Content

3 Fazit und Ausblick – die Formen der Heilung in:

Yana Kay Prinsloo

Reset Postmodernity?, page 141 - 152

Das (not) doing opinion im Angesicht der ent-sinnten Gegenwart

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4021-8, ISBN online: 978-3-8288-6792-5, https://doi.org/10.5771/9783828867925-141

Series: Kleine Mainzer Schriften zur Theaterwissenschaft

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
3 Fazit und Ausblick – die Formen der Heilung Seit dem Auftauchen großer Menschenmengen auf dem Tahir-Platz in denWintermonaten des Jahres 2010 ist unterWissenschaftler/Innen und Aktivist/Innen das Interesse an der Form und Wirkung öffentlicher Versammlung wiedererwacht. Das Thema ist alt und zeitgemäß zugleich. Gruppen, die plötzlich in großer Zahl zusammenkommen, können ebenso eine Quelle der Hoffnung wie der Furcht sein, und so begründet es ist, sich vor den Gefahren und Handlungen des Mobs zu fürchten, gibt es auch gute Gründe dafür, in unvorhersehbaren Versammlungen ein politisches Potenzial zu erkennen.393 Sowohl in der Diskussion über das Phänomen des Populismus als eines überdehnten und expandierten Ausdrucks in Anbetracht einer politischen Interessenspaltung, ausgelöst durch Globalisierungsund Digitalisierungsprozesse, die zu einemwachsenden Ohnmachtsgefühl gegenüber der Komplexität der Welt und zu einer Zerrüttung der Gesellschaft geführt haben, als auch in der Verhandlung des Selbstverständnisses eines politischen Gegenwartstheaters, steht die Frage nach der Repräsentation im Mittelpunkt. Wie Butler in ihrer Forschung zum Thema politischer Versammlungen anmerkt, würden die Versuche, Bürger_Innen durch eine politische Agenda, eine kollektive politische Stimme oder durch eine Affizierung zu aktivieren, zunehmend zu einem wiederkehrenden und wichtigen Untersuchungsgegenstand in der Kultur-, Sozial- und Theaterwissenschaft. Dabei seien weniger die Parolen oder inhaltlichen Forderungen der Protestgemeinschaft/-partei Gegenstand des Forschungsinteresses. Vielmehr deutet bereits die körperliche Anwesenheit des Subjekts – als Teil dieser Gemeinschaft – auf einen politischen Moment hin: Die körperliche Anwesenheit konstituiert bereits Bedeutung/Meinung; der Körper wird zur performativen Oberfläche einer politischen Orientierung; der Körper materialisiert die politische Orientierung des Subjekts. Die Ontologie des Körpers ist somit auch immer eine soziale Ontologie. Das Politische in der Gesellschaft ist damit nicht nur eine Frage der Sprache, sondern – frei nach Butler – eine Frage des Körpers. Zur Erfassung derartiger 393 Butler 2016, 7. 141 Entwicklungen kann die Theaterwissenschaft den Kultur- und Politikwissenschaften durch ihren seit Jahren geführten Körper-Diskurs wissenschaftliche Angebote machen. Neben der wachsenden Bedeutsamkeit des Körpers als einer aktiven Aushandlungsfläche politischer Machtverhältnisse und Formatierungen geraten auch der Begriff des Volkes und der Begriff der Gemeinschaft immer deutlicher in den Fokus. Die politischen Lager unterscheiden sich deutlich durch ihre Haltung bezüglich ihrer Inund Exklusionslogiken gegenüber Minderheiten, Hilfsbedürftigen und anderer Ausgeschlossenen. Zum einen wird der Begriff des wahren Volkes für seine politische Instrumentalisierung affirmiert, um die Forderung nach einer Inklusion allerMenschen zu negieren (rechter Populismus), zum anderen wird der Begriff des wahren Volkes negiert, um die Inklusion aller Menschen zu affirmieren (linkes Establishment). Die sichtbar gewordene politische Spaltung, deren Motoren Affekte wie Angst und Wut sind, hat nicht zu einer passiven Haltung der Bürger_Innen, sondern zu einer Hochkonjunktur von Partizipationsangeboten geführt. Das Jahr 2016 habe „es in sich“ gehabt, so der saloppe Kommentar des Moderators des ARD-Presseclubs Volker Herres zum Jahresende. Flüchtlingskrise, Terrorängste und der Vormarsch der Populist_Innen hätten zu politischen Krisen in der Welt und in Europa geführt. In der Diskussion um „Flüchtlinge, Ängste, Populisten – Wie hat sich Deutschland 2016 verändert? “ wurde besonders eines deutlich: Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Infragestellung der westlichen Werte. Diese Wertediskussion ist ein Indikator für die gegenwärtigen Destabilisierungsprozesse der repräsentativen Institutionen und Personae der westlichen Welt. Die zu beobachtende Spaltung innerhalb der europäischen Bevölkerungen, hervorgerufen durch ökonomische Interessenkonflikte und unterschiedliche Vorstellungen von Solidarität und Gemeinschaft, prägen auch die Ent-Sinnung der Europäischen Union. In Reaktion auf diese Prozesse sind inzwischen vermehrt partizipative Angebote 142 als Ersatzfunktionen, Ersatzregierungen und Ersatzpolitiken in Erscheinung getreten,mit der Zielsetzung, die Lücken zu füllen,welche von den (alten) politischen Institutionen hinterlassen wurden. In der vorliegenden Arbeit wird dieses Phänomen der politischen Teilhabe als doing opinion beschrieben und durch die Annahmen Baumans, Jamesons und Reckwitz‘ zur Postmoderne untermauert. Wesentlich für die Herangehensweise ist die Ausgangsthese, dass sich die postmodernen Ansätze weitestgehend sozialisiert, politisiert und ökonomisiert haben. Ästhetische Strategien werden sowohl durch zivile Proteste und durch die Protestparteien politisiert, als auch durch den steigenden Warenfetischismus ökonomisiert. In den Reflexionen zur Postmoderne sollte daher aufgezeigt werden, wie das gegenwärtige Subjekt als souveränes Zentrum geübt ist, seine Mitmenschen sowie organische und nicht-organische Akteur_Innen durch den eigenen Konsum wahrzunehmen und die Oberflächenstrukturen der Gegenwart zu gestalten/hervorzubringen und zu (re-)produzieren. Es wurde von der These ausgegangen, dass es sich beim kulturellen Tun in der Gegenwart um eine spezifische Form des souveränen, körperbasierten Konsums handelt, welcher sich auf den (körperlichen) Oberflächen des Subjekts materialisiert. Anstatt also in einer Art dynamischem Prozess die eigene Identität und die eigenen Meinungen (immer wieder) performativ hervorzubringen, zeichnet sich die Praktik des doing opinion durch ihren sprunghaften Charakter der Meinungs-Verkörperung aus, innerhalb derer Urteilen und Handeln gleichzeitig vollzogen werden. Das doing opinion, welches unter Einbeziehung der affective societies und der aktuellen Diskurse zu gegenwärtigen Körperpraktiken sowie durch die Reflexion über Arendts und Menkes Begriffe des Urteilens als einer ästhetischen Form der Meinungsbildung definiert wurde, zeichnet sich durch einen Chiasmus aus: Das Subjekt kann seine Meinung kundtun/verkörpern und soll es auch; das doing opinion ist ein zwanghafter Moment, welcher gleichzeitig identitätsstiftend wirkt. Das doing opinion als ein Dispositiv zu betrachten, ergab sich insofern als zielführend, als dadurch die übergreifenden Machtstrukturen – 143 ausgehend von den körperbasiertenMeinungspraktiken – aufgezeigt haben, wie durch die Reduktion der Komplexität und die Revision bestehender Werte, Ideale und Regeln durch neue politische Protestformen bestehendeMachtverhältnisse hinterfragt, zum Teil aufgelöst und durch ein neues Machtgefälle ersetzt werden. Den Bürger_Innen des ent-sinnten Europas werden (flüchtige) Angebote der Festigkeit gemacht, welche sich durch Momente der Affizierung und durch Forderungen nach oder Versprechen auf eine (Schein-)Partizipation auszeichnen. Wesentliche Indikatoren dieser Angebote sind der Versuch der Reduktion der Komplexität von politischen Problemen und die damit einhergehende Reduktion der Komplexität von Forderungen oder Antworten/Lösungen sowie die Unterscheidung zwischen richtigen und falschenMeinungen/politischen Ansichten. Das doing opinion-Dispositiv wurde daher als Schnittmenge zwischen den ästhetischen und sozialen Regimen des Neuen definiert und die ästhetische Funktion als zwecklose Funktion infrage gestellt. Ob sich die Gegenwartskunst einem Nützlichkeitsparadigma verschreibt und sich dem Ziel widmet, Machtverstrickungen aufzuzeigen und zu thematisieren, um eine neue Selbstdefinition als Ersatzregierung oder Ersatzpolitik im Sinne eines Lückenfüllers einer politischen Partei/Position zu produzieren, ist eine grundlegende Fragestellung der Gegenwartskunst und des Gegenwartstheaters. Gerade im Theater als einem prädestinierten Ursprungsort für einen agonistischen Austausch sehen sich die Kunstschaffenden zunehmend in der Pflicht, in ihren Reihen politische Relevanz einzufordern und dezidiert politische Positionen zu vertreten. Problematisch ist die Feststellung, dass im Moment der Selbstdefinition auf der Handlungsebene die Form der Agonistik revidiert beziehungsweise nicht gewahrt wird. Auch hier werden flüchtige Angebote der Be-Sinnung in Aussicht gestellt, die sich durch ähnliche Charakteristika auszeichnen, die denen populistischen (rechten) Proteste ähneln. An deutschen Theatern ist also die Tendenz zur Reduktion der Komplexität verbunden mit dem Ziel der Aufklärung und dem Hang zur Affizierung zu identifizieren. Problematisch an diesen Meinungs- Entwicklungen im Gegenwartstheater ist die fehlende Distanz zum Gegenstand und seine Position des Reagierens. 144 Die Unterscheidung zwischen der politischen Öffentlichkeit des Theaters und der des Staates scheint durch diese Tendenzen infrage gestellt zu werden. Symptomatisch für die Veränderungsprozesse im Selbstverständnis der Künstler_Innen ist damit nicht nur die inhaltliche Ausrichtung, welche sich in den Programmen deutscher Theaterhäuser widerspiegelt, sondern auch deren Versuch, eine übergeordnete politische Haltung zu signalisieren, was sich zum Beispiel in Manifesten durch suggestive Fragestellungen mit populistischer Note sowie dem konkreten Aufruf zur Teilnahme an Protestaktionen zum Ausdruck kommt. So veröffentlichte der deutsche Aktionskünstler Phillipp Ruch 2015 ein Manifest mit dem Titel „Wenn nicht wir, wer dann? Ein politisches Manifest.“ Der Schweizer Theaterregisseur Milo Rau befragte 2013 in seinem Werk „Was tun? [Die] Kritik der postmodernen Vernunft.“ Ruchs einleitende Frage: „Was wird den Historikern am Ende des 21. Jahrhundert an uns auffallen? “394 ist paradigmatisch für all die Fragen, welche die Theatermacher_Innen und Künstler_Innen aktuell an sich selber und ihr Publikum richten. Ihre Einflussnahmen deuten auf eine allgemeine Grenzverschiebung hin: Diese ästhetischen Strategien haben Eingang in unterschiedliche Formen des politischen Protests gefunden; diese ästhetische Formen haben die gezielte Animation des Publikums zum öffentlichen Protest zum Ziel. Der Begriff der Ersatzregierung weist auf eine Ergänzung der institutionellen Aufgaben der Theater in der Demokratie hin, welche Hinweise auf die Revision der Grenzziehung zwischen Aktivismus und politischer Kunst geben. Die Frage nach dem Emanzipationsmoment bei Zuschauer_Innen und Akteur_Innen muss neu gestellt werden. Gemäß Derridas Begriff der Ent-Sinnung sind die Angebote der Theater (der Ersatzregierungen) Maßnahmen zur Herstellung von Festigkeit, welche aber nur eine flüchtige Aufhebung des derzeitigen (krisenhaften) Zustands gewährleisten können. Um aus dem ent-sinnten Zustand heraus zu einem be-sinnten Zustand zu gelangen, muss die weitere Ent-Sinnung im Sinne einer Hyperaffirmation 394 Ruch 2015, 10. 145 erfolgen. Wie unter Bezugnahme auf Malzacher und Lehmann deutlich wird, ist eine Untersuchung des politischen Moments in aktuellen Inszenierungen weiterführend für die Argumentation. So kann aufgezeigt werden, wie durch die Aneignung und die gleichzeitig distanzierte Darstellung von Institutionen und deren Mechanismen neue agonistische Räume denkbar werden, welche durch Momente der De- und Re-Institutionalisierung (Heintz) eine De-Identifikation (Mouffe) zum Ziel haben und damit bekannte Muster der binären Schuldzuweisungen aufzubrechen vermögen. Beide Theaterkonzepte perforieren den ent-sinnten Zustand ihrer Zuschauer_Innen und transformieren diesen Zustand auf eine andere Ebene. Durch die direkte Konfrontation mit der eigenen paradoxen Lebenswirklichkeit und demHandlungsdispositiv des doing opinion erleben die Zuschauer_Innen einen Bruch der Narrative und der Strukturen ihrer Lebenswirklichkeit sowie die Irritation von bisherigen Kategorisierungen von richtig und falsch. Die theatrale Konstruktion und ihre Position der (hyperaffirmativen) Bestätigung führen zu einer Grenzverschiebung: die Gültigkeit der eigenen Weltanschauung der Zuschauer_Innen wird auf den Prüfstand gestellt. Wesentlich für das Gelingen eines not doing opinion ist der Aspekt der Konsequenzverminderung. Durch die Vor- und Verstellung institutioneller Räume in einem konsequenzverminderten Theaterraum wird eine Transgression bisheriger Denkmuster provoziert, die eine distanzierte Haltung zum doing opinion-Dispositiv ermöglichen. Durch die Vor-Führung des doing opinion soll eben diese neutralisiert werden und daraufhin eine dritte Option in Erscheinung treten. Diese Option ist die Vorstellung von etwas Unvorstellbaren: die Praktik eines not doing opinion als Einnahme einer distanzierten Haltung und einer unabgeschlossenen Meinungsbildung im Sinne einer prozessualen Entscheidungsfindung, was auch im Sinne Menkes eine kritische Urteilspraxis bedeutet. Somit können beide Theaterarbeiten auch als applied theatre bezeichnet werden, da sie durch Formen der ästhetischen Intervention und durch die kritische Aneignung von institutionellen Strukturen ökonomisierte Machtstrukturen sichtbar machen, da die Makroebene der Weltpolitik auf die Mikroebene der subjektiven Entscheidungs- 146 prozesse heruntergebrochen und individuell erfahrbar gemacht wird. Wartstats Reflexionen zum „Theater als Intervention“ ist deshalb weiterführend für eine kritische Theaterwissenschaft, welche sich dem Ziel der Aufdeckung von ästhetisch-politischen Entwicklungen verschreibt. Die Absicht der vorliegenden Arbeit ist es, genau diese neuen Entwicklungen aufzuspüren und sie nach demMoment der Hyperaffirmation zu befragen. Für Warstat liegt das Interesse der künstlerischen Intervention darin, eine bestimmte Erfahrung zu ermöglichen, komplexe Prozesse und habitualisierte Konstellationen zu stören und umzuleiten. Interventionen seien daher Praktiken der Unterbrechungen oder – in den Worten Mouffes – gegenhegemoniale Praktiken.395 Auch in Bezug auf den Begriff des doing opinion ist der Begriff der Unterbrechung hilfreich. So sind die Praktiken eines not doing opinion nicht als Gegendispositiv, sondern als eine Gegenstrategie zu beschreiben, welche die Sichtbarmachung eines Bruchs/einer Unterbrechung der gesellschaftlichen Entwicklungen zum Ziel hat. Warstat betont in seinemAufsatz, dass die Arbeiten des applied theatre „mehr seien“ und nicht auf die bloße Aufführung reduziert werden dürften. Sie ließen keine analytische Trennung zwischen politischen, sozialen und ästhetischen Implikationen zu.396 Eine generelle Auflösung der Grenzen von öffentlichen Räumen, des Politischen und der Politik würde sichtbar, ohne dass eine klare politische Haltung eingenommen werden müsste. Die Folge solcher Entwicklungen wäre eine Hybridisierung künstlerischer Ausdrucksformen. So bemerkt Warstat: Insofern man Interventionen als relationale und dynamische Bewegungen beschreiben kann, die etwas hervorbringen oder etwas bereits Hervorgebrachtes aktiv unterbrechen – und insofern auch Interventionen nicht auf eine einzelne Aufführung oder ein einzelnes künstlerisches Verfahren reproduzierbar sind, erscheinen sie als geradezu paradigmatisches Beispiel für das, was der noch relativ junge Begriff der generischen Form bedeuten kann.397 395 Vgl. Warstat 2015a, 11. 396 Vgl. Warstat 2015a, 22. 397 Warstat 2015a, 22. 147 Er fragt damit nach Handlungsvollzügen, nach deren Gestus und nach den spezifischen Tönungen dieser künstlerischen Formen als politische und dynamische Prozesse einer Unterbrechung mit dem Ziel, etwas Neues oder Anderes hervorzubringen, welches bestehende Verhältnisse hinterfragt, (re-)produziert oder auch negiert. In diesem Zusammenhang kann auch das not doing opinion als ästhetische und grenzüberschreitende Form reflektiert werden, welche auf „vielphasige“, „mehrdimensionale“, „multimediale“, „dezentrale“ Prozesse verweist.398 Die Formen des applied theatre suggerieren eine klare Zielsetzung, die sich von Theaterformenmit einer geschlossenen Narration und einer klaren räumlichen Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum unterscheidet: Applied theatre kombiniert allerdings häufig theatrale Elemente der Repräsentation, die seine explizite Funktion und Zielsetzung klar herausstellen, mit einem performativen Akt des Einschreitens, der einer Steigerung der Kontingenz des Aufführungsgeschehens gleichkommt, da er augenblicklich einen Verhandlungsraum öffnet.399 Das starke Interesse an den Problematiken der Repräsentation und der Analyse kritischer Formen des Theaters/der Kunst spiegelt sich also auch im Diskurs des applied theatre und den genannten Theaterarbeiten wieder. „Terror“ und „Die Kirche. Die Beerdigung“ provozieren bewusst gelenkte Reaktionen der Zuschauer_Innen. Die künstlerischen Interventionen, welche sich der Praktik des not doing opinion verschreiben, zielen daher direkt auf die Irritation bestehender Narrative. Im Mittelpunkt stehen damit ihre (bewusst eingesetzen) Strategien der Reduktion und der Affizierung. Die in der vorliegendenArbeit vertretenenAnsätze zum doing opinion- Dispositiv befinden sich in einem dynamischen Prozess der Ver- änderung, welcher durch politische und künstlerische Ereignisse und Entwicklungen ständig zur Disposition stehen. Die vorliegenden Thesen sind nicht nur ein rein spekulatives und theoretisches Anliegen. Die Befragung postmoderner Strukturen der Gegenwart, die Problematisierung der Strategie der Meinungsbildung und die 398 Warstat 2015a, 23. 399 Warstat 2015a, 29. 148 Fruchtbarmachung der künstlerischen Strategie der Hyperaffirmation als Möglichkeit für ein „neues Denken“ (Busta und Magauer) hat eine kritische Bestandsaufnahme der Tendenzen im Gegenwartstheater zum Ziel. In diesem Sinne bin auch ich geprägt von meiner Sozialisation in einem westeuropäischen Staat. Meine Position bezüglich der behandelten Themen ist selbstverständlich nicht neutral, sondern durch ein Ziel geprägt: die aktuellen Tendenzen des Populismus in der Politik und in der Kunst kritisch zu hinterfragen und zu reflektieren, um den politischen Anspruch einer Entwicklung von gegenhegemonialen Maßnahmen zu formulieren. Im Zusammenhangmit meinem demokratisch-politischen Anspruch und den Formen des „neuen Denkens“ können „Terror“/„Die Kirche: Die Beerdigung“ mit dem philosophischen Ansatz des Akzelerationismus verbunden werden. Die Autor_Innen des Bandes #Akzeleration setzen sich mit der heutigen Form des Kapitalismus als eines Objekts auseinander, welches in Abstraktionsgraden ausufert. Zur Erfassung der „hyperdynamischen Bewegungen“ schlagen sie ein alternatives politisches Subjekt vor, welches diesen Entwicklungen in Form einer „epistemischen Akzeleration nicht nur nach-, sondern zuvorkommt.“400 Ihre Theorie basiert auf der Idee der Beschleunigung, wodurch der Kapitalismus durch sich selbst besiegt werden sollte. Ihr Kerngedanke ist ein Perspektivwechsel: Die Philosoph_Innen und Wissenschaftler_Innen sollen aus einer fernen Zukunft auf die Gegenwart zurückblicken, statt von der Gegenwart auf die Vergangenheit zu schauen.401 Die philosophische Denkschule um den Literaturwissenschaftler Armen Avanessian widersetzt sich dem Trend der Entschleunigung, den Aktionsformen der Occupy-Bewegung und anderen Formen des Protests. Sie setzt ihnen vielmehr die Idee eines Beschleunigungsmodus entgegen, welcher die Missstände, die durch den Kapitalismus hervorgerufen werden, entkoppeln, um mit den gängigen Formen der Kapitalismuskritik zu brechen. In eine ähnliche Denkrichtung bewegt sich auch die Definition einer hyperaffirmativen Strategie, die dieser Arbeit zugrunde liegt. 400 Avanessian 2013, Klappentext. 401 Vgl. Avanessian im Interview mit Drees 2015. 149 Die Idee der Beschleunigung und die damit einhergehende Forderung einer Manipulation von Zeit sowie einer Transgression von Wahrnehmungsgrenzen kann deshalb für das aktuelle Denken in der Theaterwissenschaft und für gegenwärtige Theatermacher_Innen interessant sein. Schon immer wurden auf den Bühnen unterschiedliche Mittel (Slow-Motion, Zeitraffer, etc.) eingesetzt, um ein verändertes Zeitgefühl zu kreieren und Zeit als eine ontologische Kategorie infrage zu stellen. Wie sieht eine akzelerationistische Theaterarbeit aus und inwiefern kann die Theaterwissenschaft von dieser Idee der Beschleunigung zur Aufhebung von kapitalistischen Machtverhältnissen profitieren? Kann die Idee der Beschleunigung zur Diagnose der krisenhaften Ent-Sinnungen der Gegenwart beitragen oder gar deren Lösung sein? Hierfür muss man über eine Gegenüberstellung des doing opinion-Dispositivs – welches grundsätzlich durch eine kapitalistische Konsumhaltung geprägt ist – und Avanessians Ansatz zum Akzelerationismus nachdenken. Durch die Analyse weiterer Theaterarbeiten, welche sich einer Aneignung/Ver- und Vorstellung von Institutionen verschreiben und möglicherweise „mehr sind“ als hegemoniale oder gegenhegemoniale Strategien (Mouffe), kann auch der Versuch einer theaterwissenschaftlichen Kapitalismuskritik formuliert werden. An dieser Stelle ist es sicher von Nöten, über die Entwicklungsgeschichte des Begriffs und die Form der gegenwärtigen Krise sowie über ihre (mögliche) „Heilung“ durch Beschleunigungsmodi nachzudenken.402 In diesem Sinne ist es mir daran gelegen, einen Beitrag zur wissenschaftlichen Betrachtung des gegenwärtigen Zustands, der die „Gemeinschaft bewegt“, zu leisten. Mein Fazit zum Reset der Gegenwart soll diese Arbeit abschließen: 402 In diesem Zusammenhang sei auf die wissenschaftliche Tagung „Krise als Form“ der Universität für Angewandte Kunst Wien verwiesen. Im 1. Panel „Die Form der Diagnose: Krise als historische Realität oder Literarische Trope“ mit den Referent_Innen Helmut Draxler, Kerstin Stakemeier, Peter Osborne und Diedrich Diederichsen zeigte sich, dass der Begriff der Krise – im Gegensatz zum Begriff der Katastrophe – immer auch eine historische Dimension inhärent ist, was die Thesen Jamesons zu Postmoderne und Gegenwart infrage stellen würde. Im nächsten Schritt wäre also eine Reflexion über die Konstruktion und den Zusammenhang zwischen dem kapitalistischen Fortschrittsdenken, dem Diskurs der Krise und ihrer Diagnose zielführend. 150 Zur Transformation des ent-sinnten Zustands derGegenwart braucht es die Möglichkeit der Wiederherstellung pluraler Formen und liquider Denkmuster. Die aufgezeigten Verhärtungsprozesse müssen durch neue Formen der kritischen Intervention affektiver Strukturen gelöscht/aufgelöst/erneuert werden, was – statt durch den Rückbezug auf ein politisches Subjekt – durch einen Neustart postmoderner Ideen möglich sein kann. Dieser Neustart kann durch die Negierung des behaupteten/andauernden Krisenzustands der westlichen Welt eingeleitet werden. Er kann durch den Versuch gelingen, den Idealen Mouffes Folge zu leisten, indem in der Politik, in der Kunst sowie in der Wirtschaft agonistische statt konsensorientierte oder antagonistische Denkräume geschaffen werden. 151

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Unter dem Titel Reset Postmodernity? widmet sich Yana Kay Prinsloo dem aktuellen Zustand des Postfaktischen und attestiert selbigem eine wichtige Begleiterscheinung: die individualisierte, emotionale (Schein-)Teilhabe der Bevölkerungen der westlichen Industrieländer am gesellschaftlichen und politischen Leben. Gegenstand des Forschungsinteresses ist der politische Moment, der in der körperlichen Präsenz des Subjekts – als Teil der (Protest-) Gemeinschaft – liegt: Sie konstituiert Bedeutung; der Körper wird zur performativen Oberfläche einer politischen Orientierung; der Körper materialisiert die politische Orientierung des Subjekts. Das Politische in der Gesellschaft ist damit nicht nur Ergebnis der Kommunikation durch Sprache, sondern bereits das Ergebnis körperlicher Anwesenheit. Am Beispiel von Inszenierungen des deutschen Gegenwartstheaters und aktuellen politischen Entwicklungen setzt sich die Autorin mit Formen der gegenwärtigen Meinungsbildung auseinander. Ziel der Arbeit ist die Definition eines umfassenden Meinungsdispositivs, welches durch künstlerische/gegenhegemoniale Strategien dechiffriert werden kann.