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Teil III David E. Nye und das Konzept der von Menschenhand geschaffenen Landschaften in:

Victoria Polzer

Das Erhabene in der Philosophie der Gegenwart, page 133 - 164

Vom Text zur Technologie

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4005-8, ISBN online: 978-3-8288-6786-4, https://doi.org/10.5771/9783828867864-133

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 29

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
David E. Nye und das Konzept der von Menschenhand geschaffenen Landschaften Das Faszinierende und das neue Erhabene Industrielle Landschaften und das Technisch-Erhabene Repräsentativ könnte man die These über den Zusammenhang des Phänomens des Erhabenen in der Kunst und der Wissenschaft am Beispiel des Werkes American Technological Sublime von David E. Nye369 darstellen. In diesem Text zieht Nye eine Parallele zwischen der Lehre von Burke, Kant und anderen Philosophen, die sich mit dem Problem des Erhabenen beschäftigt haben, und den Ergebnissen des wissenschaftlich-technologischen Fortschritts, der die Ideen des Technologisch- und Elektrisch-Erhabenen auszeichnet. Theodor W. Adorno bezeichnet die industrielle Landschaft als „die Landschaft der Kultur“.370 Die Überlegungen von Leo Marx und David Nye knüpfen an die Ästhetik des 19. Jahrhunderts an, in dem sich Adorno zufolge die Vorstellung des Naturschönen sehr stark veränderte und z. B. Gebäude, oft mit ihrer geographischen Umgebung und dem Material, aus dem sie gebaut worden waren, als schön wahrgenommen wurden.371 Teil III 1 1.1 369 Nye, American technological sublime. 370 Adorno, Theodor W. Ästhetische Theorie. Frankfurt a. Main: Suhrkamp, 1995. 371 Wolfgang Welsch stellt dazu fest: „Adorno dreht die Erfahrung des Erhabenen aus dem Raster von Macht, Übermacht und Bemächtigung heraus und perzipiert sie als Erfahrung möglicher Teilhabe an Natur und gemeinsamer Freiheit mit ihr. Mimesis löst Herrschaft ab“ (Welsch, Wolfgang. Adornos Ästhetik: eine implizite Ästhetik des Erhabenen. In: Das Erhabene. Zwischen Grenzerfahrung und Grössenwahn (hrsg. v. Christine Pries). Weinheim: VCH, Acta Humaniora, 1989, S. 188). Der Mensch versteht, dass das Erlebnis dieses Zustandes die Erfahrung der Entdeckung des Neuen in sich ist – seiner Naturfähigkeit. Er „eröffnet den Ausblick auf eine Gemeinsamkeit des Naturwesens Mensch mit der umgebenden Natur“ (ebd., S. 189). Welsch resümiert: „[D]as moderne Kunstwerk ist dadurch gekennzeichnet, dass es die Struktur des Erhabenen zu seiner Matrix hat […]. Das Erhabene impliziert keinerlei Verweis auf einen ‚erhabenen Gegenstand‘ mehr“ (ebd., S. 206). Ganz kategorisch spricht Welsch zum Thema der Korrelation der Kultur und der Politik und verweist dabei auf die Ware-Geld-Beziehungen, die als Ersatz der Kultur erscheinen: „Der Blick auf die herrschende Kulturpolitik lehrt Entsetzen, nicht Hoffnung. Kultur wird zunehmend – ob als hohe oder niedrige, internationale oder regionale, traditionelle oder avantgardistische – als Aktie kalkuliert, als Werbeträger eingesetzt, nach Rentabilitätsgesichtspunkten lanciert. Die Kulturstiftungen der Großbanken sind verdienstvoll – auch als Signale, die unverblümt zeigen, daß Kultur heute nach der Pfeife der Ökonomie zu tanzen hat. – Unsere alten Kulturideale sind nicht nur zuschanden, sondern lächerlich geworden“ (Welsch, Wolfgang. Kulturkonzepte der Postmoderne. In: Kulturpolitik. Standorte, Innensichten, Entwürfe (hrsg. v. Wolfgang Lipp) (Schriften zur Kultursoziologie, Bd. 11). Berlin: Dietrich Reimer, 1989, S. 37–62, hier S. 53). Die Idee von der Unvermeidlichkeit der Koexistenz des 133 Dieses Spiel mit den Gefühlen, also die Frage nach dem was überhaupt künstlich oder natürlich ist, wenn die Betrachtung der künstlichen oder natürlichen Objekte dieselben Reaktionen bzw. Gefühle hervorruft, oder die Idee der Demut angesichts der unvermeidlichen neuen Welt sind wahrlich unmoralisch, da sie der Versuch sind, eine grobe Einmischung in den natürlichen Gang der Dinge zu rechtfertigen. Der Mensch begründet seine Tätigkeit mit dem Hinweis auf die Spuren des Transzendenten in den von ihm geschaffenen industriellen Objekten und betont, wie er von ihnen entzückt ist, da er sie erhaben nennt. Dabei widersprechen sich, wie ich schon erwähnt habe, die Vertreter der Theorie über das Technisch-Erhabene selbst, wenn sie die Technik einerseits nur als Instrument in den Händen des Schöpfers der neuen Realität bezeichnen und gleichzeitig sie vergöttern und erhaben nennen. Hier offenbart sich das Problem der Interpretation dieses Phänomens. Edmund Burke, auf den sich Nye bezieht, bezeichnet die Möglichkeit der Deutung der von Menschenhand geschaffenen Objekte als erhaben, wenn diese unsere Gedanken übersteigen und das Erstaunen hervorrufen. Solche Objekte sind wie Überträgersubstanzen, sind das Bindeglied zwischen den beiden Welten. Hier lässt sich an die Worte von Longinos über die Begeisterung angesichts des geschriebenen Textes erinnern, der vom Menschen geschaffen ist und gleichzeitig den Weg zur göttlichen Offenbarung weist, die der Leser durch den Text begreift. Wird die Rolle der Vermittlung abgelehnt, die Technik nur als Instrument der Tätigkeit des Menschen vorgestellt, verliert die Idee des Technisch-Erhabenen ihren Sinn, da es dann nur auf sich selbst verweist, im Rahmen dieser Welt verbleibt, was dann aber lediglich einem Nachgefühl unter den Bedingungen der Technorealität gleichkommt, also eine Technokatharsis bedeutet. Schon in der Einleitung zu seinem Buch macht Nye eine wichtige Bemerkung: The sublime underlies this enthusiasm for technology. One of the most powerful human emotions, when experienced by large groups the sublime can weld society together. In moments of sublimity, human beings temporarily disregard divisions among elements of the community. The sublime taps into fundamental hopes and fears.372 It is not a social residue, created by economic and political forces, though both can inflect its meaning. Rather, it is an essentially religious feeling, aroused by the confrontation with impressive objects, such as Niagara Falls, the Grand Canyon, the New York skyline, the Golden Gate Bridge, or the earth-shaking launch of a space shuttle. The technological sublime is an integral part of contemporary consciousness, and its emergence and exfoliation into several distinct forms during the past two centuries is inscribed within public life. […] Since the early nineteenth century the technological sublime has been one of America’s central “ide- Natürlichen und des Künstlichen, die Suche nach dem goldenen Mittelweg oder dem Ideal in der Interpretation von Leo Marx beruht auf der gierigen Suche nach dem buchstäblichen Gold, das man, so folgt aus der Behauptung von Welsch, ohne Umgestaltung der Realität nicht erreichen könne. Der Bürger ist die Geisel in diesem Spiel. Es ist nicht erstaunlich, dass derjenige, der gewohnt ist, den Tag im Betondschungel zu beginnen, die Industrie als Teil seiner Welt wahrnimmt und, instinktiv dem angeborenen Zustand gehorchend, versucht, diesen in dem, was ihn umgibt, zu erkennen. In diesem Kontext ist es angemessen, sich an die Überlegungen Heideggers zur Existenzialität des Raums zu erinnern, wenn Welsch sagt, „man denkt in Kategorien des Blicks“ oder „Räume modulieren unsere Existenz“ (Welsch, Wolfgang. Räume bilden Menschen. In: Raumstationen. Metamorphosen des Raumes im 20. Jahrhundert (hrsg. v. Egon Schirmbeck). Ludwigsburg: Wüstenrot Stiftung, 2002, S. 12–24, hier S. 18). 372 Dies entspricht der These von Leo Marx. Teil III David E. Nye und das Konzept der von Menschenhand geschaffenen Landschaften 134 as about itself ” – a defining ideal, helping to bind together a multicultural society. Americans have long found the sublime more necessary than Europeans, so much so that they have devised formations of the sublime appropriate to their pluralistic, no single religion could perform that function. Instead, ever since the early national period the sublime has served as an element of social cohesion, an element that was already quite evident when the first canals were dug and steam engines were first harnessed to trains.373 Hier versucht Nye zur Idee des ländlichen Ideals zurückzukommen, zu einem harmonischen Geflecht des Weinstocks und des Stacheldrahts, so könnte man sagen. In der Vorstellung Nyes von der industriellen Landschaft als Widerspiegelung des Transzendenten lässt sich jedoch ein Widerspruch erkennen. Die Technik kann gemäß Marx und Nye nicht determiniert werden. Auf welche Weise vermag sie dann aber einen transzendenten Sinn in sich zu tragen und wie kann sie das Erwachen des Erhabenen, das Zusammentreffen mit der Realität, wie Nye es beschreibt, hervorrufen? Gleichzeitig macht Nye eine Bemerkung, die meine These bekräftigt, seinen eigenen Behauptungen hingegen widerspricht. Er spricht davon, dass mit der Zeit die Bedeutung der natürlichen Welt für das Erlebnis des Erhabenen geringer geworden sei. Tatsächlich verschiebt sich der Schwerpunkt von der Beobachtung der Natur hin zu ihrer Wahrnehmung. Es gibt keine „impressive objects“ mehr, es geht um den Menschen allein und nicht um etwas Transzendentes, da in dieser neuen Welt der Imagination kein Platz für etwas Größeres ist – der Mensch konzentriert sich auf sich selbst, auf sein Ich, und vertreibt den Anderen. Wie wir bei der Analyse der Lehre von Skott Bukatman sehen, kehrt dieser „Andere“ jedoch unter der metallischen Hülle zurück. Nye kritisiert Addison und dessen Nachfolger für ihre Beschreibung des Sekundären, das nicht die Quelle des erhabenen Zustandes sein könne, und nennt gleichzeitig die Technik – dieses „Instrument“ in Nyes Worten – die Quelle des Transzendenten. Folgt man dem, müssten wir überhaupt auf die Idee des Transzendenten als des Ersten und des Menschlichen als des Sekundären verzichten. Dann aber könnte von dem Erhabenen keine Rede mehr sein. Das Elektrisch-Erhabene als Mittelglied Nye behauptet, dass ein Objekt, das das Erhabene hervorruft, oft zu Unverständnis („incomprehension“) als Reaktion führt, da wir zum ersten Mal etwas begegnen, was uns irreal vorkommt. For Burke and Kant the sublime was a constant, but history has shown that it seeks new objects. Yesterday’s technological wonder is today’s banality, and, as at Three Mile Island, tourists are ever on the lookout for novelties. Today no one pays attention to a row of brilliant street lights, and even a city skyline may evoke only a polite murmur.374 Schauen wir beispielsweise einen Canyon an, können seine Ausmaße unseren Geist verwirren. Nye zufolge ist der Grand Canyon eindrücklicher als ein Berg, der eine 1.2 373 Nye, American technological sublime, S. XIII–XIV. 374 Ebd., S. 237. 1 Das Faszinierende und das neue Erhabene 135 entsprechende Höhe aufweisen würde. Hier drückt sich Nye ebenso kategorisch aus wie Jean Paul, der ebenfalls den Subjektivismus für die Gesamtheit ausgibt. Analog lässt sich sagen, dass die Bewohner des Flachlandes einen Berg höchst eindrücklich wahrnehmen würden, wenn sie ihn zum ersten Mal sehen, während er denen, die das Gebirge schon mehrmals gesehen haben, nur als Steinhaufen vorkäme. Solch ein Schluss lässt sich im Kontext der Idee von David Nye über das Elektrisch-Erhabene ziehen. Der erste Eindruck ist flüchtig und wird verschwinden, sobald der Mensch sich an das zu anzuschauende Objekt gewöhnt hat. Aus diesem Grund hat das Elektrisch-Erhabene als ästhetisches Phänomen nicht lange Bestand gehabt. Nye erklärt diese Flüchtigkeit der Eindrücke ähnlich wie Burke und Pseudo-Longinos, die das Erstaunen als Quelle und Katalysator für das Erhabene postuliert haben. Dabei widerspricht Nye sich selbst, wenn er von dem Technisch-Erhabenen spricht, da dieses wieder in den Grenzen des Anzuschauenden liegt, also von den visuellen Kriterien begrenzt ist. Nye behauptet: The experience, when it occurs, has a basic structure. An object, natural or man-made, disrupts ordinary perception and astonishes the senses, forcing the observer to grapple mentally with its immensity and power. This amazement occurs most easily when the observer is not prepared for it.375 Bei dem Versuch, diese Faszination zu erhalten, verlieren wir die Möglichkeit der Anschauung, da wir immer wieder auf der Suche nach neuen Objekten sind. Für die Aufrechterhaltung des begeisterten Zustandes ist die Menschheit Nye zufolge gezwungen, immer neue Objekte für die Verehrung der Größe des eigenen Geistes zu finden. Die Quelle der Bewunderung wie auch der Hoffnungen auf eine bessere Zukunft – hier zitiert Nye die Soziologen Lynd376 – liegt in der christlichen Eschatologie, im Kapitalismus, in der Theorie der Evolution und in „the frontier tradition of building ‘tomorrow out of a crude present’“.377 Dies bestätigt meine Hypothese vom evolutionären Charakter der menschlichen Intelligenz, der sich auf die Auslegung der Umwelt auswirkt, was ich im Rahmen meiner Überlegungen zum katastrophal Erhabenen analysiert habe. Die Elektrifizierung in den 1930er Jahren entsprach den gestellten Aufgaben, die Nye zufolge zu utopischen Erwartungen hinsichtlich der Entwicklung der Gesellschaft kraft der Vervollkommnung der Technologien führten. Die utopischen Narrative breiteten sich vor allem in den Science-Fiction-Novellen aus, deren Hauptidee, wie Nye akribisch herausarbeitet, in einer „constantly improving technology and limitless productivity“378 bestand. Die Gesellschaft wurde von den neuen Entdeckungen geprägt, zu denen auch die Elektrizität zählte, die wegen ihrer unanfechtbaren Vorzüge – Billigkeit, Sauberkeit und, anders als Verbrennungsmaschinen, kein Sauerstoffverbrauch – wohl die wichtigste war. Dabei wurde freilich die Gefahr der Um- 375 Ebd., S. 15. 376 Robert Staughton Lynd und Helen Merrell Lynd. 377 Nye, David E. Electrifying America: social meanings of a new technology, 1880–1940. London/ Cambridge: MIT Press, 1990, S. 339. 378 Ebd., S. 342. Teil III David E. Nye und das Konzept der von Menschenhand geschaffenen Landschaften 136 weltverschmutzung, die später von den Brennstäben in den Atomkraftwerken ausging, noch nicht berücksichtigt. Man hat über dieses Problem erst später nachgedacht, zunächst ab dem 6. und 9. August 1945, als Atombomben auf japanische Städte fielen, und danach ab dem 26. April 1986, als es zu einer Katastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl kam. Anfangs hat das elektrische Licht der Metropole,379 das mit der Dunkelheit kontrastiert, hingegen zu dem Gefühl einer noch nie da gewesenen Erhöhung, einer „elevation“380 geführt, einem Zustand des Erhabenen, der Solger zufolge nicht Schrecken oder Abtrennung, sondern Begeisterung381 hervorruft. Solch einen Prozess könnte man als „Erstaunen – Widerstand – Erfahrung – neues Erstaunen“ darstellen. Dieser immer wiederkehrende, sich reproduzierende Vorgang begleitet uns während unseres Lebens. Meines Erachtens ist es gerade das Erhabene, das unsere Suche immer wieder aufs Neue bestimmt. Offensichtlich wird dies, wenn wir die Ansicht Nyes von der „Abschwächung“ der Idee über das Elektrisch- Erhabene akzeptieren. Damit lässt sich sagen, dass das Phänomen des Erhabenen die Entwicklung, die Evolution symbolisiert. Für Kant und die Vertreter des Romantismus existierte das Erhabene nur im Rahmen der ästhetischen Theorie, tatsächlich spricht aber vieles, wie die vorliegende Untersuchung in ihren theoretischen Erwägungen darlegt, für den universalen Charakter dieses Zustandes. Das Wesen der Erhebung liegt in der Überwindung der Hindernisse. Diesen Prozess gilt es jedoch in den konkreten Objekten der Realität zu suchen – man muss sich die Brücken oder Berge erhaben vorstellen. Das Erhabene, so möchte ich behaupten, ist ein grundlegender Zug des Denkprozesses. Zugleich wirkt es aber auch auf das Gefühl, gleichsam 379 Deutlich wird dies etwa in dem Bild The City from Greenwich Village von John Sloan, 1922 (National Gallery of Art, Präsent von Helen Farr Sloan). 380 Nye, Electrifying America, S. 82. 381 Ebenso findet sich eine Beruhigung und das Gefühl einer Harmonie bei dem Erlebnis des erhebenden Moments der Offenbarung: „The fair’s lightning innovation was the fluorescent lamp, and General Electric, realizing that too much brilliance might seem crude, developed many subtle effects, such as updating an innovation from the Buffalo Exposition of 1901: soft individual lightning for trees standing next to reflecting pools. Unusual illumination heightened the visitors’ feeling that the fair was sharply distinct from the present world. And yet the New York fair emphasized not a distant future, but an attainable one that was expected to arrive in the year 1960. Visitors were encouraged to ‘inhabit’ tomorrow rather than today. Models and dioramas, also common at earlier fairs, now dramatized this future, by presenting it as a utopian landscape. The single most successful exhibit, General Motors’s Futurama, presented the world of 1960 as seen from a low-flying aircraft. Visitors saw Futurama from comfortable moving chairs, and listened to a narrator expound upon the wonders they glimpsed beneath their feet. Such displays were akin to the sacred places of tribal societies, where the individual temporarily annulled the anxieties of everyday life and renewed cultural meanings in ritual. By being inducted into an ideal realm the visitor left behind Depression anxieties about jobs, money, success, and the likelihood of a war in Europe. The successful exhibits did not address these concerns directly, but rather immersed visitors in what Victor Turner has called a ‘luminal state’, which is characterized by ‘a relatively undifferentiated … community, or even communion of equal individuals who submit together to the general authority of the ritual elders, in this case, the scientists and planners’ [Victor Turner, The Ritual Process. Ithaca: Cornell University Press, 1969, p. 91] The fair as a whole presented a harmonious community, a world apparently without inequality, in which farm, factory, and city fitted neatly together“ (Nye, Electrifying America, S. 368– 371). 1 Das Faszinierende und das neue Erhabene 137 als Beweis seiner Präsenz. Damit ist das Phänomen des Erhabenen das Ergebnis des Zusammenwirkens von Geist und Gefühl. Künstliche Natur und künstliche Intelligenz Mit der Behauptung, das Phänomen des Erhabenen könne auch technisch sein (bzw. sei im technologischen Zeitalter nur noch technisch), hat man einen unumkehrbaren Prozess angestoßen, da der Beobachter gezwungen ist, das Gefühl des Erstaunens durch neu entdeckten Technologien zu erlangen. Das Technisch-Erhabene (das ich als Technokatharsis und Egozentrismus beschrieben habe) ist nur dank des erzeugten Effekts möglich; damit aber wird es ohne Entwicklung der Wissenschaft immer schwieriger. Beim Start der „Apollo 11“ hat einer der Beobachter „Es war prächtig“ geschrien. Das kann man als neue Form der Größe auffassen – Stolz und Patriotismus. Adorno nennt die Anschauung der kulturellen Landschaften die Erinnerungen an die tragischen Tage der Geschichte der vergangenen Generationen, die solche großartigen Werke geschaffen haben. Dabei zitiert er fast Wort für Wort James Fenimore Cooper. Nye seinerseits behauptet, dass die Anschauung des Satellitenfluges dieselben Gefühle erweckt, die das Erhabene begleiten: irresistible power, magnificence, complexity, and a journey into the infinite reaches of space.382 Gerade deswegen ist das Erhabene im Rahmen der Science-Fiction-Genres als die Manifestation dieser „Reise“ anzusehen. Wie sich allerdings beobachten lässt, ist die Idee vom Technisch-Erhabenen darauf reduziert, dass die Quelle der Reflexion die Gefühle des Schreckens und des Erstaunens erwecken muss. Da die Objekte der Anschauung künstlicher Natur sind,383 wird es immer problematischer, den Effekt der Neuigkeit zu erreichen, da die Naturobjekte in geringerem Maße unser Interesse wecken. Die stetige Schaffung neuer Objekte in der industriellen Landschaft, die faszinieren und erschrecken können, ist erforderlich, also produktiv aus ästhetischer Sicht. Die Feier der Technologie ist in diesem Sinne unausbleiblich. Damit aber stellt sich die Frage nach der Ultimität der Anwendung der Technologien. So hatte nach Meinung von Heinz von Foerster die künstliche Intelligenz, die er als „artificial“ bezeichnet, am Anfang einen unglaublichen Erfolg bei den Leuten, die Geld für solche Ideen zur Verfügung gestellt haben; und für mich ist es amüsant, dass Artificial Intelligence aus einem Missverständnis entstanden ist: Für die Armee, die Luftwaffe und die Marine bedeutet das Wort intelligence Spionage: Was kann ich über den Gegner herausfinden? Jetzt kommen Leute und sagen: „Ich habe Systeme für Artificial Intelligence“. Na ja, das muss man sofort kaufen! Das ist ja viel billiger, als einen Menschen dorthin zu schicken, der vielleicht von den Feinden erwischt wird. „Wenn ich Artificial Intelligence habe, ist das fabelhaft“. Da ha- 2 382 Ebd., S. 246. 383 Hier erinnert man sich an die Worte von Adorno und Tschernyschewski über die Bauern, denen die Natur als alltägliche Umgebung erscheint, weshalb sie nicht mehr über die Möglichkeit verfügen, die Landschaft zu genießen oder Angst vor Naturkräften zu haben. Teil III David E. Nye und das Konzept der von Menschenhand geschaffenen Landschaften 138 ben sie also sofort die ersten zehn Millionen in das Artificial Intelligence Lab am MIT, das ist Massachusetts Institute of Technology, investiert. Die Artificial Intelligence hat jedoch nicht gehalten, was sie versprochen hat.384 Foerster erforscht das Problem der trivialen und nichttrivialen Maschinen385 (Fähigkeit eines oder mehrerer Zustände), das Merkmal der nichttrivialen Maschinen sei die prinzipielle Unmöglichkeit der Voraussage ihres Zahlungsausgleichs. Dabei ist der Prozess ihrer Herstellung „synthetisch determiniert“, wie im Fall der trivialen Maschinen. Aber obwohl der Mensch sie geschaffen hat, lässt sich, so Foerster, das Prinzip ihrer Arbeit nicht identifizieren. Foerster sieht in dem Ausspruch Wittgensteins „Der Glaube an die Kausalität ist der Aberglaube“ das Kennzeichen der nichttrivialen Maschinen. Aufschlussreich ist seine Schlussfolgerung im Hinblick auf die als Prämisse wahrgenommene Unmöglichkeit der Vorhersage der Prozesse auf der Erde, dass diese sich in ihren Eigenschaften von trivialen Maschinen unterscheidet. Das Problem liegt darin, dass die Kennzeichen der Welt sich nicht in ihrem wechselseitigen Verhältnis bestimmen lassen, da sie aus unserem Standpunkt, von dem aus wir die Welt betrachten, ausgeschlossen sind. Und obwohl wir die Möglichkeit haben, auf einige Prozesse einzuwirken, ist das Schaffen ihrer Vorbedingungen unmöglich. Die schließenden Worte Foersters können prinzipiell in Zusammenhang mit dem Erhabenen gesehen werden und bestätigen meine Hypothese, dass es sich beim Erkenntnisvermögens um ein Schlüsselattribut handelt: Also die beiden Erkenntnisse, die ich da gehabt habe, sind die Unentscheidbarkeit gewisser logischer Strukturen und die Unentscheidbarkeit bezüglich des Verhaltens gewisser Systeme. In beiden Fällen finde ich Grenzen in meinem Wissen. Das kam mir insofern wichtig vor, als in vielen Fällen durch diese Unentscheidbarkeit ein Raum geöffnet wird, in den man hineinsteigen kann, um eine Entscheidung dort durchzuführen. Es entsteht ein Raum der Freiheit, in dem ich nicht durch ein logisches „Muss“ gezwungen werde, eine Entscheidung so oder so zu fällen.386 Die Rede ist von den physikalischen Grenzen und nicht mehr von der Begrenzung des Denkapparats. Zu vermuten ist, dass das Erhabene als Versuch einer Überwindung der Begrenzung unserer Intelligenz gesehen werden muss, da die Mutmaßung der Begrenztheit aus der prinzipiellen Unerkennbarkeit nicht nur des Umfelds, sondern auch des eigenen Geistes und aus der Annahme von dessen Grenzen folgt. Der Beobachter kann eigentlich nicht sagen, „meine Vernunft ist begrenzt“, da er es nicht begreifen kann. Mit der Bestimmung der Begrenztheit erlegen wir auch die Grenzen des Begreifens auf. Folglich können wir nicht sagen, dass wir etwas nicht wissen, da dies bereits die Bestimmung des kommenden Aufschlusses über das Objekt bedeuten würde, d. h. seine Vollkommenheit bzw. seine Erkennbarkeit. Das bedeutet, dass das Phänomen des Erhabenen als Prinzip des freien Willens den Horizont der Wahrnehmung des ursprünglich unbegrenzten Bewusstseins erweitert. Anschaulich kann es als das ins Meer versenkte Aquarium dargestellt werden, und es hängt nur von dem Wunsch von dessen Bewohner ab, ob sie in seinen Grenzen bleiben oder, indem sie 384 Foerster/Bröcker, Teil der Welt, S. 173. 385 Ebd., S. 176. 386 Ebd., S. 178. 2 Künstliche Natur und künstliche Intelligenz 139 sich dem Instinkt des Überlebens unterwerfen, die Freiheit für sich gewinnen. Das Erhabene ist dieser Instinkt, die apriorische Erkenntnisfähigkeit. Und wenn wir die Natur und die Intelligenz als die Ableitungen der Unendlichkeit bestimmen, wird der Geist dadurch darauf ausgerichtet, die Prinzipien des Unendlichen in der Natur aufzusuchen. Hier ist eine Wechselbeziehung zwischen den Fraktalen als Trägern der Kennzeichen der sichtbaren Unendlichkeit und dem Erhabenen als der Resonanz auf ihre unmittelbare Anschauung festzustellen. David Nye sieht einen Zusammenhang zwischen der Umgestaltung der Natur eines Menschen durch intensive Computernutzung und den Problemen der künstlichen Intelligenz.387 Als einfachste Erklärung für das Wesen der künstlichen Intelligenz, deren Rätsel die Wissenschaftler schon seit fünfzig Jahren zu lösen versuchen, schlägt Nye das Dilemma eines Bürgers vor, der nicht weiß, ob er mit anderen Menschen oder Maschinen spricht. Die Angst vor dem Cyborg – hier zitiert Nye Donna Haraway und analysiert die bekanntesten Science-Fiction-Novellen – wird dadurch hervorgerufen, dass Cyborgs […] besser als normale Menschen [sind]. Das Ziel ist nämlich nicht mehr bloß, mindestens so gut zu sein wie eine gesunde Person, sondern Cyborgs müssen die Normalität übertreffen, sie müssen stärker, schneller oder intelligenter sein.388 In diesem Zitat zeigt sich wieder die Bestimmung des technologischen Determinismus, den Nye wie schon sein Lehrer Leo Marx kategorisch abzuwehren versucht und dadurch in Widerspruch gerät. Der Mensch hat Angst vor der ihn übersteigenden Kraft, aber in diesem Fall wird diese Angst verdoppelt durch die Erkenntnis, dass der Mensch freiwillig deren Quelle geschaffen hat. Die Quellen des Schreckens Der amerikanische Professor Scott Bukatman, der sich mit den Problemen der gegenwärtigen visuellen Künste und der Philosophie der Science-Fiction389 beschäftigt, vergleicht das Erhabene und das Unheimliche miteinander und erklärt: 2.1 387 Nye, In der Technikwelt leben, S. 237. 388 Ebd. S. 238. 389 Isaak Asimov gibt bei der Erklärung des Wesens der Welt durch die Darstellung des kybernetischen Weltalls in Science-Fiction-Texten höchst erschreckende und dadurch auch erhabene Antworten auf die Frage nach den Ergebnissen der Konfrontation der Natur mit dem Menschen, also zwischen der künstlichen Natur und dem von ihr gebauten Menschen. Erneut geht es um das Erlebnis des Erhabenen zwecks der Einbeziehung der Einbildungskraft und der Fantasie und damit um einen gedanklichen Blick in die mögliche Zukunft: „So it may be that although we hate and fight the machines, we will be supplanted anyway, and rightly so, for the intelligent machines to which we will give birth may, better than we, carry on the striving toward the goal of understanding and using the universe, climbing to heights we ourselves could never aspire to“ (Asimov, Isaac. The Machine and the Robot. In: Science Fiction: Contemporary Mythology (hrsg. v. Patricia Warrick, M. Greenberg und J. Olander). New York, 1978, S. 253). Diese Erscheinungsform der „neuen Romantik“ entspricht der Idee davon, dass das Subjekt den Maschinen Fähigkeiten gibt, die seine eigenen überschreitet (zum Thema der Korrelation von Mensch und Maschine siehe Bronowski, Jacob. The Identity of Man. Teil III David E. Nye und das Konzept der von Menschenhand geschaffenen Landschaften 140 Beide inszenieren eine Konfrontation mit den Grenzen menschlicher Macht und Autono- New York: Prometheus Books, 2002; Wooldridge, Dean E. Mechanical Man: Physical Basis of Intelligent Life. McGraw-Hill Education, 1968). Der Schriftsteller William F. Gibson hat das Werk Newromancer geschrieben, in dem die oben genannten Probleme berührt werden. Heuser spricht den Werken im Cyberpunk-Genre einen hohen Stellenwert hinsichtlich der Frage der Bewunderung und des Ergreifens der Einbildungskraft des Zuschauers zu und schlägt die Kombination des Mathematisch- (die Darstellung von „vastness“ und „infinity“), des Dynamisch- (Chaos, die außer Kontrolle geratene Situation) und des Technisch-Erhabenen vor (Heuser, S. Virtual Geographies: Cyberpunk at the Intersection of the Postmodern and Science Fiction. Amsterdam-New York: Rodopi, 2003). Der Neologismus „Cyberspace“ geht auf Gibson zurück. Er behauptet, dass dieser Terminus das Vorbild für die alternative Realität in der Literatur, die Darstellung der neuen erfundenen Landschaft ist. Schon früher versuchten die Künstler der Epoche der Romantik, das Fremde darzustellen. Gute Beispiele sind die Werke von Caspar David Friedrich (1774–1840), insbesondere Der Mönch am Meer (1808–1810), die Ruinenbilder und vor allem Das Eismeer/Die gescheiterte Hoffnung (1823–1824), wo aus einem Nebelschleier die Umrisse der „anderen“ Welt hervortreten, die man sehen kann, wenn man die hiesige Realität zerbricht. Nach Adorno stellt die Romantik als fantastische Kunst das Nichtexistierende wie etwas Existierendes dar; diese Bilder seien Modifikationen der empirischen Welt, dank derer das Fantastische wie auch das Empirische behandelt wird. In seiner kritischen Übersicht berührt der Forscher Lance Olsen das Phänomen der Virtualität in Zusammenhang mit dem Cyberpunk und unterstreicht ihre erhabenen Komponenten. Er behauptet, dass W. Gibson die traditionellen Grenzen zwischen Religion und Technologie zwecks Schaffung einer mysteriösen Aura um die Maschinen durchbreche. Als Ergebnis entstehe das Kybernetisch-Erhabene. Olsen zitiert die Behauptung Burkes im Hinblick auf die Definition der Unendlichkeit, die Olsen zufolge nicht rational und klar sein kann. Als Argument für das Technisch-Erhabene führt er die Idee von Burke über die Affekte der Unbestimmtheit und des Doppelsinns an. Er nennt Newromancer von Gibson die Repräsentation solcher Affekte, die Darstellung des Wissens, das den „Sterblichen“ nicht zugänglich ist. Dieses literarische Werk kann man gemäß der Logik Olsens als verkörperte Vorstellung des Erhabenen, das wegen der Spezifik des Genres „kybernetisch“ genannt wird, bezeichnen. Die Menschen, die sich in der fantastischen Welt befinden, könnten diese als Ganzes begreifen, obwohl sie über unvollständige Angaben verfügten. Hier ergibt sich das wichtigste Problem der Wahrnehmung der Welt. Die Menschen können nicht, wie es Gibson beschrieben hat, an der Wahrnehmung der objektiven Realität teilnehmen, was Olsen unterstreicht. Sie können nicht das ganze Bild von sich selbst oder der Welt erschaffen und nehmen die subjektive Perzeption, so Olsen, als für sie einzig mögliche wahr. Science-Fiction beeinflusst durch Metaphern die Einbildungskraft und die Fantasie, benutzt für die Schaffung des Sujets die dank der Fantasie entstandenen Bilder und berührt die wichtigsten philosophischen Fragen. Das aber macht sie meines Erachtens zu deren allegorischer Abbildung. Wie wir am Beispiel der gegenwärtigen philosophischen Konzepte erkennen konnten, wird ein Bezug zwischen Science-Fiction und Philosophie immer öfter hergestellt. Dabei scheint gerade das Erhabene als ausschlaggebendes Bindeglied. Das Problem der Vernunft, „the mechanics of the mind“ (Frelik, Pawel. Mind-reading – science fiction and neurosciences. In: Science and American literature in the 20th and 21th centuries (hrsg. v. Claire Maniez, Ronan Ludot-Vlasak und Frédéric Dumas). Newcastle: Cambridge Scholars Publishing, 2012, S. 104), ist schon seit langem nicht mehr die Prärogative der wissenschaftlichen Forschungen, sondern auch ein Bestandteil der Science-Fiction, deren Sujets man aus der futurologischen Sicht betrachten kann. Nach Meinung Freliks ist eines der Probleme in den Cyberpunk-Novellen die Betrachtung der „fundamental questions about consciousness and the brain“ sowie die Suche nach der Ich-Identität, was als Nachweis der Wahrnehmung der Ideen des Postmodernismus gelten kann. Damit ist die Aktualisierung der kognitiven Diskurse in den Werken gemeint, deren Autoren „various modes of perceiving and mediating reality and how that perception articulates itself in language“ (ebd., S. 111) vorschlagen. In den Science- Fiction-Novellen werden oft die klassischen Sujets überdacht oder in der hypertrophen Form der historischen Ereignisse dargestellt. So wird z. B. das Experiment der Atombombenexplosion von 1945, das ich oben im Kontext der Überlegungen Nyes betrachtet habe, in die Oper Doctor Atomic 2 Künstliche Natur und künstliche Intelligenz 141 mie, beide sind mit der Last des Unbekannten befrachtet. Und doch operieren sie in unterschiedlichen Größenordnungen, werfen unterschiedliche Fragen auf, spielen unterschiedliche Konflikte durch und richten sich an unterschiedlichen Ästhetiken aus. Das Erhabene denkt das Unbekannte als Überschuß; das Unheimliche stellt das Bekannte in verfremdeter Form dar. Beide lösen für das Individuum Krisen aus: Das Erhabene erscheint und wird aufgelöst als epistemologische Krise in Bezug auf die Grenzen menschlichen Wissens; das Unheimliche erzeugt eine existentielle Krise, in deren Zentrum die unbegreifliche Interiorität des Selbst steht. Das Unheimliche beschäftigt sich mit der Unentscheidbarkeit, mit den durchlässigen Grenzen zwischen menschlich und unmenschlich,390 organisch und unorganisch.391 Hier analysiert Bukatman die Affekte eines Menschen, der die Grenzen seiner Macht begreift. Der Spezialist schafft die Mechanismen, die uns helfen, in der veränderlichen Umwelt zu existieren, aber ist es möglich, die vollständige Kontrolle über sie zu haben? Leo Marx nennt solche Behauptungen „the quintessential fantasy of a technocratic paradise“.392 Die Überlegungen Bukatmans knüpfen an die Annahmen Burkes und die Frage nach dem Schrecken und der Begeisterung als den Quellen des erhabenen Zustandes an. Er findet bemerkenswert, wie in mehreren Filmen die Faszination angesichts künstlich hergestellter Lebewesen entsteht. Bukatman wendet sich nicht zufällig dem Science-Fiction-Genre zu, da er als dessen Grundzug die Überwindung der Einschränkungen sieht, die auch für das Erhabene charakteristisch ist. Zusammenfassen lässt sich dies in der Feststellung, dass sie im Rahmen dieses Konzepts übereinstimmende Elemente der Weltanschauung sind. Das Unbehagen gegenüber der Natur (2005) von John Adams übertragen, wo erneut die Frage nach „a heightened awareness of human potential“ gestellt wird (Mathieu Duplay. John Adams’s Doctor Atomic: poetry and the technologies of terror. In: Science and American literature in the 20th and 21th centuries (hrsg. v. Claire Maniez, Ronan Ludot-Vlasak und Frédéric Dumas). Newcastle: Cambridge Scholars Publishing, 2012, S. 129–145). Der Begriff Cyberspace hat sich so längst etabliert: „Cyberspace moved most definitively from a science fiction neologism to a legitimate name for communications technology with the US Judiciary’s Communications Decency Art decisions’ ‘finding of Facts’ section. In it, the district judges delineated the differences between the various ‘areas’ within cyberspace […]. Cyberspace still remains part science fiction, not only because the high-tech visions of Gibson’s Matrix, and later Neal Stephenson’s metaverse, have not yet been realized (and they never will), but also because cyberspace mixes science and fiction. Cyberspace is a hallucinatory space that is always in the process of becoming“ (Hui Kyong Chun, Wendy. Orienting Orientalism, or How to Map Cyberspace. In: Global Visual Cultures: an anthology (hrsg. v. Zoya Kosur). Oxford: Wiley-Blackwell 2011, S. 244). Der Behauptung Tabbis zufolge deuten die Cyberpunktexte klar darauf hin, dass deren Autoren die Ideen von Lyotard wahrgenommen haben, da in ihnen in hyperbolischen Formen die diskursive Wechselwirkung des geschlossenen Systems dargestellt ist und darin das Erhabene als technisch und kybernetisch wahrgenommen wird. „One could hardly find contemporary occasion for the sublime than the excessive production of technology itself. Its crisscrossing networks of computers, transportation systems, and communications media, successors to the omnipotent ‘nature’ of nineteenth-century romanticism, have come to represent a magnitude that once attracts and repels the imagination“ (Tabbi, Postmodern sublime, S. 16). Dabei sei Cyberpunk nicht nur die Widerspiegelung des „cultural narcissism“ und der „hegemony of the machine“, sondern in einem größeren Ausmaß zudem die Reaktion auf die Krise der Repräsentation (ebd., S. 213). 390 Hier lässt sich erneut an die Idee von Kant über den Gesang der künstlichen Nachtigall erinnern. 391 Bukatman, Ungehorsame Maschinen, S. 156. 392 Marx, The idea of „Technology“ and postmodern pessimism. In: Does technology drive history, S. 252. Teil III David E. Nye und das Konzept der von Menschenhand geschaffenen Landschaften 142 wird durch den Schrecken vor dem Künstlichen ersetzt. Damit zeigt sich eine neue Form der Entfremdung, der Konflikt zwischen dem Ich und Nicht-Ich. Oben wurde bei der Analyse des Ich und der Natur auf die Begrenzungen der menschlichen Wahrnehmung eingegangen. Hier geht es nun um die Entfremdung von der Natur zweiter Ordnung, der künstlich geschaffenen, ob es nun industrielle Landschaften oder die virtuelle Welten sind. Nach Bukatman trägt die Wiederherstellung des Lebens in der Literatur oder in den Filmen die erhabenen Elemente in sich, da in ihnen eine Frage gestellt wird, deren Antwort man nicht wissen sollte. Er erinnert daran, dass Doktor Frankenstein der „moderne Prometheus“ genannt wird. In solchen Geschichten sei die Rede von der Macht, die blendet und reizt. Hier wird das Erhabene erneut im Kontext der Grenzen menschlicher Macht dargestellt. Obgleich von der Menschheit geschaffen, stellte die Technik eine majestätische und schreckenerregende Macht dar, welche die jedes Individuums übertraf – nicht nur in ihrer Leistung, sondern bereits in ihrer bloßen Konzeption und Ausführung (da dies letztendlich menschliche Produkte sind, wird der Mensch natürlich um so stärker erhöht – doch die schreckenerregende Vorstellung einer amoklaufenden Technik ist immer gegenwärtig).393 Leo Marx spricht davon, dass „nowhere is the ill-defined feeling for ‘nature’ more influential than in the realm of imaginative expression“.394 Gerade deswegen habe ich das Phänomen der Einbildungskraft (in Zusammenhang mit der Fantasie) im Kontext der Darstellung der Natur und der Erkenntnis der Realität analysiert. Das Subjekt versucht, sein eigenes Ich wiederherzustellen, das Dank der Technologien, wie es glaubt, unerschütterlich und ewig sein könnte. Und gleichzeitig ängstigen es die Aussichten, von dieser zweiten Natur verdrängt zu werden. Dadurch wird gegenwärtig die Einbildungskraft angetrieben, denn auch Kant hatte behauptet, dass die Gefühle des Schreckens und des Erstaunens unseren Geist zur Tätigkeit erwecken. Die Dichotomie des Ich und Nicht-Ich nennt Skott Bukatman die romantische Abbildung des Doppelgängers, der dunklen Widerspiegelung des eigenen Seins: So wie das Erhabene das Unheimliche als sein vertrauteres Double hat, so besitzt auch das technisch Erhabene395 einen Gegenpart im technisch Unheimlichen. Der Doppelgänger gehört in den Bereich des Unheimlichen, aber der Automat gehört zum technisch Unheimlichen – genauer gesagt zum mechanisch Unheimlichen.396 Er macht eine aufschlussreiche Bemerkung, wenn er sagt, dass das Erhabene „mit dem Gigantischen alliiert“.397 In diesem Kontext wird eine Parallele mit dem Phänomen des Riesigen398 als Widerspiegelung des Unendlichen gezogen. Artemidorus schrieb im Traumbuch davon, dass die Übermaße, also die die normalen Parameter übersteigende Schönheit, Kraft oder Schlankheit, als Hässlichkeit erscheinen oder den 393 Bukatman, Ungehorsame Maschinen, S. 157–158. 394 Marx, The Machine in the Garden, S. 5–6. 395 Zu diesem Thema siehe auch Bartels, Über das Technisch-Erhabene, S. 295. 396 Bukatman, Ungehorsame Maschinen, S. 161. 397 Ebd., S. 162. 398 Zu diesem Thema siehe auch Stewart, Susan. On Longing. Narratives of the Miniature, the Gigantic, the Souvenir, the Collection. Durham: Duke University Press, 1993. 2 Künstliche Natur und künstliche Intelligenz 143 Tod bedeuten, wenn man diese Übermaße im Traum sieht. Weiter spricht der Schriftsteller und Anhänger des Stoizismus davon, dass die antiken literarischen Denkmäler die Gespenster der Toten im Vergleich zu den normalen Proportionen stets als auffallend groß darstellen. Diese Symbolik verweist darauf, dass die Übersteigung der Grenzen des Denkbaren den Geist zur Idee der eigenen Begrenztheit führt. Die unbegreiflichen und außerhalb der eigenen Grenzen liegenden Phänomene bedeuten für die Vernunft, die sie nicht akzeptieren kann, den zeitlichen Tod. Um wieder lebendig zu werden, strebt der Geist zu diesen Grenzen und nach außen, indem er durch den Selbsterhaltungstrieb, das Erhabene angetrieben wird. Das Objekt wiederum, da es gegenüber dem menschlichen Willen autonom ist, wird im Bewusstsein seine eigenen Möglichkeiten übersteigen, da man die Reihenfolge seiner Aktionen nicht vorhersagen kann, was aus dem Beispiel der nichttrivialen Maschinen bei Foerster folgt. Artemidorus macht deutlich, dass etwas die Menschenkraft Übersteigendes auf der Ebene des Unbewussten als Erdrückendes, Überirdisches und Bedrohliches wahrgenommen wird. Was aber macht die Maschine ungehorsam und dadurch erschreckend? Nach Bukatman wird diese Angst durch die Möglichkeit hervorgerufen, das die Maschine den „Funken des Lebens“ erhalten und so zur Selbständigkeit gelangen könnte. Wir haben Angst vor den Erscheinungsformen einer Vernunft, die unsere eigene übersteigen.399 In der Science-Fiction- und der schönen Literatur der Postmoderne erhält das Erhabene eine neue Interpretation. Trat es ursprünglich als rhetorische Figur aus dem Text heraus, kehrt es nun als Gesetzgeber des Genres in den Text zurück. Wichtig sind hier daher nicht zuletzt die Schöpfer solcher gefährlichen Automaten, über die Bukatman Folgendes sagt: Die stereotypischen verrückten Wissenschaftler sind erhaben oder wagen sich zumindest in das Territorium des Erhabenen vor. Alchemie oder Hexerei ist am Werk: irgendeine Art von Überschreitung der Gesetze von Mensch und Materie.400 Bukatman beschreibt die grotesken Formen, die diese Schöpfer in der Literatur annehmen. Dabei unterscheiden sich die Methoden im realen Leben nicht stark von den in den Geschichten beschriebenen – die ethischen Grenzen werden immer mehr verschoben, wenn der Mensch versucht, die Schranken seines eigenen Wissens zu durchbrechen. In der Tradition der Antike war der Olymp das Symbol der Unsterblichkeit und der unbegrenzten Macht. Damit sollte deutlich gemacht werden, dass der Mensch es nicht wagen durfte, seinen eigenen Bereich – die Grenzen des eigenen 399 Dieses Problem wird im Kontext der künstlichen Intelligenz erforscht. In Science Fiction and Philosophy: From Time Travel to Superintelligence ist die Rede davon, dass dann, wenn die Leute eine künstliche Intelligenz schaffen, es sein könne, dass diese sich in Zukunft selbst reproduziert und viel mächtiger als die menschliche Intelligenz wird. Die Lebewesen, die die Superintelligenz besitzen, könnten über die Moral nachdenken und herausfinden, dass sie sich auf einer höheren evolutionären Stufe befinden als wir, womit wir keine Macht mehr hätten. Schneider fordert, dass solche ethischen Probleme bei der Programmierung berücksichtigt werden müssen (Science Fiction and Philosophy: From Time Travel to Superintelligence (hrsg. v. Susan Schneider). Oxford: Wiley-Blackwell, 2009, S. 11). 400 Bukatman, Ungehorsame Maschinen, S. 159. Teil III David E. Nye und das Konzept der von Menschenhand geschaffenen Landschaften 144 Wissens – zu übersteigen; das ihm Verbotene war nur für die Götter erreichbar. In der Bibel ist vom Baum der Erkenntnis die Rede; an ihm wird aufgezeigt, dass es den Tod, das Leiden in der Hölle bedeutet, wenn man den Vertrag bricht und in den Bereich des Verbotenen eintritt. Die Versuche, das Unendliche darzustellen, ruft Monster hervor. Nach Korzybski versucht der Rezipient, eine „Karte“ herzustellen, also eine adäquate Abbildung der Realität zu schaffen, aber weil „die Worte nicht sind, was sie beschreiben“, kann der Mensch nur die Vorstellung, seine Fantasie und Einbildungskraft einsetzen. Die Versuche, die Welt zu entzaubern – Bukatman spricht hier von dem Phänomen der Alchemie und der Magie –, bleibt somit erfolglos, und der verrückte Doktor Frankenstein schafft nur ein erschreckendes Ebenbild der Realität. In den literarischen Werken symbolisieren solche Transformationen den Verlust des Rechts des Menschen auf Selbstidentifizierung und die Überlegenheit der Natur. Donna Haraway entschlüsselt den Begriff „Monster“ als Metapher: Monster verbindet mehr als nur die gemeinsame etymologische Abstammung mit dem Verb ‚demonstrieren‘; Monster zeigen etwas […]. Aus der Perspektive einer auf Mutation, Metamorphose und Diaspora basierenden Ontologie ist die Wiederherstellung eines ursprünglichen, geheiligten Bildnisses nichts als ein schlechter Witz.401 Das Erhabene und der Terror Die Überlegungen Bukatmans über die gewaltsame Umgestaltung der Realität und der Grenzen des menschlichen Wissens lassen sich weiterentwickeln. Die von mir vorgeschlagene Hypothese einer doppelte Beschreibung des Erhabenen als Vor-/ Darstellung und Gewalt wird in der gegenwärtigen Philosophie aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Hier ist die Rede vom Terror als Gefühl in der klassischen Ästhetik einerseits und als Reflexion über die gewaltsamen Veränderungen der Wirklichkeit andererseits. Torsten Hoffmann fragt zu Recht: „[W]arum kann der Mensch von seiner eigenen Ohnmacht angesichts des Übermächtigen oder Unbegreiflichen fasziniert sein?“402 Überlegungen zum Terror kommen dabei auf die Tradition der Vergleichung des Schönen und des Hässlichen403 im Rahmen der Lehre über das Er- 2.2 401 Haraway, D. Die Biopolitik postmoderner Körper: Konstitutionen des Selbst im Diskurs des Immunsystems. In: Die Neuerfindung der Natur: Primaten, Cyborgs und Frauen (hrsg. v. Carmen Hammer und Immanuel Stieß). Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag, 1995, S. 194–195. 402 Hoffmann Torsten. Konfigurationen des Erhabenen. Zur Produktivität einer ästhetischen Kategorie in der Literatur des ausgehenden 20. Jahrhunderts (Handke, Ransmayr, Schrott, Strauß). Berlin: Walter de Gruyter, 2006, S. 63–64. 403 Er gibt eine Theorie, der zufolge dieses Phänomen nicht dem Hässlichen, sondern dem Schönen ähnlich ist. Die Dichotomie des Schönen und des Erhabenen wird oft als die Unterscheidung des Männlichen und des Weiblichen verstanden. Nach der Behauptung von Barbara Claire Freeman hat schon Burke den Unterschied zwischen dem Schönen und dem Erhabenen im Kontext des Weiblichen und des Männlichen definiert: „Burke’s distinction between the sublime and the beautiful rests upon an understanding of sexual difference in which the ‘masculine’ passions of self-preservation, which stem from ideas of terror, pain, and danger, are linked to the sublime, while the ‘feminine’ emotions of sympathy, tenderness, affection, and imitation are preserve of the beautiful“ (Freeman, 2 Künstliche Natur und künstliche Intelligenz 145 habene zurück. Nach den Behauptungen von John Dennis und S. H. Monk geht diese Idee auf Pseudo-Longinos zurück.404 In den Werken, in denen der Terror dargestellt wird, finden sich häufig solche Begriffe wie „Todesfurcht“ und „Raserei“. Nach Giorgio Vasari ist es, um einen ästhetischen Genuss hervorzurufen, erforderlich, „dem Zuschauer die mimetische Darstellung der entsetzlichen Spektakel“ zu bieten, d. h. eine Darstellung der Ereignisse, deren katastrophale Folgen für alle offensichtlich sind, z. B. ein Erdbeben, ein Sturm etc.405 Der Schlüsselbegriff ist hier mimesis, denn Barbara Claire. The Feminine Sublime: Gender and Excess in Women’s Fiction. University of California Press, 1995, S. 48). Freeman sieht einen Widerspruch in Burkes Interpretation des weiblichen Körpers als Personifizierung der Schönheit, da sie Anzeichen des Erhabenen in seiner Beschreibung findet: „Here the feminine body, supposedly the symbol of the beautiful, instead produces the effect of the sublime. Rather than securing boundaries and limits, its very ‘smoothness’, ‘softness’, and ‘variety’ instill ‘unsteadiness’: this body does not provide a site where distinctions can be fixed but rather represents the point at which they come apart, and the observer, seeking a resting place, ‘slides giddily’. The absence of a fixed point of view or visual focus produces disorientation; unlike the male, the beautiful female body defeats our expectation of a center and instead becomes the occasion of a giddiness, or vertigo. Vertigo, of course, is a typically sublime feeling connected with the falling away of ground or center; it is what we feel when an abyss opens up before us. It is important to emphasize that feminine sexual difference, which provides the foundation for the distinction between the sublime and the beautiful, here becomes the figure for that distinction’s instability, eliciting a moment of textual dizziness in which the beautiful takes on the characteristics of the sublime“ (ebd., S. 50). Eine widersprüchliche These über die weibliche Natur dieses Zustandes kann man auch im Text Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen von Kant finden, wo der Versuch, die Idee der Dualität dieses Phänomens aufzuzeigen, im Grunde zur Aufteilung der Natur als solcher führt. Solche Personifizierungen der Natur im Gendersinne ist für die chinesische Tradition der Bestimmung der Zirkulation der Yin-Yang-Energie charakteristisch. Aber die strukturelle Allegorie der Aufteilung des Erhabenen und des Schönen liegt nicht in der Antinomie des Männlichen und des Weiblichen, so Freeman, sondern in der „political order itself “: „The passage [Burkes Bemerkungen zu Marie-Antoinette] acquires rhetorical force through the contrast between an active, boundless, and masculine sexual energy and the harmonious social order upon which it is unleashed“. Dazu ist anzumerken, dass Burke die Französische Revolution als Zeichen für das Vergehen des Abendlandes, den Übergang zum Zeitalter des Pragmatismus und den Verlust des wahren Schönen wahrgenommen hat. Solch ein Konservatismus wurde kritisch betrachtet, z. B. von Mary Wollstonecraft, Thomas Payne und anderen. In unserem Zusammenhang spricht nun das angegebene Zitat davon, dass das Phänomen des Erhabenen das Chaos personifiziert und das Schöne die Verkörperung der Harmonie ist. Aber diese Behauptung wird durch die Theorie der Fraktale in Frage gestellt. Freeman behauptet, dass „the female sublime itself eludes or strains fixed representation and disturbs male identity, the imagery of men’s poetic texts provides ample evidence of its gender“ (ebd.). Aber auf welche Weise kann daraus folgen, dass das Erhabene „weibliche“ Charakteristika in sich trägt? Und ist es überhaupt angemessen, in diesem Kontext von Genderunterschieden zu sprechen? Slade behauptet, dass „a feminist sublime will inflect the sentiment toward the sexual difference […] a source and site of sublime affect“ (Slade, Lyotard, Beckett, Duras, and the Postmodern Sublime, S. 92). Dabei führt er als Argument die Überlegung Lyotards – „irremediable different of gender“ (Lyotard, The Inhuman, S. 22) – an. Er behauptet, dass „the sublime and sexual difference combine as partners in a critical, philosophical project of bearing witness to their differend. The violence of a different, especially that yields sublime affect requires a witness“ (ebd., S. 92). 404 Siehe Langdon, Helen. The Demosthenes of painting. Salvador Rosa. In: Translations of the sublime: the early modern reception and dissemination of Longinus’ Peri hupsous in rhetoric, the visual arts, architecture and the theatre (hrsg. v. C. van Eck, S. Bussels, M. Delbeke und J. Pieters). Leiden/ Boston: Brill, 2012, S. 184. 405 Zitiert nach Gründler, Hana. Vasari und das Erhabene. In: Translations of the sublime, S. 83–84. Teil III David E. Nye und das Konzept der von Menschenhand geschaffenen Landschaften 146 gerade die unmittelbare Nachahmung der Natur „erhebt“ den Rezipienten. Meines Erachtens führt es indes nur zur Technokatharisis. Solch ein Abbild des Lebens ist das Wesen des Rituals oder des Theateraktes. Mimesis steht in der unmittelbaren Beziehung mit der Katharsis, mit dem Hineinleben des Schauspielers und dem Mitgefühl des Beobachters. Diese Mimesis ist für solche Technologien charakteristisch, durch die man versucht, die Natur künstlich zu wiederholen. Dazu gehören z. B. die Installationen von Olafur Elliasson im Rahmen des Weather Projekt (2003–2004), bei denen er den Sonnenuntergang inszeniert hat, oder sein The New York City Waterfall (2008). Aber diese Künstlichkeit – wie auch die Raketen, Wolkenkratzer etc., die Assoziationen mit Vulkanen oder Bergen auslösen – führt nur zur Technokatharsis oder zum Pseudo-Erhabenen. Aus meiner Sicht geht dieses Streben nach der Darstellung auf die Riten und Mysterien zurück. Gadamer sieht den Zusammenhang der rituellen Feste mit den erhebenden Emotionen406 darin, dass das Wesen eines Festes im Übergang von der Vielheit zur Alleinheit liegt, d. h. von der Vereinzelung zur Einigkeit im Name des „feierlichen“ Zieles, das außerhalb der Zeit existiert. Aber da geht es nur um die Exaltiertheit, die mit der Zeit erlischt. Insofern bedeutet diese Reinigung nichts als die Katharsis. Naturphänomene, auch wenn sie nicht zu sehen sind, können trotzdem vorgestellt werden. Gerade hier findet sich die Besonderheit der künstlerischen Begabung. Viele Künstler haben versucht, das Unaussprechliche darzustellen, entweder die fantastischen Bilder oder die flüchtigen Eindrücke. Die Frage nach der Dynamik, die ich bereits analysiert habe, ist das Schlüsselthema der Futuristen. Hier wird erneut, wie schon bei Pseudo-Longinos, Burke und Jean Paul, die Frage nach der Dauer gestellt. Das Gefühl des Schreckens wird in den Werken, die den Terror darstellen,407 verschlüsselt. Burke spricht von dem unmittelbaren Zusammenhang des Terrors und des Erhabenen: Wenn der Schmerz keine eigentliche Heftigkeit erreicht und der Schrecken nicht den unmittelbaren Untergang der Person vor Augen hat, – so sind diese Regungen […] fähig, 406 Gadamer, Über die Festlichkeit des Theaters, S. 297. 407 Hier lässt sich an das Schaffen von Marguerite Duras erinnern und ihre Repräsentation des Schreckens (Terror) in den historischen und verletzenden Ereignissen. Freeman betont die Bedeutung des „distorted image“ der Frauen am Beispiel der Geschichte Frankreichs, als diese „furies of hell“ genannt wurden und ihnen eine „perverted sublimity“ (Freeman, The Feminine Sublime, S. 54–55) zugesprochen wurde, was man mit der oben analysierten Idee von Eco über das Hässliche vergleichen kann. Dadurch wird das Zeichen der Opferbereitschaft offensichtlich. Dies aber ist für das Erhabene als die Konzentration auf das „Ich“ nicht charakteristisch, weil dadurch nur die falsche Idee über die Ultimität und nicht das Ich selbst zurückgestellt wird. Das Erhabene kann nur auf sich selbst bzw. auf das selbstbewusste Subjekt ausgerichtet werden. Und die Dichotomie „Ich – Welt“ verliert in diesem Kontext den Sinn, wenn als Quelle dieses Zustandes das andere Subjekt wahrgenommen wird. Das Paradox des Erhabenen besteht in der Ausschließung des Menschen aus dem Blickfeld. Man kann von der doppelten Natur der Neigung sprechen – des eigenen Seins und des Anderen (der Welt).Von dem Irrtum bei der Substitution von Konzepten sprach auch Jean Baudrillard in Pataphysik (2002). Der Schluss auf ein System, in diesem Kontext auf ein weibliches, verurteilt es entweder zur Benachteiligung oder zum lächerlichen Triumph. Man muss Baudrillard zufolge die Struktur als solche aufgeben. Das führt zu der Unmöglichkeit der innerlichen Fixierung und der Befreiung der Gedanken, dem Aufgeben der Grenzen, was das wahre Erhabene hervorruft. 2 Künstliche Natur und künstliche Intelligenz 147 Frohsein hervorzubringen: nicht Vergnügen, aber eine Art vom frohem Schrecken, eine Art Ruhe mit einem Beigeschmack von Schrecken […]. Sein Objekt ist das Erhabene […]. Eine Art von Schrecken oder Schmerz ist immer die Ursache des Erhabenen.408 Auch Kant sprach von der erhabenen Darstellung des Krieges: Selbst der Krieg, wenn er mit Ordnung und Heiligachtung der bürgerlichen Rechte geführt wird, hat etwas Erhabenes an sich, und macht zugleich die Denkungsart des Volks, welches ihn auf diese Art führt, nur um desto erhabener, je mehreren Gefahren es ausgesetzt war, und sich mutig darunter hat behaupten können.409 Diese Sakralisierung ist, wie es scheint, die Entwicklung der Idee des Aristoteles über die Katharsis, die Reaktion auf die mimetische Darstellung der Realität, die eine rituelle Bedeutung hat. Das Verschwinden des Bildes eines Menschen bedeutet hier die Nachahmung des eigenen Seins, eine Handlung, die auch erforderlich ist, wenn man sich in den jeweiligen Charakter versetzt, das Sein auf den Anderen überträgt. Im Fall des Erhabenen findet somit die Selbstverneinung als Akt der Selbstaufopferung statt, die paradoxerweise das Selbst nur stärkt. Die gegenwärtige Idee des Terrors im Kontext des Erhabenen ist nur die Übertragung der Idee der Mimesis in die Realität – durch die Schaffung der künstlichen Landschaften und die darauffolgende Anschauung derselben. Der Terror bedeutet hier die Vernichtung des Natürlichen und der Ausfall des Menschen. Die Sakralisierung des Künstlichen, dessen Gewährung der Merkmale des Unheimlichen und dadurch Erschreckenden, deutet auf die Versuche der Selbstidentifizierung mit dem Anderen und der Kontrolle über ihn hin. Die Frage nach Mitleid kann in diesem Fall mangels der Möglichkeit der Selbstidentifizierung mit dem Künstlichen nicht gestellt werden. Es bleibt nur die zweite Komponente der Katharsis – die Angst. Die Schaffung solcher künstlichen Objekte hat zum Ziel, den Anreiz beim Zuschauer hervorzurufen, wenn die Rede von den Installationen ist. Das Ergebnis eines solchen Geflechtes der Interessiertheit und der Angst nenne ich Technokatharsis – Kunst für die Künstlichkeit, Beängstigung für den Nervenkitzel.410 408 Burke, Philosophische Untersuchung, S. 176. Terrence Des Pres nennt bei der Analyse der Lehre Burkes den Terror „secret heart of the sublime“ (Des Pres, Terrence. Terror and the sublime. In: Human Rights Quarterly 5, No. 2 (May, 1983), S. 135–146, hier S. 135). Er zitiert auch Longinos’ Beschreibung der in der Schlacht gefallenen Soldaten und meint: „[I]f we can further agree that terror is that which diminishes, mutilates and dissolves the human image, then terror is an element in the sublime as Longinos illustrates it“ (ebd., S. 137). Er nennt es „die erhabene Darstellung der schrecklichen Ereignisse“. Des Pres weist auf die Veränderung in der Beschreibung von Pseudo-Longinos und Burke hin und erkennt einen Übergang von der naiven Deutung des Erhabenen zu dem eine solche Naivität entbehrenden „dämonischen“ Erhabenen. Das Erhabene ist Burke zufolge die Manifestation der Macht, die Bedrohung des physischen Schmerzes. Des Pres weist darauf hin, dass Kant die Überlegungen Burkes zum Terror wahrgenommen hat, wenn er die Naturkräfte „dämonische“ nennt, die Macht, die unsere mehrmals übersteigt. Der Terror ist hier durch den gewaltigen Riss der Grenzen auf sich selbst gerichtet. Des Pres schlägt das Verschwinden des Bildes eines Menschen als die Schlüsselidee der Darstellung des Terrors vor. Gleichzeitig gebe es eine „mentale Bewegung“, den Empfang der Kraft des Terrors als Sakrament und das Erlangen der inneren Kraft. 409 Kant, KdU § 28. 410 Um auf die Frage nach dem Terror zurückzukommen, muss die Konferenz der Midwest Modern Language Association (2010) in den USA erwähnt werden, die der „Ästhetik der Widerlichkeit“ ge- Teil III David E. Nye und das Konzept der von Menschenhand geschaffenen Landschaften 148 Hier muss erneut die These Burkes über die Distanz bei der Betrachtung der verletzenden Ereignisse aufgegriffen werden. Von großem Interesse sind in diesem Zusammenhang die Überlegungen Baudrillards über die Hyperrealität. In Simulacra and Simulation ist von der eingebildeten Gefahr der Vernichtung die Rede. Dies lässt sich nur teilweise mit Burkes Annahmen einer Abwesenheit der sichtbaren Gefahr bei der Wahrnehmung des Erhabenen in Einklang bringen. Für Baudrillard ist die Bedrohung eine größere Gewalt gegenüber dem Menschen als die Verstümmelung selbst: It is not the direct threat of atomic destruction that paralyzes our lives, it is deterrence that gives them leukemia. And this deterrence comes from that fact that even the real atomic clash is precluded – precluded like the eventuality of the real in a system of signs. […] Deterrence itself is the neutral, implosive violence of metastable systems or systems in involution. There is no longer a subject of deterrence, nor an adversary nor a strategy – it is a planetary structure of the annihilation of stakes.411 Wie im Fall des ländlichen Ideals ist hier erneut von der Manipulation infolge der Schwäche des menschlichen Willens die Rede. Die Idee der Ländlichkeit ist im Kontext der postindustriellen Gesellschaft kein „Ideal“ mehr, auch kein Versuch, auf künstliche Weise die Balance der einander entgegengesetzten Elemente zu unterstreichen. In ihm zeigt sich nun vielmehr das Streben, eine sentimentale Stimmung zu erzeugen – gleichsam auf die Tränendrüsen zu drücken. Dabei ist eines der Gefühle, die sehr leicht zu manipulieren sind, die Nostalgie. Die Frage nach dem Ziel, auch wenn es um den emotionellen Widerhall des Zuschauers geht, ist eine Frage der moralischen Wahl. Todd A. Comer und Lloyd Isaak Vayo untersuchen den Zusammenhang von Nostalgie, Terror und der „(post)cinematic“ Form des Erhabenen; dabei erscheint der Terror als Verkörperung des „unpresentable“. Werden die durch die Medien gesetzten Grenzen überschritten, bekommt das verletzende Ereignis den Status des Erhabenen zugeteilt. Die Autoren nennen dies „sublime trauma“ und stellen die Frage, inwieweit man als Medienschaffender über die Tragödie 9/11 unter dem Gesichtspunkt des Kinos urteilen kann, mit anderen Worten, ob es ethisch angemessen ist, widmet war. Auch am Beispiel der gegenwärtigen Filmkunst stellt sich die Frage nach der Korrelation des Schreckens und des Erhabenen. Auf der Konferenz basiert der Sammelband Terror and the cinematic sublime: Essays on violence and the unpresentable in Post-9/11 films (hrsg. v. Todd A. Comer und Lloyd Isaac Vayo). McFarland; Reprint Edition, 2013. Nach den Worten von Aleida Assmann, die in ihrem Artikel den amerikanischen Medienwissenschaftler Richard Grusin zitiert, sind „die Vorspiegelung und Vorwegnahme möglicher Schocks, wie eine Invasion aus dem Weltall, ökologische Krisen oder der plötzliche Zusammenbruch sozialer Ordnung, […] sämtlich beliebte Themen der amerikanischen Filmindustrie“ (Assmann, Aleida. Resonanz und Einschlag. Zur Affektlogik von Bildern im kulturellen Gedächtnis. In: Bild und Bildlichkeit (hrsg. v. Otfried Höffe) (Nova Acta Leopoldina, Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften, Nr. 386, Band 113). Halle (Saale), 2012, S. 26). Grusin nennt diese Filme „Teil eines kollektiven Angst-Managements“, deren Ziel der Wunsch sei, „that catastrophic events like those of 9/11 never catch us unawares, the desire to avoid the catastrophic immediacy“. Jon Bird spricht in diesem Kontext von der „power of the virtual“ (Bird, Jon. The Mote in God´s Eye: 9/11, Then and Now. In: Global Visual Cultures: an anthology (hrsg. v. Zoya Kosur). Oxford: Wiley-Blackwell, 2011, S. 346). Andrew Slade behauptet, dass „the aesthetic of the sublime, as an aesthetic based in the experience of terror and relief from terror, is a way in which the collapse of the world can begin to be thought through“ (Slade, Lyotard, Beckett, Duras, and the Postmodern Sublime, S. 86). 411 Baudrillard, Simulacra and Simulation, S. 32–33. 2 Künstliche Natur und künstliche Intelligenz 149 dem Entertainmentmarkt und der Profite zuliebe auf die Gefühle der Menschen zu spekulieren, die eine reale Tragödie überlebt haben. Das Problem kann freilich auch aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden: als Voraussetzung für die Repräsentation einer warnenden Botschaft, gleichsam ein visuelles Zeugnis der ethischen Grenzen der menschlichen Tätigkeit, um diese in der Realität zu korrigieren. Hinzu kommt die Frage nach den Grenzen der Einbildungskraft in den repräsentativen Praktiken des Kinos. Das Erhabene ist von seinem Wesen her in höchstem Maße kinematographisch, da die das Bewusstsein berührenden Bilder eine entsprechende Resonanz bei den Zuschauern hervorrufen. Der Regisseur – der Schöpfer – macht sich die entsprechenden Verfahren zunutze, um das Publikum zu schockieren. Dies spricht noch einmal zugunsten des Vergleichs mit der Katharsis.412 Als Ergebnis des Einflusses auf die Zuschauer ist, wie am Beispiel der Katastrophenfilme illustriert werden kann, nur die Technokatharsis zu erkennen – die niedrigste Stufe der Wahrnehmung des Urbanen. Es kommt zu einer Verschiebung der Grenzen der Repräsentation, zu einem Übergang vom Transzendenten zum Immanenten, was von der gewaltsamen Verschiebung der moralischen Grenzen zeugt. Das Erhabene ist hier die Manifestation der Gewalt, da der Wille des Individuums erdrückt wird. Derjenige, der die Funktion der gesellschaftlichen Kontrolle auf sich nimmt und als Folge die Elemente der Unterdrückung benutzt, wird letzten Endes als der Ersatz für das Erhabene erscheinen, der Quelle der Begeisterung und der Furcht. Derjenige, der versucht, den Willen des anderen zu unterdrücken, wird als absolut substituiert. Die Idee der „politischen Einbildungskraft“ kann in diesem Sinne als die Verkörperung des Mechanismus der Unterdrückung dargestellt werden, als die Beziehung des Leitenden und des Geleiteten, „des Piloten und des Passagiers“. Das Streben, durch die Anschauung des Unendlichen das Absolute zu begreifen, wird durch die Idee eines Surrogats ersetzt. Es kommt zu einer Verdrehung der Moral, da auch die objektive Wahrheit in Frage gestellt wird. In diesem Kontext erhält die Idee des Terrors ihren doppelten Sinn, da er erstens die objektive Bedingung für die Auswirkung 412 Todd A. Comer und Lloyd Isaak Vayo analysieren die verschiedenen Standpunkte bei der Auslegung dieses Phänomens und erklären die klassischen und postklassischen Interpretationen. Die erste ist mit den ästhetischen Lehren von Kant und Burke verbunden und die zweite folgt aus dem Phänomen des Postmodernismus und der Ideen von Lyotard und seiner Annahme der Zerlegung als vordringlichste Aufgabe. Zu Zeiten des Pseudo-Longinos, so behaupten die Autoren, war das Erhabene eine „positive and pleasurable experience“, im Rahmen der neuen, alternativen Ästhetik wird dieses Phänomen jedoch als „less than beautiful, other than beautiful, perhaps even ugly“ (Terror and the cinematic sublime, S. 7) bezeichnet. Es lässt sich feststellen, dass im Laufe der Zeit die Interpretationen dieses Begriffes unablässig vom Schönen separiert wurden, obwohl Schiller von der Möglichkeit ihrer Korrelation sprach und Moses Mendelssohn und Solger auf die Begeisterung verwiesen, die den Prozess der Erfahrung dieses Zustandes begleitet. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnt der irreversible Prozess der Verneinung der Natur als Träger der Harmonie und der höchsten Idee als Gefahr für die Existenz der Menschen. Gleichzeitig wird das Selbst der Annihilation ausgesetzt, was zum Nihilismus und zur Frustration führt. Das ist im Wesen ein klinisches Bild der Gesellschaft, in der wir zu existieren gezwungen sind – einer Gesellschaft geprägt von den depressiven Gedanken der Leute, die, eingebettet in ihre Gebilde aus Beton und Stahl, daran verzweifeln, ihre Furcht zu besiegen. Während die höhere, göttliche Offenbarung, die den Menschen erheben könnte, verloren gegangen ist, weilt der Mensch in den rostigen Ruinen und empfängt das Sakrament gleich einem Geschoss. Teil III David E. Nye und das Konzept der von Menschenhand geschaffenen Landschaften 150 auf die Psyche und zweitens die Quelle der Manipulation des gesellschaftlichen Bewusstseins ist.413 Nach Lyotard ist Burkes Vergleich des Terrors und des Todes unausweichlich. Von großer Bedeutung ist hier aber auch die Distanz bei der Wahrnehmung, da sonst alle Gefühle außer dem Schrecken in den Hintergrund treten und „delight“ als Symbol des Erhabenen nicht möglich ist. Lyotard postuliert hier mit Burke und Solger die ästhetische Beobachtung des Ereignisses, die keine Teilnahme zulässt. Er spricht von der Gefahr der Absorption, die er im Kontext der kritischen Analyse der Vernichtung der Idee betrachtet. Das führt aus seiner Sicht zum Totalitarismus des Denkens, zur Paralogie, zur Ablehnung des Konsenses. Entsprechend hebt er die Notwendigkeit des Pluralismus hervor. Das wird auch deutlich, wenn er unter Berufung auf Kant diesen Zustand als „mathematische414 und dynamische Synthese“415 charakterisiert. Kant selbst erklärt, dass das Erhabene mit dem Einbildungs- und Darstellungsvermögen korreliert, mit der Vorstellung des Unvorstellbaren und dem Widerstand der überwältigenden Macht als Fähigkeit des Willens und des Wissens. Atomwaffen und das Atomar-Erhabene Die Idee des Terrors manifestiert sich durch die Atomwaffen, die der Mensch entwickelt hat, als Atomar-Erhabenes, da in diesem Fall die Bedrohung von einer hypothetischen zu einer realen gewechselt ist, die sich gleichwohl nicht umsetzen lässt. Nye zeigt, wie die Rakete und die Bombe, diese neuen Technologien, auf verschiedenen Wegen von der Geschwindigkeit und der Macht gezeugt haben416 und dadurch 2.3 413 Die Idee des Terrors als notwendige Voraussetzung für die Erfahrung des Erhabenen, wie Burke es behauptet, findet ihre Fortsetzung und Begründung in der Philosophie der Postmodernismus. Slade erklärt, dass Kant die Zeit nicht als die zentrale Kategorie bei der Bestimmung des Erhabenen versteht, aber Lyotard benutzt die These von Burke „because Burke takes very seriously the possibility that nothing may happen, that nothing else may come about, that what has happened until now is contingent, not necessary […]. Lyotard focuses on the historical reality that nothing further may happen. He stops being a transcendental philosopher and becomes an empiricist“. Slade behauptet, dass gerade „the threat that nothing further may happen is occasioned by terror“. Und diese These erweitert das Problemfeld der Korrelation des Erhabenen und des Terrors (Slade, Lyotard, Beckett, Duras, and the Postmodern Sublime, S. 50). 414 Lyotard, Die Analytik des Erhabenen, S. 115–139. 415 Ebd., S. 150–165. 416 Diese These wiederholt fast im Ganzen die Überlegungen T. R. Henns über die grundlegenden Prinzipien, welche die emotionale Reaktion des Zuschauers provozieren. Meines Erachtens wird in dieser Auslegung allerdings nicht mehr als die künstlerische Methode zwecks Überraschung des Publikums dargestellt:„So far, then, it appears that the term ‘sublime’ is not necessarily limited to the terrible, the obscure, the calm, the solemn, but may be held to cover all literature of striking beauty and power. This may be corroborated by analyzing the response to the sublime“ (Henn, T. R. Longinus and English criticism. Cambridge: Cambridge University Press, 1934, S. 12). Als Schlüsselbegriff lässt sich hier das Wort „response“ herausheben, eine Art Provokation der Begeisterung auf künstliche Weise, was auch Solger in seinem Werk Erwin beschrieben hat. Aber diese Überraschung, Begeisterung und Angst sind nur die emotionale Reaktion auf die Prozesse im Bewusstsein bei der Wahrnehmung des Neuen und Unbekannten. 2 Künstliche Natur und künstliche Intelligenz 151 zu potentiellen Formen des Dynamisch-Erhabenen geworden sind. Mehr noch: Die Atomwaffe und die Raketen sind in ihrer Gesamtheit erschreckender denn je. Die Raketen mit ihren Selbststeuerungsmechanismen haben die Atombombe zur direkten Gefahr gemacht, und jeder neue Erfolg bei den Errungenschaften der Raumfahrt bedeutet eine sorgfältigere Beobachtung und größere Sicherheitsanfälligkeit. Dies zeigt sich besonders in der amerikanischen Mentalität der 30er bis 60er Jahren des 20. Jahrhunderts: It is difficult today to recover the feelings that surrounded the first atomic test […] it was a terrifying and irresistible force, like a hurricane or a volcano, which scientists believed they were observing in comparative safety.417 Unsere Bedürfnisse werden immer größer, je mehr Neues wir entdecken. Wir brauchen mehr, wir haben keine Angst mehr vor Unwetter und Blitz, wir wissen, dass wir von Fenstern und Blitzableitern geschützt werden. Burke sprach von der Notwendigkeit der Anschauung von ferne, was das Erhabene in seiner Interpretation als ästhetisches Gefühl charakterisiert,418 aber er sprach nicht von dem einschläfernden Komfort, der die Wachheit des Geistes bedroht. Dadurch könnte sich die Frage stellen, welche Objekte man als erhaben beschreiben kann. Dies zeigt sich in dem Zitat des amerikanischen General Groves, der behauptete, er habe nichts Schöneres als die Atombombenexplosion gesehen. Damit verschiebt sich die Rhetorik aber aus dem ästhetischen in den ethischen Bereich.419 Hier kommen die Untersuchungen Peter Bürgers420 zur Legitimität der Gewalt als ästhetischer Akt ins Spiel. Es ergibt sich ein bedenklicher Zusammenhang zwischen den historischen Ereignissen, die zu rechtfertigen seien, und den bedingt-neutralen Kunstwerken. Betrachten wir dazu die Beschreibung Groves’: The effects could well be called unprecedented, magnificent, beautiful, stupendous and terrifying. No man-made phenomenon of such tremendous power had ever occurred before. The lighting effects beggared description. The whole country was lighted by a searing light with the intensity many times that of the midday sun. It was golden, purple, violet, gray and blue. It lighted every peak, crevasse, and ridge of the nearby mountain range with a clarity and beauty that cannot be described but must be seen to be imagined. It was that beauty the great poets dream about but describe most poorly and inadequately. Thirty se- 417 Nye, American technological sublime, S. 227. 418 Was Solger auch bemerkt hatte: „Wenn du zum Beispiel auf einem kleinen Felsstücke an der Küste ständest, und der Sturm die Wogen zu hohen Bergen mit weißbeschäumten Gipfeln auftriebe, die er dann so gewaltsam gegen die Felsen schlüge, daß du das Beben zu fühlen glaubtest, wenn er über dich hin schwarze Wolkenzüge triebe, die mit ihrem Donner sein Toben überschöllen, und Blitze in die Wogen säeten, würdest du da wohl zum Gefühl des Erhabenen kommen, wenn du dich an den Felsen anklammern müßtest, um nicht selbst mit in die allgemeine Verwirrung hinabgerissen zu werden?“(Solger, Erwin: vier Gespräche, S. 20). Aber gleichzeitig sprach Solger von der frohen Vereinigung mit der Natur, z.B. bei der Beschreibung des Wasserfalls, in den man springen will, um seine Macht völlig zu spüren. 419 Adorno spricht in seiner Ästhetischen Theorie davon, dass der Ausruf „wie schön“ die Anschauung der Kunstwerke und nicht der Natur bedeutet. Deswegen werden auch die – von einem ethischen Standpunkt aus – hässlichsten Ereignisse als Kunstwerke wahrgenommen und nicht als reale Begebenheit, bei denen das Leben der anderen Menschen gefährdet ist. 420 Bürger, P. Zur Kritik der idealistischen Ästhetik. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1983. Teil III David E. Nye und das Konzept der von Menschenhand geschaffenen Landschaften 152 conds after the explosion came first, the air blast pressing hard against the people and things, to be followed almost immediately by the strong, sustained, awesome roar which warned of doomsday and made us feel that we puny things were blasphemous to dare tamper with the forces heretofore reserved to The Almighty. Words are inadequate … It had to be witnessed to be realized.421 Wenn man sich an Postmodern Fables erinnert, wo Lyotard das Ende der Geschichte und die Schuld der Menschheit an ihrer eigenen Vernichtung darlegt, sieht man, dass es hier keinen Platz für Buße gibt. Lyotard lässt dem an seinem eigenen Tod schuldigen Menschen keine Hoffnung. Und dadurch lässt sich die zentrale These des Postmodernismus über die Gegenwart, die Präsenz unterstreichen – Lyotards Beschreibung lässt keine Möglichkeit für später. Dies erinnert erneut an die Überlegungen Newmans. Oben wurde die Idee der Notwendigkeit der Anschauung von ferne erklärt. Zieht man das Ausmaß der dank der modernen Technik möglichen Zerstörung in Betracht, kommt Sicherheit nicht mehr in Frage, und das ist die Quelle des wahren Schreckens. Insofern lässt sich von dem Erhabenen als katastrophal sprechen. Die Welt ist uns Edmund Husserl zufolge für die Anschauung aller möglichen Praxis gegeben, aber die Atombombe, so Nye, „had created the possibility of a ‘death-world’. The atomic bomb undermined that sense of the world as ‘always already there’“.422 Zuerst zeigte sich ein gewisser Schwung in der Gesellschaft, was Nye mit den Kennzeichen des Technisch- Erhabenen verbindet, aber je mehr der Mensch zu verstehen begann, was er wirklich getan hatte, kam die neue Rhetorik über die Harmonie auf. Hier eröffnet sich der Konfliktraum, was Freud treffend beschrieben hat. Er war skeptisch gegenüber den Errungenschaften der Zivilisation, und seine Sicht wird gerne als „kultureller Pessimismus“ oder „Anti-Modernismus“ beschrieben. Seine Gedanken wurden dann von dem Futurologen und Schriftsteller Stanislaw Lem wiederholt.423 Zur Kritik des Kybernetisch-Erhabenen Das virtuelle Erhabene Das Konzept des kybernetisch oder virtuellen Erhabenen basiert auf den Überlegungen von Jean-François Lyotard, Leo Marx und David Nye. Im Werk Virtual Geogra- 3 3.1 421 Groves, Les. Top Secret Memorandum for the Secretary of War. Washington: War Department, 1945. S. 381. 422 Nye, American technological sublime, S. 228. 423 Der Bemerkung Emmerlings zufolge vermittelt die wissenschaftliche Forschung die Rückverzauberung der Welt, da es um die Wechselwirkung des Mikro- und Makrokosmos und die Schließung der Grenzen zwischen physikalischer und psychischer Natur gehe (Emmerling, Out of This World, S. 14). Nye seinerseits weist auf die Verfassung der Gesellschaft hin, die an ein „better tomorrow“ (Nye, Electrifying America) glaubt. Die Wissenschaft soll in diesem Fall den Menschen in seinen Ansprüchen auf die Eroberung der Natur festigen, als „proofs of national greatness“ (ebd., S. 339). In diesem Sinne kann man unter „Verzauberung“ die bekundete Macht des Geistes über das Individuum beschreiben – der Pilot und der Passagier tauschen die Plätze. 3 Zur Kritik des Kybernetisch-Erhabenen 153 phies: Cyberpunk at the Intersection of the Postmodern and Science Fiction präzisiert Sabina Heuser, dass die Idee von dem virtuellen Erhabenen den Behauptungen von Lyotard und den pragmatischen Thesen von Nye entspreche. Die Skizzen eines technologischen Raumes in American technological Sublime stehen ihr zufolge dem Phänomen des Erhabenen einerseits und den in der Belletristik beschriebenen Kyberräumen – das sind die Gefühle des Charakters in einer Cyberpunk-Novelle – sehr nahe.424 Heuser spricht von der Angemessenheit der Parallelen zwischen dem Erhabenen und dem Cyberpunk: In den beiden Fällen gehe es um den Ausgang aus den Grenzen des Bewusstseins und das freie Spiel der Gefühle. Sie entwickelt die Gedanken des Forschers L. Olsen weiter, der die Werke von W. Gibson kritisch analysiert hat, einem der Entdecker des philosophisch-fantastischen Cyberpunk-Genres. Heuser vergleicht darüber hinaus die Lehren Kants und Nyes über das Erhabene und stellt sie der heutigen Science-Fiction-Literatur gegenüber. Dabei gelangt sie zu der Vermutung, dass das virtuelle Erhabene als Teil der Lehre Nyes über das Technisch-Erhabene präsentiert werden kann. Hier finde sich eine Kombination des Mathematisch-Erhabenen in der Lehre Kants mit seiner Fokussierung auf die Unendlichkeit und des Dynamisch- Erhabenen. Letzteres entstehe als Ergebnis der Kollision mit den Elementen des Chaos und der Wildheit, die zuerst frappant zu sein scheinen, aber letzten Endes erheben können. Heuser unterstreicht, dass Nye das Erhabene als Erfahrung der Beobachtung der urbanen Landschaften analysiere, was insofern die amerikanische Version des Erhabenen präsentiere. All diese Formen des Erhabenen fänden sich auch in den Behauptungen über das virtuelle Erhabene im Cyberraum auf der Ebene der Belletristik und Semantik. Diese gewährleisten Heuser zufolge die Existenz einer neuen Quelle der erhabenen Erfahrung, die analoge Gefühle der Bewunderung und des Schocks hervorrufen können. Heuser schließt daraus, dass das Kybernetisch-Erhabene die Manifestation des Technisch-Erhabenen sei.425 Nye wurde bei den Vorlesungen der „Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien“ vorgeschlagen, den Begriff des „Kybernetisch-Erhabenen“ zu benutzen. Letzten Endes lehnte Nye dieses Ansinnen ab, da er befürchtete, dass sein Konzept sonst überladen wäre. Das hat seine Nachfolger aber nicht daran gehindert, seine Lehre genau in dieser Hinsicht fortzuführen und das Technisch-Erhabene zum Kybernetisch- Erhabenen weiterzuentwickeln. Heuser behauptet, das virtuelle Erhabene könne dank der Abbildung der realen Landschaften und urbanen Skizzen existieren, ohne „elektrisch erhabene“ Elemente als künstlerische Verkörperung zu benötigen. Elektrizität könne man sich nicht mehr als etwas vorstellen, was Begeisterung und Erstaunen bei uns hervorrufe; entsprechend sei das Elektrisch-Erhabene schon seit langem ein Teil des Alltags. Gerade hier wird deutlich, dass es Auslegungen gibt, denen zufolge jede neue Form des Erhabenen nach ihrer Erscheinung in der Kultur früher oder später die bisherige Form des Erhabenen verdränge. Dieses Phänomen ist unmittelbar mit der Fä- 424 Heuser, Virtual Geographies, S. 210. 425 Ebd., S. 211. Teil III David E. Nye und das Konzept der von Menschenhand geschaffenen Landschaften 154 higkeit des Menschen zur Bewunderung verbunden. Darauf hat auch Nikolaj G. Tschernyschewski in seinen Texten über das Erhabene hingewiesen: Der Bauer auf dem Feld erschrickt nicht vor dem Donner, selbst wenn das Unwetter sein Bauernhaus zu zerstört droht, da er dieses Naturphänomen schon gesehen hat. Tschernyschewski scheint hier in gewissem Maße Nye zuvorgekommen zu sein, der ebenfalls erklärt, dass die Erfahrung unser Hauptfeind auf dem Weg zur Bewunderung sei. Was vermag uns zu verwundern? Genau das, was noch nicht in unser Koordinatensystem, in unserem Gedächtnis und in unserer Erfahrung aufgenommen worden ist. Wie die Fantasie sich mit Objekten beschäftigt, die es in der Realität (noch) nicht gibt, so widmet sich das Bewusstsein im Hinblick auf das Erhabene der Welt der Vorstellungen, die oft nicht mit der Wirklichkeit verglichen werden kann. Hier zeigt sich die Kommunikation mit dem Unendlichen. Wie Wundt gesagt hat, schließen wir unsere Augen, um zu sehen.426 Kyberräume bergen in sich, so Heuser, eine tödliche Gefahr: Viren oder Rechenfehler. Aber ihre Theorie könnte mit der Zeit durchaus abgelöst werden, wie es schon einmal mit dem Elektrisch-Erhabenen passiert ist. Heuser wiederholt die These von Pseudo-Longinos und Nye, dass das Publikum nur „unfamiliar“ und „unconventio- 426 Das virtuelle Erhabene, der Unterschied zwischen den natürlichen und den künstlichen Landschaften ist hier herbeigerufen. Es scheint wie ein neuer Versuch zur Verkörperung der Idee des ländlichen Ideals, aber diesmal nimmt die Grenze von der Seite des Künstlichen als vorgegebene Realität ihren Ausgang und die Elemente der Natur müssen ausgehend davon verzeichnet werden. Wenn wir unter der Virtualität die künstliche Natur verstehen, kann man den Schluss ziehen, dass diese auch die Erscheinung der Kultur ist. Nach den Worten des französischen Philosophen Abraham A. Moles in Soziodynamik der Kultur (Kunst und Gesellschaft, 1976) ist die Kultur der intellektuelle Aspekt der künstlerischen Natur, die man im Laufe seines Soziallebens schafft und die ein abstraktes Element der Umwelt ist. Sein Werk Informationstheorie und ästhetische Wahrnehmung ist durchaus interessant für die hier erläuterten Probleme des Erhabenen als Zeichen des dynamischen Systems. Moles spricht vom Grad der Vorhersehbarkeit und nennt diesen „den Grad des Zusammenhanges des Phänomens, ein Maß für seine Regelmäßigkeit“ (Moles, Abraham A. Informationstheorie und ästhetische Wahrnehmung (übers. von Hans Ronge in Zusammenarbeit mit Barbara und Peter Ronge). Schlauberg: DuMont, 1971, S. 99). Ich meinerseits behaupte, dass das Erhabene diese Vorhersehbarkeit symbolisiert, und bezeichne als „Vorgefühl“ den Zusammenhang der Faktoren, der auf der Basis der Erfahrung entsteht. Moles gründet seine Theorie auf den Behauptungen von Mathematikern, genauer auf der Idee eines der Urheber der Informationstheorie – Norbert Wiener – der diese Beziehung bzw. Korrelation zwischen Vergangenheit und Zukunft, die die Basen für die Vorhersehbarkeit sind, als Autokorrellationsfunktion charakterisiert. Laut Moles ist die Erwartung die wesentliche Bedingung für die Vorhersehbarkeit. Diese Erwartung ist gerade die Erhabenheit. Meines Erachtens geht es hier um die Selbstverstärkung der Intelligenz als ein dynamisches System auf der Basis der gelieferten Informationen und das Erhabene als Symbol dieser Verstärkung. Lässt sich zeigen, dass diese Vorhersehbarkeit eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung der Intelligenz spielt, so kann behauptet werden, dass das Erhabene diesen Prozess aktualisiert. Moles sieht keinen wesentlichen Unterschied zwischen dem Geräusch und dem Signal (ebd., S. 116). Burke nennt die Geräusche, wie im ersten Teil der Dissertation gezeigt wurde, die Katalysatoren des Erhabenen. Wenn wir dasselbe Problem aus Sicht der Psychologie betrachten, bekommt der Rezipient ein Signal, was wiederum seine Reaktion bzw. eine Veränderung des Koordinatensystems provoziert. Ich behaupte nun, dass das Erhabene die Verkörperung des Prozesses „Stimulus – Reaktion“, also ein instinktiver Prozess ist. Das Geräusch ist auch ein wesentlicher Teil der Theorie von Wundt über die Fantasie und aktiviert die Vorstellungskraft. Moles nennt das Geräusch „die vollkommene Störung“, während ich es als geeigneter erachte, sie als Unwucht im Koordinatensystem des Rezipienten zu bezeichnen. 3 Zur Kritik des Kybernetisch-Erhabenen 155 nal“ beeindruckt und dadurch das Erhabene hervorgerufen werden kann. Hier möchte ich auf Claude François Menestriers Gedanken zum Überraschungseffekt verweisen. Dieser Effekt ist ein notwendiger Theatertrick, der durch entsprechende Mechanismen im Rahmen der Bühneninszenierung erreicht wird.427 Dieser Kunstgriff ist seit der Antike bekannt, wenn z. B. auf der Bühne mechanische Delphine erschienen, die Göttin Athena Blitze schleudert oder der mechanische Bogenschütze eine riesige Schlange besiegt. Diese Entdeckungen Gerons von Alexandria wurden dem mechanischen Theater zugrunde gelegt. Ist mit Blick auf das Erhabene nur von literarischen Werken die Rede, dann geht es im Grunde um die Entwicklung des Genres, gegen die nichts einzuwenden ist. Sucht man hingegen die Quellen des Erhabenen in den Naturobjekten, könnte dies gefährliche Folgen haben, wie ich am Beispiel der Atombombe aufgezeigt habe. Ich wiederhole meine These, dass die Folgen der kommenden Erfahrungen, die mit der Suche nach neuen Quellen der Bewunderung verbunden sind, letzten Endes für den Beobachter verhängnisvoll werden können. Vielleicht hat Burke genau dies vermutet, als er die unbeteiligte Beobachtung postulierte.428 Longinos führt als Beispiel die Schilderung des Thucydides vom Untergang der Athener in Sizilien an: Daß Schlamm und Blut getrunken und dennoch sogar umstritten werden, macht der hochgesteigerte Affekt und die Situation glaublich.429 Damit spricht er von den Hyperbeln, die für die Übernahme einer gewissen Größe der Situation430 erforderlich sind. Dadurch erhält das tragische Ereignis dank der kunstvollen Beschreibung eine ästhetische Hülle.431 Das zu den Problemen des virtuellen Erhabenen herangezogene Material hat durchaus das Recht auf Existenz, da diese Ideen in der Realität ursprünglich enthalten 427 Siehe: Bussels, Stijn; Oostveldt, Bram van. Le Merveilleux and the sublime in theories of French performing arts (1650–1750). In: Translations of the sublime: the early modern reception and dissemination of Longinus’ Peri hupsous in rhetoric, the visual arts, architecture and the theatre (hrsg. v. C. van Eck, S. Bussels, M. Delbeke und J. Pieters). Leiden/Boston: Brill, 2012, S. 142. 428 Hier nähern wir uns dem Thema der Legitimation der Gewalt in der Geschichte, das der deutsche Wissenschaftler Peter Bürger analysiert hat (Bürger, Zur Kritik der idealistischen Ästhetik, S. 147). Er spricht von den Versuchen, die Gewalt durch die Idee der „angenehmen Einwirkung auf die Einbildungskraft des Beobachters“ zu rechtfertigen. Bürger warnt vor den möglichen Folgen solcher Rechtfertigungen. Er zitiert die These von Moritz (zitiert aus Moritz, K. F. Fragmente aus dem Tagebuch eines Geistersehers. (hrsg. v. H. J. Schrimpf). Stuttgart: Metzlersche Verlagsbuchhandlung, 1968), dass ohne Leiden, Waffen und Krieg keine schönen Kunstwerke wie die Illias hätten entstehen können. Moritz nennt in der Nachfolge des Pseudo-Longinos die Erwähnung des Krieges die Erscheinung des Erhabenen. 429 Über das Erhabene, nnnVIII, 4. 430 Ebd. 431 Bürger betont auch, dass es Kant gelungen sei, in seiner Analytik des Erhabenen den von Moritz formulierten Probleme zu entgehen, da er das Problem der Gewalt in den Bereich der Beobachtung und der Natur übertragen habe. Aber solche Probleme können bezüglich der Realität nicht neutral sein, auch wenn sie größtenteils in literarischen Werken betrachtet werden. Moritz behauptete, dass gerade in der Realität und der in ihr geschaffenen Ungerechtigkeit der Künstler seine Ideen schöpft. Folglich ist das literarische Werk nur ihre Abbildung. Das heißt, dass man mit vollem Recht diese Ereignisse als Personifizierung des Natürlichen bewerten darf. Teil III David E. Nye und das Konzept der von Menschenhand geschaffenen Landschaften 156 sind. Das spiegelt in vollem Maße die Idee Nyes und seiner Nachfolger über die „Übertragung“ des Erhabenen aus der Natur in eine künstliche Umgebung – die Natur der zweiten Ordnung – wider. Das Digital-Erhabene Die neue Interpretation des Erhabenen durch das Prisma der Massenmedien wurde von Vincent Mosco432 fortgesetzt, der in gewissem Maße die Tradition des Kybernetisch-Erhabenen weiterentwickelt hat. Dabei benutzt er nicht das Genrenarrativ, sondern versucht, die Zeichen des „neuen“ Erhabenen in den gegenwärtigen Medien zu entdecken. Seine Frage zielt vor allem darauf, inwieweit sich die Meinung über die Technologien im Laufe der Zeit verändern kann. Mosco versucht nicht zu beweisen, dass die Informationstechnologien ein mächtiges Instrument der sozialen Transformationen sind, sondern analysiert vielmehr ihren Beitrag zur Retardierung der Sozialveränderungen. Als Beispiel nennt er das Verhältnis zum Computer und zum Telefon als erhabene Symbole der Mythologie und wichtige Quelle der sozialen und wirtschaftlichen Transformationen, obwohl damit die prosaische Welt der Banalität betreten werden. Auch Jean Baudrillard z. B. sieht in der Technik – und das meint auch Computer – „ein wunderbares Instrument exoterischer Magie: jede Interaktion läuft letztlich auf ein endloses Zwiegespräch mit Maschine hinaus“.433 Insofern greift Mosco Baudrillards Überlegungen zur Mythologie der Technik auf. Von Interesse ist die These Moscos über das Wesen des Kyberraums bzw. Cyberspace. Diesen Begriff entlehnt er eigenen Angaben zufolge von W. Gibson: Сyberspace is a central force in the growth of three of the central myths of our time, each linked in the vision of an end point: the end of history, the end of geography, and the end of politics. Damit knüpft Mosco an die weitverbreitete Idee vom Ende der Geschichte an, die schon unmittelbar mit dem Erhabenen als seine Manifestation in Verbindung gebracht wird. Solche Vorstellungen der Grenze nennt er die Mythen, die eine Art der Realität darstellen, das Leben mit Sinn füllen und die Bilder der Fantasie auf dieses projizieren. Er sieht im Enthusiasmus angesichts der Technologieentwicklung eine neue Art des Glaubens, eine Konvergenz von Technologie und Religion, und zieht zum Vergleich die These von Kevin Kelly – „God is the Machine“434 und das Universum sei ein riesiger Computer – heran. Mosco behauptet, der größte Fehler des Menschen liege in dem Versuch, die Frage zu beantworten, wohin uns die Technologie führen kann. Den „Mythos“ vom Ende der Geschichte in der Interpretation von Francis Fukuyama kritisiert er stark, indem er die grundlegende Annahme zurückweist, dass „we have perfected the state“.435 Als Mythos vom Ende der Geographie 3.2 432 Mosco, Vincent. The digital sublime: myth, power, and cyberspace. Cambridge: MIT Press, 2004. 433 Baudrillard, Videowelt und fraktales Subjekt, S. 118. 434 Mosco, The digital sublime, S. 14. 435 Ebd., S. 57. 3 Zur Kritik des Kybernetisch-Erhabenen 157 führt Mosco die Idee der Transformation des Territoriums an, eine „annihilation of social space“, eine Art „Erosion“ der politischen Grenzen, wie sie Kenichi Ohmae in The Borderless World & The End of the Nation State darzulegen sucht.436 Den Mythos vom Ende der Politik erklärt er am Beispiel der Entwicklung der Computerkommunikation, die die Teilnehmer des Gesprächs voneinander isoliert. Zur Kritik verweist er auf die Lehre Lawrence Friedmans über „die horizontale Gesellschaft“, die Wahl der Selbstidentifikation und die Teilnahme an der Kommunikation dank der Informationstechnologien, was zur Transformation der Staatsmacht führe.437 Es lässt sich die grundlegende Besonderheit betonen, die Mosco nicht explizit benennt, aber die auf unmittelbare Weise aus seinen Behauptungen folgt: der Übergang vom Erstaunen zur Faszination (die mystische Periode), eine Zeit voller Hoffnungen auf den Eintritt einer Ära des Wohllebens dank der neuen Technologien. Es gibt in der jeweiligen Periode etwas, das zunächst keine Analogie hat, mit der Zeit aber wird im Stadium der Gewöhnung das Interesse daran vergehen. Mosco nennt dies den Übergang zur Banalität. Die Menschen versuchen, die Verantwortung von sich selbst auf die Arbeitsgeräte zu übertragen, und wenn das Ergebnis die Erwartungen nicht erfüllt, werden neue Berechnungen durchgeführt, und auf den Markt kommt die modernste und vollkommene Ware. Diesen in sich geschlossenen Kreislauf begreift Mosco als eine Störung in der Entwicklung. Electricity achieved its real power when it left mythology and entered banality. Is there anything more prosaic than an electric utility?438 Mit dieser These wiederholt Mosco die Idee von Nye über den Paradigmenwechsel bei der Interpretation des Erhabenen und erweitert seine Bedeutung: Technological sublime […] is a literal eruption of feeling that briefly overwhelms reason only to be recontained by it.439 Mosco erklärt, dass heutzutage gerade der Cyberspace das Symbol des technisch und des „elektronisch“ Erhabenen sei. Seine Ambivalenz liege darin, dass einerseits seine transzendenten Charakteristika gepriesen werden, er andererseits aber in Anbetracht der Möglichkeit, Schaden zu verursachen, dämonisiert wird. Hier gehen die Anschauungen Nyes und Moscos auseinander, da Mosco die Transzendenz und den Determinismus der Technik für durchaus normal hält. Die Personifizierung der postindustriellen Zivilisation und ihrer Mythologie erkennt er in „The World Trade Center“. Dessen Zerstörung und die danach folgende Rekonstruktion zeugen von der Entwicklung dieses Mythos, dessen zentrales Bindeglied die Hoffnung ist. Mosco erklärt, dass returning to Ground Zero440 suggests that we have come a long way from the breezy triumphalism of the dotcom boom and we do not know where it will lead.441 436 Ebd., S. 87–88. 437 Ebd., S. 99. 438 Ebd., S. 19–20. 439 Ebd., S. 22. 440 Zur Zeit der Veröffentlichung der Studie Moscos waren die Wolkenkratzer noch nicht wiedererrichtet worden. 441 Ebd., S. 183. Teil III David E. Nye und das Konzept der von Menschenhand geschaffenen Landschaften 158 Futurologische Prognosen über das Erhabene Die Auslegung des Erhabenen wird sich im Laufe der Zeit unentwegt verändern. Leo Marx und David Nye haben gezeigt, dass diese Veränderungen mit der Entwicklung der menschlichen Intelligenz verbunden sind. Das Erhabene hat einen langen Weg von der rhetorischen Methode zum literarischen Stil gemacht, entwickelte sich dann in den ästhetischen Theorien zur Abbildung der Realität und zur Reaktion auf ihre Schönheit und Hässlichkeit, danach näherte es sich dank der ähnlichen Prinzipien der Erklärung des Phänomens der Unendlichkeit den exakten Wissenschaften und hat schließlich die moralischen Aspekte der menschlichen Tätigkeit in der postindustriellen Epoche berührt. Aber abgesehen von den Formen, die das Erhabene in den verschiedenen Theorien bekommt, geht es um die Dichotomie der Gefühle als Reaktion der Veränderungen, die sich im Bewusstsein während dessen Ausbildung vollziehen. Wir stellen immer wieder die Fragen „Warum?“, „Wer bin ich?“, „Was umgibt mich?“ etc. Wir bekommen die Antworten aus dem Umfeld, machen immer neue Entdeckungen, aber je mehr wir erkennen, desto mehr entstehen weitere Fragen als neue Hindernisse auf unserem Weg des Begreifens. Und hier versteht das Subjekt bei der Analyse des Paradoxes des Daseins des Unendlichen im Endlichen (und bei dem Versuch, es zu wiederholen, z. B. bei der Erstellung des Pendels oder der Versuche einer Entdeckung des Perpetuum mobile), dass das Unendliche seiner Wahrnehmung unzugänglich ist. Jede unserer Fragen scheint die Grenze des Unendlichen einen Schritt weiter zurückzudrängen, und doch gelangen wir wieder an diese Grenze und fragen erneut. Dabei wird auch die rationale Tätigkeit immer wieder in Frage gestellt, sei es bei Stress oder bei den Affekten. Hier nun wird als ein Abwehrmechanismus des Geistes das Erhabene vorgestellt: Wir verstehen unsere Ultimität, aber diese Erkenntnis hat unser Denkvermögen nicht aufgehoben, im Gegenteil sind wir dazu ermutigt, unsere Pein zu beenden, wir sind über sie erhoben durch die Kraft unseres Geistes. Wir haben die neue Stufe erreicht und haben auf dem Weg, gleich wie der gepeinigte Prometheus, die Katastrophe und die Katharsis empfunden. Im Jahr 2011 wurde in den USA die Monographie Sublime Dreams of living Machines: The Automaton in the European Imagination von Kang Minsoo veröffentlicht.442 Darin versucht der Autor die Evolution der „Magie und Mechanik“ in der geschichtlichen Perspektive zu verfolgen. Er analysiert die intellektuelle Tradition des antiken Griechenlands, des Mittelalters, der Renaissance, aber auch die fantastische Literatur des 19. Jahrhunderts und geht letzten Endes zur Beobachtung des Phänomens des Roboters über. Als Erster hat der tschechische Schriftsteller Karel Čapek im Stück R.U.R. diesen Ausdruck verwendet. Die in diesem Werk aufgeworfenen Fragen wurden danach die Schlüsselprobleme der künstlichen Intelligenz. Kang stellt die Frage nach dem Wesen des Menschen, den Problemen der Selbstidentifikation und dem Selbstbewusstsein. Er bietet die Definition des „mechanischen Lebens“ (was man mit dem „mechanischen Instinkt“ Marinettis vergleichen könnte) 4 442 Minsoo, Kang. Sublime Dreams of Living Machines: The Automaton in the European Imagination. Cambridge, MA: Harvard University Press, 2011. 4 Futurologische Prognosen über das Erhabene 159 und analysiert die Probleme der Industrialisierung.443 Kang erklärt das Selbstbewusstsein der mechanischen Systeme und entwickelt die Hypothese, ob es möglich wäre, eine Gradation zwischen einem Menschen und einem Apparat herbeizuführen, und wenn die Antwort negativ wäre, auf welche Weise dann die Ideen Eingang in die künstliche Intelligenz finden könnten. Hier lässt sich das Paradox in Frageform formulieren: Können die Maschinen die Idee des Erhabenen analysieren, wenn sie selbst vollkommen sind und im Gegensatz zum Menschen ewig existieren können? Und bedeutet der Übergang zum „Postmenschlichen“ die Stagnation des Menschen selbst? Wir erblicken in einer Maschine nur das Instrumentarium, die, so Stanislaw Lem (1921–2006), Fortsetzung der Wirkung unseres Willens auf die Umwelt444 auf Grund der „biologischen Unvollkommenheit“. Aber was passiert, wenn die Maschine die Kommandos nicht ausführt? Solche Fragen nach den Folgen in Form fiktiver Bedingungen (Was wäre wenn?) werden immer gestellt. Im Werk Phantastik und Futurologie (1970–1972) spricht Lem davon, dass die Literatur sich mit konventionalisierten Kunstgriffen beschäftige, die man buchstäblich fantastisch nennen könne; einer davon sei die indirekte Rede, durch die man die Gedanken eines Fremden wiedergeben könne. Man fühlt immer wieder, wie Leo Marx sagen würde, „neue Angst und neue Hoffnung“, die z. B. mit dem Aufbau von dem Großen Hadronen-Speicherring verbunden sind. Das Erhabene selbst entsteht auch dank der Interferenz der Bilder. Lem macht eine wichtige Bemerkung, die einerseits die Theorie Marinettis zum mechanischen Instinkt bestätigt und andererseits erklärt, warum man das Erhabene bereits mit der Technik beobachte. Er sagt, dass die „zivilisatorische Explosion“ nicht ewig dauern könne, aber wir hätten keine Möglichkeit mehr, die Technik durch etwas anderes zu ersetzen, da wir schon mit den technisch-wissenschaftlichen Quellen der modernen Zivilisation zusammengewachsen seien. Deswegen, so Lem, sei die Technik längst der Zweck geworden und nicht mehr das Mittel, und die Feier der Technologie sei unser autonomer Wert geworden. Um dieses Problem zu vertiefen, möchte ich das Essay Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1936) von Walter Benjamin (1892–1940) etwas näher betrachten. Benjamin gibt zu, dass man die technische Ausstattung der Gesellschaft als fait accompli betrachten könne und in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung und die Veränderung der Art und Weise, wie Kunstwerke geschaffen werden, akzeptieren müsse. Er geht davon aus, dass bald in der Industrie des Schönen die tiefsten Veränderungen stattfinden würden. Stimmt man damit überein, ist es kein Wunder, wenn heute die Foto- und Videokünste mehr oder weniger die Malerei abgelöst haben und ihrem Wesen nach zur Kunst der Abbildung geworden sind. Die manuelle Reproduktion ist in den Hintergrund getreten, und diese Entwicklung berührt die Industrie im Ganzen, verändert aber auch die Weltanschauung des Künst- 443 Siehe das Kapitel The Living Machines of The Industrial Age in Minsoo, Sublime Dreams of Living Machines, S. 223, wo die Probleme der künstlichen Intelligenz behandelt werden, was die Ideen von Kang der Lehre von Bukatman annähert. 444 Nach Meinung Adornos (in der Ästhetischen Theorie) sichert die Technisierung zudem das Recht des freien Besitzes als Prinzip. Teil III David E. Nye und das Konzept der von Menschenhand geschaffenen Landschaften 160 lers und des Zuschauers. Nach Pseudo-Longinos ist, wie im ersten Teil der Dissertation bemerkt wurde, eine solche Nachahmung für die ästhetische Bewertung eines Werkes nicht kritisch. Jonathan Arac stellt mit Blick auf Benjamin die Frage nach dem „unban content“445 als der Form der Erfahrungserhaltung. Es muss auch betont werden, dass Benjamin die Begriffe „Erlebnis“ und „Erfahrung“ unterscheidet. Charakterisiert das Erlebnis das Leben in der städtischen Umwelt und sind die Schlüsselphänomene dazu „event, occurrence, episode“, so konnotiert die Erfahrung „ein praktisches Wissen“, einen Eindruck, der durch die Stadt zerstört werden kann und deswegen vom Poeten erfasst und weitergeleitet werden muss. Nach Benjamin erlebt das Individuum in der Menge einen Schock, und die Mechanisierung des Weltbildes, die Benjamin „Anästhesie“ nennt, gilt als ein Schutzmechanismus. Meines Erachtens wiederholt Benjamin hier die Lehre Marinettis vom mechanischen Instinkt: Auf welche Weise wäre das möglich, die Eindrücke über diese feindliche Umgebung zu behalten? Paradoxerweise kraft der Technologie. Im Vordergrund befindet sich – nach Benjamin – das Portrait, aber nicht mit dem Pinsel gemalt, sondern dank der Foto- und Videotechnik entstanden. Keineswegs zufällig steht das Portrait im Mittelpunkt der frühen Photographie. Im Kult der Erinnerung an die fernen oder die abgestorbenen Lieben hat der Kultwert des Bildes die letzte Zuflucht. Im flüchtigen Ausdruck eines Menschengesichts winkt aus den frühen Photographien die Aura zum letzten Mal. Das ist es, was deren schwermutvolle und mit nichts zu vergleichende Schönheit ausmacht.446 Diese „Aura“ würde ich als die Nostalgie charakterisieren, die Sehnsucht nach dem Vergangenen, was mit dem ländlichen Ideal nach Marx korreliert. Der Mensch sieht seine Aufgabe darin, das Fragment der Realität darzustellen und ein bestimmte Laune mit technischen Mitteln zu verkörpern. Dabei kann die Fototechnik Benjamin zufolge nicht mit dem Pinsel und der Handbewegung des Malens verglichen werden, da es um Augenblicke geht. Aus diesem Grund sucht der Mensch das schnellste Mittel der Darstellung, das die kleinsten Nuancen widerspiegelt. Schon wieder geht es um die Geschwindigkeit, die dank Marinetti und seinen Nachfolgern die technische Ära personifiziert. Die Aura in der Interpretation von Benjamin bedeutet einerseits die Präsenz des Humanismus und andererseits sein Verschwinden. Gerade den letzten Punkt gilt es ins Auge zu fassen. Der Humanismus wird von Vernon Shetley und Alissa Ferguson die Quintessenz des Realismus genannt. Er bedeutet die Unabsichtlichkeit des Lebens als solches.447 Die Aura ist in der Interpretation der Autoren des Artikels Reflections in a Silver Eye: Lens and Mirror in Blade Runner448 das Erlebnis des Objekts mit seinem einzigartigen Dasein. Vom Humanismus lässt sich hier mit Recht in dem Maße sprechen, in dem die materielle Einmaligkeit des Objekts seinen Wert und seine eigene Geschichte be- 445 Arac, Jonathan. Critical Genealogies: Historical Situations for Postmodern Literary Studies. New York: Columbia University Press, 1987, S. 183. 446 Benjamin, Walter. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 2011, S. 25. 447 Dies ist eine These von Theodor Adorno. 448 Shetley V.; Ferguson A. Reflections in a Silver Eye: Lens and Mirror in Blade Runner. In: Science Fiction Studies 28, No. 1 (Mar., 2001). 4 Futurologische Prognosen über das Erhabene 161 stimmt. In dem genannten Artikel wird das Phänomen der Massenkunst (hier Science-Fiction) analysiert. Auch Skott Bukatman schenkt den fantastischen literarischen Werken Aufmerksamkeit und behauptet, dass in ihnen die wichtigsten humanistischen Fragen gestellt werden, von denen die erfolgreichsten in den Kontext des Erhabenen passen, dessen Repräsentation sie in ihrem Wesen sind. Nach Ansicht von zwei Meistern des Genres, Philip K. Dick (1928–1982) und Stanisław Lem, ist Science-Fiction die philosophische Literatur, in deren Mittelpunkt nicht der Makrokosmos und nicht die Beschreibung der Transformation der Realität durch die moderne Technik steht, sondern vor allem die innere Welt des Menschen mit seinen Enttäuschungen und Hoffnungen. Man kann sagen, dass das 20. Jahrhundert die Manifestation des Science-Fiction war. Mit der Entwicklung der technischen Produktion wird das einzelne, einmalige Exemplar durch das Massenhafte ersetzt; die Aura verschwindet und das Werk verliert seinen Wert. Der Schlüsselbegriff dafür ist die „Auflage“. Aber die Veränderung bedeutet nicht unbedingt ein Verschwinden. Sie lässt sich eher als Transformation verstehen, und die neue Form wird mit dem alten Inhalt angefüllt. Wird immer wieder behauptet, dass die moderne Kunst angesichts ihrer Erscheinungsart geistlos sei, so muss doch betont werden, dass ihre impliziten Ideen in vielem dem, was in der Kunst voranging, überlegen sind. Zusammenfassung: Als Problem der künstlichen Intelligenz wird immer öfter nicht im Wesen ihres Funktionierens, sondern in den Möglichkeiten ihres Einsatzes gesehen. Die Frage nach der Intelligenz ist untrennbar mit ihrem Träger verbunden, und die Angst des Menschen gilt weniger der Überlegenheit der Intelligenz eines Anderen, der oft als „Cyborg“ beschrieben wird, über seine Intelligenz, sondern der Verkörperung der künstlichen Natur. Untersucht wurden die „technische“ und die „kybernetische“ (oder „virtuelle“) Komponente des Erhabenen. David Nye sprach in American technological sublime von der Evolution des Erhabenen kraft der Notwendigkeit der Überraschung durch Neuentdeckungen infolge des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts. Ebenso wurden die Überlegungen Sabine Heusers betrachtet, dass die Lehre Nyes zum Voranschreiten der Science-Fiction-Novellen sowie zum Eingang der „kybernetischen“ Komponente in diese Texte beigetragen hat. In der gegenwärtigen Phase verschafft das Erhabene dem Genre einen besonderen Status. Die Vorstellung vom Weiblich-Erhabenen kann man einen Versuch zur Feststellung der Ideen des Erhabenen in der Natur nennen. Aber die Prämisse dieses Konzepts scheint zweifelhaft – analysiert wird hier die subjektivierte Natur des Phänomens, was den Sinn des Erhabenen verzerrt, weil damit die Beziehung des eigenen Seins und der Natur künstlich eingeschränkt wird. Eine solche Disaggregation des wahrnehmenden Subjekts oder die Aufteilung der Natur in eine männliche und weibliche Komponente bei der Suche nach entsprechenden Merkmalen führt allenfalls zur Entdeckung eines psychologischen Mechanismus der Selbstreflexion. Bislang haben die Wissenschaftler keine Antwort auf die Frage gefunden, welche Form der Intelligenz nach der künstlichen existieren wird; Bemühungen gibt es hier allenfalls seitens der Science-Fiction-Autoren und Futurologen. Ich schlage vor, den Begriff „postkünstliche Intelligenz“ zu gebrauchen, um auf das hinzuweisen, was die Teil III David E. Nye und das Konzept der von Menschenhand geschaffenen Landschaften 162 Grenzen und Hindernisse auf dem Weg zum Wissen überwunden hat. Es bleibt allerdings fraglich, ob ein Mensch die Erkenntnisse der Maschinen wahrnehmen könnte, um diese später zu benutzen. Und wenn ja, möchte er überhaupt diese Erkenntnis? Der Suchvorgang selbst entspricht freilich bereits einem Anstieg des Wissens. Basierend auf der Logik der Theorie des Kybernetisch-Erhabenen kann man davon ausgehen, dass das Individuum durch die Schaffung einer künstlichen Wirklichkeit bewusst versucht, eine Erfahrung des Erhabenen zu machen. Wenn Nye von sublimen Bildern von Brücken und Wolkenkratzer spricht, stellt sich die Frage, was eine Person daran hindert, die Bilder der Wirklichkeit auf der Leinwand oder im Buch neu zu erschaffen. Diese ästhetische Prozedur zeigt den Mechanismus des sinnlichen Herausreißens der Objekte aus der sichtbaren Wirklichkeit und ihren nachfolgenden Transfer in eine künstlich begrenzte Umgebung zur weiteren Klassifizierung. Dieser schöpferische Prozess offenbart den Wahrnehmungsmechanismus, wie die theoretischen Erwägungen Wundts, Frohschammers und Gibsons sowie das oben genannte Konzept eines Vergleichs des Erhabenen und der Quantentheorie gezeigt haben. Das Wesen des Phänomens des Erhabenen liegt in der Überwindung der Hindernisse der Erkenntnis und der logischen Widersprüche. Wenn wir davon ausgehen, dass die Quelle des Erhabenen in unserem Geiste ursprünglich das ist, was es erlaubt, die Änderung des normativen Weltbildes beim Wechsel der Epochen vorherzusagen, zeigt sich, dass das Erhabene eine grundlegende Fähigkeit des Denkprozesses bei seinen Entdeckungen und nichttrivialen Urteilen ist. Aber dieser komplexe Mechanismus erzählt uns von seiner Präsenz, indem er auf unsere Gefühle einwirkt. Das Erhabene ist das Ergebnis der Beziehung zwischen der Intelligenz und den Gefühlen. 4 Futurologische Prognosen über das Erhabene 163

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Zusammenfassung

Dieses Werk nimmt die geschichtsphilosophische Analyse der Qualität des Erhabenen im Rahmen der soziokulturellen Aspekte vor. Den Ursprungsmechanismus des erhabenen Zustandes kann man als geschichtlich-konkrete bzw. als eine besondere Qualität der Gesellschaft verstehen. Das Erhabene ruft eine Person dazu auf, ihre Aufmerksamkeit speziell auf die ästhetische und ethische Komponente des täglichen Lebens zu fokussieren. Die grundlegenden Elemente des erhabenen Zustandes sind die Vorstellung und die Gewalt. Die Suche nach neuen Quellen der Verwunderung, die das Erhabene hervorruft, kann zum Rückschritt führen, weil der Mensch dabei nicht nur die Harmonie mit sich selbst verliert, sondern auch sein soziales Umfeld gefährdet. Aus diesem Grund sind die Versuche, das Erhabene durch das Sekundäre (das Kybernetisch-, Architektonisch-, Elektrisch-Erhabene etc.) zu erklären, nutzlos, solange man das Erhabene im Wesen nicht betrachtet.