V. Schlussbetrachtung in:

Matthias Seim

Reformation und Stadtverfassung, page 123 - 132

Die inneren Auseinandersetzungen in den Städten der Landgrafschaft Hessen im frühen 16. Jahrhundert

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4027-0, ISBN online: 978-3-8288-6788-8, https://doi.org/10.5771/9783828867888-123

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 33

Tectum, Baden-Baden
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123 V. Schlussbetrachtung Die vorliegende Studie hat versucht, anhand der Landgrafschaft Hessen die politischen Auseinandersetzungen in den Städten im Zeitraum von 1510 bis 1540 im Rahmen der Entwicklung von Stadtverfassung und landesfürstlicher Stadtherrschaft zu betrachten. Dabei wurden die Auseinandersetzungen im Hinblick auf ihre Ursachen, ihren Verlauf und ihre Folgen für Stadtverfassung und Stadtherrschaft beleuchtet und insbesondere die Frage nach der Rolle der Reformation gestellt. Zunächst erfolgte dabei ein Rückblick auf die innerstädtischen Auseinandersetzungen zwischen 1450 und 1500, die im Zeichen des Kampfes der bürgerlichen „Gemeinde“ um eine stärkere Beteiligung an der Haushaltskontrolle standen und an deren Ende in den näher betrachteten Städten (Grünberg in Oberhessen sowie Wolfhagen, Grebenstein, Allendorf/ Werra und Eschwege in Niederhessen) durch die Landgrafen eine gemeinsame Finanzverwaltung des städtischen Rates und der Gemeinde etabliert wurde. Damit tritt schon in dieser Zeit nicht nur das kommunale Herrschaftsverständnis innerhalb der Stadtbevölkerung deutlich hervor, sondern gleichzeitig auch das landesherrliche Bedürfnis nach der „Ordnung des Gemeinwesens“, wie es später in der Reformationsepoche unter Landgraf Philipp dem Großmütigen in besonderem Maße begegnen sollte752. Ebenso weist der Erlass ähnlicher Verfassungsneuordnungen in den niederhessischen Städten bereits in dieser Zeit auf eine „einheitliche Landesgesetzgebung“ hin753, die als Indikator des territorialen Ausbaus der Landesherrschaft zu betrachten ist und darüber hinaus die Bedeutung der Städte für den frühmodernen Fürstenstaat unterstreicht. Die Behauptung der Unruheforschung, es habe Auseinandersetzungen um das Stadtregiment außer in den Reichsstädten nur in größeren 752 Friedrich, Territorialfürst, S. 54. 753 Verscharen, Gesellschaft, S. 121. Vgl. auch Vgl. Stösser, Marburg, S. 83. Landstädten gegeben754, konnte dabei schon in diesem ersten Kapitel widerlegt werden, da anhand von Kassel und Eschwege sowie von Wolfhagen, Grünberg, Allendorf/Werra und Grebenstein nachgewiesen wurde, dass auch zahlreiche Mittelstädte unterschiedlicher Größenordnung755 von derartigen Auseinandersetzungen erfasst wurden. Dies bestätigt sich bei der Betrachtung der Auseinandersetzungen zwischen 1510 und 1540, wobei die Beispiele aus dem oberhessischen Raum ziegen, dass nicht nur größere und kleinere Mittelstädte wie Marburg, Gießen und Treysa, sondern auch Kleinstädte756 wie Butzbach, Wetter und Camberg Schauplätze innerer Konflikte um die städtische Verfassung waren757. Allerdings, hier liegt die Forschung richtig, ist sowohl in den Konflikten zwischen 1450 und 1500 als auch zwischen 1510 und 1540 zu erkennen, dass es sich bei den davon betroffenen Städten stets um solche handelte, die Mittelpunkte eines Verwaltungsbezirks – eines sogenannten „Amtes“758 – waren und damit eine über die allgemeine Zentrumsfunktion der Stadt hinausgehende Bedeutung für die Lan des herrschaft besa- ßen759. Dass die Unruhephase zwischen 1510 und 1540 dabei unmittelbar an diejenige zwischen 1450 und 1500 anknüpfte760, hat mit der von der Forschung betonten Kontinuität der ständischen Verfasstheit der „alteuropäischen“ Gesellschaft zu tun761, die auch durch die Einbindung der Gemeinde in die städtische Regierung Tendenzen der Verobrigkeitlichung innerhalb der Stadtbevölkerung nicht ausschloss762 und folglich kein Garant für einen dauerhaften innerstädtischen Frieden war763. 754 Blickle, Unruhen, S. 8; Blickle, Untertanen, S. 106. 755 Zur Definition der „Mittelstadt“ vgl. Gräf, Kleinstädte, S. 18, 33; Tode, Stadt, S. 55. 756 Zur Definition vgl. Gräf, Kleinstädte, S. 18, 33; Tode, Stadt, S. 55. 757 Vgl. hierzu auch Laux, Reformationsversuche, S. 33. 758 Vgl. hierzu Blickle, Reich, S, 44; Schubert, Herrschaft, S. 73. 759 Vgl. Tode, Stadt, S. 54, 73. 760 Buszello, Bauernkrieg, S. 126–127; Reinhard, Reichsreform, S. 183. 761 Schilling, Stadt, S. 17. 762 Blickle, Reformation, S. 105. Vgl. Goertz, Pfaffenhaß, S. 121; Maschke, „Obrigkeit“, S. 22; Moeller, Deutschland, S. 32. Zum Begriff „Verobrigkeitlichung“ vgl. Schmidt, Konfessionalisierung, S. 6. 763 Blickle, Reformation, S. 106 weist vor allem auf die Ehrenamtlichkeit der städtischen Ämter hin, die den besitzenden Familien schon automatisch einen Vorteil um die politische Macht verschaffte. 124 Schlussbetrachtung Hinzu kamen die sozioökonomischen Veränderungen des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts, die in den betrachteten Städten in erster Linie nur die aus den Schöffenfamilien bestehende Oberschichte begünstigte, während die mehrheitlich im Ackerbau tätige Bürgerschaft nicht nur von dem allgemeinen Aufschwung der städtischen Wirtschaft ausgeschlossen blieb, sondern angesichts der allmählichen Durchsetzung eines frühkapitalistischen Systems oft sogar in soziale Not geriet764. Dazwischen stand stets die kleine Schicht der in Zünften organisierten städtischen Handwerker, allen voran aus dem Tuchgewerbe, die als einzige Bevölkerungsgruppe außer der Oberschicht Anteil an der wirtschaftlichen Blüte hatte und diesen Erfolg in eine stärkere politische Mitbestimmung umzumünzen beabsichtigte765. Dementsprechend nahm die Bedeutung wirtschaftlicher Aspekte in den innerstädtischen Auseinandersetzungen zwischen 1510 und 1540 im Vergleich zu 1450 bis 1500 erkennbar zu. Vor allem traten bereits in der ersten Teilwelle von 1510 bis 1515 die Zünfte nunmehr gemeinsam mit der Gemeinde als Gegenspieler des Rates auf. Dies zeigen namentlich die Auseinandersetzungen um 1508/09 in Butzbach und im Jahr 1516 in Marburg, wo in den Beschwerdeschreiben Gemeinde und Zünfte gleichberechtigt nebeneinander stehen766, während in den Verfassungsneuordnungen von Allendorf/Werra (1469) und Eschwege (1471) nur Rat und Gemeinde als Konfliktparteien genannt werden767. Rudolf Endres geht sogar so weit, in den Auseinandersetzungen von 1510 bis 1515 von einer „Zuhilfenahme“ der Gemeinde durch die Zünfte zu sprechen768, womit letztere zum eigentlichen Wortführer des Protestes gegen den Rat werden. Die Bezeichnung „Zunftrevolution“, wie die ältere Forschung sie für die innerstädtischen Auseinandersetzungen von 1450 bis 1500 geprägt hat, wäre folglich für die Auseinandersetzungen dieser Zeitspanne eindeutig sinnvoller zu verwenden. Allerdings zeigt der Auf- 764 Dirlmeier, Stadt, S. 256; Endres, Zünfte, S. 153–154. Zum Frühkapitalismus vgl. Blickle, Reich, S, 44. 765 Meuthen, 15. Jahrhundert, S. 137–138. 766 Vgl. nochmals Regest Nr. 5 im Anhang (HStAM Best. 2 Nr. 412, Butzbach); Küch, Quellen Marburg 1, S. 261–263 (Nr. 193). 767 Vgl. Eckhardt, Quellen Allendorf, S. 83–84 (Nr. 63); Eckhardt, Quellen Eschwege, S. 203–205 (Nr. 209). 768 Endres, Zünfte, S. 153–154. 125 Schlussbetrachtung ruhr der Ackerknechte gegen die Wollweber in Gießen 1513, dass sich der Protest der Gemeinde durchaus auch gegen die Zünfte richten konnte769. Die zwischen 1510 und 1515 erlassenen Verfassungsneuordnungen standen daher zwar weiterhin im Zeichen des bürgerlichen Kampfes um die „Mitverwaltung der Finanzen“770. Während es aber z. B. 1471 in Wolfhagen noch ausschließlich um diese ging771, wurden etwa 1515 in Wetter auch noch etliche Regelungen in Bezug auf das Markt- und Messwesen getroffen772. Besonders ist die Einrichtung von zwei Brot-, Fleischund Bierbeschauern (Artikel 18) zu nennen, die um die gleiche Zeit auch in anderen deutschen Städten infolge von Auseinandersetzungen erfolgte773 und die den Rat einer zusätzlichen Kontrolle durch die Gemeinde unterwarf. Der Gefahr einer Misswirtschaft der städtischen Führungsschicht und die neuerliche Unruhen provozierende Abwälzung ihrer Kosten auf die Allgemeinheit774 glaubte die Landesherrschaft damit offenbar endgültig einen Riegel vorschieben zu können. Wenn sich diese Hoffnung in Einzelfällen auch bestätigte (Spangenberg 1508), so zeigt doch die Tatsache, dass es in der Zeit unmittelbar vor (Marburg 1523) und dann vor allem während der frühen Reformation (1525) größtenteils in den gleichen (oberhessischen) Städten zu Auseinandersetzungen kam wie zwischen 1510 und 1515 (Marburg, Gießen, Wetter, Butzbach), wie wenig diese Hoffnung realistisch war und dass der „Dissens zwischen Rat und Gemeinde“ weiterhin „zum Lebensrhythmus der Stadt“ gehörte775. Mit der reformatorischen Bewegung verband sich für die Bürgerschaft indes nicht nur die Möglichkeit des Protestes gegen die „patrizische Stadtregierung“ und deren Ablösung „durch ein System mit Vorherrschaft oder wenigstens Beteiligung“ der Zünfte und Gemeinde776, sondern auch die Chance, um gegen die reiche und verweltlichte, ins- 769 Vgl. auch Maschke, Städte, S. 22. 770 Goertz, Pfaffenhaß, S. 121; Moeller, Deutschland, S. 32. 771 Regest Nr. 3 im Anhang (HStAM Urk. 86 Nr. 1327). 772 Regest Nr. 6 im Anhang (HStAM Urk. 86 Nr. 1152), Artikel 10, 11, 19, 20, 22. 773 Siehe etwa Ehbrecht, Ordnung, S. 93 (Erfurt 1510). 774 Vgl. hierzu Boockmann/Dormeier, Konzilien, S. 163. 775 Blickle, Reformation, S. 106. Vgl. auch Blickle, Unruhen, S. 8. 776 Reinhard, Reichsreform, S. 183. 126 Schlussbetrachtung besondere aber privilegierte und von den allgemeinen Lasten oft befreite Kirche vorzugehen777. Daher kamen in den Unruhen des Jahres 1525 nicht nur neue, d. h. bisher nicht von inneren Auseinandersetzungen betroffene, Städte hinzu (Treysa, Camberg). In vielen Städten wurden die Unruhen zudem von einer „evangelischen Bewegung“778 (Gießen, Butzbach) getragen oder zumindest in ihrem Verlauf reformatorische Forderungen – allen voran die Einführung der evangelischen Predigt779 – gestellt (Marburg), die sich mit den schon aus den Unruhen von 1510 bis 1515 sowie 1450 bis 1500 bekannten politischen, (finanz-)wirtschaftlichen und sozialen Beschwerden verbanden780. Dabei zeigen die Beispiele von Wetter und Treysa allerdings, dass dies nicht zwangsläufig so sein musste und dass es durchaus Städte gab, in denen letztere Beschwerden die Oberhand behielten781, ohne dass die reformatorischen Forderungen „das dominierende, zumindest ein mitlaufendes Motiv“ waren782. Wenn die Reformation mit der Anstellung eines evangelischen Pfarrers in den Jahren 1527 und 1531 hier dennoch Fuß fasste783, so lässt dies die gewichtige Rolle, die die Forschung der Gemeinde bei der Einführung des neuen Glaubens traditionell zuschreibt784, zumindest im Hinblick auf die untersuchten Städte der Landgrafschaft als fragwürdig erscheinen. Gleiches gilt für die Behauptung, die Gemeinde habe „die Reformation gegen die städtischen Obrigkeiten durchgesetzt“785. Zeichen von Widerständen des Rates gegen die lutherische Lehre finden wir in keiner der betrachteten Städte, in der sich die Reformation durchsetzte. Vielmehr bediente die mit ihr verbundene Einziehung des Kirchenver- 777 Buszello, Bauernkrieg, S. 127–128; Reinhard, Reichsreform, S. 185. Vgl. auch Schilling, Aufbruch, S. 166 zur Ausschaltung der „außerbürgerlichen Priesterkaste“. 778 Vgl. hierzu Sohm, Territorium, S. 46. 779 Blickle, Unruhen, S. 68. 780 Moeller, Deutschland, S. 111; Mörke, Reformation, S. 96; Schilling, Aufbruch, S. 172; Zur Kontinuität der Beschwerdegegenstände vgl. Blickle, Unruhen, S. 48. 781 Vgl. Blickle, Gemeindereformation, S. 77. 782 Vgl. Blickle, Unruhen, S. 67. 783 Amon, Stadt, S. 134; Ehrenpreis/Lotze–Heumann, Reformation, S. 30. 784 Blickle, Unruhen, S. 27–28. 785 Blickle, Unruhen, S. 27–28. 127 Schlussbetrachtung mögens und seine Übertragung unter die Verwaltung der Stadt786 sowie auch die etwa in Wetter erfolgte Übergabe des Patronats über die Pfarrkirche nicht nur das Selbstverständnis der Bürgerschaft als „christliche Heilsgemeinschaft“787, sondern befriedigte gerade das schon im Spätmittelalter greifbare Streben des Rates, vor allem die mildtätigen geistlichen Stiftungen in seine Hand zu bekommen788 und so ein „stadtherrliches Kirchenregiment“ zu erlangen789. Wo die Durchsetzung der Reformation trotzdem nicht gelang wie im Kondominat Camberg, lagen die Widerstände entweder an der Haltung der übrigen Stadtherren, am Unwillen der örtlichen Geistlichkeit oder auch am generellen Desinteresse der Bevölkerung. Der Rat hingegen nahm gerade in der reformatorischen Frühphase eine abwartende Haltung ein790 und überließ die Initiative der Bürgerschaft791. Dabei wird sich deren Vorgehen von dem früherer Unruhen grundsätzlich nicht unterschieden haben792: Wie 1469 in Wolfhagen wurden auch 1525 in Treysa und Wetter zunächst die Glocken geläutet, womit die Zusammenrottung der aufgebrachten Bürger begann. Anschließend wurden entweder Aktionen gegen den Rat durchgeführt (Treysa, Wetter) oder dem Rat ein Katalog von Beschwerden präsentiert, den dieser an den Stadtherrn weiterleitete (Butzbach, Marburg). Draufhin kam es zu einer Neuordnung der innerstädtischen Verhältnisse durch letzteren, sei es in Form einer Verfassungsänderung oder der Einführung des neuen Bekenntnisses. Erst nach jener „institutionellen Konsolidierung“ durch den bzw. im Kondominat Butzbach die Stadtherren trat der Rat wieder in die Rolle der örtlichen Obrigkeit und übernahm so etwa auch die Führungsfunktion der Reformation innerhalb der Stadt793. Damit aber wird in den untersuchten Städten der Landgrafschaft Hessen keine 786 Amon, Stadt, S. 134; Reinhard, Reichsreform, S. 196; Schilling, Aufbruch, S. 166; Schmidt, Konfessionalisierung, S. 7. 787 Reinhard, Reichsreform, S. 291. Vgl. auch Schilling, Aufbruch, S. 165 zum „Corpus–Christianum–Anspruch“. 788 Schmieder, Stadt, S. 128; Springer, Dominikaner, S. 296–297. 789 Henze, Orden, S. 93; Tode, Stadt, S. 73, 75–76. 790 Tode, Stadt, S. 74–75. 791 Mau, Bewegung, S. 98. 792 Vgl. Blickle, Untertanen, S. 105. 793 Reinhard, Reichsreform, S. 290. 128 Schlussbetrachtung „autonome“, sondern bereits die Tendenz zu einer „beauftragten Selbstverwaltung“ erkennbar794. Dies steht in Einklang mit den landeherrlichen Verfassungsänderungen um und nach 1525. Bereits die Marburger Stadtordnung von Oktober 1525 unterwarf durch die Abschwächung des Wahl- zugunsten eines Vorschlagsrechts für die „Vierer“ und den Bürgermeister Rat und Gemeinde einer „bis dahin unbekannten landgräflichen Kontrolle“795. Ähnliches ist 1532 in Butzbach und spätestens 1587 in Gießen mit dem „Sechzehner“-Ausschuss zu erkennen, durch den die Wahl der Vierer auf die landgräflichen Beamten bzw. einen auserlesenen Kreis von Gemeindemitgliedern übertragen wurde. Auf der anderen Seite wurden aber auch die Kompetenzen des Rates durch zusätzliche Kontrollund Mitspracheinstanzen der Gemeinde beschnitten796. Neben den im Oktober 1525 in Marburg eingeführten Kämmerern sind hier die Schaffung des Zwölferkollegiums der Zünfte und Gemeinde in Treysa im Jahr 1535 und die unter den oberhessischen Städten einzigartige Erweiterung der Vierer zu Sechsern in Gießen um 1572 zu nennen. Trotz Vorbehalte gegen eine zu starke politische Stellung der Bürgerschaft trug Landgraf Philipp somit wie seine Vorgänger den „demokratischen Strömungen“ innerhalb der Städte Rechnung und verstand es dadurch, nicht nur die „selbstherrliche Politik“ der Geschlechter weiter einzudämmen797, sondern auch „seine Autorität auf städtische Angelegenheiten auszudehnen“798. Auf Dauer gelang dadurch die endgültige Einbindung der Städte in das hessische Territorium799, die insgesamt im Rahmen der Integration aller autonomen Gewalten in die Landgrafschaft stand800. Besonders wirksam zeigt sich dies während des Bauernkriegs von 1525, in dem sich die landgräflichen Städte nicht zu einem Anschluss an die Aufstandsbewegung bewegen ließen. Für die Städte selbst bedeutete jene Einbindung in den Fürstenstaat einerseits zwar die Aushöhlung ihrer alther- 794 Fouquet, Bauen, S. 92. 795 Fouquet, Bauen, S. 92. Vgl. auch Schilling, Aufbruch, S. 171. 796 Vgl. Buszello, Bauernkrieg, S. 127. 797 Zimmermann, Territorialstaat, S. 42. 798 Gräf, Kleinstädte, S. 22. 799 Fouquet, Bauen, S. 156. 800 Hollenberg, Ständeopposition, S. 73. 129 Schlussbetrachtung gebrachten Grund- und Freiheitsrechte801 und die „enge Begrenzung ihres politischen Handlungsspielraums“802. Andererseits bot die grö- ßere Nähe zum Landgrafen aber auch Schutz nach außen und die nachhaltige Förderung durch den Stadtherrn803. Und letztlich machte sich der Autonomieverlust auch in den innenpolitischen Verhältnissen der Städte positiv bemerkbar, da weitere Wellen von Auseinandersetzungen um die Regierung nach 1540 für mehrere Jahrzehnte nicht belegt sind. Neukirchen, wo die 1544 ausgebrochenen Irrungen ebenfalls zu einer gemeinsamen Stadtverwaltung des Rates und der Gemeinde führten804, blieb ein isolierter Einzelfall. Erst als sich gegen Ende des 16. Jahrhunderts neuerliche Veränderungen im demographischen und wirtschaftlichen sowie im sozialen und kirchlichen Bereich abermals zu einer gesamtgesellschaftlichen Krise auswuchsen805, während gleichzeitig die Oligarchisierungstendenzen der Schöffenfamilien wieder zunahmen, kam es in den deutschen Städten erneut zu einer Kumulation von Zusammenstößen um Fragen der örtlichen Verwaltung806. Die Forschung hat dieser zweiten frühneuzeitlichen Unruhewelle sogar eine Schlüsselstellung in der Gesamtentwicklung der Städte zugesprochen807 – ohne sich bisher jedoch eingehender mit ihr beschäftigt zu haben808. Dabei zeigen die zahlreichen Beispiele aus der Ortsrepositur (Bestand 17 e) des Hessischen Staatsarchivs Marburg, dass in Ober- und Niederhessen außer bereits bekannten Fällen 801 Schilling, Territorialstaat, S. 24. 802 Battenberg, Sozialstrukturen, S. 20. 803 Felschow, Betrachtungen, S. 56. 804 Hierzu und zum Folgenden siehe Regest Nr. 8 im Anhang (HStAM Best. 330 Neukirchen Nr. B 7491 bzw. B 7498). Im Detail wurde bestimmt, dass die beiden Bürgermeister künftig drei Männer aus dem Rat und drei aus der Gemeinde zu wählen hatten, von denen jeweils zwei zu Kämmerern, zwei zu Baumeistern und zwei zu Weinmeistern bestellt werden sollten. Damit lehnt sich diese Neuordnung stark an die niederhessischen Verfassungsänderungen der zweiten Hälfte des 15. Jahrhundert an. 805 Vgl. Schilling, Aufbruch, S. 371–392 zur sogenannten „Krise des 17. Jahrhunderts“. 806 Vgl. Gerteis, Städte, S. 83 sowie die Übersichten bei Blickle, Unruhen, S. 44–45 und Rosseaux, Städte, S. 65–66. 807 Vgl. Gerteis, Stadtrevolten, S. 47–48. 808 Vgl. Lanzinner, Zeitalter, S. 144; Turnau, Unruhehäufungen, S. 68. 130 Schlussbetrachtung wie Marburg oder Eschwege809 insbesondere solche Städte hiervon betroffen wurden, die weder zwischen 1510 und 1540 noch vor 1500 Schauplätze von inneren Auseinandersetzungen gewesen waren. Ihre Untersuchung, oder zunächst einmal Erfassung, würde demnach eine beachtliche Lücke in der hessischen Stadtgeschichtsforschung schlie- ßen. 809 HStAM Best. 17 e Nr. Marburg 219 (1613–1614), Nr. Eschwege 67 (1584). 131 Schlussbetrachtung

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References

Zusammenfassung

Die von Wittenberg ausgehende Reformationsbewegung traf in vielen Aspekten den Nerv ihrer Zeit, denn damals brodelte es auf deutschem Boden in allen Bevölkerungsschichten: Auf dem Land kämpften die Bauern um die Wahrung ihrer althergebrachten Gemeinderechte, die Reichsritter um die Wiederherstellung ihrer Standesprivilegien, und in den Städten pochten die nicht im Rat vertretenen Teile der Bürgerschaft auf ihre Mitsprache am sogenannten Stadtregiment.

Während Ritteraufstand und Bauernkrieg – sieht man von den regional beschränkten Voraufständen des „Bundschuh“ und „Armen Konrad“ einmal ab – in ihren Dimensionen jedoch Einzelereignisse blieben, hatte der Kampf der Stadtbürger zu jenem Zeitpunkt bereits eine Tradition, die mindestens bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts zurückreicht. Dies trifft auch zu auf die Städte der Landgrafschaft Hessen, einem der Aufsteigerterritorien der Reformationszeit.

Ausgehend von dem jeweiligen zeithistorischen Kontext untersucht der Autor die innerstädtischen Unruhen in Hessen zwischen 1510 und 1540, blickt dabei zudem auf die Vorunruhen seit 1450 zurück und sucht nach Kontinuitäten und Veränderungen. Dabei geht er der Kernfrage nach, wie die Unruhen – gerade im Zusammenspiel mit der beginnenden Reformation – die Entwicklung der hessischen Stadtverfassung beeinflusst haben.