Dritter Band. in:

Ulf Debelius (Ed.)

Ralph Norwood, page 377 - 554

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-2705-9, ISBN online: 978-3-8288-6796-3, https://doi.org/10.5771/9783828867963-377

Series: Armands Werke. Marburger Ausgabe, vol. 5

Tectum, Baden-Baden
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Dritter Band. 379 5 10 15 20 Capitel 22. Freundliche Aufnahme. – Bekenntniß. – Thätigkeit. – Winterlandschaft. – Die Wiedertäufer. – Die Feuerleute. – Der Geistliche. – Die Taufe. – Die Verunglückte. – Volkswuth. – Die Schreckensnachricht. – Wahnsinn. – Die Feuersbrunst. An einem heitern, warmen Nachmittag, wie sie der Winter in diesen südlichen Ländern so wohlthuend und lieblich bietet, saßen die alten Arnolds traulich unter der Veranda vor ihrem Hause und freuten sich über den Inhalt eines Briefes von ihrem glücklichen Sohne, den sie heute durch die Post erhalten hatten und in welchem Jener ihnen anzeigte, daß er mit seiner jungen Frau noch so lange bei deren Vater in Baltimore verweilen wolle, bis der Frost nachgelassen haben würde. »Mir wird doch, aufrichtig gesagt, die Zeit nachgerade lang. Frank könnte nun wohl etwas früher nach Hause kommen,« sagte Arnold, indem er seine Pfeife stopfte. »Nun sehe mir einmal Einer den Alten an. Ihr Männer wollt uns Weibern Ungeduld und Neugierde vorwerfen, und nun wird dem alten Herrn selbst die Zeit zu lang. Du machst Deiner Frau Gemahlin gar kein schönes Compliment damit, Herr Arnold,« erwiederte die Frau scherzend und setzte ihre beiden Arme in die Seiten. »Du bist ein einziges Weib,« sagte der Alte herzlich auflachend, indem er seine Frau anschaute, »Du machst Einen lachen, man mag wollen oder nicht.« »Laß Du den Jungen ganz ruhig noch so lange in Baltimore, wie er Lust hat, Vater, dort sieht er Etwas von der großen Welt. Du hast 380 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 es doch gelesen, was für Bekanntschaften er dort gemacht und daß er mit Eleanor und deren Vater nach Washington gefahren ist, wo er bei dem Präsidenten zu Mittag gespeist hat? Die Leute in Washington werden wohl wissen, daß Frank hier sehr angesehen ist und daß er Aussicht hat, später von Georgien auch einmal zum Congreß gesandt zu werden. Wie ich Dir sage, es ist recht gut, wenn er den Winter noch dort oben bleibt, alte Leute, wie wir, müssen ihre Kinder nicht immer, wie Hühner ihre Küchel, unter ihren Flügeln halten wollen, dann lernen sie nie das Fliegen.« »Hast, wie immer, auch diesmal Recht, Mutter,« sagte Arnold lächelnd und zündete seine Pfeife an, dann fuhr er fort: »Was aber aus dem Ralph geworden ist, das möchte ich doch wirklich wissen. Spurlos verschwunden – und Frank sagt, er fürchte, daß er in böse Gesellschaft gerathen.« Hier stockte plötzlich der Alte in seiner Rede, dann rief er aus: »Nun, so wahr ich Arnold heiße, wenn d a s die schlechte Gesellschaft ist! – Dort kommt der leibhaftige Ralph mit einem schönen Mädchen heraufgeritten!« Hiermit sprang der Pflanzer von seinem Sitz und eilte nach der Einzäunung, um für die Kommenden die Thür zu öffnen. Auch Madame Arnold stand auf, indem sie vor sich hin sagte: »Nun, da bin ich doch wirklich begierig,« und folgte ihrem Manne. Wenige Augenblicke nachher sprang Ralph vor Arnold von seinem Pferde, hob Eloisen von dem ihrigen, und stellte dieselbe mit den Worten den alten Leuten vor: »Fräulein Eloise Dosamantes, Tochter des Capitains Dosamantes, der an der Küste von Florida gescheitert und von der See verschlungen ist. Die Tochter steht fremd und allein in diesem Lande und ich habe ihr gesagt, daß Sie sich gewiß ihrer annehmen würden, bis sie einen Lebensplan für sich entworfen habe.« Eloise hatte während Ralphs Worten ihre Blicke bittend und verzagt auf die alten Leute gerichtet, ihre Augen aber strömten über, sie senkte ihre schweren Lider und ein Thränenstrom rollte über ihre bleichen Wangen. »Ei ja – gewiß – das Unglück hat niemals umsonst bei uns angeklopft«, sagte der alte Arnold ergriffen und warf einen fragenden 5 10 15 20 25 30 35 381dRittER BaNd • ZwEiuNdZwaNZigstEs KapitEl Blick auf seine Frau. Diese aber nahm Eloisens Hand, legte ihre Rechte sanft auf deren Schulter und sagte: »Treten Sie herein und seien Sie uns willkommen. Wenn wir Ihnen auch Ihren Verlust nicht ersetzen können, so wollen wir doch, so viel es in unsern Kräften steht, Ihren Schmerz zu lindern suchen und Ihnen eine Heimath geben, bis Sie selbst eine andere wählen. Kommen Sie herein und erholen Sie sich.« Auch der alten Frau waren die Augen feucht geworden und mit der wärmsten Theilnahme an Eloisens herbem Schicksal führte sie dieselbe in das Haus, während Arnold einem Neger auftrug, für die Pferde zu sorgen. Ralph hatte sich vorgenommen, dem alten Arnold zu bekennen, daß er in Baltimore durch Verführung auf Abwege gerathen sei, und deshalb Frank plötzlich verlassen habe, da er voraussetzte, daß dieser seine Eltern von seinem Verschwinden in Kenntniß gesetzt haben würde. »Herr Arnold«, sagte er zu dem Pflanzer, indem er seine Hand ergriff, »Sie haben sich schon einmal des reuigen verirrten Sohnes Ihres alten Freundes angenommen und ihm seine Irrthümer verziehen, thun Sie es auch jetzt, er steht ebenso schuldbeladen vor Ihnen, wie damals und verspricht Ihnen ehrlich und aufrichtig, daß er ein anderer, ein besserer Mensch werden will. Erlassen Sie es mir, Ihnen meine Fehltritte aufzuzählen, genug, wenn ich Ihnen sage, daß ich getrunken und gespielt hatte und mich schämte, Ihrem Sohn so schuldig vor die Augen zu treten. Es soll aber mein letztes Vergehen bleiben, das schwöre ich bei dem Andenken an meinen guten Vater.« »Ralph, Ralph!« sagte Arnold mit einem Ausdruck ernsten Vorwurfs und schüttelte den Kopf, »Sie sind kein Knabe mehr, dem man seinen Leichtsinn wiederholt vergiebt. Sie sind ein Mann, dessen Fehltritte seinen Charakter bezeichnen. Ich will Ihnen gern abermals verzeihen, hüten Sie sich aber, daß Sie vor der Welt wieder ihren Namen beflecken, sie wird ewig Ihr Unrecht, das Sie als Mann begehen, verkünden, und wenn Sie auch engelrein würden.« Ralph war wirklich bewegt und das Versprechen, sich zu ändern, war sein fester, ernstlicher Entschluß. Nochmals gelobte er dem Alten Bekehrung und Besserung an, und eröffnete ihm dann seine 382 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Absicht, sofort die Wohnung seines Vaters in Stand zu setzen und sich dort häuslich niederzulassen. »Wenn Sie das wirklich thun, dann will ich an Ihre Besserung glauben und Ihnen ein ebenso guter Nachbar und Freund sein, wie ich es meinem alten guten Tom war«, erwiederte Arnold und schüttelte wohlgefällig und freudig die Hand des jungen Mannes. Derselbe mußte ihm nun Näheres über das Schicksal Eloisens und die Art und Weise, wie er mit ihr bekannt geworden war, erzählen, wobei der Alte ihn nur mitunter mit einem Ausruf der höchsten Entrüstung, oder des innigsten Mitleids unterbrach. Unterdessen war Madame Arnold bemüht gewesen, Eloisen mit den nöthigen Kleidungsstücken zu versorgen, um ihre Toilette herzustellen, und hatte diese Zeit benutzt, sich gleichfalls von ihrem Mißgeschick nähere Kenntniß zu verschaffen, bei welcher Gelegenheit sie wiederholt die Thränen von den Wangen des unglücklichen Mädchens küßte und ihr auf das Liebevollste ihre Hülfe und mütterliche Fürsorge zusagte. Erst bei dem Abendessen kamen sie wieder Alle zusammen, denn Eloise hatte Madame Arnold gebeten, ihr bei der Bereitung desselben behülflich sein zu dürfen und Arnold hatte mit Ralph einen Spaziergang durch den nahen Wald gemacht, um, wie er sagte, den Frauensleuten nicht im Wege zu sein. Eloise sah beim Abendtisch ganz anders aus, als Ralph sie vorher gesehen hatte, ihr reiches Haar war schön geordnet und fiel in glänzenden Locken neben ihren zarten Wangen herab, ihre Kleidung war sauber und nett und auf ihrem lieblichen Antlitz lag ein Ausdruck wehmüthiger Ergebenheit in ihr Schicksal. Den Abend verbrachten sie zusammen bei dem traulichen Kaminfeuer. Ralph sprach seinen Entschluß aus, schon am folgenden Tage mit der Ausbesserung seiner väterlichen Wohnung beginnen zu wollen, und der alte Arnold erbot sich, ihm seine Neger zur Hülfe mitzugeben. Man ging zeitig zur Ruhe, die beiden alten Leute sanken mit dem wohlthuenden Bewußtsein, sich einer Unglücklichen angenommen zu haben, in ihren ruhigen Schlaf, Eloise schlummerte mit einem Dankgebet zum Allmächtigen ein und Ralph nahm die glühendsten Hoffnungen für seine nächste Zukunft mit in seine Träume hinüber. 5 10 15 20 25 30 35 383dRittER BaNd • ZwEiuNdZwaNZigstEs KapitEl Nach zeitigem Frühstück, bei dessen Bereitung Eloise der alten Frau abermals hülfreiche Hand geleistet hatte, bestieg Ralph wirklich sein Pferd und begab sich mit Arnolds Negern auf sein väterliches Erbe, wo sie den Tag in rastloser Arbeit verbrachten. Die Veranda vor dem Hause wurde niedergerissen und neu aufgebaut, es wurden Holzschindeln angefertigt, um dieselbe, so wie auch das Dach des Gebäudes, neu zu decken, und es wurde Holz gespalten, um die verfallene Einzäunung wieder herzustellen. Spät Abends erst kehrten sie zu Arnold zurück und Ralph fühlte sich glücklich, eine neue Lebensbahn begonnen zu haben. Bei dem Kaminfeuer erzählte er dem Alten, was er Alles mit den Negern vollbracht habe, bezeichnete ihm seine Pläne, welche Ausbesserungen er vornehmen wolle und empfing dagegen Arnolds Ansichten und Rathschläge. So zog er Tag für Tag an die Arbeit, um sich einen festen, dauernden Wohnsitz zu gründen und begab sich, wenn die Sonne sich neigte, in größter Eile zu seinen Freunden zurück, um keine Minute zu verlieren, die er in der Nähe der schönen Eloise zubringen könnte. ∗    ∗    ∗ Während nun die Wälder und Fluren Florida’s sich von der sengenden Gluth des Sommers erholten, die Pflanzenwelt sich mit frischem, saftigem Laub bedeckte und Berg und Thal sich mit neuen Blumen schmückten, lag eine starre Schneedecke über der Gegend um Baltimore und die Bay von der Stadt aus bis nach Annapolis, dem Sitz der Regierung von Maryland, war mit einer ununterbrochenen Eisfläche überzogen. Die Sonne schien heiter vom wolkenlosen Himmel herab auf den glänzenden Eisspiegel, auf die schneebedeckte Stadt mit ihren Thürmen, Kuppeln und Monumenten, und auf die bewaldete Schneelandschaft, die wie ein Amphitheater im Halbzirkel hinter derselben aufstieg. Es war ein herrlicher Morgen, die Straßen der Stadt waren von geschäftigen, so wie auch von spazierenden Fußgängern belebt, kostbare Karrossen rollten geräuschlos durch die schneebedeckte Marketstraße, prächtige Schlitten mit geputzten und in reiche 384 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Pelze eingehüllten Damen schossen unter hellem Glockengeläute und lautem Peitschenknall an einander vorüber, und ein großer Theil der Bewegung schien sich mehr nach dem westlichen Theile der Stadt und namentlich nach d e r Straße hin zu richten, die nach Springgarden führt, dem weiten Bassin, welches der Patapscofluß südwestlich von Baltimore bildet. Es war bekannt geworden, daß die Baptisten heute bei Springgarden große Taufe halten würden, welches Schauspiel mitanzusehen Tausende von Neugierigen veranlaßte, sich dorthin zu begeben, zumal die Sonne warm und wohlthuend schien, obgleich sie die Kraft nicht besaß, den Frost zu überwältigen. Wenn zu einer andern Zeit es auch in dieser menschenreichen Stadt nicht aufgefallen sein würde, daß ein großer Theil der Leute, welche die Straßen belebten, sich nach jener Richtung begaben, so erregte es doch heute darum Aufsehen, weil unter ihnen viele Hundert junge Männer sich befanden, die durch ihre Tracht sich wesentlich von Anderen unterschieden und massenweise laut und lustig jener Gegend zuzogen. Dieselben waren sämmtlich mit kurzen Jacken von feinem feuerrothem Tuch mit schwarzen Aufschlägen und ebensolchen Kragen angethan, trugen breiträndrige, glänzend lakirte Hüte und schwarze Beinkleider. Es waren diese Kleidungen unverkennbar Festanzüge, denn alle waren neu, sauber und nett, und die ganze Erscheinung dieser Leute zeugte davon, daß sie zu einer Feierlichkeit zusammengekommen seien. Es waren sogenannte Feuerleute, junge Männer, die zu Lösch- und Rettungsanstalten bei Feuersbrünsten gehörten. Sie bilden in den Vereinigten Staaten eine eigne Kaste, und nirgends in der Welt erreicht wohl eine ähnliche Anstalt ihren Zweck so vollkommen, als jene. Diese Feuerleute sind die alleinigen Besitzer der Aktien einer Feuerassecuranz, bei welcher Jedermann sein Hab und Gut versichert, da er weiß, wie durchaus solid die Compagnie ist und wie unbedingt er sich bei Feuersgefahren auf die Hülfe ihrer Aktionäre verlassen kann. Dieselben sind in Abtheilungen getheilt, die in den verschiedenen Stadttheilen ihre ausgezeichneten, wundervoll verzierten und höchst kostbaren Spritzen mit allem Zubehör in eigens dazu erbauten Häusern aufbewahrt halten, über welchen Gebäuden sich 5 10 15 20 25 30 35 385dRittER BaNd • ZwEiuNdZwaNZigstEs KapitEl ein Thurm mit einer Glocke befindet. Bei dem ersten Zeichen einer Feuersbrunst werden diese Glocken gezogen, die Mannschaft stürmt zu ihrer betreffenden Spritze hin, ein an derselben befestigtes langes Tau wird entwickelt, die Feuerleute erfassen solches und im Sturmlauf rennen sie, mitunter über Hundert an der Zahl, mit der Spritze davon, dem Feuer zu. Es ist Ehrensache für die Feuerleute, mit ihrer Spritze zuerst auf dem Platz der Gefahr anzulangen, und außerdem erhält deren Mannschaft aus der Kasse der Assecuranz eine bedeutende Prämie. Die Gewalt, womit diese Leute ein ausgebrochenes Feuer dämpfen, ist so groß, daß der Schaden, den es verursacht, in der Regel unbedeutend ist und die Compagnie ihren Aktionären jährlich enorme Dividenden auszahlen kann. Dieselben arbeiten und strengen sich demnach nur in ihrem eignen Interesse an, ein Jeder von ihnen aber beeifert sich außerdem, seiner Spritze die Ehre vor den übrigen zu verschaffen. Aus allen Ständen, vornehm und gering, reich und arm, reihen sich die jungen Männer in diese Verbindung und Alle sind stolz darauf, Feuerleute zu sein. Wie sie bei ihrer ernsten Bestimmung einmüthig und eng verbunden zusammen handeln, so umschließt sie auch im gewöhnlichen Leben ein Band der Verbrüderung, welches sie häufig zusammenführt. Sie haben ihre Clubbs, vereinigen sich zu großen Essen und Festgelagen, halten Bälle, machen Land- und Wasserpartien und gebrauchen auch wohl ihren Einfluß gemeinsam zu politischen Zwecken. Ihre Verbindungen beschränken sich aber nicht auf die einzelnen Städte, sondern dehnen sich über die ganzen Vereinigten Staaten aus, und oftmals statten die Feuerleute der einen großen Stadt ihren Kameraden in einer andern Besuche ab, wohin sie ihre Spritzen mitnehmen, um damit zu paradiren, bei welchen Gelegenheiten es oft zu großen Festlichkeiten, als Paradezügen, öffentlichen Reden, Gastmählern und Bällen kommt. Dies war nun im Augenblick der Fall. Die Feuerleute von Philadelphia waren mit zehn prachtvollen Spritzen nach Baltimore gekommen, um ihre Brüder dort zu besuchen, es hatten schon einige öffentliche Aufzüge und mehrere Festgelage ihnen zu Ehren stattgefunden, und heute begaben sie sich, wenn auch nicht als Corporation, doch in Massen und in ihrer Festkleidung nach Springgarden hinaus, um die Taufen dort mit anzusehen. 386 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 An dem Ufer des übereis’ten, sehr breiten Wasserspiegels waren viele Zelte und Hütten aufgestellt und Hunderte von Wiedertäufern, einer frommen Secte, die von England aus nach Amerika sich übergesiedelt hat, sah man dort vereinigt, um ihren Jünglingen und Jungfrauen die heilige Taufe durch ihren Geistlichen zukommen zu lassen. Zu diesem Ende war ein großes, viereckiges Loch in das Eis gehauen, unter welchem das drei Fuß tiefe Wasser rauschend hinströmte. Außer den hier versammelten Andächtigen hatten sich Tausende von Zuschauern eingefunden, die zu Fuß, zu Pferd und zu Wagen hinter Jenen gedrängt aufgestellt waren und mit Spannung auf das Beginnen des heiligen Aktes warteten. Unter diesen Neugierigen befand sich auch der Präsident Forney mit dem jungen Ehepaar, Frank und Eleanor. Sie saßen in einem kostbaren, mit zwei prächtigen Braunen bespannten Glaswagen, aus dem sie, in reiche Pelze gehüllt, hervorsahen und sich mit den vielen Freunden heiter unterhielten, die zu ihnen an den Wagen traten. Es war ein schöner Blick, den man auf den weiten Eisspiegel vor sich und auf die bewaldeten, in der Sonne glänzenden, jenseitigen schneebedeckten Höhen hatte, und das bunte Gewühl der vielen Menschen am diesseitigen Ufer auf dem blendend weißen Schnee gab der Landschaft einen eigenthümlichen Reiz. Zwischen der versammelten Menge erhoben sich mächtige Baumgruppen, deren tausendfach verschlungene, mit Reif überzogene Zweige wie überzuckert im Sonnenschein blitzten und funkelten, als wären sie mit Diamanten übersäet, und jedes Reis der Büsche, jeder Grashalm spiegelte die Farben des Regenbogens. Der Gesang der frommen Gemeinde, die sich in weitem Kreise um die Oeffnung in dem Eise aufgestellt hatte, begann jetzt mit einer Hymne und der Geistliche, ein großer, hagerer Mann mit grauem Haupte, trat vor an das rauschende Wasser und senkte das Gesicht auf seine gefalteten Hände. Den geringen Frost schienen die Andächtigen nicht zu fühlen, ihre religiöse Begeisterung nahm mit dem Takte ihres Gesanges von Minute zu Minute zu, derselbe wurde immer wogender, immer lauter, immer stürmischer; Ausrufe der Verzückung schallten dazwischen, die Singenden klatschten 5 10 15 20 25 30 35 387dRittER BaNd • ZwEiuNdZwaNZigstEs KapitEl immer lebhafter in die Hände und Einzelne von ihnen sprangen hoch in die Höhe. Jetzt aber streckte der Geistliche, wie segnend, seine Arme nach ihnen aus und der Gesang verstummte. Darauf betete der Pfarrer und begann dann seine Rede. Er sprach von dem Ursprung, von der Wichtigkeit der Taufe, wenn der Mensch zu eigner Anschauung und eigner Ueberzeugung gekommen sei, zeigte, wie dieselbe dagegen bei Kindern unwichtig wäre und forderte dann schließlich die Gemeindemitglieder, welche die heilige Taufe zu empfangen wünschten, auf, hervorzutreten. Abermals richtete er ein Gebet zum Himmel, rief dann mit einem Wink der Hand den Gesang seiner Gemeinde wieder hervor und stieg nun, mit Verläugnung seines natürlichen Widerwillens gegen das kalte Wasser, bis über den Leib in die rauschende Fluth. Ein nicht vollständig bemeistertes Schütteln und Zittern zeigte, daß das Fleisch für den Augenblick den Geist überwältigt hatte, der Athem schien dem alten Herrn sehr kurz zu werden, und umsonst setzte er mehrere Male an, die Einladung an die Taufbegierigen ergehen zu lassen. Alles Schwere im Leben erträgt sich leichter in Gesellschaft, als allein, und dies mochte der im Bad stehende Mann auch jetzt wohl bedenken; denn da er mit Worten die Einladung nicht von sich geben konnte, so nahm er zur Zeichensprache seine Zuflucht und winkte den zögernden Novizen, zu ihm heranzutreten. Das Zögern derselben hatte wohl theils in dem Bilde des vor Frost schüttelnden alten Herrn seinen Grund; denn obgleich er seinen Mund in ein seliges Lächeln gefaltet hatte, so bewegten sich doch seine Kinnladen heftig und die rothblaue Färbung seiner großen Nase verrieth seine Unbehaglichkeit in dem kalten Jordan. Noch immer drückten sich die Taufbegierigen rückwärts gegen den Sängerkreis, da winkte der Täufer mit heftiger Bewegung, und eine fromme Mutter, der die Abwaschung der Sünden von ihrer Tochter sehr am Herzen lag, schlang ihren Arm zärtlich um dieselbe und führte sie dem nach ihr verlangenden Geistlichen zu. Kaum hatte derselbe die Jungfrau im Bereich seiner hagern Hände, als er sie zu sich herabzog und diese mit einem lauten Schrei in die Fluth sank. 388 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Das wirkliche Beginnen der heiligen Handlung schien den Alten mit frischer Lebenskraft zu durchströmen, er legte seinen rechten Arm um den Rücken der Jungfrau, seine Linke auf ihre Brust und drückte sie rückwärts hinab, bis die Fluth sich über ihr schloß. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes taufte er sie und hob sie sündenrein wieder aus dem Wasser empor. Mehrere der Gemeindemitglieder halfen ihr, das Eis zu besteigen, und ihre Mutter und Freundinnen führten sie eilig in eine nahe am Ufer stehende, geheizte Hütte, damit sie schnellmöglichst ihre nasse Kleidung gegen trockene vertauschen konnte. Das Beispiel machte die andern Tauflustigen kühn, eine zweite entschlossene Jungfrau sank auf dem Arm des Geistlichen in die Fluth, und über ein halbes Dutzend war schon, von Sünden gereinigt, aus dem Wasser emporgestiegen, als eine große, kräftige Tochter vom Lande mit frischrothen Wangen sich dem verhängnißvollen Eisrande nahte und in die Strömung hinabsprang. Der Täufer empfing sie mit Begeisterung in seinem zitternden Arme, er ließ sie rücklings in die Fluth hinab, sie sank, das rauschende Wasser schloß sich über ihr, der Geistliche neigte sich, wie hinabgezogen, tiefer und tiefer, man sah ein augenblickliches, verzweifeltes Ringen, dann hob er seine lange Gestalt allein über dem Eis empor, faltete seine Hände auf der Brust und sagte zu der entsetzten Gemeinde: »Brüder und Schwestern, our sister is gone. Laßt uns für ihre Seele beten!« Die Unglückliche war für den alten durchfrorenen Mann zu schwer gewesen, war ihm von dem Arm geglitten und der Strom hatte sie unter dem Eis mit sich fortgerissen. Alles drängte sich um die Oeffnung, Viele sprangen in den Strom hinab; doch Rettungsversuche waren hier umsonst. Jammer, Wehklagen und herzzerreißende Schreie der Verwandten des unglücklichen Mädchens erfüllten die Luft, die angestimmte Hymne aber übertönte bald diese Klageausbrüche, die Gemeinde sang lauter und immer lauter und beschloß somit die Feierlichkeit, während der Pfarrer sich dem feindlichen Element entzogen und sich zu einer nahen Hütte geflüchtet hatte, um sich zu trocknen, zu wärmen und von der Anstrengung zu erholen. 5 10 15 20 25 30 35 389dRittER BaNd • ZwEiuNdZwaNZigstEs KapitEl Unter den Zuschauern brachte diese Schreckensscene eine gewaltige Aufregung hervor, man sprach laut von Mord, heftige Drohungen wurden vernommen und Schimpfreden, Schwüre und Flüche, sowie hier und dort auch einige unsanfte Berührungen weckten die Wiedertäufer aus ihrer Schwärmerei und setzten sie in Trab, um sich schnellmöglichst von dem Unglücksplatz zu entfernen. Die Zeitungen am folgenden Morgen waren mit Berichten über den tragischen Ausgang der Taufe angefüllt. Die Entrüstung, die allgemein darin ausgesprochen wurde, war sehr groß, man forderte auf, durch das Gesetz diesem lebensgefährlichen Treiben ein Ende zu machen, und zahlreiche Nachrufe an das unglückliche Opfer, das schöne, blühende, junge Mädchen, erschienen noch während mehrerer Tage in den öffentlichen Blättern. Ein anderer Artikel in der Baltimore Chronicle verwischte aber plötzlich das Interesse für die ertrunkene Wiedertäuferin und ergriff alle Gemüther mit der größten Aufregung. Es war ein Bericht über den Piraten Flournoy, eine Beschreibung von Augenzeugen über dessen Seegefecht mit dem Kutter der Regierung und eine ausführliche Schilderung über die Verfolgung der Tritonia und deren Untergang. Zugleich ergingen zahlreiche ernste Aufforderungen an die Regierung, um mit aller Macht das Habhaftwerden des Räubers zu betreiben, und auch der Vorwürfe gegen die Marine, wegen Mangels an Thätigkeit, gab es dabei nicht wenige. Das Treiben des Piraten griff zu sehr in die wichtigsten Interessen der Nation, als daß die Entrüstung nicht hätte eine allgemeine über die ganzen Vereinigten Staaten sein sollen; in Baltimore aber war sie um so stürmischer, da die Frechheit Flournoy’s, womit derselbe vor so kurzer Zeit sein Schiff in dieser Stadt ausgebessert und dann hier auf die Abreise des unglücklichen Dosamantes gewartet hatte, Alles in Wuth gegen ihn und seine Verbündeten versetzte. Kaum waren die Zeitungen ausgegeben, als sich ein Volksauflauf vor dem Wohngebäude Ballard’s bildete, der bald die Straße so füllte, daß alle Passage dort gesperrt war. Die Verwünschungen und Flüche, die mit Ballard’s Namen aus der wogenden Menge ertönten, wurden immer heftiger, immer wüthender; doch immer noch hatte Niemand es unternommen, Hand an das verschlossene 390 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Gebäude zu legen. Da trat ein Constabel unter das Volk und verkündete mit lauter Stimme, daß schon am verflossenen Abend das Gericht Ballard hätte gefangen nehmen wollen, daß derselbe aber spurlos verschwunden sei. Diese Nachricht war das Entfesselungswort für den wüthenden Haufen; ein Regen von Backsteinen, die sofort aus dem daraus bestehenden Trottoir gerissen wurden, flog in die großen Spiegelscheiben der Fenster, die Thür ward erbrochen, das Volk strömte in das Haus und bald kamen die prächtigen Spiegel, Möbel, Uhren, Kronleuchter, Glas- und Porzellansachen aus den Fenstern in die Straße herabgeflogen. Der Frau Ballard’s und dessen Kindern machte man Platz zur Flucht, sandte ihnen aber die heftigsten Schmähungen nach; in dem Hause jedoch blieb Nichts, was nagellos war; man begann sogar schon das Dach abzudecken, ehe es der Polizei gelang, der Verwüstung Einhalt zu thun und das Volk zu zerstreuen. Während die ganze Stadt in Aufruhr war und die zügellosesten Verwünschungen gegen Ballard und Flournoy durch die Straßen schallten, fand in dem Hause des Buchhalters Terrel eine Scene des tiefsten Jammers statt. Die unglücklichen Eltern hatten ihre Tochter Melanie aus deren Wohnung ohnmächtig hierhergeschafft und waren jetzt bemüht, die Wiedererwachte zu beruhigen, zu trösten. Die Ausbrüche der Verzweiflung derselben waren aber zu zügellos, als daß sie den Vorstellungen und Bitten ihrer Eltern hätte Gehör geben können. Sie zerraufte sich ihr Lockenhaar, zerriß ihre Kleidung, schlug ihren Kopf gegen die Wand des Zimmers, warf sich an die Erde und versuchte aus dem Fenster zu springen. Ihr Zustand grenzte an Raserei, und nur für Augenblicke sank sie entkräftet zusammen und brach in Weinen und Schluchzen aus. So tobte sie mit nur kurzen Unterbrechungen während des ganzen Tages und der folgenden Nacht fort; die verzweifelnden Eltern wichen keinen Augenblick von ihrer Seite, und erst als der Morgen kam, verfiel die Unglückliche in ein stummes Hinbrüten, in welchem sie den Tag verbrachte. Der herzugezogene Arzt, ein Freund der Familie, hieß diesen Zustand willkommen, er sah darin eine Ruhezeit für Melanie’s schrecklich ergriffenen Geist und machte mit aller Zuversicht den 5 10 15 20 25 30 35 391dRittER BaNd • ZwEiuNdZwaNZigstEs KapitEl Eltern Hoffnung auf Beruhigung und Fassung ihres Kindes. Gern und mit Freuden gaben sich diese den Tröstungen des Freundes hin und vermieden sorgfältig, die regungslose Melanie in ihrer dumpfen Abgespanntheit zu stören. Doch verließen sie dieselbe nicht, und die Dämmerung hatte sich schon durch das kleine Stübchen verbreitet, als abermals der befreundete Arzt leisen Trittes eintrat und einen fragenden Blick auf die Eltern und ihr immer noch stumm dasitzendes Kind warf. Plötzlich fing Melanie leise zu singen an, indem sich ihre Züge erheiterten und ihre Hände mit dem Saum ihres Kleides spielten, auf welchen sie niederblickte. Entsetzt schauten sich Vater und Mutter und der Arzt an und hefteten ihre Augen dann wieder auf die Singende, Keines von ihnen wagte ein Wort, ein kalter Schauder aber überrieselte sie Alle. Endlich trat der Arzt zu Melanie, nannte sie bei ihrem Namen und legte zutraulich seine Hand auf ihren Arm. Kaum hatte er denselben aber berührt, als die Unglückliche entsetzt vor ihm zurückfuhr, ihn von sich stieß, mit größter Heftigkeit ihre seidene Schürze erfaßte und mit aller Anstrengung den Fleck auf ihrem Arme rieb, den seine Hand berührt hatte. Die Leidenschaftlichkeit, die so plötzlich in ihren Augen aufloderte, entwich denselben aber nach und nach wieder, wie wenn Schlummer sich über die müden Lider legte, und mit leiser, heiterer Stimme begann sie wieder zu singen. Auch das Berühren durch ihre Eltern brachte dieselbe Heftigkeit in ihr hervor, außerdem war sie freundlich und mild gegen sie, schien sie aber nicht von dem Arzt zu unterscheiden. Ihr Verstand war dem Schmerz erlegen, der Schmerz war dem Wahnsinn gewichen. Auch das Schicksal der armen Melanie wurde in den öffentlichen Blättern vielfach besprochen und steigerte noch den Haß gegen den Urheber ihres Unglücks, gegen den jetzt viele Kriegsfahrzeuge ausgesandt wurden, um seiner habhaft zu werden. ∗    ∗    ∗ An einem heiteren, aber sehr kalten Morgen wurde Baltimore durch einen großen Paradezug der einheimischen, sowie der frem- 392 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 den Feuerleute mit ihren sämmtlichen Spritzen in eine neue Aufregung versetzt. Es war fast zu kalt, um längere Zeit im Freien stille zu stehen; demohngeachtet waren die Trottoirs der meilenlangen Marketstraße, durch welche sich der Zug bewegte, Kopf an Kopf mit Zuschauern gefüllt, die Fenster der Häuser waren geöffnet und mit Neugierigen besetzt, und unter lauten, schallenden Hurrah’s und Freudenausrufen zogen die rothgekleideten jungen Männer mit ihren prächtigen Spritzen stolz vorüber. Ein Gerücht hatte sich schon früh Morgens verbreitet, daß es heute Abend, den fremden Feuerleuten zu Ehren, in der Stadt brennen würde, und sogar nannte man die Marketstraße als den Platz, wo das Feuer ausbrechen solle. Woher jedoch das Gerücht kam und ob dasselbe nicht ein leeres sei, wußte man nicht. Man kümmerte sich auch nicht viel darum, und als der Tag sich neigte, hatte man es fast wieder vergessen. Die Nacht war eingebrochen und zwar mit einer sehr empfindlichen Kälte, so daß Niemand, den nicht die Nothwendigkeit auf die Straße führte, sich hinauswagte. Die Stadt befand sich aus diesem Grunde in einer ungewöhnlichen Ruhe, als plötzlich mit dem Schlag acht die Glocken auf sämmtlichen Spritzenhäusern in der ganzen Stadt ertönten und der Ruf »Feuer« durch alle Stra- ßen schallte. Eine rothe Flammensäule stieg zugleich gegen den sternbedeckten, dunkeln Himmel auf und warf ihren furchtbaren Schein über die ganze Stadt. Ein großes, zweistöckiges Gebäude in der Marketstraße, in welchem sich eine bedeutende Seidenhandlung befand, stand über und über in Feuer, denn die Flammen schlugen zugleich aus den Kelleröffnungen, aus allen Fenstern und aus dem Dache empor. Jetzt erklangen aber die kleinen Glocken, die auf den Spritzen angebracht waren; diese kamen, von ihren Mannschaften gezogen, im Sturmlauf von allen Seiten aus den Straßen herangerollt und stellten sich zu beiden Seiten des in Flammen eingehüllten Eckhauses auf. Den Spritzen von Philadelphia wurden die Ehrenplätze eingeräumt und zu ihren Seiten und hinter ihnen nahmen die Baltimorer Spritzen ihre Stellungen ein. Alle Wasserleitungen, die sich an den verschiedenen Straßenvierteln befanden, waren geöffnet, die Schläuche auf denselben befestigt und zu den Spritzen geleitet, 5 10 15 20 25 30 35 393dRittER BaNd • ZwEiuNdZwaNZigstEs KapitEl und nun begannen diese unter dem lauten, fröhlichen Gesang ihrer Mannschaften ihre fliegenden Wassermassen auszuspeien und über den Feuerberg hinzuwerfen. Zu beiden Seiten des brennenden Gebäudes und in der ganzen Umgebung lagen die Bewohner der Nachbarhäuser vollkommen ruhig in den Fenstern, um das prächtige Schauspiel mitanzusehen. Die Fluthen, die jetzt, als alle Spritzen in Thätigkeit waren, auf die Flammen niederfielen, waren so ungeheuer, daß sie dieselben bald hier, bald dort erdrückten und das Gebäude selbst bald wieder zwischen ihnen sichtbar wurde. Der Kampf der beiden Elemente war gewaltig, denn oft wurde das Feuer für Minuten an einzelnen Stellen gänzlich erstickt und loderte dann, wie neu belebt, um so mächtiger wieder empor. Seine Wuth aber nahm mehr und mehr ab, seine Kraftausbrüche wurden immer geringer, und ehe eine Stunde verflossen, stand das große Gebäude, welches noch kurze Zeit vorher e i n e Flammenmasse war, als ein Eispalast da. Im ganzen Hause war auch nicht mehr ein einziger Funke zu finden, es war in- und auswendig mit einer blitzenden Eisdecke überzogen. Nur die ununterbrochene Gewalt, womit das Wasser in die Spritzen hinein- und aus denselben herausgetrieben war, hatte es vor dem Gefrieren geschützt, sobald es aber auf die feuerlosen Stellen des Gebäudes niederfiel, war es in Eis verwandelt worden. Der Eigenthümer des Hauses und des Waarenlagers darin hatte aus einem Fenster eines der gegenüberstehenden Gebäude dem Schauspiel behaglich zugesehen, denn er wußte, er bekam von der Assecuranz vierzigtausend Dollar ausgezahlt und war bei dieser Gelegenheit seine sämmtlichen alten Lagerhüter losgeworden. Um zehn Uhr lag wieder vollkommene Ruhe über der Stadt, nur in den Austerkellern, wo die Feuerleute eingekehrt waren, ging es lustig her, denn sie feierten nun erst das Fest, wozu sie sich diesen spaßigen Anfang bereitet hatten. Mit dem Eigenthümer des Hauses waren sie nämlich übereingekommen, dasselbe anzuzünden, um ihren Gästen von Philadelphia Gelegenheit zu geben, die Tüchtigkeit ihrer Spritzen zu zeigen und zugleich vor ihnen mit ihren eigenen zu glänzen. Während des folgenden Tages wurden die Straßen vor dem in eine Eismasse verwandelten Hause nicht leer; die Feuerleute, deren 394 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 fortwährend eine große Zahl dort zu erblicken war, ernteten allgemeine Bewunderung und Lob, und weder die Bürger Baltimore’s, noch die Gesetze dachten daran, dieselben einer Brandstiftung, wodurch sie möglicherweise einen großen Theil der Stadt hätten in Gefahr bringen können, anzuklagen. 395 5 10 15 20 Capitel 23. Drückendes Gefühl. – Der Antrag. – Die Hochzeit. – Die Rückkehr. – Großes Glück. – Erstaunen. – Die neue Heimath. Im grellen Gegensatz zu diesem gewühlvollen Treiben schwanden die Tage in dem Hause der alten Arnolds still und ohne wesentliche Veränderung; der Frau war Eloise eine liebe Gesellschafterin geworden und zugleich erschien sie ihr eine recht willkommene Hülfe in ihren Haus- und Wirthschaftsangelegenheiten. Eloise hatte derselben bald abgesehen, wie sie Dies und Jenes zu behandeln und auszuführen pflegte, sie ergriff eine jede Gelegenheit, ihr die Arbeit abzunehmen und sie möglichst ebenso zu vollbringen, wie Madame Arnold es liebte, und Alles, was sie that, ging ihr schnell und leicht von der Hand. Sie war still und in sich gekehrt, immer in derselben ruhigen, duldsamen Stimmung, und bemühte sich bei Gelegenheiten, wo die heitern alten Leute scherzten und lachten, gleichfalls ein Lächeln um ihre schönen Lippen spielen zu lassen, weil sie fürchtete, durch den trüben Ernst ihres Aeußern störend auf die muntere Laune ihrer Wohlthäter einzuwirken; oft aber traten ihr mit dem Lächeln Thränen in die Augen, die sie dann schnell und möglichst unbemerkt verwischte, damit Niemand dieselben gewahre. So liebevoll und freundlich die biedern Leute sie auch behandelten, so blieb sie doch eine Fremde bei ihnen, sie fühlte, daß sie bei den beschränkten Räumlichkeiten derselben ihnen häufig zur Last fallen mußte, und mit Bangen blickte sie in ihre Zukunft, deren 396 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Ungewißheit ihr manchen Seufzer und manche heimliche Thräne kostete. Einige Monate waren verstrichen, Ralph hatte Arnolds schon seit einer Woche verlassen, er war auf seine eigene Farm gezogen, und seitdem war der Bretterverschlag, den er bewohnt hatte, Eloisen als ihr Privatgemach überwiesen, so daß sie nicht mehr genöthigt war, in dem Zimmer der alten Leute zu schlafen, wo man für sie an jedem Abend ein Lager auf dem Fußboden hergerichtet hatte. Demohngeachtet bemerkte sie bei unzähligen unbedeutenden Vorfallenheiten, daß die häuslichen Einrichtungen ihrer liebevollen Wirthe um sie Aenderungen erlitten, und wenn sie auch die Ueberzeugung besaß, daß dieselben für Jene in keiner Weise lästig waren, so blieb ihr doch der Gedanke, als Fremde für eine unbegrenzte Zeit von deren Großmuth abzuhängen und sie in ihren Gewohnheiten zu stören, drückend und peinigend. Wie aber konnte sie ihrem Leben eine andere Richtung geben? Sie stand ja ganz allein und verlassen in der Welt und mußte ihrem Schöpfer danken, daß er sie zu so biedern Menschen geführt hatte. Sie wußte zwar, daß sie sich nicht ganz ohne Mittel befand, denn sie hatte in den Papieren, die ihr Vater ihr scheidend eingehändigt hatte, Schatzscheine der Vereinigten Staaten zum Werth von tausend Dollar vorgefunden, ihr Schmuck und der von ihrer seligen Mutter waren auch von Werth; was sollte sie aber damit beginnen in einem Lande, in dem sie fremd war? Die übrigen Papiere, welche sich in dem Packet befunden hatten, schienen ihr Schiffspapiere zu sein, die ja jetzt nutzlos waren, und sie hatte sie wieder so zusammengelegt, wie sie ihr guter Vater ihr übergeben hatte. Eines Morgens nach dem Frühstück ließ der alte Arnold sein Pferd vorführen, um Ralph einen Besuch auf dessen Farm abzustatten, den er ihm am Abend zuvor versprochen hatte, denn noch kein Abend war vergangen, ohne daß sich der junge Mann zum Abendessen eingefunden hätte. Nachdem der Alte seiner Frau den gewohnten Abschiedskuß gegeben, Eloisen freundlich die Hand gereicht und davongeritten war, setzte sich Madame Arnold mit ihrer Pflegebefohlenen vor das Haus unter die Veranda und Beide nahmen die Hecheln zur Hand, um Baumwolle für den häuslichen Gebrauch zu reinigen. 5 10 15 20 25 30 35 397dRittER BaNd • dREiuNdZwaNZigstEs KapitEl »Ich bin recht neugierig darauf, wie der junge Norwood seinen Platz einrichtet«, sagte Madame Arnold, nachdem sie sich mit Eloisen einige Zeit über Haushaltssachen unterhalten hatte, »wie mein Mann sagt, so soll er das Haus recht hübsch und wohnlich herstellen. Es ist überhaupt ein reizender Wohnort und man behauptet, es sei das beste Stück Land in unserer Gegend. Wenn Norwood will, so kann er tüchtig schaffen. Im verflossenen Herbst lebte er mit unserm Sohne auf dessen Platz und half ihm während der Ernte; da haben die beiden Burschen wahrlich für vier Männer gearbeitet.« Hier schwieg die Frau und es trat eine lange Pause ein, in der die Hecheln um so fleißiger geschwungen wurden. »Wenn es einmal ein recht hübscher Tag ist, so wollen wir Beide mit meinem Manne dem jungen Norwood auch einen Besuch machen. Du glaubst nicht, liebe Eloise, wie schön es dort ist. So herrliche, süße Orangenbäume, wie das Wohnhaus umstehen, findet man weit und breit nicht, und die gelben Feigen dort sind schmackhafter und größer, als irgend anderswo.« Nach einigen Augenblicken abermaligen Schweigens fuhr Madame Arnold fort: »Was hältst Du von Norwood, Eloise?« und hob die Augen zu ihr auf. Die Frage überraschte die Angeredete, sie blickte Madame Arnold erstaunt an und erwiederte dann: »Ich habe nur Ursache, Gutes von ihm zu denken, denn er war es ja, der mich Ihrer Freundschaft und Liebe zuführte. Ich werde ihm ewig dankbar dafür sein.« »Eloise, ich habe einen Auftrag von ihm auszurichten, der Dich betrifft«, sagte Madame Arnold, und Jene erkannte in dem ernsten Blick der Frau und in dem Ton, womit sie die Worte sprach, daß sie etwas Wichtiges zu sagen habe. »Einen Auftrag an mich?« erwiederte Eloise betroffen und ein Hauch von Röthe überflog ihre blassen Wangen. »Es ist ein Auftrag, den auszurichten ich ungern versprochen habe und den ich nur darum übernahm, weil Ralph der Sohn unseres ältesten und besten, leider schon dahingeschiedenen Freundes ist, dem wir unendlich viele Hülfe und Liebesdienste zu danken haben. – Der junge Norwood hält um Deine Hand an.» 398 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Bei diesen Worten waren Eloisen die Hecheln aus den zierlichen Fingern gefallen, ein glühendes Karmin war ihr in die Wangen geschossen, und indem sie ihre Hände in dem Schooß zusammenpreßte und ihren Kopf senkte, sagte sie mit bittendem Tone: »Madame Arnold!« »Fern sei es von mir, Eloise, Dich bereden zu wollen; vor solcher Verantwortlichkeit mag der Himmel mich behüten. Da Norwood Dir aber jedenfalls doch den Antrag gemacht haben würde, so glaubte ich, daß Du ihn lieber aus meinem Munde hörtest, als aus seinem eigenen. Mir wirst Du leichter Dein Herz offenbaren, Du weißt ja, daß Du zu einer mütterlichen Freundin sprichst. Lasse mich Dir ehrlich und offen meine Ansicht darüber sagen. Ralph ist von Herzen, insoweit ich ihn kenne, ein guter Mensch; doch ist er leichtsinnig gewesen, hat gespielt und gewettet und sich in böser Gesellschaft umhergetrieben. Daran war jedoch, ohne es zu wollen, sein guter Vater Schuld, der ihn zu früh unter fremde Leute that, wo er aller Aufsicht, aller Zurechtweisung entbehrte. Das Sprichwort sagt aber, daß die lustigsten Burschen die besten Ehemänner würden. Ich glaube, daß Ralph, wenn er eine gute Frau bekommt, ein recht guter Gatte werden wird, denn er arbeitet gern und hat Sinn für Häuslichkeit. Er besitzt bedeutende Ländereien, schönes Vieh und edle Pferde, und ist überhaupt so gestellt, daß er eine Frau ernähren kann. Ohne Frau wird er bald sein Farmerleben überdrüssig werden und solches wieder aufgeben, an Deiner Seite wird es ihm einen Himmel bieten, den er sicher nicht verläßt. So lange mein Mann und ich leben, hast Du bei uns eine Heimath, Eloise, es treibt Dich darum Nichts dazu, einen Schritt übereilt zu thun, der das Glück Deines ganzen Lebens entscheiden wird; folge deshalb nur allein Deiner eigenen Ueberlegung, Deiner Neigung, und wenn Du Dich zu Ja oder Nein entschlossen hast, dann theile es mir mit, so daß ich Norwood Deine Antwort geben kann. Morgen ist Sonntag, und vor morgen in acht Tagen wird er uns nicht wieder besuchen.« Hier schwieg Madame Arnold, erhob die Hecheln wieder, die, so lange sie sprach, mit ihren Händen in ihrem Schooß geruht hatten, und fuhr mit der Arbeit fort. Eloise war während der Rede bald roth, bald bleich, bald heiß, bald kalt geworden, wirre Gedanken und Gefühle hatten ihre Seele 5 10 15 20 25 30 35 399dRittER BaNd • dREiuNdZwaNZigstEs KapitEl durchzuckt, der kürzliche Tod ihres geliebten Vaters schien noch allein ihr ganzes Interesse zu beanspruchen; sie glaubte in dem Antrag durch Madame Arnold den Wunsch zu erkennen, sich ihrer zu entledigen, sie erblickte sich fern von hier unter ganz fremden Leuten, ohne zu wissen, wohin sie sich wenden sollte, und nur e i n e Gewißheit bestand für sie zwischen alle den verworrenen Bildern, die ihr Inneres durchkreuzten, die, daß sie den jungen Norwood nicht liebte. »Ich bin so überrascht, Madame Arnold«, sagte Eloise mit bebender Stimme nach einer langen Pause, »ich habe wahrlich noch nicht an Heirathen gedacht. Der Tod meines guten Vaters ist noch so neu. Ich kann mich unmöglich jetzt zu einer Antwort – « »Du sollst jetzt auch keine Antwort geben. Gehe ruhig mit Dir selbst darüber zu Rathe, erwäge Alles, was für und was gegen eine Verbindung mit dem jungen Manne spricht, und wenn Du ohne alle Nebenrücksichten mit Deinem Herzen einig geworden bist, dann entscheide, ob Du ihn glücklich machen willst oder nicht; denn sein Lebensglück muß durch eine liebe Frau, wie Du sein würdest, ohnfehlbar begründet werden. Oftmals ist unser zweiter Gedanke der richtigere.« Beide schwiegen, Eloise nahm bebend die Hecheln wieder auf und setzte sie in Bewegung, die Thräne aber, die unter ihren langen Wimpern erglänzte, sprach deutlich die Antwort aus, welche ihr Madame Arnold jetzt zu geben untersagte. Nach einer Weile griff die gute alte Frau das Gespräch wieder auf und gab demselben eine andere Richtung; sie erzählte Eloisen von ihrem Sohne Frank, von dem Glück, welches ihm in der Ehe zu Theil geworden, von den vielen Freunden, die er sich im Norden erworben, und wie unendlich sie sich freue, das junge Paar in ihrer Nähe zu haben. »Es wird der jungen Frau etwas enge in dem Hause meines Sohnes vorkommen, obgleich dasselbe ein ganzes Zimmer mehr enthält, als das unsrige«, sagte sie. »Wir sind gar zu sehr beschränkt. Wir haben schon oft davon gesprochen, noch ein Blockhaus hier anzubauen, aber es ist stets dabei geblieben, wir haben uns immer beholfen und gedacht, daß in einem kleinen Raum das häusliche Glück enger zusammen bliebe.« 400 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 So wenig Madame Arnold auch daran gedacht hatte, der heimathlosen Waise die beschränkte Räumlichkeit ihrer Wohnung vorzuhalten, so fielen doch diese Worte in Eloisen’s sehr bewegtem Gemüth als ein Vorwurf nieder und sie sah sich im Geiste auch von dieser Zufluchtsstätte hinaus in die fremde Welt getrieben. Kaum war es ihr möglich, durch die Thränen, die ihre Augen, trotz alles Sträubens, füllten, die Hecheln zu sehen, und nur mit Gewalt konnte sie ein Schluchzen unterdrücken, welches ihre Brust krampfhaft beengte. Madame Arnold bemerkte die Bewegung des unglücklichen Mädchens nicht, sie führte die Unterhaltung allein fort, bis sie sich kurz vor Mittag erhob und nach der Küche ging, um das Essen zu besorgen. Eloise wankte nun nach ihrem kleinen Gemach, sank dort auf ihre Kniee nieder, senkte ihr mit den Händen bedecktes Gesicht auf den hölzernen Stuhl und ließ dem Thränenstrom, den sie kaum bis jetzt hatte zurückhalten können, freien Lauf. Sie fühlte sich unendlich elend und nirgends blickte ein Hoffnungsstrahl für sie aus der ihr so finster erscheinenden Zukunft hervor. Sie weinte lange bitterlich, die Thränen thaten ihrem Herzen wohl, sie fühlte sich erleichtert, hob ihre gefalteten Hände und ihre feuchten Blicke nach Oben und flehte Gott um seinen Beistand an. Sie ward ruhiger, trocknete ihre Augen und kühlte sie mit Wasser. Bei dem Mittagsessen, wobei sie sich heute mit Madame Arnold allein befand, bemühte sie sich, vor derselben zu verheimlichen, daß sie geweint hatte, und nahm Theil an der Unterredung, die sich um die Beschäftigungen des Tages drehte. Nach Tisch setzte sie sich zu Madame Arnold unter die Veranda und arbeitete fleißig und mit großer Geschicklichkeit, bis die Sonnenstrahlen ihre Macht verloren hatten, an einem neuen Kleide, wozu die alte Frau den Stoff für sie von D.... hatte kommen lassen. Dann trug sie die Arbeit in ihr Zimmer, nahm ihren Leinenhut und verabschiedete sich von ihrer mütterlichen Freundin, um sich in dem nahen Walde zu ergehen. Sie rief einige der großen Hunde Arnold’s herbei, die sie durch Pflege und freundliche Behandlung an sich gewöhnt hatte, und eilte, von denselben gefolgt, mit dem Versprechen davon, nicht lange auszubleiben. 5 10 15 20 25 30 35 401dRittER BaNd • dREiuNdZwaNZigstEs KapitEl Es zog sie mit unwiderstehlicher Macht hinaus in das Freie, denn hier war sie Niemandem zur Last, hier brauchte sie nicht zu lächeln, wenn ihr das Herz blutete, hier durfte sie seufzen und klagen, und die Natur in ihrem Schweigen schien ihr, als habe sie mehr Mitleid mit ihr, als die Menschen. Sie dachte, indem sie zwischen den üppigen Pflanzen und mächtigen Bäumen des Waldes hinschritt, ruhiger als bisher, über ihre Lage nach und auch der Antrag des jungen Norwood trat vor ihre Seele. Bis jetzt hatte sie immer mit dem Gedanken an eine eheliche Verbindung ein ideales Bild eines Mannes und eine leidenschaftliche Liebe zu ihm vereinigt, nun aber sollte sie diesen Gedanken einem Mann weihen, für den sie weiter kein Interesse fühlte, als Dankbarkeit für die Hülfe, die er ihr in der Noth geleistet hatte. Alle die wunderbar seligen Träume, die ihre Phantasie ihr von ihrer Zukunft vorgespiegelt hatte, waren dahin; denn wenn sie den Mann, den sie sich als ihren zukünftigen Gatten gedacht, auch nie in der Wirklichkeit gekannt hatte, so fühlte sie doch deutlich, daß Norwood derselbe nicht war. Sie hatte zwar keine bestimmte Abneigung gegen ihn, im Gegentheil, seine Theilnahme, seine Aufmerksamkeit und seine Hülfe erkannte sie warm und dankbar an, auch war er ein schöner, kräftiger Mann, der eher etwas Angenehmes, als Absto- ßendes in seinem Benehmen hatte; als ihren Gatten aber, dem sie mit heißer, inniger Liebe angehören wollte, konnte sie ihn sich nicht vorstellen. Dann fiel ihr wieder ihre ganz hülflose Lage ein und der Gedanke, daß sie in Arnold’s Haus lästig sei, war ihr der schrecklichste, der unerträglichste von allen. Gleichgültigkeit, Vernunft und Nothwendigkeit kämpften in Eloisen’s Seele, während sie sinnend in dem duftigen Schatten des Waldes um den ganzen Hügel, auf welchem Arnold’s Farm lag, gegangen war und den Weg wieder erreichte, der zu dem Hause führte. Die Sonne war versunken, die Abenddämmerung raubte schon dem Wald seine frischen, tausendfältigen Farben und das letzte leise Zwitschern der Vögel war verhallt, da schlug Eloise den Heimweg ein und war demselben nur kurze Zeit gefolgt, als sie die Hufschläge eines Pferdes hinter sich vernahm, die Hunde, freudig bellend, demselben entgegensprangen und der alte Arnold im Trab zwischen den Laubmassen hervorkam. 402 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Ei, ei, Eloise, Sie sind hier! wußte ich doch nicht, was die Hunde hierherbrachte«, sagte der Pflanzer, indem er sein Pferd anhielt, abstieg und, den Zügel in der Hand, an die Seite des Mädchens trat, um sie nach dem Hause zu geleiten. »Ralph läßt sich Ihnen auch schönstens empfehlen. Ich weiß nicht, was er vorhatte, er wollte nicht mitreiten und hat uns doch bis heute noch keinen Abend mit seinem Besuche verschmäht«, sagte der Alte im Vorwärtsschreiten und bemerkte nicht die Röthe, womit sich Eloisen’s Wangen bei seinen Worten bedeckten, denn die Dämmerung kam ihr zu Hülfe. Dann fragte er, was Eloise und seine Frau während des Tages begonnen, ob Niemand aus der Nachbarschaft vorgesprochen habe, und erreichte plaudernd mit seiner jungen Begleiterin seine Wohnung, wo ihm seine Frau lachend mit den Worten entgegenkam: »Nun, das muß ich gestehn, so lange auszubleiben, und zwar in Gesellschaft einer schönen jungen Dame zurückzukehren, ich werde Dir einmal wieder die Hausgesetze vorlesen müssen.« Darauf reichte sie ihm den Mund zum Kusse hin, schlang ihren Arm in den seinigen und führte ihn, von Eloise begleitet, in das Zimmer, während Bob das Pferd wegleitete. »Ich habe mich recht sehr über Ralph gefreut, denn er hat den Wohnsitz unseres alten, treuen Freundes, Tom Norwood, wieder ganz hübsch hergestellt«, sagte Arnold, als er sich mit den beiden Frauenzimmern an dem Tisch niederließ, auf dem das Abendbrot stand. »Es ist so sauber und nett dort, daß ich ihm sagte, er beabsichtige wahrscheinlich, sich bald eine junge Frau anzuschaffen. Derselbe Schreiner, der bei Frank gearbeitet, hat ihm sein Haus inwendig zurecht gemacht, einen neuen Fußboden gelegt, neue Thüren und ein Glasfenster verfertigt, und hat ihn mit den nöthigen Möbeln versorgt. In den Wegen ist kein Gras mehr zu sehen, die Einzäunung ist neu aufgerichtet und in der Mitte der Feigenbäume über dem Quell steht ein allerliebstes Milchhaus. Ich sage Dir, Frau, gerade, als ob er dieser Tage Madame Norwood dort einführen wollte. Uebrigens, wenn ein recht hübscher Morgen ist und Du kannst Dich für einen Tag von Deiner Vorrathskammer trennen, so wollen wir Drei ihn doch einmal besuchen, es wird Euch Beiden recht gut dort gefallen.« 5 10 15 20 25 30 35 403dRittER BaNd • dREiuNdZwaNZigstEs KapitEl Madame Arnold hatte während der Rede ihres Mannes Eloise angesehen und deren Verlegenheit bemerkt, weshalb sie zu derselben sagte: »Ach, Eloise, sei doch so gut und stelle den Kaffee vor das Feuer in dem Kamin, dann bleibt er hübsch warm; Du könntest mir auch einen Weg ersparen und in der Küche fragen, ob noch Buttermilch vorräthig ist, Arnold trinkt wohl ein Glas.« Eloisen war die Aufforderung herzlich willkommen, sie verließ den Tisch, führte beide Aufträge aus und kehrte bald ruhig und gefaßt mit der gewünschten Milch zurück. Nach dem Abendessen beendigte sie während der traulichen Unterhaltung vor dem Kaminfeuer die Arbeit an dem neuen Kleide, welches sie am folgenden Morgen zur Kirche anlegen wollte. Der Sonntag erschien heiter und wolkenlos; nach zeitigem Frühstück band Madame Arnold ihrem Manne das Halstuch um und verknüpfte es in die unvermeidlich schöne Schleife, sie selbst schmückte sich mit ihrem besten Tuch und einem neuen, blendend weißen Leinenhut, bewaffnete sich gegen die Sonnenstrahlen mit dem Regenschirm, und bald darauf war das alte Ehepaar mit Eloisen, von Bob gefolgt, zu Pferde, und der Zug setzte sich in Bewegung nach der drei Meilen entfernten Kirche. Dieselbe bestand in einem, einsam im Walde gelegenen, gro- ßen Blockhaus, um welches bei Ankunft der Familie Arnold schon einige vierzig Reitthiere an den Bäumen des Waldes befestigt standen, deren Reiter und Reiterinnen bereits in der Kirche Platz genommen hatten und noch auf die Erscheinung des Geistlichen warteten. Arnolds und Eloise wurden von allen Seiten her mit Auszeichnung und Freundlichkeit begrüßt und man räumte ihnen Sitze auf der vordersten Bank ein. Bald darauf erschien der Prediger, ein Pflanzer aus der Nähe, und erbaute die Gemeinde mit einer einfachen, doch sinnreichen, frommen Rede. Der Mann hatte das Amt eines Predigers unentgeltlich übernommen, weil noch kein solcher sich in dieser Gegend befand und weil er den Beruf dazu in sich fühlte. Redlich und ehrbar in seinem Privatleben, entsprach er seiner Stellung als Geistlicher in jeder Weise und genoß die Achtung und Liebe seiner Nachbarn nahe und fern. Wie es Arnolds oft zu thun pflegten, so nahmen sie auch heute die Einladung dieses Mannes, dessen Name King war, an und rit- 404 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ten nach beendigtem Gottesdienst mit demselben nach seiner, nur eine halbe Meile von der Kirche entfernt gelegenen Farm, um bei ihm zu Mittag zu speisen. Drei Wochen später standen am Sonntag Nachmittag in Arnold’s festlich geschmücktem Hause Ralph Norwood und Eloise Dosamantes vor dem Pfarrer King und empfingen als Mann und Frau durch ihn den kirchlichen Segen. An dem Morgen, nachdem Eloise ihre Freistätte bei Arnolds verlassen und ihrem Gatten auf seine eigene Besitzung gefolgt war, kam plötzlich Frank mit seiner jungen Frau in einem zweiräderigen, mit einem Pferd bespannten, offenen Wagen vor das elterliche Haus gefahren, und in seinem Gefolge brachte er auf einem Leiterwagen zehn Sclaven mit sich, die der Präsident Forney seiner Tochter als Geschenk mitgegeben hatte. Die Ueberraschung, der Jubel der beiden alten Leute kannte keine Grenzen, und unter Freudenthränen gingen die Kinder aus einer Umarmung in die andere. Es dauerte lange Zeit, ehe der Sturm ihrer beseligten Gefühle verwogte und Madame Arnold ihre Schwiegertochter in den Schaukelstuhl bei dem Kamin führte, um an ihrer Seite Platz zu nehmen, während Frank sich mit dem alten Arnold gegenüber niederließ. Die glückliche alte Frau konnte noch immer kaum Worte finden, um Eleanor ihre Freude auszudrücken, sie hielt deren Hände fest in den ihrigen, rief allen Segen des Himmels auf sie herab und dankte Gott für die Gnade, daß er sie diese Freude habe erleben lassen. Der alte Mann aber war ganz verstummt, klopfte seinem Sohne die Hand, die er in seiner Linken hielt, und ließ dabei seine glückstrahlenden Blicke auf der Schwiegertochter ruhen, die ihre Liebesergüsse bald ihm, bald seiner Frau zuwandte. Eleanor that die freudige Bewegung der beiden alten Leute unendlich wohl und erhöhte noch das Glück, welches ihr schon durch die Liebe Frank’s so reichlich zu Theil geworden war. Madame Arnold gewann zuerst ihre Fassung wieder und machte sich laut einige Vorwürfe darüber, daß sie in der Freude ihres Herzens beinahe ganz die Sorge für ihre lieben Gäste außer Augen gesetzt habe, denn es sei schon bald Mittagszeit und noch wären keine Vorbereitungen zu dem großen Gastmahle getroffen, welches sie zum Empfang ihrer lieben Kinder zu geben beabsichtige. 5 10 15 20 25 30 35 405dRittER BaNd • dREiuNdZwaNZigstEs KapitEl Dabei schloß sie Eleanor nochmals an ihr Herz, bat scherzend ihren Mann, während ihrer Abwesenheit die Unterhaltung hübsch zu führen und eilte dann mit aufgeschürztem Kleid in die Küche, um Anordnungen für die Zubereitung der wenigen Gerichte zu geben, die ihrer gewöhnlichen einfachen Kost heute noch zugesetzt werden sollten. Nachdem Madame Arnold sich schon einige Zeit entfernt und der Alte tausend Fragen an seine Kinder gerichtet hatte, sagte er plötzlich: »Nun sage mir aber einmal, Frank, was für eine räthselhafte Geschichte war denn das Verschwinden Ralph’s? weder ich noch meine Frau haben daraus klug werden können.« »Laß uns nicht von ihm reden, Vater, Ralph ist ein untergegangener, verlorener Mensch!« erwiederte Frank und wechselte dabei mit Eleanor einen Blick der Uebereinstimmung. »Das möchte doch wohl noch nicht so bestimmt sein, Frank, im Augenblick wenigstens scheint hier sein guter Stern im Aufgehen,« sagte der Alte. »Wie meinst Du das, Vater – hast Du kürzlich von ihm gehört?« »Gewiß, ganz kürzlich und zwar das Beste: er ist gestern auf dem Platz, wo Ihr jetzt sitzt, durch Freund King mit einem reizenden, liebenswürdigen Mädchen getraut worden und wohnt nun als fleißiger Farmer auf seinem väterlichen Erbe.« »Ist es möglich, Ralph hier und verheirathet? – die arme Frau!« entgegnete Frank in höchster Ueberraschung. »Ja, so sage doch nur, was war denn das, wovon Du schriebst, von der bösen Gesellschaft?« fragte der Alte neugierig. »Das sei vergessen, Vater, es ist ja möglich, daß er sich noch ändert,« antwortete Frank und warf Eleanor einen Blick zu, der ihr Verschwiegenheit anempfahl. Der alte Arnold erzählte nun in kurzem Umriß die Leidensgeschichte der unglücklichen Eloise und die Art, wie Ralph mit ihr bekannt geworden sei. Frank aber suchte dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, denn die Erinnerung an Norwood hatte viel Unangenehmes für ihn, und der alte Arnold, so sehr gern er auch etwas Näheres über die geheimnißvollen Begebenheiten in Baltimore erfahren 406 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 hätte, mußte sich mit den wenigen Andeutungen begnügen, die sein Sohn ihm gegeben. Der Tisch wurde bald gedeckt und die Speisen, unter denen ein fetter wilder Truthahn den Ehrenplatz einnahm, aufgetragen. Madame Arnold hatte ihr schwarzes seidenes Kleid, welches nur bei Fest- und Ehrentagen hervorgeholt wurde, angelegt, ihre beste Haube aufgesetzt und trat mit einer Vase in der Hand in das Zimmer, in der die herrlichsten Blumen des heißen Florida’s prangten. »Auch unsere Wälder, meine geliebte Tochter, senden Dir ihren schönsten Schmuck als Willkommen,« sagte die Frau, indem sie die Blumen auf den Tisch niedersetzte, »solche Blüthen hat doch Euer Norden nicht aufzuweisen. Nun kommt aber zu Tisch, damit Ihr sobald als möglich in Eure eigene Behausung einzieht. Mein Mann und ich werden Euch dahin begleiten.« Darauf nahm sie Eleanor bei der Hand, wies ihr neben sich ihren Platz an dem Tische an, der alte Arnold sprach ein kurzes Gebet und dann zog Frank die Schüssel zu sich heran, auf welcher der prächtige Truthahn paradirte, und zerlegte denselben mit großer Geschicklichkeit. »Es wird Dir Manches ungewohnt und auch mitunter lästig in unserm Lande vorkommen, liebe Eleanor, der feste Wille aber, die Schwierigkeiten des täglichen Lebens zu überwinden und der unabänderliche Beschluß, sich niemals einer übeln Laune hinzugeben, wird für die meisten Fälle hinreichen, in den vier Wänden der Hausfrau heiteres Wetter zu erhalten,« sagte Madame Arnold im Laufe der Unterredung zu ihrer Schwiegertochter. »Den Willen habe ich mitgebracht und für meine gute Laune bürgt mir unsere Liebe; sie ist mein Glück, meine Seligkeit, wo sie mich umgiebt, ist mein Himmel,« erwiederte Eleanor und reichte Frank ihre schöne Hand, auf welche dieser zärtlich seine Lippen preßte. Nach Tisch wurden schnell alle Vorrichtungen zur Abreise getroffen. Madame Arnold hatte schon seit einigen Wochen vielerlei Haushaltsgegenstände gepackt stehen, um sie den jungen Leuten bei ihrem Einzug in ihre neue Wohnung mitzugeben, so daß sie für den Anfang wenigstens mit allen nöthigen Vorräthen versorgt sein sollten. Kaffee, Zucker, Mehl, Salz, geräuchertes und gesalzenes 5 10 15 20 25 30 35 407dRittER BaNd • dREiuNdZwaNZigstEs KapitEl Schweinefleisch, Butter, Käse und viele andere derartige Artikel wurden nun auf den Leiterwagen gebracht, auf welchem die Neger gekommen waren, und Madame Arnold beaufsichtigte selbst die Verladung. Während dieser Zeit hatte Frank mehrere Packete aus seinem Wagen geholt und in das Zimmer getragen, und als die alte Frau hereintrat, um anzuzeigen, daß sie nun zur Abreise bereit sei, überreichte Eleanor ihr und deren Manne die Packete, welche Geschenke für die beiden alten Leute enthielten. Da waren prächtige Seidenstoffe zu Kleidern, kostbare Tücher und schöne Hauben für Madame Arnold, und Anzüge von dem feinsten Tuch für den alten Herrn. Die Freude derselben war außerordentlich, denn so herrliche Sachen hatten sie nie besessen, ja keiner der Nachbarn konnte solche aufweisen. Nachdem diese Kostbarkeiten einer vielseitigen Besichtigung unterworfen waren und die vergnügten Eltern ihren glücklichen Kindern mit rührender Herzlichkeit für die Aufmerksamkeit gedankt hatten, wurden die schönen Sachen in Koffer verwahrt und Madame Arnold drang jetzt ernstlich auf die Abreise. Sie führte Eleanor zu dem Wagen, war ihr behülflich einzusteigen und ließ sich dann selbst von ihrem Sohne Frank unterstützen, um ein Gleiches zu thun. Mit einem gewissen Stolz setzte sie sich neben Eleanor zurecht, ergriff die Zügel und die Peitsche und trieb das Pferd zum Schritt an. Der alte Herr und Frank hatten die Rosse bestiegen und folgten dem Cabriolet, während Bob zu Maulthier und Frank’s Neger auf dem Leiterwagen den Zug beschlossen. Nachdem sie eine halbe Meile zurückgelegt hatten und Madame Arnold das Pferd durch einen Bach lenkte, sagte sie zu Eleanor: »Bis hierher ging unser Eigenthum, nun aber kommen wir auf Frank’s Land, in Deine neue Heimath, liebe Eleanor. Sieh nur diese prachtvollen Bäume und diese üppigen Pflanzen, so reichen Boden kennt Ihr bei Baltimore nicht. Auch haben wohl bei Euch die Wälder sich noch nicht wieder belaubt; Ihr habt einen so strengen Winter gehabt. So sehr ich mich auch auf Eure Ankunft freute, so war es mir doch recht lieb, daß Ihr die Reise verschoben habt, bis die große Kälte verschwunden war. Ich würde sicher erfrieren, wenn ich einen Winter dort zubringen müßte.« 408 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Man gewöhnt sich leicht daran, liebe Mutter,« erwiederte Eleanor, »doch wenn Sie mich einmal zu meinem Vater begleiten, was Sie jedenfalls thun müssen, so wählen wir den Sommer, wenn es hier zu heiß wird.« Plaudernd zogen sie dahin, und Madame Arnold versäumte keine Gelegenheit, ihre Schwiegertochter auf die Schönheiten der Umgebung aufmerksam zu machen, bis sie den ersten Blick auf Frank’s Niederlassung frei hatte und, mit der Peitsche nach derselben hinzeigend, sagte: »Dort, beste Eleanor, ist Deine Wohnung, möge der Allmächtige Dir und Frank so viele segensreiche Gnade darin zukommen lassen, als er mir und meinem guten Manne in unserer Hütte zu Theil werden ließ.« Frank’s dort wohnende Sclaven, denen Madame Arnold die Ankunft ihres Herrn schon hatte melden lassen, harrten ihrer Herrschaft an dem Einfahrtsthor in der Einzäunung und überreichten ihrer jungen Herrin, als sie ausgestiegen war, prächtige Blumensträuße. Eleanor blieb tief bewegt auf dem Platze vor dem Hause stehen und blickte mit Entzücken einige Augenblicke um sich, dann öffnete sie ihre Arme und schloß unter Freudenthränen Frank an ihr Herz. Auch den beiden alten Leuten waren die Augen feucht geworden, sie sahen tief gerührt auf ihre glücklichen Kinder und sandten ein stilles Dankgebet zum Himmel. Madame Arnold ergriff nun die Hand ihrer Schwiegertochter, führte sie über die saubere, nette Veranda in das Haus und öffnete mit stolzer Zufriedenheit die Thüren der Zimmer. Die Räume waren hübscher und reicher ausgestattet, als die irgend eines andern Farmerhauses im ganzen Lande, und da Eleanor auf ihrer Herreise die Wohnungen vieler Landleute zu sehen Gelegenheit gehabt hatte, so war sie ganz verwundert, als sie eintrat. Madame Arnold bemerkte dies mit großer Genugthuung und führte die junge Frau allenthalben umher. Sie ging mit ihr in die Küche, in das Rauchhaus, die Vorrathskammer, das Milchhaus, sie zeigte ihr den Gemüsegarten, den Obstgarten und die vielen jungen Orangen-, Citronen- und Granatbäume, die sie selbst gepflanzt hatte. »Der Anfang ist gemacht, möge nun Alles unter Euern Händen wachsen und gedeihen,« sagte sie, als sie zu der Veranda zurück- 5 10 15 20 25 30 35 409dRittER BaNd • dREiuNdZwaNZigstEs KapitEl schritten und sich dort bei den Männern niederließen, die während dieser Zeit sich über die vorzunehmenden Arbeiten in den Feldern unterhalten hatten. Während sie nun hier zusammen saßen und über die Grasflur vor dem Hause blickten, die sich nach Westen zwischen dem zu beiden Seiten zum Himmel aufstrebenden Wald bald breiter, bald schmäler hinzog und an ihrem fernen Ende durch einen Streif nebelichtblauer Baummassen begrenzt wurde, näherte sich diesen die sinkende Sonne und warf ihre Abschiedsstrahlen über die bunte Blumenflor, die aus dem frischen Grün der Prairien hervorsah, sowie auf die dem Hause zuziehende Heerde glänzender, prächtiger Kühe. Lauttönend hallte der Klang der großen kupfernen Glocke, welche die Leitkuh um den Hals trug, zu beiden Seiten in dem Walde wieder, und von Zeit zu Zeit blieb das alte Thier stehen und ließ seine Stimme nach der zurückbleibenden Heerde erschallen, als fordere sie dieselbe zu größerer Eile auf. Auch einige zwanzig Pferde kamen ruhig über die Grasfläche geschritten, und eine große Anzahl von Schweinen rannte von allen Seiten herbei, um vor der Einzäunung einige Körner Mais als Abendfutter zu erhalten. Eleanor hing mit stummem Entzücken an dem friedlich stillen ländlichen Bilde ihrer neuen Heimath, denn es entsprach dem, welches sie sich selbst davon in ihrer Phantasie geschaffen, in jeder Weise, nur war es in der Wirklichkeit schöner und reizender; denn von dem Reichthum und der Pracht der Natur in diesem Lande hatte sie sich keine genügende Vorstellung machen können. Madame Arnold sah Rauch aus dem Schornstein der Küche aufsteigen und ging mit Eleanor nach derselben hin, um der schwarzen Köchin Franks zu sagen, wo sie unter den mitgebrachten Vorräthen die verschiedenen Gegenstände, welche zur Bereitung des Abendbrodes nöthig waren, finden würde. Dann führte sie ihre Schwiegertochter in das Wohnhaus zurück, um derselben die Plätze zu zeigen, wo das Tischzeug und Tischgeräth aufbewahrt war. Die alten Leute blieben zum Abendessen, welches unter der Veranda eingenommen wurde, denn es war ein lauer windstiller Abend, so daß die Flamme des Lichts, welches auf dem Tisch 410 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 brannte, kaum von dem leisen, mit Blüthenduft gewürzten Luftzug bewegt wurde, der von der Prairie her über die Veranda hinhauchte. Während dieser Zeit stieg der Mond über dem Riesenwald auf, der sich hinter dem Gebäude erhob, und warf sein helles Licht über die stille Landschaft. Madame Arnold erhob sich zuerst und mahnte an den Heimweg, Frank bestand darauf, daß seine Eltern in seinem Wagen zurückfahren möchten, wogegen der alte Arnold protestirte und versicherte, daß er sowohl, als auch seine Frau viel besser auf ihren Pferden zu Hause seien, als in dem zweiräderigen Ding. Diese aber war für Fahren und setzte es auch durch, daß das Cabriolet angespannt wurde. Unter Segens- und Glückwünschen nahmen die frohen Eltern Abschied von den Kindern, bestiegen den Wagen, Bob schwang sich auf sein Maulthier und Frank sandte noch einen seiner Neger mit, der voran reiten mußte, während Bob mit den Reitpferden folgte. 411 5 10 15 20 Capitel 24. Unerwarteter Reichthum. – Verläumdung. – Geldgier. – Das Indianerlager. – Treuherzigkeit. – Gastfreundschaft. – Die Sclaven. – Der Sohn des Häuptlings. – Der Schwur. – Der Verrath. – Die Zusage. – Das Heirathsgesuch. – Die Erklärung. Zu derselben Zeit saß Ralph Norwood vor dem hellauf-flackernden Kaminfeuer in seinem kleinen Hause und hielt die schöne Eloise in seinen Armen. Sie hatten ihr einfaches Abendbrod, bei dessen Bereitung Ralph seiner jungen Frau hülfreich gewesen war, so eben verzehrt, und noch stand der gedeckte Tisch, wie sie denselben verlassen hatten, hinter ihnen. »Du machst mich so glücklich, Eloise!« sagte Ralph zu ihr im Uebermaaße seiner Leidenschaft, »Du hast mir diese Heimath wiedergegeben, die ich ohne die Hoffnung, sie mit Dir zu theilen, niemals bezogen haben würde. Ich war mit der Welt zerfallen und fühlte mich unglücklich und verlassen!« »Nicht so sehr wie ich, Ralph, Du hattest viele alte Freunde, und der Mann kann sich den Weg durch das Leben erzwingen, das Weib muß geleitet und beschützt werden,« erwiederte Eloise, indem sie sich seinen Liebkosungen hingab. »Du entbehrst hier Vieles, was Du von Jugend auf gewohnt warest, süße Eloise, ich werde aber Alles aufbieten, um Dir mehr Bequemlichkeit zu verschaffen. Ich kann ein Stück Land und auch Vieh und Pferde verwerthen, um eine Negerin zu kaufen, die Dir die Arbeit erleichtern soll. Wenn ich eine gute Erndte mache, so will ich auch unser Haus erweitern; Du bist Alles sehr viel besser 412 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 gewohnt,« sagte Ralph und preßte seine Lippen in glühenden Küssen auf Eloisens schönen Mund. »Ich habe über tausend Dollar Schatzscheine, wenn Du sie verwenden willst, so gebe ich sie Dir gern,« sagte Eloise, hob sich aus der Umarmung ihres Gatten, und nahm aus einem kleinen Koffer, den sie der Güte der Madame Arnold verdankte, das Packet mit Papieren hervor, welches ihr seliger Vater ihr vor seinem Ende gegeben hatte. »Hier sind sie; die andern Papiere, die dabei liegen, sind wohl Nichts werth, es sind Schiffsdocumente,« sagte Eloise, indem sie ihrem Manne das Packet reichte und sich neben ihm auf einem Stuhl niederließ. Ralph öffnete den Umschlag mit großem Eifer; zuerst fielen ihm die Schatzscheine in die Hände, er zählte sie begierig, entfaltete dann das darunter liegende Papier, ließ seine Blicke darüber gleiten und rief plötzlich in freudigem Erstaunen aus: »Mein Gott, Eloise, das ist ja eine Police über eine Versicherung von zwanzigtausend Dollar, welche Dein seliger Vater bei einer Assecuranz-Compagnie in New-Nork auf die Tritonia genommen hatte. Hast Du denn hiervon Nichts gewußt?« »Kein Wort,« erwiederte Eloise in höchstem Erstaunen und blickte auf das Papier. »Sieh hier, zwanzigtausend Dollar, es ist kein Zweifel darüber, das Geld muß uns werden. Hier steht es ausdrücklich, daß diese Summe auf die Brigg Tritonia auf ihrer Reise von New-York bis nach Mazatlan am stillen Weltmeer versichert ist, und daß der Capitain Dosamantes befugt sein solle, auf dieser Reise, irgend wo es ihm beliebt, an der Küste in einen Hafen einzulaufen, oder vor Anker zu gehen. Wir sind mit Einemmale reich, Eloise, und nun sollst Du auch nicht Viel mehr entbehren,« sagte Ralph in ungemessener Freude, schlang seinen Arm um den Nacken seiner Frau und küßte sie wiederholt. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit abermals auf die Papiere und durchblickte die noch weiter vorhandenen, welche in bezahlten und quittirten Rechnungen über die Ladung des Schiffes und über Reparaturen an diesem bestanden. »Wir müssen eiligst die nöthigen Schritte thun, um das Geld einzutreiben,« sagte er, nachdem er jedes einzelne Blatt durchlesen 5 10 15 20 25 30 35 413dRittER BaNd • ViERuNdZwaNZigstEs KapitEl hatte, »ich will gleich morgen meine Reise nach dem Leuchthaus zu dem Herrn Burnham antreten, um mir von ihm eine Bescheinigung über den Untergang des Schiffes und über Deine Rettung ausfertigen zu lassen, und dann müssen wir zusammen nach D.... reiten, um den Herrn Behrend mit dem Einziehen des Geldes zu beauftragen. Du mußt mich nothwendig dorthin begleiten, so daß Du selbst dort die nöthigen Vollmachten ausstellen kannst. Leid ist es mir nur, daß Du während meiner Reise zu Burnham hier allein wohnen mußt.« »Ich könnte ja während der Zeit bei den alten Arnolds bleiben; sie nehmen mich gewiß mit Freuden auf,« erwiederte Eloise. »Die alten Arnolds,« sagte Ralph mit einem Ton der Abneigung. »Ich muß Dir gestehen, Eloise, daß ich nicht ganz so über sie denke, wie Du. Ich habe Dir bis jetzt die hohe Meinung, die Du von diesen Leuten hegst, nicht nehmen wollen, indem sie Dir allerdings Gutes erzeigt haben, und ich das Gefühl der Dankbarkeit in Dir ehre. Damals, als Du Dich noch bei ihnen befandest, war ihr Wunsch, Dich baldmöglichst aus ihrem Hause loszuwerden, ja in meinem Interesse, da derselbe mir mehr Hoffnung gab, Dich mein eigen zu nennen, obgleich mir die Doppelzüngigkeit der Leute nicht gefiel. Sie machten gegen mich gar kein Geheimniß daraus, und die Alte hat es mir zu wiederholten Malen selbst gesagt, daß Du ihnen sehr im Wege seiest.« »So habe ich mich doch nicht geirrt, es ist mir selbst oft so vorgekommen. Die Versicherungen aber, die mir Madame Arnold so häufig gemacht hat, lauteten ganz anders, sie sagte mir immer, so lange sie und ihr Mann lebe, sollte ich bei ihnen eine Heimath behalten,« entgegnete Eloise. »Worte, nichts als süße Worte, liebes Kind, es sind ein Paar scheinheilige Alte und ihr Sohn Frank ist durch und durch falsch. Er hat sich in Baltimore sehr schlecht gegen mich benommen, weshalb ich mich auch von ihm trennte und Nichts mehr mit ihm zu thun haben wollte. Am Besten, wir halten uns von diesen Menschen fern, man erntet doch keinen Dank von ihnen«, bemerkte Ralph. »Und wie die Alten von dem Sohne eingenommen sind; wenn man sie über ihn reden hört, so sollte man glauben, er sei ein Musterbild eines jungen Mannes,« bemerkte Eloise. 414 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Scheinheilig, wie die Alten, ist er und versteht es, sich bei allen Leuten mit seinen glatten Worten einzuschmeicheln, darum wurde er auch von den Georgiern in die Gesetzgebung gewählt. Wir haben Arnolds Gottlob nicht nöthig und je weniger wir mit ihnen in Berührung kommen, desto besser«, sagte Ralph im Bewußtsein seiner Schuld, welche Frank mehr oder weniger bekannt sein mußte. Er setzte sehr richtig voraus, daß derselbe ihn bei seiner Rückkehr nicht aufsuchen würde und schämte sich, ihm sowohl als Eleanor wieder vor die Augen zu treten. Da aber das freundschaftliche Verhältniß zwischen Eloisen und den alten Arnolds sicher ein Zusammentreffen mit Jenen herbeiführen mußte, so hielt es Ralph für rathsam, seine Frau gegen die ganze Familie einzunehmen und einem fernern Verkehr mit ihr vorzubeugen. Am folgenden Morgen machte er sich frühzeitig reisefertig, um seine junge Frau allein in seiner Wohnung zurückzulassen und sich nach dem Leuchthaus zu Herrn Burnham zu begeben. Sich von den Werthpapieren Eloisens aber zu trennen, hielt er für zu gefährlich, weshalb er sie unter dem Vorwande, daß sie ihm vielleicht bei Burnham nöthig sein könnten, zu sich steckte. Mit Bangen und Zagen nahm Eloise Abschied von Ralph, er aber scherzte über ihre kindische Furcht, da ja Niemand es wagen könnte, ihr Etwas zu Leide zu thun und schwang sich auf sein Pferd mit dem bei ihm Alles überwältigenden Gedanken, daß er bald in den Besitz von zwanzig tausend Dollar kommen würde. Er ritt davon und folgte dem Fußpfad, der zu Tallihadjo’s Lager führte, während unzählige Entwürfe, auf welche Weise er das Geld am vortheilhaftesten verwenden wollte, seine Gedanken durchflogen. Der Weg bis zu des Häuptlings Lager ward ihm unter seinen Träumereien kurz, denn er war erstaunt, als er plötzlich durch das Bellen von Hunden darauf aufmerksam gemacht wurde, daß er sich bereits in dessen Nähe befände. Tallihadjo empfing ihn sehr freundlich, lud ihn ein, sich bei seinem Feuer zu ruhen, ließ ihm dort Speise und Honigbier reichen, und war außerordentlich erfreut zu hören, daß Ralph sich mit Eloise verheirathet und sich auf seines Vaters Wohnsitz niedergelassen habe. »Mein Freund Tom wird nun noch viel glücklicher in seinem Himmel sein, da er sieht, daß seine Gebeine von seinem Sohne be- 5 10 15 20 25 30 35 415dRittER BaNd • ViERuNdZwaNZigstEs KapitEl wacht werden. Deine Felder, Ralph, wird er reichlich tragen lassen und Deine Heerden fett machen,« sagte der Häuptling. »Wie weit ist es bis zu Hallemico am See?« fragte Ralph, ohne auf die frommen Wünsche des Häuptlings zu hören. Dieser schüttelte aber gedankenvoll den Kopf, warf seinem Gaste einen ernsten Blick zu und sagte: »Wenn Dir Dein Pferd so wenig am Herzen liegt, als das Andenken an Deinen guten Vater, so kannst Du lange Zeit, ehe die Sonne zur Ruhe geht, bei Hallemico’s Feuer ruhen.« Ralph jedoch schien sich wenig um den Vorwurf des Wilden zu kümmern, er berechnete, wie bald er bei Burnham und von dort wieder zu Hause sein würde, um dann eiligst Schritte zum Eintreiben des Geldes zu thun. Er rastete auch nicht länger, als sein Pferd nöthig hatte, das ihm vorgelegte Futter zu verzehren, sagte dann dem Häuptling Lebewohl und ritt von dannen. Die Sonne war im Versinken und vergoldete kaum noch die leicht gekräuselten Wellen des See’s, an dessen Ufer Hallemico wohnte, als Ralph unter den uralten kolossalen Bäumen hinritt, die ihre Aeste weit über dieses, rundum von Urwald eingeschlossene schöne Gewässer ausstreckten. Bald sah er auch die Rauchsäulen, die über den Lagerfeuern der Indianer unbewegt zum Himmel aufstiegen und erkannte dann die hölzernen Häuser und Hütten der Wilden. Bei seiner Annäherung flohen die am Ufer umherspielenden Kinder nach den Wohnungen, oder verbargen sich unter einem Busch, oder hinter einem Baum, und die Erwachsenen schauten ernst und finster nach dem fremden weißen Manne. Ralph erhielt auf seine Fragen: wo Hallemico’s Wigwam stehe, keine Antwort, man deutete ihm nur mit der Hand an, weiter zu reiten, bis endlich, nachdem er wohl an zwanzig Hütten vorübergezogen war, ein alter Indianer, der am Ufer des See’s saß und fischte, auf die gleichfalls an ihn gerichtete Frage, mit der Hand die nächste Hütte bezeichnete. Ralph stieg von seinem Pferde und leitete es dem Hause zu, vor welchem um ein hellflackerndes Feuer der alte Häuptling mit seinen Frauen und Kindern saß. Alle sahen verwundert nach dem weißen Ankömmling auf, und es war nicht schwer, den Widerwillen gegen ihn zu erkennen, der sich auf ihren dunkeln Gesichtern kund that. 416 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Der Sohn Deines alten Freundes Tom Norwood grüßt Dich, Hallemico,« redete Ralph den Häuptling an und schritt nahe zu ihm hin, um ihm die Hand zu reichen. »Du, der Sohn Tom’s, das Kind einer Seminolin? – Mein Feuer soll Dich wärmen, meine Weiber sollen Dir das beste Fleisch und die süßesten Früchte reichen und Hallemico wird über Deinen Schlaf wachen, daß er nicht gestört werde« antwortete der alte Indianer, indem er aufstand und Ralph die Hand schüttelte. »Tom Norwood ist zu seinen Vätern gegangen, so verkündete mir Tallihadjo; er war der beste weiße Freund der rothen Kinder und sein Sohn muß ein noch besserer Freund der Seminolen sein, da von ihnen die Hälfte seines Blutes abstammt. Ruhe Dich auf dieser weichen Bärenhaut, Dein Pferd soll in den Roggen geführt werden, der den Boden unserer Wälder so reich bedeckt,« fuhr der alte Häuptling fort und setzte sich mit ihm neben dem Feuer nieder. Darauf ließ er die Pfeife füllen, rauchte zuerst und reichte sie dann Ralph hin. »Was bringst Du Neues von unserer Grenze, sind die Bleichgesichter gesättigt, oder gelüstet es ihnen nach noch Mehr von unserm Lande? Schon drängen sich meine rothen Brüder von Süden her in meinen Jagdgrund, da die Weißen ihnen von dem ihrigen so viel genommen haben, daß ihre Heerden mager werden und der Hirsch und Bär nicht mehr in ihrer Nähe wohnen will«, sagte Hallemico zn seinem Gaste. »Die Weißen sind zufrieden mit dem Lande, welches sie besitzen, und werden nun nicht weiter in Euere Gebiete vordringen«, erwiederte Ralph, um den Alten zu beruhigen. »Das gebe der große Geist, denn auf den nächsten Schlachtruf der Seminolen gegen die Weißen würden die Ströme Florida’s sich mit Menschenblut färben und es würde nicht Geier und Wölfe genug geben, um die Leichen alle zu verzehren«, sagte der Alte mit gro- ßer Bewegung, die sich jedoch nur in dem erhöhten Glanze seiner dunkeln Augen erkennen ließ. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Wo hinaus liegt Dein Pfad, willst Du noch weiter in unser Land reiten?« »Bis an die östliche Küste desselben; ich muß den Capitain des Leuchthauses sprechen, welches unsere Regierung in der See auf die Felsen gebaut hat.« 5 10 15 20 25 30 35 417dRittER BaNd • ViERuNdZwaNZigstEs KapitEl »Dorthin, wo in der Nacht das große Feuer brennt, welches Homathlan vor Kurzem auslöschen wollte? Man sagt mir, es leuchte so hell, wie die Sonne bei Tage.« »Ganz recht, das ist der Ort, wohin ich reite«, erwiederte Ralph. »Dann reitest Du durch das Land des Seminolen-Häuptlings Osmakohee, mit dem ich schon lange in Blutfeindschaft lebe, doch ohne mein Verschulden. Es ist vor Jahren einer seiner Krieger von einem meiner Leute auf der Jagd erschlagen worden. Dieser war ein ruhiger, friedfertiger Mann und sagte, daß Jener ihm nach dem Leben getrachtet habe. Ich weigerte mich, ihn auszuliefern, weil ich von seiner Unschuld überzeugt war. Er ist nun schon lange in den ewigen Jagdgründen seiner Väter, doch der Rachedurst von Osmakohee’s Stamm gegen den meinigen ist noch eben so heiß, wie damals, als die blutige That vollbracht war. Nur der Einfluß, den Tallihadjo, unser größter Häuptling, über ihn ausübt, hat ihn bis jetzt abgehalten, feindlich gegen uns aufzutreten. Die Zahl seiner Krieger ist der meinigen dreimal überlegen, dennoch würde er sich im offenen Kampfe kaum mit mir messen können; die Herzen der Männer Hallemico’s sind groß, ihre Augen sind scharf, wie die des weißköpfigen Adlers, und ihre Sehnen stark, wie die ihrer Bogen.« In diesem Augenblick wurde ein Zug theils berittener, theils zu Fuß gehender Indianer sichtbar, die zur Rechten an dem Ufer des Sees sich näherten und bald in dem tiefen Dunkel des Waldes verschwanden, bald wieder auf dem saftigen Grün der Uferbank erschienen. Die vielen Hunde, die den Männern, wie es schien, ermüdet folgten, zeigten, daß es heimkehrende Jäger waren, und bald erkannte man auch auf den von ihnen geleiteten Pferden die reiche Jagdbeute, die sie mit sich führten. »Der Jagdgott ist den Jägern Hallemico’s zugethan«, sagte der Alte, als die Männer vor seinem Feuer vorüberzogen, und indem er auf einem der Pferde einen schwarzen Bären hängen sah, rief er dem Indianer, der dasselbe leitete, zu: »Hiokee, überlaß mir den Bären, ich gebe Dir heute noch einmal so viel dafür, als sonst; ich habe einen lieben Gast bei mir, dessen Mutter unserm Volke angehörte.« 418 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Der Angeredete leitete sofort sein Roß nach der Hütte des Häuptlings, während seine Gefährten schweigend ihren eigenen Wohnungen zuzogen. Der erlegte Bär wurde nun schnell durch die Frauen Hallemico’s vom Pferde herabgezogen, sofort seiner Haut beraubt und zerwirkt und die einzelnen, mit handhohem Feist bedeckten Stücke unweit der Hütte an Bäumen aufgehangen. Die Tatzen aber und die Rippen trugen die Indianerinnen zu dem Feuer ihres Herrn, vergruben die erstern unter der glühenden Asche und steckten letztere an Holzspießen vor der Gluth zum Braten auf. »Noch haben die Bleichgesichter das Wild nicht aus Hallemico’s Wäldern verjagt und noch ist in denselben der Klang ihrer Axt nicht gehört worden«, sagte der Alte, indem er wohlgefällig auf die fetten Bärenrippen blickte, die sich knisternd von der Gluth bräunten. »Auch die Fische im See sind noch nicht von ihnen verstört worden«, fuhr er nach einer Weile fort, indem er seine Blicke auf die Fluth richtete, auf der sich bei der rasch zunehmenden Dunkelheit der Mond zitternd spiegelte und in dessen langem Lichtstreif ein dunkeler Punkt schnell dem Ufer zuschwamm. »Dort kommt Olviana, meine Tochter, die Schönste unseres Volkes. Sie wird von den besten Fischen, die der See für die rothen Kinder erzeugt, mitbringen, denn keine Seminolin versteht es so gut, wie sie, dieselben zu fangen«, sagte der Häuptling, indem er auf das Wasser zeigte, auf dessen leicht bewegtem Spiegel jetzt ein kleiner Kahn durch eine Indianerin dem Ufer zugerudert wurde. Nach wenigen Minuten sprang dieselbe aus dem Nachen an das Land, befestigte ihn dort und hob nun die gefangenen Fische, die an Stränge geschnürt waren und von beiden Seiten des Bootes in das Wasser hingen, auf das Ufer herauf. Mehrere der Frauen des Häuptlings eilten zu ihr hin, um die Beute in Empfang zu nehmen, und während dieselben sich mit den Fischen beluden, sprang Olviana leichten Fußes zu dem Feuer ihres Vaters, um ihn zu begrüßen. Als sie aber den fremden weißen Mann erblickte, verschwand die sorglose Heiterkeit von ihren Zügen und sie war im Begriff, vorüber nach dem Hause zu schreiten, als der Häuptling, auf Ralph zeigend, sie mit den Worten zurückhielt: 5 10 15 20 25 30 35 419dRittER BaNd • ViERuNdZwaNZigstEs KapitEl »Dies ist der Sohn meines alten Freundes Tom, der eine Seminolin zur Frau hatte, auch er ist ein Freund der rothen Kinder und ein willkommener Gast an meinem Feuer. Setze Dich neben ihn, Olviana, und röste die Bärenrippen für ihn.« Mit derselben frohen Unbefangenheit, womit sie sich genaht hatte, setzte sie sich nun neben Ralph nieder, steckte die Spieße, an denen die Bärenrippen hingen, anders vor dem Feuer auf, zog mit einem Stock mehr glühende Kohlen zu denselben heran und begann nun die Spieße zu drehen, so daß das Fleisch auf allen Seiten der Gluth ausgesetzt wurde. Olviana war sechzehn Jahre alt, nicht sehr groß, aber reizend zierlich und im vollkommensten Ebenmaße gebaut. Ihr Kopf war klein, ihr Nacken makellos, über ihren breiten Hüften, um welche ein kurzes, schön bemaltes und befranztes Lederröckchen hing, konnte man sie umspannen, und ihre Füße und Hände waren auffallend niedlich und schön geformt. Die Farbe ihrer Haut mischte sich zwischen Orange und einem hellen Braun, welches das glänzende Blauschwarz ihres reichen Haares, das Perlenweiß um ihre tiefbraunen, großen Augensterne, den Schnee ihrer schönen Zähne und das Granatroth ihrer frischen, vollen Lippen nur noch mehr hob. Unschuld und Anmuth lag auf ihrem lieblichen schmalen Gesicht, und um ihren kleinen Mund spielte ein Zug heiterster Unbefangenheit. Ein Schmuck von langen, blendend weißen Perlen hing um ihren weichen Nacken bis auf ihren zarten Busen, und ihr üppiges Haar, welches an der linken Seite ihres Kopfes durch einen buntschillernden Federquast zusammengehalten wurde, fiel über ihre Schulter bis unter ihre Hüfte herab. Leicht und natürlich graziös in allen ihren Bewegungen, verrieth sie auf dem Spiegel ihrer großen, dunkelen Augen jeden Gedankenwechsel, jedes Gefühl, welches sie überkam; bald blitzten dieselben jubelnd und freudestrahlend, wie die Sonne, unter der sie geboren, bald schauten sie weich, wehmüthig und melancholisch unter den langen Wimpern hervor, wie der Mond, wenn er durch düsteres Gewölk bricht. Olviana war die älteste Tochter Hallemico’s und das einzige Kind seiner ersten, schon seit Jahren verstorbenen Frau. Mit unbegrenzter Zuneigung hing der alte Häuptling vorzugsweise an dieser Tochter, und mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit erwiederte diesel- 420 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 be die Liebe des Vaters. Gegenseitig suchte Eines die Wünsche des Andern zu errathen, um ihnen zu willfahren, ehe sie ausgesprochen waren, und es gab für Beide kein größeres Vergnügen, als einander eine Bitte zu gewähren. Dabei war Olviana die Freude, der Stolz des ganzen Stammes; denn den Frauen war sie ein Vorbild in Bezug auf Geschicklichkeit und Arbeitsamkeit, sowie eine Freundin in der Noth, und die Männer waren stolz darauf, daß die Schönste der Seminolinnen ihrem Stamme angehöre. Hallemico war früher ein mächtiger Häuptling gewesen, der letzte Krieg aber mit den Weißen hatte die Seelenzahl seines Stammes sehr verringert, so daß er jetzt kaum noch über dreißig rüstige Krieger zu befehlen hatte. Dennoch war er immer noch ein Häuptling, der großes Ansehen unter den Seminolen besaß, was theils seiner oft erprobten Treue zu ihnen und seinen weisen Rathschlägen in ihren Versammlungen, theils aber auch seiner Wohlhabenheit zuzuschreiben war, denn er hatte einige fünfzig Negersklaven, die ihm durch ihre Arbeit ein bedeutendes jährliches Einkommen verschafften, seine Heerden waren zahlreich, sein Jagdgrund reich an Wild und der See stellte einen Ueberfluß an Fischen und Schildkröten zu seiner Verfügung. Während Hallemico sich mit seinem Gaste unterhielt und ihn über das Thun und Treiben der weißen Ansiedler an der Landesgrenze der Seminolen befragte, hatte Olviana auch noch Fische unter der glühenden Asche vergraben und sie dort für das Abendbrot zubereitet, sie hatte Honigbier herbeigeholt und bedeutete bald darauf ihrem Vater, daß die Speisen fertig seien. Der Alte lud nun Ralph ein, mit ihm zu essen, Olviana reichte Beiden die bereiteten Leckerbissen hin und gab ihnen noch Feigen, Orangen und Bananen als Nachtisch. Während der Mahlzeit hatten die Neger sich um ein anderes, ganz in der Nähe brennendes Feuer versammelt und gleichfalls ihr Abendessen zu sich genommen. Die große Zahl derselben war Ralph aufgefallen, er richtete seine Blicke häufig nach ihnen hin und ließ sie durch den ganzen Kreis der Sclaven von Einem zum Andern wandern. Nachdem er, sowie Hallemico, die Mahlzeit beendigt, Beide ihre Pfeifen angezündet und die Weiber und Kinder des Häuptlings zu speisen begonnen hatten, fragte Ralph Diesen: 5 10 15 20 25 30 35 421dRittER BaNd • ViERuNdZwaNZigstEs KapitEl »Wem gehören denn die Neger alle?« »Sie sind die Sclaven Hallemico’s; kein Häuptling unter den Seminolen besitzt deren so viele, als er«, erwiederte derselbe mit einem nicht zu verkennenden Stolz. »Was thust Du mit einer so großen Zahl von Sclaven? Du solltest etliche davon verkaufen, denn Dir bringen sie doch wenig ein«, sagte Ralph. »Sie sind, bis auf wenige, sämmtlich in meinem Lager geboren und gehören zu meiner Familie, sie arbeiten so viel, als ich von ihnen fordere und sind mir treu und ergeben; warum soll ich sie nun verkaufen?« entgegnete der Häuptling. »Weil Du Dir für das Geld andere Gegenstände anschaffen könntest, welche Dir mehr Freude und mehr Annehmlichkeit machen würden.« »Ich habe Alles, was ich bedarf, und was ihr Weißen liebt, gefällt mir nicht. Die Sclaven machen mir Freude, denn sie thun Alles, was ich wünsche. Ich werde Keinen von ihnen verkaufen«, antwortete Hallemico mit Ruhe und Bestimmtheit, so daß Ralph einsah, es würde jedes weitere Wort in dieser Beziehung ohne Erfolg bleiben. Demohngeachtet konnte er nicht unterlassen, in Gedanken Berechnungen darüber aufzustellen, wie viel diese Neger ihm jährlich einbringen müßten, wenn sie sein Eigenthum wären und er sie zum Anbau von Baumwolle verwendete. Es stellten sich sehr bedeutende Summen dabei heraus, aber was half es ihm, die Neger kamen dadurch nicht in seinen Besitz. Der Mond stand schon über den alten Bäumen, unter denen die Feuer brannten, und stahl sich nur hier und dort einen Blick durch ihre dichten Laubmassen, als Olviana das Fischnetz, an dem sie während des Abends gearbeitet hatte, zusammenpackte, ihrem Vater und dessen Gast eine gute Ruhe wünschte und sich mit den Frauen und Kindern in die Hütte des Häuptlings begab. Hallemico aber und Ralph blieben beim Feuer liegen, denn es war eine milde, reizende Nacht, und der leichte Wind, der über den See gezogen kam, umspielte sie auf ihrem Lager wohlthuend und fächelte sie Beide bald in einen ruhigen, erquickenden Schlaf. Noch ehe sie am folgenden Morgen erwachten, hatte Olviana das Lagerfeuer aufgefrischt, dabei das Frühstück bereitet und 422 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 frische Milch von den Kühen geholt, bevor dieselben nach ihren Weideplätzen aufgebrochen waren. Dann weckte sie die Schläfer, stellte die Speisen und den Trank bei ihnen nieder und eilte in die Hütte. Nach wenigen Minuten kam sie mit dem Fischgeräth im Arm zurück, küßte ihren Vater, nahm Abschied von Ralph und sprang nach dem See, wo sie ihren Kahn bestieg und ihn mit leichtem Ruderschlag über den in der Morgensonne zitternden Wasserspiegel hinschießen ließ. Ralph’s gut gepflegtes Pferd wurde ihm auf seinen Wunsch gebracht, der Häuptling nahm einen herzlichen Abschied von seinem Gaste und dann hob sich dieser in den Sattel und ritt davon. Am zweitfolgenden Abend, als die Sonne schon hinter den endlosen Wäldern Florida’s versunken war, folgten einige zwanzig Indianer, theils zu Pferd, theils zu Fuße, unter lautem Jagdgeschrei einem verwundeten Hirsch über eine wüste Sandfläche, die nach allen Richtungen hin mit Dornengestrüppe durchzogen war und auf der nur hier und da ein einzelner Baum sich erhob. Schon näherte sich das verfolgte und ermattende Thier dem hohen Walde, der die Ebene umgab, als die Hunde es fingen und niederrissen. Nach wenigen Augenblicken hatten die Reiter die Beute erreicht und bald darauf langten auch die Fußgänger bei ihr an. Es war Osmakohee, der Seminolen-Häuptling, mit seinen jungen Jägern. Während der erlegte Hirsch von Diesen auf eins der Pferde gehoben und darauf befestigt wurde, war der Häuptling auf einen Hügel getreten und blickte in verschiedenen Richtungen über die öde Fläche. Dann stieß er einen gellenden, langgedehnten Schrei aus, der weit in dem Walde wiederhallte, und stand darauf abermals eine Weile lauschend und spähend da. »Wo bleibt mein Sohn?« fragte er darauf die Jäger, »er folgte einem gesunden Hirsch, ich sah ihn zuletzt dort vor jener Waldlücke.« Dann wiederholte er den Jagdruf von vorhin, lauschte aber wieder vergebens nach einer Antwort. »Wir müssen jedenfalls hier auf ihn warten, denn möglicherweise hat er doch den Hirsch erlegt und könnte unserer Hülfe bedürfen«, fuhr der Häuptling nach einer Weile fort und hielt seine Blicke auf den Wald geheftet. Auch die Jäger schauten verlangend nach 5 10 15 20 25 30 35 423dRittER BaNd • ViERuNdZwaNZigstEs KapitEl dem Holze, denn hinter demselben hatte sich der Himmel geröthet und das Lager des Häuptlings war noch mehrere Meilen von hier entfernt. Plötzlich brach ein Reiter, der, auf den Hals seines flüchtigen Pferdes gesunken, denselben umklammert hielt, aus dem Dunkel des Waldes hervor. Es war das weiße Roß des Erwarteten und der Reiter auf seinem Rücken war der Sohn des Häuptlings. »Bei den Gebeinen unserer Väter, was ist geschehen? Mein Sohn – mein Kind!« schrie Osmakohee in Schreck und Entsetzen und rannte fliegend dem Reiter entgegen. Doch noch ehe das Roß desselben in seine Nähe kam, sank der Reiter von dessen blutgefärbtem Rücken und blieb regungslos auf dem Sande liegen, während das Pferd wiehernd zu seinen Kameraden lief. Bald hatte der Häuptling seinen Sohn erreicht und stürzte mit einem herzzerrei- ßenden Schrei bei ihm nieder, denn sein einziges Kind war eine Leiche. Ein Pfeil war ihm in die linke Seite eingedrungen und sah mit seiner scharfen Spitze aus seiner rechten Brust hervor. Das Jammergeschrei und die Klagerufe des unglücklichen Vaters brachen zuletzt in ein Wuthgeheul aus und das Echo gab die Schreckenstöne von allen Seiten wieder. Lange schon war die Nacht eingetreten und der Mond warf sein bleiches Licht über die öde Fläche, und immer noch kniete der Häuptling bei seinem todten Sohne und hielt ihn jammernd und wehklagend in seinen Armen, während die Jäger stumm und regungslos um ihn herstanden und ihren jungen Häuptling betrauerten. Plötzlich sprang Osmakohee auf, richtete seine Hände gegen den Mond und schwur, durch den Untergang des ganzen Stammes, dem der Mörder angehöre, das Blut seines Sohnes zu sühnen und nicht eher wieder bei einem Feuer zu schlafen, bis er diese Rache ausgeübt habe. Dann hob er die Leiche auf seine Arme, trug sie auf sein Pferd, bestieg selbst dessen Rücken und ritt, von den Jägern gefolgt, seinem Lager zu. Der Anblick ihres todten jungen Häuptlings versetzte dort die Indianer in die furchtbarste Aufregung, alle drängten sich zu ihm hin, um selbst die Wunde zu sehen, aus der sein Leben entflohen war, und den Pfeil zu untersuchen, der sie geschlagen hatte. Der 424 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Eine behauptete, daß in diesem, der Andere, daß in jenem Stamme die Waffe angefertigt sei, Viele glaubten an der Wahl der Federn seinen Ursprung zu erkennen, Andere wollten denselben durch die Form der Eisenspitze, oder durch die der Blutrinne in dem Holz beweisen; doch die größere Zahl sprach einen Verdacht gegen den alten Feind Hallemico aus und begleitete ihre Aussage mit den schrecklichsten Verwünschungen. Noch waren die Krieger um des Häuptlings Feuer versammelt und noch immer ging die Todeswaffe von Hand zu Hand, als das Gebell vieler Hunde das Nahen eines Fremden verkündete und gleich darauf Ralph herangeritten kam. Der Indianer, welcher Tallihadjo damals von der feindlichen Unternehmung Homathlan’s gegen das Leuchthaus unterrichtet hatte, erkannte Ralph sogleich wieder, nahm ihm das Pferd ab und theilte Osmakohee mit, wer er sei. Der Häuptling hieß ihn an seinem Feuer willkommen und ließ ein Lager für ihn bereiten. Nur für kurze Zeit machte das Erscheinen des Fremden die Indianer verstummen; kaum hatte derselbe sich bei dem Feuer niedergelassen, als abermals der Pfeil herumgereicht und über dessen Verfertiger gestritten wurde. Die Verwünschungen, die Racheschwüre brachen von Neuem los und Ralph, der die Ursache dieser Aufregung nicht kannte, wandte sich an den stumm und in sich versunken neben ihm sitzenden Häuptling und fragte ihn, ob ein Mord an einem seiner Leute begangen sei. Mit dumpfer Stimme und bebenden Lippen theilte ihm Osmakohee nun die an seinem Sohne begangene blutige That mit und wiederholte den fürchterlichen Schwur, daß er den ganzen Stamm, dem der Thäter angehöre, bis auf das kleinste Kind vernichten wolle, wenn er ihn entdecke. Ralph hatte ihm sinnend zugehört und saß noch eine Zeit lang, nachdem der Häuptling verstummt, in Gedanken versunken da, dann sagte er, indem er näher zu ihm rückte, leise zu ihm: »Was giebst Du mir, wenn ich Dir sage, wer den Mörder gegen Deinen Sohn abgeschickt hat?« Osmakohee fuhr zurück, stierte ihn an, als warte er darauf, die Worte, die er vernommen, noch einmal zu hören, als traue er seinen eignen Ohren nicht, seine Augen öffneten sich so, daß das 5 10 15 20 25 30 35 425dRittER BaNd • ViERuNdZwaNZigstEs KapitEl Weiß rund um den dunkeln, blitzenden Augenstern sichtbar wurde, seine Lippen bewegten sich krampfhaft, ohne Worte auszustoßen, seine Hände, die er zusammengepreßt nach Ralph ausstreckte, zitterten heftig und mit kaum hörbarer Stimme stotterte er endlich: »Alles – Alles – Alles!« »Kann ich auf Deine Verschwiegenheit rechnen?« fragte Ralph eben so leise. »Der Grund des Meeres ist nicht verschwiegen, denn dessen Wogen bringen an das Tageslicht, was dort verborgen; die finsterste Nacht ist nicht verschwiegen, denn sie wird oft von Blitzen erhellt; die Erde ist nicht verschwiegen, denn sie redet durch die eisbedeckten Gebirge dort, wo die Sonne versinkt, und wirft hervor, was sie in ihrem Innern verschlossen hat; die Zunge Osmakohee’s aber wird eher in seinem Munde vermodern, ehe sie ausspricht, was Du ihm anvertraust. Nenne mir den Namen des Menschen, der mich kinderlos gemacht hat, und nimm Alles, was ich besitze, oder sage mir, was ich für Dich thun soll!« Bei diesen Worten, die der Häuptling mit leiser, bebender Stimme Ralph zuraunte, hatte er diesen bei dem Arm ergriffen und hielt seine stieren, glühenden Blicke auf dessen Mund geheftet. »So wisse denn«, nahm Ralph wieder das Wort, »ich ruhte auf meiner Reise hierher eine Nacht an dem Feuer eines Seminolen- Häuptlings. Er glaubte mich in tiefem Schlafe und redete mit seinen Kriegern. Ich hörte jedes Wort, was sie sprachen. Er forderte sie auf, Deinem Sohne aufzulauern und ihn zu tödten, und versprach Dem, welcher es ausführte, Sclaven, Vieh und Pferde.« »Sein Name?« stammelte Osmakohee, indem er Ralph’s Arm krampfhaft schüttelte. »Hallemico war es«, flüsterte Ralph. Der Häuptling ließ jetzt dessen Arm los, eine eiserne Ruhe kam über ihn und schweigend sah er vor sich hin in die Kohlengluth. »Hallemico, der Mörder Deines Sohnes, besitzt viele Neger«, fuhr Ralph fort, »ich wünsche, daß Du ihnen Nichts zu Leide thust und daß Du sie mir überbringst, nachdem Du gerechte Rache an ihrem jetzigen Herrn vollzogen hast. Ich wohne auf der Farm meines verstorbenen Vaters, Tom Norwood, der eine Seminolin zur Frau hatte.« 426 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Das Wigwam des alten Tom ist mir bekannt; ehe der Mond zum zweiten Male rund wird, bringt Dir Osmakohee die Sclaven Hallemico’s in Dein Wigwam«, entgegnete der Häuptling und verfiel abermals in ein stummes Vorsichhinbrüten. Ralph wurde mit Speise und Trank versehen, man bereitete ihm ein weiches Lager und dann verließ ihn der Häuptling, um, seinem Schwur eingedenk, fern von dem Feuer die Nacht zuzubringen. Während am folgenden Morgen Ralph seine Reise fortsetzte, zierten die Frauen des alten Hallemico dessen schönstes Pferd mit bunten Federn und farbigen Lederstreifen, legten ihm eine prächtige Pantherhaut auf und führten es vor die Hütte des Häuptlings. Auch Olviana hatte sich festlich geschmückt, sowie auch ihrem Pferd das beste Reitzeug angelegt, und mehrere alte Krieger hielten zu Roß unweit Hallemico’s Hütte. Dieser trat jetzt aus derselben hervor, bestieg sein Pferd, Olviana schwang sich auf das ihrige und, von den Kriegern gefolgt, ritten sie an dem Ufer des Sees hin, wo sie beim Vorüberreiten an den Hütten der Indianer von diesen freundlich begrüßt wurden. Ihre Reise ging zu Tallihadjo’s Lager, welches sie erreichten, als die Sonne sank, und wo sie als liebe Freunde von dem Häuptling empfangen wurden. Tomorho hob freudestrahlend die schöne Olviana schnell von ihrem Pferde, flüsterte ihr leise Worte zu, die sie mit einem seligen Blick beantwortete, und sprang dann zu ihrem Vater, um ihm sein Pferd abzunehmen. Tallihadjo führte nun seine Gäste zu seinem Feuer, um welches er seine schönsten Häute für sie ausbreiten ließ. Latochee und Onahee setzten sich neben Olviana nieder und überhäuften sie mit Liebkosungen, während die beiden Häuptlinge, sowie auch Tomorho ihnen gegenüber Platz nahmen. Die andern Frauen Tallihadjo’s bereiteten das Abendbrot, und als dasselbe eingenommen war, wandte sich Hallemico zu Jenem und sagte: »Hallemico’s Herz ist voll und seine Zunge wünscht mit Tallihadjo zu reden.« Dieser blickte den Alten erstaunt an, winkte aber Tomorho, die Pfeife herbei zu holen, aus welcher vor einer Unterredung von Wichtigkeit geraucht werden mußte. Nachdem beide Häuptlinge 5 10 15 20 25 30 35 427dRittER BaNd • ViERuNdZwaNZigstEs KapitEl schweigend sich derselben bedient hatten, begann Hallemico das Gespräch. »Tallihadjo ist der mächtigste Häuptling der Seminolen und alle seine rothen Brüder achten auf dessen Stimme. Sein Land ist groß, seine Weiden sind fett und seine Heerden zahlreich. Hallemico hat seinem Volke viele seiner Krieger geopfert, doch sein Land ist schön, seine Weiden sind reich und seine Heerden sind prächtig. Die Zahl seiner Sclaven aber ist größer, als die, welche Tallihadjo besitzt, und Hallemico’s Kinder werden einst reich sein. Dein Sohn Tomorho hat meiner Tochter Olviana die Hochzeitsfackel vor ihr Wigwam getragen, ihr Schein hat Hallemico’s Herz erhellt und es mit Freude gefüllt. Olviana ist seine liebste Tochter, der er zwanzig Sclaven, sein bestes Vieh und schöne Pferde geben wird, wenn Tallihadjo sie als die Frau seines Sohnes begrüßen will.« Hier schwieg der Alte und wartete auf Tallihadjo’s Antwort. Dieser hatte ihm zugehört, ohne daß er durch einen Blick oder einen Zug auf seinem unbewegten Gesicht verrathen hätte, welchen Eindruck der Antrag auf ihn gemacht. Er richtete jetzt seine Augen auf den Sprecher und sagte: »Auch Tallihadjo’s Herz ist erfreut über die Wahl seines Sohnes Tomorho und gern wird er einst Olviana als dessen Frau begrüßen. Noch aber ist die Zeit dazu nicht gekommen; es ruhen schwere Pflichten auf Tomorho, an deren Erfüllung ihn Weib und Kind verhindern würden. Er gehört seinem mißhandelten, unterdrückten Volke und darf dessen Noth und Elend nicht über eignes Glück vergessen. Sein Herz mag für die Geliebte schlagen, sein Arm, selbst sein Leben ist Eigenthum der Seminolen, so lange, bis dieselben die ewig grünen Grasfluren am Fuße der eisgekrönten Gebirge im Westen erreicht und frei und unabhängig von den Bleichgesichtern ihre Wigwams dort aufgeschlagen haben. Sehen wir d e n Tag erscheinen, dann bitte ich Dich selbst, meinem Sohne Deine Tochter zur Frau zu geben, und flehe den großen Geist um seinen Beistand für sie an. Laß Olviana einige Zeit bei mir und den Meinigen wohnen, damit die Herzen unserer Kinder sich eng verbinden und Tomorho der Preis um so kostbarer werde, den er einst für die Thaten, die er für sein Volk zu vollbringen hat, empfangen soll.« 428 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Während Tallihadjo redete, saßen die Zuhörer, schweigend und regungslos ihre Augen auf ihn heftend, da, und weder ein Ausdruck der Freude noch der Unzufriedenheit war auf ihren Zügen zu lesen. Auch als er geendigt hatte, dauerte das Schweigen fort, denn wenn auch dem alten Hallemico und den beiden Liebenden die Antwort des Häuptlings nicht nach Wunsch war, so wußten sie doch zu gut, daß eine Aenderung dieses Beschlusses durch keine Bitte, keine Vorstellung zu bewirken sei. Tallihadjo ergriff zuerst die Hand des alten Häuptlings, drückte sie herzlich und sagte: »Je mehr wir Alle bei einem letzten Kampfe gegen unsere Unterdrücker zu gewinnen, je weniger wir zu verlieren haben, um so sicherer wird unser Sieg sein. Der Tag der Entscheidung ist nicht so fern, als Ihr glaubt, denn die Habgier der Weißen ist größer, als ein Indianer sie sich denken kann.« Dann stand er auf, ging zu Olviana und schloß sie mit den Worten in seine Arme: »Ein junger Baum gedeiht in einer fremden Erde, wo der alte Stamm verdorren muß. Ihr werdet in jenem fernen Lande das schöne Florida vergessen, denn Ihr habt ein ganzes Leben vor Euch, um eine neue Heimath lieb zu gewinnen, zumal, wenn Euch dort das Glück am eignen Feuer umgiebt, welches ich Euch hier versagte. Hoffe, Olviana, und laß Dich durch Deine Liebe zum Kampfe stärken, denn auch Ihr Weiber werdet Eure Pfeile nach den Herzen unserer weißen Feinde richten.« Tallihadjo blickte theilnehmend auf die Thränen, die den großen dunkeln Augen der schönen Indianerin entquollen, er hielt seinen Arm um ihre Schulter geschlungen und führte sie zu Tomorho, der sie in seliger Umarmung an seiner Brust empfing. Latochee war in die Hütte geeilt und kam mit einem blitzenden Perlenschmuck zurück, den sie Olviana zum Geschenk reichte, und Onahee, die während der ganzen Verhandlung theilnahmlos dagesessen hatte, brachte der jungen Braut einen schön verzierten Bogen und einen Köcher von Pantherhaut, der mit sauber verfertigten Pfeilen angefüllt war. »Mögen diese neuen Pfeile sich in dem Herzblut der Bleichgesichter färben, deren Todesröcheln mag in dem Siegesgeschrei 5 10 15 20 25 30 35 429dRittER BaNd • ViERuNdZwaNZigstEs KapitEl Deines Volkes verhallen, und das Feuer, das die Wigwams der Weißen verzehrt, mag Dir als Hochzeitsfackel leuchten.« Mit diesen Worten überreichte die Indianerin dem jungen Mädchen die Waffen und verließ dann den Kreis, in den jetzt Heiterkeit und Frohsinn einzog. Olviana blieb, nach dem Wunsche Tallihadjo’s, zum Besuch in dessen Lager, während Hallemico, zufriedengestellt, am zweitfolgenden Tage sich wieder nach seinem Wohnsitz zurückbegab. 430 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 25. Einsamkeit. – Schreck. – Freundschaft. – Undank. – Häuslicher Friede. – Frohe Nachricht. – Beschwerde. – Die ruhenden Indianer. – Der Doppelmord. – Die Vernichtung. – Der Siegesprophet. An dem nächsten Morgen, nachdem Ralph seine Farm verlassen, und nachdem Eloise allein in dem einsamen Blockhaus eine schlaflose Nacht in Angst und Bangigkeit zugebracht hatte, begrüßte sie den neuen Tag wie einen tröstenden Freund, denn sie hatte nicht gewagt, während der Nacht ein Licht zu brennen, aus Furcht, dessen Schein möchte sie einem Vorüberziehenden verrathen, und in der Dunkelheit hatte sie der leiseste Ton außerhalb des Hauses, oder das Rascheln einer Maus innerhalb desselben in Schrecken versetzt. Jetzt, da das Tageslicht durch die Spalten zwischen dem Laden vor dem Fenster zu ihr hereinblickte, wurde sie gefaßter, obgleich das Geheul der Wölfe in nicht großer Entfernung der Wohnung, welches sie seit dem verflossenen Abend fortwährend beunruhigt hatte, noch immer nicht verklungen war. Sie öffnete den Laden vorsichtig und schaute durch das Fenster in die nahe Umgebung des Hauses. Der nächtliche Nebel lag wie ein durchsichtiger weißer Schleier über der Erde, und Gebüsch und Gras beugte sich unter den schweren Thauperlen, die sich auf ihm gesammelt und sein Grün erfrischt hatten. In der luftigen Höhe der zum Himmel aufstrebenden Bäume des nahen Waldes aber war die Luft rein und klar, die Vögel flatterten spielend hin und her und sangen fröhlich ihr Morgenlied. 5 10 15 20 25 30 35 431dRittER BaNd • FüNFuNdZwaNZigstEs KapitEl Die Kühle des Morgens strömte wohlthuend und erfrischend durch das Fenster ein, denn in dem Hause war es schwül und drükkend; dennoch hatte Eloise das Herz nicht, die Thür zu öffnen und hinaus in das Freie zu treten. Sie ließ aber das Fenster offen, als sie Feuer in dem Kamin anzündete, um für sich das einfache Frühstück zu bereiten, während welcher Zeit sie nach jedem Ton lauschte, der von draußen her ihr Ohr erreichte. Bald zog die Sonne über dem Walde auf, warf ihr Licht freundlich durch das Fenster in das Haus und verscheuchte noch mehr das Gefühl der Einsamkeit, der Verlassenheit von Eloisen, die nun die Thür öffnete und in den goldenen Morgen hinaustrat. Das Federvieh kam sofort von allen Seiten zu ihr herangelaufen und begrüßte sie in seiner verschiedenen Weise, sie holte ein Körbchen mit Mais aus dem Hause, streute ihn unter den Hühnern, Welschen und Perlhühnern aus, und dann ging sie besorgt nach den Kühen, die außerhalb der Einzäunung auf sie warteten, um ihr ihre Milch zu geben, ehe sie der Weide zuzogen. Alles erschien ihr so freudig und sorglos, daß auch sie es wurde, sie holte ihre Arbeit aus dem Hause, setzte sich vor dasselbe unter die Veranda und lauschte dem leisen lieblichen Gesang eines Blauvogels, der unter dem Dache derselben mit seinem Weibchen ein Nest bereitete. Plötzlich schallten die Hufschläge von Pferden zu ihrem Ohr, erschreckt fuhr sie auf, horchte nach der Richtung hin, woher dieselben kamen und gewahrte zu ihrem Entsetzen, daß sie sich durch den Wald dem Hause naheten. In ihrer Angst warf sie die Arbeit von sich und floh in möglichster Hast auf die entgegengesetzte Seite durch die Einzäunung in den Wald hinein, wo sie sich hinter einem Busch verbarg und zitternd und bebend nach dem Fußpfad spähte, auf dem die Reiter erscheinen mußten. Wie wurde ihr leicht um das Herz, als sie den alten Arnold erkannte, der, von dem Neger Bob gefolgt, auf das Haus zutrabte. Der Alte hatte dasselbe eher erreicht, als Eloise, die, sich ihrer unnöthigen Furcht schämend, eiligst zu der Wohnung zurückeilte und den freundlichen Mann dort bewillkommnete, wobei sie die Aufregung zu verbergen suchte, in die ihre Angst sie versetzt hatte. »Ihr kommt nicht zu uns herüber und da muß ich schon zu Euch kommen, wenn ich wissen will, wie es Euch geht,« rief Ar- 432 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 nold der jungen Frau schon von Weitem entgegen und setzte, als sie ihn erreicht und ihm die Hand gab, verwundert hinzu: »Aber was hat Sie so außer Athem gebracht? Sie sehen ja ganz verstört aus; sind Sie nicht wohl?« Eloise erzählte ihm nun, daß sie allein sei und daß der nahende Tritt der Pferde sie erschreckt habe. »Wo ist denn Ralph – ist er vielleicht auf die Jagd?« fragte Arnold. »Er ist seit gestern verreist und wird vielleicht noch eine Woche ausbleiben,« erwiederte Eloise mit kleinmüthigem Ton. »Verreist – und er läßt seine junge Frau hier allein zurück? Ei, ei, das hätte ich nicht von ihm erwartet. Wohin ist er geritten – und welch dringendes Geschäft konnte ihn zu diesem Schritt bewegen?« »Er mußte in einer wichtigen Angelegenheit den Kapitain des Leuchthauses, vor welchem wir scheiterten, den Herrn Burnham sprechen.« »Aber Sie hier allein zu lassen! Warum hat er Sie nicht zu uns gebracht? Er wußte doch, wie herzlich willkommen Sie jederzeit bei uns sind,« sagte der Alte, augenscheinlich verletzt und stieß kopfschüttelnd noch einige »Hm« aus. Eloise war verlegen und schwieg, denn sie wußte es ja von Ralph selbst, daß sie Arnolds zur Last gewesen war. Sie bat den Alten, unter der Veranda Platz zu nehmen, und setzte sich zu ihm. »Nein, nein, das will mir nicht in den Kopf, so kurze Zeit erst verheirathet und die Frau hier allein im Walde zu lassen!« brummte der ehrliche Pflanzer vor sich hin und sagte dann zu Eloisen: »Jetzt nehme ich Sie aber mit mir nach meinem Hause. Bob kann während dieser Zeit hier bleiben und Sie reiten sein Pferd.« »Ich danke herzlich, Herr Arnold, ich kann mich aber nicht von hier entfernen,« erwiederte Eloise sehr verlegen. »Ich bitte Sie, bedenken Sie doch Ihre Lage, Sie sind ja hier der Gewalt eines jeden Strauchdiebes, eines jeden Indianers Preis gegeben. Sie müssen und sollen mit mir reiten.« »Unmöglich, Herr Arnold, ich werde den Platz nicht verlassen und wenn die Gefahr noch so groß ist. Es war der Wille Norwood’s, und dem muß ich folgen.« 5 10 15 20 25 30 35 433dRittER BaNd • FüNFuNdZwaNZigstEs KapitEl »Aber unbegreiflich, ist er denn so wenig für Sie besorgt?« sagte Arnold und bot alle seine Redekunst auf, um Eloise zur Erfüllung seines Wunsches zu stimmen; jedoch umsonst, sie beharrte unab- änderlich bei ihrem Entschluß. »Nun denn, wenn Sie durchaus darauf bestehen, hier zu bleiben, so darf es keinenfalls allein geschehen; ich lasse Bob hier, er ist doch besser, als gar keine Stütze,« sagte der Alte mißmüthig und blieb fest bei seiner Bestimmung, obgleich Eloise dagegen protestirte. Ja, er erklärte ihr sogar, daß wenn sie den Sclaven nicht beim Hause dulden wolle, so solle er sich nahe bei in den Wald legen, wohin Arnold ihm Lebensmittel senden werde. Darauf entschloß sich Eloise, den Neger zu behalten und, wie Arnold es wünschte, ihm einige Bärenhäute zukommen zu lassen, mittelst welcher er sich ein Bett unter der Veranda bereiten könne. Arnold blieb bis zum Mittagsessen und da Eloise ihm nichts Näheres über die Reise Ralphs sagte, so vermied er auch, weiter darnach zu forschen, obgleich dieselbe ihm räthselhaft erschien. Nach Tisch nahm er freundlich Abschied von Eloisen und trat allein seine Heimreise an, in seinem Innern aber war er durch das Betragen beider jungen Leute tief gekränkt. Eloise fühlte sich durch die Gegenwart des Negers sehr beruhigt und sie that Alles, um ihm den Aufenthalt bei ihr so erträglich zu machen, als es in ihren Kräften stand. Der alte Arnold besuchte sie jedoch nicht wieder. Endlich kam Ralph spät eines Abends zurück und war sehr verwundert, daß er Bob unter der Veranda schlafend fand. Nachdem Eloise ihm mitgetheilt hatte, auf welche Weise der Neger hierhergekommen sei, sagte er: »Das Gewissen schlägt ihnen, sie wollen ihr Unrecht beschönigen, da sie voraussetzen, daß ich Dir dasselbe mitgetheilt habe. Damit sie jedoch wissen, woran sie sind, so soll der Neger sofort nach Hause reiten.« »Aber lieber Ralph, es ist ja Nacht, laß ihn doch bis Morgen hier bleiben, Arnolds würden es uns sehr übel nehmen und ihre Aufmerksamkeit, aus welchem Grunde sie auch entsprossen sein mag, verdient doch keine Unhöflichkeit zur Erwiederung.« 434 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Der Alte hat den Neger ohne meine Erlaubniß hierhergebracht, und darum sende ich ihn fort, sobald ich zurückkehre. Mag er es übel nehmen, ich habe viel mehr Ursache, mich über ihn und sein altes Weib zu beschweren.« Mit diesen Worten trat Ralph vor die Thür unter die Veranda zu dem Neger, der sich durch seine Ankunft schon ermuntert hatte. »Schnell, schwarzer Affe, sattele Dein Pferd und mache, daß Du fort von hier kommst, ich brauche Deine Gesellschaft nicht, vorwärts!« sagte er mit barscher Stimme zu ihm, während Bob in das Licht getreten war, welches durch die Thür unter die Veranda fiel. Erstaunt und zweifelhaft sah dieser Ralph an, als glaubte er, daß er sich verhört habe, doch als Jener seinen Befehl wiederholte, sagte der Sclave mit bittender Stimme: »Ach Herr, so in der Nacht allein durch den Wald zu reiten!« »Reite, wohin Du willst, aber von hier mußt Du fort, und zwar bald, wenn Du nicht mit meiner Peitsche Bekanntschaft machen willst.« Bob dachte an die Zeit, wo er Ralph geholfen hatte, das Grab für seinen Vater und für dessen treuen Hund zu graben, er sagte aber Nichts, nahm seine wollene Decke, den Sattel und Zaum und verließ damit schweigend das Haus. Bald darauf hörten Ralph und Eloise, die vor dem Kaminfeuer saßen, die Hufschläge von dem Pferd des Sclaven, wie sie nach und nach in dem Walde verhallten. Am folgenden Morgen, als der Tag graute hob Ralph seine junge Frau auf ihren Pony, verschloß das Haus, bestieg sein Pferd und ritt mit ihr nach D...., wo durch einen Advocaten die nöthigen Zeugnisse und Vollmachten ausgestellt und Herrn Behrend mit den beglaubigten Abschriften der Documente eingehändigt wurden. Der Kaufmann war außerordentlich erfreut, Ralph so glücklich verheirathet zu sehen, versprach die Einziehung des Geldes schnellmöglichst zu bewirken und empfahl sich auf das Angelegentlichste für vorkommende Geschäfte. Sehr willkommen war es ihm, als Ralph ihm sagte, daß er eine wohlerzogene, in allen häuslichen Arbeiten geschickte Negerin suche und auch einige Feldneger zu kaufen wünsche, wenn er sie auf so langen Credit erhalten könne, bis er das Geld von New-York bekäme. 5 10 15 20 25 30 35 435dRittER BaNd • FüNFuNdZwaNZigstEs KapitEl Behrend wußte ihm sofort mehr als ein Dutzend Sclaven zu bezeichnen, die in der Umgegend zu kaufen wären, kannte genau deren Qualitäten und bat, ihm nur den Auftrag zu ertheilen und freie Hand zu lassen, er selbst werde die Zahlung leisten und Credit geben, bis das Geld von der Assecuranzcompagnie ausgezahlt würde. Ralph war dieser Vorschlag sehr erwünscht, und er ertheilte Herrn Behrend Auftrag eine Negerin und fünf Feldneger für ihn anzuschaffen. Zugleich kaufte er von demselben eine große Menge Güter aller Art, theils für seinen eignen Haushalt, theils für die Sclaven, die er bekommen würde. Kleidungsstoffe, Handwerkszeuge, Geschirre, Provisionen, Möbel, Herren- und Damensättel, einige Fässer mit Branntwein, einige Kisten mit Wein und viele andere Gegenstände befanden sich darunter, und zuletzt erstand er noch einen großen Kastenwagen zum Gebrauch auf der Farm. Die Warenrechnung belief sich über zweitausend Dollar und Herr Behrend hätte sie gern noch vergrößert gesehen, doch Ralph versprach, bei seinem nächsten Besuch neue Einkäufe zu machen und bat die erstandenen Gegenstände auf dem Wagen ihm zuzusenden, wenn er ihm die Neger schicke. Sollte er während der Zeit Gelegenheit finden, vier recht gute Maulthiere für ihn zu kaufen, so bevollmächtige er ihn dazu und ersuche ihn, den Wagen damit zu bespannen. Herr Behrend, der gewohnt war seine Händel mit hundert Procent Gewinn abzuschließen, überschlug schnell in Gedanken den schönen Nutzen, den er bei diesem Geschäfte erschwingen würde, da Ralph sich nicht einmal die Mühe genommen hatte, bei seinen Käufen und Aufträgen sich nach den Preisen zu erkundigen. Der Kaufmann ließ es sich durchaus nicht nehmen, daß Ralph mit seiner jungen Frau bei ihm zu Mittag speise, er leitete selbst deren Pferde in seinen Hof hinter dem Hause, wo er sie verpflegte, und als Nachmittags seine Gäste die Heimreise antraten, verneigte er sich öfter und tiefer, als er ohnedem gewohnt war, es zu thun. Während nun Ralph an der Seite seiner schönen Frau schweigend der Heimath zuritt und seine Gedanken, eifrig mit seinen neuen Einrichtungen beschäftigt, in der nahen glänzenden Zukunft schwärmten, saß Frank Arnold mit Eleanor in traulichem ruhigem Gespräch vor seinem Hause und beredete mit ihr die Arbeiten, die 436 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 am folgenden Tage vollbracht werden sollten. Der Zuwachs an Sclaven, der ihm durch die Güte des Präsidenten geworden war, hatte seine Arbeitskräfte um ein Bedeutendes vermehrt, und da seine Felder während seiner Abwesenheit unter der Aufsicht seines Vaters durch die schon früher besessenen Neger sämmtlich bestellt waren, so beschäftigte er die mitgebrachten mit Anlagen neuer Felder in dem angrenzenden Wald, mit Verfertigen von Holzstücken zu Einzäunungen, mit Bauen mehrerer Negerwohnungen und vielerlei Vorbereitungen für die Arbeiten in künftigem Jahre. Er beschloß und unternahm Nichts, ohne Eleanor’s Ansicht darüber zu erfragen, sie ging oder ritt mit ihm hinaus an Ort und Stelle, um sich durch eigene Anschauung ein Urtheil zu verschaffen, und Frank fand sehr häufig, daß das ihrige das richtige war. Sie begleitete ihn auch oft in die Felder, wo jetzt die jungen Baumwollenstauden mit der Hacke bearbeitet wurden, beobachtete mit großem Interesse deren raschen Wachsthum, und konnte kaum die Zeit erwarten, in der dieselben sich mit Blüthen bedecken würden. Von dem Vieh kannte sie jedes einzelne Stück, sie hatte vielen Namen gegeben, wußte das edele von dem gemeinen zu unterscheiden und die Pferde und Maulthiere pflegte sie Abends, wenn sie von der Weide kamen, mit Korn zu tractiren. Das Federvieh, welches allein ihrer Sorge überlassen war, kannte sie als seine Herrin und verfolgte sie mit großer Zudringlichkeit, sobald sie sich sehen ließ. Ueber derlei Angelegenheiten unterhielten sich Frank und Eleanor an diesem Abend, und ergötzten sich dabei an der zauberisch schönen Natur, die sie umgab. Der Wald hatte sich mit Blumen geschmückt, die uralten colossalen Magnolien, die Frank beim Anlegen seines Wohnsitzes in der Nähe des Hauses vor der Axt geschützt hatte, waren mit blendendweißen Riesenblüthen übersäet, deren lieblicher Duft mit dem der Orangen- und Citronenbäume, von der lauen Abendluft getragen, das glückliche junge Ehepaar umwehte und die zarte Blüthe der vielen hundert Pfirsichbäume in dem nahen Obstgarten leuchtete in der Abendsonne wie rosenrothes Gewölk. »Da kommen die lieben Eltern!« rief Eleanor plötzlich aus, indem sie nach der dunkeln Stelle im Walde zeigte, wo der Weg denselben verließ, sprang auf und eilte mit Frank dem alten Arnold 5 10 15 20 25 30 35 437dRittER BaNd • FüNFuNdZwaNZigstEs KapitEl und dessen Frau entgegen, die bei dem herrlichen Abend es sich nicht hatten versagen können, den glücklichen Kindern einen Besuch zu machen, zumal, da ein Brief für Eleanor von Baltimore in ihre Hände gelangt war. Sie kamen in dem Cabriolet gefahren, welches Frank ihnen zum Eigenthum aufgenöthigt hatte, und wurden von ihm, sowie von Eleanor mit der innigsten Herzlichkeit empfangen. Der Brief verursachte große Freude, denn er war von dem Präsidenten Forney, und brachte die frohe Kunde, daß der älteste Bruder Eleanor’s von seiner Station in Ostindien in die Heimath zurückgekehrt und zum Kapitain befördert worden sei. Die Brigg Perseverance, ein kleines Kriegsfahrzeug war unter sein Commando gestellt, und er hatte vom Commodore Perrywill den Befehl erhalten, an der Küste nach dem Piraten Flournoy, der die Seefahrer in letzter Zeit so sehr in Schrecken gesetzt hatte, zu kreuzen. Da der junge Forney sehr bald nach seiner Rückkehr in die Heimath wieder in See gegangen war, so mußte er auf die Freude verzichten, in der nächsten Zeit seine geliebte Schwester in ihrem Paradiese zu besuchen, ließ ihr aber durch den Vater die Zusicherung geben, daß er, sobald es ihm möglich sein werde, die Gelegenheit dazu ergreifen würde. Der Brief wurde unter der Veranda bei dem letzten Scheine des Tages laut vorgelesen und Alle stimmten in die frohe Hoffnung ein, daß es dem jungen Kapitain gelingen möge, seine Aufgabe glücklich zu lösen. Eleanor war stolz auf die Auszeichnung, die ihrem Bruder zu Theil geworden, und sprach ihre Zuversicht aus, daß er seiner Stellung Ehre machen würde. Beim Abendtisch, der unter der Veranda gedeckt wurde, nachdem das Gespräch oft gewechselt hatte, ergriff Madame Arnold das Wort und sagte: »Ich habe in meinem Leben vielen Undank geerntet, aber den schmählichsten haben wir von Ralph Norwood und seiner Frau erhalten.« Frank sowie Eleanor sahen die Frau überrascht und fragend an, als der alte Arnold seine Gattin unterbrach und sagte: »Ach lasse doch die Geschichte ruhen, wozu sich über andere Leute nur einen Augenblick verbittern? Wir haben jedenfalls dadurch gewonnen, denn sie werden uns nun nicht mehr behelligen.« 438 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Nein Vater, unsere Kinder müssen es wissen, damit sie sich vor so falschen Menschen in Acht nehmen können,« antwortete Madame Arnold, und erzählte nun, wie Ralph mit ihrem Neger Bob verfahren habe. Frank war höchst entrüstet, und stand im Begriff das Betragen Norwoods in Baltimore aufzudecken, als Eleanor’s Blick ihn davon zurückhielt, und dieselbe sagte: »Er ist Deiner Beachtung unwürdig, Frank, lasse ihn durch sich selbst untergehen.« Auch Madame Arnold zu besänftigen, gelang der jungen Frau, und bald hatte sie die frühere heitere Unterhaltung wieder hergestellt. Alle waren so vergnügt und so guter Dinge, daß sie nicht bemerkten, wie die Zeit schwand, und die Finsterniß sich immer dichter auf die Gegend legte, als endlich der alte Herr zum Aufbruch mahnte. Sämmtlich traten sie auf den Platz vor dem Hause, um sich von dem Grad der Dunkelheit zu überzeugen, da rief Eleanor laut lachend aus: »Diesmal aber wird nicht nach Hause gefahren, sondern hübsch bei uns geblieben!« »Dafür giebt es noch Kienholz zu Fackeln,« erwiederte der alte Arnold und bestand auf der Abreise, doch Eleanor hatte die alte Frau unter Scherzen und Lachen mit sich in das Haus gezogen und sie dort so mit der Bitte bestürmt, einmal unter ihrem Dache zu schlafen, daß Madame Arnold hierfür gewonnen wurde und zuletzt erklärte, sie würde hierbleiben, und sie wollte doch einmal sehen, ob ihr Gatte sich von ihr trennen könne. Mit dieser Erklärung trat sie mit Eleanor zu den Männern hinaus, der alte Arnold eiferte sehr dagegen, bat seine Frau vernünftig zu sein und diesen sonderbaren Entschluß aufzugeben, es half ihm aber Alles nichts, er mußte bleiben, wurde ausgelacht und stimmte zuletzt selbst tüchtig in das Lachen mit ein. Eleanor war ganz glücklich, die alten Leute über Nacht bewirthen zu können, sorgte für deren möglichste Bequemlichkeit und hatte am folgenden Morgen die Freude, von ihnen zu hören, daß sie prächtig geschlafen hätten. ∗    ∗    ∗ 5 10 15 20 25 30 35 439dRittER BaNd • FüNFuNdZwaNZigstEs KapitEl Einige Wochen waren verstrichen und der beinahe volle Mond warf sein helles Silberlicht auf die leicht gekräuselte Fläche des See’s, an welchem Hallemico wohnte. Die Frauen der Indianer hatten ihre Arbeiten beseitigt, das Gebell der Hunde war verhallt und die Feuer waren niedergebrannt, so daß ihre Kohlengluth nur noch einen röthlichen Schein auf die nächste Umgebung warf. Das Mondlicht aber brach hier und dort durch die hohen Bäume und fiel auf die Schläfer, die auf weichen Häuten um die Feuerplätze lagen, und von den wonnigen Träumen umgaukelt wurden, welche der Schlaf im Freien so gern bietet. Es war eine warme todtstille Nacht, nur die Blätter der Aspe zitterten in dem Lufthauch, der, kühlend über das Lager hinziehend, die Ruhenden wohlthuend umsäuselte, und die ganze Natur schien in Schlummer gesunken zu sein, denn der See glättete mehr und mehr seinen hellblinkenden Spiegel und das Geheul der Wölfe war verstummt. Hallemico lag auf einer großen Bärenhaut in tiefem Schlafe und hielt seinen vierjährigen Sohn mit dem linken Arm umschlungen an seine Brust. In weitem Kreise um die Kohlengluth, die ihn nur noch matt beschien, ruhten seine Frauen und seine übrigen Kinder außer Olviana, die noch nicht von Tallihadjo zurückgekehrt war. Vor jedem Hause, vor jeder Hütte lagen die Indianer mit ihren Frauen und Kindern in sorgloser Ruhe, denn in den Wohnungen war so süßer Schlaf nicht zu finden, als hier unter dem offenen Sternenzelt. Es war gegen Mitternacht, als sich in geringer Entfernung hinter Hallemico ein Kopf aus dem Grase erhob und unbeweglich, wie ein schwarzer Stein, aus demselben hervorsah. Hallemico schien jetzt unruhig zu träumen, murmelte einige unverständliche Laute und fuhr sich mit der Rechten über die Stirn. In derselben Secunde war jener Kopf wieder im Grase verschwunden. Der Arm des alten Häuptlings aber sank neben ihm nieder, sein Athem wurde abermals in regelmäßigen Zwischenräumen hörbar und jener Kopf erschien wieder in derselben Entfernung über dem Grase. Alles blieb ruhig und regunglos. Der Kopf gehörte einem Menschen an, denn jetzt hob sich eine dunkele Mannsgestalt auf ihren Armen über dem Grase empor und hielt das Gesicht nach Hallemico gerichtet. Nur wenige Au- 440 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 genblicke, als ob er sich von dem festen Schlafe des Mannes überzeugen wolle, blieb der Fremde in dieser Stellung, dann verschwand er abermals im Grase. Gleich darauf aber tauchte er unmittelbar hinter Hallemico auf, hob sich auf ein Knie und beugte sich über den Schlafenden hin. Er fuhr, wie freudig überrascht, zurück, wie es schien, weil er den Sohn im Arme des Vaters gewahrte. Jetzt fachte ein leichter Lufthauch die Kohlengluth an, sie warf einen röthlichen Schein auf das Gesicht des fremden Mannes und zeigte die grimmig lachenden Züge Osmakohee’s. Das Weiß um seine blitzenden Augensterne, das Elfenbein seiner Zähne und das grinsende Lachen gab ihm einen satanischen Ausdruck. Er hatte sich erhoben, stand jetzt, zu Hallemico niedergebeugt, über demselben und hielt ein langes, blitzendes Messer gezückt in seiner Faust. Als ob er sich an seinen Opfern ergötze, so stand er zögernd und stierte auf den Vater und den Sohn. Plötzlich bellte weiter hin in dem Lager ein Hund, Osmakohee beugte sich tiefer zu den Schläfern, führte die Spitze seines Messers nahe an die linke Seite des Kindes und stieß es in dessen Herz. Der Todeszuck des Knaben weckte den Vater aus dem Schlaf, er schlug die Augen auf, in demselben Augenblick hatte Osmakohee mit seiner Linken dessen Kehle umklammert, sein Knie auf dessen Brust gesetzt, raunte ihm »Osmakohee« zu und stieß ihm den Stahl in die Brust, so daß der Alte ohne Zucken todt zurücksank. Osmakohee stand mit blutiger Waffe in der Hand und warf einen Blick am See hinunter nach den Hütten der Indianer, als ein durch Mark und Bein dringender Schrei gellend ertönte und dann ein Geheul sich erhob, als habe die Hölle sich geöffnet und ihren Rachegeistern die Freiheit gegeben. Mit fürchterlichem Ton stieß auch Osmakohee jetzt sein Kriegsgeschrei aus, nahm das Messer in die linke Hand, riß die Streitaxt mit der Rechten aus dem Gürtel und spaltete der nächsten der aufspringenden Frauen Hallemico’s den Schädel. Wie der mordlustige Tiger setzte er den fliehenden Weibern und Kindern nach und jedem Hieb, den er mit der Axt führte, folgte der Tod. Vom Wald und von dem See her stürzten nicht allein die Krieger, sondern auch die bewaffneten Weiber Osmakohee’s über Hallemico’s Stamm her und das Morden und Schlachten nahm kein Ende, bis das letzte Menschenleben in 5 10 15 20 25 30 35 441dRittER BaNd • FüNFuNdZwaNZigstEs KapitEl dessen Lager verhaucht war. Blutströme bedeckten das Ufer und färbten die klare Fluth des Sees, und die Flammen der in Brand gesteckten Häuser und Hütten loderten prasselnd zum Himmel auf, während die Mörder unter dem wildesten Siegesgeschrei sich mit den Scalpen der Erschlagenen schmückten. Nur die Neger Hallemico’s waren verschont geblieben, sie waren gefangen und gebunden und blickten bebend und zitternd auf die verstümmelten Körper ihrer Freunde und auf die Gluth, die deren Wohnungen verzehrte. Der Tag brach an und die Sonne warf ihre Strahlen auf den Platz der Verwüstung, wo sich gestern noch, umgeben von der reichsten Natur, das friedliche Lager befunden hatte. Das frische, saftige Laub der alten prächtigen Bäume, unter denen es gestanden, hing, von der Lohe des Feuers verdorrt, herab, rauchende Aschenhaufen bezeichneten die Stellen der Häuser, und das mit Blumen übersäete Ufer, wo gestern noch die Kinder gespielt hatten, war mit Leichen bedeckt. Die Heerden der Gemordeten wurden von den Mördern herbeigetrieben, alle Habseligkeiten der Unglücklichen, die nicht ein Raub der Flammen geworden, vertheilte Osmakohee unter seine Leute und dann trat er mit der Beute den Rückmarsch nach seinem Lager an. Nur e i n junger Krieger Hallemico’s, der den Mondschein benutzt hatte, um einem Bären auf seiner nächtlichen Wanderung aufzulauern, war dem Schicksal seiner Brüder entgangen. Das in den fernen Bergen wiederhallende Kriegsgeschrei war zu seinen Ohren gedrungen, der Feuerschein hatte ihm das Lager seines Stammes bezeichnet, als er aber dasselbe in fliegendem Laufe erreicht hatte, war das Blutwerk schon vollbracht gewesen. Von dem Dunkel des Waldes begünstigt, war er unbemerkt entkommen und hatte seine Schritte nach Tallihadjo’s Lager gewandt, um diesem die That Osmakohee’s mitzutheilen. Schon dehnten sich die Schatten lang über die Erde, als er erschöpft an des Häuptlings Feuerstätte erschien und die Schreckensnachricht überbrachte. Ein Schrei erstarb auf den Lippen der unglücklichen Olviana, sie sank ohnmächtig in die Arme der ihr nahestehenden Frauen und wurde von ihnen hinweg in die Hütte des Häuptlings getragen. 442 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Tallihadjo hatte mit finster zusammengezogenen Brauen die Kunde vernommen, stand mit untergeschlagenen Armen vor seinem Lagerfeuer und blickte unbeweglich in dasselbe hinein. Der Bote wagte es nicht, ihn in seinem Sinnen zu stören oder ihn gar zur Rache aufzufordern, da stürzte Tomorho mit dem Rufe: »Rache, Vater, Rache!« aus der Hütte hervor und warf sich dem Häuptling in stürmischer Verzweiflung an die Brust. Tallihadjo, statt ihm zu antworten, ergriff seine Hand und blickte ihn verweisend an, als wolle er ihn daran erinnern, daß die Jugend dem Alter keinen Rath zu ertheilen habe. Tomorho trat zurück, er schwieg; doch die Aufregung, die in seiner Brust tobte, äußerte sich durch Zittern seines Körpers. Die Kunde hatte sich schnell durch das Lager verbreitet, die alten Krieger eilten herbei und sammelten sich um ihren Häuptling, Keiner von ihnen aber wagte es, ein Wort zu reden. Endlich brach Tallihadjo das Schweigen und sagte: »Der große Geist hat seine gnadenvolle Hand von den Seminolen zurückgezogen; er verwirrt ihre Sinne, er entzweit sie untereinander und läßt sie ihre Waffen gegen ihr eignes Blut richten, damit die weißen Männer sie um so schneller von dieser Erde verdrängen können. O armes, unglückliches Volk!« Wieder verstummte er eine Zeit lang, sah dann auf die vor ihm versammelten alten Krieger und fuhr fort: »Ihr fordert Rache an Osmakohee, weil Ihr Freunde Hallemico’s waret. Ihr fordert Euern eigenen Untergang. Kaum wird Osmakohee’s und seiner Leute Blut geflossen sein, so werden deren Freunde Rache an Euch fordern und bald wird das Kriegsgeschrei der Seminolen durch ganz Florida erschallen; nicht aber gegen ihre Blutfeinde, gegen die Weißen, nein, es wird ein Bruder nach dem Leben des andern trachten, sie werden sich untereinander morden und den Bleichgesichtern die gänzliche Vernichtung der rothen Kinder in diesem Lande erleichtern. Osmakohee hat unserm Volke tapfere Krieger geraubt, sollen wir dasselbe thun, sollen wir selbst die Kraft zerstören, die wir unsern weißen Unterdrückern entgegensetzen können?« Tallihadjo schwieg abermals, und die Krieger blickten stumm vor sich nieder, denn sie erkannten die Wahrheit der Worte ihres 5 10 15 20 25 30 35 443dRittER BaNd • FüNFuNdZwaNZigstEs KapitEl Häuptlings. Plötzlich aber, wie zu einem Entschluß gekommen, rief Dieser: »Alle waffenfähigen Männer sollen ihre schnellsten Pferde besteigen, Tallihadjo wird sie führen.« Dann schritt er nach seinem Hause, von woher die Jammertöne Olviana’s ihm entgegenschallten. Sie war aus ihrer Ohnmacht erwacht und machte durch Wehklagen ihrem herzzerreißenden Schmerze Luft, während die Frauen des Häuptlings ihr Trost einzureden suchten. Der Häuptling, sowie Tomorho ergriffen ihre Waffen, ihre Pferde wurden vorgeführt, die Krieger sammelten sich, und noch war das Tageslicht nicht verblichen, als die Reiter schon davonsprengten. Am zweiten Morgen nahete sich die Schaar dem Lager Osmakohee’s und wurde schon von Weitem von dessen Bewohnern erkannt. Die Krieger rannten zu ihrem Häuptling, der, um seinen Sohn trauernd, unter schattigen Bäumen saß, und meldeten ihm, daß Tallihadjo mit seinen Kriegern nahe, wie sie glaubten, um Hallemico zu rächen. Osmakohee aber verließ seinen Sitz nicht und deutete ihnen an, Tallihadjo sei ihr Freund, von dem sie Nichts zu fürchten brauchten. Bald hatte dieser den Platz erreicht, wo Osmakohee saß, stieg von seinem Pferde und trat mit den Worten zu ihm hin: »Die Seelen Hallemico’s, seiner Krieger, Weiber und Kinder rufen nach Rache, Du hast sie erschlagen, obgleich sie keine Feindschaft gegen Dich im Herzen trugen.« »Hallemico hat mir das Glück meines Lebens genommen; er hat meinen Sohn tödten lassen«, antwortete Osmakohee mit finsterm Blick. »Wenn Deine Augen es nicht selbst gesehen haben, so glaube ich es nicht,« sagte Tallihadjo. »Er hat Dem seiner Krieger Sclaven, Vieh und Pferde geboten, der meinen Sohn tödten würde,« erwiederte Osmakohee. »Du lügst!« rief der einzige entkommene Krieger Hallemico’s, der sich unter den Reitern befand, »Hallemico’s Herz kannte keine Feindschaft, als die gegen die Bleichgesichter.« Kaum hatte Osmakohee den Sprecher erkannt, als er sein Messer aus dem Gürtel riß, mit wuthblitzenden Augen aufsprang und 444 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 auf ihn zustürzen wollte; Tallihadjo aber trat ihm mit den Worten in den Weg: »Noch einmal richte Deine Waffe gegen einen Seminolen, und ich tödte Dich und Deinen Stamm bis auf das letzte Kind. Man hat Dich belogen und das Blut, welches Du vergossen, war unschuldig. Weder Hallemico, noch einer seiner Männer hat Dir je etwas zu Leide gethan. Aber auch an Deinem Volke hast Du Dich versündigt, denn Du hast ihm Krieger genommen, die auf meinen Schlachtruf gegen die Bleichgesichter warteten. Dein Leben hast Du hundertfach verwirkt, Osmakohee, und Du bist in meiner Gewalt. Nur eins kann Dich und Deine Leute vom Untergang retten: weihe Dich Deinem Volke, gehe von Stamm zu Stamm, von Hütte zu Hütte, fordere alle Seminolen auf, sich zum großen Kampfe gegen die Weißen zu rüsten; sage ihnen, daß der Tag sich nahe, an dem sie Tallihadjo führen, und daß der große Geist ihren Waffen den Sieg verleihen werde. Wähle jetzt, Osmakohee, sei mein und aller Seminolen Freund, oder gehe mit Deinem Stamme zu Deinen Vätern, Tallihadjo hat nur e i n e Zunge.« Dabei hielt er Osmakohee die Hand hin, die Dieser nach kurzem Zögern ergriff und sagte: »Für Osmakohee giebt es keine Freude mehr, darum wäre ihm der Tod willkommen, sein Herz folgt nicht mehr dem fliehenden Wilde, seine Augen sehen nicht mehr die bunten Blumen der Grasfluren, die spielenden Fische in den See’n, sein Ohr hört nicht mehr die süßen Lieder der Vögel, wenn sie die steigende und sinkende Sonne begrüßen, er fühlte nicht mehr das Wohlthuende der Kühlung in den Schatten der dunkeln heiligen Wälder; sein Herz ist aber noch stolz darauf, ein Seminole zu sein, und er sehnt sich darnach, siegend über deren Feinde in die ewigen Jagdgründe seiner Väter zu gehen. Dort wird ihn sein Sohn mit den besten Waffen, den edelsten Pferden und den schönsten Frauen empfangen. Willkommen ist ihm Tallihadjo’s Aufforderung, als Siegesprophet zu seinem Volke zu gehen und es auf den großen Freiheitskampf vorzubereiten; seine Stimme soll in die Seele eines jeden Seminolen dringen, die Männer, sowie die Weiber sollen ihre Waffen schärfen und Alle sollen auf den Schlachtruf Tallihadjo’s warten, der Osmakohee dem Tode für sein Volk zuführen wird.« 5 10 15 20 25 30 35 445dRittER BaNd • FüNFuNdZwaNZigstEs KapitEl »Der große Geist mag Deine Seele beleben und Deine Zunge stärken, damit Deine Worte auch bei d e n Seminolen Gehör finden, deren Jagdgründe noch reich an Wild, deren Heerden noch fett und deren Herzen noch nicht von den Weißen verwundet sind,« sagte Tallihadjo mit Begeisterung und fuhr nach einer Weile mit der gewohnten kalten Ruhe fort: »Laß uns bei Deinem Feuer allein zusammen sitzen, laß uns die Pfeife des Friedens rauchen, auf daß auch in Dein Herz Friede einziehe, und höre die Worte Tallihadjo’s, damit Du Dein begangenes Unrecht erkennst und die Geister der Erschlagenen Dir vergeben mögen.« Dann winkte er seinen Kriegern zu, sich in den Schatten des nahen Waldes zu ruhen, nahm die Hand Osmakohee’s und führte ihn zu dessen Lagerfeuer, neben dem sie sich niederließen, und die Friedenspfeife rauchten. Viele Stunden lang saßen die beiden Häuptlinge in ernstem Gespräch zusammen, während welcher Zeit Tallihadjo all’ seine Rednergabe aufbot, um dem Häuptling zu beweisen, daß Hallemico unschuldig an dem Mord seines Sohnes gewesen sei, doch erst als Osmakohee die Rückgabe von dessen Neger an Olviana verweigerte, weil er sie dem Manne habe zusagen müssen, der ihm den Mörder genannt, und als er eingestand, daß derselbe ein weißer Mann gewesen, gelang es Tallihadjo ihn zu überzeugen, daß er um der Sclaven willen belogen worden wäre. Standhaft jedoch weigerte sich Osmakohee, den Namen jenes Weißen zu nennen, schwur aber bei dem Andenken seines Sohnes, blutige Rache an ihm zu nehmen, wenn der Tag der Vergeltung gekommen sein würde. Tallihadjo schied mit Versicherungen der Freundschaft von Osmakohee, die Neger Hallemico’s wurden mit auf die Pferde genommen, eine Zahl der Krieger blieb bei den Heerden, um dieselben Tallihadjo’s Lager zuzutreiben, und dann führte Dieser den Zug nach seiner Heimath zurück. 446 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 26. Volksdank. – Festanstalten. – Entrüstung. – Die Wahl. – Freude. - Aerger. – Unfreundlichkeit. – Das Auswandererschiff. – Land. – Feiertag. – Der Kaper. – Entern. – Massacre. – Der Gerettete. Bis in den hohen Norden Amerika’s waren die Wälder und Fluren mit neuem glänzendem Grün geschmückt, die Strö-me hatten das Schneewasser, den ihnen durch dasselbe zugeführten Schlamm und das Treibholz in den Ocean hinausgetragen und ihre kristallklaren Fluthen zogen mit Tausenden großer und kleiner Segel auf ihrem Rücken an den üppigen, mit Wäldern und Feldern bedeckten Ufern hin und nahmen den Blüthenregen spielend mit sich fort, den der warme Frühlingswind ihnen zuwehte. Blau und glänzend wölbte sich der Himmel über dem herrlichen reich gesegneten Lande und über dem jungen kräftigen Volke, das hier, wie durch einen Zauberschlag, aus einer Wildniß blühende gewaltige Staaten geschaffen hatte. So wie die Natur ihr reichstes Festkleid angethan und heiter lächelnd aus Berg und Thal hervorblickte, so schienen auch die Menschen zu einem großen Feste sich vorzubereiten, denn in den Städten, in den Flecken und, wo die Ansiedelungen einzeln lagen, sah man sie mit regem Eifer zusammentreten und sich berathen, und auf ihren heitern Zügen konnte man erkennen, daß der Zweck ihrer Zusammenkünfte ein freudiger, ein edler, ein begeisternder sein mußte. Es war der edelste, den der Mensch, den eine Nation verfolgen kann: es war Dankbarkeit für empfangenes Gutes. Ja, überströmend mit Dank schlugen die Herzen der Amerikaner für den Mann, für die Nation, die ihnen 5 10 15 20 25 30 35 447dRittER BaNd • sEchsuNdZwaNZigstEs KapitEl beigestanden, ihre Sclavenketten zu brechen und sich zum freien Volke zu machen. »Lafayette und Frankreich hoch!« schallte es von dem Norden der großen Republik, von den Gestaden der nordischen See’n, von den Küsten des Oceans, von den Ufern des mexicanischen Golfs, von den einzelnen Hütten der Frontiers im fernen Westen, und »Lafayette und Frankreich hoch!« wird es so lange noch in den Herzen der Amerikaner wiederhallen, als dieselben den Stolz in sich tragen, ein freies Volk zu sein. Noch einmal sollten sie den edlen Greis in ihrem Lande begrü- ßen, der als hochherziger Jüngling den Ocean durchzog, um sich unter ihre Fahnen zu reihen und mit ihnen für ihre Freiheit zu kämpfen; noch einmal sollte er auf amerikanischer Erde die gro- ße französische Nation vertreten, die den Amerikanern in ihrem Kampfe um Ehre und Freiheit zur Seite stand und die zuerst sie als freies Volk anerkannte. Nur dieser eine Gedanke, nur dies Gefühl der Dankbarkeit beseelte jetzt die Amerikaner, alle übrigen Interessen waren zurückgetreten und in den Palästen, sowie in den Hütten that sich der Jubel kund, womit man der Landung des alten Kriegskameraden, des treuen Helfers in der Noth, des Generals Lafayette entgegensah. In allen Staaten der Union sammelte sich das begeisterte Volk zu Berathungen, auf welche Weise man den gefeierten Mann am würdigsten, am ehrenvollsten empfangen könne. Der Trommelschlag rief allenthalben die Milizen zu militairischen Uebungen zusammen, um ihm die Wehrkraft der Nation zu zeigen, es wurden Abgeordnete erwählt, die ihn im Namen ihres Staates bei seiner Landung begrüßen und ihn auf seinem Triumphzug durch Amerika begleiten sollten; in den Städten, welche er muthmaßlich auf dieser Reise berühren würde, machte man Vorbereitungen zu seinem Empfang und jeder Bürger dachte darüber nach, wie er sein Haus, wie er seine Fenster auf ’s Festlichste schmücken sollte. Die kostbarsten Teppiche wurden dazu bestimmt, die Häuser zu zieren, Flaggen fertigte man an, groß genug, einen ganzen Palast zu überschatten und allenthalben sah man auf weiten Plätzen Tribünen errichten, von denen aus die Redner Amerika’s zu dem Volke sprechen sollten. Zum Gedächtniß an die Schlacht bei Brandywine, in der Lafayette die Amerikaner siegreich führte, war eine Fregat- 448 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 te gleichen Namens erbaut und nach Frankreich gesandt worden, um sie ihm zur Reise durch den Ocean zur Verfügung zu stellen; in New-York wurde die alte Lafayettegarde in der ursprünglichen Uniform wieder hergestellt; alle Männer, die mit dem Gefeierten gedient hatten, traten ein und die Geschütze in den Festungen, auf den einzelnen Wällen und auf den Schiffen wurden in Bereitschaft gehalten, um ihm einen Donnerwillkommen entgegenzurufen. Die ganze Republik bis an die äußerste Grenze der Cultur war von dem Freudetaumel erfaßt und mit Sehnsucht durchlas man jeden Morgen die neuen Zeitungen, um bestimmte Nachricht über die Reise Lafayettes darin zu suchen. Auch in der County Georgiens, in der Arnolds und Norwood wohnten, machte man große Vorbereitungen zur Feier dieses ehrenvollen Besuchs, und da D.... der Gerichtssitz dieser County war, so wurden dort alle Versammlungen zu diesem Zwecke gehalten. Es wurde ein Comité erwählt, welches die Anordnungen zu den Festlichkeiten bestimmen und leiten sollte, es wurden Rednerbühnen errichtet, ein langes auf Pfeilern ruhendes Sonnendach erbaut, unter welchem Volksessen gehalten werden sollten, und ein Wahltag ward angesetzt, um die Abgeordneten zu wählen, welche Georgien bei dem Empfang und dem Triumphzug Lafayettes vertreten sollten. Dieser Tag erschien und die Männer der County, alt und jung, zogen früh Morgens in D.... ein, um diesem Vorspiele zu den kommenden Festlichkeiten beizuwohnen. Der alte Arnold und sein Sohn hatten sich ebenfalls eingefunden, so wie auch Ralph Norwood nicht fehlte. Letzterer erschien in eleganter schwarzer Kleidung auf einem edlen Pferde mit prächtigem Reitzeug und gefolgt von einem fein gekleideten schwarzen Reitknecht, als das Städtchen schon von vielen hundert Bewohnern der County belebt war, die vor allen Häusern und auf dem Platz um das Gerichtsgebäude in Gruppen zusammen standen. Ralphs Verhältnisse hatten sich in letzter Zeit sehr geändert, denn die Assecuranzcompagnie in New-York hatte sofort die auf die Tritonia versicherte Summe von zwanzigtausend Dollar ausgezahlt, und der Kaufmann Behrend hatte ihm dieselbe nach Abzug 5 10 15 20 25 30 35 449dRittER BaNd • sEchsuNdZwaNZigstEs KapitEl seiner Rechnungen übermacht. Er war im Besitz von Negern, er hatte mit einem Bauunternehmer einen Vertrag über den Neubau eines zweistockigen hölzernen Hauses auf seiner Besitzung abgeschlossen und Dieser war bereits mit den nöthigen Arbeitern beschäftigt, das Gebäude unweit des alten Blockhauses aufzuführen. Zugleich hatte Ralph einen leichten zweispännigen prächtigen Wagen zu seinem Gebrauch vom Norden her angeschafft, der erste, der in dieser Gegend gesehen wurde, und hatte zwei seiner besten Pferde einfahren lassen, um denselben damit zu bespannen. Er besuchte nahe und ferne Nachbarn, bewirthete dieselben in seinem Hause auf ’s Gastfreiste, zeigte sich oft in D.... und in Tallahassee, wo er seine Bekannte in den Trinkhäusern frei hielt, und bot Alles auf, um sich Freunde zu verschaffen und eine hervorragende Stellung in der County zu gewinnen. Er kannte keinen schnelleren Schritt zu diesem Ziele, als durch die heutige Wahl und er war entschlossen, Nichts zu sparen, um mit als Abgeordneter gewählt zu werden. Bei seiner Ankunft in dem Städtchen ritt er, anstatt sich gleich nach dem Wirthshaus zu begeben, zu der ersten zahlreichen Gruppe hin, grüßte die Leute mit freundlichster Vertraulichkeit, reichte einem Jeden die Hand, machte Einigen Vorwürfe, daß sie ihn so selten besuchten und ritt, von seinem Reitknecht gefolgt, unter dem Volke umher, um sich bemerkbar und angenehm zu machen. Nachdem er endlich seinen Burschen mit den Pferden nach dem Wirthshaus geschickt hatte, suchte er die Männer von Gewicht auf, nöthigte sie mit in das Trinkhaus, zahlte dort die Zeche und reichte ihnen feine Cigarren. Er sprach laut über die Wahl, deutete darauf hin, daß man Männer von Anstand dabei im Auge haben müsse, die auch in der großen Welt die Georgier würdig vertreten könnten, und zog dabei oft seine goldene Uhr an der schweren goldenen Kette hervor, als ob er nach der Zeit sähe. In die Nähe von Behrend’s Kaufladen ging er aber nicht, denn dort stand der alte Arnold und auch Frank, umgeben von einer großen Zahl achtbarer Männer, mit denen sie sich eifrig unterhielten. Beide waren mit ihrer gewohnten Pflanzertracht angethan, hatten den Platz, wo sie standen, seit ihrer Ankunft noch nicht verlassen, und doch hatten sie schon mit beinahe sämmtlichen anwe- 450 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 senden Personen gesprochen, indem ein Jeder sie aufsuchte, um sie zu begrüßen. Bald verkündete die Stimme des Scheriffs aus dem Eingang des Gerichtsgebäudes, daß die Wahl ihren Anfang nehmen solle, und Alle bewegten sich nun dorthin, um die Wahlzettel abzugeben. Die beiden Arnolds waren unter den Geduldigen, die vor dem Hause warteten, bis der Zudrang zu den Männern, welche die Wahlen empfingen und niederschrieben, etwas abgenommen hatte, dann begaben sie sich zusammen in das Haus und waren im Begriff, die Treppe zu ersteigen, als Ralph auf derselben herunterkam und an ihnen vorüberschritt, ohne sie einer Beachtung zu würdigen. »Dieser Schurke«, sagte Frank halblaut zu seinem Vater, »wenige Worte von mir würden hinreichen ihn zu verderben. Daß er mich nicht grüßt, finde ich sehr natürlich, und danke es ihm, daß er aber an Dir vorübergeht, ohne Dich kennen zu wollen, der Du so viel für ihn gethan hast, ist empörend.« »Ruhig, Frank, sein Gruß würde mir nicht zur Ehre gereichen und sein Nichtgruß setzt ihn in den Augen unserer Freunde herab. Laß ihn ruhig gehen und freue Dich mit mir, daß wir von einem so unwürdigen Gast befreit sind.« Dabei nahm er die Hand seines Sohnes, der stehen geblieben war und Ralph erzürnt nachblickte, und ging mit ihm die Treppe hinauf nach dem Zimmer, wo die Wahlen in Empfang genommen wurden. Das Gasthaus war heute, namentlich während des Mittagsessens, sehr gefüllt und Herr Dennis genöthigt gewesen, nicht allein in dem Speisesaal, sondern auch in einem der Logirzimmer und unter der Veranda Tafeln zu stellen, um seine Gäste alle bewirthen zu können. Ralph hatte in dem Speisesaal an dem obern Ende des Tisches Platz genommen und eine große Zahl Bekannter zu beiden Seiten versammelt, die er eingeladen hatte, mit ihm zu speisen. Den Wein ließ er fleißig von Hand zu Hand gehen und tractirte seine Gäste zuletzt auch mit dem feinen Madeirawein des Herrn Behrend, der ihm noch aus der Zeit, als er mit Garrett bekannt wurde, in Erinnerung geblieben war. Er brachte mit lauter Stimme Toaste aus, in welche die Tischgenossen mit wilden Hurrahs einstimmten, und Flasche auf Flasche wurde auf seine Rechnung geleert. 5 10 15 20 25 30 35 451dRittER BaNd • sEchsuNdZwaNZigstEs KapitEl Die beiden Arnolds hatten unter der Veranda die Ehrenplätze an der Tafel angewiesen bekommen, die achtbarsten Männer hatten sich zu ihnen gesetzt, und in ruhiger Unterhaltung wurde von ihnen über die erfreuliche Veranlassung zu ihrem heutigen Zusammensein geredet. Zu Ende der Mahlzeit ließ Frank Arnold Madeirawein kommen, bat die ganze Tischgesellschaft um die Ehre, mit ihr ein Glas Wein zu leeren, und brachte die Gesundheit aus: »Lafayette, Frankreich und die Freiheit Amerikas!« Mit einem donnernden Jubel wurde der Toast bewillkommnet und der Beifallssturm wollte kein Ende nehmen. Nach Tisch sammelte man sich abermals in der Nähe des Gerichtsgebäudes und wartete mit Spannung darauf, das Resultat der Wahlen zu vernehmen. Endlich trat der Scheriff in die Thür und verlas mit lauter Stimme die Namen Derer sowohl, die für das Comité zur Leitung der Festlichkeiten, als auch Derer, die zu Abgeordneten für den Empfang Lafayette’s in New-York erwählt worden waren. Unter Ersteren stand der alte Arnold mit der größten Stimmenmehrheit obenan und unter den Letzteren hatte Frank Arnold die bei Weitem größere Zahl der Stimmen. Ralph’s Name ward nicht verlesen. Er hatte sich unmittelbar neben die Thür auf die Treppe gestellt, als der Scheriff erschien, und sich vorbereitet, einige Worte von dort aus an die Versammlung zu richten, indem er nicht einen Augenblick darüber in Zweifel gewesen war, daß sein Name sich unter den erwählten Abgeordneten befinden würde. Jetzt war ihm sein erhöhter Stand sehr unangenehm, er drängte sich rasch die Treppe hinunter, ging nach dem Wirthshaus, ließ sein Pferd vorführen und war wenige Minuten später auf dem Heimweg. Zu Arnolds drängten sich aber Alle heran, ein Jeder wollte ihnen seine Freude über die Wahl aussprechen und Jedermann wünschte sich selbst Glück, daß dieselbe zwei solche Ehrenmänner betroffen habe. Der alte Arnold verabredete sich nun mit seinen neuen Collegen, wann sie hier zusammenkommen wollten, um sich über die bevorstehenden Festlichkeiten zu berathen und ihre Anordnungen dafür zu treffen, während Frank mit seinen künftigen Reisegefähr- 452 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ten sich unterhielt, auf welche Weise sie die Tour nach New-York am Besten machen würden. Die Sonne mahnte durch ihren schon niedrigen Stand an den Heimweg, Frank spannte sein Pferd in das Cabriolet, hob seinen Vater hinein, setzte sich zu ihm und unter Abschiedsgrüßen nach allen Seiten stob der mächtige Rappe mit dem federleichten Fuhrwerk im fliegenden Trab davon, daß die leichten hohen Räder mitunter von einer Erhöhung in der rohen Straße auf die andere sprangen, ohne den Boden dazwischen zu berühren. Als der Wagen sich dem Hause des alten Arnolds nahete, kamen die beiden Frauen aus demselben hervor ihren Männern entgegen und Eleanor sprang voran, um Frank zuerst zu erreichen. Die Freude der Frauen war groß, als sie das Resultat der Wahlen erfuhren, beide waren stolz auf die Ehre, die ihren Gatten widerfahren war, und beide schlossen dieselben freudig lächelnd und mit feuchten Augen an ihr Herz. »Das wird meine erste Prüfungszeit geben«, sagte Eleanor mit etwas kleinmüthigem Tone, »ich werde aber die Probe bestehen und Dir Alles in gutem Stande überliefern, wenn Du von der Reise zurückkehrst.« »Himmlische, süße Eleanor, kannst Du wirklich glauben, ich würde Dich zurücklassen, Dich, mein Alles, um jene werthlosen Gegenstände zu schützen? Nein, Engelsweib, Du wirst mich begleiten!« rief Frank und hielt ihr seine offenen Arme entgegen. »Mein Frank!« rief Eleanor mit freudig halb erstickter Stimme und fiel ihrem Gatten an die Brust. ∗    ∗    ∗ Ralph Norwood erreichte mit ganz anderen Gefühlen seine Wohnung. Als er von dem Pferde stieg und der Reitknecht nicht schnell genug dessen Zügel ergriff, schlug er ihn mit der Faust gegen den Kopf, daß er wie betäubt einige Schritte vorwärts taumelte, und rief dabei: »Verdammter Rabe, ich will Dich lehren, die Pfoten aufzuheben und Dich in Trab zu setzen; muß ich auf Dich, oder Du auf mich warten?« 5 10 15 20 25 30 35 453dRittER BaNd • sEchsuNdZwaNZigstEs KapitEl Eloise hatte ihren Gatten kommen hören und war in die Thür geeilt, um ihn vor dem Hause zu empfangen, sie schreckte aber vor der Härte Ralph’s zurück und das Gefühl des Mitleids für den armen unschuldigen Negerbuben war in diesem Augenblick das stärkere in ihr. Ralph trat in das Zimmer, Eloise legte ihre Hand auf seine Schulter und reichte ihm ihren schönen Mund zum Kuß. »Nun, bist Du gewählt, Ralph?« fragte sie, da sie nach seiner Prophezeiung sicher annehmen mußte, daß es geschehen würde. »Ich hatte keine Lust, mit dem falschen Kerl, dem jungen Arnold, zusammen als Abgeordneter nach New-York zu reisen und bat deshalb meine Freunde, nicht für mich zu stimmen, denn daß Jener gewählt werden würde, sah ich voraus. Er, so wie sein Vater zogen die Leute wohl mit Gewalt in das Trinkhaus, um sie zu tractiren, und ihre süßen Worte kennst Du ja. Für eine solche Wahl danke ich«, erwiederte Ralph mit verbissenem Aerger, indem er sich in einen Schaukelstuhl warf, ein Bein überschlug und sich mit dem andern vor- und rückwärts wiegte. »Du bist nicht heiter, Ralph,« sagte Eloise zu ihm, indem sie neben ihn trat und ihre kleine Hand auf sein dichtes Haupthaar legte, »die Aergernisse des Außenlebens sollen nicht in unsere vier Wände eindringen und unser stilles Glück stören; komm, laß mich den Ernst von Deiner Stirn küssen.« »Man kann ja nicht immer lachen, liebes Kind. Wie ist es mit dem Abendessen, laß Eve es hereinbringen, ich habe einen scharfen Ritt gemacht,« antwortete Ralph, worauf Eloise sich, unangenehm berührt, nach der Thür wandte und das Zimmer verließ. Bald darauf trat Eve, die schwarze Sclavin, mit den Speisen herein, stellte sie auf den bedeckten Tisch und Eloise folgte ihr mit der Kaffeekanne und der Milch. »Laß doch die Negerin den Kaffee hereintragen, Eloise, Du trägst ihn sogar auch dann herein, wenn fremde Leute hier sind; es sieht ja aus, als ob wir keine Diener hätten,« sagte Ralph zu seiner Frau und rief dann der Sclavin nach: »Ist es Dir etwa zu viel Arbeit, Alles selbst hereinzutragen?« Eloise schwieg, trat an den Tisch und schenkte den Kaffee ein, während Ralph neben ihr Platz nahm. Auch dieser griff die Unter- 454 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 haltung nicht wieder auf, nach beendigtem Mahl zog er eine Zeitung aus der Brusttasche hervor, rückte das Licht zu sich heran und verbrachte die Zeit bis zum Schlafengehen mit Lesen. ∗    ∗    ∗ Es war an einem der ersten Tage des eingetretenen Sommers, als ein großes dreimastiges Schiff, die Clementine, bis in die höchsten Spitzen seiner Masten von Segeln überbläht, bei günstigem Südwind seinen westlichen Cours im Ocean verfolgte und der amerikanischen Küste zusteuerte. Die Sonne schien heiß vom gänzlich wolkenlosen Himmel auf das, mit einigen hundert Menschen bevölkerte Verdeck des Schiffes, der frische kühle Wind aber, der dar- über hinstrich, nahm ihren Strahlen das Drückende und machte namentlich den Aufenthalt in den Schatten der Segel, wo sich die Leute besonders zusammendrängten, wohlthuend und erquicklich. Die See ging nicht hoch, ihre Wogen jagten sich spielend mit dem Schiffe nach Westen hin und schaukelten dasselbe in regelmäßigen, nicht unangenehmen Bewegungen auf und nieder und die lustigen Seeschweine schossen brausend herüber und hinüber durch den Schaumberg, der sich unter seiner Spitze vor ihm aufthürmte. Die vorherrschende Tracht der Passagiere, die das Verdeck füllten, verrieth Schweizer Landleute, es befanden sich jedoch auch Andere unter ihnen in bürgerlichen Kleidungen. Von diesen Letztern zeichnete sich eine Familie aus, die zusammen auf dem obern Verdeck an der Brüstung stand und, wie alle Uebrigen, ihre Blicke sehnlichst nach dem westlichen Rand der Wasserfläche gerichtet hielt, denn die See hatte die grüne Farbe angenommen und der Kapitain der Clementine hatte verkündet, daß man nun bald die Küste Amerika’s zu sehen bekommen würde. Diese Familie, welche aus dem Elternpaar und sieben Kindern bestand, von denen das jüngste, ein Mädchen, sechs Jahre zählte, war die des Pfarrers, welcher seine Gemeinde nach ihrer neuen Heimath führte, um auch dort als treuer Seelsorger und biederer Freund und Rathgeber unter ihnen zu leben. Er war ein würdiger, bejahrter, doch noch lebenskräftiger rüstiger Mann, an welchem seine Schutzbefohlenen mit großer Liebe und Anhänglichkeit hingen. Er schritt zu ihnen hinab 5 10 15 20 25 30 35 455dRittER BaNd • sEchsuNdZwaNZigstEs KapitEl auf das untere Verdeck und ging mit freudigem heiterem Lächeln zwischen ihnen hin und her, redete bald mit Diesem, bald mit Jenem, drückte dem Einen und dem Andern die Hand und machte Alle darauf aufmerksam, wie sehr ihnen der Himmel gnädig gewesen sei, ihnen eine so glückliche Ueberfahrt zu schenken. »Nun haben wir mit Gottes Hülfe bald alle Beschwerden und Mühseligkeiten überstanden und dürfen mit seinem fernern Beistand hoffen, in wenigen Tagen die Erde zu betreten, auf der wir unsere neue Heimath gründen wollen.« Da rief ein Matrose aus der Höhe der Masten »Land« und »Land» schallte es jubelnd aus jedem Munde, obgleich noch Niemand auf dem Verdeck eine Andeutung davon sah. Es war noch früh Morgens und so lebten alle Herzen der frohen Hoffnung, noch heute das Land wirklich wahrnehmen zu können. Schon nach Verlauf von einigen Stunden, während welcher Zeit die sehnsüchtigen Blikke der Auswanderer unbeweglich an der Ferne hingen, stieg die Küste blau und duftig über derselben auf und mit heißen Freudenthränen wurde sie von den Heimathsuchenden begrüßt. Jauchzend schwangen sie ihre Hüte, sie fielen einander freudetrunken in die Arme, die Mütter hoben ihre Kinder über die Brüstung empor, um ihnen das ersehnte Land zu zeigen, und der Prediger trat unter sie und sandte ein lautes Dankgebet zum Himmel auf, dem die Auswanderer sämmtlich mit frommer Andacht folgten. Als er wieder zu den Seinigen auf das obere Verdeck gelangt war, bat er den Kapitain, einen ehrlichen gutmüthigen Deutschen, ihm das Fernglas zu leihen, damit er das ersehnte Land genauer betrachten könne. Gern ward sein Wunsch erfüllt, das Glas wurde gebracht und der Pfarrer hob es vor sein Auge. Jetzt konnte er die rothe schroffe Küste und den frisch grünen Wald unterscheiden, der dieselbe bedeckte, er beschrieb genau den Seinigen Alles was er erblickte und erregte dadurch deren Neugierde so sehr, daß sie Hand an das Glas legten, um nun gleichfalls dasselbe vor ihre Augen zu führen. Die Frau des Geistlichen war die Erste, die es benutzte, dann ging es zu den drei erwachsenen Töchtern über, darauf kam der älteste Sohn an die Reihe und selbst die kleinern Kinder wollten es sich nicht nehmen lassen, einen Blick durch das Instrument nach der neuen Heimath zu thun. 456 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Der Kapitain ließ das Schiff so weit thunlich südlich und möglichst nahe der Küste zusteuern, weil er seinen Cours jetzt überhaupt nach jener Himmelsgegend richten und laviren mußte, da der Wind von Süden kam. Die Clementine näherte sich dem Lande schnell und schon gegen vier Uhr Nachmittags konnten deren Bewohner mit unbewaffneten Augen die waldigen Höhen erkennen, die vor ihnen sich aus dem Meere erhoben. Die Leute auf dem untern Verdeck hatten jetzt ein ganz anderes Ansehen gewonnen, als während der ganzen Reise; sie hatten ihre Anzüge gewechselt, hatten sich sauber und nett angethan, bunte Tücher, Schürzen und Bänder erschienen und allenthalben waren goldene Ringe, Brustnadeln, Perlen und Armbänder zu sehen, gerade so, als ob man schon heute das Schiff verlassen und sich an’s Land begeben wolle. Dies war jedoch Keinem eingefallen, Alle aber fühlten den Drang, die vernachläßigte verdorbene Garderobe endlich abzulegen, und betrachteten diesen Tag, an dem sie zuerst wieder Land erblickt hatten, als einen gro- ßen Festtag, an welchem sie sich auch feierlich schmücken müßten. Selbst mit den Damen des Pfarrers war eine Veränderung vorgegangen, es waren saubere Halskrausen, Spitzenärmel, Haarschleifen und auch Schmuck angelegt und schneeweiße Batisttücher wehten in ihren Händen. Der alte Herr bemerkte es lächelnd, doch fand er durchaus nichts Unpassendes darin, und um nicht ganz allein zurückzustehen, so begab er sich in die Kajüte, legte einen schwarzen Rock an und öffnete die Kiste mit Cigarren, die er bis jetzt noch verschont, da er nur seine Pfeife zum Rauchen benutzt hatte. Mit der brennenden Cigarre und im Frack trat er auf das Verdeck zu den Seinigen, wo ihn der Kapitain mit den Worten begrüßte: »Ei, ei, Herr Pfarrer, Sie haben sich ja sämmtlich gerüstet, noch heute an’s Land zu gehen.« »Nicht doch, lieber Kapitain, uns aber ist dieser Tag ein Feiertag, wenn er Ihnen auch nicht als solcher erscheint. Wir nahen uns jetzt dem Ziel unserer Wünsche, unserer Sehnsucht, während Sie nur das Land betreten, um ihm bald wieder Lebewohl zu sagen; Sie machen einen Besuch, und wir ziehen in unsere Heimath ein.« Mit diesen Worten klopfte der Pfarrer dem Kapitain freundlich auf die Schulter, zog darauf eine silberne Dose aus der Brusttasche und reichte ihm daraus eine Cigarre hin. Dann aber bat er ihn 5 10 15 20 25 30 35 457dRittER BaNd • sEchsuNdZwaNZigstEs KapitEl abermals um das Fernglas, setzte sich mit demselben auf eine Bank und legte es auf die Brüstung des Schiffes, um sicherer damit in die Ferne sehen zu können. »Kinder, dort kommt ein Schiff herauf,« sagte er nach einer Weile, »kaum blickt die Spitze seiner Masten über dem Wasser hervor; mit bloßen Augen könnt Ihr es noch nicht sehen.« Alle verlangten durch das Glas zu schauen und zuletzt rief der Pfarrer auch den Kapitain herbei, damit er einen Blick nach dem herankommenden Fahrzeuge thue. »Bald werden Sie genug Schiffe sehen, wir kommen hier in ein schmäleres Fahrwasser, als der Ocean ist«, sagte der Kapitain und bückte sich zu dem Glas hinab. »Das scheint halb Schooner, halb Brigg zu sein, es ist ungewöhnlich besegelt,« sagte er, nachdem er durch das Glas geschaut hatte, »wir werden aber seine genauere Bekanntschaft machen, er kommt gerade auf uns zu. Ein wenig muß ich ihm jedoch aus dem Wege gehen, denn es ist Zeit, mein Schiff umzulegen, sonst komme ich der Küste gar zu nahe.« Der Capitain gab nun den Befehl, die Segel los zu machen und die Clementine zu wenden, welches in kurzer Zeit geschehen war, und worauf sie sich wieder weiter von dem Lande entfernte. Bald konnte man das herankommende Segel mit bloßen Augen erkennen, es stieg rasch über dem Meeresrande auf, sein Rumpf wurde sichtbar und, wie man einen Freund in fremdem Lande bewillkommnet, so freuten sich die Auswanderer darauf, dem Schiffe recht nahe zu kommen, um dessen Bewohnern einen Gruß zuwinken zu können. »Das Segelwerk jenes Schiffes ist sonderbar zusammengestellt,« sagte der Capitain, nachdem er einige Zeit auf dem Verdeck auf und abgeschritten war, dann blieb er stehen und richtete seine Blikke auf das sich nahende Fahrzeug. Nach einer Weile fuhr er fort: »Er hat seinen Cours etwas geändert und wird nun näher an uns vorüberkommen. Vielleicht wünscht er mich zu sprechen und will von mir als gesehen in Charlestown gemeldet werden.« Dann rief er dem Cajütwärter zu, ihm das Sprachrohr heraufzubringen, ergriff das Fernglas und richtete dasselbe auf das fremde Fahrzeug, welches kaum noch eine halbe Meile von der Clemen- 458 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 tine entfernt war. Die Auswanderer in ihrem Staate drängten sich alle an die Brüstung, um das Schiff nahe vorübersegeln zu sehen und der Pfarrer und seine Familie hatten sich auf dem obern Verdeck nebeneinander auf die Bänke gestellt, von wo aus sie einen recht freien Blick auf den Fremden hatten. Näher und näher kam das Schiff und steuerte so gerade auf die Clementine zu, daß ihr Capitain keinen Zweifel mehr darüber hegte, der Befehlshaber von jenem Fahrzeuge wünsche ihn zu sprechen. Er hatte das Sprachrohr ergriffen, war auf das Häuschen gestiegen, welches sich hinter dem steuernden Matrosen befand und rief dem fremden Capitain einen Gruß und die Frage zu, ob er ihm mit irgend etwas behülflich sein könne. Er bekam keine Antwort, das Schiff jedoch näherte sich der Clementine bis auf kurze Entfernung und bog dann in denselben Cours, den sie steuerte, so daß es parallel mit ihr vorwärts segelte. »Das ist ja ein sonderbarer Bursche«, sagte der Capitain der Clementine und rief noch einmal durch das Sprachrohr nach dem Fremden hinüber, »ob er etwas von ihm wünsche?« Abermals bekam er keine Antwort; auf dem Verdeck des fremden Schiffes aber hatten die Matrosen sich um ein Boot gestellt, welches mit dem Kiel nach Oben zwischen den beiden Masten über der Brüstung hervorsah, wie es schien, um dasselbe von da zu entfernen. »Sie wollen, glaube ich, das Boot aussetzen, da möchte ich denn doch wirklich wissen, was die Kerls vorhaben?« sagte der Capitain zu dem Pfarrer, der gleichfalls neugierig dem Treiben auf dem fremden Schiffe zusah. Nun trat aus dessen Kajüte ein großer Mann mit langem schwarzem Bart hervor und erstieg mit einem Sprachrohr in der Hand das obere Verdeck. »Jetzt werden wir es hören, das scheint der Capitain zu sein«, sagte der der Clementine zu dem Pfarrer und in diesem Augenblicke hob Jener das Sprachrohr zum Munde und rief mit einer gewaltigen Stimme: »Streicht die Segel!« Zugleich hatten die Matrosen das Boot hinweggenommen und eine ungeheuere schwarze Kanone entblößt. 5 10 15 20 25 30 35 459dRittER BaNd • sEchsuNdZwaNZigstEs KapitEl »Um Gottes Willen, ein Seeräuber!« schrie der Capitain der Clementine, sprang an das Steuerruder und wandte sein Schiff von dem Piraten ab, um die Flucht zu ergreifen. In demselben Augenblicke aber blitzte es auf Jenem, mit einem furchtbaren Krach entlud sich die große Kanone, die Kugel traf die Brüstung an dem untern Verdeck der Clementine, gerade da, wo die Auswanderer sich zusammengedrängt hatten und, durch sie hinsausend, schmetterte sie die Körper der Getroffenen nach allen Richtungen nieder. Zugleich erhob sich eine Schaar Büchsenschützen über der Brüstung des Piraten, gab Feuer, und der Kugelregen richtete ein schreckliches Blutbad unter den unglücklichen Auswanderern an. In wilder Verzweiflung floh Alles von dem Verdeck der Clementine und verbarg sich bebend in deren Räumen, die Mütter schlangen zitternd ihre Arme um ihre Kinder, die Männer griffen nach Waffen, um sich und die Ihrigen zu vertheidigen, und Alles stierte in Todesangst nach den Eingängen, mit jedem Augenblick erwartend, die Seeräuber erscheinen zu sehen. Der Pfarrer hatte die Seinigen unversehrt in die Cajüte gebracht, wohin auch der Capitain und viele der Matrosen sich geflüchtet, der Eine griff nach einer Axt, der Andere nach einem Säbel oder einem Gewehr, und Alle waren entschlossen, ihr Leben so theuer als möglich zu verkaufen. Der Pfarrer aber hatte eine andere Waffe erfaßt, mit deren Gebrauch er vertrauter war und von der er sich eine mächtige Wirkung versprach. Es war die Bibel, die er in der Hand hielt und mit der er die Cajüte verließ, entschlossen, den Barbaren damit entgegenzutreten. Während dieser Zeit hatte sich der Sturmvogel, denn dies war das Piratenschiff, nahe an die Clementine gelegt, es ward durch Enterhaken an ihr befestigt, und Flournoy sprang, von seinen Leuten gefolgt, in dem Augenblick auf ihr Verdeck, als der Geistliche aus der Cajüte trat und ihm feierlich die Bibel entgegenhielt. »Verdammter Schwarzkittel, geh in Deinen Himmel!« schrie Flournoy, indem er dem alten ehrwürdigen Manne das Buch aus der Hand riß und ihm mit seinem kurzen, breiten Säbel den Kopf spaltete. Dann sprang er über die Leiche hin nach der Cajütenthür, fand sie aber verschlossen. In wenigen Minuten fiel sie unter den Axtschlägen seiner Leute in Stücke auseinander, diese stürzten 460 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ihrem Capitain nach in die Cajüte und alle Männer, die sie darin fanden, wurden niedergemacht. Der Donner der abgefeuerten Pistolen, die dröhnenden Fußtritte der kämpfenden Männer und das wilde Rufen und Toben, sowie die Todesschreie der Fallenden deutete den unter dem Verdecke zusammengedrängten Auswanderern an, welches Schicksal sich ihnen nahe. Bald darauf stürzten denn auch die Wütheriche die Treppen hinab und hier begann ein Kampf der gräßlichsten Verzweiflung, denn die kräftigen Schweizerburschen, die nicht auf dem Verdeck von den Kugeln der Mörder erreicht worden waren, erwarteten dieselben hier und kamen ihnen mit Löwenmuth entgegen. Ein heftiges Pistolen- und Musketenfeuer richtete aber schon eine furchtbare Niederlage unter ihnen an, ehe sie mit den Feinden zusammentrafen, und dann gaben deren größere Zahl und deren Waffen den Ausschlag. Es wurden alle Männer auf der Clementine umgebracht, bis auf einen amerikanischen Matrosen, der in den dunkeln, untern, leeren Schiffsraum hinabgesprungen war, wo Ballast lag, welcher aus Sand und schweren Kieselsteinen bestand. Schnell hatte er für sich darin ein Grab bereitet, sich hineingelegt, Sand und Stein über sich gebracht und sich so vollkommen zugedeckt, daß Nichts mehr von ihm zu sehen war und er nur zwischen den grö- ßeren Steinen, die er auf sein Gesicht gezogen hatte, noch Athem schöpfen konnte. Während dieser Zeit waren die Piraten vollkommen Herr des Schiffes geworden, sie führten die Frauen und Mädchen gebunden auf das Verdeck, sie rissen die Kinder den Müttern aus den Armen und warfen sie über Bord, die alten Frauen traf unter den gräßlichsten Scherzen ein gleiches Schicksal und auch die Gattin des Geistlichen wurde unter Hohngelächter in die See hinabgestürzt. Sie zogen und trugen darauf die jungen Frauen und Mädchen auf den Sturmvogel und begannen dann, das eroberte Schiff zu plündern. Schon stand die Sonne niedrig über dem Küstenland Amerika’s, als die Piraten ihren Raub auf ihr Schiff befördert hatten, dasselbe von der Clementine trennten und Flournoy den Obersteuermann beauftragte, derselben eine Kugel unter dem Wasserspiegel beizubringen, damit sie sich mit Wasser fülle und sinke. Der Sturmvogel 5 10 15 20 25 30 35 461dRittER BaNd • sEchsuNdZwaNZigstEs KapitEl hatte sie nur auf kurze Entfernung verlassen, als Ritcher die Kanone auf sie abfeuerte und die Kugel in der Höhe des Wassers in ihre Seite drang. »Ein wenig zu hoch!« rief Flournoy dem Steuermann zu, »schadet aber Nichts, sie wird sich doch bald füllen, denn bei ihrem Schwanken schlagen die Wellen bis über das Kugelloch.« »Soll ich ihr noch Eins geben?« fragte Ritcher, während die Kanone wieder geladen wurde. »Es ist nicht nöthig, spare die Kugel, sie thut uns vielleicht einen bessern Dienst«, erwiederte der Capitain und befahl nun, den Sturmvogel nach Süden zurück dem Bahamacanal zuzuwenden. In der Zeit, als dies ausgeführt ward und der Pirat sich von der Clementine rasch entfernte, wurde der amerikanische Matrose durch das wachsende Wasser aus seinem Grabe vertrieben, er sprang in das Zwischendeck hinauf und fand bald die Schuß- öffnung, durch welche bei des Schiffes jedesmaligem Neigen auf diese Seite das Seewasser mit einer großen Gewalt hereingeströmt kam. Rasch ergriff er das umherliegende Bettzeug, stopfte es in das Loch und keilte es mit einer blutigen Axt so fest, daß es dem Eindringen des Wassers widerstand. Dann nagelte er noch starke Bretter darüber, so daß ein neuer Durchbruch nicht mehr zu befürchten war. Nun schlich er sich auf das Verdeck hinauf und spähete durch die Fugen in der Brüstung nach dem Piraten. Derselbe war schon weit entfernt und schoß schräg gegen den Wind, wie fliegend, davon. Der Matrose ergriff das Fernglas, welches zwischen den Leichen auf dem Verdeck lag und richtete es auf das Raubschiff; auf dessen Oberfläche war aber, außer dem Manne am Steuer, kein lebendes Wesen zu sehen. Der Wind wehte sehr leicht und füllte nur von Zeit zu Zeit die Segel, die, nicht für ihn gestellt, hin und her schlugen. Der Matrose löste deren Tauwerk, es gelang ihm, durch das Steuer das Schiff der Küste zuzuwenden, er spannte die kleinen Segel wieder an, während er die großen dem Spiel des Windes preisgab, und bald sah er zu seiner großen Beruhigung, daß das Fahrzeug sich der Küste zubewegte. Dabei hielt er seine Blicke auf den Piraten geheftet, dessen Rumpf schon unter dem Horizont verschwunden war und dessen Segel immer tiefer in das Meer hinabsanken. 462 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Das Licht des Tages war verblichen und der noch nicht volle Mond warf seinen Silberschein auf die dunkeln, der Küste zurollenden Wogen, als die Clementine sich dem Lande schon so weit genähert hatte, daß der Matrose das Rauschen der Brandung hören konnte; doch noch immer war das Schiff flott und glitt ruhig über die finstere Fluth hin. Schon konnte der Seemann die einzelnen höheren Baummassen auf dem Ufer erkennen, als das Fahrzeug mit einem so heftigen Stoße auf den Grund rannte, daß er auf das Verdeck niederstürzte. Die nächste Woge hob es zwar wieder vom Boden empor, warf es aber noch weiter der Küste zu, wo es abermals krachend festfuhr. Die schwächern Wellen stiegen nun an seiner Seite auf und stürzten sich brausend und schäumend über das untere Verdeck, während die mächtigern es von dem steinigen Grund hoben und es mit großer Gewalt wieder auf ihn niederfallen ließen. Der Matrose hatte sich auf das obere Verdeck geflüchtet und erwartete mit jedem neuen Stoß, den das Fahrzeug erhielt, dasselbe auseinanderbrechen zu sehen; es widerstand aber der Gewalt der See während der ganzen Nacht, und als der neue Tag erschien, war es immer noch wasserdicht und hatte sich nur wenig auf die Seite gelegt. Schon mit dem Anbruch des Morgens sah der Matrose mehrere Küstenfahrzeuge in der Ferne vorüberziehen, doch viel zu weit, als daß er durch Winken ihre Mannschaft hätte um Hülfe ansprechen können. Hier durfte er nicht bleiben, denn die See konnte unruhig werden, und dann war sein Untergang gewiß, eines der Boote in das Wasser hinabzulassen, dazu reichten seine Kräfte nicht aus, darum entschloß er sich, durch Schwimmen einen Rettungsversuch zu machen. Er hieb mit der Axt ein Stück von einem Nothmast, der auf dem Verdeck lag, senkte es an einem Strick in das Meer, hing eine Flasche mit Wasser und ein Glas mit Branntwein um den Hals, füllte seine Taschen mit Fleisch und ließ sich dann zu dem Stück Holz in die See hinab, worauf er, dasselbe umklammernd, den Strick durchschnitt. Die erste heranrollende Woge trug ihn von der Clementine fort und schwemmte ihn mit Sturmeseile der Küste zu, eine zweite übereilte ihn jedoch, stürzte sich schäumend über ihn hin und begrub ihn unter sich. Im nächsten Augenblick aber war er wieder auf der Oberfläche und trieb weiter, bis 5 10 15 20 25 30 35 463dRittER BaNd • sEchsuNdZwaNZigstEs KapitEl eine neue Welle ihn einholte. Das Holz umklammerte er fest, da es ihn über Wasser hielt, und zwar hatte er das eine Ende desselben umfaßt, wodurch er dessen Rollen verhinderte. Endlich, nach Verlauf einer Stunde, erreichte er die Brandung, die Woge, auf der er getrieben kam, warf ihn in das Schaummeer, das zischend und donnernd von der Küste zurückstürzte; die Welle aber war eine gewaltige, sie trug ihn hoch auf das Ufer hinauf, er hielt sich an dem Gestein fest, auf dem sie ihn niederwarf und erklomm vollends die Höhe, ehe die nächste heranrollende See ihn erfassen konnte. Zweimal hatte ihn die Vorsehung dem Tode entrissen, er fiel auf die Knie nieder, hob seine gefalteten Hände mit thränenfeuchten Blicken zu dem heitern Himmel auf und dankte in einem inbrünstigen Gebet dem Allmächtigen für seine wunderbare Rettung. Dann sank er erschöpft auf dem Gestein nieder, die Sonne schien wärmend und wohlthuend auf ihn herab, und das Brausen der Wogen, die sich unter ihm an dem Ufer brachen, lullte ihn bald in einen erquickenden Schlaf, aus dem er erst erwachte, als die Sonne die höchste Höhe am Himmel erreicht hatte. Dann stärkte er sich an den wenigen Lebensmitteln, die er bei sich führte und lenkte seine Schritte landeinwärts, um eine Ansiedelung aufzusuchen und die neue Gräuelthat Flournoy’s und seiner Gefährten zu verkünden. 464 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 27. Das Kriegsschiff. – Das Raubschiff. – Eilige Flucht. – Die Klippen. – Zusammenstoß. – Gefecht. – Die Pulverkammer. – Der Sieg. – Der Commodore. – Botschaft. – Der Bericht. – Jubel. – Die Besichtigung. – Die Seeräuber. Zu dieser Zeit glitt eine stolze Brigg unter nur wenig Se-geln vor dem Winde zwischen der Küste Amerika’s und den zahllosen Inseln, welche sich von den Bahamas bis nach Cuba aus der See erheben, einem nördlichen Cours folgend, leicht über die Wogen. Auf ihrem obern Verdeck schritt ein kräftiger, schöner, junger Mann, mit einer gewöhnlichen langen Matrosenjacke angethan und einem schwarz lackirten Seemannshut auf dem Kopfe, hin und her, während die Mannschaft auf dem untern Verdeck hier und dort zusammensaß und sich leise unterhielt. Von Außen hatte das Fahrzeug das Ansehen eines Kauffahrteischiffes und nichts Besonderes war an ihm wahrzunehmen, wenn man nicht in der Nähe die außerordentliche Güte und Nettigkeit in allen seinen Bestandtheilen bemerkte; wer sich aber auf seinem Verdeck befand, sah dort die Einrichtungen eines Kriegsschiffs. Die Oeffnungen in der Brüstung vor den Geschützen waren fest geschlossen, so daß diese von Außen nicht erkannt werden konnten. Dies Schiff war das amerikanische Kriegsfahrzeug Perseverance und der junge Mann auf dem oberen Verdeck der Capitain Max Forney, der Sohn des Präsidenten Forney. Er war ein schlanker, großer Mann von muskulösem Körperbau mit goldblondem Lockenhaar, röthlichem, noch dünnem Schnurbart und stärkerem, 5 10 15 20 25 30 35 465dRittER BaNd • siEBENuNdZwaNZigstEs KapitEl spitz hervorstehenden Kinnbart. In seiner Haltung und seinem Gang lag Bestimmtheit und Entschlossenheit, die durch sein kühnes dunkeles Auge noch deutlicher ausgesprochen wurden. Er befand sich auf seinem Kreuzzug gegen den Piraten Flournoy, hatte, um nicht vorzeitig erkannt zu werden, sich in die gewöhnliche Seemannstracht gekleidet, und die lange weite Jacke verbarg den Dolch, der in der zierlichen Kette an seiner linken Seite hing. Auch die Mannschaft hatte jedes Zeichen abgelegt, welches den Seesoldaten verrieth, und sie hielten sich Alle hinter der Brüstung, um sich vor dem Fernglas zu verbergen, durch das man auf einem fernen Schiffe ihre Zahl hätte wahrnehmen können. Viele Küstenfahrzeuge waren in dem Canal, in dem sich Forney befand, heute auf und ab an ihm vorübergesegelt, doch so wie seit dem Antritt seiner Kreuzfahrt hatte er auch an diesem Tage vergebens nach dem genau bezeichneten Schiffe des Piraten ausgespäht. Er war soeben von der Mittagstafel wieder auf das Verdeck gegangen, um dort, wie er es gewohnt war, eine Cigarre zu rauchen, während seine Offiziere noch in der Cajüte beim Weine sa- ßen. Auf- und niedergehend blieb er einmal stehen, schaute einige Augenblicke nach Süden und wandte sich dann, um seinen Spaziergang fortzusetzen, als sein scharfer Blick an dem fernen Horizont im Norden ein Segel gewahrte. Er stutzte, sah eine Zeit lang nach demselben hin, ergriff dann das Fernglas, welches auf der Bank lag und hob es zu seinem Auge empor. Nur kurze Zeit hatte er hindurchgesehen, als er rasch die Treppe hinab nach der Cajüte sprang und zu den Offizieren mit den Worten eintrat: »Es ist ein Fahrzeug in Sicht, dessen Segelzeug dem des Piraten ähnlich sieht. Der Himmel gebe, daß er es ist und daß wir ihn erreichen. Lassen Sie die Mannschaft antreten, doch so, daß man sie nicht über der Brüstung gewahrt. Die mindeste Bewegung unter ihr würde dem Räuber einen Wink zur Flucht geben.« Die Nachricht wurde von den Offizieren mit Jubel begrüßt, sie nahmen ihre Waffen, verbargen sie aber unter der Matrosenjacke, bedeckten sich gleichfalls mit Hüten und eilten nun auf das Verdeck. Sämmtliche Mannschaft wurde hervorgerufen, Alle begaben sich auf ihre Posten, die Kanonen wurden zum Gebrauch fertig gemacht und die Waffen in Bereitschaft gehalten. 466 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Der Capitain, der sich auf dem obern Verdeck mit dem Rücken gegen die starken Taue, die nach den Masten hinaufführten, auf die Brüstung gesetzt hatte und seine Cigarre rauchte, als ob ihn im Augenblick kein besonderes Interesse belebe, rief einen der Steuerleute, Namens Karnas, zu sich herauf. Ein alter, wettergebräunter Seemann, der an dieser Küste geboren war und seit seiner frühsten Jugend die Fischerei an derselben und zwischen den gegenüberliegenden Inseln betrieben hatte, trat zu dem Capitain und wollte in vorgeschriebener Stellung seinen Befehl entnehmen, dieser aber deutete ihm an, es zu unterlassen und sich auf die Bank vor ihm niederzusetzen, denn er wußte, daß wenn das herankommende Schiff der Sturmvogel sei, er von den Piraten sicher beobachtet wurde. »Wenn jenes Fahrzeug das Raubschiff ist, so könnte es sich leicht begeben, daß Du Deine Kenntniß von dem Fahrwasser zwischen jenen Inseln erproben lassen müßtest, denn wenn der Capitain uns zu früh erkennt, so flüchtet er sich sicher, in der Voraussetzung, daß wir ihm nicht folgen würden, dort hinein. Ich bin aber entschlossen, ihm nachzusegeln, so lange mein Schiff noch ein Stück Leinen tragen kann«, sagte Forney zu dem Steuermann und sah ihn fragend an. »Sie können die Perseverance meiner Führung anvertrauen, ich kenne einen jeden Paß zwischen jenen Felsen und weiß genau, wie tief das Fahrwasser ist. Stellen Sie mich, wenn es darauf ankommt, an das Steuer, und wo ich unsere Brigg hineinfahre, bringe ich sie auch wieder heraus; nur muß mir allein das Commando übertragen und rasch und pünktlich meinem Befehl Folge geleistet werden«, erwiederte der Steuermann mit großer Ruhe. »Das soll geschehen, Karnas; wenn jenes Schiff nur der Pirat wirklich ist. Es kommt auf uns zu. Nimm mein Fernglas dort von der Bank und gehe auf das Verdeck hinunter hinter den Mast, dort kannst Du zwischen ihm und der Küche hindurchblicken, ohne daß man Dich von jenem Schiffe gewahrt. Sage mir dann, was für Segel es trägt.« Der Steuermann folgte sogleich dem Befehl des Capitains und nahm mit dem Fernglas den ihm bezeichneten Stand ein. Nachdem er eine Weile nach dem fremden Schiffe hingesehen hatte, rief er: 5 10 15 20 25 30 35 467dRittER BaNd • siEBENuNdZwaNZigstEs KapitEl »Am vordern Mast trägt es ein sehr großes Schoonerseegel und am hintern Mast ist es wie eine Brigg aufgetakelt. Sein Rumpf ist schwarz mit breiten rothen Streifen.« »Das sind die Segel des Sturmvogels, in Baltimore aber war er ganz schwarz; als er den Lion in den Grund bohrte und die Tritonia verfolgte, war er weiß, und jetzt hat er ein buntes Kleid angethan. Was kannst Du von seiner Mannschaft erkennen?« rief der Capitain auf das Verdeck hinab. »Es sind sechs Matrosen um ein Boot beschäftigt, welches zwischen den Masten zu stehen scheint; ich kann es nicht genau erkennen.« »Siehst Du eine lange Kanone auf dem Verdeck?« »Nein Capitain,« rief der Steuermann und hielt das Glas fest auf das Schiff gerichtet, welches rasch näher kam. Eine Todtenstille herrschte auf der Perseverance, doch die Herzen der Soldaten schlugen schneller und lauter. »Jetzt steht ein sehr großer Mann mit langem schwarzem Bart auf dem obern Verdeck und sieht durch ein Fernglas nach uns her,« rief der Steuermann nach einer langen Pause. »Das ist der Pirat!« schrie Forney jetzt jubelnd auf, ohne jedoch seine Stellung zu ändern. »Es gilt, Kameraden – er, oder wir!« Wohl auf eine Entfernung von einer Meile zog das fremde Schiff schräg vor der Perseverance vorüber, da es den Wind gegen sich hatte und laviren mußte, bald aber wandte es sich durch denselben und kam nun von der linken Seite her auf das Kriegsschiff zu. »Er hält uns für einen Kauffahrer und will uns nehmen. Laßt ihn ruhig herankommen. Bring mir jetzt das Fernglas herauf, Karnas, es kann ihm nun nicht auffallen, daß ich ihn betrachten will,« rief Forney und der Steuermann folgte sogleich seinem Befehl. Der Capitain blieb ruhig auf der Brüstung sitzen und richtete das Glas nach dem heransegelnden Fahrzeug. »Es ist der Pirat, kein Zweifel, alle Beschreibungen passen. Hallo, jetzt zeigt er uns die Zähne, unter dem Boote, welches nun weggenommen ist, stand die Kanone. Rührt Euch noch nicht, laßt ihn näher kommen!« rief der Capitain; doch in diesem Augenblick machte der Sturmvogel eine Wendung von der Perseverance ab, und steuerte Ost Nordost den Inseln zu. 468 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Er hat uns erkannt, gebt ihm eine Breitseite!« schrie Forney, indem er aufsprang und dem Mann am Steuer winkte, das Schiff seitwärts zu wenden. Die Kanonenluken flogen auf und die Geschütze brüllten ihren Donner über die Wogen. Der Pirat aber antwortete sofort und seine Kugel zischte brausend zwischen den Masten der Perseverance durch. Zugleich setzte er frische Segel auf und zog die schon stehenden straffer an. Nach wenigen Minuten aber hatte auch die Perseverance alle ihre Flügel entfaltet und jagte dem fliehenden Sturmvogel nach, der in gerader Richtung den Felsen zusteuerte, die bald deutlicher und in zahlloser Menge aus dem Meere aufstiegen. »Karnas, jetzt nimm das Commando, geh an das Steuer und thue Deine Pflicht,« rief der Capitain dem Steuermann zu und Dieser ergriff das Ruder. Trotzdem, daß der Sturmvogel jedes Segel entfaltet hatte, welches er zu tragen im Stande war, so rückte doch die Brigg ihm mit jeder Minute näher, aber auch die Entfernung bis zu den Felsen vor ihm verringerte sich rasch. Schwarz und schroff, wie Leichensteine auf einem Kirchhof, stiegen sie in allen Richtungen, in allen Formen über der See auf, und die Wogen schossen an ihnen in die Höhe und stürzten sich schäumend in das Meer zurück. Zwei ungeheuere zackige Klippen standen, wie die Pfeiler eines Riesenthors, zu einander hingeneigt sich drohend gegenüber, und rechts und links hinter diesem Eingang bildeten unzählige große und kleine Felsmassen eine wogende Straße in dies schaumbewegte Labyrinth. Nach diesem Thor richtete der Sturmvogel seinen Lauf. »Dachte ich es mir doch, daß er diesen Weg nehmen würde, es ist der gefahrvollste, der durch die Inseln führt,« sagte Karnas lächelnd zu dem Capitain, der an seiner Seite stand und mit sichtbarer Ungeduld seine kampfbegierigen Blicke auf den Piraten geheftet hielt. Nur noch einige hundert Schritte weit war die Brigg von dem Raubschiff entfernt, als dieses das Felsenthor erreichte und sein schwarzer Körper in dem Schaummeer verschwand, welches um ihn aufstieg und sich von den Klippen herab über ihn hinstürzte; nur die Segel sahen, wie die Flügel eines Schwanes, aus dem Gischt hervor und deuteten der Perseverance die Richtung an, die es nahm. 5 10 15 20 25 30 35 469dRittER BaNd • siEBENuNdZwaNZigstEs KapitEl Wenige Augenblicke später schoß auch die Brigg in die Felsenöffnung und ward donnernd und zischend von dem Schaum der Wogen eingehüllt, die, aus dem engen Raum gedrängt, hoch an den Klippen aufstiegen und sich brausend von ihnen zurückstürzten. Die Männer auf dem Verdeck standen lautlos und unbeweglich mit verhaltenem Athem da, denn mit jedem Augenblick glaubten sie, das Schiff müsse an den nahen Klippen, zwischen denen es hinstürmte, zerschellen. Der Kapitain stand mit untergeschlagenen Armen neben dem Steuermann und sah bald nach dessen Gesicht, bald nach den fliegenden Segeln des Piraten, doch Karnas hielt das Ruder mit eiserner Kraft in seinen gebräunten Händen, stemmte sich mit gebogenem Knie gegen dasselbe an, und hielt seine blitzenden Augen entschlossen auf die Felsen geheftet, die sich links und rechts vor ihm in dem Gischtgewölk aufthürmten. »Was wirft er über Bord?« rief Forney aus und zeigte nach dem Sturmvogel hin. »Es schien mir eine weibliche Gestalt zu sein. Ganz Recht, noch eine, und wieder eine!« antwortete Karnas, der Sprühregen aber, der jetzt zwischen den Schiffen aufwirbelte, ließ weiter nichts von dem Beginnen auf dem Piraten gewahren. Im Sturmlauf jagten die Schiffe vorwärts und erreichten bald zwei ungeheuere Felsenmassen, die zwischen sich kaum Raum genug zu bieten schienen, um die Fahrzeuge durchzulassen, der Sturmvogel aber schoß hindurch, ohne die steinigen Wände zu berühren und ihm nach die Brigg. Es war ein Augenblick zwischen Leben und Tod, zu beiden Seiten lagen nur wenige Schritte Entfernung zwischen dem Schiffe und den schwarzen Steinmassen, man fühlte, wie sein Kiel auf dem Grunde aufstieß, eine schwere Woge hob es empor und warf es aus der Schlucht hinaus in offenes Wasser. »Die Gefahr ist vorüber, Kapitain!« rief jetzt der Steuermann frohlockend, nun hat er das Spiel verloren.« Dann rief er den Matrosen zu, die Segel strammer anzuziehen und steuerte nun ohne Anstrengung dem Raubschiff nach, denn die Klippen lagen hier weit auseinander und die Wogen rollten ungehindert ihren Weg. Bald hatte sich die Entfernung zwischen den beiden Schiffen so verringert, daß die Mannschaften derselben sich einander mit Büchsenkugeln erreichen konnten und ein gegenseiti- 470 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ges lebhaftes Feuern begann. Hierbei waren aber die Schützen der Brigg in großem Vortheil, denn diese ragte bedeutend höher über dem Wasser empor, als der Sturmvogel, so daß man von der Perseverance auf das Verdeck des Raubschiffes hinabsah und gegen die Schüsse seiner Mannschaft durch die hohe Brüstung gedeckt wurde. Die Schiffe hatten jetzt ganz offene See erreicht, als plötzlich der Sturmvogel eine Wendung zur Seite machte, seine Segel fallen ließ, ein Augenblick nachher seine Seite sich krachend gegen die der Brigg legte, und die Piraten die Enterhaken auf dieselbe warfen. Die Perseverance, in ihrem Laufe aufgehalten, drehte sich mit dem Raubschiff im Kreise, während Flournoy mit seiner Mannschaft auf das Verdeck der Brigg sprang. In eine dichte Wolke von Pulverdampf eingehüllt, begegneten sich die Kämpfer, Mann gegen Mann, unter dem Donner von Pistolen und Gewehrfeuer und laut erklangen die Schwert- und Axthiebe dazwischen. Wuth und Verzweiflung machten sich den Sieg streitig, bald aber verwehte der Pulverdampf und ließ den kämpfenden Haufen erkennen, der sich über die Leichen hin zurück nach dem Verdeck des Piraten drängte. Forney mit dem Schwert in der Faust focht an der Spitze seiner Leute und erkannte jetzt den Piratencapitain, wie er mit einer Pistole in der Hand auf sein Verdeck sprang und seiner Cajüte zueilte. Forney ahnte dessen Absicht: Feuer in die Pulverkammer zu werfen und dann war es um beide Schiffe und um die Mannschaften beider geschehen; mit fliegenden Sätzen folgte er Flournoy, riß eine Pistole aus dem Gürtel, als er in das Vorzimmer drang, und feuerte sie nach Jenem ab, der bereits die Kajüte erreicht hatte. Die Pistole, welche der Pirat hielt, entfiel beim Schuß seiner Hand, er griff sie aber blitzschnell mit der Linken auf, warf einen hohnlachenden Blick nach Forney hin, und drückte die Waffe in die Pulverkammer gerichtet ab, die sich unter der Cajüte befand. Die Pistole versagte, im nächsten Augenblick hatte Forney den Räubercapitain bei der Kehle erfaßt und stürzte ihn auf den Divan nieder. Flournoys rechter Arm war zerschmettert und sein linker war nicht stark genug, dem kräftigen jungen Mann zu widerstehen. Dennoch rang er mit ihm auf Tod und Leben und suchte sich un- 5 10 15 20 25 30 35 471dRittER BaNd • siEBENuNdZwaNZigstEs KapitEl ter ihm hervorzuwinden, da kam Karnas seinem Capitain zu Hülfe und nun wurden sie des Piraten Meister. Mit Leibbinden und Halstüchern hatten sie ihn nach wenig Augenblicken an Händen und Füßen geknebelt, dann ließ Forney den Steuermann als Wache bei ihm und sprang mit dem Degen in der Faust auf das Verdeck zurück. Der Sieg war entschieden, die Piraten waren überwältigt und die Sieger beschäftigt, dieselben zu binden. Unter den Gefangenen befand sich auch der mit Wunden bedeckte Obersteuermann Ritcher, der geknebelt vor dem Eingange der Cajüte lag und wuthschäumend verfluchte, daß es ihm nicht gelungen sei, die Pulverkammer zu erreichen und das Schiff in die Luft zu sprengen. Außer Diesem und Flournoy waren noch dreizehn Piraten gefangen genommen, die übrigen, einige dreißig an der Zahl, waren getödtet. Aber auch Forney hatte den Tod vieler seiner Braven zu beklagen, denn außer zweiundzwanzig seiner Mannschaft waren zwei seiner Officiere erschossen. Der Sieg war vollständig, die Gefangenen wurden an Bord der Perseverance gebracht, dort mit Ketten belastet, ihre Wunden verbunden und Wachen bei sie gestellt. Capitain Forney übertrug nun das Commando auf dem Sturmvogel dem Steuermann Karnas und gab ihm die Mannschaft, die nothwendig war, ihn zu bedienen, wonach ihm selbst zum Regieren der Brigg kaum Leute genug übrig blieben. Er gab aber Karnas den Befehl, so lange es Wind und Wetter erlaube, in seiner Nähe zu bleiben, damit der Eine dem Andern im Nothfall beistehen könne. Ehe jedoch die Schiffe getrennt wurden, und nachdem die Leichen der Piraten über Bord geworfen waren, beeilte man sich, den gebliebenen Kameraden ein ehrenvolles Begräbniß zu geben. Sie wurden nach seemännischem Gebrauch in das Meer versenkt und die Geschütze riefen ihnen ein letztes Lebewohl nach. Dann begab sich Karnas mit seiner Mannschaft auf den Sturmvogel, die Schiffe wurden getrennt, über beiden stiegen die Segel wieder auf, und beide richteten ihren Lauf nördlich der Cheasepeake-Bay zu. Eine gänzliche Windstille von mehr als einer Woche und dann ungünstige sehr leichte Winde ließen für beide Fahrzeuge nur eine außerordentlich lange Reise zu und steigerten die Sehnsucht der 472 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 siegreichen Mannschaften von Tag zu Tag mehr, Baltimore zu erreichen und ihrem Volke die Nachricht von dem glücklichen Erfolg ihrer Sendung zu verkünden. Endlich erreichten sie Cap Henry, steuerten in die Bay, und beim Vorüberfahren an der Mündung des Jamesflusses, setzte Forney sein Segelboot mit zwei Matrosen aus, um die Glücksbotschaft nach Norfolk an den Commodore Perrywill zu bringen. Am folgenden Morgen veröffentlichten die Zeitungen in Baltimore einen ausführlichen Bericht über Flournoys gräßliche That an der Mannschaft und den Passagieren der Clementine und brachten dadurch eine sehr große Aufregung unter den Bewohnern der Stadt hervor. Der Unwille machte sich durch Schmähungen und Verwünschungen gegen die Marine laut Luft, allenthalben wurden Zusammenkünfte verabredet, um ernste Beschwerden gegen dieselbe in Washington vorzubringen, und der sonst so hoch gefeierte Name des alten Perrywill wurde in nicht ehrenvoller Weise genannt. Dieser würdige alte Seemann war zufällig in Baltimore und auf dringende Bitte des Präsidenten Forney bei Diesem abgestiegen. Die Unbilden, die man sich gegen ihn erlaubt hatte, waren zu seinen Ohren gekommen, im Bewußtsein aber, seine Pflicht nach besten Kräften gethan zu haben, setzte er sich darüber hinaus und lebte der Hoffnung, daß der Pirat entweder durch die nach ihm ausgesandten Schiffe gefangen werden, oder sich von dieser Küste weit entfernen und eine andere Weltgegend zu seinen Unternehmungen wählen würde. Perrywill saß nach dem Mittagsessen bei seinem Freunde Forney an der abgedeckten Tafel bei einem Glase Madeira und rauchte gemüthlich eine feine Havannahcigarre, als plötzlich das Rasseln eines Wagens, dessen Pferde in Carriere aus der Marketstraße herangesprengt zu kommen schienen, durch die offenen Fenster zu den Ohren der beiden alten Herren drang. »Nun, Der muß ja große Eile haben!« sagte der Commodore, indem er sich aus dem Lehnstuhl erhob und an das Fenster schritt, um zu sehen, was für ein Wagen es sei. In diesem Augenblick aber fuhr der Fiacre schon vor das Haus, der Kutscher hielt die Pferde an und Capitain Forney sprang aus dem Schlag. Sein erster Blick begegnete dem Commodore, Beide 5 10 15 20 25 30 35 473dRittER BaNd • siEBENuNdZwaNZigstEs KapitEl fuhren überrascht zurück und stießen in ihrer Verwunderung ihre gegenseitigen Namen aus. Capitain Forney war jedoch rascher mit dem Worte bei der Hand, als der alte Herr, rief diesem zu: »Ich bringe Ihnen den Piraten Flournoy« und sprang die Treppe hinauf. Ein lautes Hurrah, welches der Commodore in dem Zimmer jubelnd erschallen ließ, erreichte das Ohr des Capitains, als er noch einige Augenblicke ungeduldig vor der verschlossenen Hausthür stand, dann flog dieselbe auf und der Präsident empfing seinen Sohn mit offenen Armen. »Komm her, mein Junge, auch der alte Commodore, der Dich hundert Mal auf seinem Knie hat reiten lassen, will Dir seinen Dank dafür abstatten, daß Du ihm seinen guten Namen gerettet hast; denn es fehlte heute nicht viel, so hätte man ihn getheert und gefedert.« Mit diesen Worten schlang Perrywill seine Arme um den jungen Mann und drückte ihn zärtlich an seine Brust. »Wir fingen ihn in den Bahamainseln, der Sieg kostet uns aber viele brave Cameraden,« sagte Max Forney im Uebermaße seines Verlangens, den Hergang zu berichten. »Oho, halt, Herr Capitain, so wird kein Bericht an den Commodore abgestattet. Man fängt hübsch von vorn an, und dann langsam und deutlich und nichts vergessen und nicht eher berichtet, als man dazu aufgefordert wird. Komm einmal erst herein an den Tisch und mache Dir die Lippen naß, wir haben gerade die rechte Sorte bei der Hand, und vor Allem eine Lunte angebrannt, von der Havannahsorte, und dann will ich schon das Commando geben. Nichts übereilt, mein Sohn!« sagte der seelenvergnügte alte Herr, indem er Arm in Arm mit dem jungen Mann nach dem Zimmer schritt, wo der Wein noch auf dem Tische stand. Max mußte sich nun zwischen den Commodore und seinen Vater in einem Lehnsessel niederlassen, Perrywill füllte die Gläser und verneigte sich, indem er das seinige ergriff, gegen den Capitain mit den Worten: »Zuerst meinen Dank für die Nachricht und einen Willkommen von Grund meines Herzens.« 474 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Alle Drei hatten ihre Gläser geleert, worauf der Commodore eine goldene Büchse aus der Tasche hervorzog und Max die Cigarren in derselben hinhielt. »Nun die Lunte angebrannt,« sagte er und zündete an dem vor ihm stehenden Lichte einen Fidibus für den jungen Mann an. Dann legte er sich in den Armsessel zurück und sagte: »Den Bericht, Herr Capitain!« Max begann nun seine Erzählung von dem Augenblick an, wo er auf der Perseverance Norfolk verlassen hatte und berichtete genau seine vergebenen Auf- und Abfahrten an der Küste, wobei ihm Perrywill in größter Ruhe zuhörte und nur von Zeit zu Zeit die Frage einschaltete: »Der Wind?« worauf Max dann den nannte, der um jene Zeit geweht hatte. Als er aber mit seinem Bericht bis zu dem Augenblick gelangte, wo er des Sturmvogels ansichtig geworden war, wurde der alte Seemann unruhig, setzte sich in dem Sessel gerade, stemmte seine beiden Hände auf dessen Lehnen, beugte sich nach Max vor und hing mit seinen Blicken an dessen Munde, als zähle er jedes seiner Worte. Wie nun der Capitain berichtete, daß der Pirat seine Kanone entblößt, schoß dem Commodore das Blut in die Wangen, seine Augen funkelten und indem er den Arm erhob, als schwänge er den Degen, rief er: »Lucken auf, Feuer, Donner und Wetter, in den Grund mit ihm!« Jetzt war der Faden der Erzählung gebrochen und der alte Soldat gab Max keine Zeit mehr, ihn wieder aufzugreifen, er fragte ihn bald nach Diesem, bald nach Jenem, rief einzelne Commandos dazwischen, und als der Capitain nun gar sagte, daß die Piraten die Perseverance geentert hätten, da sprang er mit einem schallenden Hurrah und mit gehobener Faust auf, als stürze er selbst jetzt in den Pulverdampf hinein. Immer wieder von dem begeisterten alten Manne unterbrochen, kam Max mit seinem Bericht zu Ende, Jener schlug ihn in jugendlicher Aufregung herzhaft auf die Schulter und schüttelte dann mit inniger Freude seine Hand, indem er sagte: »Brav, Capitain Forney, auf solche Officiere darf sich die Ehre unserer Flagge stützen!« Der Präsident hatte mit väterlichem Stolze der Erzählung seines Sohnes zugehört und mit Wohlgefallen die Freude seines al- 5 10 15 20 25 30 35 475dRittER BaNd • siEBENuNdZwaNZigstEs KapitEl ten Freundes getheilt, er drückte Max mit einem Blick vollster Anerkennung die Hand und sagte dann zu ihm: »Als Belohnung will ich Dir nun auch eine Freudennachricht mittheilen. Frank Arnold ist unter den Erwählten, die bei dem Empfang des Generals Lafayette Georgien vertreten sollen und wird mit Eleanor im August zu uns kommen. Wenn der Commodore Dir bis dahin Ruhe gönnt, so wirst Du sie Beide hier sehen.« »Ei freilich, die Perseverance muß ausbessern, sie hat ja den Kiel auf den Felsen gestoßen. Und dann muß die Mannschaft ersetzt werden. Max bleibt vor der Hand bei uns und ruht auf seinen Lorbeern. Jetzt aber, alter Freund, laß schnell Deinen offenen Wagen anspannen, damit die Bewohner von Baltimore den Mann sehen können, der unsere Küsten von dem Piraten befreit hat. Wir müssen zusammen nach der Point fahren, um uns die Burschen einmal anzusehen, ehe sie in das Gefangenhaus abgeliefert werden«, sagte Perrywill zu dem Präsidenten, der sogleich den Befehl gab, den Wagen vorzufahren. Bis derselbe vor dem Hause erschien, hatte der Commodore noch unzählige Fragen an den Capitain zu richten, dann bestiegen sie alle Drei die zurückgelegte Carrosse und fuhren in langsamem Trabe in der langen Marketstraße hinunter. Von beiden Trottoirs her wurden ihnen Grüße zugewinkt, man wehte mit Tüchern, schwenkte die Hüte und manches Hurrah für die Marine erscholl unter den Vorübergehenden, denn die Kunde von der Gefangennehmung des Piraten hatte sich wie ein Lauffeuer über die ganze Stadt verbreitet und Tausende eilten nach der Point, um den Sturmvogel und die Räuber zu sehen. Dieses Schiff, sowie auch die Perseverance lagen in einiger Entfernung von den Werften vor Anker, und als Forney’s Wagen vor dem Eingange desjenigen anhielt, an welchem das Boot des Capitains auf ihn wartete, war der ganze Platz mit Neugierigen gefüllt, welche die Piraten zu sehen wünschten. Mit donnerndem Jubel wurde der Commodore, sowie Max von der Menge begrüßt, man drängte sich zu ihnen hin, ein Jeder wollte den Helden sehen, der das Ungeheuer gefangen hatte, ein Jeder wollte ihm die Hand reichen, und Viele versuchten, für Augenblik- 476 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ke seine Aufmerksamkeit zu fesseln, um einige passende Worte des Lobes an ihn zu richten. Unter diesen letzteren war auch die lange, hagere Gestalt des Schuhmachers Sukop, welcher vor ihn trat, von Tapferkeit und Verdienst, von Glorie und Lorbeern sprach und erzählen wollte, daß die Piraten auch einen nächtlichen Raubversuch an den Gütern gemacht, die er zu bewachen gehabt habe; Max aber schob ihn mit einer Verbeugung zur Seite, ließ den Commodore sowie seinen Vater vorangehen und erreichte mit ihnen nicht ohne Aufenthalt sein Boot. Sie hatten kaum darin Platz genommen, als dasselbe, durch die kräftigen Ruderschläge von sechs Seeleuten getrieben, über den Wasserspiegel nach der Perseverance hinschoß, deren Verdeck sie nach wenig Minuten erreichten. Der Commodore wurde von der in Reih’ und Glied aufgestellten Mannschaft mit dem militairischen Gruße empfangen, worauf der alte Seemann zu den Leuten hintrat, ihnen eine anerkennende Lobrede hielt und sie seiner Liebe und Berücksichtigung bei vorkommender Gelegenheit versicherte. Zuerst begab er sich, von den beiden Forneys begleitet, über den Steg, welcher von einem Schiffe zum andern gelegt war, auf den Sturmvogel, um ihn in Augenschein zu nehmen. Capitain Forney führte ihn und seinen Vater in die Cajüte und ließ dort den Fußboden über der Pulverkammer aufheben, wohinein Flournoy die Pistole abzufeuern versucht hatte. Nachdem man die künstliche Anlage dieses geheimen Raumes bewundert und die Cajüte selbst betrachtet hatte, ging man zu der großen Kanone, die so manchem Schiffe, so manchem Menschen das Grablied zugedonnert hatte, und dann wurden die untern Räume des Schiffes besehen, die sicher Zeugen unzähliger Gräuelthaten gewesen waren. Als der Commodore mit seinen Begleitern auf die Perseverance zurückkehrte, gab er den Befehl, die Gefangenen auf das Verdeck zu führen, um sie von da nach dem Gefangenhause bringen zu lassen. Flournoy erschien an ihrer Spitze, schwer mit Ketten belastet und mit dem zerschossenen Arm in der Binde. Mit fester, stolzer Haltung trat er vor den Commodore, wie das gefangene Raubthier, 5 10 15 20 25 30 35 477dRittER BaNd • siEBENuNdZwaNZigstEs KapitEl das nur darum seinen Besieger nicht angreift, weil es die Kraft nicht besitzt, seine Fesseln zu zersprengen. Kein Blick, kein Zug auf seinem Gesicht verrieth Bangigkeit oder Demüthigung, wohl aber blitzten seine dunkeln Augen seinem Sieger verbissene Wuth entgegen. In seinen sämmtlichen Gefährten war dieselbe verstockte Reuelosigkeit zu erkennen und Niemand konnte ohne Schauder auf diese grimmige Mordschaar blicken. Auch den Commodore und den Präsidenten erfüllte der Anblick dieser Unmenschen mit Entsetzen, und Perrywill wandte sich mit Widerwillen von ihnen ab und gab den Befehl, sie fortführen zu lassen. Sie wurden auf das Werft hinuntergebracht, eine Abtheilung Seesoldaten nahm sie in ihre Mitte und Capitain Forney selbst begleitete sie, um sie der Gerechtigkeit zu überliefern. Das Volk, welches sich in sehr großer Zahl versammelt hatte, gerieth bei dem Anblick der Piraten in gewaltige Aufregung, doch schützte sie die Bedeckung gegen dessen Wuth, die sich in lauten Verwünschungen und Flüchen Luft machte. Dem Capitain Forney aber und seiner Mannschaft brachte man stürmische Hurrah’s und viele Hunderte folgten ihnen über den öden Platz nach der Stadt und bis zu dem Thore des Gefangenhauses. 478 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 28. Das Gericht. – Sympathie. – Der Bekehrte. – Die Menagerie. – Hinrichtung. – Der Volksfreund. – Festlicher Empfang. – Begeisterung. – Der Festzug. – Banquet. – Triumphzug. – Der Sohn. – Die Großmutter. Die Nachricht über das Schicksal der Piraten wurde schnell durch die Zeitungen über die ganzen Vereinigten Staaten verbreitet, allenthalben mit gleichem Jubel begrüßt und von Nahe und Fern eilten Fremde nach Baltimore, um dem bevorstehenden Gerichte über sie beizuwohnen. Dasselbe wurde auch bald eröffnet, der Zudrang zu dem Gerichtsgebäude während der ersten Tage war aber so groß, daß man nicht ohne Gefahr, erdrückt zu werden, zu dem Saal gelangen konnte, in welchem die Verhandlungen stattfanden. Flournoy erschien stets in ganz eleganter, sauberer Toilette, benahm sich anständig und höflich in den Verhören, gestand Alles ein, nur behauptete er, niemals selbst Blut vergossen zu haben. Er sei, sagte er, durch Mißgeschick zu dem schrecklichen Handwerk eines Piraten getrieben und dann durch seine Mannschaft gezwungen worden, dabei zu beharren, doch an seinen Händen klebe kein Tropfen Blut, und das, welches durch sein Mitverschulden vergossen sei, bereue er von Grund seines Herzens. Er führte an, daß ihn ja Nichts dazu treibe, so zu reden, indem sein Geschick ihn unwiderruflich dem Tode weihe, er wolle aber nicht mehr Schuld auf sich lasten sehen, als ihn wirklich träfe, und wünsche, Vergebung von seinen Mitbürgern mit sich in das Grab zu nehmen. 5 10 15 20 25 30 35 479dRittER BaNd • achtuNdZwaNZigstEs KapitEl Der Matrose, welcher sich von der Clementine gerettet hatte, zeugte ihn zwar des Mordes an dem Pfarrer, Flournoy läugnete die Aussage jedoch fest ab und hob seine Hände dabei als blutrein empor. Die übrigen Verbrecher gaben beinahe gar keine Antwort oder bejaheten Alles, was man sie fragte, denn sie wußten, daß man sie unfehlbar hängen würde, und Mehr konnte man ihnen nicht thun. Jeden Morgen, wenn die Gefangenen von dem Zuchthaus nach dem Gerichtsgebäude geführt wurden, waren die Straßen zwischen beiden gedrängt mit Zuschauern angefüllt, unter denen sich auffallend viele Frauenzimmer befanden. Den schönen Capitain Flournoy mußte man gesehen haben; er hatte etwas so Vornehmes, man konnte es auf seinen edlen Zügen lesen, daß er selbst sicher nie grausam gewesen war, und es hatte sich ein Gerücht verbreitet, daß ihn eine unglückliche Liebe dazu gebracht habe, Seeräuber zu werden. Er war der Gegenstand der Unterhaltung in allen Familien, in allen Gesellschaften, und sonderbarer und unbegreiflicher Weise wurde ein unverkennbares Mitleid für ihn bei dem schönen Geschlecht Baltimores rege. Trotz dieser Sympathie, welche sich während der Gerichtsverhandlungen von Tag zu Tag gesteigert und immer lauter kund gegeben hatte, ward er durch die Geschworenen mit seinen sämmtlichen Gefährten schuldig befunden und von dem Gericht zum Tode durch den Strick verurtheilt, worauf ihnen bis zur Vollstrekkung dieses Spruches noch zehn Tage zu leben gestattet wurde. Jetzt war es Jedermann erlaubt, die Verurtheilten in ihren Zellen zu besuchen, und am ersten Morgen schon verlangten Hunderte, zu Capitain Flournoy, dessen Arm vollständig wieder geheilt war, eingelassen zu werden. Das ziemlich große Zimmer, welches er bewohnte, war reich möblirt, in Vasen und Gläsern prangten die herrlichsten Blumen, die ihm von zarter Hand zugesandt worden waren, und er selbst erschien in feinem schwarzem Anzug angethan, um die Besuche zu empfangen. Sein schönes schwarzes Haar hing in reichen Locken um seinen Nacken, sein gekräuselter, langer, glänzender Bart reichte bis auf den blendend weißen, fein gefalteten Busenstreif seines Hemdes herab, und seine schönen Hände waren mit in Falten gelegten Manschetten umgeben. 480 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Auffallend war die große Zahl der Damen, die sich bei dem verurtheilten, schönen Räuberhauptmann einfand, und in den zarten Worten und feinen Aufmerksamkeiten, womit derselbe sich mit ihnen unterhielt, konnte man den dem Tode Verfallenen nicht erkennen. Er sprach laut sein Glück darüber aus, daß die Damen Baltimores ihm seine Verirrungen vergeben wollten und betheuerte, daß deren Mitleid ihm seine Todesstunde versüßen würde. Der Zufall hatte es gewollt, daß eine bedeutende Menagerie in dem großen, von einer haushohen Mauer umgebenen Hofe vor dem Gefangenhause zu sehen war, so daß die Damen sich, ohne daß es sehr auffiel, dorthin begeben konnten, und einmal in dem Hofe, war die Thür, die zu dem schönen Manne führte, leicht erreicht. Die Besuche bei ihm brachen während des ganzen Tages nicht ab, und unermüdet führte Flournoy mit großer Gewandtheit und Lebendigkeit die Unterhaltung, gab alle verlangte Auskunft über sein vergangenes Leben und sprach stets mit der glühendsten Begeisterung von den Damen. Er wußte einer Jeden nach Gefallen zu reden, sowie ihr Mitleid für sich selbst einzuflößen, und die gefühlvollen Blicke seiner wunderbar schönen, dunkeln Augen drangen tief in ihre Herzen ein. Es verging keine Stunde des Tages, in der ihm nicht Leckerbissen der verschiedensten Art und die feinsten Weine zugesandt worden wären, Blumensträuße mit kleinen, von zarter Hand geschriebenen Billetten wurden ihm überbracht und selbst in den öffentlichen Blättern erschienen poetische Ergüsse zu seinen Gunsten. Aber auch in den Abendstunden war Flournoy nicht allein, es gingen viele Männer bei ihm ein und aus, von denen man wußte, daß sie der Methodistenkirche angehörten, und unter ihnen befanden sich namentlich Geistliche dieses Glaubensbekenntnisses. Die Abende verbrachte er mit ihnen in religiösen Unterhaltungen, es wurde gebetet und gesungen, und oft noch spät in der Nacht tönten die frommen Lieder aus den offenen Fenstern der Zelle des Räuberhauptmanns hervor. Je näher der verhängnißvolle Tag der Hinrichtung rückte, um desto wärmer und lauter wurde die Teilnahme für den unglücklichen, verirrten, reuigen Mann, und es ward verkündet, daß er sich bekehrt, daß er seine Sünden abgeworfen, daß er Methodist geworden war. 5 10 15 20 25 30 35 481dRittER BaNd • achtuNdZwaNZigstEs KapitEl Auf das Gesetz und das Urtheil, welches dasselbe gefällt, hatte weder die Theilnahme für Flournoy, noch seine Bekehrung irgend einen Einfluß, er blieb dem Strange verfallen. Der Morgen der Hinrichtung erschien; in dem Hofe vor dem Gefangenhause waren fünfzehn Galgen erbaut und Kopf an Kopf war der große Raum mit Menschen gefüllt. Ehe die Stunde kam, welche die Verbrecher dem Tode überliefern sollte, drängten sich die Zuschauer zu der langen Reihe von Käfigen hin, in welchen die wilden Thiere zu sehen waren, unter denen namentlich viele Prachtexemplare von Löwen und Tigern sich befanden; doch als es eilf schlug, richteten sich Aller Blicke nach der Thür, aus welcher die Verurtheilten hervorkommen mußten. Flournoy eröffnete, von mehreren Geistlichen begleitet, den Zug, ging festen, doch demüthigen Schrittes nach dem mittelsten Galgen hin und erstieg das verhängnißvolle Brett. Ritcher wurde der Platz zu seiner Rechten angewiesen und sämmtliche Piraten hatten bald den Standpunkt erreicht, von welchem sie in die Ewigkeit hinüber schreiten sollten. Eine ununterbrochene Stille herrschte unter den Tausenden, die hier versammelt waren, um fünfzehn Menschen mit dem Tode ringen zu sehen; da hob sich Flournoy zu seiner vollen Größe auf und bat mit lauter Stimme darum, noch einige Abschiedsworte an seine, von ihm so schwer beleidigten Brüder und Schwestern richten zu dürfen. Er sprach unbefangen mit kräftiger Stimme. Er schilderte, wie Mißgeschick ihn nach und nach von dem Pfade der Tugend abgeleitet habe, wie sein besseres Selbst ihn fortwährend gemahnt, den Weg des Verbrechens wieder zu verlassen, wie aber die Verhältnisse des eisernen Schicksals ihn gefesselt und wie er vergebens gerungen habe. Er stellte sich als warnendes Beispiel hin und bat einen Jeden seiner Brüder, der sich von dem rechten Wege entfernt habe, sich der Kirche in die Arme zu werfen, die ihn retten würde, wie sie selbst ihn noch gerettet habe; denn er fühle sich jetzt rein von allen Sünden und scheide mit frohem, freudigem Herzen aus dieser Welt voll Mängel, um von dem Himmel empfangen zu werden. Er sprach lange und sprach zum Herzen, was die vielen Thränen bezeugten, die ihm unter der Menge entgegenglänzten. 482 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Dann nahm er Abschied von den Geistlichen, dankte ihnen für ihren Beistand, dem er seine Rettung zu verdanken habe, und gab dem Richter einen Wink, daß er zum Tode bereit sei. Die Schlinge, die um seinen Nacken lag, wurde nochmals genau untersucht und sorgfältig zurechtgeschoben, die leinene, weiße Mütze ward Flournoy über das Gesicht gezogen, noch ein Wink von dem hohen Richter, die Bretter, auf denen die Verurtheilten standen, fielen unter ihren Füßen weg und alle fünfzehn stürzten hinab und hingen zwischen Himmel und Erde. Alle, außer Flournoy, schnellten sich, als sie der Strick im Fallen aufhielt, hoch in die Luft und schlugen mit den Armen und Beinen um sich, doch der Capitain hing regungslos da, als sei das Leben schon während des Falles aus ihm gewichen. In diesem Augenblicke erschallten die furchtbarsten Wuthstimmen der wilden Thiere, und der Schreckensruf: »Die Löwen brechen aus!« versetzte die versammelten Zuschauer in Entsetzen und Todesangst. Alle stürzten dem Thore zu, in e i n e r geschlossenen Masse drängte sich die verzweifelnde Menge aus dem Hofe, Niemand blickte hinter sich, ein Jeder fühlte schon in Gedanken die Krallen der Löwen auf seinem Nacken und nach wenigen Minuten war der Hof geräumt, das Thor geschlossen und das Brüllen und Stoßgeheul der wilden Bestien verhallte. Jetzt erst kam man wieder zur Besinnung, man blickte verwundert an der hohen Mauer in die Höhe, welche die Aussicht nach den Verbrechern wehrte, und Niemand wußte eigentlich, weshalb man so eilig die Flucht ergriffen habe, denn Keiner von Allen hatte gesehen, daß ein Käfig wirklich beschädigt gewesen wäre. Das Thor war aber geschlossen und die Rückkehr in den Hof unmöglich, deshalb zerstreute sich bald die Versammlung; die allerverschiedensten Vermuthungen aber über den Grund dieser, wie es schien, beabsichtigten schnellen Entfernung aller Zuschauer wurden ausgesprochen. Namentlich ward der Verdacht rege, daß man Flournoy nur zum Scheine gehangen und daß die Methodisten ihm das Leben erhalten hätten. Während es sonst Gebrauch war, gerichtete Verbrecher bis nach Sonnenuntergang hängen zu lassen, so öffnete sich schon vor dieser Zeit das Thor wieder, um den Zugang zu der Menagerie zu 5 10 15 20 25 30 35 483dRittER BaNd • achtuNdZwaNZigstEs KapitEl gestatten, die Piraten aber nebst den Galgen waren verschwunden und, wie man sagte, sämmtlich schon beerdigt. Dieser Auftritt gab Veranlassung zu vielen Zeitungsartikeln, die das Publikum noch einige Zeit in Aufregung erhielt. Ein weit grö- ßeres, ein edleres Interesse jedoch, das für die nahe bevorstehende Landung des hochgefeierten Freundes der Nation, des Generals Lafayette, verdrängte bald das Andenken an die Piraten. ∗    ∗    ∗ Der Monat August war erschienen, in welchem aller Wahrscheinlichkeit nach dieser sehnlichst erwartete, geliebte Mann die amerikanische Erde wieder betreten würde, und von Tag zu Tag steigerte sich die Ungeduld, mit der man seinem Erscheinen entgegensah. New-York war der Ort, nach welchem er seine Reise angetreten hatte, und weit über hunderttausend Fremde waren bereits in jene Weltstadt eingezogen, um sich bei seinem Empfang zu betheiligen. Hier, wo sonst nur reges Geschäftsleben herrschte, wo man selten oder fast nie eine Uniform oder sonst Etwas erblickte, was an den Soldatenstand erinnerte, sah man überall Militair und die ganze Stadt schien in einen Kriegsschauplatz umgewandelt zu sein, wenn nicht die heitern Mienen, denen man allenthalben begegnete, und die Festzeichen, die sich, wohin man sich auch wandte, bemerkbar machten, den tiefsten Frieden verkündet hätten. Zehntausend Mann Miliz in reichen Uniformen warteten hier, um den alten Kriegskameraden der Nation militairisch zu begrü- ßen, die Seesoldaten der im Hafen liegenden Kriegsschiffe zeigten sich in ihrer Paradeuniform, die stehenden Besatzungen der Festungswerke in und um New-York sah man in ihren besten Anzügen und die Geschütze dieser festen Plätze, sowie die auf den Kriegsschiffen waren sauber und blank geputzt in Bereitschaft, dem erwarteten edlen Gast einen Donnerwillkommen zuzurufen. E i n e Uniform zeichnete sich aber vor allen übrigen aus, nahm das größte Interesse für sich in Anspruch und wurde, wo sie sich sehen ließ, mit der höchsten Begeisterung begrüßt; es war die der alten Lafayette-Garde, welche in jenen ernsten Zeiten von Ge- 484 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 neral Lafayette selbst errichtet und geführt worden war. In ihren zahlreichen Reihen waren die alten Kriegshelden, die an der Seite des Generals für die Freiheit des amerikanischen Volkes gekämpft hatten, eingetreten, ebenso angethan, ebenso bewaffnet und noch unverändert von demselben Geiste beseelt, der sie damals Heerd, Weib und Kind verlassen ließ, um die Ketten der Knechtschaft zu brechen. An Geschäft dachte Niemand mehr, ein Jeder machte Vorbereitungen zu den Festlichkeiten und Alles schmückte sich zu Ehren Lafayette’s. Nach ihm genannt, gab es Hüte, Schleifen, Tücher, ja jedes einzelne Kleidungsstück für Herren und Damen, selbst Speisen und Getränke wurden nach ihm benannt. Endlich, endlich verkündeten an einem heitern Morgen die Geschütze einiger am Ausfluß der Bay vor Anker liegenden Kriegsschiffe, daß das Fahrzeug sich nahe, welches den gefeierten Gast den geöffneten Armen der Nation zutrage. Wie durch einen Zauberschlag war New-York mit wehenden Flaggen überdacht und wurde von einem ununterbrochenen Kanonendonner erschüttert. Langsam und feierlich zog das segelumwölkte, prächtige Schiff, welches Lafayette trug, durch die Narrows in die Bay ein, tausende von großen und kleinen, mit den amerikanischen Farben überflaggten Segelbooten schossen ihm entgegen, umschwärmten es winkend und nickend, wie ein Zug Möven, und geleiteten es unter den jubelnden Hurrah’s ihrer Schiffer und unter deren Freudenfeuer der Stadt zu. In Castlegarden stieg Lafayette an das Land und wurde von den Jubelausbrüchen der unabsehbaren Menge begrüßt, während der Donner der Kanonen und der feierliche hehre Ton aller Glocken der Stadt die Luft erfüllte. Die Lafayette-Garde präsentirte das Gewehr, während ihr Musikchor den Lafayette-Marsch spielte und Thränen der Rührung über die gebräunten Wangen der alten Krieger rollten. Bis in sein tiefstes Innerstes ergriffen wankte der würdige Greis Lafayette seinen alten, ergrauten Kameraden entgegen, auch er konnte die Thränen nicht zurückhalten, die sich nach seinen Augen drängten, und mit weitgeöffneten Armen fiel er dem Com- 5 10 15 20 25 30 35 485dRittER BaNd • achtuNdZwaNZigstEs KapitEl mandeur seiner Garde, der so oft im Schlachtengedränge an seiner Seite gestanden hatte, an die Brust. Einem Erdbeben gleich machten sich jetzt die stürmischen Gefühle des begeisterten Volkes Luft, der Jubel schallte aus hunderttausend Kehlen und nirgends war ein trockenes Auge zu sehen. Nun schritten die Würdenträger der Stadt New-York zu dem freudebebenden Gaste und hießen ihn willkommen, die Vertreter sämmtlicher Staaten folgten ihnen zu gleichem Zwecke, und der Präsident der Vereinigten Staaten, an der Spitze der hohen Staatsbeamten, begrüßte ihn im Namen der ganzen Nation. Dann führte ihn Dieser zu dem für ihn bereitstehenden, offenen, prächtigen Wagen und nahm in demselben an seiner Seite Platz. Der Wagen war mit acht Schimmeln, den edelsten Rossen des Landes, bespannt, deren reiche Geschirre in der goldenen Sonne funkelten und blitzten. Den Zug eröffneten die Abgeordneten der Stadt und die Lafayette-Garde, dann folgte der Wagen und ihm nach schritten die Vertreter der Staaten, die Beamten und das Volk. Zu beiden Seiten des weiten Broadway’s bildete die Miliz Spalier und auf den Trottoirs dahinter reihete sich Kopf an Kopf der freudetrunkenen Menge. Die hohen Paläste, welche zu beiden Seiten der prächtigen Straße aufstiegen, waren mit kostbaren Teppichen, Blumen, Kränzen und Guirlanden auf ’s Festlichste geschmückt, ihre Dächer und die ganze Straße war von zahllosen ungeheuern Flaggen überweht, überall sah man die amerikanischen und die französischen Farben vereinigt, und aus den Fenstern neigten sich schöne Frauen und Mädchen in festlicher Toilette hervor und winkten mit Tüchern dem geliebten Greis Willkommen zu. Dabei mischte sich der Donner der Geschütze mit dem feierlichen Schalle der Glocken in den ununterbrochenen Jubelruf des Volkes, und ein Regen von Blumen und Sträußen fiel von beiden Seiten herab auf den langsam sich fortbewegenden Wagen nieder, in welchem das von der Nation gewählte und von ihr geehrte Oberhaupt und der Freund saß, der ihr beigestanden hatte, sich zu einem freien Volke zu erheben. Alle Ehrenbezeugungen, die den Beiden dargebracht wurden, gingen von den Herzen des Volkes aus, es waren keine veraltete 486 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Gebräuche, keine erzwungene Theilnahme, die die Freude der Nation darstellten, ein jeder Einzelne folgte hier nur seinem eignen Gefühl und jeder Jubelton kam aus der Kehle eines freien Mannes. Noch stundenlang, nachdem Lafayette schon in den Palast eingezogen, der zu seinem Empfange eingerichtet worden war, dauerte der Jubel des Volkes fort, welches die Straße füllte, und die Geschütze sowie die Glocken sollten heute nicht wieder schweigen. Selbst als der schöne Tag schwand, der in jedem amerikanischen Herzen ewig fortleben wird, und die ungeheuere Stadt in einem Feuermeer von Fackeln, Lampen und Lichtern schwamm, wurde sie von jenen gewaltigen Freudenklängen erschüttert, und in jedem Palast, in jeder Hütte wurden dieselben jubelnd beantwortet. Freude war allenthalben eingezogen, die reinste, edelste Freude, denn sie war ein Kind der Dankbarkeit. Große Paraden, Festessen, Bälle, Volksversammlungen, in denen die größten Redner der Welt zu ihrer Nation sprachen, reiheten sich rasch aneinander, und der Glückstaumel, der Alles ergriffen hatte, verminderte sich nicht, so lange der geliebte Gast noch in der Stadt verweilte. Der Präsident Forney, sein Sohn Max und Eleanor hatten Frank Arnold hierher begleitet und wurden von Lafayette mit großer Auszeichnung behandelt; bei allen Festlichkeiten mußten sie in seiner Nähe sein und mit Freuden nahm er das Anerbieten Forney’s an, während seines Besuches in Baltimore dessen Haus zu seiner Wohnung zu machen. Der Tag der Abreise erschien und der Triumphzug Lafayette’s durch die Vereinigten Staaten, ein solcher, wie ihn kaum ein Kaiser jemals gefeiert, nahm seinen Anfang. Hunderttausende folgten ihm von Stadt zu Stadt, Philadelphia bot Alles auf, um New-York an Pracht und Feierlichkeit beim Empfange des verehrten Gastes zu übertreffen, und Baltimore suchte den Festaufwand beider Städte zu verdunkeln. Wie in eine Feenwelt zog der gefeierte Greis in diese schönste Stadt Amerika’s ein, denn die bereits eingetretene Nacht ward durch Feuerlicht aus ihr verdrängt, dessen röthlicher Schein die Pracht, womit die Straßen, die Häuser und die Menschen geschmückt waren, in einem magischen Zauberlichte erscheinen ließ. 5 10 15 20 25 30 35 487dRittER BaNd • achtuNdZwaNZigstEs KapitEl Umwogt von Kanonendonner und Glockengeläute bewegte sich die unabsehbare, jubelnde Volksmenge, mit dem so sehnlichst erwarteten, theuern Freunde in ihrer Mitte, durch die Marketstraße, die Frauen und Mädchen Baltimores, wohl die schönsten der Erde, strahlten wie Festgöttinnen aus den Fenstern der lichtumblitzten Häuser hervor, hießen ihn winkend und frohlockend willkommen und übersäeten ihn mit Blumen und Kränzen. Das Haus Forney’s war in einen Zauberpalast umgewandelt, ein Lichtmeer strömte aus seinem weitgeöffneten Portal, sowie aus allen Fenstern, und die Tropenwelt schien die Herrlichkeit, den Reichthum ihrer Pflanzen und ihrer Blumen durch das ganze Gebäude ausgebreitet zu haben. Die Straße war so gedrängt voll von jauchzenden Menschen, daß der Wagen, welcher Lafayette trug, kaum das Haus zu erreichen im Stande war, und unter den donnernden Hurrah’s, die dem alten Krieger gebracht wurden, hörte man auch häufig den Namen Forney’s ausrufen. Ruhe kehrte in dieser Nacht nicht in die Stadt ein und der neue Tag fand deren Bewohner in regen Vorbereitungen zu dem Festzug, der heute dem Gaste zu Ehren sich durch die viele Meilen lange Marketstraße bewegen sollte. Die Schätze Indiens schienen über deren Gebäuden in Teppichen und Seidenstoffen ausgebreitet zu sein, die wundervollsten Blumen schwebten in langen Guirlanden von Haus zu Haus über der Straße, und die riesengroßen Flaggen, die sie überschatteten, schlugen prasselnd in der kühlenden, frischen Morgenluft gegeneinander. Das Gebäude in der Mitte der Straße, welches für den Aufenthalt des Gastes während dieses Zuges eingerichtet war, überglänzte alle übrigen Häuser, und als Lafayette auf dessen Balkon erschien, wogte der Jubel des Volkes wie ein Sturm durch die Straße. Die Trottoirs zu beiden Seiten waren Kopf an Kopf mit Zuschauern besetzt und an den Fenstern zeigten sich die Schönheiten Baltimores in glänzenden Gewändern und strahlendem Schmuck. Geschützdonner verkündete jetzt, daß der Zug sich in Bewegung gesetzt habe, und bald sah man von dem fernen Westende der Straße eine bunte Masse sich heranbewegen, über der unzählige Fahnen in allen Farben im Winde flatterten. 488 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Näher und näher kam der Zug, von ungestümen Beifallsrufen begleitet, und nun erkannte man die Masten, die Segel, die Flaggen und die Wimpeln eines Schiffes, welches sich langsam vorwärts bewegte. Es rollte auf niedrigen Rädern und wurde von fünfzig Pferden gezogen. Unter seinem Bugspriet prangte der amerikanische Adler, und die sternbedeckte Flagge wehte stolz über seinen Segeln. Die Matrosen eilten geschäftig auf dem Verdeck, in dem Tauwerk und auf den Segelstangen hin und her, an der Brüstung befand sich einer derselben und warf das Senkblei, und der Capitain stand mit dem Sprachrohr in der Hand über der Cajüte neben dem Manne am Ruder und beantwortete die Fragen, die ihm von den Zuschauern zugerufen wurden. »Wohin segelst Du?« riefen viele Stimmen, als das Schiff vor Lafayette vorüberzog. »Um die Welt!« war die Antwort, die der Capitain durch das Sprachrohr rief, daß es weithin durch die Straße schallte. »Womit bist Du beladen?« rief es wieder aus der Volksmenge. »Mit Freiheit!« antwortete der Capitain, und »Hurrah für Amerika!« schrieen hunderttausend Stimmen in der Straße hinunter. Das Fuhrwerk, welches dem Schiffe folgte, trug in einem geräumigen Pavillon einen ungeheuern Schneidertisch, auf welchem ein große Zahl Arbeiter beschäftigt waren, Kleider zu verfertigen. Weil dies Handwerk schon durch Adam und Eva ausgeübt wurde, so hatte man ihm den ersten Platz angewiesen, denn alle Gewerbe, alle Handthierungen wurden in dem Zuge vorgeführt, und entweder waren ihre Vertreter thätig an der Arbeit, oder führten ein Symbol ihres Gewerks mit sich. Die Bäcker waren um einen kolossalen Ofen beschäftigt, Brod und Kuchenwerk zu backen, welches sie links und rechts unter das Volk warfen, die Metzger schlachteten einen Ochsen und vertheilten ihn in kleinen Stücken unter die Menge, die Schreiner standen an der Hobelbank und ließen die langen feinen Spähne auf die Zuschauer hinabfallen, die Buchdrucker druckten auf ungeheuere Zettel die Begebenheit des Tages und Preisgesänge auf Lafayette, die sie dann dem Winde übergaben, und so dargestellt, zogen 5 10 15 20 25 30 35 489dRittER BaNd • achtuNdZwaNZigstEs KapitEl alle Geschäfte, die in Amerika betrieben wurden, vor Lafayette vorüber. Drei Stunden verstrichen, ehe das Ende des Zuges ihn erreichte, und dann blieb die Straße mit Menschen dicht gefüllt, bis der Gefeierte aus dem Hause hervortrat, den prächtig bespannten Wagen bestieg und zu dem Volksessen fuhr, welches ihm zu Ehren heute vor der Stadt gegeben wurde. Im Triumph wogte die jauchzende Menge mit ihm hinaus, Reich und Arm speiste und trank mit ihm, e i n stürmischer Toast folgte dem andern, die Musikchöre stimmten die Nationalmelodien an, und der Donner der Kanonen schallte über Land und See. Abends sammelte sich das Volk vor Forney’s Haus und begleitete Lafayette in einem prächtigen Fackelzug nach dem Theatergebäude, wo ihm das reichste Banket gegeben ward, welches wohl jemals in Amerika abgehalten ist. Die Pracht des ungeheuern Raumes, der Glanz und der Reichthum der Toiletten, die seltene Schönheit der Damen und das Blitzen der Brillantensaat auf deren Lilienhaut überraschte das Auge des Eintretenden, nachdem es sich an die Lichtströme gewöhnt hatte, die ihm von allen Seiten von Kronleuchtern und Chandelieren blendend entgegen kamen. Volle rauschende Janitscharenmusik belebte den Tanz, und die köstlichsten Speisen und Getränke wurden hier vielen Tausenden gereicht. Eine Festlichkeit drängte die andere, und nur während einzelner Stunden ruhte und erholte sich der geehrte Gast in dem Familienkreis des Präsidenten Forney. Washington war die nächste Stadt, wohin Lafayette seinen Triumphzug richtete, von Norden nach Süden durchzog er das ganze Land, von der Liebe, von dem Enthusiasmus des dankbaren Volkes begleitet, dem er beigestanden hatte, seine Freiheit zu erringen. Bei seinem endlichen Scheiden aus den Vereinigten Staaten machten ihm dieselben einen Strich des reichsten Landes, groß genug für ein Fürstenthum, zum Geschenk, und ertheilten ihm und seinen Nachkommen das große Bürgerrecht. Wenn lange schon die Gebeine der Augenzeugen von Lafayette’s Triumphzuge durch die Vereinigten Staaten unter der Erde ruhen, wird sein Andenken in jedem Amerikaner fortleben, und kommt die Zeit, wo Frankreich nach einem großen Wurf der Hülfe eines 490 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Freundes bedarf, dann wird es nicht umsonst seine Blicke nach Westen über den Ocean senden, der amerikanische Adler eilt mächtigen Fluges herbei, um mit Gut und Blut die große Ehrenschuld zurück zu zahlen, die ihm die Freundschaft Frankreichs einst auferlegte. ∗    ∗    ∗ Das Jahr nahte seinem Ende. Es hatte vielfachen reichen Segen über Frank Arnold ausgestreut, die Ernten waren über alles Erwarten ergiebig gewesen, Krankheiten hatten seine Niederlassung gänzlich verschont, und um das Maß seines Glückes voll zu machen, beschenkte ihn seine geliebte Eleanor Mitte Dezembers mit einem kräftigen gesunden Knaben. Der sorgsamen Pflege der alten Madame Arnold war es zum großen Theil zuzuschreiben, daß Mutter und Kind sich so wohl befanden, denn sie hatte schon seit mehren Wochen ihren Wohnsitz bei der geliebten Schwiegertochter aufgeschlagen, hatte ihr die Leitung des Hauswesens abgenommen und sie Tag und Nacht nicht einen Augenblick verlassen. Sie bereitete eigenhändig die Speisen für die junge Wöchnerin, verpflegte mit großmütterlichem Stolz den neuen Weltbürger und fertigte alle Nachbarinnen, die herbeieilten, um der jungen Mutter ihre Glückwünsche darzubringen und durch eignen Anblick des neugeborenen Kindes ihrer Beredsamkeit neuen Stoff zu geben, ruhig und unerschütterlich vor der Thür ab. Als aber Ende des Jahres die junge Frau wieder in dem Empfangszimmer erschien, hielt Madame Arnold selbst den Knaben allen Gästen vor, zeigte ihnen dessen kräftigen Gliederbau und rühmte seine gewaltige Stimme, mit der er bei solchen Paraden oftmals die Scheiben der Fenster erklirren machte. Zu der innigen Liebe Franks gegen seine Eleanor gesellte sich nun noch ein heißes Gefühl der Dankbarkeit für das neue grenzenlose Glück, welches sie ihm bescheert, und mit seliger Hingebung empfing sie seine Liebkosungen oftmals, wenn das theuere Pfand ihrer Liebe in ihren Armen schlummerte. So reizend und bezaubernd Eleanor auch als Mädchen gewesen war, so hatte sie als Frau doch noch an Schönheit zugenommen, und man konnte nichts Lieblicheres, nichts Anmuthigeres sehen, als wenn sie im 5 10 15 20 25 30 35 491dRittER BaNd • achtuNdZwaNZigstEs KapitEl Uebermaße ihres Glückes auf ihr Kind schauete, welches von ihrem Schoße lächelnd zu ihr aufblickte. Friede und Glück herrschten in der ganzen Niederlassung; hier gab es keine Sorgen, keinen Kummer, keine unerfüllten Wünsche; die Sclaven lebten in Wohlergehen und Ueberfluß, sie arbeiteten um die Wette, um ihrer Herrschaft ihre Dankbarkeit für die liebevolle Behandlung, deren sie sich erfreuten, zu erkennen zu geben, und schlossen sie Morgens und Abends in ihre Gebete ein. Der Tag, an welchem der junge Stammhalter des Hauses Arnold die christliche Taufe und den Namen James empfing, war ein gro- ßer Fest- und Ehrentag und wurde als solcher auf das Feierlichste begangen. Der Freund der alten Arnolds, der Pfarrer King, fand sich zeitig ein und mit ihm erschienen viele eingeladene Nachbarn, die dem heiligen Act als Zeugen beiwohnen sollten. Auch den Negern in ihren Sonntagskleidern wurde während der Taufe der Zutritt in das Zimmer gestattet, und als die Herrschaft sich mit ihren Gästen um ein reiches Mittagsmahl reihete, erfreuten sich die Sclaven gleichfalls eines ihnen dargebotenen Festessens. Frank war jetzt, da sich Eleanor vollkommen erholt hatte, ganz seinem Geschäft wiedergegeben, welches augenblicklich, wo die Vorbereitungsarbeiten für das kommende Jahr in den Feldern gemacht wurden, all’ seine Thätigkeit in Anspruch nahm. Die Striche Waldes, in denen er während des Sommers und Herbstes die grö- ßeren Bäume durch Einhauen der Rinde getödtet und das schwächere Holz abgehauen und verbrannt hatte, wurden nun dem Pflug übergeben und mit Einzäunungen versehen; in den alten Feldern mußten die im Laufe des Jahres umgefallenen Baumgerippe zusammengerollt und verbrannt werden, damit auch hier der Pflug sich wieder bewegen konnte, und es war an der Zeit, den Kälbern das Brandzeichen aufzudrücken und die jungen Schweine durch Beschneiden der Ohren zu zeichnen, weil bei dem jetzigen kühlen Wetter die dadurch erzeugten Wunden den Thieren keine Gefahr brachten, wie es im Sommer, wo die Schweißfliegen ihre Eier hineinlegen, der Fall ist. Bei Anbruch des Tages war Frank jeden Morgen mit den Negern an der Arbeit, wobei er ihnen selbst mit dem besten Beispiel voranging, und wenn der Abend kam, lohnte ihn häusliches Glück für seine Thätigkeit, für seine Anstrengungen. 492 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 29. Verschwendung. – Nachlässigkeit. – Betrunkenheit. – Entsetzen. – Gemeinheit. – Das brave Pferd. – Hülfe. – Vater. – Versöhnung. – Das Gasthaus. – Vertilgungskrieg. – Die Truppensendung. – Besorgniß. – Uneinigkeit. Bei Ralph Norwood war es anders. Derselbe hatte das Jahr benutzt, um das Geld, welches ihm auf eine so leichte Wei-se zugefallen war, zu seiner Annehmlichkeit und Bequemlichkeit zu verwenden, und sich durch einen, in diesem Lande ungewöhnlichen Aufwand einen vornehmen Namen unter dessen Bewohnern zu verschaffen. Das neue Wohnhaus war erbaut, seine Räumlichkeiten prächtig ausgestattet, und seine Außenseite schön mit Oelfarbe angestrichen. Große Fenster und herrliche Spiegelscheiben gaben den Zimmern reichliches Licht, sauber verfertigte, grün angemalte Jalousien schützten dieselben in der Mittagsstunde gegen die Sonnenstrahlen, und reiche Teppiche, sowie kostbare bequeme Möbel gaben ihnen den Comfort, den man bei den reichen Bewohnern großer Städte antrifft. Ein herrlicher Blumengarten umgab das Gebäude, derselbe war mit einem zierlichen, mit Oelfarbe angestrichenen Spalier eingefaßt, aus dessen weitem Thor, dem Eingang des Hauses gegenüber, eine breite, durch den Urwald gehauene Allee in gerader Richtung nach der Hauptstraße führte. Weiter hinter dem Hause lag der Gemüse- und der Obstgarten, die sich bis an den dichten Waldstreif zogen, der beide hohe Ufer des dort, zwischen Felsen hinstürzenden, starken Baches bedeckte. 5 10 15 20 25 30 35 493dRittER BaNd • NEuNuNdZwaNZigstEs KapitEl Für die Reit- und Wagenpferde waren seitwärts von dem Wohngebäude ein geräumiger Stall, Vorrathshäuser, sowie Wohnungen für die Neger erbaut. Das Feld aber hatte sich noch um Nichts vergrößert, denn bei den Arbeiten an obigen Bauten und Anlagen waren die Sclaven verwendet worden, und kaum hatte die Ernte hinreichend Mais geliefert, um den Haushalt Ralph’s für ein Jahr damit zu versorgen. Das Capital, welches er von der Assecuranzcompagnie in New- York erhalten hatte, war bereits bis auf den letzten Dollar verwandt und zwar zum größten Theil in einer Weise, daß keine Zinsen davon zu erwarten standen. Das Wohnhaus mit seinen kostspieligen Einrichtungen hatte sehr viel gekostet, Kutsche, Geschirre, Reitzeuge und tausenderlei Luxusartikel waren hoch bezahlt und nur die Summe, welche in den Negern angelegt war, konnte, wenn dieselben mit Umsicht und verständiger Leitung zur Arbeit angehalten wurden, einen Nutzen abwerfen. Ralph beabsichtigte zwar, seine Felder zu erweitern, um im kommenden Jahre eine bedeutende Baumwollenernte zu erzielen, aber schon war ein großer Theil der Zeit verstrichen, in welcher er die nöthigen Vorarbeiten dazu hätte ausführen müssen. Von einer Woche zur andern nahm er sich vor, den Anfang zu machen, blieb auch wohl einmal einen Tag zu Hause und stellte die Sclaven an die Arbeit, doch dann ritt er wieder im Lande umher, besuchte die Nachbarn, die, wie er, Lust an Jagd, Pferderennen und Hahnengefechten hatten und sprach regelmäßig in den Trinkhäusern vor, deren sich viele an der Hauptstraße befanden. Hatte er seiner Besitzung den Rücken gekehrt, so fiel es den Negern nicht ein, zu arbeiten, sie gingen auf die Jagd, fischten und vertrieben sich die Zeit, so angenehm sie konnten. Ralph hatte auch für seine Person viel gebraucht, er hatte, um sich beliebt zu machen, bei jeder Gelegenheit in Wirths- und Trinkhäusern seine Bekannten frei gehalten und vor jener, für ihn verunglückten Wahl zu Ehren Lafayette’s reichlich Geld unter die Wähler gespendet. Jetzt waren seine baaren Mittel zu Ende, und um seine laufenden Ausgaben zu bestreiten, verkaufte er einzeln seine besten Kühe, Stuten und Säue, während er die Bedürfnisse für seinen Haushalt 494 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ohne Einschränkung von den Kaufleuten in der Nähe und von Behrend in D.... bezog, denn sein Credit hatte noch nicht gelitten. Es war in der zweiten Hälfte des Dezembers, als Eloise spät Abends allein vor dem hellflackernden Kaminfeuer saß und an einem niedlichen Kinderanzug nähete, denn von Tag zu Tag hoffte sie Mutter zu werden. Wiederholt blickte sie von der Arbeit auf und wandte sich nach den Fenstern um, gegen welche der Regen heftig anschlug und in Strömen an ihnen herabfloß. Draußen stürmte es sehr und die Nacht war ungewöhnlich finster. Ralph war schon nach dem Frühstück fortgeritten und immer noch nicht zurückgekehrt. Jetzt schlug die Uhr, die auf dem Gesimse über dem Kamine stand, zehn und Eloise blickte mit einem Seufzer zu ihr auf. Dann legte sie ihre Arbeit auf das Tischchen neben sich, erhob sich und schritt gedankenvoll nach dem Fenster, durch dessen vom Regen getrübte Scheiben sie in die Dunkelheit hinausblickte. Mehr horchend, als etwas sehend verweilte sie an dem Fenster, denn sie konnte unmöglich einen Gegenstand drau- ßen erkennen. Sie dachte an Ralph und an das fürchterliche Wetter, dem er ausgesetzt war, sie dachte aber auch an sich selbst und fühlte sich verlassen und vernachlässigt, denn sie wußte ja nur zu gut, daß kein dringendes Geschäft ihren Gatten fern von ihr hielt. Sie hatte eine Zeit lang sinnend auf die dunkeln Scheiben geschaut und dem Wind und Regen gelauscht, dann preßte sie, mit einem wehmüthigen Blick nach Oben, ihre kleinen Hände fest zusammen und begab sich zu ihrem Sitz vor dem Kamin zurück. Kaum hatte sie sich dort niedergelassen, als sie plötzlich drau- ßen die Stimme Ralph’s vernahm und hörte, wie er mit wüthenden Flüchen den Negern zurief, die des Sturmes wegen die Tritte seines Pferdes nicht gehört und nicht bereit gestanden hatten, ihm dasselbe abzunehmen. Bald darauf drang der Ton mehrerer Peitschenhiebe zu Eloisens Ohr und dann naheten sich die Fußtritte ihres Gatten dröhnend und polternd über die Veranda und durch den Gang nach dem Zimmer, in welchem sie sich befand. Sie öffnete schnell die Thür für Ralph und dieser stolperte über die Schwelle ihr mit den Worten entgegen: »Dieses Hundepack von Negern; ich hätte Lust einigen von ihnen die Haut von dem Rücken zu peitschen!« 5 10 15 20 25 30 35 495dRittER BaNd • NEuNuNdZwaNZigstEs KapitEl Dabei sah er mit wildem verworrenem Blick um sich, sein Gesicht glühete unter dem vom Regen triefenden Hut hervor und sein wankender Tritt zeigte deutlich, daß er betrunken war. Eloise fuhr mit Entsetzen von ihm zurück, es war zum erstenmale in ihrem Leben, daß sie einen betrunkenen Mann sah, und daß dieser ihr Gatte sein mußte, war ihr ein schrecklicher Gedanke. Mit einem Schauder hielt sie ihre Blicke auf seine herüber und hinüberschwankende Gestalt geheftet und stand schweigend und regungslos da, als er unweit des Kamins in einen Armstuhl fiel, seinen Hut abriß, ihn hinter sich warf, seine nassen Stiefel auszog und in die Mitte der Stube schleuderte, wobei er undeutliche zornige Worte ausstieß. Er war ihr in der Wahrheit das widrigste entsetzlichste Bild, welches sie jemals geschaut, denn mit Rohheit und Gemeinheit war ihr nie ein Mann begegnet. Jetzt hörte sie die Fußtritte der Negerin auf der Veranda, es war ihr fürchterlich, daß die Sclavin ihren Gatten in diesem Zustand sehen sollte, sie eilte aus der Thür derselben entgegen und sandte sie mit der Weisung in die Küche zurück, dort zu warten, bis sie gerufen würde. »Ist das Essen noch nicht fertig?« schrie Ralph mit barscher Stimme, »ich werde mich am Ende auch noch um die Küche bekümmern müssen. Nirgends wird gearbeitet, da kann man wohl zu Etwas kommen!« Eloise blieb bebend vor der Thür stehen, sie sah durch deren Oeffnung nach ihrem Gatten hin und die Thränen rollten über ihre Wangen. »Eloise!« schrie er jetzt, und ließ einen Fluch folgen, wobei er sich mit dem Stuhl der Thür zukehrte. Das war mehr, als Eloise ertragen konnte, die Thränen stockten in ihren Augen, das Beben hatte sie verlassen und mit der Würde des spanischen Weibes trat sie langsam auf Ralph zu und blickte ihm ernst und mahnend in die Augen. Trotz der Verwirrung seiner Sinne fühlte er die Gerechtigkeit des Vorwurfs, der in Eloisens Blick lag, und sichtbar gerieth er in Verlegenheit. »Nun, was siehst Du mich an – darf ich nicht nach dem Abendessen fragen?« 496 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Nicht in dieser Weise, Ralph,« erwiederte Eloise mit milder, doch sehr ernster Stimme, und wandte sich nach dem Tischchen, von welchem sie ihre Näharbeit aufnahm. Ralph hob sich rasch aus dem Sessel empor, wankte zur Thür hinaus nach dem gegenüberliegenden Schlafzimmer, und ließ einen gellenden Pfiff ertönen, mit dem er gewohnt war, seinen Reitknecht herbei zu rufen. Eloise blieb in dem Wohnzimmer zurück und verbrachte hier unter Thränen die Nacht. Wie sehr war dieser Mann von Jenem verschieden, den ihr früher als Mädchen ihre Fantasie zum Gatten gegeben hatte, wie sehr groß war der Unterschied zwischen ihrem jetzigen Leben und dem früher geträumten Ehestand, den ihre Gedanken ihr wie ein Himmel vorgezaubert hatten! Das treue Herz, die heiße Liebe, die zärtliche Hingebung, die sie einst für ihren zukünftigen Gatten bestimmt hatte, trug sie in ihrer Brust; konnte sie dieselben aber diesem Manne bewahren – warf er sie nicht selbst mit Geringschätzung von sich – trat er sich nicht selbst in ihrer Achtung mit Füßen? Eva, die treue Negerin, die vergebens des Rufs ihrer Herrin lange geharrt hatte, trat noch spät zu derselben ein, um sich ihre Befehle zu erbitten, und blieb, als sie dieselbe in Thränen fand, in einiger Entfernung von ihr stehen, denn sie wagte es nicht, sie in ihrem Schmerze zu stören. Nach einiger Zeit aber, als sie sich überzeugte, daß Eloise sie nicht bemerkt hatte, ging sie näher zu ihr heran und sagte mit weicher, theilnehmender Stimme: »Ach, Herrin, warum weinst Du?« Eloisen that diese Theilnahme wohl, sie kam ja von dem einzigen Wesen in dieser Welt, dessen Herz ihr mit Liebe und treuer Anhänglichkeit zugethan war. Sie blickte nicht zu der Sclavin auf, sie reichte ihr nur seitwärts die Hand hin, welche Eva mit beiden Händen ergriff, sie an ihre Lippen preßte und sich dann zu den Füßen ihrer Herrin niederwarf. Beide weinten, Beide schwiegen, denn Eva hatte die Ursache von Eloisen’s Thränen erkannt, und wie dieser, so widerstrebte es auch der Sclavin, dieselbe mit Worten auszudrücken. Vergebens bat Eloise die Negerin, sie zu verlassen und sich zur Ruhe zu begeben, sie blieb neben ihr auf dem Fußboden 5 10 15 20 25 30 35 497dRittER BaNd • NEuNuNdZwaNZigstEs KapitEl sitzen und wachte über jede Bewegung, jeden Seufzer ihrer Herrin. Erst als der Tag graute, ließ Eloise sich von der Sclavin nach einem andern Zimmer geleiten und zur Ruhe bringen, denn sie fühlte sich sehr angegriffen und unwohl. Ralph erwachte, wie schon so oft in seinem Leben, mit Scham und Abneigung gegen sich selbst erfüllt, er fühlte, wie tief er in der Achtung seiner Gattin durch sein rohes, gemeines Verfahren gegen sie gesunken sein mußte, er war es sich bewußt, daß er sie in letzterer Zeit auf eine unverantwortliche Weise vernachlässigt hatte, und sah ein, daß sein Lebensglück in seinem tiefsten Grunde dadurch erschüttert worden sei; demohngeachtet aber gab es sein störriger, mit sich selbst zerfallener Geist nicht zu, durch ein mildes, reuiges Wort sein Unrecht wieder gut zu machen. Er erschien in dem Wohnzimmer, fand den Frühstückstisch gedeckt, doch Eloise war nicht da; er glaubte, sie sei in der Küche, um Anordnungen zu geben, und als Eva mit der Frage hereintrat, ob er jetzt zu frühstücken wünsche, sagte er zu ihr: »Du kannst Deiner Herrin sagen, ich wartete hier auf das Frühstück, ob ich vielleicht, wie gestern Abend, mit leerem Magen abziehen solle?« »Die Herrin ist krank, sie ist zu Bette gegangen, Herr«, erwiederte die Sclavin, ohne zu Ralph aufzublicken, und setzte, als er sich von ihr ab nach dem Kamin wandte, noch hinzu: »Soll ich das Frühstück hereinbringen?« »Brauchst Du darum zu fragen, Hündin? Ich werde Dir einmal mit der Peitsche die Gedanken schärfen. Vorwärts – das Frühstück!« Zitternd eilte Eva davon, um den Befehl auszuführen, während Ralph durch einen Pfiff auf der Faust den Reitknecht herbeirief und ihm auftrug, sein Pferd zu satteln und vorzuführen. Kaum hatte er das Frühstück zu sich genommen, als er sein Roß bestieg und davonritt. Am Abend zuvor war er in einem Trinkhaus, welches im Lande an einem der vielen Nebenwege lag, mit einer Gesellschaft junger Bursche zusammengetroffen, hatte mit ihnen getrunken und gespielt und an sie nicht nur seine ganze Baarschaft, sondern auch noch einige hundert Dollar verloren, die ihm der Kaufmann, der 498 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 das Trinkhaus hielt, geborgt hatte. Man war übereingekommen, sich heute Abend wieder dort zu treffen, und Ralph begab sich jetzt zu einem wohlhabenden Pflanzer in der Nachbarschaft, um zu versuchen, ob er mit ihm einen Viehhandel gegen baares Geld abschließen und auf diese Weise Mittel in die Hände bekommen könne. Er blieb bei dem Pflanzer zum Mittagsessen; da dieser aber des ihm angebotenen Viehs nicht benöthigt war, so mußte Ralph sich dazu verstehen, ihm dasselbe zu einem sehr niedrigen Preis zu überlassen. Mit dem daraus gelösten Geld und der Hoffnung, damit die gestern verlorene Summe wieder zu gewinnen, ritt er, als die Sonne sich neigte, nach dem Trinkhause, wo er verabredetermaßen die Gefährten vom Abend zuvor, sowie noch viele andere Bekannte versammelt traf. Die aus Branntwein angefertigten, schmackhaften Getränke verscheuchten bald die Wolken des Unmuths von Ralph’s Stirn, er stimmte in die zügellose Fröhlichkeit der andern jungen Männer ein, Gesundheiten wurden getrunken, es wurde gescherzt, gelacht und gejubelt und bald setzte man sich zum Spiel nieder. Die Glücksgöttin schien aber Ralph ein für allemal nicht mehr lächeln zu wollen, denn er verlor wieder, und jemehr er durch Trinken seine Hoffnung anzufeuern suchte, desto schneller ging das Geld aus seinen Händen in die seiner Gefährten über. Gegen neun Uhr Abends waren seine Taschen leer und sein Kopf wieder so schwer geworden, daß er, als er aufstand, sich kaum auf den Füßen erhalten konnte. Er rief dem Wirth zu, sein Pferd vorzuführen, man machte ihm Vorstellungen, sich hier einige Stunden auszuruhen und dann zu reiten, er aber tobte unbändig und schwur, daß er in Carriere nach Hause sprengen werde. Sein Pferd, eine sehr edle Schimmelstute, wurde ihm gebracht, seine Kameraden hoben ihn in den Sattel und mit einem wilden, gellenden Schrei stach er dem Thier die Sporn in die Seiten und jagte auf dem rohen Wege davon. Er war aber nicht weit geritten, als der wilde Geist ihn verließ, seine Gedanken sich immer mehr verwirrten und ihn eine Müdigkeit überfiel, die er kaum zu bemeistern vermochte. 5 10 15 20 25 30 35 499dRittER BaNd • NEuNuNdZwaNZigstEs KapitEl Das Pferd war in Schritt gefallen, er schwankte im Sattel herüber und hinüber und griff oft in die Mähne der Stute, um sich auf ihrem Rücken zu erhalten. Die Nacht war sternenhell, doch ziemlich dunkel, und Ralph’s Sinne waren so umnebelt, daß er nicht mehr wußte, wo hinaus der Weg führte; das brave Pferd aber kannte und verfolgte denselben, trotzdem sein Reiter es an den Zügeln bald rechts bald links riß. Er hatte den Wald erreicht, durch welchen die Straße sich hinzog, und kam an einer Vertiefung vorüber, die mit Wasser angefüllt war. Der nahe Bach, durch den Regen in vergangener Nacht angeschwellt, war in alle Niederungen des Waldes ausgetreten und hatte ihn nach allen Richtungen hin mit stehenden Wasserstrichen durchzogen. Der mit Rasen bedeckte Weg, auf dem sich Ralph befand, bildete an einer Seite nach dem Wasser hinab ein sehr steiles Ufer, welches sich jedoch nur einige Fuß über dem Wasserspiegel erhob. Ralph sah den Glanz auf der ruhigen, dunkeln Fläche und glaubte, dahinaus müsse sein Weg führen, er riß das Pferd an dem Zügel nach dem Abhang hin, doch dieses sträubte sich, der Lenkung zu folgen. Mit einem halblauten Fluch riß er abermals an dem rechten Zügel, schlug die Sporn in die Seiten des Thieres und mit einem weiten Sprunge setzte dasselbe in das Wasser hinab, daß es sammt seinem Reiter in ihm versank. Im nächsten Augenblick hob sich die Stute wieder auf die Oberfläche und Ralph hing auf ihr und hielt ihren Hals mit seinen Armen umklammert. Die Müdigkeit hatte ihn für den Augenblick verlassen, er gewann seinen Sitz im Sattel wieder und lenkte nun das schwimmende Pferd dem Ufer zu, von welchem dasselbe herabgesprungen war. Vergebens strengte sich das Thier an, dieses zu erklimmen, es sank immer wieder in die Fluth zurück, so sehr die Sporn seines Reiters es auch anfeuerten. Schnaubend hob es sich und suchte mit seinen Vorderfüßen in der Uferbank zu haften, umsonst wandte es sich seitwärts, um einen andern Platz zu gewinnen, auf dem es fußen könne, sein Reiter riß es immer nach derselben unersteiglichen Stelle hin. Fast eine Stunde hatte sich schon die edle, treue Stute abgearbeitet und sank immer tiefer unter den Spiegel der Fluth, so daß bald 500 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 nur noch ihre Nüstern über demselben hervorsahen, aus denen sie das Wasser schnaubend ausblies. Ralph war erstarrt gegen ihren Nacken gesunken und hielt, kaum noch seiner selbst sich bewußt, an ihren Mähnen fest. Da nahete sich ein Reiter dem verhängnißvollen Platz und wurde durch das Schnauben des versinkenden Thieres zu ihm herangezogen. Der Reiter war Tallihadjo, der vor der Wohnung Ralph’s lange vergebens auf dessen Rückkehr gewartet hatte, weil er ihn zu sprechen wünschte. Als der Häuptling in der dunkeln Masse, die sich über dem Wasser erhob und wieder in ihm versank, einen Reiter erkannte, sprang er von seinem Pferd und nach dem Ufer hin, ergriff das Gebiß der Stute, hob ihren Kopf empor und leitete sie am Zügel nur eine kurze Strecke seitwärts, wo sie Boden faßte und mit Ralph auf das Trockene stieg. Mit großer Ueberraschung gewahrte Tallihadjo nun, daß es Ralph war, den er dem sichern Tode entrissen habe, und der kaum noch im Stande war, sich in dem Sattel zu erhalten. Er sprach zu ihm, schüttelte ihn beim Arm, doch statt der Antwort erhielt er nur unverständliche, halb ausgesprochene Worte. Der Häuptling holte nun sein eigenes Pferd herbei, ergriff die Zügel beider Thiere und leitete sie Ralph’s Wohnung zu, die er nach einer halben Stunde erreichte. Die Neger, die der Ankunft ihres Herrn harrten, kamen ihm entgegen, öffneten das Thor und hoben ihn vor der Veranda vom Pferde, wozu sie Gewalt gebrauchen mußten, da er den Hals des Thieres nicht loslassen wollte. Sie trugen ihn nun nach seinem Zimmer; Tallihadjo sah ihm kopfschüttelnd nach, dann bestieg dieser sein Roß und verschwand bald darauf in der Dunkelheit. Ralph war heute Vater geworden, Eloise hatte ihn mit einem starken gesunden Knaben beschenkt. Beseligt hielt sie auf ihrem Ruhelager das Kind in ihrem Arm, das theuere Kleinod, in dem sie einen irdischen Himmel für sich erblickte. Es sollte ihr all’ das Glück gewähren, welches ihr bis jetzt in ihrem Ehestand nicht zu Theil geworden war, es sollte die Thränen fern von ihr halten und 5 10 15 20 25 30 35 501dRittER BaNd • NEuNuNdZwaNZigstEs KapitEl ihr ihre Einsamkeit, ihr Verlassensein versüßen. Mit wonnigen, freudetrunkenen Blicken hingen ihre Augen an dem schlummernden, süßen Liebling, der mit jeder Bewegung seiner kleinen Brust Seligkeit für sie athmete, und alle die schweren Schicksale, die herben Leiden, die sie betroffen, verschwanden vor diesem Quell des Glücks. Die treue Eva stand an dem obern Ende des Lagers an den Bettpfosten angelehnt und blickte mit Entzücken schweigend auf ihre glückliche Herrin und deren Säugling, sie fühlte mit ihr, sie athmete mit ihr, als ob sie einen Antheil an dem Kinde habe. »Ist Dein Herr noch nicht nach Hause gekommen, Eva?« fragte Eloise die Sclavin mit leiser Stimme. »Ich glaube, ich habe ihn kommen hören«, antwortete diese. »Sollte man es ihm nicht gesagt haben, daß er einen Sohn besitzt?« »Ich kann mich auch geirrt haben«, erwiederte Eva. »So gehe, sieh selbst, ob er es war, und bringe ihm die frohe Botschaft«, fuhr Eloise fort und wandte dann ihre Blicke wieder auf ihr Kind. Eva wußte es recht wohl, daß ihr Herr nach Hause gekommen war, und es that ihr im Herzen weh, daß derselbe sein neues Glück noch nicht begrüßt hatte, sie eilte hinaus nach dem Wohnzimmer, und als sie dasselbe leer fand und nirgends sich Jemand zeigte, lief sie nach der Küche. Dort saßen sämmtliche Neger zusammen und lachten und scherzten über das Abenteuer, welches Ralph begegnet war. Der Eine glaubte Dies, der Andere Jenes; doch darin kamen sie sämmtlich überein, daß er sehr betrunken sei. Mit Entsetzen hörte Eva diese Nachricht und eilte zu ihrer Herrin zurück, nicht um ihr dieselbe zu überbringen, sondern um sie ihr zu verheimlichen. »Der Herr ist in Tallahassee gewesen, von wo er sehr ermüdet zurückkehrte und sich sogleich zur Ruhe begab, denn keiner von den Negern hat ihm sein und unser Glück mitgetheilt«, sagte Eva, als sie zu Eloisen’s Lager trat. »Er wußte aber doch, daß ich mich heute früh nicht wohl fühlte, und hätte sich wohl nach mir erkundigen können«, bemerkte Eloise wehmüthig. 502 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Um so größer wird seine Ueberraschung und seine Freude sein, wenn er morgen früh erfährt, daß Du, Herrin, ihn mit einem Sohn beschenkt hast«, erwiederte Eva und bot Eloisen dann ein Glas mit Reiswasser an, welches sie aus der Küche mitgebracht hatte. Die eiserne Gesundheit Ralph’s trotzte dem gewaltsamen Angriff, den er in vergangener Nacht auf sie gemacht hatte, und bemeisterte alle nachtheiligen Folgen des unnatürlichen, kalten Bades; er erwachte früh Morgens gestärkt und mit klarem Geiste und schritt seiner Gewohnheit gemäß hinaus unter die Veranda, um seinen Kopf in einen Napf mit kaltem Wasser zu tauchen und sich zu erfrischen. Eva eilte ihm aber nach und hielt ihn mit den Worten zurück: »Herr, Du hast einen Sohn bekommen, ich wünsche Dir alles Glück dazu.« Ein freudiger Schreck fuhr durch Ralph’s Seele, die Nachricht traf ihn unerwartet, denn er hatte diese Zeit noch entfernter geglaubt, und überrascht blickte er die Sclavin einen Augenblick an, dann aber rannte er nach dem Zimmer seiner Frau und öffnete sehr bewegt, doch vorsichtig, die Thür. Die Stimme der Natur war in ihm erwacht und hatte die Schläge seines Herzens verdoppelt, sein eigenes Fleisch und Blut sollte er neu geboren vor sich sehen, er nahete sich leisen Trittes dem Bett und sein freudig forschender Blick begegnete dem seiner Gattin. »Ralph«, sagte Eloise mit mildem, liebevollem Ton und hielt ihm ihre Hand entgegen, die dieser mit sichtbarlicher Rührung ergriff und an seine Lippen preßte. Nun schlug Eloise den leichten Schleier zurück, der über dem schlafenden Kinde lag, und zeigte mit seligem Entzücken dem Vater seinen Sohn. Dann nahm sie das Kind auf ihre Hände und hielt es Ralph hin, der es liebkost’e, bis es aus seinem Schlummer erwachte und laut zu schreien begann. Es hatte die Eltern versöhnt, alle früheren Störungen ihres ehelichen Glückes waren vergessen, und freudig schlugen ihre Herzen einander entgegen. Eva hatte sich unbemerkt in das Zimmer geschlichen und erkannte mit inniger Rührung die Veränderung, die in den gegenseitigen Gefühlen ihrer Herrschaft eingetreten war; als aber Eloise sie bemerkte und sie herbeirief, um das Kind zu nehmen und es zu 5 10 15 20 25 30 35 503dRittER BaNd • NEuNuNdZwaNZigstEs KapitEl beruhigen, pries sie dessen Schönheit und Stärke und behauptete, es sei seinem Vater, wie aus den Augen geschnitten, ähnlich. Dies wichtige Ereigniß schien Ralph gänzlich umgestaltet zu haben, er gab seine unstäte Lebensweise auf, blieb des Tages über mit seinen Negern an der Arbeit und verbrachte die Abendstunden bei Frau und Kind. Er war entschlossen, seine Vermögensverhältnisse zu ordnen, und stellte eine Rechnung über seinen Besitz und seine Schulden auf. Dieselbe fiel nun über sein Erwarten zu seinem Nachtheil aus, denn seine Schulden waren bedeutend größer, als er geglaubt hatte, und er wußte, daß man mit dem neuen Jahre auf Zahlung dringen würde. Seinen Viehstand durch Verkauf noch mehr zu schwächen, schien ihm nicht rathsam, denn derselbe bot ihm in dem Zuwachs den leichtesten und sichersten Gewinn, Land konnte er augenblicklich nur zu einem niedrigen Preis verwerthen, während es ihn in einiger Zeit zum reichen Manne machen mußte, und der Verkauf seiner Neger nahm ihm die Möglichkeit, seine Felder zu erweitern und werthvolle Ernten zu erzeugen. Unschlüssig, was er thun sollte, verbrachte er den Rest des alten Jahres, und mit dem neuen erschienen auch die Gläubiger und baten um Zahlung für ihre Forderungen. Ralph versprach, sie bald zu befriedigen, erhielt von ihnen auch neue kurze Fristen, doch seine Lage erschien ihm mit jedem Tage mißlicher. Da trat er eines Abends zu Eloisen in’s Zimmer, setzte sich neben ihr vor dem Kaminfeuer nieder und sagte: »Wie wäre es, Eloise, wenn wir hier eine Wirthschaft anlegten? Es ist auf weit und breit kein Gasthaus an der Straße, in dem ein Reisender einkehren kann, dieselben hängen von der Gastfreundschaft der Pflanzer ab, und Viele würden es vorziehen, für ihr Geld ein Unterkommen zu finden. Außerdem wird jetzt eine Fahrpost zwischen Tallahassee und Columbus errichtet, die hier in der Gegend jedenfalls einen Stationsort anlegen müßte. Mit dem Unternehmer, dem der Staat die Beförderung der Wagen verpachtet hat, bin ich bekannt, und es könnte ihm nur erwünscht sein, bei uns seine Pferde zu stellen, wenn die Passagiere hier bewirthet werden könnten. Daß wir viel Geld dabei verdienen würden, darüber ist kein Zweifel vorhanden, denn die Zahl der Reisenden mehrt sich 504 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 mit jedem Tage; es fragt sich nur, ob es Dir angenehm sein würde, einer Wirthschaft vorzustehen?« Eloisen kam der Vorschlag ganz unerwartet, sie schwieg einen Augenblick und sah sinnend vor sich nieder, dann sagte sie: »Dir zu Gefallen, Ralph, thue ich Alles gern, und werde auch, wenn Du es wünschest, einer Wirthschaft vorstehen. Bedenke aber, daß dadurch fremde Menschen in unsern häuslichen Kreis Eintritt erhalten und leicht Unfrieden in denselben bringen können. Wir leben ja so glücklich, was wollen wir mehr?« »Wir erhalten einen sehr leichten und sichern Erwerb dadurch und hängen nicht von dem Fleiß oder der Faulheit der Neger ab, wir haben keine Mißernten zu befürchten und auch kein Sinken der Preise für unsere Produkte. Und was die fremden Menschen anbetrifft, so kommen dieselben mit unserm häuslichen Glück in keine Berührung, sie erhalten ihre Beköstigung und, wenn sie wollen, Schlafstelle, zahlen ihr baares Geld und reisen weiter. Im Gegentheil, ich glaube, daß uns dadurch manche angenehme Unterhaltung zu Theil werden wird, denn wir hören von Reisenden die Neuigkeiten im Norden und Süden«, erwiederte Ralph. »Wie gesagt, Ralph, ich habe Nichts dagegen einzuwenden und hoffe wohl im Stande zu sein, die Wirthschaft zu Deiner Zufriedenheit zu führen. Nur eine Bitte hätte ich dabei zu thun«, sagte Eloise etwas verzagt. »Und die wäre?« antwortete Ralph. »Du darfst sie mir aber nicht mißdeuten, Bester«, bemerkte Eloise zögernd. »Nein, nein, sprich nur aus, was Du wünschest, Eloise; Du hast ja Dein Wort dabei mitzureden.« »Nun denn – ich möchte nicht gern – daß geistige Getränke hier verschenkt würden. Ich glaube, wir würden uns durch diese Vorsicht manche Unannehmkeit ersparen«, erwiederte Eloise verlegen. Ralph war überrascht und sah im Bewußtsein seiner Schuld im ersten Augenblick in Eloisen’s Bitte einen Vorwurf gegen sich selbst, dann aber enthielt der Grund, den sie angab, so viel Wahrheit, daß er Nichts dagegen einwenden konnte, und er sagte: »Du hast vollkommen Recht, Eloise, es ist ja außerdem in den meisten Gasthäusern an der Straße eingeführt, keine solche Ge- 5 10 15 20 25 30 35 505dRittER BaNd • NEuNuNdZwaNZigstEs KapitEl tränke verabfolgen zu lassen. Diese Bitte ist also auf das Vollkommenste gewährt, und wenn Du sonst Nichts einzuwenden hast, so öffnen wir bald den Reisenden unser Haus«, sagte Ralph mit gro- ßer Zufriedenheit. »Nichts weiter habe ich einzuwenden und verspreche Dir, mein Bestes zu thun.« »Ich werde sogleich am Eingang der Allee an der Straße ein gro- ßes Schild aufstellen, damit die Vorüberziehenden auf unser Haus aufmerksam gemacht werden. Du mußt ihm aber einen Namen geben, wie sollen wir es nennen?« »Nun, Eintracht, Concordia, das ist ein hübscher Name«, sagte Eloise freudig. »Das ist er auch, Concordia soll unser Haus heißen, und morgen reite ich nach D...., um das Schild zu bestellen. Dann werde ich auch einige von unsern Faullenzern, unsern Negern, zu verkaufen suchen, damit wir sie nicht unnöthig füttern«, sagte Ralph. »Die Neger verkaufen, Ralph, warum denn Das?« bemerkte Eloise erstaunt. »Pflanzer und Wirth zugleich, liebes Kind, das verträgt sich nicht zusammen.« »Ich glaubte gerade im Gegentheil, es vertrüge sich sehr gut.« »Nein, nein, der Wirth muß nur seine Bedürfnisse ziehen, und dazu sind für uns zwei Neger vollkommen ausreichend. Dann kann ich stets in der Wirthschaft sein und brauche mich nicht um das Feld zu kümmern. Außerdem bekommen wir durch den Verkauf etwas baares Geld in die Hand, was doch auch bei einem neuen Geschäfte angenehm ist«, sagte Ralph leicht hin. »Ich meine, Du hättest mir gesagt, daß Du bei Herrn Behrend noch ein Kapital stehen hättest«, antwortete Eloise verwundert. »Nun ja, ich habe es aber dem guten Manne für dieses ganze Jahr noch zugesagt und mag ihn doch nicht belästigen. Jedenfalls sind uns die Neger unnöthige Esser und das baare Geld bringt uns gute Zinsen«, erwiederte Ralph, ohne verlegen zu werden. »So mache es, wie Du willst, mir soll es recht sein«, sagte Eloise und legte ihre Rechte in die Hand ihres Gatten, während sie auf ihrem linken Arm ihren kleinen Liebling hin und her wiegte. 506 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Am folgenden Morgen frühzeitig ritt Ralph mit Dreien seiner Neger nach D.... zu Herrn Behrend, theilte ihm sein Vorhaben mit, ein Gasthaus anzulegen, und führte Dieses als Grund an, daß er die Neger wieder verkaufen wolle. Behrend übernahm es, die Sclaven zu verwerthen und versprach, den Betrag dafür, nach Abzug seiner Forderung, zu Ralph’s Verfügung zu halten. Dieser bestellte nun auch bei einem Schreiner das Schild, welches vor der Allee an der Straße aufgepflanzt werden sollte, gab ihm den Auftrag, eine Anzahl gewöhnlicher Bettstellen anzufertigen, und kaufte dann vor seiner Abreise noch von Herrn Behrend die nöthigen Gegenstände, deren er zur Einrichtung seines Gasthauses bedurfte. Wirklich ward nach einigen Wochen das Concordia-Hotel von Norwood eröffnet, und die Reisenden, die in demselben einkehrten, konnten die Bewirthung, welche ihnen dort zu Theil geworden war, nicht genug rühmen. Es gelang Ralph auch, den Unternehmer, der die Beförderung der Post gepachtet hatte, zu bestimmen, in seinem Hause die Station anzulegen, wodurch er auf einen regelmäßigen Fremdenverkehr rechnen konnte. Alles schien sich in Ralph’s Haus zum Guten wenden zu wollen, denn es fehlte nicht an Gästen, Eloise sorgte mit der fleißigen Eva für deren gute Bedienung und die hohen Preise, die man ihnen berechnete, zahlten dieselben mit Freuden und erklärten, daß an der ganzen Straße bis nach Columbus kein so gutes Gasthaus zu finden sei. Ralph sagte die neue Beschäftigung ganz besonders zu, denn er hatte jetzt gar nichts zu arbeiten. Er unterhielt sich mit den Fremden, speiste und rauchte mit ihnen und gab ihnen auch häufig einige Meilen Weges das Geleit, wo man dann in einem Trinkhause Abschied von einander nahm. Da Wildprett und Fische in der Küche jederzeit sehr willkommen waren, so ging er nun häufig auf die Jagd, oder zum Fischen, wobei ihn dann seine früheren Cameraden begleiteten und Eloise sah es nicht mehr als eine Vernachlässigung an, wenn er während des ganzen Tages abwesend war, und oft erst spät in der Nacht nach Hause zurückkehrte. Sie war selbst fortwährend so sehr beschäftigt, daß sie sich nicht mehr einsam fühlte und 5 10 15 20 25 30 35 507dRittER BaNd • NEuNuNdZwaNZigstEs KapitEl traten einmal Stunden der Ruhe ein, so hatte sie ihr größtes Glück, ihren Sohn, bei sich, der sich zusehends und herrlich entwickelte, und dessen süßes liebliches Lächeln jeden in ihr aufkeimenden trüben Gedanken verscheuchte. ∗    ∗    ∗ Ein freies Volk, welches selbst seine Verhältnisse, Zustände und Interessen, sowohl in seinem Innern, als auch nach Außen hin überwacht, über dieselben nachdenkt, sie abwägt und sie lenkt, wird, wie ein thätiger großer Geschäftsmann, zu jeder Zeit ein Begebniß, eine Hoffnung, eine Unternehmung, eine Entscheidung vor Augen haben, die seine ganze Aufmerksamkeit beansprucht und es mehr oder weniger in Aufregung versetzt. Das schöne Florida war augenblicklich der Gegenstand, der die Gemüther der Amerikaner lebhaft bewegte, und für welchen sich ihr Interesse von Tag zu Tag steigerte. Sie hatten dies herrliche Land der Blumen von Spanien gekauft und ihr Geld dafür bezahlt, und doch konnten sie es nicht nach Belieben benutzen und die Vortheile nicht daraus ziehen, die es ihnen so unerschöpflich bot. Das Eigenthumsrecht Spaniens, insofern diese Macht ein solches auf Florida besaß, war allerdings auf die Amerikaner übergegangen, das Recht aber, welches ein Besitz während vieler hundert Jahre den Ureinwohnern desselben, den Seminolen, gegeben hatte, machte es ihnen streitig. Wenig würde dies Recht aber berücksichtigt worden sein, hätte man es in seiner Macht gehabt, diesen ganzen Völkerstamm aus seiner Heimath zu verjagen, oder ihn zu vernichten; an dem Willen hierzu hatte es noch keinen Augenblick gefehlt. Wenn auch die Zahl der Seminolen, die einst über zwanzigtausend Seelen betragen hatte, jetzt schon durch die Vertilgungsmittel der Weißen, durch Branntwein und Krankheiten auf die Hälfte verringert worden war, so blieb sie doch immer noch in der Wildniß dieses Landes eine Macht, die den Waffen der Amerikaner Trotz bot. Das Verfahren, Schritt für Schritt mit Ansiedelungen vorzurücken, wie man es gegen die Indianer im Westen beobachtet, die sich in demselben Verhältniß zurückziehen können, war in Florida 508 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 nicht anwendbar, indem die Seminolen ihr Land nicht verlassen und es nicht gegen ein anderes vertauschen konnten; um jeden Schritt, den die Weißen vorwärts thaten, wurde der Grundbesitz Jener kleiner, deren Nahrungsquellen geringer und ihr Widerstand gegen die Landräuber hartnäckiger. Ein Krieg zur gänzlichen Vertilgung dieser unglücklichen Ureinwohner stand schon seit Jahren in Aussicht, doch immer noch hatte man die Kosten und die Opfer gescheut, die derselbe beanspruchen würde. Der Werth jenes Landes aber wurde von Tag zu Tag bekannter, die Lust der Amerikaner, Besitz davon zu nehmen, immer reger, und die Aufforderungen hierzu an die Regierung in Washington lauter, öffentlicher und dringender. Dazu kam, daß in letzterer Zeit die Angriffe der Seminolen auf die weißen Eindringlinge, namentlich im Süden Floridas, häufiger und mit mehr Grausamkeiten verbunden gewesen waren, als früher, welches die Zeitungsschreiber benutzten, um das amerikanische Volk gegen die Wilden aufzubringen. Umsonst erhoben sich einzelne Stimmen zu Gunsten der Seminolen, wiesen auf deren angestammte Rechte hin und forderten auf, im Wege der Unterhandlung das Land von ihnen zu gewinnen; sie wurden hundertfach überstimmt und »Krieg gegen die Unmenschen, die Kannibalen!« schallte es durch die ganzen vereinigten Staaten. Im Norden Floridas, wo die Indianer mit der verdrängenden Civilisation bereits seit vielen Jahren in Berührung gekommen waren, hatten die einzelnen Stämme schon vieles von den Weißen angenommen, namentlich in Bezug auf ihre häuslichen Einrichtungen; ihre Häuser, ihre Felder waren besser angelegt, als die ihrer rothen Brüder im Süden, sowie im Innern des Landes; sie gebrauchten die Handwerkszeuge der Amerikaner, und ihr Vieh war von edeler Raçe, während jene anderen Stämme noch ihre Hütten von Palmblättern anfertigten, nur einzelne hier und dort ein wenig Mais zogen und auf die Veredelung ihrer Heerden keine Sorge verwandten. Auch der geistige Zustand der Seminolen an der Landesgrenze hatte sich an der benachbarten Bildung abgeschliffen, sie folgten nicht mehr ausschließlich den Eingebungen ihres natürlichen Gefühls und viele Ansichten, viele Gebräuche ihrer weißen Nachbarn 5 10 15 20 25 30 35 509dRittER BaNd • NEuNuNdZwaNZigstEs KapitEl fanden bei ihnen Anklang. Die große Volksmasse aber im Innern des Landes befand sich so zu sagen ganz in dem Zustand der Natur, da noch keine Einflüsse von Außen dagegen eingewirkt hatten, und nur die Abnahme an Wild, so wie der immer kleiner werdende Flächenraum, auf dem die Stämme zusammengedrängt wurden, hatte sie vermocht, hin und wieder Mais zu bauen. Wenn sie sich auch widersetzten, ihre rothen Brüder, die von den Weißen zurückgedrängt wurden, in ihre Jagdgründe aufzunehmen und oftmals blutige Streitigkeiten dadurch herbeigeführt wurden, so mußten sie doch der Nothwendigkeit nachgeben, waren aber deshalb auch um so bereitwilliger, dieselben zu unterstützen, wenn sie Rache an den Eindringlingen ausüben wollten. Die Ansiedelungen der Amerikaner an der Küste des südlichen Floridas wurden täglich mehr von den Urbewohnern bedrängt, die Häuser der Ersteren wurden niedergebrannt, die Felder zerstört, Vieh und Pferde hinweggetrieben und die Menschen gemordet. Mehrere hundert Weiße waren dort im Laufe des letzten Jahres von den Wilden auf die grausamste Art getödtet worden, und der Name Osmakohee wurde von den Grenzbewohnern mit Schrekken genannt. Dieser Häuptling zog als Siegesprophet von Stamm zu Stamm, verkündete im Namen des großen Geistes, daß der Tag der Rache an den Bleichgesichtern nahe sei, daß man bald den Kriegsruf Tallihadjo’s durch ganz Florida hören werde und forderte auf, sich zum großen Kampfe zu rüsten. Mit Begeisterung wurden seine glühenden Reden gehört, der tiefgewurzelte Haß der Indianer gegen die Weißen loderte in hellen Flammen auf und machte sich in kleinen Vorspielen zu dem großen blutigen Rachetag Luft. Allenthalben, wo Osmakohee an der Indianergrenze erschien, fiel man über die nahen Niederlassungen der Amerikaner her, und der Prophet bezeichnete seinen Weg an dieser Frontier mit Feuer und Blut. Die Hülferufe der weißen Floridaner schallten immer dringender in das Kapitolium zu Washington, so daß die Regierung endlich Anstalten machte, denselben den nöthigen Schutz zu senden. Eine Truppenmacht landete an der westlichen Küste Südfloridas in der Tampabay und stellte die an derselben gelegene Festung Brooks wieder her, um von dort aus den Ansiedlern zu 510 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Hülfe zu kommen. Auch wurden jetzt im Congreß zu Washington ernstliche Berathungen gehalten, auf welche Weise man Florida am leichtesten von den Wilden säubern könne, und die meisten Anträge lauteten auf einen Vertilgungskrieg, da derselbe weniger Kosten bedingen würde, als ein Ankauf des Landes von seinen Urbewohnern. Das Leben der vielen Soldaten, die dabei als Opfer fallen mußten, wurde nicht in Anschlag gebracht. Zu den Ohren Tallihadjo’s war sowohl die Nachricht von dem voreiligen Beginnen Osmakohee’s gedrungen, als auch die Kunde von der Landung der Truppenmacht in Tampabay. Sein alter Freund Arnold hatte ihn von dem Beginnen in Washington unterrichtet, und durch ihn hatte er erfahren, daß auch in Georgien die Sympathie für die Seminolen sehr abgenommen habe, wenngleich Arnold selbst, so wie auch sein Sohn, dem Häuptling mit treuer Freundschaft zugethan blieben. Tallihadjo vernahm diese Mittheilungen, ohne durch sein Aeu- ßeres zu verrathen, welchen Eindruck sie auf sein Gemüth hervorbrachten und versicherte Arnold, daß er, was sich auch zutragen möge, stets ein treuer Freund von ihm und den Seinigen bleiben werde. Eine Ruhe, wie sie dem Orkan vorherzugehen pflegt, lag jetzt auf Florida, die Weißen umgaben ihre Niederlassungen mit Pallisaden, machten ihre Häuser kugelfest und brachten in deren Wänden Schießlöcher an. Eine jede Familie zog so viele Männer zu sich heran, als ihr möglich war zu bekommen, und Alle versorgten sich mit Waffen und Munition. Kein Indianer ließ sich mehr bei ihnen blikken und kein Weißer wagte sich in die Gebiete der Wilden. Es war den Kaufleuten auf das Strengste verboten, den Indianern Pulver oder Blei zu verkaufen, das gänzliche Verschwinden von Diesen jedoch überhob Jene einer jeden Versuchung, das Verbot zu übertreten. Demohngeachtet wurden die Seminolen nun erst recht mit Munition versorgt, denn der Amerikaner läßt keine Gelegenheit, Geld zu verdienen, ungenutzt vorübergehen; von andern Staaten her führten viele Händler bei Nacht und Nebel schwere Ladungen mit Büchsen, Pulver und Blei auf Packthieren in die Indianergebiete und machten glänzende Geschäfte damit. An der Grenze von Georgien und auch in Tallahassee wurden solche Uebelthäter 5 10 15 20 25 30 35 511dRittER BaNd • NEuNuNdZwaNZigstEs KapitEl ertappt und kurzweg aufgehangen, nichts destoweniger ward das Geschäft fortgesetzt und die Seminolen erhielten nach wie vor alles, was sie wünschten. Der Herbst hatte Florida mit frischem Grün geschmückt, die Laubholzdickungen, welche sich durch die unabsehbaren Fichtenwälder hinziehen, hatten sich von der Dürre des Sommers erholt und sich mit neuem saftigem Laub bedeckt, und die Herbstflor hatte die wundervollsten Blüthen über Wald und Wiesen ausgestreut. Der Mond warf sein stilles helles Licht über die Erde und ein kühlender Seewind strich erquickend durch die heiligen, noch nicht von der Axt der Weißen verstümmelten Haine der Indianer. Vor Tallihadjo’s Hütte lagen die Seinigen um das niedergebrannte Lagerfeuer hingestreckt in ruhigem Schlafe, nur der Häuptling und Onahee saßen in einiger Entfernung an dem Ufer des Flusses unter einer Cypresse, deren Gipfel die Nachtluft hin und her wiegte; sie schauten in die eilenden Wellen, die rauschend unter ihren Füßen dahinspielten. Ernst und unbeweglich saß Tallihadjo, von dem Lichte des Mondes beschienen, die finstere Gluth seiner großen dunkeln Augen verrieth das Leid und den Schmerz, der seine Brust bewegte, und auf seinen braunen eisernen Zügen stand das Schicksal seines Volkes und seines Vaterlandes geschrieben. »Der letzte Tag nahet, Onahee,« sagte er nach langem Schweigen, »der Tag an dem die Seminolen aufhören werden, ein Volk zu sein. Uneinigkeit und Selbstsucht gräbt ihnen das Grab. Vergebens habe ich es versucht, die Stämme unter sich zu einen, umsonst habe ich die Häuptlinge im Innern des Landes aufgefordert, sich zum großen Kampfe zu rüsten. Oceola antwortete mir, er werde seine Wälder durch Fällen von Bäumen für die Bleichgesichter unzugänglich machen und sie dann dort erwarten; Sam Jones sagte, er sei in seinen Sümpfen sicher vor den Weißen, bis sie zu ihm gelangen könnten, würden die Alligatoren sie verzehrt haben; Schenanda ließ mir melden, wenn die bleichen Männer in seine Berge eindringen wollten, müßten sie klettern lernen, wie die Panther, er werde seine Felsen auf sie hinabrollen und sie unter denselben begraben. So will jeder Stamm ein Volk für sich vorstellen, ein jeder kleiner Häuptling dünkt sich Herrscher der Seminolen, und ehe die 512 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Einzelnen ihre Unbedeutsamkeit erkennen, werden wir sämmtlich eine Beute des Adlers sein. Vereinigt hätte unser Volk die weiße Brut in Florida erdrückt und, wie die Windsbraut die Wälder vor sich niederstürzt, sich durch die Länder der Amerikaner einen Weg nach dem Westen bahnen können, um dort als mächtige unbesiegte Nation sich eine neue Heimath zu gründen; uneinig aber, wie wir sind, wird ein Stamm nach dem andern fallen, bis das Herz des letzten Seminolen aufgehört hat zu schlagen. Noch wäre es Zeit für sie, sich zu retten, wollten sie Alle dies Land verlassen, das ihnen nichts anderes mehr bietet, als eine Grabstätte; ihr Herz aber hängt an den dunkeln Wäldern, an den klaren Gewässern, an dem blauen Himmel ihrer Heimath, der sie ihre Freiheit, ihr Leben opfern werden. Der große Geist macht sie blind, damit sie die Wege der Bleichgesichter nicht erkennen sollen.« Hier schwieg der Häuptling, stützte den Arm auf sein Knie und senkte die Stirn in die Hand. Der Wind rauschte in den Riesenpflanzen des Ufers und der nahe Wasserfall ließ sein eintöniges Brausen durch die mondhelle Nacht ertönen. »Noch haben die Seminolen die Stimme Tallihadjo’s nicht gehört, auf die sie so lange vergeblich gewartet; wie können sie ihr folgen?« sagte Onahee, und richtete ihre großen Augen fragend auf den Häuptling. »Er hatte durch die Zunge Osmakohee’s zu ihnen gesprochen und nur die Grenzbewohner haben seiner Rede ihre Herzen geöffnet,« erwiederte Tallihadjo, ohne aufzublicken. »Wenn es im Süden am nächtlichen Himmel wetterleuchtet, erheben sich die durstigen welken Pflanzen nicht, nur wenn der Sturm sich ihnen selbst nahet und neue Lebenskraft über sie ausgießt, stehen sie auf und lauschen gekräftigt seiner Stimme. Zu lange schon hast Du geschwiegen, zu lange hat das Volk Deinen Blick nicht gesehen, Du hast Freunde unter den Bleichgesichtern und hast Neider und Feinde unter den Häuptlingen unseres Volkes. Es ist hohe Zeit, Tallihadjo, daß Du die Seminolen in Dein Herz blikken lässest,« sagte Onahee mit mahnender Stimme. »Leicht ist es, auf der Spitze der Schneegebirge einen Ball zu drücken und ihn nach dem Thale hinabzurollen, kein Mensch aber hält ihn wieder in seinem Laufe auf, und keiner kann sagen, was die 5 10 15 20 25 30 35 513dRittER BaNd • NEuNuNdZwaNZigstEs KapitEl Lavine in ihrem Sturze mit sich fortreißen und verschütten wird. Um meines Volkes Willen habe ich gezögert, dessen Geschick zu erfassen und die Kriegsfackel anzuzünden, die leicht seine Todesfackel werden kann; dieser Friede aber schwächt sein Herz, lähmt seinen Arm und stumpft seine Waffen ab. Der Tag der Rache bricht an, Onahee, ob ihn unser Volk überleben wird, weiß Niemand.« »So laß es als freies Volk zu seinen Vätern gehen, damit sie es mit Stolz und Freude empfangen können, laß es aber nicht länger in den Lastern der Bleichgesichter versinken. Auch der Bogen seiner Weiber ist stark und ihre Pfeile sind scharf!« sagte Onahee mit funkelndem Blick und fuhr fort, indem sie des Häuptlings Hand ergriff: »Brichst Du auf, um zu Deinem Volke zu gehen, sobald der Himmel im Osten sich röthet, Tallihadjo?« »Leicht läßt die Hand den tödlichen Pfeil vom Bogen schwirren, sie hält ihn aber nimmermehr von seinem Ziel zurück. Tallihadjo’s Stimme soll erschallen. Wenn das Mondlicht verbleicht, breche ich auf,« antwortete der Häuptling, indem er aufstand und dann vor Onahee hin nach seinem Lager schritt. Bei dem Grauen des Tages schmückten die Frauen Tallihadjo’s dessen Roß und das Tomorho’s mit dem schönsten Reitzeug, diese bestiegen mit ihren besten Waffen die Pferde und von den Kriegern gefolgt, verließen sie das Lager. 514 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 30. Der Kutscher. – Die Mittheilung. – Der Fremde. – Zerrüttetes Vermögen. – Die Begegnung. – Musik. – Bestürzung. – Der Diebstahl. – Der Kranke. – Der vermißte Schmuck. – Gefühllosigkeit. – Roheit. – Entschlossenheit. – Kurzer Abschied. – Pflege. An einem der heitern warmen Tage, wie sie der Spätherbst in Florida fast ununterbrochen bietet, wurde vor dem Hause Norwoods eine schwere Postkutsche mit vier edelen Rappen bespannt, und der Kutscher unterhielt sich während des Anspannens mit Ralph, der unter der Veranda an deren Geländer saß und seine Morgencigarre rauchte. Das Frühstück an der Wirthstafel war vorüber und mehrere Reisende, welche die Nacht hier zugebracht hatten, trugen ihr weniges Gepäck aus dem Hause nach der Kutsche, um es in derselben unterzubringen. Es waren fünf bis an die Zähne bewaffnete Männer und ein Frauenzimmer, welche nur auf den Wink des Kutschers warteten, um ihre Plätze in dem Wagen einzunehmen. Der Kutscher aber, der sich in Hemdsärmeln befand und der zwei Pistolen und ein langes Messer in dem Gürtel trug, war Soublett, dessen Bekanntschaft Ralph damals in D.... machte, als er dessen Freund Garrett kennen lernte. Unter vielem Fluchen und Schwören hatte Soublett mit Hülfe des einzigen Negers, den Ralph noch besaß, die Pferde angeschirrt, nahm seine Jacke von dem Geländer der Veranda und warf sie mit den Worten auf den hohen Bock des Wagens: »Fertig zum Einsitzen! Wenn wir bis zur nächsten Station nicht sämmlich die Hälse brechen, so können wir von besonderm 5 10 15 20 25 30 35 515dRittER BaNd • dREissigstEs KapitEl Glück sagen. Die verdammten Rothhäute haben an den bösesten Stellen Bäume so in den Weg hineingefällt, daß man nur mit Lebensgefahr ausweichen kann; es sollte mich auch gar nicht wundern, wenn wir an einem dieser Plätze die Kugeln jener Hunde pfeifen hörten. Sie haben doch geladen meine Herren?« Die Frage wurde von den Reisenden bejaht, dieselben stiegen ein, Soublett ergriff die Peitsche und eine Muskete, die beide an die Gallerie gelehnt standen, und stieg auf den Bock hinauf. Dort nahm er aus einer Tasche neben dem Sitze eine Flasche hervor, that einen langen Zug aus derselben und schickte dann, indem er die Zügel anzog, einen heftigen Peitschenknall über die Köpfe der Pferde, der sie alle viere in große Unruhe versetzte. »Daß Ihr keinen Branntwein im Hause halten wollt, Norwood, thut Euerer Wirthschaft vielen Schaden; Ihr solltet ein Glas mit Buttermilch auf Euer Schild da draußen malen. Bis auf Wiedersehen, wenn uns der Teufel nicht holt!« rief der Kutscher dem Wirthe zu, ließ abermals seine Peitsche über die Rosse schwirren, und fort sprengten diese mit der Kutsche durch die lange Allee der Straße zu, auf der sie in gestrecktem Galopp davon jagten. Ralph saß noch unter der Veranda und folgte mit dem Ohr dem polternden Rasseln des Postwagens, als Eloise aus dem Hause zu ihm trat und sagte: »Hast Du von den Fremden Nichts über die Indianer gehört?« »In Tallahassee und der ganzen Umgegend sind die Leute in größter Besorgniß; sie erwarten jeden Augenblick einen ernstlichen Angriff von den Wilden. Wie man sagt, sollen diese durch die Truppensendung nach Tampabay aufgebracht sein und sich allgemein zum Kriege rüsten,« erwiederte Ralph, ohne sich nach Eloisen umzuwenden. »Gott mag uns vor einem solchen Krieg bewahren, wir wohnen hier so einsam, ich wüßte nicht, was wir anfangen wollten, wenn uns Indianer überfielen,« sagte Eloise ängstlich. »Hat nichts zu sagen, uns werden sie nicht beunruhigen, meine Mutter war ja eine Seminolin, und Tallihadjo ist mein Freund. Uebrigens wäre es wohl Zeit, daß man das Land von dieser Plage befreite. Ich hätte große Lust, mich der Regierung als Agenten an- 516 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 zubieten, um mit den Indianern zu unterhandlen; sie trauen mir mehr, als andern Weißen, und ich spreche ihre Sprache.« »Aber Ralph, wolltest Du mich denn hier allein lassen?« »Nun was wäre denn dabei? Du hast ja schon beinahe ein Jahr die Wirtschaft mit Eva allein besorgt, und für den Stall bleibt Dir unser Neger Guy. Die Indianeragenten werden von der Regierung sehr gut bezahlt. Ich will mir die Sache noch überlegen.« »Was wird uns die Bezahlung nützen? Du brauchst dann so viel mehr, wenn Du außerhalb leben und umherziehen mußt. Hier zu Hause kostet es Dich ja nichts. Denke nur, wie kann ich so ganz allein mit zwei Negern hier wohnen?« »Vor einer weißen Frau hat Jedermann Respekt; es wird Dir Niemand zu nahe treten,« sagte Ralph mit entscheidendem Tone und setzte, indem er in der Allee hinaufblickte, noch hinzu: »Dort kommt ein Fremder; wie es scheint, ein Herr von dem Norden, das Cabriolet wenigstens ist nicht im Süden gemacht.« Eloise ging in das Haus zurück und Ralph, der aufgestanden und vor die Veranda getreten war, pfiff auf der Faust, um den Neger Guy herbeizurufen, damit er dem Reisenden das Pferd abnehme. Der zweiräderige elegante leichte, mit einem edelen Roß bespannte Wagen näherte sich jetzt dem Haus. Sein Verdeck war zurückgelegt und seinen für zwei Personen eingerichteten Sitz nahm ein sehr bleicher schöner Mann und ein hübscher Negerknabe ein, welcher Letztere das Pferd lenkte, während sein Herr sich mit untergeschlagenen Armen zurück gegen das seidene Polster gelegt hatte. Als der Wagen vor dem Hause still hielt, fragte der blasse Mann den Wirth, indem er höflich den breitrandigen Strohhut abnahm, ob er hier ein Quartier bekommen könne? »Dies ist ein Gasthaus und Sie sind willkommen darin, Herr,« antwortete dieser, während Guy herbeisprang und die Zugstränge des Pferdes von dem Wagen lös’te. Der fremde Herr erhob sich, wie es schien, nicht ohne Anstrengung aus seinem Sitz, und der Negerknabe, der behend aus dem Cabriolet gesprungen war, reichte ihm die Hand, um ihm beim Aussteigen behülflich zu sein. 5 10 15 20 25 30 35 517dRittER BaNd • dREissigstEs KapitEl Er war eine hohe edele Gestalt, und wenn auch seine Haltung von Schwäche und Hinfälligkeit zeugten, so lag doch unverkennbar ein vornehmes Wesen in seiner ganzen Erscheinung. Seine männlich schönen, scharf ausgeprägten Züge waren eingefallen, wodurch seine fein gebogene große Nase um so mehr hervortrat, und gegen seine sehr weiße Haut stachen die glänzend schwarzen, sich über der Nase fest vereinigenden breiten Augenbrauen, so wie sein ebenso schwarzes, langes, lockiges Haar auffallend ab. Die hohe freie Stirn und seine geistvollen großen dunkeln lebendigen Augen überraschten und machten den Eindruck des Ungewöhnlichen. Durch seine ganz schwarze Kleidung und die blendend weiße Wäsche, die er trug, fiel seine Blässe noch mehr auf, und ein krampfhafter Husten, der ihn beim Aussteigen befiel, bekundete, daß er brustleidend sei. Als er zu Ralph hintrat, nahm er abermals seinen Strohhut ab und sagte mit einer leichten Verbeugung: »Mein Name ist Montclard. Ich bin leidend und meine Aerzte haben mich veranlaßt, den Norden zu verlassen und im Süden zu reisen, indem sie einstimmig behaupten, daß die Climaveränderung günstig auf meinen Gesundheitszustand einwirken würde. Es ist mir vorgeschrieben, nur kurze Fahrten zu machen und dann zu rasten, weshalb ich wohl einige Tage bei Ihnen verweilen werde, wenn Sie mir die erforderliche Bequemlichkeit geben können. Ich verstehe hierunter namentlich ein eigenes Zimmer.« »Das steht zu Ihren Diensten, Herr Montclard, und ich glaube, daß ich im Stande bin, Ihnen mehr Bequemlichkeit zu geben, als irgend ein anderer Wirth in unserer Gegend,« erwiederte Ralph, indem er sich gleichfalls verbeugte und seine Augen auf einen sehr werthvollen Stein heftete, der in einem Ringe an der Hand des Fremden blitzte. »Sie haben ein, in diesem Lande ungewöhnlich schönes Haus, und überhaupt scheint auf die Pflege Ihrer Besitzung mehr Aufmerksamkeit verwandt zu sein, als man es hier zu finden gewohnt ist. Sie haben auch Ställe, was gleichfalls hier im Süden zu den Ausnahmen gehört und mir doppelt angenehm ist, da ich sehr viel auf mein Pferd halte,« sagte Montclard, indem er seinem Roß nachblickte, welches von Guy hinweg geführt wurde. 518 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Die Stallungen sind gut und sicher und der Neger, der sie bedient, ist ein zuverlässiger Bursche. Treten Sie aber näher, damit ich Ihnen Ihr Zimmer anweisen kann,« antwortete Ralph. »Bring meine Effecten herein, René,« sagte Montclard darauf zu seinem Negerknaben, und folgte dann Ralph in das Haus. »Ziehen Sie ein Zimmer gleicher Erde vor? Sie haben die Wahl,« fragte Dieser beim Eintreten. »Wenn es Ihnen einerlei ist, so wird mir eine Wohnung gleicher Erde angenehmer sein, da mir das Treppensteigen beschwerlich ist,« erwiederte Montclard, worauf ihn Ralph durch das Haus und in ein Zimmer führte, welches, an dessen hinterer Seite gelegen, nach dem Garten und dem Bache die Aussicht bot. »Dies ist das kühlste Zimmer in meinem Hause, da die Sonne erst kurz vor ihrem Untergange seine Fenster erreicht. An Bequemlichkeit wird es Ihnen hier nicht fehlen,« sagte Ralph, indem er auf das Sopha, den Schaukelstuhl und das Bett zeigte. »Es ist vortrefflich, und übertrifft gänzlich meine Erwartungen,« antwortete Montclard sich umblickend, und fügte dann noch hinzu: »Ich muß mich aber gleich mit einer Bitte an Sie wenden, durch deren Gewährung Sie mich sehr verbinden würden. Ich wünsche nämlich, in meinem Zimmer zu speisen. Ich weiß, es ist gegen Landessitte, mein Unwohlsein aber macht es mir zur Nothwendigkeit. Ich bin sehr gern erbötig, einen höhern Preis dafür zu zahlen.« »Es soll geschehen, wie Sie es wünschen, natürlich muß ich die größere Mühe dabei berechnen, wir haben häufig sehr viel zu thun.« »Damit bin ich vollkommen einverstanden,« erwiederte Montclard und ließ sich in das Sopha niedersinken, indem er sich mit seiner Schwäche bei Ralph entschuldigte. Dieser verließ bald darauf das Zimmer, und René trug den Koffer und das lose Gepäck herein, worunter sich eine schöne Doppelflinte, zwei reich mit Gold eingelegte Pistolen und ein kostbar verzierter Dolch befand. Ralph hatte sich zu Eloisen in das Zimmer begeben, wo dieselbe bei ihrem Sohne auf dem Teppich saß und ihm Spielzeug zuschob, welches um ihn her zerstreut lag. 5 10 15 20 25 30 35 519dRittER BaNd • dREissigstEs KapitEl »Das scheint ein reicher Kautz zu sein; er ist krank und will hier rasten. Wir können ihm eine hohe Rechnung machen, denn er will die hintere Eckstube für sich haben und auf seinem Zimmer speisen. Dafür zahlt man den doppelten Preis.« »Das würde wohl zu viel sein, Ralph, die Mühe ist so groß nicht,« erwiederte Eloise zu ihm aufsehend. »Mit Deiner Gewissenhaftigkeit! Solche Vögel kommen nicht jeden Tag. Er wird vielleicht länger hierbleiben, denn ein solches Unterkommen findet er im ganzen Lande nicht, und dann soll er auch bluten. Er kann’s bezahlen,« bemerkte Ralph mit barschem Tone, sah darauf nach der Uhr und sagte: »Ich werde nicht zum Mittagsessen kommen, ich habe einige Nachbarn zu sprechen.« Hierauf verließ er das Zimmer, ließ sein Pferd satteln und ritt davon. Ralphs Vermögensverhältnisse hatten sich sehr verschlechtert, er war ganz wieder in sein leichtsinniges Leben verfallen, hatte auf seinen Jagden seine früheren Gesellschafter wieder um sich gesammelt, besuchte mit ihnen die Trinkhäuser, zechte und spielte mit ihnen und hatte alles Geld an sie verloren, welches ihm möglich gewesen war, anzuschaffen. Er hatte viele Schulden gemacht und sah mit Besorgniß dem Ende des Jahres entgegen, wo die Creditoren auf Zahlung dringen würden. Der gegen Eloise ausgesprochene Gedanke, sich bei der Regierung in Washington um eine Anstellung als Indianeragent zu bewerben, war ein schon lange gefaßter fester Plan, zu dessen Ausführung er schon seit einiger Zeit weit und breit Unterschriften zu einem Gesuch an das Gouvernement gesammelt hatte, in welchem Ralph als die passende Person bezeichnet wurde, welche mit den Seminolen Unterhandlungen einleiten könne. Auch heute ritt er zu mehreren Pflanzern in der Umgegend, um deren Unterschriften zu erhalten. Durch die Verwirklichung dieses Planes entzog er sich auch den Mahnbesuchen seiner Creditoren und konnte mit einem sehr guten Gehalt ein unabhängiges Wanderleben führen, wie es ihm am besten zusagte. Zu Haus stand er doch mehr oder weniger in Bezug auf sein Kommen und Gehen, so wie auf seine Ausgaben, unter der Controlle seiner Frau, vor der er sich vergebens bemüht hatte, seine Geldverhältnisse zu ver- 520 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 heimlichen. Auch über seinen Stand mit dem Kaufmann Behrend hatte sie zufällig Aufklärung erhalten, indem ihr eine Abrechnung von Diesem in die Hände gefallen war, wonach er an Ralph noch einige hundert Dollar zu fordern hatte. Als Eloise ihn verwundert darüber befragte, hatte er ihr barsch zur Antwort gegeben: sie möge sich um ihre Küche bekümmern und sich nicht in Angelegenheiten mischen, die ihr nichts angingen. Auch war er häufig betrunken nach Hause gekommen, bei welchen Gelegenheiten Eloise vermieden hatte, seiner ansichtig zu werden, denn er war ihr in diesem Zustande schrecklich und unerträglich. So sehr sie aber auch von ihm vernachlässigt und häufig gekränkt wurde, so fand sie bei ihren vielen Thränen doch immer einen Trost, einen Ersatz in ihrem Kinde, dessen Liebe und Zärtlichkeit ihr allen Kummer, allen Gram versüßte. Oft hob sie es in ihrer Verzweiflung weinend und schluchzend auf ihre Arme, preßte es gegen ihren Busen, und im nächsten Augenblick lachte sie mit ihm, während die Thränen noch über ihre Wangen rollten. Unverdrossen besorgte sie dabei den ganzen Haushalt und stellte alle Reisenden so zufrieden, daß ein Jeder gern wieder im Concordia-Hotel einkehrte, und dasselbe auf weit und breit als das beste an der Straße bekannt wurde. Heute, kurz vor dem Mittagsessen, sandte Eloise ihre Dienerin zu dem neuen Gaste in das Zimmer und ließ ihn fragen, ob es ihm angenehm sei, bald zu speisen und ob er außerdem irgend etwas wünsche. Eva kam bald mit der Antwort zurück, daß Montclard mit Allem zufrieden wäre und darum bäte, daß Madame Norwood seinetwegen sich doch ja keiner Aenderung in ihren häuslichen Einrichtungen unterziehen möchte. »Es ist ein sehr feiner Mann, Herrin,« sagte Eva zu Eloisen, »er dankte mir so freundlich und sagte, er fühle sich ganz glücklich, daß ihn der Himmel in dies Haus geführt habe. Auch bat er mich, meiner Herrin zu sagen, sie möchte es entschuldigen, daß er ihr sein Compliment noch nicht gemacht habe, er sei aber zu angegriffen von der Reise und bedürfe der Ruhe. Er sieht auch recht leidend aus, und doch ist er ein sehr schöner Mann; ich meine die Blässe stand ihm sogar gut. Wie mir der Negerknabe sagte, so kommt der Herr von Philadelphia, ist aber ein geborener Franzose und schon als Kind mit seinen Eltern nach Amerika ausgewandert. 5 10 15 20 25 30 35 521dRittER BaNd • dREissigstEs KapitEl Er soll auch sehr reich sein und in Philadelphia viele Häuser und in der Umgebung große Besitzungen haben.« Eloise hörte nur halb, was Eva ihr erzählte, denn sie dachte an Ralph’s barsche Antwort in Bezug auf den Fremden und an die Andeutung, die er ihr wegen seiner Bewerbung um einen Staatsdienst gemacht hatte. Auch fielen ihr die bevorstehenden Feindseligkeiten mit den Indianern ein, und sie schauderte zusammen, wenn sie sich dachte, daß sie sich dann mit ihrem Kinde hier allein befinden sollte. Der Tag verstrich ungewöhnlich ruhig, denn es kehrte kein anderer Reisender ein und von Montclard wurde Niemand etwas gewahr. Sein Negerknabe hatte das Essen für ihn in sein Zimmer tragen, so wie auch nachher das Geschirr wieder in die Küche zurückbringen müssen und als René später selbst zum Essen kam, sagte er zu Eva, daß Herr Montclard auf dem Sopha eingeschlafen sei. Es war ein sehr heißer Tag gewesen, und um so wohlthuender erquickte gegen Sonnenuntergang der Abendwind, der vom Golf her heute ungewöhnlich frisch und kräftig über das Land zog. Eloise hatte alle Fenster im Hause, bis auf die des Fremden, öffnen lassen, damit die Räumlichkeiten sich abkühlen möchten, dann nahm sie ihren Knaben auf den Arm, um ihn hinaus ins Freie zu tragen und ihn die erfrischende Luft genießen zu lassen. Sie schritt mit ihm auf dem saftigen Gras unter den Obstbäumen hinter dem Hause dem Bache zu, auf dem schon die tiefen Schatten des dichten Waldstreifens lagen, der ihn überwölbte, und zwischen dessen Laubmassen hier und dort das glühende Roth des Abendhimmels durchschimmerte. Unmittelbar an dem Ufer des wildrauschenden Wassers zog sich ein Pfad unter diesem Laubdach durch das Dunkel des Waldes hin, den Eloise vorzugsweise zu ihren Spaziergängen wählte, denn hier war sie sicher vor jedem Begegnen mit einem Fremden und hier konnte sie ungestört der trüben Beschauung ihres Lebens folgen und ebenso unbehelligt sich dem Glück, welches die Mutterfreuden ihr boten, hingeben. »Bist Du denn mein Herzensjunge, und hast Deine Mutter so recht lieb?« sagte sie im Gehen zu dem Knaben, indem sie ihn in ihren Armen auf und niederwiegte, worauf das Kind seine Aerm- 522 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 chen ausbreitete, sich um ihren Nacken warf und seine kleinen Lippen lächelnd dem Munde der Mutter zuführte. »Ja, Du bist meine Wonne, mein einziges Glück, meine Seligkeit!« sagte sie im Uebermaß ihrer Gefühle und drückte den Knaben fester an ihren Busen, als plötzlich am Eingange in den Wald Montclard vor ihr stand. Eloise fuhr erschreckt zurück, ihr Herzschlag setzte einen Augenblick aus und dann flog eine auffallende Röthe über ihre Wangen. »Ich bitte tausendmal um Vergebung; ich habe Sie erschreckt,« sagte Montclard, indem er seinen Hut abnahm und sich mit großer Höflichkeit vor Eloisen verneigte. »Ohne Zweifel habe ich die Ehre, Madame Norwood vor mir zu sehen?« fuhr er dann fort und verbeugte sich abermals. Eloise schwieg und trat sich verneigend zur Seite, um dem Fremden auf dem schmalen Pfade Platz zu machen, doch dieser verweilte in seiner Stellung und sagte: »Mein guter Engel hat mich in Ihr Haus geführt und mein Glück hier würde ganz vollkommen sein, wenn ich die Ueberzeugung hätte, Ihnen durch meine Gegenwart nicht lästig zu werden. Die Gesellschaft eines Kranken ist nicht angenehm.« Eloise hatte sich von ihrer Ueberraschung erholt, blickte Montclard theilnehmend an und erwiederte: »Sie sind uns in keiner Weise lästig, Herr Montclard, und was in unsern Kräften steht, um Ihnen den Aufenthalt bei uns erträglich zu machen, soll sicher und gern geschehen.« »Der Himmel und meine Dankbarkeit werden es Ihnen lohnen, was Sie an dem Fremden und jetzt Heimathlosen thun. Mein unerwartetes Erscheinen hat Sie aber in Ihrem Spaziergang gestört, einem Bilde des Leidens begegnet man nicht gern. Ich bitte nochmals um Vergebung,« sagte Montclard, und schritt mit einem höflichen Gruß vor Eloisen vorüber dem Hause zu, in welchem er bald darauf verschwand. Eloise war bewegt, warum? wußte sie nicht; es mußte die Ueberraschung die Ursache davon sein. Sie schritt in Gedanken versunken auf dem schmalen Pfad an dem brausenden Wasser hin, dessen Kühle wohlthuend um sie aufstieg, denn es war ihr so warm und sie fühlte, wie ihre Pulse noch immer schneller schlugen, als sonst. 5 10 15 20 25 30 35 523dRittER BaNd • dREissigstEs KapitEl Die Röthe am westlichen Himmel war beinahe verschwunden und die Schauer der Nacht durchzogen den Wald. Der Knabe war in Eloisens Arm eingeschlummert, und ruhte mit seiner Wange an ihrem Nacken, noch folgte sie willenlos dem Pfad, bis derselbe ungangbar wurde und das Rankengeflecht, welches ihre Schritte hemmte, sie daran erinnerte, daß es Zeit sei, den Rückweg anzutreten. Sonderbar – Montclard stand ihr noch immer vor Augen – noch niemals hatte ein Mann sie so überrascht, wie dieser; sie sagte sich, daß es Mitleid sei, welches ihre Gedanken an ihn fesselte und beschloß, Alles zu thun, um ihn das Traurige seiner Lage vergessen zu lassen. Es war vollkommen Nacht geworden, wie ein feuriger Nebel wogten die Schaaren fliegender Leuchtkäfer über den Bach und um die Büsche, das Summen, Schrillen und Zirpen der Insecten erfüllte die Luft und der helle Metallton der hin und her huschenden Eidechsen klang geheimnißvoll durch die Nacht. Eloise hatte auf dem vertrauten Pfade das Ende des Waldes erreicht und eilte dem Wohngebäude zu, als wunderbar liebliche Saitenklänge in rauschenden Accorden ihr von dort her entgegenströmten. Sie hatte seit ihrem Abschied von Baltimore durchaus keine Musik gehört, Töne aber, wie diese waren ihr bisher gänzlich unbekannt geblieben. Bis auf kurze Entfernung hatte sie das Haus erreicht und erkannte nun, daß die Klänge aus den offenen Fenstern Montclards hervorkamen. Sie blieb überrascht stehen und lauschte den schwermüthigen Melodien, die bald leise klagend, bald schauerlich und stürmisch in die Nacht heraus wogten und sie auf dem Platz gefesselt hielten, auf dem sie, mit ihrem schlafenden Kind im Arm, stand. Plötzlich ertönte der wohlbekannte gellende Pfiff Ralph’s vor der andern Seite des Hauses, und Eloise sprang eilig hinein nach ihrem Zimmer. Sie hatte kaum ihr Kind auf dem Sopha niedergelegt, als Ralph mit den Worten hereintrat: »Nun, noch kein Licht – das Kienholz ist wohl theuer geworden?« »Ich bin mit Tom im Freien gewesen und erst so eben zurückgekehrt« sagte Eloise halb verlegen, schürte die Kohlen im Kamin un- 524 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ter der Asche hervor und legte einige Kienspäne darauf, die sofort ein Flackerfeuer erzeugten. »Die Leute im Lande lassen mir keine Ruhe, ich soll nach Washington reisen, um der Regierung Vorstellungen in Bezug auf die Mißverhältnisse mit den Indianern zu machen. Man hat ein Gesuch an das Gouvernement aufgesetzt, dasselbe mit einer großen Zahl der achtbarsten Unterschriften versehen, und mich dazu bestimmt, es dem Gouvernement zu überbringen. Es ist eine Auszeichnung, die ich nicht gut werde ablehnen können,« sagte Ralph, indem er sich in einen Armstuhl warf und die Füße dem Feuer zustreckte. »Aber um Gottes Willen, Ralph, willst Du mich denn wirklich hier allein lassen? Wenn nun die Feindseligkeiten der Indianer ausbrechen, so stehe ich ja ganz hülflos da,« erwiederte Eloise mit Angst und Schrecken. »Niemand wird Dich beunruhigen. Außerdem gehe ich ja nach Washington, um die Streitigkeiten mit den Seminolen beizulegen, gieb Dich zufrieden, ich werde nicht lange ausbleiben,« sagte Ralph mit gleichgültigem Tone, während Eloise an das Fenster trat, um ihre Thränen zu verbergen. Eva unterbrach die eingetretene Stille, indem sie in das Zimmer schritt und den Tisch deckte, worauf Eloise sich mit ihr nach der Küche begab. Ralph hatte einen Augenblick sinnend vor sich in das Feuer gesehen, dann fielen seine Blicke auf das Arbeitstischchen seiner Frau, auf welchem er den Ring mit deren Schlüsseln erkannte. Er sprang auf, ergriff sie, betrachtete sie, als ob er einen derselben auswähle, und schritt dann schnell zu Eloisens Secretär, an welchem er die unterste Schieblade aufschloß. Hieraus nahm er ein, in Papier eingeschlagenes Packet hervor, schob es in seine Rocktasche, verschloß die Lade wieder und legte die Schlüssel auf denselben Platz, von wo er sie genommen hatte. Als er sich wieder in dem Armstuhl niedersetzte, wandte er sein Ohr lauschend der Thür zu, und zog zugleich das Packet aus seiner Tasche, von dem er, immer noch nach der Thür horchend, das Papier öffnete und dann auf dasselbe niederblickte. Die Brillanten von Eloisens und ihrer Mutter Schmuck blitzten ihm entgegen, er hörte Tritte auf 5 10 15 20 25 30 35 525dRittER BaNd • dREissigstEs KapitEl dem Gange, faltete das Papier schnell wieder um die Kostbarkeiten und versenkte sie in seine Tasche. Es war Eloise, die in das Zimmer trat, sie begab sich zu ihrem Nähtisch, öffnete denselben mit einem der Schlüssel und steckte diese, nachdem sie ihre Arbeit in dem Tisch verschlossen, in die Tasche ihres Kleides, während Eva die Speisen auftrug. Das Abendessen wurde schweigend eingenommen und kaum war dasselbe beendigt, als Ralph sich erhob und die Stube verließ. »Hast Du dem Fremden das Abendbrod schon gesandt?« fragte Eloise die Dienerin. »Er hat nur Thee und Butterbrod verlangt, René hat es ihm in sein Zimmer gebracht,« erwiederte Eva, räumte den Tisch ab und fragte dann ihre Herrin, indem sie zu dem Sopha trat: »Soll ich Tom zu Bett bringen?« »Laß ihn nur liegen, er schläft so sanft, ich will ihn mit mir nehmen, wenn ich zur Ruhe gehe,« erwiederte Eloise, setzte sich in den Armstuhl vor das Feuer, und als sie die Dienerin im Hinausgehen die Thür schließen hörte, faltete sie krampfhaft ihre kleinen Hände, hob ihre thränenfeuchten Augen über sich und senkte dann das Gesicht in ihr Tuch. Sie weinte bitterlich; der Entschluß ihres Gatten, sie zu verlassen, weil ihm das Leben hier, wie sie recht gut wußte, zu ruhig, zu langweilig war, hatte alle die alten Wunden ihres Herzens wieder aufgerissen und eine neue geschlagen, die ihr zu schwer erschien, als daß sie jemals heilen könnte. Daß sie Ralph gleichgültig geworden war, wußte Eloise, ebenso fühlte sie, daß sie ihn nicht liebte; daß er sie aber ohne Grund in jetzigem ernstem Augenblick auf unbestimmte Zeit verlassen und sie tausend Widerwärtigkeiten und Gefahren preisgeben würde, war mehr, als sie erwartet hatte. Sie blickte nach ihrem Kinde, das in glücklichem Schlafe auf dem Sopha ruhte, statt aber, wie früher, immer Trost in seinem Anblick zu finden, vermehrte es nur noch ihre Besorgniß, ihren Schmerz, und weinend wandte sie ihre Augen wieder von ihm ab. Es schlug eilf auf der Uhr vor ihr, sie stand auf und zündete ein Licht an, um sich in ihr Schlafgemach zu begeben, als sie plötzlich eilige Tritte auf dem Gange hörte, die sich nach der Küche zu wenden schienen. Wenige Minuten nachher kam Eva in das Zimmer 526 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 geeilt und theilte mit bebender Stimme ihrer Herrin mit, daß der Fremde sehr krank geworden sei und René gesagt habe, sein Herr liege im Sterben. »Eile, Eva, sieh was ihm fehlt und ob wir etwas für ihn thun können,« sagte Eloise erschrocken, und als die Dienerin sich entfernt hatte, nahm sie die Schlüssel aus ihrem Kleid hervor und schloß die unterste Schieblade ihres Secretärs auf, um ein Gläschen mit belebenden Tropfen aus derselben hervorzunehmen. Bei dem ersten Blick, den sie hineinthat, vermißte sie das Packet mit dem Schmuck, den sie niemals anderswo verwahrt hatte; in ihrer Angst aber um den Fremden nahm sie nur das Glas hervor und verschloß die Schieblade schnell wieder. Eva kehrte jetzt bleich und entsetzt zurück und berichtete, daß Herr Montclard ohne Besinnung da läge und, wie es schien, dem Tode nahe sei. »Nimm das Licht, und leuchte mir«, sagte Eloise zu der Sclavin, schritt ihr eilig voran und begab sich nach dem Zimmer des Fremden. Montclard lag regungslos mit geschlossenen Augen, bleich wie eine Leiche und ohne Lebenszeichen vor Eloisen auf seinem Lager. Sie ließ Eva mit dem Lichte seine Züge beleuchten, nahm dann einen Theelöffel von dem Tische und füllte ihn mit Tropfen aus dem mitgebrachten Glase. Sie hob selbst den Löffel zu Montclards kaum geöffneten Lippen und flößte die Arznei behutsam in seinen Mund. Dann wusch sie mit denselben Tropfen seine Stirn und Schläfe, befeuchtete ihr Batisttuch mit der Flüssigkeit und legte dies unter den Busenstreif seines Hemdes auf sein Herz. Sie hatte Eva das Licht aus der Hand genommen, hob es über sich und hielt ihre Blicke auf die leblosen Züge des Mannes geheftet, als erwarte sie von Augenblick zu Augenblick, daß dieselben sich wieder beleben sollten. Wohl zehn Minuten waren erfolglos verstrichen und Eloise befahl ihrer Dienerin, ihr die Tropfen und den Theelöffel vom Tische abermals zu reichen, als plötzlich die Brust Montclards sich hob, seinen Lippen ein tiefer Seufzer entfloh und seine Augen sich öffneten. So matt sein Blick auch war, so zeugte er doch von Montclards vollkommenem Bewußtsein, er sah Eloisen mit einem Ausdruck 5 10 15 20 25 30 35 527dRittER BaNd • dREissigstEs KapitEl von Wehmuth und Dankbarkeit an und machte mit seiner Hand eine kaum merkliche Bewegung, als wolle er auch dadurch sein Dankgefühl aussprechen. Eloise theilte nun dem am Fuße des Bettes weinend sitzenden Negerknaben mit, sie werde ihm einen Thee für seinen Herrn senden, wovon er ihm von Zeit zu Zeit zu trinken geben solle und verließ darauf mit Eva das Gemach. Während diese nun nach der Küche eilte, um den Thee nach Vorschrift ihrer Herrin zu bereiten, begab sich Eloise nach dem Wohnzimmer zurück, wo sie zuerst nach ihrem noch ruhig schlummernden Kinde sah und dann zu dem Secretär ging und die Schieblade wieder öffnete. Der Schmuck war verschwunden, und doch wußte sie zuverlässig, daß sie denselben niemals irgend anderswo aufgehoben hatte, und daß die Schlüssel auch nie in andere Hände gekommen waren. Ganz gegen ihre Gewohnheit und, so weit sie sich erinnern konnte das einzige Mal, hatte sie dieselben heute Abend auf ihrem Nähtisch liegen lassen, als sie mit Eva in die Küche ging, und während dieser Zeit hatte ja Ralph das Zimmer nicht verlassen. Wer konnte möglicher Weise den Schmuck entwendet haben? Auf die treue ehrliche Eva konnte kein Verdacht fallen, Guy, der Neger kam niemals in dies Zimmer und wußte nicht, daß Eloise einen Schmuck besaß, wie dies denn überhaupt Niemandem außer Ralph bekannt war. Weniger des Werthes halber, als wegen der Erinnerungen, die sich an die entwendeten Kostbarkeiten knüpften, traf deren Verlust Eloisen sehr schwer, sie stand mit einer Thräne im Auge und blickte lange Zeit in die leere Schieblade; da regte sich ihr Kind auf dem Sopha, sie verschloß das Secretär, nahm Tom auf den Arm und rief Eva herein, um ihr nach dem Schlafgemach zu folgen. Am nächsten Morgen beim Frühstück berichtete Eloise ihrem Gatten, was sich in vergangener Nacht mit dem Fremden zugetragen habe, worauf Ralph demselben einen Besuch abstattete. Bald nachher kehrte er in das Wohnzimmer zurück, stellte sich mit dem Rücken vor das Kamin und sagte zu Eloisen, indem er den Rauch seiner Cigarre vor sich in die Höhe blies: »Der Kerl ist fertig bis aufs Schleifen. Guy kann vorläufig einen Sarg für ihn aus alten Brettern zusammennageln, und wenn er 528 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 während meiner Abwesenheit stirbt, so soll ihn der Neger etwas weit von hier im Walde begraben. Wir können ihm eine hohe Rechnung für Verpflegung und Beerdigung machen, wogegen wir seine Nachlassenschaft in Empfang nehmen, um uns daraus zu bezahlen. Ich werde Eva anweisen, ihm, wenn er todt ist, seinen Brillantring vom Finger zu ziehen und ihn Dir zu überliefern; der Stein in demselben ist außerordentlich viel werth. Sämmtliche Effecten des Burschen bleiben bis zu meiner Rückkehr hier und auch den Negerjungen lässest Du nicht fort; wir sind Niemanden Rechenschaft darüber schuldig.« Eloisen überlief es eiskalt bei der herzlosen Rede ihres Gatten, sie dachte an die Zeit, in der sie selbst so verlassen in der Welt gestanden hatte, und fühlte, wie sehr Montclard des Beistandes eines menschlichen Herzens bedurfte. Sie erwiederte aber nichts auf Ralph’s Bemerkungen, da sie nur zu gut wußte, daß sie doch keine Aenderung in seinen Beschlüssen erzielen könne, und es schon lange aufgegeben hatte seine Gefühle umzustimmen. Nachdem Ralph ihr noch weitläufig auseinander gesetzt hatte, daß er nach dem Tode eines Fremden in seinem Hause, wenn derselbe keine Verwandte, keine ihm näherstehende Freunde in der Gegend habe, der natürliche Verwalter dessen Vermögens sei, und für die Aufnahme eines todtkranken Menschen unter seinem Dache irgend einen beliebigen Preis berechnen könne, sagte Eloise nach einer eingetretenen Pause: »Ralph, ich muß Dir auch eine höchst unangenehme Mittheilung machen, – ich bin sehr arg und auf eine ganz unbegreifliche Weise bestohlen. Mein Schmuck ist mir aus meinem Secretär entwendet worden.« »Dein Schmuck?« rief Ralph mit dem Ausdruck höchsten Erstaunens, »wie ist das möglich, ist denn das Schloß erbrochen?« »Ich kann es mir nicht erklären; an dem Schloß ist nichts versehrt und den Schlüssel habe ich stets bei mir getragen. Nur gestern Abend, als ich vor dem Essen in die Küche ging und Du hier im Zimmer bliebest, ließ ich die Schlüssel dort auf meinem Tisch liegen,« sagte Eloise. »Das ist ein Hausdieb gewesen und außer Eva hat Niemand gewußt, daß Du einen Schmuck besaßest. Niemand anders als diese 5 10 15 20 25 30 35 529dRittER BaNd • dREissigstEs KapitEl Kanaille hat ihn gestohlen, ich werde sie aber bald zum Geständniß bringen, darauf kannst Du Dich verlassen,« rief Ralph mit anscheinender höchster Entrüstung und eilte der Thür zu. Eloise aber trat ihm in den Weg und sagte: »Nein, Eva ist unschuldig, sie ist die treuste aller Sclavinnen.« »Das werden wir sehen; wenn ihr das Blut von dem Rücken fließt, wird sie uns mit dieser Unschuld wohl bekannt machen. Sie hat den Schmuck gestohlen!« Mit diesen sehr heftig ausgesprochenen Worten wollte er Eloisen zur Seite drängen und die Thür gewinnen; doch diese hielt ihn bittend und flehend zurück und betheuerte, daß Eva unschuldig sei. Ralph wollte sich mit Gewalt losmachen und schwur hoch und theuer, er würde die Negerin todt peitschen, wenn sie nicht gestehen wollte; Eloise jedoch klammerte sich an ihn und bat unter Thränen, der unglücklichen Sclavin nichts zu Leide zu thun, da sie wüßte, daß sie den Raub nicht begangen habe. Ralph ließ sich endlich überreden und sagte: »Nun, wenn Du so bestimmt weißt, daß sie es nicht gethan hat, so muß der Schmuck weggeflogen sein, denn außer Eva kommt Niemand in dies Zimmer.« »Ich will Dir sagen, wen ich des Diebstahls fähig halte. Es ist der Kutscher Soublett; er hat vorletzte Nacht hier im Hause geschlafen und ich traue ihm Alles zu.« »Ach, der Soublett, er ist ein lustiger, harmloser Geselle und trinkt gern einen Schluck, darum hältst Du ihn zu Allem fähig. Für den stehe ich ein, so gut, wie Du für Deine verdammte Negerin. Sie und Niemand Anders hat den Diebstahl begangen. Wenn Du aber darauf bestehst, sie sei unschuldig, in Gottes Namen, es ist Dein Schmuck, und ich verliere ihn nicht«, erwiederte Ralph. »So laß es dabei bewenden; Segen wird der Raub dem Dieb nicht bringen, vielleicht aber Fluch!« sagte Eloise, zufrieden, daß Ralph es aufgegeben hatte, Eva zu foltern. Die Herzlosigkeit Ralph’s gegen den unglücklichen, verlassenen Fremden hatte das Mitleid Eloisens für denselben nur noch mehr erregt und die Hülflosigkeit seiner Lage in noch hellerem Lichte ihr vor die Seele geführt. Sie war entschlossen, für ihn zu thun, was nur in ihren Kräften stehe, und als Ralph wieder sein Pferd bestiegen 530 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 hatte und davongeritten war, sandte sie Eva zu Montclard und ließ ihn fragen, ob er wünsche, daß sie einen Arzt für ihn kommen lasse. Die Dienerin brachte aber mit seinem Danke die Antwort, daß er kein Vertrauen zu den Aerzten habe und es der Natur überlassen wolle, ihm zu helfen. Zugleich bat er um etwas geröstetes Brod, um Reiswasser und einige recht reife Citronen. Eloise begab sich in die Küche, um eigenhändig das Verlangte zu bereiten, und holte selbst einige reife Citronen von den nahen Bäumen. Der Zufall fügte es, daß auf dem schönen Porzellangefäß, in welchem sie dem Kranken das Reiswasser zuschickte, mit goldenen Buchstaben ihr Name geschrieben stand. »Wie heißt Deine Herrin?« fragte Montclard mit matter Stimme, als Eva die von ihm gewünschten Gegenstände auf den Tisch vor seinem Lager niedersetzte und seine Blicke auf das Porzellangefäß fielen. »Eloise ist ihr Name, Herr«, erwiederte die Sclavin. »Schenke Reiswasser in das Glas und füge ein Stück Brod und etwas Citronensaft hinzu; es wird mich laben«, sagte der Kranke, indem er sich mit Hülfe seines Dieners auf seinen Arm stützte und den ihm bereiteten Trank, den ihm Eva reichte, zu seinen Lippen führte. Dann sank er, von der Anstrengung ermattet, wieder auf sein Lager zurück und sagte: »Danke Deiner Herrin in meinem Namen für die Wohlthat, die sie mir hierdurch erzeigt hat. Ein guter Engel wacht über mir.« Wiederholt ließ Eloise im Laufe des Tages bei Montclard anfragen, ob er irgend Etwas wünsche, womit sie ihm helfen, oder ihn erquicken könne; er ließ aber für Alles danken. Erst gegen Abend kehrte Ralph nach Hause zurück und bald nach ihm traf die Postkutsche von D.... wieder ein. Sie war mit Passagieren angefüllt, deren Bewirthung bis zum folgenden Morgen Eva sowohl als auch Eloisen selbst viel zu thun gab. Die lauten, rohen Scherze, mit denen Soublett das Haus betrat, berührten Eloisen heute doppelt widrig, indem sie fürchtete, daß dieselben zu den Ohren des Kranken dringen und nachtheilig auf ihn einwirken möchten. Namentlich nach dem Abendessen, als die Passagiere unter der Veranda sich an der kühlen Abendluft erquick- 5 10 15 20 25 30 35 531dRittER BaNd • dREissigstEs KapitEl ten und Ralph mit Soublett gleichfalls dort Platz genommen hatte, stieß Letzterer im Laufe einer lustigen Unterhaltung mehrere gellende Schreie aus, so daß es durch das ganze Gebäude schallte. Eloise konnte diese Rohheit nicht länger ertragen, sie sandte Eva zu Ralph und ließ ihn ersuchen, zu ihr in das Zimmer zu kommen. »Ich bitte Dich, Ralph«, sagte sie zu Diesem, als er eintrat, »erlaube doch dem Soublett nicht, sich in unserm Hause so unanständig zu betragen, es ist eine Geringschätzung gegen uns Beide, und nirgends anderswo dürfte er sich bei gebildeten Leuten solche Freiheiten erlauben. Außerdem haben wir den Kranken unter unserm Dache und die Menschlichkeit fordert es, daß wir ihm Ruhe verschaffen.« »Ewig Deine zarten Gefühle! Der Mann ist uns fremd und unser Haus ist ein Wirthshaus, in welchem wir einem Gaste den Mund nicht verbieten können. Wenn der Herr so empfindlich ist, hätte er sollen zu Hause bleiben.« »Er ist s c h w e r erkrankt, Ralph, denke Dich in seine Lage!« sagte Eloise mit bittendem Tone. »Du kannst nun einmal den Soublett nicht leiden und da muß der Kranke denn den Namen hergeben. Der Kerl pfeift doch schon auf dem letzten Loche und Soublett’s Lachen wird seine Abreise nicht befördern«, erwiederte Ralph mit gleichgültigem Tone und wollte sich der Thür zuwenden; da trat Eloise entschlossen vor ihn hin und sagte: »Wenn Du den rohen Menschen nicht zur Ruhe verweisen willst, so muß ich es thun, ich werde keine Gemeinheit in diesem Hause dulden, so lange ich in demselben verweile; Achtung vor unserm Geschlecht ist Gesetz in diesem Lande.« Diese Worte sprach Eloise mit so viel Bestimmtheit und Würde, daß Ralph sie betroffen und überrascht anblickte, denn es war gänzlich gegen ihre Gewohnheit, ihm das Widerspiel zu halten. »Nun, nun, beruhige Dich nur, Dein Patient soll nicht weiter gestört werden«, erwiederte Ralph mit einem finstern Blick und begab sich wieder hinaus zu Soublett. Montclard verbrachte die Nacht in sehr heftigem Fieber, und als dasselbe gegen Morgen sich verminderte, hinterließ es dem Kranken eine große Hinfälligkeit, so daß er Eva für das ihm neuer- 532 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 dings gebrachte Reiswasser kaum hörbar seinen Dank aussprechen konnte. Gerade in dem Augenblick, als die Dienerin ihrer Herrin mittheilte, in welchem bedenklichen Zustand sie den Kranken angetroffen habe, knallte Soublett, der den Bock des Postwagens bestiegen hatte, mit seiner Peitsche einen Marsch und endete ihn mit einem Schlag, der dem Knall einer Büchse glich. Dann ließ er einige seiner gellenden Schreie ertönen, die im Hause und in dem Walde wiederhallten und fuhr im Galopp davon. Eloise wurde bleich über diese Verhöhnung, denn dieselbe verrieth ihr deutlich, daß Ralph mit Soublett über ihre Beschwerde gescherzt und ihn dadurch zu dieser Kundgebung seiner Nichtbeachtung derselben veranlaßt hatte. Sie war mit Entrüstung an das Fenster getreten, wo sie zu ihrem noch größern Leidwesen sehen mußte, wie ihr Gatte mit dem verhaßten Menschen selbst noch in einiger Entfernung durch Winken mit der Hand Grüße wechselte. Auch heute überließ Ralph seiner Frau und Eva die häuslichen Angelegenheiten, obgleich, noch ehe er sein Pferd bestieg, mehrere Fremde eintrafen, die bis zum folgenden Tage sich und ihren Reitthieren hier Ruhe gönnen wollten. Er kam erst sehr spät nach Hause, nachdem schon Alles zur Ruhe gegangen war, und am folgenden Morgen, bevor er Eloisen gesehen hatte, begab er sich zu Montclard in das Zimmer, um sich von dessen Zustand zu überzeugen. Er fand ihn bedeutend verändert, sein bleiches Gesicht war sehr eingefallen, seine Augen hohl und matt und seine Stimme kaum hörbar. Dabei war er so hinfällig, daß er das Haupt nicht erheben konnte, und als Ralph ihn mit theilnahmlosem Aeußern fragte, wie es ihm gehe, schloß er die Augen. »Der Herr Montclard wird es nicht lange mehr machen«, sagte Ralph zu seiner Gattin, als er sich zum Frühstück niedersetzte. »Sollte er jedoch bis Morgen noch nicht abgesegelt sein, so bitte ich, daß Du seine sämmtliche Nachlassenschaft bis zu meiner Rückkehr in Verwahr behältst, denn morgen früh reise ich mit der Post nach Washington ab.« So sehr die Mittheilung von seiner so nahe bevorstehenden Entfernung auf unbestimmte Zeit Eloisen auch überraschte und 5 10 15 20 25 30 35 533dRittER BaNd • dREissigstEs KapitEl sie unangenehm berührte, so traf sie dieselbe in ihrer augenblicklichen Stimmung doch weniger schmerzlich, denn die Hartherzigkeit Ralph’s erweiterte die Kluft, welche sich schon zwischen ihm und ihr gebildet hatte, noch um ein Bedeutendes. Eloise gab ihm keine Antwort. Auch Ralph schwieg und ritt, seiner Gewohnheit gemäß, gleich nach dem Frühstück davon. Abends, als die Postkutsche von der Straße her in die Allee einbog und sich dem Hause näherte, kam Ralph an ihrer Seite gleichfalls herangetrabt und unterhielt sich laut und scherzend mit Soublett. Den Abend verbrachten diese Beiden zusammen in eifrigem Gespräch unter der Veranda, und obgleich gar Mancherlei von Ralph und Eloisen vor der Abreise des Ersteren hätte beredet werden müssen, so schien er doch absichtlich jede Gelegenheit dazu zu vermeiden und begab sich zeitig zur Ruhe. Auch am folgenden Morgen hielt er sich von Eloisen fern, und erst als der Postwagen zur Abfahrt bereit stand, trat er zu ihr in das Zimmer, um Abschied zu nehmen. Eloise war sehr bewegt, sie deutete ihre Hülflosigkeit, ihr Alleinstehen an und zeigte auf ihr Kind, welches spielend auf dem Teppich neben ihr saß; doch Ralph lachte über ihre unnöthige Besorgniß, versicherte sie, er werde ihr bald Geld zusenden und tröstete sie damit, daß die Zeit ja schnell verlaufe und er in einigen Monaten zurückkehren werde. Dann küßte er sie und sein Kind, empfahl ihr an, guter Dinge zu sein und wiederholte in der Thür nochmals seine Verordnung hinsichtlich des Nachlasses von Montclard. Schnell sprang er nun in den Postwagen, Soublett lenkte die Pferde der Allee zu, und bald verhallte das Rasseln der Kutsche auf der Landstraße. Die letzte Mahnung Ralph’s hatte das Mitleid für den unglücklichen Kranken in Eloisens Seele frisch belebt, sie fühlte sich jetzt doppelt verpflichtet, sich seiner nach allen Kräften anzunehmen und das Verhängniß von ihm abzuwenden, welches man schon mit so großer Gewißheit vorausgesagt hatte. Sie wollte sich selbst überzeugen, ob er dem Tode wirklich schon so nahe sei und ob keine Hoffnung für seine Rettung verbliebe? Sie eilte in die Küche, bereitete für Montclard den Morgentrank und trug, von Eva gefolgt, denselben selbst zu ihm in das Zimmer. 534 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Er hatte die Augen geschlossen und seine bleichen, kranken Züge erschreckten Eloisen sehr. Leise stellte sie das Porzellangefäß mit Reiswasser auf den Tisch vor sein Lager und blieb, tief von Mitleid ergriffen, vor demselben stehen. Es war unzweifelhaft ein edler Mensch, der, wie es schien, an der Grenze seines noch jungen Lebens hier vor ihr ruhte; ein niedriger Geist konnte unmöglich in dieser schönen Hülle wohnen, sich unmöglich so seelenvoll, so stolz auf diesen Zügen spiegeln. Sie dachte an die bescheidene Weise, mit der er ihr begegnet war, an die dankerfüllten Worte, womit er es sein Glück nannte, dies Haus gefunden zu haben, und dann hörte sie in Gedanken noch die süßen Töne, die er an jenem Abend einem ihr unbekannten Instrument entlockt hatte. Mit welcher Zuversicht für sein Wohlergehen war er in dies Haus eingezogen, und nun sollten alle seine Hoffnungen unerfüllt bleiben und sein Weg von hier zu seinem Grabe führen! Eine Thräne des Mitleids hatte sich unter Eloisens lange Wimpern gestohlen, als Montclard die schweren Augenlider hob und sein Blick dem Eloisens begegnete. Ein Ausdruck verklärter Freude überzog sein Antlitz, der Glanz seiner großen dunkeln Augen verrieth, wie wohlthuend das Bild der Theilnahme, welches er vor sich sah, sein Inneres bewegte, seine Lippen öffneten sich, um seinen Dank auszusprechen und seine kraftlose schöne Hand bewegte sich auf der weißen Decke, wie zum Gruße. Worte standen ihm aber nicht zu Gebote. »Seien Sie guten Muthes, Herr Montclard, und hoffen Sie auf den Beistand des Höchsten, er wird Sie nicht verlassen. Alle Pflege, die Ihnen von Menschenhand werden kann, sollen Sie hier finden«, sagte Eloise mit theilnehmender Stimme und bemühte sich vergebens, die Thräne länger zurückzuhalten; sie fiel, wie eine kristallene Perle, von ihren Wimpern und spiegelte sich in der Seele des Kranken. Eloise hatte sich freundlich verneigt und verschwand durch die Thür, während Montclard ihr mit Rührung und Dankbarkeit nachblickte. 535 5 10 15 20 Capitel 31. Große Berathung. – Der Indianeragent. – Genesung. – Dank. – Das Schreiben. – Entdeckung. – Verachtung. – Der Vergleich. – Mißliche Lage. – Unterstützung. Die Kunde, daß Tallihadjo zu seinem Volke aufgebrochen sei, zog wie der Sturm über Berg und Thal und schallte von einem Ende Florida’s zum andern. Eilboten durchzogen das Land in allen Richtungen; von Stamm zu Stamm erging die Aufforderung an die Häuptlinge und Krieger, sich zu einer großen, allgemeinen Volksberathung an dem Ahapopkasee zu sammeln, und die Wälder, die Berge und die Sümpfe ertönten von dem Jubel und dem Kriegsgeschrei der Seminolen. Die Männer, jung und alt, schmückten sich und ihre Pferde festlich, verließen ihr Lager und zogen den frischgrünen Ufern des genannten Sees zu, während die zurückbleibenden Weiber und Mädchen ihre Waffen in Stand setzten und Mundvorräthe für einen langen Feldzug bereiteten. Tallihadjo hatte an dem kristallhellen See sein Zelt aufgeschlagen, und von Tag zu Tag mehrten sich nach beiden Seiten hin, den Ufern entlang, die Lagerfeuer, über denen sich die Rauchwolken, wie unbewegliche Säulen, gegen den heitern, azurblauen Himmel aufrichteten. Sämmtliche Stämme der Seminolen, sowie auch die wenigen der Creek-Indianer, dem Ueberrest jener mächtigen Nation, vor der einst die Amerikaner gezittert hatten, waren bald in kurzer Entfernung von einander gelagert und harrten des Augenblicks, mit dem die Berathung über die Lebensfrage der Indianer in Florida beginnen sollte. 536 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Gegen viertausend Krieger waren hier versammelt, demungeachtet unterbrach kein lauter Ton die feierliche Ruhe, die hier auf der noch nie durch Menschenhand entweihten Natur lag. Ernst und schweigend, wie die hundertjährigen riesenhaften Bäume des Urwaldes den See umstanden, als wollten sie Zeugniß ablegen von den Rechten der Ur-Bewohner dieses Landes, ruhten die Indianer unter deren dunkelen Schatten und bereiteten sich vor, über einen letzten Kampf gegen ihren voraussichtlichen Untergang zu berathen. Der dazu bestimmte Tag erschien, Tallihadjo begab sich zuerst mit einigen seiner ältesten Leute unter das von Palmblättern auf Baumstämmen errichtete große Sonnendach, ihm folgten die andern Häuptlinge, sämmtlich von den Weisen ihres Stammes umgeben, Alle nahmen schweigend im Kreise Platz und die Krieger lagerten sich lautlos in der nächsten Umgebung, um der Berathung über ihre verzweiflungsvolle Zukunft mit eignem Ohr zu folgen. Tallihadjo zündete die Pfeife an und von ihm ging sie von Mund zu Mund in der ernsten Versammlung herum, bis der Letzte deren Rauch gekostet hatte. Unbeweglich, wie aus Stein gehauen, saßen die braunen Gestalten und hielten ihre dunkeln Augen auf Tallihadjo geheftet, als erwarteten sie von ihm die Entscheidung ihres Schicksals. Jetzt erhob sich Dieser und ließ seinen ernsten, bedeutungsvollen Blick durch die Versammlung wandern. Aller Augen hingen an seinen Lippen, als er begann: »Lange habt Ihr vergebens darauf gewartet, Tallihadjo’s Stimme zu hören, und lange hat er gezögert, seinem Volke den Abgrund zu zeigen, dem es mit geschlossenen Augen zueilt. Ihr Häuptlinge, die Ihr von Eurem Lager aus die Fußtritte der Bleichgesichter erkennen könnt, die Ihr von Euern Jagdgründen ein Stück nach dem andern habt an diese abtreten müssen, Ihr seht schon mit bangem Herzen nach den Morästen Florida’s hin, in welche jene Fremden den rothen Kindern nicht folgen können und in denen die Seminolen elend untergehen werden. Ihr Häuptlinge aber aus dem Innern unsers Vaterlandes, deren Jagdgründe und Weiden noch reich und ungeschmälert sind, die Ihr noch sorglos und ruhig bei Euern Feuern schlaft, Ihr seht die Gefahr nicht nahen, die Euch Euerm Un- 5 10 15 20 25 30 35 537dRittER BaNd • EiNuNddREissigstEs KapitEl tergang rasch zutreiben wird. Seh’t dorthin, wo die grünen Wellen des Alabamaflusses sich mit der salzigen Fluth mischen; nur vor wenigen Jahren war es, daß dort die Feuer der Seminolen brannten und kein Bleichgesicht es wagte, sich ihnen zu nahen. Die Weißen haben unserm Volke jene reichen Länder nicht durch ihre Kugeln genommen, sie sandten Feuerwasser und Uneinigkeit unter uns, und mit schwachem Arm und schlaffem Bogen wichen wir vor den Fremden zurück. Ihr Feuerwasser und die Uneinigkeit ist aber schon bis in das Herz unseres Landes gedrungen und bald werdet auch Ihr Sorglosen, Ihr Unbekümmerten die Wigwams der Bleichgesichter von Euerem Lager aus sehen können. Feuerwasser und Uneinigkeit werden den Fremden Euere Wälder, Berge und Sümpfe öffnen, mit schwachem Arm und schlaffem Bogen werdet Ihr in die grundlosen Moräste fliehen und Euer Name wird dann von der Erde verschwinden, denn kein Seminole wird seine unbesiegten freien Brüder in den ewiggrünen Grasländern des Westens erreichen und ihnen die Kunde von dem Schicksal seines Volkes bringen. Schon fahren die feuerspeienden Kanoes der Weißen auf den Flüssen und Seen durch Euer Land, schon sammeln sich ihre Krieger in Tampabay, und deren großer Vater hat beschlossen, daß der Letzte von Euerm Volke nun sterben solle. Oeffnet jetzt Euere Ohren und Euere Herzen, Seminolen, und lasset die Stimme Tallihadjo’s sie durchdringen; noch giebt es e i n e Rettung für Euch, für Euere Kinder und für Euern Namen, doch die Zeit der Rettung ist kurz und sie steht nahe vor Euch. Der große Geist hat Euer Vaterland für die Bleichgesichter bestimmt und will Euch die reichen endlosen Weiden des Westens dafür geben. Hängt nicht länger an den Gräbern Euerer Väter, nicht an der Erde, auf der Ihr geboren seid, sie wird Euch verschlingen und über Euern Namen Gras wachsen lassen. Hier liegt der Zorn des großen Geistes auf Euch, im Westen seid Ihr ihm lieber, als die Bleichgesichter. Verlaßt dies Land, Tallihadjo wird Euch führen. So wie der geschwollene Strom sich seine Bahn bricht und seine Wogen niederreißen, was seinen Lauf zu hemmen wagt, so sollen die Seminolen durch die Länder der Bleichgesichter ziehen und in Feuer und Blut Alles niederwerfen, was ihnen in den Weg tritt; sie sollen mit der Sonne wandern, bis sie die offenen, üppigen Prairien des Westens erreicht 538 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 haben, und die Spur, die sie hinter sich zurücklassen, soll der Rache der Seminolen würdig sein. Der Tag der Vergeltung nahet, und die Schuld der Weißen ist groß; schon haben sie Euch über die Hälfte des Landes geraubt, welches der große Geist einst Eueren Vätern als Eigenthum gab, sie haben Viele Euerer Männer, Weiber und Kinder mißhandelt und Viele von ihnen getödtet, sie haben Euer Vieh von Eueren Weiden fortgetrieben und haben Euch Feuerwasser, Krankheiten und Uneinigkeit gesandt, damit Ihr unter Euch Eueren Untergang finden solltet und sie selbst die Schärfe Euerer Pfeile nicht fühlen möchten. Blut für Blut und Leben für Leben! Die Weißen sehen den Orkan nicht nahen, der sich über sie stürzen will, unaufgehalten dringt Ihr durch ihre Länder, ihr edeles Vieh, ihre schönen Pferde, ihre Weiber werden Euch reich machen und mit den Scalpen ihrer Männer werdet Ihr Euch schmücken. Der große Geist liebt Euch noch, er will Euch nicht in den Morästen Florida’s verschmachten lassen, er will die Seminolen wieder als großes, gefürchtetes Volk sehen und will ihnen ein reicheres, ein schöneres Land geben, in dem der Büffel, den Euere Väter einst jagten, die unabsehbaren Grasflächen zu Tausenden durchziehet. Noch seid Ihr mächtig genug, Euch dort als freies, unabhängiges Volk unter Euern rothen Brüdern Ansehen zu verschaffen und das Land, welches der große Geist für Euch zur neuen Heimath bestimmt hat, gegen Jedermann zu vertheidigen. Ihr habt keine andere Wahl, als hier nach und nach sämmtlich durch die Weißen vernichtet zu werden, oder über deren Leichen kämpfend nach dem schönen Westen zu Euern rothen Brüdern zu ziehen. Wählet und bestimmt Euer eigenes Schicksal!« Hier schwieg Tallihadjo, setzte sich auf seine Pantherhaut nieder und winkte den versammelten Häuptlingen zu, sich zu erheben und zu reden. Keiner aber folgte der Aufforderung, Alle schienen von Tallihadjo’s Worten überrascht und blickten sich einander fragend und unentschlossen an. Wohl waren sie mit dem Gedanken hierhergekommen, Krieg gegen die Bleichgesichter zu beschließen und ihr Land mit ihrem Blut gegen sie zu vertheidigen; dasselbe jetzt aber aufzugeben und sich im fernen Westen eine neue Heimath zu suchen, daran hatten sie nicht gedacht. Eine Todtenstille herrschte in der Versammlung, nicht die leiseste Bewegung verrieth, 5 10 15 20 25 30 35 539dRittER BaNd • EiNuNddREissigstEs KapitEl daß die hier sitzenden Männer dem Leben angehörten, bis endlich Osmakohee sich erhob und mit lauter Stimme erklärte: er sei bereit, mit seinem Stamme Tallihadjo zu folgen, wohin er ihn auch führen möge. Nach ihm traten nach einander die Häuptlinge auf, deren Land an der Grenze der Weißen lag, und stimmten Tallihadjo’s Vorschlag bei, auch die Creek-Indianer waren entschlossen, ihm mit ihren Frauen und Kindern zu folgen, die Häuptlinge aber aus dem Innern des Landes wollten die Gefahr nicht als so groß anerkennen, daß sie ihr Eigenthum deshalb freiwillig aufgeben sollten. Die Meisten von ihnen erklärten sich zu einem allgemeinen Krieg gegen die Weißen bereit und versprachen ihre sämmtlichen Krieger gegen diese Feinde zu führen, während Andere es abwarten wollten, bis man sie in ihren eigenen Jagdgründen angreifen würde. Von Auswanderung nach dem Westen aber wollten sie sämmtlich Nichts hören. Ohne Unterbrechung ward die Berathung während des ganzen Tages fortgesetzt, und erst als die Schatten des nahen Waldes sich weit über den spiegelnden See streckten, kam man endlich doch noch zu dem einstimmigen Beschluß, sich zu rüsten und dann die Weißen anzugreifen. »Wie der Panther sich vor der Beute verbirgt, die er mit seinem Sprunge erreichen will, so meidet es, Euch vor den Bleichgesichtern sehen zu lassen, oder ihre Aufmerksamkeit zu erregen«, ergriff Tallihadjo zuletzt nochmals das Wort. »Reizt sie nicht und nöthigt sie nicht durch verfrühte einzelne Ueberfälle, die Zahl ihrer Krieger zu vermehren, denn sie würden vom Norden her in unser Land dringen, zahlreich, wie die schwarze Ameise des Waldes. Noch ist ihre Macht in Tampabay gering, die Kanoes der Weißen sind aber groß und bewegen sich schnell ohne Ruderschlag. Auch in Georgien haben sich die Herzen der Weißen Männer gegen die Seminolen gewandt, nur wenige sind ihnen treu geblieben. Arnold und sein Sohn sind unsere Freunde, und Ralph, der Sohn des alten Tom, gehört halb unserm Blute an. Sie haben uns gegen ihre weißen Brüder in Florida beschützt und wir haben noch Nichts für sie gethan. Dankbarkeit, selbst gegen den Feind, erfreut den großen Geist, und das undankbare Herz soll aus der Brust des Seminolen gerissen und den Wölfen zur Speise hinge- 540 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 worfen werden; Ralph und Arnolds, mit Allem, was ihnen gehört, soll uns heilig sein. Jetzt habt Ihr den Rath Tallihadjo’s gehört, bald soll sein Schlachtruf zu Euern Ohren dringen. Stärkt Euere Herzen und Euern Arm, schärft Euere Augen und bereitet Euch zu dem gro- ßen Kampfe, vor Allem aber, seid einig, denn der geschlossene Wald widersteht der Macht des Sturmes, der die einzelnen stärksten Bäume entwurzelt, und der See trotzt der Sonne, welche die Bäche austrocknet. Zur blutigen Rache an den Bleichgesichtern sehen wir uns wieder!« ∗    ∗    ∗ Die Vorstellung, welche Ralph der Regierung in Washington übergab, erregte viel Aufmerksamkeit. Seine Abstammung von den Seminolen, seine Vertrautheit mit denselben, die er sehr hervorzuheben wußte, und die Bekanntschaft mit ihrer Sprache waren Eigenschaften, die augenblicklich von großer Wichtigkeit sein konnten, wenn man ohne die Waffen in einer oder der andern Weise einen Vortheil über die Indianer gewinnen wollte. Namentlich lag der Regierung sehr viel daran, Zeit zu gewinnen und den Ausbruch der Feindseligkeiten Seitens der Wilden so lange zurückzuhalten, bis man ihnen gegenüber eine hinreichende Macht gesammelt haben würde, um die Ansiedelungen der Amerikaner in Florida gegen die Wuth der Seminolen zu schützen. Zugleich hielt man den alten, von jeher befolgten Grundsatz fest, die Stämme unter sich zu entzweien und sie einzeln für sich zu gewinnen, um mit diesen die andern zu vernichten. Hierzu insbesondere erbot sich Ralph und entwickelte so viel Umsicht und Gewandtheit in seinen Vorschlägen, auf welche Weise er dieses erzielen wolle, daß man sich von der Richtigkeit seiner Ansichten gern überzeugte und in die Ausführbarkeit seiner Pläne keinen Zweifel mehr setzte. Er bewies, daß man durch dies Verfahren bedeutende Summen und vieler Soldaten Leben erspare, und daß die Wilden unter sich ihr eigenes Vertilgungswerk vollbringen würden, während die Regierung durch Aufstellung einer kleinen Truppenmacht an der Grenze der Indianergebiete die wei- 5 10 15 20 25 30 35 541dRittER BaNd • EiNuNddREissigstEs KapitEl ßen Ansiedler gegen alle Gefahr schützen könne. E i n e n Punkt hob Ralph ganz besonders hervor, nämlich: Tallihadjo entweder durch Gefangennehmung und Entfernung, oder durch den Tod unschädlich zu machen, da dieser den größten Einfluß auf die ganze Nation ausübe und der mächtigste, entschlossenste Häuptling der Seminolen sei. Auch hierbei entfaltete Ralph so treffende und Erfolg versprechende Anschläge, daß man sein Anerbieten in Berathung zog, und ihn nach wenigen Tagen mit einem bedeutenden Gehalt zum Indianeragenten der Regierung ernannte. Die nöthigen Vollmachten, Empfehlungen und Instruktionen wurden nun für ihn ausgefertigt und er angewiesen, sich in einem Kriegsfahrzeug einzuschiffen, welches mit Truppen, Munition und Mundvorräthen in der Kürze nach Tampabay absegeln sollte. Die wenigen Wochen, welche er noch bis zur Abfahrt des Schiffes in Washington zuzubringen hatte, benutzte er, sich in jeder Weise zu amüsiren, wozu ihm dieser Ort mehr Gelegenheit bot, als irgend ein anderer in den Vereinigten Staaten; denn hier erdrückte das Geschäftsleben nicht jeden Keim des Vergnügens, im Gegentheil, die hochbesoldeten Congreßmitglieder ließen sich nicht gern von langer Weile plagen und man hatte dafür gesorgt, daß sie für ihr Geld Unterhaltung und Vergnügungen aller Art erhalten konnten. An Geld fehlte es Ralph nicht, denn er hatte den Schmuck seiner Frau zu einem hohen Preis verkauft und mit vollen Zügen trank er aus dem Becher der Lust, um sich für das vergangene langweilige Landleben, so wie im Voraus für seinen bevorstehenden entbehrungsreichen Aufenthalt unter den Indianern zu entschädigen. Kurz vor seiner Abreise von Washington schrieb er an Eloise, und zehn Tage später wurde derselben dieses Schreiben durch Guy überbracht, der regelmäßig einige Male in der Woche nach der nächsten Postoffice ritt, um sich dort nach Briefen und Zeitungen für seine Herrschaft zu befragen. ∗    ∗    ∗ Es war Abend, der nahe Wald hielt die Abschiedsstrahlen der Sonne von der Rückseite des Gasthauses ab, an welcher eine dichte Laube von immerblühenden Rankenrosen angelehnt stand. 542 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Hier saß Eloise mit ihrem Kinde auf dem Schooße, und ihr Herz war doppelt glücklich bewegt. Es war heute der Geburtstag ihres Knaben, und heute hatte Montclard, der Eloisen gegenüber saß, zum ersten Male es gewagt, sich heraus in das Freie zu begeben. Wohl waren mit dem Erscheinen dieses Tages die Thränen, welche Eloise seit einem Jahre vergossen hatte, ihr vor die Seele getreten, das ungemessene Glück aber, welches ihr der Besitz ihres Kindes gespendet, verwischte bald in ihrer Erinnerung das auftauchende Bild trauriger Vergangenheit. Wie einen Schutzengel drückte sie ihren kleinen Tom gegen ihr Herz und sagte sich im Hinblick auf den vom Tode auferstandenen bleichen Mann vor ihr, daß sie durch die Wohlthaten, die sie diesem erzeigt habe, das Glück an ihrem Kinde verdiene. Montclard war durch die sorgsame Pflege Eloisens dem Grabe entrissen, das Fieber hatte ihn verlassen, Eßlust und Schlaf hatten sich wieder bei ihm eingestellt, und seine Kräfte nahmen seit Kurzem auffallend zu. Mit dem Verschwinden der Sonne und dem Beginnen des erfrischenden Abendwindes hatte er sich, von René unterstützt und von Eloisen begleitet, hierher begeben, wo diese ihm zu seiner Erquickung Limonade bereitete. Mit warmer Danksagung empfing er den Trank aus ihrer Hand und führte ihn zu seinen Lippen. Dann stellte er das Glas neben sich auf dem Tische nieder, sank gegen die Rücklehne des großen Armstuhls, den Eloise für ihn hatte hierherbringen lassen, und sagte zu dieser: »Sie haben schwere Verpflichtungen auf mich geladen, Madame Norwood, Sie haben sich des hülfsbedürftigen Fremden mit unermüdlicher Hingebung angenommen, haben ihn mit Wohlthaten überhäuft und ihn im strengsten Sinne des Wortes von dem Rande des Grabes weggerissen; nächst Gott habe ich nur Ihnen meine Genesung zu danken; wird mir jemals die Gelegenheit werden, durch die That Ihnen meine tiefgefühlte Erkenntlichkeit zu beweisen?« »Sie thun es ja in diesem Augenblick, Herr Montclard, wirklicher Dank liegt in dem Gefühl und in der Anerkennung von empfangenen Wohlthaten. Andern Dankes bedarf es bei Dem nicht, 5 10 15 20 25 30 35 543dRittER BaNd • EiNuNddREissigstEs KapitEl der Gutes that, nur um des Guten Willen; er ist schon reichlich durch das Bewußtsein seiner Handlung belohnt«, antwortete Eloise, indem sie einen Augenblick von ihrem Kinde zu Montclard hinsah und dessen seelenvollem, doch ernstem Blick begegnete, den er unbeweglich auf ihr ruhen ließ. »Wo sich irgendwie die Gelegenheit bietet, soll meine Dankbarkeit auch von der That begleitet werden. Leider habe ich aber gar keine Aussicht hierzu, so sehr erwünscht sie mir auch sein würde. Ich muß Ihr Schuldner bleiben und denken Sie, ich möchte gern die Schuld bei Ihnen sogar noch vergrößern. Ich habe eine Bitte, weiß aber nicht, ob ich sie wagen darf?« sagte Montclard, indem seine tiefe melodische Baßstimme einen weichen, bittenden Ton annahm. Eloise sah ihn einige Augenblicke überrascht an, und erwiederte dann: »Wenn ich Ihnen die Bitte zu gewähren im Stande bin, so werde ich es gern thun, davon dürfen Sie überzeugt sein; nennen Sie mir nur, was Sie wünschen.« »Versprechen Sie mir die Gewährung?« fragte Montclard mit erhöhtem Glanz seiner großen dunkeln Augen. »Wenn ich kann und darf – ja«, sagte Eloise in einiger Verlegenheit. »So nehmen Sie diesen Ring von mir und bewahren Sie ihn als Andenken an einen dankbaren Freund, der sich ewig als Ihren Schuldner betrachten wird. Verweigern Sie mir die Erfüllung dieser kleinen Bitte nicht, durch deren Willfahrung Sie mir eine neue Wohlthat erzeigen würden.« Mit diesen dringend und überredend gesprochenen Worten zog Montclard den Brillantring von seinem alabasterweißen Finger und reichte ihn Eloisen hin. »Herr Montclard, Sie überraschen mich, den Ring darf ich nicht annehmen«, sagte Eloise erröthend und legte ihre Hand um die Schulter ihres Kindes. »Und nur, weil es ein Ring ist? So werde ich den Stein herausbrechen und Ihnen denselben allein als Andenken geben. Ein Ring, ohne eine andere Bedeutung als die der Dankbarkeit, ist ein harmloses Ding. Ich verlange ja nicht, daß Sie ihn tragen sollen, nur um 544 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Verwahrung desselben bitte ich, sein Werth könnte Ihnen möglicherweise einmal von Wichtigkeit sein. Das menschliche Schicksal ist wandelbar. Nehmen Sie den Ring, ich bitte Sie darum!« Noch weicher, noch flehender sprach Montclard diese Worte zu Eloisen, indem er sich zu ihr vorbeugte und ihr den Ring hinhielt; doch immer noch zögerte sie, denselben anzunehmen, obgleich sie in der Annahme kein Unrecht erblicken konnte. »Dank verschmähen grenzt nahe an Geringschätzung, einen Almosen giebt man einem Bettler,« sagte Montclard mit dumpfer Stimme, und eine Wolke des Mißmuths überzog seine hohe schöne Stirn, indem er die Hand mit dem Ringe sinken ließ. »Nein, nein, Sie mißdeuten meine Weigerung, ich nehme den Ring von Ihnen und werde ihn als theueres Andenken an Sie bewahren,« sagte Eloise schnell, indem sie Montclard ihre kleine Hand hinhielt und dieser mit freudigem Lächeln ihr den Ring hineinlegte. In diesem Augenblick trat Guy, der Neger, aus dem Hause und reichte Eloisen Ralph’s Brief. »Ein Brief von meinem Gatten!« sagte sie überrascht und wollte sich erheben, um in ihrem Zimmer das Schreiben zu öffnen, Montclard aber hielt sie mit den Worten zurück: »Lesen Sie den Brief hier, ich bitte, auch ich nehme großen Antheil an dem Schicksal Ihres Gemahls, denn er war es ja, der mir hier ein Asyl bewilligte.« Eloise blieb und erbrach das Schreiben. Ralph zeigte ihr darin an, daß er mit einem bedeutenden Gehalt als Indianeragent angestellt sei, und daß er erster Tages nach Tampabay absegeln werde. Er sagte, daß seine Stellung ihm außerdem viel Gelegenheit bieten würde, Geld zu verdienen, und daß er Eloisen dann Baarschaft zusenden wolle. Er wies sie an, seinen Creditoren, wenn dieselben mit Ablauf des Jahres auf Zahlung dringen sollten, anzudeuten, sie möchten solche ruhig abwarten, widrigenfalls Ralph ihnen die Indianer auf den Hals senden wolle, und schließlich erinnerte er Eloisen nochmals daran, die Nachlassenschaft Montclards in Verwahr zu nehmen, und vor allem dessen Brillantring »von enormem fast unschätzbarem Werthe« wie er sich ausdrückte, nicht aus den Augen zu lassen. 5 10 15 20 25 30 35 545dRittER BaNd • EiNuNddREissigstEs KapitEl Eloise wurde bleich, das Papier zitterte in ihren Händen, sie faltete es zusammen, erhob sich mit ihrem Knaben und verließ mit einer Thräne im Auge die Laube. Montclard schwieg, sein scharfer, in die Seele des Menschen dringender Blick erkannte, daß nicht ein Unglück, welches Ralph betroffen, die Ursache von Eloisens schmerzlicher Bewegung sei, er gewahrte einen Ausdruck der Entrüstung auf ihren bleichen schönen Zügen und wollte sie nicht veranlassen, ihrem Schmerz Worte zu geben, noch weniger ihm eine Unwahrheit zu sagen. Eloise drückte den Knaben fester gegen die Brust, ihre Thränen flossen jetzt ohne Rückhalt und mit eiligen Schritten hatte sie den Corridor im Hause erreicht, als ihr Guy, der Neger, entgegen trat und zu ihr sagte: »Der Herr hatte mir seinen alten grauen Rock zu geben versprochen, Herrin, er hat es aber bei seiner Abreise vergessen zu thun. Ich habe Nichts über mein Hemd anzuziehen; Abends und Morgens ist es kühl und oft muß ich im Regen hinaus an die Arbeit.« »Ja, ja, Guy, ich war ja dabei, als Dein Herr Dir den Rock versprach, derselbe muß in seinem Zimmer liegen, denn mitgenommen hat er ihn ja nicht. Warte einen Augenblick, ich will ihn Dir sogleich geben,« sagte Eloise und ging in ihr Zimmer. Dort setzte sie ihr Kind auf den Teppich nieder, nahm den Schlüssel zu ihres Gatten Gemach aus ihrem Arbeitstisch hervor und eilte hinaus, um für den Neger den ihm versprochenen Rock zu holen. Sie war in die Stube eingetreten und erkannte sogleich das besagte Kleidungsstück, welches nahe an dem Fenster über einem Stuhl hing. Sie nahm es auf, untersuchte jedoch erst dessen Taschen, ob vielleicht noch ein Tuch, oder sonst etwas von Werth sich darin befände. Ihre Hand fühlte nur ein sehr steifes zusammengedrücktes Papier darin, welches sie hervorzog und in welchem sie auf den ersten Blick dasjenige erkannte, in welches in der Unglücksnacht, als sie scheiterte, ihr Vater den Schmuck ihrer seligen Mutter eingehüllt und ihr gegeben hatte. Ein Schreck fuhr ihr durch die Seele und ein kalter Schauder überrieselte ihre Glieder. Mit Entsetzen stierte sie auf das blaue Papier, entfaltete es und erkannte eine Preis- und Waarenliste eines New-Yorker Hauses, 546 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 welche darauf gedruckt stand und welche sie zu wiederholten Malen durchlesen hatte. Es war der Umschlag von ihrem Schmuck, und der Dieb desselben war ihr eigner Gatte. Von Grauen und Abscheu ergriffen, stand sie regungslos da, und ihre Gedanken sträubten sich gegen ihre Ueberzeugung, daß Ralph diese Schandthat begangen habe. Jemehr sie aber darüber nachsann, desto mehr verschwanden alle Zweifel, und mit der tiefsten Verachtung erinnerte sie sich, daß ihr Mann im Begriff gestanden hatte, die treue Sclavin zu peitschen und zu foltern, von deren Unschuld er so sicher überzeugt gewesen war. Das Geräusch des Negers, der in die Thür trat, weckte Eloisen aus ihren entsetzlichen Betrachtungen, sie wandte sich nach ihm um, gab ihm schweigend den Rock, und verschloß im Hinausgehen die Stube. Das Düster des Abends hatte sich durch das Haus verbreitet, als Eloise in ihr Zimmer zurückkehrte und das Unglücksdocument in ihrer Hand hielt. Mit aussetzendem Pulsschlag wankte sie in der Stube auf und nieder, bis sie endlich vor dem kleinen Kaminfeuer stehen blieb, und zerknirscht ihre Blicke nochmals auf das verhaßte Papier heftete. Plötzlich, wie in höchstem Abscheu, drückte sie dasselbe mit beiden Händen zusammen und war im Begriff, es in die Flamme zu werfen, als augenscheinlich ein durch sie hinfahrender Gedanke sie davon zurückhielt. Sie trat an ihren Arbeitstisch, strich das Papier wieder glatt, faltete es zusammen und verschloß dasselbe in ihren Secretär. Dann nahm sie ihr Kind auf den Arm und verließ das Zimmer; denn sie fühlte sich beklommen und beengt und bedurfte der freien Luft. Sie ließ sich an dem Ausgang des Corridors unter der Veranda nieder, wo sie ihren trostlosen Betrachtungen folgte. Niemand störte sie, es war außer Montclard kein Fremder im Hause, der ihre Thätigkeit beanspruchte, und Eva, die sie beobachtet hatte, wußte, daß sie im Schmerz lieber allein war. Es war ihr, als wollte das Unglück sie zu Boden drücken, sie fühlte sich wieder so verlassen, so allein in der Welt, so ganz ohne alle Stütze, und mit Verzweiflung sah sie auf ihren Knaben, der ihr wie eine Waise vorkam. Geliebt hatte sie Ralph eigentlich nie, sie hatte aber dennoch ihre Pflichten als seine Gattin treulich erfüllt, mit Geduld und 5 10 15 20 25 30 35 547dRittER BaNd • EiNuNddREissigstEs KapitEl Nachsicht seine Härten und Rücksichtslosigkeiten gegen sie und Andere ertragen, seine vielen großen Fehler entschuldigt und, wo sie konnte, deren Folgen gut gemacht. Nun aber waren alle Banden zwischen ihr und ihm zerrissen, der Gedanke, die Frau eines Diebes, eines Betrügers zu sein, wollte ihr das Herz zersprengen und drängte sie mit Abscheu und Verachtung von ihm zurück. Jetzt war seine Abwesenheit ihr ein Trost, und daß er nimmer wiederkehren möchte, war ein Wunsch, den sie fühlte, wenn sie ihn auch nicht gegen sich selbst aussprach. Die Nacht brach herein, der Whippoorwill (die Nachtschwalbe) rief in dem nahen Walde klagend und schauerlich seinen eignen Namen und die Sterne begannen zu funkeln und zu blitzen. Eloise saß immer noch mit ihrem Knaben im Arm und mit gram- und schmerzerfüllter Brust unter der Veranda und schaute trocknen Auges in die Dunkelheit hinaus. Plötzlich drangen leise Saitentöne in süßen lieblichen Weisen durch den Gang zu ihrem Ohr, zauberisch schmelzend und besänftigend, wie Klänge aus einer bessern Welt, berührten sie ihre Seele, und ihr Schmerz fand mit einem Thränenstrom den Ausweg aus ihrer beengten Brust. Sie erkannte die Töne wieder, es waren die Laute von Montclards ihr unbekanntem Instrument, die jetzt durch die geöffnete Thür seines dunkeln Zimmers in den Corridor hervorströmten. Sie lauschte den Melodien, den Schöpfer derselben aber sah sie in Gedanken vor sich, schön, edel und dankbar. Dem Vergleich zwischen ihm und Ralph, den sie schon oft gewaltsam in sich erstickt hatte, gab sie jetzt Raum in ihren Gedanken, mit jedem Accord, der von den Metallsaiten zu ihrem Ohr herüberschwebte, stieg Montclard hehrer und herrlicher vor ihrer Seele auf, und Ralph sank in gleichem Maaße als verworrenes Bild von Gemeinheit und Trug in den finstern Hintergrund ihrer Fantasie. Nun gestand sie es sich unverholen, daß dieser Mann, der jetzt so achtungswerth und hoch vor ihrem Geiste stand, dem Bilde entsprach, welches ihre Jugendträume ihr von ihrem dereinstigen Gatten vorgezaubert hatten. Wäre er ihr Begleiter durchs Leben geworden, nach welchem Himmel hätte sie sich dann noch sehnen können! Er war so gut, so liebevoll, so erkenntlich, so zart und auf- 548 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 merksam, so bescheiden und so anständig in jedem Wort, jedem Blick, jeder Bewegung, und welch mächtiges edeles Gefühl sprach aus jedem Tone, den er zu ihr herübersandte. Ja, sie wußte es, daß er ihres Schmerzes wegen diese Zaubertöne schuf, damit dieselben lindernd, tröstend und besänftigend, wie Balsam in ihr krankes Herz dringen sollten. Hätte Eloise doch in diesem Augenblick die eisernen Banden, die sie an Ralph fesselten, zersprengen können! Der letzte Ton der Saiten verhallte, Alles war ruhig und still um Eloise, nur in ihr selbst konnte der Seelenfrieden noch keine Stätte finden, während die Nacht Ruhe über die Erde verbreitete. Gefühle waren in ihrer Brust geboren, die ihr bis jetzt fremd geblieben, von denen sie sich keine Rechenschaft zu geben wagte, und die zu mächtig waren, als daß ihre Vernunft, ihr Wille sie augenblicklich hätte bemeistern können. In ihrer erhitzten Fantasie sah sie Glück und Seligkeit vor sich erglänzen, sie erkannte den Abgrund, der zwischen jenem Himmel und ihr gähnte, sie blickte schwindelnd in die bodenlose Tiefe und sank in das Unglück zurück, mit welchem die Wirklichkeit sie mit eisernen Armen umfaßt hielt. »Die Nachtluft ist zu kühl, Herrin, sie könnte Deinem Kinde schaden,« sagte Eva mit theilnehmender Stimme und trat leise zu Eloisen hin. »Du hast Recht, Eva, es möchte für Tom nicht gut sein, länger hier zu weilen. Es war im Zimmer so drückend, die kühle Luft hier im Freien that mir wohl. Ich hatte einen Anfall von meinem bösen Kopfweh,« erwiederte Eloise, indem sie aufstand und, von der Sclavin gefolgt, mit ihrem Knaben nach dem Schlafgemach ging. Einige Wochen waren in reger Geschäftigkeit verstrichen, weil der Zufall ungewöhnlich viele Fremde in das Haus geführt hatte, und das neue Jahr war angetreten. Montclard hatte sich sehr erholt. Anfangs war er täglich Morgens zeitig und Abends, wenn die Sonne sich neigte, in seinem Cabriolet spazieren gefahren, dann hatte er diese Ausflüge zu Pferd gemacht und nun durchwanderte er regelmäßig die Umgegend zu Fuß. Von Tag zu Tag mehrten sich seine körperlichen Kräfte wieder und es schien, daß sein Grundleiden, welches ihn von dem Norden weggetrieben hatte, hier in dem ewigen Frühling wirklich gehoben worden sei. Er kam jetzt häufiger mit Eloisen in Berüh- 5 10 15 20 25 30 35 549dRittER BaNd • EiNuNddREissigstEs KapitEl rung, er hatte es vorgezogen, an der öffentlichen Tafel zu speisen, an welcher Jene als Wirthin stets selbst erschien, auch ging er ihr, wo sich die Gelegenheit bot, bei ihrem Verkehr mit den Reisenden hülfreich zur Hand, denn er fühlte sich hier wie zum Hause gehörig und es war noch keinmal die Rede davon gewesen, daß er abreisen wollte. Abends traf es sich häufig, wenn gerade das Haus von Fremden leer war, daß er mit Eloisen in dem Blumengarten, oder auch an dem rauschenden Wasser im Walde lustwandelnd die Abendluft genoß, wobei er dann größtentheils die Unterhaltung führte und seiner Begleiterin aus seinem vergangenen Leben erzählte. Er hatte viel von der Welt gesehen, war mehrere Jahre in Ostindien gewesen, hatte Afrika bereist und trug seine Mittheilungen lebendig und anschaulich mit einer reichen glühenden Fantasie vor. Zugleich belehrte er Eloisen aus dem reichen Schatz seiner Erfahrungen, seiner gründlichen, nach allen Seiten des Wissens ausgebreiteten Kenntnisse, und entwickelte so viel Edeles und Schönes in seinen Ansichten und Betrachtungen, daß Eloise täglich staunender seinen begeisternden Worten lauschte und sich mehr und mehr zu ihm hingezogen fühlte. Dabei umgab ihn etwas Geheimnißvolles, etwas Räthselhaftes, welches ihr Interesse für ihn nur noch höher steigerte, er erzählte immer nur unzusammenhängende Bruchstücke aus seinem Leben, in denen er in den allerwidersprechendsten Stellungen, in den verschiedensten Verhältnissen erschien; bald fand Eloise ihn im Tumult der Schlacht, umgeben von dem Donner der Geschütze und dem Dröhnen jagender Cavallerie; bald traf sie ihn im Kreise von Gelehrten, den Geheimnissen der Natur nachspähend; dann sah sie ihn als Seemann auf den hochgethürmten Wogen des Meeres am Steuer, dem Sturm Trotz bietend, und wieder erblickte sie ihn in dem glänzenden, mit Pracht und Reichthum geschmückten, hellerleuchteten Salon der eleganten Welt. Daß er geborener Franzose war, blieb aber das Einzige, was sie aus seiner Vergangenheit Gewisses über seine Person erfahren hatte. Mit dem Eintritt des neuen Jahres fanden sich viele Creditoren Ralph’s bei Eloisen ein und forderten Zahlung für ihr Guthaben. Sie verwies dieselben auf die Abwesenheit ihres Gatten und bat, sich zu geduldigen, da Dieser jetzt im Dienst der Regierung 550 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 einen hohen Gehalt bezöge und ihr versichert habe, er werde baldigst Geld zum Zahlen seiner Schulden senden. Einige Gläubiger wurden dadurch zufrieden gestellt, andere klagten jedoch bei Gericht und wollten sich aus der fahrenden Habe, sowie aus dem Grundeigenthum Ralph’s bezahlt machen. Eloise gerieth hierdurch in große Verlegenheiten. Augenblicklich störender aber berührte sie ihre nun eingetretene Creditlosigkeit, indem sie bis jetzt bei den Kaufleuten in der Umgegend alle Bedürfnisse für die Wirthschaft auf Rechnung erhalten hatte, und dieselben sich nun weigerten, ihr ferner Waaren ohne baare Zahlung zukommen zu lassen. Auch die Pflanzer in der Nachbarschaft wollten ihr kein Schlachtvieh mehr liefern, bis das bereits erhaltene bezahlt sei, und Ralph hatte vor seiner Abreise alles schlachtbare Vieh aus seinen Heerden verkauft. Von den durch die Reisenden eingehenden Geldern zahlte Eloise hier und dort kleine Beträge, um klagbar gewordene Gläubiger zu beschwichtigen und Executionen zu vermeiden, und behielt nur so viel davon zurück, um die nothwendigsten Bedürfnisse für den Haushalt in kleinen Quantitäten gegen baar zu kaufen. Dem scharfen Blick Montclards entging die mißliche Lage Eloisens nicht, denn schon einige Male hatte es beim Kaffee und Thee an Zucker gefehlt, frisches Fleisch hatte bei den Mahlzeiten gemangelt und René hatte ihm gemeldet, daß keine Maisblätter zum Füttern des Pferdes vorhanden seien. Auch hatte er zu verschiedenen Malen den Constabel in ernstem Gespräch mit Eloisen gesehen und nachher bemerkt, daß sie geweint hatte. Eines Abends, als alle Fremden abgereist waren, schlug Montclard Eloisen vor, einen Spaziergang zu machen, wozu sie sich gern bereit fand und mit ihm den Weg an dem Bache hin einschlug. Die Kühle des Waldes und des, über mächtiges Gestein hinschäumenden Wassers hatte sie wohlthuend umfangen und sie waren Beide in Gedanken versunken eine Zeit lang stumm nebeneinander hingeschritten, als Montclard das Schweigen brach und zu Eloisen sagte: »Sie wissen, wie drückend meine große Schuld gegen Sie auf mir lastet und wie sehnlichst ich eine Gelegenheit herbeigewünscht habe, einen Theil derselben abzutragen, denn ganz werde 5 10 15 20 25 30 35 551dRittER BaNd • EiNuNddREissigstEs KapitEl ich es nimmer können. Sie haben mich dem Tode entrissen, erlauben Sie mir, daß ich Sie kleinen Unannehmlichkeiten des Lebens entziehe. Lassen Sie mich, wie es dem Freund geziemt, offen zu Ihnen reden. Es hat Ihnen in letzter Zeit mitunter an baaren Mitteln gefehlt und ich würde die Forderungen, die man gegen Sie hat, hinter Ihrem Rücken gezahlt haben, wenn nicht triftige Gründe mir Dies untersagt hätten. Ich besitze ein Recht darauf, mich Ihnen hülfreich zu zeigen und bitte Sie, daß Sie die Mittel, deren Sie benöthigt sind, aus meinen Händen empfangen. Sie sind Dies ihrem dankbaren Freund schuldig.« Eloise ging mit gesenktem Haupte schweigend neben Montclard hin, und statt der Antwort, füllten sich ihre schönen Augen mit Thränen. Der Antrag kam ihr so plötzlich, so unerwartet, daß sie nicht wußte, was sie erwiedern sollte; sie fühlte, wie äußerst nothwendig Hülfe war, und zugleich widerstrebte es ihrem Gefühl, dieselbe anzunehmen. Sie schämte sich in ihres Gatten Seele, daß er sie in einer solchen Lage zurückgelassen hatte, und gern würde sie in diesem Augenblick alle Schuld desselben auf sich selbst genommen haben. Montclard’s Scharfsinn aber war ihr zu gut bekannt, als daß sie vor ihm ihre Lage hätte verheimlichen, oder das Unrecht ihres Mannes beschönigen können. Sie fand keine Antwort. »Diese kleine Hülfe ist wahrlich Ihres Seits kaum des Dankes werth,« fuhr Montclard mit mildem überredendem Ton fort. »Legen Sie dagegen mein Leben in die Wagschale. Nicht wahr, Sie versprechen es mir, mich nicht mit meiner Bitte zurückzuweisen? Ich werde einen neuen Beweis Ihrer Freundschaft darin erkennen.« »Ich bin sehr unglücklich, Herr Montclard!« sagte Eloise mit bebender Stimme, ohne zu ihrem Begleiter aufzublicken. »Sie haben einen lieben Knaben, der Ihrem Dasein ein schönes Ziel giebt und alle Widerwärtigkeiten und Beschwerden Ihres Lebens versüßen wird. Nur, wenn der Mensch allein steht und Niemanden in der Welt hat, für den er lebt, für den er mit Liebe wirkt und sorgt, ist er unglücklich,« sagte Montclard mit traurigem Tone und setzte dann bittend hinzu: »O lassen Sie mir den Trost, Etwas für Sie zu thun.« 552 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Sie haben schon so unendlich Viel für mich gethan, Herr Montclard, Sie sind meine einzige Stütze gewesen,« sagte Eloise und hob ihren thränenfeuchten Blick zu ihrem Begleiter auf. »Nichts habe ich gethan, als Wohlthaten von Ihnen empfangen und meinen eigenen Wünschen, meinem Glücke gelebt. Hier nehmen Sie, verehrte Frau, diesen unbedeutenden Beweis meiner unbegrenzten ewigen Dankbarkeit.« Bei diesen Worten, die Montclard mit ungewohnter Leidenschaft sagte, ergriff er Eloisens Hand und legte ein, in Papier gefaltetes Packet hinein. »Herr Montclard, wie kann ich?« sagte Eloise zitternd. »Wie konnte i c h?« erwiederte Jener »Kein Wort weiter, wenn wir wirklich Freunde sind. Und nun wird es Zeit sein, daß wir zurückgehen; die Sonne ist versunken.« Sie traten den Heimweg an, Montclard erzählte Eloisen mit heiterer Lebendigkeit eine spannende interessante Begebenheit aus seinem Leben, und als sie aus dem Walde traten, kam ihnen Eva mit Tom auf dem Arm entgegen, den die Mutter ihr abnahm und mit einem glückstrahlenden Blick nach Montclard an ihre Brust drückte. Sehr bewegt kehrte Eloise in ihr Zimmer zurück, setzte ihr Kind auf die Erde nieder und öffnete dann in dem Dämmerlicht, welches durch das Fenster drang, das von Montclard empfangene Papier. Es enthielt tausend Dollar in Banknoten. Mit einem Schreck gewahrte sie diese Summe in ihren Händen und erkannte die große Verbindlichkeit, die sie durch deren Annahme gegen den Geber eingegangen hatte. Im ersten Augenblick wollte sie zu ihm eilen und ihm das Geld zurückgeben, sie faltete das Papier zusammen und hatte die Thür schon erreicht, als ihr die Freude vor die Seele trat, die sich bei Montclard nach Ueberreichen des Geschenks kundgegeben hatte. Wie liebevoll, wie herzlich und aufrichtig hatte er sie um Annahme des Geldes gebeten, und wie schmerzlich mußte es ihn berühren, wollte sie es ihm jetzt wieder zurückgeben! Unschlüssig, was sie thun sollte, blieb sie stehen, suchte ihre Gedanken zu sammeln und zu überlegen; das freundlich bittende Bild Montclards aber siegte über alle Zweifel, alle Bedenken. Eloise schritt zu ihrem Secretär und verschloß das Packet in die Schiebla- 5 10 15 20 25 30 35 553dRittER BaNd • EiNuNddREissigstEs KapitEl de, in welcher sie den Brillantring und das Papier aus ihres Mannes Rock verwahrt hielt. Der schweren Sorgen, die Eloisen so sehr gedrückt und geängstigt hatten, war sie nun mit einem Male überhoben und sie würde sich im Besitze ihres Kindes und beschützt von dem treuen liebevollen Freunde unendlich glücklich gefühlt haben, hätte nicht der Gedanke an Ralph wie ein böser Geist fortwährend hinter ihr gestanden und sie selbst in ihren Träumen verfolgt. So aber konnte ihre Ruhe, ihr Friede jeden Augenblick durch dessen Rückkehr vernichtet werden, und Bangigkeit und Angst überfiel sie jedesmal, wenn Guy von der Postoffice zurückkam.

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References

Zusammenfassung

Mit Ralph Norwood legte Fredéric Armand Strubberg im Jahr 1860 den umfangreichsten Roman seiner Karriere vor und schuf mit dem Titelhelden eine seiner düstersten und gleichzeitig gelungensten Figuren. Mit einer Mischung aus Abscheu, Bangen und Hoffen verfolgt der Leser den Lebensweg eines sich immer weiter in Schuld und Verbrechen verstrickenden Antihelden, den er am Todestage des Vaters als charakterschwachen, wiewohl mit guten Anlagen versehenen jungen Mann kennenlernt. Ralph Norwood, Sohn eines Ansiedlers an der Indianergrenze und einer Seminolenfrau, war von seinem Vater im Alter von sechs Jahren auf eine Schule in Columbus geschickt worden, um ihm eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Schon bald war Ralph dort an die falschen Freunde geraten, dem Spiel und dem Alkohol verfallen, und so versäumt er trotz rechtzeitiger Benachrichtigung von dessen schwerer Erkrankung den Tod seines Vaters, dem er zur Tilgung seiner Spielschulden sogar das Vieh gestohlen hat. Zwar bereut Ralph in der unmittelbaren Trauer um den Verlust des Vaters seine Jugendsünden, die ihm dieser noch auf dem Sterbebett vergeben hat, doch verfällt er schon bald wieder den Verlockungen seines früheren Lebens... Vor dem historischen Hintergrund der Seminolenkriege in Florida entwarf Strubberg mit Ralph Norwood eine facettenreiche Abenteuererzählung, die mit Seeräubern, Familienintrigen und politischen Verschwörungen Elemente des zeitgenössischen Sensationsromans zitiert und damit die Grenzen des eigentlichen Wildwestromans sprengt. Thematisch ging der Autor damit erstmals weit über seine eigenen Erfahrungen während seiner Amerikaaufenthalte hinaus. Auch deshalb stellt der Roman eine deutliche Zäsur in Strubbergs literarischem Schaffen dar und ist wegweisend für nachfolgende Werke aus der mittleren Periode wie Saat und Ernte (AW-MA X) und In Süd-Carolina und auf dem Schlachtfelde von Langensalza (AW-MA XIII). Der Band enthält neben dem zeichengetreuen Text auch das Frontispiz aus der Erstausgabe von 1860.