Zweiter Band. in:

Ulf Debelius (Ed.)

Ralph Norwood, page 197 - 376

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-2705-9, ISBN online: 978-3-8288-6796-3, https://doi.org/10.5771/9783828867963-197

Series: Armands Werke. Marburger Ausgabe, vol. 5

Tectum, Baden-Baden
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Zweiter Band. 199 5 10 15 20 Capitel 12. Die Soirée. – Verschiedene Stimmung. – Zerwürfniß mit sich selbst. – Willkommener Ritt. – Das Pferderennen. – Die gewonnene Wette. – Das Boardinghaus. – Die Einladung. E inige Tage später wurde Abends die Charlesstraße durch ein ungewöhnlich anhaltendes Rasseln vieler Kutschen be-lebt, und in der Nähe von Forney’s Hause hatte sich eine Menge Neugieriger aufgestellt, um die festlich geschmückten Damen aussteigen zu sehen; denn dies, aus allen seinen Fenstern Licht strahlende Gebäude war das Ziel der zahlreichen, von verschiedenen Seiten her der Charlesstraße zueilenden Carrossen. Zwei schwarze Bedienten in feinen, schwarzen Anzügen erwarteten am Fuße der hohen Marmortreppe die Wagen, um den Schlag zu öffnen und den Gästen ihres Herrn beim Aussteigen behülflich zu sein, während zwei andere dieselben in dem glänzend erleuchteten Corridor empfingen, um ihre Dienste zum Tragen von Mänteln, Shawls und dergleichen Gegenständen bis zu dem Garderobezimmer zur Verfügung zu stellen. Die breite marmorne Treppe, welche von der Vestibüle zu dem ersten Stock hinaufführte, war zu ihren beiden Seiten mit den herrlichsten Treibhauspflanzen eingefaßt, aus deren saftigem Grün die prächtigsten Blumen tropischer Vegetation in den mannichfachsten Tinten hervorleuchteten. Blühende Azalien, Rhododendrums und Camelien in den reichsten, glühendsten Farben prangten, wie schön beleuchtetes, buntes Gewölk, an dem zierlich gewundenen eisernen Geländer hinauf und begrenzten den mit reichem 200 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Teppich belegten Weg bis zu den großen Flügelthüren des Empfangsaals, neben denen sich riesengroße, mit rothen und weißen Blüthen übersäete Camelien erhoben, die von zwei schlanken graziösen Palmen überdacht wurden. In diesem ersten, mit gelb seidenen Möbeln decorirten Salon, dessen Wände die gleiche Farbe trugen, empfing der Präsident selbst seine Gäste und geleitete sie in den daranstoßenden, weit größeren Saal, in welchem durchgängig die hellblaue Farbe herrschte. Dort, auf dem mit leichtem Schwung zu beiden Seiten ausgebogenen und mit meisterhaft geschnitzten Arabesken verzierten Sopha saß Eleanor, begrüßte als Dame vom Haus die Freunde und nahm mit freudig strahlenden Blicken die Glückwünsche hin, welche diese der Braut darbrachten. Wie eine Festgöttin vor dem Blau des Himmels, war sie von dem durchsichtigen Gewölk eines leichten Schleiers umgeben, durch welchen der glänzende Faltenwurf ihres weißen Atlasgewandes hervorschimmerte. Ein kostbarer Perlenschmuck war in ihren goldenen Locken, auf ihrem blendend weißen Nacken und um ihre zarten, vollen Arme vertheilt; doch aller Glanz, alle Pracht, die sie umgab, verblich vor dem Wonneblick ihrer tief dunkeln Augen, mit dem sie die Freunde bewillkommnete, die sich um sie reihten. Die Zahl der Gäste mehrte sich schnell. Frauen und Mädchen ließen sich in Eleanor’s Nähe nieder und bildeten einen Kranz von wunderbarer, vollendeter weiblicher Schönheit. Neben der Braut auf dem Sopha saß die Frau des Kriegsministers, welche mit ihrem Gemahl von Washington herübergekommen war, um dem Feste beizuwohnen und ihrem langjährigen Freunde Forney und dessen Tochter ihre Glückwünsche darzubringen. Sie war eine Frau von junonischer Schönheit, an der kaum zwanzig von den sechsunddreißig Jahren, die sie zählte, zu erkennen waren. Eine andere der schönen Frauen in der Nähe Eleanor’s, eine Freundin ihrer verstorbenen Mutter, war die Gattin des Finanzministers, der gleichfalls mit ihr von Washington zu diesem Feste hierhergereist war. Viele andere der höchsten Staatsbeamten und mehrere Congreßmitglieder der Vereinigten Staaten hatten sich von dort hier eingefunden, und von Alexandria waren die Officiere einiger Fre- 5 10 15 20 25 30 35 201ZwEitER BaNd • ZwölFtEs KapitEl gatten, die dort vor Anker lagen, gegenwärtig. Mehrere der größten Staatsmänner Amerika’s waren anwesend, und die angesehensten Kaufleute Baltimore’s, über deren Privatflagge die Sonne nie unterging, sowie Banquiers, deren Unterschrift über dem ganzen Erdball als baares Geld genommen wurde. Frank Arnold war der Held des Abends und wurde mit gro- ßer Aufmerksamkeit und Auszeichnung begrüßt. Ein Jeder hatte sich von ihm, als dem Bräutigam der schönen, hochangesehenen Eleanor, ein ungewöhnliches Bild entworfen und seine Erwartungen hoch gestellt. Dennoch entsprach Frank denselben durch seine edle, kräftige Gestalt, sowie durch sein anspruchloses, bescheidenes, doch unbefangenes Benehmen und die klaren, verständigen Ansichten, die er bei seiner Unterhaltung aussprach. Er war ein Pflanzer, der sein Geschäft auf das Erfolgreichste betrieb, und gehörte somit einem Stande an, der in Amerika, als die Grundlage des Staates, zu den geachtetsten gezählt wird. Außerdem war er Frontiermann, und zwar an der Grenze eines Indianergebietes, auf welches augenblicklich die Aufmerksamkeit der Amerikaner mit großer Spannung gerichtet war, so daß die Sympathie, welche dieselben überhaupt für die Grenzbewohner, als die Gründer der neuen Staaten, hegen, für Frank doppelt angeregt wurde. Außer den Fähigkeiten und Leistungen aber, die er als Pflanzer aufzuweisen hatte, kannte er die Verhältnisse und die Interessen seines Vaterlandes und insbesondere des Staates, den er seine Heimath nannte, aufs Gründlichste, und war mit der Politik Amerika’s vollkommen vertraut. Diese Eigenschaften reichten hin, um ihm Achtung zu verschaffen, auch selbst, wenn er nicht der Bräutigam der gefeierten Eleanor gewesen wäre. Achtung und Ehrerbietung wird in diesem Lande nur dem eigenen Verdienst der Person gezollt, niemals dem Namen, dem Stande, und stolz ist der Amerikaner nur darauf, daß er Bürger seiner großen Nation ist, und auf Das, was er selbst geleistet, selbst geschaffen hat, nicht aber etwa auf die Verdienste eines Vaters, eines Großvaters, oder gar eines Vorfahren, der Jahrhunderte vor ihm gelebt hat. Im Gefühl seiner Würde als Amerikaner, im Bewußtsein seiner Leistungen als Mann bewegte sich Frank in diesem, ihm ungewohnten Kreis frei und mit der unbefangenen Sicherheit und dem 202 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 natürlichen Anstand, der dem Amerikaner eigen ist, und gab dem hohen Staatsbeamten, dem Gelehrten, dem Soldaten und dem Kaufmann die Ehre, die er als Pflanzer in gleichem Maße von ihm erwartete. Auch Ralph ward mit warmer Theilnahme durch Forney, sowie durch Frank vorgestellt und die Freundschaft des Letzteren war Empfehlung genug, ihm eine freundliche Aufnahme zu verschaffen. Wenn die Natur ihn aber auch in gleichem Maße wie Frank vortheilhaft ausgestattet hatte, so fehlte ihm doch der Stolz, als Mann und als Staatsbürger seine Schuldigkeit gethan zu haben und somit auch das Bewußtsein, mit den Leuten, denen er vorgestellt wurde, auf gleicher Stufe zu stehen. Die Erinnerung an die schönen Jahre, die er so unnütz vergeudet, an die Kräfte und Fähigkeiten, die er so unrecht verwandt, trat entmuthigend vor ihn und drückte schwer auf seine Seele. Wenn man ihn fragte, ob auch er Pflanzer sei, wie viel Acker er in Cultur habe, und wie viel Baumwolle er erzeuge, fühlte er sich befangen und verlegen und suchte sich immer so schnell als möglich von der Unterredung los zu machen. Die Säle hatten sich gefüllt, und nur noch von Zeit zu Zeit verkündete eine vorfahrende Kutsche, daß noch ein Gast angekommen sei. Unter diesen Verspäteten war auch der Commodore Perrywill, der mit allgemeiner Ehrerbietung empfangen wurde, denn er war ein Mann, welcher sich große Verdienste um die Amerikanische Marine erworben, der als Staatsmann eine bedeutende Rolle gespielt und sich als Mitglied im Congreß das Vertrauen und die Liebe des Volkes errungen hatte. Man suchte sich in seiner Nähe zu halten, um die Gelegenheit, ihn zu begrüßen, wahrnehmen zu können. Der Kriegsminister war der Erste, der nach Forney seine Freude gegen ihn aussprach, ihn hier zu sehen, die Marine-Officiere von Alexandria schätzten sich glücklich, ihn ihrer Hochachtung versichern zu können und ein Jeder bemühte sich, dem alten rüstigen, lebensfrohen Herrn etwas Angenehmes zu sagen. Ohngeachtet weit über hundert Personen hier versammelt waren, fühlte man sich doch in keiner Weise beengt, man konnte sich frei und ungehindert nach allen Richtungen bewegen und eine frische angenehme, durch den Duft herrlicher, in Vasen und Urnen prangender Blumen leicht gewürzte Luft 5 10 15 20 25 30 35 203ZwEitER BaNd • ZwölFtEs KapitEl durchzog wohlthuend die großen prächtigen Räume, in welchen die Gäste sich vertheilten. Hier und dort bildeten sich Gruppen, wo die verschiedensten Gegenstände in geistreicher Unterhaltung besprochen wurden, die Herren, welche von Washington gekommen waren, mußten über politische Fragen, über Interessen des Landes und des Volkes Auskunft geben, die Marineofficiere beredeten mit dem alten Commodore Fragen, die augenblicklich über der Seemacht Amerika’s schwebten, die Kaufleute tauschten die letzten Nachrichten aus den verschiedenen Welttheilen aus, und die jungen Männer hatten sich den Damen zugesellt, und pflogen jene leichte, mit reicher Phantasie durchblitzte Unterhaltung, die dem frisch erblühten Leben entsprudelt. Nirgends war aber trotz dem vielen Reden, trotz der frohen Stimmung, die man dabei allenthalben gewahrte, ein lautes Wort, ein lautes Lachen zu vernehmen, ein feierliches Summen wehte durch die Gemächer und nur die heitern Mienen verriethen, wie sehr man sich des Zusammenseins erfreue. Ein jeder Fremde, der einen Blick in diese Räume gethan hätte, würde gefühlt haben, daß er sich in der ausgewähltesten, elegantesten Gesellschaft befände, und doch wurde dies nirgends durch einen goldgestickten Kragen, durch schwere Epauletten, durch Orden oder Ordensbänder, noch durch das Wort »von« oder »Excellenz« verrathen. Nur die Officiere, die einzigen auf Lebenszeit angestellten Staatsdiener, wurden mit dem Grad, den sie einnahmen, angeredet, die Civilbeamten hießen sämmtlich »Herr« und die Damen »Madame« oder »Fräulein.« Es gab hier keine Rangklasse, als die der Bildung und des persönlichen Verdienstes, keine Auszeichnung, als die, welche diesen beiden freiwillig gezollt wurde, und der Anstand war nach natürlicher Eleganz bemessen, nicht nach vorgeschriebenen Formen und Redensarten. Der Präsident selbst war allenthalben zugegen, wußte einem Jeden etwas Interessantes mitzutheilen, und ließ Niemanden einen Augenblick allein stehen. Dabei glitten die schwarzen Diener lautlos über den glatten parquettirten Fußboden hin und her und boten den Gästen die köstlichsten Erfrischungen dar. 204 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 An der rechten Seite des Empfangssalons, dem großen Saale gegenüber, befand sich der Speisesaal, wo auf einem prächtigen Credenztische Weine aller und der vorzüglichsten Arten aufgestellt waren, damit die Herren dort nach eigenem Geschmack selbst auswählen könnten. An der andern Seite des blauen Saales öffnete sich ein dunkelroth decorirtes geräumiges Zimmer, aus welchem jetzt die vollen Accorde eines Piano’s hervorklangen und Herren und Damen heranlockten. Nancy, die eine der Brautjungfern, hatte vor dem Instrumente Platz genommen, um Laura zum Gesang zu begleiten. Die einleitenden Accorde des Lieds erklangen in melodischer Weise, und mit gefühlvollem Ausdruck und zauberisch süßer Stimme sang Laura »die Harfe« von Thomas Moore. Die tiefe Stille, die dem herrlichen Liede folgte, bekundete, wie richtig die Sängerin dessen Geist aufgefaßt und wie sehr sie den edlen Geschmack ihrer Zuhörer befriedigt hatte. Wiederholt, und immer zu ähnlichem Genusse rief während des Abends der Ton des Instruments die Gäste zu diesem Gemache. In dem angrenzenden Zimmer waren auf großen Tafeln Mappen mit werthvollen Kupferstichen und Prachtausgaben von Bilderwerken ausgelegt, die Vielen der Anwesenden Stoff zur Unterhaltung gaben und in dem nächsten, einem kleinen Salon, standen einige Spieltische, an denen sich die älteren Herren und Damen die Zeit vertrieben. In einer Fensternische des blauen Saales stand Frank mit dem Kriegsminister und mehreren Mitgliedern des Congresses, den Vertretern verschiedener nördlicher Staaten. Florida war der Gegenstand ihrer Unterhaltung. »Interessant ist es mir, gerade in Ihnen, einem so nahen Nachbarn dieser zügellosen Wilden, der Seminolen, einen ihrer Vertheidiger zu finden, Herr Arnold; ich hatte erwartet, die gerechtesten Klagen über dieselben von Ihnen zu vernehmen,« sagte der Abgeordnete des Staates New-York. »Wer von den Gewaltthaten der Seminolen gegen die Weißen hört, ohne die Ungerechtigkeiten, die Grausamkeiten zu kennen, welche Letztere ununterbrochen an den armen Wilden verüben, der muß sich darüber wundern, wenn ich diese in Schutz nehme,« 5 10 15 20 25 30 35 205ZwEitER BaNd • ZwölFtEs KapitEl erwiederte Frank. »Wer giebt aber den Weißen in Florida das Recht, den Seminolen mit den Waffen in der Hand ein Stück Land nach dem andern zu rauben und sie mit Feuer und Schwert in die Wälder und Sümpfe ihres Landes zurückzutreiben, während die Regierung der Vereinigten Staaten in einem bündigen Friedensvertrag ihnen das Land als freies Eigenthum zugesichert hat? Verdenken Sie es den Leuten, daß sie dieses Eigenthum und ihr Leben gegen die Angriffe der Weißen vertheidigen?« »Sie werden mir aber doch zugeben, daß dies schöne Land nicht dazu bestimmt sein kann, von einer Horde Barbaren bewohnt zu werden, deren Thun und Treiben so ganz mit den Einrichtungen unserer Staaten in Widerspruch steht und die Sicherheit und das Aufblühen der Nachbarländer gefährdet. Das kleinere Interesse muß hier dem allgemeinen weichen,« sagte der Deputirte des Staates Pensylvanien. »So mag man ehrlich mit den Menschen zu Werke gehen, sie aber nicht durch Freundschaftsversicherungen betrügen, wie es bisher geschehen ist, man kaufe ihnen das Land ab und schaffe sie nach dem Westen zu ihren rothen Brüdern, wo ihnen die Möglichkeit geboten wird, sich eine neue Heimath zu gründen, man morde aber nicht mit kaltblütiger Ueberlegung eine ganze edle Nation,« antwortete Frank mit Wärme. »Das ist ein Vorschlag, der schon mehrere Male im Congreß vorgebracht ist, aber immer als unausführbar zurückgewiesen ward,« sagte der Kriegsminister. »Könnte man diese Uebersiedelung bewerkstelligen, so dürfte und würde das Gouvernement kein Opfer dabei scheuen, so aber werden die Beschwerden und Klagen gegen die Wilden immer häufiger, immer dringender und ich sehe kein anderes Ende für diese Uebelstände, als durch einen gänzlichen Vertilgungskrieg gegen dieselben, den doch die heiligsten Interessen unserer Nation unumgänglich fordern, so hart er auch in Betracht der Wenigen, die darunter leiden werden, erscheinen mag.« Frank bot all seine Rednergabe auf, um die Umstehenden von der Gerechtigkeit und der Ausführbarkeit seiner Ansicht zu überzeugen, doch umsonst, man wollte kein anderes Mittel anerkennen, sich der Wilden zu entledigen, als ihre gänzliche Ausrottung. 206 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Eine interessante, für einen jeden braven Amerikaner erfreuliche Neuigkeit kann ich Ihnen mittheilen,« sagte der Finanzminister, der sich an der andern Seite des Saales mit mehreren Männern unterhielt. »Der treue bewährte Freund unserer Nation, Lafayette, hat unsere Einladung, uns nochmals mit einem Besuch zu beehren, angenommen und wird im kommenden Jahre seine Reise von Frankreich hierher antreten. Ob er die ihm zu Ehren erbaute Fregatte Brandewyne zu seiner Ueberfahrt benutzen wird, ist noch nicht entschieden, jedenfalls wird sie nach dort abgehen, und zu seiner Verfügung gestellt werden. Eine schwere Verpflichtung gegen diesen Ehrenmann, sowie gegen seine hochherzige Nation lastet noch auf uns, und mit Jubel wird das Amerikanische Volk die Gelegenheit ergreifen, seinen ewigen Dank gegen Frankreich und gegen Lafayette, dessen edlen Sohn, aussprechen zu können.« »Es giebt ein Freudenjahr für unser Volk,« sagte ein Congreßmitglied, »denn es bietet sich ihm auch die Gelegenheit dar, einem unserer Landeskinder, dem es eben so vielen Dank schuldet, diesen abzutragen, unser verdienter General Jackson wird nämlich als Candidat für unser nächstes Präsidium auftreten.« Während dieser Zeit stand der Commodore Perrywill mit den übrigen Marineofficieren in dem Empfangsalon, in eifrigem Gespräch begriffen, und Ersterer sagte: »Es ist kein Zweifel mehr darüber vorhanden, daß ein Pirat sein Wesen an unsern Küsten treibt, denn wenn man auch annehmen wollte, was mehrere Zeitungen ausgesprochen haben, daß die Brigantine, die an der Küste von Florida ans Land trieb, durch Meuterei unter dem Schiffsvolk zu Grunde gegangen sei, so sind doch in letzterer Zeit bei ganz ruhigem Wetter viele Küstenfahrzeuge verschwunden, ohne daß man auch nur errathen könnte, was aus ihnen geworden sei. Mehrere derselben wurden noch an der Küste von Florida von andern Fahrzeugen als gesehen gemeldet, und von da an hat man nichts weiter von ihnen gehört. Ich für mein Theil bin der festen Ansicht, daß es das Werk eines Piraten ist und halte es für die Schuldigkeit der Regierung und meiner selbst, in dieser Beziehung Schritte zu thun, bis man sich überzeugt hat, daß diese Ansicht irrig war. Sonderbarer Weise hat aber in den letzten Tagen ein fremdes Fahrzeug, der Sturmvogel, welches von Havannah hier 5 10 15 20 25 30 35 207ZwEitER BaNd • ZwölFtEs KapitEl angekommen ist, Aufsehen unter den Seeleuten an der Point erregt und man raunt sich allerlei Vermuthungen darüber in die Ohren. Namentlich soll seine Mannschaft, die größtentheils aus Spaniern und Portugiesen besteht, ein sehr verdächtiges Ansehen haben, und nur unter Begleitung des Obersteuermanns ans Land gehen, der, wie es scheint, eine Art militairische Gewalt über sie ausübt. Der Capitain heißt Flournoy, ist Amerikaner und ein gebildeter Mann, doch das Schiff gehört nach Havannah und ist hier an das Haus Ballard adressirt. Ich habe mich schon auf dem Zollhause erkundigt, ob alle seine Papiere genau in Ordnung seien und dies auf ’s Bestimmteste bejaht erhalten, ich habe ferner durch die Zollhausbeamten das Schiff heimlich untersuchen lassen, ob sich Waffen an Bord befänden, oder ob sie irgend Vorrichtungen darauf bemerken könnten, die auf das Aufstellen von Kanonen schließen ließen, doch nirgends ist ein Zeichen davon entdeckt, auf welches man vor Gericht einen Verdacht begründen könnte. Es mag nun sein, daß nur die Gerüchte über einen Piraten diese Vermuthungen hervorgerufen haben, und daß das Schiff auf ganz rechtlichen Wegen segelt, demohngeachtet wäre auch das Gegentheil möglich; der Bursche könnte irgendwo an den waldigen Ufern der Bay seine Armatur zurückgelassen haben, um sie im Auslaufen wieder einzunehmen, und ich halte es für zweckmäßig, ihn zu beobachten, und ihn namentlich außerhalb der Bay anzusprechen und zu untersuchen, ob er dort vielleicht Zähne zeigt.« Dann wandte sich der Commodore, der bis jetzt zu allen um ihn Versammelten gesprochen hatte, an einen derselben, den Capitain einer der bei Alexandria liegenden Fregatten und sagte zu ihm: »Lassen Sie zu diesem Zwecke morgen den Gouvernementskutter Lion unter Segel gehen und vor Cap Henry kreuzen, bis besagtes Schiff erscheint, worauf er es ansprechen und borden soll. Weigert es sich, beizulegen und sucht die Flucht, so soll er es als verdächtig verfolgen und durch Gewalt zwingen, sich der Untersuchung zu fügen. Hier ist die ganz genaue Beschreibung des Fahrzeuges, dessen Segelzeug so sehr von dem anderer Schiffe abweicht, daß eine Verwechselung gar nicht möglich ist. Ich habe sie mir noch heute Abend ausfertigen lassen, und dies war der Grund, weßhalb ich so spät hier erschienen bin.« 208 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Bei diesen Worten griff der alte Herr in die Tasche seines Rokkes und zog aus derselben ein Papier hervor, welches er dem Capitain überreichte. In dem rothen Zimmer ertönte jetzt abermals das Piano, die jungen Mädchen hatten sich aus Eleanor’s Nähe entfernt und dorthin begeben, als die Gattin des Kriegsministers zu dieser sagte: »Fürchtest Du Dich denn aber nicht, liebe Eleanor, so in die Nähe der Wilden zu ziehen? es ist doch recht gefährlich, man hört von so vielen schrecklichen Begebenheiten.« »Frank ist ja bei mir,« erwiederte Eleanor und warf einen glänzenden Blick nach dem kräftigen jungen Mann, um den sich ein Kreis von Zuhörern versammelt hatte, die seinen Mittheilungen über das Leben und Treiben der Florida-Indianer mit größter Aufmerksamkeit lauschten. »Er wird aber nicht immer bei Dir sein können, beste Eleanor,« fuhr die schöne Frau fort. »Um so mehr werde ich mich dann bestreben, seiner würdig zu sein. Die Frau Franks darf sich nicht fürchten, sonst paßt sie nicht zu ihm,« antwortete Eleanor mit stolzer Bestimmtheit. »Nun, wahrlich, Du bist eine größere Heldin, als ich; mir würde schon der Gedanke, mich in der Nähe solcher Unmenschen zu befinden, fürchterlich sein. Außerdem ist es ein recht großer Entschluß von Dir, all die Herrlichkeiten, die Dich hier umgeben, gegen ein einsames Blockhaus zu vertauschen.« »Und zugleich ein Herz, wie das Franks, zu erhalten! O wie wohl thut mir Ihre Verwunderung! Sie haben so unzählig viel mehr Menschen kennen gelernt, als ich, Sie sind so viel mehr in der Welt bekannt geworden, und doch haben Sie, wie es scheint, noch nie von einem solchen Herzen gehört, für das man Alles, ja Alles im Leben mit Freuden hingiebt. Ja, es ist wahr, Frank ist ein ganz ungewöhnlicher Mann,« sagte Eleanor lebhaft ergriffen und sah wieder nach ihrem Geliebten hin, als dieser seinen Namen von der süßen Stimme nennen hörte, sich rasch umwandte und auf Eleanor zueilte. Vergessen war der Zwang, den die Rücksichten gegen ihre Umgebung dem schönen Mädchen auflegte, sie sprang auf, warf den wehenden Schleier zurück und empfing den Geliebten ihres Herzens in ihren offenen Armen. 5 10 15 20 25 30 35 209ZwEitER BaNd • ZwölFtEs KapitEl »Ja, Frank, eine Welt würde ich für Dich hingeben, wenn ich sie besäße,« rief sie mit überströmendem Gefühl, und mit gedämpfterer Stimme fügte sie dann hinzu: »so kann ich Dir nur mich selbst geben.« Alle im Saal Anwesenden schauten überrascht auf das glückliche Paar und auch aus den Nebenzimmern waren mehrere Gäste in die Thüren getreten; denn eine so lebhafte offene Kundgebung persönlicher Gefühle störte die feierliche Ruhe, in der ein Jeder sich nur in Rücksichten für Alle zu bewegen schien. Doch eine angenehme, eine wohlthuend überraschende Störung war es, da sie das überschwängliche, beneidenswerthe Glück des jungen Paares laut verkündete, und weil alle Freunde Eleanors ihrer edlen hochherzigen Leidenschaftlichkeit gern Alles zu Gute hielten. »Wir sind Leute von der Frontier, wo die Herzen noch nicht durch die Fesseln der Civilisation zusammengeschnürt sind,« sagte Eleanor, indem sie den überraschten Blicken der Freunde mit einem seligen Lächeln begegnete, und strich ihre goldigen Locken zurück, als wolle sie mit ihnen den Purpurhauch von ihren Wangen wischen, den sie dort brennen fühlte. Ihr Vater, der auch zu ihr hingetreten war, legte liebkosend seine Hand auf ihren schlanken Nacken, drückte seine Lippen auf ihre hohe freie Stirn und sagte zärtlich: »Du bleibst doch immer mein ungezügeltes, mein unabhängiges, süßes, liebes Kind; der Himmel gebe, daß die Menschen Dein schönes offenes Herz niemals einengen mögen.« Nochmals küßte er Eleanor und sagte lächelnd: »Du wirst den Indianern sehr gut gefallen, auch sie lieben nicht, ihren Gefühlen Zwang anzuthun.« Der alte würdige Hausfreund, der Commodore Perrywill, der Eleanor oft als Kind auf seinen Armen gehalten hatte, reichte ihr mit den Worten die Hand: »Es ist auch mein Grundsatz, Jedermann, Freund und Feind, immer offen die Flagge sehen zu lassen, unter der man segelt; es zeigt, daß man einer guten Sache dient. Du kannst Dir auf die Deinige etwas zu Gute thun,« und hiermit ergriff er mit seiner Linken die Hand Franks, führte Eleanor nach dem Sopha und ließ sich neben ihr in einem Sessel nieder, während der glückliche Bräutigam an seiner andern Seite Platz nahm. 210 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Es war schon gegen Mitternacht, als die ersten Wagen vorfuhren, um die Gäste nach ihren Wohnungen zurückzubringen, und erst als die Letzten sich entfernt hatten, verabschiedeten sich Frank und Ralph, um nach ihrem Gasthaus zurückzukehren. Franks Glück hatte sich von Tag zu Tag gesteigert und sein Herz konnte kaum noch die Wonne fassen, die ihm heute wieder zu Theil geworden war. Anders stand es mit Ralph; sein Herz hatte sich krampfhaft zusammengezogen, er hatte Vergleiche zwischen sich und den Leuten angestellt, mit denen er bei Forney’s zusammengetroffen war, und noch niemals hatte er so kleinlaut über sich selbst gedacht, als an diesem Abend. Er fühlte mit verbissenem Grimm gegen sich selbst, daß er Nichts war, daß er Nichts geleistet hatte, worauf er hinweisen, worauf er stolz sein konnte. Bisher war ihm der Gedanke ein Trost gewesen, daß er seit geraumer Zeit nichts Unrechtes, nichts Böses gethan, daß er fleißig mit Frank gearbeitet hatte; jetzt aber reichte dieser Trost nicht mehr hin, ihn mit sich selbst zu versöhnen; ein Gefühl tiefsten Mißmuths und einer aufkeimenden inneren Abneigung gegen die Menschen, denen er sich untergeordnet fühlte, stieg zum ersten Male in seiner Brust auf. Ralph löschte erst spät das Licht aus und zwar schweigend, obgleich er nicht wußte, daß Frank schon in den Armen eines beglükkenden Schlafes ruhte. Am andern Morgen, als Frank in der frohsten Laune erwachte und ihn freudig und herzlich begrüßte, war er wortkarg und die Heiterkeit, die Jener ihm entgegenbrachte, fiel wie Wermuth in seinem Herzen nieder. Er suchte aber seine bittere Stimmung vor Frank zu verbergen, welches ihm leicht gelang, denn diesem schien die ganze Welt zu lächeln und Alles um ihn her fröhlich zu sein. Ralph blieb allein in seinem Zimmer zurück, als Frank schon frühzeitig ihn verließ, um noch einige Besorgungen zu machen, ehe er der Quelle seines Glückes wieder zueilte. Ralph saß in einem Armstuhl neben dem Tisch und hielt den Kopf auf seine Hand gestützt, während die Unzufriedenheit, die Unruhe in seinem Innern fortwährend zunahm. Wie der Fieberkranke sich nach einem Flug durch die Luft, oder nach etwas Sauerm sehnt, so wäre Ralph im Augenblicke nichts erwünschter 5 10 15 20 25 30 35 211ZwEitER BaNd • ZwölFtEs KapitEl gewesen, als ein halsbrechender Ritt auf einem Jagdrenner, oder ein Gefecht, Mann gegen Mann, mit dem Messer in der Hand. Es klopfte an die Thür. »Herein in drei Teufels Namen!« schrie er mit lauter, barscher Stimme; die Thür öffnete sich und Garrett trat jubelnd mit den Worten herein: »Hallo, Freund, Sie können um elf Uhr eines unserer besten Pferde laufen sehen, es giebt ein prächtiges Rennen, denn sein Gegner soll auch ein Matador sein.« »Ich bin dabei!« rief Ralph, indem er sich aufrichtete und Garrett die Hand reichte, »wollen wir gleich gehen?« »Es ist noch zu früh, wir haben nur ein halb Stündchen zu fahren, oder zu reiten, wenn Sie dies vorziehen sollten. In unsern Leihställen sind herrliche Pferde zu bekommen.« »So lassen Sie uns reiten, ich bin gerade zu einem lustigen Ritt gestimmt.« »Wir können ja vorher Etwas frühstücken, wir haben hinlänglich Zeit dazu,« sagte Garrett; Ralph ergriff seinen Hut, mit raschen Schritten verließen sie das Hotel und eilten in der Straße hinunter dem Leihstall zu, um ein Paar Reitpferde für sich zu bestellen. Bald hatten sie das große Haus erreicht, in welchem sich der Stall befand, traten in dessen weites Thor ein und Ralph blickte verwundert in der langen hohen Halle hinunter, in welcher auf jeder Seite über fünfzig schön gehaltene und blank geputzte Rosse standen. »Ei, das muß ich gestehen, das sind ja herrliche Pferde,« sagte Ralph ganz überrascht, »da hat man die Auswahl.« »Nicht wahr, Freund?« erwiederte Garrett, »sehen Sie diesen Dunkelschimmel an, kann man sich etwas Schöneres denken?« »Der Fuchs daneben gefällt mir besser, es ist mehr Blut in ihm,« sagte Ralph, indem er zu dem Pferde trat und demselben mit der Hand auf die Croupe schlug. »Das ist aber ein wilder Bursche, den nicht ein Jeder reiten kann; er kommt oft ohne seinen Reiter nach Hause,« sagte einer der Wärter, ein junger Mann von anständigem Aeußern, mit blank geglänzten Stiefeln, feinem schwarzem Beinkleid und einem runden schwarzen Hut auf dem Kopfe; die Weste und der Rock fehlten bei 212 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 seinem Anzuge, desto sauberer und weißer aber war das Hemd mit fein gefaltetem Busenstück, welches er trug. »Dieser Gaul ist einer der zwölfe, die unter meiner Pflege stehen, gute Wartung ist halbes Futter, sehen Sie, wie glatt ihm das Haar anliegt,« fuhr der Wärter fort und strich dem Roß mit der Hand über den Rücken. »Das Pferd möchte ich wohl reiten, kann ich es bekommen?« fragte Ralph den Wärter, wobei dieser einen prüfenden Blick auf die hohe Gestalt des Erstern gleiten ließ und dann erwiederte: »Nun, ich glaube wohl, daß Sie mit ihm fertig werden können, er steht zu Ihren Diensten; Sie dürfen ihn aber nicht aus den Zügeln und Schenkeln lassen, sonst haben Sie das Spiel mit ihm verloren.« »Versuchen will ich es wenigstens, ob ich sein Meister werden kann,« sagte Ralph und folgte Garrett, der an den Pferden hinuntergegangen war, um auch eins für sich auszuwählen. Seine Wahl fiel auf einen Schimmel, ein Pferd von sehr edlem Blut. Die beiden Gefährten baten nun den Wärter, die Rosse um halb eilf Uhr zu satteln, um welche Zeit sie wieder hier eintreffen würden, und begaben sich dann nach einer Restauration, welche nur einige Straßenviertel von hier gelegen war. Die drei großen Flügelthüren des Saales, in welchem dieselbe sich befand, waren weit geöffnet und durch sie drängten sich viele Männer von der Straße ein und aus dem Hause heraus. Den Thüren gegenüber stand ein langer Schenktisch, hinter welchem zwei Kellner den herzutretenden durstigen Gästen die verlangten Getränke anfertigten, und im Saale umher waren viele kleine Tische nebst Stühlen für den Gebrauch der Fremden aufgestellt. Beim Eintreten wurde Garrett von allen Seiten her angerufen und mit großer Vertraulichkeit begrüßt, mitunter auch von Personen, deren Aeußeres gerade nichts sehr Empfehlendes hatte. Er erwiederte die Grüße mit derselben Vertraulichkeit, gab aber Keinem die Gelegenheit, eine Unterhaltung mit ihm zu beginnen, sondern wandte sich immer schnell nach einer andern Seite durch die Menge, bis er mit Ralph den langen Schenktisch erreicht hatte, auf welchem ein Imbiß aufgetragen stand. Ein ungeheuerer kalter Rindsbraten, ein großer abgekochter Schinken, Butter und Biscuits machten dies Frühstück aus, welches gegen zehn Cent für 5 10 15 20 25 30 35 213ZwEitER BaNd • ZwölFtEs KapitEl die Person zur allgemeinen Selbsthülfe hingestellt war, und von dem man sich mit den dabei gelegten Messern nach Belieben ein Stück zueignete und es aus der Hand verspeiste. Dabei wurde den, aus Cognac, Genever, Whisky, Portwein oder Madeira mit Wasser, Zucker, Muskatnuß und Krausemünze gemischten Getränken in reichlichem Maße zugesprochen. Auch Ralph und Garrett bedienten sich in obiger Weise des Frühstücks, und auf die Frage des Kellners: was man zu trinken wünsche, ließ sich Garrett die Flasche mit Madeirawein reichen, Ralph aber forderte Cognac und füllte damit sein Wasserglas bis über die Hälfte. Seine augenblickliche Stimmung verlangte den stärksten Trank und mit einer gewissen Zufriedenstellung setzte er das geleerte Glas mit den Worten auf den Tisch: »So, nun lassen Sie uns zu unsern Pferden gehen, ein tüchtiger Ritt wird uns gut thun.« Garrett war mit dem Bezahlen für das Genossene seinem Gefährten zuvorgekommen, obgleich dieser dagegen protestirte, nahm dessen Arm und eilte mit ihm in raschen Schritten nach dem Stalle zurück. Die beiden Rosse standen schon gesattelt zu ihrem Dienst bereit, der Wärter reichte Garrett Sporn und Peitsche, Ralph aber nur die letztere, indem er sagte: »Sporn werden Sie wohl nicht nöthig haben, der Gaul verträgt sie auch nicht.« »Er soll sie schon vertragen lernen, geben Sie mir nur ein Paar«, erwiederte Ralph, worauf der Wärter seinem Wunsche nachkam und lächelnd bemerkte: »Wie Sie wollen, ich habe Sie gewarnt.« Dann führte er den Fuchs aus dem Stand, ein zweiter Wärter brachte für Garrett den Schimmel herbei und die beiden jungen Männer hoben sich in die Sättel. Kaum hatte Ralph seinen Sitz eingenommen und der Wärter das Pferd aus seiner Hand gelassen, als dasselbe sich hob und in kurzen Lançaden zum Stall hinaus in die Straße eilte. Ralph drückte die Schenkel fest an den Sattel und verkürzte mit ruhiger Hand die Zügel; der Fuchs aber sträubte sich gegen die Gewalt, die ihm angethan wurde, schoß in einem hohen Bogensatz vorwärts und 214 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 schlug, sobald er die Erde wieder erreicht hatte, mit den Hinterfü- ßen hoch in die Luft. Ralph gerieth in Zorn, riß des Thieres Kopf in die Höhe und stach ihm beide Sporn in die Flanken. Diese Strafe brachte das Roß gänzlich außer sich, laut schnaubend blies es die rothen Nüstern auf, seine weitgeöffneten Augen blitzten vor Wuth und in raschen Seitensprüngen suchte es seinen Reiter durch gewaltiges Prellen aus dem Sattel zu werfen. Dieser aber saß wie angeklettet auf seinem Rücken und erwiederte jeden Sprung mit einem neuen Spornstoß, bis plötzlich das Thier die Stange mit den Zähnen erfaßte, den Kopf vor die Brust setzte und in fliegender Carriere auf dem glatten Steinpflaster dahinstob, daß die Funken unter seinen Hufen sprühten. Garrett ließ seinem Schimmel die Zügel und folgte seinem Gefährten in voller Flucht, so daß schon von weither in der Straße Alles ängstlich zur Seite bog, um den beiden Heranstürmenden Platz zu machen. Bald hatten sie die letzten Häuser der Stadt hinter sich zurückgelassen und Garrett hatte seinen Gefährten erreicht, dessen schweißtriefendes Roß mit jedem Sprunge die weißen Schaumflocken von dem Gebiß schleuderte. »Können Sie ihn noch nicht halten?« rief er Ralph zu. »Halten?« antwortete dieser athemlos. »Verdammt, jetzt soll er für mein Vergnügen laufen!« stieß dem Fuchs abermals die Sporn in die Seiten und hieb ihn mit der Peitsche über die Croupe, so daß er wie rasend dahinflog und seinen Kameraden wieder weit hinter sich zurückließ. Die Rennbahn war erreicht, und vor dem Wirthshaus an der andern Seite der Straße wurden die beiden Reiter von mehreren hundert Männern, an denen sie jetzt vorübersausten, jubelnd begrüßt. »Bei Gott, Garrett! Hurrah für den Fuchs!« schrie es aus der Menge hervor, worauf die beiden Dahinjagenden bald über der nächsten Höhe vor den Blicken der Nachschauenden verschwanden. Endlich waren die Kräfte des Fuchses gänzlich erschöpft, er verlor den Athem, und weder Sporn noch Peitsche vermochte ihn im Laufen zu erhalten. »Ich denke, der Bursche ist auf Lebenszeit curirt«, sagte Ralph, indem er sein ermattetes Pferd auf der Straße zurücklenkte und 5 10 15 20 25 30 35 215ZwEitER BaNd • ZwölFtEs KapitEl sich selbst die Stirn wischte. »Ihr Schimmel hat doch mehr edles Blut, als mein Fuchs, er ist noch bei vollem Athem.« »Er ist aber auch nicht so hart angegriffen, wie Ihr Gaul. Ich glaube auch, daß dieser die Lehre nicht so bald vergessen wird. Allen Respect übrigens vor Ihrem Sitz, es thut Ihnen so leicht kein Anderer es nach«, erwiederte Garrett, und im Schritt erreichten sie bald darauf wieder das Wirthshaus an der Rennbahn. Die dort versammelten Männer drängten sich um die Angekommenen und verlangten zu wissen, wer von ihnen Beiden den Wettlauf gewonnen hätte, brachen aber in ein schallendes Gelächter aus als sie erfuhren, daß das Pferd mit Ralph durchgegangen sei. Die beiden Rosse wurden einem Wärter übergeben, der sie zum Abkühlen umherführen mußte, und Garrett stellte nun Ralph seinen Bekannten vor, die sich unter der Menge befanden. Die Versammlung bestand größtentheils aus sogenannten Sportsmen, Leuten, die entweder aus Liebhaberei und zum Zeitvertreib Pferdehandel, Wettrennen, Jagden und dem Spiel folgten, oder aber ein wirkliches Geschäft daraus machten. Die reichsten, elegantesten jungen Männer, wenn sie diesen Leidenschaften folgen, sowie die gemeinsten Schurken und Betrüger werden mit diesem Namen belegt und Niemand findet etwas Anstößiges dabei, ein Sportsman genannt zu werden. Heute hatten sich diese Leute hier versammelt, um ein Privatrennen unter sich abzuhalten, worauf bedeutende Wetten standen. Turk, ein schwarzer, und Gar, ein brauner Hengst, waren die beiden Pferde, welche heute den Wettlauf bestehen sollten. Ihre Eigenthümer, zwei reiche, angesehene junge Männer, suchten beide einen Stolz darin, das schönste und beste Pferd zu besitzen, und ein Jeder von ihnen pries das seinige als das flüchtigste. Sie hatten auf diese Behauptung hin eine Wette von fünftausend Dollar unter sich eingegangen, die heute entschieden werden sollte, und außerdem waren noch viele hohe Beträge von Andern auf das eine oder andere Pferd gesetzt. Als Ralph und Garrett herzutraten, war man immer noch eifrig beschäftigt, Wetten anzubieten und abzuschließen, welche dann immer an dem Schenktisch mit einem starken Trunk bekräftigt wurden. Auch Ralph war von seinem Begleiter in den Trinksaal geführt, 216 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 wo er sich abermals Cognac reichen ließ, um sich nach seinem wilden Ritt zu erfrischen, und wo sich noch mehrere Bekannte Garretts das Vergnügen ausbaten, ein Glas mit ihm zu trinken. Dabei wurden viel lustige Geschichten erzählt, es wurde gescherzt und gelacht und Ralph befand sich in kurzer Zeit in einer so heitern, sorglosen Stimmung, wie sie ihm seit langer Zeit fremd gewesen war. Die Trompete rief die Versammlung hinaus zu der Rennbahn, wo jetzt die beiden Pferde erschienen, um ihre Schnelligkeit und Ausdauer gegen einander zu messen. Beide waren ganz edle, vollblütige Thiere und zeigten deutlich das arabische, sowie auch das englische Blut, aus welchem die jetzt selbstständige amerikanische Pferderace entstanden ist. Der Rappe, ein Virginier, kohlschwarz, ohne ein weißes Haar, war größer und von mächtigerem Körperbau, als sein Gegner; doch seine Bewegungen waren leicht und rasch und sein glänzendes großes Auge, sowie seine weitgeöffneten, rothen Nüstern zeugten von feurigem Temperament. Sein nicht sehr kleiner Kopf war scharf und ausdrucksvoll geschnitten, sein Haar fein und glänzend und sein hochgetragener voller Schweif berührte beinahe die Erde. Der Braune, in Tennessee geboren, trug mehr die Zierlichkeit und Grazie des Arabers zur Schau, unter seinem goldbraunen, feinen Haar war jede Ader, jede Muskelbewegung zu sehen, die glänzend schwarze Mähne und der hochgehobene Schweif waren seidenweich und leicht gekräuselt, der Kopf klein, das Auge verständig und lebhaft und seine Glieder fein und zierlich. Beide Thiere wurden jetzt noch einer genauen, prüfenden Anschauung unterworfen und auch Ralph trat mit Garrett hinzu, um sich ein Urtheil über dieselben zu schaffen. Nach gründlicher Untersuchung erklärte Jener sich für den braunen Hengst und hatte sich kaum zu dessen Gunsten ausgesprochen, als mehrere der Umstehenden, die sich für den Rappen bekannten, ihm Wetten anboten. Es waren kleine Beträge, auf die er ohne Bedenken einging, wobei er mit großem Eifer die Richtigkeit seiner Ansicht geltend zu machen suchte, und auch Garrett parirte mit verschiedenen Bekannten, daß der Braune gewinnen müsse. Während dieser Zeit wurden die beiden Knaben, welche die Pferde reiten sollten, mit Sattel und Zeug gewogen und der Unterschied ihrer 5 10 15 20 25 30 35 217ZwEitER BaNd • ZwölFtEs KapitEl Schwere durch Gewichte hergestellt. Dann wurden die Pferde gesattelt, die Knaben darauf gehoben und mit Spannung wartete man auf den Trompetenstoß, der das Zeichen zum Rennen geben sollte. Die beiden feurigen Thiere bäumten sich und waren kaum noch durch die Wärter zurückzuhalten, als die Trompeten erschallten und der Rappe und der Braune neben einander in der Rennbahn dahinflogen. Ein lautes, jubelndes Hurrah folgte ihnen hinterdrein und mit wachsender Begeisterung hielten die Zuschauer ihre Blicke auf die flüchtigen Thiere geheftet, die schon die Hälfte des Zirkels erreicht hatten, ohne daß eins derselben dem andern einen Fuß Vorsprung gegeben hätte. Lauter Beifall für beide Rosse schallte von den Lippen der Zuschauer, und als dieselben in der zweiten Hälfte des Kreises wieder zu diesen heranstürmten, ohne einander einen Vortheil zu geben, brach der Jubel in ein donnerndes Hurrah aus, das mit Schwenken der Hüte und Wehen der Tücher begleitet wurde. »Hurrah für den Rappen! Hurrah für den Braunen!« schrie die Menge wild und tobend, als die Pferde bei ihr vorübersausten und die zweite Meile ihres Laufes begannen. »Verdammt, der Rappe gewinnt, er hat in einem Knochen mehr Kraft, als der Braune im ganzen Leibe!« schrie einer der Zuschauer, mit welchem Ralph gewettet hatte. »Zur Hölle mit dem Rappen!« rief dieser mit heftiger Aufregung, und Jeder in der Menge schrie seinem erwählten Pferde stürmischen Applaus zu. Wieder hatten die Renner die zweite Hälfte des Kreises erreicht, da fing der Rappe an, Vorsprung zu gewinnen, und hatte seinen Gegner um zwei seiner Längen hinter sich zurückgelassen, als er mit ihm abermals bei den Zuschauern vorüberflog, um zum dritten und letzten Male die Bahn zu durchrennen. Wie ein Sturm donnerten ihm die Beifallrufe nach und übertönten laut die Hurrah’s, die dem Braunen galten. »Der Braune gewinnt! – tausend Dollar gegen den Rappen! – Wer nimmt sie auf?« schrie jetzt Ralph in toller Begeisterung und schwenkte seinen Hut hoch durch die Luft. »Ich nehme die Wette an – tausend Dollar gegen den Braunen!« rief ein junger Mann, der unweit von Ralph stand und drängte sich 218 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 rasch zu ihm hin, um die Wette durch Aufrufen von Zeugen gültig zu machen. »Ich bin Zeuge und dieser Herr ist gut für den Betrag«, rief Garrett, indem er seine Hand auf Ralph’s Schulter legte und noch zwei andere junge Leute herbeirief, denen man gleichfalls die Uebereinkunft mittheilte. Während dieser Zeit wurden die beiden Rosse wieder an der andern Seite des Kreises vor der Staubwolke sichtbar, die sie eine lange Zeit den Blicken der Zuschauer entzogen hatte, und immer noch blieb der Braune um einige Pferdelängen hinter dem Rappen. Der Lauf nahte sich seinem Ende, die zweite Hälfte des Zirkels ward schon von den flüchtigen Hufen der Thiere betreten und im Sturm rasten sie zu dem Ziele heran, das nur noch wenige hundert Schritte vor ihnen lag. Da schwang der Reiter des braunen Hengstes die Peitsche durch die Luft, stach ihm beide Sporn in die nassen Seiten, schoß mit Blitzes Schnelle bei dem Rappen vorüber und ließ ihn nun mehrere Schritte hinter sich zurück. Der Jubelsturm, der den heranschnaubenden Pferden entgegenschallte, hatte jetzt keine Grenzen mehr; auch der Reiter des Rappen vergrub beide Sporn in den Flanken des edlen Rosses und senkte die Peitsche über dessen schaumbedeckten Rücken; mit wilder Raserei stürmte es dem Braunen nach und suchte ihn zu erreichen, aber umsonst, die leichten Hufe dieses schönen Thieres schienen kaum den Boden zu berühren und mit weit ausgespannten, blutrothen Nüstern und wie im Triumph hellglänzenden Augen flog es zuerst zu dem Ziele hin. »Hurrah für den Braunen«, schrieen Alle, die auf ihn gewettet hatten, und »Verdammt, der Schwarze!« riefen ihre Gegner, als die Pferde vorübersausten und nach und nach durch ihre Reiter parirt wurden. »Glück zu, Norwood!« rief Garrett, indem er den Hut schwenkte, »die tausend Dollar konnten Sie nicht schneller verdienen; nun aber einen kühlen Trunk auf den Spaß. Kommen Sie nach dem Schenktisch«, und hiermit ergriff er Ralph’s Arm und eilte, von seinen jubelnden Bekannten umgeben, nach dem Wirthshaus. Dort wurden unter Scherzen, Lachen und Fluchen die Wetten bezahlt 5 10 15 20 25 30 35 219ZwEitER BaNd • ZwölFtEs KapitEl und Ralph erhielt von seinem besiegten Gegner Anweisung von tausend Dollar auf eine Bank. »Sie essen mit mir zu Mittag, Norwood«, sagte Garrett zu diesem, als sie ihre Pferde wieder bestiegen, um nach der Stadt zurückzureiten. »Ich habe Nichts dawider. Ich fühle mich auch verdammt wenig dazu aufgelegt, an dem Tische des Herrn Forney in steifer Gesellschaft zu erscheinen. Da muß man jedes Wort auf die Wagschale legen und sich bedenken, ob man lachen oder einen Scherz machen darf«, antwortete Ralph und ließ den Fuchs, der jetzt gehorsam seinem Zügel folgte, tüchtig austraben. »Ich mache Ihnen mein Compliment über Ihr Reiten, Herr«, sagte der Wärter zu Ralph, als er diesem vor dem Stalle das Pferd abnahm, »ich glaubte wirklich nicht, daß Sie und der Fuchs zugleich wieder hierher zurückkehren würden.« »So hast du doch deinen Meister gefunden«, setzte er noch, zu dem Pferd gewandt, hinzu, indem er demselben den Nacken klopfte und es in den Stall führte. Das Miethgeld wurde nun von beiden Reitern entrichtet, und Arm in Arm schritten sie dann in der Straße hinunter. »Ich muß nothwendig vor Tisch noch einmal in mein Hotel gehen, um dort zu hinterlassen, daß ich nicht zu Forney zum Essen kommen werde«, sagte Ralph zu seinem Gefährten. »Das können Sie ja thun, es liegt uns gar nicht weit aus dem Wege!« erwiederte dieser und bog mit Ralph in die nächste Straße ein, durch welche sie bald das Gasthaus erreichten. Ralph sprang schnell die hohe Treppe hinan, erkundigte sich, ob Frank Arnold auf seinem Zimmer sei, und als die Frage mit »Ja« beantwortet ward, trug er einem der schwarzen Diener auf, seinem Freund zu sagen, daß er nicht bei Forney zur Tafel erscheinen werde. Dann eilte er in die Straße zurück zu Garrett und begab sich mit ihm nach dessen Boardinghaus. Dasselbe befand sich in einer abgelegenen Straße des ältern Theils der Stadt und hatte weder im Aeußern noch in seinem Innern das Ansehen eines Etablissements ersten Ranges. In dem schmalen Corridor lag, wie auch auf der Treppe, zwar ein Streifen Teppich, und der Fußboden im Parlour war gleichfalls mit einem 220 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ähnlichen Stoff bedeckt, aber die Zimmer waren düster, die Tapeten alt und beschmutzt und die Vorhänge von rothem Wollenzeug trugen das Gepräge langjähriger Dienstzeit. In dem Empfangszimmer hatten sich mehrere Männer, deren Kleidung mit der Ausstattung des Zimmers in Einklang stand, auf dem altmodischen Sopha und auf Stühlen nachlässig hingeworfen und nickten Garrett, als er mit seinem Gast eintrat, zu, ohne sich dabei aus ihrer Lage zu bringen. Die beiden Freunde hatten sich an einem der Fenster niedergesetzt und Garrett sagte leise zu Ralph: »Das Ansehn dieses Hauses ist nicht besonders empfehlend, aber man lebt hier sehr gut und ungenirt, man kann kommen und gehen, wann man will, ohne zu stören, und die Wittwe, von der es gehalten wird, ist eine gefällige Frau.« Bald darauf ertönte in dem Gange eine kleine Schelle, als Zeichen, daß das Mittagessen auf dem Tische stehe, worauf sich die Männer von ihren Sitzen erhoben, den Kautabak aus ihrem Munde in den Kamin warfen und nach dem Speisezimmer eilten, wohin sich auch Garrett und Ralph begaben. Beim Eintreten in das ziemlich düstere, niedrige Zimmer empfing sie eine Frau, die sich bereits oben an der Tafel niedergelassen hatte, mit einem stummen Kopfnicken; doch, als sie Garrett gewahrte, sagte sie zu ihm: »Herr Garrett, es hat ein Neger das Billet, welches auf Ihrem Teller liegt, hier abgegeben; Antwort, sagte er, bedürfe es nicht.« Garrett nahm mit Ralph Platz und öffnete das Schreiben, welches er kaum gelesen hatte, als er sich mit den Worten zu seinem Gast wandte: »Sieh, das ist ja prächtig, so bleiben wir heute beisammen. Mein Freund, Herr Ballard, schickt mir für mich und für Sie eine Einladung für heute Abend und sagt, daß wir die Schönheiten Baltimore’s bei ihm versammelt finden würden. Es geht dort munter und ungenirt her, und ich bin überzeugt, Sie werden sich vortrefflich amüsiren.« »Ich habe aber meinen Besuch noch nicht bei ihm gemacht«, bemerkte Ralph. »Thut gar nichts, es war ihm genug, daß ich Sie ihm an der Börse vorstellte«, antwortete Garrett und bat dann die Wirthin, schnell 5 10 15 20 25 30 35 221ZwEitER BaNd • ZwölFtEs KapitEl durch einen Neger einige Flaschen Champagner für ihn holen und in Eis stellen zu lassen. Die Frau blickte ihn einen Augenblick verwundert an, stand aber dann auf und ging in das nächste Zimmer, um seinem Wunsche nachzukommen. Sie kehrte sogleich wieder zurück und präsidirte während der Mahlzeit. Der Champagner erschien bald in einem Blecheimer mit Eis, er war gut, und das erste Glas wurde von Garrett und seinem Gast auf die gewonnenen Wetten geleert. Der Wirthin ließ Garrett ein Glas davon reichen und auch einige der anwesenden Herren mußten ihn kosten. Nach dem Essen, als der Kaffee erschien, hatte sich Einer derselben entfernt und kehrte mit einem Packet Karten in der Hand zurück, die er vor Ralph auf den Tisch legte und sagte: »Ist’s gefällig, ein Spielchen zum Kaffee?« Doch Garrett schob die Karten rasch mit den Worten zur Seite: »Wir spielen nicht«, wobei er den Bringer derselben mit einem verweisenden Blick ansah. Dann schlug er seinem Gast vor, eine Spazierfahrt zu machen, schickte den Hausneger fort, um einen Wagen zu holen, und kurze Zeit darauf wurde ein elegantes, offenes, zweirädriges Cabriolet, in welchem zwei Personen Raum hatten, vor das Haus gefahren. Garrett und Ralph stiegen ein, Ersterer ergriff die Zügel, schwang die zierliche Peitsche über dem stolzen Pferde und in gestrecktem Trabe eilte dasselbe mit dem leichten Fuhrwerk durch die Straßen hin, zur Stadt hinaus. 222 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 13. Der Schuhmacher. – Der Gang nach der Kirche. – Zudringlichkeit. – Gro- ße Bangigkeit. – Die Ohnmacht. – Die Fahrt wider Willen. – Die alten Romanenhelden. – Der Wächter. Es war Abend geworden, und an den Werften der Point ver-kündete der helle Klang von Schiffsglocken den Arbeitern, daß ihre Werkstunden abgelaufen seien. Auch über das Werft, an welchem die Tritonia lag, schritten wohl über hundert schwarze und weiße Schiffszimmerleute von den Schiffen her nach dem Ausgangsthor, welches sich an der andern Seite des Werftes einige hundert Schritte vom Wasser neben dem großen Lagerhaus befand; denn der ganze Platz war bis an das Ufer mit einer hohen Dielenwand umgeben. Das Thor stand zwischen dem Lagerhaus und einem kleinen Backsteingebäude, welches letztere nur ein Zimmer enthielt, dessen Thür auf die Straße führte. Hier wohnte ein alter, deutscher Mann mit seiner Frau, welchem von dem Herrn des Werftes, einem berühmten, reichen Schiffsbauer, die Aufsicht über dasselbe gegeben war, wofür er diese Wohnung und auch einen kleinen Gehalt erhielt. Er war Schuhmacher von Profession, betrieb immer noch sein Handwerk, und fand reichliche Arbeit bei den Matrosen und den vielen Leuten, die an den Schiffen beschäftigt waren. Er nannte sich Sukop, mochte aber wohl in seiner alten Heimath, in Braunschweig, Saukopf geheißen und des Wohllauts wegen seinen Namen in dieser Weise in’s Englische übersetzt haben. Alt und Jung an der Point kannte das alte Paar und war ihm freundlich zugethan, denn es hatte hier schon seit einer langen 5 10 15 20 25 30 35 223ZwEitER BaNd • dREiZEhNtEs KapitEl Reihe von Jahren gelebt und Niemanden eine Veranlassung zur Unzufriedenheit gegeben. Im Gegentheil, Sukop hatte sich um die ständigen, sowie um die wechselnden Bewohner der Point gar viele Verdienste und manchen Dank von ihnen erworben, indem er häufig ganz für verloren gegebene Stiefeln wieder brauchbar machte. Man hatte ihm zur Anerkennung seiner Geschicklichkeit den Namen Schuhdoktor gegeben, da das Geschäft des Schuhflickens in Amerika bis jetzt noch sehr wenig Aufmunterung genoß und die Amerikaner ihre Stiefeln gewöhnlich so lange trugen, bis sie zum Dienst untauglich geworden waren und sie dann wegwarfen. Namentlich aber war er denen Seeleuten, deren Schiffe an diesem Werfte anlegten, auch um deswillen von vielem Nutzen, weil sowohl er, wie auch seine Frau, denselben sehr dienstfertig und gefällig waren, kleine Aufträge und Bestellungen für sie und von ihnen annahmen und besorgten, und bei längerer Bekanntschaft sie auch manchmal mit einer Tasse guten Kaffee’s traktirten. Waren Güter aus den Schiffen auf das Werft gebracht, die bis zum einbrechenden Abend nicht mehr nach den Lagerhäusern geschafft werden konnten, so übernahm Sukop gegen eine sehr billige Vergütung die Nachtwache dabei, zu welchem Zweck in der Mitte des weiten Platzes ein Schilderhaus stand, in dem er bei solchen Gelegenheiten, mit einer großen Muskete bewaffnet, die Nacht zubrachte. Augenblicklich lagen außer der Tritonia und einem noch im Bau begriffenen großen, dreimastigen Schiff eine Menge anderer Fahrzeuge an diesem Werfte, unter denen mehrere deutsche, von Hamburg und Bremen angekommen, mit deren Capitainen Sukop schon seit Jahren befreundet war. Auch auf der Tritonia war er bekannt, dieselbe hatte schon auf ihrer vorigen Reise mehrere Wochen hier am Werfte gelegen, zu welcher Zeit er den alten Dosamantes und seine damals noch lebende Gattin kennen gelernt hatte, und da auch seine Frau mit der letztern häufig in Berührung gekommen war, so freute sich das alte Ehepaar, Eloise, die Tochter derselben, zu sehen und die Zuneigung für die Mutter auf diese zu übertragen. Eloise verließ selten das Werft, oder kehrte auf dasselbe zurück, ohne bei den alten Leuten vorzusprechen, sich nach ihrem Befin- 224 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 den zu erkundigen und, wenn es ihre Zeit erlaubte, sich ein Wenig mit ihnen zu unterhalten. Sie that dies um so lieber, als ihr die Gelegenheit erwünscht war, deutsch zu sprechen, welches sie in der Erziehungsanstalt in New-York bei einer deutschen Lehrerin gelernt hatte und recht geläufig redete. Die Alten erzählten ihr dann aus ihrer deutschen Heimath, über Schicksale, die sie hier betroffen, die sich aber alle zu ihrem Besten gewendet hatten, und machten ihr Mittheilungen über ihre sechs Kinder, die sämmtlich in diesem Lande glücklich verheirathet waren, und von denen ein Jedes sie so und so viel mal zu Großeltern gemacht hatte. Eloise wunderte sich zwar darüber, daß sie hier so allein lebten, und nicht zu einem ihrer Kinder gezogen seien, doch Sukop sagte dann, daß er seine alte Heimath verlassen habe, um unabhängig und frei zu leben, wie es dem deutschen Manne gezieme, und daß er sich deshalb nicht in eine abhängige Stellung hätte begeben wollen. »Der Mann ist frei und wär’ er in Ketten geboren,« diese schönen Worte hat ein Landsmann von mir, ein gewisser Herr von Schiller, gesagt,« bemerkte Sukop bei einer solchen Gelegenheit, schob die große Brille von der mächtigen Nase bis auf die hohe, kahle Stirn, ließ den Stiefel, an dem er arbeitete, auf die lederne Schürze in den Schooß fallen, und hob die magere Rechte, mit dem Pfriemen bewaffnet, stolz in die Höhe. »Erinnerst Du Dich noch des schönen Buches, welches er geschrieben hatte, Dorothea? Ich habe es Dir als Bräutigam vorgelesen,« sagte er dann zu seiner Frau, worauf diese ihr Strickzeug gleichfalls in den Schooß sinken ließ und ausrief: »Ach Gott, es war ja gar zu schön!« Heute Abend wurde es sehr dunkel, und das blendend helle Licht der mit Wasser gefüllten Glaskugel, welche vor der Lampe auf Sukop’s Tisch stand, fiel durch die ganz offene Thür seines Hauses auf den Platz vor demselben und bildete auf dem finstern Boden einen scharf begrenzten hellen Fleck. Plötzlich trat Eloise aus der Dunkelheit in dieses helle Licht, schritt bis an die offene Thür und wünschte Sukop und dessen Frau einen guten Abend. »Ei, ei, Fräulein Eloise,« sagte der Alte, indem er über die Brille zu dieser hinblickte und die Hände auf den Stiefel sinken ließ, den er flickte, »wohin denn noch so spät?« 5 10 15 20 25 30 35 225ZwEitER BaNd • dREiZEhNtEs KapitEl »Zur Kirche, Herr Sukop. Die Glocke hat schon geläutet und ich habe noch eine gute Viertelstunde zu gehen, bis ich hinkomme; der Weg zur Stadt über den öden, sumpfigen Platz ist gar unangenehm. Ich muß mich eilen.« »Sie gehen doch nicht allein, Fräulein Eloise?« fragte Madame Sukop. »O nein, Loredo begleitet mich und wartet auf mich an der Kirchenthür; außerdem hat mir Herr Strabo, unser Obersteuermann, versprochen, mich dort zu erwarten und mit mir bis zu dem Schiffe zurück zu gehen. Dem Vater war der Weg zu weit.« »O, dann sind Sie sicher; auch ich würde Ihnen nicht rathen, diesen Weg allein zu machen. Es ist für einen einzelnen Mann gefährlich, in der Nacht von hier nach der Stadt zu gehen, wie viel mehr für ein Frauenzimmer.« »Der Mond wird auch aufgegangen sein, wenn ich zurückkomme. Gute Nacht, gute Nacht,« sagte Eloise und eilte in die Dunkelheit, wohin ihr der alte Loredo mit einem schweren Stock in der Hand rasch folgte. Kaum waren sie bei dem Thor des nächsten Werftes, an welchem der Sturmvogel lag, vorübergeschritten, als die Tritte eines Mannes hinter ihnen hörbar wurden, der denselben Weg eingeschlagen zu haben schien. Er blieb in einiger Entfernung hinter ihnen, bis sie das letzte Haus der Point zurückließen und aus der Helligkeit des Scheines einer Laterne, die an dessen Ecke brannte, dem öden Platze zu in die Finsterniß traten. Sie folgten dem Weg, der über diese wüste Strecke führte, und hörten bald darauf, daß der Mann hinter ihnen schnell näher kam. »Komm dicht neben mich, Loredo,« sagte Eloise zu dem Neger und blickte sich nach dem Unbekannten um. Gegen den Schein der schon ziemlich fernen Laterne konnte sie erkennen, daß er ein sehr großer, breitschulteriger Mann sei, der sie schon bis aus wenige Schritte erreicht hatte. Eloise trat unwillkürlich etwas zur Seite, und Loredo stellte sich zwischen sie und den Fremden. Dieser aber nahm den Hut ab und schritt mit den Worten auf sie zu: »Ich erkenne eine besonders glückliche Fügung meines Schicksals darin, mit Ihnen, verehrtes Fräulein, zusammenzutreffen, und 226 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 werde es als eine hohe Begünstigung Ihrerseits betrachten, wenn Sie mir gestatten wollen, Sie bis zur Kirche zu begleiten; denn dorthin führt Sie sicher Ihr Weg. Ich hatte schon das Glück, Ihre Bekanntschaft zu machen, mein Name ist Flournoy, der Capitain des Sturmvogels.« Er sprach diese Worte mit so viel Höflichkeit und Anstand, daß Eloise, so ungern sie auch seine Begleitung annahm, nicht, ohne unhöflich zu sein, dieselbe zurückweisen konnte. »Wenn Sie doch Ihr Weg nach der Stadt führt, Herr Capitain, so habe ich Nichts dawider, daß wir bis zur Kirche zusammen gehen,« erwiederte Eloise, zog ihren schwarzen Schleier vor das Gesicht und folgte dem Wege. Flournoy schritt an ihre Seite und bat um die Erlaubniß, ihr das Gesangbuch tragen zu dürfen. »Das ist ja keine Bürde für mich, ich trage es gern,« antwortete Eloise. »Auch mir ist ein Gesangbuch etwas Liebes, doch dies Buch ist für mich doppelt geheiligt, da es von Ihren Händen gehalten, von Ihren himmlischen Augen durchblickt ist. Die Heiligen pflegen Barmherzigkeit zu üben; versagen Sie mir die Ihrige nicht, Fräulein, lassen Sie mich das Buch tragen, damit meine Lippen den Fleck berühren dürfen, auf dem Ihre schönen Hände geruht haben.« »Herr Capitain, ich bin auf dem Wege zur Kirche. Ihre Complimente passen besser für eine lustige Gesellschaft in einem Salon oder Tanzsaal.« »Sie thun mir Unrecht, Fräulein, ich redete mit den heiligsten Gefühlen meines Herzens, die ich Ihnen gern in der Kirche laut bestätigen möchte. Seien Sie barmherzig und zürnen Sie wenigstens nicht über meine Verehrung für Sie, die Sie selbst mir in’s Herz gelegt haben.« »Herr Capitain, unsere flüchtige Bekanntschaft berechtigt Sie nicht, mir solche Erklärungen zu machen, noch legt sie mir die Verpflichtung auf, dieselben anzuhören. Ich muß jetzt bitten, mich allein gehen zu lassen,« sagte Eloise entschlossen, trat einen Schritt zurück an die Seite Loredo’s und blieb stehen. »Ihr leisester Wunsch, Fräulein, ist mir Befehl, selbst wenn er mein Glück, mein Leben kosten sollte. Es bleibt mir aber schmerz- 5 10 15 20 25 30 35 227ZwEitER BaNd • dREiZEhNtEs KapitEl lich, für meine reine, aufrichtige Verehrung so schwer bestraft zu werden. Wollen Sie, daß ich voran gehe, oder darf ich Ihnen wie einer Heiligen folgen?« sagte Flournoy, indem er den Hut abnahm und sich ehrerbietig verbeugte. »Wenn Sie wirklich Achtung vor mir im Herzen trügen, Herr Capitain, so würden Sie sich mir mit mehr Bescheidenheit genaht haben,« antwortete Eloise, indem sie sich leicht verneigte und einen Schritt vorwärts that. «In wenigen Tagen schon tragen uns die Wogen des Weltmeeres nach entgegengesetzten Richtungen, können Sie mir zürnen, daß ich den Augenblick zu ergreifen suchte, von dem, ich fühle es, das Glück meines Lebens abhängt?« rief Flournoy mit Begeisterung, indem er Eloise beide Arme entgegenhielt; diese aber beeilte, ohne ihn einer weitern Antwort zu würdigen, ihre Schritte und erreichte, von dem Capitain in einiger Entfernung gefolgt, die Kirche, aus deren hell erleuchteten, offenen Fenstern und Thüren der Klang des dort angestimmten frommen Liedes hervorschallte. Ohne ihren Schleier zurückzuschlagen, und ohne sich umzusehen, ging sie rasch zwischen den Andächtigen hin, in deren vordersten Reihen sie sich niederließ. Eloise war beherzt und entschlossen, sie verlor nicht leicht die Geistesgegenwart, war aber eigentlich noch nie in ihrem Leben, sich selbst überlassen, in einer Gefahr gewesen, und hatte auch diesen Abend, so wie schon oftmals früher, ihren Weg zur Kirche allein mit dem alten Loredo ganz sorglos angetreten. Die Zudringlichkeit des Capitains, über welchen sich ihr Vater zu verschiedenen Malen nicht günstig geäußert, hatte sie überrascht, und sie fühlte sich in großer Aufregung, ihr Herz schlug ängstlich und ihr Gesicht brannte. Sie fürchtete, und sie war beinahe davon überzeugt, daß der Capitain sie auf ihrem Heimwege abermals anreden würde und fühlte, daß sie jetzt nicht mehr so viel Muth besäße, ihm zu antworten, weil er ihr nicht mehr so gleichgültig, weil er ihr zuwider war, ja unheimlich und gefährlich vorkam. Was sollte sie thun, wie sollte sie es anfangen, um den Mann von sich fern zu halten? Gern hätte sie sich einmal nach dem Eingang umgesehen, ob sie nicht den Steuermann Strabo unter den dort stehenden Männern bemerken könne, sie fürchtete sich aber, dem Blicke des verhaßten, frechen 228 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Menschen zu begegnen. Sie schlug den Schleier zurück und sah schüchtern zur Seite, ob sie nicht zufällig Jemanden erkenne, um ihm ihr Leid zu klagen und Schutz bei ihm zu suchen; die Leute, die sie umgaben, waren ihr aber sämmtlich fremd. Auf Strabo stützte sich noch ihre Hoffnung, er hatte es ihr ja gesagt , daß er auch zur Kirche kommen und sie von da nach dem Schiffe zurück begleiten würde. Aber in dem Gedränge beim Hinausgehen war es leicht möglich, daß er sie nicht bemerkte, es wurde ihr immer bänger um’s Herz, sie konnte ja nicht wissen, was der fremde Capitain gegen sie im Sinne führte; zudringlich genug hatte er sich gezeigt, um noch mehr von ihm zu fürchten. Sie hörte nicht, was der Geistliche sagte, sie stimmte nicht mit in die Gesänge ein, und sah, wenn sie in das Gesangbuch blickte, immer den Mann mit dem großen, schwarzen Barte vor sich. Es zog ihre Blicke unwiderstehlich zu der Thüre hin, um sich nach dem Steuermanne umzusehen; sie setzte sich etwas seitwärts auf der Bank und wandte dann rasch ihren Kopf um. Wie ein Dolchstoß begegneten ihr die großen, finstern Augen Flournoy’s, der, mit einer Hand im Busen, an dem Eingang stand und über die Umstehenden hinweg nach ihr hersah. Ein Angstschrei erstickte auf ihren Lippen, sie blickte rasch auf ihr Gesangbuch und fühlte, daß sie bleich wurde. Allein mit dem alten Neger über die wüste Strecke zurückzugehen, das, beschloß sie, wollte sie keinenfalls thun, lieber wollte sie sich nach irgend einem Hotel in der Stadt begeben und dort einen Wagen und eine Begleitung zu erlangen suchen. Das letzte Lied wurde jetzt angestimmt, Eloise hielt das Buch bebend in der Hand, und als der Gesang zu Ende war und die Versammlung sich erhob, drängte sie sich zwischen die Damen und wankte mit ihnen der Thüre zu. Wieder richtete sie ihre Blicke nach dem Eingang, und abermals sah sie den Mann mit dem Barte unbeweglich dort stehen und seine Augen auf sie heften, als ob er sie mit seinem Blick durchbohren wollte. Sie kam näher, sie wurde kälter, sie fühlte den Boden unter sich wanken und mit einem halblauten: »Großer Gott!« sank sie zusammen. Es war unmittelbar an der Thür, die Frauen drängten sich um 5 10 15 20 25 30 35 229ZwEitER BaNd • dREiZEhNtEs KapitEl sie, hoben sie auf, setzten sie auf einen Stuhl nieder und hielten ihr Riechfläschchen vor; doch das Leben schien sie verlassen zu haben. Flournoy war aus der Kirche gesprungen, vor welcher mehrere Damen im Begriff standen, einen ihrer harrenden Fiacre zu besteigen; er trat zu ihnen hin, stellte ihnen vor, daß die Tochter eines ihm befreundeten Capitains, dessen Schiff an der Point liege, ohnmächtig geworden sei, bat sie, ihr den Wagen zu überlassen, und eilte dann in die Kirche zurück zu dem immer noch ohnmächtigen Mädchen. Das Gesangbuch nahm er aus Eloisens Schooß und verbarg es in seiner Rocktasche, hob sie dann auf seinen Arm, trug sie schnell in den Wagen, winkte dem ihm nachstürzenden Loredo, sich zu dem Kutscher zu setzen und nahm selbst neben der Ohnmächtigen Platz. Fort rollte der Fiacre über die sumpfige Fläche, auf der jetzt das taghelle Licht des Mondes lag. Die frische Luft und die heftige Bewegung der Kutsche rief das Leben in Eloise zurück, sie schlug mit einem tiefen Seufzer die Augen auf, blickte erwachend um sich, und wußte nicht, wo sie sich befand. »Beruhigen Sie sich, Fräulein,« sagte Flournoy theilnehmend, »eine Ohnmacht hatte Sie in der Kirche befallen, und ich war so glücklich – « »Großer Gott, wo führen Sie mich hin?« schrie Eloise, zum Tode erschreckt, und machte eine Bewegung gegen den Kutschenschlag. »Nach Ihres Vaters Schiff,« erwiederte Flournoy, indem er ihren Arm ergriff und sie sanft in den Sitz zurückzog, »ich hoffe, daß ich mir nicht nochmals Mißbilligung zuziehe, weil ich Ihnen zu Hülfe kam.« Eloise sah in diesem Augenblick, daß der Wagen sich der Laterne an dem äußersten Hause der Point näherte, und erkannte im hellen Mondschein die lange Reihe von Masten, die über den Werften emporragten. Der Groll gegen den Urheber ihrer Angst und Noth verminderte sich in diesem Augenblick, da sie seine Hülfeleistung nicht in Abrede stellen konnte und in wenigen Minuten von seiner Gegenwart befreit werden mußte. Sie schwieg und blickte vor sich nieder, während der Wagen jetzt die gepflasterte Straße an der Point er- 230 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 reicht hatte und dem ersehnten Werft zurollte. Noch waren sie nur einige hundert Schritte von demselben entfernt, als Eloise »Halt!« zu dem Wagen hinausrief und der Kutscher die Pferde parirte. »Sie erlauben mir, Herr Capitain, daß ich hier aussteige und mich allein nach unserm Schiff begebe,« sagte Eloise, indem sie schnell den Schlag öffnete und aus dem Wagen sprang. »Für Ihre Hülfe nehmen Sie meinen Dank,« setzte sie dann noch hinzu und eilte, von Loredo gefolgt, der auch bereits abgesprungen war, in dem Schatten der Häuser auf dem Trottoir hin, während sie den Wagen mit Flournoy nach der Stadt zurückrollen hörte. Jetzt holte sie tief Athem, sie hatte das Gefühl der Sicherheit wieder erlangt und sie machte sich Vorwürfe über ihre kindische Furcht. Die Straße war still und kein lebendes Wesen darin zu sehen, denn hier standen die Kaufläden, welche jetzt geschlossen waren, und nur von dem andern Ende der Point her, wo sich die Trinkund Tanzhäuser befanden, schallte der Jubel lustiger Matrosen herüber. So näherte Eloise sich dem Thor vor dem Werfte, an dem die Tritonia lag, und als sie es erreichte, hörte sie ein lautes Schluchzen, welches aus dem Hause Sukops zu kommen schien. Die Thür war ein wenig geöffnet und durch die Spalte schimmerte das Licht der Lampe hervor. Eloise trat an dieselbe heran, um sich zu überzeugen, ob sie sich nicht geirrt habe; doch es war wirklich so, sie hörte jetzt deutlich die schluchzenden und jammernden Stimmen der beiden alten Leute. Betroffen und mit der innigsten Theilnahme öffnete sie langsam die Thür und sah mitleidig bewegt auf das traurige weinende Ehepaar. Sukop saß vor dem Tisch, auf welchem hinter der blendend beleuchteten Glaskugel die Lampe stand, hatte das rechte Bein übergeschlagen und ließ seine linke Hand auf einem Buche ruhen, welches geöffnet auf seinem Knie lag. Mit der rechten Hand hielt er ein blaugestreiftes baumwollenes Taschentuch, in welches er sein Antlitz gesenkt hatte und seine Thränen ergoß. »Ach mein Gott, es is jar zu draurig,« seufzte er mit gebrochener Stimme in seiner vaterländischen Mundart und schluchzte laut dazu, während seine Frau ihm gegenüber saß, beide Hände um ihr 5 10 15 20 25 30 35 231ZwEitER BaNd • dREiZEhNtEs KapitEl buntes Taschentuch gepreßt in ihrem Schooße hielt, ihren Kopf gesenkt hatte und bitterlich weinte. »Aber mein Gott, welches Unglück ist Ihnen denn widerfahren?« fragte Eloise, auf ’s Tiefste ergriffen, indem sie ihre gefalteten Hände gegen ihre Brust drückte und vor die Trauernden hintrat. »Kann ich oder mein Vater Ihnen vielleicht helfen, oder ist Ihnen eins Ihrer Kinder gestorben?« »Ach nein, ach nein, ach Gott, es is jar zu schröcklich,« schluchzte wieder der alte Mann, blies heftig durch die Nase in das Taschentuch und wischte sich die Thränen von den Wangen. »Aber was ist es denn für ein Unglück, das Sie betroffen?« fragte Eloise wieder, der auch die Augen feucht geworden waren. »Ach Gott, er is ja todt!« stotterte die alte Frau und hob das blaue Tuch zu ihren Augen. »Also doch einer Ihrer Söhne? ach, Ihr armen guten Leute!« sagte Eloise weinend, und legte ihre Hand auf des Alten Schulter. »O nein, nicht unser Sohn, Gott bewahre! Es is nur so eine draurige Geschichte. Sehen Sie, die Eltern wollten nicht, daß er sie haben sollte, und da hat er sich todtgeschossen. Ach, denken Sie sich dies, es is doch jar zu fürchterlich!« sagte Sukop, mehr gefaßt, und blickte Eloise halb verwundert an, obgleich immer noch schwere Thränen an seinen Lidern hingen. »Ja, aber um Gotteswillen, so sagen Sie mir doch nur, wer sich todtgeschossen hat?« rief Eloise, indem sie zurücktrat und die beiden Leute verwundert anblickte. »Ei ja, der Heinrich, hier in diesem schönen Buche steht es geschrieben, es ist von Spieß, und wir haben’s eben ausgelesen,« antwortete Sukop, indem er die Brille ganz auf der Stirn hinaufschob, das Buch zuschlug, abermals seine Nase in das Tuch zwischen seine beiden Hände klemmte, und aus Leibeskräften hineinblies, daß es laut durch die stille Straße schallte. »Um aller Heiligen Willen, ist es möglich, sind Sie denn ganz von Sinnen? Ueber einen albernen Roman verbittern Sie sich Ihre Abendstunden und jammern und klagen, als ob Sie das Theuerste verloren hätten. Nein, das überschreitet alle Grenzen der Vernunft.« »Erlauben Sie, Fräulein,« sagte Sukop mit Würde, indem er seinem Riechorgan einige Prisen aus einer tombackenen Dose ein- 232 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 verleibte und diese darunter hielt, um Nichts von dem Taback zu verlieren, »erlauben Sie, Spieß ist ein Mann, der Einen wohl zu Thränen rühren kann. Ich werde Ihnen das Buch leihen, damit Sie sich selbst davon überzeugen.« »Nein, nein, ich danke herzlich, ich will es nicht lesen,« rief Eloise laut auflachend, »ich muß aber gehen, Vater wird auf mich warten.« »Einen Augenblick, Fräulein, ich gehe mit Ihnen. Ich habe heute Nacht Dienst, die Güter muß ich bewachen, die noch spät aus dem Bremer Schiff ausgeladen wurden und auf dem Werft liegen blieben. Dorothea, reich’ mir meine Waffen,« setzte er dann noch hinzu, indem er sich an seine Frau wandte, steckte die Tabatiere in die Tasche, setzte einen runden schwarzen, sehr hohen Hut auf, zog einen langen grauen Schlafrock an, und nahm nun seiner Frau zuerst einen schweren krummen Säbel ab, dessen Lederriemen er über die Schulter hing, und dann die große Muskete, welche ihm Dorothea entgegenhielt. »So, mein Fräulein, nun werde ich Sie sicher bis zu Ihrem Schiff geleiten,« sagte er, indem er Eloise bat, voran zu treten. Dann wandte er sich zu seiner Ehehälfte, reichte ihr die Hand und sagte: »Lege Dich zur Ruhe, Dorothea, ich werde vor Tagesanbruch nicht zurückkehren, denn es sind werthvolle Güter, die ich bewachen muß, und die vielen fremden Schiffe, die augenblicklich im Hafen liegen, brachten uns so wildes fremdes Matrosenvolk hierher, daß man die Augen nicht schließen darf, will man seinen Rock auf dem Leibe behalten.« Dann schritt er in die Straße hinaus, schulterte die Muskete und ging mit Eloise durch das Thor über das hell vom Monde beleuchtete Werft bis an die Seite der Tritonia, wo er seiner jungen Freundin eine angenehme Ruhe wünschte und sich dann nach dem Schilderhaus wandte, während Jene mit Hülfe Loredo’s das Verdeck des Schiffes erstieg. Sukop stimmte, als er über das Werft zurückschritt, das ihm unvergeßliche Lied an, welchem er so oft zu nächtlicher Stunde in den Straßen seiner geliebten Vaterstadt Braunschweig bei dem melodischen Tone einer Drehorgel gelauscht hatte: 5 10 15 20 25 30 35 233ZwEitER BaNd • dREiZEhNtEs KapitEl »Der Ritter muß zum blut’gen Kampf hinaus, Für Freiheit, Ehr’ und Vaterland zu streiten!« Das Schilderhaus, dem er entgegenschritt, drehte sich auf einer Spindel, so daß man seinen Eingang immer von dem Winde abwenden konnte, es war in seinem Innern mit einer Bank, und an seinem Eingang mit einer niedrigen Thür versehen, die der darin sitzenden Person nur bis an die Kniee heraufreichte, so daß dieselben und die Füße gegen die Zugluft geschützt wurden, und doch der obere, größere Theil des Eingangs offen blieb, um einen ungehinderten Blick ins Freie zu gestatten. Sukop trat an dies Schilderhaus heran, drehte es mit dem Eingange nach den Kisten und Ballen hin, die in einiger Entfernung auf dem Werfte lagen, richtete seine hohe magere Gestalt in voller Größe auf, und warf einen prüfenden Feldherrnblick um sich über die helle Fläche. Darauf hob er seine Muskete über die niedrige Thür in das Schilderhaus, setzte sie neben der Bank nieder, stieg dann selbst, ohne die Thür zu öffnen, über dieselbe hinein, und blieb einen Augenblick stehen, wie es schien, um dem fernen Jubelton der Matrosen zu lauschen; denn er beugte sich aus dem Eingang hervor und hielt sein Ohr nach der Gegend hin, von wo der Ton herkam. Darauf zog er den Schlafrock um die Kniee, brachte den Säbel, der ihm auf dem Rücken hing, an seine Seite, und ließ sich auf der Bank nieder. Hier saß nun der Wächter, nach vorn gebeugt, und ließ seinen wachsamen Blick bald links nach dem Thor, bald rechts nach den Schiffen gleiten, und jedes, auch das leiseste Geräusch zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Alles blieb ruhig, selbst die Wimpeln auf den hohen Masten der Schiffe hingen, wie in Schlaf gesunken, unbeweglich herab, und das monotone Plätschern der Wellen unter den colossalen Körpern der Fahrzeuge rauschte wie eine Schlafmelodie. Sukop hielt seine Augen geöffnet und blickte von Zeit zu Zeit nach dem Monde, der ihm heute sehr langsam vorwärts zu schreiten schien. Eine Stunde verstrich und abermals meldete der Zeiger auf des Wächters Uhr, die dieser in das Mondlicht hielt, daß er seinen Lauf um das Zifferblatt vollbracht habe, da versenkte Sukop 234 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 dies alte silberne Familienstück wieder in die große Westentasche, zog den Schlafrock fester um sich und lehnte sich zurück gegen die hintere Wand des Schilderhauses. Es wurde kühl, Sukop fielen einige Male die Augen zu, wobei er mit dem Kopfe nickte, schnell aber wieder aufschreckte und vor sich nach den Gütern sah. Abermals hatte er die Augen geschlossen, diesmal aber fester, als vorher, denn bald verkündete ein heftig schnarchender Ton, daß er in einen tiefen Schlaf versunken sei. Um diese Zeit kehrte ein Schwarm von einigen zwanzig Matrosen aus einem Tanzhaus zurück, um sich an Bord der Schiffe zu begeben, welche an dem Werfte lagen, auf welchem Sukop Wache hielt. Sie kamen singend zu dem Thore herein, verstummten aber alsbald, um ihre späte Rückkehr ihren Capitainen nicht zu verrathen. Als sie in einiger Entfernung an dem Wachtposten vor- überschritten, drang der schnarchende Ton des Wächters zu ihren Ohren. »Bei Gott, der alte Doktor Sukop schläft!« »Laßt uns ihm einen Streich spielen!« »Wir wollen ihn drillen!« So flüsterten sich die übermüthigen lustigen Burschen lachend zu, indem sie die Köpfe zusammensteckten und nach dem Schilderhause zeigten. Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Einige von ihnen, worunter der Steuermann eines Bremer Schiffes, sprangen nach diesem Fahrzeug hin, und kamen nach wenigen Augenblicken mit einem aufgerollten Segeltau zurück. Geräuschlos schlichen sie zu dem schlafenden Wächter, sie wanden ebenso leise nach und nach das lange Tau um den untern Theil des Schilderhauses, und als nur noch so viel von dem Ende des Strickes übrig war, daß sie Alle daran anfassen konnten, ergriffen sie dasselbe und rannten damit ihrem Schiffe zu. Das Haus fing an, sich schnell zu drehen, und Sukop erwachte. Sein Auge konnte schon durch den Eingang draußen im Freien keinen Gegenstand mehr erfassen, bald sah er die Masten der Schiffe, bald die Dielenwand, bald das Lagerhaus und das Thor, und schneller und schneller flogen diese Gegenstände vor seinen überraschten Blicken vorüber. Dabei fühlte er die drehende Be- 5 10 15 20 25 30 35 235ZwEitER BaNd • dREiZEhNtEs KapitEl wegung und sein Sitz fing an, sehr unsicher zu werden. Zugleich erblickte er von Augenblick zu Augenblick den davonrennenden Männerhaufen, erfaßte wüthend seine Muskete, die bald links, bald rechts gegen die Wände des Hauses schlug, und rief mit aller Kraft seiner Stimme: »Räuber, Mörder, ich schieße!« Doch statt der Antwort hörte er durch das Sausen, welches ihn jetzt wie ein Sturmwind umgab, nur ein lautes schallendes Gelächter, und flog selbst so machtlos im Hause herum, daß er die Muskete fallen ließ und sich mit beiden Händen gegen die Seiten des Eingangs stemmte, um der immer zunehmenden Gewalt, die ihn aus demselben hinauszog, zu widerstehen. Wie ein Wirbelwind flog er jetzt im Kreise herum, immer noch wehrte er sich mit aller Macht gegen die Kraft, die ihn nach außen drängte, auch die Beine hatte er weit auseinander gespreizt, um sich damit zu stützen, doch den Kopf konnte er schon nicht mehr in dem Hause erhalten, und mit weit aufgerissenem Mund und stieren Augen hing er bald mit dem ganzen Oberkörper im drehenden Fluge im Freien, und klammerte sich mit den Händen in dem Eingang fest. Die Muskete verließ das Haus zuerst und flog weithin über das Werft, dann sauste der Hut in der entgegengesetzten Richtung durch die Luft, der Säbel hing noch an den Schultern des Wächters und beschrieb mit dessen, aus dem Schilderhaus hervorhängenden Oberkörper den äußersten Zirkel der sich fliegend drehenden Masse. Endlich konnte Sukop dem rasenden Wirbel nicht länger widerstehen, er ließ die Hände von den Seiten des Eingangs abgleiten und flog, wie aus einer Kanone geschossen, weithin in den Sand auf das Werft, wo er, wie ein gepritschter Frosch, regungslos ausgestreckt auf dem Rücken liegen blieb. Es war ihm, wie man zu sagen pflegt, Hören und Sehen vergangen, es sauste und brauste ihm wild vor den Ohren, und der Boden unter ihm schien sich noch mit ihm zu drehen, als er die Augen nach einer Weile aufschlug und nach dem Mond über sich blickte. Er setzte sich auf, hielt sich aber mit beiden Händen an der Erde fest, da es ihm immer noch war, als drehe er sich im Kreise. Er konnte sich nicht klar machen, 236 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 was eigentlich mit ihm vorgegangen sei und wie er überhaupt aus seinem Schilderhaus hierher auf den Sand gerathen wäre. Voll Verwunderung blickte er nach dem Wachthaus hin, es stand ruhig da auf seinem alten Fleck und nirgends auf dem Werfte zeigte sich etwas Ungewöhnliches. Der erste Versuch Sukops, sich aufzustellen, mißlang, denn er hatte den einen Fuß auf das Ende des Schlafrocks gesetzt und wurde, als er sich erhob, wieder von diesem niedergezogen. Abermals unternahm er es, sich aufzurichten, trat aber auf den ihm treu gebliebenen Säbel und stürzte wieder in den Sand; das drittemal jedoch setzte er seinen Vorsatz durch, und erhob sich. Trotz des Schwindels, der ihn immer noch nicht verlassen hatte, ging er zu dem Schilderhaus hin und betrachtete es von allen Seiten, es war aber keine Veränderung daran wahrzunehmen, außer, daß dessen Eingang nicht mehr nach den zu bewachenden Gütern, sondern nach der entgegengesetzten Richtung zeigte. Allmählig kehrte in Sukop die Erinnerung wieder, es kam ihm in das Gedächtniß zurück, daß er geschlafen hatte, daß er über die drehende Bewegung des Hauses erwacht war, daß er einen Haufen Männer habe über das Werft laufen sehen, daß er ein schallendes Hohngelächter gehört und daß ihm in einem Wirbelsturm die Sinne vergangen waren. Mit Entrüstung blickte er um sich, denn jetzt wurde es ihm klar, daß er einer Bande von Taugenichtsen zum Narren, zum Spielball gedient hatte; in seinem edlen Zorn griff er nach dem Säbel und versuchte die gute Klinge aus ihrer Haft hervorzuziehen; umsonst, sie war eingerostet. Sein Zorn steigerte sich, er dachte an die Muskete, Rache für diese Schmach mußte er nehmen, er blickte in das Schilderhaus, die Waffe war verschwunden. Man mußte sie ihm gestohlen haben, um ihn wehrlos zu machen. »Ha, feige Bösewichter!« dachte er und hob den widerspenstigen Säbel drohend in die Höhe, als sein Auge auf die Muskete fiel, die in einiger Entfernung mit dem langen Bajonnet schief in dem Sande steckte und den Kolben in die Höhe hielt. Sein Ingrimm hatte den höchsten Grad erreicht, er stürzte auf sie zu, riß sie aus der Erde, spannte den Hahn und hätte sie gegen eine ganze Armee abgefeuert, wenn er eine solche vor sich gehabt hätte. Doch seiner Wuth mußte er einen Ausweg verschaffen, er mußte Feuer geben, 5 10 15 20 25 30 35 237ZwEitER BaNd • dREiZEhNtEs KapitEl er blickte sich vergebens hin und her nach einem Gegenstande um, an dem er seine Rache auslassen könne, warf endlich das Gewehr gegen die Schulter, richtete es gegen den Mond, drückte ab, und mit einem Krach, der dem Donner glich, entlud die Muskete den, seit Jahren in ihr eingerosteten Schuß. Wie vom Blitz getroffen, war Sukop auf die Erde geschmettert und lag wie todt mit ausgestreckten Armen und Beinen auf dem Rücken und neben ihm die Muskete. Der erschütternde Knall des Gewehres brachte nicht allein die Mannschaft der Schiffe in wenigen Augenblicken auf das Werft, sondern auch Dorothea, die ihren geliebten Gatten mit der mörderischen Waffe auf der Wacht wußte, sprang von ihrem Ruhelager auf und stürzte, ohne an ihre leichte Bekleidung zu denken, durch das Thor herein den Männern zu, die sich bereits um Sukop gesammelt hatten. »Er hat sich todt geschossen!« riefen sie ihr entgegen und »Sukop, lieber Mann!« schrie die Frau in vollster Verzweiflung und riß die Matrosen zur Seite, um zu ihm zu gelangen. Die theure Stimme der geliebten Lebensgefährtin berührte kaum die Ohren des todtgeglaubten Sukop, als er sich aufsetzte und sagte: »Hier bin ich, Dorothea!« Diese faßte ihn hülfreich unter die Arme und bat ihn, aufzustehen. »Bist Du denn verwundet, Sukop?« fragte sie ihn theilnehmend, indem sie ihr leichtes, weißes Nachtgewand über ihrer Busengegend zusammenfaßte und den Arm um ihres Mannes Schultern legte. »Ich weiß nicht, mein Backen scheint mir angeschwollen,« erwiederte er, indem er den Kopf etwas auf eine Seite hielt, »eine Bande Diebe wollten die Güter rauben, doch ich gab Feuer auf sie.« Ein jubelndes, schallendes Gelächter brach jetzt unter den Matrosen los. »Nach dem Monde hat er geschossen, Hurrah für Sukop!« schrieen sie ein über das andere Mal und übertönten die wohlverdienten strafenden Worte, die Madame Sukop in höchster Entrüstung an sie richtete. 238 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Wo hast Du denn Deinen Hut, Mann?« fragte sie, indem sie das Mordgewehr von der Erde aufnahm. »Der Wirbelwind hat ihn ihm vom Kopfe genommen und dort oben am Thor niedergelegt. Es war eine stürmische Nacht,« rief einer der Matrosen, und Alle brachen in neue wilde Hurrahs aus, während Madame Sukop wie ein rettender Engel neben ihrem Mann dem Thore zuschritt, wo der vermißte Hut deutlich im Mondlicht zu erkennen war. 239 5 10 15 20 Capitel 14. Der Ball. – Die schöne Blondine. – Bethörung. – Die Restauration. – Die Spielhölle. – Der Rausch. Der Wagen, welcher Eloise an diesem Abend von der Kir-che nach der Point geführt hatte und dann nach der Stadt zurückrollte, setzte Capitain Flournoy eine Viertelstunde später vor dem Wohngebäude des Herrn Ballard ab, dessen Eingang weit geöffnet war und, so wie sämmtliche Fenster des Hauses, das helle Kerzenlicht aus dem Innern desselben in die Straße ausströmen ließ. Flournoy verweilte nur einen Augenblick in dem Parlour gleicher Erde, um vor dem großen Wandspiegel seine Toilette zu ordnen, sprang dann eilig die Treppe hinan in den ersten Stock, von woher der lustige Ton einer Violine im Tacte eines Cotillons erklang. Er trat in den glänzend erleuchteten Saal, mußte aber in der Nähe der Thür verweilen, da vier Cotillons zugleich getanzt wurden und die Zuschauer sich an die Wände drängten, um den, sich lebhaft durcheinander hinbewegenden Tänzern und Tänzerinnen Raum zu geben und ihre Füße vor den Pas der ersteren zu bewahren. In der Thür des Saales, welche nach der linken Seite in das daranstoßende Zimmer führte, stand ein Neger in schwarzem Frack und weißer Weste und spielte auf der Violine den Cotillon, wonach diese vier Abtheilungen und noch zwei andere, welche sich in dem anstoßenden Zimmer aufgestellt hatten, tanzten. Zugleich rief er mit lauter Stimme die jedesmalige Tour ab und trat mit dem Fuße den Takt. 240 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Nach europäischen Gebräuchen würde dies Ballorchester Veranlassung zur Unzufriedenheit und zu Bemerkungen gegeben haben, hier aber regierte das Sprichwort: »Wer gern tanzt, dem ist leicht gepfiffen,« und gern tanzten die hier Herumspringenden sicher, denn Fröhlichkeit leuchtete von jedem Antlitz. Herr Ballard hatte keine Unwahrheit gesagt, wenn er in seiner Einladung an Garrett und Ralph bemerkte, daß sie viele Schönheiten bei ihm versammelt finden würden; denn wohin man sah, begegnete man den Blicken reizender, wunderbar geschmackvoll costümirter junger Mädchen. Die Brünetten waren am zahlreichsten vertreten, doch auch der zarten Blondinen sah man hinreichend, um jeden Geschmack auf das Vollständigste zu befriedigen. Die reiche bunte Toilette, die fliegenden Bänder, die wehenden Spitzen und Gewänder trugen viel dazu bei, um das Auge überraschend zu fesseln und das viele Gold, sowie die reichen bunten Seidenstoffe, womit der Saal überladen decorirt war, gaben dem Bild das Gepräge von gro- ßem Reichthum und Ueberfluß. Bei näherer Betrachtung aber fand man, daß hier und dort die Farben in der Decoration des Saales nicht mit einander harmonirten, daß die Formen der Spiegel, der Möbel, der Kronleuchter nicht in Einklang standen, und daß die goldenen Verzierungen nur angebracht waren, um überhaupt Gold zu verwenden. Auch die hier versammelte Gesellschaft schien nicht ganz zu einander passend zusammengesetzt zu sein, was sich theils in der Art und Weise der Kleidungen, mehr aber noch durch das Benehmen und in der Unterhaltung der Einzelnen verrieth. Die Tanzenden stimmten am besten miteinander überein, sie schienen von nur e i n e m Geiste beseelt und nur e i n e m Gefühl zu huldigen: dem der Heiterkeit und des Frohsinns. Bei den Nichttanzenden aber war dies nicht der Fall; man sah ernste, nachdenkende Leute, auf deren Zügen man es deutlich lesen konnte, daß sie mit ihren Gedanken nicht in der Gesellschaft gegenwärtig waren; man sah Andere, deren einfache, aber ganz gewählt feine Toilette gegen die der Mehrheit abstach, in deren gemessenem elegantem Benehmen man bemerken konnte, daß sie sich unter diesem ungenirt fröhlichen Gemisch nicht heimisch, nicht wohl befanden, und daß sie sich aus irgend einer Ursache Gewalt antha- 5 10 15 20 25 30 35 241ZwEitER BaNd • ViERZEhNtEs KapitEl ten, hier zu verweilen. Wieder sah man junge Männer von vornehmem Aeußern, die durch ihr unbekümmertes, lustiges und freies Wesen sehen ließen, daß es ihnen recht gut bekannt war, hier nicht in ihrer Sphäre zu sein, daß sie aber dennoch hierhergekommen waren, um sich zu amüsiren. Viele derselben tanzten, scherzten hier, oder neckten sich dort mit den Tänzerinnen und flüsterten wohl auch im Vorübergleiten ein heimliches Wort, zeichneten sich aber doch in jeder ihrer Bewegungen durch eine gewisse graziöse Haltung aus. In dem Cotillon zunächst der Thür, durch welche Flournoy eingetreten war, tanzten Ralph und Garrett, beide, wie man deutlich sehen konnte, in der glücklichsten, frohsten Stimmung. Kaum war Flournoy erschienen, als Garrett seiner ansichtig wurde, ihm zuwinkte und ihm durch Zeichen zu verstehen gab, daß er sehr erfreut sei, ihn wiederzusehen. Der Capitain erwiederte die Begrüßung, wenn auch weniger in der Balllaune. Ralph aber schien in einem Himmel voll Vergnügen zu schwelgen und ließ seine freudestrahlenden Blicke, ungeachtet er eine reizende Brünette zur Tänzerin hatte, bald hier, bald dorthin über den Kreis der vielen weiblichen Schönheiten wandern. Flournoy hatte nur wenige Minuten gestanden, als Herr Ballard aus der Thür an der rechten Seite des Saales hervortrat und, ihn bemerkend, sich zu ihm durchdrängte, um ihn willkommen zu heißen. Er machte ihm Vorwürfe, daß er so lange habe auf sich warten lassen; der Capitain entschuldigte sich mit Geschäften, die ihn an Bord seines Schiffes zurückgehalten hätten, bis plötzlich der Ton der Violine verhallte, der Neger die Thür verließ, und die Tänzer und Tänzerinnen sich trennten. Sogleich trat Garrett auf Flournoy zu und begrüßte ihn als einen alten Bekannten, wunderte sich, daß er seine Ankunft nicht früher erfahren, ihm auch nicht an Orten begegnet sei, die sie früher oft zusammen besucht hatten und rechnete darauf, nun desto häufiger sich seiner Gesellschaft zu erfreuen. Ralph war gleichfalls herzugetreten und Garrett stellte ihn seinem alten Freunde, dem Capitain Flournoy, vor, erzählte diesem sogleich von dem Glück, welches Ralph heute Vormittag bei dem Wettrennen gehabt, und bedauerte, daß der Capitain nicht dabei 242 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 gewesen wäre, da er unbedingt gleichfalls auf den Braunen gewettet haben würde. Herr Ballard nahm Flournoy nun beim Arm und führte ihn in das Zimmer rechts, wo seine Frau, von reich geputzten älteren Damen umgeben, im Sopha saß. Sie empfing den Capitain mit großer Aufmerksamkeit, beschwerte sich, daß sie ihn noch nicht bei sich gesehen habe, und entließ ihn nach einer Weile mit der Bemerkung: sie rechne morgen sicher auf seinen Besuch. In dem nächsten Zimmer stand der Credenztisch mit den verschiedenen Weinen, mit Cognac, Genever und Whisky reichlich versehen. Hier ging es besonders ungenirt her, und manches lustige Wort, mancher Scherz, der nicht laut gesagt werden durfte, wurde hier leise mitgetheilt und laut belacht. Ralph und Garrett waren während des Abends, regelmäßig nach dem Tanz, hier eingekehrt und hatten den guten Getränken des Herrn Ballard fleißig zugesprochen. Sie waren abermals, und zwar mit Flournoy, vor den Credenztisch getreten, um mit diesem ein Glas zu leeren, was kaum geschehen war, als die Violine wieder zum Tanze rief. Ralph entschuldigte sich und eilte in den Tanzsaal, doch Garrett und Flournoy schritten zusammen nach dem Sopha und ließen sich dort nieder. »Sie sind diesmal sehr lange ausgeblieben, Flournoy«, sagte Garrett, »haben Sie vielleicht eine Reise um das Cap Horn gemacht?« »Doch nicht, ich bin mehreremale von Havannah aus in Buenos Ayres und nach Brasilien gewesen und gehe von hier nach Havannah zurück«, erwiederte der Capitain. »Was macht denn der grüne Tisch, besuchen Sie ihn noch gern?« »O ja«, antwortete Flournoy, »das Spiel, welches ich vor einigen Jahren, wie Sie wissen, als Broderwerb trieb, ist Leidenschaft bei mir geblieben, und die spannende Erwartung, ob eine Karte gewinnt oder verliert, wird mir immer ein angenehmes Gefühl bleiben, wenn sich an die Summe, die darauf steht, auch nicht mehr, wie früher, meine Existenz für die nächste Zukunft knüpft. Mit einem Worte, ich spiele nicht mehr, um zu gewinnen, ich spiele, um mich zu unterhalten. Um unsere Existenz spielen wir ja in unserm täglichen Leben mehr oder weniger Alle, Der mit offenen, Der mit 5 10 15 20 25 30 35 243ZwEitER BaNd • ViERZEhNtEs KapitEl verdeckten Karten. Die Meisten aber spielen ein erbärmliches Hellerspiel, Wenige nur sagen: Va banque!« »Und Viele, die es gern sagen möchten, können nicht zu dem Tische gelangen«, bemerkte Garrett, indem er mit seiner zarten kleinen Hand durch seine reichen blonden Locken fuhr. »Sind Sie schon seit Ihrer Ankunft in der Nordstraße bei unserer alten Freundin gewesen?« »Bei Madame O.....? Nein, noch nicht.« »So lassen Sie uns von hier noch ein wenig hingehen, es ist ja doch eine angebrochene Nacht. Freund Norwood geht sicher auch gern mit.« »Ich bin es wohl zufrieden; wenn es hier nur nicht gar zu lange dauert.« »Sicher nicht länger, als Mitternacht, und dann geht ja das Leben bei der O..... erst recht an. Wie lange bleiben Sie denn diesmal mit Ihrem Schiffe hier liegen?« »Es ist noch ungewiß, ich habe viele Ausbesserungen an meinem Fahrzeug vorzunehmen, wodurch ich noch längere Zeit hier aufgehalten werden kann.« »Nehmen Sie sich nur in Acht, daß sie dem Piraten, von dem so viel geredet wird, nicht in die Hände fallen, denn er soll gerade an der Küste Florida’s, an der Sie hinuntergehen, sein Wesen treiben. Er möchte Ihnen Va banque bieten.« »Und ich könnte vielleicht das Spiel gewinnen«, antwortete Flournoy und setzte noch hinzu: »mein Schiff segelt sehr schnell und, ohne mich zu wehren, würde ich mich nicht ergeben. Uebrigens ist es nur leeres Gerede mit dem Piraten; auf der Brigantine, die an der Küste von Florida an’s Land trieb, war Meuterei ausgebrochen und die Matrosen haben sie selbst in Brand gesteckt. Lassen Sie uns aber in den Tanzsaal gehen, die Auswahl von Schönheiten dort ist wirklich auffallend.« Bei diesen Worten erhob sich Flournoy und begab sich mit Garrett in den Saal, wo sie nahe an dem Eingang stehen blieben. Der Neger mit der Violine hatte wieder seinen Platz in der Thür gegenüber eingenommen und geigte unermüdlich die eintönige Weise eines Cotillons, welche in diesem Saale und in dem Zimmer daneben die Tänzer und Tänzerinnen auf ’s Höchste be- 244 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 geisterte und sie anfeuerte, sich möglichst geschickt und leicht zu bewegen. In dem Cotillon zunächst bei Flournoy tanzte eine zierliche Blondine, die wegen ihrer lieblichen Erscheinung und ihrem anmuthigen Benehmen viel Aufsehen erregte und auf welche Flournoy, da sie ihm gerade gegenüberstand, seine Blicke geheftet hielt. Sie war eben an der Tour, faßte mit ihren feinen Fingerspitzen in die Falten ihres ziemlich kurzen, himmelblauen Florkleides, zog es nach beiden Seiten hin auseinander, hob sich auf die Fußspitzen, richtete ihre linke Schulter etwas vor und hüpfte, mit graziöser, leichter Coquetterie auf ihr vorgeworfenes Füßchen blickend, ihrem Gegenpart zu. »Balancez!« schrie der Neger, und die kleine Blondine wiegte sich, als ob sie schwebe, mit einem seligen Lächeln hin und wieder. »Quatre pas en arrière!« rief der Schwarze, und mit einer leichten, schelmischen Neigung nach Vorn glitt das goldgelockte kleine Mädchen, kaum den Boden berührend, wieder zurück und reichte ihrem Herrn die niedliche Hand, denn das Orchester hatte »grande chaine!« gerufen. Hin und her die linke, und dann die rechte Hand abwechselnd den ihr entgegenkommenden Herren reichend, schlängelte sie sich durch den Kreis und kam an Flournoy vorüber, als dieser zu Ralph so laut, daß sie es hören mußte, sagte: »Um des Himmels Willen, wer ist dieser kleine blondgelockte, reizende Engel? Etwas so Liebliches habe ich nie im Leben gesehen!« Dabei faßte er Ralph mit dem linken Arm um die Schulter, ergriff, wie in höchster Begeisterung, mit der Rechten seine Hand und näherte seinen Kopf dem seinigen, als habe er die Worte nur ihm zuflüstern wollen, hielt jedoch seine dunkeln Augen dabei fest auf die Tänzerin geheftet. Unwillkürlich, als seine Worte sie erreichten, fuhr diese herum und blickte überrascht zu dem großen schönen Manne auf, der dieselben gesprochen hatte, wandte aber eben so schnell ihr jetzt glühend mit Carmin übergossenes, liebliches Gesicht von ihm ab und blickte zur Erde nieder, selbst noch, als sie ihren Platz wieder eingenommen hatte. Sie ließ ihren Fächer spielen, sie zupfte bald an einem Band, bald an einer Falte ihres Kleides, sie glättete ihre schneeigen Handschuh, aber für keine Welt hätte sie den großen 5 10 15 20 25 30 35 245ZwEitER BaNd • ViERZEhNtEs KapitEl Mann noch einmal angesehen; und doch mußte sie ihren schönen blauen Augen Gewalt anthun, daß sie nicht wenigstens an ihm vor- übereilten. Sie fühlte, wie ihre Wangen brannten, sie hörte selbst deutlich ihr Herz pochen; so etwas hatte ihr aber auch noch Niemand gesagt. Er hatte es ihr ja aber nicht gesagt, er hatte es nur seinem Nachbar zugeflüstert, sie hatte es ja nur zufällig gehört, vielleicht hatte er sie gar nicht gemeint? – aber außer ihr war doch keine Blondine in diesem Cotillon; – er mußte sie gemeint haben –; in diesem Augenblick erhob sie ihre Augen und begegnete abermals dem unbeweglichen Blick Flournoy’s. Sie sah nicht, daß der Tänzer ihr gegenüber ihr entgegenkam, sie dachte nicht daran, daß es an ihr war, zu tanzen. »Aber Melanie, an was denkst Du? es ist ja an Dir!« rief die Tänzerin zu ihrer Linken ihr zu; sie erfaßte, anstatt dem Herrn vor ihr die Hand zu reichen, ihr Kleid mit beiden Händchen und sie hatte die Pas und die Touren vergessen. Der Cotillon war gänzlich in Unordnung gerathen, man mußte pausiren, bis die neue Tour begann. Melanie suchte sich jetzt mit Gewalt zu sammeln, in ihre vorige heitere, unbefangene Ruhe aber konnte sie sich nicht wieder versetzen, ihre Wangen glühten fort, ihr Herz blieb im raschen Schlagen, und sie konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß der große Fremde die dunkelsten Augen habe und daß er der schönste Mann sei, den sie je gesehen. Der Tanz war vorüber; Melanie ergriff rasch den Arm einer ihrer Freundinnen und ging mit ihr nach der andern Seite des Saales. »Hast Du den großen Mann mit dem schwarzen Bart gesehen?« fragte sie dieselbe, indem sie sich mit dem fliegenden Fächer Kühlung zuwehte. »Er stand dort an der Thür, nicht weit von da, wo Du tanztest. Ich habe ihn wohl bemerkt, weiß aber seinen Namen nicht; ein schöner Mann ist er«, erwiederte die Freundin. »Auch ich habe ihn früher nie gesehen«, sagte Melanie, als sie das Ende des Saals erreicht hatten, von wo sie ihre Blicke rückwärts wandte. »Mein Gott, ich glaube, er kommt auf uns zu«, setzte sie dann mit halblauter Stimme hinzu und preßte die Hand ihrer Freundin. 246 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Einen Augenblick nachher trat Herr Ballard mit Flournoy zu den beiden jungen Damen, nahm diesen bei der Hand und sagte: »Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen den Capitain Flournoy vorstelle – Fräulein Melanie Terrel, Fräulein Olivia Lathrop.« Nachdem man sich gegenseitig verneigt und gesagt hatte, daß es sehr angenehm sei, die Bekanntschaft zu machen, wandte sich Ballard an Olivia Lathrop und versicherte ihr, wie außerordentlich er sich freue, daß sie diesen Abend durch ihre Gegenwart verschönere, sagte ihr einige Artigkeiten in Bezug auf ihre Schönheit, ihre geschmackvolle Toilette, und bat sie schließlich, ihn zu seiner Frau zu begleiten, die schon den ganzen Abend darnach verlangt habe, sie bei sich zu sehen. Melanie bemerkte gar nicht, daß ihre Freundin sie verließ, oder besser, daß sie ihr entführt wurde, sie war in tiefem Gespräch mit Flournoy begriffen, das heißt, dieser sprach zu ihr, sie lauschte seinen süßen gefühlvollen Worten, erröthete bald und wurde bald wieder bleich, spielte mit ihrem Fächer und gab ihm verlegene Antworten. Als aber nach einer ziemlich langen Pause plötzlich die Violine wieder ertönte, führte sie der schöne, große Capitain Flournoy zum Tanze daher und freudestrahlend ließ Melanie ihre kleine Linke in seiner Hand ruhen. Die Musik erklang, der Cotillon begann, und jetzt vergaß Melanie keinen Pas, keine Tour, sie hatte nie in ihrem Leben so schön und so gern getanzt, als diesmal. Sie schlug die Augen nicht mehr nieder; wenn sie Flournoy die Hand reichte, so gab sie ihm dieselbe mit Blicken, in denen er das Glück und die Wonne lesen konnte, womit der leise Druck seiner Hand sie beseelte. Auch Flournoy tanzte mit Eleganz und augenscheinlich mit Leidenschaft, seine Bewegungen waren ungezwungen, geschmeidig und graziös und zeigten die schönen Formen seines kräftigen Körpers im vortheilhaftesten Lichte. Die Zuschauer drängten sich immer mehr nach der Seite des Saales, wo Flournoy und Melanie tanzten, und als die Musik verstummte und der Capitain sich vor der schönen Blondine verneigte, wurde ihnen von allen Seiten her der lebhafteste Beifall gezollt. Herr Ballard aber trat zu Melanie, ergriff ihre Hand und führte sie zu seiner Frau, neben welcher sie auf dem purpurnen, mit Gold durchwirkten Sopha Platz nehmen mußte. 5 10 15 20 25 30 35 247ZwEitER BaNd • ViERZEhNtEs KapitEl »Sie haben so schön getanzt, liebe Melanie«, sagte Madame Ballard mit warmer Herzlichkeit, indem sie des Mädchens Hand ergriff. »Sie hatten aber auch einen schönen Tänzer!« Melanie schlug die Augen nieder. »Capitain Flournoy ist ein sehr liebenswürdiger, sehr braver Mann und sehr gut situirt«, fuhr sie fort. »Er hat die Hälfte Antheil an dem Sturmvogel und dessen Ladungen und wird sich sicher in wenigen Jahren in Ruhe setzen. Es könnte sich ein junges Mädchen wohl gratuliren, von ihm auserwählt zu werden.« Melanie gab keine Antwort, sah aber mit einem wonnigen Lächeln nach der Thür hin, durch welche Flournoy in das Zimmer trat. In diesem Augenblick ging ein schwarzer Bedienter, der einen Teller mit mehreren Champagnergläsern und eine Flasche dieses Weines trug, an ihm vorüber; er hielt denselben bei der Schulter zurück, nahm ihm den Teller und die Flasche ab und trat zu Melanien hin. »Ich hege die besten Wünsche und die innigsten Dankgefühle für Sie, Fräulein Melanie, und möchte gern mit Ihnen ein Glas darauf leeren, daß die erstern in Erfüllung gehen mögen und mir die Gelegenheit werde, die letztern durch die That zu beweisen. Madame Ballard rufe ich als Zeugin auf und bitte sie, das dritte Glas zu nehmen.« Bei diesen Worten hob er die Flasche über die Gläser und ließ den schäumenden Wein in sie hinabschießen. Melanie ergriff eins derselben, ihre Wangen glühten, um ihren Mund schwebte ein Ausdruck des Entzückens, und in ihren glänzenden, schönen Augen spiegelte sich ein Himmel voll Seligkeit und Hoffnung. Sie sah zu Flournoy auf, der in diesem Augenblikke das Glas zum Munde führte, hob das ihrige an ihre frischen, vollen Lippen, so daß die leichten Schaumperlen, wie der Morgenthau eine kaum erschlossene Rose, sie benetzten, und leerte das Glas. Auch Madame Ballard führte das ihrige zu ihrem Munde und sagte: »Daß alle Deine Wünsche in Erfüllung gehen mögen, süße Melanie!« Der Neger nahm Teller und Flasche und ging in das andere Zimmer zurück, um mit den übrigen Dienern sämmtlichen Da- 248 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 men Champagner zu reichen, während die Herren sich nach dem Credenztisch begaben, um sich dort selbst dazu zu verhelfen. Es war gegen Mitternacht, als die Carrossen vorfuhren, die Gäste sich bei Madame und Herrn Ballard empfahlen und sich nach dem Garderobezimmer begaben. Capitain Flournoy begleitete Melanie bis an die Thür desselben, und als sie mit ihrer Freundin und deren Mutter wieder heraustrat, reichte er ihr den Arm, führte sie die Treppe hinab, aus dem Hause, bis zu dem Wagen, und hob sie in denselben hinein. Auch Olivia und ihre Mutter wurden von ihm beim Einsteigen unterstützt, der Wagen wurde geschlossen, nochmals begegneten die Glück strahlenden Augen Melaniens dem Blicke Flournoy’s, und dieser eilte, mit dem Busenstrauß der schönen Blondine in der Hand, nach dem Credenztisch zurück, wo mit vielen Andern auch Ralph und Garrett sich befanden, um noch einen Abschiedstrunk zu sich zu nehmen. Beim Eintreten in das Zimmer verbarg Flournoy den Strauß Melaniens in seinem Busen und wurde von Garrett herbeigerufen, um sich bei dem Toast auf die Schönheiten Baltimores zu betheiligen. Dann verabschiedeten sie sich von Herrn Ballard, dessen Gattin sie sich schon empfohlen hatten, nahmen ihre Hüte und eilten hinaus in die Straße, wo sich Flournoy, Ralph und Garrett von den übrigen Herren trennten und durch die nächste enge Gasse schritten. Ralph hatte viel Wein getrunken und befand sich in einer wilden, leidenschaftlichen Stimmung; da ihm aber nur Angenehmes widerfahren war, so äußerte sich diese Aufregung in ausgelassener Heiterkeit. Er und seine Begleiter hatten die Nordstraße erreicht, bogen in dieselbe ein und traten bald darauf in das große, prächtige Haus der Madame O....., aus dessen Fenstern zwischen den Spalten der Jalousien helles Licht hervorbrach und bekundete, daß die Zeit der Ruhe hier noch nicht begonnen hatte. In dem großen Saal gleicher Erde befanden sich noch viele Gäste, denn hier hielt man Restauration, die namentlich spät Nachts am meisten besucht wurde. Das Haus hatte keinen guten Namen, noch viel weniger aber die Eigenthümerin desselben, Madame O....., und dennoch wurde 5 10 15 20 25 30 35 249ZwEitER BaNd • ViERZEhNtEs KapitEl es sowohl von ledigen, jungen Männern, als auch von verheiratheten, selbst aus den höchsten Ständen, häufig besucht. Madame O..... gab öfters große Mittagsessen, wozu sie ihre Stammgäste einlud und sie auf das Köstlichste traktirte. Solchen Essen folgte stets ein Ball, zu welchem Jedermann gegen einen hohen Eintrittspreis Zutritt hatte und von dem es bekannt war, daß stets die schönsten Frauenzimmer, wenn auch nicht aus der ersten Gesellschaft, zugegen waren. Madame O..... war eine Frau von einer halben Million im Vermögen und vergnügte sich an einem ungebundenen, geräuschvollen Leben, welches ihr seit Jahren zur andern Natur geworden war. Sie hatte früher nur die Hälfte dieses Straßenviertels besessen, während auf der andern Hälfte eine Methodistenkirche stand. Als aber die Gemeinde derselben unter sich uneins geworden war und die Kirche meistbietend unter dem Hammer verkauft wurde, erstand sie Madame O..... zum höchsten Preis und wandelte sie in einen Tanzsaal um. Die Frau war immer von Freundinnen umgeben, deren Schönheit wohl auch mit die Ursache war, daß die Restauration, welche für die theuerste in der Stadt galt, so fleißig besucht wurde. Alles aber, was man in diesem Hause erhielt, war das Frischeste, das Schmackhafteste, das Beste, und die Pracht und der Comfort, womit alle Räumlichkeiten desselben ausgestattet waren, ließ Jedermann den hohen Preis für die mannigfach dargebotenen Genüsse leicht übersehen. Hinter dem Haus und um den Tanzsaal lag ein großer Garten, der während neun Monaten im Jahre durch die üppigsten Baum- und Gebüschgruppen beschattet wurde, die manch trauliches, dunkles Plätzchen für schwärmerische Seelen boten, und zwischen denen sorgsam gepflegte Beete mit den herrlichsten Blumen hervorglänzten. Unter alten dichten Eichen stand eine geschmackvoll erbaute, kleine, mit silbernem Halbmond gekrönte Moschee, in welcher sich ein in Marmor ausgehauenes Bad befand, und hier und dort zwischen den vollen Laubmassen hob sich eine Laterne auf zierlichem eisernen Pfeiler, um in den angenehmen Sommernächten, wenn der Wind kühlend und labend von der Bay her über die Stadt zog, dem Garten ein bescheidenes, nicht störendes Licht zu gewähren. 250 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Garrett schien hier ganz zu Hause, ließ Flournoy und Ralph in dem vordern, prachtvoll möblirten Saal zurück und begab sich in das große Zimmer dahinter, wo Madame O..... und ein halbes Dutzend auf das Glänzendste gekleideter junger Damen von ausgezeichneter Schönheit in Sopha’s, Divans und Schaukelstühlen saßen, sich mit der doppelten Zahl junger Männer laut und lustig unterhielten und dem Champagner und Kuchen fleißig zusprachen, der bei ihnen die Runde machte. Garrett mußte sehr in der Gunst der Madame O..... stehen, denn sie bewillkommnete ihn, als er eintrat, mit einem Freudenausruf, hielt ihm die Hand entgegen und lud ihn ein, an ihrer Seite im Sopha Platz zu nehmen. Er schritt zu ihr hin, drückte ihr die Hand und flüsterte ihr nur einige Worte in das Ohr. Madame O..... nickte ihm als Antwort darauf zu und machte mit der Hand ein Zeichen, welches »oben im Hause« zu heißen schien. Garrett reichte seiner Freundin abermals die Hand, begrüßte mit leichtfertiger Manier die jungen Mädchen, mit denen er gleichfalls bekannt sein mußte, und eilte in den Saal zu seinen beiden Freunden zurück. Seine Absicht war, Ralph zu dem Schenktisch zu führen, um ein Glas mit ihm zu leeren. Flournoy aber war ihm schon zuvorgekommen, so daß er nur als Dritter in dem Bunde, der hier in Portwein geschlossen wurde, eintreten konnte. »Nun kommen Sie, hier ist es langweilig«, sagte Garrett zu seinen Gefährten und schritt ihnen voran in den Corridor und dann die Treppe hinauf, die nach dem obern Stock führte. Dort klopfte er an eine verschlossene Thür, sie that sich auf und ein Neger trat daraus hervor. »Ah, Sie sind es, Herr Garrett, treten Sie näher«, sagte der Diener, und Jener ging, von Ralph und Flournoy gefolgt, in das dunkele Zimmer, klopfte dort an eine zweite Thür, die sich gleichfalls öffnete, und durch welche sie dann in einen hell erleuchteten Saal gelangten. In der Mitte desselben saßen und standen viele Männer um einen grünen Tisch, über welchem zwei blendend strahlende Lampen brannten, und spielten Monte, ein Spiel, welches unter den Amerikanern sehr beliebt ist. 5 10 15 20 25 30 35 251ZwEitER BaNd • ViERZEhNtEs KapitEl Der Montetisch ist durch einen Strich in zwei Hälften getheilt, die Karten werden gemischt, durch einen Pointeur coupirt und die oberste und die unterste wird durch den Banquier offen auf die beiden Hälften des Tisches gelegt. Auf eine dieser Karten setzen die Pointeurs nun nach Belieben. Dann wendet der Banquier das Spiel Karten in seiner Hand um und zeigt die unterste. Ist diese eine der Karten, die auf dem Tische liegen, so heißt es, sie ist in Port, und sie gewinnt drei Viertel des Satzes. Ist dies aber nicht der Fall, so zieht der Banquieur langsam die Karten ab, die erste gewinnt und die andere verliert. Viele andere Männer gingen im Saal umher und wieder andere verweilten seitwärts bei dem Schenktisch und nahmen einen starken Trunk zu sich. Der Anblick des Spieltisches überraschte Ralph und machte einen unangenehmen Eindruck auf ihn, der wie ein warnendes Gefühl ihn von demselben zurückdrängte und dunkele, verworrene Bilder des Vorwurfs und der Reue aus seinem vergangenen Leben vor seinem vom Wein erhitzten Geiste aufsteigen ließ. Er stutzte einen Augenblick; da warf der Croupier eine Hand voll Gold auf den Tisch und schob sie einem der Spielenden hin. Das Gold erinnerte Ralph an die heute eingenommenen tausend Dollar, er sah kein Unrecht darin, sie zu wagen, denn er hatte sie ja gewonnen, es war ihm Nichts an diesem Gold gelegen, und vielleicht konnte er die Summe verdoppeln. Garrett hatte seinen Arm in diesem Augenblick erfaßt und sagte: »Wer Nichts wagt, der Nichts gewinnt; Sie sind heute im Glück!« wobei er Ralph zu dem Tische führte, an welchem ihm sofort ein Sitz eingeräumt wurde. Er erkannte den Spieler, der die Karten in der Hand hielt, nicht wieder, obgleich er derselbe Mann war, der ihm heute beim Kaffee ein Spiel anbot, noch viel weniger aber die anderen Männer, mit denen er gleichfalls zu Mittag gespeist hatte, und die sämmtlich jetzt hier an dem Tische sa- ßen. Auch bemerkte er nicht, daß Garrett mit ihnen Allen Blicke wechselte, als Ralph sich auf den Stuhl niederließ, sogleich seine Brieftasche hervorzog und dem Croupier eine Banknote von Fünfhundert Dollar hinwarf, um sie für Gold umzuwechseln. 252 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 So geraume Zeit er auch keine Karte angerührt, und so sehr er sich bemüht hatte zu vergessen, daß er jemals Sclave des Spiels gewesen war, so hatte ihn doch die Leidenschaft schon wieder mit aller Macht erfaßt, und er fühlte sich ganz in seinem Element. Er setzte hundert Dollar auf die Dame und rief dem schwarzen Diener zu, ihm ein Glas Grog und eine Cigarre zu bringen. Die Dame gewann, das Gold wurde ihm ausgezahlt, und er ließ es auf der Karte stehen. Die Dame gewann wieder, abermals schob ihm der Croupier das Gold zu und er ließ wieder den ganzen Betrag auf der Karte stehen. »Das ist unsere Farbe«, sagte er lächelnd zu Garrett, der neben ihm saß, und leerte dann sein Glas. Die Dame verlor, und der Croupier zog das ganze darauf stehende Gold ein. »Verdammt, sie ist uns untreu geworden; Weibertreu und Aprilswetter!« rief er lachend. »Laß sehen, ob der Bube ein braver Kerl ist? er ist erst einmal dagewesen.« Damit setzte er die übrigen vierhundert Dollar auf diese Karte, und winkte dem Diener, ihm noch ein Glas Grog zu bringen. Der Bube verlor. Ralph brummte einen Fluch durch die Zähne, nahm abermals eine Fünfhundert-Dollarnote aus der Brieftasche und setzte sie ganz auf das Aß. Garrett hatte seine Augen fest auf den Spieler geheftet, und als derselbe ihn in diesem Augenblick ansah, warf er ihm einen bedeutungsvollen Blick zu. Das Aß gewann und es wurden Ralph fünfhundert Dollar ausgezahlt. »König oder Bettelsack!« rief er jetzt, und setzte zu den tausend Dollar, die nun auf der Karte standen, noch die Anweisung von demselben Betrage, die er heute früh gewonnen hatte. »Die Anweisung ist gut«, sagte Garrett zu dem Spieler und winkte ihm mit den Augen. Das Aß verlor und Ralph war um zweitausend Dollar ärmer. Mit einem lauten Fluch schlug er auf den Tisch und sagte: »Zur Hölle mit dem Glück, es kehrt mir den Rücken zu.« »Wird schon wieder freundlich werden«, sagte Garrett. 5 10 15 20 25 30 35 253ZwEitER BaNd • ViERZEhNtEs KapitEl »Ich habe kein Gold mehr bei mir, doch habe ich einen Creditbrief von zweitausend Dollar«, antwortete Ralph leise. »Zweitausend Dollar für diesen Herrn, auf meine Rechnung«, sagte Garrett zu dem Croupier, und dieser schob Ralph die verlangte Summe theils in Papier, theils in Gold hin. Flournoy hatte Anfangs eine Zeit lang an diesem Tisch gestanden und dem Spiel zugesehen, vor sich hin genickt, geschüttelt und gelächelt, und sich dann, als ob er sich von Dem, was er zu wissen wünsche, überzeugt habe, von dem Tisch abgewandt und war zu dem Büffet hingetreten. Jetzt saß er an einem kleinen Nebentischchen einem jungen Mann gegenüber und spielte Pochen mit ihm. Mitunter hatte er von hier aus einen aufmerksamen Blick nach dem Montetisch geworfen, doch als Ralph mit der Faust auf den Tisch schlug, senkte er die Hand mit den Karten, sah nach Jenem hinüber und sagte dann zu seinem Gegner: »Die Federn haben sie dem Vogel schon ausgerupft, jetzt geht es an die Haut und an das Fleisch. Der junge Mann scheint noch ziemlich grün zu sein.« Dann that er einen Schluck aus dem neben ihm stehenden Glase und spielte mit seinem Gefährten weiter. Es war kaum eine halbe Stunde vergangen, als Ralph plötzlich aufsprang, mit einem rasenden Fluch die Karten auf den Tisch warf, das leere Glas, welches neben ihm stand, auf demselben in tausend Scherben zersplitterte, dann den Stuhl erfaßte, ihn mit einer Hand hoch durch die Luft schwang und mit solcher Macht auf den Tisch niederschmetterte, daß dieser unter der Wucht zusammenbrach und das darauf liegende Gold und die Karten weit im Saal umherflogen. Die Männer, die sich in der Nähe befanden, waren ihm schnell ausgewichen, fielen ihm jetzt aber in die Arme und hielten ihn mit Gewalt davon ab, noch weitere Verwüstungen vorzunehmen, denn er hatte eben den zerbrochenen Stuhl mit einer Riesenkraft durch den Saal hin auf den Schenktisch geschleudert, daß Karaffinen, Gläser und Teller von demselben klirrend umherfielen. Auch Flournoy war zu ihm hingesprungen und hielt seinen rechten Arm mit seinen eisernen Händen fest, während er und Garrett 254 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 beruhigend zu ihm sprachen, und Letzterer ihm wiederholt zurief, daß er ihm so viel Geld anschaffen wolle, wie er verlange. Mit guten Worten und theils mit Gewalt schoben sie ihn hinaus auf den Gang und schlossen die Thüren hinter ihm. Von hieraus nöthigten sie ihn die Treppe hinunter, auf der sie ihn mit den Armen unterstützten, damit er nicht falle, und führten ihn in das hintere Zimmer, wo Madame O..... noch immer mit ihren Freunden und Freundinnen beim Champagner saß. So sehr der Zorn über seinen Verlust und die in Uebermaaß genossenen geistigen Getränke Ralph’s Sinne auch verwirrt hatten, so übte doch der Anblick der Damen einen mächtig beschwichtigenden Einfluß auf ihn aus. Er verstummte, suchte sich zu verneigen und wurde von Garrett und Flournoy neben eine schwarzäugige Brünette in einer Causeuse niedergesetzt. Mit verwirrtem, gläsernem Blick schaute er seine Umgebung an, seine Gedanken konnten seine augenblickliche Situation nicht erfassen, bald vergaß er den Spielsaal und seinen Verlust, sah nur die reizenden Frauenzimmer, die ihm, wie liebliche Bachantinnen, den schäumenden Champagner credenzten, ließ den perlenden Wein in bewußtloser Wonne über seine Lippen gleiten, und lauschte in bezaubertem Taumel der süßen Stimme der schönen Brünette. 255 5 10 15 20 Capitel 15. Vermissen. – Erkundigung. – Das Gesangbuch. – Trostlosigkeit. – Vorschlag zur Fälschung. – Einwilligung. – Der Circus. – Die Quadrone. – Der Matrose. Der Morgen zog heiter und klar am Himmel auf und sein erstes helles Licht drang durch die Fenster in Frank Arnold’s Schlafgemach, als dieser aus einem erquickenden, ruhigen Schlafe erwachte und sich von seinem Lager aufrichtete, um einen Blick nach Ralph’s Bett zu thun. Dasselbe war leer und noch seit gestern unberührt. Frank war erschrocken, denn sein erster und einziger Gedanke war, daß seinem Freunde ein Unglück zugestoßen sein müsse. Der Stubenwärter hatte ihm zwar am Abend vorher bei seiner Rückkehr von Forneys mitgetheilt, daß Ralph zu einem gewissen Herrn Ballard eingeladen sei und hinterlassen habe, er werde erst spät von da zurückkehren. Warum aber war er noch nicht hier, was konnte ihn noch am frühen Morgen fern halten, wenn er dazu fähig war, sich nach Hause zu begeben? In der größten Unruhe und Eile kleidete Frank sich an, suchte in dem Adreßbuch die Wohnung des Herrn Ballard auf und eilte in die sich eben belebende Straße hinaus, um über das Schicksal seines Freundes Erkundigung einzuziehen. Er hatte bald das besagte Haus erreicht, zog die Schelle und ein Neger erschien in der Thür mit der Frage »was er begehre«. Nachdem er dem Diener den Namen seines Freundes genannt und ihm dessen Person beschrieben hatte, erhielt er auf seine Erkundigung 256 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 die Antwort, daß sich dieser Herr in Begleitung des Capitains Flournoy von dem Sturmvogel und eines Herrn Garrett gegen Mitternacht von hier entfernt habe. Mit derselben peinigenden Ungewißheit, mit der er es verlassen, kehrte Frank in das Hotel zurück, erwartete das Frühstück und nahm nach demselben einen Fiacre, um zuerst bei Capitain Flournoy sich wegen Ralph zu befragen. Der Wagen setzte ihn an dem Thore des Werftes ab, und an der Seite des Sturmvogels angelangt, erkundigte er sich bei einem finster aussehenden Seemann, der über die Brüstung des schwarzen Fahrzeuges zu ihm herabblickte, ob der Capitain an Bord sei. Die Frage wurde mit Ja beantwortet, Frank stieg auf das Verdeck hinauf und der Mann, welcher der Obersteuermann Ritcher war, führte ihn in die Cajüte. Hier lag auf einem Divan unter den Fenstern, die aus dem hintern Theil des Schiffes auf das Wasser zeigten, Capitain Flournoy in einem bunt seidenen Schlafrocke hingestreckt und schien aus einem Schlummer zu erwachen, als Frank zu ihm eintrat. Er sprang schnell von seinem Lager auf und ging Diesem höflich entgegen, indem er ihn bat, Platz auf dem Divan zu nehmen und ihm mitzutheilen, womit er ihm dienlich sein könne. Frank trug ihm nun seine Besorgniß vor und bat, ihm jede Auskunft und Muthmaßung über Ralph’s Verschwinden zu ertheilen, damit er dessen Spur verfolgen könne. »Sie machen sich, wie ich glaube, unnöthige Sorgen über den jungen Mann«, sagte der Capitain, »er wird wohl in irgend einen Frolic gerathen, oder vielleicht von einem zarten Abenteuer umgarnt sein. Ich für meine Person kann Ihnen nichts Näheres über ihn mittheilen, als daß er in der heitersten Laune mit mehreren jungen Leuten das Haus Ballard’s gegen Mitternacht verließ. Warten Sie es ruhig ab, wenn der Champagnerrausch verflogen ist, wird er sich schon wieder einfinden. Er schien mir empfänglich für eine lustige Aventüre.« »Ein Diener des Herrn Ballard, von dem ich so eben komme, sagte mir, daß Herr Norwood mit Ihnen und einem Herrn Garrett das Haus verlassen habe. Wer ist dieser Herr, und wo kann ich ihn wohl finden?« fragte Frank sehr beunruhigt. »So viel mir von demselben bekannt, ist er ein anständiger junger Mann, bei dem sich weniger Sorgen, als Dollar aufhalten, denn 5 10 15 20 25 30 35 257ZwEitER BaNd • FüNFZEhNtEs KapitEl er lebt höchst vergnügt und sehr elegant. Wo er wohnt und was er treibt, kann ich Ihnen nicht sagen. Uebrigens folgen Sie meinem Rath, und warten Sie ruhig, bis Ihr Freund von selbst zurückkehrt, denn einen Fremden in dieser Stadt aufsuchen zu wollen, möchte wohl erfolglos bleiben.« Der Capitain, welcher eine kleine silberne Schelle mit einem zierlichen Griff von Perlmutter ertönen ließ, hatte einem eintretenden Diener einen Wink gegeben, und wenige Minuten nachher trug derselbe einen silbernen Teller mit einer Bouteille und zwei Gläsern auf den Tisch vor den Divan. »Sie müssen mir die Ehre erzeigen, ein Glas Wein mit mir zu trinken und zwar auf das Wohlergehen meines Sturmvogels. Es bringt Glück, wir Seeleute sind abergläubisch«, sagte der Capitain, indem er die Gläser mit Portwein füllte und seinem Gast den Teller zuschob. Frank, obgleich nicht in der Stimmung, Wein zu trinken, that dem Capitain den Willen, und leerte sein Glas, dann aber entschuldigte er sich, gestört zu haben, und empfahl sich. Flournoy geleitete ihn über das Verdeck, wo viele sonnverbrannte, wüst aussehende Matrosen umhersaßen und standen, bis an die Brüstung, reichte Frank zum Abschied die Hand, und dieser eilte zu seinem Wagen zurück, um nun dem Herrn Ballard selbst seinen Besuch zu machen. In dessen Hause angekommen, wurde er von dem schwarzen Diener in den Parlour geführt, derselbe bat sich seinen Namen aus und ging, um seinen Herrn von dem Besuch zu unterrichten. Herr Ballard trat nach einer kleinen Weile in das Zimmer, schritt auf Frank zu und begrüßte ihn artig, worauf dieser ihm die Ursache seines Hierseins mittheilte und ihn um Auskunft bat, wo er den Herrn Garrett wohl auffinden könne. «Das vermag ich Ihnen wirklich nicht zu sagen«, antwortete Ballard, »ich traf Herrn Garrett an der Börse, wo er mir Ihren Freund vorstellte, und wo ich Beiden die Einladung selbst übergab. Herr Garrett hält sich um diese Zeit wenig in der Stadt auf, da er Sportsman ist und die Jagden in der Umgegend fleißig ausübt. Ich bin überzeugt, er hat heute früh Ihren Freund mit hinunter in die Bay nach einer der Inseln auf die Entenjagd genommen, die wohl 258 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 in der Welt nicht besser anzutreffen ist, als an diesem Ort. Jedenfalls ist er mit ihm auf die Jagd, darüber bin ich nicht im Zweifel.« »Wer ist denn der Herr Garrett, und was treibt er?« fragte Frank dringend. »Wie gesagt, er ist Sportsman, aber ein sehr anständiger junger Mann und lebt von seinem Gelde. Das ist Alles, was ich Ihnen über ihn sagen kann,« erwiederte Ballard, und Frank mußte sich mit dieser unzureichenden Auskunft begnügen; doch gab ihm beim Weggehen Ballard die Zusicherung, daß er ihm Nachricht in sein Hotel zusenden werde, im Fall er über Garrett oder über seinen Freund Etwas erfahren sollte. Tausend Möglichkeiten zogen als Ursachen von Ralphs Verschwinden durch Franks Gedanken, namentlich aber beunruhigte ihn sehr, daß man ihm Garrett als einen Sportsman bezeichnet hatte. Sollte sein Freund vielleicht in böse Gesellschaft gerathen sein, sollte er wieder gespielt, oder gewettet und bedeutende Verluste gehabt haben und sich nun scheuen, mit seinem Unrecht vor ihn zu treten? Jetzt fiel ihm ein, daß Ralph auch, wie er selbst, einen Creditbrief auf das Haus H.... dahier besaß, und er beschloß, sich dort zu erkundigen, ob sein Freund denselben vielleicht schon benutzt habe. Er rief dem Kutscher zu, nach dem Comptoir des Herrn H.... zu fahren. Dort war er selbst noch nicht gewesen, als er aber seinen Namen nannte, sagte der Chef des Hauses: »Sie wünschen wahrscheinlich auch Geld für Rechnung des Herrn Behrend zu empfangen, der Herr Norwood, von dem uns dieser Freund anzeigte, er werde mit Ihnen unsere Stadt besuchen, hat vor einer halben Stunde zweitausend Dollar von uns auf seinen Creditbrief erhalten.« Wie ein Blitzstrahl traf diese Mittheilung den jungen Arnold, denn nun war kein Zweifel mehr über die Ursache von Ralphs Verschwinden. Er fragte, ob man ihm vielleicht Auskunft über dessen augenblicklichen Aufenthalt geben könne, was aber nicht der Fall war, und so begab er sich schweren Herzens nach seinem Wagen zurück, um sein Leid nun, so wie Alles, was er bisher über Ralph in Erfahrung gebracht hatte, auch Forney’s mitzutheilen. 5 10 15 20 25 30 35 259ZwEitER BaNd • FüNFZEhNtEs KapitEl »Bei Ballard ist Norwood zum Ball gewesen?« sagte der Präsident, als Frank ihn von Allem unterrichtet hatte; »da ist er in keine gute Gesellschaft gerathen. Ballard ist ein Emporkömmling, von dem man nicht weiß, auf welche Weise er zu einem so großen Geschäfte in so kurzer Zeit gekommen ist. Noch vor wenigen Jahren hausirte er mit Cigarren und war damals als Spieler bekannt. Jetzt macht er ein großes Haus, seine Gesellschaft aber ist sehr gemischt und ich besorge, daß Ihre Befürchtungen nur zu gegründet sind. Ich will gleich einem Constabel Auftrag geben, sich nach dem Herrn Garrett umzusehen, denn ist er ein Spieler, wie ich vermuthe, so findet er ihn sicher bald aus.« Auch Eleanor nahm den innigsten Antheil an der Bekümmerniß ihres Geliebten und machte ihm Hoffnung, daß das Räthsel sich doch noch zum Vortheil Ralph’s lösen könne. Nachdem Frank Arnold den Sturmvogel verlassen hatte, legte Capitain Flournoy seinen Schlafrock ab und nahm den schwarzen Frack aus dem Schrank, um ihn anzuziehen. In diesem Augenblikke trat Loredo, der alte Diener von Dosamantes, in die Cajüte und bat im Namen seiner jungen Herrin um das Gesangbuch. Flournoy warf den Frack auf den Divan und sagte: »So früh? Deine Herrin hat wohl meinen Besuch verhindern wollen. Sage ihr, ich sei soeben im Begriff gewesen, ihr das Buch selbst zu bringen.« Dann nahm er das Gesangbuch aus der Tischlade hervor, ergriff eine Feder, schrieb auf das erste weiße Blatt die Worte: »Auf Wiedersehen!« und überreichte es dann dem Schwarzen mit seiner Empfehlung an Fräulein Eloise. Kaum hatte der alte Neger das Schiff verlassen, als Ritcher, der Obersteuermann, in die Cajüte trat und zu Flournoy sagte: »Konnte der Kerl keine Auskunft geben, wann die Tritonia segeln wird? Ich weiß kaum mehr unsere Leute und die hiesigen Arbeiter zu beschäftigen. Der Sturmvogel ist in so vollkommenem Zustand, als ob er vollständig die Mauser überstanden, es fehlt ihm keine Feder.« »Du mußt immer noch Etwas zu thun ausfinden, besonders für die gemietheten Arbeiter, so daß wir einen anscheinenden Grund haben, noch hier liegen zu bleiben. Wir dürfen nur einen Tag frü- 260 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 her segeln, als die Tritonia, sonst möchte sie unsern Fingern entwischen. Dort unten bei Cap Henry ist um diese Zeit oft wildes Wetter und dicke Luft, und wenn wir uns weit von der Brigg entfernen, könnte es uns schwer werden, sie aufzufinden,« bemerkte der Capitain. »Der alte Kerl macht immer noch keine Anstalt zum Abfahren. Wie ich höre, so wartet er auf Mehl,« sagte der Steuermann. »Daran ist uns nicht viel gelegen; ich wollte, er nähme etwas Werthvolleres an Bord.« »Uebrigens soll er eine sehr reiche Ladung haben und geht von hier gerade an der Küste hinunter in unser Jagdrevier. Entgehen darf er uns nicht,« sagte Flournoy mit einem stechenden Blick. »Wüßte auch nicht, wie das zugehen sollte; segelt er durch den Bahamacanal, so läuft er uns direkt in die Zähne.« »Wenn wir ihn fangen, sollst Du noch fünfhundert Dollar von meinem Antheil an der Beute haben, Ritcher. Ich mache aber eine Bedingung dabei.« »Weiß schon, Capitain. Das Schwarzauge an Bord soll ich Ihnen dafür einhändigen. Sie ist es werth.« »Bist Du es zufrieden?« »Es ist ja unser erster Handel nicht. Ich liefere sie Ihnen; zeigen Sie mir nur auf See die Mastenspitze der Tritonia. Es darf aber hier nicht mehr zu lange dauern, es fällt in der Stadt auf, daß unsere Leute nur unter meiner Aufsicht ausgehen.« »Sie müssen sich so selten, als möglich, ans Land begeben. Laß auf das Schiff holen, was sie essen und trinken wollen, erfülle Jedem seine Wünsche, doch wenn sie getrunken haben, laß keinen Fremden an Bord. Wir sind mit dem Zollhaus fertig und nun bin ich Kaiser auf diesem Verdeck; nicht der Präsident der Vereinigten Staaten darf es betreten ohne meine Erlaubniß. Nur Vorsicht mit den Leuten, Ritcher, und wird einer von ihnen gefährlich – kurz Gericht, ein Stück Blei an den Hals und über Bord mit ihm.« Gerade während dieser Zeit hatten Ralph und Garrett sich nach dem Comptoir des Herrn H.... begeben und die zweitausend Dollar auf den Creditbrief des Herrn Behrend erhoben, welche Garrett zu sich nahm, um sie, wie er sagte, dem Spieler zurückzuzahlen, der Ralph am Abend vorher diesen Betrag vorgeschossen hatte. 5 10 15 20 25 30 35 261ZwEitER BaNd • FüNFZEhNtEs KapitEl Ralph fühlte sich, als sie das Haus verließen, sehr niedergeschlagen. Garrett aber sprach ihm Muth ein, und erbot sich, ihm ferner Geld zu borgen, damit er das Glück nochmals auf die Probe stellen könne. Der Mißmuth und die Reue, die sich Ralph’s bemeistert hatten, wurden darauf in dem nächsten Trinkhaus gegen tobende wilde Lustigkeit ausgetauscht, Ralph holte dann, nachdem er sich überzeugt, daß Frank nicht auf seinem Zimmer sei, seine Effecten von dort ab, Garrett zahlte seine Rechnung in dem Hotel und führte ihn darauf nach einem Boardinghaus, welches sich nicht weit von dem, wo er selbst lebte, in einer engen Gasse befand. »Es soll mich gar nicht wundern, wenn man von mir Auskunft über Sie zu erhalten sucht,« sagte Garrett, als er mit Ralph auf dessen engem, weiß angestrichenem Stübchen an dem Fenster saß, welches in den jetzt verödeten kleinen Blumengarten hinter diesem hölzernen Hause zeigte. »Um keinen Preis der Welt dürfen Sie mich verrathen, Garrett, ich will Niemanden von der Gesellschaft wiedersehen,« antwortete Ralph, indem er sein Halstuch abriß und den Kragen seines Hemdes öffnete, denn sein Gesicht glühte noch von den genossenen starken Getränken und das Blut jagte pochend durch seine Adern. »Wir müssen Geld zu machen suchen, Norwood,« bemerkte Garrett nach einer Weile. »Sie sind blank und auch ich habe verloren. Was ich noch habe, theile ich gern mit Ihnen, wenn wir aber noch eine Niederlage erleiden, so sitzen wir auf dem Sand. Ich sorge gern in Zeiten.« »Geld machen? Das ist schnell gesagt, aber nicht so schnell gethan,« erwiederte Ralph, »ich wenigstens wüßte nicht, wie ich es ausführen sollte.« »Ich weiß es; es kostet Ihnen nichts mehr, als eine Reise nach New-York und zurück, und ein Jeder von uns hat Geld genug.« »Bei Gott, darum mache ich zehn Reisen nach New-York. Wo bekomme ich aber das Geld?« »Das ist ganz einfach. Ich habe einige Geschicklichkeit, Namensunterschriften treu zu copiren, so, daß der Schreiber derselben meine Schrift selbst als die seinige anerkennen muß. Ein Brief von einem bedeutenden Banquierhaus in New-York, welches seine Wechselgeschäfte mit den Herren B .... & Co. hier in Baltimore 262 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 macht, ist in meinem Besitz. Ich schreibe Ihnen einen Creditbrief von dem New-Yorker Haus auf B .... & Co. hier, und fertige zugleich einen Avisbrief an diese Herren aus. Diesen geben Sie in New-York auf die Post, kommen zugleich mit ihm hier an, präsentiren den Creditbrief bei B.... & Co., und empfangen dagegen die Summe, welche wir bestimmen. Ich denke, wir nehmen viertausend Dollar, damit werden wir vor der Hand ausreichen,« sagte Garrett, indem er Ralphs Gesicht beobachtete, um den Eindruck zu erkennen, den der Vorschlag auf ihn machte. »Das wäre ja eine Fälschung, ein offenbarer Betrug,« erwiederte Ralph überrascht. »Betrug? lieber Gott, ist denn nicht der ganze Handel Betrug? Sucht denn nicht ein Jeder den Andern zu übervortheilen? und wer es am besten versteht, der ist der reichste, der angesehenste Mann,« entgegnete Garrett. »Wenn man mich dabei erwischte!« sagte Ralph zögernd. »Davon kann keine Rede sein, denn Niemand kennt Sie hier, am wenigsten die Herren B.... & Co., und auszahlen werden sie den Betrag sofort, dafür setze ich mein Leben zum Pfande. Kurz entschlossen, es trägt einem Jeden von uns zweitausend Dollar. Sind Sie es zufrieden?« »Man wird mir hier nachspüren und mich endlich doch ausfinden,« antwortete Ralph, immer noch zögernd. »Zum Teufel, Sie können ja gleich mit dem Gelde abreisen. In Ihrer jetzigen Lage, nackt wie eine Kirchenmaus, wüßte ich nicht, wie Sie nach Georgien zurückkommen wollten. Oder ziehen Sie es vor, Ihrem Freunde, Herrn Arnold, oder Herrn Forney zu beichten und sich von ihnen Reisegeld geben zu lassen? Lustig, frisch ans Werk, es giebt einen Spaß, und wir lachen die Schafsköpfe aus, daß sie uns aus der Noth geholfen haben. Sie laufen nicht die mindeste Gefahr dabei. Wollen Sie?« »Was bleibt mir übrig? mag es denn gehen, wie es will, Geld muß angeschafft werden!« erwiederte Ralph aufspringend und schritt in der Stube umher. »So will ich eilen und die Briefe schreiben, damit Sie noch heute abreisen können«, sagte Garrett, nahm seinen Hut und sprang zur Thür hinaus. 5 10 15 20 25 30 35 263ZwEitER BaNd • FüNFZEhNtEs KapitEl Ralph blieb in der Mitte des Zimmers unbeweglich stehen, hielt die Hände krampfhaft ineinander gepreßt vor die Brust und blickte starr auf den Fußboden vor sich nieder. »So weit ist es also durch den ersten Fehltritt, den ich auf der Bahn der Besserung gethan hatte, schon mit mir gekommen!« dachte er, zog seine Brauen finster zusammen und biß die Zähne aufeinander. Er fühlte sich wie in einer Falle eingeklemmt, wenn auch das bessere Selbst, welches noch in ihm aufflackerte, sich gegen diese Fesseln, die ihn in Verderbtheit und Laster hielten, sträubte und sie zu zerreißen suchte. Aber nirgends sah er einen Ausweg oder besser gesagt, er wandte seine Blicke von ihm ab; denn der Gedanke, sein Unrecht seinem Freunde zu bekennen und ihn um Vergebung und Hülfe anzusprechen, erschien ihm zu schrecklich, ja unmöglich, ihn auszuführen. Mit einem verbissenen Fluch trat er auf den Fußboden, daß das Fenster klirrte und schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn. Dann aber sanken seine Hände gefaltet vor ihm herunter, er blickte mit einem tiefen Seufzer gegen die niedrige Decke des Zimmers und wieder vor sich auf den Fußboden, und stand unbeweglich wie eine Bildsäule da. »Was hilft es Alles!« sagte er nach einer langen Weile, »ich kann nicht anders, ich muß vorwärts, zurück darf ich nicht mehr. So sei es denn, in des Teufels Namen!« und diese letzten Worte rief er mit einer wilden Geberde, stampfte abermals mit dem Fuße auf den Boden und schritt dann, wie entschlossen, im Zimmer auf und nieder, bis ihn der Ton der Schelle hinunter in das Eßzimmer zu einem sehr kärglichen Mittagsessen rief. Bald nach Tisch kam Garrett wieder, und fand Ralph auf seinem Zimmer in trüben Gedanken am Fenster sitzen. »Frisch ans Werk; hier sind die Briefe, und nun vergleichen Sie die Unterschrift mit der in diesem Schreiben, welches ich mir vor einiger Zeit von den Herren in New-York zu verschaffen wußte. Ich hatte nämlich denselben, um ihre Handschrift zu erhalten, einen Vetter, obgleich ich keinen solchen habe, als Commis in ihr Geschäft angeboten, worauf die Herren mir diese abschlägige Antwort zuschickten. Betrachten Sie deren Namenszug und den von mir geschriebenen, ob Sie jemals etwas Treueres gesehen haben.« 264 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Hiermit reichte er Ralph den Creditbrief und den Avisbrief und hielt dann das an ihn gerichtete Schreiben zum Vergleich daneben. »Das ist meisterhaft copirt; wenn sonst Alles gut geht!« sagte Ralph mit augenscheinlicher Zaghaftigkeit. »Bei Gott, ich habe Ihnen strammere Nerven zugetraut. Wenn ich nicht so bekannt hier wäre, ich würde das Geschäft allein machen. Jetzt nicht lange mehr gezaudert und ans Werk, in drei Tagen sind Sie wieder hier und dann haben wir Geld genug. Kommen Sie, das Dampfboot geht in einer halben Stunde ab.« Ralph sagte kein Wort weiter, nahm seinen Hut, ging mit Garrett nach dem Dampfschiff, wo derselbe ihm das nöthige Reisegeld einhändigte, und ehe eine halbe Stunde verfloß, war er auf dem Wege, um ein Betrüger zu werden. Erst am dritten Tage darauf brachte der Constabel die Nachricht zu dem Präsidenten Forney, daß er den Aufenthaltsort des besagten Herrn Garrett, der als ein professionirter Spieler und als Schwindler bekannt sei, ausgefunden habe und nannte ihm das Boardinghaus, in welchem er wohnte. Frank Arnold eilte nach dieser Mittheilung sogleich zu Garrett hin, wurde sehr höflich von ihm empfangen und mit der Frage in den Parlour geführt: wodurch er ihm gefällig sein könne? »Ich habe in Erfahrung gebracht,« begann Frank, »daß ein Freund von mir, ein Herr Norwood, in Ihrer Gesellschaft den Ball bei Herrn Ballard verlassen hat, und da derselbe seit jenem Abend verschwunden, so bitte ich Sie, mir zu sagen, was Ihnen von seinem spätern Aufenthalt vielleicht bekannt ist.« »Ach so, der junge Mann von Georgien! Es ist mir wirklich leid, Ihnen keine weitere Auskunft über ihn geben zu können, als daß ich ihn mit mehreren Herren, die gleichfalls auf dem Balle gewesen waren, eine andere Straße einschlagen sah, als die, welcher ich folgte. Wer seine Begleiter waren, ist mir ebenso wenig bekannt, da ich nicht darauf Acht gab. Sie sagen, er sei verschwunden? Das klingt ja sonderbar,« erwiederte Garrett mit einem überraschten Ausdruck. »Also wirklich, Sie wissen weiter Nichts über sein späteres Schicksal?« fragte Frank mit bekümmertem Tone. 5 10 15 20 25 30 35 265ZwEitER BaNd • FüNFZEhNtEs KapitEl »Nichts, als was ich Ihnen gesagt habe,« antwortete Garrett auf das Bestimmteste, und Frank mußte sich damit begnügen, obgleich er die Ueberzeugung hegte, daß der Spieler ihm die Wahrheit verschwieg. Kaum hatte aber Frank das Haus verlassen, als Garrett seinen Hut nahm und sich mit raschen Schritten nach dem Werft begab, wo das Dampfschiff, mit welchem Ralph ankommen mußte, seinen Platz hatte. Er trat dort in ein Trinkhaus, nahm ein Glas Branntwein und Wasser zu sich, und setzte sich vor die Thür, um sich mit Rauchen einer Cigarre die Zeit zu vertreiben und das Boot zu erwarten. Erst nach einer Stunde wurde eine Rauchwolke unterhalb des Forts über der Bay sichtbar, dann erschien das Dampfschiff in der Ferne, und als es sich dem Werfte näherte, erkannte Garretts spähender Blick sofort den zurückkehrenden Ralph auf dem Verdeck. »Gut besorgt?« fragte er, als er ihm auf der breiten Bohle entgegensprang, die von dem Schiff auf das Werft geschoben war. »Auf ’s Beste!« entgegnete Ralph mit fester Stimme, trat mit Garrett in die Straße und fuhr sich, den Hut abnehmend, mit der Hand durch das dichte schwarze Haar. Es schien ihm sehr warm zu sein, denn sein Gesicht war geröthet und der Glanz seiner Augen ließ vermuthen, daß er den guten Getränken an Bord des Dampfschiffes fleißig zugesprochen habe. Garrett führte ihn zu dem nahen Trinkhause, dort leerten sie auf glückliche Ausführung ihres Unternehmens ein Glas, und eilten dann zu Ralphs Wohnung, um die Sache mit Muße zu bereden. Der Avis über den an Herrn Johnson ertheilten Creditbrief, denn diesen Namen hatte Garrett seinem Freunde Ralph darin gegeben, mußte zwar in einer Stunde in den Händen der Herren B.... & Co. sein, doch hielt es Garrett für rathsamer, bis zum folgenden Morgen zu warten, ehe Ralph den Herren seinen Besuch machte, um das Geld zu empfangen. Garrett blieb zum Abendessen bei seinem Freunde, und als die Dunkelheit sich über die Stra- ßen gelegt hatte, wanderten sie Arm in Arm hinaus, um die freie Luft zu genießen. Nach ihrem Spaziergang kehrten sie in einen Austerkeller ein, ergötzten sich an den ganz frisch von Norfolk angekommenen 266 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 köstlichen Austern und einigen Flaschen Porterbier, und beschlossen dann, den Circus zu besuchen, in welchem heute, außer verschiedenen Lustspielen, auch vortreffliche Reiterkünste aufgeführt werden sollten. Das Haus war ungewöhnlich mit Zuschauern gefüllt und die beiden Freunde konnten nur noch Eintrittskarten in die untern Logen unmittelbar an der Brüstung der Reitbahn bekommen, welche den ganzen innern Raum, in welchem sich in andern Theatern das Parterre befindet, einnahm, und an dessen einem Ende der Vorhang die Theaterbühne abschloß. Ueber den Unterlogen erhob sich der erste, der zweite und der dritte Rang, welcher letztere auch das Paradies genannt wurde, der erste mit, durch Bretterwände abgetheilten Logen, der zweite aber ohne dieselben mit nach hinten aufsteigenden Sitzen, weßhalb derselbe im Lichten höher war, als die andern, und der dritte mit nur einer Reihe von Sitzplätzen vorn an der Brüstung, während die Zuschauer hinter diesen stehen mußten. Alle vier Abtheilungen waren Kopf an Kopf besetzt, und insbesondere auf dem ersten und dem dritten Rang war die glänzendste Damentoilette sichtbar. In einer der Logen des ersten Ranges, deren vordere Plätze von reich in schweren Seidenstoffen gekleideten und mit blitzendem Schmuck strahlenden Damen eingenommen waren, erblickte man hinter diesen eine zarte weibliche Gestalt, welche durch ihre ganz schwarze Kleidung und namentlich durch den dichten schwarzen Schleier, der ihr Gesicht verhüllte, gegen jene auffällig abstach. Sie saß unbeweglich, hielt ihren Kopf gesenkt, und nur, wenn der elegante junge Mann, der hinter ihrem Stuhle stand, sich zu ihr niederbeugte und ihr einige Worte zuflüsterte, hob sie ihr Gesicht im Umwenden in die Höhe, um ihm zu antworten. Die geputzten Damen auf den vordern Sitzen hatten sämmtlich schon neugierige Blicke nach der unbekannten dunkeln Gestalt geworfen, und die Herren, die den hintern Theil der Loge füllten, bemühten sich, den dichten Schleier zu durchschauen, um zu sehen, ob das Gesicht der Fremden mit ihrer Gestalt in Einklang stehe, denn diese war wunderbar graziös und schlank und ließ die anmuthigsten Formen erkennen. Der junge Mann hinter dem Stuhl der schwarzen Dame 5 10 15 20 25 30 35 267ZwEitER BaNd • FüNFZEhNtEs KapitEl bemerkte die lüsternen Seitenblicke der Herren und schien sich nicht ganz damit zufrieden stellen zu wollen, denn er trat, so viel es der Raum erlaubte, zwischen sie und die Dame, warf ihnen finstere Blicke zu, hustete mehrere Male in zornigem Ton und spielte mit seinem Stock. Endlich hob sich der Vorhang und zog die Aufmerksamkeit aller Zuschauer nach der Bühne hin. Ein junges Mädchen in der Tracht einer Türkin ruhte dort unter einem Palmenbaum und schien zu schlummern. Jetzt bewegte sie sich und mit einer Todtenstille wartete das Publikum auf ihre ersten Worte. »Wo bin ich?« fragte sie erwachend und ließ ihre zarte Hand über ihre Stirn gleiten. »Im Cirkus, drei Häuser von Hitchrocks Austerkeller!« rief ein lustiger Matrose von dem dritten Rang herab, indem er sich mit der linken Hand an der Eisenstange hielt, die von einem Pfeiler zum andern führte, und, sich weit über die Sitzplätze herausbeugend, mit der Rechten sein Taschentuch wehen ließ. Einem Erdbeben gleich folgte dieser Antwort der stürmische Beifall, ein Hurrah übertönte das andere und das Trommeln mit den Füßen und Stöcken wollte kein Ende nehmen. Kaum aber ließ der Sturm ein wenig nach, als der ungebetene Redner vom dritten Rang herab mit einem komischen Ernste sagte: »Ich danke Ihnen, meine Herren und Damen!« Abermals brach der Applaus los, und trotz mehrseitiger Aufforderungen zur Ruhe, konnte die Schauspielerin erst nach einer Weile wieder zu reden anfangen. So unterbrachen laute Bemerkungen und Dazwischenreden häufig das Spiel auf der Bühne und namentlich, als dort gesungen wurde, ertönten einige der allergellendsten, fast unmenschlichsten Schreie von dem dritten Range herab. Demohngeachtet ging das Schauspiel seinen Gang fort, und als der Vorhang fiel, folgte ein wilder, tobender Beifall. Derselbe wurde aber durch den hellen, schmetternden Ton einer Trompete zum augenblicklichen Schweigen gebracht. Aller Augen richteten sich hinab in die Reitbahn, um welche sich die Logen erhoben, und dem Theater gegenüber sprengten durch den weiten Eingang ei- 268 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 nige zwanzig phantastisch gekleidete Reiter und Reiterinnen auf nackten Pferden in den mit Sand bedeckten Kreis. Ein lautes Hurrah von Seiten der Zuschauer bewillkommnete diese Lieblinge des Volkes, die Jahr aus Jahr ein der fröhlichen Laune desselben neue Nahrung zu geben verstanden. Auch der Clown erschien im Kreise, bedankte sich für die wohlverdiente Anerkennung, und gab nun, während er die allerunglaublichsten, übernatürlichsten Sprünge und Kraftstükke ausführte, eine Menge seiner Witze und Späße zum Besten, die namentlich vom dritten Rang her mit vielem Beifall aufgenommen und mit den kräftigsten Erwiederungen beantwortet wurden. Besonders zeichnete sich der noch immer aus dem Paradiese hervorhängende Matrose mit dem wehenden Taschentuch hierbei aus, und es entspann sich eine nachhaltige Unterhaltung zwischen ihm und dem Clown in der Reitbahn in der lustigsten Weise. Während dieser Zeit vollbrachten die Reiter und Reiterinnen die von der allerunerhörtesten Gewandtheit zeugenden Stücke auf ihren Pferden, wobei auch Letztere eine Dressur bekundeten, die an das Unglaubliche grenzte. Ein junges bezaubernd schönes Mädchen, Fräulein Adeline, der Liebling des Publikums, riß namentlich Aller Herzen mit sich fort, als sie zuletzt, als Seminole-Indianerin gekleidet, auf einem edlen Rappen hereinsprengte und sich fliehend mit Bogen und Pfeilen gegen eine Parthie Dragoner vertheidigte, sich hin und her mit einer rasenden Schnelligkeit zwischen ihnen durchwand und bald an den Seiten, bald unter dem Bauch des flüchtigen Pferdes ihren Griffen, ihren Hieben, ihren Schüssen auswich. Donnernde Hurrahs für die Seminolen folgten dem schönen Mädchen, als sie den Bemühungen der sie verfolgenden Cavalleristen entging, mit ihrem Rappen über die geschlossene hohe Brüstung hinwegsetzte und durch den Eingang verschwand. Der Jubel für die Reiterin dauerte noch lange fort, und stürmische Ausrufe für den Schutz und die Freiheit der Seminolen schallten laut dazwischen. Es war eine Pause eingetreten und man war beschäftigt, einige Vorrichtungen für die nächste Vorstellung in der Reitbahn zu ma- 5 10 15 20 25 30 35 269ZwEitER BaNd • FüNFZEhNtEs KapitEl chen, als plötzlich eine weibliche Stimme von dem dritten Rang die Worte herabrief: . ,,Fräulein Leonide, Sie schwarzer Engel, kommen Sie doch zu uns herauf in das Paradies; wir leben hier in einem Sclavenstaat, und es fehlt uns an Schwarzen.« Die Augen aller Zuschauer richteten sich nach der Stimme hinauf und erblickten dort eine junge schwarzgelockte weibliche Schönheit, deren langer weißer Schleier über ihre entblößte rechte Schulter herabwehte, während sie aus den weiten Spitzenärmeln ihren schneeigen Arm nach dem ersten Rang hinhielt und mit der Linken die Eisenstange erfaßt hatte, um sich weit vorbeugen zu können. Alles folgte jetzt der Richtung ihrer Hand, und die allgemeine Aufmerksamkeit heftete sich auf die Loge, in welcher die verschleierte schwarze Dame saß. Diese schien bei den Worten der frechen Rednerin in sich selbst zu versinken, sie neigte ihren Kopf noch tiefer und hielt beide Hände vor ihr Gesicht. »Schlagen Sie Ihren Schleier zurück, Fräulein Leonide, damit die weißen Damen Ihr Afrikanisches Blut erkennen und die Ehre würdigen können, die ihnen durch Ihre Gesellschaft zu Theil wird,« rief wieder das Frauenzimmer von der Gallerie herab und eine gro- ße Zahl anderer, reich geputzter schöner Mädchen drängte sich um dasselbe und rief: »Komm nur herauf zu uns, Leonide Bentley, bringe Deinen Liebhaber mit; Du brauchst nicht eifersüchtig zu sein, denn er liebt das schwarze Fleisch; hier ist nur weißes zu finden.« Der Tumult auf dem dritten Range nahm von Augenblick zu Augenblick zu, auch aus den andern Abtheilungen des Hauses wurden die Rufe gehört: »Hinaus mit den Niggers!« und die schwarze Gestalt erhob sich von ihrem Stuhl, sank aber kraftlos wieder auf denselben zurück. Der junge Mann hinter ihr hatte, wie tröstend, seine Hand auf ihre Schulter gelegt und warf wuthflammende Blicke um sich, während die Damen und Herren in der Loge ihre Augen mit Entrüstung auf die Unbekannte geheftet hielten. »Wenn Du nicht kommst, so holen wir Dich, schwarze Schönheit; Dein Geld und der Name Deines Vaters wischt die Farbe nicht 270 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 von Deiner Haut,« schrieen jetzt viele Stimmen aus dem Mädchenhaufen, der sich auf der Gallerie hin und her drängte. Nochmals erhob sich die Verschleierte in dem ersten Rang und der junge Mann schlang seinen Arm um sie, um ihr behülflich zu sein, da flog die Logenthür auf, Mädchen stürzten herein und rissen der Fremden den Schleier ab. Wie das Gesicht einer Bildsäule schaute jetzt das wunderbar schöne Antlitz des jungen Mädchens aus dem schwarzen Flor heraus und richtete die großen dunkeln, von langen Wimpern überschatteten Augen nach oben. In demselben Augenblicke hatte aber der junge Mann hinter ihrem Stuhle die nächste Angreiferin mit der Linken erfaßt und schleuderte sie gegen die Logenwand zurück, indem er einen Dolch aus dem Busen zog und ihn drohend emporhob. Sein Arm ward aber von den in der Loge befindlichen Männern ergriffen, die Waffe seiner Hand entwunden und er selbst auf die Erde niedergeworfen, während die Mädchen von dem dritten Range die unglückliche Quadrone erfaßten, sie aus der Loge rissen und im Triumph mit sich fort nach der Gallerie führten. Wenige Minuten nachher langte die freche Schaar auf dem dritten Range an, hielt die jetzt ohnmachtige Leonide hoch in ihren Armen zur Schau empor und ließ ein wildes Lachen und Jubeln ertönen. Leonide war die Tochter eines vermögenden Mannes, Namens Bentley, und einer freien Mulattin. Ihre vielseitig ausgebildeten geistigen Vorzüge, so wie ihre seltene körperliche Schönheit hatten den Sohn reicher Eltern aus der ersten Gesellschaft gefesselt, und da die Gesetze ihr nicht erlaubten, seine Frau zu werden, so mußten sie in geheimer Verbindung ihre Seligkeit finden. Unüberlegter Weise hatte er sich von seiner innigen Liebe verleiten lassen, Leonide verschleiert in die Gesellschaft zu führen, welcher sich zu nahen ihr das Vorurtheil, der Fluch, der auf dem Afrikanischen Blute in den Vereinigten Staaten lastet, nicht erlaubte. Ein Constabel kam dem unglücklichen Mädchen zu Hülfe, entriß sie den Händen ihrer Peinigerinnen und gab sie dem Geliebten zurück. Durch das Wiederbeginnen der Vorstellung wurde die Ruhe hergestellt und alle Aufmerksamkeit abermals in die Reitbahn gelenkt. 5 10 15 20 25 30 35 271ZwEitER BaNd • FüNFZEhNtEs KapitEl Der Clown erschien mit einer sehr langen Leiter, vermittelst welcher er bewunderungswürdige Stücke ausführte. Er war wieder mit dem redseligen Matrosen auf dem dritten Range in Unterhaltung getreten, der seine Laune durch einige kräftige Trunke angefeuert zu haben schien und zur Belustigung des Publikums dem Narren keine Antwort schuldig blieb. Er rief diesem zu, er solle auf seiner Leiter zu ihm heraufsteigen, worauf derselbe ihn bat, ihm die Hand zu reichen, seine Leiter in der Mitte der Reitbahn frei hinstellte, mit großer Schnelligkeit an derselben in die Höhe lief, sich mit den Füßen auf deren Spitze schwang, strack sich aufrichtete und auf der Leiter balancirte. »Nun reiche mir die Hand, wenn Du wirklich ein fliegender Matrose bist!« rief er zu diesem hinauf und streckte ihm seine Hand entgegen. »Hier nimm sie, aber halt sie fest, damit ich Dich nicht fallen lasse«, antwortete der Matrose scherzend und legte sich weit über die Sitzenden, hinter denen er stand, hinaus. In diesem Augenblick aber glitt seine linke Hand von der glatten Eisenstange ab, er überschlug sich, fing sich mit den Fingern an einer Verzierung, die an der untern Hälfte der Brüstung angebracht war und hing nun schwebend in der Luft. »Ach Gott, hilf mir!« rief er kläglich, »hilf mir, großer Gott – hilf mir!« rief er wiederholt und immer flehender; es konnte aber Niemand sogleich zu ihm gelangen, um ihn seinem Schicksal zu entreißen. Der Schrecken und das Entsetzen der Tausende von Zuschauern steigerte sich von Augenblick zu Augenblick, da jeder folgende den Sturz des Unglücklichen und dessen Zerschmettern auf dem Grunde herbeiführen konnte. Alle Blicke waren in banger Erwartung auf ihn geheftet und manche bebende Stimme der Theilnahme und des Erbarmens brach in Angstrufe und Klagegeschrei aus. Immer noch klammerte sich der junge Mann mit der Kraft der Verzweiflung an die zollbreite Verzierung fest, man sah aber, seine Kräfte gingen zu Ende, er fing an krampfhaft zu zittern und blickte seitwärts in die Tiefe hinunter, als wolle er den Fleck erspähen, auf dem er niederfallen müsse. 272 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »So mag mich denn der Teufel zur Hölle führen!« schrie er plötzlich, seine Hände glitten von der Verzierung ab und unter einem einstimmigen Schrei der entsetzten Zuschauer stürzte er hinab in die Reitbahn. Der Clown, der bereits wieder die Erde erreicht hatte, sprang zu ihm hin und trug ihn, wie leblos, aus dem Kreis. Die Störung wurde jedoch gleichfalls bald vergessen, denn die Reiter und Reiterinnen erschienen jetzt als Seminolen, um eine Quadrille zu Pferd auszuführen. Der Jubel, womit sie begrüßt wurden, kannte keine Grenzen und übertönte die Musik; dann folgten die erstaunten Blicke den zierlichen, leichten Wendungen der schönen Pferde und den graziösen Bewegungen der Reiter und Reiterinnen, und nur einzeln gab sich noch die Bewunderung der Zuschauer durch Ausrufe zu erkennen. Nach dieser Vorstellung folgte ein Lustspiel auf dem Theater; ehe sich aber der Vorhang hob, trat einer der Reiter in die Bahn und verkündete, daß der Matrose sich bereits erholt und nur einen gebrochenen Arm davongetragen habe, sich im Uebrigen aber wohl befände. 273 5 10 15 20 Capitel 16. Der Betrüger. – Die Promenade. – Der Buchhalter. – Väterliche Erklärung. – Liebesnoth. – Heimliche Zusammenkunft. – Das Versprechen. – Beruhigung. – Vorbereitung. Am folgenden Morgen, bald nach dem Frühstück, trat Gar-rett zu Ralph in’s Zimmer, um dessen bevorstehenden Besuch bei den Herren B.... & Co. nochmals mit ihm zu besprechen. Er fand ihn weit entschlossener, als er geglaubt hatte, ihn zu treffen, und redete so leicht als möglich über die Ausführung des Unternehmens, um ihn immer noch fester in seinem Entschluß zu machen. Er sagte, daß nur Memmen sich durch Bangigkeit überwältigen ließen und sich durch ihre Zaghaftigkeit verriethen, daß aber ein Mann von Muth selbst dem Teufel, ohne zu blinzeln, in’s Auge sehen und ihm einen selbstgemachten Wechsel zur Zahlung präsentiren müsse. In dem nächsten Trinkhaus wurde dann das letzte Aufkeimen von Bedenken in Ralph durch ein Glas Cognac beschwichtigt und er schritt, vollkommen mit sich einig, dem Comptoir der Herren B.... & Co. zu. Beim Eintreten in das Zimmer sahen mehrere junge Männer von ihren Schreibpulten zu ihm auf, und einer derselben fragte ihn, was sein Begehren sei. »Ich wünsche den Herrn B.... zu sprechen«, war seine Antwort. »Darf ich um Ihren Namen bitten«, sagte der Commis. »Mein Name ist Johnson«, entgegnete Ralph. »Sind Sie vielleicht der Herr, welcher einen Credit von viertausend Dollar von Newyork auf uns in Händen hat?« 274 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Derselbe«, antwortete Ralph mit vollkommener Ruhe, worauf der junge Mann in das Nebenzimmer ging und gleich darauf mit Herrn B.... aus demselben zurückkehrte. Herr B.... schritt mit den Worten auf Ralph zu: »Ich habe gestern schon den Avis über den, Ihnen von meinen Freunden gestellten Credit erhalten, Herr Johnson, das Geld steht zu Ihrer Verfügung. Haben Sie den Creditbrief bei sich und wünschen Sie die Summe jetzt ganz oder theilweise zu empfangen?« »Ich bitte um den ganzen Betrag, da ich ihn schon während der ersten Tage gebrauchen werde«, erwiederte Ralph, indem er dem Herrn B.... den Creditbrief reichte. »Ganz wohl. Nehmen Sie gefälligst einen Augenblick Platz«, sagte B.... und begab sich in das Nebenzimmer zurück. Ralph hatte sich auf einem Stuhl niedergelassen und harrte nun auf das Ende seines Unternehmens. Es waren die schwersten Minuten seines bisherigen Lebens, die er auf diesem Stuhle zubrachte. Seine Spannung schien in das Rad der Zeit einzugreifen und es anzuhalten, denn die Augenblicke wurden ihm zu Minuten. Er hielt den Rand seines Hutes zwischen den Knieen fest in seine Hände gepreßt und blickte bald an die Wände, bald an die Decke über sich, bald auf den Fußboden, er wußte nicht, wie er sich setzen sollte, um gleichgültig und unbefangen zu erscheinen und die Angst zu verheimlichen, die sich entsetzlich in ihm steigerte. B.... war verschwunden; es war ja möglich, daß er den Betrug entdeckt und nach einem Constabel geschickt hatte, um ihn gefangen nehmen zu lassen. Er blickte nach der Thür und war entschlossen, für einen solchen Fall durch Hülfe seiner Kräfte sich in Freiheit zu setzen. Er lauschte nach dem Nebenzimmer hin; dort mußte aber der Fußboden mit einem Teppich belegt sein, denn der Tritt des Herrn B.... war sogleich verhallt. Eine Ewigkeit war für Ralph verflossen, als plötzlich der Ton einer großen Papierscheere in dem Nebenzimmer erklang und gleich darauf Herr B.... mit einem Papier in der Hand in das Comptoir zurückkehrte. »Hier ist eine Anweisung auf die Bank von viertausend Dollar, Herr Johnson«, sagte er und händigte Ralph das Papier ein. Dann wandte er sich an einen Commis, beauftragte ihn, eine Quittung über diesen Betrag auszufertigen und sie von dem Herrn Johnson 5 10 15 20 25 30 35 275ZwEitER BaNd • sEchZEhNtEs KapitEl unterzeichnen zu lassen, und bat Ralph, ihn zu entschuldigen, da er im Augenblick eilige Briefe für das nächste Packetboot nach England zu beendigen habe. Ralph beurlaubte ihn von Grund seines Herzens gern, steckte die Anweisung in seine Brusttasche, unterzeichnete die Quittung und eilte mit einem tiefen Athemzuge aus der Thür in die Straße. Er mußte sich Gewalt anthun, um sich nicht in fliegenden Lauf zu setzen, es kam ihm vor, als müßten die Vorübergehenden die Ursache seiner Eile erkennen; aber er machte sehr große Schritte, und mit jedem, um den er die Entfernung zwischen sich und dem Geschäftslokal der Herren B.... & Co. vergrößerte, sank die Last mehr und mehr von seinem Herzen. Er hatte die nächste Straßenecke erreicht, warf noch einen Blick nach dem Comptoir und nun hielt er sich nicht länger zurück. Im Sturmlauf rannte er davon, als wenn er von Feuerflammen verfolgt würde. Athemlos und die Stirn mit Schweiß bedeckt erreichte er das Trinkhaus, wo ihn Garrett erwarten wollte, und dieser kam ihm mit den Worten entgegen: »Alles gut gegangen?« »Alles«, antwortete Ralph, erfaßte Garrett’s Arm und schritt mit ihm in die nächste kleine Gasse, um ihm das Resultat mitzutheilen. »Das ist ein verdammter Streich, daß die Anweisung auf diese Bank lautet; denn dort ist Forney Präsident. Wenn er Sie erblickte, so wären wir sofort entdeckt, und i c h darf dies Geld nicht eincassiren, da mich sämmtliche Beamten in der Bank kennen. Einen Dritten in das Geheimniß ziehen, ist gefährlich und würde uns einen Theil des Verdienstes kosten«, sagte Garrett; dann stand er einen Augenblick, sinnend vor sich niedersehend. »So geht es!« fuhr er plötzlich auf, »Forney begiebt sich nicht früh nach der Bank, vielleicht ist er noch in seinem Hause. Ich mache ihm einen Besuch, um mich zu erkundigen, ob Nachricht über Sie eingelaufen sei und halte ihn lange genug auf, um Ihnen Zeit zu geben, das Geld zu empfangen. Außer ihm kennt Sie ja keine Seele an der Bank.« Dann eilte er mit Ralph nach der nächsten Miethkutsche, beide sprangen in dieselbe hinein, zogen die Gardinen vor die Fensterscheiben und fuhren nach Forney’s Haus. Dort stieg Garrett aus, schloß den Schlag hinter sich, zog die Schelle an der Hausthür, 276 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 und als der sie öffnende Diener die Frage, »ob Herr Forney sich zu Hause befinde«, bejaht hatte, wandte sich Garrett nach dem Kutscher um und gab ihm einen Wink, fortzufahren. Garrett ließ sich nun bei dem Präsidenten anmelden, und dieser trat, mit dem Hut in der Hand, zu ihm in den Parlour, da er gerade im Begriff stand, sich nach der Bank zu begeben. Garrett nannte seinen Namen und theilte nun Herrn Forney mit, daß er komme, um sich zu erkundigen, ob noch keine Nachrichten über den Aufenthalt des vermißten Herrn Norwood, nach welchem man sich so dringend bei ihm erkundigt habe, eingelaufen seien, bemerkte aber zugleich, daß er hoffe, zu dessen Auffindung die Mittel und Wege angeben zu können. Der Präsident, der ihn mit innerm Widerwillen empfangen hatte, erblickte in dieser Bereitwilligkeit einen guten Zug in Garrett’s Charakter, dankte ihm dafür und bat ihn um Mittheilung der Gründe, die ihn zu dieser Hoffnung berechtigten. »Vor allen Dingen muß ich die Handschrift des Herrn Norwood sehen, dann werde ich beurtheilen können, ob ich mich getäuscht habe, oder nicht«, sagte Garrett. »Das ist ein Leichtes, denn mein zukünftiger Schwiegersohn besitzt unstreitig Schreiben seines Freundes. Er ist im Augenblick noch nicht hier, doch wird er sehr bald kommen, wenn Sie nur hier auf ihn warten wollen«, erwiederte der Präsident. »Können Sie ihn nicht hierher rufen lassen, denn ich möchte nach Ansicht der Handschrift noch eine Auskunft von Ihnen erfragen, Herr Präsident«, sagte Garrett. »Ich brauche nicht nach ihm zu schicken, er wird ohnedies bald hier sein. Ein Aufenthalt ist mir nur gerade jetzt unangenehm, meine Zeit ist knapp, ich werde auf der Bank erwartet«, entgegnete Forney. »Es hängt aber vielleicht das Schicksal des jungen Mannes von dieser Auskunft ab, Herr Präsident. Wenn es Ihnen einigermaßen möglich ist, so thäten Sie doch sehr wohl, bis zur Ankunft Ihres Herrn Schwiegersohns hier noch zu verweilen«, antwortete Garrett mit geheimnißvollem Ton. »Nun, wenn es von Wichtigkeit ist, so muß ich mich fügen. Es liegt uns unendlich Viel daran, Nachricht über Norwood zu er- 5 10 15 20 25 30 35 277ZwEitER BaNd • sEchZEhNtEs KapitEl halten«, sagte der Präsident, stellte seinen Hut auf den Tisch und schritt nach dem Fenster, um in der Straße hinunter zu blicken, ob er noch nichts von Frank gewahre. »Könnten Sie mir denn Ihre Fragen nicht jetzt vorlegen und später von Herrn Arnold die Handschrift Norwood’s erhalten?« fragte Forney nach einer kleinen Weile, indem er wieder zu Garrett hintrat, der es sich im Sopha bequem gemacht hatte. »Das geht nicht, Herr Präsident; denn wenn die Handschrift des Herrn Norwood nicht dieselbe ist, welche ich zufällig anderswo gesehen habe, so habe ich mich getäuscht und bin zu den Fragen nicht berechtigt, indem ich dann das Geheimniß eines Fremden verrathen würde, welches in gar keiner Beziehung zu der Angelegenheit des Herrn Norwood steht«, erwiederte Garrett mit großer Bestimmtheit. »Das ist ja sonderbar«, sagte der Präsident und trat ungeduldig an’s Fenster zurück; Frank aber wollte immer noch nicht erscheinen. Garrett blickte von Zeit zu Zeit auf seine Uhr, wobei sein Antlitz immer heiterer wurde, während die Ungeduld Forney’s sich steigerte, denn es war bereits eine Stunde unter vergeblichem Warten verflossen. Endlich erblickte er Frank in der Straße und eilte selbst an die Hausthür, um sie ihm zu öffnen. »Haben Sie vielleicht eine Handschrift Ihres Freundes Norwood bei sich, lieber Arnold?« fragte er den Angekommenen schon im Corridor, »der Garrett ist im Zimmer und hofft uns Auskunft über Jenen verschaffen zu können, er sagt aber, er müsse erst seine Handschrift sehen.« »Ei ja wohl, ich habe noch einige Notizen in meiner Brieftasche, die er geschrieben hat«, erwiederte Frank mit freudiger Ueberraschung, indem er die Tasche hervorzog und mit Forney in’s Zimmer schritt. Er entfaltete nun verschiedene Papiere und reichte sie Garrett mit der bestimmten Versicherung hin, daß die Schrift darauf von Ralph herrühre. »Sind Sie dessen auch gewiß?« fragte dieser, nachdem er die Papiere eine Weile mit größter Aufmerksamkeit betrachtet hatte. »Ganz gewiß, es ist kein Zweifel darüber, denn ich selbst habe ihn dies schreiben sehen«, erwiederte Frank. 278 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Dann muß ich Ihnen zu meinem Leidwesen gestehen, daß ich mich geirrt habe und daß die Spur, auf der ich mich befinde, nicht die des Herrn Norwood sein kann. Uebrigens beruhigen Sie sich darüber, ich werde dennoch ausfinden, was aus ihm geworden ist«, sagte Garrett und wandte sich dann zu Herrn Forney mit den Worten: »Ich bedauere unendlich, Herr Präsident, daß dieser Irrthum in meinem Eifer, Ihnen nützlich zu werden, mich verleitete, Sie so lange von Ihren Geschäften abzuhalten. Ich hoffe aber, ich bin bei Ihnen entschuldigt.« Dann ergriff er seinen Hut, empfahl sich rasch und verließ eilig das Haus. Ralph war von Forney’s Wohnung direkt nach der Bank gefahren, hatte dort gegen die Anweisung sofort den ganzen Betrag in Banknoten empfangen und sich nach Abrede dann nach seinem Boardinghaus auf sein Zimmer begeben, wo ihn Garrett fand, als er von seinem Besuch bei dem Präsidenten zurückkehrte. »Nun, Freund, haben Sie das Geld?« fragte Garrett, indem er in die Stube sprang. »Hier ist es, in gutem Papier«, entgegnete Ralph und legte ein Packet mit Banknoten auf den Tisch. »Verdammt, wenn wir das Ding nicht schlau angefangen haben! und der letzte Spaß war der beste. Der alte Forney stand wie auf glühenden Kohlen, um nach der Bank zu gehen, ich aber hielt ihn mit der Aussicht, ihm Nachricht über Sie geben zu können, zurück, und nach Verlauf einer Stunde erklärte ich ihm schließlich, daß ich mich geirrt habe. Lassen Sie jetzt sehen«, sagte Garrett, indem er das Packet öffnete, »wir wollen sogleich theilen, dann haben wir reine Rechnung.« Das Geld theilten sie nun unter sich, und als Ralph seine zweitausend Dollar in die Tasche steckte, sagte er: »Nun muß ich mich erkundigen, wann das nächste Boot nach Richmond abgeht, denn meines Bleibens ist hier nicht länger.« »Ei, wo denken Sie hin?« entgegnete Garrett; »vor morgen erhält das Newyorker Haus die Aufgabe von der Zahlung an Sie nicht, und dann geht wieder mehr als ein Tag darüber hin, bis die Herren B.... & Co. die Nachricht bekommen, daß sie angeführt sind. Bis dahin also können Sie ganz ruhig hier bleiben, und sogar später 5 10 15 20 25 30 35 279ZwEitER BaNd • sEchZEhNtEs KapitEl droht Ihnen keine Gefahr; denn es kennt Sie Niemand hier und Sie werden wohl den Herren B.... & Co. Ihre Aufwartung so bald nicht wieder machen. Außerdem ist gestern das Dampfschiff nach Richmond abgefahren und es geht in jeder Woche nur eins dorthin ab. Heute Abend ist Hahnengefecht, da werden Sie sich amüsiren. So vollblütige Hähne haben Sie in Ihrem Leben nicht gesehen, wie sie heute Abend auf den Kampfplatz kommen. Auch wird dort gespielt, und ich dächte doch, daß Sie Ihr verlorenes Geld nicht im Stiche zu lassen gesonnen sind.« »Das wußte der Teufel, solches Unglück habe ich früher nie gehabt. Ich will mich aber doch nach dem Abgang des Bootes erkundigen, denn mit dem allerersten reise ich ganz bestimmt ab. Holen Sie einen Fiacre hierher, ich mag bei Tage nicht mehr durch die Straßen gehen«, sagte Ralph, und Garrett entfernte sich, um seinem Wunsche nachzukommen. ∗    ∗    ∗ Es war einer von jenen herrlichen Decembertagen Nord- Amerika’s, an denen der Sommer sich hereingedrängt zu haben scheint, um dem Winter die Herrschaft streitig zu machen. Der Himmel wölbte sich in seinem klarsten, reinsten Blau über Land und See, kein Wölkchen, auch nicht der leiseste weiße Hauch war an ihm zu sehen, die Sonne spiegelte sich golden auf den leichten, tanzenden Wellen der Bay und beleuchtete die unzähligen, blendend weißen, großen und kleinen Segel, die schaukelnd und nikkend über die grüne, durchsichtige Fluth glitten, sie glänzte auf den Thürmen und Kuppeln der Stadt Baltimore, und warm und freundlich ruhten ihre Strahlen auf der breiten, endlosen Marketstraße, auf deren Trottoirs zu ihren beiden Seiten die weit und breit berühmten Schönheiten dieser Stadt in reichster Toilette auf und nieder gingen. Kostbare Carrossen sah man hier und dort vor den prächtigen Kaufläden halten oder in der Straße hinrollen, um geschmackvoll geputzte Damen von einem Laden zum andern zu führen, und fashionable junge Männer tummelten ihre edlen Pferde hin und her, oder bewegten sich, langsam spazierend, auf den Trottoirs fort, um die junge Damenwelt zu bewundern. 280 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 E i n Paar unter den Hunderten, die hier lustwandelten, erregte allgemeine Aufmerksamkeit; es war Flournoy an der Seite der schönen Melanie. Der ziemlich eng anschließende, schwarze Anzug des Capitains zeigte die kräftigen Formen seiner edlen Gestalt, deren auffallende Größe die Blicke aller Vorübergehenden unwillkürlich anzog. Sein schönes, männliches Gesicht war von einem sehr starken, gekräuselten, glänzend schwarzen Barte umgeben und unter seinem etwas auf eine Seite gesetzten, runden Hut quollen die vollen Locken seines rabenschwarzen Haars hervor. Trotz seines herkulischen Baues ging er leicht und elastisch neben der reizenden, zierlichen Blondine, halb zu ihr hingewandt, und neigte sich während der lebendigen Unterhaltung, die sie pflogen, häufig zu ihr nieder, um ihr einige leise Worte zuzuflüstern. Melanie schien die Aufmerksamkeit, welche sie erregten, mit einem wohlthuenden Gefühl zu bemerken, und ging so hoch auf ihren niedlichen Füßchen, als es ihr nur möglich war, um neben dem großen, schönen Manne nicht zu klein zu erscheinen; denn oft hörte sie Vorübergehende sagen: »Wer mag der schöne große Mann sein?« oder: »Das war ja ein bildschöner Mann!« und süß und entzückend klangen solche Worte in ihrem Herzen wieder. »Ich habe es nach Deinem Wunsche gestern Abend meinen Eltern mitgetheilt, daß Du mich heirathen wolltest, Alfred,« sagte Melanie zu Flournoy, denn dies war sein Taufname, »der Vater aber sagte, er wolle sich erst über Dich erkundigen, ehe er seine Zustimmung gäbe.« »Du hast ihn doch an Ballard verwiesen? denn diesem allein sind hier meine Verhältnisse genau bekannt. Dein Vater wird wohl keine Einwendungen gegen unsere Verbindung zu machen haben.« »O, sicher nicht, Alfred; wer kann Dir denn wohl nicht gut sein!« erwiederte Melanie und hob ihre großen blauen Augen liebewarm zu ihm auf. »Ich werde es heute Abend erfahren, nach dem Abendessen komme ich, wie gewöhnlich, zu Euch. Wie aber, wenn er uns seine Zustimmung verweigerte – würdest Du von mir lassen, engelsüße Melanie?« 5 10 15 20 25 30 35 281ZwEitER BaNd • sEchZEhNtEs KapitEl »Nimmermehr, eher gebe ich die ganze Welt auf!« antwortete das Mädchen rasch und entschlossen und sah Flournoy mit einem erschrockenen Blick an. »So soll uns auch keine Macht der Erde trennen!« sagte Flournoy feurig, »Du mußt aber bald mein werden, theure Melanie; denn Du weißt, mein jetziger Aufenthalt hier wird nur noch von kurzer Dauer sein. Wenn ich aber zurückkehre, dann richte ich es ein, recht lange bei Dir zu bleiben. Das ist nun einmal das Loos des Seemanns, daß der Abschied dem Willkommen seiner Lieben immer bald folgt. In der guten Jahreszeit aber mußt Du mich begleiten, mein Leben, mein Alles; es ist so schön auf See!« »O, wie gern folgte ich Dir gleich diesmal, mein Alfred, wenn Du es mir nur erlauben wolltest.« »Nicht in dieser Jahreszeit, bestes Mädchen. Die See kann auch fürchterlich sein«, antwortete Flournoy mit einem düstern Blick und halb in Gedanken versunken. – Dann fuhr er nach einigen Augenblicken fort: »Wenn Du mein bist, miethen wir uns in ein gutes Boardinghaus ein, und dort kannst Du wohnen bleiben, bis ich zurückkehre, wenn Du es nicht vorziehest, während dieser Zeit bei Deinen Eltern zu wohnen.« »Ganz, wie Du es wünschest, Alfred; ich habe keinen Willen, keinen Wunsch mehr, als das zu thun, was Dir Freude macht.« Sie hatten die Straße erreicht, welche von der Marketstraße nach der Wohnung Melaniens führte, und hier blieb diese stehen und sagte: »Es ist Zeit, daß wir uns trennen; Vater wird jetzt bald von dem Comptoir nach Hause gehen. Wenn es nur schon Abend wäre, daß ich Dich wiedersähe. Du böser, lieber Mann, bald machst Du mir die Stunden zu Minuten und dann wieder die Minuten zu Stunden!« sagte Melanie mit einem seligen Lächeln. »Könnte ich nur immer bei Dir sein, ich wollte ja gern auf alle übrige Welt verzichten!« »Bis heute Abend, mein Engelsmädchen!« Mit diesen Worten nahm Flournoy seinen Hut ab, verneigte sich in aller Form, nochmals begegneten sich ihre glückstrahlenden Blicke, und kaum den Boden berührend schwebte die kleine Melanie auf dem Trottoir der Seitenstraße ihrer Wohnung zu. 282 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Diese bestand in einem einstöckigen, drei Fenster breiten Backsteinhaus mit einer hohen, weißen, hölzernen Treppe vor der Thür, auf deren Höhe mehrere Stühle Raum hatten. Das Haus, mit einem tiefen Erdgeschoß und einem kleinen, sauber gehaltenen Garten dahinter, war das Eigenthum des alten Buchhalters Terrel, der schon seit vielen Jahren in Diensten der Herren B.... & Co. stand. Terrel war ein ernster, verständiger Mann, der den größten Theil seines Lebens damit zugebracht hatte, in dem Geschäft, dem er diente, Ordnung und Pünktlichkeit zu handhaben, und diese hatte er beide nicht allein in seine häuslichen, sondern in alle seine Lebensverhältnisse übertragen. Alles, was er that, überlegte er vorher ruhig und reiflich, und that es dann so, wie es gethan werden mußte. Er war einer von den Menschen, denen fast niemals etwas Ungewöhnliches begegnet und die in dem täglichen Einerlei ihr Glück finden. Seine Geschäftszeit verbrachte er in ungestörter, glücklicher Ruhe und hatte die Freude, am Ende jeden Jahres eine bedeutende Summe als Verdienst seiner Brodherren auf das Capitalconto zu übertragen. Sein Familienleben war bisher eben so heiter und ungetrübt gewesen; denn er hatte eine brave, häusliche und sparsame Frau, die Alles im Hauswesen zu seiner vollsten Zufriedenheit besorgte, und seine fünf Kinder, von denen Melanie das älteste war, hatten ihm bis auf die Stunde nur Freude gemacht. Kaum war Melanie in ihr Zimmer eingetreten, als auch der alte Terrel nach Hause kam und sich auf den kleinen Hof zu dem dort stehenden Waschtisch begab, um sich, nach seiner Gewohnheit, die Hände zu säubern, ehe er an Tisch ging. Darauf schritt er in das Wohnzimmer, wo seine Frau eben beschäftigt war, den Tisch zu decken, setzte sich nahe dem Fenster in einem Armstuhl nieder, entfaltete die heutige Baltimore Chronicle, um sie flüchtig zu durchblicken und namentlich die Congreßverhandlungen in Washington zu lesen. Bald darauf war die sämmtliche Familie versammelt, und Madame Terrel bat, zu Tisch zu kommen. Terrel beobachtete während der Mahlzeit ein ungewöhnliches Schweigen und schien über eine Angelegenheit von Wichtigkeit nachzudenken. 5 10 15 20 25 30 35 283ZwEitER BaNd • sEchZEhNtEs KapitEl Nach Tisch hatte sich Melanie kaum auf ihr Zimmer begeben, als ihr Vater zu ihr eintrat und mit ernstem Tone sagte: »Melanie, ich habe mich nach dem Capitain Flournoy erkundigt, und in keiner Weise befriedigende Auskunft über ihn erhalten.« Melanie wurde bei diesen Worten bleich und stützte sich mit der Hand auf den Tisch, da sie fühlte, daß ihre Füße zu wanken begannen. »Ich habe zuverlässige Leute gesprochen,« fuhr Terrel fort, »die ihn vor einigen Jahren gekannt haben, als er Steuermann auf einem Ostindienfahrer gewesen war und die mir sagten, daß er sich hier als professionirter Spieler in der verdorbensten Gesellschaft umhergetrieben habe. Jetzt ist er allerdings Capitain eines Schiffes, welches, wie man sagt, einem Havanneser Haus gehört, und an welchem er, wie er behauptet, einen Antheil hat. Ueber diesem Schiffe und seiner Mannschaft ruht aber etwas Geheimnißvolles, wenigstens haben sich unter den Seeleuten allerlei unheimliche Gerüchte darüber verbreitet. Capitain Flournoy ist nicht der Mann, dem ich mein Kind als Lebensgefährtin anvertrauen kann.« Melanie hatte sich bis jetzt aufrecht erhalten, die letzten Worte ihres Vaters aber verwirrten ihre Sinne, ihre Brust zog sich krampfhaft zusammen, die Stube drehte sich mit ihr, und ohne einen Laut sank sie am Tische nieder. Der erschrockene Terrel hob sie in seinen Armen auf, setzte sie in das Sopha, benetzte ihre Schläfe mit kaltem Wasser und redete beruhigend zu ihr. Nach wenigen Minuten öffnete Melanie ihre Augen wieder und ein Thränenstrom brach aus ihnen hervor. »Ich werde zur Erlangung vollständiger Gewißheit über ihn sofort nach Havannah schreiben, Melanie,« sagte Terrel besorgt und beschwichtigend. »Wenn die Auskunft von dort günstig lautet, so habe ich ja Nichts gegen Deine Verbindung mit Flournoy; ich will nur Dein Glück, mein Mädchen.« »Mein Glück, Vater? Es giebt für mich ohne Alfred kein Glück mehr in der Welt!« sagte Melanie, preßte beide Hände fest auf ihr Herz und senkte, in ihren Schooß niederblickend, ihren goldgelockten Engelskopf. »Wenn er ein rechtschaffener Mann ist, so hast Du Grund dazu, so zu reden, ist er es aber nicht, so wirst Du bei ihm kein Glück 284 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 finden. Wir müssen Gewißheit darüber haben, bis dahin wirst Du Dich fern von ihm halten. Ich habe ihm geschrieben und ihn ersucht, vor der Hand mein Haus nicht mehr zu betreten.« Melanie zuckte zusammen, auf ’s Neue entquollen Thränen ihren Augen und rollten über ihre bleichen Wangen in die gefalteten Hände hinab; sie sagte aber kein Wort, es wurde kein Klagelaut von ihr hörbar. Stumm und regungslos saß sie da, und schien die beruhigenden tröstenden Reden ihres Vaters nicht zu hören. Terrel glaubte, daß es gut sei, die Tochter jetzt ihren eigenen Betrachtungen zu überlassen, legte die Hand auf ihre Schulter und sagte: »Bedenke Dein eigenes und Deiner Eltern Glück und gieb der Vernunft Gehör!« Dann verließ er das Zimmer. Kaum aber hatte sich die Thür hinter ihm geschlossen, als die stumme Verzweiflung, die sich Melaniens bemeistert hatte, in lautes Weinen und Klagen überging; händeringend richtete das unglückliche Mädchen die thränenschweren Blicke nach oben, warf sich auf die Kniee nieder und verbarg das Antlitz in ihren kleinen Händen. Dann sprang sie wieder, wie zu einem Entschluß gekommen, auf, ging rasch und stier vor sich hinblickend im Zimmer auf und nieder, und sank endlich ermattet und erschöpft auf das Sopha, wo sie regungslos in brütendem dumpfem Schmerze noch hingestreckt lag, als die Sonne schon lange die letzten Strahlen von dem Fenster des Stübchens zurückgezogen und der Nacht die Herrschaft über die Erde abgetreten hatte. Die Mutter Melaniens war wiederholt zu ihr getreten, um ihr Vernunft einzureden, und ihr zugleich, wenn auch nur schwache Hoffnung als augenblicklichen Trost zu geben. Beides aber fand in dem liebenden Herzen der Tochter keinen Eingang, und mit zärtlichem kindlichem Flehen bat sie die Mutter, sie mit ihrem Schmerz allein zu lassen. Plötzlich klang ein heller Ton, als wenn ein Steinchen an das Fenster geworfen wäre, zu ihrem Ohr; wie ein elektrischer Funke fuhr er durch ihre Nerven, sie sprang auf, blickte mit weitgeöffneten Augen und mit verhaltenem Athem nach den Scheiben, durch welche das matte Licht einer nicht ferne von dem Hause stehenden Laterne in das Zimmer drang; da erklang das Glas wieder, mit ei- 5 10 15 20 25 30 35 285ZwEitER BaNd • sEchZEhNtEs KapitEl nem Sprunge hatte Melanie das Fenster erreicht, riß es auf, und ihr erster Blick fiel auf die wohlbekannte theure Gestalt des Geliebten, der, in einen großen Mantel gehüllt, von der andern Seite der Stra- ße her auf das Haus zutrat. »Komm in den Garten,« flüsterte Flournoy der Geliebten zu und winkte mit dem weißen Tuche in der Richtung hinter das Haus. Dann ging er mit eiligen Schritten in der Straße hin und Melanie schloß mit bebender Hand das Fenster. Nicht einen Augenblick hatte sie sich zu besinnen, sie ergriff ihren großen grauen Shawl, hing ihn über den Kopf, zog ihre Schuhe aus, nahm sie in die Hand, und indem sie das Tuch fest um sich zog, glitt sie lautlos über den Gang. Dort öffnete sie eben so geräuschlos die hintere Thür des Hauses, und huschte durch den Garten nach der Dielenwand, welche dessen Rückseite von einem wüsten Bauplatze trennte. Kaum war sie dort angelangt und wieder in die Schuhe getreten, als Flournoy’s dunkele Gestalt über der Bretterwand emporstieg, sich über dieselbe in den Garten schwang und Melanie sich in seine Arme warf. »Man will uns trennen, Melanie! kannst Du mich verlassen?« sagte Flournoy, indem er das zarte Mädchen an seine Brust und seine Lippen auf ihren rosigen Mund drückte. »Nun und nimmermehr – ich bin Dein und will es bleiben, so lange mein Herz schlägt,« rief Melanie mit unterdrückter Stimme und schlang ihre Lilienarme um den Nacken des Geliebten. »So gehe morgen Abend zur Kirche, nimm, um allen Verdacht zu vermeiden, Deine Freundin Olivia mit Dir, und nach beendigtem Gottesdienste lassen wir uns durch den Friedensrichter trauen. Dann bist Du meine Frau, und kein Gesetz der Erde kann uns gegen unsern Willen wieder trennen. Willst Du, Melanie – willst Du morgen mein süßes, mein geliebtes Weib werden?« »Ob ich will, Alfred? Giebt es denn in diesem Leben noch einen anderen Wunsch für mich? Ich komme, um auf ewig Dein zu sein!« Hiermit hielt sie Flournoy ihre vollen Lippen zum langen innigen Kusse hin, reichte ihm nochmals ihre kleine Hand, eilte zu dem Hause zurück und wieder ohne Schuhe durch dessen Gang in 286 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ihr Zimmer, ohne daß die Ihrigen einen Ton von ihr vernommen hätten. Sie hatte schnell ihren Platz auf dem Sopha eingenommen, und als bald darauf ihre Mutter mit einem Lichte in der Hand in das Zimmer trat, schloß sie ihre Augen fest und that, als ob sie eingeschlafen wäre. Die Mutter trat mit inniger Theilnahme zu der geliebten Tochter, hielt das Licht über sich und blickte mitleidig auf die Schlafende, deren Wangen sich wieder lebhaft, ja höher, als gewöhnlich, geröthet hatten, und zögerte, sie zu wecken. Doch das Abendessen war bereit, Herr Terrel hatte schon am Tische Platz genommen, und ohne Melanie, das wußte die Frau recht gut, würde es ihm nicht munden. »Mein bestes Mädchen!« sagte sie, indem sie die Ruhende auf die frisch rothe Wange küßte, »komm zum Abendessen, der Vater sitzt schon am Tisch.« Dabei hatte sie ihre Hand unter die Schulter der Tochter geschoben, und zog sie zu sich auf. »Ach, liebe Mutter, ich bleibe viel lieber hier auf meinem Zimmer,« antwortete Melanie und fuhr, wie erwachend, mit der Hand über die Augen. »Nein, nein, komm mit mir; das ist nichts für ein junges Mädchen, so seinem eigenen Kopf zu folgen. Sei nun gut und sei vernünftig, komm, laß Vater nicht sehen, daß Du geweint hast. Bist auch mein bestes Kind.« Melanie folgte der Bitte ihrer Mutter, ging mit ihr nach dem Wohnzimmer und nahm schweigend ihren gewohnten Platz am Tische ein. Sie blickte nicht von ihrem Teller auf und ihr Vater schien seine Worte absichtlich nicht an sie richten zu wollen, sondern unterhielt sich, zu seiner Frau gewandt, über die Neuigkeiten des Tages. Dabei aber warf er einige verstohlene Blicke seitwarts auf Melanie, und schien mit Zufriedenheit ihre getrockneten Augen und wieder gerötheten Wangen zu bemerken. Als dieselbe nach Tisch ein Licht nahm und eine angenehme Ruhe wünschte, sagte er mit besonderer Freundlichkeit: »Gute Nacht, liebe Melanie; der Himmel gebe Dir einen recht gesegneten erquickenden Schlaf!« Melanie aber ging nicht auf ihr Zimmer, um zu ruhen, denn Schlaf war fern von ihren Augen. Als sie die Thür hinter sich ver- 5 10 15 20 25 30 35 287ZwEitER BaNd • sEchZEhNtEs KapitEl schlossen hatte, öffnete sie ihre Commode und ihr Nähkästchen, und betrachtete alle die vielen, ihr lieben Kleinigkeiten, welche sie hier aufbewahrt hielt, und welche größtentheils Geschenke und Andenken von Freunden und Verwandten waren. Sie traf eine Auswahl unter ihnen und legte diejenigen, welche sie bei ihrer Entfernung aus dem elterlichen Hause begleiten sollten, in das Nähkästchen allein, um sie morgen zusammen in ihrem Beutel und ihren Taschen unterzubringen. Dann legte sie den vollständigen Anzug, den sie am folgenden Abend benutzen wollte, zurecht, und begann zuletzt mit der Durchsicht ihrer Papiere, welche in Briefen von ihren jungen Freundinnen bestanden, und wovon sie die größere Zahl dem Feuer in dem Kamin übergab. Dabei wichen ihre Gedanken nicht einen Augenblick von dem geliebten Bilde Flournoy’s, welches vor ihrem Geiste schwebte, wohin sie auch blickte, und das Gefühl, für ihn, dessen liebende Gedanken jetzt sicher auch bei ihr waren, Opfer zu bringen, war ihr ein süßes, ein beseligendes. 288 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 17. Das Hahnengefecht. – Der Geplünderte. – Die Trauung. – Die junge Frau. – Die Entführung. – Die Heirath. Flournoy stand um diese Zeit, in seinen Mantel gehüllt, in dem hellen Scheine einer großen Zahl von Fackeln zwi-schen einigen hundert Männern, die bei einem vor der Stadt gelegenen Wirthshause zusammengekommen waren, um Hahnengefechte abzuhalten. Hier und dort in der Menge stand ein Mann mit einem Hahn auf dem Arm, um ihn in der Versammlung zu zeigen, seine Schönheit, Größe, Kraft, Ausdauer und namentlich seinen Muth zu preisen, und liebkoste ihn, wogegen das Thier dann laut und herausfordernd aufkrähte, und worauf demselben von den verschiedenen Seiten her von andern Hähnen geantwortet wurde. Mitunter traten zwei solcher Hahneneigenthümer zusammen, wo sich dann die Thiere mit Gewalt aus den Armen ihrer Herren zu befreien suchten, um sich aufeinander zu stürzen, und sich mit den Schnäbeln wüthend entgegen hackten. Allenthalben wurden die Vortrefflichkeiten und die Mängel dieser Kämpfer besprochen, ihre Abstammungen genannt, die glorreichen Thaten ihrer Vorfahren, die meist alle den Heldentod auf dem Kampfplatz gestorben waren, gerühmt, und Wetten auf sie abgeschlossen. Die Unterhaltung wurde immer lebhafter, wozu die starken Getränke, denen an dem Schenktisch in dem offenen Trinkzimmer fleißig zugesprochen wurde, viel beitrugen; denn durch dessen Thür drängten sich 5 10 15 20 25 30 35 289ZwEitER BaNd • siEBZEhNtEs KapitEl die Männer fortwährend aus und ein, und zur allgemeinen Aufmunterung wurden auch die Hähne zu dem Trinktisch getragen, und mußten dort ihre lauten Stimmen ertönen lassen. Hier wurden nun auch die Schiedsrichter für die bevorstehenden Kämpfe gewählt, die sich dann zusammen hinaus in das Freie begaben, um den Hähnen die Halsfedern und die Schwänze abzuschneiden, damit sie sich leicht bewegen könnten und ihren Gegnern weniger Gelegenheit böten, sich durch Festhalten mit dem Schnabel an ihnen ihre Spornschläge zu verstärken. Sie setzten sich zusammen auf Bänke nieder und nahmen, mit Scheeren bewaffnet, die kunstgerechten Operationen vor, während sich ein Kreis von Fackelträgern um sie bildete, die ihnen das nöthige Licht zu Theil werden ließen. Nachdem nun die Hälse der Hähne vollkommen kahl geschoren und ihre Schwänze gestümpft waren, wurden die drei Zoll langen, dreischneidigen, sehr spitzen Stahlsporen den Richtern vorgelegt, dieselben gegen einander verglichen, den Hähnen ihre natürlichen Sporen mit einer feinen Säge gekürzt, und die metallenen Waffen vermittelst lederner Riemen darauf befestigt. Der schmetternde Ton einer Trompete, der anzeigte, daß der Kampf beginnen sollte, rief die Menge zu der Arena und wurde von den Hähnen mit Krähen aus vollem Halse beantwortet. Die Versammlung, mit den Hähnenträgern in ihrer Mitte, zog nun dem unweit gelegenen Kampfplatz zu, der in einem, einige zwanzig Schritt weitem und mit einer niedrigen Befriedigung umgebenen Kreis bestand, dessen sandige Fläche glatt und fest gestampft war. Alles drängte sich nun so nahe als möglich an die Einzäunung und namentlich nahmen die Fackelträger unmittelbar an derselben ihren Stand. Es war eine todtstille dunkle Nacht, durch welche das Fackellicht um so glühender und heller leuchtete. Die Schiedsrichter standen einander gegenüber an der Einzäunung und riefen jetzt die Eigner der beiden Hähne, die den Kampf beginnen sollten, beim Namen. Dieselben traten von entgegengesetzten Seiten in den Kreis und stellten sich, mit den Kämpfern auf den Armen, einige Schritte von einander entfernt hin. Der eine dieser beiden Männer, der einen gelben Hahn trug, war Mac Dower, der Händler, welcher Tallihadjo, dem Semino- 290 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 lenhäuptling, den Schimmel verkauft hatte. Kaum hatte er seinen Stand eingenommen, als er seitwärts in die Versammlung blickte und ausrief: »Ich bin verdammt, wenn das nicht Ralph Norwood ist! Bei Gott, alter Kamerad, wie kommt Ihr hierher, habt Ihr das Singen bei dem alten Betbruder aufgegeben und seid wieder ächter Sportsman geworden? Willkommen hier; nun wettet einmal gleich auf meinen Hahn; besseres Blut hat nie auf Amerikanischer Erde gefochten.« Ralph, der neben Garrett und Flournoy stand, gab ihm keine Antwort, auch befahlen die Schiedsrichter in diesem Augenblick, die Hähne niederzusetzen. Kaum hatten die Thiere den Boden erreicht und fühlten sich frei, als sie mit einer solchen Gewalt aufeinander zuflogen, daß sie in der Luft mit den Brüsten zusammenschlugen und, rückwärts prallend, auf die Erde stürzten. Im Augenblick aber waren sie wieder auf den Füßen, sprangen sich abermals entgegen und schlugen mit den langen Stahlwaffen auf einander ein. Ein wildes Hurrah schallte jetzt aus der Menge hervor, die Fakkeln wurden geschwungen, und neue Wetten herüber und hinüber angeboten und abgeschlossen. Der schwarze Hahn schien bei weitem stärker, als der gelbe zu sein, denn bei jedem Zusammenprallen wurde Letzterer von ihm weit in den Kreis zurückgeworfen, doch der gelbe war gewandter und gebrauchte seine Flügel mit mehr Leichtigkeit. »Nun, Ralph, ich wette hundert Dollar auf meinen gelben Hahn, haltet Ihr sie auf den schwarzen?« rief Mac Dower seinem alten Bekannten zu, ließ einige wilde Schwüre und Flüche folgen und schwang seinen grauen Filz durch die Luft. »Ich halte sie, hundert Dollar auf den schwarzen!« antwortete Ralph, da in diesem Augenblick der schwarze Hahn seinen Gegner wieder weit zurückgeschleudert hatte, dieser auf dem gestümpften Schwanz auf der Erde saß und seine blutige Brust zeigte. »Hoho, Gelber, brauche deine Flügel, bei Gott, du wirst doch deinem Blute Ehre machen!« rief Mac Dower seinem Hahn zu, während ein donnerndes Hurrah für den schwarzen aus hundert Kehlen ertönte. 5 10 15 20 25 30 35 291ZwEitER BaNd • siEBZEhNtEs KapitEl »Zweihundert Dollar auf meinen gelben! Ralph, setzt Ihr noch hundert zu?« rief Mac Dower diesem durch den Tumult zu. »Ich bin es zufrieden!« antwortete Ralph, und schloß auch mit Flournoy eine Wette zum gleichen Betrage auf den schwarzen Hahn ab. Der gelbe aber hatte sich wieder erhoben, flog seinem Gegner prasselnd zu, sie trafen sich mit lautem Flügelschlag in der Luft, und stürzten beide neben einander regungslos zu Boden. Der Jubel und die Hurrahs mengten sich jetzt mit dem Schmettern der Trompete, die wild geschwungenen Fackeln schlugen gegen einander und ihr Funkenregen sprühte über den Kampfplatz hin. »Bei Gott, sie sind beide zur Hölle gefahren,« schrie es dazwischen, und die beiden Eigner der Hähne hoben diese vom Boden auf. Der Stahlsporn des gelben war durch den Schädel des schwarzen gedrungen, saß darin fest, und hatte das Thier augenblicklich getödtet. Sobald aber der Sporn aus dem Kopfe desselben gezogen war, stellte sich der gelbe Hahn hoch auf seine Füße und verkündete durch lautes Krähen und Schlagen mit den Flügeln seinen Sieg. Es wurden zwei andere Hähne in den Kreis getragen, und mit derselben Begeisterung nahmen die Zuschauer Partei für den einen oder den andern. Die Thiere kämpften mit der größten Erbitterung, schon bluteten sie beide aus vielen Wunden, die ihnen die scharfen, durch sie hin fahrenden Stahlwaffen geschlagen hatten, schon waren sie nicht mehr im Stande, die Flügel zu gebrauchen, sie konnten nicht mehr auf ihren Füßen stehen, und doch hackten sie, vor einander sitzend, mit den Schnäbeln aufeinander ein. Die Schiedsrichter erklärten den Sieg unentschieden, und riefen den Eigenthümern der Kämpfer zu, sie aus dem Kreis zu entfernen, aber Jeder von ihnen behauptete immer noch die Ueberlegenheit seines Hahnes, und der eine rief: »Wir wollen ihnen die Beine abschneiden und dann sehen, welcher noch fechtet.« Beide Männer hatten unter stürmischem Beifallrufen der Zuschauer ihre Messer gezogen, durchschnitten damit den Hähnen die Kniegelenke, und setzten sie so ohne Füße in den Sand, worauf 292 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 beide Thiere noch wüthend mit den Schnäbeln aufeinander loshackten. Der stürmische Jubel über dieses wundervolle glänzende Gefecht verrieth deutlich die überwiegenden Gefühle, die in den Herzen der hier versammelten Männer lebten und in manchem von ihnen flammte die ihm angeborene Mordlust auf, der es nur augenblicklich an einem Gegner fehlte, um sich durch die That kund zu geben. »Verdammt – das heißt Fechten!« – »Bei Gott, das ist Blut, wie mancher Kerl nicht in den Adern hat!« und ähnliche Ausbrüche der Begeisterung hörte man aus dem tobenden Haufen hervorrufen, während den verstümmelten Thieren die Köpfe abgerissen und ihre Plätze in der Arena durch frische Hähne ersetzt wurden. So folgte ein Kampf dem andern und die Lust daran, sowie die Wetten steigerten sich unaufhaltsam, bis es an Hähnen fehlte, das Spiel fortzusetzen. Es war schon gegen Mitternacht, als die Fackeln erloschen und die Männer sich in das Wirthshaus zurückbegaben, um bei einem kräftigen Trunk die verlorenen Wetten zu berichtigen. Ralph hatte nach und nach fünfhundert Dollar an Mac Dower, dreihundert an Flournoy und noch einige andere Wetten verloren, so daß er schon über die Hälfte des Geldes, welches er heute früh so leicht erworben hatte, weggeben mußte. Er befand sich in einer sehr gereizten Stimmung, denn er hatte viel getrunken, und die Spannung, mit der er den Entscheidungen seiner Wetten gefolgt war, hatte ihn ungewöhnlich aufgeregt. Jene dumpfe Verzweiflung hatte ihn erfaßt, der sich der schwache, charakterlose Mann nach wiederholten schweren Unglücksfällen mit dem Gedanken hingiebt: »Mag es nun auch gehen, wie es will!« und somit seinem Untergang blindlings und ohne Versuch zur Rettung entgegeneilt. Mehrere Gläser starken Grog’s, die er mit den Gewinnern seines Geldes bei dessen Auszahlung trank, nahmen ihm noch vollends den letzten Rest aller Ueberlegung und Einsicht; kaum war er sich klar bewußt, daß Garrett und Mac Dower ihn in das Spielzimmer und an den grünen Tisch führten, und daß er dort Karten immer wieder mit Gold besetzte, wenn der Croupier das darauf stehende zu sich gezogen hatte. Die Lichter schienen ihm mit jeder Minute düsterer zu brennen 5 10 15 20 25 30 35 293ZwEitER BaNd • siEBZEhNtEs KapitEl und so wie die Karten einen weißen Lichtschein um sich zu ziehen, er wankte mit dem Kopf herüber und hinüber, fiel zuletzt mit dem Gesicht auf seine Arme, die er vor sich auf dem Tische gekreuzt hatte, und erwachte aus dem todtenähnlichen Schlaf, der ihn hier überwältigte, erst am andern Morgen in seinem Zimmer auf dem Bett, wo er in seinen Kleidern ausgestreckt lag. Mit dem ersten Augenblick des Bewußtseins trat auch die Erinnerung an seine verworfenen Handlungen rächend und folternd vor seine Seele und er schloß die Augen wieder, als scheue er sich, das Tageslicht und in ihm sich selbst zu erblicken. So hatte er eine Weile gelegen und versucht, den Schlaf wieder zu sich heranzuziehen, um in ihm die letzte, ihm schreckliche Vergangenheit zu vergessen; die Vorwürfe und die Reue aber, so wie die Bilder der unausbleiblichen Folgen seiner Schlechtigkeit wurden mit jedem Augenblick in seinen Gedanken lebendiger, bald fühlte er sich kalt, bald warm, ein Angstgefühl schien ihm die Brust zusammenzuschnüren und mit einem Satze sprang er von dem Bett in die Mitte der Stube. Sein erster Griff war in die Brusttasche nach seiner Brieftasche. Er zog sie hastig hervor, öffnete sie mit bebenden Händen, und fand sie leer. Auch nicht einen Dollar hatte man ihm gelassen! Mit einem gräulichen Fluch preßte er die Brieftasche in seinen Fäusten zu einer Kugel zusammen, schleuderte sie auf den Fußboden und stampfte wüthend mit dem Fuß darauf. Dann vergrub er die Hände in den Taschen seiner Beinkleider und lief wie rasend in dem Zimmer auf und nieder. Endlich blieb er plötzlich stehen, fuhr mit der Hand durch sein wild um den Kopf hängendes Haar und begegnete seinen stieren hohlen Augen in dem Spiegel. »Goddam!« schrie er mit knirschender Wuth, und stampfte abermals auf den Fußboden. Hätte er in diesem Augenblick einen Gegner vor sich gehabt, er würde ihn mit den Zähnen zerfleischt haben; so aber stand er, immer nur sich selbst vor Augen, da, und seine Vorwürfe, seine Wuthausbrüche waren nur gegen sich selbst gerichtet. Bald tobte er, bald schien ihn ein Schwächegefühl übermannen zu wollen, wobei er dann auf sein Bett niederfiel und sein Gesicht in den Kissen verbarg, bis der Sturm seiner Gefühle abnahm und er anfing, seine Lage ruhiger zu überblicken. 294 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Noch war es vor der Frühstückszeit, er mußte Garrett jedenfalls noch zu Hause treffen, er nahm seinen Hut, drückte ihn tief in die Augen, eilte in die Straße, und dicht an den Häusern hin zu dessen Wohnung. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis man ihm die Thür öffnete; er fragte, ob Garrett zu Hause sei, und bekam die Antwort: derselbe wäre vor einer Stunde in einem Wagen von hier abgefahren. Ralph wurde todtenbleich bei dieser Nachricht, er fragte mit auffallend verstörter Miene, ob man nicht wisse, wann er zurückkehren werde? Die Negerin erwiederte aber, daß Herr Garrett Nichts darüber hinterlassen habe. Schweigend verließ Ralph das Haus, und kehrte auf sein Zimmer zurück, um dort mit seiner Verzweiflung allein zu bleiben. ∗    ∗    ∗ Es war gegen zehn Uhr, als viele stattliche Carrossen der Wohnung des Präsidenten Forney zueilten, Damen und Herren in feinster Toilette an der hohen Marmortreppe ausstiegen und durch die weit geöffneten Flügelthüren in das Haus eintraten. Heute sollten Frank Arnold und Eleanor Forney getraut werden. In dem blauen Saal versammelten sich die, zu dieser Feierlichkeit geladenen genauern Freunde des Präsidenten und dessen Tochter, alle mit dem Ausdruck der Heiterkeit und der innigsten, freudigsten Theilnahme an dem Glück des Brautpaares und Forney’s. Ein Hauch des Friedens schien die Räume zu durchwehen, die Unterhaltung war leise, und mit Verlangen sah man dem Erscheinen der Braut und des Bräutigams entgegen. Der Präsident bemühte sich, seine glückliche Aufregung zu verbergen und allen Pflichten gegen seine Gäste nachzukommen; er war aber sehr bewegt, und oft verlor er den Faden der Unterhaltung und richtete seine glückstrahlenden Blicke nach der Thür. Es schlug eilf Uhr, als ein Wagen vorfuhr, worauf alsbald der Geistliche in den Saal trat. Der Präsident eilte ihm entgegen, bewillkommnete ihn mit aller Form und Herzlichkeit, und empfing dagegen dessen innigste Glückwünsche. Bald darauf rollte abermals eine Carrosse vor die Marmortreppe, es war der Wagen Forney’s, und Frank Arnold, von zwei jungen Marineoffizieren 5 10 15 20 25 30 35 295ZwEitER BaNd • siEBZEhNtEs KapitEl begleitet, sprang aus demselben hervor. Auch ihm eilte der Präsident entgegen und empfing ihn in seinen Armen. Dann stellte er ihn dem Geistlichen vor, der ihm ebenfalls seine Glückwünsche darbrachte, und nun ging Frank von Einem zum Andern in der Versammlung, um Worte der Liebe und Freundschaft zu empfangen und zu geben. Endlich öffneten zwei schwarze Diener die Flügelthüren des Zimmers, traten mit ehrfurchtsvoller Verneigung zur Seite, und Eleanor schritt, von ihren beiden Brautjungfern geführt, in den Salon. Glaube, Liebe und Hoffnung waren unverkennbar die Gefühle, die ihren Busen hoben, die sich auf ihren wunderbar schönen liebreizenden Zügen, in ihren seelenvollen dunkeln Augen spiegelten. Wonne und Seligkeit lag in dem süßen Lächeln ihres schönen Mundes, in der Thräne, die unter ihren langen Wimpern hervorglänzte. Ueberrascht und anstaunend waren die Blicke aller ihrer Freunde und Freundinnen auf sie gerichtet, denn so schön, so lieblich hatten sie Eleanor nie zuvor gesehen. Der Präsident nahm freudebebend ihre Hand und führte sie dem Geistlichen entgegen, der sie mit seinen besten Wünschen überhäufte. Dann aber wandte sie sich mit einem Blick voll Seligkeit zu Frank, reichte ihm diesmal nur die kleine Hand und empfing dann von allen übrigen Freunden die Versicherungen wärmster Theilnahme an ihrem Glück. Der weiße Saal wurde nun geöffnet, der Präsident nahm die Hand des Geistlichen und schritt mit ihm voran durch die weite Thür, Eleanor, von ihren Brautjungfern geführt, folgte ihnen, ihr nach ging Frank Arnold zwischen den beiden Marineoffizieren, und paarweise traten dann die andern Freunde in den Saal und reihten sich im weiten Halbzirkel um den weißbedeckten Tisch, vor welchem der Geistliche seine Stellung nahm. Frank und Eleanor standen ihm gegenüber in dem Halbzirkel der Freunde, und zu ihren Seiten ihre Führer und Führerinnen. Wenn Eleanor auch im gewöhnlichen Leben leicht der Gewalt des Augenblicks erlag, und Freude wie Leid sie gleich mächtig bewegte, so war sie des gegenwärtigen doch vollkommen Herrin, und sie schien darthun zu wollen, daß nicht Zufälligkeiten, sondern ihr fester, vollkommen erkannter Wille sie hierhergeführt hatte. 296 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Auch an Frank war es zu sehen, daß er des Ernstes, der Wichtigkeit dieses Augenblicks sich bewußt sei, und Beide folgten aufmerksam den an sie gerichteten ergreifenden Worten des Geistlichen. Er sprach von Herzen zu Herzen, einfach und gefühlvoll, und manche Thräne der Rührung verkündete sein Lob. Die Trauung war in hehrster Feierlichkeit vollzogen, die Ringe gewechselt und der Geistliche hatte dem jungen Ehepaar seinen Segen ertheilt. Mit gleicher Seligkeit sanken sich Frank und Eleanor in die Arme, gaben einander den Kuß ewiger Liebe und Treue, und empfingen dann unter Freudenthränen die Segenswünsche des Präsidenten und aller Anwesenden. Der Präsident war das Bild vollkommensten Glücks, der Ernst und die Ruhe, die ihn sonst niemals verließen, waren von ihm gewichen, es war ihm, als müsse er die ganze Welt an sein Herz pressen, als müsse er seine Freude auf Jedermann übertragen. Den alten Commodore Perrywill schloß er wiederholt in seine Arme; hier drückte er die Hand eines Freundes, dort berührten seine Lippen die einer Freundin, und überall verkündeten seine Worte die beglückenden Gefühle, welche seine Brust so freudig bewegten. Nach der Trauung begab man sich in den blauen Saal zurück, wo die Brautjungfern Eleanor in das Sopha führten und zu ihren beiden Seiten Platz nahmen, damit sie nun auch die vielen andern Freunde, welche nicht an der Feierlichkeit selbst Theil genommen, empfangen und deren Wünsche entgegen nehmen konnte; denn das Haus war nach Landessitte nun für Jedermann geöffnet, und als die Glocke zwölf schlug, begannen sich alle Säle mit Bekannten und mit Fremden zu füllen. In einer endlosen Reihe wandelten Alle zu der schönen jungen Braut, wie die junge Frau während der Flitterwochen immer noch genannt wird, um ihr etwas Schönes, etwas Angenehmes zu sagen und ihr Huldigungen zu spenden. Von ihr begab man sich dann in den weißen Saal, wo auf der langen Tafel riesenhafte, bei Hochzeiten unvermeidliche Fruitkakes und auf dem Credenztisch die besten Weine und Spirituosa aufgestellt waren, und ein Jeder mußte den Kuchen kosten und ein Glas auf das Wohl der jungen Eheleute leeren. Während des ganzen Tages dauerten diese Besuche bei der Braut fort, und erst als der 5 10 15 20 25 30 35 297ZwEitER BaNd • siEBZEhNtEs KapitEl Abend hereinbrach, beschränkte sich wieder die Zahl der Gäste in Forney’s Haus auf die nähern Freunde der Familie. Ralph Norwood hatte den Tag in finsterm brütendem Nachdenken auf seinem Zimmer zugebracht und war zuletzt zu dem Entschluß gekommen, an Garrett zu schreiben, da er vermuthete, er sei zu Hause gewesen und habe sich nur vor ihm verläugnen lassen. Er schrieb ihm, daß er weiter nichts von ihm beanspruche, als ihm behülflich zu sein, wieder in seine Heimath zurückzukehren, sagte ihm aber, daß er bestimmt und ohne alles weitere Bedenken den Betrug bei B.... & Co. selbst anzeigen werde, für den Fall, daß er ihn im Stich ließe. Diese Erklärung bekräftigte er noch mit einem fürchterlichen Schwur, schloß dann den Brief und trug ihn, als das Tageslicht aus den Straßen verschwunden war, auf die Stadtpost. Um diese Zeit war Flournoy in seiner Cajüte beschäftigt, Toilette zu machen, während Ritcher, der Obersteuermann, auf einem der Feldstühle saß, aus einer kleinen Pfeife rauchte, und dann und wann Unterhaltung mit dem Capitain führte. »Die wievielte Frau wird diese reizende Blondine denn sein, die Sie heirathen, seit ich Steuermann auf dem Sturmvogel bin?« fragte er lachend, indem er nach dem Capitain aufblickte, der vor dem Spiegel stand und das weiße Halstuch, welches er umgebunden, in eine zierliche Schleife verknüpfte. »Was weiß ich?« antwortete Flournoy lächelnd, »noch haben wir der Landungsplätze viele, in denen keine Frau auf meine Ankunft wartet. Es ist doch schön, wenn man allenthalben eine häusliche Einrichtung findet.« »Wenn die Weiber nur nicht so leicht ungeduldig darüber würden, daß sie niemals Nachricht von Ihnen bekommen, auch nichts Gewisses über den Sturmvogel erfahren können und am Ende über allerlei Verdachtsgründe sich zu Tode grämten. Ein Glück, daß Sie nicht bei allen Leichenbegängnissen Ihrer Frauen zugegen sein müssen; diese Ehre ward bis jetzt nur denen zu Theil, welche ihre häusliche Einrichtung auf dem Sturmvogel gemacht hatten,« bemerkte Ritcher. »Hoffentlich werde ich nicht lange Strohwittwer in diesem meinem Hause bleiben, nachdem wir wieder auf dem blauen Wasser schwimmen; wenn es nur die schöne Eloise zieren möchte! Sie 298 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 bringt eine reiche Aussteuer mit, und wird den Obersteuermann ganz besonders bedenken.« »Soll mir angenehm sein. Ich dagegen werde ihr zu der Copulation verhelfen; eine Hand wäscht die andere,« sagte der Steuermann, schlug ein Bein über und blies eine Rauchwolke nach der Decke der Cajüte, indem er seinen Kopf zurück gegen die Wand sinken ließ. »Warum wird denn der schönen Blondine die Ehre nicht zu Theil, auf dem Sturmvogel zu residiren? dann würden doch die Flitterwochen etwas länger dauern,« fuhr er nach einer Weile fort. »Ihr habt Eloise vergessen, es könnte Eifersucht geben,« erwiederte Flournoy. »Dem wäre leicht vorzubeugen: die erste Frau wanderte nur von Ihrer Cajüte in die unsrige, wie der Brosamen von der Tafel des reichen Herrn zu dem armen Manne.« »Und wenn wir wieder einmal eine Ladung hier absetzen wollten?« »Nun, dann thut Madame einen Fehltritt über Bord.« »Und man verlöre seinen guten Namen hier. Nein, es ist besser, sie führt während der Zeit meinen Haushalt in Baltimore, und wenn sie bis zu meiner Rückkehr das Warten nicht überdrüssig geworden ist, so sind wir wieder Mann und Frau,« sagte Flournoy und zog den Frack an, den er aus dem Schranke genommen hatte. »Wo bleiben aber meine Heirathszeugen, Garrett und Mac Dower? Es wird bald Zeit, nach der Kirche zu gehen,« fuhr er nach einer Weile fort, indem er vor den Spiegel trat, um sein Haar zu ordnen. »Ich glaube, ich höre sie kommen,« erwiederte Ritcher, stand auf und ging auf das Verdeck hinaus. »Hallo! Hier sind die Hochzeitsritter; ist der Bräutigam bereit, seinem Junggesellenstand Valet zu sagen?« rief einige Augenblicke später Garrett und schritt mit Mac Dower in die Cajüte. »Ich stehe gleich zu Diensten,« erwiederte Flournoy mit einer Verbeugung; »die Herren trinken aber wohl erst ein Glas Wein?« »Wein ist die Bibel des Sportsman, in der er Begeisterung findet. Lassen Sie uns ein Capitel daraus lesen!« entgegnete Garrett, legte Hut und Stock zur Seite und sank in dem weichen Divan nieder, während Mac Dower auf einem Stuhle Platz nahm. 5 10 15 20 25 30 35 299ZwEitER BaNd • siEBZEhNtEs KapitEl »Und in dem Willen des Herrn Schwiegervaters ist also keine Aenderung eingetreten,« fuhr er fort, »was kann der alte Contofabrikant für einen Grund haben, Ihnen seine Tochter zu verweigern? Der Capitain eines so schönen Fahrzeugs, Theilhaber an demselben, und der schönste Mann in Baltimore! Ich möchte wissen, was für einen Schwiegersohn sich der alte Tintenkleckser eigentlich wünscht?« »Er hat nichts weiter von sich hören lassen, und mir kann es nur angenehm sein, so bekomme ich doch nicht die ganze Familie auf die Tasche,« antwortete Flournoy, welcher in den Eingang getreten war und dem Cajütendiener befohlen hatte, Wein zu bringen. »Wenn der alte Kerl den Braten nur nicht riecht und sein Töchterchen einsperrt,« bemerkte Mac Dower. »Ich hoffe nicht; wir müssen es abwarten,« antwortete Flournoy und machte auf dem Tische Raum für den Wein und die Gläser, welche der Diener darauf niederstellte. Flournoy schenkte ein und Garrett sagte, indem er ein Glas ergriff: »Auf das Wohl der schönen Braut!« »Und auf glücklichen Erfolg!« fiel Mac Dower ein, und alle Drei leerten ihre Gläser. »Helfen Sie sich selbst, Gentlemen, und entschuldigen Sie mich für einige Augenblicke«, sagte der Capitain und verließ die Cajüte, um mit Ritcher, der auf dem Verdeck stand, noch einige Worte zu wechseln, während welcher Zeit Mac Dower die Gläser noch einigemale füllte und mit Garrett leerte. »Ein verdammt guter Wein«, bemerkte Letzterer, indem er das Glas niedersetzte. »Sollte Ralph Norwood denn gar kein Geld mehr anschaffen können? Er hat viel Land und viel Vieh in Georgien. Vielleicht könnte er einen Wechsel auf dortige Gegend hier verkaufen«, sagte Mac Dower. »Keinen Dollar. Er hat allen Credit benutzt, der ihm hier zu Gebote stand. Wir wollen uns fern von ihm halten, sonst wird er uns lästig«, antwortete Garrett, als Flournoy mit den Worten eintrat: »Wenn ich jetzt bitten dürfte, meine Herren«, und seinen Mantel, den er aus dem Schranke hervornahm, über die Schulter warf. Er schraubte darauf das Licht der über dem Tische hängenden Am- 300 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 pel zu einer kleinen Flamme herab und verließ mit seinen beiden Gefährten die Cajüte. Auf dem Verdeck sagte er im Vorübergehen leise zu Ritcher: »Scharfe Wacht. Bis morgen«; stieg dann auf das Werft hinunter und ging nach dem Wagen, der an dem Thor seiner harrte. Alle Drei bestiegen denselben und fuhren dann der Kirche zu, deren hellerleuchtete Fenster bald durch die Finsterniß über den öden Platz zu ihnen herüberschienen. Noch hatte der Gesang in dem Hause Gottes nicht begonnen, als Flournoy mit seinen Begleitern in einiger Entfernung davon den Wagen verließ und dem Kutscher die Weisung gab, hier in der Dunkelheit bis zu seiner Rückkehr zu warten. Die Zahl der Kirchengänger schien heute groß zu sein, denn als der Capitain in die Kirchenthür trat und an deren innerer Seite, in seinen Mantel gehüllt, stehen blieb, drängten sich die Menschen eilig bei ihm vorüber, um möglicher Weise noch einen Platz zum Sitzen zu bekommen. Garrett und Mac Dower waren außerhalb des Gebäudes zurückgeblieben. Flournoy hatte beim Eintreten seine Blicke spähend durch die Kirche gesandt und sich überzeugt, daß Melanie sich noch nicht eingefunden hatte. Nun hielt er seine Augen auf den Eingang geheftet und richtete sie auf das Gesicht jedes Eintretenden, da das durch die Thür hinausströmende Licht die Leute bis zur Straße hin erkennen ließ. Melaniens Engelszüge wollten aber immer noch nicht erscheinen. Er fing an, unruhig zu werden, seine Augen spähten immer schärfer in die Straße hinaus und seine Brauen zogen sich düster zusammen. Plötzlich tauchten weithin aus der Finsterniß zwei weibliche Gestalten hervor, sie waren beide nicht sehr groß, es mußte die eine von ihnen Melanie sein. Sie war zwar verschleiert, doch es war ihr Gang; jetzt hatten sie das Licht erreicht, sie traten in die Thür ein, und mit einem Blick, der die Seligkeit des Himmels aussprach, schauten die großen blauen Augen Melaniens zu dem Heißgeliebten auf. Bebend preßte sie den Arm der Freundin fester an ihren Busen, als wolle sie das Klopfen ihres Herzens unterdrükken, sie senkte den Kopf und schritt auf die letzte Bank zu, wo sie mit Olivia an deren Ende Platz nahm. 5 10 15 20 25 30 35 301ZwEitER BaNd • siEBZEhNtEs KapitEl Die Andächtigen stimmten jetzt das Lied an, und auch Melanie öffnete ihr Gesangbuch; sie erkannte aber keinen Buchstaben darin, sie wußte nicht, welches Lied gesungen wurde und ließ ihre süße Stimme nicht ertönen, denn Alfred stand ja vor ihrer Seele und sagte ihr Worte der Liebe, die den Gesang weit übertönten. Der Geistliche erhob sich nun und verrichtete das Gebet, Melanie hörte ihn nicht; er begann seine Rede und sprach von Tugend und Sünde, von Himmel und Hölle, zu Melanien drang keines seiner Worte, es gab für sie Nichts weiter, als den Himmel der Liebe, in dem sie sich befand. Das letzte Lied ward angestimmt und Melanie war unter den Ersten, die sich erhoben und der Thür zuschritten. Flournoy hatte seinen Platz verlassen, sie erkannte ihn aber weithin in der Dunkelheit; sie ging bebenden Schrittes an dem Arm ihrer Freundin auf ihn zu, er trat ihr entgegen, legte ihren Arm in den seinigen, sagte mit bewegter Stimme einige Worte des Dankes zu Olivia und eilte mit Melanie, Garrett und Mac Dower nach dem Wagen, während Jene sich in dem Gedränge der Kirchengänger, die der Straße in die Stadt folgten, verlor. Flournoy hatte seine süße Bürde in den Wagen gehoben und neben ihr Platz genommen, Garrett hatte sich auf den Rücksitz gesetzt und Mac Dower den Bock neben dem Kutscher bestiegen, als dieser die Peitsche schwang, die Pferde mit ihnen quer über den wüsten Platz davonjagten und bald darauf die nächste Straße erreichten, welche zurück in die Stadt führte. Bald ging es gerade aus, bald links, bald rechts, und nach zehn Minuten hielt der Kutscher in einer Straße, in welcher nur hier und dort eine düstere Laterne brannte, vor einem niedrigen Backsteinhaus die flüchtigen Rosse an. Mac Dower war der erste, der die Thür erreichte, die auf den Ton der Schelle sich öffnete und durch welche Flournoy mit Melanie am Arm jetzt eintrat. Seine Begleiter folgten ihm in ein erleuchtetes Zimmer, wo der Friedensrichter, wie er dem Capitain zugesagt hatte, seiner harrte. Flournoy hatte Hut und Mantel von sich geworfen und schlug dann den Schleier von Melaniens lieblichem Antlitz zurück. Sie war bleich und ein Ausdruck von Bangigkeit war bei ihr nicht zu verkennen; als sich aber ihr Geliebter zu ihr niederbeugte und sie 302 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 zärtlich in seine Arme schloß, erglänzten ihre Augen wieder und die Thräne, die sich hervorstahl, wurde von einem seligen Lächeln begleitet. Flournoy nahm ihren Hut von ihren goldenen Locken, befreite ihre schöne, volle Büste von ihrem Mantel und führte sie vor den Tisch, auf welchem zwei Lichter brannten und eine Bibel lag. Der Friedensrichter ließ sich nun die Namen des Brautpaars und die der beiden Zeugen nennen, trug sie in ein Buch ein und trat vor den Tisch, um die Trauung im Namen des Gesetzes zu vollziehen. Nachdem dies mit wenigen Worten geschehen war, wechselten die Neuvermählten die Ringe und empfingen dann die Glückwünsche des Friedensrichters, sowie die der beiden Zeugen. Flournoy schloß Melanie jetzt in seine Arme und gab ihr den ersten ehelichen Kuß. »Ewig, ewig Dein, Alfred!« sagte sie in seligem Bewußtsein ihres nun vollkommenen Glückes und schlang zärtlich ihre schneeigen Arme um seinen Nacken. »Ewig Dein, Melanie!« flüsterte er ihr zu, griff dann nach ihrem Hut und Mantel und war ihr behilflich, ihre Toilette zu ordnen. Dem Friedensrichter drückte er Gold in die Hand, führte seine junge Frau nach dem Wagen, hob sie auf seinen Armen hinein und rief Garrett und Mac Dower »Bis morgen!« zu, als er den Schlag hinter sich schloß. Melanie lag, die Glücklichste aller Sterblichen, in den Armen ihres Gatten und die Pferde flogen mit ihnen durch die Straßen dahin, um sie dem Boardinghaus zuzuführen, in welchem Flournoy mit seiner jungen Frau sich eingemiethet hatte. 303 5 10 15 20 Capitel 18. Die Matrosencajüte. – Der Streit. – Execution. – Angenehme Nachricht. – Verwunderung. – Die trauernden Eltern. – Der Brief. – Flucht in das Land. – Das Signalement. – Der Rest der Ladung. – Falsche Zusage. – Der kalte Ritt. – Große Eile. – Das erschreckte Pferd. – Der rettende Schuß. E s war nach Mitternacht; auf dem Werfte, an welchem der Sturmvogel lag, sowie auf den darangrenzenden herrschte ungestörte Ruhe und selbst das Plätschern und Murmeln der Wellen unter den Seiten der Schiffe war verstummt, denn auch die Bay schien in Schlaf gesunken zu sein, und auf ihrer dunkeln Oberfläche war kaum noch eine Bewegung zu erkennen. Ritcher, der Obersteuermann, ging mit untergeschlagenen Armen auf dem Verdeck des Sturmvogels hin und her, richtete oft seine Blicke nach den Masten der Tritonia, die gegen den sternbedeckten Himmel zu erkennen waren, und blieb mehrmals, ehe er sich bei seinem Gang auf dem vordern Theile des Schiffes vor der Matrosencajüte umwandte, stehen und lauschte auf die Stimmen, die in derselben schon seit einiger Zeit laut und immer lauter geworden waren. Innerhalb dieser Cajüte saßen viele der wettergebräunten, wüst und wild aussehenden Gesellen, aus denen die zahlreiche Schiffsmannschaft bestand, um einen roh gezimmerten Tisch, der augenscheinlich nur für die Gegenwart geschaffen war, und spielten Karten. Andere lagen und saßen auf dem Fußboden und noch andere hatten sich auf die in den Wänden angebrachten Betten hingestreckt und hielten, rauchend oder Tabak kauend, ihre Aufmerksamkeit auf den Gang des Spiels gerichtet. Die Cajüte war 304 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 sehr niedrig, so daß ein großer Mann nicht aufrecht darin stehen konnte, weshalb der Rauch der vielen brennenden Tabakspfeifen sie so dicht und undurchsichtig angefüllt hatte, daß das einzige Oellicht, welches in der alten schmutzigen, unter der Decke hängenden Laterne brannte, nicht im Stande war, mit seinem Schein den Raum vollkommen zu durchdringen und, aus einiger Entfernung gesehen, wie eine rothe, feurige Kugel erschien. Zwischen den dunkeln, schwarzbehaarten Gesichtern war ein blonder Kopf zu sehen, der einem gedrungenen, breitschulterigen Burschen angehörte und den deutschen Matrosen erkennen ließ. Wilhelm, so war der Name dieses Seemanns, unter welchem er seinen Kameraden bekannt war, wurde von diesen kurzweg Will genannt, und stach von ihnen ab, wie ein weißer Rabe zwischen seinen schwarzen Gefährten. Auf dem Tische stand ein Krug mit Branntwein, ein anderer mit Wasser und ein Glas, aus welchen sich bald der Eine, bald der Andere zu einem Trunk verhalf. »Du hast betrogen!« rief Will plötzlich einem ihm gegenüber sitzenden Portugiesen zu, »ich habe es recht gut gesehen, daß Du die Karte unter dem Tische vertauschtest.« »Verdammter Deutscher!« schrie der Andere und warf ihm die Karten in’s Gesicht. Will aber beantwortete den Gruß mit einem deutschen Fauststoß auf die Stirn seines Widersachers, so daß derselbe von dem leeren Mehlfaß, auf dem er saß, rücklings zu Boden stürzte. Wuthschäumend war der Portugiese aufgesprungen, hatte sein Messer gezogen und wollte auf Wilhelm, in dessen Hand gleichfalls ein langer Stahl blitzte, zustürzen, als der Ruf Jerco’s, des zweiten Steuermanns: »Ruhe, im Namen des Capitains Flournoy!« die Umstehenden zwischen die Streitenden warf, diese dem Deutschen sowohl wie dem Portugiesen das Messer entwanden und sie von einander abhielten. Jerco, der nahe an dem Eingang in einem der Betten gelegen und von dort aus ein wachsames Auge über die Mannschaft gehalten hatte, war jetzt mit dem Rücken an die Thür getreten und sagte mit einer durchdringenden, wenn auch nicht sehr lauten Stimme: 5 10 15 20 25 30 35 305ZwEitER BaNd • achtZEhNtEs KapitEl »Ihr habt vergessen, was für eine Strafe auf Raufereien unter Euch steht. Glaubt ja nicht, daß der Capitain sie Euch erließe. Ihr würdet Beide, sobald wir in See kämen, an einem Tau unter dem Kiel des Schiffes durchgezogen werden, wenn er diesen Auftritt gewahr würde. Also seid ruhig, wenn ich schweigen soll.« »Ho, ho, meinetwegen könnt Ihr es ihm sagen«, rief der Portugiese, »er wird mir Recht geben, wenn ich ihm verrathe, daß dieser Schurke mir vor einigen Tagen den Vorschlag machte, zu desertiren. Er sprach auch davon, daß man später, wenn die Regierung einen hohen Preis auf den Piraten gesetzt haben würde, dessen Schlupfwinkel verrathen und eine bedeutende Belohnung dafür davontragen könnte.« Wilhelm gab keine Antwort auf diese Anschuldigung, riß aber einem der Umstehenden das Messer aus der Scheide, warf mit einer Löwenkraft die ihm entgegentretenden Männer zu Boden, sprang über sie hin, und würde im nächsten Augenblick seine Waffe in der Brust des Portugiesen vergraben haben, hätte Jerco nicht von hinten seinen Arm erfaßt und ihn zurückgehalten. Die ganze Mannschaft fiel jetzt über den Deutschen her, band ihm Hände und Füße und stopfte ihm einen Theil eines rothen wollenen Hemdes in den Mund, um den gellenden Schreien, welche er ausstieß, ein Ende zu machen. In diesem Augenblick ertönten an der Thür drei schwere Schläge, die wie drei Zauberworte alle Stimmen in der Cajüte verstummen ließen. Niemand regte sich und Alle blickten nach dem Ausgang. Nur Jerco öffnete die Thür und schritt auf das Verdeck hinaus, wo Ritcher in der Dunkelheit vor ihm stand. »Das war wieder Will; der Kerl thut nicht gut«, sagte der Obersteuermann. »Fabiano, der Portugiese, warf ihm vor, er habe ihn zur Flucht aufgefordert und eine hohe Belohnung in Aussicht gestellt, wenn sie unsere Schlupfwinkel verriethen. Er hat ihm nicht widersprochen«, sagte Jerco. »Ich habe ihm niemals getraut; wir schenkten ihm das Leben und nahmen ihn unter uns auf, als wir das Schiff, auf dem er fuhr, in den Grund versenkten. Er ist gegen seinen Willen unter uns und könnte uns gefährlich werden. Laßt zwei Barren Blei heraufholen«, 306 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 sagte Ritcher, trat an die Brüstung des Schiffes und blickte über sie hinunter in das ruhige, dunkele Wasser. Jerco war in die Cajüte gegangen, von wo er sogleich mit vier Matrosen zurückkehrte und dieselben in den untern Schiffsraum sandte. Bald darauf stiegen diese wieder aus der Luke auf das Verdeck empor und legten hier zwei schwere Stücke Blei nieder. Dieselben wurden einzeln mit Stricken in Segeltuch eingebunden und auf Ritchers Befehl in die Matrosencajüte getragen, wohin er selbst nun folgte. Ein Wink dieses Mannes war hinreichend, der Mannschaft zu sagen, was sie zu thun habe; die Stücke Blei wurden dem gebundenen Wilhelm schnell um den Hals und um die Füße befestigt, der Obersteuermann winkte abermals und der gefesselte Matrose wurde, trotz der verzweifeltsten Anstrengungen, trotz Zuckens und Stoßens mit den Füßen, von sechs Mann aufgehoben und, da ihm der Mund verstopft war, lautlos hinaus auf das Verdeck an die Brüstung getragen. Ritcher, der dorthin vorangegangen war, beugte sich abermals über das Wasser, schaute spähend eine Weile auf demselben hinauf und hinab, warf dann noch einen Blick in die Tiefe unter sich und winkte den Matrosen zu, indem er einen Schritt zur Seite trat, und sagte: »Ueber Bord mit ihm; den Kopf voran.« Im Augenblick nachher ward Wilhelm auf die Brüstung gehoben; sein Oberkörper senkte sich zuerst, von dem schweren Blei gezogen, an der Seite des Schiffes hinunter, seine Füße folgten ihm nach, er schoß in die Tiefe hinab, ein dumpfer Schlag und ein hohles Gurgeln des Wassers wurde gehört, und Alles war wieder ruhig. Die Matrosen waren mit Jerco in die Cajüte zurückgekehrt, Ritcher blieb allein auf dem Verdeck. Er legte sich mit seinen Armen auf die Brüstung, da, wo Wilhelm von ihr hinabgesunken war, und hielt seine Blicke auf die Wasserfläche unter sich gerichtet, die sich kaum noch in leichten Kreisen bewegte und auf der die Sterne hell und glänzend funkelten. ∗    ∗    ∗ Bald darauf zog von Norden her schweres Gewölk am Himmel auf, ein schneidend kalter Wind strich über das Land, und als der 5 10 15 20 25 30 35 307ZwEitER BaNd • achtZEhNtEs KapitEl Morgen kam, trieb er einen eisigen Regen und Schneegestöber vor sich hin. »Gottlob!« sagte der alte Dosamantes zu Eloisen, indem er zu ihr in die Cajüte trat, wo dieselbe den Frühstückstisch deckte, »heute Abend oder spätestens morgen wird das Mehl hier ankommen, auf das ich so lange habe warten müssen. So eben erhalte ich einen Brief von Richmond, daß es abgeschickt ist. Wäre es länger ausgeblieben, so hätten wir hier einfrieren und Monate lang liegen können; so aber werden wir hoffentlich in wenigen Tagen segelfertig sein.« »Auch ich bin froh, Vater, daß wir bald diesen Platz verlassen, die Nähe der Leute auf jenem schwarzen Schiffe ist mir unangenehm. Auch freue ich mich darauf, den sonnigen, schönen Süden wiederzusehen. Wenn wir nur erst in See sind«, erwiederte Eloise, nahm das nöthige Tischgeräth aus einem Wandschrank und trug es auf die Tafel. »Ich weiß auch gar nicht, worauf der Capitain des Sturmvogels noch wartet? Er läßt immer noch an dem Schiffe arbeiten, und, so viel ich sehen konnte, war es schon lange seefertig. Ladung nehmen sie nicht ein, das Wetter droht mit starkem Frost und doch rührt sich noch Niemand auf dem Verdeck, um Anstalt zur Abreise zu machen. Ich werde nicht klug aus dem Burschen. Wenn er nur hier liegen bleibt, bis wir fort sind«, sagte Dosamantes, indem er sich an dem Tische niederließ und Loredo die Speisen auftrug. Eloise hatte das Futterglas von dem Vogelbauer genommen, um es für ihren kleinen Liebling mit Samen zu füllen, als der alte Diener sagte: »Der Capitain des Sturmvogels hat sich gestern Abend verheirathet.« Eloise schrak bei diesen Worten so heftig zusammen, daß ihr das Glas und die Schachtel mit Samen aus der Hand an die Erde fiel. Sie war bleich geworden und bückte sich rasch zur Erde nieder, um die Körner zusammenzustreichen und den Eindruck vor ihrem Vater zu verbergen, den diese unerwartete Neuigkeit auf sie gemacht hatte. »Ja so, nun ist es mir erklärlich, weshalb er so lange hier gezögert hat«, sagte Dosamantes und fragte dann den Schwarzen: »Hat der Capitain denn seine junge Frau bei sich an Bord?« 308 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Nein, er wohnt mit ihr bei der Wittwe Henschaw, die ein Boardinghaus hält. Sie ist Madame Sukop heute früh auf dem Markt begegnet und hat ihr die Neuigkeit erzählt«, erwiederte Loredo; dann wendete er sich zu Eloisen und sagte: »Bemühen Sie sich nicht, Fräulein, ich werde den Samen sogleich aufnehmen.« Doch diese fuhr fort, denselben selbst mit einem Tuch zusammenzustreichen und ihn in die Schachtel zu schütten. Zu derselben Zeit, als Dosamantes mit seiner Tochter das Morgenbrod verzehrte, saß auch die Familie Terrel bei dem Frühstückstisch. Der alte Buchhalter hatte den Kopf auf seine linke Hand gestützt und blickte, in Gedanken versunken, in die Kaffeetasse, in der er mit dem Löffel rührte. Madame Terrel hatte auch keine Worte, sie hob von Zeit zu Zeit die Tasse an ihren Mund und trank einen Schluck von dem Lieblingsgetränk, doch sah man es ihr an, daß ihre Gedanken anderswo weilten und daß ihr Inneres schmerzlich bewegt war, denn sie bemühte sich vergebens, die Thränen, die ihren Augen entquollen, zurückzuhalten, und ihre Athemzüge waren oft tief und von einem krampfhaften Beben begleitet. Die Kinder hatten den Tisch verlassen, ihre Bücher genommen und waren zur Schule gegangen, als Terrel, ohne seine Stellung zu ändern, zu seiner Frau sagte: »Das ist nun der Dank für alle Pflege und Sorge, die wir auf das Mädchen verwendet haben! Keine Kosten, keine Mühe haben wir gescheut, um sie Alles lernen zu lassen und ihr eine anständige, fromme Erziehung zu geben, und nun geht sie uns heimlich mit einem fremden Manne durch, von dem man nur weiß, daß er sich noch vor nicht langer Zeit in der schlechtesten Gesellschaft herumgetrieben hat.« »Gott mag es wissen, was das Kind so bethören konnte!« seufzte die Frau und trocknete ihre Augen. »Was sie bethört hat? Die glatten Worte eines schönen Verführers«, antwortete Terrel, indem er die Faust ballte. »Giebt es denn aber kein Gesetz, das uns gegen ihn beschützt?« »Gesetz? – Liebe Frau, Du weißt doch wohl, daß wenn sie sich haben trauen lassen, worüber kein Zweifel ist, Niemand in der 5 10 15 20 25 30 35 309ZwEitER BaNd • achtZEhNtEs KapitEl Welt, selbst der Präsident nicht, das Recht hat, dem Mann die Frau zu nehmen. Das Gesetz schützt ihn, nicht die Eltern, denen er das Kind geraubt hat«, sagte der Buchhalter und ließ beide Arme vor sich auf den Tisch sinken. In diesem Augenblick wurde die Schelle an der Hausthür gezogen, Madame Terrel eilte hinaus, um zu sehen, wer da sei, und kam mit einem Brief zurück, den sie weinend und mit zitternder Hand vor ihren Mann auf den Tisch legte; denn nur zu wohl erkannte sie in der Aufschrift die Hand ihrer Tochter. Terrel, an welchen der Brief gerichtet war, öffnete und las ihn. »Wie ich es sagte, sie ist verheirathet und bittet um unsere Vergebung. Sie nennt sich die glücklichste Frau auf Erden; Gott mag es geben, daß sie es wird. Sie hat ihr Schicksal in ihre eigenen Hände genommen, wir haben keinen Theil mehr daran.« »Vielleicht wendet sich doch noch Alles zum Guten, lieber Terrel; sie hat Flournoy lieb und die Liebe der Frau hat großen Einfluß auf den Mann«, sagte Madame Terrel mit einem bittenden Tone. »Das will ich ihr wünschen. Sie hat sich von uns losgesagt und wir sind geschieden«, erwiederte der Buchhalter mit vollster Bestimmtheit, stand auf, hüllte sich in seinen Mantel, nahm seinen Hut und Regenschirm und verließ das Haus, um sich nach dem Geschäftslokal zu begeben. Ralph Norwood verbrachte diesen Tag, sowie den vorigen in einem Zustand der Verzweiflung, denn Garrett hatte noch Nichts von sich hören lassen. Er selbst wußte sich ohne dessen Hülfe nicht zu rathen, er hatte weder Geld, länger hier leben zu können, noch weniger, sich nach seiner Heimath zurückzubegeben, er durfte sich hier nicht einmal öffentlich sehen lassen, aus Furcht, erkannt und wegen seiner Fälschung zur Rechenschaft gezogen zu werden, und er sah keinen andern Ausweg aus dieser peinlichen Lage, als seinem Leben, welches nichts als Schande und Vorwürfe für ihn hatte, ein Ende zu machen. Die Nacht hatte er abermals ohne allen Schlaf zugebracht und blickte bei dem neuen Tageslicht auf die schneebedeckten Häuser und Gärten, auf welche ihm sein kleines Fenster die Aussicht gewährte. Er dachte an seine sonnige Heimath zurück, dachte an die immergrünen Wälder, an die schönen Blüthen und goldenen Früchte der Bananen-, Orangen- und Granatbäume, sah 310 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 in Gedanken das alte, vermoderte Blockhaus seines todten Vaters, und blickte dann in dem engen Zimmer umher, in dem er jetzt, wie in einem Gefängniß, saß, und dann wieder hinaus auf den Schnee. Ach, wie wünschte er sich in jene verfallene Hütte zurück, wie gern hätte er den Pflug und die Axt in die Hand genommen und gearbeitet, bis ihm das Blut unter den Nägeln gestanden hätte. Aber von hier fort zu kommen, war nicht möglich ohne die Hülfe des treulosen Freundes. Plötzlich öffnete sich die Thür und Garrett trat eilig herein. »Sie sind in Sorgen gewesen, Norwood«, sagte er, indem er ihm die Hand reichte, »es war mir aber nicht möglich, Sie von der dringenden Reise, die ich gemacht habe, vorher zu unterrichten. Ich bin soeben zurückgekehrt und komme, Ihnen zu sagen, daß Sie sofort die Stadt verlassen müssen, da man Ihnen auf der Spur ist. Sie dürfen keine Stunde länger hier verweilen. In der soeben erschienenen Zeitung haben die Herren B.... & Co. eine so treffende Beschreibung von Ihnen, nebst unserm Spaß, den wir ihnen gespielt haben, veröffentlicht, daß Sie ein Jeder erkennen muß, der Sie einmal gesehen hat. Außerdem weiß ich von einem Constabel, mit dem ich bekannt bin und der mir und meinen Freunden schon manchen Dienst heimlich erwiesen hat, daß man hart auf Ihrer Fährte ist; darum schnell fort von hier, ehe es zu spät wird. Machen Sie sich fertig, ich laufe rasch hin und hole einen Wagen.« Hiermit sprang Garrett, ohne Ralph’s Antwort zu erwarten, zur Thür hinaus und ließ diesen mit dem Schreck und der Angst, in die ihn jene Mittheilung versetzt hatte, allein zurück. Nur wenige Minuten später trat er abermals in’s Zimmer, rief Ralph zu, ihm zu folgen, und Beide eilten aus dem Hause in die Kutsche, die ihrer vor der Thür harrte. Als sie den Schlag hinter sich geschlossen hatten und der Wagen mit ihnen davon rollte, sagte Garrett zu seinem stummen Gefährten: »Ich bringe Sie zu einer mir bekannten Frau, die einige Meilen von hier an der Straße nach Philadelphia ein einsam gelegenes Haus bewohnt und mir und meinen Freunden verpflichtet ist. Wir geben ihr ihren Lebensunterhalt, wogegen sie uns gelegentlich auch gefällig sein muß; wir dürfen uns auf dieselbe verlassen, denn eher setzte sie ihr Leben ein, ehe sie uns verrathen würde. Dort 5 10 15 20 25 30 35 311ZwEitER BaNd • achtZEhNtEs KapitEl sind Sie vor der Hand sicher, und noch heute will ich mit Flournoy sprechen, der soll Sie, wenn er von hier abfährt, bis nach Norfolk, oder dort in die Nähe mitnehmen, von wo aus Sie dann mit dem Dampfschiff über Richmond nach Hause reisen können. Hier sind hundert Dollar, die vollkommen zur Bestreitung der Reisekosten ausreichen.« Ralph steckte das Geld ein und dankte Garrett für seine Freundschaft, denn jetzt, als die letzten Häuser der Stadt von ihnen zurückgelassen waren, athmete er wieder freier, und die Hoffnung, seine Heimath wieder zu sehen, gab ihm neuen Muth. In weniger als einer Stunde hielt der Wagen mitten im hohen Walde unweit der Straße vor einem kleinen Bretterhause an, und Garrett wurde beim Aussteigen von der Bewohnerin desselben, einer Frau Sloan, begrüßt. »Siehe da, Herr Garrett, habe ja lange nicht das Vergnügen gehabt, Sie bei mir zu sehen. Was bringen Sie mir Neues und womit kann ich Ihnen dienen?« sagte die Frau, eine hagere, knochige Gestalt, mit schwarzem ungeordnetem Haar und blitzenden dunkeln Augen. Ihre vernachlässigte Kleidung stimmte mit der Ausstattung des Zimmers, in welches sie ihre beiden Gäste führte, vollkommen überein, denn es sah ärmlich, unordentlich und schmutzig darin aus. Von dem einzigen Stuhl, den man hier erblickte, war die halbe Rücklehne abgebrochen, auf dem alten Tisch lag ein Haufen süßer Kartoffeln nebst den Schalen derer, die schon geschält waren, vor dem kleinen Holzfeuer in dem Kamin stand eine blecherne Kaffeekanne und ein eiserner Brattopf, und in der altergrauen wurmstichigen Bettstelle lagen eine Menge zerrissener Decken, unter denen an den Seiten das Stroh hervorsah, welches das Lager bildete. Frau Sloan stellte den Stuhl vor das Kamin, rückte noch einen hölzernen Kasten dabei, bat die Gäste darauf Platz zu nehmen und lehnte sich dann an das Gesimse des Kamins, um zu hören, was Garrett von ihr wünsche. Dieser theilte ihr nun mit, daß Ralph sich einige Zeit bei ihr verborgen halten solle und daß sie alle Vorsicht anwenden müsse, um ihn etwaigen Nachforschungen zu entziehen. »Nichts leichter, als dies«, sagte die Frau, »bei Tag geht der Herr auf die Jagd, dort im Schrank steht eine gute Doppelflinte, und 312 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 wenn er mit der Dunkelheit nach Hause kommt, verschließen wir die Thür. Sie kennen ja den Weg an dem Seil aus dem Dachfenster herab, Herr Garrett, für den Fall, daß man uns einen nächtlichen Besuch machen sollte; der Strick hängt dort immer zur Hand und, einmal aus dem Hause, ist man gleich im Walde. Der Herr ist hier außer aller Gefahr.« Nach nochmaliger Aufforderung zur Vorsicht nahm Garrett Abschied von Ralph, versprach ihm, bei seiner Rückkehr zur Stadt sofort mit Flournoy zu reden, damit dieser ihn bis Norfolk als Passagier mitnähme, drückte dann der Frau Sloan einige Dollar in die Hand und begab sich in den Wagen, der ihn eilig zur Stadt zurücktrug. Der Präsident Forney war heute zur Frühstückszeit in den Speisesaal getreten, noch ehe das junge Ehepaar dort erschienen war. Er ging mit Heiterkeit und glücklicher Zufriedenheit auf seinen Zügen, während die Diener die Speisen auf den Tisch trugen, im Zimmer auf und ab, schaute im Vorüberschreiten aus den Fenstern auf den schneebedeckten Garten und warf wiederholt einen erwartungsvollen Blick auf die Seitenthür, von woher seine Kinder kommen mußten. Jetzt öffnete sich dieselbe und Frank und Eleanor traten Arm in Arm in den Saal. Sie eilten dem Präsidenten entgegen, Eleanor schlang ihre Arme um den geliebten Vater und küßte ihn zum Morgengruß, während Frank ihm die Hand mit Liebe und Wärme drückte und seine Freude darüber aussprach, ihn so frisch und wohl zu sehen. »Mir hat der liebe Gott nun alle meine Wünsche erfüllt, und jeder Tag, um den er mein beneidenswerthes glückliches Leben noch verlängert, ist eine Zugabe, wofür ich ihm noch besonders dankbar sein muß«, sagte der Präsident, indem er um beide Kinder seine Arme schlang und sie zu dem Frühstückstisch führte. »Den Frost hat der Himmel mir auch zu Gefallen geschickt«, fuhr er fort, als sie Platz genommen hatten, »damit ich Euch noch länger bei mir behalte, denn die Bay wird sich bald mit Eis bedekken, so daß kein Dampfboot mehr fahren kann, und mit der Post dürft Ihr in dieser Kälte nicht reisen.« »Wie gern lassen wir uns bei Ihnen zurückhalten, hierzu bedarf es so strenger Mittel nicht«, erwiederte Frank. 5 10 15 20 25 30 35 313ZwEitER BaNd • achtZEhNtEs KapitEl »Könnten wir Dich nur mit uns nehmen, guter, bester Vater!« sagte Eleanor, indem sie zärtlich seine Hand ergriff und ihre Lippen darauf drückte. »Einen alten Baum darf man nicht in eine fremde Erde verpflanzen, das verträgt nur die Jugend. Aber besuchen werde ich Euch in Eurem Paradiese, und wenn es dort im Sommer zu heiß wird, dann nehme ich Euch mit mir hierher«, erwiederte Forney, als ein Diener eintrat und die neue Zeitung auf den Tisch legte. Der Präsident nahm sie auf, um sie in gewohnter Weise zu durchblättern, drehte seinen Stuhl etwas zur Seite, um das Licht besser auf das Blatt fallen zu lassen, und legte sich behaglich zurück gegen die Lehne des Sessels. Frank hatte seinen Arm um Eleanor geschlungen und wartete mit ihr auf die Mittheilungen, die der Präsident ihnen aus der Morgenzeitung stets zu machen pflegte. Dieser hatte ihnen einen Artikel über den bevorstehenden Besuch Lafayettes vorgelesen, dann Bruchstücke aus den Verhandlungen im Congreß zu Washington zum Besten gegeben, und mehrere Explosionen auf Dampfbooten hervorgehoben, als er nach einer Weile sagte: »Da ist wieder ein schändlicher Betrug an einem unserer Mitbürger begangen worden. Den Herren B.... & Co. dahier hat ein Gauner einen gefälschten Creditbrief von 4000 Dollar vorgezeigt und das Geld dafür ausgezahlt bekommen. Da steht auch die Beschreibung des Spitzbuben, der die Fälschung verübt.« Dann schwieg er, blickte eine Zeit lang mit auffallender Spannung auf das Papier, ein Ausdruck der Entrüstung zeigte sich auf seinem Gesicht, er faltete das Papier zusammen und verbarg es in seiner Brusttasche. Frank sowohl als Eleanor hatten den Eindruck bemerkt, den der Artikel auf den Präsidenten gemacht hatte, und Ersterer fragte denselben: »Hat der Betrug, von dem Sie lasen, vielleicht einen Bezug auf die Bank?« »Nein, nein«, antwortete der Präsident, »es ist mir nur leid, daß er die Herren B.... & Co. betraf, sie sind mir sehr befreundet. Es wird aber Zeit, daß ich mich nach der Bank begebe.« 314 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Mit diesen Worten erhob sich Forney, empfing von Eleanor noch einen Kuß, drückte Frank die Hand und verließ das Zimmer. »Ich möchte doch wissen, was der Vater da Unangenehmes in der Zeitung gelesen hat. Er war ernstlich davon ergriffen und hat gegen seine Gewohnheit das Blatt mit sich genommen«, sagte Eleanor, als sie durch das Fenster dem Präsidenten nachblickte, der raschen Schrittes in der Straße hinunter ging. »Das können wir bald gewahr werden«, erwiederte Frank, »das Zeitungsbüreau ist ja hier in der Nähe. Ich will schnell ein Exemplar davon holen lassen.« Er zog die Schelle und trug dem darauf eintretenden Diener auf, das Blatt schnell zu holen. Nur kurze Zeit nachher kam derselbe mit der Zeitung in der Hand in das Zimmer zurück und überreichte sie Frank. »Ich bin doch neugierig, was das gewesen sein mag. Es war entweder der Artikel über den Betrug, oder ein anderer, der ganz nahe dabei stand«, sagte Frank, indem er an das Fenster trat und das Blatt öffnete, wobei Eleanor ihre Hand auf seine Schulter legte und über dieselbe auf das Papier schaute. »Dies ist der Artikel, den Vater gelesen hat und hier folgt die Beschreibung des Gauners«, fuhr Frank fort und las nun das Signalement. Er las es aber nur halb zu Ende, als er die Hand mit der Zeitung vor sich herabsinken ließ und Eleanor sagte: »Um Gottes Willen, die Beschreibung gleicht ja dem Herrn Norwood.« Frank gab keine Antwort, er war bleich geworden, trat an das Kamin und warf die Zeitung in das Feuer. »Es ist unmöglich, so tief kann Ralph nicht gefallen sein«, sagte er, auf das Heftigste erschüttert, »und doch steht die Beschreibung ganz und gar mit seinem Aeußern in Einklang.« »Ach nein, es ist ja nicht möglich, das Signalement paßt ja auf hundert Andere. Wie sollte der Herr Norwood dazu kommen, da Du ja hier warest und er Dich um Hülfe ansprechen konnte, wäre er in der Noth gewesen«, sagte Eleanor beschwichtigend. »Falsche Scham, beste Eleanor, führt oft zum Verbrechen«, antwortete Frank, indem er seine junge Frau bei der Hand nahm und den Saal mit ihr verließ. 5 10 15 20 25 30 35 315ZwEitER BaNd • achtZEhNtEs KapitEl ∗    ∗    ∗ Einige Tage später war keine Wolke am Himmel zu sehen, die Sonne schien heiter und prächtig auf die schneebedeckte Landschaft, und die Leute in den Straßen der Stadt Baltimore bewegten sich mit verdoppelter Eile, denn die Kälte war ungewöhnlich streng und stand im grellsten Widerspruch mit der glühenden Hitze, die während des Sommers hier herrscht. Der Arm der Bay, der sich an der südlichen Seite des Forts von Baltimore hinaufzieht, wo sich bei Spring Garden der Patapscofluß in denselben ergießt, so wie das Bassin an der Stadt selbst war schon mit einer starken Eisdecke überzogen, und auch an der Point, wo die größern Seeschiffe lagen, fing das Wasser in der Nähe der Ufer an zu frieren. Es war Nachmittags, als ein Schooner an die Seite der Tritonia anlegte und die Mannschaften beider Schiffe sich mit allen Kräften daran begaben, die Ladung Mehl, welche der Schooner gebracht hatte, auf das andere Fahrzeug überzuladen. Dabei ging der alte Dosamantes, mit den Händen in den Taschen seines dicken Winterrocks, geschäftig auf dem Verdeck auf und ab, um die Arbeit der Matrosen zu überwachen und seine Befehle, wo sie nöthig waren, zu ertheilen; denn er hoffte am nächsten Tage seine Ladung zu complettiren, an dem darauf folgenden zu segeln, und so noch der Gefahr, einzufrieren, zu entgehen. Auf dem Sturmvogel dagegen wurden noch immer keine Vorbereitungen zur Abreise gemacht, doch viel Aufmerksamkeit von Seiten der Mannschaft auf die Geschäftigkeit an Bord der Tritonia verwandt. Ritcher saß auf der Brüstung seines Schiffes und hielt seine Blicke auf Dosamantes und dessen Leute geheftet, die Matrosen blickten neugierig aus ihrer Cajüte nach jenem Fahrzeug hin und Flournoy, der mit Garrett auf dem obern Verdeck au dem Steuerruder stand, wendete seine Augen während der Unterhaltung nicht von der Tritonia ab. »Sie müssen mir den Gefallen thun, Capitain, und den Norwood bis nach Norfolk mitnehmen, wenn Sie ihn nur dort in der Gegend irgendwo an das Land setzen«, sagte Garrett dringend zu Flournoy. 316 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Sie sagen, er habe hier Schulden gemacht und seine Gläubiger suchten ihn. Seien Sie überzeugt, daß dieselben ein wachsames Auge auf mein Schiff haben werden, wenn ich abfahre, und wollte er sich hier an Bord begeben, so würden sie ihn sogleich fangen«, erwiederte der Capitain. »Dieserhalb dachte ich, mit ihm zehn Meilen von hier an Swanspoint auf Sie zu warten, wenn Sie dort ein Boot aussetzen und ihn an Bord holen wollten; dann ist alle Gefahr für ihn vermieden«, sagte Garrett. »Ja so, nun, das kann ich ja wohl thun«, antwortete Flournoy leicht hin, doch schien er an ganz etwas Anderes zu denken. »Also bleibt es dabei, Morgen früh, vor acht Uhr fahren Sie doch nicht von hier ab; um diese Zeit werde ich schon mit Norwood auf der Landspitze eintreffen und Ihr Schiff erwarten.« »Das soll ein Wort sein«, erwiederte Flournoy eben so gleichgültig, als habe er gar nicht gehört, was Garrett gesagt hatte, und schoß einen glänzenden Blick nach der Tritonia hinüber. »Was Teufel! Wer ist das schöne Mädchen auf jenem Schiffe? Ich habe sie vor längerer Seit einmal in der Straße gesehen und damals nicht ausfinden können, wer sie war. Ein Paar solcher Augen vergißt man nie«, sagte Garrett, indem er nach dem Verdeck der Tritonia zeigte, auf welchem Eloise jetzt zu ihrem Vater getreten war und mit ihm sprach. »Sie ist die Tochter des Capitains«, antwortete Flournoy mit erzwungener Gleichgültigkeit, die aber seine Blicke Lügen straften, denn seine Augen glühten und hingen unbeweglich an dem schwarzumlockten, schönen Mädchen. »So leben Sie denn wohl, Capitain Flournoy, und nehmen Sie im Voraus meinen Dank für die Gefälligkeit und den Dienst, den Sie meinem Freunde erzeigen werden«, sagte Garrett, und hielt dem Capitain die Hand hin. »Hat gar Nichts zu sagen, gern geschehen, leben Sie wohl«, antwortete dieser, reichte Garrett die Hand und wandte sich rasch von ihm ab zu Ritcher, augenscheinlich, um den lästigen Gast los zu werden. »Die Tritonia wird übermorgen segeln, wir müssen morgen aufbrechen. Wenn nur das Wetter hell bleibt, damit sie uns nicht im Nebel entgeht«, sagte Flournoy zu dem Steuermann. 5 10 15 20 25 30 35 317ZwEitER BaNd • achtZEhNtEs KapitEl »Entgeht? Da müßte sie auf ihren Segeln durch die Luft davonfliegen. Wir warten auf sie zwischen Cap Henry und Cap Charles, das ist ein schmales Loch, aus welchem sie hinaus muß, um in den Ocean zu kommen. Die Kugel aus unserem Long Tom (eine lange Kanone, die sich auf einer Spindel dreht) reicht über den ganzen Paß hinüber. Hat Nichts zu sagen, ich liefere ihnen den schwarzen Lockenkopf«, antwortete Ritcher, und Flournoy ging auf das Verdeck über der Cajüte zurück, von wo aus er im Auf- und Niedergehen nach Eloisen hinüber sah. Der Tag versank, die letzten glühenden Strahlen der Sonne färbten die Schneemassen auf Wald und Flur mit einem röthlichen Schimmer, der Abendstern funkelte und blitzte, und der Mond stieg glänzend an dem klaren Himmel auf. Sein helles Silberlicht ruhte still und friedlich auf der weiten Schneelandschaft und tanzte zitternd und spiegelnd auf den leicht bewegten Wellen der Bay. Es war eine kalte Nacht und der Wind, der über die Gebirgszüge vom Westen herwehte, zog scharf und schneidend durch die Stra- ßen von Baltimore. Nur wenige Fußgänger zeigten sich auf den Trottoirs und alle waren in großer Eile, um das Ziel ihres Weges zu erreichen. Es schlug acht Uhr, als Garrett in größter Hast von der Marketstraße kam und nach dem Miethstalle eilte, aus welchem er mit Ralph damals ein Paar Pferde erhalten hatte, um mit ihm zu dem Wettrennen zu reiten. »Ist der Fuchs im Stalle und der Schimmel, den ich nach dem Wettrennen ritt?« fragte er den Wärter, indem er in den warmen, hell erleuchteten Stall trat. »Sie sind beide hier, Herr Garrett; Sie wollen doch bei dieser Kälte nicht reiten, man verfriert ja die Ohren«, antwortete der junge Mann. »Die Wärme der Liebe ist stärker, als der Frost draußen; ich reite zu einem interessanten Abenteuer. Schnell, satteln Sie mir die beiden Pferde«, rief Garrett und schnallte sich ein Paar Sporn an. »Das muß eine heiße Liebe sein!« sagte der Wärter, indem er zu den Pferden ging und sich beeilte, ihnen Sattel und Zeug aufzulegen. Nach wenigen Minuten hatte er dies vollbracht, und als er den Schimmel aus dem Stand führte, fragte er scherzend: 318 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Wollen Sie denn beide Pferde zugleich reiten?« »Ich nehme den Fuchs an die Hand, er wird doch folgen?« »Ganz gut«, erwiederte der junge Mann und führte dies Pferd zu Garrett hin, der während der Zeit den Schimmel bestiegen hatte. Dann öffnete er das Thor, und als der Reiter mit den beiden Thieren den Stall verließ, rief er ihm lachend nach: »Viel Vergnügen, nehmen Sie sich in Acht, daß Sie sich nicht, trotz der heißen Liebe, erkälten!« Garrett hörte kaum noch den Nachruf, denn im Galopp jagte er in aller Hast davon. Ohne den Thieren einen Augenblick Zeit zum Verschnauben zu geben, sprengte er bergauf, bergab auf der einsamen Straße dahin und fragte nicht nach der eisigen Kälte, die ihm den Bart mit Rauhreif überzog. Endlich erkannte er das dunkle Haus der Wittwe Sloan in dem schneebedeckten Walde, noch ein paar Minuten und er hatte es erreicht. Alles war still und kein Licht mehr durch die Fenster zu erblikken, auf deren Glasscheiben sich das Mondlicht spiegelte. Garrett war an die hintere Seite des Hauses unter das Dachfenster geritten und rief mit lauter Stimme: »Ralph, Ralph, schnell kommen Sie herab!« worauf sich sogleich das Fenster öffnete und der Angerufene verwundert und erschrokken aus demselben herabblickte. »Mein Gott, sind Sie es, Garrett, was ist geschehen?« »Schnell, schnell, verlieren Sie keinen Augenblick, sonst werden Sie gefangen. Kommen Sie herab!« rief ihm Garrett zu; das Fenster schloß sich, und eine Minute nachher stürzte Ralph aus der Thür mit dem Rock in der Hand, den er im Laufen anzog. »Rasch auf den Fuchs und davon«, sagte Garrett; Ralph sprang in den Sattel, und fort stoben die Pferde, daß der Schnee weit hinter ihnen aufflog. »Das war hohe Zeit«, sagte Garrett, nachdem sie über eine Meile in fliegender Eile zurückgelegt hatten und die Pferde vor einer steilen Anhöhe in Schritt fielen. »Ich war vor acht Uhr zum Abendessen in einem Austerkeller eingekehrt, und wollte von da zu Ihnen herausfahren, um Sie nach Swanspoint hinunter zu bringen, da 5 10 15 20 25 30 35 319ZwEitER BaNd • achtZEhNtEs KapitEl morgen früh der Sturmvogel segeln wird und der Capitain Sie an jener Landspitze mit seinem Boote abholen will. Ich hatte mich kaum an einem der Tische niedergelassen, als der mir befreundete Constabel hereintrat und mir im Vertrauen mittheilte, daß einige seiner Collegen Ihren Aufenthalt entdeckt und im Begriff wären, hinaus zu reiten, um Sie gefangen zu nehmen. Ich ließ mein Abendessen im Stich, rannte nach dem Stall, ließ die Gäule satteln und kam noch zeitig, um Sie zu retten; denn ich bin überzeugt, daß jetzt schon die Herren Constabels bei Frau Sloan nach Ihnen suchen. Lassen Sie uns aber rasch reiten, denn die Burschen könnten unserer Spur folgen, es ist so hell wie bei Tage.« »Wohin reiten wir denn?« fragte Ralph, indem er sein Pferd in Trab setzte. »Swanspoint ist eine Landspitze, die sich weit in die Bay hinaus erstreckt, und auf welcher ein freier Neger, der von der Jagd lebt, mit seiner Familie wohnt. Es ist auf mehrere Meilen im Umkreis kein Haus in seiner Nähe, weshalb ich häufig auf der Jagd bei ihm eingekehrt bin, um von ihm einen frischen Trunk zu erhalten. Dort wollen wir die Pferde stehen lassen und uns erwärmen, der Kerl soll uns einen Kaffee machen, und wenn der Tag kommt, gehen wir auf das Ende der Landzunge, um das Boot Flournoy’s zu erwarten.« Es wurde immer kälter, der Wind wehte stärker und einzelne Wolken trieben eilig an dem Monde vorüber. Die Reiter hielten ihre Pferde im scharfen Trabe und waren nur noch einige Meilen von dem Ziel ihrer Reise entfernt, als plötzlich nahe vor Ralph’s Pferd eine schwarze Kuh aus einem Busche aufsprang und der Fuchs erschreckt zur Seite prallte, so daß sein Reiter den Sitz verlor. Ralph, erzürnt hierüber, versetzte dem Roß einige heftige Schläge mit dem Stock, der ihm als Peitsche diente, die das Thier mit Ausschlagen und Bäumen beantwortete, und worauf es, trotz der verkürzten Zügel, in weiten Bogensätzen vorwärts sprang. Ralph riß es gewaltsam zurück, doch der Grimm des Fuchses steigerte sich mit jedem Augenblick, er biß knirschend auf die Stange und prallte mit seinem Reiter von einer Seite der Straße zur andern. Nochmals senkte Ralph seinen Stock mit aller Kraft auf die Croupe des Pferdes, als dasselbe wuthschäumend zur Seite in eine Vertiefung 320 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 setzte, auf dem Abhang ausglitt und zusammenstürzte. Ralph war aus dem Sattel gefallen und blieb, als der Fuchs aufsprang, mit dem linken Fuß in dem Bügel hängen, so daß ihn das davonjagende Thier mit sich fortschleifte. Dahin ging es nun in fliegender Carriere auf der tiefbeschneiten Straße, der Fuchs voran und der Spieler auf dem Schimmel ihm nach. Garrett erkannte die Gefahr seines Gefährten, er stach beide Sporn in die Flanken seines Schimmels, kam mit wenigen Sprüngen an die Seite des Fuchses, riß eine Pistole unter seinem Rock hervor und feuerte sie auf den Kopf des reiterlosen Pferdes ab. Mit dem Knall stürzte das Thier zusammen und blieb regungslos neben Ralph liegen. Die Kugel war ihm durch den Schädel gedrungen und hatte es im Augenblick getödtet. Garrett konnte erst nach und nach seinen Schimmel pariren, und als er ihn zu Ralph zurückwendete, sah er mit Freuden, daß dieser sich bereits seiner Fessel entledigt hatte und bei seinem todten Roß stand. »Die Knochen noch ganz?« rief er ihm von Weitem zu. »Wie es mir scheint, so bin ich heiler Haut davongekommen,« antwortete Ralph und schlug sich den Schnee von dem Rocke, »nur meinen Hut habe ich verloren.« »Der liegt nicht weit,« sagte Garrett und ritt auf der Straße zurück nach dem Platz, wo Ralph gestürzt war. Bald kam er mit dem Hut an und sagte, indem er ihn seinem Gefährten reichte: »Es ist ein Glück, daß wir so nahe bei dem Hause des Negers sind; dort oben, wo die Straße die Biegung macht, geht der Fußpfad nach dessen Hause ab. Den Gaul müssen wir hier schon liegen lassen, aber Sattel und Zeug wollen wir seitwärts in dem Walde verbergen.« Hiermit stieg er ab, hing den Zügel seines Pferdes über die Schulter und beugte sich zu dem Fuchs nieder, um ihm den Zaum abzunehmen, während Ralph ihm die Sattelgurten löste. »Ein verdammt guter Schuß! Flüchtig, wie die Bestie war, hieß es drauf gehalten. Hätte ich gefehlt, so hätten Sie Ihren letzten Ritt gemacht gehabt,« sagte der Spieler. »Ich danke Ihnen mein Leben, Garrett, und noch mehr, meine Freiheit, mag mir der Himmel später Gelegenheit geben, mich Ihnen durch die That dankbar zu zeigen; jetzt freilich muß ich Ihre 5 10 15 20 25 30 35 321ZwEitER BaNd • achtZEhNtEs KapitEl Güte noch ferner in Anspruch nehmen,« sagte Ralph, indem er Garrett die Hand reichte. »Hat nichts zu sagen, ist Alles schon ausgeglichen. Heute mir, morgen dir,« erwiederte der Spieler, und nahm den Zaum von dem Kopf des todten Pferdes. Ralph hatte den Sattel von ihm abgezogen und trug Beides in den Wald hinein, wo er es unter dem Gebüsch verbarg; dann kehrte er zu Garrett zurück, und setzte mit ihm die Reise zu Fuße fort, während der Schimmel ihnen am Zügel folgte. 322 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 19. Der Neger. – Die Entenjagd. – Der Schwan. – Das erwartete Schiff. – Betrogene Hoffnung. – Die Fahrt in die Bay. – Das umgeschlagene Boot. – Trotz dem Schicksal. – Der Hut. – Rückkehr nach der Stadt. – Das Erkennen. – Reise nach der Heimath. Der Weg, nachdem die Straße verlassen war, wurde schlecht, und nur das helle Mondlicht machte es möglich, densel-ben zu verfolgen; denn bald führte er durch hohe dichte Waldstriche hin und her, bald verlor er sich auf vielen Pfaden in wüsten überschneiten Grasflächen. Garretts Ortskenntniß aber geleitete ihn richtig, und es war kaum nach Mitternacht, als die Beiden das Ziel ihrer Reise, das einsame Blockhaus, erreichten. »Hallo, Dick!« rief Garrett und klopfte an die Thür, worauf man bald Geräusch in dem Hause vernahm und eine Mannsstimme fragte: wer da sei? »Mache nur auf, Dick, es ist ein alter Bekannter von Dir mit seinem Freunde, der sich eine Stunde bei Dir wärmen will,« antwortete Garrett, worauf sich der kleine Laden vor dem Fensterloch öffnete und der Neger daraus hervorsah. »Sogleich, meine Herren,« rief jetzt der Schwarze, schloß den Fensterladen wieder, und bald darauf wurde Licht durch die Fugen zwischen den Baumstämmen, aus welchen die Wände des Gebäudes bestanden, sichtbar. Dann that sich die Thür auf, und Dick bat ehrerbietig die beiden weißen Gäste, einzutreten. Eine starke, schön gebaute Negerfrau kniete vor dem Kamin und blies das Feuer an, ein schwarzer Junge von etwa vierzehn Jah- 5 10 15 20 25 30 35 323ZwEitER BaNd • NEuNZEhNtEs KapitEl ren stand, noch halb im Schlafe, neben dem Feuerplatz und rieb sich die Augen, und in dem großen roh gezimmerten Bette bewegten sich unter vielen zerrissenen Decken und Lumpen noch drei kleinere schwarze Kinder. »Gleich soll das Feuer gut brennen, so daß Sie sich erwärmen können,« sagte der kräftige Neger Dick und rückte zwei Stühle vor das Kamin, damit seine Gäste Platz nehmen konnten. »Du mußt uns einen guten Kaffee brauen, Dick; hast doch welchen im Hause?« sagte Garrett. »Ei, ja wohl, Herr Garrett, Kaffee ist unser einziges Labsal, den lassen wir nicht ausgehen. Gleich soll meine Frau eine Kanne voll kochen,« erwiederte der Neger und setzte dann, indem er sich nach der Thür wandte, hinzu: »Ich will aber Ihr Pferd unter den Schoppen führen, da ist es gegen den Wind geschützt und wenn der Tag kommt, soll es etwas Mais haben.« Hiermit verließ er das Haus und kehrte, sich die Hände reibend, bald zurück. »Es ist bitter kalt, und wenn es noch einige Tage so stark friert, so wird kein Schiff mehr nach Baltimore hinauf fahren können,« sagte er eintretend. »Wenn der Tag kommt, wollen wir nach der Landspitze gehen, um dort ein Schiff zu erwarten, welches meinen Freund hier an Bord nehmen soll. Der Capitain wird ihn in seinem Boote abholen,« sagte Garrett zum Neger, der noch Holz auf das Feuer warf, welches schon hoch aufflackerte. »Das wird seine Schwierigkeit haben. Die Bay ist schon sehr unruhig und der Wind ist im Zunehmen. Ein Ruderboot läuft Gefahr umzuschlagen, wenn es in die Brandung kommt,« bemerkte Dick. Als er aber sah, daß seine Worte einen beunruhigenden Eindruck auf seine Gäste machten, fügte er hinzu: »Das hat aber nichts zu sagen, wenn die See für das Boot zu hoch geht, so bringe ich Sie in meinem Segelboot an Bord des Schiffes. Ich habe in wilderem Wasser, als dieses, darin die Bay befahren.« »Wo liegt Dein Boot, Dick?« fragte Garrett. »Gerade am Ende der Landspitze. Ich benutze es häufig, um geschossene Enten aus der Bay zu holen. Sie wissen, jetzt ist die 324 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Strichzeit und ich schieße manchen Morgen zwei, auch drei Dutzend Enten. Sie sind jetzt auf dem Markt in Baltimore im Preis; das Paar Canvasbackduck (eine ausgezeichnete Ente, die ausschließlich nur auf der Cheasepeakebay angetroffen wird) kostet zwei Dollar. Wenn es Ihnen Vergnügen macht, so können Sie diesen Morgen einige Schuß darnach thun. Flinten habe ich für Sie Beide.« Das große Feuer im Kamin warf jetzt seine Gluth durch das Haus und machte den Aufenthalt in demselben angenehm und behaglich, während der Wind in den Fugen der Wände pfiff und die hölzernen Schindeln des Daches rasselnd bewegte. Bald hatte die Negerfrau den Kaffee bereitet, den sie ihren Gästen mit Honig credenzte und der dieselben vollkommen wieder erwärmte und sie die Beschwerden ihres Rittes vergessen ließ. Sie plauderten, lachten und scherzten, Garrett, froh, weil er Ralph aus diesem Lande fortzuschaffen im Stande war, da seine eigene Sicherheit davon abhing, daß dessen Person dem Gericht nicht in die Hände fiel, und Ralph, weil er der Hoffnung lebte, nun bald seine ferne Heimath wieder zu erreichen, wo er vor den Folgen seines begangenen Unrechts sicher war. Der Neger hatte von Zeit zu Zeit aus der Thür geblickt und zeigte nun an, daß der Tag graue. »Wenn es den Herren nicht zu kalt und unfreundlich ist und Sie wollen einige Schüsse nach Enten thun, so würde es jetzt Zeit sein, aufzubrechen. Die Landspitze ist nur wenige tausend Schritt von hier entfernt und dort sind wir ziemlich gegen den Wind geschützt,« sagte er, indem er eine Jacke von sehr dickem Matrosentuch anzog, eine Jagdtasche umhing und eine ungeheuer große schwere Flinte, die einen starken Mann erforderte, um sie zum Schuß anzuschlagen, aus der Ecke des Zimmers nahm. »So lassen Sie uns aufbrechen,« sagte Garrett zu Ralph, indem er aufstand, »ich bin tüchtig durchgewärmt und kann nun wieder ein gutes Theil Kälte vertragen.« »Und je eher wir am Wasser sind, desto sicherer können wir sein, daß wir das Schiff nicht verfehlen,« bemerkte Ralph, indem er sich gleichfalls erhob. »Wo hast Du denn aber Flinten für uns, Dick?« fragte Garrett den Neger. 5 10 15 20 25 30 35 325ZwEitER BaNd • NEuNZEhNtEs KapitEl »Dort hinter dem Bett; Mary, hole sie doch her,« antwortete der Neger, indem er sich zu seiner Frau wandte. Diese zog zwei lange Gewehre hinter der Bettstelle hervor, wischte mit einem Tuche den Staub davon ab und reichte sie den Gästen hin. Dann gab ihnen Dick noch zum gemeinschaftlichen Gebrauch ein Pulverhorn, sowie einen Beutel mit grobem Schrot und die Rüstung zu der Entenjagd war beendet. Der Neger verließ darauf mit seinen Gästen das Haus, indem er seiner Frau den Auftrag gab, für ein zeitiges Frühstück zu sorgen, begab sich dann nach dem nahestehenden Kuhstall, neben welchem in einem gut verwahrten und mit trockenem Laub überdeckten Verschlag ein ungewöhnlich großer schwarzer Neufundländer Hund an der Kette lag, befreite denselben und schritt nun auf einem schmalen Pfad durch die hohen Baumgruppen voran, welche die einsame Ansiedlung auf der Südseite einschlossen. Als die drei Männer nach wenigen Minuten aus dem Holz hervortraten, lag vor ihnen die weite Bay ausgebreitet, in welche das Land, auf dem sie sich befanden, sich weit hinaus erstreckte, immer schmaler wurde und zuletzt in eine Spitze endigte. Auf dieser Landzunge hin lag der Fußpfad, den die Jäger verfolgten. Der heftige Wind, dem sie hier ohne allen Schutz preisgegeben waren, umstrich sie pfeifend und schneidend; sie drückten ihre Hüte tief in den Kopf und verbargen ihre Hände unter dem Rock, um sich gegen die Kälte zu schützen. Der Himmel hatte sich mit vielen Wolken bedeckt, die fliegend an ihm hinjagten, der Mond blickte nur für Augenblicke klar zwischen ihnen durch, und sein Licht kämpfte fortwährend mit dem Düster, welches das Gewölk über die Erde verbreitete. Die See ging hoch, die Wogen stürzten wild aufschäumend durcheinander hin und warfen sich donnernd und zischend zu beiden Seiten der Landzunge gegen das hohe Ufer. Die Jäger hatten bald die letzte Spitze des Landes erreicht und Dick führte seine Gäste dort in ein, in die Erde gegrabenes vierekkiges, drei Fuß tiefes Loch, in welchem wohl sechs Menschen auf den darin angebrachten Bänken Raum zum Sitzen hatten, und dessen oberer Rand von einer zwei Fuß hohen Brüstung von Reisig überragt wurde, durch welche der schmale Einstieg in die Vertiefung führte. Hier waren die Männer gegen den eisigen Wind voll- 326 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 kommen geschützt, sie stellten ihre Flinten zum Gebrauch fertig an die Wände und ließen sich auf die Sitze nieder, während Neptun, der große langhaarige Hund, sich zwischen sie auf den Boden legte und ihnen die Füße wärmte. Der bleiche Schimmer des kommenden Tages breitete sich rasch am östlichen Himmel aus, das Mondlicht verlor seine Kraft und die Morgendämmerung trat ein. »Dort kommen Enten; machen Sie sich fertig,« sagte Dick, ergriff rasch das kolossale Gewehr, hob es, nach Osten hin in die Luft gerichtet, gegen seine Schulter, und feuerte es einem Zug von einigen tausend Enten entgegen ab, die mit einer rasenden Schnelligkeit in bedeutender Höhe über die Landspitze hinflogen. Dem dröhnenden Krach des Gewehres folgte deutlich der schlagende Ton der Schrote auf das Gefieder der flüchtigen Enten und über ein Dutzend von ihnen senkten die langen Halse der Erde zu und schossen pfeilschnell aus dem Schwarm theils auf die Landzunge, theils über dieselbe hin in die See hinab. Neptun war mit dem Schusse aus der Vertiefung gesprungen, hielt seine Augen auf die, in die See fallenden Enten gerichtet und stürzte sich ihnen nach in die brausende Fluth. Wie einen schwarzen Punkt sah man ihn weithin aus dem Schaum der Wogen auftauchen und wieder zwischen denselben verschwinden, bald aber zu dem Ufer zurückkehren, welches er, mit zwei Enten im Gebiß, erstieg und mit ihnen zu seinem Herrn hinsprang. Kaum hatte ihm dieser dieselben abgenommen, so eilte der Hund in die See zurück, um die übrigen erlegten zu holen. Jetzt kamen die Enten Zug auf Zug in solchen Massen über die Landspitze geflogen, daß die drei Jäger ihre Gewehre nicht rasch genug laden konnten. Neptun trug die Beute auf das Ufer und kehrte immer schnell wieder in die Fluth zurück, um den weiter erlegten Enten nachzuschwimmen. Da kam ein langer Zug von Schwänen herangestrichen, und die Jäger verbargen sich hinter dem Reisig, um nicht von ihnen gesehen zu werden. Mit langsamem, singendem Flügelschlag hatten die stolzen Vögel bald die Landzunge erreicht, und schwebten über dem Versteck der Jäger hin, als diese sich erhoben und ihre drei Feuerschlünde nach ihnen entluden. Zwei Schwäne stürzten todt 5 10 15 20 25 30 35 327ZwEitER BaNd • NEuNZEhNtEs KapitEl auf die Erde herab, ein dritter aber war nur leicht am Flügel verwundet und schoß, da er sich nicht länger in der Luft zu erhalten vermochte, in die See hinab. Neptun, der mit einer Ente dem Ufer zustrebte, sah ihn fallen, ließ die Ente los, und wandte sich dem Schwan nach, der der offenen See zuruderte. Von den Wogen auf und nieder geworfen, folgte ihm der Hund nach, die Entfernung zwischen ihnen ward schnell verkürzt, und schon hatte Neptun ihn bis auf einige Fuß Entfernung erreicht, als der Schwan sich auf seinen Verfolger zuwandte, sich blähend hoch über dem Wasser erhob und mit einem gewaltigen Schlag seiner Flügel den Hund so kräftig auf den Kopf traf, daß derselbe versank. Dick war mit einem Satze aus der Vertiefung gesprungen. »Ich muß im Boot dem Hunde zu Hülfe kommen oder der Schwan tödtet ihn!« rief er aus und stürzte nach seinem Schiff hin, welches einige hundert Schritt weiter zurück in einer kleinen Bucht befestigt lag, doch noch ehe er es erreichte, war Neptun wieder auf der Oberfläche erschienen, der Schwan hatte einen neuen Angriff auf ihn gemacht und der Hund hatte denselben beim Kopfe erfaßt. »Ho, ho, nun soll er schon allein mit ihm fertig werden!« rief Dick triumphirend und eilte der Stelle zu, auf welche jetzt der Hund seine Beute zuschleppte. Bald hatte derselbe das Ufer erreicht und zog den mächtigen todten Schwan seinem Herrn entgegen. Die Jäger hatten in ihrem Eifer Sturm und Kälte, ja Ralph und Garrett hatten sogar den eigentlichen Zweck ihres Hierseins vergessen, als ein großes dreimastiges Schiff, welches mit vollen Segeln auf der Bay herabgezogen kam, diese an den Sturmvogel erinnerte. Es war heller Tag geworden, die Sonne blickte nur hier und dort zwischen dem eiligen Gewölk hervor und der Wind schien an Heftigkeit zuzunehmen. Das Schiff kam in gerader Richtung auf die Landspitze zu, als es aber wohl noch eine Meile davon entfernt war, wandte es sich ab und zog in einem weiten Bogen vor ihr vorüber, bis es sich ihr unterhalb wieder mehr näherte und dann mit dem vollen Winde die Bay hinuntersegelte, während andere kleine Küstenfahrzeuge unmittelbar unter dem Ufer, da, wo die Jäger standen, vorbeifuhren. 328 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Das Fahrwasser für größere Schiffe ist der andern Seite der Bay näher, hier vor der Landzunge ist es seicht. Wollen die Herren jetzt aber nicht mit mir nach meinem Hause gehen? Der Entenstrich ist vorüber und meine Frau wird das Frühstück bereitet haben,« sagte der freundliche Neger zu seinen beiden Gästen, indem er die erlegten Enten zusammenband und sie an der schweren Flinte über die Schulter hing. »Das dürfen wir wohl nicht wagen, das Schiff, auf welches wir warten, möchte in der Zeit vorübersegeln,« antwortete Ralph, indem er Garrett fragend ansah. »Besser, wir bleiben hier,« sagte dieser zu dem Neger. »Das ist unnöthig, man kann ja ein Schiff viele Meilen weit auf der Bay hinauf erkennen, und bis es in die Nähe gelangt, sind wir schon lange hier am Platze. Ich werde meinen Jungen außerhalb der Bäume auf die Wacht stellen, er soll uns rufen, sobald ein gro- ßes Schiff sichtbar wird. Kommen Sie getrost mit mir, Sie laufen keine Gefahr, das Fahrzeug zu verpassen,« sagte Dick, ergriff mit seiner Rechten die Schwäne und schritt voran auf dem schmalen Erdstrich hin seinem Hause zu, während Ralph und Garrett ihm, mit Zuversicht in seine Worte, nachfolgten. Mary, die Frau des Negers, hatte ihn und die beiden Fremden kommen sehen und bereits das Frühstück auf den weiß gedeckten Tisch gestellt, als sie das Haus betraten. Mit einem freundlichen: »Help your self!« zeigte sie nach dem Tisch und trug nun die große Kaffeekanne von dem Kamin herbei, dessen Feuer eine sehr willkommene Wärme durch das Haus verbreitete. Garrett und Ralph nahmen Platz und ließen sich von der Frau bedienen, während Dick seinen ältesten Knaben hinaus vor das Holz sandte, um dort nach dem Schiff auszuspähen und sogleich dessen Erscheinen in dem Hause zu melden. Darauf trug er dem Pferde Garretts einigen Mais zu, tränkte es, und brachte dann Neptun, seinem treuen Hunde, das Futter. Erst, nachdem die beiden Gäste ihr Frühstück beendet und sich bei dem Kamin niedergelassen hatten, setzte sich Dick mit seiner Frau an den Tisch, um gleichfalls das Morgenbrod einzunehmen. Vollkommen beruhigt über ein mögliches Verpassen des Sturmvogels, saßen Garrett und Ralph beim wohlthuenden Feuer, 5 10 15 20 25 30 35 329ZwEitER BaNd • NEuNZEhNtEs KapitEl rauchten und schwatzten mit ihrem freundlichen Wirth, der den gebratenen Enten, geröstetem Speck und dem heißen Maisbrod, aus welchem das Frühstück bestand, mit ächtem Jägerappetit zusprach, und richteten von Zeit zu Zeit ihre Aufmerksamkeit auf den, an Heftigkeit zunehmenden Wind, wenn er die Thür oder den Fensterladen schüttelte und durch den Lehmschornstein herab in das Feuer stieß. Plötzlich rief es draußen: »Ein Schiff, ein Schiff!« und gleich darauf rannte der Negerknabe in das Haus und verkündete, daß ein großes Fahrzeug auf der Bay herabkomme. Dick, sowie seine beiden Gäste sprangen auf, ergriffen ihre Hüte und stürzten aus dem Hause, Garrett und Ralph der Landspitze zu, während der Neger den Hund von der Kette befreite und ihnen dann im vollen Laufe folgte. »Das ist der Sturmvogel!« rief Garrett, als er mit Ralph aus den Baumgruppen hervorsprang, und nach dem Schiffe blickte, welches unter vollen Segeln vor dem Winde herangeeilt kam, und Beide rannten nun vorwärts, so rasch sie ihre Füße zu tragen im Stande waren. Ralph war der Schnellste, er ließ Garrett weit hinter sich zurück, hatte seinen Hut abgenommen, mit der andern Hand sein weißes Taschentuch hervorgezogen und winkte während des Sturmlaufes mit demselben hoch über seinem Kopfe. Der Athem versagte ihm, es war ihm, als wolle ihm die Lunge aus dem Munde springen, dennoch blieb er im Laufen und erreichte die Landspitze, als der Sturmvogel sich oberhalb derselben in der größten Nähe befand. Ralph hielt sich trotz der übernatürlichen Anstrengung auf den Füßen und schwang das Tuch hoch durch die Luft, indem er seine sehnsüchtigen Blicke auf das Schiff heftete und von Augenblick zu Augenblick erwartete, das rettende Boot auf den Wogen erscheinen zu sehen. Der Sturmvogel aber wandte seine Spitze von dem Lande ab und steuerte der jenseitigen Küste der Bay zu, ohne daß von ihm ein Boot ausgesetzt worden wäre. Auch Garrett hatte athemlos das Ende der Landzunge erreicht und sah mit Entsetzen dem Schiffe nach, auf welchem man keine Notiz von ihnen zu nehmen schien. »Er segelt vorbei, ohne ein Boot auszusetzen!« riefen Beide einstimmig und schwangen mit größerer Heftigkeit ihre Tücher durch 330 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 die Luft, als auch Dick zu ihnen kam und gleichfalls verkündete, daß der Capitain nicht gesonnen sei, Ralph an Bord zu holen, indem er sonst das Boot bereits ausgesetzt haben müßte. Mit Verzweiflung sahen sich Ralph und Garrett an und blickten dann wieder dem sich rasch entfernenden Schiffe nach. »Kommen Sie, meine Herren, ich bringe Sie an Bord!« rief der Neger und sprang zu der Bucht zurück, wo sein Schiff lag, Garrett und Ralph eilten ihm nach und wenige Minuten später trug sie das kleine Fahrzeug unter vollem Segel durch die hohe Brandung in die stürmische See hinaus. Der Neger hatte am Steuer Platz genommen und neben sich seinen treuen Hund an einer Kette, die an der Brüstung befestigt war, angeschlossen, um durch dessen etwaiges Ueberbordspringen nicht aufgehalten zu werden, während sich Garrett und Ralph an der hohen Seite des Schiffes niedersetzten, das von der Gewalt des Windes auf die andere niedergedrückt wurde. Fort ging es die Wogen hinauf und hinab, die scharfe Spitze des kleinen Fahrzeuges schoß durch die weißen Köpfe der Wellen hindurch und ihr Schaum sprühte brausend und zischend über dasselbe hin. »Ziehen Sie das Segel straffer an!« rief der Neger Ralph zu, der das Tau an dem Ende desselben um einen Nagel geschlungen hielt, und der schwanke Mast beugte sich unter der Gewalt des Leinens. Der Sturmvogel hatte bereits die Mitte des Bogens, welchen er beschreiben mußte, erreicht und näherte sich dem diesseitigen Ufer wieder, als Dick und seine beiden Gefährten bemerkten, daß Flournoy noch mehr Segel aufziehen ließ und sein Schiff mit noch vergrößerter Schnelligkeit über die Wogen jagte. »Es hilft ihm nichts, wir schneiden ihm den Weg ab!« rief Dick und hielt das Schiffchen noch schärfer gegen die Wogen, daß sie rauschend mit ihren Köpfen auf dasselbe niederstürzten. In Schaum und Gischt eingehüllt, schoß es vorwärts und näherte sich rasch dem mächtigen Fahrzeug, welches jetzt brausend dahergezogen kam und die Wellen hoch vor sich aufsteigen ließ. Nur noch fünfzig Schritte lagen zwischen dem Sturmvogel und dem Segelboote, als Garrett und Ralph Beide dem Obersteuermann Ritcher, der auf der Brüstung saß, zuschrieen und ihn flehentlich baten, 5 10 15 20 25 30 35 331ZwEitER BaNd • NEuNZEhNtEs KapitEl Ralph aufzunehmen, während Dick das Boot der Seite des Sturmvogels zuführte. Ritcher aber schüttelte den Kopf und winkte ihnen, fern zu bleiben. Nur wenige Augenblicke gehörten noch der Hoffnung, dann erfaßte Ralph und Garrett Entsetzen und Verzweiflung, denn der Sturmvogel schoß an ihnen vorüber, und nun war jede Möglichkeit dahin, denselben nochmals einzuholen. »Es ist umsonst, meine Herren, wir müssen suchen, das Land wieder zu gewinnen,« sagte Dick, indem er das Schiff dem Winde zuwandte und Ralph und Garrett das Segel an dem Mast zusammenzogen, um es langsam auf die andere Seite zu bringen und es dort vorsichtig wieder zu entfalten. Es glückte, nach und nach gaben sie das Schiff dem Winde wieder frei und es zog nun parallel mit der fernen Küste nach der Landspitze zurück. In stummer Verzweiflung blickte Ralph dem Sturmvogel nach, mit dem seine ganze Hoffnung dahinfloh, Garrett stieß halblaute Flüche und Verwünschungen gegen Flournoy aus und Dick sah mit Besorgniß bald auf das tief über die See gebeugte Segel, bald auf die heranrollenden Wogen, bald nach seiner Heimath hinüber. Die Höhe der Landspitze war erreicht, und um das Schiff dem Lande zuzusteuern, mußte abermals das Segel auf die andere Seite gebracht werden. Ralph und Garrett hatten es erfaßt und zogen es vorsichtig an dem Mast zusammen, während Dick mit dem Ruder das Fahrzeug wandte. »Nehmen Sie sich in Acht und lassen Sie das Segel um Gotteswillen nicht aus den Händen gleiten, sonst sind wir Alle verloren!« rief der Neger den Beiden durch den Sturm zu, Ralph und Garrett hielten mit aller Kraft das Segel zusammen, doch plötzlich stieß der Wind so heftig in seine Falten, daß er es ihren Händen entriß, es mit einem Knall aufblähte, mit dem Mast auf die See hinunter preßte und das Boot umschlug. Alle drei Gefährten stürzten über Bord und wurden sofort von den Wogen verschlungen. Das Schiff trieb, mit dem Kiel nach oben, auf den Wellen und Neptun tauchte unter ihm hervor und sprang oben darauf. Er 332 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 blickte um sich, im nächsten Augenblick erkannte er seinen Herrn, von Garrett umklammert, aus der See auftauchen, er stürzte sich heulend in die Fluth, um ihm zu Hülfe zu eilen; doch die Kette hielt ihn zurück und seine Kräfte reichten nicht hin, das schwere Schiff fortzuziehen. Er bellte und heulte, sprang wieder auf den Kiel hinauf und hoch an seiner Kette in die Höhe, indem er seine treuen Augen auf seinen Herrn gerichtet hielt, der mit Garrett rang, um sich von dessen Armen zu befreien; doch bald sanken Beide und tauchten nicht wieder auf. Das Geheul des Hundes schallte weit hin durch den Sturm und auch zu Ralph’s Ohr, dessen kräftige Arme die Wuth der Wellen bekämpften und ihn Zug für Zug der Landspitze zuführten. Im Sturmlauf rollte sich jetzt eine Woge mit ihm der Küste zu, warf ihn weit auf das Ufer hinauf, und ehe die nachfolgende Welle ihn erreichen konnte, hatte er die Höhe der Landspitze erklommen. Seine Blicke schweiften über die See, doch außer dem Hund, der auf dem Schiffchen schon weit in der Bay hinunter getrieben war, konnte er kein lebendes Wesen erkennen. Garrett und der Neger waren verschwunden. Hier stand Ralph, schwerer vom Schicksal bedrängt, als jemals vorher in seinem Leben. Das Schiff, auf welches er seine letzte Hoffnung gesetzt hatte, war kaum noch wie ein weißer Punkt an dem fernen Horizont zu erkennen und hinter ihm lag der Weg nach Baltimore, wo die Häscher nach ihm späheten. Seine Gedanken schreckten zurück und sammelten sich um sein Ich, die Willenskraft, die ihm die Natur verliehen und die jetzt verstärkt wieder in ihm auflebte, sträubte sich gegen die Gewalt des Schicksals, das ihn zu vernichten drohte; er ballte die Fäuste, knirschte mit den Zähnen und stampfte mit dem Fuße den Boden. Die Wuth der Elemente, die ihn umbrausten, stand mit seiner Seelenstimmung in Einklang, entschlossen hielt er sein Gesicht dem Sturm entgegen und schaute auf der Bay hinauf, wo Baltimore lag. Er warf noch einen spähenden Blick über die See vor sich und eilte dann flüchtigen Schrittes nach der Wohnung des Negers. »Ich bin in das Wasser gefallen!« rief er Dick’s Frau in scherzendem Tone zu, als er in das Haus eintrat, »deshalb komme ich allein, um mich zu trocknen, Dick ist mit meinem Freunde nach der näch- 5 10 15 20 25 30 35 333ZwEitER BaNd • NEuNZEhNtEs KapitEl sten Landspitze gefahren, um ihn von dort aus auf das noch nicht erschienene Schiff zu bringen, denn das, welches Ihr Junge uns meldete, war nicht das rechte.« »Ihren Freund? ich glaubte, Sie wollten mit dem Schiffe weiterreisen!« antwortete die Frau. »Bewahre, das ist ein Irrthum, ich werde nach Baltimore zurückreiten, sobald ich meine Kleider getrocknet habe«, sagte Ralph, hing seinen Rock vor das Feuer und stellte sich nahe vor dasselbe hin, um sich von der Gluth umstrahlen zu lassen. Nach einer Weile sagte er zu der Frau: »Habt Ihr vielleicht etwas Branntwein im Haus? dann könntet Ihr mir ein Glas heißen Grog bereiten. Ich bin sehr durchfroren.« »Ja wohl, Dick hat vor einigen Tagen, als er die Enten nach Baltimore zu Markte führte, einen Krug mit Whisky mitgebracht, und heißes Wasser habe ich vorräthig«, erwiederte die Negerin, worauf sie den verlangten Trank rasch anfertigte und Honig dazu bot, womit Ralph ihn versüßte. Dann füllte die Frau den Kessel über dem Feuer mit Wasser und sagte: »Ich will das Wasser heiß halten, wenn mein Mann nach Hause kommt, so soll er auch ein Glas Grog trinken; er wird sehr naß geworden sein, denn die See muß bei diesem starken Winde außerordentlich hoch gehen.« Das Gefühl der Theilnahme und des Mitleids war in Ralph’s Brust durch eigenes Mißgeschick erstickt; dennoch ward ihm der liebevolle Blick, mit dem die Frau ihres Mannes gedachte, unerträglich, und er wandte sich um, als wolle er dem Feuer eine andere Seite zum Trocknen zukehren. »Das Schiff, welches Ihr Freund erwartet, sollte doch heute früh von Baltimore absegeln?« fragte die Frau nach einer Weile, indem sie einige Kleidungsstücke ihres Mannes in der Nähe des Feuers zum Wärmen aufhing, »manchmal aber verzögert sich die Abfahrt dort, so daß das erwartete Schiff wohl erst gegen Abend hier vor- überkommen wird. Wenn es nur nicht zu spät geschieht, es ist sehr gefährlich, bei so starkem Winde in dem kleinen Schiffchen in die See hinauszufahren. Ich habe Dick oft gebeten, es bei solchem Wetter nicht zu wagen, er aber will von Gefahr Nichts hören.« 334 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Ralph lag es schwer, wie ein ungeheueres Gewicht, auf der Brust, und es lief ihm bei den Worten der Frau eiskalt übet den Rücken; er sagte aber Nichts und befühlte nur seine Kleidung, als untersuche er, wie weit sie getrocknet wäre. Nach Verlauf von einigen Stunden war dies vollkommen geschehen und Ralph beschloß, sich von hier zu entfernen. »Euer Mann hat mir gesagt, ich solle mir von Euch seinen alten Hut geben lassen,, weil der meinige im Wasser versunken ist«, sagte er zu der Negerin. »Ich hoffte ihn noch selbst vor meiner Abreise hier zu sehen, es wird mir aber doch zu spät, denn die Sonne steht schon sehr niedrig.« »Dick’s alten Hut?« erwiederte die Frau lachend, »nun, der ist sicher alt, da hat er ein wahres Wort gesprochen, ich glaubte gar nicht, daß er von dessen Vorhandensein noch etwas wisse. Ich habe denselben immer noch aufgehoben, für den Fall, daß man einmal ein Stück Filz gebrauchen wollte. Den Hut können Sie unmöglich aufsetzen, er ist selbst für einen Neger zu schlecht.« »Es wird Nacht, bis ich nach Baltimore komme, und dort finde ich einen andern. Geben Sie mir ihn nur her«, antwortete Ralph, worauf die Frau den alten, zerrissenen Filz unter dem Bett hervorzog und ihn dem Gaste lachend mit den Worten hinreichte: »Wenn Dick diesen Hut aufsetzte, so ließe ich mich von ihm scheiden.« Ralph aber drückte ihn auf den Kopf, zog seinen Rock an, reichte der Frau einige Dollar zum Geschenk und ging nach der Thür, um das Pferd zu satteln. »Sie sagten, mein Mann sei mit Ihrem Freunde nach der nächsten Landspitze hinüber gefahren?« fragte die Negerin besorgt. »Ja wohl, weiter auf der Bay hinab, dort, glaubte er, würde das Schiff näher an dem Lande vorüberkommen«, erwiederte Ralph und schritt zu der Thür hinaus. »Das muß Moorespoint, vier Meilen von hier, sein. Mag der Himmel ihn vor Unglück behüten!« sagte die Frau halblaut vor sich hin, indem sie ihre Hände faltete und einen flehenden Blick nach Oben wandte. Dann trat sie zu dem Kamin, hing die Kleider ihres Mannes nun in der Mitte vor dem Feuer auf und warf noch ein Stück Holz auf die Gluth. 5 10 15 20 25 30 35 335ZwEitER BaNd • NEuNZEhNtEs KapitEl Wenige Minuten später ritt Ralph auf dem Schimmel vor der Thür vorüber, die Negerin blickte aus derselben hervor, wünschte ihm freundlich eine glückliche Reise und bald war er in dem Wald vor ihren Augen verschwunden. In langsamem Schritt zog er auf dem einsamen Weg dahin und schaute der Sonne nach, deren letzte Strahlen auf den Schneemassen um ihn her blitzten, während der Wind den Rauhreif wie einen glänzend schillernden Staubregen von den Bäumen herab ihm entgegenwehte. Der Himmel vor ihm färbte sich blutroth, als die Sonne versank, und die Kälte nahm rasch zu; doch Ralph fühlte sie nicht, die Erlebnisse der letzten vierundzwanzig Stunden und die Gefahr, der er zuritt, hielten sein Blut in so heftiger Wallung, daß ihm der Sturm wohlthuend war. Die Nacht breitete sich bald über die Erde aus, Ralph hatte die Hauptstraße erreicht und ritt an seinem todten Roß vorüber. Ein Gefühl des Mitleids und der Dankbarkeit regte sich in ihm, als er auf das Pferd schaute und Garrett’s gedachte, der ihm hier das Leben gerettet und der seinetwegen jetzt auf dem Grund der See schlief, er dachte auch an den Neger Dick, der seinethalben von den Wogen verschlungen war, sah in Gedanken den Hund, wie er sich an seiner Kette bäumte, um seinem Herrn zu Hülfe zu eilen, und von den Wellen zu gleichem Untergange mit fortgerissen wurde; die Frau, die durch seine Schuld zur Wittwe und die Kinder, die zu Waisen geworden waren, standen jammernd und wehklagend vor seiner Seele: sein Herz wurde weich und seine Augen wurden feucht. Dann aber fiel ihm seine Schuld ein, er dachte an die Häscher, die seiner warteten, dachte an Frank und dessen Glück, und die guten Gefühle, die in ihm erwacht waren, schrumpften mit seinem Herzen zusammen; er stieß einen halblauten Fluch aus, preßte Garrett’s Sporn, die er angelegt hatte, in die Flanken des Schimmels und sprengte seinem Schicksal mit trotziger Stirn entgegen. In dem Hause der Frau Sloan war kein Licht mehr zu sehen, Ralph wünschte aber, von ihr zu erfahren, ob man bei ihr wirklich nach ihm gesucht habe. Er ritt dicht vor das Gebäude und rief die Frau bei Namen. Gleich darauf öffnete sich die Thür, die Angerufene streckte den Kopf aus derselben in das Mondlicht hervor und war überrascht, Ralph zu sehen. 336 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Wo wollen Sie hin?« fragte sie ihn erschrocken, »man hat Sie in vergangener Nacht, als Sie kaum fortgeritten waren, hier gesucht und mir heute Ihrenthalben noch kurz vor Sonnenuntergang einen zweiten Besuch abgestattet. Sie thun besser, die Straße zu verlassen.« »Ich muß nach Baltimore, können Sie mir einen andern Weg als diesen angeben?« sagte Ralph entschlossen. »Bei der ersten Farm, die Sie erreichen, nehmen Sie die Straße rechts, die bringt Sie auf die Hogstownchaussee, welche gleichfalls nach Baltimore führt. Wo haben Sie Herrn Garrett gelassen?« erwiederte Frau Sloan. »Der wird erst in einigen Tagen zurückkehren«, antwortete Ralph, winkte der Frau einen Gruß zu und trabte davon. Bald hatte er den bezeichneten Seitenweg erreicht, folgte demselben bis zu der ihm genannten Hauptstraße und gelangte auf dieser wieder nach Baltimore. Ohne mehr zu wissen, als daß er sich in dem westlichen Theile der Stadt befand, durchzog er die noch spärlich angebaute Vorstadt und lenkte sein müdes Pferd in eine breite Straße, die, nach Süden zeigend, vor ihm lag. Es schlug elf Uhr, er ritt zwischen hohen Häusern hin, hatte den alten, zerrissenen Hut tief über die Augen gezogen und hielt den Kopf gesenkt, aus Furcht, daß ihn einer der wenigen Fußgänger auf den Trottoirs erkennen möchte. Plötzlich zog der helle Lichtschein, der aus den Fenstern des zu seiner Rechten stehenden prächtigen Gebäudes hervorströmte, seine Blicke an und er erkannte zu seinem Schrecken die Wohnung des Präsidenten Forney. Wie ein Blitzstrahl traf ihn der Anblick dieses Hauses, er sank in sich zusammen und sah scheu unter dem Hut hervor nach den hellen Fenstern hin. Da stand Frank Arnold und die schöne Eleanor Arm in Arm hinter den großen Spiegelscheiben und blickten auf den verspäteten, einsamen Reiter nieder. Wie gelähmt hing Ralph auf dem Pferde, sein Athem stockte und er wagte keine Bewegung, um den Schimmel zu schnellerem Gehen anzutreiben. Das volle Licht beleuchtete jetzt seine Gestalt, er fühlte es, sie mußten ihn erkennen und das Roß schien ihm still zu stehen. Es zog aber mit ihm vorüber, das Licht traf ihn schon nicht mehr und es war ihm nun 5 10 15 20 25 30 35 337ZwEitER BaNd • NEuNZEhNtEs KapitEl unmöglich, davon abzustehen, noch einmal seitwärts nach dem Fenster zu blicken. In diesem Augenblick trat der Mond hell und klar zwischen den Wolken hervor, sein Licht fiel mit Tageshelle auf Ralph’s Gesicht und Frank und Eleanor hatten ihn erkannt, denn sie streckten die Hände nach ihm aus und zogen sich eilig von dem Fenster zurück. Ralph sah es, stach dem Schimmel die Sporn in die Seiten und sprengte in Carriere in der Straße hinunter nach der Marketstraße, in dieser fort und dann wieder nach Süden, bis er an dem andern Ende der Stadt die letzten Häuser hinter sich zurückließ und in den öden Wald hineinritt. Es war lange nach Mitternacht, als er in einem einsam gelegenen Wirthshaus an der Straße nach Washington einkehrte, um sich und seinem Pferd einige Stunden Ruhe zu gestatten. Zeitig am folgenden Morgen aber war er wieder zu Roß und verfolgte noch drei Tage lang seinen Weg, worauf er in einem kleinen Städtchen Virginiens den Schimmel für hundert Dollar verkaufte und von hier aus die Reise nach seiner Heimath mit der Post fortsetzte. 338 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 20. Der Abschied. – Verwandlung. – Bewaffnung der Kutter. – Der Kampf. – Der verlorene Mast. – Untergang. – Scharfe Wache. – Die Tritonia. – Das Raubschiff. – Das Segel. – Flucht. – Verfolgung. – Hoffnungsstrahl. – Der Sturm. – Verzweifelter Entschluß. An dem Morgen, als Capitain Flournoy Baltimore verließ, war man auf der Tritonia nicht wenig erstaunt, mit dem Grauen des Tages die eiligen Vorkehrungen zur Abreise des Sturmvogels zu gewahren. Dosamantes war noch nicht erwacht, als Loredo zu ihm in die Cajüte trat und ihm meldete, daß jenes Schiff auf dem Punkte sei, abzusegeln. Der Capitain eilte auf das Verdeck, um sich von der Wahrheit dieser Kunde zu überzeugen und sah dieselbe zu seiner Verwunderung bestätigt, denn die Segel waren bereits angeschlagen, die Luken mit Theerleinen überdeckt und die Matrosen eilten geschäftig hin und her, um das Tauwerk zur Abfahrt zu ordnen. Bald darauf wurden die Segel entfaltet und die Stricke, welche das Schiff an dem Werfte festhielten, gelöst. Jetzt trat auch Eloise zu ihrem Vater auf das Verdeck, um das verhaßte Fahrzeug mit seinem ihr noch verhaßteren Kapitain das Werft verlassen zu sehen, als in diesem Augenblick Flournoy mit Melanie im Arm aus seiner Cajüte hervortrat und mit ihr auf dem Verdeck stehen blieb. Laut weinend und schluchzend schlang die kleine Blondine ihre zarten Arme um den von ihr so heiß geliebten Mann, als sei es ihr unmöglich, ihn von sich zu lassen. Er drückte sie wiederholt an seine Brust und sprach tröstende Worte zu ihr; doch Melanie wollte 5 10 15 20 25 30 35 339ZwEitER BaNd • ZwaNZigstEs KapitEl in Thränen vergehen und hing sich mit Verzweiflung um seinen Nacken. Endlich folgte sie seiner Leitung auf das Werft, an dessen Ausgang ein Wagen ihrer harrte; Flournoy drückte sie abermals an seine Brust, der Sturmvogel fing an sich zu bewegen, noch einmal preßte der Capitain seine Lippen auf den rosigen Mund der weinenden Melanie, riß sich dann von ihr los, sprang auf das Verdeck seines Schiffes und im nächsten Augenblick wandte sich dieses von dem Lande ab in die Bay hinaus. Der Wind stieß mit Gewalt in die Segel, die Matrosen zogen diese straffer an, pfeilschnell schoß der Sturmvogel davon und Melanie streckte wehklagend ihre kleinen Hände nach dem schönen, geliebten Manne aus, der auf dem hohen Verdeck über der Cajüte stand und ihr mit seinem schneeweißen Tuch Lebewohl zuwinkte. Dahin zog das Schiff, bis in die hohen Spitzen seiner Masten von Segeln umwölkt und von den sehnsüchtigen Blicken der verlassenen Melanie verfolgt, bis es in weiter Ferne unterhalb des Forts vor ihren thränenvollen Augen verschwand und sie, das Gesicht in ihr Tuch versenkt, dem auf sie wartenden Wagen zuwankte. Mit dem innigsten Mitleid für die Trauernde und dem tiefsten Abscheu gegen ihren Bethörer hatte Eloise dem Abschied zugesehen und einen glühend leidenschaftlichen Blick Flournoy’s mit vollster Verachtung zurückgewiesen, als der Sturmvogel bei ihres Vaters Schiff vorüberzog. Jetzt schwankte sie: sollte sie der unglücklichen Melanie Aufklärung über den Charakter ihres Gatten geben oder nicht? Es war aber nur ein Augenblick des Bedenkens, dann warf sie sich den Wunsch nach Vergeltung vor, der seinen Theil an dem aufkeimenden Gedanken hatte, und stand von ihrem Vorhaben ab. Es war ja möglich, daß Flournoy die Liebe, die er ihr nur geheuchelt hatte, für Melanie wirklich im Herzen trug und deren Lebensglück dadurch begründen würde. Sie selbst fühlte sich erleichtert und beruhigt durch die Abreise des widrigen Mannes und seiner unheimlichen Umgebung, und mit Heiterkeit begab sie sich an die Arbeit, um die letzten Vorkehrungen für ihre am kommenden Tage anzutretende lange Reise zu beenden. Die ganze Mannschaft beeilte mit aller Kraft die Einladung des Mehls, machte die Segel zum Gebrauch fertig und bereitete Alles vor, um am folgenden Morgen abfahren zu können. 340 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Als der Sturmvogel bei dem Schiffchen des Negers Dick vor- übergesegelt war, ohne Ralph aufzunehmen, blieben trotz des heftigen Windes seine Masten schwer mit Segeln belastet, so daß sie unter deren Gewalt sich beugten und ächzten; ihre Kraft aber war in gewaltigeren Stürmen erprobt und das Schiff schwamm so leicht und nachgiebig auf den Wogen, daß der Sturm nur wenig Widerstand in den großen Segeln fand und das scharfgebaute Fahrzeug mit fliegender Eile vor sich hertrieb. Es war nach neun Uhr des Abends, als das Schiff, nur noch zwanzig Meilen von dem Ausfluß der Bay in den Ocean entfernt, in eine kleine Bucht an der östlichen Küste einlief und dort in wenigen Minuten, all seiner Segel beraubt, vor Anker gelegt wurde. Während die Mannschaft auf der ganzen Reise, hinter den Brüstungen vor dem Winde geschützt, müßig umhergelegen hatte, war jetzt Alles reges Leben an Bord. Kaum schaukelte sich das Fahrzeug auf dem ruhigern Wasser, als Viele der Matrosen sich in Tauen über Bord hingen, Andere ihnen Töpfe mit weißer Oelfarbe und Pinsel reichten, und Jene begannen, das schwarze Schiff weiß anzustreichen. Mehrere nahmen das große, aus Holz geschnittene Bild des Sturmvogels unter dem Bugspriet ab und trugen es in den untern Schiffsraum. Zugleich ward in der Cajüte der Tisch und der Teppich entfernt und eine Anzahl Bohlen aus dem Fußboden vorsichtig hervorgehoben, wodurch ein Eingang in einen geheimen Verschlag unter der Cajüte geöffnet ward. Dieser ganze Raum war mit Waffen und Munition angefüllt, die jetzt auf das Verdeck hinausgetragen wurden. Nachdem eine große Anzahl von Gewehren, Pistolen, Säbeln und Aexten herausbefördert war, wurde an der Decke der Cajüte ein Flaschenzug angebracht und an demselben eine sehr lange Kanone, ein Vierundzwanzigpfünder, aus dem Versteck hervorgehoben, den die Mannschaft als den »long Tom« (lange Thomas) begrüßte. Auch das Gestell dazu, welches in einem schweren, hohen Klotz bestand, wurde heraufgezogen, in der Mitte des Schiffes mit eisernen Banden befestigt und die Kanone darauf gelegt, die sich auf demselben auf einer Spindel im Kreise drehen ließ. Zuletzt trug man die Munition für dieselbe, so wie die für die Gewehre herbei und vertheilte letztere unter die Mannschaft. 5 10 15 20 25 30 35 341ZwEitER BaNd • ZwaNZigstEs KapitEl Flournoy ging schweigend auf dem Verdeck hin und her und überwachte die Arbeit, während Ritcher und Jerco die Anordnungen bei derselben trafen. Erst als der Tag graute, war die Rüstung beendet und das schwarze Kleid des Fahrzeugs in ein weißes verwandelt. Das Frühstück war bereit, es wurde den Matrosen mit demselben ein reichliches Quantum Branntwein gereicht, und nachdem ein Boot mit dem Kiel nach Oben über die Kanone gelegt worden war, so daß sie aus der Ferne nicht durch Gläser erkannt werden konnte, begab sich die Mannschaft zur Ruhe, um sich von der Arbeit zu erholen. Flournoy allein blieb, mit einem Fernglas in der Hand, auf dem Verdeck und hielt sein wachsames Auge auf die vielen, in weiter Ferne auf- und absegelnden großen und kleinen Schiffe geheftet. Erst gegen Mittag trat er zu dem Lager des Obersteuermanns und weckte ihn aus seinem Schlafe. Nach wenigen Minuten war wieder Alles in Bewegung, die Matrosen sprangen in die Masten hinauf, um die Segel zu lösen, der Anker wurde gehoben und in unglaublich kurzer Zeit darauf zog der Sturmvogel stolz aufgebläht über die gewaltigen Wogen dem schmalen Ausgang zwischen Cap Henry und Cap Charles zu, um in den Ocean hinaus zu steuern. Der Wind blies immer noch sehr heftig von Nord-West her und die See ging ungewöhnlich hoch. Flournoy ließ die größere Zahl der Segel einnehmen, weil das Schiff gewaltig gegen die Wellen arbeitete und weil er nur den Ocean gewinnen wollte, um dort vor der Mündung der Bay zu kreuzen, bis die Tritonia erscheinen würde. Darum wurde es nach drei Uhr, als der Sturmvogel sich jenem Ziele nahte, während mit ihm zugleich eine Menge kleiner Schooner dem Weltmeer zusteuerte. Auch eine nicht geringere Zahl solcher Küstenfahrzeuge kamen aus See in die Bay herein und mußten, da sie den Wind gegen sich hatten, hin und her laviren. Schon befand sich das Piratenschiff zwischen Cap Henry und Cap Charles, als Flournoy, der mit dem Fernglas auf dem obern Verdeck stand, den Obersteuermann zu sich rief und zu ihm sagte: »Was für ein Schiff mag das sein? Es steuerte Süd und hat so eben umgelegt, jetzt steuert es Nord. Es will also nicht in die Bay herein.« 342 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Dabei reichte er ihm das Fernglas und zeigte auf einen sehr großen Kutter, der unter vollen Segeln vor dem Ausgang der Bay hinzog. Ritcher hatte einige Augenblicke durch das Glas nach dem bezeichneten Fahrzeug geschaut, als er sagte: »Ich traue dem Burschen nicht, er ist nicht wie ein Kauffahrer gebaut, auch fällt es mir auf, daß man Niemanden auf dem Verdeck sieht. Sollte es ein Fahrzeug Onkel Sams (Vereinigten Staaten) sein, und die Burschen ihre Adler nicht zeigen wollen?« Flournoy hatte wieder das Glas vor das Auge gehoben, und rief plötzlich: »Auf mit den Segeln, dort kreuzt ein Gouvernementskutter! Wenn er den Sturmvogel fangen will, so muß er fliegen lernen!« In wenigen Minuten stiegen die Segel in die Höhe und verdoppelten die Schnelligkeit des Schiffes, doch zugleich hatte der verdächtige Kutter abermals seinen Cours geändert und kam jetzt mit günstigem Winde auf den Sturmvogel eingesegelt, während er zum Zeichen, daß er ihn zu sprechen wünsche, die Flagge der Vereinigten Staaten aufzog und seine Luken öffnete, aus denen seine Geschütze hervorblickten. »Er hat seine Maske abgenommen!« rief Flournoy. »V o r ihm können wir nicht mehr durch, macht Euch fertig, daß wir das Schiff umlegen, g e g e n den Wind soll er uns wohl laufen lassen.« Die Matrosen waren zu den Segeltauen gesprungen und erwarteten das Commandowort ihres Capitains, der auf dem obern Verdeck stand und seine Augen auf das heranziehende Schiff geheftet hielt. Dasselbe war jetzt auf Kanonenschußweite vor dem Sturmvogel gerade in dessen Cours gelangt, als Flournoy den Befehl gab, das Schiff zu wenden. Trotz des Sturmes und der vielen Segel war das Commando in der nächsten Minute ausgeführt und der Pirat jagte nahe bei dem Wind nach Norden, um vor Cap Charles den offenen Ocean zu gewinnen. In diesem Augenblick entquoll den Seiten des Kutters eine dichte Rauchwolke und mehrere Kugeln flogen über den Sturmvogel hin. »Hervor mit dem long Tom, zeigt ihm, daß Ihr d i e Sprache besser redet, als er!« schrie Flournoy seiner Mannschaft zu, während 5 10 15 20 25 30 35 343ZwEitER BaNd • ZwaNZigstEs KapitEl der Kutter gleichfalls umlegte und der Sturmvogel einen bedeutenden Vorsprung gewann. Sofort ward das Boot von der langen Kanone entfernt, Ritcher war hinter dieselbe gesprungen, richtete sie und erwartete den Augenblick, wo das Schwanken des Schiffes sie mit dem Kutter in eine Linie brachte. Dann feuerte er sie ab und im nächsten Augenblick flatterte ein kleines, von der Kugel losgerissenes Segel auf dem Kriegsschiff in dem Winde. Ein lautes Hurrah erschallte jetzt auf dem Verdeck des Piraten und noch ehe der Kutter seine Wendung ausgeführt hatte, feuerte Ritcher zum zweiten Male und sandte seine Kugel durch das Hauptsegel des Feindes. Gleich darauf jedoch blitzte es wieder auf dem Kriegsschiff und eine seiner Kugeln fuhr über das Verdeck des Sturmvogels und riß auf seinen beiden Seiten ein Stück der Brüstung mit hinweg. »Zieht die Segel stramm, halt’t voll gegen den Wind! Der Kerl segelt mit dem Teufel!« rief Flournoy jetzt, denn er sah, daß der Kutter ihm näher rückte. Ritcher hatte inzwischen mehrere Kugeln vergebens nach dem Feinde hinübergesandt, auch die Schüsse des Kriegsschiffs hatten nicht getroffen und Flournoy konnte, trotz aller Anstrengung, die Entfernung von demselben nicht vergrößern. Dabei drängte ihn der Kutter nach Cap Charles hin, um ihm den Ausweg in den Ocean abzuschneiden. »Legt das Enterzeug zur Hand!« rief Flournoy, sprang in die Cajüte und kehrte nach einigen Augenblicken bewaffnet auf das Verdeck zurück. Er trug zwei Pistolen im Gürtel, einen breiten kurzen Säbel an der Seite und einen kolossalen Musquedonner in der Hand. »Zeigt ihm unsere Farben, damit er weiß, mit wem er fechtet!« rief der Capitain und im Augenblick nachher entfaltete sich über seinem Haupte eine ungeheuere blutrothe Fahne und flatterte lautschlagend in dem Winde. »Haltet Euch fertig, die Segel nachzulassen; kommen wir vor Cap Charles nicht durch, so laufen wir auf ihn ein und entern«, rief Flournoy seiner Mannschaft zu, während die Kugeln von dem Kriegsschiff um den Sturmvogel sausten und Ritcher aus dem long Tom ihm von Minute zu Minute antwortete. 344 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Wir müssen ihn borden, denn wir werden nicht durchkommen. Macht Euch fertig!« rief der Capitain nach einer Weile und setzte dann, zu Ritcher gewandt, noch hinzu: »Kannst Du ihm keinen Flügel lähmen?« In diesem Augenblick feuerte der Obersteuermann, und der Hauptmast des Kutters stürzte mit den Segeln über Bord. Das Schiff war nun den Wogen preisgegeben, die schäumend sich gegen seine Seiten warfen und sich über ihm brachen. Ein donnerndes Jubelgeschrei ertönte auf dem Kaperschiff, denn nun war für dasselbe alle Gefahr vorüber. Das Kriegsschiff dagegen wurde von dem Mast auf die Seite niedergezogen und die Wogen warfen es wie einen Spielball hin und her. Flournoy gab den Befehl, sein Schiff zu wenden und nahe an den Kutter heranzusegeln, dessen Mannschaft daran arbeitete, sich von dem Mast zu befreien und ihn über Bord zu werfen. »Gieb Acht, Ritcher, daß Du ihn unter dem Wasserspiegel triffst, damit er sinkt, ehe er den Mast los wird und seine Geschütze wieder gebrauchen kann«, rief er dem Obersteuermann zu, der gebeugt hinter der langen Kanone stand und auf den Augenblick wartete, wo er dem Kutter den Todesschuß beibringen könne. Woge auf, Woge nieder stürmte der Pirat auf das Kriegsschiff ein und nur noch hundert Schritt hatte er zu durchschwimmen, um an dessen Seite zu gelangen, als die Mannschaft auf dem Kutter von dem Kappen des Mastes abstand und zu den Gewehren griff. Jetzt war der Sturmvogel auf nur dreißig Schritt neben dem Kriegsfahrzeug, heftiges Gewehrfeuer sandte einen Kugelregen auf beide Schiffe, dann blitzte es aus der langen Kanone des Piraten, ein dicker Pulverdampf verhüllte gegenseitig die Streiter und der Sturmvogel schoß an dem Kutter vorbei. Flournoy aber gab den Befehl, sein Schiff abermals zu wenden, um nochmals an die Seite des Kriegsschiffes zu gelangen, als man gewahrte, daß die Mannschaft desselben eilig das Boot aussetzte und Anstalt machte, das Schiff zu verlassen. »Der Kutter ist im Sinken, gebt den Burschen Zeit, ihn zu verlassen, dann segelt sie in den Grund, damit Keiner von ihnen das 5 10 15 20 25 30 35 345ZwEitER BaNd • ZwaNZigstEs KapitEl Mährchen von dem Sturmvogel erzähle!« rief Flournoy und sein Schiff entfernte sich weiter von dem Gegner. Bald darauf sah man das große Boot mit der Mannschaft des Kriegsschiffes von demselben abstoßen und Cap Charles zurudern, worauf Flournoy sein Schiff wenden ließ und auf die Flüchtigen einsegelte. Der Capitain derselben stand an dem Steuer und winkte mit einem weißen Tuche, doch der Pirat ließ seinen Lauf nicht ändern, er kam brausend herangestürmt, sein Bugspriet streckte sich bald über das Boot hin, sein Kiel erfaßte es und, darüber hinjagend, begrub er es unter sich in der Fluth. Hier und dort tauchten Einzelne der Mannschaft auf, sie dienten aber den Piraten als Zielscheibe und wurden von ihren Kugeln auf den Grund der See geschickt. Der Kutter sank rasch, die Wogen wälzten sich immer mächtiger gegen seine Brüstung, rollten bald über ihn hin, er fing an, sich zu drehen und schoß in die Tiefe hinab. Ein stürmisches Hurrah war der Grabgesang, der ihm und seiner Mannschaft von den Piraten nachgesandt wurde. Doch auch auf dem Sturmvogel hatte der Tod seine Opfer gefordert; vier seiner Männer lagen, von den Kugeln der Feinde hingestreckt, auf dem Verdeck und unter ihnen befand sich Fabiano, der Portugiese. Die Leichen wurden in die See versenkt, die Segel des Piraten bis auf nur wenige eingezogen und die Beschädigungen, welche die Geschütze des Kutters ihm zugefügt hatten, wurden ausgebessert. Das Schiff trieb nun unter dem spärlichen Leinen, welches sich an seinen Masten blähte, langsam vor der Mündung der Bay auf und nieder und wurde von den Mannschaften der vielen kleinen ausund einlaufenden Fahrzeuge mißtrauisch betrachtet. »Der Kutter verräth den Sturmvogel nicht«, sagte Flournoy zu Ritcher, der, als die Nacht hereinbrach, bei ihm auf dem obern Verdeck stand, »es haben aber zwei Schooners, die in die Bay gesteuert sind, unsern Kampf mit angesehen, und sie werden den Untergang des Kriegsschiffes verkünden. Sollte einer von ihnen in Norfolk einlaufen, wo mehrere Gouvernementsschiffe auf Station liegen, so haben wir dieselben auf dem Hals, ehe der Morgen graut.« »Der Wind geht immer mehr nach Norden herum, und würde uns auf einer Flucht gerade den Bahama-Inseln zutreiben; dort 346 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 hinein verfolgt uns kein Schiff, denn es müßte beim Eingang schon die Rippen brechen. Uebrigens ist die Tritonia heute am Vormittag gesegelt und muß beim Anbruch des Tages hier sein«, erwiederte der Obersteuermann. Der Himmel war mit schwerem Gewölk bedeckt, der Mond blickte nur für Augenblicke klar hindurch und versilberte dann die weißen Häupter der gewaltigen Wogen, die sich brausend gegen die Mündung der Bay rollten; auf dem Sturmvogel wurde aber scharfe Wacht gehalten, so daß kein Fahrzeug den Ocean gewinnen konnte, ohne dort bemerkt zu werden. Der Wind nahm mit jeder Stunde der Nacht an Heftigkeit zu, und wehte beim Grauen des Tages in fliegendem Sturm auf der Bay herab. Alle Fahrzeuge, die sich dort befanden, hatten eiligst bei dem zunehmenden Winde die nächste der vielen Buchten zu erreichen gesucht, so daß bei Anbruch des Tages die unzähligen kleinen Segel, die dieses Gewässer fortwährend zieren, verschwunden waren. Nur e i n Schiff sah man auf der stürmisch bewegten Fluth dahin jagen und dem Ocean zusteuern. Es war die Tritonia. Sie trug immer noch mehr Segel, als ein anderes Fahrzeug bei so heftigem Winde und so hoher See gewagt haben würde, und mancher Pflanzer schaute ihr von den Ufern verwundert und kopfschüttelnd nach. Der alte Dosamantes stand mit einem lackirten Hut und einem Ueberwurf von Oelleinwand auf dem Verdeck über der Cajüte neben dem Matrosen, der das Schiff steuerte und hielt seine Aufmerksamkeit auf jede Bewegung des Fahrzeuges gerichtet, während die Wogen hinter ihm herjagten und ihren Schaum über die ganze Länge des Verdecks sprühten. Es war heller Tag, als Cap Henry und Cap Charles vor ihm sichtbar wurden und er bald darauf in der Ferne ein Fahrzeug gewahrte, welches zwischen beiden Landspitzen unter wenig Segeln gegen den Wind ankämpfte. Dosamantes rief dem Stuart zu, ihm das Fernglas zu reichen, denn er konnte nicht begreifen, daß jenes Schiff, welches augenscheinlich nicht die Bay zu gewinnen suchte, nicht in die offene See hinaussteuere. Loredo reichte ihm das Glas und lange stand der Capitain mit demselben vor dem Auge unbeweglich da und beobachtete das 5 10 15 20 25 30 35 347ZwEitER BaNd • ZwaNZigstEs KapitEl fremde Schiff. Dann winkte er Strabo, den Obersteuermann, zu sich herauf, reichte ihm schweigend das Instrument und deutete auf das Fahrzeug. Auch dieser blickte eine geraume Zeit zu demselben hinüber, und sagte dann: »Das Schiff ist weiß; wäre es schwarz, so würde ich mein Bedenken haben.« »Sie denken an unsern Nachbar in Baltimore, Strabo. Auch mir fällt die Aehnlichkeit im Bau und Segelzeug mit jenem Schiffe auf. Dieses ist aber weiß und es kann demnach unmöglich der Sturmvogel sein. Jetzt legt es um, sonderbar, wohin mag es wollen?« »Gerade dahin wieder zurück, wo es herkommt?« sagte Strabo bedenklich nach einer Weile, als das fremde Schiff sich umgewandt hatte, »das ist auffallend; bei solchem Wetter hält man sich doch nicht zum Spaß so nahe an der Küste.« Beide setzten ihre Betrachtungen verwundert fort und kamen dem Schiffe bald viel näher, konnten jetzt aber, außer dem Manne am Steuer, Niemanden auf dem Verdeck gewahren. Die Tritonia näherte sich Cap Henry, um unweit dieser Landspitze in den Ocean hinaus zu fahren und auch das fremde Schiff steuerte auf dieselbe los. »Wir wollen ihn vor uns vorüber lassen«, sagte Dosamantes zu Strabo und wandte sich dann zu dem Manne am Ruder: »Halte mehr Ost bei Nord, damit wir hinter jenem Fahrzeug durchkommen«, sagte er zu ihm und hob dann abermals das Fernglas vor das Auge. Plötzlich fuhr der alte Mann erschrocken zusammen und rief: »Um Gottes Willen, es ist der Sturmvogel, ich habe Capitain Flournoy erkannt!« Er warf das Glas auf die Bank, stierte noch einmal nach dem Schreckensschiff hinüber und rief dann mit verzweifelter Stimme den Befehl auf das Verdeck hinunter, das Schiff Nord-Nord-Ost vor Cap Charles vorüber zu steuern. Zugleich ließ er noch mehr Segel aufziehen, so daß ihre Gewalt die Masten beugte und das Schiff mit rasender Schnelligkeit über die Wogen trieb. »Die Masten können die Segel unmöglich tragen, Herr!« sagte Strabo, und zeigte auf deren Spitzen. 348 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Besser, wir segeln in den Grund, als daß wir den Männern auf jenem Schiffe in die Hände fallen. Sehen Sie, jetzt wenden sie es gleichfalls und setzen mehr Segel auf«, erwiederte Dosamantes und blickte entsetzt nach dem Sturmvogel hin, der nun denselben Cours wie er eingeschlagen hatte und seine Schnelligkeit zusehends vermehrte. Brausend stürmten die beiden Fahrzeuge die ungeheuern Wogen hinan, theilten deren Häupter, die sich donnernd gegen ihre Seiten warfen und stürzten von deren Schaum umwölkt in die jähen Schlünde hinab, als wollten sie sich unter der nächsten Woge begraben, die Tritonia aber hatte bedeutenden Vorsprung gewonnen und, trotz aller Anstrengung auf dem Piraten, konnte dieser ihr nicht näher kommen. Bald wurde es unter sämmtlicher Mannschaft auf der Tritonia bekannt, daß es der Sturmvogel sei, der sie verfolge, und der alte Loredo trat an die Thür des Gemaches seiner jungen Herrin, klopfte an dieselbe und rief: »Ach, Fräulein Eloise, wir werden von Capitain Flournoy verfolgt!« Wenige Minuten darauf stürzte das entsetzte Mädchen aus ihrem Zimmer hervor und eilte zu ihrem Vater auf das Verdeck, über welchem sie sich kaum erhob, als der Sturm ihr Haar löste, ihre Locken wild um ihren Kopf flattern ließ und ihr Tuch von ihren Schultern riß. » Um aller Heiligen Willen, ist es wahr, Vater, ist das der Sturmvogel?« rief sie, indem sie nach dem ihnen folgenden Schiffe hinstierte und ihr Tuch wieder um sich zog. »Er ist’s, wie ich es befürchtete, ich habe den Capitain durch das Glas erkannt«, antwortete Dosamantes und hielt seine ängstlichen Blicke auf den Piraten geheftet. »So mag uns Gott gnädig sein!« sagte Eloise mit bebender Stimme und blickte, ihre Hände faltend, zu dem schweren Gewölk auf, womit der Himmel bedeckt war. »Geh hinunter, Eloise, es ist gefährlich hier auf dem Verdeck, der Wind könnte eine Segelstange herabschlagen«, sagte ihr Vater und blickte über sich in die Segel, die jeden Augenblick schienen, vor dem Winde bersten zu müssen. 5 10 15 20 25 30 35 349ZwEitER BaNd • ZwaNZigstEs KapitEl »Nein, nein, Vater, wo Du bleibst, bleibe auch ich. Laß uns fliehen, wenn Flucht noch möglich ist!« antwortete das Mädchen und sank an der hohen Seite des schräg liegenden Schiffes unter dem Schutz der Brüstung auf ihr Knie, um sich vor dem Winde zu verbergen. In demselben Augenblick stieg auf dem Piraten eine dicke, wei- ße Rauchwolke auf und die Kugel aus dem long Tom sauste pfeifend über der Tritonia hin. »Wir sind verloren!« rief Dosamantes, entsetzt zur Seite fahrend, »er kann uns noch mit seinen Kugeln erreichen, und trifft er unser Segelzeug, so holt er uns bald ein.« Aller Augen waren angstvoll auf den Piraten gerichtet, und mit angehaltenem Athem wartete man auf den aufsteigenden Rauch, der eine andere Kugel verkünden würde, als plötzlich das große Segel an dem Hauptmast des Sturmvogels herabstürzte und weit über das Schiff hinaus an den Tauen hin und her flog. »Gott, der Allmächtige, kommt uns zu Hülfe!« rief Dosamantes und wandte seine Blicke von dem Piraten nach seinen eigenen Segeln hinauf. Auf dem Sturmvogel war Alles in größter Bewegung, die Matrosen kletterten in die Masten und schwankten in deren Spitzen weit über der rollenden See, während der Sturm sich in ihrer Kleidung fing und sie jeden Augenblick mit sich fortzureißen drohte. Sie suchten das schwere Segel wieder zu sich heranzuziehen und es aus den Tauen der andern zu lösen, die es durch die Gewalt des Sturmes aus ihrer Stellung zog. Mit einem haarsträubenden Fluch stampfte Flournoy das Verdeck und die ganze Mannschaft sah scheuen Blickes zu dem wüthenden Manne hin, als er rief: »Ich schieße Euch Hunde wie Schwalben aus den Masten, wenn Ihr das Segel nicht einholt!« Mit aller Kraft rissen die Matrosen an den Tauen und klammerten sich mit einer Hand fest, um nicht von dem Sturm fortgeschleudert zu werden, als Ritcher selbst mit noch sechs Leuten ihnen zu Hülfe kam und sie endlich Meister des Segels wurden. Sie zogen es auf das Verdeck herab, banden es an der Segelstange zusammen und die ganze Mannschaft arbeitete, um es nun wieder an 350 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 seinen Platz den Mast hinauf zu bringen und es dort zu befestigen, während Flournoy das Ruder erfaßt hatte und das Schiff steuerte. »Wenn Ihr nicht bald damit fertig werdet, so entgeht uns der Spanier und die reiche Beute!« schrie er den Matrosen zu. »Schon hat der Schurke uns umgangen und segelt vor dem Winde nach Süden. Der Teufel muß ihm die Masten halten, sonst wären sie längst schon gebrochen. Auf mit dem Segel, sage ich!« Dabei stampfte er mit dem Fuße das Verdeck und hielt seine blitzenden Augen auf die Tritonia gerichtet, die jetzt, vor dem Winde steuernd, noch mehr Segel aufzog. Bald aber war der Schaden auf dem Sturmvogel nothdürftig wieder hergestellt, das Segel, wenn auch nicht in seiner vollen Größe, wieder entfaltet, andere noch zur Beihülfe aufgezogen und nun ging es in voller Jagd mit dem Sturme nach Süden hinter der fliehenden Tritonia her, die einen bedeutenden Vorsprung gewonnen hatte. Stunde auf Stunde verstrich, die Entfernung zwischen den beiden Schiffen verminderte sich nur unbedeutend, der Tag neigte sich und noch war der Pirat der Tritonia nicht viel näher gekommen. Flournoy hoffte, daß der Mond durch das Gewölk hervorbrechen und die Segel der Tritonia beleuchten würde, damit er sie während der Nacht nicht aus dem Gesicht verlöre, und Dosamantes flehte zum Himmel, daß er schwarze Nacht über die See ausbreiten möge, damit er seinen Cours ändern und unter ihrem Schutz dem Schreckensschiff entrinnen könne. Das Düster des Abends färbte schon die Wogen schwarz, die Furche in denselben hinter der Tritonia leuchtete schon im Phosphorlichte und Dosamantes konnte nur mit Hülfe des Fernglases noch das weiße Segelzeug des ihm folgenden Sturmvogels erkennen, als er zu Strabo sagte: »Gott hat uns früh Morgens vor dem Untergang beschützt, er wird uns auch in dieser Nacht gnädig sein und uns vor den Blicken des Piraten verbergen. Sobald wir ihn nicht mehr erkennen können, nehmen wir einen östlichen Cours und steuern dann außerhalb der westindischen Inseln nach Süden. Er wird uns, wenn der Tag kommt, vor sich suchen, und dann sind wir gerettet.« 5 10 15 20 25 30 35 351ZwEitER BaNd • ZwaNZigstEs KapitEl »Mag es der Allmächtige so fügen. Die Wolken sind aber leichter geworden und heben sich höher, ich fürchte, der Mond bricht durch,« erwiederte der Obersteuermann, und Beide, sowie auch Eloise, die neben ihrem Vater auf dem Verdeck stand, schauten bang und erwartungsvoll nach dem Gewölk, das eilig über ihnen hinzog. Plötzlich aber theilten sich die Wolken, der Mond blickte hell und klar zwischen ihnen hervor und warf sein weißes friedliches Licht über die sturmbewegte See. Krampfhaft faltete Eloise ihre Hände und blickte flehend zu ihm hinauf, als bäte sie ihn, sich hinter den Wolken zu verbergen; diese aber entfernten sich weiter und weiter von ihm, es funkelten die Sterne bald am dunkeln Himmelszelt und der Wind schien an Gewalt zu verlieren. Die Blicke Aller auf der Tritonia hingen angstvoll an der hohen Segelpyramide des Sturmvogels, die ihnen ihre volle Lichtseite entgegenhielt und unverändert und unbewegt, wie ein böser Geist, ihnen über die Wogen nachschwebte. Niemand auf der Tritonia dachte an Schlaf; Rettung vor den Barbaren, war der Gedanke, der ihre Bewohner wach erhielt, und mit Abnahme des Windes wurden noch die Seitensegel aufgezogen, sowie die höchsten Spitzen der Masten mit Leinen umwölkt und Alles gethan, um die Schnelligkeit des Schiffes zu vermehren. Auch die hohe weiße Säule des Piraten wurde breiter und zeigte den Fliehenden, daß dort eben so wie hier jede mögliche Hülfe angewandt wurde, um das Schiff zur größten Eile anzutreiben; die Entfernung zwischen beiden Fahrzeugen wechselte aber nur wenig. Oft schoß die Tritonia an Schiffen vorüber, die mühsam gegen Wind und Wogen ankämpften; wie gern hätten die Verfolgten deren Mannschaft um Schutz angerufen, Niemand aber konnte ihnen zu Hülfe kommen, ihre einzige Rettung blieb die Schnelligkeit ihres guten Schiffes. Die Nacht verblich, der Tag zog heiter und klar am Himmel auf, die Sonne stieg, wie ein glühender Ball, aus dem Meere empor und vergoldete vor den Blicken der Fliehenden die weiße Gestalt ihres furchtbaren Verfolgers. Noch aber blies der Wind von Nordwest, so daß Dosamantes alle seine Segel gebrauchen konnte, und seitdem ihm derselbe im Rücken stand, war ihm der Pirat kaum näher gekommen. 352 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Unbezweifelt dagegen war der Sturmvogel der Tritonia an Schnelligkeit sehr überlegen, wenn der Wind ihnen entgegen wehte, und daß dies nicht der Fall werden möchte, beteten Aller Herzen auf dem fliehenden Schiffe. Die Küste von Nord-Carolina hatten sie schon hinter sich zurückgelassen, die hochbewaldeten Ufer von Süd-Carolina traten mit ihren Landspitzen bald weit in das Meer heraus, bald drängte sie dasselbe in den Buchten in weite, blaue Ferne zurück; immer stürmten die beiden Schiffe vorwärts, ohne einander viel näher zu rücken. Schon glühte die sinkende Sonne über dem Purpurstreifen, der die Küste von Süd-Carolina bezeichnete, und Dosamantes schaute sehnsüchtig nach der Gegend hin, in welcher der Hafen von Charlestown liegen mußte, er konnte es aber nicht wagen, sich ihm zuzuwenden, denn ohne Lootsen und in vollem Laufe durfte er sich der Küste nicht nahen, und nur wenige versäumte Minuten waren ja hinreichend, ihn in die Hände seines Feindes zu liefern. Abermals wich das Tageslicht dem Silberscheine des Mondes, abermals hob sich die Sonne in ihrer ganzen Pracht aus der dunkeln Fluth, und immer noch blähte derselbe Wind die Flügel der Tritonia, aber auch immer noch zog das Unheil drohende Schiff, hoch mit Segeln bedeckt, ihr, wie ein Gespenst, nach und gab ihr keinen Augenblick Zeit, irgendwo an der Küste einen Rettungsplatz vor ihm zu suchen. Die Noth macht erfinderisch; Alles war schon von Dosamantes und seinem Obersteuermann überlegt und versucht, um dem Schiffe mehr Schnelligkeit zu geben, da schlug Strabo vor, einen Theil des Gewichtes, welches dessen Vordertheil belastete, von demselben abzunehmen, damit es leichter die Wogen hinansteigen könne. Sofort war die ganze Mannschaft an der Arbeit, eine große Zahl schwerer Fässer mit Branntwein, die auf der vordern Hälfte des Verdecks aufgestapelt waren, wurden auf das hintere Theil des Fahrzeuges gebracht, die Wasserfässer gleichfalls dahin befördert und selbst aus dem untern Raume des Schiffes ein Theil der Ladung von vorn nach hinten geschafft. Wer beschreibt die Freude, den Jubel, als es sich nach Verlauf einiger Stunden deutlich und augenscheinlich herausstellte, daß 5 10 15 20 25 30 35 353ZwEitER BaNd • ZwaNZigstEs KapitEl der Sturmvogel um ein Bedeutendes weiter zurückgelassen war. Hoffnung gab jetzt der Mannschaft neues Leben, alle Segel wurden straffer angezogen und von Minute zu Minute in dem Wasser die Schnelligkeit des Schiffes gemessen, um sich zu überzeugen, daß sie zugenommen hatte. Nachmittags wurde der Wind wieder bedeutend heftiger, so daß sich Dosamantes durch die Nothwendigkeit getrieben sah, Segel einzunehmen, denn die Masten knarrten und ächzten unter ihnen. Die Küste von Florida ward bald zur Rechten sichtbar und zur Linken hoben sich die Tausende von schwarzen Felsen, die sich von den Bahamainseln bis nach Cuba hinunter ziehen, aus dem Meere hervor, dessen Wogen sich schäumend und an ihnen aufsteigend über ihren Spitzen brachen. Die warme Luft bekundete, wie weit das Schiff nach Süden vorgedrungen war, und ihre Schwüle, sowie das in Südost aufsteigende schwere Gewölk verkündete Gewitter. Mit banger Ahnung blickte die Mannschaft der Tritonia nach jenen Wolken und dann wieder zurück nach den Segeln des fernen Sturmvogels. Der Abend nahte, das schwarze Gewölk verdrängte das letzte Blau des Himmels von dem westlichen Horizont und verdeckte die sich schon neigende Sonne. Ein unheimliches Düster hatte sich über die See gelegt, die dunkeln Wogen hoben sich höher und überschlugen sich mit ihren weißen Köpfen, die Wolken schienen ihre Wucht nicht länger tragen zu können und sich auf die wogende Fluth herabzusenken. Plötzlich ließ der Wind nach, die Segel flatterten hin und her und eine gräßliche Stille trat für Minuten ein. Die Tritonia steuerte nicht mehr, sie schwankte nur auf den Wellen herüber und hinüber. Dosamantes hielt das Fernglas auf den Sturmvogel gerichtet und erkannte deutlich, daß auch er in seinem Laufe gehemmt war. Die Ungewißheit aber über Das, was folgen solle, währte nicht lange, ein glühender Blitz und ein betäubender Donnerschlag, der um den ganzen Himmelsrand rollte, verkündete das schwere Gewitter, das jetzt, von einem heftigen Wind getragen, von Süd-Ost her losbrach. 354 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Kaum hatten die Matrosen die Tritonia ihrer meisten Segel beraubt und nur wenige stehen lassen, um sie steuern zu können, als der Sturm ihr heulend entgegenbrauste und pfeifend durch ihr Tauwerk strich. Die Strömung des Golfs, gegen welche das Schiff ankämpfte, schien sich zu verdoppeln und die Wogen sich von Minute zu Minute zu vergrößern. Der Wind war immer noch seitwärts genug, um die Tritonia ihren Cours verfolgen zu lassen, doch trotz aller Anstrengung kam sie mit ihrer schweren Ladung unter den wenigen Segeln nur langsam vorwärts. Zum Schrecken und Entsetzen der Mannschaft aber nahte sich jetzt das Raubschiff zusehends, obgleich auch dasselbe nur wenig Leinen trug. Die Nacht brach herein und mehrte die Verwirrung, die Angst, die auf der Tritonia herrschte. Bald konnte man durch die Finsterniß die weißen Segel des immer näher kommenden Piraten nicht mehr erkennen, außer wenn für Augenblicke ein Strom von Blitzen sie geisterhaft beleuchtete und bei jedem solchen momentanen Lichte sie in größerer Nähe zeigte. Abermals hatte das Feuer des Himmels die See blendend erhellt und wieder war sie und die Schiffe von der Finsterniß verschlungen, als es auf dem Sturmvogel blitzte und mit dem Donner der Kanone ihre Kugel über die Tritonia hinsauste. Wieder fuhren zakkige Feuerstrahlen durch die schwarzen Wolken hin und her, abermals stand der furchtbare Feind, von ihnen beleuchtet, der Tritonia näher, und wieder schleuderte er seine Kugel über das Schiff, als Dosamantes zu seiner Rechten ein Licht durch die Finsterniß blikken sah und in ihm das Feuer eines Leuchthauses an der Küste von Florida erkannte. In wenigen Minuten mußte ihn der Pirat erreichen, sein Untergang war dann gewiß; vielleicht, vielleicht konnte ihm die Küste noch Rettung bringen, wo nicht, so wollte er lieber zwischen ihren Felsen zerschellen, als den Räubern in die Hände fallen. Rasch ließ er das Schiff wenden, ließ Segel aufziehen und schoß nun vor dem Sturm hin über die tobenden Wogen dem Leuchthaus zu. »Der Kerl ist wahnsinnig!« rief Flournoy, als er bei dem Lichte der Blitze die plötzliche rasche Flucht der Tritonia gewahrte, »er rennt in die Felsen hinein, aus denen kein Teufel ihn wie- 5 10 15 20 25 30 35 355ZwEitER BaNd • ZwaNZigstEs KapitEl der zurückführt. Feuer, Ritcher, Du hast doch sonst gut treffen können!« Abermals krachte das Geschütz, doch seine Kugel hielt das fliehende Schiff nicht auf. Auch Flournoy hatte den Sturmvogel wenden lassen, mehr Segel aufgezogen, und folgte der Tritonia in kurzer Entfernung; plötzlich aber blickte er auf den Kompaß, von ihm nach dem Leuchthause hinüber, er erkannte nach der Richtung, in welcher das Licht stand, den Platz, wo er sich befand, und rief durch das Sprachrohr der Mannschaft zu: »Kehrt!« »Nun sind sie verloren, verdammt, auch für uns, Ritcher, Du hast schlecht Wort gehalten!« schrie er dann dem Obersteuermann zu, während das Schiff sich drehte und nach Norden davoneilte. 356 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 21. Vor Anker. – Die Masten gekappt. – Erwartung. – Das Scheitern. – Der Leuchtthurm. – Das Erwachen. – Der Menschenfreund. – Der Eilbote. – Die Wilden. – Der Angriff. – Feuer. – Rettung. – Der Ritt mit den Indianern. L aßt den Anker fallen!« rief Dosamantes durch den Sturm nach dem vordern Verdeck hin, und wenige Augenblicke darauf rollte die schwere Kette mit dem gezahnten Eisen dröhnend über Bord. Das Schiff, in seinem Lauf so plötzlich zurückgehalten, schwang sich mit dem Sturme herum und bäumte sich hoch, wie ein Roß vor dem Zügel, an der eisernen Fessel. Durch den Widerstand zu doppelter Wuth angeregt, thürmten sich die Wogen unter dem Vordertheile des Schiffes auf, hoben es wie auf Bergesspitze empor und schleuderten es in die jähe, schwarze Tiefe hinab. Dann stürzten sie fliehend ihren Schaum rückwärts über das Fahrzeug und begruben es donnernd unter dem Gischt, aus dem die nächste Woge dasselbe wieder hervortrug. Dabei krachte es in allen seinen Fugen, als wolle es zerbersten, und die Fässer stürzten rollend von einem Ende des Verdecks zum andern, so daß die Mannschaft vor ihnen flüchten mußte. Dosamantes aber war vertraut mit den Schrecken der See und zeigte ihnen die Stirn entschlossener, als dem Piraten, den jetzt sein Blick nicht mehr erspähen konnte. Er trug Laternen hinaus und befestigte sie auf dem Verdeck, er selbst legte Hand an eins der rollenden Fässer und warf es mit Hülfe Strabo’s und Kelly’s über Bord. Nun folgten die Matrosen seinem Beispiel, und bald war das Verdeck geräumt. Noch ein zweiter Anker wurde dann in die See versenkt, 5 10 15 20 25 30 35 357ZwEitER BaNd • EiNuNdZwaNZigstEs KapitEl um durch seine Kette das Schiff noch mehr zu fesseln, und dann ließ der Capitain die Luken öffnen und begann die Ladung über Bord zu werfen. Der Sturm aber nahm mit jeder Minute an Gewalt zu und mächtiger und wüthender stürzten sich die Wogen gegen das Fahrzeug. Eloise stand bebend in dem Eingang der Cajüte, hielt ihre Augen auf ihren Vater geheftet und sandte flehend ihre inbrünstigen Gebete zum Himmel. Dabei leuchtete das Feuer von dem Leuchthaus immer heller durch die Finsterniß herüber und deutete den Bedrängten auf der Tritonia an, daß man dort ihre Gefahr bemerkt habe. Mit einem Krach, als berste das Schiff auseinander, brach plötzlich die stärkste Ankerkette und das Fahrzeug erbebte unter dem Riß an der andern. »Kappt die Masten!« schrie Dosamantes der Mannschaft zu, sprang selbst, mit einer Axt in der Hand, zu dem Hauptmast hin und führte die ersten Schläge gegen ihn. Die Taue wurden durchhauen, Schlag auf Schlag dröhnte es gegen das sturmgeprüfte gute Holz, in wenigen Minuten stürzte es donnernd über die Brüstung und wurde von den Wellen verschlungen. Auch der zweite, kleinere Mast mußte geopfert werden, um dem Schiffe die Gewalt der Schwingung zu nehmen, und nun trieb es, eine unbehülfliche Holzmasse und ein Spiel der tobenden See, an der einen Kette auf und nieder. Noch ein dritter Anker wurde jetzt an einem schweren Tau von dem hintern Theile des Fahrzeuges in die Fluth versenkt, um dessen heftige Schwingung zu bemeistern; kaum aber hatte er den felsigen Grund erreicht, als die zweite eiserne Kette mit einem lauten Knall zerriß, das Schiff mit dem Sturm herumflog und jetzt nur noch von dem Tau gehalten wurde. Dies war das Todesurtheil für die Tritonia; denn nun mußte man von Augenblick zu Augenblick dem Zerreißen des Ankertaues und dem Hinstürmen des Schiffes gegen die felsige Küste entgegensehen. Jammernd schlang Dosamantes seine Arme um seine Tochter und sagte ihr, daß ein und dieselbe Woge sie Beide begraben solle. Er führte Eloise in die Cajüte, kniete dort mit ihr nieder und bete- 358 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 te mit ihr ein heißes, inbrünstiges Gebet, worauf er sie abermals umschlang und nun fest und gefaßt Abschied von ihr nahm. Dann öffnete er einen Schrank, reichte seinem Kind ein versiegeltes, in Wachsleinen eingehülltes Packet mit Werthpapieren, bat sie, all ihren Schmuck und den ihrer seligen Mutter zu sich zu nehmen und führte sie in die finstere Nacht hinaus auf das Verdeck, wo die Mannschaft vor der Cajüte sich versammelt hatte. Nur, wenn man sich an Etwas festhielt, war es möglich, zu gehen, und selbst dann wurde man bei jedem Zuck, den das entmastete Schiff an dem Ankertau that, zu Boden geworfen. Die Matrosen schleppten jetzt einen Nothmast herbei, um Eloise an demselben festzubinden, was ihr Vater selbst ausführte. Der Mast wurde mit der einen Spitze über die Brüstung geschoben, Eloise stellte sich daneben an dieselbe, und Dosamantes befestigte sie mit Stricken an das schwere Stück Holz. Dann preßte er die geliebte einzige Tochter an seine Brust und vereinigte seine Thränen mit den ihrigen. Strabo und Kelly, der Untersteuermann, stellten sich dicht bei den Vater und sein Kind, Loredo kniete neben ihnen nieder und die ganze Mannschaft drängte sich nahe zu ihnen heran. Alle stierten in die schwarze Sturmesnacht hinaus, sahen die ungeheuern Wogen, wie sie zu dem Schiffe heranrollten, sich krachend gegen seine Seite stürzten und es hoch empor warfen, und mit jeder neuen Welle erwartete man das Zerreißen des Ankertaues. Dabei rollte und dröhnte der Donner fast ununterbrochen und die Finsterniß verschlang rasch wieder die Schreckensbilder, die der Blitz für einen Augenblick erkennen ließ. Der Sturm sauste und heulte über das Verdeck hin, so daß es schwer ward, einander zu verstehen, und trieb den Schaum der Wogen fliegend vor sich her. Da riß das Tau. – Noch einmal bäumte sich, nun als Wrack, das noch vor einigen Stunden so schöne, kräftige Schiff, mit einem Schrei klammerten sich die unglücklichen Scheiternden an einander fest und fort stürmte das Fahrzeug, der Felsenküste entgegen. Von Schaum umsprüht jagte es mit den Wogen dahin, bis es plötzlich durch einen furchtbaren Stoß in seinem Lauf angehalten wurde und auf einem Felsen sitzen blieb. Die nächste Welle aber hob es wieder empor, warf es abermals auf die Klippen, so daß es aus seinen Fugen barst, sein Verdeck sich spaltete, seine Wän- 5 10 15 20 25 30 35 359ZwEitER BaNd • EiNuNdZwaNZigstEs KapitEl de zerbrachen und die tobenden schwarzen Fluthen es stückweise verschlangen. Die Männer sämmtlich hatten sich um Eloisen gereiht, um s i e wenigstens der See lebendig zu entreißen. Aber was vermochte die Kraft des Menschen gegen die Wuth der Elemente? Kaum trieb der Mast in der Fluth, als die Mannschaft von dem Holz hinweggerissen und nach allen Richtungen auseinandergeworfen wurde. Auch den alten Dosamantes hatte die See verschlungen, nur Strabo und Kelly klammerten sich neben Eloisen an dem rollenden Maste fest und hielten den Kopf des Mädchens über dem Wasser. Mit Sturmeseile trieben sie dem Leuchthaus entgegen, das auf hohem, einsamem Felsen vor ihren Blicken aus der See auftauchte. Sie sahen, daß die Wächter des Leuchtthurms mit Fackeln, Stangen und Tauen an den Fuß der Felsen rannten, an denen sich die Wogen brachen, und erkannten, daß sie von ihnen bemerkt wurden. Noch eine Woge rollte zwischen den Gescheiterten und der Felseninsel, die nächste warf sie hinauf auf das Gestein, die Wächter hielten mit Stricken und behakten Stangen den Mast mit der regungslosen Eloise zurück, die See rollte wieder in die schwarze Tiefe hinab und mit sich fort zog sie die beiden Steuerleute, um sie nicht wieder auftauchen zu lassen. Die Wächter des Leuchtthurms hatten den Mast mit Eloisen aus dem Bereiche der Brandung auf die Felsen gezogen, durchschnitten bei dem hellen Fackellichte die Taue, die sie an dem Holz festhielten, und trugen sie auf dem in das Gestein gehauenen Pfade nach der Höhe hinauf, auf welcher der Leuchtthurm stand. »Eine Leiche haben wir gerettet und die zwei lebenden Männer, die neben ihr an dem Maste hingen, hat uns die See wieder entrissen«, sagte einer der Wächter, indem er die Fackel über das unbeweglich daliegende, bleiche Mädchen hielt. »Ich glaubte, die Beiden seien gleichfalls an dem Mast festgebunden, sonst hätte ich wenigstens Einen von ihnen mit meinem Haken gefaßt. Es war zu spät, als sie die Arme aus der Welle nach uns hervorhoben, die sie von dem Maste wegriß«, sagte ein Anderer. »Vielleicht ist das Mädchen noch in’s Leben zurückzubringen. Laßt uns sie in den Thurm zu dem Kaminfeuer tragen«, fiel ein 360 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Dritter ein, worauf die Männer Eloisen durch die enge Thür in das steinerne Gebäude trugen und sie in dem gemeinschaftlichen Zimmer vor dem Kamin auf wollene Decken niederlegten. »Sie ist jung und schön und muß reicher Leute Kind sein. Seht nur das Halsband hier, ich glaube, das sind Diamanten«, sagte einer der Männer. »Das ist einerlei, ob sie alt oder jung, reich oder arm ist, wenn sie nur wieder in’s Leben zurückkehrt. Es ist wenig genug, nur Ein Menschenleben von den vielen, die sicher verloren gegangen sind, gerettet zu haben. Die See ging aber zu hoch, ich habe sie niemals so toben sehen. Wer konnte da helfen!« sagte ein alter, wettergebräunter Mann, der, wie es schien, hier den ersten Rang einnahm. Er selbst hatte Eloisen die Bekleidung von den Füßen genommen und dieselben dem Feuer zugewandt, wusch ihr die Schläfe und den Nacken mit Branntwein und rieb und schüttelte sie eine lange Zeit vergebens; doch endlich entquoll ihren bleichen Lippen ein Strom Wasser, ihre Brust fing krampfhaft sich zu heben an und sie schlug die Augen auf. Wie aus einem Traum erwachend sah sie erinnerungslos und verworren um sich, blickte die sonnverbrannten Männer an und schloß die Augen wieder. »Sie kommt zu sich, legt noch ein Stück Holz auf das Feuer und hängt den Kessel mit Wasser darüber, damit man ihr eine Tasse Thee bereiten kann«, sagte der alte Mann und benetzte Eloisen’s Schläfe abermals mit Branntwein. Bald öffneten sich ihre Augen wieder, sie faltete ihre Hände auf ihrer Brust und ein Thränenstrom bekundete, daß ihre Gedanken sich ordneten und das ungeheuere Geschehene erfaßten. »Mein Vater – mein Vater!« waren die ersten Worte, die sie in ihrer Verzweiflung ausstieß, dann weinte und jammerte sie laut, rang die Hände und bedeckte mit denselben ihr Gesicht. Capitain Burnham, der alte Mann, unter dessen Befehl dies Leuchthaus stand, redete tröstend zu Eloisen, pries die Gnade Gottes, der sie auf eine so wunderbare Weise gerettet habe, sagte ihr, daß sie hier vor aller Gefahr gesichert sei und daß sie mit dem ersten Gouvernementschiff, welches Provisionen hierher bringen würde, nach dem Orte abreisen könne, wohin sie zu gehen wünsche. 5 10 15 20 25 30 35 361ZwEitER BaNd • EiNuNdZwaNZigstEs KapitEl Das Unglück aber, welches sie betroffen, war zu gräßlich, als daß Trostworte ihren Schmerz hätten lindern können, in stummer Verzweiflung verbrachte sie die Nacht, und erst, als das Licht des neuen Tages durch die kleinen Fenster in den Thurm fiel, senkte sich ein leichter Schlummer mitleidig über die unglückliche Verwaiste und ließ sie auf kurze Zeit das Schreckliche ihrer Lage vergessen. Burnham entfernte die Mannschaft, die aus zehn Männern bestand, aus dem Zimmer, wo Eloise noch vor dem Kaminfeuer ruhte, damit diese nicht durch Geräusch geweckt werde, und gebrauchte selbst alle Vorsicht, kein solches zu erzeugen. Er unterhielt das Feuer, hatte Thee, Kaffee und ein Frühstück für die Gescheiterte bereitet und beobachtete jede ihrer Bewegungen, um ihr beim Erwachen Nahrung zu reichen. Endlich regte sie sich wieder und ihr erster Blick begegnete dem des Vertrauen einflößenden alten Mannes, der neben ihr saß und theilnehmend auf sie niedersah. Die Thränen, die ihren Augen entquollen, zeigten, daß mit dem Augenblick ihres Erwachens auch ihr Elend in seinem ganzen Umfange wieder vor ihre Seele getreten war, sie setzte sich auf und verbarg ihr Gesicht in ihren Händen. »Fassen Sie Muth, Fräulein!« sagte der Alte mit liebevollem Ton, indem er seine Hand auf Eloisen’s Schulter legte, »wir dürfen nicht murren, wenn Gott uns schwer prüft und herbe Schicksale über uns sendet, wir sollen Alles, was er uns beschert, dankbar hinnehmen, auch das Unglück; denn er weiß es am besten, was gut für uns ist. Wie viel schlimmer wäre es für Sie gewesen, wenn Sie, statt an diese Felsen, irgend anderswo an die Küste geworfen und in die Hände der Wilden gefallen wären, die dieses Land noch bewohnen! Hier sind Sie wenigstens sicher, und ich werde Alles thun, was in meinen Kräften steht, um Ihnen den Aufenthalt bei uns erträglich zu machen. Hatten Sie denn Verwandte auf dem Schiffe?« »Mein Vater war dessen Capitain«, schluchzte Eloise und brach wieder in lautes Jammern aus. Burnham aber wußte, daß das Herz sich erleichtert, wenn es seinem Schmerz Worte giebt, darum fragte er weiter, und Eloise mußte ihm den ganzen Verlauf ihres Unglücks mittheilen. Der Alte war außer sich, als er von dem Piraten hörte und sprach seine Zuversicht aus, daß derselbe bald in die Hände der 362 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 amerikanischen Kreuzer fallen müßte, denen er mit der ersten Gelegenheit Kunde über das Geschehene zusenden wolle. Dann sagte er tröstend: »Meine Leute sind schon während des ganzen Morgens beschäftigt, von den Gütern, womit Ihres Vaters Schiff beladen war, aufzufangen. Die See treibt viele derselben an das Land und was davon gerettet wird, soll treulich für Sie aufbewahrt werden.« Bei diesen Worten war Eloise aufgesprungen und wankte nach der Thür, indem sie bittend sagte: »O lassen Sie mich hinausgehen, vielleicht trägt die See auch meinen Vater an das Ufer«, und Burnham nahm sie bei dem Arm und führte sie aus dem Thurm. Der Sturm empfing sie auf der kleinen Fläche, die das Leuchthaus umgab, und jagte die wilden Wogen brausend gegen den Fuß der nackten schwarzen Felsen, an denen sie sich donnernd brachen und zischend ihren Schaum an ihnen hinaufwarfen. Rund um die Felseninsel wogte das Meer, nach Osten hin, eine sturmbewegte Wasserfläche bis an den fernen Horizont, wo derselbe vor dem Blick mit dem grauen Gewölk des Himmels verschwamm, nach Westen bis an die nicht ferne Küste Florida’s von unzähligen Klippenmassen unterbrochen, die schwarz und drohend aus ihm hervorblickten und die Wellen Jahr aus Jahr ein an sich brechen ließen. Am Fuße der Insel waren außer dem Bereiche der Brandung viele Boote befestigt, eine Menge Anker, Ketten und Taue lagen auf den Klippen umher in Bereitschaft, um sie Schiffen in der Noth zu bringen, wenn es die Aufregung der See noch gestattete, und Rettungswerkzeuge aller Art erblickte man in der Nähe des Thurmes. Die Mannschaft war beschaftigt, Kisten, Fässer und Ballen, welche die Brandung auf das Gestein schleuderte, aufzufangen und in Sicherheit zu bringen, und hatte auch schon einen großen Vorrath von Holz aus den Trümmern der Tritonia auf die Insel geschafft. Auf den nicht fernen, aus der See hervorstrebenden Felsen sah man hier ein Faß, dort einen Ballen, da ein Stück von einem Mast hängen, und hin und wieder trugen die Wogen Güter aus dem gescheiterten Schiffe im Fluge vorüber. Eloise stand weinend im Sturme, hielt ihr langes schwarzes Lockenhaar vor ihrer Brust zusammen und schaute über die 5 10 15 20 25 30 35 363ZwEitER BaNd • EiNuNdZwaNZigstEs KapitEl wildbewegte Fluth; den geliebten Vater aber konnte sie nicht erspähen, er schlief mit allen seinen Gefährten in der Tiefe des Meeres. Von der See her tobte der Sturm durch die unabsehbaren Wälder Florida’s und stürzte Riesenbäume krachend zur Erde nieder, so daß sie die ungeheuern Wurzelballen nach Oben kehrten. Alles, was lebte, suchte Schutz vor dem wuthentfesselten Element und lauschte bang und geängstigt seiner furchtbaren Stimme. Am folgenden Morgen aber spannte sich der Himmel wieder blau und heiter über diesem sonnigen Lande aus und der ewige Frühling hatte hier seine Herrschaft wieder angetreten. ∗    ∗    ∗ Wenige Wochen später, als nach einem warmen, wonnigen Tage die Sonne ihren Scheideblick über Florida sandte, ruhte Tallihadjo mit den Seinigen vor seiner Hütte um das Lagerfeuer herum und zwischen ihnen saß Ralph Norwood und beschrieb die Länder, Städte und Menschen, die er auf seiner Reise gesehen hatte, wobei der Häuptling aufmerksam und sinnend seiner Rede lauschte und nicht ein Wort unbeachtet ließ. Nur selten unterbrach er ihn und bat ihn um nähere Erklärung des Gesagten, namentlich aber fragte er mit augenscheinlichem Interesse nach der Einwohnerzahl der Orte, welche Ralph besucht hatte. Die Nacht brach schon herein, als der Hufschlag eines flüchtigen Pferdes von weither durch den Wald schallte und Tallihadjo sich auf seiner Pantherhaut umwandte und sein Ohr dem nahenden Tone entgegen hielt. »Ein Eilbote«, sagte er halblaut vor sich hin, »ein neuer Hülferuf von meinen mißhandelten Brüdern«, fuhr er kaum verständlich fort. »Wann – wann, Tallihadjo, wann!« murmelte Onahee; der Häuptling aber sah sie mit einem Vorwurf an und blickte dann wieder in der Richtung nach dem Walde, von woher das Pferd zu kommen schien. Bald darauf sprengte ein Reiter aus den dunkeln Schatten der Bäume hervor und sprang bei dem Feuer Tallihadjo’s von seinem 364 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Pferde. Es war ein Seminole, der an der Ostseite Florida’s an der Küste des Weltmeeres seinen Wohnsitz hatte. Tallihadjo winkte ihm, bei dem Feuer sich zu ruhen, seine Frauen brachten ihm Speise und Trank, und dann reichte ihm der Häuptling die Pfeife, die bei den Indianern einem jeden Gespräch von Wichtigkeit vorangehen muß. Nachdem der Gast zur Genüge Rauch aus derselben verschluckt hatte, hub er, zu Tallihadjo gewandt, an: »Osmakohee, mein Häuptling, der nördlich von dem Häuptling Homathlan an der Grenze Georgiens wohnt, sendet mich zu Tallihadjo, um ihm zu sagen, daß Homathlan die Krieger der Seminolen von weit her zu sich beruft, um mit ihnen das steinerne Wigwam, welches die Bleichgesichter auf dem Felsen im Meere erbaut haben und auf dem sie ein großes Feuer leuchten lassen, zu zerstören und sich mit ihrem Scalpe zu schmücken. Osmakohee wartet wohl verlangend auf den Kriegsruf Tallihadjo’s, hört aber nicht auf den von Homathlan. Er läßt Dir sagen, Du müßtest Dein schnellstes Pferd reiten, wenn Du eher an der Felseninsel sein wolltest, als Homathlan mit den Kriegern, um diesen Deine Stimme, der allein sie folgen werden, hören zu lassen.« »Das steinerne Wigwam auf den Felsen hat der große Vater der Weißen (der Präsident der Vereinigten Staaten) erbaut, er hat seine Krieger dort hingesandt, damit sie in der Nacht ein Feuer weithin über die See leuchten lassen, um den beflügelten Schiffen dadurch zu zeigen, wo die Klippen ihnen mit Gefahr drohen; nicht aber, um die Seminolen zu belästigen. Wenn Homathlan das Wigwam zerstört und den Weißen dort die Scalpe raubt, so wird deren großer Vater so viele Krieger nach Florida senden, wie in dessen Wäldern Bäume stehen, und wird die Seminolen in den Sümpfen ihres Landes umkommen lassen«, antwortete Tallihadjo dem Eilboten, trug dann Tomorho auf, fünfzig Krieger aufsitzen zu lassen, und befahl einem der Neger, für ihn selbst den edlen Schimmel zu satteln. Als Beide sich entfernt hatten, sagte er zu Ralph: »Du wirst den Seminolen einen Liebesdienst erzeigen, wenn Du mit mir reitest und den weißen Kriegern auf der Felseninsel sagst, daß nicht unser Volk, sondern Homathlan allein die Kriegskeule gegen sie erhoben habe, und daß er für das Böse, welches er ihnen 5 10 15 20 25 30 35 365ZwEitER BaNd • EiNuNdZwaNZigstEs KapitEl vielleicht schon zugefügt, zur Bestrafung an sie ausgeliefert werden solle. Wir haben es so bei unserm letzten Friedensschluß mit den Weißen bestimmt.« Ralph willfahrte dem Wunsch des Häuptlings und ließ sich gleichfalls sein Pferd herbeiholen. Er war nach seiner Zurückkunft nicht zu den alten Arnolds gegangen; sein schuldbeladenes Gewissen hielt ihn ab, den biedern Leuten, die es so ehrlich und herzlich gut mit ihm gemeint und ihn so liebevoll behandelt hatten, unter die Augen zu treten. So sehr er auch seine Vergehen bereute, so schienen sie ihm doch zu groß, als daß er auf eine Vergebung hätte hoffen dürfen, und er war zu Tallihadjo geeilt, um bei ihm seine Schande vor seinen weißen Mitbürgern zu verbergen. Der Häuptling hatte seinen Entschluß, bei ihm zu wohnen, mit Freuden vernommen, da er nun die Bitte, die Ralph’s sterbender Vater an ihn gerichtet hatte, erfüllen konnte. Eilig machten die Frauen Tallihadjo’s alle Vorbereitungen zu dessen, sowie zu seines Sohnes und Gastes Abreise; sie füllten die ledernen Reisebeutel mit getrocknetem Hirschfleisch, bereiteten schnell Maisbrod für sie zum Mitnehmen und richteten das Abendessen her. Tomorho kam mit der Nachricht zurück, daß die Krieger bald hier erscheinen würden, setzte sich zu den Seinigen bei das Lagerfeuer, und als sie das Abendbrod zusammen genossen hatten und ihre Waffen aus der Hütte hervortrugen, sammelten sich die stets kriegsbereiten jungen Männer vor derselben. Latochee selbst führte Tallihadjo den gesattelten und geschmückten Schimmel vor, zärtlich nahm er von ihr, sowie von seinen Kindern Abschied, bestieg dann sein Pferd und ritt mit Ralph und Tomorho seinen Kriegern voran in den finstern Wald hinein. ∗    ∗    ∗ Vier Abende später, als die Nacht sich schon über die See gelegt hatte, saß Eloise vor dem Leuchthaus auf einer Bank und schaute über die dunkele Fluth nach der Gegend hin, wo die Tritonia gescheitert war. Die Wogen wiegten sich spielend auf und nieder, nur hier und dort bezeichnete ein weißer Schein den Lauf einer schäumenden Welle, und ein kühlender, leichter Wind säuselte 366 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 wohlthuend um den Thurm, denn die Hitze des Tages war lästig und drückend gewesen. Eloise fühlte sich unendlich unglücklich; sie hatte Niemanden mehr auf der Welt, bei dem sie Trost hätte suchen können, sie stand ganz allein, ganz verlassen, eine Fremde, in diesem Lande. Bald blickte sie hinunter auf das finstere Grab ihres Vaters, bald richtete sie ihre thränenfeuchten Augen zu den funkelnden Sternen über sich und preßte ihre gefalteten Hände gegen die Brust, die von tiefen Seufzern zitternd bewegt wurde. Da trat Burnham an ihre Seite und bat sie freundlich, zum Abendessen in den Thurm zu kommen. Dort warteten die Wächter, bei dem Tisch stehend, auf Eloise, um erst nach ihr Platz zu nehmen, und während des Essens haschte ein Jeder von ihnen nach einer Gelegenheit, ihr dienlich zu sein. Sie übte, ohne es zu wollen, eine unwiderstehliche Gewalt über diese rauhen Männer aus, und so störend und hinderlich die Gegenwart eines Frauenzimmers ihnen im ersten Augenblick auch erschienen, so lieb und angenehm war ihnen jetzt die Gesellschaft Eloisen’s. Sie hatten ihr eins ihrer kleinen Zimmer abgetreten, Burnham hatte ihr neue Romane, die in einzelnen ungebundenen Heften in New-York erschienen und ihm mit der letzten Sendung von Provisionen übermacht worden waren, gegeben, um sich mit deren Lesen die Zeit zu verkürzen, und die Wächter hätten in ihrer Gegenwart um alle Welt kein rohes oder hartes Wort laut werden lassen. Nach dem Abendessen, als Burnham vor dem Kamin mit Eloisen redete, hatten sich Jene gleichfalls herzugesetzt, hörten schweigend der Unterhaltung zu und schienen sich jedes Wortes zu freuen, welches die Fremde sagte. Noch lange, nachdem Eloise sich in ihrem Zimmer zur Ruhe begeben hatte, saßen die Wächter um das Kamin und machten das Schicksal des unglücklichen Mädchens zum Gegenstand ihres Gespräches, und es war nach Mitternacht, als Alle sich zum Schlafen niedergelegt hatten, bis auf den Einen, an dem die Reihe war, Wache bei dem Lichte auf dem Thurme zu halten. Derselbe war hinaufgestiegen, um mit einem Stück Hirschleder die Gläser vor dem Lichte abzuwischen, als plötzlich in kurzer Entfernung von dem Fuß der Felsen auf dem Wasser ein Schuß fiel und der Wächter überrascht auf die See hinunterblickte. 5 10 15 20 25 30 35 367ZwEitER BaNd • EiNuNdZwaNZigstEs KapitEl Alles war wieder ruhig, nur das hier niemals verhallende Rauschen der Brandung umtönte die Insel. Bald darauf aber erkannte der Wächter mehrere schwarze Flecken auf der dunkeln Fluth, die sich der Insel zu nähern schienen. Schnell sprang er in dem Thurm hinab und schloß die starke, an ihrer Außenseite mit Eisenplatten bedeckte Thür. Dann weckte er Burnham und die Mannschaft und theilte ihnen mit, was er gehört und gesehen hatte. »Das sind Indianer!« rief Burnham aufspringend, »schließt die Thür des Thurmes und verrammelt sie, ehe sie von den Wilden erbrochen wird!« Die Männer stürzten alle zu dem Eingang, stemmten, zu diesem Behufe vorräthige, schwere Holzstücke gegen die dicke eichene Thür und eilten dann zu den Waffen, um einen etwaigen Sturm auf das Gebäude zurückzuweisen. Jetzt ertönte außerhalb des Thurmes ein ganz unmenschliches, entsetzliches Geschrei und dann fielen donnernde Schläge gegen die Thür, so daß sie das Gebäude dröhnend erschütterten. Mehrere der Wächter hatten die Höhe des Thurmes erstiegen und blickten über dessen Mauerrand hinab auf den ihn umgebenden Platz, wo sie einen dichten, dunkeln Menschenhaufen erkannten, der sich heulend und schreiend hin und her drängte. Auch auf dem Wasser zwischen der Insel und dem Festlande bemerkten sie viele dunkele Gestalten, die in kleinen Booten herangeschwommen kamen und ihre gräßlichen Stimmen mit denen ihrer schon gelandeten Kameraden vereinigten. Zu Tode erschrocken wankte Eloise in das gemeinschaftliche Zimmer, wo Burnham ihr entgegen kam und sie zu beruhigen sich bemühte, indem er ihr sagte, daß man in diesem Gebäude durchaus Nichts von den Wilden zu befürchten habe, da die mehrere Fuß dicken Mauern deren Kräften weit überlegen wären und die Stürmenden keine Leitern besäßen, um den Thurm zu ersteigen. Er sagte ihr, daß die Vorräthe von Proviant und Wasser für einen Monat ausreichend wären, und daß ganz in der Kürze ein Gouvernementsschiff hier erscheinen müsse. So tröstend aber auch diese Mittheilungen waren, so schallten doch die Schläge an der Pforte und das Geheul der Wilden zu entsetzlich und furchtbar zu Eloisens Ohr, als daß sie sich hätte beru- 368 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 higen können, zitternd und bebend sank sie in einen Stuhl nieder und verbarg ihr bleiches Gesicht in den Händen. Die kleinen Fensterchen in der dicken Mauer des Thurms waren sehr hoch von dessen Fuß entfernt und konnten auch wegen ihres geringen Raumes nicht von den Wilden zum Eindringen in das Gebäude benutzt werden, die Pforte war so stark und so gut verrammelt, daß sie allen Anstrengungen derselben widerstehen mußte und selbst, wenn die Thür wirklich erbrochen werden sollte, so war doch die sehr enge steinerne Treppe, die von ihr zu dem ersten Zimmer führte, so leicht zu vertheidigen, daß Burnham wirklich außer aller Sorge war und sich zu seinen Leuten auf die Höhe des Thurmes begab, um selbst sich von der Zahl der Angreifer zu überzeugen. Der Platz um das Gebäude war jetzt dicht mit Indianern bedeckt und sämmtliche Mannschaft des Leuchthauses richtete ihre, mit dickem Schrot geladenen Gewehre auf die Masse hinab und feuerte unter sie. Ein furchtbares Geheul war die Antwort auf den Donnergruß, und bezeugte unverkennbar, daß das unter die Wilden geschleuderte Blei eine schreckliche Wirkung hervorgebracht hatte; kaum aber zeigten sich die Wächter abermals über dem Rand des Thurmes, als ein Kugelregen aus den Büchsen der Indianer ihnen entgegen flog und einer von Burnhams Mannschaft, durch den Kopf geschossen, todt an der Brüstung niedersank, während ein Zweiter, in die Schulter getroffen, zurückwankte und seine Waffe aus der Hand fallen ließ. Der Verwundete wurde hinab auf sein Lager geführt, dort von Burnham verbunden, und dann vertheilte dieser seine Leute an den Fenstern und namentlich hinter der Thür, gegen welche der Sturm immer tobender von den Indianern fortgesetzt wurde. Dabei schallte das Kriegsgeschrei der Stürmenden immer wüthender und schauerlicher durch die Nacht und wurde häufig von einzelnen gellenden Stimmen übertönt. Plötzlich aber ging es in einen lauten Jubel über, der den Belagerten verrieth, daß die Feinde einen Vortheil über sie errungen haben mußten; worin derselbe aber bestand, konnten sie nicht entdecken, denn die Nacht war zu dunkel, um von Oben herab die einzelnen 5 10 15 20 25 30 35 369ZwEitER BaNd • EiNuNdZwaNZigstEs KapitEl Bewegungen der Wilden erkennen zu können. Außerdem war es zu gefährlich, einen Blick über den obern Mauerrand des Thurmes zu wagen, denn gegen den Himmel konnten die Stürmenden jeden dort oben erscheinenden Gegenstand gewahren und ihre Kugeln sicher darnach senden. Der Jubel verwandelte sich bald in ein anhaltendes Zurufen, wie wenn man sich gegenseitig bei einer schweren Arbeit unterstützt und anweist, die Schläge gegen die Pforte verhallten, und nur ein dumpfes Dröhnen, welches innerhalb des Thurmes fühlbar ward, wurde von Zeit zu Zeit gehört. Mit banger Erwartung sahen die Belagerten einer Aufklärung über das Beginnen der Wilden entgegen und hofften mit Sehnsucht auf den Anbruch des Tages, der wohl nur noch eine Stunde entfernt bleiben konnte. Burnham saß bei Eloisen in dem gemeinschaftlichen Zimmer und suchte sie durch seine eigene erzwungene Ruhe zu trösten und sie zu überzeugen, daß die Festigkeit des Thurmes sie vor jeder Gefahr sicher stelle, als plötzlich das Zimmer wie mit Tageshelle erleuchtet wurde und Feuerflammen vor den Fenstern an dem Gebäude emporprasselten. Ein stürmisches Freudengeschrei der Wilden begleitete das Auflodern der Flammen, die bald den ganzen Thurm mit ihrer Gluth umarmten. Die Indianer hatten den bedeutenden Vorrath von Brennholz um das Gebäude getragen, hatten alles schwere Schiffsholz, welches die Wächter aus der See auf die Felsen gezogen, darüber aufgethürmt und das vorgefundene Tau- und Segelwerk dazwischen verbreitet, welches erstere durch seinen Theergehalt dem Feuer eine reiche Nahrung gab. Die innern Räume des Thurmes füllten sich schnell mit Rauch, so daß die Belagerten sich auf dessen Höhe flüchten mußten, um nicht zu ersticken. Sobald jedoch das Holz in vollem Brande war, verminderte sich der Rauch wieder und Burnham begab sich mit seinen Leuten in die untern Zimmer zurück, um zu verhindern, daß das Feuer sich durch die Fenster nach Innen verbreite. Er ließ den Vorrath von Segeln in Wasser tauchen und die Fensteröffnungen damit verstopfen, wodurch die Gluth zugleich vermindert wurde, die durch dieselben hereinströmte, und ebenso verwendete er alle Bettdecken. 370 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Die Hitze nahm aber dennoch zu und es war kaum möglich, in den Zimmern lange genug zu verweilen, um das Zeug in den Fenstern naß zu erhalten. Die Mannschaft arbeitete mit Verzweiflung und folgte willig den Anordnungen ihres Vorgesetzten. Burnham ließ Mundvorrath und Wasser in Menge auf die Höhe des Thurmes schaffen, da er noch der Hoffnung lebte, daß das vorräthige Holz nicht hinreichen würde, um den Thurm auszubrennen, und daß später, wenn das Feuer erloschen sein würde, er den Eingang gegen die Stürmenden mit Erfolg vertheidigen könne. Endlich graute der Tag und erlaubte den Belagerten einen Blick in die Umgebung. Zu seinem Schrecken überzeugte sich Burnham bald, daß auch die Wilden das Unzureichende des Holzvorrathes erkannt hatten und schon eilig beschäftigt waren, vom Lande her Fichtenstämme nach der Insel zu flößen, um das Feuer damit zu erhalten, bis das Gebäude bis auf seine Mauern von ihm verzehrt sein würde. Hierbei aber trat ihnen die vortheilhafte Stellung der Belagerten sehr hinderlich in den Weg, denn vom Thurme aus waren es kaum fünfzig Schritte bis an den Fuß der Felsen, wo diese sich in die See versenkten und Burnham, sowie seine Leute griffen jetzt zu ihren Büchsen, um von der Höhe der Mauer herab das Landen des Holzes zu vereiteln. Das erste Kanoe, welches einen schweren Fichtenstamm nach sich zog, wurde von vier Indianern gerudert, und nur noch wenige Schritte von dem Landungsplatz entfernt, stürzten die Ruderer sämmtlich, von den Kugeln der Amerikaner getroffen, in die Fluth. Noch mehrere Andere der Wilden, die an das Ufer geeilt waren, um bei der Landung des Holzes behülflich zu sein, wurden gleichfalls durch die Schützen von dem Thurme herab getödtet, so daß nun der wilde Schwarm der Belagerer sich mit Wuthgeheul so viel als möglich dem Feuer näherte, um sich aus der sichern Schußlinie der Wächter zu entfernen. Zugleich hielten sie aber ein wachsames Auge und ihre Büchsen nach dem Thurmrand gerichtet, um bei dem ersten Sichtbarwerden eines der Belagerten nach ihm zu feuern. Bald darauf stießen mehrere Boote mit Indianern von dem Festlande ab, naheten sich mit nach der Höhe des Thurmes gerichteten Büchsen und feuerten, als sie in Schußweite kamen, nach den Amerikanern hinauf. Sie erreichten, ohne von diesen getroffen zu 5 10 15 20 25 30 35 371ZwEitER BaNd • EiNuNdZwaNZigstEs KapitEl sein, einen Felsen, der sich, etwa hundert Schritte von dem Thurme entfernt, aus dem Meere erhob, und landeten hinter demselben, um, von ihm geschützt, das Feuer der Belagerten zu erwiedern. Mit einem Triumphgeschrei wurden diese Krieger von der Menge auf der Insel begrüßt, und bald darauf stießen noch mehrere Boote mit Büchsenschützen vom Festlande ab, um gleichfalls hinter den Felsen in der Nähe der Insel sich festzusetzen und die Amerikaner zu beschießen. Jetzt wagten sich die Wilden auf der Insel wieder an das Wasser hinunter, zogen den Fichtenstamm auf dieselbe herauf, theilten ihn mit ihren Aexten in Stücke und warfen dieselben in die Gluth, die um den Thurm herum loderte. Viele Kanoes wurden nun nach dem Festlande hinübergerudert, um mehr Holz herbei zu schaffen, als plötzlich dort auf dem Ufer ein Trupp Reiter erschien, vor denen eine hohe Indianergestalt auf einem Schimmel hielt. Man sah von der Insel aus, daß der Mann mit heftigen Bewegungen zu den Wilden dort redete und daß dieselben seinen Worten Gehör zu geben schienen, denn diejenigen von ihnen, die beschäftigt waren, Holz nach dem Strande hinunter zu schaffen, hielten mit ihrer Arbeit ein und setzten sich in einiger Entfernung von ihm nieder. »Tallihadjo!« schallte es plötzlich aus hundert Kehlen von der Insel und dann trat eine Todtenstille ein. Tallihadjo, denn dieser war der Reiter des Schimmels, war abgestiegen, schritt, von Tomorho, Ralph und zweien seiner Krieger begleitet, in ein Boot und ließ sich der Insel zurudern. Bald war er gelandet, hatte die Höhe derselben erstiegen und trat ernst und gebieterisch unter die hier versammelten Seminolen. Mit lauten, gewichtigen Worten hielt er ihnen das Thörichte und Unnütze ihres Unternehmens vor, zeigte ihnen die Gefahren, denen sie sich und ihr ganzes Volk dadurch aussetzten, und malte ihnen die Schrecken, die der große Vater der Weißen dafür über sie senden würde, in den furchtbarsten Farben. Alles schwieg und suchte dem Blick Tallihadjo’s auszuweichen, nur eine Stimme versuchte es, gegen ihn sich zu erheben; es war die des Häuptlings Homathlan. Tallihadjo aber erdrückte ihn unter seinen Donnerworten und gab zuletzt den Befehl, ihn gefangen zu nehmen und zu binden. Eine Minute nur zauderten die Indianer, seinen Befehl auszu- 372 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 führen, noch ein Wort, noch ein Wink, sie fielen über Homathlan her und hatten ihn in wenigen Augenblicken gefesselt. Nun ließ Tallihadjo mit den Rettungsstangen der Belagerten das brennende Holz von dem Thurme entfernen und über die Felsen hinunter stürzen, rief dann den Bedrängten in dem Gebäude mit lauter Stimme zu, daß Tallihadjo, der erste und mächtigste Häuptling der Seminolen, gekommen sei, seine bethörten Brüder von dem Unrecht gegen seine weißen Freunde abzuhalten und den Urheber dieser abscheulichen That in ihre Hände auszuliefern. Burnham erschien über dem Thurmrande und sah und hörte zu seiner großen Verwunderung, daß er die plötzliche Einstellung der Feindseligkeiten einem Indianer zu verdanken habe. Zugleich war er erstaunt, einen Weißen bei ihm zu sehen und rief Beiden Worte des innigsten Dankes zu. Tallihadjo befahl jetzt den Seminolen, ein ledernes Kanoe mit Seewasser zu füllen und es herauf vor den Eingang des Thurmes zu tragen, ließ, als dies geschehen war, die Thür und die Mauern in deren Umgebung mit dem Wasser kühlen und rief dann zu Burnham hinauf, er möge nun aus seinem Thurm hervorkommen, da Niemand ihn mehr behelligen werde. Zugleich schickte er alle Indianer, mit Ausnahme seiner eigenen Begleiter, an das Festland zurück und trug ihnen auf, ihn dort zu erwarten. Bald darauf ertönten heftige Schläge und Stöße hinter der Thür, sie öffnete sich und Burnham trat mit Eloisen an der Hand, und von den Wächtern gefolgt, aus dem Thurm hervor. Ralph that erstaunt einen Schritt zurück und hing mit seinen Blicken unbeweglich an der schönen, bleichen Unbekannten; ihre Erscheinung traf ihn, wie eine unbestimmte Erinnerung aus einer frühern Zeit und doch wußte er diese Zeit nicht zu nennen. Gesehen hatte er diese Augen, diese Brauen, diese Locken, wo und wann – konnte er sich nicht erinnern, wohl wußte er aber, daß ihr Bild damals sich tief in sein Gedächtniß eingeprägt hatte. Ralph war von Eloisen nur im Heraustreten aus dem Thurme angesehen worden, dann senkte sie die Augen und stand nun, vor sich niederblickend, hinter Burnham, der auf Tallihadjo zugetreten war und dessen Hand ergriffen hatte. Mit einfachen, innigen Worten dankte der biedere Alte dem Häuptling für die Rettung, die er ihm und sei- 5 10 15 20 25 30 35 373ZwEitER BaNd • EiNuNdZwaNZigstEs KapitEl nen Gefährten gebracht, und fragte ihn, was er für ihn thun könne, um ihm seinen Dank durch die That zu beweisen. Der Häuptling antwortete: »Laß Deinem großen Vater in Washington wissen, daß jener Gefangene einige Seminolen bethört und gegen Dich und Deine Gefährten aufgewiegelt habe, daß aber unser Volk in Frieden und Freundschaft mit den Weißen zu leben wünsche und daß Tallihadjo Dir zu Hülfe gekommen sei. Homathlan, den Gefangenen, übergebe ich Dir, wie es in einem Friedensschluß verabredet worden ist, ich wünsche, daß Du ihn zur Bestrafung für sein Unrecht Deinem großen Vater übermachen mögest.« Burnham hatte seinen Leuten aufgetragen, Lebensmittel aus dem Thurme zu holen und sie ihren Rettern zum Frühstück zu reichen und hatte sich mit ihnen auf Felsstücken niedergelassen. Er saß neben Ralph, der ihm mittheilte, auf welche Weise Tallihadjo von den Feindseligkeiten der Indianer gegen ihn unterrichtet worden war, und wie der Zufall ihn selbst mit hierher gebracht habe. Dabei sah er oft nach Eloisen hin, welche seitwärts auf einem Felsen schweigend saß und vor sich hinab in die Wogen blickte, die sich schäumend an dem Fuß der Insel brachen. Er befragte Burnham über sie, und dieser theilte ihm mit wenigen Worten die Schicksale mit, die das Mädchen betroffen. Bei dem Namen Flournoy schreckte Ralph zusammen, seine Bekanntschaft mit diesem Manne, der ihn selbst so treulos behandelt hatte, war ihm der unglücklichen Eloise gegenüber ein gräßlicher Vorwurf. Mit warmer Theilnahme hingen seine Blicke an dem schönen, trauernden Mädchen und er fühlte sich unwillkürlich zu ihr hingezogen. Es kam ihm vor, als ob ihr Schicksal eine Aehnlichkeit mit dem seinigen habe, sie war unglücklich und stand allein und verlassen in der Welt, und ebenso war es mit ihm, wenn er sich auch sagen mußte, daß er selbst die Schuld von seinem Unglück trug. Er dachte an die alten Arnold’s, an ihr häusliches Glück und an den, wenn auch verfallenen Wohnsitz seines verstorbenen Vaters. Er machte Burnham den Vorschlag, er wolle Eloisen zu einer ihm befreundeten, biedern Familie in Georgien geleiten, wo sie mit Theilnahme und Liebe aufgenommen werden und vor der Hand ein anständiges, angenehmes Unterkommen finden würde. 374 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Burnham hatte die Familie Arnold schon früher als eine der angesehensten in jenem Lande nennen hören, und namentlich war ihm der Präsident Forney bekannt und eine gewichtige Empfehlung, als Ralph ihm denselben als den Schwiegervater des jungen Arnold nannte. Burnham übernahm es darauf, mit Eloisen zu reden und ihr das Anerbieten Ralph’s mitzutheilen. Der Aufenthalt auf dieser Insel hatte zu schreckhafte Momente für Eloise gehabt, als daß sie nicht eine jede sich darbietende Gelegenheit gern ergriffen hätte, um sich von hier zu entfernen, darum bedurfte es bei ihr nicht viel Ueberredung von Seiten Burnham’s, um Ralphs Vorschlag anzunehmen; sie war bald entschlossen, sich von ihm zu Arnold’s geleiten zu lassen und wurde von ihrem bisherigen Beschützer dem jungen Norwood nun vorgestellt und übergeben. Das Frühstück ward eingenommen, wobei die Indianer den gebotenen Branntwein zurückwiesen, dann nahm Tallihadjo von Burnham Abschied, Eloise sagte dem alten braven Manne unter Thränen ihren innigsten Dank und ihr Lebewohl, Ralph versprach ihm scheidend nochmals, derselben die größte Sorgfalt angedeihen zu lassen und dann führte er Eloise über die Felsen hinunter in das Boot. Die Indianer folgten ihnen und bald darauf landeten sie an der Küste Florida’s. Tallihadjo trat dort unter die versammelten Seminolen, hielt ihnen nochmals die schrecklichen Folgen vor, die ihr vereinzeltes Unternehmen für das ganze Volk gehabt haben würde, wenn er es nicht vereitelt hätte und sagte ihnen schließlich, daß sie auf seine Stimme warten müßten, die sie hören sollten, sobald die Zeit zu ihrer Rettung gekommen sein würde. Dann empfahl er ihnen, sich ruhig nach ihren Wohnungen zurück zu begeben und dort ihre Kriegswaffen in Bereitschaft zu halten. »Denn«, rief er, »der Tag nahet, wo Ihr den Schlachtruf Tallihadjo’s hören werdet, gleich dem Donner, wenn er über die See rollt; wo Ihr ihm folgen werdet, wie der Sturm, der Wälder vor sich niederstürzt, und wo er Euch zu Euern Brüdern in die großen, endlosen, immergrünen Prairien, oder in die ewigen, wundervollen Jagdgründe Euerer Väter führen wird.« Während dieser Zeit hatte Ralph seine schöne Anvertraute auf sein Pferd gehoben, auf dessen breitem Rücken er einen beque- 5 10 15 20 25 30 35 375ZwEitER BaNd • EiNuNdZwaNZigstEs KapitEl men Sitz aus zusammengelegten Bärenhäuten bereitet hatte, er selbst bestieg eins der Packpferde der Indianer, Tallihadjo kehrte zu seinem Schimmel zurück, schwang sich in den Sattel, winkte den hier zurückbleibenden Seminolen noch ein bedeutungsvolles Lebewohl zu und dann setzte sich der Zug landeinwärts in Bewegung. Ralph entfernte sich keinen Augenblick von Eloisens Seite, er sprach ihr Trost ein, erzählte ihr von den lieben alten Leuten, zu denen er sie führen wollte, beschrieb ihr deren Wohnort und spähete nach jeder Gelegenheit, um ihr einen Dienst zu erweisen. Wenn sie zu Mittag in dem kühlen Schatten dichter Bäume ruhten, bereitete er ihr das Lager, holte ihr einen frischen Trunk von dem Quell, sammelte süße reife Früchte für sie und wehrte, wenn sie schlummerte, die Fliegen von ihr ab. Nachts, wenn die Wanderung eingestellt wurde, um sich und den Thieren Ruhe zu gönnen, bereitete er für Eloisen aus Thierhäuten ein Zelt und in demselben das Lager für sie, worauf er vor dessen Eingang hingestreckt ruhte, bis der Morgen sie zur Weiterreise rief. So erreichten sie am vierten Abend das Lager Tallihadjo’s, wo sie von Alt und Jung mit Freude und Jubel empfangen wurden und worauf der ganze Stamm sich vor der Wohnung des Häuptlings versammelte, um von ihm selbst den Erfolg seines Rittes zu vernehmen. Frühzeitig am folgenden Morgen sagten Ralph und Eloise den gastfreien Wilden Lebewohl und setzten ihre Reise nach Arnold’s Niederlassung fort.

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References

Zusammenfassung

Mit Ralph Norwood legte Fredéric Armand Strubberg im Jahr 1860 den umfangreichsten Roman seiner Karriere vor und schuf mit dem Titelhelden eine seiner düstersten und gleichzeitig gelungensten Figuren. Mit einer Mischung aus Abscheu, Bangen und Hoffen verfolgt der Leser den Lebensweg eines sich immer weiter in Schuld und Verbrechen verstrickenden Antihelden, den er am Todestage des Vaters als charakterschwachen, wiewohl mit guten Anlagen versehenen jungen Mann kennenlernt. Ralph Norwood, Sohn eines Ansiedlers an der Indianergrenze und einer Seminolenfrau, war von seinem Vater im Alter von sechs Jahren auf eine Schule in Columbus geschickt worden, um ihm eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Schon bald war Ralph dort an die falschen Freunde geraten, dem Spiel und dem Alkohol verfallen, und so versäumt er trotz rechtzeitiger Benachrichtigung von dessen schwerer Erkrankung den Tod seines Vaters, dem er zur Tilgung seiner Spielschulden sogar das Vieh gestohlen hat. Zwar bereut Ralph in der unmittelbaren Trauer um den Verlust des Vaters seine Jugendsünden, die ihm dieser noch auf dem Sterbebett vergeben hat, doch verfällt er schon bald wieder den Verlockungen seines früheren Lebens... Vor dem historischen Hintergrund der Seminolenkriege in Florida entwarf Strubberg mit Ralph Norwood eine facettenreiche Abenteuererzählung, die mit Seeräubern, Familienintrigen und politischen Verschwörungen Elemente des zeitgenössischen Sensationsromans zitiert und damit die Grenzen des eigentlichen Wildwestromans sprengt. Thematisch ging der Autor damit erstmals weit über seine eigenen Erfahrungen während seiner Amerikaaufenthalte hinaus. Auch deshalb stellt der Roman eine deutliche Zäsur in Strubbergs literarischem Schaffen dar und ist wegweisend für nachfolgende Werke aus der mittleren Periode wie Saat und Ernte (AW-MA X) und In Süd-Carolina und auf dem Schlachtfelde von Langensalza (AW-MA XIII). Der Band enthält neben dem zeichengetreuen Text auch das Frontispiz aus der Erstausgabe von 1860.