Content

4 Interkulturelle Themen in der (noch) lieferbaren KJL aus 1989–2014 in:

Andra Riemhofer

Interkulturelle Kinder-und Jugendliteratur in Deutschland, page 57 - 152

Lesen auf eigene Gefahr

2. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4017-1, ISBN online: 978-3-8288-6791-8, https://doi.org/10.5771/9783828867918-57

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
4 Interkulturelle Themen in der (noch) lieferbaren KJL aus 1989–2014 Sie krabbelte in ihr Bett, holte ein dickes Buch und las. Aber zwischen den Buchstaben schossen Gewehre. Und Onkel Mustafa irrte ziellos darin herum. Andrea Karimé, Tee mit Onkel Mustafa Die Entwicklung der Interkulturellen Literaturdidaktik bis in die 1980er- Jahre wurde einführend in Kapitel 2.2.2 skizziert. Der Schwerpunkt meiner Analyse liegt auf Texten, die ihren Ersterscheinungstermin nach oder in 1989 hatten und aktuell (noch) lieferbar sind. Nach Einschätzung Gina Weinkaufs war – u.a. beeinflusst durch Übersetzungen aus dem Englischen und dem Französischen – Mitte/Ende der 1990er-Jahre in der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur die Zeit reif für literarische Impressionen einer „widerspruchsvollen, komplexen und kulturell hybriden Welt.“212 Außerhalb der intentionalen Jugendliteratur – so zeichnet Weinkauf den Verlauf nach – entwickelte sich von Beginn der 1990er-Jahre an auch in Deutschland eine „neue, thematisch und stilistisch multikulturelle Adoleszenzliteratur, die ihre Impulse teils aus dem Underground urbaner Jugendmilieus bezieht, teils aus Pop-Musik, Film, Journalismus und Off- Theater-Szene.“213 Mit Erscheinen des in der Fachliteratur intensiv besprochenen Textes Kanak Sprak (1995) von Feridun Zaimoglu214 scheint eine Trendwende in der ‚thematisch einschlägigen‘ Jugendliteratur eingesetzt zu haben. Sprachlich anspruchsvollere und weniger konventionelle Texte erscheinen in Folge und es werden komplexere und weniger idealisierte Bilder der multikulturellen Gesellschaft gezeichnet.215 212 Weinkauf, 2013, S. 45f. 213 Ebenda, S. 46. 214 Vgl. u.a. in Brunner 2005, Hofmann 2006, Wintersteiner 2006b, Weinkauf 2013, Wrobel 2013b. 215 Vgl. Weinkauf, 2013, S. 46. Repräsentant dieser Tendenzen ist auch Dilek Zaptçiğlus Der Mond isst die Sterne auf aus dem Jahr 1998 (vgl. Analysen in Weinkauf 2013, Josting 2013, Brunner 2005). Das Jugendbuch war zuletzt in 2006 vom cbj Verlag (Verlagsgruppe Random House Bertelsmann) gedruckt worden. Inzwischen ist der Titel vergriffen, eine Wiederauflage ist nach Auskunft des Verlags (leider!) nicht geplant. 57 Ein weiterer Trend, den Weinkauf feststellt: Im Vergleich zu den 1970erund 80er-Jahren hat sich inzwischen „allem Anschein nach eine gewisse Problembuch-Müdigkeit eingestellt“ und die vormals in dem Genre bearbeiteten Themen werden nun in unterhaltsamer Form dargeboten. Migration ist dabei in der erzählten Welt fast überall präsent, bleibt laut Weinkauf tendenziell aber eher im Hintergrund. In aktuellen realistischen Erzählungen würden Konflikte, die sich aus kultureller Diversität ergeben können, „allenfalls am Rande thematisiert.“216 Weinkauf zufolge scheint die Unterscheidung zwischen Texten, in denen „Phänomene kultureller Vielfalt explizit und in aufklärerischer Absicht thematisiert werden, und solchen, in denen der Erfahrungshorizont kultureller Diversität eher implizit zum Ausdruck gelangt“, ergiebig. Ihrer Ansicht nach zeige sich die kulturelle Vielfalt der KJL eher in letzteren, die unterrichtliche Rezeption dagegen konzentriere sich auf das zuerst genannte Korpus. Sie bedauert dies, da jene Texte oft literarisch recht simpel gestrickt seien und ihrer Erfahrung nach vielfach stereotype Bilder des kulturell Anderen vermittelten.217 Diese BewertungWeinkaufs bestätigt mich in einem Zwischen-Fazit, dass ich nach Lektüre von zunächst knapp 50 aktuelleren Kinder- und Jugendbüchern218 gezogen hatte: Die Verlagsprodukte, die das „Fremde“ oder „Kulturelle“ nicht in den Vordergrund stellen, schienen in meiner Stichprobe meist literarisch anspruchsvoller und zeichneten tendenziell ein differenzierteres „Weltbild“. Diese Texte bedienten sich nicht oder in geringerem Umfang „anti-/rassistischer Argumentationsmuster“219 und diskriminierten nicht – oder zumindest für mich als weiß sozialisierte Rezipientin nicht unmittelbar erkennbar –, wenn die Verwendung von Stereotypen Teil der Erzählstrategie war. Im Folgenden erarbeite ich einen thematischen Querschnitt über das aktuelle Angebot an ‚deutscher‘ KJL. Zum einen stelle ich Bücher vor, die das (Inter-)kulturelle durch Titel, Klappentext, Autor_innenbiographie oder Cover implizieren (Kapitel 4.1) und bespreche demgegenüber Werke, in 216 Weinkauf, 2013, S. 47. 217 Ebenda, S. 50. 218 Der Schwerpunkt meiner Recherchen für diese Arbeit lag auf Titeln, die ab 1989 in deutscher Sprache erschienen sind und die im Zeitraum der Recherchen von Mai 2013–April 2014 im Buchhandel (noch) lieferbar waren. Um ein umfassenderes Bild zu gewinnen, wurde auch der eine oder andere „Klassiker“ – wie Nöstlingers Austauschkind (1982) – begutachtet oder in der Fachliteratur positiv Besprochenes aber Vergriffenes – wie Zaptçioğlus Der Mond isst die Sterne auf (1998) – gesichtet. 219 Vgl. Rösch 2000c oder Kapitel 2.4.1. 58 denen interkulturelle Thematiken eher beiläufig in die Geschichte eingewoben sind (Kapitel 4.2). 4.1 (Inter-)kulturelles als vordergründiges und problematisches Thema Schon bei der Grobsortierung der Primärliteratur fällt auf, dass es eine Korrelation zwischen ‚(Inter-)kulturelles ist vordergründig‘ (wird als Thema im Klappentext angekündigt) und ‚problembehaftet‘ zu geben scheint: Legt man Abenteuergeschichten wie Millie in London, Millie in Moskau. . . für die Altersgruppe 6–8 Jahre (oder für die Leser_innen im Alter von 8–13 Jahren das Pendant Doro) sowie Mädchenbücher mit fremder Ortsangabe wie New York Lovestory (2012), Easy Going Sydney (2013) oder Jojo, welcome to Hollywood (2012) erst einmal beiseite, bleiben als augenfällig vordergründige Themen (in alphabetischer Reihenfolge, nicht vollständig): Abschiebung, Armut, Asylsuche, Ausgrenzung, Ausländer- oder Fremdenfeindlichkeit, ethnische Konflikte, Flucht, (ethnische) Identitätskrise(n), Rassismus. Im Folgenden werden einige ausgewählte Text-Beispiele vorgestellt. Ich unterscheide dabei wiederum in ‚vordergründige‘ oder gesellschaftliche Probleme (Kapitel 4.1.1) und ‚latente‘ Probleme bzw. individuelle Sorgen und Nöte (Kapitel 4.1.2). Vordergründige oder auch offensichtliche Probleme spiegeln dabei tendenziell eher eine ‚Außenschau‘, sind typischerweise Themen, die auch in den Tagesmedien besprochen werden, wie Ausländerfeindlichkeit oder Rassismus. Oft sind diese Probleme mit Gewalt verknüpft. Dagegen spiegelt das, was ich als ‚latente‘ Probleme bezeichne, eher eine ‚Innenschau‘. Bearbeitet werden Prozesse der Integration, der Identitätssuche oder des Scheiterns einer erfolgreichen Integration von Migrant_innen in eine Mehrheitsgesellschaft. Dabei ist es höchst aufschlussreich zu beobachten, welche Autor_innen (z.B. mit oder ohne Migrationserfahrung) welche Themen überhaupt und in welcher Form problematisieren. 4.1.1 Gesellschaftliche Probleme und Herausforderungen Fremdenangst: Ein Beitrag von Rafik Schami Meine zuvor genannte Arbeitsthese (Korrelation ‚vordergründig (inter-)kulturell‘ = ‚problembehaftet‘ = ‚wenig anspruchsvoll + undifferenziert‘) wäre durch Rafik Schamis und Ole Könneckes (Ill.) 59 Bilderbuch Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm (2003) leicht zu widerlegen. Die Geschichte, die auf 32 Seiten ausgebreitet wird,220 wird aus Perspektive der vielleicht sechs- bis achtjährigen Tochter erzählt, die ihren alleinstehenden Vater als groß, stark, klug, geduldig, lustig und fürsorglich beschreibt. Mutig ist er auch – nur vor Fremden hat er Angst. Er kann seine Abneigung gegenüber Fremden sogar begründen: „Sie sind überall [...] sehen anders aus, so grob [...].“ Durch den Kontrast zu den Bildern im Buch betreiben Schami/Könnecke ein „intelligentes Spiel mit stereotypen Darstellungen“.221 Die Aussagen des Vaters werden relativiert bzw. die verwendeten Stereotype als solche entlarvt. Die Tochter ist mit Banja, einem Mädchen aus Tansania befreundet. Ihm verrät die Tochter nichts von der Angst des Vaters und bietet ihm sogar an, dass der Papa an deren Geburtstag für sie zaubern wird. Ihrem Vater, den sie für das Vorhaben gewinnen kann, erzählt sie wiederum nichts von der Herkunft ihrer Freundin. So, wie der Vater seine Zuschreibungen zu Fremden (im Kontrast zu den dargebotenen Illustrationen) übertreibt, überhöht Banja die Tugenden von „Papa“ im Gespräch mit ihrer Mutter. Nervös, einen Mann von solchem Profil als Gast zu empfangen („so mutig, dass er mit Löwen spiele. Und noch dazu sei er der beste Zauberer im Land“), beraten Banjas Eltern lange, wie sie den Vater gebührend empfangen können. Zur Begrüßung gibt sich die Familie erdenklich Mühe – mit Musik und Tanz und in traditionellen Gewändern heißt sie ihre beiden Gäste willkommen. Selbst Trompeten und Speere sind in der Bebilderung zu sehen. Ein Anblick der „alle zuvor aufgestellten Stereotype des Vaters erfüllt und ihn in einen Schockzustand versetzt“ analysiert Saskia Rudolph: „Erst mit Hilfe seiner Tochter und bei der Präsentation seines Zaubertricks gewinnt er langsam Vertrauen und erkennt, dass seine Skepsis und Angst nicht berechtigt waren.“222 Rudolph erklärt in ihrer Magisterarbeit zu den Aspekten interkultureller Sensibilisierung in aktuellen deutschsprachigen Kinderbüchern die Wandlung wie folgt: 220 Das Buch ist nicht paginiert – daher fehlen im Folgenden auch Seitenangaben bei den Zitaten. 221 Rudolph, 2009, S. 100. 222 Ebenda, S. 94. 60 Abbildung 4.1: Schami/Könnecke (Ill.), Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm (2003) Nachdem der Vater zunächst all seine Vorurteile bestätigt sieht und schockiert reagiert (Abb. 28), beginnt er in der direkten Konversation sein Verhalten zu überdenken, was schließlich mit Hilfe der Tochter zur Entspannung der Lage beiträgt und dem Vater die Relevanz der interkulturellen Kommunikation verdeutlicht (Abb. 29).223 Die Zählweise der Abbildungen scheint mir genauso wenig nachvollziehbar wie die Interpretation, dennoch bin ich einer Meinung mit Rudolph, wenn sie in ihrem Fazit schreibt: Die vielen Andeutungen textueller und auch grafischer Natur stoßen den Denkprozess des Betrachters auf eine sehr intelligente und sensible Art an, ohne dabei jemals den moralischen Zeigefinger zu erheben, was die Qualität der Publikation und deren Relevanz für das selbstständige Erkennen interkultureller Zusammenhänge zusätzlich steigert.224 Als Beispiel für das Spiel mit Bild und Text sei auf das Cover (vgl. Abb. 4.1) des Buches verwiesen. Dem weißen Erwachsenen, der dort abgebildet ist, ist offenbar unwohl beim Anblick eines Herrn, der sich zumindest äußerlich ausschließlich durch die Hautfarbe zu unterscheiden scheint. Beide lesen – so wird angedeutet – sogar die gleiche Zeitung. Die Entscheidung, Rafik Schami, der sonst eher mit Märchen, Fabeln und phantastischen Geschichten in Verbindung gebracht wird, das erste 223 Ebenda, S. 98. 224 Ebenda, S. 104. 61 Kapitel des Analyseteils dieser Arbeit zu widmen, spiegelt die Relevanz des Autors für die Entwicklung der deutschsprachigen interkulturellen KJL wider. Schami hat diese maßgeblich mit beeinflusst, wie im Folgenden gezeigt wird. Paul Maars Neben mir ist noch Platz in der Kritik Ähnlich wie Schami gilt Paul Maar als Altmeister, und auch ihm kann man sicher nicht vorwerfen, er verstünde sein Handwerk nicht. Trotzdem ist er vor Kritik nicht gefeit. Im Mittelpunkt seiner Erzählung Neben mir ist noch Platz (1993) steht die Freundschaft des deutschen Mädchens Steffi zu der asylsuchenden Aischa aus dem Libanon. Schon im Klappentext wird ein Überfall auf das Asylantenwohnheim angedeutet und der Schluss – Aischa wird mit ihrer Familie in den Libanon zurückkehren, „‚weil hier jetzt Krieg ist‘ wie Aischas Vater sagt“ – vorweggenommen.225 Zunächst steht Steffi der neuen Klassenkameradin ablehnend gegenüber, die Freundschaft der beiden Mädchen beginnt mit der Rettung Steffis durch Aischa aus einem abgeschlossenen Umkleideraum. Steffi ist beliebt und hat viele Freunde. Aischa, die immer noch schlecht deutsch spricht, ist weniger gut integriert und bezeichnet Steffi als ihre beste und einzige Freundin.226 Die Mädchen beginnen, viel Zeit miteinander zu verbringen. Aischa ist beeindruckt von Steffis Kinderzimmer: „‚So viele Sachen! [...] So viele, viele Sachen. Das gehört alles dir? Du hast ein Bett für dich allein und du hast sogar Schreibtisch¡“227 Im Gegensatz zu Steffi macht Aischa ihre Hausaufgaben am Küchentisch und teilt ihr Bett mit ihrer Schwester Fatima. Dafür staunt Steffi nicht schlecht, als Aischa ihr erzählt, dass man im Libanon im Sommer manchmal auf dem Dach schläft (vgl. Abb. 4.2). Steffis Vater hält Aischa und ihren Bruder Jussuf für verwöhnt, weil sie nicht nur die bei einem Besuch angebotenen Grillwürstchen (aus Schweinefleisch), sondern auch dunkles Brot verschmähen. Dafür verbringt Steffi zunehmend Zeit mit Aischas Familie, sie genießt ein Familien-Picknick im Park und die Kinder machen am Küchentisch gemeinsam Hausaufgaben: „Seid ihr aber viele! [...] Gut, dass ihr so einen großen Tisch habt.“228 Steffi hilft Aischa und Fatma mit der Rechtschreibung. Zum einen findet Steffi es bei der libanesischen Familie „gemütlicher, weil wir so viele sind“ und es auch noch Süßigkeiten gibt, zum anderen darf Aischa nachmittags nicht 225 Maar/Ballhaus Ill., 2010, Klappentext. 226 Ebenda, S. 5. 227 Ebenda, S. 16. 228 Ebenda, S. 21. 62 Abbildung 4.2: Maar/Ballhaus (Ill.), Neben mir ist noch Platz (neu illustrierte Auflage von dtv junior, 12. Auflage 2010, S. 13) weg, weil das „bei denen“ so ist.229 Zu Spannungen zwischen den ungleichen Freundinnen kommt es, als Steffi eine reine Mädchen-Geburtstagsparty plant, und Aischa ihren Bruder Jussuf mitbringt. Steffi weist Jussuf an der Gartentür ab und die vor den Kopf gestoßene Aischa wendet sich zusammen mit ihrem Bruder von Steffi ab. Steffi interpretiert Aischas Verhalten als „zickig“.230 Zwischen beiden Mädchen herrscht ein paar Wochen Funkstille bis Aischa sich von Steffi verabschieden kommt. Nicht nur, dass das Asylbewerberheim kurz vor Steffis Geburtstagsfest einem Anschlag zum Opfer gefallen war, jetzt ist auch noch Jussuf verprügelt worden. Steffi empört sich noch über die prügelnden „Spinner“ und bedauert, den „doofen Streit“ mit Aischa.231 Dass Steffi Aischa und ihren Bruder nach deren Kulturstandards größtmöglich beleidigt hat, als sie Jussuf wegschickte, erfährt das deutsche Mädchen noch. Auch, dass Mädchen im bzw. aus dem Libanon nur in Begleitung von Mutter oder Bruder unterwegs zu sein haben.232 Aischa, mittlerweile von Steffi zur besten Freundin erklärt, verlässt Deutschland und die Geschichte endet damit, dass Steffi sich bereitwillig meldet, als ein neues, fremdes Mädchen einen Platz in der Klassengemeinschaft sucht. 229 Ebenda, S. 28. 230 Ebenda, S. 37. 231 Ebenda, S. 41. 232 Ebenda, S. 41f. 63 Ellen Schulte-Bunert analysiert, dass die Leser_innen die Ereignisse immer aus Sicht der kindlichen Hauptperson Steffi, mit der sich deutsche Kinder problemlos identifizieren könnten, erfahren. Aischa würde als selbstbewusste Persönlichkeit gezeichnet, die Familie und Kultur nicht leugne,233 sich treu bliebe und dafür sogar die Freundschaft mit Steffi aufs Spiel setze. Je nach Integrationsgrad in die Mehrheitsgesellschaft könnten auch Kinder aus der Gruppe der Migrant_innen sowohl in Steffi als auch in Aischa Identifikationsangebote finden.234 Schulte-Bunert hebt hervor, dass es Maar immer wieder gelinge, die Kulturen (beide Figuren seien Trägerinnen ihrer Kultur) als einander ebenbürtig darzustellen und nennt dabei als Beispiel die Diskussion der Mädchen, ob nun wie im Libanon zuerst die Männer oder wie in Deutschland die Frauen bedient werden sollten.235 Der Gegensatz zwischen arm und reich, zwischen den Einheimischen mit ihrem Besitz und den Migrant_innen in ihrer „weitgehend besitzlosen Übergangssituation“ würde nicht bewertet. Auch wenn die „Protagonistinnen [...] Ethnozentrismus noch nicht kognitiv wahrnehmen“ könnten, so entwickelten sie „doch ein Gespür für das Eigene und das Fremde, das damit auch an Bedrohlichkeit“ verliere.236 Die Freundschaft mit Aischa habe Steffi Neues und bis dahin Unbekanntes erfahren und Vorbehalte und Ängste überwinden lassen und sie könne somit offen und aufgeschlossen auf die neue Mitschülerin zugehen.237 „Nicht ganz gelungen“ erscheint Schulte-Bunert die reduzierte Sprache, in der Maar Aischa teilweise sprechen lässt. Die Fehler, die sie mache, bzw. die Formen, die korrekt (sic) seien, seien aus linguistischer Sicht problematisch.238 Weniger zustimmend fällt Nazli Hodaies Fazit in ihrem ArtikelMigration in der Kinderliteratur : Der gute Wille allein genügt nicht aus. Die textimmanent erkennbare Lösung Maars laute: „[D]en Fremden näher kennen lernen, nicht voreilig urteilen, das eigene Selbst- und Fremdbild reflektieren und Unterschiede wahrnehmen und – relativistisch anmutend bedingungslos – anerkennen.“239 Trotz der im Text postulierten Interkulturalität könne sich Maar in seiner Darstellung der Migrant_innen nicht von herkömmlichen (Handlungs)klischees befreien. Bereits in der Darstellung der Lebensumstände beider Familien offenbarten sich altbekannte Stereotype: „Das 233 Warum auch, frage ich mich? 234 Schulte-Bunert, 2003, S. 63. 235 Ebenda, Maar/Ballhaus Ill., 2010, S. 24. 236 Schulte-Bunert, 2003, S. 63f. 237 Ebenda, S. 65. 238 Ebenda, S. 66. 239 Hodaie, 2010, S. 9. 64 arme Migrantenkind trifft auf das finanziell wesentlich besser gestellte einheimische und bestaunt dieses“,240 was durch Inszenierung und Wortwahl bekräftigt würde. Dass Asylsuchende oft in armen Verhältnissen lebten, erkläre sich aus ihrer Biographie. Es bedeute jedoch nicht, dass sie auch in ihrem Heimatland unter Armut hatten leiden müssen – was die Verzückungen angesichts des Zimmers von Steffi allerdings implizierten. Der stereotype Gegensatz arme Migrantin vs. reiche Einheimische fände hier seine Bestätigung. Er sei Ausdruck des Defizitsyndroms und zementiere das Machtgefälle zwischen den Migrant_innen und der Aufnahmegesellschaft, selbst wenn Paul Maar diesen Eindruck zum Teil auch zu relativieren versuche. Paul Maar Neben mir ist noch Platz dtv junior Abbildung 4.3: Maar/Ballhaus (Ill.), Neben mir ist noch Platz : Cover dtv junior (2010) Hodaie wirft auch einen kritischen Blick auf das Cover der Edition von dtv junior (vgl. Abb. 4.3): Die Abbildung versinnbildliche die Stellung der beiden Mädchen zueinander. Dass Aischa als libanesisches Mädchen überall von ihrem Bruder begleitet werde, oder dass die männlichen Familienmitglieder stets bevorzugt würden, seien weitere Handlungsklischees, die eher das Fremd- bzw. Migrant_innenbild des Autors als die Lebenswelt der Immigrierten widerspiegle und somit dem sog. Enthistorisierungs- und Kulturalisierungssyndrom verpflichtet seien.241 Das Syndrom beschreibt die stereotypisierte Zeichnung von Minderheiten oder Angehörigen diskriminierter Gruppen, die zu Repräsentant_innen einer Ethnie oder Kultur stilisiert 240 Ebenda. 241 Ebenda, S. 10. 65 werden. Bemerkenswerterweise sind die Kinder auf dem Cover der Originalausgabe von 1993 im Verlag Modus Vivendi ‚auf Augenhöhe‘ abgebildet (vgl. Abb. 4.4). Bei dtv junior ist dies seit 2016 auch wieder der Fall. Abbildung 4.4: Maar/Ballhaus (Ill.), Neben mir ist noch Platz Originalausgabe (1993) Die Gegenüberstellung der beiden Rezensionen von Schulte-Bunert und Hodaie macht deutlich, wie unterschiedlich die Erzählung rezipiert werden kann. Die Besprechungen sind wohl auch ihrer Zeit und nicht zuletzt der literarischen oder fachlichen Sozialisation der Rezensentinnen sowie deren Herkunft geschuldet. Schulte-Bunert hat als Fremdsprachendidaktikerin Anfang der 1990er-Jahre zum Thema Ausländer in der Bundesrepublik : Texte der Kinder- und Jugendliteratur als stellvertretende Erfahrung im Prozeß Interkulturellen Lernens promoviert und im Rahmen ihrer Arbeit KJL analysiert, die zwischen 1970 und 1988 erschienen ist, und in der ausländische Kinder und Jugendliche in der Situation der Migration handelnd in Erscheinung treten.242 Sie zeichnet in einer Zusammenfassung ein – für mich überraschend – positives Bild: Es sei den Autor_innen „durchweg [sic] gelungen [..], in ihren literarischen Texten die besondere Problemsituation ausländischer Kinder und Jugendlicher realistisch darzustellen.“ Sowohl die ausländischen als auch die deutschen Autor_innen hätten sich das „notwendige Hintergrundwissen angeeignet“ und seien in der Lage, „dem deutschen Leser die Informationen zu liefern, die für das Verständnis des Verhaltens und der Lebensweise ausländischer Kinder und Jugendlicher sowie ihrer Familien in der Migration unumgänglich [sic]“ seien. Auch wenn die meisten Texte keine „direkte Lösung“ für die dargestellten Konflikte, die 242 Schulte-Bunert, 1993, S. 106. 66 „durch den unterschiedlichen kulturellen Hintergrund der jeweiligen Ethnie bedingt“ seien, anböten, da sie einen „‚offenen Schluß‘“ hätten, beinhalteten sie doch fast alle Tendenzen und Richtungen, in denen entsprechende Lösungsmöglichkeiten zu finden seien. Fast allen Kinder- und Jugendbuchautor_innen sei es gelungen, „ihre Aussage in eine literarische Form zu kleiden und damit auch den „‚Lesespaß‘“ und den „‚Lesegenuß‘“ zu garantieren.“243 Ohne mich intensiv mit der Untersuchung Schulte-Bunerts befasst zu haben, sei an dieser Stelle angemerkt, dass mir einige der Bücher aus ihrer Stichprobe deswegen bekannt sind, weil sie von Autor_innen wie Maria E. Brunner, Annegret Doll, Heidi Rösch und/oder Gina Weinkauf inzwischen weitaus kritischer besprochen wurden.244 Nazli Hodaie hat in Teheran Germanistik studiert und promovierte zu dem Thema Der Orient in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur (2008). Ihre Vermutung, dass Maars Darstellungen der libanesischen Kultur in seinem persönlichen Fremd- bzw. Migrant_innenbild begründet seien, erinnert an Eleni Torossis und Rafik Schamis Kritik an dem Kinderbuchautor Heinrich Hannover in ihrem Plädoyer für Kinderliteratur in der Fremde, dessen Veröffentlichung in den Untersuchungszeitraum Schulte- Bunerts fällt: Heinrich Hannover ist ein berühmter Kinderbuchautor. Er hat viele lustige und emanzipatorische Kinderbücher geschrieben. Sein Buch „Der Schreivogel“ (bei VSA 1981) zeigt in beeindruckender Weise, daß auch ein erfahrener und fortschrittlicher Autor die Situation unserer Kinder nicht versteht. [...] Der Vogelhändler [in der Türkei] ist eine Mischung aus der Touristenvorstellung vom Orient und den subtilen Vorurteilen Hannovers gegen uns.245 Torossi/Schami schlussfolgern: Die Frage der Zugehörigkeit eines Autors zur Minderheit als Voraussetzung einer Literatur dieser Minderheit ist bei der Erwachsenenliteratur entschieden, durch die Erfahrung entschieden. Sie ist eine unentbehrliche Voraussetzung einer glaubwürdigen Literatur der Minderheit. Wir können nach der Lektüre der Kinderliteratur dieselbe Schlußfolgerung ziehen. Das technische Handwerk ist nicht im Stande, die fehlende Zugehörigkeit zu Minderheit zu ersetzen.246 243 Ebenda, S. 121f. 244 Z.B. Anneliese Schwarz, Hamide spielt Hamide (1986), vgl. Brunner, 2005, S. 44f., Doll, 2000, S. 69 oder Ilse Kleberger, 2: 0 für Oma (1979), vgl. Doll, 2000, S. 82ff oder Ursula Kirchberg, Selim und Susanne (1978), vgl. Rösch, 2000c, S. 82ff und 117, Weinkauf, 2013, S. 41f. 245 Torossi/Schami, 1986, S. 26. 246 Ebenda. 67 Paul Maars Neben mir ist noch Platz ist nun aus Perspektive der deutschen Schülerin geschrieben, er versucht hier nicht, vorrangig eine Minderheiten-Perspektive einzunehmen. Mein Fazit aus der Beschäftigung mit den beiden Besprechungen ist jedoch, dass sich Kinderbuch- Autor_innen zunehmend auf dünnem Eis bewegen, wenn sie versuchen, ‚Problemthemen‘ in eine Form zu packen, die einen Perspektivwechsel in eine fremde Kultur schon in der Textproduktion verlangen. Flucht, Asyl und Fremdenhass im klassischen Problembuch Um einen Eindruck davon zu gewinnen, welche Probleme derzeit im Schulkontext besprochen werden, bietet es sich an, einen Blick in die Verlagsprogramme von Hase und Igel, Schroedel, Arena oder Ravensburger zu werfen. Von Alkoholismus und „Komasaufen“ (2014 erschienen bei Hase und Igel light : Judith Le Huray, Voll drauf ) über Cybermobbing, Homosexualität und Stalking bis Zivilcourage – zu jedem Thema gibt es das passende Problembuch. Wie in der Einführung schon angerissen, hat die realistische KJL in den 1970er-Jahren das traditionelle Erzählmuster der Einzelfall- oder Beispielgeschichte wiederaufgenommen und zur Gattung der modernen sozialkritischen Problemerzählung bzw. des Problemromans weiterentwickelt.247 Als Problembücher definiert Weinkauf narrative jugendliterarische Texte, die in der Verlagswerbung, in pädagogischen Begleitmaterialien, Buchempfehlungslisten, Rezensionen etc. als Beiträge zu einem aktuellen gesellschaftlichen Problem präsentiert werden.248 Die favorisierte Form sei ihrer Einschätzung nach die Erzählung, während das am häufigsten angesprochene Lesealter zwischen 10 und 14 Jahren liegen dürfte.249 Die dominierende Wirkungsabsicht der Texte der 1970er- und Folgejahre war Franz-Josef Payrhuber zufolge pädagogisch-didaktisch. In erster Linie seien den Leser_innen Wissen und Strategien zur Gestaltung bzw. Bewältigung ihrer Lebensrealitäten in einer zunehmend intransparent wahrgenommenen Welt dargeboten worden.250 Die soziale und politische Realität habe seit den 1980er-Jahren zu einer ständigen Erweiterung des Themenspektrums problemorientierter Jugendbücher geführt. Stärker ins Blickfeld seien nun auch Themen wie Integration von Ausländern, Rassismus und 247 Payrhuber, 2012, S. 109. 248 Weinkauf, 2005, S. 768. 249 Ebenda. 250 Payrhuber, 2012, S. 109. 68 Rechtsradikalismus gerückt. Gemeinsames Merkmal aller problemorientierten Jugendbücher sei, dass sie „nicht nur die Wirklichkeit wie in einem Spiegel zeigen und den Ist-Zustand der Welt erklären“ wollten, sondern nicht zu übersehen sei, dass an die Leser_innen appelliert würde, „dass sich an den herrschenden Zuständen etwas ändern müsse“. Sie sollten dazu motiviert werden, sich für „neuere [sic], bessere und gerechtere Zustände einzusetzen.“ Problemlösungen würden meist nicht mehr mitgeliefert.251 Heidi Rösch kritisiert an im Kontext interkultureller Erziehung ausgewählter Literatur, dass diese ihren Auftrag häufig ausgesprochen appellativ verfolge und – aus Perspektive der Interkulturellen Pädagogik – wenig kompetent. Zum Teil reproduzierten solche Texte, was sie zu bekämpfen vorgeben. Rösch empfiehlt für den Unterricht „ein[en] kritische[n] Umgang mit solchen Texten und den in ihnen transportierten Stereotypen, der Multi- Kulti-Idylle oder dem intendierten (naiven) Antirassismus.“252 Aktuellere Problembücher zu o.g. Themen sind z.B. Albrecht Gralle, Die Rückseite der Angst (2000), Robert Klement, 70 Meilen zum Paradies (2006) oder von Regina Rusch Amira, du gehörst zu uns! Ein Kinderroman zum Thema Abschiebung (2009). Michael Wildenhains Blutsbrüder (2011) greift die Themen Neonazismus und Szene-Krieg auf. 1994 war vom gleichen Autor Wer sich nicht wehrt, eine „Geschichte über Gewalt in Schulen“ erschienen, in der die Türkin Ayfer wegen ihrer Herkunft als besonders gefährdet gilt.253 In der Arena-Reihe Mein Leben erschienen ist Ela Aslan („Name von der Redaktion geändert“), Plötzlich war ich im Schatten : Mein Leben als Illegale in Deutschland (2012), das laut Verlagswerbung für die Klassenstufe acht bis zehn geeignet ist. Angelika Mechtels Erzählung über zwei Flüchtlingskinder aus dem Iran Flucht ins Fremde Paradies (1990) ist seit 2000 in einer gekürzten und vereinfachten Ausgabe in der Reihe Easy Readers bei Klett lieferbar. Während Die Rückseite der Angst mittlerweile nur noch als Schroedel- Schulausgabe mit Zeilennummern, Erläuterungen in der Marginalspalte254 und weiterführenden Materialien (u.a. Zeitungsartikel oder eine Karikatur zum Thema Rassismus) sowie „Arbeitsanregungen“255 lieferbar ist, kommt Amira bei Arena noch in der Aufmachung eines klassischen Jugendbuchs 251 Ebenda, S. 112f. 252 Rösch, 2000b, S. 41. 253 Wildenhain, 1998, Klappentext. 254 „Baguette : französisches Stangenweißbrot“ (Gralle, 2012, S. 136). 255 „Schlage nach, was der Begriff ‚Zivilcourage‘ bedeutet. Erkläre ihn dann einer Mitschülerin/einem Mitschüler.“ (ebenda, S. 163); „Bildet Kleingruppen und überlegt gemeinsam, welche weiteren Vorurteile gegenüber Ausländern euch schon begegnet 69 daher. Allerdings auch gleich mit einer über dem Impressum abgedruckten Telefonnummer für Informationen zu einer Unterrichtserarbeitung. Falls nach der penetranten Belehrung, wie im Falle einer drohenden Abschiebung reagiert werden solle – hier am Beispiel der gut integrierten bosnischen Familie Simic durchexerziert –, noch Informationsbedarf besteht, kann auf die abschließend genannten Kontaktdaten von pro asyl zurückgegriffen werden.256 Die Mutter von Amira Simics Freundin Merle, Frau Kruse, hat sich nämlich bei einer Hilfsorganisation informiert, die ihr „jede Menge guter Tipps mit auf den Weg gegeben“ hat: „1. Zeitung anrufen, 2. Demonstration, 3. Brief an Politiker, 4. Brief an Petitionsausschuss.“257 Die Familie Simic bleibt mit Ausnahme von Amira in der Erzählung weitestgehend ‚ohne Stimme‘258 oder sogar explizit sprachlos: Schließlich sah es aus, als wollte Herr Simic jetzt etwas sagen. Er zog die Schultern hoch, wie man es macht, wenn einem etwas leidtut oder wenn einem etwas peinlich ist. Da hatte Merle rasch das Vier-Punkte-Programm ihrer Mutter in die Hand genommen und es einfach vorgelesen. „So“, sagte sie dann, „das machen wir jetzt, eins nach dem anderen. Hier zieht niemand um!“ Herr Simic ließ die Schultern wieder fallen. Seine Frau lächelte, schien aber wie fast immer in letzter Zeit irgendwie abwesend.259 Amira ist Vorzeigeschülerin mit Bestnoten in Sport, Mathematik und Deutsch und hat sogar eine Auszeichnung als Streitschlichterin: „‚Super- Girl Amira‘“, wie Merle zusammenfasst.260 Was angesichts der drohenden Abschiebung, von der sie durch einen versehentlich geöffneten Brief erfährt, in ihr vorgeht, erschließt sich nicht umfassend aus dem Text. Sie fühlt sich „hilflos wie noch nie zuvor“.261 Im Kunstunterricht bastelt die Schulklasse bei der als beliebt und gerecht beschriebenen Lehrerin Frau Schöne Demonstrations-Plakate: „Und plötzlich wusste sie [Amira], was sind. Findet Argumente, wie sich diese Vorurteile widerlegen lassen, und notiert sie. Berichtet dann in der Klasse darüber.“ (Ebenda, S. 158) 256 Rusch, 2009, S. 135. 257 Ebenda, S. 77. 258 Es ist sicher nicht zu weit hergeholt, in diesem Zusammenhang den Schluss zu ziehen, Asylsuchende, im Text (re)präsentiert durch die bosnische Familie Simics, bleiben „passives Objekt gegenüber westlicher diskursiver Dominanz“, wie Bachmann-Medick in Erläuterungen Homi Bhabhas’ Hybriditätsbegriffs formuliert (vgl. Bachmann- Medick, 2010, S. 200). 259 Rusch, 2009, S. 84f. 260 Ebenda, S. 18. 261 Ebenda, S. 27. 70 sie auf ihr eigenes Plakat für die Demo morgen schreiben würde: Ich will bei euch bleiben!“262 Die Schulklasse263 ist sich in der Argumentation im Zugehörigkeitsdiskurs ziemlich schnell einig: Amira ist hier geboren, in den Kindergarten gegangen, in die Schule – Deutschland sei doch längst ihre Heimat. Merle meint, „[e]s müsste ein Gesetz geben, dass jeder, der in Deutschland geboren wird, Deutscher wird.“ Die Klasse montiert sogar eine Deutschlandfahne zum Klassenfoto.264 Nicht nur „Ihre Wurzeln sind hier!“ pinseln die Kinder auf Demo-Plakate, sondern auch „Abschiebung ist bekloppt“,265 was das erste nicht-national motivierte Argument ist. Herrn Simics Chef sieht deutsche Arbeitsplätze gefährdet, sollte Herr Simic den Betrieb verlassen müssen, vertritt also eine Perspektive, die den ökonomischen Wert des Migranten in den Vordergrund stellt. Man könnte provokativ formulieren, er argumentiert in der Tradition einer „nationalistischen Verwertungslogik.“266 Merles Vater dagegen besteht als Beamter darauf, dass durchgesetzt wird, was der Staat juristisch verlangt.267 Mit Frau Schöne entspannt sich eine Diskussion um staatliche Gesetze und das Gesetz der Menschlichkeit. Wohl um die dem Text oberflächlich immanente Botschaft „Bleiberecht ist Menschenrecht“ zu bekräftigen, ist als Nebenhandlung die Geschichte von Sophia eingewoben, einem illegalen Flüchtling. Sophia wurde vom Zahnarzt Dr. Roland vor Sizilien „‚aus dem Meer gefischt‘“ und nach Europa geschmuggelt.268 Sophia, „eine junge Frau, an der alles außer dem kurzen weißen T-Shirt-Kleid schwarz zu sein schien“, offenbart sich den Freundinnen gleich zu Beginn der Geschichte: „‚Ich illegal [...] nicht verraten¡“, „‚Arbeit nicht erlaubt, Sophia nicht erlaubt‘“ und „‚Keine Papiere. Nix Deutschland.‘“ Für Merle ist klar, dass 262 Ebenda, S. 29, 94. 263 Ahmad aus Afghanistan, „Margit aus der Schweiz, Pawel aus Russland, Nehan aus dem Kosovo, Sarah, Benjamin, Merle und Marvin aus Deutschland, Miranda und Idris aus Albanien, Samadi aus Sri Lanka, Seran, Fatih und Esma aus der Türkei, Clara, Simon, Daniel und Benjamin aus Deutschland, Giuseppe und Mariangela aus Italien, Youssef aus Marokko“ sowie Jeremy, der sich als letzter in der Reihe zu Wort kommend, als Amerikaner bezeichnet. Amira selbst weiß nicht, was sie ist. Die Eltern aus Bosnien, sie hier geboren. . . – ihr ist es „‚[...] völlig egal, ob jemand Ausländer oder Inländer ist.‘“ (Ebenda, S. 119f) 264 Ebenda, S. 29, 31, 41, 62. 265 Ebenda, S. 92f. 266 Ebenda, S. 50. Nach Anna Böcker lässt sich die derzeitige (Stand: 2011) Integrationspolitik „in der Kontinuität kolonialer Praktiken diskutieren, denn sie ist nach wie vor von einer nationalistischen Verwertungslogik geprägt“ (Böcker, 2011a, S. 351). 267 Rusch, 2009, S. 71. 268 Ebenda, S. 101. 71 Sophia offensichtlich Angst hat und Hilfe braucht.269 Über Sophias weiteres Schicksal, und ob sie weiterhin illegal bei Dr. Roland putzen ‚darf‘, erfährt man nichts. Amira zumindest darf bleiben! Deutschland schwarz-weiß: Milchkaffee und Streuselkuchen Als Longseller erweist sich Milchkaffee und Streuselkuchen (1996) von Carolin Philipps aus dem Verlag Carl Ueberreuter. Für das Buch, das seit 2008 bei Carlsen verlegt wird, wurde die Autorin 2000 mit dem UNESCO- Kinderliteratur-Preis für Toleranz ausgezeichnet. Allein Ueberreuter hat lt. Foreign Rights Catalogue 2013 270 knapp 20.000 Exemplare abgesetzt, die Rechte wurden bisher nach China, Korea, Slowenien und Frankreich verkauft. Eine antirassistische Rezeption drängt sich durch den Klappentext auf:271 Sammy, der zehnjährige Sohn afrikanischer Einwanderer, wird bei einem Brandanschlag an der Hand verletzt. Er versteht nicht, was Menschen dazu treibt, so etwas zu tun. Zudem kann er wegen seiner verletzten Hand nicht an einem Musikwettbewerb teilnehmen. Boris, sein Erzfeind und heftigster Konkurrent um den Platz als Klassenbester, wird sich bestimmt darüber freuen, dass er nun an Sammys Stelle Klavier spielen darf. Aber Boris findet eine ganz andere Lösung dieses Problems. Eine Lösung, die nicht nur Sammy überrascht. . . 272 Antirassistische Texte sind nach Rösch häufig „nicht wirklich poetisch“ sondern transportierten mittels einer banalen Handlung entsprechende Informationen „bis hin zu politischen Indoktrinationen.“273 Die Beklemmung, die einen hinsichtlich einer anscheinend intendierten Konditionierung (vulgo: Gehirnwäsche) schon bei Amira überfallen kann – die ganze Klasse muss hinter der von Abschiebung bedrohten Schülerin stehen,274 wer sich nicht beteiligt, wird wiederum ausgegrenzt –, kann auch bei Sammys Geschichte verspürt werden, obwohl diese in großen Teilen aus dessen Perspektive erzählt wird: Eigentlich will Sammy mit seiner Freundin Sonia zu einem Feuerwerk, das anlässlich des neu eingeführten Tag der Deutschen Einheit abgefeuert werden soll. Vereitelt werden seine Pläne für den Abend durch einen Brandanschlag, der durch eine Gruppe Jugendlicher auf seinen Wohnkomplex verübt wird. Auch Kinder sind unter den Beobachtern: „[S]ie sagen 269 Ebenda, S. 10ff. 270 ueberreuter : LAPPAN : annette betz, Berlin, 2013, S. 21. 271 Die Zitate beziehen sich auf die Schulausgabe von 2000 im Verlag Hase und Igel. 272 Philipps, 2000, Klappentext. 273 Rösch, 2000c, S. 126. 274 Vgl. Rusch, 2009, S. 66f. 72 auch nichts, sie stehen nur da und schauen zu.“275 Seine Eltern verdrängen den Vorfall. Sonia will das Ereignis mit ihren Eltern besprechen: „‚Sie haben es getan, weil Sammy braune Haut hat, oder¿“276, aber auch ihre Eltern wollen nicht über den Anschlag oder die möglichen Motive sprechen. Sonia insistiert, und ihr Vater erklärt: Vor dreißig Jahren (also Anfang der 1960er-Jahre) habe man „die Ausländer in unser Land geholt“, da man Arbeitskräfte brauchte. Heute aber kämen die meisten, „ohne dass wir sie gebrauchen können. Wir haben selbst so viele Arbeitslose.“277 Dann gäbe es noch die politisch Verfolgten und die, die kämen, weil sie Hunger hätten „und unser Land ist reich. . . “. Sonias Mutter weiß hinzuzufügen, dass das schon ein Problem sei, wo solle man denn hin mit ‚all denen‘? „Wer soll das alles bezahlen? Auch eine Kuh kannst du nur bis zu einer gewissen Grenze melken. Dann gibt sie keine Milch mehr.“278 Für Sonia erhellt sich nicht, was das alles mit Sammys verbrannter Hand zu tun haben soll. Es folgt ein Rückblick von Sammys Mutter zur kriegsbedingten Fluch aus Eritrea. Sechs Jahre verbringt sie im Sudan in einem Flüchtlingslager, wo sie auch ihren Mann, einen Freiheitskämpfer, kennenlernt. Beide wandern mit Hilfe des Roten Kreuz nach Deutschland aus, die Mutter macht eine Ausbildung zur Krankenschwester, der Vater lernt Pfleger, wird aber – weil er keine Arbeit findet – zum Straßenbahnschaffner umgeschult. Eigentlich plant man nach Eritrea zurückzukehren, „um dort in Eritrea den Menschen zu helfen“, aber zuerst ist die politische Lage zu unsicher und dann kommt Sammy zur Welt. Die Mutter hat ein schlechtes Gewissen, denn schließlich ist Eritrea ihre Heimat, auf der anderen Seite „weiß [sie] nicht, was sie eigentlich will und wo sie hingehört“. Aber wer weiß, so reflektiert sie, vielleicht würde es für Sammy in Afrika (sic) bald sicherer sein als hier.279 Es bestätigt sich in dem Buch in weiten Teilen das, was Rösch zum Thema „Problembuch“ artikuliert (vgl. Seite 69) bzw. in ihrer Arbeit zum Anti-/Rassismus in der KJL und ihrer Didaktik Jim Knopf ist (nicht) schwarz darlegt. Rösch formuliert im Rückgriff auf die Arbeiten von Jörg Becker aus den 1980er-Jahren rassistische Argumentationsmuster, die die 275 Philipps, 2000, S. 11. 276 Ebenda, S. 29. 277 Ebenda, S. 30. Das Argument „Arbeit und Wohnung wegnehmen“ wird sogar Sammys Mutter in den Mund gelegt, als sie später doch noch ansatzweise mit ihrem Sohn über den Vorfall spricht (ebenda, S. 51). Warum – muss kritisch hinterfragt werden – muss dieser Argumentationsstrang auch noch gebetsmühlenartig im Text explizit gemacht werden? Vgl. außerdem ebenda, S. 60. 278 Philipps, 2000, S. 30. 279 Ebenda, S. 34–39. 73 kulturelle, ethnische, religiöse und sprachliche Akzentuierung eines erweiterten Rassismusbegriff berücksichtigen.280 So beschreibt Rösch z.B. das Ethnisierungs- bzw. Kulturalisierungssyndrom, das zu einer stereotypisierten Zeichnung von Minderheiten oder Angehörigen diskriminierter Gruppen führt, die zu Repräsentanten einer Ethnie oder Kultur stilisiert werden. Sammy wird in seiner Reflexion der Problemlage auf sein Aussehen reduziert. Seine Nase ist im Vergleich zu den weißen Kindern weniger erhaben („platt“), seine Lippen sind voller („dick“) und seine Haut ist dunkler, wenn auch „nicht so schwarz wie die der Menschen, die aus dem Süden Afrikas kommen.“281 Sammy – so erfährt man in einem Rückblick auf dessen Probleme, einen Platz in der Klassengemeinschaft zu finden – trainiert bei jeder Temperatur im Trainingsanzug, denn „[e]r schämt sich, weil er so braun ist.“282 Wegen seiner Hautfarbe grenzen ihn einige Mitschüler_innen aus und nennen ihn „Milchkaffee“. Ihm selbst ist, wird an anderer Stelle betont, einerlei, wie ein Mensch aussieht.283 Abbildung 4.5: Carolin Philipps, Milchkaffee und Streuselkuchen, Carlsen (2008) Ein Leben in der Heimat seiner Eltern „ohne elektrisches Licht, ohne fließendes Wasser im Badezimmer, ja sogar ganz ohne Badezimmer“ oder Fernseher kann er sich nicht vorstellen. Allerdings reicht seine Phantasie, 280 Ausführlich siehe Rösch, 2000c, S. 114ff, 259f. 281 Philipps, 2000, S. 40f. Das Kind selbst ist also Rassist und stellt sich in seinen Reflexionen über Menschen mit noch dunklerer Haut? Und Rassismus wird damit im Schulkontext unterschwellig ein Persilschein ausgestellt? Wird so etwas wirklich nach wie vor als Klassensatz bestellt? Ja! 282 Philipps, 2000, S. 48. 283 Ebenda, S. 41. 74 sich auszumalen, wie sein größter Peiniger Boris sich fühlen könnte, wenn jener als „Bleichgesicht“ dort neu in die Schule käme. Vielleicht hätte Boris ähnliche Probleme, und man würde ihn ob seiner Sommersprossen „Streuselkuchen“ nennen:284 Und genau an dieser Stelle macht sich der Traum dann immer selbstständig. Statt dem weißen Boris mal so richtig eins auszuwischen, steht er, Sammy, im Traum auf, legt den Arm um Boris und sagt: „Neben mir ist noch ein Platz frei. Mach dir nichts aus den anderen. Ich weiß, wie es ist, wenn man anders aussieht. Mir ist es egal, ob du weiß oder braun bist.“285 In ihrem Appellcharakter fast unerträglich peinlich wirkt die Zeichnung eines nach dem Anschlag verzweifelten Sammy, der eine dicke Schicht Creme aus dem Kosmetikschrank seiner Mutter im Gesicht aufträgt, sich eine Badekappe mit gelben Rüschen aufsetzt, und vor dem Badezimmerspiegel sinniert, ob ihn seine Mitschüler_innen so lieber mögen würden. Von der Mutter ertappt, bekommt er zu hören: „Mach das nie wieder, hörst du? Deine Haut wird immer braun bleiben und mir gefällst du so. Ich will dich nicht weiß haben. Wichtig ist doch nur, wie du hier und hier drinnen bist.“ Und dabei klopft sie an seinen Kopf und sein Herz.286 Warum wird an dem Diskriminierungsmuster durch die Autorin so beharrlich fest gehalten? Wenn schon Philipps Mitte der 1990er-Jahre das Bewusstsein dafür gefehlt haben mag, dass sie durch ihr Manuskript Hautfarbe als rassistische Differenzkategorie weiter in den Köpfen von Kindern manifestiert, warum werden dann Texte wie Milchkaffee und Streuselkuchen von Pädagog_innen trotz des heutigen Stands der Forschung nach wie vor im Schulkontext verwendet? Einige Antworten wurden bereits gegeben (u.a. Stichwort: Gewohnheitskanon). Eine pessimistische Erklärung könnte zudem sein, dass es sich bei den antirassistischen Ambitionen in unserer Gesellschaft zu einem Teil lediglich um Lippenbekenntnisse handelt. Eine optimistischere Perspektive wäre, dass es nach wie vor an Informiertheit mangelt.287 Die Mutter beantwortet Sammys Frage, wo denn nun seine Heimat sei (wo doch manche meinten, die Familie solle in die Heimat zurückgehen), und wohin er gehöre mit: „‚Hierher, Sammy. Du gehörst hierher. Du bist 284 Ebenda, S. 41ff. Kein Strom, aber Streuselkuchen? Erinnert an das Marie Antoinette zugeschriebene „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen!“. 285 Philipps, 2000, S. 43. 286 Ebenda, S. 50. 287 So sind meine Ergebnisse heute sicher auch nicht ‚der Weisheit letzter Schluss‘. 75 hier geboren.‘“288 Über eine über das Regionale oder Nationale hinausgehende Definition von „Heimat“ oder „Zugehörigkeit“ wird nicht nachgedacht oder gesprochen. Im Folgenden erzählt Sonia Sammy, wie sie Boris vor der Klasse in die Pflicht genommen hat. Boris hatte im Unterricht erzählt, wie er den Anschlag erlebt hat. Sein Vater und er hatten den Vorfall vom Balkon aus beobachtet. Der Vater hatte kommentiert: „‚[...] sie schmeißen die Scheiben von den Ausländern ein. Weil sie wollen, dass sie zurückgehen, wo sie hergekommen sind. Weil wir gar nicht mehr wissen, wohin mit ihnen.‘“289 Sonia hatte Boris vor der Klasse mit ihrer Überzeugung konfrontiert, dass Zuschauen und nichts machen genauso schlimm sei wie Steine werfen. Boris hätte das nicht einsehen wollen, aber die Lehrerin hatte Sonia recht gegeben. In einem in das Kapitel eingewobenen Rückblick erfahren die Leser_innen nun die Ursache der ausgeprägten Abneigung Boris’ gegenüber Sammy. Ausgerechnet Sammy hatte dessen Position als Klassenprimus gefährdet. Von seinem Vater hatte Boris sich anhören müssen, dass er sich doch nicht von „so einem“ überrunden lassen könne. Und das ausgerechnet im Fach Deutsch: „Sie erwarteten einfach von ihm, dass er bessere Noten schrieb als dieser Ausländer [sic, ohne Anführungszeichen].“290 Sammys Familie, die eine diskriminierte Gruppe repräsentiert, hat also erbracht, was Rösch im Zusammenhang mit dem Oasensyndrom als „Assimilationsleistungen“ bezeichnet.291 Beide Eltern gehen einem ehrbaren Beruf nach und der Sohn ist unter den Klassenbesten wie auch ein talentierter Klavierspieler. Durch die Freundschaft mit Sonia wird Sammy die Tür zur Mehrheitsgesellschaft geöffnet. Konfliktregelung erfolgt durch Integration. Symbolisiert wird diese Integration durch das gemeinsame Klavierspiel von Sammy und Boris, das sie für einen Schulwettbewerb einstudieren, womit die Geschichte (endlich) abschließt. Vorher muss Boris noch eine Wandlung erfahren: Sammy steht wieder einmal vor dem Spiegel und experimentiert mit Tuschkasten und Deckweiß. Es klingelt und Boris steht vor der Tür. Die Klassenlehrerin, Frau Pinkepang, hat den Jungen beauftragt, bei Sammy die Klaviernoten abzuholen. Sammy hätte eigentlich für die Klasse den ersten Preis bei einem Wettbewerb holen sollen, wegen der verletzten Hand darf der kaum minder talentierte Boris einspringen. Boris stellt sich in der Wohnung an das beim Anschlag zerbrochene und durch Plastikfolie behelfsmäßig reparierte 288 Ebenda, S. 51. 289 Ebenda, S. 55f. 290 Ebenda, S. 57f. 291 Rösch, 2000c, S. 115 oder 259. 76 Fenster und fragt leise: „‚Hast du hier gestanden¿“. Keiner wollte bisher mit Sammy über den Vorfall reden: „Die ganze Geschichte sprudelt aus Sammy hervor. Boris hört ihm zu, ohne ein Wort zu sagen. Er steht am Fenster, schaut vorsichtig durch die Plastikfolie, zeigt auf einen Balkon im gegenüberliegenden Haus. ‚Da hab ich gestanden.‘“ Nachdem „[v]on hier aus“ alles ganz anders aussieht, wird Boris bewusst, dass er vielleicht hätte etwas machen sollen. Er verlässt die Wohnung, um zehn Minuten später mit dem Vorschlag des Klavierduos auf Sammy zuzukommen – Sammy bringt seine gesunde linke Hand ein und Boris spielt mit rechts. Die Klasse gewinnt so den zweiten Preis im Wettbewerb und es wird spontan ein Sonderpreis für das Duo ausgelobt.292 4.1.2 Vom Platz in der Gesellschaft: Kulturelle Herausforderungen Wie zu Anfang von Kapitel 4.1 einleitend skizziert, unterscheide ich bei der Analyse der Literatur, die „Interkulturelles“ schon im Klappentext ankündigt, ‚vordergründige‘ oder ‚gesellschaftliche‘ Probleme (eben in Kapitel 4.1.1) sowie ‚latente‘ Probleme als individuelle Sorgen und Nöte (im Folgenden). Als ‚latente‘ Probleme bezeichne ich im Kontext dieser Arbeit Themen wie „Migration“, „Ausgrenzung“ sowie „Identität“ bzw. „Identitätskrisen“. Oder populär formuliert: „Integrationsschwierigkeiten“. Das Muster gut gemeinter aber nicht immer ‚unproblematischer‘ Problemliteratur wiederholt sich auch dort, wo weniger behördliche oder physische Gewalt im Zentrum der Handlung stehen, sondern eher die individuellen Sorgen und Nöte von Zuwanderern oder Kindern mit Migrationserfahrung. Warum ist mir eine Abstufung von ‚vordergründigen Problemen‘ wie Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass oder Abschiebung zu ‚latenten Problemen‘ oder individuellen Sorgen und Nöten wichtig? Ich konnte bisher nur im Ansatz aktuelle Bücher identifizieren, die diese (Gewalt-)Themen literarisch anspruchsvoll bearbeiten.293 Rafik Schamis im Hanser Verlag erschienenes Bilder-/Erstlesebuch Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm (2003), das allerdings physische Gewalt ausspart, kann als Ausnahme gewertet werden. Erwähnt werden sollte an der Stelle Hanna Jansens 292 Philipps, 2000, S. 107–112. Zur Wandlung der Autoritätsperson Vater vgl. Philipps, 2000, S. 72ff. 293 Dafür gibt es eine nicht zu unterschätzende Menge an Literatur, die (inter-)kulturelle Phänomene (oder Probleme), die „unter der Oberfläche“ bleiben (oder gären), sensibel und differenziert beschreiben, ohne dass das schon per Klappentext angekündigt bzw. verkauft wird. Vgl. dazu Kapitel 4.2. 77 Herzsteine (2012). Thematisiert werden hier jedoch keine der o.g. ‚lokalen‘ Problematiken sondern die ethnischen Konflikte in Ruanda. Für den Adoleszenzroman, der in Kapitel 4.2.2 besprochen wird, steht die Aufarbeitung der (Gewalt-)Historie allerdings nicht im Vordergrund. Im Klappentext wird erwähnt, dass die Mutter der Hauptfigur aus Ruanda kommt und dass ein „undurchdringliches Schweigen“ über der Familie liegt.294 Im gleichen Verlag (Peter Hammer) erschienen ist das Erstlesebuch Mia mit dem Hut (2007), das von einer Kinderfreundschaft auf Augenhöhe erzählt, in der Mias Freund Abadi Beschimpfungen und tätlichen Angriffen seiner ‚Klassenkameraden‘ ausgesetzt ist. Aus dem Klappentext ist immerhin zu erfahren, dass Abadi aus Afrika kommt und Mia von den Kindern wegen eines alten Hutes (eine wunderbare Doppeldeutigkeit im Kontext der Geschichte über Gewalt und Vorurteile) ausgelacht wird. Bücher, die – als Graustufe295 von Problem hin zu Normalität – individuelle Sorgen und Nöte schon per Klappentext thematisieren, so das Fazit meiner im Folgenden dargestellten Analysen, sind dann interkulturell wertvoll, wenn der Autor oder die Autorin einen persönlichen Bezug zu dem Problemkreis hat. Erzähler_in und Autor_in (i.S.v. reale_r Verfasser_in des Textes, also Schriftsteller_in) sollten idealerweise über einen ähnlichen Erfahrungshorizont verfügen, so meine Schlussfolgerung. Leaving Ararat: Abenteuerliches über Einwanderer Ein aktuelles Beispiel für den Versuch, das Seelenleben von Flüchtlingskindern zu bearbeiten und an mehr Toleranz zu appellieren, ist das Werk des österreichischen Autorinnenduos Susanna Lawson und Doris A. Behrens Leaving Ararat : Abenteuer Einwanderung (2012). Das Problem der Ausgrenzung wird in der Erzählung begründet und auch gleich gelöst: „Natürlich nicht“, beruhigte uns Frau Fachlehrerin Gruber. „Ich wollte doch nur erklären, dass die Menschen manchmal ablehnend reagieren, wenn Fremde aus anderen Ländern und mit anderen Sitten und mit anderem Aussehen in ihr Land kommen. Meist steckt da mehr Angst dahinter als sonst irgendwas. Deshalb bin ich mir sicher, dass gerade bei euch Kindern eine Verständigung möglich ist.“ Damit schloss sie das Thema ab und begann mit dem Unterricht.296 294 Jansen, 2012, Klappentext. 295 Nicht „Grauzone“. Graustufe – auch wieder in Analogie zur Drucktechnik – als Abstufung, (Farb-)Verlauf, Rasterdichte (Dichte als Verhältnis von Farbstärke, Weißraum und gedecktem Raum). 296 Lawson/Behrens, 2012, S. 41 78 Solch verkürzte Argumentationen finden sich in der Problemliteratur häufig: Tradierte Vorurteile werden von einer Autoritätsperson (Elternteil, Lehrer o.ä.) wiedergegeben, allem Anschein nach soll eine Argumentationskette zur Widerlegung oder zumindest zur Relativierung der Klischees aufgebaut werden, die dann nicht befriedigend zu Ende gebracht wird. Somit stellt sich die Frage, ob das Unterfangen nicht eher kontraproduktiv ist, sich beim/bei der (jungen) Leser_in diese Bilder nicht eher verfestigen. Bildhafter und somit einprägsamer wird es, wenn die nette Deutschlehrerin Frau Gruber erklärt: „Das ist wie bei dem Kuckuck, [. . . ] Der Kuckuck legt seine Eier in fremde Nester, und die armen anderen Vögel müssen dann die großen Kuckucksvögel füttern, und die wachsen und wachsen, und drängen dann die kleineren Vogelbabys aus den Nestern.“297 Dieser Vergleich gefällt Lusine und Lala nicht, aber sie müssen zugeben „dass es wohl eine Art Urinstinkt ist, der die Menschen dazu bringt, Ausländer, also alles Fremdländische abzulehnen.“298 Es bleiben also keine Fragen offen, womit der Text ausreichend Würdigung erfahren hat und eigentlich zum nächsten Verlagsprodukt übergegangen werden kann. Ich halte das Büchlein jedoch für sehr geeignet, um an dieser Stelle ein paar Worte über den – hier nicht explizit – werblich gern genutzten Begriff der „Authentizität“ und eine Heiligsprechung durch Preise zu verlieren: Der Text wurde von der Kärntner Landesregierung mit dem Jugendbuchpreis 2012 ausgezeichnet. Gewiss, das ist nicht der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels oder der UNESCO-Preis, mit dem Carolin Philipps sich schmücken darf, suggeriert aber einer/m womöglich eher einseitig informierte_n Käufer_in (sprich: je nach Alter bereits Wähler_in), dass man sich ‚schon was dabei gedacht haben wird‘, dass man nichts falsch macht, das Buch zu kaufen, zu verschenken oder im Unterricht zu verwenden. Oder sogar zu lesen. Nicht unwahrscheinlich, dass die Auszeichnung ihren Widerhall auch in den Kulturteilen der Regionalpresse gefunden hat, was den Effekt der Empfehlung wohl verstärken wird.299 Für das Büchlein – so erfährt man aus der Widmung – standen die „Erlebnisberichte vieler verschiedener Einwandererfamilien nach Österreich und Deutschland [..] Pate“. Im Anhang zur Erzählung werden u.a. „Fakten zur aktuellen wirtschaftlichen Situation Armeniens“ und Zahlen zum 297 Ebenda, S. 86. 298 Ebenda. 299 Über den Wettbewerb konnte recherchiert werden, dass es zehn Einsendungen gab. Die Autorinnen haben schon Kochbücher und naturwissenschaftliche Fachliteratur verfasst. Vgl. Website des Landes Kärnten: http://www.ktn.gv.at/27987\_DE-ktn. gv.at?newsid=19740 (zuletzt geprüft am 16.08.2014). 79 Thema Migration abgedruckt, was offenbar die Authentizität des Textes unterstreichen soll. Einen knappen und leicht einprägsamen Merksatz zu „Authentizität“ aus postkolonialer Perspektive hat die Schwarze Künstlerin und Aktivistin Noah Sow formuliert: ‚Authentisch‘ ist das weiße Feedback über weiße Vorstellungen von Angemessenheit und Validität des Beobachteten. Im Subtext bedeutet ‚authentisch‘, dass etwas, das weiße Erwartungen erfüllt, quasi noch echter ist als echt.300 Als Beleg für die von Weißen angenommene Authentizität, so Sow, „müssen dann aber oft [..] People of Color herhalten.“ Diese – sie schließt Filmfiguren weißer Produktionen mit ein – würden wiederum von Weißen ausgewählt oder fingiert.301 Noch dreister wird die Verlagswerbung, wenn sogar darauf verwiesen wird, dass eine O-Ton „wahre Botschaft“ verkündet wird (vgl. Kapitel 5.2.4). Marginalisierung des Fremden mittels Format und Titelgestaltung: Lisas Geschichte : Jasims Geschichte 2007 erschien Kirsten Boies Brief-/Tagebuchroman Lisas Geschichte : Jasims Geschichte (1989) in einer erweiterten Neuausgabe. Bei der Erweiterung handelt es sich offenbar um das Nachwort der Autorin.302 Besonders interessant an dem Buch ist das Cover, das das Thema Ausgrenzung auf unschuldig verharmlosende Weise illustriert (vgl. Abb. 4.6, Seite 81). Lisa blickt etwas beklemmt wirkend auf den Asylsuchenden Jasim herab, der ‚auf dem Kopf steht‘. Getrennt werden die beiden durch einen mit 55 Cent frankierten Briefumschlag. Das Cover des Originals aus dem Oetinger Verlag und das der Taschenbuchausgabe von dtv junior zeigte noch zwei Jugendliche, die sich an einem Hauseingang begegnen. Der Junge kommt heraus, bzw. die Treppe herunter, das Mädchen dreht sich im Vorbeigehen nach ihm um. Das Mädchen 300 Sow, 2011, S. 252f. 301 Ebenda, S. 253. 302 Zur Autorin schreibt Isa Schikorsky: „Kirsten Boie (*1950) gilt seit ‚Paule ist ein Glücksgriff‘ (1985), ihrem Erstlingswerk über ein farbiges Adoptivkind, als eine Autorin, die politische und soziale Probleme literarisch anspruchsvoll gestaltet, wobei es ihr darauf ankommt, sich kindlichen Empfindungen und Wahrnehmungsweisen anzunähern. Der kompromisslose Einsatz von literarischen Gestaltungsmitteln sowie die inhaltliche Komplexität ihrer Romane stellen hohe Anforderungen an junge Leser.“ (Schikorsky, 2012, S. 153) 80 Abbildung 4.6: Kirsten Boie, Lisas Geschichte : Jasims Geschichte: Cover der erweiterten Neuausgabe (2007) ist jeweils in Bunt dargestellt und trägt flippige Kleidung, der Schwarze Junge ist ‚farblos‘ ausgestattet und wirkt traurig oder betreten. Und darum geht es dann auch im Groben und Ganzen: Die vielleicht 13oder 14-jährige Lisa ist kürzlich mit ihren Eltern in eine neue Stadt gezogen und schreibt ihren Freund_innen überdreht wirkende Briefe („Hallo, du alter, blöder Knuddelmaik!“ oder „Ach Mensch, Maik, du alte schnuckelige Obernuss!“303). Der Vater scheint ein Alkoholproblem zu haben und der „Müsli-Bruder [...] engagiert sich jetzt für Asylanten.“304 Lisa hat so ihre Probleme, sich in ihre neue Heimat einzuleben. Sie zelebriert ihre Vorurteile über die beschauliche Vorstadt, deren Idyll durch ein neu eröffnetes Heim für Asylanten gestört wird. Die einzige Begegnung zwischen Lisa und Jasim findet im wahrsten Sinne des Wortes zwischen Tür und Angel statt. Insgesamt zwölfmal eingeschoben zwischen Briefe und Tagebucheinträge des Mädchens sind ein- bis dreiseitige Introspektiven eines Bewohners dieses Heims, Jasim. Jasim hat seine Familie zurückgelassen, was ihn unendlich schmerzt.305 Er möchte sich integrieren in „‚[s]eine neue Heimat,‘“306 darf aber wegen der Vorschriften nicht einmal den Versuch unternehmen, selbst für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Sein Zimmergenosse George bringt die beschränkte Welt der Asylbewerber_innen auf den Punkt: 303 Boie, 2007, S. 6, 13. 304 Ebenda, Klappentext. 305 Ebenda, S. 96. 306 Ebenda, S. 41. 81 „Du hast dein Bett“ sagte er. Wie der Mann auf dem Amt. „Du hast dein Essen. Dein Luxus sind deine Träume. Jeden Monat, wenn du deine zehn Mark in den Händen hältst, wirst du träumen: Was kannst du nicht alles damit anfangen! Du kannst einmal in die Stadt fahren und einmal zurück, und noch einmal in die Stadt, aber zurückfahren kannst du dann erst wieder im nächsten Monat. [...] Oder du kannst drei Bier trinken in einer Gaststätte, wenn sie dich hineinlassen und wenn sie dich so behandeln, dass du nach dem ersten Bier noch Lust auf zwei weitere hast.“307 Eigentlich darf Jasim ohne Erlaubnis der Ausländerbehörde seinen Aufenthaltsradius nicht verlassen. Trotzdem macht er sich auf, seinen alten Freund Mirja zu besuchen, der zwei Zugstunden von Jasims Heim entfernt lebt. Ohne Fahrkarte versteht sich (angesichts seiner eingeschränkten finanziellen Mittel). Er versteckt sich im Waschraum, wo er sich im Spiegel betrachtet. Anscheinend sich selbst entfremdet kommt ihm sein Gesicht „sonderbar dunkel“308 vor. Bei der Rückfahrt wird er von einem Kontrolleur beim Fahren ohne gültigen Fahrschein ertappt. Um den Anwalt zahlen zu können, der ihn vertritt, und um zumindest etwas zu tun, verdingt sich Jasim von nun an als illegaler Rosenverkäufer. „Die Leute hier sind reich. Sie geben viel Geld für Rosen“, schreibt er seiner Familie.309 Eines Tages wird sein Zimmergenosse abgeschoben. Jasim überlegt, dass es für ihn selbst eine Option wäre unterzutauchen, würde ihm das Gleiche drohen. Was dann bald passiert. Sein Asylantrag wird abgelehnt, dieser sei „[o]ffensichtlich unbegründet, hatte das Gericht entschieden.“310 Jasim soll binnen vier Wochen ausreisen. Er packt seine Reisetasche, will zu seinem Freund Mirja. Im Asylbewerberheim findet gerade ein Fest statt, „es waren Deutsche gekommen“. An der Pforte stößt er fast mit einem Mädchen zusammen. Er sagt „‚Sorry‘“, festigt den Griff um seine Reisetasche und zwingt sich, an seine neue Heimat zu denken.311 Aus Lisas letztem Tagebucheintrag erfährt man (neben den Sorgen zu einer misslungenen Schularbeit und ähnlichen Dingen), dass Lisa auch bei dem Fest im Heim zugegen war: „Vor der Pforte wäre ich fast mit einem Ausländer zusammengestoßen, der eine Reisetasche in der Hand trug. Er sah verwirrt aus und gleichzeitig so, als hätte er es eilig. ‚Sorry‘, sagte der Mann.“312 Bezogen auf die Party – oder im Sinne der Untersuchung den Gehalt der 307 Ebenda, S. 73f. 308 Ebenda, S. 122. 309 Ebenda, S. 161. 310 Ebenda, S. 181. 311 Ebenda, S. 182f. 312 Ebenda, S. 185. 82 interkulturellen Begegnung – hält sie noch ein paar Notizen zu einer „Afrikanerin mit den phantastischsten Zöpfen der Welt“ und „merkwürdig aussehende[n] Teigtaschen und Frikadellen“ in ihrem Tagebuch fest.313 Mich persönlich lässt die Geschichte etwas ratlos zurück. Die Autorin betont in ihrem Nachwort die Aktualität des Stoffes. Solange es auf der Welt das Gefälle aus Reich und Arm, „lebensbedrohlich Hungrigen und lebensbedrohlich Übergewichtigen“ gebe, werde es „diese Wanderungsbewegungen“ geben. Alle Fragen, die Lisa sich stelle, stellten sich uns auch heute noch.314 Welche Fragen? Die um blaue Briefe und die erste Liebe etc. sind sicher zeitlos. Aber was sonst? Soll ich als Leserin den Transfer herstellen zwischen Lisas – dann eher trivialen – Sorgen, sich in der neuen Umgebung einzufinden, und Jasims existenziellen Problemen? Um dann, wie mancher Tourist, der eben eine Dritte Welt-Region bereist hat, in einer Mischung aus Erleichterung und schlechtem Gewissen festzustellen, ‚wie gut wir es doch eigentlich haben, und dass man da schon mal was tun müsste‘? Oder wird die Figur Jasim missbraucht für einen Mädchenroman, dem ein bisschen (aktuelle) Brisanz verpasst werden soll, vielleicht um ihn auch im Schulkontext vermarkten zu können? Auf der einen Seite finde ich fragwürdig, dass Lisas Befindlichkeiten bis ins Kleinste seziert werden, und Jasim nur selten, ‚zu Wort kommt‘ – und dann auch noch in der dritten Person. Auf der anderen Seite würde meine Prognose für eine aus interkultureller Sicht gelungene Bearbeitung schlecht ausfallen, würde Boie versucht haben, auch Jasims Innenleben detaillierter zu beleuchten. Das Buch hält sich seit über 25 Jahren im Markt. Identität ungeklärt: Beiträge autochthoner Autoren Bei ihren Untersuchungen zu Formen der „Migrantendarstellung“ in Schulbüchern hat Maria E. Brunner herausgearbeitet, dass (noch) Ende der 1990er-Jahre das Bild des zwischen zwei Stühlen sitzenden „Ausländerkindes“, meist repräsentiert durch einen Türken/eine Türkin, vorherrschte. Diese Kinder, so wird suggeriert, litten unter Identitätsproblemen und wüssten nicht, wo ihre Heimat liege. ‚Bikulturell‘ oder ‚hybrid‘ bedeute immer auch fremd, konfliktträchtig und „problembeladen“.315 Dieses Bild scheint sich auch bei einigen autochthonen Kinder- und Jugendbuchautor_innen eingebrannt zu haben: 313 Ebenda, S. 186f. 314 Ebenda, S. 189–191. 315 Brunner, 2005, S. 84f. 83 Jana Frey ist Autorin für „Themen die bewegen“.316 Laut Verlag sind das Stoffe wie die Zeugen Jehovas (Das eiskalte Paradies : Ein Mädchen bei den Zeugen Jehovas (2000)), Magersucht (Luft zum Frühstück : Ein Mädchen hat Magersucht (2005)), Geschwisterliebe (Der Kuss meiner Schwester : Eine verbotene Liebe (1997)) und Kriminalität (Die vergitterte Welt : Mit 16 im Knast (2004)).317 Mit Ich, die Andere (2007) äußert sich die deutsch-schweizerische Autorin vordergründig zum Thema Bikulturalität bzw. Identität: Kelebek ist Deutsche. Und sie ist Türkin. Sie will mit ihren Freundinnen Spaß haben und gleichzeitig mit ihrer Familie den Ramadan begehen. Sie liebt die blaue Moschee in Istanbul – und sie liebt Janosch. Ihre Gefühle sind zu kostbar, als dass sie jemandem davon erzählen könnte, zu zerbrechlich. Doch Sercan, ihr Bruder, mit dem sie früher alle Geheimnisse geteilt hat, merkt sofort, dass Kelebek plötzlich anders ist. Er beginnt, sie zu kontrollieren, eindringliche Fragen zu stellen. Als er endlich Gewissheit hat, ist Sercan voller Hass. Hass auf Janosch, Hass auf Kelebek – Hass, der außer Kontrolle zu geraten droht...318 Der Online-Rezensent Michael Petrowski bespricht den Text als einen sehr empfehlenswerten Jugendroman, der zum Nachdenken anrege. In einem unvergleichbaren Schreibstil, mit Passagen in konsequenter Kleinschreibung und Wechsel in die dritte Person, beschreibe die Autorin professionell und einfühlsam die Gedanken und Gefühle der Protagonistin. Jana Frey schildere – so fasst er zusammen – das Schicksal der jungen Muslimin Kelebek, die zwischen zwei Kulturen lebt und aus diesem inneren Konflikt heraus manchmal eine Andere ist. Je nachdem in welcher Gefühlslage sie (die Romanheldin) sich befände, sei sie mal Siri, Aviva oder Daphne. „Die vielschichtige emotionale Geschichte“ berühre „den Leser zutiefst.“319 Petrowski gilt mein ausdrücklicher Dank für die Inhaltsangabe, da ich persönlich den Text wenig ansprechend und die Handlung vorhersagbar fand, sodass ich wenig motiviert war, das Buch im Ganzen zu lesen. Zwei Ausschnitte: Ich wurde auf einem alten, knarrenden Sofa geboren, während draußen der Muezzin die Gläubigen zum Gebet rief. [...] „Allahu Akbar, Allah ist groß. . . “, sagte mein Großvater, der als Erster die Sprache wiederfand.320 316 Vgl. Frey, 2010, S. 351. 317 Ebenda, Programmvorschau am Ende des Buches (S. 350ff). 318 Ebenda, Klappentext. 319 Vgl. http://www.gedankenspinner.de/?p=1091 (zuletzt geprüft am 16.08.2014) 320 Frey, 2010, S. 16. 84 „Sie soll alleine gehen? Das erlaubt ihr? Ihr lasst sie alleine in die Stadt gehen? [...] Nein, das kann nicht angehen! Was seid ihr für Eltern? Ich kann es nicht glauben! Sie ist eure Tochter, euer Kind!“ Alle schauen sich an. Und dann geht der große Bruder mit. Und der Cousin aus Anatolien, der zu Besuch ist. „Allahu Akbar“, sagt der alte türkische Mann erleichtert und schlurft zurück ins Wohnzimmer. „Und vergesst nicht, es ist immer noch Ramadan“, sagt der Cousin. „Wir werden nichts essen und nichts trinken.“321 Annette Kliewer sieht den Text kritisch. Als klischeehaftes Jugendbuch übertrage Frey das Romeo- und Julia-Motiv auf unsere Gesellschaft. Fast identisch sei die Konstellation in Halva, meine Süße (2012) der Autorin Ellen Alpsten. Auch hier steht eine Familie zwischen zwei Welten und eine Liebe muss Grenzen überwinden.322 Diese Grenze, der (Fazit: nicht) zu überwindende Gegensatz, wird in Halva u.a. über die Raumsemantik gestaltet. Halva stammt aus dem Iran. Ihre Eltern fliehen mit ihr als sie acht Jahre alt ist. Der Roman beginnt mit einem Rückblick in das Jahr 2002. Halva, ihr Bruder Mudi und die Mutter Raya besuchen vor ihrem Abschied Halvas Großmutter Mamii. Das „verrückte[.] Land“ wird schon im ersten Satz in ein „drinnen“ und ein „drau- ßen“ geteilt. Drinnen fühle man sich freier als „draußen an der frischen Luft“. „‚Wir führen ein Leben zwischen zwei Welten¡“ schließt sich der zweite Satz der Erzählung an.323 Diese Grenze zwischen den zwei Welten wird durch eine „dunkelrote Schwelle“ markiert. Bei Mamiis Hochzeit hatte man einen „Widder geschächtet“, dessen Blut wohl noch immer den Hauseingang färbt. Das Haus hat Risse, es bröckelt der Putz von den Wänden und „in dem Mosaik des leeren Brunnens [...] fehlten etliche bunte Steine.“ Die Wohnung der Großmutter ist klein, die Wände kahl, es ist kalt und staubig. Ein Fenster hat buntes Glas.324 Lediglich die bunten, übereinanderliegenden Teppiche, auf denen die Familie sitzt, als man über die Flucht nach Deutschland spricht, verleihen dem Raum etwas Gemütlichkeit. Nachdem, für die Familie zum wohl letzten Mal, die „dunkelrot[e] Schwelle“ übertreten wird, empfängt sie „das spärliche Licht des Winternachmittags“. Die Straßen sind menschenleer, die Bäume kahl, die Villen sind verfallen, „hässliche[r] Wildwuchs“ zeigt sich hier und dort: „Eine Schmutzschicht überzog die gesamte Stadt.“325 321 Ebenda, S. 102. 322 Kliewer, 2013, S. 218, vgl. auch Alpsten, 2012, Klappentext. 323 Alpsten, 2012, S. 7. 324 Ebenda, S 7f. 325 Ebenda, S.19 85 Den Kontrast bunt-leicht-schimmernd versus klaustrophobisch unterstützt der Verlag auf gekonnte Weise über eine hochwertige und ungewöhnliche Umschlaggestaltung. Der Buchdeckel der Hardcover-Ausgabe ist mit Goldpapier beklebt und schimmert auf der Vorderseite durch aus dem Schutzumschlag gestanzte Ornamente hindurch. Mit „Zehn Jahre später. . . ebenfalls ein Wintermorgen“ beginnt die eigentliche Geschichte. Kai, den die jetzt 18-jährige Halva in Kürze kennenlernen wird, macht sich in der Dämmerung auf zur Führerscheinprüfung. Vor seinem Elternhaus wartet der Fahrlehrer vor einem „hohen Gittertor“.326 Bei seiner Rückkehr steht das „schmiedeeiserne Tor offen“, statt Wildwuchs rankt der Efeu, und aus dem oberen Stockwerk ist Klaviermusik zu hören. Vaters Porsche ist in einer „klimatisierten Garage“ geparkt und in Kais Zimmer herrscht ein „gemütliche[s] Chaos“, das im Kontrast zu dem „peinlich aufgeräumten Haus“ steht.327 Kai lernt bei seiner Immatrikulation Halvas Bruder Mudi kennen. Mudi erinnert Kai an „Rudyard Kipplings ‚Kim‘“ und „an die Seidenstraße und an Tausendundeine Nacht.“328 Mudi, ein paar Minuten zuvor von Kai vor einer ausländerfeindlichen Hochschulangestellten in Schutz genommen, beschreibt sein Herkunftsland selbst nicht gerade differenziert: Nenn mir ein Problem, irgendeines, wir haben es dort bestimmt! Arbeitslosigkeit, Luftverschmutzung, Krankheiten, Seuchen, Naturkatastrophen, Drogenmissbrauch, Prostitution, eine der höchsten Selbstmordraten der Welt unter Jugendlichen, galoppierende Inflation, und, und, und.329 Das trifft ungefähr Kais Vorstellung vom Iran, dem zu dem „uralte[n] Land“ lediglich „Atombomben, Verbot der Redefreiheit, Folter und abgeschlachtete Demonstranten“ einfallen.330 Es kommt, wie es kommen muss, Kai und Halva werden ein Paar und Mudi versucht nach allen Kräften die Verbindung zu torpedieren. Auch Kais Vater ist dagegen. Selbst Halvas jugendliche Tante Miryam, die kürzlich aus dem Iran gekommen war, und in der die Abiturientin zuerst eine Freundin sieht, versucht zu intervenieren. Miryam war von ihrer Mutter jahrelang eingesperrt worden. Jetzt lebt sie mit der Familie in Augsburg, wo der Zimmerspringbrunnen „in allen Farben des Regenbogens schimmer[t]“.331 326 Ebenda, S. 23 327 Ebenda, S. 26ff. 328 Ebenda, S. 41. 329 Ebenda, S. 43. 330 Ebenda, S. 42. 331 Ebenda, S. 75 86 Bald realisiert Halva, woher der Stimmungsumschwung kommt: Der damalige Fluchthelfer Bjian fordert sein Pfand, nämlich Halva. Fortan scheint es in der Wohnung ewig dunkel, das Treppengeländer weist in den Abgrund, die Möbel sind niedrig und nicht nur im Hausflur ist es kalt.332 Es gibt einen Hasenkäfig für Halva zu reinigen und im Gegensatz zu früher fühlt sich das Mädchen drinnen eingesperrt: Was hatte Mamii damals in Teheran gesagt? Was für ein verrücktes Land, in dem man sich drinnen freier fühlt als draußen! Heute war es genau anders herum. Sie hatte sich den ganzen Morgen in der Wohnung wie gefangen gefühlt. Oder lag das nur daran, dass es dort so beengt war?333 Mindestens so aufdringlich wie die ständigen Sturmhöhe- und Romeo & Julia-Anspielungen sind die sich im Folgenden häufenden Erwähnungen von Irans Gefängnissen und dem Teheraner Winter, der rückblickend „die Stadt und das Leben wie ein Leichentuch zugedeckt“ hatte. In Augsburg bauen glückliche Kinder Schneemänner.334 Auch Kais Elternhaus in Augsburg-Westheim wirkt trotz seiner etwas klinischen Anmutung weitaus einladender. Das Haus liegt leicht erhöht, hat wandhohe Fenster, einen Garten mit Außenküche und unter einer „wei- ße[n] Mütze aus frisch gefallenem Schnee“ hat es sogar Statuen. Einzig die „kahlen, dornigen Rosenbüsche[.]“, fallen im Kontrast zum „sonst sorgsam gepflegten Rase[n]“ auf, was wohl zusammen mit den Raben, die in den hohen Bäumen an der Grenze des Gartens sitzen, darauf hindeutet, dass die grenzüberschreitende Liebesgeschichte nicht gut ausgehen wird:335 Halva entehrt die Familie. Mudi wird wegen der verletzten Familienehre Kai gegenüber gewalttätig und braucht sein Jura-Studium daher gleich gar nicht erst antreten. Den Richter- oder Anwaltsberuf gemäß einer Ausbildung in Deutschland hatte er als erstrebenswerte Alternative zur Rechtsprechung nach der Scharia fest im Karriereplan gehabt. Halva, die beschämt in den Iran geht, hüllt ihren Kopf beim Abgang dramatisch in einen Paschmina-Schal: „In dem dunklen Rahmen des Kopftuchs war ihr Gesicht sehr blass, nur ihre Augen leuchteten heller als je zuvor.“336 332 Ebenda, S. 108. 333 Ebenda, S. 173. 334 Ebenda, S. 175. 335 Ebenda, S. 119. 336 Ebenda, S. 363. Die implizite Botschaft überspitzt formuliert: Wenn es ans ‚Eingemachte‘ geht, zeigt sich schnell das wahre Gesicht der oberflächlich gut integrierten Ausländer (!), und die Töchter werden schnell wieder eingewickelt, ergo weiter unterdrückt. Oder: ‚Wer (einmal) Kopftuch trägt, dem glaubt man nicht, auch wenn er (!) schon die deutsche Sprache spricht.‘ 87 Eine weitere deutsch-orientalische Romeo & Julia-Adaption legt Christine Lehmann mit Die Rose von Arabien (2010) vor. Finja verliebt sich in einen Studenten ihres Vaters, den „Wüstensohn“ Chalil, „märchenhaft schön, so elegant, kultiviert, reich, jedoch offensichtlich aus fernen Landen und fremder Kultur.“337 Auf den Liebesroman wird im Kontext Handlungsraum Orient in Kapitel 5.2.1 noch Bezug genommen. Auch hier versteht es die Autorin über die Raumsemantik – stürmische Wüste vs. Schweizer Berge – einen Ost-West-Spannungsbogen zu spannen. Wie auch bei Ich, die Andere und Halva, meine Süße spalten sich bei Wohin ich gehöre (1999) von Maria Regina Kaiser die Geister. Auch wenn der Artikel Fremdheitserfahrungen in unterhaltenden Kinder- und Jugendbüchern der Gegenwart von Adrienne Hinze nicht meine uneingeschränkte Zustimmung findet, bin ich völlig bei ihr, wenn sie zu dem Urteil kommt, dass Kaiser mit dem Jugendbuch „einen von Belehrungen durchtränkten Roman vor[legt], der im erzählerischen Teil altbekannte Klischees bedient und im (etwa ein Drittel des Romans ausmachenden) didaktischen Teil die Religion des Islam zu erklären sucht.“338 Wobei ich nicht in dieser Form zwischen „didaktisch“ oder „nicht didaktisch“ differenzieren würde. Für das Buch, in dem Kaiser die Geschichte der 17-jährigen und in Deutschland aufgewachsenen Gülten erzählt, hat Kaiser „intensiv unter in Frankfurt lebenden Türken der ersten und zweiten Einwanderer-Generation sowie in der Türkei selbst recherchiert.“339 Gülten verliebt sich im Türkei-Urlaub in ihren strenggläubigen Cousin Mesut. Zurück in Frankfurt, beschäftigt sie sich immer intensiver mit dem Islam und beschließt ein Kopftuch zu tragen. Erst als ihre Freundin Tülay mit einem Mann verheiratet werden soll, den sie überhaupt nicht kennt, gerät Gültens Überzeugung ins Wanken. Ist sie Deutsche oder Türkin? Wohin gehört sie?340 Fundiertes theoretisches Wissen zur Religion möchte ich der Autorin nicht absprechen. Den Leser_innen werden ein umfangreiches Glossar341 und Hinweise zu weiterführender Literatur angeboten. Einen persönlichen 337 Lehmann, 2013, S. 58, 14. 338 Hinze, 2003, S. 80. 339 Kaiser, 2002, S. 2. 340 Ebenda, Klappentext. 341 Die Begriffe sind im Text mit einem Asterisk versehen und im Glossar alphabetisch geordnet. Bedauerlicherweise fehlt die Erläuterung zu Islamisten (vgl. Kaiser, 2002, S. 114): „‚Wissen wir doch alle längst, dass du Muslima bist‘, sagt er. ‚Du und Mesut, ihr seid die Islamisten* in der Familie.‘“ 88 Bezug zum Islam scheint die Autorin nicht zu haben, sie hat offenbar im Rahmen ihrer Recherchen zum ersten Mal eine Moschee besucht.342 Was sie über den Islam weiß, gibt sie über Gespräche Gültens mit deren Großvater, einem Hodscha, an die Leser_innen weiter. Der Rest (der nach Einschätzung Hinzes etwa zwei Drittel des Textes ausmachen muss) überzeugt mich weniger. Zugang zu Gültens Gedankenund Gefühlswelt findet man durch ihre inneren Monologe bzw. durch imaginäre Briefe an und Zwiegespräche mit ihrem in der Türkei lebenden Cousin Mesut. Gülten ist froh, dass sie ein Anavatan (Mutterland) und ein Vaterland hat. Ihre Ana Anne ist in der Türkei aufgewachsen, ihr Vater Klaus ist Deutscher.343 Gülten ist, so überlegt sie sich während ihres Türkei-Urlaubs, stolz darauf, „nicht eine von diesen deutschen Normalurlaubern“ zu sein: „‚Das hier ist mein Land‘ sagt Gülten. ‚Ich gehöre hierhin.‘ In diesem Moment ist es wahr. Es hat nichts mehr mit Mesut zu tun.“344 Ihre Freundin Tülay in Frankfurt beschreibt Gülten Mesut gegenüber als „richtige Türkin“, Erik – für den sie sich im Verlauf der Geschichte mehr und mehr erwärmt – sei „ein richtiger Deutscher.“345 Gülten reflektiert, dass sie „mehr türkisch als deutsch“ sei.346 Wenn sie träume, dann spreche sie Türkisch, in der Schule Deutsch. Ihre gedanklichen und tatsächlichen Briefe an Mesut verfasse sie in türkischer Sprache.347 Der Kontrast zwischen deutscher und türkischer Kultur wird am Essen, am Weihnachtsfest und am häuslichen Herumlaufen in Socken festgemacht. Dem Großvater war im Vorjahr an Heiligabend der Geruch von Schweinebraten zugemutet worden. Gülten fällt es manchmal schwer, „in so einer Familie auch nur einigermaßen islamisch zu leben.“348 Irgendwann beschließt Gülten, von nun an Kopftuch zu tragen. Sie will es „jeden Tag tragen und [sich] kleiden wie ein muslimisches Mädchen.“349 Eines ist ihr allerdings klar: „Es gibt Tage, da muss auch ein islamisches Mädchen tanzen. [...] ‚Ich bin Muslima‘, sagt sie. ‚Aber das eine Mal gehe ich trotzdem in die Disco mit.‘“350 342 Ebenda, S. 222. 343 Ana: Türkisch für Mutter, vgl. auch ebenda, S. 5. 344 Ebenda, S. 7. 345 Ebenda, S. 13. 346 Ebenda, S. 16. 347 Ebenda, S. 63f. 348 Ebenda, S. 65–69. 349 Ebenda, S. 84. 350 Ebenda, S. 114. 89 Die Lektüre des Textes habe ich als sehr ermüdend empfunden. Weitere Figuren bzw. Positionen in der Kopftuchdebatte sind u.a. ein intoleranter Lehrer und die Freundin des Bruders Eser, die ein Satanskreuz trägt. „Warum zu dem Großvater Gültens, der sich als Hodscha selbstverständlich in Religionsfragen auskennt, auch noch eine verständnisvolle Nonne (Eriks Tante) und eine intellektuelle Islamwissenschaftlerin (Freundin von Eriks Vater, vgl. etwa S. 150ff) kommen müssen“ bleibt auch Hinze ein Rätsel. Ihrem Eindruck nach konnte Kaiser von „erwachsenen Leitfiguren offenbar nicht genug bekommen.“351 Identitäts- (und Kopftuch-)Frage klären sich für Gülten beim Rückflug aus dem nächsten Türkeiurlaub nach Frankfurt, in dem Moment, in dem sie sich in Herzensdingen für den Deutschen Erik entscheidet – nachdem Mesut sich als „Charakterschwein“ (O-Ton Eser) entpuppt hat.352 Sie zupft an ihrem Baschörtüsü und dann nimmt sie es behutsam ab, faltet es sorgfältig zusammen und schiebt es in die große weiße Tasche, die demnächst wieder ihre Schultasche sein wird. Auch das ist sie – das Mädchen mit den offenen dunklen Haaren. Es gibt nur diesen einen Gott. Er ist nicht gezeugt und hat nicht gezeugt und Mohammed ist sein Gesandter. Und es ist ihm egal, ob ich mit oder ohne Kopftuch durchs Leben gehe. Sie nimmt ein Stück Halva aus der Tüte und beißt hinein. Schmeckt einfach gut und heimatlich. Es ist ihr Grundzustand, denkt sie. Wo auch immer sie ankommen wird, es wird sich nichts daran ändern. So wie Mesut nach Ulumur gehört und Erik nach Frankfurt am Main, so gehört sie in die Weite des Raums dazwischen.353 Als Rollenmodell für selbstbestimmte junge Frauen erscheint mir die Heldin in ihrer Abhängigkeit von der Stimmungslage ihrer Verehrer zweifelhaft. Der Text wird seit 2013 als Schulausgabe bei Hase und Igel verlegt. Zumindest reduziert man Gültens Interesse am Islam nicht auf das Tragen eines Kopftuchs. Vielmehr stellt Hase und Igel in der Verlagswerbung heraus, dass die Autorin die Geschichte eines jungen Mädchens erzähle, das mit der ersten Liebe die Frage nach der eigenen Identität zwischen zwei Kulturen stelle.354 351 Hinze, 2003, S. 82. 352 Eser hat Gülten vor Mesut gewarnt: „Die türkischen Jungs sind so, das hab ich dir tausendmal gesagt.“ (Kaiser, 2002, S. 194) 353 Ebenda, S. 204f. 354 Hase und Igel Verlag GmbH, Garching, 2014, S. 18. 90 Identität und Ausgrenzung: Selbstrepräsentationen? Maria E. Brunner zufolge distanziert sich die „aktuelle Migrantenliteratur“ von überholten Formen des Authentizitätsdiskurses, vom in der Ausländerdebatte dominierenden Defizitsyndrom und vor allem vom Opferstatus adoleszenter Migrant_innen. Dabei entwerfe sie Modelle einer Revision des vorgefertigten Bildes vom Fremden und liefere Beispiele für die Überwindung des paternalistischen Verstehens ‚fremder‘ Kulturen. Selbstdarstellungen von „Migrantenkindern“ seien Dokumente ihres positiven Selbstverständnisses und ihres Selbstbewusstseins.355 Für Hodaie gibt es einen Zusammenhang zwischen Lebenserfahrung und dem Umgang mit Stereotypen in der Literatur. Bei Texten, die Migration zum Thema haben, zeige sich ein deutlicher Unterschied zwischen dem Zugang von Autor_innen mit Migrationshintergrund und solchen, die Migrant_innen aus europäischer Mehrheitsperspektive sehen.356 Es wäre naheliegend, sich zuerst die Werke migrierter Autor_innen anzusehen bzw. Texte von Autor_innen mit Migrationserfahrung. Augenfällig ist jedoch, dass autochthone Autor_innen den Markt der ‚schul-tauglichen Problemliteratur‘ zu beherrschen scheinen. Eine der wenigen Ausnahmen ist wohl Kemal Kurts Die Sonnentrinker (2002). Der wunderbar poetisch-ironische Text ist seit 2010 bei Schroedel mit den üblichen Materialien erhältlich. Im Vordergrund der Erzählung steht der Generationenkonflikt zwischen Hakan und seinem aus der Türkei stammenden Vater, der nach einem Streit „ausgerechnet am Vorabend des Bayram-Festes am Ende des Fastenmonats Ramadan“ spurlos verschwindet.357 Hakan und seine Freunde, der Somalier Wahib und der Deutsche Daffyd, machen sich auf den Weg durch Berlin, um den Vater zu suchen. Sie träumen davon, ein Jugendcafé zu eröffnen, besuchen (in der Hoffnung, dort den Vater auszumachen) eine Moschee und treffen in einem Café auf geläuterte „Glatzköpfe[.]“.358 Hakan und seine Freunde finden den schwermütigen Vater schlussendlich. Das Wiedersehen fällt in entspannter Atmosphäre aus. Punks hatten sich zuvor mit ihm einen Joint geteilt.359 355 Brunner, 2005, S. 125. 356 Hodaie, 2010, S. 9. 357 Ebenda, Klappentext. 358 Ebenda, S. 147. Das Zusammentreffen der Jungen mit den Jugendlichen, die Vorstrafen wegen ausländerfeindlichen Delikten haben und das Café im Rahmen eines Projektes regelmäßig frequentieren, ist die einzig ‚pädagogisch anmutende‘ Passage in dem Buch (vgl. ebenda, S. 120–130). 359 Vgl. ebenda, S. 148. Ulrich Karger schreibt in seiner Rezension: „Die Suche nach dem Vater erlaubt den Blick durch ein faszinierendes Kaleidoskop unterschiedlicher Lebensweisen in Berlin. Schnell wird klar, dass es den Türken und den Deutschen, den 91 Kurt greift das Thema Anschläge vom 11. September auf, was für die Texte in meiner Stichprobe außergewöhnlich ist.360 Er inszeniert ein intelligentes Gespräch zwischen Hakan und seinen Freunden mit einem Hodscha (Nuri Hoca). Diskutiert werden das Entstehen von Vorurteilen („Der Westen erkennt nur in der Kopftuchfrau die Muslimin. Sobald sie es ablegt, wird sie als solche nicht wahrgenommen. So verfestigen sich Klischees und werden schließlich zu Feindbildern“361), Fundamentalismus, Taliban, und der Rolle der Frau. Dabei stellt Hakan gedanklich die „Lage der Frau in der islamischen Türkei“, die seines Erachtens durchaus zu wünschen übrig lässt, der Situation der Frau in Deutschland im Kontext Beruf, Politik, Technik und Wissenschaft gegenüber. Sein Fazit: „It’s a man’s world.“ Dagegen (oder daneben) gebe es selbst in der ländlichen Türkei „starke Frauen, die souverän über eine Heerschar von Söhnen und den Ehemann herrschen.“362 Der 2002 verstorbene Kemal Kurt äußerte sich in Die Sonnentrinker außerdem zur Zuwanderungsdebatte (einem „Plusgeschäft für die Deutschen“, wie Hakans Bekannte Sibylle immer meint363) und zeichnete ironisch eine mögliche Position im Integrationsdiskurs: Plus für den einen, Minus für den anderen. Über Nacht waren aus erwachsenen Männern unmündige Kinder geworden, die sich nur mit Zeichensprache verständigen konnten. Das schluckt man nicht so einfach, erklärte Niyazi Bey [ein Bekannter von Hakans Vater] wortreich. Das macht Stress. Das macht alt und grau. Und depressiv, ergänzte Hakan in Gedanken. „Man beklagt sich, dass wir uns nicht integrieren lassen. Die jüngeren Generationen kapseln sich stärker ab als die älteren. Das muss doch einen Grund haben.“ Sich integrieren lassen, was für ein verkorkster Ausdruck! Wie sich impfen lassen. Ich gehe mal eben mich integrieren lassen. Komme gleich wieder. Irgendwo in Wolkenkuckucksheim saß der Große Integrator auf einem hohen Moslem und den Christen nicht gibt.“ (Vgl. eine erstmals im Tagesspiegel veröffentlichte Rezension vom 05.01.2003 in Karger, 2013, S. 59f.) 360 Z.B. im Gespräch Hakans mit Nuri Hoca (Kurt, 2013, S. 79) oder als Hinweis auf den vorurteilsbehafteten Umgang mit Fremden der Erfahrungsbericht von Wahib (ebenda, S. 35): „‚Was meinst du, wie oft ich angehalten werde? Gerade nach diesem blöden Ding in New York. Ohne Ausweis werde ich gleich einkassiert.‘“ Vgl. auch Hodaie, 2008, S. 219, die das negative Orientbild der Deutschen und den Umgang migrierter Autor_innen wie Kemal Kurt, Nasrin Siege oder Ghazi Abdel-Qadir mit dem Themenkomplex in ihrer Dissertation Der Orient in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur : Fallstudien aus drei Jahrhunderten analysiert hat. 361 Kurt, 2013 S. 79. 362 Ebenda, S. 80. 363 Ebenda, S. 101. 92 Stuhl. Aber diese Türken mochten einfach nicht kommen und sich von ihm integrieren lassen.364 Außerdem kann Hakan diesen „Stuss“ von „zwischen zwei Stühlen sitzen“ und nicht wissen, wo man hingehöre, nicht mehr hören und ärgert sich über die Konstruktion der Gegenpole Deutsch – Türkisch und die Aufteilung der Menschen („Kanake, wie es auf Hawaiisch heißt? So gesehen sind auch die Deutschen Kanaken. Oder nicht?“) in bzw. nach Nationen.365 Als Reaktion auf diese Mythen sprächen seine türkischen Schulkamerad_innen gerne in „gepflegtem Kanakendeutsch“, das verdeutlichen solle, dass sie keine Deutschen waren und auch keine werden wollten. Auf dem Schulhof ginge es zu, so reflektiert Hakan, „als hätte man die Apartheid zur ersten Bürgerpflicht erklärt.“366 Eigentlich würden die Jugendlichen gerne mehr miteinander zu tun haben, distanzierten sich aber beidseitig bedingt durch Stolz, Vorurteile und erlittene Kränkung(en). Aufschlussreich ist die Analyse der vom Verlag bereitgestellten Materialien.367 Auf ein Kurzportrait des Autors, der, so ist dort zu erfahren, als „[e]in vorherrschendes Thema“ die „Auseinandersetzung mit den Widersprüchen zwischen der türkischen Herkunft und dem Leben in Deutschland“ behandelt hatte (Schroedel zitiert Wikipedia), folgt ein etwas über 3-seitiger Bericht Kurts zu seiner Jugend, entnommen aus einem Briefwechsel mit Ulrich Karger. Kurts Familie war oft zu dessen Großeltern in ein Dorf gefahren, das ausschließlich von Alewiten, „eine[r] Sekte innerhalb des Islams, die aber von den Orthodoxen als häretisch angesehen wird“ bewohnt wurde.368 Es wird nicht zusammenhängend zitiert („[...]“). Es folgt eine etwa 1-seitige Textstelle, die Ausführungen zu Alewiten und Sunniten gewidmet ist. Auf Basis dieser kurzen und nicht in einen Kontext gebrachten Passage sollen die Schüler_innen ein Kurzreferat zu „dem Thema“ verfassen.369 Obwohl im Autorenportrait die Rede davon ist, dass Kurt als freier Autor „Lesereisen in ganz Deutschland und vielen anderen 364 Ebenda, S. 101f. 365 Ebenda, S. 103f. 366 Ebenda, S. 108. 367 Ebenda, S. 160–176. 368 Ebenda, S. 162. 369 Ebenda, S. 164. Lediglich die Begriffe „häretisch“, „Ekstase“ sowie „Repressalien“ werden in der Marginalspalte erläutert und der Ort Konya geographisch verortet. Ich persönlich habe als Schülerin gerne Reizwortgeschichten bearbeitet und kann nicht umhin, mich an der Stelle an die Aufgabenstellung zu erinnern: „Sicherheitsrisiko“ (ebenda, S. 162), „zügellose Orgien“ und „Inzest“ (ebenda, S. 163) hätten sicher auch meine jugendliche Phantasie beflügelt. Die erste bei Schroedel zitierte Passage stammt aus einen Brief an Ulrich Karger vom 1. Februar 2001. Karger, so kann auf Grund von Kurts Briefen angenommen werden, ist ein religiöser Mensch und hatte 93 Ländern“370 gemacht hat, sollen die Schüler_innen diskutieren, welche Vorzüge es haben könnte, als freier Schriftsteller durch Deutschland zu ziehen. Versus z.B. als Ingenieur bei einem Unternehmen zu arbeiten. Spannender wäre doch die Frage, welche Gespräche sich auf Auslandsreisen zu dem o.g. Arbeitsschwerpunkt Kurts ergeben haben könnten. Als Aufgabe zu dem 2seitigen Beitrag Barbara Bils: Türkischer Name verringert Jobchancen in Deutschland sollen die Schüler_innen u.a. im Internet das Gleichbehandlungsgesetz recherchieren und vorab notieren, was mögliche Gründe für ethnische Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt sein könnten.371 Wesentlich spannender wäre doch, Hakans Reflexionen zum Verhältnis ausländischer und deutscher Schüler_innen zu diskutieren? Warum die Diskussion auf die Ebene Arbeitsmarkt lenken und somit einen Rahmen für eine Debatte über einen engen Arbeitsmarkt (Belastungs-Topos) oder den wirtschaftlichen Nutzen von Zugewanderten (Topos vom wirtschaftlichen Nutzen) aktivieren?372 Spekuliert werden darf, ob der Kurzbeitrag zum Thema „Apartheid“ dem Selbstverständnis und der Intention Kurts entsprochen hätte. Abgedruckt ist ein Bild, das 1989 am Strand von Durban aufgenommen wurde. Es zeigt ein Hinweisschild, das die Benutzung des Strandes ausschließlich für MEMBERS OF THE WHITE RACE GROUP erlaubt. Eine der Aufgaben lautet: „Entwirf ein neues Schild, auf dem zur Gleichbehandlung von unterschiedlichen Menschengruppen aufgerufen wird“.373 Die Materialien schließen mit dem Beitrag Depression – eine psychische Krankheit, und die Schüler_innen sind aufgefordert im Internet nach Therapie- Vorschlägen für Hakans Vater (wörtlich: „Möglichkeiten der Behandlung und Heilung“) zu recherchieren. Interessant zu reflektieren ist also, welche Kurt ausdrücklich um ausführlichere Informationen zu den Religionsrichtungen gebeten. Kurt kommt diesem Wunsch am 12. März 2001 mit den zitierten Ausführungen nach. Die überleitenden Sätze zu Kurts eigener religiöser Einstellung („Ich bin nicht religiös“) mit dem Wortlaut „Alewitismus hat also viel zu tun mit dem alttürkischen Schamanismus. Wie Du weißt: [...]“ wurden gestrichen (vgl. Karger, 2013, S. 23). Folgende Passage hätte m.E. bei Schroedel noch mit aufgenommen werden können, um ein differenzierteres Bild zu zeichnen: „In dem Provinzstädtchen Çorlu hängten wir unsere alewitische Herkunft nicht an die große Glocke, aber alle Nachbarn wussten natürlich davon. Später in Istanbul, in dem Elite-Internat mit Kindern aus stark säkularisierten reichen Familien, spielte die Religion absolut keine Rolle, und auch während meines Studiums in Ankara war dies kein Thema. Keiner fragte nach dem Glauben, keiner ging in die Moschee.“ (Ebenda, S. 23f) 370 Kurt, 2013, S. 160. 371 Ebenda, S. 165f. 372 Zu den Begriffen vgl. Wengeler, 2003, S. 203, 316. 373 Vgl. Kurt, 2013, S. 172f. 94 Diskurse oder Positionen vom Verlag (gleich mit-)publiziert werden. Ungeachtet dessen, welche Position(en) ich nun selbst für ‚richtig‘ oder ‚wahr‘ halte, kritisiere ich, dass in der Texte : Medien-Reihe von Schroedel die Autorenwerke nicht ‚für sich‘ sprechen dürfen. Anscheinend konserviert dieses Format jedoch nicht nur überholte Themen, sondern ist für einige Texte die einzige Möglichkeit, überhaupt im Markt zu bestehen.374 Im Kontext „Chancengleichheit“ verlegt Schroedel seit 2006 die autobiographische Erzählung Im Regen stehen (2000) des in den 1970er- Jahren aus Jugoslawien immigrierten Zoran Drvenkar.375 Auch hier evoziert die Aufmachung klar einen anderen Schwerpunkt als die Originalausgabe. Machte der Rowohlt-Verlag 2000 noch auf eine Jugendgeschichte mit erster Liebe neugierig,376 stellt Schroedel den Text, auf dem Cover illustriert durch drei gelangweilt dreinblickende männliche Jugendliche, thematisch „Konflikte mit den Eltern, den Einbruch in einen Supermarkt, erste Erfahrungen mit Mädchen“ – und Jungen wäre zu ergänzen – und den „nicht immer einfachen Weg des Erwachsenwerdens“ in den Vordergrund.377 Der Verlag AT Edition Münster hat Safeta Obhodjas Mert, ein Deutschtürke im Abseits (2012) herausgebracht. Das Büchlein der 1992 aus Bosnien geflohenen Autorin ist so ‚problematisch‘ und pädagogisch, dass es gut ins Programm einschlägiger Verlage passen würde: Mert Seyder will der beste Torschütze bei einem improvisierten Fußballturnier werden. Onkel Riza, „das Oberhaupt der traditionell strukturierten Familie Seyder, versucht Mert eine Verlobung mit einer Cousine aufzudrängen. Der naive und unerfahrene Junge wird zwischen den Fronten hin und her geschubst.“378 Mert ist in die vom Bosnien-Krieg traumatisierte Enisa verliebt und stellt ihr nach. Deren Vater will für jene „das Beste [...], an erster Stelle Integration in diese Gesellschaft.“379 Mert ordnet er dem Milieu 374 Eine Kurzrecherche vermittelte den Eindruck, dass (Stand : Juli 2014) nur noch wenige von Kemal Kurts Werken regulär über den Buchhandel zu beziehen sind. 375 M.E. ist es ein Verbrechen an dem Text, ihn in das Schroedel-Format zu pressen – zumal auch die technische Verarbeitung des Taschenbuchs (das Buch lässt sich nur mit viel Kraft aufklappen) das Lesevergnügen mindert. Den jugendlichen Leser_innen wird per Marginalspalte erklärt, was z.B. „Venen“ und „Arterien“ sind („Blutadern“, vgl. Drvenkar, 2001 S. 171), und was „Onanie“ (ebenda, S. 181) bedeutet, was umgangssprachliche Wendungen für und Details zum Geschlechtsverkehr angeht, vertraut der Verlag offenbar auf Dr. Sommer und die BRAVO. Die Sonnentrinker sind (immerhin) antiquarisch noch als Hörbuch auf Audio-CD erhältlich – eine attraktive Alternative zur Schroedel-Ausgabe. 376 Vgl. Drvenkar, 2001, Cover und Klappentext. 377 Vgl. Drvenkar, 2007, Cover und Klappentext. 378 Obhodjas, 2012, Klappentext. 379 Ebenda, S. 58. 95 der Kleinkriminellen zu („Ghetto“) und grenzt sich als bosnischer Muslim deutlich von den türkischen Muslim_innen ab, die mit ihren „Kopftüchern und langen Mänteln“ doch in ihrem „Mittelalter“ bleiben sollen („Neunzig Prozent türkischer Männer haben einen Gen-Fehler“).380 Gott sei Dank – angesichts dieser schwierigen Lage – ist Merts Mutter Suna eine „engagierte Sozialpädagogin“381 und hat Marina zur Freundin, eine Kroatin und Katholikin. Marina ist eine „hochgeschätzte Integrationsberaterin“, wie Enisas Vater anerkennend einräumt.382 So werden Probleme per Dialog-Sequenzen professionell beleuchtet und Lösungsvorschläge aufgezeigt. Dabei wirken die vorgebrachten Stereotype und Handlungsempfehlungen so öde und überstrapaziert wie die Kommentare zu manchem Fußballspiel. Die Gleichung Fußball = Metapher für interkulturelle Verständigung + anregende Unterhaltung geht nicht immer auf bzw. findet sich in diesem Textbeispiel ein ‚Wiederholungsfehler‘: Die rassistische Kehrseite des Integrationsbegriffes kommt hier ‚glanzvoll‘ zum Scheinen.383 Von Baobab Books wird in Kolibri : Kulturelle Vielfalt in Kinder- und Jugendbüchern die Autobiographie UNERWÜNSCHT : Drei Brüder aus dem Iran erzählen ihre deutsche Geschichte (2012) von Mojtaba, Masoud und Milad Sadinam in den Leseempfehlungen 2014 herausgestellt. Die Brüder wollten – so die Kolibri-Redaktion – „dem Mythos der vorbildlichen Migranten, als die sie zeitweilig gehandelt wurden,“ ihre persönlichen Erfahrungen entgegenstellen.384 „Bewegend wie ein Roman“, so bewirbt der Bloomsbury Verlag das Buch im Innentitel, erzähle UNERWÜNSCHT von 380 Ebenda, S. 59. Diese Abgrenzung passt gut zu den von Thilo Sarrazin proklamierten Einteilungen: „Bei den Kerngruppen der Jugoslawen sieht man dann schon eher ‚türkische‘ Probleme“ (Berberich/Sarrazin, 2009, S. 199). Leicht nachvollziehbar nach dieser Logik, dass ein Kontakt besser vermieden werden soll. 381 Obhodjas, 2012, S. 54. 382 Ebenda, S. 59. 383 Vgl. Böcker, 2011a, S. 353: „Statt über Rassismus wird über ‚Integration‘ geredet und der ‚I.‘-Begriff damit auch funktionalisiert, um die Kritik an post-/kolonialen Verhältnissen zum Schweigen zu bringen.“ Spannender und im Sinne der Arbeit fruchtbarer arbeitet Aygen-Sibel Çelik mit dem Fußball-Thema in Fußball, Gott und echte Freunde (2009), der Geschichte um drei befreundete Jungen (Christoper, David und Kerim), die bei einem Fußballturnier gegeneinander antreten sollen. Auch Hermann Schulz gelingt es in Mandela & Nelson : Das Länderspiel (2010) und dem Folgeband Mandela & Nelson : Das Rückspiel (2013) mit Hilfe der Rahmenhandlung „Fußballturnier“ interkulturelle Fragen auf spannende Art und Weise aufzugreifen. Mit Lutz van Dijks Romeo & Jabulile (2010) erschien eine in Süd-Afrika verortete Liebes- und Mädchenfußballgeschichte. Romeo stammt aus Simbabwe und ist als Flüchtlingsjunge „Zielscheibe für Gewalt und Vorurteile“ (Dijk, 2012, Klappentext). 384 Gadient, 2013, S. 82. 96 der „Suche nach Heimat und Freiheit und dem Wunsch, dazuzugehören“. Julia Friedrichs, wegen deren Veröffentlichung Gestatten: Elite Mojtaba Sadinam als Student der WHU verwiesen wurde, würde das Buch laut Klappentext gerne Thilo Sarrazin auf den Tisch legen.385 Bedauerlich ist, dass in den letzten Kapiteln der Autobiographie der Fokus sehr stark auf Mojtabas Beitrag zu Gestatten: Elite liegt, was einen gewissen Beigeschmack (Schleichwerbung) zurücklässt.386 Für UNERWÜNSCHT spricht im Kontext der interkulturellen Literaturdidaktik, dass es einen ‚unaufgeregten‘ Blick in Geschichte, Kultur und Politik des Iran erlaubt. Davon, dass das Buch aus drei Perspektiven geschrieben wurde, profitiert der Titel erzählerisch nicht, da es wenig an Sichtweisen zu koordinieren gibt. Didaktisch in jedem Fall ergiebig ist der Klappentext, in dem der Verlag das Oasensyndrom durch die Hervorhebung der Unglaublichkeit der Geschichte geradezu nochmal pervertiert: Von Flüchtlingen zu Einser-Studenten, von Asylsuchenden zu Vorzeigemigranten: UNERWÜNSCHT erzählt die unglaubliche Geschichte einer Integration dreier Brüder gegen alle Widerstände – in einem Land, das sie nicht haben wollte.387 Im Fischer Taschenbuch Verlag erschienen ist Güner Yasemin Balcis Arabboy : Eine Jugend in Deutschland oder Das kurze Leben des Rashid A. (2008). „Was Christiane F. in der [sic] 80er Jahren war, ist die Geschichte von Rashid A. heute“ bewirbt der Verlag den Titel. Die Autorin ist in Berlin-Neukölln geboren und aufgewachsen und verarbeitet in dem als Sachbuch (sic!) beworbenen Titel ihre Erlebnisse aus ihrer Zeit als Sozialarbeiterin.388 Im ersten Teil des Buches, der die Geschichte des Kleinkriminellen Rashid bis zu seiner Abschiebung in die Türkei erzählt, wird man tatsächlich an die Faszination erinnert, die man vor Jahren beim Lesen von Wir Kinder vom Bahnhof Zoo verspürt haben mag. Im interkulturellen Kontext ist insbesondere der zweite Teil von Arabboy lesenswert, der Rashids Kulturschock nach der Abschiebung in die Türkei beschreibt. Auch von der Autorin mit türkischen Wurzeln erschienen ist (wieder als Sachbuch deklariert) die Geschichte der heranwachsenden Geschwister Mariam und Fatme ArabQueen oder Der Geschmack der Freiheit (2010). 385 Sadinam, Sadinam und Sadinam, 2012, Klappentext. 386 Gestatten: Elite erschien 2008 bei Hoffmann & Campe und ist seit 2009 bei Heyne als Taschenbuch erhältlich. Nach meinen Recherchen besteht kein direkter Bezug zwischen den beiden Verlagen. 387 Sadinam et al., 2012. 388 http://www.fischerverlage.de/buch/arabboy/9783596182428 (zuletzt geprüft 16.08.2014). Wir Kinder vom Bahnhof Zoo ist ursprünglich als Stern-Buch bei Gruner und Jahr erschienen und derzeit bei Carlsen im Programm. 97 Abbildung 4.7: Melda Akbaş, So wie ich will: Cover der cbt-Ausgabe (2012) Das Buch ist als Gesamtwerk mit 320 Seiten für den Schulgebrauch weniger geeignet, kann aber – passend zu einer Lesebuchidee – auszugsweise in jedem Fall didaktisch genutzt werden.389 „So löblich“ autobiographisch geprägte Texte wie ArabQueen oder auch Melda Akbaş’ So wie ich will : Mein Leben zwischen Moschee und Minirock (2010) seien, die Bücher dieser jungen Türkinnen reihten sich – so fürchtet Annette Kliewer – in der Rezeption ein in eine „traditionelle Sparte der eher trivialen Frauenliteratur, die authentische Berichte von Frauen aufgreift, die als Musliminnen unter den patriarchalischen Regeln ihrer Kultur leiden.“390 Bezeichnenderweise ist So wie ich will aus dem Haus C. Bertelsmann inzwischen sowohl im Jugendbuchverlag cbt (2012, vgl. Abb. 4.7) als auch bei Goldmann (2011) erhältlich. Ein für den Schulkontext sicher attraktives Format liefert Aygen-Sibel Çelik mit Alle gegen Esra (2010), das bei Arena in der Reihe Was hättest 389 So wird z.B. im Kapitel „Das Leben der anderen“ ca. zur Mitte die Erzählperspektive gewechselt und geschickt mit Stereotypen ‚gespielt‘. 390 Kliewer, 2013, S. 219. Problematisch erscheint Kliewer die Rolle dieser Literatur im Rahmen der trivialen Frauenliteratur: „Hier scheinen gerade Frauen, die nicht unbedingt zur feministischen Elite gehören oder die in ihrem Leben nicht alle Möglichkeiten einer gleichberechtigten Gesellschaft ausgeschöpft haben, mit Hingabe Bücher zu lesen, die darstellen, dass es den muslimischen Frauen noch viel schlechter geht und dass der Islam schuld ist an ihrem Schicksal. [...] Diese undifferenzierte Sicht auf das Fremde scheint nun auch in der Jugendliteratur aufzutauchen, gerade legitimiert dadurch, dass hier junge Türkinnen oder Araberinnen authentisch ihr eigenes Schicksal beschreiben.“ (Ebenda) 98 Du getan? zum Thema „Mobbing in der Grundschule“ erschienen ist. Zum Konzept des Büchleins erfährt man im Klappentext: Du allein entscheidest, wie die Geschichte ausgehen soll. . . Esra ist irgendwie komisch. Nichts darf sie, nie ist sie bei Klassenausflügen oder im Schwimmbad dabei. Und wie die sich beim Sport immer anstellt! Für die meisten in der 3b ist es sonnenklar: Esra ist eben aus der Türkei und ihre Eltern sind von vorgestern. Wer will schon mit so einer spielen? Doch dann entdeckt Funda plötzlich Esras wahres Geheimnis und sieht ihre Mitschülerin mit einem Mal in einem ganz anderen Licht. Was soll sie nun tun? – Was hättest du getan?391 Auf den ersten dreißig Seiten wird die Problemlage ausgebreitet. Esra taucht selbst bei sommerlicher Hitze mit langärmliger Kleidung und langen Hosen in der Schule oder zum Sportunterricht auf, was Schüler_innen und Lehrpersonal irritiert. Ihre Schulkameradin Funda, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, sieht sogar, wie die Klassenlehrerin Frau Mertl die Nase rümpft, so als würde Esra unangenehm riechen. Es steht ein Freibad-Besuch an. Frau Mertl ist wütend, weil Esra wieder nicht mitdarf. Funda ist genervt, dass Esra sich „immer so seltsam verhält.“392 „‚Andere Länder, andere Sitten¡“, das hätte Freu Mertl gesagt, berichtet Fundas Mutter ihrer Tochter und ihrem Mann vom Elternabend, bei dem auch das Thema Schwimmbad besprochen worden war. Die Lehrerin sei der felsenfesten Überzeugung, dass Mädchen aus der Türkei unterdrückt würden. Deswegen habe auch Fundas Mutter nichts dazu gesagt, die Lehrerin würde ihre Meinung sicher nicht ändern. Es liege an der „anderen Kultur“ habe Frau Mertl gesagt, „‚Aber hier ist Deutschland und so was geht hier gar nicht¡“393 Am Elternabend entfacht sich eine hitzige Diskussion. Es stimme, habe Frau Mertl eingelenkt, dass Elvin und Funda als Mädchen türkischer Herkunft auch alles mitmachen dürften, aber die Familien Akbaş und Çinar seien eben große Ausnahmen und kämen aus Istanbul. „Sie sehen ja, sie tragen kein Kopftuch und sind sehr westlich geprägt, schon fast wie Deutsche eben.“394 Ihr Fazit zum Thema Schwimmbad: Es ginge nicht, dass wegen fremder Auffassungen die Ordnung der Klasse gestört würde. Esras Eltern waren übrigens eingeladen, aber nicht anwesend. Auch die Kinder sind sich einig: Elvin und Funda seien eben Ausnahmen. „‚Ja, ihr seid anders‘ wiederholt Hanna. ‚Ausnahmen eben.‘“395 Und 391 Çelik, 2010, Klappentext. 392 Ebenda, S. 13. 393 Ebenda, S. 17. 394 Ebenda, S. 19. 395 Ebenda, S. 23. 99 überhaupt müsse man Esras Eltern einsperren und Esra ins Heim stecken, so die Lösungsidee der Kinder. Die Lehrerin bemüht sich um ein Gespräch mit Esras Eltern. Da Esras Mutter nicht gut Deutsch spricht, bittet Frau Mertl Funda, ihr auf Türkisch eine Nachricht zu überbringen. Eine schlanke Frau in Jeansrock und mit hellbraunem Zopf öffnet Funda die Tür. Es ist Frau Dargiç, Esras Mutter. Esra selbst ist in kurzen Hosen und Trägerhemd gekleidet, weswegen Funda ihr „wahres Geheimnis“ entdeckt: Esra hat ein Feuermal. Die jungen Leser_innen sind nun aufgefordert, zu entscheiden, was sie an Fundas Stelle getan hätten: Lies weiter auf Seite 35, wenn du meinst, dass Funda sich in Esras Angelegenheit nicht einmischen sollte. Schließlich muss es für Esra doch peinlich genug sein, dass nun jemand ihr Geheimnis entdeckt hat. Lies weiter auf Seite 55, wenn du denkst, dass es richtig wäre, mit Esra zu reden und ihr Hilfe anzubieten, egal wie sie darauf reagiert.396 Das Buch kann aus mehrfacher Sicht als problematisch gewertet werden: Die Auswahlmöglichkeit zwischen A und B impliziert, dass es ein Richtig und ein Falsch oder sogar eine Musterlösung für ähnliche Situationen geben könnte. Auch wenn es sich im Schulkontext gerade für einen handlungsorientierten Unterricht anbietet, beide Lösungswege zu diskutieren. Den Schwenk von einem offenbar (inter-)kulturellen Problem auf einen körperlichen ‚Makel‘ finde ich in vielerlei Hinsicht unbefriedigend. Was die interkulturelle Perspektive angeht: Was wird suggeriert? Dass Familie Dargiç auch eine der berühmten Ausnahmen ist? Die sich eigentlich auch ‚gut angepasst‘ hat? Dass das Tragen von Kopftuch oder den Körper bedeckender Kleidung tatsächlich nicht ‚normal‘ ist? Ich könnte mir vorstellen – nachdem ich auch andere Werke der Autorin kenne – dass Çelik definitiv für mehr Toleranz auch in Kopftuch-Fragen eintreten will. War das ihre Absicht, dann ist ihr das mit dem vorliegenden Büchlein nicht besonders gut gelungen. 396 Ebenda, S. 33. 100 Anders mit Seidenhaar (2007). Die in diesem und dem Folgeband sichtbar werdenden Bilder der in Deutschland lebenden Türk_innen konfligierten, so hält Gina Weinkauf fest, mit verbreiteten Klischees397 und veranlassten so die Leser_innen, sich damit auseinanderzusetzen.398 In Seidenhaar geht es um einen Konflikt, in den zwei junge Deutsch-Türkinnen geraten. Die Familie der 15-jährigen Sinem hat gerade Besuch von der Cousine Belgin. Sinem lehnt Belgin, die ihren Glauben offen praktiziert und „[s]chwarz verschleiert von oben bis unten“ auftritt, ab und nennt sie insgeheim „[s]chwarze[.] Fatma“.399 Entnervt von dem unerwünschten Besuch entlädt Sinem ihren angestauten Ärger im Gesellschaftslehre-Unterricht. Ausgerechnet das Thema Kopftuch soll aus aktuellem Anlass besprochen werden. Der Hessische Landtag hat ein Kopftuch-Verbot für Lehrerinnen und Beamtinnen im Dienst erlassen. Die Schülerin Canan trägt ein Kopftuch. Sinem kann nicht nachvollziehen, warum sie das macht und zweifelt an, dass sie das aus freien Stücken tut, dass keiner das Mädchen dazu zwingt. Und überhaupt, so greift Sinem, emotional geladen, Canan vor der ganzen Klasse an, wolle sie doch nur Lehrerin werden, um „die Schüler auf eure Seite zu ziehen“.400 Über kursiv gesetzte Introspektiven erfährt man von den Sorgen und Nöten Canans: Nie gehe es um ihren Kopf, ausschließlich um das darum gewickelte Stück Stoff. Warum kann sie keinem klar machen, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes ‚ihren eigenen Kopf‘ hat? Canan kommt im Folgenden nicht mehr zur Schule und auch nicht nach Hause. Sinem macht sich aus schlechtem Gewissen und aus Neugier auf die Suche nach dem Mädchen und lernt im Gespräch mit Musliminnen und der Koranlehrerin Halime die facettenreiche Bedeutung und auch modische Spielarten des Kopftuchs kennen. Sie wagt ein Experiment und erfährt Kopftuch-tragend 397 Pointiert stellt Weinkauf dar, welches Bild nämlich vorherrscht: „Das Leben der türkischen Einwanderer [...] vollzieht sich zwischen Ramadan, Opfer- und Zuckerfest, die Mütter halten sich bescheiden im Hintergrund, sind der deutschen Sprache nicht mächtig und hauptsächlich damit beschäftigt, mit viel Aufwand und Geschick traditionelle Gerichte zuzubereiten, mit denen die Gäste der Familie bewirtet werden, während die Hauptsorge der Töchter darin zu bestehen scheint, auf dem Schulweg heimlich die Rockbünde hochzukrempeln, das Kopftuch in der Schultasche verschwinden zu lassen (oder zumindest vorschriftswidrig um die Schultern zu drapieren) und ansonsten Vätern und Brüdern möglichst aus dem Weg zu gehen.“ (Weinkauf, 2013, S. 43) 398 Weinkauf, 2013, S. 46. 399 Çelik, 2007, S. 5. 400 Ebenda, S. 13 101 selbst Vorurteile und Ausgrenzung. Ihr Fazit: „Die Leute können sich einfach nicht vorstellen, dass Muslime genauso sind wie andere Menschen auch. Mal mehr, mal weniger gläubig, mal gar nicht.“401 Die politische Dimension der Kopftuch-Debatte und anderer migrationspolitischer Fragen wird im Folgeband Seidenweg : Sinems Entscheidung (2012) aufgegriffen. Im Gegensatz zu Gülten in Wohin ich gehöre (1999), die sich nach ihrer Identitätskrise anscheinend (noch) in einer Art geistigem Transitbereich befindet, kommt Sinem zu dem Schluss „Ich bin dort und hier zu Hause.“402 Worum es laut Klappentext geht: Auf der Suche nach einer Zukunft Sinem ist Deutschtürkin, bereitet sich zielstrebig auf das Abi vor, ist das, was als ‚gut integriert‘ bezeichnet wird. Doch sie ist es leid: Immer diese Debatten, über sie und ihresgleichen, manchmal Hetze. Auch ihr neuer Deutschlehrer macht da mit und benotet sie außerdem ungerecht. Noch dazu verändert sich ihr Vater – mutiert er gar zu einem türkischen Klischee- Patriarchen? Auf einmal sind nicht nur ihre Noten, sondern auch ihre Freiheit gefährdet. Sie überlegt, nach der Schule in die Türkei zu gehen, ein Land, das sie kaum kennt. . . 403 Sinem erlebt eine Krise, als ihr Vater, den sie sonst als „cool“ und „eigentlich nicht streng“ wahrnimmt, sie vor ihren Freundinnen und Freunden zusammenstaucht, seit wann sie sich „auf der Straße mit irgendwelchen Typen“ herumtreibe. Sollte er „auf einmal zu einem türkischen Klischeevater mutiert sein?“404 Sinem hasst diese Vorurteile, findet aber selbst keine andere Erklärung für sein Verhalten. Sehr geschickt spielt Çelik auf Betty Mahmoodys Nicht ohne meine Tochter (1988) an. Sinem kennt die Verfilmung des Bestsellers und findet die Geschichte sehr ärgerlich. Kann es trotzdem sein, nagt es in ihr, dass ihr Vater – ähnlich wie Mahmoodys Ehemann Moody im Film – „plötzlich seine Gesinnung änderte und zu einem patriarchalen Tyrannen wurde, ohne Vernunft und ohne Sinn für Fairness und Gleichberechtigung?“405 Çelik geht dramaturgisch also gleich ‚in die Vollen‘ und baut gekonnt Spannung auf. Wie schon in Seidenhaar arbeitet Çelik wieder mit zwei Perspektiven. Diesmal ergänzt die Innensicht des Vaters (eigene Kapitel, personale Erzählsituation, durch Kursivschrift vom Rest des Textes abgehoben) die Ich-Erzählung der jungen Sinem. 401 Ebenda, S. 135f. 402 Çelik, 2012, S. 143. 403 Ebenda, Klappentext. 404 Ebenda, S. 5f. 405 Zum Inhalt und einer möglichen didaktischen Nutzung von Nicht ohne meine Tochter vgl. im Übrigen Rösch 1994 und Rösch, 2000c, S. 233ff. 102 Immer wieder reflektiert Sinem, wie die im Mediendiskurs gestreuten Vorurteile über muslimische Mitbürger_innen auch ihre Wahrnehmung beeinflussen: Man kann sich ja wohl ein wenig anpassen!, schoss es mir durch den Kopf. Es waren nicht meine Worte, sondern Worte, die ich Meli in den Mund legte. Bestimmt dachte sie das und all die anderen Besucher der Bibliothek auch.406 Sinem fühlt sich bei einem Bibliotheksbesuch von zwei lärmenden, türkisch sprechenden Frauen gestört. Sie schämt sich. „Fremdschämen“ ist das Stichwort, das ihr in der Situation in den Kopf schießt. „Wegen solcher Leute“ würde behauptet, „die Türken“ könnten sich nicht integrieren, ärgert sie sich, solcher Leute wegen litten „wir anderen“ unter den Vorurteilen den Deutschen. „‚Und Deutsch lernen, das wäre ja wohl das Mindeste¡“ hört sie „Meli, die anderen Besucher, Politiker, ja, die gesamte deutsche Gesellschaft“ sagen. Und irgendwie denkt sie das auch, auch wenn ihr die Frauen, in Folge auch noch von der Bibliothekarin gedemütigt, irgendwie leid tun.407 Bald hat Sinem selbst unter unverhohlener Diskriminierung zu leiden. Ihr neuer Deutschlehrer Werner Brink äußert sich offen rassistisch: „‚Im Gegensatz zu heute hatten wir es in Deutschland mal fast geschafft, Unterschiede zu eliminieren [...]‘“, würgt er den Schüler Pedro ab, der ein Vorurteile und Rassismus kritisierendes Buch als Klassenlektüre vorschlägt. Sinem ist verunsichert. Eben noch eine Einserschülerin werden ihre Interpretationen jetzt als nicht nachvollziehbar abgestempelt. Erst wird sie vom Lehrer konsequent ignoriert, bald traut sie sich im Unterricht kaum noch etwas zu sagen. Sinem schämt sich für ihre Angst.408 „‚[E]ine Türkin könne keine 12 Punkte bekommen. Das gehe nicht‘“, muss sich Sinems Mutter von Brink anhören. Sicher habe die ehemalige Lehrerin Sinem aus Mitleid o.ä. bevorzugt.409 Sinem ist geschockt von der Erkenntnis, dass sich Äu- ßerungen des öffentlich geführten Integrations-Diskurses wie „‚Türkische Kinder sind dümmer als deutsche‘“ (Headline auf der Titelseite einer Tageszeitung) auch auf sie und ihre Familie beziehen können. Hatte sie sich, ihren Bruder Erdem und ihre Eltern doch „meist als ‚integriert‘“ wahrgenommen.410 406 Çelik, 2012, S. 12f. 407 Ebenda, S. 14. 408 Ebenda, S. 24ff. 409 Ebenda, S. 116. 410 Ebenda, S. 82f. 103 Es ist naheliegend, dass Çelik hier bewusst auf die öffentlichen Diskussionen anspielt, die in Folge der provokanten Äußerungen Thilo Sarrazins im Lettre International (Herbst 2009) und in seinem Buch Deutschland schafft sich ab (2010) geführt wurden. In dem Interview aus 2009 hatte der ehemalige Finanzsenator Berlins, zum damaligen Zeitpunkt noch Mitglied des Vorstands der Deutschen Bank, Zuwanderer nach Abstammung und Bildungserfolgen klassifiziert. Kinder aus Familien vietnamesischer Herkunft hatten dabei überdurchschnittlich gut abgeschnitten („[...] bessere Schulnoten und höhere Abiturientenquoten als die Deutschen“), Kinder aus türkisch-stämmigen Familien unterdurchschnittlich.411 Neben Schulsorgen, Versagensängsten und einem ins Wanken gebrachten Selbstbild quält die junge Frau auch immer noch eine gestörte Beziehung zu ihrem Vater. Stein des Anstoßes für dessen Wutausbruch ist Bela, ein 23-jähriger Junge, der Sinem „ganz schön den Kopf verdreht“ hat.412 Einen festen Freund zu haben wäre schön, überlegt sie, mit ihm könnte sie auch über die Sache mit dem Deutschlehrer sprechen. Bela spielt immer wieder auf den Wutausbruch des Vaters etwa zwei Monate zuvor an: „Ist alles okay, Baby? Hat dein Vater dich etwa geschlagen? Sag’s mir und ich komme Dich befreien!“ Er sagte das alles zwar mit einem Augenzwinkern 411 Berberich/Sarrazin, 2009, S. 199f. Ohne die Reaktionen auf das Interview, in dem Berlin als Ganzes inkl. der Politik und Verwaltung mehr als verunglimpft wurde, noch detailliert präsent oder im Rahmen dieser Arbeit untersucht zu haben, drängt sich mir in der Rückschau die Frage auf, warum die Medien ausgerechnet die diskriminierenden Äußerungen gegenüber türkischen Mitbürger_innen aufgegriffen haben. Sarrazin hat – so mein nicht fundierter i.S.v. beweisbarer Eindruck – den Medien die Gelegenheit gegeben, den Diskurs (frisch) aufzugreifen. Deutschland schafft sich ab hat entsprechend Absatz gefunden und stand ab August 2010 wochenlang auf Platz 1 der Sachbuch/Hardcover-Bestsellerlisten. Die Deutsche Verlags-Anstalt (DVA, Verlagsgruppe Random House) hat nach Recherchen der Linguistikerin Christina Stein allein bis Juni 2011 über 1,1 Mio. Exemplare verkauft. Stein hat untersucht, dass das Thema „Intelligenz/Genetik“ im Zeitraum von 23.08. bis 15.10.2010 häufig in den Medien aufgegriffen wurde (vgl. Stein, 2012, S. 1f, S. 42f, Materialverzeichnis 151ff): Von den 448 untersuchten Dokumenten im Textkorpus wird in 37 Dokumenten das Thema „Intelligenz, Genetik“ behandelt (entspricht 8,26%), davon sechsmal als Hauptthema. Die am häufigsten besprochenen Themen: „Integration“ (31,03%), „Empörung über Sarrazin“ (15,85%), „Verhalten der Politiker“ (13,62%), „Migranten / Muslime“ (13,17%), „Bundesbank“ (11,83%), „Auseinandersetzung mit Thesen / Buchbeurteilung“ (9,82%). Nach „Intelligenz, Genetik“ folgen (die Liste ist nicht vollständig) in etwa gleichverteilt „Gesellschaftliche Auswirkungen“ (21 mal als Hauptthema), „Parteiausschluss SPD“ und „Islam“. 412 Çelik, 2012 S. 18. 104 in der Stimme, aber auch wenn ich es nicht wahrhaben wollte, versetzte es mir einen Stich ins Herz.413 Sinem stört, dass sich Bela in ihren Telefonaten immer wieder in die Richtung äußert, aber sie weiß ja selbst nicht so recht, was sie von ihrem Vater denken soll. Der junge Mann lässt nicht locker, und so verabreden sich die beiden: Sinem wird von Bela in ein heruntergekommenes Lokal ausgeführt. In dem Umfeld ist der junge Mann wie ausgewechselt. Sinem will nur weg und schiebt ihren Vater vor, um der Situation zu entfliehen.414 Damit pflegt sie selbst – in dem Moment für sie bequem – das Stereotyp eines die (sexuelle) Freiheit von Frauen unterdrückenden muslimischen Patriarchen. Abbildung 4.8: Aygen-Sibel Çelik, Seidenweg (2012) Zurück zu Hause setzt sie sich mit einem Sandwich vor den Fernseher. Es läuft eine Talkshow. Es geht laut Teletext „[w]ieder einmal“ um Muslime und an dem Tag speziell um die Frage, ob der Islam „unsere christlich-jüdisch-abendländische Kultur“ bedroht. Sinem fühlt sich bei solchen Talkshows immer so, als redeten Leute in ihrer Abwesenheit über sie, als müsse sie ohnmächtig über sich ergehen lassen, dass sie verleumdet würde, ohne dass sie etwas dazu sagen kann. „‚Lass mich raten, es geht um Muslime, Integration, Ehrenmorde oder Ausländerkriminalität, habe ich recht oder habe ich recht¿“, kommentiert ihr Vater, der dazu kommt und sie liebevoll begrüßt.415 413 Ebenda, S. 41. 414 Ebenda, S. 52. 415 Ebenda, S. 53f. 105 Çelik greift den Integrations-Diskurs praktisch doppelt auf, einmal durch das Buch an sich und einmal durch die Gegenüberstellung der im Text exemplarisch dargestellten grundsätzlichen Positionen. Zur Beantwortung der Talkshow-Einstiegsfrage, wie „groß [..] die Gefahr [sei], dass in zwanzig, dreißig oder vielleicht fünfzig Jahren die meisten Frauen in Deutschland mit Kopftuch“ herumliefen und sich ein Straßenbild zeige „wie in Ostanatolien oder gar im Iran“,416 fordert die Moderatorin einen bekannten Islamkritiker auf. Einen Sprecher des Islamverbandes ignoriert die Moderatorin offensichtlich bewusst. Es ginge, so der Kolumnist und Islamkritiker, weniger um das Straßenbild als mehr um „die Gesinnung im Islam.“ Er fürchte, dass ein „rückwärtsgerichtetes, frauenverachtendes und undemokratisches Gedankengut“ überhand nehmen könne. Die Begriffe „Islam“, „Muslime“, „Anschläge“ und „Al Kaida“ werden von der Moderatorin fast in einem Atemzug genannt. Dass es auch integrierte Muslime gebe, relativiert der ebenso eingeladene CSU-Politiker, der „westliche Einfluss erreich[e] ja schon einige.“417 Sinem kennt die üblichen Argumentationsmuster, sie versteht nicht, warum sich ihr Vater ausgerechnet am „westliche[n] Einfluss“ so besonders stört. Damit würde indirekt gesagt, dass alles Positive nur „von ihnen“ ausgehe, erklärt ihr der Vater, dass also nichts Gutes von „uns“ kommen kann. Das stecke dahinter. Sinem realisiert, dass auch sie, der westlichen Normalisierungsmacht entsprechend, ‚westlich‘ und ‚modern‘ immer gleich gesetzt hat. Der Vater illustriert diese ‚Logik‘ an zwei Geschichten. Zurück zu Sinems persönlicher Krise: Sinem wünscht sich für ihr Leben (eine andere) Normalität, eine Selbstverständlichkeit, dass ihr Hiersein nicht nimmer in Frage gestellt würde. Immer wird sie das gleiche gefragt, woher sie so gut Deutsch könne, warum sie kein Kopftuch trage, woher sie komme etc.418 Man ging wohl davon aus, dass wir herumliefen und dabei immer gebetsmühlenartig dachten: „Ich habe einen Migrationshintergrund, ich habe einen Migrationshintergrund. . . “ So, wie wenn man einkaufen geht und sich immer wieder die Einkaufsliste aufsagt, um sie ja nicht zu vergessen.419 Eine interessante Option offenbart sich der jungen Frau, als sie eines Tages die Koran-Kurs-Lehrerin Halime, die man schon aus Seidenhaar kennt, wieder trifft. Halime hat gerade ihr Wirtschaftsstudium abgeschlossen und 416 Ebenda, S. 55. 417 Ebenda, S. 56f. 418 Ebenda, S. 61f. 419 Ebenda, S. 62. 106 will nun in die Türkei. Viele junge Türk_innen verließen heute Deutschland, weil sich ihnen in der Türkei bessere Perspektiven eröffneten. Viele junge Türk_innen würden resignieren, weil sie sich hier einfach nicht akzeptiert fühlten. Selim ist mit ihrer Frustration also nicht alleine.420 Die anschließenden Zwiegespräche zwischen Selim und Halime wirken leider sehr konstruiert und pädagogisch und es fehlt auch nicht an einer Lektion Landeskunde.421 Selim kommt zu dem Schluss, dass auch sie Deutschland verlassen muss und dass auch sie in der Türkei später bessere Chancen auf einen Arbeitsplatz hat. Sie fühlt sich regelrecht „hinausgeekelt, weggemobbt.“422 Durch ein Referat über die Seidenstraße und die Herkunft ihrer Familie beschäftigt sie sich intensiver mit ihren Wurzeln und ihrer Identität. In ihrem Vortrag, der ihr auch Gelegenheit gibt, vor einer größeren Gruppe von Lehrer_innen ihr Können unter Beweis zu stellen und sich so zu rehabilitieren, stellt sie ihre Hybridität dar, dass es die Vielfalt der Sprache, der Kultur, der Ideen und der Begegnungen sei, die sie zu der Person gemacht haben, die sie ist. Sie plädiert für gegenseitige Akzeptanz und die Überwindung von Vorurteilen. Man müsse zulassen, „dass sich die Wege kreuzen, und dass man ab und zu ein Stück gemeinsam geht.“423 Sinems Eltern erlauben ihr, für einige Wochen in die Türkei zu fahren. Dort genießt sie es, sich nicht ständig rechtfertigen zu müssen, auch wenn sie dort auch immer wieder als Fremde wahrgenommen wird. Sie stellt fest: „Das Hinterfragtwerden, das kam immer von außen“. Sinem weiß, sie ist hier wie dort zu Hause. Und von Leuten wie Brink, so ihr Fazit, lässt sie sich ihr deutsches Zuhause nicht nehmen.424 Was nun den Vater angeht, erhellt sich über seine Introspektiven sukzessive, warum er angesichts Sinems Verehrer Bela so allergisch reagiert hat. Er kennt Bela und weiß, dass der Junge ein Drogendealer ist. Der Vater Alââdin selbst ist Einwanderer in der zweiten Generation und fühlt sich geduldet, nicht aber toleriert, ein Wort, das er mangels einer treffenden Übersetzung ins Türkische mit hoşgörü (wohlgesehen) umschreiben müsste: Als er selbst Anfang der 1970er-Jahre die Berufsoberschule besuchen möchte, wird ihm abgeraten, viele Lehrer_innen konnten sich (auch) damals offenbar keine türkischen Kinder auf dem höheren Bildungsweg vorstellen. „Es hat ihn viele Jahre Frust, Traurigkeit und Ohnmacht, viele 420 Ebenda, S. 87ff. 421 Ebenda, S. 97ff. 422 Ebenda, S. 103. 423 Ebenda, S. 127f. 424 Ebenda, S. 141. 107 Jahre Erfahrung gekostet“425 um das zu begreifen. Sein eigener Vater hatte aus wirtschaftlichen Gründen in der Türkei ein Jura-Studium abgebrochen, um nach Deutschland zu gehen. Tief getroffen und verletzt von der Ablehnung, die er dort erfuhr, hatte jener beschlossen, sich der deutschen Sprache zu verweigern. Alââdin, der seinen Weg gemacht hat, ist erschüttert, dass seine Tochter in ihm den türkischen Klischee-Vater erkannt hat: Diese verdammten Vorurteile! Sie sind so hartnäckig und verbreitet wie die Pest. Sie haben sich in die Synapsen der Gehirne fest verankert und reproduzieren sich unaufhörlich. Eine Seuche macht nicht halt vor irgendeiner Nationalität, einer Ethnie oder Religion. [...] Es werden eben nicht Äpfel mit Äpfeln und Birnen mit Birnen verglichen. Ein sich sorgender Vater, der zufällig Moslem und Türke ist, wird nicht genauso beurteilt, wie ein Vater, der Protestant und Deutscher ist. Wenn sie wüsste, warum er so reagiert hatte. Aber wozu etwas hinterfragen, wenn man es doch so einfach haben kann mit vorgefertigten Antworten, die man nur zu übernehmen braucht? 426 Alââdin schlägt Bela übrigens noch höchstpersönlich in die Flucht. Wie? „‚Ach‘, lachte [Sinems] Vater und zwinkerte [ihr] zu. ‚Ich habe gesagt, was türkische Klischee-Väter in so einer Situation eben sagen.‘“427 4.2 Interkulturelles als Teil der Normalität Mittlerweile scheint sich wie oben schon erwähnt auf dem Kinder- und Jugendliteratur-Markt „eine gewisse Problembuch-Müdigkeit“ eingestellt zu haben. Vielfach würden die einstigen Problembuchthemen wie Vorurteilskritik nun in unterhaltsamer Form angeboten: Beispielsweise in Gestalt komischer Familienerzählungen und Kinderbanden- und Detektivgeschichten. Vorbilder für die neue Selbstverständlichkeit im Umgang mit Phänomenen kultureller Vielfalt fänden sich im Unterhaltungsangebot des Fernsehens. Dort sei der Themenhorizont mittlerweile fest etabliert, besonders in den Formaten Serienkrimi, Comedy oder Soap, konstatiert Gina Weinkauf.428 Aufwändiger als die Recherche nach Texten, die (inter-)kulturelle Probleme schon per Buchdeckel ankündigen, gestaltet sich die Suche nach Büchern, die interkulturelle Thematiken behandeln, ohne dass das auf den 425 Ebenda, S. 48. 426 Ebenda, S. 111f. 427 Ebenda, S. 134. 428 Weinkauf, 2013, S. 47. 108 ersten Blick offensichtlich ist. Die Suche lohnt sich: Meiner Untersuchung nach zeichnen diese Werke tendenziell ein differenzierteres Bild als die meisten der Titel, die wie oben unter ‚(inter-)kulturelles als vordergründiges Thema‘ einzuordnen wären. Im Folgenden wird ein Ausschnitt aus meinem Fundus vorgestellt. 4.2.1 Die Bikulturelle Familie Zeitenwende: Die Patchwork-Familie Schneider-Öztürk Jedes achte Kind, das 2012 in Deutschland geboren wurde, entstammt einer „binationalen Verbindung mit einem deutschen Elternteil.“429 Eine der bekanntesten bikulturellen Familien in Deutschland ist sicher die Patchwork- Familie Schneider-Öztürk aus der Fernsehserie Türkisch für Anfänger, die als ARD-Produktion 2006 erstmals ausgestrahlt wurde. 2007 erschien bei Carlsen basierend auf den Drehbüchern von Bora Dagtekin das von Claudia Kühn umgesetzte Buch zur Serie Türkisch für Anfänger : Meine verrückte Familie mit Filmbildern und „Survival-Tipps“.430 Auch von Kühn im gleichen Verlag erschienen sind die Folgebände Verwirrung hoch sechs (2007), Durchdrehen garantiert (2008), Der ganz normale Wahnsinn (2008) und Chaos total (2009). Alle Bände sind inzwischen vergriffen und werden antiquarisch teils zu Liebhaber-Preisen gehandelt. Die DVDs können (Stand: August 2014) regulär über den Handel bezogen werden. Agata Joanna Lagiewka bespricht die Fernsehserie als Spiegel einer multikulturellen Gesellschaft: Die Familienkonstellation bediene sämtliche Vorstellungen von typisch deutsch und typisch türkisch. Hinter den Figuren, so Lagiewka, verbergen sich – und das zeichnet den Stoff für mich persönlich aus – individuelle Charaktere, die mit der Zeit langsam hinter ihre Masken blicken ließen und sich gegenseitig mit Rat und Tat bei Problemen zur Seite stünden.431 Im ersten Band von Türkisch für Anfänger wird als ein Konfliktpunkt im Zusammenwachsen der beiden Familien der Ramadan („Ramadan? Was zur Hölle war das schon wieder?“432) thematisiert. Yagmur ist eins der beiden Kinder, die der türkische Kommissar Metin mit in die Familie gebracht hat. Das Mädchen erklärt der neuen Lebensgefährtin ihres Vaters, Doris, 429 Vgl. http://www.verband-binationaler.de/index.php?id=30 (zuletzt geprüft am 16.08.2014) 430 Auszug aus „Lenas Türkisch-für-Anfänger-Survival-Tipps“ Klarstellen und durchhalten: Weckt mich, – Yaşım dolduğunda – wenn ich volljährig bin! – beni uyandırın! (Kühn, 2007 – vergriffen : DVD zur Serie lieferbar, S. 184) 431 Lagiewka, 2013, S. 197. 432 Kühn, 2007 – vergriffen : DVD zur Serie lieferbar, S. 94. 109 dass Ramadan die muslimische Fastenzeit sei. „Schon wieder eine neue Kopftuchregel“ schießt es Lena, der 16-jährigen Tochter von Doris, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, durch den Kopf.433 Yagmurs Vater Metin nimmt es mit den Fastenregeln nicht so genau: Er machte ja extra für seine Tochter auf Türke und ramadante sich einen ab. Dabei glaubte er nicht an Allah. Total opportunistisch. Ich verstand das Prinzip ihrer Religion einfach nicht. Was hatte Allah davon, dass die erst essen durften, wenn die Sonne untergegangen war? Schlief er dann und kriegte es nicht mit? Als ich das Yagmur fragte, fühlte sie sich mal wieder sofort angegriffen. „Was hat Gott davon, wenn ihr euch zu Weihnachten mit Geschenken überschüttet?“434 Hier wird weder harmonisiert noch von oben herab belehrt noch das Exotische der (jeweils) fremden Kultur herausgestellt. Es stünden, so analysiert Lagiewka, vielmehr Klischees „[a]ls zentrales Element des Handlungsgeschehens [...] im Mittelpunkt“, die „[e]inerseits helfen die Geschichte voranzutreiben, andererseits [...] auf humorvolle, ironische Weise und bewusst ohne melodramatische Elemente eine Projektionsfläche von Vorannahmen auf Seiten des Publikums“ böten, die aber korrigiert werden könnten.435 Nach Lagiewka können Integrationsprozesse im besten Falle gefördert werden, wenn ein heterogenes Bild gezeichnet würde. Im Gegensatz dazu könne es zu „desintegrativen Einstellungen“ kommen, wenn Minderheiten allzu negativ dargestellt würden. Im Sinne dieses Diskurses scheine Türkisch für Anfänger (sie bezieht sich wieder auf die Serie) Pionierarbeit geleistet zu haben.436 Muttersprache: Wortsalat und weltbeste Freunde Gina Weinkauf beobachtet, dass das Thema Migration mittlerweile als Hintergrund der erzählten Welt fast überall präsent ist. Und in aller Regel bliebe es auch eher im Hintergrund. Konflikte, die sich aus der kulturellen Diversität ergeben können, oder die kulturalisierend ausagiert werden, würden in den aktuellen realistischen Erzählungen allenfalls am Rande thematisiert.437 Der Mutter von Fritz aus Ute Wegmanns Die besten Freunde der Welt (2012) fehlen manchmal die Wörter (nicht die Worte): „Sie lebt nicht so 433 Ebenda. 434 Ebenda, S. 123. 435 Lagiewka, 2013, S. 197. 436 Ebenda, S. 198. 437 Weinkauf, 2013, S. 47. 110 lange in Deutschland wie die Mütter meiner Freunde. Die sind alle schon immer hier“. Seine „Mum“ kommt aus England. Bis sie ihren jetzigen Mann kennengelernt hat, hat sie also „nur Englisch gesprochen, Englisch gehört, Englisch gelesen, Englisch gegessen, Englisch geträumt . . . “438 Fritz scheint recht entspannt, was Verstehen und Nichtverstehen angeht. Dem türkischen Gemüsehändler ruft er auf dem Weg zur Schule den One-Apple-a-Day- Spruch zu, Herr Özgul antwortet in seiner Muttersprache („Çok buluş!“): „Keine Ahnung, was das bedeutet. Ich verstehe kein Türkisch, und er versteht kein Englisch. Wir lachen uns an. Ich winke ihm und gehe zur Schule. So ist das jeden Tag.“439 Mum will mit Fritz ständig Englisch sprechen, das sei auch seine Muttersprache. Fritz nervt das manchmal und er antwortet meist auf Deutsch. Wenn der Mutter ab und an ein deutsches Wort fehlt, dann sagt sie einfach das englische. Der Papa von Fritz nennt das „Wortsalat“.440 Dass das mit den Wörtern und Namen „eine komplizierte Sache“ ist und manche Wörter zwei Bedeutungen haben, realisiert Fritz im Gespräch über Fußball mit seinem besten Freund Ben. Die Löwen aus München und „DER Kahn“ können, so stellen die Jungs fest, je nach Vorwissen auch verschiedene Dinge bezeichnen oder bedeuten.441 Ben kann noch kein Englisch, ihn verwirrt es, dass die Mutter von Fritz ihren Sohn immer mit „Sonne“ („Son“) anspricht.442 Überhaupt ist Ben ständig verunsichert, da er den Humor von Fritz’ Mutter nicht versteht, was aber wohl eher an der sehr strengen und behüteten Erziehung durch seine eigenen Eltern liegt – den lockeren Umgang im Elternhaus seines Freundes kennt er nicht von sich zu Hause. Mum scheut sich z.B. nicht, die Kinder als „[k]leine Klugscheißer“ zu bezeichnen, wenn Fritz ihre Grammatik korrigiert.443 Welche Rolle Herkunft und Erziehung spielen können, reflektiert Fritz, als seine Schulklasse (altersmäßig irgendwo im Zahnwechsel444), für ihren Mitschüler Hilmar Gedichte schreiben soll. Hilmar musste zur Beerdigung seiner Großmutter nach Izmir reisen. Maria trägt ihr Werk vor: 438 Wegmann/Wilharm Ill., 2012, S. 10f. 439 Ebenda, S. 13. 440 Ebenda, S. 20. 441 Ebenda, S. 30. Hier wird im Übrigen mit intertextuellen Bezügen gearbeitet. Wegmann spielt mit den an der Stelle auch zitierten „Teekesselchen“ auf Andreas Steinhöfels Rico, Oscar und die Tieferschatten (2008) an. Unter ihr Dankeswort (S. 207) platziert Wegmann unter dem Motto „Für alle, die wissen wollen, was Ben und Fritz wissen“ weitere Querverweise in die KJL bzw. Filmgeschichte. 442 Wegmann/Wilharm Ill., 2012, S. 69. 443 Ebenda, S. 76. 444 Vgl. ebenda, S. 127. 111 „Hilmars Oma im Himmel reitet auf einem rosa Schimmel. Dort oben, wo sie jetzt wohnt, wird sie für alles belohnt.“ Ein Schimmel im Himmel, wo die Oma wohnt, so ein Gedicht kann nur Maria schreiben, weil sie katholisch ist und an ein Paradies über den Wolken glaubt.445 Mum hat so ihre eigenen Probleme in der interkulturellen Kommunikation, scheint sich aber ganz gut integriert zu haben: Das „Porca miseria“ des hervorragenden Fußballtrainers Giovanni (der aussieht „wie ein Gangsterboss aus einem Krimi“) übersetzt sie für sich wohlwollend mit „Macht weiter so!“. Als Fritz ihr die Bedeutung erklärt, pikiert sie sich, ob „dieser Italiener keine richtigen deutschen Wörter“ sagen könne.446 Vaterland: Schweigsamkeit und Fehler im Universum Auch die Geschwister Matti und Sami in Salah Naouras Roman Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums (2011) sind Kinder aus einer bikulturellen Verbindung. Matti, aus dessen Perspektive erzählt wird, wie die Familie ohne Auto und Arbeit in Finnland gestrandet ist, und sein Bruder Sami haben Strategien entwickelt, mit ihrem (tendenziell) eher schweigsamen finnischen Vater Sulo zu kommunizieren. Sie stellen sich einfach vor, was er denkt. Ab und an sagt er dann doch was, zum Beispiel, dass in Deutschland alles komisch sei und die Deutschen die Finnen nicht verstehen würden: Früher habe ich ihn oft gefragt, warum er Mama überhaupt geheiratet hat, obwohl sie ihn als Deutsche nicht versteht. Aber natürlich hat er nichts geantwortet – schließlich ist er Finne.447 Ansonsten achten die Kinder darauf, keine Ja- und Nein-Fragen zu stellen, da das Gespräch mit dem Vater sonst immer schnell zu Ende ist.448 Mattis bester Freund Turo ist auch Halbfinne und kann sogar Finnisch, weil seine Mutter mit ihm und seinem großen Bruder nur Finnisch und kein Wort Deutsch spricht. Stellt sich also für die Leser_innen die Frage, ob nur finnische Männer nicht sprechen oder die Wortkargheit doch eher in der Persönlichkeit des Vaters begründet liegt. 445 Ebenda, S. 84. 446 Ebenda, S. 115f. 447 Naoura, 2011, S. 13. 448 Ebenda, S. 18. 112 Das Leitmotiv des Kinderromans, das Salah Naoura am Begriff des Universums spiegelt, ist die Perspektivgebundenheit in der Wahrnehmung der Welt im Allgemeinen und der Beurteilung kleinerer oder größerer Katastrophen im Besonderen. Ob er glaube, dass man einen Fehler im Universum fast immer korrigieren könne, fragt Matti seinen Onkel Kurt. Der Taxifahrer versucht dem Jungen nahezubringen, dass man durchaus unterschiedlicher Meinung sein kann, woran man einen Fehler im Universum erkennen könne: „‚Einer findet es vielleicht wichtig, auf den Mond zu fliegen, und ein anderer findet es wichtiger, seine Katze zu füttern.‘“ Und wenn es nach dem Religionslehrer ginge, mache Gott ohnehin keine Fehler. Matti überzeugt das noch nicht so ganz.449 Dass Sulo seinem Bruder Jussi imponieren wollte und die Familie angeschwindelt hat, er hätte einen Job in der Schweiz angeboten bekommen, hält Matti für einen Riesenfehler, der sein Universum durcheinanderwirbelt. Schließlich hat er vor den Klassenkameraden schon mit dem Umzug geprahlt. Dass „Samis Universum“ anscheinend ein anderes ist, als seines, realisiert Matti, als sein Bruder es gar nicht schlimm findet, in Deutschland zu bleiben.450 Matti überlegt angestrengt, wie man so einen Fehler (den verpatzten Umzug) korrigieren könnte, und konstruiert schließlich die Geschichte eines Hauses im finnischen Saimaa-Seengebiet, das die Eltern angeblich gewonnen haben. Die Eltern lösen kurzerhand ihre Wohnung auf, und Sulo zerlegt das Mobiliar zu Kleinholz („wahrscheinlich gab ihm die Arbeit mit der Axt irgendwie das Gefühl, ein richtiger finnischer jätkä zu sein“451). Was der Junge eigentlich organisiert hat, ist ein zeitlich begrenzter Hausmeister- Job für seinen Vater. Der weist vor Ort angekommen den Hinweis seines Sohnes, es müsste dringend einmal Rasen gemäht werden, mit „‚Wir sind hier nicht in Deutschland. In Finnland darf das Gras wachsen, wie es will‘“ zurück.452 Natürlich fliegt der Schwindel irgendwann auf, aber die Familie kann in Finnland bleiben. Sami (in dessen Universum die Freunde in Deutschland eine große Rolle gespielt haben) findet schnell Anschluss und Mattis Mutter beginnt gleich finnisch zu lernen, obwohl, so schreibt Matti an seinen Freund, die meisten Wörter (wie z.B. auringonpolttama) „für ihr Hirn zu lang“ seien.453 449 Ebenda, S. 43. 450 Ebenda, S. 76. 451 Ebenda, S. 109. 452 Ebenda, S. 118f. 453 Ebenda, S. 141. 113 Märchenberichtigungen: Das indische Adoptivkind Dilip In welch unterschiedlichen Universen Rezipienten unterwegs sein können, daran wird man mit der FAZ-Rezension zu Naouras nächsten Buch Dilip und der Urknall und was danach bei uns geschah (2012) erinnert: „Auch Papa macht Gedöns : Ein Vater, der seinen Sohn und seinen Adoptivsohn unter Leistungsdruck setzt und schließlich selbst scheitert: Salah Naouras Kinderbuch ‚Dilip und der Urknall‘ wirkt wie zur Gitarre gesungen“ betitelt Fridtjof Küchemann seine Besprechung.454 Die FAZ findet das berufliche Scheitern des Bankers nicht gut bearbeitet – in seiner interkulturellen Lesart ist das Buch ein Juwel: Antons Eltern wollen ein Kind adoptieren. Wenn es nach dem Vater geht, am besten einen Jungen im Alter seines Sohnes, damit der mit Anton Fußball spielen kann. Leopold ist ein leistungsorientierter Banker, der – im Gegensatz zu seinem in den Tag hineinlebenden Vater Gert – großen Wert auf finanzielle Sicherheit und Status(symbole) legt. Seine Leidenschaften sind Fußball und sein neuer Mercedes, den er sich in Aussicht auf eine noch besser bezahlte Anstellung nebst Einfamilienhaus leistet. Anton spielt eigentlich gar nicht gerne Fußball, er spricht lieber „Märchenberichtigungen“ auf Kassette. Die Mutter Hanna, Apothekerin und seit Antons Geburt als Hausfrau unterfordert und gelangweilt, besteht auf einem Mädchen. Im Kinderheim angekommen erwärmt Hanna sich jedoch spontan für einen Jungen „mit einem leeren Glas in der Hand. Er war barfuß, hatte große, dunkle Augen, braune Haut und pechschwarzes Haar.“ Anton weiß sofort: Der „dunkelhäutige Junge mit dem leeren Glas in der Hand würde [s]ein Bruder werden,“ das spürt er ganz deutlich. Schließlich guckte seine Mutter so „total verliebt“. Dass Dilips verstorbene Mutter aus Kalkutta kam, erfährt man ganz nebenbei. Für Anton ist der Deal klar, als er mitbekommt, dass Dilip wie er neun Jahre alt ist. Der Vater fragt zögerlich, ob man denn nicht lieber einen deutschen Jungen adoptieren wolle, wird aber von seiner Frau in die Schranken gewiesen: „Den oder keinen!“ Das muss bzw. darf Dilip selbst entscheiden. Der schaut sich die Familie an und lächelt,455 was als Zustimmung zu interpretieren ist. Dilip spricht nämlich erst einmal nicht. So hilft er auch der Mutter nicht aus ihrer Verlegenheit, als ihr der Name des indischen Elefantengottes nicht mehr einfällt. Die Mutter hat sich zwar auf Dilips Ankunft vorbereitet und sich das Buch Indien auf einen Blick in der Stadtbücherei ausgeliehen, sie kann sich aber beim Anblick von Dilips Ganesha-Poster nicht 454 Küchemann, zuletzt geprüft am 16.08.2014. 455 Naoura, 2012, S. 7–15. 114 mehr an den Namen der Gottheit erinnern. Dieses Nicht-Wissen, Nicht- Alles-Erklären-Können der Adoptivmutter steht in auffälligem Kontrast zu den vermeintlich allwissenden Autoritätspersonen, die den Kinderbuch- Held_innen sonst oftmals zur Seite gestellt werden, und die die Welt von Armut bis Zwangsheirat zweifelsfrei erklären (können wollen).456 Auffällig vor der Schablone des Mainstream ist auch die differenzierte Darstellung von Dilip als Person und seinem Lächeln, mit dem er auf die Elefantengott- Frage antwortet: Mein neuer Bruder antwortete mit dem erstaunlichsten Lächeln, das ich je gesehen habe. In Paris gibt es ja dieses berühmte, teure Bild von einer Frau, die Mona Lisa heißt, und angeblich ist ihr Lächeln das rätselhafteste der Welt. Weil man nicht weiß, was es bedeutet. Aber das ist überhaupt nichts gegen Dilip. Wenn er so lächelt wie damals, ist man komplett verwirrt. Eine Sekunde lang dachte ich, sein Lächeln sollte bedeuten: „Ich weiß zwar genau, wie der Gott heißt, aber ich sag’s euch nicht.“ Eine Sekunde später dachte ich, es sollte bedeuten: „Ihr seid so was von dumm, dass ihr das nicht wisst!“ Und wieder eine Sekunde später dachte ich, es sollte bedeuten: „Ich mag das Poster, weil ich manchmal gerne vier Arme hätte, aber mit Götternamen kenn ich mich nicht aus.“457 In Dilip wird also nicht das Klischee des dauer-grinsenden Inders458 weitergetragen. Sein Lächeln wird vielmehr als Facette seiner Persönlichkeit beschrieben. Nur einmal lässt Naoura Dilip grinsen, sodass „seine großen weißen Zähne aufblitzten“ – nämlich, als die Jungs sich am ersten Abend gemeinsam vor den Spiegel stellen und ihre Gesichter vergleichen. Anton, dessen Zähne nicht so schön funkeln wie Dilips, beschließt, seine in Zukunft abends etwas länger zu putzen.459 Insgesamt findet Dilips äußeres Erscheinungsbild genau an zwei Stellen Erwähnung. Einmal bei der ersten Begegnung im Kinderheim und einmal in der gerade beschriebenen Spiegel-Szene: „Links dunkelbraune Haut, schwarze Haare, braune Augen, breite Nase. Rechts helle Haut, blonde Haare, blaue Augen, schmale Nase – alles genau wie bei Mama.“460 Im Gegensatz zu Kirsten Boies Paule ist ein Glücksgriff (1985) wird die Hautfarbe 456 Zu Indien vgl. z.B. Marie-Thérèse Schins Ein Elefant kommt selten allein : Doro in Indien (2000). Die vermeintliche Ober-Schlauheit von Antons Vater in Dilip und der Urknall und was danach bei uns geschah wird schon ganz zu Anfang der Geschichte beim Besuch eines indischen Restaurants entlarvt, als er für die Mutter „Vindaloo“ mit „Fenster“ übersetzt (Naoura, 2012, S. 20). 457 Naoura, 2012, S. 18. 458 Vgl. Schins/Oeser Ill., 2000, S. 82: „[D]ie Inder kichern oft. Wie schade, dass ich meistens nicht begreife, warum.“ 459 Naoura, 2012, S. 26. 460 Ebenda, S. 13, 26. 115 des Adoptivkindes vom Großvater nicht mit „ist der in Schokolade gefallen?“ o.ä. kommentiert,461 sondern findet bei der ersten Begegnung keinerlei Erwähnung. Auch Boies Paule wünscht sich einen Fußball spielenden Bruder. Allerdings legt der (noch) Wert auf ein braunes Kind, das – wenn es schon ein Mädchen sein muss – „wenigstens auss[ieht] wie er.“462 Die Figuren in Dilip und der Urknall scheinen etwas entspannter, was Hautfarben angeht, und eine ‚Schwarz-Weiß-Zeichnung‘ steht gerade nicht im Mittelpunkt der Erzählung. Vielmehr spielt Naoura immer wieder dezent auf Farbsymbolik an und untergräbt gängige (rassistische) Konnotationen: Anton und die Mutter Hanna bekommen leicht Sonnenbrand, wogegen Vater Leopold fast keine Sonnencreme braucht und „schon nach zwei Tagen fast so braun [ist] wie ein Inder.“463 Auch der unangepasste und liebenswerte Opa Gert wird als braungebrannt beschrieben. Er hält sich viel in der Sonne auf.464 Selbst der heißgeliebte Hamster der Kinder, Jan-Ulrich, dessen eintöniges Leben tragisch in einem Straßengulli endet, erhält eine Markierung als „kleiner brauner Ball“.465 Anton schreibt seine Märchenberichtigungen in ein braunes Heft. Schwarz ist durchgehend positiv besetzt bzw. wird im Zusammenhang mit Statussymbolen genannt. So leistet sich der Vater einen schwarzen Mercedes. Die für kurze Zeit zur versnobten Vorstadt-Schönheit mutierte Mutter Hanna bändigt ihr Haar mit einer schwarzen Sonnenbrille, und im Luxus-Hotel lauscht man Klängen aus einem glänzenden, schwarze Flügel. Dilip dekoriert sein Zimmer, das Universum nachstellend, in Schwarz. Kontraste von schwarz-weiß-braun wie bei den später eingeführten Hanuman-Affen sind positiv besetzt, die karamellpuddingbraune Designermode einer Nachbarin wird dagegen als eintönig wahrgenommen. Die konservativ-teuer gekleidete und blondgestränte Dame färbt sich final die Haare schwarz.466 Der Vater der gerade zusammenwachsenden Familie wird so langsam nervös, und fragt sich, ob der Junge überhaupt sprechen kann. Immerhin nickt das Kind, als die Eltern es bei ihrem ersten gemeinsamen Essen im Restaurant India House etwas fragen (und wackelt – nebenbei bemerkt – nicht exotisch-befremdlich mit dem Kopf). Anton stört es nicht, dass sein 461 Boie/Brix III., 2010, S. 12. 462 Ebenda, S. 95. 463 Naoura, 2012, S. 26. 464 Ebenda, S. 64, 82f. 465 Ebenda, S. 113. 466 Ebenda. Braunes Heft: S. 32f. Schwarz: S. 40, 70ff, 73, 129. Hanuman: u.a. 107f. Langweilige Mischtöne wie „karmellpuddingbraun“, „vanillepuddinggelb“ oder „karamellbraun“: S. 43, 57f. 116 neuer Bruder nicht spricht. Dilip kann auch ohne Worte reden. Manchmal wenn Dilip ihm zuzwinkert, kommt es dem Jungen vor, als habe der gerade eine spannende Geschichte erzählt. Bisweilen verzieht Dilip nur kurz die Nase, und Anton weiß sofort, was er meint. Und überhaupt „quatscht[.]“ ihm Dilip so auch nicht ständig dazwischen, wenn er etwas erzählt – und Anton erzählt gerne.467 Abbildung 4.9: Salah Naoura, Dilip und der Urknall und was danach bei uns geschah (2012) Für Naoura ist Anton, wie man in einem Interview erfährt, „im Grunde ein Anarchist“.468 Anton reflektiert regelmäßig den Begriff „normal“ (normalerweise geht der Vater in die Bank, normalerweise darf der Schulrasen nicht betreten werden. . . ) und listet für das Schulpersonal auf, was alles verboten ist (auf dem Pausenhof herumrennen, im Klassenraum essen,. . . ). Anton sehnt sich wie Rapunzel und der internierte Hamster Jan-Ulrich nach „Freiheit“ (insgesamt 12 Nennungen von {Freiheit} im Text).469 Stattdessen wird er von seinem Vater unter Leistungsdruck gesetzt und soll Mathematik, Geografie und Botanik büffeln. Naoura will Kinder mit seinem „Buch ermutigen, sich sozusagen Hilfe zu holen und an sich zu glauben.“ Kinder, so Naoura, sollten „ihre eigenen Stärken finden“ und entsprechend gefördert werden.470 467 Ebenda, S. 25. 468 Dressler Verlag/Naoura, zuletzt geprüft am 16.08.2014. 469 Vgl. Gedenkfeier: „Er war ein Hamster, der die Freiheit liebte!“ (Naoura, 2012, S. 115). Außerdem ebenda, S. 53, 54, 55, 62, 63, 105, 113, 116 (2x), 117, und 135. 470 Dressler Verlag/Naoura, zuletzt geprüft am 16.08.2014. 117 Anton erzählt nicht nur gerne, sondern stellt auch gerne ‚blöde‘ Fragen, z.B. wo das Blau im Himmel herkommt. Am dritten Tag nach Dilips Einzug platzt dem Vater die Hutschnur wegen dieser Frage. Ob Anton zur Abwechslung nicht einmal etwas fragen könnte, worauf man vernünftig antworten könne? Auf diese Herausforderung hat sich der Junge anscheinend gut vorbereitet und so konfrontiert er seinen Vater mit einer kniffligen mathematischen Aufgabe, in der sogar „Fußball“ vorkommt. „Interessant“, ist daraufhin Dilips erstes Wort – nur sei die Frage nicht eindeutig gestellt. Und wo er schon mal am Sprechen ist, leitet er auch noch physikalisch her, warum der Himmel blau ist.471 Obwohl Dilip, wie sich herausstellt, hochbegabt ist, ist ihm im Gegensatz zu Anton noch nie aufgefallen, wie unlogisch und ungerecht Märchen manchmal sind. Diese Märchen berichtigt Anton per Kassetten-Aufnahme und schreibt neue Versionen dann in ein großes, braunes Heft. Sein Dornröschen ist nach 100 Jahren Schlaf runzelig und ihr Retter, der schon als junger Prinz in sie verliebt war, ist 117 und kommt im Rollstuhl an.472 Anton kann sich gut in andere Menschen hineinversetzen und er hat viel Fantasie, tröstet die Lehrerin die Mutter ob Antons wenig ausgeprägter Mathematik-Begabung. Frau Raddatz ist eine unkonventionelle Lehrkraft, die sich melancholisch an die Hippiezeit erinnert, als „junge[.] Leute einfach ihre Meinung [sagten].“473 Wie sich später herausstellt, ist der Vater bei seinem neuen Arbeitgeber genau wegen eines Rechenfehlers gescheitert. Opa Gert kann bestätigen, dass auch Leopold „nie gut in Mathe“ war.474 Seinen Sohn Anton wollte jener noch mit der Aussicht auf eine Perspektive bei der Müllabfuhr zum Lernen motivieren (Anton: „Ist Müllabfuhr was Schlimmes?“475). Als die Familie nach dem für einige Zeit vertuschten Jobverlust ihr Eigenheim verkaufen muss, lebt man sich ausgerechnet beim Vater von Antons Freund Marek schnell und gut ein. Birk, ein Müllarbeiter, lebt immer irgendwie im Übergang, zimmert und baut ohne Unterlass an einer bunten und unkonventionellen Heimat. Hat sich Opa Gert noch damit die Zeit vertrieben, Mercedes-Sterne zu Kunst zu verarbeiten, zerquetscht Leopold nach seiner Wandlung als Schrottarbeiter „am liebsten Mercedese“.476 471 Naoura, 2012, S. 28. 472 Ebenda, S. 32ff. 473 Ebenda, S. 76, 53. 474 Ebenda, S. 87. 475 Ebenda, S. 9. 476 Ebenda, S. 153. 118 Zwischen den Kindern kommt es im Laufe der Geschichte noch zu Eifersüchteleien, aber man verträgt sich schnell wieder. Ein gemeinsames Projekt ist, mehr über Indien herauszufinden. Dass Kühe in Indien heilig sind, hat Dilip unlängst im Internet recherchiert. Für Dilip ist es eigentlich nichts Besonderes, nicht genau zu wissen, wo man herkommt. Die Welt sei nämlich „proppevoll“ mit Dingen, von denen kein Mensch wisse, wo sie herkämen und wozu sie da seien.477 Die Kinder gehen sogar einmal in einen indischen Film (einige Hinweise deuten auf Farah Khans Om Shanti Om (2007)). Dilip findet es „cool“, dass der Film-Held wiedergeboren wird, und Anton findet es „witzig“, dass die Leute in Indien offenbar so viel singen und tanzen.478 Was den Affengott Hanuman angeht, gibt es Unmengen von Geschichten. Angeregt durch seine Lieblingsversion phantasiert Anton, wie es in der Nachbarschaft zugehen könnte, wenn es die heiligen Affen auch an seinem Heimatort gäbe.479 Vielleicht würden dann ja auch mehr Inder_innen in die Gegend ziehen? Das stellt er sich „total toll vor! Ungefähr so:“ Anton imaginiert eine phantastisch anmutende Welt. Ich staune. Unsere Straße verändert sich immer schneller! Kleine indische Läden machen auf, indische Fahrradtaxis rollen vorbei, und weil es ein sehr heißer Sommer ist, kaufen sich die Leute in den indischen Läden indische Kleider. [...] „Shanti!“, höre ich plötzlich, und als ich mich umdrehe, steht dort Frau Raddatz und lächelt mich an. Sie ist die Einzige, die ihre ganz normalen Sachen trägt: eine Cordhose und eine Bluse mit Blumenmuster drauf. [...] Zwei barfüßige Tänzer mit Göttermasken tauchen auf. Der eine mit Elefantengesicht, der andere mit Affengesicht. Hanuman, der Affengott, tanzt ganz im meiner Nähe!480 Dieses Kapitel, als einziges, in dem Anton zu der Geschichte von Dilip und dem Urknall und dem folgenden Geschehen etwas dazu gedichtet hat, rundet die Erzählung ab. Der kindlichen Lust auf Abenteuer wird Rechnung getragen, ohne die Held_innen selbst als Exot_innen zu zeichnen. Der Text ist wunderbar poetisch und die Moral – zumindest in der interkulturellen Lesart – drängt sich nicht auf. Damit entspricht die Erzählung einer Textsorte, die Rösch wie folgt beschreibt: Bereits einfache Geschichten für Kinder der (im-)migrierten Kinder- und Jugendliteratur zeigen einen differenzierten Umgang mit Rassismus und seine 477 Ebenda, S. 104. 478 Ebenda, S. 111. 479 Ebenda, S. 156ff. 480 Ebenda, S. 157–166. 119 Behandlung im Kontext von Dominanzkultur; sie durchbrechen das Oasensyndrom, befriedigen die Abenteuerlust durch literarische Mittel (z.B. Fiktionalisierung oder Ironisierung), verlegen die Handlungskompetenz auf die Betroffenen, weisen das Helfersyndrom zurück und harmonisieren – wenn überhaupt – durch interkulturelle Annäherungsprozesse.481 Als Plädoyer gegen Normalisierung482 und für die freie Entfaltung der Persönlichkeit in einer nicht nur toleranten, sondern Diversität begrüßenden Gesellschaft, die eine Klassifizierung der Menschen nach Hautfarben überwunden hat, ist Dilip und der Urknall ein sehr besonderes, herausragendes Buch. Eine solche Diskursvielfalt wie in Salah Naouras Kinderbuch (Leistung, Status, Freiheit und Verbot) kann nicht als repräsentativ gelten. Die Idee eines Dagegenschreiben, eines „Re-Writing“ – der Begriff, wie er aus den Postcolonial Studies bekannt ist, drängt hier sich geradezu auf – in Form einer Märchenbereinigung könnte im Schulkontext aufgegriffen werden.483 Welche Geschichten kennen die Kinder und Jugendlichen z.B. über Indien, und wie sind diese zu bewerten? Können oder sollten diese Überlieferungen und Mythen „überschrieben“ werden? 4.2.2 Vom Suchen und Finden von Heimat (Wurzelbehandlungen) Zu interkultureller Kompetenz gehört für Dieter Wrobel nicht nur, „das Andere, das Fremde oder die Anderen, die Fremden mit einer Haltung der Offenheit und Wertschätzung zur Kenntnis zu nehmen“, sondern Bestandteil der interkulturellen Kompetenz ist für den Didaktiker auch die „Fähigkeit zum Herstellen von Rückbezüglichkeit und damit die Reflexion des Eigenen“. Hieraus speisen sich für Wrobel „jene zwei Vorgänge interkulturellen Lernens, die zum Erwerb und zur Festigung der interkulturellen Kompetenz führen: die Reflexion der eigenen, vielfach undistanziert gelebten kulturellen Prägungen und zugleich die Annäherung an kulturelle Bestände einer anderen Kultur.“484 481 Rösch, 2000c, S. 260. 482 Zum Begriff vgl. Link, 2013, S. 20: „Spezialdiskurse und ihre Praktiken produzieren spezielle, sektorielle Normalitäten (z.B. medizinische, psychologische, soziologische) – die Interdiskurse integrieren diese verschiedenen Normalitäten zu allgemein kulturellen Vorstellungen von Normalität, zu einer Art Querschnittskategorie des Normalen – diese Querschnittskategorie schließlich erweist sich als selbstverständlicher Orientierungsmaßstab moderner okzidentaler Subjekte im Alltag: Sie fragen routinemäßig, ob etwas (noch) normal ist oder nicht und adjustieren danach ihr Verhalten und Handeln.“ 483 Vgl. z.B. Bachmann-Medick, 2010, 193ff. 484 Wrobel, 2013a, S. 49. 120 Es bietet sich also an, nach Texten zu suchen, die beides können, die die eigene Prägung reflektieren (helfen) und den Annäherungsprozess an eine andere Kultur beschreiben. Eine erstaunlich große Menge findet sich, sucht man nach Texten, die eine Reise in die Heimat der Eltern behandeln, oder die von Menschen erzählen, die ihre Heimat verlassen. Zurück zu den Wurzeln: Ferien bei der Verwandtschaft Während Andrea Karimés Heldin Mina in der Heimat ihres Vaters recht entspannt Tee mit Onkel Mustafa (2011) trinkt, bis der Libanonkrieg 2006 ausbricht, weigert sich die 11-jährige Filipa in 1000 Gründe, warum ich unmöglich nach Portugal kann (2012) von Katja Alves erfolglos gegen den Umzug in die Heimat ihres Vaters. Bisher hat die Familie lediglich regelmäßig ihren Urlaub dort verbracht. Die Studentin Ani begibt sich in Karin Kaçis Irgendwann in Istanbul (2013) in den Semesterferien auf Spurensuche nach ihren Wurzeln, während die 15-jährige Tuana in Aygen-Sibel Çeliks Yakamoz : Eine Liebe in Istanbul (2014) einen mehrwöchigen Urlaub bei ihrer Großmutter vorschiebt, um sich an die Fersen ihrer großen Liebe Noyan zu heften. Ebenso für Sahra geht es in Zimtküsse (2012) von Deniz Selek zur Oma in Ferien nach Istanbul. Auch Rhina in Regenbogenasche (2013) von Anke Weber macht sich auf die Reise. Sie hat die Asche ihres verstorbenen Vaters, getarnt als Pulverfarbe, im Gepäck. Rhina will seine sterblichen Überreste in dessen Heimat Namibia überführen. Dazu schließt sie sich zusammen mit ihrem Freund Uncas einem Busprojekt der Organisation Culture Namibia an. Der Romananfang ist außergewöhnlich, STERBEN IST WIE KACKEN – hat was mit loslassen zu tun und muss jeder machen. Diese Erkenntnis hat mich irgendwann auf dem Klo angesprungen, als Mama ausnahmsweise außer Kontrolle geriet und so in den Telefonhörer brüllte, dass es bis ins Badezimmer hallte: „Nichts muss ich! Gar nichts! Nur sterben und kacken.“485, der Schuss jedoch, könnte man sagen, ‚ziemlich deutsch‘: Abdruck des § 168 Störung der Totenruhe aus dem Strafgesetzbuch, sozusagen als Beipackzettel, dass keiner auf dumme Gedanken kommen mag? Die Seiten dazwischen sind sehr pädagogisch, und spiegeln deutlich eine weiße Perspektive.486 485 Weber, 2013, S. 8. 486 Ebenda, S. 252. Außerdem: „Ich fühle mich unbehaglich und viel zu weiß in diesem schwarzen Elendsviertel.“ (S. 184); „Plötzlich schäme ich mich für mein wohlhabendes 121 Die 15-jährige Julia in Antje Brabendererdes Jugendroman Die verborgene Seite des Mondes (2007) findet in der Heimat ihres verstorbenen Vaters, der Wüste Nevada, sich selbst und die Liebe und lernt endlich ihre Großeltern kennen. Auch mit einer Gruppe unterwegs sind Sira und Karim in Grenzenlos nah (2010), dem Roman der Österreicherin Gabriele Gferer, die die Jugendlichen mit der Organisation Hand aufs Herz per Bus- Hilfsprojekt in den Sommerferien in ihre Serbische Heimat schickt, aus der sie 1993 geflohen waren. Die 9-jährige Lisa aus der Feder von Leela Wang reist in Sommerferien in Peking (2010) ins Land ihrer Mutter, um Zeit mit ihren Großeltern zu verbringen. Lisa hat drei Jahre ihres Lebens in China verbracht und vermisst ihre alten Freunde. Es kostet Lisa einiges an Überzeugungskraft, bis ihre Eltern sie alleine ziehen lassen. Ihre Mutter gibt ihr neben Geschenken auch ein paar Dos and Don’ts mit auf den Weg und die Zeit bei den Großeltern (Erzählzeit etwa zwei Drittel des Buches) verläuft bis auf die Rettung eines Zoo-Tieres dann auch recht unspektakulär. Die Baobab-Redaktion fasst zusammen: Lisa wirkt in diesem Roman etwas gar vernünftig und das Geschehen konstruiert; dennoch bleibt die Geschichte schlüssig und vermittelt Eindrücke in das Leben einer Chinesin (Lisas Mutter) und eines binationalen Kindes in Deutschland. Ein Glossar erklärt Fachbegriffe.487 Gegen das Fazit ist nichts einzuwenden. Wert anzumerken ist, dass der Verlag das Kind, das auf dem Hardcover abgebildet war, für die Taschenbuch-Ausgabe entfernt und durch einen Pandabären ersetzt hat – somit scheint die Pandabären-Rettungsgeschichte in den Vordergrund gerückt. Jedes der 16 Kapitel hat eine kalligraphierte Kapitelstartseite mit einem chinesischen Sprichwort oder Sinnspruch,488 und das liebevoll gestaltete Glossar ist mit insgesamt elf Seiten recht umfangreich und detailliert: Leben mit fließend Wasser und Strom. Verächtlich spucken mir meine Gedanken die Lächerlichkeit unserer Busaktion vor.“ (S. 185); „Wie ein Buchhalter heften [meine Augen] nützliche Eindrücke für die spätere Verwertung ab. Insgeheim beschließe ich, den Dingen ab sofort mehr Achtung entgegen zu bringen.“ (S. 186); „Ihre strahlend weißen Zähne und die knallbunte Kleidung verleihen ihnen im Kontrast zu der dunklen Haut ein permanent frisches Aussehen.“ (S. 191) 487 Gadient, 2011, S. 53. 488 Sowohl Kapitel 1 (Lisa verkündet den Eltern ihren Wunsch, in die alte Heimat zu fliegen) als auch Kapitel 16 (die Heimreise nach Deutschland steht an) sind Li Bai (700 n. Chr.) gewidmet: „Vor meiner Bettstatt lag wie Reif so weiß des Mondlichts mitternächtiges Gegleiß. Ich hob das Haupt – der Mond schien voll und blank – und ließ es wieder sinken, heimwehkrank.“ (Wang, 2010, S. 7 und S. 217) 122 Von „Abitur in China“ bis „Yuan [...] Ein Euro ist ungefähr zehn Yuan wert. Dafür bekommst du in China zwei Kugeln Eis.“489 Zu interkultureller Kommunikation wird durchaus einiges vermittelt: „So etwas macht man in China nicht mit Freunden oder weitläufigen Verwandten. Kein Chinese sagt jemals direkt, was er von dir gerne haben möchte“, seufzt Mama. Sie sinniert weiter: „Aber Lao Lao und Lao Ye kann ich direkt fragen. Das ist in Ordnung. Und deine Tante Bin auch – sie hat ja schon acht Jahre in Amerika gelebt.“490 Auch für Lea geht es auf nach China: Carolin Philipps schreibt in Weiße Blüten im Gelben Fluss (2004) wieder einmal gegen das Unrecht in der Welt an, diesmal aus der Perspektive von Lea, die als Baby von deutschen Eltern adoptiert wurde. Durch Recherchen für die Schülerzeitung zu chinesischer Ein-Kind-Politik und Kindermorden ist sie motiviert, nun auch hartnäckig Informationen zu ihrer Vergangenheit von den Eltern einzufordern. So findet sie heraus, dass sie von ihrer leiblichen Mutter verschenkt wurde. Ähnlich erfolgreich wie Philipps scheint die Kinderbuch-Autorin Marie- Thérèse Schins, geboren in den Niederlanden, die ihre Heldin Doro mit deren Journalisten-Vater serienmäßig durch die Welt schickt. Endlich darf Doro auch einmal Urlaub machen. Und zwar in den Niederlanden, der Heimat ihrer verstorbenen Mutter. Hat man Doro schon mit nach Afrika und Indien begleitet, so ist man sehr gespannt auf ihre neuen Abenteuer, verspricht Amsterdam doch weniger Exotik und (Potenzial für) rassistische Fettnäpfchen zu bieten, als man von Schins sonst gewohnt ist. Die gespannten Leser_innen werden nicht enttäuscht, und auch der pädagogische Aspekt kommt wie immer nicht zu kurz: Doro ist jetzt fast 14 Jahre alt. Ihre Großmutter väterlicherseits ist gerade aus einem Koma erwacht und der Vater kümmert sich um sie. Doro verbringt daher die Ferien bei ihrem Lieblingsonkel Kees in Amsterdam. Kees ist der Bruder der verstorbenen Mutter. Doro fährt also nach Amsterdam, es reihen sich belanglose Ereignisse aneinander, die als Landesstudien durchgehen können, und sie bekommt ihren ersten Kuss von einem gewissen Jo. Sie setzt sich mit der Vergangenheit ihrer Großeltern mütterlicherseits auseinander. Doro reflektiert (Erzählzeit: ganze vier Zeilen) ihre Identität. Deutsch? Niederländisch? Halber Mof? Schnell gelöst, Europäerin möchte sie sein.491 Das Fazit der Reise ist, dass ihre Heimat in Amsterdam und in 489 Wang, 2010, S. 237. 490 Ebenda, S. 72f. 491 Schins/Oeser Ill., 2003, S. 74. 123 Hamburg liegt, dass sie sich überall dort zu Hause fühlt, wo es ihr gerade gut geht.492 Onkel Kees ist mit Dolf und Gerhard befreundet. Fast pathologisch scheint Doros Zwang, sich in jedem Land der Erde näher mit Toiletten zu beschäftigen. In ihrer investigativen und aufklärerischen Haltung steht sie ihrem Vater in nichts nach: „Dolf und Gerhard sind offiziell verheiratet und als ich vorhin auf dem Klo war, habe ich eingerahmte Zeitungsartikel von ihrer Hochzeit gesehen“.493 Die heftig pubertierende Doro liest Nabokovs Lolita494 und schminkt sich – inspiriert von der „ausgekochten Männer-Verführerin“495 – mit den Utensilien, die ein Freund ihres homosexuellen Onkels bei diesem verstaut hat. Doro besucht eine Gay-Parade, wo sie sich über die Themen Aids und Schwulen-Diskriminierung informiert.496 Ein Homo-Monument und das Widerstandsmuseum gehören ebenso zum landeskundlichen Aspekt des Buches wie das Anne-Frank-Haus.497 Doro und Kees fahren am ersten Ferientag mit der Bahn in die Stadt. Ein in Mülltüten gekleideter Herr stänkert Doro an, ob sie ein „Moffenkopf“ sei. Das interkulturelle Gespräch verspricht spannend zu werden, denn, so reflektiert „der halbe[.] Mof“ Doro: Ich weiß genau, was ein ‚mof‘ ist. Das ist das schlimmste Schimpfwort für Deutsche, was die Niederländer seit der Besatzung ihres Landes durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg benutzen. Das Schimpfwort gab es aber schon vorher. Deutsche Söldner benutzten das Wort ‚Muff‘ schon im 16. Jahrhundert für muffelige Personen, die sich schlecht benahmen. Die Niederländer in den Provinzen Noord- und Zuidholland schnauzten damit später auch Fremdarbeiter aus Westfalen und Gelderland an.498 Ein Konflikt entsteht aus der Situation nicht. Der Mülltüten-Mann scheint recht ‚gechillt‘ und klärt Doro lieber noch auf, was es alles im 492 Ebenda, S. 144. 493 Ebenda, S. 16. 494 Urlaubslektüre in Afrika: Tim und Struppi – Tim im Kongo (Schins/Oeser Ill., 2008) und in Indien Das Dschungelbuch und Kulturschock Indien (Schins/Oeser Ill., 2000). 495 Schins/Oeser Ill., 2003, S. 51. 496 Ebenda, S. 56ff. 497 Der Besuch der Portugiesischen Synagoge und des Jüdisch-Historischen-Museums musste aus Zeitgründen vorerst verschoben werden. 498 Schins/Oeser Ill., 2003, S. 18f. 124 Smartshop gibt.499 Doro selbst hat Entzugserscheinungen nach Mehrkornbrötchen, in Holland scheint es nur „Knautschbrot“ zu geben. Amsterdam scheint voll von „Bier- und Drogenleichen [..] in Hauseingängen und Nebengängen“ und „[a]uf den flachen Dächern einiger Wohnboote wächst Gras“.500 In Amsterdam brauche man Humor und Toleranz, „sonst gibt es Mord und Totschlag“ referiert ihre neue Bekanntschaft Jo. Genau das übe Doro ja auf ihren „Auslandsreisen in anderen Kulturen“, sonst könne sie „lieber gleich zu Hause bleiben und um acht die Nachrichten angucken.“501 Beim Besuch eines buddhistischen Tempels legt Doro sich fast mit einer chinesischen Touristin an, die sich Doros Wahrnehmung nach im Gegensatz zu ihr selbst und Jo schlecht benimmt. Diesen Zwischenfall nimmt sie zum Anlass, Jo ihren Kulturbegriff nahezulegen: „Mein Vater reist ständig durch die ganze Welt. Er sagte einmal zu mir: ‚Doro, manchmal wünsche ich mir weniger Kulturen und mehr Zivilisation‘ und ‚Kultur setzt sich aus Verabredungen und Spielregeln zusammen.‘“502 Dass Schins tendenziell mit einem engen Kulturbegriff arbeitet, wird bei der Lektüre ihrer Werke transparent. Mit „Kultur“ werden assoziiert: „Kulturfestival“ und „Trachten und Instrumente[.]“,503 „Muster[.] und Farben der Stoffe“, Frisuren [und] Schmuck,504 während Zivilisation in den untersuchten Texten mit dem Zustand von und der Privatsphäre in Erleichterungsanstalten zu korrelieren scheint.505 Diese Sichtweise erklärt wohl auch den offenbar gemilderten Blick Doros auf von ihr identifizierte ‚Missstände‘ im Heimatland ihrer Mutter. Im (westlichen) Amsterdam echauffiert sich Doro, wie es „in der heutigen Zeit“ möglich sei, dass einige der Bootsbewohner einen Eimer als Toilette benutzten.506 Die Autorin arbeitet dagegen in Ein Elefant kommt selten allein – Doro in Indien (2000) oder in In Afrika war ich nie allein (1999) mit Begriffen wie „Mittelalter“507 oder „museumsreif“, wenn Dinge oder Zustände nicht dem ‚westlichen Standard‘ entsprechen.508 499 „Wunderpilze, pflanzliche Joints, Softdrugs, Ectasy, astrein. . . “ (ebenda, S. 19). Onkel Kees baut sich seinen „‚Grünkram, zum Kiffen. Marihuana mit dem Namen Canabis Indica‘“ selber an. „‚Aber keinem sagen¡“ (Ebenda, S. 24). 500 Ebenda, S. 28, 31. 501 Ebenda, S. 83. 502 Ebenda, S. 84f. 503 Schins/Oeser Ill., 2008, S. 105f. 504 Ebenda, S. 91. 505 Ebenda, S. 22, 25, 45, 53, Schins/Oeser Ill., 2000, S. 12f. 506 Schins/Oeser Ill., 2003, S. 33. 507 Schins/Oeser Ill., 2000, S. 110. 508 Vgl. Schins/Oeser Ill., 2008, S. 19. 125 Die Bevölkerung ist – von den schon beschriebenen (weißen) Holländer_innen einmal ganz abgesehen – exotischer (!), als man glauben möchte: In Amsterdam wohnten derzeit 173 verschiedene Nationalitäten auf engstem Raum, erklärt Onkel Kees. Die Marktfrau Mama-Mango (auch Jacqueline) klärt Doro bei einem Imbiss über die Geschichte der Sklaverei auf. Die Holländer seien nicht so tolerant, wie sie immer tun würden: „Wir alle, die aus der Fremde kommen, werden ‚Allochtonen‘ genannt“,509 führt Mama-Mango aus. „Neger“ sei im hiesigen Sprachgebrauch im Gegensatz zu „Nigger“ kein Schimpfwort,510 rundet Kees das Gespräch ab. Königin Beatrix macht noch ihre Aufwartung und bekommt von Mama Mango ein Ständchen gesungen. Das Lied (Leve het prinsenkind, . . . ), erklärt sie der Königin, habe sie in der Schule gelernt, als Beatrix 1938 geboren wurde. Jacqueline hat ob der Begegnung mit der Repräsentantin der ehemaligen Kolonialmacht „Sternchen in den Augen“ und schwebt „auf rosa Wolken“.511 Der Germanist und Psychopädagoge Kodjo Attikpoe arbeitete in seiner Untersuchung Von der Stereotypisierung zur Wahrnehmung des ‚Anderen‘ : Zum Bild der Schwarzafrikaner in neueren deutschsprachigen Kinder- und Jugendbüchern (1980–1999) heraus, dass der von Hegel geprägte „Negermythos“ auch heute noch Wirkungskraft besitzt und unsere Wahrnehmung prägt.512 Dass der Handlungsort der KJL, der diesen Mythos aufleben lässt bzw. pflegt, nicht unbedingt Afrika sein muss, ist in Schins’ Werk offensichtlich. Wie ein unschuldiges Kind (oder ein wenig intelligenter, nicht entwicklungsfähiger Mensch513) steht Mama Mango der Königin gegenüber bzw. unter ihr. Die in der Geschichte marginalisierten Schwarzen verleihen dem Kinderbuch die gewohnte Exotik der Doro-Reihe. Insgesamt erfüllt das Buch nur sehr oberflächlich den Anspruch einer Reflexion der eigenen kulturellen Prägung und der Annäherung an kulturelle Bestände einer anderen Kultur. Vielmehr drängt sich die Frage auf, wie die Rezeption kolonialer KJL die Wahrnehmung der 1943 in den Niederlanden geborenen und aufgewachsenen Kinderbuchautorin bis heute geprägt hat. Im Ganzen erweist sich die Ferienliteratur als nicht sehr ergiebig, sucht man nach tiefer gehender Reflexion des Eigenen und einer wirklichen Annäherung, einem unvoreingenommenen Interesse an Beständen einer anderen Kultur. 509 Schins/Oeser Ill., 2003, S. 41. 510 Ebenda, S. 42. 511 Schins/Oeser Ill., 2003, S. 42f. 512 Attikpoe, 2003, S. 65ff, 73f, 79. 513 Vgl. ebenda, S. 82. 126 Positiv herauszustellen ist das bereits eingangs erwähnte, literarisch anspruchsvolle Kinderbuch Tee mit Onkel Mustafa (2011) von Andrea Karimé mit Illustrationen von Annette von Bodecker-Büttner, das in vielen Punkten den von Heidi Rösch formulierten Anforderungen (vgl. Kapitel 2.4.1) entspricht. So betrachtet der Text die Welt aus interkultureller Perspektive und unterstützt interkulturell relevante Erkenntnisprozesse, wie den des Erkennens der Perspektivgebundenheit von Wahrnehmung und der Konstruiertheit von Wahrheit: Hier im Libanon ging es häufig nicht mit rechten Dingen zu: Straßen verschwinden, Berge beißen, Eier fliegen durch die Luft. Doch dann wurde ihr klar: Irgendjemand trägt das Brett auf dem Kopf! Und den sah Mina von hier oben aus natürlich nicht.514 Die zehnjährige Mina reist in den Sommerferien das erste Mal in den Libanon. Dort nimmt sie – wie im oben genannten Beispiel – immer wieder eine andere, als die gewohnte Perspektive ein, z.B. indem sie auf ein Dach steigt, das „so flach [ist] wie ein Parkplatz“515 oder im Dunkeln im Meer baden geht, und den Sternenhimmel von dort besonders gut sehen kann. Der Begriff „Wahrheit“ wird im Text immer wieder explizit aufgegriffen. Als Mina erfährt, dass ihre Verwandten am liebsten nachts baden, ist sie überrascht. Ihr Onkel Mustafa erklärt ihr: „Deine Oma badet nur im Dunkeln. So ist das Leben! Außerdem: Wo steht geschrieben, dass das nicht erlaubt ist?“, fragte der Onkel. „In Wahrheit kann man sogar rund um die Uhr baden. Und rund um den Erdball. Und dabei Orangensaft trinken oder mit Allah sprechen.“516 Der Onkel plädiert im Gespräch mit Minas Vater auch dafür, dem Kind die Wahrheit zu sagen, was einen drohenden Krieg angeht.517 Was (libanesische) Realität ist, und was das Kind imaginiert, bleibt an vielen Stellen 514 Karimé/Bodecker-Büttner Ill., 2011, S. 41. 515 Ebenda, S. 39. 516 Ebenda, S. 23. 517 Ebenda, S. 27. 127 offen.518 So könnte das plötzliche In-Luft-Auflösen des Onkels durchaus ihre Ursache im Luftflimmern haben,519 oder Mina träumt vielleicht, wie sie sogar selbst vermutet: „Es war also ein Traum, so viel war jetzt sicher. Und zwar wieder mal einer zum Verrücktwerden. Hoffentlich kam Fatou gleich und weckte sie auf!“520 In Kursivschrift abgehoben sind die phantastischen Geschichten, die Onkel Mustafa dem Mädchen erzählt. Dass Allah einen nie im Stich lasse, es immer einen Ausweg gäbe, ist die Moral einer solchen Fabel. Ob die Geschichte denn auch wahr sei, will Mina wissen. Ihr Onkel antwortet: „Weißt du, Mina, mein Kind: Eins musst du noch lernen. Die Wahrheit ist ein hoher Turm mit vielen bunten Zimmern. Darin hängt immer etwas anderes an den Wänden, denn es hausen dort die Wunder.“521 Das Mädchen liebt die Geschichten, die Onkel Mustafa erzählt, „aber bei Onkel Mustafa konnte man nie richtig sicher sein, ob er einem auch wirklich die Wahrheit erzählte.“522 Über den Verlust seiner geliebten Frau spricht er offen mit dem Kind, schließlich seien die Fragen des Lebens und des Todes die wichtigsten, wieso solle ein Kind danach nicht fragen dürfen, meint er.523 Mina ist ob der vielen neuen Eindrücke verunsichert und weiß die Aussagen Mustafas oft nicht so recht einzuordnen. „Was? Echt? Unter Wasser? Drei Tage lang?“ Aber Mina verstand schon. Das war eine neue Geschichte. Und wahrscheinlich war sie sogar wahr. Ein Onkel, der sich in Luft auflösen konnte, war wahrscheinlich auch in der Lage, unter Wasser zu leben.524 Eine Fischschuppe („Eine echte Riesenschuppe, toll!“), die Onkel Mustafa ihr schenkt, sammelt sie als weiteren Beweis dafür, „dass der Onkel 518 Ich kann nicht umhin, für „Realität“ meinen westlichen Verstehenshorizont als Schablone anzulegen. Auf Wissensbestände der libanesischen Kultur kann ich nicht zurückgreifen. Zu den Grenzen und der Fragwürdigkeit einer universellen Autorität europäischer Kategorien und Theorien für die Literaturanalyse und dem daraus resultierenden Unvermögen, narrativen Strukturen, die Oralität einbeziehen, oder zirkelhaften statt linearen Strukturen der Handlungs- und Charakterentwicklung gerecht zu werden, vgl. Bachmann-Medick, 2010, S. 193f. 519 Vgl. Karimé/Bodecker-Büttner Ill., 2011, S. 43ff. Immer wieder wird betont, wie heiß es ist: Der „Libanonföhn“ bläst ständig, sodass dem Onkel „Schweißperlen auf der Stirn, so groß wie Rosinen“ wachsen (ebenda, S. 67). 520 Vgl. Karimé/Bodecker-Büttner Ill., 2011, S. 69 521 Ebenda, S. 36. 522 Ebenda, S. 55. 523 Ebenda. 524 Ebenda, S. 46 128 die Wahrheit sagte. Sie nahm die Schuppe und schaute hindurch. Traumhaft verschwommen sah die Welt darin aus.“525 Das Thema Religion wird nicht weiter besprochen. Mina, vom Gesang des Muezzin geweckt („Jemand sang jaulend. Und das in aller Herrgottsfrühe. Mit Mikrofon. Von Gott. Oh Gott!“526), beobachtet, wie ihre Großmutter ihr Gebet auf einem Teppich sitzend verrichtet. Mina würde das auch unbedingt einmal gerne ausprobieren, sie traut sich aber nicht zu fragen. Sie geht zu ihrem Onkel, der auch gerade betet, und spielt „so lange mit dem Kätzchen, bis er seinen Gebetsteppich weggeräumt [hat].“527 Wie selbstverständlich sind Hinweise auf eine (für Mina) ‚fremdartige‘ Lebensweise oder Kultur in den Text eingewoben. Abbildung 4.10: Karimé/von Bodecker-Büttner (Ill.), Tee mit Onkel Mustafa (2011), Kapitel „Nachtbad mit schlimmen Nachrichten“ So auch als Mina mit der Verwandtschaft nachts zum Baden geht, und alle Frauen ihre Kleider anbehalten: „Wirklich, alle Frauen und Mädchen ließen ihre Kleider an. Die Großmutter ging sogar mitsamt ihrem schwarzen Mantel ins Wasser! Wie ein Tintengeist.“ Mina ist leicht verunsichert, ob die Regel „‚Frauen sollen sich beim Baden nicht ausziehen‘“528 auch für sie gilt. Dass bei der Rückfahrt das Auto ganz nass wird, scheint keinen zu 525 Ebenda, S. 82. 526 Ebenda, S. 48. 527 Ebenda, S. 49. 528 Ebenda, S. 25. 129 stören. Mina wundert sich, bewertet aber nicht. Ihr Fazit des Badeausflugs: „Im Libanon waren die Leute wirklich anders.“529 Minas Vater hilft ihr, libanesische Traditionen und Redensarten einzuordnen. Beispielsweise erklärt er ihr, dass das „Und alles möge nun auch dein sein“, das der Onkel bei ihrem ersten Besuch bei ihm zu Hause äußert, nicht bedeute, dass er ihr seinen Hausstand schenke.530 Dauernd muss man nämlich „irgendwelche Verwandten besuchen“.531 Und als Gast, so erklärt Papa ihr, müsse man immer etwas mitbringen.532 Mina schimpft ihren Vater, er möge nicht „so geschichtenhaft!“ sein, als er sich äußert, bei Onkel Mustafa fahre die Zeit manchmal mit dem Bus weg.533 Ob das die Übersetzung einer Redensart ist, oder der Vater einfach selbst gerne bildhafte Sprache verwendet, erfahren die Leser_innen nicht. Als der Krieg den „Turm der Wunder erzittern“ lässt, verlässt Minas Familie zusammen mit Onkel Mustafa den Libanon und kehrt zurück nach Deutschland.534 Für den Onkel ist es offensichtlich nicht das erste Mal, dass er sein Land verlassen muss.535 Als Mustafa nach seiner Ankunft in Deutschland sofort auffällt (eine Frau „schaute Onkel Mustafa an, als wäre er ein Marsmännchen“, als er ihr – weil es sich für ihn so gehört – Pistazien anbietet536), wird ihm von Minas Mutter erklärt, dass man das „[h]ier in Deutschland“ nicht so macht. Ihre Tochter zeigt sich, was Sitten und Gebräuche angeht, flexibler: „‚Und wo steht geschrieben, dass man das nicht darf¿“537 Die multiperspektivische Gestaltung der Erzählung wird auch am Erzählort Deutschland fortgesetzt: Mustafa, der nun bei der Familie wohnt, stellt „einfach alles auf den Kopf“. Einmal liegt er sogar schlafend auf seinem Teppich vor dem Haus und wird von Minas Freundin Lucy für einen 529 Ebenda, S. 28. Auch in Ein Elefant kommt selten allein : Doro in Indien (2000) gibt es ein Kapitel zum Nachtbaden („Versuch’ mir ohne Licht zu folgen“). Hier schenkt Doro ihrer indischen Bekanntschaft Venita kurzerhand einen Badeanzug. Venita kichert leise: „‚Das ist ja ein witziges Gefühl. Das erste Mal in meinem Leben trage ich einen echten Badeanzug, wie die Touristinnen. [...]‘“ (Schins/Oeser Ill., 2000, S. 114ff) 530 Karimé/Bodecker-Büttner Ill., 2011, S. 9f: „‚Aber Onkel, du musst mir doch nicht gleich alles schenken! Das brauchst du doch noch.‘“ 531 Karimé/Bodecker-Büttner Ill., 2011, S. 7 532 Ebenda, S. 59. 533 Ebenda, S. 14. 534 Ebenda, S. 92ff. 535 Ebenda, S. 99. 536 Ebenda, S. 100. 537 Ebenda, S. 101, eine Anspielung auf Mustafas Ausführungen zum nächtlichen Badeausflug (ebenda, S. 23). 130 Betrunkenen gehalten.538 Mustafa wundert sich, ob es denn am Ort gar keine Nachbarschaft gäbe. Mina, die im Dreiergespräch zwischen Arabisch und Deutsch wechselt, erklärt der Freundin, dass Onkel Mustafa offenbar denke, dass auch in Deutschland die Leute bei ihm vorbeikommen und mit ihm plaudern würden. „‚Er ist es halt so gewohnt‘, sagt[.] Lucy nachdenklich.“539 Minas Vater bietet einen Lösungsvorschlag an, das Spannungsverhältnis zwischen Assimilation und Diversität bzw. dem Befremden der Nachbarschaft und dem Verlangen des Schafhirten Mustafa, draußen zu sitzen, zu entschärfen: „Das Leben in Deutschland ist sehr anders“, erklärte er. „Man sitzt hier nicht auf der Straße. Und es wird sich niemand einfach so mit dir unterhalten. Aber morgen stelle ich dir trotzdem eine Bank vor die Tür. Dann kannst du dich zumindest in die Sonne setzen.“540 Onkel Mustafa wird zunehmend ungemütlich und fängt sogar an, Mina ein wenig auf die Nerven zu gehen: „Er war so ganz anders hier. Und in Luft löste er sich auch nicht mehr auf.“541 Mustafa beschwert sich bei Minas Vater über die Sitten in Deutschland, schließlich sei die Heimat der Kinder der Libanon, da könne man sie doch nicht „in der Fremde so allein herumlaufen lassen.“542 Minas Vater weist darauf hin, dass sein Nachwuchs sich hier auskennen würde, und vertritt insgesamt die Auffassung, dass die Kinder sowohl Libanesen als auch Deutsche seien – der Onkel gibt sich damit nicht zufrieden und zieht sich immer mehr in sich zurück.543 Er leidet sehr unter Heimweh, wie er sich Minas Meerschweinchen offenbart. Sein Herz wird krank, “[o]hne meine Heimat wird es vertrocknen wie eine Feige“ hört Mina ihren Onkel sagen.544 Man entschließt sich auf Minas Initiative hin schweren Herzens, den Onkel zurück in den Libanon zu schicken, auch wenn dort noch Krieg herrscht. Denn, so tröstet Mustafa seine Nichte: „Wasser in der Heimat ist dem Menschen noch lieber als Honig in der Fremde, sagen wir Araber.“545 Das Mädchen, längst an die bildhafte Sprache des Onkels gewöhnt, versteht die Metapher. 538 Ebenda, S. 107. 539 Ebenda, S. 109. 540 Ebenda, S. 110. Man könnte sogar sagen, der Vater schafft einen Dritten Raum („third space“) und gestaltet einen realen Ort als sozialen Raum, als hybriden Überlappungsraum und Kontaktzone. Zu den Begrifflichkeiten vgl. Bachmann-Medick, 2010, S. 203ff. 541 Karimé/Bodecker-Büttner Ill., 2011, S. 119. 542 Ebenda, S. 119f. 543 Ebenda, S. 120. 544 Ebenda, S. 122. 545 Ebenda, S. 124. 131 Tee mit Onkel Mustafa lädt nicht zuletzt durch seine poetische Sprache auch erwachsene Leser_innen ein, sich mit dem Text und seiner Bedeutung auseinanderzusetzen. Das Buch ist auch ethnisch mehrfachadressiert: So sollten sowohl Kinder mit und ohne Migrationserfahrung Identifikationsangebote finden können oder sich angesprochen fühlen.546 Dass Onkel Mustafa seinen Teppich und damit seine Geschichten in Deutschland lässt, kann ohne weiteres als Metapher für eine Vermischung der Kulturen bzw. der Gesellschaft gelesen werden. Die Synthese arabischer (mündlicher) Erzähltradition und Kinderbuchformat kann für sich genommen als eigener Ausdruck von Hybridität gewertet werden und unterstützt somit die Idee einer transkulturellen Literatur oder auch Poetik des Diversen, wie sie Wintersteiner proklamiert.547 Vom Heimweh der ‚politisch korrekten Putzfrau‘ Mit eingewobenen Geschichten arbeitet auch Hanna Jansen in Gretha auf der Treppe (2004), der Erzählung um ein kolumbianisches Kindermädchen, das sich um ein deutsches Geschwisterpaar kümmern soll: Lump und Jule sind empört. Sie sollen ein Au-pair-Mädchen aus Kolumbien bekommen. Dabei sind die Zwillinge aus dem Alter für ein Kindermädchen längst heraus. Außerdem: Mit einer völlig Fremden unter einem Dach, wie soll das gehen? Es kommt alles anders, als sie denken. Denn Gretha ist nicht nur einfach umwerfend, sie hat auch eine Ungeheuerlichkeit im Gepäck und abends sitzt sie manchmal auf der Treppe und erzählt von einer anderen Welt. . . 548 Gretha kommt von einer kleinen Insel in der Karibik, ist neunzehn, Studentin, und will die deutsche Sprache besser lernen, erklärt man den Kindern.549 Die Zwillinge bekommen vorab ein Passfoto von Gretha zu sehen: „[D]as Gesicht darauf sieht nett aus. Ziemlich dunkel, fremd und . . . irgendwie lieb. Und noch sehr jung.“550 Lump (Magnus) erwärmt sich im Gegensatz zu seiner Schwester Jule so langsam für die Idee. Er versucht sogar, sich in die Lage des Mädchens hineinzuversetzen. Sicher sei sie noch aufgeregter als er, schließlich unternehme sie eine so weite Reise in ein fremdes Land zu fremden Leuten, denen sie jetzt ausgeliefert sei, reflektiert der Junge.551 546 Vgl. Anspruch Heidi Rösch an interkulturell wertvolle KJL, Rösch, 2006, S. 101f. 547 Wintersteiner, 2006b, S. 113ff. 548 Jansen/Korthues Ill., 2004, Klappentext. 549 Ebenda, S. 13. 550 Ebenda, S. 14. 551 Ebenda, S. 17. 132 So kaltes Wetter wie in Deutschland sei sie sicher nicht gewohnt, wird Gretha von der Gastmutter Käte am Flughafen in Empfang genommen. „Sie ist lieb“552 stellt Lump erleichtert fest, und schließt sie offenbar gleich in sein Herz. Lump schämt sich, wie seine Mutter mit Gretha spricht, als diese nicht gleich umfassend auf deren Frage antwortet, ob sie etwas essen möchte: Sie spricht betont langsam [...]. „Hung-ger“, wiederholt sie, ihre Stimme auf volle Lautstärke gedreht, „wir . . . können . . . essen . . . gehen.“ Dabei macht sie Handbewegungen, als ob sie einen Löffel oder eine Gabel in den Mund steckt. Total bescheuert sieht das aus. Es fehlt nicht viel, dann sagt sie „Happa Happa machen“ oder so was Blödes, denkt Lump. Wirklich megapeinlich!553 Dabei spricht Greta sogar recht gut Deutsch. In Lumps Ohren klingt es ein bisschen wie langsame Musik,554 für Käte ein bisschen (wie) Englisch und „manchmal setzt sie Wörter in die falsche Reihenfolge. Nichts, was einen stören muss.“555 Vereinzelt werden im Text auch englische und spanische Ausdrücke verwendet, ein Glossar am Ende des Buches liefert den Leser_innen jeweils die Übersetzung.556 Die Vokabeln, die Lump im ersten Kapitel lernen muss, beinhalten u.a. die Ausdrücke „to tell (erzählen), usually (gewöhnlich, normalerweise), to like (gern haben), at home (zu Hause), far away (weit weg), 552 Ebenda, S. 19. 553 Ebenda, S. 20. 554 Ebenda. 555 Ebenda, S. 23. 556 Ebenda, S. 219ff. Leider wird eingangs nicht auf das Glossar am Ende des Buches hingewiesen. Glossare finden sich in nicht wenigen der von mir untersuchten Kinder- und Jugendbücher: ¡Hasta la vista! : Barcelona (2013) bietet ein vierseitiges Glossar mit spanischen (und ggf. katalanischen?) Ausdrücken und Redewendungen, die im Text verwendet wurden, z.B. „¡Salud! (Prost!)“ oder „Nada de alcohol, ni de chicos, ni de bulla (Kein Alkohol, keine Jungs, kein Lärm)“ (Gerrits, 2013a, S. 173, 176). Auch die Oetinger Taschenbuch GmbH druckt hier zu Beginn des Textes keinen Hinweis auf ein Glossar ab. Ähnlich in Deniz Seleks Zimtküsse (2012) oder Heartbreak-Family : Als ein anderer mir den Kopf verdrehte (2014): In einem vier- bzw. zweiseitigen Glossar werden türkische Begriffe wie „Babaanne (Vaters Mutter – Oma väterlicherseits)“ oder „Şerefe! (gesprochen ‚scherefe‘: Prost!)“ erklärt (Selek, 2012, 279ff bzw. das Şerefe! in leicht modifizierter Form in Selek, 2014, S. 282). Die Relevanz von Trinksprüchen in der KJL ist offenbar nicht zu unterschätzen. Das finnische „Juodaan perseet olalle!“ in Salah Naouras Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums (2011) wird den Kindern weder im Text (Naoura, 2011, S. 55) noch in einem Glossar übersetzt: „Tante Marja sagte, so was könnte man unmöglich übersetzen, wenn Kinder am Tisch säßen“. Die Leser_innen, die der finnischen Sprache nicht mächtig sind, sind somit eingeladen, zu rätseln und ggf. zu recherchieren. Aygen-Sibel Çelik, die in Alle gegen Esra (2010) darauf verzichtet, selbst mehrzeilige Dialoge in türkischer Sprache 133 to live (wohnen, leben).“ Damit sind einige Kernthemen der Geschichte vorgestellt bzw. vorweggenommen. Lump findet Vokabeln lernen langweilig und ermüdend.557 Als es später darum geht, mit seinem Vater, der im Ausland verschollen scheint, telefonisch Kontakt aufzunehmen, erkennt er, wie wertvoll es sein kann, sich international verständigen zu können. Da der Vater in Kolumbien vermutet wird, ist Grethas spanische Sprachkompetenz („Sie redet schnell. Wie immer, wenn sie spanisch spricht, sprudeln ihr die Worte nur so aus dem Mund.“558) von großem Vorteil. Der Junge scheint von Gretha fasziniert, von ihrem Duft, der ihn an Pralinen erinnert, und von ihrem Kraushaar. Ihm gibt das Kindermädchen so etwas wie Halt, schließlich ist sein Vater ständig unterwegs und seine Mutter, die ihm selbst schon „wie eine Fremde“559 vorkommt, scheint derzeit selbst etwas desorientiert.560 Fasziniert sind beide Kinder von der „ekelhafte[n], riesengroße[n] Spinne“,561 die aus Grethas Koffer krabbelt. ins Deutsche zu übersetzen (vgl. Çelik, 2010, S. 27f), legt mit Geheimnisvolle Nachrichten (2008) einen Rätselkrimi vor, der auf den Sprachverwirrungen des Jungen Erik basiert. Die „geheimnisvollen Nachrichten“ die er findet, und zu interpretieren versucht („‚bellek aynı karpuz inan‘. Was kann das bedeuten, fragt er sich: ‚Belle keine Kapuzen an‘?“ (Çelik, 2008, Klappentext)), werden auf einer Doppelseite am Ende des Buches, deren Gestaltung wie ein Glossar anmutet, aufgelöst. Was er findet, sind die Zeilen eines türkischen Gedichtes. Können bei der Schullektüre Alle gegen Esra Kinder mit Türkischkenntnissen die Lücke füllen, sind diese in Geheimnisvolle Nachrichten genauso gefordert, den Text (in mehrfacher Hinsicht) zu entschlüsseln. Wenig in Anspruch genommen werden dagegen die Leser_innen des Jugendbuchs Küssen auf Amerikanisch (2013) von Gina Mayer, obwohl kein Glossar als ‚sprachliches Auffangnetz‘ geboten wird. Mehr oder weniger plump werden die meisten englischsprachigen Textstücke übersetzt: „No Make-up. Keine Schminke. So stand es im Schulvertrag [...]“ (Mayer, 2013, S. 57) oder „‚Thanks for showing off ‘, sagte Lara giftig. Show off heißt angeben, ich hab’s gleich nachgeschlagen“ (ebenda, S. 63). Zum Rätseln laden maximal die Versuche von Cosimas (die Romanheldin) unkonventioneller Gastmutter Rosie deutsch zu sprechen ein: „These clothes look just furkterlik“ entfährt dieser angesichts Cosimas Schuluniform (ebenda, S. 57). Charmanter lösen Christine Nöstlinger und der Beltz Verlag mögliche Sprachfallen in Das Austauschkind (1982): „Christine Nöstlinger ist Wienerin. Und ihr Buch spielt in Wien. Deshalb reden die handelnden Personen, wie man eben in Wien redet. Sie verwendet dabei Wörter, die in Wien und in Österreich üblich sind, aber in anderen Gebieten des deutschen Sprachraums nicht. Solche Dialektwörter werden auf Seite 154f. erklärt“ (Nöstlinger, 1994, S. 8). Z.B. „der Tschick: Zigarette, Zigarettenstummel“ (ebenda, S. 155). Das Austauschkind spricht übrigens Englisch und den Leser_innen ist überlassen, den Wortwitz, der sich aus den lückenhaften Sprachkenntnissen des Gastvaters ergibt, zu entdecken und zu genießen. 557 Jansen/Korthues Ill., 2004, S. 5f. 558 Ebenda, S. 169f. 559 Ebenda, S. 90. 560 Ebenda, S. 51f. 561 Ebenda, S. 27. 134 Grethas Haustier ‚Spidermann‘ darf bei ihr zu Hause sogar frei im Zimmer herumlaufen, erzählt sie. Das kommt den Kindern komisch vor.562 Der Text fördert einen Perspektivwechsel, denn genauso stellt Gretha einige der vermeintlichen Selbstverständlichkeiten aus der Welt der Kinder in Frage: Zum Beispiel, warum für die beste Freundin der Kinder deren Haus ein fremdes Haus ist, und sie immer Lärm machen (an der Tür klingeln) muss, statt einfach einzutreten.563 Lump gerät bei der Frage, warum man seine Nachbarn auf der Straße höflich grüße, deren Namen aber nicht kenne, in Erklärungsnot.564 Lump „schwant, dass auf Grethas kleiner Insel alles ein bisschen oder sogar sehr viel anders ist.“565 Er „erkennt, dass man vieles auch mit anderen Augen sehen kann.“566 Neben den Geschichten aus ihrer Heimat, die Gretha im Gepäck hat, weist auch die Kernhandlung dominanzkritische Elemente auf. Lump empfindet ein Gefühl von Befremdlichkeit, als er ein Telefonat seiner Mutter mithört: „Doch“, sagt sie nach einer Weile, „es geht insgesamt ganz gut. Das Mädchen ist, mal abgesehen von ein paar sonderbaren Eigenarten, wirklich tüchtig. Kein Wunder! Sie ist Hausarbeit von Kindheit an gewöhnt. Sie kann sogar kochen. Ihre Mutter hat ein Restaurant. Und man weiß ja, dass in solchen Ländern die Mädchen sehr viel früher reif sind als bei uns. So, wie es den Anschein hat, ist sie ganz vernünftig. Alles in allem also eine gute Wahl!“ Es freut Lump, dass seine Mutter Gretha lobt. Trotzdem, irgendwie stört ihn was an der Art, wie sie sich äußert. Es klingt so komisch gönnerhaft. „Solche Länder“ . . . Was will sie damit sagen?567 Vielleicht, dass es eine tradierte Weisheit (sozusagen ein kultureller Wissensbestand unserer westlichen Gesellschaft) ist, dass aus südlichen und östlichen Ländern die besseren Haushaltshilfen zu rekrutieren sind. Dieses „Wissen“ wird auch im Kinder- und Jugendbuch transportiert. Bei Serienheldin Doro „versucht Albina aus Portugal, Ordnung in unseren Chaoshaushalt zu bringen. Mein Vater und ich sind fürs Putzen und Abwaschen nicht gut geeignet“, erfahren die Leser_innen gleich in der Einführung zu Marie-Thérèse Schins’ Doro in Amsterdam (2003).568 Dreimal die Woche kommt die „Haushaltshilfe, die portugiesische Albina, [. . . ] und 562 Ebenda, S. 34. 563 Ebenda, S. 44. 564 Ebenda, S. 56f. 565 Ebenda, S. 44. 566 Ebenda, S. 51. 567 Ebenda, S. 110f. 568 Schins/Oeser Ill., 2003, S. 11 135 schmeißt alles in die Waschmaschine“. In Indien wird Doros Schmutzwäsche von Hand gewaschen.569 Welchen persönlichen Bezug Doro zu der häufiger erwähnten Zugehfrau hat, erfahren die Leser_innen nicht. Doro, soviel erfährt man immerhin, zieht sich meistens zurück, wenn Albina ob des von Doro und ihrem Vater produzierten Chaos stundenlang jammert.570 Allem Anschein nach, so kann man immerhin herauslesen, befindet sich Doro in einer Art Abhängigkeitsverhältnis zu Albina, zumindest was das Bügeln angeht: „Jetzt könnte ich die nörgelnde Albina gut gebrauchen. Aber die ist weit weg, in Portugal bei ihrer Familie, wo sie jetzt Urlaub macht.“571 Auch in Maik Klingenbergs – Wolfgang Herrndorf, Tschick (2010) – Haushalt gibt es eine Zugehfrau, die dreimal die Woche kommt, eine Frau vietnamesischer Herkunft. Wie auch die etwa gleichaltrige Doro fühlt sich Maik immer etwas befangen, wenn die Putzhilfe oder anderes Hauspersonal zugegen ist. Seine Reflexionen, die er in seiner für die Figur charakteristischen Weise unverblümt und völlig ‚schmerzbefreit‘ vorbringt, sind allerdings etwas tiefgründiger und spielen außerdem auf gesellschaftliche Machtverhältnisse an: Ich weiß nie, wie ich mit diesen Leuten reden soll. Wir hatten auch mal einen Inder für den Garten, der ist aus Kostengründen jetzt gestrichen, aber da war es genau das Gleiche. Peinlich. Ich will diese Leute immer ganz normal behandeln, aber sie benehmen sich wie Angestellte, die den Dreck für einen wegmachen, und genau das sind sie ja auch, aber ich bin doch erst vierzehn. Meine Eltern haben damit kein Problem. Und wenn meine Eltern dabei sind, ist es auch für mich kein Problem. Aber allein mit der Vietnamesin in einem Raum fühle ich mich wie Hitler. Ich will ihr immer sofort das Staubtuch aus der Hand reißen und selber putzen.572 Der Innenschau vorangegangen war ein für Maik kräftezehrendes („danach war ich völlig fertig“), sprachliches Kommunikationsproblem zwischen ihm und der Haushaltshilfe, das beide jedoch erfolgreich durch Einsatz nonverbaler Mittel lösen konnten. Das Kindermädchen Polina in Nina Blazons Erzählung Polinas Geheimnis (2010) kommt aus der Ukraine. Zumindest impliziert das der Aushang der vermittelnden Agentur, der auf der Rückseite 569 Schins/Oeser Ill. 2000, S 123. 570 Schins/Oeser Ill., 2003, S. 11. Möglicherweise erhellt sich das Geheimnis Leser_innen, die alle vier Bände der Reihe (Und wo sind die Indianer?: Doro in Nordamerika (2002) ist inzwischen vergriffen) unter dieser Perspektive mit größter Aufmerksamkeit lesen. Vielleicht, so darf zumindest spekuliert werden, handelt es sich aber auch nur um einen heimlichen Gruß der Autorin an ihre ‚treue Perle‘. 571 Schins/Oeser Ill., 2003, S. 52. 572 Herrndorf, 2012, S. 75. 136 das Länderkennzeichen 0038 trägt.573 Aus Ismajil kommt sie, stellt die Gastmutter Polina den Kindern vor:574 Polina „‚[. . . ] Schuch. . . Schusch. . . ‘ ‚Schuschnatowolkowitzkowa, bittä‘“ schlägt sich tapfer gegen die Versuche der Zwillinge Erik und Johanna, sie – wie schon drei andere Au-Pair-Mädchen vor ihr – aus dem Haushalt zu vertreiben.575 Das Leben mit Polina erweist sich für die Zwillinge interessanter als erwartet: Geschirr trocknet sie mit dem Föhn, statt Nudeln kocht sie Algen („‚Algän. Sähr gesund¡“), und da, wo sie herkommt, scheint es keine Reihenhäuser, Staubsauger oder (trockene) Bettwäsche („‚Schön trockän‘“) zu geben.576 Humor hat sie anscheinend nicht, und wenn, so vermuten die Kinder, „wurde bei ihr zu Hause nur heimlich im Keller gelacht.“577 „‚Andere Länder, andere Speisekarten. Wo sie herkommt, leben die Leute eben anders als hier‘“, versucht die Gastmutter die Kinder mit der Situation zu versöhnen.578 Die Kinder versuchen ein sinnvolles Bild aus den Informationen zusammenzufügen und konstruieren eine für sie nachvollziehbare Wirklichkeit. In Eriks Kopf fügten sich alle Informationen über Polina zu einem Bild zusammen: [...] Wow. Polinas finsteres Geheimnis, ganz logisch: Ich sah unser Au-pair- Mädchen im unterirdischen Kanalsystem der Stadt Ismajil hausen.579 Auch Blazons Erzählung kann dominanzkritisch gelesen werden:580 Zu der Überzeugung gelangt, dass Polina ein Flüchtling sein muss, wollen Joanna und Erik dem Mädchen das Leben so angenehm wie möglich gestalten: Es war aufregend, Polina zu beschützen. Ich fand, es war ein ziemlich gutes Gefühl, einem so armen Mädchen aus der Fremde helfen zu können. [...] „Iss doch“, sagte meine Schwester eifrig. „Ist doch ein tolles Gefühl, keinen Hunger zu haben, nicht wahr?“581 573 Blazon, 2010, S. 33. 574 Ebenda, S. 36. 575 Ebenda, S. 25. 576 Ebenda, S. 47, 40. 577 Ebenda, S. 48. 578 Ebenda. 579 Ebenda, S. 53f. 580 Inwieweit das in der angesprochenen Alterszielgruppe 8–10 Jahre ohne Anleitung gelingen kann, soll hier offen gelassen werden. Auch über die Intention der Autorin, der eines der Au-Pair-Mädchen ihrer Kinder besonders in Erinnerung geblieben war, nicht nur weil es Angst vor der Waschmaschine hatte (Blazon, 2010, vgl. Autorenportrait S. 127), ist mir nichts bekannt. Nina Blazon selbst kam im Alter von zwei Jahren mit ihrer slowenisch-kroatischen Familie nach Deutschland (vgl. Deistler-Kaufmann, 2011, S. 204). 581 Blazon 2010, S. 56. 137 Direkt aus der Steinzeit schien Polina zu den Kindern gereist, nicht einmal Fernsehen kennt sie. Als „Errungenschaft der Zivilisation“ bringen die Geschwister ihr als erstes den Film „Die Menschenfressermumien von Monster Hill“ nahe.582 Sie sind dabei ziemlich nervös, schließlich „wussten wir nicht, wie Eingeborene wie Polina auf einen Film reagierten.“583 Statt sich zu gruseln, lacht sie, womit sie die Kinder gegen sich aufbringt: „So etwas Undankbares!“, wetterte Johanna. Wir waren beide sauer, oh ja. Statt demütig zu sein und dankbar, dass sie nicht mehr im Schlamm hausen musste und hier ein schönes Leben hatte, machte Polina sich über uns lustig! Und nicht nur das! Sie beleidigte auch noch unseren Filmgeschmack. Schlagartig war es mit dem Mitleid vorbei.584 Als eine Schulkameradin der Zwillinge, die einen ukrainischen Nachbarn hat, Polina mit „‚Prywit! Yak mayetes’?‘“ anspricht, und Polina reagiert, als „würde sie Chinesisch reden“, schöpfen die Kinder Verdacht, dass sie doch nicht aus der Ukraine stammen könnte.585 Woher sie kommt, will sie für sich behalten, „das ist ein Gäheimnis“.586 Zweitausend Kilometer ist ihre Heimat entfernt, soviel verrät sie Erik.587 Die Kinder rätseln und versuchen lange, den Herkunftsort zu ermitteln. Polina, so erfahren die Leser_innen auf den letzten Seiten der Erzählung, „stammt auch nicht aus irgendeinem Land, sondern aus dem Wasser! Sie . . . sie ist eine Nixe!“588 Erik begreift, dass Wasser für Polina tatsächlich so selbstverständlich war wie für die Kinder das Leben mit trockener Bettwäsche und Raufasertapete. Er gewinnt die Einsicht, dass es einiges an Mut erfordert (als Nixe) eine Reise in eine fremde Welt zu machen. Er interessiert sich zunehmend für Weltmeere und Wasserwege und nimmt sich vor, irgendwann (vielmehr irgendwie) eine Reise in Polinas Welt zu wagen.589 (Auch) Frau Jovanovic in Martin Auers Ich das machen! sagt Frau Jovanovic (2011), laut Klappentext „Eine Putzfrau für alle Fälle!“, kommt offenbar aus Osteuropa. Woher genau, erfährt man nicht, eine ganze Nacht muss sie mit dem Bus fahren, will sie ihre Tochter Alina wenigstens für ein kurzes Wochenende in ihrer Heimat besuchen. Sie versucht, möglichst jeden Abend mit ihrer Tochter zu skypen oder zu telefonieren. 582 Ebenda, S. 57f. 583 Ebenda, S. 59. 584 Ebenda, S. 61f. 585 Ebenda, S. 86. 586 Ebenda, S. 97. 587 Ebenda, S. 98. 588 Ebenda, S. 112. 589 Ebenda, S. 122f. 138 Abbildung 4.11: Auer/Spengler (Ill.), Ich das machen! sagt Frau Jovanovic (2011) Auf jede noch so schwierige Anforderung im Haushalt ihrer Kunden antwortet sie mit „Ich das machen“, wahlweise mit oder ohne Ausrufezeichen (!).590 Sie befreit Abflüsse mit Backpulver von Verstopfung und putzt damit Silber. Sie rückt eingetrocknetem Kaugummi mit Eiswürfeln, Vaseline und Fleckenputzmittel zu Leibe. Auch Kerzenwachs von Krawatten entfernen kann sie, und Wachsmalstriche von der Wand rubbeln, und Bügeln sowieso. Klebstoff-Flecken weicht sie mit Essig ein. Die Kolibri-Redaktion lobt das Bilderbuch (in der Rubrik Kinderbuch, ab 11 Jahre): Die Geschichte zeigt eine selbstbewusste Migrantin, die weiss, was sie kann, und sich aufs Wesentliche konzentriert, obwohl sie mit Einschränkungen und Zwängen leben muss. Ihr Pragmatismus, ihre Kraft und auch das Know-how hinterlassen dank einfacher, doch vielschichtiger Umsetzung ihrer Geschichte einen nachhaltigen Eindruck. Wer Frau Jovanovic begegnet ist, wird kaum mehr den Fehler machen, jemanden wegen unzureichender Deutschkenntnisse zu unterschätzen.591 590 Das 40-seitige Buch ist nicht paginiert, im Folgenden wird auf Seitenangaben verzichtet, die Textstellen sind leicht aufzufinden. Ich beziehe mich auf die Ausgabe Auer/Spengler 2011. 591 Gadient, 2013, S. 30. 139 Eventuell aber (weiterhin) den, die Möglichkeiten osteuropäischer Frauen in Deutschland, Österreich oder der Schweiz auf ihr Potenzial als Putzfrauen reduziert zu sehen?592 Weniger ‚politisch korrekt‘ als die Kolibri- Redaktion äußert sich ein deutsches Paar in Paradiessucher (2013), dem autobiographischen Roman der tschechischen Autorin Rena Dumont: „Ostblockfrauen [sind] hervorragende Putzfrauen“ ist (auch) deren Erfahrung. Die Romanheldin Lenka, asylsuchend, weiß zwar um die offenbare Beliebtheit der Putzfrauentätigkeit bei Polinnen, zweifelt den Wahrheitsgehalt der Aussage aber trotzdem an: „Im Lager erlebe ich sie durchaus als putzscheu.“593 Wieso ließen sich Ostblockfrauen auf diese schlecht bezahlte Arbeit ein, fragt sich Lenka. Und haben sie „nicht mehr drauf, als bei reichen Familien die Reihenhäuser abzustauben?“594 Paradiessucher: Sprachfallen und deutsche Spießigkeit Paradiessucher (2013) erzählt aus der Ich-Perspektive einer Heranwachsenden vom langsamen Ankommen in einer neuen Heimat. Mit „Willkommen, wir lieben euch“595 fühlen sich Lenka und ihre Mutter, die Ende der 1980er-Jahre „genug [haben] vom bornierten Leben in der böhmischen Kleinstadt“, die sich „endlich nicht mehr wegducken“ und „West-Jeans tragen“ wollen,596 bei ihrer Flucht von deutschen Beamten in Empfang genommen. „Wie Balsam für die Seele klingt die bayerische Begrüßung, die wir zwar nicht verstehen, uns aber sinngemäß [...] übersetzen.“597 Die Ernüchterung tritt schnell ein, als die beiden erst einmal in einem Asylantenheim zwangsuntergebracht werden. Die im Roman beschriebene „verrückte Welt des Asylbewerberheims“598 ist eine hervorragende Fallstudie des Zusammenlebens der Kulturen (unter erschwerten Umständen) und den damit verbundenen Konflikten. Die verschiedensten Sprachen, die Lenka noch nie gehört hat, mischen sich mit ihr bekannten Sprachen wie Jugoslawisch, Russisch, Polnisch oder Slowakisch.599 Zu jeder Nation hält Lenkas Bekannter Jakub mindestens ein Vorurteil bereit: „Die Polen klauen, Afrikaner sind zu fremd, Albaner zu 592 Der Autor Martin Auer stammt aus Wien. Es liegt nicht zuletzt auf Grund der relativ kurzen Busfahrt von Frau Jovanovic in die Heimat nahe, dass der Handlungsort Österreich sein soll. 593 Dumont, 2013, S. 255. 594 Ebenda. 595 Ebenda, S. 78. 596 Ebenda, Klappentext (Buchumschlag vorne). 597 Ebenda, S. 78. 598 Ebenda, Klappentext (Buchumschlag vorne). 599 Ebenda, S. 104. 140 aggressiv, Jugoslawen zu laut, Tschechen zu faul, Russen zu stolz. Alles läuft [für Lenka] irgendwie aufs Selbe heraus.“600 Dass auch die weißen Bewohner des Asylantenheims Königsee keine Deutschen sind, erkennt Lenka bei ihrer Ankunft sofort an „ihre[r] Art des Seins, die sichtbar anders ist.“601 Lenka reflektiert, dass sie und ihre Mutter genauso aussehen: „Wir passen da hin wie Arsch auf Eimer!“602 Plötzlich verschiebt sich die Perspektive, und Lenka nimmt sich und ihre Mutter in dieser „hermetisch abgeschlossene[n], eigene[n] Welt“603 als Teil einer Out-Group wahr.604 Lenka und ihre Mutter wollen aber ‚dazugehören‘. Sie sind „Königinnen der Anpassungsfähigkeit. Das Integrationsbedürfnis verhilft [ihnen] zu Glanzleistungen in dieser Disziplin.“605 Welch zentrale Rolle der Spracherwerb für eine erfolgreiche Integration spielt, arbeitet die Autorin über mehrere Kapitel klar heraus, besonders eindringlich in Es ist an der Zeit, das Wort „Landratsamt“ zu lernen.606 Für Lenka bedeutet der positive Bescheid ihres Asylantrags, mit dem die Erzählung abschließt, letztendlich den Verlust ihrer Muttersprache und ihrer Wurzeln. „[Z]iellos durch die Wirrnis der Fremde“ zu „segeln“ und die Situation zunächst einmal „aushalten“ zu müssen, ist für sie Teil der selbstgewählten Realität. Lenka ist nicht nur in Deutschland angekommen, sondern auch erwachsen geworden.607 Nicht zuletzt Dank dieses Fazits wird der Roman der Forderung Röschs gerecht, nach der wertvolle interkulturelle Literatur das Spannungsverhältnis von Assimilation und Emanzipation reflektiert, Unterschiede aber nicht aufhebt.608 Der Text ist als hervorragendes Exempel einer Mehrfachadressierung zu werten. Das Jugendbuch spricht nicht nur eine minderjährige Zielgruppe an, sondern sollte ähnlich wie Wolfgang Herrndorfs Tschick (2010) jeglicher Generation Lesevergnügen bereiten. Paradiessucher kann sowohl Leser_innen mit Migrationserfahrung als auch einem Publikum ohne den 600 Ebenda, S. 101. 601 Ebenda, S. 102. 602 Ebenda, S. 103. 603 Ebenda, S. 106. 604 Recht einfach erklären Hofstede et al. die Begriffe In- und Out-Group: „In-group refers to what we intuitively feel to be ‚we‘, while out-group refers to ‚they‘. Humans really function in this simple way: we have a persistent need to classify others in either group.“ (Hofstede, Hofstede und Minkow, 2010, S. 16) 605 Dumont, 2013, S. 138. 606 Ebenda, S. 205ff. 607 Ebenda, S. 300. 608 Vgl. Rösch, 2006, S. 102. 141 entsprechenden Hintergrund als Projektionsfläche dienen.609 Auf literarisch anspruchsvolle und unterhaltsame Weise wird ‚den Deutschen‘ der Spiegel vorgehalten. Die „Reflexion der eigenen, vielfach undistanziert gelebten kulturellen Prägungen“, wie sie Wrobel fordert, wird auf hervorragende Weise im Kapitel Abenteuer in Erding angeregt:610 Abbildung 4.12: Rena Dumont, Paradiessucher (2013) Lenka übertritt mit ihrem neuen Freund Chris zusammen unerlaubt die magische Dreißig-Kilometergrenze. In dem Radius darf sie sich ohne Sondergenehmigung vom Asylantenheim wegbewegen. Sie will mit Chris dessen Tante und Onkel in Erding besuchen. Dort angekommen, ist sie enttäuscht von der Welt ihres Idols. Sollte so ein „Spießerparadies“ die Welt sein, auf die sie seit Monaten wartet?611 Den Garten sieht Lenka mit geometrischer Genauigkeit geschnitten, kein Grashalm verunreinigt den Weg.612 Kein Wunder, reflektiert sie, dass das Haus so sauber ist, obwohl keiner die Schuhe auszieht – Gertrud und Jürgen (zwei für sie hochkomplizierte Namen, noch dazu mit „Ü“ als eigener „Sprachfalle[.]“) haben eine Putzfrau. Bei Lenka zu Hause ist es nicht üblich, Putzhilfen zu beschäftigen, selbst wenn man gut verdient, wie ihre Mutter früher.613 Lenka versteht nur Bruchstücke: 609 So auch Tschick, mit den (Anti-)Helden Maik Klingenberg aus ‚gutem Haus‘ und Andrej Tschichatschow „aus einem der Asi-Hochhäuser in Hellersdorf“ (vgl. Herrndorf, 2012, Klappentext). 610 Wrobel, 2013b, S. 49 und Dumont, 2013, S. 253ff. 611 Dumont, 2013, S. 253. 612 Ebenda, S. 254. 613 Ebenda, S. 255. 142 Da ich ausschließlich mit dem Auge wahrnehme, offenbaren sich mir die Gewohnheiten, Launen, Rituale und Sitten unserer Gastgeber wie von selbst. Es ist interessant zu beobachten. Vielleicht liegt das gerade an der Sprachbarriere. Wortspiele, Phrasen und Papierkorbsätze vernebeln nicht meinen Geist. Ein Spürhund bin ich, der die Außenwelt aus einer anderen Perspektive betrachtet. Kleinbürgertum, Spießigkeit, Selbstgerechtigkeit treten deutlich zutage.614 Lenka setzt ihre Beobachtungen in Kontrast zu dem, was sie aus ihrer Heimat kennt. Dabei bewertet sie die tschechische Kultur nicht unbedingt als überlegen oder ‚besser‘: Diese Eigenschaften sind mir nicht unbekannt, weiß Gott, davon kann ich ein Lied singen. Allerdings sind die Tschechen gemäßigte Betonköpfe. In der Tschechoslowakei ist so ziemlich alles legerer. „Was du heute nicht schaffst, machst du morgen“ oder „Wer trinkt, stirbt, und wer nicht trinkt, stirbt auch“ oder „Lass die Zeit verstreichen, warte bis morgen“, „Lass uns erst mal ein Bierchen trinken“, „Schlafe eine Nacht drüber“, „Geh damit schwanger“. Das sind die liebsten Grundsätze der Tschechen. Bloß kein Ehrgeiz! Aber wehe, wenn du gegen den Strom marschierst, dann lynchen sie dich!615 Mit Paradiessucher gelingt, was Wrobel als „Blick auf die eigenen Kultur durch die Augen einer anderen Kultur“ beschreibt. Dieser Blickwinkel fördere eine Wahrnehmungsverschiebung und sei geeignet, interkulturelle Kompetenz in einem umfassenden Sinne aufzubauen.616 Die Verschiebung gewohnter Sicht- und Betrachtungsweisen trage zum sukzessiven Ausbau interkultureller Kompetenz bei, die nunmehr nicht allein als bloße Ausweitung des Wissens um andere Kulturen zu bestimmen ist, sondern eine immer wieder neu zu leistende Befragung der eigenen kulturellen Wurzeln und Ausdrucksformen notwendig beinhaltet.617 Die Romanautorin Rena Dumont aus dem mährischen Städtchen Prostĕjov, ist selbst als 17-Jährige mit ihrer Mutter nach Deutschland geflüchtet. Sie verbrachte acht „abenteuerliche“ Monate im Asylbewerberheim Königssee. Nachdem sie danach vier Jahre in München gelebt hatte, 614 Ebenda, S. 256. 615 Ebenda, S. 256f. 616 Wrobel, 2013b, S. 42. 617 Ebenda, S. 49. 143 zog sie zum Schauspielstudium nach Hannover. Heute spielt sie in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen und schreibt Drehbücher und Kurzgeschichten.618 Paradiessucher sei eine fiktive Geschichte, die sie im Kern so erlebt habe, erfährt man aus der Widmung.619 Herzsteine: Eine Reise nach Ruanda und zu sich selbst Es gibt für den Literaturwissenschaftler Christoph Bode Texte, die „sich anbieten verschlungen zu werden“, und damit so konform mit den Erwartungen der Leser_innen gehen, dass bei diesen ‚nichts passiert‘. Und es gibt Texte, „die mehr oder minder fremd oder merkwürdig daherkommen.“ Der Unterschied läuft für Bode darauf hinaus „ob der Leser in der Lektüre (in welch geringem Maße auch immer) ein anderer wird – oder den Lese- Raum definitiv unverändert verlässt.“ Bode beschreibt damit das Spannungsfeld zwischen Bestätigung und Hinterfragen. Für Bode ist das „der alte Unterschied zwischen formelhafter und stereotyper Trivialliteratur und ‚anspruchsvoller‘ Hochliteratur.“620 Die Bedeutung eines literarischen Textes liegt für Bode in dem Maß, in dem er dazu „anstiftet, verschiedene Sinnkonfigurationen auszuprobieren.“ Die Bedeutung eines Romans ist für ihn „das Ensemble der erzählerischen Verfahren, die er aufwendet, und der Kunstgriffe, die er anwendet, um mich gedanklich-imaginativ zu stimulieren.“621 Ein Text, der mehr oder minder fremd und merkwürdig daherkommt, und die Leser_innen nicht zuletzt durch seinen erzählerischen Aufbau und die Figurenzeichnung herausfordert, ist Hanna Jansens Adoleszenzroman Herzsteine (2012): Der vielschichtige Roman, der um 2011 spielt,622 ist in zwei Teile gegliedert. Teil I Die Insel erzählt vom Umzug der dreiköpfigen Familie von Hamburg nach Sylt. Der Ortswechsel, vom Vater Luk initiiert, ist dadurch motiviert, dass seine traumatisierte und depressive Ehefrau und Mutter von Sam, Felicitas (auch „Fe“ oder später „Inyana“), etwas Ruhe gewinnen soll. Ein Vorfall hat Luk kürzlich besonders erschüttert: Fe war stundenlang 618 Dumont, 2013, Klappentext (Buchumschlag hinten). 619 Die äußerst bewegend erzählte Geschichte der Frau Hejduková, die auf der Flucht ihr Kind verloren hat, hat sich tatsächlich so ereignet, wie die Autorin in ihrer Lesung auf dem internationalen Literaturfest lit.COLOGNE im März 2013 anführt (vgl. Aufzeichnung http://www.youtube.com/watch?v=-vPFaJwqekc bzw. in schlechterer Qualität auf http://www.renadumont.de/ ab ca. Minute 1:25 (zuletzt geprüft am 16.08.2014)). Im Roman vgl. die beiden aufeinanderfolgenden Kapitel Die Nachbarin und Der Horrortrip (Dumont, 2013, S. 265ff, S. 268ff). 620 Bode, 2005, S. 74. 621 Ebenda, S. 95f. 622 Vgl. Jansen, 2012, S. 143. 144 verwirrt in einem Kaufhaus herumgeirrt und hatte sich unter Wühltischen und in Kabinen versteckt. Den Kaufhausdetektiv hatte sie tätlich angegriffen, sodass die Polizei Fe nach Hause gebracht hatte. Ein Urlaub auf Sylt zwei Jahre zuvor hatte der Frau allem Anschein nach gut getan.623 Vom Schicksal der Mutter, die als junge Frau vor dem Völkermord in Ruanda geflüchtet war, erfahren die Leser_innen Stück für Stück durch in serifenloser Schrift gesetzte Einschübe im Text. Diese Einschübe sind Rückblenden Fes, beginnend mit Episoden aus ihrer frühen Kindheit, erzählt aus der Ich-Perspektive und – wie später offenbar wird – in Form einer mündlichen Beichte an ihren Sohn. Erst ziemlich gegen Ende des Romans werden die Einschübe verortet: „Am Ende unseres Weges [..] kam dann eine Beichte. Mum musste sich etwas von der Seele reden, etwas, das sie, glaube ich, am meisten quält“624 (Teil II). Dass es sich bei den Reflexionen Fes um eine Direktansprache an den Sohn handelt, erfährt man schon etwa zur Mitte des Romans, gegen Ende von Teil I: „Du fragst mich, ob ich jemals richtig glücklich war? Ja, Sam, das war ich. Sehr sogar, und zwar, als du zur Welt kamst [...].“625 Für Sam, aus dessen Perspektive der Roman personal erzählt wird, bedeutet der Umzug das Zurücklassen von Freunden und vertrauten Gewohnheiten. Sam, der auf Grund seines ‚exotischen‘ Aussehens nicht nur bei seinen Altersgenossinnen gut ankommt – „[s]chon als Kind war er ein absoluter Frauentyp. ‚Oh, ist der süß! So ein hübscher Junge! Ein kleiner Prinz aus dem Morgenland‘. . . “626 – freundet sich ausgerechnet mit der Außenseiterin Enna an. Sams äußerliche oder kulturelle Hybridität steht in Teil I nicht im Vordergrund der Erzählung. Sie wird auch nicht besonders problematisiert (i.S.v. als etwas Problematisches betrachtet). Im Gegenteil, sein ‚Anderssein‘ ist durchwegs positiv besetzt: Er spricht fließend Englisch, da er mit der Sprache aufgewachsen ist, und ist in Deutsch ein „Naturtalent“.627 Die Farbe seiner Haut, ein heller Bronzeton, „ist die perfekte Mischung“.628 Auch schämt er sich nicht etwa des fremden Aussehens seiner Mutter, im Gegenteil, für ihn ist sie eine außergewöhnlich attraktive und anmutige Frau.629 623 Vgl. ebenda, S. 12f, 42f. 624 Ebenda, S. 179. 625 Ebenda, S. 87. 626 Ebenda, S. 31. 627 Ebenda, S. 32f. 628 Ebenda, S. 9. 629 „Sam weiß, dass seine Mutter auf dem Kopf mühelos eine vollgepackte Einkaufstasche balancieren kann. Weil sie so unwahrscheinlich schön ist, drehen sich die Leute auf 145 Sam und Enna haben eine große Gemeinsamkeit – von der Norm abweichende Mütter. Ennas Mutter ist Heilerin, sie glaubt an die Kraft von Steinen, und dass zu jedem Menschen ein Stein gehöre, und wenn man den fände, begänne etwas Neues.630 Zwei Jahre zuvor hat auch Fe im Watt Steine gesammelt, an dem Tag schien sie wie ausgewechselt.631 „Manchmal hat man’s nicht gerade leicht mit einer Mutter, die so . . . anders ist. Oder? Was sagst du?“ nähert sich Enna Sam an.632 Sam fühlt eine seltsame Vertrautheit zu seiner neuen Freundin, mit der er die zunehmende Entfremdung seiner Mutter zu kompensieren scheint.633 Es entwickelt sich eine Liebesbeziehung zwischen den beiden Jugendlichen. Mit Enna kann Sam offen über seine Familiensituation und darüber, dass deren Heimat für seine Mutter ein Tabuthema ist, sprechen. Der Junge hat es aufgegeben, seine Mutter danach zu fragen. Fe scheint sich auch in alltäglichen Dingen nicht klar zu artikulieren. Sam kann sich nicht erinnern, dass sie jemals gesagt hat, was sie selbst will. Immer nur ein laues Ja oder Ähnliches höre man von ihr.634 Und das, wo sie durchaus interessiert zu sein scheint, sie liest z.B. viel, „[a]uf Englisch, Deutsch, Französisch. Alles mühelos.“ Auch Freunde hat die Mutter keine.635 In einer der Rückblenden wird angedeutet, dass Sams Mutter unter Identitätsstörungen oder sogar einer Persönlichkeitsspaltung leiden könnte. Ihr Taufname ist „Felicitas“, früher hatte „Felicitas Nkulikiyinka“ in ihrem Pass gestanden. Der Name, den sie sich selbst gibt, mit dem sie das „ich“ wahrnimmt, sich selbst spürt, ist „Inyana“. Diese Inyana geht (in) ihr verloren. Als weitere Bezeichnung bekommt Fe als junge Frau einen Stempel in den Pass. Das ist der Name, der aus ihr „eine ‚solche‘“ macht, der Name, der bei dem später eskalierenden ethnischen Konflikt ihr Todesurteil bedeuten kann.636 der Straße nach ihr um. Und wenn Dad sie ansieht, geht ein Licht in seinen Augen an.“ (Ebenda, S. 15) 630 Ebenda, S. 47. 631 Ebenda, S. 42. 632 Ebenda, S. 48. 633 Ebenda, S. 49. 634 Ebenda, S. 57f. 635 Ebenda, S. 58. Die Reflexionen der Mutter machen nicht den Eindruck, sie könne sich nicht präzise ausdrücken. Es fällt im Gegenteil auf, dass die Autorin der Nicht- Muttersprachlerin differenzierte Ausdrücke wie ‚etwas fuchst einen‘ oder ‚maulen‘ (ebenda, S. 18) in den Mund legt. 636 Ebenda, S. 62f. Herzsteine ist nicht auf ein ‚Happy End‘ angelegt, und so gibt Fe in ihrer Reflexion auch ein pessimistisches Bild wieder, was den ethnischen Konflikt in Ruanda angeht: „Als sie begannen, ihren großen Tötungsplan in die Tat umzusetzen, half der Eintrag ihnen, alle, die vernichtet werden sollten, mühelos zu erfassen. Nur ein kurzer Blick in den 146 Als Fe in einer stürmischen Nacht nicht nach Hause zurückkehrt, teilt der Vater Sam mit, was die Mutter 1994 Traumatisches erlebt haben muss. Genaues weiß auch er nicht, er berichtet dem Sohn aber vom „ganze[n] Ausmaß“ des Völkermordes.637 Fe konnte, kurz nachdem das Morden begonnen hatte, nach London fliehen, wo sie als Zimmermädchen in einem Hotel Luk kennenlernte. Auch die Zuneigung von Sams Vater hat sie anscheinend eher passiv angenommen, „‚Sie . . . hat es zugelassen. [...] Sie war allein und brauchte Sicherheit.‘“638 Teil I schließt langsam mit der Rückblende Fes auf Sams Geburt und Hinweisen auf ihren Versuch, das in Ruanda Erlebte zu verdrängen, ab.639 Es folgt noch ein kurzes Gespräch zwischen Sam und Ennas Mutter Helen. Helen hat Fe „bei den Steinen“ entdeckt, wo sie einen etwas verlorenen Eindruck gemacht hatte. Die beiden Frauen haben den Nachmittag und Abend zusammen verbracht. Auf Helen wirkte Fe auf einmal sehr klar. Fe teilt Luk ihren Entschluss mit, alleine nach Ruanda zu reisen.640 Bevor Teil II Ein anderer Kontinent beginnt, präsentiert sich den Leser_innen das neunseitige Segment Transition. Ineinandergewoben sind drei Rückblenden Fes zu ihrer Flucht aus Ruanda (ihr Flug-Transfer nach Brüssel) und eine in zwei Abschnitte unterteilte Beschreibung von Sams und Luks Reise nach Ruanda (auch über Brüssel), die die beiden etwa ein halbes Jahr nach Fes Aufbruch antreten. Fe hatte vor dem ethnischen Konflikt fliehen müssen, ohne sich von ihrer Familie verabschieden zu können. Als sie in die Boing nach Europa stieg, „war unser Land bereits ein Schlachthaus, das in seinem Blut ertrank.“641 Pass und das Todesurteil war gefällt. Heute ist es anders. Der vierte Name ist gelöscht, soll sogar nach Möglichkeit verschwiegen werden. Heute gilt nur noch die Nationalität. So ist es angeordnet von ganz oben. Versöhnung – das versteht sich – inbegriffen. Aber wer, das wird man ja wohl fragen dürfen, soll sich denn mit wem versöhnen? Und wie, ich bitte dich, sollen wir so tun, als wüssten wir nicht, wer wir sind? Es steht zwar nicht in unserem Pass, doch nach allem, was geschehen ist, noch immer auf unsere Stirn geschrieben.“ (Jansen, 2012, S. 63) 637 Jansen, 2012, S. 83f. 638 Ebenda, S. 87. 639 Ebenda, S. 87f. 640 Ebenda, S. 87–90. 641 Ebenda, S. 93. 147 Die Leser_innen können entschlüsseln, dass Fe in Ruanda zu sich selbst, einer gewissen „Inyana“, finden will.642 Fe beschreibt in einer der Rückblenden ihre „Todesangst“, und „Kigalis Straßen [als] übersät mit zerhackten Körpern.“ Fe scheint besonders zu quälen, dass sie im Gegensatz zu ihrer Mutter und ihren Schwestern überleben durfte.643 Das Bild, das sie mit nach Europa nimmt, ist das einer schwer verletzten Frau, die mit leerem Blick „zwischen all den Toten auf dem Boden hockte und ihr Baby stillte. . . “644 Sam wird mit seiner Digitalkamera neue Bilder machen. Seine Erlebnisse soll er in einem Tagebuch für Enna von Sam festhalten. Das Buch schenkt ihm seine Freundin in der Nacht vor der Abreise.645 Von dem ethnischen Konflikt in Ruanda, der schwerpunktmäßig in Teil I von Herzsteine verarbeitet wird, wird von Hanna Jansen, entsprechend der Forderung von Rösch an interkulturell wertvolle Literatur, literarisch und nicht dokumentarisch erzählt.646 Das Thema Völkermord wird in Teil II lediglich bei einem Besuch einer Erinnerungsstätte nochmals explizit aufgegriffen. An dieser Stelle zeigt sich, wie verunsichert der Junge nach ein paar Tagen oder Wochen Aufenthalt in Ruanda ist. In Gisozi,647 einer real existierenden Stätte, wird auch der Opfer des Nationalsozialismus gedacht: „Sam kommt auf die aberwitzige Idee, er sei der Erbe zweier Völkermorde.“648 Sam schreibt für Enna den lyrisch anmutenden Text einer Gedenktafel in sein Tagebuch: Mami Mbarushimana Favourite food: Chips with mayonnaise Enjoyed: Traditional dance Favourite song: The Beauty of Woman Last word: Mum, where can I run to? Cause of death: Shot dead649 Jansen vermittelt den Leser_innen über ihre Erzähltechnik einen persönlichen Bezug zu den Opfern und Hinterbliebenen der Gräueltaten, bzw. deren Geschichte. Sie ergreift an keiner Stelle des Textes Partei oder belehrt 642 Jansen, 2012, S. 92: Rückblende „Inyanas Alptraum kam mit aller Macht in mir hoch.“ Oder früher schon, auf S. 34 „Als ich das erfuhr, hörte Inyana auf zu existieren, gab es kein starkes, wildes Kälbchen mehr.“ Aus Sams Perspektive vgl. S. 95 „Von Ennas Mutter hat er außerdem erfahren, dass Mum auf der Suche nach einer Inyana ist.“ 643 Jansen, 2012, S. 97, 100. 644 Ebenda, S. 97. 645 Ebenda, S. 99, zur Kamera bzw. deren Symbolik vgl. erstmals S. 22, dann S. 110 oder S. 115. 646 Vgl. Rösch, 2006, S. 102. 647 Gisozi Genocide Memorial Center, vgl. Nachwort (Jansen, 2012, S. 195). 648 Jansen, 2012, S. 150. 649 Ebenda, S. 151 vgl. auch Nachwort, S. 195. 148 auf offensichtliche Art und Weise. In ihrem Nachwort teilt sie sich den Leser_innen mit: Ihre persönliche Motivation sei die einer Aufarbeitung der Geschichte, und zwar der Themen, die „unter der Decke schlummer[n] bzw. hinter einer Schweigemauer verborgen bleib[en].“ Ohne eine Aufarbeitung, so ihre These, werde das ‚Unterschwellige‘ von Generation zu Generation übertragen und fände, meist unbewusst, seinen Niederschlag in vielfältigen Zusammenhängen, „prägt möglicherweise die inneren Strukturen einer Gesellschaft und greift in die Psyche von Individuen ein.“ Herzsteine sieht sie als beispielhafte Erzählung für andere „vergleichbare Vorkommnisse“ in der Welt.650 Es gehe ihr ausdrücklich nicht um detaillierte Angaben zu historischen oder realpolitischen Fakten, die hier allerdings zu Grunde lägen. Unterstützt hat sie offenbar mindestens eines der Kinder, denen sie als Kriegswaisen ein neues Zuhause gegeben hat. Was die Schilderung Kigalis (vgl. unten) angeht, betont sie, dass die Schilderungen aus Sicht eines Nachgeborenen erfolgten, der in Europa aufgewachsen und (ähnlich wie Sam) erstmals mit der Geschichte des Landes und seiner Gegenwart konfrontiert war.651 Am Ende des Romans, nach dem Nachwort und einer Danksagung der Autorin u.a. an ihre beiden ruandischen Pflege- oder Adoptivkinder, ist eine 3-seitige Zeittafel zur Geschichte Ruandas von 1898 („Das Königreich Ruanda wird Teil Deutsch-Ostafrikas“) bis 2010 („Paul Kagame gewinnt erneut die Präsidentschaftswahlen. An allen Schulen und Universitäten erfolgt der Unterricht in Englisch statt in Französisch“) abgedruckt.652 Teil II legt seinen Schwerpunkt auf die Verunsicherung Sams angesichts seiner neuen Umgebung und der Rolle und dem Verhalten seiner Mutter in ihrem Heimatland. Sam wird sich hier erstmals seiner Hybridität bewusst, vielmehr wird seine Hautfarbe problematisiert: „Hier rufen sie ‚Bazungu‘ und in Deutschland manchmal ‚Neger‘. Man könnte darüber lachen. Oder weinen. Je nachdem, wie man es nimmt!“653 Was Sam in Kigali beobachtet, korrigiert sein Bild von Afrika: Wenn er es nicht wüsste, käme er wohl kaum auf die Idee, in Afrika zu sein. An den Tischen sitzen Europäer und Asiaten, zwar auch Afrikaner, aber überwiegend Businessleute, die hier offensichtlich ihre Mittagspause machen. Hamburger und Pommes, Pasta, Sandwiches kommen auf den Tisch. Nichts Exotisches, wie Sam erwartet hätte. Auch das, was er bisher von der Stadt gesehen hat, ist völlig anders als 650 Ebenda, S. 193f. 651 Ebenda. 652 Ebenda, S. 199–201. 653 Ebenda, S. 144. 149 erwartet: verspiegelte Bankgebäude, neue Geschäfts- und Bürohochhäuser, in denen sich ebenerdig Reisebüros, Bars und Internetcafés befinden.654 Jansen beschreibt auch die ärmere Gesellschaft im Straßenbild, allerdings weitaus differenzierter, als man es von herkömmlicher Reiseliteratur (à la Doro in. . . ) gewohnt ist: So schreitet ein „zwergenhafte[r] alte[r] Mann im gestreiften Bademantel“, dessen „Haar fast weiß, sein verwittertes Gesicht dagegen schwarz wie die Nacht“ ist, etwa „hoch erhobenen Hauptes durch die Menschenmenge – wie ein König.“655 Sam beobachtet, ordnet aber nicht in Schubladen. So nimmt er sich auch vor, seine Mutter zu fragen, was es zu bedeuten habe, wenn Männer Hand in Hand durch die Straßen spazierten. Er fragt sich, ob das wohl „so üblich“ sei.656 Schwerkriminelle Strafgefangene kleidet man in rosafarbene Uniformen: „Mörder in rosa Schlafanzügen?“ Auch diese Frage ergänzt Sam auf seiner „Liste ungeklärter Einzelheiten, die allmählich immer länger wird.“657 654 Ebenda, S. 110. Ein wunderbares und erfrischendes Beispiel, das Afrika-Bild zu relativieren oder neu zu schaffen, legt Jesko Johannsen mit Simon in Afrika : Band 1 : Die Abreise vor (2013) vor. Der Autor hat das 32-seitige Bilderbuch in Kooperation mit der Illustratorin Viktoria Blomén für seine Kinder geschrieben, die – wie man aus der Widmung und dem Autorenportrait erfährt – „entschlossen und mutig“ mit ihm und seiner Frau nach Afrika gezogen sind. Dass Afrika ein riesiger Kontinent mit 54 Ländern ist, wird einfach aber einprägsam formuliert und visualisiert. Auch Simons Reise geht nach Kigali. Dass in Ruanda „alles anders“ (Johannsen/Blomén Ill., 2013a, S. 10) ist, weiß Simon mittlerweile. Auch, dass „viele Leute“ dort arm sind. Der Landeanflug auf Kigali ist so bebildert, dass sowohl Hochhäuser als auch kleine Häuser und Hütten zu sehen sind. Das Buch ist als Self-Publishing-Projekt entstanden und bei BoD – Books on Demand erhältlich. 655 Jansen, 2012, S. 111. Auch Federica de Cesco bemüht sich in Der Ruf der Elefanten (1999) um eine differenzierte Darstellung der Charaktere – allerdings aus offensichtlich kolonialer Perspektive. Auffällig ist der Kontrast, den sie schafft: Vom Flughafen Nairobi wird Florian, dessen Vorfahren Massai sind, von David abgeholt, „[d]er hatte blondes Strubbelhaar und blaue, fröhliche Augen. Sommersprossen waren über sein ganzes Gesicht verteilt“ (De Cesco, 2005, S. 28). Bei Ankunft im Reservat, wo Florian seine Ferien verbringt, kommt ihm Eliah entgegen: „Ein baumlanger, hagerer Schwarzer humpelte durch den Staub [...]. Sein Gesicht war voller Runzeln, zerfurcht und wie wurmstichig. [...] Eliah zeigte ein paar große, gelbe Zahnhälse und redete kehlig auf mich ein“ (ebenda, S. 35f). Der erste Mensch, mit dem Florian am Flughafen Kontakt hat, ist ein Uniformierter, der „ziemlich ratlos die Mac-Fiebel [Computer-Handbuch]“ besieht und an dem Gastgeschenk (Pralinen) „schnupper[t]“ (ebenda, S. 27). Kulinarisch mehr an ‚Continental Food‘ gewöhnt, ist der Hausangestellte Leo, der auf einem Silbertablett Sandwiches, Orangen-Marmelade und Kuchen serviert. „Der Schwarze hatte ein rundes Gesicht und die weißesten Zähne, die ich je gesehen habe“ (ebenda, S. 39), wird diese Begegnung kommentiert. 656 Jansen, 2012, S. 111. 657 Ebenda, S. 114 150 Wie verstörend die Reise und die Begegnung mit der Mutter in ‚ihrem Umfeld‘ auf Sam wirkt, erschließt sich den Leser_innen über die Tagebucheinträge für Enna, die in Kursivschrift abgesetzt sind. Nicht nur die eher spartanischen Lebensumstände bringen Sam aus dem Gleichgewicht: Zwei Fremde unter Fremden – so war das heute Nachmittag. Und am meisten stört es mich, dass meine eigene Mutter mir so fremd war wie noch nie! Wie soll ich das erklären, Enna? Die Frau von heute Nachmittag – wie sie hier lebt und sich benimmt – ist das krasse Gegenteil von meiner Mutter. Von der Mutter jedenfalls, die ich bisher kannte.658 Sam, so gesteht er seiner Freundin, habe auch keine Vorstellung, was sich hier gehöre und was nicht. Auch der Vater scheint irritiert, geradezu körperlich erschöpft, vor lauter Bemühen, nett zu sein. Und das noch dazu, wo ihn keiner als Ehemann von Fe wahrnimmt.659 Im ‚Gespräch‘ mit einer zahnlosen, kichernden Oma grinst Luk nur zurück und nickt immerzu, „wie so ein Wackeldackel.“660 Über die Tagebucheinträge erfahren die Leser_innen, wie sich Sams Kulturschock entfaltet, und was das Zwiegespräch mit der Mutter zur Abmilderung beitragen kann. Sein Fazit: „Ja, du siehst, hier ist eine andere Welt!“661 Sam reflektiert, dass seine Mutter in ihrem Heimatland, im Kreis ihrer ruandischen Verwandten, ein anderer Mensch zu sein scheint. Sie wirkt viel lebendiger und stärker auf den Jungen. Sam beschreibt in seinen Tagebucheinträgen auch die Vieldeutigkeit der Sprache, die er mit allen Sinnen wahrnimmt.662 Bemerkenswert ist, welchen Spannungsbogen Jansen aufbaut. Ist das ‚Fremde‘ oder ‚Exotische‘ in der herkömmlichen Reise-Literatur663 als Erstes augenfällig, und wird den jugendlichen Held_innen die Welt sonst oftmals in leicht verdaulichen Portionen oder/und in schwarz-weiß erklärt, geschieht in Herzsteine genau das Gegenteil: Die erste Irritation ist die augenfällige Ähnlichkeit zum Umfeld der reflektierenden Person – was unter der Oberfläche (des kulturellen Eisbergs) liegt, wird sukzessive aufgedeckt, aber nicht zweifelsfrei aufgelöst. Diese Irritation oder Spannung müssen die Leser_innen aushalten. Ähnlich wie Lenka in Paradiessucher ist Sam in Herzsteine im Laufe des Geschehens erwachsen(er) geworden. Die letzten fünf Seiten des Romans 658 Ebenda, S. 116f. 659 Ebenda, S. 117. 660 Ebenda, S. 116. 661 Ebenda, S. 126. 662 Vgl. ebenda, S. 134f. 663 Vgl. z.B. die Doro-Bücher von Marie-Thérèse Schins. 151 sind einem Segment mit der Überschrift Departure gewidmet. Sams Eltern beschließen endgültig sich zu trennen, und Luk will zurück nach Hamburg. Sam möchte lieber auf Sylt bei Enna bleiben. Sam kann und will nicht „zurück in [sein] altes Leben.“664 Fe gibt ein sehr vages Versprechen ab, ihren Sohn in Deutschland besuchen zu kommen und bekommt von Sam zum Abschied einen ‚Herzstein‘ geschenkt.665 Enna ist von nun an seine Heimat. Der multiperspektivisch erzählte Roman ist ein gutes Beispiel dafür, wie interkulturelle Themen im Jugendbuch literarisch anspruchsvoll bearbeitet, und wie bestimmte Erzählstrategien den Erkenntnisgewinn fördern können. Hansen gelingt es, die jungen Leser_innen über die Perspektive der Mutter und die Entwicklung der Identifikationsfigur Sam an die Problematik ethnischer Konflikte heranzuführen und die Zielgruppe vielleicht sogar dafür zu interessieren, sich weiterführend mit dem Themenkreis zu beschäftigen. Auf Sams im Klappentext angekündigter Reise zu sich selbst liegt Ruanda, das Heimatland seiner Mutter. Er muss sich einen Teil seiner Geschichte und Kultur schmerzvoll selbst erarbeiten. Dass es ihm gelingt, Unsicherheiten auszuhalten und selbstbewusst und um wertvolle Erfahrungen und Einsichten reicher nach Deutschland zurückzukehren, kann als positive Botschaft an die (jungen) Leser_innen verstanden werden. 664 Jansen, 2012, S. 188. 665 Ebenda, S. 189f. 152

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

In einer globalisierten Welt und multikulturellen Gesellschaften wird interkulturelle Kompetenz immer wichtiger, sodass insbesondere auch die Beschäftigung mit Kinder- und Jugendliteratur – im schulischen Kontext oder in der Freizeit – zunehmend an Bedeutung gewinnt. Doch was genau zeichnet interkulturelle Literatur für eine jüngere Zielgruppe aus? Welche Gesetzmäßigkeiten lassen sich ableiten, wenn man eine entsprechende Schablone auf das aktuelle Buchangebot legt?

Andra Riemhofer schafft eine Orientierungshilfe für die Beurteilung von Kinder- und Jugendliteratur unter interkulturellen Gesichtspunkten auf Basis aktuellster Forschungen und Erkenntnissen der Interkulturellen Literaturdidaktik. Sie analysiert 120 Texte von Autorinnen und Autoren wie Carolin Philipps, Aygen-Sibel Çelik oder Salah Naoura und stellt rund 30 davon detailliert vor. Welche Titel eignen sich besonders für den Schulunterricht oder als Freizeitlektüre, welche weniger?