IV. Der Bauernkrieg in der Landgrafschaft und die Haltung der Städte in:

Matthias Seim

Reformation und Stadtverfassung, page 115 - 122

Die inneren Auseinandersetzungen in den Städten der Landgrafschaft Hessen im frühen 16. Jahrhundert

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4027-0, ISBN online: 978-3-8288-6788-8, https://doi.org/10.5771/9783828867888-115

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 33

Tectum, Baden-Baden
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115 IV. Der Bauernkrieg in der Landgrafschaft und die Haltung der Städte Von der großen ländlichen Erhebung des Jahres 1525, dem Bauernkrieg, wurde die Landgrafschaft Hessen nur in einzelnen Regionen erfasst. Während ihr oberhessischer Landesteil nach bisherigem Kenntnisstand vollständig davon verschont geblieben ist691, waren es in Niederhessen als erste die Bauern des Benediktinerklosters Hasungen bei Kassel, die dem Landgrafen Ende März ihre Klagen über den Abt vortrugen. Er bedrücke sie so hart wie einst der Pharao die Kinder Israels in Ägypten692. Namentlich lasse er sie in den klösterlichen Waldungen kein Feuerholz für ihren täglichen Hausbedarf sammeln, fahre ihnen regelmäßig mit Wagen und Esel in die Hecken (Punkt 2) und nutze selbst ihre eigenen Feldfluren mit seinen Knechten und seinem Vieh nach freiem Belieben (Punkt 3). Vor allem aber fordere der Abt die hoheitlichen Abgaben des „Hundelagers“693 (Punkt 1) und des „Besthaupts“694 unnachgiebig ein und vergrößere ihre Armut dadurch von Tag zu Tag mehr. Dabei sei das Besthaupt weder durch christliches noch durch göttliches Gebot begründet (Punkt 4)695. Die Beschwerdepunkte der Hasunger Bauern trugen damit deutlich erkennbar die Handschrift der ebenfalls im März 1525 erschienenen „Zwölf Artikel“696, die im Bauernkrieg eine zentrale Rolle als gemeinsame Erklärung der Aufständischen im süd- und mitteldeutschen Raum spielten. 691 Vgl. Struck, Bauernkrieg, S. 62–64. 692 Hierzu und zum Folgenden siehe Merx/Franz, Akten 1.2, S. 671–672 (Nachträge Nr. 1 a). Vgl. auch Struck, Bauernkrieg, S. 64. 693 Zum Begriff vgl. Endres, Ursachen, S. 232. 694 Zum Begriff vgl. Endres, Ursachen, S. 237. 695 Zur Argumentation mit dem „Göttlichem Recht“ vgl. allgemein Wunder, „Recht“. 696 Franz, Quellen Bauernkrieg, S. 174–179 (Nr. 43), Art. 5 und 11. Vgl. auch Hollenberg, Landgraf, S. 85. Regelrechte Klosterstürme697 ereigneten sich einen Monat später weiter östlich in der Nähe der Stadt Rotenburg an der Fulda. Am Montag, dem 24. April 1525, fielen gegen neun Uhr abends Bauern aus der Gegend von Spangenberg und dem Gericht Morschen in das Zisterzienserinnenkloster Haydau ein698. Nach Bericht des landgräflichen Statthalters in Kassel, Thiele VI. Wolff von Gudenberg699, sollen sie dabei sämtliche Lebensmittelvorräte („profiande“) sowie alle Schränke und Kästen in der Kirche geplündert haben. Etwa eine Woche später, am 2. Mai, wandten sich die Kanoniker des Kollegiatstifts in Rotenburg an den Landgrafen, da sie durch Bauern des Amtes „sere beschedeget“ und „vortriben“ worden seien700. Ihre Kleinodien und Urkunden hatten sie mit Hilfe der landgräflichen Amtleute und des Bürgermeisters bereits in der Rotenburger Pfarrkirche in Sicherheit gebracht701. Gleichermaßen gedachte laut Mitteilung des landgräflichen Rates Christian von Hanstein702 die Äbtissin des Benediktinerinnenklosters Kaufungen bei Kassel schon am 30. April ihre Kleinodien im Kasseler Schloss unterzubringen703, nachdem das nicht weit entfernte Zisterzienserkloster Walshausen (heute: Wilhelmshausen) vier Tage zuvor ebenfalls der Plünderung durch Bauern zum Opfer gefallen war704. Den unrühmlichen Höhepunkt der Aufstände in Niederhessen bildete das Schicksal des landgräflichen Verwalters Jakob Stückradt, der zwischen Hergershausen und Niedergude 697 Vgl. hierzu allgemein Hollenberg, Landgraf, S. 87; Klein, Folgen, S. 92. 698 Hierzu und zum Folgenden siehe Merx/Franz, Akten 1.1, S. 273 (Nr. 356). Vgl. auch Küch, Politisches Archiv 1, S. 130 (Nr. 192) sowie Bergmann, Morschen, S. 19–20; Falckenheiner, Philipp, S. 20; Schilling, Klöster, S. 170; Struck, Bauernkrieg, S. 64. 699 Zur Person siehe Demandt, Personenstaat 2, S. 972–973; Gundlach, Zentralbehörden 3, S. 303–304. 700 Merx/Franz, Akten 1.2, S. 398 (Nr. 570); Löwenstein, Rotenburg, S. 265–266 (Nr. 272). Vgl. auch Küch, Politisches Archiv 1, S. 135 (Nr. 200) sowie Falckenheiner, Philipp, S. 21; Struck, Bauernkrieg, S. 64. 701 Löwenstein, Rotenburg, S. 271 (Nr. 274). Vgl. auch Schilling, Klöster, S. 170. 702 Zur Person siehe Demandt, Personenstaat 1, S. 296; Gundlach, Zentralbehörden 3, S. 85. 703 Merx/Franz, Akten 1.2, S. 379 (Nr. 522). Vgl. auch Küch, Politisches Archiv 1, S. 130 (Nr. 192); Schilling, Klöster, S. 170. 704 Merx/Franz, Akten 1.1, S. 316 (Nr. 417). Vgl. auch Schilling, Klöster, S. 170. Welche die angeblich anderen sechs geplünderten Klöster waren, erzählt der Bericht nicht. 116 Der Bauernkrieg in der Landgrafschaft und die Haltung der Städte bei Rotenburg einen herrschaftlichen Hof innehatte. Angesichts der überall in der Umgebung ausbrechenden Unruhen hatte er Frau und Kinder bereits zum Schutz nach Spangenberg geschickt, als vermutlich um die Zeit der Plünderung des Klosters Haydau ein Bauernhaufen vor sein Gut zog und es in Brand setzte. Stückradt musste dabei sein Leben lassen705. Zur stärksten Erhebung der Bauern in der Landgrafschaft kam es indes um den 25. April 1525 im Amt Friedewald. Bereits am 22. April war der Schultheiß Heinz Fischer von Heringen zu dem Vogt Hans Marställer706 nach Friedewald geeilt und hatte ihm berichtet, die Bauern seines Gerichts seien gewillt, sich dem auf die Zwölf Artikel eingeschworenen buchenländischen Haufen anzuschließen707. Zuvor wollten sie jedoch nach Friedewald ziehen. Schon drei Tage später meldete Marställer dem Landgrafen, dass neben dem Gericht Heringen inzwischen auch das Gericht Friedewald abgefallen sei und die Heringer Bauern sogar ihren Schultheißen Fischer zum Anschluss gezwungen hatten708. Schließlich sollen aus beiden Gerichten angeblich Tausende dem gro- ßen Haufen bei Fulda und Hersfeld zugezogen sein709. Marställers damit verbundenes Hilfegesuch beantwortete Philipp der Großmütige ebenfalls innerhalb von drei Tagen mit der Sendung von „etlich reisigen“, d. h. bewaffneten Knechten, nach Friedewald710, zumal die dortige Burg zwar „ein gut haus, aber unbestalt“ war711. Dem Landgrafen erschien diese Aktion umso wichtiger, als er in Friedewald das Tor erblickte, durch das die Bauern „in unser land daherim ziehen werden“712. Gefahr für die Landesherrschaft drohte aber ebenso in der Obergraf schaft Katzenelnbogen – spätestens als Ende Mai 1525 das Gerücht aufkam, die Bauern des Odenwaldes hätten in Heilbronn beschlossen, den Landgrafen aus seinem Land zu vertreiben und ihn durch den Grafen 705 Bergmann, Morschen, S. 19; Falckenheiner, Philipp, S. 20; Zimmermann, Geschichte 3, S. 617. 706 Zur Person siehe Demandt, Personenstaat 1, S. 552. 707 Merx/Franz, Akten 1.1, S. 184 (Nr. 240), S. 208 (Nr. 272). 708 Merx/Franz, Akten 1.1, S. 274 (Nr. 357). 709 Merx/Franz, Akten 1.2, S. 334–335 (Nr. 440). Vgl. auch Struck, Bauernkrieg, S. 64. 710 Merx/Franz, Akten 1.2, S. 356 (Nr. 476). 711 Merx/Franz, Akten 1.1, S. 207 (Nr. 271). 712 Merx/Franz, Akten 1.1, S. 206 (Nr. 270). 117 Der Bauernkrieg in der Landgrafschaft und die Haltung der Städte von Nassau zu ersetzen713. Dabei hatte jenem südlichen, erst 1479 hinzugewonnenen Teil des hessischen Territoriums schon länger das besondere Sicherheitsinteresse der Landgrafen gegolten714. Erstmals im Sommer 1514, nach dem Sieg der Landgräfin Anna über die Regenten, war eine Visitation der Obergrafschaft vorgenommen worden, um die Bedürfnisse und Klagen der Untertanen jedes Standes aufzunehmen715. Und als sich im Frühjahr darauf, vermutlich im Zuge des erneuten Aufbäumens der Regenten716, Unruhen in diesem Landesteil anbahnten, ließ Landgräfin Anna mit Schreiben vom 18. April 1515 Schloss Darmstadt und insbesondere die Festung Rüsselsheim mit einer ausreichenden Zahl an bewaffneten Knechten versehen, um „die schloß und flecken in guter wacht und verhuterung zu halten“717. Gleiches wurde im Jahr 1518 von dem jungen Landgrafen Philipp veranlasst, als der Reichsritter Franz von Sickingen im Zuge seiner Fehde in die Obergrafschaft einfiel718. Dennoch konnten auch erhöhte Sicherungsmaßnahmen es nicht verhindern, dass sich im Frühjahr 1525 die Bauern der Obergrafschaft Katzenelnbogen von der allgemeinen Erhebung des „gemeinen Mannes“ anstecken ließen und den Aufstand wagten. Zwar waren es ausschließlich die Bauern eines einzigen Bezirks, des Amtes Lichtenberg bei Reinheim719, und vermutlich wurde ihr Aufruhr schnell beigelegt720. Dies hielt Philipp den Großmütigen jedoch nicht davon ab, weitere Vorkehrungen zum Schutze des abgelegenen Landesteils zu treffen. Mitte April 1525 ließ er nicht nur Rüsselsheim und die anderen Schlösser der Obergrafschaft unter Hinzuziehung der Bürger aus den Städten mit bewaff- 713 Merx/Franz, Akten 1.2, S. 501 (Nr. 765). Vgl. auch Küch, Politisches Archiv 1, S. 132 (Nr. 193). 714 Vgl. Küch, Visitation, S. 155 zur Mahnung im Testament Wilhelms II., die Amtsstellen in der Obergrafschaft mit gut gesinnten Leuten zu besetzen. 715 Küch, Visitation, S. 147. Das Visitationsprotokoll siehe ebenda, S. 192–218. 716 Vgl. Glagau, Landtagsakten, S. 425–426. 717 HStAM Best. 2 Nr. 423. 718 Knöpp, Obergrafschaft, S. 617–618. 719 Küch, Visitation, S. 176; Schweinsberg, Beschwerden, S. 27; Struck, Bauernkrieg, S. 64; Zimmermann, Territorialstaat, S. 192. 720 Vgl. Lindt, Beschwerden, S. 59–60, wo es heißt, dass den Bauern des Amtes „wher, puchssen und anders […] verbotten worden“ sei. 118 Der Bauernkrieg in der Landgrafschaft und die Haltung der Städte neten Knechten besetzen721, sondern sandte außerdem eine Truppe von 100 Reisigen dorthin, um dem benachbarten Pfalzgrafen bei Rhein gegen dessen Bauern zu Hilfe zu kommen722. Neben dieser temporären bemühte sich der Landgraf jedoch auch um eine dauerhafte Sicherung der Obergrafschaft, indem er hier noch im Jahr 1525 erneut eine Visitation durchführte, um den Beschwerden der Bauern auf den Grund zu gehen und so einer neuerlichen Erhebung den Boden zu entziehen723. In der ebenfalls isoliert gelegenen Niedergrafschaft um die Schlösser Rheinfels und Hohenstein724 veranlasste er Ende April 1525 sogar die Inventarisierung der Kleinodien und Einkünfte der Kirchen, Klöster und Kapellen725. Ansonsten sind bäuerliche Aufstände in der Landgrafschaft Hessen nur noch aus dem Vordertaunus bekannt. Am 20. April 1525 berichtete die seit 1504726 bzw. endgültig 1521 hessische Stadt727 Homburg vor der Höhe dem Landgrafen, dass sich um sie herum „große ufrore“ breit mache und sie seiner Aufforderung, 25 bewaffnete Männer zur Sammlung nach Gießen zu schicken, nicht nachkommen könne, da sie nicht wisse „vor wem mir uns huten sollen“728. Der Landgraf erließ den Homburgern die Truppenstellung schließlich und leistete damit ihrem alten, von den Herren von Eppstein herrührenden Recht Folge, über Nacht keine Knechte stellen zu müssen729. Über die von der Stadt erwähnten „ufrore“ ist hingegen kaum etwas bekannt. Offenbar dauerten sie aber mindestens bis Juni 1525, da sich noch um diese Zeit die Bauern der Ämter Eppstein, und Homburg vor der Höhe weigerten, den Zehnten zu geben730. 721 Merx/Franz, Akten 1.2, S. 458 (Nr. 678), 589 (Nr. 947). Vgl. auch Küch, Politisches Archiv 1, S. 131 (Nr. 193), 133 (Nr. 195); Knöpp, Obergrafschaft, S. 618; Merx, Bauernkrieg, S. 263; Schweinsberg, Beschwerden, S. 27. 722 Falckenheiner, Bauernkrieg, S. 4, 22–23; Hollenberg, Landgraf, S. 79; Merx, Bauernkrieg, S. 261–262. 723 Lindt, Beschwerden, S. 60; Schweinsberg, Beschwerden, S. 28. 724 Vgl. HStAM Best. 2 Nr. 423. 725 Struck, Inventar, S. 272. Das Inventurprotokoll siehe ebenda, S. 274–278. 726 Steinmetz, Kircheninventar, S. 155. 727 Keyser, Städtebuch, S. 260; Sante, Hessen, S. 24. 728 Merx/Franz, Akten 1.1, S. 143 (Nr. 193). Vgl. auch Küch, Politisches Archiv 1, S. 130 (Nr. 191). 729 Merx/Franz, Akten 1.1, S. 276–277 (Nr. 362). Vgl. auch Baeumerth, 1200 Jahre, S. 21. 730 Küch, Politisches Archiv 1, S. 132 (Nr. 194). Vgl. auch Struck, Bauernkrieg, S. 58–59 sowie Elkar, Aufstände, S. 125. 119 Der Bauernkrieg in der Landgrafschaft und die Haltung der Städte Wie in der Obergrafschaft Katzenelnbogen reagierte Philipp der Großmütige auch hierauf mit einem verstärkten Sicherheitsstreben und befahl schon im Mai die Anwerbung von reisigen Knechten für die Schlösser Kronberg und Eppstein731. Erst Anfang Juli konnten sie wieder aus ihrem Dienst entlassen werden732. Andererseits nahm der Landgraf die wohl schon Mitte März 1525 unruhige Lage zum Anlass, in den drei Ämtern ebenfalls die Kleinodien und Einkünfte der Kirchen und Klöster zu inventarisieren733. Die Besetzung der stadtsässigen Schlösser, wie sie im niederhessischen Friedewald, der Obergrafschaft Katzenelnbogen und in Kronberg und Eppstein geschah, deutet bereits auf die zentrale Rolle hin, die die Städte bei dem militärischen Vorgehen des Landgrafen gegen die bäuerliche Aufstandsbewegung von 1525 spielten. Auch in Nieder- und Oberhessen wurden sie zu Sammelpunkten der landgräflichen Streitkräfte734. Am 16./17. April erging ein landesweites Aufgebot, wonach alle Städte und Ämter Truppen nach Marburg und Gießen zu senden hatten735. In Kassel fanden sich Anfang Mai zudem die Reisigen des damals noch mit Philipp dem Großmütigen verbündeten Herzogs Heinrich II. von Braunschweig-Wolfenbüttel ein736. Der Landgraf selbst begab sich am 24. April von Marburg aus nach Alsfeld, von wo er das drohende Übergreifen des Aufstands in Hersfeld auf sein Territorium zu verhindern beabsichtigte737. Hier verbrachte er die folgenden beiden Tage, um zunächst die in Nieder- und Oberhessen gesammelte Verstärkung abzuwarten, und rückte 731 Küch, Politisches Archiv 1, S. 131 (Nr. 193). 732 Merx/Franz, Akten 1.2, S. 589 (Nr. 947). Vgl. auch Küch, Politisches Archiv 1, S. 132 (Nr. 194). 733 Steinmetz, Kircheninventar, S. 157. Das Inventurprotokoll siehe ebenda, S. 158– 166. Vgl. auch Schilling, Klöster, S. 169. 734 Falckenheiner, Philipp, S. 30. 735 Merx/Franz, Akten 1.1, S. 236–237 (Nr. 309). Vgl. auch Küch, Politisches Archiv 1, S. 134 (Nr. 199); Hollenberg, Landgraf, S. 79; Merx, Bauernkrieg, S. 262. 736 Merx/Franz, Akten 1.1, S. 236 (Nr. 308). Vgl. auch Küch, Politisches Archiv 1, S. 130 (Nr. 192). 737 Merx/Franz, Akten 1.2, S. 334–335 (Nr. 440). Vgl. auch Falckenheiner, Philipp, S. 25; Hollenberg, Landgraf, S. 80; Merx, Bauernkrieg, S. 263. Zum drohenden Übergreifen vgl. auch Löwenstein, Rotenburg, S. 265 Anm. 1 (Nr. 271) und Küch, Politisches Archiv 1, S. 134 (Nr. 199). 120 Der Bauernkrieg in der Landgrafschaft und die Haltung der Städte dann am 27. April gegen Hersfeld vor738. Einen Teil der Truppen ließ er nach Allendorf/Werra, Witzenhausen und Eschwege ziehen, um dort eine Handhabe gegen die Bauern des Eichsfelds zu haben739. Dabei hatten die aufständischen Bauern es nicht unversucht gelassen, neben Hersfeld auch die landgräflichen Städte zum Anschluss an ihre Bewegung zu bringen. Noch am 24. April 1525 sandten Hersfelder Bürgermeister, Rat, Zünfte und Gemeinde Briefe an die Städte in Niederhessen und der ehemaligen Grafschaft Ziegenhain (Treysa und Ziegenhain), in denen sie diese über ihr Bündnis mit den Bauern informierten und ebenfalls dazu einluden740. Deutlich fordernder fiel demgegenüber die Mitteilung der Werratalbauern vor Salzungen aus, die der Stadt Rotenburg am gleichen Tag ankündigten, sie bald „heymsuchen“ zu wollen, wenn sie nicht ihrem Bündnis beitraten741. Wie wenig Interesse die Rotenburger Bürger daran allerdings hatten, zeigt schon die bereits erwähnte Unterstützung der Stiftsherren bei der Unterbringung ihrer Kleinodien und Urkunden in der städtischen Pfarrkirche742. Zudem sollen die Bürger den Bauern den Zugang in die (Alt-)Stadt verwehrt haben, als diese nach dem Überfall auf das in der Neustadt gelegene Stift auch die Pfarrkirche plündern wollten743. Ulf Dirlmeier führt dieses bauernfeindliche Verhalten der Bürger im Wesentlichen auf die Zentrumsfunktion der Städte, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht, zurück, die auf eine städtische „Kontrolle des Umlandes“ angewiesen war und daher zwischen Bauern und Bürgern grundsätzliche „Interessendivergenzen“ begründete, welche eine Kooperation erschwerte744 bzw. in der Landgrafschaft Hessen offenbar unmöglich machte. Auch ist zu bedenken, dass sich die Unruhen in den Städten ausschließlich gegen Missstände in der örtlichen Verwaltung 738 Falckenheiner, Philipp, S. 26; Hollenberg, Landgraf, S. 80; Schweinsberg, Beschwerden, S. 28. 739 Franz, Quellen Bauernkrieg, S. 463 (Nr. 151); Merx/Franz, Akten 1.2, S. 409 (Nr. 592). Vgl. auch Küch, Politisches Archiv 1, S. 130 (Nr. 192). 740 Merx/Franz, Akten 1.1, S. 222–223 (Nr. 293). Vgl. auch Löwenstein, Rotenburg, S. 263–264 (Nr. 270); Struck, Bauernkrieg, S. 64. 741 Löwenstein, Rotenburg, S. 264–265 (Nr. 271). Vgl. auch Küch, Politisches Archiv 1, S. 134 (Nr. 199); Struck, Bauernkrieg, S. 64. 742 Löwenstein, Rotenburg, S. 272 (Nr. 266). 743 Merx/Franz, Akten 1.1, S. 313 (Nr. 413). 744 Dirlmeier, Stadt, S. 275–276. 121 Der Bauernkrieg in der Landgrafschaft und die Haltung der Städte richteten und nur in Camberg Beschwerden gegen die Landesherrschaft erhoben wurden, die mit denen der Bauern vergleichbar waren. Zudem hatte der Landgraf rasch von den Hersfelder Briefen erfahren745 und wies seine Städte frühzeitig zu ihrer Auslieferung an, was diese – freilich in Verbindung mit der Hoffnung auf die Abstellung eigener Beschwerden – auch ohne Zögern taten746, sodass Philipp der Großmütige dem verbündeten Pfalzgrafen Ludwig V. erleichtert mitteilen konnte, das „di flegken […] gehalten haben“747. Damit können die Städte der Landgrafschaft Hessen unter den von Sven Tode definierten Typ R 3 der gegenüber dem Bauernkrieg resistenten Stadt subsumiert werden, während die in ihn involvierten Städte Hersfeld und Fulda zu den B-Typen zu zählen sind748. Ende des Jahres 1525 leisteten schließlich alle landgräflichen Städte, nachdem die bäuerliche Erhebung in Hessen und Thüringen niedergeschlagen war, Landgraf Philipp die Huldigung und gelobten ihm, gehorsam zu sein, weder eigenen Aufruhr zu machen noch fremden Aufruhr zu dulden und ferner keine Aufrührer unter sich zu beherbergen, sondern diese entweder ihm, seinen Erben oder seinen Amtleuten zu melden749. Allerdings hielt jenes Versprechen die Städte nicht davon ab, in der Behandlung der Aufrührer eine eigene Politik zu verfolgen und etwa in Rotenburg den aus Hersfeld verbannten Bürgermeister Hans Ottensassen als Bürger aufzunehmen750. Im Zuge der Verfolgung der Wiedertäuferbewegung kam es im März 1537 im oberhessischen Kirchhain wegen der Gefangennahme eines Predigers sogar zu aufrührerischen Protesten innerhalb der Bürgerschaft gegen den landgräflichen Amtmann751. 745 Hollenberg, Landgraf, S. 80. 746 Siehe die Bsp. Eschwege und Sontra, in: Merx/Franz, Akten 1.1, S. 314–316 (Nr. 415–416). Vgl. auch Küch, Politisches Archiv 1, S. 133–134 (Nr. 197); Struck, Bauernkrieg, S. 64. 747 Merx/Franz, Akten 1.2, S. 335 (Nr. 440). 748 Tode, Stadt, S. 305–306. Vgl. auch Dirlmeier, Stadt, S. 274. 749 Merx/Franz, Akten 1.2, S. 642–643 (Nr. 1032). Vgl. Küch, Politisches Archiv 1, S, 137 (Nr. 203) sowie insbes. Eckhardt, Quellen Allendorf, S. 107–109 (Nr. 81a); Schweinsberg, Beschwerden, S. 29–30. Siehe auch die Huldigungsreverse der Städte Schwarzenborn (HStAM Urk. 53 Nr. 781) und Ziegenhain (HStAM Urk. 86 Nr. 833). 750 Merx/Franz, Akten 1.2, S. 367 Anm. 1 (Nr. 505). 751 Vgl. Franz, Quellen Reformationsgeschichte 4, S. 150–151 (Nr. 51–52). 122 Der Bauernkrieg in der Landgrafschaft und die Haltung der Städte

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Zusammenfassung

Die von Wittenberg ausgehende Reformationsbewegung traf in vielen Aspekten den Nerv ihrer Zeit, denn damals brodelte es auf deutschem Boden in allen Bevölkerungsschichten: Auf dem Land kämpften die Bauern um die Wahrung ihrer althergebrachten Gemeinderechte, die Reichsritter um die Wiederherstellung ihrer Standesprivilegien, und in den Städten pochten die nicht im Rat vertretenen Teile der Bürgerschaft auf ihre Mitsprache am sogenannten Stadtregiment.

Während Ritteraufstand und Bauernkrieg – sieht man von den regional beschränkten Voraufständen des „Bundschuh“ und „Armen Konrad“ einmal ab – in ihren Dimensionen jedoch Einzelereignisse blieben, hatte der Kampf der Stadtbürger zu jenem Zeitpunkt bereits eine Tradition, die mindestens bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts zurückreicht. Dies trifft auch zu auf die Städte der Landgrafschaft Hessen, einem der Aufsteigerterritorien der Reformationszeit.

Ausgehend von dem jeweiligen zeithistorischen Kontext untersucht der Autor die innerstädtischen Unruhen in Hessen zwischen 1510 und 1540, blickt dabei zudem auf die Vorunruhen seit 1450 zurück und sucht nach Kontinuitäten und Veränderungen. Dabei geht er der Kernfrage nach, wie die Unruhen – gerade im Zusammenspiel mit der beginnenden Reformation – die Entwicklung der hessischen Stadtverfassung beeinflusst haben.