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3 Rahmenbedingungen: Kinder- und Jugendbuch in Deutschland in:

Andra Riemhofer

Interkulturelle Kinder-und Jugendliteratur in Deutschland, page 37 - 56

Lesen auf eigene Gefahr

2. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4017-1, ISBN online: 978-3-8288-6791-8, https://doi.org/10.5771/9783828867918-37

Tectum, Baden-Baden
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3 Rahmenbedingungen: Kinder- und Jugendbuch in Deutschland Zum ersten Mal, bemerkten Kritiker, hatten kanadische Kinder sozusagen eine Stimme bekommen. Und diese Stimme war nicht nur authentisch, sondern sie war – und ist – auch ausgesprochen laut. Caspak/Lanois, Die Kurzhosengang Um einen reliablen Überblick über das aktuelle Angebot an interkultureller KJL zu schaffen, der über eine reine Stichwortsammlung hinausgeht, bietet sich als Methode die Diskursanalyse in Anlehnung an Foucault an. Es ist außerdem lohnenswert, sich in die Diskurslinguistik einzuarbeiten. Die Diskurslinguistik untersucht transtextuelle Sprachstrukturen. Über solche Untersuchungen können Rückschlüsse darauf gezogen werden, welche Themen in einem bestimmten Zeitraum besonders relevant waren (genauer: häufig öffentlich besprochen wurden), welche Sichtweisen auf bestimmte Fragestellungen diskutiert wurden (genauer: öffentlich gemacht wurden), welches Weltbild somit vorherrscht(e) und wie (umstrittene) Begriffe besetzt waren.129 Eine diskurslinguistische Perspektive würde sich demnach 129 Martin Wengeler, der Linguistik als Kulturwissenschaft betreibt und in seiner Arbeit Topos und Diskurs (Wengeler 2003) eine argumentationsanalytische Methode und ihre Anwendung auf den Migrationsdiskurs (1960–1985) begründet hat, konstatiert: „Das Eingebundensein in Handlungsmuster, die von der sozialen Gemeinschaft (vor)gegeben sind, bedingt, dass Bedeutungskonstruktion in kommunikativen Akten sich nicht allein aus den verwendeten sprachlichen Zeichen ergibt und rekonstruieren lässt, sondern dass kollektives Weltwissen, sprachliche, kommunikative und soziale Konventionen in die sprachliche Handlung einfließen und zu berücksichtigen sind. Bei der Rekonstruktion vergangener kommunikativer Akte muss und kann demnach das gesellschaftliche Wissen offen gelegt werden. [...] Jede Sprachhandlung ist gleichzeitig Produkt und Produzent gesellschaftlichen Wissens. [...] Die Analyse von Sprachhandlungen in einem gegebenen Zeitraum unter Berücksichtigung der für die Handelnden zu beachtenden Voraussetzungen erlaubt daher Rückschlüsse auf die Wirklichkeitssicht, das Wissen, die Mentalität der Handelnden.“ (Wengeler, 2013, S. 151) 37 nicht einfach damit zufrieden geben, das Wort „Neger“ (politisch-korrektpragmatisch) aus Kinderbüchern zu streichen, sondern interessiert sich vielmehr dafür, wie das Verständnis des Begriffs sich entwickelt (hat), und welche Akteure hier in welcher Form mitwirk(t)en. Um diese Akteure geht es in diesem Kapitel schwerpunktmäßig. Die Diskurslinguistik kann z.B. hilfreich sein, um Aspekte des Migrationsdiskurses zu untersuchen. Wie oft taucht(e) z.B. der Begriff „Kopftuch“/tauch(t)en Wortbildungen mit dem Morphem {Kopftuch} wie {Kopftuch}mädchen, {Kopftuch}trägerin, {Kopftuch}mode. . . in einem definierten Untersuchungszeitraum in bestimmten Medien auf? Dabei ist nicht nur von Printmedien (z.B. Veröffentlichungen in DER SPIE- GEL) die Rede, sondern auch Online-Angebote (wie bild.de) oder (regelmäßig ausgestrahlte) TV-Sendungen (z.B. Günther Jauch : Polittalk aus dem Berliner Gasometer, ARD) könnten Untersuchungsgegenstand sein: Welche Diskurspositionen und Argumentationsmuster (Topoi) können regelmäßig beobachtet werden? Welche Metaphern (oder auch Symbole) werden wie benutzt? Was wird unter dem Begriff „Kopftuch“ verstanden und was evoziert er (was löst er aus, welche vielleicht auch emotionalen Reaktionen sind damit verbunden)? Die Methodologie der Diskurslinguistik integriert dabei – und das sei an dieser Stelle herauszustellen – sprach- und wissensbezogene Analysen und „bestimmt andererseits die Akteure als zentrale Diskursdimension.“130 Akteure in diesem Sinne wären z.B. die Organe ARD, DER SPIEGEL oder – um zum Themenkreis KJL zurückzukehren – die Institution(en) (Kinderbuch-)Verlag(e). Einige Beispiele aus meiner Stichprobe: 1999 veröffentlichte der C. Bertelsmann Jugendbuchverlag erstmals den Roman Wohin ich gehöre von Maria Regina Kaiser. Die Erzählung handelt von Gülten, einer 16-jährigen Deutsch-Türkin, die nach einem Türkeiurlaub beschließt, von nun an ein Kopftuch zu tragen.131 Das Buch ist Ausdruck eines Zerrissenheitsdiskurses und avancierte 2013 bei Hase und Igel zur Schullektüre. Ueberreuter lässt 2007 Aygen-Sibel Çelik mit einem „Plädoyer für einen vorurteilsfreien, selbstbewussten Umgang mit dem Thema Glauben!“ zu Wort kommen, und veröffentlicht mit Seidenhaar die Geschichte von Canan und Sinem, zwei jungen Türkinnen: „Canan trägt aus Überzeugung ein Kopftuch, Sinem trägt aus Überzeugung keins.“132 Im gleichen Jahr erscheint bei Loewe Jana Freys Ich, die Andere. Die Mutter der sich zerrissen fühlenden und von ihrem Bruder terrorisierten Kelebek beginnt eines Tages „sich vor den 130 Spitzmüller/Warnke, 2011, S. 136. 131 Vgl. Kaiser, 2002, Klappentext. 132 Çelik, 2007, Klappentext. 38 Menschen außerhalb zu verhüllen“, von nun an ging sie „nie mehr ohne ihr Kopftuch aus dem Haus. Sie betete viel. Sie wollte weitere Kinder.“ Kelebek juckt dagegen die Haut unter dem Kopftuch.133 Mit Sarrazin u.a. könnte man sagen ein „Kopftuchmädchen“ will dem „Gefängnis seiner Kultur“ entfliehen.134 Ellen Alpsten veröffentlichte 2012, scheinbar von Betty Mahmoody inspiriert, bei Coppenrath den genrehaften Mädchenroman Halva, meine Süße. Insgesamt fünfmal wird innerhalb der ersten 14 Seiten das Wort „Kopftuch“ (eng gewickelt), Hijab oder Tuch genannt.135 Im gleichen Jahr veröffentlichte Çelik, wieder bei Ueberreuter, eine Art Fortsetzung zu Seidenhaar, nämlich Seidenweg: Sinem hat „diese Debatten, über sie und ihresgleichen, manchmal Hetze“ satt, und denkt darüber nach, Deutschland den Rücken zu kehren. „Wie groß ist die Gefahr, dass in zwanzig, dreißig oder vielleicht fünfzig Jahren die meisten Frauen in Deutschland mit Kopftuch herumlaufen“, lässt Çelik eine Talkshow-Moderatorin fragen.136 Der aktuellste Text meiner Sammlung, Djihad Paradise (2013) von Anna Kuschnarowa bei Beltz & Gelberg lässt zwei vom Leben enttäuschte Jugendliche, die bürgerliche Romea und den in prekären Verhältnissen lebenden Julian, zum Islam übertreten. Romea muss sich von nun an als „Kopftuchschlampe“ bezeichnen lassen und Julians Sprenggürtel entzündet sich trotz seines „Scheiß auf den Djihad, scheiß auf das Paradies. Das Leben ist jetzt“-Entschlusses.137 Die Diskurslinguistik analysiert intratextuelle Phänomene und systematisiert sie als diskurssemantische Grundfiguren. Damit wird sichtbar gemacht, wie Texte verschränkt sind.138 Man würde – wie eben lediglich skizziert – also untersuchen, ob sich z.B. bestimmte Wortbildungen häufen (und etablieren) oder (argumentative) Grundstrukturen (über den Zeitverlauf) entstehen bzw. modifiziert werden. Dabei steht nicht die Intention der Aussage im Vordergrund, sondern vielmehr wird nach beabsichtigten und nicht beabsichtigten Effekten der Übereinstimmung, die implizit erfolgen, 133 Vgl. Frey, 2010, S. 22f, 49. 134 Zu dem diskriminierenden Begriff „Kopftuchmädchen“ vgl. das in den Medien entsprechend Widerhall gefundene Interview im Lettre International aus dem Herbst 2009: „Integration ist eine Leistung dessen, der sich integriert. [...] Ich muß niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“ (Berberich/Sarrazin, 2009, S. 199) 135 Alpsten, 2012, S. 8, 19, 20. 136 Çelik, 2012, Klappentext, S. 55. 137 Kuschnarowa, 2013, S. 412. 138 Spitzmüller/Warnke, 2011, S. 191. Die Autoren verwenden auch den Begriff „Diskurskohärenz“. 39 geforscht.139 D.h., es wird nicht vordergründig der Frage nachgegangen, mit welcher Intention z.B. ein_e Autor_in sich durch die Verwendung einer Referenz auf einen Prätext (Zitat oder Anspielung) eine mögliche Wirkung (auf Basis geteilten Wissens) bei den Leser_innen vorgestellt hat, sondern danach, welche Muster erkennbar sind, die gewollt oder ungewollt (i.S.v. beabsichtigt oder unbeabsichtigt) auftreten. Damit ist die Sichtweise ähnlich wie die der kulturgeschichtlichen Narratologie, deren „Grundfrage und Kernproblem“ nach Astrid Erll und Simone Roggendorf die „Frage nach der Verwobenheit von Kultur und Literatur, genauer von kollektiver Erfahrungswirklichkeit und literarischen Formen“ ist.140 Durch literarische Texte können Erfahrungswirklichkeiten artikuliert und exemplarisch restrukturiert werden. Nicht zuletzt dadurch, so Erll/Roggendorf, üben literarische Texte einen „bedeutenden Einfluß auf die symbolischen Sinnwelten einer Kultur“ aus.141 Dabei nimmt Literatur für Erll eine Sonderstellung ein: Literatur als Medium des kollektiven Gedächtnisses ist mit „bestimmten Privilegien und Restriktionen ausgestattet, aus denen ihr spezifisches Leistungsvermögen in der Erinnerungskultur resultiert.“142 Dazu zählt das Potenzial der Verbindung von Realem und Imaginärem, das Grenzüberschreitungen ermöglicht. Durch eine Verbindung von Realem und Imaginärem „werden kulturelle Wahrnehmungsweisen in der Fiktion neu strukturiert.“143 Literarische Werke können außerdem „die Diskursvielfalt einer Erinnerungskultur anklingen lassen“ und sind Medium für „[h]ochkomplexe und damit zumeist auch ambige Vergangenheitsdarstellungen [...].“144 Literarische Texte bieten damit „Deutungsmöglichkeiten kollektiver Vergangenheit und entfalten eine Reihe von – teils affirmativen, teils subversiven – Wirkungspotenzialen.“145 Dass, wie Erll konstatiert, es jedoch „Sache der Leserschaft und damit auch leitender gesellschaftlicher Institutionen“ ist, diese „zu forcieren oder einzudämmen“146 muss bei der Analyse des Textkorpus immer mitgedacht werden: Die kollektive Rezeption, so Erll, kann „stark von gesellschaftlichen Institutionen gelenkt werden. Spezifika des Literatursystems, wie Veröffentlichungs- und Marketingstrategien, spielen 139 Ebenda. 140 Erll/Roggendorf, 2002, S. 79. 141 Ebenda, S. 80. 142 Erll, 2011, S. 174 143 Ebenda, S. 177. 144 Ebenda, S. 178. 145 Ebenda, S. 183f. 146 Ebenda, S. 184. 40 dabei eine wichtige Rolle.“147 Diese Rahmenbedingungen für die KJL werden in diesem Kapitel skizziert. Zurück zur Diskurs-Linguistik: Das Taschenbuch Singen können die alle! Handbuch für Negerfreunde (2013) des Schauspielers und Kabarettisten Markus Jung, der sich dort im Übrigen wohlwollend zu Jim Knopf äußert, würde nach Spitzmüller/Warnke als Medium verstanden, als ein „Hilfsmittel zur Herstellung, Übertragung, Versinnlichung oder Speicherung von Zeichen“. So verstanden steuern Medien „Zugänge zum Diskurs, so dass sie als Akteure wirken.“148 Singen können die alle! materialisiert eine Position im (Stand 2013 besonders) aktuellen Diskurs. Kinderbuchverlage wie Thienemann machten sich Anfang 2013 verstärkt daran, das „N-Wort“ aus ihren Büchern zu streichen.149 Der Carlsen-Verlag und sein Autor prägen als Akteure den Diskurs, von dem sie wiederum beeinflusst sind. Verlag und Autor haben mit Veröffentlichung des Textes eine sog. Diskurshandlung vollbracht. Diskurshandlungen filtern nach Spitzmüller/Warnke, welche Aussagen in einen Diskurs eingehen.150 Sprich: Der Verlag hätte das Manuskript auch ablehnen können.151 Carlsen hat es möglich gemacht, dass Marius Jung sich in dieser Form öffentlich äußern konnte, und hat somit auch selbst ‚Position bezogen‘.152 147 Ebenda, S. 183. 148 Spitzmüller/Warnke, 2011, S. 183f. 149 Vgl. z.B. http://www.boersenblatt.net/590248/ (zuletzt geprüft am 16.08.2014). Der Carlsen-Verlag als klassischer Kinderbuchverlag kündigte Singen können die alle! (Release: December 2013) zur Frankfurter Buchmesse 2013 im Rahmen seines Foreign Rights Catalogues in der Rubrik „Humor“ an mit „Based on personal experiences and full of wit. Marius Jung skillfully and humourously questions common prejudices on skin colour“ (CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg, 2013, S. 38). Da es sich bei Singen können die alle! nicht um eine Erzählung handelt und das Buch (wie auch die beiden anderen dort angekündigten Titel Irgendwas mit Menschen und Allein unter Supermamis : Mein Leben als Mutter) auch nicht wie ein klassisches Kinder- und Jugendbuch anmutet, wurde der Titel im Rahmen der Arbeit nicht (intratextuell) untersucht. 150 Spitzmüller/Warnke, 2011, S. 173. 151 Vielleicht ist der Titel aber auch als Projekt entstanden. 152 Leicht vorstellbar, wie im später beschriebenen Eingangslektorat (Kapitel 3.2.2) bei dem Wort „Neger“ entsetzt oder peinlich berührt fast reflexartig die Delete-Taste gedrückt, ein Rückumschlag frankiert oder der Aktenvernichter aktiviert würde. Jung, in einem Interview der Jungle World zu seiner Position in der Diskussion um den Begriff „Neger“ im Kinderbuch befragt, erklärt kurz und prägnant, was Diskurslinguistiker untersuchen und begründen würden: „Ein Wort an sich ist nicht böse, sondern der, der es benutzt und mit einer entsprechenden Bedeutung belegt. Das Wort ‚Neger‘ ist einfach der vergiftete Apfel. Deswegen sind Äpfel nicht grundsätzlich etwas Schlechtes, sondern dieser Apfel ist vergiftet, und deshalb sollte man das Wort heute nicht 41 Welche Möglichkeitsbedingungen in den Akteursfeldern (einfacher: Spielregeln) bei der intra- und intertextuellen Untersuchung des Textkorpus mitgedacht werden müssen, wird im Folgenden dargestellt.153 Dabei interessiert auch, welche sozialen Schichten in welcher Form am Diskurs teilnehmen, denn „[s]ozial ‚unmarkierte‘ Diskursdaten gibt es [..] nicht.“154 Welche sozialen Schichten, Einkommensgruppen, Bildungsschichten etc. Zugang zum Kinder- und Jugendbuch haben und somit am Diskurs teilnehmen, wird kurz skizziert. Ebenso wird herausgestellt, dass es eben nicht nur (besonders) junge Leser_innen sind, die in der Rezipientenrolle zu sehen sind. 3.1 Das Kinder- und Jugendbuch in Zahlen Das zentrale Organ für Verlage, Buchhändler, Antiquare, Zwischenbuchhändler (auch Grossisten, Barsortimenter oder Verlagsauslieferungen genannt) sowie Verlagsvertreter_innen ist der Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Der berufsständische Verband wurde 1825 in Leipzig gegründet. Die Neugründung für die BRD erfolgte 1948 in Frankfurt am Main. mehr benutzen“ (Niewendick Interview/Jung, 2014, S. 20). Jung geht es um die „Haltung“, die hinter der Nutzung eines Begriffs steckt. Er selbst wird – weil nicht immer verstanden und auf Grund dessen entsprechend kritisiert – mittlerweile von einigen ironisch als „der Rassist“ bezeichnet (ebenda). 153 Zum Begriff „Akteursfelder“ (Ebene der Akteure): Spitzmüller/Warnke haben mit dem sog. DIMEAN-Modell ein methodologisches Integrationsmodell geschaffen, das „Orientierungen [sic] im Diskurs ermöglicht.“ Das Modell verstehen die Autoren als Synthese für „‚mixed methodologies‘ als Voraussetzung einer empirischen Sprachwissenschaft der transtextuellen Ebene“ (Spitzmüller/Warnke, 2011, S. 199f). DIMEAN steht für Diskurslinguistische-Mehr-Ebenen-Analyse (ebenda, S. 197f). Eine transtextuelle Sprachanalyse beginnt für die Autoren sinnvollerweise immer mit der Bearbeitung der intratextuellen Ebene, d.h. der Textanalyse, wobei Text verstanden werden kann als „eine Vielheit von Aussagen mit syntaktisch-semantischen Bezügen und einem/mehreren thematischen Zentrum/Zentren in einer formalen oder situationellen Rahmung“ (ebenda, S. 137), wie z.B. Zeitungsartikel, Bücher, Graffiti, Plakate oder auch Gespräche. Die transtextuelle Ebene (Intertextualität, Historizität u.a.) kann nur dann sinnvoll bearbeitet werden, wenn Aussagen (auf der intratextuellen Ebene) herausgearbeitet wurden. Das Autoren-Duo beschreibt einen iterativen Prozess und visualisiert als Bindeglied zwischen intra- und transtextueller Ebene die Ebene der Akteure (auch: Akteursfelder) mit Interaktionsrollen (Produzenten-, Rezipientenrollen etc.), Diskurspositionen (Stichworte: Ideology brokers, Voice, etc.) und Medialität (Medium, Handlungsmuster, Kommunikationsformen etc.) (ebenda, als Übersichtstabelle vgl. S. 201). Die Autoren betonen wiederholt, dass sie das Modell nicht als finale ‚To-do-Liste‘ begreifen, sondern vielmehr den Bedarf sehen, die Methodologie interdisziplinär zu verfeinern/erweitern. 154 Spitzmüller/Warnke, 2011, S. 182. 42 1991 fusionierten die beiden Börsenvereine Frankfurt am Main und Leipzig. Der Börsenverein, für den Bücher „unverzichtbar für die Entwicklung unserer Gesellschaft und deren Ideale“ sind, veranstaltet die Frankfurter Buchmesse, verleiht den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und engagiert sich in der Leseförderung. Der Deutsche Buchpreis wird von der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung vergeben.155 Die Frankfurter Buchmesse findet alljährlich im Oktober statt, und ist mit zuletzt 7.275 Ausstellern aus 102 Nationen und 631 Literaturagent_innen das weltgrößte Branchenevent. 275.342 Besucher_innen waren 2013 auf dem Messegelände unterwegs.156 Neben dem Branchenmagazin Börsenblatt gibt der Verein u.a. regelmä- ßig Marktstudien heraus, die für diese Arbeit eine wertvolle Quelle darstellen. Ergänzend oder alternativ informiert sich die Branche wöchentlich im buchreport aus dem Harenberg Verlag. Der Börsenverein hat 2007 und 2010 in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Konsumforschung GfK und Sinus Sociovision umfassende Studien zum Marktpotenzial von Kinder- und Jugendbüchern, zu Käuferstrukturen und Präferenzen unterschiedlicher Lebenswelten durchgeführt und herausgegeben. In einer dritten Studie (2013) hat man auf eine milieuspezifische Betrachtung verzichtet, da – so ist in der Einführung zu lesen – durch die Veränderung der Sinus-Milieus eine direkte Vergleichbarkeit nicht mehr gegeben gewesen wäre.157 Unterstützt wurden die Projekte jeweils von der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen e.V. (avj). Kinder- und Jugendbücher sind nach den Ergebnissen der 2007er-Studie eine bedeutende und die Zukunft sichernde Sparte im Buchmarkt. Ökonomisch hat das derzeit drittgrößte Segment einen relevanten Anteil am Gesamtumsatz der Branche.158 Kinder- und Jugendbücher stünden – mehr noch als die Genres der Erwachsenenliteratur – vor der Herausforderung 155 Vgl. Mundhenke/Teuber, 2002, S. 566, oder die Website des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels: http://www.boersenverein.de/ (zuletzt geprüft am 16.08.2014) 156 Vgl. http://www.book-fair.com/images/fbm/dokumente-ua-pdfs/2014/facts_and_ figures_2013_de_43802.pdf (zuletzt geprüft am 16.08.2014). Die Leipziger Buchmesse, die jährlich im März stattfindet, wird als „Fest des Lesens“ gefeiert. 2014 konnten 2.194 Aussteller aus 42 Ländern sowie rund 175.000 Messebesucher verzeichnet werden (http://www.leipziger-buchmesse.de/ (Abruf am 27.04.2014)). Veranstalter ist die Leipziger Messe GmbH. 157 Lippman, Müller, Oldendorf, Zinner und Hofman, 2013, S. 4. Den Grad der Veränderung der Sinus-Milieus nachzuvollziehen, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Wo es angebracht erscheint, werden ungeachtet eventueller Veränderungen Erkenntnisse aus der 2007er-Studie zitiert. 158 Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., 2013, S. 81: 9,8 % aller Erstauflagen waren in 2012 der Sachgruppe Kinder- und Jugendbuch zuzuordnen. 43 „die Befindlichkeiten, Bedürfnisse und Sehnsüchte ihrer Leser genau zu treffen und anzusprechen.“ Das hinge zum einen mit den in Deutschland sinkenden Kinderzahlen sowie mit der entwicklungspsychologisch sensiblen Lebensphase von Kindern und Jugendlichen zusammen. Zum anderen nähmen gesellschaftliche Trends, die sich markant in spezifischen Jugendkulturen manifestierten, Einfluss.159 3.1.1 Die Reichweite von Kinder- und Jugendbüchern Ein Anteil von 20,6% der deutschen Wohnbevölkerung in Privathaushalten ab 10 Jahren hat 2006 nach Ergebnissen der 2007er-Studie Kinder- und Jugendbücher gekauft. Das entspricht bei einem Bevölkerungspotenzial von ca. 64 Millionen etwa 13,2 Millionen Menschen.160 Der Langzeitvergleich zeigt einen stetigen Anstieg der Käuferzahlen (2012: 14,3 Mio.), jedoch beklagt der Buchhandel Umsatzrückgänge (Umsatz 2013: 573,4 Mio. Euro; Vorjahr: 580,5 Mio. Euro), da zunehmend weniger Bücher (4,8 pro Käufer_in 2012) gekauft werden.161 Besonders interessant scheint im Kontext dieser Arbeit, dass Kaufentscheidungen in hohem Maße nicht von den unmittelbaren Nutznießern der Verlagsprodukte getroffen werden. Die Hauptkäufer_innen von Kinder- und Jugendbüchern sind Erwachsene: 93% der abgesetzten Bücher wurden 2006 von Personen über 20 Jahren gekauft, ca. zwei Drittel des Absatzes erfolgt (immer noch) über Mädchen und Frauen, auch wenn ein langsamer Zuwachs der männlichen Käuferschaft festzustellen ist. Was Anteile nach Altersgruppen angeht, stellt der Börsenverein eine langsame Verschiebung hin zu der jüngsten im Rahmen der Untersuchungen betrachteten Zielgruppe fest: Der Anteil der 10 bis 19-jährigen Käufer_innen ist 2012 mit einem Wert von 15% stark angestiegen. Immer mehr Kinder und Jugendliche treffen – so schlussfolgern die Autoren_innen der Studie – ihre Kaufentscheidungen selbst, statt sich Bücher von Eltern und Großeltern kaufen zu lassen.162 Die Studie belegt einen engen Zusammenhang von Kinder- und Jugendbuchkäufen mit dem Einkommen: Je höher das Haushaltsnettoeinkommen, umso höher ist der Anteil an KJL-Käufer_innen in der Bevölkerung. In der Einkommensgruppe über 3.000 Euro beträgt die Reichweite nach Studienergebnissen 24,2%. Der größte Anteil an Kinder- und Jugendbüchern 159 Wippermann/Wippermann, 2007, S. 3. 160 Ebenda, S. 6. 161 Lippman et al., 2013, S. 9, Hauck, 2014, S. 17. 162 Lippman et al., 2013, S. 13. 44 werde vom „ohnehin buchaffinen“ Sinus-Milieu der Postmateriellen163 gekauft. Das sei insofern von strategischer Bedeutung, da dieses Milieu hohes Potenzial (10% Bevölkerungsanteil = 6,6 Mio.) und „in der Gesellschaft eine Leitbildfunktion“ habe, vor allem für das in der Gesellschaft größte Milieu der sog. Bürgerlichen Mitte. Für dieses Milieu164 stehe das Kind als Statussymbol an erster Stelle. Man investiere sehr viel persönliche Zeit und Geld in eine gute Bildung der Kinder. Bücher seien hierbei „symbolisches und materielles Investitionsgut“.165 Die Studie stellt heraus, dass Traditionsverwurzelte,166 die selbst nur wenige Bücher lesen und tendenziell bildungsfern sind, in Bezug auf Kinder- und Jugendbücher eine deutlich überdurchschnittliche Reichweite haben (24,2%). Erklärt wird das mit der Einstellung, dass Bildung für die eigenen Kinder und Enkelkinder unabdingbar sei und dass man versuche, diese im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten zu unterstützen.167 Bücher als „heimliche Erzieher“ (um die kritische Reflexion von Richter/Vogt aus dem Jahr 1973 wieder aufzugreifen) scheinen also nach wie vor hohe Relevanz in unserer Gesellschaft zu haben. 2013 wurde im Segment Kinder- und Jugendbuch der größte Anteil an Umsätzen mit Kinderbüchern bis 11 Jahre (27,8% mit einem Plus von 5,4% zum Vorjahr) und mit Jugendbüchern ab 12 Jahre gemacht (24,7% mit einem Minus von 5,8% zu 2012). Der Anteil an Sach- und Sachbilderbüchern, der 2006 noch bei etwa 17% lag, ging inzwischen zurück auf 9,4% (2012 waren es immerhin noch knapp 14%). Mit Bilderbüchern werden 18,7% der Umsätze generiert.168 Meine Untersuchung konzentriert sich auf die ersten beiden der o.g. Segmente, das Kinderbuch bis 11 Jahre und das Jugendbuch ab 12 Jahre. Meine Sichtweise auf Literatur, „die (mehr oder weniger ausschließlich) für Kinder bzw. Jugendliche produziert ist, von diesen (aber nicht nur von diesen) Gruppen rezipiert wird und aus deren Perspektive auf die Welt 163 „Das aufgeklärte Nach-68er-Milieu: Liberale Grundhaltung, postmaterielle Werte und intellektuelle Interessen“, vgl. Wippermann/Wippermann, 2007, S. 5. 164 „Der statusorientierte moderne Mainstream: Streben nach beruflicher und sozialer Etablierung, nach gesicherten und harmonischen Verhältnissen“, vgl. ebenda, S. 5. 165 Ebenda, S. 9. 166 „Die Sicherheit und Ordnung liebende Kriegsgeneration: verwurzelt in der kleinbürgerlichen Welt bzw. in der traditionellen Arbeiterkultur“, vgl. ebenda, S. 5. 167 Eine ähnliche Korrelation zeigt sich in Bezug auf das Bildungsniveau der Käufer_innen: 7% der Grundgesamtheit haben einen Hochschulabschluss und tätigen 31 Prozent des Gesamtabsatzes von Kinder- und Jugendbüchern. Für 13% des Absatzes sind die 42% der Grundgesamtheit mit Volksschul- bzw. Hauptschulabschluss verantwortlich (ebenda, S. 15). 168 Die Zahlen stammen von media control c© GfK International, vgl. Hauck, 2014, S. 16. 45 blickt“,169 geht auch konform mit einer zunehmenden Unschärfe, was die Abgrenzung der KJL zur sog. Erwachsenenliteratur angeht: Anhand des Zahlenmaterials aus 2006 wird von den Autor_innen der 2007er-Studie abgeleitet, dass sich ein „Trend zur Jugend(buch)kultur“ zeige. Die scharfen Grenzen zwischen Jugendbuch und Erwachsenenliteratur schwänden und manches Jugendbuch werde zum Crossover-Titel.170 3.1.2 Anlässe und Auswahlkriterien für Buchkäufe 69% aller gekauften Kinder- und Jugendbücher waren 2012 Geschenke entweder zu einem bestimmten Anlass oder als „Mitbringsel“ (2006: 72%). 15% aller Käufer_innen haben 2006 das (zuletzt gekaufte) Buch zum Selbstlesen erworben. Darunter sind Kinder (ab 10 Jahren) und ein „erheblicher Teil“ Erwachsener. Wenig erstaunlich ob des Befundes einer Zunahme jüngerer Käufer_innen: 2012 wurden 25% aller KJL-Käufe für den Eigenbedarf getätigt.171 10% der Kinder- und Jugendbücher wurden 2006 zum Vorlesen erworben, 5% als Belohnung für eine bestimmte Leistung (z.B. im Sport) und nur 2% als Pflichtliteratur in der Schule. 2012 fragte man danach, wie häufig Bücher zu bestimmten Zwecken gekauft würden: Mit „sehr häufig“ oder „häufig“ haben 21% der Befragten beim Punkt „Pflichtliteratur für die Schule“ geantwortet. Schullektüre spielt also anscheinend in der Wahrnehmung der Gesamtgruppe Buchkäufer_innen keine außergewöhnlich große Rolle. Allerdings gaben 38% der 10 bis 12-Jährigen und 43% der 15 bis 19-Jährigen an, häufig oder sehr häufig Schullektüre zu kaufen.172 Von Bedeutung erscheint mir dieser Punkt deshalb, weil sich somit ein Anhaltspunkt dafür bietet, in welchem Maße Kinder und Jugendliche Bücher institutionell bedingt konsumieren. Dass die Gruppe der 15 bis 19- Jährigen bei der Beantwortung der Frage Kinder- und Jugendbücher von anderer (Schul-)Literatur immer sauber abgrenzen konnte, darf zumindest angezweifelt werden. 169 Rösch, 2000a, S. 38. Vgl. auch in dieser Arbeit Kapitel 2.3. 170 Wippermann/Wippermann, 2007, S. 22. Umsatz machen Verlage und Buchhandlungen im Übrigen immer häufiger auch mit sog. „Sonstigen Waren“. Vgl. auch Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. 2013, Tendenz aktuell etwas rückläufig. Zu den in 2013 acht „Greg“-Titeln auf der Top 10-Liste der meistverkauften Jugendbücher ab 12 Jahren von Baumhaus Medien werden neben Brotdosen und Tassen auch „so abgefahrene Produkte wie Zungen-Tattoos“ vertrieben (vgl. o.V., 2014 S. 22). 171 Lippman et al., 2013, S. 27. 172 Ebenda, S. 32. 46 Was die Auswahl der KJL angeht, war für die Käufer_innen über alle Altersgruppen hinweg 2006 das Thema am wichtigsten.173 Ein Buch konnte nach den Ergebnissen der 2007er-Untersuchung „noch so hochwertig gestaltet und liebevoll illustriert sein – wenn das Thema für die Zielgruppe nicht interessant wirkt und nicht ansprechend präsentiert bzw. kommuniziert wird, ist ein Kauf unwahrscheinlich.“174 Gerade dieser Punkt erhält dann wieder Bedeutung, wenn in Kapitel 4 untersucht wird, welche Themen in der aktuellen interkulturellen KJL repräsentiert sind. Dass immer noch drei Viertel der Buchkäufe von Erwachsenen getätigt werden, lässt die Frage zu, ob gängige Themen unbedingt auch für Kinder und Jugendliche brisant sein müssen? Spannung war 2006 vor allem für Kinder- und Jugendliche bis 19 Jahre ein besonders wichtiges Auswahlkriterium: „Ein Buch muss eine spannende Geschichte erzählen können.“ Auch daher wird gerne auf Serien zurückgegriffen: „Der Leser weiß, welcher Stil und welches Maß an Spannung ihn voraussichtlich erwarten wird.“ In der Altersgruppe 10–19 Jahre sind außerdem humorvolle und lustige (sic) Geschichten sehr beliebt. Hier können Bücher zur reinen (nüchternen) Wissensvermittlung „kaum punkten“.175 Dagegen suchen Erwachsene Kinder- und Jugendbücher verstärkt auch nach den Kriterien „Sprache und Wissensvermittlung“ aus. Ihnen ist wichtig, dass Kinder „mit Büchern etwas lernen, sich damit weiterentwickeln und auch ein Gespür für Sprache bekommen.“176 Weitere Orientierungskriterien bei der Auswahl der Lektüre sind die Bekanntheit der Autorin oder des Autors, oder ob ein Titel Teil einer Serie ist.177 Serien finden sich auch in der KJL zu interkulturellen Themen (oder 173 Gefragt wurde: „Was ist Dir bzw. Ihnen bei der Auswahl eines Kinder- und Jugendbuches wichtig?“ Die Befragten sollten eine Rangfolge bilden. Das Ergebnis über alle Altersgruppen hinweg in Stichworten: Thema, Sprache, Wissen, Spannung, Spaß/Humor, Bilder, Illustrationen, Wertigkeit, Ausstattung (Wippermann/Wippermann, 2007, S. 31). 174 Wippermann/Wippermann, 2007, S. 30. 175 Ebenda. 176 Ebenda. Für die 2013er Studie hat man die Fragestellung modifiziert und mit Top- Boxen gearbeitet. Gefragt wird bei der Arbeit mit Top-Boxen, inwieweit ein Punkt (wie hier) „etwas wichtig“ oder „sehr wichtig“ (oder z.B. unwichtig) ist. Die erreichten Prozentwerte der zwei hochrangigsten Bewertungen werden zu einer sog. Top-Box addiert. Die 2013er Befragung hat nach dieser Methode ergeben, dass der Wunsch des Kindes die Kaufentscheidung mit einem Wert von 90% („etwas wichtig“ oder „sehr wichtig“) derzeit am stärksten beeinflusst. Dass sich Käufer_innen von dem Thema persönlich angesprochen fühlen, ist mit 71% an die fünfte Stelle der insgesamt sieben Kriterien gerückt (Lippman et al., 2013, S. 62). 177 Die bestverdienenden Jugendbuchautoren 2012/13 waren im Übrigen Suzanne Collins (Die Tribute von Panem), Jeff Kinney (Gregs Tagebuch) und J.K. Rowling, die lt. 47 zumindest mit internationalen Schauplätzen), z.B. im Oetinger Verlag die CITY TO GO-Reihe mit Titeln wie Uptown Groove : New York (2012), Easy Going : Sydney (2013), Alles wegen Amélie : Paris (2013) oder ¡Hasta la vista! : Barcelona (2013). Bekannte Autor_innen wie Dagmar Chidolue oder Marie-Thérèse Schins veröffentlichen die Geschichten ihrer Serienheldinnen jeweils bei unterschiedlichen Verlagen (Millie in. . . bzw. Doro in. . . ). Buchumschlag und Altersangabe waren 2006 für mehr als die Hälfte der Käufer_innen wichtige oder sehr wichtige Kriterien. Je älter der/die Buchkäufer_in, als umso wichtiger empfindet er/sie die Altersempfehlung (schon 20–29 Jahre alte Käufer_innen verlassen sich mit insg. über 80% auf diese Angabe,178 die im Übrigen nicht immer gleichlautend ist, je nachdem, ob man beim Online-Händler, auf der Buchrückseite oder im Verlagsprospekt danach sucht). Auch was verkaufsfördernde Cover-Gestaltung angeht, scheint es Gesetzmäßigkeiten zu geben: Stark wie die ewige Pippi, außergewöhnlich wie das Sams, dreist wie Pumuckl, marketing-tauglich wie Boris Becker und Biene Maja zusammen, lächeln uns wallehaarige Knuddelgören (obligatorische Heldinnenuniform: Stulpen, „Irgendwasgeringeltes“, Chucks) von vielen Novitätenstapeln entgegen.179 Oft erkenne die entmündigte Illustratorin ihre Arbeit nicht wieder. Von Verlagsseite würde erwartet, dass sich die Cover erfolgreicher Serien glichen wie ein Klon – „Das Lächeln von Band 1 wird bis Band 10 recycelt.“ Diversity scheint also nicht unbedingt das Schlagwort der Branche zu sein. Die Illustratorin Eva Schöffmann-Davidoff schreibt in ihrer Glosse von den „Mendel’schen Regeln des Buchhandels“, mit denen Marketing und „Chickliteraten“ gut vertraut seien. Die „seltene Mutation auf Gen MC1R (rothaarig, weißhäutig, sommersprossig)“ funktioniere offenbar hervorragend an der „Spitze der Absatzkette“. Wen wundere es, wenn das Lächeln manchmal etwas gequält ausfalle ob der Bürde, die den vermeintlichen Umsatzgarant_innen180 auferlegt wird, schließt Schöffmann-Davidoff. Forbes mit Platz 3 von Juni 2012 bis Juni 2013 mit 13 Mio. USD haushalten musste (vgl. Marktinformation in o.V., 2013, S. 38). 178 Wippermann/Wippermann, 2007, S. 33. 179 Schöffmann-Davidoff, 2013, S. 24. 180 Die Glosse bezieht sich auf Mädchenliteratur. Dass männliche Titelhelden ähnliche Probleme haben könnten, will ich nicht näher untersuchen, aber auch nicht ausschlie- ßen. 48 Dass ein Buch auf einer Bestsellerliste zu finden ist oder eine Auszeichnung bekommen hat, nutzt jede_r fünfte Käufer_in im Kinder- und Jugendbuchmarkt zur Orientierung,181 was die aktuell beklagte „Bestselleritis“ der Verlage, wie sie im Folgekapitel besprochen wird, mit erklärt. Abbildung 3.1: Ulrike Kuckero, Paulas Powerbuch (2008) Um das Wortspiel von Schöffmann-Davidov aufzugreifen: Eine besonders Besorgnis erregende Mutation von Reihe (Chaos – Küsse – Katastrophen bei Rowohlt), Serienheldin (Paula),182 Anspruch an gesellschaftliche Brisanz des Themas,183 Spannung184 sowie der eventuell gleich mitgedachten Möglichkeit einer Zweitvermarktung als Schullektüre sei an der Stelle abschließend das Cover von Ulrike Kuckeros Paulas Powerbuch (2008) vorgestellt (vgl. Abb. 3.1). Zumindest diesem kann man nicht mangelnden Anspruch an Diversität vorwerfen. Kuckero hat sich als an interkulturellen Themen interessierte Autorin u.a. mit Ein Brief an Ali : Die Geschichte von Hanna, die ihren Vater sucht (2000) bzw. – gleicher Inhalt, andere „Verpackung“ – Merhaba Papa (2008) einen Namen gemacht. 181 Lippman et al., 2013, S. 61. 182 Weitere Paula-Bücher: Paulas Tagebuch (2003), Paulas Sorgenbuch (2005), Paulas New-York-Buch (2006), Paulas Trennungsbuch (2007). 183 „Paula ist entsetzt! Noel, ein Mitschüler aus ihrer Parallelklasse, soll in den Kongo abgeschoben werden, obwohl er dort noch nie war.“ (Kuckero, 2008, Klappentext) 184 „Jetzt ist jede Menge Power gefragt. Und Paula spürt, dass es hier um sehr viel geht.“ (ebenda) 49 3.2 Der Herstellende Buchhandel (Verlagsperspektive) 3.2.1 Umsatzverteilung und Programmplanung Die verkaufsstärksten deutschen Jugendbuchverlage (nach Umsatzanteilen im Kinder- und Jugendbuchmarkt) waren nach Zahlen, die das Börsenblatt veröffentlicht, 2013 Ravensburger mit 12%, die Verlagsgruppe Oetinger mit 10,8% und Carlsen mit 8%. Vom Börsenblatt genannt werden insgesamt 15 Häuser, dtv bildet mit einem Anteil von 2,3% das Schlusslicht.185 Die Zahlen basieren auf Angaben der Verlage und decken sich in etwa mit dem, was im April 2014 im buchreport.magazin veröffentlicht wurde (vgl. Abb. 3.2).186 Auf wie viele Verlage die restlichen 21% des Gesamtumsatzes verteilt sind, erschließt sich leider nicht. Als Orientierung: Der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen e.V. als Fachverband für Verlage, die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur und verwandte Medien für Kinder und Jugendliche herausgeben, gehören (Stand: Februar 2014) knapp 100 Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an. Abbildung 3.2: Marktanteile Kinder- und Jugendbuch buchreport.magazin April 2014 KJL nimmt 2012 mit 9,8% die dritte Position im Ranking der Titelproduktion deutscher Verlage nach Sachgruppen ein und steuert allein 185 o.V., 2013, S. 38. 186 Vgl. Wilking, 2014, S. 48. 50 7.857 Erstauflagen bei. Damit hat das Segment zwar gegenüber dem Vorjahr 4,5% des Volumens verloren, dennoch spielt das Kinder- und Jugendbuch nach Berechnungen des Börsenverein (auf Basis der Daten der Deutschen Nationalbibliographie, VLB 2012) eine größere Rolle als noch vor fünf Jahren, als die Kinderliteratur noch 8,8% der Erstauflagen ausmachte.187 Dafür gelten die Regeln des allgemeinen Buchmarktes verstärkt auch für das Kinder- und Jugendbuch, so Ulrich Störiko-Blume.188 Störiko-Blume beobachtet, dass sich im Markt für KJL eine „Bestselleritis“ ausgebreitet hat – mit allen Vor- und Nachteilen. Seit den ungeheuren Erfolgen, die die Harry Potter-Bände bei ihrem Erscheinen jeweils erzielt haben, starrten Autor_innen, Buchhändler_innen und Verlagsleute in der Hoffnung auf den nächsten Megaseller in Exposés „oder auch in den Kaffeesatz“. Die Bedeutung der Backlist189 habe die letzten Jahre stark abgenommen und das Geschäft sei längst nicht mehr stabil. „Hypes, Booms und Trends“ fegten über uns hinweg und das viele Sekundäre, das selten an den Erfolg des Original herankomme, verstopfe die Köpfe der Verlagsleute. Immer neue Ideen im Monatstakt sollen locken, so Stefan Hauck im Börsenblatt „bevor die Mitbewerber die Copy-and-Paste-Tasten drücken und ganze Reihen nachahmen.“190 Hauck spricht in seinem Artikel Tolle Bücher bleiben tolle Bücher von einem Neuerscheinungshype im Kinder- und Jugendbuch. Novitäten stünden heute oft gerade einmal drei Monate im Laden:191 Die Bedeutung der Backlist sei trotzdem immer noch wichtiger als in der Belletristik, da erwachsene Käufer_innen gerne auf Titel aus ihrer Kindheit zurückgriffen (so steuerten bei Thienemann die Klassiker mehr als 50% zum Umsatz bei und bei Ravensburger sogar 60%). Nicht weniger von Bedeutung für eine lebendige Backlist sei das Interesse der Lehrer, das Verlage wie 187 Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., 2013, S. 81f. VLB: Das Verzeichnis lieferbarer Bücher war zumindest 2002 noch das wichtigste bibliographische Nachschlagewerk für Buchhandlungen und Bibliotheken (Mundhenke/Teuber, 2002, S. 627). 188 Störiko-Blume, 2011, S. 66f. 189 Zur Backlist gehören die Titel eines Verlages, die im Vorjahr oder früher erschienen sind. Die Neuerscheinungen des laufenden Jahres gehören zur sog. Frontlist. Die Backlist ist für Verlage u.a. deshalb wichtig, weil sich Entwicklungs- und Herstellungskosten (Lektorat, ggf. Übersetzung, Satz, Druck etc.) erst amortisieren müssen, bevor Gewinne verbucht werden können. Wird ein Titel über mehrere Jahre hin verkauft (und nur noch unverändert, also relativ kostengünstig nachgedruckt), hat dieser Umstand also tendenziell einen positiven Effekt auf das Betriebsergebnis. Eine sog. „starke Backlist“ verleiht einem Verlag auch ein starkes oder prägnantes Profil (vgl. z.B. Suhrkamp oder Diogenes). 190 Hauck, 2014, S. 17. 191 Hauck, 2013a. 51 Arena, dtv und cbj durch passende Unterrichtsmaterialien und kostenlose PDF-Downloads wachhielten. Schullektüre würde auch Jahre nach Erscheinen in hohen Auflagen nachgedruckt bzw. in moderner Ausstattung aufgelegt. Es handle sich hierbei um eine Art „Gewohnheitskanon“.192 Bei S. Fischer komme das Aus für einen Titel, wenn unter 200 Titel pro Jahr verkauft würden. Für die Entscheidung, ob ein Titel wieder aufgelegt werde, spielten u.a. eine Rolle, welche Themen gerade aktuell seien193, welche Titel nachgefragt würden, ob es aktuelle Anlässe für eine Neuauflage (Jahrestage, Autor_innen-Geburtstage, Filmstarts) gäbe und welche Illustrator_innen zu aktuellen Trends passten. Lektorate und Programmleiter_innen müssten ihre Entscheidungen zunehmend auch nach kaufmännischen und Marketing-Kriterien rechtfertigen. Hatte ein Titel früher fünf Jahre Zeit, sich zu bewähren, würden Titel, die nicht nach zwei Jahren abverkauft seien, nicht mehr aufgelegt. Kai Mühleck zitiert in seinem Artikel Einsame Spitze194 Ulrich Störiko- Blume, der als Verlagsleiter Kinder- und Jugendbuch bei Hanser „[d]rei Typen von Möchtegern-Spitzentiteln“ identifiziert hat: Den „Mainstream- Spitzentitel“, der auf ein sog. Trendthema setze und für den eine Marketing- und Werbestrategie aufgesetzt würde, das „neue Buch eines Top-Autors“, das an tatsächliche Erfolge der Vergangenheit anknüpfe, und den „Überraschungs-Spitzentitel“, bei dem der Verlag überzeugt sei von Originalität, Thema, Schreibweise und emotionaler Wucht. Aktuell besonders erfolgreich sind All-Age-Titel, Dystopien sowie Engel- und Vampirromane. Jugendbuchverlage setzen zudem verstärkt auf explizite Erotik: Erotische Literatur fasziniere und verspreche Umsätze, so wird aus einer Vorschau des Oetinger Verlag zitiert.195 Somit sei die Gesamtschau auf die Verlagswelt abgeschlossen. Im Folgenden werden die einzelnen Protagonist_innen (oder Stakeholder, bleibt man bei der „Wirtschaftssprache“) im Verlagswesen und ihre Rollen im Literaturbetrieb genauer beleuchtet. 192 Ebenda. Vgl. auch Weinkauf, 2013, S. 49. 193 In den Frühjahrsprogrammen 2014 spielte das Thema Tod eine große Rolle, wie in den wöchentlichen Ausgaben des Börsenblatt zu beobachten war. 194 Mühleck, 2013. 195 Hauck, 2013b. 52 3.2.2 Von Torwächtern und Titelhelden Erwachsene nehmen in der kinderliterarischen Kommunikation nicht nur als Buchkäufer_innen eine Schlüsselposition ein. Ihre ‚Gate-Keeper‘- Funktion und Definitionsmacht wird nach Hurrelmann/Richter längst vor den eigentlichen Leseprozessen wirksam: Erwachsene treffen die Publikationsentscheidungen, nehmen ideologische Selektionen vor, bestimmen das Ausmaß der Bearbeitung und Veränderung – kurz, steuern die Vermittlungsprozesse, die mit den Verständniskapazitäten der kindlichen und jugendlichen Leser zunächst wenig zu tun haben, vielmehr in allen Punkten der jeweiligen Erwachsenenkultur folgen: ihren politischen Prämissen, ihrer Bereitschaft zur Wahrnehmung des Fremden, ihren Konzepten von Kindheit und Jugend, ihren kinderliterarischen Traditionen, ihren pädagogischen Vorstellungen und Normen.196 Gabriele Wenke listet in ihrem Beitrag Der deutsch(sprachig)e Kinderund Jugendbuchmarkt folgende Instanzen als Torwächter (oder „Gate- Keeper“): Im Verlag das Eingangslektorat, Verlagsvertreter_innen und Vertrieb, Buchhändler_innen, Erwachsene in der Rolle „Käufer“, Kritiker_innen, Presse und Juror_innen sowie das Phänomen der Autor_innen- Pflege.197 Seien Lektor_innen früher vor allem für die Inhalte ihrer Produkte verantwortlich gewesen, führten Cheflektor_innen und Redaktionsleiter_innen heute ihren Bereich oft als eigenständige Profit-Center, und ihre Mitarbeiter_innen trügen Umsatz- und Ergebnisverantwortung.198 Wichtig sei für jene, mit einem Titel „in einem überschaubaren Zeitraum einen ausreichenden Umsatz zu erzielen, der die Entwicklungskosten ausgleicht und einen Gewinn abwirft“,199 so Schickerling/Menche in Bücher machen : Ein Handbuch für Lektoren und Redakteure (2008). Essenziell für die allermeisten Verlage ist die Gewinnung oder Entwicklung neuer Titel, und zwar – wie in Kapitel 3.2.1 zu sehen war – in immer kürzeren Abständen. Dafür sind die Akquise-Lektor_innen zuständig, die (in Abhängigkeit zur Ausrichtung des Hauses) schwerpunktmäßig aktiv Autor_innen oder Projekte (z.B. über Literaturagent_innen oder Scouts) zu gewinnen versuchen oder Manuskript- und Exposé-Einsendungen prüfen: „Wenn nicht bereits das Sekretariat alles aussiebt, was offensichtlich nicht ins Verlagsprogramm passt“ so genügt laut Schickerling/Menche oft eine 196 Hurrelmann/Richter, 1998, S. 9. 197 Wenke, 2005, S. 889f. 198 Vgl. z.B. Schickerling/Menche, 2008, S. 13. 199 Ebenda, S. 17. 53 kurze Prüfung für eine direkte Ablehnung.200 Für die Kinder- und Jugendliteratur kommt nach Wenke eine zielgruppenorientierte Argumentation aus Pädagogik,201 Wahrnehmungspsychologie und gängigem Kindheitsmythos202 hinzu. Die entscheidende Frage ist: Wird sich der Text als Buch im Rahmen „meines“ Verlagsprogramms/-profils verkaufen lassen? Die Entscheidung der Lektor_innen ist auch davon beeinflusst, „dass am nächsten Tor diejenigen stehen, die das Buch nach außen verkaufen müssen,“203 nämlich Verlagsvertreter_innen, bzw. der Vertrieb. Die wiederum müssen dem Buchhandel die Neuerscheinungen erfolgreich anpreisen. Ein Blick in den stationären Buchhandel dieser Tage genügt vermutlich, sich vorzustellen, wie schwer es heute ist, eine_n Buchhändler_in zu überzeugen, Regal- oder Schaufensterfläche für einen Titel zu reservieren und grö- ßere Mengen zu ordern.204 In großem Volumen präsentiert wird, was dem gängigen Geschmack ent- und einen schnellen Abverkauf verspricht. Für ein intensiveres Beratungsgespräch haben heute weder Vertreter_innen noch Buchhändler_innen besonders viel Zeit. So sind der Einschätzung Wenkes nach die Hauptkriterien für Buchhändler_innen: Größere Gewinnspannen 200 Ebenda, S. 23. Ob sich Verlage heute überhaupt noch in großem Umfang Sekretariate leisten, stelle ich in Frage. Wie auch Wenke feststellt: „Personalkosten müssen reduziert werden, [...] weniger Lektoren müssen mehr Bücher bearbeiten.“ (Wenke, 2005, S. 896). Dass dabei auch immer wieder an der Qualität i.S.v. Ausbildung und/oder Erfahrung des Personals gespart wird, ist eine beklagenswerte Begleiterscheinung. Ich beziehe mich auf eigene Beobachtungen. 201 Nach Hans-Heino Ewers handelt es sich „bei einem Gutteil der Kinder- und Jugendschriftsteller“ um ehemalige oder noch tätige Vermittler (das sind z.B. geistliche und weltliche Lehrer_innen, Kinder- und Jugendbuchhändler_innen, Bibliothekar_innen). Darin sieht er ein (weiteres) Indiz, dass man es bei der KJL in weitreichendem Maße mit Vermittlerliteratur zu tun hat. Somit wird die Literatur nicht nur von Vermittlern kontrolliert, sondern (zu einem großen Teil) auch von diesen hervorgebracht (Ewers, 2000, S. 159f). 202 Zum Kindheitsmythos oder -bild bzw. der Vorstellung davon, was ‚normal‘ ist, vgl. z.B. TUSO – Eine wahre Geschichte aus Afrika (2009) von Hanna Schott mit Illustrationen von Franziska Junge, erschienen bei Klett Kinderbuch, Leipzig: „Tuso ist ein Junge. Er ist gerade mal vier Jahre alt. Da ist es ja wohl normal, dass er klein ist. Und nicht normal, dass er arbeiten muss. Aber Tuso muss Wasser schleppen. Seine Tante braucht es, um Maisbrei zu kochen.“ (Schott/Junge Ill., 2009, S. 2). TUSO wird vom Verlag im Klappentext als „literarische Kinderreportage: Aufregend, authentisch, optimistisch“ für Kinder ab 6 Jahren beworben. Auch Kirsten Boie zeichnet in Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen (2013) aus dem Hause Oetinger laut Klappentext „ein eindringliches Bild von Kindern, die viel zu schnell erwachsen werden müssen.“ Handlungsort ist Afrika (Boie, 2013, S. 1). 203 Wenke, 2005, S. 896. 204 Sofern es überhaupt noch Buchhandlungen gibt. Eine der größten Herausforderungen für Verlage dieser Tage ist, dass immer mehr Buchhandlungen ihr Geschäft schließen. Ich beziehe mich auf persönliche Gespräche mit Fachkolleg_innen. 54 (i.S.v. Volumen- oder Naturalrabatten, der sog. „Partie“),205 populäre Themen und eingängige Gestaltung. Zusammen mit trivialer Dutzendware versprächen diese Kriterien „gute Geschäfte.“206 In welchem Umfang Erwachsene Bücher kaufen, und welche Kriterien sie für ihre Entscheidung heranziehen, wurde in Kapitel 3.1 dargestellt. Neben Bestsellerlisten sind Besprechungen und Auszeichnungen (wie Buchpreise) bekanntermaßen ein gutes Verkaufsargument, öffnen also Türen. Gerade hier treibt die Verlagswelt teils seltsame Blüten: In der Ankündigung von Andrea Karimés und Annette von Bodecker-Büttners (Illustrationen) Nuri und der Geschichtenteppich zitiert der Picus Verlag, Wien, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung mit. . . „Das Buch umsegelt souverän alle Untiefen des Kitsches oder der sentimentalen Feier einer imaginierten orientalischen Erzählseligkeit. Stattdessen spricht das schön illustrierte Kinderbuch auf jeder Seite von einer glasklaren Liebe zu der kleinen Migrantin [sic!], die man sofort teilen mag.“207 . . . und das latent ausländerfeindliche Büchlein Leaving Ararat – Abenteuer Einwanderung des Autorinnenduos Susanna Lawson und Doris A. Behrens hat den Jugendbuchpreis des Landes Kärnten 2012 gewonnen. 3.2.3 Deutsch(sprachig)e Verlage im internationalen Kontext Nach Hurrelmann/Richter unterliegt auch die Auswahl dessen, was international Grenzen überschreiten darf, ökonomischen Gesetzen. Verlage versuchen Verkaufserfolge anderer Länder zu importieren. Je ähnlicher die Marktbedingungen, das Publikum, der Status der KJL und die Erwartungen der erwachsenen Käufer_innen, umso eher wird ein Titel in den internationalen Transfer aufgenommen.208 2012 waren 24,2% aller Kinder- und Jugendbuch-Erstauflagen Übersetzungen (Anteil Übersetzungen über alle Sachgruppen: 17,5%). Das Kinderund Jugendbuch, das „in den vergangenen Jahren, mitbedingt durch die Fantasy- und All-Age-Welle, auf Internationalisierungskurs ging“209 liegt damit weit über dem Durchschnitt. Der KJL-Anteil lag 2008 noch bei 14,4%. Was die Herkunftssprachen der Übersetzungen (Erstauflagen, alle 205 Partie: Zum Rabatt von meist 20–40% auf den in Deutschland gebundenen Ladenpreis kommt ein kostenloses Buch dazu, z.B. als „Partie 11/10“. 206 Wenke, 2005, S. 898. Auf einen Exkurs zu dem in der Branche wenig geliebten Online- Händler Amazon und die Einkaufspraktiken jenes Unternehmens soll hier verzichtet werden. 207 Karimé/Bodecker-Büttner Ill., 2011, S. 136. 208 Hurrelmann/Richter, 1998, S. 9. 209 Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., 2013, S. 98ff. 55 Übersetzungen) angeht, rangierte 2012 das Englische mit einem Anteil von 67,6% an erster Stelle, gefolgt von Französisch (10,2%), Japanisch (5,8%), Italienisch (2,7%), Schwedisch (2,3%) und Niederländisch (1,8%). Latein wird mit 0,4% noch vor Türkisch und Finnisch oder Arabisch genannt. Das Schlusslicht der Top 20 bildet das Altgriechische mit 0,2%.210 Annette Kliewer stellt fest, dass es gerade im Bereich der KJL auffällig sei, dass zwar auf dem Buchmarkt Interesse an Themen aus südlichen Kontinenten bestehe, jedoch nur in Ausnahmefällen Bücher von afrikanischen, asiatischen oder lateinamerikanischen Autorinnen und Autoren den Sprung in die deutsch(sprachig)en Verlage schafften. Noch immer stammten nach ihren Recherchen die meisten Bücher zu diesem Thema von Autor_innen europäischer oder amerikanischer Herkunft. In den letzten zehn Jahren seien viele von ihnen für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert oder sogar mit diesem ausgezeichnet worden. Kliewer findet es bemerkenswert, welch wichtige Rolle demnach Autor_innen einnehmen, die sich „von au- ßen her in die Identität fremder Menschen hineinversetzen.“211 Diese Fragebzw. Feststellung wird im Rahmen der Arbeit in Kapitel 4.1 aufgegriffen. Die Ausführungen vermitteln einen Überblick über den deutsch- (sprachig)en Kinder- und Jugendbuchmarkt und stellen dar, in welchem Spannungsfeld sich Auto_innen, Lektor_innen und Verlage bewegen. Im nächsten Kapitel werde ich ausführlich darauf eingehen, welche (inter-)kulturellen Themen in welcher Form in der Kinder- und Jugendbuchproduktion seit den 1990er-Jahren bis heute eine Rolle spielen. 210 Ebenda. Der deutsche Markt ist nach der Erhebung des Börsenverein damit vergleichsweise aufnahmefähig oder -bereit für Übersetzungen – in den USA kommen z.B. gerade einmal drei Prozent der veröffentlichten Titel aus anderen Sprachen (Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., 2013, S. 94). Ob der Statistik getraut werden darf, steht wie immer zur Diskussion, wird doch das Jugendbuch Die Kurzhosengang (2006) von Zoran Drvenkar und Andeas Steinhöfel, das als Übersetzung aus dem kanadischen Englisch (im Original: The Mysterious Adventures of the Short Ones) unter der Autorenschaft eines Victor Caspak und eines Yves Lanois ‚getarnt ist‘, auch im Verzeichnis der Deutschen Nationalbibliothek als solche geführt ((Deutsch (ger), Originalsprache(n): Englisch (eng)). 211 Kliewer, 2013, S. 221. 56

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References

Zusammenfassung

In einer globalisierten Welt und multikulturellen Gesellschaften wird interkulturelle Kompetenz immer wichtiger, sodass insbesondere auch die Beschäftigung mit Kinder- und Jugendliteratur – im schulischen Kontext oder in der Freizeit – zunehmend an Bedeutung gewinnt. Doch was genau zeichnet interkulturelle Literatur für eine jüngere Zielgruppe aus? Welche Gesetzmäßigkeiten lassen sich ableiten, wenn man eine entsprechende Schablone auf das aktuelle Buchangebot legt?

Andra Riemhofer schafft eine Orientierungshilfe für die Beurteilung von Kinder- und Jugendliteratur unter interkulturellen Gesichtspunkten auf Basis aktuellster Forschungen und Erkenntnissen der Interkulturellen Literaturdidaktik. Sie analysiert 120 Texte von Autorinnen und Autoren wie Carolin Philipps, Aygen-Sibel Çelik oder Salah Naoura und stellt rund 30 davon detailliert vor. Welche Titel eignen sich besonders für den Schulunterricht oder als Freizeitlektüre, welche weniger?