Erster Band. in:

Ulf Debelius (Ed.)

Ralph Norwood, page 15 - 196

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-2705-9, ISBN online: 978-3-8288-6796-3, https://doi.org/10.5771/9783828867963-15

Series: Armands Werke. Marburger Ausgabe, vol. 5

Tectum, Baden-Baden
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Erster Band. 17 5 10 15 20 Capitel 1. Die verfallene Ansiedelung. – Der sterbende Vater. – Die wilden Freunde. – Der Halb-Indianer. – Vorwürfe. – Flucht. – Die biedern Alten. Nur wenige Meilen von der nördlichen Gränze Florida’s, wo sich der Flintfluß mit dem Chattahooheefluß vereinigt, stand in Georgien unweit der Straße, welche von Tallahassee in Florida nach Fort Gaines in Georgien und nach Montgomery in Alabama führt, ein einsames, kunstlos aus Baumstämmen aufgeführtes Blockhaus, dessen verwitterte, von der Sonne krumm gezogene Dachschindeln zeigten, daß es schon lange Wind und Wetter getrotzt hatte, und dessen rohe, dasselbe umgebende, aus schweren Holzscheiten im Zickzack aufeinandergelegte Einzäunung durch die Lücken in derselben, welche Folge des Vermoderns von Holzstücken waren, die Unthätigkeit und Sorglosigkeit des Eigenthümers verkündete. Dieses alte, seinem Aeußern nach den Einsturz drohende Blockhaus war dicht von Orangen- und Zitronenbäumen umgeben, die ihre verschlungenen, Jahr aus Jahr ein mit Blüthen und Früchten übersäeten Aeste über dasselbe hinstreckten, als reichten sie sich die Hände, um schützend die glühenden Sonnenstrahlen von ihm abzuwehren. In geringer Entfernung von dem Hause auf dem kleinen Platze innerhalb der Einzäunung erhob sich eine dichte Gruppe uralter Feigenbäume, deren knorrige Stämme von unzähligen jungen Sprößlingen umgeben waren, die, üppig aus dem reichen Boden emporgeschossen, in die Höhe strebten, um sich durch das schattige Dunkel zwischen den riesi- 18 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 gen Blättern hinauf zu drängen und mit ihren Spitzen das Licht zu erreichen. Ununterbrochen boten während des ganzen Jahres diese Bäume den Bewohnern des Hauses ihre überreifen, bis in ihr purpurrothes Fleisch aufgeborstenen gelben süßen Früchte dar und erhielten unter ihren weit ausgebreiteten Aesten einen ewigen Schatten und eine wohlthuende Kühle, welche durch die kalte Quelle, die in deren Mitte klar und lebendig hervorsprudelte, noch erfrischt wurde. In den Ecken, welche die Glieder der Einzäunung beschrieben, wucherten hohe Granatbüsche, die ihre Zweige so durch die Holzstücke derselben hin- und hergeschoben hatten, daß sie solche schwebend trugen und sie zum großen Theile durch ihr glänzendes Laub dem Auge entzogen. Mit feurig rothen Kelchen und goldigen Früchten überdeckt, glühten sie, wie eine Feuerwolke, im Kreis um die alte verfallene Hütte, während hier und dort einzelne Bananen mit ihren ungeheuern Blättern gegen den beinahe fortwährend blauen Himmel aufstiegen und damit die schweren gelben Fruchttrauben beschatteten, die von der Höhe der Riesenstämme herabhingen. Rund um diesen Platz erhob sich der dichte Wald, der die Gegend weit und breit bedeckte und aus dem die kolossalsten der Bäume wohl zweihundert Fuß hoch hervorragten, indem sie ihre mächtigen Aeste in einander verschlangen und die Blüthen im prächtigsten buntesten Farbenspiel sich verflochten. Da stand die Magnolie mit ihren schneeigen Rosen, der Tulpenbaum mit seinen goldigen Blumen, die Kreppmirthe mit den purpurrothen Fackeln, der Stolz von China mit himmelblauen Traubenblüthen, der Paradiesbaum mit rosigen Federbällen und zwischen ihnen schwangen sich im dichten Gewinde tausendfältige Ranken und Schlingpflanzen mit der lieblichsten Blumenflor durcheinander hin. Es war ein Frühlingsabend, die Sonne war hinter dem unabsehbaren Wald versunken und das glühende lebendige Colorit, welches das Blockhaus umgab, verdunkelte sich rasch und verschwamm mit den finstern Schatten des nahen Forstes. Eine Todtenstille lag auf der Gegend und man würde geglaubt haben, die alte Niederlassung sei ausgestorben, hätte nicht von Zeit zu Zeit ein schweres Stöhnen in dem Blockhause das Dasein eines lebenden Geschöpfes verkündet. Jetzt bewegte es sich unter der, auf zwei modernden Baumstämmen ruhenden Veranda des Hauses; eine dunkele weib- 5 10 15 20 25 30 35 19ERstER BaNd • ERstEs KapitEl liche Gestalt trat mit lautlosem Schritt aus demselben hervor und ging mit einem ausgehöhlten Kürbiß in der Hand nach der Quelle unter den Feigenbäumen. Ihre braunrothe Haut, das lange, schwarze Haar, das über ihre nackten Schultern hing, der kurze lederne Rock, der als einzige Kleidung ihre Hüfte umgab und die ruhige gemessene Bewegung, mit der sie dahinschritt, ließ auf den ersten Blick die Indianerin erkennen. Sie hatte den Kürbiß an der klaren Quelle mit frischem Wasser gefüllt und war wieder unter dem Laubdach der Feigenbäume hervorgetreten, als sie stehen blieb und mit ihren großen dunkeln Augen der Richtung des schmalen Fußpfades folgte, der sich durch den Wald nach der, nur in geringer Entfernung von dem Hause vorüberziehenden Straße wand. Die Frau schien etwa vierzig Jahre alt zu sein, dennoch zeigten ihre scharf geschnittenen regelmäßigen Gesichtszüge, sowie der edle Bau ihrer zarten hohen Gestalt, daß sie in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein mußte. Sie lauschte, unbeweglich dastehend, während langer Zeit, als wieder jenes Stöhnen aus dem Blockhause hervortönte und ihre Aufmerksamkeit sich dorthin richtete. Eiligen Trittes glitt sie unter dem fast verfallenen Sonnendach in die Hütte und dieselbe Stille und Unbeweglichkeit, wie zuvor, ruhte abermals auf der Niederlassung. Die Nacht hatte sich über die Erde gelegt, man konnte nur noch gegen den, reich mit Sternen bedeckten Himmel die hohen Umrisse der nahen Baume erkennen, als der Mond seine kalten glänzenden Blicke durch den Wald sandte und hier und dort eine Oeffnung fand, durch welche er sein Licht auf die Riesenkräuter heften konnte, die den Boden des Urwaldes überwucherten. Kurze Zeit nachher wurden diese hohen Pflanzen seitwärts des Fußpfades von den Armen einer Mannsgestalt getheilt, welche, dieselben links und rechts zur Seite drückend, sich rasch ihren Weg zwischen ihnen hin bahnte und bald darauf durch die, das Haus umgebenden Granatbüsche auf dasselbe zueilte. Der Mann war gleichfalls Indianer, trug nur eine gegerbte Hirschhaut um die Hüfte, aus welcher ein Tomahawk hervorsah, eine Kugeltasche über die breiten nackten Schultern und eine lange einfache Büchse in der Hand. Auch er verschwand durch den niedrigen Eingang in das Blockhaus und die nächtliche Stille wurde durch nichts unter- 20 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 brochen, als durch den Ruf eines mächtigen Uhu’s, der sich auf rauschendem Gefieder in die Spitze des nächsten hohen Baumes geschwungen hatte und vor der hellglänzenden Scheibe des vollen Mondes, der jetzt über dem Walde aufstieg, wie eine schwarze Kugel auf dem schwanken trockenen Aste hin und her fuhr. Das Mondlicht erhellte den kleinen Platz vor dem Hause, als die Indianerin wieder aus demselben hervorkam, mehrere große Thierhäute unter einem der Orangenbäume ausbreitete und dann abermals in die Hütte zurückeilte. Bald darauf sah man, wie dieselbe in Gemeinschaft mit dem Indianer einen alten Mann aus der Thür hervortrug, dessen weiß umlocktes Haupt über ihren Arm hing, während sie ihn unter den Schultern gefaßt hielt und der Indianer seine Arme um des Mannes Unterkörper geschlungen hatte. »Legt mich nieder; ich ersticke!« stöhnte der Alte mit matter, gebrochener Stimme und machte eine gewaltsame Anstrengung, um seine Brust zu heben, die durch die Lage, in welcher er sich befand, zusammengedrückt wurde. Seine Träger beeilten die wenigen Schritte bis zu den ausgebreiteten Fellen und ließen ihn dann vorsichtig auf das Lager niedersinken, worauf die Indianerin eine Bärenhaut zusammenrollte und sie ihm unter die Schultern schob, damit er in eine mehr sitzende Lage komme. Ein sehr großer, wie es schien, schon alter Hund war ihnen aus dem Hause gefolgt und legte sich neben dem Kranken nieder. Dieser alte Mann war Thomas Norwood, der Eigenthümer dieser Ansiedlung, die Indianerin Onahee, die Schwester seiner schon vor vielen Jahren verstorbenen Frau, und der Indianer Tallihadjo, das Haupt einer der mächtigsten Familien der Seminole-Indianer Florida’s, der an dem Ocklockey-Fluß in diesem Lande seinen Wohnsitz hatte. Norwood war ein Mann von einigen sechszig Jahren, er hatte eine von jenen eisernen Constitutionen gehabt, die man unter den Vorboten der Civilisation in Ländern der Wildniß so häufig antrifft. Große Beschwerden und Entbehrungen aber, denen sein Körper viele Jahre lang Trotz geboten hatte, hatten endlich seine Gesundheit untergraben und sein kräftiger Geist klammerte sich noch gewaltsam an die irdische Hülle, die von Stunde zu Stunde ihrem Verfall rasch näher rückte. Von irländischen Eltern in Vir- 5 10 15 20 25 30 35 21ERstER BaNd • ERstEs KapitEl ginien geboren, war er als ganz junger Mann seiner Leidenschaft für das Leben in der Wildniß gefolgt und vor der fortschreitenden Civilisation von Land zu Land weitergezogen, bis er hier an der Grenze des damals spanischen Gebiets Florida seinen Wanderschaften ein Ziel gesetzt und sich eine dauernde Wohnstätte gegründet hatte. In jenen Zeiten war dies Land noch gänzlich in den Händen der eingeborenen Wilden, von denen er freundlich behandelt wurde, sich eine Frau unter ihnen wählte und sich in seiner Lebensweise und seinen Gewohnheiten nicht viel von ihnen unterschied. Er hatte, wie diese, nie stark gearbeitet, hatte nur so viel Mais gebaut, als nöthig war, seinen Tisch mit Brod zu versehen und sich im Uebrigen auf die Natur verlassen, die hier so freigebig zu allen Jahreszeiten die natürlichen Bedürfnisse der Menschen befriedigt. Jagd, Vieh- und Pferdezucht hatten ihn hauptsächlich beschäftigt, er war ein gewaltiger Reiter gewesen und besaß die edelsten Rosse weit und breit in der Gegend. Bei den Indianern war er nach und nach zu hohem Ansehen gelangt und stets bei wichtigen Angelegenheiten von ihnen um Rath gefragt worden, weßhalb seine Hinfälligkeit in der letzten Zeit große Betrübniß unter denselben erzeugte. Seit dem frühen Tode seiner Frau hatte Onahee bei ihm gelebt und dem kleinen einfachen Haushalt vorgestanden, der ausschließlich die Sorge nur für sie Beide beanspruchte, denn der Sohn Norwood’s, Ralph, sein einziges Kind, war nach der Mutter Tode, als sechsjähriger Knabe, von dem Vater nach der Stadt Columbus gebracht worden, um ihm dort eine Erziehung zukommen zu lassen, wie sie ihm zu Hause nicht zu Theil werden konnte. Wenn auch der alte Norwood als Knabe Schulen besucht hatte, so waren doch die wenigen Kenntnisse, die er dort gesammelt, längst seinem Gedächtniß entflohen und er zählte es zu den größten Schwierigkeiten, seinen Namen zu schreiben. Ralph Norwood hatte, nachdem er seine Schuljahre in Columbus ausgehalten, es immer vorgezogen, dort, oder in einem andern der vielen Städtchen Georgiens zu leben, da es ihm in seines Vaters Haus, wie er sich ausdrückte, zu einsam und langweilig war. »Die Nachtluft thut mir wohl,« sagte der alte Norwood nach einer langen Pause, in welcher er sich von der Anstrengung erholt 22 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 zu haben schien, die ihm das Getragenwerden verursacht hatte; er schöpfte tief Athem, ließ seinen rechten Arm auf dem alten Hunde neben sich ruhen und heftete seinen matten Blick auf seine beiden Gefährten, die sich neben ihm niedergekauert hatten. »Wird Ralph auch kommen und wird er mich noch unter den Lebenden finden?« fuhr er mit einem schweren Seufzer fort. »Gieb Dich zufrieden, Tom,« antwortete der Indianer, »ich habe meinen Sohn auf meinem schnellsten Pferde zu ihm nach Columbus gesandt und er wird uns Antwort bringen, noch ehe der Mond vor der Sonne erbleicht. Dein Sohn wird mit ihm kommen, um Dich noch einmal zu sehen, ehe Du zu Deinen Vätern gehst, denn die Hälfte des Blutes, welches in seinem Herzen klopft, gehört unserm Volke an.« »Ich fürchte, er wird nicht kommen!« sagte abermals seufzend der Alte nach einer Pause, »die Lustbarkeiten in den Städten haben sein Herz von dem Dach des Vaters abgewendet und die Dinge, die er in den Schulen gelernt hat, haben seine Heimath in seinen Augen heruntergesetzt.« »Nein, nein!« sagte Tallihadjo beruhigend, »er ist und bleibt Halbindianer und kann die eine Hälfte seines Herzens nicht von seinem Vater losreißen. Er wird kommen, Tom, beruhige Dich!« »Ich möchte ihn noch einmal sehen, ihm noch einmal meinen väterlichen Rath geben; denn er ist auf bösen Wegen und in schlimmer Gesellschaft. Seit einem Jahre kommt er nur noch hierher, um die besten Stiere aus der Heerde mit sich fortzuführen und von den Pferden treibt er die edelsten Zuchtstuten nach den Städten. Was thut er mit all’ dem Gelde, welches er dafür löst? Auch den jungen Schecken, der in zwei Jahren das beste Pferd im Staate geworden wäre, hat er, als er zuletzt hier war, mitgenommen. Er soll spielen und viel bei Wettrennen und Hahnenfechten verlieren. Nun – bald wird er mich nicht mehr um Erlaubniß zu fragen brauchen, um Alles zu vergeuden, was ich in den vielen Jahren zusammengebracht habe!« »Auch ich habe gehört, daß seine Freunde den Lasso um seines Pferdes Nacken hielten und daß sie ihm Feuerwasser zu trinken gaben, um ihn seines Eigenthums zu berauben,« antwortete Tallihadjo mit dumpfer Stimme, »doch wenn das Blut seiner Mutter 5 10 15 20 25 30 35 23ERstER BaNd • ERstEs KapitEl erst mächtiger in ihm wird, so muß er die doppelten Zungen dieser falschen Freunde erkennen und seinen Fuß von ihnen abwenden.« »Ach, mein Kind, mein Ralph, warum mußte ich selbst Dich unter die Menschen bringen, vor deren Falschheit, vor deren Herzlosigkeit ich geflohen bin; ich wollte mehr aus Dir machen, als ich selbst war und führte Dich in Dein Verderben! – Hört Ihr noch nichts? – Ich glaubte, ich vernähme Pferdetritte!« »Nein, noch ist Alles ruhig; es war der Ton der fallenden reifen Orange, den Du hörtest. Bald müssen sie aber kommen!« erwiederte Tallihadjo aufhorchend. »Der Ton der fallenden reifen Orange! Ja, wenn die Frucht überreif ist, fällt sie ab und gibt den jungen Sprößlingen Nahrung. Meine Fallzeit ist auch gekommen. Zündet Licht an, es wird so dunkel vor meinen Augen, wenn ich Licht sehe, kann sich meine Seele noch fester an diesem zerbrechenden Körper halten; wenn es aber dunkel wird, so werde ich müde und mein nächster Schlaf wird mein letzter sein. Luft! Luft! setzt mich auf, ich ersticke!« stöhnte der alte Mann und bewegte seine Arme heftig, während seine Gefährten ihn noch mehr aufrichteten. Da lachte der Uhu wieder in der luftigen Höhe, in der er sein Gefieder schüttelte. »Ja, ja, ich verstehe dich, Todesvogel, du wirst bald über meinem Grabe sitzen! O, Ralph, willst Du nicht kommen, – soll ich Dich nicht noch einmal sehen? Zündet Licht an, es wird Nacht um mich!« rief der Alte mit gebrochener, angstvoller Stimme. Onahee sprang auf, um aus Kienholz eine Fackel zu bereiten, während der Indianer hinter Norwood kniete und sich gegen seinen Rücken lehnte, damit er ihn in der sitzenden Stellung erhielt. »Sei ruhig, Tom, es wird Dir wieder besser werden und Ralph wird bald hier sein!« »Ruhig werde ich bald sein. – Ach – nehmt Euch meines Sohnes an, führt ihn von den Weißen weg, nehmt ihn zu Euch, laßt ihn Indianer werden, gebt ihm die schönste Eurer Frauen, damit ihn ihre Liebe unter Euch hält, reißt ihn von dem Abgrund weg, an den ihn sein eigener Vater geführt hat! O, Ralph, die letzte Nacht bricht ein, die ewige Nacht – Licht – Luft!« Onahee hatte die Fackel angezündet und eilte, sie in ihrer Hand schwingend, von dem Blockhaus zu dem sterbenden 24 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Greis, als abermals der Ruf des Uhu’s erscholl, und derselbe, von seiner Höhe herabschießend und wie nach dem Fackellichte stoßend, über die von dem Feuerscheine beleuchtete Gruppe hinrauschte. Mit zorniger, dumpfer Stimme fuhr der alte Hund nach ihm auf und die Indianerin schlug die Fackel abwehrend über sich. »Ich höre Dich, Todesbote, ich komme! Warum habt Ihr die Fackel ausgelöscht? Es ist ganz finster, ich bin so kalt, Tallihadjo – Onahee – mein Ralph!« Der Kopf des Greises sank bei diesen Worten zurück, seine Augen stierten unbeweglich in das dicht vor ihn gehaltene Fackellicht und der Glanz des Lebens wich von ihnen. – Thomas Norwood hatte aufgehört zu athmen, seine beiden Gefährten beugten schweigend ihre Häupter über die Leiche des Freundes und benetzten sie mit ihren Thränen. Plötzlich erschallte der ferne Tritt flüchtiger Rosse durch die lautlose Nacht und der Indianer, mit scharfem Ohr den Ton erfassend, richtete sich auf und sah schweigend nach der Gegend hin, von woher der Schall gezogen kam. »Zu spät, zu spät!« sagte er dann nach einer Weile scharfen Lauschens. »Sie kommen, es ist meines Sohnes Pferd und Ralph’s Fuchs, ich kenne sie am Tritt – ihrer Reiter Sporen waren nicht scharf genug, oder Ralphs Herz war zu kalt, sonst hätten sie früher als der Mond hier eintreffen müssen!« Onahee hielt mit den Fingern ihrer Rechten die Augen des alten Norwood geschlossen und, mit der Linken ihr Gesicht bedeckend, saß sie schluchzend und zusammengesunken neben der Leiche, während Tallihadjo die Fackel über derselben in die Höhe hielt und, mit der andern Hand seine Brust bedeckend, schweigend und unbeweglich wie eine Bildsäule dastand. Näher und näher kam der Hufschlag der heranjagenden Pferde, zwei Reiter sprengten durch den Wald und aus demselben hervor den Fußpfad entlang nach dem Hause. Der Vorderste war Ralph Norwood, der zweite Tomorho, der Sohn Tallihadjo’s. Kaum hatte Ralph die Granatbüsche, die den Platz umgaben, durchritten, als er sich mit einem Schrei vom Pferde warf und zu der trauernden Gruppe hinstürzte. 5 10 15 20 25 30 35 25ERstER BaNd • ERstEs KapitEl »Todt – mein Vater todt! – Großer Gott, ist es möglich?« schrie er auf und fiel, das Gesicht in den Händen verbergend, neben dem Leichname nieder. Er schluchzte laut und die Thränen, die zwischen seinen Fingern hervorrollten, bezeugten, daß die Stimme der Natur sein Herz bewegte. So lag er lange Zeit weinend und die Hände ringend über dem Verblichenen und seine Jammertöne allein unterbrachen die Stille der Nacht, denn die drei Wilden waren zurückgetreten und standen, unbeweglich auf den jammernden Sohn niederblickend, wie leblos da. »Mein Vater todt!« rief Ralph in einem neuen Ausbruch von Verzweiflung und hielt die Hände nach Tomorho hin; »warum hast Du es mir nicht gesagt, daß mein Vater im Sterben lag?« »Ich habe es Dir gesagt, ich habe es Dir in die Ohren gerufen, doch das Feuerwasser hatte Dich taub gemacht und das Gold, welches Du auf den Karten vor Dir stehen hattest, war Dir lieber, als Dein Vater, der sterbend meine Zunge zu Dir sandte, um Dich eiligst zu ihm zu rufen. Das Feuerwasser, das Spiel und das Weib, welches auf Deinem Schooß saß, waren stärker als d e r Theil Deines Herzens, der uns Indianern angehört!« antwortete Tomorho, der junge Seminole, ohne seine Stellung zu verändern und heftete seine großen dunkeln Augen mit Vorwurf und Verachtung auf Ralph. Wie wenn die Anklage die guten schmerzlichen Gefühle in der Brust des jungen Norwood zurückdrängte und den ungezügelten Leidenschaften, deren Sclave er schon seit Jahren gewesen war, die Herrschaft wiedergäbe, sprang er mit drohender Geberde auf und rief dem jungen Indianer zornig zu: »Du lügst! – ich kann Deiner Lehren entbehren, Bursche, spare Deine Weisheit für Deinesgleichen auf!« Der alte Tallihadjo aber ergriff mit seiner sehnigen Hand Ralphs Arm, zog ihn zu der Leiche seines Vaters zurück und, die Fackel über dessen bleichen Zügen emporhaltend, sagte er mit feierlicher Stimme: »Blick hierher, junger Mann, und laß sehen, ob Deiner Mutter Blut ganz in Dir erstorben ist? Der junge Panther klagt an der Leiche Derer, die ihm das Leben gaben, die ihn mit Nahrung versorgten, da er noch schwach und hülflos war, die ihn vertheidigten, wenn Gefahr ihm drohte, die ihn lehrten, sich selbst seinen Unter- 26 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 halt zu verschaffen, und Dein Herz sollte kälter schlagen, als das des wilden Raubthiers? Falle nieder bei dem Körper Deines Vaters, dessen Geist jetzt auf Dich herabsieht, und höre von ihm, was er Dir noch vor seinem Ende sagen wollte; laß seine Stimme in Dein starres Herz dringen, damit es sich erweiche und Dich von dem Abgrund weg leiten möge, an dem Du stehst!« Mit diesen Worten stieß er die Fackel in die Erde, ergriff die Hand Onahee’s und ging eiligen Schrittes mit ihr und Tomorho dem Walde zu, in dessen Dunkel sie rasch verschwanden. Ralph war nun mit seinem todten Vater allein. Stumm und regungslos stand er da, hielt die Hände krampfhaft gefaltet vor sich und blickte durch die Thränen, die jetzt wieder seinen Augen entquollen, auf den theuern Geschiedenen nieder. Zum ersten Male fühlte er sich allein und verlassen, zum ersten Male trat das Bild seines vergangenen Lebens ganz vor seine Seele und er gewahrte, wie der freundlichste Lichtpunkt, wie die immer treue Stütze mit seinem Vater jetzt daraus verschwunden war, er fühlte, wie er ihn hätte geliebt haben sollen und wie es jetzt zu spät war, das Versäumte nachzuholen. Alle die unzähligen Freundlichkeiten, die namenlos vielen Zeichen von innigster väterlicher Liebe, womit der einfache, gutmüthige Mann Ralph von seiner frühsten Kindheit an überhäuft, die endlose Nachsicht, womit er alle seine Fehltritte übersehen hatte, erschienen jetzt wie schreckliche Ankläger vor seiner Erinnerung und hielten ihm Scenen aus seinem, in Schwelgerei, Spiel und Liederlichkeit verbrachten Leben vor die Augen. Erschreckt vor sich selbst und vor der lautlosen schauerlichen Einsamkeit, in der er sich befand, blickte er um sich nach den dunkeln Schatten des nahen Waldes, als schaudere er vor einer unbekannten, strafenden Gewalt, die sich ihm nahen könne, und dann zog es seine Blicke wieder nieder auf die kalten, todten Züge seines Wohlthäters, die von der erlöschenden Flamme der Fackel schwächer und schwächer beleuchtet wurden, als fliehe deren Licht, um ihn mit seinen Schreckensbildern allein zu lassen. Verzweiflungsvoll bedeckte er sein Angesicht mit den Händen, sank neben der Leiche auf die Knie und rief den Geist seines Vaters an, als suche er bei ihm noch immer den stets bereiten Schutz, der ihn so oft aus entsetzlichen Lagen gerissen, in welche ihn sein wüstes Leben gestürzt hatte. 5 10 15 20 25 30 35 27ERstER BaNd • ERstEs KapitEl Die Fackel war erloschen, des Mondes bleiches Licht durchdrang nur an einzelnen Stellen das Laub des Orangenbaumes, unter welchem Ralph, von Vorwürfen und Gewissensbissen niedergedrückt, neben der Leiche seines Vaters zusammengesunken war. Kein Laut unterbrach das Schweigen der Nacht. Da schlug etwas auf Ralph’s Schulter und jagte ihn jählings auf aus seiner dumpfen Abgespanntheit. Er sprang empor, warf sich mit dem Rücken gegen den Baumstamm und, sein Messer aus der Scheide reißend, stierte er um sich, nach einem Wesen forschend, von dessen Hand er sich berührt glaubte; seine Augen schienen aus ihren Höhlen springen zu wollen, jedes Haar auf seinem Kopfe sträubte sich nach oben und kalte Schauer durchrieselten seine Glieder. Alles um ihn war wie zuvor, er war allein bei dem Todten. Hätte er in diesem Augenblicke ein Ungeheuer vor sich stehen sehen, so würde dessen Anblick ihn nicht so erschütternd ergriffen haben, als die unveränderte Einsamkeit, in der er sich befand. Krampfhaft preßte er den Griff des Messers in seiner Hand und sprang, sich umwendend, von dem Baumstamme zurück, da er sicher glaubte, er müsse Jemanden, von dem er sich berührt wähnte, hinter demselben erblicken. Auch dort war nichts zu sehen, als der Schatten des Laubdaches über ihm, der mit den einzelnen hellen Flecken des Mondlichtes auf der Erde zitterte. So viel Entschlossenheit, so viel Muth Ralph auch einem lebenden Feinde gegenüber besaß, so wenig Kraft ließ ihm seine aufgeregte Phantasie, sich einem unsichtbaren Gegner zu stellen, er stürzte fort über den Platz nach seinem Pferde, welches neben dem Granatgebüsch graste, schwang sich in den Sattel und sprengte, die Sporen in dessen Seiten pressend, auf dem Fußpfad hin durch den Wald. In wenigen Augenblicken hatte er die Straße erreicht, auf der er gekommen war, gab dem Roß die Zügel, drückte die Sporen fester in dessen Flanken und sauste, nicht links, nicht rechts um sich blickend, in wilder, rasender Hast auf derselben fort, als fürchte er sich, das Gespenst zu gewahren, welches seine erhitzte Einbildungskraft hinter ihm herjagen ließ. Meile auf Meile überflog er in den dunkeln Schatten des Urwaldes, durch den die Straße führte; die Vögel der Nacht schreckten schreiend und krächzend vor ihm auf und die wilden Thiere des Forstes suchten, durch sein stürmisches Herannahen geängstet, in eiliger 28 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Flucht ihr Heil. So jagte er fort ohne Ziel, ohne Besinnung, bis die Kräfte seines braven Pferdes schwanden, bis es athemlos und schaumbedeckt in seinem Laufe anhielt und weder Sporn noch Peitsche seine bebenden Glieder zur weitern Flucht anzutreiben vermochten. Jetzt erst wurde Ralph seiner Sinne wieder mächtig und, um sich blickend, warf er sich seine thörichte, abergläubische Furchtsamkeit vor, wenn auch sein sonst so trotziger, entschlossener Geist sich noch vor dem Andenken an seinen Vater unter seinem schuldbelasteten Gewissen beugte. Die Sorge für die irdischen Reste des theuern Dahingeschiedenen verdrängte bald jeden andern Gedanken in dem jungen Manne und er lenkte sein ermattetes Pferd in einen Seitenweg einer, noch mehrere Meilen entfernten kleinen Farm zu, um deren Besitzer, einen alten Freund seines Vaters, um Beistand bei der Erfüllung seiner letzten traurigen Pflicht gegen denselben anzusprechen. In langsamem Schritt folgte das Pferd ohne Lenkung dem schmalen, kaum zu erkennenden Fahrgeleise, durch die über dasselbe hängenden Büsche und Rankengeflechte, während Ralphs Gedanken bei der verlassenen Leiche seines Vaters weilten und ihn mit Vorwürfen über seine Lieblosigkeit bestürmten. Das Stillstehen des Thieres und das zugleich erschallende Gebell von Hunden weckte ihn aus seinen düstern Träumen; er hielt vor der Einzäunung der einsamen Hütte, auf der das Mondlicht mit Tageshelle ruhte, und hinter deren geschlossener Thür die Bewohner derselben in tiefem Schlafe lagen. Kaum hatte er die Zügel seines Pferdes an die Einzäunung geschlungen und war in den kleinen Platz vor dem Blockhaus eingetreten, als wohl ein Dutzend Hunde ihn mit wüthendem Gebell umkreisten und er kaum im Stande war, sie mit Peitschenhieben von sich abzuwehren. Da öffnete sich die Thür des Gebäudes und eine, nur mit einem Hemd bekleidete Mannsgestalt streckte ihm die Mündungen einer langen Doppelflinte entgegen. »Herr Arnold, ich bin es, Ralph Norwood,« rief dieser dem Bewohner der Hütte zu und reichte ihm die Hand hin, »ich komme, um Ihre Freundschaft für mich und meinen Vater in Anspruch zu nehmen.« »Mein Gott, Ralph, sind Sie einmal wieder hier – was bringt Sie zu so später, oder früher Stunde hierher, noch hat kein wilder Trut- 5 10 15 20 25 30 35 29ERstER BaNd • ERstEs KapitEl hahn im Holze gerufen. Es ist doch Ihrem Vater nichts zugesto- ßen?« antwortete der Angeredete in höchster Verwunderung. »Mein Vater ist todt, ich wollte Sie bitten« – »Todt – Thomas Norwood todt – ist es möglich?« rief der alte Arnold erschreckt, »um Gotteswillen, wie ist es geschehen? Kommen Sie herein, Ralph, – Betsey – Frau – unser alter Freund Tom ist gestorben!« Mit diesen Worten trat der alte Mann in das Haus zurück und eilte zu dem Kamin, wo er einen Feuerbrand unter der Asche hervorzog und schnell zur Flamme anblies, während Ralph ihm in das Zimmer gefolgt war. Das Feuer, welches nun aufloderte, warf sein Licht auf das verstörte, bleiche Gesicht des jungen Norwood, dessen Farbe gegen die breiten schwarzen Brauen und das ebenso schwarze stramme Haar auffallend abstach. Seine hohe kräftige Gestalt hatte er gegen das Gesimse des Kamins gestützt und hielt seine kleinen grauen Augen auf die Flamme geheftet. »Bei unserm Herrn Jesus! Ralph, Sie sind selbst krank, wie sehen Sie aus? Setzen Sie sich! –Mutter, reich’ mir doch die Flasche unter dem Bett hervor, damit er einen Schluck Whiskey trinkt, er sieht ja aus, als ob er ohnmächtig werden wollte.« Die alte Frau Arnold hatte während dieser Zeit gleichfalls ihr Lager verlassen, zog die Decke, die sie um sich wand, mit sich und reichte dem jungen Manne einen steinernen Krug, den sie unter dem Bette hervorgezogen hatte. »Trinken Sie, Ralph, es wird Ihnen helfen!« sagte der Alte, während er in ein Paar hirschlederne Beinkleider fuhr, »es wird Ihnen besser darnach werden, es ist guter Irischer, den ich kürzlich mit von Columbus brachte. Nun sagen Sie mir aber, wie sich das Unglück zugetragen hat? Tom todt! ich kann es kaum glauben – er war zwar schon seit einiger Zeit nicht so recht mehr auf dem Zeug, er ritt nicht mehr wie sonst täglich und es ist auch schon lange her, daß wir ihn nicht bei uns sahen. Wenn ich nicht irre, war er zuletzt hier, als Sie ihn auf einige Tage besuchten und bei Ihrer Abreise den jungen Schecken mitnahmen. Schade für das Pferd, es hätte noch einige Jahre müssen auf der Weide gehen. Was hat denn dem alten Herrn gefehlt, starb er plötzlich oder hat er längere Zeit gelitten? es wird ihm sein Ende wenigstens ver- 30 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 süßt haben, daß Sie bei ihm waren; er hing unglaublich an Ihnen, Ralph.« Wie aus einem Traume aufschreckend, fuhr der junge Mann bei diesen Worten zusammen und die Antwort schien ihm auf der Zunge zu erstarren. Der letzte Tropfen Blutes war aus seinem Gesichte verschwunden, seine Lippen hatten sich zum Sprechen ge- öffnet und seine wirren Blicke irrten zwischen dem kleinen Feuer und dem alten Pflanzer hin und her. Der Alte harrte, ihn schweigend betrachtend, auf eine Antwort, und da er sie nicht erhielt, so fuhr er fort: »Hat der ehrliche Tom sich denn meiner noch vor seinem Ende erinnert? Warum ließen Sie es mich denn nicht wissen, daß er so krank war? ich und meine Alte hätten ihn ja gern gepflegt.« Wie ein Mensch, der die Last des Alps, der ihn zu ersticken droht, mit Zusammenraffen aller seiner Kräfte von sich abwirft, hob Ralph die Arme mit der Geberde der Verzweiflung nach oben und rief: »Ich kam zu spät, ich fand ihn todt!« und bedeckte dann sein Gesicht mit beiden Händen. »Armer Tom, wie wird er nach Ihnen gejammert haben! Sie waren sein Ein und sein Alles in der Welt. War denn außer der Indianerin, die ihm den Haushalt führte, Niemand bei ihm, als er starb?« »Tallihadjo, der Seminolen-Häuptling, war bei ihm, wenigstens traf ich diese Beiden bei der Leiche unter dem Orangenbaume vor dem Hause, wo er gestorben zu sein schien. Beide entfernten sich und ließen mich allein dort zurück, weßhalb ich Sie bitte, mir mit einem Ihrer Neger behülflich zu sein, den Vater zu beerdigen; ich allein bin es nicht im Stande.« »So liegt der alte Herr noch immer im Freien, und allein?« »Ja wohl, es war ja außer mir Niemand mehr dort, als der alte Hund, der Lion, der ihn niemals verließ.« »Großer Gott, so müssen wir eilen, denn haben die Wölfe erst einmal Wind von ihm, so theilen sie sich in die Leiche und der alte Lion ist verloren; das alte treue Thier hat keine Zähne mehr.« Hiermit wandte sich der Alte nach einem Negerknaben hin, der auf einer Bärenhaut vor dem Bette lag und rief ihm, indem er 5 10 15 20 25 30 35 31ERstER BaNd • ERstEs KapitEl ihn bei der Schulter rüttelte, in die Ohren: »Heda, Bob, steh’auf ! hörst Du nicht? Gott weiß es, was so ein Neger für einen Schlaf hat.« Dabei setzte er den Schläfer auf, doch als er ihn wieder losließ, sank derselbe, ohne zu erwachen, ruhig wieder auf die Haut zurück. »Warte, ich will Dir helfen!« sagte der Alte, nahm ein Gläschen mit Salmiakgeist von der Wand, drehte den Stöpsel heraus und hielt dem Negerburschen die Oeffnung unter die Nase. Wie vom Blitz getroffen, sprang dieser in die Höhe und taumelte mit stieren Augen und weit aufgerissenem Munde, wie betrunken nach der Thür. Der Pflanzer aber faßte ihn beim Arm und hielt ihn auf der Stelle fest, bis er sich vollkommen ermuntert hatte und fähig war, den Befehl zum Satteln der Pferde zu verstehen. »Das ist ein herrliches Mittel,« sagte er, indem er das Gläschen wieder an den Nagel hing, »es macht die Schwarzen schneller munter, als Schläge, die sie doch auch nicht darum verdient haben, weil die Natur ihnen einen gesunden Schlaf gegeben hat. Es ist Salmiakgeist, den meine Alte zum Riechen gebraucht, wenn sie Kopfweh hat, und den sie auch gegen Insektenstiche anwendet.« Dann nahm er den groben Rock von Hausmachetuch von der Wand, zog ihn an, hing die Kugeltasche um und sagte zu seiner Frau: »Mutter, es wird wohl noch ein Stück Brod und von dem Hirschfleisch von gestern Abend etwas übrig sein, thue es in den Jagdbeutel und stecke uns auch einen Schluck von dem Irischen hinein. Da kommen die Gäule!« Während Madame Arnold das Haus verließ, um ihres Mannes Wunsch zu erfüllen, nahm er die lange einfache Büchse von den beiden hölzernen Haken herunter, auf denen sie über dem Kamin an der Wand lag und schritt mit den Worten: »Kommen Sie, Ralph!« zur Thür hinaus, wo Bob mit drei gesattelten Pferden hielt. Die alte Frau, noch immer in die Bettdecke eingehüllt, kam aus dem nahestehenden kleinen Blockhaus, in dem sich die Vorrathskammer befand, herbeigeeilt und reichte ihrem Manne den Proviantbeutel, den dieser in die Satteltasche versenkte. 32 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Nun, Mutter, bis zum Abendbrod sind wir wieder hier – mit Gottes Hülfe!« sagte er dann zu seiner Frau, reichte ihr die Hand und bestieg sein Pferd. Ralph und der Neger hatten ein Gleiches gethan und folgten dem alten Herrn den Hügel hinab der dunkeln Stelle in dem Walde zu, welche den Weg bezeichnete, auf dem der junge Mann hierher gekommen war. 33 5 10 15 20 Capitel 2. Die Wölfe. – Reue. – Trost. – Das Begräbniß. – Aufklärung. – Freundliche Aufnahme. – Die beiden jungen Männer. – Theilnahme. – Das Opfer. Im Westen hing der Mond über den Riesenbäumen des Forstes und im Osten machte ein weißlicher Schein am dunkeln Him-mel die Stelle bemerkbar, wo das neue Tageslicht im Herannahen war. Sobald aber die Reiter den Wald erreicht hatten, umgab sie eine solche Dunkelheit, daß sie ihren Pferden die Zügel geben und ihnen das Verfolgen des Weges allein überlassen mußten. Schweigend ritten sie, von Arnold geführt, auf dem mit Gras bedeckten Wege hin, als der Himmel im Osten heller und heller wurde und von allen Seiten her der laute weithintönende Morgenruf der wilden Truthähne erscholl. Plötzlich hielt der alte Pflanzer sein Pferd an und sagte leise zu Ralph: »Ich will doch schnell einen Hahn herunterholen, damit wir meiner Alten etwas Wild mitbringen, sie wird darauf rechnen; dort stehen einige auf jener hohen Eiche.« Wie seiner sechszig Jahre spottend, sprang er behend vom Pferde, glitt leicht und rasch durch die schwer bethauten Büsche hin und strich sich die Silberlocken von der Stirn, um seines Zieles sicher zu sein. Wenige Minuten später blitzte es nach der Eiche hinauf und mit dem Knall der Büchse stürzte ein ungeheurer Truthahn aus der über hundert Fuß hohen Spitze des Baumes von Ast zu Ast, bis er mit schwerem Falle die Erde erreichte. Man hörte nun den klingenden Ton des Ladestocks auf der, frisch in den 34 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Büchsenlauf versenkten Kugel und bald darauf kam der alte Herr, den mächtigen Vogel am Kopf neben sich herschleifend, in den Weg zurück und hob denselben an den Sattelknopf seines Dieners, wo er ihn mit einem Lederstreifen befestigte. Es war Tag, die Reiter beeilten die Tritte ihrer Pferde und erreichten bald die Hauptstraße, die sich hin und her durch den Riesenwald zog und, sich von Hügel zu Hügel auf- und abwiegend, nirgends dem Auge einen fernen Blick gestattete. An einem der vielen klaren Bäche, welche diesen rohen Weg durchschnitten, hatten sie die Reitthiere angehalten, um ihnen zum Stillen ihres Durstes Zeit zu geben, denn die Sonne war über die hohen Bäume emporgestiegen und schoß ihre blitzenden Strahlen in den schmalen, von keinem Luftzug bewegten Raum, den die Straße einnahm, auf der jeder Tritt den leichten Staub in Wolken aufwirbelte. Die Pferde, mit den Zügeln auf den Nacken, hatten die Köpfe zu dem kühlen Wasser hinabgesenkt, als ein heller, singender Ton von weit her zu den Ohren der Reiter drang. Nur einen Augenblick lauschte der Pflanzer dem Schalle, riß dann den Kopf seines Pferdes in die Höhe und sprengte aus dem Bache den Hügel hinauf, indem er Ralph zurief: »Beim Himmel, das sind Wölfe; sie haben die Leiche gefunden!« In fliegendem Laufe stoben die Reiter auf der Straße hin und immer lauter, immer deutlicher klang das Wolfsgeheul ihnen entgegen. Bald hatten sie den Pfad erreicht, der zu Norwood’s Niederlassung führte, nach wenigen Minuten brachen sie aus dem Walde hervor, sprengten der Einzäunung zu und gewahrten hier, wie der ganze Platz vor dem Blockhause von Wölfen wimmelte, deren dichtester Haufe sich unter dem alten Orangenbaume wie ein lebendiger Knäuel hin und her schob. Beim Herannahen der Reiter stob ein großer Theil dieser Thiere nach allen Richtungen hin auseinander, sie setzten über die Einzäunung hinweg, oder verschwanden hinter dem Hause, doch die in dem Haufen unter dem Orangenbaume schienen in ihrer Wuth und Gier nicht zu hören, noch zu sehen. In ihrer Mitte hob sich noch einmal mit letzter Anstrengung und im Todeskampfe der alte Lion, schnappte mit blutig schäumendem Rachen um sich und wurde dann von den Wölfen wieder auf den Leichnam 5 10 15 20 25 30 35 35ERstER BaNd • ZwEitEs KapitEl seines Herrn niedergerissen, an dessen Armen und Füßen die andern zerrten und ihn unter den Kämpfenden hervorzuziehen suchten. Arnold war der Erste, der den Kampfplatz erreichte, sein Pferd bäumte sich und sprang entsetzt zurück, doch der alte Jäger hielt es an, senkte seine Büchse und donnerte ihr Blei unter den wüthenden Haufen. Wie Spreu vor dem Winde, stoben jetzt die Raubthiere in wilder Flucht auseinander, bis auf einen sehr starken, weißen Wolf, der, mit den Vordertatzen auf dem sterbenden Lion stehend, den Angreifern die mächtigen Zähne wies. Ralph hatte, indem er vom Pferde sprang, seine Pistolen aus den Holstern gezogen, rannte auf das grimmige Thier zu und schoß ihm eine Kugel durch die Brust; mit einem Satze aber erreichte ihn der Wolf, erfaßte seinen Arm mit dem Rachen und stürzte ihn rückwärts zu Boden. Doch auch der alte Arnold war abgesprungen, ergriff die dem jungen Manne entfallene noch geladene zweite Pistole und zerschmetterte mit ihrem Schuß den Kopf des Wolfes. Ralph sprang nun rasch auf und stürzte zu der Leiche seines Vaters hin. Der treue alte Hund, der über ihr hingestreckt lag, richtete sterbend seine Augen, wie zum Abschied, zu dem Sohne seines Herrn empor und brachte durch sein Bild der Treue, Liebe und Anhänglichkeit alle die Vorwürfe wieder vor dessen Seele, die denselben in verflossener Nacht hier so sehr bestürmt hatten. In höchster Verzweiflung warf sich Ralph über den zum Theil schon verstümmelten Körper seines Vaters. »O, mein Vater,« rief er, »vergib mir, – ich gelobe Besserung bei dem Andenken an Deine unendliche Liebe, an Deine väterliche Güte, die ich nur mit Undank erwiedert habe. Vergib Du mir und mag Gott mir verzeihen so sicher, als meine Besserung dauernd sein wird!« So rief der unglückliche junge Mann in Schmerz und Zerknirschung unter Schluchzen und Jammern und bedeckte die kalten Lippen seines todten Vaters mit seinen Küssen und seinen Thränen. Noch waren nicht alle guten Gefühle in seiner Brust erstorben, noch hatten die schlechten Gesellschaften, in denen er Jahre lang zugebracht, die bösen Beispiele, die ihm dort geworden, nicht alle seine bessern Eigenschaften verschlungen, doch es bedurfte solch schrecklicher Aufregung, solch gewaltiger Erschütterung seines 36 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ganzen Seelenlebens, um die unterdrückten, fast erstickten edlern Regungen seines Gemüthes zu erwecken, zu beleben. Der alte Pflanzer hatte tief ergriffen und stumm einige Zeit den verzweifelten Geberden des jungen Freundes zugesehen, dann näherte er sich ihm, hob ihn sanft und freundlich auf und sprach ihm mit so viel einfacher, biederer Beredtsamkeit Trost und Hoffnung ein, daß er sich bald den Weg zu dessen krankem Herzen bahnte und den Sturm besänftigte, der Ralphs Seele zu zerreißen schien. »Wir haben Alle unsere Jugendfehler gehabt, Ralph,« sagte er liebevoll zu ihm; »Verstand kommt nicht vor den Jahren. Ihr guter Vater hat Ihnen Ihre Fehltritte lange verziehen und keinen Groll gegen Sie im Herzen getragen, er hat Sie bis zu seinem Ende geliebt und ist gewiß mit seinem Segen für Sie auf den Lippen eingeschlafen. Geben Sie sich zufrieden und meiden Sie von nun an den Umgang und die Lebensweise, welche Ihnen so bittere Vorwürfe bereitet haben. Bleiben Sie bei uns wohnen und heiligen Sie durch Ihr bekehrtes Leben in der Nähe der Ruhestätte Ihres braven Vaters sein Andenken. Kommen Sie, Ralph, ermannen Sie sich und lassen Sie uns einen Platz wählen, wo wir die irdischen Reste unsers theuern Freundes zur Ruhe bringen. Dort hinter dem Hause unter jener alten Magnolie, wo das Stück Baumstamm liegt, welches ihm so oft als Bank diente, war sein Lieblingsplatz, dort saß er mit dem alten Lion zu seinen Füßen, wenn die Sonne unterging und die Vögel ihr das Abschiedslied sangen. Er hat es mir öfters erzählt, daß er auf jener Stelle die erste Nacht zugebracht hat, als er hierherkam, um sich hier anzubauen. Lassen Sie uns ihn dort begraben, es wird seiner Seele wohlgefällig sein. Bob, geh in das Haus und hole Axt und Spaten. Kommen Sie, Ralph.« Mit diesen Worten faßte der biedere Mann den jungen Norwood unter den Arm und führte ihn mit sich fort hinter das Haus nach dem bezeichneten Baum, stellte die Büchse an dessen Stamm, legte die Kugeltasche und den Rock dabei an die Erde, schob die Aermel seines Hemdes auf dem noch kräftigen Arme in die Höhe und nahm dem Neger die Hacke ab, während er den Spaten an Ralph gab. »Das ist der Weg, den wir Alle zu wandern haben,« sagte er, indem er die Hacke in den harten Boden schlug; »wohl Dem, der ihn 5 10 15 20 25 30 35 37ERstER BaNd • ZwEitEs KapitEl mit leichtem Herzen geht und dem kein Fluch nachgesandt wird. Die Thränen, die von Freundes Augen auf unsre letzte Wohnung fallen, müssen uns zum Labetrunk auf der langen Reise werden, die aber, von Elend geweint, welches wir geschaffen haben, müssen wie glühende Feuertropfen in unsere Seele fallen.« Schlag auf Schlag führte der rüstige Alte die Hacke in den Erdboden, der Schweiß rollte von seiner Stirn und manche Thräne fiel von seinen faltigen Wangen in das Grab, welches er mit Hülfe Ralphs und des Negers bald geräumig genug gemacht hatte, um die todte Hülle seines alten, langjährigen Freundes aufzunehmen. Die Leiche wurde nun herbeigetragen, in die Grube versenkt und die Erde darüber aufgeworfen. Dann knieten Arnold und Ralph an dem Hügel nieder und sandten ihre Gebete dem Freunde, dem Vater nach. »Lion soll, wie er es im Leben that, zu seines Herrn Füßen liegen,« sagte der Alte, indem er sich rasch erhob, abermals die Hacke ergriff und mit Hülfe der Andern an dem untern Ende des Grabes eine Ruhestätte für den treuen Hund bereitete. »Sie gehen nun mit mir, Ralph, und bleiben, damit Sie nicht so allein sind, eine Zeitlang bei uns, bis Sie später Einrichtungen für Ihr künftiges Leben getroffen haben. Sie machen uns beiden Alten eine Freude dadurch, denn wir fühlen uns manchmal recht einsam, obgleich unser Sohn Frank nur eine Meile von uns entfernt wohnt und fast täglich zu uns kommt, um zu sehen, wie es uns geht.« Indem Arnold dies zu Ralph sagte, faßte er seine Hand und setzte sich mit ihm auf den Baumstamm unter die Magnolie, auf dem der alte Norwood so oft sich ausgeruht hatte und fuhr dann, indem er sich den Schweiß von der Stirn wischte, fort: »Es wundert mich, daß Onahee, die Indianerin, nicht wieder zurückgekehrt ist, sie hing doch sehr an dem alten Herrn!« »Tallihadjo hat sie mit sich fortgenommen, er wird sie wohl bei sich behalten!« antwortete Ralph und dachte mit Schrecken an den Augenblick, in dem sie der Häuptling von ihm wegführte. Ueber die eigentliche Ursache zu seiner Flucht sagte er zu Arnold nichts, denn er schämte sich seiner Schwachheit und doch, so viel er schon darüber nachgedacht, konnte er sich nicht erklären, woher der Schlag auf seine Schulter gekommen sein mochte. 38 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Nach einer kurzen Ruhe schlug Arnold vor, in das Haus zu gehen, um nachzusehen, ob sich Sachen von Werth dort vorfänden; außer der Büchse des Entschlafenen aber und einer mit Silber beschlagenen großen Bibel fand sich nichts, als ein Kästchen von Ebenholz, welches in dem Kleiderkoffer stand und welches Ralph als den Aufbewahrungsort aller Papiere von Werth, die der alte Herr besaß, kannte. Diese bestanden in Documenten über das Eigenthumsrecht der bedeutenden Ländereien, die ihm zugehörten, und aus Schuldscheinen über ausgeliehene Gelder, sowie über verkauftes Vieh und Pferde. Die letzteren beliefen sich allein auf mehrere tausend Dollar. Nachdem diese Papiere durchgesehen waren und Ralph sie zu sich gesteckt hatte, trug er zwei, roh aus Holz geschnitzte Stühle hinaus unter den Orangenbaum vor dem Hause; er und der Pflanzer nahmen Platz darauf und Bob breitete die Satteldecke seines Herrn vor ihnen aus und legte den Proviantbeutel darauf, den Arnold’s Frau am frühen Morgen gefüllt hatte. Beide erholten sich bei dem einfachen Mittagsmahl von ihrer Arbeit und vergaßen dabei auch des Negers nicht. Dieser hatte eben den leeren Beutel und die Decke weggenommen, als eine überreife, große Orange von dem Baume herabfiel und den Hut des alten Pflanzers traf. »Sieh, du kommst mir ja wie gerufen,« sagte dieser, indem er sich nach der Frucht niederbeugte und sie aus dem Grase aufnahm, »wenn der Hut mich nicht geschützt hätte, so würde ich den Schlag gehörig gefühlt haben; sie kam aus der Spitze des Baumes.« Ralph sah verwundert auf die Frucht und dann im Kreise um sich her, wo er deren noch mehrere erblickte. Nun wurde es ihm klar, daß eine solche Frucht es gewesen sei, die ihn in vergangener Nacht zu so blinder Flucht veranlaßt hatte. »Schmerzt Sie Ihr Arm nicht, Ralph?« fragte Arnold, indem er die Schale der Frucht öffnete, um den Saft daraus zu saugen, »der Wolf hatte Sie tüchtig gefaßt. Es ist ein Glück, daß diese weißen Wölfe nicht wie andere in Rudeln zusammen umherziehen, sonst könnte man sich wahrlich nicht allein von Haus entfernen. Wie ist es, sind Sie verletzt?« »Es hat nichts zu sagen,« erwiederte Ralph, »der Rock hat mehr Schaden gelitten, als ich. Ich fühle nur unbedeutenden Schmerz, 5 10 15 20 25 30 35 39ERstER BaNd • ZwEitEs KapitEl und die Hand ist etwas steif. Das Gewicht des Thieres in seinem Sprunge war zu schwer für mich und wäre ich allein gewesen, so hätte es mir bös ergehen können.« »Lassen Sie uns reiten, meine Alte wird mit dem Essen auf uns warten. Bob, stecke die Bibel in Deine Satteltasche und hole die Pferde; sie haben sich in dem herrlichen Grase tüchtig gepflegt,« sagte der Pflanzer, indem er die Kugeltasche umhing und seine Büchse schulterte. Ralph verriegelte die Laden vor den Fenster- öffnungen, verschloß die Thür des alten Blockhauses, nahm seines Vaters Büchse mit sich auf sein Pferd und mit wehmüthigen Abschiedsblicken auf die ausgestorbene Niederlassung folgten die Reiter dem Fußpfad nach der Landstraße zurück, auf der sie der Wohnung Arnold’s zueilten. Der Hügel, auf dem das Haus des alten Arnold stand, glänzte in den letzten Strahlen der sinkenden Sonne und ihr Gold flimmerte auf den Spitzen des dunkeln saftiggrünen Waldes, der ihn im Kreise umgab, als die Reiter aus diesem hervorkamen und ihre Pferde die Anhöhe hinauf lenkten. An langen Trögen unweit des Hauses hatte sich die Heerde der Kühe und prächtigen Stiere versammelt, um das Salz zu lecken, welches für sie in dieselben gethan war, unzählige Schweine trabten von allen Seiten der Ansiedlung zu, um sich in die wenigen Maiskörner zu theilen, die ihnen Abends dort vorgeworfen wurden, damit sie nicht die Nacht über im Walde zubringen möchten und die Pferde und Maulthiere schritten der Einzäunung zu, innerhalb deren ihnen zu gleichem Zweck wenig Abendfutter gereicht wurde. Frau Arnold saß vor dem Hause und kam dann, die Reiter gewahrend, ihnen entgegen. »Ich habe schon lange auf Euch gewartet,« sagte sie, indem sie das Thor der Einzäunung öffnete. »Seien Sie herzlich willkommen, Ralph; ich hoffe, daß Sie recht lange Zeit bei uns bleiben werden; wir wollen Alles thun, um es Ihnen angenehm bei uns zu machen. Ihr seliger Vater ist stets unser bester Freund und Nachbar gewesen und Sie waren als Kind immer so gern bei uns, daß ich hoffe, Sie werden auch jetzt unser einfaches Leben nicht ungern mit uns theilen. Treten Sie herein!« Mit diesen Worten schritt die gutmüthige, freundliche, alte Frau voran in das Haus und beeilte sich, die verschiedenen von ihr be- 40 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 reiteten Gerichte von dem Kaminfeuer auf den schon gedeckten Tisch zu tragen. Alles war sauber und nett in der Stube, wenn auch die Wände die Baumstämme sehen ließen, aus denen sie bestanden. Die Fugen zwischen denselben waren mit Streifen Cederholzes übernagelt, das Zimmer war mit einer Decke von Dielenholz versehen, so daß dem Auge der Blick gegen die Schindeln des Daches entzogen wurde, und der reine Fußboden war dicht zusammengefugt, was in den wenigsten Blockhäusern der Fall ist. Das schön geformte hölzerne Gesimse über dem Kamin trug in der Mitte eine große Stehuhr in einem Gehäuse von Mahagoniholz und zu beiden Seiten steinerne Töpfe mit prächtigen frischen Blumen angefüllt. In den Ecken neben dem Kamin waren Bücherbretter angebracht, auf denen einige große Bibeln, Gebet- und Gesangbücher, eine Menge Medicinflaschen und Pillenschachteln, ein Nähkästchen und vieles kleines Hausgeräth stand, und von den Brettern hingen als Zierrath blendend weiße, aus Baumwolle gestrickte Netze mit langen Franzen herab. Die Tische waren mit weißen baumwollenen Decken versehen, das große Bett gegenüber dem Kamin mit einer schönen bunten Lappendecke überzogen und mit einem feinen Musquitonetz umgeben. Arnold und sein Gast hatten Platz an dem Eßtisch genommen und die alte Frau, mit einem saubern Kattunkleid und schneewei- ßen leinenen Halstuch angethan, blieb in geschäftiger Eile zwischen dem Feuer und dem Tische in Bewegung, indem sie bald die Tassen aus der großen blechenen Kaffeekanne wieder füllte, bald heiße kleine Brode aus dem, vor den Kohlen stehenden eisernen Topfe nahm und sie den Speisenden hinreichte. »Sie müssen vorlieb nehmen, Herr Ralph, das Mehl zu den Broden war etwas grau, doch ist es süß und ziemlich gut aufgegangen; es ist so schwierig, hier etwas in kleinen Quantitäten zu bekommen und ein ganzes Faß Mehl ist für uns Beide zu viel, es wird zu leicht sauer. Morgen aber soll Bob in das Settlement hinaufreiten und frisches Mehl holen!« »Um meinetwillen müssen Sie keine Aenderungen in Ihren häuslichen Einrichtungen eintreten lassen, Madame Arnold, nur unter dieser Bedingung kann ich von Ihrer Gastfreundschaft Gebrauch machen,« erwiederte Ralph. 5 10 15 20 25 30 35 41ERstER BaNd • ZwEitEs KapitEl »Das soll auch durchaus nicht geschehen, nein, Sie müssen zufrieden sein, wie Sie es bei uns finden, aber frisches Mehl hätte ich doch holen lassen!« sagte Frau Arnold und setzte Bananen, Feigen und süße Orangen auf den Tisch. »Lassen Sie es nur meine Alte machen, wie sie will,« fiel Arnold ein; »die Weiber haben ihren eigenen Kopf und man kommt immer am Besten mit ihnen zurecht, wenn man sich in ihre Angelegenheiten gar nicht mischt.« Nach dem Abendessen setzte sich das freundliche alte Paar mit seinem Gaste hinaus unter die roh gezimmerte Veranda, die mit dem Schmuck geziert war, den die Natur bietet, denn die herrlichsten Schlingpflanzen waren an ihren Pfeilern hinaufgewuchert und ließen ihre zarten Ranken und bunten Blüthen in langen Guirlanden von dem Sonnendach herabhängen. Der Mond war über dem hohen Walde aufgestiegen, auf den man von dem Hügel hinabsah und über welchem in der Ferne ein dunkeler Nebelstreif dem Auge die mächtigen Fichtenwälder bezeichnete, welche die nördliche Grenze Florida’s bedecken. Ralph saß schweigend und in Gedanken versunken und blickte nach der Gegend hin, in welcher sein väterliches Haus lag. »Sie sind vor Tausenden bevorzugt, Ralph,« sagte Arnold zu ihm, indem er seine Hand ergriff, »es ist Alles für Ihr leichtes Fortkommen in der Welt vorbereitet, Sie brauchen nur vernünftig auf dem Wege fortzugehen, den Ihnen Ihr guter Vater gebahnt hat. Sie haben das reichste Stück Land in der ganzen Gegend, haben das schönste Vieh, die edelsten Pferde und baares Geld genug, Felder einzurichten und Baumwolle zu bauen. Halten Sie nur das zu Rathe, was Sie jetzt besitzen und gebrauchen Sie die Kräfte, die Ihnen die Natur gab, thätig und mit Umsicht, so muß es Ihnen in der Welt gut gehen. Auch ich habe nur einen Sohn und Gottlob! einen guten, einen braven Sohn. Er hätte ja ganz ruhig hier bei uns bleiben und meine kleine Farm bearbeiten können, aber er wollte selbst schaffen, wollte mehr thun, als ich gethan habe, wollte sich eine Plantage gründen, wozu freilich das Land hier sich nicht eignet, da es zu hügelig und auch nicht so reich, als unten am Flusse in der Niederung ist. Da hat er sich denn eine Meile von hier angebaut, hat tüchtig gearbeitet, ist sparsam gewesen und hat sich 42 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 vor Kurzem schon drei Neger gekauft. Jetzt geht es nun rasch mit ihm vorwärts. Gott gebe ihm ferner seinen Segen, dann wird er es zu Etwas bringen, denn er ist, wie Sie, erst achtzehn Jahre alt. Bei uns Amerikanern hüpfen die Jungen früher aus dem Neste, als bei andern Völkern und meistens werden sie auch von den Alten nicht so lange darin geduldet. Wenn man will, ist es auch in der Ordnung, wir sind Alle zum Arbeiten und zum Schaffen geboren, und den Thaler, den man selbst verdient hat, giebt man nicht so leicht aus der Hand, als den, welchen man erbt. Ich glaube, dort kommt mein Sohn Frank noch so spät.« Wirklich kam der junge Arnold in diesem Augenblicke am Hügel heraufgetrabt, hing den Zügel seines Pferdes an die Einzäunung und eilte mit einem fröhlichen Gruß zu seinen Eltern hin, die aufgestanden waren und ihm entgegengingen. Frank schüttelte seinem Vater herzlich die Hand, küßte seine Mutter und wandte sich dann mit einem freundlichen Willkommen zu Ralph, dem Gespielen seiner frühsten Kinderjahre, den er seit langer Zeit nicht gesehen hatte. Frank war ein schöner junger Mann, nicht ganz so groß als Ralph, mehr untersetzt und von stattlichem, muskulösem Körperbau. Eine Fülle glänzend schwarzer Locken umwogte in ungekünstelten Massen seine hohe, freie Stirn; frische Jugend, Gesundheit und volle Lebenskraft lagen auf seinen edlen Gesichtszügen und seine tiefbraunen, klaren Augen sprachen Biederkeit, Unverdorbenheit und Bestimmtheit des Charakters aus, während Ralph bei ebenwohl vortheilhaftem Aeußern den Eindruck eines in ihm wohnenden schwankenden Gemüths hervorbrachte. Geistig und körperlich in ganz ähnlicher vortheilhafter Weise ausgestattet, waren diese beiden jungen Männer durch ihre Erziehung und die, sie in früher Jugend umgebenden Verhältnisse in ganz verschiedene Lebensrichtungen gekommen und ihre natürlichen Anlagen hatten sich in eben so verschiedener Art entwickelt und ausgebildet. Ralph hatte der Mutterliebe, welche die ersten Keime edler und zarter Gefühle in des Menschen Brust legt, entbehren müssen, da ihm die Mutter schon sehr früh durch den Tod geraubt war; als Knabe hatte man ihn später fremden Leuten zur Erziehung an- 5 10 15 20 25 30 35 43ERstER BaNd • ZwEitEs KapitEl vertraut, er war fern von seinem väterlichen Hause unter Fremden aufgewachsen, die nur ihr eigenes Interesse im Auge hielten und ihn lieblos behandelten, so daß er selbst zum Egoisten ward. Der Drang, sich Etwas durch Arbeit, durch eigenes Schaffen zu erwerben und seine Freude daran zu haben, blieb ihm fremd, denn er hatte Alles, was ihm die Verhältnisse, in denen er lebte, wünschenswerth machten, und als sich mit den Jahren seine Bedürfnisse, seine Wünsche vermehrten, griff er nicht zur Arbeit, als dem dankbarsten Mittel, sie zu befriedigen, sondern zu andern, durch die er bequemer und schneller seinen Zweck erreichen konnte. Er trieb Stiere und Pferde aus den zahlreichen Heerden seines Vaters zum Verkaufe nach den Städten. Anfangs that er dies heimlich, später aber mit dem Vorwissen, wenn auch nicht mit der Genehmigung des alten Norwood. Den Vorwürfen desselben über diese Handlungen wich er durch seine persönliche Entfernung von ihm aus, und machte ihm in letzterer Zeit nur dann Besuche, wenn er baares Geld von ihm haben wollte, oder Vieh und Pferde von der Weide wegzutreiben beabsichtigte. Durch den für ihn so leichten Erwerb des Geldes lernte er nie dessen Werth kennen, er wurde verschwenderisch und habsüchtig zugleich, denn je mehr er ausgab, desto mehr wünschte er in seine Hände zu bekommen. Bei allen Gelagen, Wettrennen, Hahnengefechten und öffentlichen Zusammenkünften in Columbus war er der gefeierte Held und eine Menge von Freunden drängten sich um seinen immer offenen Geldbeutel. In dieser Stellung hatte er nie Ursache, seinen Leidenschaften Zügel anzulegen, seine Heftigkeit steigerte sich bei unbedeutenden Veranlassungen zu blindem Jähzorn, und wo ihm durch jene Unannehmlichkeiten erwuchsen, fehlte es ihm nie an Freunden, die ihn aus mißlichen Lagen herausrissen. Ralph hatte sich auch nie darum gekümmert, ob er einer Religion und welcher er angehören wolle, er glaubte wohl an einen Gott, doch fiel es ihm nicht ein, an ihn zu denken, er ging in keine Kirche und gebetet hatte er fast niemals. Ganz anders hatten sich die kräftigen Keime in Franks kindlichem Gemüth entwickelt. Eine zärtliche, fromme und verständige Mutter hatte ihn mit Liebe und Aufmerksamkeit geleitet, hatte ihn frühzeitig mit seinem Gott bekannt gemacht und ihn in Demuth 44 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 mit ihm befreundet, während sein biederer Vater der weisen Erziehung der Mutter Nachdruck gab und dem Sohne durch Rechtlichkeit und Arbeitsamkeit mit einem guten Beispiele voranging. Frank war das einzige Kind, auf das alle Sorge, alle Liebe, alle Hoffnungen der Eltern gerichtet waren, und da Beide selbst mit rastloser Thätigkeit durch’s Leben wanderten, so führten sie den Sohn auf denselben Weg und entgingen glücklich dem Fehler, ihn zu verziehen. Des alten Arnolds größte Freude war, ihn schon als Knabe bei sich tüchtig arbeiten zu lassen und auch die Mutter wußte ihm immer Beschäftigung zu geben. So gewöhnte das Kind sich, nur für seine liebevollen Eltern zu leben und kannte bis auf diese Zeit keine größere Wonne, als ihnen Freude zu machen. Sein Glück, seine Zufriedenheit lernte Frank als eine Gnade seines Gottes erkennen und beschloß nie einen Tag, ohne seinem Schöpfer von Grund seines Herzens dafür zu danken. Er war allenthalben geachtet und gern gesehen und wußte sich bei jeder Gelegenheit durch Furchtlosigkeit, Entschlossenheit und körperliche Stärke in Respect zu setzen. Mit großem, aufrichtigem Leid vernahm er den plötzlichen Tod des alten Norwood, in dem er immer einen väterlichen Freund geehrt hatte. Er nahm innigen Antheil an Ralphs herbem Schmerz, obgleich dessen ihm bekannte Lebens- und Handlungsweise ihm zuwider gewesen war und er ihn oft im Stillen darüber verdammt hatte. Das Unglück aber, welches den jungen Mann jetzt betroffen, ließ ihn augenblicklich alle Vorwürfe gegen denselben vergessen und er sprach ihm mit der aufrichtigsten Theilnahme Trost und Hoffnung ein. Er rieth ihm, wie es sein Vater gleichfalls gethan, sich nun häuslich auf seinem Eigenthume niederzulassen und ein thätiges, unbescholtenes Leben zu beginnen, wobei er sich erbot, ihn nach besten Kräften mit Rath und That zu unterstützen und ihm ein guter Nachbar zu werden. Auch empfahl er ihm, es zu machen, wie er selbst, und sich bald ein liebes Mädchen zur Frau auszusuchen, denn Frank hatte sich, als er vor einigen Monaten von seinem Vater nach Baltimore gesandt worden, um dort eine eiserne Mahl- und Schneidemühle für ihn zu kaufen, bei dieser Gelegenheit eine Braut erwählt. Sie war die Tochter eines dortigen sehr geachteten Mannes, eines berühmten Advokaten Namens Forney, 5 10 15 20 25 30 35 45ERstER BaNd • ZwEitEs KapitEl der dieses Geschäft aufgegeben und die Stellung als Präsident einer dortigen Bank angenommen hatte. Frank lud Ralph ein, ehe er seine eigene Besitzung bezöge, abwechselnd bei ihm zuzubringen und versprach, mitunter mit ihm auf die Jagd oder zum Fischen zu gehen. Für den folgenden Morgen sagte er ihm zu, ihn hier abzuholen, um ihm in den Wäldern die verschiedenen Weideplätze seiner Heerden zu zeigen, die er genau kenne, und ihm auch dieser Tage behülflich zu sein, die jungen Kälber mit seinem Zeichen zu brennen. Ralph that die Theilnahme dieser aufrichtigen, herzlichen Freunde unendlich wohl, ja es wurde ein Gefühl von dankbarer Zuneigung in ihm rege, von dem er bis jetzt noch keine Ahnung gehabt hatte. Es kam eine Ruhe, eine Zufriedenheit über ihn, die ihm bisher fremd geblieben war und die er jetzt mit dem vollsten Drange seines Herzens für seine Zukunft an sich zu fesseln wünschte. Mit Schrecken und Reue blickte er auf sein vergangenes Leben und die vielen Sorgen und Leiden, die er sich darin geschaffen, zurück, und konnte es sich selbst kaum glauben, daß er diese kostbare Zeit so ganz nutzlos vergeudet und so viel Geld, Kräfte und wohl selbst seinen guten Namen dafür geopfert hatte. Es sollte jetzt anders mit ihm werden, das hatte er fest und unabänderlich beschlossen und mit offener Aufrichtigkeit sprach er seine Reue und seinen Entschluß zur Besserung gegen Arnold aus. Es war schon spät, als man sich trennte, Frank sich auf sein Pferd schwang und davon ritt, Ralph einen, von Brettern an der Rückseite des Hauses errichteten Abschlag als Schlafzimmer angewiesen bekam und das alte Ehepaar sich mit noch größerer Zufriedenheit zur Ruhe begab, als es dies zu thun ohnehin gewohnt war. ∗    ∗    ∗ Still und klar lag das Mondlicht auf Berg und Thal, leise und kühlend zog die leicht bewegte Nachtluft durch die Wälder und kräuselte sich in dem üppigen Laube der Baumwipfel. Auch in den Orangenbäumen vor Norwoods altem Blockhaus rauschte der spielende Wind und in der Magnolie über des alten Mannes Grab wirbelte er sich um die weißen Riesenblumen und wehte de- 46 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ren Duft auf und nieder durch die nahen Bäume. In dem Schatten des Baumes neben dem Grabhügel knieten drei dunkele menschliche Gestalten um ein kleines, stark rauchendes Kohlenfeuer und murmelten leise unverständliche Worte. Tallihadjo, der Seminolen- Häuptling, war es mit seinem Sohne und mit Onahee, der Indianerin, die hier dem Geiste des geschiedenen Freundes ein Opfergebet darbrachten. Sie hatten sich mit dem Gesicht auf den Hügel niedergebeugt und benetzten die lockere Erde mit ihren Thränen; dann erhoben sie sich, nahmen aus einem ledernen Beutel trockene Kräuter hervor und streuten dieselben auf die Kohlengluth, die in der Mitte auf dem Hügel brannte, hoben ihre gefalteten Hände und ihre Blicke gegen den Himmel, wobei sie wieder leise Worte redeten. Der Rauch stieg jetzt als unbewegte, silbergraue Säule in die hohen dichtverschlungenen Aeste des Baumes hinauf und der Häuptling blickte ihm mit Zufriedenheit und Wohlgefallen nach. »Tom ist glücklich in seinem Himmel und empfängt mit Freude den süßen Duft, den wir ihm zusenden. Er blickt mit Dank auf uns herab und wird die rothen Kinder ewig lieben,« sagte Tallihadjo, indem er mit der Hand nach dem dichten Laubdach über sich zeigte, in welchem die Spitze der Rauchsäule verschwand. Abermals neigten sich die Wilden über das Grab, beteten und beschlossen so die Feierlichkeit. Dann traten sie von dem Hügel zurück, die beiden Männer nahmen ihre Büchsen von dem Baum, und Alle gingen schweigend um das Haus, unter die Orangenbäume vor demselben. »Du mußt Ralph aufsuchen,« sagte nun der Häuptling zu seinem Sohne, »und erforschen, ob ihm etwa Leids geschehen ist. Hier liegt ein erschossener weißer Wolf und der aufgewühlte Boden zeigt, daß eine große Zahl dieser Thiere hier gewesen sein muß. Vielleicht haben sie Ralph angegriffen, nachdem wir ihn hier allein ließen. Seines Vaters letzte Bitte an mich war: über ihn zu wachen und außerdem fließt unser Blut in seinen Adern. Wir müssen ihn vor Unglück schützen und ihn von den doppelzüngigen Weißen entfernen, die ihm sein Land und seine Heerden rauben und mit Feuerwasser seine Seele vergiften. Gehe, Tomorho, suche seine Spur und wenn Du weißt, wo er weilt, so komme zu meinem Wigwam zurück und bringe mir die Kunde.« 5 10 15 20 25 30 35 47ERstER BaNd • ZwEitEs KapitEl Die Indianer waren dem Fußpfad bis zu der Straße gefolgt, wo sie sich trennten, Tomorho folgte derselben nach Norden und der Häuptling verschwand bald mit der Indianerin auf einem kaum zu erkennenden blinden Weg im dichten Walde, auf dem er zu seinem Lager zurückeilte, welches nahe an der Grenze Georgiens in Florida stand. 48 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 3. Florida. – Die Seminolen. – Der Häuptling. – Das Bad. – Der Händler. – Das Pferd. – Die Schuldscheine. – Das neue Städtchen. Bis zu dem Jahre 1819 hatte Spanien sich die Herrschaft auf der südlichen Spitze von Nordamerika, über die beiden Florida’s zu erhalten gewußt und ließ sie durch einen Bevollmächtigten des General-Capitains von Cuba regieren. Nur hin und wieder hatten die Spanier an den Küsten und an den Hauptströmen feste Plätze errichtet und in deren Nähe waren einzelne Ansiedlungen entstanden, außerdem war das Land noch in seinem Naturzustande und wurde von wilden Indianerstämmen bewohnt. Schon seit einer Reihe von Jahren war es aber fortwährend zwischen den Spaniern in Florida und den Bewohnern der benachbarten Vereinigten Staaten zu Reibereien und theilweise auch zu feindseligen Demonstrationen gekommen, wozu die wilden Bewohner dieser Länder, die Seminolen und Creek-Indianer durch ihre, mit den schrecklichsten Grausamkeiten und Greuelthaten verbundenen Einfälle in Georgien und Alabama Veranlassung gaben. Nachdem die Creek-Indianer und die Ueberreste vieler anderer nördlichen Indianerstämme, welche diese beiden Länder bewohnt hatten, von den Amerikanern besiegt und von da vertrieben worden waren, hatten sie sich nach Florida geflüchtet, weil sie sich dort gegen jene Feinde sicher wußten und schlossen sich den Mord- und Raubeinfällen der dort wohnenden Seminolen an, immer noch in der Hoffnung, jene ihnen entrissenen Länder wieder in ihren Be- 5 10 15 20 25 30 35 49ERstER BaNd • dRittEs KapitEl sitz zu bekommen. Im Jahre 1817 stellte sich der Amerikanische General Jakson an die Spitze eines Heeres und zog mit ihm in das spanische Gebiet Florida, um die Wilden für ihre Gewaltthaten zu züchtigen und sie zur Ruhe zu bringen, da die spanische Regierung entweder zu schwach war, die wilden Horden im Zaum zu halten, oder weil sie nichts gegen dieselben zur Sicherheit der Vereinigten Staaten unternehmen wollte. General Jakson richtete schreckliche Verwüstungen unter den Indianern an, und als er seine Streitkräfte wieder aus Florida zurückzog, ließ er in dem Fort Gadsden an dem Apalaehicola-Fluß auf spanischem Gebiet eine Besatzung zurück, um nöthigenfalls zum Zweck erneuerten Auftretens gegen die Wilden in der Nähe zu sein. Spanien, im Gefühl seiner Ohnmacht, oder seiner vernachlässigten Pflichten als Nachbar der Vereinigten Staaten, ließ sich dieses Eindringen mit bewaffneter Hand und die Besitznahme des Fortes gefallen; es kam mehr und mehr zu der Ueberzeugung, daß seine Macht in Florida bald der seines stärkeren Nachbars weichen müsse und schloß im Jahre 1819 einen Vertrag mit ihm ab, wonach es demselben sein Recht auf dieses Land abtrat und seine Grenze auf das westliche Ufer des Mississippi- Flusses zurückzog. Die Bestätigung dieses Vertrages von Seiten beider Regierungen erfolgte jedoch erst im Februar 1821, wenige Jahre früher, als unsere Erzählung begann. – Das schöne gesegnete Florida war nun den Amerikanern ge- öffnet, und wenn es auch noch immer zu den gefährlichen Unternehmungen gerechnet werden mußte, mit Frau und Kind seinen Heerd dort aufzuschlagen, so wanderten doch bald viele entschlossene Ansiedler über die Grenzen und machten dies herrliche Land, in welchem der Sommer nie endet, zu ihrer Heimath. Namentlich aber vermehrten sich die Ansiedlungen in Georgien und Alabama an der Grenze von Florida sehr rasch, da man jetzt dort weniger mehr von übelgesinnten Indianern dieses Landes zu befürchten hatte und man aus einem friedlichen Verkehr mit den Wilden Vortheil zu ziehen hoffte. Viele Seminolen-Familien waren wohlhabend, hatten sehr beträchtliche Viehheerden, eine große Anzahl ausgezeichneter Pferde und besaßen mitunter auch viele Negersclaven, welche sie zum Anbau von Mais gebrauchten, während sie es unter ihrer Würde fanden, selbst zu arbeiten. Alle 50 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 übrigen Ureinwohner Nordamerika’s waren vor der von Osten her fortschreitenden Civilisation westwärts geflohen und hatten sich derselben in keiner Weise unterworfen; eine große Zahl der Indianer aber, die jetzt Florida bewohnten, war vor den Weißen von Norden her immer weiter nach Süden gezogen, bis sie auf dieser Landzunge auf drei Seiten vom Meere eingeschlossen und im Norden und Nordwesten durch die Amerikaner von ihren Brüdern abgeschnitten waren, die im Westen immer noch die unumschränkte Freiheit der Wildniß genossen und in ihrem heimathslosen wandernden Leben Nichts geändert hatten. Durch das Zuströmen der fremden Indianer wurden die in Florida heimischen Wilden in ihren Jagdgründen beschränkt und blutige Fehden unter ihnen waren die nächste Folge davon; doch als nun gar das Land die Regierung wechselte und die amerikanischen Ansiedler unter dem Schutze von Soldaten hereingezogen kamen, Städte bauten und Straßen anlegten, da wurde es den Kindern der Wildniß zu enge, ihre Jagdzüge wurden nach allen Richtungen hin durch die Civilisation unterbrochen, der große Ueberfluß an Wildprett nahm rasch ab und die Weiden für die bedeutenden Heerden der Wilden wurden immer beschränkter. In ihrer gewohnten Weise, nur von der Freigebigkeit der Natur zu leben, konnten sie nicht mehr existiren, die Weißen aus ihren Gebieten zu vertreiben, dazu waren sie zu schwach, und das Land zu verlassen, um in fernen Wildnissen eine neue Heimath zu suchen, war unmöglich; denn hunderte von Meilen, von den Amerikanern bewohnter Länder trennten sie von da. Viele der größern Seminolen-Familien gaben darum der eisernen Nothwendigkeit nach, und richteten Felder ein, die sie durch ihre Neger bebauen ließen, während die übrigen Indianer sich immer mehr in die undurchdringlichen Wälder und endlosen Sümpfe zurückzogen, um von dort aus die weißen Landräuber zu bekämpfen und dorthin vor deren Rache sich zu flüchten. Jene Indianer, die sich dazu verstanden hatten, Mais zu bauen, traten bald mit ihren weißen Nachbarn in friedlichen Verkehr, trieben Tauschhandel mit ihnen und gebrauchten ihren Einfluß auf ihre wilden Brüder, um sie von Feindseligkeiten gegen Jene zurückzuhalten, da sie selbst stets mehr oder weniger von deren Vergeltung zu leiden hatten, wenn auch ihr Haß gegen 5 10 15 20 25 30 35 51ERstER BaNd • dRittEs KapitEl die fremden Eindringlinge eben so stark war, als der der andern Indianer. Es reichte noch nicht über Menschengedenken hinaus, daß Georgien, Alabama, Tennessee, Kentucky und alle die von der Meeresküste entlegenen Staaten noch unbestrittenes Eigenthum der Urbewohner waren, und jetzt sahen sich die Ueberbleibsel dieser früher so mächtigen Nationen in diesen kleinen Winkel ihrer Muttererde zu vielen Tausenden zusammengedrängt, mit der sichern, unvermeidlichen Gewißheit, hier durch die bleiche Menschenrace erdrückt zu werden und von der Erde zu verschwinden. Die Verfolgungen, die Ungerechtigkeiten der Weißen selbst gegen die friedlichen Indianerfamilien nahmen täglich zu, dieselben wurden von ihnen durch List, Betrug und Gewalt ihres Eigenthums beraubt, alle Schandthaten der Weißen wurden den unglücklichen Indianern aufgebürdet und an ihnen gerächt, und nirgends fanden dieselben ein Gesetz, welches sie gegen die weißen Christen beschützt hätte. Oft brach ihre Langmuth, ihre Duldsamkeit die Fesseln und mancher unschuldige Weiße mußte die Sünde seiner Brüder schrecklich büßen, um so schwerer aber fiel dann die Strafe wieder auf die Wilden zurück, und ganze Stämme derselben wurden vernichtet und ihr Land genommen. Tallihadjo, dessen früher zahlreicher und mächtiger Stamm jetzt nicht viel mehr als einige hundert Krieger zählte, hatte seinen Wohnsitz nur wenige Meilen von der Grenze Georgiens an dem westlichen Ufer des Ocklockny-Flusses und nannte einen bedeutenden Strich Landes in der Umgegend seinen Jagdgrund, oder sein Eigenthum. Wir sagen: er nannte ihn so seinen rothen Brüdern gegenüber, die ihm dies Recht nicht schmälerten, wenn auch die Weißen ihn nur so lange unbestritten im Besitz desselben lie- ßen, bis es einem derselben gefiel, sich ein Stück davon zuzueignen und sich darauf anzubauen. Freilich geschah dies immer nur an der Grenze desselben, da man es doch nicht wagte, geradezu mitten hineinzugehen, aber die Grenzlinien waren nicht genau bezeichnet, nicht abgemessen, so daß dieselben leicht in Zweifel gezogen werden konnten. Hatte der Weiße einmal Besitz ergriffen, so wurden des Indianers Vorstellungen und Beschwerden dagegen zurückgewiesen, ja wohl gar verlacht, und er durfte es nicht wagen, Gewalt zum Schutze seines guten Rechtes anzuwenden, wollte er nicht alle 52 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Ansiedler in der Umgegend gegen sich aufbringen und vielleicht mit Feuer und Schwert von ihnen verfolgt werden. So ging es an allen Grenzen des ganzen Landes, welches die Indianer noch inne hatten, die weißen Ansiedler drangen von den Küsten her Schritt vor Schritt immer weiter in dasselbe hinein und ein Stück nach dem andern ging für Jene verloren. Die meisten Stämme der Seminolen lebten familienweise in hölzernen, mit Thierhäuten bedeckten Hütten, da die beweglichen Häuser, die ledernen Zelte, die sie während ihres frühern Wanderlebens mit sich geführt hatten, ihrem jetzigen festen Aufenthalte nicht mehr entsprachen. Die Jagd blieb zwar immer noch die Hauptbeschäftigung der Männer von Tallihadjo’s Stamm, sowie von andern zahlreichen Indianern, die sich einer Art von Civilisation zuneigten; da ihre Streifzüge aber ausschließlich auf Florida beschränkt waren, und täglich mehr und mehr durch die Ansiedlungen der Weißen, sowie durch die Streitigkeiten über ihre Gebietsgrenzen unter sich selbst unterbrochen und eingeschränkt wurden, so dauerten dieselben nicht mehr, wie früher, viele Monate, sondern jetzt nur ebenso viele Tage. Je weniger Ertrag die Jagd nun bot, desto mehr Sorge verwandten die friedlichen Indianer auf ihre Vieh- und Pferdezucht und ihr Wohlstand vermehrte sich in gleichem Verhältniß weil sie ihre einfache, natürliche Lebensweise beibehielten und dadurch gegen ihre weißen Nachbarn in großem Vortheil standen. Mit Zunahme der Wohlhabenheit dieser Stämme mehrte sich aber auch die Habgier unter den Weißen nach deren Gut, und alle Mittel wurden von diesen angewandt, die unbefangenen, einfachen Wilden zu übervortheilen und zu betrügen. Man trieb Tauschhandel mit ihnen, wobei ihnen gänzlich werthlose Sachen zu übertrieben hohen Preisen aufgenöthigt wurden, man suchte Bedürfnisse unter ihnen zu erzeugen, die ihnen bis jetzt fremd geblieben und vor Allem führte man den Branntwein, oder das Feuerwasser, wie es die Wilden nannten, unter ihnen ein, um sie ihres ruhigen, überlegenden Sinnes zu berauben, die Laster der Weißen auf sie zu übertragen und dann aus ihrer Verdorbenheit Nutzen zu ziehen. Tallihadjo aber wachte sorgsam darüber, daß keine Neuerungen, keine Aenderungen in den Gebräuchen und den Gewohnheiten 5 10 15 20 25 30 35 53ERstER BaNd • dRittEs KapitEl seiner Leute Fuß fassen konnten, und hatte bei Meidung der Ausstoßung aus dem Stamme den Genuß des Branntweins auf das Allerstrengste untersagt. Viele andere seines Volkes folgten seinem Beispiele, doch gab es auch wieder Viele darunter, die den Lokkungen und Versuchungen der Weißen nicht widerstanden und dadurch deren Habsucht zum Opfer fielen. Die Entfernung von Norwood’s Niederlassung bis zu Tallihadjo’s Wohnsitz war sechs Meilen, so daß der Mond schon hinter dem unabsehbaren Wald, der die nördliche Grenze Florida’s bedeckte, im Versinken war, als der Häuptling mit Onahee seine Hütte erreichte. Vor derselben um den Feuerplatz, auf dessen Mitte ein glühender Baumstamm lag, an welchem die Flamme erstorben war, ruhte die Familie Tallihadjo’s, die aus seiner eigentlichen Frau, Satochee, deren zwei Söhnen und zwei Töchtern im Alter von zwei bis acht Jahren und noch sechs andern Frauen bestand, welche letztere nur diese Benennung trugen, doch nichts weiter als Dienerinnen und Arbeiterinnen des Häuptlings waren. Sein älterer Sohn, Tomorho, der sechszehn Jahre zählte, stammte von seiner ersten Frau her, die er zärtlich geliebt, die aber bald nach der Geburt des Sohnes durch den Tod ihm entrissen worden war, und deren Verlust ihn viele Jahre lang in tiefe Trauer versetzt, die ihn von allen Weibern fern gehalten hatte. Außerdem lagen unweit des Feuerplatzes einige zwanzig Neger, Negerinnen und Negerkinder in tiefstem Schlafe. Viele Hunde sprangen ihrem Herrn freudig entgegen und drängten sich schmeichelnd an ihn. Die Ruhelager der Schläfer waren aus aufeinandergelegten, weich gegerbten großen Thierhäuten, namentlich aus Bären- und Pantherfellen, bereitet; die von dem Nordamerikanischen Indianer fast unzertrennliche Büffelhaut aber fehlte darunter, denn diesem, früher über den ganzen Continent verbreitetem Thier war es ergangen, wie den Ureinwohnern desselben: seine Heerden waren vor der Civilisation geflohen und die, welche, wie die Indianer in Florida eingeschlossen, waren bald gänzlich von der Erde verschwunden. Satochee, die Frau des Häuptlings, war erwacht und schlang mit einem freudigen Willkommen ihre zarten braunen Arme um ihn. »Hast Du die Seele unsers treuen Freundes mit süßem Rauch erfreut?« fragte sie, indem sie sich liebkosend an Tallihadjo schmiegte, 54 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »er war einer der wenigen Bleichgesichter, die es ehrlich und gut mit unserm armen bedrängten Volke meinten.« »Der Rauch stieg gerad und ruhig auf, Tom hat freudig auf mich herabgesehen und wird ewig unser Freund bleiben,« antwortete der Häuptling. »Wohl war er einer der wenigen Weißen, die es gut mit uns meinen und deren Zahl immer kleiner wird. Hier in unserer Nähe kenne ich nur noch zwei: den alten Arnold und seinen Sohn Frank; der Alte kam bald nachher zu uns in unser Land, als Tom die Friedenspfeife mit uns geraucht hatte, zu einer Zeit, da der Büffel, der im Sommer an den klaren Quellen der blauen Berge (in Virginien) seinen Durst gestillt, im Winter sich an dem saftigen Gras Florida’s labte, zu einer Zeit, als die Seminolen noch an den felsigen Ufern des Ohio den Bären jagten und als in Florida nur ihre Stimmen gehört wurden. Beide Männer kamen zu uns, beide baten um unsere Freundschaft und haben uns die ihrige dafür gegeben. Die andern Bleichgesichter aber kamen mit dem Donner in der Hand, schleuderten ihre Blitze unter unser Volk, streuten Krankheiten unter ihm aus und gaben ihm Feuerwasser zu trinken, und da der große Geist ihm den Weg, den die Sonne zieht, abgeschnitten hat, so muß es hier zu Grunde gehen. Die bleichen Männer drängen uns von allen Seiten Schritt für Schritt in die Sümpfe dieses Landes zusammen, wo wir verschwinden werden, wie die Insel in dem großen Wasser (Weltmeer), über der von allen Seiten die Wogen zusammenschlagen; denn der Zorn des großen Geistes liegt auf uns, unsere Stämme werden täglich kleiner und die Wei- ßen mehren sich, wie die Heuschrecken. Bald wird kein Seminole mehr sagen können, daß dies Land seinem Volke angehört hat, keiner wird mehr die Siege seiner Väter über ihre Feinde erzählen können, der Pflug der bleichen Menschen wird deren Gräber aufwühlen und zwischen den Gebeinen der Seminolen wird Mais und Baumwolle wachsen.« Der Häuptling schwieg und blickte eine Zeitlang gedankenvoll auf seine Kinder, die vor ihm in glücklichem Schlafe auf einer gro- ßen Bärenhaut lagen, dann kniete er bei ihnen nieder, nahm das jüngste, ein Mädchen, schlafend in seine Arme, drückte es an seine nackte Brust und legte sich mit ihm und Satochee auf deren Lager nieder. 5 10 15 20 25 30 35 55ERstER BaNd • dRittEs KapitEl Das neue Licht des Morgens glänzte schon auf der Perlensaat, die der Thau zur Erfrischung über die Pflanzenwelt gelegt hatte, als Tallihadjo noch des süßen Schlafes genoß, in dem er die traurige Gegenwart und die noch viel traurigere Zukunft seines Volkes vergaß. Seine Arme hatten sich geöffnet und waren von seinem kleinen Liebling herab auf das Lager gesunken, das hübsche groß- äugige Mädchen aber hatte sich zwischen dem Arm und der Brust seines Vaters aufgesetzt und spielte, ohne ihn zu wecken, bald mit den Perlen, die er um den sehnigen Hals trug, bald mit den dikken Flechten seines glänzend schwarzen Haares. Die Mutter winkte und drohte der Kleinen, doch vergebens, sie wollte ihren Vater nicht verlassen und verkroch sich an dessen Seite, wenn die Mutter Miene machte, sie von ihm wegzunehmen. Endlich hatte sie doch den Vater geweckt und dieser drückte sie mit seliger Freude an sein Herz, während das Kind seine Aermchen um des Häuptlings Nakken schlang. »Hida, mit Vater zum Baden gehen?« sagte derselbe, nahm seine Büchse zwischen den Häuten hervor, auf denen er geruht hatte und ging mit dem jauchzenden Mädchen nach dem nahen Flusse, während seine drei andern Kinder ihm jubelnd voransprangen. Er stürzte sich, mit der Kleinen im Arm, in die klare, ruhige Fluth der Bucht, die hier der Fluß beschrieb, die andern Kinder folgten ihm, und spielend und sie überwachend, ließ er sie um sich herumschwimmen, während Hida sich auf seinen Nacken gesetzt hatte und sich an seinem Haar festhielt. Das Frühstück war bereitet, als sie zu dem Lager zurückkehrten; jetzt nahm die Mutter die kleine Hida auf den Arm, strich ihr nasses langes Haar zurück und setzte sich neben Tallihadjo bei dem Feuer nieder, um das einfache Mahl, welches aus geröstetem Hirschfleisch und noch nicht völlig reifem, in Wasser abgekochtem Mais bestand, zu verzehren. Vor den, in nicht großer Entfernung stehenden Hütten der andern Familien von Tallihadjo’s Stamm rüsteten sich die Männer und Jünglinge zur Jagd, theils zu Pferde, theils zu Fuß, theils mit Büchsen, theils mit Bogen und Pfeilen bewaffnet. Eine gro- ße Zahl Hunde umschwärmte sie in lustigen Sprüngen und bald zogen die Jäger dem Flusse zu, den sie auf einer seichten Furt 56 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 durchschritten und verschwanden auf dem jenseitigen Ufer im hohen Walde. Mehrere der Neger waren mit den Jägern gegangen, andere hatten sich mit Angeln nach dem Fluß begeben, um das Mittagsmahl des Häuptlings mit Fischen zu versorgen, und wieder andere fällten in der Nähe einen Baum zu Feuerholz, während Tallihadjo in dem Eingange seiner Hütte saß und den Hahn an seiner Büchse mit einem neuen Feuerstein versah. Plötzlich vernahm er die Tritte eines Pferdes auf dem Fußpfad, der von der Landstraße, an welcher das neue Städtchen der Weißen, Tallahassee, lag, herführte und bald darauf gewahrte er einen Reiter auf einem Schimmel, der sich seiner Hütte nahete. Der Häuptling ging ihm entgegen, um zu hören, was sein Begehren wäre, denn der Weg war hier zu Ende und in dieser Richtung befand sich keine Niederlassung eines Weißen. Der Fremde, der Mac Dower hieß, ein kleiner, wüst aussehender junger Mann, mit wildem ungeordnetem schwarzem Haar, auf dem ein alter verdrückter runder Hut saß, mit einer Jacke und einem Beinkleid von gestreiftem grobem Baumwollenzeug angethan, war von dem Pferde gestiegen und hielt dem Häuptling die Hand mit einem vertraulichen: »Wie geht’s?« entgegen. »Was wünschest Du von Tallihadjo zu bekommen?« fragte dieser den Fremden, indem er ihm mit augenscheinlichem Widerwillen die Hand reichte. »Ich komme, um mit Dir zu handeln,« sagte Jener und klopfte dem Häuptling auf die Schulter. »Ich bringe Dir herrliche Sachen und will sie Dir zu sehr billigen Preisen lassen.« »Ich habe Deine Sachen nicht nöthig und will sie nicht haben,« erwiederte Tallihadjo. »Das Ansehen kostet Dir nichts,« sagte der Fremde in ungestörter Laune, nahm die schwere vollgepackte Satteltasche von seinem Pferd, befestigte dessen Zügel an einen Baum und schritt zu der Hütte hin, wo er sich in den Eingang niederließ und sein Gepäck öffnete. Im Augenblick hatte er dasselbe vor sich ausgeschüttet und eine Menge kleiner Packete geöffnet, aus denen Spiegel, Perlen, Kästchen mit Nähnadeln, Feuerstahle, Messer und zahlreiche andere Gegenstände hervorblitzten, die sehr geeignet waren, den 5 10 15 20 25 30 35 57ERstER BaNd • dRittEs KapitEl Wünschen eines Indianers zu entsprechen. Er legte sie auf der Erde zur Schau aus und rühmte jedes einzelne Stück, wenn er es vor den Blicken des Häuptlings entfaltete. »Ich will Deine Sachen nicht haben, packe sie wieder ein. Bist Du hungrig, oder durstig, so sollen meine Frauen Dir Speise und Trank geben!« sagte Tallihadjo, indem er sich gleichfalls niederließ und seine Arbeit an der Büchse wieder begann. Der Fremde aber ließ durch die abschlägige Antwort sich nicht entmuthigen, sondern fuhr fort, seine Waaren zu preisen und sie in den Sonnenstrahlen blitzen zu lassen. »Der Glanz Deiner Sachen reizt mich nicht, er macht meine Augen nicht blind. Hätten meine Brüder so wie ich gewußt, daß diese Dinge die Lockspeisen wären, womit Ihr Bleichgesichter die rothen Kinder in Armuth und Knechtschaft bringen würdet, so hätten sie ihre Heerden behalten und Ihr Weißen rittet nicht ihre besten Pferde,« sagte der Häuptling und warf einen lebendigen Blick auf den edlen Schimmel, der ungeduldig seinen glänzenden Hals schüttelte und den Schweif gegen seine Flanken schlug, um die Fliegen zu verscheuchen. »Wenn Du meine Waaren nicht kaufen willst, so laß uns auf mein Pferd handeln, auf einem solchen Thier hat doch noch nie ein Indianer geritten,« sagte der Fremde, indem er eine Tafel gepreßten Kautaback aus der Tasche hervorzog und ein Stück davon abbiß. »Dein Pferd?« sagte der Indianer überrascht, und heftete seine Blicke mit größerem Interesse auf das schöne Thier. »Ja, mein Pferd,« antwortete der Fremde, »zum Verkaufen habe ich es selbst gekauft, und namentlich jetzt möchte ich es gern gegen ein anderes Reitpferd vertauschen, da ich es mit meinem schweren Gepäck auf dem Rücken wund gedrückt habe. Ich reite von hier durch Georgien und Alabama und fürchte, daß das Pferd in diesem Zustande die Reise nicht aushalten wird.« »Ist es denn stark gedrückt?« fragte der Häuptling, indem er seine Büchse an den Eingang der Hütte stellte und nach dem Pferde schritt. »Nicht sehr,« antwortete der Fremde, löste die Gurten des Sattels, zog diesen von dem Rücken des Thieres und warf ihn in das 58 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Gras, »die Hitze ist aber groß und noch e i n langer Ritt mit diesem Gepäck kann den Schaden sehr bös machen.« Der Häuptling lächelte, als er die unbedeutende Wunde sah und seine Finger um dieselbe gleiten ließ. »Ein Bleichgesicht lernt nie reiten, ein Seminole reitet dies Pferd mit demselben Gewichte hundert Meilen weiter, ohne abzusteigen und die Wunde wird geheilt sein.« »Mag sein,« versetzte der Händler, »ich aber kann es nicht und würde das Pferd verlieren. Hast Du ein anderes, oder ein Maulthier, das Du mir verhandeln willst?« »Tallihadjo’s Pferde sind die besten im Lande, er wird Dir kein schlechtes für das Deinige geben,« erwiederte dieser und ging zu einer seiner Frauen, die eine frisch gegerbte Hirschhaut über einem, in die Erde geschlagenen Brett hin- und herzog, um sie weich und geschmeidig zu machen. Er sprach einige Worte zu ihr, worauf dieselbe einen langen Lederstrick von der Seite der Hütte nahm und damit durch die nahen Büsche verschwand. Dann winkte er einer andern Frau und ließ das Pferd des Fremden durch sie im weiten Kreise um sich herführen, sie mußte es traben lassen und es dann auch im Galopp um ihn herum leiten. Darauf untersuchte Tallihadjo das Thier aufmerksam, befühlte seine Glieder, besah dessen Zähne und Augen und schien mit dem Ergebniß der Untersuchung zufrieden zu sein, als die fortgesandte Frau auf einem kräftigen, schönen braunen Pferde herangesprengt kam und, dasselbe an dem Lasso haltend, der um dessen Hals gebunden war, von ihm herabsprang. »Dies Pferd wird Dich und Dein Gepäck weiter tragen können, als Du es zu reiten vermagst,« sagte der Häuptling, auf das vorgeführte Roß zeigend. »Willst Du es gegen den Schimmel eintauschen?« »Was giebst Du mir darauf zu? mein Schimmel ist bedeutend mehr werth, als Dein Brauner.« »Nichts werde ich Dir zugeben. Ich tausche den Schimmel nicht zum Verkauf ein, ich will ihn selbst reiten, und zum eigenen Gebrauch ist Dir der Braune mehr werth, als dieser; es ist ein gleicher Tausch,« antwortete der Häuptling mit Bestimmtheit. »So wirst Du mir noch Etwas von meinen Waaren abkaufen; Deine Frauen und Deine Kinder sind in großer Freude über deren 5 10 15 20 25 30 35 59ERstER BaNd • dRittEs KapitEl Schönheit,« sagte der Händler und zeigte nach der Hütte hin, wo Satochee und die andern Frauen Tallihadjo’s mit den Kindern sich um seine Waaren niedergekniet hatten und dieselben mit Entzükken betrachteten. Der Häuptling aber rief Satochee beim Namen, gab ihr einen Wink und sofort entfernte sie sich mit den Kleinen und den andern Weibern von der Hütte. »Ich habe Dir schon gesagt, was ich von Deinen Waaren halte,« sagte er dann zu dem Fremden, »ein Indianer hat nur e i n e Zunge und spricht nur e i n m a l. Willst Du den Schimmel gegen den Braunen tauschen?« »Es sei darum,« erwiederte der Händler, »ich habe den Braunen nöthig; nimm den Schimmel dafür.« Mit diesen Worten hob er den Sattel vom Boden auf, legte ihn auf das erhandelte Pferd, warf demselben seinen Zaum über, und die Indianerin führte den Schimmel an dem Lasso hinweg. »Willst Du essen, oder willst Du Dich ruhen?« fragte Tallihadjo nun den Händler und zeigte auf eine Bärenhaut, die neben der Hütte in dem Schatten einer dichten Ulme lag. »Ich bin nicht müde, und da ich ein frisches Pferd habe, so will ich meine Reise gleich fortsetzen,« erwiederte Mac Dower, packte mit großer Eile seine Waaren wieder ein, hing die Reisetasche über seinen Sattel und wünschte, indem er sein Pferd bestieg, dem Indianer wohl zu leben. Bald darauf war er auf demselben Wege wieder verschwunden, auf dem er gekommen war. Tallihadjo hatte schnell die unterbrochene Arbeit an der Büchse beendigt, legte dieselbe über die Schulter und ging am Flusse hinunter nach der Weide, um sich an dem Anblick des eingetauschten Rosses zu erfreuen, das jetzt zwischen seinen Pferden graste. Es war ein so ungewöhnlich schönes und edles Pferd, wie es in diesem Lande noch nicht viele gab; mit Stolz und Freude ließ der Indianer seine Blicke auf ihm ruhen, und wünschte sich Glück dazu, einen so unverhofften werthvollen Gewinn gemacht zu haben. Abends, als die Männer von der Jagd zurückkehrten, ging der Häuptling mit ihnen hinaus nach der Weide, um ihnen das schöne Thier zu zeigen und bei dem Feuer, um welches sie nach dem Abendessen lagerten, war von weiter nichts die Rede, als von dem herrlichen Schimmel. 60 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Am darauf folgenden Abende, als die Sonne sich neigte und der Häuptling mit der kleinen Hida auf dem Arme vor der Hütte saß, kehrte Tomorho mit der Botschaft zurück, daß Ralph bei dem alten Arnold wohne und beschlossen habe, in Kurzem auf sein Eigenthum zu ziehen, um dort Mais und Baumwolle zu bauen. Diese Nachricht erfüllte Tallihadjo mit inniger Freude. »Mag der große Geist ihn in diesem Vorsatz bestärken und die falschen Zungen der Bleichgesichter von ihm fern halten,« sagte er mit warmer Theilnahme, »mag das Indianerblut, das in seinen Adern fließt, sein Herz rein und stark machen, dann wird er uns den Verlust seines braven Vaters ersetzen, er wird unserer Freundschaft würdig sein und sein Leben wird froh und heiter werden, wie der schäumende Strom der Gebirge, wenn er das Thal erreicht und zwischen den lieblich duftenden, bunten Blumen der Prairien ruhig hinfließt.« In der That schwanden Ralph jetzt auch in einer ihm ganz ungewohnten, ruhigen und zufriedenen Weise die Tage, die er in Gesellschaft des biedern alten Paares, oder mit dessen Sohn Frank hinbrachte; er ging mit ihnen in die Felder und half ihnen bei ihrer Arbeit, er ritt mit ihnen nach deren Heerden, sowie nach den seinigen, sie jagten und fischten zusammen, und wenn der Abend kam, erholten sie sich unter der kühlen Veranda bei einer Pfeife Taback und einem Glase Honigbier, welches der alte Arnold besonders gut und schmackhaft zu bereiten und stets mit Scherzen und Erzählungen komischer Begebenheiten aus vergangenen Zeiten zu würzen verstand. Eines Abends saßen sie auch traulich zusammen vor dem Hause und erquickten sich an der bewegten Luft, die frisch und labend über den Hügel strich, als die Unterhaltung auf die Werthpapiere kam, die Ralph von seinem Vater geerbt hatte und von denen mehrere Schuldscheine sich in diesen Tagen der Verfallzeit naheten. »Sie werden wohl selbst nach dem Settlement reiten müssen, um die beiden Noten des Kaufmanns Behrend einzucassiren; der Mann ist gut und redlich und wird Ihnen das Geld geben. Es sind zusammen ungefähr dreizehnhundert Dollars, wenn ich nicht irre?« bemerkte der alte Arnold. 5 10 15 20 25 30 35 61ERstER BaNd • dRittEs KapitEl »Das ist der Betrag, und dieser Tage will ich hinreiten,« antwortete Ralph. »Dann können Sie für mich auch wohl Mehl und Kaffee dort einkaufen?« sagte Madame Arnold, »und noch eine Menge anderer Kleinigkeiten, das heißt, wenn ich Sie damit belästigen darf?« »Mit tausend Freuden werde ich Alles pünktlich besorgen, geben Sie mir nur recht viele Aufträge und stellen Sie mich auf die Probe, ob ich ein guter Geschäftsmann bin,« erwiederte Ralph. »Und gehen Sie den Taugenichtsen aus dem Wege, deren sich dort stets so viele herumtreiben und die nur auf eine Gelegenheit warten, ihre Mitmenschen zu betrügen und zu bestehlen, um dadurch ihr schändliches, ruchloses Leben ohne zu arbeiten fortsetzen zu können,« bemerkte der alte Arnold. »Wer so theueres Lehrgeld bezahlt hat, wie ich, der ist nicht leicht zu hintergehen. Seien Sie ohne Besorgniß,« antwortete Ralph und gab der Unterhaltung eine andere Wendung, da die Erinnerung an die Zeit, in der er selbst zu dieser Menschenklasse gezählt wurde, ihm drückend war. Der Morgen erschien, an welchem Ralph den Ritt nach dem Settlement beschlossen hatte. Dasselbe war die Grundlage zu einer neuen Stadt, es befand sich dort das Gerichtshaus der County, in dessen Nähe standen einige Trinkhäuser, ein Wirthshaus, mehrere Kaufläden, einige Geschäftslocale von Advocaten und ein solches von einem Arzte. Auch war eine Schmiede dort, neben welcher unter dichten schattigen Eichen die Wohnung des Schmieds stand, in der zugleich ein Schneider und ein Schuhmacher ihre Handwerke betrieben. Nur um das Gerichtsgebäude war eine breite Straße, oder vielmehr ein Platz, von Buschwerk und Gestein befreit, die andern Häuser waren nur, wie es der Zufall, oder der Geschmack der Eigenthümer gefügt hatte, aufgestellt; hier sah eins kaum mit dem Schindeldache aus dem Walde hervor, dort ein anderes aus einem Maisfeld, wieder eins erhob sich über mächtigem Gestein, aus dem zwischen hohen Wasserpflanzen ein starker Quell hervorsprudelte. Straßen, die an eine Stadt erinnert hätten, gab es noch nicht, denn die Wege waren hin und her von einem Hause zum andern gebahnt und kreuzten sich nach allen Richtungen hin, während zwischen 62 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ihnen Buschwerk, Kräuter und Gräser standen, wie sie den Waldboden bedeckt hatten und ganze Flächen innerhalb des Raumes, wo die Stadt entstehen sollte, noch den ursprünglichen Urwald trugen. Es weideten allenthalben Kühe, Pferde und Maulthiere, und Schweine wühlten den Boden auf. Dies Settlement war ungefähr sechs Meilen in nördlicher Richtung von Arnold’s Niederlassung entfernt, wenigstens war man übereingekommen, die Entfernung so anzunehmen, wonach denn sowohl der Doktor seine Ritte berechnete, wenn er zu einem Kranken gerufen wurde, als auch die Advocaten und der Friedensrichter ihre Sporteln ansetzten, wenn sie zur Aufnahme eines gerichtlichen Aktes sich in diese Gegend begeben mußten. Da die Entfernung nach D...., wie man dieses Settlement genannt hatte, nur sechs Meilen gerechnet wurde, nahm Ralph ruhig zur gewohnten Zeit Theil an dem Frühstück, ehe er seinen Fuchs bestieg und, von Bob gefolgt, dessen Pferd ein Packthier am langen Lasso nachtrabte, das Haus Arnold’s verließ. Beim Abschied versprach er seiner freundlichen Wirthin nochmals, die Aufträge alle auf ’s Pünktlichste auszuführen und Abends bei guter Zeit mit dem Neger wieder zurückzukehren. 63 5 10 15 20 Capitel 4. Der Kaufladen. – Die Gauner. – Die Verabredung. – Die Bekanntschaft. – Das Wirthshaus. – Der Wirth. – Die Stecknadel. – Das Mittagsessen. – Das gelähmte Pferd. – Vereitelter Plan. R alph langte in D.... vor dem Wirthshaus an, als daselbst die Bewohner der neuen Stadt, die ihren Tisch hier hatten, ihr Frühstück beendigt und theils in geschäftiger Eile ihren Geschäftslocalen zurannten, theils vor demselben standen, oder auf Bänken saßen, rauchten, Taback kaueten, oder zur Unterhaltung mit dem Taschenmesser an einem Stück Holz schnitzten. Aller Augen waren auf Ralph gerichtet, den die Meisten für einen Fremden in dieser Gegend hielten, Einige aber auch erkannten und begrüßten. Er nahm die Satteltasche auf den Arm, trug Bob auf, gut für die Pferde zu sorgen und wandte seine Schritte dem großen Schilde zu, welches unweit des Gerichtsgebäudes über einem Blockhause in der Morgensonne glänzte und die meilenweit zu erkennenden ungeheuern Buchstaben zur Schau trug, mit denen der Name »John Behrend« darauf geschrieben stand. Während Ralph sich innerhalb dieses Hauses mit dem Manne, dessen Name draußen so groß paradirte, unterhielt, ihm die beiden Schuldscheine zu gefälliger Zahlung vorlegte und ihn die vielen Aufträge, die er für Madame Arnold ausführen sollte, niederschreiben ließ, saßen mehrere Männer in eifrigem Gespräch beisammen vor einem Trinkhaus, welches an dem andern Ende des Platzes, der das Gerichtsgebäude umgab, unter einer hohen Baumgruppe hervorsah. 64 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Ist das Ralph Norwood, der seinem Vater die Hälfte seiner Heerden und seine besten Pferde verspielt hat? Das hätte ich nimmermehr geglaubt, der sieht ja so ehrbar aus, als ob er nie eine Karte in der Hand gehabt hätte,« sagte Einer derselben, ein Mann von mittleren Jahren, hohem, doch schmächtigem Wuchs, bleicher verlebter Gesichtsfarbe und schwarzen, unordentlich unter dem alten zerdrückten Hut hervorhängenden Haaren. Sein abgetragener schwarzer Frack, an dessen Ellbogen das Hemd durchschaute, sowie der Hut zeigten durch ihre Form, daß sie beide ihren Ursprung einer der großen Städte Amerika’s verdankten, während sein übriger Anzug unbestritten der Grenze der Civilisation angehörte, wo die Mode der Laune und dem Geschmack eines jeden Einzelnen überlassen bleibt. Die Weste mochte ihm wohl schon lange untreu geworden sein, denn er hatte keine an, und die seidene Halsbinde schien das nächste Stück seiner Garderobe aus früheren glänzenderen Tagen werden zu wollen, welches Abschied von ihm nehmen würde. Dagegen hatte sich ein Zierrath des Frontierlebens zu ihm gesellt, welcher mächtig und drohend aus dem Gürtel seines groben baumwollenen Beinkleides hervorsah: ein Schlachtmesser von ungewöhnlicher Größe, dessen Griff schwer mit Silber beschlagen war. Soublett war der Name dieses Mannes, der mit einer Art von Respect und von Vielen mit einer gewissen Scheu, ja mit Furcht genannt wurde. Wie bei dem Namen eines jeden Gegenstandes unwillkürlich ein Gefühl, eine Empfindung angesprochen wird, so erregte dieser Name bei Allen, die mit dessen Eigenthümer bekannt waren, den Gedanken an eine pfeifende Kugel, eine blitzende Messerklinge oder eine auflodernde Flamme auf dem Dache ihrer Wohnungen. »Ja wohl, das ist der wirkliche Ralph, und zwar ein Kater, den man nicht ohne Handschuhe anfassen darf, wenn man seine Haut lieb hat. Ich habe ihn oft in Columbus gesehen,« sagte ein Anderer. »Jetzt braucht er seinem Alten die Ochsen und Pferde nicht mehr zu stehlen, denn der ist vor Kurzem gestorben und der junge Herr ist Besitzer dessen Vermögens geworden. Der Alte soll viel Eigenthum hinterlassen haben, obgleich er kaum seinen Namen schreiben konnte. Er war der erste Ansiedler in diesem Lande, 5 10 15 20 25 30 35 65ERstER BaNd • ViERtEs KapitEl selbst ein Kerl wie ein Indianer; der Ralph soll auch eine Rothhaut zur Mutter gehabt haben,« bemerkte ein Dritter. »Er ist zu dem alten Fuchs, dem Behrend, gegangen. Was mag er wohl mit dem zu thun haben? Denkt er vielleicht eine Anleihe bei ihm zu machen, dann wendet er sich an den unrechten Mann; denn eher preßt man Blut aus seines alten Weibes großer Familienbibel, als aus ihm einen Dollar,« nahm Soublett wieder das Wort. »Nein,« fiel ein Anderer ein, »der braucht wahrhaftig kein Anlehen zu machen, die ganze Umgegend schuldet ja dem alten Norwood und Ralph ist nicht der Mann, der ihm die Noten dafür mit ins Grab geben würde. Ich glaube eher, daß der Behrend ihm schuldig ist, denn der alte Norwood ließ denselben stets die vielen kleinen Ausstände einziehen, und dann das Geld zinslos bei ihm stehen, weil er es da sicher wußte; Behrend hat manchmal über tausend Dollar von dem Alten in Händen gehabt.« Diese letzten Worte schienen Soubletts Aufmerksamkeit rege zu machen. »Hört, Garrett,« sagte er zu einem auffallend schönen blonden jungen Mann, der gegen die Uebrigen durch sein elegantes Wesen, sowie durch seine Toilette abstach und, nach dieser zu urtheilen, erst kürzlich aus einer großen Stadt hierher gekommen sein mußte. Soublett zog ihn zu sich auf die Seite. »Geht hinüber zu Behrend, als kämet Ihr zufällig zu ihm hin, um Euch dies oder jenes zu kaufen und sucht auszufinden, ob der Herr Ralph vielleicht Geld von ihm bekommt, so daß es der Mühe werth wäre, ihn anzuzapfen. Macht Bekanntschaft mit ihm und ladet ihn zu einem Trunk hierher ein. Ihr könnt das besser thun, als ich, Ihr habt so Etwas in Eurem Wesen – nicht, daß ich etwa aussehen möchte, wie Ihr, verdammt, bildet Euch das nicht ein, ich habe auch einmal Manschetten getragen und würde es wohl noch thun, wenn ich mich nicht schämte, auszusehen, wie ein angezogener Affe; aber Ihr habt so Etwas, was man in New-York anständig nennt. Versucht einmal, was Ihr könnt; wenn es ans Rupfen geht, sollt Ihr auch eine Karte haben.« Garrett sah mit einem spöttischen Lächeln nach dem Sprecher hin, als sei er sich bewußt, daß er dessen Hülfe nicht bedürfe, um sich auf Rechnung seiner Mitmenschen einen Vortheil zu erringen und schritt, indem er sich die Hemdkragen zurecht zupfte, nach 66 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Behrend’s Laden. Er trat, mit der Cigarre im Munde und mit einem leichten Stöckchen auf dem Rücken spielend, in das sehr geräumige Blockhaus ein und sah sich an den Wänden zwischen dem Zaum- und Sattelzeug um, welches dort aufgehangen war, anscheinend, ohne den Eigenthümer des Ladens, oder Ralph zu beachten, der neben Jenem auf dem langen Ladentische saß, gerade in diesem Augenblicke eine große Menge Goldstücke von der Tafel zusammenraffte und sie in seine Tasche steckte. »Was kostet dieser Zaum, Herr Behrend?« wandte sich jetzt Garrett an den Kaufmann und hielt den Zügel nach ihm hin. »Vier Dollar, Herr Garrett; Ihnen will ich denselben dazu ablassen, ein Anderer müßte fünf Dollar dafür geben.« »Das ist ja erschrecklich theuer; den Zaum kaufe ich in Columbus für einen Dollar eben so gut,« sagte Ralph, indem er denselben Garrett aus der Hand nahm. »Ich meine auch, daß es zu theuer ist,« sagte dieser zu Ralph; »um Vergebung, sind Sie in Columbus bekannt? Ich bin auf dem Wege dorthin und möchte wohl wissen, welches das anständigste Gasthaus dort ist.« »Unbedingt das Adlerhotel; dort werden Sie sich sehr wohl fühlen,« antwortete Ralph höflich. »Vielleicht sind Sie auf demselben Wege, es würde mir angenehm sein, Ihre Gesellschaft während der Reise zu haben.« »Das ist nicht der Fall, ich halte mich seit einiger Zeit bei dem Herrn Arnold, sechs Meilen von hier, auf, wohin ich gegen Abend zurückreiten werde.« »Das ist mir leid. Nun ich habe noch das Vergnügen, Sie heute wiederzusehen, ich werde erst morgen abreisen,« sagte Garrett mit einer höflichen Verbeugung gegen Ralph und wandte sich dann abermals an den Kaufmann: »Ich gebe Ihnen zwei Dollar für den Zaum, Herr Behrend, können Sie ihn nicht dazu ablassen, so will ich warten, bis ich nach Columbus komme.« »Ich kann es unmöglich, bedenken Sie, daß wir hier an der Frontier wohnen und daß meine Unkosten sehr bedeutend sind.« Während dieser Zeit hatte Ralph sich der Thür genähert und schritt mit den Worten: »Ich komme nach Tisch wieder vor, Herr 5 10 15 20 25 30 35 67ERstER BaNd • ViERtEs KapitEl Behrend,« zu derselben hinaus, indem er dem Kaufmanne noch einen freundlichen Wink mit der Hand zuwarf. Auch Garrett hatte eine kurze Wendung dahin gemacht und gab im Hinausgehen dem Herrn Behrend eine gleiche Versicherung. »Wenn ich denn auf Ihre Gesellschaft während meines Rittes nach Columbus verzichten muß, so machen Sie mir wenigstens das Vergnügen und trinken Sie ein Glas Wein mit mir,« sagte er vor dem Hause zu Ralph. »Ja wohl, recht gern,« erwiederte dieser und schlug mit ihm den Weg nach dem Trinkhause ein. Vor der Thür desselben war es mittlerweile leer geworden, denn die Leute, die hier gesessen hatten, standen jetzt in dem Blockhause vor dem Schenktisch zusammengedrängt und bedienten sich selbst aus den ihnen hingestellten Karaffinen mit Cognac, Whisky und Genever. Garrett hatte mit seinem neuen Bekannten die offene Thür erreicht und blieb stehen, indem er den Hut abnahm und sich gegen denselben verneigte, um ihn zuerst eintreten zu lassen. »Sie sind noch nicht lange in diesem Lande,« sagte Ralph lächelnd, während er seinen Arm um Garretts Schulter legte und ihn in das Zimmer nöthigte, »Sie werden diese Höflichkeiten jedoch bald genug verlernen.« »Ja, und die Manchetten bald genug in den Urwäldern hängen lassen,« fiel Soublett ein, indem er sich gegen Ralph mit einem vornehmen Kopfnicken verbeugte, wobei er die Hände in den Taschen seiner Beinkleider hielt und die schadhaften Aermel seines Fracks, den er bis unter das Kinn zugeknöpft hatte, auf den Rücken drückte. Den Hut, den er selten zu einer andern Zeit von seinem Kopfe trennte, als während der Nacht, wenn er nämlich in einem Bette schlief, lag, wie verschämt, hinter der Thür auf dem Fußboden und die Beinkleider, deren Enden er sonst in die kurzen Stiefeln zu versenken pflegte, hingen jetzt über dieselben bis auf die Erde und ließen nur deren Spitzen, den einzigen noch unbeschädigten Theil derselben hervorblicken. »Herr Garrett ist noch frisch von New-York,« fuhr er zu Ralph gewandt fort, »was wir hier ›ganz grün‹ nennen; doch vergißt man in diesen Wäldern sehr bald die Thorheiten von Broadway; hier gilt nur der Mann.« 68 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Die Anwesenden waren zur Seite getreten, um den beiden Neuangekommenen Platz an dem Tisch zu machen und Garrett sagte höflich zu Ralph: »Was trinken Sie, Portwein oder Madeira? Den erstern kann ich empfehlen, denn ich habe ihn heute früh gekostet.« »Wenn er gut ist, so ziehe ich ihn vor,« antwortete Ralph, »man bekommt ihn in dieser Gegend nur selten rein.« Die Flasche mit Portwein und zwei Wassergläser wurden von dem Schenkwirth auf den Tisch gestellt und zugleich ein Kristallgefäß mit zerriebenem Zucker und Theelöffeln nebst einem Porzellankrug mit frischem Wasser hingeschoben. Ralph hatte sein Glas halb mit Portwein gefüllt, Zucker und Wasser hinzugefügt und, nachdem Garrett ein Gleiches gethan, verbeugte dieser sich mit den Worten: »Your good health, Sir!« gegen Erstern, worauf Beide ihre Gläser leerten. Dann warf Garrett dem Wirth das Geld dafür auf den Tisch, zog eine Cigarrendose aus der Brusttasche hervor und reichte sie seinem neuen Bekannten hin. »Sie wohnen schon längere Zeit in dieser Gegend,« sagte er zu ihm. »Ich bekenne es, daß ich mich hier noch etwas unbeholfen fühle, wie der Herr Soublett so eben bemerkte. Mich trieb der Reiz der Neuheit und des Abenteuerlichen hierher und dann auch der Glaube, der in New-York so allgemein verbreitet ist, daß man an der Grenze leichter zum reichen Manne werden könnte, als dort, wo Alles so übersetzt ist. Ich habe aber bereits ausgefunden, daß man auch hier arbeiten muß, um auf eine rechtliche Weise sein Brod zu verdienen; da ich aber weniger Geschick habe, die Axt und die Büchse zu führen, als die Feder, so will ich mich nach Columbus begeben und versuchen, ob ich dort nicht eine Stelle finden kann.« »Das wird Ihnen sicher nicht schwer werden,« bemerkte Ralph, »Leute von Ihrer Bildung und in dem Weltgeschäft von New-York erzogen, sind allenthalben willkommen. Ich würde Ihnen gern eine Empfehlung dahin geben,« setzte er etwas verlegen hinzu, »meine Bekanntschaft dort liegt aber weniger in dem Kreise der Geschäftsleute. Wenn Ihnen jedoch daran gelegen ist, so will ich Herrn Behrend für Sie darum ersuchen, er wird es mir gern zu Gefallen thun.« 5 10 15 20 25 30 35 69ERstER BaNd • ViERtEs KapitEl »Ich bitte, nein, Sie sollen sich meinethalben nicht bemühen; au- ßerdem bin ich schon an einige Häuser empfohlen und ziemlich sicher, durch sie meinen Zweck zu erreichen. Ich bin Ihnen sehr verbunden.« Ralph war, von den Andern gefolgt, wieder vor das Haus getreten, und da er bei Herrn Behrend nicht alle Aufträge für Madame Arnold hatte ausführen können, so wollte er es noch vor Tisch bei den andern Kaufleuten versuchen. Er wünschte den Anwesenden guten Morgen, reichte Garrett die Hand und wandte sich nach dem nächsten Kaufmannsladen, während Jener beim Abschied zu ihm sagte: »Auf Wiedersehen beim Mittagsessen.« »Die Empfehlung nach Columbus hat mir Spaß gemacht,« sagte Soublett lachend zu Garrett, nachdem Ralph sich entfernt hatte, »sahet Ihr nicht, wie er in Verlegenheit gerieth? Und doch, hätte er Euch gekannt, so würde er wohl keinen Anstand genommen haben, Euch an Eures und seines Gleichen zu recommandiren, an die Burschen, die ihm das viele Geld abgenommen haben. Ich denke, wenn Ihr ihm heute Abend einige von Euren Kartenkunststücken vorgemacht habt, giebt er Euch wohl doch noch einen Brief mit.« »Das heißt, wenn wir ihn zum Abend hier behalten. Er sagte mir, er würde schon früh wieder zurück zu einem Herrn Arnold reiten, bei dem er sich jetzt aufhält.« »Bei dem alten Betbruder dort unten am Bärbach? Da ist er gut aufgehoben, da kann er singen lernen. Doch vor allen Dingen: hat er Geld bei sich?« »Ich sah ihn bei Behrend einige Hände voll Gold in die Taschen stecken und vielleicht cassirt er noch mehr bei Giles ein, wohin er jetzt gegangen ist.« »So müssen wir ihn jedenfalls hier behalten,« fiel Soublett hastig ein, »unsere Taschen haben die Auszehrung und bis zum nächsten Gerichtstag, wo sich das Landvolk hier einfindet und wir auf einen kleinen Verdienst rechnen können, ist es noch lange hin. Ihr müßt ihm beim Essen zutrinken und nach Tisch schlagt ihm ein Spiel um eine Bouteille alten Madeira vor; hat er erst einmal die Karten in der Hand, so ist er unser.« 70 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Das Wirthshaus bestand, wie die meisten andern Gebäude des Ortes, in einem doppelten Blockhaus, zwischen dessen zwei Zimmern sich ein weiter offener Durchgang befand, den das gemeinschaftliche Dach gegen Regen und Sonnenschein schützte. Eine geräumige Veranda beschattete mit ihrem weit vorstehenden Schindeldach die vordere Seite des Gebäudes und bildete durch die Kürbißranken und großblätterigen Schlingpflanzen, welche ihre Pfeiler verbanden, eine dichte grüne Wand vor demselben. Der Eingang in ihrer Mitte mußte durch häufiges Abbrechen der Wucherpflanzen offen erhalten werden. Die hintere Seite des Hauses war gleichfalls mit einer Veranda versehen, die Zwischenräume von einem Pfeiler zum andern waren jedoch mit Brettern aus gespaltenem Cederholz geschlossen, so daß hier ein großer Saal in der ganzen Länge des Gebäudes gebildet wurde, der als Speisezimmer diente. Die eine Stube innerhalb des Blockhauses benutzte der Wirth als Aufenthaltsort für seine Familie, in der andern gegenüber aber waren acht Betten in zwei Reihen aufgestellt, in welchen sechszehn Fremde Raum zum Schlafen finden konnten. Bei zahlreicherem Besuche wurde der Speisesaal und im Nothfall auch die vordere Veranda benutzt, um Schlafstellen auf dem Fußboden herzurichten. Der Wirth hieß Dennis, oder, wie man ihn der Kürze wegen hier allgemein nannte, Denn. Er war ein sehr freundlicher, allezeit gefälliger Mann, den man nie anders, als mit heiterer, lächelnder Miene gesehen und nur in höflichen, verbindlichen Worten hatte reden hören. Er hatte viele Jahre in Philadelphia gelebt und dort gleichfalls ein Gasthaus gehalten. Die Ursache seiner Auswanderung hierher an die Grenze der Civilisation hatte nie ganz klar festgestellt werden können, sicher wußte man aber, daß er mit seiner Familie sehr plötzlich in einer Nacht von Philadelphia verschwunden war, Haus und Wirthschaft im Stich gelassen und sich bald darauf hier angesiedelt hatte, ohne daß man während mehrerer Jahre wußte, wo er früher gelebt hatte. Durch Reisende, die von dem schönen Florida aus dem Norden hergelockt, hier durchgekommen, war die frühere Heimath des Herrn Dennis bekannt geworden und zugleich hatten sich vielerlei Gerüchte über die Ursache seines schnellen Abschieds von Philadelphia verbreitet, bei dem 5 10 15 20 25 30 35 71ERstER BaNd • ViERtEs KapitEl er selbst seinen genauern Bekannten nicht Lebewohl gesagt hatte. Man sprach davon, daß häufig seinen Gästen Brieftaschen und Werthpapiere in seinem Hause abhanden gekommen seien, daß viele Personen von zweideutigem Charakter bei ihm eingekehrt und namentlich, daß ein Reisender, der viel Geld bei sich gehabt, in seinem Hause sehr plötzlich gestorben sei, ohne so viel zu hinterlassen, daß sein Begräbniß davon hätte bestritten werden können. Wie dem nun auch gewesen sein mochte, Dennis war hier nur wegen seiner Höflichkeit und Gefälligkeit bekannt, und wenngleich es schon wiederholt auch hier vorgekommen war, daß Fremde in seinem Hause ihre Brieftaschen verloren hatten und Pferde in dem Stalle des Herrn Dennis lahm geworden und wegen Untauglichkeit zur Weiterreise hatten für eine Kleinigkeit verkauft werden müssen, so traf ihn dieserhalb doch kein Vorwurf, indem ein Verdacht gegen ihn bis jetzt noch nicht hatte begründet werden können. Au- ßerdem war Madame Dennis eine sehr gute Wirthin, behandelte ihre Gäste mit großer Aufmerksamkeit, sorgte für eine reichlich und gut besetzte Tafel und versäumte niemals, sich in der Kirche zum Gottesdienst einzufinden, ihren Schwestern und Brüdern in Christo (sie war Methodistin) bei jeder Gelegenheit durch lautes Klatschen, Stöhnen und Rufen mit einem guten Beispiele voranzugehen, und dadurch deren religiöse Aufregung zu steigern und anzufeuern. Während Ralph sich zu dem Kaufmann Giles begab, gingen die Männer, die er soeben verlassen, nach verschiedenen Richtungen auseinander, nur Garrett und Soublett verfügten sich zusammen nach dem Wirthshause und setzten sich unter die Veranda hinter deren dichtes Rankengeflecht auf einer Bank nieder. »Das Geld Norwood’s müssen wir haben, so oder so,« sagte Soublett, indem er eine kleine Pfeife aus der Tasche hervorzog und sie mit Taback füllte, »unser Credit geht zu Ende; der Schenkwirth giebt uns nur noch aus Furcht Etwas zu trinken und Denn wird immer höflicher; er will uns los sein.« »Meine Person wird ihm nicht sehr lange mehr lästig fallen; ich bin das Leben hier herzlich müde. Von Geschäften ist keine Rede, die Kerls sind sämmtlich scharf, wie die Rasirmesser, sie drehen eine Banknote fünfzigmal in den Fingern herum, um zu sehen, ob 72 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 sie falsch ist und bei einem Goldstück haben sie gleich den Probierstein bei der Hand. Es ist ein Lumpennest, ein Talent muß hier zu Grunde gehen,« erwiederte Garrett, stellte seinen Hut neben sich auf den Fußboden und ordnete seine reichen glänzenden Locken. »Auch ich habe es satt hier, ein gehetzter Wolf aber muß froh sein, wenn die Hunde seine Fährte verloren haben und darf über ein ödes Revier nicht klagen, wenn es ihn vor seinen Verfolgern verbirgt. Den Ralph hat uns das Glück zugesandt, wir müssen den Augenblick benutzen. Wie wäre es, wenn wir seinem Gaul eine Stecknadel in die Köthe stächen, so daß er auf drei Beinen stände? dann müßte der junge Herr die Nacht hier bleiben,« sagte Soublett, indem er den Ellbogen auf das Knie stützte und sein Kinn auf die Hand senkte. »Ralph möchte es ausfinden; dann wäre das Spiel verdorben. Laßt mich ganz allein mit ihm fertig werden, er traut mir. In Euch erkennt er den Vogel an den Federn.« »Theilt Ihr den Gewinnst mit mir?« fragte Soublett, und sah mit einem mißtrauischen Seitenblick zu Garrett auf. »Ich bin’s zufrieden. Wenn es aber mit dem Spiel nicht glücken sollte?« »So gieße ich ihm etwas Opium in den Wein und bringe ihn, wenn er einschläft, zu Bette. Erwacht er dann morgen ohne Geld, so fällt der Verdacht auf Denn; es ist ja bekannt, daß die Luft hier im Hause an den Taschen zehrt.« In diesem Augenblicke trat der Wirth aus dem Hause hervor und verneigte sich höflich gegen Garrett und Soublett, welcher Letzterer ihn jedoch keines Blickes würdigte, sondern auf die Erde vor sich sah und starke Rauchwolken ausblies. »Wird wohl der junge Herr Norwood hier zu Mittag speisen?« fragte Dennis, indem er sich an Garretts Seite auf die Bank niederließ, »ich sah Sie mit ihm aus dem Laden des Herrn Behrend kommen.« »Er wird zum Essen hier sein; geben Sie mir einen Platz neben ihm, ich habe bei Behrend seine Bekanntschaft gemacht,« erwiederte Garrett. »Er muß wohl Geschäfte hier haben, denn früher, wenn er seinen Vater besuchte, hielt er sich nie auf seiner Durchreise hier auf. 5 10 15 20 25 30 35 73ERstER BaNd • ViERtEs KapitEl Der alte Herr ist gestorben und soll einiges Vermögen hinterlassen haben. Jetzt wird der junge Mann wohl bei dem Herrn Behrend ein Anlehn machen wollen; er war immer ein lockerer Vogel,« sagte Dennis mit einem fragenden Ton und blickte Garrett dabei an, als ob er von ihm eine Auskunft darüber erwarte. »Wahrscheinlich will er den alten Wucherer dort drüben anzapfen, um die Abreise seines geliebten Vaters feiern zu können, denn baares Geld wird ihm derselbe nicht hinterlassen haben,« fiel Soublett schnell ein, um einer Antwort Garrett’s vorzubeugen. »Behrend hat ihm aber die kleine Gefälligkeit von fünfhundert Dollar, um welche er ihn gebeten hat, abgeschlagen. Ich hörte es in dem Augenblick, als ich in den Laden trat,« sagte Garrett mit einer so glaubwürdigen Miene, daß wohl auch der Mißtrauischste ihm geglaubt haben würde. Dennis jedoch glaubte ihm nicht; es war ihm nicht entgangen, daß Soublett durch rasches Einreden seinen Kameraden hatte abhalten wollen, die Auskunft über Ralph zu geben, die der Wirth zu haben wünschte. »So,« sagte dieser mit einem gleichgültigen Tone, »gerade, wie ich es mir gedacht habe; der Alte geht nicht bei Tag ins Feuer. – Die Herren reiten ja aber gar nicht mehr auf die Jagd; ein Hirsch, oder einige wilde Truthähne würden mir gerade jetzt recht willkommen sein. Wollen Sie nicht vielleicht nach Tisch einmal wieder Ihr Glück versuchen? es geht mir mit Fleisch recht knapp. Ich höre, an dem Ulmenbach soll unglaublich viel Wild sein. Wir können es auf unsere Rechnung abschreiben, oder, wenn Sie es wünschen, will ich es Ihnen auch baar bezahlen. Es liegt mir daran, noch heute etwas frisches Fleisch zu bekommen.« »Ich bin heute nicht aufgelegt, auf die Jagd zu gehen, vielleicht fange ich heute Abend ein paar Fische,« antwortete Soublett, ohne den Wirth anzusehen. »Sie wissen, Herr Dennis, daß Sie auf mein Jagen keine Rechnung machen dürfen, meine Kugeln finden immer zu vielen Platz neben dem Wild. Der irische John, der Jäger, ist aber in der Stadt; ich will ihn aufsuchen und ihm Auftrag für Sie geben, einen Hirsch anzuschaffen; er ist seiner Sache ziemlich gewiß,« sagte Garrett. »Ach nein, ich will Ihnen die Mühe nicht machen; wenn er in der Stadt ist, so wird er jedenfalls bei mir vorsprechen,« erwiederte der 74 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Wirth, indem er aufstand, und fügte beim Weggehen noch hinzu: »Vielleicht ist er schon bei meiner Frau gewesen und hat von ihr den Auftrag erhalten.« »Der Gauner hat auch schon Wind von Ralphs Geld, er wünscht uns aus dem Wege, damit er selbst seine dürren Finger darnach ausstrecken kann. Wird aber Nichts daraus, Herr Dennis, es soll ohne Dich besorgt werden,« sagte Soublett, nachdem der Wirth sich entfernt hatte, und beredete sich dann mit Garrett weiter, auf welche Weise sie Ralph zum Spiele verleiten wollten. Dieser hatte nach beendigtem Geschäfte auf einem der vielen Fußwege, die sich zwischen Häusern, Gärten, Feldern und Wald- überresten hin- und herzogen, den Hofraum hinter dem Wirthshause erreicht, wo er den Neger Bob, in dem Eingange des Stalles sitzend, antraf. Er befahl ihm, zu den beiden Kaufleuten zu gehen, die gekauften Gegenstände herbeizuschaffen und dieselben zur Verpackung auf dem Maulthier vorzurichten, damit er dasselbe und die Pferde gleich nach dem Mittagsessen zur Abreise bereit halten könne. Darauf begab er sich unter die Veranda vor dem Hause, wo sich zu Soublett und Garrett noch mehrere Personen aus dem Städtchen, die ihre Mahlzeiten hier hielten, eingefunden hatten. Kaum war Ralph aus dem Hofraume verschwunden, als der Wirth aus dem Speisesaale hervor nach dem Stalle eilte und zu dem Reitpferd von Jenem hintrat. Schmeichelnd klopfte er den Hals des Thieres, seine Flanke, und strich vorsichtig an dessen Hinterbein bis zu dem Fuße hinunter, hob denselben auf, warf noch einen spähenden Blick durch die Stallthür und drückte dann schnell eine sehr kleine Stecknadel, die er vom Rocke nahm, bis an den Knopf in die Köthe des Thieres, worauf er rasch zur Seite sprang und gewandt dem Schlag entging, den dieses in seinem Schmerz nach ihm führte. Das Pferd zuckte nun heftig mit dem Bein und versuchte wiederholt, darauf zu treten, dann blieb es auf drei Füßen stehen und ließ den kranken unbeweglich mit der Spitze des Hufes auf die Erde hängen. Der Wirth sah lächelnd und mit einem zufriedenen Kopfnicken auf das arme Thier und schlich schnell wieder in das Haus zurück. Bald darauf trat ein Negermädchen mit einer gro- ßen Metallglocke vor die Veranda und zeigte durch den hellen Ton 5 10 15 20 25 30 35 75ERstER BaNd • ViERtEs KapitEl derselben den Stammgästen des Ortes an, daß das Mittagsessen aufgetragen sei. Der Speisesaal füllte sich schnell und Ralph nahm neben Garrett seinen Platz am Tische. Letzterer erbat sich zuerst das Vergnügen, mit Ralph ein Glas Madeira zu trinken, und schenkte ihm fleißig ein, worauf dieser gleichfalls eine Bouteille von demselben Wein kommen ließ, um die Artigkeit zu erwiedern. Der Wein war gut, und Ralph, der lange keinen gekostet hatte, sprach ihm flei- ßig zu. Die Unterhaltung wurde immer lebendiger, es wurden Toaste ausgebracht, Garrett erzählte erheiternde Anekdoten und schallendes Gelächter und wilde Hurrahs folgten hinterdrein. Auch Ralph gab spaßhafte Geschichten zum Besten, die dann mit stürmischem Applaus und einem Trunk gekrönt wurden, und so steigerte sich die fröhliche Laune bis zu dem Ende der Mahlzeit. Die Stammgäste verließen nach und nach die Tafel, um ihren Geschäften nachzugehen, nur Ralph, Garrett und Soublett blieben sitzen, da ihre Zeit nicht so gemessen war. Garrett rühmte nun einen alten Madeirawein, den der Kaufmann Behrend auf dem Lager habe und schlug Ralph vor, einige Bouteillen davon holen zu lassen und darum zu spielen, wer von ihnen Beiden sie bezahlen sollte. Ralph aber wandte sich schnell zu dem Negerburschen, der bei Tisch aufwartete, und befahl ihm, zu Behrend hinüberzuspringen und den Wein auf seine alleinige Rechnung zu holen. Garrett protestirte heftig dagegen, selbst noch, als der Sclave mit dem Wein zurückkam und ihn auf den Tisch stellte; er sprang auf, eilte aus dem Zimmer und kehrte einige Augenblicke später mit einem Spiel Karten in der Hand zurück, die er mit den Worten auf den Tisch legte: »Nehmen Sie ab, Herr Norwood, und lassen Sie das Glück entscheiden, welcher von uns den Andern traktiren soll, denn ich habe es vorgeschlagen, den Wein kommen zu lassen und kann unmöglich zugeben, daß Sie ihn bezahlen.« »Wenn Sie dies durchaus nicht wollen, so ist es das Einfachste, wenn ein Jeder von uns die Hälfte zahlt, dagegen werden Sie Nichts einzuwenden haben,« sagte Ralph und fügte, indem er die Karten von sich schob, noch hinzu: »Ich werde keine Karte zum Spiel anrühren.« 76 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Ich meine, der Wein schmeckte besser, wenn man ihn ausspielte,« erwiederte Garrett und warf Soublett einen verstohlenen Blick zu, »wenn es Ihnen jedoch kein Vergnügen macht, so nehme ich ebensogern Ihren Vorschlag an.« »Lassen Sie uns Beide um Ihren Antheil an der Zahlung spielen, damit ich ein Recht erhalte, mitzutrinken,« fiel Soublett, zu Garrett gewandt, ein und nahm die Karten auf. »Wenn es Herrn Norwood nicht langweilt, zuzusehen, so bin ich es zufrieden,« sagte Garrett. »Durchaus nicht, ich sehe recht gern zu, wenn es auch nicht lange der Fall sein kann, indem ich sehr bald aufbrechen will. Die Pferde habe ich nach Tisch bestellt,« erwiederte Ralph, als Bob verstört in das Zimmer trat und ihm ganz außer sich mittheilte: sein Fuchs stehe auf drei Beinen und sei so lahm, daß man ihn nicht in seinem Stand umwenden könne. »Lahm?« rief Ralph mit Heftigkeit, »Du bist wohl verrückt, Kerl, wie kann mein Pferd im Stalle lahm werden?« und hiermit sprang er auf und eilte aus dem Zimmer. Im Stalle aber überzeugte er sich gar bald, daß der Neger die Wahrheit gesagt hatte, denn das Thier stand mit herunterhangendem Kopfe da und hielt den linken Hinterfuß in die Höhe. »Was ist mit dem Pferd geschehen?« rief Ralph zornig und schritt zu demselben hin, um den Fuß zu untersuchen, dieses aber wandte ihm das Hintertheil zu und machte Miene, auszuschlagen. »Es ist hier ein Schurkenstreich begangen, der Blut kosten soll!« schrie Ralph wüthend, befahl dem Neger, den Fuchs beim Kopf zu halten, ging selbst an dessen Seite und hatte mit Blitzesschnelle den kranken Fuß erfaßt und über sein Knie gehoben. »Richtig, wie ich es mir dachte – da ist die Nadel!« rief er jetzt in höchster Wuth und zog die Stecknadel aus der Köthe des Pferdes. »Wer es auch sein mag, der dies Bubenstück begangen hat, finde ich ihn aus, so soll er oder ich sterben!« Bei diesen Worten trat er mit glühendem Gesicht und blitzenden Augen aus dem Stalle hervor und blickte in wilder Aufregung um sich, als suche er den Gegenstand seiner Rache, doch außer Garrett und Soublett, die sich ja nicht aus seiner Nähe entfernt hatten, seit er das gesunde Pferd verließ, war Niemand zugegen. 5 10 15 20 25 30 35 77ERstER BaNd • ViERtEs KapitEl »Wo ist der Wirth?« rief Ralph in seinem Verlangen, eine Person zu finden, an der er seinen Zorn auslassen könne und wandte sich dem Hause zu, als die Saalthür sich öffnete und Dennis ihm in anscheinend höchster Verwunderung entgegeneilte. »Was ist denn geschehen, ist es ein Unglück?« fragte derselbe mit erschrockener Miene. »Sie haben Banditen in Ihrem Hause, Herr Wirth, mein Pferd ist in Ihrem Stalle gelähmt worden und ich werde mich deßhalb an Sie halten, wenn Sie mir den Thäter nicht stellen können,« rief Ralph und hielt ihm die Faust entgegen. »Aber, liebster Herr Norwood, Sie erschrecken mich zu Tode – Banditen in meinem Hause? – Ich will Ihnen meine Neger übergeben, stellen Sie dieselben vor Gericht, und finden Sie sie schuldig, so mögen sie in Gottes Namen gehangen werden – mehr kann ich doch nicht thun – aber ich bürge für deren Unschuld, es sind ehrliche Menschen, unfähig, eine so abscheuliche That zu begehen. Ist es aber wohl nicht ein bloßer Zufall, daß sich das Pferd wehe gethan, vielleicht sich einen Splitter in das Bein gestoßen hat? Die Fliegen sind jetzt sehr bös,« flehte Dennis und rang die Hände, als sei er über den Vorfall in größter Verzweiflung. »Einen Splitter?« sagte Ralph mit vor Zorn bebenden Lippen und hielt dem Wirth die Nadel mit der geballten Faust dicht vor das Gesicht, »kennen Sie solche Splittern, Herr? könnte ich nur der Kanaille, dem Eigenthümer dieses Splitters, denselben zurückgeben und ihn in eins seiner verdammten Augen stoßen!« »Ich wünschte, ich könnte Ihnen den Abscheulichen nennen; es ist ja unerhört, einem armen Thier so Etwas zu Leide zu thun – und was kann den Menschen dazu bewogen haben?« sagte der Wirth, indem er einige Schritte zurücktrat und die Hände, wie im größten Erstaunen, zusammenschlug. »Das ist leicht einzusehen, man wollte ein gutes Pferd um einen geringen Preis kaufen; diese Späße muß man mit mir aber nicht machen – ich bin nicht von gestern – verdammt!« Hierbei stampfte Ralph mit dem Fuße heftig auf die Erde, wandte sich dann nach Bob um und rief ihm zu: »Lege meinen Sattel auf Deinen Gaul, ich will ihn reiten, Du kannst Dich zu dem Gepäck auf das Maulthier setzen und den 78 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Fuchs an die Hand nehmen. Mache schnell fertig, damit wir aus diesem verdammten Nest fortkommen.« Dann kehrte er sich wieder zu Dennis mit den Worten: »Was bin ich schuldig, Herr Wirth? Kommen Sie in das Haus, um Ihr Geld zu empfangen,« und schritt diesem voran in den Saal. »Der verfluchte Schurke bringt uns um den Gewinn, denn Niemand anders, als Denn, hat dem Gaul die Nadel in den Fuß gestochen, damit er Ralph während der Nacht hier behalten möchte, um ihm die Mühe zu ersparen, morgen sein Geld nach Hause zu tragen,« sagte Soublett zu Garrett, mit dem er in dem Hof zurückgeblieben war. »Sagte ich es Euch nicht, daß Ralph das Kunststück kenne? Ich wette, er hat es selbst schon practicirt. Der Streich aber kostet uns über tausend Dollar, denn so viel hat er wenigstens bei sich; ein theurer Spaß für uns – bei Gott!« erwiederte Garrett. »Verdammt unangenehm für Leute, die so wenig zu einem Spaß aufgelegt sind, wie wir Beide. Ich könnte diesem Dennis den Leib aufreißen – uns den Verdienst so ohne Weiteres vor dem Munde wegzuwischen, und das in einer Zeit, wo man wenig Aussicht zu Geschäften hat! Die Sonnenhitze ist vor der Thür und hält die Reisenden im Norden zurück, die wohl auf das Land der Indianer in Florida speculiren möchten; an den Herren hier im Ort und in der nahen Umgegend darf man nicht rupfen, denn der Iltis raubt nicht in der Nähe seiner Wohnung. Sollte ich jedoch eine Geschäftsreise auf nicht zu baldiges Wiederkehren unternehmen, so werde ich dem Herrn Behrend drüben doch einen nächtlichen Abschiedsbesuch machen, damit die Leute hier sehen, daß man Erziehung genossen hat,« sagte Soublett mit verbissenem Aerger und setzte nach einigen Augenblicken lachend noch hinzu: »Wollt Ihr nicht zu Eurem Freund Ralph gehen und ihm Euern Antheil an dem Wein zahlen?« ,,Allerdings werde ich es thun. Glaubt Ihr, ich würde ihn um ein Paar Dollar betrügen wollen? Ich werde den Wein allein bezahlen, da Ralph nichts davon genossen hat, doch soll mir der alte Behrend eine Rechnung dafür quittiren; so komme ich auf eine gute Art zu seiner Namensunterschrift, die ich später vielleicht mit Nutzen verwenden kann. Ihr wißt, ich habe einiges Talent im Copiren.« 5 10 15 20 25 30 35 79ERstER BaNd • ViERtEs KapitEl Hiermit schritt Garrett rasch in den Speisesaal, wo Ralph mit Dennis an dem Tische stand und diesem seine Schuld zahlte. »Die Rechnung für den Wein von Behrend werde ich berichtigen, Herr Norwood,« redete Garrett diesen mit einer freundlichen Verneigung an und fügte noch hinzu: »Wenn wir uns einmal wieder begegnen sollten, so werden wir a conto meta trinken.« »Keinenfalls, Herr Garrett, der Wein ist mir zur Last geschrieben und ich werde ihn sogleich beim Fortreiten bezahlen,« erwiederte Ralph ebenso höflich. »Wenn Sie dies thun, so würde ich es ernstlich übel nehmen und Ihrerseits den Wunsch darin erkennen, unsere Bekanntschaft, auf die ich großen Werth lege, abzubrechen. Erlauben Sie mir, daß ich den Wein bezahle; ich bitte Sie darum.« »Nun denn, wie Sie wollen, ich behalte mir für unsere nächste Zusammenkunft Revanche vor. Auch mir ist unsere Bekanntschaft werth und ich wünsche, sie von langer Dauer zu sehen.« Bei diesen Worten ergriff Ralph die Hand Garretts und empfahl sich ihm auf ’s Freundlichste. 80 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 5. Heimritt. – Der alte Bekannte. – Unangenehme Erinnerung. – Guter Vorsatz. – Das Geschenk. – Die Abgesandten. – Die Antwort. – Die Mahnung. – Die Warnung. – Der Ritt nach der Stadt. Während dieser Zeit hatte Bob die Pferde und das be-packte Maulthier vor das Wirthshaus geführt, Ralph trat, von Garrett begleitet, aus demselben hervor, warf seine Satteltasche auf das für ihn gesattelte Thier, der Neger bestieg, den Fuchs an der Hand, das Packthier und, nachdem sein Herr nochmals Garrett die Hand gedrückt hatte, ritten sie im Schritt fort, denn das gelähmte Roß schonte noch sehr den Fuß. Bald hatten sie das Städtchen verlassen und waren eine Zeit lang auf der nahen Straße dahin gezogen, Ralph im ärgerlichen Nachsinnen über den Frevel, der an seinem Pferde begangen war, und Bob ihm folgend in sorgsamer Leitung des Fuchses, damit er denselben auf den besten Pfaden führe, wo ihm keine Hindernisse, wie Wurzeln oder Steine, Gefahr brachten, mit dem kranken Fuß anzustoßen. Der Wald wurde jetzt lichter und mündete in eine kleine Prairie aus, in der sich der Weg mehr vertheilte, da hier die Reisenden ihrer Neigung folgen und sich nach Belieben mehr Rechts oder mehr Links wenden konnten und Ralph benutzte die Gelegenheit, um an die Seite seines Fuchses zu reiten und dessen Gang zu beobachten. »Zu welcher Zeit mag der Schuft wohl dem Pferd die Nadel in den Fuß gestochen haben? Du bist ja doch nicht aus dem Stalle weggekommen,« sagte Ralph zu dem Neger und trieb das Thier 5 10 15 20 25 30 35 81ERstER BaNd • FüNFtEs KapitEl mit der Peitsche an, um zu sehen, ob es auch bei größerer Kraftaufwendung noch lahme. »Es muß in der Zeit geschehen sein, Herr, als ich zu den Kaufleuten gegangen war, um die Sachen zu holen; die Neger des Herrn Dennis aber kenne ich, die haben es nicht gethan, es sind ehrliche Jungen,« erwiederte Bob und hielt den Fuchs fester am Zügel, da derselbe bei der Aufforderung durch seinen Herrn einige wilde Sprünge machte. »Ich glaube, es wird ihm nichts schaden; die Schlechtigkeit bleibt jedoch dieselbe, das Pferd hätte ebenso gut auf immer dadurch ruinirt werden können,« sagte Ralph und setzte, indem er die Hand über die Augen hielt und vor sich in die Ferne blickte, noch hinzu: »Wer kommt da geritten? Es ist ein einzelner Reiter, der eben den Wald verläßt; dort, wo die Staubwolke aufsteigt.« An dem äußersten Rande der Prairie verließ ein Reitersmann jetzt den Wald und brach aus dessen Schatten hervor in das offene grelle Sonnenlicht, welches heiß auf der Grasflur lag und hier und dort schon die Halme gedürrt hatte. Die Staubwolke, welche ihn umgab und ihn nur zeitweise dem Auge Ralphs sichtbar werden ließ, kam sehr rasch näher, und ihre Eile zeugte von der Güte des Pferdes, welches der Fremde ritt. Dieser sowohl, als Ralph näherten sich bald darauf einer einzelnen dichtbelaubten Ulme, die in der Mitte der gluthbedeckten Grasfläche stand und zu gleicher Zeit hielten sie ihre Pferde in dem Schatten des Baumes an, der seine Aeste nach allen Seiten hin weit von sich streckte. »Verdamm meine Seele und meine Augen, Ralph, seid Ihr es, wo zum Teufel kommt Ihr her? Mit einem beladenen Packthier – seid Ihr Pflanzer geworden? Ihr seht ja ordentlich vernünftig aus. Oder kommt Ihr von Columbus, von unserm alten Tummelplatz und wollt eine Ladung gewonnenes Gold in Nummer Sicher bringen?« rief der Fremde lachend aus, der kein Anderer war, als Mac Dower, der Händler. Bei diesem herzlichen Gruß nahm er den Hut vom Kopfe, wischte sich mit dem Hemdärmel, denn er hatte seinen Rock vor sich über den Sattel gelegt, den Schweiß von der Stirn, schlug das rechte Bein über den Hals des Pferdes und blickte, mit dem Arm auf sein Knie sich stützend, Ralph vergnügt in die Augen. 82 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Sieh, Mac Dower, Ihr wäret der letzte Mann gewesen, den ich hier erwartet hätte,« sagte Ralph mit gezwungener Freundlichkeit zu dem alten Bekannten und betrachtete mit Widerwillen dessen wüstes gemeines Aussehen. »Es ist lange her, daß wir uns nicht sahen,« fuhr er dann fort, »seitdem hat sich Vieles verändert.« »Wie es sich mit Sportsmen zu verändern pflegt: heute arm wie ein Habicht, der sich die Flügel verbrannt hat und morgen Rentier. Es giebt doch kein lustigeres Leben auf Gottes Erde, als das unsrige; aber was, Teufel, habt Ihr mit Eurem Fuchs gemacht? er steht ja auf drei Beinen.« »Ein Schurke hat ihm eine Nadel in die Köthe gestochen, während ich in dem Wirthshaus bei Tisch saß; wahrscheinlich, um ihn billig zu kaufen. Hätte ich den Hund dabei erwischt, ich hätte ihn umgebracht.« »Bei der Hölle! da kam er an den unrechten Mann, das Kunststück verstandet Ihr vielleicht besser, als er. Wißt Ihr noch, wie Ihr in Columbus bei dem Wettrennen dem einzigen Pferd, das Eurem Fuchs hätte gefährlich werden können, eine Nadel in den Fuß stachet? Ihr gewannet den Preis von zweitausend Dollar und kauftet an demselben Abend das lahme Pferd für dreihundert. Ihr zoget die Nadel aus seinem Fuß, verkauftet es acht Tage später für dreitausend Dollar, und nach noch einer Woche hattet Ihr den ganzen Plunder wieder verspielt. Gelt, Ralph, das waren Zeiten!« »Ihr erinnert mich an wilde Tage, Mac, es ist seitdem mit mir anders geworden,« antwortete Ralph in sichtbarer Verlegenheit und warf einen unruhigen Blick nach dem Neger. »Anders geworden – mit Euch? Verdamm meine Knochen, wenn Ihr nicht ebenso leicht den Pavian da weiß waschen könnt,« rief Mac Dower mit schallendem Gelächter und zeigte auf den Negerburschen. »Laßt das, Mac, ich bin nicht zum Scherzen gestimmt. Mein Vater ist gestorben.« »Hurrah, Ralph – Glück zu – so braucht Ihr seine Ochsen und Pferde ja nicht mehr zu stehlen. Bei Gott, wer Glück haben soll! – « Ralph wurde bleich, ballte krampfhaft die Faust und biß die Zähne aufeinander; hätte nicht seine Schuld zwischen ihm und Mac Dower gestanden, er würde ihm nach dem Leben gegriffen 5 10 15 20 25 30 35 83ERstER BaNd • FüNFtEs KapitEl haben. Das Bewußtsein seines Unrechts aber drückte ihn nieder und Scham und Reue lähmten seinen Arm. »Du kannst langsam voranreiten, Bob, ich hole Dich doch schnell wieder ein«, sagte er zu dem Neger, um wenigstens keinen Zeugen bei der Aufzählung seines Sündenregisters zu haben, denn sein alter Kamerad schien so ungemein viel Freude in der Erinnerung an jene verhaßte Zeit zu finden, daß er jedes seiner Worte fürchtete. »Haltet an – laßt den Nigger hier – ich habe große Lust, auf Euren lahmen Fuchs zu handeln – ich kenne ihn noch von alten Zeiten her. Was wollt Ihr dafür haben?« »Der Gaul ist mir nicht feil, das könnt Ihr Euch wohl denken«, erwiederte Ralph und winkte Bob, fortzureiten. »Verdammter Orangutang, halt, sage ich, wenn Dir Dein Büffelschädel lieb ist«, rief Mac Dower dem Neger zu und fuhr zu Ralph gewandt fort: »Seid doch vernünftig, Ralph, und hört mich wenigstens an. Alles in der Welt hat seinen Preis und wenn es meine Mutter wäre. Ich möchte den Gaul haben, schaut hier, meine Taschen sind voll. Nochmals, was soll er kosten? Oder wollen wir darum würfeln? tausend Dollar setze ich dagegen. Hier ist Gold«, sagte Mac Dower und faßte in die Tasche. »Ich verkaufe das Pferd nicht; reite fort, Bob«, antwortete Ralph, dem die Geduld jetzt ausging, worauf der Neger im Schritt davonzog. »Geht Ihr nach Columbus?« fragte er dann den Händler, »Ihr könntet mir dort einen Dienst erweisen. Ich schulde dem Wirth im Adlerhotel noch einige hundert Dollar, wenn Ihr zu ihm kommt, so sagt ihm, ich würde ihm das Geld mit der ersten Gelegenheit schicken.« »Ihr seid ja sehr gewissenhaft geworden, sonst nahmet Ihr es nicht so genau mit einer Schuld. Ich denke aber, Ihr kommt bald selbst hinauf, mit Eurer Erbschaft könnt Ihr schon Etwas am grünen Tische wagen. Geld macht Geld. Soll ich Euch bei unsern alten Freunden anmelden?« »Ich werde nie wieder spielen und würde Viel darum geben, hätte ich niemals eine Karte angerührt. Auch glaube ich schwerlich, daß ich Columbus so bald wiedersehen werde; ich beabsichtige, 84 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 mich auf meines Vaters Platz niederzulassen und das Land zu bebauen. Auch Ihr thätet besser, Mac Dower, einen andern Lebensweg einzuschlagen, ehe das Schicksal Euch dazu zwingt; die Reue möchte zu spät kommen«, sagte Ralph in ernstem Tone zu dem Händler, doch dieser lachte hell auf und rief: »Hol mich der Teufel, wenn Ihr nicht Methodistenprediger geworden seid. Ich – einen andern Lebenslauf einschlagen? Nennt mir doch einen bessern, einen, auf dem ich mehr Geld verdienen könnte. Ich habe mich ein halbes Jahr in Florida herumgetrieben, habe mit den Indianern gehandelt und mit den Weißen gespielt, mitunter auch ein kleines Privatgeschäft gemacht und habe meine zehntausend Dollar verdient. Freilich war es Zeit, daß ich Land wechselte, die Kerls fingen an, klug zu werden. Onkel Sams Gebiet ist aber groß; ich will einmal den Norden versuchen, die erste Stufe zum Millionair habe ich erstiegen«, sagte Mac Dower in seiner unerschütterlich lustigen Laune, nannte Ralph einen Grillenfänger, einen Sonderling, fragte ihn, ob er sonst noch Etwas nach Columbus zu bestellen habe und schied dann von ihm mit der Prophezeihung, ihm doch bald wieder am grünen Tisch zu begegnen. Ralph folgte dem Neger, blickte sich aber wiederholt nach Mac Dower um, und zwar mit Abscheu gegen denselben, sowie mit innerer Zerknirschung darüber, in diesem verworfenen Menschen theilweise sein eignes Bild erkennen zu müssen. Er sagte sich zwar, daß er nicht, wie dieser, betrogen und gestohlen habe; denn die Verwerthung einiger Ochsen und Pferde seines Vaters, die ja doch später einmal sein Eigenthum werden mußten, brauchte er nicht so zu bezeichnen, dennoch konnte er nicht läugnen, daß er beim Spiel, bei Wettrennen und bei Hahnengefechten sich manchen Kunstgriff erlaubt hatte, der nicht mit der Rechtlichkeit eines Mannes in Einklang stand. Außerdem hatte er beinahe ausschließlich mit Menschen wie Mac Dower verkehrt, war mit ihnen auf das Engste vertraut gewesen, hatte mit ihnen gejubelt und geschwelgt und mußte sich, wenn auch mit Widerwillen, gestehen, daß er ihnen sehr ähnlich gewesen war. Je deutlicher er aber erkannte, wie sehr nahe er seinem gänzlichen Verderben gestanden hatte, jemehr er einsah, daß nur Wenig noch gefehlt habe, um jenen Gefährten seines bisherigen leicht- 5 10 15 20 25 30 35 85ERstER BaNd • FüNFtEs KapitEl sinnigen Lebens ganz gleich zu werden, um so fester wurde sein Entschluß, sich fern von ihnen zu halten, den Müßiggang und das Unrecht zu fliehen und durch Arbeit, Sparsamkeit und Rechtlichkeit sich eine geachtete Stellung unter seinen Mitmenschen zu verschaffen, wie sie sein Nachbar, der Gespiele seiner Jugend, Frank Arnold einnahm. Der alte Arnold und dessen Frau kamen Ralph entgegen, als er an dem Hügel zu dem Hause hinaufritt, sie bewillkommneten ihn mit ungekünstelter Freude und Herzlichkeit und führten ihn in das bescheidene Haus, dem Zeugen ihres langjährigen ungetrübten Glückes. Die alte Frau war sehr erfreut über die pünktliche, sorgfältige Ausführung aller Aufträge, sie wiederholte bei dem Er- öffnen eines jeden Packets ihren Dank und war höchst überrascht und vergnügt über die neue schöne Haube, die ihr Ralph zum Geschenk mitgebracht hatte. »Ei, Mutter, die Haube steht Dir aber schön«, sagte der Alte lächelnd zu seiner Frau, welche das Geschenk aufgesetzt hatte und sich wohlgefällig in dem Spiegel betrachtete, »wahrhaftig, Du giebst manchem achtzehnjährigen Mädchen Etwas zu rathen auf.« »Du alter Spötter, wem zu Gefallen putze ich mich denn gern? doch nur um Deinetwillen, dem ich allerdings besser, als die jungen Mädchen, zu gefallen wünsche. Ist es nicht die Pflicht einer guten Frau, Alles aufzubieten, um sich ihrem Manne so wohlgefällig zu machen, als sie es vermag? Die Meisten denken zwar, sobald der Segen gesprochen ist, nun käme es nicht mehr darauf an, wie sie aussähen, der Mann könne ihnen nun nicht mehr entwischen, und sie sind dann meist selbst daran Schuld, wenn ihm Andere in die Augen leuchten. Nicht das Gesetz soll der Frau sein Herz erhalten, ihr Benehmen, ihre Liebenswürdigkeit soll ihn fesseln und fester und fester an sie binden, dann ist die Ehe vor Gott geschlossen und kein Gesetz mehr nöthig«, erwiederte Madame Arnold mit heiterlächelndem Gesicht, legte ihre Hand auf ihres Mannes Schulter und hielt ihm den Mund hin, indem sie sagte: »Komm, gieb Deinem achtzehnjährigen Mädchen einen Kuß.« »Du hast Recht, Mutter, Du hast es stets so gemacht; aber mit hunderttausend Andern würde es scheu aussehen, wenn das Gesetz fehlte; der Strohwittwen würde es bald Legionen geben«, ant- 86 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 wortete Arnold, indem er seinen Arm um die geliebte Frau schlang und sich dann freudigen Blicks zu Ralph mit den Worten wandte: »Sehen Sie, Ralph, so eine Frau müssen Sie zu erlangen suchen; meine Alte soll ihr dann gute Lehren geben, und hat sie nur Herz und Verstand, so müssen Sie glücklich werden.« Ralph fühlte sich durch diese einfache Scene häuslichen Glücks tief bewegt, er hatte das Leben niemals von dieser Seite gekannt und mit Entsetzen dachte er an Mac Dower zurück, mit welchem seine ganze Vergangenheit wieder vor seine Seele getreten war. Er hatte keine Antwort für den alten Arnold, es ging ihm, wie dem Heiden, der bei seinem ersten Eintreten in das Haus Gottes von heiligen Schauern durchbebt wird. Er drückte den alten Leuten die Hände und versprach ihnen schweigend, ihrem Beispiele folgen zu wollen. ∗    ∗    ∗ Der Abend hatte sich über die Erde gelegt, die Sonne war versunken und der Himmel im Westen glühte über dem dunkeln Wald in den prächtigsten Farben. Auch über Tallihadjo’s Hütte hatten sich die Schatten des Forstes ausgedehnt und nur hier und dort blickte der Feuerschein, den das scheidende Gestirn an dem Himmelszelt hinaufschoß, durch die riesenhaften Bäume. Der Häuptling saß mit zusammengezogenen Brauen an den Eingang seiner Hütte angelehnt und blickte finster vor sich auf die Erde. Im Kreise vor ihm saßen mehrere Seminolen und einige Creek-Indianer, die einen langen Ritt gemacht haben mußten, wie der Staub auf ihren nackten Körpern verrieth, und die auf eine Antwort des Häuptlings zu warten schienen. Nach langem Schweigen erhob Tallihadjo seine Stimme und sagte zu den vor ihm Versammelten: »Die Kunde, die Ihr mir bringt, daß die bleichen Männer unser Volk von allen Seiten her bedrängen und ihm das Land rauben, ist alt, und eben so wenig neu ist Euer Begehr, daß Tallihadjo Euch gegen diese Eure Feinde führen soll. Es giebt nur e i n e Zeit, wo Tallihadjo sein Kriegsroß besteigen wird, um seine rothen Brüder zum Kampfe gegen Jene zu führen, und d i e Zeit ist noch nicht ge- 5 10 15 20 25 30 35 87ERstER BaNd • FüNFtEs KapitEl kommen, wenn sie auch nicht mehr fern ist. Noch geben die Wälder, die Prairien und die Gewässer Floridas einem Jeden von Euch hinreichend Nahrung, um Euren Hunger zu stillen, noch sind Eure Weiden groß genug, um Eure Heerden fett zu erhalten, noch habt Ihr Freude an der Jagd, an Euren Pferden, an Euren Frauen und Kindern, und noch sehnt Ihr Euch nicht nach den ewigen Jagdgründen Eurer Väter. Wenn die Zeit aber gekommen sein wird, wo das kleine Stück Land, welches Euch die Weißen noch gelassen, Euch nicht mehr ernähren kann, wenn Eure Heerden verkümmern und Ihr zu sterben bereit seid, dann ruft Tallihadjo, damit er Euch zur Schlacht führe; denn glaubt mir, es wird der letzte Kampf des letzten Indianers in Florida werden.« Der Häuptling schwieg und abermals folgte eine lange Pause, dann nahm einer der Seminolen das Wort und sagte: »Wo die Meereswoge auf dem Withlacooheefluß weit in unser Land rollt und das Gras des Ufers salzt, damit unsere Heerden fett werden, da haben die Bleichgesichter große Wigwams aufgeschlagen, fahren mit geflügelten Kanoes auf dem Strome und berauben unsre Heerden, die am Ufer weiden. Sie haben uns selbst in unsern Lagern überfallen, als wir bei hellem Feuer schliefen, haben ihre Kugeln unter uns geschleudert und unsre Greise, unsre Weiber und Kinder gemordet. Tonkabor, unser Häuptling, schickt mich zu Tallihadjo, um ihm zu sagen, daß er ihm mit jedem seiner Krieger zur Schlacht folgen würde.« »Sage Tonkabor, er solle die gesalzenen Ufer des Withlacoohee verlassen, solle seine Heerden nach dessen klaren Quellen treiben und dort im kühlen Schatten der Wälder seine Zelten aufschlagen. Wenn er von da aus die Axt der bleichen Männer hören könne, dann würde er auch Tallihadjo’s Kriegsgeschrei vernehmen.« Nun erhob sich ein anderer der Seminolen und sagte dem Häuptling: »Wo der Ocklawaha-Fluß sich in tausend Armen in das große Wasser stürzt und wo seine Wogen die schwarzen Felsen mit ihrem Schaum umgeben, dort haben die Bleichgesichter einen Felsen auf die Klippen gebaut, auf dem Nacht für Nacht ein großes Feuer brennt (ein Leuchtthurm), daß es weithin über die Wälder leuchtet und sich auf den fernen Wogen des großen Wassers spiegelt. Auf 88 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 geflügelten Kanoes bringen sie ihre Krieger dorthin und tödten unser Vieh in der Umgegend, um dieselben mit Nahrung zu versorgen. Homathlan, unser Häuptling, sagt: das Feuer würde wachsen, bis es die Nacht, wie die Sonne den Tag, erhellte, damit die Bleichgesichter zu allen Zeiten die rothen Kinder finden könnten, um sie zu tödten, selbst wenn sie ohne Feuer schliefen. Er fordere Tallihadjo auf, seine Stimme hören zu lassen, damit sich seine rothen Brüder um ihn sammeln und ihm zur Schlacht gegen die bleichen Männer folgen könnten.« »Homathlan solle die Gebeine seiner Väter verlassen und seine Zelten nach den Seen des Ocklawaha-Flusses tragen, deren Fluthen mit den herrlichsten Fischen gefüllt seien, auf deren üppig grünen Ufern zahllose Hirsche weideten und wo die sie begrenzenden Wälder die süßesten Früchte böten; wenn die bleichen Menschen dort jagten und fischten, dann würde Tallihadjo den letzten Kampf gegen sie kämpfen«, antwortete der Häuptling mit unver- änderter Ruhe und Bestimmtheit. Darauf erhob sich einer der Creek-Indianer und nahm das Wort: »Kajukee, der alte Häuptling der Creeks, der einzige, der mit seinem mächtigen Stamme den Weißen in Georgien Trotz geboten und sich in die Okefinokeesümpfe zurückgezogen hat, läßt Tallihadjo, seinem Vetter, sagen, daß er ihm mit zweihundert tapfern Kriegern zu Hülfe kommen würde, wenn er die Seminolen gegen die Weißen führen wolle. Seinem Volke ist Alles von diesen genommen, bis auf die unwegsamen Moräste, in denen es, wie der Büffel, von der Erde verschwinden muß. Die Herzen der Creeks sind noch groß und dürsten nach dem Blute der weißen Brut.« »Sage Kajukee, wenn die Seminolen erst so Viel verloren haben würden, wie die Creeks, wenn das Leben in den undurchdringlichen, finstern Wäldern, in den bodenlosen Sümpfen Floridas ihnen zur Last geworden wäre, dann würde Tallihadjo ihnen den Weg aus denselben zu den schönen, ewigen Jagdgründen ihrer Väter zeigen und sein Herz würde freudig schlagen, wenn ihn seine Vettern, die Creeks, dahin begleiten wollten.« So sprach der Häuptling zu den Abgesandten der Creek-Indianer und hörte dann die ähnlichen Klagen und Hülferufe der andern Wilden an, die von den entferntesten Gegenden des Landes zu ihm geschickt worden wa- 5 10 15 20 25 30 35 89ERstER BaNd • FüNFtEs KapitEl ren. Allen gab er die Antwort, daß es noch nicht an der Zeit wäre, den Kampf offen gegen die Weißen zu beginnen, versprach ihnen aber, sie zu führen, wenn die Stunde der Vergeltung gekommen sein würde. Die Frauen des Häuptlings waren während der Beredung um das Feuer beschäftigt, das Abendbrot zu bereiten, nur Onahee stand unbeweglich, wie eine Bildsäule hinter dem Häuptling in der Hütte und ließ ihrem Ohr kein Wort entgehen. Ihre melancholischen düstern Blicke waren immer auf den Redner gerichtet und nur von Zeit zu Zeit nickte oder schüttelte sie, als müsse sie ihren Gedanken Ausdruck geben. Die Berathung war zu Ende; Tallihadjo erhob sich, führte die Fremden zu dem Lagerfeuer und ließ sie dort auf weichen Häuten Platz nehmen. Die Frauen brachten Fleisch, Mais und Früchte und als Trank den Saft der Aloë. Bald, nachdem das Mahl eingenommen war, sanken die, vom langen Ritt während des heißen Tages ermüdeten Gäste auf ihren Lagerstellen zurück, das Feuer fiel in einen glühenden Kohlenhaufen zusammen und kurze Zeit darauf lag Alles im tiefsten Schlaf. Nur Tallihadjo saß auf einer Pantherhaut vor seiner Hütte und richtete seine glänzenden dunkeln Augen bald nach den Sternen, die wie ein Schleier von Diamanten am Himmel flimmerten, bald nach seinen Lieben, die um die Kohlengluth in ruhigem, friedlichem Schlafe lagen. Ihm selbst war Schlaf, Ruhe und Friede fern, Sturm tobte in seiner Brust, blutige Feindschaft in seinem Herzen und finstere Rachepläne durchzogen sein Gehirn. Sein Aeußeres aber verrieth keine Aufregung, kein Zug auf seinem Gesicht ließ die gewaltige Bewegung erkennen, die er in seinem Innern verschloß. Nur der Glanz seiner Augen, in denen sich die Gluth des Lagerfeuers spiegelte, sprach aus, was in seiner Seele vorging. Der Jammer, das Unglück, der nahe Untergang seiner Nation bestürmte seinen Geist, der Drang nach Rettung für sie und, wenn diese nicht möglich, Rache an den Unterdrückern, den Räubern, den Mördern, durchglühten und stählten seine Gedanken und schärften sein Sinnen. »Kannst Du Deinem Volke noch länger Deine Hülfe verweigern, Tallihadjo?« sagte eine Stimme in der Hütte und Onahee trat in deren dunkeln Eingang. 90 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Ich kenne Deine Liebe zu Deinem Volke, Onahee, Dein Herz ist groß, Dein Wille stark und Dein Blut rein, aber Dein Auge sieht nicht weit; es erkennt nur den Wind, der das Laub von den Bäumen reißt, sieht aber den Orkan nicht nahen, der die Wälder mit ihren Wurzeln gegen den Himmel kehrt. Der Verlust der Blätter ist hart, doch kann er ersetzt werden, der der Wurzeln ist Tod. Wer sich ein leichtes Obdach gegen den Wind sucht, wird im Orkan untergehen; vor gänzlichem Untergang suche ich mein Volk zu schützen. Es ist noch nicht an der Zeit, daß mein Kriegsruf erschallt«, antwortete der Häuptling mit dumpfer Stimme. »Ist es des Unrechts noch nicht genug, was die Weißen an Deinem Volke gethan haben, wird nicht sein Land täglich kleiner, werden unsre Stämme nicht mehr und mehr zusammengedrängt, das Wild nicht immer spärlicher und die Weiden nicht immer enger? Sind noch nicht genug Deiner Brüder von den bleichen Männern verstümmelt und gemordet, noch nicht genug Deiner Schwestern mißhandelt und geschändet? Wann wird das Maaß der Schuld dieser Fremden so voll sein, daß Tallihadjo es an der Zeit finden wird, Zahlung dafür zu leisten; oder bebt sein Herz, ist seine Stimme ermattet, ist sein Arm schwach geworden?« sagte Onahee und heftete ihre Blicke fest auf die Augen des Häuptlings. »Noch hat der Verlust, die Schmach nur d i e Stämme der Seminolen getroffen, die an der Außenseite des Landes, den Wei- ßen gegenüber wohnen, im Innern Floridas freut man sich noch an Spiel und Tanz, die Jagdgründe sind noch weit und die Weiden reichlich. Nur dem Reichen, wenn er zum Bettler geworden, liegt Nichts mehr an seinem Leben, denn er hat Alles verloren, was ihm dasselbe lieb machte. Wenn unser Volk Nichts mehr zu verlieren hat, soll es, statt zu betteln, sterben, und sterbend den Weißen jede Schuld zurückzahlen, oder – sich einen Weg zu seinen rothen Brüdern nach dem freien Westen bahnen und diesen Weg durch die uns geraubten Länder mit Schrecken und Tod bezeichnen. Es giebt nur e i n e n Führer, der uns diesen Weg zu jenen freien Ländern zeigt – es ist die Verzweiflung. – Wer noch besitzt und sich noch freuen kann, findet diesen Weg nicht.« Hier schwieg Tallihadjo, ließ sein Kinn auf die Brust sinken und verbarg sein Gesicht unter seinem reichen schwarzen Haar, 5 10 15 20 25 30 35 91ERstER BaNd • FüNFtEs KapitEl das über seine Stirn herabfiel. Auch Onahee blieb stumm und unbeweglich mit gesenktem Haupte stehen und ließ ihre gefalteten Hände vor sich herabsinken. Die Nacht war still und finster, nur am fernen Horizont im Süden blitzte von Zeit zu Zeit für einen Augenblick ein glühender Feuerschein am Himmel auf und verschwand dann wieder in Dunkelheit. Nach langem Schweigen blickte Tallihadjo auf und zeigte mit der Hand nach Süden hin: »So wie der große Geist die Wolken dort zusammenzieht, die Blitze sammelt und sie mit dem Sturm langsam zu uns heraufsendet«, sagte er, »so sollen die Seminolen ihren Zorn, ihre Rache sammeln, bis sie von Verzweiflung getrieben sich auf die weiße Brut stürzen und sie vernichten. Auch mein Herz blutet, Onahee, wie das Deinige, auch mich durchzuckt der Jammer und das Elend meiner Brüder brennend und schmerzlich; Tallihadjo gehört aber nicht dem Einzelnen, er gehört seinem ganzen Volke, und mit ihm will er frei werden, oder mit ihm in die ewigen Jagdgefilde seiner Väter gehen.« Bei diesen Worten ergriff er die Hand der Indianerin und sagte dann: »Laß Deinen Kopf nie wieder glauben, daß Tallihadjo’s Herz zittere, laß Deine Zunge nie sagen, was Dein Ohr von Tallihadjo’s Mund gehört, laß Deine Augen nie verrathen, was sie in der Brust Tallihadjo’s gesehen, und nun suche Dein Lager und laß den Schlaf den Kummer und das Leid von Deinem Herzen nehmen, welches das Schicksal Deines Volkes darauf gelegt hat.« Onahee trat schweigend in die Hütte zurück, der Häuptling aber ging nach dem Kohlenfeuer und legte sich leise zwischen seiner Frau und seinen Kindern nieder, damit er sie nicht in ihrem Schlafe störe. Der folgende Tag war für die fremden Indianer sowie für ihre Pferde ein Ruhetag, an dem Tallihadjo Alles aufbot, um sie auf ’s Beste zu bewirthen, und als der Abend sie Alle wieder um das Feuer versammelt hatte, richtete er nochmals seine Rede an sie, ermahnte sie zur Klugheit, warnte sie, nicht in unnützen einzelnen Fehden ihre Krieger zu opfern, rieth ihnen, sich vor den eindringenden Weißen in das Innere des Landes zurückzuziehen und vor allen Dingen nach und nach so viel Pulver und Blei von ihnen einzutauschen, als sie bekommen könnten. 92 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Die Habgier und der Betrug, mit denen sie uns ihre Feuergewehre zu übertriebenen Preisen aufgedrungen haben, werden durch ihr eignes Blei furchtbar an ihnen gerächt werden«, sagte der Häuptling am Schlusse seiner Rede und wandte sich dann zu seinem Sohn Tomorho mit den Worten: »Auch wir wollen nicht versäumen, uns Vorräthe von Pulver und Blei anzuschaffen, später möchte man uns Beides verweigern. Du könntest morgen nach Tallahassee reiten, Tomorho, und unsere Biberfelle dagegen vertauschen; auch müssen wir Feuersteine haben.« »Ich werde mit ihm reiten, um gleichfalls Pulver und Blei zu holen, ich habe noch Wachs und einige Hirschhäute voll Honig liegen, die ich zu Markt bringen kann«, sagte Wagohee, einer der jungen Krieger aus dem Stamme Tallihadjo’s, der mit mehreren andern bei dem Feuer saß. »Darf ich Deinen neuen Schimmel reiten, Vater?« fragte Tomorho mit lächelndem lüsternem Blicke. »Ein solches Pferd zu reiten, geziemt nur einem Häuptling, mein Sohn«, antwortete Tallihadjo gleichfalls lächelnd und setzte dann mit ernsterer Miene hinzu: »was Du aber noch nicht bist, gebe Gott, daß Du es noch werdest. Reite den Schimmel, Tomorho, er braucht sich seines Reiters nicht zu schämen. Lege ihm aber mein Reitzeug und meine Jaguarhaut auf, damit die Weißen in Tallahassee sehen, daß das schönste Pferd im Lande Tallihadjo angehört. Merke Dir, was man darüber sagt und theile es mir mit, wenn Du zurückgekehrt bist.« »Tomorho sollte den Schimmel nicht reiten«, bemerkte Onahee, die seitwärts in dem Grase saß, wohin der Lichtschein des Feuers nur spärlich drang. »Schöne Waffen machen die Augen der Männer erglänzen, schöne Frauen röthen die Wangen der Bleichgesichter, ein schönes Pferd aber läßt sie den Werth ihres Lebens vergessen. Reite den Schimmel nicht, Tomorho!« »Der Sohn Tallihadjo’s hat kein Bleichgesicht zu fürchten«, antwortete der Häuptling und warf einen glänzenden, stolzen Blick auf Tomorho. »Du sollst den Schimmel reiten.« Onahee schwieg, schüttelte aber bedenklich den Kopf, blickte sinnend in ihren Schooß und schien dem Gespräch der Männer keine Aufmerksamkeit weiter zu schenken. 5 10 15 20 25 30 35 93ERstER BaNd • FüNFtEs KapitEl »Nimm mein Perlenband«, sagte Satochee, die Frau Tallihadjo’s, nahm dasselbe von ihrem zarten Nacken und reichte es Tomorho hin, »der junge Häuptling muß auch an seinem Schmuck zu erkennen sein.« Mit dem ersten Schein des neuen Morgens war Alles rege im Lager, denn ein Jeder wollte den fremden Indianern Lebewohl sagen und sie abreisen sehen. Während vor Tallihadjo’s Hütte die Frauen das Frühstück bereiteten, stand Tomorho unweit derselben bei dem schönen Schimmel, den er an einem Baum befestigt hatte, flocht bunte Federn und gefärbte Lederstreifen in dessen lange Mähne und Schweif, glättete und glänzte sein kurzes, feines Haar und legte ihm das prächtige Reitzeug seines Vaters auf. Mit Wohlgefallen sah ihm der Häuptling, der vor seiner Hütte saß, zu und gab ihm von Zeit zu Zeit seinen Rath bei dem Schmücken des Rosses. Auch Satochee betheiligte sich dabei, indem sie dem Pflegesohn bunte Bänder und Streifen rothen Tuches brachte, um sie theils in das Haar des Pferdes zu flechten, theils aber den Zaum damit zu verzieren. Das Frühstück war eingenommen, noch ehe die Sonne aufstieg und den Nebelschleier niederdrückte, den die Nächte regelmäßig über das heiße Florida ausbreiten. Die fremden Indianer waren reisefertig, empfingen noch den nöthigen Mundvorrath von den Frauen des Häuptlings, es wurde Abschied von ihnen genommen und bald darauf waren sie in verschiedenen Richtungen in dem Wald verschwunden, denn der Straße und Wege bedurften diese Kinder der Wildniß nicht, ihr Weg lag in einer geraden Linie zwischen dem Ort, den sie verließen, und ihrer Heimath, und ihr Compaß war die Sonne und der Instinkt, den ihnen die Natur gegeben. Als die Fremden abgereist waren, machten sich auch Tomorho und Wagohee fertig zu ihrem Ritt, letzterer führte ein Maulthier mit sich, auf welches die Häute, das Wachs und der Honig gepackt wurde, Tomorho ergriff seine sauber geputzte Büchse und bestieg freudestrahlend den edlen Schimmel, der ungeduldig mit dem Fuß den Boden schlug. Stolz und schlank, wie eine junge Palme, saß der schöne Jüngling auf dem Rücken des sich bäumenden Rosses und winkte seinen Lieben freundlich Lebewohl zu, als er dem feurigen Thier die Zügel ließ und mit Wagohee, von dem Packthier gefolgt, davon ritt. 94 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 6. Der Handel. – Das gestohlene Pferd. – Der Gefangene. – Der Freund. – Der Sumpf. – Der Erschöpfte. – Schreckensnachricht. – Der Entschluß. – Die nächtlichen Reiter. – Die gefangenen Familien. – Große Aufregung. – Das Gericht. – Die Befreiung, Kurz vor Mittagszeit hatten die beiden jungen Indianer die fünfundzwanzig Meilen bis zu dem Städtchen Tallahas-see zurückgelegt und befestigten auf dem Platze vor dem Gerichtsgebäude unter einer dichten, schattigen Baumgruppe ihre Pferde. Es gehörte in Tallahassee zu dem Tagtäglichen, Indianer kommen und abziehen zu sehen, so daß man von diesen beiden keine Notiz genommen haben würde, hätte nicht das ungewöhnlich schöne Pferd und das prächtige Reitzeug, womit es geschmückt war, dessen Reiter als eine hervorragende indianische Persönlichkeit bezeichnet und die Aufmerksamkeit der Bewohner des Ortes auf Beide gezogen. Noch ehe sie ihre Pferde befestigt, hatten sich viele Leute um sie versammelt, die sie mit Neugierde betrachteten und allerlei Fragen an sie richteten. Die beiden jungen Indianer aber würdigten die Frager keiner Antwort, behielten ihre stumme, stolze Haltung bei und schritten ernst, mit dem Packthier hinter sich, durch die Zuschauer einem Kaufmannshause zu, welches in nicht sehr großer Entfernung in dem Schatten einer hohen Baumgruppe stand. Viele der Neugierigen folgten ihnen dorthin, während die übrigen bei dem Schimmel stehen blieben, um ihn zu bewundern, und mit jedem Augenblick wuchs die Zahl dieser sowohl, als derer, die mehr Interesse an den Indianern fanden und sich um dieselben zu dem Laden drängten. 5 10 15 20 25 30 35 95ERstER BaNd • sEchstEs KapitEl Der Kaufmann, der sogleich das bepackte Maulthier im Auge hatte, trat aus dem Hause hervor und bewillkommnete die beiden Seminolen auf ’s Freundlichste. Tomorho theilte ihm nun mit, welche Gegenstände er zum Tauschen mit sich führe und was er dagegen zu erhalten wünsche, worauf der Kaufmann sich zuvorkommend willig erklärte, mit ihm zu handeln und sogleich Hand mit anlegte, das Packthier von seiner Ladung zu befreien. Die Ballen wurden unter der Veranda vor dem Hause durch den Kaufmann ge- öffnet und die Waaren untersucht, während Tomorho, die Büchse im Arm, mit übergeschlagenem Fuße an einen Pfeiler des Sonnendachs unbeweglich, wie eine Bildsäule, angelehnt stand und seine Blicke auf den Geschäftsmann gerichtet hielt. Wagohee dagegen setzte sich, nachdem er mit Hülfe des Kaufmanns die Ballen von dem Packthier hierherbefördert hatte, nach Indianer Brauch, auf den Hacken eines seiner Füße, und wechselte ihn, wenn er müde wurde, gegen den andern um, während er seine Aufmerksamkeit bald auf die Reitpferde, bald auf seine Waaren richtete. Inzwischen hatte die Zahl der Zuschauer vor dem Hause sehr zugenommen, so daß Wagohee sich bald links bald rechts beugen mußte, um zwischen denselben hindurch von seinem natürlichen Stuhle aus mit seinen Blicken die Reitpferde erreichen zu können; Tomorho aber war groß, und da der Fußboden der Veranda etwas von der Erde erhaben lag, so sah er über die Versammlung hinweg und konnte seinen Schimmel im Auge behalten. Der Kaufmann hatte die Biberfelle Stück für Stück genau untersucht und durch Ziehen an deren Haar geprüft, ob sie mottenfrei seien, hatte den Honig geschmeckt, das Wachs besehen und Alles gewogen, als er in seinen Laden ging und sogleich mit einer Bouteille und einem Glase in der Hand zurückkehrte. »Auf guten Handel,« sagte er vertraulich zu Tomorho, indem er das Glas voll Branntwein goß und es ihm hinhielt. Tomorho aber blickte ihn einen Augenblick verächtlich an und kehrte dann, ohne seine Stellung zu ändern, sein Gesicht von ihm ab nach seinem Pferde hin. Der Kaufmann wandte sich darauf mit dem Glase an Wagohee und versicherte ihn, es enthielte etwas Ausgezeichnetes von 96 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Branntwein. Wagohee sah zu ihm auf und gab ihm statt der Antwort ein Zeichen, er möge selbst trinken. Der Kaufmann nippte daran, um dem Indianer dadurch ein mögliches Mißtrauen zu nehmen, dieser aber gab ihm abermals ein Zeichen, er möge das Glas austrinken. Auch hierin folgte der Kaufmann dem Wunsche des Seminolen und reichte es abermals gefüllt ihm entgegen. Wagohee aber lächelte, winkte ihm wieder, er möge es selbst leeren und sagte dabei: »Wenn das so viel dazu beiträgt, gut zu handeln, so trinke noch einige Male das Glas leer, ich möchte gern gut mit Dir handeln.« Die Zuschauer brachen in ein allgemeines Gelächter aus; der Wirth sah ein, daß dieses gewöhnliche Mittel, die armen Wilden zu betrügen und zu berauben, bei diesen Beiden nicht anwendbar sei, weßhalb er den Branntwein wieder in das Haus trug. Dann trat er zu den Waaren zurück und fragte Tomorho, wie hoch er die Preise dafür stelle. In diesem Augenblicke wurde eine große Bewegung unter den Männern sichtbar, die sich in der Nähe der beiden Indianerpferde befanden und laute heftige Stimmen wurden gehört. Die Leute drängten sich in einem dichten Haufen um die Thiere und kamen nun mit dem Schimmel in ihrer Mitte unter Schimpfen, Schwören und Fluchen auf das Kaufmannshaus zugestürmt. Die beiden Indianer stürzten sich ihnen entgegen, machten sich gewaltsam Platz zwischen ihnen und Tomorho warf den Mann, der den Schimmel führte, zurück und riß ihm den Zügel aus der Hand. Der Mann aber schrie: dies Pferd gehöre ihm, es sei ihm vor Kurzem von der Weide entwendet und Tomorho habe es ihm gestohlen. Von allen Seiten her erschallte der Ruf: »Pferdedieb, lyncht ihn, hängt ihn!« Alles fiel über den jungen Indianer her, er wurde überwältigt, an die Erde geworfen, seiner Waffen beraubt, mißhandelt und endlich geknebelt. Tomorho wehrte sich verzweifelt, schrie, daß sein Vater Tallihadjo das Pferd von einem Weißen gekauft habe und knirschte, als man ihn band, mit den Zähnen; doch der wilde Haufen überschrie ihn und hörte nicht auf die Betheuerungen seiner Unschuld, man schleifte ihn zu dem Kaufmannshaus, wohin man auch den Schimmel führte und hier rief der Mann, der sich Eigenthümer desselben nannte, verschiedene Leute zu Zeu- 5 10 15 20 25 30 35 97ERstER BaNd • sEchstEs KapitEl gen auf, die auch erklärten, daß es das Pferd dieses Herrn Worth, wie er sich nannte, sei. Den Augenblick, als man Tomorho überwältigte und Aller Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet war, benutzte Wagohee, aus dem Tumult zu entkommen, flog nach seinem Pferde, schwang sich in den Sattel und war aus der Stadt, ehe man sich die Zeit nahm, an ihn zu denken. Tomorho’s Adlerauge aber hatte ihn fliehen sehen und ihn auf seinem davonjagenden Rosse bis an das letzte Haus des Städtchens begleitet. Er saß jetzt an Händen und Füßen gebunden unter der Veranda und schoß seine Blicke wie leuchtende Blitze auf die vielen Männer, die ihn umstanden und ihn mit Verwünschungen und Drohungen überhäuften. Sein Schicksal schien ihn rasch seinem Ende zuführen zu wollen, denn man hatte einen Strick aus dem Laden geholt, war damit nach dem Baum gerannt, unter welchem der Schimmel gestanden, und hatte ihn an einem der Aeste befestigt, um Tomorho daran hinaufzuziehen und ihn vom Leben zum Tode zu befördern. Man schrie von dorther, den Pferdedieb zu bringen und die größere Menge, die um ihn versammelt war, bestand lärmend und tobend darauf, ihn dorthin zu führen. Andere Stimmen wurden dagegen laut, die verlangten, ein ordentliches Gericht über den Verbrecher zu halten und ihn durch das Gesetz dem Tode zu überliefern. Diese umstellten Tomorho, wiesen die Gegenpartei zurück, die augenblicklich Hand an ihn legen wollte und setzten es theils mit Vorstellungen, theils mit Gewalt durch, daß man das Gericht auf den folgenden Morgen verschiebe und den Gefangenen bis dahin in sichere Verwahrung bringe. Man löste nun die Banden von des Indianers Füßen und führte ihn nach dem Gefängniß, in welches man ihn einschloß und eine Wache dabei stellte. Während dieser Zeit ließ Wagohee Meile auf Meile in fliegender Carriere zurück, Berg auf, Berg ab trieb er das schnaubende Roß unter Sporn und Peitsche vorwärts, daß der Schaum mit Blut gefärbt seine Spur bezeichnete. So hatte er schon über die Hälfte des Weges zurückgelegt, als er die Straße verließ, um einem ihm bekannten Indianerpfad zu folgen, der ihn in geraderer Richtung nach seinem Lager führte. Ohne die Schnelligkeit seines Pferdes zu mindern, stürmte er auf demselben hin über loses Gestein, 98 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 über Wurzeln und umgefallene Baumstämme, nicht achtend, daß die Dornen und Büsche, zwischen denen oft sein rasender Lauf hinging, ihm die nackte Haut zerrissen und sein Blut sich mit dem Schaum des Pferdes mischte. Nur noch fünf Meilen lagen zwischen ihm und seinem ersehnten Ziele, als ein breiter Sumpf, der durch einen Arm des Ocklockny-Flusses gebildet wurde, seinen Weg hemmte und sein Roß schnaubend vor demselben zurückprallte. Doch beide Sporn in die nassen Flanken des Thieres sto- ßend, sprengte Wagohee dasselbe hinein in die zitternde, mit einer dünnen Moosdecke überzogene gefahrvolle Tiefe und trieb es bei jedem Sprunge mit Peitschenhieben zu neuen Kraftanstrengungen an. Nach jedem Male, daß sich das Pferd aus dem schwarzen Morast hob, sank es um so tiefer hinein und schon war sein Rücken nicht mehr sichtbar, als es sich mit verzweifelter Gewalt nochmals mit dem Vordertheil in die Höhe richtete und, hintenüber schlagend, seinen Reiter unter sich begrub. Beide waren in der grünen Fläche verschwunden, die sich jetzt rund um im weiten Kreise bewegte. Auf dem Fleck, wo Pferd und Reiter versunken, theilte sich die Oberfläche, ein schwarzer Knäuel hob sich aus ihr hervor und bald sah man ein Glied des Thieres, bald eins des Indianers aufschlagen und den Schlamm weit umher werfen. Plötzlich tauchte der Kopf des Mannes empor, gleich darauf seine Brust und im Augenblick nachher stand seine ganze Gestalt auf dem mit dem Tode ringenden versunkenen Pferde, er fuhr sich mit den Händen über die Augen, schnellte sich mit einem verzweifelten Sprunge nach einem Busche, auf dessen Wurzeln er fußte, von da nach einem zweiten und so von Strauch zu Strauch, bis er das jenseitige feste Ufer erreicht hatte. E i n e n traurigen Abschiedsblick warf er zurück nach dem nur noch schwach bewegten schwarzen Fleck, wo sein treues Roß begraben lag, und stürzte dann fort durch den Wald, so schnell ihn seine ermatteten Glieder zu tragen vermochten. Die Sonne brannte, wo sie einen Durchgang durch die dichten Laubmassen des tropischen Urwaldes fand, glühend auf die Erde nieder und in dessen Schatten war die unbewegte Luft zum Ersticken schwül, so daß sie den erhitzten Lungen des Indianers keine Labung gab. Seine Kräfte sanken allmählig, kaum konnte er seine blutenden Füße noch in Eile heben, der Gedanke aber an 5 10 15 20 25 30 35 99ERstER BaNd • sEchstEs KapitEl den Gespielen seiner Kindheit, den Sohn seines Häuptlings, spornte ihn immer wieder an, das Unmögliche auszuführen, und noch schossen die Sonnenstrahlen sengend über den Wald, als Wagohee seines Häuptlings Hütte erreichte und mit dem Ausruf: »Pah!« (Wasser) vor ihrem Eingange zusammenbrach. Onahee, die sich allein in der Hütte befand, goß einen großen Kürbiß voll Wasser über ihn und netzte seine Lippen damit, dann sprang sie mit dem Gefäß zu dem nahen Quell, füllte es wieder und kehrte zu dem, zum Tode erschöpften Indianer zurück. Seine Brust hob sich krampfhaft, sein Herz zitterte nur noch und seine mit Blut unterlaufenen Augen schienen aus dem glühenden Gesicht hervorspringen zu wollen. Er öffnete den Mund zum Reden, konnte aber kein Wort hervorstammeln. Onahee wußte, daß etwas Schreckliches geschehen war, sie wußte, daß es Tomorho betraf, doch nannte sie dessen Namen nicht, sie richtete keine Frage an den Erschöpften, sie suchte ihn nur zu beruhigen und kühlte ununterbrochen seinen Kopf und seine Brust. Mit banger Erwartung war ihr spähender Blick auf jede Bewegung, auf jeden Athemzug Wagohee’s gerichtet, da an seinem Leben die Kunde von dem Geschehenen hing. Jetzt erschien Satochee, die mit den Kindern am Flusse gewesen war, eilte zu der ihr räthselhaften Gruppe hin und erfuhr durch Onahee, was sich zugetragen. Auch sie erkannte ein geschehenes Unglück, sprang flüchtigen Fußes davon in den Wald hinein, um Tallihadjo herbeizurufen, der mit seinen übrigen Frauen und Negern weiter am Flusse hinauf beschäftigt war, aus einem hohlen Baume wilden Bienen den Honig zu rauben. Onahee setzte unterdessen ihre Bemühungen zu Gunsten des Indianers fort, dessen Zustand sich nach und nach günstiger gestaltete, er wurde, ruhiger, sein Athem hob sich wieder und sein wilder stierer Blick nahm mehr und mehr den Ausdruck der Erschlaffung an. Die Indianerin verbot ihm nun, zu reden und hieß ihm, sich ganz der Ruhe hinzugeben, doch kaum fühlte sich Wagohee wieder der Sprache mächtig, als er seiner Retterin das Schicksal Tomorho’s stammelnd mittheilte. »Sei ruhig, Wagohee,« sagte sie besorgt und legte ihren Finger auf seinen Mund, »ich habe es geahnt, daß etwas der Art gesche- 100 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 hen würde, man wollte aber Onahee’s Stimme nicht hören und die Eitelkeit des Vaters hat den Sohn in Gefahr gebracht. Schweige, Wagohee, Tallihadjo wird bald hier sein und wird es jetzt, wenn auch zu spät, an der Zeit finden, sich an die Spitze seines Volkes zu stellen, um seinen Sohn zu rächen, den er nicht mehr zu retten im Stande sein wird.« Bald darauf rauschte es unweit in dem Walde und der Häuptling brach stürmenden Trittes aus demselben hervor. Mit untergeschlagenen Armen und zusammengezogenen Brauen trat er vor Wagohee und heftete seinen flammenden Blick auf ihn. »Wo ist Tomorho?« fragte er mit bewegter Stimme, »sage mir Alles, was geschehen ist, mein Herz soll nicht beben.« Regungslos, wie eine Bildsäule, hörte er nun den Bericht Wagohee’s mit an und stand noch eine Weile eben so unbeweglich da, nachdem dieser mit seiner Mittheilung zu Ende war. »Jetzt wird es Zeit sein, daß Du die Seminolen Deine Stimme hören lässest und sie zum Kampfe rufst, es gilt das Leben Deines Sohnes,« sagte Onahee mit einem Tone des Vorwurfs und setzte dann noch hinzu: »Kannst Du sein Leben nicht retten, so wirst Du es doch zu rächen wissen.« »Das Schicksal der Seminolen gilt Tallihadjo mehr, als das Leben seines Sohnes, weder um dieses zu retten, noch um es zu rächen, wird er das Geschick seines Volkes auf ’s Spiel setzen,« antwortete der Häuptling mit Bestimmtheit und anscheinender Ruhe und versank dann wieder in gedankenvolles Schweigen. Plötzlich, wie zu einem Entschluß gekommen, rief er einigen seiner Krieger zu, die neugierig und verwundert herzugetreten waren: »Meine jungen Männer sollen ihre besten Waffen wählen und auf ihren schnellsten Pferden vor Tallihadjo’s Wigwam erscheinen; Tomorho ist von den Weißen gefangen.« Dann gab er einem Neger den Auftrag, sein Kriegspferd schnell von der Weide zu holen und zu satteln, ging in seine Hütte, hing die Kugeltasche um, steckte seinen Tomahawk und das Jagdmesser in den Gürtel, ergriff seine Büchse und schritt hinaus auf den freien Platz, wo das Feuer brannte, um dort sein Pferd und seine Krieger zu erwarten. 5 10 15 20 25 30 35 101ERstER BaNd • sEchstEs KapitEl Die Kunde, daß Tomorho gefangen genommen sei, verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch das Lager, alle jungen Männer griffen zu den Waffen, die Weiber rannten nach den Weiden, schwangen sich dort auf die Pferde, jagten zu den Männern zurück und, ehe eine halbe Stunde verging, hatten sich über hundert Krieger kampfbereit vor Tallihadjo’s Hütte versammelt. Die Nacht brach ein, als der Häuptling sein Roß, einen mächtigen Falben mit schwarzer Mähne und schwarzem Schweif, bestieg, und der harrenden Schaar das Zeichen zum Aufbruch gab. Er ritt voran auf dem Pfad, der nach der Landstraße führte, und im raschen Trabe folgten ihm die Krieger, einer hinter dem andern. Sobald sie aber die offene Straße erreicht hatten, gab der Häuptling seinem Roß die Zügel und im flüchtigen Galopp stoben die Reiter in gedrängten dunkeln Massen auf dem Wege nach Tallahassee fort. Hin und wieder lag eine einsame Niederlassung an der Straße, deren weiße Bewohner, durch das Gedröhn der Hufschläge an die Fenster und Thüren gelockt, mit verhaltenem Athem und mit Entsetzen die dichte graue Staubwolke vorüberziehen sahen, welche um die Racheschaar aufwirbelte. Ein stilles Dankgebet, daß ihnen dieser nächtliche Ritt nicht gegolten hatte, folgte dann. Es war nach Mitternacht, als die Reiter sich einer Farm näherten, die hart an der Straße, fünf Meilen von Tallahassee, gelegen war. Nur die schwarzen Umrisse hoher Bäume, die das Wohngebäude umstanden, und dessen Dach zeichneten sich gegen den dunkeln Himmel ab, sonst war die Niederlassung in die Finsterniß der Nacht gehüllt, kein Licht war zu sehen, und nur die Stimme eines Wachthundes unterbrach die Stille, die rund umher herrschte. Bald hatten die Indianer das Haus erreicht, schwenkten sich vor demselben auf und Tallihadjo, sowie Viele der Reiter sprangen von den Pferden und schritten nach dem Wohngebäude hin. Der Häuptling trat an die Thür und pochte an dieselbe, während seine Leute das Haus umstellten. »Bodin, öffne die Thür, Tallihadjo will mit Dir reden,« rief dieser mit lauter Stimme und wiederholte sein Klopfen. »Was willst Du zu später Stunde?« antwortete eine Mannsstimme im Hause. »Meine Familie ist zur Ruhe gegangen; komme bei Tage, dann kannst Du mich sprechen.« 102 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Die Zeit ist mir theuerer, als Dir; eine Minute kann mir ein ganzes Leben werth sein; mach’ auf, ich muß jetzt mit Dir reden,« erwiederte der Häuptling noch dringender. »So rede; sage mir, was Dich hierherbringt und was Du wünschest, ich will Dir antworten; ehe der Tag kommt, öffne ich Niemanden mein Haus.« »Willst Du es mir nicht öffnen, so thust Du es wohl für meine hundert Krieger, die um dasselbe stehen. Mache auf, Bodin, zum letzten Male, mach’ auf! Weder ich, noch meine Leute werden Dir ein Leids anthun. Ich muß von Angesicht zu Angesicht mit Dir reden; zünde Dein Feuer an,« sagte Tallihadjo mit Bestimmtheit. Statt der Antwort aber vernahm er rasche Fußtritte in dem Zimmer, hörte leise reden und erkannte den Ton eines Ladestocks, der in ein Gewehr gestoßen wurde. »Rühre Deine Waffen nicht an, denn bei dem großen Geist, der unser Aller Geschick lenkt, wen ich mit den Waffen in der Hand treffe, den lasse ich lebendig auf Deinem eigenen Feuer rösten. Nochmals, es wird Dir kein Haar geraubt, mach’ auf, oder meine Krieger öffnen die Thür,« sagte der Häuptling mit zornigem Tone. »So warte, bis ich das Feuer aufgefrischt habe,« rief der Angeredete mit ängstlicher Stimme im Hause, gleich darauf erhellte sich das Innere des Gebäudes und die Thür that sich auf. Bodin, der Eigenthümer, ein großer, breitschulteriger Mann, trat von dem Eingang in die Mitte des Zimmers zurück, als wolle er mit seinem Körper die Seinigen decken, die sich neben dem Kamin in die Ecke des Zimmers zusammendrängten und bleich, entsetzt und bebend nach der offenen Thür stierten. Tallihadjo’s hohe, stolze Gestalt trat jetzt ein und blieb, von dem Licht des Kaminfeuers hell beschienen, vor Bodin stehen. »Du sollst mir das Leben meines Sohnes Tomorho erhalten, deßhalb komme ich zu Dir und störe Deinen Schlaf,« sagte Tallihadjo mit feierlichem Tone. »Als gestern die Sonne den Thau noch nicht von den Gräsern gesogen hatte, ritt er auf einem Schimmel, den ich vor Kurzem von einem Deiner Brüder gegen einen Braunen eintauschte, nach Tallahassee. Dort hat man ihn mißhandelt und gebunden und gesagt, er habe das Pferd einem Weißen von der Weide entwendet. Deine Brüder wollen ihn mor- 5 10 15 20 25 30 35 103ERstER BaNd • sEchstEs KapitEl den. Besteige Dein schnellstes Pferd und schütze das Leben meines Sohnes, so wirst Du zugleich die Deinigen hier vom Tode retten, denn ich nehme sie mit mir, und wenn die Sonne heute hinter den fernen Wäldern Florida’s versinkt, ohne daß Tomorho mit Allem, was ihn nach Tallahassee begleitet hat, unverletzt zu mir zurückgekehrt ist, so lasse ich ihnen sämmtlich bei langsamem Feuer ein Glied nach dem andern verbrennen. Sage Tomorho, er fände Tallihadjo dort, wo derselbe so oft von dem großen Geist Hülfe für sein Volk erfleht und ihm süßen Rauch geopfert habe. Du kennst Tallihadjo und weißt, daß er nur mit e i n e r Zunge und nur e i n m a l redet. Eile, sattle Dein Pferd, jetzt wird Dir die Zeit noch theurer sein, als mir, Du hast acht Wesen zu retten, die Deinem Herzen lieb sind.« Bei diesen Worten zeigte er auf die Frau, die beiden erwachsenen Töchter und die fünf Knaben des Pflanzers, die sich mit Angstgeschrei an denselben klammerten und zitternd nach dem schrecklichen Indianer blickten. Ein Wort des Häuptlings aber füllte im Augenblick das Zimmer mit seinen wilden Gefährten, Bodin ward von den Seinigen getrennt und aus dem Haus geführt, die Frau und Kinder wurden trotz Ringens und Schreiens gebunden, hinaus zu den Reitern getragen, zu ihnen auf die Pferde gehoben und, von einem Dutzend Kriegern begleitet, der Wohnung des Häuptlings zugeführt. Tallihadjo selbst zog mit den übrigen Männern in voriger Eile auf der Straße nach Tallahassee weiter nach einer andern Niederlassung eines Weißen, die nur drei Meilen von der Stadt an einem Nebenwege lag. In derselben Weise nahm er die Familie ihres Eigenthümers, dessen Name Shacklefoot war, gefangen, sandte ihn gleichfalls nach Tallahassee, um seinen Sohn zu befreien und eilte mit weiteren sechs Gefangenen nun nach seinem Lager zurück. Der erste Schimmer des neuen Tages fiel auf die Stadt Tallahassee, als die beiden ihrer Familie beraubten Männer deren Bewohner schon in Aufruhr und lärmenden Tumult versetzt hatten. Von einem Hause zum andern trugen sie ihre Hülferufe und ihre Betheuerungen, daß der gefangene Indianer unschuldig sei. Ihre Freunde schlossen sich ihnen an und drangen auf dessen soforti- 104 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ge Befreiung, während eine größere Stimmenzahl jedoch sich für ein Gericht über ihn entschied. Der Morgen brachte viele Männer aus der Umgegend nach der Stadt, die theils aus Neugierde, theils aus eigenem Interesse, welches sie gegen einen Pferdedieb hatten, dem Gerichte beizuwohnen wünschten und mit jeder Stunde mehrte sich die Aufregung, mit der die beiden meinungsverschiedenen Parteien sich entgegentraten. Worth, der sich als Eigenthümer des Schimmels legitimirt hatte, lebte westlich von Tallahassee an dem Ufer des Apalaehicolaflusses, wo keine Indianer mehr wohnten und wo dieselben, weil man sie dort nicht mehr zu sehen bekam, weniger gefürchtet wurden. Er, sowie seine Freunde und Nachbarn bestanden darum fest darauf, daß Tomorho gehangen werden solle, während die Pflanzer, deren Besitzungen näher dem Indianergebiet lagen, ein sehr großes Interesse dabei hatten, den mächtigsten Häuptling der Seminolen nicht gegen sich aufzubringen, wenn ihnen auch mitunter ein Pferd durch die Indianer geraubt wurde. Die Bewohner der Stadt selbst kamen in sehr große Verlegenheit; die Meisten von ihnen waren Geschäftsleute, die mehr oder weniger von beiden Parteien abhingen, und es weder mit der einen, noch mit der andern verderben wollten. Dann aber waren ihnen die Indianer noch nicht fern genug, um die Gefahr zu vergessen, die ihnen drohen würde, sollten dieselben feindlich gegen sie auftreten, und oft waren schon Besorgnisse laut geworden, daß es den Wilden ein Leichtes sein würde, die Stadt in Schutt und Asche zu legen. Sie neigten sich darum mehr zu der Ansicht hin, daß es gerathener sei, den Sohn des Häuptlings frei zu geben, wenn gleich sie sich nicht laut darüber aussprechen mochten. In einer gerichtlichen Verhandlung der Angelegenheit sahen sie nun das beste Mittel, sich aus der Verlegenheit zu helfen, denn sie gedachten ihren Einfluß auf das Gericht in der Weise geltend zu machen, daß der Gefangene jedenfalls frei gesprochen werden müsse, und so wurde denn allgemein beschlossen, eine Jury zu wählen, die über den Angeklagten richten sollte. Bei der Wahl der Geschworenen ging es sehr stürmisch her, die Gemüther erhitzten sich außerordentlich, es wurde viel Brannt- 5 10 15 20 25 30 35 105ERstER BaNd • sEchstEs KapitEl wein getrunken, und als die Wahl vollzogen war, rechnete jede der beiden Parteien mit Bestimmtheit darauf, daß die Entscheidung nach ihrem Wunsche ausfallen werde. Die zwei unglücklichen Familienväter Bodin und Shacklefoot konnten sich aber bei der Ungewißheit über das Resultat der Gerichtsverhandlung nicht beruhigen, jede Minute, die verstrich, steigerte die Gefahr, in der sich die Ihrigen befanden, sie dachten an den langen Ritt, den der Indianer zurückzulegen hatte, bis er Jenen als Retter erscheinen konnte, mit Entsetzen klangen ihnen immer noch die furchtbaren Drohungen Tallihadjo’s in die Ohren, sie sahen immer noch ihre Lieben geknebelt auf den Pferden der Wilden davon jagen, hörten in Gedanken ihr Angstgeschrei und erblickten sie schon auf dem Holzstoß, wie die Flammen um sie aufloderten. Gewißheit über die Befreiung Tomorho’s mußten sie haben, und die konnten sie nur durch eignes Handeln erlangen. Sie beredeten ihre Freunde, ihnen beizustehen, erkauften die Hülfe Anderer mit Gold, schafften im Stillen Waffen herbei und beschlossen, den Gefangenen sofort mit Gewalt frei zu machen, wenn ihn die Geschworenen verurtheilen sollten. Das Gerichtshaus war zum Erdrücken mit Zuhörern angefüllt, der Angeklagte wurde vor die Schranken geführt und die Gerichtsverhandlungen, wenn das Verfahren einer wilden ungeregelten Volksjustiz so genannt werden kann, begannen. Tomorho wurde aufgefordert, sein Verbrechen einzugestehen und ihm angedroht, daß man ihn sonst durch Peitschenhiebe dazu nöthigen werde. Mit stolzer Verachtung blickte der junge Indianer aber auf seine Ankläger und würdigte sie keiner Antwort. Nach wiederholter vergeblicher Aufforderung zum Eingeständniß bestanden die Freunde Worth’s darauf, den halsstarrigen Verbrecher jetzt zu peitschen, bis er bekennen würde. Hiergegen jedoch erhob sich die Gegenpartei, indem sie darauf hinwies, daß dies gegen die Constitution der Vereinigten Staaten sei. Zeugen für das begangene Verbrechen waren nicht vorhanden, bekennen wollte der Angeklagte nicht, also blieb Nichts übrig, als die Geschworenen urtheilen zu lassen, ob sie denselben für schuldig oder nicht schuldig erkannten. Dies geschah sofort, und die Stimmenmehrheit verdammte ihn zum Galgen. 106 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Mit Jubel und lauten Hurrah’s, als ob ihnen ein bestrittenes Eigenthum zugesprochen wäre, drängten sich nun die Freunde Worth’s um den Verurtheilten, nahmen ihn in ihre Mitte und führten ihn hinaus der Eiche zu, von deren Aesten der verhängnißvolle Strick bereits herabhing. Tomorho ging sichern Schrittes und mit unerschütterter Festigkeit seinem Schicksal entgegen; kein Zug auf seinem ernsten Gesicht, kein Blick verrieth die mindeste Aufregung oder Bangigkeit. Wohl richtete er seine Augen wiederholt auf das letzte Haus im Orte, hinter welchem er Wagohee bei dessen Flucht hatte verschwinden sehen, und seine Blicke schienen dann den dahinter aufsteigenden Wald durchdringen zu wollen; wohl hielt er sein Ohr nach jener Gegend hin, als lauschte er nach einem ersehnten Ton, den er sicher zu vernehmen erwartete, dabei änderte er aber seine stolze ruhige Haltung nicht und wies die ihm begegnenden triumphirenden Blicke seiner Henker mit Verachtung zurück. Plötzlich fiel eine Anzahl Männer aus dem Volkshaufen über seine nächste Umgebung her, warf sie nieder, Bodin und Shacklefoot mit einigen vierzig bewaffneten Gefährten bemächtigten sich des Indianers, durchschnitten seine Fesseln, und machten mit den Waffen in der Hand Platz für ihn, um aus der überraschten Menge zu flüchten, indem sie ihm das letzte Haus bezeichneten, vor welches jetzt der Schimmel seines Vaters vorgeführt wurde. Wie der Pfeil von dem abgeschossenen Bogen schwirrt, und wie der gefangene Vogel, aus seinem Käfig entkommen, dahinsausend seine Freiheit begrüßt, so flog Tomorho dem Pferde zu, schnellte sich mit einem Sprunge auf dessen Rücken und war sofort in der Staubwolke verschwunden, die hinter den Hufen seines flüchtigen Rosses aufwirbelte. 107 5 10 15 20 Capitel 7. Die Insel. – Der Scheiterhaufen. – Beschluß. – Das Wiedersehen. – Die geängstigten Väter. – Wiederfinden. – Feindliche Unternehmung. – Die weißen Freunde. – Der aufgegebene Kriegszug. – Verschwinden der Indianer. – Die Ueberraschung. – Die Baumwollen-Ernte. – Häusliche Einrichtungen. – Der Bräutigam. Der Abend nahete sich, die glühende Hitze des Tages war der erquickenden Kühle gewichen, die der frische Golf-wind von Süden her über das Land wehte, und kräuselnd spielte dieser auf der krystallklaren Oberfläche des See’s, der einige Meilen östlich von dem Lager Tallihadjo’s an der andern Seite des Ocklocknyflusses im hohen Walde lag. Die Sonne neigte sich und warf ihre milden Strahlen schräg über die grüne durchsichtige Fluth auf eine Insel, die sich in der Mitte des See’s als hohe Waldgruppe erhob und ringsum mit einer Wand von undurchdringlichem Röhricht eingeschlossen war. Mächtige Platanen, Eichen, Magnolien und Cypressen streckten hier ihre gewaltigen Arme weit über das Rohrdickicht hin und zwischen ihnen blickten die ungeheuern Blätter der Riesenpflanzen, die aus dem üppigen Boden herauswucherten, durch das tausendfältige Rankengeflecht, welches von der Spitze der Bäume bis auf die feuchte, nie von der Sonne berührte Erde herabhing. Die schwarzen Schatten des Urwaldes an der Westseite des See’s dehnten sich weiter und weiter über dessen blitzende Fläche, drängten das Sonnenlicht, das auf ihr zitterte, mehr und mehr zurück und hatten schon die Insel mit ihrem Düster bedeckt, als aus deren Baummassen eine dichte Rauchwolke aufwirbelte und wie eine graue Säule zum glühend beleuchteten Abendhimmel empor stieg. In der Mitte der Insel lag mit saftiger 108 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Grasdecke überzogen ein runder Platz, um den sich mächtige Eichenstämme wie eine Säulenreihe erhoben und mit ihren vereinigten Aesten ein dichtes Laubdach über ihm wölbten. Hier stand Tallihadjo, von seinen ältesten Kriegern umgeben, und blickte schweigend auf den Holzstoß, den die Weiber in der Mitte des Platzes errichtet und jetzt beim Sinken der Sonne angezündet hatten, so daß die Flammen prasselnd nach dem grünen Gewölbe hinaufstrebten und ihr Feuerschein mit dem scheidenden Tageslicht um die Herrschaft rang. Ein lautes Wimmern und Jammern wurde von dem Ufer her hörbar, dem sich jetzt mehrere Kanoes, von Wilden geführt und mit den beiden geraubten Pflanzer-Familien beladen, näherten, indem die Ruderer die kleinen Nachen auf den schmalen gehauenen Durchgängen zwischen dem hohen Rohr hindurchschoben. Die Schiffchen hatten das Ufer erreicht und die Führer derselben zogen die Gefangenen auf das Land herauf und trieben sie durch das Dickicht dem Platze zu, auf dem das Feuer brannte. Die Mutterliebe hielt die beiden Mütter aufrecht, sie rissen ihre Kleinen aus den Händen der rohen Wilden an sich und breiteten ihre Arme schützend über ihnen aus, während dieselben sich schreiend und schluchzend an sie drängten und sich an ihre Kleider festklammerten. Die erwachsenen Mädchen aber waren nicht im Stande, sich auf den Füßen zu erhalten, Entsetzen und Todesangst warf sie aus einer Ohnmacht in die andere, so daß die Wilden ihre Arme um sie schlingen und sie nach dem Richtplatz hinschleifen mußten. Der Anblick der aufsteigenden Lohe erfüllte die Unglücklichen vollends mit Verzweiflung; händeringend, zitternd und bebend blickten sie in die Flammen, die sie nun bald verzehren sollten und ließen den Wald von ihrem Jammergeschrei ertönen. Mit Entsetzen sahen sie dann nach dem furchtbaren Häuptling hin, der mit kalter Ruhe da stand, seine gräßlich unbeweglichen Blicke auf sie heftete und hinter seinen geschlossenen Lippen das Todesurtheil für sie zu verbergen schien. Er winkte den Indianern zu, die Gefangenen seitwärts an einer Eiche zusammen zu führen, setzte sich selbst schweigend an einem Baumstamm nieder und blickte in die Flammen, die jetzt den gan- 5 10 15 20 25 30 35 109ERstER BaNd • siEBENtEs KapitEl zen Holzstoß ergriffen hatten und die schwanken Aeste über sich durch ihre Gluth hin und her bewegten. »Die Sonne ist hinter dem Wald versunken, und Tomorho ist nicht zurückgekehrt; die Weißen haben Deinen Sohn gemordet, Tallihadjo; Blut für Blut; – sollen wir die Weiber oder die Kinder zuerst zum Feuer führen?« sagte nach einer Weile einer der alten Krieger zum Häuptling und zeigte auf die Gefangenen. »Noch ist der Tag stärker als die Nacht; Tomorho kann noch kommen,« antwortete Tallihadjo und deutete dem Krieger an, sitzen zu bleiben. »Und wenn auch Tomorho zurückkehren sollte, – Du wirst doch die Bleichgesichter nicht lebendig wieder aus den Händen geben?« fiel ein anderer alter Krieger ein, »sterben müssen sie doch hier, etwas früher oder später macht keinen Unterschied. Laß uns sie auf ’s Feuer werfen.« Tallihadjo, der vor sich niedergesehen hatte, gab dem Sprecher keine Antwort, winkte ihm aber gleichfalls Ruhe zu und richtete seine Blicke dann nach dem westlichen Himmel, der jetzt nur noch da, wo die Sonne versunken war, einen mattgelben Lichtschein zeigte. Die Krieger hatten sich, mißmüthig über das Zögern des Häuptlings, zusammengesetzt und wechselten finstere Blicke, obgleich Keiner von ihnen es wagte, seinen Unmuth auszusprechen, die Indianerinnen aber trugen geschäftig immer mehr Holz zu dem Feuer und fachten dessen Gluth noch mehr an. Tallihadjo saß allein und war tief in Gedanken versunken, als Onahee sich ihm leise näherte und sich ihm zur Seite an dem Baumstamm niederließ. Indem sie auf ihren Arm niedersank und sich zu ihm hinneigte, sagte Onahee leise zu dem Häuptling: »Kannst Du noch länger zögern, Dein Kind zu rächen? Sein Blut ruft laut nach Rache in jedes Seminolen Herzen, nur der eigene Vater hat seine Brust verschlossen, sein Auge ist blind gegen die Schandthaten der Weißen an seinem Volke und sein Ohr hört nicht dessen Klagen. Fühlt Dein Geist denn nicht, wie Deines Sohnes Seele Vergeltung von Dir fordert, werden nicht Deine Väter in ihren ewigen Jagdgründen über Dich zürnen und glauben, Dein Herz sei nicht groß genug, um gegen Deine Feinde mit ernstem 110 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Willen zu handeln? Schon mißtrauen Dir Viele unter den Seminolen und reden von Einverständniß mit den Weißen, von Verrath, von Bestechung. Lässest Du Deinen Sohn ungerächt, so wendest Du noch mehr Herzen Deines Volkes gegen Dich. Siehst Du nicht die finstern Blicke Deiner ältesten erfahrensten Krieger?« »Tallihadjo’s Herz hatte für das Schicksal seines Sohnes mehr Raum, als für das seines Volkes, deshalb brachte er die Gefangenen hierher und ließ den Holzstoß anzünden. Doch das auflodernde Feuer hat sein Inneres erhellt und ihm gezeigt, daß der Platz in seinem Herzen seinem Volke allein angehöre und daß dessen Zukunft durch die Rache für Tomorho’s Tod in Gefahr kommen müßte. Das Verbrennen jener Weiber und Kinder würde die Krieger der Weißen abermals vom Norden herab über die Seminolen bringen, deren Streiterzahl nur erst zur Hälfte zur Schlacht entschlossen ist. Wir dürfen Keinen von ihnen zu früh opfern. Unser Kampf, unsre Rache muß, wie der Panther, mit ungehörtem Tritte den Weißen nahen und sie im Schlafe überfallen, dann hofft Tallihadjo den Weg zu finden, den die Sonne zieht. Ich werde die Gefangenen unversehrt zu ihrem Wigwam zurückbringen«, antwortete der Häuptling mit gedämpfter Stimme, als ein kaum hörbarer Ruf von weither durch den Wald über den See gezogen kam und das scharfe Ohr Tallihadjo’s berührte. Wie ein electrischer Funken fuhr der Laut durch des Häuptlings ruhige Gestalt, er schoß von seinem Sitze auf, hob die gefalteten Hände zum Himmel und stürzte mit den Worten: »Wer die Gefangenen berührt, den sollen die Flammen verzehren!« durch das Dickicht einem Kanoe in dem Röhricht zu, sprang in dasselbe hinein und ließ es wenige Augenblicke später mit so gewaltigen Ruderschlägen über die dunkle Fluth hinschie- ßen, daß der weiße Schaum hoch vor ihm aufspritzte. Bald hatte er das Ufer erreicht und ließ nun seine Stimme in einem gellenden Schrei ertönen, den das Echo weithin in den Bergen beantwortete. Auch der Ruf von vorhin erschallte wieder in nicht so großer Entfernung, abermals wogte als Antwort darauf die Stimme des Häuptlings durch den dunkeln Forst, bald wurden die Hufschläge eines flüchtigen Pferdes hörbar, ein weißes Roß flog unter den hohen Bäumen daher und Tomorho warf sich von ihm herab seinem Vater in die Arme. 5 10 15 20 25 30 35 111ERstER BaNd • siEBENtEs KapitEl Die äußere Ruhe des Indianers, die ihn selbst im Kampfe auf Leben und Tod nie verläßt, war von Beiden gewichen, wieder und wieder fielen sie sich in die Arme und ihre Thränen flossen zusammen. Der Sturm des übermächtigen Glückes verwogte indeß bald, Tallihadjo schritt zu dem Pferde hin, schlang dessen Zügel an einen Ast und winkte dann seinem Sohne nach dem Kanoe, in welchem er sich niedersetzte, während Tomorho die Ruder ergriff. Schweigend erreichten sie die Insel, Tallihadjo schritt voran auf den Platz, wo das Feuer brannte, und setzte sich, ohne über die Rückkehr Tomorho’s etwas zu sagen, wieder in das Gras nieder, während dieser von den Kriegern mit stürmischer Freude empfangen wurde. Der Häuptling befahl nun, die Gefangenen wieder nach seinem Lager zu führen, die kaum die Wendung ihres Schicksals erkannten, als sie sich weinend vor Tallihadjo niederwarfen und flehend, dankend und betend seine Knie umklammerten. Er aber wies sie stolz und kalt von sich und winkte ihnen, seinen Kriegern zu folgen, die sie zu den im Röhricht verborgenen Kanoes leiteten und in dieselben vertheilten. Wohl dreißig dieser kleinen Nachen schwammen nun bald von der einsamen Insel ab dem Ufer zu, während der Schein des noch hoch auflodernden Feuers sich hin und wieder durch die Laubmassen stahl und in glühend rothen Lichtstreifen über den dunkeln See strich. Die späte Nacht fand die beiden Pflanzerfamilien bei des Häuptlings Lagerfeuer auf weichen Häuten gebettet, wo sie auch von ihm mit Speise und Trank versorgt worden waren. Die Mütter und ihre ältern Kinder, von deren Augen das Entsetzen und die Verzweiflung, immer noch durch ihre Seelen zuckend, trotz ihrer zunehmenden Müdigkeit, den Schlaf fern hielt, gaben sich der Hoffnung hin, wieder mit ihren Gatten, mit ihren Vätern vereint zn werden, während die jüngern Kinder in festen Schlaf gesunken waren, den nur einzeln noch ein schluchzender Athemzug unterbrach. Mit stürmischer, rasender Hast trieben dagegen die beiden Pflanzer Bodin und Shacklefoot ihre Pferde unter Sporn und Peitsche auf der Straße her durch die finstre Nacht, so daß ihr Führer, ein Jäger, der ihnen den Weg zu Tallihadjo’s Lager zeigen 112 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 sollte, kaum zu folgen im Stande war. Bodin hatte den Häuptling seit mehrern Jahren gekannt und zwar, obgleich dieser ein Wilder war, nur von einer guten Seite. Es war unter den Weißen in Florida überhaupt nicht unbekannt, daß Tallihadjo bei jeder Gelegenheit Alles aufbot, seine rothen Brüder von Feindseligkeiten gegen sie abzuhalten, und daß er sich stets bemühte, wenn solche zwischen ihnen vorgekommen, dieselben zu möglichster Zufriedenheit der Weißen auszugleichen. Der Grund, warum er dies that, war ihnen freilich nicht bekannt und sie erblickten deshalb in ihm nur einen freundlichen, friedliebenden Vermittler, den sie außerdem als rechtlichen und streng wahrheitsliebenden Mann achten mußten, das heißt, insoweit sie überhaupt in einem Indianer gute Eigenschaften anerkannten. Bodin aber hatte ihm stets Gerechtigkeit angedeihen lassen. Er hatte häufig mit ihm auf Vieh und Pferde gehandelt, hatte ihm oftmals kleine Gefälligkeiten erzeigt und solche von ihm empfangen, und hatte ihn bei jeder Gelegenheit gerade und ehrlich befunden, was er von nur Wenigen seiner weißen Brüder sagen konnte. Zugleich kannte er ihn aber als einen Mann von unerschütterlich festem Willen und wußte, daß er unter jeder Bedingung Das ausführen würde, was er zu thun einmal beschlossen und erklärt hatte. Bodin war ganz fest überzeugt, daß derselbe die Seinigen dem Feuertode übergeben hätte, wäre Tomorho gemordet worden; doch eben so sicher wußte er sie außer Gefahr, wenn derselbe zeitig und unversehrt zurückkehre. Ob aber Tomorho auch noch vor Sonnenuntergang bei dem Häuptling angelangt war? Das war die Frage, welche die beiden unglücklichen Väter wohl zur Verzweiflung trieb, denn ein einziger Fehltritt seines Pferdes wäre ja hinreichend gewesen, die Ankunft zu verzögern. Ueber Tomorho’s Wunsch und Eifer, die Gefangenen zu retten, hegten sie keinen Zweifel, denn auch er war, wie sein Vater, als ein braver Mensch bekannt, und Dankbarkeit ging ja einem Indianer über alle andern Pflichten. Zuviel stand aber auf dem Spiel, als daß diese Trostgründe die beiden Männer hätten beruhigen können, und je näher sie dem Augenblick kamen, wo ihr ganzes Lebensglück entschieden werden sollte, desto banger schlugen ihre Herzen, desto lebendiger stieg die Gefahr vor ihnen auf, in der ihre Lieben schwebten, und um so 5 10 15 20 25 30 35 113ERstER BaNd • siEBENtEs KapitEl fester preßten sie die scharfen Sporen in die Seiten der ermatteten Rosse und trieben sie mit Gewalt zu neuem Kraftaufwand an. Die Nacht war frisch, wohlthuend und kühlend umzog der Luftzug, den das schnelle Reiten verursachte, die erhitzten Wangen der beiden Väter und machte es den Rossen möglich, bei Athem zu bleiben. Weder der Eine noch der Andere redete, Beider Herzen waren zu schwer mit Angst und Sorge belastet und nur einzeln hörte man sie seufzend »großer Gott!« stöhnen. Endlich rief ihnen ihr Führer zu, daß sie den Platz erreicht, wo der Pfad, der zu dem Lager Tallihadjo’s führte, die Straße verließ und in den Wald hineinbog, sie hielten ihre schaumbedeckten Pferde an und der Jäger ritt ihnen nun voran. Es war hier so finster, daß die Reiter es gänzlich ihren Thieren überlassen mußten, langsam dem Wege zu folgen, wodurch ihre Ungeduld, ihre Angst nur noch mehr gesteigert wurde, und mit beklommener Brust stierten sie vor sich in die Dunkelheit und spähten nach einem Lichtschein. Plötzlich schlugen Hunde in der Ferne an, bald zeigte sich ein heller Schimmer in den Laubmassen, die Pflanzer trieben mit ängstlicher Hast ihre Pferde bei dem Führer vorüber dem Lichte zu, brachen nun aus dem Dickicht hervor auf den freien Platz, in dessen Mitte das Lagerfeuer brannte, und stürzten sich von den Rossen ihren Frauen und Kindern in die Arme, die ihnen unter Freudenthränen entgegengesprungen kamen. Das Glück, die Seligkeit der Wiedervereinten kannte keine Grenzen, und lange Zeit gestattete ihnen ihr Schluchzen nicht, ihren Gefühlen Worte zu geben. Dann aber trat Tallihadjo mit Tomorho zu den beglückten Vätern hin, hieß sie an seinem Feuer willkommen und dankte ihnen herzlich, indem er ihnen die Hände drückte, für die Rettung seines Sohnes. In Tallahassee war die Aufregung nach der Flucht des Indianers sehr groß, die überwältigte Partei sammelte sich und griff ihre Gegner, die sich in ein Trinkhaus zurückgezogen hatten, mit Wuth an, um Rache an ihnen zu nehmen; doch bald traten die Bürger des Städtchens zusammen und trieben die Landbewohner mit den Waffen in der Hand aus ihren Grenzen. Es wurden dabei mehrere Männer getödtet und viele verwundet und die Besiegten schwuren im Abziehen blutige Rache. 114 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Die Begebenheit verursachte große Bewegung im Lande, namentlich in dem westlichen Theil von Florida, wo man laut zu den Waffen rief, um Tallihadjo, den Urheber der Streitigkeiten, dafür zu züchtigen. Viele, denen der Vorfall sonst gleichgiltig war und die sich nicht an einem Feldzug gegen den Häuptling betheiligt haben würden, sahen jedoch eine günstige Gelegenheit darin, ihn von seinem Grund und Boden zu vertreiben, die Grenze der Weißen so viel weiter in das Gebiet der Indianer vorzuschieben und für sich selbst ein gutes Stück Land dabei zu erobern. Es wurden große Versammlungen im Lande gehalten, in denen man die Angelegenheit leidenschaftlich besprach, die Zahl der Kampfbereiten vergrößerte sich schnell und es wurde Ort und Zeit bestimmt, wo man sich versammeln wollte, um über die Wilden herzufallen und sie von ihrem Eigenthum zu verjagen. In dem angrenzenden Georgien verbreitete sich ebenwohl bald das Gerücht von den feindseligen Vorbereitungen gegen Tallihadjo, fand jedoch dort eine ganz andere Stimmung, als in Florida. Georgien war vor dem Feldzug der Amerikaner unter General Jackson gegen die Wilden stets die Zielscheibe deren Verheerungen, der Ausströmungspunkt ihrer Rache, ihrer Grausamkeiten gewesen, und schon damals hatte Tallihadjo oft die Streitigkeiten seiner Brüder mit den Ansiedlern in Georgien zu vermitteln gesucht und manches schwere Schicksal von ihnen abgewendet. Seit jenem Feldzuge aber hatten Letztere mit den Seminolen Florida’s in vollkommenem Frieden gelebt, da sie keinen Versuch machten, in deren Gebiet weiter vorzudringen, welches seitdem, laut abgeschlossenem Frieden, ganz innerhalb der Grenzen dieses Landes lag; sie hatten viel mit ihnen gehandelt und verkehrt und beide Parteien waren froh, daß endlich die ewige Unruhe und Gefahr, die sie sich gegenseitig bereitet, aufgehört hatte. Mit dem Stamme Tallihadjo’s lebten sie in besonders freundlichen Beziehungen, da er es war, dem sie hauptsächlich das gute Vernehmen mit den Wilden zuschrieben und darum erregte die Nachricht von den feindlichen Absichten der Weißen Florida’s gegen ihn großen Unmuth und Besorgniß. Der alte Arnold war ebenso, wie der nun verstorbene Norwood, immer dem Häuptling persönlich befreundet gewesen, und seine 5 10 15 20 25 30 35 115ERstER BaNd • siEBENtEs KapitEl Entrüstung war groß, als er Kunde von den Ereignissen in Florida erhielt. Ganz abgesehen aber von seiner persönlichen Zuneigung zu Tallihadjo war Arnold mit den näheren Verhältnissen desselben zu den andern Stämmen vertraut und wußte, daß er sie theils durch Klugheit und Ueberredung, theils aber auch durch die Gewalt seiner größern Macht in Ruhe und Ordnung hielt, und daß dieselben, wenn nicht mehr von ihm überwacht und geleitet, sofort wieder ihr früheres Unwesen in Georgien beginnen würden. Arnold und seinem Sohne war dies Alles sehr wohl bekannt, und außer ihrer Freundschaft zu Tallihadjo hatten sie ein persönliches Interesse, um jeden Preis den von den Floridanern beabsichtigten Kriegszug gegen denselben zu verhindern. Ralph Norwood stand Tallihadjo noch näher, da die Bande des Bluts ihn an denselben fesselten, und er schloß sich Arnold mit allem Eifer an, um die drohende Gefahr von ihm abzuwenden. Zu diesem Zwecke ritten sie nun in verschiedenen Richtungen im Lande umher, von Pflanzer zu Pflanzer, machten einen Jeden mit der Angelegenheit ausführlich bekannt, lenkten Aller Aufmerksamkeit darauf hin, daß die Sicherheit ihrer Person und ihres Eigenthums durch einen Angriff auf Tallihadjo gefährdet werden würde, sie sammelten Unterschriften, um gemeinschaftlich gegen einen Krieg zu protestiren, und ließen die Leute sich bereit erklären und verbindlich machen, selbst mit der Gewalt der Waffen ein jedes feindselige Auftreten gegen Tallihadjo zurückzuweisen. In wenigen Tagen war die Zahl der Unterschriften bis auf hundert gestiegen, und die beiden Arnolds sowie Ralph zogen, mit diesem schriftlichen Protest versehen, nach Florida an den Apalachicolafluß in das Settlement, wo die Zusammenkunft der Streiter Statt finden sollte. Sie kamen noch gerade zu rechter Zeit, denn schon für den zweitfolgenden Tag war der Abmarsch bestimmt. Die Kampflust war zu groß, als daß die versammelten Floridaner ihr Vorhaben sogleich nach empfangener Erklärung der Georgier aufgegeben hätten, sie behaupteten im vollsten Rechte zu sein, bestritten eine jede Befugniß der Georgier, sich in ihre Angelegenheiten zu mischen und schwuren, daß sie es mit ihnen eben so gut aufnehmen würden, als mit den Indianern. 116 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Frank Arnold und Ralph schritten, mit den Waffen in Bereitschaft, unter der versammelten Menge umher, man sah es ihnen an, daß sie sich ihres Rechts, ihrer jugendlichen Körperkraft und Entschlossenheit bewußt waren, sie gingen keinem herausfordernden Blick aus dem Wege, antworteten mit Geringschätzung auf alle großprahlenden Reden und wiesen auf frühere Streitigkeiten zwischen den Georgiern und Floridanern hin, die durch die Waffen entschieden, und wobei Letztere im Nachtheil geblieben waren, und traten überhaupt keck und furchtlos für ihre Landsleute auf. Der alte Arnold dagegen behielt vollkommen seine Ruhe, bestieg wiederholt einen Stuhl, sprach überzeugend und überredend zu der Versammlung und schloß zuletzt mit der festen unabänderlichen Erklärung, daß er selbst mit allen den Männern, die unterzeichnet hatten, zu Tallihadjo stoßen und mit ihnen seinen letzten Blutstropfen für dessen Verteidigung hingeben würde. Dann forderte er eine ganz bestimmte Erklärung, ob Krieg unter ihnen sein solle, oder nicht, er wäre zu Beidem vollkommen bereit. Das entschlossene, unabhängige Auftreten des alten Mannes wirkte zuletzt doch sehr herabstimmend auf die Kriegslustigen, sie sahen ein, daß sie sich unter diesen Verhältnissen keinen günstigen Erfolg träumen lassen durften, und da der alte Arnold von keinerlei Bedingungen etwas wissen wollte, sondern nur »Ja oder Nein« zu hören verlangte, so entschied zuletzt eine große Stimmenmehrheit gegen den Krieg und das ganze feindselige Vorhaben wurde aufgegeben. Die friedliche Vereinbarung feierte man in dem Trinkhause und dann ritt der alte Arnold mit seinen beiden jungen Begleitern von dannen, von dem wohlthuenden Gefühl erfüllt, daß er dem Rechte den Sieg verschafft, den Freund beschützt und von sich und seinen Nachbarn eine drohende Gefahr abgewendet habe. Er richtete seinen Weg nach dem Lager Tallihadjo’s, wo er am zweiten Tage frühzeitig anlangte; doch wie sehr war er erstaunt, als er die Hütten verlassen und nirgends mehr ein Zeichen vorfand, was auf die Anwesenheit eines Indianers gedeutet hätte. Er ritt nach der Weide, wo die Pferde Tallihadjo’s zu grasen pflegten, aber auch sie war verödet und unter dem Ufer des nahen Flusses war kein Kanoe mehr zu sehen. Dies plötzliche Verschwinden des ganzen Stammes beunruhigte Arnold sehr, er sah darin eine Vor- 5 10 15 20 25 30 35 117ERstER BaNd • siEBENtEs KapitEl bereitung zum Kriege, und zwar nach der Indianer Weise, um unerwartet, wie der Jaguar aus dem Versteck hervorzubrechen, während die Weiber und Kinder in Sicherheit gebracht waren. Der alte Mann beschloß, die Spur der Wilden zu verfolgen, bis er diese selbst aufgefunden und ihnen die günstige Beilegung der beabsichtigten Feindseligkeiten mitgetheilt habe. Der Fluß war bald auf seichter Furth durchritten, die vielen Fährten von Rossen und Maulthieren, die hier den Strom verließen, zeigten deutlich, daß der ganze Stamm den nämlichen Weg genommen hatte, und leicht konnte jetzt Arnold mit seinen Begleitern der Spur folgen, da die vielen Thiere einen breiten Pfad getreten hatten. Derselbe führte ihn mehrere Meilen durch den Wald nach einer großen Grasfläche, die in demselben lag, und als er ihre Mitte erreicht hatte, schienen die unzähligen Fährten sich auf e i n e m Platz versammelt zu haben. Von hier aus aber war die breite deutliche Spur verloren und nur einzelne Schleifen im Grase zeigten wie ein Fächer nach allen vier Himmelsgegenden und gingen weiter hin den spähenden Blicken der drei Reiter verloren. Es war augenscheinlich, daß die Wilden hier den sie etwa aufsuchenden Feind hatten irre leiten und ihm ihre Spur verbergen wollen. Dasselbe war jetzt auch ihren Freunden geschehen, denn dieselben hielten hier und blickten in allen Richtungen um sich, ohne zu wissen, welche sie einschlagen sollten. Sie kamen bald zu der Ueberzeugung, daß es gänzlich erfolglos sein würde, sich weiter um die Auffindung der Indianer zu bemühen, da sie, mit deren Gewohnheiten vertraut, wußten, daß jeder Einzelne derselben alle List aufgeboten hatte, um seine Fährte dem spähenden Auge eines Verfolgers zu entziehen, und daß sie auf sehr weitem Umwege, vielleicht zwanzig oder dreißig Meilen von hier, wieder zusammenkommen würden. Der alte Arnold gab darum seinen Plan auf und lenkte sein Roß der Heimath zu, die er mit seinen beiden Gefährten erreichte, als schon das Düster des Abends auf der Gegend lag. Madame Arnold empfing sie mit freudigem Willkommen und hörte mit stolzer Zufriedenheit, daß die Floridaner sich den Vorstellungen ihres Mannes gefügt hatten. Noch saßen sie zusammen beim Abendbrod, als sich mehrere ihrer Nachbarn einfanden, um sich zu erkundigen, ob etwa Nachricht über den Erfolg der Missi- 118 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 on Arnolds eingetroffen sei. Der ganze Hergang wurde nun von dem alten Herrn ausführlich berichtet, während welcher Zeit Madame Arnold wiederholt zufrieden mit dem Kopf nickte und mit Wohlgefallen auf ihren geliebten alten Mann schaute, der mit jugendlicher Begeisterung und Kraft seine Erzählung vortrug. Die Fremden hatten sich wieder auf den Heimweg begeben und das alte Ehepaar saß mit dem geliebten Sohne und dem Gaste auf der Bank vor dem Hause, um sich der Erquickung der Nachtluft zu erfreuen, als sie eine Mannsgestalt durch die Dunkelheit erkannten, die aus dem Walde hervor und am Hügel herauf dem Hause zuschritt. »Das muß ein Indianer sein, zu Fuße kommt kein Weißer!« sagte der alte Arnold, indem er aufstand und dem Fremden entgegenging. Bald hatte dieser die Einzäunung erreicht, und als er durch dieselbe auf den Platz vor dem Hause trat, erkannte man in ihm Tallihadjo. Die Ueberraschung und die Freude des alten Arnold war gleich groß, er bewillkommnete den wilden Freund auf ’s Herzlichste, führte ihn zu der Bank, wo er ihn neben sich Platz nehmen ließ und theilte ihm dann die Begebenheiten der letzteren Tage mit. Der Häuptling hörte aufmerksam der Erzählung Arnold’s zu, und als derselbe geendet hatte, sagte er: »Du bist der Leopard, der die Antilope gegen die hungrige Schaar seiner Brüder in Schutz nimmt, Deine Freundschaft ist seltener, als der weißgeborene Büffel, und die Dankbarkeit der Seminolen wird ewig dauern, wie die Wogen des großen Wassers, welche die Küste Florida’s bespülen. Der Zorn des großen Geistes liegt schwer auf unserm Volke, und das starke Herz Tallihadjo’s hat schon viel um dasselbe gelitten. Er wollte ihm auch sein Land opfern und es den Weißen überlassen, darum zog er mit seinem Stamme davon, ohne daß seine Fährte sagte, wohin.« »Du hättest Dein Gebiet aufgeben wollen, ohne es vertheidigt zu haben? Es ist ja Dein rechtmäßiges Eigenthum,« fiel ihm der alte Arnold in die Rede. »Welches Stück Landes bis weit über die großen Seen im Norden hinaus war nicht das Eigenthum der rothen Kinder? Der gro- ße Geist nimmt ihnen ein Stück nach dem andern und gibt es den 5 10 15 20 25 30 35 119ERstER BaNd • siEBENtEs KapitEl weißen Männern, weil er ihnen mehr gewogen ist, bis das Gebein des letzten Indianers an den eisbedeckten Bergen des Westens in der Sonne bleicht. Die Seminolen aber werden vorher in den Sümpfen Florida’s sterben müssen,« sagte der Häuptling, vor sich hinschauend. »Das Land, welches Ihr jetzt noch besitzt, ist Euch seit dem letzten Friedensschluß von unserer Regierung zugesagt; Niemand darf es Euch nehmen,« antwortete der Alte mit Eifer. »Haben die Weißen nicht nach jedem Landraub, den sie an uns begingen, Frieden geschlossen und ihn immer gleich gebrochen, sobald es sie wieder nach einem andern Stück gelüstete? Die rothen Männer haben nur e i n e Zunge, die Weißen aber haben zwei,« sagte Tallihadjo mit halblauter Stimme, ergriff aber gleich darauf die Hand des alten Arnold und setzte mit Wärme hinzu: »Darum bist Du so selten, wie das Raubthier, das die Antilope nicht würgt, sondern sie gegen seine Brüder vertheidigt; Dein Herz ist groß und gut und die Liebe Tallihadjo’s für Dich ist in die Brust eines jeden Seminolen übergegangen.« »Ziehe nun wieder in Dein altes Lager zurück, Tallihadjo, wir Georgier wollen dort keinen andern Nachbarn, wir werden Dich gegen Jedermann vertheidigen, der Dich angreift, und wir sind stärker, als die Floridaner. Beruhige Dich, der Friedensschluß mit Deinem Volke soll gehalten werden. Hier mein Sohn Frank denkt ebenso, wie ich und wird Euch treu bleiben, auch wenn ich schon lange gestorben sein werde, und Ralph, der Sohn Eures ältesten weißen Freundes, steht Euch noch viel näher,« sagte der Alte, indem er sich zu diesen Beiden wendete, die an seiner andern Seite saßen und bisher keinen Theil an der Unterhaltung genommen hatten. Der Häuptling war aufgestanden und reichte schweigend den beiden jungen Männern wie zum Schlusse eines Vertrages seine Hände hin, drückte die ihrigen fest und sagte nach einigen Augenblicken: »Die Freundschaft des Seminolen ist unvergänglich, wie der Schnee der Gebirge; keine Sonne kann ihn schmelzen.« Dann schlug er die schwarze Pantherhaut, die um seinen kräftigen nackten Körper hing, über die Schulter, ergriff die lange Büchse, die er gegen das Haus gestellt hatte, reichte dem alten Arnold 120 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 nochmals die Hand und war lautlosen Trittes bald am Hügel hinab in der Dunkelheit verschwunden. ∗    ∗    ∗ In Florida sowohl, wie in Georgien war in Bezug auf die Indianer unter den Weißen wieder eine Ruheperiode eingetreten. An Gefahr dachte man nicht, obgleich die Farmer in ihren einsam, weit von einander gelegenen hölzernen Wohnungen jeden Augenblick von den so ganz in ihrer Nähe wohnenden Wilden überfallen und vernichtet werden konnten. Es war ja wieder einmal, wie früher schon so oft, Friede mit denselben gemacht und jeder Weiße dachte, die Tausende von Indianern müßten froh sein, wenn e r sie in Ruhe ließ, wenn e r ihnen noch eine Zeit lang gestattete, auf ihrem Lande zu wohnen. Furcht kennt nun einmal der Amerikaner nicht, denn das Leben gilt ihm Nichts, und ein begonnenes Unternehmen gilt ihm Alles. Er erkennt nur e i n Hinderniß an, und zwar das, welches die Constitution ihm in den Weg legt; sie und der Geber derselben, der Vater Washington, sind für den Amerikaner unantastbar. Inzwischen war auch die Zeit gekommen, in der die Baumwolle ihre ersten Kapseln öffnet und die schneeigen Flocken hervorbrechen läßt, welche Zeit die Thätigkeit des Pflanzers ungleich mehr in Anspruch nimmt, als irgend eine andere während des ganzen Jahres. Jeder Farmer war jetzt beschäftigt, die täglich aus den Hülsen hervordringende Baumwolle zu sammeln, und das erste Grauen des Tages fand ihn schon mit Alt und Jung seiner Familie, zu welcher er die Sclaven gleichfalls zählt, in den Feldern zwischen den Reihen der üppigen, mit herrlichen Blüthen übersäeten hohen Stauden hinschreiten und die langen herabhängenden Troddeln der schneeigen Wolle in Säcke einsammeln, unbekümmert um den schweren Thau, der bei jeder Bewegung wie ein Regen von den Blättern herabrieselt und die Sammler bis auf die Haut durchnäßt, uneingedenk, daß dieses Thaubad, wobei gewöhnlich noch der dichte Morgennebel einzuathmen ist, Fieber und andere Krankheiten bringt. »Geld wurde gemacht,« wie der Amerikaner sagt, und dafür wurde ohne Bedenken Gesundheit und Leben auf gut Glück in die Schaale geworfen. 5 10 15 20 25 30 35 121ERstER BaNd • siEBENtEs KapitEl Auch in der Niederlassung des alten Arnold war größere Thätigkeit eingetreten. Bei der Aussaat der Baumwolle hatte er aber nicht wie seine Nachbarn berechnet, wie viel er bestellen, sondern wie viel er mit seinen Arbeitskräften einerndten könne, weßhalb diese der gegenwärtigen Arbeit gewachsen waren, ohne sich die nöthige Ruhe entziehen zu müssen. In der Regel baut der Amerikaner noch einmal so viel an, als er erndten kann, und wenn dann die Baumwollenstauden ihm ihren Reichthum lockend entgegenhalten, so treibt er sich und die Seinigen während des Tages und selbst eines Theils der Nacht bis zur Erschöpfung zum Einsammeln an, um nach kurzer Ruhe dasselbe Werk an denselben Pflanzen abermals zu beginnen, die viele Monate lang ununterbrochen den reichsten Segen spenden. Etwas früher als gewöhnlich wurde es jetzt auch in Arnold’s Hause des Morgens rege; die alte Frau war schon lange vor Tage bei der Hand, sah in der Küche der Neger nach, daß deren Frühstück gut bereitet wurde, richtete das Morgenbrod für ihren Mann selbst in dem Kamin ihres Zimmers her, gab den Sclaven, ehe sie in das Feld gingen, einem jeden einen Schluck Branntwein, um sie gegen den schädlichen Nebel zu stählen, und fügte diesem Trunk bei denen, die schon am Fieber gelitten hatten, noch einige Tropfen einer Tinktur bei, welche sie aus der Wurzel des Tulpenbaumes, aus den Stengeln der Weide, aus Wermuth, unreifen Orangen und verschiedenen andern heilkräftigen Substanzen bereitete. Wenn dann der alte Arnold mit den Arbeitern nach dem Felde ging, begleitete sie ihn bis zur Einzäunung und ermahnte ihn beim Abschied, sich in Acht zu nehmen, damit er nicht zu naß würde, denn ihn von der Arbeit zurückzuhalten, das wußte sie, war gänzlich unausführbar. Frank Arnold hatte es aber gemacht, wie die Nachbarn und hatte so viel Baumwolle ausgesäet, daß er nicht im Stande war, mit dem Einsammeln der Erndte gegen ihr Hervorquellen gleichen Schritt zu halten. Aus diesem Grunde war Ralph Norwood zu ihm gezogen, ihn bei der Arbeit zu unterstützen. Und kräftig half er ihm; im Wetteifer arbeiteten die beiden jungen Männer von Morgen früh bis in die sinkende Nacht, so daß keiner der Neger eine solche Pfundezahl gesammelter Wolle aufzeigen konnte, wie sie Ralph beschaffte, denn es machte ihn glücklich, zum ersten Male in 122 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 seinem Leben das beseligende Bewußtsein mit auf sein Nachtlager zu nehmen, daß er den Tag gut angewandt, daß er in Ausübung eines Geschäfts sich nützlich erwiesen hatte. Niemals war er früher so heiter und zufrieden gestimmt gewesen, als jetzt, es hatte ihm das Essen nie so herrlich geschmeckt und ein so wohlthuender sanfter Schlaf, wie ihn jetzt allnächtlich umfing, war ihm seit seiner Kindheit fremd geblieben. Recht oft dachte er mit Vorwürfen gegen sich selbst an die verschwendeten Jahre zurück und sagte sich mit freudigem Stolz, daß er ein anderer Mensch, ein besserer geworden wäre. Frank Arnold dagegen trieb ein anderer Sporn zu so großer Thätigkeit an, es war seine nächste Zukunft, für die er alle seine Kräfte aufbot. Wie früher erwähnt, war er mit einer jungen Dame in Baltimore verlobt und beabsichtigte dieselbe im kommenden Frühjahr zu heirathen. Seine Niederlassung war aber noch in keiner Weise dazu eingerichtet, einer jungen Frau zum Aufenthalt zu dienen, namentlich nicht einer solchen, die in der vornehmen Gesellschaft, in einer großen Stadt erzogen war. Für sich selbst hätte er nie in seinem Leben eine bessere, eine angenehmere häusliche Einrichtung gewünscht. Das roh von Baumstämmen aufeinandergelegte Blockhaus mit den offenen Spalten zwischen denselben sagte ihm in jeder Weise zu, die frische Luft konnte allenthalben durchziehen, auch selbst bei heftigem Regen, wenn er Thüre und Fensterladen schließen mußte, blieb es hell in dem Zimmer, und mit Freuden hatte er oft das Mondlicht von seinem Lager aus begrüßt, wenn es sich zwischen den Balken hereinstahl und die wenigen Gegenstände beleuchtete, die jedoch für seinen Junggesellen-Haushalt fast Ueberfluß zu nennen waren. Er besaß drei Stühle, zwei Tische und eine Bettstelle, das heißt, ein mit Brettern bedecktes Gerüste, welches, mit Bärenhäuten bedeckt, ihm zum Nachtlager diente, und alle diese Gegenstände hatte er selbst verfertigt. Außerdem hatte er einen Wassereimer, einen Kaffeetopf, mehrere Blechnäpfe, einen eisernen Topf zum Brodbacken und eine große eiserne Bratpfanne. Dagegen hatte er aber vierzig Acker Land mit Baumwolle und dreißig mit Mais bepflanzt, die er mit zwei Negern bearbeitete und welche ihm nach einem Durchschnittsüberschlag zwischen zweiund dreitausend Dollar einbringen mußten. 5 10 15 20 25 30 35 123ERstER BaNd • siEBENtEs KapitEl Der Amerikaner, wenn er sich ansiedelt, richtet zuerst sein Feld ein, tödtet die Bäume durch einen tief in das Holz gehauenen Ring, läßt ihre Gerippe stehen, pflügt um dieselben herum, und verdient Geld, während er in einer Hütte lebt und sich frohen Muthes allen nur möglichen Entbehrungen unterzieht. Auf diese Weise ruft er, wie durch einen Zauberschlag, die herrlichsten Plantagen in einer Wildniß hervor und erhebt sich vom armen Teufel in unglaublich kurzer Zeit zum reichen Sclavenhalter. Der Deutsche dagegen baut zuerst ein bequemes Haus, sorgt für eine reichlich besetzte Tafel und schmückt seinen Aufenthalt mit zierlichen Staketeneinzäunungen und Blumenbeeten, ehe er an ein Feld denkt. Er verliert somit seine beste Zeit und seine besten Kräfte, und hat er nach Jahren endlich ein Stück Land gereinigt, alle Bäume mit großer Mühe abgehauen und die Wurzeln aus der Erde entfernt, so hat der Amerikaner manchmal schon zwei selbst geschaffene Plantagen verkauft und treibt die große Zahl seiner erworbenen Sclaven vielleicht schon an, die dritte für ihn herzurichten. Frank Arnold war nun nicht gesonnen, für den in Aussicht stehenden Verdienst Neger zu kaufen und mit ihrer Hülfe seine Felder zu erweitern, sondern er wollte damit seine Wohnung recht hübsch und bequem einrichten und seiner zukünftigen Frau jede mögliche Annehmlichkeit zu verschaffen suchen, damit ihr der Unterschied zwischen dem Stadt- und Landleben nicht allzu groß erscheine. Der alte Arnold war in seiner Art ein wohlhabender Mann und würde sicher, wenn sein Sohn ihn darum angesprochen hätte, demselben mit den gewünschten Mitteln unter die Arme gegriffen haben; dies ist aber unter den Amerikanern nicht üblich, man hält an dem Grundsatz fest: »Help your self!« und man kennt im Allgemeinen keinen Grund, weßhalb die Eltern bei ihren Lebzeiten den Kindern eine Existenz gründen sollten, da diese es ja selbst thun können, wenn sie Lust dazu haben. Wohl tritt der Pflanzersohn, wenn er zwölf oder dreizehn Jahre alt und stark genug ist, die Axt und den Pflug zu führen, in contractliches Verhältniß zu seinem Vater, arbeitet gegen einen bestimmten Lohn für ihn und schafft sich Vieh und Pferde an, so daß er nach wenigen Jahren sich selbst ein Stück Gouvernementsland nehmen und darauf seine eigene Wirthschaft beginnen kann, wie es denn auch Frank Arnold 124 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 gemacht hatte. Ehe der junge Mann aber diesen Schritt zu gänzlicher Selbstständigkeit thut, geht er gewöhnlich einige Jahre auf eine der Landschulen, lernt Rechnen, Lesen und Schreiben, treibt Geschichte, Geographie, Mathematik, Astronomie, sogar Physik, Philosophie, Lateinisch, kurz betritt sofort jedes Feld der Wissenschaft, und sonderbarer Weise reussirt er häufig hiermit eben so gut, wie er es mit Anlegen seiner Farm thut, denn gerade aus diesen Leuten sind die größten Männer Amerika’s, ja vielleicht der Welt erstanden. Frank Arnold hatte aber schon in seiner frühen Jugend eine recht gute Schule besucht, sich in den Wissenschaften umgesehen, kannte die Constitution, die Landesgesetze und die Politik Amerika’s so gut, wie Einer und hatte das Bewußtsein, daß er an Bildung keinem seiner nahen und fernen Nachbarn nachstand. Die Georgier hatten ihn schon einmal dadurch ausgezeichnet, daß sie ihn zum Mitglied ihrer Gesetzgebung machten und er fühlte, daß, wenn ihn vielleicht später seine Landsleute zum Abgeordneten nach Washington wählen sollten, er seiner Stellung Ehre machen würde. Wenn ihm auch der Gedanke nie gekommen war, daß er dermaleinst Präsident der Vereinigten Staaten werden möchte, so wußte er doch, daß dies durchaus keine Unmoglichkeit sei. Seine erworbenen Kenntnisse, wo es seine Zeit gestattete, immer noch erweiternd, war er mit ganzer Seele Farmer und suchte seinen höchsten Stolz darin, daß Niemand in der Gegend so schöne reine Felder hatte, Niemand so reiche Erndten erzeugte, als er, und daß seine Heerden aus dem besten Vieh bestanden. Den Wunsch, seinen Wohnort möglichst bequem und hübsch einzurichten, verlor er auch während der Erndtezeit nicht aus den Augen, er nahm fremde Arbeitsleute an, richtete noch ein zweites Blockhaus neben dem ersten auf, verschaffte sich einen Schreiner, der die Oeffnungen zwischen dem Gebälke mit saubern Brettern verschließen mußte, ließ durch denselben eine nette, auf vierkantigen Säulen ruhende Veranda um die, durch ein Dach verbundenen Häuser herrichten und dieselbe, sowie auch die Zimmer, mit einem gut gearbeiteten Fußboden versehen. Es wurde über der nahen Quelle ein geräumiges Milchhaus erbaut, nahe dem Wohngebäude eine Küche errichtet, eine zierliche Staketeneinzäunung in einiger 5 10 15 20 25 30 35 125ERstER BaNd • siEBENtEs KapitEl Entfernung um die Häuser gezogen und daneben ein Garten angelegt. Auch der Obstgarten wurde nicht vergessen, wozu der alte Arnold die besten Pfirsichstämmchen aus seiner Pflanzung hergab, und in welchem viele Hundert Pfirsichkerne da in die Erde gelegt wurden, wo die aus ihnen emporkeimenden Bäume ihren Platz haben sollten; denn einer weitern Pflege bedürfen dieselben in diesem Lande nicht, und man kann im vierten Jahre sicher schon auf die ersten Früchte rechnen. Mit der Beendigung dieser Arbeiten kam der Winter heran, in diesem Lande die schönste Zeit im Jahre, die reichen Erndten waren eingebracht, die Baumwolle wurde auf Flöße geladen, auf dem Flusse hinunter der Golfküste zugeführt und dort einem Spediteur übergeben, der sie nach New-Orleans zum Verkauf verschiffte. An allen diesen Beschäftigungen hatte Ralph mit größter Thätigkeit Theil genommen und zugleich seine Sorge auf seine eigenen Heerden verwandt, wobei ihm denn auch wieder Frank Arnold hülfreiche Hand lieh. Sein junges Vieh und seine Füllen waren mit dem nöthigen Brand versehen worden, es war ihnen regelmäßig Salz gegeben, um sie zahm und gesund zu erhalten, und seine jungen Schweine waren an den Ohren gezeichnet, damit er das Eigenthumsrecht an ihnen nachweisen könne. Alles gedieh unter den regen Händen der beiden kräftigen jungen Männer, und mit stiller Zufriedenheit und Freude wurden sie von den alten Arnolds beobachtet. Oft, wenn die Sonne sich neigte und der kühlende Seewind über die Erde strich, ritten diese glücklichen Eltern zusammen zu ihrem Sohne, um sich an den Resultaten seiner Thätigkeit zu erfreuen und während seiner Ruhestunden bei ihm zu sein, damit sie ihm den, wenn auch nicht langen Ritt zu ihrem eignen Hause dadurch ersparten; denn wenn es auch mit der Arbeit spät geworden war, so versäumte er doch nicht gern, Abends seine Eltern zu besuchen. Auch über Ralph freuten sich die beiden Alten recht innig und aufrichtig, denn sie hatten ihn bei seinem frühern, ihnen nur zu wohl bekannten Leben schon für verloren gegeben, was ihnen sehr nahe ging, da sein Vater ja ihr ältester, treuester Freund gewesen war, und jetzt sahen sie ihn zu einem so fleißigen guten Menschen umgewandelt und konnten sich selbst sagen, daß sie viel zu dieser glücklichen Veränderung beigetragen hatten. 126 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Madame Arnold versäumte bei diesen Besuchen niemals, ein oder das andere kleine Geschenk für ihren Sohn mitzubringen, welches entweder in frischer Butter, in einem geräucherten Schinken, in einer Seite Speck, einem Korb voll Eiern, Mehl, Kaffee, Zucker, oder andern Gegenständen bestand, die in dem Junggesellen-Haushalt sehr willkommen waren, oder sie hatte einige Kleidungsstücke für Frank angefertigt, wobei sie sicher war, daß sie immer seinem Geschmack zusagten. In der gegenwärtigen Zeit aber hatten die Besuche der Mutter noch ein besonderes Interesse, denn ihr lag die innere Einrichtung und Ausschmückung des Wohnhauses für den Empfang der Schwiegertochter ob, ein Geschäft, dem sich die Mütter so gern unterziehen. Auf ihre Veranlassung wurden die beiden Zimmer, welche die Wohnung enthielt, mit einer Decke von zusammengefugten Dielen versehen, indem sie behauptete, daß einer Großstädterin der Anblick des hölzernen Schindeldaches über sich und das Licht der Sonne und des Mondes in dessen Fugen besonders auffallend und störend sein müsse, sowie sie es auch durchsetzte, daß man die Fensterlöcher, die bis jetzt nur mittelst Laden geschlossen werden konnten, mit Glasfenstern versehe, wozu man die Scheiben in D.... beim Kaufmann Behrend zu erhalten hoffte. Auf diesen Ort war man überhaupt mit dem Ankauf der nöthigen Möbel und Haushaltsgegenstände angewiesen. Um diesen zu bewerkstelligen, hatte Madame Arnold bestimmt, in der Kürze selbst einen Ritt dorthin zu machen und die Auswahl zu treffen. Wenige Tage vor der zu dieser Reise festgesetzten Zeit begab sie sich nochmals nach der Wohnung ihres Sohnes, um genau die Maaße der Zimmer zu nehmen, denn sie hatte beschlossen, dieselben sogar mit Teppichen zu versehen und an den Fenstern Vorhänge anzubringen, da sie wußte, daß diese Gegenstände in den Wohnungen der Städter nie fehlten. »Du scheinst mir so sehr bemüht, Mutter, die Wohnung unserer künftigen Schwiegertochter städtisch auszuschmücken,« sagte der alte Arnold zu seiner Frau, als sie bei hellem Mondlichte auf ihrem Heimweg neben einander hinritten; »es ist doch nicht Besorgniß, daß ihr das Leben mit unserm Frank in so ungewohnten 5 10 15 20 25 30 35 127ERstER BaNd • siEBENtEs KapitEl Verhältnissen nicht ganz zusagen möchte? Sie ist allerdings etwas Anderes gewohnt, als man ihr hier bieten kann, denn wenn ich bedenke, wie die reichen Leute in den großen Städten, z. B. in New-Orleans, leben, und betrachte unsere elenden Hütten, dann, scheint es mir, wird sie freilich einen bedeutenden Unterschied finden; ihr Vater soll ein großes Haus in Baltimore machen, wie uns Frank mittheilte.« »Das Leben mit unserm Frank nicht ganz zusagen?« erwiederte die Frau rasch und verwundert. »Alter, wo denkst Du hin, mit Frank? Ei, da möchte ich doch einmal Verhältnisse sehen, die einem Mädchen das Leben mit ihm verleiten könnten. Schönere und bessere Röcke mögen die Gentlemen in den Städten wohl haben, aber schönere und bessere Männer sind sie sicher nicht, als Frank, und Eleanor heirathet nicht seine Kleider oder seine Wohnung, sie heirathet ihn selbst. Nein, Väterchen, das verstehst Du nicht, was ein solcher Mann einem Weibe werth sein muß. Sie hat ihn ja in seinem einfachen Farmerrock den feinen Baltimorer Herren vorgezogen und konnte von seinen Kleidern auf sein Haus schließen, dennoch muß sie ihn sehr lieb haben, wie mir aus Franks Erzählung und aus ihren vielen Briefen an ihn und an uns hervorgeht; und hat sie ihn lieb, nun, dann ist jede Hütte ein Palast für sie, wenn er sie als seine Frau hineinführt. Nein, sei deßhalb ohne Sorgen. Ich wünsche aber die Einrichtung so hübsch zu machen, als wir es in diesem Lande zu thun im Stande sind, damit sie in dieser Beziehung mehr findet, als sie erwartet; doch soll es Nichts dazu beitragen, ihr das Leben mit Frank mehr zusagen zu lassen.« »Du hast wohl Recht, Mutter, aber Gewohnheiten von Jugend auf werden dem Menschen zum Bedürfniß und sind mitunter schwer abzulegen,« erwiederte Arnold. »Nein, lieber Arnold, wir bringen keine Gewohnheiten mit in die Ehe, Ihr nehmt uns in Euer Leben auf, wir beginnen ein neues, Ihr setzt das Eurige nur fort und gebt mitunter, wenn Ihr uns recht lieb habt, auch wohl uns zu Gefallen eine Gewohnheit, die uns nicht angenehm ist, auf. Ihr habt uns das Recht, einen Lebensgefährten zu wählen, abscheulicher Weise genommen, sonst würde ich Dir zuvorgekommen sein und um Dich gefreit haben. Dann 128 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 wäre es Dir aber viel schlimmer ergangen, ich hätte Dir ganz andere Bedingungen vorgeschrieben,« sagte die muntere Frau scherzend, indem sie ihrem Manne die Hand reichte. »Nun, wenn Frank nur halb so glücklich wird, als es der Himmel uns werden ließ, so kann er schon zufrieden sein.« »Und ist Eleanor seiner werth, so wird Beider Glück nicht geringer sein, als das unsrige,« fiel Madame Arnold ein und fuhr nach einigen Augenblicken fort: »Höre, Vater, ich habe daran gedacht, daß wir die Einrichtung in Franks Wohnung bezahlen; der Junge hat so tüchtig gearbeitet, er soll das Geld behalten, welches er für seine Baumwolle empfängt, und zu der Reise können wir ihm auch wohl das Nöthige geben. Er bekommt ja doch einmal Alles, was wir besitzen, und schwerlich wird es ihm dann so viel Freude machen, als wenn wir es ihm selbst geben.« »Sehr gern stimme ich Dir bei; hättest Du es aber nicht vorgeschlagen, ich würde wahrlich gar nicht daran gedacht haben. Wir wollen nun aber auch Nichts sparen, das Beste soll uns gut genug sein,« antwortete der Alte vergnügt und zuckte wiederholt an dem Zügel, um sein Pferd aufzumuntern. »Es ist mir lieb, daß Ralph unsern Sohn zur Hochzeit begleiten will, denn eine lange Reise ist es,« fuhr er fort. »Wer weiß, er folgt vielleicht Franks Beispiel und sucht sich auch eine Frau aus. Ich wünsche es für ihn von ganzem Herzen und zwar, daß er eine recht gute bekäme, dann würde er sich nie wieder nach seinem frühern leichtsinnigen Leben zurücksehnen.« »Daran war der gute alte Norwood selbst Schuld, er mußte den Jungen nicht so früh von sich und sich selbst überlassen; er hätte ihn sollen zu Hause zur Arbeit anhalten, und ihn dann erst zur Schule schicken, wenn er mit den Jahren zu reiferem Verstand gekommen war, wie wir es mit Frank gethan haben. Auch ich hoffe und wünsche, daß er nicht wieder in seine alten Gewohnheiten zurückfallen möge; hier bei uns und bei Frank hatte er keine Gelegenheit dazu, in einer großen Stadt aber ist es gefährlich,« bemerkte Madame Arnold. »Frank ist ja bei ihm, und wird ihn schon überwachen,« erwiederte ihr Mann, und plaudernd eilten die beiden alten Leute heim- 5 10 15 20 25 30 35 129ERstER BaNd • siEBENtEs KapitEl wärts durch den einsamen stillen Wald auf dem, kaum für zwei Pferde breiten Wege hin, den Frank bei Anlegung seiner Farm ausgehauen hatte und der noch von keinem andern, als von seinem Wagen befahren worden war. 130 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 8. Die Reise. – Der Einkauf. – Das Gewitter. – Der Zeitungsartikel. – Die Abfahrt. – Der versunkene Wagen. – Guter Rath. – Das hohe Wasser. – Nachtlager. – Heimliche Freude. Wenn auch ein Ritt von sechs Meilen nach D.... hin und zurück nur als ein Spazierritt betrachtet wurde, so war er doch für Madame Arnold, die so selten die Grenzen ihres Eigenthums überschritt, ein Unternehmen, welches ihr Veranlassung zu vielen Vorbereitungen gab. Der Reitrock, der schon lange Jahre gedient hatte, mußte ausgebessert, der weiß leinene Sonnenhut mußte gewaschen und gebleicht werden, der große baumwollene Regenschirm bedurfte einiger Reparaturen, und vielerlei Haushaltsgeschäfte waren zu beseitigen, ehe die Reise angetreten werden konnte. Hierher gehörte das Einschmelzen vorräthiger Honigzellen zu reinen Wachstafeln, das Einpacken des gesammelten Rinds- und Hirschtalgs, das Zusammenbinden von getrockneten Häuten und das Bereithalten anderer Gegenstände, die mit nach D.... genommen werden sollten, um sie dort zu verwerthen. Schon seit mehreren Tagen hatte Madame Arnold aufgeschrieben, was sie Alles, sowohl für ihren Sohn, als auch zu ihrem eigenen Bedarf einzukaufen hatte, und oft während des Tages öffnete sie die große Hausbibel, in welcher sie dieses Notizblatt aufbewahrt hielt, um es prüfend durchzulesen und etwaige neue Bemerkungen hinzuzufügen. Den Vorrath an baarem Gelde, welches theils in Banknoten, theils in Gold bestand, sah sie nach, berechnete die Schuldscheine, die sie von vielen Nachbarn in Händen 5 10 15 20 25 30 35 131ERstER BaNd • achtEs KapitEl hatte und die sie an Zahlungsstatt verwenden konnte, und überschlug die Summen, welche sie theils an Behrend, theils an andere Bewohner von D.... zu fordern hatte, um sicher zu sein, über welchen Betrag sie gleich verfügen könne; denn das Geldwesen hatte sie allein unter Händen und führte sehr genaue Rechnung darüber. Der Morgen zur Abreise nahte heran und mit Tagesanbruch fand sich Frank, von Ralph begleitet, mit einem, von zwei kräftigen Pferden gezogenen leichten Wagen vor dem Hause seiner Eltern ein, und begab sich gleich an die Arbeit, die von seiner Mutter bereit gehaltenen Gegenstände darauf zu verpacken. Während dieser Zeit war das Frühstück zugerichtet, Madame Arnold erschien in einem neuen bunten Kattunkleid, welches sie sorgfältig aufgesteckt hatte, um es beim Auftragen der Speisen nicht zu beschmutzen, der alte Herr, der unter der Veranda gesessen und dem Beladen des Wagens zugesehen hatte, legte seine kleine Pfeife auf die Fensterbank und folgte mit den beiden jungen Männern der Aufforderung seiner Frau, zu Tische zu kommen. »Du bist ja so geschäftig, Frau,« sagte er, indem er sich niedersetzte und sie mit einem wohlgefälligen Lächeln anblickte, »gerade, als ob Du auf eine lange Reise gehen wolltest.« »Nun sieh’ mir einmal Einer den Alten an, als ob wohl sonst Jemand Etwas besorgte. Muß ich denn nicht Alles thun? Wer hätte denn wohl die Sachen sämmtlich fertig gemacht, wenn ich es nicht gethan hätte? Ihr Männer, wenn Ihr nur immer befehlen und zusehen könnt, und dann habt Ihr doch noch immer Etwas auszusetzen. Komm, trinke Deinen Kaffee, und dann werde ich Dir das Halstuch umbinden,« antwortete die Frau scherzend, indem sie den Kaffee einschenkte. »Ach was, Halstuch, wozu brauche ich ein Halstuch umzubinden?« »Wozu? weil Du die Ehre haben wirst, Deine Frau zu begleiten, welche die Leute gern sehen läßt, daß sie auf ihren Mann Etwas hält und ihn auch bei guten Manieren zu halten weiß. Das Halstuch wird umgebunden, Männchen, und zwar mit einer recht großen Schleife.« »Hoho, daraus wird nun einmal Nichts, Madame, da sähe ich ja aus, wie ein Freiersmann, d i e Zeiten sind vorbei.« 132 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Noch lange nicht, sollst sehen, wie gut es Dir steht,« erwiederte Madame Arnold, indem sie laut auflachte und Alle mit einstimmten. Nach dem Frühstück holten Frank und Ralph zwei Maulthiere aus der Einzäunung, wo die Arbeitsthiere übernachteten, legten ihnen Geschirre auf und spannten sie vor die beiden Pferde an den Wagen, da vorauszusehen war, daß die Rückfracht eine schwere werden würde. Während dieser Zeit hatte Bob auch die Reitpferde für die beiden alten Leute vorgeführt, Madame Arnold trat mit dem weißen Sonnenhut, dessen Seiten bis über ihre Schultern herabhingen, mit der einen Hand ihren Reitrock aufhebend, in der andern eine Reitgerte haltend, unter die Veranda und schaute wohlgefällig auf ihren Mann, der mit der schön gebundenen großen Schleife im Halstuch zu ihrem Pferde schritt und dasselbe vor die Veranda führte, damit sie von da bequem in den Sattel steigen könne. Dann bestieg er selbst sein Pferd, die beiden jungen Männer nahmen Platz auf dem Wagen und der Zug setzte sich, von Bob auf einem Maulthier gefolgt, in Bewegung. Der Morgen war kühl und erquickend, die Luft rauschte von Westen her frisch durch den undurchdringlich dichten Wald, durch den die Straße führte, und die himmelhohen Bäume wehrten die Strahlen der prächtig aufsteigenden Sonne von den Reisenden ab. In den Gräben und Vertiefungen, durch welche der Weg führte, schwebte noch, wie ein leichter Flor, der sinkende nächtliche Nebel, die Gräser und Pflanzen beugten sich unter dem schweren Thau und wo zwischen den Baumstämmen eine Riesenspinne ihr ungeheueres Netz ausgespannt hatte, war dasselbe mit glänzenden Thauperlen bedeckt. Der alte Arnold ritt mit seiner Frau voran, die in der muntersten, redseligsten Laune mit ihm und mit den jungen Leuten, die auf dem Wagen nachfolgten, sich unterhielt und bald auf deren, bald auf ihre eigenen Kosten einen Scherz anbrachte. Als sie aber die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten und aus dem Walde in die Prairie zogen, trafen sie die Sonnenstrahlen sehr heiß und drükkend und Madame Arnold entfaltete den großen Regenschirm, um sich gegen sie zu schützen. Der Wind jedoch begünstigte die 5 10 15 20 25 30 35 133ERstER BaNd • achtEs KapitEl Reisenden, nicht allein, daß er die Hitze milderte, er wehte auch die unter den Füßen der Thiere aufsteigenden Staubwolken rasch zur Seite. Noch ehe die Sonne die ganze Gewalt ihrer Strahlen entwickelte, erreichten die Reisenden das Ziel ihrer Wanderschaft und wurden von dem Wirth, Herrn Dennis, mit der allergrößten Aufmerksamkeit als seltene, willkommene und sehr ehrenwerthe Gäste empfangen, nachdem sie im Vorüberziehen bei dem Kaufmann Behrend angehalten und die mitgebrachte Ladung bei ihm zurückgelassen hatten. Die Pferde und Maulthiere wurden in den Stall geführt, Bob erhielt den strengsten Befehl, dieselben keinen Augenblick zu verlassen und Ralph rieth dem freundlichen Wirth, dafür Sorge zu tragen, daß sein Stall rein von Stecknadeln bleibe. »Aber, mein Gott, Herr Norwood, haben Sie denn den kleinen Unfall noch nicht vergessen?« antwortete dieser. »Ich glaube wahrhaftig, Sie haben immer noch meine Leute in Verdacht. Man pflegt den Dieb stets weit zu suchen, obgleich er oft nahe bei ist. Es waren noch andere Fremde außer Ihnen in meinem Hause.« »Wenn Sie etwa den jungen Garrett damit meinen, so muß ich Ihnen sagen, Herr Dennis, daß er ein Gentleman ist, und daß ich ihm weit weniger das Bubenstück zutraue, als andern Leuten, die eher ein Interesse bei dessen Ausführung haben konnten,« antwortete Ralph heftig, warf dem Wirth einen drohenden Blick zu, und folgte seinen Reisegefährten, von denen Madame Arnold, nachdem sie aus ihrem Reitüberwurf getreten und ihn nebst Reitgerte und Regenschirm zu ihrem Sattel unter der Veranda auf den Fußboden niedergelegt hatte, mit ihrer großen Reisetasche am Arm, ihrem Manne und Sohne voranschritt, um sich zu Herrn Behrend zu begeben. Der Kaufmann hatte schnell Vorbereitungen getroffen, um die ehrenwerthen Freunde zu empfangen, er hatte einen großen Armstuhl aus seinem Privatzimmer geholt und in die Mitte des Ladens vor den Zahltisch gestellt, damit Madame Arnold darin Platz nehmen solle, einen Teller mit kleinen Honigkuchen und einen solchen mit herrlichen Feigen auf den Tisch getragen, auch eine Caraffine mit altem holländischen Genever, eine Kanne mit frischem Wasser, Zucker und die nöthigen Gläser dabei gestellt, damit die Reisen- 134 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 den sich hier in dem kühlen Laden, durch den die Luft erfrischend hinzog, von ihrem Ritt erholen und sich laben möchten. Nachdem Madame Arnold den ihr gebotenen Sitz in dem Armstuhl eingenommen und auch Kuchen und Obst, welches Herr Behrend ihr höflich darreichte, gekostet hatte, sagte sie zu ihm: »Zunächst, Herr Behrend, wünsche ich zu wissen, wie hoch Sie meine mitgebrachten Sachen annehmen wollen, damit ich darnach meine Einkäufe bei Ihnen einrichte, denn je besser ich jene verwerthe, desto größer sollen diese ausfallen. Sie wissen, ich habe den Wagen mit Vieren bespannt und können daraus schließen, daß ich eine schwere Fracht nach Hause zu führen gedenke.« »Auch ohne die angenehme Aussicht, eine große Rechnung mit Ihnen zu machen, würde ich Ihnen für Ihre Waaren den höchsten Preis bewilligen; alte Freunde und langjährige gute Kunden muß man sich zu erhalten suchen. Ich habe die Gegenstände schon nachgesehen und wiegen lassen, sogleich will ich Ihnen den Betrag, zu dem ich sie annehmen kann, aufgeben. Wenn ich nur mehr solcher Lieferanten, wie Sie, im Lande hätte, von Niemandem erhalte ich so schönes reines Wachs und so sauberes Talg, als von Ihnen,« erwiederte der Kaufmann schmeichelnd und ging an den kleinen, aus Brettern zusammengenagelten Schreibpult in der Ecke des Ladens, welcher durch ein Loch in der Wand das nöthige Licht bekam. Die Berechnung über besagte Gegenstände hatte er bereits ausgefertigt auf dem Pulte liegen, doch hatte er darin bedeutend niedrigere Preise angesetzt, als ihm jetzt in Berücksichtigung des vierspännigen Wagens passend erschien, weßhalb er ein anderes Stück Papier nahm und die Rechnung von Neuem aufstellte. »Fünf und vierzig Dollar ist der Betrag für Ihre Waaren und ich habe die Preise so hoch berechnet, wie sie nicht wohl ein Anderer dafür würde geben können, doch weil die Artikel so vorzüglich behandelt sind und da ich es mir zur besondern Ehre anrechne, mit Ihnen zu handeln, gebe ich gern etwas mehr,« sagte der Kaufmann, indem er von dem Pulte zu Madame Arnold trat und ihr die Rechnung überreichte. »Ganz gut, Herr Behrend, wir werden leicht handelseins,« sagte sie, als sie die Preise überblickt hatte und zog ihr Notizblatt aus der Reisetasche hervor. »Nun will ich Ihnen auch sagen, was mich ei- 5 10 15 20 25 30 35 135ERstER BaNd • achtEs KapitEl gentlich zu Ihnen führt,« fuhr sie dann fort und warf einen heitern Blick seitwärts auf ihren Sohn, der auf einem Waarenballen Platz genommen hatte und die Schneide einer Axt prüfte. »Ich komme, um eine Ausstattung für die Wohnung und den Haushalt unseres lieben Sohnes bei Ihnen zu kaufen, damit er mit Anstand eine junge Frau darin empfangen kann. Er wird sich mit Gottes Hülfe und unter unserm Segen bald verheirathen.« »Ei, ei, gratulire von ganzem Herzen,« sagte der Kaufmann und verbeugte sich mit freudiger Theilnahme zuerst gegen die Eltern und dann gegen Frank. »Ja, nun können Sie nur alle Ihre Kisten öffnen, das Beste ist uns gut genug und auf den Preis kommt es nicht an,« fiel der alte Arnold ein, der bis jetzt dem Gespräch keine Aufmerksamkeit geschenkt und, im Laden umhergehend, die hier ausgestellten Waaren in Augenschein genommen hatte. Madame Arnold aber warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu, als wolle sie ihm sagen: »Wie kannst Du nur so thöricht sein und mir den Handel so verderben?« »Das heißt, wenn der Preis im Verhältniß zu der Waare ein billiger zu nennen ist, da sonst unser Sohn die Sachen in Baltimore kaufen und vor seiner Rückkehr uns hierher senden kann. Dann würden wir sie sicher bedeutend billiger erhalten, aber wenn wir Herrn Behrend einen kleinen Verdienst zuwenden können, so soll es gern geschehen, er wird schon sein Möglichstes dabei thun,« fiel Madame Arnold ihrem Manne rasch in die Rede, indem sie sich an den Kaufmann wandte und das Notizblatt entfaltete, auf welchem sie die anzuschaffenden Artikel aufgezeichnet hatte. »Zuerst, Herr Behrend, haben Sie wohl eine große Bettstelle mit hohen Eckpfosten? Es muß aber etwas Schönes sein,« fuhr sie fort, indem sie sich, wie zum Geschäft bereit, aus dem Armstuhl erhob und ein zierliches silbernes Bleistift aus der Tasche nahm. »Wollen Sie sich gefälligst dort hinüber bemühen, dort steht eine solche von Mahagoniholz mit schön bemaltem Betthimmel, so elegant, wie Sie solche nur in New-York oder Baltimore finden können.« »Und der Preis?« fragte Madame Arnold, die einzelnen Theile des Möbels betrachtend. 136 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Vierzig Dollar; sie kostet mich selbst fünf und dreißig, wenn ich alle Kosten darauf berechne.« »Das ist ein zu hoher Anfangspunkt für unsern Handel, Herr Behrend, Sie müssen einige Stufen herabsteigen. Ich gebe Ihnen fünf und zwanzig Dollar.« »Nicht möglich, Madame Arnold, dabei müßte ich Schaden leiden.« »So wollen wir die Bettstelle in Baltimore anschaffen, dann müssen wir aber auch alles Zubehör dort kaufen, sonst paßt es nicht zusammen,« erwiederte Madame Arnold gelassen und wandte sich von dem in Rede stehenden Gegenstande ab. »Erlauben Sie einen Augenblick, Madame, ich will doch noch einmal nachsehen, wie hoch sie mir zu stehen kommt; man kann die Sachen unmöglich alle im Kopf behalten,« sagte der Kaufmann und ging zu seinem Pulte, wo er in einem großen Buche blätterte. »Ich habe mich wirklich um eine Kleinigkeit geirrt. Ich kann sie Ihnen für dreißig Dollar ablassen.« »Und in Aussicht auf ein großes Geschäft geben Sie dieselbe zu fünf und zwanzig. Nicht wahr, Herr Behrend?« »Die Bettstelle ist schön, liebe Frau,« flüsterte der alte Arnold dieser zu. »Laß mich nur machen, Männchen, das verstehst Du nicht,« sagte die Frau lächelnd zu ihrem Manne und wandte sich wieder zu Behrend: »Nun, was meinen Sie, soll ich sie haben?« »Wenn Sie einmal darauf bestehen, so darf ich es Ihnen nicht abschlagen.« »Schön, Herr Behrend, fünf und zwanzig Dollar,« sagte Madame Arnold, indem sie den Preis notirte, »nun ein recht schönes, feines Mosquitonetz, Sie wissen, die Mosquitos sind sehr bös bei uns.« So wurde nun ein Artikel nach dem andern vorgenommen und angekauft und in einigen Stunden schien wirklich in dem Laden des Herrn Behrend Alles das Oberste nach unten gekehrt zu sein, denn als es an die Ellenwaaren ging, mußte der Kaufmann manchmal ein Dutzend Stücke Zeug öffnen, ehe die sehr eigene Frau das Gewünschte fand. Auch der Porzellanvorrath, das Kochgeschirr, die Glaswaaren, die Eisen- und Messingwaaren wurden untersucht 5 10 15 20 25 30 35 137ERstER BaNd • achtEs KapitEl und ausgewählt, und noch waren die Gegenstände, die das Notizblatt enthielt, nicht vollständig erhandelt, als die Schelle, welche zu Tisch rief, vom Wirthshause herübertönte und Madame Arnold den Kaufmann bat, nur Alles so ruhen zu lassen, bis sie nach dem Essen wieder erscheinen würde, um den Einkauf zu beendigen. Zugleich ersuchte sie ihn, die gekauften Gegenstände während dieser Zeit zu verpacken und zum Verladen fertig zu machen. Darauf begleitete Herr Behrend Madame Arnold bis in die Straße und wünschte ihr eine gesegnete Mahlzeit. »So, Vater, nun geht Dein Regiment wieder an, zum Handeln seid Ihr Männer nun einmal nicht geboren, das müßt Ihr uns überlassen,« sagte die heitere Frau mit Selbstzufriedenheit und nahm den Arm ihres Gatten, der ihr denselben mit den Worten reichte: »Weil wir uns schämen, die gestellte Forderung eines Mannes so abzuhandeln und ihm so viel Mühe zu verursachen, wie Ihr es thut. Du hast ja den ganzen Laden umgekehrt.« »Nein, weil wir es verstehen, Eure Galanterie zu benutzen. Das ist ja die einzige Waffe des schwächern, oder schönern Geschlechts,« erwiederte Madame Arnold scherzend und so erreichten sie das Gasthaus, wo Herr Dennis sie empfing und sie nach dem Speisesaale führte. Dort erwarteten sie die gewöhnlichen Tischgäste aus dem Orte und mehrere Leute vom Lande; sie standen hinter ihren Stühlen und harrten des Augenblicks, wo sich Madame Arnold niedergelassen haben würde, um dann gleichfalls Platz zu nehmen, denn der Amerikaner läßt auch an öffentlichen Tafeln den Damen dies Vorrecht. Vergebens sah sich Ralph Norwood nach seinem Bekannten, dem Herrn Garrett, um, und als er den Wirth nach ihm fragte, sagte dieser: »Der junge Mann ist mit einem gewissen Herrn Mac Dower abgereist, der am selbigen Abend hier eintraf, als Sie uns verließen. Er schien sehr mit ihm befreundet und, sowie er, in Columbus Geschäfte zu haben. Auch Herr Soublett ist verschwunden, hat aber vergessen, seine Rechnungen hier im Ort zu bezahlen, hoffentlich hält ihn dies kleine Versehen ab, wieder zurückzukehren. Er war auch sehr mit Herrn Garrett befreundet.« 138 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Ralph gab keine Antwort, der Name Mac Dower rief Erinnerungen in ihm zurück, deren er sich schämte und es that ihm leid, daß ein so liebenswürdiger, anständiger junger Mann, wie Garrett, in so böse, gefährliche Gesellschaft gerathen sein sollte. Noch war das Mittagessen nicht beendigt, als ein heftiger Donnerschlag das hölzerne Gebäude in allen seinen Fugen erbeben ließ und das schwere Gewitter verkündete, welches am Himmel aufgestiegen war. Der Nachtisch, der in Buchweizenkuchen, wozu Syrup gereicht wurde, bestand, war schnell verzehrt, die Stammgäste eilten ihren Geschäftslokalen zu, die Leute von dem Lande schritten in das Freie hinaus, um den Himmel zu betrachten und zu überlegen, ob sie vielleicht noch vor Ausbruch des Regens ihre Heimath erreichen könnten, und die Familie Arnold nebst Ralph begab sich eilig in den Kaufladen zurück, um die Geschäfte zu beendigen. Kaum waren sie dort unter der Veranda angelangt, als es heftig zu regnen begann und Blitz und Donner rasch aufeinander folgten. Die schweren Wolkenmassen, die von Norden und von Süden her am Himmel aufgezogen waren, verfinsterten das Tageslicht und bald war es so dunkel in dem Laden des Herrn Behrend, daß Madame Arnold nur noch mit Mühe ihre Auswahl unter den ihr gebotenen Gegenständen treffen konnte. Dabei erhob sich jetzt der Wind, trieb den Regen in Strömen gegen das Blockhaus und schüttelte die Schindeln auf dem Dache. »Das wird eine schwierige Heimreise geben,« sagte Madame Arnold und sah nach der Thür hin, bis vor welche der Regen unter der Veranda hereinschlug. »Gestrenge Herren regieren nicht lange,« bemerkte der alte Arnold, der seine Pfeife angezündet und sich mit dem Stuhle rückwärts gegen den Thürpfosten gelehnt hatte. »Im Nothfall bleiben Sie diese Nacht bei uns, Madame Arnold, die Ehre ist uns doch noch nicht widerfahren,« sagte der Kaufmann. »Ach nein, Herr Behrend, ein bischen Regen muß eine Pflanzerfrau nicht von Hause fern halten. Mein Putz kann es vertragen, naß zu werden, und ich selbst bin es gewohnt. Wenn das Gewitter nur nicht zu lange anhält, so daß wir nicht in der Dunkelheit zu reisen brauchen,« erwiederte die Frau. 5 10 15 20 25 30 35 139ERstER BaNd • achtEs KapitEl »Und wenn nur die Gewässer nicht zu hoch werden. Der Sandbach ist nach solchem Guß ein schlimmes Wasser, obgleich wir sein Bett heute früh trocken fanden,« sagte der alte Arnold und sah über die Schulter in den Regen hinaus. Der Donner rollte um den ganzen Horizont und das Wasser fiel wie ein Wolkenbruch herab, so daß sich von allen Seiten her Bäche zwischen den einzeln stehenden Häusern bildeten und Steine, Reisig und Scheitholz mit sich fort führten. Wie aber der alte Arnold es vorausgesagt hatte, das Gewitter war bald vorüber gezogen, der blaue Himmel brach durch und die Sonne schien wieder heiter auf die durchnäßte Erde, über der jetzt ein Schleier von Wasserdämpfen aufstieg. Madame Arnold hatte ihren Einkauf bei Herrn Behrend beendigt, sie hatte ihn theils mit ihrem Guthaben an ihm, theils mit Schuldscheinen und mit baarem Gelde bezahlt und sich eine Quittung von ihm geben lassen, während welcher Zeit Frank den Wagen vor dessen Haus gefahren und Bob die Reitthiere an nahestehende Bäume gebunden hatte. Die Männer beeilten sich nun, die eingekauften Gegenstände auf den Wagen zu bringen, indeß Madame Arnold unter der Veranda saß und das Verpacken und Aufladen beaufsichtigte und wiederholt Vorsicht anempfahl. Die Ladung war groß, doch gelang es, Alles auf dem Wagen unterzubringen und auf einem Sack mit Kaffee einen Sitz für Frank und Ralph frei zu lassen. Während die jungen Leute die letzten Einrichtungen auf dem Wagen trafen, hatte der alte Arnold eine New-Yorker Zeitung ergriffen und sie flüchtig durchblickt. »Nun, das muß ich gestehen, – das ist unerhört – die Zeitungen sind doch immer bereit, Lügen und Schlechtigkeiten aufzunehmen,« sagte er plötzlich und setzte, indem er sich zu den Umstehenden wandte, hinzu: »Hört nur, was man von New-York schreibt.« Dann las er: »Kürzlich haben die Indianer in Florida unter Anführung des berüchtigten Häuptlings Tallihadjo mehrere Pflanzerfamilien aus der Nähe von Tallahassee bei Nacht überfallen, ihre sämmtlichen Mitglieder, einige dreißig an der Zahl, gebunden auf Pferden davon geführt, und nachdem sie die Frauen und Mädchen arg mißhandelt, 140 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 haben sie die Männer auf die grausamste Weise verstümmelt, sie Alle auf einen Scheiterhaufen geworfen und verbrannt. Haben wir noch ein Gouvernement, und warum haben wir es? Kann man es in Washington länger mit ansehen, daß eine Bande von Kannibalen friedliche, gesittete Mitglieder unserer erleuchteten, hochherzigen Nation schlachtet, und kann es jene Ungeheuer länger ungestraft in dem Besitz eines unserer schönsten Länder lassen? Man sagt, daß eine Anzahl der benachbarten Georgier die verabscheuungswürdigen Wilden in Schutz genommen habe, wahrscheinlich, weil sie einen elenden Verdienst von denselben ziehen. Hurrah, Ihr Amerikaner, duldet solche Greuelthaten nicht und rächt das Blut Eurer Brüder und Schwestern!« »Nein, das ist denn doch zu toll,« sagte der alte Arnold, nachdem er diesen Zeitungsartikel vorgelesen hatte und ließ die Hand mit dem Blatt auf das Knie sinken. »Die Habgier nach dem Lande der armen, unglücklichen Indianer ist zu groß, man gönnt ihnen nicht einmal dies kleine Stückchen, welches ihnen von den ihnen abgenommenen, unermeßlichen Landstrichen noch übrig geblieben ist, und fordert eine hochherzige Nation öffentlich auf, eine Schandthat zu begehen. Welcher Mann, der ein menschliches Herz in der Brust trägt, kann solchen verruchten Absichten das Wort reden und wer kann es den unglücklichen Seminolen verargen, wenn sie sich gegen ein solches Vernichtungswerk empören?!« »Entsetzlich!« sagte Madame Arnold, »und erhebt sich dagegen keine Stimme unter den Georgiern? es ist ja ein öffentlicher Angriff auf unsere Ehre!« »Unbegreiflich, daß ich den Artikel nicht bemerkt habe, ich hatte doch auch die Zeitung gelesen,« fiel der Kaufmann ein, »man darf in der That nicht dazu schweigen!« »Ich werde die Wahrheit über diesen Fall in der »Baltimore chronicle« bekannt machen, sobald ich dorthin komme, und werde einen Vergleich zwischen dem Charakter der Seminolen und dem der größeren Zahl der weißen Bewohner Florida’s ziehen. Meinen Namen sollen diese Herren darunter finden, damit sie wissen, an wen sie sich zu halten haben, wenn sie sich verletzt glauben,« sagte Frank heftig, der mit Entrüstung seinem Vater zugehört hatte, und auch Ralph sprach sich feurig zu Gunsten der Seminolen aus. 5 10 15 20 25 30 35 141ERstER BaNd • achtEs KapitEl Dann wurde schnell das Beladen des Wagens beendigt, Madame Arnold machte sich zur Abreise parat, die Pferde wurden bestiegen, die jungen Männer nahmen ihren Platz auf dem Wagen wieder ein, und nach einem herzlichen Abschied von Herrn Behrend, wobei dieser seinen Dank für das geschenkte Vertrauen und die Bitte um fernere Gewogenheit wiederholt aussprach, traten die Reisenden ihren Heimweg an. Die Sonne stand schon ziemlich niedrig, doch die Luft wehte kühl und angenehm, so daß Frank den Zugthieren zusprechen und sie, trotz der schweren Ladung, die sie führten, in einem raschen Schritt erhalten konnte. In dem Walde bewältigten dieselben die Last, und wenn auch hier und dort in einer Vertiefung der Wagen einen Augenblick anhielt, so brachte ihn doch ein frischer Zug gleich wieder in seine vorige Bewegung. Als man aber die offene Prairie erreichte, auf deren ebener Fläche das Wasser nicht hatte abfließen können, wurde den Thieren das Ziehen von Minute zu Minute schwerer, sie traten immer tiefer in den schwarzen, kleberigen Boden ein, die Räder des Wagens sanken bis an ihre Axen in den Grund und bald war alles Zusprechen, alles Peitschen fruchtlos; das Fuhrwerk stand still. Die beiden jungen Männer waren vom Wagen gesprungen, der alte Arnold war von seinem Pferd gestiegen, gab seiner Frau den Zügel desselben, und nahm selbst die Leitriemen der Zugthiere und die Peitsche, während Frank und Ralph in die Räder faßten, um den abermals angetriebenen Thieren Hülfe zu gewähren. »Es ist unmöglich, Vater, sie ziehen den Wagen nicht heraus, und glückte es auch auf diesem Platz, so sitzen wir doch bald wieder auf einem andern fest!« sagte Frank, indem er von dem Rad zurücktrat und sich die Hände in dem hohen Grase vom Schlamm reinigte. »Ja, da ist guter Rath theuer, ich weiß nicht, was wir beginnen sollen!« erwiederte der alte Arnold und blickte nach seiner Frau auf, als wolle er ihr sagen, daß die Lage ihm um ihretwillen sehr unangenehm wäre. »Weißt Du es nicht, nun dann muß Dir wohl Deine Frau aus der Noth helfen«, sagte Madame Arnold lächelnd, »die Sache ist ganz einfach: wir spannen unsere beiden Pferde mit an; bessere Zugthie- 142 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 re giebt es in Georgien nicht. Du hast doch Stricke auf dem Wagen, Frank?« »Hinreichend, Mutter, aber wie sollen wir die Reitpferde vorspannen? wir haben keine Geschirre«, antwortete dieser. »O, Du junger Frontiermann, weißt Du Dir so wenig zu helfen? Nimm die Axt, reite auf Deines Vaters Pferd in das Holz zurück und hole mir von dem Stamme einer jungen Platane ein Stück, acht Fuß lang und recht glatt von Rinde, ich will Dir dann zeigen, wie man aus der Noth eine Tugend macht.« Frank folgte rasch der Weisung seiner Mutter, während der alte Herr und Ralph sie verwundert anblickten, als verlangten sie Aufschluß über ihren Plan. Doch sie lachte herzlich und sagte: »Werdet es schon sehen und bekennen, daß wir Frauen uns besser zu helfen wissen, als Ihr Männer.« Bald war Frank mit dem verlangten Stück Holz zurück; Madame Arnold war unterdessen gleichfalls abgestiegen und führte die beiden Reitpferde neben einander vor die Maulthiere. Ihr Sohn mußte die Stricke vom Wagen nehmen, das Stück Holz ließ sie nun quer vor die Brust der beiden Pferde legen und mittelst Stricken an ihre Nacken befestigen; dann ließ sie ein starkes Seil in der Mitte des Holzes anschlingen, das andere Ende desselben zwischen den Pferden und Maulthieren durch an die Wagendeichsel binden und die Aufgabe war gelöst. »So, nun helft mir wieder in meinen Sattel, Du, Mann, besteige Dein Pferd und Ihr jungen Burschen geht hübsch nebenher, dann werden wir bald die Prairie hinter uns lassen und im Wald nehmen wir den Vorspann wieder ab.« Mit Lachen und Scherzen wurde Dieses ausgeführt; die beiden Reitpferde legten sich kräftig mit der Brust gegen das Holz, die übrigen Zugthiere thaten willig ihr Möglichstes und im Augenblick war der Wagen wieder im Gange. Madame Arnold hörte nicht auf, die Männer zu necken, bis sie den Wald erreicht hatten, wo der feste Boden den Vorspann unnöthig machte und den Reitpferden ihr unbequemes Geschirr abgenommen wurde. So schnell aber auch die Erfindung der alten Frau ins Werk gesetzt war, so hatte es doch Aufenthalt verursacht und die Sonne war versunken, als die Reisenden sich noch vier Meilen von ihrem 5 10 15 20 25 30 35 143ERstER BaNd • achtEs KapitEl Ziele befanden. Die Nacht brach rasch herein, und wenn auch der Weg in der Dunkelheit zu erkennen war, so konnte Frank doch nicht vermeiden, oft gegen einen Baumstumpf, gegen einen gro- ßen Stein, oder mit einem Rade in ein Loch zu fahren, wodurch dann jedesmal wieder neuer Aufenthalt verursacht wurde. Nur langsam ging es vorwärts, plötzlich aber hielten die beiden alten Leute, die in kurzer Entfernung vorausgeritten waren, ihre Pferde an, denn sie hatten das Bett des Sandbaches, welches sie am Morgen trocken gefunden, erreicht, und jetzt war dasselbe nicht allein mit Wasser gefüllt, sondern ein reißender, viele hundert Schritt breiter Strom bedeckte die Ufer zu beiden Seiten. Auch der Wagen hielt bald vor den dahinrauschenden, schäumenden Wogen und die Reisenden blickten, sehr unangenehm überrascht, auf die breite tobende Wasserfläche. »Ei, ei, das war es, wofür mir so bange war; wenn D u nur zu Hause wärest«, sagte der alte Arnold zu seiner Frau gewandt und blickte dann wieder auf das wilde Wasser, das sich zischend und brausend an den Baumstämmen brach und seinen weißen Gischt hoch an denselben hinaufspritzte. »Ich zu Hause und Du hier? ja das wäre mir eben recht – wo der Mann ist, da gehört auch die Frau hin«, erwiederte die vergnügte Alte, ohne sich aus ihrer guten Laune bringen zu lassen. »Nein aber in Ernst, Mutter, es ist mir sehr leid Deinetwegen. Wie leicht könntest Du Dich verderben, wenn Du die Nacht unter freiem Himmel zubringen müßtest, und doch weiß ich wirklich nicht, wie es zu vermeiden ist. Weißt Du hier einen Ausweg?« »Allerdings weiß ich einen Weg. Hast Du es denn schon vergessen, Vater, daß wir, als wir in dies Land zogen, an diesem selbigen Wasser unser Lager aufschlugen und drei Tage lang liegen blieben, weil es uns hier so gut gefiel? Laß es uns jetzt ebenso machen; damals waren wir beide ganz allein und mußten Alles selbst thun, und jetzt haben wir so wackere kräftige Hülfen bei uns, die werden schon für uns Alle sorgen. Komm nur schnell herunter von Deinem Roß, Herr Arnold, hier ist nichts Anderes zu beginnen, und darum das Schlimmste nur gleich bei dem Kopf ergriffen. Ich freue mich wirklich darauf, hier zu übernachten. Lieber Frank, hilf mir vom Pferd.« 144 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Mit diesen Worten ließ die alte Frau den Zügel auf den Hals ihres Rosses fallen, nahm mit der einen Hand ihren Reitrock auf und hielt die andere ihrem Sohne hin, der herzugesprungen war, um sie in seinen Armen zu empfangen. »Nun rasch, Frank, vor allen Dingen ein Feuer, alles Andere wird sich finden. Du mußt einen oder zwei Deckel von den Kisten schlagen, um schnell Feuer zu bekommen, denn das Reisig hier im Walde ist naß; haben wir aber erst eine gute Flamme, dann brennt alles Holz,« sagte Madame Arnold zu ihrem Sohn und zu Ralph gewendet, während der alte Herr gleichfalls vom Pferde stieg, aber nicht mit gleich guter Laune. Er sprach von einem unglücklichen Tag, sagte, daß nur ihm allein so Etwas begegnen könne, daß es ihm schon heute früh geahnet hätte und daß er gern einen Monat lang im Walde liegen wolle, wenn nur seine Frau zu Hause wäre. Nach wenigen Minuten loderte das Feuer auf, wozu Frank einen Kistendeckel benutzt hatte, Ralph trug einen Arm voll abgestorbenes Holz herbei, welches, auf das Feuer geworfen, knisterte und zischte; doch bald war alle Feuchtigkeit davon verzehrt, die Lohe schlug hoch darüber zusammen und warf ihr helles Licht in einen weiten Umkreis. »Nun mache ein tüchtiges Lager von Reisig vor das Feuer, Frank, und lege sämmtliche wollene Decken, die ich für Dich gekauft habe, darüber; Du wirst es mir und Deinem Vater wohl erlauben, zuerst darauf zu ruhen«, sagte Madame Arnold scherzend und wandte sich dann zu ihrem Manne: »gleich wirst Du sehen, Vater, daß es hier doch nicht so schlimm für mich ist.« Das Lager war sehr bald hergerichtet, einige Stücke Baumwollenzeug wurden als Kopfkissen unter die schönen neuen Dekken gelegt und der alte Arnold nahm jetzt beruhigt darauf Platz neben seiner Frau, die sich von ihrem Sohne Cognac, Zucker und einen Blechnapf reichen ließ und in ganz kurzer Zeit einen heißen Grog daraus anfertigte. Nach eingenommenem Schlaftrunk legten sich die Eltern zur Ruhe nieder, während Frank und Ralph schweres Holz zu dem Feuer trugen, damit es während der Nacht nicht erlösche. Auch die beiden jungen Leute bereiteten für sich alsdann ein Lager und Alle fielen, von dem Rauschen des 5 10 15 20 25 30 35 145ERstER BaNd • achtEs KapitEl wilden Stromes eingelullt, bald in einen ruhigen, erquickenden Schlaf. Das neue Tageslicht fand die Schläfer noch in tiefster Ruhe, der brausende Strom aber war verschwunden und statt seiner zog sich ein friedlich fließender Bach durch den Wald und spielte mit den Blättern und Blüthen, die von dem flachen Ufer herab in sein klares Wasser hingen. Madame Arnold erwachte zuerst und sah freudigen Blickes nach dem Bache hin, dann neigte sie sich zu ihrem geliebten Manne nieder, küßte ihn auf die Stirn und sagte: »Guten Morgen, Vater, Du hast ja herrlich geschlafen. Wir wollen jetzt eilen, damit wir zur Frühstückzeit zu Hause sind. Das Wasser ist gefallen und der Bach bietet uns kein Hinderniß mehr.« Nach Verlauf von einer halben Stunde war Alles zum Aufbruch fertig und bald hatten die Reisenden glücklich die Wohnung der alten Arnolds erreicht. Die Männer begannen sogleich den Wagen zu entladen und Madame Arnold sorgte für die Bereitung des Frühstücks. Es mußte heute irgend eine Lieblingsspeise bereitet werden, oder sonst Etwas eine Verzögerung veranlassen, denn es dauerte länger als gewöhnlich, bis die Männer zu Tisch gerufen wurden. Die alte Frau empfing sie dann in gewohnter sauberer und netter Toilette und bat mit einer besonders heiteren Miene, Platz zu nehmen. Es fiel Allen auf, daß gegen die Gewohnheit die Teller umgekehrt auf dem Tische standen, und als der alte Arnold den seinigen zuerst aufhob, lag eine sehr hübsche neue Pfeife darunter. Unter Ralphs Teller befand sich ein geschmackvoll gearbeiteter silberner Taschencompaß und Frank entdeckte unter dem seinigen ein Papier, in welchem er beim Entfalten die quittirte Rechnung über die von Herrn Behrend eingekauften Waaren erkannte. Madame Arnold, die ihrem Sohne dies Geschenk zu machen beabsichtigte, wollte ihren Mann und ihren Gast nicht dabei leer ausgehen lassen, weshalb sie für dieselben obige Gegenstände heimlich von Herrn Behrend gekauft und mitgebracht hatte. Sie war an das Kamin getreten und hatte den Kaffeetopf ergriffen, hielt ihre Blicke aber seitwärts auf die Männer gerichtet und sah mit inniger Freude die frohe Ueberraschung, welche ihre Gaben bei denselben hervorbrachten. 146 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Aber der Tausend, Frau, das ist ja eine wunderhübsche Pfeife«, rief der alte Arnold, indem er aufstand und zu seiner Gattin hintrat, »komm, dafür bekommst Du zwei Küsse statt eines.« Ralph, ebenso überrascht, konnte kaum Worte finden, seinen Dank auszusprechen, und Frank schlang seine Arme um die geliebte Mutter und dankte ihr mit der tiefgefühlten Innigkeit, die nur in dem Herzen eines in Liebe erzogenen Kindes zur Reife kommen kann. Niemand aber war glücklicher, als die alte Frau, nachdem sie erkannte, daß sie ihren Zweck so vollkommen erreicht hatte. 147 5 10 15 20 Capitel 9. Die Hochzeitsreise. – Frühere Kameraden. – Der Jamesfluß. – Die Chesapeake-Bay. – Die Schläfer. – Feuerlärm. – Große Verwirrung. – Das verbrannte Schiff. – Ankunft in Baltimore. – Der Präsident. Die für Frank eingekauften Gegenstände wurden nun in den Räumlichleiten des Hauses seiner Eltern unterge-bracht, wo sie verbleiben sollten, bis derselbe seine junge Frau heimführen würde, da während seiner Abwesenheit sein Haus leer stehen mußte und nur von einigen Negern überwacht werden konnte. Die Vorbereitungen zur Abreise der beiden jungen Männer nach Baltimore wurden gemacht, sie boten wenig Schwierigkeiten, da überhaupt der Amerikaner, stets reisefertig, sich mit dem möglichst wenigen Gepäck befaßt, und namentlich, weil Frank sowohl wie auch Ralph mit Anschaffung einer neuen Garderobe warten wollten, bis sie nach Baltimore kämen, damit dieselbe der Mode der großen Welt entsprechen möchte. Franks Haus war bestellt, das heißt, es war geschlossen und seinen Negern zur Beaufsichtigung übergeben, und seine Mutter versprach ihm, während seiner Abwesenheit für dessen vollkommene Einrichtung Sorge zu tragen, so daß er seine junge Frau nur hineinzuführen brauche, um Alles zu haben, was zu einem wohleingerichteten Haushalt nöthig sei. Der alte Arnold versprach Ralph, über dessen Vieh und Pferde zu wachen und die Heerden auf ihren Weideplätzen zu besuchen, während dessen väterliches verlassenes Haus keiner Aufsicht bedurfte. 148 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Der zur Abreise bestimmte Tag erschien und innigste frohste Hoffnung für das nahende Glück des geliebten Sohnes, nicht minder aber auch Leidwesen über die ungewohnte Trennung von ihm waren die Gefühle, welche die Herzen der beiden Eltern tief bewegten. Er schien ihnen bei dem nahenden Abschied noch lieber zu werden, als er es schon war, und oft schloß ihn die alte Frau mit einer Thräne im Auge schweigend an ihr treues Mutterherz, oft drückte ihm der alte Vater die Hand, ohne seine Gefühle mit Worten zu begleiten. Frank hatte einen Wechsel von tausend Dollar auf seinen Commissionair in New-Orleans, dem er seine Baumwolle gesandt hatte, an den Herrn Behrend verkauft und dieser hatte ihm dagegen theils baares Geld, theils Anweisungen auf Baltimore gegeben, so daß er hinreichende Mittel besaß, um die Reisekosten und seine bevorstehenden Ausgaben in Baltimore bestreiten zu können, Madame Arnold aber drückte ihm, als die Pferde vorgeführt wurden, noch fünfhundert Dollar in Banknoten in die Hand und bat ihn, diese zu gebrauchen und sein eigenes Geld zu sparen. Der Abschied war ein schwerer, die Mutter wollte in Thränen vergehen, der Vater zitterte, als er den innig geliebten Sohn zum Lebewohl an sein Herz drückte, und Frank war außer sich, daß er die theuern Eltern auf längere Zeit verlassen sollte. Wieder und wieder fielen sie sich in die Arme, stammelten schluchzend die letzten Abschiedsworte und ließen ihren Thränen freien Lauf. Endlich ermannte sich Frank, bestieg rasch sein Pferd, Ralph folgte seinem Beispiel, noch einen Händedruck, noch einen Gruß mit der Hand und sie ritten, von Bob gefolgt, eilig von dannen, da dieser sie bis nach Columbus begleiten und ihre Pferde von da zu den alten Arnolds zurückbringen sollte. Von Columbus aus war schon eine Post eingerichtet, die mit dem Norden in Verbindung stand und welche die beiden Reisenden durch Süd- und Nord-Carolina bis nach Richmond in Virginien benutzen wollten, um von dort aus mit dem Dampfboot sich nach Baltimore zu begeben. In D.... hielten sie bei dem Kaufmann Behrend an, Ralph gab ihm sein für die Reise überflüssiges Geld, empfing dagegen gleichfalls Anweisungen auf Baltimore, und der Kaufmann bevollmächtigte ihn, für den Fall, daß er dort über ein größeres Ca- 5 10 15 20 25 30 35 149ERstER BaNd • NEuNtEs KapitEl pital zu verfügen wünschte, vielleicht um Geräthschaften, Vieh oder Neger zu kaufen, nur auf ihn zu trassiren, er würde seinen Geschäftsfreund in Baltimore bevollmächtigen, die Wechsel von ihm zu kaufen. Behrend war ein vorsichtiger Mann, doch, wie alle Amerikaner, gern zu einem Geschäft bereit und bei gewonnenem Vertrauen freigebig im Creditertheilen. Auch ihm war das frühere Leben Ralphs wohl bekannt, doch ebensowohl hatte er dessen gänzliche Umwandlung erfahren und sah für die Zukunft in ihm einen soliden, wohlhabenden Pflanzer, bei dem er auf eine dauernde einträgliche Geschäftsverbindung rechnen konnte. Unter den wärmsten Glückwünschen Seitens des Herrn Behrend zogen die beiden jungen Männer weiter und erreichten am vierten Abend bei Sonnenuntergang Columbus, derzeit eins der bedeutendsten Städtchen im Innern des Südens der Vereinigten Staaten. Die Geschäftszeit war vorüber und viele der Bewohner der Stadt saßen vor den Häusern, um die Kühlung des Abends zu genießen, als die drei Reiter in der staubigen Straße hinzogen und ihren müden Pferden, die sich nach dem Stalle sehnten, die Zügel auf dem Nacken ruhen ließen. Ralph war verstummt, denn ein unerträglich widriges Gefühl bemeisterte sich seiner, als er den Ort wiedersah, der ihm so viele, so schwere Vorwürfe gegen sich selbst in das Gedächtniß zurückrief. Er blickte nicht rechts, nicht links, denn er fürchtete, einem bekannten Gesicht zu begegnen, und als Ralph Norwood mit dem Charakter, wie er ihn hier zur Schau getragen hatte, erkannt zu werden. Er erschrak in Gedanken vor seinem eigenen Namen und hätte ihn gern vertauscht, wie er es mit dem Menschen selbst bereits gethan hatte. Er drückte den breitrandigen Filz tiefer in die Augen, als er und seine Begleiter an einem ihm nur zu wohl bekannten Trinkhaus, vor welchem viele Leute standen, vorüberritten, und blickte von demselben ab, nach der andern Seite der Straße. »Verdammt, sieht der nicht aus, wie Ralph Norwood?« hörte er sagen. »Ralph! – Norwood! – Halbindianer!« hörte er rufen, er that aber nicht, als ob er der Genannte sei, und Frank, der ihn sehr wohl verstand, trieb, so wie Jener, das Pferd an, um schneller aus dem Bereiche der ihm Nachrufenden zu entkommen. Noch mehrere 150 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Male hörte Ralph seinen Namen erschallen und ihn mit Worten der Vertraulichkeit, mit leichtsinnigen Flüchen begleiten, bis er endlich mit seinem Gefährten das Adlerhotel erreicht hatte und sie ihre ermüdeten Pferde nach dem Stalle abführen ließen. Ralph hatte inzwischen das niederbeugende Gefühl schuldvollen Bewußtseins überwunden, trat jetzt entschlossen, die Welt wissen zu lassen, daß er nicht mehr der frühere verderbte Ralph sei, zuerst in das Hotel ein und begrüßte den Wirth, der ihm mit »Gott verdamm meine Seele, Ralph!« entgegentrat, mit einer höflichen, gemessenen Verbeugung und sagte zu ihm: »Herr Simon, ich stelle Ihnen hier meinen Freund Herrn Frank Arnold vor«, und fuhr schnell, ohne den Wirth zu Worte kommen zu lassen, fort: »Wir können wohl ein Zimmer mit zwei Betten bekommen?« Der Wirth bejahte die Frage und blinzte Ralph mit einem schlauen Blick zu, als wolle er sagen, daß er ihn verstehe und in Frank ein Opferlamm für Ralph und seine alten Consorten erkenne. Doch Ralph erwiederte den Blick mit Ernst und Ruhe und ersuchte Jenen, sein und seines Freundes Gepäck auf ihr Zimmer bringen zu lassen, wohin sie sich jetzt selbst begaben, um sich vom Staub zu reinigen. Bald darauf verkündete die Gasthausglocke, daß zum Abendessen die Gäste erwartet würden; die Hausflur füllte sich schnell mit Einheimischen und Fremden und Alle drängten sich mit Ungestüm nach dem Speisesaal. Auch Ralph begab sich mit seinem Reisegefährten hinab, und als er in den Corridor trat, empfingen ihn dort viele seiner frühern Bekannten, denn das Gerücht, daß er zurückgekehrt sei, hatte sich schon unter ihnen verbreitet, und die Kunde von seiner Unabhängigkeit und Wohlhabenheit hatte Mac Dower schon vor längerer Zeit hierhergebracht. Man rief ihm wilde Grüße zu, fluchte und schwur darauf, daß man ihn lange genug in lustiger Gesellschaft vermißt habe und jubelte, daß jetzt einmal wieder ein heiteres Leben beginnen solle. Mehrere, die früher sehr vertraut mit ihm gewesen waren, bestanden darauf, daß er sie nach dem Abendessen nach Girard, einer kleinen Stadt, eigentlich nur einer Vorstadt von Columbus, welche auf dem entgegengesetzten 5 10 15 20 25 30 35 151ERstER BaNd • NEuNtEs KapitEl Ufer des Flusses lag, begleiten solle, da er dort, wie sie sagten, alle Sportsmen zusammen finden würde. Ralph aber ließ sich kaum im Gehen nach dem Speisesaal aufhalten, bemerkte nur laut und ernst, daß er nicht mehr spiele, nicht mehr trinke und daß er sich zeitig zur Ruhe begeben werde, um morgen sehr früh seine Reise fortzusetzen. Dabei verbeugte er sich wenig und schritt, ohne die Reden der alten Bekannten weiter zu beantworten, oder ihre Bemerkungen zu beachten, mit Frank in den Saal, wo sie ihr Abendbrod einnahmen. Kaum hatte er den zügellosen Haufen seiner frühern Kameraden verlassen, als diese ihrem Erstaunen und ihrer vereitelten Erwartung in rücksichtslosen Bemerkungen Luft machten, selbst dahin ihre Ansicht aussprachen, daß Ralph seinen Reisegefährten allein in’s Haus schlachten wolle und aus diesem Grunde den Ehrbaren spiele. Durch diese seine Treulosigkeit aufgebracht gegen ihn, entfernten sich die Meisten schon während der Dauer des Abendessens, doch Einige blieben, um ihm beim Heraustreten aus dem Saale noch einige unfreundliche Worte zuzurufen. Die Entrüstung Ralphs, als sie dies thaten, übermannte ihn und er wandte sich um, im Begriff, sich seinem Zorn hinzugeben, Frank aber schlang seinen Arm in den seinigen und zog ihn mit den Worten mit sich ihrem Zimmer zu: »Kein Wort, Ralph, diese Menschen sind unter Ihrer Würde.« Nach zeitig eingenommenem Frühstück ließ Ralph den Wirth auf das Zimmer kommen, bezahlte ihm die Rechnung und zugleich auch seine alte Schuld, für deren Berichtigung es ihm bisher an einer Gelegenheit gemangelt hatte. Dann verabschiedeten die beiden Reisenden den Neger Bob, empfahlen ihm die größte Sorge für die Pferde und gaben ihm noch tausend innige Grüße an die alten Arnolds mit. Der helle Trompetenton des Postkutschers rief sie bald zu dem Postwagen, vor welchem vier elegante Rappen ungeduldig scharrten, zehn Passagiere, unter denen Ralph und Frank, stiegen ein, der junge, auf dem Bock sitzende Fuhrmann zog die Zügel an, schwang die lange Peitsche, und mit deren, einem Pistolenschuß ähnlichen, Knall stoben die Rosse mit der schwerfälligen alten Kutsche im Galopp davon. 152 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Mit nur sehr kurzen Rasten ging die Reise Tag und Nacht vorwärts, mitunter in den elendesten Rippenbrechern von Wagen, gro- ßentheils auf ganz rohen Straßen, doch immer mit den edelsten Pferden und, wo es das Terrain einigermaßen möglich machte, im Galopp, bis unsere Reisenden, ermüdet und an allen Gliedern wie zerschlagen, endlich in der alten Virginischen Stadt Richmond anlangten. Hier erholten sie sich einige Tage, pflegten sich an der weit und breit bekannten, guten Virginischen Küche, und begaben sich dann, nachdem Frank an seine Braut geschrieben und ihr die wahrscheinliche Zeit seiner Ankunft bei ihr gemeldet hatte, an Bord des schönen Dampfschiffs Potomac, welches sie nach dem Ziel ihrer Reise, nach Baltimore tragen sollte. Obgleich Winter, war doch das Wetter herrlich und warm, so daß unsere Reisenden während des Tages auf dem Verdeck verweilten und sich an den üppigen, reichen, abwechselnd mit Plantagen, mit kleinen neuen Ansiedlungen und mit mächtigen Wäldern bedeckten Ufern des schönen James-Flusses ergötzten. Der Strom wurde immer breiter, immer gewaltiger, je mehr sie sich dessen Mündung in die Chesapeake-Bay näherten, seine Ufer wurden flacher, die Niederlassungen spärlicher und die Sonne neigte sich schon, als sie die alte Stadt Norfolk, die frühere Rivalin Baltimores, erreichten. Während der Fahrt auf dem Flusse herab hatte sich die Zahl der Passagiere bedeutend vermehrt, so daß bereits eine jede Schlafstelle in den Privatkabinetten in Beschlag genommen war; hier in Norfolk aber bekam sie einen bedeutenden neuen Zuwachs, denn es fanden sich noch einige vierzig Personen an Bord ein, welche die Reise von hier aus mitmachen wollten. Eine Menge Güter mußte hier ausgeladen und ein noch größeres Quantum eingenommen werden, so daß die Dämmerung bereits eingebrochen war, als die Potomac sich wieder in Bewegung setzte und hinaus in die offene Bay steuerte, worauf man bald vom Schiffe aus das Land nur noch wie einen dunkeln Streif über dem Saume der salzigen, klaren Fluth erkennen konnte. Es war sehr warm, der Wind hatte sich gelegt, die grünen Wogen schaukelten das mächtige Schiff auf und nieder und schlugen plätschernd ihren leichten Schaum an seinen Seiten in die Höhe, 5 10 15 20 25 30 35 153ERstER BaNd • NEuNtEs KapitEl durch welchen sich die lustigen Seeschweine zu Hunderten spielend hinstürzten und im hohen Bogen durch die Luft wieder in die kristallhelle Tiefe hinabtauchten. Die Nacht legte sich schnell über die weite Wasserfläche, die Sterne funkelten heller und der röthliche Schimmer am westlichen Himmel, da wo die Sonne versunken war, verschwand nach und nach gänzlich. Stöhnend und schnaubend arbeitete sich die Potomac durch die jetzt mächtigen Wogen und theilte gewaltig den Schaumberg, der sich vor ihrem scharfen Kiel brausend aufthürmte, während sie links und rechts bei unzähligen kleinen Schiffchen vorüberschoß, deren weiße Segel nur von Zeit zu Zeit durch einen frischen Lufthauch aufgebläht wurden. Diese ungeheuere, mehrere hundert Meilen lange Wasserstraße, die Chesapeake-Bay, die schönste der Erde, bleibt Jahr aus Jahr ein von solchen kleineren und größern Schoonern belebt, die ihre verhältnißmäßig kolossalen Schwingen auf ihr hinauf und hinab winken lassen und Produkte aller Art von Küste zu Küste, von Ort zu Ort, von Farm zu Farm tragen; sie sind die Zierde dieses schönen Meerbusens und nicht umsonst ist der Baltimore-Schooner in allen Gewässern der Welt berühmt und ein Musterbild für ein schönes, elegantes und vortreffliches Schiff. Das Verdeck, welches um die Cajüten der Potomac führte, sowie das obere, welches sich über denselben ausdehnte, waren gedrängt mit Passagieren angefüllt, die sich an der kühlen reinen Seeluft labten, und sich hier in Gruppen zusammengesetzt hatten, dort einzeln über die dunkele Wasserfläche schauten, ihren Gedanken folgten, oder sich mit dem Anblick der geisterhaft in der Dunkelheit vorübergleitenden Fahrzeuge, der sich auf den Wogen tanzend spiegelnden Sterne, den vorüberbrausenden weißen Häuptern der Sturzwellen, der phosphorisch leuchtenden Furche, die der Dampfer hinter sich zurückließ, unterhielten. Da ertönte der Klang der Tischglocke von der großen Cajüte her und die Passagiere drängten sich mit Ungestüm nach derselben hin, aber nur die Hälfte ihrer Zahl fand Raum an der langen Tafel, die Damen nahmen den größern Theil der Plätze ein und die Männer, welche diesmal keinen Sitz fanden, mußten sich geduldigen, bis nach einer halben Stunde zum zweiten Male die Glocke ertönte, wo sie denn eine ebenso reich besetzte Tafel vorfanden. Nach be- 154 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 endigtem Abendessen füllten sich die Verdecke abermals mit Passagieren, die Nacht hatte aber ihr Lächeln abgelegt, der Himmel hatte sich umwölkt und eine Finsterniß umgab das Schiff, die dem Blick nirgends mehr auf dem Wasser erlaubte, sich an einen Gegenstand zu heften. Die Damen zogen sich zuerst in ihre Cajüte zurück, welche sich auf dem vordern Theile des Schiffes befand und bis zur Hälfte ihrer Höhe unter dem Verdeck lag. Eine Treppe führte in sie hinab von dem Eingang, der an der Seite des Schiffes auf das Verdeck zeigte. An derselben Seite, etwas weiter nach hinten, öffnete sich die Thür der großen oder Herrencajüte, zu welcher gleichfalls eine Treppe hinableitete und zwischen beiden Thüren hing an dem obern Verdeck oder Sturmdach eine große hellleuchtende Laterne. Auch die Männer suchten nach und nach ihre Cajüte auf, die seit Beendigung des Abendessens ein ganz anderes Ansehen bekommen hatte. Die lange Speisetafel war verschwunden und das helle Licht der unter der Decke hangenden vier Ampeln fiel auf drei lange Reihen von Betten, die mit sehr geringem Zwischenraume neben einander aufgestellt waren und den ganzen Saal ausfüllten. Sie waren auf sogenannten Feldbettstellen hergerichtet, die zusammengeklappt bei Tage von hier entfernt und im untern Schiffsraume aufbewahrt wurden. Frank und Ralph befanden sich unter den Letzten, die in die Cajüte traten, um sich zur Ruhe zu begeben, wurden aber dort von einer so drückend schwülen dicken Luft empfangen, daß sie Beide am Fuße der Treppe stehen blieben und verwundert auf die Ver- änderung und auf die ruhenden Schläfer schauten, deren Attitüden deutlich verriethen, daß ihnen sämmtlich zu heiß war. Obgleich es unter die Vorsichten gehört, sich auf einem amerikanischen Dampfschiff beim Schlafengehen nicht zu entkleiden, indem man stets zu erwarten hat, durch irgend einen Zufall, der dem Schiffe begegnen kann, aus seiner Ruhe gestört zu werden, wobei es denn gar nicht ungewöhnlich ist, daß der Drang des wichtigen Augenblicks nicht Zeit genug zuläßt, um sich anzukleiden, so hatten die hier Ruhenden doch nur die geringste Zahl ihrer Kleidungsstücke anbehalten, den Rest aber von sich geworfen und mehrere hatten selbst diese kleine Zahl verabschiedet. Mit Decken 5 10 15 20 25 30 35 155ERstER BaNd • NEuNtEs KapitEl waren diese Betten nicht versehen, da man aus Erfahrung wußte, daß sie der Wärme halber doch niemals benutzt wurden, und so konnte man denn an den Lagen der Schlafenden erkennen, daß ihr Schlummer kein behaglicher, kein ruhiger war, denn sie kehrten sich oft auf ihrem Lager um, damit der warm gewordene Theil ihres Körpers der Luft zugänglich wurde. Eine sehr hervorragende Persönlichkeit fiel den beiden Eintretenden besonders auf, ein Mann, dessen Riesenkörper unter seinen Schlafkameraden wie ein Elephant unter einer Heerde Thiere von gewöhnlicher Größe hervorblickte. Er hatte bisher auf dem Rükken liegend geschlummert, wahrscheinlich aber hatten ihn unruhige Träume heimgesucht und ihn dazu veranlaßt, die erwärmte Seite seines Körpers nach oben zu wenden, so daß die Luft sie freier umspielen konnte. Das Athmen schien ihm sehr sauer zu werden, er schnarchte heftig und fuhr von Zeit zu Zeit, wie im Zorn, mit der Hand über die schweren Fleischmassen seines Körpers, ohne Zweifel, um den blutdürstigen Mosquito’s, oder sonstigen lästigen Insekten den Genuß seines Blutes zu wehren. »Ist das nicht der Virginische Pflanzer, der so unbeweglich während des ganzen Tages auf dem vordern Verdeck saß und dessen Tochter, das hübsche rothwangige junge Mädchen, so aufmerksam und liebevoll für ihn besorgt schien?« fragte Frank seinen Gefährten, indem er auf den kolossalen Schläfer zeigte. »Ja freilich ist er es, obgleich man ihn in dieser Lage nicht genau erkennen kann,« erwiederte Ralph, wandte sich zugleich wieder nach der Treppe und sagte: »Hier aber ist meines Bleibens nicht, ich würde bis zum Morgen erstickt sein. Kommen Sie, Frank, Sie können es ebenso wenig hier aushalten. Ich lege mich auf das Verdeck.« »Und ich begleite Sie. Ich will unsere wollenen Decken aus unserm Cabinet holen, gehen Sie nur, ich folge Ihnen gleich nach,« antwortete Frank, drängte sich an den Betten hin bis zu der Thür seines Staterooms und langte bald bei Ralph auf dem Verdeck an, der sich unter die große Laterne zwischen den Thüren der Damenund Herrencajüte auf den Fußboden niedergesetzt hatte. Frank breitete die Decken aus und Beide nahmen Platz darauf, indem sie sich mit dem Rücken gegen den obern Theil der Cajüte legten, der 156 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 sich ungefähr fünf Fuß über das Verdeck erhob und aus einer Reihe von Glasfenstern bestand, durch welche die Cajüte bei Tag ihr Licht erhielt. Der Wind hatte sich erhoben und traf das Schiff auf der andern Seite, so daß es sich an der, wo unsere beiden Reisenden saßen, mehr nach dem Wasser neigte. »Die Wolken scheinen mir dorthin sehr schwer zu hängen, es sollte mich nicht wundern, wenn wir ein Gewitter bekämen,« sagte Frank, nach Nordwest zeigend. »Es scheint mir auch so, die Luft ist sehr schwül und der Wind erhebt sich, sehen Sie nur, wie sich das Schiff auf dieser Seite niederlegt.« »Wahrhaftig, wir gleiten mit unserer Decke nach der Brüstung vor uns hinunter. Das fängt tüchtig an zu blasen,« sagte Frank, als ein ferner Donner hörbar wurde, der um die Hälfte des Horizonts rollte. »Da haben wir es,« sagte Ralph, »wenn uns der Regen nur nicht am Ende in die Cajüte treibt. Ich halte es darin nicht aus.« »Wir hüllen uns in unsere Decken und lassen es regnen, wie es will,« erwiederte Frank. Wieder rollte der Donner dumpf und anhaltend über die Bay, dazwischen klang der monotone Tritt des wachthabenden Steuermannes von dem obern Verdeck, die Wogen schlugen mächtiger gegen die Seiten des Schiffes und der Wind rüttelte die ungeheuern schwarzen Schornsteine, die sich über ihm erhoben. »Es scheint wirklich Ernst zu werden, das Schiff legt sich ganz auf diese Seite,« bemerkte Frank nach einer Weile, als plötzlich ein furchtbarer Donnerschlag das Schiff erbeben ließ, ein schlängelnder Blitzstrahl durch die schwarze Nacht schoß, und ein kleines mit Holz beladenes Fahrzeug ganz in der Nähe der Potomac in Brand steckte, so daß bald darauf die hellen Flammen über demselben empor loderten. Der Mann an der Maschine, ungewiß, ob der Schlag das Dampfschiff getroffen, hielt dieselbe sofort an, der wie gewöhnlich folgende Feuerregen sprühte aus den Schornsteinen hervor und strömte über das Verdeck des Schiffes hin an den Fenstern der Cajüte vorüber, die Schlafenden, von dem Donnerschlage erweckt, 5 10 15 20 25 30 35 157ERstER BaNd • NEuNtEs KapitEl sahen die Funken vorbeifliegen und der Schreckensruf: »Feuer! Feuer!« drang aus beiden Cajüten hervor. Frank und Ralph wußten recht gut, daß der Potomac in keiner Weise ein Unfall zugestoßen und daß der Feuerlärm ein blinder war, sie waren aufgesprungen und hefteten, indem sie sich an der Cajüte festhielten, um nicht auf dem gesenkten Verdeck hinunter nach der Brüstung zu gleiten, ihre Augen auf das brennende Holzschiff, als ihre Blicke von da abgezogen und auf die Menschenmassen gerichtet wurden, die jetzt in Todesangst schreiend aus den Thüren der beiden Cajüten hervorschossen. In ihrer Verzweiflung bemerkten die geängstigten Passagiere nicht, daß das Schiff sich an dieser Seite gesenkt hatte und das Verdeck sehr abschüssig vor ihnen lag, sie drängten sich wie rasend aus den Thüren hervor, bekamen, sobald sie den Fuß auf das Verdeck setzten, das Uebergewicht und stürzten Kopf über nach der Brüstung hinunter, wo sie sich in einem wild verworrenen Knäuel durch einander hinrollten. Wie eine abgeschossene Bombe brach jetzt der schwere Pflanzer aus der Thüre rechts hervor, zwei, gegen ihn schmächtige, nur sehr leicht bekleidete Männer, die sich mit ihm hatten hinausdrängen wollen, hielt er mit seinen ungeheuern Armen umschlungen, seine glühend rothen Gesichtszüge zeigten Schrecken und Entsetzen, seine Augen stierten seitwärts nach der Damencajüte, und mit der Wucht der ihm Folgenden auf seinem colossalen Rücken, überschlug er sich und fiel auf den Haufen seiner Vorgänger, deren Hülferufe unter ihm stöhnend hervordrangen. Ganz ähnlich war das Schauspiel zur Linken Franks und Ralphs, denn auch die Damen hatten in dem Augenblicke der Gefahr keine Zeit gehabt, ihr Costüm zu beachten und kamen in tiefster Nachttoilette aus der Thür hervorgesprudelt, nur mit lauterem Schreien, mit fliegendem Haar und mit noch verzweifelteren Geberden, und fielen, sich fest aneinander klammernd, an der Brüstung nieder. Immer noch wußte Niemand, was geschehen, oder wo das Feuer war, als der schwere Pflanzer die Unglücksgefährten, die auf ihn gefallen waren, mit seinen Riesenarmen zur Seite warf, über ihre Körper hin zu den Frauenzimmern stürzte, und zwischen sie tretend, laut den Namen seiner Tochter rief. 158 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Betsey, mein Kind – Betsey, wo bist Du?« schrie er so laut, daß er mit seiner Stimme den Tumult übertönte und drang tiefer zwischen die Damen ein, bis Betsey, das geliebte Kind, den Vater erkennend, sich ihm in ihrer Todesangst an die Brust warf. »Es ist ja Nichts, es ist ja gar Nichts – blinder Lärm – unserem Schiff ist ja kein Unglück begegnet!« schrie jetzt der Steuermann mit aller Kraft seiner Stimme, so stark es ihm bei seinem heftigen Lachen noch möglich war, von dem obern Verdeck herab und forderte die geängstigte Menge auf, sich wieder zur Ruhe zu begeben. Jetzt erst erkannten die Passagiere das Eigenthümliche ihrer Costüme, der dicke Pflanzer, ohne sich wegen Mangel eines solchen zu entschuldigen, verließ die Damen eiligst, und so schnell die Thüren sie aufnehmen wollten, verschwanden Alle wieder in die Cajüten. Frank und Ralph vergaßen das Lächerliche des so eben stattgehabten Schauspiels über die verzweifelte Lage des Holzschiffs, welches trotz der Anstrengung seiner Mannschaft, das Feuer zu löschen, jetzt in vollen Flammen stand. Dieselbe hatte bereits das kleine Boot bestiegen, um sich selbst zu retten, und ruderte auf die Potomac zu, von welcher man ihr ein Tau entgegenwarf, an dem die sechs Personen, aus der sie bestand, auf das Verdeck des Dampfschiffes empor kletterten. Es war ein Vater mit seinen fünf Söhnen, denen der Schooner gehörte und die auf ihm Jahr aus Jahr ein Feuerholz von den bewaldeten Küsten Virginiens nach Baltimore zum Verkauf gebracht hatten. Die Leute sahen schweigend auf ihre, in Flammen aufgehende Habe, ohne ein Wort oder den Ton einer Klage hören zu lassen, obgleich sie Alles verloren; denn sie waren nicht versichert. »Das soll mir eine Lehre sein,« sagte endlich der alte wettergebräunte Mann; »künftig wollen wir doch versichern. Schade für den Schooner, es war ein gutes Seeboot. Wir müssen uns einen neuen bauen.« Dabei nahm er seine kleine Pfeife aus der Tasche, füllte sie und zündete sie an. »There she goes!« sagte er dann, indem er seine Hand nach dem brennenden Schiffe ausstreckte, welches jetzt, ein Feuerball, sich im Kreise drehte und zischend in die Tiefe hinabschoß. 5 10 15 20 25 30 35 159ERstER BaNd • NEuNtEs KapitEl Unerschütterliche Ruhe und Gefaßtheit im Unglück und Gleichgültigkeit im Glück sind Hauptcharakterzüge des Amerikaners, die es ihm möglich machen, jede Lage seines Lebens mit Gleichmuth zu tragen und den bestmöglichsten Weg für seine Zukunft zu wählen. Die Potomac hatte sich wieder in Bewegung gesetzt, während es heftig zu regnen anfing und der Donner weiter nach dem Ocean hin hörbar wurde. Alles war abermals ruhig am Bord, nur die Maschine ächzte unter der Gewalt des Dampfes und der Steuermann schritt wieder langsam auf dem obern Verdeck auf und nieder. Frank und Ralph hatten sich auf dem vordern Raume, wo das Sturmdach sich über das Verdeck erstreckte, in der Nähe eines der warmen eisernen Schornsteine, in ihre Decken gehüllt, niedergelegt, denn es wurde jetzt kühl und der Wind, dem das Schiff entgegenarbeitete, wurde den beiden Südländern empfindlich. Die Küsten rückten einander näher, wie die bald an dieser, bald an jener Seite der Bay erglänzenden Lichter der Leuchthäuser zeigten, die Wogen nahmen an Größe und Gewalt ab und das Schiff glitt ruhiger durch das Wasser. Die Müdigkeit übermannte unsere beiden Reisenden, ein fester Schlaf schloß, trotz des harten Lagers, ihre Lider, und der Tag hatte sich herrlich und heiter eingefunden, ehe sie erwachten. Beide Küsten der Bay waren jetzt dem Auge deutlich erkennbar, bald traten sie weiter in den Busen heraus, bald wichen sie in das bewaldete Land zurück, bildeten kleine Buchten, in welche die Flüsse ihre Wasser ergossen, und über deren klaren Spiegel unzählige kleine Segel winkend und nickend hinglitten. Viele große, aus der See kommende Schiffe lavirten die Bay hinauf, dem Ziel ihrer Reise, Baltimore, zu, und ebenso viele kamen mit, bis in die höchsten Spitzen ihrer Masten aufgeblähten Segeln vor dem Winde auf der Bay herabgezogen, um hinaus in den Ocean zu steuern. Die Potomac eilte schnaubend an Allen vorüber und mancher Gruß, mancher Wunsch wurde von den beiderseitigen Passagieren ausgetauscht. Je enger die Bay von den Ufern zusammengedrängt, je kürzer die Zeit bis zur Beendigung der Fahrt wurde, um so ungeduldiger schritt Frank auf dem obern Verdeck auf und nieder und um so 160 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 schärfer spähten seine Blicke in die blaue Ferne nach dem Aufenthaltsort seiner geliebten Braut. Sein rascheres Gehen, seine Ungeduld aber hatte auf den Gang der Potomac keinen Einfluß, im Gegentheil, sie schien ihm von Stunde zu Stunde sich langsamer vorwärts zu bewegen. Die Sonne neigte sich schon, immer noch eilte er auf dem Sturmdach auf und nieder und hielt seine Blicke auf die duftigen Berge, die jetzt in der Ferne aufstiegen, geheftet. Da schimmerte und glänzte es aus dem nebeligen Blau weiß und roth hervor und bald traten die Kuppeln und Thürme der Stadt Baltimore vor seine Augen. Höher und schneller schlug das Herz des jungen Mannes, freudiger sprach er zu Ralph und zeigte ihm die weiße Kuppel der Cathedrale, die sich stolz über der Stadt erhob, indem er sich bemühte, ihm deutlich zu machen, in welcher Richtung und wie weit von derselben das Haus stände, in dem die Geliebte wohne. Endlich war die Landspitze erreicht, auf welcher das Fort liegt, dann zog die Potomac an der Point, einer durch einen morastigen Grund von Baltimore getrennten Vorstadt, den Landungsplatz der größeren Seeschiffe, vorüber, die Werfte der Stadt breiteten sich vor ihr aus und bald hielt sie an dem Docke der Lightstraße ihren Lauf an, wo der breite hölzerne Steg auf dieselbe niedergelassen wurde, damit die Passagiere das Dampfboot verlassen könnten. Frank und Ralph hatten schnell einem Neger, dessen Kutsche auf der Straße hielt, ihr Gepäck übergeben, dieselbe bestiegen und gaben ihm die Weisung, nach Barnum’s Hotel zu fahren, wo Frank auch während seines früheren Aufenthaltes in dieser Stadt gewohnt hatte. Im raschen Trabe ging es in der Lightstraße hinauf, in der Marketstraße hinunter bis zur Calvertstraße, und hier an deren Ecke vor der hohen Granittreppe des großen Gasthauses setzte der Kutscher unsere beiden Reisenden mit ihrem Gepäck ab. Frank, als er in dem Corridor vor das offene Fenster des Geschäftslokales des Hauses trat, wurde von den Beamten desselben sogleich wiedererkannt, freundlichst begrüßt und ihm und seinem Reisegefährten ein Zimmer angewiesen, wohin auch ihr Gepäck sofort von den geschäftigen schwarzen Dienern getragen wurde. Er selbst begab sich nun schnell nach der Barbierstube, aus welcher 5 10 15 20 25 30 35 161ERstER BaNd • NEuNtEs KapitEl er sauber und mit schön geordnetem glänzendem Lockenhaar auf das Zimmer zurückkehrte, wo er rasch Toilette machte und sich von Ralph verabschiedete, um zu seiner geliebten Braut zu eilen. Ralph wünschte seine ländliche Kleidung gegen die großstädtische zu vertauschen, ehe er sich von seinem Freunde in dem Hause der Verlobten einführen ließe. Auch Frank beabsichtigte eine solche Umwandlung mit sich vorzunehmen, da dies aber wegen des vorgerückten Abends erst am folgenden Morgen geschehen konnte, und er recht gut wußte, daß er auch in seiner Pflanzertracht der Geliebten willkommen sein würde, so waren die Freunde übereingekommen, diese Anschaffungen am nächsten Tage zusammen vorzunehmen, und der glückliche Bräutigam drückte jetzt den breitrandigen Strohhut auf sein Lockenhaupt und eilte mit beflügelten Schritten und hoch schlagendem Herzen der Charlesstraße zu, in welcher das Haus des Bankpräsidenten Forney, des Vaters seiner geliebten Braut, Eleanor Forney, stand. Dasselbe zeichnete sich in der langen prächtigen Häuserreihe durch den edlen Geschmack des Baues und durch die schönen architectonischen Verzierungen, welche sinnreich darauf angebracht waren, vor allen anderen aus. Auf der sehr breiten zweistöckigen, aus lebhaft rothem Backstein aufgeführten Façade hoben sich die blendend weißen marmornen Fenster- und Thüreinfassungen sauber und elegant hervor und trugen die reiche Bildhauerarbeit, mit der sie geschmückt, prunkend zur Schau. Bis zu dem ersten Stockwerk, das sich über dem Erdgeschoß erhob und vor dem sich ein eisernes Gitter hinzog, führte eine breite Treppe von schneeweißem Marmor, auf deren beiden Seiten mächtige, aus gleichem Gestein gehauene Löwen ruhten. Der Präsident Forney hatte diese prächtige Wohnung schon vor einer Reihe von Jahren, als er noch unter den practicirenden Advokaten Amerika’s eine der ersten Stellen einnahm, selbst nach eigenem Geschmack erbauen lassen und dabei Nichts gespart, um den strengsten Anforderungen solider Pracht, sowie möglichster Bequemlichkeit und Zweckmäßigkeit zu entsprechen. Seine bedeutende Praxis, die sich über den größern Theil der sämmtlichen Vereinigten Staaten erstreckt hatte, lieferte ihm damals ein so be- 162 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 deutendes jährliches Einkommen, daß er weder seine Ausgaben zu beschränken, noch das ziemlich beträchtliche Vermögen, welches ihm seine Frau in die Ehe mitgebracht hatte, zu Aufführung jenes Baues anzugreifen brauchte. Jetzt war er Wittwer und Vater von zwei Kindern, hatte seit dem Tode seiner Frau die Advokatur aufgegeben und die ruhigere Stellung als Präsident bei einer Bank mit einem Jahrgehalt von zehntausend Dollar angenommen. Sein Sohn war Lieutenant in der Amerikanischen Marine und seit einem Jahre auf Station in Ostindien, und Eleanor, sein zweites Kind, achtzehn Jahre alt, stand seinem Haushalt vor und repräsentirte die Dame des Hauses. Ganz in der Nähe der Stadt besaß er eine bedeutende Farm, auf der er eine Anzahl seiner vielen Sclaven beschäftigte, während er die übrigen ausmiethete. Während Frank Arnold seine Schritte verdoppelte, befand sich Eleanor in dem Erdgeschoß des Hauses in der Küche, einem netten reinlichen sehr geräumigen Zimmer, in welchem sie manche Stunde des Tages zuzubringen pflegte, um die Sclavinnen bei Bereitung der Mahlzeiten zu beaufsichtigen und ihnen, wenn es nöthig war, Anweisungen zu geben. Auch jetzt, obgleich in reicher Toilette, stand sie neben der schwarzen Köchin und gab ihr einige Winke beim Anfertigen des Teiges, woraus die Brödchen für das Abendessen bereitet werden sollten. »Du mußt den Teig tüchtig rollen und kannst noch etwas Milch hinzuthun. Die Hefe war doch gut?« sagte sie zu der Negerin, indem sie ihr das Töpfchen mit Milch reichte und mit der andern Hand, in der sie ein gesticktes kostbares Batisttuch hielt, ihr schweres schwarzes seidenes Kleid an sich drückte, um es nicht mit dem Küchentisch in Berührung kommen zu lassen. »Die Hefe war ganz frisch und die Brote werden herrlich aufgehen, Miß Nel; machen Sie Ihr schönes Kleid nur nicht voll Mehl«, antwortete die alte treue Dienerin ihrer jungen Herrin, indem sie dieselbe mit dem vertraulichen abgekürzten Namen nannte, den sie ihr gegeben, als sie noch als kleines Kind auf ihrem Schooße geruht hatte. »Gehen Sie nur hinauf zu Ihrer Gesellschaft, ich will schon Alles gut besorgen«, fuhr die Alte dann fort und setzte mit einem 5 10 15 20 25 30 35 163ERstER BaNd • NEuNtEs KapitEl glänzend freudigen Blick hinzu: »Kommt er denn vielleicht noch heute?« »Vielleicht, Su«, antwortete Eleanor mit unverkennbar bewegter Stimme und einem freudestrahlenden Blick, warf ihre goldenen Locken zurück, klopfte der treuen alten Susanna mit ihrer Alabasterhand auf den ebenholzschwarzen Nacken und huschte zur Thür hinaus und die Treppe hinauf, als ob sie den Boden gar nicht berührte. »Hier bin ich schon wieder – verzeiht mir nur, daß ich Euch allein ließ«, sagte sie, indem sie in den Salon des ersten Stocks eintrat und auf dem reichen rothen Teppich zu ihren zwei jungen Freundinnen ging, die an einem der hohen, bis auf den Fußboden herabreichenden Fenster saßen, die schweren rothdamastenen Vorhänge auf beiden Seiten desselben zurückgezogen hielten und neugierig durch die großen Spiegelscheiben in die Straße hinunterblickten. 164 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 10. Die Braut. – Die Brautjungfern. – Der Empfang. – Neue Garderobe. – Die Einführung. – Das Gewächshaus. – Prächtige Einrichtung. – Die Stadt. – Straßenauflauf. – Zufälliges Zusammentreffen. – Die Börse. – Introduktion. – Das Lesezimmer. – Der Stiefel. Eleanor war eine hohe, schöne Gestalt, schlank und auf-fallend schmal in der Taille, doch mit hinreichender Fülle, so daß ihre Formen sich rund und geschmeidig wölbten. Ueber ihrem langen zarten Halse trug sie ihren kleinen Kopf mit einer Ruhe, einer Bestimmtheit und Würde, die gewöhnlich nur der doppelten Zahl ihrer Jahre eigen ist und die sich gleichfalls auf ihrem jugendlich lieblichen Gesicht kund that. In ihren großen, tief braunen Augen spiegelte sich Anmuth und Herzensgüte, sowie eine klare, verständige Anschauung der sie umgebenden Verhältnisse; dieselben waren aber leicht bewegt, blitzten dann schnell und lebendig um sich und verriethen ein leidenschaftliches, energisches Gemüth. Ihr rothes Haar schien besonders mit dieser letzteren Stimmung in Einklang zu stehen, seine wellenförmigen Massen widerstrebten augenscheinlich dem Zwang, den ihnen die Mode angethan hatte, und nur die reichen, natürlichen Locken, die zu beiden Seiten ihres regelmäßig schönen, schmalen Gesichts herabfielen, harmonirten mit der Ruhe, die Eleanor gewöhnlich umgab. Das Haar war roth, aber wunderbar dunkel und bronzig gefärbt, so wie es den alten Meistern, namentlich Correggio, bei ihren Idealen vorgeschwebt hat, und von seinen Fesseln befreit, verhüllten seine seidenweichen, glänzenden Wogen die ganze edle Gestalt, die es so prächtig schmückte. Wie dunkelgoldne Arabesken auf Alaba- 5 10 15 20 25 30 35 165ERstER BaNd • ZEhNtEs KapitEl stergrund ruhten die Locken auf Eleanors durchsichtigem, blendend weißem Nacken, und das Weiß der reichen Spitzenärmel, aus denen ihre vollen, zarten Arme hervorsahen, verblich neben ihrer Lilienhaut. Sie war ungezwungen und natürlich graziös in allen ihren Bewegungen, sie konnte ihren zierlichen, schmalen Fuß nicht anders setzen, ihre schneeige, kleine Hand nicht anders heben, und dennoch schien jeder Blick, jeder Schritt so, wie sie ihn that, von ihr beabsichtigt zu sein. Ihre weiche, silberreine, klangvolle Stimme widersprach ihrem überhaupt so bestimmten Wesen und schien mehr für eine Bitte, als für einen Befehl geeignet. »Uns wird die Zeit, bis wir ihn sehen, sehr lang, Eleanor, es ist schon Abend und noch immer ist der erwartete Glückliche nicht erschienen«, sagte Nancy, die eine der beiden jungen Freundinnen Eleanor’s, eine schöne Blondine, und ließ theilnehmend und liebevoll ihre Augen, blau wie der Himmel eines heitern Frühlingstages, auf ihrer Freundin ruhen. »Es ist eine lange Reise von Richmond hierher und die dunkeln Augen der Brünetten Virginiens sind gefährlich. – Wer weiß, ob nicht ein solches Sternenpaar ihn dort gefangen hält?« fiel Laura, die andere Freundin, scherzend ein und richtete ihre großen schwarzen Augen auf die Braut. Wie ein Blitz schoß ihr Eleanor’s Blick entgegen; dieselbe hob sich stolz in ihrer vollen Größe auf und der blaßrothe Hauch ihrer zarten Wangen war verschwunden. Im nächsten Augenblick aber kehrte der gewohnte sanfte Ausdruck in ihr Auge zurück, das Blut stieg ihr in das Antlitz, als ob sie sich ihrer Schwäche schäme, und mit einem milden Tone sagte sie: »Du kennst Frank ja noch nicht, Laura.« »Sie kennt Dich aber, süße Eleanor, und muß darum wissen, daß einem Manne keine anderen Augen mehr gefährlich werden können, wenn ihm die Deinigen gelacht haben«, sagte Nancy, indem sie die schöne Laura vorwurfsvoll ansah und ihren zarten Arm um den Nacken der Braut schlang. In diesem Augenblick tönte die Schelle in dem Corridor, Eleanor fuhr von ihrer Freundin zurück, ihre Augen strahlten freudig auf, ihre Wangen wurden alabasterweiß und mit einem unterdrückten Ausruf der sehnlichsten Erwartung verschwand sie aus dem Zim- 166 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 mer und eilte zu der Thür des Hauses. Mit bebender Hand zog sie den Riegel zurück, die Thür öffnete sich und Frank breitete seine Arme nach ihr aus. »Frank, bester Frank, Gottlob, daß Du hier bist! Ich habe mich recht geängstigt, Du hättest schon Vormittags hier sein müssen«, sagte Eleanor und gab sich der Umarmung ihres Geliebten und seinen Küssen hin. Wohl zehn Minuten verstrichen im seligen Genusse des heißerwarteten Wiedersehens, ehe Eleanor ihrer beiden neugierig harrenden Freundinnen gedachte. »Du wirst jetzt meine beiden Brautjungfern kennen lernen, Frank, sie sind hier im Zimmer und können es kaum erwarten, Dich zu sehen«, sagte Eleanor, indem sie die schwarz glänzenden Locken ihres Geliebten zurückstrich. »Aber beste Eleanor, in diesem Anzug! – es war zu spät, um Garderobe anzuschaffen«, antwortete Frank, indem er auf seinen braunen Rock von Hausmachetuch zeigte. »Die Zeit dazu hättest Du mir auch sicher nicht rauben wollen, die Minuten, bis Du kamst, sind mir ohnehin lang genug geworden. Es ist ja Dein R o c k nicht, auf den ich stolz bin; komm, meine Freundinnen sollen meinen G e l i e b t e n sehen«, antwortete Eleanor mit glücklicher Bewegung, ergriff Frank’s Hand und trat mit ihm in den Salon ein. Mit erstaunten Blicken erwiderten die beiden Mädchen den Gruß des jungen Mannes, dessen blühende, kräftige Schönheit sie überraschte, während sein Anzug dasselbe, nur in anderer Weise that. In diesem Hause voll Eleganz einen schlichten Farmer als Bräutigam der einzigen Tochter und gefeierten Schönheit Baltimore’s zu begegnen, war ganz gegen ihr Erwarten, und doch fühlten sie zugleich, daß kein junger Mann ihrer Bekanntschaft so passend, wie er, diesen Platz ausfüllen würde. Frank erkannte sehr wohl ihr Erstaunen und sagte lächelnd: »Meine geliebte Eleanor hat mir erlaubt, die ersten Stunden meines Hierseins in meinem Reiseanzug in ihrer Nähe zuzubringen und erst morgen einige Zeit auf Anschaffung der nöthigen Garderobe zu verwenden, die in unserm erst aufkeimenden Grenzstaate nicht zu bekommen war.« 5 10 15 20 25 30 35 167ERstER BaNd • ZEhNtEs KapitEl »Bei Frank ist das Sprichwort ›Kleider machen Leute‹ nicht angewandt«, fiel ihm Eleanor in die Rede, stellte ihn nun in aller Form ihren Freundinnen vor und rückte mit seiner Hülfe ein kleines, zweisitziges Sopha dem Fenster näher, in welchem sie sich mit ihrem Geliebten niederließ. »Wo ist denn aber Dein Freund, von dem Du mir schriebest, daß er mit Dir kommen würde?« fuhr sie dann zu Frank gewandt fort. »Er war bei unsrer Ankunft in derselben mißlichen Lage in Bezug auf seinen Anzug, wie ich; es fehlte ihm aber die nachsichtig entschuldigende Freundin, die mir der Himmel in Dir, geliebte Eleanor, gegeben hat. Darum blieb er im Gasthaus und wird morgen die Ehre haben, seinen Besuch abzustatten«, antwortete Frank. »Wer weiß, vielleicht hätte eine meiner schönen Brautjungfern das Amt der Fürsprache für ihn übernommen. Du schriebst, er sei ein schöner, hoffnungsvoller junger Mann«, sagte Eleanor und machte mit ihrer kleinen Hand eine Bewegung nach den beiden Mädchen. »Es besteht ein Glaube, daß die Brautjungfern gern dem Beispiel der Braut folgen.« »Wenn er, um zu gefallen, so wenig der Mode bedarf, wie Herr Arnold, so würde ich mich gern dazu verstanden haben, ihm meine Fürsprache zu leihen«, sagte Laura lächelnd und ließ ihren Fächer mit großer Gewandtheit und Grazie spielen. »Und Du, Nancy?« fragte Eleanor ihre blonde Freundin mit einem liebevollen Blick. »Das Aeußere allein würde mich nicht bestimmen, eine solche Fürsprache für einen Herrn zu übernehmen; leichter die Empfehlung, daß er ein Freund des Herrn Arnold sei«, erwiderte Nancy bescheiden, und nun hatte Eleanor tausend Fragen an Frank zu richten, die sich größtentheils auf seine heimathlichen Verhältnisse bezogen. Die beiden jungen Mädchen, intime Freundinnen Eleanors, hatten ihren Dienst als Brautjungfern bereits angetreten und waren, wie dies häufig in Amerika Gebrauch ist, zu der Braut gezogen, um bei ihr zu wohnen, bis sie dieselbe bei der Verheirathung dem Bräutigam abtreten würden. Unter heiterem, traulichem Gespräch schwand der letzte Blick des Tages, die Nacht legte sich vor die Fenster, das kleine Feuer in 168 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 dem Kamin wurde zur lustig flackernden Flamme angefacht, das glückliche Brautpaar nahm vor demselben und die Brautjungfern zu beiden Seiten Platz und ein schwarzer Diener in seinem schwarzen Anzug, weißer Weste, weißer Halsbinde und ebensolchen Handschuhen trug, ohne Geräusch auf dem Teppich hinschreitend, eine große, prächtige Lampe auf den Marmortisch, der in der Mitte des Salons stand. Der hehre Glockenton von der Cathedrale verkündete acht Uhr, als die Schelle im Corridor abermals erklang und Eleanor freudig ausrief: »Da kommt Vater – wie wird er sich freuen, Dich zu sehen, Frank!« Sie waren Beide aufgesprungen und eilten dem jetzt eintretenden Herrn Forney entgegen. Er war ein großer, stattlicher Mann von ernstem, doch angenehmem Aeußern, dessen kräftige Haltung nicht verrieth, daß er fast sechzig Jahre alt war. Das Weiß, welches sich bereits in seinem röthlich blonden, lockigen Haupthaar eingestellt hatte, bemerkte man nur wenig und die frische, jugendliche Farbe seines männlich edlen Gesichts zeugte von vollster Gesundheit. Mit sichtbar freudiger Ueberraschung erfaßte er beide Hände seines zukünftigen Schwiegersohns und schüttelte sie kräftig, schlang dann seine Linke um seine geliebte Eleanor, die sich liebkosend an ihn schmiegte, legte seinen rechten Arm um Frank’s breite Schultern und führte so das glückliche Paar zu dem Kamin, wo er sich mit heiterem Lächeln gegen die beiden jungen Damen verneigte. »Ihr Regiment, meine schönen Freundinnen, wird nun wohl nicht mehr von langer Dauer sein, dieser Herzensräuber will Ihnen die Gespielin und mir die Tochter, die Seele meines Hauses, die süßeste Würze meines täglichen Lebens nehmen. Und doch, wie unendlich glücklich wird uns dieser Verlust machen!« sagte Herr Forney mit einem Gemisch von Scherz und tiefem Ernst, indem er Eleanor und Frank nochmals an seine Brust drückte. Dann ließen sie sich vor dem Kamin nieder, Eleanor behielt die Linke ihres Vaters in ihrer Hand und dieser führte nun mit Frank die Unterhaltung, bis ein Diener eintrat und ankündigte, daß das Abendessen bereit sei. 5 10 15 20 25 30 35 169ERstER BaNd • ZEhNtEs KapitEl Es war gegen Mitternacht, als Frank sich verabschiedete und Eleanor ihn bis auf die breite Marmortreppe vor dem Hause begleitete, um ihm dort für die kurze Zeit, bis sie sich wiedersehen würden, noch ohne Zeugen ein inniges Lebewohl zu sagen. Im Vollgefühle seines unbegrenzten Glückes schritt Frank durch die still werdenden Straßen nach dem Gasthaus zurück, wo er Ralph noch im Lesezimmer zwischen den langen Pultreihen, auf denen die ungeheuern Zeitungen aufgelegt waren, in diesen vertieft fand, um die neuesten Nachrichten aus dem Süden des Landes durchzusehen. »Sie sind noch auf, Ralph?« sagte Frank zu diesem, indem er ihm die Hand reichte, »ich glaubte, Sie wären längst zur Ruhe gegangen.« »O nein, Frank, ich wollte doch von Ihnen hören, wie Sie Ihre Braut angetroffen haben.« »Wohl, überaus wohl, und lieb, wie ein Engel«, erwiederte dieser mit überströmendem Herzen, »ich freue mich unendlich darauf, Ralph, sie Ihnen morgen vorzustellen. Wahr ist es doch, wenn es einen Himmel auf dieser Erde giebt, so wird er uns nur durch die Liebe eines braven Mädchens geschaffen. Sie müssen meinem Beispiel folgen, Ralph, versprechen Sie es mir, Sie wissen es, ich möchte Sie so gern auch recht glücklich sehen.« »Von dem Glück einer guten Ehe habe ich mich bei Ihren lieben, theuren Eltern überzeugt; wird mir jemals ein solches geboten, so lasse ich es sicher nicht von mir, darauf mein Wort.« »Man machte mir Vorwürfe, daß ich Sie nicht gleich mitgebracht hatte. Ich habe Sie aber entschuldigt. Morgen müssen wir uns recht zeitig nach andern Anzügen umsehen. Kommen Sie, es ist schon spät, lassen Sie uns auf unser Zimmer gehen«, sagte Frank und schritt voran nach der Halle, in der sich das Bureau befand. Dort reichte ihnen ein schwarzer Diener Schlüssel und Licht, setzte lederne Pantoffeln vor ihnen nieder und nahm dagegen ihre Stiefeln in Empfang. Wenige Minuten später hatten die beiden jungen Männer ihr Zimmer und ihre gegeneinanderüber stehenden Betten erreicht, sie wünschten sich eine gute Nacht und bald umgaukelten sie die buntesten, wonnigsten Träume. Nach zeitigem, an der sehr zahlreich besetzten Tafel eingenommenem Frühstück begaben sich die beiden Freunde nach dem ih- 170 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 nen empfohlenen Kleiderladen, um ihre heimathliche Tracht gegen die der Großstädter zu vertauschen. Zwei vollständige Garderoben wurden dort von ihnen ausgewählt und nach dem Hotel gesandt, wenige Häuser weiter setzten sie sich in den Besitz des unerläßlich nöthigen runden Huts, schafften alle übrigen weitern kleineren Toilettenstücke an und kehrten dann in das Gasthaus zurück, um sich schnell anzukleiden und sich zu Forney’s zu begeben. Kurz vor eilf Uhr war die Toilette beendigt, Beide warfen noch einen Blick in den großen Wandspiegel und schritten dann mit einander hinunter in die Halle, wo sie ihren Zimmerschlüssel abgaben. Hier war es sehr lebhaft, kommende und gehende Fremde, sowie Einheimische, die in diesem Hotel ihre Mahlzeiten genossen, waren versammelt und Aller Aufmerksamkeit richtete sich auf die beiden eintretenden sonnverbrannten Freunde. Ihre Kleidung war sicher nicht die Ursache hiervon, denn sie verrieth den amerikanischen Gentleman, es war ihre persönliche Erscheinung, in der das Ungewöhnliche lag. In dem eng anschließenden feinen Anzug trat der muskulöse, edle Bau der beiden Landsöhne um so kräftiger hervor, und die freie, leichte Haltung ihrer an Strapazen gewöhnten Körper stach sehr gegen die der schlaffen, verweichlichten Städter ab. Dieselbe Aufmerksamkeit wurde ihnen auf ihrem Wege nach der Charlesstraße von den Vorübergehenden zu Theil, die unwillkürlich ihrem festen Tritt Platz machten. Forney’s Haus war bald erreicht, die Thür that sich auf, ein schwarzer Diener öffnete den Salon und die beiden jungen Männer wurden dort von dem Präsidenten und seiner Tochter, sowie von den beiden Brautjungfern empfangen. Nachdem Frank seinen Freund vorgestellt, bat Herr Forney denselben, sein Haus während seines Aufenthaltes in Baltimore zu seiner Heimath zu machen und versicherte ihm, daß er hier jederzeit herzlich willkommen sein werde. Eleanor bemühte sich, gegen Ralph möglichst freundlich und aufmerksam zu erscheinen und Laura nahm die Gelegenheit wahr, ihn während des Gesprächs einen Stuhl an ihrer Seite einnehmen zu lassen. Ueberhaupt richtete sich die Unterhaltung größtentheils an ihn, da Frank derselben durch Eleanor mehr und mehr entzogen wurde. Ralph fühlte sehr wohl, daß er sich in einer ihm bisher 5 10 15 20 25 30 35 171ERstER BaNd • ZEhNtEs KapitEl fremden Sphäre befand, doch war es ein wohlthuendes Selbstgefühl, was ihn überkam und ihn sich frei und unbefangen bewegen ließ. Herr Forney war ein so feiner, gewandter Weltmann, daß er das Gespräch dem Wissenskreis des jungen Mannes fortwährend anzupassen wußte, und in dessen Unterhaltung mit den beiden jungen Damen, von denen Laura das Wort oft der neueren Literatur zuwandte, kam er ihm immer schnell zu Hülfe, wenn er gewahrte, daß er auf einen für ihn unsichern Boden gerieth. Vor Tisch wurde noch eine Promenade durch den Garten hinter dem Hause, der sich auf beiden Seiten desselben bis an die Straße zog, unternommen, obgleich dessen reiche Baum- und Gebüschgruppen durch den Winter entblättert und seine schönen Blumenbeete verödet waren. Die Sonne schien aber freundlich vom heiteren Himmel hernieder und gegen die kühle, doch reine Luft schützten sich die Damen mit großen Shawls. Von dem Hause führten zu beiden Seiten eines geräumigen Vorplatzes breite Marmortreppen in den Garten hinab, auf deren stufenförmigem, marmornem Geländer große Vasen von demselben Gestein angebracht waren, in denen während neun Monaten im Jahre die herrlichsten Tropengewächse prangten. Diese, sowie die Orangenbäume, die ihren Platz am Fuße der Treppen hin hatten, befanden sich jetzt in den Gewächshäusern am andern Ende des Gartens, in denen sie mit tausend andern Vertretern der südlichen Pflanzenwelt einen reizenden, zauberischen Wintergarten bildeten. Dorthin führte Herr Forney seine jungen Begleiter, sah mit Freude, wenn Frank oder Ralph hin und wieder Pflanzen aus ihrer Heimath erkannten und nannte ihnen dann sogleich den lateinischen Namen für dieselben. Es war hier ein wonniger Aufenthalt, zumal augenblicklich, wo die Natur in ihrer Winterruhe lag, und es wurde einstimmig beschlossen, nach Tisch den Kaffee hier zu trinken. Ralph war von dieser künstlichen Tropenwelt außerordentlich überrascht, da er natürlicherweise in seiner Heimath, welcher der Lenz niemals untreu wird, sich nicht hatte vorstellen können, wie man im Norden zur Winterzeit diese Pflanzen frisch und in Blüthe zu erhalten im Stande sei. Ebensolches Erstaunen kam über ihn, als Herr Forney bei der Rückkehr nach dem Salon seine Gesellschaft durch einige große Räume führte, in welchen seine Ge- 172 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 mäldesammlung prangte. Ralph hatte noch nie in seinem Leben ein wirklich gutes Oelbild gesehen und hatte natürlich auch kein anderes Urtheil darüber, als das, welches ihm die Natur gegeben, die sein Herz mit so vielen lebendig warmen Gefühlen ausgestattet hatte. Nicht weniger Eindruck machten die herrlichen Marmorstatuen auf ihn, die theils an den Treppen und in den Corridors, theils in den Zimmern angebracht waren, und dann wirkte der reiche, edle Geschmack und die solide Pracht, die allenthalben in dem Gebäude herrschten, mächtig und zauberisch auf sein leicht empfängliches Gemüth. Dennoch fielen die Vergleiche, die er mit seinem gegenwärtigen Aufenthaltsort gegen seine Heimath im Stillen anstellte, zu Gunsten der letzteren aus, und mit innerlicher Freude gedachte er des Rauschens der ewig grünen Palmen, der lauen, süßen Lüfte, die jetzt sein Heimathland durchsäuselten und der wundervollen Blumen und goldenen Früchte der saftig grünen Wälder, die sich in ewigem Wechsel verjüngen. Ganz anders aber fiel der Vergleich seines jetzigen Lebens gegen sein früheres aus, da er die Erinnerung an dieses, so sehr er sich auch bemühte, nicht ganz aus seinen Gedanken verbannen konnte. Es durchzuckte ihn dabei ein Schauder, ein Reuegefühl, welches ihm die Rückkehr zu seinen jugendlichen Irrthümern für immer unmöglich zu machen schien. Der Tag verstrich für Alle in angenehmster Weise, ebenso der Abend, an welchem Herr Forney seinen Gästen einige Mappen aus seiner Kupferstichsammlung zur Durchsicht vorlegte, die Damen abwechselnd auf dem Piano spielten, sich gegenseitig zum Gesang begleiteten und Eleanor schöne vaterländische Poesien zum Besten gab, die sie gelegentlich hier und dort gesammelt hatte. Abermals befanden sich gegen Mitternacht die beiden Freunde auf ihren Ruhelagern einander gegenüber, und noch lange beredeten sie die Freuden des verlebten Tages, bis ihnen endlich die Worte auf den Lippen erstarben und ihre Gedanken in das Reich der Träume hinüberschwebten. Am folgenden Morgen mußte Frank seinen Freund dessen eigenem Schicksal überlassen, indem er selbst an diesem Tage mit seiner Braut Besuche bei den allergenauesten Freunden machen und bei Andern Karten abgeben wollte, zu welchem Zweck gegen eilf 5 10 15 20 25 30 35 173ERstER BaNd • ZEhNtEs KapitEl Uhr die Equipage des Herrn Forney vor dem Gasthaus erschien und ihn von hier zu Eleanor führte. Für Ralph konnte es aber, auch auf sich selbst beschränkt an diesen Weltplatz, keine lange Weile geben, denn beinahe Alles war ihm noch fremd und wo er sich auch hinwenden mochte, mußte ihm etwas Interessantes begegnen. Er hatte noch wenig von der Stadt gesehen, und der Morgen, der hell und heiter erschienen war, lud ihn freundlich ein, die frische Luft zu genießen und sich einmal wieder eine tüchtige Bewegung zu machen, wie sie ihm seit der Abreise von Richmond nicht wieder zu Theil geworden war. Zuerst besah er sich das Schlachtmonument, welches auf dem Platz vor seinem Gasthof stand, und welches zum Gedächtniß der Braven, die bei Northpoint ihr Leben für die Unabhängigkeit ihres Vaterlandes hingegeben hatten, errichtet worden war. Dann nahm er das Gerichtsgebäude in Augenschein und wanderte von da in der Marketstraße hinunter, um die Börse zu sehen und dort zugleich die neuen Zeitungen zu durchblättern. Oft wurde er auf seinem Wege durch die Pracht der Kaufläden in seinem Schritt aufgehalten, bald blieb er vor dem blendenden Glanze von Silber- und Goldsachen, vor Juwelen, und bald vor der bunten Mannigfaltigkeit Nürnberger Spielwaaren stehen, bis er endlich in die Straße nach der Börse hin einbiegen wollte und sich plötzlich in einen Haufen Hunderter von Menschen versetzt sah, aus dessen Mitte flehentlichste Jammertöne zu ihm herüberschallten, die zeitweise durch lautes, schallendes Gelächter, wilde Hurrah’s und gräuliche Flüche unhörbar wurden. Ralph war in Gedanken und Anschauen versunken bis hierher gewandert und darum um so mehr durch diesen Lärm überrascht, er drängte sich schnell dem Mittelpunkt zu, von woher die Klagelaute kamen, schob mit seinen starken Armen die Leute links und rechts zur Seite und stand mit einem Male zu seinem größten Erstaunen vor einem gänzlich, selbst von den letzten Kleidungsstücken entblößten Mulattenmädchen, um welches sich eine Schaar junger Leute von sehr verschiedenem Aeußern drängten, und dasselbe verhöhnten und verspotteten, während die Unglückliche ihr Flehen, ihre Bitten um Barmherzigkeit umsonst an sie richtete. 174 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Ralph, entrüstet über die Ruchlosigkeit dieser Menschen, riß den ersten, der ihm noch im Wege stand zur Seite und schlug einen andern, der dem Mädchen einen Stock zwischen die Füße steckte, um es zu Falle zu bringen, mit einem Faustschlag zu Boden, als der Ruf »der Constabel!« erschallte und Alles in wilder Flucht nach allen Seiten auseinanderstob. In diesem Augenblicke fühlte sich Ralph von einer Hand ergriffen und so schleunig in einen nahen Kaufladen gezogen, daß er erst dort die Person, die diesen Gewaltstreich an ihm verübt, ins Auge faßte. Wer beschreibt aber seine Ueberraschung, sein Erstaunen, als er in dieser Person seinen Bekannten aus D...., den jungen Garrett, erkannte. »Ist es möglich – Herr Garrett!« rief er in höchster Verwunderung aus, »welch ein sonderbarer Zufall führt uns hier zusammen!« »Ein glücklicher Zufall, Herr Norwood, denn ohne meine rasche Hülfe wären Sie jetzt von dem Constabel als Zeuge in dieser häßlichen Geschichte in Beschlag genommen, hätten so und so viel Mal vor Gericht erscheinen müssen und sich endlich noch durch Ihre Aussagen gegen eine Bande von Rowdies deren Rache ausgesetzt. Die Constabels suchen sich stets ihre Zeugen unter den anständigsten Zuschauern aus. Dies war der Grund, weßhalb ich Sie ohne Ihre Erlaubniß so schnell in diesen sichern Hafen führte, freue mich aber unendlich, Sie wieder zu sehen,« entgegnete Garrett, indem er Ralph auf ’s Freundlichste die Hand drückte. »Auch mir ist unser Zusammentreffen außerordentlich lieb und ich hoffe, daß es nicht das letzte sein wird.« »Wie kommen Sie aber hierher nach dem Norden, zumal in der Winterzeit – haben Sie Geschäfte hier?« »Ich habe einen lieben Jugendfreund, der sich hier in der Kürze verheirathen wird, begleitet und werde wohl noch einige Wochen mit ihm hier zubringen.« »Nun, dann wünsche ich nur, daß von der Zeit Ihres Hierseins auch ein kleiner Theil mir gehören wird, ich bin hier zu Haus und werde Alles aufbieten, Ihnen Ihren Aufenthalt nach besten Kräften angenehm zu machen. Haben Sie im Augenblick etwas Bestimmtes vor?« 5 10 15 20 25 30 35 175ERstER BaNd • ZEhNtEs KapitEl »Nichts Wesentliches, ich besehe mir die Stadt und war eben Willens, nach der Börse zu gehen, um dort die letzten Papiere aus dem Süden einzusehen.« »So gehen wir zusammen. Auch ich war auf demselben Wege,« sagte Garrett, drückte seinen kostbaren grauen Biber mit einer gewissen nachlässigen Coquetterie auf seine wunderbar schönen blonden Locken, schlang seinen Arm in den Ralph’s und schritt, indem er ein zierliches, mit Elfenbein gekröntes Rohr zwischen den fein behandschuhten Fingern seiner Linken im Kreise hin und wieder laufen ließ, mit ihm hinaus und auf dem breiten, mit Backstein gepflasterten Trottoir hin der Börse zu. Dort in der hoch gewölbten, mit mächtigen Säulen umgebenen Rotunde war schon eine große Anzahl von Geschäftsmännern versammelt, die bedeutendsten unter ihnen hatten ihre gewohnten Stände eingenommen und die Mäkler liefen in geschäftiger Eile hin und wieder, um Waaren- und Papierverkäufe abzuschließen, sowie Frachten für im Hafen liegende Schiffe anzuschaffen. Garrett schien hier sehr bekannt zu sein, denn er grüßte die angesehensten Männer mit einer gewissen Vertraulichkeit und diese erwiederten seinen Gruß sehr höflich, wenn auch mit mehr Förmlichkeit. Er fragte sie im Vorübergehen nach den augenblicklichen Preisen dieses oder jenes Artikels, fragte nach Coursen oder nach Frachten und zeigte, daß er mit dem Gang des hiesigen Geschäfts vertraut sei. Nachdem er mit Ralph so eine kurze Zeit zwischen den Geschäftigen hin und her gewandert war und ihm bald über dies, bald über jenes Verhältniß des Handels Andeutungen und Erklärungen gegeben hatte, begrüßte er abermals einen stattlichen, elegant gekleideten Herrn, der mit einem Notizbuch in der Hand vor einem der Pfeiler stand und von einer Menge Mäkler bedrängt wurde. Der Gruß wurde mit dem üblichen Kopfnicken, diesmal aber sehr freundlich erwiedert und Garrett trat mit den Worten auf den Mann zu: »Erlauben Sie, Herr Ballard, daß ich Ihnen meinen Freund, Herrn Norwood, einen bedeutenden Plantagenbesitzer aus dem Süden vorstellen darf.« 176 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 Hierbei trat er mit einer graziösen Handbewegung gegen Ralph und einer Verbeugung zur Seite und sagte dann, indem er dieselbe Bewegung gegen den Angeredeten machte: »Mein geschätzter Freund, Herr Ballard.« Ralph, der sich gleichfalls gegen diesen verneigt hatte, war im Begriff, eine Berichtigung über den ihm aufgebürdeten Titel zu geben, doch Garrett, dies bemerkend, kam ihm zuvor und sagte zu Ballard: »Mein Freund, Herr Norwood, wird einige Zeit hier verweilen und wenn Sie es mir erlauben, werde ich die Ehre haben, ihn in Ihrem Hause einzuführen.« »Darum bitte ich sehr. Es wird mir und meiner Familie zur größten Ehre gereichen, Sie bei uns zu sehen, Herr Norwood,« war die Antwort Ballard’s. Garrett ergriff Ralph’s Arm und mit einer Verbeugung gegen Obigen zog er diesen rasch mit sich fort nach dem Zimmer, wo Erfrischungen zu haben waren. »Aber liebster Herr Garrett, Sie haben mich in eine große Verlegenheit gesetzt,« sagte Ralph zu diesem, indem er stehen blieb, »Sie haben mich als bedeutenden Plantagenbesitzer vorgestellt und ich habe augenblicklich auf meinem Lande auch nicht einen Acker in Kultur. Die kleine Farm meines seligen Vaters ist gänzlich verfallen.« »Was macht das aus? – ist es denn nicht mehr Empfehlung, Plantagenbesitzer zu sein, als einfacher Herr Norwood? Ein Mann m i t einem Geschäft, was er auch sei, wird immer höher geachtet, als einer, der Nichts schafft. Lassen Sie sich das nicht leid sein, was Sie noch nicht gethan haben, thun Sie vielleicht in der Folge, das Land und die Mittel dazu sind ja in Ihrem Besitz.« »Ich möchte aber doch nicht gern eine Unwahrheit von mir sagen.« »Ach was – Unwahrheit, wem thun Sie denn ein Unrecht – einen Schaden damit? Sie sind Plantagenbesitzer, bauen Baumwolle und nennen die Zahl Ihrer Neger nicht, damit sagen Sie immer noch keine Unwahrheit; denn auf Ihres Vaters altem Felde werden sich doch noch einige Baumwollenstauden selbst besaamt haben. Was trinken Sie? Es ist Alles vortrefflich hier.« Mit diesen Worten trat Garrett mit seinem Begleiter an den Schenktisch und Beide verhalfen sich zu einem Glas Cognac und Wasser. Garrett warf 5 10 15 20 25 30 35 177ERstER BaNd • ZEhNtEs KapitEl dann dem Kellner einen Dollar auf den Schenktisch, steckte das darauf herausgezahlte Geld in die Tasche und verließ mit Ralph das Zimmer, um in die Lesehalle zu gehen. Dort schritten sie von Pult zu Pult in den Reihen hinauf und hinunter, bis sie an den kamen, auf welchem die »Picayune,« eine Zeitung aus New-Orleans, aufgelegt war. »Hier, die ›Picayune‹ wird Sie wohl am Meisten interessiren. Da ist auch schon ein Artikel aus Florida,« sagte Garrett, indem er auf das Blatt zeigte, und Ralph trat vor dasselbe hin und las: »Aus Florida wird uns berichtet, daß die Seminolen ungewöhnlich viel Pulver und Blei einhandeln, daß sie viele große Berathungen unter sich abhalten, und daß alle Gründe vorhanden seien, eine ernstliche Demonstration ihrerseits gegen die Weißen zu befürchten. Namentlich sollen sie große Quantitäten Munition aus Georgien beziehen, wo die Kaufleute weniger bedenklich sind, ihnen dieselbe zu verkaufen; viele der Grenzbewohner scheinen auf sehr vertraulichem Fuße mit diesen Cannibalen zu stehen. Es wäre Zeit, daß von Washington aus bald Etwas gegen diese Friedensstörer unternommen würde.« »Man wird die Seminolen so lange reizen und mißhandeln, bis sie endlich zusammen losbrechen und ein Blutbad unter den Ansiedlern anrichten, wie es in Amerika noch nicht vorgekommen ist,« sagte Ralph, indem er das Blatt umschlug. »Man sollte kurzen Prozeß mit den Bestien machen und sie vertilgen,« bemerkte Garrett. »Das geht so leicht nicht. Nein, man sollte ihnen das Land abkaufen und sie nach dem Westen führen. Die Union hat ja jährlich Millionen übrig, und man weiß ohnehin nicht, was man damit anfangen soll; zu solchem Zweck wäre es in der That gut angewandt,« erwiederte Ralph und blickte in der Zeitung weiter. »Da ist ja auch wieder ein Pirat an unserer Küste,« fuhr er fort und las abermals: »An der Küste von Florida wurde in vergangener Woche das Wrack einer Brigantine an’s Ufer getrieben, die bis auf den Wasserspiegel niedergebrannt war. Mehrere Leichen von ermordeten Seeleuten, die man auf dem Verdeck fand, sowie dort umherliegende Schiffspapiere, aufgerissene Ballen mit Kaffee, und blutige Waffen 178 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 bezeugen, daß das Schiff von einem Piraten beraubt und dann in Brand gesteckt worden ist. Es sind in letzter Zeit viele Fahrzeuge spurlos an unserer Küste verschwunden und man darf wohl erwarten, daß unsere Regierung schnelle und kräftige Maßregeln ergreifen wird, um der Sache auf den Grund zu kommen und unsere Gewässer sicher zu machen.« »Das ist gewiß ein Spanier. Havannah ist und bleibt das Piratennest,« sagte Ralph. »Oder es ist einer unserer lieben Landsleute, vielleicht in New- York, oder gar hier in Baltimore, ausgerüstet,« erwiederte Garrett; »Landpiraten haben wir genug, warum sollten sich nicht einige davon auf die schönen, grünen Wogen begeben, wo sie keine Spur hinter sich zurücklassen? Ein lustiges Leben muß es doch sein. Wer Nichts wagt, gewinnt Nichts!« »Aber ein blutiges Räuberhandwerk, das doch zuletzt ein böses Ende nimmt,« antwortete Ralph und durchsah noch eilig das letzte Blatt der Zeitung, während Garrett einige alte Herren, die in das Zimmer traten, mit der ihm eigenen Unbekümmertheit und Vertraulichkeit begrüßte. »Es wird Zeit, daß ich mich nach meinem Hotel zurückbegebe, um Toilette zu machen, denn ich speise bei Herrn Forney« sagte Ralph zu Garrett. »Bei Forney? Das ist einer unserer Aristokraten, einer unserer angesehensten Leute. Haben Sie Empfehlungen an ihn mitgebracht?« »Mein Freund, den ich hierher begleitete, wird dessen Tochter heirathen, er führte mich bei Forney ein.« »Die schöne Eleanor mit dem Gold und Schnee der Gebirge? der Tausend, Ihr Freund muß ein besonderer Mann sein, daß er sich das Herz unserer stolzesten Schönheit erworben hat. Wer ist er?« »Ein Nachbar von mir, der eine recht hübsche Farm und einige Neger besitzt.« »Ist es möglich! und Eleanor will nach Florida in ein Blockhaus ziehen?« »Nach Georgien, an der Grenze von Florida, unweit D...., wo wir uns zuerst sahen.« 5 10 15 20 25 30 35 179ERstER BaNd • ZEhNtEs KapitEl »Was die Liebe doch nicht vermag! Eine Mooshütte, eine Jasminlaube, Mondschein und Treueschwüre!« rief Garrett laut auflachend, »ich halte es mit einem pikanten Verhältniß auf weichem Sofa bei dem Lichte eines Kronleuchters und einem schäumenden Glase Champagner.« Hierbei ergriff er abermals den Arm seines Gefährten, führte ihn, links und rechts hin mit dem Kopfe nickend, durch die jetzt dicht mit Geschäftsleuten angefüllte Rotunde zurück aus der Börse und geleitete ihn in der Marketstraße hinauf seinem Hotel zu. Im Vorübergehen an einem prächtigen Schuh- und Stiefelladen blieb Ralph stehen und zeigte auf einen schön gearbeiteten glänzenden Stiefel, der hinter dem Schaufenster hing und auf welchen ein großes Papier mit der Aufschrift: »3 Dollar« geheftet war. »Das ist ja außerordentlich billig,« sagte er, »ein solches Paar Stiefeln für drei Dollar, da muß ich doch sehen, ob sie mir passen.« Er trat mit Garrett in den Laden ein und bat, ihm den Stiefel aus dem Fenster zu reichen, damit er ihn anprobiren könne. Der Verkäufer kam sogleich seinem Wunsche nach, reichte ihm den Stiefel und zur Freude Ralphs paßte derselbe seinem Fuße, wie für ihn gemacht. »Ich will die Stiefeln behalten, Sie können sie mir nach Barnums Hotel schicken,« sagte er und legte drei Dollar auf den Zahltisch. »Wünschen Sie nicht vielleicht auch einen zweiten Stiefel, der dazu paßt, zu kaufen?» sagte der Schuhhändler. »Einen zweiten Stiefel, wie so, kann man denn mit e i n e m gehen?« erwiederte Ralph verwundert. »Nicht gut,« sagte der Kaufmann, »darum glaubte ich, Sie würden wohl noch einen für drei Dollar dazu nehmen, damit Sie deren zwei hätten.« »Zum Teufel, für sechs Dollar kann ich allenthalben ein Paar Stiefeln kaufen,« sagte Ralph ärgerlich, indem er den angepaßten von seinem Fuße entfernte und den seinigen wieder anzog. »Ein ächter Yankeepfiff, bei Gott!« rief Garrett mit schallendem Gelächter. »So schön, wie dieser Stiefel Ihnen sitzt, finden Sie doch so leicht keinen wieder und sechs Dollar für das Paar ist sehr billig,« bemerkte der Verkäufer, ohne sich aus seiner Ruhe bringen zu lassen. »Hätte 180 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 ich den Preis nicht darauf geschrieben, so würden Sie diese herrliche Gelegenheit, ein so schönes Paar Stiefeln zu erhalten, nicht ausgefunden haben; es geschah darum ganz in Ihrem Interesse.« »Der Stiefel sitzt wirklich gut,« sagte Ralph, der die Wahrheit dieser Bemerkung nicht in Abrede stellen konnte, »ich will das Paar nur behalten. Schicken Sie es an Herrn Norwood in das Hotel.« Dann legte er noch drei Dollar auf den Tisch und setzte, von Garrett begleitet, seinen Weg nach dem Gasthofe fort. Das Trottoir zu beiden Seiten der Straße war jetzt sehr belebt, namentlich waren es junge Damen in geschmackvollster reichster Toilette, die in der Marketstraße auf und nieder gingen und deren Schönheit Ralph auffiel. »Es sind sehr viel schöne Mädchen hier,« sagte er zu seinem Begleiter, indem er über die Schulter zwei strahlenden Brünetten nachsah. »Ei ja, das will ich meinen,« rief Garrett, »Baltimores Schönheiten sind ja weltberühmt. Kommen Sie, hier an der Ecke Ihres Hotels lassen Sie uns einige Minuten stehen bleiben, es ist gerade die Zeit, in der unsere Göttinnen shopping gehen, den Kaufleuten ihre Waaren das Oberste nach unten kehren und dann doch Nichts kaufen, nur um Gelegenheit zu haben, sich in diesem Theile der Marketstraße auf dem Trottoir aufzuhalten und sich in ihrer besten Toilette zu zeigen.« Die Zahl der spazierenden jungen Mädchen mehrte sich mit jeder Minute und man konnte mit Bestimmtheit annehmen, daß von hundert derselben über die Hälfte blendende Schönheiten, der größere Theil der übrigen reizend lieblich und nur einige wenige nicht hübsch waren, doch eine Häßlichkeit konnte man nicht darunter finden. Dabei hatten sie ihre Toilette über alle Begriffe geschmackvoll gewählt und bewegten sich mit einer Grazie, mit einer natürlichen ungezwungenen Eleganz, die von einer Spanierin nicht übertroffen werden konnte. »Sehen Sie hier, Garrett, kennen Sie diese junge Dame in Schwarz?« flüsterte Ralph plötzlich seinem Begleiter zu, indem er ihn schnell bei dem Arme herumzog, und seine Blicke auf eine schlanke zierliche Gestalt heftete, die, in schwere, schwarze Seide gekleidet, eben an ihnen vorüberglitt. 5 10 15 20 25 30 35 181ERstER BaNd • ZEhNtEs KapitEl »Ich sehe sie heute zum ersten Male, solche Augen und solches Haar sah ich noch nie; Ihr Hut ist weiß dagegen.« »Sie war sehr schön, lassen Sie uns ihr folgen,« sagte Ralph leidenschaftlich, doch in diesem Augenblicke schlug es auf dem nahen Thurme zwei Uhr und erinnerte ihn daran, daß er bald bei Forney erwartet würde. »Da ist es wahrhaftig schon zwei Uhr,« sagte er, indem er der dahinschwebenden schwarzen Gestalt noch einen feurigen Blick nachsandte, »wir müssen jetzt scheiden, ich hoffe aber Sie bald wieder zu sehen.« »Lassen Sie uns einen Abend zusammen zubringen, ich bin Mitglied in vielen Clubbs und verspreche Ihnen eine angenehme Gesellschaft, wo es lustig hergeht, gut gelebt wird, und wo Sie auch, wenn Sie es wünschen, einen grünen Tisch finden,« sagte Garrett, indem er Ralph die Hand reichte. »Ich spiele niemals mehr, ich habe es abgeschworen,« sagte dieser, »doch in den ersten Tagen bin ich zu Ihren Diensten. Wollen Sie bei mir vorsprechen?« »Ich werde Sie zeitig des Morgens aufsuchen, dann können wir das Weitere verabreden,« erwiederte Garrett, drückte Ralph nochmals die Hand und eilte zwischen den wandelnden Damen dahin, während dieser schnell nach seinem Zimmer sprang, seine Toilette ordnete und sich ohne Säumen nach Forney’s Haus begab. 182 Ralph NoRwood 5 10 15 20 Capitel 11. Die Tochter des Schiffscapitains. – Der Küstenhändler. – Der Sturmvogel. – Der Pirat und sein Associe. – Das Brautpaar. – Der Nachbarbesuch. Der Präsident empfing Ralph auf ’s Freundlichste, theilte ihm mit, daß Frank nebst seiner Tochter noch nicht zu-rückgekehrt, und daß die beiden jungen Damen shopping gegangen seien, eine Liebhaberei, der alle junge Mädchen der Stadt gern fröhnten, wenn das Wetter es einigermaßen erlaube. Herr Forney ließ seinen Gast ihm gegenüber an dem offenen Fenster Platz nehmen, so daß sie die Vorübergehenden überblicken konnten, Ralph mußte ihm mittheilen, was er während des Morgens von der Stadt gesehen hatte, worauf der Präsident ihm alles übrige Sehenswerthe nannte und ihm eine Reihenfolge angab, in der er es aufsuchen müsse. Während Beide in traulicher Unterhaltung die Rückkehr der Hausgenossen erwarteten, verließ die junge Dame in Schwarz, die im Vorübergehen Ralphs und Garretts Aufmerksamkeit so sehr erregt hatte, einen Quinquaillerieladen und erreichte bald darauf die Brücke in der Marketstraße, wo sie den schwarzen Kutscher einer vorüberfahrenden Droschke anrief, dieser ihr dieselbe öffnete und sie in dem Augenblick einstieg, als Garrett, der sie gesucht zu haben schien, sie erblickte und schnellen Schrittes heraneilte. Der Fuhrmann hatte aber seinen Sitz wieder bestiegen und im Galopp rannten die Pferde mit dem Wagen davon, so daß er schnell vor Garretts folgenden Blicken verschwand. 5 10 15 20 25 30 35 183ERstER BaNd • ElFtEs KapitEl Die Dame war ein junges Mädchen von siebenzehn Jahren und von sehr vornehmem Aeußern. Ihr ganz schwarzer Anzug ließ vermuthen, daß ihr vor noch nicht langer Zeit eine ihr nahe verwandte Person durch den Tod entrissen worden sei. Sie hatte sich kaum in dem Wagen niedergesetzt, als sie den leichten zierlich geformten Krepphut vom Kopfe nahm und ihn neben sich auf den Sitz legte, wie es schien, um sich abzukühlen, denn es war ein warmer Wintertag und sie war rasch gegangen. Auch ihre schwarz seidenen Handschuhe hatte sie abgelegt, strich mit ihren kleinen zarten Händen ihr rabenschwarzes glänzendes Haar zu beiden Seiten des dichten Scheitels glatt und ließ die schweren langen Locken, die hinter ihren zierlichen Ohren herabwogten, gleichfalls durch die Finger gleiten. Trotzdem aber, daß sie wiederholt ihre Hände über den Scheitel herab drückte, verschwand doch die natürliche Wellenform des Haares nicht und über ihrer hohen Stirn reihte sich ein Diadem von kleinen widerspenstigen Löckchen, die sich immer wieder kräuselten. Aus dem edlen Oval ihres Gesichts hob sich ihre schön geformte kleine Nase anspruchslos hervor und unter ihren breiten scharf geschnittenen tief schwarzen Brauen sahen ihre ebenso schwarzen lang bewimperten Augen wie aus einem schattigen Dunkel hervor. Ihr kleiner Mund glich einer noch nicht geöffneten Rose und verbarg die makellosesten prächtigsten Zähne. Ganz im Einklang mit ihrem schwarzen Haar stand die etwas dunkele, doch wunderbar durchsichtige Färbung ihrer zarten Haut, die auch selbst auf ihren Wangen keine Röthe durchschimmern ließ. Wenn auch sehr zart gebaut, waren die Formen des Mädchens doch weich und rund, wie ihr voller Busen und ihre schönen Arme sehen ließen. Unsere reizende Unbekannte hielt eine stark gefüllte Reisetasche auf ihrem Schooß, nahm noch einige kleine, in Papier gehüllte Packete aus der Tasche ihres Kleides und packte dieselben ebenwohl in jene ein. Der Wagen hatte jetzt die gepflasterte Straße verlassen und rollte auf dem unebenen rohen Wege hin, der von der Stadt über den weiten morastigen Grund nach der Point, dem Platz, wo die größeren Seeschiffe lagen, führte. Das lederne Dach auf der Kutsche ruhte auf dünnen eisernen Stangen, zwischen welchen rothe 184 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 wollene Vorhänge herabhingen, die von dem Luftzuge hin und her bewegt wurden. Den Vorhang an der rechten Seite hielt die junge Dame mit der Hand zurück und blickte hinaus nach der langen Reihe von Masten, die in der Ferne sich über den niedrigen Häusern an der Point erhoben, als suche sie unter den dort wehenden Flaggen eine ihr befreundete zu erkennen. Bald hatte der Wagen die gepflasterte Straße an der Point erreicht, rollte vor den kleinen meist hölzernen Gebäuden vorüber, in denen beinahe ausschließlich Gegenstände für Schiffe und Seeleute feil gehalten wurden, und bog nach wenig Minuten durch ein großes Fahrthor in einen weiten offenen Platz ein, an dessen anderm Ende eine Brigg an dem Werfte befestigt lag. Der Wagen hielt neben dem Fahrzeuge an, der Kutscher öffnete den Schlag und die junge Dame stieg aus demselben auf das Werft herab, wo ihr einige Matrosen von dem Schiffe aus entgegenkamen, um ihr den Reisesack abzunehmen und ihr behülflich zu sein, auf der, an der Brüstung des Fahrzeuges herabhängenden Treppe das Verdeck zu ersteigen. »Du kommst gerade zur rechten Zeit, Eloise, das Mittagsessen ist eben bereit. Bist wohl recht müde, mein Mädchen?« sagte ein kleiner ältlicher Herr, der in einem grauen Leinenrock und mit einem breitrandigen Strohhut auf dem Kopfe von oben über die Brüstung herabsah und sich über sie niederbeugte, um seiner Tochter Eloise die Hand zu reichen und ihr herauf zu helfen. Diese hatte bald das Verdeck erstiegen, schlang ihren Arm um ihres Vaters Nacken und drückte mit Innigkeit ihre rosigen Lippen auf dessen Mund. »Hast Du denn Alles bekommen, was Du kaufen wolltest? Sieh Dich nur gut vor mit allen Kleinigkeiten, die Du auf der Reise nöthig hast, denn wenn wir von hier aus unter Segel gegangen sind, lassen wir die Anker nicht wieder fallen, bis wir Rio Janeiro erreicht haben,« sagte der Alte, indem er den Arm seiner Tochter ergriff und sie dem Eingang der Cajüte zuführte, welche sich über dem hintern Theile des Verdecks erhob. Dieser alte Herr war ein Spanier, Namens Pedro Dosamantes, der in seinen jungen Jahren einem Havanneser Haus als Schiffscapitain gedient, den aber das Glück begünstigt hatte, so daß er 5 10 15 20 25 30 35 185ERstER BaNd • ElFtEs KapitEl nun schon seit einer Reihe von Jahren sein eigenes Fahrzeug, die Brigg Tritonia, befehligte und seit dieser Zeit zugleich einen sehr einträglichen Küstenhandel an den östlichen, sowie auch an den westlichen Gestaden Amerika’s trieb. In den großen östlichen Handelsplätzen dieses Landes, namentlich in New-York und in Baltimore, kaufte er seine Waaren ein, und segelte dann an Südamerika hinab von einem kleinen Seeplatz zum andern, ging vor demselben vor Anker und stellte auf dem Verdeck seines Schiffes seine Waaren zum Verkaufe aus. Dann fuhr er um das Cap Horn und besuchte in gleicher Weise die Küstenplätze am stillen Weltmeer, die noch wenig Verkehr mit der handeltreibenden Welt hatten. Es war dieses ein sehr gutes Geschäft und Dosamantes trieb es ganz im Stillen, um keine Aufmerksamkeit und keine Lust bei Andern zu erregen, es ihm nachzumachen. Wenn er in New-York oder in Baltimore seine Waaren einkaufte, so sagte er Niemanden, was er damit zu thun beabsichtige, auch nicht, wohin er zu fahren gedenke, und da er nur alle achtzehn Monate hierher zurückkehrte, so blieb er immer ein Fremder. Er hatte vor Jahren eine Havanneserin zur Frau genommen, die ihn auf seinen endlosen Fahrten fortwährend begleitete, und war von ihr mit einer Tochter beschenkt, die sie Eloise genannt hatten. Bis zu ihrem zehnten Jahre hatte diese die Eltern nie verlassen, dann gab ihr Vater sie aber in eine Erziehungsanstalt in New-York, um ihre vortrefflichen geistigen Anlagen ausbilden zu lassen. Auf der letzten Reise um das Cap Horn hatte Dosamantes seine geliebte Frau durch den Tod verloren und er hatte sie dem Grabe eines Seemannes, den Wogen des Meeres, übergeben, so daß er als Wittwer zu seinem Kinde nach New-York zurückkehrte. Eloise war schnell entschlossen, den Platz ihrer tief betrauerten Mutter bei ihrem geliebten Vater auszufüllen und ihm den herben Verlust, so weit es in ihren Kräften stand, durch ihre Gesellschaft zu ersetzen. Die See war ja ihre Heimath, sie hatte auf den Wogengebirgen am Cap Horn zuerst das Licht der Welt erblickt, und die Gefahren, die Schrecken des Meeres, hatten weniger Fürchterliches für sie, als für die Kinder des Festlandes. Sie war jetzt ihrem Vater in die Cajüte gefolgt, hatte ihren Hut und ihre Mantille in ihr kleines, wunderschön eingerichtetes Ca- 186 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 binet getragen, ihr Haar vor dem langen, mit goldenem Rahmen umgebenen Spiegel geordnet und trat, als sie in die Cajüte zurückkehrte, zu ihrem kleinen Liebling, einem Kanarienvogel, dessen glänzender Käfig auf der breiten Bank der kleinen Fenster stand, die an der hintern Seite des Schiffes angebracht waren. Sie sprach schmeichelnd zu ihm, hielt ihm ihre rosigen Lippen bis an das gelbe Gitter des Käfigs entgegen, und der Kleine zwitscherte freudig, flatterte mit herabhängenden Flügeln zu ihrem Munde und drückte sein zierliches Schnäbelchen zwischen dessen frisches Kirschroth. Ein alter schwarzer Diener, Loredo, dessen wolliges Haar schon mit Silber durchwirkt war, trug die Speisen auf den Tisch und grüßte seine junge Herrin, der er die ersten Schritte auf dem schwankenden Verdeck des Schiffes gelehrt hatte, mit freudigem, treuem Blick. »Nun, guter Loredo, bald sind wir wieder in unserer Heimath, denn auch Du wurdest, so wie ich, auf der See geboren,« sagte Eloise traulich zu dem Alten. »Loredo freut sich, Fräulein Eloise, seine junge Herrin, abermals bedienen zu können. Wenn wir nur erst wieder im Süden sind, es ist Wintertag und die Küsten dieser nördlichen Länder werden in dieser Jahreszeit oft von schweren Wettern heimgesucht,« antwortete der Neger. »Wir werden in wenigen Tagen segeln und der December ist hier der Wonnemonat der alten Frauen, er bringt gewöhnlich noch sehr schöne Tage,« sagte Eloise und drückte ein Stückchen weißen Zucker zwischen die Drähte des Vogelbauers. Das Essen war aufgetragen; Dosamantes, der noch einige Anordnungen auf dem Verdeck getroffen hatte, kehrte in die Cajüte zurück und nahm mit seiner Tochter Platz an dem Tische. »Hoffentlich werden wir die Teller und Tassen bald nicht mehr so anfüllen dürfen, damit sie beim Schwanken des Schiffes nicht überfließen. Die Zeit am Land wird man leicht überdrüssig. Ich erwarte nur noch zweihundert Fässer Mehl an Bord, und dann sind wir reisefertig,« sagte der Alte, indem er die Büchse mit rothem Pfeffer ergriff und sie über seinem, mit Schildkrötensuppe gefüllten Teller schüttelte. 5 10 15 20 25 30 35 187ERstER BaNd • ElFtEs KapitEl Noch saßen Vater und Tochter zusammen am Tisch, der Alte hatte sein Glas abermals mit Rothwein gefüllt und Eloise naschte an Confect, welches auf einer kristallenen Schaale zwischen ihnen stand, als der Steuermann, ein alter wettergebräunter Seemann, in grau leinenen Beinkleidern und feuerrothem wollenem Hemd, in die Cajütenthür trat, seinen lackirten ledernen Hut abnahm und sagte: »Capitain, da kommt ein sehr großer Schooner unter spanischer Flagge zu uns heran, ich glaube, er will sich an unser Werft anlegen.« »Ich komme sogleich auf Deck, Strabo,« sagte Dosamantes, leerte schnell sein Glas, nahm seinen Hut und folgte eilig dem Steuermann auf das Verdeck, von wo er besagtes Schiff schon ganz in der Nähe gerade auf sich zusegeln sah. Es war ein ganz schwarzes Fahrzeug, ohne irgend eine Verzierung durch Streifen anderer Farbe, wie diese sonst an den meisten Schiffen angebracht werden, nur mit einem mächtigen weißen Sturmvogel, der die Flügel weit ausgebreitet hielt, an der Spitze unter dem Bugspriet. Der Bauart nach war es ein Schooner von dem allerschärfsten Schnitt, sein Körper sank von der sehr hohen Brüstung wie ein Keil in beinahe gerader Linie in das Wasser hinab, so daß bei seiner Anfertigung nicht auf das Tragen einer bedeutenden Fracht, sondern nur auf ein schnelles Segeln Rücksicht genommen worden war. Ein riesenhaft großes Schoonersessel blähte sich an dem vordern Mast, während ein zweiter Mast wie der einer Brigg beflügelt war. »Es wird bald Zeit, daß der Kerl seine Segel einnimmt und seinen Cours ändert, wenn er uns nicht in die Seite laufen will,« sagte Dosamantes mit einer gewissen Besorgniß und fuhr, wirklich beunruhigt, nach einigen Augenblicken fort: »Bald wird es mir doch zu arg. Ist der Kerl des Teufels, er rennt wahrhaftig auf uns. Hallo! – take care!« rief er dann aus, indem er auf eins der großen Wasserfässer sprang und mit seinem Strohhut nach dem ruhig vorwärts gleitenden Schiffe winkte. Doch auf dem schwarzen Fahrzeuge schien sich Niemand um den Alten zu kümmern, es kam trotz Fluchens und Schreiens der Mannschaft auf der Tritonia rasch auf sie zu, bis sein Bugspriet kaum noch Mannslänge von ihrer Brüstung entfernt war, als plötzlich eine tiefe Baßstimme 188 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 das Commandowort zum Wenden und zum Einnehmen der Segel gab, diese im nächsten Augenblicke machtlos im Winde flatterten und das Schiff mit leichter Wendung an der Tritonia vorüberglitt. »Verdamm den Kerl«, sagte der Steuermann und blickte dem Fahrzeug nach, »er weiß die Zügel seines Rosses gut zu führen, es hat aber auch Nichts in den Eingeweiden – es ist so dürr wie ein Windhund. Muß schlechte Rechnung liefern, hat mit seinen gro- ßen Segeln noch einmal so viel Bedienung nöthig, als die Tritonia und nimmt nicht halb so viel Fracht ein.« »Es muß wohl ein Passagierschiff sein«, bemerkte Dosamantes. »Oder ein Sclavenhändler, die sind so gebaut«, sagte der Untersteuermann, ein blonder, schlanker Bursche, Namens Kelly. Während dieser Zeit war das fremde Schiff bis zu dem nächsten Werft vorgedrungen, ein Theil seiner Mannschaft sprang an das Land, und ehe zehn Minuten vergingen, war es dort mit starken Tauen befestigt. Ein Officier des Zollhauses hatte sich schon auf dem Werfte eingefunden und begab sich auf das Verdeck, wo ihm ein großer, schöner Mann von herkulischem Körperbau entgegentrat, ihn begrüßte, ihm dann einige Papiere einhändigte und das Schiff verließ, worauf er bald hinter dem nahen Packhaus verschwand. Dieser Mann war der Capitain des schwarzen Fahrzeuges und hieß Flournoy. Er war volle sechs Fuß groß, trug sein schwarz umlocktes Haupt stolz über seinen mächtigen Schultern, und der lange, schwarze Bart, sowie seine blitzenden Augen und seine Adlernase gaben ihm ein gebieterisches, energisches Ansehen. Seine Haltung war elegant und sein feiner schwarzer Anzug ließ den Gentleman vermuthen. Er war im raschen Schritt um das Packhaus gebogen, eilte in der Straße vor den Häusern hin und sprang in einen Fiacre, der vor dem nächsten Trinkhaus hielt. Als ob seine Eile auf die Pferde übertragen worden wäre, so stoben dieselben mit dem Wagen unter der Peitsche des schwarzen Fuhrmanns davon, daß der Staub hoch hinter ihnen aufwirbelte. Bald war die Stadt erreicht, der Wagen sauste an der Börse vorüber, bog in eine andere Straße ein und hielt wenige Minuten später vor einem großen, prächtigen Wohngebäude still. 5 10 15 20 25 30 35 189ERstER BaNd • ElFtEs KapitEl Flournoy verließ den Wagen, reichte dem Kutscher einen Dollar und sprang auf der hohen Marmortreppe hinauf zu dem glänzenden versilberten Schellengriff neben der Thür, den er kaum gezogen hatte, als diese sich öffnete und ein schwarzer Diener auf die Frage, »ob Herr Ballard zu Hause sei,« erwiederte, daß der Herr sich bei Tisch befände. »So geh und melde Deinem Herrn, daß Capitain Flournoy angekommen sei«, sagte dieser zu dem Neger und trat in den Parlour, in welchen kaum Licht genug durch die dicht geschlossenen, rothseidenen Vorhänge drang, um den Ueberfluß von Gold und Seidenstoffen erkennen zu lassen, mit denen das Zimmer decorirt war. Flournoy hatte die Vorhänge etwas geöffnet und stand, sein Haar ordnend, vor dem ungeheuren Wandspiegel zwischen den Fenstern, als Herr Ballard mit eiligsten Schritten in das Zimmer kam, die Thür hinter sich zudrückte und mit dem Ausruf: »Sie hier, Flournoy?« vor den Capitain trat. »Wie Sie sehen, Herr Ballard. Mein Sturmvogel ist gefüllt, wie ein gesättigter Haifisch und muß entladen werden, ehe er sich nach neuer Beute umsehen kann. Ich komme von Havannah, wo ich einlief, und wo ich durch unsern Freund meine Schiffspapiere in aller Form ausgefertigt erhielt.« »Wie kam es aber, um Gottes Willen, daß die Brigantine an die Küste von Florida lief ? wir haben doch ausdrücklich verabredet, daß Sie alle Fahrzeuge, die Sie nehmen, in den Grund versenken sollten. Die Sache hat viel Aufsehen gemacht, und die Regierung wird Alles aufbieten, Ihnen auf die Spur zu kommen. Es würde wohl räthlich sein, wenn wir das Geschäft vor der Hand einstellten, die Gefahr wird jetzt zu groß«, sagte Ballard, sichtbarlich sehr beunruhigt. »Und wie wird es mit meinen Leuten, die alle mit Antheil an dem Gewinnst engagirt sind? Wollen wir sie entlassen und abwarten, bis der Eine oder der Andere von ihnen mit den Abenteuern, die er auf dem Sturmvogel erlebt, im Wirthshaus die Gäste amüsirt?« »Das ist die alte Frage, die mich lange zurückhielt, auf Ihre Vorschläge zu dem Geschäfte einzugehen, der Fluch, der uns doch zuletzt auf dem Nacken sitzen wird. Treiben wir es aber jetzt fort, so 190 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 werden wir sicher gefangen. Wie wäre es, wenn Sie einmal einen Ausflug nach Ostindien machten und vielleicht ein Jahr dort zubrächten? Bis dahin wäre die Geschichte mit der Brigantine vergessen«, sagte Ballard, indem er, wie in Gedanken versunken, seine Unterlippe zwischen seine Finger kniff und vor sich nieder auf den reichen Teppich schaute. »Wo die Engländer bald einen ihrer Masten mit mir und meinen Leuten schmücken würden. In die Falle gehe ich nicht, und aufgeben werde ich das Geschäft ebensowenig, bis ich genug habe, mich in Ruhe zurückzuziehen. Von den paar tausend Dollar, die es mir bis jetzt getragen hat, kann ich nicht leben, Sie haben Ihr Geschäft hier durch uns begründet und bedürfen unserer nun nicht mehr.« »Bedenken Sie aber nur, lieber Flournoy, daß man Sie sicher fangen wird, und dann ist es um uns Beide geschehen. Hätten Sie nur die verdammte Brigantine nicht ans Land treiben lassen. Es ist ja rein Ihre Schuld.« »Des Teufels Schuld war es. Die Mannschaft wehrte sich, wie die Löwen, als wir an Bord kamen, und, Gott weiß es, mit Einemmale stand das Ding in Feuer. Sie müssen es selbst in Brand gesteckt haben. Wir hatten kaum noch Zeit, die Cajüte zu plündern, ehe uns die Gluth in unsere Boote trieb. Seien Sie aber unbesorgt, zwischen den Klippen vor Florida fängt mich Niemand, und wer mich dorthin verfolgt, der zerbricht seine Rippen an den Felsen. Wo der Sturmvogel sich durchwindet, sitzt jedes andere Schiff fest. Nur Herz und Nerv behalten, Herr Ballard, noch einige glückliche Reisen und ich gebe meiner Mannschaft bei einer ruhigen Nacht einen Schlaftrunk, lege eine brennende Lunte an die Pulverkammer und sage in meinem Boote dem Sturmvogel und seinem Ungeziefer Lebewohl, dann erzählt keine Zunge, auf welche Weise wir zu reichen Leuten geworden sind. Doch jetzt nur schnell, daß wir die Ladung loswerden, denn ich muß Vielerlei am Schiffe repariren lassen, und je kürzere Zeit ich hier verweile, desto weniger Gefahr, daß meine Leute uns Unannehmlichkeiten bereiten. Es ist eine wilde Horde, die am Land schwer im Zaum zu halten ist.« »Sie sagen, Ihre Papiere sind ganz in Ordnung?« »Auf das Vollkommenste, ich habe schon dem Zollbeamten an Bord die Liste meiner Ladung übergeben. Es ist eine wahre Mu- 5 10 15 20 25 30 35 191ERstER BaNd • ElFtEs KapitEl sterkarte; alles Gegenstände, die von Westindien auf der Reise hierher waren, als ich sie nahm.« »Sind die Waffen und die lange Kanone gut verborgen, daß man sie nicht entdecken kann?« »Der Eingang zu dem Versteck ist ja, wie Sie wissen, in der Cajüte unter dem Teppich und oben darauf steht der Tisch; doch auch wenn beides weggenommen würde, so könnte man doch die Fuge nicht finden, wo sich der Fußboden aufthut. Seien Sie ganz ohne Sorgen und beeilen Sie nur meine Abreise. Jetzt lassen Sie uns schnell nach dem Zollhause gehen und das Schiff einclariren, damit ich mit dem Ausladen beginnen kann«, sagte Flournoy und schritt aus dem Zimmer, Ballard nahm seinen Hut, der im Corridor auf einem Tische stand, und Beide eilten die Treppe hinab dem Zollhause zu. Während dieser Zeit wurden in Forney’s Haus auf das Wohl der jungen Brautleute die mit schäumendem Champagner gefüllten Gläser geleert, und die zahlreiche Gesellschaft, die heute hier zur Tafel geladen war, brachte ihnen ein lautes, freudiges Lebehoch. Der große Speisesaal war geschmackvoll mit schönen Gewächsen und Blumen geschmückt, die in alabasternen Urnen auf Consolen prangten, seine silbergrauen Wände trugen kostbare alte italienische und spanische Oelbilder zur Schau und seine hohen, bis auf den spiegelblanken Fußboden herabreichenden Fenster, sowie die große Glasthür, welche nach dem Balkon an der hintern Seite des Hauses zeigte, waren, wie mit Nebelgewölk, von gestickten, weißen, durchsichtigen Vorhängen umgeben. Das einzige Gold, welches in dem Saal verwendet war, trug eine einfache, vergoldete Leiste, die sich an den Wänden als Einfassung hinzog, und der leichtgeschwungene Kronleuchter, der von der Decke herabhing. Herr Forney saß oben an der reich mit Silberzeug geschmückten Tafel, zu seiner Rechten das glückliche Brautpaar und zu seiner Linken zwischen den beiden Brautjungfern ein alter Jüngling mit silberweißem Haar und in jugendlicher Gesundheit strahlendem Gesicht, der Commodore Perrywill, ein Jugendfreund Forney’s, dessen Flaggenschiff bei Norfolk vor Anker lag und der von Zeit zu Zeit einige Wochen in Baltimore zuzubringen pflegte. An seiner 192 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 linken Seite saß Laura zwischen ihm und Ralph und machte ihre Reize bei ihrem rüstigen alten, sowie bei ihrem kräftigen jungen Nachbar gleich geltend. Außer ihnen reiheten sich noch einige zwanzig Gäste an die Tafel und bildeten einen Kreis der Heiterkeit und des Frohsinns, aus dem die edle Gestalt Eleanor’s in Glückseligkeit und Wonne hervorstrahlte. Ein himmelblaues, seidenes Gewand und reiche durchsichtige Spitzen umgaben ihre schönen Formen, ihre bronzegoldigen Locken fielen auf ihren blüthenweißen Nacken, und in ihren dunkeln, glänzenden Augen spiegelte sich der Himmel ihrer Gegenwart. Frank, von gleicher Seligkeit durchdrungen, saß, das Bild männlich-jugendlicher Schönheit, an ihrer Seite, die Gluth der ersten Liebe lag auf seinen edlen Zügen und ihr Entzücken funkelte in seinen tief dunkeln Augen. Der Ausdruck vollkommenen Glückes ruhte auf dem heitern Antlitz des Präsidenten, der mit innigem Entzücken den Blicken seiner geliebten Kinder folgte und mit ihnen den Wonnetraum empfand, der sie umgab. Freude und gefühlvolle Theilnahme an dem neuen Glück, welches in dies Haus eingezogen war, beseelte die befreundete Gesellschaft, und noch hatte sie sich nicht getrennt, als der Himmel im Westen erglühte und die Sonne mit ihren letzten feurigen Strahlen den Saal durchblitzte. Auch auf den gekräuselten Wellen, die an der kupfernen Seite der Brigg Tritonia plätscherten, tanzte das goldene Licht des scheidenden Gestirns und Eloise Dosamantes schaute sinnend über die flimmernde weite Wasserfläche, die zwischen der Point und der Landzunge, auf der das Fort liegt, sich vor ihr ausdehnte. Das Mädchen saß auf dem kleinen Verdeck über der Cajüte und hielt ein damastenes Tischtuch, an welchem sie gesäumt hatte, auf ihrem Schooß. »Ein sonderbares Schiff, das schwarze dort«, sagte der alte Dosamantes, der eine Zeit lang, mit den Händen in den Rocktaschen, auf dem Verdeck auf und ab gegangen war, »es hat eine viel zahlreichere Mannschaft an Bord, als es bedarf, und eine wild aussehende Bande ist es unverkennbar. Es würde mir nicht angenehm sein, dem Fahrzeug auf See zu begegnen.« Dabei blieb der Alte 5 10 15 20 25 30 35 193ERstER BaNd • ElFtEs KapitEl stehen und hielt seine Blicke auf den Sturmvogel geheftet, der nur etwa hundert Schritt von ihm entfernt an dem nächsten Werfte lag. Nach einer Weile fuhr er fort: »Der große Mann mit dem schwarzen Bart dort auf dem Werft scheint der Capitain zu sein; er spricht mit dem Steuerofficianten. Jetzt kommt er hierher; sollte er uns einen Nachbarbesuch machen wollen? In der That, er ist auf dem Wege zu unserm Schiff.« Dosamantes eilte von dem obern Verdeck hinab auf das untere und trat an die Brüstung, von welcher die Treppenleiter auf das Werft führte. »Ich will nicht verfehlen, Ihnen meinen nachbarlichen Gruß zu bringen, Capitain«, sagte Flournoy, der bereits an der Seite der Tritonia angelangt war und mit Leichtigkeit das Verdeck derselben erstieg. In dem Augenblick, als er Dosamantes die Hand reichte und dieser ihn willkommen hieß, schritt Eloise vom obern Verdeck auf der schmalen Treppe herab, um sich in die Cajüte zu begeben. Sie sah nicht nach ihrem Vater, noch nach dem Fremden her; doch dieser blickte sie überrascht an, nahm höflich seinen Hut ab und sagte, indem er ihr einen Schritt näher trat: »Ich fürchte, schönes Fräulein, daß mein Besuch Sie veranlaßte, Ihren Sitz auf dem obern Verdeck aufzugeben; wenn dem so ist, so werde ich mich sogleich wieder entfernen.« Dabei verneigte er sich ehrerbietig, hielt aber seine glänzenden schwarzen Augen auf Eloise geheftet und warf ihr einen leidenschaftlichen Blick zu, als sie nach ihm aufsah und zu ihm mit ihrer süßen Stimme sagte, daß sie auch ohne sein Kommen sich in die Cajüte begeben haben würde. Dann erwiederte sie mit einer leichten Verbeugung seinen Gruß und verschwand durch den Eingang. »Vielleicht eine Passagierin auf Ihrem Schiffe, Capitain?« fragte Flournoy den Alten mit einer Handbewegung nach der Cajütthüre. »Meine Tochter, Capitain. Lassen Sie uns auf das obere Verdeck gehen, dort ist es jetzt angenehm«, erwiederte Dosamantes und folgte seinem Gast die Treppe hinauf, von wo aus er nach der hinter dem vordern Maste stehenden Küche rief: »Loredo, bringe Wein und zwei Gläser!« 194 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 »Sagen Sie drei Gläser; vielleicht erzeigt uns Ihre Fräulein Tochter die Ehre, uns den Wein zu credenzen«, fiel Flournoy ein. »Es werden sie wohl Geschäfte in ihr Zimmer gerufen haben, sonst hätte sie sich nicht entfernt. Nehmen Sie Platz, Capitain. – Ich weiß Ihren Namen noch nicht, der meinige ist Dosamantes«, antwortete der Alte und rückte einen Sessel für seinen Gast heran. »Ich heiße Flournoy, mein Schiff der Sturmvogel und komme von Havannah. Von woher kommen Sie?« »Von New-York.« »Haben Sie hier eine Ladung eingenommen?« »Nur theilweise, ich brachte einen Theil derselben mit hierher.« »Und wohin ist dieselbe bestimmt?« »Nach verschiedenen Häfen«, antwortete Dosamantes ausweichend und setzte, um dem Gespräch eine andere Richtung zu geben, hinzu: »Was für herrliche Tage haben wir noch, es ist doch schon Dezember, und noch ein Wetter, wie im Frühjahr.« »Es kann aber recht unfreundlich an dieser Küste werden. Ich wundere mich, daß Sie Ihre Tochter auf einer Winterreise mitnehmen.« »Es war ihr eigner Wille, mich zu begleiten, die See ist ihr nicht fremd, sie wurde auf derselben geboren.« »Eine weibliche Gesellschaft an Bord ist dem Seemann ein gro- ßer Genuß, doch auch oftmals eine schwere Sorge. Unser eigenes Leben sind wir gewohnt, auf das Spiel zu setzen, und die Gefahr, es zu verlieren, beunruhigt uns nicht mehr; das Leben eines geliebten weiblichen Wesens aber bürdet uns eine große Verantwortlichkeit auf. Sie segeln jedoch wohl nach dem Süden, wo die See in dieser Jahreszeit weniger unruhig ist?« Dosamantes ließ die Frage unbeantwortet, indem er aufstand und dem Neger entgegentrat, der mit dem bestellten Wein jetzt die Treppe heraufkam. »Stelle Alles nur hier auf die Bank und bringe das Tischchen dort hierher«, sagte der Alte zu Loredo und nahm dann wieder Platz bei seinem Gaste. »Ihr Schiff muß gut segeln. Es ist ziemlich scharf gebaut«, sagte Flournoy und warf einen prüfenden Blick an den Masten hinauf. »Sie werden wohl bald abfahren, denn Sie scheinen schon ziemlich reisefertig zu sein.« 5 10 15 20 25 30 35 195ERstER BaNd • ElFtEs KapitEl »Ich hoffe, bald«, erwiederte Dosamantes und schenkte Wein in die Gläser, da der Neger während dieser Zeit beides auf den Tisch vor ihn und seinen Gast gestellt hatte. »Sein Sie willkommen, Capitain«, fuhr er dann fort, indem er eins der Gläser ergriff und sich gegen Flournoy verneigte. »Sie müssen mich, so lange ich noch hier liege, auf dem Sturmvogel besuchen«, sagte dieser, indem er das geleerte Glas niederstellte. »Ich werde wahrscheinlich schon früher segeln, als Sie, denn ich nehme hier keine neue Ladung ein. Mein Schiffseigner in Havannah hat eine Fracht für mich nach dem mittelländischen Meer in Bereitschaft liegen und hat mir aufgetragen, in Ballast ungesäumt zurückzukehren.« Der Abendhimmel war verblichen und die Dämmerung hatte sich bereits eingestellt, als Flournoy das Schiff verließ und im Vorübergehen an dem Eingang der Cajüte einen spähenden Blick in dieselbe warf. Dosamantes begleitete ihn bis an die Brüstung, reichte ihm beim Abschied die Hand, bat ihn aber nicht, seinen Besuch zu wiederholen. Auch folgte er nicht dessen Einladung, ihn auf dem Sturmvogel aufzusuchen und hoffte, daß er ihn auf der Tritonia nicht wieder behelligen möchte. Der Mann hatte auf ihn einen unangenehmen Eindruck gemacht und er fühlte sich nicht wohl in seiner Nähe, obgleich er sich über den Grund hiervon keine Rechenschaft ablegen konnte. Am folgenden Morgen begann Capitain Flournoy seine Ladung auf das Werft zu schaffen, von wo sie in das nahe Packhaus des Herrn Ballard befördert wurde. Dosamantes bemerkte ungern die Eile, mit der dies geschah, denn er wünschte seine Reise früher anzutreten, als der Sturmvogel, und mit Sehnsucht erwartete er das Mehl, welches ihm von Richmond aus zugebracht werden sollte. Der zweite Tag verstrich gleichfalls ohne Nachricht hierüber; schon an dem dritten war Flournoy mit Ausladen fertig und nahm neue Provisionen und frisches Wasser an Bord, während eine Anzahl von Schiffszimmerleuten eifrig beschäftigt war, Ausbesserungen an dem Fahrzeug vorzunehmen. Da erhielt Dosamantes die für ihn höchst unangenehme Mittheilung von Richmond, daß er sich mit dem Mehl noch ein paar Wochen geduldigen müsse, indem die Mühlen Schaden 196 Ralph NoRwood 5 10 15 20 25 30 35 gelitten und einige Zeit nicht hätten arbeiten können. Es war dies ein Hauptartikel in seinem Handel, an welchem er sehr viel Geld verdiente, und welchen er durch kein anderes Mehl ersetzen konnte, da keins sich so lange Zeit vollkommen frisch und gut erhielt, als gerade dieses, welches in Feuerwärme getrocknet wurde. Darum mußte er seiner Ungeduld Zügel anlegen und sich der Nothwendigkeit fügen, hier zu verweilen.

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Zusammenfassung

Mit Ralph Norwood legte Fredéric Armand Strubberg im Jahr 1860 den umfangreichsten Roman seiner Karriere vor und schuf mit dem Titelhelden eine seiner düstersten und gleichzeitig gelungensten Figuren. Mit einer Mischung aus Abscheu, Bangen und Hoffen verfolgt der Leser den Lebensweg eines sich immer weiter in Schuld und Verbrechen verstrickenden Antihelden, den er am Todestage des Vaters als charakterschwachen, wiewohl mit guten Anlagen versehenen jungen Mann kennenlernt. Ralph Norwood, Sohn eines Ansiedlers an der Indianergrenze und einer Seminolenfrau, war von seinem Vater im Alter von sechs Jahren auf eine Schule in Columbus geschickt worden, um ihm eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Schon bald war Ralph dort an die falschen Freunde geraten, dem Spiel und dem Alkohol verfallen, und so versäumt er trotz rechtzeitiger Benachrichtigung von dessen schwerer Erkrankung den Tod seines Vaters, dem er zur Tilgung seiner Spielschulden sogar das Vieh gestohlen hat. Zwar bereut Ralph in der unmittelbaren Trauer um den Verlust des Vaters seine Jugendsünden, die ihm dieser noch auf dem Sterbebett vergeben hat, doch verfällt er schon bald wieder den Verlockungen seines früheren Lebens... Vor dem historischen Hintergrund der Seminolenkriege in Florida entwarf Strubberg mit Ralph Norwood eine facettenreiche Abenteuererzählung, die mit Seeräubern, Familienintrigen und politischen Verschwörungen Elemente des zeitgenössischen Sensationsromans zitiert und damit die Grenzen des eigentlichen Wildwestromans sprengt. Thematisch ging der Autor damit erstmals weit über seine eigenen Erfahrungen während seiner Amerikaaufenthalte hinaus. Auch deshalb stellt der Roman eine deutliche Zäsur in Strubbergs literarischem Schaffen dar und ist wegweisend für nachfolgende Werke aus der mittleren Periode wie Saat und Ernte (AW-MA X) und In Süd-Carolina und auf dem Schlachtfelde von Langensalza (AW-MA XIII). Der Band enthält neben dem zeichengetreuen Text auch das Frontispiz aus der Erstausgabe von 1860.