6 Methodenreflexion in:

Tobias Breuckmann

Leben und Identitäten in Nicht-Orten, page 71 - 72

Eine empirische Untersuchung von raumbezogenen Identitäten in Transiträumen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4029-4, ISBN online: 978-3-8288-6778-9, https://doi.org/10.5771/9783828867789-71

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
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Methodenreflexion Bei der Untersuchung dieser Phänomene sind verschiedene empirische Einschränkungen aufgetreten, auf die im Folgenden näher eingegangen wird. Ein Faktor, der zu einer potenziellen Verzerrung der Ergebnisse führen kann und während des Interviewens auffiel, ist die Positionierung der Interviewten in ihrer Identität der Geflüchteten und in ihrer Antizipierung der ihnen womöglich von der befragenden Person auferlegten Rolle. Obwohl die Fragen sich nicht lediglich auf die Fluchtgründe der jeweiligen Personen bezogen, kamen die Befragten selbst nach explizitem Hinweis auf die Erzählung ihrer allgemeinen Biografie meist auf ihre Fluchtgründe und damit auf ihre narrative Identitätsleistung als Geflüchtete zurück. Des Weiteren scheinen die vorbereiteten Fragen in der Retrospektive nicht klar genug auf die räumlichen Aspekte der jeweiligen Erinnerung zugeschnitten. Dies war jedoch aufgrund einer möglichst offenen Fragestellung, in der die Befragten ihre eigenen Fokusse setzen sollten, schwer möglich und könnte ebenfalls zur Vermutung verleiten, dass die explizit verräumlichten Narrative eine eher untergeordnete Rolle spielen, obwohl sie in einzelnen Erzählpassagen sehr deutlich herausstachen. Schon während des Interviews wurde durch die spezifizierten, aus der Theorie abgeleiteten Fragen ein deutlicher Fokus auf den Raum gelegt, der unter Umständen eigene Konstruktions- und identitätsbezogene Positionierungsleistungen erschwert haben könnte. In der Retrospektive könnte demnach ein klassisches narrativ-biografisches Interview (vgl. Küsters, 2009) weitere beziehungsweise diversifizierende Erkenntnisse hervorbringen. Diese konnten jedoch in der vorliegenden Empirie zugunsten einer stärkeren, aus der Theorie abgeleiteten Fokussierung nur zum Teil durch möglichst offene Fragen berücksichtigt werden. Auch die Analysemethode der qualitativen Inhaltsanalyse birgt teilweise Schwächen. Durch ihre Orientierung an der Theorie kann das Übersehen gewisser Aspekte, die sich im Transkriptionsmaterial 6 71 eventuell latent zeigen, nicht ausgeschlossen werden. Dem wurde in der Empirie versucht durch das Codierverfahren zu begegnen, welches sich aus der Analyse des Textes entwickelte und somit diversifizieren ließ. Auch der im Vergleich zu anderen Analysemethoden tendenziell oberflächliche Charakter, der zugunsten der Fokussierung auf räumliche Aspekte des Narrativs herangezogen wurde, lässt sich hier kritisieren. Trotz der methodischen und methodologischen Einschränkungen, die aufgezeigt wurden, lassen sich Tendenzen und auch eindeutigere Ergebnisse in Bezug auf die Fragestellung erkennen, die im Fazit zusammengefasst und abschließend in Bezug zueinander sowie zur theoretischen Rahmung der Arbeit gesetzt werden. 6 Methodenreflexion 72

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Zusammenfassung

Seit dem langen Sommer der Migration im Jahr 2015 und den damit zu Tage tretenden Unzulänglichkeiten des deutschen Asylsystems sind zahlreiche Asylsuchende in sogenannten Sammelunterkünften untergebracht. Diese Sammelunterkünfte können als mehr oder weniger provisorische Einrichtungen verstanden werden, besitzen jedoch immer den Charakter des temporären Aufenthalt bis zur Anerkennung als schutzbedürftige Person mit unterschiedlichem rechtlichen Status oder der Aberkennung dieses Status, die in die Abschiebung mündet. Die vorliegende Arbeit befasst sich im deutschen Kontext mit dem Phänomen der räumlich bezogenen Identität in solchen Transiträumen. Sie behandelt die Frage, wie sich der dauerhafte Aufenthalt im Transit, in Deutschland in den letzten Jahren Realität für Asylsuchende, auf die räumlich bezogene Identität auswirkt. Als theoretische Brille dient dabei der konzeptionelle Rahmen der Nicht-Orte, der eine raumbezogene Identität in Räumen des Übergangs in Zweifel zieht. Die vorliegende Arbeit leistet somit einen Beitrag zu der meist einseitigen Debatte um Unterbringung und Integration von Asylsuchenden und rückt dabei die Perspektive der Betroffenen deutscher Asylpolitik ins Zentrum der Analyse.