I. Forschungsansatz sowie Forschungs- und Quellenlage in:

Matthias Seim

Reformation und Stadtverfassung, page 7 - 14

Die inneren Auseinandersetzungen in den Städten der Landgrafschaft Hessen im frühen 16. Jahrhundert

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4027-0, ISBN online: 978-3-8288-6788-8, https://doi.org/10.5771/9783828867888-7

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 33

Tectum, Baden-Baden
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7 I. Forschungsansatz sowie Forschungsund Quellenlage In seinem Aufsatz aus der Historischen Zeitschrift (HZ) vom Jahr 1975 beklagt Adolf Laube, dass die inneren Auseinandersetzungen in den deutschen Städten in der zweiten Hälfte des 15. und der ersten des 16. Jahrhunderts von der Forschung „weitgehend ausgeklammert“ worden und nur dort von Interesse gewesen seien, „wo ein unmittelbarer Zusammenhang mit der bäuerlichen Bewegung bestand“41. Als symptomatisch dafür bezeichnet er es, dass man für die innerstädtischen Auseinandersetzungen, die dies nicht oder weniger betraf, noch immer auf das Werk von Kurt Kaser aus dem Jahr 1899 angewiesen sei42. Vor allem aber sei die Erforschung der Auseinandersetzungen stets auf lokale Einzelfälle beschränkt gewesen und nie für eine „synthetische“, d. h. zusammenfassende, Gesamtsicht genutzt worden. Wer einen Blick in das Literaturverzeichnis des inzwischen in dritter Auflage erschienenen Grundlagenwerks zu den „Unruhen in der ständischen Gesellschaft 1300–1800“ von Peter Blickle wirft, wird feststellen, dass Laubes zweiter Kritikpunkt heute keinen Bestand mehr hat. Zwar fehlen neuere monographische Arbeiten, die wie die von ihm als Beispiel genannte Habilitationsschrift Karl Czoks („Städtische Volksbewegungen im deutschen Spätmittelalter“, 1963)43 eine zusammenfassende Untersuchung möglichst aller innerstädtischen Unruhen bieten. Allerdings liegt mittlerweile eine Reihe von Aufsätzen vor44, die sich 41 Laube, Volksbewegungen, S. 85. 42 Kaser, Bewegungen. 43 Laube, Volksbewegungen, S. 86. 44 Vgl. Blickle, Unruhen, S. 137–138, 143–144. Für das 15. Jahrhundert wird insbesondere auf Ehbrecht, Bürgertum; Ehbrecht, Ordnung und Maschke, „Obrigkeit“ verwiesen, für das 16. Jahrhundert auf Ehbrecht, Verlaufsformen und Mörke, „Konflikt“. unter verschiedenen Fragestellungen mit den Stadtunruhen am Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts beschäftigen und dabei eine Vielzahl von Städten berücksichtigen45, sodass sie einer synthetischen Sicht im Sinne Laubes gerecht werden können. Dabei stellt sich jedoch die Frage, ob eine zusammenfassende Betrachtung der innerstädtischen Unruhen im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert, wie Laube sie fordert, sinnvoll und angesichts der Verschiedenheit der deutschen Territorien um 150046 überhaupt möglich ist, oder ob die von ihm kritisierte Analyse von exemplarisch ausgewählten Einzelfällen dem Erkenntnisgewinn über Ursachen, Verlauf und Folgen der Unruhen nicht zuträglicher sein dürfte. Immerhin zieht ja auch die Erforschung der Stadtunruhen vor 145047 sowie der Reformation48 und der landesherrlichen Städtepolitik im 16. Jahrhundert49 die Untersuchung von Einzelfällen einer zusammenfassenden Betrachtungsweise regelmäßig vor. Daher wurde mit der Beschränkung auf die Städte eines Einzelterritoriums, der Landgrafschaft Hessen nämlich, auch in der vorliegenden Studie die Analyse von vergleichbaren Einzelfällen zum Gegenstand gewählt. Dahinter steht nicht zuletzt die Überzeugung des Verfassers, dass eine zusammenfassende Beurteilung aller innerstädtischen Auseinandersetzungen des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts ohnehin erst erfolgen kann, wenn in Einzelstudien ihre regionalen Eigenheiten herausgearbeitet worden sind50. Erschwerend kommt dabei hinsichtlich der Forschung allerdings hinzu, dass nicht einmal Kasers grundlegende Arbeit von 1899 die Städte der Landgrafschaft Hessen berücksichtigt. Wenn Hessen darin überhaupt Erwähnung findet, dann nur als Anliegerregion der im Zuge des Bauernkriegs von 1525 von innerstädtischen Unruhen erfassten Reichsabteien Fulda und Hersfeld und der Kondominate Schmalkalden und 45 Vgl. auch die Studie Kannowski, Bürgerkämpfe. 46 Vgl. Moeller, Deutschland, S. 19. 47 Vgl. Barth, Argumentation (am Bsp. Lübeck, Braunschweig, Mainz, Köln); Gleba, Gemeinde (am Bsp. Mainz, Magdeburg, München, Lübeck); Kannowski, Bürgerkämpfe. 48 Vgl. Laux, Reformationsversuche (am Bsp. Kurköln); Mörke, Rat (am Bsp. Lüneburg, Braunschweig, Göttingen); Naujoks, Obrigkeitsgedanke (am Bsp. Ulm, Esslingen, Schwäbisch Gmünd). 49 Vgl. Leschhorn, Städte. 50 Vgl. Leschhorn, Städte, S. 197. 8 Forschungsansatz sowie Forschungs- und Quellenlage Vacha51. Insofern gilt Laubes erster Kritikpunkt, die Forschung habe den städtischen Unruhen stets nur in Zusammenhang mit den bäuerlichen Aufständen Beachtung geschenkt, hier weiterhin. Dem entspricht es, dass die Landgrafschaft auch in der Bauernkriegsforschung des 19. Jahrhunderts stets nur am Rande Betrachtung findet52, obwohl sie wie erwähnt durchaus vom Bauernkrieg betroffen wurde53. Erstmals Nachricht von den innerstädtischen Unruhen in der Landgrafschaft Hessen – zumindest für das Jahr 1525 – erhalten wir, was die allgemeine Forschung betrifft, somit erst durch die umfassende Untersuchung des Bauernkriegs durch Günther Franz, die den städtischen Unruhen sogar ein eigenes Kapitel widmet54. Ansonsten sind wir für das vorliegende Thema vollständig auf die Arbeiten der hessischen Landesgeschichtsforschung angewiesen. Hier allerdings besteht wiederum die Schwierigkeit, dass sowohl die allgemeinen Standardwerke wie Karl E. Demandts „Geschichte des Landes Hessen“ (1972)55 als auch spezielle Gesamtdarstellungen wie Wolf-Heino Strucks „Bauernkrieg am Mittelrhein und in Hessen“ (1975)56 sich ausschließlich mit den innerstädtischen Auseinandersetzungen des Jahres 1525 beschäftigen57, diejenigen zwischen 1450 und 1500 jedoch überhaupt nicht und die von 1510 bis 1515 nur kurz erwähnen58. Abhilfe vermögen dabei auch die Überblicksdarstellungen zur hessischen Reformationsgeschichte nicht zu schaffen, da sie die innerstädtischen Auseinandersetzungen während der Reformationszeit entweder nur beiläufig behandeln59 oder gänzlich außen vor lassen60. 51 Kaser, Bewegungen, S. 246. 52 Vgl. Zimmermann, Geschichte 3, S. 606–635. 53 Vgl. Springer, Dominikaner, S. 252; Struck, Bauernkrieg, S. 62–64. 54 Franz, Bauernkrieg, S. 227–238. Zur Landgrafschaft, für die allerdings nur Gießen erwähnt wird, und seinen Anliegergebieten siehe S. 234. Zu den städtischen Unruhen außerhalb der Landgrafschaft vgl. auch Zimmermann, Geschichte 3, S. 524–545. 55 Demandt, Geschichte, S. 223–224. 56 Struck, Bauernkrieg, S. 62–63. 57 Vgl. auch Struck, Mittelrhein sowie Elkar, Aufstände. 58 Struck, Bauernkrieg, S. 7–8. 59 Vgl. Diehl, Bewegung, S. 35 (Gießen). 60 Vgl. Diehl, Bewegung, S. 33–37; Steitz, Geschichte, S. 15–16 (jeweils zu Butzbach). Forschungsansatz sowie Forschungs- und Quellenlage 9 Folglich ist bei der Beschäftigung mit den innerstädtischen Unruhen in der Landgrafschaft Hessen zwischen 1450 und 1540 der Rückgriff auf die jeweilige ortsgeschichtliche Forschung unumgänglich. Dabei kommt als zusätzliche Herausforderung hinzu, dass sich der Erforschtheitsgrad der Unruhen von Stadt zu Stadt teilweise erheblich unterscheidet. So liegen umfangreiche monographische Arbeiten zur städtischen Verfassung und ihrer Entwicklung in Spätmittelalter und Frühneuzeit im Untersuchungsgebiet bisher nur für Marburg vor61. Für alle anderen Städte stehen – abgesehen von Aufsätzen in den regionalen und überregionalen historischen Fachzeitschriften62 – nur die in Inhalt und Qualität oft sehr verschiedenen Gesamtdarstellungen zur jeweiligen Stadtgeschichte zur Verfügung63, die noch dazu häufig bis in das 19. Jahr hundert zurückreichen64. Die damit umrissene, eher dünne und oft problematische Lage in der Forschung spiegelt sich ebenso in den publizierten Quellen wider: Wo die zeitgenössischen Chroniken über das Unruhejahr 1525 überhaupt den hessischen Raum berühren, wie es der Bericht des Kurpfälzer Sekretärs Peter Harer tut, so beschränken sie sich gleichermaßen ausschließlich auf den Bauernkrieg und allenfalls auf die mit ihm in Verbindung stehenden Stadtunruhen in Hersfeld, Fulda, Vacha und Schmalkalden65. Nicht anders sieht es in den hessischen Chroniken aus: Weder der gegen 156466 abgeschlossene Lebens- und Tatenbericht über Landgraf Philipp dem Großmütigen von Wigand Lauze67 noch die um 1536 entstandene Fuldaer Chronik des Apollo von Vilbel68 gehen auf die städtischen Unru- 61 Vgl. Verscharen, Gesellschaft. 62 Vgl. für Gießen etwa die „Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins“ oder für Butzbach das „Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde“. 63 An aktuellen Gesamtdarstellungen wird auf die Mappen des seit 2005 durch das Hessische Landesamt für geschichtliche Landeskunde herausgegebenen „Hessischen Städteatlas“ hingewiesen, der unter http://www.lagis-hessen.de inzwischen auch online einsehbar ist. 64 Vgl. etwa Kulemkamp, Geschichte (für Treysa); Müller, Geschichte (für Camberg). 65 Franz, Quellen Bauernkrieg, S. 462–463 (Nr. 151). 66 Lauze, Chronik, S. 71–78. 67 Krafft, Quellenstudien, S. 165. 68 Rübsam, Chronik, S. 263–264. 10 Forschungsansatz sowie Forschungs- und Quellenlage hen des Jahres 1525 ein, sondern beschränken sich ebenfalls gänzlich auf die „coniuratio rusticorum“. Möglicherweise dürfte dies aber gerade mit der bereits angedeuteten Kontinuität innerstädtischer Unruhen seit dem Spätmittelalter zu erklären sein, vor deren Hintergrund die Stadtunruhen des beginnenden 16. Jahrhunderts für die Zeitgenossen nichts mehr Ungewöhnliches darstellten und also den Chronisten als nicht besonders erwähnenswert erschienen. Vielfach bleibt daher nur der Blick in die Primärquellen. Wenn auch die „Quellen zur Geschichte des Bauernkrieges“ von Günther Franz für das vorliegende Thema nicht zu verwerten sind, da sie gleichfalls nur die bäuerliche Erhebung des Jahres 1525 berücksichtigen69, so kann doch immerhin aus dem reichhaltigen Fundus des ersten von zwei Bänden der von Otto Merx begonnenen und von Günther Franz fortgeführten „Akten zur Geschichte des Bauernkriegs in Mitteldeutschland“ geschöpft werden. Daneben liegen aus den „Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen“ für mehrere der untersuchten Städte Editionen der wichtigsten verfassungsgeschichtlichen Quellen vor70. Ergänzt werden diese für die Regierungszeit Landgraf Philipps des Großmütigen (1518–1567) durch die „Urkundlichen Quellen zur hessischen Reformationsgeschichte“ von Günther und Eckhart G. Franz sowie den ersten Band der von Friedrich Küch und Walter Heinemeyer verzeichneten Bestände des „Politischen Archivs des Landgrafen“. Für die Zeit davor sind die 1901 edierten „Hessischen Landtagsakten (1508–1521)“ von Hans Glagau und die seit 2002 hauptsächlich durch Sabine Herdick im Internet71 verfügbar gemachten „Regesten der Landgrafen von Hessen“ (bis 1509) zu nennen. Wo auch das publizierte Material nicht weiterführt, hilft hingegen nur die Durchsicht der unpublizierten Quellen in den Archiven. Dabei fand für die nachfolgende Studie eine Beschränkung auf die hessischen Staatsarchive statt, deren zudem über Internet72 schnell zu recherchierenden Bestände für unser Erkenntnisinteresse genügend Material boten. Als Hauptquellen erwiesen sich hierbei die sowohl für das späte 15. wie 69 Franz, Quellen Bauernkrieg, S. 462–474. 70 Eckhardt, Quellen Eschwege; Eckhardt, Quellen Allendorf; Küch, Quellen Marburg; Löwenstein, Rotenburg. Quellen. 71 Siehe unter http://www.lagis-hessen.de. 72 Siehe https://arcinsys.hessen.de. Forschungsansatz sowie Forschungs- und Quellenlage 11 auch für das frühe 16. Jahrhundert zahlreich überlieferten landgräflichen Stadtordnungen, welche zumeist den Endpunkt oder wenigstens die vorläufige Beilegung der innerstädtischen Auseinandersetzungen markieren. Daneben existieren aus beiden Zeitabschnitten aufschlussreiche, wenn auch nicht immer eindeutig zu interpretierende Berichte landgräflicher Beamten an ihren Herren, in denen zumeist der offene Ausbruch der Auseinandersetzungen geschildert wird. Als dritte Quellengruppe kristallisierten sich die Petitionen heraus, in denen die Konfliktparteien dem Landgrafen ihre Standpunkte in den Auseinandersetzungen vortrugen und eine Entscheidung oder zumindest Unterstützung zu ihren Gunsten erbaten. Insofern möchte die nachfolgende Untersuchung nicht nur im Hinblick auf die Unruheforschung, sondern auch wegen der Menge an noch unausgewertetem Archivgut eine Forschungslücke füllen. 12 Forschungsansatz sowie Forschungs- und Quellenlage A bb . 1 : K ar te d es U nt er su ch un gs ge bi et s (E rs te llt a uf G ru nd la ge d er K ar te „ H es sis ch e un d H es se n be na ch ba rt e M ün zs tä tte n“ a us d em M od ul ‚P lä ne u nd G ru nd ri ss e‘ un te r h ttp :// la gi she ss en .d e) Forschungsansatz sowie Forschungs- und Quellenlage 13

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Zusammenfassung

Die von Wittenberg ausgehende Reformationsbewegung traf in vielen Aspekten den Nerv ihrer Zeit, denn damals brodelte es auf deutschem Boden in allen Bevölkerungsschichten: Auf dem Land kämpften die Bauern um die Wahrung ihrer althergebrachten Gemeinderechte, die Reichsritter um die Wiederherstellung ihrer Standesprivilegien, und in den Städten pochten die nicht im Rat vertretenen Teile der Bürgerschaft auf ihre Mitsprache am sogenannten Stadtregiment.

Während Ritteraufstand und Bauernkrieg – sieht man von den regional beschränkten Voraufständen des „Bundschuh“ und „Armen Konrad“ einmal ab – in ihren Dimensionen jedoch Einzelereignisse blieben, hatte der Kampf der Stadtbürger zu jenem Zeitpunkt bereits eine Tradition, die mindestens bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts zurückreicht. Dies trifft auch zu auf die Städte der Landgrafschaft Hessen, einem der Aufsteigerterritorien der Reformationszeit.

Ausgehend von dem jeweiligen zeithistorischen Kontext untersucht der Autor die innerstädtischen Unruhen in Hessen zwischen 1510 und 1540, blickt dabei zudem auf die Vorunruhen seit 1450 zurück und sucht nach Kontinuitäten und Veränderungen. Dabei geht er der Kernfrage nach, wie die Unruhen – gerade im Zusammenspiel mit der beginnenden Reformation – die Entwicklung der hessischen Stadtverfassung beeinflusst haben.