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Kapitel IV in:

Steffen Henke

Fließendes Geld für eine gerechtere Welt, page 313 - 436

Warum wir ein alternatives Geldsystem brauchen, wie es funktioniert und welche Auswirkungen es hat

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4023-2, ISBN online: 978-3-8288-6783-3, https://doi.org/10.5771/9783828867833-313

Tectum, Baden-Baden
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Kapitel IV 1. Aufgaben vor der Einführung des Fließenden Geldes Die erste wesentliche Frage, die in diesem Zusammenhang beantwortet werden muss, ist, wie eine Realisierung von Fließendem Geld geschehen kann. Gegenwärtig bestehen gewaltige Ungleichgewichte, wie es sie in der Geschichte noch nie gegeben hat. Da die langfristigen Zinsen von den Zentralbanken stark nach unten gedrückt wurden, sind schon jetzt immer weniger Einleger bereit, Anlagen mit längerfristigen Laufzeiten zu zeichnen. Das Volumen von täglich verfügbaren Einlagen (E1) bei Banken hat sich deshalb in den vergangenen Jahren krisenbedingt massiv erhöht. Ein großer Teil der täglich verfügbaren Einlagen bildete sich in den letzten Jahren demnach nicht durch Kreditvergabe, sondern aus Anlagen mit vereinbarten Laufzeiten (zum Beispiel: M3 minus M1), die ausliefen und nicht erneut angelegt wurden (siehe Kapitel I.5: „Die Geldmengenaggregate“). Kapitel IV 314 Abbildung 34: Entwicklung G0, E1 und M3–M1 von 01/2006 bis 01/2017654 654 Eigene Grafik, Zahlenmaterial: Europäische Zentralbank: „Monetäre Entwicklungen in der Eurozone“, http://www.ecb.europa.eu/press/pr/stats/md/html/ index.en.html (zuletzt abgerufen am 19.03.2017) 315 In Abbildung 34 ist nicht erfasst, dass Investoren vor Jahren beispielsweise auch Anleihen mit sehr langen Laufzeiten (in M3 nicht enthalten) kauften und nach Ablauf dieser Papiere der entsprechende Gegenwert nun täglich verfügbar ebenfalls auf den Konten der jeweiligen Anleger gutgeschrieben wurde. Im März 2015 startete die EZB ein voluminöses Anleiheankaufprogramm. Seitdem hat die Zentralbank in Verbindung mit den angeschlossenen nationalen Notenbanken (NNBen) allein über das Public sector purchase programme (PSPP) Wertpapiere im Wert von ca. 1.774 Milliarden Euro655 gekauft. Große Teile des darüber neu geschaffenen Zentralbankgeldes befinden sich jedoch in Form von Überschussreserven auf den Konten der Geschäftsbanken bei den NNBen und dies, obwohl der Einlagesatz der EZB für solche Aggregate am 16.03.2016 auf minus 0,4 Prozent gesenkt wurde. Abbildung 35: Entwicklung von Mindestreserven und Überschussreserven von 2013 bis 12.09.2017656 Mit der Einführung einer Gebühr auf Geld657 als konstruktive Umlaufsicherung anstelle von Zins und Inflation wären auch die Überschuss- 655 Stand: 13.10.2017, Europäische Zentralbank: „Offenmarktoperationen“, https://www.ecb.europa.eu/mopo/implement/omo/html/index.en.html (abgerufen am 17.10.2017) 656 Europäische Zentralbank, Statistical Data Warehouse: „Mindest- und Überschussreserven“, http://sdw.ecb.europa.eu/reports.do?node=10000027 (abgerufen am 17.10.2017) 657 im englischen Sprachraum auch oft als „Demurrage“ bezeichnet Ende Erfüllungsperiode (Maintenance period ending on) Mindestreserven* (Required reserve) Überschussreserven* (Excess reserve) Reserven insgsamt* (Credit institutions' current accounts) 2013 103,3 116,9 220,2 2014 106,5 79,0 185,4 2015 113,1 380,8 493,8 2016 117,4 706,5 823,9 12. September 2017 122,1 1.120,4 1.242,7 * in Milliarden Euro Kapitel IV 316 reserven der Banken von diesen Kosten betroffen. Des Weiteren würden den Einlegern als Folge ebenfalls Kosten in wirksamer Höhe auf täglich fällige Einlagen von den Geschäftsbanken berechnet werden. Dies würde dazu führen, dass sich Halter jener Guthaben wieder motiviert fühlten, mittel- und langfristige Laufzeiten einzugehen. Jedoch läge der Nutzen des Investors, solche Anlagen zu wählen, in der Ersparnis der sonst anfallenden Kosten, nicht im Erzielen eines Zinses größer null Prozent. Da damit gerade den überdurchschnittlich Wohlhabenden die Möglichkeit genommen wäre, leistungslos Zinseinnahmen zu generieren, würden sie noch stärker als heute auf die Suche nach alternativen, leistungslosen Einnahmen gehen. Deshalb bestünde hier vor der Installation von Fließendem Geld umfangreicher Handlungsbedarf. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Bevölkerung die Einführung des Fließenden Geldes fordert, bevor noch viel massivere Erschütterungen an den Finanzmärkten zu spüren sind, geht gegen null. Wir Menschen sind nicht gerade Meister der Veränderung. Oft bewegen uns nur emotional intensive Erfahrungen, Neues zuzulassen. Nur welche Art von Erlebnissen müssen wir noch ertragen, damit wir bereit sind, in vielen Bereichen alternative Wege zu gehen? Auch, wenn wir alle auf die bevorstehenden Erschütterungen gern verzichten würden, kann man sie dennoch als Chance sehen. Fabian Scheidler formuliert: „So wünschenswert eine sanfte, kontrollierte Transformation vom gegenwärtigen räuberischen System zu einer gemeinwohlorientierten Wirtschaft auch sein mag, so ist sie wenig realistisch. Wenn es aber zu massiven wirtschaftlichen Einbrüchen, Großpleiten mit erheblichen Arbeitsplatzverlusten und politischen Turbulenzen kommt, hängt alles davon ab, wie die Menschen in der Lage sind, sich zu organisieren, welche Auseinandersetzungen und Diskussionen sie in den Jahren zuvor geführt, welche Visionen sie entwickelt haben.“658 658 Scheidler, Fabian: „Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation“, Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien, 2015, S. 218 f. 317 Und Hans-Joachim Maaz meint: „Nicht die Vernunft, das Wissen oder gar die Einsicht in die Notwendigkeit lassen uns umsteuern, sondern die nackte Bedrohung des Überlebens.“659 Brodbeck schreibt: „Krisen waren stets Zeiten der Neubesinnung, unerlässliche Voraussetzung für Reformen.“660 Sie werden jedoch bedauerlicherweise viel zusätzliches Leid mit sich bringen; die Not ist schon mitten in Europa angekommen. So besitzen ca. drei Millionen Griechen laut der Organisation „Ärzte der Welt“661 keine Krankenversicherung. Da es sich um ein weltweites Problem im Geldsystem handelt, sieht es außerhalb von Europa nicht besser aus. Auch das Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten ist vom krisenbedingten Sog längst erfasst. In den USA waren Ende 2016 über 43 Millionen Menschen von Lebensmittelmarken, sogenannten Food Stamps, abhängig – ohne Berücksichtigung der Dunkelziffer der von extremer Armut betroffenen US-Amerikaner. 659 Maaz, Hans-Joachim: „Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm“, Verlag C.H. Beck oHG, München 2012, unveränderte Taschenbuchausgabe 2014, S. 64 660 Brodbeck Karl-Heinz und Graupe Silja: „Geld! Welches Geld? Geld als Denkform“, Metropolis-Verlag, Marburg, 2016, S. 337 661 vgl. DiePresse.com: „Drei Millionen Griechen ohne Krankenversicherung“, 10.12.2013 Kapitel I 318 Abbildung 36: USA: Anzahl der Lebensmittelmarkenbezieher in Millionen „Der Anstieg der Lebensmittelmarken-Bezieher auf Monatsbasis seit Juli 1968 bis November 2016 im Chart. 43,193205 Millionen US-Bürger bezogen im November 2016 die moderne Version der Food Stamps, Lebensmittel per Kreditkarte (General Electronic Benefit Transfer (EBT)) für durchschnittliche 124,13 Dollar pro Person im Monat [2014; Anm. S. H.], auf Basis des staatlichen Supplemental Nutrition Assistance Program (SNAP). […] im Juni 2014 betrugen die Kosten für das SNAP-Programm, ohne den Verwaltungsaufwand 5,772 Mrd. Dollar. Im Gesamtjahr 2013 kumulierten sich die direkten Kosten der staatlichen Armutsversorgung auf 74,962 Mrd.“662 Ein Beispiel, wie Störungen Veränderung auslösen: Ich hielt unter anderem verschiedene Vorträge bei ärztlich geprüften Gesundheitsberaterinnen und -beratern GGB663. Sie hatten ihre Ausbildung bei der 662 Querschüsse, Fakten. Daten. Analysen, Steffen Bogs Berlin: “USA: 46,496 Millionen Bezieher von Food Stamps”, 07.09.2014, aktualisierte Datenreihe, http://www.querschuesse.de/usa-46496-millionen-bezieher-von-food-stamps/ (abgerufen am 22.08.2016), von Steffen Bogs zur Verfügung gestellt 663 Gesellschaft für Gesundheitsberatung GGB e. V. 319 von Dr. med. Max-Otto Bruker 1978 gegründeten Gesellschaft für Gesundheitsberatung e. V. erhalten. Bisher absolvierten dort erfolgreich schon über 5.000 Menschen ihre Ausbildung.664 Der hier stark verkürzte Kernansatz für die empfohlene Ernährungsform mit vitalstoffreicher Vollwertkost lautet: Alle Fabrikzuckerarten, Auszugsmehle und Industriefette meiden. Dafür täglich ein Frischkorngericht, Vollkornprodukte und Frischkost essen, sowie naturbelassene Fette verwenden. Wir, damit meine ich meine Familie, orientieren uns an dieser Ernährungsweise und können nur Positives berichten. In persönlichen Gesprächen mit diesen sehr engagierten Menschen der oben genannten Gesundheitsberatungsgesellschaft nahm ich häufig wahr, dass Aktive zum Teil selbst einmal krank waren und sich deshalb auf die Suche nach alternativen Lösungen ihrer gesundheitlichen Probleme gemacht hatten. Sie berichteten, dass sie im Zusammenhang mit ihrer Ausbildung und Ernährungsumstellung wieder gesund wurden bzw. konnten sie den Fortgang ihrer ernährungsbedingten Zivilisationskrankheiten aufhalten oder ihre Beschwerden lindern. Können wir hieraus brauchbare Schlussfolgerungen ziehen? Helfen uns demnach Störungen, im oben beschriebenen Fall gesundheitliche, um zu neuen Wegen zu finden? Gehen wir erst ernsthaft und in erforderlichem Maße auf die Suche nach Antworten, wenn die Fragen groß und rot auf einer fiktiven Leinwand vor unserem inneren Auge bildhaft erscheinen? Eine solche Intensität bei unserer Wahrnehmung stellt jedoch noch keinen Garant für die Bereitschaft zur Veränderung dar. Eine gute Freundin von mir arbeitete früher als Gefäßchirurgin. Unter anderem wurden auf ihrer Station auch Patienten mit Gefäßverschlüssen nach langfristigem und sehr ausgeprägtem Zigarettengenuss behandelt. So erlebte sie des Öfteren, dass sich frisch Operierte, nachdem man ihnen ein Bein amputieren musste, mit Krücken ins Freie schleppten, um trotz des dramatischen Gesundheitszustands ihrem Verlangen nachzugeben. 664 Gesellschaft für Gesundheitsberatung GGB e. V. Lahnstein: „Ausbildung“, https://gesundheitsberater.de/gesundheitsberaterin-ggb/ (abgerufen am 18.05.2017) Kapitel IV 320 Es existieren offensichtlich Parallelen zu Vorgängen wie dem verzinslichen Anlegen von Geld, die stattfinden, soweit man zurückdenken kann. Auch diese werden anscheinend erst dann ausreichend intensiv hinterfragt, wenn sich die bestehenden extremen Ungleichgewichte versuchen geräuschvoll abzutragen. Bis dahin sind hoffentlich eine Menge an friedlichen und nützlichen Impulsen im Sinne des Fließenden Geldes erfolgt, damit der notwendige Erkenntnisprozess soweit wie möglich fortgeschritten ist und zum erforderlichen Zeitpunkt viele Informationsträgerinnen und -träger vorhanden sind. Doch welche Optionen bestehen, damit die aufgebauten Potentiale kontrolliert abgeschmolzen werden können? Man könnte größere Teile der Vermögen mit einer Steuer belegen. Nur müsste ein solcher Schritt in den Ebenen beschlossen werden, die davon betroffen wären, nämlich den Eliten, die gerade solche exorbitanten Vermögen angesammelt haben und von denselben massiv profitieren. Dass sich jedoch Entscheidungsträger im wirksamen Umfang selbst beschneiden, ist eher nicht zu erwarten. Da helfen auch keine Studien, die belegen, dass Reichtum nicht zu mehr Lebensglück führt, wenn die grundlegenden Bedürfnisse befriedigt sind.665 Der Ökonom Angus Deaton und der Psychologe Daniel Kahnemann zeigten auf, dass die Lebenszufriedenheit umso größer sei, je höher das Einkommen wäre.666 Holger Grethe schreibt weiter über das Ergebnis der eben genannten Studie: „Das emotionale Wohlbefinden (Glückgefühl) steigt […] mit höherem Einkommen, stagniert aber oberhalb eines Bruttojahreseinkommens von etwa 75.000 $ (ca. 60.000 €). [Hervorhebungen getilgt]“667 Auch wäre eine am Freitagabend für das direkt bevorstehende Wochenende angekündigte Währungsreform funktional, um Guthaben und Schulden abzuschmelzen. Die Bekanntgabe müsste nach Bankenund Börsenschluss erfolgen, da die Information sonst extreme Han- 665 Zum Beispiel meinte dies 1974 der Ökonom Richard Easterlin, man spricht deshalb auch vom Easterlin-Paradox. 666 vgl. Grethe, Holger: „Geld macht nicht glücklich – oder doch?“, 13.07.2013 667 ebd. 321 delsaktivitäten auslösen würde. Eine Vielzahl an Haltern von Anleihen würde versuchen, sich von diesen Papieren noch schnell zu trennen. Dies würde die Wertpapiermärkte sofort zusammenstürzen lassen. Vergleichbare Situationen gab es bereits seit Ausbruch der letzten gro- ßen Finanzkrise 2007. Ein Fall wird bei Admati und Hellwig beschrieben: Hierbei handelte es sich um Papiere aus dem Segment der Derivate, den Versicherungen gegen Kreditausfälle. Inakzeptabel ist, wenn solche Versicherungen von Spekulanten gekauft werden, die den zugehörigen Kredit selbst gar nicht in den Büchern stehen haben: „Kreditausfallversicherungen wurden von Versicherungsgesellschaften verkauft, vor allem von den US-Giganten American International Group (AIG), […]. AIG verkaufte Credit Default Swaps mit einem Gesamtwert von rund 500 Milliarden Dollar an verschiedene Finanzinstitutionen. Als sich die Kreditausfälle im Jahr 2008 häuften, kam es zu Zweifeln an der Solvenz von AIG und in den Turbulenzen jenes Septembers konnte AIG seine Finanzierung nicht mehr erneuern. Da praktisch alle großen Finanzinstitute der Welt Kreditausfallversicherungen von AIG gekauft hatten, hätte ein Bankrott dieses Unternehmens einen weltweiten Flächenbrand auslösen können. […]. Daher beschlossen die US-Regierung und die amerikanische Notenbank, AIG zu retten. Dabei sorgten sie dafür, dass die Finanzinstitutionen, die von AIG Kreditausfallversicherungen gekauft hatten, in vollem Umfang von AIG ausbezahlt wurden.“668 Die Politik hat demnach Steuergeld in Milliardenhöhe eingesetzt, um Spekulanten abzufinden, damit systemrelevante Wertpapieremittenten nicht in die Insolvenz rutschen, weil man Angst vor den dann eintretenden Folgen hatte. Die Sorge vor einer Pleite einer systemrelevanten Bank wird noch erhöht, weil solche Institute meist aus einem ganzen Netzwerk an Unternehmen bestehen. So soll Lehmann Brothers 2006 mit Mehrheitsbeteiligung 433 Tochtergesellschaften besessen haben. 668 Admati, Anat / Hellwig, Martin: „Des Bankers neue Kleider. Was bei Banken wirklich schiefläuft und was sich ändern muss“, FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH, 2. Auflage 2014, S. 117 f. Kapitel I 322 Bei Citigroup läge die Zahl der in ihrem Besitz befindlichen Tochtergesellschaften bei über 2.500.669 Vermögende würden sich bei weit im Voraus angekündigter Währungsreform befleißigen, noch schnell in verschiedene Sachwerte zu flüchten, um dem Verlust durch Währungsumstellung zumindest teilweise zu entkommen. Die Währungsreform von 1948 vollzogen die Westalliierten in Deutschland in den drei westlichen Besatzungszonen in oben angedeuteter Weise. Sie wurde am Freitag, den 18.06.48 über Aushänge und Medien bekanntgegeben und zum 20.06.48 realisiert. Ab dem 21.06.48 war die Deutsche Mark neues und alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel. Die Bevölkerung, die öffentliche Hand und die Unternehmen erhielten eine Erstausstattung an Bargeld. Es stellt sich die Frage, ob man in der gegenwärtigen Zeit ein solches Verfahren bis zur Ankündigung ausreichend geheim halten könnte. Damals betraf es nur Deutschland, in diesen Tagen berührt es deutlich größere Währungsräume, man denke nur an die Eurozone mit aktuell 19 Ländern, die den Euro als gesetzliches Zahlungsmittel verwenden. Des Weiteren ist die Welt heute gerade auch wegen neuer technischer Möglichkeiten unvergleichbar stärker vernetzt, Nachrichten können sich heutzutage in Höchstgeschwindigkeit verbreiten. Das war in den 1940er Jahren unmöglich. Darüber hinaus wären von einer solchen Währungsumstellung wieder gerade diejenigen betroffen, die sie in die Wege leiten müssten. Insofern wird diese Variante hier der Vollständigkeit halber genannt. Dass es tatsächlich so kommen wird, kann eher ausgeschlossen werden. Aktuell versucht man mit allen erdenklichen Mitteln, das aus oben genannten Gründen zum Scheitern verurteilte System am Laufen zu halten. Verträge werden missachtet: So haben die Vereinbarungen von Maastricht (beispielsweise: maximale Staatsverschuldung von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, höchstmögliches Defizit von drei Prozent vom BIP) schon lange keine Bedeutung mehr. Wenn sie sie überhaupt je hatten. Deutschland hat es lediglich 2001 geschafft, die Grenze von 60 Prozent maximal zulässiger Gesamtverschuldung, bezogen auf das BIP, einzuhalten. In allen folgenden Jahren wurde das Ziel nicht erreicht. Von 19 Staaten, die der Eurozone angehören und den Euro demnach als gesetzliches Zahlungsmittel verwenden, lagen 669 vgl. ebd. S. 395 323 13 Länder zum 31.12.2014 oberhalb der 60-Prozent-Marke. Sechs Staaten670 reißen sogar die Messlatte, wenn man sie auf 100 Prozent Gesamtverschuldung legt. Lediglich Luxemburg, Schweden und Estland haben von 2002 bis heute beide oben genannte Referenzwerte eingehalten. Drei von 19 Ländern, das sind definitiv zu wenig. Für Geschäftsbanken und Versicherer wurden die Bilanzierungsregeln671 geändert. Ohne diese Maßnahmen müssten die betroffenen Institute mehr Eigenkapital vorhalten. Könnten sie das nicht, wären sie insolvent. So erlaubt man diesen Unternehmen, dass sie Wertpapiere aus sogenannten marktnahen Beständen in marktferne Kategorien transferieren dürfen. Damit muss bilanziell nicht mehr der niedrige Zeitwert672 angesetzt, sondern es kann mit den fortgeführten Anschaffungskosten gearbeitet werden. Nur wenn eine dauerhafte Wertminderung des Vermögenswertes festgestellt wird, muss eine Abschreibung erfolgen. Neben einem möglichen spontanen Geldsystemausfall über Nacht, weil Dinge in Bewegung kommen, deren Wirkungen man selbst mit den außergewöhnlichsten Interventionen von Staaten und Notenbanken nicht mehr Herr werden kann, sind extreme Inflationen wahrscheinlich. Es wird sich zeigen, ob Teile der krisenbedingt zusätzlich ausgegebenen Zentralbankgeldmengen673 nachfragewirksam in die Realwirtschaft finden. Geschieht dies, lässt sich ein Ansteigen des durchschnittlichen Preisgefüges von Waren und Dienstleistungen nicht verhindern. In einem gewissen Rahmen ist dies sogar erwünscht. Inflation als weitere destruktive Geldumlaufsicherung soll gegenwärtig die Wirtschaftswachstumsraten nach oben heben, da über jene Methode versucht wird, den Fehler im Geldsystem zu kompensieren. Schon wegen der Begrenztheit von Ressourcen kann dies auf Dauer 670 Belgien, Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Zypern 671 Krisenbedingte Änderungen des IAS 39 (International Accounting Standard 39) – regelt den Ansatz und die Bewertung von zum Beispiel finanziellen Vermögenswerten in Bilanzen 672 Zeitwert nach dem Marktwertprinzip: Marktwert eines finanziellen Vermögenswertes zu einem bestimmten Stichtag 673 Alle führenden Zentralbanken der Welt (EZB, FED, BoJ, usw.) kauften und kaufen massiv Anleihen am Sekundärmarkt an und steigerten damit extrem die ausgegebene Zentralbankgeldmenge. Kapitel IV 324 nicht gelingen. Darüber hinaus würden sich die bereits herausgebildeten, krassen Ungleichgewichte weiter verschärfen, die die Feindseligkeiten in der Bevölkerung zusätzlich anheizen. Eines ist gewiss: Am Ende einer Inflationsorgie steht ebenfalls eine Währungsreform; geldnahe Anlagen sind dann zum großen Teil vernichtet. Im schlimmsten Fall wird über zusätzliche Kriege Sachkapital zerstört. Wenn es demnach höchst unwahrscheinlich ist, dass Vermögen und Schulden über steuerliche Mittel reduziert werden und eine Währungsreform „über Nacht“ unrealistisch ist. Wenn vielleicht über extreme Inflationsraten Guthaben vernichtet werden und in Folge solcher Ereignisse eine Währungsreform erzwungen wird, was können wir daraus schlussfolgern? Eine relevante Diskussion über Fließendes Geld wird mit höchster Wahrscheinlichkeit erst dann entstehen, wenn sich unkontrolliert über beispielsweise Geldsystemausfall oder kontrolliert über Währungsreform – zum Beispiel nach sehr hohen Inflationsraten – große Teile der weltweit existierenden verzinslichen Ansprüche in Luft aufgelöst haben. Unterstellen wir, dass uns die hier angenommenen gesellschaftlichen starken Erschütterungen helfen, zu besseren Wegen zu finden, was wäre dennoch in jedem Fall zu tun? Im Folgenden sollen die beiden, neben dem Anleihemarkt voluminösesten, Anlageklassen, ohne Beachtung des Derivatemarktes, betrachtet werden: − Immobilien674 und − börsennotierte Aktien und Aktienfonds. 1.a Immobilien Mit Einführung des Fließenden Geldes kann man über Zinsen keine nennenswerten leistungslosen Einkünfte über verzinsliche Wertpapiere mehr erzielen. Deshalb werden Eigentümer von finanziellen Mitteln – die sie selbst zum betreffenden Zeitpunkt nicht verkonsumieren wollen – nach anderen Möglichkeiten Ausschau halten, um über alternative Anlagen Einnahmen zu generieren. Insofern wird das Interesse an Immobilien massiv steigen. Das Ziel des Investors wäre das Erhal- 674 mit Immobilien ist hier ein „unbewegliches Sachgut“ gemeint, hierzu zählt ein Bauwerk, z. B. Wohnhaus oder Gewerbeimmobilie, wie auch ein Grundstück oder Land im Allgemeinen, z. B. Bauland, Ackerland oder ein Wald 325 ten einer möglichst hohen Kaltmiete. Nicht ohne Grund wird die Miete auch Mietzins genannt, den Immobilieneigentümer als Gegenleistung bekommen, wenn sie eine Immobilie zum Gebrauch einem Mieter überlassen. Die erhöhte Nachfrage nach Immobilien würde die Preise deutlich nach oben schieben. Das sieht auch Gartz so, er geht sogar davon aus, dass Grundbesitz noch stärker zum Spekulationsobjekt würde, als es aktuell bereits der Fall ist.675 Letztendlich geschieht es auf Grund der niedrigen Zinsen schon längst. Bei Immobilien mit beachtlichen Renditen durch hohe Mieteinnahmen im Verhältnis zum Kaufpreis spricht man auch von Zinshäusern. In einer Ausgabe der Zeitschrift Cash ist zu lesen: „Zinshäuser gehören zu den gefragtesten Investments bei institutionellen Investoren und Privatkäufern. Manche Märkte sind jedoch regelrecht leergefegt.“676 Vor Einführung des Fließenden Geldes ist deshalb, wie weiter unten beschrieben, Handlungsbedarf angesagt. Die nach Abzug von Kosten und Instandhaltungsrücklagen verbleibende Kaltmietenanteile können vom Immobilieneigentümer verwendet werden, um weitere Immobilien zu erwerben. Würde man nun die Entwicklung des Immobilienvermögens über eine Grafik darstellen, wäre ebenfalls eine Exponentialfunktion zu erkennen. Mit der Zeit befänden sich ganze Städte in wenigen Händen. Und gehört einem Menschen erst einmal eine Stadt, fällt es ihm nicht schwer, über den empfangenen Mietzins bald eine zweite, vierte, achte, usw. in sein Eigentum zu bringen. Alle Leserinnen und Leser, die die Wirkung exponentieller Wachstumsprozesse verinnerlicht haben, können sich jetzt leicht ausmalen, welche zusätzliche Umverteilungsdynamik über den Mietzins ausgelöst wird. Natürlich liefen in der Vergangenheit und laufen gegenwärtig solche Mechanismen ab. Mit Umstellung auf Flie- ßendes Geld würden diese allerdings weiter verstärkt. Eine Variante, um derart Demokratie gefährdende Wirkungen auszuschalten, wäre eine progressive Grundsteuer zu installieren. Dabei 675 vgl. Gartz, Ludwig: „Fließendes Geld. Die Geburt des Goldenen Zeitalters“, Aragorn Verlag, Sankt Augustin, 2008, 1. Auflage, S. 111 676 Cash, Ausgabe Nr. 3, März 2017, 35. Jahrgang: „Nadel im Heuhaufen“, Cash.Print GmbH, Hamburg, ein Unternehmen der Cash.Medien AG, S. 70 Kapitel IV 326 sollten Eigentümer von selbstgenutzten Immobilien in angemessener Beschaffenheit vollständig von einer Grundsteuer befreit werden. Letztendlich führt eine solche Grundsteuer zu einem gewissen Freiheitsverlust. In einer Lebenssituation, in der finanzielle Mittel kaum ausreichen, um elementare Grundbedürfnisse zu decken, ergibt sich aktuell zusätzlich die Angst, sein zu Hause zu verlieren, wenn die Grundsteuer nicht aufgebracht werden kann. Sicher hat man auch als Immobilieneigentümer Anspruch auf soziale Leistungen in schwierigen Lebenslagen, so dass eine Zahlung der Grundsteuer über solche Zuwendungen gegebenenfalls sichergestellt ist. Dennoch ist das Absenken der Grundsteuer für selbstgenutzte Immobilien in geeigneter Größe auf null Euro zu empfehlen. Die Frage der Angemessenheit könnte nach dem von Felber beschriebenen Prinzip über Konvente erörtert werden. Anders kann es sich mit Immobilien verhalten, bei denen eine Vermietung erfolgt. Im Verhältnis zur vereinnahmten Miete sollte die Grundsteuer steigen und zwar derart, dass sich das Kaufen von Immobilien ab einem gewissen Bestand nicht mehr lohnt. Ein solches steuerliches Abgreifen des Mietzinses führte dazu, dass ein Anleger mit geringem oder keinem Immobilienbestand bessergestellt wäre als ein Investor mit bereits umfangreichem Immobilienvermögen. Allein jener Effekt wirkte extremen Konzentrationen entgegen. Der Familienvater, der gern eine Eigentumswohnung für das eigene Kind am Studienort erwerben will, wäre immer noch steuerlich entlastet, wenn es sich um seine Zweitimmobilie handeln würde. Dies trüge auch dazu bei, dass er leichter eine gegebenenfalls gewünschte Finanzierung zu besseren Konditionen erhielte, da wegen der geringeren steuerlichen Belastung Risiken niedriger ausfallen und solche Faktoren bei der Zinssatzhöhe banktechnisch eine Rolle spielen. Kreiß formuliert ähnliche Ansätze. Er ist der Meinung, das Immobilien- und Bodenbesitz, der nicht selbstgenutzt wird und der lediglich zur Erzielung von Nicht- Arbeits- bzw. Renteneinkommen dient, besteuert werden und selbstgenutzter Wohnraum sowie selbst bearbeiteter Boden, steuerfrei bleiben solle.677 677 vgl. Kreiß, Christian: Profitwahn. Warum sich eine menschengerechtere Wirtschaft lohnt“, Tectum Verlag Marburg, 2013, S. 149 327 Für viele Freunde des Fließenden Geldes ist eine progressive Grundsteuer deutlich zu kurz gesprungen. Nicht ohne Grund forderte Silvio Gesell eine Geld- und Bodenreform. Organisationen der Geldreformszene, die sich für eine konstruktive Geldumlaufsicherung einsetzen, fordern deshalb wie Gesell auch eine Bodenreform in einer ganz anderen Dimension. Geldreformer, die sich zeitgleich zu wenig für eine Bodenreform einbringen, werden deshalb oft aus diesen Reihen kritisiert. Grundsätzlich ist deren Kritik berechtigt, wenn man die umverteilende Wirkung des Mietzinses und die sich hieraus bildenden extremen Kapitalkonzentrationen untersucht. Kriminelle Auswüchse gibt es beim weltweit stattfindenden Land Grabbing. Mit Bestechung, Betrug und Diebstahl eignen sich Investoren große landwirtschaftliche Flächen an. Regierungen sind zum Teil regelrecht gezwungen, Land zu verkaufen, um an erforderliche Devisen zu kommen. Mit diesen Mitteln versuchen sie dann, beispielsweise die erdrückende Schuldenlast in den Griff zu bekommen. Mit welchen üblen Methoden Staaten überhaupt erst in die extreme Verschuldung gelangt sind, wird an anderer Stelle dieses Buches beschrieben. Oft werden in jenen Gebieten arbeitende Kleinbauern seit Generationen ihrer Lebensgrundlage beraubt. Menschen, die sich hier für mehr Gerechtigkeit engagiert einsetzen, sind vielleicht an dieser Stelle enttäuscht, da das Thema nur angeschnitten und die stattfindende himmelschreiende Ungerechtigkeit nicht gebührend verdeutlicht wird. Wollte man jedoch sämtliche Inhalte zum Boden seriös aufbereiten, wäre ein Werk gleichen Umfangs wie das vorliegende erforderlich. Und es gibt auch hierzu bereits wertvolle Literatur. Handlungsbedarf besteht beim Land Grabbing in jedem Fall, auch ganz unabhängig von der Diskussion über das Geldsystem. Bei Rohstoffen wie auch bei Grund und Boden stehen weitere grundsätzliche Fragen im Raum. Unter anderem sind diese Güter nur begrenzt verfügbar und von Natur aus vorhanden. Generell ist der Ansatz plausibel, dass jene Ressourcen allen Menschen gehören. Nun kann man diskutiert, ob Bürger aus dieser Betrachtung heraus überhaupt Eigentümer eines Grundstücks werden können oder ob es schlüssiger wäre, die Verwendung von Grund und Boden über ein Nutzungsrecht zu regeln. Diejenigen, denen das Nutzungsrecht zugesprochen wird, können gegebenenfalls zeitlich befristet über den Boden verfügen. Wenn nun der Nutzer ein Wohnhaus auf diesem Kapitel IV 328 Stück Land errichtet, dann ist er Eigentümer des Domizils und Verwerter des Grundstücks. Erfahrungsgemäß werden die Nutzungsansprüche durch das Setzen eines Zaunes sichtbar gemacht. Im Zuge dessen wird die Gemeinschaft von der Nutzung des eingezäunten Bereichs ausgeschlossen. Deshalb zahlt der Nutzer an die Gemeinde eine Nutzungsgebühr, die allen Ansässigen zu Gute kommt. Damit wird der Nachteil der Gemeinschaft, über das betreffende Grundstück nicht mehr verfügen zu können, finanziell ausgeglichen. Man kann eine solche Vorgehensweise mit den in der Gegenwart geschlossenen Erbbaupachtverträgen678 vergleichen, allerdings wäre der Grundstückseigentümer dann die zuständige Gemeinde. Auch ließe sich mit diesem Verfahren besser steuern, wie das vergebene Land genutzt wird. Heute kann ein Eigentümer aus Spekulationsgründen eine Agrarfläche kaufen und den Acker dann unbestellt verwildern lassen, obwohl die Menschen die Früchte einer Bewirtschaftung dringend benötigen. Auch könnte wirksamer Einfluss darauf genommen werden, dass Grund und Boden durch schädliche Bewirtschaftung – zum Beispiel durch exzessiven Einsatz von Pestiziden oder Überdüngung mit gesundheitsgefährlichen chemischen Substanzen – nicht zerstört wird. Niessen kommt zu ähnlichen Feststellungen: „Heute gibt es fast keinen Flecken Erde mehr, der nicht irgendjemandem gehört. Das ist natürlich zum großen Nachteil derer, die im Wettlauf um die Besitznahme der Natur leer ausgingen. […] Um dennoch überleben zu können, müssen sie hoffen, dass andere ihnen einen Arbeits-Platz anbieten. [Hervorhebung im Original]“679 Die Ausführungen über eine prinzipielle Nutzungsgebühr, da Land der Verwendung der Gemeinschaft entzogen und jene dafür entschädigt wird, steht im Widerspruch zu oben genannten Forderungen, die 678 Ein Erbbaurecht berechtigt über die Nutzung eines Grundstückes gegen Zahlung eines Erbbauzinses. Das Recht wird ins Grundbuch eingetragen und ist veräußerlich, vererb- und belastbar. Die Regeln zwischen Grundstückseigentümer und Erbbauberechtigten werden im Erbbauvertrag vereinbart. 679 Niessen, Frank: „Entmachtet die Ökonomen! – Warum die Politik neue Berater braucht“, Tectum Verlag Marburg, 2016, S. 52 329 Grundsteuer für Einfamilienhauseigentümer abzuschaffen. Hier sollen beide Ansätze besprochen werden: In einem Konvent, bei dem diese zwei Varianten erörtert würden, käme sicher eine lebhafte Debatte zustande. Jedoch soll klar herausgestellt werden, dass das selbstgenutzte Einfamilienhaus mit vertretbarer Wohnfläche keine Gefahr für demokratische Strukturen darstellt. Die Blickrichtung sollte eher auf die illegitime Aneignung von Land durch Diebstahl im Sinne des Land Grabbings, auf die Bodenzerstörung durch Umweltgifte und auf die umverteilende Wirkung des Mietzinses gelenkt sein. Die Profiteure der aktuellen Strategien würden ideologisch besetzt bei Diskussion der zweiten oben beschriebenen Variante schnell lautstark über die zur Verfügung stehenden Mainstreammedien vor Kommunismus warnen, um Ängste zu schüren – obwohl nach einer Rückführung des Bodens in Gemeinschaftseigentum eine darauffolgend sinnvolle Vergabe an Nutzerinnen und Nutzer erfolgen würde. Sie ließen verlauten, dass solche Gedanken das im Grundgesetz geschützte Recht auf Eigentum680 angreife. Allerdings sollte man dabei nicht vergessen, dass im selben Artikel des Grundgesetzes steht: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“681 Wichtig ist, an dieser Stelle noch einmal auf die umverteilende Wirkung gerade auch im Immobilienbereich hinzuweisen. Typisch für vermietete Immobilien ist, dass jene zum großen Teil über Darlehen finanziert sind. Das hat unter anderem auch steuerliche Ursachen. Deshalb ist es charakteristisch, dass 60 bis 70 Prozent der vereinnahmten Kaltmiete vom Vermieter für Zinszahlungen eingesetzt werden. Wenn ein Mieter demnach eine Wohnung bewohnt, für die er beispielsweise 500 Euro Kaltmiete aufbringen muss, zahlt er, ohne dass er es merkt, statistisch monatlich über diesen Weg ca. 300 bis 350 Euro Schuldzinsen. Mit Einführung des Fließenden Geldes wird das Zinsniveau massiv nach unten abgesenkt. Die besseren Refinanzierungsmöglichkeiten werden die Mieten deshalb deutlich fallen lassen. Damit 680 Grundgesetz, § 14, Absatz 1: „Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt.“ 681 Grundgesetz, § 14, Absatz 2 Kapitel IV 330 werden alle Mieter spürbar entlastet! Ein nicht zu unterschätzender Vorteil des Fließenden Geldes. Nun kann man die Frage stellen, warum dies nicht bereits jetzt geschieht, wo doch die Zinssätze krisenbedingt in den vergangenen Jahren sichtbar gefallen sind, auch ausgelöst durch die Interventionen der Europäischen Zentralbank. Die Information, dass Ansprüche auf Geld langfristig nicht werthaltig sind, ist im Markt in gewissem Maße angekommen. Deshalb ist das Kaufinteresse an Immobilien gravierend gestiegen. Bei erhöhter Nachfrage und gleichbleibenden oder reduziertem Angebot steigen die Preise. Damit wird ein Teil der besseren Finanzierungskonditionen durch die angewachsenen Kosten beim Immobilienkauf kompensiert. Des Weiteren werden in Deutschland typischerweise längere Zinsbindungen vereinbart, so dass bei den Finanzierungen von Bestandsimmobilien teilweise noch die höheren Zinssätze der Vergangenheit gelten. Außerdem fehlt ein Mechanismus, der die Profitabilität nimmt, wenn die zehnte, zwanzigste oder drei- ßigste Immobilie erworben wird oder besser die Summe der Kaltmieten einen definierten Wert übersteigt. Wenn sich Eigentümer von Großvermögen, die sich wegen bestehender Systemfehler gebildet haben, auf die Suche nach Sachwerten begeben, ganze Straßenzüge aufkaufen, um sich vor zu erwartenden Anleiheausfällen zu schützen, kann das Ergebnis nicht freundlich aussehen. Fließendes Geld beendet teilweise den über den Mietzins stattfindenden Umverteilungsmechanismus. Nun kann eine vermietete Immobilie auch vollständig über Eigenkapital angeschafft werden. Hier würde eine progressive Grundsteuer oder die oben beschriebene Nutzungsgebühr, die auch bezüglich ihrer Höhe mit bereits vorhandenem Immobilienvermögen korrelieren kann, ansetzen. Bei schrittweisem Anheben solcher Steuern und Gebühren ließen sich sogar Fehlentwicklungen der Vergangenheit korrigieren, da sich Eigentümer großer Bestände dieser Anlageklasse von Objekten trennen werden, wenn es sich immer weniger lohnt. Die dadurch auf den Markt gelangenden Immobilien würden die Angebotsseite unterstützen und damit preissenkend wirken. Nur was passiert, wenn die durch Immobilienverkauf freigesetzten Mittel oder andere zukünftige Ersparnisse in den Aktienmarkt fließen? 331 1.b Aktien und Aktienfonds Wenn die Nachfrage nach Aktien und Aktienfonds bei unverändertem Angebot steigt, erhöhen sich ihre Kurse. Solche Preissprünge wird es als Wirkung der Einführung des Fließendes Geldes geben. Der monetäre Vorteil von Haltern dieser Werte ist ungerecht gegenüber Menschen, die solche Anlagenklassen bis zum Zeitpunkt der Änderung der Geldumlaufsicherung oder deren Bekanntwerden gemieden haben. Prinzipiell ist ein größeres Interesse am Sachkapital aus breiten Bevölkerungsschichten zu begrüßen, erst recht dann, wenn der Käufer von Aktien zugleich Mitarbeiter der betreffenden Aktiengesellschaft ist. Auf diese Weise kann eine zusätzliche Identifizierung mit dem Unternehmen erfolgen. Die an den Firmen beteiligten Angestellten nehmen an den Aktionärsversammlungen teil, bringen sich über gegebene Aktivitäten hinaus ein, da sie ein erweitertes Interesse daran besitzen, dass sich ihr eigener Betrieb positiv entwickelt. Auch wird eine solche Veränderung der Eigentümerstrukturen die Haltedauer von börsennotierten Aktien wieder erhöhen. Damit werden spekulativ bedingte Schwankungsbreiten reduziert. Vor der Installation von Fließendem Geld ist es somit in jedem Fall geboten, die Besteuerung von realisierten Kursgewinnen massiv anzuheben, ein zeitlich befristeter Steuersatz von 80 bis 90 Prozent ist hier gerechtfertigt. Dieser hohe Satz muss nach einer gewissen Dauer wieder reduziert werden, wenn die Effekte, die sich durch die Änderung der Geldumlaufsicherung ergeben haben, verklungen und eingepreist sind. Gartz meint, dass Börsen mit Einführung des Fließenden Geldes nicht mehr benötigt würden, da Börsen nur der Kapitalbeschaffung dienten.682 Dem ist zu widersprechen. Eine Aktie verkörpert einen Anteil am Gesamtunternehmen. Es gibt Gründe, weshalb sich Eigentümer von ihren Aktien trennen wollen. Es empfiehlt sich, dass funktionale Plattformen zur Übertragung von solchen Vermögenswerten erhalten bleiben. Diese Aussage soll jedoch nicht die Empfehlung relativieren, dass sich an den Eigentumsstrukturen etwas ändern muss und 682 vgl. Gartz, Ludwig: „Fließendes Geld. Die Geburt des Goldenen Zeitalters“, Aragorn Verlag, Sankt Augustin, 2008, 1. Auflage, S. 134 Kapitel IV 332 andere Unternehmensformen wie beispielsweise Genossenschaften gefördert werden sollten. Zur steuerlichen Gestaltung in Deutschland etwas Grundsätzliches: Ein Single hatte 2016 ab einem zu versteuernden Jahreseinkommen in Höhe von 53.666 Euro den Spitzensteuersatz von 42 Prozent zu zahlen. Ab einem zu versteuernden Jahreseinkommen von 254.446 Euro steigt der Spitzensteuersatz um weitere drei Prozent683 auf insgesamt 45 Prozent an. Schaut man in die Geschichte, muss man feststellen, dass Arbeitseinkommen inflationsbedingt und durch Zunahme der Realeinkommen durch Produktivitätssteigerungen immer früher mit den Höchststeuersätzen belastet werden. Oswald Metzger liefert hier neben anderen einen Beleg: „Während vor gut fünfzig Jahren [1957; Anm. S. H.] das Jahreseinkommen des durchschnittlichen Arbeitnehmers bei rund 3000 DM lag, war damals der Spitzensteuersatz von 53 Prozent erst ab 60000 DM Jahresverdienst fällig – also dem Zwanzigfachen des Durchschnittseinkommens. Heute [Metzgers Grundlage ist hier das Jahr 2008; Anm. S. H.] liegt das durchschnittliche Jahreseinkommen eines vollbeschäftigten Arbeitnehmers bei rund 35000 Euro. Doch der Spitzensteuersatz ist bereits von Steuerpflichtigen zu bezahlen, die rund das Anderthalbfache verdienen. Im Jahr 2008 langte der Fiskus bereits ab einem steuerpflichtigen Jahreseinkommen von 52152 Euro mit 42 Prozent plus Solidaritätszuschlag (und evtl. Kirchensteuer) zu.“684 Nach Alfred Boss, Hans Christian Müller und Axel Schrinner hat sich die mathematische Struktur der Einkommenssteuertarife unter anderem im Jahr 1958 grundlegend geändert. Seither wäre sie weitgehend konstant, nur die Parameter seien angepasst worden. In ihrer Arbeit findet man Tabellen mit den wesentlichen Größen seit 1958. So griff der Spitzensteuersatz von 53 Prozent bei Ledigen 1958 bei einem zu versteuerndem Einkommen von 110.040 DM. Der Eingangssteuersatz lag in jenem Jahr bei 20 Prozent, der Grundfreibetrag betrug 1.680 DM. Die oben in diesem Absatz genannten Autoren stellen fest, dass in 683 auch Reichensteuer genannt 684 Metzger, Oswald: „Die verlogene Gesellschaft“, Rowohlt Berlin Verlag GmbH, Berlin, März 2009, 1. Auflage, S. 68 f. 333 allen untersuchten Fällen die durchschnittliche Belastung durch die Einkommenssteuer in 2012 wesentlich höher als im Jahre 1958 gelegen hätte.685 Dagegen werden bei leistungslosen Zinseinnahmen auf Kapitalvermögen nach Berücksichtigung des Sparerpauschbetrages686 nur pauschale 25 Prozent687 steuerlich erhoben. Arbeitseinkommen sollten im Gegensatz zu Zinseinkommen steuerlich bessergestellt sein. Ein unverheirateter Arbeitnehmer mit einem zu versteuernden Einkommen von 50.000 Euro zahlt bereits in Summe mehr Steuern688 als ein Rentier689 mit Zinseinkünften in gleicher Höhe. Metzger soll der Politiker gewesen sein, der 1996 als finanzpolitischer Sprecher der GRÜNEN den damaligen Bundesfinanzminister Theo Waigel mit dem Vorschlag zur Einführung einer zinsfreien Zweitwährung auf Landesebene, der Grünmark, konfrontiert haben soll.690 Laut dem Magazin Focus ging die Idee auf einen Politiker ebenfalls der GRÜNEN aus Magdeburg, Michael Rost, zurück.691 Ziel dieser Initiative sollte unter anderem sein, über diese Zahlungsmittel den Absatz heimischer Waren zu fördern und damit die Arbeitslosigkeit zu senken. Im Focus-Artikel heißt es, dass die Vorschläge im Zentralbankrat großes Schmunzeln ausgelöst hätten. Vielleicht ist es verständlich, dass Zentralbanker, die auf die klassische Zinstheorie konditioniert sind, solche alternativen Ansätze schwer denken können. Dem Protokoll des Deutschen Bundestages ist zu entnehmen, was Waigel von derartigem Vorschlag hielt, er wandte sich bei seiner Rede im Bundestag am 13.09.1996 an Metzger mit folgenden Worten: 685 vgl. Boss, Alfred / Müller Hans, Christian / Schrinner, Axel: „Einkommensteuertarife in der Bundesrepublik Deutschland und ihre Folgen für die Belastung ausgewählter Haushaltsgruppen“, Kiel Working Paper 1837, Kiel Institute for the World Economy, Kiel, März 2013 686 2016 gilt ein Freibetrag von 801 € je Steuerpflichtigen 687 zuzüglich Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer 688 nach deutschem Steuertarif 2016 689 Menschen mit sehr hohen Kapitaleinkommen 690 vgl. Bichlmaier, Simon: „Zu Geld und Ökonomie. Von der Erstellung eines diskutierbaren Ganzen“, Wagner Verlag GmbH, Gelnhausen, 2009, 1. Auflage, S. 361 691 FOCUS Magazin, Nr. 38: „Zweitwährung. Grünmark gegen Miese“, Brüning Nicola, 16.09.1996 Kapitel IV 334 „Lieber Kollege Metzger, der Sie einen Funken von volkswirtschaftlichem Verstand bewahrt haben: Sagen Sie den Kameraden, daß sie verrückt gewesen sind, oder nehmen Sie von diesem Chaotenhaufen Abschied, theoretisch und praktisch.“692 Nach diesem kleinen Ausflug in politische Sphären zurück zum Aktienmarkt. Die mit Einführung von Fließendem Geld steigenden Preise von Aktien bringen einen interessanten Vorteil: Die dividendenbedingte Umverteilung wird reduziert. Zum besseren Verständnis ein Beispiel: Betrachten wir eine fiktive Aktiengesellschaft, deren Aktien an der Börse aktuell zu einem Kurs von 100 Euro gehandelt werden. Unterstellen wir, dass das Unternehmen gegenwärtig drei Euro Dividende im Jahr an die Aktionäre ausschüttet. Diese Gewinnausschüttung entspricht damit drei Prozent bezogen auf den Aktienkurs. Man spricht auch von einer Dividendenrendite in entsprechender Höhe. Wenn sich nun die Nachfrage nach Aktien bei unverändertem Angebot mit schrittweiser Installation von Fließendem Geld erhöht, da man keine wesentlichen Zinseinnahmen mehr erzielen kann und damit das Vereinnahmen von Dividenden anstrebt, steigen die Preise von Aktien. Angenommen, der Aktienkurs verdoppelt sich durch den eben beschriebenen Effekt (solche Kurssprünge sind absolut realistisch), dann wird die Aktie unserer fiktiven Gesellschaft nach ihrer preislichen Aufwärtsbewegung mit 200 Euro gehandelt. Den Kursgewinn von 100 Euro sollte die zuständige Finanzbehörde, wie oben bereits beschreiben, bei Veräußerung der Werte durch den Halter zum großen Teil steuerlich abschöpfen. Manche Aktieneigentümer werden sich von ihren Werten trennen, um den verbleibenden Kursgewinn (nach Steuern) für sich zu realisieren. Damit stehen potentiellen Käufern, die bisher in solchen Anlagen nicht engagiert waren, die nun angebotenen Titel zum Erwerb zur Verfügung. Die mit Verwenden von Fließendem Geld durch erhöhte Nachfrage erzeugten Kurssteigerungen von Aktien führen nicht zu einer steigenden Wertschöpfung der Unternehmen. Bei unveränderter Dividendenzahlung durch unser Musterunternehmen in Höhe von drei Euro je Aktie an die Eigentümer errechnet sich bei einem angesetzten Aktienkurs von 200 Euro eine Dividendenren- 692 Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll 13/123 vom 13.09.1996, S. 11087 (http://dipbt.bundestag.de/dip21/btp/13/13123.asc (abgerufen am 03.02.2017) 335 dite von 1,5 Prozent. Das bedeutet, die dividendenbedingte Umverteilung wird drastisch abgesenkt, sie hat sich in unserem Beispiel halbiert. Grundsätzlich ist das Vereinnahmen von Dividenden durch die Eigentümerin oder den Eigentümer von Aktien akzeptierbar. Die Dividende ist mit dem Zins nicht zu vergleichen. Geldnahe Einlagen sind zumindest bis zur Höhe der Einlagensicherung risikofreie Kapitalanlagen, insofern nicht das gesamte System wegen des Fehlers im Geldsystem kollabiert. Hier sind jetzt die vergangenen Jahrzehnte gemeint, in der kein Einleger bis zur Höhe der Einlagensicherung und darüber hinaus bei Kreditinstituten, die den deutschen Gesetzen unterliegen, Verluste erleiden musste. Dagegen ist das Kaufen von Aktien prinzipiell mit entsprechenden Risiken behaftet. Solche Risiken kann man zum Beispiel durch eine geeignete Auswahl der Titel und eine große Risikostreuung abmildern. Auch ist es möglich, anstatt eine Einmalanlage zu tätigen, in monatliche Sparpläne zu investieren. Auf diese Weise kauft man die Werte zu unterschiedlichen Zeiten und Kursen und erzielt einen sogenannten Durchschnittskaufpreis693. Dennoch sind Aktien und damit auch Aktienfonds starken Kursschwankungen unterlegen. Unternehmen können große Gewinneinbrüche verzeichnen und dadurch fallende Wertpapierpreise ergeben, dass vereinnahmte Dividenden die kursbedingten Wertverluste noch nicht einmal andeutungsweise kompensieren. Deshalb ist eine Dividende aus Aktienbesitz vergleichbar mit Einnahmen aus Wagniskapital, welches der Wirtschaft zur Verfügung gestellt wurde. Es ist richtig, einen Anreiz zu geben, damit Risiken von Investorinnen und Investoren eingegangen werden. Der Marxist sieht die Dividende als Mehrwert aus der Produktion, den sich keine Privatperson aneignen sollte. Als Schlussfolgerung hieraus wird das Privateigentum an Produktionsmitteln abgelehnt bzw. als Ursache fehlerhafter Entwicklungen verortet. Diese Position wird nicht geteilt. Sollten sich über Dividendeneinnahmen und Kursentwicklungen extreme Kapitalkonzentrationen ergeben, ist ihnen über Besteuerung entgegenzuwirken. Hier gäbe es verschiedene Ansätze: Man könnte mit höheren Steuersätzen ab einer definierten Größe an Dividendeneinnahmen arbeiten (progressive Dividendenbesteuerung). Auch lassen sich heut- 693 auch Cost-Average-Effekt genannt Kapitel IV 336 zutage Aktienvermögen leicht ermitteln,694 insofern könnte eine Vermögenssteuer ab einem bestimmten gehaltenen Aktienportfolio greifen. Darüber hinaus wäre es spätestens nach dem Tod der Halter gro- ßer Aktienbestände möglich, einen Ausgleich über die Erbschaftssteuer herzustellen. Ansatzweise wird das bereits heute über das bestehende Erbschaftssteuergesetz versucht. Bei Übertragungen zu Lebzeiten steht die Schenkungssteuer zur Verfügung. In gewissem Maße erinnert die Unterscheidung zwischen Zinsen und Dividenden auch an das Islamic Banking695. Bei Islamic Banking sind Guthabenszinsen verboten. Wie jedoch bereits erläutert, ist das Verbot nicht der Ansatz des Fließenden Geldes. Hier wird über die Einführung einer Gebühr auf Geld der Zins auf mittelfristige Einlagen auf null Prozent gebracht. Katharina Pfannkuch formuliert zur Dividende im Rahmen ihrer Untersuchung zu Islamic Banking folgendes: „[…] Dividenden [sind] laut deutschem Recht nicht als Zinsen anzusehen, da sich die Höhe einer Dividende ‚nicht allein nach dem überlassenen Kapital richtet‘. Zwar handelt es sich hier um eine dem Anteil des Kapitals eines Aktionärs entsprechende Auszahlung am Gewinn, doch es wurde – zusätzlich zum Überlassen des Kapitals auch Arbeit verrichtet.“696 Im Islamic Banking werden sogenannte Investitionskonten697 angeboten. Das Kreditinstitut erhält von den Einlegern den Auftrag, die fi- 694 Bei den meisten Aktiengesellschaften gibt es keine effektiven Stücke mehr. Das sind Aktien, die man physisch (Mantel) mit nach Hause nehmen kann. Man erhielt Kupons (Gewinnanteilsscheine), diese waren einer zuständigen Bank vorzulegen und man bekam die einem zustehende Dividendenzahlung. Heute werden Aktien als buchungstechnischer Eintrag gehalten und über Depots verwaltet. Effektive Stücke werden von Liebhabern als historische Wertpapiere gesammelt. 695 Bei Islamic Banking werden islamkonforme Bankgeschäfte getätigt. Es besteht ein allgemeines Zins-, Spekulations- und Glücksspielverbot. 696 Pfannkuch, Katharina: „Das Zinsverbot in der Praxis des Islamic Banking“, IGEL Verlag GmbH, 1. Auflage 2009, S. 6 697 Investitionskonten: Profit-sharing investment accounts (kurz: PSIA), rechtliche Grundlage dieser Konten sind sogenannte Mudaraba-Verträge oder Wakala-Verträge, es gibt beschränkte und unbeschränkte PSIA-Konten, bei den beschränkten PSIA-Konten werden Einschränkungen mit dem Kreditinstitut 337 nanziellen Mittel gewinnbringend anzulegen. Allerdings gilt für solche Anlagen, dass Verluste vollständig von den Kontoinhabern zu tragen sind. Mahlknecht schreibt im Gegensatz hierzu: „In der Praxis kann es jedoch geschehen, dass ein islamisches Finanzinstitut auf einen Teil oder gar auf all jene Gewinne […] verzichtet, um seinen Kontoinhabern eine attraktivere Rendite zu ermöglichen, oder aber, weil das islamische Finanzinstitut von der zuständigen Aufsichtsbehörde de facto dazu gezwungen wird, aus Gründen des Investorenschutzes und um das potentielle systemische Risiko abzuwenden, das aus dem massiven Rückzug von Kundengeldern durch unzufriedene Investitionskontoinhaber entstehen könnte.“698 In jedem Fall wird bei Islamic Banking deutlich zwischen verbotener leistungsloser Zinseinnahme und möglicher risikobehafteter unternehmerischer Beteiligung unterschieden. 1.c Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) und Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB) der Banken und Stiftungen Wie im Kapitel I.8 („Das gesetzliche Zahlungsmittel“) ausgeführt, handelt es sich bei Einlagen gemäß BGB im engeren Sinne um Darlehen. Im BGB sind auch die Normen von Darlehensverträgen geregelt. Typischerweise entstehen bei Darlehensaufnahme für den Darlehensnehmer Pflichten. Die althergebrachte Pflicht eines Darlehensnehmers ist das Zahlen von Zinsen an den Gläubiger. Wenn demnach ein Bankkunde seiner Hausbank Geld leiht, da er zum Beispiel eine Termineinlage zeichnet, ergibt sich hieraus ein Zinsanspruch gegenüber dem Kreditinstitut. Die aktuelle Fassung des BGB gibt auch noch her, vereinbart, worin die finanziellen Mittel angelegt werden dürfen, bei unbeschränkten PSIA-Konten hat der Einleger keinen Einfluss auf die von der nach islamischen Recht arbeitenden Bank gewählten Investition. Jedoch muss das Kreditinstitut alle weiteren Regeln des Islamic Banking beachten (z. B.: keine Leerverkäufe, im islamischen Finanzwesen darf man nichts verkaufen, was man nicht besitzt, keine Beteiligung an Unternehmen, die in Verbindung mit der Produktion alkoholischer Erzeugnisse oder Pornografie stehen) 698 Mahlknecht, Michael: „Islamic Finance. Einführung in Theorie und Praxis“, WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, 1. Auflage, 2009, S. 70 Kapitel IV 338 dass der Zins auf null Prozent fallen kann. Rechtsanwalt Andreas Warkentin meint hierzu: „Typischerweise schuldet der Darlehensnehmer bzw. Verwahrer dem Darlehensgeber bzw. Hinterleger Zinsen. Aus § 488 III 3 BGB ist aber ersichtlich, dass ein Darlehen auch zinslos gewährt werden kann.“699 Wird der Zins dank konstruktiver Geldumlaufsicherung bei Fließendem Geld bei kurz- bis mittelfristigen Einlagen auf unter null Prozent gebracht, ergibt sich für den Einleger aus dem bisherigen Anspruch auf Zinsen die Pflicht zum Zahlen der Kosten an die Bank. Nach Auffassung von Warkentin steht die veränderte Situation im Widerspruch zum BGB, insofern sind die betreffenden Paragrafen vor Einführung des Fließenden Geldes anzupassen. Ähnliches gilt für die allgemeinen Geschäftsbedingungen von Banken. Hierzu führt Warkentin in derselben, bereits eben zitierten Spezialausgabe der kapital-markt-intern-Verlagsgruppe aus: „‚Negative Zinsen‘ können im Rahmen atypischer unregelmäßiger Verwahrungsverträge oder Typenmischverträge eigener Art zwischen Bank und Kunde vereinbart werden. Gegenüber Bestandskunden kann eine derart fundamentale Vertragsänderung aber nicht auf dem Weg der Änderung von AGB mit Zustimmungsfiktion (Nr. 1 II AGB Banken) erfolgen (vgl. auch §§ 305c I und 307 II Nr. 1). Aus einem Angebot zur Vertragsänderung muss klar ersichtlich sein, dass bzw. unter welchen Umständen ein Kunde ein Entgelt in Form von ‚Negativzinsen‘ schuldet; die Ausnahme kann nur ausdrücklich erklärt werden.“700 Diese Position kann zutreffen, wenn aktuell vereinzelte Banken bei Kundeneinlagen ab gewissen Größenordnungen ihre Kosten wegen des Zinses unter null Prozent für Überschussreserven bei der NNB an ihre Kunden weitergeben. Im Falle einer Systemumstellung sind gesetzliche Vorkehrungen zu treffen, damit die AGB aller im Geltungs- 699 markt intern Verlagsgruppe – kapital-markt intern Verlag GmbH, RA Warkentin Andreas: „‘Negative Zinsen‘ im Einlagengeschäft rechtlich zulässig?“, Düsseldorf, 40. Jahrgang, Beilage zu Nr. 48/16, 02.12.2016 700 ebd. 339 gebiet ansässigen Banken entsprechen angepasst werden können. Über die vorzunehmenden Änderungen sind die Kunden fristgerecht zu informieren. Wenn dieser Bekanntgabe nicht widersprochen wird, treten die Novellierungen in Kraft. Bei Widerspruch kann der Vertrag von beiden Parteien zum Wirksamwerden der Änderung aufgelöst werden. Kreditinstitute sollten in diesen Fällen die Kosten für das gegebenenfalls vorzeitige Ende eines Vertrages per Gesetz nicht berechnen dürfen. Nach Schätzungen des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen gibt es schon allein in Deutschland über 30.000 kirchliche Stiftungen.701 Diese setzen sich unter anderem für Schwache, Schutzbedürftige, kranke und alte Menschen ein. Des Weiteren werden Bildung, Kunst und Kultur gefördert und denkmalgeschützte Gebäude erhalten. Dar- über hinaus unterstützen sie internationale Begegnungen, Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. Das Prinzip der Stiftung besteht darin, das vorhandene Vermögen nicht auszugeben, sondern mit den Erträgen aus dem Stiftungskapital den Zweck der Einrichtung laut Stiftungssatzung zu verfolgen. Typische Einnahmen solcher in Deutschland meist gemeinnützigen Institutionen sind Zinsen. Deshalb kann man in der bereits erwähnten Broschüre des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen lesen: „Da Stiftungen aus den Erträgen ihres Vermögens fördern, macht das derzeit sehr niedrige Zinsniveau gerade vielen kleineren Stiftungen zu schaffen.“702 Da bei Fließendem Geld Zinseinnahmen so gut wie nicht mehr generiert werden können, sind Stiftungen darauf angewiesen, bei der Anlage des Stiftungskapitals umzustellen, damit der wertvolle Stiftungszweck weiterhin erfüllt werden kann. Bereits heute finden wir alternative Strategien. So erfolgten Investitionen in Solaranlagen oder Kooperationspartner bewirtschaften nachhaltig Äcker, um Erträge zu erzielen. Auch kann das Vermögen für Landkauf eingesetzt und die erworbenen Grundstücke können darauffolgend jungen Familien zu 701 vgl. Bundesverband Deutscher Stiftungen e. V.: „Engagiert für Gott und die Welt. Kirchliche Stiftungen in Deutschland“, Berlin, Januar 2016, 1. Auflage, S. 12 702 ebd. S. 20 Kapitel IV 340 sehr niedrigen Erbbaupachtzinsen angeboten werden.703 Es wird in diesem Zusammenhang jedoch auf die Ausführungen zu großem Immobilienvermögen unter Kapitel IV.1.a: „Immobilien“ verwiesen. Auch heute, wo das Vereinnahmen von Zinsen durch Stiftungen noch möglich ist, greift kein Zinseszinseffekt, da die vereinnahmten Zinsen immer für die Aufgaben der Institution laut Satzung eingesetzt werden. Eine Wiederanlage der Zinsgutschriften erfolgt nicht. 2. Die Einführung von Fließendem Geld Fließendes Geld sollte erst zum Tragen kommen, wenn breite Bevölkerungsschichten die wertvolle Veränderung unterstützen. Insofern sollten sich zunächst die fundamentalen, destruktiven Funktionsweisen und Wirkungen des ausgedienten Systems ausreichend herumsprechen. Gerade die Tatsache, dass nur wenige Menschen finanziell vom Zins und Zinseszins profitieren und die sehr große Mehrheit immer mehr Schuldzinsen bezahlt,704 als sie jemals an Guthabenszinsen vereinnahmen kann, dürfte langfristig helfen, die alten Denkmuster zu überwinden. Betrachtet man darüber hinaus den zinsbedingten Wachstumszwang und die damit verbundene unvermeidbare Umweltzerstörung sowie die Zerstörung demokratischer Strukturen wegen extremer Kapitalkonzentrationen, sind handfeste Argumente für das Fließende Geld gegeben. Man kann heute kaum einen Tag verleben, ohne die Forderung nach Wachstum oder nach mehr Wachstum wahrzunehmen. Durch derartige Indoktrination hat sich bei vielen eine verschobene Vorstellung über die Notwendigkeit von Wachstum zwecks Wohlstandserhalts herausgebildet. Gäbe es den in diesem Buch beschriebenen Fehler im Geldsystem nicht, wäre Nullwachstum kein Stillstand und würde keinen Verlust des Wohlstands bedeuten. Die jährlich produzierten Waren werden nur teilweise verbraucht. Der gegessene Apfel oder das getrunkene Bier sind unwiederbringlich verkonsumiert. Doch die 703 vgl. ebd. S. 37 704 siehe 4. Hauptsatz der alternativen Wirtschaftswissenschaft (Kapitel IV.9: „Fünf Hauptsätze der alternativen Wirtschaftswissenschaft“) 341 gebaute Straße, die sanierte Schule, das gekaufte Fahrrad oder die neuen Küchenmöbel sind auch nach Ablauf eines Wirtschaftsjahres noch vorhanden. Wenn also in diesen Bereichen die wirtschaftliche Aktivität sogar schrumpft, da weitere Investitionen gerade nicht notwendig sind, bedeutet dies immer noch keinen Verlust von Wohlstand. Moewes erklärt dies am Beispiel einer Stadt mit 100.000 Wohnungen. Entschließt man sich, jedes Jahr weitere 4.000 Wohnungen wegen des Bevölkerungswachstums zu erstellen, lässt sich im ersten Jahr ein Wachstum von vier Prozent feststellen. Obwohl im zweiten Jahr die gleiche Zahl an Wohneinheiten erneut errichtet wird, beträgt das Wachstum null Prozent. Um wiederholt vier Prozent Wachstum beim Wohnungsbau auch im zweiten Jahr zu erreichen, müssten 4.160 Wohnungen hochgezogen werden. Die Wirtschaftsleistung wird immer mit dem Ergebnis des Vorjahres verglichen. Die absolute Menge an Wohnungen vergrößert sich auch bei Nullwachstum ab dem zweiten Jahr fortlaufend weiter, es kommen jedes Jahr 4.000 Wohnungen hinzu. Die relative Zunahme der Bauleistung ist ab dem zweiten Jahr jedoch null. Nach 25 Jahren hat sich der Wohnungsbestand trotz null Prozent Wachstum ab dem zweiten zu betrachtenden Jahr verdoppelt.705 Gesellschaftliche Vermögenssteigerung durch Akkumulation ist die richtige Beschreibung solcher Vorgänge. Große Teile des Wirtschaftswachstums benötigen wir demnach im aktuellen System nur, um die Last der systembedingt steigenden Schuldzinsen zu tragen. Sobald die Wachstumsrate der Wirtschaft unter die Zinsrate rutscht, stellen sich Nachteile für das soziale Gleichgewicht ein. In einem Interview wird der Fernsehmoderator, Börsenreporter und Buchautor Raimund Brichta gefragt, warum wir ein derart instabiles, von Menschen geschaffenes Geldsystem nutzen und wie wir es reformieren können? Seine Antwortet lautet: „Gut dotierte Spitzenpositionen werden oft von der Finanzwirtschaft finanziert, etwa über Stiftungen. Das heißt, in einer solchen Position ist man in besonderer Weise von jenen Leuten abhängig, 705 vgl. Moewes, Günther: „Geld oder Leben. Umdenken und unsere Zukunft nachhaltig sichern“, Signum – Amalthea Signum VerlagsGmbH Wien- München, 2004, S. 95 Kapitel IV 342 die vermutlich gar nicht daran interessiert sind, dass sich am gegenwärtigen System etwas ändert. Und als Wissenschaftler gelangt man am leichtesten in Amt und Würden, wenn man dem Mainstream gefällt. Querdenker sind in der Regel chancenlos, weil sie zu viele Gegner haben. Ähnliches gilt für politische Ämter, etwa Führungspositionen bei Notenbanken oder Jobs in offiziellen Beratergremien wie im ‚Rat der Fünf Weisen‘. Diese werden oft nur nach parteipolitischen Kriterien vergeben. Und zu alledem ist bei Leuten in diesen Ämtern auch eine Art Scheuklappeneffekt zu beobachten: Wer einen solchen Posten hat, kann nicht mehr wirklich frei denken und entscheiden, sondern er denkt und entscheidet so, wie das Amt es von ihm erfordert. Da bleibt für Systemkritik kein Raum. Gegen all diese Einflüsse ist also schwer anzukommen. Und deshalb muss erst einmal ein hinreichend großer Teil der Bevölkerung aufgeklärt sein, damit der nötige Druck entsteht, um über Geld-Alternativen überhaupt ernsthaft nachzudenken. Erst danach könnte der zweite Schritt erfolgen, nämlich eine breite Diskussion in der Gesellschaft über die Kernprobleme des Geldes und deren mögliche Beseitigung.“706 Deshalb sollte, bevor der Erkenntnisprozess zum grundlegenden Mechanismus unseres Finanzsystems ausreichend vorangeschritten ist, die Einführung des Fließenden Geldes auf überregionaler Ebene abgelehnt werden. Denn man kann bereits heute eine destruktive und vor allem fachlich falsche Berichterstattung der Leitmedien zum sogenannten Negativzins der Zentralbanken erleben. Die Artikelüberschriften sind gut vorstellbar, die erschienen, würde eine Gebühr auf Bargeld entgegen eines fortgeschrittenen Erkenntnisstandes der Allgemeinheit eingerichtet werden: „Jetzt müssen Sie auf Ihr schwer verdientes Geld Gebühren zahlen“, „Staat zwingt Bürger zur Geldausgabe“, „Statt Zinsen bekommen, Kosten tragen“ oder „Sparen wird zukünftig bestraft!“ Wenn dann die fundamentalen Zusammenhänge in breiten Bevölkerungsschichten nicht klar sind, würde das Fließende Geld schnell verworfen, als politischer Streich abgetan und die meisten 706 BNP Paribas S.A., Niederlassung Deutschland, Frankfurt am Main, Märkte & Zertifikate, Interview mit Raimund Brichta: „Für viele Mainstream- Ökonomen sind die Probleme gar nicht existent“, Ausgabe: November / Dezember 2013, S. 46 f. 343 Menschen atmeten auf, da es nach Umstellen der Geldumlaufsicherung auf die alte Methode endlich wieder Zinsen auf das Ersparte gäbe. Man muss bei einem solchen Ablauf noch nicht einmal große Böswilligkeit unterstellen. In jeder Gesellschaft gibt es Gruppen, die ihre Interessen verfolgen. Das wird auch immer so bleiben. Sicher ist es ungerecht, wenn elitäre Strukturen, die über Zins und Zinseszins einen monströsen Nutzen einfahren, mit fehlerhaften Informationen beispielsweise über den Medienmainstream hantieren, um die Masse auf das falsche Gleis zu setzen. Doch das können wir gemeinsam ändern. Folgendes Zitat von Moewes passt zu diesem Gedankengang: „Alle Macht lebt von der permanenten Erzeugung von Machtlosigkeit auf der anderen Seite.“707 Insofern ist das Bilden von Wissen über die Wirkungen unseres aktuellen Geldsystems sehr wichtig. Kindern sollten erste Kenntnisse ab der Grundschule in einem Schulfach „Allgemeine Volkswirtschaftslehre“ gelehrt bekommen. Erwachsene könnten über ein ideologiefreies Fernsehangebot über wichtige volkwirtschaftliche Zusammenhänge und deren Auswirkungen informiert werden. Allerdings wäre es eine enorme Herausforderung, dass solche Bildungsangebote tatsächlich frei von Einflüssen der vorhandenen Machtstrukturen wären und blieben. Zu oben hypothetisch dargestellten Falschaussagen sollte deshalb dem Empfänger der Nachricht sofort in den Sinn kommen, dass sich in jedem Geldsystem die Frage stellt, wie die Umlaufsicherung des Geldes geregelt ist. Ohne Regelung wird sich immer automatisch ein Zins größer null Prozent einstellen. Ein Halter von Geld kann dieses bei fehlendem Anreiz zur Freigabe zurückhalten. Dadurch entstehen wirtschaftliche Störungen, besonders wenn viele Marktteilnehmer gleichzeitig Geld horten und dem Wirtschatkreislauf entziehen. Man könnte deshalb etwas hart formulieren, dass in einem solchen Fall Zinsen vom Geldhalter geradezu erpresst werden können. Das Ergebnis eines Zinses größer null Prozent, der sich hieraus ergebende Zinseszinseffekt und seine damit negativen sozialen Auswirkungen wurden in diesem Buch ausführlich beschrieben (siehe z. B. Kapitel 707 Moewes, Günther (2004), a. a. O., S. 296 Kapitel IV 344 III.7.c.a: „Die typischen Eigenschaften von exponentiellen Wachstumsprozessen“). Wird die Umlaufsicherung des Geldes gesetzlich organisiert, bleiben zwei Möglichkeiten: die Variante der Vergangenheit oder die Alternative der Zukunft, eine Gebühr auf Bargeld, Fließendes Geld. Man sollte beim Wahrnehmen oben genannter fiktiver Sätze gegen eine konstruktive Geldumlaufsicherung wissen, dass die Gebühr auf Bargeld als Mechanismus gedacht ist, damit das Geld im Wirtschaftskreislauf gleichmäßig zirkuliert. Dies ist eine intelligente Voraussetzung für eine krisenfreie Gemeinwohlökonomie. Auch sollte einem bewusst sein, dass die Zahlungen, die man durch eine Gebühr auf Bargeld leistet, verschwindend gering sind im Vergleich zu den Kosten, die man im alten System zu schultern hat. Bei Fließendem Geld entstehen nur Kosten auf Bargeld und kurz- bis mittelfristige Einlagen. Dagegen wird man heute durch die Schuldzinsen, die man über eigene Darlehen, über Konsum und über Steuern zahlen muss, extrem belastet (siehe Kapitel IV.3: „Eine einfache Rechnung“). Der Anleger wird demnach beim Sparen nicht bestraft, bei mittelbis langfristigen Laufzeiten bleibt die Einlage in vollem Umfang erhalten. Es kommen leistungslos so gut wie keine Guthabenszinsen hinzu, dafür muss auch niemand die Guthabenszinsen der Reichen bezahlen. Das ist keine Neiddiskussion, sondern eine Gerechtigkeitsfrage und eine Frage des Völkerfriedens. Da die Vermögen heute enorm ungleich verteilt sind, wird sich für die meisten Menschen ein finanzieller Vorteil ergeben. Lügen, wie niedrige Guthabenszinsen wären eine „Strafe“ gerade für Kleinsparer, haben dann eine geringe Wirkung, wenn maßgebliches Wissen abrufbar ist. Zum Glück basiert ein Finanzsystem in weiten Zügen auf mathematischen Grundlagen. Zahlen „verbiegen“ ist deutlich schwerer, als theoretische Inhalte zielkonform anzupassen. Das gegenwärtige zinsbasierte Geldsystem muss aus simplen mathematischen Betrachtungen heraus in regelmäßigen Abständen kollabieren. Man kann sich deshalb auf die Werthaltigkeit geldwerter Anlagen nicht verlassen. Schaut man in die Geschichte: Wie viele Guthaben wurden immer wieder vernichtet? Überall redet man von einer Überschuldung. Dass den Schulden eins zu eins Guthaben gegenüberstehen, wird oft weggelassen. Erst recht ist den meisten Menschen (noch) nicht bewusst, dass das relevante Abschmelzen von Schulden auch die Guthabenseite verringern muss. Beim Schuldenschnitt in Griechen- 345 land 2012 wurden die Verpflichtungen des Staates reduziert; hielt man als Privatperson in diesem Moment griechische Staatsanleihen, hat man genau den Betrag, um den das Land entschuldet wurde, verloren. Beim Fließenden Geld dagegen kann man sich wegen des ausgeschalteten Zinseszinseffekts und einer Inflationsrate von null Prozent darauf verlassen, dass man sein Erspartes zum angepeilten Zeitpunkt verlustfrei zurückerhält. Die Einführung von Fließendem Geld wird einige Erkenntnisse ans Tageslicht fördern, die heute noch nicht in vollem Umfang vorhanden sind. Deshalb gilt es, Erfahrungen zu sammeln und professionell auszuwerten. Das kann auf verschiedene Weise geschehen. Man könnte, natürlich in Absprache mit den Initiatoren, ein funktionales vorhandenes regionales Tauschmittel zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklären. Ab diesem Moment ist den Unternehmen eine beachtliche Hemmschwelle im Geltungsbereich genommen, denn die eingenommenen finanziellen Mittel könnten ab der Regeländerung für kommunale Steuern verwendet werden. Damit würden sich die Wirtschaftskreisläufe beim betreffenden regionalen Zahlungsmittel viel leichter schließen lassen. Es wäre jedoch keine notwendige Voraussetzung, dass ein bereits bestehendes regionales System genutzt werden muss. Es kann auch in einem Gebiet, in einem Bundesland oder Deutschland oder auch einer Metropolregion der Eurozone, unabhängig von Landesgrenzen, eine zweite Währung als gesetzliches Zahlungsmittel mit dem Charakter des Fließenden Geldes initiiert werden. Diese finanziellen Mittel hätten dann nur Geltung in der definierten Zone. Alle Regeln, die für den Euro bestehen, wären auch automatisch für die neuen Zahlungsmittel mit konstruktiver Umlaufsicherung zutreffend, abgesehen vom eingeschränkten räumlichen Geltungsbereich. Man könnte diese finanziellen Mittel in Umlauf bringen, indem zum Beispiel anfangs zehn Prozent von sozialen Leistungen, Renten, Löhnen usw. in Form des neuen Zahlungsmittels in der betreffenden Region ausgegeben werden. Zu Beginn entspricht ein Euro genau einer Einheit der Währung, der der Umlaufmechanismus von Fließendem Geld zu Grunde liegt. Nach einem Jahr wird der Wechselkurs entsprechend der Inflationsrate angepasst. Bei zwei Prozent Inflation beim Euro würde der Wechselkurs zum neuen Geld folgendermaßen aussehen: 1,02 Euro entsprächen dann einer solchen neuen Währungseinheit. Kapitel IV 346 Im Supermarkt, auf dem Kontoauszug und dem Gehaltszettel werden beide Währungen ausgewiesen, ähnlich der Situation 2002 nach der Umstellung von Deutsche Mark auf Euro. Auch damals waren beide Währungen an den verschiedenen Stellen zu sehen. Das Entscheidende und Nützliche bei derartiger Vorgehensweise ist, dass sich die Menschen an die neue Geldumlaufsicherung gewöhnen können. Man wird schnell merken, dass man sich nicht mehr mit der jeweiligen Höhe der zu den Stichtagen fälligen Gebühr beschäftigt. Man hat verinnerlicht, dass das verfügbare Fließende Geld einerseits für den Konsum eingesetzt wird. Die finanziellen Mittel in Form des Fließenden Geldes, die andererseits aktuell nicht gebraucht werden, werden angelegt, um so die Kosten zu minimieren oder ganz auf Null zu setzen. Banken werden sich schnell auf diese Situation eingestellt haben und geeignete Produkte anbieten. Schließlich können sie über solche Einlagen sehr günstige Kredite vergeben, die das Publikum sehr gern nachfragen wird. In welcher Weise die technische Umsetzung erfolgt und die Gebühr auf Bargeld erhoben werden kann, wird weiter unten beschrieben (siehe Kapitel IV.6: „Technische Umsetzungsvarianten des Fließenden Geldes“). Wenden wir uns jetzt den enormen finanziellen Vorteilen für den Normalbürger durch Fließendes Geld zu. 3. Eine einfache Rechnung Es ist ein unglaubliches Phänomen, dass bis zum heutigen Tag die Wirkungsweise der Zinsflüsse derart geringe Beachtung geschenkt wird. Gerade Menschen mit kleinerem Vermögen bringen oft ihr Bedauern über gefallene Guthabenszinsen zum Ausdruck, obwohl sie zu den Zinsverlierern gehören, da sie über indirekte Wege immer mehr Schuldzinsen zahlen, als sie je Guthabenszinsen vereinnahmen können (siehe Haushaltsgruppen, Abbildung 37). Günter Emde sagt: „Für die meisten Bürger sind die Zinsen ein Verlustgeschäft“708 708 Emde, Günter: „Wir brauchen ein anderes Wirtschaftssystem auf der Grundlage einer Finanzordnung mit fließendem Geld“, Interview mit Fragen von Günther Hartmann, Terra Viva Heft 5, Schriftenreihe für menschenwürdige 347 Wenn das Zinsniveau für relativ bescheidene Rücklagen hoch liegt, wird auf stattlicheres Kapital meist ein noch höherer Zinssatz geboten. Größere Anlagen sind per se bevorteilt. Bessere Konditionen bekommt man auch, wenn man eine Palette Senf erwirbt im Vergleich zum Kauf eines einzelnen Glases. Bei den Überlegungen zu den Zinsströmen ist prinzipiell die bestehende ungleiche Vermögensverteilung zu berücksichtigen. So stellt sich die einfache Frage: Wo kommen denn die Zinseinnahmen auf voluminöse Einlagen überhaupt her? Wenn ein Anleger sein Geld einem Betrieb leiht, dann ist dieses Unternehmen für die Zinszahlungen zuständig. So, wie Material- oder Personalkosten in den Waren- und Dienstleistungspreisen einkalkuliert werden, so müssen auch die Zinskosten für aufgenommene Darlehen in die Preisfindung einfließen. Eine Firma kann nur dann ihre Produkte mit einem Gewinn verkaufen, wenn alle Kostenfaktoren im Preis berücksichtigt sind. Fazit: Die Zinskosten tragen letztendlich die Käufer der betreffenden Artikel oder die Nutzer von entsprechenden Dienstleistungen. Wenn Regierungen zusätzliche Kredite aufnehmen, steigt die Staatsverschuldung. Dies wird beispielsweise über den Verkauf von Staatsanleihen bewerkstelligt. Wenn sich eine Anlegerin oder ein Anleger eine deutsche Staatsanleihe ins Depot legt, erhält die Investorin oder der Investor die vereinbarte Zinszahlung. Sie muss über den Staatshaushalt finanziert werden. Ein Staat ist nur deshalb in der Lage, Zinszahlungen zu bedienen, weil er zuvor von allen Bürgern Steuern eingefordert hat. Wenn man Auto mit Verbrennungsmotor fährt, zahlt man Mineralölsteuer, wenn man arbeitet, muss Einkommens- bzw. Lohnsteuer abgeführt werden, beim Einkaufen trägt man eine Mehrwertsteuer und als Raucher ist man über eine Tabaksteuer dabei. Seine Schuldzinsen bezahlt der Staat aus der Summe aller Steuereinnahmen. Reichen die Steuereinnahmen nicht aus, muss sich der Staat neu verschulden, um über zusätzliche Kredite die Schuldzinsen für bereits bestehende zu stemmen. Ein solches Vorgehen ist üblich, führt jedoch langfristig zu einer Überschuldung des Staates mit der Folge, dass über einen Schuldenschnitt die Verschuldung wieder gesenkt werden muss. In diesem Fall werden Guthaben und Schulden durch einen Betrag X Wirtschaftsordnung, Günter Emde Verlag, Pittenhart, 3. Ausgabe, März 2010, S. 16 Kapitel IV 348 geteilt, damit die Verschuldung auf ein tragbares Niveau gebracht wird, demnach die Schuldzinsen in einer Höhe anfallen, wie sie der Staat dann wieder verkraften kann. Es wird hier beispielhaft noch einmal an den Fall Griechenland im Jahr 2012 erinnert. Wenn man persönlich ein Darlehen aufgenommen hat, ist man natürlich auch selbst für die Schuldzinszahlungen zuständig. Fallen die Zinsen für solche Darlehen, ist eine Zinsersparnis offensichtlich. Bei Immobilienfinanzierungen kann man aktuell die Wirkung der mit der Zeit stark gefallenen Zinssätze sehr gut beobachten. 2006 lag der Zinssatz für Bauvorhaben bei selbstgenutztem Wohneigentum bei Zinsbindungen709 von zehn Jahren ca. drei Prozent höher als heute. Bei einer hypothetisch angenommenen Restschuld von zum Beispiel 100.000 Euro bedeutet dies, dass ein Jahr nach erfolgter Umschuldung in 2016 ca. 3.000 Euro Zinsen weniger vom Darlehensnehmer an den Gläubiger überwiesen werden müssen. Je nach Tilgungssatz liegt die Gesamtersparnis, bezogen auf die zukünftigen zehn Jahre im spürbaren fünfstelligen Bereich. Nun zu dem eingangs angedeuteten Phänomen zu den Zinsflüssen. Die große Aufmerksamkeit gilt oft den Zinseinnahmen, aber: Alle Menschen zahlen Schuldzinsen! Das erfolgt über drei Wege: 1. über Konsum die Schuldzinsen der Industrie, 2. über Steuern die Schuldzinsen des Staates und 3. über Darlehensverträge die Schuldzinsen für selbst eingegangene Verpflichtungen. (Dritter Hauptsatz der alternativen Wirtschaftswissenschaft, siehe Kapitel IV.9) Ein höherer Darlehenszins trifft demnach ganz offensichtlich alle unglücklich, bei sinkenden Darlehenszinsen dagegen sparen alle Zinskosten. Doch warum schaut jeder Zinsempfänger vor allem auf seine Zinseinnahmen, beachtet jedoch meist nicht die Zinskosten, die er zwangsläufig über direktem oder indirektem Weg zu zahlen hat? Um herauszubekommen, ob man vom aktuellen Zinsmechanismus profitiert, muss man Zinseinahmen und Zinsausgaben saldieren. Das Ergebnis ist folgendes: 709 Zinsbindung: Innerhalb einer Zinsbindung, auch Zinsfestschreibung genannt, darf die Bank den im Darlehensvertrag vereinbarten Zinssatz nicht ändern. 349 Statistisch betrachtet zahlen etwa acht von zehn Menschen in Deutschland ihr Leben lang immer mehr Schuldzinsen, als sie je in der Lage sind, Guthabenszinsen zu vereinnahmen. (Vierter Hauptsatz der alternativen Wirtschaftswissenschaft, siehe Kapitel IV.9) Bei einem von zehn Menschen entsprechen die Zinseinnahmen in etwa den Zinsausgaben. Nur einer von zehn erzielt einen Zinsgewinn. Wichtig ist, dass eben dieser Zinsüberschuss jener kleinen Gruppe überhaupt nur möglich ist, weil die große überwiegende Mehrheit jeden Tag Schuldzinsen über die drei oben genannten Wege zu entrichten hat. Ein kaum vorstellbarer Umverteilungsmechanismus in exorbitanter Dimension! In der nachfolgenden Grafik ist die deutsche Bevölkerung in zehn Haushaltsgruppen aufgeteilt und die Zinsflüsse anhand von Zahlen der Deutschen Bundesbank dargestellt: Kapitel IV 350 Abbildung 37:710 710 Creutz, Helmut: „Das Geld-Syndrom 2012 – Wege zu eine Wirtschaftsordnung“, aktualisierte Neuausgabe 2012, Druck- un Mainz, Wissenschaftsverlag Aachen, S. 284 (diese und viele weit te Grafiken von Helmut Creutz zu finden auch unter: http://helm grafiken.htm) r krisenfreien d Verlagshaus ere interessanut-creutz.de/ 351 Erläuterungen von Helmut Creutz zur Grafik: „Ausgaben, Zinslasten und Zinserträge der Haushalte In der Darstellung werden mit den grauen Säulen im Hintergrund und verteilt auf zehn Haushaltsgruppen, die mit den Einkommen ansteigenden Haushaltsausgaben wiedergegeben, die sich – nach Abzug der Ersparnisse – aus den Haushaltseinkommen in jeder Gruppe ergeben. In den schwarzen Säulen davor sind die Zinslast-Anteile wiedergegeben, die im Jahr 2007, mit einem Durchschnittssatz von 34,8 %, mit sämtlichen Haushaltsausgaben, einschl. der Steuern und Abgaben, getragen werden mussten. Dabei sind in diesem Satz die Zinszahlungen für die Privat-Kredite ebenso enthalten wie die Zinsanteile für die Schulden des Staates wie die Zinsanteile in allen Preisen, die z. B. alleine bei den Mieten durchweg bei 60 bis 65% liegen. Alle diese Zinslasten müssen – direkt oder indirekt – am Ende der Ausgabenkette immer von den Haushalten getragen werden, die ihrerseits keinerlei Möglichkeiten mehr zu einer Überwälzung auf Dritte haben! Die dritte Säulenreihe (weiß mit schwarzen Punkten) im Vordergrund gibt dann wieder, in welchem Umfang diese von allen gezahlten Zinsen wiederum als Einnahmen an die Haushalte zurückfließen. Der Schlüssel für diese Rückverteilung resultiert jedoch aus den jeweiligen Vermögensbeständen in den Haushaltsgruppen, die sich jedoch bereits mit rund 66 % bei dem reichsten Zehntel konzentrieren, während die ersten vier Haushaltsgruppen – fast ohne Vermögen und Vermögenseinkommen! – weitgehend nur Zinszahler sind. * ) Aus der Verrechnung der schwarzen mit den gelben [hier wei- ßen; Anm. S. H.] Säulen gehen dann die Salden hervor, die bei den ersten acht Haushaltsgruppen als Verluste zu Buche schlagen, während sich das Gros der Gewinne bei der zehnten Haushaltsgruppe konzentriert. (s. auch unterste Reihe in der Tabelle!) – Und aufgrund des Zinseszinseffekts und der damit exponentiell wachsenden Zinsströme, nehmen diese Umverteilungen von Arm zu Reich in unseren Volkswirtschaften mit wachsendem Tempo ständig weiter zu! – Zumindest so lange, wie man diese Mechanismen unverändert lässt! (Helmut Creutz – 2010) Kapitel IV 352 *) Auch bei diesen Zinseinkommen von rund 90 Tsd. Euro je Haushalt in dem reichsten Zehntel ist zu beachten, dass dieser Betrag sich auf ein Durchschnittsvermögen von rund 2 Millionen Euro und auf 3,8 Millionen Haushalte bezieht! Ein Besitzer von 10 Millionen Euro hätte also Zinseinnahmen von 450 Tsd. Euro p. a. und der Besitzer von einer Milliarde Euro – ebenfalls in diesem Zehntel erfasst! – Zinseinnahmen von 45 Mio. Euro und damit tagtäglich rund 123 Tsd. Euro! – Und Milliardäre gibt es inzwischen mehr als hundert in Deutschland, davon vier mit zweistelligen Beträgen! (Quelle: Manager- Magazin 2007)“ Jede Leserin und jeder Leser kann für sich selbst ermitteln, ob sie oder er monetär betrachtet zu den „Zinsgewinnern“ oder „Zinsverlierern“ des aktuellen Geldsystems gehört. Berücksichtigt man jedoch Umweltzerstörung wegen des zinsbedingten Wirtschaftswachstumszwangs oder den Demokratieverlust über das zinsbedingte Herausbilden extremer Kapitalkonzentrationen, gibt es letztendlich nur Verlierer in diesem System. Gero Jenner schlussfolgert deshalb richtig: Würde man dem Normalbürger keine Zinsen zahlen und müsste dieser im Gegenzug auch keine Zinsen an andere abführen, würde sich sein Einkommen schlagartig erhöhen. 90 Prozent der Bevölkerung würden durch einen Verzicht auf Zinsen den größten Gewinn haben.711 Übereinstimmungen zu Christoph Pfluger findet der Autor dieses Buches an folgender Textstelle: „Wir alle betrachten den Zins als eine universell profitable Einrichtung, besonders am Jahresende, wenn wir mehr oder weniger bescheidene Kapitaleinkünfte verbuchen dürfen. Doch weit gefehlt: Das ist nur der Moment, wo wir die Zinseinnahmen feststellen. Die Zinsausgaben dagegen nehmen wir höchstens wahr, wenn wir selber Schuldner sind und eine Zinsrechnung erhalten. Aber das ist nur der kleinste Teil der Zinsen, die wir bezahlen. […] [Der Zins] versteckt sich in den Preisen der Güter, die wir kaufen und der Dienstleistungen, die wir beziehen.“712 711 vgl. Jenner, Gero: „Das Pyramidenspiel. Finanzkapital manipuliert die Wirtschaft“, Amalthea Signum Verlag GmbH, Wien, 2008, S. 45 712 Pfluger, Christoph: „Das nächste Geld. Die zehn Fallgruben des Geldsystems und wie wir sie überwinden“, Synergie Verlag und Mediengruppe Darmstadt, copyright: edition Zeitpunkt, 2. revidierte Auflage, 2016, S. 120 353 Jedoch macht Pfluger für diese Situation eine Geldschöpfung der Geschäftsbanken und nicht den Zins größer null Prozent als destruktive Geldumlaufsicherung verantwortlich. Bei seinen Ausführungen bezieht sich Pfluger auf Helmut Creutz, obwohl Creutz nicht die Ansichten zur Geldschöpfung von Pfluger teilt. Ein Hinweis von Pfluger diesbezüglich wäre sicher angebracht gewesen. Für Paul C. Martin sind Zinsen im Allgemeinen nicht als arbeitslose Einkommen anzusehen. Werden nach seiner Ansicht die Zinsen beispielsweise von Unternehmen bezahlt, wurde in diesen Firmen für den Schuldendienst gearbeitet. Dass in letzter Konsequenz die Konsumenten und nicht die Unternehmen diese Zinsen tragen, da sie in den Waren- und Dienstleistungspreisen enthalten sind, sieht er nicht. Die wirklich arbeitslosen Einkommen würden aus Staatspapieren fließen. Für derartige Zinsen hätten weder der Staat noch irgendeiner seiner Bürger gearbeitet.713 Der Staat zahlt seine Schuldzinsen aus seinen Steuereinnahmen, die er nur deshalb generiert, da gearbeitet wird. Warum man seinen Blick ausschließlich auf die Staatsschulden richten und exponentielle Wachstumsprozesse ausblenden kann, wenn die Kreditnehmer keine öffentlich-rechtlichen Institutionen sind, erschließt sich dem Autor dieses Buches nicht. Thomas Seltmann bringt es besser auf den Punkt: „Nebenbei würden in dem Maß, in dem das allgemeine Zinsniveau [wegen der Einführung einer Gebühr auf Bargeld; Anm. S. H.] sinkt, auf Dauer letztendlich auch die in allen Preisen enthaltenen Kapitalkosten aus Krediten und Eigenkapitaleinlagen [sinken]. Heute sind das nach Schätzungen von Helmut Creutz im Durchschnitt etwa 30 bis 40 % der Ausgaben privater Haushalte und damit für jeden Bürger jährlich einige Tausend Euro. Die Kosten für die Liquiditätsgebühr [bei Fließendem Geld; Anm. S. H.] werden 713 vgl. Martin Paul C.: „Die Krisenschaukel. Staatsverschuldung macht arbeitslos. Macht noch mehr Staatsverschuldung. Macht noch mehr Arbeitslose“, Wirtschaftsverlag Langen Müller / Herbig in F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München, 1997, S. 9 Kapitel IV 354 insgesamt für Otto-Normalverbraucher nur einen Bruchteil dessen betragen, vielleicht in der Größenordnung einiger Hundert Euro.“714 Simon Bichlmaier drückt es folgendermaßen aus: „Die Tabuisierung dieser Kostenanteile [z. B. Schuldzinsen, die in den Warenpreisen enthalten sind; Anm. S. H.] der Einen und spiegelbildliche Wertzuwächse der Anderen ermöglicht immerhin, dass sich immer noch die meisten ‚kleinen Leute‘ über ihre mickrigen Zinserträge auf ihre kleinen Ersparnisse freuen, während sie von ihren wahren, effektiven jährlichen Zinslasten absolut keine Ahnung haben.“715 Giegold, Philipp und Schick liegen dagegen falsch, wenn sie annehmen, dass die Zinssenkung die private Altersvorsorge erschweren würde. Laut ihrer Position müssten die Bürgerinnen und Bürger ihre Sparleistung erhöhen, wenn sie ihre Rente konstant halten wollten.716 Betrachtet man nur das Konto, auf welchem Vermögen verzinslich angesammelt werden soll, trifft das zu. Berücksichtigt man, dass die Mehrheit der Menschen eben immer mehr Schuldzinsen zahlt, als sie Guthabenszinsen generieren kann, stimmt das nicht. Die Autoren sehen nur die eine Seite der Medaille. Dies wird durch ihre Aussage belegt, dass hohe Zinsen natürlich aus Verbrauchersicht positiv wären.717 Woher die Zinsgutschriften der Anleger stammen, hinterfragen sie nicht. Sie sind im Gegenteil der Ansicht, dass, wenn die Investitionen wieder in Gang kämen, die Zinsen wieder stiegen und damit Verwerfungen im Banken- und Finanzsystem verhindert werden könnten.718 Diese Annahme ist falsch. 714 Humane Wirtschaft, Herausgeber: Förderverein Natürliche Wirtschaftsordnung e.V., Essen, www.humane-wirtschaft.de, März / April. 02/2010, Seltmann Thomas: „Umlaufsicherung von Banknoten. Wie sich die Einführung der Liquiditätsgebühr bei Geldscheinen systemkonform realisieren lässt“, S. 9 715 Bichlmaier, Simon: „Zu Geld und Ökonomie. Von der Erstellung eines diskutierbaren Ganzen“, Wagner Verlag GmbH, Gelnhausen, 2009, 1. Auflage, S. 332 716 vgl. Giegold Sven, Philipp Udo, Schick Gerhard: „Finanzwende. Den nächsten Crash verhindern“, Verlag Klaus Wagenbach, 2016, S. 20 717 vgl. ebd. S. 135 718 vgl. ebd. S. 144 355 Silvio Gesell hat das treffender beschrieben: „Fällt der Zins, so wird alles entsprechend billiger und ich werde entsprechend größere Summen sparen können. Meinen Verlust an Zinsen auf die schon gesparten Summen werde ich also tausendfach wiedergewinnen durch meine größeren Ersparnisse.“719 Es werden hier im vorliegenden Buch unter anderem die Autoren Matthias Weik und Marc Friedrich kritisiert, da sie sehr verschwommen mit dem Begriff Geld hantieren. Das unterscheidet sie jedoch nicht von vielen anderen Verfassern bis hin zur herrschenden Wirtschaftswissenschaft. Ungeachtet dessen kommen die eben genannten Autoren zu folgendem Ergebnis: „Aus diesem Grund [sie beziehen sich hier auf die ungleiche Vermögensverteilung; Anm. S. H.] erfolgt durch den Zinseszins- Mechanismus und die daraus resultierende exponentielle Zunahme der Verschuldung eine kontinuierliche Einkommens- und Vermögensumverteilung von ‚unten nach oben‘ – von den Fleißigen zu den Reichen. Dieser Mechanismus lässt kontinuierlich immer mehr Menschen verarmen. Die exponentiell steigende Staatsverschuldung sowie die Verschuldung von Unternehmen und Privatpersonen treiben diese Umverteilung immer weiter voran.“720 Sie nehmen dabei Bezug auf Jürgen Kremer, ihr Fazit: „Vorteile ziehen aus unserem Finanzsystem also nur diejenigen, deren Zinseinnahmen die Zinszahlungen übertreffen. Je mehr das Vermögen bei den Profiteuren des Systems wächst, desto größer werden logischerweise bei der Verlierermehrheit die Zinslasten. Der kontinuierliche Vermögenszuwachs der wenigen Reichen und Superreichen ist ausschließlich möglich dadurch, dass laufend den 719 Gesell, Silvio: „Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“, gesammelte Werke, Band 11, 1920, 4. letztmalig vom Autor überarbeitete Auflage, Gauke GmbH / Verlag für Sozialökonomie, Kiel, S. 274 720 Weik Matthias / Friedrich Marc: „Der größte Raubzug der Geschichte. Warum die Fleißigen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden“, Bastei Lübbe Taschenbuch Band 60804, 2. Auflage Juni 2014, überarbeitete und aktualisierte Taschenbuchausgabe, Originalausgabe: Tectum Verlag, Marburg, 2012, S. 287 f. Kapitel IV 356 unteren und mittleren Schichten direkt oder indirekt Vermögen entzogen wird.“721 Obwohl Weik und Friedrich auch Hermann Benjes722 erwähnen, der umfangreich das Fließende Geld beschrieben hat, findet das Fließende Geld, trotz eben genannter Zitate, in ihrem Werk keine Beachtung. Ein klarer Widerspruch. Es werden ein paar Fragen aufgeworfen und dann empfehlen die Autoren lediglich: „Denken Sie bitte einmal darüber nach!“ Denjenigen, die über Vermögen verfügen, wird ein weiterer Tipp gegeben: „Sie haben nun das Wissen und die Möglichkeit, diesem nachweislich gescheiterten System die Grundlage für sein gefährliches Handeln zu entziehen und sich von Papierwerten zu verabschieden und sie in Sachwerte umzuschichten.“723 Würde eine repräsentative Anzahl an Menschen dieser Empfehlung folgen, wäre das System blitzartig am Anschlag. Denn „sich von Papierwerten zu verabschieden“ bedeutet, sie zu verkaufen. Doch Anleihen abstoßen funktioniert nur dann, wenn es auch potentielle Käufer dafür gibt, die zudem bereit sind, einen akzeptablen Preis zu bezahlen. Steigt die Zahl derer, die sich von solchen Titeln trennen wollen, schnell an, stieße der Markt kurzfristig an seine Grenzen. Es käme zu starken Kursverlusten bei Festverzinslichen und zu explosionsartigen Preissprüngen nach oben bei Sachwerten. Staatsfonds und Zentralbanken könnten zwar erneut intervenieren, jedoch gibt es für diese Option quantitative Limits. In jedem Fall ist es tragisch, wenn in einem Buch, das derart immense Aufmerksamkeit erlangt, einerseits der Zinseszinseffekt und seine Wirkungen klar beschrieben, andererseits keine Alternativen zum Zins größer null Prozent plus Inflation als destruktive Geldumlaufsicherungen aufgezeigt werden. An vielen Stellen ist bei Weik und Friedrich von „ungedecktem Papiergeld“ die Rede. Dadurch entsteht eher der Eindruck, sie wünschten sich eine edelmetallgedeckte Währung. Wie allerdings bei einer solchen Währung die Geldumlaufsiche- 721 ebd. S. 288 f. 722 Benjes, Hermann: „Wer hat Angst vor Silvio Gesell?“, Herausgeber: Benjes Herrmann, 1995 – 2002 (vier Auflagen) 723 Weik Matthias / Friedrich Marc (2014), a. a. O., S. 328 357 rung organisiert werden soll, wird nicht erklärt. In ihrem zweiten Werk schreiben die Autoren: „Eigentlich hatten wir nicht die Absicht, ein zweites Buch zu schreiben. Aber die unglaublichen Ereignisse und Entwicklungen seit 2012 sowie das Versagen der Politik und Finanzwirtschaft, aus der Krise die notwendigen Schlüsse zu ziehen, zwingen uns regelrecht dazu.“724 Werden nun vielleicht in ihrem zweiten Buch Alternativen aufgezeigt? Überraschend kann man lesen: „Verstärkt wird der Schrecken durch die Tatsache, dass wir alle seit Jahren durch die Notenbanken schleichend enteignet werden. In allen wichtigen Wirtschaftsräumen liegen die Leitzinsen nahe null.“725 Die Autoren beziehen sich zwar im weiteren Verlauf des Textes auf die negativen Realzinsen auf Grund von Inflation. Jedoch wird der Leserin und dem Leser der Eindruck vermittelt, dass eine höhere Verzinsung wünschenswert sei. Das würde im Widerspruch zu getroffenen Feststellungen zu exponentiellen Wachstumsprozessen stehen. Mit Formulierungen wie der folgenden lenken die Autoren von systemischen Fehlern ab und suchen eher nach Schuldigen: „So perfide es klingt, die Krisenverursacher [Banken; Anm. S. H.] sind die Krisengewinner.“726 Ob uns das dabei hilft, bessere Wege zu finden, ist zu bezweifeln. Wie zuvor festgestellt, haben wir es mit einem systemischen Fehler zu tun. Das sieht auch Fabian Scheidler so: „Die Ursache für die zunehmende Instabilität liegt nicht, wie oft geglaubt wird, in der Skrupellosigkeit von ein paar Topbankern, sondern in der Tatsache, dass die Akkumulation von Kapital durch 724 Weik, Matthias / Friedrich, Marc: „Der Crash ist die Lösung. Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie Ihr Vermögen retten“, Bastei Lübbe Taschenbuch, Band 60858, vollständige Taschenbuchausgabe der beim Eichborn Verlag erschienen Hardcoverausgabe, 2015, S. 18 725 ebd. S. 14 f. 726 ebd. S. 16 Kapitel IV 358 den Kreislauf von Produktion, Verkauf, Profit und Reinvestition global ins Stocken geraten ist.“727 Im zweiten Buch von Weik und Friedrich gibt es eine eigene Überschrift zum Zinseszinseffekt: „In der Falle des exponentiellen Wachstums“728. In diesem Kapitel stellen sie absolut korrekt fest: „Die Schulden der einen sind immer die Guthaben der anderen.“729 und „Aber das System, das muss irgendwann platzen. […] Am Ende aber, wenn die maximale mathematische Ausdehnung des Systems erreicht wurde, muss unweigerlich der Schuldenschnitt kommen. Eine Währungsreform. [Hervorhebung im Original]“730 Hat man das gelesen, könnte man denken, die beiden Autoren üben Zinskritik. Im krassen Widerspruch dazu steht, wenn es im selben Buch weiter unten heißt: „Allein 2012 haben die deutschen Versicherungskonzerne zinsbedingt vier Milliarden Euro weniger eingenommen. Die wahren Verlierer sind aber die Kunden. Diese haben seit dem Jahr 2000 sage und schreibe 210 Milliarden Euro an Überschussbeteiligungen in den Wind geschrieben.“731 Die von Weik und Friedrich selbst herausgearbeitete Tatsache, dass, auf Grund der ungleichen Vermögensverteilung dieser Milliardenzinsfluss einen gigantischen zinsbedingten Umverteilungsmechanismus darstellt, wird plötzlich komplett ignoriert. Fast am Ende ihres Werkes kommen sie erneut auf das Zinsthema zu sprechen: „Jedes Finanzsystem mit Zins und insbesondere Zinseszins erfordert exponentielles Wachstum. Uns ist völlig klar, dass ein moder- 727 Scheidler, Fabian: „Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation“, Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien, 2015, S. 198 728 Weik, Matthias / Friedrich, Marc (2015), a. a. O., S. 92 729 ebd. S. 94 730 ebd. S. 94 f. 731 ebd. S. 222 359 nes, hochgradig arbeitsteiliges Wirtschaftssystem ohne Kredit, folglich auch ohne die Risikoprämie des Zinses, unmöglich funktionieren kann. Jede Art von Zinsverbot ist daher völlig utopisch.“732 Zum Schluss werden somit die Risikoprämien mit den an Einleger ausgeschütteten Guthabenszinsen, die wegen der bestehenden Sicherungssysteme auf große Einlagensummen risikofrei vereinnahmt werden können, durcheinandergebracht. Auch soll nicht das Verbieten von Zinsen diskutiert werden, sondern welche Methoden es gibt, um den mittelfristigen Zins auf Null zu bringen. Weik und Friedrich schreiben selbst: „Worüber es sich allerdings nachzudenken lohnt ist die Frage, wie man die exponentielle Logik des Zinseszinses begrenzen kann.“733 Eine ihrer Antworten findet sich in folgendem Text: „Die Rückkehr zu einem von realen Werten gedeckten Geldsystem sollte daher unserer Meinung nach überlegt werden. Ob dabei Golddeckung, Deckung durch andere begrenzte Rohstoffe, ein Vollgeldsystem oder eine striktere Bindung der Geldmenge an die realwirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft der richtige Weg ist, muss man sehen.“734 Die Frage, wie zum Beispiel das goldgedeckte Geld im Umlauf gehalten werden soll, wird erneut nicht besprochen. Wird hierfür ein Zins grö- ßer null Prozent verwendet, sind exponentielle Wachstumsprozesse die direkte Folge. Vollgeld unter der Überschrift „gedecktes Geld“ zu nennen, ist eher irreleitend. Die führenden Protagonisten des Vollgeldes streben keine Deckung des Vollgeldes mit realen Werten an. Das ist vernünftig. Grundsätzlich hat man den Eindruck, dass sich Weik und Friedrich nicht ausreichend genug mit den alternativen Geldsystemen auseinandergesetzt haben, obgleich ihre Beschreibung des Gegebenen spannend ist. Dieser Verdacht trifft vermutlich auch deshalb zu, da sie dem Fließenden Geld auf überregionaler Ebene keine Beachtung schenken. 732 ebd. S. 297 733 ebd. S. 297 734 ebd. S. 298 Kapitel IV 360 Regionale Währungen werden inhaltlich angeschnitten. Es werden detaillierte Informationen zu regionalen alternativen Tauschsystemen über einen Gastbeitrag von Christian Gelleri, dem Begründer des Chiemgauers735, geliefert. Auf das Vollgeld gehen sie ebenfalls nicht persönlich ein, sondern lassen diesbezüglich einen Gastbeitrag von Mark Joób abdrucken. Sie kritisieren nicht, dass dieser zur Umlaufsicherung des Geldes bemerkt: „Zugleich hätten die Bankkunden weiterhin die Möglichkeit, ihr Geld den Banken als Investition anzuvertrauen, und würden für das damit verbundene Risiko mit einer entsprechenden Rendite entschädigt.“736 Worin besteht das Risiko einer in Vollgeld getätigten Einlage? Soll es tatsächlich bei Vollgeld keine Einlagensicherungssysteme mehr geben? Warum wird beim Übertragen von Vollgeld an eine Bank rhetorisch geschickt von einer „Investition“ gesprochen und weshalb taucht für die „Entschädigung“ des Einlegers der Begriff „Rendite“ und nicht Zins auf? Wer also mehr über den Irrsinn der Finanzwelt erfahren will, vergleichbar mit dem Lesen eines spannenden Krimis mit realem Hintergrund, der wird mit den Büchern von Weik und Friedrich auf seine Kosten kommen. Diejenigen, die sich vor allem mit alternativen Lösungsansätzen beschäftigen möchten, werden beim Studieren dieser Schriften allenfalls bemerken, dass Alternativen zum existierenden Finanzsystem kaum diskutiert werden (siehe auch Kapitel III.11.a: „Matthias Weik und Marc Friedrich“). 735 Chiemgauer: regionale Währung, Umlaufsicherung zwei Prozent je Quartal, einen Chiemgauer erhält man für einen Euro, beim Rücktausch von Chiemgauern in Euro wird eine Gebühr in Höhe von fünf Prozent erhoben, zwei Prozent finanzieren die Verwaltung, drei Prozent kommen einem gemeinnützigen Zweck zu Gute 736 Weik, Matthias / Friedrich, Marc (2015), a. a. O., S. 311 361 4. Wirkungen des Fließenden Geldes 4.a Umweltschutz Noch nie hat eine Generation die Lebensgrundlagen der Menschheit derart zerstört, wie es aktuell stattfindet. Doch gibt es einen klaren Zusammenhang mit unserem Geldsystem? Dieser Frage wollen wir folgend nachgehen. Wenzlaff, Kimmich und Richters stellen fest: „Die Wahrnehmung sowie ein zunehmendes Interesse an der Untersuchung einer monetär bedingten Wachstumsnotwendigkeit sind […] unzweifelhaft. […] Zu problematisieren ist daher ausschließlich der Zins bzw. Zinsanteil, der mit der oben erläuterten Liquiditätspräferenz737 zusammenhängt […] [Hervorhebung im Original]“738 Mit dieser Formulierung signalisieren die Autoren, dass ein zinsbedingter Wirtschaftswachstumszwang existiert. Allerdings, wie an anderer Stelle bereits bemerkt, sagen sie auch: „Werden Zinseinkommen vollständig konsumiert, ist eine stationäre Umverteilungswirtschaft möglich, die keines zusätzlichen Wirtschaftswachstums bedarf. Die Wachstumsnotwendigkeit kann erst durch den unvollständigen Konsum von Zinseinkommen begründet werden.“739 Dem ist zuzustimmen. Die Entwicklung der geldnahen verzinslichen Anlagen von Vermögenden belegen jedoch, dass real eine annähernd vollständige Konsumtion der Zinseinkommen nicht erfolgt. Im Gegenteil, die Ersparnisbildung wächst mit steigenden Einnahmen aus beruf- 737 Liquiditätspräferenz: Neigung von Marktteilnehmern, Liquidität kurzfristig zu halten, insofern erklärt sich ein steigender Zins mit der Laufzeit der Zinsbindung (siehe Kapitel III.6: „Die Zinsstrukturkurve“) 738 Wenzlaff Ferdinand, Kimmich Christian, Richters Oliver: „Theoretische Zugänge eines Wachstumszwangs in der Geldwirtschaft“, Zentrum für Ökonomische und Soziologische Studien (ZÖSS), Fachbereich Sozialökonomie, Universität Hamburg, Fakultät WISO, September 2014, S. 5 739 ebd. S. 44 Kapitel IV 362 licher Tätigkeit und die Einkünfte aus anderen Einkunftsarten740 kommen ab einer gewissen Größenordnung nicht mehr nachfragewirksam zum Einsatz. Insofern ist es plausibel, dass Zinsgutschriften von den Empfängern erneut verzinslich angelegt werden (Zinseszinseffekt) und sich hieraus ein zinsbedingter Wachstumszwang für die Wirtschaft ergibt. Und selbst wenn der Wachstumszwang bei nachfragewirksamer Zinseinkommensverwendung aufgehoben wäre, ist dies aus sozialer Sicht deutlich zu kritisieren, da in diesem Fall von den Vermögenden die Arbeitsleistung anderer verkonsumiert wird. Wolfgang Kessler empfiehlt, dass die wichtigsten Zentralbanken ihren Leitzins unterhalb der Wachstumsraten der Wirtschaft halten sollten, damit von den Zinsen kein Wachstumszwang ausginge.741 Bedeutet dies, dass er sich bei null Prozent Wirtschaftswachstum Zinsen unter null Prozent vorstellen kann oder wünscht er sich immer ein gewisses Maß an Steigerung der Wirtschaftsleistung? Kessler geht auf diesen Sachverhalt explizit nicht ein. Er meint, dass die Armen der Welt durch eine zinsfreie Wirtschaft noch nicht mehr Geld hätten.742 Dem kann nicht zugestimmt werden. Bei Verwendung von Fließendem Geld sinkt die Belastung durch Schuldzinsen der sehr großen Mehrheit der Bevölkerung deutlich (siehe Kapitel IV.3: „Eine einfache Rechnung“). Letztendlich widerspricht sich Kessler selbst, weil er in einer anderen Arbeit darauf hinweist, dass ganz normale Konsumenten negativ von Zins und Zinseszins betroffen wären, da steigende Zinskosten in den Warenpreisen enthalten seien.743 Auch Christian Kreiß kommt zu dem Fazit, dass alle Arten von Zinseszins über lange Zeiträume zu explosionsartigem Wachstum führten, welches durch die reale Wirtschaft nicht gedeckt werden könne.744 Mathias Binswanger schreibt: 740 zum Beispiel: Einkünfte aus Dividenden, Mieten, Zinsen 741 vgl. Kessler, Wolfgang: „Weltbeben. Auswege aus der Globalisierungsfalle“, Publik-Forum Verlagsgesellschaft mbH, Oberursel, März 2004, 5. aktualisierte und erweitere Neuauflage, 2007, S. 238 742 vgl. ebd. S. 238 743 vgl. Kessler, Wolfgang: „Zukunft sozial: Wegweiser zu mehr Gerechtigkeit“, Druck- und Verlagshaus Frankfurt am Main GmbH, Frankfurt und Publik- Forum Verlagsgesellschaft mbH, Oberursel, Mai 2004, 5. Auflage 2006, S. 53 744 vgl. Kreiß, Christian: Profitwahn. Warum sich eine menschengerechtere Wirtschaft lohnt“, Tectum Verlag Marburg, 2013, S. 24 363 „Wahrscheinlich würden sich viele Menschen wohler fühlen in einer Wirtschaft, die etwas gemächlicher wächst, aber dafür weniger krisenanfällig ist, weil sie kurzfristig auf spekulative Wachstumsmöglichkeiten verzichtet und gewisse ökologische Risiken meidet. In dieser Wirtschaft sind dann zwar die Renditen für Geldanlagen insgesamt geringer, aber dafür ist die Lebensqualität höher.“745 Hier übersieht er einiges. Erstens fühlen sich nicht immer mehr Menschen „wohler“, wenn die Wachstumsrate der Wirtschaft unterhalb der zinsbedingten Wachstumsrate von Guthaben und Schulden liegt. Ein gemächlicheres Wachstum, wie es Binswanger vorschlägt, ist in Verbindung mit dem aktuellen Geldsystem, kritisch. Denn die sich stetig erhöhenden Verpflichtungen aus dem systembedingten Schuldenaufbau sind von allen zu tragen. Steigt die zinsbedingte Belastung aller unvermeidbar an, sinkt Schritt für Schritt die Lebensqualität von immer mehr Menschen. Der Zwang zum Wirtschaftswachstum ist ein systemischer Fehler, daher ist die Jagd nach Rendite nicht ursächlich für die neurotisch angestrebte Zunahme des Bruttosozialprodukts von einigen Prozentpunkten pro Jahr verantwortlich zu machen. Zweitens: Es verhält sich genau entgegengesetzt zu Binswangers Aussage. Bei hohen Wachstumsraten der Wirtschaft im aktuellen System ist die Krisenwahrscheinlichkeit geringer.746 Erst wenn die Leistungssteigerungsraten fallen oder anders – unterhalb der Wachstumsraten von Guthaben und Verpflichtungen liegen – wird das System krisenanfällig. Wirtschaftliche Störungen sind in solchen Phasen dann unvermeidbar. Und drittens führt der Wachstumszwang der Wirtschaft nicht nur zu ökologischen Risiken, sondern zu real stattfindender Zerstörung. 745 Binswanger, Mathias: „Geld aus dem Nichts. Wie Banken Wachstum ermöglichen und Krisen verursachen“, S. 323 746 Bedingung: Zinsrate unterhalb der Wirtschaftswachstumsrate Kapitel 364 Abbildung 38: Wirtschaftswachstumszwang im bestehenden Die nebenstehende Grafik be gegebene Problematik. Kreis steht für das aktu sozialprodukt (BSP). wirtschaftliche Ergeb Schuldzinsen zu bed den Schuldzinsen we rum die Guthabenszi Halter der verzinste gezahlt. Wegen der Vermögensverteilung Wenige besonders. Verwenden wir einen Zins größer null Prozent als Ge cherung, müssen mit den Guthaben systemimmanent auc den steigen. Unterstellen wir einen unveränderten Zins sich damit der aufzubringende Schuldzinsbetrag. Würde haft gesprochen um eine Torte handeln, würde das Torte ches die Schuldzinsen symbolisiert, zinsbedingt ohne wachstum ständig wachsen (siehe Abbildung 38: rot Fläche). Wenn bei einer Geburtstagsfeier ein Gast ein grö Kuchen erhält, heißt das, dass andere Gäste weniger vo abbekommen. Das nun größere Tortenstück stellt demna leistungslos gestiegenen zinsbedingten Kapitaleinkommen steht weniger Geld für gemeinwohlorientierte Aufgaben gung. In der realen Welt spricht man in solchen Momen einer Reform. Leistungen im sozialen Bereich, bei der Gesu sorgung oder den Rentenzahlungen werden nach unten an den fehlenden Betrag auszugleichen. Langfristig führt dam Wirtschaftswachstum im aktuellen Geldsystem zu extrem Spannungen. In unserem Bild bedeutet nun Wirtschaftswachstum, d gejahr eine Torte mit größerem Durchmesser gebacken Abbildung 38: blauer äußerer Kreis). Bei realisiertem Wirts stum ist, wie in der Grafik sichtbar, das BSP umfänglicher des Kuchens, der nun für die Schuldzinsen benötigt wird zentual unverändert. Der oben abgebildete Fall tritt ein System schreibt die Der innere elle Brutto- Über dieses nis sind die ienen. Aus rden wiedensen an die n Anlagen ungleichen profitieren ldumlaufsih die Schulsatz, erhöht es sich bildnstück, wel- Wirtschaftsschraffierte ßeres Stück n der Torte ch auch die dar. Damit zur Verfüten oft von ndheitsvergepasst, um it fehlendes en sozialen ass im Folwird (siehe chaftswach- . Der Anteil , bleibt pro- , wenn das 365 Wirtschaftswachstum genau die systembedingt gestiegenen Schuldzinsansprüche kompensiert (siehe Abbildung 38: blau schraffierte Fläche). Jedoch: Nichts auf der Welt kann zeitlich unbegrenzt exponentiell wachsen. (Erster Hauptsatz der alternativen Wirtschaftswissenschaft, siehe Kapitel IV.9) Jedes System, das mit einem derartigen Wachstumszwang ausgestattet ist, muss in regelmäßigen Zeitabständen an seine Grenzen stoßen. Ein Zins deutlich größer null Prozent als destruktive Geldumlaufsicherung in einer arbeitsteiligen Volkswirtschaft führt zu einem solchen krankhaften Wachstumsprozess. Der Versuch, diesen Fehler im Geldsystem mit Wirtschaftswachstum zu kompensieren, ist ein Irrweg. Er zerstört unsere Lebensgrundlagen. Fabian Scheidler schreibt: „Der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und planetarer Zerstörung ist so offensichtlich, dass man nur seine fünf Sinne benutzen muss, um ihn zu begreifen.“747 Die Erde verfügt nur über begrenzte Ressourcen. Diese sollten schonend eingesetzt werden und dem Gemeinwohl dienen. Deshalb sollten vor allem auch Umweltverbände ihr Augenmerk auf die zinsbedingte Wachstumszwangproblematik legen. Voraussetzung für ein exponentielles Wachstum von geldnahen Anlagen ist, dass die Zinsen, die Einleger vereinnahmen, erneut angelegt werden. Dazu Wenzlaff, Kimmich und Richter: „Zentral für die Auslösung dieses Wachstumszwangs ist ein positiver Zinsertrag […] und die Entscheidung des Kreditgebers, diesen Betrag zu sparen.“748 Oft wird behauptet, dass eine Geldschöpfung der Geschäftsbanken die Ursache des Wachstumszwangs sei, da die zu erfolgenden Zinszahlungen nur möglich wären, wenn sie ebenfalls geschöpft würden. Eine 747 Scheidler, Fabian: „Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation“, Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien, 2015, S. 200 748 Wenzlaff Ferdinand, Kimmich Christian, Richters Oliver (2014), a. a. O., S. 31 Kapitel IV 366 ursprünglich geschöpfte Geldmenge würde lediglich der Tilgungssumme entsprechen.749 Martin Sauber und Benedikt Weihmayr liefern zu diesem Gedankenknoten eine hilfreiche Auflösung: „Die Kritiker [Geldsystemkritiker, Anm. S. H.] vernachlässigen die Eigenschaft des Zinses als Flussgröße, d. h., dass durch vollständigen Konsum der Zinseinkommen Tilgung und Zinszahlungen seitens des Schuldners in voller Höhe erfolgen können. Eine stabile Nullwachstumsökonomie ist aus dieser Perspektive mit einem positiven Zins vereinbar. Erst der Nicht-Konsum, also das Sparen von Kapital- und Arbeitseinkommen führt zu einer zwingenden Dynamik.“750 Ob man einer Bank Zinsen überweist, das Institut den Zinsertrag dann benutzt, um einen Angestellten zu bezahlen und dieser durch seine Lebenshaltungskosten die finanziellen Mittel wieder in Umlauf bringt oder ob man zu einer Friseurin geht, sich die Haare schneiden lässt und mit der Einnahme vergleichbar das Gehalt eines Mitarbeiters des Friseursalons anteilig getragen wird und über dessen Ausgaben das Geld in den Wirtschaftskreislauf gelangt, da besteht keine monetäre Differenz. Zwischen den Flussgrößen751 Zinsen und Kosten eines Haarschnitts existiert kein Unterschied, sofern der Empfänger der finanziellen Mittel diese auf direktem oder indirektem Wege (z. B.: Lohnzahlung) verkonsumiert. Erst, wenn die vereinnahmte Summe gespart wird, wenn also der Zinsbetrag oder der Haarschnittpreis angelegt wird, ergeben sich neue Betrachtungsfelder. Aus diesen Überlegungen ergibt sich eine weitere Schlussfolgerung. Wird ein Nullwachstum der Wirtschaftsleistung angestrebt und unterstellt, dass Guthabenszinsen von den Empfängern nicht verkonsumiert werden, muss das Zinsniveau deutlich unter null Prozent rutschen, damit der Geldkreislauf nicht gestört wird und es nicht zu 749 vgl. Sauber, Martin / Weihmayr, Benedikt: „Vollgeld und Full Reserve Banking – Geldreformen auf dem Prüfstand“, ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft, S. 8 750 ebd. S. 8 751 Flussgröße (auch Strom- oder Bewegungsgröße genannt): sind zeitraumbezogene Größen (zum Beispiel das Einkommen), im Unterschied zur Bestandsgröße (zum Beispiel das Vermögen) 367 ökonomischen Krisen kommt. Dies wird über eine Gebühr auf Zentralbankgeld, wie sie beim Fließenden Geld gedacht ist, erreicht. Ich lese seit vielen Jahren das Greenpeace-Magazin. Mit Überzeugung kann ich sagen, dass ich dieser Lektüre bisher eine Vielzahl für mich wertvoller Informationen entnehmen konnte. Deshalb bin ich dankbar, dass es ein solches Heft gibt. Umso mehr war ich begeistert, als ich die Ausgabe 01.16 in den Händen hielt, deren Überschrift lautete: „Geld Spezial“. Es begann hoffnungsvoll: Eine junge Dame wird dem Leser vorgestellt, es wird mitgeteilt, dass sie die Volkswirtschaftslehre umkrempeln wolle.752 Ich besuchte die genannte Internetseite plurale-oekonomik.de, dort sind assoziierte Gruppen sichtbar gemacht, auch einen Button „Leipzig“ gibt es. Ich klickte ihn an, Oikos Leipzig erscheint. Das freute mich: 2015 hielt ich an der Universität Leipzig einen Vortrag über Fließendes Geld auf Einladung dieser Gruppe. Auf den folgenden Seiten wird kurz die Bargeldabschaffung753 thematisiert und es wird darüber berichtet, wie die USA mit Geld eine Entschädigung der Bikinianer erreichen will, da man sie in den 1940ern umsiedelte, um ihre Heimat für Atomwaffentests zu verwenden. Später kommen 64 Wohlhabende zu Wort, die freiwillig, unter Berücksichtigung einer Schongrenze von 500.000 Euro (bei Betriebsvermögen fünf Millionen Euro), mehr Steuern zahlen möchten, da ihnen die wachsende Ungleichverteilung der Einkommen und des Vermögens in Deutschland große Sorgen bereiten würde.754 Weiter hinten im Heft wird diskutiert, ob es zielführend wäre, der Natur einen Preis zu geben. Es wird erklärt, dass die Befürworter dieser Strategie damit eine Versöhnung der Ökonomie und Ökologie erreichen wollten. Die Kritiker meinen, dass derartige Herangehensweise gefährlich sei, da „[…] alles, was einen Preis hat, auch zur Ware werden kann.“755 Des Weiteren wird aufgezeigt, wie Eliten mit blumigen Begriffen versuchen, der Bevölkerung Maßnahmen zu verkaufen, die dem Ge- 752 vgl. Greenpeace Magazin, Ausgabe: 01.16, Greenpeace Media GmbH Hamburg, S. 7 753 vgl. ebd. S. 10 ff. 754 vgl. ebd. S. 18 755 ebd. S. 26 Kapitel IV 368 meinwohl schaden.756 Wenige Seiten später liest man, dass die „[…] neoliberale Idee, den Staat soweit es irgendwie geht aus allem herauszuhalten und Regulierung bis zur Unkenntlichkeit abzubauen […] in die Katastrophe geführt hat.“757 Gemeint ist die 2007 ausgebrochene Finanzmarktkrise. Dann soll der Leser mit einem Rätsel sein Wissen zur Geschichte des Geldes testen. Ein folgender Text verrät, dass das Kapital der gro- ßen Investmentgesellschaften der wichtigsten Volkwirtschaften im Jahr 2013 ca. 85 Billionen Euro betrug. Dies sei „[…] fast doppelt so viel, wie alle 34 Industriestaaten der OECD im gleichen Jahr gemeinsam erwirtschafteten.“758 Doch es stellt sich die Frage: Was sind die Ursachen einer solchen Fehlentwicklung? Auch die Vollgeldinitiative759 hat es in das Heft geschafft. In einem kurzen Artikel wird erläutert: „Geschäftsbanken sollen künftig kein Geld mehr schöpfen dürfen.“ Was mit Geld gemeint ist, wird nicht beschrieben. Auch wird nicht hinterfragt, wie das Vollgeld gleichmäßig im Umlauf gehalten werden kann, damit der Austausch von Waren und Dienstleistungen möglichst krisenfrei absolviert wird. Später werden nachhaltige Geldanlagen760 beleuchtet und es wird über die Ornamentik761 der Banknoten philosophiert. Auch wird das kritikwürdige Wahlsystem der USA vorgestellt,762 indem mit Milliarden Dollar entschieden wird, wer politisch das Sagen hat und wie die Würfel bei wichtigen Entscheidungen, zum Beispiel beim Umweltschutz, fallen. Wie ZEIT ONLINE berichtete, legt Donald Trump kurz nach seiner Amtseinführung ein umstrittenes Pipelineprojekt neu auf, obwohl starke Klimaschutzbedenken bestehen. Damit nahm der neue US-Präsident aus ökonomischen Interessen zentrale Umweltentscheidungen seines Vorgängers zurück.763 756 vgl. ebd. S. 33 757 ebd. S. 37 f. 758 ebd. S. 41 759 vgl. ebd. S. 45 760 vgl. ebd. S. 50 761 vgl. ebd. S. 56 762 vgl. ebd. S. 64 763 vgl. ZEIT ONLINE: „US-Regierung. Trump legt umstrittene Pipelineprojekt neu auf“, 24.01.17 369 Das Finale der Greenpeace-Magazinausgabe liefert ein Artikel mit der Überschrift Die Schatzinsel764. Milliardäre kommen auf einer paradiesischen Insel zusammen, um Wege zu suchen, wie man aus der Bitcointechnologie Kapital schlagen könne. Die Theorie eines Redners: Die Ursache für Armut läge in fehlenden Eigentumsrechten. Hätte demnach ein Slumbewohner auf seine Hütte einen „[…] verbrieften Eigentumsanspruch, dann wäre die Hütte etwas wert.“ Eine ziemlich aggressive neoliberale Theorie, denke ich. Viele weitere Inhalte der Ausgabe enthalten durchaus hohen Informationsgehalt. Doch meine Hoffnung, dass sich ein so großer und wirkungsvoller Verband wie Greenpeace mit den grundlegenden systemrelevanten Inhalten beim Geld beschäftigt, wurde enttäuscht. Denn, solange der Fehler im Geldsystem existiert, werden sämtliche Umweltschutzgruppen vergeblich wie Don Quichote gegen Windmühlen anrennen. Erfolge der Umweltverbände verbessern zwar unbestritten in vielen Teilbereichen wertvoll die Situation. Mit den Mechanismen des aktuellen Finanzwesens können wir jedoch nicht zu einer nachhaltigen Produktionsweise finden, die unsere Lebensgrundlage, unseren Planeten, erhält. Kann man nicht von den Herausgebern eines Printmediums eines Umweltschutzverbandes, dessen Cover noch dazu den Schriftzug „Geld Spezial“ trägt und an derselben Stelle „Wir zeigen neue Wege […]“ geschrieben steht, erwarten, dass die Wirkungen von Zins und Zinseszins beleuchtet werden? Ist das Fließende Geld kein „neuer Weg“, der zumindest auf breiter Ebene diskutiert werden sollte? In der Zeitschrift Ökologisches Wirtschaften sprechen die Autoren Harry Schindler, Sebastian Strunz und Bartosz Bartkowski über den „Mythos monetärer Wachstumszwang“.765 Sie erkennen zwar beim Geld „erhebliche Abgrenzungsprobleme“766, liefern jedoch keine Lösung, sondern argumentieren unter Beibehaltung der ungenauen Begriffsdefinition weiter. Sie schreiben, dass die von ihnen vorgestellten 764 ebd. S. 75 f. 765 Ökologisches Wirtschaften: Schindler, Harry / Strunz, Sebastian / Bartkowski, Bartosz: „Mythos monetärer Wachstumszwang. Am Gelde hängt doch alles?“, Ausgabe 01-2017 (März), Herausgeber: Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) gGmbH, Vereinigung für ökologische Wirtschaftsforschung (VÖW) e. V., Berlin, S. 23 766 ebd. S. 23 Kapitel IV 370 und vor allem im deutschsprachigen Raum populären Thesen eines monetären Wachstumszwangs sie nicht überzeugen könnten.767 Sie erklären weiter: „Dies bedeutet zwar nicht, dass eine Reform des Geldwesens, etwa in Form eines Verbotes der Zinsnahme auf Geldkredite, keine wachstumshemmenden Folgen zeitigte.“768 Weshalb die Autoren gerade ein „Verbot“ von Zinsen herausstellen, ist nicht nachvollziehbar. Eine solche Forderung der breitgefächerten Geldreformszene ist absolut untypisch. Auch steht bei ihnen das Wort Verbot in Verbindung mit Kreditzinsen. Beim Fließenden Geld wird über eine konstruktive Geldumlaufsicherung der Guthabenszins bei mittelfristigen Laufzeiten auf null Prozent geführt. Beim Kredit sind unverändert Risiko und Dienstleistung des Anbieters vom Verpflichteten zu tragen. Schindler, Strunz und Bartkowski empfehlen, dass keine Reformenergie in „unsichere Geldexperimente“769 gesteckt werden sollte. Dem ist mit Nachdruck zu widersprechen. Es muss das „Experiment exponentieller Wachstumsstrategien“ beendet werden, damit notwendige Veränderungen bei der Geldumlaufsicherung dem Gemeinwohl dienen und unsere Natur schützen. Es empfiehlt sich, dass wir uns noch einen weiteren Sachverhalt anschauen: das sogenannte Abzinsen. In der Ökonomie spricht man von einer dynamischen Investitionsberechnung. Diese berücksichtigt im Rahmen der Barwertmethode770, wann die jeweiligen Zahlungsströme erfolgen. Kosten in der Zukunft werden abgezinst. Je höher der Zinssatz, desto geringer schlagen Kosten in weiter Zukunft in der Investitionsberechnung zu Buche. Bei Fließendem Geld wird der mittelfristige Zins dank konstruktiver Nutzungsgebühr auf Bargeld auf null Prozent gebracht. Durch die Zinsabsenkung rechnen sich nach der dynami- 767 vgl. ebd. S. 24 ff. 768 ebd. S. 25 769 ebd. S. 25 770 Barwertmethode: Bei der Barwertmethode wird der Wert einer Zahlung, die erst in der Zukunft erfolgt, für die Gegenwart ermittelt. 371 schen Investitionsrechnung771 Investitionen mit hohen Kosten in der Zukunft deutlich schlechter. Wolfgang Berger stellt zum Thema Abzinsen in einer Ausgabe der Humanen Wirtschaft folgende Frage und liefert auch gleich selbst die Antwort: „Was ist Ihnen lieber: eine Million Euro heute oder eine Million Euro in zehn Jahren? Natürlich ziehen Sie die Million heute vor, denn wenn Sie es geschickt anfangen, können daraus in zehn Jahren schon zwei Millionen Euro werden. Und Unternehmern geht es nicht anders. Sie können auch umgekehrt rechnen: Eine Million in zehn Jahren ist dann heute nur eine halbe Million wert ist. Eine sichere Million in zehn Jahren und eine halbe Million heute haben somit für Sie den gleichen Wert. Das ist deshalb so, weil Sie die Million in zehn Jahren auf den heutigen Wert herunter gerechnet haben – die Fachleute nennen diesen Rechenvorgang ‚Abzinsen‘. Ich habe dabei für Sie hier gerade mit etwa sieben Prozent gerechnet. Um zukünftige Ausgaben und Einnahmen, die durch eine Investition ausgelöst werden, miteinander vergleichen zu können, müssen wir also alle Zahlungsströme auf den heutigen Wert abzinsen. Das erst macht sie vergleichbar. Erst danach können wir die Ausgaben von den Einnahmen abziehen und dadurch wissen, ob die Investition vorteilhaft ist oder nicht.“772 Nun sollte der Umweltschutz nicht nur auf wirtschaftliche Berechnungen abgestellt werden, sondern auch auf Vernunft, da der Mensch mit der Zerstörung der Natur sich seiner eigenen Lebensgrundlagen beraubt. Dennoch ist der Hinweis wertvoll, dass auch beim Analysieren 771 dynamische Investitionsberechnung: Es werden bei dieser Rechnung in Zusammenhang mit einer Investition die Einnahmen und Ausgaben, bezogen auf den Zeitpunkt, zu dem die Zahlungen erfolgen, berechnet. Die zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattfindenden Zahlungen werden mittels Auf- oder Abzinsens rechnerisch damit vergleichbar gemacht. Ziel der Rechnung ist, zu ermitteln, ob sich eine Investition unter Berücksichtigung der zeitversetzten Zahlungsströme rechnet. 772 Humane Wirtschaft, Herausgeber: Förderverein Natürliche Wirtschaftsordnung e.V., Essen, www.humane-wirtschaft.de, März / April 2012, Ausgabe: 02/ 2012, Berger Wolfgang: „Die Welt braucht fließendes Geld“, S. 4 f. Kapitel IV 372 der makroökonomischen Vorgänge unter Zuhilfenahme bestehender ökonomischer Modelle das Fließende Geld brillante Impulse gibt. Denn Unternehmen berechnen prinzipiell, ob sich ein Investment lohnt. Derartige mathematische Betrachtung wird mit einem Zins ausgeführt, der über dem Zins für sichere Geldanlagen liegt. Ließe sich mit einer betrieblichen Investition nur ein Ertrag erwirtschaften, der auch durch Zinsen bei simpler Anlage in gefahrlose geldnahe Werte erzielbar wäre, würde ein Investor eher diesen einfachen Weg wählen und müsste nicht die Risiken einer unternehmerischen Maßnahme in Kauf nehmen. Suhr formuliert hierzu: „So werden z. B. alle Investitionen, die in realen Größen an sich noch profitabel wären, deren Erträge aber den monetären Standard der Zinserträge aus angelegtem Geld nicht erreichen, durch die künstlichen Transaktionskosten des monetären Systems blockiert.“773 Ein beim Fließenden Geld bei mittelfristigen Laufzeiten auf null Prozent abgesenktes Zinsniveau macht Investitionen bei Berechnung nach der Barwertmethode deutlich schneller rentierlich. Damit werden Projekte aus dieser Sicht interessant, die sich im gegenwärtigen Geldsystem nicht rechnen. Berger schreibt im oben genannten Artikel hierzu: „In unserem heutigen destruktiven System können die Unternehmen deshalb nur die kurzfristigen Vorteile berücksichtigen. Sie holzen Bäume ab, die über Generationen gewachsen sind, zerstören Böden und Fischbestände für kurzfristigen Ertrag, ruinieren unser Klima und riskieren Endlagerkosten für atomare Abfälle für hunderttausend Jahre. Der Erhalt von Trinkwasserquellen, sauberer Luft, Artenvielfalt, tropischen Regenwäldern und dem klimatischen Gleichgewicht ist nicht rentabel.“ 773 Suhr, Dieter: „Netzwerk neutrales Geld. Eine kritische Analyse des herkömmlichen Geldes und das Konzept einer Finanzinnovation für neutrales Geld“, Seminar für freiheitliche Ordnung der Kultur, der Wissenschaft und des Staates e. V., Zeitschrift: „Fragen der Freiheit“, 1994, Heft Nr. 228, S. 32 f. 373 Bergers Fazit: „Fließendes Geld ändert das: Weil es nicht verzinst wird, wird es auch nicht abgezinst. Eine Million heute und eine Million in zehn oder in hundert Jahren haben den gleichen Wert. Das hat schwerwiegende Folgen: Zum Beispiel müssen dann die Trilliardenkosten für die Endlagerung atomarer Abfälle in den heutigen Preis des Atomstroms hineingerechnet werden.“ Fließendes Geld würde demnach auch in diesem Feld die richtigen Anreize liefern: Unternehmen, die sich heute systembedingt falschen Mechanismen hingeben, könnten unter veränderten Bedingungen ganz neue Wege gehen. Investitionen in Zukunftstechnologien fielen leichter, da die errechneten Kapitalkosten für solche Investitionen deutlich geringer wären. Auch bei Anwendung bestehender ökonomischer Modelle und Formeln würden Kosten in der Zukunft bei einem mittelfristigen Zins von null Prozent eine viel höhere Relevanz erlangen. Dies führt automatisch dazu, dass Firmen intensiv darüber nachdenken werden, wie sie bei einer Produktionseinheit ihre Aufwendungen in den Folgejahren reduzieren können. Die Reparier- oder Recycelfähigkeit wird einen völlig neuen Stellenwert einnehmen. Dies wird zu einem beachtlichen Beitrag im Sinne des Umweltschutzes führen. Die Tragweite für den Umweltschutz bei Einführung von Fließendem Geld ist exorbitant. Der Autor hofft, dass er die Zusammenhänge gerade auch für Umweltschützerinnen und Umweltschützer nachvollziehbar herausgearbeitet hat. Wenn das aktuelle Geldsystem einen Wirtschaftswachstumszwang erzeugt, sind langfristig alle Bemühungen bei Beibehaltung des beschriebenen Geldsystemfehlers zum Scheitern verurteilt. Beim Wechsel von der Plastiktüte zum wiederholt einsetzbaren Stoffbeutel fehlt der Umsatz in der Kunststoffindustrie. Beim Ausbau von Car-Sharing werden weniger Autos benötigt, doch wir brauchen gegenwärtig zwingend Wachstum, auch beim Output im Fahrzeugbau. Wir zerstören unsere Böden mit Umweltgiften, um dar- über in der Landwirtschaft Wachstum zu erzwingen. Monokulturen beim Wald sollen in diesem Bereich die stetigen Steigerungen bringen. Sobald sich Politiker, die sich der Natur gegenüber verpflichtet fühlen, Vorschläge einbringen, die an der Wachstumskomponente kratzen, Kapitel IV 374 bleiben diese systembedingt zwangsweise zum großen Teil unberücksichtigt. Das Entfernen der Wachstumszwangskomponente durch die Änderung der Geldumlaufsicherung im Geldsystem hat einen immens hohen Stellenwert. Es erscheint kaum möglich, diese starke Relevanz ausreichend zu betonen. 4.b Soziales Gleichgewicht Frank Niessen meint, dass das Zinssystem eine immer reicher und mächtiger werdende Elite hervorbringen würde und den Rest der Bevölkerung in zunehmende Verschuldung und Abhängigkeit treibe.774 Deshalb charakterisiert er das bestehende Geldsystem als verstecktes Ausbeutersystem mit begrenzter Haltbarkeit.775 Christian Kreiß schreibt, dass man mit Fug und Recht bezüglich der extremen Ungleichverteilung der Vermögen von einem neuen Adelsstand – den Superreichen – sprechen könne, so, wie das bereits der berühmte amerikanische Verfassungsrichter Louis Brandeis zur ähnlichen Situation 1912 getan haben soll.776 Besprechen wir einmal diese Positionen und schauen wir uns gemeinsam die sich herausgebildeten Ungleichgewichte an. Im Buch Unnützes Wissen – 1374 skurrile Fakten, die man nie mehr vergisst777 findet man unter Punkt 770 folgendes: „Das Vermögen der drei reichsten Menschen der Welt entspricht den gesamten Bruttoinlandsprodukten der 48 ärmsten Nationen.“778 Träfe das zu, wäre diese Tatsache ein weiterer Beweis, dass sich etwas in eine völlig absurde Richtung entwickelt hat. Bei der eben zitierten Formulierung ist jedoch zu kritisieren, dass ein niedriges Bruttoin- 774 vgl. Niessen, Frank: „Entmachtet die Ökonomen! – Warum die Politik neue Berater braucht“, Tectum Verlag Marburg, 2016, S. 83 775 vgl. ebd. S. 84 776 vgl. Kreiß, Christian: „Profitwahn. Warum sich eine menschengerechtere Wirtschaft lohnt“, Tectum Verlag Marburg, 2013, S. 5 777 „Unnützes Wissen“, Wilhelm Heyne Verlag München in der Verlagsgruppe Random House GmbH, 12. Auflage, 2008 778 ebd. Fakt 770 375 landsprodukt (BIP) nicht pauschal zu der Schlussfolgerung führen darf, es würde sich um eine „arme Nation“ handeln. Unter anderem muss die Einwohnerzahl eines Landes Berücksichtigung finden. Das BIP pro Kopf kann ein ganz anderes Bild liefern. Des Weiteren wäre es falsch, bei der Beurteilung nur auf monetäre Messgrößen wie dem Bruttoinlandsprodukt abzustellen. In einem Staat mit einem geringeren BIP pro Kopf können sich Menschen deutlich wohler fühlen als in einem Land mit einem deutlich höheren. Ein solches Resultat stellt sich ein, wenn zum Beispiel ein beachtliches soziales Gleichgewicht besteht und damit Kriminalitätsraten sehr niedrig ausfallen. Darüber hinaus spielen bei der Zufriedenheit von Menschen auch die Qualität der Gesundheitsversorgung, der Zugang zu Kunst und Kultur, die verfügbaren Bildungsangebote, die Beschaffenheit der demokratischen politischen Strukturen und der Schutz der Umwelt eine wesentliche Rolle. Aus diesem Grund hat beispielsweise bereits vor vielen Jahren Bhutan eine Kommission zur Ermittlung des sogenannten Bruttonationalglücks ins Leben gerufen. Trotz des Wissens über den beschriebenen Fehler beim Spruch 770 des genannten Buches galt es, diese Information zu überprüfen. Das Magazin Forbes veröffentlicht regelmäßig die benötigten Zahlen zu den reichsten Menschen der Welt. Nach einem Bericht der Welt779, die Zeitschrift bezieht sich auf Forbes, handelte es sich im Jahr 2016 um folgende Superreiche auf den ersten drei Plätzen: − Bill Gates: 75,0 Milliarden $ − Amancio Ortega: 67,0 Milliarden $ − Warren Buffet: 60,8 Milliarden $ In Summe besaßen damit diese drei Personen im Jahr 2016 202,8 Milliarden US-Dollar. Im zugehörigen Text des oben zitierten Welt-Artikels heißt es: „Die Liste sendet ein neues Signal. Sie offenbart nicht nur die fortschreitende Macht der personifizierten Tech-Giganten. Sie führt auch vor Augen, wie die Arbeitswelt in Zukunft aussehen könnte: eine Zweiteilung der Gesellschaft in vermögende Eliten und eine 779 vgl. Welt: „Superreiche werden zur Gefahr für die Mittelschicht“, Nando Sommerfeldt und Holger Zschäpitz, 01.03.2016 Kapitel IV 376 Unterschicht. Die Mittelschicht wird in dieser neuen Welt ausgedünnt. Denn ihren Aufstieg verdanken die „Forbes“-Giganten ihrer kreativen Zerstörung.“ Oft wird in Deutschland diskutiert, in welcher Höhe soziale Leistungen gezahlt werden sollten, damit für die elementarsten Grundbedürfnisse gesorgt ist und für jede und jeden eine gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht wird. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre ein Ansatz. Götz Werner schreibt hierzu treffend: „Wir profitieren aber nicht davon, dass wir immer weniger arbeiten müssen [da wegen extremer Produktivitätssteigerungen immer weniger Menschen das herstellen, was alle zum Leben brauchen; Anm. S. H.], weil unser gegenwärtiges System das Einkommen aller nicht mit dem Ergebnis der Produktion – das eben nach wie vor hervorragend ist – verknüpft, sondern mit dem sozial versicherten Arbeitsplatz des Einzelnen. Wenn immer weniger erwerbstätig sind, bekommen auch immer weniger Einkommen. Also brauchen wir neue Wege der Existenzsicherung.“780 Warum wird so selten thematisiert, dass Vermögen und Einkommen gegebenenfalls auch nach oben begrenzt werden sollten, um den gesellschaftlichen Frieden zu bewahren und demokratische Strukturen zu schützen? Christian Kreiß stellt fest, dass einzelne Bürger Vermögen in beliebiger Höhe ohne jegliche Rechtsgrenzen anhäufen könnten und damit beliebig große ökonomische Macht erringen würden.781 Man könnte ein Gesetz einführen, welches ein maximales Vermögen von einer Milliarde Dollar pro Person zulässt, eine derartige Obergrenze würde nur gut 2.500 Menschen weltweit tangieren. Es ist nicht davon auszugehen, dass die Betroffenen mit Einführung eines solchen Vermögensmaximums um ihre Lebensleistung gebracht würden, sollten sich die Reichtümer anteilig über wirtschaftlichen Erfolg eingestellt haben. Derartiger Reichtum ist immer auch Ergebnis des Fleißes von Millionen von Menschen und weiterer Voraussetzungen. So könnte keine 780 Götz, Werner / Goehler, Adrienne: „1000 € für jeden. Freiheit Gleichheit Grundeinkommen“, Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin, 2010 / Econ Verlag, 1. Auflage Dezember 2011, S. 25 781 vgl. Kreiß, Christian (2013), a. a. O., S. 15 377 Ware transportiert werden, bestünde nicht die verfügbare Infrastruktur, keine Daten könnten in Hochgeschwindigkeit ausgetauscht werden, gäbe es nicht die dafür notwendigen Netze, jedes Produkt kann nur deshalb nach durchlaufener Wertschöpfungskette entstehen, weil Ressourcen der Natur entnommen werden. Es ist plausibel, das Vermögen eines Menschen zu beschränken, auch wenn man damit rechnen muss, dass eine solche Position das Gemüt der ein oder anderen Leserin oder des ein oder anderen Lesers erhitzen wird. In welcher Höhe die Messlatte hängt, kann auf demokratischem Weg ermittelt werden. Es wird hier an die von Christian Felber beschriebenen Konvente erinnert. Für die Überprüfung der Aussage aus dem Buch „Unnützes Wissen“ benötigen wir noch die Bruttoinlandsprodukte (BIP) der Länder mit den geringsten BIPs der Welt. Kapitel IV 378 Abbildung 39: Die 57 Länder mit den geringsten Bruttoinlandsprodukten weltweit in 2015782 Land BIP* Land BIP* Land BIP* Malta 10.293 Barbados 4.422 Antigua und Barbuda 1.353 Mazedonien 10.054 Fidschi 4.391 Salomonen 1.130 Madagaskar 9.744 Togo 4.165 Guinea-Bissau 1.041 Bahamas 8.854 Montenegro 4.022 Grenada 984 Haiti 8.672 Swasiland 3.929 Gambia 892 Republik Kongo 8.554 Malediven 3.192 St. Kitts & Nevis 876 Benin 8.295 Guyana 3.183 Samoa 804 Ruanda 8.277 Burundi 3.002 St. Vincent & Grenadinen 738 Tadschikistan 7.857 Timor-Leste 2.874 Vanuatu 738 Niger 7.175 Lesotho 2.364 Komoren 589 Guinea 6.738 Liberia 2.038 Dominica 517 Kirgisistan 6.678 Bhutan 2.027 Tonga 414 Moldawien 6.496 Belize 1.743 São Tomé & Príncipe 318 Kosovo 6.444 Dschibuti 1.727 Mikronesien 315 Malawi 6.407 Zentralafrik. Rep. 1.593 Palau 284 Suriname 4.879 Kap Verde 1.575 Marshall-Inseln 179 Mauretanien 4.844 San Marino 1.571 Kiribati 160 Eritrea 4.666 St. Lucia 1.431 Nauru 100 Sierra Leone 4.543 Seychellen 1.359 Tuvalu 33 * in Millionen US-Dollar Summe: 201.543 Werte in den grau unterlegten Zellen sind Schätzungen des IWF (Syrien n.a.) Es werden die Werte von 192 Staaten genannt. Summiert man die Bruttoinlandsprodukte von Malta (Platz: 136) bis Tuvalu (Platz: 192) ergibt sich ein Betrag von 201.543 Milliarden US-Dollar. Demnach entsprach das Vermögen der drei reichsten Menschen im Jahr 2016 ca. den Bruttoinlandsprodukten (BIP) der 57 Länder mit den geringsten Bruttoinlandsprodukten der Welt.783 782 Internationaler Währungsfonds (IWF), Datenbank, Stand April 2017, http:// www.imf.org/external/data.htm (abgerufen am 18.05.2017) 783 Grundlage: Bruttoinlandsprodukte von 2015 (Syrien n.a.), für 2016 lagen zum Zeitpunkt der Untersuchung noch zu wenige bestätige Zahlen der Länder vor, 379 In dem oben zitierten Buch „Unnützes Wissen“ war von den „ärmsten“ 48 Ländern der Welt die Rede. Für den Leser soeben nachvollziehbar ermittelt, wurde aufgezeigt, dass man mittlerweile das BIP der 57 Staaten mit den geringsten Bruttoinlandsprodukten benötigt, um das betreffende Vermögen abzubilden. Insofern kann man hier ebenfalls die gefährliche Entwicklung ablesen. Unnützes Wissen wurde 2008 veröffentlicht. In dem Ihnen vorliegenden Buch wurden soeben die Zahlen von 2015 und 2016 als Grundlage genommen. Offensichtlich ist die Kapitalkonzentration bei wenigen Superreichen über die betreffenden Jahre schneller vorangeschritten, als ein Wirtschaftswachstum die Wirtschaftsleistung der betrachtenden Staaten erhöht hat. Um fachlich korrekt zu argumentieren, ist noch folgende Bemerkung notwendig: Bei Vermögen handelt es sich, wie an anderer Stelle bereits ausgeführt, um eine sogenannte Bestandsgröße784, das Bruttosozialprodukt dagegen ist eine Flussgröße785. Denn ein Haarschnitt eines Friseurs ist ebenfalls im BIP enthalten. Nach ein paar Wochen ist von derartiger Dienstleistung jedoch nicht mehr viel zu sehen. Der Apfel ist gegessen und die Urlaubsreise noch eine, hoffentlich herrliche, Erinnerung. Immobilienvermögen, geldnahe Anlagen, Gold, Firmenanteile, usw. sind indessen auch zukünftig vorhanden. Natürlich schwanken solche Investments, zumindest zeitweise, im Wert. Auch können zum Beispiel Anleihen im Kurs massiv einbrechen oder vollständig wertlos werden. Dennoch ist es angebracht, auf den Unterschied zwischen einer verbrauchten Dienstleistung und beispielsweise einem Sachwert wie einer Immobilie hinzuweisen. Berücksichtigt man diesen Fakt, zeigt der Vergleich der 3 Superreichen mit den BIPs der betreffenden 57 Länder, dass die Situation noch deutlich drastischer zu bewerten ist. bei Verwenden der BIPs von 2016 würde sich jedoch an der Kernaussage nichts ändern 784 Bestandsgröße (zum Beispiel: Vermögen): zu einem bestimmten Zeitpunkt (Stichtag) ermittelter Wert 785 Flussgröße (zum Beispiel: Bruttoinlandsprodukt): über einen bestimmten Zeitraum (Periode) ermittelter Wert, auch als Strom- oder Bewegungsgröße bezeichnet, Stromgrößen verändern Bestandsgrößen durch stattfindende Zuund Abgänge Kapitel IV 380 In einer Pressemitteilung vom 18. Januar 2016 meldete Oxfam786 Erstaunliches: 62 Menschen besäßen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.787 Im Text der Meldung heißt es konkret: „Soziale Ungleichheit nimmt weltweit dramatisch zu. Inzwischen besitzen die 62 reichsten Einzelpersonen – vor einem Jahr waren es noch 80 – genauso viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Dies geht aus dem Bericht ‚An Economy for the 1%‘ hervor, den Oxfam im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos veröffentlicht. Die Entwicklungsorganisation fordert, das Geschäftsmodell der Steueroasen zu beenden und sehr hohe Vermögen stärker zu besteuern.“ Im Bericht wird jedoch nicht auf die umverteilende Wirkung des Zinses hingewiesen. Oxfam stellt weiter fest: „Das Gesamtvermögen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung verringerte sich in den vergangenen fünf Jahren um rund eine Billion US-Dollar, eine Abnahme um 41 Prozent, trotz eines Bevölkerungszuwachses von 400 Millionen Menschen. Gleichzeitig wuchs das Vermögen der reichsten 62 Personen um mehr als eine halbe Billion US-Dollar.“ Es sieht danach aus, als ob sich das, was bei vielen fehlt, bei ganz wenigen konzentriert. Die Leserin und der Leser weiß nun warum: Zum großen Teil von der Arbeitsleistung zu leistungslosem Einkommen über den Zinseszinseffekt. Zur Ursache derartiger Trends schreibt Oxfam in derselben Pressemitteilung: 786 Oxfam: Oxford Committee for Famine Relief. 1942 in Großbritannien gegründet, globale Nothilfe- und Entwicklungsorganisation, die sich für eine Welt ohne Armut einsetzt. Oxfam Deutschland existiert seit 1995. 787 vgl. Oxfam Deutschland e. V. Berlin: „62 Menschen besitzen so viel wie die Hälfte der Weltbevölkerung“, 18.01.2016, https://www.oxfam.de/presse/ pressemitteilungen/2016-01-18-62-menschen-besitzen-so-viel-haelfteweltbevoelkerung (abgerufen am 19.10.16) 381 „Ein Grund für diese Entwicklung ist die unzureichende Besteuerung von großen Vermögen und Kapitalgewinnen sowie die Verschiebung von Gewinnen in Steueroasen.“ Wie hoch müsste man Guthabenszinsen besteuern, damit ihre umverteilende Wirkung entfällt? Ist die Steuer auf Zinseinnahmen zu hoch, besteht kein Anreiz mehr, Geld mittel- und langfristig verzinslich anzulegen. Auf diese Weise wäre dem System die wichtige Geldumlaufsicherung genommen. Es ist jedoch offensichtlich, dass eine funktionale Geldumlaufsicherung eine wesentliche Voraussetzung für ein krisenfreies Wirtschaften darstellt. Deshalb: Steueroasen schließen, gerechtere Besteuerung von sehr großen Vermögen? – Einverstanden. Doch darüber hinaus ist die zinsbedingte Umverteilung von allen zu wenigen durch die schrittweise Einführung von Fließendem Geld zu beenden. In einer älteren Oxfam-Veröffentlichung wurden weitere schockierende Fakten zur fortgeschrittenen Vermögenskonzentration geliefert. Unter anderem berichtete die Süddeutsche Zeitung darüber: „Ein Prozent der Weltbevölkerung wird 2016 mehr Vermögen angehäuft haben, als die restlichen 99 Prozent zusammen. ‚Die soziale Ungleichheit wächst schockierend schnell‘, heißt es in einem Bericht der britischen Aktivistengruppe Oxfam zur Vermögensverteilung auf der Welt. Demnach gehörten 2009 noch 44 Prozent des Wohlstands einem Prozent der Weltbevölkerung. Vergangenes Jahr lag der Anteil bereits bei 48 Prozent. 2016 wird dieses eine Prozent reicher Menschen wohl 50 Prozent des weltweiten Vermögens besitzen – die andere Hälfte verteilt sich widerum [sic] sehr ungleich auf die restlichen 99 Prozent.“788 Die Entwicklung braucht in keiner Weise zu überraschen. Wenn zum Beispiel eine Milliarde Euro bei 7,18 Prozent Zinsen pro Jahr angelegt werden und die Zinsen auf dem Anlagekonto verbleiben und mit demselben Zins verzinst werden (Zinseszinseffekt), verdoppelt sich der investierte Betrag innerhalb von zehn Jahren (siehe Vorwort: Abbil- 788 Süddeutsche Zeitung GmbH: „Ein Prozent hat mehr als der Rest der Welt“, 19.01.2015 Kapitel IV 382 dung 1). Liegt der jährliche Zins bei 4,73 Prozent, dauert es 15 Jahre, bis eine Verdopplung eingetreten ist. Egal, welchen Zinssatz wir als Berechnungsgrundlage verwenden, nach endlicher Laufzeit ergibt sich immer eine Verdoppelung des Ursprungsbetrages. Das passiert auch, wenn wir die Zahlen inflationsbereinigt zu Grunde legen. Eine Milliarde Euro bei fünf Prozent per anno investiert, bringen dem Einleger ca. 136.000 Euro Zinsen am Tag. Da wir nun wissen, dass die Zinsen, die der oder die eine erhält, über Schuldzinsen von allen über die beschriebenen drei Wege gezahlt werden, stellt sich unmittelbar die Gerechtigkeitsfrage. Christian Felber macht hierzu folgende Aussage: „Was fehlt, sind die entscheidenden Informationen über die systemische Wirkung des Zinses und über mögliche Alternativen. Das vielleicht größte Problem am Zinssystem ist seine Verteilungswirkung. Neunzig Prozent der Bevölkerung alimentieren über Zinsen eine schmale Gewinnerschicht von vielleicht zehn Prozent. Das wissen sie allerdings nicht, weil nur die Sparzinsen, die wir empfangen, auf dem Papier ausgewiesen sind. Die Kreditzinsen, die alle KonsumentInnen bezahlen, über die Produkte und Dienstleistungen des täglichen Einkaufs, bleiben unsichtbar, sie werden nirgendwo ausgewiesen.“789 Im Ergebnis bilden sich extreme Ungleichgewichte. Diese erzeugen grausame Wirkungen, die auch den wenigen Zinsgewinnern einer Gesellschaft keine Freude bringen. Um nochmals Felber zu zitieren: „Die Epidemiologen Richard Wilkinson und Kate Pickett aus Großbritannien haben unzählige Studien, die den Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Sozialindikatoren bestätigt, zusammengetragen und eine beeindruckende Übersicht vorgelegt: Übermäßige Ungleichheit führt zu einem Anstieg von Unsicherheit, Angst, Gewalt, Kriminalität, Gefängnispopulation, Drogenmissbrauch, Teenager-Schwangerschaften, der Schlechterstellung von Frauen und zu einem Rückgang der Lebenserwartung.“790 789 Felber, Christian: „Geld. Die neuen Spielregeln“, Deuticke im Paul Zsolnay Verlag Wien 2014, S. 120 790 ebd. S. 218 383 Auch Giegold, Philipp und Schick verlangen, dass die in den letzten Jahrzehnten stark aufgegangene Schere der Einkommens- und Vermögensungleichheit wieder geschlossen wird.791 Mit dem bildhaften Vergleich einer immer weiter aufgehenden Schere zwischen arm und reich wird oft gearbeitet, jedoch spiegelt er nicht die Realität wider. Nachdem der Autor des Ihnen vorliegenden Buches in Vorträgen die exponentielle Entwicklung von Guthaben und Verpflichtungen erklärt und grafisch dargestellt hat, legt er meist eine überdimensionale Pappschere an. Das Typische einer Schere besteht darin, dass ihre Schenkel linear verlaufen. Die Vermögensumverteilung findet jedoch mit exponentiell wachsender Beschleunigung statt. Die beiden spiegelbildlich verlaufenden Kurven, die das starke Auseinandertriften von Superreichtum auf der einen und bitterer Armut auf der anderen Seite abbilden, erinnern daher eher an eine Sense. Der Sensenmann, die personifizierte Allegorie des Todes aus den Zeiten des Mittelalters, führt eine Sense bei sich. Es fällt bei diesen Zahlen deshalb schwer, zu verstehen, wie Milton Friedman zu folgendem Ergebnis gelangen konnte: „Eine weitere auffallende Tatsache ist, dass – entgegen einer weit verbreiteten Meinung – der Kapitalismus weniger Ungleichheit hervorbringt als alternative Systeme und dass die Entwicklung des Kapitalismus das Ausmaß der Ungleichheit stark verringert hat.“792 Als Beispiele bringt er Indien und Ägypten an. Vielleicht liegt Friedmanns Fehleinschätzung daran, dass die englischsprachige Erstausgabe bereits im Jahre 1962 veröffentlicht wurde. Zu dieser Zeit befand sich die Exponentialfunktion noch in ihrem anfänglich flachen Verlauf (siehe Exponentialfunktionen: Abbildung 1). Das eben genannte Zitat stammt allerdings aus der 6. Auflage der deutschsprachigen ungekürzten Taschenbuchausgabe des Piper Verlages, die im September 2009 erschien. 791 vgl. Giegold Sven, Philipp Udo, Schick Gerhard: „Finanzwende. Den nächsten Crash verhindern“, Verlag Klaus Wagenbach, 2016, S. 16 792 Friedman, Milton: „Kapitalismus und Freiheit“, © der deutschsprachigen Ausgabe: Eichborn AG, Frankfurt am Main, 2002, ungekürzte Taschenbuchausgabe, Piper Verlag GmbH, München, 6. Auflage September 2009, S. 201 Kapitel IV 384 Fließendes Geld kann die in der Vergangenheit aufgebauten Ungleichgewichte nicht abschmelzen. Die Einlagen, die in diesem Segment nach Umstellung verbleiben würden, würfen keine relevanten Zinseinnahmen mehr ab. Jedoch würden sich die historisch entstandenen Volumina nicht reduzieren. Will man somit die gewachsenen extremen Ungleichgewichte abtragen, wären weitere Maßnahmen notwendig. Die Politik könnte Vermögensabgaben beschließen. Doch der Aufschrei wäre groß, wenn nur die Diskussion darüber entflammen würde. Mit solchen Schritten ist keineswegs zu rechnen, gerade auch deshalb nicht, da der Einfluss derer, bei denen sich jene gewaltigen Kapitalien angehäuft haben, enorm ist – ein Zeichen bereits fortgeschrittener Demokratieerosion. Leichter ließen sich dagegen höhere Schenkungs- und Erbschaftssteuern durchsetzen. Jedoch würde die Minderung von Guthaben und Schulden über diesen Weg nur über einen längeren Zeitraum erfolgen können, da höhere Erbschaftssteuern schließlich erst mit dem Ableben der Superreichen erhoben würden. Wirft man einen Blick auf die bestehenden und weiter wachsenden Ungleichgewichte, ist davon auszugehen, dass die erforderliche Zeit für diese Methode nicht mehr zur Verfügung steht. Es wird seit Ausbrechen der Finanzkrise alles Erdenkliche unternommen, um das alte System am Laufen zu halten, damit die bestehenden Forderungen der Gläubiger erhalten bleiben. Dabei handelt es sich um eine riesige Illusion: Den Guthaben stehen zu den gegenwärtigen Preisen keine realen Werte in genügender Menge gegenüber. Würden sich zu viele Eigentümer von ihren verzinslichen Papieren trennen wollen, brächen die Märkte zusammen. Gelingt es durch weitere massive Eingriffe der Notenbanken, extreme Kursstürze der Anleihemärkte weitgehend zu verhindern, indem sie mit frischem Zentralbankgeld die betreffenden Wertpapiere ankaufen, wird die Geldmenge (G1) radikal ausgeweitet. Dieser Prozess findet in schwindelerregender Dimension seit Jahren bei den dominierenden Währungen statt. Teile jener finanziellen Mittel fragen nun andere Vermögenswerte nach. Preise für Edelmetalle, Immobilien in lukrativen Lagen und verschiedene Aktien stiegen deshalb bereits rasant an und werden bei Fortsetzung der Anleiheankaufprogramme weiter nach oben springen. Obwohl beispielsweise die Gewinne der Aktiengesellschaften solche 385 nachfrageinduzierten Kurssprünge in vielen Bereichen gar nicht mehr rechtfertigen. Vor allem wegen des systemischen Fehlers im Geldsystem hat sich eine unvorstellbare Menge an Anlagekapital gebildet. Dieses nach Anlage nachfragende Volumen an Ansprüchen ist eine der Hauptursachen für die gesunkenen Zinsen. Giegold, Philipp und Schick ist nicht zuzustimmen, wenn sie der Ansicht sind, dass zu geringe Investitionen in der Welt hauptverantwortlich für die niedrigen Zinsen seien.793 Würde jenes aufgebaute Potential in Investments fließen, käme es zu einer starken Ausweitung der Wirtschaftsleistung. Den auf diese Weise geschaffenen Produkten stünde keine ausreichende Nachfrage gegenüber. Letztendlich steckt hinter der Aussage der Autoren die Hoffnung, basierend auf der klassischen Denkweise, man könne mit Wirtschaftswachstum aus dem bestehenden Dilemma hinausfinden. Das ist einerseits schon wegen begrenzter Ressourcen gar nicht möglich, andererseits ist allein der Versuch eine solche vermeintliche Lösung anzuwenden eine zusätzliche schädliche Belastung für unsere Umwelt. Es ist leider am wahrscheinlichsten, dass die extremen Ungleichgewichte im Finanzsystem danach streben werden, sich unkontrolliert auszugleichen. In vergleichbaren Augenblicken wurde es in der Menschheitsgeschichte stets extrem leidvoll. Deutliche Vorstufen solcher Situationen können wir bereits seit einiger Zeit weltweit beobachten. Es erschüttert, dass ein menschengemachtes System für derart viel Leid verantwortlich ist. Und kommt alles wie erwartet in Bewegung, wird die Not mit absoluter Sicherheit an zahlreichen Orten der Welt noch viel größer, als sie heute schon ist. Auf all das könnten garantiert alle Menschen verzichten. So bleibt, dass wir die zukünftigen wilden Momente als Chance sehen, damit Fließendes Geld stärker diskutiert wird, um das friedliche Miteinander unter anderem auch über diesen Weg zu fördern. Fabian Scheidler meint: „Die wachsende Instabilität und der mögliche Zerfall dieses Systems eröffnen einen Möglichkeitsraum für Veränderungen, wie es ihn seit Jahrhunderten nicht gegeben hat. Je weiter ein komplexes System vom Gleichgewicht entfernt ist, desto größere Wirkungen können unter Umständen selbst kleine Bewegungen hervorbrin- 793 vgl. Giegold Sven, Philipp Udo, Schick Gerhard (2016), a. a. O., S. 22 Kapitel IV 386 gen, wie der berühmte Schmetterling, der einen Tropensturm auslöst.“794 Starten wir jedoch mit Fließendem Geld nach einem tiefgreifenden Ausfall von Anleihen, ist die Frage nach den Vermögenskonzentrationen beim Aggregat der geldnahen Anlagen mehr oder weniger gegenstandslos geworden. Allerdings besteht unverändert Handlungsbedarf, da sich auch bei den Aktien- und Immobilienbeständen extreme Anhäufungen in wenigen Händen gebildet haben. Diese Werte verschwinden nicht nach einem Crash. Deshalb muss die Diskussion, wie man hier vernünftige Verhältnisse im Sinne des Gemeinwohls schaffen kann, in jedem Fall geführt werden. Unser aktuelles Geldsystem muss immer zu extremen Ungleichgewichten führen, vor allem dann, wenn das erforderliche Wirtschaftswachstum nicht mehr erzielt werden kann und Guthaben wie auch die Schulden ein entsprechendes Niveau erreicht haben. Deshalb kommt Helmut Creutz zu dem Fazit: „Entweder steuern wir ohne Wachstum auf den sozialen – oder mit Wachstum auf den ökologischen Kollaps zu.“ Fließendes Geld beendet die zinsbedingte Umverteilung von allen zu wenigen. Damit kann die Änderung der Art der Geldumlaufsicherung in diesem Sinne einen überragenden Beitrag zu mehr Gerechtigkeit und sozialem Gleichgewicht leisten! 4.c Demokratie Das Wort Demokratie leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet sinngemäß „Herrschaft des Volkes“. Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland steht im Artikel 20 (2): „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausge- übt.“ 794 Scheidler, Fabian: „Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation“, Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien, 2015, S. 205 387 Über Wahlen werden Repräsentanten gewählt, die die Entscheidungen im Sinne der Allgemeinheit treffen sollen. Dabei gelten weitere Regeln, zum Beispiel der Schutz von Minderheiten und der Bürger- und Menschenrechte, die Achtung des Grundgesetzes und vieles mehr. Ob eine Regierung bei fortgeschrittener, vor allem zinsbedingter Kapitalkonzentration, noch ausreichend in der Lage ist, Verordnungen zu erlassen, die dem Volkswillen entsprechen und das Gemeinwohl fördern, ist fraglich. Bernd Senf meint, dass die Bilanzsummen großer nationaler Konzerne mittlerweile Größenordnungen erreicht hätten, zu denen sich im Vergleich die Budgets ganzer Staaten gerade lächerlich ausnehmen würden. Entsprechend wäre der Spielraum der Politik gegenüber diesen gigantischen Machtgebilden immer mehr eingeschränkt und es drohe die Gefahr, dass die Demokratie zur reinen Farce verkomme.795 Auch die Finanzkrise seit 2007 hat deutlich gezeigt, dass die starke Deregulierung von Banken ein enormer Fehler gewesen ist. Die systemischen Risiken haben massiv zugenommen. Dieser destruktiven Entwicklung wollte man mit den Gesetzen von Basel, wie weiter oben bereits beschrieben (siehe Kapitel III.8: „Die Eigenkapitalanforderungen“), entgegenwirken. Unter anderem wurden Banken verpflichtet, höhere Eigenkapitalanforderungen zu erfüllen. Die Bankenlobby ist jedoch mit dem Gesetzeswerk zutiefst unzufrieden. Admati und Hellwig schreiben hierzu: „Dass Basel III796 so schwach ausfiel, war das Ergebnis einer intensiven Lobbykampagne der Banken gegen jede nennenswerte Verschärfung der Regulierung. Diese Kampagne hält bis zur Stunde an.“797 Lobbyismus höhlt demnach ganz offensichtlich Demokratie aus. In Spiegel Online ist zu lesen: 795 vgl. Senf, Bernd: „Die blinden Flecken der Ökonomie. Wirtschaftstheorien in der Krise“, Gauke GmbH / Verlag für Sozialökonomie, Kiel, 2007, 5. Auflage November 2008, S. 259 796 Basel III: Regelwerk, am 16.12.2010 vom Basler Ausschuss für Bankenaufsicht veröffentlicht, löst seit 2013 schrittweise die Vorschriften von Basel II ab 797 Admati, Anat / Hellwig, Martin: „Des Bankers neue Kleider. Was bei Banken wirklich schiefläuft und was sich ändern muss“, FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH, 2. Auflage 2014, S. 157 Kapitel IV 388 „Kaum ein EU-Mitglied setzt Lobbyisten so wenig Grenzen wie Deutschland. Transparency International kritisiert in einer neuen Studie: Es fehlt ein Lobby-Register, Beratergremien sind undurchsichtig. […] Kaum ein Land in Europa ist ein so interessantes Ziel für Lobbyisten wie Deutschland. Einerseits ist es das wirtschaftlich stärkste und einflussreichste EU-Mitglied, andererseits können die Interessenvertreter hier so ungestört Einfluss auf Gesetze und ihre Verfasser nehmen wie fast nirgendwo sonst.“798 Im Lobbybericht 2013 einer Initiative für Transparenz und Demokratie heißt es: „Lobbyismus in Deutschland und der EU findet vor dem Hintergrund wachsender gesellschaftlicher Ungleichheiten und verfestigter Machtstrukturen statt. Diese spiegeln sich im Feld des Lobbyismus wider und sorgen für ungleiche Ausgangsbedingungen. Ohne politische Gegenkräfte oder institutionelle Schranken begünstigt diese ungleiche Verteilung der Ressourcen große, einflussreiche Akteure und gefährdet einen demokratischen, am Gemeinwohl orientierten Interessenausgleich. Das pluralistische Ideal einer ausgewogenen und gleichberechtigten Interessenvertretung, bei der sich praktisch von selbst das beste Argument durchsetzt, ist eine Illusion.“799 Vor allem auch wegen eines fehlerhaften Geldsystems konnten sich extreme Kapitalkonzentrationen herausbilden. Wenn es Bereiche gibt, in denen im Prinzip finanziell unbegrenzte Möglichkeiten herrschen und sich bei den Machtstrukturen ein Netzwerk aus Mainstreammedien, elitärer Politik, global aufgestellter Großkonzerne und systemrelevanter Banken herausgebildet hat, sind Ergebnisse im Sinne des Gemeinwohls immer seltener zu erwarten. Moewes kommt zu einem ähnlichen Fazit: „Und es ist das Todesurteil für alle Demokratie, weil die tatsächliche politische Macht immer mehr in die Hände weniger Milliardä- 798 SPIEGL ONLINE: „Lobbyisten in Deutschland. Paradies für Einflüsterer“, Alexander Demling, Brüssel, 15.04.15 799 Lobbyreport 2013, LobbyControl – Initiative für Transparenz und Demokratie e.V., Köln, www.lobbycontrol.de 389 re, Medienzaren, Konzernchefs und Plutokraten übergeht, die sich ihre eigene Welt mit ihrer eigenen Moral schaffen: die Welt der Plutokratie, der reinen Geldherrschaft, die Welt der Millionenabfindungen, der Kriegslügen und der Reformlügen“800 Kreiß formuliert es vergleichbar, wenn er sagt, dass eine fortschreitende Bündelung von Macht bei immer weniger Menschen zu einer schleichenden Unterhöhlung oder Aushöhlung der Demokratie führe.801 Warum die Reichen reich und die Armen arm blieben, begründet Robert T. Kiyosaki damit, da die Reichen im Gegensatz zu den Armen ihren Kindern beibringen würden, wie sie mit Geld umgehen müssten. Kiyosakis Fazit: „Wenn Sie für Geld arbeiten, geben Sie Ihrem Arbeitgeber die Macht. Wenn Geld für Sie arbeitet, liegt die Macht in Ihrer Hand.“802 Demnach geht es ab einem gewissen Vermögen nach Kiyosaki nicht darum, den Wohlstand zu erhöhen, sondern Macht zu erlangen. Was passiert jedoch, wenn die auf diese Weise erlangte Macht dem Gemeinwohl schadet? Welche negativen Konsequenzen ergeben sich, wenn sich der Einfluss in der Art entwickelt, dass die Leitmedien, anstatt als Kontrollinstrument als Handlanger fungieren, also eine Berichterstattung zum großen Teil im Interesse mächtiger Gefüge erfolgt? Uwe Krüger wünschte sich deshalb, dass ein Sicherheitsabstand zwischen Journalisten und Eliten definiert würde, damit ein kritischer Diskurs stattfinde könne.803 Krüger untersuchte die deutschen Leitme- 800 Moewes, Günther: „Geld oder Leben. Umdenken und unsere Zukunft nachhaltig sichern“, Signum – Amalthea Signum VerlagsGmbH Wien-München, 2004, S. 94 801 vgl. Kreiß, Christian: Profitwahn. Warum sich eine menschengerechtere Wirtschaft lohnt“, Tectum Verlag Marburg, 2013, S. 99 802 Kiyosaki T. Robert: „Rich Dad. Poor Dad. Was die Reichen ihren Kindern über Geld beibringen“, FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH, München, 2015, 5. Auflage 2016, S. 114 803 vgl. Krüger, Uwe: „Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse“, Institut für Prakti- Kapitel IV 390 dien unter anderem am Beispiel der Münchner Sicherheitskonferenz, einer Zusammenkunft militärischer Strukturen mit privatem Veranstaltungscharakter und vernachlässigter gewaltfreier Konfliktlösungsstrategien. Ulrich Teusch schreibt zum Thema: „Was die Auswahl der von ihnen [den Leitmedien; Anm. S. H.] vermittelten Informationen angeht, weisen sie mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede auf. Bei manchen besonders wichtigen Themen (Außen- und Sicherheitspolitik, Wirtschaft und Finanzen) sprechen sie nicht selten mit einer Stimme, und wenn doch Differenzen auftreten, handelt es sich eher um Streitigkeiten innerhalb ein und derselben Denkschule.“804 Der französische Rüstungskonzern Dassault Aviation verkaufte 24 Rafale-Kampfjets an den Golfstatt Katar. Bei Vertragsunterzeichnung in Doha war auch der französische Präsident Hollande anwesend.805 Laut Bericht der La Gazette de Berlin saß der Chef des Waffenproduzenten, Serge Dassault, für zwei Tage in Untersuchungshaft wegen des mutmaßlichen Stimmenkaufs in Zusammenhang mit seinen politischen Aktivitäten.806 Über das Handelsblatt erfährt man: „Nach jahrelangem Bemühen ist es dem Industriekonglomerat Dassault gelungen, die Mehrheit am Verlagshaus Socpresse zu bekommen. […] Socpresse gibt die zweitgrößte französischen [sic] Tageszeitung „Le Figaro“ heraus. Damit wird der französische Großindustrielle Serge Dassault – dessen Gruppe sowohl Zeitungen als auch Jagdflugzeuge herstellt – einer der mächtigsten Medienmogule Frankreichs. […] Socpresse verlegt mehr als 70 Print- Titel. Flaggschiff ist die Tageszeitung „Le Figaro“, mit 352 000 verkauften Exemplaren hinter „Le Monde“ die Zeitung mit der zweitsche Journalismus- und Kommunikationsforschung / IPJ, Herbert von Halem Verlag, Köln, 2013, S. 264 804 Teusch, Ulrich: „Lückenpresse. Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kannten“, Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2016, S. 18 805 vgl. SPIEGEL ONLINE: Milliardenauftrag. Katar kauft französische Kampfjets“, 04.05.2015 806 vgl. La Gazette de Berlin: „Medien und Kampfmittel – alles aus einer Hand“, 07.03.2014 391 höchsten Auflage in Frankreich. Darüber hinaus gehört Socpresse auch die Gruppe Express-Expansion. Hierzu zählt neben dem Nachrichtenmagazin „L'Express“ (verkaufte Auflage: 547 000) das Wirtschaftsmagazin „L'Expansion“. Darüber hinaus verlegt das Unternehmen eine ganze Reihe regionaler Tageszeitungen.“807 Im Berliner Kurier stand, dass: „Katar im Verdacht [steht], die brutalen Glaubenskrieger des ‚Islamischen Staates‘ (IS) zu finanzieren. Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat diesen Vorwurf kürzlich erhoben. […] Viele Nahost-Experten sind sich sicher, dass Katar nicht nur die Hamas finanziert und Hamas-Chef Chalid Maschaal in Doha Asyl gewährt.“808 Das ist nur ein Beispiel, was sich für menschenverachtende Strukturen außerhalb demokratischer Ansprüche entwickeln können, wenn ein systemischer Fehler im Geldsystem die zerstörerischen Bedingungen dafür schafft. Fließendes Geld stoppt den zinsbedingten Umverteilungsmechanismus von fast allen Menschen zu wenigen Personen und liefert damit einen wertvollen Beitrag für den Erhalt demokratischer Gefüge. 4.d Frieden Starten wir unter dieser Überschrift mit einem Zitat von Christoph Pfluger: „Eine gewaltfreie Welt, in der wir alle sicher leben können, ist nur mit ökonomischer Gerechtigkeit zu haben. Da spielt unser Geldsystem die entscheidende Rolle.“809 Herr Pfluger und der Autor des Ihnen vorliegenden Buches nehmen unterschiedliche Positionen ein, wenn es um Fragen bezüglich der 807 Handelsblatt GmbH: „Dassault übernimmt Kontrolle bei „Le Figaro“, 15.03.2004 808 Berliner Kurier: „Emir von Katar zu Besuch. Begrüßt Merkel hier einen Terror-Sponsor?“, 17.09.14 809 Pfluger, Christoph: „Das nächste Geld. Die zehn Fallgruben des Geldsystems und wie wir sie überwinden“, Synergie Verlag und Mediengruppe Darmstadt, copyright: edition Zeitpunkt, 2. revidierte Auflage, 2016, S. 119 Kapitel IV 392 sogenannten Geldschöpfung der Geschäftsbanken geht, bei dieser Aussage stimmen der Autor des vorliegenden Buches und Pfluger überein. Frieden kommt von Zufriedenheit. Helmut Creutz schreibt: „Etwa zwei bis drei Jahrzehnte nach dem zweiten Weltkrieg waren die Menschen in den kriegszerstörten Ländern mit dem Wiederaufbau beschäftigt. […] An Rüstungs- oder gar Kriegsgeschäfte dachte in dieser Zeit kaum jemand. Im Gegenteil: Viele Unternehmer hatten damals geschworen, nie mehr Rüstungsgüter zu produzieren! Mit dem Auslaufen des Wiederaufbaus, den ersten Sättigungserscheinungen auf den Konsummärkten und einer zunehmenden Geldvermögensbildung, kam der Zins jedoch langsam wieder810 unter Druck.“811 Creutz sagt demnach: Wenn mit friedlicher Produktion keine ausreichende Rendite mehr erzielt werden kann, fließt automatisch zusätzliches Kapital in den militärischen Sektor. Da die Politiker aller Industrienationen den Fehler im Geldsystem mit Wirtschaftswachstum kompensieren wollen, werden Wachstumsraten eben auch über die Herstellung von todbringendem Gerät akzeptiert. Hinzu kommt, dass der notwendige Wiederaufbau zerstörter Gebiete nach kriegerischen Einsätzen zusätzliche Wachstumsimpulse liefert. Ökonomisch vielleicht hilfreich, humanitär eine riesige Katastrophe. Die Zeit zitiert Befürchtungen von Anton Börner, damaliger Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Groß- und Außenhandels: „Bei der Vergabe der Aufträge wird sich deutlich bemerkbar machen, dass Deutschland die USA im Krieg [Irakkrieg, 2003; Anm. S. H.] nicht unterstützt hat.“812 Der Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Interessen und Kriegen kann kaum direkter formuliert werden, in diesem Fall hat sich 810 mit „wieder“ bezieht sich Helmut Creutz auf die Situation vor dem ersten Weltkrieg Ende des 19. Jahrhunderts 811 Creutz, Helmut: „Das Geldsyndrom. 2012. Wege zu einer krisenfreien Wirtschaftsordnung“, aktualisierte Neuausgabe 2012, Druck & Verlagshaus Mainz, Wissenschaftsverlag, Aachen, S. 382 812 ZEIT ONLINE: „Irak-Wiederaufbau. Basar Bagdad“, Pinzler / Vannahme u.a., 16.04.2003 (Quelle: Zeit, N,: 17/2003) 393 Deutschland militärisch zum Glück zurückgehalten. Moewes sieht es vergleichbar: „Reichen alle Erfindungen neuer Anlagemöglichkeiten nicht mehr aus, kommt es zur explosionsartigen Entladung des Anlagedrucks, für die sich besonders Kriege eignen. Schon George Bernard Shaw hat bemerkt, dass Kriegen immer größere Niedrigzinsphasen vorausgehen.“813 Im Oktober 2016 wurde von der Bundesregierung der damals aktuelle Rüstungsexportbericht für das erste halbe Jahr 2016 bekanntgegeben. Hierzu wurde folgende Meldung veröffentlicht: „BERLIN (dpa-AFX) – Das Bundeskabinett hat am Mittwoch den Rüstungsexportbericht für das erste Halbjahr 2016 verabschiedet. Trotz steigender Lieferungen in Spannungsregionen bezeichnete die Bundesregierung ihre Politik als restriktiv und transparent. Wegen unzureichender Voraussetzungen seien 34 Anträge für Ausfuhrgenehmigungen mit einem Gesamtwert von 9,6 Millionen Euro abgelehnt worden, hieß es. Nach dem Bericht liegen fünf der zehn wichtigsten Zielländer der Exporte in Spannungsregionen. Die Türkei rückte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von Platz 25 auf Platz 8 vor. Unter den ersten zehn Waffenkäufern befinden sich Algerien, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Südkorea. „Die Regierung erteilte Ausfuhrgenehmigungen für Waffen und Ausrüstung im Wert von 4,029 Milliarden Euro – mehr als eine halbe Milliarde mehr als im Vorjahreszeitraum. Ein Viertel davon ist auf eine Fregatte für Algerien zurückzuführen. Die Ausfuhr von Kleinwaffen ging zwar leicht zurück, die Exporte von Munition für diese Waffen verzehnfachten sich zugleich.“814 813 Moewes, Günther (2004), a. a. O., S. 188 814 ABC New Media AG Zürich, FinanzNachrichten.de (FN), dpa-AFX: „Kabinett verabschiedet Rüstungsexportbericht“, 26.10.2016, http://www.finanznach richten.de/nachrichten-2016-10/38969477-kabinett-verabschiedetruestungsexportbericht-016.htm (abgerufen am 28.10.2016) Kapitel IV 394 Ausfuhrgenehmigungen von 9,6 Millionen Euro wurden laut des zitierten Berichts abgelehnt; das sind ca. 0,24 Prozent der bewilligten Exporte. Damit sind die nicht genehmigten Waffenlieferungen, bewertet nach ihrem pekuniären Volumen, mehr oder weniger vernachlässigbar. Unverändert zählt unter anderem Saudi-Arabien zu den großen Importeuren deutscher Rüstungsprodukte. Michael Lüders schreibt: „2009 beklagte sich Außenministerin Hillary Clinton in einer diplomatischen Depesche, die von WikiLeaks ins Netz gestellt wurde, dass Geldgeber aus Saudi-Arabien die größte Finanzierungsquelle für sunnitische Terrorgruppen weltweit darstellten. Allerdings betreibt nicht notwendigerweise die Regierung selbst diese Finanzierung, meist sind es vermögende Einzelpersonen und religiöse Stiftungen.“815 Seit 2008 darf Saudi Arabien das G3- und G36-Sturmgewehr von Heckler und Koch auf Lizenz produzieren. Und dies, obwohl Amnesty International sagt: „So hat Saudi-Arabien 2015 mindestens 151 Menschen hingerichtet, ein trauriger Höchstwert seit knapp 20 Jahren.“816 Im September 2009 hat sich der „Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie e.V. (BDVS)“ gegründet. Das ist ein interessanter Name – es geht demnach um Sicherheit und Verteidigung. Derartige Erwartung steht im Widerspruch zum Beispiel zu dieser Handelsblattmeldung: „Die Attentäter vom vergangenen Freitag [Terroranschläge 13.11.15 in Paris, 130 Menschen starben; Anm. S. H.] sind für ihre 815 Lüders, Michael: „Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet“, Verlag C. H. Beck oHG, München, 2015, 23. Auflage 2017, S. 84 816 Amnesty International, Sektion der Bundesrepublik Deutschland e. V. Berlin: „Nach Massenhinrichtung: Menschenrechtsorganisation kritisiert saudiarabische Regierung. Amnesty: Saudi-Arabien setzt die Todesstrafe als politisches Druckmittel ein“, 04.01.2016, http://www.amnesty.de/presse/2016/1/4/ amnesty-saudi-arabien-setzt-die-todesstrafe-als-politisches-druckmittelein?destination=suche%3Fwords%3DSaudi%2BArabien%26search_ x%3D0%26search_y%3D0%26form_id%3Dai_search_form_block, (abgerufen am 28.10.2016) 395 menschenverachtenden Taten allein verantwortlich und müssen mit der Härte des Rechtsstaats zur Rechenschaft gezogen werden. Aber für das feindliche Klima zwischen den Kulturkreisen trägt der Westen eine Mitschuld. Von den 1,3 Millionen Menschenleben, die das Kriegsgeschehen von Afghanistan bis Syrien mittlerweile gekostet hat, bringt es allein der unter falschen Prämissen und damit völkerrechtswidrig geführte Irak-Feldzug auf 800.000 Tote. Die Mehrzahl der Opfer waren friedliebende Muslime, keine Terroristen. Saddam Hussein war ein Diktator, aber am Anschlag auf das World Trade Center war er nachweislich nicht beteiligt. ‚Diejenigen, die Saddam 2003 beseitigt haben, tragen auch Verantwortung für die Situation im Jahr 2015‘, sagt mittlerweile selbst Tony Blair, einst der willige Krieger an der Seite der USA.“817 Im Falle des Irakkrieges ist bekannt, dass bereits im Oktober 2002, also ein halbes Jahr vor Kriegsbeginn, in London eine Konferenz stattfand, bei der der Wiederaufbau des Landes verhandelt wurde.818 Im Februar 2003 wurden vom Weißen Haus die ersten Aufträge an Firmen vergeben, obwohl erste Bombenabwürfe erst im März 2003 befohlen wurden.819 Vergleichbare Erkenntnisse liefert Naomi Klein, liest man beispielsweise ihre Berichte über den Wiederaufbau des Iraks nach seiner Bombardierung 2003.820 Sie beschreibt das unermessliche Leid, welches unter anderem durch kriegerische Handlungen und Geheimdiensteinsätze der NATO-Mitgliedsländer ausgelöst wurde. Nach Daniele Ganser ließ der amerikanische Präsident Bush im Januar 2003 verlauten, dass die USA in den Irak müssten, da dieses Land Massenvernichtungswaffen hätte.821 Es wurden nie welche gefunden. 817 Handelsblatt Morning Briefing, Handelsblatt GmbH, Düsseldorf, 16.11.2015 818 vgl. Moewes, Günther (2004), a. a. O., S. 190 819 vgl. ebd. S. 190 820 vgl. Klein, Naomi: „Die SCHOCKSTRATEGIE. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus“, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2007, 4. Auflage Februar 2012 821 vgl. Ganser, Daniele: „Regime-Change in der Ukraine? Ein Vortrag des Schweizer Historikers Dr. Daniele Ganser vom 25.05.2015, Herausgeber: Tommy Hansen, 1. Auflage Oktober 2015 Kapitel IV 396 Michael Lüders erklärt: „Washington besitzt ein großes Talent, die Feinde des Westens erst zu züchten, um sie anschließend wieder mit großem Aufwand zu bekämpfen – zur Freude der Rüstungsindustrie.“822 Christian Kreiß schreibt, dass Ende November 2013 bekannt wurde, dass mindestens 22 deutsche Hochschulen und Forschungsinstitute seit dem Jahr 2000 mehr als zehn Millionen US-Dollar aus dem Haushalt des Pentagon bekommen hätten, um Rüstungsforschung, zum Beispiel an Munition und Sprengstoffen, für das US-Militär durchzuführen.823 Und Fabian Scheidler formuliert: „Obwohl das Wissen über die verhängnisvollen Folgen eines Weiter-so mit jedem Tag wächst, halten die Kapitäne der Großen Maschine [globales Finanz-, Wirtschafts- und Energiesystem; Anm. S. H.] unbeirrt Kurs in Richtung einer todsicheren Havarie.“824 Sieht man einen Zusammenhang zwischen dem stattfindenden Wahnsinn und dem bestehenden Geldsystem, kann man sich nur eine Änderung der Gegebenheiten wünschen. Graeber sagt, damit wir uns befreien könnten, müssten wir uns zunächst wieder als historische Akteure betrachten, als Menschen, die Einfluss auf den Lauf ihrer Welt nehmen könnten.825 822 Lüders, Michael: „Die den Sturm ernten. Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte“, Verlag C.H.Beck, München, 2017, 4. Auflage 2017, S. 52 823 vgl. Kreiß, Christian: „Geplanter Verschleiß. Wie die Industrie uns zu immer mehr und immer schnellerem Konsum antreibt – und wie wir uns dagegen wehren können“, Europa Verlag GmbH & Co. KG, Wien Berlin München, 2014, S. 179 824 Scheidler, Fabian: „Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation“, Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien, 2015, S. 9 825 vgl. Graeber, David: „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart, 2012, S. 402 397 5. Die Hürden des Fließenden Geldes Ergibt es demnach überhaupt Sinn, sich für eine systemische Änderung im Geldwesen einzusetzen? Charles Eisenstein gibt auf diese Frage folgende Antwort: „Eine Geldreform ist kein Allheilmittel für die Welt, und sie sollte auch keine Priorität über andere Bereiche des Aktivwerdens haben. Wenn wir nur Bits im Computer neu kombinieren, wird das nichts an der ganz realen materiellen und sozialen Verwüstung auf unserem Planeten ändern. Dennoch kann heilende Arbeit auf jedem anderen Gebiet nur dann ihre volle Wirkung entfalten, wenn gleichzeitig auch das Geld transformiert wird, da es mit unseren sozialen Strukturen und Lebensgewohnheiten sehr eng verflochten ist.“826 „Geld ist so zentral, es prägt unsere Zivilisation so sehr, dass es naiv wäre, zu hoffen, es könnte irgendeine glaubwürdige gesellschaftliche Veränderung geben, die nicht auch eine fundamentale Veränderung des Geldes mit einschließt.“827 Karl-Heinz Brodbeck schreibt: „Das Geld als soziale Denkform ist kein Ding, sondern eine Denkform. Mehr noch, das Denken in Geld, genauer das Rechnen erweist sich nicht als Ausfluss einer (womöglich angeborenen) Ratio, sondern als etwas, das historisch geworden und veränderlich ist. [Hervorhebungen im Original]“828 Brichta und Voglmaier wirken dagegen ein wenig mutlos: „Allerdings lassen wir hier noch völlig offen, ob überhaupt etwas geändert werden sollte. Eine Abwägung aller Alternativen könnte nämlich letztendlich auch zu dem Ergebnis führen, dass das jetzige 826 Eisenstein, Charles: „Ökonomie der Verbundenheit. Wie das Geld die Welt an den Abgrund führte – und sie dennoch jetzt retten kann“, Scorpio Verlag GmbH & Co. KG, Berlin München, 2013, S. 24 827 ebd. S. 232 828 Brodbeck Karl-Heinz und Graupe Silja: „Geld! Welches Geld? Geld als Denkform“, Metropolis-Verlag, Marburg, 2016, S. 334 Kapitel IV 398 System trotz seiner Schwächen anderen Lösungen vorzuziehen ist.“829 Jedoch sollte nach Ansicht dieser Autoren darüber erst entschieden werden, wenn eine Diskussion über Alternativen stattgefunden hätte. Fabian Scheidler erklärt: „Klar ist aber, dass ein tiefgreifender, systemischer Umbruch unausweichlich ist – und teilweise schon begonnen hat. Dabei geht es um weit mehr als um eine Überwindung des Neoliberalismus oder den Austausch bestimmter Technologien (auch wenn beides notwendig ist); es geht um eine Transformation, die bis in die Fundamente unserer Zivilisation reicht. Die Frage ist nicht, ob eine solche Transformation stattfinden wird – das wird sie auf jeden Fall, ob wir wollen oder nicht-, sondern wie sie verläuft und in welche Richtung sie sich entwickelt. [Hervorhebungen durch den Verf.]“830 Mit der Ihnen vorliegenden Arbeit soll ein Beitrag geliefert werden, damit eine intensivere Diskussion über Geld in breiten Bevölkerungsschichten in Gang kommt. 2010 hat der Autor des Buches an eine exponentielle Entwicklung beim Erkenntnisprozess rund um den Fehler im Geldsystem geglaubt. Zehn Befürworter erreichen zehn potentielle Unterstützer, zwanzig Freunde des Fließenden Geldes sprechen mit zwanzig interessierten Zuhörern, vierzig Aktive lassen an vierzig weiteren Stellen die Information fließen. Zumindest an den vom Autor leicht messbaren Stellen geschieht dies in derartiger Form aktuell nicht. 829 Brichta, Raimund / Voglmaier, Anton: „Die Wahrheit über Geld. Wie kommt unser Geld in die Welt – und wie wird aus einem Kleinkredit ein großer Finanzcrash“, Börsenmedien AG, Kulmbach, 2013, S. 222 830 Scheidler, Fabian (2015), a. a. O., S. 13 399 Nehmen wir als Beispiel soziale Netzwerke wie Facebook. Wenn nicht ständig neue Beiträge auf der Facebookpräsenz von „Neues Geld“ eingestellt werden, ändert sich die Zahl der „Likes“ kaum. Dagegen steigt sie mit jedem interessanten frischen Artikel, der stark geteilt wird. So wurde in diesem Medium am 1. April 2016 davon berichtet, dass ein Baumarkt damit begonnen hätte, die in den Preisen enthaltenen Schuldzinsen auf dem Kassenbon auszuweisen, um darauf aufmerksam zu machen, wie jede Käuferin und jeder Käufer beim Einkauf mit Schuldzinsen belastet wird. Ca. 15.000 Menschen wurden mit dieser außergewöhnlichen Aktion erreicht. Natürlich wurde am nächsten Tag darüber aufgeklärt, dass der Bon ein Aprilscherz war, obwohl der beschriebene Zinsmechanismus der vollen Realität entspricht. Man könnte wegen der eben geschilderten Situation schlussfolgern, dass viele Befürworter des Fließenden Geldes diesen spannenden Gedanken entweder nicht ausreichend weitertragen oder aber eine besser wahrnehmbare Resonanz ausbleibt. Hinzu kommen gleich mehrere Hürden, die zu überwinden sind. Wer will sich schon ausführlich mit dem Geld beschäftigen? Für viele ist Geld immer noch ein Tabuthema. Dazu ist der Zins auf das Ersparte doch das Normalste der Welt. Es ist für uns Menschen eine besondere mentale Herausforderung, Allgemeingültiges wie Guthabenszinsen in Frage zu stellen. Wenn sich das kleine private Vermögen über Zinseinnahmen vergrößert, wirkt dies erst einmal grundsätzlich sympathisch. Was sich bedauerlicherweise noch nicht ausreichend herumgesprochen hat, ist, dass man, wenn man Guthabenszinsen bekommen möchte, auch bereit sein muss, Schuldzinsen in entsprechender Höhe zu bezahlen. Doch wer stellt die zum Beispiel beim Einkauf gezahlten Schuldzinsen (Schuldzinsen, die von den Unternehmen an die Gläubi- Kapitel IV 400 ger überwiesen werden, sind in den Preisen enthalten) den vereinnahmten Guthabenszinsen auf angelegte Gelder gegenüber (siehe Kapitel IV.3: „Eine einfache Rechnung“)? Würden dies viele Menschen vollziehen, kämen schnell breite Bevölkerungsschichten zu dem Ergebnis, dass sie bei derartigem Mechanismus immer nur verlieren können. Die extrem ungleiche Vermögensverteilung befeuert die schädliche Entwicklung zusätzlich. Jedoch würde ein solcher eben beschriebener Erkenntnisprozess auf der Verstandesebene ablaufen. Einer der bedeutendsten britischen Philosophen des 18. Jahrhunderts, David Hume, kam allerdings zu der Schlussfolgerung, dass nicht der Verstand oder die Vernunft den Menschen regieren würde, sondern seine Gefühle.831 Ludwig Gartz glaubt: „Solange in einer Gesellschaft das unterschwellige Verlangen vorherrscht, selbst einmal auf der Gewinnerseite zu stehen und durch eigenes Vermögen auf Kosten anderer leben oder sogar reicher werden zu können, gibt es auch bei der benachteiligten Mehrheit eine Zustimmung zur Zinswirtschaft an sich.“832 Noch einmal zurück zu Precht: „Das stärkste Gefühl trägt den Sieg davon. Und der Verstand ist nichts als der Pressesprecher des Gehirns, der wortreich rechtfertigt, was unser Kanzler, das Gefühl, längst entschieden hat.“833 Das hieße, ein weitgreifender Erkenntnisprozess über die Wirkungen und Mechanismen von Zins und Zinseszins würde nicht genügen, damit neue Wege beschritten werden. Müsste sich der Mensch demnach zumindest teilweise zuerst von seiner Gier befreien, bevor brillante Alternativen Realität werden können? Genügt es, die Gier zu überwinden? Andreas Bangemann sieht das folgendermaßen: 831 vgl. Precht, Richard David: „Die Kunst, kein Egoist zu sein. Warum wir gerne gut sein wollen und was uns davon abhält“, Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2010, Taschenbuchausgabe Mai 2012, 1. Auflage, S. 113 832 Gartz, Ludwig: „Fließendes Geld. Die Geburt des Goldenen Zeitalters“, Aragorn Verlag, Sankt Augustin, 2008, 1. Auflage, S. 68 833 Precht, Richard David (2010/2012), a. a. O., S. 114 401 „Der Kampf gegen die Gier ist eine nicht leistbare Sisyphusarbeit. Die Gier gehört wie viele weitere Eigenschaften in einen Bereich, dessen Ursprung außerhalb des direkten menschlichen Einflusses liegt. Alles von Menschenhand geschaffene können wir verändern. Deshalb müssen wir uns über die strukturellen Ursachen Gedanken machen und Rahmenbedingungen schaffen, innerhalb derer die menschliche Gier nicht in einer Form zum Ausbruch kommen kann, welche die ganze Gemeinschaft in Gefahr bringt.“834 Hans-Joachim Maaz schreibt: „Gier ist nicht Ausdruck einer normalen menschlichen Wesensart, sondern immer ein Krankheitssymptom.“835 Nach Charles Eisenstein würde unser heutiges Wirtschaftssystem Selbstsucht und Gier belohnen836 und nach dem populären Investmentberater Marc Faber wären Gier und Furcht die treibenden Kräfte bei den meisten, wenn nicht sogar bei allen Investmententscheidungen.837 Wollen wir nicht alle zumindest ab und zu zu den Gewinnern zählen? Man darf nur nie vergessen, wo es Gewinner gibt, findet man auch Verlierer, also welcher Preis ist für das Gewinnen zu entrichten? In China besteht die Neigung, einen „Marktplatz“ mit einem „Kriegsschauplatz“ zu vergleichen.838 Wer sich mit List einen Wettbewerbsvorteil verschafft, gilt als klug. Das Wissen über Wege, ein Geschäft zu eigenen Gunsten abzuschließen, wurde in den 36 Strategemen839 manifestiert. Senger schreibt: 834 Humane Wirtschaft, Herausgeber: Förderverein Natürliche Wirtschaftsordnung e.V., Essen, www.humane-wirtschaft.de, Juli / August 2010, Ausgabe: 04/ 2010, Bangemann Andreas: „Politik gegen Finanzmarkt – David gegen Goliath“ 835 Maaz, Hans-Joachim: „Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm“, Verlag C.H. Beck oHG, München 2012, unveränderte Taschenbuchausgabe 2014, S. 64 836 vgl. Eisenstein, Charles: „Ökonomie der Verbundenheit. Wie das Geld die Welt an den Abgrund führte – und sie dennoch jetzt retten kann“, Scorpio Verlag GmbH & Co. KG, Berlin München, 2013, S. 33 837 vgl. Faber, Marc: „Zukunftsmarkt Asien. Die Wiederentdeckung der asiatischen Märkte“, FinanzBuch Verlag GmbH, 1. Auflage 2004, S. 12 838 vgl. von Senger, Harro: „36 Strategeme für Manager“, Carl Hanser Verlag, München Wien, 3. Auflage 2004, S. 20 839 Strategem: „Strategem ist ein unbelastetes Wort für ‚List‘. Also ist zu klären, was eine ‚List‘ ist. List wird meist mit Täuschung gleichgesetzt. Doch von dieser Verengung der List sollte man sich lösen. Die beste chinesische Umschrei- Kapitel IV 402 „[…] man [geht] in China vielfach davon aus, dass die Weisheit, die einem General in einer Schlacht zur Seite steht, dieselbe sei, die den Kaufmann in seinem Geschäftsleben anleite. Dies ist in China eine über 2.000 Jahre alte Vorstellung.“840 Es lässt sich nur erahnen, welche Risiken eine Unternehmerin oder ein Unternehmer eingeht, wenn sie oder er, ohne jene Informationen zu den kulturellen Unterschieden, Geschäfte in China mit deutscher Mentalität abwickeln möchte. Also in welchen Gebieten kann es Sieger geben und in welchen Bereichen sollten wir die in uns liegenden Instinkte möglichst nicht wecken? Nach Sampson würde auch in Japan der Wettkampf zwischen den Konzernen zum Teil eher an militärische Auseinandersetzungen erinnern. Man hätte die Regeln der Kriegskunst auf den kommerziellen Bereich übertragen, schreibt er. So wäre der Klassiker Art of War (Die Kunst des Krieges) von Sun Tzu aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. für viele Firmenchefs zur Pflichtlektüre geworden, um Strategie und Taktik des Krieges zu erlernen und die Kenntnisse kämen dann bei den beruflichen Aufgaben zum Tragen.841 William Bonner und Addison Wiggin bemerken: „Sehen Sie sich nur die Fans bei einem Fußballspiel an; die stehen auf und feuern wild ihre Mannschaft an, so, als wäre das Ergebnis des Spiels wirklich wichtig für sie. Die Idee, auf der Seite des Gewinners zu stehen, ist eine primitive Form des Gruppendenkens.“842 bung von ‚List‘ lautet: […] ‚Etwas Außergewöhnliches erzeugen, um den Sieg zu erringen‘“. (Quelle: Von Senger, Harro: „36 Strategeme für Manager“, Carl Hanser Verlag, München Wien, 3. Auflage 2004, S. 15) 840 von Senger, Harro: „36 Strategeme für Manager“, Carl Hanser Verlag, München Wien, 3. Auflage 2004, S. 20 841 vgl. Sampson, Anthony: „Global. Macht. Geld. Der neue Reichtum oder warum Geld die Welt regiert“, © der deutschen Ausgabe 1990: Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, ungekürzte Taschenbuchausgabe, Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München, 1995, S. 119 842 Bonner William, Wiggin Addison: „Tage der Abrechnung. Die internationalen Finanzmärkte im Umbruch oder: Wie wir die schleichende Wirtschaftskrise des 21sten Jahrhunderts überleben können“, FinanzBuch Verlag GmbH, 1. Auflage 2005, S. 207 403 Müssen wir demnach solche Verhaltensmuster bezwingen oder ist zu empfehlen, dass wir uns mit Hilfe des Wissens über menschliches Handeln durch Regeln ein Klima schaffen, welches die richtigen Anreize liefert, damit sich die notwendigen Veränderungen einstellen? Andreas Bangemann malt in diesem Zusammenhang ein schönes Bild: „In einem Milieu, das gemeinschaftliches Handeln belohnt, bewussten Umgang mit der direkten Umwelt befördert und Solidarität aktiv erstrebenswert macht, werden sich die Menschen ändern. Und zwar alle. Die entscheidenden Fragen lauten: Welche Bedingungen brauchen wir dafür? Was genau muss geändert werden?“843 Hermann Hesse lässt seine Hauptfigur Siddhartha folgendes sagen: „Wenn jemand sucht, dann geschieht es leicht, daß sein Auge nur noch das Ding sieht, dass er sucht, daß er nichts finden, nichts in sich einzulassen vermag, weil er nur immer an das Gesuchte denkt, […]“844 Haben Bangemann und Hesse recht, brauchen wir eine andere Umgebung, eine friedvolle Atmosphäre, damit wir kostbare Dinge sehen können, die unter gegebenen Bedingungen im Verborgenen bleiben. Helfen aktuell die Leitmedien bei diesem wertvollen Prozess oder schickt die geballte Macht der Mainstreammedien die Konsumenten oft gedanklich in die falsche Richtung? Fabian Scheidler meint: „In dem Maße, wie Information zur Ware wird, bekommen diejenigen, die über das meiste Geld verfügen, tendenziell auch die besten Chancen, die öffentliche Meinung in ihrem Sinne zu beeinflussen.“845 Bezeichnenderweise werden Zinsen kleiner null Prozent oft auch als Strafzinsen bezeichnet. Dass der Zins kleiner Null den Halter von 843 Humane Wirtschaft, Herausgeber: Förderverein Natürliche Wirtschaftsordnung e.V., Essen, www.humane-wirtschaft.de, Juli / August 02/2010, Bangemann Andreas: „Die Probleme der Welt erzeugen Rebellen“, S. 1 844 Hesse, Hermann: „Siddhartha“, Erstausgabe: Fischer Verlag, Berlin, 1922, © Hermann Hesse, Montagnola Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1953, Suhrkamp Taschenbuch, erste Auflage 1974, S. 111 845 Scheidler, Fabian (2015), a. a. O., S. 167 Kapitel IV 404 Einlagen nur dazu motivieren soll, seine aktuell nicht benötigten finanziellen Mittel mittel- oder langfristig anzulegen, damit vom betreffenden Kreditinstitut risikoärmer auch langfristige Kredite vergeben werden können, wird konsequent weggelassen. Auch erfährt der Konsument der klassischen Medienwelt, bis auf wenige Ausnahmen, nicht, dass bei Fließendem Geld – dank einer Gebühr auf Bargeld – der mittelfristige Zins auf null Prozent gebracht werden soll und dadurch mathematisch exakt die sehr große Mehrheit der Bevölkerung auch finanziell profitieren würde. Von weiteren Vorteilen, wie beispielsweise dem Schutz der Umwelt wegen Beendigung des zinsbedingten Wachstumszwangs, ganz abgesehen. Darüber hinaus wirkt wenig zielführend, dass die Geldreformbewegung vor allem zwei Ursachen für viele Fehlentwicklungen ausfindig gemacht hat, die sie dann auch noch entzweit, anstatt gemeinsam an einem Strick zu ziehen. Die einen kritisieren die in dieser Arbeit diskutierte Geldschöpfung aus dem Nichts seitens der Geschäftsbanken. Andere lenken das Licht auf die Art der Geldumlaufsicherung, also auf die Frage, mit welcher Methode das bereits in Umlauf befindliche Geld im Wirtschaftskreislauf gehalten wird. Verwendet man hierfür einen Zins größer Null, ergeben sich die beschriebenen exponentiellen Wachstumsprozesse. Auch aus der Politik sind keine radikalen Vorschläge zu erwarten. Es ist nicht zeitgemäß, dass Politiker Visionäres denken und versuchen, dafür Mehrheiten zu gewinnen. Typisch ist eher, dass politische Strukturen dann Inhalte aufnehmen, wenn sie bereits sichtbar in breiten Bevölkerungsschichten vorzufinden sind. Also zuerst diskutieren die Menschen, da sich eine Unzufriedenheit über die bestehenden Gegebenheiten herausgebildet hat, über alternative Wege, dann greifen politische Strukturen die Themen, die die Masse interessieren, auf. Treffende Beispiele für einen solchen Ablauf sind die Antiatomkraft-, Umwelt-, Gewerkschafts- und Frauenbewegung. Die entscheidenden Impulse kamen hier immer von unten. Scheidler meint, dass das kurzfristige Ziel von Politikern darin bestünde, Wahlen zu gewinnen. Dies würde dazu führen, dass systemische Fragen aus der Debatte herausgehalten würden.846 846 vgl. ebd. S. 219 405 Wie schaut es mit ausschlaggebenden Impulsen aus der Wirtschaftswissenschaft aus? Niessen antwortet auf die Frage folgendes: „Würden die Ökonomen die tieferen Ursachen der gegenwärtigen Krisen umfassend deuten, müssten sie konsequenterweise wirtschaftspolitische Empfehlungen formulieren, die aus heutiger politischer Perspektive als subversiv gälten. Ökonomen müssen Teile der Wahrheit ausblenden, sonst zerbricht die herrschende gesellschaftliche Ordnung. [Hervorhebungen im Original]“847 Falls Sie als Leserin oder als Leser nun denken, das klingt ja alles nicht sehr zuversichtlich – weit gefehlt. Diejenigen, die den Autor persönlich kennen, wissen, dass es bei ihm immer Grund zu Optimismus gibt. Der Autor hat als Leipziger das große Glück, die Erfahrungen der Wende 1989 mit intensiver Wirkung in sich zu tragen. Wenige Monate vor den friedlichen sichtbaren Bewegungen auf den Leipziger Straßen konnte man kaum ahnen, was sich entwickelt. Nun meint der Autor nicht, dass er erwartet, dass im kommenden Jahr erneut 200.000 Menschen über den Leipziger Innenstadtring ziehen und die Einführung des Fließenden Geldes mit Sprechchören wie „Fließendes Geld für eine gerechtere Welt“ fordern. Wolfgang Kessler zitiert die US-amerikanische Entwicklungsforscherin Margaret Mead: „Zweifele nie daran, dass eine kleine Gruppe nachdenklicher engagierter Menschen die Welt verändern kann. Ja, das sind überhaupt die Einzigen, die dies je geschafft haben.“848 Es ist alles möglich und die schrecklichen Auswirkungen des aktuellen Systems werden leider nicht geringer. Deshalb werden auch immer mehr Menschen auf die Suche nach Antworten gehen und aktiv werden. Auch Precht meint, so wichtig Gefühle seien, so wenig wären wir ihnen hilflos ausgeliefert. Unsere Vernunft würde uns in die Lage versetzen, unsere sozialen Gefühle zu bewerten, auch wenn wir davon 847 Niessen, Frank: „Entmachtet die Ökonomen! – Warum die Politik neue Berater braucht“, Tectum Verlag Marburg, 2016, S. 41 848 Kessler, Wolfgang: „Weltbeben. Auswege aus der Globalisierungsfalle“, Publik-Forum Verlagsgesellschaft mbH, Oberursel, März 2004, 5. aktualisierte und erweitere Neuauflage, 2007, S. 221 Kapitel I406 nicht immer Gebrauch machen würden. Das Verhältnis von Vernunft und Gefühl wäre zwar bei jedem Menschen verschieden, doch prinzipiell wären wir dazu fähig, dass beides in unsere Entscheidungen einfließen würde.849 Im Juni 2016 lief ein spannender Film in kleinen Kinos in Leipzig. Er trägt den Namen Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen. In dieser Dokumentation wird eine Vielzahl an vortrefflichen Aktivitäten präsentiert, über die sich Menschen einbringen und positive Veränderungen auslösen. Auch die Wirkungen von Zins und Zinseszins werden thematisiert. Allerdings wird auch von einer vermeintlich stattfindenden Geldschöpfung aus dem Nichts gesprochen. Der Autor dieses Buches denkt, dass sich Menschen elementare Veränderungen, die in der Zukunft geschehen werden, nur begrenzt vorstellen können. Viele Neuerungen kommen schleichend, fast unbemerkt, stellt man dann jedoch den gegebenen Zustand den Verhältnissen zwanzig Jahre zuvor gegenüber, werden die Abweichungen meist sichtbar. Bei dieser Vorgehensweise wird allerdings die Gegenwart mit der Vergangenheit verglichen und nicht die kommende Zeit betrachtet. In einer Ausbildungseinheit des Autors Anfang der 1990er Jahre wurde besprochen, wie man einem Kunden Inflation am besten erklärt. Schon damals wurde empfohlen, zuerst Preisbeispiele von Waren und Dienstleistungen aus der Vergangenheit zu wählen und diese mit aktuellen Werten ins Verhältnis zu setzen. Mit Hilfe solcher Vergleiche kann man im zweiten Schritt eine zu erwartende Preisentwicklung in der Zukunft besser verdeutlichen. Der Wirtschaftsjournalist Volkmar Muthesius beschreibt, dass Anfang des 20. Jahrhunderts manche städtische Verkehrsverwaltungen an den Treppen ihrer doppelstöckigen von Pferden gezogenen Omnibussen Schilder angebracht hätten. Auf diesen wäre zu lesen gewesen: „[…] daß ‚die [verehelichten] Damen‘ sich bemühen möchten, beim Treppensteigen in das obere Stockwerk des Fahrzeugs ‚nichts ans Tageslicht treten zu lassen, was zu sehen dem Herrn Gemahl vorbehalten bleiben‘ müsse.“850 849 vgl. Precht, Richard David (2010/2012), a. a. O., S. 124 f. 850 Muthesius, Volkmar: „Augenzeuge von drei Inflationen. Erinnerungen und Gedanken eines Wirtschaftspublizisten“, Fritz Knapp Verlag, Frankfurt/M., 1973, S. 31 f. 407 Seit der Anbringung solcher Hinweise sind nun gerade einmal einhundert Jahre vergangen. Sicher ist es passend, dass verheiratete Frauen ihre Knöchel nicht mehr mit ihrer Kleidung verstecken müssen. Wohin die Entwicklung einer Art von Freizügigkeit insgesamt geführt hat, will der Autor hier lieber nicht diskutieren. Der Autor des Ihnen vorliegenden Buches will damit verdeutlichen, dass uns Menschen oft die Vorstellungskraft fehlt, in welche Richtung die Reise gehen kann. Der ICE braucht heute von Leipzig nach Frankfurt am Main gerade einmal gute drei Stunden. Große Entfernungen werden bei bezahlbaren Preisen dank wissenschaftlichen Fortschritts mit Leichtigkeit überbrückt. Ende des 18. Jahrhunderts dauerte eine Postreise für dieselbe Strecke noch eine Woche. Kein Mensch, der vor 50 Jahren gelebt hat, hätte sich die modernen Möglichkeiten des Internets ausmalen können. Vergleichsweise visionär wirkt die Betrachtung einer anderen Art der Geldumlaufsicherung. Das liegt jedoch nicht am Thema, sondern eher an der Struktur unseres Denkens. Fließendes Geld ist eine ausgezeichnete Basis für viele weitere wertvolle Veränderungen. 6. Technische Umsetzungsvarianten des Fließenden Geldes Für uns Menschen ist es eine Herausforderung, von Gewohntem abzuweichen. Das folgende Bild liefert eine passende Metapher. Das Denken in unserem Gehirn können wir uns wie einen verschneiten Winterwald vorstellen. Wandern wir in einer solch bezaubernden Landschaft immer auf demselben Weg, sind die Spuren unübersehbar. Schneit es über Nacht, ist es uns dennoch möglich, den bisher verwendeten Pfad gut zu erkennen und benutzen erneut dieselbe Strecke. Dadurch wird das neue Weiß mit unseren Schuhsohlen bearbeitet, so dass am nächsten Tag das Beschreiten der gewohnten Route ohne zusätzliche Kraftanstrengung geschehen kann. Dies ist ein Pendant zu einem Gedanken, den wir bereits tausende Male erfasst haben oder Prozesse, die dank zahlreicher Wiederholungen automatisiert ablaufen. Neues Denken ist vergleichbar mit dem Verlassen des bekannten Kurses durch den schneebedeckten, unberührten Landstrich. Wir geraten in tiefen Schnee und müssen viel Energie aufwenden, um uns fortzu- Kapitel IV 408 bewegen. Manchmal ist das Vorankommen unmöglich, da uns große Schneeberge daran hindern. Wir sind gezwungen, die Richtung zu ändern und nach alternativen Strecken zu suchen, um das Ziel dennoch zu erreichen.851 Das Erlernen des Autofahrens ist ebenfalls ein passendes Bild. Erinnern Sie sich an die Zeit, als Sie Fahranfänger waren? Man musste bewusst die einzelnen Handlungen ausführen, um ein Kraftfahrzeug unfallfrei durch die Straßen zu bewegen. Hatte man eine überschaubare Zeit einen Wagen gefahren, spürte man danach eine gewisse Erschöpfung, das Bedienen des Gefährts hatte Kraft gekostet. Doch mit der Zeit gelangten die notwendigen Handlungen für das Gebrauchen eines Autos ins Unterbewusste. Die erforderliche Energie für das Benutzen eines fahrbaren Untersatzes reduzierte sich auf ein Minimum. Man war, nachdem sich etwas Routine eingestellt hatte, in der Lage, während des Lenkens einem Gespräch zu folgen und nahm neben den Verkehrsschildern auch an der Straße stehende Werbeplakate wahr. Ging die routinierte Fahrt durch die Berge, war man nun fähig, den genussvollen Blick über die herrlichen Gipfel für kleine Blitzlichtmomente streifen zu lassen, ohne dass man sich oder gegebenenfalls Mitreisende Risiken aussetzte. Das Fazit lautet: Wenn man mit einer neuen Sache eine Zeitlang umgegangen ist, kommt alles damit Verbundene viel freundlicher in Fluss. Die meisten Dinge werden dann so selbstverständlich, dass es fast Mühe bereitet, sich vorzustellen, dass es einst anders war. Nun weiß auch unser Unterbewusstsein, dass Neues auszuprobieren eine ordentliche Portion Energie kostet. Hat man einmal begonnen, zum Beispiel um der Gesundheit etwas Gutes zu tun, ein wenig Sport zu treiben, kann man sich bestimmt noch deutlich an den inneren Schweinehund erinnern. Man kam geschafft von der Arbeit nach Hause und die Laufschuhe luden nicht dazu ein, eine Runde mit ihnen zu drehen. Hat in der Vergangenheit der Schweinehund gewonnen, sollte man das Vorhaben erneut angehen. Der Kerl ist in den folgenden 851 vgl. Humane Wirtschaft, Herausgeber: Förderverein Natürliche Wirtschaftsordnung e.V., Essen, www.humane-wirtschaft.de, Juli / August 2011, Ausgabe: 04/2011, Susanne Wiegel: „Vom Wissen zum Handeln oder wie Veränderung möglich wird“, Susanne Wiegel bezieht sich im Artikel auf den Hirnforscher Manfred Spitzer 409 Trainingseinheiten schon kleiner geworden. Ist das gelungen und man ist dabei geblieben, fällt es nun leichter, sich zu überwinden, auch, wenn einmal ein Tag nicht die optimalen Voraussetzungen für eine sportliche Betätigung liefert. Unser Gehirn belohnt uns nun mit Glückshormonen, nachdem wir die gesundheitsfördernde Bewegung absolviert haben. Ja, aller Anfang ist schwer. Das Flugzeug braucht beim Start die größte Treibstoffmenge, fliegt es in geeigneter Höhe mit Reisegeschwindigkeit, ist der Energieverbrauch deutlich geringer als beim Abflug. Insofern sollten wir uns bewusst machen, dass es wertvoll ist, Mut zu fassen und eine alternative Geldumlaufsicherung zu wählen. Die bereits dargestellten, dem Gemeinwohl und uns allen dienenden Wirkungen des Fließenden Geldes liefern ausgezeichnete Argumente, dass sich die Anstrengungen lohnen! In der an anderer Stelle beschriebenen Brakteatenzeit (siehe Kapitel IV.7.a: „Die Brakteatenzeit“) hat man Dünnblechmünzen hergestellt, die von Zeit zu Zeit verrufen wurden. Das bedeutete, sie konnten ab einem bestimmten Termin nicht mehr als Zahlungsmittel verwendet werden. Bei den ebenfalls weiter unten vorgestellten Arbeitswertscheinen von Wörgl mussten die Nutzer monatlich Marken kleben, damit die Gültigkeit jener Zahlungsmittel erhalten blieb. Nun leben wir im 21. Jahrhundert und so werden effizientere Methoden zu finden sein, als das Erwerben von Klebemarken, die dann auf dafür vorgesehene Felder aufzubringen sind – auch wenn diese Verfahrensweise noch heute bei regionalen Tauschmittelsystemen zur Anwendung gelangt (siehe Abbildung). Abbildung 40: 20 Chiemgauer Am Einfachsten ließe sich eine Gebühr erheben, wenn das Bargeld ausschließlich in elektronischer Form bereitgestellt würde. Dies ist nicht mit einer Abschaffung des Bargeldes zu verwechseln, welche kategorisch abgelehnt Kapitel IV 410 wird. Die Macht, die dann in den Händen von Entscheidungsträgern läge, wäre unermesslich. Spricht man mit einem Unternehmer, der in seinem Leben von einer Insolvenz betroffen war, kann man erahnen, welche Risiken sich bei der Abschaffung von Bargeld ergeben würden. Menschen, die zwangsweise, aus welchen Gründen auch immer, eine Firma schließen mussten, erhalten einen Schufaeintrag.852 Mit einem solchen Vermerk ist man kaum in der Lage, eine Kreditkarte von einer namenhaften Gesellschaft zu bekommen. Angebote von Dienstleistern im Internet, zum Beispiel von Urlaubsreiseveranstaltern, die ausschließlich Zahlungen per Kreditkarte akzeptieren, sind dann nicht mehr möglich, weil die Plastikkarte fehlt. So muss man sich auf Offerten beschränken, bei denen andere Bezahlverfahren zugelassen sind. Jedoch kann man sich grob ausmalen, welche Konsequenzen es hätte, könnte einem nicht nur die Option des bargeldlosen Bezahlens von Diensten mit Karte, sondern durch die Abschaffung von Bargeld jeglicher Zugang zu finanziellen Mitteln verwehrt werden. Ganz abgesehen davon, dass ohne Bargeld eine vollständige Überwachung aller Zahlungsvorgänge ermöglicht wird. Im April 2005 wurde per Gesetz die Möglichkeit von Kontenabfragen853 durch Behörden vereinfacht. Als Rechtfertigung wurde oft die Bekämpfung von Terrorismus und von Geldwäsche genannt. Auf einer interessanten Website854 ist Folgendes zu lesen: „Kritik zum Verfahren automatisierter Kontenabfragen entstand allein dadurch, dass der ursprüngliche Grund für derartige Abfragen immer mehr in den Hintergrund geriet. Diese Maßnahmen, die sich anfänglich auf die Bekämpfung von internationalem Terrorismus bezogen, wurden zunehmend ausgeweitet auf unterschiedlichste Behörden als auch zum Teil Gemeinden und schließlich Gerichtsvollzieher übertragen.“ 852 Schufa (Schufa Holding AG): Wirtschaftsauskunftei aus Wiesbaden, es werden eine Vielzahl an Daten von natürlichen Personen und Unternehmen gespeichert, um deren Bonität und Zahlungsverhalten beurteilen zu können. 853 gemäß § 93 Abs. 7 und 8 AO 854 Franke-Media.net – Quality Content Provider seit 2006, Daniel Franke Leipzig: „Automatisierte Kontenabfragen“, http://www.konto.org/ratgeber/ allgemein/automatisierte-kontenabfragen/, (abgerufen am 25.08.2016) 411 Die Verantwortung für den Datenabruf trägt die ersuchende Behörde selbst, eine weiterführende Kontrolle erfolgt nicht. Dem Betroffenen muss der Kontenabruf nicht angezeigt werden, damit er wirksam ist. Die Zahl der Abfragen hat sich seit Einführung der betreffenden Paragrafen massiv erhöht: Abbildung: 41: Entwicklung Kontenabrufe 2004 bis 2015855 Ja hr Ba Fi n Po liz ei be hö rd en Fi na nz be hö rd en / St eu er fa hn du ng St aa ts an w al tsc ha ft en Zo llb eh ör de n So ns ti ge Ge sa m tz ah l Ve rä nd er un g zu m V or ja hr 2004 1.380 26.212 6.057 3.038 2.251 479 39.417 2005 632 38.675 10.008 7.494 5.160 441 62.410 +58,33 % 2006 972 47.805 11.838 12.861 7.202 478 81.156 +30,04 % 2007 472 54.111 13.061 18.002 7.167 747 93.560 +15,28 % 2008 277 46.132 10.936 18.520 7.604 469 83.938 –10,28 % 2009 547 52.367 11.691 20.915 6.198 158 91.876 +9,46 % 2010 1.371 58.477 13.673 23.765 8.054 275 105.615 +14,95 % 2011 757 69.330 13.122 25.997 7.316 386 116.908 +10,69 % 2012 992 68.066 13.286 24.629 7.207 184 114.346 +8,27 % 2013 1.218 75.296 13.397 25.434 7.052 267 122.664 +7,27 % 2014 370 89.542 14.020 26.495 7.052 300 137.779 +12,32 % 2015 1.183 86.702 13.003 25.851 6.915 301 133.955 –2,78 % 2013 trat wie bereits oben angedeutet eine weitere Änderung der Richtlinie in Kraft. Dies führte zu einem zusätzlichen deutlichen Anstieg der Kontenabrufe. 855 ebd., Ursprungsquelle Zahlenmaterial: Jahresberichte BaFin Kapitel IV 412 Abbildung 42: Kontenabrufe durch Familienkassen und Wohngeldstellen von 2012 bis 2015856 Jahr Familienkassen Wohngeldstellen 2012 0 108 2013 68.648 72.992 2014 79.719 150.823 2015 97.631 204.519 Auf der Internetseite von „Lohnsteuer kompakt“ wurde unter der Rubrik Steuerwissen am 22.08.16 der Artikel: „Kontenspionage: Rekordabrufe im Jahre 2015“ veröffentlicht. Darin heißt es: „Aktuell ist von einem neuen zweifelhaften Rekord bei den Kontenabfragen für das Jahr 2015 zu berichten: Finanzämter und Sozialbehörden einschließlich Gerichtsvollzieher und Jugendämter haben im Jahre 2015 so viele heimlichen [sic] Kontenabfragen gestartet wie noch nie zuvor – insgesamt 302.150 (Vorjahr: 230.542). Dies ist eine Zunahme von 31 Prozent. Doch selbst dieser unrühmliche Rekord ist nur zwei Drittel der ganzen Wahrheit: Zusätzlich zu den Kontenabfragen der Finanzund Sozialbehörden haben Polizei, Staatsanwaltschaften, Zoll- und Steuerfahndung weitere 133.955 Kontenabrufe vorgenommen. Insgesamt sind dies 436.105 Kontenabfragen (Vorjahr: 368.321). [Hervorhebung im Original]“857 Momentan sind weitere Novellierungen der Gesetzgebung in Planung. Die Entwicklung im Zusammenhang mit Kontenabrufen einschließlich der anvisierten Modifikationen von Seiten der Politik ist nur ein Beleg dafür, dass die Nutzung eines anonymen Zahlungsmittels fun- 856 ebd., Ursprungsquellen Zahlenmaterial: Bundestag, BZSt – Bedarfsträger nach § 93 Absatz 8 AO – undifferenziert – ab 2008 differenziert, BMF) Hinweis [des Urhebers, Anm. S. H.]: Für 2013 – 2015 konnten uns vom BMF bisher nur die Gesamtzahlen zur Verfügung gestellt werden. 857 Lohnsteuer kompakt (forium GmbH) Berlin: “Kontenspionage. Rekordabrufe im Jahre 2015”, Thilo Rudolph, 22.08.2016, https://www.lohnsteuerkompakt.de/steuerwissen/kontenspionage-heimliche-kontenabrufe-im-jahre- 2015-auf-neuem-rekordstand/ (abgerufen am 25.08.2016) 413 damental für die Erhaltung grundlegender demokratischer Strukturen ist. „Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren.“858 Insofern steht unverändert die Frage: Wie kann technisch eine konstruktive Umlaufsicherung bei Bargeld umgesetzt werden? Bei der Beantwortung dieser Frage hilft ein Artikel, publiziert in der Zeitschrift Humane Wirtschaft von Thomas Seltmann, weiter.859 Da beim Fließenden Geld der Betrag einer Banknote linear abnimmt, ließe sich die Entwicklung des Wertes über eine Tabelle sichtbar machen. Bei einem 100-Euro-Geldschein und einer Gebühr in Höhe von einem Prozent je Quartal, immer bezogen auf den Anfangsnennwert, würde sich der Wert pro Vierteljahr um einen Euro reduzieren. Abbildung 43: Entwicklung des Wertes einer 100-Euro-Banknote nach dem Prinzip des Fließenden Geldes Geltungszeitraum Wert Geltungszeitraum Wert Geltungszeitraum Wert I. Quartal 2017 100 € I. Quartal 2018 96 € I. Quartal 2019 92 € II. Quartal 2017 99 € II. Quartal 2018 95 € II. Quartal 2019 91 € III. Quartal 2017 98 € III. Quartal 2018 94 € III. Quartal 2019 90 € IV. Quartal 2017 97 € IV. Quartal 2018 93 € IV. Quartal 2019 89 € Das Prüfen des Wertes eines einzelnen Scheines ist schnell und unkompliziert über eine solche aufgebrachte Tabelle möglich. Wenn man jedoch in einem Geschäft steht und an der Kasse einen größeren Betrag mit mehreren verschiedenen Banknoten bezahlen möchte, kann man nicht erst den Gesamtwert über die jeweiligen aufgedruckten Listen auf den Geldscheinen ermitteln, indem man die einzelnen Beträge addiert. Hier könnte ein Magnetstreifen helfen, der von einem Gerät ausgelesen wird. 858 Zitat frei nach Benjamin Franklin 859 vgl. Humane Wirtschaft (02/2010), a. a. O., Seltmann Thomas: „Umlaufsicherung von Banknoten. Wie sich die Einführung der Liquiditätsgebühr bei Geldscheinen systemkonform realisieren lässt“, S. 10 Kapitel I 414 Ergänzend sei noch Folgendes erwähnt: Wird eine Banknote länger als in der abgebildeten Tabelle dargestellt, gehalten, setzt sich die Reduzierung des Wertes einfach linear fort. Das Geld kann dann in jeder Bank gegen einen Geldschein umgetauscht werden, bei dem der Wert über die aufgedruckte Tabelle wieder herauszulesen ist. Wird demnach eine Banknote, bezogen auf die oben zu sehende Mustertabelle, im IV. Quartal 2022 zwecks Umtausch zu einer Bank gebracht, bekommt der Überbringer Bargeld im Wert von 77 Euro. Die neu erhaltenen Scheine zeigen die aktuellen Nennwerte wiederum über die aufgebrachte Übersicht an. An dieser Stelle noch einmal der wichtige Hinweis, dass man dieser geldumlaufsichernden Gebühr leicht entgehen kann, indem man sein Geld entweder ausgibt oder Geld, welches man selbst aktuell nicht benötigt, mittelfristig anlegt. Den destruktiven inflationären Wirkungen im derzeitigen Geldsystem dagegen kann man nicht entfliehen. Der Austausch von verschlissenen Banknoten ist auch im gegenwärtigen System ein ganz normaler Prozess. Die Bundesbank erklärt dazu: „Die Lebensdauer der Banknoten hängt vom Nennwert ab. Banknoten kleiner Stückelungen (5, 10, 20, 50 Euro) werden nach ein bis vier Jahren vernichtet und ersetzt. Banknoten großer Stückelungen (100, 200, 500 Euro) haben zum Teil eine Lebensdauer von weit über zehn Jahren.“860 Da Bargeld ständig bei Kreditinstituten ein- und ausgezahlt wird, erfolgt der Austausch von Banknoten beim Fließenden Geld, deren Tabellen nur noch für kurze Zeiträume die Nennwerte anzeigen, automatisch. Eine Bank aktiv aufsuchen muss man danach nur, wenn man einen Geldschein versehentlich verlegt hat und diesen erst später wiederfindet. Wenn man heute Geld bei einer Bank einzahlt, werden die Banknoten gleichfalls auf eine Zählmaschine gelegt, die die Summe der Einzahlung ermittelt und die Noten auf Echtheit prüft. Dies ließe sich 860 Deutsche Bundesbank: „Das Bargeld. Bargeldumlauf“, https://www.bundes bank.de/Redaktion/DE/Dossier/Service/schule_und_bildung_kapitel_ 2.html?notFirst=true&docId=149302 (abgerufen am 25.08.2016) 415 auch leicht mit Bargeld der Kategorie Fließendes Geld realisieren, dessen Nennwert sich je Quartal verändert. Des Weiteren könnte auch ein Strichcode zum Einsatz kommen. Man kann schon heute in vielen Läden den Barcode von optischen Lesegeräten erfassen lassen, damit man unter anderem den Preis einer betreffenden Ware angezeigt bekommt. Eine vergleichbare Technik könnte genutzt werden, um den aktuellen Wert einer Banknote zu ermitteln. Damit im aktuellen System Onlineüberweisungen ausgeführt werden können, muss man eine Transaktionsnummer (TAN) zur Autorisierung des Vorganges eingeben. Viele Banken arbeiten auch heute noch mit sogenannten TAN-Listen, die man vom Kreditinstitut zugesandt bekommt. Sind die TAN fast verbraucht, trifft beim Benutzer automatisch eine neue TAN-Liste ein. Jene ist dann mit Hilfe einer TAN der alten Liste freizuschalten, um Missbrauch zu vermeiden. Alternativ bieten einige Bankhäuser an, dass die erforderlichen TAN unter Verwendung eines TAN-Generators generiert werden. Nutzer, die Bankgeschäfte mit dem Handy erledigen, laden sich spezielle Apps auf ihr Smartphone, um über kleine Programme861 TAN im sicheren Modus zu erlangen. Diese Methoden werden vom Publikum rege angenommen und die Zahl derer, die solche Varianten bereits verwenden, steigt rasant. Das Beispiel zeigt, dass wir Menschen durchaus in der Lage sind, auf neue Lösungen umzustellen. Mit größter Wahrscheinlichkeit wird es nach Einführung des Fließenden Geldes Apps geben, die bei der Wertermittlung helfen. Man legt mehrere Banknoten einfach nebeneinander, fährt mit dem Handy kurz darüber und im Bruchteil einer Sekunde wird der aktuelle Gesamtwert angezeigt. Zahlt ein Händler erst nach Ablauf eines Quartalsstichtages Flie- ßendes Geld bei seiner Hausbank ein, bekommt er den entsprechend geringeren Betrag seinem Konto gutgeschrieben. Damit ist jeder Kaufmann daran interessiert, möglichst zügig das eingenommene Bargeld weiterzugeben. In Feldversuchen sollte geprüft werden, ob eine quartalsweise erfolgende Berechnung der Gebühr ausreichend funktional ist oder ob es zu ungünstigen Spitzen beim Einsatz von finanziellen Mitteln vor den 861 Man spricht von einem sogenannten pushTAN-Verfahren, dank der App wird kein zusätzliches Gerät (z. B.: TAN-Generator) benötigt. Kapitel IV 416 vierteljährlichen Stichtagen kommt. Gegebenenfalls sind kürzere Zeiträume zu wählen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass eine vierteljährliche Erhebung der Gebühr den gleichmäßigen Fluss des Geldes in gewünschter Weise regelt. Die Zeit wird zeigen, dass, nachdem Fließendes Geld eine gewisse Dauer benutzt worden ist, kaum noch jemand die aufgedruckten Tabellen beachten oder die Nennwerte vor Zahlvorgängen checken wird. Die auf den Banknoten abgebildeten Listen und die Scanner zum Anzeigen der Nennwerte der Scheine liefern eine Kontrollfunktion. Die Möglichkeit des Prüfens hat vor allem vertrauensbildenden Charakter, besonders in der Umstellungsphase. Das Geld, welches man sich vom Bankautomaten gezogen oder als Wechselgeld beim Einkauf erhalten hat, ist innerhalb eines Zeitintervalls – zum Beispiel einem Quartal – im Wert unveränderlich. Hat man die Noten über einen Stichtag in seinem Besitz, weiß man, was bei einer Umlaufsicherungsgebühr in Höhe von einem Prozent an Gebühr angefallen ist. Verfügt man demnach zum Stichtag über 2.000 Euro Bargeld, ist jedem klar, dass Kosten in Höhe von 20 Euro im betreffenden Quartal entstanden sind. Sobald man das verinnerlicht hat, wird man bemüht sein, nur so viel Bargeld wie gerade notwendig, verfügbar zu halten. Genau das ist schließlich der Sinn der Umlaufsicherungsgebühr. An dieser Stelle ist zum wiederholten Mal ein wesentlicher Hinweis zweckmäßig. Im aktuellen System freuen sich viele Menschen über die Möglichkeit, Guthabenszinsen zu vereinnahmen. Man sollte dabei nicht auf die letzten Jahre schauen. Der niedrige Zins ist krisenbedingt, es ist deshalb erforderlich, längere Zeiträume zu betrachten. Jedoch gilt: Die Guthabenszinsen, die wenige in exorbitanter Größenordnung leistungslos generieren, sind in den Schuldzinsen, die alle bezahlen, enthalten. (Zweiter Hauptsatz der alternativen Wirtschaftswissenschaft, siehe Kapitel IV.9) Unter der Überschrift „Eine einfache Rechnung“ (siehe Kapitel IV.3) wird ausführlich auf die Situation eingegangen. Wenn der Anteil des Guthabenszinses aus den gesamten Darlehenszinsen herausfällt, werden alle Menschen massiv finanziell entlastet. Für die sehr große Mehrheit stehen den oben beispielhaft dargestellten 20 Euro im betreffenden Quartal angefallenen Kosten Ersparnisse in x-facher Größen- 417 ordnung gegenüber. Man sollte deshalb niemals die Kosten beim Flie- ßenden Geld betrachten, ohne gleichzeitig auf den enormen finanziellen Nutzen zu schauen. Es geht bei der pekuniären Bewertung immer um die persönliche Bilanz. Auf was für einen Betrag an Guthabenszinsen muss man beim Fließenden Geld einerseits verzichten und wie hoch ist andererseits die Ersparnis, da man bei allen Steuerzahlungen, bei jedem Einkauf und bei eigens eingegangen Kreditverpflichtungen außerordentlich entlastet wird? Bei den Leserinnen und Lesern, welche zu den Zinsgewinnern des alten Systems gehören, ergibt sich beim Bilanzziehen im ersten Moment ein für sie negatives Ergebnis. Doch sollten diese Menschen sich die vielen weiteren nützlichen Vorteile des Fließenden Geldes genau ansehen. Was bringt es, wenn man zwar über Zins und Zinseszins in der Lage ist, sein Vermögen massiv auszubauen, aber gefährliche Wirkungen des sich daraus einstellenden Mechanismus das eigene Leben und das der Familie bedrohen? Zinsbedingter Wirtschaftswachstumszwang zerstört unsere Natur. Die sich hieraus ergebenden gesundheitlichen Konsequenzen treffen ebenfalls alle. In jedem Fall führt die konstruktive Umlaufsicherung dazu, dass sich das Bunkern von Bargeld in Tresoren – vielleicht auch für illegale, kriminelle und menschenfeindliche Zwecke –nicht mehr lohnt. Die Höhe der Gebühr schafft einen wertvollen Gestaltungsspielraum für die Geld ausgebende Institution. Sie sollte jedoch innerhalb eines gesetzlich fixierten Fensters von vier bis acht Prozent liegen. Erfahrungen aus regionalen Komplementärwährungen zeigen, dass eine Umlaufsicherung im Bereich eines solchen Rahmens funktional das Tauschmittel in Bewegung hält. Die zuständige Einrichtung kennt darüber hinaus den genauen Betrag, um den sich die Geldmenge zum Stichtag reduziert. Diese Abnahme des Gesamtwertes von G2 (siehe Kapitel I.5: „Die Geldmengenaggregate“) ist beim Inflationsziel null Prozent zu berücksichtigen. Die in G2 enthaltenen Mindestreserven sind von der Gebühr freizustellen. Dies ist vergleichbar mit dem aktuellen Einlagenzins, der von der EZB gegenwärtig mit unter null Prozent eingestellt wurde. Jener Zins wird im derzeitigen System auf Mindestreserven von der EZB ebenfalls nicht berechnet. Kapitel IV 418 Zu den Kosten des Banknotenaustausches schreibt Seltmann: „Die Herstellung einer Banknote kostet nach Auskunft der Europäischen Zentralbank ‚in der Größenordnung von unter 10 Cent‘.“862 Bei einer Umlaufsicherungsgebühr von vier Prozent pro Jahr ergeben sich bei der kleinsten Einheit, der 5-Euro-Banknote, Kosten von 20 Cent im Jahr. Damit wäre der Aufwand in jedem Fall abgedeckt. Da das Horten von Bargeld bei der Verwendung von Fließendem Geld kaum noch Sinn macht, wird sich die Menge des ausgegebenen Bargeldes, im Vergleich zu heute, sehr stark reduzieren. Insofern werden sich bezüglich der Bargeldproduktion deutlich geringere Gesamtkosten einstellen. Zahlt man sein überschüssiges Fließendes Bargeld bei seiner Hausbank ein, bekommt man den Betrag unverändert seinem Konto gutgeschrieben. Die zusätzlich geschaffene Einlage wird auf dem nächsten Kontoauszug ausgewiesen. Da nun das tangierte Kreditinstitut im Besitz der abgegebenen Banknoten ist, wird zunächst sie mit den Kosten belastet. Da jedoch eine Bank diese finanziellen Mittel wegen eingeschränkt möglicher Fristentransformation nur begrenzt verleihen kann, wird sie sich den größeren Teil dieser Gebühren vom Einleger zurückholen. Demnach sind als Folge der Gebühr auf Bargeld täglich fällige Einlagen ebenfalls mit Kosten belegt. Vergleicht man die Kosten auf Bargeld mit den Kosten auf täglich fällige Einlagen, wird die Differenz der Gebühr entscheidend davon abhängen, in welchem Umfang man den Kreditinstituten eine Fristentransformation (siehe Kapitel II.10.d: „Die Fristentransformation“) gestattet. Je stärker eine Transformation der Fristen zugelassen wird, desto leichter können Banken auch Sichteinlagen mittel- und langfristig ausleihen und dadurch selbst zu tragende Gebühren auf eingenommenes Bargeld vermeiden. Die Gebühr auf täglich fällige Einlagen fällt demnach umso niedriger aus, desto stärker Fristentransformation von Banken betrieben werden darf. Es ist hiermit jedoch nicht gemeint, dass unter Inkaufnahme von überdurchschnittlichen Risiken einer extremen Fristentransformation 862 Seltmann, Thomas: „Umlaufsicherung von Banknoten. Wie sich die Einführung der Liquiditätsgebühr bei Geldscheinen systemkonform realisieren lässt“, S. 8 419 zugestimmt wird, damit die Liquiditätsgebühren bereits für täglich verfügbare Einlagen merklich gesenkt werden können. Absolute Priorität hat die Stabilität des Geldsystems. Diese ist nicht gefährdet, wenn Banken ihrer Aufgaben gerecht werden und in gesundem Rahmen Fristen von Einlagen im Verhältnis zu den Krediten transformieren. Entscheidend ist, dass eine Bank durch eine bereits für täglich fällige Einlagen leicht herabgesetzte Gebühr gegenüber Bargeld eine Motivation für potentielle Einleger erzeugt, überschüssiges Bargeld einzuzahlen. Sollte man das seiner Hausbank zur Verfügung gestellte Fließende Geld einen gewissen Zeitraum selbst nicht benötigen, empfiehlt es sich in jedem Fall, eine Zinsbindung mit seinem Bankpartner zu vereinbaren. Je länger man sein Geld dem Kreditinstitut überlässt, desto geringer fällt die Gebühr aus. Bei mittelfristigen Laufzeiten entfällt die Gebühr vollständig, bei sehr langen Laufzeiten wird sich sogar ein geringer Zins größer null Prozent einstellen. Ermittelt man jedoch makroökonomisch den durchschnittlichen Zins über alle Laufzeiten, wird dieser knapp unter null Prozent liegen. Viele Menschen werden unverändert einen überschaubaren Betrag kurzfristig verfügbar halten, um überraschend anfallende Ausgaben damit zu bestreiten. Der notwendige Kauf einer Waschmaschine, ein spontaner Wochenendtrip oder die finanzielle Hilfe an einen Freund werden aus diesen zugriffsfähigen Rücklagen bestritten. Alle Mittel darüber hinaus werden für die gewünschte Laufzeit angelegt, um die Kosten deutlich zu senken bzw. sie komplett zu vermeiden. Zur Wirkung von Fließendem Geld schreibt Seltmann treffend: „Die Einführung der Liquiditätsgebühr soll das Bereithalten von Zahlungsmitteln mit Kosten belasten. Was bei Waren seit je her üblich ist, gilt künftig auch für liquide Geldbestände: Die Lagerung verursacht Arbeitsaufwand und Kosten. Diese Kosten führen dazu, dass Zahlungsmittelbestände auf ein notwendiges Minimum verringert werden. Die Funktion der Zahlungsmittel wird dadurch verbessert, dass deren Missbrauchsmöglichkeit als Wertspeicher verringert wird.“863 863 Humane Wirtschaft / Seltmann Thomas (02/2010), a. a. O., S. 9 Kapitel IV 420 Der monetäre Nutzen des Fließenden Geldes für die Allgemeinheit beläuft sich in Deutschland auf einen hohen dreistelligen Milliardenbetrag. Es handelt sich ziemlich genau um den Guthabenszinsbetrag, der bisher jährlich an alle Gläubiger ausgeschüttet wurde und darüber hinaus. Alle Menschen haben für sich mehr Liquidität zur freien Verfügung. Diese können sie zur Steigerung der Lebensqualität einsetzen oder weniger arbeiten, um sich interessanten Dingen zuzuwenden. Die allgemeine Zufriedenheit in der Bevölkerung steigt. Soziale und kulturelle Bedingungen verbessern sich enorm. Wegen des Wegfalls des zinsbedingten Wachstumszwangs können Umweltprojekte zum Schutz der Natur in ganz neuer Dimension angegangen werden. Demokratische Strukturen werden gefördert, da sich zinsbedingt keine extremen Kapitalkonzentrationen mehr bilden können. All diese hervorragenden Wirkungen des Fließendes Geldes sind exzellente Voraussetzungen, um Frieden in bisher unbekanntem Ausmaß zu erreichen. 7. Beispiele von Fließendem Geld in der Geschichte 7.a Die Brakteatenzeit (ca. 1150 – 1450) Der Erzbischof Wichmann von Magdeburg, der nach Fritz Schwarz im 12. Jahrhundert einer der „rührigsten und einflussreichsten Staatsmänner der damaligen Zeit“864 gewesen sein soll, ist wesentlich für das Einführen des Verrufens von Münzgeld verantwortlich. Das Prinzip ist schnell erklärt. Es waren Dünnblechmünzen als Münzgeld mit einer entsprechenden Prägung im Umlauf. Ohne Vorankündigung wurden in regelmäßigen, aber nicht genau definierten Abständen, jene Münzen verrufen. Verrufen bedeutete, dass sie ihre Einsatzmöglichkeit als Zahlungsmittel verloren. Aus diesem Grund war es nicht zweckdienlich, derartige Zahlungsmittel als Wertspeicher anzuhäufen, da der Verlust nach dem Tausch in die neu ausgegebenen Münzen zu groß gewesen wäre. Der Wertverlust lag meist im Bereich von 20 bis 25 Prozent. Demnach gab man vier oder fünf verrufene Münzen ab, um im Tausch drei 864 vgl. Schwarz, Fritz: „Der Christ und das Geld“, Synergie Verlag, Darmstadt, überarbeitete Neuauflage 2007, S. 20 421 oder vier neue Münzen, die sofort volle Akzeptanz erlangten, zu bekommen. Fritz Schwarz schreibt hierzu: „Mit seinen regelmäßigen Verrufungen wurden die Geldbesitzer veranlasst, das Geld im ständigen Umlauf zu erhalten. So wurde gekauft, gearbeitet, gespart, nicht nur in Geldforderungen, sondern auch in besseren Dingen.“865 Diese Methode des Münzverrufens war ein wesentlicher, wenn nicht sogar der wesentliche Punkt für die positive wirtschaftliche Entwicklung und den Frieden jener Zeit. Es ist festzustellen, dass die Blütezeiten von Regionen immer mit einem funktionierenden Geldwesen korrelierten. So ist ein intaktes Tauschmittel keine hinreichende Bedingung erfolgreichen Wirtschaftens, aber bestimmt eine notwendige! Benjes meint hierzu: „Als Studenten der Harvard Universität vor einigen Jahren die Aufgabe gestellt bekamen, herauszufinden, welche Zeiträume in der Geschichte der Menschheit wohl zu den glücklichsten gezählt werden können, kamen sie mit Unterstützung namhafter Historiker und der Welt größten Hochschulbibliothek (8 Millionen Bände) zu der eindeutigen Aussage, dass dies die 300-jährige Hochkonjunktur der Brakteatenzeit gewesen sei!“866 Kritiker des Münzverrufes bezeichnen den Verruf von Münzen als eine andere Art der Inflation. Im klassischen Fall der Inflation verliert das Geld beständig an Kaufkraft. Es wird zum Beispiel über verschiedene Mechanismen die Geldmenge ausgeweitet; wächst die nachfragewirksame Menge der Zahlungsmittel schneller als die Waren- und Dienstleistungsmenge bei gleichbleibender Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, steigen die Preise. Würde man nun dem Kreislauf Geld entziehen und es sich unter das vielzitierte Kopfkissen legen, hieße das, man nimmt den Nachteil in Kauf, für die gehorteten Mittel bei späterem Einsatz entsprechend weniger Waren oder Dienstleistungen eintauschen zu können. Die gleiche Wirkungsweise tritt auf, wenn sich durch 865 ebd. S. 21 866 Benjes, Hermann: „Wer hat Angst vor Silvio Gesell?“, Herausgeber: Benjes Herrmann, 2002, 4. Auflage, S. 17 Kapitel IV 422 Verrufen die Anzahl der verfügbaren Münzen bei gleichbleibenden Preisen reduziert. Entscheidend ist jedoch, dass die Inflation vieles entwertet: Löhne, soziale Leistungen, Renten, Geld, Guthaben, usw. Dagegen wirkt die konstruktive Umlaufsicherung des Fließenden Geldes nur auf Geld sowie kurz- bis mittelfristige Einlagen. Diesen Kosten kann man leicht entgehen, indem man sein Geld ausgibt oder mittel- bis langfristig anlegt. Das Inflationsziel bei Fließendem Geld ist null Prozent. Insofern ist Inflation und die Gebühr auf Geld nicht vergleichbar! Gern wird von den Befürwortern einer Zinswirtschaft – es wird ein Zins größer null Prozent als destruktive Geldumlaufsicherung verwendet – hochgerechnet, nach welchem Zeitfenster bei einer angenommenen Verrufungsfrequenz der Tauschwert des Zahlungsmittels bei nahezu null angekommen sei. Eine solche Argumentationskette wird angewendet, um den Sinn des konstruktiv umlaufgesicherten Geldes in Frage zu stellen bzw. seine vermeintliche Unbrauchbarkeit zu belegen. Dieser Ansatz ist jedoch falsch, da wesentliche Teile des verdienten Geldes von den Menschen unmittelbar für Lebenshaltung wieder ausgegeben wird. Überschüssige finanzielle Mittel können angelegt werden, damit sie wertstabil bleiben. Die Beendigung der negativen Wirkungen einer Geldumlaufsicherung größer null Prozent in der modernen Finanzwelt ist über Flie- ßendes Geld leicht zu erreichen. Im strengen Sinne ist das Verrufen im Wesentlichen nur die Motivation, Geld nicht zu horten. Das Verrufen der Brakteaten im Mittelalter ist mit dem Installieren einer konstruktiven Geldumlaufsicherungsgebühr in der heutigen Zeit, wie sie beim Fließenden Geld gedacht ist, vergleichbar, allerdings sind die technischen Möglichkeiten heute deutlich praktikabler. 423 Abbildung 44:867 Die linke Seite der Abbildung zeigt das aktuelle Geldsystem bei typischer Zinsstruktur (siehe Kapitel III.6: „Die Zinsstrukturkurve“). Es dient ein Zins größer null Prozent als destruktive Geldumlaufsicherung. Helmut Creutz spricht hier von der „Zinstreppe ohne Umlaufsicherung“. Die rechte Seite der Abbildung stellt die Zinstreppe dar, die sich mit Einführung von Fließendem Geld ergibt. Es wird eine Gebühr auf Geld als konstruktive Geldumlaufsicherung, in der Grafik als U- Gebühr bezeichnet, eingesetzt. Helmut Creutz liefert zur Abbildung folgende Erläuterungen: „Mit dieser auf das Bargeld erhobenen Umlaufsicherungsgebühr wird der Liquiditätsvorteil des Geldes gegenüber den Gütern neutralisiert. Diese Gebühr – hier bei kaufkraftstabilem Geld mit vier Prozent angesetzt – verstetigt den Geldumlauf, vergrößert das 867 Creutz, Helmut: „Das Geld-Syndrom 2012 – Wege zu einer krisenfreien Wirtschaftsordnung“, aktualisierte Neuausgabe 2012, Druck- und Verlagshaus Mainz, Wissenschaftsverlag Aachen, S. 426, (diese und viele weitere interessante Grafiken finden Sie auch unter: http://helmut-creutz.de/grafiken.htm) Kapitel IV 424 Geldangebot und führt nach und nach zu einem Absinken der Guthabenszinssätze in den Minusbereich. In gesättigten und inflationsfreien Marktlagen könnte es dann im Extremfall – wie hier dargestellt – selbst im langfristigen Bereich zu Absenkungen der Guthabenszinsen gegen null kommen, während die Zinssätze für die kürzerfristigen Einlagen schon lange vorher ins Minus gehen. Das heißt, die oft strittige Umlaufsicherung für die Sichtguthaben ergibt sich automatisch. Die umgekehrte Abtreppung der Kreditzinsen, die im Gleichschritt mit den Guthabenszinsen absinken, ergibt sich aus den unterschiedlichen Arbeits- und Risikokosten der Banken, die mit den Laufzeiten der Kredite durchweg abnehmen. Diese Bankkosten bleiben auch bei einer [konstruktiven; Anm. S. H.] Umlaufsicherung weitgehend konstant und nehmen allenfalls marginal mit den Reduzierungen der Risiken und Eigenkapitalverzinsungen ab. Ein Absinken der Kreditzinsen auf null oder in den Minusbereich dürfte jedoch ausgeschlossen bleiben. Auswirkungen: Die Folgen sinkender und sich den Marktentwicklungen anpassender Zinssätze sind auf vielfältige Weise positiv: Das Wachstum der Guthaben und Schulden lässt nach und damit die zinsbedingten Einkommensumschichtungen und die daraus resultierenden sozialen Spannungen. Damit baut sich wiederum der ständige Wachstumszwang ab, dem wir heute unsere Umwelt und Zukunft opfern. Bei evtl. vorübergehenden Wachstumsanstiegen und Knappheiten auf den Kapitalmärkten, können die Guthabenszinsen selbstverständlich auch wieder marktgerecht mehr oder weniger über die Nullgrenze ansteigen, was bei den Sichtguthaben jedoch seltener [bzw. nie; Anm. S. H.] der Fall sein dürfte.“ Nochmal: Diejenigen, die ihre monatlichen Einnahmen vollständig zum Leben benötigen, sind von einer Nutzungsgebühr kaum berührt, da sie ihr Geld jeden Monat für das Notwendige ausgeben. Diejenigen, die Geld übrig haben, können es so anlegen, damit es wertstabil bleibt und keine Kosten anfallen. Das Inflationsziel ist null Prozent. Wegen der ausgeführten Argumentation ist somit die Inflationskritik, bezogen auf das Fließende Geld, gegenstandslos. 425 Wenn hier die Überzeugung vertreten wird, dass die Zirkulation des Geldes in der Brakteatenzeit bestens gelang und sich hieraus reger Handel ergab, der den arbeitenden Menschen nur dienlich war – warum wurde diese Methode dennoch wieder aufgegeben? Die Antwort ist in der menschlichen Gier zu finden. Der Schlagschatz – das ist der Anteil der beim Verrufen des Geldes einbehaltenen Münzen – war eine verlockende Einnahme für den Fürsten, in dessen Besitz sich das Prägerecht befand. Und so missbrauchten gierige Landesherren ihre Münzgewalt und erhöhten die Häufigkeit des Verrufens des Geldes mit dem primitiven Ziel, sich mehr von der harten Arbeitsleistung ihrer Abhängigen auf niederträchtige Art und Weise anzueignen. Hieraus lässt sich ableiten, dass auch heute eine demokratische Kontrolle der Geld ausgebenden, öffentlich-rechtlichen Instanz zwingend notwendig ist. Dann bleibt der Allgemeinheit der hohe Nutzen des Fließenden Geldes nach Einführung auch in der weiteren Zukunft uneingeschränkt erhalten. 7.b Der Feldversuch von Wörgl Auf der Internetpräsenz der Deutschen Bundesbank findet man zu Wörgl folgenden Eintrag: „Die Idee ist nicht neu: Mitten in der Weltwirtschaftskrise, im Jahr 1932, mussten auch in dem kleinen Tiroler Ort Wörgl Fabriken schließen, die Menschen litten unter Arbeitslosigkeit. Das Hauptproblem sah der Bürgermeister Michael Unterguggenberger darin, dass das Geld nicht mehr in ausreichendem Maße für Warenkäufe verwendet wurde: ‚Es versickert in den Zinskanälen und sammelt sich in den Händen weniger Menschen, die das Geld nicht mehr dem Warenmarkt zuführen, sondern als Spekulationsmittel zurückhalten‘, sagte er bei einer Sitzung des Wohlfahrtsausschusses. Und weiter: ‚Jede Geldstauung bewirkt Warenstauung und Arbeitslosigkeit.‘ Mit einem Geldexperiment wollte Unterguggenberger deshalb den stockenden Geldumlauf wieder zum Fließen bringen: Er führte für die Angestellten der Gemeinde sogenannte ‚Arbeitsbestätigungsscheine‘ ein, von den Wörglern selbst nur als ‚Schwundgeld‘ bezeichnet. Dieser Name zeigte die wichtigste Eigenschaft des neuen Geldes gleich an, denn tatsächlich ‚schwand‘ sein Wert im Zeit- Kapitel IV 426 verlauf. Um den Wert zu erhalten, mussten die Wörgler jeden Monat eine neue Marke auf den Schwundgeldschein kleben, für die sie ein Prozent des aufgedruckten Wertes der Note bezahlen mussten. Jeden Monat verlor das Geld damit einen Prozent an Wert – ganz geplant. Dank dieses eingebauten Kaufkraftverlustes, so das Kalkül Unterguggenbergers, würde die Papiere wohl niemand lange in der Tasche behalten wollen. Das Geld würde zum Fließen gebracht und die Wirtschaft in Wörgl käme endlich wieder in Schwung. Tatsächlich konnten die Menschen in Wörgl anfänglich von einer Verbesserung der wirtschaftlichen Lage profitieren. Während des 14-monatigen Experiments verringerte sich die Arbeitslosigkeit, die Wirtschaft wurde angekurbelt, in der Folge stiegen vorerst auch die steuerlichen Einnahmen des kleinen Ortes. Die Presse feierte den Versuch als das ‚Wunder von Wörgl‘. Ob das ‚Schwundgeld‘ auch über diese kurze Phase hinaus seine gewünschte Wirkung entfaltet hätte, bleibt bis heute ungewiss: Die österreichische Nationalbank stoppte das Experiment im September 1933, weil es das Monopol der Zentralbank zur Ausgabe von Banknoten untergrub.“868 Dieser Beitrag ist mit Einfärbungen von Denkweisen geschrieben, wie wir sie in der heutigen Bankenwelt vorfinden. Negativ besetzte Begriffe werden intensiv wiederholt. Soll die Formulierung „Die Presse feierte“ sagen, dass gefeiert wurde, obwohl es nichts zu feiern gab? Wieso wird erklärt, dass die Menschen in Wörgl nur „anfänglich“ von einer Verbesserung der wirtschaftlichen Lage profitiert hätten? Das Wörtchen „anfänglich“ suggeriert einem oberflächlichen Leser, dass es einen brauchbaren Start gab, später jedoch die Arbeitswertscheine ihren guten Zweck nicht mehr erfüllten. Eine Verschlechterung der positiven Wirkung dieser regionalen Initiative ist allerdings nie eingetreten, dass Projekt wurde durch die Staatsgewalt gestoppt. Nach Fritz Schwarz wurden alle Beschlüsse bezüglich der Wörgler Arbeitswertscheine im Gemeinderat einstimmig gefasst. Das Interesse an diesem Projekt war über die Ländergrenzen hinaus erheblich. Die 868 Deutsche Bundesbank: “Teuer und männlich: Regionalwährungen in Deutschland”, http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Themen/2013/2013 _06_26_teuer_und_maennlich_regionalwaehrungen_in_deutschland.html (abgerufen am 30.08.2016) 427 Arbeitslosigkeit in Wörgl sank mit Einführung der Arbeitswertscheine, wirtschaftliche Aktivitäten wurden massiv gefördert. Die Umlaufgeschwindigkeit der Arbeitswertscheine war enorm, da alle das Tauschmittel schnell weitergaben, um so wenig wie möglich Kosten tragen zu müssen. Dadurch erlebte Wörgl inmitten der Weltwirtschaftskrise einen unvorstellbaren wirtschaftlichen Aufschwung. 7.c Regionale Tauschmittelsysteme Solche Systeme überzeugen auch deshalb, weil sich die Nutzer von dem Gedanken wegbewegen, es müsse immer nur ein Tauschmittel geben. Ein gesetzliches Zahlungsmittel spielt in einer arbeitsteiligen Wirtschaft eine wichtige Rolle. Doch es spricht einiges dafür, dass es parallel zum überregionalen gesetzlichen Zahlungsmittel noch wertvolle Alternativen gibt. So kann es auch Bereiche geben, in denen Geld überhaupt keine Bedeutung mehr erlangt. Ein gutes Beispiel für einen solchen Weg ist das japanische Fureai-Kippu-System869. Benutzt man die Begriffsdefinition von Geld aus dem Ihnen vorliegenden Buch, sollte man nicht von Regio-Geld sprechen, da es sich aktuell nicht um Geld handelt. Ein Vorteil eines regionalen Tauschmittels besteht darin, dass es nur für einen begrenzten Raum verwendet werden kann. Damit wandern Gutscheine aus dem Geltungsgebiet nicht ab und lokale Strukturen werden spürbar unterstützt. Gerade kleinere Betriebe profitieren davon. Dies wiederum trägt dazu bei, dass Arbeitsplätze in den betreffenden Gebieten erhalten werden oder überhaupt erst entstehen. Ökologische Ziele können auf jene Weise besser erreicht werden. Darüber hinaus ist es nützlich, wenn es zum überregionalen gesetzlichen Zahlungsmittel im Falle einer Krise einen Plan B gibt. Hat man die zeitlich begrenzte Funktionalität von exponentiellen Wachstumsprozessen verinnerlicht, ist es hilfreich, wenn bereits eine Alternative existiert. Auch mental sind Regios wertvoll, denn schon das Wissen über vorhandene alternative Mittel ist eine Prophylaxe gegen Resignation und erzeugt Hoffnung. So schreibt Sebastian Leinert: 869 Als Einheit wird eine Stunde Zeit verwendet. Die Zeit, die man beispielsweise für die Pflege von bedürftigen Menschen einsetzt, kann man „ansparen“ und später für Hilfsleistungen, die man selbst benötigt, abrufen. Die angesammelten Einheiten lassen sich auch auf andere Menschen übertragen. Kapitel I 428 „Seit Jahrhunderten, zunehmend jedoch seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, entstanden Komplementärwährungen als Antwort auf ökonomische Problemlagen. Ausgangspunkt der mehr als 5000 heute weltweit bekannten Systeme ist in nahezu allen Fällen ein entsprechender Leidensdruck.“870 Leinert zählt weitere kostbare Punkte auf, die in Verbindung mit den Regios stehen. So wird soziales und kulturelles Engagement sowie ethisch vertretbares und solidarisches Verhalten gefördert. Überhaupt helfen ortsgebundene Gutscheinsysteme, die Lebensqualität zu verbessern und das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Das ist auch der Eindruck, welcher in vielen Gesprächen mit Aktiven aus solchen Initiativen gewonnen werden konnte. Leinert hat mit seinem Werk, aus dem eben zitiert wurde, herausragende Arbeit geleistet. So hat er für Deutschland 165 Systeme ermittelt und diese kategorisiert. Er unterscheidet zum Beispiel nach institutionellen, gewerblichen oder privaten Trägern. Darüber hinaus hat er überprüft, ob die Systeme leistungs-, zeit- oder eurogedeckt sind. Von den genannten Projekten sind einige erst als Idee vorhanden, 31 Regios wurden aufgegeben. Er recherchierte über zwei Jahre, versandte detaillierte Fragebögen an die vielen Organisationen und führte unzählige Gespräche mit Engagierten. Auch wenn es darum geht, warum Initiativen ihre Pläne wieder einstampften, nimmt er kein Blatt vor dem Mund, sondern beschreibt klar die von ihm ermittelten Ursachen. Man muss nicht in allen Aussagen seiner Meinung sein, dennoch erfährt man eine Menge Hilfreiches. Schön wäre, wenn sich bestehende Initiativen an den Autor wenden würden, um ihn mit fehlenden Informationen zu versorgen, damit noch nicht verfügbare Puzzleteile in seiner Arbeit ergänzt werden können. Eine Vielzahl von Regios verwendet eine konstruktive Umlaufsicherung, wie sie in diesem Buch für das überregionale gesetzliche Zahlungsmittel gefordert wird. Bedauerlich ist, dass die Regios so gering von Gemeinden und Kommunen unterstützt werden. Eine Herausforderung von alternativen Zahlungssystemen ist die oft feh- 870 Leinert, Sebastian: „Regionale Komplementärwährungen in Deutschland. Stand und Entwicklungsmöglichkeiten“, BoD – Books on Demand, Norderstedt, 2. Verbesserte Auflage, 2016, S. 9 429 lende geschlossene Wertschöpfungskette im Rahmen funktionierender Wirtschaftskreisläufe. Beim Biobauern sammeln sich zu viele Regios an, die er nicht wieder ausreichend einsetzen kann. Bei Gutscheinen, die wieder in Euro umgetauscht werden können, ist das weniger problematisch. Beim Rücktausch fallen typischerweise Kosten an. Oft kommen zumindest Teile dieser Gebühren gemeinnützigen Organisationen zu Gute. Jedoch besteht mit der Kopplung an den Euro auch in dem Moment Handlungsbedarf, wenn der Euro sich wegen seines eingebauten Fehlers – Zins größer null Prozent als destruktive Geldumlaufsicherung – „in Wohlgefallen“ auflöst. Bereits bei hohen Inflationsraten beim gesetzlichen Zahlungsmittel müssten die Entscheidungsträger von eurogebundenen Systemen aktiv werden. Deshalb gibt es zum Beispiel in Leipzig den Lindentaler871, der völlig losgelöst vom Eurosystem existiert und über ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) zu den am System angeschlossenen Mitgliedern gelangt. Jedoch handelt es sich nicht um eine Art BGE, das die Existenz sichert und die Teilhabe am kulturellen Miteinander ermöglicht. Es geht mehr darum, Neues auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln, solidarisches Handeln zu fördern, in Kontakt zu kommen und ein soziales Netzwerk zu entwickeln. Herausgeber von regional geltenden Gutscheinen, die als Zahlungsmittel verwendet werden, sollten sensibilisiert bezüglich der gesetzlichen Regelungen sein, damit kein böses Erwachen droht. Leinert nennt fünf Punkte872, die nicht alle zugleich erfüllt sein dürfen: − Es wird eine Währungseinheit repräsentiert. − Die Währung erfreut sich allgemeiner Anerkennung. − Sie weist eine Stückelung auf, die den allgemeinen Bedürfnissen entspricht. − Sie ist formlos übertragbar. − Sie kann ständig als Zahlungsmittel Verwendung finden. Wenn die Regios nur in ausgewählten Läden eingesetzt werden können und mit einer konstruktiven Umlaufsicherung ausgestattet sind, besteht wohl gegenwärtig kein Risiko, dass der Gesetzgeber einen Riegel vorschiebt. 871 Der Lindentaler, Rainer Kühn, Leipzig, www.lindentaler.org 872 Leinert, Sebastian (2016), a. a. O., S. 252 Kapitel IV 430 Des Weiteren nennt Leinert Anforderungen873, von denen mindestens drei erfüllt sein sollten: − Optisch klare Unterscheidung der Gutscheine von Banknoten. − Deutliche Kennzeichnung als (Waren- oder Geld-) Gutscheine. − Räumlich und zeitlich eingeschränkte Verwendbarkeit. − Bezeichnung der zu beziehenden Waren oder Dienstleistungen. − Keine Umtauschmöglichkeit in Bargeld. − Ausstellung auf den Namen einer bestimmten Person. Er schreibt weiter: „Sobald jedoch derartige Systeme als Bonus-System (sog. Loyalty- System) in digitaler Form auf einer E-Geld-Basis abgewickelt werden, sind sie dagegen in aller Regel rechtlich zulässig. […] Eurogedeckte E-Regionalwährungen werden als E-Geld eingestuft: elektronisches Geld, das beispielsweise im Regelfall auf einer Chipkarte gespeichert sein kann. Diese Systeme müssen von der BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen) genehmigt werden.“874 Sollte die ausgebende Institution eine Bank sein, ist eine solche Genehmigung jedoch nicht erforderlich. Die Zulassung eines Kreditinstitutes deckt die Erlaubnis, elektronisch zirkulierende Regios herauszugeben, mit ab. Darüber hinaus schreibt Leinert: „Regionalwährungen, die von Kommunen maßgeblich betrieben werden […], wären nicht genehmigungspflichtig“875 Er führt weiter aus: „Diese sind grundsätzlich durch das Kommunalverfassungsrecht (‚Allzuständigkeit‘, ‚Aufgabenfindungsrecht‘) gedeckt. Zudem ist die Finanzhoheit nach dem Gemeindewirtschaftsrecht ein ‚Kernbestandteil kommunaler Selbstverwaltung‘. Auch sind Kommunen nach dem Abgabenrecht nicht daran gehindert, Zahlungen für 873 ebd. S. 252 f. 874 ebd. S. 253 875 ebd. S. 256 431 kommunale Abgaben in Regiogeld [der Begriff Regiogeld sollte vermieden werden; Anm. S. H.] entgegen zu nehmen.“876 Die Deutsche Bundesbank signalisiert, dass sie kein großer Freund von Regios ist: „[A]uch der regionale Handel wird, zumindest langfristig, nicht zwangsläufig profitieren. Mit der regionalen Abschottung durch lokale Währungen entscheiden sich Verbraucher und Unternehmen bewusst gegen eine überregionale, effiziente Arbeitsteilung. Die Waren und Dienste des täglichen Bedarfs liefert hier nämlich nicht der Fabrikant mit den besten Produktionsbedingungen, sondern stets der Nachbar. Was bei Dienstleistungen wie dem Friseurbesuch noch harmlos erscheint, wird schon bei der Flasche Wein zum Problem, denn wer die am preiswertesten anbieten kann, dar- über entscheiden neben dem Können des Winzers vor allem die Qualität des Bodens und das Wetter.“877 Diese Position ist schwer nachvollziehbar. Mit Regios will sich eine Gemeinschaft nicht „abschotten“, sondern zum Beispiel kurze Transportwege fördern und Arbeitsplätze in der Region halten und aufbauen. Gutscheinsysteme sollen auch nicht das gesetzliche Zahlungsmittel ersetzen; Ziel ist es, verschiedene Wege zu benutzen. Die unterschiedlichen Zahlungsmittel haben abweichende Vor- und Nachteile. Warum kann nicht jeweils das Zahlungsmittel zum Einsatz gelangen, welches im speziellen Fall die beste Lösung darstellt? Das Weinbeispiel im Bundesbanktext ist deplatziert: Es wird bestimmt keinen Befürworter von regionalen Tauschsystemen geben, für den es eine Herausforderung darstellt, eine Flasche fremdländischen Wein mit Euros zu erwerben, auch wenn sich neben den Euro-Banknoten in der Brieftasche zahlreiche Regios für andere Einsatzzwecke befinden. Werden die oben angegebenen Vorgaben eingehalten, haben deutsche Behörden in der Vergangenheit die Initiativen gewähren lassen. Man sollte jedoch berücksichtigen, dass alle Regios bisher bezüglich ihres wirtschaftlichen Umfangs eine überschaubare Größe 876 ebd. S. 256 877 Deutsche Bundesbank: “Teuer und männlich: Regionalwährungen in Deutschland“, a. a. O. Kapitel IV 432 einnehmen. Bei dieser Aussage wird auf das Volumen der Transaktionen in Stückzahl und Umsatz abgestellt. Das mit Abstand stärkste Projekt, der Chiemgauer, hat 2015 immerhin über sieben Millionen Euro umgesetzt – ein Chiemgauer entspricht dabei einem Euro. Das ist beachtlich und liegt dennoch in einem Bereich, der bisher von der Obrigkeit geduldet wird. Es wäre auch unglücklich, hier nur von Umschlagzahlen zu reden. Regionale Konzepte haben viele Menschen zusammengeführt, soziale Strukturen gestärkt, Wissen vermittelt, die Gemeinschaft belebt und die Seelen berührt. Diese Impulse sind nicht in Geld ausdrückbar. Und doch soll im Zusammenhang mit dem Chiemgauer noch eine Zahl genannt werden. Beim Rücktausch der Chiemgauer in Euro fallen fünf Prozent Gebühren an, davon werden zwei Prozent für die Verwaltung verwendet, drei Prozent gehen an Vereine. Welcher Verein unterstützt wird, entscheidet der Rücktauscher. Über diesen Mechanismus sind bisher den geförderten Vereinen sage und schreibe 560.257,80 Euro878 zugeflossen. Insofern bleibt zu hoffen, dass der Gesetzgeber zukünftig solche Aktivitäten nicht nur duldet, sondern rege fördert. Wie oben beschrieben ist eine der größten Herausforderungen bei der Installation eines Regios, so weit wie möglich geschlossene Wirtschaftskreisläufe zu erreichen. Leinert ermittelte, dass als Untergrenze mindestens 80 Unternehmen, die Waren des täglichen Bedarfs anbieten und in räumlicher Nähe liegen, mitmachen sollten. Die Bereitschaft, sich einem solchen Vorhaben anzuschließen, würde massiv beflügelt, wenn das regionale Tauschmittel auch zum Bezahlen kommunaler Abgaben verwendet werden könnte. Dies ist bereits heute bei manchen Regios möglich. Die Verantwortung von Gemeinden gegenüber jenen Initiativen kann kaum offensichtlicher sein. Weitere wertvolle Informationen findet man unter anderem auch auf den Internetseiten des Regiogeld e.V.879 878 Chiemgauer Regiogeld UG Traunstein: “3%-Förderstatistik”, http://www. chiemgauer.info/informieren/statistik/, (abgerufen am 17.10.2017) 879 Fachverband Regiogeld, c/o BUND Magdeburg: http://regionetzwerk.blog spot.de/ (abgerufen am 30.08.2016) 433 8. Zusammenfassung der Forderungen im Sinne krisenfreien Geldsystems − Einführung von Fließendem Geld mit vorhergehenden gesetzlichen Änderungen (z. B.: AGB Banken, BGB, Regelungen für den Immobilien- und Aktienmarkt, usw.) − Trennbankensystem − Pflicht zum Ausweisen aller Bankgeschäfte in den Bankbilanzen − Verbot, dass Geschäftsbanken Risiken zum Beispiel über Zweckgesellschaften verstecken − Höhere Eigenkapitalanforderungen, bessere Balance zwischen Renditeinteressen von Kreditinstituten und der Aufgaben von Banken im Sinne des Gemeinwohls, zum Beispiel Gewährleistung der Geldzirkulation in der Realwirtschaft − stärkere Begrenzung der Fristentransformation, wobei sich mit Einführung des Fließenden Geldes die Fristentransformation automatisch reduziert, da Einleger zwecks Vermeidung der Gebühren längere Fristen wählen werden − Aufbau europäischer Ratingagenturen mit unterschiedlichen Eigentümerstrukturen, u.a. auch öffentlich-rechtliche Institutionen − Annahmezwang für gesetzliches Zahlungsmittel, ohne Einschränkungen, wir haben festgestellt, dass Vertrauen prinzipiell eine wesentliche Komponente in einem Geldsystem darstellt. Insofern ist es kontraproduktiv, wenn gerade Behörden das Verwenden von Bargeld z. B. beim Zahlen von Steuern nicht zulassen. − Steuer, die ab einer definierten Größe mit Umsatz und Gewinn eines Unternehmens steigt, um das Ausbilden systemrelevanter Unternehmen zu verhindern − Verbot bestimmter Derivate − Verbot der Spekulation auf Lebensmittel − Begrenzung von Vorstandsgehältern auf das x-fache des durchschnittlichen Einkommens der Belegschaft Kapitel IV 434 9. Fünf Hauptsätze der alternativen Wirtschaftswissenschaft 1. Hauptsatz: Nichts auf der Welt kann zeitlich unbegrenzt exponentiell wachsen. Jedes System, das mit einem Mechanismus exponentiellen Wachstums ausgestattet ist, muss zusammenbrechen. Ein Zins deutlich größer null Prozent und Inflation als destruktive Geldumlaufsicherungen im bestehenden Finanzsystem führen zu einem solchen krankhaften Wachstumsprozess. Der Versuch, diesen Fehler im Geldsystem mit Wirtschaftswachstum zu kompensieren, ist ein Irrweg. Eine derartige vermeintliche Lösung zerstört unsere Lebensgrundlage, unseren Planeten. Die Erde verfügt nur über begrenzte Ressourcen. Jene sollten dem Gemeinwohl dienen. 2. Hauptsatz: Die Guthabenszinsen, die wenige in exorbitanter Größenordnung leistungslos generieren, sind in den Schuldzinsen, die alle bezahlen, enthalten. Bei ungleicher Vermögensverteilung findet allgegenwärtig eine extreme Umverteilung von der sehr großen Mehrheit zu einer geringen Minderheit statt. Dieser Mechanismus muss zwangsläufig das soziale Gleichgewicht zerstören. 3. Hauptsatz: Alle Menschen zahlen Schuldzinsen! Das erfolgt über drei Wege: 1. über Konsum die Schuldzinsen der Industrie, 2. über Steuern die Schuldzinsen des Staates und 3. über Darlehensverträge die Schuldzinsen für selbst eingegangene Verpflichtungen. Doch gerade die über 1. und 2. bedienten Schuldzinsen sind nicht sichtbar. Auch aus diesem Grund konnte sich dieses destruktive System bis zum heutigen Tage halten. In der persönlichen Bilanz des Zinsflusses muss man den vereinnahmten Guthabenszinsen immer die gezahlten Schuldzinsen gegenüberstellen. Bei der Verwendung von Fließendem Geld verbessert sich die Bilanz der Zinsströme bei der sehr großen Mehrheit der Bevölkerung. 435 4. Hauptsatz: Über 8 von 10 Menschen zahlen immer mehr Schuldzinsen (über die betreffenden drei Wege, siehe 3. Hauptsatz), als sie je in der Lage sind, Guthabenszinsen zu vereinnahmen. Deshalb ist ein Geldsystem mit einem Zins größer null Prozent als Geldumlaufsicherung zutiefst unsozial, ungerecht und vor allem nur zeitlich begrenzt funktional. Kommt der Mechanismus an seine Grenzen, wie wir es gerade erleben, ergeben sich enorme Risiken. Insofern besteht dringender Handlungsbedarf. Jedoch sind die notwendigen Veränderungen nur dann erfolgreich umsetzbar, wenn breite Bevölkerungsschichten über Kenntnisse der hier dargelegten Inhalte verfügen. 5. Hauptsatz: Geld kann nicht arbeiten. Nur Menschen, Maschinen und die Natur können das. Wertschöpfung entsteht ausschließlich durch Arbeit. Fließendes Geld ist ein gemeinwohlförderndes alternatives Geld, um den Wertschöpfungsprozess auf intelligente Weise zu unterstützen. Begriffe wie „Strafzinsen“ und „Negativzinsen“ werden propagandistisch eingesetzt und führen breite Bevölkerungsschichten auf die falsche Fährte. Den Kosten, die jede Bürgerin und jeder Bürger durch eine Gebühr auf Fließendes Geld zu tragen hat, kann man leicht entgehen und sie sind im Vergleich zu den Belastungen im aktuellen System minimal. Langfristiges Sparen ist bei Fließendem Geld kostenfrei und wertstabil möglich, nur werden die persönlichen Rücklagen nicht in regelmäßigen Abständen, wie dies im gegenwärtigen System der Fall ist, durch Finanzkrisen vernichtet.

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Zusammenfassung

Wir brauchen ein anderes Geldsystem, wenn wir die Herausforderungen unserer Zeit meistern wollen. Umweltzerstörung, Demokratieverlust und extreme soziale Ungleichgewichte sind unter anderem schädliche Wirkungen des bestehenden Geldsystems. Eine bessere Alternative existiert, doch sie ist noch zu wenig bekannt: Fließendes Geld.

Veränderungen im Geldsystem sind wegen gegebener Machtstrukturen nur dann erzielbar, wenn breite Bevölkerungsschichten dem Wandel zustimmen und ihn unterstützen. Dazu muss der seit Jahrzehnten stattfindende Erkenntnisprozess deutlich an Fahrt gewinnen.

Geld greift mit hoher Intensität in so gut wie alle Bereiche unseres Lebens ein. Neuerungen beim Geld bringen deshalb hervorragende Potentiale für fast alle Gebiete, wie den Schutz der Natur, die Verbesserung demokratischer Strukturen oder den Frieden.

Ziel muss es sein, dass der Mensch nicht dem Geld, sondern das Geld dem Menschen dient.