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Einleitung in:

Steffen Henke

Fließendes Geld für eine gerechtere Welt, page 15 - 20

Warum wir ein alternatives Geldsystem brauchen, wie es funktioniert und welche Auswirkungen es hat

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4023-2, ISBN online: 978-3-8288-6783-3, https://doi.org/10.5771/9783828867833-15

Tectum, Baden-Baden
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Einleitung Beginnen wir mit einem einfachen Gedankenspiel. Person A bekommt zum Geburtstag von ihren Eltern 100 Euro in Form einer Banknote geschenkt. Da sie dieses Geld2 gegenwärtig nicht benötigt und die Banknote nicht zu Hause herumliegen lassen möchte, bringt sie sie zur Bank. Ihr bisheriger Kontostand beträgt zu diesem Zeitpunkt null Euro. Sie überreicht nun den Schein dem Bankangestellten. Durch Übereinkunft geht die Banknote in diesem Augenblick in das Eigentum der Bank über. Im Gegenzug dazu weist das Konto von Person A kurze Zeit später ein Guthaben in Höhe von 100 Euro auf. Ein anderer Kunde derselben Bank, nennen wir ihn Person B, möchte sich ein gebrauchtes Fahrrad im Wert von 100 Euro kaufen. Da ihm diese 100 Euro gerade fehlen, nimmt er einen Kredit3 bei derselben Bank über 100 Euro mit einer Laufzeit von drei Jahren auf. Nach den erforderlichen Formalitäten lässt er sich seinen Kredit in bar auszahlen. Das Kreditinstitut verwendet nun – rein hypothetisch angenommen – genau die Banknote, die Person A zuvor zur Bank getragen hat. Mit der erhaltenen Banknote bezahlt der Kreditnehmer sein neues Fortbewegungsmittel. Das Beispiel soll den Focus auf den Begriff Geldmenge lenken. Nach Ansicht der meisten Ökonomen hat Person A mit der Einzahlung ihrer Banknote Voraussetzungen für eine vermeintliche Geldschöpfung geschaffen. Die Vertreter der Vollgeldtheorie (siehe Kapitel 2 Der Begriff Geld wird ausführlich im Kapitel I.1: „Was ist Geld?“ behandelt. 3 Ein Kredit ist ein schuldrechtlicher Vertrag zwischen einem Kreditgeber und einem Kreditnehmer. Sprachlich wird auch der Begriff des Darlehens für diesen schuldrechtlichen Vertrag verwendet. Das Darlehen stellt eine „Unterform“ des Kredits dar. Rechtlich sind solche Verträge im § 488 f. BGB geregelt. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Darlehen und Kredit besteht in Laufzeit und Darlehenshöhe. Bei Laufzeiten bis vier Jahren und kleineren Volumina spricht man von einem Kredit. Die Einteilung von Krediten kann nach der Laufzeit, nach dem Mitteleinsatz, der Art der Bereitstellung und der Besicherung unterschieden werden. In der Praxis werden die Begriffe Darlehen und Kredit wechselseitig, geradezu beliebig verwendet. Einleitung 16 III.4: „Geldschöpfung der Geschäftsbanken?“ und Kapitel II.7: „Das Vollgeld“), wie auch die Mehrheit der Mainstreamökonomen bezeichnen die so entstandene Sichteinlage in Höhe von 100 Euro auf dem Konto von Person A als Geld. Das ist irreführend. Auch werden Begriffe wie Bankengeld, Giralgeld, Buchgeld, Transaktionsgeld usw. für täglich fällige Einlagen auf Bankkonten verwendet. Diese babylonische Sprachverwirrung schiebt das klare Bild in den Nebel. So schreiben Mayer und Huber: „Im Euro-Raum waren von 2008 bis 2012 im Durchschnitt 4.676 Milliarden Euro im Umlauf, von den Statistikern auch ‚Geldmenge M1‘ genannt. Diese bestanden aus 864 Milliarden Bargeld der Europäischen Zentralbank (EZB) und 3.811 Milliarden Giralgeld der Banken. Die Banken stellten also 81 Prozent aller Euros her.“4 Würde man demnach die Sichteinlage von Person A in Höhe von 100 Euro (Guthaben von Person A laut Kontoauszug nach Geldeinzahlung) der Banknote gleichsetzen, hätte sich die Geldmenge nach Kreditvergabe der Hausbank an Person B um 100 Euro erhöht. Denn es wäre die von Person A eingezahlte Banknote nach Kreditvergabe durch das Bezahlen des gebrauchten Fahrrads von Person B wieder im Umlauf. Parallel hierzu gibt es unverändert das Kontoguthaben von Person A. Kann man nun, wie es oben Mayer und Huber ausführen, davon reden, dass die Hausbank durch Auszahlung der Banknote an Person B Geld „hergestellt“ hat? Die herrschende Ökonomie definiert die Geldmenge M1 als das im Umlauf befindliche Bargeld, hier zugehörig die im Beispiel verwendete 100-Euro-Banknote plus die täglich fälligen Sichteinlagen, hier zugehörig das Kontoguthaben von Person A über ebenfalls 100 Euro. Durch den beschriebenen Prozess ist demnach M1 um 100 Euro gestiegen, danach wurden scheinbar 100 Euro geschöpft. Warum wird von so vielen Menschen, die sich mit diesen Prozessen auseinandersetzen, so wenig präzise zwischen Geld und Forderung auf Geld unterschieden? 4 Mayer, Thomas / Huber, Roman: „Vollgeld – Das Geldsystem der Zukunft“, Tectum Verlag Marburg, 2014, S. 54 17 Als Julia Köhn in einer Studie der GLS Bank5 den Versuch unternahm, zwischen Geld – die Banknote als Zentralbankgeld – und der täglich fälligen Sichteinlage als Forderung auf Geld – das Girokontoguthaben – zu unterscheiden, wurde sie von einem der Hauptvertreter der Geldschöpfungskritiker, Herrn Joseph Huber, deutlich zurechtgewiesen. So formuliert er in seiner Arbeit: „Wörtlich genommen bedeuten die diesbezüglichen Auslassungen der Autorin, den Geldbegriff auf Zentralbankgeld (Bargeld und Reserven) zu reduzieren. Giralgeld wäre per Definition ‚kein Geld‘. Das wäre in Anbetracht der alles dominierenden Stellung des Giralgeldes freilich definitorische Willkür.“6 Bei oberflächlicher Betrachtung ist diese Sichtweise verständlich. Nichtsdestotrotz ist es extrem wichtig, strikt zwischen Zentralbankgeld und der Forderung auf Zentralbankgeld als täglich fällige Sichteinlage auf dem Girokonto zu unterscheiden. Mit ersterem kann man direkt bar bezahlen, mit letzterem „bezahlt“ man, indem man seinen Anspruch auf Zentralbankgeld auf Dritte mit Hilfe einer Überweisung oder mit Kredit- und Girokartenzahlung überträgt. Umgangssprachlich werden beide Vorgänge mit „Bezahlen“ bezeichnet, dies rechtfertigt jedoch nicht deren begriffliche Gleichsetzung. Welche Ableitungsfehler entstehen, wenn eine begriffliche Gleichsetzung erfolgt, wird später aufgezeigt. Leider werden die unsauberen Definitionen bezüglich der Begriffe für die verschiedenen Mengen7 in der Volkswirtschaftslehre auch von den Kritikern des bestehenden Geldsystems verwendet. Zurück zum anfangs geschilderten Beispiel: Was wäre, wenn Person A ihre durch die Hausbank an B verliehene 100-Euro-Banknote zurückhaben will? Wenn Person A quasi ihren ganz privaten „Bank 5 Köhn, Julia: „Kredite entstehen aus Einlagen – eine kritische Untersuchung der Kreditschöpfung der GLS Gemeinschaftsbank“, Universität Witten/Herdecke 6 Huber, Joseph: „Stellungnahme zur Studie: „Kredite entstehen aus Einlagen. Eine kritische Untersuchung der Kreditschöpfung der GLS Gemeinschaftsbank“, Em Lehrstuhl für Wirtschaftssoziologie Martin Luther Universität, 06099 Halle an der Saale, 4. Februar 2016 7 zum Beispiel: Geld und Einlagen mit verschiedenen Laufzeiten Einleitung 18 Run“8 durchführen und die sofortige Herausgabe einer 100-Euro- Banknote verlangen würde? Sie brächte gegebenenfalls die Bank in Bedrängnis, wenn sich viele andere Kontoinhaber vergleichbar verhalten würden und die Bank müsste nun Aktivitäten unternehmen, um sich eine andere Banknote zu beschaffen, damit sie der Forderung auf Zentralbankgeld von Person A nachkommen kann. Doch wie ist die Bank in unserem Beispiel in diese Situation gekommen, in der sie der Forderung von Person A vielleicht nicht nachkommen kann? Die Bank hat, und dies ist ein ganz normaler Vorgang, eine Fristentransformation9 (siehe Kapitel II.10.d: „Die Fristentransformation“) vorgenommen. Sie hat die Banknote, die Person A täglich zurückfordern kann, längerfristig verliehen und einen Kredit mit einer Laufzeit von drei Jahren verkauft. Dazu hat sie die Banknote genutzt, die ihr nur mit kurzfristiger Laufzeit (im Beispiel täglich fällig) zur Verfügung gestellt worden ist. Die Bank ist dadurch ein gewisses Risiko eingegangen. Nehmen wir an, die Bank hätte Person A vorgeschlagen, dass sie ihre 100 Euro Sichteinlage auf ihrem Girokonto für drei Jahre festschreibt. Als Motivation hätte die Bank Person A einen Zins größer 8 Bei einem Bank Run (siehe Kapitel II.5: „Der Bank Run“) versuchen gleichzeitig viele Kontoinhaber ihre täglich fälligen Sichteinlagen (Guthaben auf Girokonten) abzuheben. Da eine Bank nur einen gewissen Teil dieser täglich fälligen Einlagen als Bargeld bereithält, kann dies zur Insolvenz einer Bank führen. Allerdings kann sich eine Geschäftsbank kurzfristig zusätzliches Bargeld von der nationalen Notenbank (NNB) beschaffen. 9 Sparer vereinbaren mit ihrer Bank einerseits keine Laufzeit bezüglich ihrer Einlage, dies ist der Fall, wenn sie Geld einzahlen und sie dann diesen Betrag als Forderung an ihr Institut auf ihrem Girokonto ausgewiesen bekommen oder der Betrag auf einem Tages-„Geld“-Konto liegt. Der Begriff Tages-„Geld“-Konto ist irreführend, da es sich bei der Verwendung eines solchen Produkts bei der Einlage nicht um Geld, sondern um eine Geldforderung handelt. Besser wäre für diese Art von Konto der Begriff Tageseinlagenkonto. Legt der Sparer andererseits sein Geld längerfristig an, spricht man z. B. von Fest- oder Termingeld. Auch hier wäre zielführend, ausschließlich von Einlagen mit vereinbarter Laufzeit oder z. B. Termineinlagen zu sprechen. Eine Geschäftsbank vergibt Kredite mit verschiedenen Laufzeiten. Diesen Krediten stehen Einlagen gegenüber. Werden Einlagen mit kurzfristigen Laufzeiten langfristig verliehen, transformiert die Geschäftsbank dadurch die Frist. Man spricht deshalb von Fristentransformation. 19 null Prozent geboten und Person A wäre auf das Geschäft eingegangen. Jetzt entspräche die Laufzeit der Einlage von Person A der Laufzeit des vergebenen Kredits an Person B. Man spricht von Fristenkongruenz und der geplante Bank Run von Person A fällt aus. Dieses Beispiel zeigt klar, dass auch das Betrachten von Fristigkeiten von Einlagen und von vergebenen Krediten elementar ist. Im gewählten Beispiel wurde zuerst Zentralbankgeld eingezahlt und danach vom betreffenden Bankhaus ein Kredit vergeben. In der Realität laufen die Vorgänge wesentlich komplexer ab. Derartige komplexe Abläufe werden später ausführlich diskutiert. An dieser Stelle soll jedoch deutlich zum Ausdruck gebracht werden, dass es unabdingbar ist, zwischen Zentralbankgeld und Forderung auf Zentralbankgeld zu unterscheiden, um den Nebel um das Geld zu lichten.

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Zusammenfassung

Wir brauchen ein anderes Geldsystem, wenn wir die Herausforderungen unserer Zeit meistern wollen. Umweltzerstörung, Demokratieverlust und extreme soziale Ungleichgewichte sind unter anderem schädliche Wirkungen des bestehenden Geldsystems. Eine bessere Alternative existiert, doch sie ist noch zu wenig bekannt: Fließendes Geld.

Veränderungen im Geldsystem sind wegen gegebener Machtstrukturen nur dann erzielbar, wenn breite Bevölkerungsschichten dem Wandel zustimmen und ihn unterstützen. Dazu muss der seit Jahrzehnten stattfindende Erkenntnisprozess deutlich an Fahrt gewinnen.

Geld greift mit hoher Intensität in so gut wie alle Bereiche unseres Lebens ein. Neuerungen beim Geld bringen deshalb hervorragende Potentiale für fast alle Gebiete, wie den Schutz der Natur, die Verbesserung demokratischer Strukturen oder den Frieden.

Ziel muss es sein, dass der Mensch nicht dem Geld, sondern das Geld dem Menschen dient.