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2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte in:

Stephan Snyder

Besonnen Leben, page 41 - 84

Über Selbstsein und Verantwortung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4020-1, ISBN online: 978-3-8288-6785-7, https://doi.org/10.5771/9783828867857-41

Series: Darmstädter Arbeiten zur Literaturwissenschaft und Philosophie, vol. 16

Tectum, Baden-Baden
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Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte Radikale Freiheitsskeptiker und -befürworter erkennt man nach Strawson an ihrem Wechsel vom „Vertrauten zum Unvertrauten“. Da‐ gegen setzt er auf das wohl Vertraute. Auf Umgangsformen, die ihrem quasi-transzendentalem Charakter nach für eine agnostische Grund‐ haltung werben („selbst wenn der Determinismus wahr wäre…“). Ver‐ stehen die Freiheitsskeptiker sich jedoch nicht selbst im Sinne einer theoretischen Doktrin, muss jene Haltung aufgegeben werden. Dann zeigt sich nach Pothast, inwiefern der von ihm gezimmerte unverän‐ derliche Bezugsrahmen durch das mindestens ebenso tief in der Le‐ benswelt verwurzelte Gerechtigkeitsempfinden in Spannung versetzt wird. So lag Nietzsches möglichem Einwand ungefähr folgender Rich‐ terspruch zu Grunde: „Wir wissen zwar, daß du in einem Milieu aufge‐ wachsen bist, in dem Stehlen und Schlagen zu den wichtigsten Mitteln der Selbsterhaltung gehörten. Wir wissen auch, daß in dir eine Dispo‐ sition erzeugt hat, in Lagen, in denen du dich bedroht fühlst, auf diese Mittel zurückzugreifen […]. Kurz, wir wissen, […] daß du durch vor‐ liegende Umstände bei Geltung der psychologischen Gesetze, die wir kennen, in gewissem Sinn zwangsläufig so gehandelt hast […] Aber das ist kein Grund für uns, unsere unmittelbare menschliche Reaktion zurückzustellen […]. Die Kenntnis der Umstände, durch die dein Ver‐ halten determiniert war, hat für unsere moralische Beurteilung […] keine Relevanz.“ (Pothast 1987: 174) Bleibt es am Ende also dabei? Entweder gehen Einmischungen auf das Recht des/der Stärkeren zurück oder aber sie stellen sich als (wohl‐ meinende) Übergriffe heraus? Auf der einen Seite also die Gerechtig‐ keit, die sich als der Vorteil des/der anderen entpuppt (bzw. die Moral der Herrschenden), wie auf der anderen Seite wahlweise anthropolo‐ gisch (Glück/Nutzen) oder ideologiekritisch gerechtfertigte Zustände fürsorglicher Belagerung? (vgl. Fulda 2007: 15 f.) 2. 41 Was also ist eine freie Handlung? Welche Intuitionen werden durch die Worte frei und verantwortlich ausgedrückt? Herr Meier steht kurz davor, einen Banküberfall durchzuführen. Zu‐ fällig erhalten sie Kenntnis von seinen Plänen. Besorgt bitten sie ihn: Tu es nicht! Ihre Sorge erreicht Herrn Meier offensichtlich nur, insofern er über ein gewisses Maß an Selbstkontrolle und Steuerungsfähigkeit ver‐ fügt. So richtet sich ihre Bitte an ihn als Autor und Urheber der eigenen Handlungen. Würden sie in ihm nur den Durchgangspunkt eines ir‐ gendwie gearteten zufälligen Geschehens ausmachen, auf das er kei‐ nerlei Einfluss hat, wäre ihre Sorge deplatziert. Ihr Appell wird jedoch noch durch eine weitere stillschweigende Annahme gestützt. Nach einer anderen Einnahmequelle wird sich Herr Meier auf ihre Bitte hin nur umsehen, insofern er anders handeln kann. D.h. insofern seinen Plänen und Absichten keine äußeren oder inneren Zwänge entgegen‐ stehen. Kurzum, Herr Meier wird von ihnen als jemand adressiert, der selbst über sein Leben bestimmt. Bereits anhand solcher Alltagsbei‐ spiele könnte deutlich werden, inwiefern die in der Forderung nach Selbstbestimmung zusammenlaufenden Ideen der Urheberschaft (Steuerung und Kontrolle) und Autonomie (Abwesenheit von Zwang) zu tief in der Lebenswelt verwurzelt sind, als das ihnen neurowissen‐ schaftliche Forschungsergebnisse etwas anhaben könnten (vgl. Pauen 2015: 36). Wie dem auch sei, Nietzsches „Irrtumsgeschichte“ verweist auf eine nicht zuletzt gegen den nachkantischen Idealismus gerichtete Freiheitsskepsis. Mit Georg Herbert Moore wird diese skeptische Großwetterlage gleichsam wieder überwunden. D.h., erneut ein für Freiheitsbeweise günstiges Klima geschaffen (vgl. Pothast 1987: 9). Das gilt insbesondere für durch Hume beeinflusste Konzepte. Für Hume bilden Handlungs- und Willensfreiheit ebenso wie Freiheit und Not‐ wendigkeit gewissermaßen falsche Gegensätze. Handlungs- und Wil‐ lensfreiheit, insoweit er letztere per se in Abrede stellt. Freiheit und Notwendigkeit, insofern es für ihn Zwänge und nicht Gesetzmäßigkei‐ ten sind, welche freien Handlungen widerstreiten. Nach Hume sind Freiheit und Notwendigkeit also durchaus miteinander vereinbar (vgl. Hume 1999: 103 f.). Moore nun wendet sich im Kontext der Moralbe‐ gründung Hume zu. Neben der Einsicht in das Gute (bei Moore die 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 42 besten Folgen) muss jede Moraltheorie auch dessen Befolgung behan‐ deln. Als notwendige Bedingung für berechtigte Reaktionspraktiken wird allgemeinhin gefordert, dass der betreffende „anders hätte han‐ deln können“. Worauf nun zielt der Vorwurf, wenn er in keiner Frei‐ heitsmetaphysik hinterlegt wird, sondern stattdessen einfach nur die Abwesenheit von Zwang verlangt? Moores Antwort auf diese Frage führt über den Sprachgebrauch. Genauer, die Verwendung von „kann“, „konnte“, „hätte „können“. Für den Deterministen führt diese schlicht in die Irre. Denn für ihn hätte ja niemals etwas anderes geschehen können, als das was geschehen ist. In einigen Fällen, so Moore, mag das sicherlich zutreffen. Gleichwohl führt die These ihrerseits in die Ir‐ re, insofern sie verabsolutiert wird. Wenn also unterschlagen wird, dass unsere Verwendungsweise der Ausdrücke durchaus „mehrdeutig“ ist. Das lässt sich anhand einfacher Alltagsbeispiele belegen. „Ich hätte heute Morgen zwei Kilometer in zwanzig Minuten gehen kön‐ nen, aber ich hätte zweifellos nicht vier Kilometer in fünf Minuten laufen können.“ Oder: „[D]ie Katze hätte auf einen Baum klettern können, der Hund dagegen nicht.“ (Moore 2016: 147) Dass Moore das erste hätte tun können, obwohl er es nicht getan hat, während er letzteres auch nicht hätte tun können, wenn er es auch ge‐ wollt hätte, muss auch der Freiheitsskeptiker einräumen. So wird er außerhalb des philosophischen Seminars wahrscheinlich selbst mit den Ausdrücken „kann“, „konnte“ und „hätte können“ zwischen mögli‐ chen und unmöglichen Ereignissen unterscheiden. Wenn nicht, so Moore, dann wird gleichwohl ihm angesichts dieser alltagsgebräuchli‐ chen Modalunterscheidung die Beweislast aufgebürdet. Unbeirrt dürf‐ ten wir uns also als zu Entscheidungen befähigt erachten. Denn was die Begriffsanalyse zeigt, ist, dass die Wendung „hätte können“, nichts anderes als die Kurzform für „Ich würde, wenn ich mich dazu entschie‐ den hätte“ ist. Entscheidend ist also wann, wo und wie die Ausdrücke verwendet werden. Gegen den Hintergrund einer derart geleisteten grammatikalischen Aufklärung gelingen dem Freiheitsskeptiker vor al‐ lem zwei Dinge nicht länger. Zum einen kann er die für das Handeln und Entscheiden elementare Erfahrung der offenen Zukunft nicht län‐ ger in Abrede stellen. Zum anderen wird er von der Suggestion einer in die Gegenwart hineinragenden unveränderlichen Vorgeschichte, wel‐ che den Unterschied zwischen Unglück und Unrecht einebnet, Ab‐ 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 43 stand nehmen müssen. Dass wir normalerweise zu Entscheidungen fä‐ hig sind, so Moore, wird ja nicht zuletzt durch die präventive Funktion und Wirksamkeit unserer Sanktionspraktiken belegt. Gegen den Hin‐ tergrund dieser Praktiken erscheint der Versuch, Krankheit und krimi‐ nelles Fehlverhalten als miteinander vergleichbare Schicksalsfälle zu behandeln, fehlgeleitet. Gleichsam in Umkehr des Sündenbockmotivs, das für jedes Übel einen Verursacher sucht. Gleiches gilt auch für den womöglich dagegen vorgebrachten Einwand: Schön und gut lieber Moore, du behauptest, dass das „hätte können“ die Kurzfassung für „wenn ich mich dazu entschieden hätte“ ist. Der springende Punkt al‐ lerdings ist, ob du dich denn wirklich auch anders hättest entscheiden können? Würde die Frage nicht von der Gegenseite gestellt, so Moore, müsste er sie quasi selbst stellen. Wird durch sie doch der Entschei‐ dungsprozess in seiner Selbstbezüglichkeit beleuchtet. D.h., darauf Be‐ zug genommen, inwiefern die Unterscheidung zwischen der sprachli‐ chen Kurz- und Langfassung noch einmal zu Selbstanwendung kommt. Auch auf die Gefahr eines unendlichen Regresses hin: worauf der Ein‐ wand verweist, ist, „daß wir uns so entschieden haben würden, wenn wir uns entschieden hätten, diese Entscheidung zu treffen.“ (ebd., 154) Das erklärt auch die für das Handeln wesentliche Erfahrung der offenen Zukunft. Warum sollte jemand denn richtigliegen wollen, wenn es sowieso nicht in seiner Macht stünde, das richtige zu tun? Zum Wesen einer Entscheidung gehört also, dass sie von möglichen kontrafaktischen Szenarien abweicht. Wofür immer jemand sich auch entscheidet. Das Ergebnis dessen wird in „bestimmter Hinsicht“ von dem Ergebnis abweichen, das eingetreten wäre, wenn er sich anders entschieden hätte. Als offen erfahren wir die Zukunft also, insofern von zwei Handlungsverläufen, eben nur derjenige, für den wir uns ent‐ scheiden „getan würde“, wenngleich klar ist, dass nur eine „getan wer‐ den wird.“ (ebd., 151) Aus Perspektive des Handelnden erscheint der Abwägungsprozess folglich bis zuletzt offen. Wir selbst können uns al‐ so nie ganz genau sicher sein, wie wir entscheiden werden, bis wir denn entschieden haben werden (vgl. ebd., 154). Dass wir niemals „mit Sicherheit“ vorhersagen können, wie wir uns tatsächlich entscheiden werden, wird sonach grammatikalisch durch die Wendung „hätte ich mich anders entschieden“ ausgedrückt (ebd., 154). Wir können also in bestimmten Grenzen wählen und entscheiden. Dies genügt nach Moo‐ 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 44 re zur Moralbegründung. Wird mit der notwendigen also gleich die hinreichende Bedingung für berechtigte Reaktionspraktiken ausgewie‐ sen? Eingangs wurde das „Können“ aus Perspektive des Künstlersub‐ jekts behandelt. D.h., in seiner Bedeutung von Üben, Proben,axperi‐ mentieren und Erfinden umrissen. Mit Moore wird der Ausdruck nun aus Perspektive einer pragmatisch orientierten Handlungstheorie the‐ matisch. Das wird nicht zuletzt anhand Moores tendenziell funktiona‐ lem Verständnis des Systems sozialer Sanktionen deutlich. Wenngleich er sich zu diesem auch nur knapp äußert. Woran sich Lob und Tadel dessen ungeachtet für ihn in der Hauptsache bemessen lassen müssen, ist ihre Nützlichkeit. Maßgeblich für beide wäre also, inwiefern sie zu zukünftigen Verhaltensänderungen beitragen. Einerseits. Andererseits, inwieweit von ihnen eine präventive oder abschreckende Wirkung aus‐ geht, bzw. Dritte zur Nachahmung animiert werden. Im Einklang mit den Wortführern einer neurowissenschaftlich gestützten Revision der Sanktionspraktiken müsste Moore also die Sprache der Moral (Ver‐ dienst, Buße, Vergeltung etc.) ablehnen. Aufschlussreich könnte also der Selbstwiderspruch sein, in den Moore sich an der Stelle verwickelt. Denn vorbei müsste es dann fortan etwa mit der richterlichen Milde gegenüber jugendlichen Straftätern oder der Frau sein, die ihren Mann im Schlaf erwürgt hat, nachdem dieser sie zuvor jahrelang misshandelt und systematisch gedemütigt hat. In beiden Fällen müssten die Täter vielmehr die ganze Härte des Gesetzes zu spüren bekommen. Der ju‐ gendliche Delinquent, weil die Phase der Pubertät und Adoleszenz eben strikter Grenzen bedarf, die gedemütigte Frau, weil so der Gefahr von Nachahmungstäterinnen vorgebeugt würde (vgl. Pothast 1987: 136). Seinen eigenen Vorgaben nach müsste Moore also die herkömm‐ lichen Formen der Strafmaßbemessungen samt der mit ihnen verbun‐ denen Gefühlslagen überwinden wollen. Stattdessen werden diese von ihm jedoch unter dem Deckmantel der Nützlichkeit beibehalten (vgl. ebd., 137). Warum, das zeigt Strawson. Gleichwohl verbleibt auch des‐ sen Analyse innerhalb pragmatischer Handlungskontexte. Das wird umso deutlicher gegen den Hintergrund der in jüngerer Zeit vermesse‐ nen Freiheitsspielräume. 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 45 Wünsche und Überzeugungen Eröffnet werden die „Spielräume“ über den jederzeit möglichen Wech‐ sel zwischen der Sprecherposition der ersten und dritten Person. Freies Handeln wird also nicht gegen, sondern gerade aus Bedingtheitsver‐ hältnissen heraus expliziert. Als maßgeblich dafür wird die Verständi‐ gung über erfahrungsbasierte Interpretationen personeller Identität angesehen. Diese versprechen, insofern sie der Fähigkeit zur Kontrolle und Steuerung zentrale Bedeutung beimessen, eine an die neueren Le‐ benswissenschaften anschlussfähige Begriffsperspektive. Gleichzeitig muss die Zuschreibungspraxis jedoch auch gegenüber der nicht weni‐ ger unangenehmen Vorstellung eines „chaotischen lens“ abgesichert werden. D.h., gegenüber einem Willen, der die für adressierbare Urhe‐ berschaft erforderlichen, individuell erworbenen Eigenschaften und Einstellungen rundweg ignorierte. Von daher kaum mehr von einem bloß zufälligen und unpersönlichen Geschehen unterscheidbar wäre. Wäre der Wille derart launisch oder schmetterlingshaft verfasst, würde er die Bedeutung von Willensbildungs- bzw. Entscheidungsprozessen geradezu konterkarieren (vgl. Nagel 2007: 48). Eröffnet wird die Dis‐ kussion der Spielräume demnach über die gemeinsam geteilte Annah‐ me, dass freies Handeln zwar Zwang und Zufall nicht aber Notwendig‐ keit ausschließt. Charakteristisch für die „Spielräume“ scheint die Er‐ mäßigung der Autonomieethik in Richtung der Ansprüche eines auto‐ nom geführten Lebens. Moores Analyse formulierte eine elegante Arbeitshypothese. Gleichwohl kann bei ihr nicht stehengeblieben werden. Moore zeigt zwar, dass sich die tiefsitzende Grundintuition des „Anderskönnens“, allein aus der Perspektive der Vorstellung eines ungezwungenen Tuns und Lassens, nur unzulänglich aufklären lässt, spart dabei jedoch Fälle subtiler Manipulation (Drogen, Hypnose etc.) aus. Fälle also, in denen derjenige, der etwas tut, dies sehr wohl ungezwungen und dabei doch nicht aus freien Stücken tut. So wird die Aufmerksamkeit im Ausgang von Moores Konditionalanalyse fast unweigerlich von den Problemen der Handlungs- auf die Problemlagen der Willensfreiheit gelenkt (Be‐ ckermann 2004: 22). Aus Perspektive des „höherstufigen Wollens“ werden so im weiteren Diskussionsverlauf die Selbstbilder thematisch, welche den Prozess der Selbstkontinuierung und -identifikation tra‐ 2.1 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 46 gen. Was aber ist mit den Wünschen zweiter Ordnung? Kehrt hier nicht das Problem der Selbstbeobachtung wieder? Diesmal im Lichte eines fehlenden Maßstabs der kritischen Beurteilung? „Denken wir z. B. an Personen, die einer Gehirnwäsche oder anderen Formen der Indoktrination unterzogen wurden. Möglicherweise handeln diese Personen auch nach der Behandlung durchaus so, dass die Wünsche erster Stufe ihren Wünschen zweiter Stufe entsprechen. Aber wir hätten sicher Probleme, diese Handlungen frei zu nennen, da bei der Gehirnwä‐ sche ihre Wünsche zweiter Stufe manipuliert wurden.“ (Beckermann 2004: 23) Folgen wir Ansgar Beckermann, wäre es also nicht zuletzt die Fähig‐ keit zu Kritik und Selbstkritik, welche den weiteren Diskussionsverlauf bestimmen sollte. Das spricht nach Michael Pauen für „eine Minimal‐ konzeption menschlicher Freiheit“. Inwiefern aber minimal? Nachein‐ ander bestreiten Soziologen, Biologen, Psychologen, wie neuerdings auch Kognitions- und Neurowissenschaften, die menschliche Freiheit.8 Nichtsdestotrotz wird im Alltag unbeirrt an der „Illusion“ festgehalten. So scheint die Lebensführung in einem Grunddilemma befangen. „Es mag ja sein, daß ‚Absicht‘, Wille, Entscheidung‘ oder ‚Schuld‘ aus der Sicht eines Hirnphysiologen etwas ganz anderes bedeuten als im täglichen Leben. Aber wenn der Hirnphysiologe nach einem Verkehrsunfall, in den er selbst verwickelt ist, seine Schuld bestreitet, weiß er offenbar genau, welcher praktische Sinn dem Ausdruck zukommt.“ (Gerhardt 1999: 103) Pauen setzt gewissermaßen an diesem „gespaltenen Selbst“ des Hirn‐ physiologen an. Mit streng an den lebensweltlichen Grundintuitionen der Autonomie und Urheberschaft ausgerichteten begrifflichen Mitteln 8 Deren Wortführern zufolge sollte in näherer Zukunft nicht nur Gehirn gerecht ver‐ kauft (Neuromarketing) und gelernt (Neurodidaktik) werden, sondern auch ge‐ straft. Vorbeugen statt Strafen!, das wäre die neue Richtlinie. Denn schon jetzt wür‐ de sich zeigen, dass Angeklagte sich nichts zu Schulden kommen lassen. Das diese ihre Strafe von daher weder verdienen noch, dass die bisher strafmildernden Gründe überzeugen. Gründe, die wenn man so will, um das „Er war nicht er selbst“ organi‐ siert sind (Unfähigkeit, Unwissenheit, Gefahr, Zwang, Pflichtenkollision). Maßgeb‐ lich für die erwogenen Besserungsmaßnahmen sollte dagegen sein, welche Wieder‐ holungsgefahr vom Täter ausgeht. Gegeneinander abgewogen werden sollte gewis‐ sermaßen der übelverursachende beschädigte Präfrontale Kortex wie das Sicher‐ heitsbedürfnis der Allgemeinheit. Wo Erziehung und Therapie versagen, bliebe so im Bedarfsfall nur lebenslanges Wegsperren (vgl. Wolf Singer 2006: 57; Gerhard Roth 2004: 218; Keil 2009: 160). 2.1 Wünsche und Überzeugungen 47 will er den Eindruck eines unauflöslichen Dilemmas zwischen vorwis‐ senschaftlicher und wissenschaftlicher Weltorientierung widerlegen. Für illusorisch hält er dagegen stärkere Freiheitsbeweise. Wer nach stärkeren Beweisen rufe, verliere sich unverzüglich in den bekannten begrifflichen Antinomien. Um eine Minimalkonzeption würde es sich also insofern handeln, weil mehr weder „nötig noch möglich“ ist. (Pau‐ en 2004: 106) Pauens Ansatz basiert auf zwei Stützpfeilern. Erstens, auf einer Vorstellung von Autonomie, welche die Abwesenheit von Zwang for‐ dert. Zweitens, auf einer Vorstellung von Urheberschaft, welche die Wünsche, Bedürfnisse und Überzeugungen der Individuen unter sich befasst. Die mit dem Zwang folglich auch den Zufall ausschließt. Das freizulegende Fundament für beide bildet wiederum eine im Wesentli‐ chen als Selbstbeststimmung konzipierte Freiheit. Was aber meint hier „das Selbst“? Charakteristisch für die erörterte Debatte ist der Aus‐ tausch des großgeschriebenen und beharrlichen Verantwortungssub‐ jekts, durch das eher flüchtige und kleingeschriebene „ich“ der alltags‐ sprachlichen Verständigungsprozesse. Davon macht auch Pauen keine Ausnahme. Auch er versteht „das Selbst“ im Sinne dieser „Diät“. Hin‐ sichtlich der etablierten Verantwortungspraxis wird von ihm allerdings noch einmal zwischen dem Selbst als allgemeiner Voraussetzung, um überhaupt Zuschreibungen vornehmen zu können, wie dem profilier‐ ten Selbst als konkreter Zustelladresse unterschieden. Der Gegensatz von allgemeiner Subjektivität und Einzelsubjekt wird in den Gegensatz von „personalen Fähigkeiten“ und „personalen Präferenzen“ überführt. Genauer, in den Gegensatz zwischen basalen Eigenschaften (Rationali‐ tät/Willensstärke), die notwendig sind, um überhaupt als „rationaler Akteur“ unter seinesgleichen zu gelten, wie den Einstellungen und Lei‐ denschaften, welche die bestimmte Person ausmachen. Während die „Fähigkeiten“ also festlegen, ob sie überhaupt ein Kandidat für Reakti‐ onspraktiken sind, wird über die Präferenzen ermittelt, welche Prakti‐ ken ihnen gegenüber jeweils angemessen sind. Die Rede von Freiheits‐ spielräumen zielt also auf die in konkreten Situationen offenstehenden Handlungsmöglichkeiten. Sie hatten Gelegenheit, Herrn Meier seine Pläne zu einem Banküber‐ fall auszureden. Allem Anschein nach waren sie dazu nicht gewillt. Sie hätten also anders handeln können. 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 48 Im Rahmen der alltagssprachlichen Verwendungsweise von „Kön‐ nen“ wird demnach ganz selbstverständlich zwischen den äußeren wie inneren Bedingungsverhältnissen der Akteure unterschieden. Herr Meier konnte nach dem Banküberfall den Tresor nicht verlas‐ sen, weil die Tresortür zugefallen war“. Herr Meier wollte nach dem Überfall das Gebäude nicht verlassen, weil ihn sein schlechtes Gewissen plagte. (vgl. ebd., 124) Mittels des Theoriestücks der „personalen Präferenzen“ wird also die Trennlinie zwischen den inneren und äußeren Merkmalen der Handlungssituation systematisch nachgezeichnet. Das ist nach Pauen nötig, weil die Verwendung von „er hätte anders handeln können“ im Rahmen der Alltagskommunikation Ungenauigkeiten zeitigt. Un‐ schärfen, die im Streitfallentscheidend sein können. Herr Meier hätte anders handeln können. Das ist richtig. Er hätte durch den Hinter- statt durch den Vordereingang die Bank betreten kön‐ nen – seinen Plan aufgeben hätte er allerdings nicht können. Dessen Handlungsspielraum bestand also nur darin wie, aber nicht dass er die Bank überfällt. Will man also klarstellen, ob letzteres in der geschilderten Situation überhaupt möglich war, ist es hilfreich, die in der jeweiligen Situation gegebenen Handlungsoptionen genau auszuführen. Augenscheinlich macht es einen Unterschied, ob ein Mörder nur die Wahl hatte, sein Opfer zu erstechen oder zu erschießen oder aber den Mord tatsächlich zu unterlassen. (Pauen 2004: 109) Aus Sicht Strawsons waren Reaktionspraktiken aufgrund einer all‐ gemeinen Freiheitsunterstellung erlaubt. Dessen Ansatz zeigte sich je‐ doch mit der Schwierigkeit belastet, denjenigen gegenüber, die ihre Tat im Lichte genetischer Dispositionen, erzieherischer Maßnahmen oder biographischer Ereignisse (plausibel) rechtfertigten, nur redundant antworten zu können. Zum Schluss konnte nur auf unhintergehbare Bedingungen verwiesen werden (vgl. Pothast 1987: 173). Pauen ver‐ spricht eine weniger peinliche Lage. Mit den aufgelisteten Handlungs‐ optionenwird für ihn gleichzeitig auch die Vorgeschichte zur Tat aus‐ geklammert. Beurteilt wird nur die in der jeweiligen Situation gegebe‐ ne Entscheidungsfähigkeit der Person (vgl. Pauen 2004: 82). Gegen‐ über Moore nimmt er dabei allerdings noch eine entscheidende Ak‐ zentverschiebung vor. Geurteilt wird nämlich nicht mehr über einzelne Willensakte, sondern über die bestimmte Person. Zukünftig sollte also 2.1 Wünsche und Überzeugungen 49 im Lichte der für die Person relevanten Überzeugungen und Leiden‐ schaften darüber gestritten werden, ob sie „anders hätte handeln kön‐ nen“. „Frei im Sinne dieser Konzeption handelt eine Person, die in einer be‐ stimmten Situation eine Option x statt einer Option y wählt, genau dann, wenn sich die Entscheidung für x und gegen y auf die personalen Präfe‐ renzen der Person zurückführen lässt.“ (Pauen 2004: 96) „Ich hätte heute Morgen zwei Kilometer in zwanzig Minuten gehen können.“ Bezogen auf die Gesetze der Physik, wird damit nichts Un‐ mögliches behauptet. Würde dagegen bei gleichbleibenden physikali‐ schem Bezugssystem behauptet, „ich hätte vier Kilometer in fünf Mi‐ nuten laufen können.“, widerspräche das offensichtlich den Gesetzmä‐ ßigkeiten. Dann würde nach Maßgabe des gewählten Bezugssystems etwas Unmögliches behauptet. Durch Beispiele wie dieses wird nach Pauen deutlich, dass der philosophische (modale) Gebrauch von mög‐ lich und unmöglich, sich nicht weit von der alltäglichen Wortverwen‐ dung fortbewegt (vgl. ebd., 121). Moore identifizierte im Ausgang von diesem Beispiel den Satz „er hätte anders handeln können“ hingegen als Kurzform für, „wenn er gewollt hätte“. Entlang der Unterscheidung zwischen personellen Fähigkeiten und Präferenzen wird die Analyse demnach in Richtung der individuellen Lebensführung verschoben. Über die von Pauen vorgenommene Neuakzentuierung könnte also nicht zuletzt die bei Moore als problematisch erachtete nutzenorien‐ tierte Stoßrichtung („einäugigen Utilitarismus“) entscheiden (Straw‐ son 2016: 230). Genügt es für Handlungen (im Sinne von Versiche‐ rungsfällen), eindeutig haftbar gemacht werden zu können? Zunächst jedoch, was bezeichnet der Begriff der personalen Präfe‐ renz genau? Nach Pauen können hier drei bzw. vier Varianten unter‐ schieden werden. Auf der einen Seite lassen sich Lesarten unterschei‐ den, die den Begriff entweder kognitiv engführen (im Licht guter Gründe) oder aber auf eine dezidiert pragmatische Handlungskontexte übersteigende Verantwortungssemantik referieren. Augenscheinlich scheiden beide Lesarten für Pauen aus. Sowohl die „rationale Variante“, wie die mit ihr verknüpfte Vorstellung „ultimativer Verantwortung“, werden für ihn am Ende durch ihr subjektphilosophisches Erbe (ratio‐ nales Selbstbild) widerlegt. Auf der anderen Seite lassen sich aber auch eine „liberalistische“ wie eine „identifikatorische“ Variante unterschei‐ 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 50 den (Pauen 2004: 87 f.). Was diese beiden Varianten auszeichnet, ist die mit ihnen verbundene Diskussion der evaluativen Einstellungen. Von den nominell drei möglichen Varianten kommen für Pauen also nur zwei in Frage (Pauen 2004: 93). Umstritten sollte unter den heuti‐ gen Diskussionsteilnehmern also nur noch sein, wie und nicht dass das Achsenverhältnis von Vernunft und Liebe neu bestimmt werden muss. Direkt an Frankfurts Adresse ergehen drei Einwände. Frankfurt hilft erstens „im Einzelfall“ nicht weiter (Pauen 2004: 56). Woher kann man denn mit Sicherheit wissen, dass die betreffende Person nicht einen weiteren von ihrem Wunsch zweiter Ordnung abweichenden Wunsch dritter oder vierter Ordnung hegt, der diese von der Verant‐ wortung entlastet? Frankfurts vorbehaltloser Entschluss („von ganzem Herzen“) ließe sich also nur schwer anwenden. Schwerer wiegt aller‐ dings, die grundsätzliche Schwierigkeit der geforderten Kritik und Selbstkritik. Dem Alltagsverstand gegenüber ist kaum plausibel zu ma‐ chen, dass jemand zweifelsfrei frei und verantwortlich gehandelt hat, obwohl dessen Wünsche höherer Ordnung mutmaßlich auf (gezielte) manipulative Eingriffe zurückgehen. Derselbe hält also am Prinzip der alternativen Möglichkeit fest. Mit gutem Grund, wie Pauen meint. An der Stelle stimmt Pauen demnach mit Beckermann überein. Das eige‐ ne Wünschen und Wollen muss in weit höherem Maße abgelehnt wer‐ den können, als dies bei Frankfurt vorgesehen ist. Dessen Entwurf sieht vor, die eigenen Lieben gegeneinander abwiegen, hierarchisch an‐ ordnen und sich gegebenenfalls von diesen distanzieren zu können. Etwa im Lichte von auf dem individuellen Lebensweg in den Vorder‐ grund drängender neuer Motivlagen. Was bei Frankfurt jedoch nicht vorgesehen ist, ist sich bewusst auch gegen eine Liebe entscheiden zu können. Unterstrichen wird das nicht zuletzt durch die paradigmati‐ sche Rolle, die er der Elternliebe einräumt (vgl. Pauen 2004: 91). Frankfurts hierarchischem Modell zufolge können wir sehr wohl sagen, „langsam verstehe ich, weshalb die Liebe zu meinen Kindern mir so viel Kummer macht“. Unglaubwürdig, wenn nicht unverständlich wür‐ de hingegen klingen: „nach reichlicher Überlegung habe ich mich da‐ zu entschieden, meine Kinder nicht mehr zu lieben“. Dieser Satz ver‐ riete „einen Gedanken zu viel“. Wäre also dem Ehemann vergleichbar, der, wie Frankfurt in Anlehnung an Bernhard Williams anführt, bei 2.1 Wünsche und Überzeugungen 51 einem Schiffsunglück pflichtbewusst überlegte, ob er zuerst die geliebte Frau oder eine ihm fremde Person aus dem Wasser ziehen soll. Dagegen nun wendet Pauen ein, dass sich Reaktionspraktiken in erster Linie nicht daran bemessen lassen, inwiefern die beurteilten Handlungen auf einen gelungenen Prozess der Selbstidentifikation deuten. Sie stehen vor einer Kuchenauslage. Gemessen an Frankfurts Modell wären sie selbst dann für ihre Kuchenwahl verantwortlich, wenn sie sich nicht anders hätten entscheiden können. Etwa, weil ihre Wahl auf zentrale und für sie reflexiv unzugängliche Aspekten ihres Selbstbild beruhen. Entscheidend wäre also allein, ihnen nachweisen zu können, dass sie ihren Wunsch wünschten. Wird die Praxis an einer solchen Form der Selbstbejahung orientiert, sind damit nach Pauen enorme und zudem durch die diskutierte Regressproblematik belastete hermeneutische Anstrengungen vonnöten. D.h., jedes Urteil darüber, ob eine Entscheidung auf vorbehaltloser Zustimmung basiert, setzte die Kenntnis weiterer Präferenzen der Person voraus. Konfrontiert mit diesem Einwand könnte ein Verfechter der „identifikatorischen Vari‐ ante“ jedoch noch behaupten, dass für ihn nur die vorbehaltlose Zu‐ stimmung zählt. Er also keinen Unterschied zwischen personalen und nicht-personalen Präferenzen macht. Worauf es ihm allein ankäme, wäre also, ob es „irgendeinen gravierenden Vorbehalt gegenüber der fraglichen Präferenz gäbe.“ (Pauen 2004: 94) Damit würden sich nach Pauen allerdings enorme kontraintuitive Konsequenzen abzeichnen. Einem Mörder, der seine Gewaltbereitschaft auf grausame Weise de‐ monstrierte, von dem sich jedoch zeigen ließe, dass seine Gewaltbe‐ reitschaft nicht auf vorbehaltloser Zustimmung basierte, wären unter diesen Umständen nicht länger fraglos die Prädikate frei und verant‐ wortlichanzuhängen. (vgl. ebd., 92) Würde man vorbehaltlose Akzep‐ tanz zum Maßstab erheben, dann gäbe es, mit anderen Worten, nur noch wenige Handlungen, auf die diese Prädikate zweifelsfrei passten. Abgesehen davon, dass die identifikatorische Variante nur schwer An‐ schluss an kognitions- und neurowissenschaftliche Forschungsbefunde findet, sind es im Wesentlichen so zwei Punkte, die gegen diese spre‐ chen (vgl. Pauen 2015: 36). Durch das Kriterium der vorbehaltlosen Akzeptanz wird erstens der Radius der Verantwortlichkeiten zu eng gezogen. Zweitens, ein Erzählrahmen personeller Identität zusammen‐ gefügt, der gegenüber der für die Perspektive der ersten Person ent‐ 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 52 scheidenden Idee der offenen Zukunft nicht standhält (vgl. Pauen 2004: 94). Anders nach Pauen die liberale Variante. Für diese gibt es hinsicht‐ lich alternativer Handlungsoptionen keine Zweifel. Denn anders als dort, da ich mir die Dinge, die mir wichtig sind, zwar bewusst machen, diese jedoch nicht im emphatischen Sinn verneinen kann, wird hier gerade dieses Nein-Sagen betont. Vorrangiges Kriterium ist hier also, sich jederzeit auch gegen zunächst blind erworbene Vorlieben ent‐ scheiden zu können. Etwa aufgrund der Empfänglichkeit für gute Gründe oder aber im Lichte weiterer für die eigene Lebensführung re‐ levanter Wünsche, Überzeugungen und Bedürfnisse. Wohlgemerkt, als personale Präferenzen sind danach auch solche tiefgreifende (religiöse, moralische etc.) Überzeugungen anzusehen, von denen kaum anzu‐ nehmen ist, dass sie jemals wirklich in Frage gestellt werden. Aus‐ schlaggebend für ihre Bestimmung als Präferenz ist allein, dass sie im Bedarfsfall in Frage gestellt werden könnten (vgl. Pauen 2004: 84). Statt auf vorbehaltlose Akzeptanz wird hier also Wert auf die Möglich‐ keit selbstbestimmter Entscheidungen gelegt. Das Aneignen der eige‐ nen äußeren wie inneren Vorgeschichte somit vorwiegend aus der Per‐ spektive der Fähigkeit der kritischen Selbstdistanz beschrieben. An Bedeutung für die eigene Lebensführung gewinnen demnach Kontroll- und Steuerungsvorstellungen. Von einer sich selbstregulie‐ renden Steuerungseinheit wie etwa einem Thermostat würde kaum je‐ mand behaupten wollen, dass dieses Gerät die Wärme im Haus nicht effizient regulieren kann, da es keine Kontrolle über die ihm vorauslie‐ genden Konstruktionsbedingungen hat. Genau das aber supponiere die subjektphilosophische Vorstellung einer voraussetzungslosen Kon‐ trollmacht. Statt uns durch diese in die Irre führen zu lassen, sollten wir uns also an die alltagssprachliche Wortverwendung von Kontrolle halten, die keine scharfe Trennlinie zwischen technischen Geräten und menschlichen Handlungen vorsieht. Von Kontrolle kann danach be‐ reits dann gesprochen werden, wenn es im Hinblick auf die Stabilisie‐ rung oder Erreichung von Sollwerten möglich ist, die entsprechenden Prozesse zu überwachen und zielgerichtet zu beeinflussen (vgl. Pauen 2004: 142). Diese basalen Fähigkeiten gilt es nach Pauen also in indivi‐ duelle Merkmale zu übersetzen bzw. auf diese anzuwenden. 2.1 Wünsche und Überzeugungen 53 „Wichtig ist […], dass die Feststellung, ob eine bestimmte Präferenz mög‐ licher Gegenstand einer selbstbestimmten Entscheidung ist, keinen Rück‐ griff auf die übrigen Präferenzen einer Person voraussetzt – dies würde aus nahe liegenden Gründen sofort in einen Regress führen, da sich ja für die übrigen Präferenzen das gleiche Problem stellt. Tatsächlich steht hier jedoch nur zur Diskussion, ob die Person die fragliche Präferenz korrigie‐ ren könnte, gesetzt den Fall, sie hätte Präferenzen, die eine solche Korrek‐ tur nahe legen würden.“ (Pauen 2004: 92) Wurde die Präferenz tatsächlich auch nicht aufgegeben, hätte sie doch aufgegeben werden können. Immer wieder wählen Sie die Schokotorte. Sie beschließen, das zu ändern. Gleichwohl tritt keine Verhaltensände‐ rung ein. Sollte in ihrem Fall also keine krankhafte Veranlagung vorlie‐ gen, dann dürfte man hier mit Pauen von einer „Art stillschweigen‐ de[m] Einverständni[s]“ ausgehen können (Pauen 2004: 83). D.h., um festzustellen, ob es sich um eine Präferenz handelt, muss der liberalen Variante zufolge kein exaktes Wissen über weitere Präferenzen vorlie‐ gen bzw. dieses zunächst ermittelt werden. Vielmehr genügt die hypo‐ thetische Annahme, dass es eben weitere Präferenzen gibt, „die gegen das fragliche Merkmal sprechen.“ (Pauen 2004: 85) Die Beweisführung verläuft hier also sowohl „indirekt“ wie über ein „hypothetisches Sze‐ nario.“ (Pauen 2004: 91 u. 85) Durch die liberale Variante wird also keine umfassende Kenntnis der Person vorausgesetzt. Relevant ist le‐ diglich, ob jemand in einer bestimmten Situation über die entspre‐ chenden „dispositionale[n] Fähigkeit[en]“ verfügte, um die fragliche Präferenz auch loszulassen (ebd., 85). Hätte der Mörder in der besag‐ ten Situation von der für ihn charakteristischen Lust an Gewalt ab‐ schwören können? Gefragt wird hier also nicht nach dem faktischen Willkürakt. Das führt, wie sich an Moore zeigt, zu mitunter unplausiblen Schlüssen. Auch der Suchtkranke „hätte anders handeln können, wenn er es ge‐ wollt hätte“. Von Interesse ist hier stattdessen nur, ob die Gewaltnei‐ gung eine Art Persönlichkeitsmerkmal bildet. Um herauszufinden, ob die Gewaltneigung des Mörders eine personelle Präferenz darstellt, muss man also weder dessen tatsächliche Entscheidung noch seine üb‐ rigen Präferenzen heranziehen. Es genügt zu wissen, ob er sich von der fraglichen Neigung hätte lösen können. Frei nach Pauen, ist dessen Gewaltneigung meiner Neigung vergleichbar, ausgeliehene Bücher ver‐ spätet abzugeben? (vgl. ebd., 135) Wenn nicht, dann gilt für dessen 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 54 Gewalt im Grunde, was für mein ungeduldiges und unbeherrschtes Verhalten in Warteschlangen gilt – es entzieht sich seiner Kontrolle (vgl. ebd., 82). Weshalb mehr an Freiheit weder notwendig noch möglich ist, kann jedoch auch von einer anderen Seite gezeigt werden. Vorrangige Aufgabe der Philosophie ist es, die Unterscheidung zwischen den äu‐ ßeren und inneren Bedingungen von Entscheidungen und Handlun‐ gen, die im Kontext lebensweltlicher Bezüge still getroffen wird, nach‐ zuzeichnen. D.h., klar zwischen der Teilnehmer- wie der Beobachter‐ perspektive zu unterscheiden. Erreicht werden soll darüber eine Ver‐ ständigung über die (notorische) Selbsttäuschung, der wir als Han‐ delnde unterliegen. Aus der Teilnehmerperspektive, so zeigt sich dann, wird das subjektive Erleben im Gegensatz zu den äußeren Einflussfak‐ toren erfahren; gleichsam als ungebundener Ermöglichungsgrund der Handlung. Sie stehen vor der Kuchenauslage. Rechterhand liegen ein Pfirsichund ein Karottenkuchen aus. Linkerhand eine Schoko- und eine Erdbeer‐ torte. Als Sie an der Reihe sind, entscheiden Sie sich für ein Stück von der Schokoladentorte. Am nächsten Tag stellen Sie sich auf die Waage und bedauern: „Hätte ich mich doch lieber für ein Stück Karottenkuchen ent‐ schieden“. Soweit die Teilnehmerperspektive. Wir, die Ihnen dabei gewisser‐ maßen zugeschaut haben, wissen allerdings, dass sowohl der Pfirsich wie auch der Karottenkuchen vorbestellt waren. Tatsächlich konnten Sie also nur zwischen den beiden Torten wählen. Gegen Erdbeeren sind Sie jedoch allergisch. Wie Ihre Entscheidung ausfallen würde, war für uns also vorhersehbar. Gesetzt nun den Fall, Sie wüssten um die Vorbestellung. Dann würden Sie am nächsten Morgen denken „Hätte ich nur den Karottenkuchen wählen können“. Mit anderen Worten, die Vorgeschichte ihrer Geschmacksausbildung, die dafür sorgt, dass Sie Gefallen an Schokotorte und Karottenkuchen, nicht aber an Pfirsich‐ kuchen und Erdbeertorte finden, wird von Ihnen nicht als Einschrän‐ kung wahrgenommen. Im Gegenteil, die Verwirklichung Ihrer Ge‐ schmacksvorlieben empfinden Sie als Ausdruck ihrer Freiheit (Pauen 2004: 109). Gegenüber Dritten sollten wir uns also differenziert äußern. Wenn sowohl die äußeren Umstände, wie auch Ihre persönliche Ge‐ 2.1 Wünsche und Überzeugungen 55 schmacksvorlieben dagegen sprechen, sollten wir sagen, er kann bzw. konnte den Karottenkuchen nicht wählen. Er will keinen Karottenku‐ chen sollten wir hingegen sagen, wenn die Wahl nur aufgrund Ihrer individuellen Vorliebe ausgeschlossen ist. Ihr morgendliches Bedauern wäre also nur zutreffend, insofern die äußeren Umstände wie Ihr Ge‐ schmack, die Wahl zuließen (Karottenkuchen vs. Schokotorte). D.h., nur dann hätten Sie anders entscheiden können, dies aber offensicht‐ lich nicht gewollt. Hinzufügen sollte man an der Stelle allerdings, dass das nur für die Momentaufnahme der Entscheidung gilt. Langfristig gesehen, sollte Ihnen wohl durchaus an der Erweiterung ihrer Frei‐ heitsspielräume gelegen sein. Im vorliegenden Fall also der Auswei‐ tung Ihrer kulinarischen Vorlieben. Zum Beispiel dadurch, dass Sie an‐ fangen, mit Pfirsichrezepten zu experimentieren. Ganz konkret würde auf diesem Weg gewissermaßen die Empfehlung des Kybernetikers Heinz von Foersters: „Handle stets so, dass die Anzahl der Möglichkei‐ ten größer wird“. Das gleiche gilt jedoch auch für die im Zusammen‐ hang mit Freud ausgesprochene Empfehlung, sich mit den eigenen Idiosynkrasien anzufreunden. Indem Sie stückweise lernen, die Konse‐ quenzen ihres Tuns besser abzuschätzen, dürfte das morgendliche Ba‐ dezimmerpurgatorium sukzessiv aufhören. Ihr zögerliches Wählen al‐ so im Lichte Ihrer langfristigen z. B. gesundheitlichen oder ästheti‐ schen Zielsetzungen überwunden werden können (vgl. Pauen 2004: 101). Vorausgesetzt natürlich, dass ihre ursprüngliche Wahl nicht Aus‐ druck eines suchthaften Verhaltens ist. Pathologisches Essverhalten, wie andere Formen psychischer oder physischer Abhängigkeit schei‐ den strikt als Kandidaten für Präferenzen aus. Denn Willensstärke und Entschlusskraft reichen in diesen Fällen normalerweise nicht aus, um sich ihrer Umklammerung wirkungsvoll zu entziehen (vgl. ebd., 85). So erscheint das Problem der menschlichen Freiheit also als ein Prob‐ lem unter anderen. Erschwert wird die Rede über Freiheitsspielräume danach immer wieder dadurch, dass wir uns a) entlang der aus der Teilnehmerperspektive gezogenen Demarkationslinie über die Be‐ dingtheit unserer Wünsche, Überzeugungen, Einstellungen hinwegtäu‐ schen und b) im Ausgang davon, die für diese charakteristische An‐ nahme fehlender äußerer Handlungseinschränkungen bzw. die Idee der offenen Zukunft, unbemerkt in den Rang objektiver Freiheitskrite‐ rien erheben. Wollen wir diesen „Übertragungsfehler“ vermeiden, soll‐ 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 56 ten auf „theoretischer Ebene“ beide Perspektive also streng geschieden werden.9 9 Neben dem subjektiven Erleben stützt sich Pauen jedoch auch auf sprachanalytische Einsichten. Für die alltägliche Verwendungsweise von Können gilt, dass sie durch einen differenzierten Kontext- und Situationsbezug gekennzeichnet ist. Nehmen wir Herrn Meier. „Das kann schiefgehen“. Der Satz bleibt auch im Nachhinein richtig. D.h., auch dann, wenn er im Nachhinein durch die Ereignisse widerlegt wird. Im vorliegenden Fall also durch einen erfolgreichen Banküberfall. An der jetzigen Be‐ merkung, „das hätte schiefgehen können“, ist also nichts auszusetzen, insofern sich diese auf die damit ursprünglich ins Auge gefassten Risikofaktoren und -erwägun‐ gen bezieht. Dass etwas „hätte passieren können“, schließt umgangssprachlich also keineswegs aus, dass es weitere Bedingungen gibt, die das Eintreten des Ereignisses verhindern könnten oder auch tatsächlich verhindert haben. „Er kann jetzt wieder Autofahren.“ Bezieht sich die Aussage auf den wiedererlangten Führerschein, der gemäß der Straßenverkehrsordnung eine „notwendige Bedingungen für das Auto‐ fahren erfüllt“, so Pauen, wird daraus kaum eine Falschaussage, wenn sich im Nach‐ hinein herausstellt, dass „das Auto zur fraglichen Zeit defekt“ in der Garage stand. Das gleiche gilt für die Blumen, die „erfrieren hätten können“, weil sie nicht recht‐ zeitig abgedeckt wurden und nur aufgrund eines Wetterumschwungs nicht erfroren sind. Im Hinblick auf menschliche Handlungen fällt dabei zudem auf, wie schlaf‐ wandlerisch sicher zwischen den äußeren und inneren Handlungsbedingungen un‐ terschieden wird. Wir sagen, „er kann nicht Autofahren, wenn wir uns auf die äuße‐ ren Merkmale beziehen. Zum Beispiel das defekte Auto. Dagegen sagen wir, „er will nicht Autofahren“, wenn wir uns auf die inneren Merkmale (Absichten/ Gründe) be‐ ziehen. Womöglich sollte von „Können“ jedoch nur dann Gebrauch gemacht wer‐ den, wenn keinerlei Hindernisse vorliegen? Wenn also, was geschehen kann (im Sinne des Deterministen) auch geschehen wird. Eine solche Forderung weicht aller‐ dings nicht nur allzu sehr von den Sprachgewohnheiten ab, sondern läuft vielmehr auf eine Nivellierung des Unterschieds zwischen „können“ und „werden“ hinaus. Verschafft also auch den radikalen Freiheitsverfechtern keinen Vorsprung. Warum? Weil mit der Forderung strenggenommen ja auch „zufällig eintretende Hindernisse“ ausgeschlossen sind. Lassen sich Handlungen als Ereignisse begreifen, liefert der differenzierte Sprachgebrauch somit nach Pauen erste Anhaltspunkte dafür, wie der Satz „er hätte anders handeln können“ verstanden werden sollte. Danach kann der Satz unmöglich bedeuten, dass jemand sich unter absolut identischen Bedingungen auch für die von ihm faktisch nicht ergriffene Handlungsalternative entscheiden hätte können. Mit der Behauptung wird also keineswegs an den Ausgangspunkt der Handlung zurückgekehrt. D.h., wovon die Pessimisten an der Stelle nach Ansicht Pauens nicht zuletzt profitieren, ist die suggestive Kraft, die von der Vorstellung aus‐ geht, die faktisch vollzogene Handlung müsste, gleich einem Film, der zurückge‐ spult und dann neu abgespielt wird, „spontan“ einen völlig anderen Verlauf nehmen können. Dagegen sind dem Sprachgebrauch also erste Hinweise darauf zu entlehnen, dass der Satz „er hätte anders können“ auf den Unterschied zwischen äußeren und inneren Merkmalen abstellt. Eine Grenzkontur, dessen Verlauf, wie er wiederholt 2.1 Wünsche und Überzeugungen 57 Anderskönnen unter gleichen Bedingungen Pauen verteidigt das „Prinzip der alternativen Möglichkeiten“. Hinter diesem steht eine ebenso einfache wie evidente Überzeugung. Wer ge‐ zwungen wird (Erpressung, Hypnose, Sucht etc.), dem fehlen die Al‐ ternativen, der kann folglich auch nicht für sein Handeln belangt wer‐ den. Umgekehrt kann derjenige zweifelsfrei für sein Handeln belangt werden, der anders hätte handeln können. Der Alltagserfahrung nach ist es also ausgeschlossen, dass jemand nicht hätte anders handeln können und doch für sein Handeln moralisch verantwortlich sein soll. Genau das aber behauptet Frankfurt. Nach Frankfurt kann ein Dro‐ gensüchtiger angesichts seiner evaluativen Einstellung gegenüber sei‐ ner Sucht durchaus für sein Handeln verantwortlich sein. Der willent‐ lich Abhängige deutet für ihn auf Praxisfälle, die von der scheinbar evidenten Gewissheit abweichen. Wäre der Wunsch, die Bank zu über‐ fallen, der Wunsch, von dem Herr Meier wünscht bewegt zu werden, dann wäre es nebensächlich, ob er dabei unter Zwang handelt. Er hätte ja so oder so die Bank überfallen. Der bloße Verweis auf Zwangsver‐ hältnisse reicht nach Frankfurt als Entschuldigungsgrund also nicht aus. Herr Meier müsste schon erklären können, dass er die Tat nur deshalb ausführte, weil er dazu gezwungen wurde. Erklärt er Dritten gegenüber „Ich konnte nicht anders“, sollten diese also genau hinhören. Kann hinter den Worten denn ebenso eine gefestigte Überzeugung, wie eine entschuldbare Notlage stehen. Wird durch diese Beispiele je‐ doch wirklich das Prinzip widerlegt? Herr Meier könnte ja auch dem Zwang widerstehen. Wenngleich das wahrscheinlich eine heroische Großtat von ihm verlangte? Mit etwas Phantasie lassen sich jedoch noch ganz andere Fälle konstruieren. D.h., Szenarien, in denen Zwang und Manipulation auf so subtile und verborgene Weise wirken, dass jede Form des bewussten Widerstands ausgeschlossen ist. Denkbar wäre etwa, dass eine sinistere Gestalt, nennen wir sie mit Frankfurt Black, Herrn Meier einen Chip einpflanzt. Mittels dieses Chips über‐ wacht und kontrolliert sie Herrn Meiers Handlungsimpulse. Solange nun Herr Meier im Sinne Blacks handelt, bleibt dieser untätig im Hin‐ 2.1.1 hinzufügt, zwar systematisch abgesichert werden kann und soll, dabei jedoch prin‐ zipiell umstritten bleibt (vgl. Pauen2004: 118 ff.). 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 58 tergrund. Wann immer er jedoch Gehirnaktivitäten (Bereitschaftspo‐ tenziale) erkennen lässt, die Blacks eigene Handlungspläne durchkreu‐ zen, löst dieser einen entsprechenden Gegenimpuls aus. Unter diesen Voraussetzungen wäre der Überfall folglich alternativlos. Gleichwohl, so soll science-fiction dieser Art beweisen, machen wir Herrn Meier ge‐ gebenenfalls doch verantwortlich. Nämlich dann, wenn es eben nicht Black, sondern sein persönlicher Entschluss ist, der zur Tat führte. Nur dann, wenn Black interveniert, sollte die Aussage „Ich konnte nicht an‐ ders“ also als Entschuldigung akzeptiert werden (vgl. Frankfurt 1969: 829 f.). Über Moore heißt es, dass er das „Anderskönnen unter gleichen Bedingungen“ nicht wirklich aufzeigen kann (vgl. Keil 2009: 64). Auf ähnliche Weise verfehlt nun nach Pauen auch Frankfurt sein Beweis‐ ziel. Bereits dessen Versuchsaufbau wirft Fragen auf. Anders als von Frankfurt postuliert, sehen dessen Gedankenexperimente im fakti‐ schen wie kontrafaktischen Szenario keineswegs identische Hinter‐ grundbedingungen vor. Nur aufgrund dessen kann überhaupt der Ein‐ druck entstehen, als gäbe es in diesen Fällen keine Handlungsalternati‐ ve. Das muss auch so sein. Denn lägen wirklich identische Bedingun‐ gen vor, würde sich rasch zeigen, inwiefern der im Bedarfsfall, also im Falle unerwünschter Entscheidungen des Probanden korrektiv wirken‐ de Mechanismus, mit den zuvor behaupteten starken Freiheitsprämis‐ sen bricht. D.h., je nachdem wie das faktische Szenario konstruiert ist, dürfte bzw. müsste den Vorgaben nach im kontrafaktischen Szenario entweder genauso wenig oder im gleichen Maße eingegriffen werden. So stützt sich die ganze suggestive Kraft der Beispiele auf die weitver‐ breitete, nichtsdestotrotz verfehlte Annahme, wonach das Prinzip der alternativen Möglichkeit fordere, sich unter den gleichen äußeren wie inneren Bedingungen auch anders entscheiden zu können. Eine Forde‐ rung, die in der Form offensichtlich gegen das Urheberprinzip ver‐ stößt. Die Gedankenexperimente verletzen demnach nicht nur das Au‐ tonomie-, sondern auch das Urheberprinzip.10 10 Als nur wenig zielführend betrachtet Pauen in diesem Zusammenhang Einwände, die auf den Impuls abstellen, der Black überhaupt erst signalisiere, dass er eingrei‐ fen muss. Dieses aufleuchtende Freiheitsmoment („Flicker of Freedom“), so Pauen, gestattet allenfalls „minimale Abweichungen“, die am Ende zum „gleichen Ergeb‐ nis“ führen(Pauen 2004: 98). 2.1 Wünsche und Überzeugungen 59 Wenngleich Frankfurts Verdienste um die Diskussion personaler Präferenzen unbestritten sind, sollte anhand der Einwände also deut‐ lich werden, weshalb genauer zwischen den äußeren wie inneren Handlungsbedingungen unterschieden werden muss. Unter dieser Voraussetzung zeigt sich dann, inwiefern berechtigte Reaktionsprakti‐ ken nur deckungsgleiche äußere Bedingungen verlangen. Inwiefern der Sinn des Anderskönnens sich also über die mögliche kritische Stel‐ lungnahme hinsichtlich der individuell angeeigneten Einstellungen und Überzeugungen aufklärt (vgl. Pauen 2004: 96 f.). Als fehlgeleitet sollten wir also weniger das Prinzip der alternativen Möglichkeiten er‐ achten, denn diese exemplarisch an Frankfurt verdeutlichte starke Les‐ art. Was aber folgt daraus, Liebe light? Moore und Strawson markieren gleichsam die äußeren Enden einer Freiheitsdiskussion, die mit der Vereinbarkeit von Freiheit und Determinismus gleichzeitig auch die überlieferten Sanktionspraktiken als gerechtfertigt ausweisen will. Ent‐ lang der hypothetischen Wendung „Was wäre wenn der Determinis‐ mus wahr wäre…“, sollten sich die „Optimisten“ gegen die „Pessimis‐ ten“ durchsetzen. Dieser Versuch muss nach Pothast als gescheitert gel‐ ten. Mit Strawson, so derselbe, wird der utilitaristische Grundkonsens augenfällig, welcher der Diskussion stillschweigend vorauseilt. Zu‐ gleich wird mit den gegen dessen quasi-transzendentale Perspektive erhobenen Einwänden jedoch auch der für die Diskussion insgesamt charakteristische „quietistische“ Grundton unüberhörbar (vgl. Pothast 1987: 172). Über Frankfurt könnte man so im Anschluss an Pothast vielleicht sagen, dass er die von Strawson gegenüber reinen Nützlich‐ keitserwägungen betonte interpersonelle Forderung der Anteil- und Rücksichtnahme in Richtung der eigenen Unverfügbarkeit weiterver‐ folgt. Im Verlauf des Lebens kommt es danach fast unweigerlich zu Si‐ tuationen, in denen substanzielle Entscheidungen anstehen. D.h., zu Entscheidungssituationen, die auf einen erweiterten Begriff prakti‐ scher Rationalität drängen. Auf den zweiten Blick hin soll sich in die‐ sem Sinn auch schon die gewöhnliche Verantwortungspraxis stärker über die Aspekte der Sorge und Pflege, denn das Prinzip der Alternati‐ ven Möglichkeiten austauschen. Dieser Beweisschritt Frankfurts muss nach Pauen zurückgenommen werden. Gleichwohl kann der morali‐ sche Standpunkt die Intention dieses Beweisschrittes auch nicht ein‐ 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 60 fach übergehen. Welche Antworten lassen sich also aus Perspektive der personalen Präferenzen (liberale Variante) gegenüber dem Determi‐ nisten formulieren? Dessen kritische Anfrage wird nicht von außen an das System der sozialen Reaktionen herangetragen, sondern vielmehr selbst aus dem System heraus gestellt. Das zeigte sich im Zusammen‐ hang mit Strawson. Insofern die Anfrage also selbst moralischen Ge‐ halt hat, sollte sie nicht, wie Pothast schreibt, zu einem Bezugsrahmen für interpersonelle Beziehungen „nobilitiert“ werden (ebd., 167). Der Determinist deutet stellvertretend für andere auf die Gefahr unfairer Urteile bzw. verletzender Gefühle. Erfüllt damit also Strawsons eigene Vorgaben für moralische Ausdrücke. Dessen Ansatz zeigte sich so an‐ fällig für eine Strafpraxis, die den Täter zwar aufgrund seiner Vorge‐ schichte eindeutig identifiziert und dann doch ganz unpersönliche Ur‐ teile fällt. Aus Sicht des Täters konnte diese Praxis somit nicht nur ver‐ logen erscheinen, sondern zudem den Eindruck erwecken, als sollte hier eine doppelte Strafe verhängt werden. Als würde im Zuge der Ur‐ teilsfindung mit dem verletzten Kollektivwillen auch gleich über des‐ sen im Rahmen der Lebenslotterie gezogenes Los beraten. Gegen den Hintergrund dieser Widerspruchslage wurde der Begriff der persona‐ len Präferenz eingeführt. Derselbe gewährleistet demnach ebenso indi‐ viduelle Verantwortungszuschreibungen wie er den argumentativen Rückzug auf die Vorgeschichteunterbindet. Diese findet sich aus der unmittelbaren Entscheidungssituation ausgeschlossen und dabei doch zugleich aus Perspektive des Aneignungsprozesses mit in die reaktiven Verhaltensweisen aufgenommen. Sequenzieren wir die Vorbedingungen irgendeiner x-beliebigen Handlung, lässt sich nach Pauen gleichermaßen zeigen, dass die von ihm vorgeschlagene Minimalkonzeption alles ist, was wir haben und brauchen. Warum, weil die Unterbrechung der Kette der Bedingthei‐ ten sich in einigen Fällen schlicht als irrelevant und in anderen sogar als schädlich erweist. Die Beweislast somit folglich denjenigen zufällt, die darin einen Zugewinn an Freiheit ausmachen wollen. Nehmen wir eine Zeitschiene an, „die von einem Zeitpunkt t1 vor der Geburt einer Person p bis zu einem Zeitpunkt t5 führt, an dem p in der Situation s die Handlung x statt der Handlung y vollzieht.“ (Pauen 2004: 105) Sollte es nun zu einer Unterbrechung unmittelbar vor oder nach der Geburt t2 kommen, nimmt dies auf unsere Einschätzung der viel spä‐ 2.1 Wünsche und Überzeugungen 61 ter vollzogenen Handlung keinen Einfluss, insofern der heranwachsen‐ de Säugling, die hier entstehende Lücke keinesfalls als „rationaler Agent“ ausfüllt. Nimmt die in diesem Sinn verstandene Vorgeschichte keinerlei Einfluss auf den entscheidenden Akt der Aneignung perso‐ neller Präferenzen, würde eine Unterbrechung unmittelbar vor dem Wahlentscheid t3 nach Pauen vielmehr noch die dargelegten Bedin‐ gungen personeller Integrität verletzen. D.h., die um Willensfreiheit und Verantwortung gelegte Klammer im Sinne „einer Unberechenbar‐ keit der eigenen Präferenzen“ auflösen (Pauen 2004: 105). Nicht viel anders sieht es allerdings aus, wenn die Unterbrechung der Kette in den Entscheidungsprozess selbst hineinverlegt wird. In dem Fall, so Pauen, wird nicht nur das Urheberprinzip verletzt, insofern hier in al‐ lerletzter Konsequenz die erworbenen Vorlieben der Akteure keine Rolle spielen, sondern vielmehr noch die Gründe unterminiert, die „in der ersten Phase des Entscheidungsprozesses, also vor t4“, eindeutig für eine der Wahlmöglichkeiten optieren (Pauen 2004: 108). So lassen sich moralische Verantwortung und Vorgeschichte also auch im Lichte dieser Faustregel nicht länger gegeneinander ausspielen: „Die Folgen einer Unterbrechung der Kausalkette scheinen im Großen und Ganzen umso einschneidender, aber auch umso problematischer zu sein, je später die Unterbrechung stattfindet […]. Wird die Kausalkette unmittelbar nach der Entscheidung, aber vor der Handlung durchbro‐ chen, sind die Auswirkungen am gravierendsten, weil nunmehr nicht nur die personalen Präferenzen, sondern auch die Entscheidung selbst ihren Einfluss verliert.“ (Pauen 2004: 174) Wovon richterliche Milde demnach in der Regel handelt, sind (unzu‐ lässig) eingeschränkte Spielräume der Selbstverfügung. Als Fluchtpunkt der Präferenzen erscheint so das autonom geführte Leben. Inwiefern werden von Pauen also nicht nur Haftungsfragendiskutiert? Von dem zitierten „Versicherungsfall“ grenzt Volker Gerhardt die moralische Verantwortlichkeit ab, indem er ihren Anlass in der „Gegenwärtigkeit des Anderen“ hervorhebt. Dem fügt er allerdings gleich hinzu, dass Anlass und Ursprung der Verantwortung unterschieden sind.11 Letzte‐ rer könne nur in der eigenen Einsicht liegen. Diese, so wurde bisher 11 Wobei er im gleichen Atemzug auch die darin anklingenden Geltungsansprüche einer Sozialphänomenologie des Gesichts (Levinas) zurückweist(vgl. Gerhardt 1999: 106). 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 62 angenommen, gründet in einer elementaren Forderung wechselseitiger Rücksichtnahme. Kann das Theoriestück der personalen Präferenzen also insoweit zur hinreichenden Bedingung für Reaktionspraktiken er‐ gänzt werden, als das System der sozialen Sanktionen durch dieses we‐ der in Nützlichkeitserwägungen noch willkürlichen Setzungen, son‐ dern allein dem moralischen Standpunkt verankert wird? Ließe sich dies zeigen, dann wären Einmischungen in das Entscheiden und Han‐ deln anderer also erlaubt, weil sich hinter die durch den moralischen Standpunkt bezeichnete Forderung nicht weiter zurückfragen ließe. Die Frage der Fairness auf den moralischen Standpunkt selbst anwen‐ den würde damit folglich unmöglich erscheinen. Der Vorwurf näher betrachtet, somit ins Leere zielen. Kokettiert er doch genau mit einer solchen Position. Überobjektiv faire oder unfaire Bedingungen, so würde also deutlich werden, könnten nur Wesen beraten, die sich auch noch gegenüber dem moralischen Standpunkt selbst distanzieren könnten. Soweit, so gut. Was aber würde das aus Sicht der Vernunft bedeuten? Wohl doch nur, dass sich auch hier gegenüber Häretikern oder radikalen Moralverächtern wieder nur klarstellen ließe, dass de‐ ren Absichten und Verhalten ganz am Ende auch auf ganz andere als argumentative Mittel treffen werden. Wünsche, Überzeugungen und Moral Wir alle haben Leidenschaften. Offene und Verdeckte. Darauf kann sich die Praxis des Verantwortlichmachens verlassen: sage mir welche Leidenschaft du hast und ich sage Dir, wer du bist. So weit, so gut. Wirklich? Herr Meier bestiehlt die Bank. Bisher galt er allerdings als moralische integre Persönlichkeit. Wie passt das zusammen? Wie kann jemand, zu dessen Grundüberzeugungen es bisher gehörte, Diebstahl für verwerflich zu halten, diese derart abrupt preisgeben? Gleichsam eine Wende um hundertachtzig Grad vollziehen? Im Nachhinein stellt sich denn auch heraus, dass Herr Meier nicht aus „freien Stücken“ handelte. Dessen Wandel um hundertachtzig Grad entpuppt sich viel‐ mehr als das Ergebnis eines manipulativen Eingriffs. Einer Interventi‐ on, die noch Blakes Absichten in den Schatten stellt. Dessen Eingriffe konzentrierten sich auf den Entscheidungsprozess. Die Psychologen, 2.2 2.2 Wünsche, Überzeugungen und Moral 63 von denen jetzt die Rede ist, setzen noch tiefer an. Ihnen geht es gleichsam um die interpersonelle DNA der Individuen. Herr Meier wurde gewissermaßen umprogrammiert. Wie ist das zu verstehen? Zu den Mindestanforderungen für personale Präferenzen gehört, dass sie mindestens einen Tag überdauern und dabei mindestens einmal hand‐ lungswirksam werden. Kriterien, die Herr Meier, insofern er nicht un‐ mittelbar zur Tat schreitet, durchaus erfüllt. Handelt er also vielleicht doch aus freien Stücken? Auf alle Fälle scheint die ansonsten in Aus‐ nahmefällen bewährte und oben zitierte Ausrede, „Er war nicht er selbst“, in seinem Fall nicht zu greifen. Schließlich schreitet er ja gerade nicht unter Ausnahmebedingungen zur Tat. Auch in Pauens Entwurf finden demnach sinistere Gestalten Eingang. An den von ihnen ge‐ schaffenen Situationen will er illustrieren, worin der Aneignungspro‐ zess sich grundlegend von instrumentell-manipulativen Ein- bzw. Übergriffen unterscheidet. Ein erstes Indiz dafür, dass Herr Meier nicht freiwillig handelt, wäre danach in dem Umstand zu sehen, dass die Aneignung des eigenen Willens auf einen Prozess abstellt, dessen Wirkung nicht unmittelbar erfahren wird. Nur wenig genüge also, um zu erkennen, dass die individuelle Vorgeschichte der Akteure unter normalen Voraussetzungen ganz anders in ihr Leben hineinragt, als dies bei manipulierten Vorlieben der Fall wäre. Während der Begriff der Aneignung also auf die lebensgeschichtlich relevanten Ereignisse vor der Ausbildung von Präferenzen reflektiert, verweisen Manipulati‐ onsvorgänge auf gezielte Veränderungen bereits bestehender Präferen‐ zen. Unmittelbar damit zusammen hängt ein weiteres Indiz. Eines, das ungleich wichtiger scheint. Im Normalfall erweisen sich die angeeigne‐ ten Leidenschaften als zustimmungsfähig. Wenngleich, darauf deutet ja die Rede von verdeckten Leidenschaften, dies nicht so verstanden werden sollte, als würde dieser Selbstformungsprozess, der natürlich auch Wandlungen mit einschließt, von den „Subjekten“ vollständig durch- und überschaut. Worauf der Normalfall zielt, ist also ihre prin‐ zipielle Zustimmungsfähigkeit. Noch schneller und wahrscheinlich auch gründlicher lässt sich die Verwirrung, die von diesen Psycholo‐ gen ausgeht, demzufolge beseitigen, indem man ihre Eingriffe aus Per‐ spektive der angestrebten Selbstzufriedenheit kommentiert. Dieser Leitbegriff duldet ja keine länger andauernde Aufspaltung des Selbst. Genau das aber wäre der Fall, würden die Psychologen es im Rahmen 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 64 ihrer Tätigkeit bei der gezielten Veränderung nur eines Persönlich‐ keitsmerkmals belassen. Über kurz oder lang, so Pauen, würde unter diesen Umständen ihr manipulativer Eingriff durch den Probanden entweder selbst entdeckt werden, oder aber von außen als solcher sichtbar. Auf die Schliche käme man ihnen also entweder aufgrund des ihrem Probandenentstehenden Leidensdrucks oder aber, weil er jeder Form der Selbstdistanz erfolgreich beraubt erschiene. Nur mittels einer radikalen Persönlichkeitsveränderung, die dessen gesamte moralische Landkarte erfasst, dürften die Psychologen also an ihr Ziel gelangen. Unter dieser Voraussetzung erschiene Herr Meier zugleich verantwort‐ lich wie nicht verantwortlich für seine Tat. Denn gedanklich unter‐ schieden werden müsste in diesem Fall zwischen dem Herrn Meier vor und dem Herrn Meier nach dem Eingriff. So sollten unter dieser Vor‐ aussetzung also die Handlungen und Entscheidungen, die letzterem durchaus als frei und selbstbestimmt zugeschrieben werden könnten, nicht auf jenen projiziert werden. „Ich“ wäre buchstäblich „ein ande‐ rer“. Ihr Ziel dürften die Psychologen also nur erreichen können, inso‐ fern sie ihr Scheitern quasi von vornherein mit einkalkulierten. D.h., ihren Eingriff so anlegten, dass die daraus hervorgehende Person als eine Art Emergenzeffekt fassbar wäre. Dass die Person ohne den Ein‐ griff ganz anders handeln würde, könnte unter diesen Umständen dann tatsächlich nicht mehr als Entschuldigungsgrund angeführt wer‐ den. Es sei denn man wollte zukünftig auch darauf verzichten, Perso‐ nen für solche Handlungen haftbar zu machen, bei denen davon aus‐ zugehen ist, dass sie diese unter anderen Rahmenbedingungen höchst‐ wahrscheinlich nicht vollzogen hätten. Mit anderen Worten, insofern man nicht gewillt ist, die Versicherungsbranche von Grund auf umzu‐ krempeln. Der Unfallverursacher, so Pauen, der sich darauf herausre‐ det, dass der Unfall nicht passiert wäre, wenn sein Unfallgegner heute die Bahn genommen hätte, erscheint in etwa so glaubwürdig, wie der Betrüger, der seine Tat entschuldigt, indem er seinem Opfer vorwirft, Bargeld bei sich getragen zu haben. Aus Sicht Strawsons hat verant‐ wortliches Handeln jedoch vor allem mit Rücksichtnahme zu tun. Können wir die akademische Frage der Willensfreiheit also auf sich beruhen lassen? Unter dem Titel Das Handwerk der Freiheit (Bieri 2006) geht Peter Bieri der Frage nach. Eine Monographie, die immer wieder Dostojewskis Roman Schuld und Sühne heranzieht, um dem 2.2 Wünsche, Überzeugungen und Moral 65 Leser entlang Raskolnikovs Ermordung der alten Pfandleiherin einen Überblick über den Debattenverlauf zu verschaffen. Auch für Bieri re‐ sultieren radikale Freiheitsauffassungen vor allem aus Verhältnissen ungeklärter Wortverwendung. Wogegen über die Begriffsanalyse eben Freiheitsperspektiven eröffnet werden, die mit bescheideneren Mitteln auskommen. Die uns also lehren, dass wir aus dem Perspektivpunkt „universeller Bedingtheit“ etwas verlieren, was wir nie besessen haben und etwas gewinnen, was wir je schon besitzen: bedingte Freiheit (Bie‐ ri 2006: 244). Weshalb jedoch holt uns der Phantomschmerz immer wieder ein? Diese Frage führt nach Bieri in das Dickicht der semanti‐ schen Fallstricke, welche durch das Begriffspaar bedingt und unbe‐ dingt ausgelegt werden. Lässt uns also das sprachliche Glatteis prüfen, das wir immer dann betreten, wenn wir in den deskriptiv angesetzten Ausdruck bedingt (das, was der Fall sein muss) gewissermaßen inter‐ subjektive Verhältnisse verzerrter Kommunikation hineinschmug‐ geln(vgl. ebd., 252). Ausgelöst wird der Phantomschmerz also da‐ durch, dass die analytische Verwendungsweise von bedingt im Hin‐ blick auf die innerweltlichen Voraussetzungen der Freiheit bzw. die miteinander verknüpften Aspekte personaler Identität hinter die Be‐ zugnahme auf reale Verhältnisse der Unfreiheit zurückgedrängt wird. Rutschgefahr besteht demnach dann, wenn Wendungen wie „an Be‐ dingungen geknüpft“, „das eine Bedingung das Bedingte notwendig macht“, „diesem Bedingungsgeschehen unterworfen“ etc. einem die Sinne vernebeln (ebd., 250). Erproben ließe sich diese These etwa auch an den Fallen, welche die Schicksalssuggestion aufstellt. So illustriert Bieri entlang fiktiver Gespräche zwischen Raskolnikov wie einem äu‐ ßerst gewissenhaften Richter „die Sprache der Ohnmacht“, die sich hinter dem taktischen Einsatz der Vorgeschichte verbirgt. Im Rahmen dieses Dialogs ignoriert Raskolnikov immer wieder bewusst die feine Trennlinie, die zwischen unseren physikalischen und psychologischen Selbstbeschreibungen verläuft. Und zwar, um dadurch den Eindruck zu erwecken, als würden Willensäußerungen und Entscheidungspro‐ zesse gleich äußerlicher, blind-wütender Naturereignisse über den Ein‐ zelnen hereinbrechen. Mittels der von ihm strategisch eingesetzten Verweise auf die Unvermeidlichkeit, Unabänderlichkeit, Unabwend‐ barkeit und Unausweichlichkeit der Geschehnisse versucht derselbe al‐ so, von der ihm zu keinem Zeitpunkt benommenen psychologischen 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 66 Selbstthematisierung abzulenken (vgl. ebd., 258). Davon also, dass die von ihm angeführten Ohnmachtskriterien haltlos sind. Spätestens auf den zweiten Blick zeigt sich nämlich, dass die von ihm als Entschuldi‐ gungsgrund angeführte Hilflosigkeit, die ihn danach erstens aufgrund der klaren Verschiedenheit des Geschehnisses, zweitens seiner Unbe‐ einflussbarkeit, drittens seines Ungewolltseins überfällt, keinesfalls den Tatsachen entspricht (vgl. ebd., 257). Raskolnikov redet sich entlang der von ihm erzeugten Bildgewalt deterministischer Verlaufsgesetze auf eine Form der Selbstdistanzierung heraus, die sich in keinster Wei‐ se mit unserer alltäglichen Erfahrung des Wünschens und Wollens deckt. Darüber belehren auch nach Bieri insbesondere Fälle sucht‐ kranker bzw. dissoziierter Persönlichkeiten. Hier wie dort handelt es sich um reale Ohnmachtserfahrungen. Nicht weniger als jene, empfin‐ det sich auch das gespaltene Selbst als das Opfer eines ihm fremd ge‐ genüberstehenden Innenlebens. Nur unschwer lassen sich beiden Aus‐ nahmefällen somit die konkreten Bedingungsverhältnisse entlehnen, welche freie Handlungen ermöglichen. Danach hat derselbe also weni‐ ger ein Problem mit dem Sachverhalt der Fremdbestimmung, denn mit der scharfen Demarkationslinie, die immer wieder zwischen den Extremen der Selbst- und Fremdbestimmung gezogen wird. Nicht so die grammatikalische Aufklärung à la Frankfurt. Ihr Ziel ist es darzule‐ gen, dass die „Idee der Bedingtheit […] gegenüber den Ideen der Frei‐ heit und Unfreiheit vorgeordnet [ist, S.S.].“ (ebd., 243) Am Ende wirbt so auch Bieri für das autonom geführte Leben. Von der Gemengelage bloßen Wünschens unterscheidet sich der Wille danach 1) durch seine Wirksamkeit. Als frei gilt er 2), insofern das Wünschen, Wollen und Wunscherfüllung immer wieder neu aufeinan‐ der abgestimmt werden müssen. Anerkennt der Wille zusätzlich noch die Interessen von seinesgleichen als Handlungsgrund für sich, ist er 3) als autonom zu bezeichnen. In der Summe folgt daraus 4) ein durch die Fähigkeit zur Kontrolle umschriebener Begriff der Selbstbestim‐ mung. „Ein Selbst, wie es sich aus dem inneren Abstand zu uns selbst entwickelt, ist ein vorübergehendes Gebilde auf schwankendem Grund, und es ge‐ hört zu den Voraussetzungen für Willensfreiheit, diese einfache und ei‐ gentlich offensichtliche Tatsache anzuerkennen. Genauso wie die Tatsa‐ che, daß es Zeiten gibt, in denen wir weder autonom sind noch das Ge‐ genteil.“ (ebd., 423) 2.2 Wünsche, Überzeugungen und Moral 67 Am Anfang steht hingen auch für Bieri die Frage, was eine freie Hand‐ lung ist. Sprechen wir von Handlungen, dann meinen wir damit zu‐ nächst ein Tun, das seine Leibbezogenheit in Form der empfundenen Nähe innerer Führung verrät. Eine „innere Nähe“, die mit dem Erleben der den Willen exekutierenden Urheberschaft einhergeht. Wobei der Wille seine Konturen danach über die innengeleitete und gerichtete Sinnperspektive der jeweiligen Handlungsfolgen gewinnt, welche den verstehenden Nachvollzug von außen ermöglichen. Einerseits. Ande‐ rerseits jedoch auch aus der horizontalen Begrenzung heraus, über welche sich die „Bewegungsspielräume“ des Handelns eröffnen. Nach Bieri sind wünschen und wollen also keine Vorkommnisse in unserem psychischen Haushalt, die erst nachträglich aufeinander bezogen wer‐ den müssen. Vielmehr bezeichnet der Wille den handlungswirksamen Abschluss einer zuvor durchgeführten und auf unsere miteinander konkurrierenden Präferenzen gerichteten Selbsterkundung. D.h., das Resultat innerer Probehandlungen, deren Wirklichkeitsgehalt sich zum einen an den realen soziokulturellen Gegebenheiten, zum anderen an den jeweiligen individuellen „Fähigkeiten“ der einzelnen Akteure be‐ misst. Im Willen verdichtet sich so gleichsam das „Zusammenspiel von Wunsch, Überzeugung, Überlegung und Bereitschaft“, aus dessen „in‐ nere[r] Struktur“ heraus wir jemanden „für sein Tun verantwortlich“ machen. Affekt und Intellekt umreißen demzufolge keine völlig ge‐ trennten Bezirke. Aus Sicht des geführten Lebens verfolgen wir viel‐ mehr die Spielräume, die den Individuen gegeben und von ihnen aus‐ zugestalten sind. Ein erkenntnisleitendes Interesse, das zugleich auch den Allgemeinplatz, wonach jemand dann frei ist, wenn er tun und lassen kann, was er will, antastet: Der Wille ist kein Ding, das irgend‐ wo hinter unseren Handlungen sitzt. Zudem wird laut Bieri über den erläuterten Zusammenhang von Wille und Handlung deutlich, dass damit keineswegs gleich die Frage der Freiheit mit beantwortet ist. Dass diese sich vielmehr erst dann stellt, wenn der Wille aus der fakti‐ schen Rolle, die er im Rahmen unserer Daseinsfürsorge einnimmt, er‐ läutert wird. Worauf kommt es also an? Auf den Unterschied in der Fragerichtung. „Man kann mit einem gegebenen Verhalten beginnen und fragen: Steht dahinter ein Wille oder nicht? Damit stellt man die Frage: Ist es eine Handlung oder nicht? Von Freiheit ist in dieser Frage noch nicht die Rede. 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 68 Man kann aber auch, umgekehrt, mit einem gegebenen Willen beginnen und fragen: Kann er in einem Tun verwirklicht werden? Damit wirft man die Frage nach der Freiheit des Handelnden auf. Das Ausmaß, in dem er frei ist, ist das Ausmaß, in dem er das, was er will, in die Tat umsetzen kann.“ (ebd., 44) Woran Bieri also gelegen ist, ist eine (kritische) Freiheitslektüre, die sich zugleich an den faktischen Wahlmöglichkeiten und Entschei‐ dungsspielräumen der Akteure bemisst, wie den ihnen konkret gege‐ benen individuellen Fähigkeiten. Sich insofern also auf die unter‐ schiedlichen Arten von Spielräumen einlässt, die das eigene Leben er‐ möglichen, indem sie es begrenzen (vgl. ebd., 45). Nach Bieri steigert sich die Chance, dass das eigene Leben gelingt, so entlang einer Ver‐ ständigung über die Räume, die sich, angefangen von den Gelegenhei‐ ten der Welt, über die dem jeweiligen Individuum bereitstehenden Mittel, wie die ihm gegebenen Fähigkeiten, bis hinein in den Innen‐ raum der Selbsterkundung, auftun. Sich selbst bestimmen, bedeutet demnach nicht zuletzt auch, die „bestimmte Welt“, in die man gewor‐ fen ist, in sich aufzunehmen. Nämlich als Voraussetzung für den eige‐ nen „bestimmte[n] Willen“ (ebd., 51). Die „Gelegenheiten der Welt“, so Bieri, sind es, über deren Schließung, sich die Chance der Freiheit aller erst eröffnet. Über die also die Spielräume geschaffen werden, die die Individuen nach Maßgabe ihrer sich verändernden Befindlichkeiten und Gestimmtheiten immer wieder neu ausmessen und sich dabei ge‐ gebenenfalls mittels neuer Narrative aneignen (vgl. ebd., 52).12 12 An der Stelle ein kurzer Querverweis. Im Rahmen antiker Sittlichkeitskonzepte wurde Selbstbestimmung über den Umgang mit den eigenen Leidenschaften, dem Erlangen von Selbstgenügsamkeit definiert. Unter spätmodernen Bedingungen erntet dieser Interpretationshorizont erneut. So verstehen sich zahlreiche Program‐ me im Wesentlichen über die Stichwörter der Offenheit, Heiterkeit, Gelassenheit und vielleicht als pars pro toto, die Sorge. Zu erkennen gibt sich das derart geübte Leben nicht zuletzt durch seinen Ausstieg aus der Jagd nach den lustvollen Mo‐ menten episodischen Glücks. Das „Gehen ohne Grund“ gelingt danach vielmehr denjenigen, die im Zeichen epochalen Glücks der Ruhe der erprobten und eingeüb‐ ten Dauer den Vorzug geben. Warum also nicht einmal versuchen, Autonomie als Navigationshilfe zu begreifen, die uns durch die Klippen des tobenden Meers aus Information, Kommunikation und Banknoten hindurch manövriert? Die erste Forderung lautet, so gewissermaßen eine Haltung gegenüber den Netzwerken zu gewinnen, innerhalb derer das bloße dahingelebte Leben gleichsam verstreicht. Die Chancen für das geführte Leben werden demnach gesteigert, insofern sich eine Zeitökonomie ausmachen lässt, in der das Wirkliche das Mögliche nicht verschüt‐ 2.2 Wünsche, Überzeugungen und Moral 69 Allem Anschein nach lädt auch Bieri zu einer Selbstthematisierung ein, die um die inzwischen von uns ausgebildeten selbstevaluativen Schlüsselqualifikationen kreist. Um dann allerdings gegen (hedonisti‐ sche) Fehlinterpretationen, die hier teilweise die Runde machen, deren normativen Stoßrichtung herauszuarbeiten. Dazu gehört sicherlich auch dessen Klarstellung, dass Verantwortung nichts ist, das irgendwo in der Welt im Sinne einer analysierbaren Eigenschaft vorkommt. Der Begriff bezeichnet vielmehr etwas, das von uns im und durch den Voll‐ zug unserer Praxis stets aufs Neue hergestellt wird. Von Bieri wird also unterstrichen, dass sich die Praxis des Verantwortlichmachens in die Reihe performativer Sprechakte (Versprechen/Taufe) einreiht, durch die wir uns als Adressaten moralischer Forderungen und Verpflichtun‐ gen gleichsam hervorbringen (vgl. Bieri 2006: 343). Den Unterschied zwischen beiden Weltzugängen illustriert er mitunter anhand der In‐ telligenzforschung. Hinsichtlich der Achtungsgewinne, welche die In‐ telligenzforschung verbucht, wird immer wieder ihr selbstreferenzieller Charakter hervorgehoben. Verweise, die nach Ansicht Bieri wohl auf den Unterschied zwischen erklären und verstehen bzw. Tatsachen- und Wertaussagen anspielen. Richtig ist, „[w]ir stellen fest“, dass jemand in‐ telligent ist oder nicht. Im gleichen Sinne konstatieren wir jedoch nicht, „daß jemand verantwortlich ist, sondern wir erklären ihn für verant‐ wortlich.“ (ebd., 333) Anders als im Fall der Intelligenz gibt es hinter dieser Erklärung also nicht „noch einen Sachverhalt des Verantwort‐ lichseins, dem wir mit der Erklärung Rechnung tragen müßten.“ (ebd., 333) D.h., ob wir jemanden verantwortlich machen oder nicht, hängt nicht zuletzt von dem weithin akzeptieren Gedanken der Fairness ab. Bieri zufolge lassen sich unsere Reaktionspraktiken und moralischen Empfindungen also daran bemessen, inwiefern der Einzelne seinen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess im Lichte dieses sozioevolutionär gewachsenen Instituts ausformt; inwiefern er die kul‐ turübergreifenden Forderungen der wechselseitigen Rücksichtnahme wie des Respekts gegenüber den Interessen der anderen als triftigen Handlungsgrund für sich selbst akzeptiert (vgl. ebd., 352). Ein moral point of view, der anscheinend einräumt, dass er denjenigen gegenüber, tet. Beinahe alles, so Martin Seel, hängt davon ab, „ob innerhalb des Kreises unse‐ rer Handlungen eine offene Zukunft absehbar bleibt.“ (Seel 2006: 40) Mit Seel ließe sich also noch einmal prononcieren, dass es sich um Freiheits-Spielräume handelt. 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 70 die sich der Reziprozitätsforderung strikt verweigern, allein die inner‐ halb der Gemeinschaft bewährten Inklusionsbedingungen vorrechnen kann. Im Spiegel ihres Betragens gleichsam nur mehr Nabelschau be‐ treibt. „Wenn einer durch sein Denken, Wollen und Tun den moralischen Stand‐ punkt mißachtet, erleben wir ihn als jemanden, der unsere gesamte äuße‐ re und innere Ordnung angreift, die wir uns in unserer Eigenschaft als Personen geschaffen haben. Das ist der radikalste Angriff, den wir ken‐ nen, und er bewirkt in uns einen tiefen Aufruhr und eine erbitterte Feind‐ schaft. […] Der moralische Grandseigneur […], der auch das schlimmste Verbrechen noch entschuldigt – […] müßte uns als jemand erscheinen, dem es letztlich mit dem moralischen Standpunkt nicht wirklich ernst ist, denn dieser Standpunkt verlangt, um seine Substanz behalten zu können, die Feindschaft seinen Feinden gegenüber.“ (ebd., 357) Kaum verwunderlich also, dass auch er dem geborenen Bösewicht eine gewisse explinatorische Kraft einräumt. Präziser, der ihm geltenden Sozialromantik. Behielte die auf die biographische Vorgeschichte des Delinquenten sich stützende Verantwortungsentlastung Recht, verlöre „die Idee des Sollens insgesamt“ (ebd., 210) ihren Halt. Dann würde Dostojewskis Schuld und Sühne – Raskolnikovs kaltblütige Ermor‐ dung der alten Pfandleiherin – zu einem Roman, durch den eine Art „Schicksal von unten“ (Theunissen 2004) vernehmbar wäre. Würden Erziehungs- und Therapieangebote folglich mit Recht das Schuldprin‐ zip ablösen. „Wir könnten, was die Leute tun, immer noch aus einer normativen Per‐ spektive betrachten und im Lichte von Regeln des Sollens als richtig oder falsch beschreiben. Raskolnikovs Mord etwa könnten wir immer noch als Gesetzesbruch und moralisch verwerflich einstufen. Wir brauchten die Sprache des Rechts und der Moral nicht zu vergessen, und wir würden nicht die Fähigkeit verlieren, sie zu verstehen. Auch könnten wir weiterhin versuchen, sie als Mittel einzusetzen, um andere und uns selbst zu beein‐ flussen. Dasjenige aber, was wir nun nicht mehr können, wäre dieses: die anderen zu bestrafen, weil sie nicht tun, was sie sollten. Die Praxis des Sanktionierens verlöre ihren Sinn.“ (ebd., 210) Sätze im Konjunktiv, die vielleicht dem philosophischen Seminar im‐ ponieren. Keinesfalls jedoch dem Alltagsleben. Weshalb wir so gereizt auf Raskolnikov reagieren, liegt nicht an irgendwelchen durch ihn ver‐ letzten vertragstheoretischen Fairnessbedingungen. Was uns empört, ist vielmehr die ultima ratio von Gewehrsalven und Bajonetten, die er 2.2 Wünsche, Überzeugungen und Moral 71 uns im Zuge seiner Verteidigungsrede (schmerzlich) vor Augen führt (vgl. ebd., 360). Exkurs: Warum moralisch sein? Ist es also wie Bieri sagt? Zum Schluss „dulden“ wir Raskolnikov schlicht und einfach nicht in unseren Reihen? Bisher wollten Sie in den Augen der anderen vor allem als hilfsbereit wahrgenommen werden. Seit einiger Zeit bekommt dieses Selbstbild allerdings Risse. Mehr und mehr verspüren Sie in sich den Wunsch, aufzusteigen, sich künstle‐ risch auszudrücken. Ihrer, wie Sie nun fest überzeugt sind, wahren Be‐ stimmung nachzugehen. Mag das auch auf Kosten des Umfelds gehen, für das sie sich so lange bereitwillig aufgeopfert haben. Nach einiger Zeit bietet sich Ihnen denn auch die Gelegenheit, sich in diesem Sinne neu zu erfinden. Wie das mit Selbst- und Rollenbildern bzw. den mit ihnen verknüpften Erwartungshaltungen so ist, fallen Sie allerdings im entscheidenden Moment in die von Ihnen innerlich nur noch als Kli‐ schee empfundenen Verhaltensmuster zurück. Enttäuscht über sich selbst schlafen sie am besagten Abend ein. Als Sie am nächsten Mor‐ gen aufwachen, ist ihre innere Zerrissenheit wie weggeblasen. Was ist passiert? Zwei Szenarien sind hier nach Bieri denkbar. A, es erscheint ihnen mit einem Mal selbst völlig schleierhaft, wie Sie ihren kreativen Drang jemals auch nur für eine Sekunde zugunsten anderer vernach‐ lässigen konnten. B, ihre altruistische Ader hat jeden avantgardisti‐ schen Gedanken über Nacht ausradiert. Für welche Variante Sie auch immer votieren wollten, beide haben nach Bieri nur wenig mit unserer Erfahrungswelt gemein. Das Gedankenspiel erinnert angesichts der plötzlichen und abrupten Neuerfindung über Nacht eher an die syn‐ thetischen Erfahrungen, welche die manipulativen Eingriffe böswilli‐ ger Psychologen zeitigen. Statt eines solchen unmotivierten Wechsels wollen wir vielmehr einsehen und verstehen, was uns zu einer solchen Neuerfindung bewegt. Entgegen der Szenarien steigern wir die „An‐ zahl der Möglichkeiten“, indem wir Malen, Schreiben, Lesen oder das Gespräch mit guten Freunden suchen. Wie also könnte die Arbeit an der eigenen Selbstzufriedenheit im vorliegenden Fall aussehen? Nach Bieri könnten sie womöglich zu der Einsicht gelangen, dass ihre bishe‐ 2.2.1 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 72 rige Selbstlosigkeit auf eine kompromisslos-autoritäre Moralerziehung zurückgeht. In erster Linie ist ihnen also keineswegs an kreativer Emanzipation gelegen. Woran ihnen vielmehr gelegen ist, ist der Mut zur Artikulation eigener Wünsche. Die Kunst, so erkennen sie jetzt, dient ihnen nur als Vehikel, um diesen Primärwunsch nach Selbstbe‐ hauptung Ausdruck zu verleihen und zwar auf möglichst unverfängli‐ che Weise. Ein Vehikel, das, wie Sie sich bei der Gelegenheit auch gleich eingestehen, von Ihnen zudem nur leidlich beherrscht wird (vgl. ebd., 406). Nach Ansicht Bieris wird die Ambivalenz moralischer Selbstbe‐ stimmung demnach durch die Ambivalenz zwischen den Wünschen, die am Selbstbild bemessen werden, wie den Wünschen, welche das Selbstbild ausmachen, abgelöst. Verflüchtigt sich das Grundproblem der Selbstbeobachtung also sobald man die brüchige Trennlinie, die diese beiden Wunschformationen trennt, mit in Rechnung stellt. Mit dieser Überlegung steht er keinesfalls allein dar. Wer in unserer sowohl in faktischer (Simulakren) wie auch normativer Hinsicht (das Ver‐ schwinden des signifikanten Anderen) entsinnlichten Welt an der Sinnlosigkeit zu verzweifeln droht, dem bleibt quasi noch die Möglich‐ keit des synthetischen Glücks auf Rezept. Wer es jedoch erst gar nicht so weit kommen lassen will, der hält sich durch Leibesübungen fit. „Du musst dein Leben ändern“ steht gleichsam über den hierzu erhält‐ lichen Regalmetern an Ratgeberliteratur.13Mit Bieri wird der Determi‐ nist als Amoralist identifizierbar. Als Amoralist wohlgemerkt, nicht als Immoralist. Was trennt die beiden Gestalten? Worauf Raskolnikov noch nicht wettet, ist Gottes Rückzug aus der Welt. Davon, warum dann alles erlaubt ist, erzählt vielleicht eher Dostojewskis Roman „Der Jüngling.“: „Ein überaus kluger Mensch hat einmal unter anderem gesagt, daß nichts schwerer sei, als auf die Frage zu antworten: ‚Warum soll ich unbedingt edel sein?‘ Sehen Sie, es gibt drei Arten Schufte in der Welt: erstens die naiven Schufte – das sind die, die überzeugt sind, daß ihre Schuftigkeit der höchste Edelmut sei; zweitens die verschämten Schufte – das sind die, die sich der eigenen Schuftigkeit zwar schämen, dabei aber doch bei ihrer 13 Begegnen sollte man den (bedauerlichen) Wechselfällen des Lebens mit heiterer Gelassenheit: Oder, wie Wilhelm Schmid sagt: „Luck is where Opportunity meets preparation.“ (Schmid2007: 14) 2.2 Wünsche, Überzeugungen und Moral 73 Schuftigkeit unbedingt beharren. Und schließlich einfach Schufte, sagen wir: echte Schufte oder Vollblutschufte. Erlauben Sie: ich hatte einen Schulkameraden, einen gewissen Lambert, der sagte mir mal, als er erst sechzehnjährig war, daß er, sobald er mit seiner Mündigkeit sein Erbe er‐ halte, als größtes Vergnügen sich die Wonne leisten werde, Hunde mit Brot und Fleisch zu füttern, wenn die Kinder der Armen Hungers ster‐ ben; und wenn sie nichts hätten, womit sie ihre Öfen heizen könnten, werde er einen ganzen Holzhof kaufen, das Holz auf freiem Felde aufsta‐ peln und das Feld heizen, den Armen aber werde er auch nicht einen Scheit geben. Das waren seine Gefühle! Nun sagen Sie mir, bitte, was ich einem solchen echten Schuft auf die Frage, warum er denn unbedingt edel sein solle, antworten könnte.“ (Dostojewski zit. n. Bayertz 2006: 14) Anders als der Immoralist, dessen Lebensentwurf demnach in einer strikten Opposition zur Welt der Moral gründet, bewegt sich der Amo‐ ralist also durchaus noch am Rand der Gründe. Durch ihn werden un‐ sere Argumente laut Bernhard Williams gleichsam einem Härtetest unterzogen (vgl. ebd., 14). Aus Sicht Williams verrät diese heuristische Figur somit nicht anders als wir gewisse Vorlieben. So ist dessen Rolle für ihn also durch die Distanz gekennzeichnet, die er gegenüber den inhaltlichen Moralbestimmungen (Fairness, Wahrhaftigkeit, etc.) wahrt. Nicht weniger jedoch durch die skeptische Haltung, die er dabei gegenüber dem formalen Aspekt der Moral (Reziprozität) einnimmt (vgl. Williams 2006: 214). Nichtsdestotrotz bleibt er der Moral als „Pa‐ rasit des Moralsystems“ verhaftet (ebd., 215). Von Anfang an wird der Amoralist so enormen Zentripetalkräften ausgesetzt. Würde er, kon‐ frontiert mit einem ähnlich instrumentell agierenden Gegenüber, Zu‐ flucht zur Sprache moralischer Empfindungen (des „Zulässigen“, des Übelnehmens, der Missbilligung) nehmen, würde er schon sein eige‐ nes Terrain verlassen. Sowenig er hier streng genommen mehr tun darf als darüber „Mißvergnügen […] zu empfinden und sich entsprechend zur Wehr zu setzen“, kann er um rechtlichen Beistand ersuchen. War‐ um, weil die von ihm bewohnte exklusive Welt „seiner Neigungen und Wünsche“, wie Williams sagt, keine „selbstgefällige[n] Vergleiche“ dul‐ det (ebd., 214). Seinem parasitären Selbstverständnis nach hätte er also alle Gemütsäußerungen wie Urteilssprüche zu unterdrücken, die im Begriff stehen, die eigene Selbstimmunisierung gegen Appelle „einer bloß vorgestellten Verallgemeinerung“ zu verletzen (ebd., 216). Als Ka‐ rikatur der eigennützigen Wesensbestimmungen, die kontraktualisti‐ sche Ansätze diskutieren, lässt der Amoralist demnach sehen, inwie‐ 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 74 fern die dort vermeintlich identifizierte „wirkliche Beschaffenheit der Menschen […] von ihrer tatsächlichen Beschaffenheit gar nicht so sehr verschieden ist.“14 (ebd., 218) Was die tatsächliche Beschaffenheit an‐ geht, soll hingegen gelten, „dass wir Geschöpfe sind, in deren Leben moralische Erwägungen durchaus eine gewichtige, prägende wenn auch häufig ungesicherte Rolle spielen.“ (ebd., 218) Folgen wir Wil‐ liams, dann ist es also nicht zuletzt der Amoralist, der den elementaren Stellenwert des Einfühlungsvermögens erhellt. Anders als sein immo‐ ralischer Zwilling empfindet derselbe durchaus Mitleid. Wenngleich strikt nach Maßgabe seiner eigennützigen Maximen und egoistischen Wahrnehmungsmuster. Doch bereits dadurch gibt er seine Fundamen‐ talopposition auf. Leistet er auch nur gelegentlich Hilfe, etwa weil ihm nahestehende Personen in Not geraten sind, oder weil es sich für ihn eben gerade anbietet, ist darüber also nicht „die mitfühlende Fürsorge für andere“ außer Acht zulassen, die sich dabei insgeheim Bahn bricht (ebd., 221). „[D]ieses Ihm-Passen und, daß es immer nach seinen Lau‐ nen gehen muß“, so Williams, gehört nicht selbst zum Inhalt dieser Vorstellung.“ (ebd., 219) Folglich steht der Amoralist „dem formalen Aspekt der Moral“ (Williams 2006: 215) näher, als ihm selbst wohl lieb sein dürfte. Überzeugungen und Wünsche Raskolnikovs Vorwurf der Unfairness wurde zurückgewiesen, indem ihm der Spiegel über das eigene Verhalten vorgehalten wurde. Ange‐ 2.3 14 Vom Standpunkt des Amoralisten, so ließe sich mit Bayertz ergänzen, zeigt sich, inwiefern vertragstheoretische Entwürfe einen Akteur voraussetzen, der insgeheim längst das Lustprinzip zugunsten des Realitätsprinzips suspendiert hat. Inwieweit derselbe also zwischen Welten wählt, die von seinem vorgeblich antagonistischen Drehbuch abweichen. Die „Bezugnahme auf das Gemeinwohl liefert zwar einen exzellenten Grund, warum man moralisch sein soll […]. Sie setzt damit aber vor‐ aus, daß jeder Handelnde ein Interesse daran hat, daß es allen gut geht; daß also jeder handelnde bereits moralisch motiviert ist.“ Aus Sicht des Amoralisten ergibt sich dagegen folgende „klare Präferenzordnung: (1) Am schlechtesten ist für ihn der ,Naturzustand‘ […]; (2) besser ist für ihn eine Welt, in der alle – er selbst einge‐ schlossen – moralisch sind; (3) und am besten ist für ihn eine Welt, in der alle an‐ deren moralisch sind, er selbst aber (als einziger) die Möglichkeit zu unmorali‐ schem Handeln hat.“Kurt Bayertz, Warum moralisch sein? (Bayertz 2006: 23 ff.) 2.3 Überzeugungen und Wünsche 75 sichts seines willentlichen Vertragsbruchs konnte er allenfalls auf Fair‐ ness hoffen. Jeder darüber hinausgehende Anspruch seinerseits führte in Selbstwidersprüche. Offen blieb dabei zunächst, inwiefern diese Re‐ plik selbst den Kriterien der Fairness genügt. Bieris Klimax vorweg‐ nehmend, wurde so bereits im Zusammenhang mit Pauen festgestellt, dass das dem moralischen Standpunkt inhärente Gebot der Fairness nicht auf diesen selbst noch einmal angewendet werden kann. Doch auch dieser Schachzug verschaffte einem gegenüber Raskolnikov nur eine kurze Atempause. Womöglich deshalb, weil beide Antworten am Ende Leitvorstellungen wie Lust, Nutzen bzw. Eigennutz, Glück, Opti‐ mierung, Effizienz und Konsequenz promovieren. Davon zumindest zeigt sich Julian Nida-Rümelin überzeugt. Sie haben Hunger. Ein Teller Spaghetti, so denken Sie, wäre jetzt genau das Richtige. Schon sitzen Sie beim nächsten Italiener. Sie den‐ ken also nur darüber nach, welche Richtung Sie ihrem basalen Wunsch geben wollen. Vernünftig handeln bedeutet demnach, im Ausgang von gegebenen Empfindungsdata über zunächst noch ungerichtete Wün‐ sche zu disponieren, und zwar entlang abrufbarer Wissensbestände. Analog zur theoretischen Überzeugungsarbeit, wonach bereits das bes‐ sere Argumente zu einer Einstellungsänderung führt, ließe sich ihr Re‐ staurantbesuch also nicht erklären. Dazu bedürfte es vielmehr noch der Bezugnahme auf prinzipiell ihrer Kontrolle entzogene Antriebe. Im Unterschied zu theoretischen wären praktische Gründe also nicht als „selbstgenügsam“ zu klassifizieren. Formal ausgedrückt: a) Ich wünsche p. b) Ich weiß, dass p nur zu erreichen ist, wenn q. c) Ich wünsche q. Dieses Bild von nur hinzutretenden deskriptiven Überzeugungen widerspricht laut Nida-Rümelin der lebensweltlichen Praxis. „Ich wün‐ sche, dass Herr Meier bestraft wird.“ Auf die Gegenfrage warum, könnte die Antworten etwa lauten, „weil dies aus präventiven Gründen notwendig ist“, „weil er die Eigentumsrechte anderer verletzt“ oder „weil dies die Gerechtigkeit gebietet“. In jedem Fall würde der Aus‐ druck Wunsch hier metaphorisch verwendet. Nämlich für eine norma‐ tive Überzeugung eingesetzt. 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 76 a) Personen, die Diebstähle begehen gehören bestraft. b) Herr Meier hat einen Diebstahl begangen. c) Herr Meier muss bestraft werden. Würde man auf diese metaphorische Verwendungsweise verzich‐ ten und den Wunsch im Sinne der konativen Einstellungen (Absichten, Wünsche Hoffnungen etc.) unter sich befassenden Präferenz interpre‐ tieren, ergäbe sich nach Nida-Rümelin ungefähr folgende (verzerrte) Motivationsstruktur: a) Ich wünsche, dass alle Personen, die Diebstähle begehen, bestraft werden. b) Herr Meier hat einen Diebstahl begangen. c) Nur wenn Herr Meier bestraft wird, kann mein Wunsch a erfüllt werden. d) Ich wünsche, dass Herr Meier bestraft wird. Wünsche sollten also nicht zu naturwüchsig interpretiert werden. Das gilt nicht nur für Wünsche im technischen, sondern auch für Wünsche im umgangssprachlichen Sinn. D.h., selbst dann, wenn die Bestrafung mir tatsächlich emotionale Befriedigung verschaffte, läge dem, anders als die Proponenten der hedonistischen Anthropologie supponieren, immer noch meine normative Überzeugung zu Grunde (vgl. Nida-Rümelin 2016: 27 f.). Inwiefern es Gründe und nicht Wün‐ sche sind, welche sich die Individuen aneignen, lässt sich auch noch von einer anderen Seite her beleuchten. Tief in den lebensweltlichen Sprach- und Interaktionsverhältnissen verankert ist das kantische Instrumentalisierungsverbot. Vor allem die Selbstzweckhaftigkeit des Menschen ist es, welche gegen die nutzen‐ ethischen Leitvorstellungen spricht (Nida-Rümelin 2012: 63). Wir nehmen nicht nur Rücksicht auf die Interessen der anderen, sondern respektieren sie. Bringen ihnen die Achtung entgegen, die wir an uns selbst erfahrenen. Nach Nida-Rümelin ist es dieser die interpersonelle Beziehungen strukturierende Austausch über Gründe, der gleicherma‐ ßen der zwischen Denken und Handeln wie zwischen pragmatischen und moralischen Handlungen gezogenen Trennlinie vorausliegt (Nida- 2.3 Überzeugungen und Wünsche 77 Rümelin 2016: 83). Wer bestimmte Gründe für sich akzeptiert, legt sich ungeachtet seines Weltbezugs fest. Nimmt Stellung. Bettet sein Handeln, wie Nida-Rümelin sagt, in von ihm als vernünftig durch‐ schaute Strukturen und Verweisungszusammenhänge ein. Mit der ak‐ zeptierenden Stellungnahme geht so instantan eine entsprechende Handlungsbindung einher. Langfristige Zielsetzungen verlangen bis‐ weilen den Verzicht auf Augenblicksgenüsse. Bereits aus dem Horizont prozeduraler Glücksvorstellung heraus legen sich die Individuen dem‐ nach Selbstverpflichtungen auf. Der neue Roman ihres Lieblingsautors fesselt Sie. Trotzdem legen Sie ihn zur Seite und machen sich im Wissen um das Hungergefühl, das früher oder später bei Ihnen einsetzen wird, auf den Weg zum nächsten Supermarkt. Offensichtlich haben Sie jetzt schon einen guten Grund, entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Ihr Wunsch, später nicht hungrig zu sein, folgt also der Einsicht und nicht umgekehrt. Hier zu sagen, Ihr Wunsch einkaufen zu gehen, beruhe eben auf dem später erwartbaren Wunsch, nicht hungern zu müssen, wäre also zwar durchaus möglich, doch der Sache nicht dienlich (vgl. ebd., 34). Handlungsbindungen erwachsen den Individuen jedoch nicht nur aus dem Horizont ihrer individuellen Selbst-, sondern auch aus dem Horizont ihrer gemeinsamen Lebensgestaltung. Für den Amoralisten ist es am besten, wenn sich alle anderen an den Vertrag halten. Wohl ganz in dessen Sinn dürfte aus Sicht der hedonistischen Anthropologie die individuelle Bereitschaft zur Kooperation als eine Aneinanderrei‐ hung verpasster Chancen und Gelegenheiten erscheinen. Insofern die jeweiligen individuellen Beiträge sich oftmals weder positiv noch nega‐ tiv auswirken, bedarf es danach mitunter der externen Motivation. Für Nida-Rümelin wird hingegen gerade anhand der Kooperation der Un‐ terschied zwischen einem an Augenblicksneigungen orientierten Le‐ ben und einem vernünftig geführten Leben deutlich. Gibt es auf kol‐ lektiver Ebene gute Gründe zu kooperieren, schlagen diese gleichsam ungefiltert auf individueller Ebene durch. Vorausgesetzt natürlich, es lässt sich eine entsprechende reziproke Kooperationsbereitschaft aller beteiligten Akteure erwarten. Ist davon auszugehen, dann bedarf das Individuum keiner zusätzlichen Motivation. Moralische „Trittbrettfah‐ rer“ sind zwar nie ganz auszuschließen, bleiben danach jedoch die 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 78 Ausnahme. Die Regel bilden hingegen vielmehr Individuen, die sich selbst das Gesetz geben. In der Praxis des Gründegebens- und -nehmens ist nach Nida-Rü‐ melin demzufolge eine Perspektive praktischer Vernunft angelegt, die den Menschen in seinen Gefühlslagen(Neigungen) ebenso mitnimmt, wie ihn daraus befreit. Den Alltag zu bewältigen setzt ein gewisses Maß an Willensstärke voraus. Nur willensschwache Individuen müs‐ sen ihre Entschlüsse über Wünsche zweiter Ordnung absichern. Ihren sprunghaften und unbeständigen Charakterüber diesen Umweg quasi vor sich selbst und anderen verbergen (Nida-Rümelin 2016: 59). Nichtsdestotrotz sind auch diese für ihr Handeln verantwortlich. Ver‐ weist ihre Schwäche doch nicht auf Augenblicksneigungen, sondern auf Gründe, wenngleich folgenorientierter Art(vgl. ebd., 136 f.). Hier also der augenblicksfaselnde Verstand; dort das Tier, das gelernt hat, Versprechen zu geben? Das Tier, das, wie Nietzsche sagt, über einen(schmerzlichen) Verinnerlichungsprozess für sich und andere ebenso sicht- wie berechenbar wird? Die Versprechen eingeschriebene normative Verbindlichkeit, so Nida-Rümelin, muss jedenfalls weder dem Sprecher noch dem Hörer extra erläutert werden. Die Antwort „Weil ich mein Wort gegeben habe“ zieht in der Regel keine weiteren Rückfragen nach sich. Wenngleich es aus Sicht einer Ethik ohne „aprioristisch[e] Übertreibungen“ sicherlich gelegentlich auch gute Gründe für den Wortbruch geben mag (ebd., 56 f.). „Der Unterschied zwischen dem Hume´schen und dem kantischen An‐ satz besteht nur für moralisch motivierte Handlungen, während nichtmoralische motivierte Handlungen in beiden Theorien als Erfüllung punktueller […] Neigungen verstanden werden. Die kantische Kritik am Hume´schen Ansatz bezüglich moralischer Handlungen ist jedoch für Handlungen jedes Typs einschlägig. Handlungsbindungen erwachsen u.a. daraus, dass ich mir bewusst werde, dass die Erfüllung meiner gegenwär‐ tigen Neigungen die Erfüllung von Neigungen, von denen ich annehme, dass ich sie später haben werde, vereiteln würde; Handlungsbindungen ergeben sich aus Verpflichtungen, die ich gegenüber anderen Personen empfinde, Handlungsbindungen ergeben sich aus Regeln, die ich mir zu eigen gemacht habe, ohne dass dieses ,sich zu eigen machen‘ die Freiheit meines punktuellen Handelns […] einschränken würde.“ (ebd., 56) Wofür werben also die von Bieri geführten Gespräche mit Raskolni‐ kov? Laut Nida-Rümelin dafür, den gemeinsamen Raum der Gründe 2.3 Überzeugungen und Wünsche 79 (neu) zu erkunden. Warum er diesen Schritt für notwendig erachtet, erklärt er mitunter über den Unterschied zwischen der Teilnehmerund der Beobachterperspektive. Danach ist es die naturalistische „Un‐ terbestimmtheit unserer Handlungs- und Urteilsgründe“, welche der Vernunft gegenüber der Liebe einen gewissen Vorsprung sichert (Ni‐ da-Rümelin 2012: 35). Ins Vernehmen sollten wir uns über die Außenund Innenseite von Handlungen damit entlang der „epistemischen Unauffälligkeit“ setzen, die mit den Gründen die Stelle einer (mecha‐ nistischen) „Impetus-Theorie“ des Handelns besetzen. Irrelevant, so Nida-Rümelin, ist nicht die Frage, ob der Determinismus wahr wäre. Ließen sich in diesem Sinne tatsächlich deterministische Verlaufsge‐ setze beweisen, wäre freies Handeln tatsächlich obsolet. Als frei kön‐ nen wir uns in unserem Handeln und Entscheiden vielmehr im Hin‐ blick auf diese mit (natur-)wissenschaftlichen Erklärungsmodellen vereinbare Unauffälligkeit erachten. Verfolgen sollten wir also eine epistemisch/ontologische Doppelstrategie, die nur hartgesottene Beha‐ vioristen brüskieren dürfte. „Stellen sie sich vor, Sie sind zu Hause als Heimwerker tätig. Ein Physiker beobachtet Sie und registriert alle Vorgänge auf das genaueste […]. Er wird jede beschleunigte Bewegung auf Grund einwirkender Kräfte erklä‐ ren können […]. Dass bei Ihrer Heimwerkerei ein biologischer Körper, nämlich der Ihre, und die mit den Möglichkeiten der klassischen Physik nicht zu berücksichtigenden biologischen Gesetzmäßigkeiten eine nicht unwesentliche Rolle spielen, fällt in der physikalischen Beschreibung des Prozesses gar nicht auf […]. Diese ‚höheren‘ Ebenen der biologischen, neurophysiologischen oder intentionalen Erklärungen bleiben auf der physikalischen Beschreibungsebene unauffällig.“ (ebd., 76) Im Zeichen zeitgenössischer Subjektivierungstechniken werben längst nicht mehr nur Baumarktketten mit dem Slogan Do-it-Yourself (vgl. Bauman 1995). Womöglich ist Nida-Rümelins Beispielwahl also nicht bloß dem Zufall geschuldet. Wie dem auch sei, nur insofern man der experimentellen Forschergemeinde (Wissenschaftstheorie) einen allzu simplen und unumstrittenen Begriff von Kausalität unterschiebt, kann dessen Ansicht nach überhaupt der Eindruck entstehen, als müsste zwischen Determinismus und Indeterminismus entschieden werden. Verstehen sollte man die Kontroverse also vielmehr als Beitrag zur Be‐ griffsklärung (Nida-Rümelin 2012: 72). Im Endeffekt wäre es der öf‐ fentliche Charakter unserer Entschlüsse, über den die miteinander ver‐ 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 80 flochtenen Begriffe Freiheit, Rationalität und Verantwortung in ihrem Zusammenhang hervortreten (vgl. ebd., 38). Versäumt es heute kaum eine Gegenwartsanalyse, wenigstens am Rande auf die getrennten Eigenlogiken von Theorie und Praxis einzu‐ gehen, sollte die Begriffsanalyse davon also keine Ausnahme machen. Wenigstens dann nicht, wenn sie dem technisch-grundierten Bewusst‐ sein etwas entgegensetzen will. Respektive der Annahme, dass über tiefreichende Einsichtsgewinne in die äußere Natur wie das innere Be‐ triebsgeheimnis des Menschen zugleich auch dessen pragmatischpraktische Weltorientierung umgewälzt wird. Dafür, dass letztere sich dem technischen Optimismus entgegen als „gegenüber epistemischen Revolutionen […] resistent“ erweist15, genügt laut Nida-Rümelin ein Blick auf die Grundlagenkrise der physikalischen Weltbeschreibung (vgl. ebd., 39). Mag sich im Rahmen derselben inzwischen auch die „vierdimensionale Raumzeit der Relativitätstheorie“ durchgesetzt ha‐ ben, zeigt sich unsere Praxis doch unverändert als durch den dreidi‐ mensionalen (euklidischen) Raum strukturiert und organisiert (vgl. ebd., 38). Gleichen lebensweltliche Interaktions- und Kommunikati‐ onszusammenhänge auch nicht starren Gebilden, sind sie doch durch eine merklich unterschiedene Halbwertszeit gekennzeichnet: die Dinge bewähren sich länger. Mehr noch, lassen jegliche Bewährungsproben überhaupt nur vor dem Hintergrund dabei mitlaufender und damit aktuell nicht in Frage zu stellender lebensweltlicher Hintergrundan‐ nahmen zu. Aus Sicht Nida-Rümelins weisen Praxisverhältnisse somit eine innere Stabilität auf, die eher für reformerische Eingriffe optiert.16 Das gilt für den Einzelnen ebenso wie für die Gemeinschaft. Für den 15 Nämlich im Sinne Ludwig Wittgensteins Flussbettmetapher: „Mein Weltbild“, so Wittgenstein, „habe ich nicht, weil ich mich von seiner Richtigkeit überzeugt habe, auch nicht, weil ich von seiner Richtigkeit überzeugt bin. Sondern es ist der über‐ kommene Hintergrund, auf welchem ich zwischen wahr und falsch unterscheide.“ Und dann, an den von den amerikanischen Pragmatisten aufgezeigten Regelkreis von Normen und Werten erinnernd: „Man könnte sich vorstellen, daß gewisse Sät‐ ze von der Form der Erfahrungssätze erstarrt wären und als Leitung für die nicht erstarrten, flüssigen Erfahrungssätze funktionieren; und daß sich dies Verhältnis mit der Zeit änderte, indem flüssige Sätze erstarrten und feste flüssig würden. Die Mythologie kann wieder in Fluß geraten, das Flußbett der Gedanken sich verschie‐ ben.“ (Wittgenstein 1984: 139 f.) 16 Das gilt auch für die Programme normativer Kritik (vgl. Nida-Rümelin 2016: 59 u. 124). 2.3 Überzeugungen und Wünsche 81 Einzelnen, weil die These naturalistischer Unterbestimmtheit radikale Selbst(er)findungen (existenzialistischer Provenienz) ausschließt (vgl. ebd., 158). Für die Gemeinschaft, weil die normative Verfasstheit der lebensweltlichen Interaktionsverhältnisse, frei nach Walzer, eindeutig für das Interpretieren wirbt.17 Wobei die leitenden Moralgesichtspunk‐ te vor allem dann bewusst werden, wenn die Dinge ins Stocken geraten. Wenn bestimmte normative Regeln miteinander in Konflikt geraten. Dann, so Nida-Rümelin, vermag sich eine lokale Skepsis auszubreiten, die zwischen den Regeln oder Gütern abwägt. So etwa die Integration der sich widerstreitenden Forderungen in eine weiter gefasste Moral‐ vorschrift als Problemlösung vorschlägt. Für Nida-Rümelin führt der Weg demnach über das zwischen der Teilnehmer- und Beobachterper‐ spektive vermittelnde Gefälle. Über dieses Gefälle wird für ihn nicht nur verständlich, wie „Freiheit bei all dem Zwang“ möglich ist (theore‐ tischer Humanismus), sondern gleichzeitig auch das Handeln gegen‐ über dem Wissen ausgezeichnet (normativer Humanismus). Hinter diesem Humanismus steht im Wesentlichen die von ihm vorgenommene „Neu-Akzentuierung“ der von Strawson geleisteten Aufwertung der Lebenswelt (Nida-Rümelin 2012: 30). Verschiebt man dessen Leitdifferenz von subjektiven und objektiven Sprach- und In‐ teraktionsformen in Richtung des Gegensatzes der „Verhaltenskontrol‐ le durch Gründe und Verhaltenskontrolle durch anderes als Gründe“, wird in der gleichen Bewegung jedoch auch Frankfurt vom Kopf „auf die Füße gestellt.“ (ebd., 33 u. 85) Für Frankfurt bedeutet Autonomie im Kern, dass a) ein innerer Abgleich zwischen den Wünschen erster und zweiter Ordnung stattfindet und b) dann entsprechend der bewo‐ genen Wünsche erster Ordnung gehandelt wird. Damit einher geht nach Nida-Rümelin eine nur verkürzte Darstellung dessen, dass im Konfliktfall immer die Lebenswelt den Sieg über die Theorie davon trägt (vgl. ebd., 40 u. 95). Ungehört bleibt für ihn damit jedoch auch die Pointe Frankfurts. Nämlich, dass nur diejenigen, die von Haus aus nicht die entsprechende Willensstärke mitbringen, Wünsche gegen‐ über Gründen privilegieren. Wogegen diejenigen, die diese Stärke mit‐ bringen, wissen oder spüren, dass Wünsche per se niemals einfach nur 17 Nach Walzer gibt es drei Wege der Moralbegründung: Entdecken, Erfinden und Interpretieren. 2. Wunsch-Lektüren: Pauen, Bieri, Nida-Rümelin – Gegenwartspositionen der Freiheitsdebatte 82 gegeben sind. Dass diese im Gegensatz zu bloßen Launen, Neigungen oder Phantastereien also auf keine mittels Introspektion zu erfassen‐ den einsamen Abwägungsprozesse deuten (vgl. ebd., 88). Hinter dem Wanton verbirgt sich so in erster Linie also der willensschwache Cha‐ rakter. Mit ihm hätte es Blake vornehmlich zu tun. Blakes ganze Repu‐ tation beruht gleichsam darauf, dass er geschickt die Grenze zwischen unserer Verantwortung für unsere Entscheidungen (Primärverantwor‐ tung) wie für die eintretenden Handlungsfolgen (Sekundärverantwor‐ tung) unterminiert. Täuscht sich jemand über seine objektive Lage, die ihm faktisch das Helfen verwehrt, machen wir, die als Zuschauer um diese Handlungsbeschränkung wissen, ihn zwar nicht direkt dafür ver‐ antwortlich, dass er nicht geholfen hat, aber doch dafür, dass er es nicht wenigstens versucht hat. Im Rahmen der Experimentalanord‐ nungen, so Nida-Rümelin, schrumpft diese Unterscheidung auf die Al‐ ternative zusammen, „unterschiedliche Bereitschaftspotenziale im Ge‐ hirn auszubilden.“ (ebd., 101). Würde Blake seine Probanden unver‐ hohlen zu Marionetten degradieren, wäre die Frage der Handlungsfrei‐ heit gleich beantwortet. Um seiner eigenen Beweisführung willen muss Blake für das kontrafaktische Szenario also eine gewisse Steuerungslü‐ cke einräumen. Damit stellt sich ihm jedoch die Frage, an welchem Punkt er intervenieren soll. Greift er ein, nachdem der Proband sich entschieden hat, gab es für diesen offensichtlich eine Handlungsopti‐ on. Interveniert er hingegen, bevor dieser seine Entscheidung trifft, dann greift er in das Abwägen selbst ein. In diesem Fall kann kaum von verantwortlichem Handeln die Rede sein. Interveniert Blake, nachdem die Entscheidung fiel, kann sein Proband also nur nicht tun, was er tun will. Vermag er hingegen sogar den Entscheidungsfindungs‐ prozess vorauszusehen, dann kann sein Proband also nicht einmal im Sinne Frankfurts sein Wollen wollen. Das aufleuchtende Freiheitsmo‐ ment (Indikation) von dem im Zusammenhang mit Pauen die Rede war, wäre demnach durchaus aussagekräftig (vgl. ebd., 102 f.). „Ich ha‐ be es Dir doch versprochen“. Das ist es, was Ihnen Ihr Nachbar dem‐ nach im Krankenhaus hätte antworten sollen. 2.3 Überzeugungen und Wünsche 83

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References

Zusammenfassung

Wie gelingt das Leben unter spätmodernen Bedingungen? Und, was lässt sich vonseiten der neueren Philosophie dazu sagen? Stephan Snyder setzt sich in seiner philosophischen Diskussion der Forderung nach individueller Selbstbestimmung mit Neuakzentuierungen der Autonomieethik auseinander und arbeitet die inner- wie außertheoretischen Gründe heraus, welche diese Neuakzentuierungen stützen. Seine Überlegungen drehen sich insbesondere um die Begriffe ‚Selbstsein‘ und ‚Verantwortung‘ und um die ethischen, politischen, moralischen und ästhetischen Spannungen, die sich aus ihrem Verhältnis ergeben. Snyders Bezugspunkte sind vornehmlich Immanuel Kant und die Philosophie des Deutschen Idealismus. Kant wird von Snyder aber nicht nur kritisiert, sondern auch gegen seine (neukantischen) Befürworter verteidigt, die seine Ethik auf eine Prinzipienethik zu reduzieren suchen. Die Studie mündet in Überlegungen, welche die Autonomieethik ins Zentrum persönlicher Bildungsprozesse rückt, die auf die Vertiefung von Möglichkeiten des (responsiven) Angesprochenwerdens zielen. Dabei stützt sich der Autor insbesondere auf die philosophischen Analysen Dieter Henrichs und Gerhard Gamms. Gegenüber dem begriffsanalytischen Mainstream bringen diese beide Autoren zur Geltung, dass sich die Fragen der Verfasstheit der menschlichen Subjektivität und der Verbindlichkeit der Moral nur im Zusammenhang mit der Frage nach der (angemessenen) Form der philosophischen Selbstverständigung ausreichend beantworten lassen.