsten Aerzte aus Florida, Alabama und Georgien zu ihrer Tochter kommen, doch umsonst, Berenicens Gesundheitszustand blieb derselbe.

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References

Zusammenfassung

Mit Ralph Norwood legte Fredéric Armand Strubberg im Jahr 1860 den umfangreichsten Roman seiner Karriere vor und schuf mit dem Titelhelden eine seiner düstersten und gleichzeitig gelungensten Figuren. Mit einer Mischung aus Abscheu, Bangen und Hoffen verfolgt der Leser den Lebensweg eines sich immer weiter in Schuld und Verbrechen verstrickenden Antihelden, den er am Todestage des Vaters als charakterschwachen, wiewohl mit guten Anlagen versehenen jungen Mann kennenlernt. Ralph Norwood, Sohn eines Ansiedlers an der Indianergrenze und einer Seminolenfrau, war von seinem Vater im Alter von sechs Jahren auf eine Schule in Columbus geschickt worden, um ihm eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Schon bald war Ralph dort an die falschen Freunde geraten, dem Spiel und dem Alkohol verfallen, und so versäumt er trotz rechtzeitiger Benachrichtigung von dessen schwerer Erkrankung den Tod seines Vaters, dem er zur Tilgung seiner Spielschulden sogar das Vieh gestohlen hat. Zwar bereut Ralph in der unmittelbaren Trauer um den Verlust des Vaters seine Jugendsünden, die ihm dieser noch auf dem Sterbebett vergeben hat, doch verfällt er schon bald wieder den Verlockungen seines früheren Lebens... Vor dem historischen Hintergrund der Seminolenkriege in Florida entwarf Strubberg mit Ralph Norwood eine facettenreiche Abenteuererzählung, die mit Seeräubern, Familienintrigen und politischen Verschwörungen Elemente des zeitgenössischen Sensationsromans zitiert und damit die Grenzen des eigentlichen Wildwestromans sprengt. Thematisch ging der Autor damit erstmals weit über seine eigenen Erfahrungen während seiner Amerikaaufenthalte hinaus. Auch deshalb stellt der Roman eine deutliche Zäsur in Strubbergs literarischem Schaffen dar und ist wegweisend für nachfolgende Werke aus der mittleren Periode wie Saat und Ernte (AW-MA X) und In Süd-Carolina und auf dem Schlachtfelde von Langensalza (AW-MA XIII). Der Band enthält neben dem zeichengetreuen Text auch das Frontispiz aus der Erstausgabe von 1860.