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Andra Riemhofer

Interkulturelle Kinder-und Jugendliteratur in Deutschland

Lesen auf eigene Gefahr

2. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4017-1, ISBN online: 978-3-8288-6791-8, https://doi.org/10.5771/9783828867918

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Andra Riemhofer Interkulturelle Kinder und Jugendliteratur in Deutschland Andra Riemhofer Interkulturelle Kinder und Jugendliteratur in Deutschland Lesen auf eigene Gefahr Tectum Verlag Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Andra Riemhofer Interkulturelle Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland Lesen auf eigene Gefahr © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2017 ISBN: 978-3-8288-6791-8 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN 978-3-8288-4017-1im Tectum Verlag erschienen.) 2., überarbeitete Auflage Umschlagabbildung: shutterstock.com | © Asichka Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Seit ich denken kann, bin ich großer Jim-Knopf-Fan. Natürlich waren alle Kinder damals Jim-Knopf-Fans, aber für mich hatte dieses Buch eine völlig andere Ebene: Jim war der einzige andere schwarze Junge, den ich kannte. Und er erlebte Abenteuer. Er war cool. Marius Jung, Singen können die alle! Für die Wiedergabe einer Halbton-Vorlage in einem Druckwerk muß das Bild in Rasterpunkte zerlegt werden. Hubert Blana, Die Herstellung Für meine Nichte Julia zum Schulanfang im September 2014 Inhaltsverzeichnis Abbildungsverzeichnis xiii 1 Hinführung: Bildung, Kanon und Diskurs 1 1.1 Interkulturelles Lernen mit Kinderbüchern? . . . . . . . . 1 1.2 Horizonterweiterung: Ein pragmatisches Werkzeug . . . . . 3 2 Stand der Forschung 15 2.1 Forschung mit oder zu Nebenwirkungen? . . . . . . . . . . 15 2.2 Gesellschaft, Erziehung und Literaturdidaktik . . . . . . . 18 2.2.1 Literaturdidaktik und Interkulturelle Pädagogik . . 19 2.2.2 Die Entwicklung der Interkulturellen Literaturdidaktik 20 Die ersten Gastarbeiterkinder in der KJL . . . . . . 22 Die zunehmende Orientierung am Rezipienten . . . 24 Identität, Empathie und Fremdverstehen als Lernziele 27 2.3 Zusammenführung der Ansätze: Methodik und Untersuchungsgegenstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 2.4 Untersuchungs- und Bewertungskriterien . . . . . . . . . . 30 2.4.1 Textimmanente Merkmale interkultureller Literatur 30 2.4.2 Was Literatur (außerdem) interkulturell wertvoll macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 3 Rahmenbedingungen: Kinder- und Jugendbuch in Deutschland 37 3.1 Das Kinder- und Jugendbuch in Zahlen . . . . . . . . . . . 42 3.1.1 Die Reichweite von Kinder- und Jugendbüchern . . 44 3.1.2 Anlässe und Auswahlkriterien für Buchkäufe . . . . 46 3.2 Der Herstellende Buchhandel (Verlagsperspektive) . . . . . 50 3.2.1 Umsatzverteilung und Programmplanung . . . . . 50 3.2.2 Von Torwächtern und Titelhelden . . . . . . . . . . 53 3.2.3 Deutsch(sprachig)e Verlage im internationalen Kontext 55 ix 4 Interkulturelle Themen in der (noch) lieferbaren KJL aus 1989–2014 57 4.1 (Inter-)kulturelles als vordergründiges und problematisches Thema . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 4.1.1 Gesellschaftliche Probleme und Herausforderungen 59 Fremdenangst: Ein Beitrag von Rafik Schami . . . 59 Paul Maars Neben mir ist noch Platz in der Kritik . 62 Flucht, Asyl und Fremdenhass im klassischen Problembuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 Deutschland schwarz-weiß: Milchkaffee und Streuselkuchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 4.1.2 Vom Platz in der Gesellschaft: Kulturelle Herausforderungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 Leaving Ararat: Abenteuerliches über Einwanderer . 78 Marginalisierung des Fremden mittels Format und Titelgestaltung: Lisas Geschichte : Jasims Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 Identität ungeklärt: Beiträge autochthoner Autoren 83 Identität und Ausgrenzung: Selbstrepräsentationen? 91 4.2 Interkulturelles als Teil der Normalität . . . . . . . . . . . 108 4.2.1 Die Bikulturelle Familie . . . . . . . . . . . . . . . 109 Zeitenwende: Die Patchwork-Familie Schneider-Öztürk109 Muttersprache: Wortsalat und weltbeste Freunde . 110 Vaterland: Schweigsamkeit und Fehler im Universum 112 Märchenberichtigungen: Das indische Adoptivkind Dilip . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 4.2.2 Vom Suchen und Finden von Heimat (Wurzelbehandlungen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 Zurück zu den Wurzeln: Ferien bei der Verwandtschaft121 Vom Heimweh der ‚politisch korrekten Putzfrau‘ . . 132 Paradiessucher : Sprachfallen und deutsche Spießigkeit140 Herzsteine: Eine Reise nach Ruanda und zu sich selbst144 5 Interkulturelle KJL ‚in Ordnung gebracht‘: Zusammenführung 153 5.1 Grobrasterung der Analyseergebnisse . . . . . . . . . . . . 153 5.2 Rasterwinkelung (das rechte Verhältnis von . . . zu . . . ) . . 158 5.2.1 Handlungsort: New York, Istanbul oder einfach nur Afrika? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 „Afrika“ im Titel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 „Orient“ (im weitesten Sinne) und Metropole „Istanbul“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 Go West: New York, Paris, London. . . . . . . . . . 167 Rest of the World . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 Fazit und Empfehlung . . . . . . . . . . . . . . . . 171 5.2.2 Autor_innenprofil oder auch Typologie der Diskurse 174 Foucault und die Frage „Was ist ein Autor?“ . . . . 174 Schriftsteller_innen: Fazit und Empfehlung . . . . 177 5.2.3 Figurenkonstellation: Wer kommt überhaupt zu Wort?185 Die ‚vollständige‘ bikulturelle Familie . . . . . . . . 187 Bikulturelle Waisen und Scheidungskinder . . . . . 190 Pädagog_innen und Geistliche . . . . . . . . . . . . 193 „[K]leine schwarze Kinder“ und andere Statisten . . 195 Fazit und Empfehlung . . . . . . . . . . . . . . . . 197 5.2.4 Verlagsprofil: Ausnahmen bestätigen die Regel! . . 198 6 Die Welt zwischen zwei Buchdeckeln 203 Bildnachweise und Quellen Eingangszitate 205 Literaturverzeichnis 207 Primärliteratur: KJL 1989–2014 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 Primärliteratur: KJL außerhalb und im Grenzbereich der Stichprobe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214 Primärliteratur: Sonstige Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . 216 Sekundärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218 Danksagung 230 Abbildungsverzeichnis 2.1 Aufgabe aus: Literaturprojekt zu „Milchkaffee und Streuselkuchen“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 3.1 Ulrike Kuckero, Paulas Powerbuch (2008) . . . . . . . . . 49 3.2 Marktanteile Kinder- und Jugendbuch buchreport.magazin April 2014 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50 4.1 Schami/Könnecke (Ill.), Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm (2003) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 4.2 Maar/Ballhaus (Ill.), Neben mir ist noch Platz (neu illustrierte Auflage von dtv junior, 12. Auflage 2010, S. 13) . . 63 4.3 Maar/Ballhaus (Ill.), Neben mir ist noch Platz : Cover dtv junior (2010) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 4.4 Maar/Ballhaus (Ill.), Neben mir ist noch Platz Originalausgabe (1993) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 4.5 Carolin Philipps, Milchkaffee und Streuselkuchen, Carlsen (2008) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 4.6 Kirsten Boie, Lisas Geschichte : Jasims Geschichte: Cover der erweiterten Neuausgabe (2007) . . . . . . . . . . . . . 81 4.7 Melda Akbaş, So wie ich will: Cover der cbt-Ausgabe (2012) 98 4.8 Aygen-Sibel Çelik, Seidenweg (2012) . . . . . . . . . . . . 105 4.9 Salah Naoura, Dilip und der Urknall und was danach bei uns geschah (2012) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 4.10 Karimé/von Bodecker-Büttner (Ill.), Tee mit Onkel Mustafa (2011), Kapitel „Nachtbad mit schlimmen Nachrichten“ . 129 4.11 Auer/Spengler (Ill.), Ich das machen! sagt Frau Jovanovic (2011) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139 4.12 Rena Dumont, Paradiessucher (2013) . . . . . . . . . . . . 142 5.1 Rasterzähler (auch Fadenzähler) . . . . . . . . . . . . . . . 158 5.2 Karin Kaçi, Irgendwann in Istanbul (2013) . . . . . . . . . 172 5.3 Klett Kinderbuch: Verlagsprospekt Ich – wir – alle : Bücher für junge Weltbürger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200 xiii 1 Hinführung: Bildung, Kanon und Diskurs Wieso ich das verrate, fragt ihr euch jetzt sicher. [...] Ich verrate es euch, weil ich genug davon habe, dass was Falsches in den Büchern steht. Leiht euch einen Kuli, streicht das Falsche durch und schreibt das Richtige rein. So wird das gemacht. Caspak/Lanois, Die Kurzhosengang 1.1 Interkulturelles Lernen mit Kinderbüchern? Ausgangspunkt meiner Überlegungen war die Frage, inwieweit die aktuell lieferbare Kinder- und Jugendliteratur (KJL) einen Beitrag zur Entwicklung interkultureller Kompetenz bei Kindern und Jugendlichen leisten kann.1 Der Vorstellung folgend, dass Textangebote möglichst nah an der Lebenserfahrung der Rezipient_innen sein sollten, habe ich mich auf die Suche nach Büchern begeben, die etwa ab Anfang der 1990er-Jahre zu Themen interkultureller Begegnungen erschienen sind und in deutscher Sprache verfasst wurden. Folgende Punkte haben sich im Laufe der Recherchen und bei Sichtung der Primärliteratur herauskristallisiert: Allein die Fragestellung nach der Entwicklung interkultureller Kompetenz spiegelt eine ethnozentrische Perspektive: Wer soll was über wen (oder 1 Als Merkmale interkultureller Kompetenz bei Kindern und Jugendlichen wurden in einem Beschluss der Kultusministerkonferenz der Bundesrepublik Deutschland 1996 genannt: Bewusstsein über kulturelle Sozialisation, Kenntnisse über andere Kulturen, Neugier, Offenheit und Verständnis für andere kulturelle Prägungen, Respektieren von „Anderssein“. Das Papier wurde Ende 2013 überarbeitet und stellt nun die „Fähigkeit, sich selbstreflexiv mit den eigenen Bildern von Anderen auseinander und dazu in Bezug zu setzen sowie gesellschaftliche Rahmenbedingungen für die Entstehung solcher Bilder zu kennen und zu reflektieren“ in den Vordergrund. Vgl. http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/1996/ 1996_10_25-Interkulturelle-Bildung.pdf (zuletzt geprüft am 16.08.2014). Die bis Ende 2013 gültige Fassung ist (Stand: 16.08.2014) abrufbar unter http://www. friedenspaedagogik.de/content/pdf/1685. Für eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem Begriff der interkulturellen Kompetenz vgl. Bolten, 2007. 1 sich selbst) lernen und mit welchem Ergebnis? Haben alle Kinder und Jugendlichen die gleichen Grundvoraussetzungen, und würden vorgeschlagene Texte allen in gleichem Maße gerecht? Oder haben z.B. Kinder mit Migrationserfahrung2 andere Ansprüche an Textangebote als etwa Heranwachsende aus monokulturellen Familien? Über das Fremdverstehen ist in der (Fach-)literatur viel geschrieben worden, aber grenzt eine solche Sichtweise/Lesart nicht wieder aus? Ein zweites Problemfeld öffnet sich, hinterfragt man kritisch, was an Literatur erschienen ist (genauer: erscheinen konnte)3 oder sich im Markt über längere Zeit durchgesetzt hat: Die Verlagswelt bedient eine Nachfrage nach Stoffen mit interkulturellen Problemstellungen. Häufig vorzufinden ist eine Art moderner Backfisch-Roman, der vor exotischer Kulisse spielt. Selbstbewusste deutsche Teenager machen ihre Erfahrungen wahlweise in Barcelona, London oder New York. Wohingegen z.B. türkische Mädchenfiguren, die der Feder deutscher Autor_innen entsprungen sind, gerne von autoritären Eltern in „ihre Heimat“ zurückgeschickt werden oder sich vor dem Bühnenbild eines traditionell geprägten Elternhauses von ihrem Kopftuch emanzipieren (wollen). Daneben steht „autobiographische[.] Bekenntnisliteratur“,4 aber auch kritische und/oder unterhaltende (Mädchen)-Romanliteratur von Autor_innen der sogenannten Dritten Einwanderergeneration, die ihre (besonderen) Lebenswelten reflektieren. Ein offenbar immer noch attraktives Segment sind literarisch tendenziell wenig anspruchsvolle Texte der Art „Problembuch“, die gerne als spröde Schullektüre daherkommen, wobei der erhobene Zeigefinger dermaßen offensichtlich aus den Büchern ragt, dass man ihn glatt als Lesezeichen 2 Ich wähle bewusst den Begriff „Migrationserfahrung“ statt „Migrationshintergrund“. Meinem Empfinden nach ist „Migrationshintergrund“ im heutigen Sprachgebrauch oftmals negativ konnotiert. Vgl. z.B. auch ArabQueen von Güner Yasemin Balci: „Masud und Rafi waren das, was Soziologen und Kriminologen ‚Jugendliche mit Migrationshintergrund‘ nennen.“ (Balci, 2010b, S. 101) 3 Zu analysieren wäre somit, was in unserer Gesellschaft „sagbar“ ist (oder war), was also geäußert werden kann oder darf – um mit Begriffen der Diskurstheorie zu arbeiten (vgl. Jäger, 2009, S. 130). Kinderbücher spiegeln auf ihre Weise, wie eine Gesellschaft beschaffen ist bzw. wie sich diese Gesellschaft ihre Kinder (und ihre Erwachsenen) wünscht (vgl. Richter/Vogt, 1979, S. 10 oder im Zusammenhang mit der Analyse der Institution ‚Autor‘ als Ordnungselement und Machtdispositiv des literarischen Diskurses Ewers, 2000, S. 147ff). Was, so Klaus Doderer in seinem Artikel Kinderund Jugendliteratur im Ghetto, den Erziehungsidealen der herrschenden Gesellschaftsschicht entsprach, wurde lange Zeit als ‚gut‘ und ‚schön‘ befunden und war erlaubt. Gegenläufiges hatte kaum eine Chance (vgl. Doderer, 1981b, S. 11). Jahrhundertelang sollte die für die Jugend produzierte Literatur nichts weiter sein als ein „Hilfsmittel zur Domestizierung der jungen Menschen.“ (Ebenda, S. 9) 4 Vgl. Kliewer, 2013, S. 218. 2 verwenden möchte. Das Angebot wird teilweise kontrovers diskutiert. Was von Verleger_innen, Verbänden und Initiativen als pädagogisch besonders wertvoll herausgestellt wird, wird von Fachleuten wissenschaftlicher Disziplinen nicht selten als latent rassistisch entlarvt.5 Verkauft wird, was ‚gut ankommt‘, Qualität – ob nun literarische oder didaktische – lässt sich nicht von Verkaufszahlen ableiten. Der Blick auf die literarische Beschaffenheit von Kinder- und Jugendbüchern kommt, so beklagen einige Literaturdidaktiker, tendenziell ohnehin zu kurz.6 Dass Textsorten individuell rezipiert werden, müsste man außerdem berücksichtigen bzw. gesondert untersuchen.7 Anfangs begrüßte ich, dass sich der (Gewohnheits-)Kanon der Schullektüre in jüngster Zeit Texten der KJL geöffnet hat. Im Laufe meiner Auseinandersetzung mit den derzeit im Schulkontext genutzten Texten und Darbietungsformen stellte sich mir jedoch zusehends die Frage, ob Kindern und Jugendlichen die Freude am Lesen nicht eher genommen wird. Was macht diese Bücher für Pädagog_innen so attraktiv? 1.2 Horizonterweiterung: Ein pragmatisches Werkzeug Wertvolle Anregungen bei der Auseinandersetzung mit Kinder- und Jugendliteratur zu interkulturellen Themen bieten die Überlegungen und Ansätze der Literaturdidaktik. Literaturdidaktik bezeichnet zunächst einmal den „Komplex von Entscheidungen, Konzeptionen und Theorien über Literatur als Gegenstand 5 Auch innerhalb der Fachdisziplinen finden sich gegenläufige Ansichten, wie z.B. später an Paul Maars Neben mir ist noch Platz herausgearbeitet wird. Der Diskurs und der Forschungsstand entwickeln sich nicht zuletzt durch Perspektive und Beiträge von Autor_innen mit Migrationserfahrung weiter, und es werden Argumentationsmuster wie z.B. das sog. Oasensyndrom offengelegt. Zu den Syndromen vgl. insbesondere Kapitel 4. 6 Die hauptsächliche Meta-Ebene der Reflexion von Kinder- und Jugendliteratur liegt nach Malte Dahrendorf nicht im Literarischen, sondern „auf pädagogischem und didaktischem Felde“ (Dahrendorf, 2004, S. 21). Er wünscht sich – wenn Texte es hergeben – auch ihre literarische Qualität hervorzuheben. Noch vor der Haas-Hurrelmann- Kontroverse, „ausgetragen“ in der Zeitschrift Praxis Deutsch (1988/89), hatte Doderer als Herausgeber von Ästhetik der Kinderliteratur (1981) „Plädoyers für ein poetisches Bewußtsein“ gesammelt und veröffentlicht. Gerhard Haas vertrat in der o.g. Debatte die Ansicht, dass „wenn KJL in der Schule nur unter dem pädagogischen Signum gelesen werde,“ sie ihren „legitimen künstlerischen“ Anspruch verlöre und – so zitiert Günther Lange – zur „nützlichen Literatur degeneriere“ (Lange, 2005a, S. 952). 7 Vgl. z.B. Kliewer, 2013, S. 219. 3 institutionalisierter Lernprozesse.“8 Dabei prägen gesellschaftliche Wertregister, ästhetische und religiöse Bildung, National- oder Klassenbewusstsein sowie (das Verständnis von) Emanzipation und Toleranz die formulierten Lernziele bzw. -inhalte. Eine Literaturtheorie (als Disziplin), deren zentrale Kategorie nach Burckhard Dücker die einer Kanonkonzeption ist, bestimmt die konkrete Textauswahl. Das Ergebnis dieses Auswahlprozesses ist z.B. der schulische oder universitäre Lektürekanon, also die (jeweils aktuelle) Sammlung an Werken, die in Schulen und an Universitäten besprochen wird.9 Neben dem bewusst erarbeiteten Kanon kann ein sog. Gewohnheitskanon stehen. Leicht nachvollziehbar scheint, dass Pädagog_innen gerne auf ‚Bewährtes‘ zurückgreifen oder Werke bevorzugen, zu denen sie selbst oder ein Verlag schon Unterrichtsmaterialien erarbeitet haben. Kanones stiften Identität, indem sie die für eine Gruppe konstitutiven Normen und Werte repräsentieren, sie legitimieren Gruppen und grenzen diese gegen andere ab.10 In Kanones werden nach Simone Winko ästhetische und moralische Normen wie auch Verhaltensregeln kodiert.11 Ein 8 Dücker, 2013, S. 456. 9 Vgl. z.B. auch die Diskussion um und den Widerhall in der Presse ob des „Einzug[s] der Homo-Lehre in Baden-Württemberg“ aus dem Herbst 2013. Die SPD-Fraktion im baden-württembergischen Landtag hatte Pressemeldungen zufolge gefordert, Homosexualität in allen weiterführenden Schulen breit in den Bildungsplänen festschreiben: http://www.medrum.de/content/ einzug-der-homo-lehre-in-baden-wuerttemberg (zuletzt geprüft am 16.08.2014) 10 Winko, 2013, S. 363. Auf die Wandlung der Bedeutung von Kanonwissen weist Elisabeth Kampmann hin: Kanonwissen stellt für sie heute keine entscheidende Initiationsbedingung für die bürgerliche Gesellschaft mehr dar: „Die Kenntnis der Balladen Schillers oder der Werke Marcel Prousts beispielsweise ist selbst in den vormals ureigensten Domänen des Bildungsbürgertums, dem Schuldienst oder der Universität, kein Scheidepunkt für Karrieren. Zwar laufen die Plädoyers für einen ‚verbindlichen Lektürekanon der humanistischen Bildung willen‘ durchaus engagiert weiter. Die Vertreter dieser Ansicht haben jedoch ihre handlungsprägende Sanktionsmacht eingebüßt und sind zu einer Stimme unter vielen geworden. Dies wiederum führt dazu, dass die kanonischen Elemente des schulischen Lektürekanons, des gesellschaftlichen Kanons und des literaturwissenschaftlichen Forschungskanons auseinanderdriften und partielle Kanones beschrieben werden müssen: Der Germanist kann heute über die Raumkonzepte im expressionistischen Film forschen, zugleich ein Goetheseminar veranstalten und in seiner Freizeit Romane von Frank Schätzing lesen, um sich mit seinen Freunden darüber zu unterhalten.“ (Kampmann, 2011, S. 19) 11 Winko, 2013, S. 363. Ein Verlagsprodukt, das o.g. in einem einzigen Werk zu vereinen scheint, ist Peter Härtlings Kinderbuch Paul das Hauskind (2010), das schon per Abbildung im inneren Buchdeckel einen Querschnitt durch die deutsche Gesellschaft (bzw. eine Vorstellung derer) bietet, und sowohl die Themen binationale Familie, gleichgeschlechtliche Liebe, Scheidung und Burnout aufgreift. Lösungsvorschlag ist 4 Kanon kann sowohl als Textkorpus als auch als Diskurssystem betrachtet werden. Der Fundus an aktuell lieferbarer KJL bzw. der Kreis publizierter Autor_innen spiegelt somit derzeit zugelassene oder wohlgesehene Weltbilder, Debatten und Argumentationsmuster.12 Die Arbeit am Kanon (hier wohl eher Textkanon) ist für den österreichischen Deutschdidaktiker und Friedenspädagogen Werner Wintersteiner eine grundlegende und notwendige literaturwissenschaftliche und literaturdidaktische Tätigkeit.13 Er betont in seinen Arbeiten, dass literarische Bildung als nationale Bildung entstanden ist und europäische Literatur seit der Renaissance im Dienste der Nationswerdung stand.14 Die Institutionalisierung der Literatur im Rahmen eines Literaturunterrichts sei weniger deswegen eingeführt worden, weil den herrschenden Eliten die literarische Bildung der Bevölkerung am Herzen lag. Es sei vielmehr darum gegangen, die Festlegung der breiten Masse auf den nationalen Diskurs voranzutreiben.15 Wintersteiner plädiert für einen Paradigmenwechsel und fordert eine Literaturdidaktik und eine Germanistik, die die Vorgaben, Werte und Intentionen der nationalen Bildung überwinden und den „umkämpften Bereich des literarischen Kanons, de[n] heilige[n] Bezirk, der für nationale Identität steht, de[n] Tempel, der das Selbstverständnis der Germanistik verkörpert“ zur Disposition stellen.16 Seine Idee einer „Transkulturelle[n] literarische[n] Bildung“ erweitert den Kanon über die deutschsprachige Literatur hinaus und bezieht nationale Minderheiten, Migration und Kontaktzonen zu den Nachbarländern sowie ein neues Konzept von Weltliteratur mit ein, das auch Literaturen der „Dritten Welt“ berücksichtigt. Methodisch soll sein Ansatz die Lernenden zu „Perspektivenwechsel und Fremdverstehen“ befähigen.17 Seine Poetik der Verschiedenheit sieht er mit der Pädagogik der Vielfalt verwandt, wie sie von Heidi Rösch beschrieben der Zusammenhalt der Hausgemeinschaft respektive Gesellschaft. Paul das Hauskind, das literarisch eher zu den anspruchsvolleren Exemplaren in meinem Fundus zählt und gut an meine persönliche Weltanschauung anschließt, hat für mich trotzdem den Beigeschmack eines genmanipulierten Retortenbabys, das als perfekt designtes Wunschkind gleich mit Anleitung zur Erziehung (Lehrerhandreichungen) die Welt erblickt hat. 12 Welche Personen und Institutionen besondere Macht haben, den Kanon der Kinderund Jugendliteratur zu bestimmen, wird in Kapitel 3 dieser Arbeit dargelegt. 13 Wintersteiner, 2006a, S. 103. 14 Ebenda, S. 15. 15 Wintersteiner, 2006b, S. 24. 16 Ebenda, S. 21f, Wintersteiner, 2006a, S. 43. 17 Vgl. Wintersteiner, 2006a, Klappentext. 5 wird.18 Sein Konzept versucht allerdings die von Rösch genannten Gefahren einer idealisierenden und harmonisierenden Weltsicht zu vermeiden.19 Für die Arbeit mit KJL gibt Wintersteiners Bildungskonzept wertvolle Impulse, ist aber für den von mir gewählten Untersuchungsgegenstand nur begrenzt nutzbar. Wintersteiners Ansatz einer neuen Weltliteratur kann als Appell verstanden werden, die eigene, oft begrenzte Perspektive zu öffnen und Beschränkungen zu überwinden, denen man unterliegt, verlässt man sich auf das im Heimatmarkt vorherrschende Angebot.20 Konkrete Ansatzpunkte für meine Arbeit bieten sich in den Werken der Literaturwissenschaftlerin und -didaktikerin Rösch, die für Wintersteiner „die wichtigste Stimme einer transkulturellen Literaturdidaktik“ ist. Rösch berücksichtige „als eine der wenigen AutorInnen nicht nur den Diskurs der Vielfalt, sondern auch den Diskurs der Macht“, und beuge damit einer „kulturalistischen Vereinseitigung der transkulturellen Debatte“ vor.21 Wintersteiner beklagt z.B., dass Multikulturalität und Mehrsprachigkeit im Literaturunterricht hinlänglich als Lernbedingung, nicht aber als Lernziel betrachtet und somit immer noch hauptsächlich als spezielles Problem 18 Wintersteiner, 2006b, S. 21. Wintersteiner bezieht sich auf den Artikel Das interkulturelle Paradigma in Deutschdidaktik und Pädagogik. Nach Rösch führt die Orientierung an einem multiplen Identitätskonzept zur Ausprägung dieser Pädagogik der Vielfalt, die die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft nicht nur positiv besetzt, sondern im Schulunterricht auch konstruktiv zu entfalten versucht (Rösch, 2001, S. 111). 19 Wintersteiner kann sich durchaus einen „nüchternen“ oder „selbst-bewussten“ Kanon vorstellen, der nicht auf „Heiligsprechung“ aus wäre, sondern der sich „sowohl des (immer fragwürdigen) Aktes der Normsetzung als auch seiner Zeitgebundenheit und Konstituiertheit bewusst ist.“ (Wintersteiner, 2006a, S. 104) 20 Fremdsprachige Titel, die Wintersteiner gerne in den Focus rücken würde, kommen für die Jüngsten eher weniger in Betracht. Nach Kampmann hat der Anteil der Übersetzungen auf dem Buchmarkt zugenommen (womit sich der Blickwinkel tendenziell erweitern würde). Nach Zahlen des Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat sich die Anzahl an Übersetzungen ins Deutsche jedoch seit Jahren auf einem Niveau von um die 11.000 Titel eingependelt. Zudem unterliegt die Auswahl der Übersetzungstitel wieder der (Markt-)macht bzw. den Verlagen. Dem Blick über den nationalen Tellerrand förderlich ist sicher der von Kampmann genannte Internetversand, der den Bezug von fremdsprachigen Verlagserzeugnissen erleichtert und somit eine Internationalisierung der Kanones in bislang ungekanntem Maß ermöglicht (Kampmann, 2011, S. 19, Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., 2013, S. 94ff). Auch multi- oder crossmediale Publikationsansätze (also das zur Verfügung stellen von Verlagsprodukten oder Content nicht nur in Print, sondern auch in elektronischer Form) wird diese Entwicklung sicher befördern. Zu beachten wäre, dass es durchaus wieder marktbedingte und kulturelle Unterschiede im Publizieren elektronischer Medien gibt. 21 Wintersteiner, 2006a, S. 43f. 6 der (mehrsprachigen) Migrant_innen gesehen würde, und nicht als generelle Herausforderung und Leitlinie für alle.22 Wintersteiner teilt die Wahrnehmung seiner Kollegin, die die Pluralität unserer Gesellschaft und den fortschreitenden Prozess der Globalisierung benennt, und der es um eine Reflexion der Schule, der Hochschule und der Deutschdidaktik aus der Perspektive von Multiethnizität, Multikulturalität, Multilingualität und auch „Multiliteralität“ geht.23 Rösch verbindet in ihrer Arbeit verschiedene literaturdidaktische Ansätze zu Unterrichtskonzepten, die den literarischen und pädagogischen Doppelbezug der KJL nutzen, und dabei eine pädagogische Lesart verfolgen. Ihr geht es u.a. darum, „Multi-Kulti-Idyllen auf gesellschaftlicher und globaler Ebene vor dem Hintergrund von Dominanzverhältnissen zu entschlüsseln“ und „nach Literatur zu suchen, die einen Beitrag zum interkulturellen Diskurs leistet, nicht indem sie durch die Welt wandert, sondern indem sie sich diesem Diskurs bereits auf der Ebene der Textproduktion stellt.“24 Rösch kritisiert Unterrichtskonzepte, die in landeskundliche Einheiten abgleiten, und wünscht sich Modelle, die Schüler_innen einen Eindruck davon verschaffen, dass (ihre) Vorstellungen nicht weltweite Gültigkeit beanspruchen können.25 Statt Literatur mit (offensichtlichen) interkulturellen Momenten für eine interkulturelle Erziehung zu funktionalisieren, will sie mit Hilfe der Dekonstruktion hinter die Machart von Texten blicken und entschlüsseln, wie Sichtweisen auf die Welt in ihnen konstituiert sind.26 Statt der häufig proklamierten Empathie (ein empathischer Zugang suggeriere z.B., Weiße könnten sich in die Lage von Schwarzen versetzen) und einem „Mitleiden“ fordert sie die Reflexion von historischen, politischen usw. Entwicklungen.27 22 Ebenda, S. 41. Ausdruck der kritisierten ethnozentrischen Sichtweise und Problematisierung sowie eines Machtgefälles sind u.a. die in Kapitel 4 exemplarisch vorgestellten Problembücher Milchkaffee und Streuselkuchen und Amira, du gehörst zu uns! oder das kürzlich zur Schullektüre ‚aufgestiegene‘ Jugendbuch Wohin ich gehöre, das den vermeintlichen Identitätskonflikt einer jungen Deutsch-Türkin thematisiert. In diesem Kontext nicht ungenannt bleiben dürfen die damit verbundenen Lehrerhandreichungen, wie sie z.B. zu Meine Oma lebt in Afrika angeboten werden. 23 Eine Wortneuschöpfung, die sie 1998 auf dem Symposion Deutschdidaktik in Siegen in den Raum stellt (Wintersteiner, 2006a, S. 41f). 24 Rösch, 2000a, S. 129f. 25 Ebenda, S. 111. 26 Ebenda, S. 44–48, 78. Rösch weist im Übrigen auch auf darauf hin, dass selbst das hinlänglich bekannte Analyseinstrumentarium euro- oder germanozentrisch ist (ebenda, S. 136). 27 Ebenda, S. 167. 7 Einen weiteren, für meine Arbeit sehr wichtigen Impuls habe ich durch Gerhard Haas erhalten, der in seinem Artikel Das Elend der didaktisch ausgebeuteten Kinder- und Jugendliteratur an diejenigen appelliert, die von Berufs wegen nach Texten suchen, die sie didaktisch nutzen können. Sie sollten doch bitte „das altehrwürdige Lesebuch wieder in seine ursprüngliche Form einsetzen, es als Exempelsammlung [..] gestalten, oder aber auch Textstücke bzw. –passagen ihrer Wahl unter den gewünschten Fragestellungen“ zusammenstellen und behandeln.28 Nach welchem Raster wären die Texte meiner Stichprobe – insgesamt 123 Kinder- und Jugendbücher29 – in ein solches Lesebuch einzuordnen? Kann ein Instrumentarium, ein Bezugsrahmen oder zumindest eine Orientierungshilfe entwickelt werden, den jeweils aktuellen Bestand an KJL aus interkultureller Perspektive zu klassifizieren und zu bewerten? Und zwar nicht nur für den institutionellen, sondern auch den privaten Gebrauch?30 Dieser Herausforderung stelle ich mich mit meiner Arbeit: Basierend auf den Forschungen und Erkenntnissen der Interkulturellen Literaturdidaktik wird herausgearbeitet und exemplarisch aufgezeigt, was (gute) interkulturelle KJL31 auszeichnet (Kapitel 2): Nach einer knappen Darstellung genereller (Wirkungs-)erwartungen von Pädagog_innen und Didaktiker_innen an die KJL sowie einer einführenden Beschreibung der Kommunikationsteilnehmer_innen (Buch, Rezipient_in, Vermittler_in, Autor_in) zeichne ich die Entwicklung der Disziplin in (West-)Deutschland seit den 1960er- Jahren nach. Ich zeige den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Diskursen („Gastarbeiterproblem“ bis „Integration“) 28 Haas, 2003, S. 237. Mit dem Ansatz einer Sammlung an Beispielen und Textauszügen würde auch ein Problem gelöst, mit dem ich bei der Suche nach aktueller Literatur immer wieder konfrontiert werde: Auf Grund der immer kürzer werdenden Lebenszyklen der KJL sind viele Texte, die in der Fachliteratur positiv besprochen wurden oder die mir als geeignet erscheinen, oft schon vergriffen. 29 Zur Recherche wurden u.a. genutzt: Der Online-Zugang der Deutschen Nationalbibliothek (http://www.dnb.de/), der öffentliche Web-Zugang zur Bibliothek für Jugendbuchforschung der Goethe Universität Frankfurt am Main (http://www. uni-frankfurt.de/fb/fb10/jubufo/DigBib_-_publ_ac/index.html), Verlagsprospekte und Programmvorschauen der hinlänglich bekannten Kinder- und Jugendbuchverlage (vgl. z.B. http://www.avj-online.de/mitglieder/mitgliedsverlage/ oder http://www. jugendliteratur.net/links_verlage.html) sowie Gespräche mit Buchhändler_innen und Verlagsmitarbeiter_innen im Rahmen der Frankfurter Buchmesse 2013. 30 Das Kinderbuch als Geschenk erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit, die Fragestellung hat daher hohe Relevanz (vgl. Kapitel 3.1.2). 31 Ein Kriterienkatalog wird insbesondere in Anlehnung an die Forschungen von Heidi Rösch in Kapitel 2.4.1 abgebildet. Wann immer in dieser Arbeit von „guter“ interkultureller KJL die Rede ist, beziehe ich mich auf die in dem eben genannten Kapitel dargestellten Kriterien. 8 und den jeweiligen Fachdiskursen bzw. präferierten oder proklamierten pädagogischen Ansätzen. In meiner Arbeit spanne ich den Bogen von Pepino (1967), dem ersten Gastarbeiterkind in der deutschsprachigen KJL, bis hin zu Dilip (2012), einem erfolgreich integrierten (so würde man wohl hinlänglich sagen) Jungen mit nicht-deutschen Wurzeln. Wie sich die Entwicklung von Ülkü, dem fremden Mädchen (1973), bis hin zu Lola, dem frechen Mädchen (2004) binnen dreißig Jahren vollziehen konnte, kann mit Interesse verfolgt werden. Ich mache zum Abschluss von Kapitel 2 kenntlich, welche Diskursposition, welche Haltung ich vertrete, da diese (bewusst oder auch unbewusst) auf Textauswahl und Analyseschwerpunkte einwirkt(e), und meine Ergebnisse – in Abhängigkeit von individuellem Erfahrungsschatz und persönlicher Weltanschauung – für den einen oder anderen Leser bzw. die eine oder andere Leserin unter Umständen provokant wirken mögen.32 Welche Rolle die Kommunikationsteilnehmer_innen (Akteure) auf der Ebene von Wissensproduktion und Wissensvermittlung spielen und welche Rahmenbedingungen bei der Analyse des (verfügbaren und ausgewählten) Textkorpus auf der intra- und transtextuellen Ebene ‚mitgedacht‘ werden müssen, wird in Kapitel 3 reflektiert. Die heutigen Umsatzträger_innen heißen nicht mehr Hanni & Nanni, sondern Nina, Finja und Sina, und statt Internatsgeschichten verkaufen sich Au-Pair-Aufenthalte 32 Ich beziehe mich auf die Reaktionen eines pensionierten Grundschulpädagogen. Diesem hatte ich einige Seiten der Rohfassung dieser Arbeit zur Sprachkorrektur übermittelt. Da es mir lediglich um Fragen der Rechtschreibung und Grammatik ging, hatte ich ihn nicht großartig zu meinen Thesen ins Bild gesetzt. „Kinderbücher und interkulturelle Themen“, so etwas in der Art muss ich wohl gesagt haben. Nicht bedacht hatte ich, dass sich der ehemalige Lehrer in seiner Berufspraxis, wohl zu einer Zeit, in der ich noch fleißig das Tempora mutantur. . . übte, offensichtlich intensiver mit der von mir kritisch beleuchteten Problemliteratur beschäftigt haben muss. Der sonst sehr freundliche und ausgeglichene Herr reagierte äußerst irritiert, fast echauffiert auf meine Thesen und die Nennung ihm unbekannter Autor_innen und Perspektiven. Nazli Hodaie z.B., geboren 1974 im Iran, in etwa mein Jahrgang, war ihm besonders suspekt. Meine Aussagen entsprächen „halt dem derzeit angesagten Zeitgeist“, konnte er sich schließlich beruhigen. Ich selbst verstehe meine Position nicht als vielleicht vorüberziehende Laune, sondern als Haltung. Unter Haltung versteht Foucault ein „‚philosophisches Ethos‘“, aus dem heraus eine Kritik vorgenommen werden kann“ (Jäger/Zimmermann, 2010, S. 63). Nach Jäger/Zimmermann (ebenda, S. 45) ergibt sich für die Diskursanalyse das Problem, dass die „Bestimmung einer bestimmten Diskursposition einerseits für die Ausrichtung des Untersuchungscorpus von Bedeutung ist, andererseits aber erst Ergebnis der Analyse sein kann.“ Wie sich meine eigene Erwartung an KJL bzw. an den damit verbundenen Literaturbetrieb im Laufe der Beschäftigung mit dem Themenbereich entwickelt hat, wird immer wieder kurz thematisiert. 9 und Sprachurlaube. Übersetzungen aus Afrika oder Lateinamerika erhalten kaum Eintritt in den deutschsprachigen Markt und kommen auf der kinderliterarischen Landkarte immer noch fast ausschließlich als Abenteuerkulisse vor. Die Leserschaft jederzeit ‚bei Laune‘ zu halten, sichert das Überleben der Verlage: Ich zeige auf, welch große Relevanz das Kinder- und Jugendbuch für den Herstellenden und stationären Buchhandel33 als Branche hat, unter welchem kommerziellen Druck Verlage stehen, wer Kaufentscheidungen trifft und welche Faktoren diese positiv beeinflussen (bestimmte Themen, Aufmachung etc.).34 Es wird herausgearbeitet, welche Akteure unter welchen Bedingungen den Diskurs bestimmen. In Kapitel 4 untersuche ich, welche Tendenzen oder Gesetzmäßigkeiten sich ableiten lassen, legt man die (in Kapitel 2) erarbeitete Schablone – gespiegelt mit den Markt- oder Rahmenbedingungen (Kapitel 3) – auf das aktuelle Buchangebot. Dabei verstehe ich KJL als literarische Texte, die im Sinne der Kultursemiotik „kulturelle Objektivationen“, also „Bestandteil der materiellen Dimension einer Kultur“35 sind, die als literarische Narrative „zentrale kulturelle Ausdrucksformen [sind], die wesentlich zur Selbstdeutung und Sinnstiftung einer Kultur beitragen“36, und denen durch ihr Charakteristikum einer Vermittlerliteratur eine besondere Bedeutung zukommt. In Anlehnung an die Kritische Diskursanalyse, wie sie von Siegfried Jäger und Jens Zimmermann vertreten wird, ziele ich auf die „Ermittlung von Aussagen“, indem ich auf Ebene der KJL „Diskursfragmente gleicher Inhalte, getrennt nach Themen und Unterthemen, empirisch auflist[e] und 33 Mit „Herstellender Buchhandel“ sind Verlage bezeichnet. Als Branchen- Ordnungsbegriff wird „herstellend“ i.d.R. groß geschrieben. „Stationär“, den Buchhandel vor Ort beschreibend, wird zumeist klein geschrieben. 34 In Bezug auf politische Diskurse kann festgestellt werden, dass soziale Akteure „im Ringen um Hegemonie darum bemüht [sind], ihre eigenen Interessen und Anliegen im Namen einer Nation, einer Ideologie oder einer Werteidee als gemeinsame Anliegen bzw. als Gemeinwohl darzustellen“ (Mikfeld/Turowski, 2014, S. 25). Eine hegemoniale Strategie kann darin bestehen, die Elemente des „Alltagsverstand[s]“ zu adressieren, die mit dem eigenen Diskurs konform gehen (ebenda, S. 25f). Lehrpläne werden von Kultusministerien verabschiedet, zumindest für den Bereich der Schullektüre kann die These eines Zusammenhangs zwischen Machtinteressen und Wissensproduktion aufgestellt werden. Es geht mir darum, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass „Wirklichkeit“ produziert und (gesteuert) vermittelt wird (vgl. Jäger/Zimmermann, 2010, S. 14), dass über die Institutionen Verlag und Schule die Position junger Menschen zu Fragen des interkulturellen Mit- oder Gegeneinander also bewusst beeinflusst werden (können). 35 Vgl. Erll/Roggendorf, 2002, S. 77. 36 Ebenda. 10 deren Inhalte und Häufungen sowie ihre formalen Beschaffenheiten“ zu erfassen und zu interpretieren versuche.37 Welche „Wissenskerne“ können identifiziert werden? Schwarze scheinen, glaubt man gemeinhin der KJL, ständig guter Laune zu sein, sie freuen sich fast kindisch – warum und worüber eigentlich?! Wegen ihres kindlichen Gemüts?38 Außerdem, so ist ein ums andere Mal zu lesen, stehen sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor dem Spiegel, um ihre Hautfarbe zu reflektieren. Statt schwerpunktmäßig Michael Ende und Otfried Preußler posthum noch laufend ins Werk zu greifen und ihnen „das N-Wort“ aus den Manuskripten zu radieren, wäre es zielführender, öffentlich darüber zu diskutieren, warum Schwarze ständig mit dem Hinweis auf ihre „platten Nasen“ und ihre „funkelnden Zähne“ beschrieben werden müssen. Dafür sollten Lektor_innen sensibilisiert werden, statt sich (als Branche) an Jim Knopf zu vergehen und ansonsten immer wieder die gleiche Buchstaben-Suppe aufzukochen, die offenbar nach dem Geschmack von Exotik, praktisch einen Schuss Maggi-Würzsoße verlangt, damit die Verkaufszahlen stimmen. Es stellt sich also die Frage: Welche „Argumente, Inhalte, Bauformen, Topoi etc. ‚wirken‘ [möglicherweise] durch ständige Rekurrenz und tragen so mit dazu bei, Bewusstsein zu formieren und damit Machtwirkung auszuüben“?39 Sind ‚die Anderen‘ wirklich so anders? Warum muss das Fremde und Andere ständig als das Nicht-Eigene präsentiert und als Idee verfestigt werden? Wer schreibt (absichtlich oder unreflektiert) was von wem ab? Wer bezieht sich auf wen und wer widerspricht? Ist Dilip, der zurückhaltende 37 Jäger/Zimmermann, 2010, S. 16. Es werden – da ich mich auf aktuell (noch) lieferbare KJL konzentriere – weniger Diskurse vollständig nachgezeichnet als vielmehr herausgestellt, welche Themen und Weltsichten aktuell besonders präsent sind. 38 Pointiert bringt das der in dieser Arbeit noch häufiger zitierte Kabarettist und Autor von Singen können die alle! Handbuch für Negerfreunde (2013), Marius Jung, auf den Punkt, der auf die Frage, ob der damalige Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland Heinrich Lübke wie überliefert Anfang der 1960er-Jahre die Bevölkerung Liberias mit „Meine Damen und Herren, liebe Neger!“ begrüßt hatte, meint: „Es ist nicht historisch belegt [...]. Ich, als Neger, wäre ihm nicht mal böse gewesen deswegen. Ich hätte meine strahlend weißen Zähne gebleckt und herzlich gelacht. Wie ein Kind halt. Ist das nicht nett?“ (Jung, 2013, S. 7, 11) 39 Vgl. Jäger/Zimmermann, 2010, S. 19. Der Begriff „Topos“ beschreibt zum einen kulturelle Stereotype, die kollektiv tradiert und benutzt werden, wie auch ein „beliebig und relativ unangefochtene verwendbares Argument als Ausdruck kollektiver Erfahrungen“ (ebenda, S. 20, 119). Christina Stein beschreibt Topoi als „globale Argumentationsmuster, die in Diskursen immer wieder auftauchen“ (Stein, 2012, S. 24). Die Argumente müssen dabei „nicht unbedingt etwas mit Wahrheit oder Logik zu tun [haben], sondern sie müssen nur plausibel und überzeugungskräftig sein.“ (Ebenda, S. 26) 11 Hochbegabte die Antwort auf Paule, den Glücksgriff ?40 Wie werden interkulturelle Begegnungen inszeniert? Wird die Differenz zwischen Eigenem und Fremdem ‚festgeschrieben‘ und können „imperialistische und eurozentristische Wahrnehmungsschemata sowie stigmatisierende Konstruktionen des ‚kolonialen Anderen‘“ festgestellt werden?41 Welche Konzepte ‚des/der Anderen‘ sind auffindbar und welche Thesen können daraus über Weltsicht und Identität(swunsch) von Autor_innen oder der Gesellschaft aufgestellt werden? Welche (neuen oder) gegenläufigen Strategien der Wirklichkeitskonstruktion können identifiziert werden und wer kommt (als Autor_in oder handelnde Figur) überhaupt zu Wort? Kurz gesagt interessiert: Wer spricht wie über wen? Exemplarisch zeige ich auf, wie Genre-Literatur, auch als „Formular- Fiction“ bezeichnet, im interkulturellen Jugendbuch häufig ausgestaltet ist und somit einen Beitrag zu aktuellen Weltbildern leistet. Hierfür analysiere ich die Raumsemantik entsprechender Neuerscheinungen aus 2012 und 2013 und sehe mir an, mit welchen Lexemen, Symbolen und Metaphern die Autor_innen arbeiten. Dem gegenüber stelle ich mit Seidenweg (2012) die Analyse eines Jugendbuchs, das sich intelligent und differenziert in die Sarrazin-Debatte42 ‚einmischt‘, und dessen Autorin gegen klischeehafte Darstellungen von muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern ‚anschreibt‘ (Kapitel 4.1.2). Die geringste Erkenntnis: Auch Mitbürger_innen türkischer Herkunft essen nicht immer nur Ziegenkäse und Oliven, sondern auch mal ein Sandwich, und legen nach einem anstrengenden Arbeitstag, auf dem Sofa sitzend – statt ständig auf dem Boden hockend – auch mal die Füße hoch. Einfühlsam und nachvollziehbar stellt die Autorin Çelik dar, welche Auswirkungen diskriminierende Aussagen und Handlungen auf die – in ihrem Werk dargestellte – marginalisierte Gruppe der Migrant_innen haben können. Dass komplexere Erzählungen und differenziertere Sichtweisen nicht allein dem Jugendbuch vorbehalten sind, sondern auch schon im Kinderbuch vorgefunden werden können, zeige ich am Kinderroman Dilip und der Urknall und was danach bei uns geschah, einer Neuerscheinung 40 Ich spiele an auf Naoura, 2012 und Boie/Brix III., 2010. 41 Zu den Fragestellungen einer Postkolonialen Erzähltheorie vgl. Birk/Neumann, 2002, S. 118f. 42 Der Vorabdruck von Auszügen aus Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab im Spiegel und in der Bild am 23.08.2010 stellte ein Diskursives Ereignis dar und löste eine öffentliche Debatte um Migration und Integration aus (vgl. z.B. Stein, 2012, die mit Die Sprache der Sarrazin-Debatte eine diskursanalytische Untersuchung der Debatte aufgestellt hat). Sarrazin hatte sich in seinem Buch zu Themen wie Zuwanderung und Integration („Mehr erwarten, weniger bieten“) oder Demographie und Bevölkerungspolitik („Mehr Kinder von den Klugen, bevor es zu spät ist“) geäußert (Sarrazin, 2010, S. 255, 331) und damit eine kontrovers geführte Debatte losgetreten. 12 aus dem Jahr 2012, die mit dem kinderliterarisch bedeutsamen Motiv des „fremden Kindes“ arbeitet (Kapitel 4.2.1).43 Im Anschluss an die nach Diskursen strukturierte Analyse benenne ich Kriterien (im Folgenden Rasterpunkte) zur Evaluierung der Qualität interkultureller KJL, die auch von Nicht-Fachleuten genutzt werden können (Kapitel 5). Das heißt, ich versuche möglichst pragmatisch(e) Orientierungspunkte anzubieten, von denen aus interessierte Personen interkulturelle KJL betrachten können. Es wird u.a. abgeleitet, was die Handlungsorte Afrika, Orient und „westliche Welt“ (kinder)literarisch ausmacht, was Autor_innen-Profile aussagen, warum die Zubereitung von Nudelsalat im Rahmen eines produktionsorientierten Unterrichts interkulturell eher Mehrwert stiftet als das Nachkochen von Fufu, und weshalb der Peter Hammer Verlag trotz des im Sinne dieser Arbeit Negativ-Exempels Doro erste Wahl für interkulturelle Kinder- und Jugendliteratur ist. Um einer Schwarz-Weiß-Zeichnung vorzubauen, arbeite ich mit dem Begriff des Rasterpunktes. Damit entlehne ich einen Terminus aus der Drucktechnik. Will man Graustufen wiedergeben, muss die Vorlage gerastert werden. Je nach Rasterung ist das Ergebnis ein scharfer Kontrast oder ein differenziertes, abgestuftes Bild. Soll das Ergebnis ‚bunt‘ werden, braucht man lediglich vier Farben (4c-Druck). Die Rasterpunkte müssen dann nur noch im richtigen Winkel zueinander angeordnet werden, damit ein sauberes Druckergebnis erzielt wird. Auch ich werde mich auf vier Kriterien konzentrieren und versuchen, diese ins ‚rechte Verhältnis‘ zu setzen. Farbverläufe sind immer möglich, Moirés (man könnte sagen, irritierende Schatten) manchmal sogar gewollter künstlerischer Effekt. 43 Zu Motiv und Ausgestaltungen vgl. z.B. Kümmerling-Meibauer, 2003, S. 220–229. 13 2 Stand der Forschung Frau Fachlehrerin Gruber war ohne Zweifel eine tolle junge Frau, denn sie schaffte es mit ihrer freundlichen und humorvollen Art, Ordnung und Struktur in diesen bunten Haufen lautstarker, äußerst temperamentvoller Kinder zu bringen. Lawson/Behrens, Leaving Ararat : Abenteuer Einwanderung 2.1 Forschung mit oder zu Nebenwirkungen? Der Arbeit liegt die Vorstellung zugrunde, dass literarische Texte ihre Leser_innen nicht ganz unberührt lassen, die Beschäftigung mit Büchern sogar Weltbild und Wertvorstellungen nachhaltig prägen kann. Dass Kinderliteratur zumindest das Potenzial einer Wirkung hat, erforschte Michael Sahr Ende der 1970er-Jahre. Sahr griff für seine Forschungen auf die Lerntheorie und die Kommunikationstheorie zurück, stellte den Lesewirkungsprozess als Kommunikations- und Lernprozess dar und verband die beiden Konzepte in einer Synthese. Als Ergebnis seiner Arbeit entwickelte er wirkungspädagogische und wirkungsdidaktische Hinweise, also Handlungsmöglichkeiten für z.B. Schulpädagog_innen.44 Meine anfänglich optimistische Sicht auf dieses Wirkpotenzial hat sich im Laufe der Arbeit relativiert und ist einer eher kritischen Beurteilung gewichen: Zu sehr sehe ich inzwischen Autor_innen und Verlage unter ‚Missbrauchsverdacht‘. Die Vernachlässigung der literarischen Perspektive auf die KJL wird tatsächlich nicht selten beklagt.45 Kinder- und Jugendliteratur, so die Verfechter einer literarischen Sichtweise, würde fast ausschließlich auf ihre didaktische Nutzbarkeit hin analysiert und gewürdigt. Dieser Tradition möchte ich mich nicht anschließen. 44 Sahr, 1981, S. 4ff. 45 Vgl. auch Seite 3. Oft zitiert wird die sog. Haas-Hurrelmann-Debatte. Haas kritisierte in der Zeitschrift Praxis Deutsch die Nutzung von Kinder- und Jugendbüchern als pädagogische Gebrauchsgegenstände, wogegen Bettina Hurrelmann die Position vertrat, dass KJL „eine wichtige Quelle der Erziehungs- und nicht der Literaturgeschichte“ sei (vgl. z.B. Sahr, 2001, S. 41). 15 KJL hat nach Kaspar H. Spinner erstmals in der Spätaufklärung eine größere Rolle in Erziehung und Unterricht gespielt.46 Die Idee einer pädagogischen Nutzbarmachung ist also an sich nichts Neues. Etwa in den 1970er-Jahren hat jedoch die problemorientierte KJL Einzug in den Schulunterricht gehalten. Lehrer_innen sahen (und sehen) im Problembuch ein Format, das Schüler_innen beim Erfassen und Bewältigen der eigenen Lebensschwierigkeiten helfen kann, und das sich als Anstoß für Problemgespräche und -diskussionen eignet.47 Sahr selbst plädierte noch 2001 dafür, die Wirkung, die von solcher Lektüre ausgehen könnte, nicht gering zu schätzen (i.S.v. niedrig ansehen). Die lesenden Kinder in schwierigen Lebenslagen erhielten Orientierungs- und Artikulationshilfen, vom Schicksal weniger gebeutelte Kinder könnten für die Sorgen und Nöte ihrer Schulkamerad_innen sensibilisiert werden und ihren Erfahrungshorizont erweitern. Was das Spannungsfeld Ästhetik vs. Pädagogik angeht, wünschte er selbst sich eine „Mittelposition“ (sic).48 Sahr sah zum Zeitpunkt der Fertigstellung seiner Monographie Wirkung von Kinderliteratur (1981) die Lesewirkung als wissenschaftlich vernachlässigtes Forschungsgebiet, dem er hohe pädagogische Relevanz zusprach. Er stellt in seiner Einführung „Zur Wirkungsproblematik“ ein deutlich gesteigertes Interesse für Wirkungsfragen in der damals aktuellen Diskussion fest.49 Eine Parallele zum Kindheitsbild der damaligen Zeit und zur Popularität des Problembuchs ist für mich nicht von der Hand zu weisen. Für seine Untersuchungen hat Sahr ein literaturpädagogisches Kommunikationsmodell entwickelt und als Grundelemente bzw. Einzelfaktoren im 46 Vgl. Spinner, 2012, S. 508ff. 47 Einen Ausschnitt zur Geschichte des Problembuchs bietet der Artikel Schock- Kinderliteratur: Pädagogische Horrorshow von Judith Liere: „Kindsmord, Massaker, nukleare Mutanten: Gudrun Pausewang traumatisierte in den Achtzigern mit drastischen Büchern über Atomkrieg und Umweltverschmutzung eine ganze Schülergeneration. einestages erinnert an die grausigsten Schock-Romane, die uns damals um den Schlaf brachten und Lehrer entzückten.“ http://www.spiegel.de/einestages/ die-letzten-kinder-von-schewenborn-horror-schocker-kinderliteratur-a-959122.html (zuletzt geprüft am 16.08.2014) 48 Sahr, 2001, S. 41ff. 49 Sahr, 1981, S. VIII–5. 16 Wirkungsprozess das Medium „Buch“, den „Rezipient: Leser“, den „Kommunikator: Autor“ und als Person(en), die als selektierende und/oder intervenierende Instanz(en) eingreifen, den oder die „Vermittler“ unterschieden.50 Das Modell ermöglicht, Wirkhypothesen und -prozesse zu beschreiben. Für diese Arbeit ist es zudem von großem Wert, um die Teilnehmer im Literaturbetrieb zu benennen und einzuordnen: Mit „Leser“ meint Sahr ein ganz bestimmtes Kind, das in ein spezifisches soziales und situatives Umfeld eingebettet ist. Dieses Kind verfügt über bestimmte Erfahrungen, hat spezielle Erwartungen und geht daher mit individuell unterschiedlichen Selektionsmustern an ein Textangebot heran.51 Irene Ofteringer weist in ihrem Beitrag Wie begegnen Schülerinnen und Schüler einem fremden Text? zur Beschäftigung mit Literatur im Schulkontext darauf hin, dass die Einbeziehung der subjektiven Perspektiven der Lerner_innen in den didaktischen Prozess ermögliche, „unterschiedliche Herangehensweisen an Texte nachvollziehend zu verstehen, ‚Blockaden‘ zu vermeiden bzw. zu entdecken und durch Reflexion abzubauen, um das didaktische Potential literarischer Texte im [hier] Fremdsprachenunterricht fruchtbar machen zu können.“52 Einige Spezifika des Mediums „Buch“, die Sahr 1981 als Stand des Wissens zusammenfassend nach J.T. Klapper (1969) zitiert – so verlange das gedruckte Wort „von Lesern einen höheren Grad an aktiver und kreativer Teilnahme als die übrigen Medien“53 –, hat Rösch in ihren Entschlüsselungsversuchen zumindest relativiert: Audiovisuelle Medien würden nicht weniger, sondern andere Imaginationen anregen, andere Leerstellen schaffen und andere Akzente setzen (müssen).54 Was nach wie vor gilt, ist, dass das gedruckte Wort bei vielen Menschen ein höheres Prestige hat als andere Medien.55 Nach Sahr ist der „Autor“ – wie auch der Leser – in einen ganz bestimmten sozialen und situativen Zusammenhang integriert, von ganz bestimmten politischen, religiösen, ökonomischen, kulturellen u.a. Gegebenheiten geprägt, denen er selbst beim Schreiben unterworfen ist. Der Autor, so 50 Vgl. ebenda, S. 21ff. Sahr verwendet seiner Zeit entsprechend ausschließlich die männliche Form, was im Folgenden von mir – nicht zuletzt der Lesbarkeit wegen – so übernommen wird. 51 Vgl. ebenda S. 25. 52 Ofteringer, 1995, S. 107. 53 Vgl. Sahr, 1981, S. 18. 54 Vgl. Rösch, 2000a, S. 89ff. 55 Vgl. z.B. die Print wirkt!-Kampagne des VDZ (Verband Deutscher Zeitschriftenverleger e.V.), http://www.printwirkt.de/ (zuletzt geprüft am 16.08.2014) oder was Nutzungsgewohnheiten angeht Henzler/Kern, 2014, S. 4. 17 Sahr, verfolge mit seinen Texten bewusst oder unbewusst bestimmte Ziele und Wirkungsabsichten.56 Beide Aspekte werden im Laufe der Arbeit diskutiert. Erstens: Können Kinderbuchautor_innen57 nach ihrer sozialen und situativen Herkunft ‚klassifiziert‘ werden, und kann man Aussagen treffen, welche Arten von Texten (i.d.R.) von wem zu erwarten sind? Ggf. auch abhängig von dem, was der Trend gerade verlangt oder was ‚der Markt gerade hergibt‘? Und zweitens: Welche (Neben-)wirkungen sollen oder können mit Textangeboten erzielt werden (immer in Abhängigkeit von der rezipierenden Person)? Sahr unterscheidet nach den Wirkungsbereichen Wissen, Einstellungen und Verhalten.58 Lesewirkung kann nach Sahr nicht als „kausalisches Verhältnis“ verstanden werden, „ist kein ‚Ereignis‘, das zwangsläufig, schlagartig und radikal eintritt.“ Sie verlaufe „eher im Sinne von Spurenelementen, die – wenn überhaupt – fast unmerklich langsam und oft nur Akzente verschiebend ihre Einflüsse geltend macht.“59 Die Frage, was sich die Literaturdidaktik von der KJL verspricht, und mit welchen Herangehensweisen Pädagogen als „Vermittler“ sich dem Thema Interkulturelle Literaturdidaktik annähern, ist integraler Bestandteil dieser Arbeit. Lernziele und -inhalte lehnen sich, wie oben diskutiert, jeweils an den aktuellen gesellschaftlichen (und wissenschaftlichen) Diskurs an. Verfestigt sich möglicherweise ein an sich überholter Diskurs durch seine Präsenz im schulischen (Gewohnheits-)Kanon? Werden Kinder hier und heute (immer noch) durch Literatur indoktriniert?60 Und wer entscheidet darüber, was ‚im Schonraum‘ der privaten Lektürepraxis an Literatur überhaupt verfügbar ist? 2.2 Gesellschaft, Erziehung und Literaturdidaktik Karl Esselborn beschreibt die deutsche Literaturdidaktik als eine eigene Disziplin „im Spannungsfeld von Fachwissenschaft, Schule, Bildungs- und 56 Sahr, 1981, S. 25f. Vgl. auch Kapitel 5 in dieser Arbeit. 57 Kinderbuch wird oft gleichbedeutend mit KJL verwendet, die Grenzen zwischen Kinder- und Jugendbuch sind fließend. Für statistische Zwecke wird hierzulande zwischen Literatur für das Lesealter bis 11 Jahre und ab 12 Jahre unterschieden. Im Englischen spricht man z.B. von Children’s and YA (Young Adult) Literature, die eher imaginäre Grenze wird hier altersmäßig etwas nach oben verschoben. 58 Sahr, 2000, S. 156ff. 59 Ebenda, S. 158. 60 Zur Indoktrinierung über KJL vgl. u.a. Richter/Vogt, 1979, Die heimlichen Erzieher : Kinderbücher und politisches Lernen. Ich spiele nicht nur auf Kolonialliteratur oder die des Nationalsozialismus an, sondern auch auf die alltägliche und eher beiläufige gedankliche und weltanschauliche Beeinflussung durch KJL, wie sie von den Autor_innen des genannten Herausgeberwerks für die 1970er-Jahre analysiert wurde. 18 Lerntheorien“.61 Die Literaturdidaktik will zum einen eine positive Einstellung zum Lesen vermitteln. Die Disziplin kann zum anderen, so Kaspar H. Spinner, einen Beitrag im Hinblick auf die Entwicklungsaufgaben leisten, die den Heranwachsenden gestellt sind.62 Teil der moralischen Entwicklung sei dabei die Förderung von Empathie und Fremdverstehen. Die Literaturdidaktik unterstützt nach Hannelore Daubert ihre jungen Leser im Prozess der Entwicklung von persönlicher und sozialer Identität.63 Für diese Arbeit, die Text- und Produktionsanalyse fokussiert, bietet sich die Sichtweise von Rösch an, die unter Didaktik eine Wissenschaft des Lehrens und Lernens versteht, in der – aus literaturdidaktischer Sicht – Fragen des Lehrens und Lernens ins Zentrum der Literaturanalyse gestellt werden.64 2.2.1 Literaturdidaktik und Interkulturelle Pädagogik Die Fragen und Entwicklungen einer Interkulturellen Literaturdidaktik sind eng mit gesellschaftspolitischen Konzepten (oder nach Arnd-Michael Nohl den „gesellschaftstheoretischen Hintergrundannahmen“65) und den daraus resultierenden Zielsetzungen einer Interkulturellen Pädagogik verschränkt. Ein kurzer Exkurs zu dem sich wandelnden Gesellschaftsbild und der (gleichlaufenden) Entwicklung der Interkulturellen Pädagogik ist daher an dieser Stelle angebracht: In welcher Gesellschaft wir zu leben glauben, bestimmt die Zugrundelegung bestimmter Konzepte der Interkulturellen Pädagogik.66 Nach Wintersteiner standen z.B. in den 1960er-Jahren die sog. Gastarbeiter_innen, von denen man jedoch erwartete, dass sie in ihre Heimatländer zurückkehren würden, im gesellschaftspolitischen Fokus.67 Sah die Pädagogik praktischen, aber nur punktuellen Handlungsbedarf, wurde das „Gastarbeiter- Thema“ in der Literaturdidaktik kaum wahrgenommen. Ab den 1970er- Jahren, als die Migrant_innen ihre Kinder nachholten, wurde eine „Ausländerpädagogik“ etabliert bzw. praktiziert, die das Ziel einer Assimilation verfolgte. Soziale Stabilität sollte durch gemeinsame Werte und Normen 61 Esselborn, 2010, S. 41. 62 Spinner, 2012, S. 513. 63 Daubert, 2012, S. 101. 64 Rösch, 2000a, S. 8. 65 Nohl, 2010, S. 14. 66 Ebenda, S. 14f. 67 Vgl. Wintersteiner, 2006a, S. 45. 19 erreicht werden.68 Für die 1980er-Jahre zeichnet Nohl in seiner systematischen Einführung Konzepte interkultureller Pädagogik (2010) eine Kontroverse zwischen Vertreter_innen einer Perspektive auf soziale Ungleichheit und Protagonist_innen einer Pädagogik, die für kulturelle Differenz sensibel war, nach. Erstmals wurde der Faktor „Kultur“ in die Migrationsdiskussion eingebracht, was das hinlängliche Bild von den Migrant_innen als Arbeitskräften, die nach Bedarf auch wieder zurückgeschickt werden konnten, relativierte. Aus der Arbeitsmigration wird zunehmend auch eine „Kulturmigration“.69 Langsam wurde „‚Interkulturelles‘ Lernen für die Neuankömmlinge“ populär, einer Mehrfach-Identität der Immigrant_innen sollte Respekt gezollt werden.70 Als von der Literaturdidaktik beobachtetes Spezialphänomen entwickelte sich in den 1970ern eine sog. „Gastarbeiter- Literatur“ und später dann eine von Wintersteiner als transkulturell bezeichnete Literatur, die v.a. von Immigrant_innen und Angehörigen von Minderheiten verfasst wurde. Als optimistisch-idealtypische Situation sieht Wintersteiner heute die gesamte Gesellschaft im Fokus und legt – ähnlich wie Nohl – als gesellschaftspolitisches Konzept eine Mehrfach-Identität (tendenziell) aller zugrunde. Für die Pädagogik sieht er (oder wünscht er sich) Interkulturelles und Globales Lernen für alle und proklamiert ein neues Verständnis von „Weltliteratur“.71 2.2.2 Die Entwicklung der Interkulturellen Literaturdidaktik In diesem Rahmen bewegt sich die Literaturdidaktik, bzw. hat sie sich seit den 1960er-Jahren entwickelt.72 Eine der wichtigsten Veränderungen in der Disziplin stellte nach Günter Lange die Erweiterung des Literaturbegriffs 68 Nohl, 2010, S. 22ff. 69 Ebenda, S. 53ff. 70 Wintersteiner, 2006a, S. 45. 71 Ebenda. 72 Meine Ausführungen konzentrieren sich an dieser Stelle auf die Entwicklungen in (West-)Deutschland. Eine knappe Einführung zum Kindheitsbild in der DDR und der Rolle der KJL als „bedeutendes Instrument der Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen im Sinne des Sozialismus“ bietet Nelke, 2010, S. 19ff. Ernst Seibert weist schon in der Einleitung zu seiner Monographie Themen, Stoffe und Motive in der Literatur für Kinder und Jugendliche (Facultas, Wien, bei UTB) auf nationalgeschichtliche Sonderentwicklungen hin und warnt davor, Ergebnisse des in Deutschland geführten Diskurses zur Theorie der Literatur für Kinder und Jugendliche ungeprüft auf die Entwicklungen oder den momentanen Stand (der Text stammt aus 2008) der österreichischen KJL zu übertragen (vgl. Seibert, 2008, S. 13). Beiträge österreichischer (oder Schweizer) Wissenschaftler_innen (so lehrt und forscht auch Wintersteiner in Österreich) sollen damit nicht ausgeklammert werden. An dieser Stelle sei lediglich dafür sensibilisiert, dass deutschsprachige KJL zwar ‚grenzenlos‘ 20 dar.73 In den 1970er-Jahren öffneten sich Literaturwissenschaft, -didaktik und Schule auch der Gegenwartsliteratur, der Trivialliteratur sowie Texten der auditiven und audiovisuellen Medien sowie der KJL. Nicht mehr ausschließlich die „qualitätsvolle KJL“ stand im Mittelpunkt, zunehmend wurde nun auch das „Recht auf Unterhaltung“ betont.74 Neue Fragestellungen und Methoden hielten Einzug in die Schule. Gleichzeitig wurde ein „Ausbrechen aus dem Schonraum Schule und das Hereinholen des gesellschaftlichen Ernstfalls in die Schule“75 propagiert: Der Literaturunterricht sollte zum „Spiegelbild des literarischen Marktes“ werden, dessen Formen und Gattungen sollten deswegen auch zum Gegenstand des Unterrichts werden. Nur so, war man überzeugt, könnten die Schüler_innen in dieser Gesellschaft für sich handlungsfähig werden. Zu dieser Zeit waren nach Beate Hurrelmann [...] alle möglichen Texte erwünscht und erlaubt für den Literaturunterricht. An den ‚guten‘ – das hieß damals hauptsächlich: sozialkritischen – Texten sollten Schülerinnen und Schüler ‚Emanzipation‘ lernen – an den weniger guten – und das waren mehrheitlich marktgängig-unterhaltende bis triviale Erzeugnisse – sollten sie die ideologiekritische ‚Entlarvung‘ versteckter Herrschaftsinteressen lernen.76 Somit standen in den 1970er-Jahren Gesellschaftskritik, Gesellschaftsveränderung durch die Schule und Ideologiekritik im Vordergrund der Betrachtungsweise. Die Schüler_innen sollten im Rahmen einer „Didaktik der Leseerzieher“ lernen, sich mit dem literarischen Markt und seinem Angebot kritisch auseinanderzusetzen. Bei der Erziehung zum „‚mündige[n] Leser‘“ ging man davon aus, dass die Kinder und Jugendlichen sich von Trivial- und Jugendliteratur „‚hinauf[.]lesen‘“ zur Dichtung. Die Vertreter der „ideologiekritische[n] Literaturdidaktik“ versuchten gegen die „bürgerliche“ KJL eine „aufklärerische“ zu etablieren, die sich nach Lange aber auf Grund ihres „oft doktrinären Charakters, ihrer mangelhaften Literarizität und ihres geringen Unterhaltungswertes nicht durchsetzen konnte.“77 verfügbar ist, die Produktion und Rezeption jedoch durchaus national unterschiedlich (motiviert) erfolgen kann. Bekannte österreichische Autorinnen, deren Arbeit(en) auch in dieser Arbeit gewürdigt werden, sind z.B. Christine Nöstlinger oder Renate Welsh. 73 Lange, 2005a, S. 942. 74 Spinner, 2012, S. 511. 75 Lange, 2005a, S. 944. 76 Hurrelmann, 2002, S. 137. 77 Vgl. Lange, 2005a, S. 944f. Zu den Defiziten in der Darstellungsleistung der (damals) neueren politisch engagierten KJL vgl. z.B. Hurrelmann, 1981. 21 Schulbücher und Jugendlektüre wurden damals konsequent auf ihre gesellschaftskritische Aktualität hin untersucht und es entstand eine breite neue Szene an antiautoritärer KJL, die „alle Probleme des Alltagslebens“ thematisierte.78 Zu dieser Zeit wurde auch das „Gastarbeiterproblem“ erstmals literarisch von der deutschen KJL aufgegriffen und in den Schulunterricht integriert. Gina Weinkauf schätzt, dass in den 1970er-Jahren im westlichen deutschsprachigen Raum etwa 1.000 entsprechende Titel erschienen sind.79 Die ersten Gastarbeiterkinder in der KJL Als das „wohl [..] erste Gastarbeiterkind der deutschsprachigen KJL überhaupt“ bezeichnet Weinkauf den Protagonisten Pepino aus Komm wieder, Pepino! (1967) der Schweizer Autorin Eveline Hasler.80 Es kann beobachtet werden, wie sich die Verlage jeweils werblich am Diskurs orientieren: Der Umschlagtext der Originalauflage bei Benzinger deutete noch an, dass Pepino, „ein kleiner Italienerjunge“ in der Schweiz das Mädchen Moni kennenlernt, das „ihm hilft, sich im fremden Land zurechtzufinden.“81 Auf dem Klappentext der Neuauflage von 1991 (Benzinger Edition bei Arena, Text unverändert, neu illustriert) wird hervorgehoben, dass besagte Freundin „ihm hilft, sich in der fremden Umgebung anzupassen.“82 Die 2007er-Ausgabe des Lehrmittelverlags des Kantons Zürich verzichtet auf einen Umschlag- oder Klappentext. 78 Vgl. Esselborn, 2010, S. 237. Als Beispiele antiautoritärer, um Emanzipation der Kinder bemühter Literatur nennen Dorner/Abels Fünf Finger sind eine Faust (1969) oder das NEIN-Buch für Kinder (1972) (Dorner/Abels, 1999, S. 350). Im NEIN-Buch für Kinder : „Hinterher ist man schlauer“ wird auch das Problem der Rassendiskriminierung thematisiert: Ilse Bilse, keiner will’se. Jeder darf sie haun. Ihre Haut ist nicht weiß, sondern braun. (Stiller/Kilian, 1974, S. 53, bzw. das Bildmotiv einschließend 52f.) Das Zitat stammt aus der 4. Auflage, 28.–40. Tausend, 1974. 79 Weinkauf, 2013, S. 38. 80 Beim Lehrmittelverlag des Kantons Zürich ist noch ein Lesebuch Komm wieder, Pepino! (2007) mit Illustrationen von Valérie Losa erhältlich. Das Kinderbuch wurde in Deutschland zuletzt 1995 aufgelegt und ist inzwischen (oder aktuell) vergriffen. 81 Hasler/Emmel Ill., 1967, Umschlagtext vorne innen, Hervorhebung durch mich. 82 Hasler/Schuberg Ill., 1991, Klappentext, Hervorhebung durch mich. 22 Als weitere Repräsentanten dieser Epoche bespricht Weinkauf Benvenuto heisst willkommen (1973) von Hans-Georg Noack und Ülkü, das fremde Mädchen (1973) von Renate Welsh. Das Fazit ihrer Betrachtungen: Während Noacks Erzählstrategie durch die Wahl der Identifikationsfiguren, „Befremdliches vermeidende Milieuschilderungen“ und eine auktoriale Erzählsituation darauf abziele, „bei seinen deutschen Lesern um Verständnis und Sympathie für die Gastarbeiter zu werben“ setze Welsh mit „der Inszenierung der Bikulturalität ihrer Protagonistin einen anderen Akzent.“83 Ülkü steht für Weinkauf noch ganz im Kontext des Gastarbeiterdiskurs’. Die „Rede von den Einwanderern als ‚Teil unseres Lebens‘ und von den ‚Mißverstständnissen‘ die sich aus ihrer Anwesenheit ergeben“ – Weinkauf verweist auf den Klappentext von Ülkü – nehme allerdings bereits wesentliche Elemente des „Wahrnehmungsmusters Multikulturelle Gesellschaft“ voraus: Der Wechsel der Wahrnehmungsmuster im öffentlichen Diskurs lässt sich [..] an den wechselnden Darstellungsmustern im problemorientierten Kinderund Jugendbuch exakt ablesen: vom Gastarbeiterproblem über die Multikulturelle Gesellschaft mit ihren um kulturelle Identität ringenden Minderheiten bis hin zur kulturellen Hybridität, die allerdings den Rahmen des problemorientierten Kinder- und Jugendbuches schon wieder sprengt.84 Auch Erzählstruktur und Aufmachung von Ülkü sind weitaus komplexer als man es herkömmlich gewohnt war (oder ist).85 Es sei, so konstatiert Weinkauf, für die Textsorte bezeichnend, dass „solche experimentellen Schreibweisen“ in der problemorientierten KJL „kaum weiter verfolgt worden sind und auch Ülkü ein wesentlich geringerer Publizitätserfolg beschieden war als anderen thematisch einschlägigen Texten.“ Durchsetzen konnten sich dagegen in zunehmendem Maße die Rückgriffe auf überlieferte kinder- und jugendliterarische Muster wie den Backfisch-Roman (moderner: das Mädchenbuch) oder das Motiv der Vorurteile überwindenden Kinderfreundschaft.86 83 Weinkauf, 2013, S. 40. 84 Ebenda, S. 38–40. 85 Welsh montiert dokumentarische Abschnitte (z.B. Berichte eines Gastarbeiters, einer Soziologin, eines Sozialarbeiters und eines serbisch-orthodoxen Priesters) sowie Gastarbeiterbriefe oder Ausschnitte aus der Tagespresse. Das dokumentarisch anmutende Material ist auf orangefarbenes Papier gedruckt. Diese Abschnitte sollen zuerst gelesen werden, schlägt Welsh in einer dem Text vorangestellten Gebrauchsanweisung vor: „Das ist kein Vorwort. Das ist eine Gebrauchsanweisung.“ (Welsh, 1973, S. 5) 86 Weinkauf, 2013, S. 41. 23 Für weitere Beispiele aus dieser Zeit beziehe ich mich auf die Dissertation von Annegret Doll, die latenten Rassismus und Ausländerfeindlichkeit gegenüber ausländischen Arbeitnehmer_innen im deutschsprachigen Kinderund Jugendbuch der Gegenwart untersucht hat. Exemplarisch genannt seien einige Titel aus ihrer Stichprobe wie Wir sind doch nicht vom Mond! Klein Istanbul an der Elbe (1975) von Ruth Herrmann, Alles für Karagŏz (1976) der Autorin Ilse von Heyst oder Es war doch ein schöner Tag (1977) der Deutsch-Russin Irina Korschunow.87 Willi Fährmanns Geschichte einer Aussiedlerin Kristina, vergiß nicht. . . (1974) kann als Klassiker gelten und ist heute noch lieferbar. Die zunehmende Orientierung am Rezipienten Ende der 1970er-Jahre hielt die rezeptionsorientierte Literaturdidaktik Einzug in die Klassenzimmer. Das „zentrale methodologisch-didaktische Problem, ob es denn überhaupt eine ‚richtig‘ Interpretation eines Textes geben könne, wird hier didaktisch zugunsten des Rechts der Schüler auf ihre Lese- und Verstehensweise beantwortet.“88 Für Rösch begann mit der rezipientenorientierten Didaktik eine völlig neue Entwicklung: Die Sichtweise berief sich in starkem Maße auf soziologische Argumente, orientierte sich an der Lesewirklichkeit, erweiterte den Literaturbegriff und integrierte systematisch die vormals ausgegrenzten Literaturgattungen wie eben auch die KJL. Außerdem – so hebt Rösch hervor – unterstützte sie eine breiter angelegte und sozialisatorisch begründete Leseförderung. Angeregt durch die Orientierung am Rezipienten wurden u.a. viele empirische Untersuchungen zum Lesen durchgeführt, die neben der Frage, was gelesen wird, zunehmend auch der Frage nachging, wie gelesen wird – eine lesepsychologische Fragestellung, die im Hinblick auf Lehr-/Lernkontexte für Rösch sehr viel interessanter ist.89 In dieser Zeit (Ende der 1970er-/Anfang der 1980er-Jahre) hatte sich auch ein handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht durchgesetzt, ein Ansatz der auch heute noch verfolgt wird. Die Schüler_innen sollen sich in den Verstehensprozess durch Handlung und Produktion einbringen. Sie sollen – wie Lange beispielhaft aufzählt – durch Lesen, Schreiben, Umschreiben, Dagegenschreiben, Spielen etc. den Verstehensprozess am Original intensivieren und auf andere Weise als über die kognitive Dimension vollziehen: „Dass solche produktiven Verfahren aber nicht zum 87 Doll, 2000, S. 295ff. 88 Lange, 2005a, S. 945. 89 Rösch, 2000a, S. 81. 24 Selbstzweck werden dürfen, sondern auf den Text und seine Verstehensmöglichkeiten zurückgebunden werden müssen, wird in der Unterrichtspraxis [jedoch] allzu leicht vergessen.“90 Abbildung 2.1: Aufgabe aus: Literaturprojekt zu „Milchkaffee und Streuselkuchen“ Als Beispiel für die Verwendung der Methode im interkulturellen Kontext sei ein Unterrichtskonzept von Heidi Rösch vorgestellt: Sie schlägt vor, Schüler_innen nach Lektüre von Kariuki und sein weißer Freund : eine Erzählung aus Kenia (1991) von Meja Mwangi (Übersetzung, inzwischen vergriffen) die Aufgabe zu geben, einzelne Szenen wie z.B. Razzien oder eine Ermordung als Zeitungsberichte umzuschreiben, damit diese dabei erkennen, welche Aspekte dabei gegenüber dem literarischen Text verloren gehen. Die interkulturelle Dimension erhielte die Aufgabe, wenn man die Schüler_innen auffordere, diese Zeitungsberichte einmal als britische_r und einmal als kenianische_r Reporter_in zu verfassen.91 Als nächste Aufgabe, die nicht mehr textnah gestellt würde, böte sich an: „Kommentiere einen Tarzanfilm (oder einen Fernsehbericht über Afrika), den du kennst, aus Kariukis Perspektive.“92 Ein aktuelles Beispiel: Zu dem in Kapitel 4 genauer zu analysierenden Longseller Milchkaffee und Streuselkuchen (1996) wird ein sog. Literaturprojekt (2003) angeboten. Unter dem Motto „Zuschaun [sic] ist genauso schlimm“ sollen Ausländerfeindlichkeit und Intoleranz thematisiert und die 90 Lange, 2005a, S. 946. 91 Vgl. Rösch, 2000a, S. 163. 92 Ebenda, S. 164. 25 Kinder zu „vorurteilsfreiem Denken und Handeln aufgefordert“ werden. So verspricht der Klappentext der 60-seitigen A4-Klammerbroschur: Wie eine Umsetzung dieses schwierigen, aber auch wichtigen Themas möglich ist, zeigt Ihnen dieses Literaturprojekt. Die Kopiervorlagen mit Rätseln, Rollenspielen, Lückentexten, Bastelangeboten, Liedern, Spielen und Ideen für die Fächer Musik und Religion sind direkt im Unterricht einsetzbar.93 Abbildung 2.1 zeigt eine der handlungsorientierten Aufgaben, die als Methode, bei den Schüler_innen Vorurteile abzubauen, kritisch hinterfragt werden darf. Ebenso erschließt sich nicht unmittelbar, wie das Basteln einer afrikanischen Trommel, das Zubereiten von Fu-Fu oder Aloko (Kochbananenchips) oder ein Vergleich der Länder Deutschland und Eritrea auf Basis von Informationen von u.a. brot-fuer-die-welt.de oder misereor.de dem genannten Lernziel zuträglich sind. Die Schüler_innen sollen darüber nachdenken, welche Vorurteile es geben könnte, wenn Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenleben, und aufschreiben, warum es (die Frage bezieht sich auf den Text) „manchmal Probleme zwischen Deutschen und Ausländern geben kann.“ Zu den Lückentexten und Kreuzworträtseln bietet der Verlag Auflösungen (Vorurteil, Konkurrenz, Klavier), was mit den zitierten Aufgaben didaktisch beabsichtigt ist, bleibt offen.94 93 Roling, 2011, Klappentext. 94 Vgl. ebenda, S. 12, 35ff. Hervorhebung im Original. Zur Illustration weiterer Aufgaben für eine projektorientierte Arbeit seien die folgenden Ideen aus den Lehrerhandreichungen zu Anneliese Schwarz’ Meine Oma lebt in Afrika (1998 bzw. unter anderem Titel 1994) zitiert: „Afrikanisches Fufu herstellen“ oder „Omas Dorf, den Regenwald oder den Markt als Modell darstellen.“ Besonders bezeichnend für das dort gespiegelte Verständnis von kulturellen Unterschieden und dem Alltagsleben in Afrika ist das Lernziel „Thematisch verwandte Jugendromane kennenlernen“ mit Verweis auf Marie-Thérèse Schins In Afrika war ich nie allein (1999). Auf beide Titel und Textmaterial von ähnlich fragwürdiger Qualität wird im Rahmen dieser Arbeit insbesondere in Kapitel 4.1.1 und Kapitel 5.2.1 näher eingegangen. Auch wenn die genannten Aufgaben – wie auch bei Roling, 2011 – für eine recht junge Zielgruppe konzipiert wurden (und daher ggf. weniger anspruchsvoll ausfallen können als das, was Rösch beschreibt), wird beim Studium der Materialien offensichtlich, welch eindimensionales Kulturverständnis zu Grunde liegt und mit welcher Perspektive auf Afrika geblickt wird. Einen Fauxpas begeht die Autorin der Materialien (oder die Redaktion des Beltz Verlag) in meinen Augen zudem darin, ausgerechnet noch Dagmar Chidolues Millie in Afrika (2009) für die Altersgruppe 6–8 Jahre als weiterführende Lektüre zu empfehlen (vgl. Schmitt, 2012, S. 12, 9, 16). 26 Identität, Empathie und Fremdverstehen als Lernziele Für Spinner kann Lesen für Kinder und Jugendliche einen Beitrag zur Identitätsentwicklung darstellen. Durch eine Unterrichtsgestaltung, die ein intensives Sich-Einlassen auf die Texte und ein Ernstnehmen der subjektiven Anteile im Leseprozess zulasse und anrege, könne dieser Prozess unterstützt werden. Das Unterrichtsgespräch wie auch produktive Aufgabenstellungen könnten das Nachdenken über moralische Fragen fördern. Damit meint Spinner nicht eine Morallehre, für die die KJL lange Zeit in Anspruch genommen worden war. Es geht ihm vielmehr um die Unterstützung einer selbständigen Auseinandersetzung der Schüler_innen mit entsprechenden Fragen. Als wichtige Aspekte einer moralischen Entwicklung nennt Spinner die Entwicklung von Fremdverstehen und Empathie. Er sieht die „Förderung der Fähigkeit, Handlungsmotive und das Verhältnis der Figuren zueinander zu erschließen [...] als zentrale Zielsetzung literarischen Lernens, das zu vertieftem Textverstehen, aber darüber hinaus auch zum sozialen Lernen beitragen will.“95 Dabei betont er, dass die Lesenden sich nicht die Auffassung einer Figur zu eigen machen sollen, und dass Fremdverstehen durchaus auch Abgrenzung bedeuten kann. Die vormals tendenziell vorherrschende Auffassung, dass Alteritätserfahrung bei Erwachsenenliteratur und identifikatorisches Lesen in der KJL angelegt sei, gelte weder für die heutige KJL noch für die Leseweise, die seiner Ansicht nach im Unterricht unterstützt werden sollte. Spinner setzt seinen Schwerpunkt eher auf die Fähigkeit des symbolischen Verstehens und der Bereitschaft, sich auf ungewohnte Sprache und Bilder einzulassen. Als wesentlich für das literarische Lernen erachtet er, das Fiktionsbewusstsein auszubilden. Die Lernenden sollen befähigt werden, die fiktive, also die erzählte Welt von Realität oder Wirklichkeit zu unterscheiden. Fiktionsbewusstsein und auch das Erkennen von intertextuellen Bezügen, also das Herstellen einer Verbindung zwischen neuen Texten (bzw. Medienprodukten) zu bekannten Motiven oder das Verstehen von Anspielungen, seien zentrale Aspekte einer übergreifenden Medienerziehung. Abschließend nennt Spinner den Erwerb von Weltwissen (v.a. über Sachbücher) als Lernziel einer modernen Literaturdidaktik.96 95 Spinner, 2012, S. 514. 96 Ebenda, S. 514f. 27 2.3 Zusammenführung der Ansätze: Methodik und Untersuchungsgegenstand Nach Christian Dawidowski und Dieter Wrobel kann es für die Interkulturelle Literaturdidaktik nicht darum gehen, interkulturelle Literatur als „ein eigenständiges Genre mit Systematik und einer Geschichtsschreibung zu etablieren“, sondern darum, „Interkulturalität als eine Leseperspektive neben anderen zu begründen.“97 Für Rösch ist es eine Frage der Lesart und nicht allein eine des Stoffes oder der Figurenkonstellation, ob Kinder- und Jugendliteratur als interkulturell gelten kann oder nicht, und welcher Stellenwert ihr im Interkulturellen Diskurs beigemessen werden kann.98 Für die literarische Bildung geht es ihr um eine Kultur der Multiperspektivität, die die mehrfache Optik von Selbst-, Fremd- und Universalbildern in literarischen Werken oder ihrer Rezeption wahrnimmt und in Beziehung setzt, die Empathie als Perspektivenwechsel zwischen Fremd- und Selbstreflexion vor allem im Rezeptionsprozess gestaltet und ethnische (Mehrfach-) Adressierung dominanzkritisch reflektiert.99 Es ist ausdrücklich nicht ihr Anliegen, einen „besonderen Literaturunterricht für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund zu konzipieren“, sondern ihr geht darum „migrationsgesellschaftliche Themen wie Differenz und Dominanz, Diversität und Hybridität in literarischen Texten und ihrer Rezeption so aufzugreifen, dass auch die Stimmen der Subalternen gehört werden.“100 In meiner Arbeit schaffe ich in diesem Sinne eine Synthese zwischen dem Ansatz zur Erziehung zu einer literarischen Mündigkeit über das Üben kritischer Stellungnahmen101 und das Erkennen diskursiver Praktiken, sowie der Vorstellung von Leser_innen, die schließlich mit Hilfe der Literatur in der Lage [sind], gedanklich Grenzen zu überschreiten, Fantasie zu entwickeln, alternative Lebens- und Gesellschaftsentwürfe durchzuspielen und [ihre] Erfahrungs- und Bewusstseinsräume zu erweitern, um durch sie für sich selbst Autonomie und Selbstidentität zu gewinnen.102 97 Dawidowski/Wrobel, 2013a, S. 5. 98 Rösch, 2000a, S. 170. 99 Rösch, 2013, S. 23. 100 Ebenda. 101 Vgl. Lange, 2005a, S. 943, 947. 102 Ebenda, S. 947. 28 Zum Begriff der KJL: Für diese Arbeit orientiere ich mich pragmatisch an einer Eingrenzung, wie sie Rösch vorgenommen hat. Wie auch für ihre Entschlüsselungsversuche wird KJL in meiner Arbeit „als eine Literatur verstanden, die (mehr oder weniger ausschließlich) für Kinder bzw. Jugendliche produziert ist, von diesen (aber nicht nur von diesen) Gruppen rezipiert wird und aus deren Perspektive auf die Welt blickt.“103 Ich konzentriere mich auf fiktionale Literatur, die in den letzten 25 Jahren von autochthonen oder migrierten Autor_innen in deutscher Sprache verfasst und in Deutschland, Österreich oder der Schweiz von Verlagen mit Kinderbuchprogramm publiziert wurde.104 Der Schwerpunkt meiner Recherchen lag auf dem, was heute als „realistischer Kinderroman“ gehandelt wird.105 Anders formuliert: Ausgeklammert wurden von vorne herein Kurzgeschichten und Märchen, Science-Fiction, Vampirromane, Dystopien, Kinder- und Jugendzeitschriften, Abenteuer-, Kriminal- und Sachliteratur.106 Die erzählte Zeit sollte möglichst nah am Erscheinungsdatum der Bücher liegen (keine historischen Romane). Da es mir weniger um eine Detailanalyse eines eng gefassten Segments, sondern vielmehr um eine Gesamtschau geht, werden Texte für jedes Lesealter zumindest skizziert. Der 103 Rösch, 2000a, S. 38. 104 Eine Abgrenzung wird zunehmend schwierig. „All-Age“ ist das derzeitige Schlagwort der Branche, wie in Kapitel 3.2.1 dargestellt wird. In meiner Stichprobe finden sich ein Titel aus dem Hause Suhrkamp und ein Buch aus dem Diogenes Verlag, die beide nicht über ein KJL-Programm verfügen. Der Grund liegt eben in dem Grenzbereich, in dem Kumm, Der Blick hinab (2007), und Kara, Selam Berlin (2003), verortet werden können. Vgl. detailliert Kapitel 5. 105 „Realistische Kinder- und Jugendliteratur“ ist ein eingeführter Begriff. Die so bezeichnete Literatur bildet die „spezifisch jugendliche Lebenswirklichkeit“ ab. „Analog zum literaturwissenschaftlichen Gebrauch des Begriffs bezeichnet Realismus in der Kinder- und Jugendliteratur eine Darstellungsweise, welche die Welt ohne idealistische oder phantastische Überhöhungen zeigen möchte, nämlich so, wie sie ist“ (Payrhuber, 2012, S. 106). Es geht um eine „möglichst große Annäherung an die soziale Wirklichkeit und eine möglichst genaue Widerspiegelung der Lebenssituation und der Probleme von Kindern und Jugendlichen.“ (Ebenda) 106 Wie wäre zum Beispiel Karin Königs Oya (1988), die Geschichte eines 16-jährigen Mädchens einzuordnen, das in Frankfurt aufgewachsen ist, dann aber in die Türkei geschickt wird, wo sie schockiert ist, denn „die Realität übertrifft dann sogar noch ihre schlimmsten Befürchtungen“? Realität oder Projektion? Oder die „bittere[n] Erfahrungen“ von Sonja, 17 Jahre, in Akuabo – sei willkommen! Reise in ein Dorf in Ghana (1990) von Anneliese Schwarz? (Zitate vgl. jeweils Klappentext: König, Straube und Taylan, 1998, Schwarz, 1991). Dass „Wahrheit“ etwas sehr Individuelles ist, bringt Romanheldin Lisa aus Ferien, Flirts und Fliederküsse (2012) gleich auf Seite 5 auf den Punkt: „Tag 1, Feriencamp ‚Bellvue‘- heißt so viel wie schöne Aussicht, ist aber schwer gelogen!! Die Wahrheit ist nämlich: Aussichten = katastrophal! So, mein liebes Tagebuch, [...]“ (Veenstra/Schneider, 2012, S. 5). 29 Umfang der Besprechungen korreliert tendenziell mit der Komplexität des jeweiligen Stoffes und der Erzählstruktur sowie der Relevanz des Autors oder der Autorin und des Titels im Markt.107 Interessanterweise können besonders einige der Publikationen für die jüngsten Leser_innen aus interkultureller Perspektive als richtungsweisend erachtet werden. Gerade mit Blick auf die Jüngsten werden auch Werke mit phantastischen Elementen analysiert. Diese Texte leisten einen wichtigen und auch erzählerisch sehr bedeutsamen Beitrag, gerade von Autor_innen mit Migrationserfahrung. Hier geht es mir v.a. darum, Erzähltraditionen, wie sie im deutschsprachigen Kulturraum bis dato weniger bekannt oder eher ungewöhnlich waren, als einen Ausdruck transkultureller Literatur zu würdigen.108 2.4 Untersuchungs- und Bewertungskriterien Ich stelle im Folgenden zwei für diese Arbeit essenzielle Sichtweisen bzw. Fragestellungen dar, die ich in Kapitel 5 mit meinen (Text-)Analyseergebnissen aus Kapitel 4 zusammenführen werde: Zum einen interessiert mich die grundsätzliche Frage, welche Merkmale Literatur aufweist, die interkulturelle Lernprozesse anstoßen kann und „interkulturell wertvoll“ ist.109 Zum anderen untersuche ich, wie Texte (jeder Art und „Qualität“) in dieser Hinsicht didaktisch genutzt werden können. 2.4.1 Textimmanente Merkmale interkultureller Literatur Zur Frage der Kriterien einer lernförderlichen Literatur – insbesondere in Bezug auf Fremdverstehen – fasst der Literatur- und Kulturwissenschaftler Ansgar Nünning folgende Kriterien zusammen: 107 Fragestellung (bei älteren Titeln): Handelt es sich um einen Longseller, also um einen Titel, der über Jahre stetige Verkaufszahlen aufweist und/oder regelmäßig wieder (neu) aufgelegt wird? 108 Ein Buch wie Andrea Karimés Nuri und der Geschichtenteppich (2006) in meiner Textauswahl nicht zu berücksichtigen, hielte ich für grundverkehrt. Gerade das Erzählen ihrer phantastischen Geschichten hilft der mit ihren Eltern aus dem Irak emigrierten Protagonistin, in ihrer neuen Umgebung zunehmend weniger ausgegrenzt zu werden: „Was soll hier gut werden? In Deutschland gibt es viele Patricks und Kevins. In meiner Klasse allein drei Kevins. Jeder hat eine andere fiese Idee. Einer zwickt gern, einer lacht gern, wenn ich etwas sage, und der dritte ist der Freund von Patrick. Den macht meine Geschichte nett. Aber diese Mädchen nennen mich immer noch Stinkeprinzessin.“ (Karimé/Bodecker-Büttner Ill., 2006, S. 45) 109 Zum Begriff, dessen Bedeutung im Folgenden umrissen wird, vgl. Rösch, 2006. 30 Als ganz besonders geeignet dürften sich Texte erweisen, die gleich mehrere [...] Merkmale vereinigen. Dazu zählen vor allem multiperspektivisch erzählte Romane, in denen Fremdverstehen nicht nur auf der Ebene der Figuren dargestellt und/oder thematisiert, sondern auch auf der Ebene der erzählerischen Vermittlung formal inszeniert wird. Ein Beispiel dafür sind etwa Romane, die möglichst viel Innenweltdarstellung enthalten, die Sichtweisen mehrerer unreliable narrators miteinander kontrastieren und die Synthetisierung der Einzelperspektiven erschweren bzw. unmöglich machen.110 Inwieweit die von mir untersuchte Literatur diesen Ansprüchen genügt, wird exemplarisch aufgezeigt. Ein Roman, der fast alle der genannten Punkte vereint, ist Herzsteine von Hanna Jansen aus 2012, mit dem auch der Analyseteil (Kapitel 4) abschließen wird. Der Adoleszenzroman ist nicht nur multiperspektivisch erzählt, sondern stellt die Leser_innen auch formal vor Herausforderungen, was die Koordinierung der Perspektiven angeht. Jansen arbeitet mit Vor- und Rückblenden, webt Textfragmente, die lange nicht eindeutig als Briefe oder Tagebucheinträge verortet werden können, ineinander, und lässt die Leser_innen erst gegen Ende der Erzählung bestimmte Zusammenhänge erkennen. (Offenbar gewollt) unglaubwürdige Erzähler_innen sind in meiner Stichprobe schon auf Grund der Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes eher unterrepräsentiert. Zur Illustration des Konzeptes kann ein bei Annette Kliewer zitiertes Beispiel, Dolf Verroens Wie schön weiß ich bin (2005), herangezogen werden. Es handelt sich um eine Übersetzung aus dem Niederländischen.111 Eher steht man als Interkulturalist_in vor dem Problem, 110 Nünning, 2000, S. 115. 111 Kliewer, 2013, S. 223. Klappentext: „Zum Geburtstag bekommt Maria viele schöne Geschenke. Das schönste ist ein kleiner Sklave. ‚Alle Leute in dieser Geschichte sind erfunden, und doch ist das alles wirklich passiert.‘“ Obwohl die Ich-Erzählerin, analysiert Kliewer, naiv-unbefangen über ihr Leben berichte, könnten deutsche Leser_innen sich nicht mit ihr identifizieren. Zu fremd schiene ihre Haltung, politisch nicht korrekt seien ihre offen rassistischen Reflexionen (ebenda). „So ein kleiner Sklave ist doch nichts für sie. Auf so eine Idee kommt nur ein Mann. Ein Mädchen braucht eine Sklavin“, (Verroen, 2005, S. 25), ist noch eines der vergleichsweise ‚harmlosen‘ Beispiele. Für Kliewer ist Verroens Buch eine angemessene Antwort auf Spivaks Konzept der Subalternen: Könne man diese nicht selbst zu Wort kommen lassen, sei es sicher ehrlicher, deutlich die Position des Privilegierten einzunehmen und Argumentationsmuster zu entlarven (Kliewer, 2013, S. 224). Weitere unzuverlässige Erzähler sind Wolfgang Herrndorfs Anti-Held Maik Klingenberg in Tschick (2010) („Obwohl die deutsche Polizei, glaube ich, niemanden foltern darf. Das dürfen die nur im Fernsehen und in der Türkei“ (Herrndorf, 2012, S. 7)) oder Philipp in Norden ist, wo oben ist (2013) von Rüdiger Bertram. Letztgenanntes Kinderbuch wird nicht weiter untersucht, da mit „Norden“ lediglich Rostock gemeint ist, und dem Text somit (eher) explizite interkulturelle Momente fehlen. Das Kinderbuch soll jedoch zumindest Erwähnung finden, da es ein gutes Beispiel dafür ist, wie schon für eine eher junge 31 eine Anzahl an Texten vorzufinden, in denen glaubhaft wirkende kindliche Ich-Erzähler_innen die Welt derartig reflektieren, dass Stereotype und Vorurteile auf unschuldig-beiläufige Art (weiter) tradiert werden. Für Rösch verbindet interkulturell wertvolle KJL Ansätze und Konzepte aus der Mehrheits- und Minderheitsperspektive. Sie listet 2006 in ihrem Artikel Was ist interkulturell wertvolle Kinder- und Jugendliteratur? insgesamt sieben Punkte auf: 1. Interkulturelle KJL betrachtet die Welt aus interkultureller Perspektive und unterstützt interkulturell relevante Erkenntnisprozesse.112 Diese Anregung oder Unterstützung eines Erkenntnisprozesses ist sozusagen mein Grundanspruch an die von mir untersuchte Literatur. Ein Fazit der Arbeit ist, dass es keine ‚interkulturell wertlose‘ KJL gibt (bleibt man beim Themenkreis der interkulturellen Begegnung). Auch an schlechten Beispielen kann gelernt werden. Was Rösch hier meint, ist das Begleiten von „Kinder[n] und Jugendliche[n] auf [sic] ihren Erkenntnisprozessen.“113 Als Beispiele einer so verstandenen interkulturellen KJL werden Salah Naouras Kinderbuch Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums (2011) und Rena Dumonts Jugendroman Paradiessucher (2013) besprochen. 2. Interkulturelle KJL ist ethnisch mehrfachadressiert und unterstützt einen Perspektivenwechsel. Sie schreibt für eine in Einwanderungsgesellschaften und im Zeitalter der Globalisierung typische multiethnische Leserschaft.114 Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft wird in Kinderbüchern wie dem Klassiker Ben liebt Anna (1979) von Peter Härtling vom Leben der Minderheiten erzählt. Was die Doppelt- bzw. Mehrfachadressiertheit angeht, die Erwachsene als Mitleser_innen von Kinderliteratur anspricht, kann Literatur z.B. dominanzkritisch oder utopisch rezipiert werden. Als Vorbild für eine gelungene Mehrfachadressiertheit kann das Kinderbuch Dilip und der Urknall (2012) von Salah Naoura genannt werden. 3. Interkulturelle KJL vermeidet rassistische Argumentationsmuster und ist stattdessen dominanzkritisch gestaltet.115 Zielgruppe (nach Verlagsangabe 7–11 Jahre) mit dem Wechsel von Perspektiven gearbeitet werden kann: „Ich sehe mich in meinem eigenen Zimmer um, und ehrlich gesagt, kann ich verstehen, warum Mel das denkt“ (Bertram, 2013, S. 39) oder „[...] und würde uns jemand begegnen, sähe das für den bestimmt ziemlich schräg aus“ (ebenda, S. 79). 112 Rösch, 2006, S. 102. 113 Ebenda, S. 101. 114 Ebenda. 115 Ebenda. 32 Als ein Beispiel für ein rassistisches Argumentationsmuster nennt Rösch das Vermeidungssyndrom, das eine heile, konfliktfreie Welt stilisiert. Als Multi-Kulti-Idylle beschreibt sie die Ausklammerung gesellschaftlicher, persönlicher oder ethnischer Konflikte. Als (Negativ-)Beispiel für einen Longseller, der etliche rassistische Argumentationsmuster vereint, und für den die Autorin Carolin Philipps mit einem UNESCO-Preis ausgezeichnet wurde, wird von mir die Schullektüre Milchkaffee und Streuselkuchen (1996) besprochen. Auch das Abenteuer- bzw. Exotisierungssyndrom benennt Rösch in ihrem Artikel: Naturkatastrophen, menschliche Dramen u.ä. machen das Leben von Minderheiten und diskriminierten Gruppen interessant, zeichnen es letzten Endes aber in Form eines Positiven Rassismus.116 Eine positive Zuschreibung bei marginalisierten Menschen (eigentlich wieder: Gruppen) mag auf den ersten Blick als eine gute Sache erscheinen, gehört aber eindeutig in die Kategorie ‚nett gemeint und schlecht gemacht‘: Statt „positiv“, konstatiert Anna Böcker, die an der Verbindung von feministischer, postkolonialer und queerer Theorie arbeitet, könne man zumeist genauso „exotisch“ vor den Begriff „Rassismus“ setzen, wenn es darum geht, das Phänomen zu beschreiben, dass „rassistische Verallgemeinerung und Klassifizierung, Zuschreibung und Projektion“ stattfindet, die „immer implizite Hierarchisierung“ bedeute.117 Ich möchte hinzufügen, dass man statt „positiv“ genauso „affirmativ“ oder „bestätigend“ verwenden könnte, da die Aufteilung der Welt in Zentrum und Peripherie oder Wir versus die Anderen zementiert wird. Die von Rösch – ausführlicher in der Monographie Jim Knopf ist (nicht) schwarz118 – gelisteten Syndrome bieten also eine Negativ-Schablone für meine Untersuchung. Was dominanzkritische KJL angeht, wird man durchaus fündig. In Kapitel 4.2.2 werden (auch) unter dem Aspekt Hanna Jansens Gretha auf der Treppe (2004) und Nina Blazons Polinas Geheimnis (2010) besprochen. 116 Auf der Frankfurter Buchmesse 2013 wurde die Neuerscheinung Du zahlst den Preis für mein Leben derselben Autorin vorgestellt, die – so liest man auf dem Klappentext – „politische Themen und Menschen, die anders sind als die Norm“ ins Zentrum stellt. Den Auftakt zu der Kinderprostitutions-Geschichte bildet die Tsunamikatastrophe 2004. Vgl. Philipps, 2013. 117 Böcker, 2011b, S. 658. Zum Forschungsgebiet der Politikwissenschaftlerin vgl. Arndt/Ofuatey-Alazard, 2011, S. 700. 118 Vgl. Rösch, 2000c. 33 4. Interkulturelle KJL unterstützt die doppelte Optik der Selbst- und Fremdwahrnehmung und gestaltet z.B. die Figurenkonstellation, Ort und Zeit der Handlung oder auch angesprochene Lebensbereiche multiperspektivisch.119 Figuren werden also, wie auch von Nünning empfohlen, aus unterschiedlichen Blickwinkeln gezeichnet. Dieses Stilmittel stellt Rösch häufiger bei immigrierten als bei autochthonen Autor_innen fest, und zwar bei der Minderheit angehörigen Figuren. Als gelungenes Beispiel für eine Verfremdung – der Protagonist wird erst durch die entsprechende Wahrnehmung seines Umfeldes zum Außenseiter – bespricht Rösch in ihrem Artikel Eleni Torossis Fabel Ein Tintenfisch will schreiben lernen aus der Sammlung „Lustig[r], aufmüpfige[r] und nachdenkliche[r] Geschichten über Ausländer in Deutschland“120. Der Band Tanz der Tintenfische : Geschichten von fremden Freunden ist 1989 erschienen und inzwischen vergriffen. Mit doppelter Optik arbeitet Rafik Schami, dem Torossi die Geschichte gewidmet hat, in dem Kinderbuch Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm (2003), das in Kapitel 4.1.1 des Analyseteils einleitend besprochen wird. Auch Çelik verwendet eine solche Technik in ihren Jugendbüchern Seidenhaar (2007) und Seidenweg (2012). Aygen-Sibel Çelik ist eine Autorin, die der dritten Migrantengeneration zugeordnet werden kann. Die KJL „in Ordnung“ zu bringen, also ein Entscheidungsraster zu entwerfen, ist Ziel der Arbeit, weswegen (auch solche) Kategorien gebildet und benannt werden müssen. Çelik fiel bei der Recherche besonders durch geschickte Erzählstrategien und unterschiedliche Formate für fast alle Alterszielgruppen auf. Allerdings auch durch einen eher leicht verdaulichen Mädchenroman vor Istanbuler Kulisse. Zusätzliche Kategorien und Kriterien, die im Laufe der Arbeit entwickelt wurden, hängen – deshalb sei das Buch hier erwähnt – etwa mit dem Handlungsort und dem (Serien-)Format zusammen. Dass Autor_innen sich nicht in einem Elfenbeinturm verstecken oder vielmehr behaupten können, bespreche ich in Kapitel 3. Dort stelle ich dar, in welchem (kommerziellen) Spannungsfeld sich Verlage und Autor_innen bewegen. Als nächstes Kriterium nennt Rösch: 5. Interkulturelle KJL reflektiert das Spannungsverhältnis von Assimilation und Emanzipation sowie von zu überwindender Differenz und zu gestaltender Diversität, indem Unterschiede nicht aufgehoben, sondern ihre Bedeutung reflektiert wird.121 119 Rösch, 2006, S. 102. 120 Torossi/Funke Ill., 1989, Klappentext, S. 22ff. 121 Rösch, 2006, S. 102. 34 Als Beispiel für eine einfühlsame Geschichte zu diesem Spannungsverhältnis kann der Jugendroman Irgendwann in Istanbul (2013) von Karin Kaçi gelten. „[N]icht gerade wie das Musterbeispiel der Integration“122 wirken Andrej Tschichatschow in Tschick (2010) oder die Figuren aus Arab- Queen (2010) – dafür legen Wolfgang Herrndorf und Güner Yasemin Balci auf eine oft ironische Art ‚den Finger in die Wunde(n)‘ von Kindern mit einem sog. Migrationshintergrund bzw. in die der Gesellschaft, in der sie (ergo: wir) leben. 6. Interkulturelle KJL leistet nicht nur Kulturvermittlung, sondern unterstützt den Prozess der interkulturellen Kommunikation.123 Für Rösch leistet interkulturelle KJL neben dem Heranführen an die Literatur an sich die Einführung in das Verstehen ‚fremder‘ Kulturen und Literaturen. In dem Zusammenhang seien nochmals die Kinderbücher von Andrea Karimé genannt oder z.B. auch Hanna Jansens Gretha auf der Treppe (2004) erwähnt. Das Au-Pair Gretha aus Kolumbien hat neben einer Spinne auch Geschichten aus ihrer Heimat im Gepäck. 7. Interkulturelle KJL wird literarisch und nicht dokumentarisch erzählt und gelesen.124 Die Ästhetikdimension (Stil, Form, Sprache) wird in der Produktion und Rezeption nicht vernachlässigt. Eine so verstandene Literatur dient eher der Erziehung zur Literatur als zur Erziehung durch Literatur. Erzählformen aus anderen Literaturtraditionen, wie sie z.B. von migrierten Autor_innen ‚mitgebracht‘ werden, werden genutzt. In einem ersten Schritt habe ich mich also auf die Suche nach (aktuell noch) lieferbaren Titeln begeben, die zumindest einige der o.g. Kriterien erfüllen (könnten). Dabei habe ich auch Bücher oder Reihen kennengelernt, die dem ersten Anschein nach interkulturelle Themen versprechen, jedoch eher ‚an der Oberfläche kratzen‘ und Publikationen identifiziert, die latent fremdenfeindlich oder rassistisch sind. Auch für diese beiden Gruppen kann Verwendung gefunden werden, wie im nächsten Schritt kurz angerissen wird. 2.4.2 Was Literatur (außerdem) interkulturell wertvoll macht Für Rösch stellt sich zunächst nicht die Frage, ob Kinderliteratur poetisch oder pädagogisch ist bzw. betrachtet wird, sondern für sie gilt es, „beide 122 Herrndorf, 2012, Klappentext. 123 Rösch, 2006, S. 102. 124 Ebenda. 35 Dimensionen – ergänzt um [eine] dritte sozialisatorische Dimension – wahrzunehmen und in die didaktischen Analysen einzubeziehen.“125 In welche Gesellschaft Kinder (hinein-)sozialisiert werden (sollen), bestimmen nicht zuletzt der Herstellende Buchhandel, also die Verlage, und der Literaturbetrieb mit. Macht und Ohnmacht der hier im wahrsten Sinne des Wortes federführenden Protagonist_innen werden im Folgekapitel diskutiert. Rösch plädiert für „eine interkulturelle Lesart, die Irritationen nicht aus dem Unterricht verbannt, sondern aufgreift“ und distanziert sich damit von landeskundlichen, kulturvermittelnden Ansätzen. Ihr geht es darum einen neuen didaktischen Ansatz „nicht erst durch die Anwendung, sondern bereits auf der Ebene des Unterrichtsgegenstandes – [. . . ] der Kinder- und Jugendliteratur – zu verorten“.126 Ihr Ansatz „stellt interkulturelle Lernprozesse in den Mittelpunkt, will eine erfahrungsentfaltende Rezeption von interkultureller Kinderliteratur in multiethnischen Lerngruppen moderieren und anleiten.“127 Kinder- und andere Literatur dient ihres Erachtens „nicht einer interkulturellen oder anders akzentuierten Erziehung, sondern liefert im interkulturellen oder allgemeiner pädagogischen Kontext einen Beitrag zu relevanten Fragen, den es herauszuarbeiten, zu diskutieren und schließlich zu didaktisieren gilt.“128 Ein fruchtbares Analysefeld ist das im hiesigen Buchhandel erhältliche Angebot an sich. Wie Verlage ihr Programm planen, und welche Chancen vom Herkömmlichen abweichendes hat, überhaupt in die Regale zu kommen, wird im nächsten Kapitel besprochen. 125 Rösch, 2000a, S. 44 126 Ebenda, S. 9. 127 Ebenda, S. 11. 128 Ebenda, S. 86. 36 3 Rahmenbedingungen: Kinder- und Jugendbuch in Deutschland Zum ersten Mal, bemerkten Kritiker, hatten kanadische Kinder sozusagen eine Stimme bekommen. Und diese Stimme war nicht nur authentisch, sondern sie war – und ist – auch ausgesprochen laut. Caspak/Lanois, Die Kurzhosengang Um einen reliablen Überblick über das aktuelle Angebot an interkultureller KJL zu schaffen, der über eine reine Stichwortsammlung hinausgeht, bietet sich als Methode die Diskursanalyse in Anlehnung an Foucault an. Es ist außerdem lohnenswert, sich in die Diskurslinguistik einzuarbeiten. Die Diskurslinguistik untersucht transtextuelle Sprachstrukturen. Über solche Untersuchungen können Rückschlüsse darauf gezogen werden, welche Themen in einem bestimmten Zeitraum besonders relevant waren (genauer: häufig öffentlich besprochen wurden), welche Sichtweisen auf bestimmte Fragestellungen diskutiert wurden (genauer: öffentlich gemacht wurden), welches Weltbild somit vorherrscht(e) und wie (umstrittene) Begriffe besetzt waren.129 Eine diskurslinguistische Perspektive würde sich demnach 129 Martin Wengeler, der Linguistik als Kulturwissenschaft betreibt und in seiner Arbeit Topos und Diskurs (Wengeler 2003) eine argumentationsanalytische Methode und ihre Anwendung auf den Migrationsdiskurs (1960–1985) begründet hat, konstatiert: „Das Eingebundensein in Handlungsmuster, die von der sozialen Gemeinschaft (vor)gegeben sind, bedingt, dass Bedeutungskonstruktion in kommunikativen Akten sich nicht allein aus den verwendeten sprachlichen Zeichen ergibt und rekonstruieren lässt, sondern dass kollektives Weltwissen, sprachliche, kommunikative und soziale Konventionen in die sprachliche Handlung einfließen und zu berücksichtigen sind. Bei der Rekonstruktion vergangener kommunikativer Akte muss und kann demnach das gesellschaftliche Wissen offen gelegt werden. [...] Jede Sprachhandlung ist gleichzeitig Produkt und Produzent gesellschaftlichen Wissens. [...] Die Analyse von Sprachhandlungen in einem gegebenen Zeitraum unter Berücksichtigung der für die Handelnden zu beachtenden Voraussetzungen erlaubt daher Rückschlüsse auf die Wirklichkeitssicht, das Wissen, die Mentalität der Handelnden.“ (Wengeler, 2013, S. 151) 37 nicht einfach damit zufrieden geben, das Wort „Neger“ (politisch-korrektpragmatisch) aus Kinderbüchern zu streichen, sondern interessiert sich vielmehr dafür, wie das Verständnis des Begriffs sich entwickelt (hat), und welche Akteure hier in welcher Form mitwirk(t)en. Um diese Akteure geht es in diesem Kapitel schwerpunktmäßig. Die Diskurslinguistik kann z.B. hilfreich sein, um Aspekte des Migrationsdiskurses zu untersuchen. Wie oft taucht(e) z.B. der Begriff „Kopftuch“/tauch(t)en Wortbildungen mit dem Morphem {Kopftuch} wie {Kopftuch}mädchen, {Kopftuch}trägerin, {Kopftuch}mode. . . in einem definierten Untersuchungszeitraum in bestimmten Medien auf? Dabei ist nicht nur von Printmedien (z.B. Veröffentlichungen in DER SPIE- GEL) die Rede, sondern auch Online-Angebote (wie bild.de) oder (regelmäßig ausgestrahlte) TV-Sendungen (z.B. Günther Jauch : Polittalk aus dem Berliner Gasometer, ARD) könnten Untersuchungsgegenstand sein: Welche Diskurspositionen und Argumentationsmuster (Topoi) können regelmäßig beobachtet werden? Welche Metaphern (oder auch Symbole) werden wie benutzt? Was wird unter dem Begriff „Kopftuch“ verstanden und was evoziert er (was löst er aus, welche vielleicht auch emotionalen Reaktionen sind damit verbunden)? Die Methodologie der Diskurslinguistik integriert dabei – und das sei an dieser Stelle herauszustellen – sprach- und wissensbezogene Analysen und „bestimmt andererseits die Akteure als zentrale Diskursdimension.“130 Akteure in diesem Sinne wären z.B. die Organe ARD, DER SPIEGEL oder – um zum Themenkreis KJL zurückzukehren – die Institution(en) (Kinderbuch-)Verlag(e). Einige Beispiele aus meiner Stichprobe: 1999 veröffentlichte der C. Bertelsmann Jugendbuchverlag erstmals den Roman Wohin ich gehöre von Maria Regina Kaiser. Die Erzählung handelt von Gülten, einer 16-jährigen Deutsch-Türkin, die nach einem Türkeiurlaub beschließt, von nun an ein Kopftuch zu tragen.131 Das Buch ist Ausdruck eines Zerrissenheitsdiskurses und avancierte 2013 bei Hase und Igel zur Schullektüre. Ueberreuter lässt 2007 Aygen-Sibel Çelik mit einem „Plädoyer für einen vorurteilsfreien, selbstbewussten Umgang mit dem Thema Glauben!“ zu Wort kommen, und veröffentlicht mit Seidenhaar die Geschichte von Canan und Sinem, zwei jungen Türkinnen: „Canan trägt aus Überzeugung ein Kopftuch, Sinem trägt aus Überzeugung keins.“132 Im gleichen Jahr erscheint bei Loewe Jana Freys Ich, die Andere. Die Mutter der sich zerrissen fühlenden und von ihrem Bruder terrorisierten Kelebek beginnt eines Tages „sich vor den 130 Spitzmüller/Warnke, 2011, S. 136. 131 Vgl. Kaiser, 2002, Klappentext. 132 Çelik, 2007, Klappentext. 38 Menschen außerhalb zu verhüllen“, von nun an ging sie „nie mehr ohne ihr Kopftuch aus dem Haus. Sie betete viel. Sie wollte weitere Kinder.“ Kelebek juckt dagegen die Haut unter dem Kopftuch.133 Mit Sarrazin u.a. könnte man sagen ein „Kopftuchmädchen“ will dem „Gefängnis seiner Kultur“ entfliehen.134 Ellen Alpsten veröffentlichte 2012, scheinbar von Betty Mahmoody inspiriert, bei Coppenrath den genrehaften Mädchenroman Halva, meine Süße. Insgesamt fünfmal wird innerhalb der ersten 14 Seiten das Wort „Kopftuch“ (eng gewickelt), Hijab oder Tuch genannt.135 Im gleichen Jahr veröffentlichte Çelik, wieder bei Ueberreuter, eine Art Fortsetzung zu Seidenhaar, nämlich Seidenweg: Sinem hat „diese Debatten, über sie und ihresgleichen, manchmal Hetze“ satt, und denkt darüber nach, Deutschland den Rücken zu kehren. „Wie groß ist die Gefahr, dass in zwanzig, dreißig oder vielleicht fünfzig Jahren die meisten Frauen in Deutschland mit Kopftuch herumlaufen“, lässt Çelik eine Talkshow-Moderatorin fragen.136 Der aktuellste Text meiner Sammlung, Djihad Paradise (2013) von Anna Kuschnarowa bei Beltz & Gelberg lässt zwei vom Leben enttäuschte Jugendliche, die bürgerliche Romea und den in prekären Verhältnissen lebenden Julian, zum Islam übertreten. Romea muss sich von nun an als „Kopftuchschlampe“ bezeichnen lassen und Julians Sprenggürtel entzündet sich trotz seines „Scheiß auf den Djihad, scheiß auf das Paradies. Das Leben ist jetzt“-Entschlusses.137 Die Diskurslinguistik analysiert intratextuelle Phänomene und systematisiert sie als diskurssemantische Grundfiguren. Damit wird sichtbar gemacht, wie Texte verschränkt sind.138 Man würde – wie eben lediglich skizziert – also untersuchen, ob sich z.B. bestimmte Wortbildungen häufen (und etablieren) oder (argumentative) Grundstrukturen (über den Zeitverlauf) entstehen bzw. modifiziert werden. Dabei steht nicht die Intention der Aussage im Vordergrund, sondern vielmehr wird nach beabsichtigten und nicht beabsichtigten Effekten der Übereinstimmung, die implizit erfolgen, 133 Vgl. Frey, 2010, S. 22f, 49. 134 Zu dem diskriminierenden Begriff „Kopftuchmädchen“ vgl. das in den Medien entsprechend Widerhall gefundene Interview im Lettre International aus dem Herbst 2009: „Integration ist eine Leistung dessen, der sich integriert. [...] Ich muß niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“ (Berberich/Sarrazin, 2009, S. 199) 135 Alpsten, 2012, S. 8, 19, 20. 136 Çelik, 2012, Klappentext, S. 55. 137 Kuschnarowa, 2013, S. 412. 138 Spitzmüller/Warnke, 2011, S. 191. Die Autoren verwenden auch den Begriff „Diskurskohärenz“. 39 geforscht.139 D.h., es wird nicht vordergründig der Frage nachgegangen, mit welcher Intention z.B. ein_e Autor_in sich durch die Verwendung einer Referenz auf einen Prätext (Zitat oder Anspielung) eine mögliche Wirkung (auf Basis geteilten Wissens) bei den Leser_innen vorgestellt hat, sondern danach, welche Muster erkennbar sind, die gewollt oder ungewollt (i.S.v. beabsichtigt oder unbeabsichtigt) auftreten. Damit ist die Sichtweise ähnlich wie die der kulturgeschichtlichen Narratologie, deren „Grundfrage und Kernproblem“ nach Astrid Erll und Simone Roggendorf die „Frage nach der Verwobenheit von Kultur und Literatur, genauer von kollektiver Erfahrungswirklichkeit und literarischen Formen“ ist.140 Durch literarische Texte können Erfahrungswirklichkeiten artikuliert und exemplarisch restrukturiert werden. Nicht zuletzt dadurch, so Erll/Roggendorf, üben literarische Texte einen „bedeutenden Einfluß auf die symbolischen Sinnwelten einer Kultur“ aus.141 Dabei nimmt Literatur für Erll eine Sonderstellung ein: Literatur als Medium des kollektiven Gedächtnisses ist mit „bestimmten Privilegien und Restriktionen ausgestattet, aus denen ihr spezifisches Leistungsvermögen in der Erinnerungskultur resultiert.“142 Dazu zählt das Potenzial der Verbindung von Realem und Imaginärem, das Grenzüberschreitungen ermöglicht. Durch eine Verbindung von Realem und Imaginärem „werden kulturelle Wahrnehmungsweisen in der Fiktion neu strukturiert.“143 Literarische Werke können außerdem „die Diskursvielfalt einer Erinnerungskultur anklingen lassen“ und sind Medium für „[h]ochkomplexe und damit zumeist auch ambige Vergangenheitsdarstellungen [...].“144 Literarische Texte bieten damit „Deutungsmöglichkeiten kollektiver Vergangenheit und entfalten eine Reihe von – teils affirmativen, teils subversiven – Wirkungspotenzialen.“145 Dass, wie Erll konstatiert, es jedoch „Sache der Leserschaft und damit auch leitender gesellschaftlicher Institutionen“ ist, diese „zu forcieren oder einzudämmen“146 muss bei der Analyse des Textkorpus immer mitgedacht werden: Die kollektive Rezeption, so Erll, kann „stark von gesellschaftlichen Institutionen gelenkt werden. Spezifika des Literatursystems, wie Veröffentlichungs- und Marketingstrategien, spielen 139 Ebenda. 140 Erll/Roggendorf, 2002, S. 79. 141 Ebenda, S. 80. 142 Erll, 2011, S. 174 143 Ebenda, S. 177. 144 Ebenda, S. 178. 145 Ebenda, S. 183f. 146 Ebenda, S. 184. 40 dabei eine wichtige Rolle.“147 Diese Rahmenbedingungen für die KJL werden in diesem Kapitel skizziert. Zurück zur Diskurs-Linguistik: Das Taschenbuch Singen können die alle! Handbuch für Negerfreunde (2013) des Schauspielers und Kabarettisten Markus Jung, der sich dort im Übrigen wohlwollend zu Jim Knopf äußert, würde nach Spitzmüller/Warnke als Medium verstanden, als ein „Hilfsmittel zur Herstellung, Übertragung, Versinnlichung oder Speicherung von Zeichen“. So verstanden steuern Medien „Zugänge zum Diskurs, so dass sie als Akteure wirken.“148 Singen können die alle! materialisiert eine Position im (Stand 2013 besonders) aktuellen Diskurs. Kinderbuchverlage wie Thienemann machten sich Anfang 2013 verstärkt daran, das „N-Wort“ aus ihren Büchern zu streichen.149 Der Carlsen-Verlag und sein Autor prägen als Akteure den Diskurs, von dem sie wiederum beeinflusst sind. Verlag und Autor haben mit Veröffentlichung des Textes eine sog. Diskurshandlung vollbracht. Diskurshandlungen filtern nach Spitzmüller/Warnke, welche Aussagen in einen Diskurs eingehen.150 Sprich: Der Verlag hätte das Manuskript auch ablehnen können.151 Carlsen hat es möglich gemacht, dass Marius Jung sich in dieser Form öffentlich äußern konnte, und hat somit auch selbst ‚Position bezogen‘.152 147 Ebenda, S. 183. 148 Spitzmüller/Warnke, 2011, S. 183f. 149 Vgl. z.B. http://www.boersenblatt.net/590248/ (zuletzt geprüft am 16.08.2014). Der Carlsen-Verlag als klassischer Kinderbuchverlag kündigte Singen können die alle! (Release: December 2013) zur Frankfurter Buchmesse 2013 im Rahmen seines Foreign Rights Catalogues in der Rubrik „Humor“ an mit „Based on personal experiences and full of wit. Marius Jung skillfully and humourously questions common prejudices on skin colour“ (CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg, 2013, S. 38). Da es sich bei Singen können die alle! nicht um eine Erzählung handelt und das Buch (wie auch die beiden anderen dort angekündigten Titel Irgendwas mit Menschen und Allein unter Supermamis : Mein Leben als Mutter) auch nicht wie ein klassisches Kinder- und Jugendbuch anmutet, wurde der Titel im Rahmen der Arbeit nicht (intratextuell) untersucht. 150 Spitzmüller/Warnke, 2011, S. 173. 151 Vielleicht ist der Titel aber auch als Projekt entstanden. 152 Leicht vorstellbar, wie im später beschriebenen Eingangslektorat (Kapitel 3.2.2) bei dem Wort „Neger“ entsetzt oder peinlich berührt fast reflexartig die Delete-Taste gedrückt, ein Rückumschlag frankiert oder der Aktenvernichter aktiviert würde. Jung, in einem Interview der Jungle World zu seiner Position in der Diskussion um den Begriff „Neger“ im Kinderbuch befragt, erklärt kurz und prägnant, was Diskurslinguistiker untersuchen und begründen würden: „Ein Wort an sich ist nicht böse, sondern der, der es benutzt und mit einer entsprechenden Bedeutung belegt. Das Wort ‚Neger‘ ist einfach der vergiftete Apfel. Deswegen sind Äpfel nicht grundsätzlich etwas Schlechtes, sondern dieser Apfel ist vergiftet, und deshalb sollte man das Wort heute nicht 41 Welche Möglichkeitsbedingungen in den Akteursfeldern (einfacher: Spielregeln) bei der intra- und intertextuellen Untersuchung des Textkorpus mitgedacht werden müssen, wird im Folgenden dargestellt.153 Dabei interessiert auch, welche sozialen Schichten in welcher Form am Diskurs teilnehmen, denn „[s]ozial ‚unmarkierte‘ Diskursdaten gibt es [..] nicht.“154 Welche sozialen Schichten, Einkommensgruppen, Bildungsschichten etc. Zugang zum Kinder- und Jugendbuch haben und somit am Diskurs teilnehmen, wird kurz skizziert. Ebenso wird herausgestellt, dass es eben nicht nur (besonders) junge Leser_innen sind, die in der Rezipientenrolle zu sehen sind. 3.1 Das Kinder- und Jugendbuch in Zahlen Das zentrale Organ für Verlage, Buchhändler, Antiquare, Zwischenbuchhändler (auch Grossisten, Barsortimenter oder Verlagsauslieferungen genannt) sowie Verlagsvertreter_innen ist der Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Der berufsständische Verband wurde 1825 in Leipzig gegründet. Die Neugründung für die BRD erfolgte 1948 in Frankfurt am Main. mehr benutzen“ (Niewendick Interview/Jung, 2014, S. 20). Jung geht es um die „Haltung“, die hinter der Nutzung eines Begriffs steckt. Er selbst wird – weil nicht immer verstanden und auf Grund dessen entsprechend kritisiert – mittlerweile von einigen ironisch als „der Rassist“ bezeichnet (ebenda). 153 Zum Begriff „Akteursfelder“ (Ebene der Akteure): Spitzmüller/Warnke haben mit dem sog. DIMEAN-Modell ein methodologisches Integrationsmodell geschaffen, das „Orientierungen [sic] im Diskurs ermöglicht.“ Das Modell verstehen die Autoren als Synthese für „‚mixed methodologies‘ als Voraussetzung einer empirischen Sprachwissenschaft der transtextuellen Ebene“ (Spitzmüller/Warnke, 2011, S. 199f). DIMEAN steht für Diskurslinguistische-Mehr-Ebenen-Analyse (ebenda, S. 197f). Eine transtextuelle Sprachanalyse beginnt für die Autoren sinnvollerweise immer mit der Bearbeitung der intratextuellen Ebene, d.h. der Textanalyse, wobei Text verstanden werden kann als „eine Vielheit von Aussagen mit syntaktisch-semantischen Bezügen und einem/mehreren thematischen Zentrum/Zentren in einer formalen oder situationellen Rahmung“ (ebenda, S. 137), wie z.B. Zeitungsartikel, Bücher, Graffiti, Plakate oder auch Gespräche. Die transtextuelle Ebene (Intertextualität, Historizität u.a.) kann nur dann sinnvoll bearbeitet werden, wenn Aussagen (auf der intratextuellen Ebene) herausgearbeitet wurden. Das Autoren-Duo beschreibt einen iterativen Prozess und visualisiert als Bindeglied zwischen intra- und transtextueller Ebene die Ebene der Akteure (auch: Akteursfelder) mit Interaktionsrollen (Produzenten-, Rezipientenrollen etc.), Diskurspositionen (Stichworte: Ideology brokers, Voice, etc.) und Medialität (Medium, Handlungsmuster, Kommunikationsformen etc.) (ebenda, als Übersichtstabelle vgl. S. 201). Die Autoren betonen wiederholt, dass sie das Modell nicht als finale ‚To-do-Liste‘ begreifen, sondern vielmehr den Bedarf sehen, die Methodologie interdisziplinär zu verfeinern/erweitern. 154 Spitzmüller/Warnke, 2011, S. 182. 42 1991 fusionierten die beiden Börsenvereine Frankfurt am Main und Leipzig. Der Börsenverein, für den Bücher „unverzichtbar für die Entwicklung unserer Gesellschaft und deren Ideale“ sind, veranstaltet die Frankfurter Buchmesse, verleiht den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und engagiert sich in der Leseförderung. Der Deutsche Buchpreis wird von der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung vergeben.155 Die Frankfurter Buchmesse findet alljährlich im Oktober statt, und ist mit zuletzt 7.275 Ausstellern aus 102 Nationen und 631 Literaturagent_innen das weltgrößte Branchenevent. 275.342 Besucher_innen waren 2013 auf dem Messegelände unterwegs.156 Neben dem Branchenmagazin Börsenblatt gibt der Verein u.a. regelmä- ßig Marktstudien heraus, die für diese Arbeit eine wertvolle Quelle darstellen. Ergänzend oder alternativ informiert sich die Branche wöchentlich im buchreport aus dem Harenberg Verlag. Der Börsenverein hat 2007 und 2010 in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Konsumforschung GfK und Sinus Sociovision umfassende Studien zum Marktpotenzial von Kinder- und Jugendbüchern, zu Käuferstrukturen und Präferenzen unterschiedlicher Lebenswelten durchgeführt und herausgegeben. In einer dritten Studie (2013) hat man auf eine milieuspezifische Betrachtung verzichtet, da – so ist in der Einführung zu lesen – durch die Veränderung der Sinus-Milieus eine direkte Vergleichbarkeit nicht mehr gegeben gewesen wäre.157 Unterstützt wurden die Projekte jeweils von der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen e.V. (avj). Kinder- und Jugendbücher sind nach den Ergebnissen der 2007er-Studie eine bedeutende und die Zukunft sichernde Sparte im Buchmarkt. Ökonomisch hat das derzeit drittgrößte Segment einen relevanten Anteil am Gesamtumsatz der Branche.158 Kinder- und Jugendbücher stünden – mehr noch als die Genres der Erwachsenenliteratur – vor der Herausforderung 155 Vgl. Mundhenke/Teuber, 2002, S. 566, oder die Website des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels: http://www.boersenverein.de/ (zuletzt geprüft am 16.08.2014) 156 Vgl. http://www.book-fair.com/images/fbm/dokumente-ua-pdfs/2014/facts_and_ figures_2013_de_43802.pdf (zuletzt geprüft am 16.08.2014). Die Leipziger Buchmesse, die jährlich im März stattfindet, wird als „Fest des Lesens“ gefeiert. 2014 konnten 2.194 Aussteller aus 42 Ländern sowie rund 175.000 Messebesucher verzeichnet werden (http://www.leipziger-buchmesse.de/ (Abruf am 27.04.2014)). Veranstalter ist die Leipziger Messe GmbH. 157 Lippman, Müller, Oldendorf, Zinner und Hofman, 2013, S. 4. Den Grad der Veränderung der Sinus-Milieus nachzuvollziehen, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Wo es angebracht erscheint, werden ungeachtet eventueller Veränderungen Erkenntnisse aus der 2007er-Studie zitiert. 158 Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., 2013, S. 81: 9,8 % aller Erstauflagen waren in 2012 der Sachgruppe Kinder- und Jugendbuch zuzuordnen. 43 „die Befindlichkeiten, Bedürfnisse und Sehnsüchte ihrer Leser genau zu treffen und anzusprechen.“ Das hinge zum einen mit den in Deutschland sinkenden Kinderzahlen sowie mit der entwicklungspsychologisch sensiblen Lebensphase von Kindern und Jugendlichen zusammen. Zum anderen nähmen gesellschaftliche Trends, die sich markant in spezifischen Jugendkulturen manifestierten, Einfluss.159 3.1.1 Die Reichweite von Kinder- und Jugendbüchern Ein Anteil von 20,6% der deutschen Wohnbevölkerung in Privathaushalten ab 10 Jahren hat 2006 nach Ergebnissen der 2007er-Studie Kinder- und Jugendbücher gekauft. Das entspricht bei einem Bevölkerungspotenzial von ca. 64 Millionen etwa 13,2 Millionen Menschen.160 Der Langzeitvergleich zeigt einen stetigen Anstieg der Käuferzahlen (2012: 14,3 Mio.), jedoch beklagt der Buchhandel Umsatzrückgänge (Umsatz 2013: 573,4 Mio. Euro; Vorjahr: 580,5 Mio. Euro), da zunehmend weniger Bücher (4,8 pro Käufer_in 2012) gekauft werden.161 Besonders interessant scheint im Kontext dieser Arbeit, dass Kaufentscheidungen in hohem Maße nicht von den unmittelbaren Nutznießern der Verlagsprodukte getroffen werden. Die Hauptkäufer_innen von Kinder- und Jugendbüchern sind Erwachsene: 93% der abgesetzten Bücher wurden 2006 von Personen über 20 Jahren gekauft, ca. zwei Drittel des Absatzes erfolgt (immer noch) über Mädchen und Frauen, auch wenn ein langsamer Zuwachs der männlichen Käuferschaft festzustellen ist. Was Anteile nach Altersgruppen angeht, stellt der Börsenverein eine langsame Verschiebung hin zu der jüngsten im Rahmen der Untersuchungen betrachteten Zielgruppe fest: Der Anteil der 10 bis 19-jährigen Käufer_innen ist 2012 mit einem Wert von 15% stark angestiegen. Immer mehr Kinder und Jugendliche treffen – so schlussfolgern die Autoren_innen der Studie – ihre Kaufentscheidungen selbst, statt sich Bücher von Eltern und Großeltern kaufen zu lassen.162 Die Studie belegt einen engen Zusammenhang von Kinder- und Jugendbuchkäufen mit dem Einkommen: Je höher das Haushaltsnettoeinkommen, umso höher ist der Anteil an KJL-Käufer_innen in der Bevölkerung. In der Einkommensgruppe über 3.000 Euro beträgt die Reichweite nach Studienergebnissen 24,2%. Der größte Anteil an Kinder- und Jugendbüchern 159 Wippermann/Wippermann, 2007, S. 3. 160 Ebenda, S. 6. 161 Lippman et al., 2013, S. 9, Hauck, 2014, S. 17. 162 Lippman et al., 2013, S. 13. 44 werde vom „ohnehin buchaffinen“ Sinus-Milieu der Postmateriellen163 gekauft. Das sei insofern von strategischer Bedeutung, da dieses Milieu hohes Potenzial (10% Bevölkerungsanteil = 6,6 Mio.) und „in der Gesellschaft eine Leitbildfunktion“ habe, vor allem für das in der Gesellschaft größte Milieu der sog. Bürgerlichen Mitte. Für dieses Milieu164 stehe das Kind als Statussymbol an erster Stelle. Man investiere sehr viel persönliche Zeit und Geld in eine gute Bildung der Kinder. Bücher seien hierbei „symbolisches und materielles Investitionsgut“.165 Die Studie stellt heraus, dass Traditionsverwurzelte,166 die selbst nur wenige Bücher lesen und tendenziell bildungsfern sind, in Bezug auf Kinder- und Jugendbücher eine deutlich überdurchschnittliche Reichweite haben (24,2%). Erklärt wird das mit der Einstellung, dass Bildung für die eigenen Kinder und Enkelkinder unabdingbar sei und dass man versuche, diese im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten zu unterstützen.167 Bücher als „heimliche Erzieher“ (um die kritische Reflexion von Richter/Vogt aus dem Jahr 1973 wieder aufzugreifen) scheinen also nach wie vor hohe Relevanz in unserer Gesellschaft zu haben. 2013 wurde im Segment Kinder- und Jugendbuch der größte Anteil an Umsätzen mit Kinderbüchern bis 11 Jahre (27,8% mit einem Plus von 5,4% zum Vorjahr) und mit Jugendbüchern ab 12 Jahre gemacht (24,7% mit einem Minus von 5,8% zu 2012). Der Anteil an Sach- und Sachbilderbüchern, der 2006 noch bei etwa 17% lag, ging inzwischen zurück auf 9,4% (2012 waren es immerhin noch knapp 14%). Mit Bilderbüchern werden 18,7% der Umsätze generiert.168 Meine Untersuchung konzentriert sich auf die ersten beiden der o.g. Segmente, das Kinderbuch bis 11 Jahre und das Jugendbuch ab 12 Jahre. Meine Sichtweise auf Literatur, „die (mehr oder weniger ausschließlich) für Kinder bzw. Jugendliche produziert ist, von diesen (aber nicht nur von diesen) Gruppen rezipiert wird und aus deren Perspektive auf die Welt 163 „Das aufgeklärte Nach-68er-Milieu: Liberale Grundhaltung, postmaterielle Werte und intellektuelle Interessen“, vgl. Wippermann/Wippermann, 2007, S. 5. 164 „Der statusorientierte moderne Mainstream: Streben nach beruflicher und sozialer Etablierung, nach gesicherten und harmonischen Verhältnissen“, vgl. ebenda, S. 5. 165 Ebenda, S. 9. 166 „Die Sicherheit und Ordnung liebende Kriegsgeneration: verwurzelt in der kleinbürgerlichen Welt bzw. in der traditionellen Arbeiterkultur“, vgl. ebenda, S. 5. 167 Eine ähnliche Korrelation zeigt sich in Bezug auf das Bildungsniveau der Käufer_innen: 7% der Grundgesamtheit haben einen Hochschulabschluss und tätigen 31 Prozent des Gesamtabsatzes von Kinder- und Jugendbüchern. Für 13% des Absatzes sind die 42% der Grundgesamtheit mit Volksschul- bzw. Hauptschulabschluss verantwortlich (ebenda, S. 15). 168 Die Zahlen stammen von media control c© GfK International, vgl. Hauck, 2014, S. 16. 45 blickt“,169 geht auch konform mit einer zunehmenden Unschärfe, was die Abgrenzung der KJL zur sog. Erwachsenenliteratur angeht: Anhand des Zahlenmaterials aus 2006 wird von den Autor_innen der 2007er-Studie abgeleitet, dass sich ein „Trend zur Jugend(buch)kultur“ zeige. Die scharfen Grenzen zwischen Jugendbuch und Erwachsenenliteratur schwänden und manches Jugendbuch werde zum Crossover-Titel.170 3.1.2 Anlässe und Auswahlkriterien für Buchkäufe 69% aller gekauften Kinder- und Jugendbücher waren 2012 Geschenke entweder zu einem bestimmten Anlass oder als „Mitbringsel“ (2006: 72%). 15% aller Käufer_innen haben 2006 das (zuletzt gekaufte) Buch zum Selbstlesen erworben. Darunter sind Kinder (ab 10 Jahren) und ein „erheblicher Teil“ Erwachsener. Wenig erstaunlich ob des Befundes einer Zunahme jüngerer Käufer_innen: 2012 wurden 25% aller KJL-Käufe für den Eigenbedarf getätigt.171 10% der Kinder- und Jugendbücher wurden 2006 zum Vorlesen erworben, 5% als Belohnung für eine bestimmte Leistung (z.B. im Sport) und nur 2% als Pflichtliteratur in der Schule. 2012 fragte man danach, wie häufig Bücher zu bestimmten Zwecken gekauft würden: Mit „sehr häufig“ oder „häufig“ haben 21% der Befragten beim Punkt „Pflichtliteratur für die Schule“ geantwortet. Schullektüre spielt also anscheinend in der Wahrnehmung der Gesamtgruppe Buchkäufer_innen keine außergewöhnlich große Rolle. Allerdings gaben 38% der 10 bis 12-Jährigen und 43% der 15 bis 19-Jährigen an, häufig oder sehr häufig Schullektüre zu kaufen.172 Von Bedeutung erscheint mir dieser Punkt deshalb, weil sich somit ein Anhaltspunkt dafür bietet, in welchem Maße Kinder und Jugendliche Bücher institutionell bedingt konsumieren. Dass die Gruppe der 15 bis 19- Jährigen bei der Beantwortung der Frage Kinder- und Jugendbücher von anderer (Schul-)Literatur immer sauber abgrenzen konnte, darf zumindest angezweifelt werden. 169 Rösch, 2000a, S. 38. Vgl. auch in dieser Arbeit Kapitel 2.3. 170 Wippermann/Wippermann, 2007, S. 22. Umsatz machen Verlage und Buchhandlungen im Übrigen immer häufiger auch mit sog. „Sonstigen Waren“. Vgl. auch Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. 2013, Tendenz aktuell etwas rückläufig. Zu den in 2013 acht „Greg“-Titeln auf der Top 10-Liste der meistverkauften Jugendbücher ab 12 Jahren von Baumhaus Medien werden neben Brotdosen und Tassen auch „so abgefahrene Produkte wie Zungen-Tattoos“ vertrieben (vgl. o.V., 2014 S. 22). 171 Lippman et al., 2013, S. 27. 172 Ebenda, S. 32. 46 Was die Auswahl der KJL angeht, war für die Käufer_innen über alle Altersgruppen hinweg 2006 das Thema am wichtigsten.173 Ein Buch konnte nach den Ergebnissen der 2007er-Untersuchung „noch so hochwertig gestaltet und liebevoll illustriert sein – wenn das Thema für die Zielgruppe nicht interessant wirkt und nicht ansprechend präsentiert bzw. kommuniziert wird, ist ein Kauf unwahrscheinlich.“174 Gerade dieser Punkt erhält dann wieder Bedeutung, wenn in Kapitel 4 untersucht wird, welche Themen in der aktuellen interkulturellen KJL repräsentiert sind. Dass immer noch drei Viertel der Buchkäufe von Erwachsenen getätigt werden, lässt die Frage zu, ob gängige Themen unbedingt auch für Kinder und Jugendliche brisant sein müssen? Spannung war 2006 vor allem für Kinder- und Jugendliche bis 19 Jahre ein besonders wichtiges Auswahlkriterium: „Ein Buch muss eine spannende Geschichte erzählen können.“ Auch daher wird gerne auf Serien zurückgegriffen: „Der Leser weiß, welcher Stil und welches Maß an Spannung ihn voraussichtlich erwarten wird.“ In der Altersgruppe 10–19 Jahre sind außerdem humorvolle und lustige (sic) Geschichten sehr beliebt. Hier können Bücher zur reinen (nüchternen) Wissensvermittlung „kaum punkten“.175 Dagegen suchen Erwachsene Kinder- und Jugendbücher verstärkt auch nach den Kriterien „Sprache und Wissensvermittlung“ aus. Ihnen ist wichtig, dass Kinder „mit Büchern etwas lernen, sich damit weiterentwickeln und auch ein Gespür für Sprache bekommen.“176 Weitere Orientierungskriterien bei der Auswahl der Lektüre sind die Bekanntheit der Autorin oder des Autors, oder ob ein Titel Teil einer Serie ist.177 Serien finden sich auch in der KJL zu interkulturellen Themen (oder 173 Gefragt wurde: „Was ist Dir bzw. Ihnen bei der Auswahl eines Kinder- und Jugendbuches wichtig?“ Die Befragten sollten eine Rangfolge bilden. Das Ergebnis über alle Altersgruppen hinweg in Stichworten: Thema, Sprache, Wissen, Spannung, Spaß/Humor, Bilder, Illustrationen, Wertigkeit, Ausstattung (Wippermann/Wippermann, 2007, S. 31). 174 Wippermann/Wippermann, 2007, S. 30. 175 Ebenda. 176 Ebenda. Für die 2013er Studie hat man die Fragestellung modifiziert und mit Top- Boxen gearbeitet. Gefragt wird bei der Arbeit mit Top-Boxen, inwieweit ein Punkt (wie hier) „etwas wichtig“ oder „sehr wichtig“ (oder z.B. unwichtig) ist. Die erreichten Prozentwerte der zwei hochrangigsten Bewertungen werden zu einer sog. Top-Box addiert. Die 2013er Befragung hat nach dieser Methode ergeben, dass der Wunsch des Kindes die Kaufentscheidung mit einem Wert von 90% („etwas wichtig“ oder „sehr wichtig“) derzeit am stärksten beeinflusst. Dass sich Käufer_innen von dem Thema persönlich angesprochen fühlen, ist mit 71% an die fünfte Stelle der insgesamt sieben Kriterien gerückt (Lippman et al., 2013, S. 62). 177 Die bestverdienenden Jugendbuchautoren 2012/13 waren im Übrigen Suzanne Collins (Die Tribute von Panem), Jeff Kinney (Gregs Tagebuch) und J.K. Rowling, die lt. 47 zumindest mit internationalen Schauplätzen), z.B. im Oetinger Verlag die CITY TO GO-Reihe mit Titeln wie Uptown Groove : New York (2012), Easy Going : Sydney (2013), Alles wegen Amélie : Paris (2013) oder ¡Hasta la vista! : Barcelona (2013). Bekannte Autor_innen wie Dagmar Chidolue oder Marie-Thérèse Schins veröffentlichen die Geschichten ihrer Serienheldinnen jeweils bei unterschiedlichen Verlagen (Millie in. . . bzw. Doro in. . . ). Buchumschlag und Altersangabe waren 2006 für mehr als die Hälfte der Käufer_innen wichtige oder sehr wichtige Kriterien. Je älter der/die Buchkäufer_in, als umso wichtiger empfindet er/sie die Altersempfehlung (schon 20–29 Jahre alte Käufer_innen verlassen sich mit insg. über 80% auf diese Angabe,178 die im Übrigen nicht immer gleichlautend ist, je nachdem, ob man beim Online-Händler, auf der Buchrückseite oder im Verlagsprospekt danach sucht). Auch was verkaufsfördernde Cover-Gestaltung angeht, scheint es Gesetzmäßigkeiten zu geben: Stark wie die ewige Pippi, außergewöhnlich wie das Sams, dreist wie Pumuckl, marketing-tauglich wie Boris Becker und Biene Maja zusammen, lächeln uns wallehaarige Knuddelgören (obligatorische Heldinnenuniform: Stulpen, „Irgendwasgeringeltes“, Chucks) von vielen Novitätenstapeln entgegen.179 Oft erkenne die entmündigte Illustratorin ihre Arbeit nicht wieder. Von Verlagsseite würde erwartet, dass sich die Cover erfolgreicher Serien glichen wie ein Klon – „Das Lächeln von Band 1 wird bis Band 10 recycelt.“ Diversity scheint also nicht unbedingt das Schlagwort der Branche zu sein. Die Illustratorin Eva Schöffmann-Davidoff schreibt in ihrer Glosse von den „Mendel’schen Regeln des Buchhandels“, mit denen Marketing und „Chickliteraten“ gut vertraut seien. Die „seltene Mutation auf Gen MC1R (rothaarig, weißhäutig, sommersprossig)“ funktioniere offenbar hervorragend an der „Spitze der Absatzkette“. Wen wundere es, wenn das Lächeln manchmal etwas gequält ausfalle ob der Bürde, die den vermeintlichen Umsatzgarant_innen180 auferlegt wird, schließt Schöffmann-Davidoff. Forbes mit Platz 3 von Juni 2012 bis Juni 2013 mit 13 Mio. USD haushalten musste (vgl. Marktinformation in o.V., 2013, S. 38). 178 Wippermann/Wippermann, 2007, S. 33. 179 Schöffmann-Davidoff, 2013, S. 24. 180 Die Glosse bezieht sich auf Mädchenliteratur. Dass männliche Titelhelden ähnliche Probleme haben könnten, will ich nicht näher untersuchen, aber auch nicht ausschlie- ßen. 48 Dass ein Buch auf einer Bestsellerliste zu finden ist oder eine Auszeichnung bekommen hat, nutzt jede_r fünfte Käufer_in im Kinder- und Jugendbuchmarkt zur Orientierung,181 was die aktuell beklagte „Bestselleritis“ der Verlage, wie sie im Folgekapitel besprochen wird, mit erklärt. Abbildung 3.1: Ulrike Kuckero, Paulas Powerbuch (2008) Um das Wortspiel von Schöffmann-Davidov aufzugreifen: Eine besonders Besorgnis erregende Mutation von Reihe (Chaos – Küsse – Katastrophen bei Rowohlt), Serienheldin (Paula),182 Anspruch an gesellschaftliche Brisanz des Themas,183 Spannung184 sowie der eventuell gleich mitgedachten Möglichkeit einer Zweitvermarktung als Schullektüre sei an der Stelle abschließend das Cover von Ulrike Kuckeros Paulas Powerbuch (2008) vorgestellt (vgl. Abb. 3.1). Zumindest diesem kann man nicht mangelnden Anspruch an Diversität vorwerfen. Kuckero hat sich als an interkulturellen Themen interessierte Autorin u.a. mit Ein Brief an Ali : Die Geschichte von Hanna, die ihren Vater sucht (2000) bzw. – gleicher Inhalt, andere „Verpackung“ – Merhaba Papa (2008) einen Namen gemacht. 181 Lippman et al., 2013, S. 61. 182 Weitere Paula-Bücher: Paulas Tagebuch (2003), Paulas Sorgenbuch (2005), Paulas New-York-Buch (2006), Paulas Trennungsbuch (2007). 183 „Paula ist entsetzt! Noel, ein Mitschüler aus ihrer Parallelklasse, soll in den Kongo abgeschoben werden, obwohl er dort noch nie war.“ (Kuckero, 2008, Klappentext) 184 „Jetzt ist jede Menge Power gefragt. Und Paula spürt, dass es hier um sehr viel geht.“ (ebenda) 49 3.2 Der Herstellende Buchhandel (Verlagsperspektive) 3.2.1 Umsatzverteilung und Programmplanung Die verkaufsstärksten deutschen Jugendbuchverlage (nach Umsatzanteilen im Kinder- und Jugendbuchmarkt) waren nach Zahlen, die das Börsenblatt veröffentlicht, 2013 Ravensburger mit 12%, die Verlagsgruppe Oetinger mit 10,8% und Carlsen mit 8%. Vom Börsenblatt genannt werden insgesamt 15 Häuser, dtv bildet mit einem Anteil von 2,3% das Schlusslicht.185 Die Zahlen basieren auf Angaben der Verlage und decken sich in etwa mit dem, was im April 2014 im buchreport.magazin veröffentlicht wurde (vgl. Abb. 3.2).186 Auf wie viele Verlage die restlichen 21% des Gesamtumsatzes verteilt sind, erschließt sich leider nicht. Als Orientierung: Der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen e.V. als Fachverband für Verlage, die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur und verwandte Medien für Kinder und Jugendliche herausgeben, gehören (Stand: Februar 2014) knapp 100 Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an. Abbildung 3.2: Marktanteile Kinder- und Jugendbuch buchreport.magazin April 2014 KJL nimmt 2012 mit 9,8% die dritte Position im Ranking der Titelproduktion deutscher Verlage nach Sachgruppen ein und steuert allein 185 o.V., 2013, S. 38. 186 Vgl. Wilking, 2014, S. 48. 50 7.857 Erstauflagen bei. Damit hat das Segment zwar gegenüber dem Vorjahr 4,5% des Volumens verloren, dennoch spielt das Kinder- und Jugendbuch nach Berechnungen des Börsenverein (auf Basis der Daten der Deutschen Nationalbibliographie, VLB 2012) eine größere Rolle als noch vor fünf Jahren, als die Kinderliteratur noch 8,8% der Erstauflagen ausmachte.187 Dafür gelten die Regeln des allgemeinen Buchmarktes verstärkt auch für das Kinder- und Jugendbuch, so Ulrich Störiko-Blume.188 Störiko-Blume beobachtet, dass sich im Markt für KJL eine „Bestselleritis“ ausgebreitet hat – mit allen Vor- und Nachteilen. Seit den ungeheuren Erfolgen, die die Harry Potter-Bände bei ihrem Erscheinen jeweils erzielt haben, starrten Autor_innen, Buchhändler_innen und Verlagsleute in der Hoffnung auf den nächsten Megaseller in Exposés „oder auch in den Kaffeesatz“. Die Bedeutung der Backlist189 habe die letzten Jahre stark abgenommen und das Geschäft sei längst nicht mehr stabil. „Hypes, Booms und Trends“ fegten über uns hinweg und das viele Sekundäre, das selten an den Erfolg des Original herankomme, verstopfe die Köpfe der Verlagsleute. Immer neue Ideen im Monatstakt sollen locken, so Stefan Hauck im Börsenblatt „bevor die Mitbewerber die Copy-and-Paste-Tasten drücken und ganze Reihen nachahmen.“190 Hauck spricht in seinem Artikel Tolle Bücher bleiben tolle Bücher von einem Neuerscheinungshype im Kinder- und Jugendbuch. Novitäten stünden heute oft gerade einmal drei Monate im Laden:191 Die Bedeutung der Backlist sei trotzdem immer noch wichtiger als in der Belletristik, da erwachsene Käufer_innen gerne auf Titel aus ihrer Kindheit zurückgriffen (so steuerten bei Thienemann die Klassiker mehr als 50% zum Umsatz bei und bei Ravensburger sogar 60%). Nicht weniger von Bedeutung für eine lebendige Backlist sei das Interesse der Lehrer, das Verlage wie 187 Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., 2013, S. 81f. VLB: Das Verzeichnis lieferbarer Bücher war zumindest 2002 noch das wichtigste bibliographische Nachschlagewerk für Buchhandlungen und Bibliotheken (Mundhenke/Teuber, 2002, S. 627). 188 Störiko-Blume, 2011, S. 66f. 189 Zur Backlist gehören die Titel eines Verlages, die im Vorjahr oder früher erschienen sind. Die Neuerscheinungen des laufenden Jahres gehören zur sog. Frontlist. Die Backlist ist für Verlage u.a. deshalb wichtig, weil sich Entwicklungs- und Herstellungskosten (Lektorat, ggf. Übersetzung, Satz, Druck etc.) erst amortisieren müssen, bevor Gewinne verbucht werden können. Wird ein Titel über mehrere Jahre hin verkauft (und nur noch unverändert, also relativ kostengünstig nachgedruckt), hat dieser Umstand also tendenziell einen positiven Effekt auf das Betriebsergebnis. Eine sog. „starke Backlist“ verleiht einem Verlag auch ein starkes oder prägnantes Profil (vgl. z.B. Suhrkamp oder Diogenes). 190 Hauck, 2014, S. 17. 191 Hauck, 2013a. 51 Arena, dtv und cbj durch passende Unterrichtsmaterialien und kostenlose PDF-Downloads wachhielten. Schullektüre würde auch Jahre nach Erscheinen in hohen Auflagen nachgedruckt bzw. in moderner Ausstattung aufgelegt. Es handle sich hierbei um eine Art „Gewohnheitskanon“.192 Bei S. Fischer komme das Aus für einen Titel, wenn unter 200 Titel pro Jahr verkauft würden. Für die Entscheidung, ob ein Titel wieder aufgelegt werde, spielten u.a. eine Rolle, welche Themen gerade aktuell seien193, welche Titel nachgefragt würden, ob es aktuelle Anlässe für eine Neuauflage (Jahrestage, Autor_innen-Geburtstage, Filmstarts) gäbe und welche Illustrator_innen zu aktuellen Trends passten. Lektorate und Programmleiter_innen müssten ihre Entscheidungen zunehmend auch nach kaufmännischen und Marketing-Kriterien rechtfertigen. Hatte ein Titel früher fünf Jahre Zeit, sich zu bewähren, würden Titel, die nicht nach zwei Jahren abverkauft seien, nicht mehr aufgelegt. Kai Mühleck zitiert in seinem Artikel Einsame Spitze194 Ulrich Störiko- Blume, der als Verlagsleiter Kinder- und Jugendbuch bei Hanser „[d]rei Typen von Möchtegern-Spitzentiteln“ identifiziert hat: Den „Mainstream- Spitzentitel“, der auf ein sog. Trendthema setze und für den eine Marketing- und Werbestrategie aufgesetzt würde, das „neue Buch eines Top-Autors“, das an tatsächliche Erfolge der Vergangenheit anknüpfe, und den „Überraschungs-Spitzentitel“, bei dem der Verlag überzeugt sei von Originalität, Thema, Schreibweise und emotionaler Wucht. Aktuell besonders erfolgreich sind All-Age-Titel, Dystopien sowie Engel- und Vampirromane. Jugendbuchverlage setzen zudem verstärkt auf explizite Erotik: Erotische Literatur fasziniere und verspreche Umsätze, so wird aus einer Vorschau des Oetinger Verlag zitiert.195 Somit sei die Gesamtschau auf die Verlagswelt abgeschlossen. Im Folgenden werden die einzelnen Protagonist_innen (oder Stakeholder, bleibt man bei der „Wirtschaftssprache“) im Verlagswesen und ihre Rollen im Literaturbetrieb genauer beleuchtet. 192 Ebenda. Vgl. auch Weinkauf, 2013, S. 49. 193 In den Frühjahrsprogrammen 2014 spielte das Thema Tod eine große Rolle, wie in den wöchentlichen Ausgaben des Börsenblatt zu beobachten war. 194 Mühleck, 2013. 195 Hauck, 2013b. 52 3.2.2 Von Torwächtern und Titelhelden Erwachsene nehmen in der kinderliterarischen Kommunikation nicht nur als Buchkäufer_innen eine Schlüsselposition ein. Ihre ‚Gate-Keeper‘- Funktion und Definitionsmacht wird nach Hurrelmann/Richter längst vor den eigentlichen Leseprozessen wirksam: Erwachsene treffen die Publikationsentscheidungen, nehmen ideologische Selektionen vor, bestimmen das Ausmaß der Bearbeitung und Veränderung – kurz, steuern die Vermittlungsprozesse, die mit den Verständniskapazitäten der kindlichen und jugendlichen Leser zunächst wenig zu tun haben, vielmehr in allen Punkten der jeweiligen Erwachsenenkultur folgen: ihren politischen Prämissen, ihrer Bereitschaft zur Wahrnehmung des Fremden, ihren Konzepten von Kindheit und Jugend, ihren kinderliterarischen Traditionen, ihren pädagogischen Vorstellungen und Normen.196 Gabriele Wenke listet in ihrem Beitrag Der deutsch(sprachig)e Kinderund Jugendbuchmarkt folgende Instanzen als Torwächter (oder „Gate- Keeper“): Im Verlag das Eingangslektorat, Verlagsvertreter_innen und Vertrieb, Buchhändler_innen, Erwachsene in der Rolle „Käufer“, Kritiker_innen, Presse und Juror_innen sowie das Phänomen der Autor_innen- Pflege.197 Seien Lektor_innen früher vor allem für die Inhalte ihrer Produkte verantwortlich gewesen, führten Cheflektor_innen und Redaktionsleiter_innen heute ihren Bereich oft als eigenständige Profit-Center, und ihre Mitarbeiter_innen trügen Umsatz- und Ergebnisverantwortung.198 Wichtig sei für jene, mit einem Titel „in einem überschaubaren Zeitraum einen ausreichenden Umsatz zu erzielen, der die Entwicklungskosten ausgleicht und einen Gewinn abwirft“,199 so Schickerling/Menche in Bücher machen : Ein Handbuch für Lektoren und Redakteure (2008). Essenziell für die allermeisten Verlage ist die Gewinnung oder Entwicklung neuer Titel, und zwar – wie in Kapitel 3.2.1 zu sehen war – in immer kürzeren Abständen. Dafür sind die Akquise-Lektor_innen zuständig, die (in Abhängigkeit zur Ausrichtung des Hauses) schwerpunktmäßig aktiv Autor_innen oder Projekte (z.B. über Literaturagent_innen oder Scouts) zu gewinnen versuchen oder Manuskript- und Exposé-Einsendungen prüfen: „Wenn nicht bereits das Sekretariat alles aussiebt, was offensichtlich nicht ins Verlagsprogramm passt“ so genügt laut Schickerling/Menche oft eine 196 Hurrelmann/Richter, 1998, S. 9. 197 Wenke, 2005, S. 889f. 198 Vgl. z.B. Schickerling/Menche, 2008, S. 13. 199 Ebenda, S. 17. 53 kurze Prüfung für eine direkte Ablehnung.200 Für die Kinder- und Jugendliteratur kommt nach Wenke eine zielgruppenorientierte Argumentation aus Pädagogik,201 Wahrnehmungspsychologie und gängigem Kindheitsmythos202 hinzu. Die entscheidende Frage ist: Wird sich der Text als Buch im Rahmen „meines“ Verlagsprogramms/-profils verkaufen lassen? Die Entscheidung der Lektor_innen ist auch davon beeinflusst, „dass am nächsten Tor diejenigen stehen, die das Buch nach außen verkaufen müssen,“203 nämlich Verlagsvertreter_innen, bzw. der Vertrieb. Die wiederum müssen dem Buchhandel die Neuerscheinungen erfolgreich anpreisen. Ein Blick in den stationären Buchhandel dieser Tage genügt vermutlich, sich vorzustellen, wie schwer es heute ist, eine_n Buchhändler_in zu überzeugen, Regal- oder Schaufensterfläche für einen Titel zu reservieren und grö- ßere Mengen zu ordern.204 In großem Volumen präsentiert wird, was dem gängigen Geschmack ent- und einen schnellen Abverkauf verspricht. Für ein intensiveres Beratungsgespräch haben heute weder Vertreter_innen noch Buchhändler_innen besonders viel Zeit. So sind der Einschätzung Wenkes nach die Hauptkriterien für Buchhändler_innen: Größere Gewinnspannen 200 Ebenda, S. 23. Ob sich Verlage heute überhaupt noch in großem Umfang Sekretariate leisten, stelle ich in Frage. Wie auch Wenke feststellt: „Personalkosten müssen reduziert werden, [...] weniger Lektoren müssen mehr Bücher bearbeiten.“ (Wenke, 2005, S. 896). Dass dabei auch immer wieder an der Qualität i.S.v. Ausbildung und/oder Erfahrung des Personals gespart wird, ist eine beklagenswerte Begleiterscheinung. Ich beziehe mich auf eigene Beobachtungen. 201 Nach Hans-Heino Ewers handelt es sich „bei einem Gutteil der Kinder- und Jugendschriftsteller“ um ehemalige oder noch tätige Vermittler (das sind z.B. geistliche und weltliche Lehrer_innen, Kinder- und Jugendbuchhändler_innen, Bibliothekar_innen). Darin sieht er ein (weiteres) Indiz, dass man es bei der KJL in weitreichendem Maße mit Vermittlerliteratur zu tun hat. Somit wird die Literatur nicht nur von Vermittlern kontrolliert, sondern (zu einem großen Teil) auch von diesen hervorgebracht (Ewers, 2000, S. 159f). 202 Zum Kindheitsmythos oder -bild bzw. der Vorstellung davon, was ‚normal‘ ist, vgl. z.B. TUSO – Eine wahre Geschichte aus Afrika (2009) von Hanna Schott mit Illustrationen von Franziska Junge, erschienen bei Klett Kinderbuch, Leipzig: „Tuso ist ein Junge. Er ist gerade mal vier Jahre alt. Da ist es ja wohl normal, dass er klein ist. Und nicht normal, dass er arbeiten muss. Aber Tuso muss Wasser schleppen. Seine Tante braucht es, um Maisbrei zu kochen.“ (Schott/Junge Ill., 2009, S. 2). TUSO wird vom Verlag im Klappentext als „literarische Kinderreportage: Aufregend, authentisch, optimistisch“ für Kinder ab 6 Jahren beworben. Auch Kirsten Boie zeichnet in Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen (2013) aus dem Hause Oetinger laut Klappentext „ein eindringliches Bild von Kindern, die viel zu schnell erwachsen werden müssen.“ Handlungsort ist Afrika (Boie, 2013, S. 1). 203 Wenke, 2005, S. 896. 204 Sofern es überhaupt noch Buchhandlungen gibt. Eine der größten Herausforderungen für Verlage dieser Tage ist, dass immer mehr Buchhandlungen ihr Geschäft schließen. Ich beziehe mich auf persönliche Gespräche mit Fachkolleg_innen. 54 (i.S.v. Volumen- oder Naturalrabatten, der sog. „Partie“),205 populäre Themen und eingängige Gestaltung. Zusammen mit trivialer Dutzendware versprächen diese Kriterien „gute Geschäfte.“206 In welchem Umfang Erwachsene Bücher kaufen, und welche Kriterien sie für ihre Entscheidung heranziehen, wurde in Kapitel 3.1 dargestellt. Neben Bestsellerlisten sind Besprechungen und Auszeichnungen (wie Buchpreise) bekanntermaßen ein gutes Verkaufsargument, öffnen also Türen. Gerade hier treibt die Verlagswelt teils seltsame Blüten: In der Ankündigung von Andrea Karimés und Annette von Bodecker-Büttners (Illustrationen) Nuri und der Geschichtenteppich zitiert der Picus Verlag, Wien, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung mit. . . „Das Buch umsegelt souverän alle Untiefen des Kitsches oder der sentimentalen Feier einer imaginierten orientalischen Erzählseligkeit. Stattdessen spricht das schön illustrierte Kinderbuch auf jeder Seite von einer glasklaren Liebe zu der kleinen Migrantin [sic!], die man sofort teilen mag.“207 . . . und das latent ausländerfeindliche Büchlein Leaving Ararat – Abenteuer Einwanderung des Autorinnenduos Susanna Lawson und Doris A. Behrens hat den Jugendbuchpreis des Landes Kärnten 2012 gewonnen. 3.2.3 Deutsch(sprachig)e Verlage im internationalen Kontext Nach Hurrelmann/Richter unterliegt auch die Auswahl dessen, was international Grenzen überschreiten darf, ökonomischen Gesetzen. Verlage versuchen Verkaufserfolge anderer Länder zu importieren. Je ähnlicher die Marktbedingungen, das Publikum, der Status der KJL und die Erwartungen der erwachsenen Käufer_innen, umso eher wird ein Titel in den internationalen Transfer aufgenommen.208 2012 waren 24,2% aller Kinder- und Jugendbuch-Erstauflagen Übersetzungen (Anteil Übersetzungen über alle Sachgruppen: 17,5%). Das Kinderund Jugendbuch, das „in den vergangenen Jahren, mitbedingt durch die Fantasy- und All-Age-Welle, auf Internationalisierungskurs ging“209 liegt damit weit über dem Durchschnitt. Der KJL-Anteil lag 2008 noch bei 14,4%. Was die Herkunftssprachen der Übersetzungen (Erstauflagen, alle 205 Partie: Zum Rabatt von meist 20–40% auf den in Deutschland gebundenen Ladenpreis kommt ein kostenloses Buch dazu, z.B. als „Partie 11/10“. 206 Wenke, 2005, S. 898. Auf einen Exkurs zu dem in der Branche wenig geliebten Online- Händler Amazon und die Einkaufspraktiken jenes Unternehmens soll hier verzichtet werden. 207 Karimé/Bodecker-Büttner Ill., 2011, S. 136. 208 Hurrelmann/Richter, 1998, S. 9. 209 Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., 2013, S. 98ff. 55 Übersetzungen) angeht, rangierte 2012 das Englische mit einem Anteil von 67,6% an erster Stelle, gefolgt von Französisch (10,2%), Japanisch (5,8%), Italienisch (2,7%), Schwedisch (2,3%) und Niederländisch (1,8%). Latein wird mit 0,4% noch vor Türkisch und Finnisch oder Arabisch genannt. Das Schlusslicht der Top 20 bildet das Altgriechische mit 0,2%.210 Annette Kliewer stellt fest, dass es gerade im Bereich der KJL auffällig sei, dass zwar auf dem Buchmarkt Interesse an Themen aus südlichen Kontinenten bestehe, jedoch nur in Ausnahmefällen Bücher von afrikanischen, asiatischen oder lateinamerikanischen Autorinnen und Autoren den Sprung in die deutsch(sprachig)en Verlage schafften. Noch immer stammten nach ihren Recherchen die meisten Bücher zu diesem Thema von Autor_innen europäischer oder amerikanischer Herkunft. In den letzten zehn Jahren seien viele von ihnen für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert oder sogar mit diesem ausgezeichnet worden. Kliewer findet es bemerkenswert, welch wichtige Rolle demnach Autor_innen einnehmen, die sich „von au- ßen her in die Identität fremder Menschen hineinversetzen.“211 Diese Fragebzw. Feststellung wird im Rahmen der Arbeit in Kapitel 4.1 aufgegriffen. Die Ausführungen vermitteln einen Überblick über den deutsch- (sprachig)en Kinder- und Jugendbuchmarkt und stellen dar, in welchem Spannungsfeld sich Auto_innen, Lektor_innen und Verlage bewegen. Im nächsten Kapitel werde ich ausführlich darauf eingehen, welche (inter-)kulturellen Themen in welcher Form in der Kinder- und Jugendbuchproduktion seit den 1990er-Jahren bis heute eine Rolle spielen. 210 Ebenda. Der deutsche Markt ist nach der Erhebung des Börsenverein damit vergleichsweise aufnahmefähig oder -bereit für Übersetzungen – in den USA kommen z.B. gerade einmal drei Prozent der veröffentlichten Titel aus anderen Sprachen (Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., 2013, S. 94). Ob der Statistik getraut werden darf, steht wie immer zur Diskussion, wird doch das Jugendbuch Die Kurzhosengang (2006) von Zoran Drvenkar und Andeas Steinhöfel, das als Übersetzung aus dem kanadischen Englisch (im Original: The Mysterious Adventures of the Short Ones) unter der Autorenschaft eines Victor Caspak und eines Yves Lanois ‚getarnt ist‘, auch im Verzeichnis der Deutschen Nationalbibliothek als solche geführt ((Deutsch (ger), Originalsprache(n): Englisch (eng)). 211 Kliewer, 2013, S. 221. 56 4 Interkulturelle Themen in der (noch) lieferbaren KJL aus 1989–2014 Sie krabbelte in ihr Bett, holte ein dickes Buch und las. Aber zwischen den Buchstaben schossen Gewehre. Und Onkel Mustafa irrte ziellos darin herum. Andrea Karimé, Tee mit Onkel Mustafa Die Entwicklung der Interkulturellen Literaturdidaktik bis in die 1980er- Jahre wurde einführend in Kapitel 2.2.2 skizziert. Der Schwerpunkt meiner Analyse liegt auf Texten, die ihren Ersterscheinungstermin nach oder in 1989 hatten und aktuell (noch) lieferbar sind. Nach Einschätzung Gina Weinkaufs war – u.a. beeinflusst durch Übersetzungen aus dem Englischen und dem Französischen – Mitte/Ende der 1990er-Jahre in der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur die Zeit reif für literarische Impressionen einer „widerspruchsvollen, komplexen und kulturell hybriden Welt.“212 Außerhalb der intentionalen Jugendliteratur – so zeichnet Weinkauf den Verlauf nach – entwickelte sich von Beginn der 1990er-Jahre an auch in Deutschland eine „neue, thematisch und stilistisch multikulturelle Adoleszenzliteratur, die ihre Impulse teils aus dem Underground urbaner Jugendmilieus bezieht, teils aus Pop-Musik, Film, Journalismus und Off- Theater-Szene.“213 Mit Erscheinen des in der Fachliteratur intensiv besprochenen Textes Kanak Sprak (1995) von Feridun Zaimoglu214 scheint eine Trendwende in der ‚thematisch einschlägigen‘ Jugendliteratur eingesetzt zu haben. Sprachlich anspruchsvollere und weniger konventionelle Texte erscheinen in Folge und es werden komplexere und weniger idealisierte Bilder der multikulturellen Gesellschaft gezeichnet.215 212 Weinkauf, 2013, S. 45f. 213 Ebenda, S. 46. 214 Vgl. u.a. in Brunner 2005, Hofmann 2006, Wintersteiner 2006b, Weinkauf 2013, Wrobel 2013b. 215 Vgl. Weinkauf, 2013, S. 46. Repräsentant dieser Tendenzen ist auch Dilek Zaptçiğlus Der Mond isst die Sterne auf aus dem Jahr 1998 (vgl. Analysen in Weinkauf 2013, Josting 2013, Brunner 2005). Das Jugendbuch war zuletzt in 2006 vom cbj Verlag (Verlagsgruppe Random House Bertelsmann) gedruckt worden. Inzwischen ist der Titel vergriffen, eine Wiederauflage ist nach Auskunft des Verlags (leider!) nicht geplant. 57 Ein weiterer Trend, den Weinkauf feststellt: Im Vergleich zu den 1970erund 80er-Jahren hat sich inzwischen „allem Anschein nach eine gewisse Problembuch-Müdigkeit eingestellt“ und die vormals in dem Genre bearbeiteten Themen werden nun in unterhaltsamer Form dargeboten. Migration ist dabei in der erzählten Welt fast überall präsent, bleibt laut Weinkauf tendenziell aber eher im Hintergrund. In aktuellen realistischen Erzählungen würden Konflikte, die sich aus kultureller Diversität ergeben können, „allenfalls am Rande thematisiert.“216 Weinkauf zufolge scheint die Unterscheidung zwischen Texten, in denen „Phänomene kultureller Vielfalt explizit und in aufklärerischer Absicht thematisiert werden, und solchen, in denen der Erfahrungshorizont kultureller Diversität eher implizit zum Ausdruck gelangt“, ergiebig. Ihrer Ansicht nach zeige sich die kulturelle Vielfalt der KJL eher in letzteren, die unterrichtliche Rezeption dagegen konzentriere sich auf das zuerst genannte Korpus. Sie bedauert dies, da jene Texte oft literarisch recht simpel gestrickt seien und ihrer Erfahrung nach vielfach stereotype Bilder des kulturell Anderen vermittelten.217 Diese BewertungWeinkaufs bestätigt mich in einem Zwischen-Fazit, dass ich nach Lektüre von zunächst knapp 50 aktuelleren Kinder- und Jugendbüchern218 gezogen hatte: Die Verlagsprodukte, die das „Fremde“ oder „Kulturelle“ nicht in den Vordergrund stellen, schienen in meiner Stichprobe meist literarisch anspruchsvoller und zeichneten tendenziell ein differenzierteres „Weltbild“. Diese Texte bedienten sich nicht oder in geringerem Umfang „anti-/rassistischer Argumentationsmuster“219 und diskriminierten nicht – oder zumindest für mich als weiß sozialisierte Rezipientin nicht unmittelbar erkennbar –, wenn die Verwendung von Stereotypen Teil der Erzählstrategie war. Im Folgenden erarbeite ich einen thematischen Querschnitt über das aktuelle Angebot an ‚deutscher‘ KJL. Zum einen stelle ich Bücher vor, die das (Inter-)kulturelle durch Titel, Klappentext, Autor_innenbiographie oder Cover implizieren (Kapitel 4.1) und bespreche demgegenüber Werke, in 216 Weinkauf, 2013, S. 47. 217 Ebenda, S. 50. 218 Der Schwerpunkt meiner Recherchen für diese Arbeit lag auf Titeln, die ab 1989 in deutscher Sprache erschienen sind und die im Zeitraum der Recherchen von Mai 2013–April 2014 im Buchhandel (noch) lieferbar waren. Um ein umfassenderes Bild zu gewinnen, wurde auch der eine oder andere „Klassiker“ – wie Nöstlingers Austauschkind (1982) – begutachtet oder in der Fachliteratur positiv Besprochenes aber Vergriffenes – wie Zaptçioğlus Der Mond isst die Sterne auf (1998) – gesichtet. 219 Vgl. Rösch 2000c oder Kapitel 2.4.1. 58 denen interkulturelle Thematiken eher beiläufig in die Geschichte eingewoben sind (Kapitel 4.2). 4.1 (Inter-)kulturelles als vordergründiges und problematisches Thema Schon bei der Grobsortierung der Primärliteratur fällt auf, dass es eine Korrelation zwischen ‚(Inter-)kulturelles ist vordergründig‘ (wird als Thema im Klappentext angekündigt) und ‚problembehaftet‘ zu geben scheint: Legt man Abenteuergeschichten wie Millie in London, Millie in Moskau. . . für die Altersgruppe 6–8 Jahre (oder für die Leser_innen im Alter von 8–13 Jahren das Pendant Doro) sowie Mädchenbücher mit fremder Ortsangabe wie New York Lovestory (2012), Easy Going Sydney (2013) oder Jojo, welcome to Hollywood (2012) erst einmal beiseite, bleiben als augenfällig vordergründige Themen (in alphabetischer Reihenfolge, nicht vollständig): Abschiebung, Armut, Asylsuche, Ausgrenzung, Ausländer- oder Fremdenfeindlichkeit, ethnische Konflikte, Flucht, (ethnische) Identitätskrise(n), Rassismus. Im Folgenden werden einige ausgewählte Text-Beispiele vorgestellt. Ich unterscheide dabei wiederum in ‚vordergründige‘ oder gesellschaftliche Probleme (Kapitel 4.1.1) und ‚latente‘ Probleme bzw. individuelle Sorgen und Nöte (Kapitel 4.1.2). Vordergründige oder auch offensichtliche Probleme spiegeln dabei tendenziell eher eine ‚Außenschau‘, sind typischerweise Themen, die auch in den Tagesmedien besprochen werden, wie Ausländerfeindlichkeit oder Rassismus. Oft sind diese Probleme mit Gewalt verknüpft. Dagegen spiegelt das, was ich als ‚latente‘ Probleme bezeichne, eher eine ‚Innenschau‘. Bearbeitet werden Prozesse der Integration, der Identitätssuche oder des Scheiterns einer erfolgreichen Integration von Migrant_innen in eine Mehrheitsgesellschaft. Dabei ist es höchst aufschlussreich zu beobachten, welche Autor_innen (z.B. mit oder ohne Migrationserfahrung) welche Themen überhaupt und in welcher Form problematisieren. 4.1.1 Gesellschaftliche Probleme und Herausforderungen Fremdenangst: Ein Beitrag von Rafik Schami Meine zuvor genannte Arbeitsthese (Korrelation ‚vordergründig (inter-)kulturell‘ = ‚problembehaftet‘ = ‚wenig anspruchsvoll + undifferenziert‘) wäre durch Rafik Schamis und Ole Könneckes (Ill.) 59 Bilderbuch Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm (2003) leicht zu widerlegen. Die Geschichte, die auf 32 Seiten ausgebreitet wird,220 wird aus Perspektive der vielleicht sechs- bis achtjährigen Tochter erzählt, die ihren alleinstehenden Vater als groß, stark, klug, geduldig, lustig und fürsorglich beschreibt. Mutig ist er auch – nur vor Fremden hat er Angst. Er kann seine Abneigung gegenüber Fremden sogar begründen: „Sie sind überall [...] sehen anders aus, so grob [...].“ Durch den Kontrast zu den Bildern im Buch betreiben Schami/Könnecke ein „intelligentes Spiel mit stereotypen Darstellungen“.221 Die Aussagen des Vaters werden relativiert bzw. die verwendeten Stereotype als solche entlarvt. Die Tochter ist mit Banja, einem Mädchen aus Tansania befreundet. Ihm verrät die Tochter nichts von der Angst des Vaters und bietet ihm sogar an, dass der Papa an deren Geburtstag für sie zaubern wird. Ihrem Vater, den sie für das Vorhaben gewinnen kann, erzählt sie wiederum nichts von der Herkunft ihrer Freundin. So, wie der Vater seine Zuschreibungen zu Fremden (im Kontrast zu den dargebotenen Illustrationen) übertreibt, überhöht Banja die Tugenden von „Papa“ im Gespräch mit ihrer Mutter. Nervös, einen Mann von solchem Profil als Gast zu empfangen („so mutig, dass er mit Löwen spiele. Und noch dazu sei er der beste Zauberer im Land“), beraten Banjas Eltern lange, wie sie den Vater gebührend empfangen können. Zur Begrüßung gibt sich die Familie erdenklich Mühe – mit Musik und Tanz und in traditionellen Gewändern heißt sie ihre beiden Gäste willkommen. Selbst Trompeten und Speere sind in der Bebilderung zu sehen. Ein Anblick der „alle zuvor aufgestellten Stereotype des Vaters erfüllt und ihn in einen Schockzustand versetzt“ analysiert Saskia Rudolph: „Erst mit Hilfe seiner Tochter und bei der Präsentation seines Zaubertricks gewinnt er langsam Vertrauen und erkennt, dass seine Skepsis und Angst nicht berechtigt waren.“222 Rudolph erklärt in ihrer Magisterarbeit zu den Aspekten interkultureller Sensibilisierung in aktuellen deutschsprachigen Kinderbüchern die Wandlung wie folgt: 220 Das Buch ist nicht paginiert – daher fehlen im Folgenden auch Seitenangaben bei den Zitaten. 221 Rudolph, 2009, S. 100. 222 Ebenda, S. 94. 60 Abbildung 4.1: Schami/Könnecke (Ill.), Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm (2003) Nachdem der Vater zunächst all seine Vorurteile bestätigt sieht und schockiert reagiert (Abb. 28), beginnt er in der direkten Konversation sein Verhalten zu überdenken, was schließlich mit Hilfe der Tochter zur Entspannung der Lage beiträgt und dem Vater die Relevanz der interkulturellen Kommunikation verdeutlicht (Abb. 29).223 Die Zählweise der Abbildungen scheint mir genauso wenig nachvollziehbar wie die Interpretation, dennoch bin ich einer Meinung mit Rudolph, wenn sie in ihrem Fazit schreibt: Die vielen Andeutungen textueller und auch grafischer Natur stoßen den Denkprozess des Betrachters auf eine sehr intelligente und sensible Art an, ohne dabei jemals den moralischen Zeigefinger zu erheben, was die Qualität der Publikation und deren Relevanz für das selbstständige Erkennen interkultureller Zusammenhänge zusätzlich steigert.224 Als Beispiel für das Spiel mit Bild und Text sei auf das Cover (vgl. Abb. 4.1) des Buches verwiesen. Dem weißen Erwachsenen, der dort abgebildet ist, ist offenbar unwohl beim Anblick eines Herrn, der sich zumindest äußerlich ausschließlich durch die Hautfarbe zu unterscheiden scheint. Beide lesen – so wird angedeutet – sogar die gleiche Zeitung. Die Entscheidung, Rafik Schami, der sonst eher mit Märchen, Fabeln und phantastischen Geschichten in Verbindung gebracht wird, das erste 223 Ebenda, S. 98. 224 Ebenda, S. 104. 61 Kapitel des Analyseteils dieser Arbeit zu widmen, spiegelt die Relevanz des Autors für die Entwicklung der deutschsprachigen interkulturellen KJL wider. Schami hat diese maßgeblich mit beeinflusst, wie im Folgenden gezeigt wird. Paul Maars Neben mir ist noch Platz in der Kritik Ähnlich wie Schami gilt Paul Maar als Altmeister, und auch ihm kann man sicher nicht vorwerfen, er verstünde sein Handwerk nicht. Trotzdem ist er vor Kritik nicht gefeit. Im Mittelpunkt seiner Erzählung Neben mir ist noch Platz (1993) steht die Freundschaft des deutschen Mädchens Steffi zu der asylsuchenden Aischa aus dem Libanon. Schon im Klappentext wird ein Überfall auf das Asylantenwohnheim angedeutet und der Schluss – Aischa wird mit ihrer Familie in den Libanon zurückkehren, „‚weil hier jetzt Krieg ist‘ wie Aischas Vater sagt“ – vorweggenommen.225 Zunächst steht Steffi der neuen Klassenkameradin ablehnend gegenüber, die Freundschaft der beiden Mädchen beginnt mit der Rettung Steffis durch Aischa aus einem abgeschlossenen Umkleideraum. Steffi ist beliebt und hat viele Freunde. Aischa, die immer noch schlecht deutsch spricht, ist weniger gut integriert und bezeichnet Steffi als ihre beste und einzige Freundin.226 Die Mädchen beginnen, viel Zeit miteinander zu verbringen. Aischa ist beeindruckt von Steffis Kinderzimmer: „‚So viele Sachen! [...] So viele, viele Sachen. Das gehört alles dir? Du hast ein Bett für dich allein und du hast sogar Schreibtisch¡“227 Im Gegensatz zu Steffi macht Aischa ihre Hausaufgaben am Küchentisch und teilt ihr Bett mit ihrer Schwester Fatima. Dafür staunt Steffi nicht schlecht, als Aischa ihr erzählt, dass man im Libanon im Sommer manchmal auf dem Dach schläft (vgl. Abb. 4.2). Steffis Vater hält Aischa und ihren Bruder Jussuf für verwöhnt, weil sie nicht nur die bei einem Besuch angebotenen Grillwürstchen (aus Schweinefleisch), sondern auch dunkles Brot verschmähen. Dafür verbringt Steffi zunehmend Zeit mit Aischas Familie, sie genießt ein Familien-Picknick im Park und die Kinder machen am Küchentisch gemeinsam Hausaufgaben: „Seid ihr aber viele! [...] Gut, dass ihr so einen großen Tisch habt.“228 Steffi hilft Aischa und Fatma mit der Rechtschreibung. Zum einen findet Steffi es bei der libanesischen Familie „gemütlicher, weil wir so viele sind“ und es auch noch Süßigkeiten gibt, zum anderen darf Aischa nachmittags nicht 225 Maar/Ballhaus Ill., 2010, Klappentext. 226 Ebenda, S. 5. 227 Ebenda, S. 16. 228 Ebenda, S. 21. 62 Abbildung 4.2: Maar/Ballhaus (Ill.), Neben mir ist noch Platz (neu illustrierte Auflage von dtv junior, 12. Auflage 2010, S. 13) weg, weil das „bei denen“ so ist.229 Zu Spannungen zwischen den ungleichen Freundinnen kommt es, als Steffi eine reine Mädchen-Geburtstagsparty plant, und Aischa ihren Bruder Jussuf mitbringt. Steffi weist Jussuf an der Gartentür ab und die vor den Kopf gestoßene Aischa wendet sich zusammen mit ihrem Bruder von Steffi ab. Steffi interpretiert Aischas Verhalten als „zickig“.230 Zwischen beiden Mädchen herrscht ein paar Wochen Funkstille bis Aischa sich von Steffi verabschieden kommt. Nicht nur, dass das Asylbewerberheim kurz vor Steffis Geburtstagsfest einem Anschlag zum Opfer gefallen war, jetzt ist auch noch Jussuf verprügelt worden. Steffi empört sich noch über die prügelnden „Spinner“ und bedauert, den „doofen Streit“ mit Aischa.231 Dass Steffi Aischa und ihren Bruder nach deren Kulturstandards größtmöglich beleidigt hat, als sie Jussuf wegschickte, erfährt das deutsche Mädchen noch. Auch, dass Mädchen im bzw. aus dem Libanon nur in Begleitung von Mutter oder Bruder unterwegs zu sein haben.232 Aischa, mittlerweile von Steffi zur besten Freundin erklärt, verlässt Deutschland und die Geschichte endet damit, dass Steffi sich bereitwillig meldet, als ein neues, fremdes Mädchen einen Platz in der Klassengemeinschaft sucht. 229 Ebenda, S. 28. 230 Ebenda, S. 37. 231 Ebenda, S. 41. 232 Ebenda, S. 41f. 63 Ellen Schulte-Bunert analysiert, dass die Leser_innen die Ereignisse immer aus Sicht der kindlichen Hauptperson Steffi, mit der sich deutsche Kinder problemlos identifizieren könnten, erfahren. Aischa würde als selbstbewusste Persönlichkeit gezeichnet, die Familie und Kultur nicht leugne,233 sich treu bliebe und dafür sogar die Freundschaft mit Steffi aufs Spiel setze. Je nach Integrationsgrad in die Mehrheitsgesellschaft könnten auch Kinder aus der Gruppe der Migrant_innen sowohl in Steffi als auch in Aischa Identifikationsangebote finden.234 Schulte-Bunert hebt hervor, dass es Maar immer wieder gelinge, die Kulturen (beide Figuren seien Trägerinnen ihrer Kultur) als einander ebenbürtig darzustellen und nennt dabei als Beispiel die Diskussion der Mädchen, ob nun wie im Libanon zuerst die Männer oder wie in Deutschland die Frauen bedient werden sollten.235 Der Gegensatz zwischen arm und reich, zwischen den Einheimischen mit ihrem Besitz und den Migrant_innen in ihrer „weitgehend besitzlosen Übergangssituation“ würde nicht bewertet. Auch wenn die „Protagonistinnen [...] Ethnozentrismus noch nicht kognitiv wahrnehmen“ könnten, so entwickelten sie „doch ein Gespür für das Eigene und das Fremde, das damit auch an Bedrohlichkeit“ verliere.236 Die Freundschaft mit Aischa habe Steffi Neues und bis dahin Unbekanntes erfahren und Vorbehalte und Ängste überwinden lassen und sie könne somit offen und aufgeschlossen auf die neue Mitschülerin zugehen.237 „Nicht ganz gelungen“ erscheint Schulte-Bunert die reduzierte Sprache, in der Maar Aischa teilweise sprechen lässt. Die Fehler, die sie mache, bzw. die Formen, die korrekt (sic) seien, seien aus linguistischer Sicht problematisch.238 Weniger zustimmend fällt Nazli Hodaies Fazit in ihrem ArtikelMigration in der Kinderliteratur : Der gute Wille allein genügt nicht aus. Die textimmanent erkennbare Lösung Maars laute: „[D]en Fremden näher kennen lernen, nicht voreilig urteilen, das eigene Selbst- und Fremdbild reflektieren und Unterschiede wahrnehmen und – relativistisch anmutend bedingungslos – anerkennen.“239 Trotz der im Text postulierten Interkulturalität könne sich Maar in seiner Darstellung der Migrant_innen nicht von herkömmlichen (Handlungs)klischees befreien. Bereits in der Darstellung der Lebensumstände beider Familien offenbarten sich altbekannte Stereotype: „Das 233 Warum auch, frage ich mich? 234 Schulte-Bunert, 2003, S. 63. 235 Ebenda, Maar/Ballhaus Ill., 2010, S. 24. 236 Schulte-Bunert, 2003, S. 63f. 237 Ebenda, S. 65. 238 Ebenda, S. 66. 239 Hodaie, 2010, S. 9. 64 arme Migrantenkind trifft auf das finanziell wesentlich besser gestellte einheimische und bestaunt dieses“,240 was durch Inszenierung und Wortwahl bekräftigt würde. Dass Asylsuchende oft in armen Verhältnissen lebten, erkläre sich aus ihrer Biographie. Es bedeute jedoch nicht, dass sie auch in ihrem Heimatland unter Armut hatten leiden müssen – was die Verzückungen angesichts des Zimmers von Steffi allerdings implizierten. Der stereotype Gegensatz arme Migrantin vs. reiche Einheimische fände hier seine Bestätigung. Er sei Ausdruck des Defizitsyndroms und zementiere das Machtgefälle zwischen den Migrant_innen und der Aufnahmegesellschaft, selbst wenn Paul Maar diesen Eindruck zum Teil auch zu relativieren versuche. Paul Maar Neben mir ist noch Platz dtv junior Abbildung 4.3: Maar/Ballhaus (Ill.), Neben mir ist noch Platz : Cover dtv junior (2010) Hodaie wirft auch einen kritischen Blick auf das Cover der Edition von dtv junior (vgl. Abb. 4.3): Die Abbildung versinnbildliche die Stellung der beiden Mädchen zueinander. Dass Aischa als libanesisches Mädchen überall von ihrem Bruder begleitet werde, oder dass die männlichen Familienmitglieder stets bevorzugt würden, seien weitere Handlungsklischees, die eher das Fremd- bzw. Migrant_innenbild des Autors als die Lebenswelt der Immigrierten widerspiegle und somit dem sog. Enthistorisierungs- und Kulturalisierungssyndrom verpflichtet seien.241 Das Syndrom beschreibt die stereotypisierte Zeichnung von Minderheiten oder Angehörigen diskriminierter Gruppen, die zu Repräsentant_innen einer Ethnie oder Kultur stilisiert 240 Ebenda. 241 Ebenda, S. 10. 65 werden. Bemerkenswerterweise sind die Kinder auf dem Cover der Originalausgabe von 1993 im Verlag Modus Vivendi ‚auf Augenhöhe‘ abgebildet (vgl. Abb. 4.4). Bei dtv junior ist dies seit 2016 auch wieder der Fall. Abbildung 4.4: Maar/Ballhaus (Ill.), Neben mir ist noch Platz Originalausgabe (1993) Die Gegenüberstellung der beiden Rezensionen von Schulte-Bunert und Hodaie macht deutlich, wie unterschiedlich die Erzählung rezipiert werden kann. Die Besprechungen sind wohl auch ihrer Zeit und nicht zuletzt der literarischen oder fachlichen Sozialisation der Rezensentinnen sowie deren Herkunft geschuldet. Schulte-Bunert hat als Fremdsprachendidaktikerin Anfang der 1990er-Jahre zum Thema Ausländer in der Bundesrepublik : Texte der Kinder- und Jugendliteratur als stellvertretende Erfahrung im Prozeß Interkulturellen Lernens promoviert und im Rahmen ihrer Arbeit KJL analysiert, die zwischen 1970 und 1988 erschienen ist, und in der ausländische Kinder und Jugendliche in der Situation der Migration handelnd in Erscheinung treten.242 Sie zeichnet in einer Zusammenfassung ein – für mich überraschend – positives Bild: Es sei den Autor_innen „durchweg [sic] gelungen [..], in ihren literarischen Texten die besondere Problemsituation ausländischer Kinder und Jugendlicher realistisch darzustellen.“ Sowohl die ausländischen als auch die deutschen Autor_innen hätten sich das „notwendige Hintergrundwissen angeeignet“ und seien in der Lage, „dem deutschen Leser die Informationen zu liefern, die für das Verständnis des Verhaltens und der Lebensweise ausländischer Kinder und Jugendlicher sowie ihrer Familien in der Migration unumgänglich [sic]“ seien. Auch wenn die meisten Texte keine „direkte Lösung“ für die dargestellten Konflikte, die 242 Schulte-Bunert, 1993, S. 106. 66 „durch den unterschiedlichen kulturellen Hintergrund der jeweiligen Ethnie bedingt“ seien, anböten, da sie einen „‚offenen Schluß‘“ hätten, beinhalteten sie doch fast alle Tendenzen und Richtungen, in denen entsprechende Lösungsmöglichkeiten zu finden seien. Fast allen Kinder- und Jugendbuchautor_innen sei es gelungen, „ihre Aussage in eine literarische Form zu kleiden und damit auch den „‚Lesespaß‘“ und den „‚Lesegenuß‘“ zu garantieren.“243 Ohne mich intensiv mit der Untersuchung Schulte-Bunerts befasst zu haben, sei an dieser Stelle angemerkt, dass mir einige der Bücher aus ihrer Stichprobe deswegen bekannt sind, weil sie von Autor_innen wie Maria E. Brunner, Annegret Doll, Heidi Rösch und/oder Gina Weinkauf inzwischen weitaus kritischer besprochen wurden.244 Nazli Hodaie hat in Teheran Germanistik studiert und promovierte zu dem Thema Der Orient in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur (2008). Ihre Vermutung, dass Maars Darstellungen der libanesischen Kultur in seinem persönlichen Fremd- bzw. Migrant_innenbild begründet seien, erinnert an Eleni Torossis und Rafik Schamis Kritik an dem Kinderbuchautor Heinrich Hannover in ihrem Plädoyer für Kinderliteratur in der Fremde, dessen Veröffentlichung in den Untersuchungszeitraum Schulte- Bunerts fällt: Heinrich Hannover ist ein berühmter Kinderbuchautor. Er hat viele lustige und emanzipatorische Kinderbücher geschrieben. Sein Buch „Der Schreivogel“ (bei VSA 1981) zeigt in beeindruckender Weise, daß auch ein erfahrener und fortschrittlicher Autor die Situation unserer Kinder nicht versteht. [...] Der Vogelhändler [in der Türkei] ist eine Mischung aus der Touristenvorstellung vom Orient und den subtilen Vorurteilen Hannovers gegen uns.245 Torossi/Schami schlussfolgern: Die Frage der Zugehörigkeit eines Autors zur Minderheit als Voraussetzung einer Literatur dieser Minderheit ist bei der Erwachsenenliteratur entschieden, durch die Erfahrung entschieden. Sie ist eine unentbehrliche Voraussetzung einer glaubwürdigen Literatur der Minderheit. Wir können nach der Lektüre der Kinderliteratur dieselbe Schlußfolgerung ziehen. Das technische Handwerk ist nicht im Stande, die fehlende Zugehörigkeit zu Minderheit zu ersetzen.246 243 Ebenda, S. 121f. 244 Z.B. Anneliese Schwarz, Hamide spielt Hamide (1986), vgl. Brunner, 2005, S. 44f., Doll, 2000, S. 69 oder Ilse Kleberger, 2: 0 für Oma (1979), vgl. Doll, 2000, S. 82ff oder Ursula Kirchberg, Selim und Susanne (1978), vgl. Rösch, 2000c, S. 82ff und 117, Weinkauf, 2013, S. 41f. 245 Torossi/Schami, 1986, S. 26. 246 Ebenda. 67 Paul Maars Neben mir ist noch Platz ist nun aus Perspektive der deutschen Schülerin geschrieben, er versucht hier nicht, vorrangig eine Minderheiten-Perspektive einzunehmen. Mein Fazit aus der Beschäftigung mit den beiden Besprechungen ist jedoch, dass sich Kinderbuch- Autor_innen zunehmend auf dünnem Eis bewegen, wenn sie versuchen, ‚Problemthemen‘ in eine Form zu packen, die einen Perspektivwechsel in eine fremde Kultur schon in der Textproduktion verlangen. Flucht, Asyl und Fremdenhass im klassischen Problembuch Um einen Eindruck davon zu gewinnen, welche Probleme derzeit im Schulkontext besprochen werden, bietet es sich an, einen Blick in die Verlagsprogramme von Hase und Igel, Schroedel, Arena oder Ravensburger zu werfen. Von Alkoholismus und „Komasaufen“ (2014 erschienen bei Hase und Igel light : Judith Le Huray, Voll drauf ) über Cybermobbing, Homosexualität und Stalking bis Zivilcourage – zu jedem Thema gibt es das passende Problembuch. Wie in der Einführung schon angerissen, hat die realistische KJL in den 1970er-Jahren das traditionelle Erzählmuster der Einzelfall- oder Beispielgeschichte wiederaufgenommen und zur Gattung der modernen sozialkritischen Problemerzählung bzw. des Problemromans weiterentwickelt.247 Als Problembücher definiert Weinkauf narrative jugendliterarische Texte, die in der Verlagswerbung, in pädagogischen Begleitmaterialien, Buchempfehlungslisten, Rezensionen etc. als Beiträge zu einem aktuellen gesellschaftlichen Problem präsentiert werden.248 Die favorisierte Form sei ihrer Einschätzung nach die Erzählung, während das am häufigsten angesprochene Lesealter zwischen 10 und 14 Jahren liegen dürfte.249 Die dominierende Wirkungsabsicht der Texte der 1970er- und Folgejahre war Franz-Josef Payrhuber zufolge pädagogisch-didaktisch. In erster Linie seien den Leser_innen Wissen und Strategien zur Gestaltung bzw. Bewältigung ihrer Lebensrealitäten in einer zunehmend intransparent wahrgenommenen Welt dargeboten worden.250 Die soziale und politische Realität habe seit den 1980er-Jahren zu einer ständigen Erweiterung des Themenspektrums problemorientierter Jugendbücher geführt. Stärker ins Blickfeld seien nun auch Themen wie Integration von Ausländern, Rassismus und 247 Payrhuber, 2012, S. 109. 248 Weinkauf, 2005, S. 768. 249 Ebenda. 250 Payrhuber, 2012, S. 109. 68 Rechtsradikalismus gerückt. Gemeinsames Merkmal aller problemorientierten Jugendbücher sei, dass sie „nicht nur die Wirklichkeit wie in einem Spiegel zeigen und den Ist-Zustand der Welt erklären“ wollten, sondern nicht zu übersehen sei, dass an die Leser_innen appelliert würde, „dass sich an den herrschenden Zuständen etwas ändern müsse“. Sie sollten dazu motiviert werden, sich für „neuere [sic], bessere und gerechtere Zustände einzusetzen.“ Problemlösungen würden meist nicht mehr mitgeliefert.251 Heidi Rösch kritisiert an im Kontext interkultureller Erziehung ausgewählter Literatur, dass diese ihren Auftrag häufig ausgesprochen appellativ verfolge und – aus Perspektive der Interkulturellen Pädagogik – wenig kompetent. Zum Teil reproduzierten solche Texte, was sie zu bekämpfen vorgeben. Rösch empfiehlt für den Unterricht „ein[en] kritische[n] Umgang mit solchen Texten und den in ihnen transportierten Stereotypen, der Multi- Kulti-Idylle oder dem intendierten (naiven) Antirassismus.“252 Aktuellere Problembücher zu o.g. Themen sind z.B. Albrecht Gralle, Die Rückseite der Angst (2000), Robert Klement, 70 Meilen zum Paradies (2006) oder von Regina Rusch Amira, du gehörst zu uns! Ein Kinderroman zum Thema Abschiebung (2009). Michael Wildenhains Blutsbrüder (2011) greift die Themen Neonazismus und Szene-Krieg auf. 1994 war vom gleichen Autor Wer sich nicht wehrt, eine „Geschichte über Gewalt in Schulen“ erschienen, in der die Türkin Ayfer wegen ihrer Herkunft als besonders gefährdet gilt.253 In der Arena-Reihe Mein Leben erschienen ist Ela Aslan („Name von der Redaktion geändert“), Plötzlich war ich im Schatten : Mein Leben als Illegale in Deutschland (2012), das laut Verlagswerbung für die Klassenstufe acht bis zehn geeignet ist. Angelika Mechtels Erzählung über zwei Flüchtlingskinder aus dem Iran Flucht ins Fremde Paradies (1990) ist seit 2000 in einer gekürzten und vereinfachten Ausgabe in der Reihe Easy Readers bei Klett lieferbar. Während Die Rückseite der Angst mittlerweile nur noch als Schroedel- Schulausgabe mit Zeilennummern, Erläuterungen in der Marginalspalte254 und weiterführenden Materialien (u.a. Zeitungsartikel oder eine Karikatur zum Thema Rassismus) sowie „Arbeitsanregungen“255 lieferbar ist, kommt Amira bei Arena noch in der Aufmachung eines klassischen Jugendbuchs 251 Ebenda, S. 112f. 252 Rösch, 2000b, S. 41. 253 Wildenhain, 1998, Klappentext. 254 „Baguette : französisches Stangenweißbrot“ (Gralle, 2012, S. 136). 255 „Schlage nach, was der Begriff ‚Zivilcourage‘ bedeutet. Erkläre ihn dann einer Mitschülerin/einem Mitschüler.“ (ebenda, S. 163); „Bildet Kleingruppen und überlegt gemeinsam, welche weiteren Vorurteile gegenüber Ausländern euch schon begegnet 69 daher. Allerdings auch gleich mit einer über dem Impressum abgedruckten Telefonnummer für Informationen zu einer Unterrichtserarbeitung. Falls nach der penetranten Belehrung, wie im Falle einer drohenden Abschiebung reagiert werden solle – hier am Beispiel der gut integrierten bosnischen Familie Simic durchexerziert –, noch Informationsbedarf besteht, kann auf die abschließend genannten Kontaktdaten von pro asyl zurückgegriffen werden.256 Die Mutter von Amira Simics Freundin Merle, Frau Kruse, hat sich nämlich bei einer Hilfsorganisation informiert, die ihr „jede Menge guter Tipps mit auf den Weg gegeben“ hat: „1. Zeitung anrufen, 2. Demonstration, 3. Brief an Politiker, 4. Brief an Petitionsausschuss.“257 Die Familie Simic bleibt mit Ausnahme von Amira in der Erzählung weitestgehend ‚ohne Stimme‘258 oder sogar explizit sprachlos: Schließlich sah es aus, als wollte Herr Simic jetzt etwas sagen. Er zog die Schultern hoch, wie man es macht, wenn einem etwas leidtut oder wenn einem etwas peinlich ist. Da hatte Merle rasch das Vier-Punkte-Programm ihrer Mutter in die Hand genommen und es einfach vorgelesen. „So“, sagte sie dann, „das machen wir jetzt, eins nach dem anderen. Hier zieht niemand um!“ Herr Simic ließ die Schultern wieder fallen. Seine Frau lächelte, schien aber wie fast immer in letzter Zeit irgendwie abwesend.259 Amira ist Vorzeigeschülerin mit Bestnoten in Sport, Mathematik und Deutsch und hat sogar eine Auszeichnung als Streitschlichterin: „‚Super- Girl Amira‘“, wie Merle zusammenfasst.260 Was angesichts der drohenden Abschiebung, von der sie durch einen versehentlich geöffneten Brief erfährt, in ihr vorgeht, erschließt sich nicht umfassend aus dem Text. Sie fühlt sich „hilflos wie noch nie zuvor“.261 Im Kunstunterricht bastelt die Schulklasse bei der als beliebt und gerecht beschriebenen Lehrerin Frau Schöne Demonstrations-Plakate: „Und plötzlich wusste sie [Amira], was sind. Findet Argumente, wie sich diese Vorurteile widerlegen lassen, und notiert sie. Berichtet dann in der Klasse darüber.“ (Ebenda, S. 158) 256 Rusch, 2009, S. 135. 257 Ebenda, S. 77. 258 Es ist sicher nicht zu weit hergeholt, in diesem Zusammenhang den Schluss zu ziehen, Asylsuchende, im Text (re)präsentiert durch die bosnische Familie Simics, bleiben „passives Objekt gegenüber westlicher diskursiver Dominanz“, wie Bachmann-Medick in Erläuterungen Homi Bhabhas’ Hybriditätsbegriffs formuliert (vgl. Bachmann- Medick, 2010, S. 200). 259 Rusch, 2009, S. 84f. 260 Ebenda, S. 18. 261 Ebenda, S. 27. 70 sie auf ihr eigenes Plakat für die Demo morgen schreiben würde: Ich will bei euch bleiben!“262 Die Schulklasse263 ist sich in der Argumentation im Zugehörigkeitsdiskurs ziemlich schnell einig: Amira ist hier geboren, in den Kindergarten gegangen, in die Schule – Deutschland sei doch längst ihre Heimat. Merle meint, „[e]s müsste ein Gesetz geben, dass jeder, der in Deutschland geboren wird, Deutscher wird.“ Die Klasse montiert sogar eine Deutschlandfahne zum Klassenfoto.264 Nicht nur „Ihre Wurzeln sind hier!“ pinseln die Kinder auf Demo-Plakate, sondern auch „Abschiebung ist bekloppt“,265 was das erste nicht-national motivierte Argument ist. Herrn Simics Chef sieht deutsche Arbeitsplätze gefährdet, sollte Herr Simic den Betrieb verlassen müssen, vertritt also eine Perspektive, die den ökonomischen Wert des Migranten in den Vordergrund stellt. Man könnte provokativ formulieren, er argumentiert in der Tradition einer „nationalistischen Verwertungslogik.“266 Merles Vater dagegen besteht als Beamter darauf, dass durchgesetzt wird, was der Staat juristisch verlangt.267 Mit Frau Schöne entspannt sich eine Diskussion um staatliche Gesetze und das Gesetz der Menschlichkeit. Wohl um die dem Text oberflächlich immanente Botschaft „Bleiberecht ist Menschenrecht“ zu bekräftigen, ist als Nebenhandlung die Geschichte von Sophia eingewoben, einem illegalen Flüchtling. Sophia wurde vom Zahnarzt Dr. Roland vor Sizilien „‚aus dem Meer gefischt‘“ und nach Europa geschmuggelt.268 Sophia, „eine junge Frau, an der alles außer dem kurzen weißen T-Shirt-Kleid schwarz zu sein schien“, offenbart sich den Freundinnen gleich zu Beginn der Geschichte: „‚Ich illegal [...] nicht verraten¡“, „‚Arbeit nicht erlaubt, Sophia nicht erlaubt‘“ und „‚Keine Papiere. Nix Deutschland.‘“ Für Merle ist klar, dass 262 Ebenda, S. 29, 94. 263 Ahmad aus Afghanistan, „Margit aus der Schweiz, Pawel aus Russland, Nehan aus dem Kosovo, Sarah, Benjamin, Merle und Marvin aus Deutschland, Miranda und Idris aus Albanien, Samadi aus Sri Lanka, Seran, Fatih und Esma aus der Türkei, Clara, Simon, Daniel und Benjamin aus Deutschland, Giuseppe und Mariangela aus Italien, Youssef aus Marokko“ sowie Jeremy, der sich als letzter in der Reihe zu Wort kommend, als Amerikaner bezeichnet. Amira selbst weiß nicht, was sie ist. Die Eltern aus Bosnien, sie hier geboren. . . – ihr ist es „‚[...] völlig egal, ob jemand Ausländer oder Inländer ist.‘“ (Ebenda, S. 119f) 264 Ebenda, S. 29, 31, 41, 62. 265 Ebenda, S. 92f. 266 Ebenda, S. 50. Nach Anna Böcker lässt sich die derzeitige (Stand: 2011) Integrationspolitik „in der Kontinuität kolonialer Praktiken diskutieren, denn sie ist nach wie vor von einer nationalistischen Verwertungslogik geprägt“ (Böcker, 2011a, S. 351). 267 Rusch, 2009, S. 71. 268 Ebenda, S. 101. 71 Sophia offensichtlich Angst hat und Hilfe braucht.269 Über Sophias weiteres Schicksal, und ob sie weiterhin illegal bei Dr. Roland putzen ‚darf‘, erfährt man nichts. Amira zumindest darf bleiben! Deutschland schwarz-weiß: Milchkaffee und Streuselkuchen Als Longseller erweist sich Milchkaffee und Streuselkuchen (1996) von Carolin Philipps aus dem Verlag Carl Ueberreuter. Für das Buch, das seit 2008 bei Carlsen verlegt wird, wurde die Autorin 2000 mit dem UNESCO- Kinderliteratur-Preis für Toleranz ausgezeichnet. Allein Ueberreuter hat lt. Foreign Rights Catalogue 2013 270 knapp 20.000 Exemplare abgesetzt, die Rechte wurden bisher nach China, Korea, Slowenien und Frankreich verkauft. Eine antirassistische Rezeption drängt sich durch den Klappentext auf:271 Sammy, der zehnjährige Sohn afrikanischer Einwanderer, wird bei einem Brandanschlag an der Hand verletzt. Er versteht nicht, was Menschen dazu treibt, so etwas zu tun. Zudem kann er wegen seiner verletzten Hand nicht an einem Musikwettbewerb teilnehmen. Boris, sein Erzfeind und heftigster Konkurrent um den Platz als Klassenbester, wird sich bestimmt darüber freuen, dass er nun an Sammys Stelle Klavier spielen darf. Aber Boris findet eine ganz andere Lösung dieses Problems. Eine Lösung, die nicht nur Sammy überrascht. . . 272 Antirassistische Texte sind nach Rösch häufig „nicht wirklich poetisch“ sondern transportierten mittels einer banalen Handlung entsprechende Informationen „bis hin zu politischen Indoktrinationen.“273 Die Beklemmung, die einen hinsichtlich einer anscheinend intendierten Konditionierung (vulgo: Gehirnwäsche) schon bei Amira überfallen kann – die ganze Klasse muss hinter der von Abschiebung bedrohten Schülerin stehen,274 wer sich nicht beteiligt, wird wiederum ausgegrenzt –, kann auch bei Sammys Geschichte verspürt werden, obwohl diese in großen Teilen aus dessen Perspektive erzählt wird: Eigentlich will Sammy mit seiner Freundin Sonia zu einem Feuerwerk, das anlässlich des neu eingeführten Tag der Deutschen Einheit abgefeuert werden soll. Vereitelt werden seine Pläne für den Abend durch einen Brandanschlag, der durch eine Gruppe Jugendlicher auf seinen Wohnkomplex verübt wird. Auch Kinder sind unter den Beobachtern: „[S]ie sagen 269 Ebenda, S. 10ff. 270 ueberreuter : LAPPAN : annette betz, Berlin, 2013, S. 21. 271 Die Zitate beziehen sich auf die Schulausgabe von 2000 im Verlag Hase und Igel. 272 Philipps, 2000, Klappentext. 273 Rösch, 2000c, S. 126. 274 Vgl. Rusch, 2009, S. 66f. 72 auch nichts, sie stehen nur da und schauen zu.“275 Seine Eltern verdrängen den Vorfall. Sonia will das Ereignis mit ihren Eltern besprechen: „‚Sie haben es getan, weil Sammy braune Haut hat, oder¿“276, aber auch ihre Eltern wollen nicht über den Anschlag oder die möglichen Motive sprechen. Sonia insistiert, und ihr Vater erklärt: Vor dreißig Jahren (also Anfang der 1960er-Jahre) habe man „die Ausländer in unser Land geholt“, da man Arbeitskräfte brauchte. Heute aber kämen die meisten, „ohne dass wir sie gebrauchen können. Wir haben selbst so viele Arbeitslose.“277 Dann gäbe es noch die politisch Verfolgten und die, die kämen, weil sie Hunger hätten „und unser Land ist reich. . . “. Sonias Mutter weiß hinzuzufügen, dass das schon ein Problem sei, wo solle man denn hin mit ‚all denen‘? „Wer soll das alles bezahlen? Auch eine Kuh kannst du nur bis zu einer gewissen Grenze melken. Dann gibt sie keine Milch mehr.“278 Für Sonia erhellt sich nicht, was das alles mit Sammys verbrannter Hand zu tun haben soll. Es folgt ein Rückblick von Sammys Mutter zur kriegsbedingten Fluch aus Eritrea. Sechs Jahre verbringt sie im Sudan in einem Flüchtlingslager, wo sie auch ihren Mann, einen Freiheitskämpfer, kennenlernt. Beide wandern mit Hilfe des Roten Kreuz nach Deutschland aus, die Mutter macht eine Ausbildung zur Krankenschwester, der Vater lernt Pfleger, wird aber – weil er keine Arbeit findet – zum Straßenbahnschaffner umgeschult. Eigentlich plant man nach Eritrea zurückzukehren, „um dort in Eritrea den Menschen zu helfen“, aber zuerst ist die politische Lage zu unsicher und dann kommt Sammy zur Welt. Die Mutter hat ein schlechtes Gewissen, denn schließlich ist Eritrea ihre Heimat, auf der anderen Seite „weiß [sie] nicht, was sie eigentlich will und wo sie hingehört“. Aber wer weiß, so reflektiert sie, vielleicht würde es für Sammy in Afrika (sic) bald sicherer sein als hier.279 Es bestätigt sich in dem Buch in weiten Teilen das, was Rösch zum Thema „Problembuch“ artikuliert (vgl. Seite 69) bzw. in ihrer Arbeit zum Anti-/Rassismus in der KJL und ihrer Didaktik Jim Knopf ist (nicht) schwarz darlegt. Rösch formuliert im Rückgriff auf die Arbeiten von Jörg Becker aus den 1980er-Jahren rassistische Argumentationsmuster, die die 275 Philipps, 2000, S. 11. 276 Ebenda, S. 29. 277 Ebenda, S. 30. Das Argument „Arbeit und Wohnung wegnehmen“ wird sogar Sammys Mutter in den Mund gelegt, als sie später doch noch ansatzweise mit ihrem Sohn über den Vorfall spricht (ebenda, S. 51). Warum – muss kritisch hinterfragt werden – muss dieser Argumentationsstrang auch noch gebetsmühlenartig im Text explizit gemacht werden? Vgl. außerdem ebenda, S. 60. 278 Philipps, 2000, S. 30. 279 Ebenda, S. 34–39. 73 kulturelle, ethnische, religiöse und sprachliche Akzentuierung eines erweiterten Rassismusbegriff berücksichtigen.280 So beschreibt Rösch z.B. das Ethnisierungs- bzw. Kulturalisierungssyndrom, das zu einer stereotypisierten Zeichnung von Minderheiten oder Angehörigen diskriminierter Gruppen führt, die zu Repräsentanten einer Ethnie oder Kultur stilisiert werden. Sammy wird in seiner Reflexion der Problemlage auf sein Aussehen reduziert. Seine Nase ist im Vergleich zu den weißen Kindern weniger erhaben („platt“), seine Lippen sind voller („dick“) und seine Haut ist dunkler, wenn auch „nicht so schwarz wie die der Menschen, die aus dem Süden Afrikas kommen.“281 Sammy – so erfährt man in einem Rückblick auf dessen Probleme, einen Platz in der Klassengemeinschaft zu finden – trainiert bei jeder Temperatur im Trainingsanzug, denn „[e]r schämt sich, weil er so braun ist.“282 Wegen seiner Hautfarbe grenzen ihn einige Mitschüler_innen aus und nennen ihn „Milchkaffee“. Ihm selbst ist, wird an anderer Stelle betont, einerlei, wie ein Mensch aussieht.283 Abbildung 4.5: Carolin Philipps, Milchkaffee und Streuselkuchen, Carlsen (2008) Ein Leben in der Heimat seiner Eltern „ohne elektrisches Licht, ohne fließendes Wasser im Badezimmer, ja sogar ganz ohne Badezimmer“ oder Fernseher kann er sich nicht vorstellen. Allerdings reicht seine Phantasie, 280 Ausführlich siehe Rösch, 2000c, S. 114ff, 259f. 281 Philipps, 2000, S. 40f. Das Kind selbst ist also Rassist und stellt sich in seinen Reflexionen über Menschen mit noch dunklerer Haut? Und Rassismus wird damit im Schulkontext unterschwellig ein Persilschein ausgestellt? Wird so etwas wirklich nach wie vor als Klassensatz bestellt? Ja! 282 Philipps, 2000, S. 48. 283 Ebenda, S. 41. 74 sich auszumalen, wie sein größter Peiniger Boris sich fühlen könnte, wenn jener als „Bleichgesicht“ dort neu in die Schule käme. Vielleicht hätte Boris ähnliche Probleme, und man würde ihn ob seiner Sommersprossen „Streuselkuchen“ nennen:284 Und genau an dieser Stelle macht sich der Traum dann immer selbstständig. Statt dem weißen Boris mal so richtig eins auszuwischen, steht er, Sammy, im Traum auf, legt den Arm um Boris und sagt: „Neben mir ist noch ein Platz frei. Mach dir nichts aus den anderen. Ich weiß, wie es ist, wenn man anders aussieht. Mir ist es egal, ob du weiß oder braun bist.“285 In ihrem Appellcharakter fast unerträglich peinlich wirkt die Zeichnung eines nach dem Anschlag verzweifelten Sammy, der eine dicke Schicht Creme aus dem Kosmetikschrank seiner Mutter im Gesicht aufträgt, sich eine Badekappe mit gelben Rüschen aufsetzt, und vor dem Badezimmerspiegel sinniert, ob ihn seine Mitschüler_innen so lieber mögen würden. Von der Mutter ertappt, bekommt er zu hören: „Mach das nie wieder, hörst du? Deine Haut wird immer braun bleiben und mir gefällst du so. Ich will dich nicht weiß haben. Wichtig ist doch nur, wie du hier und hier drinnen bist.“ Und dabei klopft sie an seinen Kopf und sein Herz.286 Warum wird an dem Diskriminierungsmuster durch die Autorin so beharrlich fest gehalten? Wenn schon Philipps Mitte der 1990er-Jahre das Bewusstsein dafür gefehlt haben mag, dass sie durch ihr Manuskript Hautfarbe als rassistische Differenzkategorie weiter in den Köpfen von Kindern manifestiert, warum werden dann Texte wie Milchkaffee und Streuselkuchen von Pädagog_innen trotz des heutigen Stands der Forschung nach wie vor im Schulkontext verwendet? Einige Antworten wurden bereits gegeben (u.a. Stichwort: Gewohnheitskanon). Eine pessimistische Erklärung könnte zudem sein, dass es sich bei den antirassistischen Ambitionen in unserer Gesellschaft zu einem Teil lediglich um Lippenbekenntnisse handelt. Eine optimistischere Perspektive wäre, dass es nach wie vor an Informiertheit mangelt.287 Die Mutter beantwortet Sammys Frage, wo denn nun seine Heimat sei (wo doch manche meinten, die Familie solle in die Heimat zurückgehen), und wohin er gehöre mit: „‚Hierher, Sammy. Du gehörst hierher. Du bist 284 Ebenda, S. 41ff. Kein Strom, aber Streuselkuchen? Erinnert an das Marie Antoinette zugeschriebene „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen!“. 285 Philipps, 2000, S. 43. 286 Ebenda, S. 50. 287 So sind meine Ergebnisse heute sicher auch nicht ‚der Weisheit letzter Schluss‘. 75 hier geboren.‘“288 Über eine über das Regionale oder Nationale hinausgehende Definition von „Heimat“ oder „Zugehörigkeit“ wird nicht nachgedacht oder gesprochen. Im Folgenden erzählt Sonia Sammy, wie sie Boris vor der Klasse in die Pflicht genommen hat. Boris hatte im Unterricht erzählt, wie er den Anschlag erlebt hat. Sein Vater und er hatten den Vorfall vom Balkon aus beobachtet. Der Vater hatte kommentiert: „‚[...] sie schmeißen die Scheiben von den Ausländern ein. Weil sie wollen, dass sie zurückgehen, wo sie hergekommen sind. Weil wir gar nicht mehr wissen, wohin mit ihnen.‘“289 Sonia hatte Boris vor der Klasse mit ihrer Überzeugung konfrontiert, dass Zuschauen und nichts machen genauso schlimm sei wie Steine werfen. Boris hätte das nicht einsehen wollen, aber die Lehrerin hatte Sonia recht gegeben. In einem in das Kapitel eingewobenen Rückblick erfahren die Leser_innen nun die Ursache der ausgeprägten Abneigung Boris’ gegenüber Sammy. Ausgerechnet Sammy hatte dessen Position als Klassenprimus gefährdet. Von seinem Vater hatte Boris sich anhören müssen, dass er sich doch nicht von „so einem“ überrunden lassen könne. Und das ausgerechnet im Fach Deutsch: „Sie erwarteten einfach von ihm, dass er bessere Noten schrieb als dieser Ausländer [sic, ohne Anführungszeichen].“290 Sammys Familie, die eine diskriminierte Gruppe repräsentiert, hat also erbracht, was Rösch im Zusammenhang mit dem Oasensyndrom als „Assimilationsleistungen“ bezeichnet.291 Beide Eltern gehen einem ehrbaren Beruf nach und der Sohn ist unter den Klassenbesten wie auch ein talentierter Klavierspieler. Durch die Freundschaft mit Sonia wird Sammy die Tür zur Mehrheitsgesellschaft geöffnet. Konfliktregelung erfolgt durch Integration. Symbolisiert wird diese Integration durch das gemeinsame Klavierspiel von Sammy und Boris, das sie für einen Schulwettbewerb einstudieren, womit die Geschichte (endlich) abschließt. Vorher muss Boris noch eine Wandlung erfahren: Sammy steht wieder einmal vor dem Spiegel und experimentiert mit Tuschkasten und Deckweiß. Es klingelt und Boris steht vor der Tür. Die Klassenlehrerin, Frau Pinkepang, hat den Jungen beauftragt, bei Sammy die Klaviernoten abzuholen. Sammy hätte eigentlich für die Klasse den ersten Preis bei einem Wettbewerb holen sollen, wegen der verletzten Hand darf der kaum minder talentierte Boris einspringen. Boris stellt sich in der Wohnung an das beim Anschlag zerbrochene und durch Plastikfolie behelfsmäßig reparierte 288 Ebenda, S. 51. 289 Ebenda, S. 55f. 290 Ebenda, S. 57f. 291 Rösch, 2000c, S. 115 oder 259. 76 Fenster und fragt leise: „‚Hast du hier gestanden¿“. Keiner wollte bisher mit Sammy über den Vorfall reden: „Die ganze Geschichte sprudelt aus Sammy hervor. Boris hört ihm zu, ohne ein Wort zu sagen. Er steht am Fenster, schaut vorsichtig durch die Plastikfolie, zeigt auf einen Balkon im gegenüberliegenden Haus. ‚Da hab ich gestanden.‘“ Nachdem „[v]on hier aus“ alles ganz anders aussieht, wird Boris bewusst, dass er vielleicht hätte etwas machen sollen. Er verlässt die Wohnung, um zehn Minuten später mit dem Vorschlag des Klavierduos auf Sammy zuzukommen – Sammy bringt seine gesunde linke Hand ein und Boris spielt mit rechts. Die Klasse gewinnt so den zweiten Preis im Wettbewerb und es wird spontan ein Sonderpreis für das Duo ausgelobt.292 4.1.2 Vom Platz in der Gesellschaft: Kulturelle Herausforderungen Wie zu Anfang von Kapitel 4.1 einleitend skizziert, unterscheide ich bei der Analyse der Literatur, die „Interkulturelles“ schon im Klappentext ankündigt, ‚vordergründige‘ oder ‚gesellschaftliche‘ Probleme (eben in Kapitel 4.1.1) sowie ‚latente‘ Probleme als individuelle Sorgen und Nöte (im Folgenden). Als ‚latente‘ Probleme bezeichne ich im Kontext dieser Arbeit Themen wie „Migration“, „Ausgrenzung“ sowie „Identität“ bzw. „Identitätskrisen“. Oder populär formuliert: „Integrationsschwierigkeiten“. Das Muster gut gemeinter aber nicht immer ‚unproblematischer‘ Problemliteratur wiederholt sich auch dort, wo weniger behördliche oder physische Gewalt im Zentrum der Handlung stehen, sondern eher die individuellen Sorgen und Nöte von Zuwanderern oder Kindern mit Migrationserfahrung. Warum ist mir eine Abstufung von ‚vordergründigen Problemen‘ wie Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass oder Abschiebung zu ‚latenten Problemen‘ oder individuellen Sorgen und Nöten wichtig? Ich konnte bisher nur im Ansatz aktuelle Bücher identifizieren, die diese (Gewalt-)Themen literarisch anspruchsvoll bearbeiten.293 Rafik Schamis im Hanser Verlag erschienenes Bilder-/Erstlesebuch Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm (2003), das allerdings physische Gewalt ausspart, kann als Ausnahme gewertet werden. Erwähnt werden sollte an der Stelle Hanna Jansens 292 Philipps, 2000, S. 107–112. Zur Wandlung der Autoritätsperson Vater vgl. Philipps, 2000, S. 72ff. 293 Dafür gibt es eine nicht zu unterschätzende Menge an Literatur, die (inter-)kulturelle Phänomene (oder Probleme), die „unter der Oberfläche“ bleiben (oder gären), sensibel und differenziert beschreiben, ohne dass das schon per Klappentext angekündigt bzw. verkauft wird. Vgl. dazu Kapitel 4.2. 77 Herzsteine (2012). Thematisiert werden hier jedoch keine der o.g. ‚lokalen‘ Problematiken sondern die ethnischen Konflikte in Ruanda. Für den Adoleszenzroman, der in Kapitel 4.2.2 besprochen wird, steht die Aufarbeitung der (Gewalt-)Historie allerdings nicht im Vordergrund. Im Klappentext wird erwähnt, dass die Mutter der Hauptfigur aus Ruanda kommt und dass ein „undurchdringliches Schweigen“ über der Familie liegt.294 Im gleichen Verlag (Peter Hammer) erschienen ist das Erstlesebuch Mia mit dem Hut (2007), das von einer Kinderfreundschaft auf Augenhöhe erzählt, in der Mias Freund Abadi Beschimpfungen und tätlichen Angriffen seiner ‚Klassenkameraden‘ ausgesetzt ist. Aus dem Klappentext ist immerhin zu erfahren, dass Abadi aus Afrika kommt und Mia von den Kindern wegen eines alten Hutes (eine wunderbare Doppeldeutigkeit im Kontext der Geschichte über Gewalt und Vorurteile) ausgelacht wird. Bücher, die – als Graustufe295 von Problem hin zu Normalität – individuelle Sorgen und Nöte schon per Klappentext thematisieren, so das Fazit meiner im Folgenden dargestellten Analysen, sind dann interkulturell wertvoll, wenn der Autor oder die Autorin einen persönlichen Bezug zu dem Problemkreis hat. Erzähler_in und Autor_in (i.S.v. reale_r Verfasser_in des Textes, also Schriftsteller_in) sollten idealerweise über einen ähnlichen Erfahrungshorizont verfügen, so meine Schlussfolgerung. Leaving Ararat: Abenteuerliches über Einwanderer Ein aktuelles Beispiel für den Versuch, das Seelenleben von Flüchtlingskindern zu bearbeiten und an mehr Toleranz zu appellieren, ist das Werk des österreichischen Autorinnenduos Susanna Lawson und Doris A. Behrens Leaving Ararat : Abenteuer Einwanderung (2012). Das Problem der Ausgrenzung wird in der Erzählung begründet und auch gleich gelöst: „Natürlich nicht“, beruhigte uns Frau Fachlehrerin Gruber. „Ich wollte doch nur erklären, dass die Menschen manchmal ablehnend reagieren, wenn Fremde aus anderen Ländern und mit anderen Sitten und mit anderem Aussehen in ihr Land kommen. Meist steckt da mehr Angst dahinter als sonst irgendwas. Deshalb bin ich mir sicher, dass gerade bei euch Kindern eine Verständigung möglich ist.“ Damit schloss sie das Thema ab und begann mit dem Unterricht.296 294 Jansen, 2012, Klappentext. 295 Nicht „Grauzone“. Graustufe – auch wieder in Analogie zur Drucktechnik – als Abstufung, (Farb-)Verlauf, Rasterdichte (Dichte als Verhältnis von Farbstärke, Weißraum und gedecktem Raum). 296 Lawson/Behrens, 2012, S. 41 78 Solch verkürzte Argumentationen finden sich in der Problemliteratur häufig: Tradierte Vorurteile werden von einer Autoritätsperson (Elternteil, Lehrer o.ä.) wiedergegeben, allem Anschein nach soll eine Argumentationskette zur Widerlegung oder zumindest zur Relativierung der Klischees aufgebaut werden, die dann nicht befriedigend zu Ende gebracht wird. Somit stellt sich die Frage, ob das Unterfangen nicht eher kontraproduktiv ist, sich beim/bei der (jungen) Leser_in diese Bilder nicht eher verfestigen. Bildhafter und somit einprägsamer wird es, wenn die nette Deutschlehrerin Frau Gruber erklärt: „Das ist wie bei dem Kuckuck, [. . . ] Der Kuckuck legt seine Eier in fremde Nester, und die armen anderen Vögel müssen dann die großen Kuckucksvögel füttern, und die wachsen und wachsen, und drängen dann die kleineren Vogelbabys aus den Nestern.“297 Dieser Vergleich gefällt Lusine und Lala nicht, aber sie müssen zugeben „dass es wohl eine Art Urinstinkt ist, der die Menschen dazu bringt, Ausländer, also alles Fremdländische abzulehnen.“298 Es bleiben also keine Fragen offen, womit der Text ausreichend Würdigung erfahren hat und eigentlich zum nächsten Verlagsprodukt übergegangen werden kann. Ich halte das Büchlein jedoch für sehr geeignet, um an dieser Stelle ein paar Worte über den – hier nicht explizit – werblich gern genutzten Begriff der „Authentizität“ und eine Heiligsprechung durch Preise zu verlieren: Der Text wurde von der Kärntner Landesregierung mit dem Jugendbuchpreis 2012 ausgezeichnet. Gewiss, das ist nicht der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels oder der UNESCO-Preis, mit dem Carolin Philipps sich schmücken darf, suggeriert aber einer/m womöglich eher einseitig informierte_n Käufer_in (sprich: je nach Alter bereits Wähler_in), dass man sich ‚schon was dabei gedacht haben wird‘, dass man nichts falsch macht, das Buch zu kaufen, zu verschenken oder im Unterricht zu verwenden. Oder sogar zu lesen. Nicht unwahrscheinlich, dass die Auszeichnung ihren Widerhall auch in den Kulturteilen der Regionalpresse gefunden hat, was den Effekt der Empfehlung wohl verstärken wird.299 Für das Büchlein – so erfährt man aus der Widmung – standen die „Erlebnisberichte vieler verschiedener Einwandererfamilien nach Österreich und Deutschland [..] Pate“. Im Anhang zur Erzählung werden u.a. „Fakten zur aktuellen wirtschaftlichen Situation Armeniens“ und Zahlen zum 297 Ebenda, S. 86. 298 Ebenda. 299 Über den Wettbewerb konnte recherchiert werden, dass es zehn Einsendungen gab. Die Autorinnen haben schon Kochbücher und naturwissenschaftliche Fachliteratur verfasst. Vgl. Website des Landes Kärnten: http://www.ktn.gv.at/27987\_DE-ktn. gv.at?newsid=19740 (zuletzt geprüft am 16.08.2014). 79 Thema Migration abgedruckt, was offenbar die Authentizität des Textes unterstreichen soll. Einen knappen und leicht einprägsamen Merksatz zu „Authentizität“ aus postkolonialer Perspektive hat die Schwarze Künstlerin und Aktivistin Noah Sow formuliert: ‚Authentisch‘ ist das weiße Feedback über weiße Vorstellungen von Angemessenheit und Validität des Beobachteten. Im Subtext bedeutet ‚authentisch‘, dass etwas, das weiße Erwartungen erfüllt, quasi noch echter ist als echt.300 Als Beleg für die von Weißen angenommene Authentizität, so Sow, „müssen dann aber oft [..] People of Color herhalten.“ Diese – sie schließt Filmfiguren weißer Produktionen mit ein – würden wiederum von Weißen ausgewählt oder fingiert.301 Noch dreister wird die Verlagswerbung, wenn sogar darauf verwiesen wird, dass eine O-Ton „wahre Botschaft“ verkündet wird (vgl. Kapitel 5.2.4). Marginalisierung des Fremden mittels Format und Titelgestaltung: Lisas Geschichte : Jasims Geschichte 2007 erschien Kirsten Boies Brief-/Tagebuchroman Lisas Geschichte : Jasims Geschichte (1989) in einer erweiterten Neuausgabe. Bei der Erweiterung handelt es sich offenbar um das Nachwort der Autorin.302 Besonders interessant an dem Buch ist das Cover, das das Thema Ausgrenzung auf unschuldig verharmlosende Weise illustriert (vgl. Abb. 4.6, Seite 81). Lisa blickt etwas beklemmt wirkend auf den Asylsuchenden Jasim herab, der ‚auf dem Kopf steht‘. Getrennt werden die beiden durch einen mit 55 Cent frankierten Briefumschlag. Das Cover des Originals aus dem Oetinger Verlag und das der Taschenbuchausgabe von dtv junior zeigte noch zwei Jugendliche, die sich an einem Hauseingang begegnen. Der Junge kommt heraus, bzw. die Treppe herunter, das Mädchen dreht sich im Vorbeigehen nach ihm um. Das Mädchen 300 Sow, 2011, S. 252f. 301 Ebenda, S. 253. 302 Zur Autorin schreibt Isa Schikorsky: „Kirsten Boie (*1950) gilt seit ‚Paule ist ein Glücksgriff‘ (1985), ihrem Erstlingswerk über ein farbiges Adoptivkind, als eine Autorin, die politische und soziale Probleme literarisch anspruchsvoll gestaltet, wobei es ihr darauf ankommt, sich kindlichen Empfindungen und Wahrnehmungsweisen anzunähern. Der kompromisslose Einsatz von literarischen Gestaltungsmitteln sowie die inhaltliche Komplexität ihrer Romane stellen hohe Anforderungen an junge Leser.“ (Schikorsky, 2012, S. 153) 80 Abbildung 4.6: Kirsten Boie, Lisas Geschichte : Jasims Geschichte: Cover der erweiterten Neuausgabe (2007) ist jeweils in Bunt dargestellt und trägt flippige Kleidung, der Schwarze Junge ist ‚farblos‘ ausgestattet und wirkt traurig oder betreten. Und darum geht es dann auch im Groben und Ganzen: Die vielleicht 13oder 14-jährige Lisa ist kürzlich mit ihren Eltern in eine neue Stadt gezogen und schreibt ihren Freund_innen überdreht wirkende Briefe („Hallo, du alter, blöder Knuddelmaik!“ oder „Ach Mensch, Maik, du alte schnuckelige Obernuss!“303). Der Vater scheint ein Alkoholproblem zu haben und der „Müsli-Bruder [...] engagiert sich jetzt für Asylanten.“304 Lisa hat so ihre Probleme, sich in ihre neue Heimat einzuleben. Sie zelebriert ihre Vorurteile über die beschauliche Vorstadt, deren Idyll durch ein neu eröffnetes Heim für Asylanten gestört wird. Die einzige Begegnung zwischen Lisa und Jasim findet im wahrsten Sinne des Wortes zwischen Tür und Angel statt. Insgesamt zwölfmal eingeschoben zwischen Briefe und Tagebucheinträge des Mädchens sind ein- bis dreiseitige Introspektiven eines Bewohners dieses Heims, Jasim. Jasim hat seine Familie zurückgelassen, was ihn unendlich schmerzt.305 Er möchte sich integrieren in „‚[s]eine neue Heimat,‘“306 darf aber wegen der Vorschriften nicht einmal den Versuch unternehmen, selbst für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Sein Zimmergenosse George bringt die beschränkte Welt der Asylbewerber_innen auf den Punkt: 303 Boie, 2007, S. 6, 13. 304 Ebenda, Klappentext. 305 Ebenda, S. 96. 306 Ebenda, S. 41. 81 „Du hast dein Bett“ sagte er. Wie der Mann auf dem Amt. „Du hast dein Essen. Dein Luxus sind deine Träume. Jeden Monat, wenn du deine zehn Mark in den Händen hältst, wirst du träumen: Was kannst du nicht alles damit anfangen! Du kannst einmal in die Stadt fahren und einmal zurück, und noch einmal in die Stadt, aber zurückfahren kannst du dann erst wieder im nächsten Monat. [...] Oder du kannst drei Bier trinken in einer Gaststätte, wenn sie dich hineinlassen und wenn sie dich so behandeln, dass du nach dem ersten Bier noch Lust auf zwei weitere hast.“307 Eigentlich darf Jasim ohne Erlaubnis der Ausländerbehörde seinen Aufenthaltsradius nicht verlassen. Trotzdem macht er sich auf, seinen alten Freund Mirja zu besuchen, der zwei Zugstunden von Jasims Heim entfernt lebt. Ohne Fahrkarte versteht sich (angesichts seiner eingeschränkten finanziellen Mittel). Er versteckt sich im Waschraum, wo er sich im Spiegel betrachtet. Anscheinend sich selbst entfremdet kommt ihm sein Gesicht „sonderbar dunkel“308 vor. Bei der Rückfahrt wird er von einem Kontrolleur beim Fahren ohne gültigen Fahrschein ertappt. Um den Anwalt zahlen zu können, der ihn vertritt, und um zumindest etwas zu tun, verdingt sich Jasim von nun an als illegaler Rosenverkäufer. „Die Leute hier sind reich. Sie geben viel Geld für Rosen“, schreibt er seiner Familie.309 Eines Tages wird sein Zimmergenosse abgeschoben. Jasim überlegt, dass es für ihn selbst eine Option wäre unterzutauchen, würde ihm das Gleiche drohen. Was dann bald passiert. Sein Asylantrag wird abgelehnt, dieser sei „[o]ffensichtlich unbegründet, hatte das Gericht entschieden.“310 Jasim soll binnen vier Wochen ausreisen. Er packt seine Reisetasche, will zu seinem Freund Mirja. Im Asylbewerberheim findet gerade ein Fest statt, „es waren Deutsche gekommen“. An der Pforte stößt er fast mit einem Mädchen zusammen. Er sagt „‚Sorry‘“, festigt den Griff um seine Reisetasche und zwingt sich, an seine neue Heimat zu denken.311 Aus Lisas letztem Tagebucheintrag erfährt man (neben den Sorgen zu einer misslungenen Schularbeit und ähnlichen Dingen), dass Lisa auch bei dem Fest im Heim zugegen war: „Vor der Pforte wäre ich fast mit einem Ausländer zusammengestoßen, der eine Reisetasche in der Hand trug. Er sah verwirrt aus und gleichzeitig so, als hätte er es eilig. ‚Sorry‘, sagte der Mann.“312 Bezogen auf die Party – oder im Sinne der Untersuchung den Gehalt der 307 Ebenda, S. 73f. 308 Ebenda, S. 122. 309 Ebenda, S. 161. 310 Ebenda, S. 181. 311 Ebenda, S. 182f. 312 Ebenda, S. 185. 82 interkulturellen Begegnung – hält sie noch ein paar Notizen zu einer „Afrikanerin mit den phantastischsten Zöpfen der Welt“ und „merkwürdig aussehende[n] Teigtaschen und Frikadellen“ in ihrem Tagebuch fest.313 Mich persönlich lässt die Geschichte etwas ratlos zurück. Die Autorin betont in ihrem Nachwort die Aktualität des Stoffes. Solange es auf der Welt das Gefälle aus Reich und Arm, „lebensbedrohlich Hungrigen und lebensbedrohlich Übergewichtigen“ gebe, werde es „diese Wanderungsbewegungen“ geben. Alle Fragen, die Lisa sich stelle, stellten sich uns auch heute noch.314 Welche Fragen? Die um blaue Briefe und die erste Liebe etc. sind sicher zeitlos. Aber was sonst? Soll ich als Leserin den Transfer herstellen zwischen Lisas – dann eher trivialen – Sorgen, sich in der neuen Umgebung einzufinden, und Jasims existenziellen Problemen? Um dann, wie mancher Tourist, der eben eine Dritte Welt-Region bereist hat, in einer Mischung aus Erleichterung und schlechtem Gewissen festzustellen, ‚wie gut wir es doch eigentlich haben, und dass man da schon mal was tun müsste‘? Oder wird die Figur Jasim missbraucht für einen Mädchenroman, dem ein bisschen (aktuelle) Brisanz verpasst werden soll, vielleicht um ihn auch im Schulkontext vermarkten zu können? Auf der einen Seite finde ich fragwürdig, dass Lisas Befindlichkeiten bis ins Kleinste seziert werden, und Jasim nur selten, ‚zu Wort kommt‘ – und dann auch noch in der dritten Person. Auf der anderen Seite würde meine Prognose für eine aus interkultureller Sicht gelungene Bearbeitung schlecht ausfallen, würde Boie versucht haben, auch Jasims Innenleben detaillierter zu beleuchten. Das Buch hält sich seit über 25 Jahren im Markt. Identität ungeklärt: Beiträge autochthoner Autoren Bei ihren Untersuchungen zu Formen der „Migrantendarstellung“ in Schulbüchern hat Maria E. Brunner herausgearbeitet, dass (noch) Ende der 1990er-Jahre das Bild des zwischen zwei Stühlen sitzenden „Ausländerkindes“, meist repräsentiert durch einen Türken/eine Türkin, vorherrschte. Diese Kinder, so wird suggeriert, litten unter Identitätsproblemen und wüssten nicht, wo ihre Heimat liege. ‚Bikulturell‘ oder ‚hybrid‘ bedeute immer auch fremd, konfliktträchtig und „problembeladen“.315 Dieses Bild scheint sich auch bei einigen autochthonen Kinder- und Jugendbuchautor_innen eingebrannt zu haben: 313 Ebenda, S. 186f. 314 Ebenda, S. 189–191. 315 Brunner, 2005, S. 84f. 83 Jana Frey ist Autorin für „Themen die bewegen“.316 Laut Verlag sind das Stoffe wie die Zeugen Jehovas (Das eiskalte Paradies : Ein Mädchen bei den Zeugen Jehovas (2000)), Magersucht (Luft zum Frühstück : Ein Mädchen hat Magersucht (2005)), Geschwisterliebe (Der Kuss meiner Schwester : Eine verbotene Liebe (1997)) und Kriminalität (Die vergitterte Welt : Mit 16 im Knast (2004)).317 Mit Ich, die Andere (2007) äußert sich die deutsch-schweizerische Autorin vordergründig zum Thema Bikulturalität bzw. Identität: Kelebek ist Deutsche. Und sie ist Türkin. Sie will mit ihren Freundinnen Spaß haben und gleichzeitig mit ihrer Familie den Ramadan begehen. Sie liebt die blaue Moschee in Istanbul – und sie liebt Janosch. Ihre Gefühle sind zu kostbar, als dass sie jemandem davon erzählen könnte, zu zerbrechlich. Doch Sercan, ihr Bruder, mit dem sie früher alle Geheimnisse geteilt hat, merkt sofort, dass Kelebek plötzlich anders ist. Er beginnt, sie zu kontrollieren, eindringliche Fragen zu stellen. Als er endlich Gewissheit hat, ist Sercan voller Hass. Hass auf Janosch, Hass auf Kelebek – Hass, der außer Kontrolle zu geraten droht...318 Der Online-Rezensent Michael Petrowski bespricht den Text als einen sehr empfehlenswerten Jugendroman, der zum Nachdenken anrege. In einem unvergleichbaren Schreibstil, mit Passagen in konsequenter Kleinschreibung und Wechsel in die dritte Person, beschreibe die Autorin professionell und einfühlsam die Gedanken und Gefühle der Protagonistin. Jana Frey schildere – so fasst er zusammen – das Schicksal der jungen Muslimin Kelebek, die zwischen zwei Kulturen lebt und aus diesem inneren Konflikt heraus manchmal eine Andere ist. Je nachdem in welcher Gefühlslage sie (die Romanheldin) sich befände, sei sie mal Siri, Aviva oder Daphne. „Die vielschichtige emotionale Geschichte“ berühre „den Leser zutiefst.“319 Petrowski gilt mein ausdrücklicher Dank für die Inhaltsangabe, da ich persönlich den Text wenig ansprechend und die Handlung vorhersagbar fand, sodass ich wenig motiviert war, das Buch im Ganzen zu lesen. Zwei Ausschnitte: Ich wurde auf einem alten, knarrenden Sofa geboren, während draußen der Muezzin die Gläubigen zum Gebet rief. [...] „Allahu Akbar, Allah ist groß. . . “, sagte mein Großvater, der als Erster die Sprache wiederfand.320 316 Vgl. Frey, 2010, S. 351. 317 Ebenda, Programmvorschau am Ende des Buches (S. 350ff). 318 Ebenda, Klappentext. 319 Vgl. http://www.gedankenspinner.de/?p=1091 (zuletzt geprüft am 16.08.2014) 320 Frey, 2010, S. 16. 84 „Sie soll alleine gehen? Das erlaubt ihr? Ihr lasst sie alleine in die Stadt gehen? [...] Nein, das kann nicht angehen! Was seid ihr für Eltern? Ich kann es nicht glauben! Sie ist eure Tochter, euer Kind!“ Alle schauen sich an. Und dann geht der große Bruder mit. Und der Cousin aus Anatolien, der zu Besuch ist. „Allahu Akbar“, sagt der alte türkische Mann erleichtert und schlurft zurück ins Wohnzimmer. „Und vergesst nicht, es ist immer noch Ramadan“, sagt der Cousin. „Wir werden nichts essen und nichts trinken.“321 Annette Kliewer sieht den Text kritisch. Als klischeehaftes Jugendbuch übertrage Frey das Romeo- und Julia-Motiv auf unsere Gesellschaft. Fast identisch sei die Konstellation in Halva, meine Süße (2012) der Autorin Ellen Alpsten. Auch hier steht eine Familie zwischen zwei Welten und eine Liebe muss Grenzen überwinden.322 Diese Grenze, der (Fazit: nicht) zu überwindende Gegensatz, wird in Halva u.a. über die Raumsemantik gestaltet. Halva stammt aus dem Iran. Ihre Eltern fliehen mit ihr als sie acht Jahre alt ist. Der Roman beginnt mit einem Rückblick in das Jahr 2002. Halva, ihr Bruder Mudi und die Mutter Raya besuchen vor ihrem Abschied Halvas Großmutter Mamii. Das „verrückte[.] Land“ wird schon im ersten Satz in ein „drinnen“ und ein „drau- ßen“ geteilt. Drinnen fühle man sich freier als „draußen an der frischen Luft“. „‚Wir führen ein Leben zwischen zwei Welten¡“ schließt sich der zweite Satz der Erzählung an.323 Diese Grenze zwischen den zwei Welten wird durch eine „dunkelrote Schwelle“ markiert. Bei Mamiis Hochzeit hatte man einen „Widder geschächtet“, dessen Blut wohl noch immer den Hauseingang färbt. Das Haus hat Risse, es bröckelt der Putz von den Wänden und „in dem Mosaik des leeren Brunnens [...] fehlten etliche bunte Steine.“ Die Wohnung der Großmutter ist klein, die Wände kahl, es ist kalt und staubig. Ein Fenster hat buntes Glas.324 Lediglich die bunten, übereinanderliegenden Teppiche, auf denen die Familie sitzt, als man über die Flucht nach Deutschland spricht, verleihen dem Raum etwas Gemütlichkeit. Nachdem, für die Familie zum wohl letzten Mal, die „dunkelrot[e] Schwelle“ übertreten wird, empfängt sie „das spärliche Licht des Winternachmittags“. Die Straßen sind menschenleer, die Bäume kahl, die Villen sind verfallen, „hässliche[r] Wildwuchs“ zeigt sich hier und dort: „Eine Schmutzschicht überzog die gesamte Stadt.“325 321 Ebenda, S. 102. 322 Kliewer, 2013, S. 218, vgl. auch Alpsten, 2012, Klappentext. 323 Alpsten, 2012, S. 7. 324 Ebenda, S 7f. 325 Ebenda, S.19 85 Den Kontrast bunt-leicht-schimmernd versus klaustrophobisch unterstützt der Verlag auf gekonnte Weise über eine hochwertige und ungewöhnliche Umschlaggestaltung. Der Buchdeckel der Hardcover-Ausgabe ist mit Goldpapier beklebt und schimmert auf der Vorderseite durch aus dem Schutzumschlag gestanzte Ornamente hindurch. Mit „Zehn Jahre später. . . ebenfalls ein Wintermorgen“ beginnt die eigentliche Geschichte. Kai, den die jetzt 18-jährige Halva in Kürze kennenlernen wird, macht sich in der Dämmerung auf zur Führerscheinprüfung. Vor seinem Elternhaus wartet der Fahrlehrer vor einem „hohen Gittertor“.326 Bei seiner Rückkehr steht das „schmiedeeiserne Tor offen“, statt Wildwuchs rankt der Efeu, und aus dem oberen Stockwerk ist Klaviermusik zu hören. Vaters Porsche ist in einer „klimatisierten Garage“ geparkt und in Kais Zimmer herrscht ein „gemütliche[s] Chaos“, das im Kontrast zu dem „peinlich aufgeräumten Haus“ steht.327 Kai lernt bei seiner Immatrikulation Halvas Bruder Mudi kennen. Mudi erinnert Kai an „Rudyard Kipplings ‚Kim‘“ und „an die Seidenstraße und an Tausendundeine Nacht.“328 Mudi, ein paar Minuten zuvor von Kai vor einer ausländerfeindlichen Hochschulangestellten in Schutz genommen, beschreibt sein Herkunftsland selbst nicht gerade differenziert: Nenn mir ein Problem, irgendeines, wir haben es dort bestimmt! Arbeitslosigkeit, Luftverschmutzung, Krankheiten, Seuchen, Naturkatastrophen, Drogenmissbrauch, Prostitution, eine der höchsten Selbstmordraten der Welt unter Jugendlichen, galoppierende Inflation, und, und, und.329 Das trifft ungefähr Kais Vorstellung vom Iran, dem zu dem „uralte[n] Land“ lediglich „Atombomben, Verbot der Redefreiheit, Folter und abgeschlachtete Demonstranten“ einfallen.330 Es kommt, wie es kommen muss, Kai und Halva werden ein Paar und Mudi versucht nach allen Kräften die Verbindung zu torpedieren. Auch Kais Vater ist dagegen. Selbst Halvas jugendliche Tante Miryam, die kürzlich aus dem Iran gekommen war, und in der die Abiturientin zuerst eine Freundin sieht, versucht zu intervenieren. Miryam war von ihrer Mutter jahrelang eingesperrt worden. Jetzt lebt sie mit der Familie in Augsburg, wo der Zimmerspringbrunnen „in allen Farben des Regenbogens schimmer[t]“.331 326 Ebenda, S. 23 327 Ebenda, S. 26ff. 328 Ebenda, S. 41. 329 Ebenda, S. 43. 330 Ebenda, S. 42. 331 Ebenda, S. 75 86 Bald realisiert Halva, woher der Stimmungsumschwung kommt: Der damalige Fluchthelfer Bjian fordert sein Pfand, nämlich Halva. Fortan scheint es in der Wohnung ewig dunkel, das Treppengeländer weist in den Abgrund, die Möbel sind niedrig und nicht nur im Hausflur ist es kalt.332 Es gibt einen Hasenkäfig für Halva zu reinigen und im Gegensatz zu früher fühlt sich das Mädchen drinnen eingesperrt: Was hatte Mamii damals in Teheran gesagt? Was für ein verrücktes Land, in dem man sich drinnen freier fühlt als draußen! Heute war es genau anders herum. Sie hatte sich den ganzen Morgen in der Wohnung wie gefangen gefühlt. Oder lag das nur daran, dass es dort so beengt war?333 Mindestens so aufdringlich wie die ständigen Sturmhöhe- und Romeo & Julia-Anspielungen sind die sich im Folgenden häufenden Erwähnungen von Irans Gefängnissen und dem Teheraner Winter, der rückblickend „die Stadt und das Leben wie ein Leichentuch zugedeckt“ hatte. In Augsburg bauen glückliche Kinder Schneemänner.334 Auch Kais Elternhaus in Augsburg-Westheim wirkt trotz seiner etwas klinischen Anmutung weitaus einladender. Das Haus liegt leicht erhöht, hat wandhohe Fenster, einen Garten mit Außenküche und unter einer „wei- ße[n] Mütze aus frisch gefallenem Schnee“ hat es sogar Statuen. Einzig die „kahlen, dornigen Rosenbüsche[.]“, fallen im Kontrast zum „sonst sorgsam gepflegten Rase[n]“ auf, was wohl zusammen mit den Raben, die in den hohen Bäumen an der Grenze des Gartens sitzen, darauf hindeutet, dass die grenzüberschreitende Liebesgeschichte nicht gut ausgehen wird:335 Halva entehrt die Familie. Mudi wird wegen der verletzten Familienehre Kai gegenüber gewalttätig und braucht sein Jura-Studium daher gleich gar nicht erst antreten. Den Richter- oder Anwaltsberuf gemäß einer Ausbildung in Deutschland hatte er als erstrebenswerte Alternative zur Rechtsprechung nach der Scharia fest im Karriereplan gehabt. Halva, die beschämt in den Iran geht, hüllt ihren Kopf beim Abgang dramatisch in einen Paschmina-Schal: „In dem dunklen Rahmen des Kopftuchs war ihr Gesicht sehr blass, nur ihre Augen leuchteten heller als je zuvor.“336 332 Ebenda, S. 108. 333 Ebenda, S. 173. 334 Ebenda, S. 175. 335 Ebenda, S. 119. 336 Ebenda, S. 363. Die implizite Botschaft überspitzt formuliert: Wenn es ans ‚Eingemachte‘ geht, zeigt sich schnell das wahre Gesicht der oberflächlich gut integrierten Ausländer (!), und die Töchter werden schnell wieder eingewickelt, ergo weiter unterdrückt. Oder: ‚Wer (einmal) Kopftuch trägt, dem glaubt man nicht, auch wenn er (!) schon die deutsche Sprache spricht.‘ 87 Eine weitere deutsch-orientalische Romeo & Julia-Adaption legt Christine Lehmann mit Die Rose von Arabien (2010) vor. Finja verliebt sich in einen Studenten ihres Vaters, den „Wüstensohn“ Chalil, „märchenhaft schön, so elegant, kultiviert, reich, jedoch offensichtlich aus fernen Landen und fremder Kultur.“337 Auf den Liebesroman wird im Kontext Handlungsraum Orient in Kapitel 5.2.1 noch Bezug genommen. Auch hier versteht es die Autorin über die Raumsemantik – stürmische Wüste vs. Schweizer Berge – einen Ost-West-Spannungsbogen zu spannen. Wie auch bei Ich, die Andere und Halva, meine Süße spalten sich bei Wohin ich gehöre (1999) von Maria Regina Kaiser die Geister. Auch wenn der Artikel Fremdheitserfahrungen in unterhaltenden Kinder- und Jugendbüchern der Gegenwart von Adrienne Hinze nicht meine uneingeschränkte Zustimmung findet, bin ich völlig bei ihr, wenn sie zu dem Urteil kommt, dass Kaiser mit dem Jugendbuch „einen von Belehrungen durchtränkten Roman vor[legt], der im erzählerischen Teil altbekannte Klischees bedient und im (etwa ein Drittel des Romans ausmachenden) didaktischen Teil die Religion des Islam zu erklären sucht.“338 Wobei ich nicht in dieser Form zwischen „didaktisch“ oder „nicht didaktisch“ differenzieren würde. Für das Buch, in dem Kaiser die Geschichte der 17-jährigen und in Deutschland aufgewachsenen Gülten erzählt, hat Kaiser „intensiv unter in Frankfurt lebenden Türken der ersten und zweiten Einwanderer-Generation sowie in der Türkei selbst recherchiert.“339 Gülten verliebt sich im Türkei-Urlaub in ihren strenggläubigen Cousin Mesut. Zurück in Frankfurt, beschäftigt sie sich immer intensiver mit dem Islam und beschließt ein Kopftuch zu tragen. Erst als ihre Freundin Tülay mit einem Mann verheiratet werden soll, den sie überhaupt nicht kennt, gerät Gültens Überzeugung ins Wanken. Ist sie Deutsche oder Türkin? Wohin gehört sie?340 Fundiertes theoretisches Wissen zur Religion möchte ich der Autorin nicht absprechen. Den Leser_innen werden ein umfangreiches Glossar341 und Hinweise zu weiterführender Literatur angeboten. Einen persönlichen 337 Lehmann, 2013, S. 58, 14. 338 Hinze, 2003, S. 80. 339 Kaiser, 2002, S. 2. 340 Ebenda, Klappentext. 341 Die Begriffe sind im Text mit einem Asterisk versehen und im Glossar alphabetisch geordnet. Bedauerlicherweise fehlt die Erläuterung zu Islamisten (vgl. Kaiser, 2002, S. 114): „‚Wissen wir doch alle längst, dass du Muslima bist‘, sagt er. ‚Du und Mesut, ihr seid die Islamisten* in der Familie.‘“ 88 Bezug zum Islam scheint die Autorin nicht zu haben, sie hat offenbar im Rahmen ihrer Recherchen zum ersten Mal eine Moschee besucht.342 Was sie über den Islam weiß, gibt sie über Gespräche Gültens mit deren Großvater, einem Hodscha, an die Leser_innen weiter. Der Rest (der nach Einschätzung Hinzes etwa zwei Drittel des Textes ausmachen muss) überzeugt mich weniger. Zugang zu Gültens Gedankenund Gefühlswelt findet man durch ihre inneren Monologe bzw. durch imaginäre Briefe an und Zwiegespräche mit ihrem in der Türkei lebenden Cousin Mesut. Gülten ist froh, dass sie ein Anavatan (Mutterland) und ein Vaterland hat. Ihre Ana Anne ist in der Türkei aufgewachsen, ihr Vater Klaus ist Deutscher.343 Gülten ist, so überlegt sie sich während ihres Türkei-Urlaubs, stolz darauf, „nicht eine von diesen deutschen Normalurlaubern“ zu sein: „‚Das hier ist mein Land‘ sagt Gülten. ‚Ich gehöre hierhin.‘ In diesem Moment ist es wahr. Es hat nichts mehr mit Mesut zu tun.“344 Ihre Freundin Tülay in Frankfurt beschreibt Gülten Mesut gegenüber als „richtige Türkin“, Erik – für den sie sich im Verlauf der Geschichte mehr und mehr erwärmt – sei „ein richtiger Deutscher.“345 Gülten reflektiert, dass sie „mehr türkisch als deutsch“ sei.346 Wenn sie träume, dann spreche sie Türkisch, in der Schule Deutsch. Ihre gedanklichen und tatsächlichen Briefe an Mesut verfasse sie in türkischer Sprache.347 Der Kontrast zwischen deutscher und türkischer Kultur wird am Essen, am Weihnachtsfest und am häuslichen Herumlaufen in Socken festgemacht. Dem Großvater war im Vorjahr an Heiligabend der Geruch von Schweinebraten zugemutet worden. Gülten fällt es manchmal schwer, „in so einer Familie auch nur einigermaßen islamisch zu leben.“348 Irgendwann beschließt Gülten, von nun an Kopftuch zu tragen. Sie will es „jeden Tag tragen und [sich] kleiden wie ein muslimisches Mädchen.“349 Eines ist ihr allerdings klar: „Es gibt Tage, da muss auch ein islamisches Mädchen tanzen. [...] ‚Ich bin Muslima‘, sagt sie. ‚Aber das eine Mal gehe ich trotzdem in die Disco mit.‘“350 342 Ebenda, S. 222. 343 Ana: Türkisch für Mutter, vgl. auch ebenda, S. 5. 344 Ebenda, S. 7. 345 Ebenda, S. 13. 346 Ebenda, S. 16. 347 Ebenda, S. 63f. 348 Ebenda, S. 65–69. 349 Ebenda, S. 84. 350 Ebenda, S. 114. 89 Die Lektüre des Textes habe ich als sehr ermüdend empfunden. Weitere Figuren bzw. Positionen in der Kopftuchdebatte sind u.a. ein intoleranter Lehrer und die Freundin des Bruders Eser, die ein Satanskreuz trägt. „Warum zu dem Großvater Gültens, der sich als Hodscha selbstverständlich in Religionsfragen auskennt, auch noch eine verständnisvolle Nonne (Eriks Tante) und eine intellektuelle Islamwissenschaftlerin (Freundin von Eriks Vater, vgl. etwa S. 150ff) kommen müssen“ bleibt auch Hinze ein Rätsel. Ihrem Eindruck nach konnte Kaiser von „erwachsenen Leitfiguren offenbar nicht genug bekommen.“351 Identitäts- (und Kopftuch-)Frage klären sich für Gülten beim Rückflug aus dem nächsten Türkeiurlaub nach Frankfurt, in dem Moment, in dem sie sich in Herzensdingen für den Deutschen Erik entscheidet – nachdem Mesut sich als „Charakterschwein“ (O-Ton Eser) entpuppt hat.352 Sie zupft an ihrem Baschörtüsü und dann nimmt sie es behutsam ab, faltet es sorgfältig zusammen und schiebt es in die große weiße Tasche, die demnächst wieder ihre Schultasche sein wird. Auch das ist sie – das Mädchen mit den offenen dunklen Haaren. Es gibt nur diesen einen Gott. Er ist nicht gezeugt und hat nicht gezeugt und Mohammed ist sein Gesandter. Und es ist ihm egal, ob ich mit oder ohne Kopftuch durchs Leben gehe. Sie nimmt ein Stück Halva aus der Tüte und beißt hinein. Schmeckt einfach gut und heimatlich. Es ist ihr Grundzustand, denkt sie. Wo auch immer sie ankommen wird, es wird sich nichts daran ändern. So wie Mesut nach Ulumur gehört und Erik nach Frankfurt am Main, so gehört sie in die Weite des Raums dazwischen.353 Als Rollenmodell für selbstbestimmte junge Frauen erscheint mir die Heldin in ihrer Abhängigkeit von der Stimmungslage ihrer Verehrer zweifelhaft. Der Text wird seit 2013 als Schulausgabe bei Hase und Igel verlegt. Zumindest reduziert man Gültens Interesse am Islam nicht auf das Tragen eines Kopftuchs. Vielmehr stellt Hase und Igel in der Verlagswerbung heraus, dass die Autorin die Geschichte eines jungen Mädchens erzähle, das mit der ersten Liebe die Frage nach der eigenen Identität zwischen zwei Kulturen stelle.354 351 Hinze, 2003, S. 82. 352 Eser hat Gülten vor Mesut gewarnt: „Die türkischen Jungs sind so, das hab ich dir tausendmal gesagt.“ (Kaiser, 2002, S. 194) 353 Ebenda, S. 204f. 354 Hase und Igel Verlag GmbH, Garching, 2014, S. 18. 90 Identität und Ausgrenzung: Selbstrepräsentationen? Maria E. Brunner zufolge distanziert sich die „aktuelle Migrantenliteratur“ von überholten Formen des Authentizitätsdiskurses, vom in der Ausländerdebatte dominierenden Defizitsyndrom und vor allem vom Opferstatus adoleszenter Migrant_innen. Dabei entwerfe sie Modelle einer Revision des vorgefertigten Bildes vom Fremden und liefere Beispiele für die Überwindung des paternalistischen Verstehens ‚fremder‘ Kulturen. Selbstdarstellungen von „Migrantenkindern“ seien Dokumente ihres positiven Selbstverständnisses und ihres Selbstbewusstseins.355 Für Hodaie gibt es einen Zusammenhang zwischen Lebenserfahrung und dem Umgang mit Stereotypen in der Literatur. Bei Texten, die Migration zum Thema haben, zeige sich ein deutlicher Unterschied zwischen dem Zugang von Autor_innen mit Migrationshintergrund und solchen, die Migrant_innen aus europäischer Mehrheitsperspektive sehen.356 Es wäre naheliegend, sich zuerst die Werke migrierter Autor_innen anzusehen bzw. Texte von Autor_innen mit Migrationserfahrung. Augenfällig ist jedoch, dass autochthone Autor_innen den Markt der ‚schul-tauglichen Problemliteratur‘ zu beherrschen scheinen. Eine der wenigen Ausnahmen ist wohl Kemal Kurts Die Sonnentrinker (2002). Der wunderbar poetisch-ironische Text ist seit 2010 bei Schroedel mit den üblichen Materialien erhältlich. Im Vordergrund der Erzählung steht der Generationenkonflikt zwischen Hakan und seinem aus der Türkei stammenden Vater, der nach einem Streit „ausgerechnet am Vorabend des Bayram-Festes am Ende des Fastenmonats Ramadan“ spurlos verschwindet.357 Hakan und seine Freunde, der Somalier Wahib und der Deutsche Daffyd, machen sich auf den Weg durch Berlin, um den Vater zu suchen. Sie träumen davon, ein Jugendcafé zu eröffnen, besuchen (in der Hoffnung, dort den Vater auszumachen) eine Moschee und treffen in einem Café auf geläuterte „Glatzköpfe[.]“.358 Hakan und seine Freunde finden den schwermütigen Vater schlussendlich. Das Wiedersehen fällt in entspannter Atmosphäre aus. Punks hatten sich zuvor mit ihm einen Joint geteilt.359 355 Brunner, 2005, S. 125. 356 Hodaie, 2010, S. 9. 357 Ebenda, Klappentext. 358 Ebenda, S. 147. Das Zusammentreffen der Jungen mit den Jugendlichen, die Vorstrafen wegen ausländerfeindlichen Delikten haben und das Café im Rahmen eines Projektes regelmäßig frequentieren, ist die einzig ‚pädagogisch anmutende‘ Passage in dem Buch (vgl. ebenda, S. 120–130). 359 Vgl. ebenda, S. 148. Ulrich Karger schreibt in seiner Rezension: „Die Suche nach dem Vater erlaubt den Blick durch ein faszinierendes Kaleidoskop unterschiedlicher Lebensweisen in Berlin. Schnell wird klar, dass es den Türken und den Deutschen, den 91 Kurt greift das Thema Anschläge vom 11. September auf, was für die Texte in meiner Stichprobe außergewöhnlich ist.360 Er inszeniert ein intelligentes Gespräch zwischen Hakan und seinen Freunden mit einem Hodscha (Nuri Hoca). Diskutiert werden das Entstehen von Vorurteilen („Der Westen erkennt nur in der Kopftuchfrau die Muslimin. Sobald sie es ablegt, wird sie als solche nicht wahrgenommen. So verfestigen sich Klischees und werden schließlich zu Feindbildern“361), Fundamentalismus, Taliban, und der Rolle der Frau. Dabei stellt Hakan gedanklich die „Lage der Frau in der islamischen Türkei“, die seines Erachtens durchaus zu wünschen übrig lässt, der Situation der Frau in Deutschland im Kontext Beruf, Politik, Technik und Wissenschaft gegenüber. Sein Fazit: „It’s a man’s world.“ Dagegen (oder daneben) gebe es selbst in der ländlichen Türkei „starke Frauen, die souverän über eine Heerschar von Söhnen und den Ehemann herrschen.“362 Der 2002 verstorbene Kemal Kurt äußerte sich in Die Sonnentrinker außerdem zur Zuwanderungsdebatte (einem „Plusgeschäft für die Deutschen“, wie Hakans Bekannte Sibylle immer meint363) und zeichnete ironisch eine mögliche Position im Integrationsdiskurs: Plus für den einen, Minus für den anderen. Über Nacht waren aus erwachsenen Männern unmündige Kinder geworden, die sich nur mit Zeichensprache verständigen konnten. Das schluckt man nicht so einfach, erklärte Niyazi Bey [ein Bekannter von Hakans Vater] wortreich. Das macht Stress. Das macht alt und grau. Und depressiv, ergänzte Hakan in Gedanken. „Man beklagt sich, dass wir uns nicht integrieren lassen. Die jüngeren Generationen kapseln sich stärker ab als die älteren. Das muss doch einen Grund haben.“ Sich integrieren lassen, was für ein verkorkster Ausdruck! Wie sich impfen lassen. Ich gehe mal eben mich integrieren lassen. Komme gleich wieder. Irgendwo in Wolkenkuckucksheim saß der Große Integrator auf einem hohen Moslem und den Christen nicht gibt.“ (Vgl. eine erstmals im Tagesspiegel veröffentlichte Rezension vom 05.01.2003 in Karger, 2013, S. 59f.) 360 Z.B. im Gespräch Hakans mit Nuri Hoca (Kurt, 2013, S. 79) oder als Hinweis auf den vorurteilsbehafteten Umgang mit Fremden der Erfahrungsbericht von Wahib (ebenda, S. 35): „‚Was meinst du, wie oft ich angehalten werde? Gerade nach diesem blöden Ding in New York. Ohne Ausweis werde ich gleich einkassiert.‘“ Vgl. auch Hodaie, 2008, S. 219, die das negative Orientbild der Deutschen und den Umgang migrierter Autor_innen wie Kemal Kurt, Nasrin Siege oder Ghazi Abdel-Qadir mit dem Themenkomplex in ihrer Dissertation Der Orient in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur : Fallstudien aus drei Jahrhunderten analysiert hat. 361 Kurt, 2013 S. 79. 362 Ebenda, S. 80. 363 Ebenda, S. 101. 92 Stuhl. Aber diese Türken mochten einfach nicht kommen und sich von ihm integrieren lassen.364 Außerdem kann Hakan diesen „Stuss“ von „zwischen zwei Stühlen sitzen“ und nicht wissen, wo man hingehöre, nicht mehr hören und ärgert sich über die Konstruktion der Gegenpole Deutsch – Türkisch und die Aufteilung der Menschen („Kanake, wie es auf Hawaiisch heißt? So gesehen sind auch die Deutschen Kanaken. Oder nicht?“) in bzw. nach Nationen.365 Als Reaktion auf diese Mythen sprächen seine türkischen Schulkamerad_innen gerne in „gepflegtem Kanakendeutsch“, das verdeutlichen solle, dass sie keine Deutschen waren und auch keine werden wollten. Auf dem Schulhof ginge es zu, so reflektiert Hakan, „als hätte man die Apartheid zur ersten Bürgerpflicht erklärt.“366 Eigentlich würden die Jugendlichen gerne mehr miteinander zu tun haben, distanzierten sich aber beidseitig bedingt durch Stolz, Vorurteile und erlittene Kränkung(en). Aufschlussreich ist die Analyse der vom Verlag bereitgestellten Materialien.367 Auf ein Kurzportrait des Autors, der, so ist dort zu erfahren, als „[e]in vorherrschendes Thema“ die „Auseinandersetzung mit den Widersprüchen zwischen der türkischen Herkunft und dem Leben in Deutschland“ behandelt hatte (Schroedel zitiert Wikipedia), folgt ein etwas über 3-seitiger Bericht Kurts zu seiner Jugend, entnommen aus einem Briefwechsel mit Ulrich Karger. Kurts Familie war oft zu dessen Großeltern in ein Dorf gefahren, das ausschließlich von Alewiten, „eine[r] Sekte innerhalb des Islams, die aber von den Orthodoxen als häretisch angesehen wird“ bewohnt wurde.368 Es wird nicht zusammenhängend zitiert („[...]“). Es folgt eine etwa 1-seitige Textstelle, die Ausführungen zu Alewiten und Sunniten gewidmet ist. Auf Basis dieser kurzen und nicht in einen Kontext gebrachten Passage sollen die Schüler_innen ein Kurzreferat zu „dem Thema“ verfassen.369 Obwohl im Autorenportrait die Rede davon ist, dass Kurt als freier Autor „Lesereisen in ganz Deutschland und vielen anderen 364 Ebenda, S. 101f. 365 Ebenda, S. 103f. 366 Ebenda, S. 108. 367 Ebenda, S. 160–176. 368 Ebenda, S. 162. 369 Ebenda, S. 164. Lediglich die Begriffe „häretisch“, „Ekstase“ sowie „Repressalien“ werden in der Marginalspalte erläutert und der Ort Konya geographisch verortet. Ich persönlich habe als Schülerin gerne Reizwortgeschichten bearbeitet und kann nicht umhin, mich an der Stelle an die Aufgabenstellung zu erinnern: „Sicherheitsrisiko“ (ebenda, S. 162), „zügellose Orgien“ und „Inzest“ (ebenda, S. 163) hätten sicher auch meine jugendliche Phantasie beflügelt. Die erste bei Schroedel zitierte Passage stammt aus einen Brief an Ulrich Karger vom 1. Februar 2001. Karger, so kann auf Grund von Kurts Briefen angenommen werden, ist ein religiöser Mensch und hatte 93 Ländern“370 gemacht hat, sollen die Schüler_innen diskutieren, welche Vorzüge es haben könnte, als freier Schriftsteller durch Deutschland zu ziehen. Versus z.B. als Ingenieur bei einem Unternehmen zu arbeiten. Spannender wäre doch die Frage, welche Gespräche sich auf Auslandsreisen zu dem o.g. Arbeitsschwerpunkt Kurts ergeben haben könnten. Als Aufgabe zu dem 2seitigen Beitrag Barbara Bils: Türkischer Name verringert Jobchancen in Deutschland sollen die Schüler_innen u.a. im Internet das Gleichbehandlungsgesetz recherchieren und vorab notieren, was mögliche Gründe für ethnische Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt sein könnten.371 Wesentlich spannender wäre doch, Hakans Reflexionen zum Verhältnis ausländischer und deutscher Schüler_innen zu diskutieren? Warum die Diskussion auf die Ebene Arbeitsmarkt lenken und somit einen Rahmen für eine Debatte über einen engen Arbeitsmarkt (Belastungs-Topos) oder den wirtschaftlichen Nutzen von Zugewanderten (Topos vom wirtschaftlichen Nutzen) aktivieren?372 Spekuliert werden darf, ob der Kurzbeitrag zum Thema „Apartheid“ dem Selbstverständnis und der Intention Kurts entsprochen hätte. Abgedruckt ist ein Bild, das 1989 am Strand von Durban aufgenommen wurde. Es zeigt ein Hinweisschild, das die Benutzung des Strandes ausschließlich für MEMBERS OF THE WHITE RACE GROUP erlaubt. Eine der Aufgaben lautet: „Entwirf ein neues Schild, auf dem zur Gleichbehandlung von unterschiedlichen Menschengruppen aufgerufen wird“.373 Die Materialien schließen mit dem Beitrag Depression – eine psychische Krankheit, und die Schüler_innen sind aufgefordert im Internet nach Therapie- Vorschlägen für Hakans Vater (wörtlich: „Möglichkeiten der Behandlung und Heilung“) zu recherchieren. Interessant zu reflektieren ist also, welche Kurt ausdrücklich um ausführlichere Informationen zu den Religionsrichtungen gebeten. Kurt kommt diesem Wunsch am 12. März 2001 mit den zitierten Ausführungen nach. Die überleitenden Sätze zu Kurts eigener religiöser Einstellung („Ich bin nicht religiös“) mit dem Wortlaut „Alewitismus hat also viel zu tun mit dem alttürkischen Schamanismus. Wie Du weißt: [...]“ wurden gestrichen (vgl. Karger, 2013, S. 23). Folgende Passage hätte m.E. bei Schroedel noch mit aufgenommen werden können, um ein differenzierteres Bild zu zeichnen: „In dem Provinzstädtchen Çorlu hängten wir unsere alewitische Herkunft nicht an die große Glocke, aber alle Nachbarn wussten natürlich davon. Später in Istanbul, in dem Elite-Internat mit Kindern aus stark säkularisierten reichen Familien, spielte die Religion absolut keine Rolle, und auch während meines Studiums in Ankara war dies kein Thema. Keiner fragte nach dem Glauben, keiner ging in die Moschee.“ (Ebenda, S. 23f) 370 Kurt, 2013, S. 160. 371 Ebenda, S. 165f. 372 Zu den Begriffen vgl. Wengeler, 2003, S. 203, 316. 373 Vgl. Kurt, 2013, S. 172f. 94 Diskurse oder Positionen vom Verlag (gleich mit-)publiziert werden. Ungeachtet dessen, welche Position(en) ich nun selbst für ‚richtig‘ oder ‚wahr‘ halte, kritisiere ich, dass in der Texte : Medien-Reihe von Schroedel die Autorenwerke nicht ‚für sich‘ sprechen dürfen. Anscheinend konserviert dieses Format jedoch nicht nur überholte Themen, sondern ist für einige Texte die einzige Möglichkeit, überhaupt im Markt zu bestehen.374 Im Kontext „Chancengleichheit“ verlegt Schroedel seit 2006 die autobiographische Erzählung Im Regen stehen (2000) des in den 1970er- Jahren aus Jugoslawien immigrierten Zoran Drvenkar.375 Auch hier evoziert die Aufmachung klar einen anderen Schwerpunkt als die Originalausgabe. Machte der Rowohlt-Verlag 2000 noch auf eine Jugendgeschichte mit erster Liebe neugierig,376 stellt Schroedel den Text, auf dem Cover illustriert durch drei gelangweilt dreinblickende männliche Jugendliche, thematisch „Konflikte mit den Eltern, den Einbruch in einen Supermarkt, erste Erfahrungen mit Mädchen“ – und Jungen wäre zu ergänzen – und den „nicht immer einfachen Weg des Erwachsenwerdens“ in den Vordergrund.377 Der Verlag AT Edition Münster hat Safeta Obhodjas Mert, ein Deutschtürke im Abseits (2012) herausgebracht. Das Büchlein der 1992 aus Bosnien geflohenen Autorin ist so ‚problematisch‘ und pädagogisch, dass es gut ins Programm einschlägiger Verlage passen würde: Mert Seyder will der beste Torschütze bei einem improvisierten Fußballturnier werden. Onkel Riza, „das Oberhaupt der traditionell strukturierten Familie Seyder, versucht Mert eine Verlobung mit einer Cousine aufzudrängen. Der naive und unerfahrene Junge wird zwischen den Fronten hin und her geschubst.“378 Mert ist in die vom Bosnien-Krieg traumatisierte Enisa verliebt und stellt ihr nach. Deren Vater will für jene „das Beste [...], an erster Stelle Integration in diese Gesellschaft.“379 Mert ordnet er dem Milieu 374 Eine Kurzrecherche vermittelte den Eindruck, dass (Stand : Juli 2014) nur noch wenige von Kemal Kurts Werken regulär über den Buchhandel zu beziehen sind. 375 M.E. ist es ein Verbrechen an dem Text, ihn in das Schroedel-Format zu pressen – zumal auch die technische Verarbeitung des Taschenbuchs (das Buch lässt sich nur mit viel Kraft aufklappen) das Lesevergnügen mindert. Den jugendlichen Leser_innen wird per Marginalspalte erklärt, was z.B. „Venen“ und „Arterien“ sind („Blutadern“, vgl. Drvenkar, 2001 S. 171), und was „Onanie“ (ebenda, S. 181) bedeutet, was umgangssprachliche Wendungen für und Details zum Geschlechtsverkehr angeht, vertraut der Verlag offenbar auf Dr. Sommer und die BRAVO. Die Sonnentrinker sind (immerhin) antiquarisch noch als Hörbuch auf Audio-CD erhältlich – eine attraktive Alternative zur Schroedel-Ausgabe. 376 Vgl. Drvenkar, 2001, Cover und Klappentext. 377 Vgl. Drvenkar, 2007, Cover und Klappentext. 378 Obhodjas, 2012, Klappentext. 379 Ebenda, S. 58. 95 der Kleinkriminellen zu („Ghetto“) und grenzt sich als bosnischer Muslim deutlich von den türkischen Muslim_innen ab, die mit ihren „Kopftüchern und langen Mänteln“ doch in ihrem „Mittelalter“ bleiben sollen („Neunzig Prozent türkischer Männer haben einen Gen-Fehler“).380 Gott sei Dank – angesichts dieser schwierigen Lage – ist Merts Mutter Suna eine „engagierte Sozialpädagogin“381 und hat Marina zur Freundin, eine Kroatin und Katholikin. Marina ist eine „hochgeschätzte Integrationsberaterin“, wie Enisas Vater anerkennend einräumt.382 So werden Probleme per Dialog-Sequenzen professionell beleuchtet und Lösungsvorschläge aufgezeigt. Dabei wirken die vorgebrachten Stereotype und Handlungsempfehlungen so öde und überstrapaziert wie die Kommentare zu manchem Fußballspiel. Die Gleichung Fußball = Metapher für interkulturelle Verständigung + anregende Unterhaltung geht nicht immer auf bzw. findet sich in diesem Textbeispiel ein ‚Wiederholungsfehler‘: Die rassistische Kehrseite des Integrationsbegriffes kommt hier ‚glanzvoll‘ zum Scheinen.383 Von Baobab Books wird in Kolibri : Kulturelle Vielfalt in Kinder- und Jugendbüchern die Autobiographie UNERWÜNSCHT : Drei Brüder aus dem Iran erzählen ihre deutsche Geschichte (2012) von Mojtaba, Masoud und Milad Sadinam in den Leseempfehlungen 2014 herausgestellt. Die Brüder wollten – so die Kolibri-Redaktion – „dem Mythos der vorbildlichen Migranten, als die sie zeitweilig gehandelt wurden,“ ihre persönlichen Erfahrungen entgegenstellen.384 „Bewegend wie ein Roman“, so bewirbt der Bloomsbury Verlag das Buch im Innentitel, erzähle UNERWÜNSCHT von 380 Ebenda, S. 59. Diese Abgrenzung passt gut zu den von Thilo Sarrazin proklamierten Einteilungen: „Bei den Kerngruppen der Jugoslawen sieht man dann schon eher ‚türkische‘ Probleme“ (Berberich/Sarrazin, 2009, S. 199). Leicht nachvollziehbar nach dieser Logik, dass ein Kontakt besser vermieden werden soll. 381 Obhodjas, 2012, S. 54. 382 Ebenda, S. 59. 383 Vgl. Böcker, 2011a, S. 353: „Statt über Rassismus wird über ‚Integration‘ geredet und der ‚I.‘-Begriff damit auch funktionalisiert, um die Kritik an post-/kolonialen Verhältnissen zum Schweigen zu bringen.“ Spannender und im Sinne der Arbeit fruchtbarer arbeitet Aygen-Sibel Çelik mit dem Fußball-Thema in Fußball, Gott und echte Freunde (2009), der Geschichte um drei befreundete Jungen (Christoper, David und Kerim), die bei einem Fußballturnier gegeneinander antreten sollen. Auch Hermann Schulz gelingt es in Mandela & Nelson : Das Länderspiel (2010) und dem Folgeband Mandela & Nelson : Das Rückspiel (2013) mit Hilfe der Rahmenhandlung „Fußballturnier“ interkulturelle Fragen auf spannende Art und Weise aufzugreifen. Mit Lutz van Dijks Romeo & Jabulile (2010) erschien eine in Süd-Afrika verortete Liebes- und Mädchenfußballgeschichte. Romeo stammt aus Simbabwe und ist als Flüchtlingsjunge „Zielscheibe für Gewalt und Vorurteile“ (Dijk, 2012, Klappentext). 384 Gadient, 2013, S. 82. 96 der „Suche nach Heimat und Freiheit und dem Wunsch, dazuzugehören“. Julia Friedrichs, wegen deren Veröffentlichung Gestatten: Elite Mojtaba Sadinam als Student der WHU verwiesen wurde, würde das Buch laut Klappentext gerne Thilo Sarrazin auf den Tisch legen.385 Bedauerlich ist, dass in den letzten Kapiteln der Autobiographie der Fokus sehr stark auf Mojtabas Beitrag zu Gestatten: Elite liegt, was einen gewissen Beigeschmack (Schleichwerbung) zurücklässt.386 Für UNERWÜNSCHT spricht im Kontext der interkulturellen Literaturdidaktik, dass es einen ‚unaufgeregten‘ Blick in Geschichte, Kultur und Politik des Iran erlaubt. Davon, dass das Buch aus drei Perspektiven geschrieben wurde, profitiert der Titel erzählerisch nicht, da es wenig an Sichtweisen zu koordinieren gibt. Didaktisch in jedem Fall ergiebig ist der Klappentext, in dem der Verlag das Oasensyndrom durch die Hervorhebung der Unglaublichkeit der Geschichte geradezu nochmal pervertiert: Von Flüchtlingen zu Einser-Studenten, von Asylsuchenden zu Vorzeigemigranten: UNERWÜNSCHT erzählt die unglaubliche Geschichte einer Integration dreier Brüder gegen alle Widerstände – in einem Land, das sie nicht haben wollte.387 Im Fischer Taschenbuch Verlag erschienen ist Güner Yasemin Balcis Arabboy : Eine Jugend in Deutschland oder Das kurze Leben des Rashid A. (2008). „Was Christiane F. in der [sic] 80er Jahren war, ist die Geschichte von Rashid A. heute“ bewirbt der Verlag den Titel. Die Autorin ist in Berlin-Neukölln geboren und aufgewachsen und verarbeitet in dem als Sachbuch (sic!) beworbenen Titel ihre Erlebnisse aus ihrer Zeit als Sozialarbeiterin.388 Im ersten Teil des Buches, der die Geschichte des Kleinkriminellen Rashid bis zu seiner Abschiebung in die Türkei erzählt, wird man tatsächlich an die Faszination erinnert, die man vor Jahren beim Lesen von Wir Kinder vom Bahnhof Zoo verspürt haben mag. Im interkulturellen Kontext ist insbesondere der zweite Teil von Arabboy lesenswert, der Rashids Kulturschock nach der Abschiebung in die Türkei beschreibt. Auch von der Autorin mit türkischen Wurzeln erschienen ist (wieder als Sachbuch deklariert) die Geschichte der heranwachsenden Geschwister Mariam und Fatme ArabQueen oder Der Geschmack der Freiheit (2010). 385 Sadinam, Sadinam und Sadinam, 2012, Klappentext. 386 Gestatten: Elite erschien 2008 bei Hoffmann & Campe und ist seit 2009 bei Heyne als Taschenbuch erhältlich. Nach meinen Recherchen besteht kein direkter Bezug zwischen den beiden Verlagen. 387 Sadinam et al., 2012. 388 http://www.fischerverlage.de/buch/arabboy/9783596182428 (zuletzt geprüft 16.08.2014). Wir Kinder vom Bahnhof Zoo ist ursprünglich als Stern-Buch bei Gruner und Jahr erschienen und derzeit bei Carlsen im Programm. 97 Abbildung 4.7: Melda Akbaş, So wie ich will: Cover der cbt-Ausgabe (2012) Das Buch ist als Gesamtwerk mit 320 Seiten für den Schulgebrauch weniger geeignet, kann aber – passend zu einer Lesebuchidee – auszugsweise in jedem Fall didaktisch genutzt werden.389 „So löblich“ autobiographisch geprägte Texte wie ArabQueen oder auch Melda Akbaş’ So wie ich will : Mein Leben zwischen Moschee und Minirock (2010) seien, die Bücher dieser jungen Türkinnen reihten sich – so fürchtet Annette Kliewer – in der Rezeption ein in eine „traditionelle Sparte der eher trivialen Frauenliteratur, die authentische Berichte von Frauen aufgreift, die als Musliminnen unter den patriarchalischen Regeln ihrer Kultur leiden.“390 Bezeichnenderweise ist So wie ich will aus dem Haus C. Bertelsmann inzwischen sowohl im Jugendbuchverlag cbt (2012, vgl. Abb. 4.7) als auch bei Goldmann (2011) erhältlich. Ein für den Schulkontext sicher attraktives Format liefert Aygen-Sibel Çelik mit Alle gegen Esra (2010), das bei Arena in der Reihe Was hättest 389 So wird z.B. im Kapitel „Das Leben der anderen“ ca. zur Mitte die Erzählperspektive gewechselt und geschickt mit Stereotypen ‚gespielt‘. 390 Kliewer, 2013, S. 219. Problematisch erscheint Kliewer die Rolle dieser Literatur im Rahmen der trivialen Frauenliteratur: „Hier scheinen gerade Frauen, die nicht unbedingt zur feministischen Elite gehören oder die in ihrem Leben nicht alle Möglichkeiten einer gleichberechtigten Gesellschaft ausgeschöpft haben, mit Hingabe Bücher zu lesen, die darstellen, dass es den muslimischen Frauen noch viel schlechter geht und dass der Islam schuld ist an ihrem Schicksal. [...] Diese undifferenzierte Sicht auf das Fremde scheint nun auch in der Jugendliteratur aufzutauchen, gerade legitimiert dadurch, dass hier junge Türkinnen oder Araberinnen authentisch ihr eigenes Schicksal beschreiben.“ (Ebenda) 98 Du getan? zum Thema „Mobbing in der Grundschule“ erschienen ist. Zum Konzept des Büchleins erfährt man im Klappentext: Du allein entscheidest, wie die Geschichte ausgehen soll. . . Esra ist irgendwie komisch. Nichts darf sie, nie ist sie bei Klassenausflügen oder im Schwimmbad dabei. Und wie die sich beim Sport immer anstellt! Für die meisten in der 3b ist es sonnenklar: Esra ist eben aus der Türkei und ihre Eltern sind von vorgestern. Wer will schon mit so einer spielen? Doch dann entdeckt Funda plötzlich Esras wahres Geheimnis und sieht ihre Mitschülerin mit einem Mal in einem ganz anderen Licht. Was soll sie nun tun? – Was hättest du getan?391 Auf den ersten dreißig Seiten wird die Problemlage ausgebreitet. Esra taucht selbst bei sommerlicher Hitze mit langärmliger Kleidung und langen Hosen in der Schule oder zum Sportunterricht auf, was Schüler_innen und Lehrpersonal irritiert. Ihre Schulkameradin Funda, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, sieht sogar, wie die Klassenlehrerin Frau Mertl die Nase rümpft, so als würde Esra unangenehm riechen. Es steht ein Freibad-Besuch an. Frau Mertl ist wütend, weil Esra wieder nicht mitdarf. Funda ist genervt, dass Esra sich „immer so seltsam verhält.“392 „‚Andere Länder, andere Sitten¡“, das hätte Freu Mertl gesagt, berichtet Fundas Mutter ihrer Tochter und ihrem Mann vom Elternabend, bei dem auch das Thema Schwimmbad besprochen worden war. Die Lehrerin sei der felsenfesten Überzeugung, dass Mädchen aus der Türkei unterdrückt würden. Deswegen habe auch Fundas Mutter nichts dazu gesagt, die Lehrerin würde ihre Meinung sicher nicht ändern. Es liege an der „anderen Kultur“ habe Frau Mertl gesagt, „‚Aber hier ist Deutschland und so was geht hier gar nicht¡“393 Am Elternabend entfacht sich eine hitzige Diskussion. Es stimme, habe Frau Mertl eingelenkt, dass Elvin und Funda als Mädchen türkischer Herkunft auch alles mitmachen dürften, aber die Familien Akbaş und Çinar seien eben große Ausnahmen und kämen aus Istanbul. „Sie sehen ja, sie tragen kein Kopftuch und sind sehr westlich geprägt, schon fast wie Deutsche eben.“394 Ihr Fazit zum Thema Schwimmbad: Es ginge nicht, dass wegen fremder Auffassungen die Ordnung der Klasse gestört würde. Esras Eltern waren übrigens eingeladen, aber nicht anwesend. Auch die Kinder sind sich einig: Elvin und Funda seien eben Ausnahmen. „‚Ja, ihr seid anders‘ wiederholt Hanna. ‚Ausnahmen eben.‘“395 Und 391 Çelik, 2010, Klappentext. 392 Ebenda, S. 13. 393 Ebenda, S. 17. 394 Ebenda, S. 19. 395 Ebenda, S. 23. 99 überhaupt müsse man Esras Eltern einsperren und Esra ins Heim stecken, so die Lösungsidee der Kinder. Die Lehrerin bemüht sich um ein Gespräch mit Esras Eltern. Da Esras Mutter nicht gut Deutsch spricht, bittet Frau Mertl Funda, ihr auf Türkisch eine Nachricht zu überbringen. Eine schlanke Frau in Jeansrock und mit hellbraunem Zopf öffnet Funda die Tür. Es ist Frau Dargiç, Esras Mutter. Esra selbst ist in kurzen Hosen und Trägerhemd gekleidet, weswegen Funda ihr „wahres Geheimnis“ entdeckt: Esra hat ein Feuermal. Die jungen Leser_innen sind nun aufgefordert, zu entscheiden, was sie an Fundas Stelle getan hätten: Lies weiter auf Seite 35, wenn du meinst, dass Funda sich in Esras Angelegenheit nicht einmischen sollte. Schließlich muss es für Esra doch peinlich genug sein, dass nun jemand ihr Geheimnis entdeckt hat. Lies weiter auf Seite 55, wenn du denkst, dass es richtig wäre, mit Esra zu reden und ihr Hilfe anzubieten, egal wie sie darauf reagiert.396 Das Buch kann aus mehrfacher Sicht als problematisch gewertet werden: Die Auswahlmöglichkeit zwischen A und B impliziert, dass es ein Richtig und ein Falsch oder sogar eine Musterlösung für ähnliche Situationen geben könnte. Auch wenn es sich im Schulkontext gerade für einen handlungsorientierten Unterricht anbietet, beide Lösungswege zu diskutieren. Den Schwenk von einem offenbar (inter-)kulturellen Problem auf einen körperlichen ‚Makel‘ finde ich in vielerlei Hinsicht unbefriedigend. Was die interkulturelle Perspektive angeht: Was wird suggeriert? Dass Familie Dargiç auch eine der berühmten Ausnahmen ist? Die sich eigentlich auch ‚gut angepasst‘ hat? Dass das Tragen von Kopftuch oder den Körper bedeckender Kleidung tatsächlich nicht ‚normal‘ ist? Ich könnte mir vorstellen – nachdem ich auch andere Werke der Autorin kenne – dass Çelik definitiv für mehr Toleranz auch in Kopftuch-Fragen eintreten will. War das ihre Absicht, dann ist ihr das mit dem vorliegenden Büchlein nicht besonders gut gelungen. 396 Ebenda, S. 33. 100 Anders mit Seidenhaar (2007). Die in diesem und dem Folgeband sichtbar werdenden Bilder der in Deutschland lebenden Türk_innen konfligierten, so hält Gina Weinkauf fest, mit verbreiteten Klischees397 und veranlassten so die Leser_innen, sich damit auseinanderzusetzen.398 In Seidenhaar geht es um einen Konflikt, in den zwei junge Deutsch-Türkinnen geraten. Die Familie der 15-jährigen Sinem hat gerade Besuch von der Cousine Belgin. Sinem lehnt Belgin, die ihren Glauben offen praktiziert und „[s]chwarz verschleiert von oben bis unten“ auftritt, ab und nennt sie insgeheim „[s]chwarze[.] Fatma“.399 Entnervt von dem unerwünschten Besuch entlädt Sinem ihren angestauten Ärger im Gesellschaftslehre-Unterricht. Ausgerechnet das Thema Kopftuch soll aus aktuellem Anlass besprochen werden. Der Hessische Landtag hat ein Kopftuch-Verbot für Lehrerinnen und Beamtinnen im Dienst erlassen. Die Schülerin Canan trägt ein Kopftuch. Sinem kann nicht nachvollziehen, warum sie das macht und zweifelt an, dass sie das aus freien Stücken tut, dass keiner das Mädchen dazu zwingt. Und überhaupt, so greift Sinem, emotional geladen, Canan vor der ganzen Klasse an, wolle sie doch nur Lehrerin werden, um „die Schüler auf eure Seite zu ziehen“.400 Über kursiv gesetzte Introspektiven erfährt man von den Sorgen und Nöten Canans: Nie gehe es um ihren Kopf, ausschließlich um das darum gewickelte Stück Stoff. Warum kann sie keinem klar machen, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes ‚ihren eigenen Kopf‘ hat? Canan kommt im Folgenden nicht mehr zur Schule und auch nicht nach Hause. Sinem macht sich aus schlechtem Gewissen und aus Neugier auf die Suche nach dem Mädchen und lernt im Gespräch mit Musliminnen und der Koranlehrerin Halime die facettenreiche Bedeutung und auch modische Spielarten des Kopftuchs kennen. Sie wagt ein Experiment und erfährt Kopftuch-tragend 397 Pointiert stellt Weinkauf dar, welches Bild nämlich vorherrscht: „Das Leben der türkischen Einwanderer [...] vollzieht sich zwischen Ramadan, Opfer- und Zuckerfest, die Mütter halten sich bescheiden im Hintergrund, sind der deutschen Sprache nicht mächtig und hauptsächlich damit beschäftigt, mit viel Aufwand und Geschick traditionelle Gerichte zuzubereiten, mit denen die Gäste der Familie bewirtet werden, während die Hauptsorge der Töchter darin zu bestehen scheint, auf dem Schulweg heimlich die Rockbünde hochzukrempeln, das Kopftuch in der Schultasche verschwinden zu lassen (oder zumindest vorschriftswidrig um die Schultern zu drapieren) und ansonsten Vätern und Brüdern möglichst aus dem Weg zu gehen.“ (Weinkauf, 2013, S. 43) 398 Weinkauf, 2013, S. 46. 399 Çelik, 2007, S. 5. 400 Ebenda, S. 13 101 selbst Vorurteile und Ausgrenzung. Ihr Fazit: „Die Leute können sich einfach nicht vorstellen, dass Muslime genauso sind wie andere Menschen auch. Mal mehr, mal weniger gläubig, mal gar nicht.“401 Die politische Dimension der Kopftuch-Debatte und anderer migrationspolitischer Fragen wird im Folgeband Seidenweg : Sinems Entscheidung (2012) aufgegriffen. Im Gegensatz zu Gülten in Wohin ich gehöre (1999), die sich nach ihrer Identitätskrise anscheinend (noch) in einer Art geistigem Transitbereich befindet, kommt Sinem zu dem Schluss „Ich bin dort und hier zu Hause.“402 Worum es laut Klappentext geht: Auf der Suche nach einer Zukunft Sinem ist Deutschtürkin, bereitet sich zielstrebig auf das Abi vor, ist das, was als ‚gut integriert‘ bezeichnet wird. Doch sie ist es leid: Immer diese Debatten, über sie und ihresgleichen, manchmal Hetze. Auch ihr neuer Deutschlehrer macht da mit und benotet sie außerdem ungerecht. Noch dazu verändert sich ihr Vater – mutiert er gar zu einem türkischen Klischee- Patriarchen? Auf einmal sind nicht nur ihre Noten, sondern auch ihre Freiheit gefährdet. Sie überlegt, nach der Schule in die Türkei zu gehen, ein Land, das sie kaum kennt. . . 403 Sinem erlebt eine Krise, als ihr Vater, den sie sonst als „cool“ und „eigentlich nicht streng“ wahrnimmt, sie vor ihren Freundinnen und Freunden zusammenstaucht, seit wann sie sich „auf der Straße mit irgendwelchen Typen“ herumtreibe. Sollte er „auf einmal zu einem türkischen Klischeevater mutiert sein?“404 Sinem hasst diese Vorurteile, findet aber selbst keine andere Erklärung für sein Verhalten. Sehr geschickt spielt Çelik auf Betty Mahmoodys Nicht ohne meine Tochter (1988) an. Sinem kennt die Verfilmung des Bestsellers und findet die Geschichte sehr ärgerlich. Kann es trotzdem sein, nagt es in ihr, dass ihr Vater – ähnlich wie Mahmoodys Ehemann Moody im Film – „plötzlich seine Gesinnung änderte und zu einem patriarchalen Tyrannen wurde, ohne Vernunft und ohne Sinn für Fairness und Gleichberechtigung?“405 Çelik geht dramaturgisch also gleich ‚in die Vollen‘ und baut gekonnt Spannung auf. Wie schon in Seidenhaar arbeitet Çelik wieder mit zwei Perspektiven. Diesmal ergänzt die Innensicht des Vaters (eigene Kapitel, personale Erzählsituation, durch Kursivschrift vom Rest des Textes abgehoben) die Ich-Erzählung der jungen Sinem. 401 Ebenda, S. 135f. 402 Çelik, 2012, S. 143. 403 Ebenda, Klappentext. 404 Ebenda, S. 5f. 405 Zum Inhalt und einer möglichen didaktischen Nutzung von Nicht ohne meine Tochter vgl. im Übrigen Rösch 1994 und Rösch, 2000c, S. 233ff. 102 Immer wieder reflektiert Sinem, wie die im Mediendiskurs gestreuten Vorurteile über muslimische Mitbürger_innen auch ihre Wahrnehmung beeinflussen: Man kann sich ja wohl ein wenig anpassen!, schoss es mir durch den Kopf. Es waren nicht meine Worte, sondern Worte, die ich Meli in den Mund legte. Bestimmt dachte sie das und all die anderen Besucher der Bibliothek auch.406 Sinem fühlt sich bei einem Bibliotheksbesuch von zwei lärmenden, türkisch sprechenden Frauen gestört. Sie schämt sich. „Fremdschämen“ ist das Stichwort, das ihr in der Situation in den Kopf schießt. „Wegen solcher Leute“ würde behauptet, „die Türken“ könnten sich nicht integrieren, ärgert sie sich, solcher Leute wegen litten „wir anderen“ unter den Vorurteilen den Deutschen. „‚Und Deutsch lernen, das wäre ja wohl das Mindeste¡“ hört sie „Meli, die anderen Besucher, Politiker, ja, die gesamte deutsche Gesellschaft“ sagen. Und irgendwie denkt sie das auch, auch wenn ihr die Frauen, in Folge auch noch von der Bibliothekarin gedemütigt, irgendwie leid tun.407 Bald hat Sinem selbst unter unverhohlener Diskriminierung zu leiden. Ihr neuer Deutschlehrer Werner Brink äußert sich offen rassistisch: „‚Im Gegensatz zu heute hatten wir es in Deutschland mal fast geschafft, Unterschiede zu eliminieren [...]‘“, würgt er den Schüler Pedro ab, der ein Vorurteile und Rassismus kritisierendes Buch als Klassenlektüre vorschlägt. Sinem ist verunsichert. Eben noch eine Einserschülerin werden ihre Interpretationen jetzt als nicht nachvollziehbar abgestempelt. Erst wird sie vom Lehrer konsequent ignoriert, bald traut sie sich im Unterricht kaum noch etwas zu sagen. Sinem schämt sich für ihre Angst.408 „‚[E]ine Türkin könne keine 12 Punkte bekommen. Das gehe nicht‘“, muss sich Sinems Mutter von Brink anhören. Sicher habe die ehemalige Lehrerin Sinem aus Mitleid o.ä. bevorzugt.409 Sinem ist geschockt von der Erkenntnis, dass sich Äu- ßerungen des öffentlich geführten Integrations-Diskurses wie „‚Türkische Kinder sind dümmer als deutsche‘“ (Headline auf der Titelseite einer Tageszeitung) auch auf sie und ihre Familie beziehen können. Hatte sie sich, ihren Bruder Erdem und ihre Eltern doch „meist als ‚integriert‘“ wahrgenommen.410 406 Çelik, 2012, S. 12f. 407 Ebenda, S. 14. 408 Ebenda, S. 24ff. 409 Ebenda, S. 116. 410 Ebenda, S. 82f. 103 Es ist naheliegend, dass Çelik hier bewusst auf die öffentlichen Diskussionen anspielt, die in Folge der provokanten Äußerungen Thilo Sarrazins im Lettre International (Herbst 2009) und in seinem Buch Deutschland schafft sich ab (2010) geführt wurden. In dem Interview aus 2009 hatte der ehemalige Finanzsenator Berlins, zum damaligen Zeitpunkt noch Mitglied des Vorstands der Deutschen Bank, Zuwanderer nach Abstammung und Bildungserfolgen klassifiziert. Kinder aus Familien vietnamesischer Herkunft hatten dabei überdurchschnittlich gut abgeschnitten („[...] bessere Schulnoten und höhere Abiturientenquoten als die Deutschen“), Kinder aus türkisch-stämmigen Familien unterdurchschnittlich.411 Neben Schulsorgen, Versagensängsten und einem ins Wanken gebrachten Selbstbild quält die junge Frau auch immer noch eine gestörte Beziehung zu ihrem Vater. Stein des Anstoßes für dessen Wutausbruch ist Bela, ein 23-jähriger Junge, der Sinem „ganz schön den Kopf verdreht“ hat.412 Einen festen Freund zu haben wäre schön, überlegt sie, mit ihm könnte sie auch über die Sache mit dem Deutschlehrer sprechen. Bela spielt immer wieder auf den Wutausbruch des Vaters etwa zwei Monate zuvor an: „Ist alles okay, Baby? Hat dein Vater dich etwa geschlagen? Sag’s mir und ich komme Dich befreien!“ Er sagte das alles zwar mit einem Augenzwinkern 411 Berberich/Sarrazin, 2009, S. 199f. Ohne die Reaktionen auf das Interview, in dem Berlin als Ganzes inkl. der Politik und Verwaltung mehr als verunglimpft wurde, noch detailliert präsent oder im Rahmen dieser Arbeit untersucht zu haben, drängt sich mir in der Rückschau die Frage auf, warum die Medien ausgerechnet die diskriminierenden Äußerungen gegenüber türkischen Mitbürger_innen aufgegriffen haben. Sarrazin hat – so mein nicht fundierter i.S.v. beweisbarer Eindruck – den Medien die Gelegenheit gegeben, den Diskurs (frisch) aufzugreifen. Deutschland schafft sich ab hat entsprechend Absatz gefunden und stand ab August 2010 wochenlang auf Platz 1 der Sachbuch/Hardcover-Bestsellerlisten. Die Deutsche Verlags-Anstalt (DVA, Verlagsgruppe Random House) hat nach Recherchen der Linguistikerin Christina Stein allein bis Juni 2011 über 1,1 Mio. Exemplare verkauft. Stein hat untersucht, dass das Thema „Intelligenz/Genetik“ im Zeitraum von 23.08. bis 15.10.2010 häufig in den Medien aufgegriffen wurde (vgl. Stein, 2012, S. 1f, S. 42f, Materialverzeichnis 151ff): Von den 448 untersuchten Dokumenten im Textkorpus wird in 37 Dokumenten das Thema „Intelligenz, Genetik“ behandelt (entspricht 8,26%), davon sechsmal als Hauptthema. Die am häufigsten besprochenen Themen: „Integration“ (31,03%), „Empörung über Sarrazin“ (15,85%), „Verhalten der Politiker“ (13,62%), „Migranten / Muslime“ (13,17%), „Bundesbank“ (11,83%), „Auseinandersetzung mit Thesen / Buchbeurteilung“ (9,82%). Nach „Intelligenz, Genetik“ folgen (die Liste ist nicht vollständig) in etwa gleichverteilt „Gesellschaftliche Auswirkungen“ (21 mal als Hauptthema), „Parteiausschluss SPD“ und „Islam“. 412 Çelik, 2012 S. 18. 104 in der Stimme, aber auch wenn ich es nicht wahrhaben wollte, versetzte es mir einen Stich ins Herz.413 Sinem stört, dass sich Bela in ihren Telefonaten immer wieder in die Richtung äußert, aber sie weiß ja selbst nicht so recht, was sie von ihrem Vater denken soll. Der junge Mann lässt nicht locker, und so verabreden sich die beiden: Sinem wird von Bela in ein heruntergekommenes Lokal ausgeführt. In dem Umfeld ist der junge Mann wie ausgewechselt. Sinem will nur weg und schiebt ihren Vater vor, um der Situation zu entfliehen.414 Damit pflegt sie selbst – in dem Moment für sie bequem – das Stereotyp eines die (sexuelle) Freiheit von Frauen unterdrückenden muslimischen Patriarchen. Abbildung 4.8: Aygen-Sibel Çelik, Seidenweg (2012) Zurück zu Hause setzt sie sich mit einem Sandwich vor den Fernseher. Es läuft eine Talkshow. Es geht laut Teletext „[w]ieder einmal“ um Muslime und an dem Tag speziell um die Frage, ob der Islam „unsere christlich-jüdisch-abendländische Kultur“ bedroht. Sinem fühlt sich bei solchen Talkshows immer so, als redeten Leute in ihrer Abwesenheit über sie, als müsse sie ohnmächtig über sich ergehen lassen, dass sie verleumdet würde, ohne dass sie etwas dazu sagen kann. „‚Lass mich raten, es geht um Muslime, Integration, Ehrenmorde oder Ausländerkriminalität, habe ich recht oder habe ich recht¿“, kommentiert ihr Vater, der dazu kommt und sie liebevoll begrüßt.415 413 Ebenda, S. 41. 414 Ebenda, S. 52. 415 Ebenda, S. 53f. 105 Çelik greift den Integrations-Diskurs praktisch doppelt auf, einmal durch das Buch an sich und einmal durch die Gegenüberstellung der im Text exemplarisch dargestellten grundsätzlichen Positionen. Zur Beantwortung der Talkshow-Einstiegsfrage, wie „groß [..] die Gefahr [sei], dass in zwanzig, dreißig oder vielleicht fünfzig Jahren die meisten Frauen in Deutschland mit Kopftuch“ herumliefen und sich ein Straßenbild zeige „wie in Ostanatolien oder gar im Iran“,416 fordert die Moderatorin einen bekannten Islamkritiker auf. Einen Sprecher des Islamverbandes ignoriert die Moderatorin offensichtlich bewusst. Es ginge, so der Kolumnist und Islamkritiker, weniger um das Straßenbild als mehr um „die Gesinnung im Islam.“ Er fürchte, dass ein „rückwärtsgerichtetes, frauenverachtendes und undemokratisches Gedankengut“ überhand nehmen könne. Die Begriffe „Islam“, „Muslime“, „Anschläge“ und „Al Kaida“ werden von der Moderatorin fast in einem Atemzug genannt. Dass es auch integrierte Muslime gebe, relativiert der ebenso eingeladene CSU-Politiker, der „westliche Einfluss erreich[e] ja schon einige.“417 Sinem kennt die üblichen Argumentationsmuster, sie versteht nicht, warum sich ihr Vater ausgerechnet am „westliche[n] Einfluss“ so besonders stört. Damit würde indirekt gesagt, dass alles Positive nur „von ihnen“ ausgehe, erklärt ihr der Vater, dass also nichts Gutes von „uns“ kommen kann. Das stecke dahinter. Sinem realisiert, dass auch sie, der westlichen Normalisierungsmacht entsprechend, ‚westlich‘ und ‚modern‘ immer gleich gesetzt hat. Der Vater illustriert diese ‚Logik‘ an zwei Geschichten. Zurück zu Sinems persönlicher Krise: Sinem wünscht sich für ihr Leben (eine andere) Normalität, eine Selbstverständlichkeit, dass ihr Hiersein nicht nimmer in Frage gestellt würde. Immer wird sie das gleiche gefragt, woher sie so gut Deutsch könne, warum sie kein Kopftuch trage, woher sie komme etc.418 Man ging wohl davon aus, dass wir herumliefen und dabei immer gebetsmühlenartig dachten: „Ich habe einen Migrationshintergrund, ich habe einen Migrationshintergrund. . . “ So, wie wenn man einkaufen geht und sich immer wieder die Einkaufsliste aufsagt, um sie ja nicht zu vergessen.419 Eine interessante Option offenbart sich der jungen Frau, als sie eines Tages die Koran-Kurs-Lehrerin Halime, die man schon aus Seidenhaar kennt, wieder trifft. Halime hat gerade ihr Wirtschaftsstudium abgeschlossen und 416 Ebenda, S. 55. 417 Ebenda, S. 56f. 418 Ebenda, S. 61f. 419 Ebenda, S. 62. 106 will nun in die Türkei. Viele junge Türk_innen verließen heute Deutschland, weil sich ihnen in der Türkei bessere Perspektiven eröffneten. Viele junge Türk_innen würden resignieren, weil sie sich hier einfach nicht akzeptiert fühlten. Selim ist mit ihrer Frustration also nicht alleine.420 Die anschließenden Zwiegespräche zwischen Selim und Halime wirken leider sehr konstruiert und pädagogisch und es fehlt auch nicht an einer Lektion Landeskunde.421 Selim kommt zu dem Schluss, dass auch sie Deutschland verlassen muss und dass auch sie in der Türkei später bessere Chancen auf einen Arbeitsplatz hat. Sie fühlt sich regelrecht „hinausgeekelt, weggemobbt.“422 Durch ein Referat über die Seidenstraße und die Herkunft ihrer Familie beschäftigt sie sich intensiver mit ihren Wurzeln und ihrer Identität. In ihrem Vortrag, der ihr auch Gelegenheit gibt, vor einer größeren Gruppe von Lehrer_innen ihr Können unter Beweis zu stellen und sich so zu rehabilitieren, stellt sie ihre Hybridität dar, dass es die Vielfalt der Sprache, der Kultur, der Ideen und der Begegnungen sei, die sie zu der Person gemacht haben, die sie ist. Sie plädiert für gegenseitige Akzeptanz und die Überwindung von Vorurteilen. Man müsse zulassen, „dass sich die Wege kreuzen, und dass man ab und zu ein Stück gemeinsam geht.“423 Sinems Eltern erlauben ihr, für einige Wochen in die Türkei zu fahren. Dort genießt sie es, sich nicht ständig rechtfertigen zu müssen, auch wenn sie dort auch immer wieder als Fremde wahrgenommen wird. Sie stellt fest: „Das Hinterfragtwerden, das kam immer von außen“. Sinem weiß, sie ist hier wie dort zu Hause. Und von Leuten wie Brink, so ihr Fazit, lässt sie sich ihr deutsches Zuhause nicht nehmen.424 Was nun den Vater angeht, erhellt sich über seine Introspektiven sukzessive, warum er angesichts Sinems Verehrer Bela so allergisch reagiert hat. Er kennt Bela und weiß, dass der Junge ein Drogendealer ist. Der Vater Alââdin selbst ist Einwanderer in der zweiten Generation und fühlt sich geduldet, nicht aber toleriert, ein Wort, das er mangels einer treffenden Übersetzung ins Türkische mit hoşgörü (wohlgesehen) umschreiben müsste: Als er selbst Anfang der 1970er-Jahre die Berufsoberschule besuchen möchte, wird ihm abgeraten, viele Lehrer_innen konnten sich (auch) damals offenbar keine türkischen Kinder auf dem höheren Bildungsweg vorstellen. „Es hat ihn viele Jahre Frust, Traurigkeit und Ohnmacht, viele 420 Ebenda, S. 87ff. 421 Ebenda, S. 97ff. 422 Ebenda, S. 103. 423 Ebenda, S. 127f. 424 Ebenda, S. 141. 107 Jahre Erfahrung gekostet“425 um das zu begreifen. Sein eigener Vater hatte aus wirtschaftlichen Gründen in der Türkei ein Jura-Studium abgebrochen, um nach Deutschland zu gehen. Tief getroffen und verletzt von der Ablehnung, die er dort erfuhr, hatte jener beschlossen, sich der deutschen Sprache zu verweigern. Alââdin, der seinen Weg gemacht hat, ist erschüttert, dass seine Tochter in ihm den türkischen Klischee-Vater erkannt hat: Diese verdammten Vorurteile! Sie sind so hartnäckig und verbreitet wie die Pest. Sie haben sich in die Synapsen der Gehirne fest verankert und reproduzieren sich unaufhörlich. Eine Seuche macht nicht halt vor irgendeiner Nationalität, einer Ethnie oder Religion. [...] Es werden eben nicht Äpfel mit Äpfeln und Birnen mit Birnen verglichen. Ein sich sorgender Vater, der zufällig Moslem und Türke ist, wird nicht genauso beurteilt, wie ein Vater, der Protestant und Deutscher ist. Wenn sie wüsste, warum er so reagiert hatte. Aber wozu etwas hinterfragen, wenn man es doch so einfach haben kann mit vorgefertigten Antworten, die man nur zu übernehmen braucht? 426 Alââdin schlägt Bela übrigens noch höchstpersönlich in die Flucht. Wie? „‚Ach‘, lachte [Sinems] Vater und zwinkerte [ihr] zu. ‚Ich habe gesagt, was türkische Klischee-Väter in so einer Situation eben sagen.‘“427 4.2 Interkulturelles als Teil der Normalität Mittlerweile scheint sich wie oben schon erwähnt auf dem Kinder- und Jugendliteratur-Markt „eine gewisse Problembuch-Müdigkeit“ eingestellt zu haben. Vielfach würden die einstigen Problembuchthemen wie Vorurteilskritik nun in unterhaltsamer Form angeboten: Beispielsweise in Gestalt komischer Familienerzählungen und Kinderbanden- und Detektivgeschichten. Vorbilder für die neue Selbstverständlichkeit im Umgang mit Phänomenen kultureller Vielfalt fänden sich im Unterhaltungsangebot des Fernsehens. Dort sei der Themenhorizont mittlerweile fest etabliert, besonders in den Formaten Serienkrimi, Comedy oder Soap, konstatiert Gina Weinkauf.428 Aufwändiger als die Recherche nach Texten, die (inter-)kulturelle Probleme schon per Buchdeckel ankündigen, gestaltet sich die Suche nach Büchern, die interkulturelle Thematiken behandeln, ohne dass das auf den 425 Ebenda, S. 48. 426 Ebenda, S. 111f. 427 Ebenda, S. 134. 428 Weinkauf, 2013, S. 47. 108 ersten Blick offensichtlich ist. Die Suche lohnt sich: Meiner Untersuchung nach zeichnen diese Werke tendenziell ein differenzierteres Bild als die meisten der Titel, die wie oben unter ‚(inter-)kulturelles als vordergründiges Thema‘ einzuordnen wären. Im Folgenden wird ein Ausschnitt aus meinem Fundus vorgestellt. 4.2.1 Die Bikulturelle Familie Zeitenwende: Die Patchwork-Familie Schneider-Öztürk Jedes achte Kind, das 2012 in Deutschland geboren wurde, entstammt einer „binationalen Verbindung mit einem deutschen Elternteil.“429 Eine der bekanntesten bikulturellen Familien in Deutschland ist sicher die Patchwork- Familie Schneider-Öztürk aus der Fernsehserie Türkisch für Anfänger, die als ARD-Produktion 2006 erstmals ausgestrahlt wurde. 2007 erschien bei Carlsen basierend auf den Drehbüchern von Bora Dagtekin das von Claudia Kühn umgesetzte Buch zur Serie Türkisch für Anfänger : Meine verrückte Familie mit Filmbildern und „Survival-Tipps“.430 Auch von Kühn im gleichen Verlag erschienen sind die Folgebände Verwirrung hoch sechs (2007), Durchdrehen garantiert (2008), Der ganz normale Wahnsinn (2008) und Chaos total (2009). Alle Bände sind inzwischen vergriffen und werden antiquarisch teils zu Liebhaber-Preisen gehandelt. Die DVDs können (Stand: August 2014) regulär über den Handel bezogen werden. Agata Joanna Lagiewka bespricht die Fernsehserie als Spiegel einer multikulturellen Gesellschaft: Die Familienkonstellation bediene sämtliche Vorstellungen von typisch deutsch und typisch türkisch. Hinter den Figuren, so Lagiewka, verbergen sich – und das zeichnet den Stoff für mich persönlich aus – individuelle Charaktere, die mit der Zeit langsam hinter ihre Masken blicken ließen und sich gegenseitig mit Rat und Tat bei Problemen zur Seite stünden.431 Im ersten Band von Türkisch für Anfänger wird als ein Konfliktpunkt im Zusammenwachsen der beiden Familien der Ramadan („Ramadan? Was zur Hölle war das schon wieder?“432) thematisiert. Yagmur ist eins der beiden Kinder, die der türkische Kommissar Metin mit in die Familie gebracht hat. Das Mädchen erklärt der neuen Lebensgefährtin ihres Vaters, Doris, 429 Vgl. http://www.verband-binationaler.de/index.php?id=30 (zuletzt geprüft am 16.08.2014) 430 Auszug aus „Lenas Türkisch-für-Anfänger-Survival-Tipps“ Klarstellen und durchhalten: Weckt mich, – Yaşım dolduğunda – wenn ich volljährig bin! – beni uyandırın! (Kühn, 2007 – vergriffen : DVD zur Serie lieferbar, S. 184) 431 Lagiewka, 2013, S. 197. 432 Kühn, 2007 – vergriffen : DVD zur Serie lieferbar, S. 94. 109 dass Ramadan die muslimische Fastenzeit sei. „Schon wieder eine neue Kopftuchregel“ schießt es Lena, der 16-jährigen Tochter von Doris, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, durch den Kopf.433 Yagmurs Vater Metin nimmt es mit den Fastenregeln nicht so genau: Er machte ja extra für seine Tochter auf Türke und ramadante sich einen ab. Dabei glaubte er nicht an Allah. Total opportunistisch. Ich verstand das Prinzip ihrer Religion einfach nicht. Was hatte Allah davon, dass die erst essen durften, wenn die Sonne untergegangen war? Schlief er dann und kriegte es nicht mit? Als ich das Yagmur fragte, fühlte sie sich mal wieder sofort angegriffen. „Was hat Gott davon, wenn ihr euch zu Weihnachten mit Geschenken überschüttet?“434 Hier wird weder harmonisiert noch von oben herab belehrt noch das Exotische der (jeweils) fremden Kultur herausgestellt. Es stünden, so analysiert Lagiewka, vielmehr Klischees „[a]ls zentrales Element des Handlungsgeschehens [...] im Mittelpunkt“, die „[e]inerseits helfen die Geschichte voranzutreiben, andererseits [...] auf humorvolle, ironische Weise und bewusst ohne melodramatische Elemente eine Projektionsfläche von Vorannahmen auf Seiten des Publikums“ böten, die aber korrigiert werden könnten.435 Nach Lagiewka können Integrationsprozesse im besten Falle gefördert werden, wenn ein heterogenes Bild gezeichnet würde. Im Gegensatz dazu könne es zu „desintegrativen Einstellungen“ kommen, wenn Minderheiten allzu negativ dargestellt würden. Im Sinne dieses Diskurses scheine Türkisch für Anfänger (sie bezieht sich wieder auf die Serie) Pionierarbeit geleistet zu haben.436 Muttersprache: Wortsalat und weltbeste Freunde Gina Weinkauf beobachtet, dass das Thema Migration mittlerweile als Hintergrund der erzählten Welt fast überall präsent ist. Und in aller Regel bliebe es auch eher im Hintergrund. Konflikte, die sich aus der kulturellen Diversität ergeben können, oder die kulturalisierend ausagiert werden, würden in den aktuellen realistischen Erzählungen allenfalls am Rande thematisiert.437 Der Mutter von Fritz aus Ute Wegmanns Die besten Freunde der Welt (2012) fehlen manchmal die Wörter (nicht die Worte): „Sie lebt nicht so 433 Ebenda. 434 Ebenda, S. 123. 435 Lagiewka, 2013, S. 197. 436 Ebenda, S. 198. 437 Weinkauf, 2013, S. 47. 110 lange in Deutschland wie die Mütter meiner Freunde. Die sind alle schon immer hier“. Seine „Mum“ kommt aus England. Bis sie ihren jetzigen Mann kennengelernt hat, hat sie also „nur Englisch gesprochen, Englisch gehört, Englisch gelesen, Englisch gegessen, Englisch geträumt . . . “438 Fritz scheint recht entspannt, was Verstehen und Nichtverstehen angeht. Dem türkischen Gemüsehändler ruft er auf dem Weg zur Schule den One-Apple-a-Day- Spruch zu, Herr Özgul antwortet in seiner Muttersprache („Çok buluş!“): „Keine Ahnung, was das bedeutet. Ich verstehe kein Türkisch, und er versteht kein Englisch. Wir lachen uns an. Ich winke ihm und gehe zur Schule. So ist das jeden Tag.“439 Mum will mit Fritz ständig Englisch sprechen, das sei auch seine Muttersprache. Fritz nervt das manchmal und er antwortet meist auf Deutsch. Wenn der Mutter ab und an ein deutsches Wort fehlt, dann sagt sie einfach das englische. Der Papa von Fritz nennt das „Wortsalat“.440 Dass das mit den Wörtern und Namen „eine komplizierte Sache“ ist und manche Wörter zwei Bedeutungen haben, realisiert Fritz im Gespräch über Fußball mit seinem besten Freund Ben. Die Löwen aus München und „DER Kahn“ können, so stellen die Jungs fest, je nach Vorwissen auch verschiedene Dinge bezeichnen oder bedeuten.441 Ben kann noch kein Englisch, ihn verwirrt es, dass die Mutter von Fritz ihren Sohn immer mit „Sonne“ („Son“) anspricht.442 Überhaupt ist Ben ständig verunsichert, da er den Humor von Fritz’ Mutter nicht versteht, was aber wohl eher an der sehr strengen und behüteten Erziehung durch seine eigenen Eltern liegt – den lockeren Umgang im Elternhaus seines Freundes kennt er nicht von sich zu Hause. Mum scheut sich z.B. nicht, die Kinder als „[k]leine Klugscheißer“ zu bezeichnen, wenn Fritz ihre Grammatik korrigiert.443 Welche Rolle Herkunft und Erziehung spielen können, reflektiert Fritz, als seine Schulklasse (altersmäßig irgendwo im Zahnwechsel444), für ihren Mitschüler Hilmar Gedichte schreiben soll. Hilmar musste zur Beerdigung seiner Großmutter nach Izmir reisen. Maria trägt ihr Werk vor: 438 Wegmann/Wilharm Ill., 2012, S. 10f. 439 Ebenda, S. 13. 440 Ebenda, S. 20. 441 Ebenda, S. 30. Hier wird im Übrigen mit intertextuellen Bezügen gearbeitet. Wegmann spielt mit den an der Stelle auch zitierten „Teekesselchen“ auf Andreas Steinhöfels Rico, Oscar und die Tieferschatten (2008) an. Unter ihr Dankeswort (S. 207) platziert Wegmann unter dem Motto „Für alle, die wissen wollen, was Ben und Fritz wissen“ weitere Querverweise in die KJL bzw. Filmgeschichte. 442 Wegmann/Wilharm Ill., 2012, S. 69. 443 Ebenda, S. 76. 444 Vgl. ebenda, S. 127. 111 „Hilmars Oma im Himmel reitet auf einem rosa Schimmel. Dort oben, wo sie jetzt wohnt, wird sie für alles belohnt.“ Ein Schimmel im Himmel, wo die Oma wohnt, so ein Gedicht kann nur Maria schreiben, weil sie katholisch ist und an ein Paradies über den Wolken glaubt.445 Mum hat so ihre eigenen Probleme in der interkulturellen Kommunikation, scheint sich aber ganz gut integriert zu haben: Das „Porca miseria“ des hervorragenden Fußballtrainers Giovanni (der aussieht „wie ein Gangsterboss aus einem Krimi“) übersetzt sie für sich wohlwollend mit „Macht weiter so!“. Als Fritz ihr die Bedeutung erklärt, pikiert sie sich, ob „dieser Italiener keine richtigen deutschen Wörter“ sagen könne.446 Vaterland: Schweigsamkeit und Fehler im Universum Auch die Geschwister Matti und Sami in Salah Naouras Roman Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums (2011) sind Kinder aus einer bikulturellen Verbindung. Matti, aus dessen Perspektive erzählt wird, wie die Familie ohne Auto und Arbeit in Finnland gestrandet ist, und sein Bruder Sami haben Strategien entwickelt, mit ihrem (tendenziell) eher schweigsamen finnischen Vater Sulo zu kommunizieren. Sie stellen sich einfach vor, was er denkt. Ab und an sagt er dann doch was, zum Beispiel, dass in Deutschland alles komisch sei und die Deutschen die Finnen nicht verstehen würden: Früher habe ich ihn oft gefragt, warum er Mama überhaupt geheiratet hat, obwohl sie ihn als Deutsche nicht versteht. Aber natürlich hat er nichts geantwortet – schließlich ist er Finne.447 Ansonsten achten die Kinder darauf, keine Ja- und Nein-Fragen zu stellen, da das Gespräch mit dem Vater sonst immer schnell zu Ende ist.448 Mattis bester Freund Turo ist auch Halbfinne und kann sogar Finnisch, weil seine Mutter mit ihm und seinem großen Bruder nur Finnisch und kein Wort Deutsch spricht. Stellt sich also für die Leser_innen die Frage, ob nur finnische Männer nicht sprechen oder die Wortkargheit doch eher in der Persönlichkeit des Vaters begründet liegt. 445 Ebenda, S. 84. 446 Ebenda, S. 115f. 447 Naoura, 2011, S. 13. 448 Ebenda, S. 18. 112 Das Leitmotiv des Kinderromans, das Salah Naoura am Begriff des Universums spiegelt, ist die Perspektivgebundenheit in der Wahrnehmung der Welt im Allgemeinen und der Beurteilung kleinerer oder größerer Katastrophen im Besonderen. Ob er glaube, dass man einen Fehler im Universum fast immer korrigieren könne, fragt Matti seinen Onkel Kurt. Der Taxifahrer versucht dem Jungen nahezubringen, dass man durchaus unterschiedlicher Meinung sein kann, woran man einen Fehler im Universum erkennen könne: „‚Einer findet es vielleicht wichtig, auf den Mond zu fliegen, und ein anderer findet es wichtiger, seine Katze zu füttern.‘“ Und wenn es nach dem Religionslehrer ginge, mache Gott ohnehin keine Fehler. Matti überzeugt das noch nicht so ganz.449 Dass Sulo seinem Bruder Jussi imponieren wollte und die Familie angeschwindelt hat, er hätte einen Job in der Schweiz angeboten bekommen, hält Matti für einen Riesenfehler, der sein Universum durcheinanderwirbelt. Schließlich hat er vor den Klassenkameraden schon mit dem Umzug geprahlt. Dass „Samis Universum“ anscheinend ein anderes ist, als seines, realisiert Matti, als sein Bruder es gar nicht schlimm findet, in Deutschland zu bleiben.450 Matti überlegt angestrengt, wie man so einen Fehler (den verpatzten Umzug) korrigieren könnte, und konstruiert schließlich die Geschichte eines Hauses im finnischen Saimaa-Seengebiet, das die Eltern angeblich gewonnen haben. Die Eltern lösen kurzerhand ihre Wohnung auf, und Sulo zerlegt das Mobiliar zu Kleinholz („wahrscheinlich gab ihm die Arbeit mit der Axt irgendwie das Gefühl, ein richtiger finnischer jätkä zu sein“451). Was der Junge eigentlich organisiert hat, ist ein zeitlich begrenzter Hausmeister- Job für seinen Vater. Der weist vor Ort angekommen den Hinweis seines Sohnes, es müsste dringend einmal Rasen gemäht werden, mit „‚Wir sind hier nicht in Deutschland. In Finnland darf das Gras wachsen, wie es will‘“ zurück.452 Natürlich fliegt der Schwindel irgendwann auf, aber die Familie kann in Finnland bleiben. Sami (in dessen Universum die Freunde in Deutschland eine große Rolle gespielt haben) findet schnell Anschluss und Mattis Mutter beginnt gleich finnisch zu lernen, obwohl, so schreibt Matti an seinen Freund, die meisten Wörter (wie z.B. auringonpolttama) „für ihr Hirn zu lang“ seien.453 449 Ebenda, S. 43. 450 Ebenda, S. 76. 451 Ebenda, S. 109. 452 Ebenda, S. 118f. 453 Ebenda, S. 141. 113 Märchenberichtigungen: Das indische Adoptivkind Dilip In welch unterschiedlichen Universen Rezipienten unterwegs sein können, daran wird man mit der FAZ-Rezension zu Naouras nächsten Buch Dilip und der Urknall und was danach bei uns geschah (2012) erinnert: „Auch Papa macht Gedöns : Ein Vater, der seinen Sohn und seinen Adoptivsohn unter Leistungsdruck setzt und schließlich selbst scheitert: Salah Naouras Kinderbuch ‚Dilip und der Urknall‘ wirkt wie zur Gitarre gesungen“ betitelt Fridtjof Küchemann seine Besprechung.454 Die FAZ findet das berufliche Scheitern des Bankers nicht gut bearbeitet – in seiner interkulturellen Lesart ist das Buch ein Juwel: Antons Eltern wollen ein Kind adoptieren. Wenn es nach dem Vater geht, am besten einen Jungen im Alter seines Sohnes, damit der mit Anton Fußball spielen kann. Leopold ist ein leistungsorientierter Banker, der – im Gegensatz zu seinem in den Tag hineinlebenden Vater Gert – großen Wert auf finanzielle Sicherheit und Status(symbole) legt. Seine Leidenschaften sind Fußball und sein neuer Mercedes, den er sich in Aussicht auf eine noch besser bezahlte Anstellung nebst Einfamilienhaus leistet. Anton spielt eigentlich gar nicht gerne Fußball, er spricht lieber „Märchenberichtigungen“ auf Kassette. Die Mutter Hanna, Apothekerin und seit Antons Geburt als Hausfrau unterfordert und gelangweilt, besteht auf einem Mädchen. Im Kinderheim angekommen erwärmt Hanna sich jedoch spontan für einen Jungen „mit einem leeren Glas in der Hand. Er war barfuß, hatte große, dunkle Augen, braune Haut und pechschwarzes Haar.“ Anton weiß sofort: Der „dunkelhäutige Junge mit dem leeren Glas in der Hand würde [s]ein Bruder werden,“ das spürt er ganz deutlich. Schließlich guckte seine Mutter so „total verliebt“. Dass Dilips verstorbene Mutter aus Kalkutta kam, erfährt man ganz nebenbei. Für Anton ist der Deal klar, als er mitbekommt, dass Dilip wie er neun Jahre alt ist. Der Vater fragt zögerlich, ob man denn nicht lieber einen deutschen Jungen adoptieren wolle, wird aber von seiner Frau in die Schranken gewiesen: „Den oder keinen!“ Das muss bzw. darf Dilip selbst entscheiden. Der schaut sich die Familie an und lächelt,455 was als Zustimmung zu interpretieren ist. Dilip spricht nämlich erst einmal nicht. So hilft er auch der Mutter nicht aus ihrer Verlegenheit, als ihr der Name des indischen Elefantengottes nicht mehr einfällt. Die Mutter hat sich zwar auf Dilips Ankunft vorbereitet und sich das Buch Indien auf einen Blick in der Stadtbücherei ausgeliehen, sie kann sich aber beim Anblick von Dilips Ganesha-Poster nicht 454 Küchemann, zuletzt geprüft am 16.08.2014. 455 Naoura, 2012, S. 7–15. 114 mehr an den Namen der Gottheit erinnern. Dieses Nicht-Wissen, Nicht- Alles-Erklären-Können der Adoptivmutter steht in auffälligem Kontrast zu den vermeintlich allwissenden Autoritätspersonen, die den Kinderbuch- Held_innen sonst oftmals zur Seite gestellt werden, und die die Welt von Armut bis Zwangsheirat zweifelsfrei erklären (können wollen).456 Auffällig vor der Schablone des Mainstream ist auch die differenzierte Darstellung von Dilip als Person und seinem Lächeln, mit dem er auf die Elefantengott- Frage antwortet: Mein neuer Bruder antwortete mit dem erstaunlichsten Lächeln, das ich je gesehen habe. In Paris gibt es ja dieses berühmte, teure Bild von einer Frau, die Mona Lisa heißt, und angeblich ist ihr Lächeln das rätselhafteste der Welt. Weil man nicht weiß, was es bedeutet. Aber das ist überhaupt nichts gegen Dilip. Wenn er so lächelt wie damals, ist man komplett verwirrt. Eine Sekunde lang dachte ich, sein Lächeln sollte bedeuten: „Ich weiß zwar genau, wie der Gott heißt, aber ich sag’s euch nicht.“ Eine Sekunde später dachte ich, es sollte bedeuten: „Ihr seid so was von dumm, dass ihr das nicht wisst!“ Und wieder eine Sekunde später dachte ich, es sollte bedeuten: „Ich mag das Poster, weil ich manchmal gerne vier Arme hätte, aber mit Götternamen kenn ich mich nicht aus.“457 In Dilip wird also nicht das Klischee des dauer-grinsenden Inders458 weitergetragen. Sein Lächeln wird vielmehr als Facette seiner Persönlichkeit beschrieben. Nur einmal lässt Naoura Dilip grinsen, sodass „seine großen weißen Zähne aufblitzten“ – nämlich, als die Jungs sich am ersten Abend gemeinsam vor den Spiegel stellen und ihre Gesichter vergleichen. Anton, dessen Zähne nicht so schön funkeln wie Dilips, beschließt, seine in Zukunft abends etwas länger zu putzen.459 Insgesamt findet Dilips äußeres Erscheinungsbild genau an zwei Stellen Erwähnung. Einmal bei der ersten Begegnung im Kinderheim und einmal in der gerade beschriebenen Spiegel-Szene: „Links dunkelbraune Haut, schwarze Haare, braune Augen, breite Nase. Rechts helle Haut, blonde Haare, blaue Augen, schmale Nase – alles genau wie bei Mama.“460 Im Gegensatz zu Kirsten Boies Paule ist ein Glücksgriff (1985) wird die Hautfarbe 456 Zu Indien vgl. z.B. Marie-Thérèse Schins Ein Elefant kommt selten allein : Doro in Indien (2000). Die vermeintliche Ober-Schlauheit von Antons Vater in Dilip und der Urknall und was danach bei uns geschah wird schon ganz zu Anfang der Geschichte beim Besuch eines indischen Restaurants entlarvt, als er für die Mutter „Vindaloo“ mit „Fenster“ übersetzt (Naoura, 2012, S. 20). 457 Naoura, 2012, S. 18. 458 Vgl. Schins/Oeser Ill., 2000, S. 82: „[D]ie Inder kichern oft. Wie schade, dass ich meistens nicht begreife, warum.“ 459 Naoura, 2012, S. 26. 460 Ebenda, S. 13, 26. 115 des Adoptivkindes vom Großvater nicht mit „ist der in Schokolade gefallen?“ o.ä. kommentiert,461 sondern findet bei der ersten Begegnung keinerlei Erwähnung. Auch Boies Paule wünscht sich einen Fußball spielenden Bruder. Allerdings legt der (noch) Wert auf ein braunes Kind, das – wenn es schon ein Mädchen sein muss – „wenigstens auss[ieht] wie er.“462 Die Figuren in Dilip und der Urknall scheinen etwas entspannter, was Hautfarben angeht, und eine ‚Schwarz-Weiß-Zeichnung‘ steht gerade nicht im Mittelpunkt der Erzählung. Vielmehr spielt Naoura immer wieder dezent auf Farbsymbolik an und untergräbt gängige (rassistische) Konnotationen: Anton und die Mutter Hanna bekommen leicht Sonnenbrand, wogegen Vater Leopold fast keine Sonnencreme braucht und „schon nach zwei Tagen fast so braun [ist] wie ein Inder.“463 Auch der unangepasste und liebenswerte Opa Gert wird als braungebrannt beschrieben. Er hält sich viel in der Sonne auf.464 Selbst der heißgeliebte Hamster der Kinder, Jan-Ulrich, dessen eintöniges Leben tragisch in einem Straßengulli endet, erhält eine Markierung als „kleiner brauner Ball“.465 Anton schreibt seine Märchenberichtigungen in ein braunes Heft. Schwarz ist durchgehend positiv besetzt bzw. wird im Zusammenhang mit Statussymbolen genannt. So leistet sich der Vater einen schwarzen Mercedes. Die für kurze Zeit zur versnobten Vorstadt-Schönheit mutierte Mutter Hanna bändigt ihr Haar mit einer schwarzen Sonnenbrille, und im Luxus-Hotel lauscht man Klängen aus einem glänzenden, schwarze Flügel. Dilip dekoriert sein Zimmer, das Universum nachstellend, in Schwarz. Kontraste von schwarz-weiß-braun wie bei den später eingeführten Hanuman-Affen sind positiv besetzt, die karamellpuddingbraune Designermode einer Nachbarin wird dagegen als eintönig wahrgenommen. Die konservativ-teuer gekleidete und blondgestränte Dame färbt sich final die Haare schwarz.466 Der Vater der gerade zusammenwachsenden Familie wird so langsam nervös, und fragt sich, ob der Junge überhaupt sprechen kann. Immerhin nickt das Kind, als die Eltern es bei ihrem ersten gemeinsamen Essen im Restaurant India House etwas fragen (und wackelt – nebenbei bemerkt – nicht exotisch-befremdlich mit dem Kopf). Anton stört es nicht, dass sein 461 Boie/Brix III., 2010, S. 12. 462 Ebenda, S. 95. 463 Naoura, 2012, S. 26. 464 Ebenda, S. 64, 82f. 465 Ebenda, S. 113. 466 Ebenda. Braunes Heft: S. 32f. Schwarz: S. 40, 70ff, 73, 129. Hanuman: u.a. 107f. Langweilige Mischtöne wie „karmellpuddingbraun“, „vanillepuddinggelb“ oder „karamellbraun“: S. 43, 57f. 116 neuer Bruder nicht spricht. Dilip kann auch ohne Worte reden. Manchmal wenn Dilip ihm zuzwinkert, kommt es dem Jungen vor, als habe der gerade eine spannende Geschichte erzählt. Bisweilen verzieht Dilip nur kurz die Nase, und Anton weiß sofort, was er meint. Und überhaupt „quatscht[.]“ ihm Dilip so auch nicht ständig dazwischen, wenn er etwas erzählt – und Anton erzählt gerne.467 Abbildung 4.9: Salah Naoura, Dilip und der Urknall und was danach bei uns geschah (2012) Für Naoura ist Anton, wie man in einem Interview erfährt, „im Grunde ein Anarchist“.468 Anton reflektiert regelmäßig den Begriff „normal“ (normalerweise geht der Vater in die Bank, normalerweise darf der Schulrasen nicht betreten werden. . . ) und listet für das Schulpersonal auf, was alles verboten ist (auf dem Pausenhof herumrennen, im Klassenraum essen,. . . ). Anton sehnt sich wie Rapunzel und der internierte Hamster Jan-Ulrich nach „Freiheit“ (insgesamt 12 Nennungen von {Freiheit} im Text).469 Stattdessen wird er von seinem Vater unter Leistungsdruck gesetzt und soll Mathematik, Geografie und Botanik büffeln. Naoura will Kinder mit seinem „Buch ermutigen, sich sozusagen Hilfe zu holen und an sich zu glauben.“ Kinder, so Naoura, sollten „ihre eigenen Stärken finden“ und entsprechend gefördert werden.470 467 Ebenda, S. 25. 468 Dressler Verlag/Naoura, zuletzt geprüft am 16.08.2014. 469 Vgl. Gedenkfeier: „Er war ein Hamster, der die Freiheit liebte!“ (Naoura, 2012, S. 115). Außerdem ebenda, S. 53, 54, 55, 62, 63, 105, 113, 116 (2x), 117, und 135. 470 Dressler Verlag/Naoura, zuletzt geprüft am 16.08.2014. 117 Anton erzählt nicht nur gerne, sondern stellt auch gerne ‚blöde‘ Fragen, z.B. wo das Blau im Himmel herkommt. Am dritten Tag nach Dilips Einzug platzt dem Vater die Hutschnur wegen dieser Frage. Ob Anton zur Abwechslung nicht einmal etwas fragen könnte, worauf man vernünftig antworten könne? Auf diese Herausforderung hat sich der Junge anscheinend gut vorbereitet und so konfrontiert er seinen Vater mit einer kniffligen mathematischen Aufgabe, in der sogar „Fußball“ vorkommt. „Interessant“, ist daraufhin Dilips erstes Wort – nur sei die Frage nicht eindeutig gestellt. Und wo er schon mal am Sprechen ist, leitet er auch noch physikalisch her, warum der Himmel blau ist.471 Obwohl Dilip, wie sich herausstellt, hochbegabt ist, ist ihm im Gegensatz zu Anton noch nie aufgefallen, wie unlogisch und ungerecht Märchen manchmal sind. Diese Märchen berichtigt Anton per Kassetten-Aufnahme und schreibt neue Versionen dann in ein großes, braunes Heft. Sein Dornröschen ist nach 100 Jahren Schlaf runzelig und ihr Retter, der schon als junger Prinz in sie verliebt war, ist 117 und kommt im Rollstuhl an.472 Anton kann sich gut in andere Menschen hineinversetzen und er hat viel Fantasie, tröstet die Lehrerin die Mutter ob Antons wenig ausgeprägter Mathematik-Begabung. Frau Raddatz ist eine unkonventionelle Lehrkraft, die sich melancholisch an die Hippiezeit erinnert, als „junge[.] Leute einfach ihre Meinung [sagten].“473 Wie sich später herausstellt, ist der Vater bei seinem neuen Arbeitgeber genau wegen eines Rechenfehlers gescheitert. Opa Gert kann bestätigen, dass auch Leopold „nie gut in Mathe“ war.474 Seinen Sohn Anton wollte jener noch mit der Aussicht auf eine Perspektive bei der Müllabfuhr zum Lernen motivieren (Anton: „Ist Müllabfuhr was Schlimmes?“475). Als die Familie nach dem für einige Zeit vertuschten Jobverlust ihr Eigenheim verkaufen muss, lebt man sich ausgerechnet beim Vater von Antons Freund Marek schnell und gut ein. Birk, ein Müllarbeiter, lebt immer irgendwie im Übergang, zimmert und baut ohne Unterlass an einer bunten und unkonventionellen Heimat. Hat sich Opa Gert noch damit die Zeit vertrieben, Mercedes-Sterne zu Kunst zu verarbeiten, zerquetscht Leopold nach seiner Wandlung als Schrottarbeiter „am liebsten Mercedese“.476 471 Naoura, 2012, S. 28. 472 Ebenda, S. 32ff. 473 Ebenda, S. 76, 53. 474 Ebenda, S. 87. 475 Ebenda, S. 9. 476 Ebenda, S. 153. 118 Zwischen den Kindern kommt es im Laufe der Geschichte noch zu Eifersüchteleien, aber man verträgt sich schnell wieder. Ein gemeinsames Projekt ist, mehr über Indien herauszufinden. Dass Kühe in Indien heilig sind, hat Dilip unlängst im Internet recherchiert. Für Dilip ist es eigentlich nichts Besonderes, nicht genau zu wissen, wo man herkommt. Die Welt sei nämlich „proppevoll“ mit Dingen, von denen kein Mensch wisse, wo sie herkämen und wozu sie da seien.477 Die Kinder gehen sogar einmal in einen indischen Film (einige Hinweise deuten auf Farah Khans Om Shanti Om (2007)). Dilip findet es „cool“, dass der Film-Held wiedergeboren wird, und Anton findet es „witzig“, dass die Leute in Indien offenbar so viel singen und tanzen.478 Was den Affengott Hanuman angeht, gibt es Unmengen von Geschichten. Angeregt durch seine Lieblingsversion phantasiert Anton, wie es in der Nachbarschaft zugehen könnte, wenn es die heiligen Affen auch an seinem Heimatort gäbe.479 Vielleicht würden dann ja auch mehr Inder_innen in die Gegend ziehen? Das stellt er sich „total toll vor! Ungefähr so:“ Anton imaginiert eine phantastisch anmutende Welt. Ich staune. Unsere Straße verändert sich immer schneller! Kleine indische Läden machen auf, indische Fahrradtaxis rollen vorbei, und weil es ein sehr heißer Sommer ist, kaufen sich die Leute in den indischen Läden indische Kleider. [...] „Shanti!“, höre ich plötzlich, und als ich mich umdrehe, steht dort Frau Raddatz und lächelt mich an. Sie ist die Einzige, die ihre ganz normalen Sachen trägt: eine Cordhose und eine Bluse mit Blumenmuster drauf. [...] Zwei barfüßige Tänzer mit Göttermasken tauchen auf. Der eine mit Elefantengesicht, der andere mit Affengesicht. Hanuman, der Affengott, tanzt ganz im meiner Nähe!480 Dieses Kapitel, als einziges, in dem Anton zu der Geschichte von Dilip und dem Urknall und dem folgenden Geschehen etwas dazu gedichtet hat, rundet die Erzählung ab. Der kindlichen Lust auf Abenteuer wird Rechnung getragen, ohne die Held_innen selbst als Exot_innen zu zeichnen. Der Text ist wunderbar poetisch und die Moral – zumindest in der interkulturellen Lesart – drängt sich nicht auf. Damit entspricht die Erzählung einer Textsorte, die Rösch wie folgt beschreibt: Bereits einfache Geschichten für Kinder der (im-)migrierten Kinder- und Jugendliteratur zeigen einen differenzierten Umgang mit Rassismus und seine 477 Ebenda, S. 104. 478 Ebenda, S. 111. 479 Ebenda, S. 156ff. 480 Ebenda, S. 157–166. 119 Behandlung im Kontext von Dominanzkultur; sie durchbrechen das Oasensyndrom, befriedigen die Abenteuerlust durch literarische Mittel (z.B. Fiktionalisierung oder Ironisierung), verlegen die Handlungskompetenz auf die Betroffenen, weisen das Helfersyndrom zurück und harmonisieren – wenn überhaupt – durch interkulturelle Annäherungsprozesse.481 Als Plädoyer gegen Normalisierung482 und für die freie Entfaltung der Persönlichkeit in einer nicht nur toleranten, sondern Diversität begrüßenden Gesellschaft, die eine Klassifizierung der Menschen nach Hautfarben überwunden hat, ist Dilip und der Urknall ein sehr besonderes, herausragendes Buch. Eine solche Diskursvielfalt wie in Salah Naouras Kinderbuch (Leistung, Status, Freiheit und Verbot) kann nicht als repräsentativ gelten. Die Idee eines Dagegenschreiben, eines „Re-Writing“ – der Begriff, wie er aus den Postcolonial Studies bekannt ist, drängt hier sich geradezu auf – in Form einer Märchenbereinigung könnte im Schulkontext aufgegriffen werden.483 Welche Geschichten kennen die Kinder und Jugendlichen z.B. über Indien, und wie sind diese zu bewerten? Können oder sollten diese Überlieferungen und Mythen „überschrieben“ werden? 4.2.2 Vom Suchen und Finden von Heimat (Wurzelbehandlungen) Zu interkultureller Kompetenz gehört für Dieter Wrobel nicht nur, „das Andere, das Fremde oder die Anderen, die Fremden mit einer Haltung der Offenheit und Wertschätzung zur Kenntnis zu nehmen“, sondern Bestandteil der interkulturellen Kompetenz ist für den Didaktiker auch die „Fähigkeit zum Herstellen von Rückbezüglichkeit und damit die Reflexion des Eigenen“. Hieraus speisen sich für Wrobel „jene zwei Vorgänge interkulturellen Lernens, die zum Erwerb und zur Festigung der interkulturellen Kompetenz führen: die Reflexion der eigenen, vielfach undistanziert gelebten kulturellen Prägungen und zugleich die Annäherung an kulturelle Bestände einer anderen Kultur.“484 481 Rösch, 2000c, S. 260. 482 Zum Begriff vgl. Link, 2013, S. 20: „Spezialdiskurse und ihre Praktiken produzieren spezielle, sektorielle Normalitäten (z.B. medizinische, psychologische, soziologische) – die Interdiskurse integrieren diese verschiedenen Normalitäten zu allgemein kulturellen Vorstellungen von Normalität, zu einer Art Querschnittskategorie des Normalen – diese Querschnittskategorie schließlich erweist sich als selbstverständlicher Orientierungsmaßstab moderner okzidentaler Subjekte im Alltag: Sie fragen routinemäßig, ob etwas (noch) normal ist oder nicht und adjustieren danach ihr Verhalten und Handeln.“ 483 Vgl. z.B. Bachmann-Medick, 2010, 193ff. 484 Wrobel, 2013a, S. 49. 120 Es bietet sich also an, nach Texten zu suchen, die beides können, die die eigene Prägung reflektieren (helfen) und den Annäherungsprozess an eine andere Kultur beschreiben. Eine erstaunlich große Menge findet sich, sucht man nach Texten, die eine Reise in die Heimat der Eltern behandeln, oder die von Menschen erzählen, die ihre Heimat verlassen. Zurück zu den Wurzeln: Ferien bei der Verwandtschaft Während Andrea Karimés Heldin Mina in der Heimat ihres Vaters recht entspannt Tee mit Onkel Mustafa (2011) trinkt, bis der Libanonkrieg 2006 ausbricht, weigert sich die 11-jährige Filipa in 1000 Gründe, warum ich unmöglich nach Portugal kann (2012) von Katja Alves erfolglos gegen den Umzug in die Heimat ihres Vaters. Bisher hat die Familie lediglich regelmäßig ihren Urlaub dort verbracht. Die Studentin Ani begibt sich in Karin Kaçis Irgendwann in Istanbul (2013) in den Semesterferien auf Spurensuche nach ihren Wurzeln, während die 15-jährige Tuana in Aygen-Sibel Çeliks Yakamoz : Eine Liebe in Istanbul (2014) einen mehrwöchigen Urlaub bei ihrer Großmutter vorschiebt, um sich an die Fersen ihrer großen Liebe Noyan zu heften. Ebenso für Sahra geht es in Zimtküsse (2012) von Deniz Selek zur Oma in Ferien nach Istanbul. Auch Rhina in Regenbogenasche (2013) von Anke Weber macht sich auf die Reise. Sie hat die Asche ihres verstorbenen Vaters, getarnt als Pulverfarbe, im Gepäck. Rhina will seine sterblichen Überreste in dessen Heimat Namibia überführen. Dazu schließt sie sich zusammen mit ihrem Freund Uncas einem Busprojekt der Organisation Culture Namibia an. Der Romananfang ist außergewöhnlich, STERBEN IST WIE KACKEN – hat was mit loslassen zu tun und muss jeder machen. Diese Erkenntnis hat mich irgendwann auf dem Klo angesprungen, als Mama ausnahmsweise außer Kontrolle geriet und so in den Telefonhörer brüllte, dass es bis ins Badezimmer hallte: „Nichts muss ich! Gar nichts! Nur sterben und kacken.“485, der Schuss jedoch, könnte man sagen, ‚ziemlich deutsch‘: Abdruck des § 168 Störung der Totenruhe aus dem Strafgesetzbuch, sozusagen als Beipackzettel, dass keiner auf dumme Gedanken kommen mag? Die Seiten dazwischen sind sehr pädagogisch, und spiegeln deutlich eine weiße Perspektive.486 485 Weber, 2013, S. 8. 486 Ebenda, S. 252. Außerdem: „Ich fühle mich unbehaglich und viel zu weiß in diesem schwarzen Elendsviertel.“ (S. 184); „Plötzlich schäme ich mich für mein wohlhabendes 121 Die 15-jährige Julia in Antje Brabendererdes Jugendroman Die verborgene Seite des Mondes (2007) findet in der Heimat ihres verstorbenen Vaters, der Wüste Nevada, sich selbst und die Liebe und lernt endlich ihre Großeltern kennen. Auch mit einer Gruppe unterwegs sind Sira und Karim in Grenzenlos nah (2010), dem Roman der Österreicherin Gabriele Gferer, die die Jugendlichen mit der Organisation Hand aufs Herz per Bus- Hilfsprojekt in den Sommerferien in ihre Serbische Heimat schickt, aus der sie 1993 geflohen waren. Die 9-jährige Lisa aus der Feder von Leela Wang reist in Sommerferien in Peking (2010) ins Land ihrer Mutter, um Zeit mit ihren Großeltern zu verbringen. Lisa hat drei Jahre ihres Lebens in China verbracht und vermisst ihre alten Freunde. Es kostet Lisa einiges an Überzeugungskraft, bis ihre Eltern sie alleine ziehen lassen. Ihre Mutter gibt ihr neben Geschenken auch ein paar Dos and Don’ts mit auf den Weg und die Zeit bei den Großeltern (Erzählzeit etwa zwei Drittel des Buches) verläuft bis auf die Rettung eines Zoo-Tieres dann auch recht unspektakulär. Die Baobab-Redaktion fasst zusammen: Lisa wirkt in diesem Roman etwas gar vernünftig und das Geschehen konstruiert; dennoch bleibt die Geschichte schlüssig und vermittelt Eindrücke in das Leben einer Chinesin (Lisas Mutter) und eines binationalen Kindes in Deutschland. Ein Glossar erklärt Fachbegriffe.487 Gegen das Fazit ist nichts einzuwenden. Wert anzumerken ist, dass der Verlag das Kind, das auf dem Hardcover abgebildet war, für die Taschenbuch-Ausgabe entfernt und durch einen Pandabären ersetzt hat – somit scheint die Pandabären-Rettungsgeschichte in den Vordergrund gerückt. Jedes der 16 Kapitel hat eine kalligraphierte Kapitelstartseite mit einem chinesischen Sprichwort oder Sinnspruch,488 und das liebevoll gestaltete Glossar ist mit insgesamt elf Seiten recht umfangreich und detailliert: Leben mit fließend Wasser und Strom. Verächtlich spucken mir meine Gedanken die Lächerlichkeit unserer Busaktion vor.“ (S. 185); „Wie ein Buchhalter heften [meine Augen] nützliche Eindrücke für die spätere Verwertung ab. Insgeheim beschließe ich, den Dingen ab sofort mehr Achtung entgegen zu bringen.“ (S. 186); „Ihre strahlend weißen Zähne und die knallbunte Kleidung verleihen ihnen im Kontrast zu der dunklen Haut ein permanent frisches Aussehen.“ (S. 191) 487 Gadient, 2011, S. 53. 488 Sowohl Kapitel 1 (Lisa verkündet den Eltern ihren Wunsch, in die alte Heimat zu fliegen) als auch Kapitel 16 (die Heimreise nach Deutschland steht an) sind Li Bai (700 n. Chr.) gewidmet: „Vor meiner Bettstatt lag wie Reif so weiß des Mondlichts mitternächtiges Gegleiß. Ich hob das Haupt – der Mond schien voll und blank – und ließ es wieder sinken, heimwehkrank.“ (Wang, 2010, S. 7 und S. 217) 122 Von „Abitur in China“ bis „Yuan [...] Ein Euro ist ungefähr zehn Yuan wert. Dafür bekommst du in China zwei Kugeln Eis.“489 Zu interkultureller Kommunikation wird durchaus einiges vermittelt: „So etwas macht man in China nicht mit Freunden oder weitläufigen Verwandten. Kein Chinese sagt jemals direkt, was er von dir gerne haben möchte“, seufzt Mama. Sie sinniert weiter: „Aber Lao Lao und Lao Ye kann ich direkt fragen. Das ist in Ordnung. Und deine Tante Bin auch – sie hat ja schon acht Jahre in Amerika gelebt.“490 Auch für Lea geht es auf nach China: Carolin Philipps schreibt in Weiße Blüten im Gelben Fluss (2004) wieder einmal gegen das Unrecht in der Welt an, diesmal aus der Perspektive von Lea, die als Baby von deutschen Eltern adoptiert wurde. Durch Recherchen für die Schülerzeitung zu chinesischer Ein-Kind-Politik und Kindermorden ist sie motiviert, nun auch hartnäckig Informationen zu ihrer Vergangenheit von den Eltern einzufordern. So findet sie heraus, dass sie von ihrer leiblichen Mutter verschenkt wurde. Ähnlich erfolgreich wie Philipps scheint die Kinderbuch-Autorin Marie- Thérèse Schins, geboren in den Niederlanden, die ihre Heldin Doro mit deren Journalisten-Vater serienmäßig durch die Welt schickt. Endlich darf Doro auch einmal Urlaub machen. Und zwar in den Niederlanden, der Heimat ihrer verstorbenen Mutter. Hat man Doro schon mit nach Afrika und Indien begleitet, so ist man sehr gespannt auf ihre neuen Abenteuer, verspricht Amsterdam doch weniger Exotik und (Potenzial für) rassistische Fettnäpfchen zu bieten, als man von Schins sonst gewohnt ist. Die gespannten Leser_innen werden nicht enttäuscht, und auch der pädagogische Aspekt kommt wie immer nicht zu kurz: Doro ist jetzt fast 14 Jahre alt. Ihre Großmutter väterlicherseits ist gerade aus einem Koma erwacht und der Vater kümmert sich um sie. Doro verbringt daher die Ferien bei ihrem Lieblingsonkel Kees in Amsterdam. Kees ist der Bruder der verstorbenen Mutter. Doro fährt also nach Amsterdam, es reihen sich belanglose Ereignisse aneinander, die als Landesstudien durchgehen können, und sie bekommt ihren ersten Kuss von einem gewissen Jo. Sie setzt sich mit der Vergangenheit ihrer Großeltern mütterlicherseits auseinander. Doro reflektiert (Erzählzeit: ganze vier Zeilen) ihre Identität. Deutsch? Niederländisch? Halber Mof? Schnell gelöst, Europäerin möchte sie sein.491 Das Fazit der Reise ist, dass ihre Heimat in Amsterdam und in 489 Wang, 2010, S. 237. 490 Ebenda, S. 72f. 491 Schins/Oeser Ill., 2003, S. 74. 123 Hamburg liegt, dass sie sich überall dort zu Hause fühlt, wo es ihr gerade gut geht.492 Onkel Kees ist mit Dolf und Gerhard befreundet. Fast pathologisch scheint Doros Zwang, sich in jedem Land der Erde näher mit Toiletten zu beschäftigen. In ihrer investigativen und aufklärerischen Haltung steht sie ihrem Vater in nichts nach: „Dolf und Gerhard sind offiziell verheiratet und als ich vorhin auf dem Klo war, habe ich eingerahmte Zeitungsartikel von ihrer Hochzeit gesehen“.493 Die heftig pubertierende Doro liest Nabokovs Lolita494 und schminkt sich – inspiriert von der „ausgekochten Männer-Verführerin“495 – mit den Utensilien, die ein Freund ihres homosexuellen Onkels bei diesem verstaut hat. Doro besucht eine Gay-Parade, wo sie sich über die Themen Aids und Schwulen-Diskriminierung informiert.496 Ein Homo-Monument und das Widerstandsmuseum gehören ebenso zum landeskundlichen Aspekt des Buches wie das Anne-Frank-Haus.497 Doro und Kees fahren am ersten Ferientag mit der Bahn in die Stadt. Ein in Mülltüten gekleideter Herr stänkert Doro an, ob sie ein „Moffenkopf“ sei. Das interkulturelle Gespräch verspricht spannend zu werden, denn, so reflektiert „der halbe[.] Mof“ Doro: Ich weiß genau, was ein ‚mof‘ ist. Das ist das schlimmste Schimpfwort für Deutsche, was die Niederländer seit der Besatzung ihres Landes durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg benutzen. Das Schimpfwort gab es aber schon vorher. Deutsche Söldner benutzten das Wort ‚Muff‘ schon im 16. Jahrhundert für muffelige Personen, die sich schlecht benahmen. Die Niederländer in den Provinzen Noord- und Zuidholland schnauzten damit später auch Fremdarbeiter aus Westfalen und Gelderland an.498 Ein Konflikt entsteht aus der Situation nicht. Der Mülltüten-Mann scheint recht ‚gechillt‘ und klärt Doro lieber noch auf, was es alles im 492 Ebenda, S. 144. 493 Ebenda, S. 16. 494 Urlaubslektüre in Afrika: Tim und Struppi – Tim im Kongo (Schins/Oeser Ill., 2008) und in Indien Das Dschungelbuch und Kulturschock Indien (Schins/Oeser Ill., 2000). 495 Schins/Oeser Ill., 2003, S. 51. 496 Ebenda, S. 56ff. 497 Der Besuch der Portugiesischen Synagoge und des Jüdisch-Historischen-Museums musste aus Zeitgründen vorerst verschoben werden. 498 Schins/Oeser Ill., 2003, S. 18f. 124 Smartshop gibt.499 Doro selbst hat Entzugserscheinungen nach Mehrkornbrötchen, in Holland scheint es nur „Knautschbrot“ zu geben. Amsterdam scheint voll von „Bier- und Drogenleichen [..] in Hauseingängen und Nebengängen“ und „[a]uf den flachen Dächern einiger Wohnboote wächst Gras“.500 In Amsterdam brauche man Humor und Toleranz, „sonst gibt es Mord und Totschlag“ referiert ihre neue Bekanntschaft Jo. Genau das übe Doro ja auf ihren „Auslandsreisen in anderen Kulturen“, sonst könne sie „lieber gleich zu Hause bleiben und um acht die Nachrichten angucken.“501 Beim Besuch eines buddhistischen Tempels legt Doro sich fast mit einer chinesischen Touristin an, die sich Doros Wahrnehmung nach im Gegensatz zu ihr selbst und Jo schlecht benimmt. Diesen Zwischenfall nimmt sie zum Anlass, Jo ihren Kulturbegriff nahezulegen: „Mein Vater reist ständig durch die ganze Welt. Er sagte einmal zu mir: ‚Doro, manchmal wünsche ich mir weniger Kulturen und mehr Zivilisation‘ und ‚Kultur setzt sich aus Verabredungen und Spielregeln zusammen.‘“502 Dass Schins tendenziell mit einem engen Kulturbegriff arbeitet, wird bei der Lektüre ihrer Werke transparent. Mit „Kultur“ werden assoziiert: „Kulturfestival“ und „Trachten und Instrumente[.]“,503 „Muster[.] und Farben der Stoffe“, Frisuren [und] Schmuck,504 während Zivilisation in den untersuchten Texten mit dem Zustand von und der Privatsphäre in Erleichterungsanstalten zu korrelieren scheint.505 Diese Sichtweise erklärt wohl auch den offenbar gemilderten Blick Doros auf von ihr identifizierte ‚Missstände‘ im Heimatland ihrer Mutter. Im (westlichen) Amsterdam echauffiert sich Doro, wie es „in der heutigen Zeit“ möglich sei, dass einige der Bootsbewohner einen Eimer als Toilette benutzten.506 Die Autorin arbeitet dagegen in Ein Elefant kommt selten allein – Doro in Indien (2000) oder in In Afrika war ich nie allein (1999) mit Begriffen wie „Mittelalter“507 oder „museumsreif“, wenn Dinge oder Zustände nicht dem ‚westlichen Standard‘ entsprechen.508 499 „Wunderpilze, pflanzliche Joints, Softdrugs, Ectasy, astrein. . . “ (ebenda, S. 19). Onkel Kees baut sich seinen „‚Grünkram, zum Kiffen. Marihuana mit dem Namen Canabis Indica‘“ selber an. „‚Aber keinem sagen¡“ (Ebenda, S. 24). 500 Ebenda, S. 28, 31. 501 Ebenda, S. 83. 502 Ebenda, S. 84f. 503 Schins/Oeser Ill., 2008, S. 105f. 504 Ebenda, S. 91. 505 Ebenda, S. 22, 25, 45, 53, Schins/Oeser Ill., 2000, S. 12f. 506 Schins/Oeser Ill., 2003, S. 33. 507 Schins/Oeser Ill., 2000, S. 110. 508 Vgl. Schins/Oeser Ill., 2008, S. 19. 125 Die Bevölkerung ist – von den schon beschriebenen (weißen) Holländer_innen einmal ganz abgesehen – exotischer (!), als man glauben möchte: In Amsterdam wohnten derzeit 173 verschiedene Nationalitäten auf engstem Raum, erklärt Onkel Kees. Die Marktfrau Mama-Mango (auch Jacqueline) klärt Doro bei einem Imbiss über die Geschichte der Sklaverei auf. Die Holländer seien nicht so tolerant, wie sie immer tun würden: „Wir alle, die aus der Fremde kommen, werden ‚Allochtonen‘ genannt“,509 führt Mama-Mango aus. „Neger“ sei im hiesigen Sprachgebrauch im Gegensatz zu „Nigger“ kein Schimpfwort,510 rundet Kees das Gespräch ab. Königin Beatrix macht noch ihre Aufwartung und bekommt von Mama Mango ein Ständchen gesungen. Das Lied (Leve het prinsenkind, . . . ), erklärt sie der Königin, habe sie in der Schule gelernt, als Beatrix 1938 geboren wurde. Jacqueline hat ob der Begegnung mit der Repräsentantin der ehemaligen Kolonialmacht „Sternchen in den Augen“ und schwebt „auf rosa Wolken“.511 Der Germanist und Psychopädagoge Kodjo Attikpoe arbeitete in seiner Untersuchung Von der Stereotypisierung zur Wahrnehmung des ‚Anderen‘ : Zum Bild der Schwarzafrikaner in neueren deutschsprachigen Kinder- und Jugendbüchern (1980–1999) heraus, dass der von Hegel geprägte „Negermythos“ auch heute noch Wirkungskraft besitzt und unsere Wahrnehmung prägt.512 Dass der Handlungsort der KJL, der diesen Mythos aufleben lässt bzw. pflegt, nicht unbedingt Afrika sein muss, ist in Schins’ Werk offensichtlich. Wie ein unschuldiges Kind (oder ein wenig intelligenter, nicht entwicklungsfähiger Mensch513) steht Mama Mango der Königin gegenüber bzw. unter ihr. Die in der Geschichte marginalisierten Schwarzen verleihen dem Kinderbuch die gewohnte Exotik der Doro-Reihe. Insgesamt erfüllt das Buch nur sehr oberflächlich den Anspruch einer Reflexion der eigenen kulturellen Prägung und der Annäherung an kulturelle Bestände einer anderen Kultur. Vielmehr drängt sich die Frage auf, wie die Rezeption kolonialer KJL die Wahrnehmung der 1943 in den Niederlanden geborenen und aufgewachsenen Kinderbuchautorin bis heute geprägt hat. Im Ganzen erweist sich die Ferienliteratur als nicht sehr ergiebig, sucht man nach tiefer gehender Reflexion des Eigenen und einer wirklichen Annäherung, einem unvoreingenommenen Interesse an Beständen einer anderen Kultur. 509 Schins/Oeser Ill., 2003, S. 41. 510 Ebenda, S. 42. 511 Schins/Oeser Ill., 2003, S. 42f. 512 Attikpoe, 2003, S. 65ff, 73f, 79. 513 Vgl. ebenda, S. 82. 126 Positiv herauszustellen ist das bereits eingangs erwähnte, literarisch anspruchsvolle Kinderbuch Tee mit Onkel Mustafa (2011) von Andrea Karimé mit Illustrationen von Annette von Bodecker-Büttner, das in vielen Punkten den von Heidi Rösch formulierten Anforderungen (vgl. Kapitel 2.4.1) entspricht. So betrachtet der Text die Welt aus interkultureller Perspektive und unterstützt interkulturell relevante Erkenntnisprozesse, wie den des Erkennens der Perspektivgebundenheit von Wahrnehmung und der Konstruiertheit von Wahrheit: Hier im Libanon ging es häufig nicht mit rechten Dingen zu: Straßen verschwinden, Berge beißen, Eier fliegen durch die Luft. Doch dann wurde ihr klar: Irgendjemand trägt das Brett auf dem Kopf! Und den sah Mina von hier oben aus natürlich nicht.514 Die zehnjährige Mina reist in den Sommerferien das erste Mal in den Libanon. Dort nimmt sie – wie im oben genannten Beispiel – immer wieder eine andere, als die gewohnte Perspektive ein, z.B. indem sie auf ein Dach steigt, das „so flach [ist] wie ein Parkplatz“515 oder im Dunkeln im Meer baden geht, und den Sternenhimmel von dort besonders gut sehen kann. Der Begriff „Wahrheit“ wird im Text immer wieder explizit aufgegriffen. Als Mina erfährt, dass ihre Verwandten am liebsten nachts baden, ist sie überrascht. Ihr Onkel Mustafa erklärt ihr: „Deine Oma badet nur im Dunkeln. So ist das Leben! Außerdem: Wo steht geschrieben, dass das nicht erlaubt ist?“, fragte der Onkel. „In Wahrheit kann man sogar rund um die Uhr baden. Und rund um den Erdball. Und dabei Orangensaft trinken oder mit Allah sprechen.“516 Der Onkel plädiert im Gespräch mit Minas Vater auch dafür, dem Kind die Wahrheit zu sagen, was einen drohenden Krieg angeht.517 Was (libanesische) Realität ist, und was das Kind imaginiert, bleibt an vielen Stellen 514 Karimé/Bodecker-Büttner Ill., 2011, S. 41. 515 Ebenda, S. 39. 516 Ebenda, S. 23. 517 Ebenda, S. 27. 127 offen.518 So könnte das plötzliche In-Luft-Auflösen des Onkels durchaus ihre Ursache im Luftflimmern haben,519 oder Mina träumt vielleicht, wie sie sogar selbst vermutet: „Es war also ein Traum, so viel war jetzt sicher. Und zwar wieder mal einer zum Verrücktwerden. Hoffentlich kam Fatou gleich und weckte sie auf!“520 In Kursivschrift abgehoben sind die phantastischen Geschichten, die Onkel Mustafa dem Mädchen erzählt. Dass Allah einen nie im Stich lasse, es immer einen Ausweg gäbe, ist die Moral einer solchen Fabel. Ob die Geschichte denn auch wahr sei, will Mina wissen. Ihr Onkel antwortet: „Weißt du, Mina, mein Kind: Eins musst du noch lernen. Die Wahrheit ist ein hoher Turm mit vielen bunten Zimmern. Darin hängt immer etwas anderes an den Wänden, denn es hausen dort die Wunder.“521 Das Mädchen liebt die Geschichten, die Onkel Mustafa erzählt, „aber bei Onkel Mustafa konnte man nie richtig sicher sein, ob er einem auch wirklich die Wahrheit erzählte.“522 Über den Verlust seiner geliebten Frau spricht er offen mit dem Kind, schließlich seien die Fragen des Lebens und des Todes die wichtigsten, wieso solle ein Kind danach nicht fragen dürfen, meint er.523 Mina ist ob der vielen neuen Eindrücke verunsichert und weiß die Aussagen Mustafas oft nicht so recht einzuordnen. „Was? Echt? Unter Wasser? Drei Tage lang?“ Aber Mina verstand schon. Das war eine neue Geschichte. Und wahrscheinlich war sie sogar wahr. Ein Onkel, der sich in Luft auflösen konnte, war wahrscheinlich auch in der Lage, unter Wasser zu leben.524 Eine Fischschuppe („Eine echte Riesenschuppe, toll!“), die Onkel Mustafa ihr schenkt, sammelt sie als weiteren Beweis dafür, „dass der Onkel 518 Ich kann nicht umhin, für „Realität“ meinen westlichen Verstehenshorizont als Schablone anzulegen. Auf Wissensbestände der libanesischen Kultur kann ich nicht zurückgreifen. Zu den Grenzen und der Fragwürdigkeit einer universellen Autorität europäischer Kategorien und Theorien für die Literaturanalyse und dem daraus resultierenden Unvermögen, narrativen Strukturen, die Oralität einbeziehen, oder zirkelhaften statt linearen Strukturen der Handlungs- und Charakterentwicklung gerecht zu werden, vgl. Bachmann-Medick, 2010, S. 193f. 519 Vgl. Karimé/Bodecker-Büttner Ill., 2011, S. 43ff. Immer wieder wird betont, wie heiß es ist: Der „Libanonföhn“ bläst ständig, sodass dem Onkel „Schweißperlen auf der Stirn, so groß wie Rosinen“ wachsen (ebenda, S. 67). 520 Vgl. Karimé/Bodecker-Büttner Ill., 2011, S. 69 521 Ebenda, S. 36. 522 Ebenda, S. 55. 523 Ebenda. 524 Ebenda, S. 46 128 die Wahrheit sagte. Sie nahm die Schuppe und schaute hindurch. Traumhaft verschwommen sah die Welt darin aus.“525 Das Thema Religion wird nicht weiter besprochen. Mina, vom Gesang des Muezzin geweckt („Jemand sang jaulend. Und das in aller Herrgottsfrühe. Mit Mikrofon. Von Gott. Oh Gott!“526), beobachtet, wie ihre Großmutter ihr Gebet auf einem Teppich sitzend verrichtet. Mina würde das auch unbedingt einmal gerne ausprobieren, sie traut sich aber nicht zu fragen. Sie geht zu ihrem Onkel, der auch gerade betet, und spielt „so lange mit dem Kätzchen, bis er seinen Gebetsteppich weggeräumt [hat].“527 Wie selbstverständlich sind Hinweise auf eine (für Mina) ‚fremdartige‘ Lebensweise oder Kultur in den Text eingewoben. Abbildung 4.10: Karimé/von Bodecker-Büttner (Ill.), Tee mit Onkel Mustafa (2011), Kapitel „Nachtbad mit schlimmen Nachrichten“ So auch als Mina mit der Verwandtschaft nachts zum Baden geht, und alle Frauen ihre Kleider anbehalten: „Wirklich, alle Frauen und Mädchen ließen ihre Kleider an. Die Großmutter ging sogar mitsamt ihrem schwarzen Mantel ins Wasser! Wie ein Tintengeist.“ Mina ist leicht verunsichert, ob die Regel „‚Frauen sollen sich beim Baden nicht ausziehen‘“528 auch für sie gilt. Dass bei der Rückfahrt das Auto ganz nass wird, scheint keinen zu 525 Ebenda, S. 82. 526 Ebenda, S. 48. 527 Ebenda, S. 49. 528 Ebenda, S. 25. 129 stören. Mina wundert sich, bewertet aber nicht. Ihr Fazit des Badeausflugs: „Im Libanon waren die Leute wirklich anders.“529 Minas Vater hilft ihr, libanesische Traditionen und Redensarten einzuordnen. Beispielsweise erklärt er ihr, dass das „Und alles möge nun auch dein sein“, das der Onkel bei ihrem ersten Besuch bei ihm zu Hause äußert, nicht bedeute, dass er ihr seinen Hausstand schenke.530 Dauernd muss man nämlich „irgendwelche Verwandten besuchen“.531 Und als Gast, so erklärt Papa ihr, müsse man immer etwas mitbringen.532 Mina schimpft ihren Vater, er möge nicht „so geschichtenhaft!“ sein, als er sich äußert, bei Onkel Mustafa fahre die Zeit manchmal mit dem Bus weg.533 Ob das die Übersetzung einer Redensart ist, oder der Vater einfach selbst gerne bildhafte Sprache verwendet, erfahren die Leser_innen nicht. Als der Krieg den „Turm der Wunder erzittern“ lässt, verlässt Minas Familie zusammen mit Onkel Mustafa den Libanon und kehrt zurück nach Deutschland.534 Für den Onkel ist es offensichtlich nicht das erste Mal, dass er sein Land verlassen muss.535 Als Mustafa nach seiner Ankunft in Deutschland sofort auffällt (eine Frau „schaute Onkel Mustafa an, als wäre er ein Marsmännchen“, als er ihr – weil es sich für ihn so gehört – Pistazien anbietet536), wird ihm von Minas Mutter erklärt, dass man das „[h]ier in Deutschland“ nicht so macht. Ihre Tochter zeigt sich, was Sitten und Gebräuche angeht, flexibler: „‚Und wo steht geschrieben, dass man das nicht darf¿“537 Die multiperspektivische Gestaltung der Erzählung wird auch am Erzählort Deutschland fortgesetzt: Mustafa, der nun bei der Familie wohnt, stellt „einfach alles auf den Kopf“. Einmal liegt er sogar schlafend auf seinem Teppich vor dem Haus und wird von Minas Freundin Lucy für einen 529 Ebenda, S. 28. Auch in Ein Elefant kommt selten allein : Doro in Indien (2000) gibt es ein Kapitel zum Nachtbaden („Versuch’ mir ohne Licht zu folgen“). Hier schenkt Doro ihrer indischen Bekanntschaft Venita kurzerhand einen Badeanzug. Venita kichert leise: „‚Das ist ja ein witziges Gefühl. Das erste Mal in meinem Leben trage ich einen echten Badeanzug, wie die Touristinnen. [...]‘“ (Schins/Oeser Ill., 2000, S. 114ff) 530 Karimé/Bodecker-Büttner Ill., 2011, S. 9f: „‚Aber Onkel, du musst mir doch nicht gleich alles schenken! Das brauchst du doch noch.‘“ 531 Karimé/Bodecker-Büttner Ill., 2011, S. 7 532 Ebenda, S. 59. 533 Ebenda, S. 14. 534 Ebenda, S. 92ff. 535 Ebenda, S. 99. 536 Ebenda, S. 100. 537 Ebenda, S. 101, eine Anspielung auf Mustafas Ausführungen zum nächtlichen Badeausflug (ebenda, S. 23). 130 Betrunkenen gehalten.538 Mustafa wundert sich, ob es denn am Ort gar keine Nachbarschaft gäbe. Mina, die im Dreiergespräch zwischen Arabisch und Deutsch wechselt, erklärt der Freundin, dass Onkel Mustafa offenbar denke, dass auch in Deutschland die Leute bei ihm vorbeikommen und mit ihm plaudern würden. „‚Er ist es halt so gewohnt‘, sagt[.] Lucy nachdenklich.“539 Minas Vater bietet einen Lösungsvorschlag an, das Spannungsverhältnis zwischen Assimilation und Diversität bzw. dem Befremden der Nachbarschaft und dem Verlangen des Schafhirten Mustafa, draußen zu sitzen, zu entschärfen: „Das Leben in Deutschland ist sehr anders“, erklärte er. „Man sitzt hier nicht auf der Straße. Und es wird sich niemand einfach so mit dir unterhalten. Aber morgen stelle ich dir trotzdem eine Bank vor die Tür. Dann kannst du dich zumindest in die Sonne setzen.“540 Onkel Mustafa wird zunehmend ungemütlich und fängt sogar an, Mina ein wenig auf die Nerven zu gehen: „Er war so ganz anders hier. Und in Luft löste er sich auch nicht mehr auf.“541 Mustafa beschwert sich bei Minas Vater über die Sitten in Deutschland, schließlich sei die Heimat der Kinder der Libanon, da könne man sie doch nicht „in der Fremde so allein herumlaufen lassen.“542 Minas Vater weist darauf hin, dass sein Nachwuchs sich hier auskennen würde, und vertritt insgesamt die Auffassung, dass die Kinder sowohl Libanesen als auch Deutsche seien – der Onkel gibt sich damit nicht zufrieden und zieht sich immer mehr in sich zurück.543 Er leidet sehr unter Heimweh, wie er sich Minas Meerschweinchen offenbart. Sein Herz wird krank, “[o]hne meine Heimat wird es vertrocknen wie eine Feige“ hört Mina ihren Onkel sagen.544 Man entschließt sich auf Minas Initiative hin schweren Herzens, den Onkel zurück in den Libanon zu schicken, auch wenn dort noch Krieg herrscht. Denn, so tröstet Mustafa seine Nichte: „Wasser in der Heimat ist dem Menschen noch lieber als Honig in der Fremde, sagen wir Araber.“545 Das Mädchen, längst an die bildhafte Sprache des Onkels gewöhnt, versteht die Metapher. 538 Ebenda, S. 107. 539 Ebenda, S. 109. 540 Ebenda, S. 110. Man könnte sogar sagen, der Vater schafft einen Dritten Raum („third space“) und gestaltet einen realen Ort als sozialen Raum, als hybriden Überlappungsraum und Kontaktzone. Zu den Begrifflichkeiten vgl. Bachmann-Medick, 2010, S. 203ff. 541 Karimé/Bodecker-Büttner Ill., 2011, S. 119. 542 Ebenda, S. 119f. 543 Ebenda, S. 120. 544 Ebenda, S. 122. 545 Ebenda, S. 124. 131 Tee mit Onkel Mustafa lädt nicht zuletzt durch seine poetische Sprache auch erwachsene Leser_innen ein, sich mit dem Text und seiner Bedeutung auseinanderzusetzen. Das Buch ist auch ethnisch mehrfachadressiert: So sollten sowohl Kinder mit und ohne Migrationserfahrung Identifikationsangebote finden können oder sich angesprochen fühlen.546 Dass Onkel Mustafa seinen Teppich und damit seine Geschichten in Deutschland lässt, kann ohne weiteres als Metapher für eine Vermischung der Kulturen bzw. der Gesellschaft gelesen werden. Die Synthese arabischer (mündlicher) Erzähltradition und Kinderbuchformat kann für sich genommen als eigener Ausdruck von Hybridität gewertet werden und unterstützt somit die Idee einer transkulturellen Literatur oder auch Poetik des Diversen, wie sie Wintersteiner proklamiert.547 Vom Heimweh der ‚politisch korrekten Putzfrau‘ Mit eingewobenen Geschichten arbeitet auch Hanna Jansen in Gretha auf der Treppe (2004), der Erzählung um ein kolumbianisches Kindermädchen, das sich um ein deutsches Geschwisterpaar kümmern soll: Lump und Jule sind empört. Sie sollen ein Au-pair-Mädchen aus Kolumbien bekommen. Dabei sind die Zwillinge aus dem Alter für ein Kindermädchen längst heraus. Außerdem: Mit einer völlig Fremden unter einem Dach, wie soll das gehen? Es kommt alles anders, als sie denken. Denn Gretha ist nicht nur einfach umwerfend, sie hat auch eine Ungeheuerlichkeit im Gepäck und abends sitzt sie manchmal auf der Treppe und erzählt von einer anderen Welt. . . 548 Gretha kommt von einer kleinen Insel in der Karibik, ist neunzehn, Studentin, und will die deutsche Sprache besser lernen, erklärt man den Kindern.549 Die Zwillinge bekommen vorab ein Passfoto von Gretha zu sehen: „[D]as Gesicht darauf sieht nett aus. Ziemlich dunkel, fremd und . . . irgendwie lieb. Und noch sehr jung.“550 Lump (Magnus) erwärmt sich im Gegensatz zu seiner Schwester Jule so langsam für die Idee. Er versucht sogar, sich in die Lage des Mädchens hineinzuversetzen. Sicher sei sie noch aufgeregter als er, schließlich unternehme sie eine so weite Reise in ein fremdes Land zu fremden Leuten, denen sie jetzt ausgeliefert sei, reflektiert der Junge.551 546 Vgl. Anspruch Heidi Rösch an interkulturell wertvolle KJL, Rösch, 2006, S. 101f. 547 Wintersteiner, 2006b, S. 113ff. 548 Jansen/Korthues Ill., 2004, Klappentext. 549 Ebenda, S. 13. 550 Ebenda, S. 14. 551 Ebenda, S. 17. 132 So kaltes Wetter wie in Deutschland sei sie sicher nicht gewohnt, wird Gretha von der Gastmutter Käte am Flughafen in Empfang genommen. „Sie ist lieb“552 stellt Lump erleichtert fest, und schließt sie offenbar gleich in sein Herz. Lump schämt sich, wie seine Mutter mit Gretha spricht, als diese nicht gleich umfassend auf deren Frage antwortet, ob sie etwas essen möchte: Sie spricht betont langsam [...]. „Hung-ger“, wiederholt sie, ihre Stimme auf volle Lautstärke gedreht, „wir . . . können . . . essen . . . gehen.“ Dabei macht sie Handbewegungen, als ob sie einen Löffel oder eine Gabel in den Mund steckt. Total bescheuert sieht das aus. Es fehlt nicht viel, dann sagt sie „Happa Happa machen“ oder so was Blödes, denkt Lump. Wirklich megapeinlich!553 Dabei spricht Greta sogar recht gut Deutsch. In Lumps Ohren klingt es ein bisschen wie langsame Musik,554 für Käte ein bisschen (wie) Englisch und „manchmal setzt sie Wörter in die falsche Reihenfolge. Nichts, was einen stören muss.“555 Vereinzelt werden im Text auch englische und spanische Ausdrücke verwendet, ein Glossar am Ende des Buches liefert den Leser_innen jeweils die Übersetzung.556 Die Vokabeln, die Lump im ersten Kapitel lernen muss, beinhalten u.a. die Ausdrücke „to tell (erzählen), usually (gewöhnlich, normalerweise), to like (gern haben), at home (zu Hause), far away (weit weg), 552 Ebenda, S. 19. 553 Ebenda, S. 20. 554 Ebenda. 555 Ebenda, S. 23. 556 Ebenda, S. 219ff. Leider wird eingangs nicht auf das Glossar am Ende des Buches hingewiesen. Glossare finden sich in nicht wenigen der von mir untersuchten Kinder- und Jugendbücher: ¡Hasta la vista! : Barcelona (2013) bietet ein vierseitiges Glossar mit spanischen (und ggf. katalanischen?) Ausdrücken und Redewendungen, die im Text verwendet wurden, z.B. „¡Salud! (Prost!)“ oder „Nada de alcohol, ni de chicos, ni de bulla (Kein Alkohol, keine Jungs, kein Lärm)“ (Gerrits, 2013a, S. 173, 176). Auch die Oetinger Taschenbuch GmbH druckt hier zu Beginn des Textes keinen Hinweis auf ein Glossar ab. Ähnlich in Deniz Seleks Zimtküsse (2012) oder Heartbreak-Family : Als ein anderer mir den Kopf verdrehte (2014): In einem vier- bzw. zweiseitigen Glossar werden türkische Begriffe wie „Babaanne (Vaters Mutter – Oma väterlicherseits)“ oder „Şerefe! (gesprochen ‚scherefe‘: Prost!)“ erklärt (Selek, 2012, 279ff bzw. das Şerefe! in leicht modifizierter Form in Selek, 2014, S. 282). Die Relevanz von Trinksprüchen in der KJL ist offenbar nicht zu unterschätzen. Das finnische „Juodaan perseet olalle!“ in Salah Naouras Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums (2011) wird den Kindern weder im Text (Naoura, 2011, S. 55) noch in einem Glossar übersetzt: „Tante Marja sagte, so was könnte man unmöglich übersetzen, wenn Kinder am Tisch säßen“. Die Leser_innen, die der finnischen Sprache nicht mächtig sind, sind somit eingeladen, zu rätseln und ggf. zu recherchieren. Aygen-Sibel Çelik, die in Alle gegen Esra (2010) darauf verzichtet, selbst mehrzeilige Dialoge in türkischer Sprache 133 to live (wohnen, leben).“ Damit sind einige Kernthemen der Geschichte vorgestellt bzw. vorweggenommen. Lump findet Vokabeln lernen langweilig und ermüdend.557 Als es später darum geht, mit seinem Vater, der im Ausland verschollen scheint, telefonisch Kontakt aufzunehmen, erkennt er, wie wertvoll es sein kann, sich international verständigen zu können. Da der Vater in Kolumbien vermutet wird, ist Grethas spanische Sprachkompetenz („Sie redet schnell. Wie immer, wenn sie spanisch spricht, sprudeln ihr die Worte nur so aus dem Mund.“558) von großem Vorteil. Der Junge scheint von Gretha fasziniert, von ihrem Duft, der ihn an Pralinen erinnert, und von ihrem Kraushaar. Ihm gibt das Kindermädchen so etwas wie Halt, schließlich ist sein Vater ständig unterwegs und seine Mutter, die ihm selbst schon „wie eine Fremde“559 vorkommt, scheint derzeit selbst etwas desorientiert.560 Fasziniert sind beide Kinder von der „ekelhafte[n], riesengroße[n] Spinne“,561 die aus Grethas Koffer krabbelt. ins Deutsche zu übersetzen (vgl. Çelik, 2010, S. 27f), legt mit Geheimnisvolle Nachrichten (2008) einen Rätselkrimi vor, der auf den Sprachverwirrungen des Jungen Erik basiert. Die „geheimnisvollen Nachrichten“ die er findet, und zu interpretieren versucht („‚bellek aynı karpuz inan‘. Was kann das bedeuten, fragt er sich: ‚Belle keine Kapuzen an‘?“ (Çelik, 2008, Klappentext)), werden auf einer Doppelseite am Ende des Buches, deren Gestaltung wie ein Glossar anmutet, aufgelöst. Was er findet, sind die Zeilen eines türkischen Gedichtes. Können bei der Schullektüre Alle gegen Esra Kinder mit Türkischkenntnissen die Lücke füllen, sind diese in Geheimnisvolle Nachrichten genauso gefordert, den Text (in mehrfacher Hinsicht) zu entschlüsseln. Wenig in Anspruch genommen werden dagegen die Leser_innen des Jugendbuchs Küssen auf Amerikanisch (2013) von Gina Mayer, obwohl kein Glossar als ‚sprachliches Auffangnetz‘ geboten wird. Mehr oder weniger plump werden die meisten englischsprachigen Textstücke übersetzt: „No Make-up. Keine Schminke. So stand es im Schulvertrag [...]“ (Mayer, 2013, S. 57) oder „‚Thanks for showing off ‘, sagte Lara giftig. Show off heißt angeben, ich hab’s gleich nachgeschlagen“ (ebenda, S. 63). Zum Rätseln laden maximal die Versuche von Cosimas (die Romanheldin) unkonventioneller Gastmutter Rosie deutsch zu sprechen ein: „These clothes look just furkterlik“ entfährt dieser angesichts Cosimas Schuluniform (ebenda, S. 57). Charmanter lösen Christine Nöstlinger und der Beltz Verlag mögliche Sprachfallen in Das Austauschkind (1982): „Christine Nöstlinger ist Wienerin. Und ihr Buch spielt in Wien. Deshalb reden die handelnden Personen, wie man eben in Wien redet. Sie verwendet dabei Wörter, die in Wien und in Österreich üblich sind, aber in anderen Gebieten des deutschen Sprachraums nicht. Solche Dialektwörter werden auf Seite 154f. erklärt“ (Nöstlinger, 1994, S. 8). Z.B. „der Tschick: Zigarette, Zigarettenstummel“ (ebenda, S. 155). Das Austauschkind spricht übrigens Englisch und den Leser_innen ist überlassen, den Wortwitz, der sich aus den lückenhaften Sprachkenntnissen des Gastvaters ergibt, zu entdecken und zu genießen. 557 Jansen/Korthues Ill., 2004, S. 5f. 558 Ebenda, S. 169f. 559 Ebenda, S. 90. 560 Ebenda, S. 51f. 561 Ebenda, S. 27. 134 Grethas Haustier ‚Spidermann‘ darf bei ihr zu Hause sogar frei im Zimmer herumlaufen, erzählt sie. Das kommt den Kindern komisch vor.562 Der Text fördert einen Perspektivwechsel, denn genauso stellt Gretha einige der vermeintlichen Selbstverständlichkeiten aus der Welt der Kinder in Frage: Zum Beispiel, warum für die beste Freundin der Kinder deren Haus ein fremdes Haus ist, und sie immer Lärm machen (an der Tür klingeln) muss, statt einfach einzutreten.563 Lump gerät bei der Frage, warum man seine Nachbarn auf der Straße höflich grüße, deren Namen aber nicht kenne, in Erklärungsnot.564 Lump „schwant, dass auf Grethas kleiner Insel alles ein bisschen oder sogar sehr viel anders ist.“565 Er „erkennt, dass man vieles auch mit anderen Augen sehen kann.“566 Neben den Geschichten aus ihrer Heimat, die Gretha im Gepäck hat, weist auch die Kernhandlung dominanzkritische Elemente auf. Lump empfindet ein Gefühl von Befremdlichkeit, als er ein Telefonat seiner Mutter mithört: „Doch“, sagt sie nach einer Weile, „es geht insgesamt ganz gut. Das Mädchen ist, mal abgesehen von ein paar sonderbaren Eigenarten, wirklich tüchtig. Kein Wunder! Sie ist Hausarbeit von Kindheit an gewöhnt. Sie kann sogar kochen. Ihre Mutter hat ein Restaurant. Und man weiß ja, dass in solchen Ländern die Mädchen sehr viel früher reif sind als bei uns. So, wie es den Anschein hat, ist sie ganz vernünftig. Alles in allem also eine gute Wahl!“ Es freut Lump, dass seine Mutter Gretha lobt. Trotzdem, irgendwie stört ihn was an der Art, wie sie sich äußert. Es klingt so komisch gönnerhaft. „Solche Länder“ . . . Was will sie damit sagen?567 Vielleicht, dass es eine tradierte Weisheit (sozusagen ein kultureller Wissensbestand unserer westlichen Gesellschaft) ist, dass aus südlichen und östlichen Ländern die besseren Haushaltshilfen zu rekrutieren sind. Dieses „Wissen“ wird auch im Kinder- und Jugendbuch transportiert. Bei Serienheldin Doro „versucht Albina aus Portugal, Ordnung in unseren Chaoshaushalt zu bringen. Mein Vater und ich sind fürs Putzen und Abwaschen nicht gut geeignet“, erfahren die Leser_innen gleich in der Einführung zu Marie-Thérèse Schins’ Doro in Amsterdam (2003).568 Dreimal die Woche kommt die „Haushaltshilfe, die portugiesische Albina, [. . . ] und 562 Ebenda, S. 34. 563 Ebenda, S. 44. 564 Ebenda, S. 56f. 565 Ebenda, S. 44. 566 Ebenda, S. 51. 567 Ebenda, S. 110f. 568 Schins/Oeser Ill., 2003, S. 11 135 schmeißt alles in die Waschmaschine“. In Indien wird Doros Schmutzwäsche von Hand gewaschen.569 Welchen persönlichen Bezug Doro zu der häufiger erwähnten Zugehfrau hat, erfahren die Leser_innen nicht. Doro, soviel erfährt man immerhin, zieht sich meistens zurück, wenn Albina ob des von Doro und ihrem Vater produzierten Chaos stundenlang jammert.570 Allem Anschein nach, so kann man immerhin herauslesen, befindet sich Doro in einer Art Abhängigkeitsverhältnis zu Albina, zumindest was das Bügeln angeht: „Jetzt könnte ich die nörgelnde Albina gut gebrauchen. Aber die ist weit weg, in Portugal bei ihrer Familie, wo sie jetzt Urlaub macht.“571 Auch in Maik Klingenbergs – Wolfgang Herrndorf, Tschick (2010) – Haushalt gibt es eine Zugehfrau, die dreimal die Woche kommt, eine Frau vietnamesischer Herkunft. Wie auch die etwa gleichaltrige Doro fühlt sich Maik immer etwas befangen, wenn die Putzhilfe oder anderes Hauspersonal zugegen ist. Seine Reflexionen, die er in seiner für die Figur charakteristischen Weise unverblümt und völlig ‚schmerzbefreit‘ vorbringt, sind allerdings etwas tiefgründiger und spielen außerdem auf gesellschaftliche Machtverhältnisse an: Ich weiß nie, wie ich mit diesen Leuten reden soll. Wir hatten auch mal einen Inder für den Garten, der ist aus Kostengründen jetzt gestrichen, aber da war es genau das Gleiche. Peinlich. Ich will diese Leute immer ganz normal behandeln, aber sie benehmen sich wie Angestellte, die den Dreck für einen wegmachen, und genau das sind sie ja auch, aber ich bin doch erst vierzehn. Meine Eltern haben damit kein Problem. Und wenn meine Eltern dabei sind, ist es auch für mich kein Problem. Aber allein mit der Vietnamesin in einem Raum fühle ich mich wie Hitler. Ich will ihr immer sofort das Staubtuch aus der Hand reißen und selber putzen.572 Der Innenschau vorangegangen war ein für Maik kräftezehrendes („danach war ich völlig fertig“), sprachliches Kommunikationsproblem zwischen ihm und der Haushaltshilfe, das beide jedoch erfolgreich durch Einsatz nonverbaler Mittel lösen konnten. Das Kindermädchen Polina in Nina Blazons Erzählung Polinas Geheimnis (2010) kommt aus der Ukraine. Zumindest impliziert das der Aushang der vermittelnden Agentur, der auf der Rückseite 569 Schins/Oeser Ill. 2000, S 123. 570 Schins/Oeser Ill., 2003, S. 11. Möglicherweise erhellt sich das Geheimnis Leser_innen, die alle vier Bände der Reihe (Und wo sind die Indianer?: Doro in Nordamerika (2002) ist inzwischen vergriffen) unter dieser Perspektive mit größter Aufmerksamkeit lesen. Vielleicht, so darf zumindest spekuliert werden, handelt es sich aber auch nur um einen heimlichen Gruß der Autorin an ihre ‚treue Perle‘. 571 Schins/Oeser Ill., 2003, S. 52. 572 Herrndorf, 2012, S. 75. 136 das Länderkennzeichen 0038 trägt.573 Aus Ismajil kommt sie, stellt die Gastmutter Polina den Kindern vor:574 Polina „‚[. . . ] Schuch. . . Schusch. . . ‘ ‚Schuschnatowolkowitzkowa, bittä‘“ schlägt sich tapfer gegen die Versuche der Zwillinge Erik und Johanna, sie – wie schon drei andere Au-Pair-Mädchen vor ihr – aus dem Haushalt zu vertreiben.575 Das Leben mit Polina erweist sich für die Zwillinge interessanter als erwartet: Geschirr trocknet sie mit dem Föhn, statt Nudeln kocht sie Algen („‚Algän. Sähr gesund¡“), und da, wo sie herkommt, scheint es keine Reihenhäuser, Staubsauger oder (trockene) Bettwäsche („‚Schön trockän‘“) zu geben.576 Humor hat sie anscheinend nicht, und wenn, so vermuten die Kinder, „wurde bei ihr zu Hause nur heimlich im Keller gelacht.“577 „‚Andere Länder, andere Speisekarten. Wo sie herkommt, leben die Leute eben anders als hier‘“, versucht die Gastmutter die Kinder mit der Situation zu versöhnen.578 Die Kinder versuchen ein sinnvolles Bild aus den Informationen zusammenzufügen und konstruieren eine für sie nachvollziehbare Wirklichkeit. In Eriks Kopf fügten sich alle Informationen über Polina zu einem Bild zusammen: [...] Wow. Polinas finsteres Geheimnis, ganz logisch: Ich sah unser Au-pair- Mädchen im unterirdischen Kanalsystem der Stadt Ismajil hausen.579 Auch Blazons Erzählung kann dominanzkritisch gelesen werden:580 Zu der Überzeugung gelangt, dass Polina ein Flüchtling sein muss, wollen Joanna und Erik dem Mädchen das Leben so angenehm wie möglich gestalten: Es war aufregend, Polina zu beschützen. Ich fand, es war ein ziemlich gutes Gefühl, einem so armen Mädchen aus der Fremde helfen zu können. [...] „Iss doch“, sagte meine Schwester eifrig. „Ist doch ein tolles Gefühl, keinen Hunger zu haben, nicht wahr?“581 573 Blazon, 2010, S. 33. 574 Ebenda, S. 36. 575 Ebenda, S. 25. 576 Ebenda, S. 47, 40. 577 Ebenda, S. 48. 578 Ebenda. 579 Ebenda, S. 53f. 580 Inwieweit das in der angesprochenen Alterszielgruppe 8–10 Jahre ohne Anleitung gelingen kann, soll hier offen gelassen werden. Auch über die Intention der Autorin, der eines der Au-Pair-Mädchen ihrer Kinder besonders in Erinnerung geblieben war, nicht nur weil es Angst vor der Waschmaschine hatte (Blazon, 2010, vgl. Autorenportrait S. 127), ist mir nichts bekannt. Nina Blazon selbst kam im Alter von zwei Jahren mit ihrer slowenisch-kroatischen Familie nach Deutschland (vgl. Deistler-Kaufmann, 2011, S. 204). 581 Blazon 2010, S. 56. 137 Direkt aus der Steinzeit schien Polina zu den Kindern gereist, nicht einmal Fernsehen kennt sie. Als „Errungenschaft der Zivilisation“ bringen die Geschwister ihr als erstes den Film „Die Menschenfressermumien von Monster Hill“ nahe.582 Sie sind dabei ziemlich nervös, schließlich „wussten wir nicht, wie Eingeborene wie Polina auf einen Film reagierten.“583 Statt sich zu gruseln, lacht sie, womit sie die Kinder gegen sich aufbringt: „So etwas Undankbares!“, wetterte Johanna. Wir waren beide sauer, oh ja. Statt demütig zu sein und dankbar, dass sie nicht mehr im Schlamm hausen musste und hier ein schönes Leben hatte, machte Polina sich über uns lustig! Und nicht nur das! Sie beleidigte auch noch unseren Filmgeschmack. Schlagartig war es mit dem Mitleid vorbei.584 Als eine Schulkameradin der Zwillinge, die einen ukrainischen Nachbarn hat, Polina mit „‚Prywit! Yak mayetes’?‘“ anspricht, und Polina reagiert, als „würde sie Chinesisch reden“, schöpfen die Kinder Verdacht, dass sie doch nicht aus der Ukraine stammen könnte.585 Woher sie kommt, will sie für sich behalten, „das ist ein Gäheimnis“.586 Zweitausend Kilometer ist ihre Heimat entfernt, soviel verrät sie Erik.587 Die Kinder rätseln und versuchen lange, den Herkunftsort zu ermitteln. Polina, so erfahren die Leser_innen auf den letzten Seiten der Erzählung, „stammt auch nicht aus irgendeinem Land, sondern aus dem Wasser! Sie . . . sie ist eine Nixe!“588 Erik begreift, dass Wasser für Polina tatsächlich so selbstverständlich war wie für die Kinder das Leben mit trockener Bettwäsche und Raufasertapete. Er gewinnt die Einsicht, dass es einiges an Mut erfordert (als Nixe) eine Reise in eine fremde Welt zu machen. Er interessiert sich zunehmend für Weltmeere und Wasserwege und nimmt sich vor, irgendwann (vielmehr irgendwie) eine Reise in Polinas Welt zu wagen.589 (Auch) Frau Jovanovic in Martin Auers Ich das machen! sagt Frau Jovanovic (2011), laut Klappentext „Eine Putzfrau für alle Fälle!“, kommt offenbar aus Osteuropa. Woher genau, erfährt man nicht, eine ganze Nacht muss sie mit dem Bus fahren, will sie ihre Tochter Alina wenigstens für ein kurzes Wochenende in ihrer Heimat besuchen. Sie versucht, möglichst jeden Abend mit ihrer Tochter zu skypen oder zu telefonieren. 582 Ebenda, S. 57f. 583 Ebenda, S. 59. 584 Ebenda, S. 61f. 585 Ebenda, S. 86. 586 Ebenda, S. 97. 587 Ebenda, S. 98. 588 Ebenda, S. 112. 589 Ebenda, S. 122f. 138 Abbildung 4.11: Auer/Spengler (Ill.), Ich das machen! sagt Frau Jovanovic (2011) Auf jede noch so schwierige Anforderung im Haushalt ihrer Kunden antwortet sie mit „Ich das machen“, wahlweise mit oder ohne Ausrufezeichen (!).590 Sie befreit Abflüsse mit Backpulver von Verstopfung und putzt damit Silber. Sie rückt eingetrocknetem Kaugummi mit Eiswürfeln, Vaseline und Fleckenputzmittel zu Leibe. Auch Kerzenwachs von Krawatten entfernen kann sie, und Wachsmalstriche von der Wand rubbeln, und Bügeln sowieso. Klebstoff-Flecken weicht sie mit Essig ein. Die Kolibri-Redaktion lobt das Bilderbuch (in der Rubrik Kinderbuch, ab 11 Jahre): Die Geschichte zeigt eine selbstbewusste Migrantin, die weiss, was sie kann, und sich aufs Wesentliche konzentriert, obwohl sie mit Einschränkungen und Zwängen leben muss. Ihr Pragmatismus, ihre Kraft und auch das Know-how hinterlassen dank einfacher, doch vielschichtiger Umsetzung ihrer Geschichte einen nachhaltigen Eindruck. Wer Frau Jovanovic begegnet ist, wird kaum mehr den Fehler machen, jemanden wegen unzureichender Deutschkenntnisse zu unterschätzen.591 590 Das 40-seitige Buch ist nicht paginiert, im Folgenden wird auf Seitenangaben verzichtet, die Textstellen sind leicht aufzufinden. Ich beziehe mich auf die Ausgabe Auer/Spengler 2011. 591 Gadient, 2013, S. 30. 139 Eventuell aber (weiterhin) den, die Möglichkeiten osteuropäischer Frauen in Deutschland, Österreich oder der Schweiz auf ihr Potenzial als Putzfrauen reduziert zu sehen?592 Weniger ‚politisch korrekt‘ als die Kolibri- Redaktion äußert sich ein deutsches Paar in Paradiessucher (2013), dem autobiographischen Roman der tschechischen Autorin Rena Dumont: „Ostblockfrauen [sind] hervorragende Putzfrauen“ ist (auch) deren Erfahrung. Die Romanheldin Lenka, asylsuchend, weiß zwar um die offenbare Beliebtheit der Putzfrauentätigkeit bei Polinnen, zweifelt den Wahrheitsgehalt der Aussage aber trotzdem an: „Im Lager erlebe ich sie durchaus als putzscheu.“593 Wieso ließen sich Ostblockfrauen auf diese schlecht bezahlte Arbeit ein, fragt sich Lenka. Und haben sie „nicht mehr drauf, als bei reichen Familien die Reihenhäuser abzustauben?“594 Paradiessucher: Sprachfallen und deutsche Spießigkeit Paradiessucher (2013) erzählt aus der Ich-Perspektive einer Heranwachsenden vom langsamen Ankommen in einer neuen Heimat. Mit „Willkommen, wir lieben euch“595 fühlen sich Lenka und ihre Mutter, die Ende der 1980er-Jahre „genug [haben] vom bornierten Leben in der böhmischen Kleinstadt“, die sich „endlich nicht mehr wegducken“ und „West-Jeans tragen“ wollen,596 bei ihrer Flucht von deutschen Beamten in Empfang genommen. „Wie Balsam für die Seele klingt die bayerische Begrüßung, die wir zwar nicht verstehen, uns aber sinngemäß [...] übersetzen.“597 Die Ernüchterung tritt schnell ein, als die beiden erst einmal in einem Asylantenheim zwangsuntergebracht werden. Die im Roman beschriebene „verrückte Welt des Asylbewerberheims“598 ist eine hervorragende Fallstudie des Zusammenlebens der Kulturen (unter erschwerten Umständen) und den damit verbundenen Konflikten. Die verschiedensten Sprachen, die Lenka noch nie gehört hat, mischen sich mit ihr bekannten Sprachen wie Jugoslawisch, Russisch, Polnisch oder Slowakisch.599 Zu jeder Nation hält Lenkas Bekannter Jakub mindestens ein Vorurteil bereit: „Die Polen klauen, Afrikaner sind zu fremd, Albaner zu 592 Der Autor Martin Auer stammt aus Wien. Es liegt nicht zuletzt auf Grund der relativ kurzen Busfahrt von Frau Jovanovic in die Heimat nahe, dass der Handlungsort Österreich sein soll. 593 Dumont, 2013, S. 255. 594 Ebenda. 595 Ebenda, S. 78. 596 Ebenda, Klappentext (Buchumschlag vorne). 597 Ebenda, S. 78. 598 Ebenda, Klappentext (Buchumschlag vorne). 599 Ebenda, S. 104. 140 aggressiv, Jugoslawen zu laut, Tschechen zu faul, Russen zu stolz. Alles läuft [für Lenka] irgendwie aufs Selbe heraus.“600 Dass auch die weißen Bewohner des Asylantenheims Königsee keine Deutschen sind, erkennt Lenka bei ihrer Ankunft sofort an „ihre[r] Art des Seins, die sichtbar anders ist.“601 Lenka reflektiert, dass sie und ihre Mutter genauso aussehen: „Wir passen da hin wie Arsch auf Eimer!“602 Plötzlich verschiebt sich die Perspektive, und Lenka nimmt sich und ihre Mutter in dieser „hermetisch abgeschlossene[n], eigene[n] Welt“603 als Teil einer Out-Group wahr.604 Lenka und ihre Mutter wollen aber ‚dazugehören‘. Sie sind „Königinnen der Anpassungsfähigkeit. Das Integrationsbedürfnis verhilft [ihnen] zu Glanzleistungen in dieser Disziplin.“605 Welch zentrale Rolle der Spracherwerb für eine erfolgreiche Integration spielt, arbeitet die Autorin über mehrere Kapitel klar heraus, besonders eindringlich in Es ist an der Zeit, das Wort „Landratsamt“ zu lernen.606 Für Lenka bedeutet der positive Bescheid ihres Asylantrags, mit dem die Erzählung abschließt, letztendlich den Verlust ihrer Muttersprache und ihrer Wurzeln. „[Z]iellos durch die Wirrnis der Fremde“ zu „segeln“ und die Situation zunächst einmal „aushalten“ zu müssen, ist für sie Teil der selbstgewählten Realität. Lenka ist nicht nur in Deutschland angekommen, sondern auch erwachsen geworden.607 Nicht zuletzt Dank dieses Fazits wird der Roman der Forderung Röschs gerecht, nach der wertvolle interkulturelle Literatur das Spannungsverhältnis von Assimilation und Emanzipation reflektiert, Unterschiede aber nicht aufhebt.608 Der Text ist als hervorragendes Exempel einer Mehrfachadressierung zu werten. Das Jugendbuch spricht nicht nur eine minderjährige Zielgruppe an, sondern sollte ähnlich wie Wolfgang Herrndorfs Tschick (2010) jeglicher Generation Lesevergnügen bereiten. Paradiessucher kann sowohl Leser_innen mit Migrationserfahrung als auch einem Publikum ohne den 600 Ebenda, S. 101. 601 Ebenda, S. 102. 602 Ebenda, S. 103. 603 Ebenda, S. 106. 604 Recht einfach erklären Hofstede et al. die Begriffe In- und Out-Group: „In-group refers to what we intuitively feel to be ‚we‘, while out-group refers to ‚they‘. Humans really function in this simple way: we have a persistent need to classify others in either group.“ (Hofstede, Hofstede und Minkow, 2010, S. 16) 605 Dumont, 2013, S. 138. 606 Ebenda, S. 205ff. 607 Ebenda, S. 300. 608 Vgl. Rösch, 2006, S. 102. 141 entsprechenden Hintergrund als Projektionsfläche dienen.609 Auf literarisch anspruchsvolle und unterhaltsame Weise wird ‚den Deutschen‘ der Spiegel vorgehalten. Die „Reflexion der eigenen, vielfach undistanziert gelebten kulturellen Prägungen“, wie sie Wrobel fordert, wird auf hervorragende Weise im Kapitel Abenteuer in Erding angeregt:610 Abbildung 4.12: Rena Dumont, Paradiessucher (2013) Lenka übertritt mit ihrem neuen Freund Chris zusammen unerlaubt die magische Dreißig-Kilometergrenze. In dem Radius darf sie sich ohne Sondergenehmigung vom Asylantenheim wegbewegen. Sie will mit Chris dessen Tante und Onkel in Erding besuchen. Dort angekommen, ist sie enttäuscht von der Welt ihres Idols. Sollte so ein „Spießerparadies“ die Welt sein, auf die sie seit Monaten wartet?611 Den Garten sieht Lenka mit geometrischer Genauigkeit geschnitten, kein Grashalm verunreinigt den Weg.612 Kein Wunder, reflektiert sie, dass das Haus so sauber ist, obwohl keiner die Schuhe auszieht – Gertrud und Jürgen (zwei für sie hochkomplizierte Namen, noch dazu mit „Ü“ als eigener „Sprachfalle[.]“) haben eine Putzfrau. Bei Lenka zu Hause ist es nicht üblich, Putzhilfen zu beschäftigen, selbst wenn man gut verdient, wie ihre Mutter früher.613 Lenka versteht nur Bruchstücke: 609 So auch Tschick, mit den (Anti-)Helden Maik Klingenberg aus ‚gutem Haus‘ und Andrej Tschichatschow „aus einem der Asi-Hochhäuser in Hellersdorf“ (vgl. Herrndorf, 2012, Klappentext). 610 Wrobel, 2013b, S. 49 und Dumont, 2013, S. 253ff. 611 Dumont, 2013, S. 253. 612 Ebenda, S. 254. 613 Ebenda, S. 255. 142 Da ich ausschließlich mit dem Auge wahrnehme, offenbaren sich mir die Gewohnheiten, Launen, Rituale und Sitten unserer Gastgeber wie von selbst. Es ist interessant zu beobachten. Vielleicht liegt das gerade an der Sprachbarriere. Wortspiele, Phrasen und Papierkorbsätze vernebeln nicht meinen Geist. Ein Spürhund bin ich, der die Außenwelt aus einer anderen Perspektive betrachtet. Kleinbürgertum, Spießigkeit, Selbstgerechtigkeit treten deutlich zutage.614 Lenka setzt ihre Beobachtungen in Kontrast zu dem, was sie aus ihrer Heimat kennt. Dabei bewertet sie die tschechische Kultur nicht unbedingt als überlegen oder ‚besser‘: Diese Eigenschaften sind mir nicht unbekannt, weiß Gott, davon kann ich ein Lied singen. Allerdings sind die Tschechen gemäßigte Betonköpfe. In der Tschechoslowakei ist so ziemlich alles legerer. „Was du heute nicht schaffst, machst du morgen“ oder „Wer trinkt, stirbt, und wer nicht trinkt, stirbt auch“ oder „Lass die Zeit verstreichen, warte bis morgen“, „Lass uns erst mal ein Bierchen trinken“, „Schlafe eine Nacht drüber“, „Geh damit schwanger“. Das sind die liebsten Grundsätze der Tschechen. Bloß kein Ehrgeiz! Aber wehe, wenn du gegen den Strom marschierst, dann lynchen sie dich!615 Mit Paradiessucher gelingt, was Wrobel als „Blick auf die eigenen Kultur durch die Augen einer anderen Kultur“ beschreibt. Dieser Blickwinkel fördere eine Wahrnehmungsverschiebung und sei geeignet, interkulturelle Kompetenz in einem umfassenden Sinne aufzubauen.616 Die Verschiebung gewohnter Sicht- und Betrachtungsweisen trage zum sukzessiven Ausbau interkultureller Kompetenz bei, die nunmehr nicht allein als bloße Ausweitung des Wissens um andere Kulturen zu bestimmen ist, sondern eine immer wieder neu zu leistende Befragung der eigenen kulturellen Wurzeln und Ausdrucksformen notwendig beinhaltet.617 Die Romanautorin Rena Dumont aus dem mährischen Städtchen Prostĕjov, ist selbst als 17-Jährige mit ihrer Mutter nach Deutschland geflüchtet. Sie verbrachte acht „abenteuerliche“ Monate im Asylbewerberheim Königssee. Nachdem sie danach vier Jahre in München gelebt hatte, 614 Ebenda, S. 256. 615 Ebenda, S. 256f. 616 Wrobel, 2013b, S. 42. 617 Ebenda, S. 49. 143 zog sie zum Schauspielstudium nach Hannover. Heute spielt sie in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen und schreibt Drehbücher und Kurzgeschichten.618 Paradiessucher sei eine fiktive Geschichte, die sie im Kern so erlebt habe, erfährt man aus der Widmung.619 Herzsteine: Eine Reise nach Ruanda und zu sich selbst Es gibt für den Literaturwissenschaftler Christoph Bode Texte, die „sich anbieten verschlungen zu werden“, und damit so konform mit den Erwartungen der Leser_innen gehen, dass bei diesen ‚nichts passiert‘. Und es gibt Texte, „die mehr oder minder fremd oder merkwürdig daherkommen.“ Der Unterschied läuft für Bode darauf hinaus „ob der Leser in der Lektüre (in welch geringem Maße auch immer) ein anderer wird – oder den Lese- Raum definitiv unverändert verlässt.“ Bode beschreibt damit das Spannungsfeld zwischen Bestätigung und Hinterfragen. Für Bode ist das „der alte Unterschied zwischen formelhafter und stereotyper Trivialliteratur und ‚anspruchsvoller‘ Hochliteratur.“620 Die Bedeutung eines literarischen Textes liegt für Bode in dem Maß, in dem er dazu „anstiftet, verschiedene Sinnkonfigurationen auszuprobieren.“ Die Bedeutung eines Romans ist für ihn „das Ensemble der erzählerischen Verfahren, die er aufwendet, und der Kunstgriffe, die er anwendet, um mich gedanklich-imaginativ zu stimulieren.“621 Ein Text, der mehr oder minder fremd und merkwürdig daherkommt, und die Leser_innen nicht zuletzt durch seinen erzählerischen Aufbau und die Figurenzeichnung herausfordert, ist Hanna Jansens Adoleszenzroman Herzsteine (2012): Der vielschichtige Roman, der um 2011 spielt,622 ist in zwei Teile gegliedert. Teil I Die Insel erzählt vom Umzug der dreiköpfigen Familie von Hamburg nach Sylt. Der Ortswechsel, vom Vater Luk initiiert, ist dadurch motiviert, dass seine traumatisierte und depressive Ehefrau und Mutter von Sam, Felicitas (auch „Fe“ oder später „Inyana“), etwas Ruhe gewinnen soll. Ein Vorfall hat Luk kürzlich besonders erschüttert: Fe war stundenlang 618 Dumont, 2013, Klappentext (Buchumschlag hinten). 619 Die äußerst bewegend erzählte Geschichte der Frau Hejduková, die auf der Flucht ihr Kind verloren hat, hat sich tatsächlich so ereignet, wie die Autorin in ihrer Lesung auf dem internationalen Literaturfest lit.COLOGNE im März 2013 anführt (vgl. Aufzeichnung http://www.youtube.com/watch?v=-vPFaJwqekc bzw. in schlechterer Qualität auf http://www.renadumont.de/ ab ca. Minute 1:25 (zuletzt geprüft am 16.08.2014)). Im Roman vgl. die beiden aufeinanderfolgenden Kapitel Die Nachbarin und Der Horrortrip (Dumont, 2013, S. 265ff, S. 268ff). 620 Bode, 2005, S. 74. 621 Ebenda, S. 95f. 622 Vgl. Jansen, 2012, S. 143. 144 verwirrt in einem Kaufhaus herumgeirrt und hatte sich unter Wühltischen und in Kabinen versteckt. Den Kaufhausdetektiv hatte sie tätlich angegriffen, sodass die Polizei Fe nach Hause gebracht hatte. Ein Urlaub auf Sylt zwei Jahre zuvor hatte der Frau allem Anschein nach gut getan.623 Vom Schicksal der Mutter, die als junge Frau vor dem Völkermord in Ruanda geflüchtet war, erfahren die Leser_innen Stück für Stück durch in serifenloser Schrift gesetzte Einschübe im Text. Diese Einschübe sind Rückblenden Fes, beginnend mit Episoden aus ihrer frühen Kindheit, erzählt aus der Ich-Perspektive und – wie später offenbar wird – in Form einer mündlichen Beichte an ihren Sohn. Erst ziemlich gegen Ende des Romans werden die Einschübe verortet: „Am Ende unseres Weges [..] kam dann eine Beichte. Mum musste sich etwas von der Seele reden, etwas, das sie, glaube ich, am meisten quält“624 (Teil II). Dass es sich bei den Reflexionen Fes um eine Direktansprache an den Sohn handelt, erfährt man schon etwa zur Mitte des Romans, gegen Ende von Teil I: „Du fragst mich, ob ich jemals richtig glücklich war? Ja, Sam, das war ich. Sehr sogar, und zwar, als du zur Welt kamst [...].“625 Für Sam, aus dessen Perspektive der Roman personal erzählt wird, bedeutet der Umzug das Zurücklassen von Freunden und vertrauten Gewohnheiten. Sam, der auf Grund seines ‚exotischen‘ Aussehens nicht nur bei seinen Altersgenossinnen gut ankommt – „[s]chon als Kind war er ein absoluter Frauentyp. ‚Oh, ist der süß! So ein hübscher Junge! Ein kleiner Prinz aus dem Morgenland‘. . . “626 – freundet sich ausgerechnet mit der Außenseiterin Enna an. Sams äußerliche oder kulturelle Hybridität steht in Teil I nicht im Vordergrund der Erzählung. Sie wird auch nicht besonders problematisiert (i.S.v. als etwas Problematisches betrachtet). Im Gegenteil, sein ‚Anderssein‘ ist durchwegs positiv besetzt: Er spricht fließend Englisch, da er mit der Sprache aufgewachsen ist, und ist in Deutsch ein „Naturtalent“.627 Die Farbe seiner Haut, ein heller Bronzeton, „ist die perfekte Mischung“.628 Auch schämt er sich nicht etwa des fremden Aussehens seiner Mutter, im Gegenteil, für ihn ist sie eine außergewöhnlich attraktive und anmutige Frau.629 623 Vgl. ebenda, S. 12f, 42f. 624 Ebenda, S. 179. 625 Ebenda, S. 87. 626 Ebenda, S. 31. 627 Ebenda, S. 32f. 628 Ebenda, S. 9. 629 „Sam weiß, dass seine Mutter auf dem Kopf mühelos eine vollgepackte Einkaufstasche balancieren kann. Weil sie so unwahrscheinlich schön ist, drehen sich die Leute auf 145 Sam und Enna haben eine große Gemeinsamkeit – von der Norm abweichende Mütter. Ennas Mutter ist Heilerin, sie glaubt an die Kraft von Steinen, und dass zu jedem Menschen ein Stein gehöre, und wenn man den fände, begänne etwas Neues.630 Zwei Jahre zuvor hat auch Fe im Watt Steine gesammelt, an dem Tag schien sie wie ausgewechselt.631 „Manchmal hat man’s nicht gerade leicht mit einer Mutter, die so . . . anders ist. Oder? Was sagst du?“ nähert sich Enna Sam an.632 Sam fühlt eine seltsame Vertrautheit zu seiner neuen Freundin, mit der er die zunehmende Entfremdung seiner Mutter zu kompensieren scheint.633 Es entwickelt sich eine Liebesbeziehung zwischen den beiden Jugendlichen. Mit Enna kann Sam offen über seine Familiensituation und darüber, dass deren Heimat für seine Mutter ein Tabuthema ist, sprechen. Der Junge hat es aufgegeben, seine Mutter danach zu fragen. Fe scheint sich auch in alltäglichen Dingen nicht klar zu artikulieren. Sam kann sich nicht erinnern, dass sie jemals gesagt hat, was sie selbst will. Immer nur ein laues Ja oder Ähnliches höre man von ihr.634 Und das, wo sie durchaus interessiert zu sein scheint, sie liest z.B. viel, „[a]uf Englisch, Deutsch, Französisch. Alles mühelos.“ Auch Freunde hat die Mutter keine.635 In einer der Rückblenden wird angedeutet, dass Sams Mutter unter Identitätsstörungen oder sogar einer Persönlichkeitsspaltung leiden könnte. Ihr Taufname ist „Felicitas“, früher hatte „Felicitas Nkulikiyinka“ in ihrem Pass gestanden. Der Name, den sie sich selbst gibt, mit dem sie das „ich“ wahrnimmt, sich selbst spürt, ist „Inyana“. Diese Inyana geht (in) ihr verloren. Als weitere Bezeichnung bekommt Fe als junge Frau einen Stempel in den Pass. Das ist der Name, der aus ihr „eine ‚solche‘“ macht, der Name, der bei dem später eskalierenden ethnischen Konflikt ihr Todesurteil bedeuten kann.636 der Straße nach ihr um. Und wenn Dad sie ansieht, geht ein Licht in seinen Augen an.“ (Ebenda, S. 15) 630 Ebenda, S. 47. 631 Ebenda, S. 42. 632 Ebenda, S. 48. 633 Ebenda, S. 49. 634 Ebenda, S. 57f. 635 Ebenda, S. 58. Die Reflexionen der Mutter machen nicht den Eindruck, sie könne sich nicht präzise ausdrücken. Es fällt im Gegenteil auf, dass die Autorin der Nicht- Muttersprachlerin differenzierte Ausdrücke wie ‚etwas fuchst einen‘ oder ‚maulen‘ (ebenda, S. 18) in den Mund legt. 636 Ebenda, S. 62f. Herzsteine ist nicht auf ein ‚Happy End‘ angelegt, und so gibt Fe in ihrer Reflexion auch ein pessimistisches Bild wieder, was den ethnischen Konflikt in Ruanda angeht: „Als sie begannen, ihren großen Tötungsplan in die Tat umzusetzen, half der Eintrag ihnen, alle, die vernichtet werden sollten, mühelos zu erfassen. Nur ein kurzer Blick in den 146 Als Fe in einer stürmischen Nacht nicht nach Hause zurückkehrt, teilt der Vater Sam mit, was die Mutter 1994 Traumatisches erlebt haben muss. Genaues weiß auch er nicht, er berichtet dem Sohn aber vom „ganze[n] Ausmaß“ des Völkermordes.637 Fe konnte, kurz nachdem das Morden begonnen hatte, nach London fliehen, wo sie als Zimmermädchen in einem Hotel Luk kennenlernte. Auch die Zuneigung von Sams Vater hat sie anscheinend eher passiv angenommen, „‚Sie . . . hat es zugelassen. [...] Sie war allein und brauchte Sicherheit.‘“638 Teil I schließt langsam mit der Rückblende Fes auf Sams Geburt und Hinweisen auf ihren Versuch, das in Ruanda Erlebte zu verdrängen, ab.639 Es folgt noch ein kurzes Gespräch zwischen Sam und Ennas Mutter Helen. Helen hat Fe „bei den Steinen“ entdeckt, wo sie einen etwas verlorenen Eindruck gemacht hatte. Die beiden Frauen haben den Nachmittag und Abend zusammen verbracht. Auf Helen wirkte Fe auf einmal sehr klar. Fe teilt Luk ihren Entschluss mit, alleine nach Ruanda zu reisen.640 Bevor Teil II Ein anderer Kontinent beginnt, präsentiert sich den Leser_innen das neunseitige Segment Transition. Ineinandergewoben sind drei Rückblenden Fes zu ihrer Flucht aus Ruanda (ihr Flug-Transfer nach Brüssel) und eine in zwei Abschnitte unterteilte Beschreibung von Sams und Luks Reise nach Ruanda (auch über Brüssel), die die beiden etwa ein halbes Jahr nach Fes Aufbruch antreten. Fe hatte vor dem ethnischen Konflikt fliehen müssen, ohne sich von ihrer Familie verabschieden zu können. Als sie in die Boing nach Europa stieg, „war unser Land bereits ein Schlachthaus, das in seinem Blut ertrank.“641 Pass und das Todesurteil war gefällt. Heute ist es anders. Der vierte Name ist gelöscht, soll sogar nach Möglichkeit verschwiegen werden. Heute gilt nur noch die Nationalität. So ist es angeordnet von ganz oben. Versöhnung – das versteht sich – inbegriffen. Aber wer, das wird man ja wohl fragen dürfen, soll sich denn mit wem versöhnen? Und wie, ich bitte dich, sollen wir so tun, als wüssten wir nicht, wer wir sind? Es steht zwar nicht in unserem Pass, doch nach allem, was geschehen ist, noch immer auf unsere Stirn geschrieben.“ (Jansen, 2012, S. 63) 637 Jansen, 2012, S. 83f. 638 Ebenda, S. 87. 639 Ebenda, S. 87f. 640 Ebenda, S. 87–90. 641 Ebenda, S. 93. 147 Die Leser_innen können entschlüsseln, dass Fe in Ruanda zu sich selbst, einer gewissen „Inyana“, finden will.642 Fe beschreibt in einer der Rückblenden ihre „Todesangst“, und „Kigalis Straßen [als] übersät mit zerhackten Körpern.“ Fe scheint besonders zu quälen, dass sie im Gegensatz zu ihrer Mutter und ihren Schwestern überleben durfte.643 Das Bild, das sie mit nach Europa nimmt, ist das einer schwer verletzten Frau, die mit leerem Blick „zwischen all den Toten auf dem Boden hockte und ihr Baby stillte. . . “644 Sam wird mit seiner Digitalkamera neue Bilder machen. Seine Erlebnisse soll er in einem Tagebuch für Enna von Sam festhalten. Das Buch schenkt ihm seine Freundin in der Nacht vor der Abreise.645 Von dem ethnischen Konflikt in Ruanda, der schwerpunktmäßig in Teil I von Herzsteine verarbeitet wird, wird von Hanna Jansen, entsprechend der Forderung von Rösch an interkulturell wertvolle Literatur, literarisch und nicht dokumentarisch erzählt.646 Das Thema Völkermord wird in Teil II lediglich bei einem Besuch einer Erinnerungsstätte nochmals explizit aufgegriffen. An dieser Stelle zeigt sich, wie verunsichert der Junge nach ein paar Tagen oder Wochen Aufenthalt in Ruanda ist. In Gisozi,647 einer real existierenden Stätte, wird auch der Opfer des Nationalsozialismus gedacht: „Sam kommt auf die aberwitzige Idee, er sei der Erbe zweier Völkermorde.“648 Sam schreibt für Enna den lyrisch anmutenden Text einer Gedenktafel in sein Tagebuch: Mami Mbarushimana Favourite food: Chips with mayonnaise Enjoyed: Traditional dance Favourite song: The Beauty of Woman Last word: Mum, where can I run to? Cause of death: Shot dead649 Jansen vermittelt den Leser_innen über ihre Erzähltechnik einen persönlichen Bezug zu den Opfern und Hinterbliebenen der Gräueltaten, bzw. deren Geschichte. Sie ergreift an keiner Stelle des Textes Partei oder belehrt 642 Jansen, 2012, S. 92: Rückblende „Inyanas Alptraum kam mit aller Macht in mir hoch.“ Oder früher schon, auf S. 34 „Als ich das erfuhr, hörte Inyana auf zu existieren, gab es kein starkes, wildes Kälbchen mehr.“ Aus Sams Perspektive vgl. S. 95 „Von Ennas Mutter hat er außerdem erfahren, dass Mum auf der Suche nach einer Inyana ist.“ 643 Jansen, 2012, S. 97, 100. 644 Ebenda, S. 97. 645 Ebenda, S. 99, zur Kamera bzw. deren Symbolik vgl. erstmals S. 22, dann S. 110 oder S. 115. 646 Vgl. Rösch, 2006, S. 102. 647 Gisozi Genocide Memorial Center, vgl. Nachwort (Jansen, 2012, S. 195). 648 Jansen, 2012, S. 150. 649 Ebenda, S. 151 vgl. auch Nachwort, S. 195. 148 auf offensichtliche Art und Weise. In ihrem Nachwort teilt sie sich den Leser_innen mit: Ihre persönliche Motivation sei die einer Aufarbeitung der Geschichte, und zwar der Themen, die „unter der Decke schlummer[n] bzw. hinter einer Schweigemauer verborgen bleib[en].“ Ohne eine Aufarbeitung, so ihre These, werde das ‚Unterschwellige‘ von Generation zu Generation übertragen und fände, meist unbewusst, seinen Niederschlag in vielfältigen Zusammenhängen, „prägt möglicherweise die inneren Strukturen einer Gesellschaft und greift in die Psyche von Individuen ein.“ Herzsteine sieht sie als beispielhafte Erzählung für andere „vergleichbare Vorkommnisse“ in der Welt.650 Es gehe ihr ausdrücklich nicht um detaillierte Angaben zu historischen oder realpolitischen Fakten, die hier allerdings zu Grunde lägen. Unterstützt hat sie offenbar mindestens eines der Kinder, denen sie als Kriegswaisen ein neues Zuhause gegeben hat. Was die Schilderung Kigalis (vgl. unten) angeht, betont sie, dass die Schilderungen aus Sicht eines Nachgeborenen erfolgten, der in Europa aufgewachsen und (ähnlich wie Sam) erstmals mit der Geschichte des Landes und seiner Gegenwart konfrontiert war.651 Am Ende des Romans, nach dem Nachwort und einer Danksagung der Autorin u.a. an ihre beiden ruandischen Pflege- oder Adoptivkinder, ist eine 3-seitige Zeittafel zur Geschichte Ruandas von 1898 („Das Königreich Ruanda wird Teil Deutsch-Ostafrikas“) bis 2010 („Paul Kagame gewinnt erneut die Präsidentschaftswahlen. An allen Schulen und Universitäten erfolgt der Unterricht in Englisch statt in Französisch“) abgedruckt.652 Teil II legt seinen Schwerpunkt auf die Verunsicherung Sams angesichts seiner neuen Umgebung und der Rolle und dem Verhalten seiner Mutter in ihrem Heimatland. Sam wird sich hier erstmals seiner Hybridität bewusst, vielmehr wird seine Hautfarbe problematisiert: „Hier rufen sie ‚Bazungu‘ und in Deutschland manchmal ‚Neger‘. Man könnte darüber lachen. Oder weinen. Je nachdem, wie man es nimmt!“653 Was Sam in Kigali beobachtet, korrigiert sein Bild von Afrika: Wenn er es nicht wüsste, käme er wohl kaum auf die Idee, in Afrika zu sein. An den Tischen sitzen Europäer und Asiaten, zwar auch Afrikaner, aber überwiegend Businessleute, die hier offensichtlich ihre Mittagspause machen. Hamburger und Pommes, Pasta, Sandwiches kommen auf den Tisch. Nichts Exotisches, wie Sam erwartet hätte. Auch das, was er bisher von der Stadt gesehen hat, ist völlig anders als 650 Ebenda, S. 193f. 651 Ebenda. 652 Ebenda, S. 199–201. 653 Ebenda, S. 144. 149 erwartet: verspiegelte Bankgebäude, neue Geschäfts- und Bürohochhäuser, in denen sich ebenerdig Reisebüros, Bars und Internetcafés befinden.654 Jansen beschreibt auch die ärmere Gesellschaft im Straßenbild, allerdings weitaus differenzierter, als man es von herkömmlicher Reiseliteratur (à la Doro in. . . ) gewohnt ist: So schreitet ein „zwergenhafte[r] alte[r] Mann im gestreiften Bademantel“, dessen „Haar fast weiß, sein verwittertes Gesicht dagegen schwarz wie die Nacht“ ist, etwa „hoch erhobenen Hauptes durch die Menschenmenge – wie ein König.“655 Sam beobachtet, ordnet aber nicht in Schubladen. So nimmt er sich auch vor, seine Mutter zu fragen, was es zu bedeuten habe, wenn Männer Hand in Hand durch die Straßen spazierten. Er fragt sich, ob das wohl „so üblich“ sei.656 Schwerkriminelle Strafgefangene kleidet man in rosafarbene Uniformen: „Mörder in rosa Schlafanzügen?“ Auch diese Frage ergänzt Sam auf seiner „Liste ungeklärter Einzelheiten, die allmählich immer länger wird.“657 654 Ebenda, S. 110. Ein wunderbares und erfrischendes Beispiel, das Afrika-Bild zu relativieren oder neu zu schaffen, legt Jesko Johannsen mit Simon in Afrika : Band 1 : Die Abreise vor (2013) vor. Der Autor hat das 32-seitige Bilderbuch in Kooperation mit der Illustratorin Viktoria Blomén für seine Kinder geschrieben, die – wie man aus der Widmung und dem Autorenportrait erfährt – „entschlossen und mutig“ mit ihm und seiner Frau nach Afrika gezogen sind. Dass Afrika ein riesiger Kontinent mit 54 Ländern ist, wird einfach aber einprägsam formuliert und visualisiert. Auch Simons Reise geht nach Kigali. Dass in Ruanda „alles anders“ (Johannsen/Blomén Ill., 2013a, S. 10) ist, weiß Simon mittlerweile. Auch, dass „viele Leute“ dort arm sind. Der Landeanflug auf Kigali ist so bebildert, dass sowohl Hochhäuser als auch kleine Häuser und Hütten zu sehen sind. Das Buch ist als Self-Publishing-Projekt entstanden und bei BoD – Books on Demand erhältlich. 655 Jansen, 2012, S. 111. Auch Federica de Cesco bemüht sich in Der Ruf der Elefanten (1999) um eine differenzierte Darstellung der Charaktere – allerdings aus offensichtlich kolonialer Perspektive. Auffällig ist der Kontrast, den sie schafft: Vom Flughafen Nairobi wird Florian, dessen Vorfahren Massai sind, von David abgeholt, „[d]er hatte blondes Strubbelhaar und blaue, fröhliche Augen. Sommersprossen waren über sein ganzes Gesicht verteilt“ (De Cesco, 2005, S. 28). Bei Ankunft im Reservat, wo Florian seine Ferien verbringt, kommt ihm Eliah entgegen: „Ein baumlanger, hagerer Schwarzer humpelte durch den Staub [...]. Sein Gesicht war voller Runzeln, zerfurcht und wie wurmstichig. [...] Eliah zeigte ein paar große, gelbe Zahnhälse und redete kehlig auf mich ein“ (ebenda, S. 35f). Der erste Mensch, mit dem Florian am Flughafen Kontakt hat, ist ein Uniformierter, der „ziemlich ratlos die Mac-Fiebel [Computer-Handbuch]“ besieht und an dem Gastgeschenk (Pralinen) „schnupper[t]“ (ebenda, S. 27). Kulinarisch mehr an ‚Continental Food‘ gewöhnt, ist der Hausangestellte Leo, der auf einem Silbertablett Sandwiches, Orangen-Marmelade und Kuchen serviert. „Der Schwarze hatte ein rundes Gesicht und die weißesten Zähne, die ich je gesehen habe“ (ebenda, S. 39), wird diese Begegnung kommentiert. 656 Jansen, 2012, S. 111. 657 Ebenda, S. 114 150 Wie verstörend die Reise und die Begegnung mit der Mutter in ‚ihrem Umfeld‘ auf Sam wirkt, erschließt sich den Leser_innen über die Tagebucheinträge für Enna, die in Kursivschrift abgesetzt sind. Nicht nur die eher spartanischen Lebensumstände bringen Sam aus dem Gleichgewicht: Zwei Fremde unter Fremden – so war das heute Nachmittag. Und am meisten stört es mich, dass meine eigene Mutter mir so fremd war wie noch nie! Wie soll ich das erklären, Enna? Die Frau von heute Nachmittag – wie sie hier lebt und sich benimmt – ist das krasse Gegenteil von meiner Mutter. Von der Mutter jedenfalls, die ich bisher kannte.658 Sam, so gesteht er seiner Freundin, habe auch keine Vorstellung, was sich hier gehöre und was nicht. Auch der Vater scheint irritiert, geradezu körperlich erschöpft, vor lauter Bemühen, nett zu sein. Und das noch dazu, wo ihn keiner als Ehemann von Fe wahrnimmt.659 Im ‚Gespräch‘ mit einer zahnlosen, kichernden Oma grinst Luk nur zurück und nickt immerzu, „wie so ein Wackeldackel.“660 Über die Tagebucheinträge erfahren die Leser_innen, wie sich Sams Kulturschock entfaltet, und was das Zwiegespräch mit der Mutter zur Abmilderung beitragen kann. Sein Fazit: „Ja, du siehst, hier ist eine andere Welt!“661 Sam reflektiert, dass seine Mutter in ihrem Heimatland, im Kreis ihrer ruandischen Verwandten, ein anderer Mensch zu sein scheint. Sie wirkt viel lebendiger und stärker auf den Jungen. Sam beschreibt in seinen Tagebucheinträgen auch die Vieldeutigkeit der Sprache, die er mit allen Sinnen wahrnimmt.662 Bemerkenswert ist, welchen Spannungsbogen Jansen aufbaut. Ist das ‚Fremde‘ oder ‚Exotische‘ in der herkömmlichen Reise-Literatur663 als Erstes augenfällig, und wird den jugendlichen Held_innen die Welt sonst oftmals in leicht verdaulichen Portionen oder/und in schwarz-weiß erklärt, geschieht in Herzsteine genau das Gegenteil: Die erste Irritation ist die augenfällige Ähnlichkeit zum Umfeld der reflektierenden Person – was unter der Oberfläche (des kulturellen Eisbergs) liegt, wird sukzessive aufgedeckt, aber nicht zweifelsfrei aufgelöst. Diese Irritation oder Spannung müssen die Leser_innen aushalten. Ähnlich wie Lenka in Paradiessucher ist Sam in Herzsteine im Laufe des Geschehens erwachsen(er) geworden. Die letzten fünf Seiten des Romans 658 Ebenda, S. 116f. 659 Ebenda, S. 117. 660 Ebenda, S. 116. 661 Ebenda, S. 126. 662 Vgl. ebenda, S. 134f. 663 Vgl. z.B. die Doro-Bücher von Marie-Thérèse Schins. 151 sind einem Segment mit der Überschrift Departure gewidmet. Sams Eltern beschließen endgültig sich zu trennen, und Luk will zurück nach Hamburg. Sam möchte lieber auf Sylt bei Enna bleiben. Sam kann und will nicht „zurück in [sein] altes Leben.“664 Fe gibt ein sehr vages Versprechen ab, ihren Sohn in Deutschland besuchen zu kommen und bekommt von Sam zum Abschied einen ‚Herzstein‘ geschenkt.665 Enna ist von nun an seine Heimat. Der multiperspektivisch erzählte Roman ist ein gutes Beispiel dafür, wie interkulturelle Themen im Jugendbuch literarisch anspruchsvoll bearbeitet, und wie bestimmte Erzählstrategien den Erkenntnisgewinn fördern können. Hansen gelingt es, die jungen Leser_innen über die Perspektive der Mutter und die Entwicklung der Identifikationsfigur Sam an die Problematik ethnischer Konflikte heranzuführen und die Zielgruppe vielleicht sogar dafür zu interessieren, sich weiterführend mit dem Themenkreis zu beschäftigen. Auf Sams im Klappentext angekündigter Reise zu sich selbst liegt Ruanda, das Heimatland seiner Mutter. Er muss sich einen Teil seiner Geschichte und Kultur schmerzvoll selbst erarbeiten. Dass es ihm gelingt, Unsicherheiten auszuhalten und selbstbewusst und um wertvolle Erfahrungen und Einsichten reicher nach Deutschland zurückzukehren, kann als positive Botschaft an die (jungen) Leser_innen verstanden werden. 664 Jansen, 2012, S. 188. 665 Ebenda, S. 189f. 152 5 Interkulturelle KJL ‚in Ordnung gebracht‘: Zusammenführung „Bescheuerte Idee, sich mitten in der Nacht ‚Jenseits von Afrika‘ anzusehen!“, schluchzte sie. „Du wolltest doch mitgucken“, schniefte Ava und stellte den Fernseher, auf dem gerade der Abspann lief, auf stumm. „Beige Hosen und schöne weiße Hemden habe ich bei H&M gesehen. Und so eine Weste gibt es sicher bei Zara“, überlegte sie dann laut. Ellen Alpsten, Colours of Africa 5.1 Grobrasterung der Analyseergebnisse Adoleszenz- und Entwicklungsroman, die eine Zielgruppe ansprechen, die schon über eine gewisse Leseerfahrung und ein entsprechendes Abstraktionsvermögen verfügen sollte, scheinen tendenziell besonders geeignete literarische Formate für die differenzierte Bearbeitung interkultureller Themen zu sein. Mit Herzsteine (2012) und Paradiessucher (2013) wurden zwei aktuelle Beispiele ausführlicher besprochen. Im Kontext interkultureller Themen sind weitere Exempel für eine gelungene Bearbeitung im Rahmen dieser Genres: Joachim Meyerhofer, Alle Toten fliegen hoch – Teil 1: Amerika (2011) oder Yadé Kara, Selam Berlin (2003). Beide Texte sind nicht in Jugendbuchverlagen erschienen (KiWi und Diogenes), werden aber u.a. als Jugendliteratur rezipiert. Alle Toten fliegen hoch – Teil 1: Amerika erzählt von der Sehnsucht eines Teenagers nach einem Neuanfang und seiner Zeit bei einer amerikanischen Gastfamilie.666 Der Text Selam Berlin, den Dieter Wrobel als „Adoleszenzroman, der Genregrenzen überschreitet“,667 klassifiziert, handelt vom Erwachsenwerden des 19-jährigen Hasan. Der Sohn türkischer Eltern war „mit seiner Familie jahrelang zwischen Bosporus und Spree hin- und hergependelt“ und beschließt „am Tag des 666 Meyerhoff, 2013, S. 1. 667 Wrobel, 2008, S. 34. 153 Mauerfalls [..], Istanbul zu verlassen und ganz nach Berlin zurückzukehren“.668 Selam Berlin ist laut Klappentext ein „kosmopolitisches Buch, das Klischees aufzeigt und zerstört.“669 Karin Kaçi legt mit Irgendwann in Istanbul (2013), erschienen bei Planet Girl (Thienemann-Esslinger), eine aus der Perspektive einer 22-Jährigen geschilderte Erzählung vor. Auf differenzierte Art undWeise wird eine nicht unproblematische, weil im Zusammenhang mit ethnischen Konflikten stehende Familiengeschichte aufgearbeitet, und die Suche einer jungen Frau nach sich selbst beschrieben. Klappentext und Aufmachung lassen ein eher triviales Mädchenbuch vermuten, was meine These stützt, dass Herausforderungen des interkulturellen Zusammenlebens nicht unbedingt in der Problemliteratur verortet werden müssen. Nicht zuletzt auf Grund einer komplexen Erzählstruktur fällt auch der Entwicklungsroman Der Blick hinab (2007) von Shirin Kumm positiv auf. Der Text ist bei Suhrkamp erschienen und wird nicht explizit als Jugendbuch vermarktet. Dafür wirbt der Verlag im Klappentext mit dem Stichwort der interkulturellen Zerrissenheit („interkulturell“ in Anführungszeichen) der in „behütete[r] Kindheit“ aufgewachsenen Heldin.670 Erzählt wird die Geschichte von Minni, Tochter einer persisch-deutschen Verbindung, die zum Studium gemeinsam mit ihrem Bruder von Teheran nach Darmstadt zieht. Die erzählte Zeit beginnt mit Minnis Geburt und endet mit einem Selbstmordversuch der jungen Studentin. Im Regen stehen (2000) von Zoran Drvenkar, der autobiographisch auf literarisch hohem Niveau die Entwicklung des Jugendlichen Zoran von frühester Kindheit an nachzeichnet, ist aktuell lediglich noch als Schulausgabe bei Schroedel erhältlich. Es ist zum einen erfreulich, dass das Buch über eine längere Halbwertszeit als z.B. Dilek Zaptçioğlus Der Mond isst die Sterne auf (2000) verfügt, die Aufmachung lädt jedoch kaum zur Nutzung außerhalb des Schulkontext ein. Auch ein hervorragendes Beispiel für ein 668 Kara, 2004, Klappentext. 669 Ebenda. 670 Der Preis der Originalausgabe wurde im Laufe meiner Recherchen mindestens zweimal herabgesetzt: Von Euro 7,50 auf (Stand: Mai 2014) Euro 3,95 und zuletzt (Stand: August 2014) Euro 3,49. Es würde nicht überraschen, wenn der Text als Zweitverwertung – sobald er bei Suhrkamp vergriffen ist – demnächst im Programm eines Jugendbzw. Schulbuchverlags wie z.B. Schroedel auszumachen wäre. Die Romanheldin zeigt autoaggressives Verhalten (Ritzen), ein Thema, das durchaus ‚schul-tauglich‘ ist. 154 interkulturelles Jugendbuch, das beim gleichen Verlag lieferbar ist, ist Kemal Kurts Roman Die Sonnentrinker (2002), der neben einem Generationskonflikt des jugendlichen Helden mit seinem Vater auch interkulturelle Themen sensibel und differenziert beleuchtet.671 Wie an den zuvor besprochenen Texten von Salah Naoura, Andrea Karimé oder Ute Wegmann gezeigt werden konnte, ist eine differenzierte Besprechung interkultureller Themen und Aspekte jedoch nicht allein der heranwachsenden Leserschaft vorbehalten. Texte wie Tee mit Onkel Mustafa (2011) oder Dilip und der Urknall und was danach bei uns geschah (2012) greifen nicht nur den Diskurs des Fremdseins auf, sondern eröffnen einen facettenreichen Blick auf das Zusammenleben in einer globalisierten Welt und die Herausforderungen einer diversen Gesellschaft. Gerade Autor_innen mit Migrationserfahrung und Autor_innen, die auch als Übersetzer_innen tätig sind wie Salah Naoura oder Andreas Steinhöfel, scheinen über ein besonderes kreatives Potenzial und die entsprechenden Themen zu verfügen, die mit Fingerspitzengefühl bearbeitet werden.672 Wie (politische) Diskurse so aufgegriffen werden können, dass junge Leser_innen nicht nur Perspektivübernahme üben, sondern auch die Existenz und die Bedingungen von Diskurshegemonie und Macht reflektieren oder zumindest erahnen können, wurde an Aygen-Sibel Çeliks Erzählung Seidenweg : Sinems Entscheidung (2012) gezeigt. Der Text ist zumindest in meiner Stichprobe eher eine Ausnahmeerscheinung. Von vergleichbarer Qualität sind Seidenhaar (2007) der gleichen Autorin oder dem Ansatz nach auch Irgendwann in Istanbul (2013) von Karin Kaçi.673 Tendenziell kann an der Eingangsthese festgehalten werden: Je vordergründiger interkulturelle Themen schon im Klappentext oder auf dem Buchcover angedeutet werden, desto undifferenzierter erfolgt in der Regel die Bearbeitung. Aus der Perspektive einer Interkulturellen Literaturdidaktik negativ aufgefallen sind im Rahmen der Untersuchung zum einen 671 „Ein weises Buch über Vorurteile und andere Irrtümer“ titelte der Altberliner Verlag im Klappentext der Originalausgabe (Kurt, 2002). 672 Zum Thema Migration in den Geschichten von Rico und Oskar des Autors und Übersetzers Andreas Steinhöfel vgl. Weinkauf, 2013, S. 47. 673 „Kurz bevor Bedros Istanbul erreichte, polierte er seinen Audi, bis er glänzte – als Zeichen seines wirtschaftlichen Erfolgs im goldenen Westen. Aber das beeindruckte nur die anatolischen Nachbarn. Meine Oma, mein Opa, seine drei Brüder und deren Frauen kamen nicht nach Deutschland, weil sie nach Rothenburg ob der Tauber wollten, sondern weil sie aus der Türkei weg wollten“ (Kaçi, 2013, S. 11). Über Istanbuls Außenbezirke: „Geröll, Gewerbe, industrielle Peripherie mit überdimensionalen Werbebannern, auf denen ultrawestliche Kleinfamilien voll Glück strotzten: gesund wirkende Mütter in lachsfarbenen Bügelfaltenhosen, sportliche Väter mit gelben Pullis aus guter Wolle um die Schultern und blonde Sonnenscheinkinder.“ (Ebenda, S. 133) 155 die klassische Problemliteratur mit Werken wie Milchkaffee und Streuselkuchen (1996) oder Amira, du gehörst zu uns! (2009) sowie die Reiseliteratur der Serienheldinnen Doro von Marie-Thérèse Schins und Millie von Dagmar Chidoule.674 Ausnahmen bestätigen die Regel, nämlich dann wenn – wie in Claudia Kühn Türkisch für Anfänger : Meine verrückte Familie (2007) – interkulturell bedingte Kommunikationsschwierigkeiten die Handlung vorantreiben, und bewusst mit Stereotypen gearbeitet wird, um diese zu entlarven.675 Außerdem scheint es empfehlenswert, eher auf Werke von Autor_innen zurückzugreifen, die selbst Migrations- oder ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder zumindest einen ausgeprägten persönlichen Bezug zu dem Thema haben. Maria Regina Kaiser hat sich allein auf Basis ihrer Recherchen, zu denen ein erstmaliger Moschee-Besuch gehörte, mit Wohin ich gehöre (1999) an das Thema ‚interkulturelle Zerrissenheit einer Deutsch-Türkin‘ herangewagt, was sie – wie oben gezeigt – durchaus angreifbar macht. So wirkt auch Angelika Mechtels Erzählung Flucht ins fremde Paradies 674 Was die Millie-Reihe angeht, wäre relativierend anzumerken, dass die Bücher sich an eine sehr junge Zielgruppe richten und sich eher durch kindgerechten Wortwitz (in Istanbul ruft der „Mützi“ zum Gebet und in Moskau schaut Millie in die „Mostquappe“) denn pseudo-reflektierte Beobachtungen auszeichnen. Kodjo Attikpoe hat der Autorin für ihr Jugendbuch London, Liebe und das alles (1989) einen plumpen Umgang mit rassistischen Stereotypen vorgeworfen (Attikpoe, 2003, S. 131–134). Bei Millie in Afrika (2009) geht es vordergründig, auch in Erzählzeit gemessen, um eine Safari. Menschen kommen kaum vor. Das Afrika-Bild ist in der Hauptsache das einer Region mit vielen exotischen und gefährlichen Tieren. Trotzdem ist der Text fragwürdig: Im Rahmen der Bestaunung der abenteuerlichen Kulisse begegnet man keinen Menschen, sondern ergötzt sich am Anblick kleiner Hütten: „‚Hier wohnen die Ärmsten der Armen‘, sagt Tante Gertrud. ‚Sie haben nicht einmal ein eigenes Klo. Die grünen Hütten, die hier zwischen den Behausungen stehen, sind öffentliche Toiletten.‘“ (Chidolue, 2009, S. 35) 675 Im weitesten Sinne auch ein Adoleszenzroman unter dem Motto „Weck mich, wenn ich volljährig bin“ (vgl. Kühn, 2007 – vergriffen : DVD zur Serie lieferbar, S. 184). Gemein haben die jungen Heldinnen Lena und Yagmur, dass sie durch die Pubertät müssen. Außerdem stehen beide – wie auch die (Stief-)brüder Nils und Cem – vor der Herausforderung, sich zusammen mit Lenas Mutter Doris und Yagmurs Vater Metin als (Patchwork-)Familie zu finden: „Lena ist stinksauer: Dass ihre Mutter Doris frisch verliebt ist – okay. Dass der Neue ein türkischer Kommissar ist – auch gut, als Psychotherapeutin muss Doris ja einiges abkönnen. Aber dass sie jetzt mit Metin einen auf Familie machen will, geht entschieden zu weit! Vor allem, weil der auch noch seinen Nachwuchs im Schlepptau hat: die strenggläubige Yagmur und Cem, der ständig große Töne spuckt. So viel Multikulti unter einem Dach, das kann einfach nur schief gehen!“ (Ebenda, Klappentext) 156 (1990) weitaus überzeugender als etwa Leaving Ararat (2012) von Lawson/Behrens. Mechtels Eltern waren Kriegsflüchtlinge und ihr Vater Auslandskorrespondent im Libanon.676 Namhafte Kinderbuchautor_innen sind – zumindest aus Sicht der Interkulturalist_innen – nicht immer als ‚erste Wahl‘ zu betrachten. Die Namen (Marken) Paul Maar oder Kirsten Boie sollten nicht automatisch als Garant für Expertise auch auf diesem Gebiet gelten. Das Œuvre renommierter Autor_innen wie Marie-Thérèse Schins oder Carolin Philipps, die sich programmatisch zu den Themen Auslandserfahrung, Interkulturalität oder Menschenrechte äußern, kann durchaus kritisch betrachtet werden. Die untersuchten Bücher, die im Zeitraum Mai 2013 bis April 2014 recherchiert wurden, waren fast ausnahmslos in diesem Zeitraum offiziell (noch) über den Buchhandel lieferbar.677 Wo das nicht der Fall war, wurde und wird in dieser Arbeit darauf hingewiesen. Hinzugenommen wurde noch der im Juni 2014 veröffentlichte Band Colours of Africa von Ellen Alpsten, der meine u.g. Kriterien zur Evaluierung von Kinder- und Jugendbüchern in allen Punkten bestätigt. Die Ergebnisse beschreiben eine Momentaufnahme. Welche Titel und Themen sich langfristig durchsetzen können, wird sich zeigen. Es ist zu erwarten, dass Problembücher zum Thema Flucht und Asyl auf Grund aktueller politischer und sozialer Entwicklungen wie sie (Stand: August 2014) in Mitteleuropa stattfinden, ein ‚Revival‘ erfahren oder bei entsprechender Anpassung der Lehrpläne erfahren werden. Die Kopftuch- Debatte scheint noch nicht überwunden, wie man an der kürzlich veröffentlichten Schulausgabe von Wohin ich gehöre sieht. Ausflüge in fremde Länder und Kulturen scheinen nach wie vor die Prise Exotik zu versprechen, die die triviale Literatur ‚aufpeppt‘. Siehe z.B. die Werke von Brigitte Bobel wie Herz im Gepäck (2005),Mauer im Kopf (2007) oder Heart Crash (2012) oder die Bücher ihrer Schriftstellerkollegin Christine Lehmann Die Rose von Arabien (2010) oder Der Ruf des Kolibris (2009). Ein Gegengewicht dazu bilden Autor_innen, die Multikulturalität als Teil der Normalität erfahren und verarbeiten, ohne Herausforderungen zu leugnen oder Geschichte und Machtverhältnisse zu ignorieren. Autorinnen und Autoren wie Aygen-Sibel Çelik, Rena Dumont, Hanna Jansen oder 676 Vgl. http://www.mechtel.de/portrait.htm (zuletzt geprüft am 16.08.2014) 677 Das Korpus ist im Literaturverzeichnis unter Primärliteratur: KJL 1989–2014 ausgewiesen. Bücher, die schon vergriffen sind oder nicht in den Untersuchungszeitraum oder -schwerpunkt fallen, werden als Primärliteratur: KJL außerhalb und im Grenzbereich der Stichprobe ausgewiesen. 157 Zoran Drvenkar sollten in diesem Sinne ‚unter dringende Beobachtung‘ gestellt und deren Neuerscheinungen mit Spannung erwartet werden. 5.2 Rasterwinkelung (das rechte Verhältnis von . . . zu . . . ) Welche Ausgangspunkte bieten sich für interessierte Laien, Pädagog_innen oder junge Buchkäufer_innen, Kinder- und Jugendliteratur zu interkulturellen Begegnungen einzuschätzen? Sich also bei der Wahl der Lektüre nicht (ausschließlich) auf Empfehlungen, Rezensionen oder den friedenspädagogischen Ruf des/der Autor_in zu verlassen? Abbildung 5.1: Rasterzähler (auch Fadenzähler) Ich benenne im Folgenden Kriterien zur Evaluierung der Qualität interkultureller KJL. Um einer Schwarz-Weiß-Zeichnung vorzubauen, arbeite ich mit dem Begriff des Rasterpunktes. „Rasterpunkt“ ist ein Begriff aus der Drucktechnik. Rasterpunkte sind notwendig, um Graustufen wiedergeben zu können. Je nach Rasterung wird im Ergebnis ein scharfer Kontrast dargestellt oder ein differenziertes, abgestuftes Bild wiedergegeben. Ich bediene mich einer weiteren Analogie zur Drucktechnik: Für den Farbdruck benötigt man lediglich vier Töne, Cyan (ein Blau), Magenta (das Pink der Telekom), Yellow (Gelb) und Schwarz (auch als Kontrast bezeichnet). Daneben gibt es fertig gemischte Sonderfarben (z.B. HKS- oder Pantone- Farben). Ein Schwarz-Weiß- oder Vierfarbdruck (CMYK) kann zusätzlich mit diesen oder anderen Schmuckfarben veredelt werden. Verwendet man 158 zu viele Farben oder eine zu hohe Rasterfrequenz, wird das Druckergebnis ab einem bestimmten Punkt unbrauchbar.678 Ich konzentriere ich mich daher auf die Ausdifferenzierung von insgesamt vier Kriterien, die für die Beurteilung von interkultureller KJL herangezogen werden können: Den Handlungsort, das Autor_innenprofil, die Figurenkonstellation und das Verlagsprofil. Wo es mir zweckdienlich scheint, ergänze ich das Bild um zusätzliche Aspekte. Mein Fokus liegt im Folgenden darauf, herauszufinden, inwieweit sich über einen im Titel oder Untertitel ausdrücklich genannten geographischen Handlungsort oder eine angedeutete, geographisch verortete Grenz- überschreitung Lektüre-Empfehlungen ableiten lassen. Dazu sortiere ich die identifizierten Titel meiner Stichprobe nach Aktionsräumen. 5.2.1 Handlungsort: New York, Istanbul oder einfach nur Afrika? Insgesamt 40 mal wurde in meiner Stichprobe von 123 Kinder- und Jugendbüchern ein geographischer (Handlungs-)ort explizit im Titel oder Untertitel erwähnt.679 Mit am präsentesten im deutschsprachigen Kinder- und 678 Zur optischen Ermittlung der Rastergröße benötigt man einen Raster- oder Fadenzähler, da beim Betrachten des Drucks bei normalem Leseabstand die unterschiedlich großen Rasterpunkte und die Zwischenräume des Bedruckstoffes für den Betrachter ineinanderlaufen. 679 Die explizite Nennung eines Handlungsortes machte es für mich zu Beginn meiner Recherchen auch leichter, überhaupt Titel zu identifizieren. Auch im Folgenden kann als Faustregel konstatiert werden: Je plakativer eine interkulturelle Begegnung über den Titel impliziert wird, desto weniger zielt der/die Autor_in auf eine differenzierte Bearbeitung interkultureller Phänomene ab. Eine Reise (das Reiseziel bzw. Ankunftsland im Folgenden jeweils in Fettdruck) oder interkulturelle Begegnung implizieren mehr oder weniger die in Summe 13 Titel Herz im Gepäck (Blobel 2009b: Deutschland – Amerika), in Verbindung mit der Titelgestaltung Asphaltsommer (Bruder 2012: Deutschland – Frankreich), Seidenweg (Çelik 2012: Deutschland – Istanbul), Der Ruf der Elefanten (De Cesco 2005: Deutschland – Kenia), in Verbindung mit dem Titelmotiv Paradiessucher (Dumont 2013: Tschechische Republik – Deutschland), zusammen mit dem Cover Die Welt und ich (Einwohlt 2013: Deutschland – Mallorca), Conny und die Austauschschülerin (Hoßfeld 2010: Großbritannien – Deutschland), Der Ruf des Kolibris (Lehmann 2009: Deutschland – Kolumbien), Küssen auf Amerikanisch (Mayer 2013: Düsseldorf – New York), Flucht ins fremde Paradies (Mechtel 1990. Originalausgabe vergriffen, gekürzt und vereinfacht noch als Easy Reader, Klett Verlag, Stuttgart, 2010, lieferbar: Iran – Deutschland) und – sofern man das Profil der Autorin kennt – Weiße Blüten im Gelben Fluss (Philipps 2004: Deutschland – China). Außerdem wären zu nennen Spanier küssen anders (Poznanski 2006: Spanien – Österreich), sowie eine deutsch-deutsche Begegnung ankündigend Fritzi war dabei : Eine Wendewundergeschichte (Schott/Junge Ill. 2009: ‚East meets West‘). 159 Jugendbuchmarkt scheinen als Handlungsorte Afrika als Kontinent, Amerika mit der offenbar heimlichen Hauptstadt New York sowie Istanbul oder die Türkei zu sein. „Afrika“ im Titel Im Zusammenhang mit dem Aktionsraum „Afrika“ im Titel können für die folgenden Kinder- und Jugendbücher die Stichpunkte „Entwicklungshilfe“, „Safari“, „Abenteuerreise“ und „Besuch der Familie“ genannt werden. In Aufmachung, Perspektive (erzählt wird aus der Sicht von und für Expat-Kinder) und Reflexion über Afrika (respektvoll und differenziert, Gemeinsamkeiten statt Trennendes hervorhebend) stechen die Simon in Ruanda-Bände heraus. Für Colours of Africa (2014) von Ellen Alpsten, erschienen bei Coppenrath, kann der Handlungsort auf Kenia eingegrenzt werden. Nach dem Abitur weiß Ava nichts mit sich anzufangen und entscheidet spontan, bei einer Hilfsorganisation anzuheuern. Vor Ort gerät sie in einen „Strudel der Gefühle“ und kann sich nicht zwischen zwei potenziellen Liebhabern entscheiden.680 Zumindest modisch hat sie sich intensiv auf ihren Aufenthalt vorbereitet. Millie in Afrika (2009), Dagmar Chidolue, Dressler Verlag spielt in Südafrika, Johannesburg, Krüger Park. Millie will Löwen streicheln und ist von „Knallpeng-Lauten faszinier[t]“.681 Am nächtlichen Lagerfeuer sitzend bekommen Juli, François und Michael in Stern über Afrika (2013) von Iris Lemanczyk und TiNO bei Horlemann Verlag von ihrem Fahrer und zwei jugendlichen Gehilfen Geschichten erzählt. Doros erste Reise geht nach Afrika: In Afrika war ich nie allein (1999), Marie Thérèse Schins, Peter Hammer Verlag. Handlungsraum ist Westafrika, Ghana und Togo. Die „neugierige Doro“ kommt „aus dem Staunen nicht heraus“. Sie bewohnt ein Haus mit fließend Wasser („für afrikanische Maßstäbe purer Luxus“) und es gibt sogar eine Toilette. Als diese einmal besetzt ist, uriniert sie beherzt in die Dusche („ausnahmsweise“). Doro ist eine Heldin ohne Furcht und Tadel. Doro sieht, „wie wenig die Leute hier zum Leben brauchen“ und kommt zu dem Schluss „dass wir in Deutschland viel zu viel kaufen und anschaffen.“ Die Weißen aus Europa haben, so lernt Doro, „zwar beim Aufbau von Straßen, Schulen und Krankenhäusern geholfen [..], aber sie haben das Land auch ausgeplündert.“ Trotzdem sind die Menschen freundlich zu Doro und ihrem Vater und überhaupt wird viel gelacht.682 680 Alpsten 2014, Klappentext, S. 34. 681 Chidolue 2009, Klappentext. 682 Schins/Oeser Ill. 2008, Klappentext, S. 22, 45, 72, 56f, 19. 160 Marie hat jetzt Stachelzöpfe : Von Europa nach Afrika und zurück (2006), von Sylvia Schopf mit Illustrationen von Susanne Smajić bei Annette Betz Verlag ist ein quadratisches Bilderbuch, das – was der bei der Deutschen Nationalbibliothek gemeldete o.g. Titel nicht vermuten lässt – auch die Perspektive „Von Afrika nach Europa und zurück“ abbildet (das Buch muss dazu gewendet werden). Maries Mutter stammt aus Burkina Faso, man macht sich auf zum Familienbesuch. Bald darauf bekommt Maries binationale Kleinfamilie Gegenbesuch. Auch für eine jüngere Zielgruppe ist TUSO: Eine wahre Geschichte aus Afrika (2009), Hanna Schott mit Bildern von Franziska Junge, verfasst. Handlungsort ist Tansania. Erschienen bei Klett Kinderbuch als laut Klappentext „literarische Kinderreportage: Aufregend, authentisch, optimistisch.“ Den Straßenjungen Tuso hat die Autorin über Angelika Wohlenberg, auch genannt „Mama Massai“683 kennengelernt. Tuso, der als Vierjähriger aus seinem Heimatdorf geflohen ist, bekommt als Jugendlicher Dank einer großen, blonden Frau die Chance, Lesen und Schreiben zu lernen. Meine Oma lebt in Afrika (1998), Beltz & Gelberg ist erstmals 1994 unter dem Titel Ich habe eine Oma in Afrika bei Thienemann Verlag erschienen. Der Text ist von Annelies Schwarz, die Illustrationen zur aktuellen Ausgabe von Marlies Rieper-Bastian: Eric fliegt mit seinem afrikanischen Papa nach Ghana und besucht seine Oma. Sein bester Freund Flo darf mit. In Ghana ist vieles anders als in Bremen. Hier ist es nämlich Flo, der auffällt zwischen all den schwarzen Kindern. Sie erleben aufregende Tage in dieser anderen Welt, wo es Krokodile gibt, wo ein Gewitter noch [sic] ein richtiges Unwetter ist, und wo Aba lebt, die Schlangenbeschwörerin werden möchte.684 Akuabo – sei willkommen! Reise in ein Dorf in Ghana (1990), auch Annelies Schwarz, ist bei Deutscher Taschenbuch Verlag erschienen. Die 17jährige Sonja reist mit selbstverdientem Geld zu einer deutschen Missionsstation in Ghana, um die Probleme der Menschen kennen zu lernen und Freundschaften zu schließen. Als sie merkt, dass sie „für viele nur die ‚reiche Europäerin‘ ist“, ist sie bitter enttäuscht. Und das, wo eine deutsche Firma eine Straße gebaut und „den Fortschritt in die Western Region“ gebracht hat. Und obwohl Missionare Geld bringen und Englisch unterrichten, denn „[o]hne die Sprache unserer ehemaligen Kolonialherren läuft nichts.“685 683 Vgl. Schott 2006: Mama Massai : Angelika Wohlenberg – die wilde Heilige der Steppe. 684 Schwarz/Rieper-Bastian Ill. 1998, Klappentext. 685 Schwarz, 1991, Klappentext, S. 29, 103ff. 161 Die beiden Bände Simon in Ruanda : Die Abreise und Simon in Ruanda: Der Plastiktütenfußball, beide 2013 erschienen, wurden von Jesko Johannsen getextet und von Viktoria Blomén illustriert. Veröffentlicht wurde im Eigenverlag. Der Autor, Journalist und Expatriate, hat für seine beiden Kinder, beim Umzug nach Ruanda drei und fünf Jahre alt, ein Bilderbuch verfasst. Bilderbuchheld Simon „ist ein Junge wie jeder andere, der Kulturen verbindet und Horizonte erweitert. Simon erlebt Afrika mit europäischen Augen. So können Kinder in Deutschland ganz selbstverständlich lernen, wie Afrika wirklich ist.“ Im Landeanflug auf Kigali (Band 1 ) kann Simon Hütten und Hochhäuser ausmachen. Afrika ist ein im Vergleich zu Europa großer Kontinent und in Ruanda sind viele Leute arm.686 Band 2 : „Auf einer schlammigen Straße mitten in Kigali wird Simon in ein Fußballspiel verwickelt.“ Nachdem er beobachtet hat, wie Kinder mit einem zerfledderten, eher wie ein Bündel anmutenden Ball kicken, bettelt er den Vater an, er möge doch einen Ball für die jungen Spieler_innen kaufen. Simon überreicht den Ball, stolz auf seine neu erworbenen Englischkenntnisse mit „This is for you“ und wird eingeladen, mitzuspielen. Der Ball übersteht das Spiel nicht – aus einem Loch weicht die Luft aus. Nun müssen die Kinder mit dem selbst gebastelten Plastiktütenfußball weiterspielen, was auch seinen Vorteil hat, denn aus dem „kann wenigstens keine Luft raus gehen.“687 Nach Kodjo Attikpoe, der im Rahmen seiner Dissertation das Bild der Schwarzafrikaner in neueren Kinder- und Jugendbüchern (1980–1999) untersucht hat, hat das Afrikabild keinen substanziellen Wandel erfahren. Immer noch bleibe, so sein Fazit, „Afrika der Kontinent der Projektionen.“ Attikpoe hält die „Schilderung[.] exotische[r] Sehnsüchte“ in dieser KJL für kennzeichnend. Hier erfülle Afrika „die kompensatorische Funktion, die ihm seit jeher zugewiesen wird.“688 Ansonsten würde das „afrikanische Problem“, der „mal africain“, eine unbestreitbare Tatsache an sich, „nicht [im] Geflecht von Ursache und Wirkung“ beleuchtet. Schwarzafrikaner_innen würden als „bejammerns- und bemitleidenswerte[.] Menschen“ dargestellt.689 Was einen Wandel angeht, ist er wenig optimistisch. Die wenigen afrikanischen Schriftsteller_innen, die es auf den deutschen Markt 686 Johannsen/Blomén Ill. 2013a, S. 31, 18f, 9f. 687 Johannsen/Blomén Ill. 2013b, Klappentext, S. 9ff, 19, 27. 688 Attikpoe, 2003, S. 207. Attikpoe benennt in seiner Zusammenfassung keinen Vergleichszeitraum, bezieht sich aber in seiner Arbeit immer wieder auf die Kolonialzeit. 689 Ebenda, S. 208. 162 schafften und ihre Sichtweise einbringen könnten, würden wohl kaum „Substanzielles an der ‚weißen Haltung‘ ändern können.“690 Vielleicht kann zumindest das eine oder andere Self-Publishing-Projekt wie Simon das Bild ein wenig relativieren helfen. „Orient“ (im weitesten Sinne) und Metropole „Istanbul“ Meinem Fazit vorausgreifend fasse ich die folgenden elf Titel unter der Überschrift „Orient“ (im weitesten Sinne: Indien, China sowie Vietnam und Armenien schließe ich neben „Arabien“, dem Iran und der Türkei mit ein) und „Istanbul“ als Metropole zusammen. Damit grenze ich die Handlungsorte zum einen geographisch ab, zum anderen kommt zum Ausdruck, dass der Begriff „Orient“ noch ganz anders als geographisch aufgeladen ist. In Orientalism hat Edward W. Said die Geschichte und Beschaffenheit der westlichen Wahrnehmung des Ostens studiert und herausgearbeitet, dass der Orient eine im wahrsten Sinne des Wortes machtvolle ideologische Erfindung Europas ist. Said zeigt eine Tradition der Beschreibung des Orient als „irrational, depraved (fallen), childlike, ‚different‘“691 auf. Über diese Darstellungen kann sich der Westen über den Osten stellen, denn im Gegensatz zu den Orientalen sind – so die Logik – die Europäer „rational, virtous, mature, ‚normal‘“.692 Das über den Orient weitergegebene Wissen kreiert, manifestiert und konserviert ‚den Orient‘. Das so gesammelte Wissen um die vermeintliche Andersartigkeit oder sogar Minderwertigkeit der Menschen im Orient rechtfertigt die Durchsetzung eigener Machtinteressen. Im Diskurs um einen möglichen EU-Beitritt der Türkei kann dieses Wissen bzw. können diese Zuschreibungen von Akteuren verwendet bzw. sogar als in der Diskursgemeinschaft bekannt vorausgesetzt gelten. Somit werden auch Kinder- und Jugendbücher politisch, denn auch durch sie verfestigt sich das Orientbild oder kann korrigiert werden. Wie Said herausstellt, kommt es auch bei sogenannten realistischen Darstellungen nicht darauf an, den Fokus darauf zu legen, ob eine Darstellung korrekt ist, sondern „the things to look at are style, figures of speech, setting, narrative devices, historical and social circumstances.“693 Und genau hier ist es schwierig anzusetzen, wenn Kinderbuch-Rezensionen und Klappentexte immer wieder 690 Ebenda, S. 209. 691 Said, 2003, S. 40. 692 Ebenda. 693 Ebenda, S. 21. Es darf gerne ein Selbstversuch gewagt werden: Am 26. Juni 2014 teasert DIE ZEIT auf der Titelseite einen Feuilleton-Beitrag mit „Es gibt diese Welt nicht mehr! Navid Kermani trauert um den Zauber des Orients“ an. Was assoziiert wohl der Großteil der ZEIT -Leser_innen, der – und das soll die Zielgruppe der Publikation nicht als weniger gebildet darstellen, als sie den Mediadaten zufolge 163 auf die Authentizität der Darstellungen verweisen und ‚gut-menschelnde‘ Autor_innen und Romanheld_innen als lobenswert herausstellen.694 Im Folgenden liste ich demnach die Publikationen meiner Stichprobe, die die o.g. Orte im Titel haben. Was Said herausgearbeitet hat, kann im Übrigen genauso als Brille für die meisten Afrika-Kinderbücher gelten, ungeachtet dessen, ob Nord- (also mit z.B. dem orientalischen Ägypten) oder Süd-Afrika der geographische Handlungsort ist. In Die Rose von Arabien (2010), Christine Lehmann bei Thienemann Verlag, verliebt sich die 16-jährige Finja Hals über Kopf in den – dem Klischee des geheimnisvollen Orientalen voll und ganz entsprechenden – Scheich Chalil, den „Fremde[n] vom anderen Stern“. Sie begleitet ihren Vater zu Chalils Familie nach Dubai und „[i]m heißen Orient entbrennt ein Feuer zwischen den beiden, das niemand kontrollieren kann.“ Die zwei fühlen sich gefangen zwischen „Freiheit und Tradition“ und finden final in den Schweizer Bergen zueinander.695 Weitaus weniger heißblütig und ‚berechenbarer‘ geben sich die drei Autoren der Autobiographie UNER- WÜNSCHT : Drei Brüder aus dem Iran erzählen ihre deutsche Geschichte (2012), Mojtaba Sadinam et al., erschienen bei Bloomsbury. Die drei jungen Männer berichten unaufgeregt von ihrer Kindheit im Iran, ihrer Flucht nach Deutschland, und ihrem langsamen, aber offensichtlich erfolgreichen Einleben. Adile : Ein Mädchen aus Istanbul (2011) von Anja Tuckermann, ist – Kermani vielleicht (noch) nicht einmal kennt? Noch dazu, wenn darüber außerdem die Artikelvorschau „Sommerlektüre! Von T.C. Boyle bis Kipling: Die besten Bücher für den Urlaub“ platziert ist (vgl. Ausgabe 27/2014)? Der Beitrag Kermanis kann bei Interesse nachgelesen werden unter http://www.navidkermani.de/media/ raw/DieZeit\_Arabien\_NKermani\_26062014.pdf (zuletzt geprüft am 16.08.2014). Auf seiner Homepage teasert der Autor seinen Artikel mit „Es gibt diese Welt nicht mehr. Ein persönlicher Abschied von einem Orient, der anarchisch, bunt gemischt und tolerant war“ an. So viel Platz hätte die ZEIT -Ausgabe übrigens auch auf dem Titel gehabt. 694 Vgl. z.B. Grunt, 2001, S. 10: „Statt auf dramatische politische oder soziale Phänomene zu setzen, schildert Schins in Tagebuchform die elementaren Erfahrungen eines Mädchens in einer ihr vollkommen unvertrauten Umgebung. Dabei erreicht sie die größtmögliche Nachvollziehbarkeit und Objektivität der Darstellung fremder Kulturen, indem unverschleiert aus der offensichtlich subjektiven Ich-Perspektive der 12jährigen Doro erzählt wird.“ Die Rezension bezieht sich auf die beiden Bände In Afrika war ich nie allein (1999) und Ein Elefant kommt selten allein : Doro in Indien (2000) von Marie-Thérèse Schins. 695 Lehmann, 2013, S. 8, Klappentext, S. 571ff. Zum Orient als Gegenstand der westlichen Belletristik vgl. Hodaie, 2008, S. 25–32. Lehmann ‚schöpft aus dem Vollen‘, was die Darstellung fantastischen Reichtums, orientalischer Exotik und maßloser Wollust angeht. 164 Klett Kinderbuch, ist laut Klappentext die „wahre Geschichte einer bewegten türkisch-deutschen Kindheit aus der Zeit, als die ersten Gastarbeiter kamen.“ Wie das afrikanische Straßenkind Tuso696 freut sich die 1964 geborene Adile als Kind, „wenn es viel zu essen gab und sie manchmal etwas für sich allein hatte.“697 Adiles Vater, ein frustrierter Gastarbeiter, terrorisiert die Familie. Adile geht zurück ins rückständige Istanbul und zieht dann wieder zu ihrer Familie nach Berlin-Kreuzberg. Das Blatt wendet sich für sie, als sie sich einer Lehrerin anvertraut und in ein Frauenhaus geht. Der/die implizite Autor_in gibt im dokumentarischen Teil an, seit der Schule, genauer, der 9. Klasse mit Adile befreundet zu sein. Auch Istanbul darf in Dagmar Chidolues Millie-Reihe nicht fehlen: Millie, jetzt schon in der dritten Klasse, reist in Millie in Istanbul (2010), Dressler Verlag, mit ihrer Familie während des Ramadan („Ram-ta-tam“) nach Istanbul. Glück gehabt, Kinder und Reisende müssen nicht fasten. Damit der Teppich in der Moschee nicht schmutzig wird, zieht man die Schuhe aus. Im Bazar wartet die „Pracht von Tausendundeine Nacht“ auf sie, „Diese Farben! Diese Muster!“. Ende gut, alles gut: Zum Zuckerfest gibt es „Bauchkuller“- und „Winke-winke-Tanz“.698 Auch Ferien in Istanbul macht Tuana, Hauptfigur in Yakamoz : Eine Liebe in Istanbul (2014), Aygen-Sibel Çelik, Originalausgabe bei Oetinger Taschenbuch: „Seit ihrem letzten Türkei-Urlaub kann Tuana nur noch an Noyan denken. Sie muss ihn unbedingt wiedersehen und überredet ihre Eltern, dass sie in den Sommerferien ihre Oma in Istanbul besuchen darf.“ Jedoch – hat Noyan eine Freundin? Wäre der Verdacht nicht besorgniserregend genug, wird von den Eltern des unbeholfenen Nachbarjungen bei der Oma auch noch überraschend und ganz traditionell („Und dann, dann kam der verhasste rituelle Spruch, den ich schon so oft in alten türkischen Filmen gesehen hatte“) um Tuanas Hand angehalten. Die Großmutter ist 696 In TUSO (2009), gleicher Verlag, vgl. oben. 697 Es stellt sich die Frage, ob der Verlag oder die Autorin einmal zu oft die Copy&Paste- Tasten gedrückt haben: Deutschland, so heißt es im dokumentarischen Teil am Ende des Buches, hätte zu „dieser Zeit“ (erst wird auf Adiles Kindheit, um 1971, Bezug genommen, dann ist die Rede davon, dass ab 1961 auch Arbeitskräfte aus der Türkei angeworben wurden) die Gastarbeiter eingeladen. Gleich im Anschluss, noch im gleichen Absatz heißt es: „In Deutschland war nach dem Krieg sehr viel zerstört: Wohnhäuser, Schulen, Fabriken, Straßen, Bahnverbindungen. Alles musste wieder aufgebaut werden. Und die Leute wollten ihr Leben wieder gut einrichten. Es fehlte auch an Ärzten und Ingenieuren. Und auch in der Landwirtschaft wurden Menschen gebraucht.“ Unmittelbar danach ist die Rede von den Gastarbeitern, zu denen auch Adiles Vater gehört haben soll (vgl. Tuckermann 2011, S. 83ff). 698 Chidolue, 2010a, S. 35, 42, 62, 175. 165 entsetzt. Tuana stürzt sich erst einmal vor Schreck in die Istanbuler Party- Szene und macht die Nacht zum Tag.699 Auch Ani in Irgendwann in Istanbul (2013) von Karin Kaçi bei Thienemann Verlag verbringt Zeit bei ihrer Oma: Sprudelnd vor Neugier und mit ihrem Fotoapparat in der Tasche macht Ani sich auf die Reise nach Istanbul – die Stadt, in der ihre Wurzeln liegen. Hier findet sie die Orte aus den Erzählungen ihrer Großmutter und lernt Batu kennen, mit dem sie das prachtvolle vergangene Konstantinopel entdeckt, aber auch die pulsierende neue Seite der Metropole. Ani verliebt sich, obwohl sie mit diesem Jungen nicht glücklich werden kann, und kommt ihrer eigenen [armenischen] Geschichte damit dichter auf die Spur, als sie gehofft hatte.“700 Höhepunkt des Sommerurlaubs der Deutsch-Chinesin Lisa in Leela Wangs Sommerferien in Peking (2010) ist die Rettung eines Pandabären. Bis es soweit kommt, haben die Leser_innen einiges über die chinesische Kultur (nicht: Geschichte) gelernt. Erschienen ist das Buch bei Baumhaus.701 Als „mitreißende Story mit realem Hintergrund“ präsentiert Ueberreuter Carolin Philipps’ Erzählung Made in Vietnam (2009). Die 14jährige Fabrikarbeiterin Lan wird von der Tochter eines deutschen Arbeitsinspektors zusammen mit dem Vater des Fabrikbesitzers aus ihrem Elend errettet.702 In Ein Elefant kommt selten allein : Doro in Indien (2000) von Marie- Thérèse Schins bei Peter Hammer Verlag setzt Doro nach ihren Erlebnissen in Afrika engagiert ihre ‚Dritte-Welt-Toiletten-Inquisition‘ fort: Während Doro in Mumbai mit ihrem Vater das Taj Mahal Intercontinental ansteuert, weil sie wieder ‚mal muss‘, kommt „ein Mann aus den Büschen gekrochen“, der offensichtlich ein ähnliches Bedürfnis gehabt hatte. Schlimm, denn „[v]iele Menschen, die hier leben, kommen vom Land. Und sie benehmen sich leider oft so, als wären sie immer noch da.“ Und überhaupt, „können die einen erschrecken, die Inder! Sie gehen fast immer barfuß und oft so leise wie ihre Elefanten.“ Trotzdem findet Doro wie auch in Afrika schnell Anschluss zur Bevölkerung: Kann Doro ihr Frühstück nicht gütig mit Straßenkindern teilen, tut es auch ein Tier: „Heute ist eine Ziege meine Frühstücksfreundin. Mal was ganz anderes.“703 Auch Autor TINO ist durch 699 Çelik, 2014a, Klappentext, S. 141. 700 Kaçi, 2013, Klappentext. 701 Vgl. Kapitel 4.2.2 702 Philipps, 2014, Klappentext. 703 Schins/Oeser Ill., 2000, S. 55, 69, 68. 166 Indien gereist und teilt seine Erlebnisse in Der Elefant im Klassenzimmer : Eine Reise durch Indien (2011), bei Allitera Verlag: Mehr als ein halbes Jahr reiste der Autor TINO durch Indien. Er besuchte Tempel und Paläste und begegnete Heiligen, Bettlern und einem Maharadscha. TINO streifte durch Dschungel, Wüsten und durch große Städte. Dieses Buch erzählt von seinen Abenteuern in diesem eindrucksvollen Land. Über Mumbai erfahren die Leser_innen immerhin, dass es „die reichste Stadt Indiens“ ist, „viele Millionäre“ dort leben und „die meisten Kinofilme der Welt [dort] gedreht“ werden. Sehr viel mehr zum urbanen und modernen Indien erfährt man nicht, maximal dass ein Studium in Europa attraktiv für junge Inder_innen sein soll. Ansonsten wimmelt es in der Erzählung – wie der einleitende Verweis auf Kiplings Dschungelbuch schon vermuten lässt – von Affen und Schlangenbeschwörern. TINO besucht „[e]ine Märchenstadt aus 1001 Nacht – mit einem Kamelparkplatz“ und erklärt, warum auch im Elend lebende Straßenkinder immer fröhlich sind. Weil nämlich die Familien in Indien, anders als in Deutschland, zusammen halten und man sich aufeinander verlassen kann. Einfach märchenhaft!704 Die Liste explizit im Titel genannter orientalischer Handlungsorte in meiner Stichprobe endet mit Leaving Ararat : Abenteuer Einwanderung (2012) von Susanna Lawson und Doris A. Behrens, Verlag Johannes Heyn. Mit dem Flugzeug über Eriwan, Moskau und Prag nach Österreich geht die Reise von Lusine, Lala und ihren Eltern aus Armenien. Armenien wird in der Hauptsache im Kontrast zu Österreich dargestellt. In der Caritas- Kleiderkammer geraten die Schwestern ob des Überflusses in Verzückung und in der Schule sind sie „geblendet von all dem Neuen.“ Kein Wunder, in Armenien reist man z.B. mit einem „klapprigen Linienbus“ über „furchtbar schlechte Passstraße[n].“ Immerhin hatten die Kinder – anders als ihre Freunde Ali und Reza aus Afghanistan – vor ihrer Zeit in Österreich schon mal einen Fernseher gesehen.705 Go West: New York, Paris, London. . . Wie sieht es mit Kinder- und Jugendbüchern aus, die westliche Destinationen im Titel ankündigen? Besonders junge Frauen scheinen sich in der KJL gerne gen Westen zu orientieren. Die Motivation für ein Jahr als Au- Pair oder Austauschschüler_in liegt oftmals darin, dass eine erste Liebe 704 TINO, 2011, S. 30, 33, 11, 55. 705 Lawson/Behrens, 2012, S. 32, 42, 21, 66. 167 in der Heimat gescheitert ist oder auf die Probe gestellt werden soll. Ein anfänglich mit Skepsis betrachteter Gast-Bruder gewinnt nicht selten das Herz einer jungen, vom Flair der neu zu entdeckenden Stadt bezauberten Protagonistin. ¡Hasta la vista! Barcelona (2013) titelt Angela Gerrits’ Jugendbuch, erschienen in der Reihe CITY TO GO bei Oetinger Taschenbuch. Die 15jährige Nina ist frustriert. Ihre Eltern wollen aus Hamburg wegziehen und ihr Freund Sören hängt immer noch an seiner Exfreundin. Der süße Barkeeper José aus Barcelona verdreht Ninas Freundin Silvie den Kopf, und so schreiben sich die beiden Mädchen dort bei einer Sprachschule ein. Der gebürtige Freiburger Ramón, Touristenführer, ist anders als die „spanische[n] Herzensbrecher“, und so begeistert sich Nina nicht nur für Miró.706 In Alles wegen Amélie : Paris (2013), Angie Westhoff, auch in der Reihe CITY TO GO, heißt die frustrierte Heldin Sina. Ihr Freund hat per SMS Schluss gemacht, und seit Sinas Mutter einen neuen Freund hat, fühlt sie sich vernachlässigt. Sina geht – inspiriert von dem Film Die fabelhafte Welt der Amélie für ein Jahr nach Paris. „Sie genießt den Flair der Stadt und verliebt sich in Raphael, den Sohn ihrer Gasteltern.“ Der hat auch schon in Deutschland gelebt, sodass es zumindest keine Sprachprobleme zwischen den beiden gibt.707 Auch Ava verschlägt es für kurze Zeit nach Paris: Eine Liebe in Paris (2011), Ellen Alpsten, erschienen bei Coppenrath. Die junge Frau bekommt auf dem Flug nach Paris von der „Saftschubse“ ein Upgrade in die erste Klasse. Dort lernt sie Jean-Loup kennen: „Ava erlebt einen Schnellkurs in Sachen Leben und Liebe – bittersüß und unvergesslich!“708 Für Niki geht die Reise in die USA. Coppenrath bewirbt Karin Lankers’ New York Love Story (2012) auf dem Klappentext wie folgt: Niki ist am Boden zerstört, als ihre große Liebe Simon Schluss macht und mit seiner Band nach New York verschwindet. Wie kann sie Simon bloß zurückgewinnen? Kurz entschlossen nimmt die 16-jährige einen Job als Au-Pair in New York an. Aber der Trip in die Fashion-Metropole entwickelt sich schnell zum Albtraum: Die Zwillinge Gwyn und Gwen sind verzogen, die Gastmutter behandelt Niki wie ein Dienstmädchen und Simon ist unauffindbar. Dann taucht auch noch der smarte David auf, und Niki weiß überhaupt nicht mehr, wo ihr der Kopf steht! 706 Gerrits 2013a, Klappentext. 707 Westhoff 2013, Klappentext, S. 21. 708 Alpsten 2011, S. 21ff, Klappentext. 168 Auch nicht charmanter und einfühlsamer als die barbiepuppenhafte Gastmutter und die Zwillinge ist die polnische Haushälterin Danuta. Schön, dass der erst als spröde und arrogant wahrgenommene Gastbruder wenigstens auftaut und Nikis Herz gewinnt. . . Ansonsten ist alles, wie Niki es aus den amerikanischen TV-Serien Gossip Girl und Sex and the City kennt.709 Ein dritter Band der Oetinger CITY TO GO-Reihe ist Uptown Groove New York (2012) von Maiken Nielsen. Die 15-jährige Hannah aus einem „Kleinkummerfelder Reihenhaus“ will etwas Abstand von ihren überbesorgten Eltern gewinnen und geht in der 10. Klasse für ein Jahr nach New York. Ob die Gastschwester wohl zickig und die Gasteltern „oberspießige Religionsfanatiker“ sind? In New York angekommen wirkt zumindest der Taxi-Fahrer vertraut – „wie aus einem Bollywood-Film“. Aber eine Überraschung wartet auf Hannah: Die vermeintliche Gastschwester Jackie entpuppt sich als gutaussehender Gastbruder, „absolut hot“.710 Eine Ausnahmeerscheinung ist Alle Toten fliegen hoch : Teil 1: Amerika (2010) von Joachim Meyerhoff, KiWi: Ein Aufbruch als Ausbruch: In seinem hochgelobten Debütroman führt Joachim Meyerhoff seinen Ich-Erzähler, den Sohn eines Psychiatriedirektors, aus der norddeutschen Provinz in die Weiten des amerikanischen Westens – und in ein Wechselbad der Gefühle.711 Dort an der Highschool mogelt sich der 18-Jährige, dessen Englisch erbärmlich ist, durch den Stundenplan. In Deutsch z.B. ist er zum ersten Mal in seinem Leben Klassenbester. Das von ihrer Lyrikleidenschaft geprägte Deutsch der Lehrerin („Wir werden heute dem Sommer huldigen und uns hinausbegeben!“) relativiert die Unbeholfenheit des Schülers. Der vom Veranstalter des Austausch-Programms angekündigte Kulturschock bleibt für den Romanhelden erst einmal aus und auch die Fantasien bezüglich einer abenteuerlichen Romanze mit der Gastschwester werden nicht erfüllt. Im Grunde ist alles wie zu Hause: „arbeitende Eltern, freundlich, aber nie da. [...] Und einen Hund hatten sie auch.“712 Wieder vorhersagbar ist Jojo welcome to Hollywood (2012) von Hortense Ullrich bei Planet Girl (Thienemann Verlag). Jojo hat „mit ihrer Gastfamilie den Hauptgewinn gezogen“ und steht in Los Angeles maximal was die spanisch sprechende Haushaltshilfe angeht vor interkulturellen Herausforderungen. Einen „unverhofften Märchenprinzen“ hat es auch.713 Paulas 709 Lankers 2012, Klappentext, 56, 91, 62, 85, 103. 710 Nielsen 2012, S. 7, 11, 13, 19, 24. 711 Meyerhoff, 2013, Klappentext. 712 Ebenda, S. 149f, 46, 124. 713 Ullrich, 2012, Klappentext, S. 52. 169 New-York-Buch (2006) von Ulrike Kuckero in der Reihe Chaos : Küsse : Katastrophen bei Rowohlt schickt auch Paula über den großen Teich: Paula darf mit ihrem Vater zum Marathon nach New York. „Doch damit nicht genug – ihre Freundin Maxie, die seit Monaten mit ihrer Mutter in einem Kaff in Arizona hockt, soll auch kommen!“ Das einzig spannende dort ist, wenn es in der Schule Amok-Läufer-Alarm gibt, weiß Maxie zu berichten. Maxie ist magersüchtig, Paula muss ihr helfen.714 Wäre doch gelacht, wenn Millie nicht schon vorher da gewesen wäre. Millie in New York (2003) von Dagmar Chidolue bei Dressler Verlag: Dabbeldu, dabbeldai In den Osterferien soll es nach New York gehen. New York ist in Amerika. Man spricht dort Amerikanisch. Deswegen sagt man auch nicht: Neff Jork, sondern Nu Jork.715 Zur Vorbereitung schaut sich Millie King Kong an und die Eltern buchen ein Zimmer im „Wald-Doof-Hallodria“.716 Auch in London war sie längst. Millie in London (1996) von Dagmar Chidolue bei Dressler Verlag: Millie freut sich riesig auf London. London ist die größte Stadt der Welt. Bestimmt. Oder Tokio. Vielleicht ist Tokio noch größer. Oder Afrika. Ach Quatsch, Afrika ist ja keine Stadt, sondern ein Land. Nee, stimmt auch nicht. Afrika ist so was wie viele Länder zusammen. Wie heißt das noch? Kon-ti-nent. Genau. Weiß Millie doch. Aber London ist viel näher als Afrika. Nur einen Schwups entfernt.717 Buntes Treiben herrscht am „Pickel-Lilli-Zirkus“. Manche Männer tragen weiße Nachthemden und Geschirrtücher auf dem Kopf. Die, die wie Pan Tau aussehen, gehen ins Büro.718 Mindestens genauso bunt geht es Die allerverrückteste Stadt und ich : Doro in Amsterdam (2003) von Marie- Thérèse Schins bei Peter Hammer Verlag zu, wo Doro ihre Ferien bei der Verwandtschaft verbringt.719 Auf Biegen und Brechen zu Hause bleiben will Filipa in 1000 Gründe, warum ich unmöglich nach Portugal kann (2013) von Katja Alves bei Beltz & Gelberg. Filipas Papa will zurück in die Heimat Portugal gehen. Was heißt da zurück, fragt sich die 11-Jährige – sie ist doch hier, in der Schweiz, geboren? 714 Kuckero, 2006, Klappentext, S. 85f. 715 Chidolue, 2012, S. 7. 716 Ebenda, 17f. 717 Chidolue, 2002, S. 9. 718 Ebenda, 69. 719 Ausführlich vgl. Kapitel 4.2.2. 170 Rest of the World Auf Deutschland/Berlin entfallen insgesamt drei Nennungen. Alle drei Bücher sind von Autorinnen mit türkischen Wurzeln verfasst, wobei Plötzlich war ich im Schatten : Mein Leben als Illegale in Deutschland von Ela Aslan* („Name von der Redaktion geändert“),720 Arena, von der Journalistin und Buchautorin Veronika Vattrodt bearbeitet wurde. Die autobiographische Erzählung beginnt mit einem Rückblick der 12-jährigen Ela am Flughafen Istanbul auf ihre Kindheit in der Türkei. Ihr kurdischer Vater war zusammen mit seiner Frau und Elas Geschwistern nach Deutschland ausgereist und holt seine Tochter jetzt nach Deutschland nach. Der Neuanfang der ständig von Abschiebung bedrohten Familie gestaltet sich schwierig. Yadé Karas Selam Berlin (2003), Deutscher Taschenbuchverlag, spielt in Berlin und Istanbul. Die Handlung von Arabboy : Eine Jugend in Deutschland oder Das kurze Leben des Rashid A. (2010), Fischer Taschenbuch Verlag, von Güner Yasemin Balci ist zu Beginn der erzählten Zeit in Berlin verortet. Rashids Einleben in der Osttürkei nach seiner Abschiebung scheitert tragisch. Südamerika ist in meiner Stichprobe (bezogen auf Buchtitel) einmal vertreten. Plötzlich in Peru (2011) von Chantal Schreiber, Thienemann Verlag, handelt von einer jungen Österreicherin, die als „Volunteer in einem peruanischen Waisenhaus [...] an ihre Grenzen gehen“ muss, und sich verliebt.721 Serienheldin Mille hat auch Moskau besucht, wo die Russen Wodka wie Wasser trinken.722 Mit Easy Going Sydney von Sonja Bullen legte der Oetinger Verlag 2013 einen weiteren Band in der Reihe CITY TO GO vor. Romanheldin Pia „erobert Sydney – und das Herz eines Traumjungen.“723 2004 veröffentlichte der Peter Hammer Verlag ein weiteres Buch von Marie-Thérèse Schins: Auf Traumpfaden unterwegs : Doro in Australien. Fazit und Empfehlung Wie der Titel der Mädchenbuch-Reihe CITY TO GO des Oetinger Verlag impliziert, verhält es sich bei KJL, die eine Ortsangabe schon im Titel trägt, in den meisten Fällen wie mit dem Sirup eines Take-Away-Kaffees. Je nach 720 Vgl. Aslan 2012, Klappentext Rückseite innen. 721 Schreiber, 2011, Klappentext. 722 Vgl. Chidolue 2010a, S. 109. Die Originalausgabe erschien 2008 beim Dressler Verlag. Weitere Millie-Bände wie die zu Mallorca, Ägypten, Berlin, Hollywood, Paris wurden wegen des sich ohnehin wiederholenden Musters der kindgerechten Aufbereitung von touristischen Informationen nicht in meine Stichprobe aufgenommen. 723 Bullen 2013, Klappentext. 171 Laune wird dem nebenbei zu konsumierenden Standardgebräu ein Schuss grooviges New York, romantisches Paris, cooles London oder verrücktes Amsterdam beigemischt. Sind die Geschmacksnerven der Genießer_innen an die Aroma-Dosen gewöhnt, hält ein Teil der jungen Zielgruppe den Flavour bzw. vielzitierten Flair womöglich für ‚authentisch‘. Die Aufmachung der CITY TO GO-Reihe ist immer gleich: Eine bekannte Sehenswürdigkeit (Eiffelturm, Skyline, Sagrada Família bzw. für Australien ein Surfbrett) links im Bild und in der rechten Bildhälfte positioniert blickt eine junge Frau zuversichtlich in die Welt. Aygen-Sibel Çeliks Yakmoz : Eine Liebe in Istanbul ist 2014 bei Oetinger, gleiches Format (125 x 190 mm, Softcover, ca. 200 Seiten) wie die eben genannten Titel zu Paris, New York, Barcelona und Sydney, wird, wie auch diese, für die Altersgruppe „ab 13“ beworben. Das CITY TO GO- Label blieb dem Buch zu Recht erspart. Ganz klar spricht Oetinger über Aufmachung und Titel die ‚Sirup-Zielgruppe‘ an. Daher möchte ich an dieser Stelle die grundsätzliche Empfehlung ‚Finger weg von Kinder- und Jugendbüchern mit Ortsangabe im Titel‘ relativieren. Wenn – wie auch bei Karin Kaçis Irgendwann in Istanbul – zu vermuten ist, dass der Autor oder die Autorin den Ort nicht nur aus Reiseführern kennt, lohnt sich der Blick ins Buch. Selbst wenn die Aufmachung (vgl. Abb. 5.2) eine eher oberflächliche Bearbeitung vermuten lässt. Abbildung 5.2: Karin Kaçi, Irgendwann in Istanbul (2013) 172 Eine dringende (Reise-)warnung muss für „Afrika“ ausgesprochen werden. Zumindest, wenn per Titel oder stereotypem Coverbild724 auf ein Handlungsgeschehen in Afrika angespielt wird. Der Blick auf Afrika ist in vielen Fällen (noch) der, der zum Ausdruck kommt, wenn Pädagog_innen davon sprechen, dass Kindern und Jugendlichen zu vermitteln sei, dass die Länder der Dritten Welt auch (im Sinne von ähnlich wie wir) eine Kultur hätten.725 The White Man’s Burden scheint nirgendwo so schwer zu wiegen wie auf dem afrikanischen Kontinent. Generell abzuraten ist außerdem, wenn der Titel in Englisch verfasst ist, wie bei vielen der oben zitierten Mädchen-Bücher oder auch bei Anna Kuschnarowas Kinshasa Dreams (2012).726 Ähnlich undifferenziert bzw. sich an bekannte Muster anlehnend zeigt sich übrigens das Folgewerk der Autorin Djihad Paradise (2013) mit Aktionsraum Berlin. Heart Crash (2012) von Brigitte Blobel bei Arena unterscheidet sich kaum von den o.g. Mädchen-Büchern, außer dass auch ein Schwarzer Junge als Nebendarsteller eine Rolle spielt.727 Handlungsort ist Südafrika. Weitaus differenzierter und respektvoller gehen die Autor_innen mit dem Aktionsraum Afrika um, die eben nicht schon im Titel ankündigen, wohin konkret die Reise geht: Hanna Jansen, Herzsteine (2012) bei Peter Hammer Verlag, Hermann Schulz, Mandela & Nelson Band I und II (2010 und 2013), Carlsen und Aladin, sowie Rainer Merkel, Bo (2013), erschienen im S. Fischer Verlag und beworben für die Zielgruppe 15–17 Jahre. Was von interkultureller KJL oftmals erwartet wird, kommt deutlich in einer Kolibri-Rezension von 1000 Gründe, warum ich unmöglich nach Portugal kann (2012), zum Ausdruck: Das Buch gebe „nur wenig Einblick in 724 Vgl. z.B. Der Ruf der Elefanten (1999). Überhaupt künden Elefanten im Titel tendenziell nicht unbedingt von interkulturell wertvoller KJL (vgl. Der Elefant im Klassenzimmer : Eine Reise durch Indien (2011) oder Ein Elefant kommt selten allein : Doro in Indien (2000)). Ähnlich verhält es sich mit Abbildungen von Affenbrotbäumen (Colours of Africa, Stern über Afrika) und Kamelen (Colours of Africa, Die Rose von Arabien). 725 Vgl. z.B. Paukner, 1992, S. 91f: „Es gilt [..], außer der längst überfälligen Änderung ökonomischer und ökologischer Strukturen, außer ‚Entwicklungshilfe als Hilfe zur Selbsthilfe‘ noch ein Weiteres zu sehen: die kulturelle Eigenständigkeit und Eigenart der Länder, die eben nicht bloße ‚Empfänger‘ sind, sondern vielfach Gebende von Kulturschätzen. Es gilt, nicht einen ‚Kulturschock‘ zu verkünden, sondern interkulturelles Lernen zu lernen.“ 726 Das Buch wurde in der Stichprobe nicht berücksichtigt, da als Aktionsraum kein Bezug zu Deutschland, Österreich oder der Schweiz offensichtlich ist. 727 Die Cover-Abbildung ist irreführend. Celia küsst im Roman nicht einen „fremde[n] Junge[n]“ (Klappentext), sondern den weißen Gastbruder (Blobel 2012). 173 die portugiesische Kultur“, und bediene sich „teilweise stereotyper Rollenbilder in Bezug auf die Geschlechter“. Was ergo anscheinend (immer noch) besser ankommt – zumindest bei manchen Kinderbuch-Rezensent_innen – , ist folkloristische Information in einer sonst gleichmachenden Darstellung des Zusammenlebens. Fehlte nur noch, dass man der in Portugal geborenen und in der Schweiz aufgewachsenen Autorin die Kompetenz abspräche, das Thema Migration aufzugreifen. 5.2.2 Autor_innenprofil oder auch Typologie der Diskurse Für den Zweck, pragmatische Kriterien für die Auswahl interkultureller KJL bereitzustellen, verstehe ich im Folgenden unter Autor_in den oder die Schriftsteller_in, die reale Person also, die einen Text zu Papier bringt, der dann über Verlage und den Buchhandel distribuiert wird. Dass die Frage, was einen Autor oder eine Autorin ausmacht, differenzierter betrachtet werden kann, ist in dieser Arbeit bereits mehrfach angeklungen.728 Ohne von meiner pragmatischen Arbeitsdefinition (Autor_in ist gleich Person, die schreibt und verlegt wird) abweichen zu wollen, sei an dieser Stelle auf Michel Foucault verwiesen, der 1969 zu der Frage „Was ist ein Autor?“ u.a. die folgenden Punkte herausgearbeitet hat, die auch bei eher oberflächlicher Betrachtung des Autor_innenbegriffs mitgedacht werden sollten. Foucault und die Frage „Was ist ein Autor?“ Literarische Diskurse weisen Foucault zufolge (derzeit und in unserem Kulturkreis) eine „Autorfunktion“ auf. Es sei gängige Praxis, danach zu fragen, „wer spricht“ bzw. schreibt. Literarische Texte würden in unserer Zeit nur noch rezipiert werden können, wenn sie mit der „Funktion Autor“ versehen seien: „jeden Poesie- oder Fiktionstext befragt man danach, woher er kommt, wer ihn geschrieben hat, zu welchem Zeitpunkt, unter welchen Umständen oder nach welchem Entwurf.“729 Für den Zweck meiner Arbeit ist es durchaus ein fruchtbares Unterfangen, danach zu fragen, wer welche Art von Texten aus welcher Motivation heraus verfasst. Autor_innen haben für Foucault außerdem „bezogen auf den Diskurs eine bestimmte Rolle“, besitzen „klassifikatorische Funktion“. Anhand eines Autor_innen-Namens könne man, „eine gewisse Zahl von Texten gruppieren, sie abgrenzen, einige ausschließen, sie anderen gegenüberstellen.“ 728 Ich verweise insbesondere auf die Ausführungen zu den Akteuren im Diskurs und zur Intertextualität in Kapitel 3. 729 Foucault, 2000, S. 213. Gleiches gilt nach Foucault nicht in gleicher Weise für z.B. wissenschaftliche Texte. 174 Außerdem habe der Name die Funktion, „eine bestimmte Seinsweise des Diskurses zu kennzeichnen.“730 Namen von Autor_innen machen Diskurse sichtbar. In „einer Kultur wie der unseren“ gibt es nach Foucault eine bestimmte Anzahl von Diskursen [..], die die Funktion „Autor“ haben, während andere sie nicht haben. Ein Privatbrief kann einen Schreiber haben, er hat aber keinen Autor; ein Vertrag kann wohl einen Bürgen haben, aber keinen Autor. Ein anonymer Text, den man an einer Hauswand liest, wird einen Verfasser haben, aber keinen Autor. Die Funktion Autor ist also charakteristisch für Existenz-, Verbreitungs- und Funktionsweise bestimmter Diskurse in einer Gesellschaft.731 Danach fragend, wie sich ein Diskurs, der Träger der Funktion Autor ist, bestimmt, betrachtet Foucault „den Autor eines Buches oder Textes“732 aus vier Perspektiven. Erstens: Ein Autor/eine Autorin ist jemand, der eine Rede wagt/sich äußert, und der eine Textproduktion (nicht zuletzt auf Basis des geltenden Urheberrechts) sein Eigen nennt. Zweitens: Nicht jeder Diskurs verlangt nach einem Autor, literarische in jedem Fall. „Literarische Anonymität ist uns unerträglich.“ Erscheine beabsichtigt oder unbeabsichtigt ein literarischer Text anonym, ginge das große Rätseln los.733 Dass dem so ist, konnte ich im ungeplanten Selbstversuch bei den Recherchen zu dem unter Pseudonym erschienenen Kinderbuch Die Kurzhosengang (2001) beobachten.734 Drittens: Die Funktion Autor ist nach Foucault „das Ergebnis einer komplizierten Operation, die ein gewisses Vernunftwesen konstruiert, die man Autor nennt.“735 Ein Autor (eine Autorin) wird als „bestimmtes konstantes Wertniveau definiert“, was selbst dann – Foucault bezieht sich auf Hieronymus – gelte, wenn einzelne Werke des Autors oder der Autorin dem Gesamtbild nicht entsprächen.736 So wären auch lange Zeit Texte nach der „Heiligkeit des Autors“737 beurteilt worden. Dass dem immer noch so ist, zeigt sich an der anscheinend ungebrochenen Beliebtheit der Bücher von Carolin Philipps, der Trägerin eines UNESCO-Friedenspreises, den sie 730 Ebenda, S. 210. 731 Ebenda, S. 211. 732 Ebenda. 733 Ebenda, S. 213. 734 Vgl. Verzeichnis der Primärliteratur Caspak Pseudonym, Lanois Pseudonym, Drvenkar, Steinhöfel und Könnecke 2006 oder Kapitel 5.2.2. 735 Ebenda, S. 214. 736 Ebenda, S. 215. 737 Ebenda, S. 214. 175 für ihr Kinderbuch Milchkaffee und Streuselkuchen (1996) erhalten hat. Weiter beschäftigt mich die Frage, inwieweit Schriftsteller_innen, die sich nicht schwerpunktmäßig dem Verfassen von Kinderbüchern ‚verschreiben‘ ein Zugang zu dem Segment erschwert und/oder die entsprechende Würdigung verwehrt bleibt. Et vice versa: In welchem Korsett befindet sich ein/e Autor_in, ist er oder sie erst einmal als Kinderbuchautor_in oder Migrations-Schriftsteller_in etabliert (oder abgestempelt)? Viertens seien, so Foucault, Autor_innen „Diskursivitätsbegründer“, denn es sei nicht etwa so, dass „ein Romanautor nur der Autor seines eigenen Textes ist; in gewissem Sinn, vorausgesetzt er ist sozusagen ein bißchen ‚bedeutend‘, lenkt und leitet er mehr als das.“738 Er/sie erschließe mit seinen/ihren Texten – wie Ann Radcliffe Anfang des 19. Jahrhunderts mit ihren – das „Terrain für bestimmte Ähnlichkeiten und Analogien“, d.h. bestimmte Strukturen, Figuren oder Beziehungen werden (von nun an) wiederverwendet. Diskursivitätsbegründer wie Marx oder Freud, so Foucault, eröffneten das Feld für „etwas anderes als sie selbst, das jedoch zu dem gehört, was sie begründet haben.“739 Oder – in Bezug auf die vorliegende Arbeit – wie der in 1960 Prag geborene und nach Deutschland emigrierte Schriftsteller Maxim Biller im Februar 2014 in DIE ZEIT ätzte: Nein, es muss nicht jedes Mal eine Gastarbeiter-kind-dreht-durch- Geschichte oder etwas mit Nazis sein. Es sollte aber immer eine Story sein, die voller Leben und Widersprüche ist – und die nicht die tausend anderen leblosen, unehrlichen, indirekten, in tyrannischer Deutschunterricht- Tradition erstarrten Geschichten imitiert, die in diesem Land seit Jahrzehnten gedruckt und rezensiert, aber nicht gelesen werden. Je mehr solche wilden, ehrlichen, bis ins Mark ethnischen und authentischen Texte geschrieben und veröffentlicht werden würden, desto größer wäre das Publikum, das sie verstehen, lieben und sich mit ihnen beschäftigen würde. Bald gäbe es endlich Kritiker, die selbst nicht deutscher Herkunft wären, Lektoren und Verleger, und langsam würden auch die deutschen Autoren anfangen, die Arbeit der Einwandererkinder ernst zu nehmen und sich von ihr – ästhetisch, dramaturgisch, inhaltlich – inspirieren lassen, so wie früher von den Juden. Und plötzlich wäre unsere Literatur kein sterbender Patient mehr, sondern so am Leben wie zuletzt in den zwanziger Jahren.740 738 Ebenda, S. 219. 739 Ebenda, S. 220. 740 Biller, 2014, S. 46. 176 (Außerdem) bemerkenswert an Billers Artikel Letzte Ausfahrt Uckermark, der hier zur Illustration des Begriffs „Diskursivitätsbegründer“ gewählt wurde, ist – nicht nur nebenbei, sondern bewusst im Sinne der nachfolgenden Ausführungen bemerkt –, dass Biller Feridun Zaimoglu unterschwellig vorwirft, sich von der Kritik als „gelungenes Beispiel der Integration“741 feiern zu lassen, was ihn zweifach diskriminiert. Denn ausgerechnet Zaimoglu wehrt sich vehement dagegen, in eine ‚Migranten-Autoren- Schublade‘ gesteckt zu werden.742 Oder wie Ijoma Mangold in Bezug auf Billers Feuilleton-Beitrag kontert: In Billers Argument steckt auch eine verteufelte positive Diskriminierung: Der Autor mit Migrationshintergrund ist nämlich nicht mehr frei, den Stoff aufzugreifen, der seinen Formvorstellungen den größten Spielraum eröffnet, statt dessen ist seine Herkunft sein literarisches Schicksal! Danach hätte Michael Ondaatje nie den Englischen Patienten schreiben dürfen, sondern hätte davon erzählen müssen, wie es ihn von Sri Lanka nach England verschlagen hat.743 Selbstkritisch muss ich an dieser Stelle anmerken, dass auch meine Stichprobe Autor_innen mit (und ohne) Migrationserfahrung nur an der Stelle berücksichtigt, an der eine interkulturelle Begegnung oder Problematik im weiteren Sinne thematisiert wird. Der erzählerisch erfrischende Mädchen- Roman um ganz normale Teenager-Sorgen Star Sisters (2014) von Aygen- Sibel Çelik z.B. bleibt in meinen Betrachtungen außen vor. Womit ich wiederum Çelik – und ich freue mich über die Erkenntnis, die mir ein Umdenken erlaubt(e) – nur als Autorin mit Migrationserfahrung, die entsprechende Texte produziert, wahr- oder erst nehme bzw. genommen habe. Schriftsteller_innen: Fazit und Empfehlung Aygen-Sibel Çelik ist eine ausgesprochen facettenreiche Autorin, nicht nur was ihre Themen angeht. Auch ihre Erzählstrategie variiert und überrascht 741 Ebenda, S. 45. 742 Vgl. z.B. in einem Interview der WirtschaftsWoche Online aus dem Oktober 2008: „Bei allem Respekt, ich verstehe mich in erster Linie als deutscher Autor. 40 Jahre in Deutschland prägen einen Menschen nun einmal. Ich habe mich aufgelöst in deutscher Kultur. [...] Ich sage ganz offen: Ich bin bereichert vom Deutschen. Alles andere wäre Exotismus, und ein Saisonarbeiter des Exotismus will ich nicht sein.“ (Schwarz, zuletzt geprüft am 16.08.2014). 743 Mangold, zuletzt geprüft am 16.08.2014. 177 ein ums andere Mal.744 Seidenhaar (2007), Seidenweg (2012) und Alle gegen Esra (2010) wurden in Kapitel 4.1.2 ausführlich, wenn auch nicht uneingeschränkt positiv, besprochen. In Geheimnisvolle Nachrichten (2008) sammelt der junge Legastheniker Erik Papierschnipsel, die er für zu entschlüsselnde Botschaften hält. Die implizite Botschaft des Buches kündigt sich über die Widmung an: Manchmal muss man alles nur ein bisschen hin und her schieben, ein bisschen die Reihenfolge verändern. . . Kâzım Kısmet . . . nicht im ersten Eindruck verhaftet bleiben, hartnäckig die Dinge hinterfragen und sich auf Fremdes einlassen, nicht aufgeben und vertrauen, und es eröffnen sich neue Perspektiven, die Dinge fügen sich und vielleicht werden wunderbare neue Freundschaften geschlossen. So in etwa könnte man den Text lesen. Es gelingt Çelik durch den Kniff, den Leser_innen aus dem Zusammenhang gerissene türkische Satzfragmente zu präsentieren, diese selbst in die Rolle einer Person mit Leseschwäche zu katapultieren. Erik, offensichtlich gewohnt daran, sich Satz für Satz unter großer Anstrengung zu erarbeiten, kann dem/der Leser_in durchaus zuvorkommen, was eine Bedeutungsentschlüsselung angeht: sahte her erík „Sachtehererik.“ Erik wird schwindlig. „Sachte, Herr Erik!“745 Ähnlich wie Salah Naoura, Sohn einer deutschen Mutter und eines syrischen Vaters,746 in Dilip und der Urknall (2012) nicht nur den Fremdheitsdiskurs aufgreift, sondern u.a. die besonderen Herausforderungen hochbegabter Kinder thematisiert, gelingt es Çelik, ein differenziertes und optimistisches Bild eines Jungen mit Schreib-/Leseschwäche zu zeichnen. In Fußball, Gott und echte Freunde (2009) steht die Freundschaft von Christopher, David und Kerim im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Spiel. Haben sich die Erwachsenen doch ein Turnier der Religionen ausgedacht. „Lies! Denn am Anfang war das Wort“ ist Kapitel 1 überschrieben, das wie folgt beginnt: 744 Was auch für Star Sisters (2014) gilt, um den Titel doch noch zu würdigen. 745 Çelik, 2008, S. 25. Die Übersetzung lautet übrigens: „unecht jede Pflaume“ (ebenda, S. 103). „Und seitdem der Neue, dieser Cenk, in seine Klasse gekommen ist, ist es noch viel schlimmer geworden. Er war es, der den anderen erzählt hat, dass Erik auf Türkisch ‚Pflaume‘ bedeutet. Pflaume! Na, das passt ja. Wie ’ne Pflaume haben die anderen ihn schon immer behandelt.“ (Ebenda, S. 10f) 746 Hoß zuletzt geprüft am 16.08.2014. 178 Geschichten sind das A und O. Das Alpha und das Omega. Der Anfang und das Ende, alles in einem. Gestatten, das bin ich, der Allwissende. Zumindest in diesem Buch, denn ich weiß alles, was hier geschah, gerade geschieht und geschehen wird. Ich bin der allwissende Erzähler. Und während ich die Geschichte hier und jetzt erzähle, werde ich selbst aus meinen Worten erschaffen. [...] Aber halt! Bevor du beginnst, die Wörter zu zählen, statt sie zu lesen, sollte ich dir vielleicht verraten, dass die Reihenfolge der Wörter viel wichtiger ist als ihre Zahl. Und nur diese eine Reihenfolge macht diese Geschichte so wie sie ist und nicht anders.747 Çelik gelingt es nicht nur über Figurenkonstellation und Multiperspektivität ein im Sinne Heidi Röschs interkulturell wertvolles Kinderbuch zu schreiben, sondern sie schafft auch noch intelligent intertextuelle Bezüge zu den von den drei Protagonisten verehrten Heiligen Schriften. Schriftstellerisch von ähnlichem Format scheint Zoran Drvenkar, der zusammen mit Andreas Steinhöfel in Die Kurzhosengang (2001) Perspektivwechsel und Intertextualität unter Pseudonym betreiben, dass es einen schwindelt. Geschwindelt wurde auch viel bei dem Projekt: Das kanadische Original The Short Ones soll – so heißt es in Steinhöfels Vorwort – dort über einige Wochen auf den Bestseller-Listen gestanden haben. Das hat für einige Verwirrung auf dem Foreign Rights-Markt gesorgt.748 Drvenkar schreibt nicht ausschließlich für Kinder und Jugendliche und will sich auch sonst bewusst nicht festlegen, was seine Formate angeht. Im Regen stehen (2000) kommt – sieht man von der aktuellen Edition im Schroedel-Verlag ab – nicht auffällig pädagogisch daher und propagiert weder eine „unfruchtbare Gleichmacherei“749 noch hat der Text etwas offensichtlich Pädagogisches. Der Text strahlt Zuversicht aus und macht Mut, auch schwierige Lebensumstände, die der Migration geschuldet sein können, zu meistern. Diese Grundhaltung, scheint mir – auch nach der Lektüre von Kemal Kurts Die Sonnentrinker (2002) – ethnisch mehrfachadressierte (gute)750 KJL mit auszumachen. Dieser ‚unbeschönigende Optimismus‘ scheint auch im Werk von Hermann Schulz durch. Schulz, ehemaliger Verlagsleiter des Peter Hammer 747 Çelik, 2009, S. 5. 748 Vgl. Hahn zuletzt geprüft am 16.08.2014. 749 Den Begriff nehme ich aus Schami 2006, S. 57: „Der Dialog lebt von der Differenz. Die ängstliche Suche nach Harmonie mündet in eine unfruchtbare Gleichmacherei.“ 750 Gut wieder als „wertvoll“ im Sinne der Arbeit. 179 Verlag, zeichnet in seinen beiden Mandela & Nelson-Bänden ein respektvolles und optimistisches Bild zweier wie selbstverständlich erscheinender tansanisch-deutscher (Fußball-)Begegnungen: „Manches hier ist für uns neu, Nelson“, sagte er. „Das mit den Mädchen in der Mannschaft zum Beispiel und das mit dem Beten nach einem Spiel eigentlich auch. Aber wir sind nicht in Afrika, um an fremden Sitten herumzukritisieren, sondern um zu lernen. Deshalb sind wir mit allem einverstanden. Ich habe Mister Maeda erklärt, dass wir verschiedenen Religionen angehören und einige keinen Glauben haben. Da hat er gelacht und gesagt: ‚Das ist bei uns genauso! Keine Sorge¡ Also auch dieser Punkt wäre geklärt. Was haben wir sonst noch zu bereden?“751 Auch Schulz legt sich nicht darauf fest, Kinder- oder Jugendbuchautor sein zu wollen. Iskender (1999), Carlsen Verlag, ist nur einer seiner Romane aus dem Grenzbereich zwischen Jugend- und allgemeiner Literatur.752 Auch hier gelingt es Schulz, ein differenziertes Weltbild zu zeichnen und unaufdringlich Zugang zu verschiedenen Sichtweisen zu schaffen. Handlungsorte sind Deutschland und die Türkei. Hermann Schulz war 1938 als Sohn eines Missionars in Tansania geboren worden, hat seine Kindheit und Jugend aber am Niederrhein verlebt. In der Gegend war nach dem Zweiten Weltkrieg ein „Schmelztiegel der Deutschen aus allen möglichen Ländern, aus Bayern und vor allen Dingen Flüchtlinge[n] aus dem Osten“ entstanden.753 Dort aufgewachsen hat Schulz, der „mit Ach und Krach“ die Realschule geschafft hatte, als Missionarskind eine Lehre in einer evangelischen Buchhandlung antreten dürfen. Nach der Lehre machte er sich ohne die Sprache zu beherrschen auf in die Türkei, was seine (scheinbar erstmals bewusst wahrgenommene) „erste Begegnung mit einer fremden Kultur“ war. Auf Grund familiärer Probleme gezwungen nach Deutschland zurückzukehren, heuert er – wieder eher zufällig – bei einem „evangelischen Verlag für Kleinschrifttum in Wuppertal“ an, der Johannes Rau gehörte.754 Schulz leitete von 1967–2001 den Verlag, heute Peter Hammer Verlag. Eine Herzensangelegenheit des vielgereisten Verlagsleiters war, die Literaturen aus Schwarzafrika, Lateinamerika und zum Teil auch Asien „bei uns“ einzuführen. Dass er in der Querfinanzierung gerade gegen Ende seiner Berufstätigkeit Kompromisse machen musste, auch um den Verlag 751 Schulz, 2013a, S. 75. 752 Vgl. Rank 2003, S. 5. 753 Ebenda. 754 Ebenda, S. 6. 180 überhaupt lebensfähig zu halten, schildert Schulz in einem Interview an der Hochschule Heidelberg im Mai 2002.755 Hier schreibt also jemand, der sich viele Jahre lang hauptberuflich damit beschäftigt hat, Leser_innen an ‚fremde‘ Kulturen und Literaturen heranzuführen. Ähnlich, wie ich mutmaße, dass Salah Naoura oder Andreas Steinhöfel nicht zuletzt auf Grund ihrer Übersetzertätigkeit über ein erweitertes Spektrum an Perspektiven und Darstellungsmöglichkeiten verfügen, eine Fähigkeit Nuancen zu erkennen und zu beschreiben ausgebildet haben, scheint mir, dass eine intensive Beschäftigung mit ‚fremden‘ Literaturen ein Werk auch hinsichtlich interkultureller Themen und Erzählstrategien bereichert. Kinderliteratur, wie Rafik Schami sie liebt, „ist lehrreich, ohne zu belehren, zeigt nicht den Weg, sondern Wege, deshalb kommt sie ohne erhobenen Zeigefinger aus.“756 Schami, so berichtete der Autor in seiner Rede Hürdenlauf an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt 1996, wurde, als seine Märchen über Nacht zum Erfolg wurden, von seinem Verleger aufgefordert, von nun an nur noch Märchen zu verfassen. Eine Hand voller Sterne (1987) wurde als „[z]u spröde“ abgelehnt. Schami solle den Roman lieber „in Form von Märchen aufbauen und keine Angst vor Wiederholungen haben.“ Leser_innen und Buchhändler_innen, so die Einschätzung seines damaligen Verlegers, von dem er sich schlussendlich trennte, vertrügen dies durchaus: „Und er ermunterte mich mit Namen von Autoren, die das zehnte Buch mit demselben Thema und Schema machten.“757 Schami ist sich treu geblieben und legte neben zahlreichen Erzählungen auch das in meiner Arbeit gewürdigte Bilder- oder Erstlesebuch Wie ich Papa die 755 Ebenda, S. 8ff. Zu den Bemühungen, ‚fremde‘ Literaturen in Deutschland einzuführen vgl. auch dort: „Um Garcia Marquez habe ich mich 1969 erstmals bemüht, als noch keine Zeile von ihm in Deutschland erschienen war, aber ich kam genau zwei Wochen zu spät. 1969 hatte gerade der Verlag Kiepenheuer &Witsch eine Option und hat dann für DM 5.000 Vorschuss Hundert Jahre Einsamkeit gekauft. Nur darf man eines nicht vergessen: Über fünf Jahre war dieses Buch bei uns fast unverkäuflich! [...] Wissen Sie, die französische, russische, italienische Literatur gehört ganz normal zu uns, wir haben zumindest Grundkenntnisse über diese Länder aus der Schule. Diese Länder sind Nachbarn, Brudervölker; Afrikaner aber sind Exoten. Wer könnte denn von Ihnen hier im Saal drei schwarzafrikanische Autoren benennen, geschweige denn große historische Gestalten aus der vorkolonialen Zeit? Dieser Teil der Kulturgeschichte kommt bei uns in Schulen und Universitäten einfach nicht vor. [...] Es gab Zeiten, wo Buchhändler mir noch sagten: ‚Also, lieber Herr Schulz, bleiben Sie weg mit ihren Negerbüchern.‘ So ein wörtliches Zitat. Da wird ein latenter oder auch offener Rassismus sichtbar, und der wurde damals auch offen geäußert. Heute natürlich nicht mehr, aber latent ist er sicher noch vorhanden. Also das zu der Frage der Strategie.“ 756 Schami, 2006, S. 145. 757 Ebenda, S. 142. 181 Angst vor Fremden nahm (2003) vor, das, wie in Kapitel 4.1.1 herausgearbeitet wurde, in mehrfacher Hinsicht den in Kapitel 2.4.1 vorgestellten Rösch-Kriterien entspricht. Schami definiert sich als Erzähler – „und ein mündlicher Erzähler wie [er] lernt sehr früh die Regel, vor allem wenn Kinder oder Jugendliche dabei sind, nicht zu langweilen“ – und empfindet es als eine Ehre, wenn einer ihn „Kinderbuchautor“ nennt.758 Man scheint auf eine Formel bringen zu können: Autor_innen, die nicht nur für ein jugendliches Publikum schreiben, die sich mehr als Erzähler_innen denn als Pädagogen_innen begreifen, und die einen starken persönlichen Bezug zu ihren (interkulturellen) Themen haben, überzeugen eher als Verfasser_innen noch so gut gemeinter und gewissenhaft recherchierter Problemliteratur, auch wenn ausgebildete Pädagog_innen sich dort ans Werk gemacht haben mögen. Es lohnt sich bei Interesse oder im Zweifel zu recherchieren, was die Schriftsteller_innen sonst noch an Fiktion oder Sachtexten publizieren. Ayda, Bär und Hase (2006) von Navid Kermani, dem Verfasser von Vergesst Deutschland! Eine patriotische Rede (2012) und Große Liebe (2014) für den kleinen Neffen? Ja, unbedingt! Rainer Merkels Bo (2013), von dem auch Das Unglück der anderen : Kosovo, Liberia, Afghanistan (2012) verfasst wurde, für die heranwachsende Cousine? Ja, durchaus. Sie wird es wohl vertragen. Fritzi war dabei : Eine Wendewundergschichte (2009) oder TUSO : Eine wahre Geschichte aus Afrika (2009) der gebürtigen Augsburgerin Hanna Schott, Autorin von Mama Massai : Angelika Wohlenberg – die wilde Heilige der Steppe (2006) für wen auch immer? Tendenziell eher nicht.759 Über Bo (2013) schreibt die Kinderbuchautorin Marie-Thérèse Schins (Akhil Kakerlake und Neena Stinkefisch (2012) bei Verlag Freies Geistesleben, Hühnerkrallen und Glücksstäbchen (2009) bei Sauerländer und nicht zuletzt Doro in. . . ) in ihrem ArtikelWoanders Fuß fassen, dass „[n]icht nur die landesüblich korrupte und chaotische Wirtschaft [..] im Mittelpunkt“ des Romans stünde, „sondern auch das verblüffende Miteinander im gigantischen, afrikanischen Durcheinander.“760 Wird ja wohl Zeit, dass hier mal endlich jemand durchgreift, assoziierte ich als aufmerksame Leserin von 758 Ebenda, S. 144f. 759 Wie schon öfter angeklungen ist, reicht in vielen Fällen auch ein Blick in den Voroder Nachspann des Buchs. Vgl. z.B. Blobel, 2012 S. 2: „[...] Kein Gramm zu viel, [...], Topmodel um jeden Preis, [...] Adoptiert wider Wissen, [...], Die Geschichte eines Amoklaufs, [...] Ritzen bis aufs Blut, [...], Wenn die Gruppe Druck macht, [...] Wenn eine Familie zerbricht.“ 760 Schins, 2013, S. 29. 182 JuLit, herausgegeben vom Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V. Das zentrale Thema in Bo sei, wie auch in Der geheime Garten (1911) von Frances Hodgson Burnett, einem der beiden Lieblingsbücher aus Schins’ Kindheit, „die schier endlose Phantasie, der Mut, das Durchsetzungsvermögen und der Glaube daran, dass alles besser wird.“761 Tatsächlich, es wäre schön, wenn Benjamin762 endlich seinen Vater fände, der ihn nicht wie geplant vom Flughafen in Monrovia abgeholt hat. Was sonst noch offensichtlich besser werden soll, hat sich mir bei der Lektüre nicht erschlossen. Ganz nebenbei kritisiert Merkel die Auswüchse eines Helfersyndroms der westlichen Welt.763 DIE ZEIT schreibt zu Bo: Viele verschiedene Vorstellungen von Wahnsinn und Vernunft, vom Anderen und vom Eigenen wirbeln locker und unverkrampft durcheinander, und wer möchte, kann die heiße Spur der Kinderdetektive auch als eine kleine Diskursarchäologie des Exotismus lesen.764 Zurück zu Marie-Thérèse Schins: In ihrem JuLit-Artikel weiter Parallelen zu Der geheime Garten ziehend, arbeitet Schins knapp heraus, dass „[i]n 761 Ebenda. Bei Mary Lennox, der kindlichen Hauptfigur aus Der geheime Garten (1911), scheint mir naheliegender, dass „alles besser“ werden kann: „Ihre Haarfarbe war gelb, und ihr Gesicht war gelb, weil sie in Indien geboren und immerfort aus diesem oder jenem Grund krank gewesen war. Ihr Vater hatte als englischer Regierungsbeamter in Indien gewohnt. Er war fleißig, aber leider auch oft krank. [...] Mem Sahib nannte sie in Gedanken ihre Mutter, so wie es die Dienstboten taten. Mem Sahib war hochgewachsen, schlank und hübsch und trug entzückende Kleider. [...] Auf diese seltsame und jähe Weise erfuhr Mary, daß sie keinen Vater und keine Mutter mehr hatte, daß ihre Eltern [an der Cholera] gestorben und während der Nacht fortgebracht worden waren, daß die wenigen eingeborenen Diener, die nicht gestorben waren, das Haus in aller Eile verlassen hatten, ohne sich an die kleine Missie Sahib zu erinnern. Es war tatsächlich niemand mehr da, außer Mary und der kleinen raschelnden Schlange.“ Das Mädchen lebt von nun an bei seinem Onkel in einem Herrenhaus in England (Burnett/Hömke Übers., 1990, S. 7–11). 762 Laut Klappentext ist der Junge 12 Jahre alt, tatsächlich ist er aber – wie im Text mehrfach erwähnt wird –, schon fast 14 (Merkel, 2013, Klappentext Buchrückseite und Umschlag vorne innen und z.B. S. 16). Überhaupt bin ich verwundert, dass der Verlag den Titel mit Altersempfehlung 15–17 Jahre als Jugendbuch platziert hat. Zumindest für die Erstedition (Hardcover) wird auf Amazon (Stand: Juli 2014) diese Angabe gemacht. Format, Seitenzahl, Altersangabe etc. werden von den Verlagen als Metadaten überspielt und gepflegt. Hat sich einmal ein Fehler in den Systemen eingeschlichen – was ich hier für durchaus möglich halte –, ist es oftmals ein langwieriger Prozess, diesen zu korrigieren. 763 „‚Nein‘, sagte Bo. Die Frau aus Schweden war nur ein paar Monate in Liberia gewesen, kurz nach dem Krieg. Sie war eine etwas dicke, freundliche Frau, die unbedingt hatte helfen wollen und überall Moskitonetze verschenkt hatte, obwohl niemand Moskitonetze wollte.“ (Merkel, 2013, S. 87f) 764 Kessler, zuletzt geprüft am 16.08.2014. 183 der Zeitspanne von 100 Jahren zwischen den beiden Titeln [..] unzählige Autoren die veränderten Lebensbedingungen durch Migration aus persönlichen, politischen und wirtschaftlichen Gründen zu erfassen“ versucht hätten. Migration sei ein „umfassendes, vielschichtiges und meistens schwieriges Thema“, referiert sie weiter. Nur teilweise könne beschrieben werden, „was in und mit Menschen geschieht, die ihre eigene Kultur verlassen (müssen), um woanders Fuß zu fassen.“765 Auffallend ist die Passivkonstruktion. Als gelungenes literarisches Beispiel nennt Schins den Jugendroman Ganesh oder die neue Welt (1982) (eigentlich: Ganesh oder Eine neue Welt). Der Autor Malcom J. Bosse habe es verstanden, „[d]en vielschichtigen, schwierigen Lebensstil der Inder und die Riesenkluft zur westlichen Kultur [...] vorbildlich und verständlich“ darzustellen.766 Ein zentrales Thema sind für Schins die Kinder, die sie offensichtlich als Hoffnungsträger der Völkerverständigung sieht, die sich – sie nennt zur Illustration gegensätzlichen Verhaltens die Eltern in Nasrin Sieges Shirin (1996)767 – von ihren „traditionellen Wurzeln [..] lösen können.“768 Als Fazit des Artikels macht Schins unter der Überschrift „Universeller Wunsch nach Frieden“ noch Werbung für ihre Workshops: Bei Workshops mit Kindern und Jugendlichen in Kamerun, Mumbai, Hongkong, Shanghai, im Libanon und anderswo auf der Welt zur Thematik „Migration“ zeigten mir alle [sic] Teilnehmer in Bildern und Texten extrem deutlich, dass sie immense Verlustängste hatten, nicht wegziehen wollten, gegen Kriege angehen möchten und ein sicheres, liebevolles Zuhause für jeden das absolut Notwendige wäre, um definitiv glücklich sein zu können. Alle, egal aus welcher Kultur, waren sich in ihren Gefühlen und Gedanken verblüffend ähnlich.769 Die ehemalige Kinderbibliothekarin Marie-Thérèse Schins, geboren 1947 in den Niederlanden, wird ihre ganz persönlichen Eindrücke und Erfahrungen aus den Nachkriegsjahren zu verarbeiten haben, und der Wunsch nach einer kindlichen Völkerverständigung erinnert stark an die ehrgeizige Idee von Jella Lepmans Kinderbuchbrücke, die die aus Deutschland emigrierte Redakteurin jüdischen Glaubens kurz nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert hat.770 Schins ist offensichtlich (immer noch) stark von der Kolonialliteratur geprägt, die sie als Kind rezipiert hat (vgl. auch Kapitel 4.2.2). 765 Schins, 2013, S. 29. 766 Ebenda, S. 32. 767 Die Erzählung der gebürtigen Iranerin, die heute in Addis Abeba lebt, ist leider vergriffen. 768 Ebenda, S. 33. 769 Ebenda, S. 35. 770 Vgl. Lepman 1964. 184 Was ihre Bücher interkulturell-didaktisch wertvoll macht, ist, dass man sie hervorragend verwenden kann, wenn es darum geht, versteckten Rassismus und die Strukturen einer einfachen, eingeschränkten Optik aufzuzeigen. Auch kann man ihre Doro-Bücher jederzeit heranziehen, um einen sehr einfachen, überholten Kulturbegriff zu erklären, sowie Ein Elefant kommt selten allein : Doro in Indien an fast beliebiger Stelle aufklappen, will man Saids Orientalism erklären. Um eine generelle Empfehlung abzuleiten, möchte ich konstatieren, dass es schwierig sein wird, als Serien-Autor_in über weite Strecken eine differenzierte Weltsicht für die verschiedensten Orte der Welt ‚durchzuhalten‘. Noch dazu ist es doch gerade das, was Serien ausmacht, dass sich Leser_innen schnell in Vertrautem wiederfinden. Was eine interkulturelle „Fortbildung“ angeht, wäre konsequenterweise von Serien-Lektüre à la Doro in. . . oder auch Millie in. . . von Dagmar Chidolue abzuraten. Auch auf die womöglich nächsten Abenteuer von Ellen Alpstens Ava (Eine Liebe in Paris, Colours of Afrika) muss man aus interkultureller Perspektive nicht unbedingt gespannt sein. Abschließend sei anzumerken, dass es gerade nicht die ausgebildeten Pädagog_innen waren, die mich als Autor_innen interkultureller KJL überzeugt haben. Ein persönlicher Bezug zum Thema und die Bereitschaft auch auf darstellender Ebene ausgetretene Pfade zu verlassen, wogen wie bei Rena Dumonts Paradiessucher, Hanna Jansens Herzsteine oder Gretha auf der Treppe oder auch den beiden Simon-Bänden von Jesko Johannsen weitaus schwerer, als eine pädagogische Ausbildung und Berufserfahrung wie bei Annelies Schwarz oder Carolin Philipps. 5.2.3 Figurenkonstellation: Wer kommt überhaupt zu Wort? Die Figurenkonstellation, die ich als dritten Rasterpunkt für die pragmatische Beurteilung interkultureller KJL präsentiere, eignet sich womöglich nicht unbedingt immer, schnell (Kauf-)entscheidungen zu treffen. Ein kurzes Durchblättern des angepeilten Buches oder das Lesen des Klappentextes wird in vielen Fällen nicht ausreichend sein. Ich will trotzdem versuchen, im Folgenden einige möglichst schnell greifbare Kriterien herauszuarbeiten. Vorab einige Worte zum Begriff „Figur“: Literarische Figuren entstehen „als mentale Modelle in einer fiktionalen Welt.“ Textfiguren sind somit „Objekte einer Welt, die durch bedeutungszuweisende Prozesse aufgrund von Textlektüre sowie deren Interpretation konstituiert wird.“771 Literarische 771 Klausnitzer, 2012, S. 133. 185 Figuren sind „potentielle Träger von Handlungen“,772 die sich entwickeln können oder eher statisch bleiben. Die Menge an Information, die der/die Leser_in erhält, ist Basis für die Charakterisierung (im Sinne von Zuschreibung eines Charakters). Handelnde Charaktere können z.B. über Monologe, Dialoge, die Beschreibung von Mimik und Gestik oder über ihr Sprachverhalten charakterisiert werden. Auch sprechende oder implizit charakterisierende Namen dienen der Zeichnung der Figuren.773 So halte ich es nicht für zu weit hergeholt anzunehmen, dass Ellen Alpstens „Mudi“ in Halva, meine Süße (2012) eine Anspielung an Betty Mahmoodys wechsel-launigen Mann Moody aus Nicht ohne meine Tochter (1987) ist.774 Bestimmte figurale Schemata machen für den/die Leser_in bestimmte Charaktere und deren mehr oder weniger absehbare Handlungen (Stichwort: Leserlenkung) wahrscheinlich oder sogar ‚logisch‘. Ein solches Ableiten von zu erwartenden Charakterzügen oder Handlungen hängt zum einen von den „zum Teil sehr spezielle[n] Kenntnisse[n] über die Regeln der erzählten Welt“775 ab. Auch ein allgemeines literarisches Wissen unterstützt den/die Leser_in bei der Bedeutungszuweisung. Zeigen sich Wolken am Himmel der fiktionalen Welt, bahnt sich in der Regel Unheil an, verdunkelt sich vielleicht die Laune der handelnden Person(en). Es kann in vielen Fällen von zumindest einer gewissen Kenntnis über fiktionale Welten ausgegangen werden. Das Drama Romeo & Julia sowie die Figur der Scheherazade und deren Geschichte(n) sollte(n) bei den angesprochenen Alterszielgruppen hinlänglich bekannt sein oder zumindest bestimmte Assoziationen hervorrufen. Schlussendlich hängt der Zuschreibungsprozess von „mehrfach dimensionierte[n] Wissensbestände[n] über die aktuale Welt“ ab“,776 also davon was der einzelne Leser oder die einzelne Leserin über die reale, tatsächliche Welt weiß oder zu wissen glaubt. Welche Konstellationen an Haupt- und Nebenfiguren in meiner Stichprobe besonders häufig entdeckt werden konnten, wird im Folgenden kurz 772 Frickel, 2011, S. 14. 773 Vgl. Klausnitzer, 2012, S. 189, in schematischer Übersicht in Anlehnung an Manfred Pfister. 774 Ich als Leserin habe in meinem ganz persönlichen Rezeptionsprozess diese Parallele gezogen, ob es nun von Alpsten so gedacht war oder nicht. Vgl. auch die Ausführungen zur Diskurslinguistik in Kapitel 3. 775 Ebenda, S. 133. 776 Ebenda, S. 134. 186 zusammengefasst.777 Mitgedacht werden darf, dass die Figurenkonstellation „als ein wichtiges Mittel der ästhetischen Wirklichkeitsdarstellung bzw. Erfassung [...] gesellschaftliche Gruppenstrukturen formal inszeniert.“778 Die ‚vollständige‘ bikulturelle Familie In meiner Stichprobe finden sich einige Geschichten um bikulturelle Familien. Ich skizziere im Folgenden sieben Beispiele und nenne abschließend noch weitere. Ein Zwischenfazit kann schon zum Ende des Abschnitts gezogen werden. Lola aus Isabel Abedis Hier kommt Lola! (2004) ist ein selbstbewusstes 9-jähriges Mädchen. Ihre Hauptbezugsperson ist der aus Brasilien stammende Vater. (Inter-)kulturelle Themen werden fast nebenbei ‚abgehandelt‘: Zwei Monate später sind wir umgezogen. Nicht in den Urwald natürlich, sondern wie gesagt nach Hamburg. Hier haben viele Menschen dunkle Haut und bis jetzt habe ich noch keinen gesehen, der ein Problem damit hat.[...] [Ü]ber solche Sachen kann man mit Papai nicht streiten. Es ist nämlich so, dass die Menschen in Brasilien in vielen Dingen höflicher sind als die Menschen in Deutschland. Das sagt Papai jedenfalls.779 Die Mutter ist vielbeschäftigt und bleibt eher im Hintergrund, wichtig scheinen noch Opa und Oma. Die Großmutter ist Buchhändlerin und weigert sich „Kindsverblödung!“-Literatur wie Hanni & Nanni zu verkaufen.780 Von Andrea Karimé sind zwei Bücher in dieser Kategorie vertreten: Tee mit Onkel Mustafa (2011) erzählt von Mina, der Tochter einer libanesischdeutschen Verbindung. Bei einem Familien-Urlaub in der Heimat ihres Vaters lernt Mina ihren Onkel Mustafa kennen, der ihr eine neue, keineswegs konfliktfreie oder unmittelbar an Tausendundeine Nacht erinnernde Welt eröffnet. In Der Wörterhimmel des Fräulein Dill (2013) erzählt Karimé 777 Weiter könnte man auch Referenzen auf Figuren der Weltliteratur, des Films und der Unterhaltungsindustrie im Allgemeinen mit berücksichtigen. Diese stimmen allzu oft schon zu Beginn des Textes auf den Tenor der Erzählung ein und lenken den Leser/die Leserin. Es scheint außerdem in meiner Stichprobe eine Korrelation zu geben, was eine häufige, augenfällige und frühe Nennung von Prätexten angeht, zu einer eher ‚stimmlosen‘ Zeichnung der Nebenfiguren – so zumindest meine These auf Basis einer vorerst kursorischen Betrachtung unter diesem Blickwinkel. 778 Nünning, 2013, S. 214. 779 Abedi/Henze Ill., 2010, S. 19f, 117. 780 Ebenda, S. 23. 187 von Dennis, dem Sohn einer türkisch-deutschen Verbindung. Im heimischen Garten lernt er das greise Fräulein Dil (Dil wie Sprache, nicht Dill wie das Kraut) kennen. Die alte Frau sammelt Wörter. Dennis’ Mutter ist schon einige Zeit in Istanbul, um dort Türkisch zu lernen. Als Fräulein Dil(l) sich dorthin aufmacht, besucht Dennis beide und „versteht nur Karussell oder so was“.781 Psychotherapeutin Doris Schneider will in Claudia Kühns Buch zum Film Türkisch für Anfänger : Meine verrückte Familie (2007) zusammen mit dem verwitweten Kommissar Metin Öztürk eine Patchwork-Familie gründen. Man zieht zusammen. Tochter Lena (aus ihrer Perspektive wird erzählt) ist von der Idee genauso wenig begeistert wie Metins Kinder Cem und Yagmur, und so beginnt ein amüsanter ‚Kampf der Kulturen‘,782 den keiner verliert und keiner gewinnt. Außerdem haben die Jugendlichen noch ganz andere pubertäts-typische Herausforderungen wie erste Liebe, Schulprobleme und (zumindest Lena, Yagmur nicht) erste Erfahrungen mit zu viel Alkohol zu meistern. Lenas kleiner Bruder Nils beobachtet das Treiben eher entspannt und amüsiert. Shirin Kumm erzählt in Der Blick hinab (2007) von Minni. Minni (Minima) und ihr älterer Bruder Maxi (Maximus) sind die im Iran geborenen und aufgewachsenen Kinder eines selten Gefühle zeigenden persischen Mathematikers und Poeten und einer desinteressierten deutschen Pianistin. Eine wichtige Bezugsperson für Minni, deren Name ihre Rolle in der Familie widerspiegelt, ist die Urgroßmutter Aroma. Obwohl Minni zum Studium zu ihr nach Darmstadt zieht, bekommt sie ihr Leben nicht in den Griff. Mehr als die im Klappentext ‚beworbene‘ interkulturelle Zerrissenheit scheint sie das unterkühlte Verhältnis zu ihren Eltern zu quälen. Zu eventuellen interkulturellen Herausforderungen der Eltern erfährt man eher beiläufig, dass die Mutter „islamischer als alle anderen in der Verwandtschaft“ ist, obwohl Minnis Vater nicht darauf gedrängt hatte, dass sie zum Islam übertritt. ‚Schüssel heißer als die Suppe‘ kommentiert die deutsche Ur-Oma, die weltoffen ihr Repertoire um persische Sprichworte erweitern konnte.783 Die Brüder in Matti und Sami (2011) sind, was ihre Prioritäten im Leben angeht, in unterschiedlichen Universen unterwegs. Der finnische Vater eher sprachlos, die deutsche Mutter wenig durchsetzungsfähig, findet Matti 781 Karimé/Bodecker-Büttner Ill., 2013, S. 85. Das Buch schließt mit einem liebevoll gestalteten Glossar. Aus „Dennis’ lieblingstürkische Wörter“ : [Dennis] – deniz – Meer; [Dill] – dil – Sprache der Zunge; [Sanane] – sanane – Das geht dich nichts an (ebenda, S. 91). 782 „Okay, das saß. 1 : 0 für die Türken“ (Kühn, 2007 – vergriffen : DVD zur Serie lieferbar, S. 18). 783 Vgl. Kumm, 2007, S. 64. 188 in seinem Onkel Kurt, dem Taxifahrer, eine wichtige Bezugsperson. Vom gleichen Autor, Salah Naoura, ist auch Dilip und der Urknall (2011): Dilip, das hochbegabte Adoptiv-Kind indischer Herkunft, bringt seit kurzem das Gleichgewicht der Kleinfamilie durcheinander. Anton, wie Dilip neun Jahre alt, ist schulisch nicht gerade ein Überflieger. Besonderes Aufhebens um Dilips Herkunft wird nicht gemacht. Der Vater, Banker, ist bald ohne Job (was er zu verheimlichen sucht), die Mutter bleibt eher im Hintergrund. Der unkonventionelle Opa Gert ist eine wichtige Bezugsperson für die Kinder. Lehrerin Raddatz übt mit den Kindern Protestlieder singen und der in Scheidung lebende Müllarbeiter Birk bietet der finanziell ruinierten Familie bald eine neue Heimat. Als weitere Beispiele bikultureller Familien in meiner Stichprobe wären u.a. Silvia Schopf, Marie hat jetzt Stachelzöpfe (2006) und Annelies Schwarz, Meine Oma lebt in Afrika (1998), zu nennen. Durch die Reise der jungen Protagonist_innen ergibt sich jedoch eine völlig andere Dynamik und die Darstellung einer fremden (und exotischen) Welt drängt in den Vordergrund. Hanna Jansens Herzsteine (2012) wurde bereits mehrfach ausführlich erwähnt und hat – die Mutter ist mehr ab- als anwesend – auch nichts von der Leichtigkeit der oben gelisteten Erzählungen (sieht man von der Kriegs-Thematik in Karimés Onkel Mustafa (2011) und Kumms Der Blick hinab (2007) ab). Deniz Selek versucht mit Heartbreak-Familie : Als ein anderer mir den Kopf verdrehte (2014), Fischer Schatzinsel, einen Türkisch für Anfänger-Aufguss und kommt insgesamt etwas gezwungen daher. Auch das ans Ende gestellte Glossar (wieder einmal „Anne“, „Dede“ und „Şerefe!“) spricht dem Text die Idee einer Selbstverständlichkeit eines interkulturellen Zusammenlebens ab, die bei Abedi, Karimé, Kühn und Naoura oder auch Ute Wegmanns Die besten Freunde der Welt (2012) mitschwingt. Bemerkenswert ist, dass den Kindern in einigen der o.g. Bücher noch ungewöhnliche, von der Norm abweichende Bezugspersonen zur Seite gestellt werden. Eine eigensinnige, gegen Kinder-Verdummung ankämpfende Oma bei Abedi, eine Protest-Lieder singende Lehrerin in Naouras Dilip oder der kauzig wirkende Onkel Mustafa bei Karimé. Diese Figuren stehen in starkem Kontrast zu den die Welt erklärenden Lehrer_innen, Onkels und Tanten, Reisebegleiter_innen und Geistlichen, die den jugendlichen Hauptfiguren sonst oft zur Seite gestellt werden. 189 Bikulturelle Waisen und Scheidungskinder „Die Mutter in Werken der aktuellen KJL ist häufig alleinerziehend, krank oder gar tot“ konstatiert Daniela A. Frickel in ihrem Beitrag Periphere Personen im Zentrum – Mütter am Rande. Desinteressierte, chaotische oder selbstherrliche Mütter schafften „Instabilität in jener sensiblen Lebensphase, in der die kinder- und jugendliterarische Hauptfiguren Stabilität benötigen.“ Diese Mütter generieren somit, so Frickel weiter, den Ausgangspunkt für Entwicklungsgeschichten. (Vorübergehend) alleinerziehende Mütter – so möchte ich ergänzen – engagieren möglicherweise ein Au-Pair, wie in Gretha auf der Treppe (2004) oder Polinas Geheimnis (2010), was wiederum die Handlung vorantreibt. Das Bild der liebevollen Mutter fände sich zumeist nur in „Werken, in denen der Tod der Mutter eine dramatische Funktion erfüllt.“784 Zwei Punkte aus der Einführung zu Kapitel 5.2.3 möchte ich an dieser Stelle nochmals aufgreifen: (1) Literarische Figuren sind „potentielle Träger von Handlungen“,785 die sich entwickeln können oder eher statisch bleiben. (2) Mitgedacht werden darf, dass die Figurenkonstellation „als ein wichtiges Mittel der ästhetischen Wirklichkeitsdarstellung bzw. Erfassung [...] gesellschaftliche Gruppenstrukturen formal inszeniert.“786 Abwesende Personen können sich nicht weiterentwickeln, werden maximal er- oder verklärt. Abwesende Personen sind – soweit sie nicht als Mythos weiterleben – an den Rand gedrängt und können leicht marginalisiert werden. Das in der vorliegenden Arbeit am häufigsten erwähnte Waisenkind aus einer bikulturellen Verbindung ist Marie-Thérèse Schins’ Doro. Doros Mutter stammte aus den Niederlanden, der Vater ist Deutscher. Das Praktische an der holländischen Mutter ist, dass man zur Verwandtschaft nach Amsterdam fahren und dort tolle Abenteuer erleben kann. Dass die Mutter von Karin Alves Filipa aus 1000 Gründe, warum ich unmöglich nach Portugal kann (2012) verstorben ist, erfährt man nebenbei. Der portugiesische Vater kam wegen der Arbeit in die Schweiz, was sehr lange zurück liegen muss: „Papa hatte noch keinen Schnauz und Mama war noch am Leben.“787 Für die Handlung wichtiger als die abwesende Mutter ist die portugiesische Verwandtschaft, denn Filipas Vater will mit seinen beiden Kindern zurück in seine Heimat ziehen, die die Tochter bisher nur aus Urlauben kennt. Auch Dilips Mutter aus Salah Naouras Dilip und der Urknall (2012), eine Inderin, ist verstorben. Über den Vater ist nichts bekannt. Der Tod 784 Frickel, 2011, S. 16ff. 785 Ebenda, S. 14. 786 Nünning, 2013, S. 214. 787 Alves/Gehrmann Ill., 2012, S. 10. 190 der Mutter ist insofern wichtig, als dass er die Voraussetzung für Dilips Adoption ist. Leas chinesische Mutter aus Carolin Philipps Weiße Blüten im Gelben Fluss (2004) ist zwar nicht tot, hat ihre Tochter aber als Baby verschenkt, so dass diese von treusorgenden deutschen Eltern adoptiert werden konnte. Lea macht sich auf nach China, um ihre Mutter zur Rede zu stellen. Die Väter von Rhina, Regenbogenasche (2013) und Julia, Die verborgene Seite des Mondes (2007) sind tot. In beiden Fällen offenbar auch ein guter Anlass, das Land der Ahnen zu besuchen. Rhina macht sich auf zu einer abenteuerlichen Reise durch Namibia, um dort die Asche ihres Vaters zu verstreuen. Julia fährt mit ihrer Mutter zu den Großeltern in die Wüste von Nevada, wo sich eine „hinreißende Liebesgeschichte“ (der Verlag zitiert die BRIGITTE) entwickelt.788 Ulrike Kuckeros Hanna kennt ihren Vater nicht. Ihre Mutter und sie leben allein, die Mutter erzählt Hanna nichts von deren Vater. Eines Tages findet Hanna in einer staubigen Kiste einen leeren Briefumschlag, abgeschickt von einem gewissen Ali Akman, Izmir. Sie ist ganz aufgeregt, dieser Ali muss wohl ihr Vater sein. Zusammen mit ihrer besten Freundin Merle versucht sie in Ein Brief an Ali (2000) Kontakt aufzunehmen.789 Die Ambitionen nun Türkisch zu sprechen und Teekochen zu lernen, geben Hanna Gelegenheit, endlich auch einmal mit anderen Kindern türkischer Eltern näher in Kontakt zu treten und die Familien sogar zu Hause zu besuchen. Es wird viel Tee getrunken, immer mit zwei Stück Zucker. Der Vater, so lernt man nach und nach, ist ein vor fünf Jahren nach Deutschland emigrierter kurdischer Journalist, mit dem die Mutter während eines Türkei-Urlaubs eine Affäre hatte.790 Beim finalen Vater-Tochter-Kennenlernen wird erneut viel Tee getrunken, wieder mit viel Zucker. Auf den letzten zwanzig Seiten darf auch der Vater zu Wort kommen, es fehlt nicht an „Maşalah!“ und „Güle güle!“791 788 Brabendererde, 2010, Klappentext. 789 Das Buch wurde 2008 im gleichen Verlag (Thienemann) neu aufgelegt unter dem Titel Merhaba Papa. 790 „Ali war so fröhlich und so verliebt! Na ja, sie eigentlich auch. Obwohl. . . “ (Kuckero, 2008, S. 156). 791 Eine detailliertere Analyse findet sich bei Hinze, 2003, S. 71ff. Einige Punkte aus Hinzes Analyse: „Ulrike Kuckero kommt ohne einen gewaltigen didaktischen Impetus [...] nicht aus. [...] Bei aller gut gemeinter Vermittlung der türkischen Kultur haben wir es hier im Grunde mit einem durch Handlung angereicherten Lehrstück zu tun. [...] Angaben zur prekären und menschenverachtenden Politik in der Türkei greifen meines Erachtens viel zu kurz; wenn die Autorin mit Rücksicht auf die junge Leserschaft nicht zu sehr in die Tiefe gehen wollte, hätte sie vielleicht besser ganz darauf verzichten sollen.“ 191 Anja Tuckermanns Figur Yunus kennt seinen Vater schon. Yunus hat eine ganz schön multikulturelle Familie, eine deutsche Mutter, einen deutschen Opa, der ursprünglich aus Polen kommt, einen türkischen Vater, der von der Mutter getrennt wohnt, eine türkische Oma, einen amerikanischen Stiefvater jüdischen Glaubens, einen italienischen Großvater (Stiefvater der Mutter Maike), der ähnlich wie die türkische Oma als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen war, und dazu noch eine deutsche, vom Krieg erzählende Oma. Die Grundidee für das Buch ist, dass Yunus seine Mutter, Inhaberin einer Galerie, bittet, über jedes Familienmitglied einige Seiten zu schreiben. Erarbeitet wird also als Teil der Handlung Ein Buch für Yunus (1997). Das Gesamtergebnis ist ein Kaleidoskop wohl zu 100% politisch korrekter Länder-Information. Das letzte vaterlose Kind ist Mert, ein Deutschtürke im Abseits (2012) aus der Feder der aus Bosnien stammenden Safeta Obhodjas. Beide Eltern stammen aus einer Stadt in der Türkei, einem – wie die Mutter erinnert – „Moloch. Verpestete Luft, Gestank, Wasserpfeifen, enge Gassen, Menschen wie Gespenster, [..] schrille Musik . . . “792 Im Fall von Mert dient die Abwesenheit des Vaters dazu, die Kompetenz und Selbstbestimmtheit der intellektuellen Mutter zu überhöhen, die wiederum in Kontrast zur restlichen türkischen Verwandtschaft, die als rückständig und gewalttätig dargestellt wird, steht. Auch wenn es naheliegend erscheinen mag, es lohnt sich darüber nachzudenken, warum in der Stichprobe fast ausnahmslos in der jeweils (ausgehend vom Autor/der Autorin) anderen Kultur ‚gestorben oder gegangen‘ wird. Bei Doro muss die Mutter tot sein, damit Doro mit ihrem Vater ungestört auf Reisen gehen kann. Hier tut die Nationalität der verstorbenen Mutter nicht viel zur Sache. Auch Naoura ist mit Dilips toter Mutter außen vor. Obhodjas würde ich auch als Sonderfall betrachten. Aber die anderen? Zweimal machen sich junge Frauen auf die Suche nach den Wurzeln ihrer Väter, der Erkenntnisgewinn ist nicht groß und bald sind die jungen Heldinnen – insbesondere Rhina – von der Kulisse des Ziellandes überwältigt. Einmal schickt eine deutsche Autorin eine gebürtige Chinesin mit ihren deutschen Adoptiveltern nach China, um die dortige Politik an den Pranger zu stellen. Einmal wird am Exempel eines weitestgehend stimmlosen Vaters die türkische Kultur (eigentlich ein ganzes ‚Volk‘) erklärt und mit Yunus wird ein Potpourri politisch korrekt formulierter Informationen zur Weltgeschichte dargeboten. Über (fingierte) Repräsentant_innen einer anderen Kultur zu sprechen ist einfacher, so meine These, als runde Charaktere verschiedener Kulturen 792 Obhodjas, 2012, S. 37. 192 auf unspektakuläre und beiläufige Art in Dialog treten zu lassen. Stellt man die Geschichten der Waisen und Scheidungskinder denen der ‚vollständigen‘ bikulturellen Familien gegenüber, fällt außerdem auf, dass die Autor_innen der Alltags- (vs. Reise-)Geschichten zu den ‚intakten‘ Familien alle über Migrations- oder Minderheitserfahrung verfügen. Die Drehbücher, auf denen die Erzählung Türkisch für Anfänger : Meine verrückte Familie (2007) basiert, hat der deutsch-türkische Autor Bora Dagtekin verfasst. Eine Scheidung der Eltern steht übrigens der 14-jährigen Sahra in Zimtküsse (2012) bevor. Deren deutsche Mutter hat sich in ihre Kollegin Pepita verliebt. Sahras Mutter packt ihre Koffer und Sahra flüchtet erst einmal zu ihrer Großmutter nach Istanbul, was Gelegenheit für deutsch-türkische Reflexionen und die Zeichnung einer Metropole bietet. Die Autorin Deniz Selek ist in Deutschland geboren und in Istanbul aufgewachsen. Auf eine Formel gebracht: Geschichten von bikulturellen Autor_innen über bikulturelle Familien, in denen noch jeder mitreden darf (also kein Elternteil tot oder abwesend ist), haben tendenziell höheres Potenzial interkulturellen Erkenntnisgewinn zu stiften als Erzählungen von Autor_innen ohne oder mit nur sehr geringer Migrationserfahrung, die über abwesende Elternteile der ‚anderen‘ schreiben. Pädagog_innen und Geistliche An besonders präsenten Pädagog_innen als Nebenfiguren hatte es in meiner Stichprobe u.a. die Klassenlehrerin Frau Pinkepang ausMilchkaffee und Streuselkuchen (1996), die strenge, gerechte und beliebte Lehrerin Frau Schöne in Amira, du gehörst zu uns! : Ein Kinderroman gegen Abschiebung (2009), die Ordnung schaffende Fachlehrerin Gruber, „ohne Zweifel eine tolle junge Frau“,793 aus Leaving Ararat : Abenteuer Einwanderung (2012), sowie als deren Gegenpol den rassistischen Professor Janacek. Au- ßerdem, wenn auch nicht im schulischen Umfeld tätig, die nicht nur ihren Sohn therapierende Sozialarbeiterin Suna Seyder inMert, ein Deutschtürke im Abseits (2012). Eher im Hintergrund, den Kindern aber wichtige Impulse gebend, bleiben in Dilip und der Urknall (2012) eine Mathematiklehrerin für Hochbegabte, Halb-Inderin, die die Kinder zu Indien ausfragen können, sowie Frau Raddatz, die mit den Kindern Protestlieder singt. Auch nur nebenbei erwähnt werden die Deutschlehrerin Donna Candalaria aus Alle Toten 793 Lawson/Behrens, 2012, S. 43. 193 fliegen hoch : Amerika (2011) sowie der kläglich gescheiterte Coach Kaltenbach mit seinem Kurs „Searching for Identity“.794 Beide stärken durch ihre Schwächen bzw. ihr Versagen das Selbstbewusstsein des jugendlichen Helden. Eine sowohl in Seidenhaar (2007) als auch in Seidenweg (2012) wichtige Gesprächpartnerin für Sinem ist die Koranlehrerin Halime. Halime weiß auch nicht auf alle Fragen des Lebens die richtige Antwort, was sie von den Pädagog_innen der klassischen Problemliteratur in erfrischender Weise unterscheidet. Trotzdem wirken die Dialoge zwischen Sinem und Halime teilweise sehr pädagogisch und konstruiert.795 In Die Sonnentrinker (2002) besuchen die drei Freunde Hakan, Sohn eines türkischen Einwanderers, sein deutscher Freund Daffyd und der somalische Junge Wahib auf der Suche nach Hakans Vater u.a. eine Moschee. Es entwickelt sich ein facettenreiches Gespräch zwischen dem Hodscha und den drei Jugendlichen.796 Etwas einseitiger gestalten sich die seitenlangen Dialoge zwischen der sich in kultureller Identitätskrise befindenden Deutsch-Türkin Gülten und ihrem Großvater, einem Hodscha, in Maria Regina Kaisers Wohin ich gehöre (1999). Das ‚Missionarische‘ klingt – zumindest in meiner Stichprobe – immer irgendwie durch, wenn Pädagog_innen, Sozialarbeiter_innen o.ä. als herkömmliche Vorbilder präsentiert werden. Das gilt nicht nur für Bücher wie TUSO : Eine wahre Geschichte aus Afrika (2009) mit Jutta und Sister oder für die Ordensschwestern in Akuabo – sei willkommen! Reise in ein Dorf in Ghana (1990), sondern fällt auch bei den Büchern der ehemaligen Sozialarbeiterin Güner Yasemin Balci Arabboy (2008) und ArabQueen (2010) auf. Als Trend lässt sich konstatieren: Je aufdringlicher Pädagog_innen und Geistliche als unangreifbare Autoritäten in Erscheinung treten, desto pädagogischer, ermüdender und austauschbarer werden die Erzählungen. Die schablonenhaft präsentierten Lösungsanregungen, konstruiert unter Laborbedingungen einer 100% politisch korrekten Welt, mögen für den Schul- Unterricht praktisch und verdaulich sein, fallen aber durch, werden die Bücher mit den von Rösch aufgestellten Kriterien für wertvolle interkulturelle Literatur (vgl. Kapitel 2.4.1) abgeglichen. Diese Art der Figurenkonstellation findet sich weitaus häufiger in der Literatur, die vordergründig 794 Vgl. Meyerhoff, 2013, S. 153f. Zum Deutschkurs von Ms. Candalarie vgl. auch in dieser Arbeit Seite 169. 795 Vgl. insbesondere Çelik, 2012, S. 97ff. Zu den beiden Titeln vgl. detailliert Kapitel 4.1.2. 796 Vgl. Kurt, 2013, S. 75ff oder auch Kapitel 4.1.2. 194 den Fremdheitsdiskurs aufgreift und ist in der KJL, die Interkulturalität als Teil der Normalität begreift, kaum bzw. in meiner Stichprobe nicht zu finden. Im Gegenteil: Psychotherapeutin Doris aus Türkisch für Anfänger : Meine verrückte Familie (2007) lehrt uns maximal, dass Pragmatismus, Offenheit und das Zugeben von Schwächen im Zusammenleben mit pubertierenden Kindern und im Gründen einer interkulturellen Patchwork-Familie nützlicher sein können als ein 10-jähriges Studium.797 „[K]leine schwarze Kinder“ und andere Statisten Für Helene Schär, Geschäftsführerin des Kinderbuchfonds Boabab, unterscheiden sich viele zeitgenössische Kinder- und Jugendbücher nicht sonderlich von den „Entdecker- und Abenteuerberichten vor 200 Jahren“, au- ßer, dass sich das Geschehen heute abspiele. Auch damals, so Schär, seien „Eindrücke über die merkwürdigen Wilden“ geschildert worden, die kein Besteck benutzten, wenn überhaupt, dann „unzivilisierte Kleidung“ trugen, und mit mangelnder Hygiene lebten: „Heute sind es z.B. bei Marie-Thérèse Schins die verstopften Klos oder wie wir lernen, ohne Gabel zu essen, oder dass einen ständig hundert Augen anstarren.“798 Vorläufig sei die „Information über das Fremde größtenteils eindimensional, von uns ausgehend.“ Schär wünscht sich, dass „die hundert fremden Augen, die uns anschauen, zu Individuen werden“ und uns den Spiegel vorhielten.799 Diese Selbstzentriertheit schwingt in der Reise- und Ferienliteratur im Titel nicht immer schon so offensichtlich mit, wie bei Schins’ In Afrika war ich nie allein (1999) oder Die Welt und ich (2012). Der nach meiner Zählung zehnte Band der Reihe – auch von Ilona Einwohlt bei Arena erschienen Mein Pickel und ich (2008), Mein Knutschfleck und ich (2008)800 – kommt eher wie ein Handbuch für alle Lebenslagen daher, was für die Herleitung meiner machbarkeitsorientierten Empfehlung sehr praktisch ist: Sehr schnell kann nämlich der/die interessiert/e Buchkäufer_in an kursiv oder fett-gedruckten Einschüben erkennen, wo die Reise auch im Subtext hingeht. Ganz im Stil post-bolognialer Bachelor-Studienbücher kommt bei Einwohlt wichtige Information („Zweisprachig aufgewachsene Kinder haben mehrere Vorteile: Sie wissen, dass es verschiedene Sprachen gibt und dass Sprache Kultur und Identität verleiht“801) in eingeschobenen Kästen daher. Sogar Checklisten fehlen nicht, sodass schnell erkenn- oder greifbar 797 Vgl. Kühn, 2007 – vergriffen : DVD zur Serie lieferbar, S. 82. 798 Schär, 2001, S. 12. 799 Ebenda. Sie bezieht sich im Folgenden auf Buch-Lizenzen aus dem Ausland. 800 Vgl. Einwohlt 2013, S. 192 (Vorschau). 801 Ebenda, S. 33. 195 wird, dass Heldin Sina bei ihrer Welteroberung nicht einmal darauf vertraut, dass es auf Mallorca Gummibären gibt.802 Man muss sich also nicht von der Aussicht auf ein „Erstes Kapitel, in dem Sina über andere Kulturen nachdenkt“ in die Irre führen lassen.803 Anhand schnell erkennbarer abweichender Schrifttypen sind auch Tagebuch-Einträge, Chat-Korrespondenzen, E-Mails und SMS-Nachrichten gut erkennbar. So werden die Nebendarsteller in Heart Crash (2012) der für ‚Problemthemen‘ bekannten Autorin Brigitte Blobel, die laut Klappentext mehrere Monate im Jahr in Afrika lebt, per E-Mail eingeführt: Patrick ist mit einem Blinddarm-Durchbruch von der Schule ins Krankenhaus gebracht worden [...] Brian und Emily sind noch nicht aus Kapstadt zurück, aber sie kommen bestimmt gleich. Sie lassen mich ja nie lange mit dem Personal alleine. Das sind alles Schwarze. [...] Auch im Haus wimmelt es von Personal. [...] Sindiwe mag ich. Sie freut sich immer so und sagt ’Miss Celia’ zu mir. Wie findest du das? Wie bei Tom Sawyer und Huckleberry Finn. [...] Ihre Eltern und Brüder sind von den Schergen eines korrupten Regimes ermordet worden. Ist das nicht furchtbar? Und dabei ist sie so ein toller Mensch. [...] Du findest [Patrick] also süß! Na ja, er hat schon was.804 Das Cover (weißes Mädchen in inniger Umarmung mit Schwarzem Jungen) in Verbindung mit dem Klappentext („hochaktueller Roman von unglaublicher Intensität“) könnte einen sozialkritischen Liebesroman versprechen. Tatsächlich liegt hier eine sicher wohlgemeinte, um das Thema Apartheid kreisende Au-Pair-Geschichte vor. Dass Gastmütter, Straßenkinder, fliegende Händler, Erklär-Onkels (wie Mr. Ladiwala in Ein Elefant kommt selten allein (2000)805), Hauspersonal usw. oft nicht mehr als Statisten einer (kollektiven) Selbstbespiegelung sind, muss an der Stelle nicht noch gesondert hergeleitet werden. Ebenso muss bei der Literatur à la CITY TO GO nicht auch noch die Gegenprobe gemacht werden, ob die aus der nächstgelegenen Starbucks-Filiale geführte E-Mail-Korrespondenz wie erwartet die Gastmutter als Antagonistin einführt. Wie kann man aber erkennen, dass z.B. ein „Afrika-Buch“ mehr sein könnte, als reine Abenteuerliteratur? Es liegt in der Natur der Sache, dass 802 Ebenda, S. 91. 803 Einwohlt, 2013, S. 5. 804 Blobel, 2012, S. 50f, Hervorhebungen durch mich. 805 Schins/Oeser Ill., 2000, ab S. 21. 196 ich an der Stelle mit Beispielen geizen muss. Ein schönes bietet das Bilderbuch Die schlaue Mama Sambona (2007) von Hermann Schulz, das wie folgt beginnt: Auf der Insel Ukerewe im großen Ukerewe-See* in Afrika ist alles schön geordnet. Sogar der Tod muss sich an bestimmte Regeln halten. Er darf zum Beispiel nur drei Mal bei einem Menschen anklopfen, wenn er ihn zu den Ahnen holen will. Trifft er diesen Menschen nicht an, oder hat er sich in der Adresse geirrt, muss der Tod jahrelang warten, bevor er wieder kommen darf. * Dieser See heißt im Atlas meistens Victoria-See, so genannt nach der englischen Königin Victoria. Die Afrikaner nannten ihn immer Ukerewe-See.806 Schulz gibt mit dieser auffällig gesetzten Fußnote (ähnliche Schriftgröße wie der Haupttext, auf Seitenmitte platziert) ein Statement zur ostafrikanischen Kolonial-Geschichte ab. Er wählt für den Erzähltext bewusst den ursprünglichen Namen des Sees. Welche Hinweise bieten sich sonst noch in der KJL? Generell lohnt sich ein Blick ins Glossar, wenn vorhanden. Wie ausführlich oder komplex ist es verfasst? Auch die Kapitel-Bezeichnungen geben oft hilfreiche Hinweise. Weiter lohnt es sich, den Fließtext auf den ersten Seiten nach Hinweisen auf Filme und Bücher zu scannen. Ava aus Colours of Africa (2014) fallen zum Stichwort Kenia „Der König der Löwen“ und „Der ewige Gärtner“ ein. Die Schauspieler-Freundin ihrer Mutter hat in Nairobi eine „kleine Wohltätigkeitsorganisation. [...] Ava nippte an ihrem Prosecco [...]. Vor ihrem inneren Auge sah sie einen lichtdurchfluteten Raum, in dem kleine schwarze Kinder eifrig bunte Bilder malten.“807 Ich denke, auch hier erübrigen sich weiterführende Erläuterungen. Fazit und Empfehlung Mein Fazit, das sich an dieser Stelle auch immer mehr zu einem Gesamtfazit verdichtet und das deshalb nicht isoliert ohne die Rasterpunkte Handlungsort und Autor_innenprofil gezogen werden sollte, könnte mit dem Sprichwort „Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah“ beschrieben werden. Zur Tiefenschärfe von Nähe und Ferne formuliert Rafik Schami in seinem Artikel „Anpassung? Woran bitte?“: Es kann sein, dass man immer über ein fernes genauere Aussagen machen kann als über das Volk, in dem man lebt. Ich wüsste schnell etwas darüber zu sagen, was ein Italiener, ein Franzose oder ein Libanese ist. Hier mitten 806 Schulz/Krejtschi, 2007, S. 4. Das Bilderbuch ist nicht Teil meiner Stichprobe. 807 Alpsten, 2014, S.24f. 197 unter den Deutschen muss ich jedoch verdammt aufpassen, dass ich einen Südhessen nicht mit einem Nordpfälzer und den um Gottes willen nicht mit einem Saarländer verwechsle. [...] Dreißig Jahre in Deutschland prägen einen Ausländer. Ich fange bei jedem Besuch an nachzudenken, was ich dem Gastgeber mitbringen könnte. Nudelsalat nehme ich zwar nicht mit, aber immerhin sind Wein, Bücher oder exotische Früchte in der Regel dabei. In Arabien wäre das undenkbar.808 Die Kinder- und Jugendbücher, die in meiner Stichprobe am ehesten oder häufigsten den von Heidi Rösch aufgestellten Kriterien entsprachen, hatten ihren Handlungsort zu großen Teilen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, waren von Autor_innen mit Migrations- oder Minderheitserfahrung verfasst und kamen ohne Pädagog_innen, Geistliche oder namenlose Statisten aus. Es war das eher Alltägliche, was die Geschichten besonders machte. Die kleinen Geschichten um das sich Raufen und wieder Zusammenraufen, um das Zulassen von Eigenheiten, das Interesse für den Anderen – der/die in der Literatur gerne verallgemeinernd als „das Andere“ bezeichnet wird. Das Interesse an jemandem, der nicht über sein oder ihr Anderssein, sondern seine oder ihre Persönlichkeit wahrgenommen wird. Ich wünsche mir mehr solche Bücher wie Dilip und der Urknall, Türkisch für Anfänger, Tee mit Onkel Mustafa oder gerne auch aus der phantastischen Ecke Ayda, Bär und Hase.809 Ich wünsche mir – wenn er denn pädagogisch so wertvoll ist – einen produktionsorientierten Unterricht, in dem statt Fufu Nudelsalat zubereitet wird. Darüber zu sprechen, welche Zutaten warum nicht verarbeitet werden sollten, ist sicher erkenntnisfördernder als das Kochen von Maisbrei. 5.2.4 Verlagsprofil: Ausnahmen bestätigen die Regel! Bei welchen Verlagen wird man nun – ich beziehe mich wieder auf meine Stichprobe – am ehesten fündig, sucht man nach wie in Kapitel 2.4.1 abgegrenzter interkulturell wertvoller Literatur? Was man wissen sollte, um sich nicht in die Irre leiten zu lassen: Es ist nicht unüblich, Hardcover-Titel etwa ein bis zwei Jahre nach Ersterscheinen als Lizenz an einen Taschenbuchverlag zu geben. So ist In Afrika war ich nie allein (1999) ursprünglich beim Peter Hammer Verlag erschienen und seit 2003 als ungekürzte 808 Schami, 2006, S. 74f. 809 Was nicht heißen soll, dass Übersetzungen oder Originale in anderen Sprachen außen vor bleiben sollen. Meine Aussage bezieht sich ausschließlich auf das eingegrenzte Segment. 198 Ausgabe beim Deutschen Taschenbuch Verlag lieferbar. Um solche ‚Wanderungsbewegungen‘ nachvollziehen zu können, ist im Verzeichnis der Primärliteratur für die Stichprobe neben der von mir zitierten Ausgabe, sofern es sich nicht um eine Originalausgabe handelt, immer ein Hinweis auf den Originalverlag zu finden. Der Klett Kinderbuch-Verlag, Leipzig, war in meiner Stichprobe mit drei Titeln vertreten: Anja Tuckermanns Adile : Ein Mädchen aus Istanbul (2009), Hanna Schotts TUSO : Eine wahre Geschichte aus Afrika (2009), und von der gleichen Autorin Fritzi war dabei : Eine Wendewundergeschichte (2009). Alle drei Bücher fielen besonders durch ethnozentrische und wenig differenzierte Darstellungen der Lebensumstände der jungen Held_innen auf.810 Der Verlag stellt bei seinen Kinderreportagen das Stichwort Authentizität in den Vordergrund. Unter dem Slogan „Ich – wir – alle : Bücher für junge Weltbürger“ kündigt der Verlag neben Adile u.a. die Neuerscheinung So bin ich und wie bist du? Ein Buch über Toleranz (2014) an, eine Übersetzung aus dem Schwedischen. Dort wird Toleranz wie folgt definiert: Toleranz = Die Fähigkeit zuzuhören, gerecht zu sein, sich mit den Besonderheiten der anderen abzufinden und ihre Art, sich zu benehmen, zu ertragen.811 Inwieweit das Zitat, das durch seine Positionierung im Text praktisch als Geleitwort dient, überhaupt das ganze Buch der Ausbildung von jungen Weltbürger_innen dienen soll, bleibt für mich beim besten Willen unbeantwortet. Als „[e]ine Integrationsgeschichte für Kleine“ mit „schlichter, wahrer Botschaft“812 bewirbt der Verlag außerdem die Übersetzung Alles Schweine oder was?! (2013).813 Auf Basis des Verlagsprofils fällt meine Prognose negativ aus, was den interkulturellen Wert dieser Novität angeht. 810 Die Wendewunder-Geschichte der gebürtigen Augsburgerin Hanna Schott beschreibt das DDR-Pioniertuch gleich einleitend als ein Stück Stoff, das stigmatisiert und den Kindern die Luft zum Atmen nimmt (vgl. Schott/Raidt, 2012, S. 6). Graphic Novels wurden für die Stichprobe ausgeschlossen. Wer über den Tellerrand blicken möchte: Weitaus überzeugender wirken auf mich Grenzgebiete : Eine Kindheit zwischen Ost und West (2009) von claire Lenkova bei Gerstenberg und drüben! (2009) von Simon Schwarz bei avant-verlag. 811 Stalfelt/Kicherer Übers., 2014, S. 4. 812 Klett Kinderbuch 2014, nicht paginiert, erste linke Seite des zweimal gefalzten DINlang-Flyers. 813 DNB : Deutsche Nationalbibliothek, zuletzt geprüft am 16.08.2014: „Angaben aus der Verlagsmeldung : Alles Schweine, oder was?! Un Mouton au pays des Cochons / von Alice Brière-Haquet : Es ist nicht so toll, wenn man von lauter Schweinen umgeben ist. Der kleine Schafjunge und sein Papa tun sich schwer damit, im Land der Schweine 199 Allein der werbliche Hinweis auf die „wahre Botschaft“ sollte zumindest misstrauisch machen. Abbildung 5.3: Klett Kinderbuch: Verlagsprospekt Ich – wir – alle : Bücher für junge Weltbürger Bei Thienemann zu stöbern, kann sich – wieder aus der Perspektive der vorliegenden Arbeit – mit etwas Ausdauer lohnen. Als Kuriosum konnte neben einigen Genretiteln und Ein Brief an Ali (2000) das Pferde- Ferien-Mädchenbuch Amal – Tochter des Windes (2005), eine Geschichte um ein sterbendes Araberpferd, angereichert um Koranzitate und einen Geschichten erzählenden Stalljungen, in den sich die junge Urlauberin verliebt, ausgemacht werden. Grenzenlos nah (2010) ist auch ein eher beliebiges Jugendliche-machen-sich-mit-einem-Sozial-Projekt-Bus-auf-Rundreise- Buch (nach Bosnien, ein Bezug zur Herkunft der Kinder wird hergestellt). Daneben stehen als große Überraschung das erzählerisch anspruchsvolle und keine ausgetretenen Pfade verfolgende Irgendwann in Istanbul (2013) sowie Gretha auf der Treppe (2004). Oetinger steht in dieser Arbeit für Mädchen-Genre-Literatur pur. Yakmoz : Eine Liebe in Istanbul (2014) fällt deshalb in erfrischender Weise auf, weil es nicht an die Tausendundeinenacht-Genre-Titel anschließt, sondern das Bild einer lebendigen, modernen heimisch zu werden. Die meisten Schweine mögen nämlich keine Schafe. Oder sollte man vielleicht besser sagen: Sie kennen sie nicht? Ständig bekommen die Schafe zu spüren, wie unerwünscht sie sind. Bodo Grunz, der Nachbar, ist besonders grantig. Bis er eines Tages Hilfe braucht. Die beiden Familien lernen sich kennen und verbringen einen fröhlichen Nachmittag mit einander. Danach sind sie Freunde! So einfach kann es manchmal sein . . . Mit schlichter, wahrer Botschaft: eine Integrationsgeschichte in lustigen Reimen und Bildern.“ 200 Metropole zeichnet. Coppenrath steht mit der Autorin Ellen Alpsten (Halva, meine Süße (2012) oder Colours of Africa (2014)) für Genre-Literatur der reinsten Sorte. Bei Ueberreuter hat Carolin Philipps, die hochgelobte und von mir scharf kritisierte Autorin von Milchkaffee und Streuselkuchen (1996), Weiße Blüten im Gelben Fluss (2004) oder Du zahlst den Preis für mein Leben (2013) als Umsatz- und Prestigebringerin sicher hohe Relevanz. Auch bei Ueberreuter erschienen sind Seidenhaar (2007) und Seidenweg (2012) von Aygen- Sibel Çelik. Auch hier gilt, ähnlich wie für Thienemann, Carlsen, Dressler, Beltz & Gelberg oder Loewe sowie alle anderen an der Stelle nicht mehr explizit genannten Verlage: Genau hinschauen und die Rasterpunkte zählen. Der Peter Hammer Verlag war mit vier noch lieferbaren Doro-Titeln (erschienen zwischen 1999 und 2004),814 dem Erstlesebuch Mia mit dem Hut (2007), und Herzsteine (2012) insgesamt sechsmal vertreten. Rein statistisch wäre abzuraten, sich aus dem Programm zu bedienen. Dass der Verlag Ende der 1990er-Jahre mehr oder weniger zufällig und unter enormem finanziellen Druck ein Kinderbuch-Programm etabliert hat, womit der damalige Verlagsleiter, Hermann Schulz, nie glücklich war,815 sei relativierend anzumerken. Das Programm hat sich mittlerweile sehr gut und vielfältig entwickelt. Wie auch bei S. Fischer, Deutscher Taschenbuch Verlag, Rowohlt, Kiepenheuer & Witsch (KiWi) oder Hanser spricht generell für den Verlag, dass das Kinderbuchprogramm lediglich eine Nische ist, folglich – das hat die Stichprobe gezeigt – auch Autor_innen publiziert werden, die sich im Grenzbereich zwischen KJL und Erwachsenenliteratur bewegen (Rena Dumont, Rafik Schami, Rainer Merkel, Wolfgang Herrndorf, Karin Bruder, Joachim Meyerhoff).816 Der Verlag publiziert nach wie vor schwerpunktmäßig Autor_innen aus Lateinamerika und Afrika (vgl. zu der Unterrepräsentiertheit dieser Regionen im deutschen Buchmarkt Kapitel 3.2.3). Abgeleitet davon spreche ich trotz Doro überzeugt meine wärmste Empfehlung für den Peter Hammer Verlag aus. Sehr positiv, wenn auch in meiner Stichprobe nur mit einer Autorin vertreten, ist der Picus Verlag, Wien, aufgefallen. Von Andrea Karimé wurden 814 Inkl. Afrika, jetzt bei DTV. 815 „Glücklich war ich damit nie“, vgl. Rank, 2003, S. 9. Vgl. auch Ausführungen zu Hermann Schulz als Autor, Seite 179. 816 Yadé Kara Diogenes und Shirin Kumm Suhrkamp reihe ich trotz der Titel Selam Berlin (2003) und Der Blick hinab (2007) hier bewusst nicht mit ein, da mir nichts über ein Jugendbuchprogramm oder Ambitionen in die Richtung bekannt ist, bzw. Suhrkamp auf der Verlagshomepage sogar explizit darum bittet, keine Jugendbuch- Manuskripte einzureichen: http://www.suhrkamp.de/manuskripte\_413.html (zuletzt geprüft am 16.08.2014) 201 analysiert: Nuri und der Geschichtenteppich (2006), Tee mit Onkel Mustafa (2011) und Der Wörterhimmel des Fräulein Dill (2013). Bedingt durch das Ausschließen von phantastischer Literatur für diese Arbeit, wurden keine weiteren Titel dazu genommen. Es sei als persönliche Randnotiz erlaubt zu bemerken, dass Ayda, Bär und Hase (2006) von Navid Kermani, auch Picus, eine der wunderbarsten Entdeckungen ist, die ich im Zusammenhang mit meiner Arbeit machen durfte. Der Gesamteindruck der Themen, des Tenors etc. des Picus Verlag motiviert mich, eine Empfehlung auszusprechen. 202 6 Die Welt zwischen zwei Buchdeckeln Well, that’s it. That’s the story. Not especially profound, I know, but I never said it was. And don’t ask me what the moral is. [...] I see that sort of things less and less these days though. Maybe there aren’t many lost things around anymore. Or maybe I’ve just stopped noticing them. Too busy doing other stuff, I guess. Shaun Tan, The LoST THiNG Aufmerksam geworden auf den oben zitierten Shaun Tan bin ich durch den Artikel Gekritzel über das Universum oder Peripherie als Mitte der Welt von Caroline Roeder. Tans Graphic Novels thematisieren Fremderfahrung, Migration, das Anderssein an sich. Tans Protagonisten, so Roeder „versinnbildlichen das Andere, das Nicht-Konforme, das aber auch domestiziert und ausgegrenzt oder vergessen gemacht werden soll.“817 Die englischsprachigen und phantastischen Graphic Novels passten nun gar nicht zu meinem Untersuchungsgegenstand, und so habe ich mich quasi ‚privat‘ ein wenig damit beschäftigt. In The LoST THiNG (2000) freundet sich der Ich-Erzähler mit einer Art Riesen-Teekessel an. Überfordert, was nun mit dem unkonventionellen Kameraden anzufangen sei, wird die anfängliche Idee einer Abschiebung in ein großes graues Ding ohne so etwas wie Fenster verworfen. Teekessel- ähnliches-Etwas und Erzähler folgen einem Hinweis auf einen vielleicht adäquateren Ort für „the lost thing“, wo es dann auch verbleibt. Ob das die richtige Entscheidung war, bleibt offen. Irgendwie schienen alle dort befindlichen Dinge nirgendwohin zu gehören. Vielleicht war das aber auch nicht weiter wichtig. Man weiß es nicht. . . Worum es in dem Bilderbuch geht, wird vom Autor und vom Verlag nicht per Klappentext verraten. Auf der Buchrückseite findet sich lediglich ein Hinweis auf einen Ich-Erzähler, der wohl die Sommerferien mit der Neuordnung seiner Kronkorken-Sammlung verbringt. Auch der Umschlagtext links vorne innen gibt keinen profunden Hinweis: 817 Roeder 2011, S. 5, 9. 203 I guess you want to know what this book is about, just by reading this cover flap. Fair enough too; time is short, lives are busy, and most smart, thinking people have better things to do than stand around looking at picture books about some big red thing being lost in a strange city. You should be going to work, or going to school, or if it’s a holiday, collecting bottle tops at the beach. Will reading this book make you better at any of those things? I don’t think so. Already this cover flap is proving to be quite useless, uninformative and a waste of time. The postcard on the back is not much help either. The publisher should just say what happens in the story. I mean, how else can you know if it is any good?818 Sich Zeit nehmen, hineinschauen in die Bücher, sich einlassen, genau das ist mein Fazit: Die Ergebnisse meiner Arbeit liefern eine Schablone für die Beurteilung der aktuellen KJL zu interkulturellen Begegnungen. Gleichzeitig lehne ich alles Schablonenhafte ab. Wie geht das zusammen? Ich wünsche mir, dass die Erkenntnisse meiner Literaturstudie und die identifizierten Rasterpunkte neugierig darauf machen, sich bevor man Kindern und Jugendlichen ein Buchgeschenk macht, selbst zumindest ab und an ein wenig damit zu beschäftigen, was man materiell und im übertragenen Sinne damit weitergibt. Lehrerinnen und Lehrer tun dies sowieso in gewissem Maße. Sie sind eingeladen, mit neuer Brille über das zu gehen, was sich für sie als bewährt erwiesen hat. Die Verlage wird man kaum bitten können, ihr Programm großartig anzupassen. Eher halte ich eine Art ‚Abstimmung mit den Füßen‘ zu Gunsten mehr interkulturell wertvoller Literatur im Sinne dieser Arbeit für realistisch. Wie die Stimmen aktuell verteilt sind, zeigt meine Arbeit. 818 Tan 2013. 204 Bildnachweise und Quellen Eingangszitate Bildnachweise Abb. 2.1 Illustration von Jasmin Büter, aus: Simone Roling, Literaturprojekt zu „Milchkaffee und Streuselkuchen“ c© BVK Buch Verlag Kempen GmbH, Kempen 2011. Abb. 3.1 Mit freundlicher Genehmigung der Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek. Abb. 3.2 Mit freundlicher Genehmigung der Harenberg Kommunikation Verlags- und Medien-GmbH & Co. KG, Dortmund.Abb. 4.1Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm. Durchgehend farbig illustriert. c© Carl Hanser Verlag München 2003. Abb. 4.2Mit freundlicher Genehmigung der Orell Füssli Verlag AG, Zürich. Abb. 4.3 Mit freundlicher Genehmigung von Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München.Abb. 4.4 Paul Maar/Verena Ballhaus, Neben mir ist noch Platz c© 1993 Atlantis Verlag, an imprint of Orell Füssli Verlag AG, Zürich. Abb. 4.5 Carolin Philipps, Milchkaffee und Streuselkuchen, Cover von Dagmar Henze, c© Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2008. Abb. 4.6 Mit freundlicher Genehmigung der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main. Abb. 4.7 Mit freundlicher Genehmigung der Verlagsgruppe Random House GmbH, München. Abb. 4.8 c© Ueberreuter Verlag GmbH, Berlin (1. Auflage 2012). Abb. 4.9 c© Dressler Verlag, Hamburg 2012. Abb. 4.10 Mit freundlicher Genehmigung der Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien. Abb. 4.11 Ich das machen! sagt Frau Jovanovic von Martin Auer. Mit freundlicher Genehmigung von Constanze Spengler. Abb. 4.12 Rena Dumont, Paradiessucher c© Carl Hanser Verlag München 2013. Abb. 5.1 Mit freundlicher Genehmigung der LINDNER Falzlos-Gesellschaft mbH, Schömberg. Abb. 5.2 Karin Kaci: Irgendwann in Istanbul. c© 2013 Planet Girl Verlag in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart. Abb. 5.3 Mit freundlicher Genehmigung der Klett Kinderbuch Verlag GmbH, Leipzig. 205 Quellen Eingangszitate Marius Jung. Singen können die alle! Handbuch für Negerfreunde. Carlsen, ohne Ort, Dezember, 2013, S 15. Hubert Blana. Die Herstellung : Ein Handbuch für die Gestaltung, Technik und Kalkulation von Buch, Zeitschrift und Zeitung. Grundwissen Buchhandel – Verlage. K.G. Saur Verlag, München, 3., überarbeitete Auflage, 1993, S. 223. Victor Caspak (Pseudonym), Yves Lanois (Pseudonym), Zoran Drvenkar, Andreas Steinhöfel und Ole Könnecke (Ill.). Die Kurzhosengang : Aus dem kanadischen Englisch und mit Anmerkungen von Andreas Steinhöfel. Carlsen, Originaltitel: „The Mysterious Adventures of the Short Ones“ bei Kilian Press, Toronto, 2001. Hamburg, 2004, 2006, S. 19, S. 7. Susanna Lawson und Doris A. Behrens. Leaving Ararat : Abenteuer Einwanderung. Verlag Johannes Heyn, Klagenfurt, Originalausgabe, 2012, S. 43. Andrea Karimé und Annette von Bodecker-Büttner (Ill.). Tee mit Onkel Mustafa. Picus Verlag, Wien, Originalausgabe, 2011, S. 88. Ellen Alpsten. Colours of Africa. Coppenrath Verlag, Münster, Originalausgabe, 2014, S. 34. Shaun Tan. The LoST THiNG : A Tale for those who have more important Things to pay Attention to. Hachette Australia Pty Limited, Sydney, 2000, 2013, ohne Paginierung. 206 Literaturverzeichnis Primärliteratur: KJL 1989–2014 Isabel Abedi und Dagmar Henze (Ill.). Hier kommt Lola! : Band 1. Loewe Verlag, Bindlach, 2004, 11. Auflage, 2010. Katja Alves und Katja Gehrmann (Ill.). 1000 Gründe, warum ich unmöglich nach Portugal kann. Beltz & Gelberg, Weinheim Basel, Originalausgabe, 2012. Ellen Alpsten. Eine Liebe in Paris. Coppenrath Verlag, Münster, Originalausgabe, 2011. Ellen Alpsten. Halva, meine Süße. Coppenrath Verlag, Münster, Originalausgabe, 2012. Ellen Alpsten. Colours of Africa. Coppenrath Verlag, Münster, Originalausgabe, 2014. Ela Aslan. Plötzlich war ich im Schatten : Mein Leben als Illegale in Deutschland. Arena Verlag, Würzburg, 1. Auflage, 2012. Martin Auer und Constanze Spengler. Ich das machen! sagt Frau Jovanovic. Sauerländer, Mannheim, Originalausgabe, 2011. Guener Yasemin Balci. Arabboy : Eine Jugend in Deutschland oder Das kurze Leben des Rashid A. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2008, 3. Auflage: Oktober, 2010a. Guener Yasemin Balci. Arabqueen oder Der Geschmack der Freiheit. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, Originalausgabe, 2010b. 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Darüber hinaus bedanken möchte ich mich bei meinen Freund_innen und (Studien-)Kolleg_innen, die großes Interesse an meiner Arbeit gezeigt haben und gerne bereit waren, mit mir die neuesten Erkenntnisse zu diskutieren und/oder gelegentlich die eine oder andere Passage querzulesen. 230

Zusammenfassung

In einer globalisierten Welt und multikulturellen Gesellschaften wird interkulturelle Kompetenz immer wichtiger, sodass insbesondere auch die Beschäftigung mit Kinder- und Jugendliteratur – im schulischen Kontext oder in der Freizeit – zunehmend an Bedeutung gewinnt. Doch was genau zeichnet interkulturelle Literatur für eine jüngere Zielgruppe aus? Welche Gesetzmäßigkeiten lassen sich ableiten, wenn man eine entsprechende Schablone auf das aktuelle Buchangebot legt?

Andra Riemhofer schafft eine Orientierungshilfe für die Beurteilung von Kinder- und Jugendliteratur unter interkulturellen Gesichtspunkten auf Basis aktuellster Forschungen und Erkenntnissen der Interkulturellen Literaturdidaktik. Sie analysiert 120 Texte von Autorinnen und Autoren wie Carolin Philipps, Aygen-Sibel Çelik oder Salah Naoura und stellt rund 30 davon detailliert vor. Welche Titel eignen sich besonders für den Schulunterricht oder als Freizeitlektüre, welche weniger?

References

Zusammenfassung

In einer globalisierten Welt und multikulturellen Gesellschaften wird interkulturelle Kompetenz immer wichtiger, sodass insbesondere auch die Beschäftigung mit Kinder- und Jugendliteratur – im schulischen Kontext oder in der Freizeit – zunehmend an Bedeutung gewinnt. Doch was genau zeichnet interkulturelle Literatur für eine jüngere Zielgruppe aus? Welche Gesetzmäßigkeiten lassen sich ableiten, wenn man eine entsprechende Schablone auf das aktuelle Buchangebot legt?

Andra Riemhofer schafft eine Orientierungshilfe für die Beurteilung von Kinder- und Jugendliteratur unter interkulturellen Gesichtspunkten auf Basis aktuellster Forschungen und Erkenntnissen der Interkulturellen Literaturdidaktik. Sie analysiert 120 Texte von Autorinnen und Autoren wie Carolin Philipps, Aygen-Sibel Çelik oder Salah Naoura und stellt rund 30 davon detailliert vor. Welche Titel eignen sich besonders für den Schulunterricht oder als Freizeitlektüre, welche weniger?