Content

Hubert Gruber, Josef Buchner, 6 Der Einsatz des Inverted Classroom Model zum Erlernen eines Liedes in der Musikpädagogik in:

Sabrina Zeaiter, Jürgen Handke (Ed.)

Inverted Classroom - The Next Stage, page 57 - 68

Lehren und Lernen im 21. Jahrhundert

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4015-7, ISBN online: 978-3-8288-6782-6, https://doi.org/10.5771/9783828867826-57

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Der Einsatz des Inverted Classroom Model zum Erlernen eines Liedes in der Musikpädagogik Hubert Gruber & Josef Buchner In this article the implentation of the inverted classroom model for a music education course is described. Students watched eight learning videos about how to sing the song „Weihnachtsträume“ before they attended class and answered a questionnaire about their learning success. The lecture then was organized in small groups and as an open learning space. After that, the students participated in another questionnaire to analyze the impact of the preparation phase for the in-class phase. Results show that the trainee teachers liked the model and benefit from the combination of educational videos and lecturer support during the class time. Einleitung An der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich werden seit dem Wintersemester 2015/16 Lehrende bei der Umsetzung innovativer didaktischer Lehrszenarien vom Department für eLearning, Blended Learning, Video- und Audioproduktion unter‐ stützt. Ein Mitarbeiter steht sowohl bei der Planung, als auch bei der Umsetzung des Konzepts Inverted Classroom zur Verfügung. Als Hochschule mit Forschungsauftrag werden die Implementierung und Einsatzmöglichkeiten auch wissenschaftlich beglei‐ tet. Lehrende können sich bei Bedarf direkt an den Mitarbeiter des Departments wen‐ den und gemeinsam wird ein für die jeweilige Lehrveranstaltung passendes Konzept erstellt. Im Fokus stehen nicht die digitalen Medienproduktionen, sondern die (Neu-)Gestaltung der Unterrichtseinheiten mit Anwesenheitspflicht. Die Umsetzung des Inverted Classroom Model in der Hochschullehre verfolgt drei wesentliche Ziele. Zum einen sollen die Lehrpersonen durch die Auseinandersetzung mit dem Konzept ihre eigene Lehre weiterentwickeln und so insgesamt einen Beitrag zur Hochschuldi‐ daktik leisten. Zweitens ist es gerade in der Lehrer/innen-Bildung wichtig, Methoden‐ vielfalt nicht nur theoretisch zu vermitteln, sondern Studierende diese auch aktiv erle‐ ben zu lassen. Angehende Lehrkräfte für die Primar- und Sekundarstufe können dann den Mehrwert unterschiedlicher didaktischer Methoden erkennen und diese für die eigenen Unterrichtsplanungen berücksichtigen. Drittens geht es auch um die Wei‐ terentwicklung didaktischer Konzepte, deren Erprobung und Erforschung unter Be‐ rücksichtigung spezifischer Anforderungen, in diesem Fall jener für die Ausbildung von zukünftigen Pädagogen/innen (vgl. Brandhofer, Groißböck, Buchner & Weg‐ scheider, 2016; Groißböck , Niederfrininger, Buchner & Brandhofer, 2016). In diesem 6 6.1 57 Beitrag werden die Umsetzung des Inverted Classroom Model in der Lehrveranstal‐ tung „Musikalisch-künstlerische Praxis“ und die Ergebnisse der begleitenden Studie‐ rendenbefragung präsentiert und zur Diskussion gestellt. Die Ergebnisse dieser Zu‐ sammenarbeit stellen nunmehr einen ersten Teil von einer Reihe von Arbeitsergeb‐ nissen aus der Praxisforschung dar, die sich aus einem auf Kollegenebene nachhaltig geführten Dialog zwischen Hubert Gruber, Verantwortlicher aus dem Bereich der Hochschuldidaktik Musikpädagogik und Josef Buchner, Verantwortlicher aus dem Bereich Mediendidaktik, Medienpädagogik, Inverted/Flipped Classroom, Audio- und Videoproduktion, in den letzten beiden Jahren ergeben haben. Musikdidaktische Überlegungen zum Lerndesign der Musikvideos Zum besseren Verständnis des Lerndesigns der Videos, das auf ein weitgehend eigen‐ ständiges Erarbeiten eines Liedes durch Studierende, gleich ob allein oder in einer Gruppe, ausgerichtet ist, seien einige grundlegende musikdidaktische Überlegungen vorangestellt. Für das Erlernen von Liedern gibt es eine ganze Reihe unterschiedlicher methodischer Zugänge. Eine der wichtigsten und elementarsten Methoden basiert auf dem so genannten Call-and-Response-Prinzip. Maria Spychiger (2015) hat in ihrem Beitrag zu einer Musikdidaktik der Grundschule auf die grundlegende lernpsycholo‐ gische Bedeutung dieses Musiklernens, eines Singen-Lernens „durch Imitation und Koordination“ verwiesen. Musikalische Inhalte, in diesem Fall Text und Sprachrhyth‐ mus eines Liedes sowie die melodische (und auch harmonische) Struktur, werden in kleine, fassliche Abschnitte unterteilt und in Prozessen eines sich wiederholenden Imitierens und damit verbundenen selbstkorrigierenden Koordinierens nach und nach schrittweise erlernt. Dabei zeigt sich immer, dass die elementare Methode des Call-and-Response-Prinzips nicht nur für Schüler/innen der Primarstufe ein ange‐ messenes Lernangebot darstellt. Ähnliche Ansätze finden sich auch in den Grundprinzipien eines Aufbauenden Musikunterrichts (Jank & Schmidt-Oberländer, 2010; Jank, 2013) und denen eines Kompetenzorientierten Musikunterrichts (AGMÖ & bm:ukk, 2013). Hier wie dort wird deutlich, dass ein schrittweises, aktives und auf mehrere Lernsequenzen verteil‐ tes Erarbeiten ein sehr zielführender Weg für ein nachhaltiges Lernen von und mit Musik sein kann, gerade auch im Klassenverband. Denn gemeinsames Singen und Musizieren in Gemeinschaft mit anderen, sich im musikalischen Tun gegenseitig zu stützen und zu tragen, erhöht die Freude und Begeisterung. Nicht weniger von Be‐ deutung ist der damit einhergehende positive Beziehungsaufbau (Gruber, 2012), ge‐ tragen vom Dialog zwischen den Lernenden, gleich ob Schülerinnen und Schüler, Studierenden oder Lehrende, und ihrer Lehrerin oder ihrem Lehrer, welche aufgrund entsprechender Ausbildung und Qualifizierung für diese spezielle Aufgabe die musi‐ kalisch-künstlerische Leitung übernehmen. Trotz immer wieder geäußerter Kritik von Seiten konstruktivistischer Lerntheorien und einer konstruktivistischen Didaktik hinsichtlich einer zu lehrerzentrierten Lernmethode hat das Call-and-Response-Prin‐ zip nichts an Bedeutung eingebüßt. Man kann eher von einer gegenteiligen Entwick‐ 6.2 6 Der Einsatz des Inverted Classroom Model zum Erlernen eines Liedes in der Musikpädagogik 58 lung sprechen. Dies bestätigen nicht zuletzt auch jene Einsichten und Erkenntnisse, die John Hattie (2013) in seiner umfassenden Studie „Visible Learning“ veröffentlicht hat. Mit Begriffen, etwa dem der „Direkten Instruktion“, stellt er das Handeln von Lehrerinnen und Lehrern wieder in das Zentrum von dem, was Lernen auszeichnet, verbunden mit der Forderung, dass Lehrpersonen aktive Gestaltende und Begleitende von Lernprozessen sein müssen, soll Lernen gelingen (Steffens & Höfer, 2014). Die Lernvideos übernehmen aufgrund ihrer klar nachvollziehbaren Call-and-Re‐ sponse-Struktur gerade diese Funktion einer Direkten Instruktion. Ziel bei der Ent‐ wicklung eines ansprechenden und funktionellen Lerndesigns war es, die zuvor be‐ schriebenen Beziehungsebenen zwischen Lernenden und Lehrendem in den Musikvi‐ deos durchgehend sichtbar und hörbar zu machen. Studierende sind daher in ihrer Rolle als Lernende abwechselnd mit dem Lehrenden zu sehen bzw. zu hören (vgl. da‐ zu Abbildungen 2 und 3). Hochschuldidaktisch ergeben sich daraus zwei Möglichkei‐ ten der Nutzung. Einerseits können damit Studierende unter Einsatz des ICM das Lied eigenständig erlernen, dies war auch Gegenstand der hier beschriebenen For‐ schungsuntersuchungen. Andererseits können sie sich auch in ihrer zukünftigen Rolle als Musik unterrichtende Lehrer/innen einüben, etwa für die Aufgabe einer Liedein‐ studierung mit Kindern einer Volksschulklasse. Dies soll Gegenstand kommender Praxisforschungsuntersuchungen sein. Die besondere Herausforderung besteht darin, einen den Lernenden angepassten Rhythmus in der Abfolge von Call and Response zu finden, wie er in den einzelnen Lernvideos wiederzufinden ist. Ohne detailliertes Wissen über die musikalische Formstruktur des Liedes ist dies aber kaum möglich. Dieser Zusammenhang wird im Folgenden beschrieben. Die Bedeutung der Formstruktur des Liedes für den Formverlauf der Lernvideos Grundlage und Ausgangspunkt für die Entwicklung und Produktion der Lernvideos war das Lied „Weihnachtsträume“ (Abbildung 1), entstanden als Gelegenheitsarbeit für das gemeinschaftliche Singen mit Schülern/innen in der Primarstufe und Sekun‐ darstufe 1 in der Advent-/Vorweihnachtszeit, deren Qualität seit 2004 in einer Viel‐ zahl von Unterrichts- und Studieneinheiten erprobt und überprüft worden ist. 6.3 6.3 Die Bedeutung der Formstruktur des Liedes für den Formverlauf der Lernvideos 59 „Weihnachtsträume“, Musik und Text: Hubert Gruber Der Liedtext lebt vom Rhythmus aneinander gereihter Aufzählungen und erhält da‐ mit einen ausgeprägt additiven Charakter, wie er in vielen religiösen Texten zu finden ist. Ausgehend vom Vergleich, dass in der kalten Winterszeit, wie durch ein Wunder, Knospen aufspringen und zu blühen beginnen, werden eine Reihe weiterer Bilder der Hoffnung wachgerufen. Der Text meidet bewusst all jene Bilder, die diese Zeit des Abbildung 1: 6 Der Einsatz des Inverted Classroom Model zum Erlernen eines Liedes in der Musikpädagogik 60 Wartens bzw. der Erwartung als verkitschtes Idyll thematisieren und kommerziell ausschlachten möchten. Vielmehr versucht er einfach und klar auf existenzielle Nöte von (uns) Menschen aufmerksam zu machen. Ein zeitloses Thema, das mehr denn je auch heute seine Bedeutung hat. Dieser in der Sprache grundgelegte Rhythmus eignet sich besonders für ein ICM-unterstütztes Lernen nach dem Call-and-Response-Prin‐ zip. Der musikalische Aufbau des Liedes ist bestimmt von der Form der 8-taktigen Periode mit einer Gliederung in 4 Takte Vordersatz mit Halbschluss und 4 Takte Nachsatz mit Ganzschluss. Instrumentale Einleitung und erstes Thema, das wieder‐ holt wird, orientieren sich ebenso daran, wie das zweite Thema, das von G-Dur nach g-Moll wechselt. Dieses mündet in ein drittes 8-taktiges Thema, das den musikali‐ schen Gedanken der Instrumentaleinleitung aufgreift und quasi in einer Bridge zur Wiederholung des gesamten Liedes führt. Der Melodieduktus ist, bis auf wenige Pas‐ sagen, die den Tonraum einer Septime abschreiten, einfach und gut singbar abgefasst und lässt zusammen mit den Harmonien eine gewisse Nähe zur Musiksprache der Pop(ular)musik erkennen. Die musikalischen Bausteine lassen sich auf ein- bis zwei‐ taktige Motive bzw. Phrasen reduzieren, womit auch sprach-rhythmisch gesehen das Einstudieren von Text, Rhythmus und Melodieverlauf im Wechsel von Vor- und Nachsprechen, bzw. Vor- und Nach-Singen nach dem Call-and-Response-Prinzip äu‐ ßerst leicht möglich wird. Damit hat die Formstruktur des Liedes entscheidenden Einfluss auf den Formverlauf der Lernvideos. Insgesamt wurden gemeinsam mit den Studierenden acht Lernvideos produziert. Vier Videos unterstützen die Studierenden beim Erlernen der sprach-rhythmischen Struktur, drei beim Erlernen der melodischen Struktur, stets mit Hilfe des Call-and- Response-Prinzips (vgl. Kapitel 2). Um den Lernenden auch einen Gesamteindruck des Liedes vermitteln zu können, wurde ein 3:30 Minuten dauerndes Video „Lied Präsentation“ aufgenommen. In diesem Video singen die Studierenden das gesamte Lied ohne Unterbrechung, begleitet von Klavier und Gitarre. Die zuvor genannten Vi‐ deos unterscheiden sich in der Dauer (max. 2:40 Minuten) und auch der Aufberei‐ tung deutlich von der Gesamtpräsentation. Die Sequenzen zum Erlernen der sprachrhythmischen Struktur zeigen abwechselnd den Lehrenden mit einem einfachen Schlaginstrument beim Vorsprechen des Textes und die Studierenden, die diesen ent‐ sprechend nachsprechen (Abbildung 2). 6.3 Die Bedeutung der Formstruktur des Liedes für den Formverlauf der Lernvideos 61 Screenshot „Sprach-rhythmische Lernsequenz“ Die Einheiten für das Erlernen der melodischen Struktur folgen diesem Muster, mit dem Unterschied, dass der Text nun gesungen und nicht mehr gesprochen wird (Ab‐ bildung 3). Screenshot „Lernsequenz Melodische Struktur“ Gefilmt wurde mit zwei Kameras und die Postproduktion erfolgte mit einer professio‐ nellen Videoschnittsoftware. Alle Lernvideos stehen auf dem Youtube-Kanal der Pä‐ dagogischen Hochschule Niederösterreich öffentlich unter eine Creative Commons – Namensnennung Lizenz zur Verfügung und können für eigene Projekte bzw. Lernse‐ quenzen genutzt werden (http://bit.do/weihnacht). „Musikalisch-künstlerische Praxis“ auf den Kopf gestellt? Wie beim Inverted/Flipped Classroom Model üblich, sahen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Lehrveranstaltung „Musikalisch-künstlerische Praxis“ die be‐ Abbildung 2: Abbildung 3: 6.4 6 Der Einsatz des Inverted Classroom Model zum Erlernen eines Liedes in der Musikpädagogik 62 schriebenen Lernvideos vor der jeweiligen Präsenzphase an (Handke, 2015; Berg‐ mann & Sams, 2012; Lage, Platt & Treglia, 2000). Der Zugang zu den Youtube-Videos erfolgte durch die Versendung des Links zur Playlist per Mail. Insgesamt standen vier Gruppen mit 60 Studierenden für unsere Studie zur Verfügung. Jede Gruppe bekam einen eigenen Link, sodass auch die Zugriffszahlen für jede Gruppe erhoben werden konnte. Da die Umsetzung in dieser Lehrveranstaltung die erste ihrer Art an der Pä‐ dagogischen Hochschule Niederösterreich war, wurden allgemeine Informationen zur Nutzung von Videos und zum Besitz von elektronischen Geräten erhoben. Die Erhe‐ bung der Daten erfolgte mit einem Pre- (51 Items) und einem Post-Fragebogen (33 Items). Der Pre-Fragebogen wurde von den Studierenden vor, der Post-Fragebogen nach der Präsenzphase bearbeitet. Da der Fokus beim Inverted Classroom auf der Gestaltung der gemeinsamen Unterrichtszeit liegt, wurden die Präsenztermine hospi‐ tiert und beobachtet. Als Beobachtungstyp wurde die systematische Beobachtung ge‐ wählt (vgl. Bortz & Döring, 2007). Das Beobachtungsraster orientierte sich an den Aktivitäten der Studierenden, z.B. Anteil an Sprech- und Singzeit und Anteil an ko‐ operativen Arbeitsformen. Sowohl bei der Fragebogenerhebung als auch der systematischen Beobachtung wurden folgende Forschungsfragen berücksichtigt: – Wie bewerten die Studierenden die lernstützende Qualität der Videos? – Welche Herangehensweise wählen die Studierenden für das Erlernen des Liedes „Weihnachtsträume“? – Wie bewerten die Studierenden die Wechselwirkung zwischen Vorbereitungs- und Präsenzphase hinsichtlich der Lösung musikspezifischer Aufgabenstellungen? – Wie bewerten die Studierenden das Konzept Inverted Classroom? – Welche Methoden und Unterrichtsformen werden in der Präsenzphase verwen‐ det? Stichprobe Von den 60 Studierenden nahmen 34 am Pre- und 18 am Post-Test teil. Das Durch‐ schnittsalter der 33 Teilnehmerinnen und einem Teilnehmer beträgt 24 Jahre. Alle befinden sich im 3. Semester der Ausbildung zur Primarstufenlehrkraft. Ergebnisse Das ICM-gestützte Erlernen des Liedes erfolgte mittels der nach dem „Call-and-Re‐ sponse-Prinzip“ aufbereiteten Videos. Damit kam eine, wie schon erwähnt, insbeson‐ dere für die Primar- und Sekundarstufe 1 wichtige Form des „Musiklernens durch Imitation und Koordination“ (Spychiger 2015, Gruber 2017) zum Einsatz, durch die sowohl der grundsätzliche methodische Ansatz vorgestellt als auch die dafür notwen‐ digen fachdidaktischen und musikalischen Kompetenzen eingeübt werden konnten. 6.4.1 6.4.2 6.4 „Musikalisch-künstlerische Praxis“ auf den Kopf gestellt? 63 Die Rückmeldungen der Studierenden zur Nutzung der Video-Angebote zeigen weitgehend ein einheitliches Bild in allen vier Gruppen: – Rund fünf Sechstel haben die Videos alleine und zu Hause, also individuell ge‐ nutzt. Rund zwei Drittel haben die Gesamtpräsentation des Liedes vor, ein Drittel nach ihren Übungseinheiten angesehen, sehr wenige zwischendurch. Die Videos wurden ein- bis viermal abgerufen, am häufigsten zweimal. Entsprechend der vor‐ gegebenen Videoreihenfolge wurden von vielen Studierenden die sprach-rhythmi‐ schen Lernsequenzen vor denen zur Erarbeitung der melodischen Strukturen auf‐ gerufen, letztere aber wesentlich häufiger genutzt, insbesondere zum Festigen von Teil C und Coda des Liedes. Dies war dann auch vor allem Thema in der Präsenz‐ phase. – Diese Ergebnisse decken sich auch mit der Selbsteinschätzung der Studierenden, in der mehr als die Hälfte angibt, ihre musikalischen Stärken/Kompetenzen beim Erlernen eines Liedes liegen im schnellen und guten Erfassen von Melodiestruktu‐ ren (welche weitgehend auch jene von Text- und Rhythmusstrukturen beinhalten). Trotzdem war eine individuell-differenzierte Nutzung der Videos erkennbar. – Diese Fähigkeit, ein Lied in seiner Gesamtheit, schneller zu erfassen als die zu‐ künftigen Schüler/innen der Primar- oder Sekundarstufe, entspricht den zu er‐ wartenden Standards im Rahmen des Hochschulstudiums. – Trotzdem konnte – entsprechend den hochschuldidaktischen Anforderungen – durch die im Call-and-Response-Prinzip aufbereiteten Videos auch jener für diese Schulstufen notwendige methodische Zugang eines Musiklernens durch Imitation und Koordination in kleinen aufbauenden Lernschritten, vermittelt werden. Ein Methodenkonzept, das im Rahmen der gesamten Lehrveranstaltung auch anhand nicht ICM-gestützter Lernmaterialen mehrmals thematisiert wurde. Zwei Drittel der Studierenden bewerten den Einsatz von Videos in der Vorbereitungsphase als unterstützend für ihr eigenes Lernen. Auch im Post-Test nach Absolvierung der Präsenzphase bleibt diese Einschätzung bestehen. Insgesamt wird die Kombinati‐ on aus Vorbereitungsphase mit Videos und Vor-Ort-Unterricht als positiv für den Lernerfolg eingeschätzt. Das deckt sich auch mit Ergebnissen anderer Projekte, die stets eine hohe Zufriedenheit von Studierenden mit dem Inverted Classroom Mo‐ del feststellen konnten (Bishop & Verleger, 2013). – Die Aufgaben und Arbeitsformen in der Präsenzphase dienten dem Vertiefen und Üben des Liedes (Handke, 2015) und wurden von den Studierenden mit sehr zu‐ friedenstellend bewertet. Beispielhaft sollen an dieser Stelle die Aufgaben Einsin‐ gen des Liedes, die eigene Interpretation und die Vorstellung dieser im Plenum ge‐ nannt werden. Zusätzlich zeigte die systematische Beobachtung, dass im Rahmen der Arbeitsform Kleingruppe an spezifischen Anforderungen des Liedes gearbeitet wurde. Besonders die Hoch-Tief-Phasen des Liedes stellten sich als schwierig für die Studierenden he‐ raus. In allen Seminargruppen konnten die Lehrenden darauf reagieren und entspre‐ chend Zeit für diese Herausforderung zur Verfügung stellen. Alle Studierenden waren aktiv am Lernprozess beteiligt, da zuerst wieder in Kleingruppen am Problem gear‐ 6 Der Einsatz des Inverted Classroom Model zum Erlernen eines Liedes in der Musikpädagogik 64 beitet wurde. Die Lehrenden standen während dieser Phasen jederzeit für Fragen zur Verfügung. Anmerkungen zu Rhythmus und Melodie konnten ebenso zu jedem Zeit‐ punkt der Einheit ausgesprochen werden. Am Ende wurden die Diskussionspunkte aus den Gruppen im Plenum besprochen und das Lied wurde gemeinsam gesungen Diskussion und Ausblick Die Umsetzung des Inverted Classroom Model in der Lehrveranstaltung „Musika‐ lisch-künstlerische Praxis“ hat gezeigt, dass Studierende die Kombination aus Vorbe‐ reitungs- und Präsenzphase schätzen und die zur Verfügung gestellten Lernvideos auch vorab ansehen. Die Präsenztermine waren geprägt von offenen Unterrichtsfor‐ men und (Fach-)Gesprächen zwischen Lehrenden und Lernenden. Hervorzuheben ist die Einbindung der Studierenden in die Lernvideoproduktion und die Überfüh‐ rung eines (musik-)didaktischen Prinzips (Call-and-Response) in die Videosequen‐ zen. Diese Realisierung eines fachdidaktischen Prinzips kann auch als Vorbild für an‐ dere Fachbereiche wirken. Viele vorhandene Lernvideoproduktionen fokussieren bei der Gestaltung auf mediendidaktische Empfehlungen und vergessen die Fachdidaktik. Die Kombination beider Teilbereiche der Unterrichtswissenschaften kann sicher zu einem nachhaltigen Mehrwert von Lernvideos beitragen. Trotz alledem liegt der Fo‐ kus beim Inverted Classroom auf der Gestaltung der Präsenzphase und den entspre‐ chenden methodischen Überlegungen. Aber diese können, wie hier vorgezeigt, meist auch in Lernvideos berücksichtigt werden. Anstatt also Vorträge einfach abzufilmen, wäre es besser, die Inhalte didaktisch aufzubereiten, um bereits in der Vorbereitungsphase den Lernerfolg der Studierenden positiv beeinflussen zu können. Gezeigt hat die systematische Beobachtung der Prä‐ senztermine, wie komplex die Prozesse des Lernens und Lehrens sind. Haben die Vi‐ deos z.B. in einer Gruppe bewirkt, dass sehr viele Fragen an die Dozentin gestellt wurden und lautstarke Diskussionen über Rhythmus und Melodie des Liedes entstan‐ den sind, gab es in einer anderen Gruppe fast keine Fragen und auch nur wenige An‐ merkungen zur melodischen und rhythmischen Struktur. Hinsichtlich einer Musikdidaktik, insbesondere in Verbindung mit den Lernvide‐ os haben sich im Rahmen dieser gemeinsamen Arbeit neue Forschungsfragen erge‐ ben. In einer zukünftigen Studie sollen zumindest zwei Gruppen miteinander vergli‐ chen werden, eine Kontrollgruppe und eine Experimentalgruppe, die sich auf ihren Unterricht vorweg mit entsprechend aufbereiteten Lernvideos vorbereitet. Vor allem sollen im kommenden Schuljahr die Videos von den Studierenden selbst im Rahmen ihrer schulpraktischen Studien eingesetzt und erprobt werden. Warum sich in diesem gemeinsamen Praxisforschungsprojekt die Arbeit in jedem Falle ausgezahlt hat, zeigen nicht zuletzt die Ergebnisse hinsichtlich des eigentlich im‐ mer durchzuführenden Praxistransfers. Das Lied „Weihnachtsträume“ wurde neben einer Reihe von anderen Liedern und Musikstücken am 21.12.2016 im Rahmen der Weihnachtsfeier der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich im Chorverband al‐ ler Studierenden der Primarstufe 3. Semester mit großem Engagement, zusammen 6.5 6.5 Diskussion und Ausblick 65 mit den Musikern/innen des hauseigenen Instrumentalensembles aus dem Studien‐ bereich NMS-Musik (Neue Mittelschule), vorgetragen Die Vorbereitung darauf er‐ folgte, wie hier ausführlich dokumentiert, durch die Inverted Classroom Videos. Le‐ diglich die Haupt- und Generalprobe und natürlich der Konzertvortrag wurden in traditioneller Form durchgeführt. Die Freude am gemeinsam Geleisteten ist in der Aufnahme des Livemitschnitts deutlich zu hören (vgl.: http://bit.do/icmlied), eine Freude und Begeisterung, die während des gesamten Praxisforschungsprojektes bei allen daran Beteiligten zu spüren war. Literaturverzeichnis AGMÖ, & bm:ukk. (Hrsg.). (2013). Kompetenzen in Musik. Ein aufbauendes musikpädagogisches Konzept von der Volksschule bis zur kompetenzorientierten Reife- und Diplomprüfung (Bd. 3). Verfügbar unter: https://www.agmoe.at/wp-content/uploads/2014/05/AGMOE_MA_Spezial_20 13_3.pdf. Bergmann, Jonathan, & Sams, Aaron. (2012). Flip Your Classroom: Reach Every Student in Every Class Every Day. Washington, DC: International Society for Technology in Education. Bishop, Jacob Lowell, & Verleger, Matthew. (2013). The Flipped Classroom: A Survey of the Re‐ search. Gehalten auf der 120th ASEE Annual Conference & Exposition. Bortz, Jürgen, & Döring, Nicola. (2007). Forschungsmethoden und Evaluation für Human- und So‐ zialwissenschaftler. Heidelberg: Springer. Brandhofer, Gerhard, Groißböck, Peter, Buchner, Josef, & Wegscheider, Walter. (2016). E-Learning in der Aus-, Fort- und Weiterbildung an der Pädagogischen Hochschule für Niederösterreich. In Handbuch für Lehrende. Verfügbar unter: https://www.ph-noe.ac.at/fileadmin/root_phnoe/Han dbuch_Lehrende/Handbuch _fuer_Lehrende_PHNOE.pdf. Groißböck, Peter, Niederfriniger, Julia, Buchner, Josef, & Brandhofer, Gerhard. (2016). Implemen‐ tierung von E-Learning Elementen in berufsbegleitenden Lehrgängen an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich. R&E-Source, 6, S. 63-71. Gruber, Hubert. (2012). Musikpädagogik im Dialog – Von der Begegnung zu einer Beziehung im Lernen mit Musik. Kolloquium im Rahmen der Konzert- und Kolloquiumsreihe 2012/2013 „Musik & Mensch: Begegnung – Dialog – Beziehung der Fachhochschule Nordwestschweiz/ Pädagogische Hochschule“. Basel, 24.10.2012. Verfügbar unter: http://www.musikundmensch.ch / imdialog.php. Gruber, Hubert. (2017). Singen in Primar- und Sekundarstufe 1 als musikalisches und gemeinsames Lernen im Klassenverband. Verfügbar unter: http://bit.do/singen. Handke, Jürgen. (2015). Handbuch Hochschullehre Digital. Marburg: Tectum Verlag. Hattie, John. (2013). Lernen sichtbar machen. (Wolfgang Beywl & Klaus Zierer, Übers.). Baltmanns‐ weiler: Schneider Verlag Hohengehren. Jank, Werner. (2013). Aufbauender Musikunterricht. (in Zusammenarbeit mit Stefan Gies, mit Bei‐ trägen von Johannes Bähr, Hans Ulrich Gallus und Ortwin Nimczik). In: Werner Jank (Hrsg.): Musikdidaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II (5., überarbeitete Neuauflage, S. 92–131). Berlin: Cornelsen Schulverlage GmbH. Jank, Werner, Schmidt-Oberländer, Gero. (2010). Music step by step. Aufbauender Musikunterricht in der Sekundarstufe I. (Schülerarbeitsheft und Lehrerhandbuch). Rum/Innsbruck, Esslingen: Helbling Verlag. 6.6 6 Der Einsatz des Inverted Classroom Model zum Erlernen eines Liedes in der Musikpädagogik 66 Lage, Maureen, Platt, Glenn, & Treglia, Michael. (2000). Inverting the Classroom: A Gateway to Creating an Inclusive Learning Environment. The Journal of Economic Education, 31(1), S. 30-43. Spychiger, Maria. (2015). Lernpsychologische Perspektiven für eine grundschulspezifische Musikdi‐ daktik. In Mechtild Fuchs (Hrsg.), Musikdidaktik Grundschule. Theoretische Grundlagen und Praxisvorschläge (1. Auflage, S. 50-71). Innsbruck, Esslingen, Bern: Helbling Verlag. Steffens, Ulrich, & Höfer, Dieter. (2014). Die Hattie-Studie. Hintergrundartikel des Instituts für Qualitätsentwicklung. bm:bf Sektion 1, Hrsg. Verfügbar unter: http://www.sqa.at/pluginfile.php/ 813/course/section/373/hattie_studie.pdf. 6.6 Literaturverzeichnis 67

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Nun schon zum sechsten Mal fand die „Inverted Classroom Konferenz“ statt, seit 2016 im jährlichen Wechsel zwischen der Philipps-Universität Marburg und der Fachhochschule St. Pölten in Österreich. Die Konferenz hat sich als fester Bestandteil der deutschsprachigen Community von Lehrkräften und Interessenten, die sich der Digitalisierung der Lehre verschrieben haben, etabliert und wird mit jeder Durchführung thematisch ausgebaut und erweitert. Der Organisator der „Inverted Classroom Konferenz“, Jürgen Handke, wurde 2013 mit dem 2. Projektpreis des hessischen Hochschulpreises für Exzellenz in der Lehre ausgezeichnet, im Oktober 2015 wurde ihm dann mit dem Ars legendi-Preis für digitales Lehren und Lernen der am höchsten dotierte und renommierteste deutsche Lehrpreis verliehen. Der Erfolg der „Inverted Classroom Konferenz“ mit all ihren Community-Mitgliedern dürfte bei diesen Errungenschaften einen wichtigen Beitrag geleistet haben. Neben speziellen Themen zum Inverted Classroom in all seinen Facetten standen bei der 6. Inverted Classroom Fachtagung 2017 unter anderem Anwendungsbeispiele aus den Fächern Wirksamkeitsstudien, Fragen nach der Erzeugung digitaler Inhalte sowie Open Educational Resources oder auch Roboter zur Nutzung in digital unterstützten Lehrszenarien zur Debatte. Der Tagungsband „Inverted Classroom – The Next Stage“ fasst nicht nur die Ergebnisse dieser 6. Fachtagung zusammen, sondern er bietet anhand ausgewählter Fallstudien und Untersuchungen auch einen Einblick in die Arbeit all derjenigen, die sich mit der Digitalisierung der Lehre im Allgemeinen und mit dem Inverted Classroom im Speziellen befassen.